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1 . Kapitel . Im Hause der Tante zu Gateshead - Hall . Der kalte Winterwind hatte so düstere Wolken und einen so durchdringenden Regen mit sich gebracht , daß es unmöglich war , an diesem Tage einen Spaziergang zu machen
[ . Das war mir lieb : lange Spaziergänge , besonders an frostigen Tagen , waren mir stets unlieb ; widerwärtig war es mir , in der rauhen Dämmerung nach Hause zu kommen , mit halberfrorenen Händen und Füßen , mit einem Herzen , das durch das Schelten der Kinderwärterin Bessie tieftraurig war , gedemütigt durch das Bewußtsein , unter Eliza , John und Georgina Reed physisch so tief zu stehen ]
[ ]
. Eliza , John und Georgina hatten sich im Wohnzimmer um ihre Mama geschart : diese lag auf einem Sofa in der Nähe des Kamins und umgeben von ihren Lieblingen , die zufälligerweise in diesem Augenblick weder weinten noch sich zankten , sah sie vollkommen glücklich aus . Ich durfte mich nicht daran beteiligen , indem sie sagte , daß sie mir erst verzeihen würde , wenn
[ sie es selbst sähe und durch Bessies Worte zu der Überzeugung gelangt sein würde , daß ]
[ ]
ich mich ernstlich bestrebte , mir ein kindlicheres , offenherzigeres , natürlicheres Benehmen anzueignen , wie es zufriedenen Kindern gezieme . , Was
[ sagt denn Bessie , was ]
[ habe ]
ich getan
[ habe ]
[ ]
? fragte ich . , Jane , ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen ; es ist mir widerlich , wenn ein Kind sich gegen ältere Leute in dieser Weise benimmt . Setze dich irgendwo hin und schweig , bis du freundlicher reden kannst . Ein kleines Frühstückszimmer stieß an das Wohnzimmer ; ich schlüpfte hinein . Hier stand ein Bücherschrank . Bald hatte ich mich eines großen Bandes bemächtigt , nachdem ich mich zuerst vorsichtig vergewissert hatte , daß Bilder darin waren . Ich stieg auf die Fensterbank , zog die Füße nach und kreuzte die Beine wie ein Türke ; dann zog ich die dunkelroten MoireeVorhänge fest zusammen und saß so in einer doppelten Verborgenheit .
[ In Zwischenräumen , wenn ich die Blätter meines Buches wendete , betrachtete ich durch das Fenster das Bild dieses winterlichen Nachmittags . In der Ferne war nichts als blasser Nebel ; in der Nähe der feuchte platz vor dem Hause und ein unaufhörlicher vom heulenden Sturm getriebener Regen . Ich kehrte zu meinem Buche zurück - - , Bewicks Geschichte der britischen Vögel ' ' ; im allgemeinen kümmerte ich mich wenig um den gedruckten Text des Werkes , und doch waren da einige einleitende Seiten , welche ich , obgleich ich noch ein Kind war , nicht gänzlich übergehen konnte . Es waren jene , die von den Schlupfwinkeln der Seevögel handelten , von den einsamen Felsen und Klippen , welche nur sie bewohnen , von der Küste Norwegens , von ihrer äußersten Spitze , bem Lindesnäs , bis zum Nordkap mit seinen Inseln . Wo der nördliche Ozean , in wildem Wirbel Um die nackten , einsamen Inseln tobt , Dieses fernste Eiland ; und das Atlantische Meer Sich stürmisch zwischen die Hebriden wälzt . Auch konnte ich nicht unbeachtet lassen : die Beschreibung von den düsteren Küsten Lapplands , Sibiriens , Spitzbergens , Novazemblas , Islands , Grönlands , mit der arktischen Zone und den einsamen Regionen von Eis und Schnee , welche den Nordpol umgeben . Von diesen schauerlich kalten Regionen machte ich mir meine eigene Vorstellung : schattenhaft , wie alle unverstandenen Gedanken , die durch eines Kindes Hirn gehen , aber einen seltsam tiefen Eindruck hinterlassend . Die Worte dieser einleitenden Seiten verbanden sich mit den darauffolgenden Bildern : jenem Felsen , der aus einem Meer von Wellen und Wogenschaum emporragte ; dem zertrümmerten Boote , das an öder Küste gestrandet ; dem kalten , geisterhaften Monde , der durch düstere Wolkenschichten auf ein sinkendes Wrack herabblickt . Jedes Bild erzählte eine Geschichte : oft war diese für meinen unentwickelten Verstand geheimnisvoll , stets aber interessant , so interessant wie die Erzählungen Bessies , wenn sie zuweilen an Winterabenden in guter Laune war ; dann pflegte sie ihren Plätttisch an dem Kaminfeuer der Kinderstube aufzustellen und erlaubte uns , unsere Stühle um denselben zu setzen , und während sie dann Mrs . Reeds Spitzenvolants bügelte und die Spitzen ihrer Nachthauben kräuselte , erzählte sie uns Abenteuer und uralte Märchen . Mit Bewick auf meinen Knien war ich glücklich : glücklich wenigstens auf meine Art . Ich ]
[ Ihr ]
fürchtete nichts als eine Störung - und diese kam nur zu bald . Die Tür zum Frühstückszimmer öffnete sich . , Heda , Träumerin !
