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Erstes Capitel. Es war an jenem Tag rein unmöglich, einen Spazirgang zu machen. Wir waren in der That des Morgens eine Stunde lang in dem entblätterten Gesträuch herumgegangen, aber nach Tische (Mrs. Reed pflegte sehr zeitlich zu Mittag zu essen, wenn sie keine Gäste hatte) brachte der kalte Winterwind so düstere Wolken, einen so durchdringenden Regen mit sich, daß von einem weiteren Spazirengehen im Freien nicht mehr die Rede seyn konnte. Ich war froh, denn ich war nie eine Freundin von weiten Spazirgängen, am wenigsten an kalten Nachmittagen. Es war mir immer schrecklich zu Muthe, wenn ich im düstern Zwielicht nach Hause kam, die Finger und Zehen starr vor Frost, das Herz trübe und schwer von Bessie's, des Kindermädchens, unaufhörlichen Gezänken, gedemüthigt durch das Bewußtseyn, wie sehr ich in physischer Beziehung Elisen, John und Georginen Reed nachstand. Die erwähnten Kinder, Elisa, John und Georgine, waren in diesem Augenblicke um ihre Mama im Besuchszimmer versammelt, sie lehnte im Sopha in der Caminecke und sah, im Kreise ihrer Lieblinge, welche während dieser Zeit weder zankten, noch schrieen, vollkommen heiter und glücklich aus. Meine eigene kleine Person durfte sich dieser Gruppe nicht anschließen; Mama sagte, es thäte ihr sehr leid, mich in der Entfernung halten zu müssen. aber sie könne nicht anders, bis sie sich durch Bessie's Aussagen und durch eigene Anschauung überzeugt hätte, daß ich den reinsten Willen habe, ein geselligeres und kindlicheres, anmuthigeres, leichteres, freieres und natürlicheres Betragen anzunehmen: bis dahin müsse sie mich wirklich von dem Mitgenusse solcher Vortheile ausschließen, welche nur braven und darum auch zufriedenen und glücklichen Kindern gebührten. Was sagt denn Bessie, daß ich verbrochen habe? fragte ich. Jane, ich kann das Forschen und Fragen nicht leiden. Uebrigens schickt es sich für ein kleines Mädchen gar nicht, sich älteren Personen so entgegen zu stellen. Setze Dich irgendwo nieder und sey, so lange still, bis Du wieder artiger sprechen willst. Ein kleines Frühstückzimmer stieß an das Besuchzimmer; dort hinein schlüpfte ich. Es enthielt einen Bücherschrank; ich bemächtigte mich sofort eines Buches, natürlich eines Bilderbuches. Darauf begab ich mich in die Fensterbrüstung, kreuzte die Füße nach türkischer Manier übereinander und nachdem ich die rothen Moirevorhänge zugezogen hatte, war ich on beiden Seiten abgeschlossen. Rechts zeigten sich mir die malerischen Falten der scharlachrothen Draperie, links die hellen, durchsichtigen Glasscheiben, die mich vor dem kühlen Novembertage schützten, ohne mir die Aussicht auf die frostige Außenwelt zu benehmen. Von Zeit zu Seit, während ich die Blätter des Buches umschlug, stellte ich Betrachtungen über den Anblick dieses Wintergartens an. In der Ferne bot derselbe ein fahles Weiß von Nebel und Wolken, in der Nähe eine Scenerie von nassem Grasgrund und sturmgepeitschtem Gesträuch; ein immerwährender Regenschauer floh vor dem scharfen Athemzuge der kalten Windsbraut über die Fläche hin. Wieder blickte ich in mein Buch--Bewick's Naturgeschichte der Vögel Großbritanniens--das Gedruckte interessirte mich im Allgemeinen sehr wenig, indessen konnte ich, so sehr ich auch Kind war, einige Seiten der Einleitung nicht ganz unbeachtet überschlagen. Sie handelten von den Aufenthaltsorten der Seevögel, den „einsamen Felsen und Vorgebirgen,“ die von ihnen allein bewohnt sind; von den, der Länge nach vom Cap Lindenäs bis zum Nordcap, mit Inseln bekränzten Küsten Norwegens -- Wo das nord'sche Meer mit wüstem Tosen Das Felseneiland, scheu von Sterblichen gemieden, Des fernen Thule wird umbraust und die Atlantis Hinein schäumt in die stürmischen Hebriden. -- Ebensowenig konnte ich die Beschreibung der eisigen, schneebedeckten Ufer Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Nova-Zemblas und Grönlands übergehen, „jener trostlosen Regionen des ödesten Raumes, vom arktischen Gürtel umfangen. jener Urbehälter von Frost und Schnee, wo feste Eisfelder, die Erzeugnisse von Jahrhunderten, zur Höhe der Alpen emporgethürmt, den Pol um geben und die vielfältigen Schrecknisse der äußersten Kälte gleichsam in Einen Mittelpunkt zusammen fassen.“ Von diesen in der Weiße des Todes erglänzenden Landstrichen bildete ich mir nun eine Idee nach meiner Weise; sie war freilich ein bloßer Schatten, wie dies bei allen unreifen Vorstellungen der Fall ist, welche nebelartig die Seele eines Kindes durchziehen, aber sie hinterließ einen merkwürdigen, dauernden Eindruck. Die Worte dieser Einleitung verbanden sich mit den beigegebenen Bildern und gaben dem einsamen Felsen in einer stürmischen, wildschäumenden See, dem zerschellten, an einer trostlosen Küste gestrandeten Bote, dem kalt und geisterhaft durch finstere Wolken auf ein eben versinkendes Wrack herab scheinenden Monde eine ganz besondere Bedeutung. Ich kann's nicht bestimmt sagen, was für ein Gefühl der einsame Kirchhof in mir erweckte, mit seiner Ueberschrift, seinem Gitterthore, den beiden Bäumen, dem niedrigen, rings von der zerfallenen Mauer begrenzten Horizont, dem eben aufgegangenen Halbmond, welcher die späte Abendzeit verkündete. Die beiden Schiffe, welche auf träger See stillstanden, hielt ich für Seegespenster. Den Gottseybeiuns mit Schweif und Pferdefuß überschlug ich als einen Gegenstand des Entsetzens, desgleichen das schwarze, gehörnte Wesen, das von der Spitze eines Felsens eine um einen Galgen versammelte Menge musterte. Ein jedes Bild erzählte mir eine Geschichte, oft lautete dieselbe meinem unentwickelten Verstande und unvollkommenen Gefühlen sehr geheimnißvoll, aber immer war sie interessant, so interessant, wie die Märchen, welche Bessie an langen Winterabenden zu erzählen pflegte, wenn sie zufällig guter Laune war. Dann brachte sie wohl das Bügelbrett zum Camine der Kinderstube erlaubte uns, uns um sie herumzusetzen und währen sie Mrs. Reed’s Halskrause herrichtete und die Spitzen ihrer Nachtmütze ausplättete, fütterte sie unsere gierige Aufmerksamkeit mit Liebesbegebenheiten und Abenteuern aus alten Feenmärchen und noch älteren Balladen; später entdeckte ich, daß sie ihre Erzählungen Pamela und Heinrich, Grafen von Moreland, entnommen hatte. Mit Bewick auf dem Schooße fühlte ich mich glücklich, wenigstens glücklich nach meiner Weise. Nichts fürchtete ich, als eine Unterbrechung und die letztere störte mich nur zu bald auf. Die Thüre des Frühstückzimmers öffnete sich. Holla! Madame Trotzkopf! rief die Stimme John Reed's; dann trat eine Pause ein: der Junge fand die Stube anscheinend leer. , Wo der Teufel steckt sie! fuhr er fort. »Lieschen, Georgy! ( seinen Schwestern rufend) »Hanne ist nicht hier; geht und sagt der Mama, daß sie im Regen auf die Straße gelaufen ist, das garstige Thier. Ein Glück, daß ich den Vorhang zuzog, dachte ich bei mir selbst und vom Grunde meines Herzens betete ich, er möchte mein Versteck nicht ausfindig machen. In der That wäre auch John Reed bei der Blödigkeit seiner Augen und seines Verstandes nicht dahinter gekommen; aber im selben Augenblicke steckte Elise ihren Kopf zur Thüre herein und sagte: Sie ist in der Fensterbrüstung, ganz gewiß, Jack! Sofort trat ich auch heraus, denn ich zitterte bei dem bloßen Gedanken, vom besagten Jack hervor gezogen zu werden. .Was willst Du? frug ich mit scheuer Aengstlichkeit. - Was wünschen Sie, junger Herr Reed, sollst Du sagen, war die Antwort. Ich will, daß Du herkommst. Bei diesen Worten setzte er sich in einen Armstuhl und bedeutete mir mit der Hand näher zu treten und mich vor ihn zu stellen. John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren, vier Jahre älter als ich, denn ich zählte deren blos zehn; groß und stämmig für sein Alter, von fahler, ungesunder Gesichtsfarbe, groben Zügen, einem breiten Gesicht; seine Glieder waren überhaupt massiv, seine Hände und Füße unverhältnißmäßig groß. Bei Tische pflegte er sich über Gebühr vollzupfropfen, was sein Temperament gallig, seine Augen blöde und umflort, seine Wangen schwammig machte. Er hätte dazumal eigentlich in der Schule seyn sollen, aber seine Mama hatte ihn „seiner schwachen Gesundheit wegen“ auf ein oder zwei Monate nach Hause genommen. Sein Lehrer, Mr. Miles, behauptete zwar, John würde sich recht wohl befinden, wenn er weniger Kuchen und Süßigkeiten von Hause geschickt bekäme; seiner Mutter Herz konnte indessen einen so barbarischen Gedanken gar nicht fassen und so blieb sie bei der ihrer Zärtlichkeit entsprechenderen Idee stehen, Johns ungesunde Gesichtsfarbe sey einem allzugroßen Fleiße und vielleicht auch dem Heimweh zuzuschreiben. John hatte weder für sein Mutter, noch für seine Schwestern eine große Zuneigung, gegen mich hingegen eine ausgesprochene Antipathie. Er neckte und schlug mich, nicht etwa zwei- oder dreimal die Woche oder ein- oder zweimal des Tages, sondern ohne Unterlaß: jeder Nerv meines Körpers zitterte vor ihm und jede Muskel zog sich zusammen, wenn er näher kam. Es gab Augenblicke, wo mir der Schreck, den er mir einflößte, alle Besinnung raubte, da ich gegen seine Drohungen und Bosheiten weder einen Schutz noch einen Rückhalt hatte. Das Gesinde wollte dem jungen Herrn nicht zu nahe treten, indem es mich vertheidigte, und Mrs. Reed war in dieser Beziehung taub und blind, sie sah es nie, wenn er mich schlug und hörte nicht, daß er mich schmähte, obwohl er sich das Eine und das Andere dann und wann sogar in ihrer Gegenwart erlaubte, wenn es gleich am häufigsten hinter ihrem Rücken geschah. John gegenüber an Unterwürfigkeit gewöhnt, stellte ich mich sofort vor seinen Stuhl; etwa drei Minuten brachte er damit zu, die Junge so weit auf mich heraus zu strecken, als er dies, ohne die Zungenwurzel zu beschädigen, füglich thun konnte; ich sah voraus, daß er alsbald auf mich losschlagen würde, und während ich dem Schlage entgegen zitterte, konnte ich mich nicht enthalten, das eklige und häßliche Gesicht meines Henkers näher ins Auge zu fassen. , Wahrscheinlich mochte er meine Gedanken in meinen Blicken gelesen haben, denn plötzlich und ohne ein Wort zu verlieren, schlug er nach mir mit aller Kraft. Ich schwankte und mein Gleichgewicht wieder gewinnend, trat ich einen oder zwei Schritte zurück. ,Nimm das für deine Unverschämtheit, meiner Mama vor einer Weile so zu antworten, sagte er, und für deinen heimlichen Rückzug hinter den Vorhang und für den Blick, den Du mir vor zwei Minuten zuwarfst, Du abscheuliche Ratte Du! Ich war Johns Schmähungen zu sehr gewöhnt, um irgend eine Entgegnung versuchen zu wollen; meine nächste Sorge bestand blos darin, wie ich den zweiten Schlag ertragen könnte, welcher der Beschimpfung unausweichlich folgen würde. Was thatest Du hinter dem Vorhange? war Johns nächste Frage. Ich las. Zeig das Buch her. Ich ging zum Fenster und holte es. Du hast mit unseren Büchern gar nichts zu schaffen. Du issest bei uns das Gnadenbrot, wie Mama sagt, Du hast kein Geld, dein Vater hinterließ Dir nichts, Du solltest eigentlich betteln gehen und nicht mit vornehmer Leute Kindern, wie unsereins, zusammen leben, mit uns von denselben Speisen essen und Kleider tragen, die Dir unsere Mama, schaffen muß. Ich will Dich lehren, in meinen Büchern herum zu kramen; denn die Bücher sind mein und das ganze Haus gehört mir oder wird mir in wenigen Jahren gehören. Packe Dich und stelle Dich zur Thür, außer den Bereich der Spiegel und Fenster. Ich that wie mir geheißen wurde, ohne im ersten Augenblick die Absicht des Buben zu erfassen; als ich ihn aber das Buch aufheben und zum Wurfe schwingen sah, fuhr ich instinctmäßig mit einem Angstrufe bei Seite; doch nicht zeitig genug, dann der Band traf mich, ich fiel, schlug mit dem Kopfe gegen die Thüre und zerschellte mir den Schädel. Die Wunde blutete, der Schmerz war heftig; mein Schrecken hatte die höchste Stufe überschritten und machte andern Gefühlen Platz. .O! Du böser, Du grausamer Bube! rief ich. Du handelst ja wie ein Mörder-- ein Sclaventreiber-- wie die römischen Kaiser! Ich hatte vordem Goldsmith's Geschichte Roms gelesen und mir über Nero und Galigula eine Meinung gebildet, auch, wie natürlich, im Stillen Vergleiche gezogen, freilich ohne daran zu denken, sie je in dieser Weise laut werden zu lassen. Wie! was! schrie er auf. Zu wem sagt sie das? Doch nicht zu mir? Elisa, Georgina, habt Ihr es gehört? Warte, ich will es der Mama sagen! doch zuvor -- Bei diesen Worten stürzte er wie ein Rasend er auf mich los; ich fühlte wie er mich bei den Haaren und bei den Schultern packte: die Verzweiflung gab mir Kraft. Ich sah in ihm einen Tyrannen, einen Mörder; ich fühlte einige Blutstropfen von meinem Kopfe den Nacken herab rinnen, dies und ein stechender Schmerz hatten in diesem Momente die Oberhand über jedwede Furcht und ich empfing den Burschen mit einer Art entschlossener Raserei. Was ich ihm mit meinen Händen zufügte, das weiß ich nicht mehr, ich hörte nur, wie er mich eine böse Ratte nannte und laut aufschrie. Man war ihm bald zu Hilfe gekommen: Elisa und Georgina hatten Mrs. Reed geholt, die sofort auf den Schauplatz eilte, gefolgt von Bessie und Abbot, ihren Kammerzofen. Man trennte uns und ich hörte die Worte: Du lieber Himmel! welche Bosheit, den jungen Herrn derart anzufallen! Hat man je ein so boshaftes Geschöpf gesehen! Worauf Mrs. Reed erwiederte: Bringt sie ins rothe Zimmer und schließt sie dort ein. Vier Hände faßten mich zu gleicher Zeit und ich wurde die Treppe hinaufgetragen. Zweites Capitel. Den ganzen Weg über leistete ich nach Kräften Widerstand, für mich eine ungewohnte Sache und für Bessie und Jungfer Abbot ein Anhaltspunkt mehr, die schlechte Meinung, die sie bereits von mir gefaßt hatten, zu begründen. Der einzige Grund meines Betragens bestand indessen darin, daß ich ganz außer mir war: die augenblickliche Auflehnung gegen meine Quäler, welche natürlicher Weise schreckliche Strafen nach sich ziehen mußte, hatte mich, wie irgend einen meuterischen Sclaven, zu dem Entschlusse gebracht, so weit als möglich zu gehen. Halten Sie ihr die Hände, Mamsell Abbot; sie geberdet sich ja wie eine wüthende Katze. Pfui! Schämen Sie sich! rief die Herrenmagd. Welch' abscheuliche Aufführung. Miß Eyre, nach einem jungen Gentleman, dem Sohne Ihrer Wohlthäterin, Ihrem jungen Gebieter zu schlagen! Gebieter? Wienach ist er mein Gebieter? Bin ich eine Dienstmagd? Nein! Sie sind noch weniger als eine Dienstmagd, denn Sie thun nichts für Ihren Unterhalt. Da, setzen Sie sich nieder, und denken Sie über Ihre Nichtswürdigkeit nach. Indessen hatten mich die beiden Mädchen in die bezeichnete Stube gebracht, und dort auf einen Stuhl niedergeworfen. Mein erster Gedanke war, wie eine Feder emporzuschnellen, aber zwei paar Hände brachten mich augenblicklich zum Stillsitzen. Wenn Sie nicht sitzen bleiben, so müssen wir Sie anbinden, sagte Bessie, Mamsell Abbot, leihen Sie mir ’mal Ihre Strumpfbänder, die meinigen würde sie gleich zerreißen. Mamsell Abbot machte sich bereit, das geforderte Bindemittel von ihren dicken Beinen abzulösen. Die Bereitung von Fesseln und der Gedanke an die damit verbundene neue Schmach benahm mir etwas von meiner Aufregung. Lassen Sie sie daran, rief ich. Ich will mich nicht rühren. Und zur besseren Bekräftigung des Gesagten hielt ich mich mit beiden Händen am Stuhle fest. Ich wollte es Ihnen auch nicht gerathen haben, erwiederte Bessie, indem sie, nach gewonnener Ueberzeugung, daß ich fest saß, ihre Hände von mir nahm. Darauf stellte sie sich mit Jungfer Abbot mit unterschlagenen Armen vor mich hin, und beide blickten mir düster und forschend ins Antlitz. als hielten sie mich für verrückt. Sie war früher nie so, begann nach einer Weile Bessie. Oh, es hat schon immer in ihr gesteckt. Ich habe der gnädigen Frau schon öfter meine Meinung über das Kind gesagt, und sie hat mir ganz Recht gegeben. Sie ist ein kleiner Wechselbalg! mein Lebetag habe ich noch kein Mädchen ihres Alters so heimtückisch gesehen. Bessie antwortete nicht. Nach einer kurzen Pause wandte sie sich zu mir. Sie sollten am besten wissen Miß, was Sie Mrs. Reed zu danken haben: sie allein erhält Sie. Wenn sie Sie verstößt, so kommen Sie geraden Weges ins Armenhaus. Auf solche Reden konnte ich nichts erwiedern. Sie waren mir nichts Neues; mit den ersten Vorstellungen meines Daseins hatten sich ähnliche Andeutungen gepaart. Der Vorwurf meiner Armuth und Abhängigkeit tönte mir in den Ohren, peinlich zwar und drückend, aber nur halb verständlich. Nun ließ sich auch Jungfer Abbot vernehmen. Und Sie dürfen sich gar nicht einbilden, daß Sie eben so viel sind, als die Fräulein Reed und der junge Herr Reed; etwa darum, weil Mrs. Reed die Gnade hat, Sie mit ihren Kindern aufzuziehen? Die haben sehr viel Geld, und Sie haben gar nichts, daher ziemt Ihnen Demuth, und Sie werden wohl daran thun, etwas leidlicher zu werden. Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten, fügte Bessie etwas freundlicher hinzu, versuchen Sie es mit Dienstfertigkeit und Zuvorkommenheit, vielleicht haben Sie dann eine Heimat in diesem Hause; aber wenn Sie sich roh und leidenschaftlich betragen, so wird Sie die gnädige Frau ganz gewiß fortschicken. Zudem, meinte Miß Abbot, wird sie unser Herrgott strafen, vielleicht schickt er ihr einmal mitten in den Ergüssen ihrer Bosheit den Tod, und wo soll dann ihre arme Seele hinkommen? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein lassen. Um alles in der Welt wollte ich nicht ihr Herz haben. Sagen Sie Ihre Gebete her, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn Sie keine Reue zeigen, so möchte am Ende irgend ein Gespenst den Camin herunter kommen, und Sie holen. Beide entfernten sich nun, stießen die Thüre zu, und sperrten sie hinter sich ab. Das rothe Zimmer war eine unbenützte Stube, in der selten, ich möchte beinahe sagen nie, Jemand die Nacht zubrachte, es wäre denn, daß zufällig ein großer Schwarm von Gästen Gatesheadhall überschwemmte, und es nothwendig machte, alle Räumlichkeiten des Hauses zu verwenden. Dessenungeachtet war die rothe Stube eine der größten und stattlichsten der Wohnung. Eine auf massiven Säulen von Mahagony ruhenden Bettstatt mit einem Himmel von dunkelrothem Damast stand, der Bundeslade ähnlich, in der Mitte; die zwei großen Fenster, die Fensterladen stets geschlossen, waren von Garnituren und Draperien von derselben Farbe halb verhüllt; über den Fußboden breitete sich ein rother Teppich; auch den Tisch am Fuße des Bettes deckte ein carmoisinrothes Tuch; die Wände waren lichtroth, mit einem zarten Hauche von Feuerroth gemalt, der Kleiderschrank, die Toilette, die Stühle sämmtlich von dunkel politirtem Mahagony. Aus diesen tiefen Schatten ringsum erhoben sich hoch und blüthenweiß die aufeinander geschichteten Matratzen und Federpölster des Bettes mit einer schneeigen Marseiller Steppdecke überkleidet; am Kopfe des Bettes ragte, wohl nicht ganz so hoch wie das erstere, ein weiter, gepolsterter Sorgenstuhl, gleichfalls weiß überzogen und vorne mit einem Fußschämel versehen, empor, der mir wie ein weißer Thron vorkam. Die Stube war kalt, weil man sie selten heizten still, weil sie von der Kinderstube und der Küche gleich weit entfernt lag; feierlich und unheimlich, weil man wußte, sie werde selten betreten. Blos am Sonnabend kam das Stubenmädchen herein, um von den Spiegeln und Möbeln den ungestört angesammelten Staub einer ganzen Woche abzuwischen; Mrs. Reed selbst besuchte die Stube nur in seltenen Zwischenräumen, um eine geheime Schublade im Kleiderkasten zu untersuchen, welche verschiedene Pergamente, ihr Juwelenkästchen und ein Miniaturporträt ihres verstorbenen Mannes enthielt. Ihres verstorbenen Mannes-- --in diesen Worten lag das Geheimniß der rothen Stube, der Zauberbann, welcher dieselbe trotz ihrer Größe öde und verlassen erhielt. Mr. Reed war vor neun Jahren gestorben; in der rothen Stube hatte er seinen Geist ausgehaucht; dort hatte er an Paradebett gelegen, und von dort hatten die Leichenmänner seinen Sarg abgeholt, und von jenem Tage an hatte eine gewisse Weihe das Zimmer vor häufigen und längerem Aufenthalte bewahrt. Der Sitz, auf welchem mich Bessie und die bitterböse Mamsell Abbot festgebannt hatten, war eine niedrige Ottomane nächst dem marmornen Caminmantel. Vor mir erhob sich das Bett, zu meiner Rechten stand der hohe, finstere Kleiderschrank, in dessen politirten Thüren sich die verschiedenartig gebrochenen Reflexe abspiegelten; links präsentirten sich die verhüllten Fenster und ein zwischen den letzteren angebrachter Spiegel gab das unheimlich großartige Bild des Bettes und der ganzen Stube wieder. Ich wußte nicht ganz gewiß, ob man die Thüre zugesperrt hatte; ich nahm mir die Freiheit aufzustehen und sah nach. Ach, ja! Nie war der Ausgang eines Kerkers besser verwahrt. Zu meinem Sitze zurückkehrend, mußte ich vor dem Spiegel vorbei; mein Blick fiel, unwillkürlich gefesselt, darauf, gleichsam um die Tiefe zu ergründen, die das Glas zu decken schien. Alles sah in dieser eingebildeten Vertiefung frostiger und finsterer aus, als in der Wirklichkeit und die sonderbare kleine Gestalt, mit weißem Gesicht und Armen, mit vor Furcht zwinkernden Augen, welche, sich im düstern Hintergrunde der Spiegelfläche abzeichnen, mir in der unbeweglichen Umgebung zitternd entgegen blickte, gemahnte mich an ein wirkliches Gespenst. Sie kam mir vor wie eines jener nebelhaften Phantome, halb Fee halb Nixe, von denen uns Bessie in ihren Märchen erzählt hatte, sie stiegen in fernen, dunstigen Sümpfen vor den Augen verspäteter Wanderer aus der Erde empor. Ich setzte mich wieder auf meinen alten Platz. In diesem Augenblicke kam der Aberglaube über mich, aber noch hatte die Stunde seines vollständigen Sieges nicht geschlagen. Noch rann mein Blut warm durch die Adern; noch erhielt mich der Trotz der empörten Sclavin in aufrechter Spannung: ich mußte eine wilde Flut von Gedanken aus der Vergangenheit vorbeiströmen lassen, bevor der Wellenschlag der Gegenwart an mich gelangen konnte. Alle Martern und Qualen, die ich von John Reed erduldet, alle die stolze Verachtung seiner Schwestern, die offene Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit des Gesindes kamen in meinem wild erregten Gemüthe auf die Oberfläche, wie der Schlamm in den Fluten einer aufgetrübten Quelle. Warum mußte denn gerade ich immer leiden, die Augen traurig zu Boden senken; warum verklagte, warum verdammte man denn gerade nur mich? Warum war es mir denn unmöglich zu gefallen, warum nutzlos, irgend Jemandes Zuneigung erlangen zu wollen? Elise, das eigensinnige, selbstsüchtige Mädchen ward verehrt; Georgine mit ihrem launischen Wesen, ihrer herben Bissigkeit, ihrem herausfordernden und kecken Betragen war bei Allen wohlgelitten. Ihre Schönheit, ihre rothen Wangen, ihre goldenen Locken schienen Jedermann zu entzücken und für die Fehler des Kindes schadlos zu haben. John wurde nicht das Mindeste in den Weg gelegt, geschweige denn, daß er gestraft worden wäre, wiewohl er den Tauben den Hals umdrehte, die kleinen Hühnchen todtschlug, die Hunde auf die Schafe hetzte, die Trauben aus dem Treibhause stahl, die Knospen der seltensten Pflanzen im Gewächshause abriß. Seine Mutter nannte er nicht anders als „altes Mensch“, machte sich zuweilen über ihre unreine, seiner eigenen ähnliche Gesichtsfarbe lustig. Ihre Wünsche und Bitten beachtete er nicht im Geringsten; nicht selten verdarb und zerriß er aus Muthwillen ihre seidenen Kleider und dennoch war und blieb er «ihr liebes, theures Söhnchen. Ich dagegen machte mich keines Fehlers schuldig; ich bemühte mich, allen meinen Pflichten nachzukommen: und doch nannte man mich nichtswürdig, eklig, verstockt und heimtückisch von Früh bis Mittag und von Mittag bis in die Nacht. Mein Kopf schmerzte mich noch immer und die Wunde, die ich mir im Fallen geschlagen, blutete ohne Unterlaß. Kein Mensch hatte es John verwiesen, daß er mich ohne Ursache mißhandelte und weil ich mich gegen ihn wandte, um weitere unvernünftige Martern von mir abzulenken, wurde ich von Allen verdammt und mit Schmach überhäuft. Das ist Unrecht--himmelschreiendes Unrecht!