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Eyre_play_Birch-Pfeiffer
Die Waise von Lowood.
Für die reifere Augend erzählt
Auguste Wachler,
Mit 4 Farbendruckbildern.
Zweite Auflage.
Leipzig
Verlag von Carl Zieger.
Erstes Kapitel.
Ungefähr fünfundsiebzig Kilometer von London, dieser Riesenstadt von mehr als vier Millionen Einwohnern und zugleich der
Haupt- und Residenzstadt des von den Wellen der Nordsee und
des Großen Atlantischen Ozeans rings umspülten Großbritannischen
Königreichs, in nordwestlicher Richtung entfernt, liegt in hügelumgrenzter und schön bewaldeter Gegend ein großer, freundlicher Landsitz, der aus einer Vereinigung von mehreren teils unter einander
zusammenhängenden, teils in geringer Entfernung von einander
befindlichen Gebäuden besteht. Ein reicher und wohlgepflegter Park
umschloß rings den ganzen Landsitz und trennte ihn fast von
jedem direkten Verkehr mit der Außenwelt, der nur auf der rechten und auf der linken Seite des den Park einschließenden hohen
und dichten Zaunes durch je ein großes Einfahrtsthor vermittelt
wurde. Durch diese Thore führten breite und in gutem Stande
erhaltene Fahrwege bis unmittelbar vor das herrschaftliche Wohngebäude und die in dessen beinahe unmittelbarer Nähe gelegenen
Wirtschaftsräume und Stallungen. Die weitere Umgebung dieses Landsitzes bestand aus fruchtbaren Getreidefeldern, Wiesengründen und wirklich herrlich erhaltenen Waldbeständen, welche letztere
den wertvollsten Teil der Besitzung bildeten.
Der Landsitz ward Gateshead genannt und wurde von einem
reichen und angesehenen Manne, Namens Mister Georg Reed,
und dessen Familie bewohnt, welche aus seiner Gattin Mistreß
Sarah Reed, einer schönen, hochgewachsenen, aber stolzen und etwas
hochmütigen Frau von vielleicht I8 Jahren, und aus zwei Kindern,
der etwa zwölfjährigen Georgine und dem achtjährigen John bestand. Mister Georg Reed stand im 15. Lebensjahre und beschäftigte sich, obwohl er ein großes Vermögen besaß, von dessen Erträgnissen er mit seiner Familie auch bei erhöhten Lebensansprüchen
mehr als genügend hätte auskommen können, mit der eigenen Bewirtschaftung seiner Felder und Wälder, wobei ihm nur ein Verwalter neben dem geringeren Dienstpersonale helfend zur Seite
stand. Seiner Gattin zwar behagte das einfache Leben, das nur
höchst selten einmal durch Besuch von benachbarten Landsitzen oder
aus London unterbrochen wurde, nicht im geringsten, und oft schon
hatte sie den Versuch gemacht, ihren Gatten zur Übersiedelung
nach der geräuschvolleren, aber mehr Zerstreuungen und Vergnügungen verheißenden Hauptstadt des Königreichs zu bestimmen, indem
sie hierbei auf die Erziehung ihrer beiden heranwachsenden Kinder
hauptsächlich hinwies- Reed jedoch war nicht zum Verlassen seines ihm lieb und wert gewordenen Besitztums zu bewegen und
hatte wegen der Erziehung seiner Kinder den Ausweg getroffen,
daß er als ein wissenschaftlich hochgebildeter Mann seinem Sohne
den ersten Unterricht selbst erteilte und ihn somit für den Besuch eines
Gymnasiums vorbereitete, während er für seine Tochter bereits
einige Jahre zuvor, ehe unsere Erzählung beginnt, in Miß Bessie
Home eine tüchtige und vielseitig gebildete Gouvernante in das
Haus genommen und dieser Georginens Unterricht übertragen hatte.
Reed war ein gütiger und liebevoller Vater, der in dem Besitz
seiner Gattin und seiner beiden aufblühenden und sich kräftig entwickelnden Kinder sein höchstes Glück fand- aber er konnte
auch ernst, streng, ja unerbittlich sein, wenn es einen Fehler, eine
Nachlässigkeit zu rügen, eine Unart, eine Ungezogenheit zu verbieten, oder eine Widerspenstigkeit oder ein Nichtbefolgen seiner direkten Weisungen zu strafen galt. Leider stand ihm in seinen Erziehungsgrundsätzen seine Gattin nicht in dem Maße zur Seite,
wie er es wünschte, oder wie es vielmehr ihre Mutterpflicht gewesen wäre; liebte sie auch ihre beiden Kinder aus vollstem und
zärtlichstem Herzen, so hätte sie dieselben doch hinter dem Rücken
ihres Vaters nicht heimlich in Schutz nehmen und sie durch ein
solches unvorsichtiges und tadelnswertes Benehmen nicht noch in
ihrem Unrecht bestärken sollen.
Reed machte seiner Gattin oftmals die freundlichsten und eindringlichsten Vorstellungen über ihre Handlungsweise, welche seinen
ganzen Erziehungsplan vereitelte und seiner Kinder Herzen und
Charakter in Ungewißheit und ins Schwanken zu bringen drohte,
und so oft ihm Mistreß Sarah mit Thränen in den Augen ihr
Unrecht eingeräumt und kein weiteres Durchkreuzen seiner wohlgemeinten Absichten feierlich gelobt hatte, so geschah es doch immer
und immer wieder auf's Neue, daß sie ihren Kindern zu Gunsten
zwischen diese und ihren Gatten trat und seine auferlegten Strafen zu umgehen wußte, freilich beobachtete sie hierbei die Vorsicht,
ihre Handlungen vor dem sorgsamen Auge ihres erfahrenen Gatten verborgen zu halten. Reed ahnte zwar bei seinem angeborenen
Scharfsinn, was in der Brust seines Weibes vorging und in welcher Weise dieselbe seine wohlgemeinten väterlichen Absichten zu
umgehen wußte, aber da er beabsichtigte, im Laufe des kommenden
Jahres schon John wie Georgine in gute Erziehungsanstalten unterzubringen, so vermied er es, seiner Frau immer von Neuem Vorwürfe zu machen, und hoffte, daß die Zeit und der mit dem Alter
seiner Kinder wachsende Verstand die nachteiligen Wirkungen und
Einflüsse allmählich wieder ausgleichen würde.
Das Leben auf der Besitzung Gateshead, das Jahre hindurch
in ziemlicher Einförmigkeit dahin geflossen war, sollte sehr bald
eine kleine Unterbrechung erleiden und teilweise auch eine andere
Gestalt annehmen. Eines Tages nämlich erschien vor der Pforte
des Herrschaftshauses ein ärmlich gekleidetes und krank aussehendes
Weib, das ein kaum fünfjähriges schwaches Mädchen an der Hand
führte und ängstlich suchend sich nach allen Richtungen ausschaute,
ohne den Mut finden zu können, an eine der Thüren anzuklopfen.
Zufällig kam Bessie, die Erzieherin, von einem Ausgange zurück
und richtete teilnahmsvoll die Frage an das fremde Weib: Was
suchet Ihr hier, liebe Frau?
Statt einer Antwort erfolgte die ängstliche Gegenfrage: Befinde ich mich hier auf dem Landsitze Mister Reeds und kann ich
denselben gegenwärtig einen Augenblick sprechen?
Das ist Gateshead, Frau, erwiderte die Erzieherin- Mister
Reed jedoch werdet Ihr kaum vor einer Stunde sprechen können,
denn er ist auf seine Felder hinausgeritten.
Das ist schlimm, flüsterte die Frau. Komm Jane, wandte
sie sich zu dem Kinde, dann wollen wir wieder an das Thor gehen
und warten, bis Mister Reed zurückkommen wird.
Wollt Ihr nicht lieber in unser Gesindehaus eintreten, liebe
Frau, sprach Bessie weiter, und dort Mister Reed erwarten? Ihr
scheint angegriffen und der Ruhe bedürftig zu sein. In unserem
Gesindehause könnt Ihr Euch setzen und eine Stärkung zu Euch
nehmen.
Ich danke sehr für Ihre Freundlichkeit, Miß, erwiderte die
Angekommene, aber ich will nicht gern Jemandem zur Last fallen
und ziehe es vor, an dem Gartenthore zu warten.
Aber wenn Mister Reed zu der anderen Seite des Parkes
hereinreitet, so werdet Ihr ihn auf dieser Seite umsonst erwarten
und Eure Absicht nicht erreichen.
Das ist freilich wahr. Wird mir jedoch der Eintritt in eines
dieser Häuser, mir, einer kranken Fremden, mit einem kleinen hülflosen und schwächlichen Mädchen gestattet sein?
Es wird Niemand von Miß Reed's Familie so unbarmherzig
sein, Euch den Aufenthalt zu verweigern, besonders wenn Ihr den
Herrn dieses Besitztums zu sprechen wünscht.
Auch wenn ich kein willkommener Gast sein sollte, Miß?
fragte die Frau weiter.
Mister Reed wird öfters um Rat und Unterstützung angesprochen und läßt Niemand ungetröstet weiter ziehen, ohne von
einem seiner Familienglieder gehindert zu werden.
Nun, so will ich getrost von Ihrem freundlichen Anerbieten
mit meinem Kinde Gebrauch machen. Wollten Sie die Güte
haben, mich nach einem Unterkommen zu weisen?
So folgt mir, sprach Bessie, verwundert ob solcher Verzagtheit und Bescheidenheit, und schritt auf das Gebäude zu, welches
zum Aufenthalt für das weibliche Gesinde diente. Eben im Begriff, die Thürklinke zu ergreifen, wurde dieselbe von innen heftig
aufgerissen, und der krausköpfige John Reed stand plötzlich auf
der Schwelle, die ihm unerwartete Gruppe ganz überrascht anschauend. Was soll denn das wieder sein, Bessie? fuhr er plötzlich auf.
Machen Sie mir Platz, Mister John, sprach die Gouvernante
gelassen zu ihm; diese arme Frau soll mit ihrem Kinde hier eintreten und auf die Rückkunft Ihres Herrn Vater warten, den sie
in einer für sie dringenden Angelegenheit zu sprechen wünscht.
Bringst Du schon wieder Bettelleute in unser Haus, Bessie?
rief John boshaft. Wie oft hat die Mama Dir schon untersagt,
den Vater mit solchem Gesindel zu belästigen!
Pfui, schämen Sie sich, Mister John! entgegnete Bessie. Wie
können Sie es wagen, Ihrer Mama solch böse Worte und solch
noch bösere Gedanken unterzulegen? Geben Sie Raum.
Ich will nicht, Bessie! rief John ärgerlich, und Du sollst
keine Bettelleute aufnehmen.
Lassen Sie mich lieber wieder gehen, Miß, bat die Frau
ängstlich, ich will vor dem Thore warten, vielleicht kommt Mister
Reed doch von jener Seite zurück, wo ich mich aufstelle.
Nein, nein, bleibt, gute Fran. Ich erhalte sonst von Mister
Reed Vorwürfe, wenn er erfährt, daß ich der Laune und dem
Eigensinn dieses böswilligen Knaben nachgegeben habe, sprach die
Erzieherin mit größerer Festigkeit, als man ihrem sanften und
ruhigen Wesen zugetraut hätte. Mister Reed wünscht, daß seine
Kinder gegen Unglückliche und Arme barmherzig sind.
Du schiltst mich einen Knaben, statt mich, wie Mama Dir
befohlen, Mister John zu nennen! rief John fast außer sich und
erhob seine Reitpeitsche, die er in der Hand hielt.
Ehe er indessen zu einem Schlage ausholen konnte, hatte Bessie
mit raschem Griffe die Reitpeitsche seiner Hand entwunden und
sprach blitzenden Auges zu ihm: Sie geben jetzt augenblicklich
Raum, damit ich mit dieser Frau und ihrem Kinde Eintritt erhalte, oder Sie sollen für Ihre Ungezogenheit bittere Reue empfinden, Sie garstiger Mensch.
Huß, huß, Tyras! rief John einem großen herbeieilenden
Hunde zu. Pack diese Bettelleute und zerreiße sie zusammen mit
dieser häßlichen und dummen Bessie in kleine Stücken.
Zum Schutze der beiden Ankömmlinge sprang Bessie zwischen
diese und den großen Hund, welcher, ohne einen Angriff zu wagen,
plötzlich ruhig und schweifwedelnd stehen blieb. So ist es brav,
Tyras! sprach die Erzieherin ruhig zu dem schönen Tiere. Tyras
ist besser und vernünftiger, wie Sie böser Mensch, der für seine
Grausamkeit die Peitsche verdiente.
Mama! Mama! schrie jetzt John Reed jammernd, Bessie
will mich hauen! hilf mir, liebe Mama! - Heftig klirrend flog ein
Fensterflügel im Herrschaftsgebäude auf, und eine zornige weibliche
Stimme ließ die hastigen Worte vernehmen: Bessie! Bessie! Was
haben Sie schon wieder mit meinem lieben John, daß Sie ihn
schlagen wollen?
Mister John lügt, Mistreß Reed! sprach die Erzieherin ruhig,
aber mit bebender Stimme; er hat mir mit der Peitsche gedroht
und Tyras auf diese armen Leute hier gehetzt, die Mister Reed
sprechen wollen. Da habe ich ihm die Peitsche genommen, damit
er kein Unrecht thue und dann von Mister Reed verdiente Strafe
erhalte.
Komm zu mir, lieber John, ließ sich die Stimme von Neuem
vernehmen, - ich werde mit Deinem Vater reden, bekümmere Dich
nicht um Bessie und diese Bettelleute.
Mit einigen zwischen den Lippen gemurmelten Worten, die
eine unheimliche Drohung enthielten, sprang John eiligst nach dem
Herrschaftshause und zu seiner Mama, während die arme Frau
leise flüsterte: O ich Ärmste, aus diesen beiden kalten Stimmen
sprach kein Herz! Hier, liebe Miß, wandte sie sich lauter an Bessie,
finde ich keinen Trost und keine Hülfe. Ich will lieber meines
Weges weiter ziehen, ehe ich hier Unfrieden stifte und Ihnen für
Ihre Güte gegen eine Ihnen völlig Unbekannte Unannehmlichkeiten
bereite.
Ihr bleibt, arme Frau, sprach ihr Bessie freundlich zu und
hielt sie zurück. Wie hätte Mister Reed Recht, mich zu schelten,
wenn er erführe, daß ich eine Unglückliche und Verlassene ungetröstet an seines Hauses Thüre hätte vorüberziehen lassen.
Das kleine Mädchen klammerte sich angstvoll an ihre Mutter und bat mit leiser Stimme: Bleibe, liebe Mama, bleibe, ich
kann nicht mehr gehen und mich hungert auch zu sehr.
Treten Sie doch ein, Frau- bat die Erzieherin. Um Ihres
Töchterchens willen, das sogleich ein Glas Milch zu seiner Stärkung erhalten soll. Halb gegen ihren Willen ließ sich die arme,
beinahe verzweifelnde Mutter in eine Stube führen, in welcher sie
fast auf einem Stuhle zusammenbrach, aber sich doch noch so viel
Kraft zu erhalten wußte, um ihre Kleine auf ihren Schoß zu
heben und recht fest, gleich als wenn sie dieselbe zu verlieren fürchtete, an ihr Herz zu pressen. Sie schloß die Augen vor Erschöpfung,
und die Sinne schienen ihr zu schwinden, während Bessie schleunig
ein Glas Milch herbeiholte und es dem kleinen Mädchen vorhielt,
das in langen und durstigen Zügen seinen Hunger und Durst zu
stillen versuchte.
Nun trinke Du, liebe Mama, bat das Kind freundlich, Jane
ist wieder wohl und kann jetzt weiter mit Dir gehen. Trinke
doch, Mama, die Milch schmeckt ja so gut, so süß.
Nehmet Ihr jetzt auch etwas Milch zu Euch, damit Ihr,
wenn Mister Reed zurückkommt, so viel Kraft wieder gesammelt
habt, um ihm Euer Anliegen gefaßt vortragen zu können.
Den vereinigten Bitten ihres Kindes und der Erzieherin vermochte die Unglückliche nicht zu widerstehen, aber nur mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr, ihre Schwäche niederzukämpfen
und einige wenige Schlucke der kühlenden Milch zu genießen. So
wenig sie übrigens auch zu sich genommen, so reichte es doch hin,
ihre Lebenskräfte wieder etwas zu heben und darauf hin noch ein
Stückchen trockenen, aber recht kräftigen Brotes verzehren zu können, während ihr Kind den Rest der Milch austrinken mußte.
Haben Sie Dank, Miß, sprach die Frau gerührt; Sie haben
mir und meinem Kinde das Leben gerettet- vielleicht kann es
Ihnen meine Jane dereinst vergelten. Ich glaube, ich wäre nach
den ersten Schritten, die ich ans diesem Hause hätte wieder hinaus thun müssen, vor Erschöpfung zusammengestürzt und hätte
mein kleines hilfloses Kind einsam und verlassen auf dieser weiten
und fremden Welt preisgeben müssen.
Gebt Euch nicht solchen düsteren Gedanken hin, arme Frau,
suchte Bessie die Unglückliche zu trösten, und verlaßt Euch auf
Mister Reed's Gütte und Menschenfreundlichkeit, die unerschöpflich
sind und noch niemals vergebens angesprochen wurden.
Das gebe der Himmel, lispelte die Arme, sonst bin ich rettungslos verloren, ich und mein Kind.
Versucht zu ruhen, Frau, und etwas Kraft zu sammeln, damit Ihr Euer Anliegen bei Meister Reed's Ankunft klar und im
Zusammenhange vortragen könnt, fuhr Bessie fort, denn unser
Herr ist immer sehr beschäftigt und seine Zeit mit wichtigen Dingen
in Anspruch genommen. Ich lasse Euch jetzt auf kurze Zeit allein,
bis Esther mit ihren Küchenarbeiten fertig ist; sollte Mister
Reed früher als erwartet heimkehren, so führe ich ihn gleich zu
Euch her.
Die Erzieherin ging; das kleine Mädchen lehnte sein Köpfchen an der Mutter Brust, und auch diese schloß vor Erschöpfung
ihre müden Augen zu einem sanften Schlummer, ohne für ihren
Kopf eine weitere Stütze zu haben, als ihren Arm und die hölzerne Platte eines großen Tisches, aber Mutter und Kind schlummerten, schlummerten sanft und süß, hatten sie doch Gelegenheit
gehabt, ihre ermatteten Kräfte zu stärken und ihren Körpern auf
diese Weise die Wohlthat eines, wenn auch nur kurzen, aber erquickenden Schlafes zuteil werden zu lassen! Glücklicher Armer,
wenn Dir der Vater im Himmel einen tröstenden Schlummer
nicht versagt hat und Du Dir selbst ein reines Gewissen zu bewahren wußtest!
Nach einer Stunde etwa wurde die Frau durch den Hufschlag
eines Pferdes aus ihrer Ruhe aufgeweckt und harrte nun angstvollen Blickes den nächsten bestimmenden Augenblicken entgegen,
welche die Entscheidung über ihre Zukunft herbeiführen mußten.
Die Entscheidung sollte schneller kommen, als sie gedacht, denn
schon nach Verlauf weniger Minuten öffnete sich die Thüre und,
von Bessie gefolgt, erschien Mister Reed auf der Schwelle derselben.
Die Frau erhob sich von ihrem Sitze und stellte ihr Töchterchen
langsam an ihrer Seite nieder; Mister Reed warf einen anfänglich mitleidsvollen, dann aber in stummen Schrecken und Entsetzen
übergehenden Blick auf die Gruppe, bis er sich in so weit wieder
gesammelt hatte, um die nur hingehauchten Worte: Anna bist Du
es wirklich, oder ist es nur Dein Geist? über seine Lippen bringen
zu können; ein tiefer schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust.
Ich bin es wirklich, Georg, ich und mein Kind, flüsterte,
ohne das Auge aufzuschlagen, die Angekommene und sank erschöpft
wieder auf ihren eben verlassenen Sitz zurück.
Lassen Sie uns allein, Miß Bessie, wandte sich Reed nach
kurzem Besinnen an seine Begleiterin. Sie haben Ihre Pflicht
ganz nach meinem Wunsche erfüllt, schweigen Sie aber einstweilen
über diesen Vorfall, ich werde meiner Familie selbst nähere Mitteilung machen.
Die Erzieherin verließ unter einer stummen Verbeugung
das Zimmer; darauf trat Reed näher an die Fran heran und
bot ihr die Hand; Du mußt mich entschuldigen, Anna, wenn Du
mich über unser Zusammentreffen unter solchen Umständen mehr
verwundert und erschrocken, als erfreut siehst. Ich glaubte Dich
gesund und glücklich jenseit des Ozeans und muß Dich plötzlich
als ein Bild des Erbarmens nach länger als sechs Jahren vor
meinen Augen und in meiner Wohnung erblicken. Konntest Du
denn nicht die Vorsicht gebrauchen, mich brieflich von Deiner Lage
und Deinem Vorhaben, mich aufzusuchen, zu unterrichten, anstatt
Dich unangemeldet und in einem solchen erbarmungswürdigen Zustande ohne Weiteres bei mir einzustellen? Wo ist Dein Gatte,
mein Schwager Eyre? Wie konnte er Dich in solches Elend geraten lassen?
Kein Vorwurf, Bruder Georg, trifft diesen edlen und braven
Mann, der bis zu, dem letzten Augenblicke seines schweren und
arbeitsvollen Lebens mit dem Aufgebote aller seiner Kräfte für
mich und sein Kind gearbeitet hat! antwortete die Anna Angeredete mit Entschiedenheit.
So ist Dein Gatte tot? fragte Reed mit zitternder und
erregter Stimme.
Tot seit sechs Monaten, gab Anna unter heißen Thränen
zur Antwort.
Und warum ist mir von seinem Hinscheiden keine Nachricht
zugegangen, Schwester? Ich dächte, ich wäre Euch doch immer
freundlich gesinnt gewesen, ja ich hätte Euch Beide schon herzlich
lieb gehabt, bevor Ihr ehelich miteinander verbunden waret!
Philipp Eyre habe ich auf seinem Sterbelager in seine Hand
geloben müssen, Dich nur in der äußersten Not und von Allen
verlassen, von meinem Unglücke zu unterrichten; er kannte die
feindseligen Gesinnungen Deiner Gattin gegen ihn und mich und
wollte nicht, daß ich Dir zur Last fallen sollte, so lange ich noch
eine Zufluchtsstätte hätte.
Und jetzt bist Du so weit, daß Du nur noch meine Hülfe
kennest, Unglückliche? Sprich offen!
Ja, Georg, es ist so, ich weiß nicht, wohin ich meinen Schritt
wenden, wohin ich mit meinem Kinde mein Haupt legen soll. Und
nur diese trostlose Aussicht allein ist der Grund, daß ich in Deinem Besitztum erscheine und Deine brüderliche Liebe für uns
anrufe. Ein heftiger Thränenstrom, den sie nur mühsam zurückzuhalten vermochte, unterbrach ihre Rede und ließ eine kurze, aber
inhaltsschwere Pause in dem Gespräche eintreten.
Sammle Deine Gedanken und Deine Ruhe, Anna, daß Du
mir die Erzählung Deines Geschickes bis zu diesem Augenblicke
im Zusammenhange mitteilen kannst und ich meine Entschließungen
für Deine und Deines Kindes Zukunft zu treffen vermag.
Nun so höre Bruder Georg. Ich habe Dir von New-York
aus mitgeteilt, daß ich nach meiner Verheiratung mit Philipp
Eyre ihm dorthin gefolgt war, daß ihm seine technischen Kenntnisse
eine ehrenvolle und gut bezahlte Stellung in einer Maschinenfabrik
finden ließen und wir in zufriedenen, ja glücklichen Verhältnissen
lebten. Unser Glück steigerte sich, als uns nach Verlauf eines
Jahres unsere Jane, dieses arme schwächliche Kind hier, geboren
wurde, ja Philipp fühlte sich in ihrem Besitze selig und beneidete
keinen Menschen, mochte er noch so reich, so frei und unabhängig
gestellt sein. Nach kaum Jahren indessen sollten die heiteren
und sonnigen Zeiten unseres Lebens vorüber sein und düstere verderbendrohende Wolken unseren Himmel verfinstern. Bei einem
Feuer, das in der Nachbarschaft der Fabrik ausbrach, in welcher
mein Gatte angestellt war und das diese in seiner Gewalt
mit zu erfassen und zu vernichten drohte, griff Philipp, ohne
daß er dazu verpflichtet gewesen wäre, auf das Unerschrockenste
und Furchtloseste mit ein, so daß seiner angestrengten Thätigkeit
und seinen umsichtigen Maßnahmen kein weiteres Gebäude, als
das vom Brande selbst ergriffene, den Flammen zum Opfer fiel.
Er wurde von allen Seiten mit den wärmsten Lobsprüchen überhäuft, er fand die ehrenvollsten öffentlichen Anerkennungen, -
aber er hatte jedenfalls seine Kräfte überschätzt, hatte seinem Körper
und seiner Gesundheit mehr aufgebürdet, als sie zu tragen und
auszuhalten im Stande waren: kurz er fing einige Wochen nach
diesem Unglücksfalle an zu kränkeln, sich unbehaglich zu fühlen und
konnte nur mit sichtlicher Anstrengung seinen Berufsgeschäften
noch nachgehen, obwohl er solches sich nicht merken lassen wollte,
es entschieden in Abrede stellte und meine oft ausgesprochenen
Bedenken und Bitten, sich zu schonen, zu entwaffnen verstand.
Zu meinem Entsetzen verfielen seine körperlichen Kräfte immer
mehr und, wollte ich ihn nicht mißmutig machen oder gar erzürnen,
so durfte ich nicht einmal meine Wahrnehmungen äußern. Endlich
konnte er sich nicht länger aufrecht erhalten und mußte auf seinem
Lager gebannt bleiben - es sollte ihm nicht vergönnt sein, dasselbe
wieder zu verlassen; länger als sechs Monate schwebte er zwischen
Leben und Sterben, bis endlich ein sanfter Tod ihn von seinen
unsäglichen, aber nie laut ausgesprochenen Leiden erlöste. Meinen Schmerz bei seinem Hinscheiden will, ich Dir nicht zu schildern
suchen, wenn ich in seinem Aussprechen auch eine Art von Trost
darin zu erblicken vermag; er hatte alle Vorsorge für mich getroffen, damit ich ruhig in die Zukunft blicken konnte. Sein Bruder Arthur, der in Bedford ansässig war, sollte mich in seinem
Hause aufnehmen und für mich und meine Jane sorgen, wofür
ihm Philipps Ersparnisse, die in 50 Pfund Sterling bestanden,
zur Verfügung gestellt wurden. Arthur willigte ein, uns aufzunehmen, wenn seines Bruders letzte Stunde gekommen sein sollte.
Als nun das für mich so entsetzliche Ereigniß eingetreten war,
hätte ich Dir, lieber Bruder, Mitteilung von meinem Zustande
machen sollen, ohne Deine Hülfe, wie ich meinen Gatten hatte
geloben müssen, in Anspruch zu nehmen, aber Schmerz, Kümmernis
und bange Sorge mögen mich zu sehr darniedergedrückt haben, ich
übersah es im geeigneten Augenblicke und schämte mich, es späterhin
nachzuholen, bis es mir in der That zu einer reinen Unmöglichkeit wurde.
Anna hielt erschöpft inne und mußte neue Kräfte sammeln.
Und hast Du denn Deinen Schwager, der ja auch ein tüchtiger
und rechtschaffener Mensch ist, nicht aufgesucht? fragte Reed nach
einer geraumen Weile, während er seiner Schwester Erholung gegönnt, weiter.
Ich suchte ihn auf, wie mir mein Gatte aufgetragen, fuhr
die Gefragte fort. Mit Reisegeld, anderer nötigen Baarschaft
und Gepäck reichlich versehen, schiffte ich mich mit meiner Jane
ein und langte vor einigen Monaten zunächst in England und
wenige Tage darauf in meines Schwagers Wohnung an, der auf
kurze Zeit verreist war, dessen Rückkunft aber täglich erwartet
wurde. Ich fand eine zuvorkommende und freundliche Aufnahme
bei der Wirtschafterin meines Schwagers und hätte füglich mit
meiner Lage zufrieden sein können, aber wenn mich der Schmerz
um meines Gatten Tod und die Aufregung aufrecht erhalten
hatten, so warfen mich Ruhe und Abspannung nunmehr auf das
Krankenlager, und ich fiel Wochen hindurch in ein hitziges aufreibendes Fieber. Wie lange ich gelegen habe, weiß ich selber nicht
zu sagen, und wie ich einigermaßen wieder zur Besinnung kam,
hatte sich meine Lage vollständig verändert. Meines Schwagers
Wirtschafterin war verschwunden und eine gleichgültige rohe Person an ihrer Stelle anwesend, die mir zwar die notwendigsten
Handleistungen und die dringendsten Lebensbedürfnisse reichte, aber
ehe ich nur wieder auf sein konnte, mich darauf in ganz entschiedener Weise aufmerksam machte, daß meine Gelder aufgezehrt und
meine überflüssigen Kleidungsstücke verkauft seien, um Arzt und
Apotheker sowie Pflege und Unterhalt zu bestreiten; jetzt behielte
sie mich zwar noch aus reiner christlichen Nächstenliebe und ihrer
angebornen Barmherzigkeit in ihrer Wohnung, sobald ich aber
meinen Weg weiter fortsetzen und mir Lebensunterhalt suchen könne,
müßte ich mit meinem Kinde das Haus verlassen. Als ich nach
meinem Schwager und seiner Wirtschafterin fragte, lachte das gefühllose Weib laut auf und gab mir zu verstehen: Ich habe wohl
geträumt, oder meine Krankheit habe mir meinen Verstand geraubt,
- sie wisse von keiner Wirtschafterin - ich sei krank zu ihr gebracht worden mit meinem Kinde und sie habe mich bereitwillig
aufgenommen und gepflegt, so daß ich ihr die Wiedererlangung
meiner Gesundheit zu danken habe. Als ich tötlich hierüber erschrocken, fast kein Wort zur Entgegnung fand, aber doch daran
denken mußte, die Frau augenblicklich zu beruhigen und ihr zu
versichern, daß ich in dem nicht weit von hier gelegenen Landsite
Gateshead einen wohlhabenden Bruder Namens Reed habe, der für
mich aufkommen würde, verlachte sie mich und sagte, der Besitzer
von Gateshead heiße seit länger als zwei Jahren Eduard Morton und
nicht Reed. Mister Reed sei fortgezogen und sie wisse nicht wohin; ich möge keine falschen Vorspiegelungen versuchen und meine
Lage nicht durch Unwahrheiten noch verschlimmern. Was sollte
ich nun vornehmen? Ich konnte die Frau - Mistreß Brown
ist ihr Name- jetzt nur noch auf meiner Hände Arbeit vertrösten, sobald ich völlig hergestellt und wieder zu Kräften gekommen sei. Da fuhr sie heftig auf und erwiderte mir rauh:
Sie wolle froh sein, wenn sie mich nicht mehr zu beherbergen und
zn unterhalten brauche; auf Wiedererstattung und Dank mache sie
gar keinen Anspruch von mir. Nach ungefähr fünf Tagen forderte sie mich auf, ihre Wohnung zu verlassen, - was blieb mir
übrig, Bruder? Ich mußte mein Kind an die Hand nehmen,
mußte gehen und ihr überdies noch Dankesworte sagen, daß sie
sich meiner angenommen. Gestern früh habe ich sie verlassen, ich
ging in den Straßen der Stadt wie betäubt herum, konnte keines klaren
Gedankens mächtig werden, vermochte es nicht, Jemand um Hülfe
oder Rat in meiner Not anzureden - bis ich plötzlich mich
in freiem Felde befand und von einer alten Frau angesprochen
wurde, welche mich nach der Richtung meines Weges fragte. Als
ich ihr hierauf mitteilte, daß es meine Absicht gewesen sei, nach
Gateshead zu gehen, da aber mein Bruder Reed, der früher daselbst
gewohnt habe, weggezogen sei, so wisse ich in der That nicht, wohin ich
mich augenblicklich wenden solle, um ein Unterkommen zu erhalten, so
erfuhr ich zu meiner höchsten Freude, daß Du nicht weggezogen seiest
und noch immer auf Deiner Besitzung weiltest. Ich sei auf dem richtigen Wege nach Gateshead, erzählte mir die Frau weiter, sobald
ich den vor mir liegenden Wald durchschritten habe, was freilich
noch einige Stunden in Anspruch nehmen könne, sähe ich Mister
Reed's Besitztum vor mir liegen und könne dasselbe nicht mehr verfehlen. Vor dem Eintritt in den Wald mußten wir uns trennen; ich
bin die ganze Nacht gewandert, habe nur einige Male geruht, da ich
meine Jane, welche auf meinem Arme eingeschlummert war, nicht weiter
tragen konnte. Endlich nach einer langen entsetzlichen Nacht, ohne
Schutz, ohne Speise und Trank, gelangte ich kurz nach Tages Anbruch wieder ins Freie und habe mich mühsam bis hierher geschleppt, wo ich von einer freundlichen jungen Dame liebevoll aufgenommen und gestärkt worden bin.
Anna Eyre schwieg jetzt, während ihr Bruder, in ernstes
Nachdenken versunken, in dem geräumigen Zimmer langsam auf-
und abschritt und nach vielleicht fünf Minuten Überlegens ernst,
doch gütig sich zu seiner Schwester wandte: Sei ruhig Anna, und
fasse Dich. Daß Du zunächst bei mir, in meinem Hause und
meiner Familie bleibst, bis ich weiter für Deine Zukunft habe
sorgen können, ist selbstverständlich, wenn es mir auch weit lieber
gewesen wäre, von Deiner Ankunft einen oder zwei Tage vorher unterrichtet worden zu sein. Freilich ging das in Anbetracht der mir
mitgeteilten Umstände nicht anders, aber wenn ich auch Deinen
Worten unbedenklichen Glauben schenke, so könnte doch meine Frau,
die wie Du selbst weißt, Deine Verheiratung mit Eyre nie
billigen mochte, Bedenken dagegen erheben. Um dieselben im voraus
zu zerstreuen und es zu keinen Erörterungen zwischen Euch kommen
zu lassen, ist es am geratensten, Du erholst Dich noch einige
Zeit in diesem Zimmer, in welchem Dich Niemand stören soll,
während ich meine Frau auf Deine Ankunft vorbereite und die
nötigen Anordnungen für Deine und Deines Kindes Aufenthalt
mit ihr bespreche. Reed entfernte sich nach diesen Worten und
begab sich sofort in das Herrschaftsgebäude.
Zweites Kapitel.
Mistreß Sarah Reed hielt eine weibliche Arbeit in der Hand,
mit welcher sie sich am Fenster sitzend beschäftigte; ihre Tochter
Georgine saß ihr zur Seite und spielte mit einer großen und stattlich herausgeputzten Puppe, während der aus dem Hofe heraufgerufene John mit nur geringer oder vielmehr gar keiner Aufmerksamkeit in einem Bilderbuche herumblätterte.
Bessie ist dumm, Mama, begann John, nachdem er bereits
eine geraume Weile in das Zimmer eingetreten war und sich zu
seiner Unterhaltung ein Buch herbeigeholt hatte, sie soll die Bettelleute in unserem Hause nicht zurückhalten und beherbergen wollen,
sondern sie hinüber zu unseren Nachbarn ziehen lassen, die reichere
Leute sind, als wir hier.
Wir sind die reichsten Leute hier, nicht wahr Mama? fragte,
halb unwillig über ihres Bruders Äußerungen, Georgine. Unsere
Nachbarn haben weniger Geld als wir!
Jawohl, meine Tochter, bestätigte die Mutter, wir sind die
reichsten Leute in der hiesigen Gegend, aber Dein Vater will es
uns und anderen Menschen gegenüber nicht wissen lassen, und deshalb allein leben wir einfacher und ruhiger, als alle unsere
Nachbarn.
Warum aber giebt er denn da so viel Geld an Bettler und
arme Leute? Warum muß ich es dulden, daß Bessie heute schon
wieder zwei in unsere Gesindestube treten ließ? fragte John seine
Mutter. Das solltest Du wenigstens nicht leiden, Mama, durchaus nicht.
Dein Vater, mein lieber John, hat ein weiches Herz und ist
gern wohlthätig gegen Arme, erwiderte die Mutter, und deshalb darfst
Du Dich nicht gegen Bessie auflehnen und sie hindern wollen, wenn
sie Deines Vaters Befehle und Weisungen zur Ausführung bringt.
Wenn ich erst einmal Herr hier bin, sprach der Knabe übermütig, da soll es ganz anders hier zugehen; da dürfen nur reiche
Leute in unser Haus kommen.
Sprich nicht so gottlos, John, verwies Mistreß diese unkindliche Außerung. Schweig lieber und lies in Deinem Buche, damit
Du mich nicht in meiner Arbeit störst. Und auch Du, Georgine,
belästige mich jetzt nicht weiter mit Fragen, die zu nichts führen
können. Oder noch besser, geht Beide zu Bessie und übt Euch
im Klavierspielen; die Zeit der Unterrichtsstunden muß ja herangekommen sein. Wenn Euer Vater von seinem Morgenritte heimkehrt und Euch nicht beim Lernen trifft, könnte er sonst leicht ungehalten werden.
Kaum hatte Mistreß Reed diese Worte ausgesprochen, so erschien auch schon die Erzieherin in der Stube und bat, daß Miß
Georgine und Mister John zur Stunde kommen sollten. Voll
Unwillens zwar folgten die Kinder, aber doch wagten sie denselben
nicht zu äußern.
Mir ahnt Unheil, sprach Sarah Reed halblaut vor sich hin,
indem sie nach Entfernung ihrer Kinder die Hände nachdenklich in
den Schoß hatte sinken lassen. Die angekommene Frau, welche
ich nur auf einen Augenblick zu Gesicht bekommen habe, erschien
mir nicht unbekannt, wenn ich mich auch momentan nicht zu besinnen vermag, wo und zu welcher Zeit ich diese Züge schon gesehen habe. Wüßte ich nicht, daß meines Gatten Schwester seit
Jahren in Amerika wäre, ich würde glauben können, sie wäre es!
- Ja, ja, sie muß es sein- so ungefähr war ihre schwächliche,
kleine Gestalt, so scheu und verlegen blickte ihr Auge. Diese Person,
die solche Schande durch ihre Verheiratung über unsere Familie
gebracht hat, vielleicht in mein Haus aufnehmen zu sollen, das
wäre das Ärgste, was ich von dem wankelmütigen romantischen
Reed noch zu ertragen hätte. Das darf und wird nimmermehr
geschehen, so lange ich noch atmen kann. Erregt erhob sich die
hohe Gestalt und schritt mit ruhelosen Schritten im Zimmer umher. Träte dieser Fall wirklich ein, so muß ich meine ganze Kraft,
meine volle Willensstärke zusammen nehmen, um Reed's Absichten
mit Erfolg durchkreuzen zu können, fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, und ich will doch sehen, ob ich meinen Willen auch
nicht ein einziges Mal erfolgreich durchzusetzen vermag. Hier
gilt es Klugheit und Vorsicht, um für alle Fälle meinem weichmütigen Gatten gegenüber gewappnet zu sein. Ununterbrochen
und überlegend setzte sie ihren Gang durch das Zimmer fort, ja
sie ließ sich selbst nicht stören, als sie Mister Reed in den Hof
hereinreiten hörte und seinen Weg, von Bessie unterrichtet, nach
dem Gesindehause nehmen und ihn in dasselbe eintreten sah. Endlich
mußte die Unterredung mit der angekommenen Frau beendet sein,
denn sie hörte ihres Gatten Stimme in dem Hofraume einen Befehl erteilen und seine Schritte sich ihrer Wohnung langsam nähern.
Rasch nahm sie ihren früheren Sitz wieder ein und beschäftigte
sich fleißig mit ihrer Arbeit.
Reed betrat das Zimmer und begrüßte seine Gattin mit den
Worten: Guten Morgen Sarah; schon so fleißig bei der Arbeit. Wo
sind unsere Kinder?
Guten Morgen, Georg, antwortete Mistreß Reed überaus
freundlich, wenn Du vom frühen Morgen an schon im Felde
thätig bist, darf ich als ordentliche Hausfrau doch auch nicht müßig
sein. Unsere Kinder haben Unterricht bei ihrer Gouvernante.
Schön, liebe Frau, erwiderte Reed, so stören uns dieselben
doch für den Augenblick nicht, zumal ich Dir eine ernste und keineswegs erfreuliche Nachricht mitzuteilen habe- er hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort.
Eine unerfreuliche Nachricht, rief Sarah betroffen, die Dich,
die uns unangenehm ist?
Meine Schwester Anna ist mit ihrem Kinde hülflos und von
allen Mitteln entblößt bei uns heute morgen eingetroffen und
spricht mich um Unterstützung an.
Die Landstreicherin! fuhr Reed's Gattin auf, als sie die Gewißheit ihrer Vermutung bestätigt fand, obwohl sie sich vorgenommen hatte, äußerlich ganz ruhig zu erscheinen.
Sie kommt nicht als Landstreicherin, unterbrach Reed seine
Gattin. Sie war Philipp Eyre's Gattin und ist nach dessen Tode
seine verlassene Witwe und bleibt wie bisher meine Schwester.
Er wiederholte aus Anna's Erzählung, als seine Frau keine Einwendung erhob, die wichtigsten Punkte und schloß seine Worte mit
der Frage: Nun gieb mir Antwort, Sarah, wie soll ich als Bruder
gegen meine Schwester handeln?
Nimm Dich ihrer an, Georg, antwortete Sarah ruhig, aber
entschieden, unterstütze sie so viel und so reich Du willst, aber
nimm sie nicht in Dein Haus auf, erspare mir die Notwendigkeit, mit Deiner Schwester, die mir nie sympathisch war und die
auch stets gegen mich und meine Verbindung mit Dir einen hartnäckigen Widerwillen gehabt hat, jemals unter einem Dache zu
leben.
Das kann und wird Dein Ernst nicht sein, Sarah, sprach
Reed begütigend; nie hat Anna ein Wort gegen Dich geäußert.
Jetzt ist sie unglücklich, verlassen und bedarf mehr des Trostes und
der Liebe zunächst, wenigstens einer sorgsamen Pflege von befremdeter Hand, als nur einer bloßen materiellen Unterstützung, die
ihr gewährt werden kann.
Liebe giebt sich nur für Liebe, Georg, das weißt Du selbst
recht gut. Verlange von mir nichts, was über meine Kräfte geht,
was Du nicht von mir fordern kannst.
Sie ist eine Unglückliche, eine Bedauernswerte, Sarah, sie
ist die Schwester Deines Gatten. Bedenke, wenn Dir, wie es
leider nicht der Fall ist, vom Geschick eine Schwester beschert wäre,
mit welcher Du stets in Liebe und Frieden gelebt hättest, und
wenn diese Schwester durch den Tod ihres Gatten, durch schlechte
Menschen ihrer Habe, ihrer Kleider beraubt, krank und schwach
mit einem zarten Kinde zu Dir käme und Deine Hilfe anrufen
würde, könntest Du sie vielleicht mit einer Hand voll Geld abspeisen und wieder in die Fremde schicken? Nein, nein, Du würdest sagen: Georg, meine Schwester bedarf der Liebe, des Erbarmens- wir besitzen beides- wollen wir ihr helfen? wollen
wir ihr beides zuteil werden lassen?
Ich würde, da ich selbst ohne Vermögen bin, Georg, Deine
Unterstützung für sie in Anspruch nehmen und Deinen Reichtum
für sie anrufen, aber Deine Liebe für sie, Dein Mitleid würde ich
bei Gott nicht anrufen. Und wenn ich Dir auch keine Vorschriften
machen kann, ob Du Deine Schwester in unser Haus aufnehmen
sollst oder nicht, so unangenehm mir auch das Erstere sein wird, so
verlange wenigstens nicht eine Liebe von mir, die ich nicht empfinde.
Du bist aufrichtig gegen mich, Sarah. Gut, ich begnüge mich
damit, und verlange keine Liebe von Dir für meine Schwester,
aber ich darf nun wohl die Bitte an Dich richten, daß Du Deines
Mannes einzige und nächste Verwandte mit Freundlichkeit in unserem Hause aufnimmst und auch ein Wort des Bedauerns und
des Willkommens für sie haben wirst.
Du verlangst nicht wenig Selbstüberwindung von mir, aber
wann hätte ich Dir, meinem heißgeliebten Gatten, jemals die
Erfüllung einer Bitte verweigern können. Bist Du nun zufrieden
gestellt, oder hast Du noch eine Forderung an mich zu stellen, Georg?
Ich danke Dir, Sarah, für Deine Nachgiebigkeit; Du wirst
dieselbe gewiß nicht bereuen, wenn Du Anna näher kennen und,
ich bürge dafür mit meinem Worte, auch lieben lernen wirst.
Jetzt überlege, wie Du Mutter und Kind am besten und ungeniertesten unterbringst, da ich in Deine häuslichen Einrichtungen durchaus nicht eingreifen mag, sowie Deiner und unserer Kinder Bequemlichkeiten nicht die geringste Störung auferlegen will.
Deine Schwester wird zur Familie gehören, und so halte ich
es für das Geeignetste, wenn sie mit ihrem Kinde die beiden Zimmer, welche mit unserer Wohnung durch einen Gang verbunden
sind und die wir bisher als Fremdenzimmer benutzt haben, als
Wohn- und Schlafraum bezieht, während wir unsere etwaigen späteren Gäste recht gut eine Treppe hoch einquartieren können. Sie
mag dann gemeinschaftlich mit uns die Mahlzeiten einnehmen oder
es vorziehen, in ihrem Zimmer zu speisen, so werden doch unsere
Leute keine weitere Mühe mit ihnen haben und wir nicht im geringsten beeinträchtigt sein. Bist Du zufrieden?
Von ganzem Herzen danke ich Dir, liebe Frau; ich denke,
Dein praktischer Sinn wird sicher das Richtige und somit auch
das Beste für uns und unsere Schützlinge getroffen haben.
So will ich Beide selbst herüberführen und sie in ihre Wohnung einweisen, Georg, wenn es auf diese Weise Deinen Wünschen entspricht.
Gewiß, gewiß, so wird es am leichtesten für Anna sein, in
unser Haus einzutreten; zuvor aber möchte ich Dich ersuchen, die
Erschöpften noch ein bis zwei Stunden ruhen zu lassen. Vielleicht
läßt Du bis dahin die Zimmer von Hannah einrichten.
Es wird am besten sein, wenn ich die Einrichtung selbst besorge, während Du inzwischen Zeit gewinnst, Dein Frühstück einzunehmen, das Dir Hannah sofort servieren soll. Auf Wiedersehen, mein lieber Freund, und laß es Dir recht gut schmecken.
Mistreß Reed entfernte sich, nachdem sie ihrem Gatten die
Hand gereicht und einen warmen Händedruck und einen noch wärmeren Dankesblick von ihm entgegen genommen hatte.
Reed atmete nach ihrem Weggange sichtlich erleichtert auf.
Das ging wirklich leichter und besser, als ich zu hoffen gewagt
habe, sprach er halblaut für sich, und ich werde darauf denken
müssen, Sarah für diese Überwindung und erfreuliche Gefühlsäußerung meine wirklich sichtliche Anerkennung und Dankbarkeit
recht bald zu beweisen. Ja, wäre sie nicht öfters zu schwach gegen
unsere Kinder, ich hätte mir keine bessere und vortrefflichere Gattin
auswählen können. Lernt sie Anna mit ihrem sanften, gefälligen
und verträglichen Wesen erst besser kennen, so wird diese jetzige
Wandlung ihrer früheren Abneigung auch sicher von Bestand sein
und auch erfreuliche Früchte für uns tragen.
Das Frühstück schmeckte Mister Reed so prächtig heute, wie
es ihm lange Zeit nicht gemundet, und als seine Gattin nach geraumer Zeit in sein Arbeitszimmer trat, um ihn zur Überführung seiner Schwester in die Familienwohnung abzuholen, da
strahlten seine Augen voll Glück und Stolz, und, ohne einen Augenblick zu verlieren, folgte er ihrer Aufforderung, sie zu diesem wichtigen Familienakte zu begleiten. So sehr auch Reed vor dem ersten
Begegnen der beiden Frauen von einem Gefühle der Bangigkeit
beschlichen war, jetzt war es völlig geschwunden und er erwartete
dasselbe voller Ruhe.
Beim Eintritt in die Gesindestube, fanden sie Anna sichtlich
gestärkt, und Mistreß Reed schritt auf dieselbe, welche sich zur Begrüßung erheben wollte, mit entgegengestreckter Hand zu und sprach
überaus freundlich: Sein Sie mir herzlich willkommen, liebe
Schwägerin, in unserem Hause. Freilich wünschte ich in Ihrem
Interesse, daß zu unserem Wiedersehen ein freudigerer Grund die
Veranlassung gegeben hätte, als Ihr tief beklagenswertes Unglück.
Um so inniger aber soll Ihr Eintritt in unseren häuslichen Kreis
begrüßt sein, und wir werden uns alle aufrichtig bemühen, Ihnen
Ihr früheres unverdientes trübes Geschick vergessen machen zu
helfen.
Heiße Thränen entströmten bei diesen unerwarteten und daher
um so tiefer zu Herzen dringenden Worten Anna's Augen, so daß
sie einige Sekunden lang vergebens nach Worten ringen mußte.
Dank! Dank! flüsterte sie endlich. Ich stehe beschämt, tief und
schwer beschämt vor Ihnen; und zur Strafe meines schuldigen
Bewußtseins will ich Ihnen gleich offen bekennen, daß ich auf einen
so herzlichen Empfang nicht vorbereitet war und auf einen solchen
zu rechnen gar nicht hätte berechtigt sein können.
Wie haben Sie nur einen solchen Gedanken zu fassen gemocht, Schwägerin?
Die Schuld liegt auf meiner Seite, daß wir vor meinem
Scheiden vom heimatlichen Boden nicht in wahrhaft verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden haben.
Sie sind dem Zuge Ihres Herzens, dem Manne Ihrer Wahl
gefolgt und haben sich von uns getrennt - aber jetzt sind Sie eine
Unglückliche und bedürfen der Liebe wie des Trostes, und schon
aus diesem Grunde muß die Vergangenheit vergessen sein. Und
wenn Sie mir aufrichtig zugethan sind, so erinnern Sie mich mit
keiner Silbe wieder an unsere früheren Beziehungen zu einander.
Ich will es versuchen, Schwägerin. Jane reiche dieser gütigen Dame Deine Hand.
Komm, mein Kind, sprach Sarah gütig zu Jane, die sich scheu
und schüchtern an ihrer Mutter Kleide festgehalten hatte, komm
und gieb der Tante Dein Händchen. Fürchte Dich nicht.
Jane trat zaghaft auf Mistreß Reed zu und, ihr die Hand
reichend, sprach sie leise: Guten Tag, Tante. So darf Mama
und ich bei Dir, in Deinem Hause bleiben?
Gewiß, mein kleines Mädchen, Du bleibst hinfort bei Onkel
und Tante Reed. Und wenn Du recht gut sein und uns lieb
haben willst, so wollen wir Dich auch lieb haben.
Und Mama auch lieb haben, nicht wahr? recht lieb? fragte
die Kleine rasch weiter.
Dich und Mama wollen wir lieb haben und Euch nicht wieder
fortlassen. Und giebst Du Onkel Reed hier kein Händchen, Jane?
Der gute Onkel wird Euch ebenfalls lieben.
Der hat mir erst selbst schon die Hand gereicht und mir das
Haar gestreichelt und mich so freundlich angeschaut, wie mich bisher
nur die liebe Mama immer angeschaut hat.
Wir haben jetzt unsere Bekanntschaft hinlänglich gemacht, und
so dürfte es nun das Beste sein, wenn Sie, fuhr Sarah fort,
diesen für Sie, liebe Schwägerin, ungeeigneten Ort verließen und
mit einem anderen in unserer Familienwohnung vertauschten, in
welcher ich Ihnen bereits zwei Zimmer eingeräumt und wohnlich
eingerichtet habe. Unsere beiden Kinder, Georgine und John,
sollen Sie später kennen lernen, da sie jetzt gerade Unterricht haben.
Meine Hannah wird Ihnen und für Jane Kleider bringen, mit
welchen Sie sich zunächst behelfen müssen, bis wir ein paar neue
Anzüge für Sie haben anfertigen lassen können.
Verfügen Sie ganz über mich nach Ihrem Belieben, erwiderte Anna, ich kann ja sicher nichts Besseres thuen, als Ihre so
überaus freundlichen Bestimmungen mit Dank und dem drückenden
Bewußtsein annehmen, sie Ihnen nie wieder vergelten zu können.
So folgen Sie mir, Anna; komm, Jane, Tante Reed wird
Dich selbst in Dein Bettchen bringen.
Mister Reed war vollständig überrascht über die Liebenswürdigkeit seiner Gattin und hegte weiter keinen sehnlicheren Wunsch,
als daß diese für ihn erfreuliche und sie selbst ehrende Gesinnung
auch für die Folge festen Stand halten möge; er begleitete die
beiden Frauen bis zur Thüre seines Wohnhauses, dann aber verabschiedete er sich mit den Worten von ihnen: Es wird das Geeignetste sein, wenn ich mich nicht in Eure Arrangements mische
und erst noch einige dringende Besorgungen erledige. Auf Wiedersehen denn zu Nachmittag.
Mistreß Reed führte ihre beiden ihr so überaus unwillkommenen Gäste, denen gegenüber sie mit großer Gewandtheit die
Maske der Zärtlichkeit und Liebe vorgenommen hatte, nach den
für sie bestimmten Zimmern, und man muß ihr zur Ehre nachsagen, daß dieselben hell, geräumig und elegant eingerichtet waren;
die Aussicht der einen Stube umfaßte den Hof und einen Teil
des Parkes, während man von der Schlafstube aus den Blick
über die Felder hinaus bis zu den bewaldeten Hügeln schweifen
lassen konnte, von deren größtem herab Anna mit ihrer Jane am
heutigen Morgen eingetroffen war. Das Wohnzimmer war überdies mit Bildern reich ausgeschmückt und für eine kleine Bibliothek ebenfalls Sorge getragen; überhaupt hatte Sarah für Bedürfnisse jeder Art sowie auch für Material zu weiblichen Handarbeiten bestens gesorgt, so daß auch das strengste und anspruchsvollste weibliche Auge nicht den leisesten Tadel auszusprechen vermocht hätte.
Sieh, Jane, sprach Mistreß Reed gütig, hier ist Dein
Bettchen. Gefällt es Dir so, mein Kind?
Es ist so schön, Tante Reed, wie ich noch niemals eins
gesehen habe, antwortete die Kleine.
Viel zu schön, viel zu reich für uns, fügte Anna Eyre hinzu.
Ich danke Ihnen herzlich im Namen meines Kindes dafür, Schwägerin.
Ich werde Sie künftighin der Kürze halber Anna nennen;
bitte, sagen Sie auch zu mir weiter nichts als Sarah. Es wird
so meinem Gatten am angenehmsten sein. Sie sind doch mit mir
einverstanden über diesen Punkt?
Er entspricht meinem Herzensbedürfnisse, Sarah.
Gut so; ich werde Sie jetzt allein lassen und Ihnen Hannah
senden, damit Sie für sich und Jane andere Kleider herrichten und
Nachmittag bei uns darin erscheinen können.
Mistreß Reed kehrte nach ihrem Wohnzimmer zurück, nachdem
sie der Wirtschafterin Hannah die nötigen Weisungen für ihre
Schwägerin erteilt hatte, und fand in demselben Georgine und
John vor, deren Unterricht für den Morgen beendet war.
Nun, Mama, fragte Georgine, was ist denn aus den Bettelleuten geworden?
Diese Bettelleute, die Du aber niemals so nennen darfst,
antwortete die Mutter, werden bei uns bleiben, bei uns wohnen
und alle Tage mit uns speisen.
Und das hast Du Dir so gutmütig von dem Papa bieten
lassen? fragte jene weiter.
Es sind Eures Vaters Schwester und Nichte, also Eure
nächsten Verwandten, meine Kinder, und Ihr werdet sie Tante
und Cousine nennen müssen.
Wer wird mich dazu zwingen können? fragte Georgine trotzig
und John Reed schloß sich dieser Frage mit dem Zusatze an: Ich
werde dies niemals thun.
Euer Vater will es so haben; es ist sein Wille, sein Befehl,
und Euer Gehorsam wie Eure Klugheit wird Euch den Rat geben,
ihm genau nachzukommen und mir, Eurer gütigen Mutter, keine
unnötigen Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Ich werde es nicht thun, Mama, rief John erregt; ich werde
später hier einmal Herr sein und soll eine Bettlerin Tante nennen.
Nimmermehr!
Du wirst dies thun, mein lieber John, schon Deiner Mama
wegen; wer einmal Herr werden will, der muß auch vorher gehorchen lernen, damit er zu beurteilen vermag, wie weit er selbst
einmal Gehorsam von Anderen verlangen kann.
Gern thue ich es nicht, sprach der trotzige Knabe, aber es soll
geschehen, Mama.
Und Du, Georgine? fragte die Mutter.
Ich werde John's Beispiel befolgen. Du sollst mit mir zufrieden sein, Mama.
Der Nachmittag versammelte die Familie Reed, Anna mit
Jane und auch die Erzieherin Bessie Home an der Mittagstafel,
und auch dieses erste Zusammentreffen fiel aus Respekt vor des
Vaters Willen und Befehl und aus Liebe für die immer nachsichtige Mutter ganz leidlich und erträglich aus, wenn auch Anna's
scharfe Beobachtungsgabe sofort entdeckte, daß das angenommene
herzliche Wesen nicht aus freiem Antrieb oder aus Neigung entsprang- aber wie hätte sie dies auch schon beim ersten Zusammentreffen beanspruchen können? War es nicht mehr für sie,
als sie zu beanspruchen hatte, daß man sie mit ihrem Kinde ohne
ein Wort der Widerrede in das Haus aufgenommen hatte und
sie als zur Familie gehörend betrachtete? Hatte sich ihre elende
und trostlose Lage nicht wie mit einem Zauberschlage verwandelt?
Konnte sie nicht zunächst unbekümmert in die Zukunft schauen und
für ihres Kindes Glück die besten Aussichten erwarten?
Mister Reed sprach während der Mahlzeit absichtlich nicht
viel und überließ es seiner Frau, die Unterhaltung zu führen; er
bemerkte auch mit Zufriedenheit, daß seine beiden Kinder, deren
Stolz ihm kein Geheimnis war, so sehr er auch dagegen ankämpfte,
Fragen an die Tante und Jane richteten und hob endlich in vergnügter Stimmung die Tafel auf.
Anna, welche für sich und Jane mit geschickter Hand zwei
saubere und kleidsame Anzüge aus Sarah's und Georgine's abgelegter Garderobe hergestellt hatte, mußte auch den Kaffee im Familienkreise mit einnehmen und durfte sich erst entfernen, als
Bessie's Unterricht wieder begann. Nach kräftiger Nahrung und
in besseren und anständigen Kleidern boten die Beiden jetzt nicht
mehr ein Bild des Erbarmens, wie bei ihrem Eintreffen, sondern
machten vielmehr einen recht freundlichen Eindruck. Besonders
machte Jane mit ihren schönen dunklen Augen und ihrem krausen,
fast gelockten dunklen Haar, mit ihrem sanften stillen Wesen und
ihren verständigen Antworten, die auf eine frühe Geistesreife schließen ließen, einen ungemein wohlthuenden Eindruck auf Reed's
Herz und er gewann, ohne es sich selbst bewußt zu sein, vom ersten
Tage an eine gewisse Neigung und Vorliebe für Jane. Ja diese
Vorliebe schien eine gegenseitige zu sein, denn Jane hing unverwandt an ihres Onkels Auge und lauschte auf jede seiner Mienen,
auf jedes seiner Worte. War die Tante auch dem kleinen Mädchen freundlich und warm entgegengetreten, das Kind hielt sich
stets mit einer gewissen Zaghaftigkeit in einer gewissen Entfernung
von der schönen stolzen Frau.
Der Abend vereinigte die Familie wiederum in einem gemeinschaftlichen Zimmer und verlief in stiller Behaglichkeit, so daß sich
Reed heimlich gestehen mußte, einen so angenehmen und gemütvollen Tag seit längerer Zeit in seinem Hause nicht verbracht zu
haben.
Das Leben auf Reed's Besitzung verlief meist still, oft einförmig. Jane konnte noch nicht an dem Unterrichte Georgine's
und John's teilnehmen, kam mit diesen daher auch nur wenig in
Berührung, und so gab es für sie manche Stunde, in welcher sie
allein sich in der nächsten Umgebung des Parkes aufhalten und
spielen durfte. Hier nun suchte sie Onkel Reed öfters auf und
erfreute sich an ihrem kindlichen harmlosen Geplauder, bei welchem
er manch tiefen Blick in Jane's reiches und liebevolles Gemüt zu
thun vermochte. Er zog das Kind an sich, nahm es auf seine
Knie und scherzte mit ihm, wie er es mit seinen eigenen Kindern
wenig, ja nur sehr wenig gethan hatte; er war selbst erstaunt, sich
Empfindungen für dieses kleine Mädchen gestehen zu müssen, die
ihm früher ziemlich fremd geblieben waren. Seine Hinneigung
zu Jane blieb selbst seiner Gattin nicht verborgen, aber wenn die
selbe auch deshalb kein Wort zu äußern wagte, so konnte man es
doch an der Kälte gewahren, welche ihr Antlitz überzog, sobald sich
ihr Gatte in seiner Vorliebe für Jane nicht zu beherrschen vermochte. Was konnte das kleine unwissende Geschöpf für diese
Liebe seines Onkels, aber in der Tante Brust zog eine Empfindung wie Neid, Eifersucht und Haß gegen die zärtliche Jane
ein. Sarah hätte ihren Gatten in sanfter Weise auf diese ihr
wider seinen Willen zugefügte Kränkung aufmerksam machen sollen,
jedoch war sie zu stolz hierzu und räumte sich es selbst nicht ein,
daß es ihre eigene Erziehungsweise war, welche ihre eigenen Kinder von des Vaters Herzen zum teil abgewendet hatte, aber sie
konnte keine Liebe lehren, so sehr sie auch fühlte, wenn ihr diese
Empfindung nicht in gebührendem Maße entgegengebracht wurde.
So bildete sich, da Mistreß Reed schon früher eine starke Abneigung gegen ihre Schwägerin gehegt, ja dieselbe beinahe gehaßt
hatte, unter der freundlichen Maske, welche sie aus Rücksicht gegen
ihren Gatten zur Schau zu tragen gezwungen war, diese Abneigung
zu einem offenbaren Haß, besonders gegen Jane aus, und von
ihrem Gatten selbst schied sie eine immer größer werdende Kluft,
so geschickt sie deren Breite und Tiefe, überhaupt deren Vorhandensein zu verhüllen verstand. Reed's Wille und Charakterstärke war
ausreichend genug, um Alles niederzuhalten, was seiner Schwester
und deren Töchterchen irgendwie zeigen konnte, daß sie Beide nur
als eine unbequeme Last in seinem Hause und in seiner Familie
betrachtet wurden.
Drittes Kapitel.
Der Winter war allmählich eingezogen, und das Weihnachtsfest nahte heran; reges Leben herrschte im Landsitze Gateshead, auf
welches nach mehr als vierzehntägiger Abwesenheit Mister Reed
mit seiner Gattin aus London zurückgekehrt war. Zum ersten
Male seit seiner Verheiratung hatte er sich, gleichsam aus Dank
für Sarah's liebevolles Wesen gegen seine unglückliche Schwester,
entschlossen, die Weihnachtsgeschenke für seine Gattin, seine Kinder
und seine Schützlinge, in Gemeinschaft mit Sarah, in London persönlich einzukaufen, während dies früher stets in Bedford erfolgt
war. Es geschah dies nebenbei in der Absicht, seiner Gattin längere Zeit entbehrte Genüsse, wie den Besuch von Theater, Konzerten, Kunstausstellungen u. s. w. in London zu teil werden zu
lassen, da ihnen die Erledigung ihrer Geschäfte und Einkäufe Zeit
genug übrig ließ, ihren Neigungen und Vergnügen nachgehen zu
können. Reed, der sonst sehr einfach und genügsam lebte, war
freigebig, ja verschwenderisch gegen seine Gattin, und so ließ ihn
dieselbe auch ohne Widerspruch gewähren, als er bei dem Ankaufe
der Geschenke seine Schwester und Jane fast in gleichem Maße
bedachte, wie seine eigenen Kinder und sie selbst, ja sie wollte freiwillig noch mehr bescheren, als Reed aus freiem Antrieb den anfänglich nur auf acht Tage berechneten Aufenthalt auf 1 Tage
erweiterte.
Wäre es nicht herrlich, bemerkte sie einmal gesprächsweise zu
ihm, wenn wir beständig in London leben und unsere Kinder an
unseren Freuden teilnehmen lassen könnten?
Gewiß wäre es das, antwortete er, aber um dies ausführen
zu können, müßte ich bedeutend reicher sein. Gateshead bringt uns
ein anständiges, ja reiches Auskommen, wollte ich dasselbe jedoch
in Pacht geben, so würde es kaum die Hälfte dessen ertragen, was
ich mit meiner eigenen Bewirtschaftung erziele.
Wird diese Summe nicht für unseren Aufenthalt in London
ausreichen können?
Auch dieser würde zu bestreiten sein, - aber ich habe noch
an wichtigere Dinge zu denken, liebe Sarah. Es ist Dir bekannt,
daß nach meinem Tode unseren Landesgesetzen zufolge mein ganzes
Besitztum in John's Hände übergeht und Du wie Georgine allein
von ihm und seinem Willen abhängig sind- und das ist gegen
meine Grundsätze.
So glaubst Du, daß unser lieber, guter John uns sein Herrenrecht empfinden ließe?
Mit bloßem Glauben, Sarah, rechne ich nicht gern; ich muß
sicher darauf zählen können, daß Du frei und unabhängig nach meinem Tode, den Gott frühzeitig verhüten möge, dastehen kannst und
für Georgine ein anständiges Heiratsgut bereit liegt.
Du beschäftigest Dich ohne Not mit unserer Zukunft, lieber
Georg. John hat das trefflichste und beste Herz; er liebt mich
zärtlich und würde Alles für mich hingeben.
Es sollte mich sehr freuen, wenn sich Deine Überzeugung
bewahrheiten sollte- ich für meine Person muß Gewißheit haben,
wenn ich Weib und Kind für alle Fälle geborgen sehen soll. Doch
brechen wir ab von diesen ernsten Dingen und überlassen wir uns
der Gegenwart; beendigen wir unsere Anwesenheit in London und
kehren wir nach unserem Haushalt zurück.
Mistreß Reed gewahrte, daß sie an dem Punkte angelangt
war, wo sie ihres Gatten Willen schon mehrmals unbeugsam gefunden hatte, und wenn sie auch sich eingestehen mußte, daß Reed
nur in ihrem und Georgine's Interesse handelte, so kränkte sie es
tief, daß er an John's Herzen zweifelte, das sie selbst für völlig
rein und makellos hielt.
So haben wir Beide zu Eingang dieses Kapitels wieder auf
ihrem Landsitze angetroffen und zwar mit Vorbereitungen für das
Weihnachtsfest beschäftigt gefunden, das in England freilich nicht
in dem gleichen Maße feierlich begangen wird, wie bei uns; aber
Reed hatte einige Jahre auf einem deutschen Landgute zu seiner
Ausbildung verlebt, dabei den eigentümlichen Zauber dieses herrlichen Familienfestes auf die Herzen der Kinder kennen gelernt
und es in Folge dessen in seinem eigenen Hause eingeführt.
An dem Festabende selbst wäre es jedoch beinahe zu unerfreulichen
Auftritten gekommen, da John sich seiner Meinung nach der kleinen
Jane gegenüber zurückgesetzt sah und nach mehreren Stücken Spielzeug derselben das heftigste Verlangen zeigte. Nur mit Mühe gelang es Jane's Mutter, den Zorn des Knaben zu besänftigen und
niederzuhalten, indem sie ihm bereitwillig die verlangten Dinge
überließ, und auch ihre Jane zu besänftigen, welche sich nur ungern
von Geschenken trennte, welche sie ihres Onkels Güte zu verdanken hatte.