[ ' ]
[ r ]
rief John Reed ; dann hielt er inne ; offenbar war er erstaunt , das Zimmer leer zu finden . , Wo zum Teufel ist sie denn ?
[ ]
[ ' ]
fuhr er fort
[ ]
[ , ]
, Lizzy ! Georgy ! ' rief er seinen Schwestern zu
[ . ]
[ , ]
, Jane ist nicht hier . Sagt doch Mama , daß sie in den
[ Regen ]
[ Negen ]
hinausgelaufen ist
[ - ]
[ ]
- das böse Tier !
[ ' ' ]
[ ]
, Wie gut , daß ich den Vorhang zusammengezogen habe , dachte ich ; und dann wünschte ich inbrünstig , daß er mein Versteck nicht entdecken möge ; er würde es auch niemals entdeckt haben ; er war langsam , sowohl von Begriffen wie in seinem Beobachtungsvermögen ; aber Eliza steckte den Kopf zur Tür hinein und sagte sofort :
[ , Sie ist sicherlich im Fenstersitz ]
[ E I ? ]
.
[ Ich trat sofort heraus , denn ich zitterte bei den Gedanken , ]
[ - » ]
daß der erwähnte Jack mich hervorziehen würde . , Da bin ich , was
[ wünschst ]
[ wünschest ]
du ?
[ ]
[ ' ]
fragte ich mit Mißtrauen . , Es heißt : Was wünschen Sie , Mr . Reed ,
[ ]
[ ? ]
lautete seine Antwort . John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren ; vier Jahre älter als ich , denn ich war erst zehn Jahre alt ; groß und stark für sein Alter , mit einer ungesunden Gesichtsfarbe ; große Züge in einem breiten Gesicht , plumpe Gliedmaßen und große Hände und Füße .
[ Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so vollzuessen , daß er gallig wurde ; dadurch wurden seine Augen trübe und seine Wangen schlaff . Er hätte jetzt in der Schule sein müssen , aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach Hause genommen , , seiner zarten Gesundheit wegen ' ' . Mr . Miles , sein Lehrer , versicherte , daß es ihm außerordentlich gut gehen würde , wenn man ihm nur weniger Kuchen und Konfekt von Hause schicken wollte ; aber das Herz der Mutter empörte sich bei einer so lieblosen Meinung und neigte mehr zu der Ansicht hin , daß Johns blasse Farbe von allzu großem Fleiße und vielleicht auch von Heimweh herrühre . John hatte wenig Liebe für seine Mutter und seine Schwestern und eine starke Abneigung gegen mich . ]
[ ]
Er quälte und schlug
[ mic ]
[ mich ]
; nicht etwa dann und wann , sondern fortwährend und unaufhörlich ; jeder Nerv in mir fürchtete ihn , wenn er in meine Nähe kam . Es gab Augenblicke , wo der Schrecken , den er mir einflößte ,
[ mic ]
[ mich ]
ganz verwirrt machte ; denn ich fand niemand , der mich gegen seine Drohungen und Tätlichkeiten verteidigte
[ ; die Dienerschaft mochte ihren jungen Herrn nicht beleidigen , indem sie für mich gegen ihn Partei ergriff , und Mrs . Reed war blind und taub . Sie sah niemals , wenn er mich schlug , sie hörte niemals , wenn er mich beschimpfte , obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart tat ; häufiger noch peinigte er mich hinter ihrem Rücken ]
[ ]
. Aus Gewohnheit gehorchte ich John auch dieses Mal und näherte mich seinem Stuhl : ungefähr drei Minuten streckte er mir seine Zunge so weit entgegen , wie er es ermöglichen konnte ; ich wußte , daß er mich jetzt gleich schlagen würde , und obgleich ich den Schlag fürchtete , vermochte ich doch über das häßliche Gesicht des Burschen meine Betrachtungen anzustellen . Ich weiß nicht , ob er diese Gedanken auf meinem Gesichte las , denn plötzlich , ohne ein Wort zu sagen , schlug er heftig auf mich los . Ich taumelte ; dann gewann ich das Gleichgewicht wieder und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück . , Das ist für die Frechheit , mit der du vor einer Weile Mama eine Antwort gegeben hast , '
[ ! ]
[ ' ]
sagte er , , und dafür , daß du dich hinter den Vorhang verkriechst und für den Blick , den ich vor zwei Minuten in deinen Augen gewahrte , du Ratte , du !