--rief mir mein durch die erlittenen Mißhandlungen frühzeitig, wiewohl vorübergehend gereifter Verstand zu, und meine gleichfalls unnatürlich gesteigerte Willenskraft trieb mich zu irgend einem ungewöhnlichen Ausweg, um weiterer Unterdrückung zu entgehen--etwa indem ich davon lief oder weder aß noch trank und mich so zu Tode hungerte. Wie groß war meine Bestürzung an jenem düsteren Nachmittage, wie sehr mein Geift aufgeregt und mein Herz empört! Und inmitten welch' finsterer Unwissenheit wurde dieser geiftige Kampf ausgekämpft! Ich war nicht im Stande, auf die unausgesetzte Frage in meinem Innern, warum ich denn so viel erleiden müßte, eine Antwort zu finden. Nun, nach einem Zeitraume von, ich will nicht sagen, wie vielen Jahren ist mir Alles klar. Meine Existenz in Gatesheadhall war ein Mißton; mein Wesen stimmte dort mit Niemand überein, weder mit Mrs. Reed und ihren Kindern, noch mit ihren erkorenen Vasallen. Ich liebte sie ebensowenig, als sie mich leiden konnten. Sie fühlten sich nicht zu einem Wesen hingezogen, das mit ihnen nicht sympathisiren konnte, ein Wesen, das nach Temperament, geistigen Anlagen und Fähigkeiten so himmelweit von ihnen verschieden war; ein unnützes Geschöpf, welches weder ihren Vortheil fördern, noch zu ihrem Vergnügen beitragen mochte, welches sogar insofern als schädlich erschien, als es einen beständigen Unwillen über ihre Behandlung nähren, ihren Blödsinn mitleidig belächeln mußte. Ich bin überzeugt, daß, wäre ich ein munteres, hübsches, sorgloses, eigensinniges, ja polterndes-- wenngleich ebenso von fremden Gnaden abhängiges, freudeloses--Kind gewesen, Mrs. Reed meine Gegenwart gut weit mehr gutem Willen ertragen hätte. Die Kinder selbst wären mir, als Spielcameraden wenigstens, mehr zugethan gewesen; die Dienstboten würden es nicht gewagt haben, mich zur Zielscheibe der Neckereien in der Kinderstube zu machen. Das Tageslicht begann aus der rothen Stube zu schwinden. Es schlug vier Uhr und der umwölkte Himmel ließ die schaurige Dämmerung zeitlich herein brechen. Ich hörte en Regen ohne Unterlaß an die Fenster des Treppenhauses anschlagen und den Wind durch das Lustwäldchen hinterm Hause heulen; nach und nach wurde ich kalt wie Marmor und der Muth sank mir immer tiefer. Mein gewöhnliches Bewußtseyn des eigenen Unwerthes, der Ohnmacht, des Drückenden meiner Lage, fiel gleichsam feucht auf die glimmenden Kohlen meines verlöschenden Zornes nieder. Alles nennt mich schlecht, dachte ich, vielleicht bin ich es auch in der That. Wie konnte es mir eben einfallen, mich durch Hunger tödten zu wollen? Das wäre ja eine Sünde! Und dann, wäre ich denn auch zum Tode vorbereitet? Oder wäre etwa das Gewölbe unter der Kanzel der Kirche von Gateshead eine so einladende Ruhestätte? Ich wußte, daß Herr Reed in einer solchen Gruft beigesetzt wurde und durch diese Vorstellung auf den Gedanken an ihn selbst gebracht. verweilte ich bei dieser Idee mit wachsender Furcht. Ich konnte mich seiner nicht mehr entsinnen; aber ich hatte gehört, er sey mein leiblicher Onkel, m einer Mutter Bruder gewesen; er habe mich als eine elternlose Waise zu sich genommen und in seinen letzten Augenblicken sich von Mrs. Reed feierlich versprechen lassen, sie wolle mich auch ferner wie ihr eigenes Kind halten. Mrs. Reed war jedenfalls der Ansicht, sie erfülle ihr Versprechen pünktlich; und die Wahrheit zu sagen, that sie dies auch, so gut als es ihr Charakter zuließ; aber wie konnte sie denn auch einen Einschübling, der nicht ihres Stammes und nach ihres Gatten Tode mit ihr in keiner weiteren Verbindung war, irgendwie lieben? Im Gegentheile mußte es für sie sehr drückend seyn, sich durch ein mit Widerstreben gegebenes Wort verbunden zu wissen, an einem fremden, ungeliebten Kinde Mutterstelle zu vertreten, einen fremden Eindringling fortwährend in der Mitte ihrer eigenen Kinder zu sehen. Ein sonderbarer Gedanke tauchte in mir auf. Ich zweifelte nicht und hatte nie daran gezweifelt, daß Mr. Reed--wenn er am Leben geblieben wäre--mich gewiß gut behandelt hätte. und nun, wie ich so dasaß, die Augen auf das weiße Bett und die dunklen Wände, gelegenheitlich auch auf den schwach erglänzenden Spiegel gerichtet, erinnerte ich mich an Alles, was ich bisher von Abgeschiedenen gehört hatte, die, weil sie die Uebertretung ihrer letzten Wünsche aus der letzten Ruhe aufgescheucht, wieder auf der Erde erschienen waren, um die Eidbrüchigen zustrafen und die Unterdrückten zu rächen; auch Mr. Reed's Geist müsse, so dachte ich, über das dem Kinde seiner Schwester angethane Unrecht empört, seinen Aufenthalt--die Gruft in der Kirche, oder die unbekannte Wohnung der Seligen--verlassen und mir in diesem Zimmer erscheinen. Ich trocknete meine Thränen und ließ das Seufzen; denn wie leicht konnte irgend ein Ausbruch heftigen Schmerzes eine übernatürliche Stimme zu meinem Troste wecken, oder der Finsterniß die Erscheinung eines lichtumflossenen Antlitzes entlocken, das sich voll himmlischen Mitgefühls über mich herniederneigte. So sehr auch diese Idee in der Vorstellung Trost einflößte, so sehr fühlte ich das Grauenhafte einer möglichen Verwirklichung; ich bekämpfte sie daher mit aller Macht und versuchte es Muth zu fassen. Mir die wirren Haare aus dem Gesichte streichend, hob ich den Kopf in die Höhe und bemühte mich, keck in dem finstern Zimmer herumzublicken. In diesem Augenblicke erglänzte ein Lichtstrahl an der Wand. War es das Mondlicht, das sich durch eine Ritze des Fensterladens hereinstahl? Unmöglich; das Mondlicht ist unbeweglich und jener Strahl irrte unstät hin und her; während ich ihn ins Auge faßte, glitt er zur Zimmerdecke hinauf und zitterte über meinem Haupte. Jetzt kann ich mir freilich erklären, daß die ganze Erscheinung ihren Ursprung aller Wahrscheinlichkeit nach dem Lichte einer Laterne verdankte, die irgend Jemand über den Grasplatz vor dem Hause trug; aber in jener Stunde, wo mein Geist für alle Schrecknisse empfänglich war, meine Nerven in der ungeheuersten Aufregung zuckten, hielt ich den wandernden Lichtschein für den Vorboten einer kommenden Vision aus dem fernen Jenseits. Mein Herz pochte hörbar, meine Stirne brannte wie Feuer; ein Geräusch, welches mir das Rauschen von Fittigen dünkte, schlug an mein Ohr: irgend Etwas näherte sich; der Athem verging mir, die Angst drückte mich nieder; ich rannte ur Thüre und zog an der Klinke mit der Kraft der Verzweiflung. Schritte kamen heran, der Schlüssel drehte sich im Schlosse, Bessie und Abbot traten in die Stube. Sind Sie krank, Miß Eyre? frug Bessie. Welch ein schreckliches Geschrei! rief Abbot; es ging mir ordentlich durch Mark und Bein. Führt mich fort, bringt mich in die Kinderstube! schrie ich ohne Unterlaß. Weswegen? Haben Sie sich verletzt? Ist Ihnen etwas zu Gesicht gekommen? frug Bessie wieder. Oh! ich sah ein Licht und ich dachte ein Gespenst werde kommen. Dabei faßte ich Bessie's Hand, welche sie nicht zurückzog. .Sie hat absichtlich aufgeschrieen , erklärte Abbot, offenbar sehr übel gelaunt. Und was das für ein Lärm war! Hätte sie große Schmerzen, so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte uns nur Alle auf die Beine bringen, ich kenne ihre boshaften Streiche nur zu gut. Was soll das Alles bedeuten? ließ sich eine andere Stimme in gebieterischem Tone vernehmen, und Mrs. Reed kam mit fliegender Haube und flatterndem Gewand den Gang heraufgerauscht. Abbot! Bessie! Habe ich nicht befohlen, Jane soll so lange in der rothen Stube bleiben, bis ich sie selbst abhole? Aber Miß Jane schrie so laut auf, entschuldigte sich Bessie. Laßt sie gehen, war die Antwort. Laß Bessie's Hand los; es wird Dir nicht gelingen, Dich durch solche Mittel frei zu machen, das kannst Du mir glauben. Ich hasse und verachte Verstellung, besonders bei Kindern, es ist meine Pflicht Dir zu beweisen, daß Kunstgriffe nicht zum Ziele führen. Du wirst nunmehr eine Stunde länger hier bleiben und nur unter der Bedingung will ich Dich dann in Freiheit setzen, daß Du Dich vollkommen unterwürfig zeigst und ganz still verhältst. Liebe Tante, haben Sie Mitleid! Vergeben Sie mir. Ich halte es nicht aus--strafen Sie mich auf eine andere Weise. Ich bin des Todes, wenn-- Stille, sage ich! Diese Heftigkeit ist wirklich anwidernd. Wie sie sprach, so fühlte sie auch ohne Zweifel. In ihren Augen erschien ich als eine frühreife Schauspielerin, als ein Ausbund von bösen Leidenschaften, gemeiner Gesinnung und gefährlicher Doppelzüngigkeit. Nachdem sich Bessie und Abbot zurückgezogen hatten, warf mich Mrs. Reed, ungeduldig über den erneuerten Ausbruch meiner Furcht und über mein wildes Gestöhne, ohne alle Umstände und ohne ein Wort zu verlieren in die Stube hinein, die sie nach mir absperrte. Ich hörte sie hinwegrauschen und bald nachdem sie abgegangen war, muß ich in eine Art Ohnmacht gefallen seyn, denn Bewußtlosigkeit schloß die Scene. Drittes Capitel. Der Umstand, auf den ich mich zunächst erinnere, war mein Erwachen, nachdem, wie es mir vorkam, lange Zeit der Alp auf mir lag und ein rother Schein hinter einem dicken, dunklen Gitter meine Augen geblendet hatte. Ich hörte Stimmen, deren Ton mir ungewöhnlich hohl klang, als hätte ihnen das Rauschen des Windes und des Wassers ihren Klang benommen. Aufregung, Unsicherheit und ein Alles beherrschendes Gefühl der Angst verwirrte mir die Sinne. Später wurde ich gewahr, daß sich Jemand mit mir beschäftigte, mich in die Höhe hob und zum Sitzen brachte und zwar in weit zarterer Weise, als man dies je mit mir gethan. Ich legte meinen Kopf bald auf ein Kissen bald auf einen Arm und fühlte mich wohl. Beiläufig fünf Minuten nachher lösten sich die Fesseln der Bewußtlosigkeit; ich erkannte, daß ich in meinem Bette lag und der rothe Glanz von dem Camin feuer der Kinderstube herrührte. Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem Tische; Bessie stand am Fuße des Bettes, ein Becken in der Hand, und ein Herr, in einem Armstuhle nächst meinem Kopfkissen sitzend, beugte sich über mich. Ein unaussprechliches Wohlseyn, die beruhigende Ueberzeugung von Schutz und Sicherheit bemächtigten sich meiner, als ich einen Fremden an meiner Seite sah, eine Person, die nicht nach Gatesheadhall gehörte und zur Familie Reed in keiner Beziehung stand. Meine Blicke von Bessie, deren Gegenwart mir indessen lieber war, als diejenige Abbot's, abwendend, sah ich mir den Herrn genauer an. Ich kannte ihn; es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zeitweilig holen ließ, wenn den Dienstboten etwas zustieß; für sich und ihre Kinder nahm sie einen ordentlichen Arzt. Nun, wer bin ich denn? fragte er mich. Ich nannte seinen Namen und reichte ihm meine Hand. Er nahm sie in die seinige und sagte freundlich lächelnd: Es wird nach und nach schon besser werden. Dann legte er mich zurecht und trug Bessie auf, Acht zu geben, damit ich in der Nacht nicht gestört würde. Nachrem er noch einige weitere Verhaltungsvorschriften angegeben und versprochen hatte, am nächsten Morgen wieder zu kommen, empfahl er sich. Mit inniger Trauer sah ich ihn sich entfernen; ich fühlte mich so sicher und heimlich, während er an meinem Bette saß, und als er die Thüre hinter sich zuzog, schien sich die Stube zu verfinstern, mein Herz stand still und tiefe Betrübniß erfüllte mir die Seele. Glauben Sie wohl, daß Sie schlafen können, Miß? frug Bessie ungewöhnlich sanft. Ich wagte es kaum zu antworten; ich fürchtete, ihre nächste Ansprache müßte rauh ausfallen. Ich will sehen, sagte ich. Wollen Sie trinken, oder vielleicht etwas essen? Nein, liebe Bessie, ich danke. Dann will ich zu Bette gehen, denn es ist Mitternacht vorüber. Sie mögen mich indessen nur rufen, wenn Sie in der Nacht etwas wünschen. Eine wunderbare Freundlichkeit, das! Ich faßte Muth eine Frage zu stellen. Was ist's denn eigentlich mit mir, Bessie? bin ich krank? Es wurde Ihnen in der rothen Stube übel vor lauter Schreien und Weinen, denke ich. Es wird ohne Zweifel bald wieder gut werden. Bessie begab sich fortan in die Dienstmädchenstube. Ich hörte sie mit einem der Mädchen sprechen. Sarah, komm, schlaf' mit mir in der Kinderstube; ich möchte heut' Nacht um Alles in der Welt nicht mit dem armen Kinde allein bleiben. Es könnte am Ende sterben; denn der Anfall, den sie hatte, war sonderbar. Sie muß irgend ein Gesicht gehabt haben und die gnädige Frau verfuhr auch viel zu hart mit ihr. Bessie kam in Sarah's Begleitung zurück; die beiden Mädchen legten sich nieder und flüsterten noch fast eine halbe. Stunde mit einander, bevor sie einschliefen. Ich faßte bloße Bruchstücke ihrer Unterredung auf, die indessen hinlängliches Licht über den Hauptgegenstand verbreiteten. Irgend ein Gespenst erschien ihr, ganz weiß gekleidet, und verschwand dann wieder ... ein schwarzer Hund ... lief hinterher; es pochte dreimal an die Stubenthür, -- am Kirchhof zeigte sich ein Licht über seinem Grabe? -- u. s. w. Endlich waren sie eingeschlafen; das Feuer ging aus, die Kerze verlosch. Ich selbst brachte die Stunden der Nacht in träumerischem Halbschlummer zu, Ohren, Augen und Geist gleich sehr von Furcht gespannt, jener Furcht, deren nur Kinder empfänglich sind. Der Unfall im rothen Zimmer zog keine heftige und langwierige körperliche Krankheit nach sich, aber meine Nerven erlitten eine Erschütterung, deren Nachhalt ich noch bis auf den heutigen Tag verspüre. Ja, Mrs. Reed, Sie allein haben die Qualen meines geistigen Siechthums zu verantworten; aber ich vergebe Ihnen, denn Sie wußten nicht, was Sie thaten; indem Sie mir das Herz aus dem Leibe rissen, dachten Sie blos meine bösen Neigungen mit der Wurzel auszurotten. Tags darauf, um die Mittagszeit, war ich schon außer Bett, fast angezogen, in einen Shawl eingewickelt, am Camin. Ich war zwar körperlich schwach und wie gelähmt, aber mein größtes Leiden war ein geiftiges, ein Gefühl des Elends und Jammers, das mir immerwährend stille Thränen entlockte; kaum hatte ich die eine getrocknet, als auch schon wieder die nächste die Wange herunterrann. Und doch hätte ich mich eigentlich glücklich fühlen sollen, denn kein Glied der Familie Reed befand sich in meiner Nähe, sie waren alle mit ihrer Mama ausgefahren, auch Abbot saß im andern Zimmer und nähte, Bessie hingegen richtete von Zeit zu Zeit, während sie Spielsachen an Ort und Stelle legte und Schubladen in Ordnung brachte, ungewöhnlich fneundliche Worte an mich. Dieser Zustand hätte mir, da ich an ewiges Schelten an endlose Zurechtweisungen gewöhnt war, als ein wahres Paradies der Ruhe erscheinen sollen, doch meine überreizten Nerven waren augenblicklich in einer so krankhaften Verfassung, daß sie weder durch Ruhe besänftigt, noch durch Freude angenehm erregt werden konnten. Bessie war in die Küche hinabgegangen und kam mit einer Torte auf einem wohlbekannten, buntbemalten Porzellanteller wieder. Der Paradiesvogel auf dem Teller, in einem Kranze von Winden und Rosenknospen nistend, hatte stets meine enthusiastische Bewunderung erregt und oft hatte ich es mir als eine besondere Gnade erbeten, den Teller in die Hand nehmen und näher besehen zu dürfen, ohne daß man mich bisher einer solchen Auszeichnung für würdig erachtet hätte. Eben dieses kostbare Geschirr lag nun auf meinen Knien und die Bretze von süßem Teig lud fast unwiderstehlich zum Genusse ein. Doch unbeachtet blieb diese Gunst! Wie so manches andere lang ersehnte und lang verschobene Glück kam sie zu spät! Ich konnte das Backwerk nicht essen; das Gefieder des Vogels, der Schmelz der Blumen, Alles schien mir sonderbar verblaßt: ich stellte Teller und Torte bei Seite. Bessie meinte, ob ich vielleicht ein Buch haben möchte. Das Wort Buch machte auf mich einen, wenn auch vorübergehenden Eindruck und ich bat sie, mir Gulliver's Reisen zu holen. Ich hatte dieses Werk unendlich oft und immer wieder mit neuem Vergnügen durchgeblättert, ich hielt es für eine Erzählung von Thatsachen und sah darin den Quell eines weit lebhafteren Interesses, als mir Feenmärchen einflößen konnten; denn, nachdem ich die Elfen umsonst unter den Blättern und Blumenglocken der Fingerhutpflanze, unter Schwämmen und zwischen dem an alten Nischen hinaufrankenden Immergrün gesucht hatte, wurde mir die traurige Wahrheit offenbar, die Feen seyen sammt und sonders aus England in weniger bevölkerte, mildere und waldreichere Gegenden ausgewandert. Liliput und Brobdignag hingegen dachte ich mir als wirkliche Theile des Erdballs, und somit zweifelte ich keinen Augenblick an der Möglichkeit, eines Tages, bei Gelegenheit einer größeren Reise, mit eigenen Augen die kleinen Felder, Häuser und Bäume, die winzigen Bewohner, Kühe, Schafe und Vögel des einen Landes, so wie die baumhohen Kornfelder, die mächtigen Haushunde, die ungeheuren Katzen, die thurmhohen Männer und Weiber des andern sehen zu können. Und nun, als ich das geliebte Buch in die Hände bekam, als ich darin blätterte und es versuchte, den Zauber hervorzurufen, den die Bilder sonst auf mich ausgeübt, erschien mir Alles trocken und unbedeutend; die Riesen kamen mir wie ungeschlachte Kobolde, die Zwerge wie boshafte, furchterregende Gnomen, Gulliver selbst wie ein langweiliger Wanderer in öden und gefährlichen Gegenden vor. Ich machte das Buch zu, in dem ich nicht weiter zu lesen wagte, und legte es auf den Tisch neben die unberührte Torte. Bessie war inzwischen mit dem Fegen und Aufräumen der Stube fertig geworden. Sie wusch ihre Hände, öffnete eine Schublade voll schöner seidener und atlassener Bänder und machte sich daran. eine neue Haube für Georginens Puppe aufzuputzen. Dazu sang sie ein Lied, welches mit den Worten beginnt. Da wir noch herumgepilgert Vor gar langer, langer Zeit. Ich hatte das Lied vordem sehr oft gehört und immer mit dem größten Vergnügen, denn Bessie hatte eine sanfte, weiche Stimme, wenigstens kam es mir so vor. Dazumal aber, wiewohl ihre Stimme eben so sanft erklang, machte sie auf mich einen äußerst melancholischen Eindruck. Von Zeit zu Zeit, wenn sie ihre Arbeit zu sehr in Anspruch nahm, sang sie die Schlußworte gedehnt und leise, daß sie wie der Tonfall einer Leichenhymne ans Ohr schlugen. Dann ng sie zu einem andern Liede, einer wahrhaften Elegie über. Wie schmerzen