Reed selbst war zu sehr mit seiner Freude über den schönen
Abend beschäftigt, als daß er von dem kleinen Vorkommnisse das
Geringste bemerkt hatte; besonders entzückte ihn eine herrliche
Doppelflinte, welche er aus Holstein, wo er früher gewesen war,
von einem seiner Freunde als Weihnachtsgeschenk übersandt erhalten hatte. Seine Frau und seine Kinder verstanden seine Freude
nicht und hatten nur für ihre Geschenke Augen und Gedanken,
die kleine Jane aber trat teilnahmsvoll zu ihrem Onkel und fragte
recht treuherzig:
Onkel Reed, was für ein glänzendes Ding hast Du da zum
Weihnachtsfest erhalten?
Das ist ein Jagdgewehr, meine liebe Jane, mit welchem man
Die Waise von Lowood.
die Tiere im Felde und im Walde töten kann, wenn sie zu
zahlreich werden.
Tötest Du auch Tiere, Onkel Reed? Ich würde das nicht
können.
Ich thue es auch nur, wenn ich muß, und zuweilen ist es
sogar nötig, daß es geschieht.
Da freuest Du Dich wohl recht sehr über Dein schönes
Jagdgewehr?
Gewiß freue ich mich, mein Kind, aber nicht allein über das
Gewehr, sondern noch viel mehr darüber, daß derjenige Mann,
welcher es mir geschenkt hat, mich nicht vergessen hat und noch
nach Jahren in Freundschaft und Liebe meiner gedenkt.
Das muß ein recht guter Mann sein, Onkel. Reed.
Das ist er auch, meine liebe Jane, und noch dazu bin ich
ihm zu großem Danke verpflichtet und müßte ihm eigentlich
Geschenke übersenden. Bei ihm bin ich zwei Jahre lang gewesen
und habe in seiner Familie als Kind des Hauses gelebt; bei ihm
habe ich gelernt, was mir noch fehlte, um mein Besitztum hier
in guten Zustand zu bringen, damit ich mit der Tante Sarah
und meinen Kindern davon leben und auch Anderen Gutes
thun kann.
Du guter Onkel thust mir und meiner Mama so sehr viel
Gutes.
Du mußt den Onkel nicht loben, Jane, er hört das nicht
gern, mischte sich Mistreß Reed plötzlich in das Gespräch, das für
sie keine angenehme Wendung zu nehmen schien und ihr Herz mit
Groll erfüllte, den sie freilich nicht offen zu zeigen wagte. Sie
tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß sich doch einmal Gelegenheit bieten werde, um sich von den ihr immer lästiger werdenden
Verwandten zu befreien. Die Arbeiten dieses Tages, fuhr sie
nach einer kurzen Pause fort, in welcher sie eine Antwort ihres
Gatten erwartet hatte, haben mich doch mehr angegriffen, als ich
erwartet hätte; ich fühle mich ermüdet und wünsche, daß wir den
Abend abbrechen und uns zur Ruhe begeben.
Georgine und John baten und bestürmten die Mutter, daß
sie noch bleiben möge und sich an ihren Geschenken erfreuen solle,
Anna und Jane aber brachen sofort auf, um Mistreß Reed's
Wunsch zu erfüllen. Jane ging auf sie zu und sagte teilnehmend:
Gute Nacht, Tante Reed, schlafe recht gut, damit Du morgen früh
wieder gesund wirst. Gute Nacht, Onkel Reed, morgen früh erzählst Du mir wieder von Deinem guten Freunde.
Nehmt Euch ein Beispiel an diesem braven und folgsamen
Mädchen, sprach Reed ernst zu seinen Kindern, und quält die
Mutter nicht weiter, wenn sie sich angegriffen fühlt.
Nach diesen Worten mußten sich John und Georgine ebenfalls
entfernen und ihr Zimmer aufsuchen, freilich nicht ohne sichtliche
Anzeigen von Widerwillen und Arger.
So verfloß auf Gateshead ein Tag nach dem andern, eine
Woche folgte der anderen und ließ das Zusammenleben in unveränderter Gestalt erscheinen. So sehr auch von Mister Reed's und
Anna's Seite Alles aufgeboten wurde, einen Zug von Herzlichkeit
und Aufrichtigkeit in die Familie zu bringen, es gelang nicht
vollständig, es lag auf allen Worten, auf allen Handlungen das
Gefühl der Unbehaglichkeit und eines beängstigenden Druckes.
Anna Eyre hatte sich im Laufe der Zeit allmählich wieder
erholt und gekräftigt, leider aber nur dem Anscheine nach den
Verlust ihres Gatten vermochte sie nicht zu verschmerzen, die gedrückte Lage, in welcher sie sich mit ihrem Kinde befand und die
auch ihrem Bruder manche unangenehme Stunde bereitete, nagte
in ihrem Innern und brach ihre Lebenskraft. Nach Verlauf von
wenig mehr als einem Jahre streckte sie ein plötzlich auftretendes
heftiges Fieber auf das Krankenlager, von welchem sie trot aller
angewandten ärztlichen Hilfe und sorgfältigsten Pflege sich nicht
wieder erheben sollte. Sie hatte einen langen und schweren Todeskampf zu bestehen,- es war, als wenn ihre starke und edle
Seele den gebrechlichen Körper besiegen und nicht aus seiner
schwachen Hülle heraus wollte. Was sie bis zum letzten Atemzuge
fast noch bei voller geistiger Besinnung erhielt, war die Liebe zu
ihrem Kinde und die Angst, was nach ihrem Tode sein Schicksal
sein werde. Und Jane schien die Gedanken der sterbenden Mutter
gleichsam zu ahnen: unaufhörlich stand sie am Lager der Hartgeprüften, hielt ihre blasse Hand in ihren Händchen, nannte sie
mit den zärtlichsten Namen und suchte sie zu erheitern und zu
trösten in ihrer sanften und engelgleichen kindlichen Weise.
Alle Pflege und Sorge jedoch war vergebens, der Tod hatte
sein unglückliches Opfer bereits mit zu sicherer Hand ergriffen.
Eines Nachmittags, Jane war vor Ermattung eingeschlummert,
weilte ihr Bruder an ihrem Lager und schaute sie mit wehmutsvollen Blicken an, ohne eines Wortes mächtig zu sein, da ergriff
sie plötzlich seine Hand und sprach mit leiser zitternder Stimme:
Bruder Georg, ich fühle, mein letzter Augenblick ist gekommen.
Du hast so viel für mich und meine Jane gethan; sorge auch,
daß ich mit Ruhe meinen Geist aufgeben kann. Willst Du, Georg?
Der Angeredete nickte stumm und ließ eine Thräne auf die
Hand der Schwester fallen.
Ich lege Dir meine Jane an das Herz. Verlaß sie nicht,
sobald ich von der Erde abberufen bin und so lange sie nicht alt
genug ist, um für sich selbst sorgen und in der Welt allein für
sich stehen zu können. Gelobe mir es nochmals in meine Hand,
obwohl ich überzeugt bin, daß Du sie nie verlassen willst. Dein
Gelöbnis gewährt mir einen noch größeren Trost.
Bei Gott im Himmel, ich gelobe es Dir feierlich, Anna,
erwiderte Reed leise und tief bewegt.
Ein leichtes Lächeln glitt wie ein heller Sonnenstrahl über
Anna's Gesicht; sie schloß die Augen und versank in einen ruhigen
und sanften Schlummer, aus welchem sie freilich nicht wieder erwachen sollte. Ihren wirklichen Tod entdeckte man erst nach Verlauf einiger Stunden, als der Arzt eintraf und sich nach dem
Befinden seiner Patientin erkundigen wollte; er erst mußte der
Familie Reed mitteilen, daß Anna Eyre sanft und schmerzlos
entschlafen sei.
Reed's Bestürzung und Trauer waren, wenn er auch an die
Genesung seiner Schwester nicht hatte glauben können, außerordentlich! Er hatte an derselben wegen ihres edlen und sanften
Charakters mit wirklicher brüderlicher Liebe gehangen und beklagte
nun ihr Hinscheiden besonders wegen der zurückgelassenen Jane,
welche nun ganz verlassen und nur auf seinen Schutz angewiesen
war, denn davon war er überzeugt, daß seine Gattin die Waise
wohl duldete, aber niemals ihr auch nur eine Pflegemutter sein
würde. Um so heiliger und unverbrüchlicher Schwur er sich in
seinem Innern, sein der Schwester im Sterben noch gegebenes
Gelöbnis zu halten und Jane wie sein Kind zu betrachten.
Als Jane von dem Tode ihrer Mutter in Kenntnis gesetzt
wurde, jammerte sie laut auf und sank am Totenbette zusammen;
sie wollte dasselbe nicht verlassen und nur der zärtlichsten und
trostreichen Zusprache ihres Onkels gelang es, sie von der Leiche
der Mutter zu entfernen und sie zur Ruhe zu bringen. Auch
Mistreß Reed schien ergriffen und zeigte eine Trauer, eine Wehmut, welche ihren Gatten in der That überraschte; sie äußerte
ihre Teilnahme in warmen Worten und versuchte es ebenfalls,
der kleinen Jane Trost einzusprechen. Sie traf alle Vorbereitungen
zu einem ehrenvollen Begräbnisse ihrer Schwägerin, welche auf
dem Friedhofe des nächstgelegenen Dorfes beerdigt wurde, persönlich mit großer Sorgfalt und legte mit ihren Kindern sofort am
ersten Tage nach dem Todesfalle Trauerkleider um die Verschiedene an, als wenn diese ihre eigene Schwester gewesen wäre.
Jane verhielt sich schweigsam und still, aber ihre Augen
waren stets von Thränen umschleiert, und so oft es ihr möglich
war, schmiegte sie sich an ihren Onkel und ließ seine Hand nur
los, wenn er sich wieder aus dem Zimmer entfernen mußte. So
wuchs die Liebe zwischen Onkel und Nichte zu einem immer
stärkeren, ja unzerreißbaren Bande und schloß Beider Herzen immer
fester zusammen zum Arger von Mistreß Reed und zum Neide
ihrer beiden Kinder.
Das Begräbnis hatte stattgefunden, und das ruhige und
geregelte Leben in Gateshead nahm seinen früheren ungestörten
Fortgang. Da Jane an dem Unterrichte von Georgine und John
noch nicht teilzunehmen vermochte, so übernahm es Reed selbst,
ihr den ersten Unterricht zu erteilen, und wenn er seiner Nichte
auch nicht schreiben und lesen in ihren Anfangsgründen beibrachte,
so lehrte er sie doch die Liebe zu Gott, zu ihren Nebenmenschen,
zur Natur und zu allen lebenden Wesen, und seine Lehren fielen
auf einen sehr fruchtbaren Boden, denn Jane's Seele war dankbar
und empfänglich für alles Gute und Schöne, das sich ihr zeigte
und das sie mit ihrem kindlichen Begriffsvermögen in sich aufzunehmen und auch zu verstehen vermochte.
Mistreß Reed versuchte es ihrem Gatten gegenüber mehrmals,
Jane's Unterbringung in einer Erziehungsanstalt als segensreich
für das Kind und als notwendig für ihre Zukunft hinzustellen,
aber sie begegnete hierbei einem so festen und unbeugsamen Willen
ihres Mannes, daß sie dieses Thema aus Furcht vor seinem Zorne
nicht wieder zu berühren wagte. Als Jane in das sechste Lebensjahr eintrat, mußte ihr Miß Bessie allein Unterricht erteilen, und
das ernste fleißige und reich begabte Waisenkind machte zum Erstaunen Aller in einem Jahre so gewaltige Fortschritte, daß sie
trotz des Altersunterschiedes zwischen John und Georginen an deren
Lehrstunden teilnehmen konnte, ja Bessie pflegte mitunter zu ihrer
Umgebung zu äußern, daß es nur noch kurzer Zeit bedürfe, um
beide Geschwister von Jane an Kenntnissen überholt zu sehen, da
letztere fleißiger und weit beanlagter sei.
So sehr Mister Reed nun auch über Jane's Fortschritte erfreut war, so schmerzte es ihm auf der anderen Seite wiederum,
so wenig Lerntrieb und Ehrgefühl namentlich bei John zu finden,
von dem er verlangte, daß er ein tüchtiger und kenntnißreicher
Mann werden solle, damit sein väterliches Erbe sich immer besser
und gedeihlicher entwickele, nicht aber durch Unerfahrenheit und
Nachlässigkeit zurückgehe und endlich wohl gar zu Grunde gerichtet
werde. Er sprach gütig und nachsichtig zu seinem Sohne, ernst
und voll Nachdruck, er konnte auch Strenge und Härte anwenden,
John folgte zwar momentan und zeigte das Bestreben, an seiner
Ausbildung zu arbeiten, aber es fehlte ihm der rechte Ernst zum
lernen, ja er ermangelte der wahren Liebe zu seinem Vater, der
nach seiner Meinung zu viel von ihm verlangte und daneben ihm
zu wenig freien Willen ließ und viel zu wenig Vergnügen gewährte, - eine Meinung, in welcher seine eigene Mutter zu
ihrem eigenen Unglücke ihn bestärkte.
Daß durch Jane's Fortschritte und reiche Begabung das
Verhältnis in der Familie sich nicht freundlicher für sie gestaltete,
ist wohl leicht erklärlich, auch sie fühlte dies wohl, aber es drückte
sie nicht gerade besonders, da sie ihres Onkels Neigung und Liebe
gewiß war und in dieser ihr volles Genügen fand. Streitigkeiten
zwischen John und Jane kamen jetzt viel öfterer vor, als sonst,
und das stets unschuldige Mädchen hatte von ihrer Tante viele
böse Worte und manche harte Behandlung zu ertragen, wobei ihr
unter Androhung von erneuter Strafe Stillschweigen gegen ihren
Onkel auferlegt wurde, und wahrlich war Jane auch so unklug,
die ihr widerfahrenen Unbillen still zu ertragen und dieselben
ihrem Onkel Reed gegenüber mit keinem Worte zu erwähnen, um
ihm keinen Kummer zu bereiten.
Jane liebte es in dem das Besitztum umgebenden Park einsame Spaziergänge zu unternehmen und an schattigen Orten zu
ihrer Unterhaltung zu lesen; auf diesen Promenaden verfolgte sie
John unablässig und suchte ihr irgend einen Schabernack oder
sonst einen losen Streich zu spielen; sie verstand es vielfach, sich
seinen Nachstellungen zu entziehen, manchmal aber gelang es ihr
auch nicht. So geschah es einstmals, daß sie John im Park rasch
ausweichen wollte, dabei strauchelte und in einen kleinen, mit
Wasser halb angefüllten Graben fiel. Hastig sprang John auf
das Mädchen los und suchte es im Wasser liegend festzuhalten,
was ihm leider sehr wohl gelang, da er von großer Körperkraft
war und sie trotz ihres Sträubens leicht zu bewältigen vermochte.
Schreck und Angst hatten Jane anfänglich überrascht, so daß sie
zuerst nur an Widerstand und nicht an den Unterschied ihrer
Kräfte dachte; von der Gutswohnung zu weit entfernt, hätte ihr
ein Hilferuf nichts genützt, und außerdem war sie zu stolz, Jemand
um Hilfe anzugehen, da sie überzeugt war, daß mit Ausnahme
ihres Onkels und der Gouvernante Bessie ihr kein anderer Mensch
helfend beistehen würde. Sie richtete daher in ihrer Bedrängnis
gute Worte an den boshaften Knaben, der sie verlachte und eine
falsche heuchlerische Kate nannte, sie bat und flehte auf das Inständigste- es war Alles vergebens: sie mußte in dem schmutzigen
und kalten Wasser geduldig aushalten und liegen bleiben, bis es
John endlich müde ward, sie zu quälen, und sie freiwillig losließ.
Traurig und beschämt schlich Jane hinweg und wagte gegen
Niemand von John's schlechter Handlungsweise zu klagen: unbemerkt wechselte sie ihre nassen Kleider gegen andere und trocknete
die abgelegten so verborgen, damit Niemand im Hause etwas von
ihrer gehabten Niederlage ahnen sollte.
Die Aufregung und die Einwirkung des kalten Wassers, dem
Jane's immer noch zarte Körperkonstitution beinahe eine halbe
Stunde lang ausgesetzt war, blieben nicht ohne böse Folgen für
ihre Gesundheit; sie verfiel während der kommenden Nacht in ein
hitziges Fieber, das von dem am folgenden Morgen herbeigerufenen
Hausarzte, Mister Fowler, für ein heftiges und bedenkliches
Nervenfieber erklärt wurde, dessen Bekämpfung die größte Vorsicht,
die sorgfältigste Pflege erforderte. Reed weilte stundenlang an
Jane's Lager und wachte über sie, wie es ein Vater nicht ängstlicher und besorgter hätte thun können, und wenn er durch seine
Geschäfte davon abgerufen wurde, so übertrug er die Pflege seiner
geliebten Nichte nur an Bessie Home, auf deren Treue, Ergebenheit und Pflichtgefühl er sich unbedingt verlassen konnte. In
ihren Phantasien rief Jane öfters ängstlich den Namen John,
und so erwachte in Reed's sonst argloser Brust der Verdacht, daß
sein John in irgend einem Zusammenhange mit Jane's Krankheit
stehe, aber alle seine Bemühungen, in ruhigeren Augenblicken von
Jane über den Grund ihres Fiebers etwas zu erfahren, blieben
ebenso erfolglos wie bei John selbst, den er den schärfsten Verhören unterzog, dessen Lügenhaftigkeit und Verschmitztheit jeder
weiteren Nachforschung geschickt auszuweichen verstanden.
Einige Tage nach Jane's Erkrankung wurden Reed's beide
Kinder, zuerst Georgine, darauf John, bettlägerig, und wurden
Beide gleichfalls von einem heftigen Nervenfieber heimgesucht.
Mistreß Reed geriet in heftigste Besorgniß und behauptete in
ihrer Aufgeregtheit und in ihrem Schmerze, daß Jane mit ihrem
Fieber ihrer Kinder Erkrankung hervorgerufen, ja dieselben angesteckt habe. Reed suchte seine Gattin zu beruhigen und sie von
ungerechten Vorwürfen abzuhalten, aber Sarah verbat ihm, sich
den Betten von Georginen und John zu nähern, damit er nicht
noch mehr Krankheitsstoff von Jane's Krankenlager zu ihnen herübertrage. Er sah dem bedrängten Mutterherzen, das für das
Leben ihrer Kinder bangte, diesen harten Vorwurf ohne Groll
nach, widmete sich aber von demselben Augenblicke an der unglücklichen Jane mit um so größerer Sorgfalt, da diese mehrere Tage
lang beständig in der ernstesten Lebensgefahr schwebte, ja mit dem
Tode rang.
Die kräftigeren und widerstandsfähigeren Naturen von
Georginen und John überwanden den Fieberanfall weit rascher;
Beide konnten sich schon wieder im Zimmer frei herumbewegen,
als Jane noch matt und gebrochen auf ihrem Lager verweilen
mußte - aber der Todesengel war auch an ihrem jungen Leben
noch einmal schonend vorübergegangen, langsam, sehr langsam
genaß sie und erholte sie sich, und ihres Onkels Herz jubelte im
Stillen laut auf, als sie ihm zum ersten Male wieder einige
Schritte entgegenzugehen vermochte. Jane verkehrte jetzt nur mit
ihrem Onkel und Bessie; von den übrigen Bewohnern des Landsitzes verlangte Niemand nach ihr, und so war es selbstverständlich
natürlich, daß sie nach Niemandem Verlangen trug, von dem sie
wußte, daß er ihr keine Liebe entgegenbrachte. Sie zog sich von
Allen furchtsam und ängstlich, ja mit einer gewissen Scheu zurück.
Viertes Kapitel.
Die Zeit verrann, ohne daß sich nach Jane's Krankheit irgend
welche besonderen Begebenheiten zutrugen, in ihrem gewöhnlichen
Gange. Georgine war zu ihrer vollständigen Ausbildung in ein
auswärtiges Institut gebracht worden, so daß Jane von da ab
von ihr nichts mehr hörte und auch ihren Onkel Reed nicht nach
ihr fragen mochte. John haßte seine Cousine zwar nach wie vor,
fürchtete aber doch seines Vaters Zorn zu sehr, um sie neuen
Gewaltthätigkeiten und Verfolgungen auszusetzen, ja er hielt sich
behutsam von ihr fern, weil er noch immer befürchten mußte, daß
Jane sein Verfahren gegen sie immer noch seinem Vater mitteilen
könne, wenn er sie wieder beleidigte oder gar mißhandelte.
Jane war in ihr neuntes Lebensjahr eingetreten, und es
schien fast, als sollte ihr von jetzt ein freundlicheres Geschick in
Gateshead beschieden sein wie bisher. Ihr Onkel liebte sie immer
zärtlicher und konnte sich ganze Stunden lang mit ihr beschäftigen,
und wenn er auch mit seiner Gattin und John mitunter auf
Reisen ging, so lebte sie mit ihrer lieben Bessie ruhig und zufrieden fort, und war überaus glücklich, wenn von ihrem Onkel
eine gute Nachricht eintraf, die niemals ohne einen freundlichen
Gruß für sie war und sich stets nach ihrem Wohlergehen erkundigte; kehrte der Onkel dagegen zurück, so kannte natürlich ihre
Freude keine Grenzen, und sie wußte sich für die Zeit der Abwesenheit durch ihren Verkehr mit ihm zu entschädigen.
Der . November jedes der bisher in Gateshead verlebten
Jahre war ein großer Festtag gewesen, denn er war Mister Reed's
Geburtstag und wurde auf Sarah's Veranlassung immer durch
eine große Feierlichkeit ausgezeichnet. Die Nachbarn der Umgegend
erhielten Einladungen, es fand ein großes Mittagsmahl statt,
das bis in die Abendstunden hinein dauerte und mit einer kleinen
Ballfestlichkeit abschloß, zu welcher mehrere Musikanten herzugezogen
wurden. Auch in diesem Jahre gab man sich der Lust und Freude
in vollen Zügen hin, zumal es das erste Mal war, daß Georgine
nach dem Eintritt in die Pension nach ihrem Vaterhause auf
Besuch zurückzukehren die Erlaubniß erhalten hatte, und lange
nach Mitternacht hörte Jane, welche zeitig zur Ruhe geschickt war,
aber lange den Schlaf nicht finden konnte, die lustigen Weisen
der Musik ertönen. Plötzlich brach die Musik rasch ab, und sie
vernahm ein polterndes Geräusch, von welchem sie so arg erschreckt
wurde, daß sie aus dem Bette springen und wieder hinauf in das
obere Stockwerk eilen wollte, in welchem die Festlichkeit stattgefunden hatte, aber sie bedachte sich noch zur rechten Zeit, man
könne ihre Teilnahme ihr als Neugierde auslegen, und so bekämpfte
sie ihre Unruhe und Sorge mit dem Aufgebote ihrer ganzen Kraft.
Endlich nach einer angstvoll verbrachten halben Stunde trat Bessie
in ihr Zimmer, welche seit dem Tode ihrer Mutter bei ihr
schlafen mußte.
Miß Bessie, fragte Jane leise, was war das für ein Geräusch,
das ich von oben vernommen habe? Es war, als wenn Jemand
gefallen wäre und sich ein Unglück zugetragen hätte.
Schlaf ruhig, Jane, antwortete Bessie, Georgine, die überaus
ausgelassen war, traf mit ihrem Vater auf der Treppe zusammen,
neckte denselben und kam dabei ins Straucheln. Mister Reed
versuchte sie zu halten, aber sie riß ihn mit sich die Treppe hinab,
und Beide kamen zu Falle, aber glücklicher Weise ist noch Alles
bis auf einige Hautschürfungen abgegangen.
Es ist doch sofort nach einem Arzte geschickt worden? frug
Jane in die Höhe sich richtend.
Mister Reed befahl, für diese Nacht den Arzt nicht zu stören,
da er nicht den geringsten Schmerz fühle, suchte Bessie das vor
Angst zitternde Mädchen zu beruhigen; morgen mit dem Frühesten
aber soll Jack nach der Stadt reiten und den Arzt herbeiholen.
Wenn es nur morgen nicht zu spät sein wird, Miß, rief
Jane und sprang rasch aus dem Bette; ich kenne den Weg nach
dem Ort und will sofort mich dahin begeben, um Hilfe zu holen.
Die Angst um den Onkel läßt mich doch nun keinen Augenblick
Schlaf mehr finden.
Sei vernünftig, Jane, und lege Dich wieder zur Ruhe; Du
weißt, daß Mister Reed es nicht duldet, daß gegen seine Befehle
gehandelt wird- er hat sich bereits gelegt, und unsere Gäste
haben sämtlich das Haus schon verlassen, das von Hannah verschlossen wurde.
So will ich wenigstens hinaus und nachsehen, wie sich Onkel
Reed befindet!
Da würdest Du ihn ohne Not nur stören und Vorwürfe
von Deiner Tante erhalten, die so schon wegen Georginen's Unvorsichtigkeit sich in großer Aufregung befindet und keinen Augenblick von der Seite ihres Gemahls gewichen ist; also bleibe lieber
auf unserem Zimmer und in Deinem Bett- es wird so das
Beste für den Oheim und Dich selbst sein.
Jane gab jetzt jeden Versuch, zu Onkel Reed zu gelangen,
ohne Weiteres auf; verständig, wie sie stets gewesen, sah sie ein,
wie sehr Bessie mit ihren Vorstellungen im Rechte war, und wie
sie durch ihr unverlangtes und unverhofftes Erscheinen Störung
verursachen könnte; aber zur Ruhe gelangte sie nicht wieder, wenn
sie sich auch wieder niederlegte, und in einer fast fieberhaften
Aufregung wachte sie dem kommenden Tage entgegen, der ihr
Gewißheit über ihres Onkel Zustand bringen sollte. Bessie hatte
wiederum viel Mühe, sie von einem zu zeitigen Eindringen in
Mister Reed's Schlafzimmer abzuhalten, und nur mit Anstrengung
gelang es ihr, sie bis zum Eintreffen des Arztes, nach dem Jack
vor Tages Anbruch ausgeritten war, zu beruhigen. In der That
schien Jane's Unruhe ohne Grund gewesen zu sein, denn die Erklärung des Arztes lautete, nachdem er Mister Reed sorgfältig
untersucht hatte, sehr beruhigend, denn er durfte sein Lager verlassen und konnte seinen gewöhnlichen Beschäftigungen ungehindert
nachgehen. Hocherfreut über diese günstige und unerwartete Auskunft verlachte Jane ihre unnütze Angst selbst und gelobte sich
fest, sich nie wieder vom Schrecken so sehr hinreißen zu lassen,
sondern stets bei ruhiger Besinnung zu bleiben, möge auch kommen,
was da wolle.
Acht Tage waren vergangen, Georgine war wieder in ihre
Pension zurückgekehrt, da sollte es sich zu Aller Entsetzen zeigen,
daß selbst erfahrene und zuverlässige Ärzte sich vollständig über
den Zustand eines Patienten täuschen können. Mister Reed kehrte
Nachmittag von einem längeren Ausritt zurück und fühlte sich
unbehaglich; er kämpfte lange mit sich, ehe er den Bitten und
Vorstellungen seiner Gattin nachgab, sich zu schonen und zur Ruhe
zu legen, jedoch ein flehender Blick aus Jane's dunklem Augenpaar
bestimmte ihn zum Nachgeben, und es war bereits die höchste
Zeit, das Lager zu suchen: ein starker Blutstrom drang aus
seinem Munde und raubte ihm für einige Augenblicke die Besinnung, aber seine kräftige und in vollster Manneskraft stehende
Körperkonstitution bezwang diese ihn plötzlich so überwältigende
Schwäche rasch wieder und ließ ihn weniger krank erscheinen, als
er wirklich war. Der Blutsturz schien ihm wirklich Erleichterung
gebracht zu haben, er fühlte sich freier, wohler und alle Unbehaglichkeit war verschwunden, so daß er sogar verhindern wollte, den
Rat und die Hilfe des Arztes für sich in Anspruch zu nehmen.
Mistreß Reed achtete indessen nicht auf ihres Gatten Widerspruch und sandte im Geheimen nach Mister Fowler, mit der
Bitte, sich so rasch wie möglich bei ihr einzufinden, aber nur
ihrem Gatten gegenüber unter dem Vorgeben, daß sein Besuch
ein rein zufälliger sei. Reed ließ sich durch Fowler's unbefangene
Miene, sowie durch den Umstand, daß er sich nicht nach seinem
Befinden erkundige, richtig täuschen und unterhielt sich in unbefangener und scherzender Weise wohl länger als eine Stunde mit
ihm. Plötzlich wechselte er aber, zum Schrecken seiner Umgebung,
die Gesichtsfarbe so, wie wenn jeder Blutstropfen aus seinem
Gesichte gewichen wäre- ein stärkeres Unwohlsein überfiel den
so starken Mann, ein erneuter und heftigerer Blutstrom drang
aus seinem Munde und eine mehrere Minuten anhaltende Ohnmacht überfiel ihn. Mister Fowler griff jetzt rasch und entschlossen
ein und brachte den schwer krank gewordenen Mann mit seiner
Gattin Hilfe auf sein Lager.
Um des Himmels willen, Doktor, flüsterte Mistreß Sarah,
ist mein Gatte gefährlich krank?
Noch will ich nicht hoffen, gab der Arzt zögernd zur Antwort.
Es ist doch nicht schon der zweite Blutsturz, den Mister Reed
heute zu bestehen gehabt hat, Mistreß?
Freilich ist es der zweite; nach dem ersten schon ließ ich Sie
rufen,- Doktor -'o mein Gott, was werde ich erleben müssen!
Mein Gatte ist kränker, als wir alle denken.
Beruhigen Sie sich, Mistreß! erwiderte Mister Fowler ernst.
Leider habe ich mich vor acht Tagen über Mister Reed's Zustand
getäuscht und ihm keine Schonung auferlegt, aber es geschah nach
meiner besten Überzeugung, nach meinen bisherigen Erfahrungen.
Kein Arzt ist untrüglich, und was ich damals ohne mein Verschulden versäumt habe, das will ich jetzt mit aller meiner Kunst
und Wissenschaft wieder gut zu machen suchen.
Wenn es noch Zeit ist, Doktor, o so flehe ich Sie inständigst
an, retten sie mir den Gatten, retten Sie meinen Kindern den
Vater, jammerte Sarah von Neuem.
Vor allen Dingen muß ich jetzt um vollständige Ruhe bitten,
entgegnete Fowler ernst; Mister Reed erholt sich und darf nicht
ohne Not belästigt und weder durch Jammer noch Thränen aufgeregt werden, wenn ich wirklich helfen soll. Unbedingte Gefahr
ist noch nicht vorhanden, aber es wird von Ihnen, Ihrer Pflege
und meiner Wissenschaft abhänget, daß wir dem Kranken zu seiner
völligen Genesung wieder verhelfen.
Reed schlug die Augen auf. Sind Sie wirklich durch einen
Zufall nur anwesend ? frug er mit matter Stimme. Antworten
Sie mir mit voller Offenheit, Doktor.
Nein, Mistreß Reed ließ mich herbeirufen, antwortete Fowler.
Ein dankender Blick aus Reed's Augen flog nach seiner
Gattin hinüber. Und wußtet Ihr, fuhr Reed fort, daß mich am
Nachmittag schon ein erster Bluterguß betroffen?
Nein, das habe ich erst in diesem Augenblick aus dem Munde
Ihrer Gattin vernommen, antwortete der Arzt; ich würde sonst
gleich zu ihrem Besten handelnd eingegriffen haben.
Und was denkt Ihr von meinem Zustande, Doktor? Ist
er bedenklich?
Wie kann ich das jetzt schon wissen - aber ich verlange jetzt
von Ihnen unbedingte Ruhe und nicht die geringste Aufregung,
die nichts nützen, wohl aber ihre Lage verschlimmern kann, erwiderte Fowler. Ich habe meine Hausapotheke mitgebracht und
muß Sie ersuchen, das Ihnen zu verordnende Medikament einzunehmen und zunächst ruhig auf Ihrem Lager liegen zu bleiben;
die Nacht über werde ich mit Ihrer Gattin abwechselnd an Ihrem
Bette wachen, für den Fall sich weitere ärztliche Hilfe erforderlich
machen sollte. Handeln Sie nun zu Ihrem und Ihrer Angehörigen
Besten und richten Sie keine weiteren Fragen an mich, die ich
Ihnen vor dem nächsten Morgen doch nicht mit Zuverlässigkeit
beantworten könnte. Ich gehe jetzt, hole meine Arznei und bin
im Augenblick wieder hier.
Reed lag still und unbeweglich, nachdem er seiner Gattin
Hand mit seiner Rechten ergriffen und dieselbe dankbar gedrückt
hatte; er nahm geduldig von dem zurückkehrenden Arzte die für
ihn bestimmte Arznei und verfiel nach einer halben Stunde in
einen leichten Schlaf.
Gott sei gelobt! sprach Fowler erleichtert, der Anfall scheint
rascher und glücklicher vorüberzugehen, als ich zu hoffen wagte;
sein schnelles und sanftes Einschlummern ist von günstiger Vorbedeutung. Bleiben Sie, Mistreß, an seinem Lager- ich habe
die ganze vergangene Nacht hindurch gewacht und fühle mich doch
etwas ermüdet. Ich will etwas ruhen und werde mir im Vorzimmer ein Plätzchen suchen. Sobald Ihr Gatte Unruhe in seinem
Schlafe zeigen sollte, so haben Sie die Güte, mich sofort herbeizurufen.
Reed schlief die ganze Nacht ungestört, ohne von einem Anfalle wieder heimgesucht zu werden, sodaß Mister Fowler sehr beruhigende Versicherungen über seinen Zustand geben und sich von
Gateshead entfernen konnte, nachdem er dem erwachten und sich
etwas angegriffen fühlenden Kranken die strenge Weisung erteilt
hatte, ununterbrochen bis zu seiner Rückkehr das Bett zu hüten
und auch keine seinen Geist anstrengende Beschäftigung vorzunehmen.
Sowie Jane von ihres Onkels schwerem Krankheitsfalle Kenntnis erhielt, wollte sie unaufhaltsam zu ihm eilen und an seiner
Pflege teilnehmen. Mistreß Reed aber vertrat ihr mit fester Entschiedenheit den Weg und versagte ihr mit einer Härte den Zutritt, daß Jane nicht allein vor Schmerz die Thränen aus den
Augen strömten, sondern auch ihr sonst sanfter und scheuer Charakter eine Heftigkeit und Wildheit annahm, der ihre Tante fast
erschrocken machte. - Mein guter Onkel, jammerte Jane, darf
nicht sterben, ohne daß ich ihn noch einmal sehen kann; Tante
Reed, lassen Sie mich zu ihm, ich will seine Hand drücken, seine
Wange streicheln.
Du bleibst auf Deinem Zimmer, Jane, und störst den Oheim
nicht, entgegnete Sarah ernst.
Ich muß zu ihm, sprach das erregte Mädchen weiter; Ihr
Alle liebt den guten Onkel nicht so heiß und innig, Ihr nehmt
nur seine Wohlthaten an, aber schenkt ihm Eure Herzen nicht
dafür.
Wie kannst Du, böses Kind, es wagen, eine solche Sprache
gegen Deine Tante zu führen! Wie kannst Du Dich unterstehen,
Dich gegen meinen Willen, meinen Befehl aufzulehnen?
Weil ich fühle, daß es sich um meines lieben Onkels Gesundheit und Leben handelt, und daß ich ihm, wenn auch keine Hülfe,
keine Rettung, so doch immerhin Trost bringen kann.
Bei meinem Zorne, gieb Deinen Widerstand auf, Jane, oder
Du erhältst harte Strafe.
Ich fürchte Ihren Zorn wie Ihre Strafe nicht, Tante Reed,
ich will zu meinem Onkel.
Aber Jane, mischte sich die hinzu kommende Bessie in das
laut geführte Gespräch, Du störst durch Deine Heftigkeit Mister
Reed's Ruhe und bringst sein Leben in Gefahr, wenn Du nicht
schweigst.
Ist das wirklich wahr, Bessie? fragte das aufgeregte Mädchen
plötzlich entsetzt zusammenfahrend. Kann der Onkel meine Stimme
auf seinem Krankenlager wirklich störend vernehmen?
Ja, das kann er; ich bin bei ihm gewesen und habe Dich
auch sprechen hören, lautete die Antwort.
Sie sorgen, Bessie, daß dieses undankbare und häßliche Geschöpf nicht in die Nähe meines Mannes gelangen kann, stieß
Mistreß Reed heftig aus und ließ Beide auf dem Vorsaale stehen.
Sieh, Jane, sprach Bessie ernst, wie oft habe ich Dir schon
gesagt, Du sollst Dein heftiges, leidenschaftliches Wesen, so oft es
sich um Deinen Onkel handelt, mäßigen; nun wirst Du in verdienter Weise von der Tante dafür gescholten, und ich muß streng
gegen Dich sein.
Schelten Sie mich nicht auch, Bessie, weinte Jane leise; Sie
sind immer so gütig gegen mich gewesen. Was kann ich für mein
Herz, das Onkel Reed mehr als Alles auf der Welt liebt!
Obwohl Du noch ein Kind bist, Jane, so glaubt man nach
Deinen Worten ein erwachsenes Mädchen reden zu hören, so verständig klingen sie. Sei jetzt also auch ruhig und vernünftig und
geduldige Dich, Deinen Oheim zu sehen, bis er wieder vollständig
genesen, suchte Bessie die Weinende zu beschwichtigen. Dein Anblick könnte Mister Reed betrüben und Schaden bringen.
Sie meinen es gut mit mir, Miß Bessie, und Ihnen will
ich folgen. Ich gehe auf mein Zimmer und bete für Onkel Reed's
Gesundheit, aber nicht wahr, Miß, Sie haben die Güte, mich zu
benachrichtigen, wenn ihm meine Anwesenheit nicht mehr stört und
ich ihn wiedersehen kann und darf?
Gewiß, Jane, Du kannst Dich auf mein Wort verlassen,
antwortete die Gouvernante.
Zwei volle Tage hindurch blieb Jane auf ihr Zimmer zurückgezogen, ohne den geringsten Versuch zu machen, in das Krankenzimmer zu gelangen; sie beschränkte sich unter sichtlichem schweren
Kampfe auf die Nachrichten, welche ihr Bessie über ihres Onkels
Befinden brachte, und dankte Gott in heißem Gebete dafür, daß
er dem Teuren Hilfe und Rettung angedeihen ließ. Leider aber
war dies nicht der Fall. Ungeachtet aller aufgewendeten ärztlichen
Wissenschaft und der wirklich sorgfältigsten Pflege wiederholten
sich die Blutverluste in so verstärktem Maße, daß die Kräfte des
sonst so rüstigen Mannes merklich schwanden. Dabei schweiften
seine Augen ängstlich suchend in der Stube umher und blickten
traurig nieder, da sie den so sehnlich gesuchten Gegenstand anscheinend nicht gefunden hatten. Die Unruhe prägte sich immer
deutlicher in den Zügen des Patienten aus, so daß Doktor Fowler
ihn besorgt fragte:
-
sehen? fragte der Kranke leise und besorgt. Ist sie unwohl? Warum kommt sie nicht zu ihrem Onkel?
Jane scheut sich, Dich zu sehen, und fürchtet, Dich zu belästigen, antwortete seine Gattin mit Verlegenheit und Unwillen zugleich. Ihr Geplauder wird Dich aufregen, Georg.
-
Zimmer nicht verlassen und beschränkt sich darauf, durch Bessie
Nachrichten über Dein Befinden zu erhalten. Ich mußte wohl
danach annehmen, daß sie nicht gern in ein Krankenzimmer gehen will.
Ich möchte das liebe Kind aber gern einmal sehen, Doktor.
Glauben Sie, daß Ihr Geplauder meinem Befinden Nachteil bringen
könnte? Antworten Sie mir ohne Scheu.
Unbedenklich können Sie die Kleine in Ihre Nähe bringen
lassen, Mister Reed, bestätigte der Arzt, ja ich denke, Ihr Geplauder wird Sie zerstreuen und Ihnen sogar nützlich sein.
Mit John kann ich mich nicht lange unterhalten, erwiderte
Reed, er ist so unruhig, und seine Stimme klingt so schneidend;
auch scheint er lieber im Freien zu sein, als bei seinem Vater.
Du thust John Unrecht, Georg, warf Sarah fast heftig ein;
er liebt Dich eben so zärtlich, wie Jane, wenn er es auch nicht
so offen und unverhohlen zeigen kann, wie diese.
Recht magst Du haben, Sarah, erwiderte Reed, aber ich kann
mir nicht helfen, ich sehne mich nach Jane's Anblick. Die sanften
Augen dieses Kindes wirken wohlthuend auf mich.
Mistreß Reed verließ mit ungeduldiger und beleidigter Miene
das Zimmer, um ihres Gatten Wunsch zu erfüllen und Jane
herbeizuholen; sie that es, freilich aber nur höchst ungern.
Sie kränken Ihre Gattin, Mister Reed, sprach der Arzt ernst
zu seinem Patienten, wenn Sie an der Liebe Ihres Sohnes zu
Ihnen zweifeln und dies ungescheut vor mir aussprechen.
John hat kein Herz, Doktor - ich täusche mich nicht. Sehen
Sie nicht, wie begierig er die Gelegenheit ergreift, aus meinem
Zimmer hinaus zu kommen, wie er stets darauf sinnt.
John ist ein kräftiger Knabe, Mister Reed, den die Stubenluft beängstigt.
Sie wollen mich trösten, ich verstehe Sie und bin Ihnen
dankbar dafür, aber meinen Beobachtungen ist sein wahrer Charakter nicht verborgen geblieben - ich kenne ihn genau.
Wie sich jetzt nun die Thüre öffnete und Jane's zarte Gestalt auf der Schwelle erschien, wie sie mit fliegenden Schritte an
Reed's Bette eilte, seine heiße Hand mit zärtlichen Küssen bedeckte
und nun in die Worte ausbrach: Onkel Reed, mein guter armer
Onkel Reed? Da leuchteten des Kranken Züge hell auf, und
seine Lippen entströmten wahrhaft freudig die Worte: Hören Sie,
Doktor, in diesen Worten liegt Seele, liegt eine ganze Welt voll
Gemüt! Meine liebe Jane, warum hast Du Deinen kranken
Onkel so lange allein gelassen? Warum bist Du nicht eher schon
zu mir gekommen und hast mir Zuspruch und Trost in meinem
Leiden gebracht? Hast Du Dich gefürchtet, Jane?
Wie kannst Du das von Deiner Jane glauben, Onkel! entgegnete das Mädchen mit schmerzlich zuckenden Lippen? Man sagte
mir, mein Anblick und mein Geplauder störten Dich.
Das ist nicht wahr, Jane, sprach Reed mild, Du sollst zu
mir kommen und bei mir bleiben, so oft und so lange Du willst
- es wird Dich für die Folge Niemand daran hindern dürfen.
So werde ich nur von Deinem Lager gehen, wenn Du schläfst
und wenn die Nacht hereinbricht und - wenn Tante Reed es
mir erlaubt, antwortete Jane freundlich.
Hat Tante Reed es Dir verboten? fragte der Kranke verwundert.
Verboten? Nein! lautete die Antwort; aber sie hat mir gesagt; ich störte Dich, und da durfte ich doch nicht zu Dir kommen,
und ob es mein Herz gebrochen hätte.
Jane's unaufhörliches Geplauder, warf Mistreß Reed ein,
die mit der Kleinen wieder in das Zimmer getreten war, würde
Dir lästig fallen, glaubte ich, und Doktor Fowler hatte mir größte
Ruhe für Dich zur ersten und unerläßlichen Pflicht gemacht.
Ihnen aber nicht empfohlen, Mistreß, eine Person von Ihrem
Patienten fern zu halten, nach welcher sein Herz verlangen und die
ihm Trost bringen würde.
Waren zu Reed's Trost nicht ich und unsere Kinder anwesend? fragte Sarah stolz.
Brechen wir dieses unerquickliche Gespräch ab, bat Mister
Reed und drückte Jane's Hand zärtlich in der seinigen, während
er mit einem trüben Blicke zu seiner Gattin hinüberschaute.
Daß Jane in seinem Hause nicht geliebt wurde, war ihm längst
klar geworden, aber in dem Herzen seiner Frau Haß gegen die
eigene Nichte zu entdecken, hatte er doch nicht geglaubt- und
leider war derselbe zu seinem Schmerze schon zu tief gewurzelt.
Jane bemerkte, wie ihr Onkel sich traurigen Gedanken überließ,
diese wollte sie, so schwer es ihr auch wurde, unter allen Umständen verscheuchen und teilnehmend fragte sie:
Was bekümmert Dich, mein lieber Onkel?
Schweres, recht Schweres, gute Jane, antwortete Reed leise.
Du darfst Dich nicht so traurigen Gedanken überlassen, sprach
Jane weiter; Du mußt Dir ausdenken, wie schön es ist, wenn
Du wieder auf die Jagd gehen, im Schlitten fahren und wieder
ausreiten kannst ins Feld zu Deinen Arbeitern und Arbeiterinnen.
Glaubst Du, daß ich das bald wieder werde thuen können?
fragte Reed wehmütig.
Gewiß, wenn Du nicht so traurig bist, wenn Du die Vorschriften des guten Herrn Doktor genau befolgst und Dich der
Pflege der Tante Reed ordentlich hingiebst.
Braves, braves Kind, flüsterte Reed leise und streichelte
Jane's Wange.
Nicht weinen Onkel, nicht weinen, bat Jane ängstlich; ich
sehe Thränen in Deinen Augen glänzen- das thut mir weh,
Onkel Reed, und das verstärkt auch Deine Krankheit.
Quäle den Onkel nicht, Jane, mit Deinem Jammern und
Schreien, sprach Mistreß Reed ärgerlich. Der Onkel weint gar
nicht, weshalb sollte er auch wohl zu weinen nötig haben?
Weinst Du nicht, Onkel, fragte Jane zweifelnd.
Nein, meine liebe Jane, ich weine niemals wirklich; wenn ich
auch zuweilen traurig bin, daß ich hier so unthätig auf meinem
Lager bleiben muß, während andere Leute so glücklich sind, in
Gottes freier und herrlicher Natur schaffen und arbeiten zu können.
Sieh, Georg, sprach Mistreß Reed unruhig, ich fürchtete stets,
daß Jane's Anwesenheit Dich auf solche Gedanken bringen würde,
und meine Befürchtung ist eingetroffen,- deshalb allein.
Nein, nein, Jane, blicke mich nicht so angstvoll an, wendete
sich der Kranke zu dem Kinde, das sich fest an ihn klammerte,
Du bleibst bei mir, Du stimmst mich niemals traurig, höchstens
nur wehmütig, und das wird mir niemals schaden, nicht wahr,
Doktor?
Ich möchte aber doch bitten, ein derartiges Gespräch abzubrechen,
erwiderte Mister Fowler, ohne ein bestimmtes Nein oder Ja auf
die an ihn gestellte Frage zu geben.
Ja ruhn und schlummern, Onkel Reed, bat Jane schmeichelnd;
ich werde an Deinem Lager weilen und über Deinen Schlummer
der Tante Reed mit wachen helfen.
Mister Reed schloß in der That ermattet die Augen und
schlummerte wirklich ruhig und fest ein. Erst Abends spät erwachte
er, nachdem Jane schon aus freien Stücken so vernünftig gewesen,
das Krankenzimmer zu verlassen und ihre eigene Stube aufzusuchen.
Am frühen Morgen aber war sie wieder an ihres Onkels Lager
und wich von demselben nur, wenn sie von ihm gebeten wurde,
oder wenn sie selbst sah, daß es nötig war und ihre Gegenwart
hinderlich sein könnte, in diesem Punkte besaß sie eine Sicherheit
und ein Zartgefühl, um welche sie von Erwachsenen zu beneiden
gewesen wären.
War Jane auch nun stets um ihren Onkel, wurde demselben
auch die sorgfältigste, ja die angestrengteste Pflege, die höchste ärztliche Kunst gewidmet, der Gang der Krankheit konnte nicht aufgehalten werden, die Blutverluste, welche die Folge eines erst nicht
bemerkten, aber später um so heftiger auftretenden inneren Verletzung waren, kehrten wieder und zehrten die Kräfte des Kranken
allmählich auf, so daß sein Hinschwinden täglich sichtlicher vor
Augen trat, und selbst die trostlose Jane sich keiner trügerischen
Hoffnung mehr hingab. Es soll nicht zu schildern versucht werden,
welche Qualen und Schmerzen das jugendliche Gemüt erfüllten,
wir wollen nur erwähnen, daß das junge Mädchen gleichfalls ermattete und nur wie ein kleiner bleicher Schatten in dem Krankenzimmer herum wandelte, das von Georgine und John in wahrhaft
unkindlicher Weise scheu gemieden wurde.
Unter Furcht und Bangen war so der W. November
herangekommen, der Mister Reed so schwach antraf, daß Doktor
Fowler, der fast Tag für Tag beständig auf Gateshead weilte und
oft die Nächte hindurch mitzubrachte, Mistreß Reed erklärte, der
Auflösung des Kranken fast stündlich entgegensehen zu können.
Sie solle Georgine, John und Jane im Krankenzimmer versammeln, damit selbige sofort zur Stelle sein könnten, wenn das Unvermeidliche eintreten sollte. Stumm und widerstandslos verrichtete Reed's Gattin diesen Auftrag selbst; die Größe ihres drohenden Verlustes trat jetzt in ihrer wirklichen Gestalt vor ihre Seele
und machte sie doch vor der nächsten Zukunft beben, da sie stets
an eine so große und so nahe Gefahr nicht geglaubt hatte und
nicht hatte glauben wollen.
Mister Reed gewahrte trotz seiner Schwäche, daß etwas Außergewöhnliches sich zutragen würde, und ahnte sofort, daß es sich
um den Moment handelte, in welchem er aus der Mitte seiner
Familie, aus seinem Eigentum, aus diesem Leben scheiden müsse.
Er hatte es längst gefühlt, daß es so kommen würde, und war
ruhig, gefaßt, ja sehr ergeben in sein Schicksal. Die Thränen
in den Augen seiner Gattin und Jane's stummer Schmerz allein
bereiteten ihm Sorge und Wehe. Seine Kinder, das wußte er,
standen ihm kalt gegenüber; doch er überwand das Gefühl der
Bitterkeit, das sein Inneres noch einmal mit aller Kraft heimsuchen wollte, winkte Beide an sein Lager und sprach zu ihnen:
Georgine, John, meine Kinder, ich werde Euch in kurzer Zeit
auf dieser Erde verlassen müssen; werdet gute, brave und tüchtige
Menschen- liebet und ehret Eure gute Mutter und vergeßt niemals, was sie für Euch Euer ganzes Leben lang gethan und gesorgt hat. Wollt Ihr mir das jetzt versprechen, meine Kinder?
Wir geloben es Dir, Vater! flüsterten John und Georgine
wirklich sehr gerührt.
Nun, so segne ich Euch, fuhr der Leidende fort, von ganzem
Herzen; knieet nieder, meine Lieben, und empfanget meinen väterlichen Segen.
Georgine und John knieeten am Lager nieder, während ihr
Vater jedem eine Hand auf das Haupt legte und die Worte
flüsterte: Seid gesegnet, Kinder, und seid glücklich Euer Leben lang.
Sarah, mein geliebtes Weib, empfange Deines Gatten letztes
Lebewohl und seinen innigen heißen Dank für Deine Liebe, Deine
Treue und Deine aufopfernde Pflege; ich hätte noch so gern für
längere Zeit in Eurer Mitte gelebt, vom Schicksal aber war es
anders bestimmt, und in christlicher Demut füge ich mich Gottes
unerforschlichem Ratschlusse ohne jedes noch so leises Murren.
Georg! schluchzte Sarah, sprich noch nicht vom Sterben, versündige Dich nicht gegen Gott.
Ich sündige nicht, Sarah, Eure Mienen und Deine Thränen
sagen deutlicher noch, wie ich es seit gestern selbst empfinde, daß
mein letzter Augenblick auf dieser Erde gekommen ist.
Rege Dich nicht auf, Georg, ich beschwöre Dich um unserer
Liebe, unserer Kinder, um Jane's willen.
Ich rege mich nicht auf, erwiderte Reed, indem ein verklärtes
Lächeln über sein Gesicht flog. Um Jane's willen, Sarah? Habe
tausend, tausend Dank für dieses milde gute Wort. Du bist so
liebreich heute, daß ich noch eine dringende Bitte an Dich zu
richten wage: Wenn ich verschieden bin, Sarah, halte Jane wie
Deine eigenen Kinder; sei ihr Mutter, eine liebreiche Mutter,
wie jetzt.
Ich verspreche es Dir, mein Georg, hier meine Hand darauf,
sprach Sarah unter Thränen.
So gelobe mir es auf das Sakrament- dann scheide ich
ganz ruhig von dieser Welt.
Ich gelobe und schwöre Dir, daß ich Jane wie meine eigenen Kinder halten und lieben werde.
Dank, Dank, meine Sarah, lächelte Reed; komm Jane, reiche
mir und der Tante hier die Hand, sie wird von jetzt ab Deine
Mutter sein, und Du wirst eine treue Stütze an ihr haben.
Stirb nicht, Onkel Reed, jammerte Jane, oder nimm mich
mit Dir, damit ich nicht allein hier bleibe, wo es so öde und
traurig ist ohne Dich, - verlasse Deine Jane noch nicht, so lange
sie sich nicht selbst helfen kann. Doch nein, fuhr das erregte
Kind fort, als Reed verwundert aufschaute, Du willst es, Onkel,
daß ich leben bleibe; gut, ich werde bleiben auch ohne Dich, ich
werde Tante Reed ganz so lieben wie Dich, will sie lieben wie
eine Mutter, nur um Dir nicht wehe zu thun.
Beruhige Dich, Jane, sprach Sarah freundlich zu ihr und
ergriff ihre Hand, Du sollst Deines Onkels Liebe niemals bei
mir vermissen,- ich habe es ihm ja auf das Sakrament gelobt.
Ich segne Dich, meine Jane, sprach Reed gerührt und schwächer
werdend; sei brav wie bisher, bleibe fromm und tugendhaft und
Du wirst glücklich sein Dein ganzes Leben hindurch.
Nun aber, mischte sich Mister Fowler in die Unterredung,
wird es Zeit, daß Mister Reed sich Ruhe und Erholung gönnt.
Bitte, meine Teuren, ziehen sie sich nun zurück und überlassen sie
ihn einem hoffentlich sanften und stärkenden Schlummer. Ich
werde bei ihm bleiben.
Den Worten des Arztes mußte unbedingt Folge geleistet
werden, und auch Jane, welche sonst stets beim Onkel bleiben
durfte, entfernte sich still und behutsam mit aus dem Zimmer.
Mister Reed schlummerte in der That ein, er schlummerte länger
und fester, als der Arzt selbst zu hoffen gewagt hatte. Der Abend
brach herein, ehe der Schwerkranke wieder erwachte, aber es wäre
vielleicht besser für ihn gewesen, er wäre gar nicht wieder zum
Bewußtsein gekommen, denn kaum hatte er die Augen geöffnet
und mit leisen Worten um einen Trunk gebeten, da überfiel ihm
gegen alles ärztliche Erwarten ein neuer Blutsturz, an dessen
Folgen er sich noch während einer halben Stunde herumquälen
mußte, ehe er zurücksank und in den Armen seiner trostlosen Gattin
und mit der rechten Hand nach Jane's Köpfchen greifend seinen
Geist aushauchen konnte. Der Jammer und die Bestürzung auf
Gateshead waren grenzenlos.
Fünftes Kapitel.
Mister Reed's Begräbnis auf dem Friedhofe des nächsten
Dorfes geschah mit allen nur erdenkbaren Ehren von Seiten seiner Familie, seiner Nachbarn, seiner Freunde, seiner Arbeiter, sowie
Aller, welche ihm im Leben nur einmal nahe getreten waren. Die
Rechtlichkeit seines Charakters, seine Teilnahme an seiner Umgebung,
seine Wohlthätigkeit gegen die Armen der Umgegend erhielten ihre
Anerkennung und ihren Lohn in der allgemeinen Trauer, welche
sich überall, bemerkbar machte. Unzählige Leidtragende begleiteten
seinen Leichenkondukt, und kein Auge blieb trocken, als der Geistliche an der offenen Gruft ein Lebensbild des Verewigten in einfachen aber ergreifenden Zügen entwarf.
In Gateshead ging Alles seinen geregelten Gang fort, und
Mistreß Need gewahrte jetzt nun recht deutlich, wie günstig es für
ihre Verhältnisse gewesen, daß ihres Gatten Voraussicht und Sorge
sein Besitztum selbst verwaltet und sie mit ihren Kindern so frei von
aller Sorge für die Gegenwart und nächste Zukunft zurückgelassen
hatte. Reed's Verwalter, Mister Thomas, war bei Lebzeiten seines
Herrn in alle Pläne desselben und in den von ihm eingerichteten
Geschäftsgang eingeweiht worden, daß er die Leitung des Besitztums ohne weiteres führen konnte; auch hatte Reed vor seinem
Tode noch bestimmt, daß Thomas bis zur Großjährigkeit seines
Sohnes John für die Familie Reed das Gut weiter zu verwalten habe.
Mistreß Reed trauerte aufrichtig und tief um ihren Gatten,
wenn sie auch öfters mit seinen Maßnahmen und Anordnungen
nicht einverstanden gewesen war und lieber mit ihren Angehörigen
in London oder wenigstens in einer anderen großen Stadt gelebt
hätte. Sie war auch gegen Jane nicht unfreundlich, obwohl sie
von dem stillen und scheuen Wesen derselben wirklich mehr abgestoßen wie angezogen wurde. Nicht so verhielt es sich mit John
und Jane. Die zwischen beiden Kindern bestandenen Feindseligkeiten, die allerdings nur von John genährt und hervorgerufen
wurden, mehrten sich wenige Wochen nach Mister Reed’s Tode
und steigerten sich in gleichem Grade. Jane erduldete manche
Kränkungen von dem rohen und gefühllosen Burschen, aber Mißhandlungen ließ sie doch nicht widerstandslos über sich ergehen
und setzte sich mit allen ihren Kräften zur Wehre, so daß sie demselben bei einer Gelegenheit, wo er sie mit einem Stocke geschlagen,
das Gesicht mit ihren Nägeln blutig gekratzt hatte, und John nun
wehklagend und das Mädchen verleumdend zu seiner Mutter eilte,
welche über diesen Anblick ihres Lieblings in heftigen Zorn geriet
und alle den Arger, welchen sie früher gegen Jane in ihrem Inneren angesammelt hatte, zum vollen Ausbruch kommen ließ.
Wie kannst Du, undankbares, häßliches Geschöpf, es wagen,
fuhr sie auf das aufgeregt und zitternd dastehende Mädchen los,
gegen John auf solch gemeine Weise Dich zu betragen?
Wenn John mich gehen läßt, antwortete Jane trotzig, so thue
ich ihm auch nichts; aber ich lasse mich nicht von ihm schlagen
wie einen Hund- dann wehre ich mich.
Du Bettelmädchen, das von unserer Gnade lebt, rief John,
sollst Dich nicht wehren, selbst wenn ich Dich schlagen wollte, -
aber sie ist eine Lügnerin, eine freche Lügnerin, ich habe sie gar
nicht schlagen wollen- sie hat mich hinterlistig angefallen.
O Du Bube! Du schlechter und roher Bube! rief ihm Jane
entgegen. O daß Dein gütiger Vater noch am Leben wäre - er
würde Dich züchtigen, wie Du es verdienst.
Du schweigst, Jane, rief Mistreß Reed wild, Du darfst John
nicht kratzen; er ist der Herr einst hier und Du mußt ihm gehorchen- oder ich selbst muß meine Hand gegen Dich erheben
und Dich strafen wie ein bösartiges und ungezogenes Kind.
Ich bin nicht bösartig und ungezogen, entgegnete Jane entschlossen; John treibt mich nur dazu durch seine schändliche Behandlung, John hat einen grundschlechten Charakter.
Schweig! herrschte ihr Mistreß Reed blitzenden Auges zu,
und entferne Dich augenblicklich aus diesem Zimmer, oder ich
vergesse mich, daß Du uns als eine Last aufgebürdet worden bist.
Jane entfernte sich eilenden Schrittes und schloß sich weinend
in ihrer Stube ein; sie bereute ihre Heftigkeit zwar bitter, aber
hätte sie eingestehen sollen, daß sie im Unrecht gewesen wäre?
Nein, gegen eine solche Unwahrheit lehnte sich ihr Gefühl in der
Brust empört auf.
Anstatt John für sein Betragen hart zu bestrafen, oder ihm
wenigstens dasselbe in ernstlicher Weise als unstatthaft vorzuhalten,
wandte sich Mistreß Reed's ganzer Zorn gegen das verlassene
Mädchen, das denselben in fast grausamer Weise büßen mußte.
Zunächst wurde ihr der fernere Unterricht bei Bessie in Gemeinschaft mit John entzogen und der Gouvernante bei Verlust ihrer
Stellung angedroht, sich um das verdorbene Kind nicht weiter
zu kümmern und ihr keine Belehrung zukommen zu lassen. Jane
wurde in die Küche verwiesen, wo sie sich durch Handreichungen
und kleine Arbeiten der Köchin Esther nützlich machen und etwas
für ihre Zukunft lernen solle, der Köchin jedoch zugleich aufgegeben,
sich in keine Unterhaltung mit Jane einzulassen und ihr nur die
nötigsten Anweisungen in aller Kürze zu erteilen. Weiter wurde
Jane verboten, die Familienzimmer sowohl, als auch die Bibliothek
im ersten Stockwerk zu besuchen, sowie ihr Schlafzimmer oder die
Küche zu verlassen, ja sie durfte nur mit Mistreß Reed's besonderer
Bewilligung, welche durch Esther einzuholen war, in den Garten
wie überhaupt ins Freie gehen, noch überhaupt mit Jemandem im
Hause verkehren.
Jane's weiches und tiefes Gemüt empfand diese Demütigungen
und Beschränkungen bitter, namentlich schmerzte es sie aufs tiefste,
daß sie von Bessie's Unterricht und vom Besuche des Bibliothekzimmers ausgeschlossen war - aber sie ertrug es still und ohne
ein lautes Wort der Klage; sie wußte sehr wohl, daß sie eine
solche Behandlung nicht verdient hatte, und machte daher auch
keinen Versuch, bei ihrer Tante um eine Aufhebung dieser Verbote
bittweise nachzusuchen. Still und ergeben trug sie ihr einsames
und trauriges Los, ja sie lebte nur glücklich in der Erinnerung
an Onkel Reed, dessen Liebe und unaussprechliche Güte gegen sie
mit lebhaften Zügen in ihr junges Herz eingeprägt war; in
solchen Stunden lebte sie glücklich allein unter Thränen.
Die Köchin Esther war ein gutmütiges Geschöpf, das Mitleid
mit dem stillen und sonst unverdrossenen Mädchen hatte und
richtete nach etwa acht Tagen ihres Beisammenseins mit Jane,
gerade an einem schönen Wintersonntag Nachmittag, als alle
Arbeit in der Küche beendigt war, die mitleidige Frage an sie:
Willst Dn die Tante nicht bitten, Jane, daß sie Dir erlaubt, mit
mir einen kleinen Spaziergang zu machen?
Nein! lautete die kurze Antwort.
Und warum willst Du nicht mit mir gehen, Jane? fragte
Esther weiter.
Sei nicht böse mit mir, Esther, sprach Jane weiter, ich weiß,
Du meinst es gut mit mir, und ich möchte so gern hinaus in
die frische, sonnenhelle Winterluft, aber die Tante Reed um diese
Erlaubnis zu bitten- das vermag ich nicht über mich zu gewinnen.
Und warum nicht, Du seltsames Geschöpf?
Weil sie mich für John's Unrecht, das er mir zugefügt hat,
bestraft, ja grausam bestraft.
So will ich die Tante in meinem Namen darum bitten?
Nein, liebe Esther, ich bitte Dich herzlich, thue das nicht.
Ich mag nicht um Etwas bitten und auch keinen Menschen für
mich bitten lassen um eine Sache, die man mir nicht freiwillig
gewährt und auf welche ich so gut ein Recht habe, wie jedes
andere Geschöpf, das seine Pflicht gethan hat.
Nun, so gehe ich allein, sprach Esther verdrießlich; ich will
Dich nicht zum Vergnügen zwingen.
Zu Ostern des kommenden Jahres verließ John Reed Gateshead, um eine Schule in London zu besuchen und sich für den
Besuch der Universität weiter ausbilden zu lassen, während sich
in Jane's Verhältnis zu ihrer Tante nicht das Geringste verändert
hatte. Mistreß Reed erkundigte sich bei Esther nach Jane's Verhalten und mußte zu ihrer Verwunderung und mit Widerwillen
vernehmen, daß sie sich fügsam, willig, unverdrossen und fleißig
zeige, ohne im Geringsten zu klagen oder eine Bitte um Erleichterung ihrer Strafe auszusprechen. Daß ihre Abneigung und
ihr Groll durch diese Mitteilungen sich nicht milderte, ist zwar
sehr leicht begreiflich bei ihrem Charakter, aber sie hob doch, veranlaßt durch Esther's Bitten, das Verbot für den Besuch des
Gartens gegen Jane freiwillig auf, und hoffte nun, daß auch
Jane sich ihr wieder nähern und sie um Verzeihung für ihr Betragen gegen John bitten würde - hierin jedoch täuschte sie sich
vollständig, denn Jane machte von dem Besuche des Gartens und
der Umgebung so wenig wie möglich Gebrauch und zeigte auch
nicht die kleinste Spur von einer Annäherung an ihre Tante, ja
sie ging sogar so weit, ihre Nähe absichtlich zu meiden. Es war
dies durchaus kein lobenswerter, wenn auch ein erklärlicher Zug
in dem Charakter des sonderbar gearteten Mädchens, aber Jane
fühlte Mistreß Reed's Haß gegen ihre Person beinahe instinktmäßig und wollte nicht, daß diesem durch irgend eine Berührung
neue Nahrung gewährt werden sollte.
In seinen Sommerferien kehrte John Reed nach Gateshead
auf einige Wochen zurück und hiermit begann für Jane eine neue
Zeit der Plage. Sie wich ihm aus, so viel sie konnte; sie ging
nicht ins Freie, wenn sie ihren Verfolger, der immer noch an ihr
Rache zu nehmen suchte, zu Hause wußte, und nur in später
Abendstunde huschte sie zuweilen auf kurze Zeit wie ein scheues
Reh in die Gänge des Parkes. Trotz aller ihrer Vorsicht stieß
sie bei einem solchen Versuche auf ihren Gegner, der ihr mit einem
Hammer in der Hand plötzlich entgegentrat; sie wich ihm rasch
aus, John aber fuhr heftig mit den Worten auf sie los: Habe
ich Dich endlich einmal erwischt, um Dich für Deine Kratzerei
nach Gebühr züchtigen zu können! und faßte sie hart am Arme.
Laß mich los, John, sprach Jane finster und entschlossen-
ich habe mit Dir nichts zu schaffen.
Aber ich muß mit Dir, Du falsche Katze, Abrechnung halten,
höhnte sie der rohe Bursche; Du sollst und mußt jetzt büßen für
alles Unheil, das Du in unserem Hause angestiftet hast.
Laß mich los, John, rief Jane ernster und dringender, oder
Du zwingst mich wieder, Gewalt gegen Gewalt zu brauchen und
mir zu helfen, wie ich kann.
Das wollen wir doch sehen! schrie John wild und hob den
Hammer zum Schlage aus, flog aber, von einem unerwarteten
Stoße von Jane's freier Hand getroffen, an einen Baum und
mußte des Mädchens andere ganz wider seinen Willen freilassen.
Jane benutzte diesen Augenblick und suchte zu entkommen,
während John, wütend geworden durch den erhaltenen Stoß, ihr
nachsetzte und sie auch wirklich einholte. Hastiger als zuvor bei
der Hand, packte er sie am Haar und schwang den Hammer über
ihrem Kopfe; doch wie ein Blitz fing Jane seine Hand auf und
versetzte während ihres Ringens mit John denselben, da sie sich
nicht weiter zu helfen wußte, einen kräftigen Biß in die Finger
seiner rechten Hand, so daß er den Hammer fallen laßen mußte
-
schrie er nun laut: Hilfe! Hilfe! Jane hat mich überfallen und
blutig gebissen. Hilfe! Hilfe! sie droht mir mit dem Hammer.
Auf diesen Ruf hin wurde es lebendig im Garten. Bessie,
Esther, Jack, Alle liefen herbei und traten zwischen die bleiche
noch zornfunkelnde Jane und den schreienden Burschen, der jetzt
wieder Courage bekam und Jane zu seiner Mutter zu führen befahl.