[ ]
[ ' ]
' An Johns Beschimpfungen gewöhnt , fiel es mir niemals ein , irgend etwas auf dieselben zu erwidern ; ich dachte nur daran , wie ich den Schlag aushalten sollte , der unfehlbar auf die Schmähung folgen würde . , Was hast du da hinter dem Vorhang gemacht ?
[ ]
[ ' ]
fragte er weiter . , Ich habe gelesen .
[ ' ]
[ ]
Zeige mir das Buch . Ich ging an das Fenster zurück und holte es . , Du hast keine Erlaubnis , unsere Bücher zu nehmen ; du bist eine Untergebene , hat Mama gesagt ; du hast kein Geld ; dein Vater hat dir nichts hinterlassen ; eigentlich solltest du betteln und hier nicht mit vornehmen Kindern , wie wir es sind ,
[ zusammenleben ]
[ zusammen leben ]
und dieselben Mahlzeiten essen wie wir und Kleider tragen , die Mama bezahlen muß . Nun , ich will dich lehren , zwischen meinen Büchern umherzustöbern , denn sie gehören mir , und das ganze Haus gehört mir oder wird mir wenigstens in einigen Jahren gehören . Geh ' und stell ' dich an die Tür ! r Ich gehorchte , da ich keine Ahnung von seiner Absicht hatte ; als ich aber gewahrte , daß er das Buch emporhob und mit demselben zielte , sprang ich unwillkürlich zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus , jedoch nicht früh genug ; das Buch traf mich , und ich fiel mit dem Kopf gegen die Tür und verletzte mich . Die Wunde blutete , der Schmerz war heftig . , Böser , grausamer Bube !
[ ' ' ]
[ r ]
schrie ich . , Du bist wie ein Mörder - - du bist wie ein Sklaventreiber -
[ - ]
[ ]
du bist wie die römischen Kaiser !
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[ ’ ]
Ich hatte Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und mir meine eigene Ansicht über Nero , Caligula und andere gebildet . Im stillen hatte ich Vergleiche angestellt , welche laut zu äußern
[ ]
[ , ]
ich mir allerdings niemals vorgenommen hatte . , Was ! Was !
[ ' ]
[ ]
schrie er . , Hat sie das zu mir gesagt ? Habt ihr es gehört , Eliza und Georgina ? Das werde ich der Mama erzählen !
[ ]
[ - ]
Aber zuvor
[ ]
[ - ]
- Er rannte auf mich zu ; ich fühlte , wie er mein Haar und meine Schulter faßte ; er kämpfte mit einer Verzweifelten . Ich sah wirklich in ihm einen Tyrannen , - einen Mörder . Ich fühlte dann , wie Blutstropfen von meinem Kopfe auf den Hals herabträufelten und empfand einen stechenden Schmerz . Diese Gefühle siegten für den Augenblick über die Furcht , und ich trat ihm in wahnsinniger Wut entgegen . Was ich mit meinen Händen tat , kann ich
[ jetzt ]
[ jet ]
nicht mehr sagen , aber er schrie fortwährend laut : , Ratte , Ratte !