die Füße, wie brennen die Glieder. Weit ist der Weg und wild heult der Wind; Bald steigt die grausige Dämmerung nieder, Schreckt das verlassene Waisenkind. Wer stoßt hinaus mich in's frostige Leben, Wo Sümpfe und Felsen im Wege mir sind? Hartherzige Menschen; doch Engel umschweben Liebend das einsame Waisenkind. Von ferne weht sanft mir die Nachtluft entgegen; Es glänzen die Sterne, das Wetter ist lind: Gott der Barmherzige schickt seinen Segen, Tröstung und Stärkung dem Waisenkind! Und stürzt' unterwegs ich vom wankenden Stege, Versänke im Sumpfe, es nähme geschwind Der gütige Vater in himmlische Pflege In sich das verlassene Waisenkind. Die Eine Hoffnung, sie leuchtet von Weiten: Wenn einsam die letzte Stunde verrinnt, Englein im Himmel die Ruhstatt bereiten Dem armen verlassenen Waisenkind. Ei, Miß Jane, weinen Sie doch nicht so, sagte Bessie, als sie ihr Lied zu Ende gesungen hatte. Eben so gut hätte sie dem Feuer gebieten können nicht zu brennen. Aber wie konnte sie auch das schwere Leid ahnen, das mich zu Boden drückte? Im Verlaufe des Morgens erneuerte Mr. Lloyd seinen Besuch. Wie, Sie sind schon auf! rief er, als er ins Zimmer trat. Nun, Bessie, wie geht's der Kleinen? Bessie erwiederte, ich wäre recht wohl. Wenn das ist, so sollte sie auch ein munteres Ansehen haben. Kommen Sie zu mir, Miß Jane; so heißen Sie ja doch, nicht wahr? Ja wohl, lieber Herr, Jane Eyre. Nun denn, Miß Jane, Sie haben geweint. Können Sie mir sagen, was diese Thränen bedeuten? Haben Sie irgend welche Schmerzen? Nein, mein Herr! Ach, ich glaube sie weinte, weil Sie nicht mit der gnädigen Frau ausfahren konnte, erklärte Bessie. O gewiß nicht; sie ist zu groß, um so kindisch zu seyn! So dachte ich auch und da diese Beschuldigung meine Selbstachtung verletzte. so erwiederte ich schnell: Wegen einer solchen Kleinigkeit habe ich noch nie geweint; im Gegentheil es ist mir unausstehlich, wenn ich spaziren fahren muß. Ich habe blos geweint, weil ich mich gar so unglücklich fühle. Pfui doch, Miß! schalt Bessie. Den guten Apotheker schien dieses Zwiegespräch etwas aus der Fassung zu bringen. Ich stand vor ihm; er heftete seine Augen unverwandt auf mich. Sie waren klein und grau, hatten aber, wie mir schien, einen ungemein klugen Ausdruck. Sein Gesicht sah grobzügig, aber sehr wohlwollend aus. Nachdem er mich eine Weile betrachtet hatte, sagte er: Wovon wurden Sie denn eigentlich gestern krank? Sie that einen bösen Fall, nahm Bessie abermals das Wort. Sie that einen bösen Fall! Wie kindisch! Kann sie denn in ihrem Alter noch nicht gehen? Sie ist ja wenigstens acht bis neun Jahre alt. Ich wurde zu Boden geschlagen, platzte ich heraus, mein neuerdings angegriffenes Selbstgefühl vertheidigend. Indessen machte mich das allein nicht krank, setzte ich hinzu, während Mr. Lloyd eine Prise nahm. Als er seine Dose in die Westentasche steckte, ertönte die Glocke zum Mittagessen für das Gesinde, er wußte, was es zu bedeuten hatte. Das geht Sie an, sagte er zu Bessie; Sie können gehen, ich will dem Fräulein etwas vorlesen, bis Sie wieder kommen. Bessie wäre freilich lieber in der Stube geblieben; sie mußte jedoch gehen, da bei den Mahlzeiten in Gatesheadhall die größte Pünktlichkeit zur Pflicht gemacht wurde. Der Fall hat Sie also nicht krank gemacht? Was war denn die Ursache Ihres plötzlichen Unwohlseyns? fuhr Mr. Lloyd fort, nachdem sich Bessie entfernt hatte. Man hatte mich in der Finsterniß in eine Stube eingesperrt, wo es Gespenster gibt. Mr. Loyd lächelte und zog die Stirne kraus: Ein Gespenst! Sie sind am Ende doch nur ein albernes Kind. Fürchten Sie sich denn vor Gespenstern? Vor Mr. Reed's Geist allerdings: erstarb in jenem Zimmer und war dort auch ausgestellt. Weder Bessie noch irgend Jemand betritt es zur Nachtszeit, wenn er es anders vermeiden kann; und es war sehr grausam, mich ganz allein ohne Licht hineinzusperren, so grausam, daß ich es wohl mein Lebelang nicht vergessen werde. Unsinn! und das macht Sie so elend? Fürchten Sie sich auch jetzt bei helllichtem Tage? O nein! aber in wenigen Stunden ist's wieder Nacht. Uebrigens bin ich unglücklich, höchst unglücklich, auch an- derer Dinge wegen. Was sind das für andere Dinge? Können Sie mir welche davon nennen? Wie so gerne hätte ich auf diese Fragen geantwortet! Wie schwer war es aber für mich, die gehörigen Worte zu finden Kinder können wohl fühlen, aber nicht ihre Gefühle beschreiben, und ist auch die Beschreibung theilweise in Gedanken vollendet, so bleibt noch immer die Schwierigkeit, sie in lebendiger Rede wiederzugeben. Vor Angst, diese erste und einzige Gelegenheit, meine Leiden durch Mittheilung derselben zu lindern, vorübergehen zu lassen, Hersuchte ich es inzwischen, nach einer Pause furchtsamer Zögerung, eine schlichte. jedoch so weit wie möglich wahre Antwort zu geben. Erstlich habe ich weder Vater, noch Mutter, weder Brüder, noch Schwestern. Sie haben eine gute Tante und liebe Geschwisterkinder. Wieder hielt ich inne, dann fuhr ich muthig fort: Gerade John Reed war es, der mich zu Boden schlug, und die Tante schloß mich ins rothe Zimmer ein. Mr. Lloyd nahm eine zweite Prise. Scheint Ihnen Gatesheadhall kein schönes Haus zu seyn und danken Sie nicht Gott, einen so schönen Aufenthaltsort zu haben? Es ist nicht mein e Heimat, Sir, und Abbot sagt ich hätte ein geringeres Recht auf einen Platz in diesem Hause, als ein Dienstbote. Bah! Sie werden doch nicht so albern seyn und eine glanzvolle Wohnung verlassen wollen? Könnte ich wo anders hingehen, würde ich mich glücklich schätzen, mich entfernen zu können; aber ich kann nicht früher von Gatesheadhall wegkommen, bis ich erwachsen bin. Vielleicht wäre es früher möglich--wer kann es wissen? Haben Sie außer Mrs. Reed noch andere Verwandte? Ich denke nicht. Auch von väterlicher Seite keine? Ich weiß es wirklich nicht; ich befragte einmal Tante Reed darüber und sie sagte, ich könnte möglicherweise noch einige arme, geringe Verwandte meines Namens haben, aber bestimmt könne sie es nicht sagen. Nun, und wenn Sie welche hätten, wollten Sie zu ihnen gehen? Ich dachte nach. Erwachsenen Leuten erscheint die Armuth schrecklich; bei Kindern ist dies noch mehr der Fall: sie machen sich keine Vorstellung von der fleißigen, arbeitsamen, achtenswerthen Armuth, sie können dieses Wort nur mit zerrissenen Kleidern, schmutziger Nahrung, ungeheizten Stuben, rohen Manieren und herabwürdigenden Lastern in Verbindung bringen. Für mich schien Armuth gleichbedeutend mit Verworfenheit. Ach nein! Ich möchte nicht armen Leuten angehören, gab ich zur Antwort. Auch nicht, wenn sie Sie freundlich behandelten? Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mir gar nicht denken, wie noch arme Leute die Mittel haben sollten, mit ihren Kindern gut und freundlich zu seyn; und zudem sollte ich mir wohl ihre Sprache angewöhnen, ihre Manieren annehmen, ohne Erziehung, wie die armen Weiber aufwachsen, die ich dann und wann vor den Hütten unseres Dorfes ihre Kinder warten oder ihre Kleider waschen sah! Nein, ich war nicht heldenmüthig genug, meine Freiheit um den Preis des Herabsteigens in eine sogenannte niedrige Kaste zu erkaufen. Sind denn Ihre Verwandten wirklich so sehr arm? Sind sie Handarbeiter? Ich weiß es nicht; Tante Reed sagt, wenn ich noch welche habe, so müßten sie wohl betteln; ich möchte um Alles in der Welt nicht betteln. Möchten Sie wohl in eine Schule gehen? Ich überlegte von Neuem. Ich wußte kaum, was eine Schule sey. Bessie bezeichnete mit dieser Benennung einen Ort, wo junge Damen auf Streckstühlen säßen, Schnürleiber trügen und sehr artig und ordentlich seyn müßten; John Reed war zwar auf seine Schule sehr schlecht zu sprechen und schimpfte ganz abscheulich über seine Lehrer, indessen war Johns Geschmack kein Muster für den meinigen und wenn auch Bessie's Erzählungen von Schuldisciplin, die sie in einer Familie, wo sie zuvor gedient, gesammelt hatte, nicht sehr anziehend lauteten, so wurden sie doch durch die Beschreibung der Vollkommenheiten, welche sich junge Fräulein in solchen Erziehungsanstalten aneigneten, hinlänglich aufgewogen. Sie erzählte von schönen Blumen und Landschaften, die sie malten, von Liedern, die sie sängen, von Musikstücken, die sie spielten, von gehäkelten Geldbörsen, französischen Uebersetzungen und dergleichen, bis ich mich vor lauter Zuhören zum Wetteifer angespornt fühlte. Zudem dachte ich, brächte die Schule einen vollständigen Wechsel in mein Leben; eine lange Reise, eine gänzliche Trennung von Gatesheadhall, der Eintritt in ein neues Daseyn, war mit dem Uebertritt in eine Erziehungsanstalt nothwendigerweise verbunden. Ich möchte in der That gerne in eine Schule gehen, lautete der hörbare Schluß meiner innerlichen Betrachtungen. Nun gut, wer weiß was sich zuträgt, sagte Mr. Lloyd, als er aufstand. Das Kind braucht eine Luft- und Ortsveränderung, fügte er halblaut hinzu, ihr Nervensystem ist in einem üblen Zustande. Bessie trat in die Stube. Zu gleicher Zeit hielt ein Wagen vor der Thür. Ist das die Frau vom Hause, Kindermädchen? frug Mr. Lloyd, ich möchte gerne mit ihr sprechen, bevor ich gehe. Bessie ersuchte ihn, sich in das Frühstückzimmer zu bemühen und ging vorne weg. Aus späteren Bemerkungen schloß ich, daß der Apotheker in dieser Zusammenkunft darauf hinwies, wie gut es wäre, mich in eine Erziehungsanstalt zu schicken, welche Idee von Mrs. Reed zweifelsohne schleunigst aufgefaßt wurde. Denn eines Abends, als ich schon im Bette lag und anscheinend schlief, sagte Abbot zu Bessie, während sie in der Kinderstube aufsaßen und nähten, die gnädige Frau wäre sehr froh, ein so widerliches, unartiges Kind vom Halse zu kriegen, das immer aussähe, als überwachte es Andere und sänne unter der Hand auf böse Streiche. Allem Anscheine nach muthete mir Abbot die Fähigkeiten einer Art kindlichen Guy Fawkes zu. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch aus Mamsell Abbot's Mittheilungen an Bessie zum ersten Male, daß mein Vater ein armer Geistlicher war; daß ihn meine Mutter gegen den Willen ihrer Familie geheirathet hatte, welche diese Verbindung als eine Mißheirath ansahen; daß mein Großvater über diesen Ungehorsam empört, seine Tochter gänzlich enterbte; daß mein Vater nach einer kaum einjährigen Verbindung mit meiner Mutter dem Typhus erlag, den er sich beim Krankenbesuche in seinem Sprengel einer Fabriksstadt, wo gerade diese Epidemie herrschte, geholt hatte; daß meine Mutter, von ihrem Gatten angesteckt, vier Wochen darauf gleichfalls das Zeitliche segnete. Die arme Miß Jane ist wirklich zu bedauern, Abbot, sagte Bessie am Ende der Erzählung mit einem tiefen Seufzer. Ja wohl, erwiederte Abbot, wenn sie nur ein hübsches, nettes Kind wäre, dann könnte man sich noch für ihre Verlassenheit interessiren; aber bei einer kleinen Kröte wie die ist's rein unmöglich. Ganz gewiß , stimmte Bessie bei, jedenfalls müßte ein schönes Kind wie Miß Georgine in derselben Lage ungleich mehr Mitleid erwecken. Ach ja , rief Abbot in Extase aus. Ich schwärme für Miß Georgine. Die liebe theure Seele, mit ihren langen Locken und veilchenblauen Augen! Was für eine schöne Gesichtsfarbe das Herzchen hat, just wie gemalt! Bessie, ich hätte auf ein Kaninchen zum Nachtessen Appetit. Ich auch--etwa mit einer gebratenen Zwiebel. Kommen Sie, wir wollen hinunter gehen. Sie entfernten sich. Viertes Capitel. Aus meinem Gespräche mit Mr. Lloyd und aus der eben angeführten Unterredung zwischen Bessie und Abbot entnahm ich zur Genüge, daß eine gänzliche Veränderung in meinen Verhältnissen nahe bevorstand. Eine glückliche Erfüllung meiner Hoffnungen vom Herzensgrunde wünschend sah ich den kommenden Ereignissen geduldig entgegen. Die Sache zog sich indessen in die Länge. Tage und Wochen vergingen, meine Gesundheit hatte sich inzwischen wieder vollkommen befestigt, aber es wurde nicht weiter auf jene Angelegenheit angespielt, über die ich Tag und Nacht brütete. Mrs. Reed sah mich dann und wann forschend an, verlor jedoch selten ein Wort. Seit meiner Krankheit hatte sie die Scheidelinie zwischen ihrer Familie und mir enger gezogen; ich mußte in meinem kleinen Kämmerchen allein schlafen, meine Mahlzeiten allein einnehmen und die ganze Zeit in der Kinderstube zubringen, währen sich die andern Kinder beständig im Besuchzimmer aufhielten. Ueber meinen Abgang zur Schule ließ sie weiter keine Sylbe vernehmen; dennoch hatte ich die instinctmäßige Gewißheit, daß sie mich nicht gar lange mehr unter ihrem Dache behalten würde, denn ihr Blick zeigte. wenn er dann und wann auf mich fiel, eine eingewurzeltere und unüberwindlichere Abneigung denn je. Elisa und Georgine sprachen, wahrscheinlich infolge erhaltenen Befehles, nie mit mir; John zog mir eine Fratze, so oft er mich sah, und versuchte es sogar einmal, mich wieder zu schlagen; als ich mich aber mit derselben Wuth und verzweifelten Empörung, die mir schon früher Unglück gebracht, zur Wehre setzte, hielt er es für gerathener, mich in Ruhe zu lassen und entfernte sich mit Verwünschungen und mit der Betheuerung, ich hätte ihm die Nase wundgeschlagen. Ich hatte auch in der That jenen hervorragenden Theil, seines Gesichtes mit einem so tüchtigen Schlage bedacht, als es nur immer meine schwachen Knöchel vermochten; und als ich merkte, daß ihn entweder der Schlag oder mein Blick im Zaume hielten, wollte ich fast meinen Vortheil weiter verfolgen, aber er war schon zu seiner Mama gelaufen. Ich hörte, wie er eben mit schluchzender Stimme seine Anklage gegen „die niederträchtige Jane“ begann, die gleich einer bissigen Katze auf ihn zugesprungen sev, die Mutter fiel ihm jedoch etwas barsch in die Rede. Ich will nichts von ihr hören, John. Ich habe Dir gesagt, Du solltest ihr nicht nahe kommen; sie ist es gar nicht werth, daß man sie einer Beachtung würdigt. Ich will nun einmal nicht, daß Du oder deine Schwestern mit ihr umgehen. Ueber das Treppengebäude gelehnt, rief ich bei diesen Worten plötzlich und ohne zu überlegen, was ich sagte: Im Gegentheil, Ihre Kinder sind es nicht werth, mit mir umgehen zu dürfen. Mrs. Reed war eine ziemlich handfeste Frau. Kaum hatte sie diese ungewohnte, kühne Erklärung gehört, als sie die Treppe hinauf wie ein Wirbelwind in die Kinderstube sauste, mich auf den Rand meines Bettchens niederwarf und mit erhobener Stimme losdonnerte: ich solle mich nicht unterstehen, den Tag über diesen Platz zu verlassen oder auch nur Einen Laut weiter von mir zu geben. Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte! war meine fast unwillkürliche Bemerkung; denn es schien mir, als spräche meine Bunge Worte, zu denen mein Willensvermögen meine Zustimmung gegeben hatte; jedenfalls sprach in unbegreifliches Etwas aus mir, welches ich nicht in meiner Gewalt hatte. Wie? Was? rief Mrs. Reed ganz athemlos, ihre in der Regel kalten, ruhigen grauen Augen schossen verstörte, furchtsame Blicke; sie ließ meinen Arm los und sah m ich eine Zeitlang forschend an, als wüßte sie in der That nicht, ob ich ein Kind oder der Böse selbst sey. Ich hatte für den Augenblick die Oberhand. Mein Onkel Reed ist nun im Himmel und sieht Alles, was Sie thun und denken; auch mein Papa und meine Mama sehen es. Sie wissen es, daß Sie mich Tag für Tag eingesperrt halten und mir den Tod wünschen. Mrs. Reed hatte alsbald ihren Muth zusammen genommen. Sie beutelte mich tüchtig durch, gab mir rechts und links eine Ohrfeige und verließ das Zimmer, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Bessie ergänzte diese Schweigsamkeit durch eine einstündige Strafpredigt, in welcher sie klar bewies, ich wäre das boshafteste und gottvergessenste Kind auf dem ganzen Erdboden. Ich schenkte ihr halben Glauben, denn ich fühlte nur Rachegedanken in meinem Innern emporsteigen. Die Monate November, December und der halbe Januar vergingen. Das Weihnachts- und das Neujahrsfest war in Gatesheahall mit der gewohnten festlichen Fröhlichkeit gefeiert worden; man hatte sich wechselseitig beschenkt, Mittagstafeln und Abendkränzchen abgehalten. Wie natürlich, war ich von jeder Unterhaltung ausgeschlossen; mein Antheil an den Festlichkeiten bestand darin, daß ich täglich zusah, wie sich Elisa und Georgine putzten und in feine Musselinröcke und scharlachrothe Leibchen gekleidet, die Haare künstlich gelockt, ins Besuchzimmer hinabgingen; daß ich dem Klange des Piano und der Harfe von weitem lauschen konnte, daß ich zuhörte, wie die Lakeien geschäftig hin- und hergingen, oder die Tassen, Gläser klirrten, wenn die Erfrischungen herumgereicht wurden, oder das dumpfe Gemurmel der Unterhaltung zu mir drang, wie sich die Thüre des Besuchzimmers öffnete und schloß. War ich dieser Beschäftigung überdrüssig, dann zog ich mich vom Treppenabsatze in die stille, einsame Kinderstube zurück; dort fühlte ich mich. wenn gleich etwas trübe gestimmt, wenigstens nicht unglücklich. Die Wahrheit zu sagen, sehnte ich mich nie darnach in Gesellschaft zu gehen, denn in Gesellschaften nahm man selten Notiz von mir, und wenn Bessie nur etwas freundlicher und zugänglicher gewesen wäre, hätte ich es für die schönste Unterhaltung angesehen, die Abende ruhig mit ihr verleben zu können, anstatt sie unter Mrs. Reed's giftigen Blicken in einem Zimmer voll Herren und Damen zuzubringen. Aber Bessie pflegte, sobald sie ihre jungen Fräulein angekleidet hatte, die lebhafteren Regionen der Küche und Haushälterswohnung aufzusuchen, wobei sie in der Regel das Licht mit sich nahm; da saß ich denn mit meiner Puppe auf dem Schooße, bis das Feuer im Camin ausging, dann und wann um mich blickend, ob sich nicht etwas Schlimmeres als ich selbst ins finstere immer geschlichen, und wenn dann die letzten Funken im Verlöschen waren, zog ich mich schnell aus, riß an Schlingen und Bändern, wie sehr ich nur konnte, und suchte Schutz gegen Kälte und Finsterniß in meiner Krippe. Meine Puppe nahm ich immer mit zu Bette; der Mensch muß irgend Etwas lieb haben und in Ermanglung eines besseren Gegenstandes meiner Neigung gab ich mir Mühe eine verblaßte, abgeschabte, einer Vogelscheuche nicht unähnliche Grabesgestalt zu lieben und zu herzen. Jetzt muß ich darüber staunen, wenn ich mich erinnere, mit welch' inniger Zuneigung ich an diesem hölzernen Spielzeug hing, von dem ich damals beinahe glaubte es lebe und habe Gefühl. Ich konnte nicht eher einschlafen, bis ich die Puppe in meinen Schlafrock eingewickelt hatte, und wenn sie nun warm und sicher aufgehoben war, fühlte ich mich verhältnißmäßig glücklich, denn ich dachte, auch sie müsse es nun seyn. Die Stunden, bis der Besuch fortging, und Bessis's Tritte die Treppe heraufkamen, dauerten mir stets sehr bange. Zuweilen kam Bessie auch in der Zwischenzeit, ihren Fingerhut und ihre Scheere zu holen, zuweilen wohl gar, um mir etwas zum Nachtessen zu bringen, einen Pfannkuchen und ein Käsekäulchen; dann blieb sie bei meinem Bette, bis ich gegessen hatte, wickelte mich fester ins Deckbett, küßte mich und sprach: Gute Nacht, Miß Jane! Wenn Bessie so gut und freundlich war, erschien sie mir als das beste, hübscheste Geschöpf der Welt , und ich wünschte vom Herzensgrunde, sie möchte immer so lieb seyn, und mich nie herumstoßen, auszanken und unvernünftig abkanzeln, wie sie es, leider! nur zu oft that, Bessie Lee war , wie ich glaube, ein Mädchen von sehr guten natürlichen Anlagen, denn sie war in allem sehr flink und geschickt, und hatte, nach dem Eindrucke, der mir verblieb, zu urtheilen, eine vorzügliche Erzählergabe. Sie war übrigens, so viel ich mir ihre Gestalt noch vorstellen kann, sehr hübsch: schlank von Gestalt, schwarzhaarig, schwarzaugig, und hatte eine sehr zarte, durchsichtige Hautfarbe. Ihr Temperament dagegen war wetterwendisch und heftig, ihre Ansichten über Moralrecht sehr unklar, doch sammt ihren Fehlern war sie mir unter allen Bewohnern von Gatesheadhall am liebsten. Es war am fünfzehnten Januar, beiläufig um neun Uhr Früh. Bessie saß beim Frühstück, die Kinder waren noch nicht zur Mama gerufen worden. Elisa hatte ihre Mütze aufgesetzt und ihren warmen Gartenrock angethan. um das Geflügel zu füttern. womit sie sich, zunächst dem Eierverkauf an die Köchin und dem Einsacken des solchergestalt gelösten Geldes, am liebsten beschäftigte. Das Mädchen hatte viel Talent zum Handel, und eine ausgesprochene Neigung zum Geldscharren; man sah dies nicht blos in dem Eier- und Hühnerverkaufe, sondern auch darin, daß sie dem Gärtner, der zufolge Auftrages der Mrs. Reed seiner jungen Gebieterin alle Pflanzensenker, Blumenzwiebeln und Sämereien, die sie etwa veräußern wollte, abkaufen mußte, völlig die Haut über die Ohren zog; gerne hätte sie jedes Haar ihres Hauptes hingegeben, falls dabei ein gutes Geschäft in Aussicht stand. Ihr bares Geld versteckte sie anfänglich in Fetzen oder Papilloten eingepackt in verschiedene Winkel; als aber eines Tages das Stubenmädchen einige dieser Schätze entdeckte, entschloß sich Elisa, vor Angst ihr Geld zu verlieren, es ihrer Mutter gegen, wucherische Zinsen, fünfzig bis sechzig Procente, anzuvertrauen, welche Interessen sie pünktlich alle Vierteljahre einforderte, und worüber sie in einem kleinen Buche genaue Rechnung führte. Georgine saß auf einem hohen