Was hat das unheilvolle Geschöpf schon wieder ausgeführt?
fragte Mistreß Reed streng, als Jane stumm und niedergeschlagenen
Blickes vor ihr in der Stube stand.
Sie hat mich überfallen, mich in die Hand gebissen und mit
dem Hammer bedroht, berichtete John mit augenscheinlicher Lügenhaftigkeit und unverschämter Dreistigkeit.
Du hast es gewagt, Dich wieder an John zu vergreifen und
ihn hinterrücks zu überfallen? rief Mistreß Reed heftig, obwohl
sie halb und halb der Überzeugung war, daß es umgekehrt stattgefunden hatte; aber ihr Haß gegen Jane war durch deren Unbeugsamkeit zu einer Höhe bereits gesteigert, von welcher keine
Umkehr mehr möglich war.
Sieh, Mama, hier meine blutende Hand! sprach John listig,
die Elende wagt es nicht, Dich oder mich anzusehen und ihre
Schuld zu bekennen. Laß sie büßen dafür, liebe Mama.
Wirst Du Antwort geben, freches Geschöpf! herrschte die
immer heftiger werdende Frau das duldende Mädchen an. Bekenne Dein Vergehen offen, oder zittre vor meinem Zorn.
Eine unheimliche Pause trat ein, während deren nur Sarah
Reed's erregte Atemzüge deutlich vernehmbar waren. Jane
bewegte kein Glied und blickte nicht vom Boden auf.
Weißt Du, Mama, rief John, es dunkelt schon, stecke das
böse Mädchen, das mir nach dem Leben getrachtet, in Papa's
Sterbezimmer- dort soll ja sein Geist umgehen und uns
schrecken wollen! Dort kann sie zubringen, bis sie ihre schlechte
That eingestanden und bekannt hat.
Recht so! Mit diesem Worte erfaßte Mistreß Reed Jane's
Arm und zog sie nach dem Kabinet, in dem ihr Gatte verschieden
und das bis jetzt noch nicht wieder bewohnt worden war.
Jane zuckte jetzt entsetzt zusammen; eine unerklärbare Furcht,
ein nicht zu bekämpfendes Entsetzen überfiel sie und raubten ihr
beinahe die Besinnung. Erst als die verhängnisvolle Thür sich
hinter ihr geschlossen, ward sie sich ihrer Lage klar und mit
bittender herzzerreißender Stimme flehte sie: Tante Reed, haben
Sie Mitleid! Tante Reed, haben Sie Erbarmen! Ich bin ja
völlig unschuldig, aber man glaubt mir ja nicht. Bei dem Andenken an meinen gütigen verstorbenen Onkel lassen Sie mich aus
diesem Zimmer! Ich kann hier nicht bleiben! Ich sterbe hier.
Kannst Du nun sprechen und gute Worte geben, Du Undankbare? rief ihre Tante. Nein, Du bleibst zur Strafe so
lange in diesem Zimmer, bis Du Deine Schuld bekannt hast.
Ich habe nichts gethan! Ich bin unschuldig! jammerte
Jane. John hat es Alles selbst gethan, dessen er mich mit unverschämter Bosheit beschuldigt. Glauben Sie mir nur diesmal, Tante Reed, und Sie sollen niemals wieder über mich im
Geringsten zu klagen haben.
Bekenne, Jane!
Ich bin unschuldig! Tante Reed.
So bleibst Du, wo Du bist.
Mutter und Sohn entfernten sich aus dem Vorgemach und
ließen das arme Mädchen mit ihrem Jammer und ihrer Angst
unbarmherzig allein zurück; eine ganze Zeit lang bat und flehte
Jane, dann verstummte sie auf einen Augenblick, ein Fall ward
hörbar, und in heftigen Krämpfen wand sie sich auf dem Fußboden umher. Niemand kümmerte sich um sie.
Am nächsten Morgen mußte Bessie nach ihr sehen und fand
sie ganz wie leblos an der Erde liegen, aber an ihren fieberhaft
geröteten Wangen, an ihren zuckenden Lippen gewahrte sie, daß
noch Leben in dem jungen Körper war. Mitleidig, wie die Gouvernante war, welche nach John's Abgang zur Schule als Gesellschafterin
in Gateshead bleiben mußte, nahm sie, ohne ihrer Herrin Befehl
abzuwarten, Jane auf ihre Arme, trug sie nach ihrem Zimmer, entkleidete sie und legte sie zu Bett. Jane begann heftig zu phantasieren,
ja selbst zu toben, sodaß man gezwungen war nach dem Arzte zu
senden. Mister Fowler erklärte, Jane's Zustand sei sehr bedenklich
- es könne möglicher Weise bei ihr eine geistige Störung zurückbleiben, wenn sie überhaupt mit dem Leben davon kommen sollte.
Mistreß Reed empfand bei dieser Mitteilung doch etwas
Gewissensbisse und ließ von Seiten Bessie's Alles aufbieten, um
Jane durch die sorgfältigste Pflege am Leben zu erhalten und genesen zu lassen, aber sie gelobte sich auch, die Genesene sobald als
möglich aus ihrem Hause zu bringen, eine geeignete Gelegenheit,
hoffte sie, würde sich sehr bald hierzu finden.
Wider alles Erwarten genas Jane ziemlich rasch, ihr zarter
Körper leistete der Krankheit einen Widerstand, der selbst den
Arzt in Erstaunen setzte. Jane's Los ward indessen durch diese
überstandene harte Prüfung um Nichts gebessert. Sie blieb, sobald sie sich wieder gekräftigt fühlte, auf die Küche angewiesen -
Unterricht ward ihr nicht gewährt- das Bibliothekzimmer im
ersten Stock, in welchem sie so gern Belehrung gesucht und auch
verweilt hätte, weil in demselben ihres Onkel Reed fast lebensgroßes Bild hing, war und blieb ihr verschlossen; ihr einziger
Umgang war Esther, die Köchin, und wenn ihr auch Bessie Home
gern Erleichterung verschafft hätte, so durfte sie dies doch nicht
wagen, da sie bei Verlust ihrer Stellung von Mistreß Reed strenge
Weisung hatte, das undankbare Wesen ganz sich selbst zu überlassen. So lebte Jane beinahe in Gleichgiltigkeit dahin, unbekümmert um ihre Umgebung, unbekümmert um ihre Zukunft, da
sie ja nichts lernte, was sie einst hätte selbständig machen können.
Sie war schon zufrieden, sobald sie in Ruhe gelassen und ihr
Peiniger John fern von ihr war, der es vorzog, lieber in London
zu bleiben, als in den Ferien seine Mutter zu besuchen.
Zwei Jahre waren fast bereits seit Mister Reed's Tode verflossen, ohne daß eine wesentliche Änderung auf Gateshead vor sich
gegangen wäre; nur Mistreß Reed war jetzt mehrfach von ihrer
Besitzung abwesend und verbrachte längere Zeit bei Bekannten in
der Nähe, um so schnell wie möglich wieder heimkehren zu können,
wenn es erforderlich sein sollte.
Unerwartet traf sie einstmals mit John und Georgine ein;
es handelte sich hierbei um die Verlobung Georginens, welche einen
vornehmen, aber wenig begüterten Lord kennen gelernt hatte. Lord
Clarens, so war sein Name, hatte bei Mistreß Reed um Georginens Hand geworben und, da Letztere dem jungen Manne sehr
geneigt schien, ihre Zustimmung freudig erteilt. Die Verlobung
sollte so festlich wie möglich begangen, zuvor aber erst Jane aus
dem Hause entfernt werden. Mistreß Reed beabsichtigte diese Entfernung, über welche sie bereits Verhandlungen mit Mister Black
hurst, dem Vorsteher einer Waisenanstalt zu Lowood, eingeleitet
hatte, ohne Weiteres vor sich gehen lassen; ein unerwarteter Auftritt
sollte ihr Gelegenheit geben, Jane's Entfernen als eine Folge ihres
Ungehorsams, ihrer Böswilligkeit hinstellen und bezeichnen zu können.
Es war am 19. November, dem Todestage Mister Reed's, an
welchem im ganzen Hause Niemand dachte, zumal Sarah's Bruder,
Kapitän Whitfield unverhofft auf Gateshead eingetroffen war; seine
Ankunft wurde festlich begangen. Man saß Nachmittags bei Tafel.
und feierte das Wiedersehen in vollen Zügen, und Whitfield war
ungemein erfreut, in Georginens Bräutigam einen gebildeten und
liebenswürdigen jungen Mann kennen zu lernen, der sich in den
Stunden, welche er nicht in Georginens Gesellschaft verbringen
konnte, fleißig dem Studium überließ, zu welchen ihm die vorhandene
Bibliothek reichliche Gelegenheit bot. Hierdurch war das stets verschlossen gehaltene Zimmer geöffnet; Jane hatte hiervon Kenntnis
erhalten und eine unwiderstehliche Sehnsucht trieb sie, heute an
ihres Onkels Sterbetage, seinem lieben Bilde wieder einmal in
die sanften Augen blicken zu können. Wohl wußte sie, daß ihr
das Betreten dieses Zimmers verboten war, aber bei dem festlichen
Treiben des Tages, und da man gerade mit der Mittagstafel noch
beschäftigt war, glaubte sie schon einmal unbemerkt sich des Anblicks des Bildes von ihrem lieben Onkel erfreuen zu können.
Leise öffnete sie die Thüre des Zimmers und ebenso leise schloß
sie dieselbe wieder, dann eilte sie nach des Onkels Bilde, kniete
vor demselben nieder und sprach:
Onkel Reed, mein guter Onkel Reed, siehst Du mich? Ja Du
lächelst, Du siehst mich und hörst meine Worte, die ich an Dich
richte. Sie sagen Alle, daß ich böse und undankbar sei! Glaubst
Du es, Onkel Reed? Nein, nein, Du glaubst es nicht! Wenn
Du es glauben könntest, wäre ich nicht allein ein schlechtes, sondern
auch ein vollständiges unglückliches und verwahrlostes Geschöpf,
das niemals verdient hätte, so zärtlich von Dir geliebt zu werden,
als Du noch lebtest. Ach Onkel. Reed, warum hast Du sterben
müssen? Du hattest mich so lieb, ich hatte Dich so lieb, und als
Du noch lebtest, wußte ich nicht, daß auch gute Menschen sterben
müssen und daß arme Waisenkinder so elend werden können! Sie
hassen mich ja Alle hier und für Haß kann ich doch Niemand
Liebe geben, und wenn ich auch wollte, sie nehmen ja meine Liebe
nicht an. Nimm mich zu Dir, Onkel Reed, damit ich wieder
in Ruhe, Frieden und im Glück bei Dir weilen kann.
Jane war so sehr in ihr Selbstgespräch vertieft, daß sie nicht
gewahrte, wie sich die Thüre öffnete und Bessie eintrat, um John's
Reitpeitsche zu holen, welche er hier liegen gelassen hatte.
Jane! rief Bessie ebenso erstaunt wie erschrocken aus, was
machst Du hier? Wie konntest Du Dich gegen Deiner Tante Verbot in dieses Zimmer wagen? Und noch dazu heute, an einem
Tage, wo Du keinen Augenblick vor Überraschung sicher sein kannst.
Ich glaubte, antwortete Jane, heute ganz ungestört einen
Augenblick hier verweilen zu können, Alle sind ja unten bei Tische
versammelt, und Niemand denkt daran, das Bibliothekzimmer zu
besuchen, wo des verstorbenen Onkel Reed's Bildnis hängt.
Du siehst, Jane, sprach Bessie vorwurfsvoll, daß ich John's
Reitpeitsche holen muß, die er hier hat liegen lassen. Wie leicht
hätte er selbst hierher kommen und Dich finden können? Und was
für einen Auftritt würde es dann gegeben haben? Wie würdest
Du gescholten worden sein!
Schelten Sie mich auch, Miß Bessie, ich weiß Sie haben das
Recht dazu- aber nichts würde mich heute abgehalten haben,
dieses Zimmer zu betreten, da ich es offen fand. Heute ist Onkel
Reed's Sterbetag, und da wollte ich doch heute wenigstens sein
Bild sehen, da ich ihn nicht mehr selbst mit Augen schauen kann.
Onkel Reed, warum hast Du Deine arme Jane verlassen.
Jane, ich beklage Dich, - aber ich kann Dir nicht helfen
und will Dich auch nicht schelten heute.
Ach bitte, Miß Bessie, so geben Sie mir ein Buch, damit ich
ein Stündchen lesen kann. Wenn ich höre, daß sie unten vom
Tische aufstehen, so schleiche ich mich hinaus, und kein Mensch soll
meine Anwesenheit hier nur geahnt haben. Miß Bessie, bitte,
bitte ein schönes Buch. Ich bekomme jetzt ja gar nichts mehr zu
lesen und möchte es am Ende ganz verlernen.
Ich thue Unrecht, Jane, wenn ich Deiner Bitte nachgebe,
aber ich habe Mitleid mit Dir, Du armes Kind. Hier ist eine
gute Naturgeschichte mit vielen und schönen Bildern, aber mitnehmen darfst Du sie nicht, und hier kannst Du sie nicht lesen,
es ist zu dunkel hier.
Dank, tausend Dank, Miß Bessie, sehen Sie, ich setze mich hier
in das Fenster, da ist es noch ganz hell; ich ziehe die Gardine
vor mir zusammen, damit ich nicht gleich gesehen werde, wenn
Jemand unerwartet hier in das Zimmer treten sollte.
Nun, so sitze ja ganz ruhig und bereite mir keine Unannehmlichkeiten durch eine etwaige Unvorsichtigkeit- ich will aufpassen,
daß Niemand so schnell heraufkommt.
Jane hatte sich mit ihrem Buche kaum in das Fenster gesetzt und den Vorhang zugezogen, als rasch die Thüre des Bibliothekzimmers aufgerissen wurde und John mit der barschen Frage hereineilte: Nun, Bessie, wo bleibst Du so lange mit meiner Reitpeitsche?
Ich habe dieselbe nicht gleich finden können und mußte suchen.
Hier ist sie jetzt aber!
Du bist dumm, Bessie, rief John und riß die Reitpeitsche
der Gouvernante aus der Hand. Und wie Du verlegen bist,
Bessie! Hier ist irgend etwas vorgefallen! Hier in diesem Zimmer
ist irgend Jemand verborgen, und mir ahnt schon, wer es ist.
Du hast ihn verborgen.
Was reden Sie für unüberlegte Sachen, Mister John, stotterte
Bessie noch mehr verlegen werdend, als zuvor; wer sollte sich hier
wohl verbergen in diesem Zimmer?
Wer anders, als die elende Jane Eyre, die das Gnadenbrot
bei uns ißt, uns belügt, bestiehlt und nur Unglück in unser Haus
bringt. Wehe, wenn ich sie treffen sollte.
Reden Sie nicht so gottloses Zeug, Mister John, das arme
unglückliche Geschöpf!
Sie verdient es nicht besser- sie soll noch viel unglücklicher
werden - sie ist bei uns noch viel zu gut behandelt worden.
Aber wie? bewegte sich dort der Vorhang nicht?
Nein, nein, er bewegte sich nicht, Sie irren sich, Mister John,
- in diesem Zimmer ist es nicht recht geheuer, flüsterte Bessie
dem Burschen zu und wollte ihn mit fortziehen- kommen Sie,
ich fürchte mich hier ganz entsetztlich, kommenSie mit mir, Mister John.
Du bist zu dumm, Bessie, und ich fürchte mich ganz und gar
nicht. Hinter dem Vorhange dort steckt Niemand anders als die
falsche Katze, diese elende Jane Eyre.
Halten Sie ein, rief Bessie ängstlich, Sie wissen ja nicht
mehr was Sie thun.
Ich will Dir zeigen was ich thue, Bessie, lachte John laut
auf und sprang nach dem Vorhange hin. Mit einem raschen
Griffe hatte er denselben auseinander gerissen und rief doch etwas
betroffen: Richtig, es ist die Katze! Was machst Du hier, Du
schlechtes Geschöpf?
Jane sprang empor, sah John wild und erregt an, gab aber
keinen Laut von sich.
Willst Du reden! schrie John und schwang die Reitpeitsche
nach ihrem Kopfe. Willst Du reden, oder ich schlage Dich wie
einen unfolgsamen Hund, elende Kate. Rühre mich nicht an,
John! rief Jane zitternd, Du hast meine Fingernägel gefühlt, Du
hast empfunden, daß meine Zähne empfindlich beißen können.
Wenn Du mich wieder schlecht behandelst, so kratze und beiße ich
Dich nicht allein, so töte ich Dich, Bursche.
Hahaha! Das wirst Du wohl bleiben lassen! lachte John
und trat einen Schritt zurück. Du wirst gar nicht wagen, mich
töten zu wollen.
Wenn Du mich nicht schlägst und mich gehen läßt, thue ich
Dir auch nichts, antwortete Jane.
So gehe mir aus den Augen und verlaß dieses Zimmer,
elende Katze!
Was geht hier vor? rief Mistreß Reed, welche mit ihrem
Bruder Whitfield in das Zimmer trat. Wie kommst Du hierher
und was willst Du hier Jane, hier, wohin es Dir von mir verboten ist, den Fuß zu setzen? Was willst Du hier?
Es ist Onkel Reed's Sterbetag heute, antwortete Jane finster
und entschlossen, und da wollte ich gern sein Bild einmal betrachten
und vor demselben beten.
Ist denn heute meines Schwagers Sterbetag? fragte Kapitän
Whitfield betroffen.
Es ist der W. November, berichtete Jane, heute ist mein
guter Onkel bereits zwei Jahre tot, aber es scheint Niemand weiter
im Hause daran gedacht zu haben wie ich. Ich habe Onkel Reed aber
auch so zärtlich geliebt, wie er mich wieder geliebt hat.
Mistreß Reed war sichtlich betreten und suchte vergeblich
einige Sekunden nach einer Antwort, bis ihr John, der seiner
Mutter Verlegenheit bemerkte, zu Hülfe kam und sprach: Mama,
Jane hat mir gedroht, mich zu töten. Wirst Du das von ihr erdulden?
Was! rief Mistreß Reed, heftig aufspringend, Du hast meinen lieben Sohn zu töten gedroht! Du hörst es, Bruder Harry!
Ist das wahr, Jane?
Wenn er mich schlagen würde, ja! antwortete Jane mit
trotziger Miene.
Du wirst ihn sofort um Verzeihung bitten, Du boshafte
Kreatur, auf der Stelle.
Wenn er zuvor mich erst um Verzeihung bittet für alle die
Kränkungen und Schmähungen, die er seit Jahren über mich gehäuft hat, für alles das Böse, das er mir angethan, dann will.
ich ihn auch um Verzeihung bitten, sonst aber nicht, auf keinen Fall.
So widersetzest Du Dich meinem ausdrücklichen Willen, meinem bestimmten Befehl! Du lehnst Dich auf in Ungehorsam
gegen mich?
Wenn Sie etwas Unrechtes, worauf Sie auch nicht das geringste Anrecht haben, von mir verlangen, so frage ich nicht nach
Ihrem Willen, nach Ihrem Befehl.
Diese Worte, diese bösen, unkindlichen Worte sollst Du schwer
büßen. Geh! Doch halt noch Eins: Warum trägst Du Locken?
Weißt Du nicht, daß Georgine solche trägt, und ich Dir ebenfalls
befohlen habe, das Haar glatt zu tragen. Locken eignen sich nur
für Töchter vornehmer Häuser, wie Georgine eine ist, aber nicht
für Bettelkinder, die von anderer Leute Gnade leben müssen!
Warum giebst Du mir keine Antwort?
Locken? Trage ich denn Locken? Ich weiß es nicht, ich kämme
täglich mein Haar mehrmals, aber ich habe keinen Spiegel, in
welchem ich sehe, daß mein Haar sich lockt.
Dein Haar ist so widerspenstig wie Dein Charakter, aber
verlaß Dich auf mein Wort, Dein Haar wie Dein Charakter,
alle beide sollen sich noch glätten und beugen lernen.
Mistreß, meldete ein eintretender Diener, Mister Blackhurst
läßt bitten.
Laß ihn eintreten, den würdigen Mann, den ich mit Sehnsucht erwarte, sprach Mistreß Reed - er ist mir sehr willkommen.
Der Diener entfernte sich und im nächsten Augenblicke erschien eine lange, schmale, schwarz gekleidete Gestalt in der Thüre,
welche unter tiefen Verbeugungen näher trat und mit den feierlichen Worten: Gott zum Gruß, meine Lieben, und seinen Segen
über Euch Alle, seine Anrede begann. Mistreß Reed haben mich
befohlen, fuhr er fort.
Sein Sie mir willkommen, würdiger Herr, ging ihm Mistreß
Reed plötzlich freundlich werdend und sehr gesprächig entgegen.
Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Bitte so bald nachgekommen
sind. Bitte, nehmen Sie Platz. Sie sollen das Mädchen,
wegen dessen ich Ihnen schon geschrieben habe, sogleich kennen
lernen. Tritt näher, Jane, näher an diesen Herrn heran.
Jane trat an Blackhurst heran; er sah sie forschend an und
sprach langsam und bedächtig: Sie ist von kleinem Wuchse! Wie
alt ist das kleine Mädchen?
Elf Jahre wird sie alt, gab Mistreß Reed zur Antwort.
So alt schon? fragte Blackhurst, da wird es etwas schwer
halten, Mistreß.
Es wird schon noch gehen, entgegnete Mistreß Reed. Betrachte diesen Herrn, Jane, Du wirst ihm in die Schule folgen
und bei ihm Unterricht erhalten.
Sie schicken mich in die Schule, Tante Reed; o wie beglücken
Sie mich durch diese Mitteilung! jubelte Jane plötzlich. Ich soll
aus diesem Hause fort, ich soll lernen und ein kluges Mädchen
werden, das sich allein durch die Welt bringen kann und das
keine Wohlthaten anzunehmen braucht. Was werde ich bei Ihnen
lernen, Herr?
Wenn Du Lust zum Lernen hast, kannst Du viel, sehr viel
lernen - aber zunächst wird es Deinem Herzen Not thun, daß
Du Demut und Gottesfurcht lernst.
Demut und Gottesfurcht hat mich Onkel Reed gelehrt, als
er noch lebte, und sie sind mir beide in das Herz tief eingegraben.
Seit Onkel Reed's Tode haßt mich Alles hier wie einen bösen
Geist - darum freue ich mich, daß ich aus diesem Hause komme,
darum juble ich, daß ich lernen soll, um selbständig zu werden.
Welche Sprache eines Kindes gegen seine Wohlthäter! rief
Blackhurst verwundert.
Wohlthäter! sprach Jane empört, Wohlthäter wären mir diese
Menschen hier gewesen! Du hörst es, Onkel. Reed, die erste Wohlthat, die sie mir erweisen, ist, daß sie mich aus ihrer Nähe schicken
und mich die Schule besuchen lassen. In welche Schule werde ich
kommen, Herr, o bitte, sagen Sie mir es, ich freue mich so darauf.
Du kommst auf eine fromme Schule, die nur von milden
Gaben edler und barmherziger Menschen erhalten wird, Du trittst
zu Neujahr in das Waisenhaus zu Lowood ein?
In ein Waisenhaus schicken Sie mich, Tante Reed. Hörst
Du es Onkel, Deine Jane, Dein Herzenskind verstößt man in
ein Waisenhaus- ein Waisenhaus ist ihre Zuflucht in einem
Alter, wo sie noch so schwach ist, um sich selbst helfen zu können.
Aber sei es darum, auch in ein Waisenhaus will, ich gehen und
mich dort erziehen lassen, denn wenn ich dort auch schwer zu
tragen haben werde, so wird mich doch nicht der Haß derjenigen
Menschen verfolgen, die sich meine Verwandten nennen. Jane
hielt erschöpft inne.
Mistreß, warum haben Sie mir dieses böse Kind nicht schon
früher anvertraut? fragte Blackhurst, sich entsetzt stellend- ein
solches bösartiges Gemüt.
Sie werden sie noch besser kennen lernen, antwortete Sarah
giftig. Jane verstellt sich, sie heuchelt, sie ist eine Lügnerin, eine
Verleumderin.
Ich verstelle mich nicht, ich heuchle nicht, ich lüge nicht, fiel
Jane ihrer Tante in die Rede, wenn ich dies thäte, so würde ich
sagen, ich beklage es, daß ich aus diesem Hause komme, so würde
ich sagen, ich liebe Sie, Tante Reed, denn das würde mir bei
diesem Herrn von Nutzen sein, aber ich erkläre feierlich: Ich verabscheue nichts so sehr auf dieser Welt als diese Frau und ihre
bösen Kinder; ich juble darüber, daß ich aus diesem Hause komme!
Ich bin froh, daß Sie keine Verwandte mehr von mir sind, wenn
ich erst in Lowood bin- ich will Sie nie wieder Tante nennen,
so lange ich lebe - ich will Sie nie besuchen, wenn ich herangewachsen bin, und wenn mich Jemand fragt, wie Sie mich behandelt haben, so werde ich gestehen, daß Sie mich mit kalter, elender
Grausamkeit behandelt, mich dumm und unwissend gelassen, und
daß Sie mich endlich, um ihren Thaten die Krone aufzusetzen, in
das Waisenhaus von Lowood geschickt haben.
Wie kannst Du es wagen, solche böse Worte auszusprechen!
rief Mistreß Reed emporspringend und wollte auf das Mädchen
zustürzen, wurde aber von ihrem dazwischentretenden Bruder an
ihrem Vorhaben, Jane zu mißhandeln, verhindert.
Wie ich es wagen kann, Mistreß, fuhr Jane in heftiger
Aufregung fort; wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit
ist, die ich spreche. Sie denken, ich habe kein Gefühl, könne ohne
die geringste Freundlichkeit oder Liebe leben, aber ich kann nicht
so leben und sie kennen kein Mitleid. Für ein klein wenig Liebe
hätte ich Sie angebetet, wie ich Onkel Reed angebetet habe, für
ein klein wenig Liebe hätten Sie mich zum glücklichsten Kinde
gemacht, während Sie mich zum elendsten Geschöpfe gemacht haben.
Sie haben kein Mitleid. Ich werde mich bis zu meinem Tode
des Tages noch erinnern, wo Sie mich rauh und heftig in das
Zimmer stießen, wo Onkel Reed gestorben war; obgleich ich in
Todesangst war und vor Entsetzen fast erstickend ausrief: Haben
Sie Mitleid, Tante Reed, haben Sie Erbarmen - aber ich mußte
die ganze Nacht daselbst zubringen, verfiel in ein hitziges Fieber,
so daß der Arzt sagte, es wäre ein Wunder, daß meine Gesundheit nicht vollständig zerrüttet worden sei! - Und diese Strafe
mußte ich erdulden, weil Ihr böser John mich geschlagen - mich
ohne alle Ursache zu Boden geschlagen. Die Leute halten Sie für
eine gute Frau, aber Sie verstellen sich, Sie sind böse und hartherzig, - ja Sie sind noch mehr, Sie sind eine Meineidige!
Jane!
Eine Meineidige! Denn Sie haben in meines sterbenden
Onkels Hände mit einem Eide gelobt, mich zu halten wie Ihre
eigenen Kinder! Und jetzt übergeben Sie mich einem Fremden,
überweisen Sie mich einem Waisenhause! Und wenn Sie dem
Verewigten dort oben wieder begegnen und er die Frage an Sie
richtet: Was ist aus der Waise meiner Schwester geworden und
wie hast Du Deinen Eid gehalten? so müssen Sie ihm antworten:
Ich habe die Waise böse gemacht und meinen Eid gebrochen. -
So, Herr, nun nehmen Sie mich hin und sehen Sie zu, ob Sie
wieder gut machen können, was meine Verwandten an mir schlecht
gemacht haben.
Hinaus! Hinaus Elende! schrie Mistreß Reed und ihre
Stimme klang heiser. Jane eilte aus dem Bibliothekzimmer hinaus, während die Zurückgebliebenen eine geraume Zeit verweilten,
ehe sie wieder Worte fanden, um die nötigen Verabredungen über
Jane's Aufnahme in die Lowoodstiftung treffen zu können.
Sechstes Kapitel.
Jane hatte nach diesem Auftritt weder ihre Tante noch irgend
Jemand von der ganzen Familie zu Gesicht bekommen; sie mußte
auf ihrer Stube bleiben und durfte sich von derselben nicht einen
Augenblick entfernen, bis sie nach Lowood abgeholt werden sollte.
Auch diese Zeit ging vorüber, und der Tag brach an, an welchem
sie früh um sechs Uhr von einem Omnibus abgeholt wurde, der am
Parkthore von Gateshead vorüberkam und sie nach Lowood überführen sollte.
Als Bessie Jane ermuntern wollte, fand sie dieselbe bereits
fertig angekleidet und zum Aufbruch bereit. Bessie nötigte sie,
einige Löffel gewärmter Milch zu genießen und wickelte ihr einige
Stücke Zwieback ein, welche sie in Jane's Körbchen steckte; dann
forderte sie das bebende Mädchen auf, ihr nach dem Wagen zu
folgen. Als Beide an Mistreß Reed's Schlafzimmer vorüberschritten, fragte die Gouvernante:
Willst Du nicht hineingehen, Vane, und Mistreß Lebewohl
sagen?
Nein, Miß Bessie, antwortete Jane fest und entschlossen.
Als sie durch die Hausthür traten, war der Mond gerade
untergegangen, und es war sehr dunkel. Bessie trug eine Laterne,
deren Schein auf nasse Steine und auf den von dem eben eingetretenen Thauwetter aufgeweichten Kiesweg fiel. Es war ein rauher
und nasser Wintermorgen; Jane's Zähne schlugen bebend zusammen; in dem Häuschen des Portiers, der nach Mister Reed's
Tode angestellt war, brannte ein Licht und ein helles Feuer, an
dem sie sich wärmen konnte, da der Omnibus erst in einigen
Minuten eintraf; Jane's Koffer war schon am Abend zuvor hergeschafft worden.
Nachdem sich Jane etwas wieder erwärmt hatte, hörte sie
ein fernes Rollen von Rädern, das den herankommenden Wagen
verkündete, und schritt auf die Thüre zu, um die Lampen zu beobachten, die sich mit dem Wagen näherten.
Wird sie ganz allein reisen? fragte die Frau des Portiers.
Ja!
Und wie weit ist Lowood von hier entfernt?
Fünfzig Meilen!
Welch ein weiter Weg! Es wundert mich, daß Mistreß Reed
das schwache Mädchen allein, ohne irgend eine Begleitung so weit
reisen läßt. Sonderbar!
Plötzlich hielt der mit vier Pferden bespannte und von mehreren Passagieren besetzte Wagen. Schaffner und Kutscher trieben
laut zur Eile an; Jane's Koffer wurde aufgepackt; Bessie, an
deren Munde Jane mit heißen Küssen und unter Thränen hing,
trug die halb Bewußtlose in das Innere des Wagens und sprach
gutmütig: Tragen Sie ja auch recht Sorge für das Mädchen,
Herr Schaffner.
Ja, ja! war die Antwort; die Thüre des Wagens wurde zugeschlagen, eine kräftige Stimme rief: Alles richtig! und fort
ging's in die ferne unbekannte Welt hinein!
Jane wurde von ihrer Reise nur sehr wenig gewahr, sie war
aber auch nicht in der Stimmung auf ihre Umgebung und auf
die Gegend, durch welche sie kamen, viel zu achten. Der Weg
führte durch mehrere große Städte; in einer derselben hielt der
Wagen an, die Pferde wurden abgespannt und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu speisen. Jane wurde in das Gasthaus
vom Schaffner getragen und sollte ebenfalls am Mittagsessen teilnehmen, aber da sie nicht hungrig war, so brachte man sie in ein
anderes Zimmer, in welchem sie sich allein befand und ängstlich
auf und abging, da ihr Herz doch nicht ganz frei von Furcht war.
Nach einer Stunde holte sie der Schaffner wieder ab und packte
sie in den Wagen.
Der Nachmittag war naß und nebelig, aber jetzt bemerkte
Jane doch, daß sich die Gegend bedeutend veränderte: Große graue
Hügel erhoben sich rings am Horizonte, und als es zu dunkeln
begann, fuhren sie in ein Thal hinunter, und lange, nachdem die
Nacht schon die Aussicht ganz verborgen hielt, hörten die Insassen
des Wagens den Sturmwind über ihren Häuptern in den Bäumen rauschen. Durch dieses einförmige Rauschen war das sich
einsam und verlassen fühlende Mädchen eingeschlummert, bis das
plötzliche Stillstehen des Wagens und ein scharfer Luftzug sie aus
dem Schlummer emporschreckte. Die Wagenthür war offen; es
stand eine Person, die einer Dienerin dem Aussehen nach glich,
vor dem Wagen und fragte:
Ist hier ein kleines Mädchen, Namens Jane Eyre mit im
Wagen drin?
Ja! gab Jane zur Antwort! Hierauf wurde sie aus dem
Wagen gehoben, ihr Koffer wurde abgeladen und der Omnibus
entfernte sich sehr rasch.
Sie war steif und betäubt vom langen Sitzen, aber sie sammelte rasch ihre Gedanken und sah sich um: Regen und Dunkelheit erfüllten die Luft, dennoch aber erkannte sie eine Mauer, in
welcher sich eine offene Thür befand, durch welche Jane mit ihrer
Führerin schreiten mußte; nach wenigen Augenblicken gewahrte sie
ein oder mehrere Häuser- denn so breitete sich das vor ihr
stehende Gebäude aus- es hatte viele Fenster und in einigen
derselben brannte Licht. Der mit Kieseln bestreute nasse Weg
führte etwas aufwärts, bis sie durch eine Thür eingelassen wurde;
die Dienerin geleitete sie über einen langen Gang in ein Zimmer,
-
Jane wärmte sich ihre fast erfrorenen Finger an dem Feuer und
sah sich dann um. Es war kein Licht im Zimmer, aber der unsichere Schein des Kaminfeuers zeigte ihr doch mit Tapeten bedeckte Wände, einen Fußteppich, Vorhänge und Möbel von glänzendem Mahagoniholz; es war ein Sprechzimmer, nicht so geräumig und glänzend wie das Gesellschaftszimmer in Gateshead, aber
ganz bequem eingerichtet. Jane wollte eben eines der an den
Wänden hängenden Bilder betrachten, als sich die Thüre öffnete
und zwei weibliche Personen eintraten, deren erstere ein Licht trug.
Es war eine große Dame mit dunklem Haar, schwarzen Augen
und blasser hoher Stirn; ihre Gestalt war teilweise in ein großes
Halstuch eingehüllt, ihre Haltung eine gerade, ihre Gesichtszüge
trugen einen ernsten Ausdruck.
Das Kind ist noch sehr jung, sprach die Dame ruhig und
setzte das Licht auf einen Tisch; es ist jedenfalls besser, Miß Miller,
Sie bringen es bald zu Bett. Bist Du müde, Kind? fragte sie
Jane.
Ich bin etwas ermüdet, Miß, antwortete Jane.
Und hungrig ohne Zweifel, fuhr die Dame fort. Sorgen
Sie, daß das Mädchen etwas zu essen bekommt, ehe es zu Bette
geht. Ist dies das erste Mal, daß Du Deine Eltern verlassen
hast, um eine Schule zu besuchen? fragte sie teilnehmend weiter
und streichelte Jane die Wangen.
Ich habe schon lange keine Eltern mehr, Miß, gab Jane zur
Antwort; den Vater habe ich gar nicht gekannt, und auf die Mutter
kann ich mich auch nur noch dunkel besinnen.
-
habe ich an dem Unterrichte nicht mehr teilnehmen dürfen und
nur in der Küche mit arbeiten müssen.
Ich hoffe, Du wirst ein gutes und fleißiges Kind werden.
Gute Nacht, Kind.
Gute Nacht, Miß.
Die Dame ging und ließ Jane mit dem Miß Miller genannten Frauenzimmer allein; dieselbe war jünger, hatte ein rotes
und frischeres Gesicht, aber doch auch ein weit sorgenvolleres, kurz
sie sah aus, wie eine Person, die vielfache und verschiedene Verrichtungen zu besorgen hatte.
Folge mir, sprach sie halblaut zu Jane und führte dieselbe
von Gemach zu Gemach, von Gang zu Gang, durch ein unregelmäßiges Gebäude, bis sie sich von der öden Stille in diesem Teile
des Hauses dem Summen vieler Stimmen näherten und gleich
darauf in ein großes Zimmer mit tannenen Tischen, zwei an jedem
Ende, eintraten, auf welchen ein paar Lichter brannten und um
welche eine Schaar von Mädchen jeden Alters, zwischen neun bis
achtzehn Jahren herum saßen. Bei dem trüben Scheine der Talglichter erschien die Menge Mädchen eine sehr bedeutende zu sein,
obwohl es in der That nicht mehr als achtzig waren; ihr Anzug
war gleichförmig und bestand in Kleidern von braunem Zeuge mit
auffallendem Schnitt, um den Hals hatte jede ein wollenes Tuch
gelegt. Es war die Lernstunde und jede war beschäftigt, sich auf
ihre Lektionen für den folgenden Morgen vorzubereiten, wodurch
das gehörte Gesumme entstanden war. Miß Miller wies Jane
einen Platz in der Nähe der Thüre auf einer Bank an, ging dann
nach dem oberen Ende des großen Zimmers und rief: Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein und legt sie weg!
Vier große Mädchen standen von den verschiedenen Tischen
weg, sammelten schleunigst, aber fast geräuschlos die Bücher ein
und legten sie weg, wie befohlen worden war.
Miß Miller rief weiter: Aufseherinnen, holt das Abendessen
herein!
Dieselben vier Mädchen gingen hinaus, kehrten aber nach
einigen Augenblicken zurück, und jede trug einen Teller, auf dem
sich Portionen von dünnem Haferkuchen befanden; außerdem stand
in der Mitte jedes Tellers ein Wasserkrug und ein Becher. Die
Portionen wurden herumgereicht; Diejenigen, welche trinken wollten,
tranken von dem Wasser, wobei sie sich des Bechers gemeinschaftlich bedienten. Als Jane an die Reihe kam, trank sie auch von
dem Wasser, denn sie war sehr durstig, die Speise aber berührte
sie nicht, da ihre Aufregung und Ermüdung von der Reise das
Essen unmöglich machten.
Sobald die Mahlzeit vorüber war, las Mis; Miller Gebete
vor, dann marschierten die Klassen, je zwei und zwei Mädchen
nebeneinander, eine Treppe hinauf. Jane folgte mit Mis Miller,
beachtete aber vor Ermüdung beinahe gar nicht, was das Schlafzimmer für ein Gemach war. Für die erste Nacht mußte sie mit
Miß Miller in einem Bette schlafen, die ihr auch beim Auskleiden
behilflich war. Als sie jedoch im Bette lag, überblickte sie die
langen Reihen von Betten, in welchen je zwei Mädchen Platz
nehmen mußten; nach kurzer Zeit ward das einzige Licht ausgelöscht, und von Stille und Dunkelheit umgeben, schlief sie rasch
ein. Als sie ihre Augen wieder öffnete, ertönte eine laute Glocke;
die Mädchen waren sämtlich schon munter und kleideten sich an,
obwohl der Tag noch nicht einmal dämmerte; es war recht empfindlich kalt, aber sie erhob sich schnell, kleidete sich, vor Kälte
zitternd, an und wusch sich, sobald eine Waschschale frei war, was
nicht sobald geschah, da für je sechs Mädchen nur eine vorhanden
war, die auf einem Tische im mittleren Gange zwischen den Betten
stand. Wiederum ertönte die Glocke; die sämtlichen Mädchen
bildeten eine Doppelreihe, schritten in dieser Ordnung aus dem
Schlafsaale die Treppe hinunter und traten in das kalte, matterleuchtete Schulzimmer, woselbst Miß Miller wiederum Gebete vorlas und dann rief:
Bildet Klassen!
Jetzt erfolgte ein recht arger Tumult und Lärm, während
dessen Miß Miller, welche die Stelle einer Unterlehrerin versah,
wiederholt: Stille! Ruhe! Ordnung! rufen mußte. Als der Tumult
sich einigermaßen gelegt hatte, sah Jane alle Schülerinnen in einem
Halbkreise vor vier Stühlen aufgestellt, die an den vier Tischen
standen; alle hielten Bücher in den Händen, und ein großes Buch,
wie eine Bibel, lag auf jedem Tische vor dem leeren Stuhle; und
es trat nun sehr bald eine große und auffällige Ruhe ein. Nachdem wieder ein entferntes Glockenzeichen gegeben war, traten drei
Damen in das Unterrichtszimmer; jede ging nach einem Tische
und nahm ihren Sitz ein; Mis Miller erhielt den vierten Stuhl,
welcher der Thüre am nächsten stand und um welchen sich die
kleinsten Kinder versammelt hatten; zu dieser Klasse wurde Jane
gewiesen und auf den untersten Plat gestellt.
Hierauf begann der Unterricht; zunächst wurde das Tagesgebet gesprochen, dann verschiedene Sprüche hergesagt und darauf
Kapitel aus der Bibel vorgelesen, womit wohl eine Stunde verging. Als diese Übung beendet war, schien der helle Tag durch
die Fenster. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum vierten
Male, die Klassen wurden wieder geordnet und marschierten in ein
anderes Zimmer zum Frühstück. Jane war fast krank vor Erschöpfung, da sie während des vorhergehenden ganzen Tages keinen
Bissen gegessen hatte. Das Speisegemach war groß, niedrig
und düster; auf zwei Tischen dampften große Schüsseln, in denen
sich eine heiße Speise befand, die aber einen durchaus zum Essen
nicht einladenden Geruch verbreitete, und die vornstehenden größeren
Mädchen riefen laut und empört aus: Abscheulich! Die Suppe
ist ja schon wieder einmal angebrannt.
Still! rief eine von den Oberlehrerinnen, eine kleine schwarze
und zierliche Person, aber von mürrischem Ausdruck, und setzte sich
an das obere Ende des einen Tisches, während eine voller aussehende Dame am entgegengesetzten Ende Plat nahm. Miß; Miller
saß am unteren Ende des anderen Tisches und ihr gegenüber eine
fremdartig aussehende Dame, die französische Lehrerin, wie Jane
später erfuhr. Nachdem ein langes Tischgebet gesprochen und
ein geistliches Lied gesungen war, brachte eine Dienerin Thee für
die Lehrerinnen herein und das Frühmahl begann. Da Jane
sehr hungrig war, so verzehrte sie begierig einige Löffel voll von
ihrer Portion, ohne an den Geschmack derselben zu denken, als
aber der erste Hunger vorüber war, bemerkte sie, daß die Suppe
wirklich angebrannt war und ganz abscheulich schmeckte. Ihr Löffel
bewegte sich jetzt eben so langsam, wie die der übrigen Mädchen,
welche die Speise kosteten und hinunterzuschlucken versuchten, doch
die meisten gaben das Bemühen bald auf. Das Frühstück war
vorüber und keine hatte gefrühstückt. Nachdem noch ein Dankgebet gesprochen und ein zweites Lied gesungen war, marschierten
die Mädchen wieder nach dem Schulzimmer. Jane war eine der
Letzten, die hinausging, und sah, als sie an den Tischen vorüberkam, wie eine der Lehrerinnen einen Teller mit Suppe nahm und
kostete, unter dem Ausrufe: Abscheuliches Zeug!
Eine Viertelstunde verging, ehe der Unterricht wieder begann,
und während deren das Lärmen wieder begann. Die Unterhaltung
drehte sich allein um das Frühstück, das Alle laut tadelten und
zu Miß Miller, welche jetzt allein anwesend war, mit ernsten und
finsteren Mienen sprachen, wobei mehrmals der Name Blackhurst
zu hören war. Miß Miller schüttelte unmutig mit dem Kopfe,
schwieg aber hartnäckig, und nur als die Uhr im Schulzimmer
neun Uhr schlug, trat sie in dieMitte des Zimmers und rief: Alle
an Eure früheren Plätze!
In wenigen Augenblicken herrschte vollkommene Ordnung im
Schulzimmer. Die Lehrerinnen nahmen ihre Plätze wieder ein,
aber noch schienen Alle auf etwas zu warten. Auf den Bänken
an den Seiten des Zimmers saßen die sämtlichen Mädchen aufrecht und bewegungslos; eine seltsame Versammlung war es: Alle
hatten ihr Haar aus dem Gesicht gekämmt, so daß keine Locke
sichtbar war; Alle trugen braune Kleider, die hoch hinaufreichten
K?
und von einem schmalen Halsstreifen umgeben waren; vorn hatten
sie kleine Taschen von Leinwand angebunden, die zur Aufbewahrung
ihrer Handarbeiten dienten; Alle trugen wollene Strümpfe und
starke Schuhe, die mit messingenen Schnallen befestiget waren. Plötzlich erhoben sich Alle, wie von einer Sprungfeder emporgeschnellt.
Kein Befehl war gegeben, kein Glockenzeichen erfolgt, aber
wie sich die Augen aller Mädchen nach der Thüre richteten, so
folgten auch Jane's Blicke und sie trafen auf die Gestalt der
Dame, welche sie am gestrigen Abende empfangen hatte. Sie
stand am Ende des langen Zimmers am Kamin und überschaute
schweigend und ernst die ganze Schule. Mis; Miller näherte sich
ihr, schien ihr eine Frage vorzulegen und kehrte, als sie eine Antwort erhalten, auf ihren Platz zurück und sagte: Aufseherin der
ersten Klasse, hole den Globus!
Die Dame trat näher, es war- wie Jane später erfuhr
- Miß Temple, die Direktorin der Lowood-Stiftung - nahm
ihren Platz vor dem Globus ein, der auf einen der Tische gestellt
wurde, versammelte die erste Klasse um sich und begann eine Unterrichtsstunde in der Geographie, während die anderen Lehrerinnen
Geschichte und Sprachlehre lehrten. Nach einer Stunde, denn
Alles gi: g hier pünktlich, folgte hier Rechnen und Schreiben, Miß
Temple aber unterwies ihre Schülerinnen in den Anfangsgründen
der Musik. Als endlich die Glocke zwölf Uhr schlug, erhob sich
die Direktorin und sprach mit vernehmlicher Stimme:
Ich habe noch ein Wort an Euch Alle zu richten: Ihr habt
am heutigen Morgen ein Frühstück erhalten, welches Ihr nicht
habt essen können, Ihr müßt also noch hungrig sein. Ich habe
befohlen, daß an jede von Euch ein Stück Brot und Käse ausgeteilt werde. Es geschieht auf meine Verantwortung, fügte sie
hinzu, als die übrigen Lehrerinnen sie erstaunt ansahen, und verließ nach wenigen Augenblicken still, wie sie gekommen, das Zimmer
wieder.
Brot und Käse wurden gleich hereingebracht und zur großen Beruhigung für Jane, an welcher der Hunger bereits hart zu nagen
begonnen, wie zum Entzücken der übrigen Mädchen, verteilt. Dann
erfolgte das Kommandowort: In den Garten! Jede setzte einen
groben Strohhut mit farbigen Bändern auf und legte einen Mantel
von grauem Wollzeug an. Jane wurde in ähnlicher Weise ausstaffiert und folgte dem Strome unwillkürlich nach dem Garten.
Der Garten war ein weiter Raum von so hohen Mauern
umgeben, daß man von der äußeren Umgebung desselben nichts
gewahren konnte; ein bedeckter Gang zog sich an der einen Seite
hin und breite Wege begrenzten einen mittleren Raum, der in
viele Beete eingeteilt war, die jetzt freilich öde und traurig aussahen. Jane empfand einen heftigen Schauer, als sie so dastand
und sich umsah; es war ungünstiges Wetter zum Aufenthalt im
Freien, es regnete zwar nicht, aber es war dunkel von einem feuchten gelben Nebel und der Boden noch naß von dem gestrigen
Regen. Die stärkeren Mädchen liefen umher und begannen Spiele,
aber mehrere blasse und schwächliche Kinder drängten sich zusammen,
um Obdach und Wärme unter dem bedeckten Gange zu suchen;
ein öfterer hohler Husten wurde unter diesen vernehmlich.
Noch hatte Jane mit keinem Mädchen gesprochen, und noch
war sie anscheinend von keinem näher beachtet worden; sie stand
einsam da, aber an das Gefühl des Verlassenseins von Gateshead
her gewöhnt, drückte sie dies nicht darnieder. Sie lehnte sich an
einen Pfeiler des bedeckten Ganges, zog ihren Mantel fest um sich,
sah sich aufmerksam in dem klösterlichen Garten um und betrachtete sich das Haus, in dem sie jetzt wohnte. Es war ein großes
Gebäude, dessen eine Hälfte alt und grau war, während die andere
vollständig neu erschien. Der neue Teil enthielt das Schul- und
Schlafzimmer und hatte vergitterte hohe Fenster, welche demselben
ein kirchenartiges Aussehen gaben; eine steinerne Tafel über der
Thüre enthielt folgende Inschrift:
,Die Lowood-Stiftung. Dieser Teil wurde im Jahre des
Herrn - von Naomi Blackhurst von Blackhurst -Hall erbaut.
Lasset Euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie Eure guten
Werke sehen und den Vater im Himmel preisen. Matth. 16.’
Jane las diese Worte wiederholt und merkte, daß sie eine Erklärung bedürfte, um diese Inschrift vollständig zu verstehen. Sie
dachte noch über die Bedeutung des Wortes,Stiftung' nach, als
sie hinter sich einen hohlen Husten vernahm und beim Umschauen
ein lesendes Mädchen erblickte. Die Begierde, das Buch kennen
zu lernen und dessen Überlassung für später zu bitten, trieb Jane
an, sich dem Mädchen zu nähern und die Fragen an dasselbe
zu richten:
Ist das Buch unterhaltend und belehrend?
Es gefällt mir, lautete die Antwort, nachdem die Fragerin
einige Minuten lang aus einem dunkeln, aber matten Augenpaar
betrachtet worden war.
Wovon handelt es? fragte Jane dreister gemacht und das
Bedürfnis fühlend, sich an irgend eine menschliche Seele anschließen
zu können.
Du kannst es ansehen, versetzte das Mädchen und reichte
Jane das Buch hin.
Ich will es Dir nicht entziehen, behalte es nur. Kannst
Du mir aber sagen, was die Inschrift auf jener Thüre bedeutet,
so würde ich Dir dankbar sein. Was ist die Lowood-Stiftung?
Das Haus, in welchem Du Dich gegenwärtig befindest.
Und warum nennt man dasselbe eine Stiftung? Ist es denn
auf irgend eine Art und Weise von anderen Schulen verschieden?
Es ist eine halbe Freischule. Du und ich und alle die
Übrigen werden hier umsonst unterrichtet und unterhalten. Ich
vermute, Du bist eine Waise. Deine Mutter oder Dein Vater
ist tot?
Sie starben alle Beide, ehe ich sie ordentlich kennen lernte.
Alle Mädchen hier haben entweder Eins von ihren Eltern
oder alle Beide verloren, und dies ist eine Stiftung zur Erziehung
von Waisen.
Zahlen wir denn gar kein Geld und unterhält man uns denn
ganz umsonst?
Wir, oder vielmehr unsere Verwandten, zahlen fünfzehn Pfund
jährlich für jedes Kind.
-
nicht ausreichend sind für Kostgeld und Unterricht und das Fehlende
durch milde Beiträge ersetzt wird.
Und wer giebt denn milde Beiträge für uns?
Verschiedene wohlwollende Herren und Damen in dieser Gegend und in London.
Wer war Naomi Blackhurst?
Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses erbaute, wie
auf jener Tafel zu lesen ist, und deren Sohn hier Alles beaufsichtigt und leitet, weil er die Stelle des Schatzmeisters und Direktors
zugleich bei dieser Stiftung versieht.
So gehört dieses Haus also nicht jener gütigen Dame, Mc
eine Uhr trägt und welche uns vor kurzer Zeit Brot und Käse
reichen ließ, weil die Suppe verbrannt war?
Der Miß Temple? Ich wollte, es gehörte ihr; sie ist nur
die Oberleiterin und muß Herrn Blackhurst von Allem Rechenschaft
ablegen, was sie thut. Herr Blackhurst kauft alle unsere Lebensmittel und auch unsere Kleider persönlich ein.
-
Herrenhause.
Ist er ein guter Mann.
Er ist ein Geistlicher, und man sagt, er thue den Armen
sehr vieles Gute.
Die große Dame heißt Miß Temple. Wie nennen sich die
anderen Lehrerinnen?
Miß Smith führt die Aufsicht bei den Handarbeiten und
schneidet zu, denn wir müssen uns unsere Kleider, unsere Röcke,
unsere Mäntel und Alles selbst machen. Miß Scatcherd unterrichtet in Geschichte und Sprachlehre und hat zu überhören, was
die zweite Klasse auswendig lernt, und Madame Pierot ist aus
Frankreich und erteilt in ihrer Muttersprache Unterricht in unserer
Stiftung.
Aber Miß Temple ist jedenfalls die beste von allen unseren
Lehrerinnen?
Miß Temple ist sehr gut und besitzt außerordentlich viel Kenntnisse; sie gilt viel mehr als die anderen, besonders weil sie viel
mehr weiß, als jene alle zusammen.
Bist Du schon lange hier?
Seit zwei Jahren!
Bist Du auch eine Waise?
Meine Mutter ist gestorben.
Fühlst Du Dich glücklich in Lowood?
Du richtest aber auch zu viel Anfragen an mich; ich habe
Dir für heute genug Antworten gegeben. Morgen kannst Du
weiter fragen, ich will nun wieder lesen.
Als sich das Mädchen, das Jane so viele Antworten gegeben,
ohne unfreundlich zu werden, wieder zu seinem Buche wenden
wollte, ertönte die Aufforderung zum Mittagessen, und Alle traten
wieder in das Haus ein. Der Geruch, der jetzt dem Mädchen in
die Nase drang, war nicht so unangenehm, wie der von der verbrannten Suppe; das Mittagessen ward in zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen und bestand aus Kartoffeln und
Schnitten von verschiedenen Fleischarten, die untereinander gemischt
und zusammengekocht waren. Aus diesen Schüsseln erhielt jedes
Mädchen einen ziemlich reichlichen Teller voll. Jane, wie alle
übrigen, aß tüchtig und fragte sich im Stillen, ob ihre Speisen wohl
immer dieselben oder wenigstens ähnliche sein würden. Nach
dem Mittagessen begaben sich die Schülerinnen sämtlich wieder
in das Unterrichtszimmer, und die Lehrstunden begannen von
Neuem in ganz gleichförmiger Weise. Das einzige bemerkenswerte
Ereignis während des Nachmittags war, daß das Mädchen, mit
welchem Jane im Garten gesprochen hatte, von Miß Scatcherd in
Unwillen aus der Geschichtsklasse entlassen wurde und in der Mitte
der großen Schulstube stehen mußte. Diese Strafe erschien Jane
im höchsten Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen,
das wenigstens 1B Jahr alt war, und Jane glaubte, sie würde
sich sehr betrüben oder Scham zu erkennen geben, aber zu ihrer
Überraschung weinte sie weder, noch errötete sie, sondern stand
ruhig und gefaßt da, während die Blicke aller Übrigen unaufhörlich nach ihr hinflogen.
Bald nach fünf Uhr Nachmittags bekamen die Zöglinge noch
eine Mahlzeit, die aus einem Becher mit Kaffee und aus einem
Schnitte gerösteten Brotes bestand, worauf ungefähr eine halbe
Stunde der Erholung folgte, dann wieder gelernt, weiter ein Glas
Wasser getrunken und ein Stück Haferkuchen verzehrt wurde -
dann ging es zu Bett. Dies waren Jane's Erlebnisse an dem
ersten Tage ihres Aufenthalts in Lowood.
Siebentes Kapitel.
Der nächste Tag begann wie der erste. Bei düsterem Lichte
wurde aufgestanden und sich angekleidet, aber das Waschen mußte
unterlassen werden, da das Wasser in den Krügen eingefroren
war. Jane glaubte vor Kälte umkommen zu müssen während der
Stunden des Gebets und des Bibellesens, bis sie durch die heiße
Suppe, welche sie zum Frühstück erhielt und welche diesmal nicht
verbrannt, sondern recht schmackhaft war, sich allmählich etwas erwärmen konnte. Leider aber waren die Portionen für den Hunger
zu klein.
Im Laufe des Tages wurde Jane in die vierte Klasse als
Schülerin eingestellt und nahm Teil an allen vorkommenden Aufgaben und Arbeiten. An das Auswendiglernen noch gar nicht
gewöhnt, kam es ihr äußerst schwer an, mit den übrigen Schülerinnen Schritt zu halten, zumal sie der Übergang von einem Unterrichtsgegenstande zum anderen etwas verwirrte. Endlich ging
es zum Nähen über; hier wußte sie sich schon besser zu helfen, da
sie der Köchin in Gateshead zuweilen beim Flicken und Nähen hatte
behilflich sein dürfen.
Alle Mädchen mußten nähen, nur Miß Scatcherd's Klasse
hatte Unterricht in der englischen Geschichte und ließ wiederum an
Jane's Bekannte ihren Unwillen aus. Anfänglich die Erste in
ihrer Klasse mußte sie einer Unaufmerksamkeit wegen den letzten
Platz einnehmen. Obwohl Jane eifrig nähte, folgte sie doch mit
Teilnahme diesem Vorgange und bemerkte zu ihrem tiefen Leidwesen, daß die Lehrerin sie fortwährend im Auge hatte und stets
an ihr etwas zu tadeln oder in scharfen Ausdrücken auszusetzen
hatte.
Snider! rief Miß Scatcherd, wie stehst Du da! Willst Du
die Füße ordentlich nach auswärts setzen! Snider richte den Kopf
gerade! Snider sieh nicht wo anders hin, sieh auf mich und spiele
nicht mit den Händen an Deinen Kleidern herum!
Nachdem Miß Scatcherd ihre Lektion, welche die Regierungszeit Karl's 1 von England behandelte, nochmals durchsprochen
hatte, richtete sie darauf eine ganze Reihe von ununterbrochenen
Fragen an das Snider genannte Mädchen, welches zu Jane's Erstaunen keine einzige unbeantwortet ließ, aber trotzdem der Lehrerin
Unzufriedenheit nicht beschwichtigen konnte, denn in völlig heftiger
Weise fuhr sie los: Du schmutziges unordentliches Mädchen, Du
hast an diesem Morgen weder Deine Nägel noch Deine Finger
gereinigt!
Das Mädchen schwieg und sagte zu ihrer Entschuldigung nicht
einmal, daß das Wasser zum Waschen gefroren war und daß auch
keine der Übrigen sich hatte waschen können.
Hole die Ruthe her, Snider! befahl ihr Miß Scatcherd mit
zornbebender Stimme.
Die Snider ging durch eine Nebenthür, kehrte bald darauf
mit einem Bündel Ruten zurück und überreichte dieselben ihrer
Peinigerin mit einer unterwürfigen Verbeugung.
Entblöße Deine Schultern, gebot die Lehrerin weiter.
Das Mädchen band ihr wollenes Tuch gelassen ab und bot
ihren nackten Nacken der Hand der Lehrerin dar, welche ihr Schlag
auf Schlag, ein Dutzend Rutenhiebe wenigstens erteilte. Jane
hörte unwillkürlich zu nähen auf und zitterte vor innerer Empörung
über diese laut schreiende Ungerechtigkeit und Willkür, - aber
Snider verzog keine Miene, vergoß nicht eine einzige Thräne, ja
sie zuckte mit keiner Wimper.
Halsstarriges, verworfenes Mädchen, schalt Miß Scatcherd,
willst Du denn Deine üblen Angewohnheiten niemals ablegen.
Trage augenblicklich die Ruten wieder hinweg.
Snider gehorchte stumm und widerstandslos; Jane beobachtete
sie ziemlich genau, als jene in das Unterrichtszimmer zurückkehrte
und bemerkte, wie sie gerade ihr Taschentuch wieder verbarg, mit
welchem sie die Thränen abgetrocknet hatte, deren Spuren noch auf
ihren Wangen schimmerten. Jane ward sehr weh um ihr junges
Herz, da sie dasjenige Mädchen, mit dem sie die erste Bekanntschaft hier angeknüpft hatte, so hartes Unrecht ertragen sah, und
als die Spielstunde am Abend herannahte, wo die Zimmer wärmer und traulicher, als zu der übrigen Tageszeit waren, suchte sie
sich der Snider wieder zu nähern, welche an einem der Kamine
still saß und sich wieder in die Lektüre ihres Buches vom vergangenen Tage ziemlich vertieft hatte.
Bist Du mit Deinem Buche bald zu Ende? fragte Jane an
sie herantretend.
Ja, ich bin gleich zu Ende, lautete die Antwort. Hier ist es,
wenn Du es vielleicht lesen willst.
Nein, ich danke, sprach Jane. Willst Du mir aber vielleicht
sagen, wie Du außer Snider noch weiter gerufen wirst? Ich
möchte es gern erfahren. Snider klingt nicht sehr schön.
Ich ward Helene getauft und von meinen Eltern auch so genannt.
Bist Du in der Nähe der Lowood-Stiftung geboren?
Nein, ich komme hoch aus dem Norden, mein Geburtsort
liegt nahe der schottischen Grenze.
Wirst Du jemals nach Deiner Heimat oder zu Deinen Verwandten zurückkehren können?
Ich denke und hoffe, aber im Voraus kann Niemand seine
Zukunft sicher bestimmen.
Möchtest Du die Lowood-Stiftung nicht lieber verlassen, als
hier zurückbleiben.
Warum sollte ich diesen Wunsch hegen? Meiner Erziehung
wegen wurde ich hierher geschickt, und es würde daher nicht wohl
geraten sein, diese Stiftung eher zu verlassen, bevor ich meinen
eigentlichen Zweck hier erreicht hätte und ausgebildet wäre.
Aber Deine Lehrerin Miß Scatcherd ist ja so unbarmherzig
gegen Dich?
Unbarmherzig? O nein! Sie ist nur strenge und bestraft
meine Fehler, ich kann darin keine Unbarmherzigkeit erblicken -
sie thut es ja doch zu meinem Besten.
Jede andere an Deiner Stelle, Helene, würde sich ihr widersetzen und sich nicht schlagen lassen.
Das würde keine andere wagen. Und sollte es sich wirklich
eine unterfangen, so würde sie von Herrn Blackhurst aus der
Schule entlassen und zu ihren Verwandten zurückgeschickt werden.
Ehe das ein Mädchen geschehen läßt, so läßt es sich lieber hart
und streng behandeln.
Ist Miß Temple z. B. eben so streng gegen Dich, wie diese
häßliche Miß Scatcherd?
Als Helene Miß Temple's Namen hörte, glitt ein leises
Lächeln über ihr blasses Antlitz. Miß Temple, sprach sie sanft,
ist die Güte selbst; es fällt ihr schwer, Jemandem ein böses Wort
zu sagen, ja selbst die ungezogensten Schülerinnen behandelt sie noch
mit großer Sanftmut. Ohne Vorwürfe macht sie mich auf meine
Fehler aufmerksam, und wenn ich recht folgsam gewesen bin, so
erteilt sie mir freiwillig reichliches Lob. Aber sprechen wir nicht
mehr von diesem Gegenstande. Sage mir lieber, wie Du heißest,
woher Du kommst und welches Deine bisherigen Lebensschicksale
waren.
Jane erzählte ihr, was sie aus ihrem Leben wußte, und als
die Spielstunde ihrem Ende nahte, hatten die beiden Mädchen,
obwohl sie im Alter nicht vollständig gleich waren, ein inniges
Freundschaftsband geschlossen, ohne daß sie solches vor den übrigen
Mädchen zu deutlich zur Schau treten ließen. Jane ging seit
langer Zeit an jenem Abende zum ersten Male wieder zufrieden
und beruhigt zu Bette - hatte sie doch nun wieder eine teilnehmende Seele.
Drei Wochen waren nach Jane's Eintritt in die Lowood-Stiftung in gleichmäßigem Verlaufe verstrichen, einförmig und
traurig, mit nur wenigen Unterbrechungen und gar keiner freudigen
Abwechselung gingen die Tage vorüber, aber Jane gewöhnte sich
allmählich an das Auswendiglernen, das ihr anfänglich viel
Schwierigkeiten gemacht hatte, sie ward fleißig, aufmerksam, strebsam und hatte bereits Miß Temple's Aufmerksamkeit auf sich
gezogen - das Lernen bereitete ihr Freude, ja manchmal recht große
Freude. Eines Nachmittags saß sie zu dieser Zeit mit ihrer
Schiefertafel in der Hand und beschäftigte sich mit einem verwickelten Rechnungsexempel. Zufällig richtete sie den Blick zum
Fenster empor und gewahrte eine vorübergehende Gestalt, aus
deren seltsamen Umrissen sie sofort Mister Blackhurst erkannte,
obwohl sie denselben in Gateshead nur in höchster Aufregung und
auch nur auf wenige Augenblicke gesehen hatte. Wäre sie noch
eine Sekunde lang über diese Gestalt im Zweifel gewesen, so hätte
ihr der Anblick der ganzen Schule mit Einschluß der Lehrerinnen
bei ihrem Eintritt in das Zimmer volle Gewißheit verschafft.
Sämtliche Schülerinnen hatten sich ehrerbietig erhoben, als sich
die Thüre öffnete; ein fast unhörbarer Schritt durchmaß das Schulzimmer und Blackhurst stand neben Miß Temple.
Jane hatte genügende Veranlassung, über Blackhurst's Erscheinen nach ihrem Eintritt in die Stiftung zu erschrecken, denn
nur zu gut gedachte sie der bösen Schilderung, welche Mistreß
Reed ihm über ihren Charakter gegeben hatte. Jetzt war der Augenblick erschienen, wo Mister Blackhurst sie vor den Lehrerinnen und
Schülerinnen als ein böses heuchlerisches und undankbares Kind
-
sprach leise mit Miß Temple, und Jane glaubte, daß er dieser guten
Dame ein ganz schlechtes Bild von ihr entwerfen würde; aber
hierin irrte sie.
Der Zwirn, Miß Temple, den ich gekauft habe, muß zu den
Hemden passen und wird gut sein, da ich auch die Nadeln danach
ausgewählt habe. Jede Schülerin erhält nur eine Nähnadel; hat
eine deren zwei, so wird sie unachtsam und verliert leicht eine.
Als ich das letzte Mal in Lowood war, sah ich die Kleidungsstücke
nach, die im Garten auf den Leinen zum Trocknen hingen; ich
habe unter denselben namentlich viele Strümpfe in sehr schlechtem
Zustande gefunden, und besonders aus der Größe der Löcher, welche
in den Fersen waren, sah ich, daß sie nicht gehörig von Zeit zu
Zeit ausgebessert werden.
Ihre Anordnungen, Herr Blackhurst, sollen pünktlich befolgt
werden, antwortete Miß Temple in leisem und überaus bescheidenem Tone. Ich werde selbst nachsehen.
Gut, Miß Temple, fuhr Blackhurst fort. Auch sagt mir die
Wäscherin, daß einige von den Mädchen wöchentlich zwei Halsstreifen bekommen - die Regel gestattet nur einen einzigen.
Diese Ausnahme, erwiderte Miß Temple, dürfte wohl Entschuldigung finden. Die Geschwister Johnstone waren am vergangenen Donnerstag zu ihren Verwandten zum Thee in Lowton
eingeladen, und so erteilte ich ihnen die Erlaubnis, bei dieser Gelegenheit reine Halsstreifen anlegen zu dürfen; es hätte sich wohl
schwerlich hier umgehen lassen.
Nun einmal mag es hingehen, erwiderte Blackhurst, aber ich
muß Sie dringend bitten, solche Ausnahmen nicht zu oft vorkommen zu lassen.- Aber noch einen Punkt muß ich erwähnen.
Die Berechnung der Haushälterin weist nach, daß den Schülerinnen
in den letzten drei Wochen zweimal Brot und Käse gegeben worden ist. Wie erklären Sie das, Miß Temple? Ich vergleiche die
Stiftungsordnung und entdecke an keiner Stelle die Lieferung
von Brot und Käse! Auf wessen Veranlassung geschah eine solche
Willkürlichkeit.