[ ? ]
[ ]
Bald kam
[ ihm ]
[ ihn ]
Hilfe . Mrs . Reed erschien auf der Szene , und ihr folgten
[ ]
[ die Wärterin ]
Bessie und ihr Kammermädchen Abbot . Man trennte uns ; dann vernahm ich die Worte : , Um des Himmels willen ! Welch eine Furie , so auf Mr . John loszustürzen ! '
[ ]
[ ' ]
, Hat man jemals ein so wütendes Geschöpf gesehen !
[ ' ]
[ ? ]
Dann fügte Mrs . Reed hinzu : , Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein . '
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[ ? ]
Vier Hände ergriffen mich , und ich wurde die Treppe hinaufgetragen . 2 . Kapitel
[ . ]
[ ]
Meine Hausgenossen . Auf dem ganzen Wege leistete ich Widerstand ; dies war etwas Neues bei mir und ein Umstand , der Bessie und Miß Abbot in der schlechten Meinung bestärkte , welche diese ohnehin schon von mir hegten . Tatsache ist , daß ich vollständig außer mir war . Ich
[ wußte ]
[ wuffe ]
sehr wohl , daß die Empörung dieses einen Augenblicks mir schon schwere Strafen zugezogen haben mußte , und wie viele rebellische Sklaven war ich fest entschlossen , bis zum Äußersten zu gehen . , Halten Sie ihre Arme , Miß Abbot ; sie ist wie eine wilde Kate . , Schämen Sie sich ! Schämen Sie sich !
[ ' ' ]
[ r ]
rief das Kammermädchen . , Welch ein abscheuliches Betragen , Miß Eyre , den jungen Herrn zu schlagen ! Den Sohn Ihrer Wohltäterin ! Ihren Herrn !
[ ' ]
[ ]
, Herr ! Wie , ist er mein Herr ? Bin ich denn eine Dienerin ? , Nein . Sie sind weniger als eine Dienerin , denn Sie tun nichts , Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt . Da ! Setzen Sie sich und denken Sie über Ihre Bosheit nach ! Unterdessen hatten sie mich in das von Mrs . Reed bezeichnete Gemach gebracht und mich auf einen Stuhl geworfen ; wie eine Sprungfeder wollte ich wieder von demselben emporschnellen ;
[ vier ]
[ vter ]
Hände hielten mich jedoch augenblicklich wie mit eisernen Klammern fest . , Wenn Sie nicht stillsitzen , werden wir Sie anbinden ,
[ ' ' ]
[ ? ]
sagte Bessie . , Miß Abbot , leihen Sie mir Ihre Strumpfbänder ; denn die meinen würde sie bald zerreißen .
[ ]
[ ' ]
Diese Vorbereitungen zu meiner Fesselung und die neue Schande minderten meine Aufregung ein wenig . , Machen Sie sich keine Mühe ,
[ ]
[ r ]
schrie ich , , ich werde ganz stillsitzen . Zum Beweise hielt ich mich mit beiden Händen an meinem Sitz fest . , Rühren Sie sich ja nicht ,
[ ' ]
[ . ]
sagte Bessie ; und als sie sich überzeugt hatte , daß ich wirklich anfing , mich zu beruhigen , ließ sie mich los ; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit gekreuzten Armen vor mich und blickten mich finster an , als zweifelten sie an meinem gesunden Verstande . , Das hat sie bis jetzt noch niemals getan
[ , ]
[ ]
'
[ ' ]
[ , ]
sagte endlich Bessie zur Abigail gewendet . , Aber es hat schon lange in ihr gelegen , ' ' war die Antwort . , Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das Kind gesagt , und sie denkt ebenso . Sie ist für ihr Alter ein verstocktes und verschlossenes Ding . Bessie antwortete nicht ; nach einer Weile wandte sie sich zu mir und sagte : , Fräulein , Sie sollten doch bedenken , daß Sie Mrs . Reed verpflichtet sind , sie erhält Sie . Wenn sie Sie fortjagte , so müßten Sie ins Armenhaus gehen .