Stuhle; sie machte ihre Haare vor dem Spiegel, und schmückte ihre Locken mit künstlichen Blumen und verblaßten Federn, wovon sie einen Vorrath in einer Schublade des Vorsaales entdeckt hatte. Ich brachte mein Bett in Ordnung, weil mir Bessie, die mich jetzt als eine Art Unterstubenmädchen, zum Stubenkehren, Staubabwischen u. s. w. zu verwenden pflegte, strengstens eingeschärft hatte, ich müsse damit der ihrer Rückkehr fertig seyn. Nachdem ich die Bettdecke ausgebreitet und meinen Nachtanzug zusammengelegt, ging ich zum Fenstersitz, einige Bilderbücher und verschiedenes kleines Puppengeräthe zurecht zu legen. Ein barscher Befehl Georginens, der Besitzerin der winzigen Stühle und Spiegel, der feenartigen Tassen und Näpfe, ihre Spielsachen in Ruhe zu lassen, unterbrach diese Beschäftigung und da ich gerade nichts weiter zu thun hatte, so trat ich zum Fenster und hauchte die Frostblumen von den Fensterscheiben weg , um auf diese Art eine Aussicht ins Freie zu gewinnen, wo die Natur unter den versteinernden Einflusse der Kälte starr und steif vor den Augen lag. Das Fenster, an dem ich stand, ging auf die Portierswohnung und die Fahrstraße hinaus, und just als ich gerade genug von dem silberweißen Ueberzuge abgelöst hatte, um hinausblicken zu können, sah ich das Gitterthor öffnen und einen Wagen in den Hof rollen. Diese Erscheinung hatte für mich durchaus kein Interesse; wie oft kamen Equipagen nach Gatesheadhall, aber keine enthielt Gäste, die mich irgendwie angingen. Der Wagen blieb vor der Hausfronte stehen. Die Thürklingel ertönte, der neue Ankömmling ward eingelassen. Aber dieses Alles erregte meine Neugierde nicht im geringsten; meine Aufmerksamkeit wurde bald durch ein kleines Rothkehlchen gefesselt, das vor Hunger zwitschernd auf den entblätterten Zweigen des Kirschbaumes nahe dem Fenster herumhüpfte. Die Ueberbleibsel meines Frühstücks, Brot und Milch, standen noch auf dem Tische; ich zerbröckelte einen Bissen Semmel, und zog an dem Schiebfenster, um die Krümchen auf dem Fenstergesimse auszustreuen, als plötzlich Bessie die Treppe eilig heraufgelaufen kam und in die Kinderstube trat. Miß Jane, legen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie dort? Haben Sie sich heute Morgen die Hände und das Gesicht schon gewaschen? Ich zog noch einmal am Schiebfenster, bevor ich antwortete, denn ich wollte den Vogel vorerst im ungestörten Besitze seines Futters sehen. Der Schuber gab nach. ich streute einige Krumen auf das Gesimse. einige auf den Zweig des Kirschbaumes, schloß das Fenster und antwortete: Noch nicht, Bessie; ich bin eben erst mit dem Abstauben fertig geworden. Muthwilliges, nachlässiges Kind! und was machen Sie jetzt? Sie sehen ja ganz roth aus, als wären Sie über etwas Verbotenem ertappt worden. Warum haben Sie das Fenster geöffnet? Ich war der Mühe einer Antwort überhoben, denn Bessie schien zu große Eile zu haben, um meine Aufklärungen anzuhören. Sie zog mich zum Waschtisch, gab meinem Gesichte und meinen Händen einen unbarmherzigen, glücklicherweise ganz kurzen Rippler mit Wasser, Seife und einem groben Handtuch, ordnete meine Haare mit einem flüchtigen Bürstenstrich, band mir die Schürze ab, und gebot mir schleunigst die Treppe hinabzugehen, da man meiner im Frühstückzimmer bedürfe. Gerne hätte ich gefragt, wer nach mir verlange. ob Mrs. Reed eben wäre; aber Bessie war schon aus der Stube und so ging ich langsam die Treppe hinab. Seit beinahe drei Monaten war ich nie vor Mrs. Reed beschieden worden; durch so lange Zeit auf die Kinderstube beschränkt, erschienen mir das Frühstück-, das Speise- und das Besuchzimmer als unheilvolle Gegenden, die ich nur mit Widerwillen betrat. Ich stand nun im leeren Gange vor der Thüre des Frühstückzimmers, zitternd vor Furcht, zögerte ich einzutreten. Was für ein elend es, feiges Ding hatte eine durch ungerechte Züchtigungen erzeugte Angst zu jener Zeit aus mir gemacht! Ich traute mich nicht in die Kinderstube zurückzugehen, ich fürchtete mich, das Sprachzimmer zu betreten; zehn Minuten brachte ich in dieser Ungewißheit zu, das heftige Läuten der Zimmerklingel bestimmte mich, einzutreten, weil ich mußte. Wer mag mir etwas wollen? fragte ich mich selbst, während ich die etwas streng gehende Thürklinke umdrehte, die ein oder zwei Minuten meiner Anstrengung widerstand. Wen werde ich außer Tante Reed noch in der Stube sehen, einen Herrn oder eine Frau? Die Klinke gab nach, die Thüre ging auf, ich überschritt die Schwelle, verbeugte mich sehr tief, und blickte zu--einer schwarzen Säule empor! wenigstens erschien mir beim ersten Anblick die lange, hagere, in Pelz gehüllte, auf dem Teppich aufrecht stehende Gestalt als eine solche: das häßliche Gesicht am obern Ende sah einer geschnitzten Kratze gleich, wie man sie am Gipfel eines Säulenschaftes zuweilen statt des Capitäls anbringt. Mrs. Reed nahm ihren gewöhnlichen Sitz in der Caminecke ein. Sie gab mir ein Zeichen näher zu treten; ich that wie mir geheißen, und wurde von ihr dem steinernen Gaste als das kleine Mädchen aufgeführt, von welchem sie ihm gesagt habe. Er, denn die Person gehörte dem männlichen Geschlechte an, wandte seinen Kopf langsam nach dem Orte, wo ich stand, und nachdem er mich mit seinen forschenden grauen Augen, die unter einem Paar buschigen Augenbrauen hervorzwinkerten, aufmerksam gemustert hatte, sprach er feierlichst im tiefsten Baß: Sie ist sehr klein, wie alt ist sie? Zehn Jahre. Schon so alt? lautete die zweifelnde Antwort, und wieder maß er mich durch einige Minuten. Diesmal mich selbst anredend, fragte er: Wie heißt Du, kleines Mädchen? Jane Eyre, mein Herr! Bei diesen Worten blickte ich empor. Der Herr schien sehr groß zu seyn, aber ich selbst war damals sehr klein. Seine Gesichtszüge waren grob und hatten, so wie seine ganze Gestalt, einen harten, verknöcherten Ausdruck. Nun, Jane Eyre, bist Du ein braves Kind? Darauf konnte ich unmöglich bejahend antworten; die kleine Welt um mich war der entgegengesetzten Meinung, ich schwieg also still. Mrs. Reed antwortete statt meiner mit einem sehr bezeichnenden Kopfschütteln und fügte sofort hinzu: Je weniger man über diesen Gegenstand spricht, desto besser, Mr. Brocklehurst. Thut mir wirklich sehr leid, so etwas hören zu müssen. Wir wollen mit einander ein Wort reden, und die perpendiculäre Stellung aufgebend, versorgte er seine Person in einem Armstuhle, Mrs. Reed gegenüber. Komm mir her, gebot er. Ich überschritt den Teppich; er stellte mich steif und gerade vor sich hin. Ah, wie sah sein Gesicht aus, nun es in gleicher Linie mit dem meinigen lag! Und diese große Nase, dieser Mund, diese hervorstehenden Zähne! Kein Anblick ist so betrübend, als der eines bösen Kindes, begann er, besonders aber der eines boshaften, kleinen Mädchens. Weißt Du, wohin die Lasterhaften nach dem Tode kommen? In die Hölle, lautete meine schnelle und rechtgläubige Antwort. 'Und was ist die Hölle? Kannst Du mir das sagen?' Eine Höhle voll Feuer. Wäre es Dir lieb, in diesen feurigen Pfuhl zu kommen und dort in Ewigkeit zu braten? Nein, mein Herr. Was mußt Du thun, um dem zu entgehen? Ich dachte einen Augenblick nach. Meine Antwort lautete wider alle Erwartung: Ich muß mich gesund erhalten und nicht sterben. Wie kannst Du Dich gesund erhalten? Tagtäglich sterben noch jüngere Kinder als Du. Erst vor zwei Tagen begrub ich ein kleines Kind von fünf Jahren, dessen Seele jetzt im Himmel wohnt. Es steht zu befürchten, daß dies bei Dir nicht der Fall wäre, wenn Du jetzt abgerufen würdest. Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu beseitigen, so senkte ich blos meine Augen zu seinen ungeheuren Füßen nieder und stieß einen Seufzer aus, mich innerlich tausend Meilen weit hinwegwünschend. Ich hoffe, dieser Seufzer kömmt vom Herzen und Du bereuest es, deiner vortrefflichen Wohlthäterin je Anlaß zu Verdruß gegeben zu haben. Meiner Wohlthäterin dachte ich bei mir selbst. Jedermann nennt Mrs. Reed meine Wohlthäterin. Wenn es wahr ist, so ist eine Wohlthäterin ein sehr unangenehmes Wesen. Betest Du Früh und Abends? fuhr mein Inquisitor fort. Wohl, mein Herr. Liesest Du die Bibel? Zuweilen. Liesest Du sie gerne? Gefällt sie Dir? Am liebsten lese ich die Propheten, das Buch Daniels, Genesis und das Buch Samuels und ein kleines Stückchen von Exodus, auch einige Stücke von den Königen, den Chroniken, von Hiob und Jonas. Und die Psalmen? Hoffentlich bist Du darin gut bewandert? Nein. Nicht? O, schrecklich! da habe ich unter Anderen einen kleinen Knaben, viel jünger als Du. der sechs Psalmen auswendig hersingen kann, und wenn man ihn fragt, was ihm lieber ist, eine Pfeffernuß, oder ein Vers der Psalmen, sagt er: O! der Vers eines Psalmens! die Engel singen Psalmen und ich möchte gerne schon hienieden ein kleiner Engel seyn. Darauf bekommt er gewöhnlich zwei Pfeffernüsse zur Belohnung seiner kindlichen Frömmigkeit. Die Psalmen sind nicht unterhaltend, bemerkte ich. Das beweist nur, daß Du ein böses Herz hast; Du mußt zu Gott flehen, daß er es zum Guten wende, daß er Dir ein neues und reines verleibe, dein versteinertes Herz herausnehme und eines von Fleisch und Blut an die Stelle setze. Eben wollte ich fragen, in welcher Weise die Operation meiner Herzumwechslung vor sich gehen sollte, als Mrs. Reed mir ins Wort fiel und mich niedersetzen hieß, worauf sie das Gespräch selbst weiter führte. Ich glaube Ihnen, mein lieber Mr. Brocklehurst, meinem letzten Schreiben vor drei Wochen angezeigt zu haben, daß dieses kleine Mädchen in Bezug auf ihren Charakter und ihre sittlichen Anlagen nicht ganz meinem Wunsche entspricht. Für den Fall, als Sie sie in die Anstalt zu Lowood aufnehmen, wäre es mir sehr lieb, wenn die Oberin und die Lehrerinnen das Mädchen genau im Auge behielten, was besonders ihres Hauptfehlers wegen, der Neigung zu Lug und Trug, sehr noththut. Ich erwähne dieses in deiner Gegenwart, Jane, damit Du es nicht versuchen kannst, Mr. Brocklehurst zu hintergehen. Wohl hatte ich Ursache, Mrs. Reed zu fürchten, zu verabscheuen, es lag in ihrer Wesenheit mich stets grausam zu verletzen: nie war ich in ihrer Gegenwart glücklich; ich mochte noch so pünktlich gehorchen, mich noch so sehr bemühen, ihr gefällig zu seyn, immer wurden meine Bemühungen durch Reden wie die vorstehenden belohnt und zurückgewiesen. Diese neueste Anschuldigung, roch dazu vor einem Fremden geäußert, zerschnitt mir das Herz; ich sah es ziemlich deutlich, wie sie mir in der neuen Phase des Daseyns, zu dem sie mich bestimmte, schon von vornherein jede Hoffnung abschnitt; ich fühlte es, wenn ich mir darüber selbst nicht ganz klar wurde, wie sie Abneigung und Mißhandlung auf meinen künftigen Lebensweg säete; ich sah mich unter Mr. Brocklehurst's Augen zu einem lügnerischen, boshaften Kinde gestempelt. Und was konnte ich thun, um dieses Unrecht abzuwenden? Nichts, gar nichts, dachte ich, einen Seufzer unterdrückend und rasch einige Thränen, die ohnmächtigen Zeugen meines Schmerzes, aus den Augen wischend. Bei einem Kinde ist der Hang zur Lüge in der That ein trauriger Fehler, sagte Mr. Brocklehurst: die Lüge ist mit der Falschheit verwandt und alle Lügner bekommen alsbald ihren Antheil an dem brennenden Schwefelpfuhle. Sie soll indessen überwacht werden, Mrs. Reed, ich werde mit Miß Temple und den Lehrerinnen sprechen. Ich möchte sie gern in einer Weise auferzogen haben, die ihren künftigen Aussichten entspricht, fuhr meine Wohlthäterin fort; sie muß arbeitsam und demüthig seyn. Was die Ferien anbelangt, so wird sie dieselben, mit Ihrer Erlaubniß, stets zu Lowood zubringen. Ihre Anordnungen sind vollkommen vernünftig, Madame, versetzte Mr. Brocklehurst. Die Demuth ist eine christliche Tugend und bei den Zöglingen von Lowood besonders zu Hause. Ich habe darüber nachgedacht, wie man am besten die weltlichen Gesinnungen des Stolzes ausrotten könnte und erst neulich hatte ich die Genugthuung, meine erfolgreichen Bemühungen anerkannt zu sehen. Meine zweite Tochter Auguste hatte nämlich mit ihrer Mama die Schule besucht. O lieber Papa, sagte sie beim Heraustreten, wie ruhig und einfach alle Mädchen in Lowood aussehen! Mit ihren hinter die Ohren gekämmten Haaren, den langen Schürzen und den gewissen kleinen holländischen Taschen auswendig an den Röcken sehen sie alle wie armer Leute Kinder aus. Und, setzte sie hinzu, sie blickten meine und Mama's Kleidung an, als hätten sie noch nie ein seidenes Kleid gesehen. Gerade so liebe ich es, erwiederte Mrs. Reed. Ich glaube, hätte ich ganz England durchsucht, ich hätte kaum eine Erziehungsweise gefunden, die besser für Jane Eyre taugte als diese. Enthaltsamkeit, mein theurer Mr. Brocklehurst, Enthaltsamkeit in allen Dingen. Enthaltsamkeit, Madame, ist die erste Pflicht des Christen und es ist in allen Einrichtungen unseres Institutes darauf Bedacht genommen worden: eine einfache Kost, einfache Kleidung, nur die nöthigsten Bequemlichkeitn, eine abhärtende und thätige Lebensweise, dies ist die Tagesordnung des Hauses und seiner Bewohnerinnen. Ganz recht, mein Herr. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Zögling in Lowood aufgenommen und dort seiner Stellung und seinen Aussichten gemäß erzogen werden wird? Gewiß, Madame! Sie wird in jenes Treibhaus für ausgesuchte Pflanzen versetzt werden, und ich hoffe, sich für den unschätzbaren Vortheil ihrer Aufnahme dankbar bezeugen. In diesem Falle will ich sie so bald wie möglich wegschicken, Mr. Brocklehurst; denn ich versichere Sie, daß ich kaum den Augenblick erwarten kann, einer Verantwortlichkeit los zu werden, die mir zu drücken ist. Ohne Zweifel, ohne Zweifel, Madame; und nun wünsche ich Ihnen einen guten Morgen. In ein oder zwei Wochen kehre ich nach Brocklehursthall zurück, da mich mein Freund, der Archidiacon, kaum früher fortlassen wird. Ich werde inzwischen Miß Temple zu wissen machen, daß sie einen neuen Zögling bekommt und so wird ihre Aufnahme weiter keine Schwierigkeiten haben. Leben Sie wohl! Adieu, Mr. Brocklehurst; empfehlen Sie mich der Mrs. und Miß Brocklehurst, auch Augusten und Theodoren und dem jungen Herrn Broughton Brocklehurst. Ich werde nicht ermangeln, Madame. Hier, kleines Mädchen, ist ein Buch für Dich, betitelt „der Führer des Kindes“; lies es mit Andacht, besonders die Erzählung von dem schrecklichen und plötzlichen Tode der Marthe G., einem bösen, der Falschheit und Lüge ergebenen Kind. So sagend händigte mir Mr. Brocklehurst eine kleine Broschure ein, ließ seinen Wagen vorfahren und verschwand. Mrs. Reed und ich blieben allein zurück; mehre Minuten vergingen in lautloser Stille; sie nähte, ich beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit etwa sechs- bis siebenunddreißig Jahre zählen; sie war eine starkgebaute, breitschulterige. muskulöse Frau, nicht groß und obgleich untersetzt, nicht zu fett. Ihr Gesicht war sehr breit, besonders der Unterkiefer sehr ausgebildet und kräftig; sie hatte eine niedere Stirn, ein starkes hervorstehendes Kinn, Mund und Nase ziemlich regelmäßig. Unter ihren lichten Augen- brauen schimmerte ein gefühlloses Auge hervor; ihre Haut war dunkel und undurchsichtig, ihr Haar beinahe flachsfarben, ihre Leibesbeschaffenheit gesund, wie die eines Fisches -- Krankheiten blieben fern von ihr. Sie war eine genaue und geschickte Hausfrau und hatte das ganze Hauswesen unter ihrer Leitung; blos ihre Kinder wagten es, zuweilen ihres Ansehens zu spotten und sie auszulachen; sie kleidete sich geschmackvoll und wußte durch Haltung und Gang den Glanz ihres Anzugs hervorzuheben. Auf einem niederen Stuhle, einige Fuß weit von ihr sitzend, maß ich ihre Gestalt und zergliederte ihre Gesichtszüge. In der Hand hielt ich die Abhandlung über den plötzlichen Tod der Lügnerin, welche man als eine geeignete Warnung meiner Aufmerksamkeit empfohlen hatte. Alles, was sich eben zugetragen, was Mrs. Reed bezüglich meiner Mr. Brocklehurst gesagt hatte, der ganze Inhalt ihres Gespräches lag mir frisch, unverdaut, stechend im Gedächtniß; ich hatte jedes Wort so scharf empfunden, wie ich es schmucklos vernommen und der heftigste Zorn kochte in meinem Busen. Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge blieb an dem meinigen haften, ihre Finger setzten gleichzeitig in ihrer flinken Bewegung aus. Du verläßt das Zimmer und begibst Dich sofort in die Kinderstube zurück, lautete ihr Befehl. Mein Blick oder sonst etwas an mir mußte sie verletzt haben, denn sie sprach mit außerordentlicher, wiewohl unterdrückter Aufregung. Ich stand auf, ging zur Thür, dann wieder zurück in die Stube, zum Fenster und gerade auf sie los. Sprechen mußte ich, man hatte mich arg getreten und ich mußte mich krümmen. Aber wie? welche Kraft stand mir zu Gebote, um an meinen Gegnern Rache zu nehmen? Ich raffte alle meine Thatkraft zusammen und schnellte sie in einem plumpen Satze von mir. Ich bin keine Lügnerin! wäre ich es, würde ich sagen, ich liebe Sie; aber ich erkläre Ihnen hiermit offen, daß ich Sie unter allen Sterblichen, John Reed ausgenommen, am wenigsten leiden kann; und dieses Buch über die Lügnerin mögen Sie Ihrer Tochter Georgine geben, denn sie lügt, nicht ich. Mrs. Reer's Hände lagen noch immer träge auf ihrer Arbeit, ihr eiskalter Blick blieb frostig auf dem meinigen geheftet. Was hast Du mir noch weiter zu sagen? fragte sie, eher in jenem Tone, den man einem erwachsenen Gegner gegenüber anwendet, als in demjenigen, mit welchem man Kinder anzureden pflegt. Ihr Auge, ihre Stimme riefen jene Abneigung wach. In unbezähmbarer Aufregung von Kopf zu Fuß erzitternd, fuhr ich fort Ich bin froh, daß Sie mit mir gar nicht verwandt sind; nie in meinem Leben will ich Sie wieder Tante nennen. Bin ich einmal erwachsen, komme ich zu Ihnen, und wenn mich Jemand fragt, wie ich Sie leiden kann und wie Sie mich behandelten, werde ich sagen, daß mir beim bloßen Gedanken an Sie übel wird, und daß Sie mich mit erbärmlicher Grausamkeit peinigten. Wie wagst Du es, so etwas zu behaupten, Jane? Wie ich es wage, Mrs. Reed? Wie ich es wage? Weil es die pure Wahrheit ist. Sie glauben wohl, ich habe kein Gefühl und kann auch ohne einen Brocken Liebe und Freundlichkeit leben; aber das vermag ich nicht und Sie haben keine Barmherzigkeit. Ich werde es nie vergessen wie Sie mich zurückstießen, roh und heftig in die rothe Stube zurückwarfen und dort einschlossen, an meinem bittersten Leidenstage, und wiewohl ich fast im Sterben lag und vor Schmerz erstickend, bat: Haben Sie Erbarmen, haben Sie Erbarmen, Tante Reed! Und jene Strafe verhängten Sie über mich, weil mich Ihr böser Bube für nichts und wieder nichts geprügelt, zu Boden geschlagen hatte. Ich will Jedem, der mich frägt, den genauen Verhalt erzählen. Die Leute halten Sie für eine gute Dame, aber Sie sind böse, hartherzig. Sie sind eine Lügnerin! Noch bevor ich mit dieser Erwiederung zu Ende war, fing mein Herz an sich auszudehnen, in dem nie geahnten Gefühle der Freiheit, des Triumphes empor zu hüpfen. Es schien mir als wäre eine unsichtbare Kette gesprengt und ich selbst dadurch in eine unverhoffte Unabhängigkeit verseht. Dieses Gefühl hatte in der That seine Ursache; Mrs. Reed war ganz erschrocken, die Arbeit fiel ihr vom Schooße herab, sie faltete die Hände, rückte ängstlich hin und her und verhüllte sogar ihr Gesicht, als wollte sie weinen. Jane. Du bist in einem großen Irrthum. Was ist Dir begegnet? Warum zitterst Du so heftig? Möchtest Du vielleicht ein Glas Wasser trinken? Nein, Mrs. Reed. Oder hast Du sonst irgend einen Wunsch, Jane? Ich versichere Dich, ich meine es gut mit Dir. Sie gewiß nicht. Sie sagten Mr. Brocklehurst, ich habe eine Neigung zur Falschheit; ich will nun Jedermann von Lowood erzählen, wer Sie sind und was Sie gethan, haben. Das verstehst Du nicht, Jane, Kinder müssen für ihre Fehler bestraft werden. Lüge ist mein Fehler nicht! rief ich laut in leidenschaftlichem Tone. Aber Du bist sehr heftig, Jane, das mußt Du mir doch zugeben. Geh, mein liebes Kind, begib Dich in die Kinderstube, lege Dich einen Augenblick in's Bett. Ich bin nicht Ihr liebes Kind; ich kann mich jetzt nicht niederlegen: thuen Sie mich in die Kostschule, Mrs. Reed, denn ich hasse das Leben in Ihrem Hause. Ich werde sie in der That bald fortschicken müssen, brummte Mrs. Reed in sich hinein; dann packte sie ihre Arbeit zusammen und verließ rasch das Zimmer. Ich blieb allein zurück--im Besize des Schlachtfeldes. Es war der härteste Strauß, den ich bestanden, der erste Sieg, den ich errungen; eine Weile blieb ich auf dem Teppichstehen, auf welchem früher Mr. Brocklehurst gestanden, und freute mich meiner Einsamkeit als Siegerin. Anfänglich lächelte ich mir selbst Beifall zu und fühlte mich erhoben, dann aber ließ dieses wilde Entzücken eben so schnell nach, als meine Pulse aufhörten, in fieberhafter Aufregung zu schlagen. Ein Kind kann nicht, wie ich gethan, mit älteren Leuten zanken, den Gefühlen der Leidenschaft freien Lauf lassen, ohne später Reue und eine merkliche Umstimmung zu empfinden. Ein Stück einer angezündeten, lebhaft brennenden, Alles versengenden Haide hätte ein schwaches Bild meines Innern gegeben, als ich Mrs. Reed anklagte und ihr drohte: derselbe Streifen Haideland, aber schwarz