Die Verantwortung habe ich für diesen Umstand zu übernehmen, antwortete Miß Temple; das Frühstück war so unverantwortlich nachlässig verbrannt, daß die Mädchen es nicht verzehren
konnten, und die Kinder bis zum Mittagsmahl hungern zu lassen,
dafür glaubte ich eine Verantwortlichkeit nicht übernehmen zu können. Es blieb mir daher kein Ausweg, als
Bitte um Entschuldigung, Miß Temple, versetzte Blackhurst
eifrig, wenn ich Sie unterbreche, aber Sie wissen, daß meine Absicht bei Erziehung dieser Mädchen nicht ist, sie zu Wohlleben und
Schwelgerei zu gewöhnen, sondern sie selbstverleugnend und ergeben
in ihr Geschick zu machen, sie abzuhärten. Sollte ja einmal der
Fall eintreten, daß eine Speise angebrannt, zu schwach oder zu stark
gesalzen wäre, so gibt man nichts Besseres an deren Stelle und
verschafft dem Leibe größere Behaglichkeit, sondern man denkt an
die geistige Stärkung der Schülerinnen, indem man sie ermutigt,
Selbstbeherrschung zu üben und Entsagung zu lernen, denn unser
Erlöser sagt schon: Selig seid Ihr, wenn Ihr hungert und dürstet
um meinetwillen.
Mister Blackhurst wollte in seiner Rede noch weiter fortfahren,
aber er wurde plötzlich unterbrochen, denn drei Damen traten ins
Zimmer und erklärten rund heraus, die Lowood-Stiftung besichtigen zu wollen. Blackhurst schwieg und wies die Damen an Miß
Temple, welche dieselben mit tiefen Verbeugungen als Mistreß
und Misses Blackhurst empfing und sie nach dem Ehrensitte am
oberen Ende des Zimmers führte; es waren Blackhurst's Frau
und Töchter, die mit diesem zugleich angekommen waren und, ehe
sie in die Schulstube eintraten, die Wäsche und die Schlafzimmer
einer genauen Besichtigung unterworfen hatten.
Jane hatte bisher der Unterredung Blackhurst's mit Miß
Temple alle Aufmerksamkeit zugewendet und dabei ihre Schiefertafel krampfhaft in der Hand festgehalten, aber beim Erheben von
ihrem Plate ward sie durch eine Mitschülerin heftig an den Arm
gestoßen, daß sie die Tafel plötzlich fallen ließ und sie in zwei
zerbrochenen Hälften vor sich liegen sah. Zum Tode erschrocken,
bückte sich Jane und hob die beiden Stücken so schnell als möglich auf.
Ein recht unachtsames Mädchen! sprach Blackhurst scharf-
es ist die neue Schülerin- ich konnte es mir denken. Ich muß
Allen hier über dieses Mädchen einige Eröffnungen machen. Miß
Temple, lassen Sie das Mädchen, das die Tafel zerbrochen hat,
hier vortreten.
Jane war für den Augenblick wie gelähmt - sie vermochte
nicht allein vorzuschreiten, aber die Nebensitzenden erfaßten sie und
schoben sie auf Blackhurst zu, während Miß Temple die Wankende
an der Hand faßte und ihr leise zuflüsterte: Fürchte Dich nicht,
Jane, Du wirst nicht bestraft werden - ich habe es selbst gesehen,
daß Deine Mitschülerin die Schuld trägt.
Bringt jenen Stuhl herbei, sprach Blackhurst weiter, indem
er auf einen hohen Stuhl zeigte, auf dem sonst eine der Aufseherinnen
saß und auf welchen jetzt Jane aufrecht hingestellt wurde. Meine
Damen, wandte er sich an seine Angehörigen, Miß Temple,
Lehrerinnen, Schülerinnen, sehen Sie sich dieses Mädchen recht
genau an; sie hat die Gestalt eines Kindes aber den Charakter
eines Teufels; sie ist schon jung dem Satan in die Klauen geraten! Meine lieben Kinder, es ist meine Pflicht, Euch vor diesem Mädchen zu warnen. Ihr müßt Euch vor ihr hüten, ihr
Beispiel scheuen, ja, wenn es nötig sein sollte, ihren Umgang vermeiden, sie von Euren Gesprächen und Spielen ausschließen. Die
Lehrerinnen müssen ihr Betragen überwachen, ihre Bewegungen
beobachten, ihre Worte und Handlungen prüfen, ihren Leib bestrafen, damit womöglich ihre Seele noch gerettet wird. Dieses
Mädchen ist, meine Zunge sträubt sich, es auszusprechen, trotz
ihrer zarten Jugend, doch schon- eine Lügnerin,
Blackhurst's Angehörige flüsterten: Entsetzlich! Welche Verdorbenheit!
Dies hat mir ihre Wohlthäterin, eine fromme christliche Dame,
die sich der armen Verwaisten annahm und sie mit ihren eigenen
Kindern erziehen ließ, selbst mitgeteilt, fuhr Blackhurst fort. Aber
dieses unselige Geschöpf vergalt ihrer Tante durch so entsetzliche
Undankbarkeit, daß sie sich gezwungen sah, ihre Kinder von diesem
Mädchen fernzuhalten, damit das verderbliche Beispiel ihre Herzen
nicht verunreinigen sollte. Bei uns, in unserer gottgesegneten
Stiftung soll das Werk der Strafe und Besserung vollzogen werden.
Lehrerinnen und Vorsteherinnen, unterstützen Sie sich gegenseitig
in dem Bestreben, dieses verirrte Schäflein auf den richtigen Weg
und zu unserer frommen und gottergebenen Herde zurückzugeleiten.
Miß Temple, lassen Sie das Geschöpf noch eine halbe Stunde
auf dem Stuhle stehen und während des ganzen übrigen Tages
niemand mit ihr sprechen oder sonst in Berührung kommen.
Nach diesen Worten, welche Jane wie ebenso viele spite Dolche
in das Herz drangen, verließ Blackhurst mit seiner Familie das
Unterrichtszimmer, während die übrigen Versammelten zurückblieben. Anfänglich glaubte Jane die ihr widerfahrene Beschimpfung
nicht ertragen zu können; sie glaubte vom Stuhle sinken zu müssen
und in wehmütige Klagen ausbrechen zu sollen; aber als die übrigen Mädchen aufgestanden waren, an ihr vorüberschritten und die
Augen zu ihr nicht emporzuheben wagten, da besiegte sie ihre Neigung
zur Trauer und Klage und stellte sich im Gefühl des ihr widerfahrenen Unrechts fest auf den Stuhl hin und harrte, ohne eine
Miene zu verziehen, auf das herannahende Ende ihrer Strafe.
Ehe die halbe Strafstunde vorüber war, schlug die Uhr fünf, die
Mädchen wurden entlassen und gingen in das Speisezimmer zum
Thee.
Einige Zeit darauf, es war beinahe dunkel in dem Schulzimmer geworden, wagte Jane vom Stuhle herunterzusteigen, sich
in einen Winkel zurückzuziehen und sich auf den Fußboden niederzusetzen. Jetzt war ihre Kraft gebrochen und sie ließ, verlassen
von Allen auf der Welt, ihren Thränen ungehemmten Lauf. Sie
hatte sich gelobt, in Lowood gut und fleißig sein zu wollen,s sich
Freundinnen und Zuneigung erwerben zu wollen; schon hatte sie
sichtbare Fortschritte gemacht, sie war am Morgen des heutigen
Tages die Erste in ihrer Klasse geworden, Miß Miller hatte sie
öffentlich belobt und Miß Temple ihr versprochen, sie im Zeichnen,
Malen und Französischen zu unterrichten, wenn sie noch eine
Zeitlang so fleißig fortfahren würde - und nun diesen Gegensatz- dieses entsetzliche Schicksal!
Sie hätte sterben mögen vor Kummer und Schmerz, und
während sie noch in tiefster Zerknirschung vor sich hinbrütete, vernahm sie plötzlich Schritte- sie fuhr empor und vor ihr stand
die blasse Helene Snider, die ihr etwas Thee und Brot überreichen wollte.
Komm und iß ein wenig, Jane, sagte Helene ruhig.
Ich kann nicht, mir ist die Kehle zugeschnürt, antwortete Jane,
und weinte heftig fort.
Beruhige Dich zunächst, fuhr Helene fort, und sammle Deine
Gedanken; dann wollen wir gemeinschaftlich über die Dir widerfahrene unwürdige Behandlung sprechen.
Wie kannst Du bei einem Mädchen bleiben, Helene, welches
Jedermann für eine Lügnerin hält und das alle seine Mitschülerinnen wie die Sünde verachten müssen?
Du täuschest Dich, Jane, wahrscheinlich verachtet Dich keine
in der ganzen Schule, ja ich bin fest überzeugt, daß Dich die
Meisten aufrichtig bemitleiden werden.
Wie können sie nach solchen Beschimpfungen noch Mitleid
mit mir empfinden?
Herr Blackhurst ist in der Stiftung gar nicht beliebt, und
so ist es recht; er hat Dich mit Härte und Verachtung bestraft,
und hierdurch sind Dir mehr Freundinnen erwachsen, als wenn
er Dich liebevoll behandelt hätte. Die Lehrerinnen und Schülerinnen
werden es einige Tage lang aus Furcht vor Blackhurst nicht
wagen, Dich freundlich anzusehen, aber nach und nach gibt sich
dies schon wieder, und man wird später um so liebevoller gegen
Dich sein, sobald man einsehen gelernt hat, daß man Dir bitteres
Unrecht vorher zufügte. Sieh, wenn auch die ganze Welt Dich
haßte und Dich für böse hielte, während Dein eigenes Gewissen
Dich von aller Schuld freispräche, Du würdest doch nicht ohne
Freund sein. Ich würde Dich stets lieben - stets.
O Du gutes, treues Herz, flüsterte Jane. Wie wohl thun
mir Deine Worte. Sie umschlang hierbei Helene mit beiden Armen, zog sie an sich und ruhte an ihrer Brust. Die beiden
Mädchen hatten nur wenige Augenblicke schweigend sich in Armen
gehalten, als sich abermals die Thür öffnete und sie in der herantretenden Gestalt Miß Temple erkannten, die leise eintrat.
Jane, ich möchte Dich dem Kummer und der Einsamkeit
nicht überlassen, sprach die Direktorin gütig; komm mit in mein
Zimmer und da Helene Snider in Deiner Gesellschaft sich befindet, so kann auch sie Dir dahin nachfolgen.
Die beiden Mädchen folgten der Vorsteherin, ohne ein Wort
zu entgegnen, sie mußten durch einige winkelige Gänge gehen und
eine Treppe hinaufsteigen; das Zimmer, in welches sie gelangten,
war gut durchwärmt und hatte ein behagliches Aussehen. Helene
mußte sich auf einen niedrigen Stuhl an der Seite des Kamins
niederlassen, während Miß Temple einen anderen einnahm und
Jane freundlich und aufmunternd an ihre Seite rief.
Ist jetzt Alles vorüber? fragte sie Jane. Hast Du Deinen
Kummer ausgeweint?
Ich fürchte, daß wird niemals geschehen können! antwortete
Jane.
Und warum, mein Kind?
Weil man mich auf völlig ungerechte Weise beschuldigt, und
Sie, Miß Temple, wie alle übrigen Lehrerinnen und Schülerinnen
werden mich für böse halten.
Du wirst für das gehalten werden, Jane, als was Du Dich
zeigest. Fahre fort, wie ein braves Mädchen Dich zu betragen,
und Du wirst mich vollständig zufrieden stellen.
Werde ich das jemals können, Miß Temple?
Das wirst Du! Und nun sage mir, wer ist die Dame, welche
Mister Blackhurst vorhin Deine Wohlthäterin nannte und die
ihm Deinen Charakter so schwarz geschildert haben soll?
Mistreß Reed, meines Onkels Fran. Mein Onkel Reed
starb und mußte mich, da ich noch nicht erwachsen war, ihrer
Fürsorge überlassen.
So nahm sie Dich also nicht aus eigenem Antriebe an Kindesstatt an?
Nein, Miß, es war ihr unbequem, ja eine Last, mich in
ihrem Hause zu behalten - und doch weiß ich, daß mein Onkel
Reed, der mich zärtlich liebte, vor seinem Tode ihr den Schwur
hat leisten lassen, daß sie mich stets bei sich behalten und wie
ihre eigenen Kinder aufziehen lassen wolle.
Nun, Jane, Du bist als Lügnerin angeklagt worden; verteidige Dich gegen mich so gut Du kannst. Erzähle mir, was
Dein Gedächtnis Dir als wahr mitteilt, aber füge nicht das Geringste hinzu.
Jane bat um einige Minuten Geduld und vereinigte während
dieser kurzen Pause alle ihre Gedanken auf den einen Punkt zusammen: einen einfachen, wahren und sachgemäßen Abriß von
ihrem bisherigen Leben und ihrer Behandlungsweise in dem Reed'schen Hause zu entwerfen. Als sie hierbei den Namen des Doktor
Fowler erwähnte, der sie in ihrer Krankheit behandelt hatte, schaute
sie Miß Temple scharf und beobachtend an, reichte Jane die Hand
und sprach gütig:
Ich kenne Doktor Fowler einigermaßen aus früheren Jahren
und werde an ihn schreiben. Stimmt seine Antwort mit Deiner
Angabe überein, so sollst Du öffentlich von jeder Beschuldigung
freigesprochen werden; für mich bist Du es jetzt schon, Jane.
Hierauf wendete sie sich an Helene und fragte diese sehr teilnehmend: Wie befindest Du Dich, Helene? Hast Du im Laufe
des Tages recht viel gehustet?
Nicht ganz soviel wie sonst, Miß, antwortete Helene.
Und wie steht es mit dem Schmerz in Deiner Brust?
Der ist auch etwas geringer geworden, Miß.
Helene und Jane, Ihr sollt am heutigen Tage meine Gäste
sein und gemeinschaftlich Thee mit mir trinken, sprach Miß Temple
weiter und ließ von einer Dienerin für jedes der Mädchen eine
besondere Tasse hereinbringen. Obwohl anfangs noch etwas verschüchtert, nahm Jane neben der bereits dreisteren und bekannteren
Helene Plat, erfreute sich des wärmenden Getränkes, der liebevollen
Zusprache Miß Temple's und vergaß in freundlichem Geplauder
sehr rasch die sie so tief betrübt habenden Vorkommnisse des heutigen Tages.
Mitten in die Unterhaltung hinein ertönte die Glocke, welche
die Zeit des Schlafengehens verkündete, und nun mußte geschieden
sein. Miß Temple umarmte beide Mädchen zärtlich, entließ sie
mit den Worten: Gott segne Euch, meine Kinder! und begleitete sie bis zur Thüre. Als Beide das gemeinschaftliche Schlafzimmer erreichten, vernahmen sie die Stimme der Miß Scatcherd, welche eben Helenens Fach untersuchte und sichtlich verstimmt war,
in demselben nichts Tadelnswertes von Belang finden zu können.
Jane verbrachte eine ruhige Nacht und träumte in derselben von
so viel Liebe und Glück, wie sie seit ihres Onkels Tode noch
niemals so viel in ihrer Brust vereinigt gefunden hatte.
Vielleicht acht Tage nach diesem Vorfalle traf ein Brief des
Doktor Fowler ein, an den Miß Temple ihrem Versprechen gemäß
geschrieben hatte. Nachdem die ganze Schule versammelt war, verkündete Miß Temple, daß sie wegen der gegen Jane Eyre erhobenen Anklagen Nachforschungen angestellt habe und sich glücklich
fühle, Jane für völlig frei von jeder gegen sie erhobenen Schuld
sprechen zu können. Sämtliche Lehrerinnen drückten Jane die
Hand und küßten sie wiederholt, ja auch aus der Reihe der Schülerinnen traten mehrere auf sie zu und drückten ihr aufrichtige Teilnahme und Freude wegen ihrer Unschuld aus.
Jetzt erst fühlte sich Jane Eyre von einer schweren Last befreit und sie faßte den festen Entschluß, jede auch noch so große
Schwierigkeit, welche sich ihr in der Lowood-Stiftung wie auf
ihrem künftigen Lebenswege entgegenstellen werde, siegreich zu überwinden; sie arbeitete angestrengt und der Lohn ihres Fleißes blieb
nicht aus. Nach Verlauf von wenigen Wochen wurde sie in eine
höhere Klasse versetzt und nach kaum zwei Monaten wurde ihr die
Erlaubnis zu Teil, den Unterrichtsstunden im Zeichnen und Französischen beiwohnen zu können. Jetzt begann ein vollständig neues
Leben für sie, und jetzt würde sie Lowood mit allen seinen Entbehrungen nicht gegen Gateshead und seinen früheren Luxus vertauscht haben.
Aber auch die Entbehrungen und Mühseligkeiten begannen sich
zu verringern. Der Frühling kam heran, der Winterfrost ließ
nach, der Schnee war geschmolzen, der stets scharfe und schneidige
Wind ließ nach und die sanftere Luft des April begann zu wehen.
Die Spielstunden konnten jetzt im Garten unbehindert verbracht
werden; lachte die Sonne am Himmel, so war es sogar angenehm
und heiter im Freien; die braunen Gartenbeetchen nahmen eine
grüne Färbung an und riefen die Hoffnung wach, daß sie bald
noch deutlichere Spuren ihrer Verjüngung erscheinen lassen würden.
Auch wurden den Zöglingen zuweilen die Gartenpforte geöffnet,
so daß sie auch den Genuß einer entzückenden Fernsicht genossen,
welche in den herrlichsten Farben prangte und nur durch den
Horizont begrenzt wurde.
Der April ging in den Mai über; ein herrlicher heiterer
Mai war es, von blauem Himmel, lieblichem Sonnenschein und
sanften West- oder Südwinden durchfächelt. Jetzt zeigte sich die
Vegetation in ihrer ganzen Kraft. Der Wald wurde grün und
blühend, Ulmen, Eichen, Eschen nahmen wieder ihr üppiges strotzendes Leben an, Waldpflanzen sproßten zu deren Wurzeln empor, zahllose Abwechselungen von Moos füllten die übrigen Zwischenräume
aus, und die Menge von goldgelben Himmelschlüsseln breiteten
einen seltsamen Schimmer über den Boden aus. Dies Alles
konnte Jane frei und unbewacht in vollen Zügen genießen, aber
nur ein Umstand schmälerte, ja beeinträchtigte diesen Genuß, ein
Umstand, der die Quelle unsäglichen Elends bildete.
Die Lowood»Stiftung lag in einer Waldschlucht, aus welcher
besonders im Frühling fast täglich ein furchtbarer Nebel aufstieg,
der in seinem Gefolge einen Herd von Krankheiten mitbrachte,
eine epidemische Seuche, die mit dem wiedererwachenden Leben in
der Natur ausbrach, um sich griff, in die Stiftung einschlich, ihre
Ausdünstungen über sämtliche Unterrichts - und Schlafzimmer
ausbreitete und beinahe den ganzen Ort aus einer Schule in ein
Krankenhaus verwandelte.
Der halbverhungerte Zustand und die nicht sorgsam behandelten öfteren Erkältungen gaben der Seuche ein ergiebiges Feld
für ihre Wut so, daß von achtzig anwesenden Zöglingen fünfzig krank
darniederlagen. Die einzelnen Klassen mußten aufgehoben und
die stets gewahrte strenge Zuchtregel milder gehandhabt werden.
Zu den Wenigen, die gesund geblieben waren, zählte glücklicher
Weise Jane, und diesen wurde beinahe unbeschränkte Freiheit erteilt, da die Ärzte die größtmöglichste Bewegung im Freien für
unbedingt notwendig hielten, wenn nicht auch die gesund Gebliebenen noch auf das Krankenlager gestreckt werden sollten.
Miß Temple war auch hier wieder der gute Engel der unglücklichen Kinder; unermüdlich widmete sie ihre Pflege und Sorgfalt den Patienten, weilte beständig in dem Krankenzimmer und
verließ es nur, wenn sie sich einige unvermeidliche Stunden
der Ruhe gönnen mußte. Die übrigen Lehrerinnen mußten das
Einpacken und die erforderlichen Vorbereitungen für diejenigen gesunden Mädchen treffen, denen es vom Geschick noch beschieden
war, Freunde und Verwandte zu haben, bei welchen sie für die
Zeit der Not Schutz und Aufnahme fanden, um von dem Herd
der Ansteckung so weit wie möglich entfernt zu sein. So manche
Mädchen, die schon den Keim der Krankheit in sich trugen, kamen
krank nach Hause, um dort zu sterben; mehrere auch starben in der
Stiftung und wurden rasch und geräuschlos begraben, zumal die
Beschaffenheit der Krankheit nach dem Verscheiden so wenig wie
möglich Verzögerung in der Beerdigung zuließ.
Während diese entsetzliche Seuche in Lowood herrschte und der
Tod kein seltener Gast in seinen Mauern war, während sein
Inneres einem wirklichen Lazarette glich und bleiche und verstörte
Mienen nur in seinen Zimmern und Gängen anzutreffen waren,
breitete ein unbewölkter Maihimmel seine herrlichen Reize über
alle die weiten Lowoodumgebenden Fluren, Hügel und Wälder.
Rosen, Lilien, Tulpen und Nelken blühten in bunter Pracht auf
den kleinen Gartenbeeten der Anstalt, aber alle diese herrlichen
Blumen, welche zu jeder Tageszeit ihren herrlichen Duft ausströmten, waren nutzlos für die meisten Bewohnerinnen von Lowood,
außer daß sie dazu dienten, eine Handvoll Blätter und Blumen
zu liefern, die man als letztes Andenken an ein junges Leben auf
ein frühzeitiges Grab legen konnte.
Jane und die übrigen gesunden und zurückgebliebenen Mädchen
konnten die Schönheiten der Jahreszeit recht genießen; vom Morgen bis zum Abend durften sie frei im Walde umherschweifen und
auch im Hause stand die Aufsicht in keinem Vergleiche gegen früher,
ja die Zöglinge bekamen bessere Speise und größere Portionen.
Mister Blackhurst noch irgend ein Glied seiner Familie kam in
dieser Zeit nach Lowood, und die alte strenge Haushälterin, welche
pünktlich auf die Hausregel sonst hielt, war aus Furcht vor der
Seuche geflohen. Anfänglich streifte Jane allein oder in Gesellschaft eines Mädchens von ihrem Alter herum, Namens Anna
Wilson, aber sehr bald vermißte sie Helene Snider und sehnte
sich nach ihrem Umgange. Aber Helene lag krank darnieder, ja
schon seit einigen Wochen war sie ihr nicht vor Augen gekommen,
und sie wußte nicht einmal, in welches Zimmer sie einquartiert
war. Erst nach vielfachen Fragen konnte sie erfahren, daß Helene
nicht unter den Fieberkranken sich befand, sondern an der Auszehrung leiden sollte. An einem recht sonnigen und warmen Nachmittage wurde sie von Miß Temple in den Garten geführt, aber
auch bei dieser Gelegenheit wurde es Jane nicht erlaubt, zu Helene
zu gehen und sie nach ihrem Befinden zu fragen. Die Kranke
war in wollene Tücher dicht eingehüllt und durfte nur in ganz
kurzer Entfernung von dem bedeckten Gange siten. Jane litt dabei sehr schmerzlich, aber sie mußte sich in das Unvermeidliche
fügen.
Als sie eines Abends mit Anna Wilson etwas später als
gewöhnlich von einem ihrer gemeinschaftlichen Ausflüge zurückkam,
wurde ein Pferd an der Gartenthüre gehalten, in welchem sie gleich
dasjenige des Arztes erkannte. Anna sprach die Vermutung aus,
es müsse Jemand sehr krank sein, da man Mister Bates, den
Doktor, noch so spät habe von Lowood herbei holen lassen, und
Jane mußte ihr selbstverständlich beipflichten. Gleich darauf trat
auch Mister Bats, begleitet von einer Wärterin, aus dem Hause,
bestieg eiligst sein Pferd und ritt hinweg. Jane flog, von einer
bangen Ahnung ergriffen, auf die Wärterin zu.
Wie geht es mit Helene Snider? fragte sie.
Sehr schlecht! lautete die Antwort der Wärterin.
Ist Mister Bates um ihretwillen gekommen?
Ja, nur um sie allein.
Und was sagte er über ihren Zustand?
Er sagte, sie werde bald ausgelitten haben.
Jetzt trat zum ersten Male der Gedanke an Jane heran, daß
ihre beste Freundin, ihre geliebte Helene, dem Tode vielleicht rettungslos verfallen sei, und sie empfand neben dem tiefsten Schmerz
und dem stärksten Entsetzen, den unbesiegbaren Wunsch, die Kranke
zu sehen. Im welchem Zimmer liegt Helene? fragte sie weiter.
Sie befindet sich in Miß Temple's Zimmer.
Kann ich zu ihr gehen und mit ihr sprechen?
O nein, Kind, es geht jetzt nicht, und es ist jetzt die höchste
Zeit, daß Du in Dein Zimmer kommst. Der Thau beginnt
schon sehr stark zu fallen, Du wirst das Fieber bekommen.
Die Wärterin machte die vordere Hausthüre zu, während
Jane durch die Seitenthüre eintrat, welche zu dem Schulzimmer
führte. Die Zöglinge waren bereits im Begriffe, sich zur Ruhe
zu legen und Jane durfte sich hiervon nicht ausschließen.
Jane wälzte sich auf ihrem Lager schlaflos umher, vielleicht
gegen 1 Uhr vermochte sie es vor Unruhe und Angst nicht mehr
auszuhalten, und da sie aus der vollständigen Stille, die im Schlafsaale herrschte, schließen konnte, daß alle ihre übrigen Mitschülerinnen
schliefen, so erhob sie sich leise, kleidete sich vorsichtig an und schlich
sich in Strümpfen nach Miß Temple's Zimmer, das sich am
entgegengesetzten Ende des Hauses befand; sie kannte den Weg,
und das Licht der Mondscheibe, welches hier und da durch die
Scheiben der Gänge drang, setzte sie in den Stand, ihren Zweck
zu erreichen. Von Niemand war sie auf ihrer einsamen Wanderung
getroffen, und endlich war sie an ihrem Ziele angelangt- sie
stand vor dem Zimmer, in welchem Helene krank lag. Licht
schimmerte Jane durch das Schlüsselloch und durch die Thüre
entgegen, welche ein wenig geöffnet war, um frische Luft in das
Zimmer einzulassen. Ein leichter Schauer überrieselte das junge
Mädchen, das jetzt erst seinen gewagten Schritt in seinem ganzen
Umfange erkannte, aber jetzt hieß es vorwärts, und da gab es bei
Jane kein Bedenken mehr.
Erregt betrat sie das Zimmer und schaute sich erwartungsvoll
um, da sie zwischen Furcht und Hoffnung schwebte, ob sie Helene noch
lebend vorfinden würde. Dicht neben Miß Temple's Bett und
noch von den weißen Vorhängen desselben überdeckt, stand ein kleineres, unter dessen Decke sie die Umrisse einer Mädchengestalt
entdecken konnte. Die Wärterin, welche Jane im Garten getroffen
hatte, schlief in einem Lehnstuhle und ein Licht war tief herabgebrannt. Miß Temple war nicht anwesend, und so trat Jane
näher, erfaßte den Vorhang und flüsterte: Helene, wachst Du?
Der Vorhang wurde leicht zurückgeschoben und Helenens bleiches und abgefallenes, aber nur wenig gegen sonst verändertes
Gesicht erschien. Du bist es, Jane? fragte sie verwundert.
Jane konnte vor Thränen keine Antwort erteilen, sondern
neigte sich nur über ihr Bett, küßte ihr Stirn und Wange, die
von einer wahren Eiseskälte bedeckt waren.
Weshalb kamst Du hierher, Jane? fragte Helene sanft. Es
ist ja schon elf Uhr Nachts vorüber. Ich habe es vor wenigen
Minuten schlagen hören.
Weil ich Dich einmal sehen und sprechen wollte, Helene.
Man sagte mir, Du wärest sehr krank, und da erfaßte mich eine
solche Unruhe, daß ich nicht schlafen konnte, und eine unwiderstehliche Sehnsucht, Dich einmal wieder zu sprechen.
Du kommst also, um Abschied von mir zu nehmen. Du
kommst noch zur rechten Zeit.
Wohin willst Du denn, Helene? Willst Du in Deine Heimat?
Ja, Jane, in meine ewige, meine letzte Heimat.
Nein! Nein! Helene- Jane stockte vor von Neuem ausbrechenden Thränen, und Helene wurde von einem heftigen Hustenanfall ergriffen, der sie heftig erschütterte, aber doch nicht im
Stande war, die schlafende Wärterin zu ermuntern.
Du frierst, Jane, flüsterte Helene weiter, als sie sich von
ihrem Anfall erholt hatte, kehre in Dein Bett zurück oder lege
Dich mit unter meine Decke.
Jane nahm auf Helenens Lager Platz und bald ruhten die
beiden Mädchen innig verschlungen nebeneinander. Sie schwiegen
Beide eine geraume Zeit, dann flüsterte Helene wieder: Ich bin
sehr glücklich, Jane, und wenn Du morgen vielleicht erfährst, daß
ich gestorben bin, so mußt Du ruhig sein und darfst Dich nicht
betrüben. Sieh, wir Alle müssen einst sterben, und das Leiden,
das mich hinwegrafft, ist durchaus nicht schmerzlich. Ich habe
Niemand auf Erden, der mich bedauern und vermissen wird -
mein Vater hat wieder geheiratet und hat andere Kinder. Durch
meinen frühzeitigen Tod werde ich manchem schweren Leiden entgehen, und auf ein großes Glück in der Welt hätte ich niemals
rechnen können.
Aber wohin gehst Du, Helene? Weißt Du es? Glaubst
Du es?
Ich glaube und bin überzeugt, daß ich zu Gott komme und
in seinen Himmel.
Bist Du denn gewiß, daß es einen Himmel gibt, und daß
unsere Seelen einmal dorthin kommen, wenn wir gestorben sein
werden?
Ich bin völlig überzeugt, daß es einen solchen Ort für uns
gibt. Gott ist die Liebe, und ich glaube, ich kann ihm meinen
unsterblichen Teil ohne Bangen übergeben. Gott ist mein und
unser Aller Vater, ich liebe ihn und hoffe, daß er mich auch
wieder liebt.
Und hoffst Du, daß ich Dich dort wiederfinden werde, Helene,
wenn ich gestorben bin?
Du wirst an denselben Ort kommen, an welchem ich weile,
und wirst zu demselben allmächtigen und allgütigen Vater gelangen,
wie ich. Ich glaube fest daran, Jane.
Die beiden Mädchen schlossen sich fester, inniger in ihre
Arme; es war, als ob sie von einander nicht loslassen wollten.
Plötzlich begann Helene wieder in ihrem sanften Flüstertone: O,
wie wohl und leicht ist mir jetzt zu Mute. Dieser letzte Hustenanfall hat mich doch etwas mehr erschöpft, als ich dachte, ich
glaube, ich könnte jetzt schlafen- aber bleibe bei mir, Jane, und
verlaß mich nicht, ich habe Dich ja so sehr lieb.
Ich bleibe bei Dir, Helene, so lange Du es wünschest. Niemand
soll mich entfernen können.
Bist Du ordentlich zugedeckt, meine herzige Freundin?
Ganz gut und ganz warm!
So schlafe sanft, Jane.
Schlafe wohl, Helene.
Die beiden Mädchen küßten sich noch einmal herzlich und
schliefen ruhig und fest ein. Als Jane wieder erwachte, war es
heller Tag bereits, und eine sonderbare Bewegung hatte sie aus
ihrem Schlummer aufgescheucht: eine Wärterin trug sie auf ihren
Armen aus Helenen's Zimmer nach dem Schlafsaal zurück; aber
sie wurde nicht gescholten, daß sie heimlich ihr Bett verlassen und
Helene aufgesucht hatte. Sie erhielt keine Antwort auf ihre
Fragen nach Helene, und nur erst zwei Tage darauf erfuhr sie,
daß Miß Temple, als sie am folgenden Morgen in ihr Zimmer
zurückgekehrt war, Jane in dem kleinen Bette, mit dem Gesicht an
Helenens Schulter ruhend und ihre Arme um Helenens Hals geschlungen, gefunden hatte. Jane schlief und Helene war friedlich aus dem Leben geschieden. Jane's Schmerz war grenzenlos,
sie wollte keine Nahrung zu sich nehmen und auch denselben Weg
wandeln, den Helene eingeschlagen hatte, sie wollte auch zu ihrem
Vater im Himmel einkehren, und es bedurfte der liebevollsten
-
die geschiedene Freundin nicht vermissen sollte, um sie einigermaßen
zu beruhigen und für die Aufgaben des Lebens wieder empfänglich zu machen.
Helenens Leiche wurde zu ihrem Vater geschafft, der in Braklebridge wohnte, und auf dem dortigen Kirchhofe beerdigt. Miß
Temple ließ das Grab mit einem Rasenhügel bedecken und auf
diesen eine Marmorplatte mit der Aufschrift legen: Auferstehen!
Achtes Kapitel.
Wir haben unseren freundlichen Leserinnen das Leben Jane's
fast Tag für Tag vorgeführt, aber um unserer Erzählung nicht
eine allzugroße Ausdehnung zu geben, müssen wir jetzt einige größere Schritte machen, um auch ihr ferneres Schicksal kennen zu
lernen, bis es an einem entscheidenden Wendepunkte fürs Leben
gekommen sein wird.
Als die jährlich ausbrechende Epidemie, die am treffendsten
mit Typhusfieber bezeichnet werden kann, ihre Aufgabe der Vernichtung in Lowood erreicht hatte, verschwand sie beinahe spurlos
wieder; aber sie hatte für dieses Mal so stark gewütet, daß die
große Anzahl der Opfer, die sie gefordert hatte, die allgemeinere
Aufmerksamkeit auf die Stiftung gelenkt hatte. Es wurden Untersuchungen über den Ursprung des Fiebers angestellt, und so traten
nach und nach Erscheinungen und Thatsachen zu Tage, welche den
Unwillen der Öffentlichkeit bis fast zur Erbitterung steigerten.
Zunächst fiel die überaus ungesunde Lage der Stiftung ins Auge;
weiterhin stellte sich die schlechte Beschaffenheit der gebotenen Nahrungsmittel und deren völlig unzureichende Menge heraus, sowie
das schlechte Wasser, welches zum Trinken sowohl wie für die Zubereitung der Speisen benutzt werden mußte, die dürftige, kaum
etwas Wärme gewährende Kleidung und endlich der ungesunde
Aufenthalt in den Schul- und Schlafzimmern; dies Alles kam
an das Tageslicht und trug für Mister Blackhurst Kränkung und
harte Vorwürfe ein, gereichte aber der Anstalt zum Vorteil und
Segen.
Eine Anzahl angesehener und reicher Bewohner in der Grafschaft zeichnete größere Summen für die Erbauung eines gesunden
und bequemen Hauses in gesünderer Lage. Es wurde eine neue
Hausordnung entworfen, bessere Kleider wurden geliefert, nahrhaftere Speisen wurden verabreicht und die Einnahmen und das Vermögen der Stiftung von einem Ausschuß von mehreren Personen
in Beaufsichtigung genommen. Zwar konnte man Mister Blackhurst die Leitung und Verwaltung der Anstalt wegen seiner Familienverbindungen und seiner früheren Wirksamkeit nicht entziehen,
aber er wurde in der Ausübung seiner Funktionen unterstützt und
kontrolliert von Männern, die Herz und Verstand auf der richtigen
Stelle hatten und nicht in so engherzigen Anschauungen befangen
waren, wie er. Die in solcher Weise verbesserte Anstalt wurde
eine nützliche und edle Pflanzstätte für so manches junge Gemüt,
und Jane blieb nach ihrer Neugestaltung noch sieben Jahre in
derselben und zwar sechs Jahre als Schülerin-- so viel Geld
hatte Mistreß Reed an Mister Blackhurst bei Jane's Eintritt in
die Anstalt im voraus bezahlt-- und zwei Jahre, als sie ihren
Lebensunterhalt verdienen mußte, als Lehrerin.
Während dieser ganzen Zeit war Jane's Leben einförmig, an
Freuden und Genüssen arm und leer, aber es war nicht unglücklich, denn es war nicht unthätig, und um keinen Preis hätte sie
es jemals wieder mit ihrem ehemaligen Aufenthalte in Gateshead
vertauschen mögen. Ihr standen die Mittel zu einer vortrefflichen
Erziehung zur Seite, sie besaß eine besondere Vorliebe zu einigen
Studien, wie Zeichnen und Malen, und einen Drang sich in denselben Gegenständen auszubilden; sie ward von dem lebhaften Verlangen getrieben, ihren Lehrerinnen und besonders denen zu gefallen, die sie liebte und achtete. Ihre geistigen Anlagen entwickelten sich in einem solchen Umfange, daß sie nach Verlauf von
kaum zwei Jahren die Erste in der ersten Klasse war und am
Ende des sechsten Jahres ihr das Amt einer Lehrerin übertragen
werden konnte, das sie denn auch mit größtem Pflichteifer übernahm und erfüllte.
Während dieser ganzen Zeit war Miß Temple Leiterin der
Stiftung geblieben, und ihrem Unterrichte verdankte Jane den
größten Teil ihrer erworbenen Talente und Fähigkeiten; ihr Umgang und ihre Teilnahme war ihr ein beständiger Trost, wenn
des Lebens Ernst einmal an sie herantrat - sie vertrat die Stelle
der Mutter, der Erzieherin nicht allein bei Jane, sie wurde endlich
auch ihre Freundin. Aber es sollte für Jane kein Glück von langer Dauer sein, wenn auch das Los, das Miß Temple fand, ein
recht glückliches werden sollte. Die würdige und wahrhaft liebenswürdige Dame verheiratete sich mit Mister Nasmyth, einem
Geistlichen, einem vortrefflichen Manne, dessen Wert Jane in
der kurzen Zeit ihres Beisammenseins mit ihm so recht schätzen
lernen sollte, und folgte demselben in sein Pfarramt, das in einer
entfernten Grafschaft lag. Die Trennung von Miß Temple war
wiederum ein neuer und tiefer Schmerz für Jane's Gemüt -
all ihr Denken und Empfinden knüpfte an diese edle Frauengestalt
an, in all ihre Lebensgewohnheiten und ihre sonstige Thätigkeit
war Miß Temple gleichsam mit hineinverflochten- und dies
Alles wurde nun zerrissen, mußte nun aufhören zu sein, nachdem
es eine Reihe von Jahren in so schöner Weise gedauert und geblüht hatte.
Als Miß Temple aus Lowood schied, war Jane nicht mehr
dieselbe- mit ihr war jedes gewohnte Gefühl, jede Erinnerung
dahingeschwunden, die Lowood ganz wie unwillkürlich zur ihrer
zweiten oder vielmehr eigentlichen Heimat gemacht hatte. Den
größten Teil des ersten Tages nach der Abreise der beiden Vermählten ging Jane ruhelos in dem Zimmer auf und ab; keine
Beschäftigung, die sie vornahm, wollte ihr behagen, keinen ruhigen
Gedanken konnte sie fassen, all ihr Denken und Trachten ging
nur darauf hinaus, wie sie wohl aus Lowood hinweg und einen
anderen Wirkungskreis für sich finden könne. Aber es wollte kein
glücklicher Einfall in ihrem sonst so erfinderischen Geiste auftauchen,
bis sie sich endlich der Ruhe überließ und mit Miß Miller ein
gleichgültiges Gespräch anknüpfte, das ganz wie von selbst auf
ihren Weggang von Lowood hingelenkt werden sollte.
Wie aber soll ich es anfangen, fragte Jane, um von hier
weg und in eine andere Stellung zu kommen, damit ich eine
ordentliche Thätigkeit finde und meinen Lebensunterhalt auf eine
würdige und anständige Weise erwerben kann?
Wer eine Stellung sucht, macht dies im Herold der Grafschaft bekannt, antwortete Miß Miller.
Aber auf welche Weise?
Man richtet einen Brief an den Herausgeber des Herold,
legt diesem die nötige Ankündigung und das erforderliche Geld
bei. Man gibt den Brief auf die Post zu Lowten und läßt
etwaige Antworten oder Anfragen unter der Chiffre I. K. an das
dortige Postamt adressieren und geht eine Woche danach vielleicht
einmal wieder nach Lowten, um nachzufragen, ob ein Antrag eingegangen ist oder nicht.
Ich danke Ihnen, Miß, sprach Jane beruhigt, ich werde es
morgen versuchen.
Am folgenden Morgen, noch ehe die Glocke zum Aufstehen
der Schülerinnen geläutet hatte, saß Jane an ihrem Schreibtische
und hatte folgendes Schriftstück abgefertigt:
Eine junge Dame, die im Unterrichtgeben bewandert ist, sucht
eine für sie geeignete Stellung in einem Privathause bei Kindern
unter vierzehn Jahren. Sie kann in den gebräuchlichen Lehrfächern, wie auch im Französischen, im Zeichnen und in der Musik
Unterricht erteilen. Briefe unter I. 1. befördert das Postamt zu
Lowton.
Diese Anzeige wurde in ein Couvert gesteckt und zum Absenden mit der Post fertig gestellt. Noch am selbigen Tage hatte
Jane Gelegenheit, nach dem drei Meilen etwa entfernten Orte
Lowton zu gehen und ihren Brief selbst in den Postkasten einzulegen; durchnäßt, aber mit erleichtertem Herzen kehrte sie in die
Stiftung zurück. Acht lange Tage mußte sie harren, ehe sie wieder
ausgehen und nach einem Resultate ihres Gesuchs nachfragen
konnte; aber auch diese vergingen und hochklopfenden Herzens
machte sie sich auf den Weg zu dem für sie so bedeutungsvollen
Posthause, in welchem eine alte Dame, die eine große Hornbrille
auf der Nase trug, den gewöhnlichen Dienst versah.
Sind vielleicht Briefe unter der Chiffre I. K. eingegangen?
fragte Jane bescheiden.
Die Alte starrte das junge Mädchen lange an, öffnete darauf
ein großes Schubfach und suchte lange Zeit unter dem Inhalte
desselben, so daß Jane schon jede Hoffnung gesunken war; endlich
aber, nachdem sie mindestens fünf Minuten lang ein Schreiben
betrachtet hatte, reichte die Alte dasselbe über den Tisch hinweg
und betrachtete die Empfängerin mit einem sehr mißtrauischen
Blicke. Es war in der That I. . überschrieben.
Es ist wohl kein Brief weiter vorhanden? fragte Jane
nochmals.
Nein! lautete die etwas mürrisch gegebene Antwort.
Jane steckte den Brief in die Tasche ihres Kleides und mußte,
ohne denselben öffnen zu können, rasch heimwärts eilen, da sie zu
pünktlicher Stunde wieder einzutreffen hatte, wenn sie nicht gegen
die Hausordnung verstoßen wollte; und als sie zu Hause eintraf,
mußte sie die Aufsicht in der Lern- und Arbeitsstunde führen, die
Gebete vorlesen und die Mädchen nach dem Schlafsaale führen,
worauf sie mit den anderen Lehrerinnen zu Abend speiste. Endlich konnte sie sich allein auf ihr Zimmer zurückziehen und das
erhaltene Briefchen öffnen; dasselbe war ziemlich kurz und lautete
folgendermaßen:
Wenn I. L. die sich in der letzten Donnerstagsnummer des
Herold empfohlen hat, die von ihr erwähnten Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt und genügende Nachweise über ihr seitheriges Verhalten und ihre Unterrichtsbefähigung zu erteilen imstande ist, so
kann ihr eine Stellung nachgewiesen werden, in welcher sie nur eine
einzige Schülerin, und zwar ein kleines Mädchen unter 1 Jahren, zu unterweisen haben wird. Das Gehalt ist für jedes Jahr
auf dreißig Pfund festgesetzt. I. K. wird ersucht, Zeugnisse, Namen,
Adresse und alles sonst Erforderliche zu senden an die Adresse von
Mistreß Harleigh in Thornfield bei Millcote. Grafschaft N.
Der einfache Brief, die anspruchslose Handschrift rührte nach
Jane's Ansicht von einer älteren Dame bürgerlicher Abstammung
her, und die ihr gebotene Stellung, in welcher sie jedenfalls an
der Seite dieser Dame wirken sollte, war ihr außerordentlich willkommen, ganz abgesehen davon, daß die Bezahlung derselben
eine durchaus glänzende zu nennen war und nicht leicht
günstiger wieder geboten werden konnte. Mit Hülfe einer
Landkarte von Großbritannien ermittelte Jane, daß die Grafschaft N. siebzig Meilen näher bei London lag, als ihr
gegenwärtiger Aufenthalt, und daß Millcote eine große Fabrikstadt
an dem Flüßchen Avon war und ohne Zweifel sehr viel bewegtes
Leben bot. Jane war natürlich sofort entschlossen diese Stellung
anzunehmen und that am nächsten Morgen schon die nötigen
Schritte, um aus der Lowood-Stiftung ohne große Verzögerung
entlassen zu werden.
Während der Mittagspause teilte sie der Leiterin der Anstalt
mit, daß sie Aussicht habe, eine andere Stellung zu erhalten, und
ersuchte dieselbe, Mister Blackhurst oder irgend einem anderen Mitgliede des Verwaltungsausschusses diese Angelegenheit zu unterbreiten und um die Erlaubnis nachzusuchen, daß sie auf das Zeugnis dieser Herren Bezug nehmen könne. Sie übernahm die Förderung von Jane's Anliegen sehr gern und forderte sie auf, ein
Gesuch an die Herren des Ausschusses zu richten, welches unter
denselben cirkulieren müsse. Dieses Gesuch machte die Runde und
nach Verlauf von sechs Tagen erhielt Jane die ausdrückliche Erlaubnis, ihre Lage zu verändern, sowie das Zeugnis ausgestellt,
daß sie sich während ihres Aufenthalts in Lowood als Schülerin
wie als Lehrerin musterhaft stets betragen und daß sie die Fähigkeiten, den Unterricht und die Erziehung von Mädchen wie von
Knaben, im vollkommenen Maße besitze.
Acht Tage nach Empfang des Briefes von Mistreß Harleigh
konnte Jane dies Zeugnis absenden und erhielt nach wenigen Tagen
die Antwort, daß die Dame mit den eingesandten Papieren zufrieden sei und ihr Antritt in Thornfield in 1 Tagen bestimmt erwartet werde. Die bestimmten 1 Tage gingen ziemlich rasch
vorüber, alle Vorbereitungen waren getroffen, und der letzte Tag
reichte hin, um Jane's nicht zu umfangreiche Garderobe in denselben Koffer einzupacken, den sie vor acht Jahren von Gateshead
mit nach Lowood gebracht hatte.
Obwohl Jane den ganzen letzten Tag über sehr viel noch zu
schaffen gehabt hatte, so war sie doch so aufgeregt, daß sie die
ganze Nacht hindurch kein Auge zu schließen vermochte. Mit dieser
letzten Nacht in Lowood, das fühlte sie lebhaft, endete ein wichtiger Abschnitt ihres Lebens, eine neue Periode lag von morgen
ab vor ihren Blicken! Es war ihr unmöglich, diese Zeit zu verträumen, sie mußte wachen, bis sich der Wechsel vollständig vollzogen hatte. Abschied hatte Jane schon im Laufe des Tages von
den Lehrerinnen und Schülerinnen genommen, da sie bereits am
nächsten Morgen früh um Uhr die an Lowood vorüberfahrende
Postkutsche besteigen mußte, um nach Millcote zu gelangen. Die
Fahrt ging durch eine ganz angenehme Gegend und dauerte ununterbrochen bis Abends s Uhr; der Kutscher meldete, daß man in
Millcote eingetroffen sei.
Als Jane das Innere des Wagens verlassen hatte, glaubte
sie bestimmt auch eine Person zu treffen, die sie abholen würde,
um sie nach ihrer neuen Heimat zu geleiten. Niemand war sichtbar, und
da man gerade bei einem Wirtshaus angehalten, so trat Jane
einstweilen in das Gastzimmer und fragte einen Kellner, ob Niemand hier gewesen sei und nach einer Miß Eyre gefragt habe.
Die Antwort lautete ,ein''; und als sie schon im Begriff war,
sich ein Zimmer für die Nacht anweisen zu lassen, fragte sie nochmals: Ist ein Ort in dieser Gegend, der Thornfield heißt.
Thornfield? Ich weiß nicht, antwortete der Kellner, aber ich
will fragen. Der Bursche verschwand für einen Augenblick, kehrte
aber sofort zurück und fragte: Ist Ihr Name Eyre, Miß?
Ja wohl, Jane Eyre!
Es ist, wie mir die Köchin eben sagt, Jemand hier, der Sie
erwartet.
Jane trat aus dem Zimmer in die Hausflur, fand in der
offenen Hausthüre einen Mann stehen und bemerkte beim Scheine
der Laternen ein kleines einspänniges Fuhrwerk.
Ist dies Ihr Gepäck, Miß? fragte der Mann etwas kurz.
Ja!
Dann bitte ich Sie, einzusteigen, - ich werde inzwischen den Koffer einladen.
Wie weit ist Thornfield von Millcote entfernt?
Beinahe sechs Meilen.
Und wie lange Zeit werden wir gebrauchen, bis wir dorthin
gelangen?
Hierauf schloß der Mann die Thüre, bestieg seinen Sitz und fuhr langsam vorwärts, so daß Jane hinreichend Zeit hatte, ihre Lage zu überdenken. Nach dem einfachen Diener und dem recht bescheiden aussehenden Wagen zu schließen, konnte Mistreß Harleigh weder eine reiche noch eine vornehme Dame sein. Wenn sie nur gütig ist! dachte das junge Mädchen bei sich, mag sie dann reich und vornehm oder nur bemittelt sein, um eine Erzieherin für ihr Kind halten zu können! Ich werde treu bei ihr aushalten, wenn es nur im geringsten möglich ist.
Die Wege waren schlecht, die Nacht sehr nebelig, der Führer ließ sein Pferd beständig im Schritt gehen, so daß Jane schon glaubte, ihre Fahrt würde sich über drei Stunden ausdehnen.
Miß, wir sind jetzt nicht mehr weit von Thornfield entfernt! meldete der Kutscher.
Das ist recht gut, antwortete Jane und blickte zum Fenster
hinaus. Sie gewahrte, wie sie an einer Kirche vorüberfuhren, sie
bemerkte den niedrigen, aber breiten Thurm und sah endlich eine
ganze Reihe von Lichtern, die die Straße des Dorfes bezeichneten.
Nach zehn weiteren Minuten wurde auf einen Ruf des Kutschers
ein Thor geöffnet, sie fuhren hindurch, und laut schlug es hinter
ihnen wieder zu; langsam ging es jetzt einen Weg bergauf, und sie
kamen vor der langen Frontseite eines Hauses an. Das große
Gebäude lag völlig dunkel vor Jane, nur aus einem einzigen verhangenen Bogenfenster strömte Licht aus. Der Wagen hielt an,
eine Dienerin öffnete, ließ Jane aussteigen und das Haus betreten.
Wollen Sie mir gefälligst folgen, Miß Eyre, sprach die
Dienerin freundlich, und führte die Angekommene über eine von
hohen Thüren umgebene Vorhalle in ein zierliches kleines Zimmer,
aus welchem ein heller Lichtstrahl und eine wohlthuende Wärme
entgegendrang. Eine ältere, noch recht wohl und behäbig aussehende Dame erhob sich bei Jane's Eintritt aus einem ehrwürdigen Lehnsessel und kam ihr mit freudig überraschtem Gesichtsausdrucke entgegen.
Seien Sie mir herzlich willkommen, Miß! Wie ist es Ihnen
ergangen? Ich fürchte, Sie haben eine beschwerliche Fahrt gehabt;
Sie werden halb erstarrt sein. Kommen Sie näher zum Feuer.
Mistreß Harleigh wahrscheinlich? fragte Jane mit bescheidenem Tone.
Jawohl, Sie liebes gutes Kind, kommen Sie, legen Sie Hut
und Shawl ab, sprach Mistreß Harleigh geschäftig und führte sie
auf einen Stuhl dicht in der Nähe des Feuers.
D bitte, bemühen Sie sich meinetwegen nicht, Mistreß,
wehrte Jane freundlich ab.
Es ist keine Mühe für mich, und Ihre Händchen sind kalt
und steif wie Eis! Lea bringe recht heißen Thee und lege einige
Butterschnitte mit Fleisch auf, das wärmt besser und schneller.
Sie haben doch gleich Ihr Gepäck mitgebracht, meine Liebe?
Zu dienen, Mistreß - es besteht aus einem Koffer.
Lea soll es auf Ihr Zimmer schaffen, sobald sie den Thee
gebracht hat. Hierauf räumte die gutmütige alte Dame Strickzeug und einige Bücher vom Tische weg, um für das Theegeschirr
Raum zu haben, das Lea hereinbrachte. Jane mußte zwei Tassen
ganz heißen Thees genießen und einige Butterschnitte verzehren,
ehe sie eine weitere Frage an Mistreß Harleigh richten durfte,
denn Letztere verlangte dies ganz ausdrücklich von ihr.
Nun, hob Mistreß Harleigh an, können Sie mich nach Allem
fragen, was Ihr Herz zu erfahren wünscht- ich werde Ihnen
nun bereitwilligst Auskunft erteilen.
Werde ich noch am heutigen Abend das Vergnügen haben,
Miß Harleigh zu sehen, fragte Jane - ich möchte meine Schülerin gern heute noch kennen lernen.
Miß Harleigh? O Sie meinen Miß Adele. Ihre Schülerin
heißt Adele Rochester.
Sie ist also nicht Ihre Tochter?
Nein, mein liebes Kind, ich habe keine Familie.
Da die alte Dame kein Wort weiter hinzufügte, so hielt es
Jane auch für unpassend, um weitere Auskunft zu bitten und
schwieg vorläufig--aber Mistreß Harleigh ließ die Unterhaltung
nicht lange stocken und fuhr eifrig fort: Es freut mich recht sehr,
daß Sie zu uns gekommen sind, und es wird für mich besonders
angenehm sein, wenn ich wiederum eine gebildete Gesellschafterin
um mich haben werde. Thornfield ist ein schönes altes, nur in
den letzten Jahren etwas vernachlässigtes Herrenhaus, aber besonders im Winter ist es doch etwas langweilig, zumal wenn man
ganz auf sich angewiesen ist. Ich sage auf sich angewiesen, -
Lea ist zwar ein ganz ordentliches Mädchen und Sam wie seine
Frau sind auch rechtschaffene Leute, aber sie bleiben doch immer
Diener, und will man mit ihnen verkehren, so vergibt man sich
schnell den nötigen Respekt. Im vergangenen Winter hat vom
November bis zum Februar kein menschliches Wesen weiter als
der Postbote, der Fleischer und der Bäcker Thornfield betreten und
fast melancholisch bin ich geworden, so Abend für Abend beständig allein sitzen zu müssen. Zuweilen mußte Lea mir vorlesen,
aber es schien ihr das auch nicht zu gefallen, denn mehr als einmal ist sie dabei vor Ermüdung eingeschlafen; im Frühjahr und
Sommer geht es schon besser; der Sonnenschein und die langen
Tage bringen etwas Abwechselung, und zu Anfang dieses Herbstes
kam die kleine Adele mit ihrer Gouvernante, da wurde es etwas
lebendiger bei uns, und nun Sie, liebes Kind, hier sind, so werde
ich wieder ganz heiter und glücklich werden wie früher. Werden
Sie gern hier bleiben?
O gewiß, Mistreß! Sie überhäufen mich schon jetzt mit so
viel Güte, daß ich ganz beschämt vor Ihnen stehe, entgegnete Jane.
Ich werde mich hier sehr zufrieden fühlen.
Aber mein Gott, ich verplaudere die Zeit hier, während Sie
den ganzen Tag über gefahren sind und sich todmüde fühlen
müssen. Ich habe das Zimmer, welches gleich an das meinige
stößt, für Sie herrichten lassen; es ist zwar klein, aber ich denke,
es wird Ihnen besser zusagen, als eines der großen, freilich schöner
möblierten, aber einsamen Vorderzimmer des Hauses.
Jane dankte ihr für ihre große Freundlichkeit und erklärte,
sie sei in der That stark ermüdet und sehne sich nach Ruhe,
worauf sie von Mistreß Harleigh nach dem für sie bestimmten Zimmer geleitet wurde. Zufrieden im Hafen der voraussichtlichen
Ruhe eingelaufen zu sein und ziemlich erschöpft, suchte Jane ihr
Lager auf und fiel sofort in tiefen Schlaf. Als sie erwachte,
schien die Sonne schon hell in das Zimmer und zeigte ihr freundliche tapezierte Wände, einen mit Teppichen belegten Fußboden
und eine recht gefällige Ausmöblierung - gegen ihren Aufenthalt
in Lowood schätzte sie sich in einem Paradiese zu sein und glaubte
sie die Tage ihres nunmehrigen Glückes erwarten zu dürfen. Jane
erhob sich und kleidete sich so sauber wie möglich an, obgleich ihr
geringer Vorrat die größte Einfachheit zur Pflicht machte, aber
nachdem sie ihr schwarzes Kleid angezogen, einen reinen weißen
Kragen umgelegt und ihr Haar sehr sorgfältig geordnet und glatt
gekämmt hatte, glaubte sie, ihrer Stellung entsprechend vor Mistreß
Harleigh erscheinen zu können und ihrer Schülerin keinen Widerwillen einzuflößen. So ausgerüstet wagte sich Jane aus ihrer
zierlichen Klause, die so recht nach ihrem Geschmacke eingerichtet
war, hinaus. Sie schritt zunächst durch eine lange mit Matten
bedeckte Galerie, über welche sie am gestrigen Abende mit Mistreß
Harleigh geschritten war, stieg einige Stufen von Eichenholz hinunter und befand sich dann in der Vorhalle, in welche sie gestern
eingetreten war; Alles erschien ihr stattlich und imposant. - Die
Hausthüre, in deren oberen Hälfte sich Glasfenster befanden, stand
offen und der schöne Herbstmorgen lockte die junge Erzieherin ins
Freie; die Sonne schien hell und freundlich auf grünende Felder
und sich bereits buntfärbende Wälder. Sie trat auf einen freien
Rasenplatz und überschaute die Front des Gebäudes, das sie erst
bei Nacht gesehen hatte; es war drei Stockwerk hoch und von ziemlich ansehnlichem Umfange. Die Zinnen, die das Gebäude umgaben, verliehen demselben ein stattliches Aussehen, und seine graue
Front stach gegen ein Dohlengeniste ab, dessen schwarze Bewohner lärmend umherflogen, ihren Flug über den Rasenplatz dem
Parke zu nahmen und sich Würmer suchend auf einer nahe gelegenen Wiese niederließen. In etwas weiterer Entfernung ragten
bewaldete Hügel empor, welche Thornfield ein ruhiges und für
sich abgeschlossenes Aussehen gewährten.
Jane ergötzte sich noch an dem freundlichen Bilde, das sich
ihren Augen bot, als plötzlich Mistreß Harleigh neben ihr stand
und fragend zu ihr aufschaute: Stehen Sie schon so frühzeitig auf?
Ich bin stets an ein zeitiges Aufstehen gewöhnt, erwiderte
Jane und empfing von der alternden Dame einen warmen Händedruck und einen zärtlichen Kuß.
Wie gefällt Ihnen unser einsames Thornfield?
Ganz außerordentlich! Ganz über alle meine Erwartungen.
Ja, ja, Miß Eyre, es ist ein recht erträglicher Ort, aber ich
fürchte, er wird früher oder später seinem Verfalle entgegengehen,
wenn es Lord Rochester nicht über sich gewinnt, hieher überzusiedeln und für beständig seinen Wohnsitz zu nehmen, oder es wenigstens von Zeit zu Zeit zu besuchen. Große Besitzungen erfordern
die Anwesenheit ihrer Herren.
Lord Rochester? fragte Jane verwundert. Wer ist das?
Der Besitzer von Thornfield antwortete Mistreß Harleigh
ruhig. Ja mein Gott, so wußten Sie gar nicht, daß unser Herr
Lord Rowland Rochester heißt?
Nein- ich glaubte, Thornfield gehörte Ihnen, Mistreß
Harleigh.
Mir? Kind, wo denken Sie hin? Ich bin nur die Haushälterin, die Bewirtschafterin. Freilich bin ich von meiner
Mutter Seite her mit der Familie Rochester verwandt- aber
ich erhebe nie Anspruch auf die Verwandtschaft- das liegt außer
meinem Gesichtskreise und ist Nichts für mich- ich bin nur eine
einfache Haushälterin- mein Herr ist stets höflich, und so
komme ich ganz vortrefflich mit ihm aus und weiter will ich nichts.
Und das junge Mädchen - meine Schülerin Adele?
Ist Lord Rochester's Mündel oder etwas Demähnliches. Wahrscheinlich wird er sich, wenn er ja einmal hierher kommen sollte,
gegen Sie Miß über Adele aussprechen. Mich hat er beauftragt,
eine Erzieherin für sie zu suchen, da er sie hier erziehen lassen will.
Wie Jane noch über die soeben gemachten etwas sonderbaren
Erklärungen nachdachte, kam ein lebhaftes junges Mädchen von
etwa 10 Jahren herbeigesprungen und blieb, ohne eine Silbe der
Begrüßung zu sagen, vor den beiden Damen stehen und fragte
mit vorlautem Tone:
Base Judith, wer ist diese Dame?
Adele, sprach Mistreß Harleigh in strengem Tone zu dem
Mädchen, hast Du schon wieder vergessen, wie sich ein junges
Mädchen erwachsenen Personen gegenüber benehmen muß? Erfordert es nicht die einfache Schicklichkeit daß man zunächst ,Guten
Morgen!' sagt.
Oh bah! sagte Adele schnippisch- ich kann noch immer
Zeit genug, Guten Morgen sagen, jetzt aber möchte ich gern
wissen, wer diese junge Dame ist? und ob sie meine Erzieherin ist?
Diese Dame ist Deine Gouvernante, fuhr Mistreß Harleigh
fort, und nennt sich Miß Eyre, und Du wirst ihr gleich den
schuldigen Respekt und Gehorsam bezeigen.
Wollen Sie, Miß, daß ich Ihnen Respekt und Gehorsam bezeige? fragte Adele listig.
Du sollst mich lieben und achten lernen und meine beste
Freundin auf Thornfield werden, antwortete Jane mit ernster,
aber freundlicher Miene.
Sie scheinen eine vernünftige Dame zu sein, Miß Eyre, und
ich denke, wir werden recht gut miteinander auskommen und uns
vertragen, plauderte Adele sorglos.
Adele, willst Du denn Deine Ungezogenheiten niemals lassen,
sprach Mistreß Harleigh weiter - in solcher Weise spricht man
nicht mit seiner Erzieherin, seiner Gouvernante.
O bitte, Mistreß Harleigh, wandte Jane freundlich ein, lassen
Sie die muntere Adele nur; sie wird sich schon ruhiger gewöhnen.
Deiner Aussprache nach zu schließen, Adele, hast Du in Frankreich lange Zeit gelebt, ehe Du zu uns nach England und Thornfield kamst?
Jawohl, Miß, ich war bei Mama in Paris, und ach, da
hat es mir sehr gut gefallen, lautete die Antwort. Aber meine
Mama wurde immer blasser, immer schwächer, bis sie vor zwei
oder drei Jahren zur heiligen Jungfrau in den Himmel eingegangen ist.
Deine Mama ist gestorben, du armes Kind- da bist Du
eine Waise, wie ich.
Ja und Mama war so gut - ich lernte bei ihr tanzen,
singen und deklamieren.
Und wo warst Du nach Deiner Mutter Tode, Adele?
Bei fremden Leuten, die sich Monsieur und Madame Frederic
nannten und ebenfalls in Paris lebten. Eines Tages kam Lord
Rochester zu uns, der sich meinen Onkel nannte, sehr gut mit
mir war und mich fragte, ob ich mit ihm nach England gehen
und bei ihm, wie sein eigenes Kind leben wollte. Ich ging mit
ihm; er hat mich nun hierher gebracht, ist aber seit dieser Zeit
nicht wieder in meine Nähe gekommen und läßt mich quälen mit
allen möglichen Dingen, die ich zu meiner Ausbildung lernen soll,
ich mag wollen oder nicht.
Höre auf, Adele, gebot Mistreß Harleigh, wir wollen Frühstück essen, und dann wirst Du bei Miß Eyre Deine ersten Unterrichtsstunden nehmen.
Alle Drei begaben sich in das Haus zurück und nahmen gemeinsam das Frühstück ein, das freilich ganz anders ausfiel, als
es Jane in Lowood seit Jahren gewohnt war. Nach beendigtem
Frühstück betrat sie mit Adele das für die Unterrichtsstunden von
Lord Rochester bestimmte Bibliothekzimmer, welches fast ringsum
an den Wänden mit Schränken bedeckt war, hinter deren hohen
verschlossenen Glasfenstern eine überaus reichhaltige Zahl von
Büchern zu erblicken war; ein Schrank mit Büchern war offen
und enthielt alle zum Elementarunterricht erforderlichen Bücher,
Atlanten und andere Gegenstände. Welche Auswahl fand hier
Jane für ihren Wissensdrang - wie konnte sie hier in diesen
stillen und freundlichen Räumen ihre freie Zeit ihrer weiteren
Ausbildung und ihrer Unterhaltung widmen - denn die Schlüssel
zu all den verschlossenen Schränken standen ihr zur Verfügung;
ebenso stand ein gutes Pianoforte, eine Staffelei, sowie Erd - und
Himmelsgloben zum Gebrauche da.
Ihre Schülerin fand Jane ziemlich gelehrig und schnell begreifend, doch besaß sie weder Fleiß noch Ausdauer und schien besonders an keine regelmäßige und geordnete Thätigkeit gewöhnt zu
sein. Hierauf hatte sie, wie sie sofort einsah, ihr Hauptaugenmerk zu richten, und da Adele anscheinend auch gütlichen Vorstellungen zugänglich war, so glaubte sie in nicht langer Zeit eine
folgsame und aufmerksame Schülerin an ihr zu erhalten. Jane
beschränkte sich anfänglich darauf, sich viel mit ihr zu unterhalten
und ihr nur wenig zu lernen aufzugeben; und als eine Uhr die
elfte Tagesstunde anzeigte, gab sie ihr unaufgefordert drei Stunden
Zeit, in welchen sie ihren Spielen oder freiwilligen Beschäftigungen nachgehen konnte.
Als Jane hierauf nach ihrem Zimmer ging, um für den
Unterricht in den Nachmittagsstunden einige leichte Zeichenvorlagen
für ihre Schülerin anzufertigen, erblickte sie Mistreß Harleigh in
einem Zimmer, dessen Flügelthüren weit geöffnet waren; es war
ein großes ansehnliches Gemach mit purpurfarbigen Stühlen und
Vorhängen und einem den ganzen Fußboden bedeckenden türkischen
Teppich; die Wände bestanden aus Täfelwerk von Nußholz, die
Fenster waren mit sinnigen Glasmalereien geschmückt und die
Decke mit kunstvoller Stukkatur geziert.
Wollen Sie unser Speisezimmer nicht näher ins Auge fassen,
Miß? fragte die alte Dame zum Eintreten freundlich einladend.
Ich habe nur das Fenster geöffnet, damit ein wenig Luft und
Sonnenschein hereinkommt und die schwere Feuchtigkeit vertreibt.
Welch ein prächtiges Zimmer! rief Jane erstaunt, welche
noch niemals ein solches Prunkgemach vor Augen gehabt. Und in
welcher musterhaften Ordnung ist es von Ihnen gehalten!
Ja sehen Sie, Miß Eyre, erwiderte Mistreß Harleigh geschmeichelt, Lord Rochester's Besuche sind äußerst selten, aber
stets plötzlich und unverhofft. Da es ihn nun nicht angenehm zu
sein scheint, daß erst Alles nach seiner Ankunft in Stand gesetzt
und viel Geräusch gemacht wird, so halte ich die Gemächer für
ihn stets in Bereitschaft und bin so immer fertig.
Ist Lord Rochester ein strenger Herr, und macht er große
Ansprüche an seine Umgebung?
Durchaus nicht, aber er ist ein weit und vielgereister Mann,
gebildet und ein echter Gentleman, wenn auch zuweilen von sonderbaren Manieren und rauher Außenseite.
-
blicken, gehört der Familie des Lords, so lange ich zurückdenken kann.
-
habe starken Grund zu glauben, daß er bei seinen Pächtern und
Untergebenen für einen gerechten, strengen, aber auch wiederum
sehr nachsichtigen Herrn angesehen und geachtet wird, obwohl sie nur
sehr wenig Gelegenheit gehabt haben, ihn persönlich kennen zu lernen.
Welche Eigentümlichkeiten trägt er an sich? Wie ist sein
Charakter in Kürze gesagt?
Sein Charakter ist vollständig tadellos, vielleicht nur etwas
eigentümlicher Art.
In welcher Art und Weise ist er eigentümlich?
Das ist schwer zu sagen, Miß Eyre; es tritt nicht direkt
hervor, aber man fühlt es unwillkürlich - man weiß oft nicht,
ob er im Ernst spricht, oder ob er scherzt, wenigstens ich nicht, denn
er ist trotz alledem ein äußerst wohlwollender und freigebiger Herr.