[ ' ]
[ ]
Auf diese
[ Wort ]
[ Worte ]
fand ich nichts zu erwidern ; sie waren mir nicht mehr neu . Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war in meinen Ohren fast zum leeren Singsang geworden . Nun fiel auch Miß Abbot ein : , Und Sie sollten auch nicht denken , daß Sie den Damen Reed und Mr . Reed ebenbürtig sind , weil Mrs . Reed Ihnen gütig erlaubt , mit ihren Kindern erzogen zu werden . Diese werden einmal sehr reich werden , und Sie sind arm . Sie müssen bescheiden sein und versuchen , sich bei ihnen beliebt zu machen . ' , Was wir Ihnen sagen , ist nur zu
[ Ihrem ]
[ Ihren ]
Besten ,
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[ ? ]
fügte Bessie hinzu , , Sie sollten versuchen , sich nützlich und angenehm zu machen , dann würden Sie hier vielleicht eine Heimat finden ; wenn Sie aber heftig und ungezogen werden , so wird Mrs . Reed Sie zweifellos fortschicken . , Außerdem ,
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[ ' ]
sagte Miß Abbot , , wird Gott Sie strafen . Er könnte Sie in Ihrem Zorn tot zu Boden fallen lassen , und wohin kämen Sie dann ? Kommen Sie , Bessie , wir wollen sie allein lassen ; um nichts in der Welt möchte ich ihr Herz haben . Sagen Sie Ihr Gebet , Miß Eyre , wenn Sie allein sind ; denn wenn Sie nicht bereuen , könnte etwas durch den Kamin herunterkommen und Sie mitnehmen .
[ ]
[ ' ' ]
Sie gingen und schlossen die Tür hinter sich zu . Das rote Zimmer war ein Gemach , in dem nur selten jemand schlief . Und doch war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer in Gateshead - Hall . Im Mittelpunkt stand ein Bett von Mahagoni , mit Vorhängen von dunkelrotem Damast behängt ; die beiden großen Fenster wurden durch Draperien von demselben Stoffe halbverhüllt ; der Teppich war rot ; der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer roten Decke belegt ; die Wände waren mit einem Stoffe behängt , der auf lichtbraunem Grunde ein zartes rosa Muster trug ; der Kleiderschrank , der Toilettetisch , die Stühle waren aus dunklem , poliertem Mahagoni angefertigt . Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich weiß und glänzend die Kopfkissen
[ ]
[ . ]
unheimlich stach ein ebenfalls weißer Lehnstuhl hervor . Damals erschien er mir wie ein geisterhafter Thron . Das Zimmer war eisigkalt , weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde ; es war still , weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag ; unheimlich , weil niemals jemand dasselbe betrat . Mr . Reed war seit neun Jahren tot ; in diesem Gemache hatte er seinen letzten Atemzug getan ; hier lag er aufgebahrt ; von hier hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen - und seit jenem Tage wurde dieser Raum ängstlich gemieden . Auch mich ergriff bald die Angst in diesem unheimlichen Aufenthaltsorte . Ich stand auf , um nachzusehen , ob die Tür zu öffnen sei . Ach ! Keine Kerkertür konnte sicherer verschlossen sein ! Als ich wieder zurückging , mußte ich an dem Spiegel vorüber . In ihm sah alles noch kühler und hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit , und die wunderliche , kleine Gestalt , die mir aus ihm
[ entgegen blickte ]
[ entgegenblickte ]
, mit blassem Gesicht und Armen , die scharf aus der Dunkelheit hervorleuchteten , sah aus , wie ein wirkliches Gespenst ; ich dachte an einen jener Kobolde , wie sie in Bessies Dämmerstunden - Geschichten aus wilden Schluchten und düsteren Mooren hervorkamen . Ich kehrte auf meinen Sit zurück
[ , Mancherlei Empfindungen stiegen jetzt in mir auf : John Reeds rohe Tyrannei die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern , die Abneigung seiner Mutter , die Parteilichkeit der Dienstboten ! Weshalb mußte ich stets leiden , stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden , immer beschuldigt , immer verurteilt werden ? Weshalb konnte ich es niemand recht machen ? Vor Eliza , die so eigensinnig und selbstsüchtig war , hatte man Achtung . Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina , die stets übelgelaunt und trotzig und boshaft war . Ihre Schönheit , ihre rosigen Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken , der sie anblickte , und ihk Nachsicht für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen . John wurde niemals bestraft , niemand widersprach ihm jemals , obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte , die jungen Hühner umbrachte , die Hunde auf die Schafe hetze ; er nannte seine Mutter sogar , alte Tante ' ' ; zerriß und beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten , - und doch war er , ihr einziger Lieb ling ' . I ch wagte niemals , einen Fehler zu begehen ; ich gab mir Mühe , meine Pflicht zu tun , und mich nannte man unartig , mürrisch und hinterlistig , vom Morgen bis zum Abend ]
[ ]
. Mein Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen Schlage und dem Falle , welchen ich getan hatte ; niemand hatte John einen Verweis erteilt , weil er mich grundlos geschlagen ; aber weil ich mich gegen ihn aufgelehnt hatte , hatten alle mich mit den lautesten Schmähungen überschüttet . Wie erregt war mein Gemüt , wie furchtbar empört mein Herz ! Ich hatte keine Antwort auf die unaufhörlich wiederkehrende Frage , weshalb ich so viel leiden mußte .