und verbrannt nach dem Erlöschen der Flamme, konnte meine spätere Gemüthsverfassung vorstellen, nachdem die Stille und das Nachdenken einer halben Stunde mir die Thorheit meiner Aufführung und die trostlose Lage gezeigt hatte, in welcher ich mich durch mein Hassen und Gehaßtwerden befand. Etwas wie das Gefühl gestillten Rachedurstes hatte ich den ersten Augenblicken empfunden; dem aromatischen Weine gleich, schmeckte es anfänglich süß und feurig, aber der metallische und saure Nachgeschmack brachte eine Empfindung hervor, als hätte ich Gift genommen. Gerne wäre ich nun zu Mrs. Reed gegangen, sie um Vergebung zu bitten; doch wußte ich theils instinctmäßig, theils aus Erfahrung, daß sie mich dann mit um so größerer Verachtung zurückgewiesen und dadurch meine Leidenschaftlichkeit nur um so mehr erregt hätte. Von dem Wunsche beseelt, meinen Gedanken eine andere Richtung geben und Nahrung für ein besseres Gefühl als dasjenige des Unwillens finden zu können, nahm ich ein Buch--ich glaube Arabische Erzählungen--zur Hand, setzte mich nieder und versuchte zu lesen. Ich konnte den Gegenstand nicht mit Aufmerksamkeit verfolgen; meine eigenen Gedanken schwammen zwischen jenen Blättern, die ich sonst so angenehm gefunden. Ich öffnete eine Glasthüre des Sprachzimmers: das Gesträuch lag noch immer im Winterschlaf, der Frost herrschte unumschränkt, unbeirrt von Sonnenstrahlen und lauen Lüften, über das Gefilde. Ich zog mein Kleid über Kopf und Arme und ging in dem abgelegensten Theile des Hausgartens spaziren. Die bereiften Bäume, die abgefallenen Fichtenzapfen, die gefrorenen Ueberreste des Herbstes, die dürren, vom Winter haufenweise zusammengewehten, vom Frost erstarrten Blätter konnten mich nicht erfreuen. Ich lehnte mich an eine Gitterthüre und blickte auf ein leeres Feld, wo keine Schafe weideten, wo das niedere Gras, versengt, der Kälte erlegen war. Es war ein sehr düsterer Tag; ein undurchsichtiger Himmel, -sich über dem Schnee wiegend, faßte die ganze Gegend ein, von Zeit zu Zeit Flocken herabsendend, die auf dem hart gefrornen Pfade und dem bereiften Lande liegen blieben, ohne zu zergehen. So stand ich da, ein bejammernswerthes Kind, und flüsterte wiederholt vor mich hin: Was soll ich thun--was soll ich thun? Mit einem Male hörte ich eine helle Stimme rufen: Miß Jane, wo stecken Sie? Kommen Sie doch zum Frühstück! Es war Bessie, ich wußte es wohl, aber ich rührte mich nicht und ließ sie leichten Schrittes den Fußweg herankommen. Sie nichtsnutziges kleines Ding! schalt sie. Warum kommen Sie nicht, wenn man Sie ruft? Im Vergleiche mit dem Gedanken, über welchen ich eben gebrütet hatte, war Bessie's Gegenwart ein freundliches Ereigniß, wiewohl sie, wie gewöhnlich, etwas übler Laune war. Nach meinem Zusammentreffen und meinem Siege über Mrs. Reer war ich, die Wahrheit zu sagen, nicht Willens, mich an des Kindermädchens vorübergehenden Unwillen zu kehren, vielmehr beschloß ich, mich in der jugendlichen Frische ihres Gemüthes zu sonnen. Ich legte meine kleinen Arme um ihren Leib und sagte: Geh doch, Bessie, schilt mich nicht! Diese Bewegung, welche freier und furchtloser ausfiel, als irgend eine, die ich je gewagt, gefiel dem Mädchen. Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane, versetzte sie zu mir herabblickend. Sie kleines, schwärmerisches, scheues Ding! Sie kommen in eine Kostschule, glaub ich? Ich nickte mit dem Kopfe. Wird es Ihnen nicht leid thun von der armen Bessie zu gehen? Was wird sich Bessie daraus machen, sie zankt ja immer mit mir. Weil Sie so ein sonderbares, furchtsames, scheues Geschöpf sind. Sie sollten viel dreister seyn. Um noch mehr Schläge zu bekommen, nicht wahr? Ach, Unsinn! Doch es ist wahr, man geht fast zu hart mit Ihnen um; meine Mutter, als sie vergangene Woche bei mir zu Besuche war, meinte, sie möchte keines von ihren Kindern an Ihrer Stelle wissen.-- Kommen Sie herein, ich habe gute Neuigkeiten für Sie. Das glaube ich nicht, Bessie. Kind! was wollen Sie damit sagen? Was für einen kummervollen Blick werfen Sie mir zu? Nun gut, hören Sie Die gnädige Frau, die Fräulein und der junge Herr gehen heute Abend in eine Theegesellschaft und Sie werden mit mir Thee trinken. Ich will der Köchin sagen, sie soll Ihnen einen Kuchen backen und dann werden Sie mir helfen, Ihre Comodefächer zu mustern, denn ich muß schon bald Ihren Koffer packen. Die gnädige Frau wünscht, daß sie Gatesheadhall in ein bis zwei Tag en verlassen und von den Spielsachen mitnehmen, was Ihnen am besten gefällt. Bessie, Du mußt mir versprechen, daß Du mich nicht mehr schelten willst, so lange ich noch hier bin. Gut, gut! Aber Sie müssen auch ein braves Kind seyn und sich nicht vor mir fürchten, nicht erschrecken, wenn ich etwas heftiger spreche; es ist so ärgerlich. Ich denke nicht, Bessie, aß ich mich je vor Dir fürchten könnte, denn ich bin Dich gewöhnt und ich werde bald andere Leute zu scheuen haben. Wenn Sie sie scheuen, werden sie Ihnen gram seyn. Etwa wie Du mir, Bessie? Ich bin nicht böse auf Sie, Miß, ich glaube, daß ich Sie lieber habe, als alle die Andern zusammen. Du zeigst mir es nicht. Ei, Sie kleines, spitziges Ding Sie haben ja eine ganz andere Redeweise angenommen. Was macht Sie so muthig und kühn? Nun du weißt ja, daß ich bald von hier fortkomme und dann-- Ich wollte von dem Vorgange zwischen mir und Mrs. Reed Erwähnung thun, bei weiterem Nachdenken fand ich jedoch, daß es besser sey zu schweigen. Sie sind also froh, daß Sie mich verlassen? Keineswegs, Bessie; vielmehr thut es mir gerade jetzt fast leid, weggehen zu müssen. Gerade jetzt! und fast! wie kalt das mein junges Fräulein ausspricht! Ich glaube, wenn ich Sie jetzt um einen Kuß bäte, Sie würden sich fast bedenken. Komm! ich will Dich küssen und das vom Herzen gerne; beuge Dich zu mir herunter. Bessie bückte sich, wir umarmten einander und ich folgte ihr ganz beglückt, ins Haus. Der Nachmittag verging in Frieden und Eintracht und in den Abend stunden erzählte mir Bessie einige ihrer fesselnsten Geschichten und sang mir ihre schönsten Lieder. Auch für mich hatte das Leben sonnige Augenblicke! Fünftes Capitel. Es hatte am Morgen des neunzehnten Jänner kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in meine Kammer stellte und mich bereits außer dem Bette und halb angekleidet fand. Ich war eine halbe Stunde zuvor aufgestanden, hatte mich beim Scheine des untergehenden Mondes angezogen und mir Gesicht und Hände gewaschen. Ich sollte am selben Tage Gateshead in einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr Morgens bei unserem Thore vorbei fuhr. Bessie war unter allen Bewohnern des Schlosses allein auf, sie hatte in der Kinderstube Feuer gemacht, und begab sich jetzt dahin, mir das Frühstück zu bereiten. Nur wenige Kinder können essen, wenn sie der Gedanke an eine bevorstehende Reise in Anspruch nimmt; ich vermochte es ebenso wenig. Bessie, die mich umsonst genöthigt hatte, einige Löffel voll warme Milch mit Brot, die sie mir zugerichtet, zu mir zu nehmen, wickelte einige Stücke Zwieback in ein Papier und steckte sie in meine Reisetasche; dann half sie mir einen Pelz und eine Haube anlegen und nachdem sie mich und sich in einen warmen Shawl eingewickelt hatte, verließen wir die Kinderstube. Als wir bei Mrs. Reed's Schlafgemach vorbeikamen, sagte sie: Wollen Sie hinein gehen und der gnädigen Frau Lebewohl sagen? Nein, Bessie! sie kam gestern Abend, als Du beim Nachtessen warst, zu meinem Bette und meinte, ich hätte nicht nöthig, sie und die Kinder am Morgen zu wecken; sie wäre mir immer sehr zugethan gewesen und ich möchte also demgemäß von ihr sprechen und ihr dankbar seyn. Und was sagten Sie, Miß? Gar nichts; ich deckte mein Gesicht mit dem Federbette zu und wandte ihr den Rücken. Das war nicht schön von Ihnen, Miß Jane! Das war ganz recht, Bessie, denn deine Gebieterin war mir nie gewogen, sie war von jeher meine größte Feindin. O! Miß Jane, sagen Sie das nicht! Adieu, Gateshead! rief ich, als wir durch die Vorhalle kamen und zur Hausthüre hinaustraten. Der Mond war eben untergegangen und es war sehr finster. -- Bessie trug eine Laterne, deren Licht die nassen Fußstapfen und den von Morgenthau getränkten Kiessand beleuchtete. Der Wintermorgen war rauh und frostig, meine Zähne klapperten, als ich die Zufahrt hinabschritt. In der Portierswohnung brannte ein Licht; als wir hinkamen, machte die Portierin gerade Feuer an; mein Koffer, den man am Abend zuvor hingebracht hatte, stand, mit Stricken gebunden, am Thor. Nur noch wenige Minuten fehlten auf sechs Uhr und kurz nachdem die Uhr ausgeschlagen hatte, verkündete das entfernte Rasseln der Räder die Ankunft der Kutsche; ich trat zur Thür und sah die Wagenlaternen im Dunkel rasch herannahen. Geht sie ganz allein? fragte die Portierin. Ja. Und wie weit ist es? Fünfzig Meilen. Welch' weiter Weg! Mich wundert's, daß sich Mrs. Reed nicht fürchtet, sie so weit allein zu lassen. Die Kutsche fuhr vor. Da stand sie am Thore mit ihren vier Pferden und bis zum Dache mit Reisenden beladen der Conducteur und der Kutscher baten laut, schnell zu machen; mein Koffer wurde aufgepackt, man riß mich von Bessie's Halse, an dem ich mit stummen Küssen hing. Geben Sie ja Acht auf sie, rief sie dem Conducteur zu, der mich ins Innere des Wagens hob. Ja, ja! war die Antwort; die Kutschenthüre wurde zugeschlagen, eine Stimme rief: Fertig! und fort ging zugeführt. Ich kann mich nur auf wenige Umstände dieser Reise erinnern: ich weiß blos, daß mir der Tag außerordentlich lang vorkam und daß es mir schien, als reisten wir Hunderte von Meilen weit. Wir kamen durch verschiedene Städte, in deren einer, die sehr groß war, die Postkutsche anhielt; man spannte die Pferde aus und die Reisenden aßen zu Mittag. Ich wurde in eine Wirthsstube gebracht, wo mich der Conducteur zum Essen nöthigen wollte; da ich indessen keinen Appetit hatte, so ließ er mich in einer ungeheuren Stube allein, die an jedem Ende einen Camin, in der Mitte einen Kronleuchter und an der einen Wand eine kleine rothe Gallerie hatte, auf welcher musikalische Instrumente herumlagen. Hier ging ich eine geraume Zeit auf und ab, von den sonderbarsten Gefühlen bestürmt und voll Furcht, es möchte mich Jemand stehlen, denn ich glaubte an Kinderdiebe, da ihre Thaten in Bessie's Abenderzählungen häufig eine große Rolle spielten. Endlich ließ sich der Conducteur wieder sehen, man hob mich wieder in den Wagen, mein Beschützer bestieg seinen Sitz, ließ sein Horn ertönen und fortrasselten wir über das steinige Pflaster von L--. Der Nachmittag war naß und neblig; als es zu dämmern begann, überkam mich das Gefühl, daß wir uns wirklich sehr weit von Gateshead entfernten. Wir kamen durch keine Städte mehr; das Land bot einen andern Anblick, große, graue Hügel umschlossen den Gesichtskreis, wir fuhren in ein starkverwachsenes Thal hinab und als die Nacht alle Aussicht benommen, hörte ich einen scharfen Wind durch die Bäume pfeifen. Von dem eintönigen Geräusch eingelullt, schlief ich zuletzt ein: ich hatte nicht lange geschlummert, als mich das plötzliche Anhalten des Wagens weckte. Der Kutschenschlag ging auf und eine Person, dem Aussehen nach ein Dienstmädchen, stand am Tritte; ich unterschied ihr Gesicht und ihren Anzug beim Lampenlichte. Ist ein kleines Mädchen, Namens Jane Eyre, mitgekommen? frug sie. Ich antwortete bejahend und wurde darauf aus dem Wagen gehoben; mein Koffer folgte nach und die Kutsche rollte augenblicklich weiter. Ich war ganz steif vom langen Sitzen und von dem Rasseln und Schütteln ganz wüst im Kopfe; meine Sinne, zusammennehmend, blickte ich um mich. Regen, Wind und Finsterniß erfüllten den Luftkreis; dessenungeachtet bemerkte ich wie im Nebel eine Mauer vor mir, mit einer geöffneten Thüre; durch diese Thüre trat ich mit meiner Begleiterin ein, welche dieselbe hinter sich zuschlug und verschloß. Ein Haus wurde nun sichtbar, oder vielmehr mehre Gebäude, die sich weit hindehnten, viele Fenster zählten und zum Theile beleuchtet waren. Wir gingen einen breiten, kothigen und nassen Pfad entlang und wurden an der Hausthüre eingelassen. worauf mich das Dienstmädchen durch einen langen Gang in ein geheiztes Zimmer führte, in dem sie mich allein zurückließ. Ich wärmte meine starren Finger am Feuer, und sah mich in der Stube um; es stand kein Licht am Tische, aber der flackernde Schein des Caminfeuers zeigte mir von Zeit zu Zeit mit Tapeten überzogene Wände, einen Fußteppich, Vorhänge und glänzende Mahagonymöbel; es war ein Sprachzimmer, nicht so geräumig und vornehm , wie das Staatszimmer von Gatesheadhall, aber ziemlich bequem eingerichtet. Ich gab mir eben Mühe, den Gegenstand eines an der Wand hängenden Gemäldes auszumitteln, als die Thüre aufging, und eine Dame, ein Licht in der Hand, eintrat; ein zweites weibliches Wesen folgte ihr auf dem Fuße nach. Die Erstere war eine große Frau mit schwarzen Haaren, schwarzen Augen und einer hohen weißen Stirne; ein großer Shawl verhüllte zum großen Theile ihre Gestalt, ihr Gesicht zeigte einen ernsten Ausdruck, ihre Haltung war gerade und aufrecht. Das Kind ist viel zu jung, als daß es hätte allein reisen sollen, sagte sie, das Licht auf den Tisch stellend. Eine kurze Zeit lang betrachtete sie mich aufmerksam, und sagte dann hinzu: Es wäre am Ende am besten, man brächte sie gleich Bette; sie sieht sehr ermüdet aus. Bist du müde? sprach sie mich an, ihre Hand auf meine Achsel legend. Ein wenig, Madame. Und hungerig ohne Zweifel; geben Sie ihr ein Nachtessen, ehe sie sich schlafen legt, Miß Miller. Ist es heute zum ersten Mal, daß du deine Eltern verlässest und zur Schule kömmst, mein kleines Mädchen? Ich erklärte ihr, ich hätte keine Eltern mehr. Sie erkundigte sich, wie lange sie schon todt wären, wie alt ich sey, wie ich heiße, ob ich lesen, schreiben und etwas rechnen könnte; dann klopfte sie mir sanft auf die Wange, sprach die Hoffnung aus, ich würde ein gutes Kind bleiben, und hieß mich mit Miß Miller gehen. Die Dame, welche mit mir gesprochen, mochte etwa neunundzwanzig Jahre zählen, die andere, die mit mir ging, schien einige Jahre jünger zu seyn; die ältere machte durch ihre Stimme, ihren Blick und ihre Erscheinung einen tiefen Eindruck auf mich. Miß Miller sah etwas gewöhnlicher aus; ihr Gesicht war roth, wiewohl gramgefurcht, ihr Gang und ihre Handbewegungen überstürzt, wie bei einer Person, die stets vielfältige Geschäfte über sich hat; ihr ganzes Aeußere entsprach dem, was sie, wie ich später erfuhr, wirklich war, einer Unterlehrerin. Unter ihrer Leitung durchschritt ich ein Gemach, einen Gang um den andern, bis wir den gänzlich und fast unheimlich stillen Theil des großen und unregelmäßigen Gebäudes verließen, und dem Gesumme vieler Stimmen folgend, in eine große lange Stube traten, die an jedem Ente zwei lange breterne Tische wies, auf deren jedem zwei Lichter brannten, und um welche rund herum eine ganze Mädchensammlung jeden Alters, von zehn bis zwanzig Jahren, auf hölzernen Bänken saß. Bei dem trüben Scheine der gezogenen Talg- lichter gesehen, erschien mir ihre Menge zahllos, wiewohl ihre Anzahl in der Wirklichkeit kaum achtzig überschritt; sie waren alle gleichmäßig in braune Kattunröcke, von sonderbarem Schnitt und lange Schürzen von holländischer Leinwand gekleidet. Es war die Studienstunde; die Mädchen waren gerade darüber, ihre morgige Aufgabe aus- wendig zu lernen, und das Gesumse, welches ich zuvor gehört, entstand durch das vereinte Resultat ihrer halblauten Wiederholungen. Miß Miller gab mir ein Zeichen, auf der Bank nächst der Thüre Platz zu nehmen, ging das andere Ende des Zimmers hinauf, und rief mit lauter Stimme: Aufseherinnen, sammelt die Bücher, und legt sie bei Seite. Vier große Mädchen standen von den verschiedenen Tischen auf, gingen herum, sammelten die Bücher, und trugen sie weg. Wieder ließ sich Miß Miller's befehlende Stimme hören. Aufseherinnen, holt die Speisetragen zum Nachtessen. Die großen Mädchen gingen hinaus, und kamen alsbald zurück, jede mit einer Speisetrage, welche mehre Portionen von ich weiß nicht welcher Speise, und in der Mitte einen Krug Wasser und einen Becher enthielt. Die Portionen wurden herumgereicht; wer Durst hatte, mochte aus dem Becher trinken, welcher zu gemeinsamer Benützung am Tische stand. Als an mich die Reihe kam, trank ich wohl, weil ich Durst hatte, allein die Speise ließ ich unberührt, da mir Aufregung und Müdigkeit allen Appetit benommen hatten; das Nachtessen, wie ich nun bemerken konnte, bestand in einem dünnen in Stücke geschnittenen Hafermehlkuchen. Nach dem Essen las Miß Miller Gebete vor, worauf die Mädchen classen- und paarweise die Treppe hinaufgingen. Von Müdigkeit überwältigt, bemerkte ich kaum, was für ein Ort das Schlafzimmer vorstellte, außer daß es, wie das Schulzimmer, sehr lang war. Für diese Nacht war ich Miß Miller's Schlafgefährtin, sie half mir beim Auskleiden, vom Bette aus warf ich einen Blick auf die langen Reihen von Bettstellen, deren jede zwei Mädchen aufnahm; in zehn Minuten wurde das einzige Licht ausgeblasen, und in tiefer Stille und Finsterniß schlief; ich ein. Die Nacht verging rasch, ich war zu müde, um zu träumen; nur einmal erwachte ich, hörte den Wind durch die Lüfte rasen, den Regen in Strömen herabfallen, und bemerkte, daß Miß Miller mir zur Seite lag. Als ich meine Augen zum zweiten Male öffnete, ertönte laut der Klang. einer Glocke. Die Mädchen waren auf, und zogen sich an, und da es noch nicht Tag war, brannten ein oder zwei Nachtlichter in der Stube. Auch ich stand, obwohl ungern, auf; es war grimmig kalt, ich zog mich an, so gut ich es, vor Frost zittern, konnte, und wusch mich, sobald ein Waschbecken frei war, was indessen eine Zeit lang dauerte, da immer nur auf sechs Mädchen ein Becken kam, welches, auf einem der Waschtische inmitten der Stube stand. Wie- der ertönte die Glocke; Alle stellten sich zu Zweien in eine lange Reihe auf, stiegen in derselben Ordnung die Treppe hinab, begaben sich in das kalte, düster beleuchtete Schulzimmer. Nachdem Miß Miller einige Gebete verlesen, befahl sie: Setzt Euch in Classen. Ein arger Tumult entstand auf einige Minuten, während welcher Miß Miiler häufig nach Stille und Ordnung rief, Als sich der Lärm gelegt hatte, blickte ich auf, und sah sämmtliche Mädchen in vier Halbzirkeln, vier leeren Stühlen gegenüber, mit den Büchern in der Hand an den vier Tischen sitzen; ein Buch, einer Bibel ähnlich, lag vor jedem der leeren Stühle auf der Tafel. Eine kurze Pause trat ein. ausgefüllt mit leisem, unverständlichem Gemurmel, welches Miß Miller, von Classe zu Classe wandernd, zu beschwichtigen bemüht war. Eine entfernte Klingel ließ sich hören; sofort traten drei Damen ins Schulzimmer; eine jede begab sich zu einem der Tische, wo sie auf dem leeren Stuhle Platz nahm; Miß Miller setzte sich zum vierten Tische an der Thüre, um welchen die kleinsten Mädchen herumsaßen; zu dieser untersten Classe ward ich gerufen, und mir daselbst der letzte Platz gewiesen. Nun ging es an die Arbeit; die Tagscollecte, dann gewisse Bibelsprüche wurden hergesagt, worauf eine langwierige Vorlesung ganzer Capitel der heiligen Schrift folgte, welche eine volle Stunde anhielt. Am Schlusse dieser geistlichen Uebung war es Tag geworden. Die unermüdliche Glocke ertönte zum vierten Mal. Die Glassen wurden nunmehr in ein anderes Zimmer zum Frühstück geleitet. Wie erfreute mich die Aussicht, Etwas zu mir nehmen zu können. Es war mir beinahe übel vor Hunger, da ich Tags zuvor fast nichts gegessen hatte. Der Speisesaal war ein großes, gewölbtes, niedriges und düsteres Gemach; auf zwei langen Tischen rauchten Schüsseln mit irgend einer heißen Substanz gefüllt, die zu meinem größten Leidwesen einen nichts weniger als Appetit anregenden Duft emporsandte. Ich bemerkte einen allgemeinen Ausdruck von Unzufriedenheit, als der Dunst des Mahles die Nasenlöcher derjenigen berührte, welche bestimmt waren, es hinunter zu würgen; von der Avantgarde der Procession, den großen Mädchen der ersten Classe, vernahm man die leise geflüsterten Worte: Ekelhaft! die Suppe ist wieder angebrannt! Ruhig! gebot eine Stimme; diesmal nicht diejenige der Miß Miller, sondern einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen, schwarzbraunen, nettgekleideten, aber etwas mürrisch aussehenden Person, die am obern Ende des einen Tisches Platz genommen hatte, während eine weit munterere Dame an dem andern den Vorsitz führte. Umsonst sah ich mich nach der Dame um, welche ich am Abend zuvor zuerst gesprochen hatte; sie war nicht sichtbar. Miß Miller nahm das untere Ende des Tisches ein, an welchem ich saß, während eine wunderliche, fremd aussehende, ältliche Dame, die französische Meisterin, wie ich später erfuhr, das entsprechende andere Ende der Tafel besetzte. Ein langes Dankgebet wurde gesprochen und ein Loblied gesungen, dann brachte ein Dienstmädchen Thee für die Lehrerinnen und die Mahlzeit begann. Hungrig wie ein Wolf und fast ganz entkräftet, verschlang ich ein oder zwei Löffel voll von meiner Brühe, ohne an den Geschmack zu denken; kaum hatte ich aber den ersten Hunger gestillt, als ich bemerkte, welch ekles Gericht ich vor