Jane bemerkte, daß Mistreß Harleigh sich nicht weiter und
deutlicher äußern konnte und mochte, und wollte das Speisezimmer verlassen, wurde aber eingeladen, auch die übrigen Teile
des Hauses in Augenschein zu nehmen, und folgte dieser Einladung sehr gern. Sie folgte mit Verwunderung Treppe auf
und Treppe ab und fand Alles schön wohlgeordnet: Die großen
Vorderzimmer erschienen Jane besonders schön und einige Zimmer
im dritten Stock waren wegen ihres altertümlichen Aussehens interessant und merkwürdig. Die Möbel der unteren Gemächer,
als dem Bewohnen und dem Besuche mehr ausgesetzt, hatten der auch in Thornfield eindringende Mode weichen müssen und waren
in den oberen Räumen allmählich untergebracht, so daß letztere
den Anblick eines Kabinets voller historischen Erinnerungen bildeten:
Schränke, Kasten, Tische, Stühle, Bettstellen, Oefen, Gardinen
- Alles harmonierte hier zusammen an Alter und Geschmack.
Wo wollen Sie noch hin, Mistreß? fragte Jane, als ihre
Führerin noch weiter ging.
Nach dem Bleidach! Wollen Sie die Aussicht nicht mit ansehen?
Gewiß! sagte Jane und folgte der Dame eine äußerst schmale
Treppe hinauf, die auf den Boden des Hauses führte, und von
dort vermöge einer Leiter und durch eine Fallthür hindurch auf
das Dach des Gebäudes. Von hier bot sich ein überraschender
Anblick für Jane's Auge. Wie eine Landkarte lag die Gegend
ausgebreitet vor ihr: der sammetartige Rasenteppich, der große Park
mit seinen breitästigen alten Bäumen, der fernere Wald, die
stillen Berghügel, in den Strahlen der milden Herbstsonne glänzend,
der Horizont von einem tiefblauen Himmel begrenzt, das Dorf
mit seinem Turm und seinen kleinen Häusern, Alles war lieblich
und reizend und machte einen unbeschreiblich friedlichen Eindruck.
Nachdem Jane eine geraume Zeit sich an diesem lieblichen Bilde
geweidet, stieg sie die Leiter und die enge Treppe wieder hinab,
während Mistreß Harleigh noch einige Augenblicke zurückblieb, um
die Fallthür zu schließen. Jane durchschritt den langen Gang, der
die Vorderzimmer von den hinteren Zimmern des dritten Stockes
trennte; er war niedrig, schmal und düster und nur an seinem
äußersten Ende von einem kleinen Fenster spärlich erleuchtet. Während
sie so langsam dahinschritt, schlug plötzlich ein deutliches, seltsames,
grelles Lachen an ihr Ohr. Jane blieb betroffen und erschrocken
stehen - und plötzlich verstummte das Lachen wieder, dann begann es wieder lauter, gellender, durchdringender und ging zuletzt in ein wildes Geschrei über, so daß das junge Mädchen unwillkürlich auf die nachkommende Mistreß Harleigh wartete.
Hörten Sie das entsetzliche Lachen, Mistreß Harleigh? fragte
Jane. Von wem mag dasselbe in diesen stillen Räumen herrühren?
Von einer der Dienerinnen wahrscheinlich, antwortete sie;
vielleicht von Gratia Poole.
Haben Sie es jetzt wieder gehört, Mistreß?
Ganz deutlich; ich höre es sogar oft. Gratia näht in einem
dieser Zimmer; zuweilen ist auch Lea bei ihr, und Beide machen
zusammen oft viel Geräusch und Lärmen.
Das Lachen wiederholte sich in leiserem Tone und endete mit
einem dumpfen Gemurmel.
Gratia! rief Mistreß Harleigh laut.
Eine der nächsten Thüren öffnete sich und heraus trat ein
Frauenzimmer in der Tracht einer Dienerin, das ungefähr O Jahre
alt und von robuster und untersetzter Gestalt war.
Zu viel Lärm, Gratia, sprach Mistreß; denke an Deine Befehle.
Ich werde Ruhe halten, antwortete die Gerufene unterwürfig
und verschwand wieder; auch hörte man sie die Stubenthür verschließen.
Es ist eine Person, fuhr Mistreß Harleigh fort, die wir zum
Ausbessern und Nähen haben und welche Lea in der Hausarbeit
unterstützen muß. Aber lassen wir Gratia jetzt bei Seite und sagen Sie
mir, wie Sie heute Morgen mit ihrer Schülerin ausgekommen sind.
O ganz gut, Mistreß! Sie hat kleine Eigenheiten, aber ich
denke, dieselben werden sich alle noch ablegen lassen. An gutem
Willen fehlt es ihr nicht.
Als die beiden Damen das Parterre des Hauses wieder erreicht hatten, kam ihnen Adele entgegengeeilt und rief: Meine
Damen, es ist serviert; ich habe großen Hunger.
In Mistreß Harleigh's Zimmer fanden sie das Mittagsmahl
bereit und speisten zu drei zusammen.-- Im Laufe des Nachmittags unterrichtete Jane ihre Schülerin wieder und fand zu ihrer
Genugthuung, daß Adele wirklich an den Zeichnungen, die sie ihr
vorgelegt, Vergnügen fand und sich auch ziemlich geschickt anstellte.
Hierauf baute Jane ihren Erziehungsplan weiter, Abwechselung
und Unterhaltung mußten ihr Geschmack am Lernen beibringen.
Neuntes Kapitel.
Wie Jane es gehofft, so bestätigte sich auch für sie die Erlangung eines ruhigen und zufriedenen Lebens und einer angemessenen Thätigkeit. Mistreß Harleigh blieb auch für die Folgezeit eine wohlwollende und gütige ältere Freundin für sie, und
Adele, wenn auch lebhaft und eigensinnig etwas, zeigte sich als
ein gutmütiges, unverdorbenes Kind, mit dem nicht schwer auszukommen war. Sie war Jane's alleiniger Erziehung anvertraut,
und Niemand sonst machte einen Einfluß irgend einer Art auf sie
geltend, so daß es in der That gar keine besondere Mühe verursachte, ihre Sonderbarkeiten und Launen ihr abzugewöhnen, ja sie
zeigte jetzt sogar eine gewisse Vorliebe für das Englische, das sie
anfänglich als geborene Französin gar nicht leiden mochte und verächtlich behandelte. Auch bemerkte Jane mit nicht geringer Freude,
daß Adele ihr persönlich zugethan war und deutliche Spuren von
Neigung und treuer Anhänglichkeit zeigte. Auch das dienende
Personal wie Sam, Lea und Sophie bereiteten ihr keine Hindernisse, und nur vor Gratia und deren öfterem unheimlichen Lachen
empfand sie einen gewissen Widerwillen und einen unbestimmten
Schauder. Es kamen öfters mehrere Tage nach einander vor, an
welchem sie ganz still war, dann aber ließ sie wiederum Töne
vernehmen, die sich Jane durchaus nicht erklären konnte. Zuweilen
erschien Gratia im unteren Stockwerk und brachte einen Teller,
eine Schüssel oder irgend ein anderes Stück Geschirr in die Küche
zurück und begab sich dann wieder schweigsam und geräuschlos nach
der oberen Etage.
Oftmals stieg in Jane der Gedanke empor, daß dieses seltsame Lachen gar nicht von Gratia Poole ausgehen könne, vielmehr glaubte sie an ein hier verborgenes Geheimnis, aber da sie
weder von Mistreß Harleigh noch von der übrigen Dienerschaft
irgend eine genauere Auskunft erhalten konnte, so fügte sie sich in
das Unvermeidliche und sann nicht weiter darüber nach.
So waren allmählich die letzten drei Monate des Jahres verflossen, und der Januar brachte zwar Schnee und Eis, aber auch
helles freundliches Wetter mit. Adele war unwohl und konnte
keinen Unterricht erhalten. Jane hatte somit einen freien Nachmittag und wollte einen größeren Spaziergang unternehmen. Sie
war noch nie in dem etwa zwei englische Meilen entfernten Dörfchen
Hay Lome gewesen und richtete dorthin ihren Weg, zumal Mistreß
Harleigh einen soeben fertig gewordenen Brief gern noch nach dem
dortigen Postamte haben wollte und der Briefbote unter zwei
Tagen nicht in Thornfield wieder vorkam. Mit Hut und Mantel
ausgerüstet, übernahm sie die Besorgung des Briefes und machte
sich auf den Weg, der bei dem gerade heiteren und trockenen
Wetter ein wahrer Spaziergang für Jane war. Bis zu dem Dorfe
führte der Weg beständig langsam aufwärts, der Boden war hart
gefroren, die Luft still, Jane ging rasch bis zur Höhe der Straße,
die auf halbem Wege wieder bergab führte. Hier setzte sie sich
auf einen Steg nieder, der daselbst den Uebergang zu einem Felde
bildete. In Gedanken versunken betrachtete sie die Zäune von
Thornfield, welche gegen den westlichen hellen Nachmittagshimmel
scharf abstachen. Tiefe Stille herrschte ringsum, es war ein feierliches, ein heiliges Schweigen, das nur von dem fernen Läuten
eines einzigen Glöckchens unterbrochen wurde. Wie in inniger
seliger Verzückung ruhte Jane's Auge auf der herrlichen Landschaft, und unwillkürlich überließ sie sich dem Genusse dieses
reizenden Schauspiels- als sie von einem lauten Geräusch
plötzlich aus ihrer Betrachtung aufgeschreckt wurde; es klang zwar
noch fern, aber laut und deutlich durch die Stille des Nachmittags:
es war ein Stampfen, ein metallartiges Klirren!
Betroffen schaute sie sich nach der Straße um, von der dieses Geräusch herauftönte; sie glaubte ganz deutlich die Hufschläge eines Pferdes zu vernehmen, obwohl es noch von einer Windung des mit einer Hecke besetzten Pfades verborgen gehalten wurde. Jane
wollte ihren Sitz gerade verlassen, aber da der Weg hier nicht genügend breit war, so blieb sie noch sitzen, um Pferd und Reiter vorüber zu lassen. Endlich ward das Pferd sichtbar; es war ein mächtiges Tier mit langem Haar und einem ungewöhnlich
großen Kopfe; auf seinem Rücken trug es einen Reiter - das Pferd schritt am Stege vorüber und Jane ging ruhig ihres Weges, ja sie wußte in der That nicht, ob sie den Reiter gesehen hatte oder nicht.
Nach einigen Schritten hörte Jane ein Geräusch, wie vom
Ausgleiten eines metallenen Gegenstandes auf Eis und die Worte
des Reiters: Was zum Henker ist jetzt zu thun? Dann entstand
ein weiteres Geräusch wie von einem klirrenden Falle, worauf
Jane rasch sich umwandte und Roß und Reiter am Boden liegen
sah; das Pferd hatte auf einer abschüssigen Eisstelle des Weges
festen Fuß verloren und war gestürzt. Ein großer Hund, der in
des Reiters Begleitung mit herbeigesprengt kam, bellte laut auf,
daß die Hügel widerhallten, umschnobberte die gestürzte Gruppe
und kam nach Jane zugesprungen, welche ihm folgte und zu dem
Reiter ging, der sich jetzt mit kräftigen Anstrengungen unter dem
Tiere hervorzuarbeiten suchte, daß er sich unmöglich bedeutend
verletzt haben konnte.
Haben Sie sich beschädigt, mein Herr? fragte Vane.
Ein unartikulierter Laut, einem Fluche ähnlich, war die Antwort.
Kann ich etwas für Sie thun, um Ihnen zu helfen? fragte
Jane mutig weiter.
Treten Sie nur auf die Seite, antwortete der Reiter, indem
er sich vorläufig auf seine Kniee stützte und dann mit Nachhilfe
der Hände auf die Füße stellte.
Jane ging einige Schritte zurück, wollte aber sich nicht entfernen, bis sie Roß und Reiter wieder reisefertig gesehen; es begann nun ein Stampfen und Schlagen des Pferdes, ein Heulen und Bellen des Hundes, ein Rufen und Fluchen des Reiters, daß
einem weniger unerschrockenen Mädchen wie Jane bange geworden
wäre. Endlich war das Pferd glücklich wieder auf seinen vier
Beinen, der Hund beruhigte sich, der Reiter beugte sich nieder
und fühlte nach seinem Fuße und seinem rechten Beine, als wollte
er untersuchen, ob beide noch unverletzt wären, dann hinkte er
nach dem Stege, von welchem Jane sich kaum erhoben hatte, und
setzte sich daselbst nieder.
Jane trat teilnehmend wieder näher: Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, und Hilfe bedürfen, so kann ich solche sowohl von Thornfield wie von Hay Lome für Sie herbeiholen.
Ich danke sehr, erwiderte der Reiter, es wird schon gehen;
ich habe, wie es scheint, Nichts gebrochen, sondern mir nur den
Fuß tüchtig verrenkt. Er erhob sich wieder und versuchte aufrecht zu
stehen, doch preßte ihm der Schmerz einen unwillkürlichen Ausruf aus.
Jane erhielt während dieser Steh - und Gehproben Muße,
sich den Reiter zu betrachten, dessen Gestalt in einem Reiseanzug
mit einem Pelzmantel gehüllt war; sein Wuchs war nicht ganz
deutlich erkennbar, doch bemerkte sie, daß er von mittlerer Größe
war und eine sehr breite Brust hatte; sein Gesicht war leicht gebräunt, seine Züge streng, sein Auge blickte unwirsch und seine zusammengezogenen Brauen trugen einen finsteren Ausdruck; er war nicht mehr jung und auch nicht besonders schön zu nennen,
wenn auch der Gesamteindruck seines Antlitzes kein ungünstiger war.
Mein Herr, hob Jane von Neuem an, ich kann Sie auf diesem einsamen Wege nicht verlassen, bis ich sehe, daß Sie Ihr Pferd wieder zu besteigen vermögen.
Der Reiter schaute verwundernd auf und erwiderte rauh:
Ich dächte, Sie könnten jetzt selbst zu Hause sein, wenn Sie hier
wohnen. Woher kommen Sie?
Ich komme von dort unten, mein Herr, erwiderte Jane, aber
ich eile gern für Sie nach Hay Lome, zumal ich außerdem einen
Brief dorthin zur Post zu tragen habe.
Dort unten wohnen Sie? In jenem Hause mit den Zinnen?
Ja, Herr.
Wem gehört dieses Haus?
Lord Rochester.
Kennen Sie den Lord?
Ich habe ihn bis jetzt noch nicht gesehn.
Der Lord wohnt nicht dort? Wissen Sie, wo er sich aufhält?
Ich kann es nicht sagen.
Sie sind wohl keine Dienerin in dem Hause dort? Sie
sind-? Ein durchdringender Blick ruhte auf Jane und unwillkürlich hielt der Reiter in seiner Rede inne.
Ich bin Gouvernante in jenem Hause, Herr.
Ah, die Gouvernante! Ich kann es doch nicht von Ihnen
annehmen, daß Sie Hülfe für mich herbeiholen. Aber wenn Sie
die Güte haben wollen, können Sie ein wenig behilflich sein.
Gern, Herr, wenn es in meinen Kräften steht.
Sie haben wohl keinen Schirm, auf den ich mich stützen
könnte, um auf mein Pferd zu gelangen, da ich dies mit meinem
gelähmten Beine unmöglich bewerkstelligen kann?
Nein, Herr!
So versuchen Sie, mein Pferd am Zügel zu fassen und es
zu mir zu führen. Fürchten Sie sich nicht, es wird Ihnen nicht
das geringste Leid zufügen.
Jane machte mehrere furchtlose Versuche, das Pferd am Zügel
zu ergreifen, aber es ließ ihre Hand seinem Kopfe nicht nahe
kommen und hob denselben stets rasch in die Höhe.
Es scheint nicht gehen zu wollen; ich sehe mich daher genötigt,
Sie bitten zu müssen, sich in meine Nähe zu bemühen, denn die
Not zwingt mich, Ihren Beistand anzunehmen.
Jane folgte seiner Aufforderung und trat zu ihm; eine schwere
Hand legte sich auf ihre Schulter, aber sie stand fest und wankte
nicht, und der gelähmte Reiter konnte unter einiger Anstrengung
bis zu seinem Pferde hinken. Sobald er den Zügel desselben erfaßt und den einen Steigbügel mit dem verschont gebliebenen Fuße
erreicht hatte, schwang er sich mit einem mächtigen Rucke in den
Sattel, wobei seine Gesichtszüge allerdings heftige Schmerzempfindungen ausdrückten.
Nun bitte, reichen Sie mir meine Reitpeitsche noch; sie muß unter jener Hecke liegen.
Jane fand und reichte ihm dieselbe.
Ich danke Ihnen. Nun eilen Sie so schnell als möglich mit Ihrem Briefe nach Hay Lome, und kehren Sie ebenso rasch nach Thornfield zurück, rief der Reiter munter, gab seinem Pferde die Sporen und jagte, von seinem Hunde gefolgt, wie ein Sturmwind den
Weg hinab.
Jane begab sich ohne Aufenthalt nach Hay Lome, gab ihren
Brief ab und trat unverzüglich den Rückweg wieder an; an dem
Stege, an welchem ihr das Abenteuer begegnet war, machte sie
einige Augenblicke halt und überlegte, wohin wohl der Reiter seinen
Weg genommen haben möge, dann suchte sie die schützenden Mauern
von Thornfield wieder zu erreichen, da es bereits dunkel zu werden
begann. Sie fand die Vorhalle heller als gewöhnlich erleuchtet,
und aus dem Speisezimmer, dessen Flügelthüren halb offen standen,
strömte ebenfalls ein Lichtschein von dem Kamine aus; auch schien
sie eine kleine Gruppe von Menschen zu gewahren und ein Gemisch von Stimmen zu vernehmen, aus deren Adele's heller Ton heraus klang - plötzlich aber ward die Thüre geschlossen.
Als Jane noch unschlüssig stand, bemerkte sie auch einen großen Hund, der jenem des Reiters vollkommen ähnlich sah; sie wollte ihn an sich rufen, um zu sehen, ob sie sich täusche oder nicht, aber da trat Lea ein, und so begnügte sie sich nur zu fragen:
Was ist das für ein Hund, Lea?
Er kam mit dem Herrn, gab Lea zur Antwort.
Mit wem?
Mit dem Herrn- Lord Rochester ist soeben angekommen.
So! Und Mistreß Harleigh ist bei ihm im Zimmer?
Ja, Miß, und Adele auch; sie sind noch im Speisezimmer,
während Sam nach einem Arzte gegangen ist, denn der Lord ist
mit dem Pferde gestürzt und hat sich den Fuß verrenkt.
Ist der Herr auf dem Wege von Hay Lome nach Thornfield gestürzt?
Ja, Miß, beim Herabreiten des Hügels glitt das Pferd aus und stürzte mit ihm.
So will ich nicht in das Speisezimmer treten. Bitte holen
Sie mir ein Licht, Lea, daß ich nach meiner Stube gehen kann.
Ja, Miß Eyre, es ist am besten, wenn Sie nach dem anstrengenden Wege nach und von Hay Lome, sprach die gerade aus
dem Zimmer tretende Mistreß Haleigh zu Jane, sich direkt zu
Bette begeben, da sie Lord Rochester doch nicht mehr sprechen
können, da er auf Befehl des Wundarztes Carter gleichfalls sein
Lager aufsuchen muß.
Jane that wie die alte Dame wünschte; der Lord schien kein
Wort von seinem Zusammentreffen mit ihr erwähnt zu haben,
und so glaubte sie ebenfalls Stillschweigen beobachten zu müssen.
Am folgenden Morgen mußten Jane und Adele auf des Lords
Verlangen das Bibliothekzimmer räumen und die Unterrichtsstunden
in einem Gemache des ersten Stocks abhalten. Lord Rochester
benutzte es gleichsam als Expeditions- und Empfangszimmer, da
seine Verwalter und Pächter bei ihm erscheinen mußten, um Berichte über etwaige bemerkenswerte Vorfälle, die sich in seiner Abwesenheit zugetragen, zu erstatten. Überhaupt hatte durch des
Lords Ankunft Thornfield ein ganz anderes Aussehen erhalten;
an die Stelle der wohlthuenden Stille war ein lebhaftes Kommen
und Gehen getreten, die Thorglocke wurde oft gezogen und noch
öfter stark an das Thor gepocht, so daß es laut durch die hohen
Hallen hin hallte; man hörte jetzt nicht mehr jeden einzelnen leisen
Fußtritt im Hause, sondern laute und meist fröhliche Menschenstimmen.
Jane hatte Mühe, ihre Schülerin beim Lernen festzuhalten;
sie brannte vor Begierde zum Onkel Rowland hinabzukommen, da
er ihr besonders mitgeteilt, daß, sobald sein Gepäck von Millcote
ankommen werde, unter demselben eine Schachtel sich befinden
würde, deren Inhalt sie vielleicht interessieren dürfte.
Das bedeutet soviel, Miß, versetzte die kleine Schlaue, daß
in der Schachtel ein Geschenk für mich enthalten ist und für Sie
vielleicht auch, Miß. Onkel Rowland hat schon nach Ihnen gefragt.
So! antwortete Jane gleichgültig. Was fragte er denn?
Ob Sie nicht eine kleine zierliche und blasse Person seien,
Miß. Da sagte ich ja!
Und weiter sagte er nichts zu Dir oder Mistreß Judith?
Nein, dann bestimmte er, wer von den Pächtern heute früh
zu ihm kommen sollte.
Adele mußte ihres Unwohlseins von gestern halber am heutigen
Tage noch das Zimmer hüten, wenn sie auch mit Unterricht nicht
sehr angestrengt werden durfte. Niemand bekümmerte sich um die
Lehrerin und Schülerin, selbst Mistreß Harleigh nicht, so angestrengt hatte sie heute mit zu schaffen, ja Beide mußten allein
auf ihrem Zimmer speisen. Erst am Nachmittag wurde Adele zu
Lord Rochester durch Lea gerufen und gegen Abend trat auch
endlich Mistreß Harleigh bei Jane ein.
Lord Rochester würde es gern sehen, begann sie, wenn Sie
heute Abend mit ihm und Adele im Gesellschaftszimmer den Thee
einnehmen wollten. Er hat den Tag über so viele wichtige Geschäfte mit seinen Pächtern zu erledigen gehabt, daß er Sie noch
nicht hat zu sich bitten lassen.
Um welche Zeit pflegt Lord Rochester den Thee zu nehmen?
Um sieben Uhr, Miß.
Gut, Mistreß Harleigh, ich werde mich pünktlich einstellen.
Zu bestimmter Zeit trat Jane in das Gesellschaftszimmer und
fand Lord Rochester, der seine verletzten Beine auf dem Sopha
ausgestreckt hielt, lebhaft mit Adele beschäftigt, so daß er ihre
grüßende Verbeugung entweder nicht bemerkt hatte oder nicht bemerken wollte; Jane verhielt sich daher vorläufig still im Hintergrunde des Zimmers.
Hier ist Miß Eyre, Lord Rochester, sprach Mistreß Harleigh
nach geraumer Weile.
Base Judith, lassen Sie die Dame Platz nehmen, erwiderte
der Lord, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen. Nach
einigen Minuten fuhr er fort: Ich möchte um etwas Thee bitten.
Mistreß Harleigh goß von dem bereits fertig gehaltenen Thee
eine Tasse ein und wandte sich an Jane: Wollen Sie dem Herrn
wohl die Tasse reichen, Miß Eyre, Adele könnte den Thee doch
wohl leicht verschütten.
Jane that, wie ihr geheißen, ohne ein Wort dabei zu reden;
doch Adele begann, als der Lord ihr stumm die Tasse abnahm:
Onkel Rowland, Du hast mich heute so reich beschenkt. Hast Du nicht
auch für Miß Eyre ein Geschenk mitgebracht. Miß ist so gut mit mir.
Wer spricht von Geschenken! rief er übellaunig. Erwarteten Sie von
mir ein Geschenk, Miß Eyre? Lieben Sie überhaupt Geschenke, Miß?
Ich habe bisher noch niemals Geschenke erhalten und kann
es kaum beurteilen. In der Regel werden sie aber für angenehm und erfreulich gehalten.
Miß Eyre, Sie sind weniger offen, als Ihre Schülerin.
Adele verlangt stets ein Geschenk, so oft ich hierher komme; Sie
aber, Sie halten zu sehr hinter dem Berge.
Adele macht das Recht der Gewohnheit und den Anspruch auß. -
alte Bekanntschaft geltend. Was aber hätte ich wohl gethan, um
ein Geschenk von Ihnen erwarten zu dürfen?
Kokettieren Sie mir nicht mit übergroßer Bescheidenheit. Ich
habe jetzt eben Adele einer eingehenden Prüfung unterzogen und
gefunden, daß sie in den drei Monaten Ihres Unterrichts weit
mehr gelernt hat, als sonst in drei Jahren.
Dank, Herr, jetzt habe ich mein Geschenk!
Wie so?
Es ist die höchste Anerkennung und die schönste Befriedigung.
Für einen Lehrer oder eine Lehrerin, wenn die Fortschritte ihrer
Schüler von deren Angehörigen bemerkt werden.
Kommen Sie näher zum Sopha, Miß - Sie Base bleiben
dort sitzen.
Jane ging zum Tische des Lords und setzte sich auf einen
in der Nähe befindlichen Stuhl.
»Sie sind seit Monaten in Thornfield? fragte Rochester weiter.
Ja, Herr!
Und kommen von -
Aus der Schule zu Lowood in der Grafschaft R.
Ah, eine sogenannte milde Stiftung! Wie lange waren Sie dort?
Acht Jahre. Sechs Jahre als Schülerin, zwei als Lehrerin.
Acht Jahre? rief der Lord erstaunt aus. Da müssen Sie
eine Konstitution, von Eisen haben! Ich sollte meinen, schon das
Viertel dieser Zeit reichte hin, um auch den robustesten Körper zu
Grunde zu richten. Wer sind Ihre Eltern?
Ich habe keine Eltern.
Sie werden aber doch Verwandte haben? Oheime, Tanten.
Nein, Herr, keine, die ich jemals gesehen habe.
Auch keine gehabt?
Ich hatte einen guten Onkel, aber der ist leider lange gestorben, leider, als ich noch ganz klein war.
Wo ist Ihre Heimat?
Ich habe keine Heimat und weiß nicht, wo ich eine solche
suchen soll.
Haben Sie auch keinen Bruder, keine Schwester?
Ich habe Niemand auf der Erde - ich stehe allein, ganz allein.
Wie kommen Sie in mein Haus?
Im Herold der Grafschaft R. erließ ich ein Gesuch als Erzieherin, worauf mir Mistreß Harleigh diese Stellung hier auf
Thornfield anbot, die ich auch sofort annahm.
Ja, begann jetzt die alte Dame, und ich danke täglich Gott
für die gute Wahl, die er mich hat treffen lassen, denn Miß
Eyre ist eine sorgfältige Lehrerin, eine mütterliche Freundin für
Adele und eine unschätzbare Gesellschafterin für mich gewesen, und
wenn sie wiederum aus dem Hause gehen sollte, so besorge ich
keine wieder für das Kind.
Ereifern Sie sich nicht, Base Judith! Sie wissen, daß ich
Alles selbst prüfe und beurteile. Ich kann mich nicht lobend über
sie aussprechen. Das Erste, das sie mir angethan, war, daß sie
mein Pferd stürzen machte und mir diese Verrenkung zugezogen hat.
Aber Lord Rochester! rief Mistreß Harleigh voller Bestürzung aus
Ruhig, ruhig, Base! Haben Sie jemals in einer Stadt
gelebt, Miß Eyre?
Niemals, Herr!
Sind Sie oft in Gesellschaft gekommen? Und in welche?
In keine andere, als in die der Lehrerinnen und Schülerinnen
von Lowood wie in die der gegenwärtigen Hausgenossen von
Thornfield.
Haben Sie viel gelesen?
Ehe ich nach Thornfield kam, habe ich nur die Bücher kennen
lernen, die in Lowood für die Stiftung und den Unterricht gebraucht wurden. Jetzt freilich lese ich viel.
Blackhurst, der in Lowood Direktor war, wirkte als Geistlicher.
Ja, Herr!
War er beliebt in der Anstalt?
Mir mißfiel er und fast alle Lehrerinnen stimmten mit mir
in meinem Urteile überein. Er ließ die Zöglinge hungern und
oft verdorbene Speisen genießen, so lange er die Oberleitung der
Anstalt allein zu versehen hatte; er war rauh und hart dabei.
Wie alt waren Sie, als Sie in die Lowood-Stiftung eintraten?
Etwas über zehn Jahre alt.
Und da Sie acht Jahre dort verweilten, so sind Sie jetzt
achtzehn Jahre alt. Nach Ihrem Gesicht und Aussehen ist Ihr
Alter sehr schwer zu bestimmen, Miß. Was haben Sie in
Lowood gelernt? Spielen Sie Klavier, Miß?
Ein wenig, Herr.
So gehen Sie in das Bibliothekzimmer- das heißt, wenn
es Ihnen gefällig ist, lassen Sie die Thüre ein wenig offen,
damit Sie sehen und wir hören können, und spielen Sie uns zum
Thee etwas vor. Ich habe so lange keine Musik in diesen alten
Mauern gehört, daß ich fast beinahe nicht mehr weiß, wie sie
hier klingen mag.
Jane ging in das Bibliothekzimmer und spielte eine einfache
schottische Volksmelodie, fast die einzige Piece, welche sie ohne
Zuhülfenahme von Noten spielen konnte.
Ich danke Ihnen, Miß! rief der Lord. Lassen Sie es genug
sein. Sie spielen vielleicht besser wie manches englische Schulmädchen, vielleicht aber auch nicht. Sind die Zeichnungen,
welche mir Adele gestern Abend nur flüchtig zeigen konnte, von Ihnen?
Ja, Herr.
Haben Sie deren noch mehrere?
Ja, Herr; Sie liegen ebenfalls in dem Bibliothekzimmer.
So holen Sie dieselben, das heißt, ich bitte Sie, dieselben
zu holen. Doch halt, wenn die Mappe vielleicht nur Kopien enthält und keine Originale, so lassen Sie es lieber.
Sie werden ja urteilen können, Herr. Ich wenigstens habe
bis jetzt noch niemals wiederzugeben vermocht, was ich nicht selbst
empfunden und erdacht habe.
Bringen Sie aber ja keine Stümpereien; ich kann Schülerhaftes nicht ausstehen und lege einen strengen kritischen Maßstab an.
Eine Künstlerin bin ich freilich nicht und habe auch keine
Malerakademie besucht, Originale aber hoffe ich bieten zu können,
wenn auch vielleicht nur Stümpereien. Nach diesen Worten überreichte Jane ihre Mappe an Lord Rochester.
Sie sind empfindlich, Miß, wie alle Frauenzimmer! Lord
Rochester blätterte langsam in den einzelnen Blättern, aber mit
immer sichtlicher werdenden wachsendem Staunen, bis er endlich
den auf dem Kopfe habenden türkischen Fez wie zufällig ablegte.
Sie hat gewonnen bei ihm, murmelte Mistreß Harleigh
zwischen den Zähnen- er legt sein Käppchen ab- ein Beweis,
daß er Respekt vor Jemandem hat.
Nach einer geraumen Weile, während welcher er nur Augen
für Jane's Zeichnungen gehabt, hob er den Blick wieder und
fragte: Diese Bilder können nur von einer Hand herrühren.
War es Ihre Hand, welche dieselben schuf?
Ja, Herr!
Und wonach zeichneten Sie diese Stoffe?
Aus meinem Kopfe.
Aus diesem kleinen Kopfe, der da zwischen Ihren Schultern sitzt?
Aus demselben!
Enthält er noch Stoffe derselben Art?
Ich hoffe es, Herr, und denke auch noch bessere.
Sie müssen viel Zeit und noch mehr Nachdenken auf diese
Bilder verwandt haben? Wie und wann konnten Sie Beides
ermöglichen?
Während den beiden Jahren, welche ich als Lehrerin in
Lowood verbrachte, war ich in den Ferien auf mich allein angewiesen, da ich keine Verwandten und Freunde hatte. Ich benutzte
diese ganze freie Zeit und zeichnete und malte, so lange ich sehen konnte.
Fühlten Sie sich glücklich, als Sie diese Bilder schufen?
Ich versenkte mich in meine Gedankenwelt und glaube, daß
ich in diesen Stunden mich glücklicher gefühlt habe, als jemals
seit dem Tode meines guten Onkels.
Ich glaube es Ihnen, Miß. Diese Bilder sind seltsame
Schöpfungen für den Pinsel, wie für die Phantasie einer Schülerin
von Lowood. Sie sind voll Poesie, und was an Ihrer Vollkommenheit fehlt, ist nur Mangel an den äußeren Fertigkeiten,
der Technik. Waren Sie zufrieden mit dem Resultate Ihrer
langen und anstrengenden Arbeiten?
Zufrieden, Herr? Nein! Aber doch betrachte ich diese
Bilder als das Höchste, was ich gegenwärtig besitze. Sie sind
mein wirkliches und wahrhaftiges Eigentum.
Sie haben Recht, Miß! Es sind seltsame, sonderbare
Phantasien! Dieses Auge des Abendsterns müssen Sie im
Traum gesehen haben? Wer lehrte sie den Sturm malen? Hei,
wie die Windsbraut über die Heide fährt! Hier diese hochwogende
See,- sein nackter Arm, der aus den Wellen ragt, hält einen
gebrochenen Mast umschlungen, als letzten Rettungsanker, ein glänzendes Armband umschlingt das Armgelenk, ein Rabe will das
Geschmeide dem Arme entreißen- nichts Lebendiges auf dem
ganzen Bilde als dieser diebische Vogel - und doch Alles Leben,
Alles Bewegung! Und hier diese dünnen Hände, welche einen
schwarzen Schleier über die unteren Züge des Gesichts ziehen- diese völlig blutlose Stirn, so weiß wie Elfenbein, und dieses
hohle und starre Auge, in dessen gläsernem Ausdruck sich nur
Verzweiflung zu erkennen giebt. Was kocht in Ihrem Gehirn,
Miß, daß es solche Blasen treibt! Diese verwünschten Bilder
werden mich um einige Stunden stärkenden Schlafes bringen.
Rochester schob die Mappe verdrießlich bei Seite und wandte
sich, wie wenn er wieder heftigere Schmerzen auszustehen hätte,
mit dem Gesicht ab.
Ist Ihnen etwas unbequem, Lord Rochester? fragte Mistreß
Harleigh.
Diese Bilder sind mir unbequem! fuhr er auf, und nach
der Uhr blickend, setzte er fast heftig hinzu: Schon neun Uhr,
Miß Eyre! und Adele noch nicht in ihrem Bette? Wollen Sie
eine neue Hausordnung auf Thornfield einführen? Das kann ich
nicht dulden. Gehen Sie! - Ich wünsche Ihnen jetzt eine gute
Nacht. Rochester deutete mit der Hand nach der Thüre.
Jane forderte Adele auf, sie zu begleiten, und war im Begriff ihre Zeichenmappe wieder an sich zu nehmen, als der Lord
dieselbe mit einem raschen Griffe an sich nahm und ärgerlich
sagte: Die Mappe werde ich doch wohl noch einige Stunden
behalten können.
Gern, Herr! Gute Nacht. Komm, Adele.
Gute Nacht, böser Onkel, scherzte Adele, küßte den Lord und
eilte der vorangehenden Jane nach, welche sich von Mistreß Harleigh
verabschiedet hatte.
Ich sehe Sie noch, Kindchen, flüsterte die alte Dame Jane
heimlich zu, und kaum hatte die Letztere ihr Zimmer betreten, so
erschien auch Mistreß Harleigh bei ihr und forderte zuerst einen
genauen Bericht über das gestrige Zusammentreffen mit dem Lord,
der ihr dann auch auf das Bereitwilligste und mit Schilderung
der geringsten Vorkommnisse erstattet wurde. Dann fuhr Mistreß
Harleigh fort: Aber Herzchen, was müssen Sie denn für garstige
Bilder gemalt haben, daß Lord Rochester so böse werden konnte?
Anfangs schienen ihm ihre Zeichnungen zu gefallen, ja er bekam
Respekt vor ihnen, denn er zog sein Käppchen ab, was er sonst
nicht leicht thut- aber zum Schlusse müssen doch recht häßliche
Dinge zum Vorschein gekommen sein! Ich glaube, Sie haben
den guten Eindruck, den Sie auf ihn gemacht zu haben schienen,
vollständig wieder verwischt, und das bedauere ich, Miß, recht lebhaft.
Mistreß Harleigh, erwiderte ihr Jane lächelnd, Sie sind sehr
freundlich und teilnehmend, aber meine Bilder haben Lord Rochester
bestimmt nicht mißfallen, sonst würde er sie nicht an sich genommen haben. Es schien ihn zu reizen, daß er nichts daran zu
tadeln finden mochte.
Rochester habe nichts Eigentümliches an sich und an seinem Charakter.
Nun, ist denn dies wirklich der Fall, Miß?
Ich sollte meinen, er wäre etwas launenhaft und eigenwillig.
Es mag jedem Fremden allerdings auf den ersten Blick so
erscheinen, aber ich habe mich so an sein Wesen gewöhnt, daß es
mir gar nicht mehr auffällt. Und sollte er wirklich etwas launenhaft und eigenwillig sein, so muß man ihm auch schon etwas nachsehen
Ja, ja, das muß man, denn er ist neben seinen Schwächen
ein bedeutender Mensch und gebietet über Fähigkeiten, die man
sonst selten bei reichen Leuten zu finden pflegt.
Lord Rochester war nicht immer so reich wie jetzt; er verlor erst vor mehreren Jahren seinen älteren Bruder durch einen mehr als plötzlichen Tod.
Seinen älteren Bruder?
Ja als zweitgeborener Sohn eines vornehmen Hauses hatte er keine glückliche Lebensstellung, aber seit neun Jahren ist er der Erbe der ganzen reichen Grafschaft Rochester.
Und er lebt niemals lange Zeit auf Thornfield?
Ich glaube nicht, daß er einziges Mal länger als 1 Tage hier gewesen ist; auch wundert es mich nicht sonderlich, daß er den alten Ort meidet.
Warum sollte er ihn meiden, Mistreß?
Vielleicht kommt er ihm ziemlich unheimlich vor- aber ich verplaudere hier die Zeit, und der Lord bedarf meiner noch heute Abend, Gute Nacht, Miß Eyre!
Gute Nacht, Mistreß Harleigh.
Zehntes Kapitel.
Jane traf in den nächstfolgenden Tagen fast gar nicht mit Lord Rochester zusammen. Früh erledigte er Geschäfte und zu Mittag trafen meistenteils Herren aus der Umgegend von Millcote bei ihm ein und blieben zuweilen zu Tisch in Thornfield, an
welchem weder Jane noch Mistreß Harleigh teilnahmen. Als nach einigen Tagen sein Fuß soweit wieder hergestellt war, daß er sein Pferd besteigen konnte, ritt er viel aus und kam gewöhnlich erst spät in der Nacht zurück. Nur auf den Treppen oder in der Vorhalle fand hin und wieder einmal eine Begegnung statt und er erwiderte Jane's ehrerbietigen Gruß mit herablassendem Nicken, mit kaltem Blicke und mitunter auch mit übermäßiger Heftigkeit, so daß die junge Gouvernante immer zurückhaltender und gemessener in ihrem Betragen gegen ihn wurde.
Eines Abends erfolgte wiederum eine Einladung zum Thee.
Lord Rochester forderte Jane direkt auf, bei ihm am Tische Platz zu nehmen und verwies Adele zu Mistreß Harleigh mit der Weisung, ihn nicht zu stören.
Miß Eyre, hob er nach einem etwas langen Stillschweigen an, ich wünschte heute Abend mehr über Ihre Person, Ihren Charakter und Ihre Kenntnisse zu erfahren. Reden Sie
Wovon, Lord Rochester? fragte Jane verwundert.
Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen die Wahl des Gegenstandes und die Art und Weise seiner Behandlung. Nun wollen Sie nicht reden?
Jane sah den Lord an und lächelte, freilich nicht, wie wenn sie reden wollte; sie dachte still bei sich, wenn er denkt, ich soll reden, blos um zu reden, damit er mich kennen lernt, so soll er doch merken, daß ich keine Lust habe, mich seinen Launen zu fügen.
Sind Sie stumm, Miß Eyre? Ach so, entschuldigen Sie -
ich sprach meine Bitte auf eine barsche, ja vielleicht auf eine befehlende Weise aus, aber ich bin das einmal so gewohnt und kann es mir so rasch nicht abgewöhnen. Ich bitte Sie also, daß Sie die Güte haben, jetzt ein wenig mit mir zu reden, um mich
zu zerstreuen, weil meine Gedanken von einem mir sehr unangenehmen Gegenstande gar nicht zu entfernen sind.
Ich bin gern und willig bereit, Herr, Sie zu unterhalten,
wenn ich es vermag - aber ich kann den Gang der Unterhaltung
nicht einleiten, da ich nicht wissen kann, welcher Gegenstand zunächst Sie interessieren dürfte. Fragen Sie, ich werde auf alle
Fragen Antwort geben, welche in meinem Bereiche und in den
Grenzen meines Wissens liegen.
Also gestehen Sie mir zu, daß ich ein Recht habe, ein wenig kurz- und herrisch zu sein? Sie lächeln, was denken Sie schon wieder? Sie denken etwas Böses, Miß Eyre?
Ich denke, Lord Rochester, daß nur sehr wenige Herren darauf achten werden, ob ihre bezahlten Untergebenen sich durch ihre Befehle verletzt fühlen werden oder nicht.
Bezahlte Untergebene nennen Sie sich? Ach ja, ich vergaß die dreißig Pfund Jahrgehalt, die ich Ihnen zahlen lasse. Also aus diesem Grunde soll ich fragen und befehlen dürfen?
Nein, Herr, nicht deshalb, sondern weil Sie es vergaßen
und fragten, ob eine abhängige Person sich in ihrer Abhängigkeit
wohl fühlt, willige ich von Herzen ein.
Wollen Sie die Namen Ihrer Verwandten nennen?
Ich bitte Sie inständig, Lord Rochester, mein Schweigen auf
diese Frage nicht als Widersetzlichkeit oder gar Böswilligkeit auszulegen - und wenn Sie doch auf Beantwortung bestehen, so will. ich
solche auch nicht verweigern, aber wenn Sie die trübsten und unglücklichsten Stunden meiner frühen Kinderjahre nicht in ihrem
ganzen Umfange in meinem Herzen wachrufen wollen, so ersparen
Sie es mir, von dieser Zeit und von den Personen, in deren
Nähe ich zu leben gezwungen war, reden zu müssen.
Haben Sie sich vielleicht Undankbarkeit oder Pflichtverletzung
zu Schulden kommen lassen, Miß Eyre, so brauchen Sie nicht
hinter dem Berge zu halten. Ich denke in manchen Punkten
milder, als Sie glauben, und war früher auch ein wilder Bursche.
Herr, Sie können über mich die genaueste Auskunft erhalten, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, über meine persönlichen Verhältnisse in der Lowood-Stiftung anzufragen.
Ich hätte es lieber aus Ihrem Munde vernommen, aber da es Ihnen Überwindung zu kosten scheint, von Ihrer Jugend zu reden, so bin ich ja kein Unmensch und verzichte auf Ihre Bekenntnisse.
Dank, Herr!
Wo sind Sie geboren? Das werden Sie mir doch sagen können!
Ich habe mehrfach sagen hören, daß mein Vater in Amerika, in New-York, mit meiner Mutter gelebt habe, daß ich dort geboren und nach meines Vaters Tode mit meiner Mutter nach England zurückgekehrt sei.
Wissen Sie, welche Stellung Ihr Vater im Leben einnahm?
So viel ich erfahren, war er Ingenieur in einem industriellen
Etablissement.
Und Ihre Verwandten wiederzusehen, tragen Sie gar kein Verlangen?
Nicht das mindeste, Herr!
Und warum, Miß Eyre?
So viel ich jetzt beurteilen kann, bin ich denselben stets eine Last nur gewesen, für welche sie keine Liebe empfinden konnten, und möglicher Weise mag auch ein Teil der Schuld an mir mit gelegen haben, ohne daß ich indessen ein bestimmtes Bewußtsein davon hatte.
Also stoße ich doch bei Ihnen auf einen schwarzen Flecken in Ihrem Charakter - aber das ist mir lieb - sie dürfen dann mich auch nicht so ohne Weiteres hart beurteilen.
Ich hätte hierzu auch kein Recht, Herr.
Wer sollte Ihnen das streitig machen, Miß! Sie werden freilich nicht so unvorsichtig sein, gegen mich Ihre wahre Meinung unverhüllt auszusprechen, aber in Ihren Gedanken werden Sie so schwarz von mir denken, als Sie es nur vermögen werden.
Sollte diese Art und Weise der Unterhaltung Ihnen wirklich
Zerstreuung gewähren?
Hoho! Miß Eyre, was fällt Ihnen plötzlich ein, meinen Geschmack hofmeistern zu wollen?
Herr, was denken Sie von mir- aber wenn ich nicht einmal eine Frage an Sie richten darf, wie ich will, wie soll ich Sie da unterhalten können?
Sie haben Recht, Miß Eyre. Fragen Sie nur weiter. Ich will Ihrer Neugierde keinen Zügel anlegen und Alles beantworten, was Sie zu wünschen wissen werden.
Ausfragen werde ich Sie nicht, Lord Rochester, und Sie werden sich auch nicht von mir ausfragen lassen. In Allem muß es eine Grenze geben, wenn es im menschlichen Leben von Bestand sein und auf Beachtung Anspruch machen will.
Sehr weise und unklug zugleich gesprochen. Wo haben Sie
so viel Geist und so viel Einfältigkeit in einem Atemzug nur hergenommen?
In dieser für Jane ziemlich unangenehmen Weise wurde das Gespräch fortgeführt, ja Rochester wurde während desselben mehrmals fast verletzend gegen die Erzieherin seiner Nichte, so daß Mistreß Harleigh mehrmals Miene machte, sich in das Gespräch
einzumischen, immer aber von einem bittenden Blick Jane's davon
zurückgehalten wurde. Wie er vor ausgesuchter Höflichkeit sein und
die Verdienste der jungen Dame in der That voll würdigen konnte, so
spielte er auf der anderen Seite wiederum in grausamer Weise mit
ihr und suchte ihr Zartgefühl fast absichtlich zu kränken.
Als endlich die Uhr auf neun Uhr zeigte, erhob sich Jane und
rief nach Adele, die mit den ihr von Rochester erhaltenen Geschenken
noch in vollster Beschäftigung war.
Wo wollen Sie hin, Miß Eyre?
Es hat neun Uhr geschlagen; ich will Adele zu Bett bringen,
um mich nicht wieder dem Vorwurfe auszusetzen, daß ich die Hausordnung auf Thornfield umstoßen wolle.
So! Nun so gehen Sie, ich bedarf Ihrer auch für heute Abend so nicht mehr. Gute Nacht.
Gute Nacht, Herr! Gute Nacht, Miß Harleigh!
Adele folgte trot ihres Spieles ohne die leiseste Widerrede,
nahm Abschied von ihrem Onkel und ihrer Base und entfernte sich.
Als Rochester mit Mistreß Harleigh allein war, erhob sich
die Letztere ärgerlich von ihrem Stuhle und trat mit ganz entschiedener Geberde vor ihren Herrn hin: Was haben Sie nur
gegen Miß Eyre? Sie verwickeln Sie in Gespräche, quälen Sie
mit sonderbaren Fragen und behandeln Sie auf beinahe rücksichtslose Weise. Das Mädchen ist sanft und geduldig, fügt sich
in Ihre Launen und läßt sich Alles von Ihnen gefallen.
Alles? Base Judith, Sie irren sich, wenn Sie auch weit
älter und klüger sind als ich. Jane Eyre stellt sich nur so, als
wäre sie sanft und demüthig- sie hat aber eine bedeutende Partie
Eigensinn und Stolz und weist mich oft derb zurück.
Das verstehe ich nicht, Lord Rochester, aber so viel ist mir
klar, daß Sie das brave Mädchen durch Ihre Behandlungsweise aus dem Hause treiben. Und das sage ich Ihnen im
voraus, wenn Mifß Eyre uns verläßt, so besorge ich Ihnen keine
Erzieherin wieder.
Die wird sich nicht so leicht und so rasch vertreiben lassen.
Dreißig Pfund ist ein zu schönes Jahrgehalt, als daß sie es so
rasch wo anders wieder erhalten sollte.
Gelb! Geld! Denken Sie denn mit Geld können Sie Alles
ausgleichen! Was habe ich mit der Neugierde der früheren Gouvernante ertragen müssen? Welchen Unannehmlichkeiten war ich ausgesetzt. Miß Eyre hat mich nur ein einziges mal nach dem unheimlichen Lachen gefragt, und als ich ihr erwiderte, es komme von Gratia
Poole, so hat sie geschwiegen und mich mit keiner Silbe wieder belästigt.
Aber geglaubt hat sie es bestimmt nicht, Base Judith.
Warum nicht?
Weil Sie nicht wieder danach gefragt hat, oder sie müßte sehr
beschränkt sein.
Beschränkt oder nicht- ich möchte Sie nur in Ihrem und Adelens Interesse gebeten haben, das junge, brave und grundgescheite Mädchen nicht mit aller Gewalt aus Ihrem Hause zu vertreiben - solch eine Erzieherin bekommen Sie niemals wieder.
Wer sagt Ihnen denn, Base, daß ich sie aus meinem Hause
vertreiben will? Ich denke gar nicht daran; vielmehr hoffe ich,
Sie recht dauernd an dasselbe zu fesseln.
Nun, dann mögen Sie eine Art und Weise hierbei anwenden,
die ich nicht zu begreifen vermag; aber nehmen Sie sich in Acht,
daß Sie bei diesem Spiel nicht verlieren.
Lassen Sie das meine Sorge sein, Base, Gute Nacht.
Ja, ich habe meine Schuldigkeit gethan und gewarnt. Gute Nacht.
Jane hatte nicht gleich den Schlaf finden können; sie war doch etwas aufgeregt worden durch die sonderbare Unterhaltung, die sie mit Rochester geführt. Das Gespräch bestand in einem beständigen Wortgefecht, in welchem sie des Lords Angriffe hatte
abwehren und auch zum Teil daran denken müssen, zuweilen einen
Streich gegen seine Rücksichtslosigkeiten zu führen. Daß er vom
Herzen böse oder gehässig gegen sie war, konnte sie nicht glauben,
dazu bezeugte er ihr zu viel Achtung und Teilnahme, aber sie war
noch nicht einig mit sich geworden, wie sie sich für die Folgezeit
gegen ihn benehmen solle. Über solchen Gedanken mochte sie doch
wohl eingeschlafen sein- plötzlich aber wurde sie wieder wach,
und zwar ward sie durch ein undeutliches, seltsames und schauerlich
klingendes Gemurmel erweckt, welches sie über ihrem Kopfe zu
vernehmen schien. Sie richtete sich empor, und fand Alles wieder still.
Ich habe geträumt, sprach sie zu sich, und versuchte wieder einzuschlafen.
In der Vorhalle schlug die Uhr elf, und gerade in demselben
Momente erschien es ihr, als werde die Thür ihres Zimmers von
darüber hinwegstreichenden Fingern berührt, welche den Weg durch
die dunkle Gallerie suchten.
Wer ist da? fragte sie und erbebte doch vor Furcht. Oh, es
wird der Hund sein, der sich vor Lord Rochester's Thür legen und
die Nacht dort schlafend verbringen will.
Plötzlich vernahm sie jenes schon so oft gehörte dämonische
Lachen, das sie stets so sehr erschreckte, aber diesmal klang es leise,
gedämpft, gerade am Schlüsselloche vor ihrer Thüre. Der Ton
wiederholte sich. Jane sprang auf, rief: Wer ist da? und verriegelte rasch ihre Thüre, vor welcher sich der gurgelnde und
stöhnende Ton nochmals vernehmen ließ. Darauf hörte sie Fußtritte, die sich in der Gallerie entfernten und der Treppe zum
dritten Stocke näherten, deren Thüre erst vor wenigen Tagen schließbar gemacht worden war.
Was ist es nur mit dieser Gratia Poole? dachte Jane entsetzt.
Dieses Weib scheint ein wahrer Teufel zu sein, oder sie hat zuweilen ihren Verstand völlig verloren. Jane war entschlossen nicht
länger allein zu bleiben, und wollte Mistreß Harleigh aufsuchen;
sie zog schleunigst ein Kleid an, schlug ein Tuch um und öffnete
den Riegel an ihrer Stubenthüre mit zitternder Hand. Auf dem
Fußboden der Gallerie brannte ein Licht, welches Jemand hatte
stehen lassen. Verwundert schaute sie sich um, aber noch mehr erstaunte sie, als sie bemerkte, daß die Luft ganz dicht und mit Rauch
angefüllt war. Trotz ihres Schreckens besaß sie noch Geistesgegenwart genug, nachzusehen, woher dieser Rauch kommen möge, und
empfand dabei plötzlich auch einen ziemlich starken Brandgeruch.
Sie hörte deutlich das Knistern einer Flamme und gewahrte,
daß eine Stubenthür nur angelehnt war;Rochester's Schlafstubenthüre
war ein wenig geöffnet und aus derselben drang eine Rauchwolke
hervor. Jane dachte nicht mehr an Mistreß Harleigh, nicht an
Gratia Poole und deren furchtbares Lachen und drang unerschrocken
in das Zimmer. Die Flammen schlugen am Bett empor, die Vorhänge standen im Feuer, während der Lord bewegungslos in tiefem
Schlafe lag.
Lord Rochester, erwachen Sie! rief Jane. Erwachen Sie!
Sie erfaßte den Lord am Arm und suchte ihn durch Rütteln
zu ermuntern; er blieb regungslos; der Rauch mußte ihn betäubt haben. Die Gefahr, den Lord verbrennen zu lassen, wuchs
von Sekunde zu Sekunde, denn die Betttücher waren schon angebrannt. Sie rüttelte den Lord wiederholt; endlich kam er zu sich;
er wendete sich murmelnd nach der anderen Seite. Jane sah sich
nach Wasser um, das Feuer löschen zu können, und fand auf dem
Waschtische Wasserkrug und Waschschale, die beide mit Wasser voll
gefüllt waren. Sie nahm beide Gegenstände und goß sie nacheinander über das Lager des Lords, eilte nach ihrem Zimmer, brachte
auch von dort den Wasserkrug herbei und überflutete das Feuer
so stark, daß die Flammen verlöschen mußten.
Das Zischen der erlöschenden Flammen, sowie das Zerbrechen
des Wasserkruges, der Jane aus der Hand gefallen war, und vor
allen Dingen das kalte Wasser, welches Rochester in reichlichem
Maße über seinen Körper gegossen erhalten hatte, brachten ihn
vollends zur Besinnung. Er murmelte seltsame Verwünschungen
zwischen den Zähnen, als er bemerkte, daß sein Bett durchnäßt
war und fragte mit ärgerlicher Verwunderung: Ist denn hier eine
vollständige Wasserflut?
Nein, Herr, rief Jane fest, aber es ist Feuer an ihr Bett
gelegt worden; es ist aber noch glücklich wieder gelöscht. Stehen
Sie auf - ich will. Ihnen ein Licht herbeiholen.
Jane Eyre, sind Sie es? fragte Rochester hastig: Wer ist
außer Ihnen hier noch im Zimmer? Haben Sie denn die Absicht,
mich in meinem Zimmer und obendrein auf meinem Lager zu ersäufen? Weshalb stellen Sie überhaupt meinem Leben nach?
Ich hole Ihnen Licht, Herr, aber ich flehe Sie an, stehen Sie
auf. Man hat sehr Böses mit Ihnen vorgehabt und Sie müssen
zu entdecken suchen, wer dies gewagt hat.
Hier ist mein Schlafrock, so, nun eilen Sie und holen
Sie ein Licht herbei, damit ich mich mit meinen Augen überzeugen
kann, was hier vorgegangen ist.
Jane eilte in die Gallerie und brachte das Licht herein, das
sie zuvor am Boden stehend gefunden hatte. Rochester nahm es
ihr aus der Hand und betrachtete sein Lager, das ganz geschwärzt
und zum Teil verbrannt war; die Betttücher waren durchnäßt,
der Fußteppich voll von Wasser.
Was ist geschehen? Wer that dies? Wer hat es bemerkt?
fragte Rochester hastig.
Jane erzählte ihm wortgetreu ihre Erlebnisse und teilte ihm
mit, daß außer ihr Niemand Zeuge dieser Scene, den Thäter allein
ausgenommen, gewesen sein könne; Rochester's Gesicht drückte Sorge
und Erstaunen, zuletzt anscheinende Befriedigung aus, aber er schwieg.
Soll ich Mistreß Harleigh herbeirufen? fragte ihn Jane.
Nein! Was soll sie hier auch thun! Kann sie Geschehenes
ungeschehen machen? entgegnete er. Lassen Sie die gute Dame
nur ruhig schlafen.
Dann will ich Sam, Lea oder Sophie herbeirufen, um zu helfen?
Niemand soll herbeikommen und Zeuge dieser Scene werden.
Sie tragen ja ein Tuch um die Schulter; ist Ihnen dasselbe noch
nicht warm genug, so nehmen Sie meinen Mantel zu Hilfe, hüllen
Sie sich hinein und nehmen Sie in meinem Lehnstuhle Platz, damit Sie endlich aus der Wasserflut hier herauskommen. Ich
werde Sie auf wenige Augenblicke verlassen und das Licht hier
mitnehmen; ich muß nach Ordnung im zweiten Stockwerk sehen.
Bleiben Sie im Zimmer hier, bis ich zurückkehre, aber rufen Sie
mir Niemanden herbei.
Rochester entfernte sich mit dem Lichte in der Hand; er schritt
leise die Galerie hinab bis zur Thür der Treppe, welche er so geräuschlos wie möglich öffnete und verschwand dann in der Dunkelheit. Jane war wieder von Finsternis umgeben und lauschte gespannt, ohne doch das geringste Zeichen vernehmen zu können. Der
Lord blieb ziemlich lange aus, Jane fror trotz ihres Mantels und wollte
sich, selbst auf die Gefahr hin, ihres Herrn Mißfallen zu erregen,
schon auf ihr Zimmer begeben, als der Lichtschimmer von der Treppe
her wieder auftauchte und Lord Rochester blaß, düster und verstört
eintrat.
Ich habe Alles entdeckt, sagte er, das Licht niedersetzend; es
ist wie ich dachte.
Darf ich nicht wissen, Herr, was geschehen ist? fragte Jane.
Ach so, ich vergaß, daß Sie hier sind, antwortete Rochester.
Sie erzählten mir, daß Sie etwas gesehen hätten, als Sie die
Thüre Ihres Zimmers öffneten?
Nein, Herr, ich sah nichts; nur dieser Leuchter stand auf dem Fußboden.
Aber Sie hörten ein seltsames Lachen? Sie hörten dieses
Lachen oder ein ähnliches Geräusch oder sonst etwas dergleichen
schon früher?
Ja, Herr, im Zimmer eine Treppe höher sitzt ein Frauenzimmer und näht; man nennt sie Gratia Poole- sie lacht auf
schreckliche Weise; sie ist mir rätselhaft.
Ja ja, es stammt von Gratia Poole her- Sie haben es
erraten. Inzwischen ist es mir sehr lieb, daß Sie außer mir
das einzige Wesen in Thornfield sind, welches den Ereignissen dieser
Nacht beigewohnt hat. Sie sind eine vernünftige junge Dame und
werden, wenn ich Sie darum bitte, Stillschweigen beobachten können;
sprechen Sie also gegen Niemand davon.
Dieses Weib, diese Gratia Poole wird also nicht bestraft?
fragte Jane erstaunt.
Strafen ist meine Sache und hängt von meinem Willen und
Befehle ab- Über den Zustand dieses Bettes will ich selbst
Aufklärung geben; die übrigen Stunden der Nacht werde ich auf
dem Sopha verbringen- die Diener sollen nichts gewahren.
-
Gute Nacht, Herr. Jane wandte sich im selbigen Augenblicke der Thüre zu.
Wie, Miß Eyre, Sie verlassen mich, und zwar auf diese kurze und kalte Weise?
Sie befahlen mir ja, mich auf mein Zimmer zu begeben.
Befehlen? Sie strafen mich hart mit diesem bösen Worte.
Ich wünsche, Sie sollen sich entfernen, damit sie nicht länger
frieren und der Nachtruhe entbehren, aber nicht ohne Abschied von
mir genommen und meinen Dank angehört zu haben. Jane Eyre,
Sie haben den Takt einer Frau und den Mut eines Mannes,
Sie vereinen seltene Vorzüge in Ihrem Geiste und Ihrem Herzen,
Sie haben mir das Leben gerettet, mich einem grauenvollen Martertode entrissen, selbst mit Gefahr Ihres Lebens, wenn auch ohne
es zu wissen - und jetzt wollen Sie mich verlassen, als wenn
wir einander wildfremd gegenüberständen. Reichen Sie mir wenigstens Ihre Hand.
Er streckte seine Hand aus, Jane reichte ihm die ihrige,
welche er zunächst mit der rechten und dann auch mit der linken
erfaßte und festhielt.
Sie haben mir das Leben gerettet, fuhr Rochester fort, und
ich habe es mir von Ihnen gern retten lassen. Niemand auf der
Welt weiter möchte ich so zu Dank verbunden sein, wie Ihnen-
Ihre Wohlthaten sind für mich keine Last - ich trage sie sehr
gern und dankbar.
Ich bin ja keine Heidin, Herr, die ihren Nebenmenschen verbrennen läßt, wo ihn ein Krug Wassers retten kann. Noch einmal, gute Nacht, Lord Rochester; hier zwischen uns ist von keiner
Wohlthat, keiner Lebensrettung, keiner Verpflichtung die Rede. Ich
that nur meine Pflicht.
Jane Eyre, ich ahnte, daß Sie mir einen großen Dienst leisten
würden. Ich ahnte, als wir so unverhofft auf dem Felde zusammentrafen und Sie mein Pferd straucheln machten.
Trug ich damals wirklich die Schuld, Herr, so habe ich mich
derselben hoffentlich heute entledigt, und es ist mir daher doppelt
lieb, daß ich heute Nacht erwachte und sie abtragen konnte.
O, da lächeln sie ja, Miß Eyre! Es ist, als wenn ein Sonnenstrahl über eine Gewitterwolke hinweggleitet. Das kleidet sie gut;
Sie müssen öfters so freundlich lächeln - ich habe gar nicht geglaubt, daß Sie das wirklich können.
Es schien, als wollte er Jane's Hand nicht loslassen, und
noch niemals hatte er so warm und so gütig zu ihr gesprochen.
Gute Nacht, Herr! sagte Jane und wollte gehen.
So wollen Sie wirklich gehen, Miß Eyre.
Ich empfinde Frost und Mattigkeit, Herr.
Nun so gehen Sie und schlafen Sie süß, wenn Sie mir doch
nicht länger Gesellschaft leisten wollen, Miß Eyre - ich will auch
noch ein wenig zu schlafen suchen.
Jane eilte nach ihrem Zimmer zurück; von seltsamen und
widersprechenden Empfindungen bestürmt, konnte sie den Schlummer
nicht finden- es erschien ihr, als wenn sie von den Wellen eines
hochgehenden Sees umhergeworfen würde, als wenn sie beständig
dem Versinken nahe sei, aber jedes Mal, wenn sie daran war, die
188
Besinnung vollständig zu verlieren, von einer starken männlichen
Hand wieder zum Licht des Tages emporgetragen würde.
Als der Morgen angebrochen war, duldete es Jane nicht mehr
auf ihrem Lager und sie begab sich an ihre gewöhnlichen Tagesverrichtungen. Bei jedem Offnen der Thüre glaubte sie den Lord
erwarten zu dürfen, obwohl er selten und dann auch nur auf kurze
Zeit erschien, heute hätte sie sogar auf eine Ausnahme gerechnet -
aber der Morgen verging wie gewöhnlich, Adelens Unterrichtsstunden
wurden durch keine Störung unterbrochen. Nur kurz nach dem
Frühstück hörte sie ein Geräusch in der Nähe von Rochester's Thür:
es waren Mistreß Harleigh's, sowie Sam's und Lea's Stimmen,
welche sich unterhielten.
Es ist nur ein wahres Glück, hörte sie Sam sagen, daß der
Herr nicht verbrannt ist.
Oft schon habe ich es ihm vergeblich vorgestellt, bemerkte
Mistreß Harleigh, daß es gefährlich ist, in der Nacht ein Licht
neben dem Bette brennen zu lassen.
Wie glücklich es sich gefügt hat, setzte Lea hinzu, daß er Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken und das Wasser zum Löschen zu benuten.
Seltsam indessen, warf Sam wieder ein, daß er Niemand
geweckt hat, Mistreß- er wird sich doch auf dem Sopha in der
Bibliothek nicht erkältet haben.
Hierauf folgte ein Geräusch, welches durch Verrücken des Bettes und darauf folgendes Scheuern hervorgebracht wurde, und als Jane am Mittage an dem Zimmer vorüberging, um sich zum Mittagstisch zu begeben, fand sie Alles wiederum in bester Ordnung, nur die verbrannten Vorhänge waren noch nicht wieder durch neue ersetzt. Lea reinigte die vom Rauche getrübten Fensterscheiben, und während sie neben dem Bette des Lords ein anderes Frauenzimmer mit dem Befestigen und Annähen der Vorhänge beschäftigt sah, und zu ihrem höchsten Erstaunen, ja zu ihrem Entsetzen erkannte sie Gratia Poole.
Ruhig und schweigsam saß sie und arbeitete in ihrer gewöhnlichen Kleidung, als wenn nicht das mindeste Auffallende durch
ihre Schuld sich zugetragen, ja sie wahr so in ihre Arbeit vertieft,
als wenn nichts weiter auf der Erde für sie existierte. In ihren
Zügen, auf ihrer Stirn herrschte die ausdrucksloseste Gleichgiltigkeit; es schien, als wenn sie gar keine Vorstellung, keinen Begriff
von dem Frevel hatte, mit welchem sie ihren Herrn nach dem
Leben getrachtet hatte. Jane war ebenso empört wie verwundert
und schaute sie durchdringend an; sie blickte langsam auf, sagte
,Guten Morgen, Miß,’ und nähte ruhig weiter.
Guten Morgen, Gratia, erwiderte Jane und war fest entschlossen ihre Ruhe, ihr Phlegma auf eine harte Probe zu stellen.
Ist denn etwas vorgefallen? Mir war es, als hätte die Dienerschaft hier zuvor ein lebhaftes Gespräch geführt!
Lord Rochester las, wie er oft zu thun pflegt, in der letzten
Nacht im Bette; er schlief darüber ein und konnte dabei natürlich
das Licht nicht auslöschen; eine seiner Bewegungen oder ein Luftzug brachte die Vorhänge mit dem Lichte in Berührung, sie fingen
Feuer, aber noch ehe sich das Holzwerk oder die Decke entzünden
konnte, erwachte er und löschte die Flamme mit dem Wasser,
welches in seinem Waschbecken neben dem Bette stand.
Seltsam, höchst seltsam, Gratia, fuhr Jane, das Weib fixierend
fort. Hat Lord Rochester denn Niemand geweckt? Hat ihn denn
Niemand sich regen oder bewegen hören?
Wer hätte es denn hören sollen, Miß? Die Dienerschaft
schläft zu weit von des Herrn Zimmer entfernt, um es hören zu
können. Mistreß Harleigh und Sie, Miß Eyre schlafen zunächst.
Mistreß hat einen schweren Schlaf und hat nichts gehört, aber es
wundert mich, daß Sie auch nicht das leiseste Geräusch vernommen
haben - Sie sind noch jung und schlafen fest.
Jane hätte vor Empörung dem frechen Weibe beinahe die
Worte ins Gesicht geschleudert:,Elende, Du selbst warst die
Thäterin, aber sie faßte sich gewaltsam, fügte aber doch hinzu,
freilich so leise, daß Lea am Fenster nichts hören konnte: Ich habe
allerdings etwas gehört und glaubte anfänglich, es sei Pilot -
aber ein Hund kann nicht lachen, und ich bin fest überzeugt, ich
habe ein Lachen, ein seltsames gräßliches Lachen gehört.
Ich kann es mir nicht denken, daß Lord Rochester bei einer
solchen bedenklichen Gelegenheit sollte gelacht haben, antwortete
Gratia und fädelte sich mit fester Hand eine Nadel ein. Nein,
nein, Miß, Sie müssen lebhaft geträumt haben.