[ jetzt ]
[ Jeht ]
nach Verlauf von vielen Jahren ist mir alles klar . Ich war in
[ Gateshead - Hall ]
[ GatesheadHall ]
ein Stein des Anstoßes . Sie liebten mich nicht , und in der Tat , ich liebte sie ebensowenig . Es war auch nicht ihre Pflicht , mit Liebe auf ein Wesen zu blicken , welches mit niemand sympathisieren konnte ; ein nutzloses Wesen , welches ihrem Interesse nicht dienen , zu ihrem Vergnügen nichts beitragen konnte . Ich weiß wohl , daß , wenn ich ein geistreiches , schönes , wildes Kind gewesen wäre - wenn auch ebenso abhängig und freundlos -
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[ ]
so würde Mrs . Reed meine Gegenwart mit mehr Geduld ertragen haben ; ihre Kinder hätten für mich ein freundlicheres Gefühl der Gemeinsamkeit gehegt ; die Dienstboten wären weniger geneigt gewesen , mich zum Sündenbock der Kinderstube zu machen . Auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung . Ich hörte den Regen noch unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlagen , wie den Wind in den Gebüschen hinter dem Herrenhause heulen ; nach und nach wurde ich so kalt wie Stein , und dann begann mein Mut zu sinken . Die gewöhnliche Demut , Zweifel an mir selbst , einsame Traurigkeit bemächtigten sich meiner und schlugen die Asche meiner dahinschwindenden Wut nieder . Alle sagten ja , daß ich boshaft sei - - vielleicht war es der Fall , denn hatte ich nicht soeben den Gedanken gefaßt , mich zu Tode zu hungern ? Das war doch gewiß ein Verbrechen : war ich bereit zu sterben ? oder war das Gewölbe unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes Ziel ? In diesem Gewölbe lag Mr . Reed begraben , wie man mir gesagt hatte . Ich konnte mich seiner nicht erinnern ; aber ich wußte , daß er mein Onkel gewesen , -
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der einzige Bruder meiner Mutter
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[ - ]
- daß er mich in sein Haus aufgenommen , als ich ein armes , elternloses Kind gewesen ; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs . Reed das Versprechen abgenommen hatte , mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen . Mrs . Reed war höchstwahrscheinlich der Überzeugung , daß sie dieses Versprechen gehalten habe , und soweit ihr Charakter ihr dies erlaubte , hatte sie es auch getan ; aber wie sollte sie denn auch in Wirklichkeit für einen Eindringling Liebe hegen , der nicht zu ihrer Familie gehörte und nach dem Tode ihres Gatten durch keine Bande mehr an sie geknüpft war ? Es mußte allerdings ärgerlich sein , sich durch ein unter solchen Umständen gegebenes Versprechen gebunden zu sehen , an einem fremden Kinde , das sie nicht lieben konnte , Mutterstelle zu vertreten . Eine sonderbare Idee stieg in mir auf . Ich dachte , wie Mr . Reeds Geist , gequält durch das Unrecht , welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte , seine Ruhestätte verließ - entweder in dem Gewölbe der Kirche oder in dem unbekannten Lande der Abgeschiedenen
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[ - ]
und in diesem Zimmer mir erscheinen könne . Ich trocknete meine Tränen und unterdrückte mein Schluchzen ; denn ich fürchtete , daß diese lauten Äußerungen meines Kummers eine übernatürliche Stimme zu meinem Troste wachrufen könnten , oder aus dem mich umgebenden Dunkel ein Antlitz hervorleuchten lassen könnten , das sich mit wundersamem Mitleid über mich beugte . Mein Haar von Stirn und Augen streichend , erhob ich den Kopf und versuchte in dem dunklen Zimmer umherzublicken . In diesem Augenblick sah ich einen Lichtschein an der Wand ! -