mir hatte; eine angebrannte Suppe ist, nächst verfaulten Kartoffeln, das schrecklichste Essen, und der Heißhunger selbst schreckt davor zurück. Die Löffel arbeiteten langsam ich sah wie die Mädchen die Suppe kosteten und hinunter zu schlucken suchten, aber in den meisten Fällen blieb die Bemühung fruchtlos. Das Frühstück war vorüber und Niemand hatte gefrühstückt. Nachdem wir Dank gesagt für das was wir nicht erhalten und ein zweites Loblied gesungen hatten, wurde der Aufenthalt im Speisesaal mit demjenigen im Schulzimmer vertauscht. Ich ging Eine von den Letzten hinaus und als ich bei den Tischen vorbei kam, sah ich eine der Lehrerinnen einen der Näpfe in die Hand nehmen und die Suppe kosten; sie sah die andern an, sämmtliche Gesichter drückten Mißvergnügen aus, und die muntere Dame sagte halblaut: Welch elendes Gebräu! Pfui der Schmach! Eine Viertelstunde verging, ehe die Lehrstunden ihren Anfang nahmen; in dieser Zwischenzeit zeigte das Schulzimmer eine glorreiche Unordnung, da es anscheinend gestattet war, laut zu sprechen und sich frei zu bewegen; und von dieser Erlaubniß wurde in der That wacker Gebrauch gemacht. Das Hauptgespräch drehte sich um das Frühstück, über welches Alle nach Herzenslust loszogen. Die armen Dinger! es war ihr einziger Trost. Miß Miller befand sich von allen Lehrerinnen allein im Zimmer; eine Gruppe erwachsener Mädchen umstand sie und sprach mit ernsten, ja drohenden Geberden. Ich hörte Mr. Brocklehurst's Namen von einigen Lippen ertönen, worauf Miß Miller, wie mißbilligend, den Kopf schüttelte; doch machte sie keine großen Anstrengungen den allgemeinen Unwillen zu dämpfen, welchen sie zweifelsohne theilte. An der Uhr im Schulzimmer schlug es neun; Miß Miller verließ ihren Zirkel, trat in die Mitte der Stube Und rief: Stille! An euere Plätze! Die Disciplin gewann die Oberhand: in fünf Minuten war der regellose Haufen auseinander und jedes Mädchen an seinem Orte und eine verhältnißmäßige Ruhe hatte dem babylonischen Sprachengewirre Platz gemacht. Die Oberlehrerinnen nahmen wieder alle ihre Stühle ein, und dennoch schienen alle noch auf Etwas zu warten. Längs der Zimmerwände auf den Bänken gereiht, saßen die achtzig Mädchen regungslos aufrecht; sie bildeten eine merkwürdige Versammlung, mit ihren aus dem Gesichte nach hinten gekämmten, ungelockten Haaren, den braunen, hoch hinaufreichenden, oben mit einem schmalen Halsstreifen versehenen Kleidern, den kleinen, schottischen Beuteln nicht unähnlichen Leinwandsäcken, die als Arbeitsbeutel dienend, vorne von ihren Röcken hinunter hingen; alle insgesammt trugen wollene Strümpfe und am Lande gearbeitete Schuhe mit Messingschnallen. Etwa zwanzig der in dieser Weise gekleideten Mädchen waren vollkommen erwachsen, oder vielmehr vollendete Jungfrauen; die Kleidung stand ihnen schlecht und gab selbst den hübschesten darunter ein wunderliches Ansehen. Ich faßte diese Letzteren und zuweilen auch die Lehrerinnen, von denen mir keine einzige gefiel, ins Auge; die Dicke war ein wenig ordinär, die Braune nicht wenig barsch, die Ausländerin verdrießlich und wunderlich und Miß Miller, das arme Wesen, sah roth, verwittert und erschöpft aus. Da, indeß noch mein Auge von einem Gesichte zum andern wanderte, stand plötzlich, wie von einer Feder emporgehoben, die ganze Schule grüßend auf. Was war die Ursache? Ich hatte nicht gehört, daß ein Befehl gegeben worden wäre: ich war ganz verwundert. Bevor ich mich noch zurecht finden konnte, hatte sich Alles wieder gesetzt; alle Augen blickten nach einer Richtung und als auch die meinigen folgten, sah ich jene Person, die mich am verwichenen Abend empfangen hatten. Sie stand am untern Ende der langen Stube am Camin (denn es brannte an jedem Ende ein Feuer und überblickte die beiden Reihen der Mädchen ernst und schweigsam. Miß Miller näherte sich ihr mit einer Frage und rief nach erhaltener Antwort und auf ihren Sitz zurückgekehrt: Aufseherinnen der ersten Classe, holen Sie die Erdkugeln! Während dieser Auftrag ausgeführt wurde, kam die eben befragte Dame langsam durch das Lehrzimmer herauf. Ich muß ein bedeutendes Organ der Verehrung besitzen, denn noch jetzt erinnere ich mich des Respectes, mit welchem meine Augen ihren Schritten folgten. Beim hellen Tageslichte betrachtet, sah sie schlank, schön und wohlgeformt aus, braune wohlwollend blickende Augen, von feinen, langen Augenwimpern überschattet, hoben die alabasterne Weiße ihrer hohen Stirne hervor; an beiden Schläfen hing ihr dunkelbraunes Haar, nach der damaligen Mode, wo man weder glatte Flechten, noch lange Locken kannte, in kurzen. dichten Löckchen beisammen; ihr Kleid war gleichfalls nach damaligem Geschmack, von purpurrother Farbe mit schwarzem Sammtaufputz; eine goldene Uhr (Uhren waren damals nicht so gewöhnlich wie jetzt) erglänzte an ihrem Gürtel. Dazu denke sich der Leser feine Gesichtszüge, eine blasse, aber durchsichtige Farbe, ein stattliches Aussehen und eine edle Haltung und er wird, so gut dies Worte vermögen, eine genaue Vorstellung der äußern Erscheinung Miß Temple's-- Maria Temple's haben, denn diesen Namen fand ich später meinem Gebetbuche, welches man mir zum Nachtragen n die Kirche anvertraut hatte, eingezeichnet. Die Oberin der Erziehungsanstalt, denn diese Würde bekleidete die Dame, nahm vor einem Paar Weltkugeln an einem der Tische Platz, beschied die erste Classe zu sich und begann ihre Vorlesung über Geographie; die unteren Classen wurden von den Lehrerinnen vorgenommen: eine Stunde hindurch war Geschichte, Sprachlehre u. s. w. an der Reihe, dann folgte Sch reiben und Rechnen und schließlich gab Miß Temple einigen der älteren Mädchen eine Musikstunde. Die Dauer einer jeden Lection ward nach der Uhr bemessen, welche endlich zwölf schlug. Die Oberin stand auf. Ich habe den Zöglingen etwas mitzutheilen, sagte sie. Der nach geendigten Lehrstunden gewöhnlich eintretende Tumult war bereits losgebrochen; aber er beschwichtigte sich bei dem Tone ihrer Stimme. Sie fuhr fort: Ihr hattet diesen Morgen ein Frühstück, das Ihr nicht genießen konntet. Ihr müßt hungrig seyn--; ich habe angeordnet, daß Euch Allen ein Imbiß von Brot und Käse verabreicht wird. Die Lehrerinnen sahen sie mit einer Art Erstaunen an. Es geschieht unter meiner persönlichen Verantwortlichkeit, fügte sie zur Aufklärung hinzu und verließ alsbald das Schulzimmer. Brot und Käse wurden schleunigst hereingebracht und zur großen Befriedigung und Stärkung der ganzen Schule vertheilt. Die Weisung lautete nun: In den Garten! Es wurden grobe Strohhüte mit farbigen Bindbändern von Galico aufgesetzt und graue Friesmäntel umgethan. Ich wurde ebenso ausgestattet, und dem Strome folgend, gelangte ich in die freie Luft. Der Garten bestand in einem geräumigen, mit hohen, jede Aussicht abschneidenden Mauern umgebenen Stücken Landes; ein bedeckter Säulengang lief an der einen Wand hin und breite Spalierwege umschlossen ein mittleres in eine Anzahl Beete abgetheiltes Feld; diese Beete waren den Zöglingen zur Bebauung überlassen und jedes einzelne hatte seine Eigenthümerin. Wenn die Blumen in der Blüthe standen, mußte das Beet ohne Zweifel sehr hübsch aussehen, allein jetzt in der zweiten Hälfte des Jänners sah Alles winterlich und zerfallen aus. Ich schauderte, als ich so dastand und um mich sah; es war ein garstiger Tag zum Spazirengehen, nicht gerade regnerisch, aber durch einen tröpfelnden gelben Nebel verfinstert; der ganze Boden war zudem noch durch und durch naß von der gestrigen Regenflut. Die kräftigeren Mädchen liefen herum und waren bald in lebhaften Spielen begriffen; andere blasse und hagere Gestalten drückten sich, Schutz und Wärme suchend, in dem Säulengange an einander; und wie der Nebel giftig in ihre fröstelnden Glierer drang, schlug ein öfteres, hohles Husten an mein Ohr. Da ich noch mit Niemand gesprochen hatte und sich auch Niemand weiter um mich kümmerte, so stand ich natürlich ganz einsam; dieses Gefühl des Alleinstehens war ich indessen so sehr gewöhnt, daß es mir nicht sehr wehe that. Ich lehnte an einer Säule des gedeckten Ganges, zog meinen grauen Mantel fester zusammen, versuchte es, die Kälte, die mich auswendig starr machte, und den Hunger, der inwendig an mir zehrte, zu vergessen und überließ mich der Beschäftigung des Zusehens und Nachdenkens. Meine Beachtungen waren zu unbestimmt und zu abgebrochen, um erwähnt zu werden: ich wußte eigentlich noch nicht recht, Do ich mich befand; Gateshead und mein vergangenes Leben schien weit, weit hinter mir zu liegen; die Gegenwart war mir unklar und ungewohnt, und hinsichtlich der Zukunft konnte ich gar keinen Gedanken fassen. Ich blickte in den klösterlichen Garten, und dann zu dem Hause empor; einem großen Gebäude, dessen eine Hälfte alt und grau, die andere ganz neu zu seyn schien. Der neugebaute Flügel, welcher das Schul- und das Schlafzimmer umfaßte, ward durch vergitterte Fenster erhellt, die ihm ein kirchenähnliches Aussehen verliehen; eine steinerne Tafel über der Thüre trug die nachstehende Inschrift: Institut von Lowood.-- Dieser Theil wurde wieder erbaut anno domini -- -- durch Naomi Brocklehurst von Brocklehursthall in dieser Grafschaft. Lasset euer Licht so vor den Menschen leuchten, daß sie euere guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen können. - Matth. 16. V. Wiederholt überlas ich diese Worte: ich empfand es, daß sie einer Erklärung bedurften, war aber selbst unvermögend, ihren Sinn genügend zu erfassen. Ich dachte noch über die Bedeutung des Wortes .Institut nach und versuchte es mit dem nachfolgenden Schrifttexte in Verbindung zu bringen, als ich über ein Gehuste hinter mir den Kopf wandte. Ich sah ein Mädchen auf einer rohen Steinbank sitzen, welches aufmerksam in einem Buche las; von meinem Standpunkte aus konnte ich den Titel lesen; er lautete „Rasselas“, ein Name, der, als ein fremdklingender, meine Neugierde reizte. Beim Umblättern sah die kleine Leserin zufällig empor. Ist Ihr Buch unterhaltend? frug ich sie, mit der weiteren Absicht, sie darum auf einige Tage zu ersuchen. Es gefällt mir, antwortete sie nach einer kurzen Pause, während welcher sie mich betrachtete. Wovon handelt es? fuhr ich fort. Ich weiß wirklich nicht, woher ich den Muth nahm, in solcher Weise ein Gespräch mit einer Fremden anzuknüpfen; dieser Schritt war ganz gegen meine Natur und meine Gewohnheit: wahrscheinlich berührte ihre Beschäftigung irgend eine verwandte Saite in meinem Innern, denn auch ich las gerne, wenn gleich nur alberne und kindische Bücher, da ich die ernsten, gehaltvollen Werke weder verstehen, noch' verdauen konnte. Sehen Sie sich's an, erwiederte das Mädchen, mir ihr Buch hinhaltend. Ich folgte der Einladung; ein flüchtiges Durchblättern überzeugte mich, der Inhalt sey weniger anziehend, als der Titel; „Rasselas“ erschien meinem kindischen Geschmacke sehr langweilig; ich sah nichts von Feen, Geistern u.s. w. keine anmuthige Mannigfaltigkeit herrschte auf den enggedruckten Blättern. Ich gab das Buk zurück; sie nahm es ruhig und ohne ein Wort zu sagen wieder zur Hand und wollte eben im Lesen fortfahren, als ich sie zum zweiten Mal zu stören wagte. Können Sie mir wohl sagen was jene Inschrift bedeutet? Welches ist das Institut zu Lowood? Das Haus, in welches Sie en gebracht wurden. Warum nennt man es ein Initut? Ist es denn von den übrigen Schulen irgendwie verschieden? Weil es zum Theil eine Armenschule ist; Sie und ich und die übrigen alle sind Armenkinder. Ich denke, Sie sind eine Waise; haben Sie nicht entweder Vater oder Mutter verloren? Beide starben, bevor ich sie kernen lernte. Nun gut, alle diese Mädchen haben entweder Vater oder Mutter oder beide Eltern verloren und das Haus hier nennt man auch ein Waisenhaus. Zahlen wir denn nichts? Behält man uns hier umsonst? Wir, oder vielmehr unsere Verwandten zahlen fünfzehn Pfund des Jahres. Warum nennt man uns dann Armenkinder? Weil die fünfzehn Pfund für Kost und Unterricht nicht hinreichen und der Rest durch Subscriptionen gedeckt werden muß. Wer subscribirt denn? Verschiedene wohlthätige Herren und Damen in der Nachbarschaft und in London. Wer war Naomi Brocklehurst? Die Frau, welche den neuen Flügel des Hauses gebaut hat, wie jene Inschrift besagt, und deren Sohn die Anstalt beaufsichtigt und leitet. Und warum gerade der? Weil er der Cassier und Verwalter des Institutes ist. Also gehört dies Haus nicht der schlanken Dame, die eine Uhr trägt und uns Brot und Käse geben ließ? Miß Temple? Keineswegs! Ich wollte es wäre der Fall; sie ist für Alles, was sie thut, Mr. Brocklehurst verantwortlich. Mr. Brocklehurst besorgt unser Essen und unsere Kleidung. Wohnt er auch hier? Nein zwei Meilen entfernt in einem großen Landhause. Ist er ein guter Mann? Er ist ein Geistlicher und man sagt, daß er sehr viel Gutes thut. Sagten Sie nicht, die schlanke Dame heiße Miß Temple? Allerdings. Und wie heißen die andern Lehrerinnen? Die mit den rothen Backen heißt Miß Smith; sie beaufsichtigt die weiblichen Handarbeiten und schneidet zu, denn wir machen uns unsere Kleider, Röcke, Mäntel u. s. w. selbst. Die Kleine mit den schwarzen Haaren ist Miß Scatcherd: sie lehrt die Geschichte und Sprachlehre und hört die zweite Classe aus; und die Dritte mit dem Shawl und dem Taschentuch, das sie mit einer gelben Schleife an die Seite geknüpft trägt, ist Madame Pierrot; sie stammt aus Lisle in Frankreich und trägt französische Sprache vor. Sind Sie den Lehrerinnen zugethan? So ziemlich. Der kleinen schwarzen Dame auch und Madame --? ich kann ihre Namen nicht so aussprechen wie Sie. Miß Scatcherd ist jähzornig, Sie müssen Acht geben, daß Sie sie nicht beleidigen; Madame Pierrot ist keine böse Person. Aber Miß Temple ist die beste von Allen, nicht wahr? Miß Temple ist sehr gut und sehr gescheidt: sie steht weit über den Andern, denn sie weiß mehr als sie Alle. Sind Sie schon lange hier? Zwei Jahre. Sind Sie eine Waise? Ich habe keine Mutter mehr. Fühlen Sie sich glücklich in diesem Hause? Sie fragen wirklich zu viel auf einmal; ich habe Ihnen für heute genug geantwortet, nun möchte ich wieder lesen. Doch gerade in diesem Augenblicke wurde zum Mittagessen geläutet und Alle gingen ins Haus zurück. Der Geruch, welcher jetzt den Speisesaal erfüllte, war kaum appetitlicher als jener, der am Morgen unsere Nasen erfreut hatte. Das Essen war in zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen. denen ein sehr stark nach ranzigem Fett riechender Dampf entströmte. Ich fand, daß unser Gericht, aus unterschiedlichen Kartoffeln und zusammengeklaubten Fetzen alten Fleisches bereitet war. Von diesem Gemisch erhielt jeder Iögling einen ziemlichen Teller voll: ich aß, so viel ich konnte, und dachte mir im Stillen, ob wohl die Kost Tag für Tag dieselbe bliebe. Gleich nach Tisch begaben wir uns ins Lehrzimmer, die Lectionen nahmen ihren Anfang und dauerten bis fünf Uhr. Der einzige bemerkenswerthe Zwischenfall dieses Nachmittags war der, daß jenes Mädchen, mit welchem ich im Garten gesprochen, von Miß Scatcherd mit Schimpf aus der Geschichtsstunde fortgeschickt wurde und zur Strafe in der Mitte des großen Schulzimmers stehen mußte. Diese Strafe schien mir, besonders für ein so großes Mädchen, --- jedenfalls zählte sie über dreizehn Jahre -- ungemein entehrend. Ich dachte, die Bestrafte würde große Betrübniß und Scham an den Tag legen; allein zu meinem größten Erstaunen sah ich sie weder weinen noch erröthen: gefaßt, wiewohl ernst, stand sie da, ein Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Wie mag sie es nur so ruhig, so stand haft ertragen? so frug ich mich selbst. Wäre ich an ihrer Stelle, ich wünschte, die Erde öffnete sich und verschlänge mich. Sie sieht aus, als dächte sie an etwas ganz Anderes als an ihre Strafe--an etwas, das sich weder um sie herum, noch vor ihr befindet. Man hat mir von Leuten erzählt, die am Tage träumten-- ist sie in einen solchen Traume befangen? Sie hat ihre Augen auf den Boden geheftet, aber ich wette, sie sieht ihn nicht. Ihr Gesicht ist nach innen gewandt, nach der Tiefe ihres Herzens; sie blickt wohl in die Erinnerung zurück, nicht nach der gegenwärtigen Wirklichkeit. Ich möchte gerne wissen, was für ein Mädchen dies ist, ob ein gutes oder ein böses? Bald nach fünf Uhr Nachmittags hielten wir ein neues Mahl, bestehend in einem Becher Kaffeh und einer halben Schnitte Schwarzbrot. Ich verschlang mein Brot und trank meinen Kaffeh mit Genuß; gerne hätte ich mehr gegessen, denn ich war noch sehr hungrig. Auf den Kaffeh folgte eine Erholung von einer halben Stunde, dann wurde studirt; dann kam ras Glas Wasser und der Haferkuchen, dann das Abend gebet und endlich gingen wir zu Bette. So brachte ich den ersten Tag meines Aufenthaltes in Lowood zu. Sechstes Capitel. Der folgende Tag begann wie der vorhergehende, mit dem Aufstehen und Ankleiden beim Lichte der Nachtlampe mit dem einzigen Unterschiede jedoch, daß wir diesen Morgen die Ceremonie des Waschens bei Seite lassen mußten, da das Wasser in den Krügen fest gefroren war. Ein Witterungswechsel war in der Nacht eingetreten und ein scharfer Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Klinken der Schlafzimmerfenster geblasen, hatte uns selbst in den Betten schauern gemacht und den Inhalt der Wasserkrüge in Eis verwandelt. Fast wäre ich während der anderthalbstündigen Gebete und Bibelvorträge vor Kälte vergangen. Endlich kam die Frühstückszeit und diesmal war die Suppe nicht angebrannt; die Qualität war gut, aber die Quantität sehr klein; wie gering kam mir meine Portion vor, wie gerne hätte ich sie verdoppelt gehabt! Im Verlauf des Tages wurde ich unter die Schülerinnen der vierten Classe eingereiht und man wies mir regelmäßige Aufgaben und Arbeiten zu: bis nun war ich blos eine Zuschauerin der Vorgänge zu Lowood gewesen, von jetzt an sollte ich selbst handelnd auftreten. Da ich nur wenig im Auswendiglernen geübt war, schienen mir die Lectionen anfänglich lang und schwer, auch verwirrte mich der häufige Uebergang von einem Gegenstand zum andern und ich war wirklich froh, als mir beiläufig um drei Uhr Nachmittag Miß Smith einen etwa zwei Ellen langen Mousselinbesatz sammt Nadel, Fingerhut u. s. w. in die Hand gab, mich in einen ruhigen Winkel des Schulzimmers setzen und die Arbeit einsäumen hieß. Zur selben Stunde waren die meisten Mädchen gleichfalls mit Nähen beschäftigt; nur eine Classe war noch um Miß Scatcherd's Stuhl versammelt und im Lesen begriffen. Da ringsum die größte Stille herrschte, so konnte man sowohl den Gegenstand der Lectionen. als auch die Art und Weise, wie sich die Mädchen ihrer Aufgabe entledigten und wie ihre Leistungen von Miß Scatcherd, je nachdem, mit Tadel oder mit Verbesserungen begleitet wurden, ganz genau vernehmen. Es wurde englische Geschichte gelesen; unter den vorlesenden Mädchen bemerkte ich meine Bekanntschaft vom Säulengange; beim Beginne der Lehrstunde stand sie an der Spitze der Classe, aber wegen eines Fehlers in der Aussprache und einer Nichtbeachtung der Unterscheidungszeichen ward sie plötzlich auf den allerletzten Platz geschickt. Selbst auf jenem Straforte ließ sie Miß Scatcherd nicht in Ruhe, beständig richtete sie Reden wie etwa die folgenden an sie: Burns (so hieß sie wohl; man nannte bei uns die Mädchen, wie anderwärts die Knaben, bei ihrem Zunamen, Burns, Du stehst einwärts; thue augenblicklich die Fußspitzen von einander. -- Burns, Du reckst dein Kinn ganz abscheulich heraus, zieh es gleich ein. -- Burns, Du hebst sofort den Kopf in die Höhe, ich will Dich einfür allemal nicht in dieser Stellung vor mir sehen, u. s, w. Nachdem ein Capitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher geschlossen und die Mädchen examinirt. Die Lection umfaßte einen Theil der Regierung Carls l. und wunderbare Fragen über Wag- und Tonnengebühren und Schiffsgelder wurden vorgelegt, welche von den meisten Schülerinnen unbeantwortet blieben; sobald aber die Reihe an Burns kam, war auch die kleinste Schwierigkeit augenblicklich gelöst: ihr Gedächtniß schien den ganzen Inhalt der Lection aufgefaßt zu haben und überall war sie mit ihrer Antwort flink bei der Hand. Ich erwartete nichts anderes, als Miß Scatcherd werde sie nun ihrer Aufmerksamkeit wegen beloben, aber statt dessen rief die Lehrerin im höchsten Zorne: Du schmutziges, ekliges Ding, schon wieder hast Du Dir diesen Morgen die Nägel nicht geputzt! Burns gab keine Antwort, ich erstaunte über ihr Stillschweigen. Warum, dachte ich bei mir selbst, »sagt sie nicht, daß sie sich heute Morgen weder das Gesicht, noch sonst etwas waschen konnte, da das Wasser gefroren war? Meine Aufmerksamkeit war nun von Miß Smith in Anspruch genommen, die mir einen Strähn Zwirn zu halten gab; während des Abwickelns sprach sie zeitweilig mit mir, erkundigte sich, ob ich schon je in einer Schule gewesen, ob ich merken, sticken, stricken könne u. dgl.; so lange sie mich halten ließ, konnte ich meine Bemerkungen über - Miß Scatcherd nicht fortsetzen. Als ich zu meinem Sitze zurück kehrte, gab die Dame gerade einen Befehl, dessen Bedeutung mir entging; Burns verließ hierauf augenblicklich die Classe, ging in ein kleines Seitenzimmer, das zum