Gratia, ich träumte nicht, ich wachte und habe es deutlich
gehört, ganz deutlich!
Haben Sie dem Lord mitgeteilt, daß Sie ein Gelächter gehört haben?
Bis zu diesem Augenblicke habe ich Lord Rochester noch nicht
zu sprechen vermocht.
So haben Sie nicht einmal die Thüre geöffnet und auf die
Galerie hinausgeschaut?
Jane hatte sich von ihrem Eifer zu weit hinreißen lassen
und hätte beinahe den Vorgang der Nacht, um dessen Geheimhalten Lord Rochester sie so innig gebeten hatte, verraten, wenigstens wäre ihre Mitwisserschaft nicht unentdeckt geblieben. Sie
besann sich rasch einige Augenblicke und antwortete auf Gratia's
Frage: Im Gegenteil, ich verriegelte die Thür.
Verriegeln Sie denn sonst Ihre Thüre nicht, wenn Sie
schlafen gehen?
Bisher habe ich es mehrfach versäumt, entgegnete Jane scharf,
den Riegel vorzuschieben, denn ich glaubte nicht, daß einem in
Thornfield irgend eine Gefahr oder Belästigung drohe, aber für
die Folge werde ich sie sehr sorgfältig verriegeln, ehe ich mich
niederzulegen wage.
Das wird sehr wohlgethan sein von Ihnen, denn wenn auch
die Gegend im allgemeinen hier ruhig und auch Thornfield noch
niemals von Räubern oder Dieben heimgesucht worden ist, so sind
doch zu wenig Diener im Hause, falls einmal ein solches Unglück
sich ereignen sollte.
Jane war über die Gleichgiltigkeit und Ernsthaftigkeit, mit
welcher Gratia diese gegen ihre sonstige Gewohnheit lange Unterhaltung gepflogen hatte, fast sprachlos; sie hielt diese Ruhe für
ungemeine Selbstbeherrschung und undurchdringliche Heuchelei.
Mistreß Poole, sagte die Köchin Sophie zu ihr herantretend,
wollen Sie heute nicht herunterkommen; das Mittagsessen wird
im Augenblick für die Diener bereit sein.
Nein; setzen Sie mir einen Krug Porter mit einem Stück
Pudding auf den Tisch, ich werde es selbst mit nach meinem
Zimmer tragen.
Wollen Sie kein Fleisch?
Nur ein Stück und etwas Käse- das ist genug.
Gratia ging, worauf Sophie an Jane die Aufforderung richtete, zur Mistreß Harleigh zu kommen, welche mit dem Mittagsessen auf sie warte. Letztere sprach natürlicher Weise während der Mahlzeit über Lord Rochester's Unvorsichtigkeit mit dem Lesen
zur Nachtzeit und über das Verbrennen des Vorhangs, aber Jane
hatte kaum Acht auf sie, so sehr war sie in Gedanken mit Gratia
Poole's rätselhaftem Charakter und über die Stellung, welche sie
eigentlich in Thornfield einnahm, beschäftigt. Lord Rochester hatte
ihre Schuld eingesehen und zugestanden, warum wurde sie nicht
durch eine andere, zuverlässigere und weniger unheimliche Dienerin
ersetzt? Warum wurde sie nicht bestraft, dem Gericht übergeben
oder wenigstens aus dem Hause entlassen, wo sie bei nächster Gelegenheit wieder ein noch weit größeres Unheil würde anrichten
können?
Das Mittagsessen und Adelens Schulstunden gingen vorüber, ohne daß Jane von Lord Rochester weder etwas sah noch hörte. Der Abend brach heran, und schon hoffte sie zum Thee zu ihm befohlen zu werden; sie hatte sich fest entschlossen, im Laufe des
Abends das Gespräch wieder auf Gratia Poole zu bringen, um
zu hören, was ihr Rochester jetzt, nachdem die Bestürzung des
ersten Augenblicks vorüber sei, zur Antwort geben würde. Jane
beabsichtigte, ihn geradezu zu fragen, ob er in der That glaube,
daß diese gleichgiltige, fast stumpfsinnige Person es wirklich gewesen
sei, welche in der verflossenen Nacht einen so hinterlistigen und
verruchten Anschlag auf sein Leben gemacht habe, und wenn dies nun der Fall sei, warum diese Frevelthat verschwiegen und nicht bestraft werden sollte. Je länger Jane warten mußte, je unruhiger und aufgeregter wurde sie; endlich wurde ihre Thür geöffnet, und Lea erschien bei ihr, aber nur um ihr zu melden, daß Mistreß Harleigh mit dem Thee auf sie warte.
Sie folgte dieser Einladung und wurde von der gutmütigen
Dame mit den Worten empfangen: Liebes Kind, wo bleiben Sie?
Sie bedürfen einiger Tassen Thee dringend nötig, denn sie haben
ja zu Mittag fast so gut wie gar nichts gegessen. Ich fürchte,
Sie befinden sich nicht wohl.
Nie habe ich mich wohler wie jetzt gefühlt, Mistreß. Nun, wenn ich das glauben soll, so sprechen Sie meinem Thee recht zu.
Wird Lord Rochester mit uns seinen Thee einnehmen? oder
ist er unwohl? fragte Jane, nachdem sie Mistreß Harleigh zu
Liebe einige Tassen Thee getrunken hatte.
Herr Rochester ist nicht auf Thornfield- er ist verreist.
Verreist? fragte Jane aufs höchste erstaunt.
Ja wohl, er reiste gleich nach dem Frühstück - das Wetter
war zwar nicht günstig, aber er hat doch im Laufe des Nachmittag
einen regenfreien Tag gehabt.
Erwarten Sie ihn denn heute wieder zurück?
Nein! er hat nichts hinterlassen - ich weiß nicht, wohin er
sich gewandt hat und ob oder wann er wiederkommen wird. Lord
Rochester macht es stets so und liebt es nicht, lange zuvor von
seinen Reiseplänen oder seinen sonstigen Absichten zu sprechen.
So sehr Jane sonst ihre Gefühle zu beherrschen vermochte,
so konnte sie doch kaum den Verdruß unterdrücken, den sie über
diese Handlungsweise Rochesters empfand, aber sie war klug und
verständig genug, denselben vor ihrer Umgebung nicht offen
zu zeigen, sondern vielmehr in sich zu verschließen.
Eine Woche verfloß, und von Lord Rochester traf keine Nachricht ein; eine zweite, dritte und vierte Woche verstrich, und man
hoffte immer noch vergeblich auf die Rückkehr des Herrn oder
wenigstens auf ein Lebenszeichen von ihm. Mistreß Harleigh
äußerte, es würde sie gar nicht wundern, wenn Lord Rochester
direkt nach London gereist sei und plötzlich von Paris oder von
Rom aus die Nachricht eintreffe, daß er unter zwei Jahren nicht
wieder nach Thornfield zurückkehren werde - so habe er es ja
schon gemacht und werde es auch ferner thun.
Jane war durch Rochester's Handlungsweise verletzt; sie hatte
ihm das Leben gerettet und hätte wenigstens erwartet, daß er so
viel Rücksicht auf sie genommen hätte, vor seiner Abreise sie wenigstens noch einmal zu sehen und zu sprechen oder ihr Lebewohl
zu sagen. Indessen setzte sie ruhig ihre täglichen Unterrichtsstunden
mit Adele fort, und wenn sie auch im Stillen daran dachte, sich
nach einem anderen Wirkungskreise umzusehen, so wies sie doch
wiederum diesen Gedanken sofort zurück, wenn sie an Mistreß
Harleigh und Adele dachte, welche Beide sie bereits so liebgewonnen
hatte, daß eine Trennung von diesen ihr recht schwer angekommen
sein und ihr Herz belastet haben würde.
Als Lord Rochester ungefähr fünf Wochen von Thornfield abwesend war, erhielt eines Tages Mistreß Harleigh einen Brief von
der Post, bei dessen Anblick sie sofort ausrief: Er ist vom Herrn!
Jetzt werden wir wahrscheinlich erfahren, ob wir ihn in den nächsten Tagen vielleicht oder erst in mehreren Jahren hier wieder zu
erwarten haben und zu Gesicht bekommen.
Jane schrak freudig bei dieser Mitteilung zusammen, während
Mistreß Harleigh ihre Nase mit einer großen Brille bewaffnete
und, sich in den Brief vertiefend, vor sich hinsprach: Nun, zuweilen
denke ich, es ist zu still hier, jetzt aber haben wir eine Zeit lang
tüchtig zu schaffen und es wird sehr viel Leben im Hause geben.
Lord Rochester kehrt wohl bald zurück? fragte Jane gespannt.
Freilich, Kind, bestätigte Mistreß Harleigh, - in drei Tagen
wird er hier sein, und zwar für dieses Mal nicht allein. Wen
und wie viele Herren und Damen der Lord mitbringt,
schreibt er zwar nicht, aber er trägt mir in diesem Briefe auf,
die besten Schlafzimmer in Bereitschaft zu setzen, die Bibliothek
und das Gesellschaftszimmer auszuräumen. Ich soll noch Leute zur
Bedienung annehmen, damit es an nichts fehlt beim Eintreffen
der Gäste. Sie stehen mir doch hülfreich zur Seite, Miß Eyre,
in diesen Tagen der Not und der Arbeit?
Verfügen Sie über mich, Mistreß Harleigh, erwiderte Jane; ich bin zu jedem Dienst bereit.
Sie werden tüchtig zu schaffen bekommen, Miß Eyre.
Man schritt sofort zur Arbeit, und es gab in der That genug
zu bewältigen, um rechtzeitig fertig zu werden. Jane hatte alle
Zimmer in Thornfield für wohlgeordnet und in gutem Zustande
befindlich gehalten, aber sie hatte sich hierin bedeutend geirrt; es
mußten allein vier Frauen angenommen werden, die nur für Scheuern,
Bürsten und Waschen zu sorgen hatten, während die männlichen
Hilfsarbeiter für Aufhängen und Ordnen der Bilder, Befestigung
der Teppiche, Vorhänge u. s, w. Verwendung fanden. Jane fand
bei dieser angestrengten Thätigkeit, welche nur durch einige Stunden Unterricht für Adele unterbrochen wurde, ihre ruhige und heitere
Stimmung wieder. Nur zuweilen kehrte ihr Mißmut zurück und
zwar stets, wenn die Treppenthüre zum dritten Stock, die in letzter
Zeit immer verschlossen gehalten wurde, sich öffnete und Gratia
Poole's ihr so unheimliche Gestalt erschien und in ihren Tuchschuhen fast unhörbar wie ein Schatten über die Galerie schlich,
wobei sie nur ab und zu einen Blick in die neu eingerichteten
Zimmer warf und irgend einen guten Rat dabei erteilte. Hierauf
schritt sie weiter zur Küche hinab, verzehrte ihr Mittagessen, nahm
ihren Krug mit Porterbier und begab sich nach ihrem einsamen
Aufenthaltsorte zurück. Also nur eine einzige Stunde des Tages
brachte sie mit den übrigen ihr gleichstehenden Hausgenossen zu,
die ganze übrige Zeit saß sie in einem Zimmer des obersten Stockwerkes wie eine Gefangene, nähte und vertrieb sich einzig und
allein, wie es schien, die Zeit mit Lachen.
Sonderbarer Weise achtete außer Jane keine Seele in Thornfield
auf ihre Beschäftigung und auf ihr Treiben, kein Mensch sprach
von ihr und bedauerte sie wegen ihrer Verlassenheit und Einsamkeit. Nur ein einziges Mal hörte sie zufällig einen Teil einer
Unterredung über Gratia zwischen Lea und einer der angenommenen
Arbeiterinnen, welche die Vermutung aussprach: Sie werde wohl einen
guten Lohn für ihre sonderbare Thätigkeit bekommen? Nicht wahr.
Ja, erwiderte Lea, ich wollte, ich bekäme so viel wie Gratia.
Ich und mein Mann werden zwar auch zu unserer vollen Zufriedenheit bezahlt - Lord Rochester zahlt nämlich gut- aber
ich erhalte nicht den dritten Teil von dem, was Gratia Poole
erhält. Sie legt sehr oft Geld zurück und könnte jedenfalls ganz
allein von ihrem Ersparten leben, wenn sie von Thornfield wegziehen wollte, aber wahrscheinlich hat sie sich an das Haus und an
ihre Beschäftigung gewöhnt und endlich ist sie ja noch nicht alt
genug, um nicht mehr zu arbeiten - sie nimmt daher den schönen
Lohn mit, so lange es geht.
Gratia ist jedenfalls wohl eine gescheite Frauensperson? fragte
die Arbeiterin weiter.
Ja, ja, das ist sie, antwortete Lea; sie weiß auch ganz genau,
was sie zu thun hat, aber Niemand von uns Allen möchte den
Posten haben, auf dem sie steht und wenn er auch noch weit mehr
Geld erhalten sollte.
Nein, ich auch nicht, nm Alles in der Welt, erwiderte die
Andere hastig. Es soll mich nur wundern, ob Lord Rochester -
hier brach die Frau kurz ab, da sie von Lea, welche Jane's Anwesenheit so eben gewahr geworden war, einen Stoß mit dem
Ellenbogen erhielt. Weiß sie denn nichts hiervon? flüsterte die
Arbeiterin neugierig weiter.
Lea schüttelte den Kopf und gab weiter keine Antwort, so daß
Jane auch jetzt nichts weiter in Erfahrung brachte, als daß in
Thornfield ein Geheimnis existiere, in welches Gratia Poole eng verwickelt sei und von dessen Kenntnis sie selbst ausgeschlossen sein sollte.
Der Tag, zu welchem die Ankunft des Lords und seiner
Gäste angesagt war, brach an, nachdem am Abend zuvor alle Arbeiten beendet und Zimmer, Säle, Kammern, kurzum das ganze
Haus mit alleiniger Ausnahme der Lokalitäten, in welchen Gratia
Poole hauste, auf das sorgfältigste und eleganteste hergerichtet
waren. Der Lord konnte sein Eigentum schon sehen lassen.
Noch hatte es nicht zehn Uhr geschlagen, als bereits ein Reiter
in den Hof galoppierte und rasch von seinem Pferde sprang; es
war Patrik, der Reitknecht, der vom Lord vorausgeschickt war, um
noch einen besonderen Auftrag auszurichten; er trug ein größeres
Packet und einen Brief an Mistreß Harleigh, und wollte sich,
nachdem er beide Dinge an seine Adresse befördert hatte, in die
Küche zu seiner Erfrischung begeben, wurde aber von Mistreß
Harleigh rasch mit in die Stube gezogen.
Kommt, Patrik, sprach sie, und gebt Auskunft über Euren
Herrn und seine Gäste.
Seht, Mistreß Harleigh, erwiderte Patrik, mir wäre jetzt ein
Glas Porter und einige Schnitte gutes Fleisch lieber, als Euch
etwas zu rapportieren, denn wenn man drei Stunden in einer Tour
geritten ist, ohne zu ruhen, so könnt Ihr Euch das wohl denken,
wenn Ihr auch ein Frauenzimmer seid, aber da Ihr immer gütig
gegen mich gewesen, so will ich meinen Riesenappetit bezwingen
und Euch geduldig Rede stehen, so lange Ihr wollt.
Nun, so sagt mir, wann trifft Lord Rochester ein? Gleichzeitig
mit seinen Gästen?
Der Herr kommt spätestens in einer Stunde zu Pferde an,
die ganze Bescheerung von Gästen, die er sich auf den Hals geladen hat, folgt in mehreren Wagen nach, und da läßt sich so
etwas nicht genau bestimmen, aber in so I- Stunden können
sie auch hier sein.
Durch Jane's Eintritt wurde das Gespräch unterbrochen;
Patrik aber noch immer nicht entlassen, sondern von Mistreß
Harleigh, die des Lords Brief an Jane zum Lesen gab, festgehalten.
Jane überflog den Brief, der nur folgende Worte enthielt: In
einer Stunde komme ich selbst, im Laufe des Nachmittags folgen
meine Gäste. In beifolgendem Packet befindet sich ein rotseidenes Kleid für die Gouvernante, welche meine Gäste empfangen
und dabei anständig erscheinen soll. Rochester. Der Brief ist
kurz und deutlich, sprach Jane für sich.
Und wo seid Ihr zuletzt gewesen? Wen bringt der Lord mit?
fragte Mistreß Harleigh.
Bei einer jungen und schönen Witwe, Mistreß, antwortete Patrik, welche mit ihrer Mutter, einer alten und durchaus nicht hübschen Frau, zusammenwohnte - ihren Namen habe ich leider vergessen. Sie wissen ja, ich kann Namen nicht gut behalten -
es ist ja auch nicht nötig, denn die junge schöne Witwe wird jedenfalls Lady Rochester in nächster Zeit werden.
Ihr seid nicht klug, Patrik, solch unüberlegtes Zeug zu schwatzen!
Unüberlegt? Oho! Bei den übrigen Herrschaften, welche
nach Thornfield kommen, ist der Lord höchstens einen Tag gewesen, aber bei der Jungen und Alten ist er über acht Tage lang
geblieben- und alle Tage sind sie zusammen ausgeritten und
haben zusammen musiziert und gesungen, daß mir den ganzen
Tag über die Ohren geklungen haben und wo sie gingen, hat er
die junge Lady am Arme geführt und ihr alle erdenklichen Aufmerksamkeiten erwiesen- das gibt eine Hochzeit, passen Sie auf,
Mistreß Harleigh.
Ihr sprecht, Patrik, wie Ihr es versteht - der Lord ist hierzu
schon zu alt und verwöhnt.
Zu alt? - Nein, Mistreß Harleigh. Der Lord ist kaum
vierzig JahrJ alt, und das ist für uns Männer die schönste Zeit.
Wollen Sie wetten, daß es eine Hochzeit hier geben wird?
Ach laßt mich zufrieden mit Euren Albernheiten und geht
nun in die Küche.
Na, na, Sie werden sehen, wer zuletzt Recht behält, lachte
Patrik hell auf und ging.
Nun Kind, Sie stehen immer noch ruhig hier und haben das
Packet mit dem rotseidenen Kleide, das der Lord eigens für Sie
bestimmt hat, noch nicht einmal angesehen, viel weniger geöffnet
und in einer Stunde kann Lord Rochester schon hier sein und Sie
sehen wollen.
Ich werde das Kleid nicht anlegen, Mistreß, Lord Rochester
wird sich daran gewöhnen müssen, daß ich mir in Bezug auf
meine Person keine Vorschriften machen lasse. Ich werde so anständig wie möglich erscheinen, um seine Gäste zu empfangen, obwohl ein solcher Auftrag eigentlich einer Erzieherin nicht zukommt
- aber ich werde mich hierzu meiner eigenen Kleider bedienen
und nicht solcher, die sich für mich nicht schicken.
Was soll aber der Lord sagen, daß Sie sein so gut gemeintes
Geschenk zurückweisen?
Lord Rochester ist ein gerechter Mann - er wird meine
Gründe hören und dieselben bei einigermaßen ruhigem Nachdenken
auch bestimmt billigen.
Nun, Miß Eyre, ich habe meine Pflicht gethan und Ihnen
das Kleid gegeben. Werden Sie selbst mit dem Herrn fertig -
aber ich mag bei Ihrem ersten Zusammentreffen nicht zugegen
sein. Ich gehe und will die Zimmer noch einmal nachsehen.
Und ich werde mich in meine schönsten Kleider hüllen, um
die Gäste Seiner Herrlichkeit würdig empfangen zu können.
Jane's Toilette war in wenigen Minuten vollständig fertig:
Das einzige seidene Kleid, welches sie besaß, war von blaßgrauer
Farbe und war von ihr bisher drei- oder viermal bei außergewöhnlichen Gelegenheiten in Lowood getragen worden, so daß
es Anspruch auf den Namen eines neuen und überaus anständigen
Kleides erheben konnte; auch an äußerem Ausputz, wie reizendes
Krägelchen und blendend weißen Manschetten, ließ sie es nicht
fehlen, so daß auch ein strenges weibliches Auge nicht den geringsten Tadel an ihrem Gesellschaftsanzuge hätte entdecken können.
So ausgerüstet, wartete sie bis zu dem Zeitpunkte, zu welchem
Rochester eintreffen konnte, und begab sich dann nach den Empfangszimmern hinab, in welchen sie der Lord gleich bei seiner
Ankunft vorfinden sollte, falls er ihr noch bestimmte Aufträge zu
erteilen hätte.
Elftes Kapitel.
Jane hatte die zum Empfange bestimmten Zimmer vor
elf Uhr betreten, und schon wenige Minuten darauf deuteten Hufschläge im Hofe die Ankunft des Lords an, den sie sofort auch in
lautem Gespräche mit Patrik und Sam begriffen fand, welchen
Beiden er Weisungen für das Unterkommen der eintreffenden
Pferde und Geschirre erteilte. Der Lord schien heiterer Laune
zu sein, denn mehrmals hörte sie ihn, was sonst ganz gegen seine
Gewohnheit war, laut auflachen.
Das Gespräch im Hofe verstummte und bald hörte Jane
Rochester's festen und wuchtigen Tritt durch die Vorhalle sich den
Empfangszimmern nahen, und noch eh sie es vermutete stand
der Lord vor ihr und rief ihr einen freundlichen Gruß entgegen.
Willkommen, Herr! sprach sie mit einer höflichen Verbeugung.
Es freut mich, Miß Eyre, daß ich Sie pünktlich auf dem
Platze finde - aber zum Wetter, weshalb haben Sie das Ihnen
gesandte neue rote Kleid nicht angelegt?
Rot halte ich für eine Farbe, die sich der Stellung einer
Gouvernante nicht ziemt und die auch sonst zu meinem Aeußeren
nicht wohl passen möchte, Herr- ich will nicht gern gegen die
Regel verstoßen.
Sie haben meine Zeilen an Mistreß Harleigh gelesen und
fühlen sich durch dieselben verletzt, Miß Eyre. Ich lese das
jetzt noch auf Ihrem Gesicht.
Mistreß Harleigh hat mir Ihren Brief gegeben; ich habe ihn
gelesen, kann Ihnen aber Auge in Auge behaupten, daß ich mich
nicht im entferntesten verletzt fühle.
Ich will Ihnen glauben, Miß Eyre, obwohl ich es nicht gut
für möglich halte, daß Sie durch mein Geschenk nicht empfindlich
berührt sein sollten.
Nein, Herr, es hat mich erfreut, aber tragen werde ich es
jetzt bestimmt nicht.
Nun, meinetwegen, Miß Eyre, Sie sehen ja auch in Ihrem
grauen Kleidchen ganz passabel aus. Ich möchte mit Ihnen, ehe
meine Gäste eintreffen, einige Worte allein sprechen, Ihnen einige
Aufklärungen über Verhältnisse geben, die Sie kennen lernen müssen.
Ich bin bereit zu hören, Herr, - Ihr Vertrauen ehrt mich
ungemein.
Sie haben eine so stolz bescheidene Art zu sprechen und zu
antworten, Miß, die mich stets irre an Ihnen werden läßt.
Aber es mag so sein. Sie sind Adelens Gouvernante- das
Kind ist meine Nichte, die Tochter meines jüngeren Bruders, Henry
Rochester, der auf einer Expedition nach Afrika mit seiner Gattin
zugleich den Tod gefunden und sein einziges Kind mir als Erbe
hinterlassen hat. Ihre Stellung, Miß, ist zwar eine ganz gut bezahlte hier, aber Sie haben großes Talent als Erzieherin und
könnten eine glänzendere Stellung in großen oder altadeligen Häusern finden und ausfüllen. Ich sehe heut noch vornehmen Besuch
in Thornfield, bei welchem Sie Gelegenheit haben könnten, einen
Ihren Fähigkeiten weit mehr entsprechenden Platz in der Nähe
der Hauptstadt oder einer anderen großen Stadt zu erhalten, anstatt hier in der Einsamkeit ihre Jugend zu vertrauern und Ihre
Kräfte einer vater- und mutterlosen Waise zu widmen.
Lord Rochester, es schmerzt mich, ein solches Wort aus Ihrem
Munde zu vernehmen. Ich bin selbst eine Waise; ich habe es in
tiefster Seele empfunden, was es heißt, vater-, mutter- und heimatslos, als ein bedauernswertes Kind in der Welt dazustehen! Kann
es für mich eine ehrenvollere, eine glänzendere Stellung geben,
als die Lehrerin, die Erzieherin, die Mutter einer Waise zu sein?
Was frage ich, die nichts von der Welt kennt und nichts gesehen,
als Lieblosigkeit und Heuchelei, was frage ich nach äußerem Glanz,
nach flitterhafter Pracht, nach kaltem, totem Reichtum, wenn es
gilt, das Herz, die Seele eines einsam im Leben stehenden Kindes
mit Liebe zu erfüllen und zu Liebe zu erwecken. Ich werde jetzt,
nachdem Sie ein solches Wort zu mir gesprochen, mit noch größerer Herzlichkeit und Zärtlichkeit an Adele hängen, die ein gutes,
braves Kind ist; ich gelobe es in diesem Augenblick sie niemals
zu verlassen - es sei denn, daß Sie mich selbst fortschickten, Herr,
oder daß sie meiner Liebe, oder meines Unterrichtes nicht mehr
bedürfte.
Groß und edel ist Ihre Denkungsart, Miß Eyre, entgegnete
Rochester voll stiller Bewunderung, aber durchaus nicht praktisch.
Sie sind vom Leben noch vicl zu wenig gewahr geworden, um
den äußeren Schein, das blanke Gold und Geld in seinem vollen
Werte würdigen zu können. Ich jedoch denke anders und bin praktisch genug, aus Ihrer Unerfahrenheit Vorteil für mich zu ziehen,
und halte Sie bei Ihrem eben gegebenen Wort: Sie versprechen,
Adele und Thornfield nicht zu verlassen, nicht von mir und Mistreß
Harleigh wegzugehen, bis ich Sie selbst fortschicke. Hier ist meine
Hand, schlagen Sie ein, Mif Eyre, es gilt!
Gern, Herr, erwiderte Janc und reichte ihre Hand dar.
Ich danke Ihnen, Miß Eyre, für ihre Bereitwilligkeit und
erkenne gern das Opfer an, welches Sie mir durch ihre Zusage
bringen.
Es ist kein Opfer; Herr; ich bleibe gern in Thornfield; es
ist mir noch niemals in meinem Leben so gut gegangen- ich
bin noch nie so ruhig, so zufrieden gewesen, nur -
Nur? Nun, Sie stocken, Miß!- Was legt sich Ihnen störend
in den Weg?
Gratia Poole, Herr! Sie stellt Ihrem Leben nach, sie bedroht Sie mit Feuer - wird dieses gefährliche und unheimliche
Weib nicht aus Ihrer Nähe entfernt? Erhält sie nicht einmal für
Ihr schändliches Verbrechen eine verdiente Strafe?
Miß Eyre, erwiderte Rochester plötzlich ernster und düsterer
als je blickend, was ängstigt und quält sie dieses Weib! Lassen
Sie dasselbe unbeachtet- ich will Ihnen jetzt mit einem harten
Worte nicht gern wehe thun und sagen: Das kümmert Sie nicht,
das ist nicht Ihres Amtes, Sie haben mir keine Vorschriften zu
machen. Sie werden vielleicht durch einen Zufall, vielleicht durch
mich selbst späterhin erfahren, was es mit dieser Frau für eine
Bewandtnis hat - aber nur jetzt noch sollen Sie sich nicht mit
ihr beschäftigen, nicht Rachegedanken gegen sie hegen, die Ihnen
nichts helfen. Sind Sie zufrieden?
Ich bin es, Herr. Wenn mir Ihrer Sicherheit wegen wiederholt ein rasches Wort entschlüpfte, so halten Sie es meinem Eifer
zu gut, Ihnen zu dienen. Gratia Poole läßt mich in Ruhe; ich
werde niemals absichtlich Ihren Weg kreuzen, wenn ich es vermeiden kann.
Sie würden mich ein zweites Mal ruhig verbrennen lassen,
wenn sie es wieder wagen wollte, mich durch Feuer umzubringen?
Gewiß nicht, Herr, es sei denn, Sie verlangten meine Hülfe nicht.
Brechen wir ab hiervon- es ist ein unerquickliches Gespräch.
Für heute und die nächsten Tage muß ich Sie bitten, Miß Eyre,
mich meinen Gästen gegenüber ein wenig zu vertreten, da meine
Zeit durch mehrere unaufschiebbare Geschäfte etwas in Anspruch
genommen ist. Unterhalten Sie dieselben, plaudern Sie mit den
Damen und Herren, wie es Ihnen belieben wird, auch wenn Sie
es nicht gern thun sollten.
Ich werde es gern thun, Herr, auch wenn Sie mich nicht
besonders darum gebeten hätten. Das erfordert ja schon meine
Pflicht und das Gebot der Wohlanständigkeit.
Dann aber bitte ich Sie - vornehme Leute besonders beurteilen Menschen und Dinge nach ihrem äußeren Ansehen-
ziehen Sie das neue Kleid an,
Nein, Lord Rochester,- hierin werden Sie mich meinem
Grundsatze nicht untren machen. Ich überhebe mich gewiß nicht
über meinen Stand.
Sie sind ein kleiner, eigensinniger Kobold, mit dem nicht zu
rechnen ist. Weshalb plaudere ich mit Ihnen so lange und bitte
Sie überhaupt um Etwas, von dem ich gleich im Voraus wußte,
daß Sie es mir nicht erfüllen würden? Indessen, Miß Eyre,
Sie können sich noch einige Stunden Ruhe gönnen, ehe Sie Ihr
neues Amt antreten. Leben Sie wohl, indessen; meine Pächter
werden gleich hier sein.
Adieu, Herr!
Beide verließen das Empfangszimmer; der Lord begab sich
zn Gratia Poole, anstatt daß diese, wie es bei seiner ersten Ankunft gewesen war, zu ihm herunter kommen mußte, während Jane
zu Mistreß Harleigh ging und sich dieser einstweilen zur Verfügung stellte.
Ei, Kindchen, rief ihr diese lachend entgegen, wie sehen Sie
reizend aus in diesem Kleide; da hat sich Lord Rochester recht
unnötige Kosten gemacht, daß er für Sie ein neues anfertigen ließ.
Hat er gezürnt mit Ihnen, daß Sie es nicht angezogen haben?
Gezürnt gerade nicht, Mistreß, antwortete Jane, aber er würde
es anscheinend gern gesehen haben, wenn ich mich recht geputzt
hätte- er glaubt vielleicht, ich mache in einem rotseidenen Kleide
seinem Hause größere Ehre - aber ich überhebe mich nicht gern
und liebe nicht Farben, die sich für meine Stellung im Leben nicht
schicken.
Haben Sie ihm das selbst in das Angesicht gesagt?
Gewiß, Mistreß! Warum sollte ich es nicht gethan haben?
Je nun, ich hätte dazu nicht den Mut gehabt. Freilich Sie
sind noch jung und fürchten sich vor Niemandem. Denken Sie
denn auch mit den Gästen des Lords fertig zu werden?
Warum nicht? Es werden doch jedenfalls auch nur Menschen
sein, wie wir.
Aber sehr stolz und hochmütig sind die beiden Damen, wie
Patrik sagt; wenigstens die beiden, welche der Lord besonders auszeichnen soll, obwohl ich an seine Vermählung mit der schönen
und jungen durchaus nicht zu glauben vermag. Nein, bestimmt nicht.
Warum sollte sich Lord Rochester nicht vermählen, Mistreß?
Er hat zu lange Zeit als Junggeselle gelebt und wird sich
nur mit Widerwillen in eine neue Lebensweise hineinfinden wollen,
es vielleicht auch gar nicht können.
Man hat schon unmöglicher scheinende Dinge im Leben vor
sich gehen sehen, als eine Vermählung - ich halte Lord Rochesters
Verheiratung nicht für undenkbar.
Sam rief Mistreß Harleigh zu Lord Rochester und Adele
holte Jane ab, damit ihr dieselbe an der Fertigstellung ihrer
Toilette noch etwas behülflich sein sollte.
Die für die Ankunft der Gäste festgesetzte Stunde war bereits
überschritten, und noch immer wollte sich keine Spur von ihnen
zeigen, obwohl Patrik sogar hinauf auf den Turm gestiegen war
und nach ihnen Umschau gehalten hatte. Lord Rochester wurde
ungeduldig, hielt es in seinem Hause nicht länger aus und war
unhöflich genug, sich nach dem nächsten Gute zu begeben, ehe er
das Eintreffen der Gäste erwartete.
Entschuldigen Sie meine Abwesenheit, Miß Eyre, hatte er zu
Jane geäußert, ehe er das Pferd bestieg, um hinweg zu reiten,
in einer Stunde spätestens werde ich wieder zurück sein. Mein
Besuch, fügen Sie hinzu, hätte sich keine Minute mehr verzögern
dürfen, sollte er nicht von unberechenbarem Schaden für meine
Person und meine Güter sein.
Lange sollten indessen Jane und Mistreß Harleigh nicht
harren, aber der Abend dämmerte doch bereits, als mehrere Reiter
sowohl, wie zwei Wagen im Hofe anlangten, die mit Damen besetzt waren. Vom Hofe aus konnte Jane deutlich vernehmen, daß
die Ankömmlinge sich beklagten, Lord Rochester nicht zu ihrem
Empfange anzutreffen, und wie sie sich beschwerten, daß er nicht
einmal so viel Rücksichten auf die Damen genommen habe. Es
entspann sich eine kurze Unterhaltung auf dem Hofe, deren Resultat
ergab, daß ein Teil der Ankömmlinge beschloß, sich sogleich auf
die für sie bestimmten Gemächer zurückzuziehen, während ein
anderer Lord Rochester's Rückkunft im Empfangszimmer erwarten
zu wollen erklärte. Die Ankömmlinge betraten das Haus und
näherten sich dem Zimmer, in welchem Jane sie dem Befehle des
Lords gemäß empfangen und unterhalten sollte. Deutlich vernahm
sie Mistreß Harleigh's Stimme:
Wenn es Ihnen gefällig ist, meine Herrschaften, so treten
Sie in dieses Gemach; Lord Rochester kann nur noch wenige
Augenblicke weg bleiben und hat Befehl gegeben, alle Ihre ausgesprochenen oder auszusprechenden Wünsche aufs pünktlichste zu
erfüllen.
Als sich die Thüre öffnete und Jane's Blick auf die erste
eintretende Dame fiel, erkannte sie zu ihrem Schrecken, ja zu ihrem
Entsetzen diejenige Dame, welcher sie am allerwenigsten in ihrem
Leben jemals wieder zu begegnen gewünscht hatte- es war
Mistreß Need. Obwohl bedeutend gealtert und merklich ergraut,
auch wohl körperlich etwas hinfälliger geworden, erkannte Jane
ihre ärgste Feindin an dem kalten gleichgiltigen Gesichtsausdruck,
der sich durch der Länge der Jahre nicht im mindesten abgeschwächt oder verringert hatte. Jane hatte indessen so viel Selbstbeherrschung, daß sie durch keinen Laut, ja durch keine Miene oder
Bewegung verraten hätte, was in ihrem Innern vorging, nur
gebrauchte sie die Vorsicht, sich etwas tiefer in das Zimmer zurückzuziehen und Mistreß Harleigh die Unterhaltung führen zu lassen.
Die jüngere Dame, welche mit Mistreß Reed zugleich kam, war
Georgine- darüber war kein Zweifel bei Jane, denn wenn sie
auch ihr Antlitz mit einem Schleier verhüllt hatte, so zeigten doch
ihre Figur und ihre stolze Haltung, welche für Jane unvergeßlich
waren, deutlich, daß nur sie es sein konnte. Der Herr, welcher
Mistreß Reed den Arm gereicht hatte, war dem Anscheine nach
Georginens Gatte, Lord Clarens - also konnte sie es nicht
sein, welche Lord Rochester nach Patriks Meinung zu heiraten
beabsichtigte.
Mistreß Reed schien unwohl zu sein, denn sie ließ sich sogleich
nach dem Sopha führen und nahm erschöpft auf demselben Platz.
Ich danke Ihnen, Lord Clawdon, für Ihre Mühe, sprach sie leise.
Befindest Du Dich nicht wohl, Mama? frug Georgine und
schlug ihren Schleier zurück. Jane bemerkte, daß sie schöner noch
geworden war, als sie früher gewesen.
Ich finde die Luft in diesem Hause hier dumpf und drückend,
mein Kind, antwortete Mistreß Reed, tief Atem schöpfend. Ich
hätte auch gleich zur Ruhe gehen und mich nicht mehr mit hierher
führen lassen sollen. Mein Kopf droht mir zu zerspringen.
Du hast Dich zu warm angezogen, Mama, entgegnete
Georgine. Warum auch mußtest Du Dich so in Pelz und Seide
einhüllen, als wenn wir mitten im stärksten Winter wären, anstatt
daß wir mit vollen Segeln auf den Frühling lossteuern.
Georgine, mein Kind, o mein Gott, wie wird mir plötzlich?
Aber Mama, Du erschreckst mich ja ordentlich, rief Georgine
und trat von dem Herrn weg, mit dem sie sich bisher leise und
angelegentlich unterhalten hatte, zu ihrer Mutter.
Mir ist so unheimlich und bang zu Mute, daß ich mich
kaum aufrecht zu halten vermag?
Hier nimm mein Flacon, das wird Dir wohlthun und Dich
stärken. Leider habe ich es im Wagen liegen lassen. Lord Francis,
wandte sie sich an ihren früheren Begleiter, sehen Sie nach, damit
es Jemand aus dem Wagen heraufholt - ich bitte darum.
Laß das Flacon, es hilft mir nichts. Seit ich dieses Zimmer
betreten, hat mich jene Unruhe, jene Beklommenheit wieder überfallen, die mich zuletzt beim Tode Deines Gatten heimsuchte und
welche mir einen jeden harten Schicksalsschlag anzukündigen pflegt.
Laß doch Deine Hirngespinste, Deine sonderbaren Phantasieen,
Mama. Wir sind fremd hier.
In dieser Atmosphäre, die ich atme, liegt etwas Unheimliches, etwas Verhängnisvolles für uns - hier lauert im Verborgenen ein Unglück auf uns. Laß uns umkehren, Georgine, ehe
es zu spät ist - noch, glaube ich, ist es Zeit. Georgine, höre
auf meine Warnung.
Gib Dich Deiner Schwäche nur nicht gar zu sehr hin, Mama.
Lord Francis, bitte, sorgen Sie dafür, daß meine Mutter in den
Besitz meines Flacons kommt, dann werden sich ihre Nerven schnell
beruhigen und ihrer erregten Phantasie freundliche Bilder vorschweben.
Der Lord Francis Angeredete wollte nach der Thüre gehen
und erblickte Jane. Ah, da ist ja Jemand, hob er an, wollten
Sie vielleicht so freundlich sein, Miß.
Jane hatte einen harten Kampf innerhalb dieser wenigen
Augenblicke zu bestehen gehabt - all ihr erduldetes Weh, all ihr
Haß, den sie überwunden zu haben glaubte, war in alter Kraft
wieder erwacht und steigerte sich noch, als sie erfahren mußte, daß
Georgine Witwe war und somit doch Lord Rochesters künftige
Gemahlin werden konnte, aber ihr Wille, ihre Selbstbeherrschung
war doch stärker wie ihre Leidenschaft, und hätte sie noch einen
Augenblick schwanken können, was sie jetzt thun mußte, so würde
ihr das Lord Rochester gegebene Versprechen schon den richtigen
Weg vorgezeichnet haben. Sie trat daher ruhig vor und sprach
in bescheidenem, aber doch festem Tone: Kann ich Ihnen dienstlich
sein, Mylady, so gebieten Sie über mich. Lord Rochester hat
mich beauftragt, Sie in seinem Namen zu empfangen.
So! erwiderte Georgine stolz und maß Jane mit einem verächtlichen Blicke. Und welche Stellung bekleiden Sie in diesem
Hause, daß Sie zu solcher Ehre gelangen?
-
tete Georgine. Sagen Sie Lord Rochester, wir wären den Kinderschuhen entwachsen und bedürften Ihrer nicht.
Ich werde Ihren Auftrag ausrichten, Mylady, entgegnete Jane.
Bei den ersten Lauten, welche über Jane's Lippen gedrungen
waren, hatte Mistreß Reed gestutzt und sich rasch umgewandt.
Jane erblicken und sofort wiedererkennen, war das Werk eines
Augenblickes; sie fuhr entsetzt in die Höhe, brach aber auch sofort
wieder zusammen und rief halblaut aus: Ach, ich wußte es leider
nur zu gut.
Aber, mein Gott, was haben Sie? Was fehlt Ihnen?
fragten Lord Clawdon und Lord Francis besorgt, während Georgine ärgerlich bemerkte: Was hast Du denn Mutter?
Es ist Verhaßtes in meiner Nähe, flüsterte sie Georgine
hastig zu.
Was hast Du denn? Ich verstehe, ich begreife Dich heute
gar nicht, Mama.
Mistreß Reed ergriff Georginens Hand, zog sie dicht an ihre
Seite und raunte ihr leise in das Ohr: Wo hast Tu Deine
Augen? Erkennst Du Jane Eyre, meine und Deine ärgste Feindin nicht!
Bei Gott, sie ist es, flüsterte Georgine, indem sie Jane ebenfalls deutlich erkannte.
Gib Acht, sie wird dem Lord verraten, daß wir ihre Verwandten sind und sie auf die Lowoodstiftung geschickt haben.
Sie wird uns bloßstellen.
Du, Mama, hast sie dahin geschickt, nicht ich- das wird
dem Lord genügen!
Während Beide sich leise mehr weiter stritten, als unterhielten,
beobachtete Lord Clawdon und Lord Francis die ruhig und ohne
eine Spur von Befangenheit dastehende Jane, und Lord Francis
konnte es nicht über sich gewinnen, mit der Frage an Jane zurückzuhalten:
Sind Ihnen diese Damen vielleicht bekannt, Miß?
Nein, Sir- ich erblicke Beide heute zum ersten Male, antwortete Jane, nachdem sie dieselben lange und aufmerksam betrachtet hatte.
Wirklich erst zum ersten Male? fragte Lord Clawdon weiter.
Das ist seltsam; die Damen scheinen Sie doch aber früher schon
gekannt zu haben?
Das dürfte vielleicht nur auf einer Personenverwechslung oder
auf einer momentanen Täuschung beruhen, Sir.
Nein, meine Herren, rief Georgine bereits wieder gefaßt und
übermütig, wir haben die sonderbare Physiognomie dieser Person
noch niemals gesehen.
Wir wollen uns aber auf unser Zimmer zurückziehen, sprach
Mistreß Reed langsam. Können Sie uns hierzu behilflich sein,
Miß, so bitte ich darum.
Ich will es versuchen, erwiderte Jane - ein Diener wird
sicherlich wissen, welche Zimmer für die Herrschaften von Mistreß
Harleigh bestimmt sind.
Du bist heute außerordentlich aufgeregt, Mama, warf Georgine ärgerlich ein. Ich habe dem Lord versprochen, ihn zu
erwarten, wenn er nicht gleich anwesend sein sollte.
Ich muß Ruhe haben, Georgine- ich fürchte sonst ernstlich
krank zu werden.
Die Ankömmlinge wendeten sich bereits zum Gehen, als sich
rasch die Thüre öffnete und Lord Rochester, ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit, in vollendetem Gesellschaftsanzug erschien. Die sonst
ernsten, ja finsteren Wolken, welche zumeist auf seiner breiten
Stirne lagerten, waren verschwunden und über seine Züge leuchtete
ein heiteres, freundliches Lächeln; seine sonst etwas schwerfälligen
Bewegungen waren leicht und elegant, kurz die ganze Erscheinung,
sein ganzes Auftreten und Wesen schienen sich in gar nicht unbedeutendem Grade verjüngt zu haben.
Meine werten Gäste, wandte er sich mit ausgesuchter Zuvorkommenheit an die Ankömmlinge, werden mir verzeihen, wenn ich
nicht gleich bei ihrem Eintreffen die Pflichten des Hauswirtes in
ihrem ganzen Umfange erfüllen konnte. Ich habe Ihnen zwar
gleich im voraus gesagt, daß auf meine Anwesenheit nur unsicher
zu rechnen sein würde, aber ich fühle mich doch nochmals gedrungen,
Ihre Verzeihung in Anspruch zu nehmen. Ich will hoffen, daß
Sie meine Abwesenheit nicht vermißt haben.
Wir wissen, Mylord, daß Ihre ausgebreiteten Besitzungen
einen großen Teil Ihrer freien Zeit und Ihrer Arbeitskraft in
Anspruch nehmen und aufzehren, antwortete Georgine - und ich
erteile Ihnen in unserer Aller Namen bereitwillige Verzeihung.
Sie wurden doch wohl so empfangen, daß Sie meine Abwesenheit nicht vermißten? fragte Lord Rochester mit einem scharfen
Blicke auf Jane Eyre.
Wer sollte Ihre Gegenwart uns wohl ersetzen können, Lord
Rochester? versetzte Georgine. Diese junge Person vielleicht? Sie
ist uns völlig unbekannt.
Sollte sie sich Ihnen nicht vorgestellt und Sie unterhalten
haben, wie ich befahl?
Verzeihung, Herr, ich hatte bis jetzt keine Gelegenheit- die
Herrschaften waren zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt - sonst würde ich -
Schon gut, unterbrach sie Rochester. Meine Damen und
Herren, gestatten Sie mir Ihnen in dieser jungen Dame Miß
Jane Eyre, Adelens Gouvernante, vorzustellen.
Miß Eyre? Ich glaube den Namen einer andern Erzieherin
früher gehört zu haben.
Früher ja! Seit einigen Monaten aber leitet Miß Eyre
Adelens Erziehung mit überraschendem Erfolge, ja mit einer Auszeichnung, die mich in Erstaunen setzt.
Und worin unterrichtet denn diese Gouvernante Ihren kleinen
Pflegling ? fragte Mistreß Reed, welche ihre Selbstbeherrschung
wieder erlangt hatte, den Lord.
In allen Unterrichtsgegenständen, in Sprachen, Musik, Zeichnen, kurz in allen Dingen, welche man von einer Gouvernante
fordern kann. Ja Miß Eyre malt sogar und zwar weit besser,
als sonst Dilettanten zu malen pflegen.
Herr, ich bitte, wagte Jane diesen Lobsprüchen gegenüber einzuwerfen.
Keine Widerrede, Miß, was wahr ist, muß wahr bleiben.
Ein Lob von Ihnen, Lord, in Bezug auf Malerei, wo Sie
sonst ein so strenger Richter sind, wiegt nicht leicht. Wo lernten
Sie denn alle diese Künste? fragte Georgine mit einem neidischen
Seitenblicke auf die schweigsame blasse Jane.
In der Lowood-Stiftung, Mylady,
Werden denn, fragte Mistreß Reed lauernd, in dieser Waisenanstalt, die nur von milden Gaben unterhalten wird, solche nichtige
Dinge, wie Malen und Musik gelehrt. Ich habe mir immer
sagen lassen, daß der fromme Doktor Blackhurst seinen Zöglingen,
die meistens nur aus verdorbenen und verwahrlosten Kreaturen
bestehen sollen, vor allen Dingen in Religion, Gottesfurcht, Demut,
Bescheidenheit und Arbeit unterrichte.
Auch das geschieht, Mistreß - erwiderte Jane - Entschuldigen Sie, Herr, ich habe nicht die Ehre die Namen dieser Damen
zu kennen.
Ach so- entschuldigen Sie mich, Miß Eyre, daß ich so vergeßlich war, und erlauben Sie, daß ich mein Versehen wieder gut
mache: Lady Georgine Clarmes, Mistreß Reed, Lord Clawdon,
Lord Francis.
Mistreß Reed, antwortete Jane unter einer tiefen Verbeugung, können versichert sein, daß ich in der Lowoodstiftung, die
von milden Gaben unterhalten wird, Alles gelernt habe, worin
Doktor Blackhurst unterrichtet, und daß ich den Personen cwig
dankbar sein werde, welche die Veranlassung waren, daß ich dieses
Unterrichts so lange teilhaftig wurde, bis ich die Fähigkeiten mir
erworben, als Lehrerin dort einzutreten und mir späterhin eine
Stelle als Erzieherin zu suchen.
Sie sind sehr bescheiden in Ihren Ansprüchen, Miß Eyre,
erwiderte, als von Seiten der beiden Damen keine Antwort
erfolgte, Lord Rochester. Ich kenne Ihre Vergangenheit und Ihre
Verhältnisse nicht, kann also nicht wissen, aus weichen Gründen
man Sie nach Lowood brachte- aber davon bin ich überzeugt,
daß Sie Derjenige nicht aus Liebe zu Ihnen auf die Galeeren
von Lowood verbannt hat. Lowood ist in der That eine Strafanstalt.
Geliebt hat er mich bestimmt nicht, Herr; das glaube und
weiß ich auch, aber er hat mich wider seinen Willen selbständig und zufrieden gemacht - ich segne seine That.
Ich hoffe, Lord Rochester, hob Georgine in etwas Verletzung
zeigendem Tone an, daß wir nicht zu Ihnen gekommen sind, uns
über die Talente und die Vergangenheit, noch Zukunft Ihrer Gouvernante zu unterhalten, sondern nur mit unseres Gleichen zu
verkehren.
Wenn auch Wissen und Talent den Geringsten zu unseres
Gleichen erhebt, reizende Georgine, so haben Sie doch Recht, daß
es unhöflich von mir ist, Sie von solchen Dingen zu unterhalten,
anstatt für Ihr Unterkommen und Ihre Bequemlichkeiten Sorge
zu tragen.
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Und dabei glaube ich noch, daß Miß Eyre gar nicht so gut
malt, wie Sie uns vorspiegeln, ja daß Sie für Ihre Gouvernante
auffallend Partei nehmen! Nicht?
Für Miß Eyre? fragte Rochester leise gereizt. Ich wüßte
nicht, wie ich dazu käme. Sie sollen Ihre Malereien sehen und
mögen selbst urteilen. Lord Rochester wandte sich und ging nach
dem Zimmer, in welches er Jane's Mappe mitgenommen hatte.
Herr, Sie beschämen mich; ich bitte, - wagte Jane nochmals
schüchtern zu widersprechen, aber der Lord hörte nicht auf sie und
entfernte sich rasch.
Georgine flüsterte wiederum angelegentlich und eindringlich
mit ihrer Mutter, während sich Lord Francis mit der Frage an
Lord Clawdon wandte: Finden Sie es nicht geradezu seltsam, Sir,
wie ungemein bemüht Lord Rochester ist, die Talente und Kenntnisse seiner Gouvernante diesen Damen hier vor Augen zu führen?
Gewiß, Francis, antwortete ihm Clawdon leise, und es kommt
mir vor, als wenn zwischen der Gouvernante und den Damen eine
Beziehung auf die Vergangenheit stattfinden muß. Wir müssen
auf unserer Hut sein; mit dem Mädchen wird etwas beabsichtigt.
Ich glaube nämlich nicht, Francis, daß es dem Lord mit seiner auffallenden Werbung um Georginens Gunst Ernst ist- er führt,
glaube ich, gegen sie etwas im Schilde.
Sie täuschen sich, Clawdon, erwiderte Francis. Rochester
hat bereits um Georginens Hand angehalten - sie selbst hat es
mir vertraut.
So lange es Rochester mir nicht selbst sagt, zweifle ich noch
daran. Ah da ist der Lord schon wieder und trägt eine große
Mappe in seinen Händen.
Nun, Lady Georgine, sprach Rochester, überzeugen Sie sich
selbst, ob ich zu viel von Miß Eyre's Talent gesagt habe; es
ist originell genug für ein Schulmädchen aus Lowood.
Sie werden mir gestatten, erwiderte Georgine in wegwerfendem Tone, daß ich mir den Anblick dieser Meisterwerke für später
aufhebe. Meine Mama fühlt sich sehr angegriffen und auch ich
sehne mich wirklich nach baldigster Ruhe.
So wollen Sie mir in der That die Gunst versagen, Sie
zum Abendessen geleiten zu dürfen? fragte Lord Rochester galant.
Es steht Alles schon bereit.
Mylord sind sehr gütig, erwiderte an Georgines Stelle
Mistreß Reed, aber bei meinem vorgeschrittenen Alter und der
langen ununterbrochnen Fahrt bedarf ich der Ruhe und des
Schlafes- und je eher ich mich auf mein Zimmer zurückziehen
kann, desto besser und zweckmäßiger dürfte es für mich sein.
Wenn Sie mir gestatten, Mistreß Reed, sprach Lord Francis
in teilnahmvoller Weise sich nähernd, so geleite ich Sie nach Ihrem
Zimmer.
Sie sind sehr freundlich, Lord, antwortete Mistreß Reed,
seinen Arm nehmend; ich nehme Ihre Unterstützung dankbar an.
Gute Nacht, Lord Rochester, auf Morgen also.
So bleibt mir leider für heute nichts weiter übrig, Lady
Clarens, wandte sich Rochester an Georgine, als für heute auf
Ihre liebenswürdige Gesellschaft zu verzichten und den Abend in
meiner einsamen Umgebung zu verleben. Darf ich bitten? Bei
diesen Worten bot er Georgine seinen Arm, und diese nahm denselben bereitwillig an.
Als Beide das Zimmer verließen, wandte sich Rochester nach
Jane nochmals um und rief ihr in herablassendem Tone zu: Sie
können sich auch zur Ruhe legen, Miß Eyre, Sie sind für heute
ihres Postens entlassen.
Kaum war Jane allein, so eilte sie auf ihre Mappe zu,
ergriff dieselbe und preßte sie heftig an ihre Brust: Nein, sprach
sie mit erhobener Stimme, Du mein einziger Schatz, Du mein geistiges Eigentum sollst den Blicken dieses herzlosen Weibes nicht
preisgegeben werden. Mag Lord Rochester mir zürnen, mag er
mich aus seinem Hause entfernen, wenn ich die Mappe gegen seinen Willen an mich nehme, es soll mir gleich sein. Der Spott
dieser Augen und dieser Mienen soll sich nicht ergießen über die
mühsam getriebenen Blüten meiner stillen Phantasieen. Kann
ich überhaupt hier bleiben, wenn diese beiden Frauen, die meine
Jugend vergiftet, meine Kraft zerstört haben, für längere Zeit hier
weilen sollten? wenn Georgine gar Lady Rochester werden und
hier herrschen sollte? Nein, nein und dreimal nein! Aber
ich gab mein Wort vor einer Stunde kaum, dies Schloß nur zu
verlassen, wenn er mich weg schicke- dies Versprechen muß ich
lösen, koste es, was es wolle. Sie sank auf einen Stuhl und
preßte beide Hände vor die Augen.
In tiefe schmerzliche Gedanken versunken mochte Jane wohl
eine halbe Stunde so gesessen haben, als sie durch Rochesters
Stimme ans denselben jäh aufgescheucht wurde. Er kehrte offenbar
von Georgine zurück und näherte sich dem Empfangszimmer
wieder, das zu verlassen er Jane aufgetragen hatte. So gern
Jane auch jetzt seinem Begegnen entgangen wäre, so blieb ihr doch
keine Möglichkeit- sie mußte unbedingt mit ihm noch einmal
zusammentreffen. Die Thüre öffnete sich - er trat ein und voll
Erstaunen fiel sein Blick auf die Gouvernante, die ihn nicht anzuschauen wagte.
Nun, Miß Eyre, befolgen Sie so meine Befehle, begann der
Lord. Anstatt dieses Zimmer zu verlassen, schlichen Sie hier noch
heimlich herum und suchen sie etwas hier oder dort zu erhorchen.
Das ist nicht schön und gut von Ihnen.
Ich horche nicht, Herr, und schleiche auch nicht herum, antwortete Jane trotzig werdend; ich nahm nur mein Eigentum an
mich, daß ich nicht Lust verspüre, Jedermanns Augen Preis zu
geben. Ich nahm meine Mappe, Herr, meine Bilder und das
Verfügungsrecht über dieselben gehören mir, und ich lasse es mir
von Niemand streitig machen.
So wollen Sie mir deren Anblick auch nicht mehr gönnen,
Miß Eyre?
Ihnen, Lord Rochester, gern, so lange Sie wollen. Ihnen
würde ich dieselben sogar als Eigentum überlassen können, aber
nur unter der einzigen Bedingung, diese Bilder nicht von Augen
betrachten zu lassen, aus denen Hohn und Verachtung, Kälte und
Geringschätzung gegen andere Menschen spricht, die angeblich nicht
Ihresgleichen sind.
Und warum, Miß Eyre, wollen Sie diese Bilder, auf welche
Sie so hohen und wirklich verdienten Wert legen, mir, gerade
mir überlassen? Sprechen Sie Miß.
Weil Sie mich verstehen, Herr, antwortete Jane nach einigem
Zaudern, weil Sie empfunden haben, in welcher Stimmung ich
diese Bilder geschaffen, welche Gedanken und welche Gefühle ich
in ihre Ideen hineingelegt, weil Sie dieselben zu würdigen wissen.
So nehmen Sie die Mappe von Ihrer Brust, Miß, und
legen Sie selbige wieder in meine Hand. Können Sie sich freiwillig dazu entschließen, Miß?
Hier ist die Mappe, Herr, aber dann muß ich auch auf der
vorhin ausgesprochenen Bedingung bestehen, daß Mappe und Bilder nur für Ihre und nicht für fremde Augen sind.
Mein Wort darauf, daß ich Ihre Bedingung aufrichtig erfüllen
will, und hier bekräftige ich es noch durch einen freiwilligen Handschlag.
Jane schlug nachdenklich in Rochesters dargebotene Hand ein,
zog die ihrige aber gleich darauf wieder zurück und sagte leise:
Gute Nacht, Herr, es wird Zeit zur Ruhe.
Gute Nacht, Mifß Eyre! Auf Wiedersehen morgen.
Jane eilte nach ihrem Zimmer. In ihrem Innern gährte
und tobte es von widersprechenden Gefühlen der mannigfaltigsten
Art; sie suchte sich gewaltsam Ruhe zu erkämpfen, aber es gelang
ihr nicht vollständig- die Furcht, welche das Zusammentreffen
mit Mistreß Reed und Georgine hervorgerufen, war nicht zu besiegen und stieg in immer neuen und drohenderen Bildern vor
ihrem geistigen Auge empor. Ruhelos schritt sie in ihrem Zimmer auf und ab und suchte zu einem klaren und festen Entschlusse
zu kommen, wie sie sich ihren ehemaligen Verwandten gegenüberstellen solle; denn in der stummen Entfernung wie heute noch Tage
hindurch vielleicht zu verharren, das wußte sie, das ging über ihre
Kräfte, so sehr sie auch Selbstbeherrschung über sich selbst auszuüben vermochte. Sie konnte sich Niemand anvertrauen, selbst
Mistreß Harleigh nicht, ohne das Geheimnis ihrer Verwandtschaft
preiszugeben. Und jetzt fühlte sie erst recht lebhaft, wie sie gegen
diese würdige Dame, welche es so aufrichtig und teilnehmend gegen
sie meinte, unrecht und unvorsichtig gehandelt hatte.
Es wurde spät- die Uhr schlug elf Uhr, und noch immer
schritt sie nachdenkend auf und ab; da mit einem Male vernahm
sie das Geräusch wieder, als wenn Jemand leise, aber nicht vorsichtig
genug, um unentdeckt zu bleiben, an ihrer Thür vorüber huschte und
wiederum die Richtung nach Lord Rochesters Schlafzimmer einschlug.
Sollte das Gratia Poole wieder sein? Sollte Lord Rochesters
Leben wiederum in Gefahr schweben durch die heimtückische Rachsucht dieses entsetzlichen Weibes? Unwillkürlich stiegen diese Gedanken wiederum in Janens Brust auf, und gleichsam von einem
unwiderstehlichen Drange getrieben, der alle Angst und Furcht vor
einem Zusammentreffen mit dieser unheimlichen Erscheinung darniederkämpfte, öffnete sie leise die Thüre ihres Zimmers, welche
nach dem Korridore zuführte. Der Korridor war halb erleuchtet
durch ein Licht, welches das Weib in einer Hand trug und behutsam nach Rochesters Kabinet schritt.
Das war aber doch Gratia Poole's gedrungene mittlere Gestalt nicht? Das war ein langes, schlankes, schattenhaftes Wesen,
das dahin schlüpfte und die unverschlossene Thüre von dem Schlafgemache des Lords öffnete! Wer war dieses Geschöpf in seiner
phantastischen, keinem vernünftigen Menschen ähnlichen Tracht und
was konnte es von Rochester wollen? Beim Durchgang durch die
Thüre gewahrte Jane zu ihrem Entsetzen, daß das weibliche Wesen,
-
und leise gurgelnde Töne ausstieß, die stets dem gräßlichen Lachen
Gratia Poole's vorangingen; Gratia Poole's? fragte sie sich hastig.
Nein! Nein und abermals Nein! Gratia Poole's sicher nicht.
Gratia, das sah Jane jetzt klar ein, hätte in so entsetzlicher Weise
gar nicht lachen können- Gratia war nur die Wächterin, welche
dieses Geschöpf bewachen mußte und sicher nicht scharf genug bewachte, so daß es ihren Händen zuweilen entschlüpfen konnte. Gewiß so war es und Gewißheit mußte sie haben. Jetzt hörte sie
auch das frühere Gelächter, aber nicht in so durchdringender Weise.
Alle diese auftauchenden Gedanken füllten nur wenige Secunden aus, und kaum war dieses unbekannte geheimnisvolle Geschöpf
in Rochesters Kabinet verschwunden, so stand Jane auch schon
nach einigen wenigen fliegenden Schritten in derselben Thüre, durch
welche die Erscheinung verschwunden war und sah, wie dieselbe
vor Rochester stand, der noch ganz angekleidet auf einem Divan
anscheinend im festen Schlafe ausgestreckt lag. Wie gefesselt blieb
Jane stehen; als aber jenes Wesen das Messer hob, um einen
Streich nach dem Schlafenden zu führen, stürzte sie eiligst auf das
Weib los und entwand ihm mit einem raschen unvermuteten Griffe
die gefahrdrohende Waffe.
Wie ein gereiztes gieriges Tier schnellte die Angegriffene
herum, und Jane blickte in ein starres, verzerrtes Gesicht, das den
Stempel der geistigen Verwirrung, des Wahnsinnes in seinen Zügen unleugbar ausgedrückt zeigte und kreischend auf sie losfuhr,
als wenn sie nun als Opfer fallen sollte. Ein rascher Seitensprung rettete Jane vor den Händen der Wahnsinnigen und sie
fand hierbei Gelegenheit, Lord Rochester an der Schulter zu ergreifen, zu rütteln und zu rufen: Lord Rochester, erwachen Sie!
Die Wahnsinnige lachte hell auf und stürzte von Neuem auf
Jane los, die sich nicht anders mehr zu helfen wußte, als zu rufen:
Lord Rochester! Lord Rochester! Erwachen Sie! Der Lord ermunterte sich in der That, und es war auch die höchste Zeit, daß er
Jane zu Hülfe eilen konnte, denn bereits war sie von der Wahnsinnigen erfaßt und rang mit ihr in verzweifelter Weise. Nochmals rief sie: Lord Rochester! Hülfe!
Der Lord sprang empor, überschaute mit einem Blicke die
Lage der Dinge und die Gefährlichkeit der ganzen Situation; mit
gewaltiger Faust packte er Jane's Gegnerin und schlenderte sie
hinweg von ihr, so daß jene zunächst außer aller Gefahr war.
Jetzt erst konnte sich das junge aufgeregte Mädchen so weit fassen,
daß sie das Messer vom Boden hob und aus dem Bereiche der
Wahnsinnigen entfernte.
Als Rochester das Messer gewahrte, ahnte er sofort den ganzen Zusammenhang, der sich in seinem Gemache so eben abgespielt
habenden Scene und griff, ohne einen Augenblick zu zögern, ein,
um Ordnung wieder in die Verhältnisse zu bringen, d. h. Ruhe
für sich und seine Erzieherin zu schaffen. Er trat dicht an die
Wahnsinnige heran, die auf einem Stuhle wie festgebannt saß und
nahm sie wie ein kleines Kind auf seine Arme.
Leuchten Sie mir, Miß Eyre, sprach Rochester, aber suchen
Sie so wenig Geräusch zu machen wie möglich. Ich werde dieses
unglückliche Geschöpf hier wieder in sein Zimmer bringen und ihm
wie uns weitere Unannehmlichkeiten zu verhindern suchen. Folgen
Sie mir, Miß.
Rochester verließ, die arme Wahnsinnige, welche nicht den geringsten Widerstand zu leisten wagte, auf den Armen tragend,
sein Gemach und schritt nach der Thüre, welche zu der Treppe
des Turmes führte. Dort angekommen, mußte Jane die Thüre
öffnen und warten, während der Lord die Treppe hinaufstieg und
mit seiner Last in der Stube verschwand, welche Gratia Poole
bewohnte. Warten Sie einen Augenblick auf mich, Miß, flüsterte er.
Jane stand lautlos; es däuchte ihr, als hörte sie den Lord
die Worte sagen: Sie schlafen schon wieder und lassen ihrer Ge-
-
Ich schloß, Herr, aber die schlaue Lady muß beachtet haben,
wo ich den Schlüssel hingethan und muß ihn genommen haben,
als sie mich schlafen wußte, Herr. Unerklärlich.
Bewacht sie sorgfältiger als bisher noch, Gratia; es muß sein;
es ist mein Befehl.
Ich will es versuchen, Herr, aber die Wahnsinnige überlistet
mich stets von Neuem.
Das Gespräch verstummte bis auf einige unverständliche Worte.
Darauf schritt der Lord die Treppe wieder herab und sprach zu
Jane: Miß Eyre, begleiten Sie mich auf mein Zimmer; ich habe
Ihnen einige wichtige Mitteilungen zu machen.
Kann das nicht am nächsten Morgen oder an einem der
folgenden Tage geschehen, Herr? Es ist schon spät in der Nacht
und ich bedarf nunmehr wirklich der Ruhe.
Sie haben Recht; legen Sie sich zur Ruhe; ich will auch wieder zu schlafen versuchen, aber ob ich so bald wieder zu Mitteilungen
werde aufgelegt sein, möchte ich wohl bezweifeln und Sie müssen
dann warten. Gehen Sie.
Gute Nacht, Herr.
Miß Eyre, ich danke Ihnen wiederholt mein Leben. Wie auf
Erden soll ich Ihnen dies jemals wieder vergelten können! Ich
muß einen ganz besonderen Preis für Sie aussinnen, mit dem ich
Sie gelegentlich überraschen kann. Einstweilen jedoch müssen Sie
mit meinen trockenen Dankesworten zufrieden sein. Nun denn,
gute Nacht, Miß Eyre.
Jane ging nach ihrem Zimmer und dachte im Stillen bei
sich: Hört denn Niemand in diesem Hause etwas von dem Treiben der Wahnsinnigen? Muß ich es denn sein, die stets zu diesen
entsetzlichen Scenen Zeuge sein muß. Oder will es Niemand bemerken und überläßt man es nur absichtlich meiner Person? Unter
diesen sich selbst gestellten Fragen entschlummerte sie.
Zwölftes Kapitel.
Am Morgen auf diese entsetzliche Nacht ward es ungemein
lebendig im Hause; die Gäste mußten bedient werden und hatten
mehr Bedürfnisse, als man sonst in Thornfield zu befriedigen gewohnt war; namentlich waren es die fremden Damen, welche der
Dienerschaft unendlich viel zu schaffen machten. Um Jane schien
sich Niemand bekümmern zu wollen; sie blieb daher ruhig auf
ihrem Zimmer und trug nicht das geringste Verlangen, mit
Mistreß Reed und Georgine wieder zusammenzukommen oder die
übrigen noch anwesenden Gäste kennen zu lernen.
Gegen 1 Uhr endlich erschien Sam und rief sie zu Lord
Rochester, der sie zu sprechen verlange. Jane fand ihn ernst und
bleicher als sonst; eine schwere Falte lagerte auf seiner Stirn, und
er schien in düstere Gedanken versunken. Als er die Eintretende,
welche auf ihren Gruß keine Antwort erhalten, gewahrte, nahmen
seine Gesichtszüge wieder ihren früheren gleichmütigen Ausdruck an.
Miß Eyre, begann Rochester, ehe ich mit Ihnen wieder vor
meinen Gästen zusammentreffe, habe ich eine Unterredung mit
Ihnen zu pflegen, welche Ihnen aber das Ereignis der gestrigen,
sowie einer früheren Nacht einige Aufklärungen bringen soll.
Ich bin bereit zu hören, Herr, antwortete Jane.