[ - ]
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War es vielleicht der Mondstrahl , der durch eine
[ Öffnung ]
[ Offnung ]
in dem Vorhang drang , fragte ich mich ? Nein , die Mondstrahlen waren ruhig , und dies Licht bewegte sich ; während ich noch hinblickte , glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über meinem Kopfe . jetzt kann ich freilich begreifen , daß dieser Lichtstreifen wahrscheinlich der Schimmer einer Laterne war , welche jemand über den freien Plat vor dem Hause trug ; aber damals hielt ich in meinem aufgeregten Gemüt den sich schnell bewegenden Strahl für den Vorboten einer Erscheinung aus einer anderen Welt . Mein Herz pochte laut , mein Kopf wurde heiß ; in meinen Ohren spürte ich ein Brausen , das ich für das Rauschen der Flügel hielt . Ich fühlte meinen Atem stocken , ich stürzte auf die Tür zu und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse . Eilende Schritte kamen durch den äußeren Korridor daher ; der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht , Bessie und Miß Abbot traten ein . , Miß Eyre , sind Sie krank ? fragte Bessie . , Welch ein
[ schrecklicher ]
[ schreclicher ]
Lärm ! Ich bin ganz außer mir !
[ ' ' ]
[ ’ ]
rief Abbot aus . , Nehmt mich mit hinaus ! Laßt mich in die Kinderstube !
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[ r ]
schrie ich . , Weshalb denn ? Ist Ihnen irgend etwas geschehen ? Haben Sie etwas gesehen ?
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[ ]
fragte Bessie wiederum . , O , ich sah ein Licht und ich meinte , daß ein Geist kommen würde . Ich hatte mich jetzt Bessies Hand bemächtigt , und sie entzog sie mir nicht . , Sie hat mit Absicht so geschrien , ' erklärte Abbot mit einigem Widerwillen . , Und welch ein Geschrei ! Wenn sie Schmerzen gehabt hätte , so könnte man es noch entschuldigen , aber ihre einzige
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Absicht war , uns alle herbeizulocken . Ich kenne ihre Unarten schon .
[ ' ]
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, Was geht hier vor ? fragte eine andere Stimme gebieterisch ; und Mrs . Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher . , Abbot und Bessie , ich glaube , daß ich befohlen habe , Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen , bis ich selbst sie holen würde ?
[ ein . ]
[ ]
, Miß Jane schrie so laut , Madame ,
[ ]
[ ’ ]
wandte Bessie zögernd
[ ]
[ ein . ]
, Laß sie los , war die einzige Antwort . , Laß Bessies Hand los , Kind : verlaß dich darauf , auf diese Weise wirst du nicht durchkommen . Ich verabscheue solche List , besonders bei Kindern ; es ist meine Pflicht , dir zu beweisen , daß du mit solchen Kniffen nicht weit kommst .
[ jetzt ]
[ Jetzt ]
wirst du noch eine Stunde hierbleiben , und nur unter der Bedingung gebe ich dich frei , wenn du mir das Versprechen gibst , vollkommen ruhig und unterwürfig zu sein .
[ ' ]
[ ]
, O , Tante hab ' Erbarmen ! Vergib mir doch ! Ich kann es nicht ertragen . - - Bestrafe mich doch auf andere Weise ! Ich komme
[ ]
[ um , wenn - ‘ ]
, Sei still ! Diese Heftigkeit ist ganz empörend !