Sie hielten bisher Gratia Poole für die Urheberin jenes seltsamen Lachens, das Sie oftmals gehört haben, wie jenes Angriffs auf mein Leben, den sie durch Anzündung meines Bettes
machte. In dieser Nacht jedoch sind Sie Mitwisserin eines Geheimnisses geworden, das Niemand in meinem Hause kennt, außer
mir und Gratia Poole. Mistreß Harleigh hat vielleicht eine
dunkle Ahnung davon und auch die übrige Dienerschaft mag sich
einbilden, daß ich mein eigenes Weib hier gefangen halte. Haben
Sie nicht auch so etwas in Gedanken gehabt, Miß?
Nein, Herr, ich habe nur Gratia Poole für die Thäterin
und Urheberin gehalten, bis -
Bis Sie in dieser Nacht eines Anderen belehrt wurden. Sie
sollen Alles erfahren. Gratia Poole bewacht allerdings ein
armes wahnsinniges Weib, aber nicht mein Weib, und doch eine
Lady Rochester, die Frau meines verstorbenen älteren Bruders
und meine ehemalige Braut.
Ihre ehemalige Braut? rief Jane heftig erschrocken aus.
Ja, meine Braut! Sie war meine erste und bis vor wenigen
Wochen meine einzige Liebe - jetzt ist sie nur eine Wahnsinnige,
der ich Schonung schulde, die ich meinem feierlichen Versprechen
zufolge keiner Anstalt, keiner anderen Pflege anvertrauen darf,
als der Gratia Poole's, einer treuen Dienerin unserer Familie-
denn jene hat den Namen unserer Familie mit einem Schandflecken bedeckt und muß vor der Welt verborgen bleiben.
O das ist traurig, sehr traurig, flüsterte Jane, als Rochester
eine Pause eintreten ließ.
Ich war der zweitgeborene Sohn meines Vaters, also ohne
Vermögen- ich liebte Harriet Durham, und sie schwur es mir
zu, mich wieder zu lieben; sie verlobte sich heimlich mit mir;
sie ward meine Braut. Zu meiner Ausbildung wurde ich noch
ein Jahr nach London gesandt, und als ich nach Ablauf dieser
Zeit zurückkehrte, traf ich gerade ein, als die Treulose mit meinem
älteren Bruder ihre Vermählung feierte- sie hatte den armen
Sohn vergessen und an dessen Stelle den reichen Erben geheiratet.
Sie war Ihres Bruders Weib geworden?
Meines Bruders Weib! Ich war außer mir vor Empörung,
vor Zorn, vor Wut - ich machte an jenem Tage einen Versuch,
ihn umzubringen, aber ich ward überwältigt und auf ein
Schiff gebracht, das segelfertig lag und nach wenigen Stunden
nach Indien abging. Ich durchlebte eine entsetzliche, grauenvolle
Zeit; der Schmerz über meinen Verlust und der Ingrimm über
die erlittene Täuschung brachte mich fast um meinen Verstand, ja
ich hätte mir das Leben geraubt in manchem Anfalle von Verzweiflung, wenn die ganze Schiffsmannschaft nicht die strengste
Weisung von meinem Vater erhalten hätte, jeden meiner Schritte
auf das sorgfältigste zu überwachen, damit ich weder entfliehen,
noch irgend einen andern gewaltsamen Vorsatz ausführen könnte.
Die Länge der Fahrt und der Verkehr mit gleichgültigen Menschen,
welche sich nur um ihre Arbeit und ihren Beruf kümmerten,
brachte mich allmählich wieder zur Besinnung und brachten auch
Spuren von Ruhe in mein Herz zurück; schließlich interessierte
mich auch Indien mit seiner seltsamen großartigen Natur und
mit seinem allen europäischen Gewohnheiten fremdartigen Leben
und Treiben. Die Tigerjagd bildete mein Hauptvergnügen, und
fast meine ganze Zeit verbrachte ich unter Gefahren und Abenteuern und war besonders da am liebsten, wo es am entferntesten
von menschlichen Wohnungen und Wesen war. Für meinen
Lebensunterhalt brauchte ich nicht zu sorgen, da mein Vater wegen
meiner gewaltsamen Entfernung sich verpflichtet fühlte, mich durch
reichliche Geldsendungen ein ungebundenes Leben führen zu lassen.
Mein Vater starb, wie man mir mitteilte, nach Verlauf eines
Jahres; mein Bruder trat sein Erbe an und wollte mich weiter
unterstützen, wie jener; da aber bäumte sich mein Stolz auf; von
dem Räuber meines Glückes wollte ich nichts annehmen, und so
wurde ich Gesellschafter und Reisegefährte eines indischen Rajahs,
der ein ebenso zügelloser und leidenschaftlicher Jagdliebhaber war
wie ich und mich schließlich nur wie seinen Bruder zu betrachten
und zu halten pflegte.
Da traf plötzlich die Nachricht von dem Tode meines Bruders
ein, der keine Nachkommen hinterlassen hatte und mich in den
Besitz meines gesamten väterlichen Erbes setzte; ich zeigte anfänglich nicht die geringste Lust, nach Europa zurückzukehren und
die Wiege meiner Leiden mit eigenen Augen wiederzuschauen, da
ich noch einen jüngeren Bruder hatte und diesem das Majorat
überlassen wollte, aber auch dieser war schwach und kränklich und
dem sicheren Tode in wenigen Jahren, wie man mir schrieb, verfallen; er besaß ebenfalls nur eine kleine Tochter und keinen Sohn,
der das väterliche Erbe später hätte übernehmen können. Auf
seine dringenden Zureden besonders, kehrte ich nach England zurück,
übernahm mein Eigentum und empfing mit ihm in geheimer Zuschrift ein furchtbares Bekenntnis, das mein sterbender Bruder
kurz vor seinem Tode mir anzuvertrauen für gut fand und an
mein Gefühl für die Ehre unseres Hauses appellierte. Er hatte
mir einst die Braut geraubt - und Harriet mich für diese That
so furchtbar an ihm gerächt, wie ich es nimmermehr vermocht
hätte. Sie hatte Arthur nie geliebt, war aber von seinem
späteren glänzenden Reichtum geblendet und an mir zur Verräterin
geworden. Ihrer Verräterei folgte die Strafe auf dem Fuße nach;
sie fühlte sich unbefriedigt, unglücklich. Arthur war zu Mißtrauen,
zum Tyrannisieren geneigt, machte ihr vielfach Vorwürfe und
quälte sie so lange, bis sie ihn förmlich haßte, da sie in ihm allein
den Urheber ihres Verrats und ihres Unglücks erblickte. Mein
Bruder wollte das Unglück seiner Ehe vor seinen Verwandten
und Freunden verbergen, verließ England und begab sich mit
seiner Gattin auf den Kontinent - nach Frankreich, nach Italien-
dort erkrankte er tödlich, und als er wieder genesen war, fand er statt seiner Gattin nur einen zurückgelassenen Brief, in welchem
sie ihm die Unmöglichkeit eines ferneren Zusammenlebens und
ihre Flucht anzeigte.
Mein Bruder meldete nach England den Tod seiner Frau,
verfolgte aber die Spur der Flüchtigen mit aller Kraft und Energie
eines Mannes, der seinen Willen unbedingt zu erreichen entschlossen ist. In einem Bade der Schweiz fand er sie in einem
Kreise von Fremden; sie lebte als Abenteurerin, als Spielerin;
ganz unvorhergesehen, überraschte er sie und stellte sie vor Aller
Augen als seine ungetreue Gemahlin vor, ohne jedoch seinen
Namen preiszugeben, da auch sie unter falschem Namen lebte.
Scham, Wut, Rache, Haß raubten der Unseligen den Verstand
und ließen nichts zurück, als glühenden Haß gegen ihren Gatten
und Wahnsinn. Er verbarg das unselige Weib in diesem Schlosse
und gab ihr eine ihren früheren Dienerinnen, Gratia Poole als
Wächterin. Sein letzter Wille legte mir die heilige Pflicht auf,
die Schande unseres Hauses vor der Welt zu verbergen. Wie ich
diese Pflicht bis heute erfüllt habe, werden Sie zu beurteilen verstehen, Miß Eyre.
Gewiß, Herr, erwiderte Jane, ich verstehe aber auch wie
Ihre Wohlthaten belohnt werden- dieses Weib hat sie in kurzer
Zeit schon zweimal ermorden wollen.
Mich? Das liegt nicht in ihrer Absicht. Sie weiß nicht
und versteht nicht, daß ihr Gatte gestorben ist; in ihrem zerstörten
Geist lebt Arthur in mir weiter, der ich leider fast seine eigenen
Züge trage. Der Haß läßt sie stets meine Nähe ahnen und mit
der Schlauheit des Wahnsinns ist sie unermüdlich bestrebt, mich
umzubringen, zu verderben. So droht sie mir mit Feuer, mit
Dolch- und doch darf ich sie nicht von hier entfernen.
Das ist ein entsetzliches Los, Herr; gäbe es denn kein
anderes Mittel, sie in sicheren Gewahrsam zu bringen, als hier?
warf Jane die schüchterne Frage auf.
Nein! Nein! rief Rochester entschieden. Der Zufall oder
Ihr Verhängnis, Miß Eyre, haben Sie mit einem Familien-Geheimnis bekannt gemacht, das Sie allein mit dem Friedensrichter
der Grafschaft und meiner Person teilen, und das ich Sie bitten
möchte, in Ihrer Brust zu verschließen so fest, wie ich es bis
jetzt verborgen getragen habe.
Ich kann schweigen, Herr und werde es, erwiderte Jane mit
fester Stimme.
So danke ich Ihnen im voraus, und nun wollen wir uns
zur Gesellschaft begeben, welche einen Ausflug durch den Park zu
machen beabsichtigt. Sie begleiten uns doch?
Dürfte ich mich nicht von diesem Vergnügen ausschließen,
Herr? bat Jane zaghaft.
Nein, Miß Eyre, ich verlange von Ihnen, daß Sie sich
meinen Gästen widmen, daß Sie dieselben kennen lernen, sowie
daß auch Ihre Fähigkeiten und Kenntnisse bekannt werden sollen.
Ich habe meine ganz bestimmten Absichten dabei. Folgen Sie mir
nach einigen Minuten in die Empfangszimmer, wo man sich
versammelt.
Ich sehne mich nicht nach Bekanntschaften, Herr; ich liebe
die Einsamkeit mehr als die Gesellschaft.
Widersprechen Sie mir nicht beständig, Miß; ich will es und
kann es auch verlangen.
Gut, Herr, ich werde folgen.
Rochester ging nach dem Empfangszimmer, und als Jane
dasselbe betrat, fand sie bereits alle Gäste versammelt. Rochester
beeilte sich, Jane seinen übrigen Gästen vorzustellen; sie lernte
hierbei Lord Ingram mit seinen Töchtern Annie und Marie, zwei
imponierenden und stolzen Schönheiten, aber nicht mehr im ersten
Jugendalter stehend, kennen, ferner Mister Robert Bordon und
Mistreß Margarete Lund. Das waren die sämtlichen Gäste.
Mistreß Reed und Georgine beachteten Jane so wenig als möglich,
und auch Jane hielt sich vollständig fern von ihnen und beschäftigte sich vorzugsweise mit Adele, wenn sie nicht ausdrücklich von
einer der fremden Personen in das Gespräch hineingezogen wurde.
Um so lebhafter und auffallender unterhielt sich Lord Rochester
mit Mistreß Reed und besonders mit Georgine, die er mit der
ausgesuchtesten Aufmerksamkeit und Höflichkeit behandelte und sie
bei jeder Gelegenheit auszuzeichnen pflegte.
Beim Aufbruch der Gesellschaft bot er ihr den Arm und
ward während des ganzen Umgangs durch den Park ihr unzertrennlicher Gefährte. Hatte sich am Tage zuvor Lord Francis um
Mistreß Reed angelegentlich gesorgt, so wendete er heute seine
Aufmerksamkeit Jane zu und trieb seine Galanterie so weit, dieser
seinen Arm zu bieten, ein Anerbieten, das sie, ohne beleidigend
zu sein, nicht ablehnen konnte und doch so gern abgelehnt hätte;
es gewährte ihr eine besondere Beruhigung, daß Adele zu ihr gesprungen kam und ihre Hand erfaßte. Auf diese Weise war sie
wenigstens nicht allein mit dem jungen Manne, der bereits am
gestrigen Abende einen Zusammenhang in dem Verhältnisse zwischen
Mistreß Reed und Jane geahnt hatte und der seine Bemühungen
fortsetzte, etwas näheres durch seine lebhafte Unterhaltung von
seiner Begleiterin zu erfahren. Hierbei erreichte er seine Absicht
nicht; denn so gewandt und schlau er auch seine Fragen zu stellen
und zu wenden verstand, immer wußte ihm Jane auszuweichen
und ihn in gewisser Entfernung von sich zu halten.
Durch Lord Francis Begleitung kam Jane auch mit Lord
Ingram und seinen Töchtern in Berührung und fand in denselben Damen von großer Bildung und Herzensgüte, wenn auch
ihr erster äußerer Eindruck ganz das Gegenteil hiervon hatte
glauben lassen. Jane wurde durch die Unterhaltung so lebhaft in
Anspruch genommen, daß sie wenig auf die vorausgehende Gruppe,
unter welcher sich Georgine und Rochester befanden, hatte achten
können und sich in der That verwunderte, wie rasch die Zeit verstrichen war, als Sam sich einstellte und die Herrschaften zur
Mittagstafel, die gemeinschaftlich eingenommen werden sollte, die
Aufforderung brachte, der man denn auch bereitwillig folgte.
Nach aufgehobener Tafel, an welcher Georgine mit ihrer
Mutter die Ehrenplätze einnahmen und Rochester zwischen diesen
beiden Platz genommen hatte und wobei Jane abermals von Lord
Francis ausgezeichnet wurde, wollte man noch einen kurzen Ausflug in das Freie machen, aber der Himmel hatte sich mit düsteren
Regenwolken bedeckt und schwankten von diesem Unternehmen namentlich die Damen zurück.
Was unternehmen wir aber, um die Zeit uns zu vertreiben?
fragte Rochester.
Welche Frage, Lord Rochester! rief Georgine. Wir musizieren,
wir singen und haben wir uns an diesen künstlerischen Genüssen
gesättigt, so stellen wir lebende Bilder, deren Inhalt von der
übrigen Gesellschaft erraten werden muß. Das ist höchst amüsant.
Alle Anwesenden schienen von diesem Vorschlage entzückt, und
auch Lord Rochester konnte seine innerliche Freude über diese
Ideen anscheinend nicht verbergen, denn er dankte Georgine mit
einem herzlichen Händedrucke und einem freundlichen Blicke.
Ein Klavier war vorhanden und an Noten kein Mangel.
Dem Lose zufolge mußte Lord Rochester mit einem Gesangsvortrage beginnen; er forderte Jane auf, ihn zu begleiten, und diese
gewahrte mit Erstaunen, über welche herrliche und kräftige Baritonstimme ihr Herr gebot und mit welchem künstlerischen Verständnis
er dieselbe zu behandeln und zu verwerten verstand. Auf Rochester
folgte der Vortrag einer italienischen Arie durch Georgine, welche
der Lord in gewandter und sicherer Weise begleitete; auch die
Ingramschen Damen wurden, da sämtliche hatten losen müssen,
zu singen aufgefordert; sie aber wie Jane entzogen sich diesem
Verlangen unter dem Vorwande, nicht ganz bei Stimme zu sein
und die Gesellschaft keine Mißtöne hören zu lassen. Georgine
schien dies ganz willkommen zu sein, denn desto mehr konnte sie
zum Singen gelangen, und daß sie eine schöne, volle und wohlklingende Stimme besaß, wußte Niemand besser wie sie selbst.
Lord Rochester erschien über ihre Gesangsfertigkeit ganz entzückt
und ruhte nicht eher, als bis sie mit ihm einige Duette vortrug,
worüber die ganze Gesellschaft in laute Beifalls - und Freudenbezeigungen ausbrach und mehrfach um Wiederholungen bat.
Mistreß Reed, die sich stets zurückhielt und ihre gedrückte
und düstere Stimmung, welche sie nicht verleugnen konnte, als die
Folge eines vorübergehenden Unwohlseins angab, war während
dieser Vorträge wie umgewandelt; ihr Auge leuchtete stolz, wenn
es auf Georgine's blühender Gestalt ruhte, und ihre Züge strahlten,
je schöner und voller die glockenreinen Töne von Georgine's wunderbarem Mezzosopran zu ihrem Ohre drangen. Streifte ihr Blick
zufälliger Weise einmal Jane's unscheinbare Figur, welche in ihrer
Bescheidenheit eigentlich einen ziemlich dürftigen Eindruck machte,
so war nur Verachtung in ihren Mienen zu lesen. Sobald aber
Georgine's Stimme verstummte und Lord Rochester seine Aufmerksamkeiten einer anderen Dame zuwandte oder gar Janens Benehmen und Züge flüchtig aber scharf beobachtete, da fühlte sie sich
weniger siegesgewiß und konnte sich eines leisen Schauers und
einer bangen Ahnung für die Zukunft nicht ganz enthalten.
Länger als eine Stunde war musiziert und gesungen worden,
als Lord Francis darauf drang, daß man nunmehr an die Aufführung der lebenden Bilder gehen könnte, damit auch die Herren
und Damen ihren Teil zur Unterhaltung beizutragen vermöchten,
denen die Gabe des Gesanges nicht in so reichem Maße zu teil
geworden sei, als Lady Georgine.
Wohin diese Äußerung zielen sollte, fühlte Georgine recht
wohl, wußte sie doch, daß Francis ärgerlich auf sie war, so lange
Lord Rochester in ihrer Gesellschaft verkehrte und ihn durch seinenGeist
und seine Kühnheit zu verdrängen und zu verdunkeln gewußt hatte.
Ich dächte, meine Herrschaften, erwiderte sie, wir ließen die
Idee mit den Bildern fallen; es gehören dazu so viele Vorbereitungen und Hilfsmittel, daß für diejenigen Personen, welche
zufällig an der Ausführung eines Bildes nicht beteiligt sind, große
Langeweile entstehen würde.
Der Meinung bin ich durchaus nicht, entgegnete Francis
leicht, ich mache mich verbindlich, die Gesellschaft während der
Pause auf meine Kosten zu unterhalten, besonders wenn mir, wie
ich hoffen darf, Miß Eyre helfend zur Seite stehen wird. Werden
Sie, Miß Eyre?
Wenn meine Fähigkeiten und Kenntnisse ausreichen sollten,
antwortete Jane unbefangen, so stelle ich mich Ihnen vollkommen
zur Verfügung, obwohl ich mir nicht die Kraft zutraue, in einer
so glänzenden Gesellschaft erfolgreich reussieren zu können.
Seien Sie nicht an unrichtiger Stelle bescheiden, rief Lord
Rochester dazwischen, wenn es auf Talente und Kenntnisse ankommt, so sind Sie uns allen tüchtig überlegen. Darauf können
sie sich verlassen meine Herrschaften. Anfänglich war ich auch
gegen die lebenden Bilder eingenommen, da sie sehr zeitraubend
sind, jetzt aber, wo Lord Francis und Miß Eyre die Lücke auszufüllen übernehmen wollen, stimme ich völlig bei.
Wenn Sie auf die Bitte einer alten Frau einige Rücksicht
nehmen wollen, Lord Rochester, so möchte ich Sie ersuchen, daß
wir die Gesellschaft für jetzt aufheben und Damen wie Herren in
getrennten Kreisen verkehren lassen. Lord Clawdon sehnt sich nach
dem Genuß einer Cigarre in beschaulicher Ruhe, und auch ich
fühle ein klein wenig Erschöpfung.
Aber Mama, wie kannst Du nur so unhöflich sein gegen
unseren liebenswürdigen Wirt und seine hochgepriesene Gouvernante, die mehr Talente besitzt, als wir Alle hier! erwiderte
Georgine.
Ich bin eben nicht gesonnen, mich durch bis jetzt unbekannte
Talente aufregen zu lassen, nachdem ich so viel herrlicher musikalischer Genüsse teilhaftig geworden. Wir wollen uns das Unterhaltungstalent der Miß Eyre, da wir ja noch längere Zeit hier
weilen auf einen anderen Tag aufheben; es wird sich noch genug
Gelegenheit bieten, entgegnete Mistreß Reed.
Meine Gäste haben zu bestimmen, entschied Lord Rochester,
und es scheint mir, nach den Mienen der Herren besonders zu
schließen, als wenn Mistreß Reed für die Mehrheit spräche. Heben
wir demnach unsere gemeinschaftliche Sitzung auf und begnügen
wir uns, einfach auf einander angewiesen zu sein. Folgen Sie
mir, meine Herren.
Damen und Herren schieden sich in zwei Teile und suchten
verschiedene Gesellschaftszimmer auf. Jane nahm Adele an die Hand
und entfernte sich unbemerkt auf ihr Zimmer, um über so manche
Begebenheit der letzten ereignisreichen Tage nachdenken zu können.
Die nächsten Tage brachten ähnliche Ausflüge und Vergnügungen, und man mußte es eingestehen, Lord Rochester verstand sich meisterhaft darauf, seine Gesellschaft vortrefflich und in
abwechslungsreicher Weise zu unterhalten. Für den fünften Tag
ihrer Anwesenheit hatte man für die Unterhaltung der Gäste eine
Fahrt nach Millcote in Aussicht genommen und war bereits in den
Empfangszimmern gemeinschaftlich versammelt. Auch Jane hatte
sich nicht ausschließen dürfen, und selbst Adele, die sich durch
Georginens Schönheit angezogen fühlte, war die Teilnahme an
der Partie erlaubt worden. Georgine blätterte zu ihrer Unterhaltung in einem Album und hatte Adele zu ihren Füßen auf
einer Fußbank platz nehmen lassen, damit auch das junge
Mädchen die Bilder bequem betrachten konnte.
Dieses Album, welches die Wunder Indiens in Aquarellen
zeigt, enthält wohl nur Originale von Ihrer Hand, Lord Rochester?
fragte sie. Es ist wahrhaft entzückend.
Ich habe jede einzelne Ansicht nach der Natur aufgenommen,
Lady Georgine.
Ich kann es mir kaum erklären, wie Sie sich nach so langem
Aufenthalt in Indien wiederum an unsere kalte und nebelige
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Atmosphäre haben gewöhnen können. In jenen Zonen, habe ich
mir sagen lassen, fügte Georgine lächelnd hinzu, lebt, duftet,
blüht, glüht ja Alles, freilich hört man auch wieder sagen:
in Indien laure hinter jeder Blüte eine Schlange, fuhr Georgine
in leichtem Geplauder fort.
Glauben Sie, Mylady, daß derartige Kreaturen nicht auch
bei uns vorhanden sind?
Wenigstens lauern sie bei uns nicht unter Blumen, Lord
Rochester.
Mistreß Reed, die sicher darauf gerechnet hatte, daß Rochester
ihre Georgine in kurzer Zeit zum Altar führen würde, hatte in
den letzten beiden Tagen auf das Bestimmteste bemerkt, daß zwischen
Rochester und Jane irgend ein tieferes Verständnis, ein geheimer
Zusammenhang bestehen müsse und diese dem Glücke ihrer Georgine
im Wege stehe, wartete auf eine günstige Gelegenheit, ihrer Nichte
zu schaden und Beleidigung auf Beleidigung zuzufügen.
Hinter Blumen, Lord Rochester, lauern bei uns in England
die Schlangen nicht, oft, ja sehr oft aber unter Büchern.
Von einer solchen Gattung, Mistreß Reed, habe ich noch nie
eine Ahnung gehabt, erwiderte Rochester und blickte sie mit forschendem Auge an.
In den Büchern über Naturgeschichte finden sich dieselben
natürlich nicht, im Leben, in Familien aber desto öfterer, entgegnete Georgine's Mutter scharf und finster; ja es giebt eine Art
Schlangen, die sich unbemerkt in große Häuser einschleichen, still
ihre Netze zu stricken wissen und sich so fest einnisten, daß man
sie schwerlich wieder zu entfernen vermag.
Und zu welcher menschlichen Gattung zählen Sie diese Reptilien? fragte Rochester leicht.
Zu der der Erzieherinnen und Gouvernanten, die um so verderbenbringender wirken, als sie ihr langsam zehrendes und tödliches Gift in die Herzen der ihnen anvertrauten Zöglinge tropfenweise niederzulegen Gelegenheit haben, antwortete Mistreß Reed.
Es entstand eine peinliche Pause in der Gesellschaft. Alle
blickten teilnehmend und erwartungsvoll nach Jane hin, welche
durch keine Bewegung, durch keine Miene ihr Inneres verriet,
und nur Lord Francis konnte sich nicht zurückhalten zu fragen:
Mistreß Reed haben wohl diese traurige Erfahrung an sich selbst
wahrgenommen?
Wie soll ich das verstehen, Lord Francis? fuhr Mistreß Reed auf.
Nun, wenn man ein so hartes Urteil fällt, so denke ich,
darf man nur aus eigener persönlicher Erfahrung sprechen, antwortete Francis, ich wenigstens würde keinen solchen vernichtenden Ausspruch über eine notwendige Klasse von Menschen ohne
Prüfung zu fällen wagen.
Mama hat Recht, warf Georgine ein; man kann in der
Wahl von Erzieherinnen, denen man das Wohl und Wehe von
Kinderherzen anvertraut, nicht vorsichtig genug sein.
Nicht wahr, Onkel Rochester, ich habe eine gute und liebe
Gouvernante in Miß Eyre erhalten, die nichts mit einer Schlange
gemein hat? fragte Adele zuversichtlich.
-
gehabt, wie ich, Lady Clarens, weil Sie so schön und liebenswürdig geworden sind. Nicht wahr?
Aber Adele, rief Georgine unwirsch, Du zerdrückst mir ja
mit Deiner Unruhe meine kostbare Toilette - geh zu Deiner
Gouvernante, der kannst Du weniger Schaden thun.
Adele ging betroffen und verletzt zu Vane, welche sic sanft
liebkoste und streichelte.
Wo werden wir denn heute unsere Schritte hinlenken, Lord
Rochester? fragte Marie Ingram, um dem Gespräche eine andere
Wendung zu geben.
Lord Rochester, der während der letzten Wechselreden unablässig auf Jane geblickt hatte, überhörte diese Frage gänzlich und
gab erst auf eine Wiederholung derselben die Auskunft, daß es
seine Absicht gewesen sei, die Herrschaften nach Millcote zu führen,
wenn er nicht durch einen vor einer halben Stunde eingetroffenen
Brief aus London, der in dringender Weise an ihn gerichtet sei,
davon zurückgehalten würde. Lord Clawdon indessen, welcher in
Millcote ebenso genau bekannt sei, wie er, werde die Führung der
Gesellschaft übernehmen, die er im Laufe der ersten Nachmittagsstunden zurückerwarte.
Auch ich bitte mich zu entschuldigen, Lord Rochester, daß
ich nicht bei der Partie sein kann, erklärte Mistreß Reed, welche
von ihrer früheren Angst förmlich wieder gelähmt wurde, daß ihr
und ihrer Familie von Jane Eyre Unheil drohe; ich werde im
Hause zurückbleiben, ich glaube die Luft ist heute nicht so mild
wie an den beiden vergangenen Tagen.
Ganz nach Ihrem Wunsche, Mistreß Reed, erwiderte Rochester
- ich bitte sehr, sich ja keinen Zwang auferlegen zu wollen, wo
es sich nur um ein Vergnügen handeln soll.
So lassen Sie uns aufbrechen, meine Damen und Herren,
rief Georgine lachend und uns in die Fabriken von Millcote versenken. Vielleicht verfallen wir da auf industrielle Gedanken.
Ach welch' ein Mißgeschick; mein Schuhband hat sich gelöst. Adele
komm und thue Deine Pflicht.
Was wünschen Sie von mir, Lady Clarens? fragte Adele
verwundert.
Schnell, schnell, kleiner Hanswurst, binde mir mein Schuhband, befahl Georgine streng; wir wollen aufbrechen, und da gilt
es keine Zeit zu verlieren. Geschwind, Kind.
Nein, ich werde das nicht thun, antwortete Adele bestimmt.
Wirst Du gleich gehorchen, Adele- ich befehle es Dir!
gebot Rochester nachdrücklich.
Nein, lieber Onkel! Lady Clarens ist nur schön und nicht
gut - sie mag sich ihr Schuhband selbst zubinden- ich thue
es gewiß nicht.
Was soll das nun wieder bedeuten! fuhr Rochester heftig auf.
Ist das eine Art!
Es ist dies eine Erziehungsprobe der Miß Eyre, edler Lord,
sprach Mistreß Reed kalt.
Von welcher sie jedenfalls weder Gehorsam noch Demut
lernte, warf Georgine ein.
Adele ist seit wenigen Monden erst meinen Händen anvertraut, und Mistreß Reed haben in Ihrem Leben schon wohl manchmal die Erfahrung gemacht, daß eine in dem ersten Jugendalter
vernachlässigte Erziehung kaum erst in Jahren wieder gut gemacht
werden kann. Lady Clarens, fuhr Jane fort, üben Sie Nachsicht
gegen das Kind, und erlauben Sie mir, seinen Fehler gut zu
machen. Ich werde Adele für ihre Unart zu strafen wissen.
Sowie Jane sich niederbeugte, um ihren eben ausgesprochenen
Vorsatz auszuführen, machte Lord Rochester eine hastige Bewegung,
um sie zurückzuhalten, aber er zwang sich gewaltsam, kämpfte seine
mächtige Erregung mühsam nieder und ließ es ruhig geschehen, daß
seine Gouvernante der hochmütigen Lady den erwähnten Dienst leistete.
Sie sind sehr gefällig, stammelte Georgine überrascht; ich hätte
das gar nicht annehmen sollen. Lord Rochester, fuhr sie etwas
gesammelt weiter fort, das muß Ihnen aber jedermann einräumen, Sie
haben Ihre Hausschlange ganz vortrefflich abzurichten gewußt.
Geh auf Dein Zimmer, Adele, und erwarte mich dort, sagte
Jane zu ihrer Schülerin, die, ohne ein Wort der Widerrede, gesenkten Hauptes das Zimmer verließ.
Die Wagen stehen für die Herrschaften bereit! meldete der
am Fenster stehende Sam, welcher den ganzen widrigen Vorfall
mit angesehen hatte und rasch hinaus eilte, um ihn der übrigen
Dienerschaft zu verkünden. Der Aufbruch der Gäste erfolgte
jetzt plötzlich; sie verließen das Zimmer, sodaß nur Mistreß Reed
und Jane Eyre allein darin zurückgeblieben waren.
Langsam schritt die Erstere auf Jane zu, blickte sie durchdringend an und sagte mit bebender Stimme zu ihr: Jane Eyre,
ich muß Sie sprechen.
-
beschäftigt ist, erwarte ich Sie hier zu einer für uns Beide wichtigen Unterredung. Werden Sie sich einstellen?
-
sich auch Jane an, Adele nachzufolgen. Noch ehe sie sich aber
aus dem Gemache entfernt hatte, erschien Lord Rochester wieder
und schaute sie mit betroffener Miene an; er sah auch bewegter
und lebhafter aus wie gewöhnlich.
Sie sind noch im Zimmer, Miß Eyre? fragte er ziemlich
ärgerlich. Wollen Sie nicht an der Partie teilnehmen, auf welche
Sie sich nach Ihren eigenen Worten recht gefreut haben?
Ich kann es nicht leugnen, Herr, antwortete Jane. Ich habe
noch kein Fabriketablissement gesehen und mich deshalb gefreut,
aber ich bin zurückgeblieben, weil Adele hier bleiben muß; sie hat
durch ihre Widerspenstigkeit diese Strafe verdient- aber ich halte
es nicht für gut, wenn sich ein bestraftes Kind allein überlassen bleibt.
Und Sie glauben wohl, daß ich kein Recht habe, Ihre Dienste
für meine Gäste in Anspruch zu nehmen? fragte der Lord weiter.
Oder glauben Sie für dieselben schon genug gethan zu haben?
Ich weiß, Herr, daß ich für Adele nötig bin und bei Ihren
Gästen nicht einen Augenblick vermißt werde. Ich bitte daher mich
zu entschuldigen und zu entbinden.
So mag es sein, Miß Eyre! Was aber würden Sie
wohl sagen, wenn ich mich ganz unvermutet und plötzlich verheiratete?
Ich würde sagen, Herr, daß Sie recht thuen daran!
Und wäre Ihnen dies wirklich ganz gleichgültig, Miß?
Gleichgültig, Herr? O nein! Ich würde mich freuen, wenn
Sie recht glücklich würden.
So! Und das wäre Alles, was Sie mir darauf zu sagen
hätten, Miß Eyre.
Was sonst noch Herr?
In der That, sonst Nichts. Sie können zu Hause bleiben,
Miß Eyre, und zu Adele gehen.
Ich gehe, Herr!
Mit blitzenden Augen schaute der Lord der ruhig Davonschreitenden nach und murmelte für sich zwischen den Zähnen: Was
in dem Innern dieses Mädchens vorgeht, ist in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt, und nur ein jäher Blitzstrahl kann
dieses Dunkel erhellen. Aber ich werde diesen Starrkopf noch
brechen, werde diese schweigsame Zunge zum Reden bringen, daß
ihr Herz offen vor mir liegen soll wie ein aufgeschlagenes Buch.
Rochester wurde in seinem Selbstgespräche durch die etwas
heftig hereinstürmende Mistreß Harleigh unterbrochen und rief ihr
launig entgegen: Sind die Pächter angekommen, Base?
Nein, Lord Rochester, aber ich stehe vor Ihnen und habe
mit Ihnen ein paar Worte zu sprechen, und zwar ein paar recht
ernsthafte Worte, Mylord, rief Mistreß Harleigh aufgeregt.
Ei, ei! Base Judith, nur nicht so wichtig - es ist doch
nicht weit her was Sie zu melden haben, und ich habe nötigeres
zu thun, als auf Ihr Geschwätz zu hören.
Das möchte ich doch wohl bezweifeln, Lord Rochester! Wollen
Sie mich hören.
Nun, so muß ich ja wohl, Base Judith.
Es ist Ihnen bekannt, Lord Rochester, daß ich niemals versucht habe, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen oder Ihnen
Ratschläge zu geben, aber wenn ich jetzt gezwungen bin, mir Beides
zu erlauben, so werden Sie auch denken können, daß mich nur
wichtiges hierzu bestimmen muß. Hören Sie mich darum ruhig
an. Als Sie nach Ihres seligen Bruders Tode die Herrschaft
übernahmen und bald darauf anordneten, daß auf Thornfield, wo
ich die Wirtschaftsangelegenheiten zu besorgen hatte, einige Zimmer
im Turme für einen Gast in Bereitschaft gesetzt werden sollten,
und als Sie dann mitten in einer finsteren Nacht eine tief verschleierte Dame in das Haus führten, und den Befehl gaben,
der Wärterin derselben, jener Gratia Poole, in allem zu willfahren und sie sonst ruhig gewähren zu lassen, so habe ich stets
blindlings Folge geleistet und nie eine Frage der Neugierde oder
des Wissensmögens über meine Lippen gebracht. Ihr Wort, mich
um die Anwesenheit der Fremden nie zu kümmern und sie keinem
Menschen zu verraten, mich auch niemals nach ihrer Vergangenheit erkundigen zu wollen, war mir teuer und heilig- ich hätte
meine eigenen Interessen nicht besser vertreten können. War es
nicht so, Lord Rochester?
Base Judith, Sie thaten stets Ihre Pflicht, bestätigte der Lord.
Ich habe niemals gemurrt über den Mangel an Vertrauen,
welches ich als eine Verwandte des Hauses Rochester wohl hätte
beanspruchen können. Wie oft wurde ich in der Nacht gestört
durch jenes gellende wahnwitzige Lachen, das jedermann Schauder
erweckt, und was hatte ich zu jeder Tagesstunde Not und Sorge,
die neugierige Dienerschaft in respektvoller Entfernung zu halten
- niemals habe ich den Mund zu einer Klage geöffnet, immer
zum Frieden geredet und die Lästerzungen zu widerlegen gestrebt.
Jetzt aber thuen Sie plötzlich, als berge Thornfield gar kein Geheimniß, als wollten Sie die Fremde wieder in Gesellschaft einführen und bringen eine Schar von Gästen in das Schloß.
Es ging nicht anders, Base, entgegnete der Lord; ich mußte
der Umgegend dieses Schlosses wieder einmal zeigen, daß ich hier
leben und Besuch empfangen kann, wollte ich nicht selbst dem Gerüchte Nahrung geben, das leise aber ununterbrochen durch die
Grafschaft schleicht und sich nicht mehr beruhigen lassen will, ich
hielte meine Frau gefangen.
Bald wird man es sich auf allen Wegen und Stegen erzählen, bald werden es die Vögel auf den Dächern zu pfeifen
wissen, wer im Turme steckt. In der vergangenen Nacht hörte
Gratia Geräusch vor der Thüre des Turmes; sie öffnete natürlich
die Thüre und findet einen baumlangen Menschen, einen Diener
Lord Clawdons, daselbst, der wohl schon die ganze Nacht da gelegen
hatte, um zu spionieren. Der Diener nahm vor Gratia Reißaus;
an diesem Morgen aber, als Gratia ihr Frühstück aus der Küche
holte, vernahm sie aus dem Munde der fremden Dienerschaft
Vermutungen, die ich vor Ihnen nicht wiederholen möchte. Das
mußte ich Ihnen mitteilen, Lord Rochester, damit es einstens nicht
heißen kann, ich hätte Ihr Geheimnis ausgeplaudert, während Sie
die Schuld daran ganz allein selbst tragen.
Das werde ich Ihnen nie zum Vorwurf machen können,
denn wie wollen Sie, Base Judith, mein Geheimnis verraten, das
Sie ja gar nicht kennen. Beruhigen Sie sich, ich weiß ja, daß
Sie treu sind wie reines Gold, daß mein Haus gut verwaltet
wird, und Sie wissen auch, daß ich nicht undankbar zu sein pflege.
O ja, das sind Sie, Lord Rochester. Sie sind reich und
denken, mit Gold sei Alles wieder ausgeglichen- aber das trifft
nicht bei allen Menschen zu, und bei mir auch nicht. Ich sehnte
mich schon lange in meinem Alter nach einem Herzen, das mit
mir empfindet, mit mir übereinstimmt und meine einsamen Tage
erheitert. Ich hatte ein solches Herz gefunden, als Jane Eyre
in diese öden freudlosen Hallen eingezogen war ich lebte ordentlich
wieder auf. Nun aber legen Sie es ordentlich gewaltsam darauf
an, daß ich wieder allein und verlassen leben soll.
Was soll ich unter diesen Worten verstehen, Base Judith?
Sie vertreiben Miß Eyre durch Ihr rücksichtsloses Benehmen
aus Ihren Diensten.
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Was bilden Sie sich ein, Muhme. Ich denke durchaus nicht
daran, Jane zu vertreiben.
Das glaube ich wohl, aber das junge Mädchen wird keine
Lust haben, länger in einem Hause zu weilen, wo sie erniedrigt,
herabgewürdigt wird. Sie scheidet von uns.
Das wird sie nicht wagen, Base Judith.
Nicht wagen, Lord Rochester, nicht wagen! Die wagt mehr
als das - sie hat einen Charakter von Eisen und kann keine
Erniedrigung, weil ihre Seele zart und empfindungsvoll ist, vor
Menschen ertragen. Sam, der boshafte Mensch, hat mir voller
Schadenfreude erzählt, daß Sie, als Adele mit Recht sich weigerte,
dieser hochmütigen und dürftigen Lady Clarens das aufgegangene
Schuhband wieder zuzubinden, es ruhig gelitten haben, daß Miß
Eyre an des Kindes Stelle sich herbeiließ, jener diesen Kammermädchen-Dienst zu erweisen.
Sie mußte Adelens Fehler wieder gut machen, wollte sie ihr
Ansehen und ihre Stellung als Erzieherin vor meinen Gästen
nicht vollständig preisgeben. Das war nötig.
Nötig war, Adele einen kleinen Verweis zu erteilen und der
Lady auf gute Manier verständlich zu machen, sich um ihre Schuhbänder für die Folge besser zu bekümmern. Verstanden?
Es ist brav von Ihnen, Muhme, daß Sie so edel denken;
ich aber muß so handeln, wie ich es gethan habe. Miß Eyre
muß sich beugen lernen - ihr Stolz ist ein krankhafter.
Sie haben das junge Mädchen bereits mehr als gebeugt,
Lord Rochester, Sie haben Jane Eyre gebrochen durch Ihre Kälte,
Ihre Hartherzigkeit. Als sie so eben leichenblaß und mit wankenden
Schritten an mir vorüber kam, versuchte ich sie mit einigen liebreichen Worten zu trösten, aber sie sah mich nicht und hörte
mich nicht, starr blickte sie vor sich nieder und unaufhörlich perlten
die Thränen hernieder auf ihre Hände, welche sie krampfhaft auf
die Brust gepreßt hielt. Jane Eyre kann das Leben in diesem
A?
Hause, wie Sie es ihr bereiten, nicht lange Zeit mehr ertragen,
und ehe wir es uns versehen, wird sie still. verschwunden sein.
Ich bitte Sie, Lord Rochester, um Adelens, um meinetwillen, halten
Sie das brave und edle Mädchen zurück.
Haben Sie nun Ihren Auftrag vollständig erfüllt, Base?
Sie können glauben, Jane Eyre habe mir einen Auftrag zu
diesen Vorstellungen gegeben, und ich hätte mir einen solchen erteilen lassen. O wie falsch und unwürdig beurteilen Sie das
reine Herz dieses herrlichen Mädchens! Ich kann Sie nur beklagen, Lord Rochester, daß Sie das Verständnis für die Unschuld und Lauterkeit ihrer Gesinnungen verloren haben. Jane
Eyre geht, muß gehen, wie ich sie kennen gelernt habe. Lassen
Sie sie gehen! Dieses unselige Haus ist kein Aufenthalt für
reine Geister! So, nun mögen Sie mich auch fortschicken; ich
gehe wirklich gern, wenn die Tugend auf so unverdiente Weise
aus dem Hause gestoßen wird. Einen Dienst aber will ich dem
armen Kinde noch erweisen - es weint um Sie, Lord Rochester,
den es gleichsam wie ein höheres Wesen verehrt; ich aber, wenn
ich auch blindlings gehorche, bin durchaus nicht blind, werde Jane
Eyre die Augen öffnen und ihr sagen, daß ich Lord Rochester ihrer
Thränen nicht für würdig halte. Das wird ihr den Abschied erleichtern.
Thun Sie, Base, was Sie verantworten können und für
nötig halten. Doch halt, da höre ich meine Pächter nahen; wir
müssen unser Gespräch für jetzt beendigen.
Rochester entfernte sich und Mistreß Harleigh mußte ebenfalls
gehen, da sie mit den Vorbereitungen zum Mittagsmahle noch
ziemlich weit im Rückstande war.
Dreizehntes Kapitel.
Als Jane in Adele's Zimmer trat, fand sie zu ihrer Verwunderung letztere noch nicht anwesend, obwohl sie ihr doch befohlen hatte, sich dorthin zu begeben. Aber es dauerte nur wenige
Minuten, so kam sie hastig nd angstvoll hereingestürzt und rief:
Ach, Miß Jane, retten Sie mich!
Sei ruhig, Adele, antwortete auf diesen Ausbruch der Angst
Jane besonnen. Hatte ich Dir nicht aufgetragen auf Dein Zimmer
zu gehen?
Gewiß! Seien Sie nicht böse, bat das noch immer zitternde
Mädchen. Sam hielt mich ab, sogleich hierher zu gehen; ich mußte
mit ihm in die Unterstube gehen und sollte ihm erzählen, was
Sie, Miß Jane trieben, wenn Sie allein wären und mir keinen
Unterricht erteilten, und als ich mich weigerte, ihm Antwort zu
geben, drohte er mir und sagte: Onkel Rowland wolle mich in
den Turm sperren, weil ich seine Geliebte beleidigt hätte. Da
faßte er mich am Arme und wollte mich fortschleppen; ich aber
entfloh vor ihm.
Sam ist kein böser Mensch, Adele, antwortete Jane dem Mädchen.
Er drohte Dir nur- weshalb sollte Dich der Lord wohl einsperren lassen und noch dazu in den Turm.
Sir Francis Diener sagte aber auch: der Lord sperre alle
Leute, die ihm zuwider seien und nicht gehorcht hätten, in den
Turm, wie seine eigene Lady, seine Gattin.
Wie? Wen nannte der Diener? fragte Jane heftig zusammenfahrend und erblassend.
Seine Lady, berichtete Adele. Das wisse jedermann in der
Grafschaft, sagte er, daß Onkel Rowland in dem Turme seine
Gemahlin gefangen halte und vor Niemand sehen lasse.
Das ist eine Unwahrheit, Adele! rief Jane entrüstet. Sage
dies niemals wieder. So und nun beschäftige Dich mit Deinem
Rosenstrauche, an welchem Du seit einigen Tagen auch nicht einen
Bleistiftstrich mehr gethan hast. Mistreß Reed hat mich um
eine Unterredung gebeten, und ich will diese Dame nicht gern
warten lassen, möchte Dich aber zuvor mit einer nützlichen Beschäftigung verfehen wissen. Nimm Deine Zeichnung, Adele.
Gleich, Miß Jane! Aber Mistreß scheint keine gute
Dame zu sein, bemerkte Adele; ich möchte sie nicht stets um mich
haben, sie schaut immer so kalt, so spöttisch-
Adele, Du sollst nicht ungünstig über die Menschen sprechen,
welche Du nicht genauer kennen gelernt hast - ich habe Dir das
mehrmals sagen müssen, und immer thust Du es wieder.
Nicht böse sein, Miß Jane- aber ich kann nicht dafür -
ich muß Ihnen sagen, was ich denke - aber nun Miß, gehen
Sie auch und kommen Sie recht bald wieder zu mir zurück.
Als Jane das Empfangszimmer betrat, fand sie Mistreß
Reed bereits anwesend und sie erwartend. Auf den Zügen der
bedeutend gealterten Frau konnte Jane es deutlich erkennen, wie
schwer es ihrer Tante geworden sein mochte, sie um eine Unterredung zu bitten, aber ebenso deutlich las sie es wieder heraus,
daß der Inhalt dieser Unterredung für ihr eigenes Schicksal ein
sicherlich folgenschwerer sein und ein Opfer ihrerseits erheischen
werde. Jane war indessen fest entschlossen alle Kraft aufzubieten,
um sich nicht überraschen und besiegen zu lassen. Mit einem
raschen Blick hatte sie ihre und Mistreß Reed's Lage überschaut,
und wenn sie auch anfänglich auf eine Anrede zu warten entschlossen war, so stand sie doch sehr bald von ihrem Vorsatze ab,
da sie bemerkte, wie schwer es ihrer Tante fiel, einen geeigneten
Eingang für die zu erwartenden Verhandlungen zu finden.
Mistreß Reed haben befohlen, begann Jane daher nach
einigem Zögern, während dessen sie nahe am Eingange der Thüre
steh en geblieben war und vor sich niederschaute.
Diese unerwartete Anrede gab der kalten, stolzen Frau ihre
Fassung wieder und mit einer unverkennbaren Härte im Tone sprach
sie: Treten Sie näher, Miß Eyre. Wir wollen uns offen gegenübertreten und uns Auge in Auge schauen. Heuchelei ist uns
Beiden fremd; wir haben uns von jeher gehaßt und werden uns
hassen, so lange wir atmen und uns auf dieser Erde wieder begegnen. Ich will Klarheit schaffen zwischen uns, und Ihr Haß soll
die Genugthuung haben, über mich zu triumphieren und von Ihnen
etwas zu verlangen, zu fordern.
Sie haben mich von jeher gehaßt, Mistreß Reed, und werden
diesen Haß gegen mich niemals unterdrücken, leider niemals doch täuschen Sie sich, wenn Sie glauben, auch mein Haß besitze
eine solche Stärke, um ein ganzes Leben auszuhalten. Sie sind
eine Dame von Charakter und halten fest an Ihren Grundsätzen,
ihren Vorurteilen, selbst wenn Sie sich im Laufe der Zeit sich von
deren Unhaltbarkeit überzeugt hätten -ich aber war damals so jung -
Jane Eyre, Sie sind dieselbe geblieben, fuhr Mistreß Reed
auf, die Sie waren - Sie sind zwar älter geworden, aber Sie
tragen noch immer dieselben bleichen und scheuen Züge des eigensinnigen, unheimlichen Wesens, das nie ein Kind war und das
nur verstand, das Herz und die Liebe meines verewigten Gatten
zu meinem und meiner Kinder Nachteil zu bethören und zu bestricken. Wenn ich Ihr Antlitz sehe, Jane Eyre, so steigt die
ganze entsetzliche Zeit, die ich qualvoll durchlebt habe, wieder vor
meinem Geiste, und zeigt mir die Leiden meiner Kinder, die
Qualen meiner Seele! O hätte Reed gewußt, welche entsetzliche
Last er mir mit Dir, mit Deiner Erziehung aufgebürdet hat, er
würde Dich wem anders anvertraut haben! Tag um Tag, Stunde
für Stunde peinigte mich Dein unbegreifliches Wesen, Dein stiller
Trotz, Dein vorwurfsvoller Blick! Ach wie frei und leicht atmete
ich auf, als Du aus meinem Hause hinaus, hinweg aus meinem
Auge warst! Und jetzt stehst Du wieder vor mir, bist vor mir
aufgestiegen wie ein Gespenst, das unheilvoll mir entgegen starrt,
Du, die aus einer rechtlichen Frau eine Verbrecherin gemacht,
Du, die mein reines Gewissen mit furchtbaren Qualen belastet hat.
Ich habe Ihr Gewissen belastet, Mistreß Reed?
Ja Du! Du allein! Mein gebrochener Eid lastet auf meiner
Seele- und darum muß ich Dich in alle Ewigkeit hassen, darum
können wir Beide nicht zusammen leben, nicht zusammen eine
Luft atmen, unter einem Dache wohnen. Jane Eyre, höre es
und freue Dich, die reiche Mistreß Reed ist arm, sehr arm geworden.
O mein Gott, wie ist dies möglich gewesen, Mistreß Reed?
Mein lieber John brauchte zu seiner Ausbildung, zu seiner
Carriere viel, sehr viel Geld; ich verkaufte Gateshead; ich wohnte
auf Clarenshause bei Georgine- John brauchte Alles, und ich
besize nichts mehr, und John braucht jetzt noch Geld.
O John ist ein schlechter Sohn, ein schlechter Bruder.
Er ist mein lieber Sohn; man hat in London viel Geld zum
Leben nötig - ich gab ihm Alles, ich konnte ihn doch nicht
darben lassen. Auf Georgine steht nun noch meine letzte Hoffnung: Ihr Gatte starb und hinterließ ihr nur ein kleines Vermögen, das täglich mehr und mehr schwindet. Zu unserem Glück
lernten wir vor wenigen Wochen Lord Rochester kennen, der
Georginen lebhaft auszeichnete und sie demnächst heiraten wird.
Ich werde dann hier wohnen und da kannst und darfst Du
nicht hier bleiben.
Gleich im ersten Augenblick unseres jetzigen Zusammentreffens
sah ich ein, daß meines Bleibens auf Thornfield nicht lange sein
würde, aber daß wiederum Sie es sind, Mistreß Reed, welche
mich aus diesem gefundenen Daheim vertreibt, daß die acht von
mir in Lowood verlebten Jahre Ihren Groll und Haß noch nicht
getilgt haben, daß Sie es sind, welche mich jetzt zum zweiten Male
als arme Waise hilflos in die fremde Welt stößt, das ist hart,
das ist ein Schicksal, das ich nicht verdient zu haben glaube.
Du bist nicht arm, nicht hilflos, bist reicher als ich,
sobald Du nur willst?
Was sagen Sie, Mistreß Reeb?
Während Mistreß Reed ihre Kräfte sammelte zu der jetzt
folgenden Mitteilung und Jane gespannt lauschte, was sie erfahren
würde, öffnete sich geräuschlos eine Seitenthüre, in welcher Lord
Rochester erschien und verwundert stehen blieb, ohne nur eine
Silbe zu äußern. Man hatte ihn nicht bemerkt, und so zog er
sich auch unbemerkt zurück, ohne aber seinen Standpunkt aufzugeben, vielmehr wollte er Zeuge dieser Unterredung sein.
Du warst schon zwei Jahre in Lowood, begann Mistreß Reed
mühsam - da langte eines Tages ein Brief an meinen verstorbenen Gatten aus Madeira an- ich öffnete denselben- er
war von Tybald Eyre, Deines Vaters Bruder und unter meines
Gatten Namen an Deine Mutter oder Dich gerichtet; er schrieb
darin , daß er seiner Zeit Eure Ankunft nicht habe erwarten
können, sondern eine größere Reise habe antreten müssen, auf
welcher er in Gefangenschaft geraten sei und in dieser mehrere
Jahre hindurch geschmachtet habe. Er sei zunächst unbesorgt um
Euer Schicksal gewesen, da er Euch in den Händen seiner rechtschaffenen Haushälterin gut aufgehoben gewußt habe. Als er aber
in Freiheit gekommen sei und an die Adresse seiner Haushälterin
geschrieben habe, sei er ohne Nachricht geblieben und auf eine
Anfrage bei der Ortsbehörde, habe er die Nachricht ihres Todes
erhalten. Jetzt nun wende er sich an meinen Gatten, seinen
Schwager, ob dieser ihm vielleicht Auskunft über das Verbleiben
seiner Anverwandten geben könne. Er verlangte Euch förmlich
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von uns, da er durch besondere Glücksumstände reich geworden
sei und er Deine Mutter und Dich zu seinen Erben einsetzen wolle.
Und warum erfuhr ich nie ein Wort von diesem Briefe? Er
hätte mir viel bitteres Weh und Ihnen diese Stunde ersparen
können, Mistreß Reed?
Weil ich den Gedanken nicht fassen konnte, Dich in Reichtum und Glück leben zu wissen, während mein Vermögen durch
Johns wachsende Bedürfnisse täglich geringer wurde und auch
Georgine durch ihre Verschwendungssucht die Hinterlassenschaft
ihres Gatten in kurzer Zeit vergeudete. Weil ich die Schmach
Dir nicht vergeben konnte, mit welcher Du mich vor Mister
Blackhurst und meinem Bruder überhäuftest, weil ich es nicht
vergessen konnte, daß Du sagtest: ,Du verabscheutest nichts so sehr
auf dieser Welt, als diese Frau und ihre bösen Kinder!' darum
konnte ich Dir nicht verzeihen, darum mußte ich Dich hassen -
und darum belastete ich mein Gewissen!
Längst habe ich vergessen, Mistreß Reed, was Sie mir angethan haben- ich weiß es jetzt- ich war ganz gewiß ein
böses Kind - aber ich bin durch Ihre Hand dafür auch bestraft
worden- versuchen auch Sie jetzt zu vergessen.
Ich will zu vergessen suchen, Jane Eyre, aber nur, wenn
Du gehst, wenn ich die Gewißheit erhalte, daß unsere Wege sich
nie wieder kreuzen werden.
Hastige Schritte wurden auf dem Vorsaale vernehmbar und
Mistreß Harleigh hörte man deutlich sagen: Mein Herr, Mistreß
Reed ist in diesem Zimmer; wenn Sie nur gefälligst eintreten
wollen, können Sie dieselbe gleich sprechen.
Die Thüre des Empfangzimmers wurde rasch geöffnet und
herein trat Henry. Whitfield, Sarah Reed's Bruder, den wir bereits auf Gateshead kennen gelernt haben und der hastig auf seine
Schwester loseilte, aber betroffen zurückwich, als er sie in Gesellschaft einer ihm fremden Dame antraf.
Henry! rief Sarah Reed erschrocken aus, Du bringst mir
unheilvolle Nachricht!
Sarah! erwiderte der Eingetroffene bebend - ich fürchte
es - aber wir sind nicht allein - meine Kunde eignet sich nicht
für fremde Ohren, und sie ist dringend.
Rede! fuhr Sarah hastig fort; wir sind nicht Fremde hier,
wir sind Verwandte.
Wer ist diese junge, mir völlig unbekannte Dame? fragte
Whitfield unsicher.
Nicht unbekannt, Onkel Whitfield, erwiderte Jane. Erinnern
Sie sich des kleinen bösen Mädchens, das man in Onkel Reeds Hause
Jane Eyre nannte und auferzog.
Jane Eyre, Sie? Ach, wahrhaftig! rief Whitfield freudig
aus, und mit Dir zusammen in traulichem Gespräch. Sarah!
Ihr habt Euch wiedergefunden und versöhnt?
Nichts von Versöhnung, Henry! antwortete Mistreß Reed
dumpf - neuer Haß und neuer Streit. Aber Du kommst von
unserer Wohnung. Hast Du Briefe von John?
Nicht von ihm direkt, aber aus seiner unmittelbaren Umgebung, Sarah. Ich hätte Dich gern erst zurückkehren lassen und
Deine Zerstreuungen hier nicht unterbrochen - aber die Zeit
drängt; ich konnte es nicht weiter hinausschieben, Du mußt Alles
erfahren, vielleicht ist das Ärgste abzuwenden und noch Rettung
möglich.
Rettung! Rettung! stieß Sarah Reed zurücktaumelnd aus.
Sarah, Sarah, warum bliebst Du stets taub gegen meine
dringenden Warnungen? Warum legtest Du den Ausschweifungen
dieses Verschwenders keinen Zügel an? Warum ließest Du ihn
blindlings in sein Verderben stürzen und Dich mit in seinen Abgrund ziehen? So höre denn - Dein John ist flüchtig geworden,
nachdem er für tausend Pfund Wechsel gefälscht und in Umlauf
gesetzt hat. Diese Wechsel müssen in den nächsten Wochen eingelöst werden, wenn unser alter ehrlicher Name dem Pranger nicht
rettungslos überliefert werden soll.
O mein Gott, o mein Gott! stammelte Mistreß Reed zusammenbrechend; sie wäre zu Boden gesunken, wenn Jane sie nicht
in ihren Armen aufgefangen und mit Hilfe ihres Onkels auf das
Sopha niedergelassen hätte; eine tiefe Ohnmacht hielt sie umfangen.
Jane's edles Herz brach hier siegreich hindurch und vergaß
in diesem Augenblick Alles, was zwischen ihr und der gegenwärtig
so hilflos vor ihr zusammengesunkenen Frau vorgefallen war.
Tante Reed! jammerte sie; fassen Sie sich- Tante Reed, hören
Sie mich- noch ist ja nichts verloren, noch wird ja zu helfen
sein, Lord Rochester.
Die Ärmste weiß ja das Schlimmste noch nicht, flüsterte
Whitfield Jane zu; es ist nämlich mit ziemlicher Gewißheit anzunehmen, daß John seinem Leben freiwillig durch einen Sprung
in die Themse ein Ende gemacht hat und aufgefunden ist.
Barmherziger Gott! flüsterte Jane und faltete die Hände
zum Gebet.
Gerechter Gott, müssen Sie sagen, Jane; meine Schwester
büßt jetzt, was sie Schweres gegen Sie verbrochen hat, als Sie
noch ein hilfloses Kind waren.
O sagen Sie das nicht, Onkel Whitfield. Ihr Haß, ihre
Abneigung gegen mich war eineSchwäche ihres gekränkten Charakters,
die durch Onkel Reeds übergroße Liebe zu mir hervorgerufen war
und welche sie nicht die Kraft hatte zu besiegen.
Ah, sie bewegt sich, sie schlägt die Augen auf - rief Whitfield leise.
Sie kommt zum Bewußtsein! Sie lebt! Tante Reed, wie
befinden Sie sich?
Du nennst mich Tante, Jane? - Du hast einst geschworen,
diesen Namen nie wieder über Deine Lippen bringen zu wollen!
Ich war ein böses, wildes Kind; ich wußte nicht was ich
Die Waise von Lowood.
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that, wußte nicht, wie undankbar ich damals gegen Sie war,
flehte Jane. Verzeihen Sie mir Tante Reed, daß ich Ihr schönes
Familienleben gestört, Ihre Ruhe getrübt, Ihr Gewissen belastet
habe. Verzeihen Sie mir.
Ich hatte meinem Gatten gelobt, Dich wie meine Kinder zu
halten, aber ich habe Dir die Lehrer meiner Kinder entzogen;
ich wollte Dich ungebildet und verwildert aufwachsen lassen - ich
habe Dich in die ungesunde Lowoodstiftung bringen lassen - ich
habe Dir nichts zu verzeihen - es war ein Unglück für uns
Beide, daß Du geboren wurdest.
Sarah, überlasse Dich nicht solchen zwecklosen Betrachtungen
und sammle Deine Geistesgegenwart, sprach Whitfield, wir müssen
handeln, handeln, und nicht reden.
Meine Pulse jagen, mein Kopf fiebert, meine Adern drohen
zu springen- es ist etwas ganz Entsetzliches geschehen! rief
Mistreß Reed fast außer sich. John war mein Liebstes, mein
Teuerstes auf der Welt! und er konnte mich so elend machen!
Er ist tot!
Tante Reed, Ihnen bleibt ja eine Tochter- Sie haben
Ihre Georgine noch.
Ja, Ja! Sie soll und muß glücklich und reich werden-
Sie wird den Lord heiraten und Alles wird wieder in das richtige
Geleise kommen. Darum mußt Du fort, Jane.
Wohin soll denn Vane, Sarah? fragte Whitfield betroffen.
Jane ist Erzieherin im Hause des Lord Rochester - der
Lord liebt Georgine und wirbt um ihre Hand- aber zwischen
dem Lord und Jane Eyre besteht, ich ahne es, ein geheimnisvolles Zauberband, das den Bund zwischen ihm und Georgine
zerreißt, wenn Jane noch längere Zeit in diesem Hause weilt und
Ihr stilles Wesen treibt.
Aber wohin soll Jane gehen, Sarah? Willst Du sie wieder
allein in die Welt hinaus stoßen und zu Deinem alten Unrecht
noch ein neues schwereres hinzufügen?
Jane Eyre steht nicht allein und einsam- ihr Onkel lebt
in Madeira, ist reich und angesehen und fordert sie von mir.
Hier sind Briefe von ihm, die ihr gehören. Hier nimm sie,
Jane, und geh und befreie mich von Deinem mir so unheilvollen
Anblicke.
Gut, Tante Reed, ich nehme diese Briefe und werde von
hinnen gehn, aber nur mit Lord Rochester's Zustimmung. Er
ist stets ein gütiger Herr gegen mich gewesen, - er wird bestimmt auch hier meinem Wunsche und dem Wohle meiner Zukunft nichts entgegenstellen.
Und wann gedenkst Du zu gehen, Jane?
Sobald als möglich! Ich werde heute noch oder morgen,
sowie sich die Gelegenheit bietet, mit ihm sprechen und um meine
sofortige Entlassung bitten. Adele kann er ja einem Institute
übergeben. Dort ist sie gut aufgehoben für die Folge.
So sei es und nun lebe wohl, Jane. Hoffentlich sehen wir
uns im Leben nun nicht wieder. Wenn Du in Madeira glücklich
angekommen bist, kannst Du mir Nachricht von Dir zukommen
lassen. - Henry, ich bitte um Deinen Arm; Du mußt mich nach
meinem Zimmer führen- ich bedarf dringend einer Stunde Erholung und Ruhe.
Als Beide das Zimmer verlassen hatten, war Jane's Kraft
erschöpft und willen-, wenn auch nicht bewußtlos, brach sie auf
einem Stuhle zusammen und barg ihr Gesicht in ihren Händen.
Sie sollte von Lord Rochester verlangen, daß er sie aus seinen
Diensten entlasse, aus seinem Hause entferne! Und wohin wollte
sie? Zu einer verwandten und nach ihr verlangenden Seele zwar,
aber weit hin über das Meer in unbekannte Verhältnisse, unter
wildfremden Menschen, welche nicht einmal die Sprache ihrer
Heimat redeten? Sei es, sie wollte dieses Opfer bringen, um
ihren Verwandten nicht hindernd im Wege zu sein, und wenn es
ihr auch das Herz brechen sollte. Wenn diese Verwandten auch
hart und grausam gegen sie gewesen- sie dankte ihnen doch
Alles, was sie gelernt hatte, was sie besaß! Sie war entschlossen
- auch dieser Kampf noch sollte durchgekämpft werden- vielleicht folgte dann Ruhe und Frieden für sie, aber trotz dieses
mutigen und festen Entschlusses schlug ihr Herz zaghaft und flossen
die Thränen reichlich die blassen Wangen hinab.
Mistreß Harleigh's Eintritt störte Janens düstere Betrachtungen.
Adele, begann die würdige Dame, sagte mir, daß Sie eine
Unterredung mit Mistreß Reed hätten, und da Letztere sich bereits
auf ihr Zimmer zurückzog, so suchte ich Sie hier auf - aber
mein Gott, was haben Sie? Sie schwimmen ja wieder in Thränen!
So ist es der Lord nicht allein, der Sie kränkt. Bitte, sagen
Sie mir, was haben Sie mit dieser Frau zu schaffen, die jedenfalls, wenn die Leute Recht haben, des Herrn Schwiegermutter
und hier wohnen wird.
Diese Frau, Mistreß Harleigh, - verzeihen Sie mir, wenn
ich Ihnen erst jetzt diese Mitteilung anvertrauen, antwortete Jane
sich fassend, ist meine Tante, die mich in Lowood hat erziehen
lassen und dafür verlangt, daß ich von hier scheiden soll, damit
sie und ihre Tochter hier ungestört leben kann. Will ich nicht
undankbar sein, so muß ich gehen und ich werde gehen. Aber
darin irren Sie, wenn Sie glauben, Lord Rochester kränke
mich; er ist mein Herr und verlangt nicht mehr von mir, als
meine Pflicht.
Sie wollen mich und uns verlassen um dieser Frau willen,
um ihrer Tante willen, die Sie in diese Strafanstalt, wie das
Waisenhaus von Lowood allgemein genannt wird, gebracht hat?
- Das glaube ich Ihnen nicht, und ich kenne Sie auch besser,
als daß Sie dieser Grund allein bestimmen sollte. Sie gehen,
weil Lord Rochester Sie von dieser Lady Clarens so hochmütig
behandeln läßt und immer thut, als wenn Sie gar nicht auf
der Welt wären.
Wie kommen Sie auf solch einen Gedanken, Mistreß Harleigh!
Lord Rochester behandelt mich oft wie Seinesgleichen, und wenn
er sich auch manchmal rauher und ungehaltener ausspricht, als es
gewöhnlich seine Art ist, so weiß ich schon, wie ich das als Untergebene zu nehmen habe.
Lord Rochester ist nicht der edle Mensch, für welchen Sie
ihn halten. Ich sagte Ihnen mehrfach, das schreckliche Lachen,
das Sie wie mich und Alle hier im Hause so oft geschreckt und
geängstigt hat, rühre von Gratia Poole her, aber dem ist nicht so
- im Turme steckt eine arme Wahnsinnige, welche der Lord
plötzlich eines Nachts hierher gebracht und verborgen hält- Gratia
Poole ist nur die Wärterin des wahnsinnigen Weibes.
Ich weiß das, Mistreß Harleigh- Lord Rochester hat mir
dies selbst anvertraut, als mich der Zufall einmal gesprächsweise
darauf brachte- es ist seines Bruders Gattin.
Das hat Ihnen Lord Rochester selbst anvertraut und mir,
seiner nächsten Verwandten, sagte er nie ein Wort davon? Und
trotzdem behandelt er Sie mitunter so rücksichtslos! Das begreife,
wer es kann; für meinen alten Kopf ist es zu schwer verständlich.
Ja wenn er mir es nicht selbst anvertraut hätte, Mistreß
Harleigh, ich würde unsern Herrn niemals einer unedlen Handlung
für fähig halten; sein Charakter ist edler Natur.
Aber Kindchen, wenn Sie von uns fortgehen wollen, wo gedenken Sie sich hinzuwenden? Haben Sie schon eine Aussicht
zu einem Unterkommen? Geradezu in die Welt können Sie doch
nicht ziehen, und das wird auch der Lord nicht dulden, wenn er
Sie überhaupt gehen läßt.
Seien Sie meinetwegen unbesorgt, Mistreß Harleigh; meine
neue Stellung ist schon gefunden! Meiner Mutter Bruder, der
auf der Insel Madeira lebt, hat nach mir verlangt, und ich
werde seinem Verlangen Folge leisten und mich zu ihm begeben.
Auf eine Insel, Kindchen, da müssen Sie ja über's Meer.
Das würde ich nicht thun; ich will. Ihnen behilflich sein zu einem
anderen Unterkommen. In Hay Lome habe ich eine Verwandte,
bei welcher Sie bleiben können, bis Sie in England eine andere
Stelle als Erzieherin gefunden haben, ja auch der Lord wird
Ihnen hierbei dienlich sein können.
Mistreß Harleigh, Sie überhäufen mich mit Ihrer Güte,
aber ich möchte einen Ort haben, an dem man mich gern sieht
und an welchem ich für immer bleiben kann, und einen solchen
hoffe ich bei meinem Onkel zu finden, sonst würde er mich ja
nicht zu sich haben wollen.
Würden Sie denn bei uns bleiben, wenn Ihre Tante und
die hochmütige Lady Clarens nicht dazwischen getreten wären und
Ihr Weggehen verlangt hätten.
Ich wäre hier geblieben, bis man meiner nicht mehr bedurfte,
denn ich habe mich noch niemals auf Erden so zufrieden, so
glücklich gefühlt, wie in Thornfield.
Und was hätten Sie Ihrem Onkel für eine Antwort erteilt?
Daß ich durch einen Vertrag gebunden sei und, ohne mein
Wort zu brechen, aus demselben nicht scheiden könne; späterhin
würde ich seinem Rufe Folge leisten, wenn ihm dann meine Gegenwart noch wünschenswert erscheinen solle.
Sind Sie denn durch einen Vertrag wirklich an uns gebunden,
Kindchen?
Ich habe in einer Unterredung mit Lord Rochester ihm das
Wort geben müssen, sein Haus nicht eher zu verlassen, als bis
er mich fortschicken würde. Jetzt ist der Fall aber nun eingetreten,
daß ich ihn bitten muß, mich fortzuschicken, und er wird mir,
so weit ich seinen Charakter beurteilen kann, diese Bitte nicht abschlagen können.
Ein solches Versprechen haben Sie gegeben, Kindchen?
Das war nicht klug von Ihnen - Lord Rochester pocht auf Ihr
Wort und Sie werden gegen Ihren Willen vielleicht bei uns aushalten müssen. Sie staunen? Denken Sie an mich, es wird so
ausfallen.
Auch wenn ich ihm den wahren Grund meines Scheidens
mitteilen werde?
Vielleicht! Ich habe ihn erst gesprochen wegen Ihnen, und
da entschlüpfte ihm eine Äußerung, welche mich eine solche Willensmeinung bei ihm mutmaßen läßt.
Lea's Eintritt unterbrach die Unterredung.
Der Herr läßt Mistreß Harleigh ersuchen, Vorkehrungen zu
treffen, daß auch der heute eingetroffene Kapitän Whitfield, der
Bruder von Mistreß Reed, auf Thornfield für eine oder mehrere
Nächte bleiben könne, berichtete Sam's Gattin.
Gut, ich werde es besorgen, Lea. Kindchen, ich muß Sie
verlassen, aber wir sprechen uns noch einmal, ehe Sie gehen.
Keine Übereilung also, ohne mich noch gehört zu haben.
Jane war wiederum allein und überlegte, ob sie mit ihrem
Entlassungsgesuche warten solle bis zum nächsten Tage, oder ob
sie heute noch und zwar stehenden Fußes sich an Lord Rochester
wenden solle. Hatte sie heute noch Gelegenheit, so hielt sie den
ersten Augenblick für den besten, und so war sie entschlossen, den
Lord noch heute aufzusuchen. Wie sie noch überlegte, fiel ihr Blick
auf die beiden ihr von Mistreß Reed übergebenen Briefe ihres
Onkels und sie hielt es für einen Akt der Undankbarkeit, dieselben
noch nicht näher angesehen zu haben. Sie öffnete den ersten Brief
und erfuhr daraus genau dasselbe, was Mistreß Reed ihr bereits
mitgeteilt hatte; zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit aber, sprach
sich in den Zeilen ihres Onkels ein aufrichtiges Bedauern darüber
aus, daß er Schwester und Nichte damals nicht habe persönlich
erwarten können, sondern habe abreisen müssen, und es wehte ihr
ein Hauch von wirklicher Teilnahme und Liebe entgegen, so daß
sie in ihrem Vorsatze zu scheiden immer mehr bestärkt wurde.
Der zweite Brief lautete noch fester und zuversichtlicher, daß sie,
wenn Beide noch am Leben seien, unverzüglich nach Madeira zu
ihm kommen sollten.
Jane hatte zu Ende gelesen und barg die beiden Briefe in
die Tasche ihres Kleides. Im Begriff, Lord Rochester um eine
Unterredung zu bitten, schritt sie nach der Thüre und schrak sichtlich
zusammen, als der Lord ihr gerade durch die Thüre entgegentrat.
Nun, Miß Eyre, ich denke, Sie leisten Adele Gesellschaft,
damit sie ihre Strafe nicht allein abzusitzen braucht?
Ich war von Mistreß Reed um eine Unterredung gebeten
und glaubte, Ihrem Gaste eine solche nicht abschlagen zu dürfen,
Herr, antwortete Jane.
Und wo wollten Sie jetzt hin, Miß Eyre? Adelens Zimmer
liegt an jener Seite.
Es war meine Absicht, Sie aufzusuchen, Herr.
Mich? Das ist seltsam! Wann hätten Sie wohl diese Absicht einmal gehabt?
Ich war auch noch niemals in der Lage Herr, Ihnen eine
Bitte vorzutragen.
Miß Eyre, ist das möglich! Sie bitten etwas von mir.
Was wäre denn das, was ich Ihnen erfüllen könnte.
Die Bitte, Herr, mich aus Ihrem Hause zu entlassen und
aus Ihrem Dienste fortzuschicken.
Ich kann Sie doch, wenn es Ihr Wille ist, zu gehen, am
Fortgehen nicht hindern.
Vor einigen Wochen gab ich Ihnen das Versprechen, Herr,
nicht eher aus Ihrem Hause scheiden zu wollen, als bis Sie mich
selbst fortschicken würden. Ich hätte nicht geglaubt, daß dieses
Versprechen so schnell wie eine Fessel meinen Willen hemmen würde.
Ah recht, ich hatte schon ganz vergessen. Aber das ist leicht
wieder gut zu machen, und wenn Sie denn aus meinen Diensten
treten wollen, gut - gehen Sie- ich schicke Sie fort.
Ich danke Ihnen, Herr. Jane wendete sich, leichenblaß
werdend, nach der Thür.
Doch halt, Miß Eyre,- Sie erlauben mir wohl noch eine
Frage, an deren aufrichtiger Beantwortung mir gelegen ist.
Was treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? Nun!
Herr, ich bitte, verlangen Sie keine Antwort!
Ich durchschaue Sie, Miß Eyre, Sie Misstrauen meine Eröffnungen, die ich Ihnen vor einigen Tagen gemacht habe. Mistreß
Harleigh hat Sie gegen mich erbittert -
Herr, welchen Verdacht hegen Sie da?
Misters Harleigh hat Ihnen gesagt, ich sei ein Unmensch;
ich halte ein armes wahnsinniges Weib in meinem Hause gefangen,
anstatt sie einem Irrenhause anzuvertrauen, und dieses Weib sei
Lady Rochester, meine eigene Gemahlin.
Nicht Mistreß Harleigh sagte das, aber dies Gerücht ist im
Munde Ihrer Leute.
Und Sie glaubten diesen düsteren Gerüchten und mißtrauten
meinen Worten.
Nein, Lord Rochester, ich glaubte Ihnen und verachtete jene
Lügen!
Und woraus haben Sie diese Überzeugung gewonnen?
Aus meiner Achtung vor Ihrem Charakter, Lord Rochester,
der keiner Lüge fähig ist.
Also nicht aus diesem Grunde wollen Sie mich und mein
Haus verlassen?
Nein, Herr, ich hielt Sie nie für schuldig.
Weshalb aber gehen Sie denn? Weil es dieses Weib, das
Sie von zarter Kindheit an gehaßt hat und Sie noch haßt, weil
Ihre unnatürliche Tante es von Ihnen fordert?
Woher wissen Sie, Herr, daß Mistreß Reed-?
Weil ich durch einen Zufall nur und fast wider meinen Willen
unsichtbarer Teilnehmer an Ihrer ganzen Unterredung geworden bin.
Nein, Herr, nicht Mistreß ist die Veranlassung, aber sie bestärkte mich in meinem Vorsatze- ich war schon vorher über
diesen Schritt mit mir zu Rate gegangen.
So? Und seit welchem Augenblicke?
Seit dem Augenblicke, in welchem Sie von Ihrer Verheiratung sprachen.
Ja, Miß Eyre, ich denke zu heiraten - und zwar recht bald.
Dann wird Adele auf ein Institut gebracht werden und einer
Erzieherin nicht bedürfen.
Das könnte sich leicht ereignen. Georgine scheint dem Mädchen
und überhaupt den Kindern im allgemeinen nicht gewogen zu
sein. Und Sie mögen mit meiner Frau nicht unter einem Dache
weilen. Sie mögen Georgine nicht leiden, Miß Eyre.
Gewiß nicht, Herr, ich hasse sie nicht. Ich habe nur die
Überzeugung, daß in Ihrem Hause kein Platz mehr für mich ist,
sobald Sie verheiratet sind.
Das scheint mir beinahe auch so- aber wo wollen Sie für
den Augenblick hin, Miß?
Wenn Sie unserer Unterredung beigewohnt haben, so müssen
Sie auch gehört haben, daß ein Bruder meiner Mutter lebt und
mich zu sich verlangt hat.
Ach ganz Recht, ich habe so vieles Seltsame in den letzten
Stunden erlebt, daß ich diese Wendung Ihres Schicksals bereits
wieder vergessen habe. Sie gehen zu Ihrem Onkel nach
Madeira,- aber bedenken Sie, das ist ein weiter Weg, und
erst müßten Sie doch noch einmal schreiben, ob er jetzt noch lebt
und Sie auch noch haben will. er hat, wie ich vernommen,
keine Antwort auf seine Briefe erhalten- er kann glauben, daß
Sie nicht mehr am Leben seien und ein anderes Mädchen als
Nichte angenommen haben. - Bedachten Sie das auch, Miß
Eyre? Oder wollen Sie vielleicht nicht mehr gehen?
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Es ist bedacht, Herr.-- Mistreß Harleigh hat mir einstweilen ein Unterkommen bei einer Ihrer Verwandten in Hay
Laine angeboten- aber ich habe das nicht angenommen; ich mag
auch nicht in der Nähe dieses Hauses bleiben. Eine meiner früheren
Lehrerinnen und spätern Collegin, Miß Temple, welche jetzt verheiratet ist, wird mich bereitwillig für einige Zeit aufnehmen, wenigstens
so lange, bis ich Nachricht von meinem Onkel haben werde.
Sie haben Alles trefflich vorbereitet, Jane Eyre, und sich
auf jeden Fall gerüstet, aber ich sehe jetzt recht deutlich ein, daß
dieser Weg nicht zu Ihrem Glücke, nicht zum Frieden Ihres
Herzens führt- und ich will, daß Sie glücklich werden sollen.
Sie bleiben in meinem Hause- ich entbinde Sie Ihres Wortes
nicht. Nun wählen Sie -
Herr, das ist nicht großmütig an mir gehandelt! Sie verdammen mich zu einem Leben, das ich nicht ertragen kann. Sie
legen meinem Herzen täglich neue Qualen auf, an denen es endlich
zu Grunde gehen muß. Ich kann nicht bleiben, wenn Sie verheiratet sind.
Auch dann nicht Jane Eyre, wenn Sie selbst mein Weib
würden, wenn ich Ihnen selbst meine Hand antrüge, wenn ich
Ihnen sagte, daß mein Herz Ihnen gehörte?
O treiben Sie keinen Scherz mit mir in dieser ernsten
Stunde, in welcher es mir Anstrengung genug verursacht, meine
Thränen niederzuhalten, mich nicht noch weicher und zaghafter zu
machen, als ich bereits seit einigen Tagen geworden bin.
Wer sagt Ihnen Jane, daß ich Scherz mit Ihnen treibe, es
ist mein heiligster Ernst.
Es ist zu spät, Herr. Ihre Braut steht zwischen uns!
Ich habe keine Braut, Jane; ich habe nie daran gedacht,
Georgine zu meiner Frau zu erheben, wenn sich dieselbe es vielleicht auch eingebildet haben mag.
So haben Sie mit Georgine, welche Sie liebt, nur gespielt?
Sie haben Sie betrogen?
Georgine liebt nur sich selbst und meinen Reichtum - an
meiner Person nimmt sie nur wenig Interesse; Liebe hegt sie nicht
im entferntesten für mich. Aber Sie, Jane, Sie achten mich,
Sie lieben Adele, Sie sind freundlich gesinnt gegen Mistreß
Harleigh, Sie wollten sich opfern für das Glück Ihrer Verwandten, die Sie nur gehaßt und verfolgt haben, Sie sind ein
Weib für mein Herz, eine Gefährtin für mein Leben, wie ich Sie
brauche, mein Herz gehört Ihnen, nehmen Sie auch meine Hand an.
Wache ich oder neckt mich nur ein schöner Traum?
Du wachst, Jane; es ist Wirklichkeit, die Dich umgiebt. Hier
ist meine Hand; Du brauchst nur zuzugreifen, um sie niemals
wieder loszulassen, um sie Dein zu nennen und von ihr Dich
sicher durch Dein ganzes künftiges Leben leiten zu lassen.
Herr, ich kann die Wahrheit dieses Gedankens, die Größe
eines solchen Glückes noch nicht in seinem ganzen Umfange erfassen. Mein Herz gehört Ihnen- aber Ihre Hand annehmen, widerstrebt meinem Gefühle ich mag mein Glück nicht
auf das Unglück eines meiner Nebenmenschen bauen, auch wenn
es nicht eine meiner Verwandten wäre.
Verwandte? O ich kenne diese Verwandten! Als ich erfuhr,
daß Du in der Lowoodstiftung erzogen wurdest und über Deine
näheren Verhältnisse Dich aber in ein tiefes Schweigen hülltest,
ich mich aber für Dein Wesen lebhaft interessierte, schrieb ich im
geheimen an Ir. Blackhurst und erkundigte mich nach Deiner
Vergangenheit. Blackhurst ist ein Heuchler und in Lowood werden
auch offene und gute Charaktere zu Heuchlern erzogen; ich aber
wollte Gewißheit haben, daß Deine Offenheit nicht auch Verstellung
sei und mich hintergehe. So erfuhr ich denn, von wem und
warum Du in die Lowoodstiftung gebracht wurdest, Blackhurst
schrieb nur vorteilhaftes über Dich und höchst ungünstiges übee
Mistreß Need. Daraufhin suchte ich die Bekanntschaft Deiner
Verwandten zu machen; ich wurde mit offenen Armen empfangen
und konnte mich bald überzeugen, daß Dein Charakter ein ehrlicher und offener, jene aber Heuchler und Selbstsüchtige seien, die
nur für sich selbst sorgen wollten. Um Dich aber, Jane Eyre,
die echte Feuerprobe bestehen zu lassen, brachte ich Deine Verwandten mit Dir selbst zusammen und ließ Georgine als meine
Braut figurieren, ohne daß sie nur das geringste Anrecht zu diesem
Namen hat. Und nun, Vane, frage ich Dich, willst Du mein
Herz und meine Hand annehmen, nachdem ich Dir erkläre, daß
auch diese Probe zu Deinem Gunsten ausgefallen ist?
Ich sage nicht ,Nein', Herr, aber ich bitte Sie, lassen Sie
mir eine kurze Bedenkzeit, daß ich Ihnen meinen festen unwiderruflichen Entschluß mitteilen und auch Sie selbst noch einer kleinen
Prüfung unterwerfen kann.
So sei es, Jane, und nun lebe wohl, damit ich wiederum
mich meinen Geschäften hingeben kann. Lord Rochester reichte ihr
die Hand und entfernte sich, um Kapitän Whitfield zu begrüßen, der
ihm sein unerwartetes Eintreffen auf Thornfield hatte melden lassen.
Jane blieb allein zurück und zwar in einem Zustande der
höchsten Glückseligkeit. Der reiche, hochherzige und edle Lord, der
Besitzer einer der größten Herrschaften Alt-Englands, hatte ihr,
der armen, von ihren Verwandten verfolgten und gehaßten Waise,
dem unscheinbaren, ja häßlichen Mädchen, das von Georginens
Schönheit völlig in den Schatten gestellt wurde, Herz und Hand
und somit eine ehrenvolle, sichere und beneidenswerte Existenz geboten, deren Annahme nur von ihrem Ja abhing! Sollte sie nnr
noch einen Augenblick unschlüssig sein, was sie zu thun habe?
Nein, gewiß nicht, sobald Sie die Gew ißheit hätte, daß dem Entschlusse des Lords nicht eine spätere Reue nachfolgen würde!
Das ihrer Tante gegebene Wort konnte sie nicht hindern, denn
sie hatte ja nur in der Voraussetzung, daß der Lord Georgine
heiraten werde, versprochen zu gehn. Fiel diese Vermählung weg,
so war ihr Weggang ohne Einfluß und Folgen. Aber des
Lords einstige Rene über seinen jetzigen raschen Schritt lag ihr
288
doch etwas schwer auf dem Herzen. Wer konnte ihr in diesem
Falle ratend und helfend zur Seite stehen? Nur eine Person
war das und diese wollte sie aufsuchen, sie mußte den besten Rat
geben können- Mistreß Harleigh.
Jane war eben im Begriffe die würdige alte Dame aufzusuchen, als dieselbe mit eiliger Geschäftigkeit in die Stube trat
und ausrief: Ich suchte Sie, Miß Eyre, um Ihnen zu sagen -
daß,- aber mein Himmel, wie sehen Sie aus? wie haben Sie
sich verändert?
In welcher Weise denn, Mistreß Harleigh?
Nun in der erfreulichsten für mich! Erst trugen Sie eine
wahre Leichenbittermiene und jetzt leuchten Ihre Augen wie zwei
helle Freudenkerzen? Was ist denn in dieser kurzen Zeit mit
Ihnen in aller Welt vorgegangen?
Es hat sich etwas großes, etwas unvorhergesehenes für mich
ereignet, und Sie, Mistreß Harleigh sollen Ausschlag gebend dabei
sein- Ihr erfahrener Rat soll mir die Richtschnur für mein
Handeln in diesem Falle, der für meine Zukunft entscheidend
sein wird, angeben.
Sie machen mich gespannt, Miß Eyre! Was ist denn Ungeheures geschehen?
Lord Rochester hat mir seine Hand angetragen; er will mich
zu seiner Gattin erheben.
Mich trifft der Schlag, Kindchen, aber nicht vor Schreck,
sondern vor reiner heller Freude- das hat Sr. Herrlichkeit brav
und gescheit gemacht! Und Sie haben doch gleich, la' dazu gesagt-
Nein, Mistreß Harleigh, noch nicht; Ich habe mir kurze Bedenkzeit erbeten. Sie sollen mir raten, ob ich imstande sein
werde, Lord Roch ester so glücklich zu machen, wie er es verdient,
ob ich ihm so zur Seite zu stehen vermag, daß er sich für die
Folgezeit nicht enttäuscht sehen wird, kurz, ob ich alle die Ansprüche
erfüllen kann, die er an seine Gemahlin zu erheben berechtigt ist.
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Freilich, Kindchen, freilich- Alles können Sie erfüllen,
was ein Mann nur verlangen kann. Und den Lord halten Sie
fest, ehe er Ihnen wieder entschlüpft und davon in alle Winde verfliegt.
Ist denn sein Charakter stets so ruhelos gewesen - ich sollte
meinen nicht, Mistreß Harleigh.
Da können Sie unbesorgt sein, Miß. Ist der Lord erst
Ihr Gatte, dann wird er Ihnen unverbrüchlich treu sein und Sie
in Ehren halten, wie es die Liebe und die Pflicht vorschreiben-
aber ehe er sich zu diesem Schritte entschlossen hat, da müssen
Kämpfe mannigfaltiger Art vorausgegangen sein. Ja, ja nun
kann ich mir sein ganzes Wesen erklären - er war Ihnen gleich
von Anfang an gut, aber er wollte es sich nicht eingestehen und
Ihnen nicht gewahr werden lassen- deshalb war er so launenhaft und oft mehr als sonderbar und rücksichtslos gegen Sie.
So raten Sie mir also, seine Hand unbedingt anzunehmen,
trotz seines Spieles mit Lady Georgine Clarens und trotz des
fremden hohen Besuches, Mistreß Harleigh?
Ganz gewiß! Sie können für das Leben nicht besser aufgehoben sein, als an seiner Seite. Aber mein Gott, da fällt mir
noch zu rechter Zeit ein, daß Sie sich von mir trennen müssen,
wenn Sie Lady Rowland werden, und daß ich dann wieder allein
sein werde in Thornfield. Na das soll nichts schaden, wenn ich
nur weiß, daß Sie, liebes Kind, glücklich werden. Ach, da
kommt ja die Gesellschaft von ihrem Ausfluge zurück- die
werden sich wundern, wenn sie diese so unerwartete Verlobung zu
vernehmen bekommen.
So weit sind wir noch nicht, Mistreß Harleigh, und vorläufig
kein Wort zu jemand Anderem.
Versteht sich, Miß Eyre, vorläufig ist diese herrliche
Neuigkeit nur für uns. Mit diesen Worten lief die plötzlich wieder
ganz heiter und vergnügt gewordene Base Judith ihren Beschäftigungen nach und ließ Jane Eyre sich nach ihrem Zimmer begeben.
Vierzehntes Kapitel.
Der Ausflug nach Millcote, welchen Lord Rochester's Gäste
unternommen hatten, war durch ein unvorhergesehenes Ereignis
unterbrochen worden. John Reed war weder entflohen, noch hatte
er sich selbst das Leben genommen, vielmehr war er, als er Kunde
bekommen, daß seine Mutter und Schwester bei Lord Rochester
auf Thornfield seinen und daß Letztere Aussicht habe, die Gemahlin
des Lords zu werden, auf den Gedanken gekommen, seine verzweifelte Lage, in die er durch Wechselfälschungen im Betrage von
100 Pfund geraten, werde sein zukünftiger Schwager, der ja über
bedeutende Reichtümer zu verfügen habe, leicht ordnen können, ja
ihm vielleicht noch einen ansehnlichen Vorschuß geben. Einen
wegen Wechselfälschung verfolgten Schwager zu haben, sei jedenfalls für einen Lord keine angenehme Sache. John war in der
That im Laufe der Jahre von Stufe zu Stufe gesunken, daß er
bereits auf falsche Auskunftsmittel sinnen mußte, um sein verbrecherisches Leben fristen zu können. Von seiner Mutter hatte
er nichts mehr zu hoffen; ihre Mittel hatte er alle in seine Hände
zu bekommen gewußt und bei leichtsinnigem und ausschweifendem
Leben in vollständig unsinniger Weise vergeudet. Nach Thornfield! war sein Losungswort, und ohne weitere Überlegung war
er seiner Mutter und Schwester nachgereist, da er in vier Tagen
wieder in London sein mußte, um die gefälschten Papiere wieder
in seinen Besitz zurückbringen zu können. In Millcote angelangt,
stieß er gerade auf die Gäste des Lords, als sie aus einem der
besuchten Etablissements heraustraten. Sowie Georgine Johns
ansichtig wurde, ahnte sie ein neues Unheil, das ihr drohte, und
es bemächtigte sich ihrer ein solcher Schrecken, daß sie sich kaum
aufrecht halten konnte, die Partie abzubrechen und nach Thornfield
zurückzukehren genötigt war. Sie verlange zwar, die übrige Gesellschaft solle sich in ihrem Verfügen nicht stören lassen, da sie mit ihrem Bruder allein zurückfahren könne; aber Georgine war
bei allen Festlichkeiten stets die Hauptperson gewesen, und so gab
ihr Beispiel auch hier den Ausschlag, indem Alle die noch nicht
beendigte Partie abbrachen und sich nach Thornfield zurückbegaben.
John mußte in Georginens Wagen Platz nehmen; langsam
erholte sich die Überraschte und richtete an ihren Bruder die
Frage: Was willst Du hier, John?
Geld brauche ich, Schwesterchen, viel Geld, antwortete er
höhnisch; meine Ehre oder vielmehr Deine Verlobung steht auf
dem Spiele, wenn ich nicht mindestens 1 -20 Pfund erhalte.
John, wo sollen ich oder Mama eine solche horrente Summe
hernehmen?
Das ist Eure Sache, Georgine. Warum ist Mama nicht
mit von der Partie?
Ich weiß es nicht; sie schützte Unwohlsein vor- aber ich
glaube, sie fürchtet sich vor Jane Eyre, welche Erzieherin in dem
Hause Lord Rochesters ist.
Hahaha, die Katze ist also auch hier - da finde ich ja die
ganze liebe Familie zusammen. Warum habt Ihr aber die Katze
nicht aus dem Hause entfernt? Ihr seid doch schon mehrere Tage
in Thornfield anwesend. Nun, das soll meine Aufgabe sein.
Rochester hat keine Ahnung davon, daß wir seine Gouvernante kennen - ja ich glaube, er hält sehr viel auf sie und besonders auf ihre Kenntnisse und Talente.
Bist Du toll! Jane Eyre oder vielmehr die böse Kate soll
Talente haben! Unsinn! Bist Du schon öffentlich verlobt mit
Rochester, Georgine? Ist die Hochzeit schon festgesetzt?
Lord Rochester wirbt um meine Hand, und ich kann in jedem
Augenblicke seinen Antrag erwarten, aber ein öffentlicher Schritt
ist seinerseits noch nicht gethan worden.
Teufel- das macht mir einen Strich durch die Rechnung
- da muß ich noch warten, ehe ich mit einem Anleihe-Versuche
bei dem lieben Schwager herausrücken kann. Ich werde es
aber darauf anzulegen wissen, daß dieser Antrag sobald als
möglich erfolgt.
Das wäre mir allerdings nicht unlieb, John, aber Du müßtest
dies recht vorsichtig und mit großer Delikatesse angreifen - Lord
Rochester ist Gentleman durch und durch.
Du sollst mit mir zufrieden sein, Schwesterchen. Verlaß
Dich auf mich. Und was mich neben dem Gelde am meisten noch
dazu reizt, ist der Umstand, daß ich der falschen Kate jetzt mit
Sicherheit einen Streich versetzen werde, von dem sie sich dem Lord
gegenüber nimmer wieder erholen soll.
John, ich bitte Dich, übereile nichts und laß Dich von Deiner
Rachsucht nicht verblenden.
Nur unbesorgt, Schwesterchen- ich bin älter, klüger und
vorsichtiger geworden - aber sage mir zuvor: Auf welche Weise
behandelt man Deinen Bräutigam am besten.
Lord Rochester ist ein offener, edler Charakter und achtet das
Geld nicht im geringsten. Wenn Du ihm Deine unverschuldete Verlegenheit recht glaubhaft vorzustellen weißt, so, glaube ich, wird es
Dir an einem glücklichen Erfolge nicht fehlen können.
Wirtlich? Dann ist es schon so gewiß, als ob ich das Geld in
meiner Tasche hätte, Schwester.
John Reed erkundigte sich bei Georgine nach einigen Schwächen
des Lords, auf deren Ausbeutung er seinen Plan zu bauen gedachte;
allein ehe er sich denselben noch vollständig zurecht gelegt hatte
fuhren die Wagen schon in den Hofraum von Thornfield ein.
Das Geräusch der früher als erwartet zurückkehrenden Gesellschaft
lockte Sarah Reed, welche mit ihrem Bruder in ernstem Gespräch
über John und seine verhängnisvollen Streiche begriffen war, an
das Fenster, und ihr erster Blick traf auf ihren Sohn, der mit
möglichster Eile aus dem Wagen sprang, um seiner Schwester
beim Aussteigen behilflich zu sein. Sie traute ihren eigenen Augen
nicht; ja sie glaubte eine Erscheinung zu erblicken, da sie ihren
Liebling schon tot gewähnt hatte, aber mit unbesiegbarer Hast und
Neugier riß sie das Fenster auf unter dem Ausrufe: John! John!
Mein Sohn bist Du es wirklich? Suchst Du Deine alte Mutter
wirklich noch in Thornfield auf?
Gewiß, Mama, bin ich es! rief überrascht ob solchen Empfangs
der Leichtsinnige, der sein und seiner Mutter Vermögen so rasch
vergeudet. Wer sollte es denn wohl auch anders sein?
So komm geschwind in meine Arme, damit ich mich wirklich
zu überzeugen vermag.
Ich komme sogleich, Mama, schließe aber nur erst das Fenster
- ich bin wirklich da. Mama scheint ungemein nervenschwach
zu sein, wendete sich der herzlose Mensch an seine Schwester; sie
sieht mich unerwartet ankommen und verlangt, erst ihr meine
Aufwartung zu machen, bevor ich mich Lord Rochester vorgestellt
und seine Gastfreundschaft erbeten habe.
Was muß ich sehen, meine werten Gäste, wurde die Stimme
Rochesters vernehmbar, der sich auf dem Hofe eingefunden; wie
kommen Sie schon so zeitig von Ihrem Ausfluge zurück?
Ich bin die Schuldige, Mylord, erwiderte Georgine, schwach
zu lächeln versuchend, mich überfiel ein plötzliches Unwohlsein, das
mich verhinderte weiter an der Partie teil zu nehmen.
Ein Unwohlsein, das hoffentlich nicht von Bedeutung sein
wird? fragte der Lord besorgt.
Ich glaube, Lord Rochester, ich bin jetzt schon ganz wiederhergestellt. Erlauben Sie mir indessen, Ihnen meinen Bruder
John Reed an diesem hier, wenn auch nicht ganz geeignetem Orte
vorzustellen, der unterwegs ganz zufällig zu uns gestoßen ist, und
der Sie bitten -
Herzlich willkommen, Mister Reed; es freut mich, Sie in
meinem Eigentum begrüßen zu können, erwiderte mit größter Liebenswürdigkeit Rochester, dem John noch ganz unbekannt war.
Gestatten Sie mir, Lord Rochester, sprach John mit ausgesuchter Höflichkeit, Ihr Eigentum als Gast zu betreten und gewähren Sie mir, wenn es Ihnen möglich ist, einige Tage Gastfreundschaft in Ihren Mauern. Ich hatte für einige Zeit Urlaub
genommen, um mit meiner Mutter und Schwester zusammen sein
zu können, traf dieselben aber nicht zu Hause an und bin ihnen
nachgefolgt in der Voraussetzung, daß, wo sie gut aufgenommen
sind, auch ich ein Asyl finden werde.
Sie haben sich durch Ihre Vermutung nicht getäuscht und
mich zu Danke verpflichtet, Mister Reed- indessen denke ich, daß
wir unsere Unterhaltung besser in geschlossenem Raume fortsetzen
können; auch dürfte sich, wie ich vermute, Ihre Mutter nach Ihnen
sehnen, und Sie Lady Georgine sollen sich Ruhe gönnen, damit
sie sich von Ihrem Unwohlsein vollständig erholen können.
Lord Rochester schnitt somit jede weitere Unterhaltung im
Freien ab und veranlaßte seine Gäste das Haus zu betreten und
sich auf ihre Zimmer zu begeben, um sich nach dem unterbrochenen
Ausfluge wieder in Gesellschaftstoilette zu werfen und den Abend
in gemeinschaftlicher Gesellschaft zu verbringen- so wenigstens
lautete sein Vorschlag. Alle Gäste waren damit einverstanden,
aber die Aufregung, in welche Mistreß Reed durch die Erörterungen
geriet, welche John und Kapitän Whitfield bei ihren Zusammentreffen anzustellen hatten und welche Johns gänzliche moralische
Verworfenheit offen vor ihren Augen erscheinen ließ, drohte die
Abendgesellschaft wieder vereiteln zu wollen- indessen Johns
bestimmte Erklärung, er werde am heutigen Abend Gelegenheit
finden die verhaßte Jane Eyre zu vernichten und Georginens Verlobung mit Rochester zur Wahrheit zu machen, beruhigte die
geängstigte und gequälte Frau in dem Maße, daß sie sich die Kraft
zutraute, den Abend über in Gesellschaft verbringen zu können.
Du könntest nötigenfalls ganz von der Gesellschaft fern bleiben, sprach John in herzloser Weise zu seiner Mutter; ich würde
auch ohne Dich zum Ziele gelangen, aber da einmal die ganze Familie Reed mit ihren Verwandten zusammen ist, so soll sie auch
in corpore erscheinen und mit wirken.
John's Anwesenheit konnte Jane natürlich nicht verborgen
bleiben, und da auch sie natürlich für den Abend eine Einladung
zur Teilnahme erhielt, so bat sie Lord Rochester durch Adele um
eine kurze Unterredung, die ihr denn auch sofort bewilligt wurde.
Herr, bat sie, Sie wissen, daß ich nicht furchtsam bin, aber
heute ist auf Thornfield ein Mensch eingetroffen, mit dem ich jedes
Zusammentreffen vermeiden möchte. John Reed, von Jugend auf
mein heftigster Feind, der mich am liebsten vernichtet hätte, ist
Ihr Gast und dürfte, wenn auch seine Angehörigen noch nichts
von einer Verwandtschaft mit mir verlauten ließen, doch die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, mich zu beleidigen oder
mir sonst einen Affront zu bereiten.
John Reed? fragte Rochester verwundert. Er scheint ja ein
vollendeter Kavalier zu sein.
Ich will das nicht bestreiten, Herr, aber die Nachrichten,
welche sein Onkel Whitfield am heutigen Tage über ihn gebracht
hat, lassen mich daran zweifeln,- ich war Zeuge, als er hier
eintraf.
Miß Jane Eyre, ehe ich weiter über diesen Punkt mit Ihnen
rede, frage ich Sie eben so ernst wie dringend: Haben Sie meine
Werbung um Ihre Hand in Erwägung gezogen? Sie baten um
Bedenkzeit- es sind einige Stunden verstrichen und ich selbst
möchte gern Gewißheit über meinen Antrag, da ich kein Freund
von langem Zaudern bin. Ich richte daher nochmals die Frage
an Sie: Jane Eyre, wollen Sie mein liebes, treues Weib, meine
Lebensgefährtin für alle Zeit werden?
Ich habe mein Herz geprüft, Herr und glaube voll und ganz
mit ,Ja' antworten zu können.
Rochester streckte ihr beide Hände entgegen und zog die nur
schwach Widerstrebende an seine Brust. Jane Eyre, sprach er
feierlich und ernst, so erkläre ich Dich hiermit zu meiner Verlobten
und werde die erste passende Gelegenheit benutzen, Dich offen als
meine Braut vorzustellen. Vor der Welt bestehe einstweilen
unser gegenwärtiges Verhältnis als Herr und Erzieherin noch fort,
vielleicht nur für wenige Tage - hier aber nimm als Pfand meines
Gelöbnisses diesen Reif meiner Mutter.
Ich nehme den Ring in Empfang und gelobe Dir Roland
Rochester, als meinem Verlobten, eine treue und sorgsame Hausfrau
zn sein und zu Dir zu stehen in Leid und Freud, in Glück und Not.
So, meine Jane, und nun wirst Du auch an der heutigen
Abendtafel und Gesellschaft teilnehmen können. Wagt der Elende Dich
zu beleidigen, so werde ich zum Schutze an Deiner Seite erscheinen.
Wenn Du es wünschest, antwortete Jane, so soll es geschehen,
obwohl ich mit diesem Menschen viel lieber in meinem Leben nicht
wieder zusammengetroffen wäre. Da indessen mein strenger Herr
und Gebieter noch Arrangements für den bevorstehenden Abend
zn treffen haben wird, so will ich nicht länger stören und mich
wieder zu Adele begeben, die meiner bedarf.
Mit einem herzlichen Händedruck verabschiedeten sich die glücklichen Verlobten, um sich erst am Abend in dem festlich erleuchteten
Saale bei einem großen Gastmahle wiederzutreffen.
Rochester hatte, um seinen Gästen ein wirklich größeres Fest
einmal zu geben, an einige seiner Pächter noch, wie an mehrere
Nachbarn Aufforderungen ergehen lassen, für den Abend bei ihm
mit ihren Frauen zu erscheinen, sodaß am Abend eine wirklich ansehnliche Gesellschaft versammelt war. Dabei erfüllte er selbst die
Pflichten des Wirtes in der liebenswürdigsten Weise, ohne von
irgend jemandem unterstützt zu werden. Man setzte sich zur Tafel,
und wie immer führte Lord Rochester Georgine zu Tische, während
deren Mutter auf seiner andern Seite Platz nahm. John Reed
erhielt seinen Platz neben seiner Mutter, Kapitän Whitfield neben
Georgine. Janens Tischnachbar war, obwohl sie sich gern von ihm
losgemacht hätte, Lord Francis; ohne ihn zu verletzen, konnte sie
seine Gesellschaft nicht ausschlagen, zumal er sich außerordentlich
zuvorkommend benahm und doch jeden Schein von Zudringlichkeit
zu vermeiden wußte.
Die Stimmung in der Tafelrunde war eine außerordentlich
fröhliche; Rochester war ungemein heiter und John Need entwickelte
eine Unterhaltungsgabe, welche alle Welt, Jane nicht ausgenommen,
in Erstaunen setzte; ja sie bereute schon ihren Verdacht auf John
gegen Rochester ausgesprochen zu haben, denn sie schien für jenen
gar nicht zu existieren- er beachtete sie weder mit einem Worte
noch mit einem Blicke. Als er aber einige Gläser Wein getrunken
hatte, bemerkte sie ungern, daß seine Augen oft nach ihrem Platze
flogen und er sich in Gedanken mit ihr beschäftigte. Sie vermied
es, seinen Blicken zu begegnen, um seine Aufmerksamkeit nicht
noch mehr zu erwecken und seinen Haß gegen sie zu schüren. John
war indessen eine so rachsüchtige Natur, daß er, um seinen ungestillten Groll gegen Jane abzukühlen, alle Rücksichten der Höflichkeit und des Gastrechtes bei Seite setzte und dieselbe, nachdem ihm
der Wein etwas zu Kopfe gestiegen war, der öffentlichen Verhöhnung auszusetzen wagte.
Sagen Sie mal, Lord Rochester, wie kommt denn jene bleichsüchtige Person in diese Gesellschaft hier? Ich sollte meinen, dieselbe gehörte nicht in unsere Kreise mitten hinein.
Mister Reed, erwiderte Rochester ruhig, nachdem er bereits
mehrere von Johns vorausgegangenen lauten Fragen in heiterer
Form beantwortet hatte; ich hoffe, Sie wollen mit dem Ausdrucke
,Person'' keine Beleidigung gegen irgend jemand aussprechen,
sondern nur eine Vertraulichkeit.
Diese Person, antwortete John, kann ich gar nicht beleidigen;
sie verdient es nicht anders.
Ich bitte, Mister Reed, unterlassen Sie diese zweideutigen
Bezeichnungen, damit ich nicht nötig habe, von Ihnen nähere Auskunft erbitten zu müssen; wir würden ja sonst in unserer harmlosen Heiterkeit gestört werden, und das wäre doch höchst unerwünscht.
Aller Augen ruhten bereits auf den beiden Sprechenden.
John erhielt von mehreren Seiten Winke, zu schweigen und sich
zu mäßigen, aber war gegenwärtig nicht mehr in der Stimmung
auf eine ruhige Vorstellung zu hören und rief: Ich meine die
Person dort, welche in ungehöriger Weise neben Lord Francis platz
genommen hat.
Diese Dame, Mister Reed, ist Erzieherin in meinem Hause,
und ich erwarte von Ihnen nach dieser Erklärung, daß Sie dieselbe respektvoll behandeln und sie um Entschuldigung bitten, wenn
sie solches von Ihnen verlangen sollte, entgegnete Rochester entschieden.
Jane erhob sich und wollte sich stillschweigend vom Tisch und
ihrem Platze entfernen.
Hahaha! lachte John. Sehen Sie, das böse Gewissen schlägt
sie, sich in anständige Gesellschaft eingeschlichen zu haben! Sie ist
eine Waisenhauspflanze von Lowood, wohin man sie wegen ihrer
Lügenhaftigkeit und Undankbarkeit gegen ihre Wohlthäter gebracht hat.
Bitte, Miß Eyre, Sie bleiben. Mister Reed irrt sich in der
Person und hat nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, rief Rochester
Jane zu und vermochte sie hierdurch zu bleiben.
Nein, nein! höhnte John; ich irre mich ganz und gar nicht.
Jane Eyre heißt die Person und ich kenne auch die Familie, aus
welcher man sie ihres schlechten Benehmens halber hinausgebracht
hat. Sie kann mich ja Lügen strafen, wenn ich die Unwahrheit
rede oder nur übertreibe.
Ihre Verteidigung übernehme ich, Miß Eyre, sprach Rochester
mit mühsam bewahrter Ruhe. Mister Reed, auch ich kenne die
Familie sehr genau, welche die -1jährige Jane Eyre dem
heuchlerischen Ir. Blackhurst überliefert, um sie aus ihrem Hause
loszuwerden; ich kenne auch den bösen Buben sehr genau, der die
Hauptveranlassung zu dieser empörenden Handlungsweise gewesen ist.
Wenn Lord Rochester in diesem Falle nur nicht aus einer
trüben Quelle geschöpft hat -
Gewiß nicht, Mister Reed- die Schulakten von Lowood
und die mündlichen Berichte einer gewissen Bessie Home haben
mir den sichersten Aufschluß gegeben, und wenn jemand vielleicht
in meine Worte noch einen Zweifel setzen sollte, so wird derselbe
schwinden, wenn ich den anwesenden Herrschaften die feierliche
Erklärung gebe, daß Miß Eyre seit heute meine Verlobte ist und
in kurzer Zeit meine Gemahlin sein wird. Sind Sie nun zufrieden Mister Reed?
Ah das ist stark! knirschte John wütend. Das heißt aber
nicht wie ein Gentleman gehandelt. Sie bewerben sich um die
Hand meiner Schwester, täuschen dieselbe durch ihre Galanterien
und verloben sich heimlich mit einem anderen Frauenzimmer, die
tief unter ihrem Range steht. Für dieses unverzeihliche Benehmen
sind Sie mir Rechenschaft schuldig, und ich verlange im Namen
meiner Schwester blutige Genugthuung von Ihnen. Sie sind
Zeugen, meine Herren.
Genugthuung soll Ihnen werden, mehr als Sie fordern
können,- ich bitte jetzt aber, dieses unerquickliche Gespräch abzubrechen und uns Angenehmeren zuzuwenden, erwiderte Rochester.
Sämtliche Gäste ergriffen die gebotene Gelegenheit, Lord
Rochester und Jane Eyre die aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen, um hierdurch den häßlichen Vorfall so schnell wie möglich
in Vergessenheit zu bringen, und Lord Francis brachte einen wohlgemeinten Toast auf das neue Brautpaar, wobei er feierlich erklärte, er werde sich es nicht nehmen lassen, bei der Vermählung
als Brautführer seines Amtes zu warten. Der üble Eindruck
des von John Reed gewaltsam herbeigezogenen Streites war hierdurch ein wenig verwischt, und Mistreß Reed benutzte diese mildere
Stimmung, um ihrer angegriffenen Gesundheit wegen zum Aufbruche zu mahnen und sich mit ihrer Tochter und ihrem Sohne
zurückziehen zu können. Niemand suchte sie zurückzuhalten, selbst
Kapitän Whitfield nicht, der vielmehr blieb und seiner Nichte Jane
Eyre aus vollstem Herzen die besten Glückwünsche darbrachte.
Der Abend, dessen Verlauf mit einer so widerlichen Dishonanz
gestört zu werden drohte, endete in allgemeiner und schönster
Harmonie, denn sämtlichen Gästen hatte das stille und geräuschlose Walten Jane Eyres gefallen und mit großer Freude hatten
sie das innige Verhältnis, das zwischen ihr und ihrer Schülerin
bestand, zu würdigen gewußt.
Jane selbst bildete in ihrem bescheidenen Wesen einen lieblichen Gegensatz zu dem in voller Kraft und Bewußtsein seines
Glückes strahlenden Rochester. Adele hüpfte und sprang voll Entzücken umher, daß ihre liebe gute Gouvernante nunmehr ihre
geliebte Tante würde. In einem Meer voll. Seligkeit und Wonne
überschwamm Mistreß Harleigh, welche den Liebling ihres Herzens,
die Freude ihrer alten Tage sicher an Lord Rochester gebunden
wußte und nun doch versichert war, Janens Umgang auch für die
Folgezeit nicht ganz entbehren zu müssen.
Schluß.
Am Morgen nach diesem etwas bewegten Abende war John
Reed, der von Mutter und Schwester mit den heftigsten Vorwürfen wegen seines höchst ungebührlichen, unvorsichtigen Betragens
überhäuft wurde, aus Thornfield verschwunden, und seit dieser
Zeit haben seine Verwandten keine Nachrichten wieder von ihm
vernommen, so daß es wirklich schien, er habe sich das Leben genommen oder sei außer Landes geflohen. Lord Rochesters Gäste
verweilten nur noch zwei Tage in Thornfield und reisten dann
sämtlich gemeinschaftlich zurück. Jane, welche durch Whitfields
Mitteilungen an seine Schwester eine Ahnung von der äußerst
mißlichen Lage der Familie Reed erhalten hatte, drang in ihren
Onkel, sie von den Verlegenheiten, in welche letztere durch Johns
Verschwendungssucht geraten war, genauer zu unterrichten, damit
sie eine Bitte an Rochester wagen könne, hier noch einmal Abhilfe
zu schaffen. Whitfield weigerte sich zwar, ihrem Wunsche nachzukommen, aber seiner Schwester Angst und Verzweiflung waren
stärker, als die Scheu vor dem Gedanken, von dem Manne Hilfe
anzunehmen, der von John Reed in unverdienter Weise so herausfordernd und beleidigend behandelt worden war, und so eröffnete
er ihr, daß W0 Pfund erforderlich sein würden, um zunächst
jeden Flecken von dem guten Rufe der Familie fernzuhalten und
den flüchtigen John nicht durch Steckbriefe verfolgen zu lassen.
Jane wagte freilich ihre Bitte nicht direkt an Rochester zu
richten, aber aus der Darstellung dieser für Mistreß Reed so
drückenden Angelegenheit bemerkte ihr Verlobter, daß sie Hilfe
gebracht wünsche, und so gab er ihr denn aus freiem Antriebe das
Versprechen, mit Kapitän Whitfield Rücksprache zu nehmen und
alle etwaigen Ungelegenheiten und pekuniäre Verlegenheiten auf
die schonendste Weise ausgleichen zu wollen, sodaß Mistreß Reed
mit dem tröstlichen Bewußtsein Thornfield verlassen konnte, die
Ehre ihres Namens in den Augen der Öffentlichkeit gewahrt zu
sehen, freilich aber auch mit der getäuschten Hoffnung, ihre Georgine
als Herrin von Rochesters Besitztum leben und hierdurch ihren
früheren Reichtum wiederkehren zu sehen. Beide lebten fortan
einfach und zurückgezogen von dem Treiben der Welt.
Obwohl Rochester einen geheimen Widerwillen gegen Thornfield hatte, so entschloß er sich doch auf Janens Bitten dasselbe
auch nach seiner Vermählung mit ihr zu seinem Aufenthalte zu
wählen, damit die alte brave Mistreß Harleigh nicht ganz auf den
Umgang mit Dienstboten und fremden Leuten angewiesen war.
Dieser Entschluß wurde ihm noch durch ein besonderes Ereignis
erleichtert: Gratia Pooles Pflegebefohlene, die unglückliche, wahnsinnige Lady Rochester, die mehrere Jahre hindurch die Bewohner
Thornfields durch ihr dämonisches Lachen geschreckt hatte, war seit
dem letzten Angriffe auf Rochesters Leben auffällig still geworden,
ihr Lachen erklang zwar zuweilen noch, aber so schwach, daß man
es außerhalb des Turmes kaum vernehmen konnte. Gratia hatte
mehrfach gegen Rochester, wenn sie ihn zufällig im Hause traf,
geäußert, die Lady erschiene ihr recht schwach, obwohl sie stark esse
und trinke, aber der Lord war mit seinen Gästen und Geschäften
so in Anspruch genommen, daß er wenig auf Gratias' Außerungen
geachtet hatte und wenige Tage nach Abreise der Gäste eines
Morgens ganz erstaunt vernahm, die arme Wahnsinnige sei in
vergangener Nacht von ihren Leiden erlöst und zu einem besseren
Leben entschlafen.
Ein Alp, der auf Rochesters Brust bisher schwer gelastet und
auch in Janens Herzen manche Besorgnisse wegen der ihren Verlobten stets drohenden Gefahr wachgerufen hatte, war glücklich
entfernt und frei und erleichtert atmeten sämtliche Bewohner
Thornfields auf, als die irdischen Überreste jenes beklagenswerten
Weibes dem Schoße der Erde übergeben werden konnten. Nun
erst, so bekannte Rochester seiner Braut, könne er ruhig und glück
lich mit ihr in Thornfield leben.
Das herrliche Pfingstfest war herangebrochen. Am zweiten
Feiertage sollte Rochesters und Janens Vermählung erfolgen, einfach
und schlicht hatte Jane es gewünscht, und Rochester willfahrte ihr
insoweit, als nur Lord Francis, der sich als Brautführer erboten
hatte, sowie Lord Ingram mit seiner Familie, einige von des Lords
älteren Pächtern und der Friedensrichter der Grafschaft als Gäste
und Zeugen geladen waren.
In der Kirche zu Hay Lome wurde die Trauung vollzogen,
doch ehe sie den Weg dorthin antraten, trug Jane ihrem Verlobten
noch die Bitte vor: Rowland, sprach sie, willst Du mich heute
ganz glücklich machen, so triff Anstalten, daß ich keine Waise mehr
in meiner Nähe sehe, daß unsere Nichte Adele nicht unsere Nichte
bleibe, sondern von Dir adoptiert und unser Beider Tochter werde.
Edle, erhabene Seele, rief der Lord freudig bewegt aus, welche
Bitte könnte ich Dir abschlagen, zumal sie so vollständig meinem
eigenen Herzen entsprossen ist. Wohlan, sie sei unsere Tochter.
Und wenn die Welt Dich fragen sollte, Rowland, wer ist
Deine Gattin? Was wirst Du antworten?
So werde ich mit gerechtem Stolze ausrufen: Die Waise
von Lowood!
Zwölfter Auftritt.
Die Vorige. Rowland ernst und ruhig von rechts.
Jane
(zusammenfahrend, erblickt Rowland) . Ah, da ist er! Es ist
Gottes Wille!
Rowland
(näher kommend) . Wohin, Miß Eyre?
Jane
(gefaßt und fest) . Ich suchte Sie, Herr!
Rowland.
Das ist wohl das erste Mal, seit wir uns kennen!
Jane.
Ich hatte Ihnen auch noch nie eine Bitte vorzutragen, Herr!
Rowland.
Eine Bitte? Sie? Was wollen Sie von mir?
Jane
(fest) . Ich bitte Sie -- mich fortzuschicken.
Rowland
(sehr erleichtert) . Ah! Warum erbitten Sie, was in Ihrem
freien Willen steht?
Jane.
Ich gab Ihnen das Wort, daß ich nicht von hier gehen werde, ehe Sie mich
selbst fortschicken.
Rowland.
Ah, jetzt besinne ich mich! Richtig, es ist so. -- -- Nun wohl, wenn Sie
gehen wollen, ich schicke Sie fort!
Jane.
Ich danke Ihnen, Herr!
Rowland.
Was aber treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? -- Sie schweigen? Mir
deucht, ich verstehe die Schrift um diesen stummen Mund -- Judith hat Ihnen
gesagt: ich sei ein Ungeheuer, ich halte ein armes Weib hier gefangen, mein
Weib!
Jane
(ruhig) . Nicht sie, Herr, andere sagten das.
Rowland
(immer ruhig und prüfend) . Und Sie haben dies Gerücht mit dem
Ereignis jener Nacht in Verbindung gebracht – [finstere Gedanken,
unheimliche Zweifel sind in Ihnen erwacht, haben Ihr Urteil über mich
verwirrt -- nicht so?
Jane
(sieht ihn groß und klar an) . Nein, Herr, ich wußte, daß
alles das Lüge sei.
Rowland
(von einem Freudenstrahl durchzuckt, sich gewaltsam
bezwingend) . Ei! -- Und woher kommt Ihnen diese Überzeugung?
Jane.
Aus meiner Achtung für Sie, Herr -- die mein Stab und meine Stütze sein
wird, wenn -- ich allein in der Fremde lebe.
Rowland.
Das ist gut, das ist brav von Ihnen, Jane Eyre, und damit Ihnen nichts diese
Stütze rauben könne -- auch wenn wir für immer scheiden-- soll es klar
zwischen uns werden. Der Zufall oder Ihr Verhängnis haben Sie in ein
Geheimnis eingeweiht, das Sie unter allen Lebenden allein mit dem
Friedensrichter der Grafschaft und mir teilen sollen, Sie, die Sie zu
schweigen wissen wie ein Mann!] Sie wollten nicht fragen, so lege ich mein
Vertrauen freiwillig auf Ihr Herz. Jener Dämon, der mich lebendig verbrennen
wollte, ist nicht Gratia Poole, wie Sie glaubten -- es ist eine Wahnsinnige,
der ich Schonung schulde, die ich keiner Anstalt, keiner Pflege als der
Gratias anvertrauen darf, denn sie hat den Namen dieses Hauses entehrt -- es
ist --
Jane
(mit krampfhaft gefalteten Händen und bebendem Ton) . Lady --
Rochester?
Rowland
(finster, fast tonlos) . Lady Hariette Rochester.
Jane (zuckt zusammen, sieht vor sich nieder und steht regunglos).
(Pause.)
Rowland
(betrachtet sie scharf, als erwarte er eine Antwort, und fährt dann
kalt und mit untergeschlagenen Armen fort) . Sie war meine erste
-- und bis vor wenigen Monden -- meine einzige Liebe! Gelebt hatte ich, wild
und zügellos -- geliebt nicht mehr! Ich war der jüngere Sohn, also arm --
aber wir liebten uns -- sie ward meine Braut. Man sandte mich für ein Jahr
nach London -- als ich wiederkehrte -- hielt sie eben Hochzeit mit dem
reichen Erben unseres Hauses -- sie hatte Arthur dem armen Rowland
vorgezogen -- sie ward --
Jane
(ihre Freude gewaltsam bekämpfend, schreit auf) . Ihres --
Bruders Weib?
Rowland
(fast tonlos jedes Wort abwägend) . Meines -- Bruders Weib! In
jener Nacht wollte ich ihn erwürgen -- aber man band den jungen Kain, mein
zärtlicher Vater erklärte mich für toll -- man schleppte mich auf ein
Schiff, und erst in Indien fand ich die Vernunft -- aber nicht den Glauben
an Gott und Menschheit wieder. Mein Vater starb -- mein Bruder zog mit ihr
nach dem Kontinent -- ich hörte endlich, daß auch sie dort gestorben--- ich
blieb kalt, ich konnte selbst der Toten nicht vergeben, mein Herz war
vergiftet! -- Jahre vergingen, als ich eines Tages die Nachricht von dem
Ableben meines Bruders empfing. Der Tod hatte unter den Schuldigen
aufgeräumt; ich kehrte nach England zurück, trat mein Erbe an, und mit ihm –
empfing ich in geheimer Zuschrift das grauenvolle Vermächtnis, das die Reue
des Heimgegangenen mir an das Bruderherz legte. Arthur hatte mir die Braut
geraubt -- und (fürchterlich) Hariette Rochester hatte mich
dafür so furchtbar an ihm und sich selbst gerächt, wie es keine menschliche
Phantasie, selbst meine rachelechzende Seele nicht erdacht hätte!
(Wieder ruhiger, aber hastig.) Ihre Verblendung war einem
glühenden Haß gegen Arthur gewichen; das Unglück seiner Ehe zu verbergen,
brachte er sie nach dem Kontinent- in Genf erkrankte er tödlich -- und als
er genas-- war die Elende mit einem schönen Polen -- verschwunden.
Jane
(zurückfahrend, sieht entsetzt und erglühend vor sich
nieder) .
Rowland.
Stolz und grausam, wie Arthur es war, meldete er den Tod seiner Gattin nach
England, verfolgte still und rastlos die Spur der Flüchtigen bis, nach kaum
einem Jahr, ihr Geschick sie in Paris in seine Hand gab. Den Verführer
durchstach er vor ihren Augen, ein Kind, das sie im Arm hielt, entriß er ihr
und übergab es einer Pension -- sie selbst schleppte er mit ihrer Amme,
Gratia Poole, nach England und vergrub sich mit ihr in unser fernes
Waldschloß Fardean. Niemand ahnte sein Geheimnis, das er mit Fieberangst
hütete. [Er hatte sich die Nemesis selbst angekettet!] Als er der Unseligen
Adele entriß, hatte sie den Verstand verloren, und nichts von Erinnerungen
war ihr geblieben als der glühende Haß gegen den Mörder ihres Geliebten! --
Arthurs Rache war gesättigt, aber die Angst um sein Geheimnis, vielleicht
auch Reue, verzehrte ihn. Der letzte Wille des Sterbenden legte mir die
Pflicht auf, jenes verlassene Kind nach England, die Wahnsinnige aus der
Moorluft in Fardean in dieses feste Schloß zu bringen und die Schande unsers
Hauses heilig zu bewahren. Wie ich diese Pflicht bis heute erfüllte – wissen
Sie, Jane Eyre!
Jane
(mit bebender Stimme, ihre Bewegung niederkämpfend) . Auch wie
Ihre Wohlthat belohnt wird, Herr -- dieses Weib wollte Sie ermorden.
Rowland.
Das galt nicht mir! Sie begreift nicht, daß ihr Gatte tot sei, in ihrem
wirren Geist lebt Arthur in mir, der leider seine Züge trägt. Mit dem
Instinkt des Hasses errät sie stets meine Nähe hier -- und strebt mit der
Schlauheit des Wahnsinns unermüdet, mich zu verderben! So benutzte sie
Gratias kurze Abwesenheit, um Feuer an mein Lager zu legen, und ohne die
Elende hätte ich nie erfahren -- welch eine entschlossene Seele in dem
zarten Leib Jane Eyres wohnt!
Jane
(ohne ihre innere Bewegung zu verraten, wie reflektierend) .
So sind Sie also der Pfleger des Weibes geworden, das Sie verriet, und der
Vater eines Kindes, dessen Mutter Ihr Glück zerstörte. Das ist edel, Herr --
das ist groß!
Rowland
(trocken) . Ich wollte keine Kritik meines Verhaltens von
Ihnen, Jane Eyre, ich wollte Ihnen nur das Erröten ersparen, wenn Sie einst
Ihres -- Herrn gedenken. Oder -- gehen Sie vielleicht jetzt nicht mehr?
Jane
(zusammenfahrend) . Ob ich gehe, Herr? -- O ja –
(heftig) gewiß -- noch heute!
Rowland
(sieht sie forschend an) . Also nicht deshalb wollen Sie fort?
Jane.
Nein, Herr, nicht deshalb -- ich hielt Sie nie für schuldig.
Rowland
(forschend) . Weshalb aber gehen Sie denn! — Weil es dieses
Weib, das Sie so sehr haßt, Ihre Tante, von Ihnen fordert?
Jane
(sieht ihn groß an) . Mistreß Reed? -- Nein, ich war vorher
dazu entschlossen.
Rowland.
So? Seit wann?
Jane.
Sie sagten mir, daß Sie heiraten.
Rowland.
Das ist wahr, ich denke zu heiraten -- und bald soll es geschehen!
Jane
(gefaßt, aber sanft) . Dann wird Adele auf eine Schule
geschickt werden und bedarf keiner Gouvernante mehr.
Rowland
(nickend) . Hm! Das könnte wohl sein, Georgine macht sich
nicht viel aus Kindern, und Sie wollen meiner Frau aus dem Wege gehen, nicht
wahr? -- Sie ist Ihnen zu hochmütig?
Jane
(mit leiser, bebender Stimme) . Das ist es nicht. Ich fühle
nur, daß ich nicht mehr hierher passe, wenn Sie verheiratet sind, Herr!
Rowland
(als dächte er nach) . Sie mögen recht haben, ich glaube es
selbst. Aber -- wo wollen Sie hin? Sie haben keine Stelle --
Jane.
Meine Stelle ist gefunden -- ich gehe zu meinem Onkel nach Madeira.
Rowland
(immer ernst und ruhig) . Nach Madeira? Hm! Das ist ein weiter
Weg, Jane Eyre!
Jane
(kaum hörbar) . Ja -- ein weiter Weg!
Rowland.
Zwar -- für ein Mädchen von Ihrem Verstande und festen Sinn ist das kein
Hindernis! Indessen -- das Weltmeer wird sich zwischen Sie und Ihr Vaterland
legen --
Jane
(schwer atmend. Das Weltmeer -- ja –
Rowland
(mild) . Und auch zwischen -- uns!
Jane
(wie sein Echo, leise) . Zwischen uns.
Rowland.
Wir werden nichts mehr von einander hören.
Jane
(wie oben) . Nichts mehr!
Rowland.
Wir werden einander nie wiedersehen!
Jane
(zitternd) . Nie -- nie wiedersehen! (Sie bricht
plötzlich in Thränen aus.)
Rowland
(ruhig) . Weshalb -- weinen Sie, Miß Eyre?
Jane
(die Thränen zurückdrängend) . Ich liebe Thornfield, es war
ein schönes glückliches Asyl für die verlassene Waise. Man hat mich hier
nicht mit Füßen getreten, wie ich es gewohnt war so viele Jahre; [man hat
mich geweckt aus der Versteinerung meines Unglücks -- man hat mich nicht bei
untergeordneten (immer wärmer werdend) Geistern begraben,]
ich habe Angesicht zu Angesicht mit dem verkehrt, was ich verehre, was mich
erhob, [mit einem kräftigen, genialen und umfassenden Geist,] ich habe Sie
erkennen gelernt, Lord Rochester! Ich fühle die Notwendigkeit, mich von
allem hier loszureißen, aber sie gleicht für mich der Notwendigkeit des
Todes! Soll ich da nicht weinen, Herr? (Sie verbirgt das Gesicht
schluchzend in ihren Händen.)
Rowland.
Das ist alles wahr, aber wenn Sie so schwer gehen, können Sie ja hier
bleiben.
Jane
(läßt die Hände plötzlich fallen, wendet sich rasch nach ihm, ihre
Augen funkeln von innerem Zorn) . Bei Ihnen bleiben? – Wenn Sie
verheiratet sind?
Rowland.
Gewiß! Sie halten die Trennung nicht aus, Sie müssen bleiben!
Jane
(zitternd, leidenschaftlicher werdend, bis sie endlich in ihren
ursprünglichen Charakter zurückfällt) . Ich sage Ihnen aber, ich
muß gehen, die Trennung werde ich aushalten -- das Leben hier nimmermehr!
Denken Sie, ich könnte es tragen, nichts mehr für Sie zu sein, [ein
überflüssiges Möbel aus alter Zeit, das man aus Pietät nicht eben den
Flammen übergiebt? Halten Sie mich für einen Automaten, für eine Maschine
ohne Empfindung, die sich den Tropfen lebendigen Wassers, nach dem sie
lechzt, von den Lippen nehmen läßt, ohne zu zucken?] Glauben Sie, weil ich
arm und klein, einfach und verlassen bin, ich hätte deshalb kein Herz, keine
Seele? -- Sie irren sich in Ihrem Hochmut, ich habe so viel Seele wie Sie,
und ebenso viel Herz! [Ich verstehe Sie besser als alle anderen, denn jene
sind nicht von Ihrer Art -- ich aber, ich bin von Ihrer Art, Herr, ich fühle
etwas in Kopf und Herzen, in Blut und Nerven, was mich Ihnen verwandt macht,
was mich geistig Ihnen vereint! Und wenn Gott mich mit Schönheit und
Reichtum gesegnet hätte -- so sollte es Ihnen gewiß ebenso schwer werden,
mich gehen zu sehen, als es mir ist, Sie zu verlassen.] Ich rede jetzt nicht
nach Sitte und Herkommen, noch vermöge meines irdischen Teils, nein, es ist
mein Geist, der Ihren Geist anredet, als wären wir schon gestorben und
unsere Seelen ständen sich gleich, wie sie sind, zu den Füßen Gottes!
Rowland
(dessen Brust heftig arbeitet, der regungslos stand, um den Strom
ihrer Worte nicht zu hemmen, schlingt plötzlich die Arme um sie und
preßt sie an sich) . Gleich, wie wir sind! So, so, meine kleine
Jane!
Jane
(überrascht, aber ohne aus dem früheren Ton zu fallen, steht in
seiner Umarmung) . Ja -- so -- und doch nicht so -- denn Sie sind
so gut wie verheiratet, und zwar an ein Wesen, das Sie nicht wahrhaft lieben
können, weil es tief unter Ihnen steht! Und nun -- lassen Sie mich, ich habe
meine Gesinnung ausgesprochen, nun kann ich gehen, wohin ich will!
Rowland
(sie fester an sich drückend) . Das kannst du nicht mehr, Jane
Eyre, das Netz schlug über dir zusammen, du bist gefangen.
Jane
(sich rasch von ihm losmachend) . Ich zerreiße es! Ich bin ein
freies Wesen mit unabhängigem Willen.
Rowland.
Und du glaubst, ich würde dich lassen, nachdem du so zu mir gesprochen?
(Umfaßt sie plötzlich mit beiden Armen.) Weißt du, daß
ich dich brechen kann wie Rohr, kleines Mädchen, ehe ich dich von mir gehen
lasse?
Jane
(steht unbeweglich in seinen Armen und sieht ihn groß und ruhig
an) . Das können Sie, Herr; mein Leib ist schwächer als der Ihre
-- meine Seele ist stärker -- und meine Seele ist mein!
Rowland
(sie mit glühenden Blicken betrachtend) . O, wie sie mich
kennt und sich, wie sie wahr spricht! Was will ich denn! Diesen Geist,
diesen gewaltigen, trotzigen, diesen großen Geist will ich, und er würde mir
durch die Finger schlüpfen, wie flüchtiges Kali, wenn ich den Käfig
zertrümmerte, der ihn fesselt! (Er schiebt sie von sich.) Nun
denn, dein Wille soll dein Geschick entscheiden, Jane Eyre! Endlich hast du
mir deine Seele geöffnet -- so blicke auch auf den Grund der meinen. Seit
ich dich zum erstenmal sah, seit ich ein Stück von meinem Wesen in dir
erkannte, kämpfe ich mit meiner vollen Manneskraft gegen dich, armes Lamm;
umsonst, du hast meine Seele mit zauberhafter Gewalt an dich gerissen, sie
ist dein, mein Herz ist dein, was ich bin und habe, ist dein -- nimm auch
noch das Geringste, was du übrig ließest, meine Hand! (Er streckt ihr
die rechte Hand hin.)
Jane
(sieht ihn groß an und tritt ganz von ihm zurück) . O --
spielen Sie nicht mit mir in dieser ernsten Stunde!
Rowland
(zitternd vor Ungeduld und Leidenschaft) . Jane, komm her zu
mir!
Jane
(heftig atmend, finster) . Ich kann nicht, Ihre Braut steht
zwischen uns, Herr!
Rowland
(glühend) . Ich habe keine Braut!
Jane
(ihn scheu von der Seite ansehend) . So haben Sie Georgine,
die Sie liebt, betrogen!
Rowland.
Georgine liebt nichts als sich selbst – und den Reichtum.
Jane.
Was sollte sie denn hier?
Rowland.
Mir den Schlüssel leihen zu deiner festverschlossenen Seele, starrsinniges
Kind! Die Eifersucht mußte dir die Liebe klar machen! Nie habe ich von Liebe
und Heirat mit Georgine gesprochen. Niemand, niemand hat Anspruch an mein
Herz als du, wunderlicher Kobold, trotziges Schulmädchen! (Immer
heftiger werbend.) Dich will ich! Arm und klein, verlassen und
einfach, wie du bist, will ich dich, nur dich! [Sieh mich nicht an, als ob
dein ganzes Gesicht Auge würde, so träumend, so ungläubig -- du quälst mich
fürchterlich!] (Flehend) . Jane, nimm mich zum Gatten, nimm
mich schnell, bedenke es nicht lange -- sage: “Rowland, ich will dein Weib
sein, Rowland, ich will dich lieben!” Sag's schnell, oder meine Fibern
reißen, und etwas Schreckliches geschieht!
Rowland.
Du, nur du! Willst du? -- Willst du?
Jane
(zitternd, in Thränen) . Ach Rowland, mein Herr -- meine
Welt-- da hast du mich! (Sie stürzt in seine Arme) .
Rowland
(sie mit Entzücken an sich drückend) . Und will dich ewig
halten!