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[ ’ ]
Ohne Zweifel hegte sie auch Abscheu gegen mein Betragen . In
[ lhren ]
[ ihren ]
Augen war ich eine frühreife Schauspielerin . Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten , warf Mrs . Reed , die meiner wahnsinnigen Angst und meines lauten Schluchzens wohl überdrüssig geworden sein mochte , mich rasch in das Zimmer zurück und schloß mich ohne weitere Worte wieder ein . Ich hörte sie davonrauschen ; und bald , nachdem sie gegangen
[ war ]
[ wac ]
, umfing mich Bewußtlosigkeit . 3 . Kapitel . Bessie , die einzige mitleidige Seele . Als ich erwachte , hörte ich Stimmen , die hohl an mein Ohr klangen , als würden sie durch das Rauschen des Wassers oder Toben des Windes übertönt . Die Aufregung , die Ungewißheit und ein alles beherrschendes Gefühl des Entsetzens hielt alle meine Sinne gefangen . Nach einiger Zeit fühlte ich , daß jemand mich berührte , mich aufrichtete und mich in eine sitzende Stellung brachte , und zwar viel liebreicher und sorgsamer , als mich bis jetzt irgend jemand emporgehoben hatte . Ich lehnte meinen Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und fühlte mich behaglich . Fünf Minuten später wurde es mir klar , daß ich in meinem eigenen Bette lag . Es war Nacht , eine Kerze brannte auf dem Tische ; Bessie stand am Fußende meines Bettes und hielt ein Waschbecken in der Hand , ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben mir und beugte sich über mich . Ich empfand eine wohltuende Sicherheit , als ich sah , daß sich ein Fremder im Zimmer befand , der nicht zum Haushalt von Gateshead , nicht zu den Verwandten von Mrs . Reed gehörte . Es war Mr . Lloyd , ein Apotheker , den Mrs . Reed zuweilen rufen ließ , wenn ihre Dienstboten krank waren . Für sich selbst und die Kinder nahm sie einen Arzt . , Nun , wer bin ich ? fragte er . Ich sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit meine Hand entgegen ; er nahm sie lächelnd und sagte : ,
[ Ah ]
[ h ]
, es wird langsam besser mit uns werden . Dann legte er mich nieder und befahl Bessie , mich während der Nacht nicht zu stören . Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt und gesagt hatte , daß er am folgenden Tage wiederkommen würde , ging er zu meiner größten Betrübnis fort . Als er fortgegangen war , verzagte mein Herz von neuem .
[ ]
[ , Glauben Sie , daß Sie schlafen werden , Miß ? ' fragte Bessie mich ziemlich sanft . Kaum wagte ich , ihr zu antworten , denn ich fürchtete , daß im nächsten Augenblick sie wieder unfreundlich mit mir reden würde . aIch will es versuchen , sagte ich . , Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken ? , Nein , ich danke , Bessie . , Nun , dann werde ich zu Bett gehen , denn es ist schon nach Mitternacht ; aber Sie können mich rufen , wenn Sie während der Nacht etwas brauchen . Welche auffällige Höflichkeit ! Sie ermutigte mich , eine Frage zu stellen . , Bessie , was ist denn mit mir geschehen ? Bin ich sehr krank ? , Ich vermute , daß Sie von Ihrem vielen Schreien im roten Zimmer krank geworden sind ; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz gesund sein . Bessie ging in das Zimmer der Hausmädchen . Ich hörte , wie sie dort sagte : , Sara , komm ' und schlaf ! bei mir in der Kinderstube ; ich kann diese Nacht nicht mit dem armen Kinde allein bleiben ; es könnte sterben ! Ich möchte doch wissen , ob sie irgend etwas gesehen hat . Mrs . Reed war aber auch zu hart gegen sie . Sara kam mit ihr zurück ; beide gingen zu Bett ; sie flüsterten wenigstens noch eine halbe Stunde miteinander , bevor sie einschliefen . Ich hörte einige Sätze ihrer Unterhaltung , und aus diesen schloß ich auf den Hauptgegenstand ihres Gesprächs . , Etwas ist an ihr vorübergegangen , ganz in Weiß gekleidet , dann ist es verschwunden . , Ein großer , schwarzer Hund hinter ihm . - , Dreimal hat es laut an der Zimmertür geklopft . , Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem Grabe ' ' - usw . Endlich schliefen beide ein . Feuer und Licht erloschen . In schaurigem Wachen brachte ich die Nacht hin ; Entsetzen und Angst hielten Ohren , Augen und Sinne wach . Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange , ernste , körperliche Krankheit ; nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven , die ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde . Ja , Mrs . Reed , Ihnen verdanke ich gar manche Seelenqual ! ]