Aufbewahren der Bücher diente, und kehrte in einer halben Minute zurück, einen Bündel zusammengeflochtenen Reisigs in der Hand haltend. Dieses unheimliche Werkzeug reichte sie Miß Scatcherd mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung machte, ohne daß man es ihr geheißen, ihr Kleid los und empfing sofort von der Lehrerin mit dem Ruthenbündel ein Duttzend scharfer Hiebe auf den Rücken. Keine Thräne entquoll den Augen der Gepeitschten und während ich im Nähen inne hielt, da mir die Hände bei diesem Schauspiele vor nutz losem und ohnmächtigem Unwillen erzitterten, verlor kein einziger Bug ihres gedankenreichen Antlitzes seinen gewöhnlichen Ausdruck. Verstocktes Mädchen! rief Miß Scatcherd, nichts kann Dich von deinen schlumpigen Gewohnheiten abbringen trage die Ruthe fort. Burns gehorchte; ich faßte sie genau ins Auge, als sie aus der Bücherkammer hervor kam; sie steckte gerade ihr Taschentuch wieder ein und die Spur einer Thräne erglänzte; auf ihrer hageren Wange. Die Abend-Erholungsstunde erschien mir in Lowood als der angenehmste Tagesabschnitt; der Bissen Brot, der Trunk Kaffeh, um fünf Uhr zu sich genommen, gab neue Lebenskraft, wenngleich der Hunger nicht gestillt wurde; das Schulzimmer war wärmer als am Morgen, da man das Feuer, wahrscheinlich um Lichter zu ersparen, etwas lebhafter unterhielt, das herzhafte Poltern, das erlaubte Lärmen, das wirre Durcheinander der vielen Stimmen, gab einem willkommenen Gedanken an Freiheit Raum. Am Abende desselben Tages, wo ich Miß Scatcherd ihre Schülerin Burns prügeln gesehen hatte, wanderte ich, wie gewöhnlich ganz allein, zwischen Bänken und Tischen und lachenden Gruppen herum, ohne mich indessen verlassen zu fühlen. Bei einem der Fenster angelangt, öffnete ich von Zeit zu Zeit einen Ladenflügel und blickte hinaus; es schneite heftig, an den untern Scheiben hatte sich schon eine Schneekruste gebildet; mein Ohr nahe ans Fenster legend, konnte ich mitten im fröhlichen Tumulte der warmen Stube das trostlose Geheul des Windes im Freien unterscheiden. Hätte ich erst kürzlich eine freundliche Heimat und liebende Eltern verlassen, wäre dies wahrscheinlich derjenige Augenblick gewesen, wo ich Beides am schmerzlichsten vermißte; der Wind hätte mein Herz berührt, das finstere Chaos mich aus meiner Ruhe aufgescheucht. In meinem Verhältnisse hingegen versetzte mich dies Alles in eine wunderbare, rastlose, fieberhafte Aufregung; ich wünschte, der Wind möchte noch wilder heulen, die Finsterniß noch dichter zur Erde fallen, das Unwetter in laut tobenden Sturm ausarten. Ich fetzte über Tische und Bänke weg, und bahnte mir Weg zu einer Caminecke; mich an dem hohen Gitter von Eisendraht auf dem Boden niederhockend, fand ich Burns in Gedanken versunken, schweigend, von der ganzen Umgebung durch ein Buch abgezogen, in welchem sie bei dem düstern Scheine der Feuerbrände las. Lesen Sie noch immer im Rasselas? bemerkte ich näher zu ihr rückend. Ja, sagte sie, eben bin ich damit fertig geworden. Und fünf Minuten darauf schlug sie ihr Buch zu. Ich war dessen froh. Nun, dachte ich, kannst du sie zum Reden bringen. Ich setzte mich knapp an ihre Seite auf die Erde. Wie heißen Sie sonst noch, außer Burns? Helene. Sind Sie weit her? Ich bin im Norden Englands, hart an der schottischen Grenze, zu Hause. Gehen Sie später wieder in die Heimat? Ich hoffe es, allein Niemand ist seiner Zukunft gewiß. Es müßte Ihnen erwünscht seyn, Lowood zu verlassen? Nein, warum auch? Man sannte mich nach Lowood meiner Erziehung wegen; und es wäre umsonst, wollte ich früher weggehen, bevor ich mein Ziel erreicht habe. Aber Miß Scatcherd geht so unmenschlich mit Ihnen um? Unmenschlich? Nicht im geringsten; sie ist blos streng und will meine Fehler nicht dulden. Wäre ich an Ihrer Stelle, ich könnte sie nicht ansehen; ich würde mich zur Wehre stellen und schlüge sie mich mit ihrer Ruthe, würde ich sie ihr aus der Hand reißen und vor der Nase zerbrechen. Wahrscheinlich würden Sie es bleiben lassen; wenn nicht, würde Sie Mr. Brocklehurst aus der Schule jagen und das wäre für Ihre Verwandten ein großes Leid. Es ist weit besser, einen Schlag, den man blos allein fühlt, geduldig ertragen, als einen unüberlegten Schritt thun, unter dessen Folgen alle Jene leiden, die Einem zunächst stehen; übrigens gebietet uns die heilige Schrift, Böses mit Gutem zu vergelten. Aber es ist eine große Schmach geschlagen zu werden und auf dem Schandplatze stehen zu müssen, und Sie sind noch dazu ein großes Mädchen; ich bin viel jünger als Sie und könnte diese Behandlung nicht ertragen. Und doch wäre es Ihre Pflicht, wenn Sie es nicht hindern könnten; es zeigt von Albernheit und Schwäche, sagen, man könne Etwas nicht ertragen, wenn man dazu bestimmt ist, es ertragen zu müssen. Ich hörte ihr voll Verwunderung zu; ich konnte diese Lehre der stillen Duldung nicht begreifen, noch weniger konnte ich mich mit der Versöhnlichkeit zufrieden geben, die sie ihrer Peinigerin gegenüber an den Tag legte. Ich fühlte, daß Helene Burns die Ereignisse in einem Lichte betrachtete, welches meinen Augen unsichtbar blieb. Ich vermuthete, sie könnte Recht und ich Unrecht haben; aber ich wollte nicht tiefer in den Gegenstand eingehen; wie Felix versparte ich mir's auf eine andere Zeit. Sie sagten, Sie hätten Fehler, Helene; welche sind diese? Mir wenigstens scheinen Sie sehr gut zu seyn. Dann mögen Sie bei mir erfahren, wie wenig man dem Scheine trauen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sich ausdrückt, schlumpich; ich halte in meinen Sachen keine Ordnung; ich bin unaufmerksam; ich merke mir keine Regeln; ich lese, statt meine Aufgabe zu lernen; ich habe keine Methode, und zuweilen sage ich, wie Sie vorhin, ich könne regelrechte Anordnungen nicht ertragen. Das Alles empört Miß Scatcherd aufs Aeußerste, die von Natur aus nett, pünktlich und eigen ist. Und launisch und grausam dazu, fügte ich bei; aber Helene Burns theilte meine Meinung nicht, sie blieb stille. Ist Miß Temple eben so streng gegen Sie, wie Miß Scatcherd? Bei Erwähnung von Miß Temple's Namen überflog ein sanftes Lächeln ihr ernstes Angesicht. Miß Temple hat ein gutes Herz; es dauert sie, gegen Jemand, und wäre es auch die Schlechteste der ganzen Schule, Strenge gebrauchen zu müssen; sie kennt meine Fehler und verweist sie mir im Guten und wenn ich etwa Lobenswerthes thue, ist sie mit ihrer Anerkennung sehr freigebig. Der beste Beweis meiner verderbten Gesinnung ist der, daß nicht einmal ihre milden, vernünftigen Ermahnungen im Stande sind, mich von meinen Fehlern zu heilen. Nicht einmal ihr Lob, das mir doch über Alles werth ist, vermag es, mich zur Aufmerksamkeit und Umsicht anzuspornen. Das ist sonderbar, bemerkte ich; es ist doch so leicht aufmerksam zu seyn. Für Sie ohne Zweifel. Ich beobachtete Sie diesen Morgen in Ihrer Classe und sah wie aufmerksam Sie zuhörten; Ihre Gedanken schienen keinen Augenblick herumzustreifen, während Miß Miller ihre Lection erklärte und Sie befragte. Meine Gedanken hingegen sind immer abwesend ; wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mir Alles merken sollte, vernehme ich sehr oft nicht einmal den Ton ihrer Stimme und verfalle in eine Art Traum. Zuweilen denke ich, ich sey, in Northumberland und halte das Geräusch um mich herum für das Murmeln eines kleinen Baches, der in Deepden nahe an meiner Eltern Hause vorbeifließt; -- wenn dann die Reihe zu antworten an mich kömmt, muß ich erst geweckt werden, und weil ich, dem eingebildeten Bache lauschend, das Vorgelesene überhört habe, weiß ich keine Antwort zu geben. Und doch, wie treffend antworteten Sie diesen Nachmittag? Das war reiner Zufall; der Gegenstand, den wir lasen, hatte mich interessirt. Statt von Deepden zu träumen, wunderte ich mich, daß ein Mann, wie Carl l., der Recht thun wollte, zuweilen so ungerecht handeln konnte; ich dachte, welch ein Schade es war, daß er bei seiner Rechtlichkeit und Gewissenhaftigkeit nicht über die Vorrechte der Krone hinausblicken konnte. Wäre es ihm möglich gewesen nur etwas in die Ferne zu sehen und zu bemerken, wie der sogenannte Zeitgeist mächtig heranbrauste! Und doch liebe, achte und bemitleide ich den armen gemordeten König! Seine Feinde waren viel schlimmer; sie vergossen Blut, das zu vergießen sie kein Recht hatten. Wie konnten sie es wagen ihn zu tödten! Helene unterhielt sich hier mit sich selbst; sie vergaß ganz, daß ich sie nicht gut fassen konnte, daß ich den Gegenstand, den sie behandelte, kaum vom Weiten kannte. Ich rief sie zu meiner Sphäre zurück. Wenn Sie bei Miß Temple Stunde haben, sind da auch Ihre Gedanken auf der Reise? Nein, gewiß nicht, wenigstens nicht so oft, denn Miß Temple weiß mir immer etwas zu sagen, was neuer als meine eigenen Gedanken ist; ihre Sprache ißt mir außerordentlich angenehm, und die Aufklärung. die sie mir gibt enthält stets dasjenige, was ich zu wissen wünschte. Nun wohl, bei Miß Temple führen Sie sich also gut auf? Ja, ich lasse mich gehen; ich bedarf keiner Ueberwindung in Folge der Lockung meiner Neigung. In solcher Aufführung sehe ich eben nichts Verdienstliches. O doch! Sehr viel; Sie sind mit denjenigen gut, die es mit Ihnen sind. Ich für meinen Theil möchte nie anders seyn. Wenn man gegen diejenigen, die grausam und ungerecht handeln, immer freundlich und unterwürfig wäre, könnten die bösen Leute stets nach Gutdünken schalten; sie würden sich nie fürchten, sich nie ändern, vielmehr immer schlimmer und boshafter werden. Wenn irgend Jemand ohne Ursache geschlagen wird, sollte er einen tüchtigen Schlag zurück geben, ganz gewiß, und zwar einen so derben Schlag, daß derjenige, der ihn zuerst schlug, die gute Lehre mit nach Hause nimmt, es nie wieder zu thun. Ich hoffe, Sie werden Ihre Gesinnung ändern, wenn Sie einmal älter geworden sind; bis jetzt sind Sie noch ein kleines, unerfahrenes Mädchen. Und doch fühle ich es, Helene, daß ich diejenigen hassen muß, die mich, was ich auch immer thun mag, ihnen zu gefallen, fortwähren von sich stoßen, daß ich mich wehren muß, wenn ich eine ungerechte Strafe erleiden soll. Es ist eben so natürlich, als daß ich diejenigen liebe, die eine Zuneigung zeigen, und mich einer Strafe geduldig unterwerfe, sobald ich fühle, daß ich sie verdient habe. Heiden und wilde Volksstämme hegen solche Ansichten, allein Christen und civilisirte Nationen verwerfen sie. Wie so? Das verstehe ich nicht. Nicht die Gewalt ist es, die am besten Haß und Abneigung besiegt; nicht die Rache ist es, die am sichersten ein geschehenes Unrecht ausgleicht. Was dann? Lesen sie das neue Testament, und bemerken Sie, was Christus sagt und wie er bandelt. -- Sein Wort sey Ihre Richtschnur und seine Handlungsweise Ihr Beispiel. Was sagt er? Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, thut Gutes denen, die Euch hassen und Böses thun. In diesem Falle müßte ich Mrs. Reed lieben, was ich nicht kann; ich müßte ihren Sohn John segnen, was mir rein unmöglich ist. Nun war die Reihe an Helene Burns gekommen, eine nähere Erklärung zu verlangen, welchem Wunsche ich durch die genaue Erzählung meiner Leiden und die Schilderung meiner Abneigung sofort entsprach. Ich sprach mit Bitterkeit und Leidenschaftlichkeit, ohne irgendwelchen Rückhalt und Schonung. Helene hörte mich bis ans Ende geduldig an; ich dachte, sie würde nun eine Bemerkung fallen lassen, aber sie sagte nichts. Nun, frug ich ungeduldig, ist Mrs. Reed kein hartherziges böses Weib? Sie ging nicht sehr zart mit Ihnen um, weil sie Ihre Gemüthsbeschaffenheit eben so wenig leiden kann, als Miß Scatcherd die meinige. Doch wie genau erinnern Sie sich alles dessen, was sie Ihnen gesagt und gethan! Welch einen wunderbar tiefen Eindruck scheint ihre Ungerechtigkeit auf Ihr Herz gemacht zu haben! Meinem Gemüthe kann selbst die schlechteste Behandlung kein so lebhaftes Merkmal einbrennen. Wären Sie nicht glücklicher, wenn Sie ihre Strenge und die daraus entspringenden leidenschaftlichen Aufregungen vergäßen? Das Leben ist meiner Ansicht nach zu kurz, um es zum Aufzeichnen erlittenen Unrechts und zum Hegen feindseliger Gefühle zu verwenden. Wir alle auf der Erde sind mit Fehlern beladen, aber bald wird die Zeit kommen, wo wir dieselben mit unserer verderbten Hülle abwerfen, wo Entartung und Sünde mit diesem lästigen Fleischklumpen von uns weichen werden, und nur allein der Geist -- der unsichtbare Quell des Daseyns und des Denkens -- so rein zurück bleibt, wie ihn der Schöpfer in seine Geschöpfe hineingehaucht hat. Vielleicht wandert er dann dorthin zurück, woher er gekommen, vielleicht belebt er ein höheres, edleres Wesen, als der Mensch ist, vielleicht erhebt er sich stufenweise von der dunklen Menschenseele zum glänzenden Seraph! Denn gewiß wird der Herr nicht zugeben, daß der menschliche Geist zum Teufel herabsinke; nein, das kann ich mir nicht denken ! Vielleicht habe ich einen andern Glauben, den mich Niemand gelehrt und den ich selten offen bekenne, der mich jedoch glücklich macht und an den ich mich fest klammere; denn er dehnt die Hoffnung ins Unendliche aus, schafft die Ewigkeit zur Ruhestätte, zur weiten Heimat um, nicht zu einem Schreckens orte und einem Abgrunde. Ueberdies kann ich bei diesem Glauben zwischen dem Verbrecher und dem Verbrechen genau unterscheiden und während ich dem Erstern vergebe, das Letztere vom Herzensgrunde verabscheuen; bei meinem Glauben verzehrt mir kein Rachegefühl die Seele, die Demüthigung kann mich nie zu tief niederdrücken, die Ungerechtigkeit nie zu sehr verletzen; ich lebe ruhig und sehe meinem Ende ohne Furcht entgegen. Helenens Haupt, von Natur aus gesenkt, sank noch tiefer, als sie ihre Rede beendigt hatte. Ich las in ihren Blicken, daß sie nicht länger mit mir zu sprechen wünschte, vielmehr mit ihren Gedanken allein seyn wollte. Sie erfreute sich indessen ihrer Einsamkeit nicht sehr lange; eine Aufseherin, ein großes, grobgeformtes Mädchen, kam auf sie los und rief ihr in einem stark ausgeprägten Cumberlander Accente zu Helene Burns, wenn Sie nicht augenblicklich Ihren Kasten in Ordnung bringen und Ihre Arbeit zusammenlegen, werde ich Miß Scatcherd bitten, sich die Bescherung ein wenig anzuschauen. Helene seufzte, aus ihren Träumen emporgescheucht, laut auf, erhob sich von ihrem Sitze und folgte der Aufseherin, ohne ein Wort zu entgegnen, unverzüglich. Siebentes Capitel. Das erste Vierteljahr meines Aufenthaltes zu Lowood kam mir wie ein ganzes Zeitalter, doch auf keinen Fall wie das goldene vor; ich hatte die größten Schwierigkeiten zu bekämpfen, bevor ich mich in eine neue Lebensweise und ungewohnte Arbeiten schickte. Die Furcht vor Verstößen in diesen beiden Beziehungen griff meinen Körper viel heftiger an, als die physischen Entbehrungen, die gleichwohl in meiner Lage nicht gering waren. Während des Jänners, Februars und theilweise auch des März verhinderte der tiefe Schnee und nachdem dieser geschmolzen war, die ganz unwegsamen Straßen, weitere Ausflüge über die Gartenmauer hinaus, mit einziger Ausnahme des Ganges zur Kirche; innerhalb des Gartens jedoch brachten wir täglich eine Stunde in der freien Luft zu. Unsere Kleidung war nicht geeignet, uns vor strenger Kälte zu bewahren; wir hatten keine Stiefel; das Schneewasser drang uns in die Schuhe, die bloßen Hände erfroren uns und wir bekamen Frostbeulen an Händen und Füßen; noch heute erinnere ich mich der schrecklichen Empfindung, die mir jeden Abend meine entzündeten Füße verursachten; nur die Marter, wenn ich des Morgens die steifen, kalten Zehen in die Schuhe preßte, konnte ihr an die Seite gestellt werden. Dazu kam noch die wahrhaft trostlose Knickerei im Essen; bei dem starken Appetite der im Wachsthum begriffenen Kinder bekamen wir kaum so viel zu essen, als der schwache Magen eines Kranken vertragen konnte. Dieser Mangel an hinreichender Nahrung brachte noch einen andern Uebelstand hervor, der gar schmerzlich auf den jüngern Schülerinnen lastete; so oft nemlich die größern Mädchen die Gelegenheit ersahen, bettelten sie den kleineren ihre Portion ab oder nahmen sie ihnen wohl gar unter Drohungen weg. Wie oft mußte ich den kostbaren Bissen Schwarzbrot, den wir täglich zum Kaffeh bekamen, mit zwei Schmarotzerinnen theilen, und wenn ich dann einer Dritten die Hälfte meines Kaffehs überlassen hatte, schluckte ich den schwachen Rest unter heimlichen Thränen hinunter, die mir der nagende Hunger entlockte. Im Winter waren die Sonntage äußerst langweilig, ja schreckliche Tage. Zwei volle Meilen mußten wir nach Brocklebridge zur Kirche gehen, wo unser Patron den Gottesdienst abhielt; ganz erfroren verließen wir das Haus, noch erfrorner kamen wir in der Kirche an, und während des Morgengottesdienstes erstarrten wir förmlich zu Bildsäulen. Es war zu weit weg, um wieder nach Hause zum Mittagsessen zurückzukehren, und so wurde denn während den Abtheilungen der Predigt kaltes Fleisch und Brot, natürlich in demselben spärlichen Verhältniß wie bei unseren übrigen Mahlzeiten, herumgereicht. Am Schlusse der Nachmittagsandacht kehrten wir auf einer allerseits dem Winde preisgegebenen, hügeligen Straße nach Hause zurück; die scharfe Winterluft, über eine beschneite Bergkette vom Norden herblasend, zog uns beinahe die Haut vom Gesichte ab. Noch heute sehe ich Miß Temple vor mir, wie sie, ihren im Winde flatternden schottischen Mantel enger zusammenziehend, an der Spitze der in die Knie sinkenden Mädchen frisch und leicht dahin schreitend, uns mit Wort und Beispiel aufmunterte, gutes Muths zu seyn, und wie „tapfere Soldaten“ vorwärts zu marschiren. Die anderen Lehrerinnen, die armen Geschöpfe! waren selbst zu sehr entkräftet, um an die Ermuthigung Anderer denken zu können. Wie sehnten wir uns, im Schulgebäude angelangt, nach dem Scheine und der Wärme eines helllodernden Feuers! Doch den kleinen Schülerinnen wenigstens war dieser Genuß versagt; jeder der Camine des Schulzimmers ward sofort von einer doppelten Reihe der großen Mädchen umschlossen, und erst hinter ihnen kauerten gruppenweise die kleinen Mädchen, ihre erstarrten Aermchen in ihre langen Schürzen hüllend. Die einzige Theestunde brachte einen kleinen Erlaß in der Gestalt einer doppelten Brotportion -- einer ganzen Schnitte Brot statt einer halben -- mit der köstlichen Zugabe einer dünnen Schichte Butter: darin bestand unser allwochentlicher Festschmaus, auf den wir uns von einem Sonntage zum andern freuten. Fast immer war ich so glücklich die Hälfte dieses schwelgerischen Mahles für mich behalten zu können, allein den Ueberrest mußte ich unabänderlich vertheilen. Den Abend füllte an Sonntagen das Aufsagen des Kirchenkatechismus, des fünften, sechsten und siebenten Capitels des Evangeliums Matthäi und eine von Miß Miller vorgelesene lange Erbauungsrede aus, deren häufiges Gähnen hinlänglich bewies. wie sehr sie sich langweilte. Ein nicht seltenes Zwischenspiel bei diesen Andachtsübungen gab die Darstellung der Rolle des Eutychus ab, welche von einem halben Dutzend kleiner Mädchen durchgeführt wurde, die zwar nicht vom dritten Steckwerk, wohl aber von der vierten Bank herunterpurzelten, und sich halb todt schlugen. Das Heilmittel dagegen bestand darin, daß man sie in die Mitte des Schulzimmers schuppte, und bis zur Beendigung der Predigt stehen ließ. Zuweilen sanken ihnen die Kniee ein, und sie fielen auf einen Haufen zusammen: dann wurden sie mit den hohen Stühlen der Aufseherinnen gestützt. Ich habe bis jetzt noch nicht von Mr. Brocklehurst's Besuchen gesprochen; wirklich war dieser ehrwürdige Herr, wahrscheinlich infolge der Verlängerung seines Aufenthaltes bei seinem Freunde, dem Archidiaconus, während des größten Theiles des ersten Monates nach meiner Ankunft vom Hause entfernt; seine Abwesenheit war für mich ein wahrer Trost. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß ich meine besonderen Ursachen hatte, sein Erscheinen zu fürchten; doch endlich ließ er nicht länger auf sich warten. Eines Nachmittags (ich befand mich bereits drei Wochen in Lowood) saß ich mit einer Schiefertafel in der Hand im Schulzimmer, und brütete eben über einer langen zu dividirenden Zifferreihe. Plötzlich gewahrte ich während eines Blickes, den ich zur Abwechslung durch's Fenster warf, eine Gestalt, deren eckige Umrisse ich sofort erkannte, und als zwei Minuten später die ganze Schule, die Lehrerinnen mit inbegriffen, in Masse aufstand, hatte ich nicht erst nöthig aufzublicken, um zu wissen, wem die Begrüßung galt. Ein langer Schritt maß das Schulzimmer, und alsbald stand neben Miß Temple, die sich gleichfalls erhoben hatte, dieselbe schwarze Bildsäule, die mich am Caminteppich zu Gateshead so finster und bedeutungsvoll angeblickt. Für jetzt sah ich dieses Denkmal der Baukunst blos von der Seite an. Richtig, ich hatte mich nicht geirrt, es war Mr. Brocklehurst, bis ans Kinn in einen Winterrock eingeknöpft, länger, schmäler und steifer aussehend denn je. Ich hatte meine guten Gründe, über diese Erscheinung aus der Fassung zu kommen, denn nur zu gut erinnerte ich mich der boshaften Andeutungen, die ihm Mrs. Reed über meine Neigungen mitgetheilt, und des Versprechens, das ihr Mr. Brocklehurst hierauf gegeben hatte, Miß Temple und die Lehrerinnen von meiner lasterhaften Natur in Kenntniß zu setzen. Die ganze Zeit über hatte ich die Erfüllung dieses Versprechens gefürchtet, tagtäglich „den kommenden Mann“ erwartet, dessen Nachweisung über meine Vergangenheit mich für immer zum bösen Kinde stempeln sollte;-- jetzt war er da. Er stand an Miß Temples Seite, er sagte ihr etwas leise ins Ohr; ich zweifelte keinen Augenblick, er mache ihr Eröffnungen über meine bodenlose Schlechtigkeit, und ich beobachtete ihr Auge mit schmerzlicher Angst, jeden Augenblick erwartend, den dunklen Stern mit einem Blicke voll Verachtung und Abscheu auf mich gerichtet zu sehen. Ich gab mir Mühe zu horchen; und da ich zufällig ziemlich in der Nähe saß, fing ich den größten Theil des Gespräches auf; der Inhalt befreite mich von augenblicklicher Bangigkeit. Ich glaube der Zwirn, den ich in Lowton kaufte, wird gut seyn, Miß Temple; es fiel mir gleich ein, er würde zu den Calicohemden passen, und ich suchte auch gleich die Nadeln darnach aus. Sie mögen Miß Smith sagen, daß ich vergaß, mir der Stopfnadeln wegen ein Merkzeichen zu machen, aber sie soll dennoch nächste Woche einige Päckchen geschickt bekommen; doch möchte sie unter keiner Bedingung mehr als Eine auf einmal an jede Schülerin vertheilen; wenn sie mehr bekommen, werden sie sorglos, und sind im Stande sie zu verwerfen. Und die wollenen Socken, Madame, auf die sollte doch mehr gesehen werden! Bei meinem letzten Besuche untersuchte ich die Wäsche, die im Küchengarten zum Trocknen an der Leine hing: eine Anzahl schwarzer Strümpfe war sehr schlecht ausgebessert; aus der Größe er Löcher sah ich deutlich, daß man sie nicht von Zeit zu Zeit zugestopft hatte. Er machte eine Pause. Ihre Anordnungen sollen befolgt werden, Sir , sagte Miß Temple. Und die Wäscherin sagte mir, Madame , fuhr er fort, daß mehre von den Mädchen die Woche zwei Halsstreifen einschmutzen; das ist zu viel, die Hausordnung gestattet blos einen einzigen. Diesen Umstand kann ich wohl aufklären, Sir. Agnes und Katharina Johnstone waren am vergangenen Dinstag von einigen Freundinnen in Lowton zu Thee gebeten, und ich erlaubte ihnen bei dieser Gelegenheit weiße Halsstreifen anzulegen. Mr. Brocklehurst nickte. Gut, dies einemal mag es noch hingehen; aber ich bitte mir's aus, daß dieser Fall nicht zu oft eintritt. Indessen ist da noch ein anderer Umstand, über den ich höchlich erstaune; ich finde nemlich in der Küchenrechnung der letzten vierzehn Tage zweimal einen an die Mädchen verabreichten Imbiß von Brot und Käse vor. Was soll das? In den Statuten der Anstalt geschieht keine Erwähnung von Imbissen. Wer hat diese Neuerung eingeführt, und kraft welcher Vollmacht? Ich allein bin dafür verantwortlich, Sir, erwiederte Miß Temple; das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß es die Zöglinge unmöglich genießen konnten, und ich traute mich nicht, sie bis zum Mittagessen fasten zu lassen. Madame, erlauben Sie mir einen Augenblick! Sie wissen, daß mein Plan bei Erziehung dieser Mädchen nicht dahin geht, sie an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen, sondern vielmehr abzuhärten, in Geduld und Enthaltsamkeit zu üben. Kömmt nun auch zuweilen ein kleiner, den Appetit benehmender Unfall, wie zum Beispiele das Mißrathen eines Gerichtes, das Anbrennen und Versalzen einer Schüssel, vor, so ist es nicht an der Zeit, diesen Unfall dadurch auszugleichen, daß man den entgangenen Genuß durch noch etwas Schmackhafteres ersetzt, den Magen vollpfropft und solchergestalt den Zweck dieses Institutes zu nichte macht, vielmehr sollte ein solcher Umstand zu dem geistigen Besten der Zöglinge gewendet und dieselben ermuntert werden, die augenblickliche Entbehrung mit Seelenstärke zu ertragen. Eine kurze Anrede wäre bei solchen Gelegenheiten sehr ersprießlich, worin eine verständige Erzieherin auf so Manches hinweisen könnte, wie zum Beispiele auf die Leiden der ersten Christen, auf die Qualen der Märtyrer, auf die Ermahnungen unseres Heilandes selbst, der da seinen Jüngern ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen gebeut; auf seine Mahnung, daß der Mensch nicht allein vom Brote, sondern auch vom Worte Gottes lebt; auf seine göttliche Tröstung: Glücklich Ihr, die Ihr meinetwegen , Hunger und Durst leidet. Oh, Madame, wenn Sie diesen s Kindern Brot unn Käse anstatt angebrannter Suppe in s den Rachen werfen, mögen Sie wohl ihre morschen Leiber s füttern, aber Sie vergessen, welchen Hunger ihre unsterblichen Seelen leiden. Vielleicht von seinen Gefühlen übermannt, machte Mr. Brocklehurst abermals eine Pause. Miß Temple hatte beim Beginn seiner Anrede zu Boden geblickt; in diesem Augenblicke sah sie gerade vor sich hin und ihr Gesicht, schon von Natur aus weiß wie Marmor, schien nun auch die Unbeweglichkeit und Kälte dieses Stoffes angenommen zu haben, ihr Mund besonders schloß sich, als hätte es des Meißels eines Bildhauers bedurft, ihn wieder zu öffnen, und ihre Stirne verwandelte sich stufenweise in versteinerten Ernst. In der Zwischenzeit übersah Mr. Brocklehurst, der, die Hände auf dem Rücken, am Camine stand majestätischen Blickes das Schulzimmer. Plötzlich erblitzte sein Auge, als hätte irgend ein Anblick seine Pupille geblendet oder beleidigt; sich umwendend, rief er mit größerer Hast, als er bis jetzt beim Sprechen gezeigt: Miß Temple, Miß Temple! Wer -- wer ist jenes Mädchen mit den gelockten Haaren? Rothe Haare, Madame, über und über gelockt? Und er wies mit dem Stocke und mit zitternder Hand nach dem schrecklichen Gegenstande. Es ist Julie Severn, versetzte Miß Temple sehr ruhig. Julie Severn, Madame! Und warum trägt sie oder irgend eine Andere gelocktes Haar? Warum wagt sie es sich allen Vorschriften und Grundsätzen dieser Anstalt zum Trotz hier, in einem evangelischen Hause der Mildthätigkeit, nach der weltlichen Mode zu richten und ihren Kopf mit Locken zu bedecken? Juliens Haare ringeln sich von Natur aus, erwiederte Miß Temple noch weit ruhiger. Von Natur aus! Aber wir haben nichts mit der Natur zu schaffen: ich wünsche, daß aus diesen Mädchen Kinder der Gnade Gottes werden. Wozu diese Ueppigkeit? Habe ich mich nicht unzählige Male darüber ausgesprochen, daß ich die Haare glatt gekämmt, bescheiden und einfach gemacht haben will? Miß Temple, der Kopfschmuck dieses Mädchens muß gänzlich abgeschoren werden, ich will morgen den Barbier herschicken. Auch die Andern haben einen großen Ueberfluß von diesem Auswuchse an sich; lassen Sie das große Mädchen dort sich herumdrehen. Lassen Sie überhaupt alle Schülerinnen der ersten Bank aufstehen und das Gesicht gegen die Wand kehren. Miß Temple hielt sich das Taschentuch vor den Mund, als wollte sie das unwillkürliche Lächeln verbergen, das ihn umspielte; doch gab sie ten verlangten Befehl und nachdem die erste Classe begriffen hatte, was man verlangte, leistete sie Gehorsam. Mich ein wenig in meiner Bank zurücklehnend, konnte ich die Blicke und Fratzen sehen, mit welchen die Mädchen diese Manöver begleiteten, und es war Jammerschade, daß sie Mr. Brocklehurst nicht auch bemerken konnte; vielleicht hätte er es begriffen, daß, wenn er auch bas Aeußere in seiner Macht hatte, das Innere seiner Einmischung weit ferner lag, als er sich es einbilden mochte. Er betrachtete die Kehrseiten dieser lebenden Medaillen beiläufig durch fünf Minuten mit aller Aufmerksamkeit, dann sprach er das Urtheil: Alle diese Haarflechten müssen abgeschnitten werden. Diese Worte ertönten wie die Glocke des Todesurtheils. Miß Temple schien Einwendungen machen zu wollen. Madame, fuhr er fort, ich bin der Diener eines Herrn, dessen Reich nicht von dieser Welt ist; es gehört mit zu meiner Sendung, in diesen Mädchen die eitle Lust des Fleisches auszurotten, sie zu lehren, sich in Züchtigkeit und Bescheidenheit zu kleiden, nicht mit geflochtenen Haaren und kostbaren Anzügen zu schmücken. Eine jede dieser jungen Personen hat ein Büschel Haare in Zöpfe zusammengedreht, wie sie der Dämon der Eitelkeit selbst nicht besser hätte flechten können; diese Haarschleifen, ich wiederhole es, müssen herunter. Denken Sie nur an die übel angewandte Zeit, an die-- Hier wurde Mr. Brocklehurst unterbrochen: ein neuer Besuch, drei Damen traten in die Stube. Sie hätten etwas früher kommen sollen, um seine Predigt gegen den Putz mit anzuhören, denn sie waren sämmtlich auf's Kostbarste in Sammt, Seide und Pelzwerk gekleidet. Die beiden jüngern Damen des Kleeblattes (schöne Mädchen von sechszehn und siebzehn Jahren) trugen graue Biberhüte mit wallenden Straußfedern, wie sie dazumal Mode waren, und unter dem Hutrande quollen Massen kunstreich aufgetürmter Haarbüschel hervor; die ältere Dame hatte einen kostbaren, mit Hermelin besetzen Sammtshawl um die Schultern geschlagen und ihren Vorderkopf deckten falsche Scheitel mit dergleichen französischen Locken. Die drei Damen wurden als Mrs. und Misses Brocklehurst von Miß Temple ehrfurchtsvoll empfangen und zum Ehrenplatze, am oberen Ende des Zimmers, geleitet. Sie schienen mit ihrem ehrwürdigen Blutsverwandten in einer Kutsche gekommen zu seyn und eine genaue Durchsuchung der oberen Gemächer vorgenommen zu haben, während der Letztere mit der Haushälterin Rechnung mochte, die Wäscherin ausholte und die Schuloberin abkanzelte. Nunmehr begannen sie Miß Smith, welche die Aufsicht über die Wäsche und den Schlafsaal führte, verschiedene Bemerkungen und Ausstellungen zu machen: doch ich hatte keine Zeit aufzumerken, was sie sagten; andere Dinge nahmen meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Bis nun, und während ich auf die Unterredung zwischen Mr. Brocklehurst und Miß Temple Acht gab, hatte ich keinen Augenblick die nöthigen Vorsichtsmaßregeln vergessen, um meine persönliche Sicherheit zu wahren, welchen Zweck ich am besten dadurch zu erreichen hoffte, daß ich mich jeder Beachtung entzog. Zu diesem Behufe hatte ich mich in der Bank ganz zurück gesetzt, und anscheinend mit meiner Rechnung beschäftigt, die Schiefertafel so gehalten, daß sie mein Gesicht verbarg; gewiß wäre ich der Gefahr, bemerkt zu werden, ohne Schwierigkeit entgangen, wäre nicht die verrätherische Schiefertafel irgend wie meiner Hand entschlüpft und mit einem lauten Krach zu Boden gefallen, was natürlich sofort Aller Augen auf mich zog. Ich wußte, daß nun Alles verloren sey, und während ich mich bückte, um die Scherben aufzulesen, bereitete ich mich auf das Schlimmste vor. Es kam im Sturmschritt heran. Ein unvorsichtiges Mädchen? fagte Mr. Brocklehurst, und gleich darauf: Es ist der neueingetretene Zögling, wie ich bemerke, und bevor ich nur aufathmen konnte, schloß er: Lassen Sie mich nicht vergessen, daß ich des Kindes wegen ein Wort zu sagen habe. Dann rief er laut (ach, wie laut tönte es mir in die Ohren): Das Mädchen, welches die Schiefertafel zerbrochen hat, trete vor! Aus eigenem Antriebe hätte ich keinen Schritt vorwärts thun können, ich war wie vom Schlage gerührt: aber die beiden Mädchen, zwischen denen ich saß, brachten mich auf die Beine und schoben mich dem gefürchteten Richter entgegen; Miß Temple sührte mich mit liebevoller Sorgfalt vollends bis zu seinen Füßen, indem sie mir freundlich zuflüsterte: Fürchte Dich nicht, Jane, ich sah es, daß es ein bloßer Zufall war; Du wirst nicht gestraft werden. Diese theilnahmvollen Worte durchbohrten mein Herz wie ein Dolchstich. Noch eine Minute, und Sie wird mich als eine Heuchlerin verdammen, dachte ich, und ein Anfall von Wuth gegen Reed, Brocklehurst und Comp. tobte bei dieser Vorstellung durch meine Adern. Ich war keine Helene Burns. Man bringe jenen Stuhl herbei, sagte Mr, Brocklehurst, auf einen sehr hohen Sitz deutend, von welchem die eine Aufseherin eben aufgestanden war; er wurde herbeigeholt. Man setze das Kind darauf. Und ich wurde hinaufgehoben, von wem? ich weiß es nicht: ich war nicht in der Verfassung auf solche Kleinigkeiten Acht zu geben; ich bemerkte nur, daß man mich zur Höhe von Mr. Brocklehurst's Nase emporgesetzt hatte, daß er mir bis auf die Entfernung von einer Elle am Leibe saß und daß sich ein mit geschossener orange- und purpurfarbener Seide und einer Wolke wehender Federbüsche erfüllter Raum vor mir ausdehnte. Mr. Brocklehurst räusperte sich. Meine Damen, begann er, zu seiner Familie gewendet; Miß Temple, Ihr Lehrerinnen und Kinder, Ihr Alle seht dieses Mädchen. Natürlich sahen sie mich, denn ich fühlte es wie ihre Augen; gleich Brenngläsern auf mein heißglühendes Gesicht gerichtet waren. Ihr seht, sie ist noch jung; Ihr bemerkt, daß sie die gewöhnliche Gestalt eines Kindes besitzt; Gott hat ihr in seiner Gnade dasjenige Aussehen verliehen, welches er uns Allen gab; kein besonderer Leibesfehler stempelt sie zu einem gezeichneten Charakter. Wer sollte denken, daß bereits der Böse seine Dienerin und sein williges Werkzeug in ihr gefunden? Und doch, ich spreche es mit innigem Bedauern aus, ist dies der Fall. Eine Pause folgte, in der ich das krampfhafte Zucken meiner Nerven zur Ruhe zu bringen und einzusehen anfing, daß nun die fatale Grenzlinie überschritten und daß has Strafgericht nicht länger zu vermeiden, vielmehr standhaft zu ertragen sey. Meine theuren Kinder, fuhr der schwarzmarmorne Geistliche mit Pathos fort, es ist dies ein sehr trauriges, niederschlagendes Vorkommniß; denn es ist meine Pflicht, Euch anzukündigen, daß dieses Mädchen, welches eines von den Lämmern Gottes seyn könnte, ein raudiges Schaf, kein Glied der treuen Heerde, sondern vielmehr ein Mischling, ein Eindringling ist. Hütet Euch vor ihr, folgt ihrem Beispiele nicht, meidet ihre Gesellschaft so viel als möglich, schließt sie von euren Spielen und euren Gespräche aus. Und Ihr, Lehrerinnen, habt ein sorgsames Auge auf sie, bewacht ihre Bewegungen, wägt ihre Reden ab, prüfet ihre Handlungen und straft ihren Körper, um ihre Seele zu retten, wenn noch irgend eine Rettung möglich ist; denn (meine Zunge versagt mir den Dienst, während ich es ausspreche) dieses Kind, dieses Mädchen, die Eingeborene eines christlichen Landes ist schlimmer als so manche kleine Heidinnen, die ihre Gebete zu Brahma emporsenden und vor Dschagernaut knieen,-- dieses Mädchen ist eine Lügnerin! Ein etwa zehn Minuten langes Stillschweigen trat ein; zum Gebrauche meiner Sinne gelangt, bemerkte ich wie sämmtliche weibliche Glieder der Familie Brocklehurst die Taschentücher hervor holten und an ihre Sehwerkzeuge drückten, worauf die Alte unmuthig hin und her rückte und die beiden Jungen einander zuflüsterten: Wie abscheulich! Mr. Brocklehurst hob wieder an: Ich erfuhr dieses von ihrer Wohlthäterin, von der frommen wohlthätigen Dame, welche sich ihrer verwaisten Lage angenommen, sie wie ihre eigene Tochter auferzogen hatte und deren Güte und Großmuth das böse Mädchen mit so schwarzem Undank erwiederte, daß sich ihre vortreffliche Gönnerin endlich genöthigt sah, sie von ihren eigenen Kindern zu trennen, damit nicht etwa ihr böses Beispiel deren kindliche Reinheit verdürbe. Sie sandte sie in diese Anstalt, um hier geheilt zu werden, gleichwie die alten Juden ihre Kranken zum Teiche Bethesda sandten. Oberin, Lehrerinnen, ich beschwöre Euch, laßt die Wasser um sie nicht zur stehenden Pfütze werden. Bei diesem erhebenden Schlusse knüpfte Mr. Brocklehurst den obersten Knopf seines Winterrockes zu, sagte: Etwas leise zu den Seinigen, welche aufstanden und sich vor Miß Temple verneigten, und die sämmtlichen Großen des Reiches segelten in voller Stattlichkeit zum Zimmer hinaus. Noch in der Thüre wandte sich der gestrenge Richter um und sagte: Lassen Sie sie noch eine halbe Stunde auf dem Stuhle stehen und daß es Niemand beikomme, im Verlaufe des heutigen Tages mit ihr zu sprechen. Da stand ich nun oben; ich, die ich gesagt hatte, ich ertrüge es nicht, auf meinen eigenen Füßen inmitten des Schulzimmers zu stehen, war nun dem allgemeinen Geschaue auf einem schmachvollen Pranger preisgegeben. Was ich damals empfand, vermöchte keine Sprache zu schildern; doch gerade in dem Augenblicke als alle meine Gefühle empor stiegen, mir den Athem benahmen und mich zu ersticken drohten, kam ein Mädchen heran und bei mir vorüber und während sie vorüberging, sandte sie mir einen Blick zu. Welch' wunderbares Licht entströmte ihren Augen! Wie fühlte ich mich gestärkt, ja emporgetragen! Es war als ob eine Märtyrin, eine, Heldin bei einer Sclavin, einem Schlachtopfer vorübergegangen und Muth und Stärke durch ihren Anblick eingeflößt hätte. Ich bemeisterte den emporsteigenden Starrkrampf, hob einen Kopf in die Höhe und nahm eine feste Stellung auf dem Stuhle. Helene Burns stellte, ihrer Näherei wegen, einige unbedeutende Fragen an Miß Smith, wurde ihrer Albernheit wegen gescholten, kehrte auf ihren Platz zurück und sandte im Vorbeigehen ein Lächeln zu mir empor. Und was für ein Lächeln! Noch jetzt erinnere ich mich dessen und weiß nun, daß es der Ausfluß einer schönen Seele, eines echten Muthes war; es erleuchtete ihre ausgeprägten Züge, ihr hageres Gesicht, ihre tiefliegenden grauen Augen wie der Wiederschein von dem Anblicke eines Engels. Und doch trug Helene Burns in diesem Augenblicke das „Schandteichen wegen Unordentlichkeit“ am Arme; kaum eine Stunde zuvor war sie von Miß Scatcherd für den nächsten Tag zu Wasser und Brot verurtheit worden, weil sie eine Vorschrift beim Abschreiben bekleckst hatte. So unvollkommen ist die menschliche Natur, solche Flecke sind auf der Lichtscheibe des hellsten Planeten sichtbar; aber nur Augen wie Miß Scatcherd's ihre können diese kleinen Gebrechen entdecken und für das helle Licht des Gestirnes blind seyn! Achtes Capitel. Als meine Strafzeit zu Ende war, schlug es gerade fünf Uhr; der Unterricht wurde geschlossen und Alles begab sich in den Speisesaal zum Thee. Ich wagte es nun herunterzusteigen; es war tiefe Dämmerung; ich kroch in einen Winkel und setzte mich auf die Erde. Der Zauber, der mich bis jetzt aufrecht erhalten hatte, begann zu schwinden; eine Gefühlsumstimmung trat ein und der Schmerz, den ich Boden gewendet, der Länge nach hinsank. Nun weinte ich; Helene Burns war nicht zugegen, ich hatte keinen Stützpunkt; mir selbst überlassen gab ich mich selbst auf und meine Thränenbäche traten aus den Ufern. Ich hatte die Absicht, so brav und so fleißig in Lowood zu seyn, mir Freundinnen, Achtung und Zuneigung zu erwerben. Schon hatte ich bedeutende Fortschritte gemacht, noch am selben Morgen war ich die Erste in meiner Classe gewesen; Miß Miller hatte mich warm gelobt, Mig Temple mir Zufriedenheit gelächelt und sogar versprochen, mich Malen und Französisch lernen zu lassen, wenn ich noch zwei Monate so fortführe; meine Cameradinnen konnten mich alle gut leiden, die Mädchen meines Alters behandelten mich wie ihres Gleichen, und nun? Hier lag ich darniedergeschmettert und dachte nicht daran, mich je wieder erheben zu können. Alles verloren! jammerte ich und wünschte sehnlichst zu sterben. Während ich diesen Wunsch in gebrochenen Lauten herausschluchzte, kam Jemand näher; ich fuhr empor -- Helene Burns stand neben mir, das eben verlöschende Feuer beleuchtete ihr Antlitz; sie brachte mir meinen Kaffeh und mein Brot. Kommen Sie, nehmen Sie etwas zu sich, sprach sie, aber ich schob Beides von mir, in der Ueberzeugung, daß ich in meiner augenblicklichen Verfassung an einem Tropfen oder an einer Krume ersticken könnte. Helene sah mich erstaunt an; wiewohl ich mächtig kämpfte, konnte ich meiner Gefühle nicht Herr werden und weinte laut. Sie setzte sich F mir auf den Boden nieder, umschlang ihre Kniee mit ihren Armen und legte ihren Kopf darauf; in dieser Stellung verharrte sie, schweigsam wie ein Indianer. Ich brach zuerst das Stillschweigen. Helene wie können Sie sich mit einem Geschöpfe begeben, das Jedermann für eine Lügnerin hält? Jedermann, Jane? Wie ist dies möglich? Blos achtzig Personen waren zugegen, als man Sie so nannte, und die Erde zählt Hunderte von Millionen Menschen. Was habe ich mit den Millionen zu schaffen? die achtzig Wesen, die ich kenne, verachten mich. Sie irren, Jane; wahrscheinlich verachtet Sie keine Einzige in der ganzen Schule, sehr Viele, ich bin dessen gewiß, bedauern Sie. Wie mögen sie mich nur bemitleiden, nach Allem, was Mr. Brocklehurst gegen mich vorbrachte? Mr. Brocklehurst ist kein Gott, nicht einmal ein großer und bewunderter Mann, man kann ihn hier nicht sehr leiden und er gibt sich auch nicht die Mühe, für sich einzunehmen. Hätte er Sie als seinen begünstigten Liebling behandelt, hätten Sie jetzt Feindinnen, sey es nun heimliche oder erklärte, um sich herum; wie aber die Sachen stehen, würde Ihnen gewiß der größte Theil seine Sympathie bezeigen, wenn er es dürfte. Vielleicht werden Sie Lehrerinnen und Zöglinge ein bis zwei Tage etwas kälter behandeln, aber sie bleiben Ihnen im Herzen zugethan, und wenn Sie fortfahren sich gut aufzuführen, wird diese Zuneigung, eben weil sie einige Zeit unterdrückt war, nur um desto lebhafter an den Tag kommen. Uebrigens, Jane -- Nun, liebe Helene? fragte ich meine Hand in die ihrige legend; sie rieb meine Finger ganz sanft, um sie zu erwärmen, und fuhr fort: Wenn Sie auch die ganze Welt haßt und für schlecht hält, sind Sie nicht ohne Trost, wenn Ihnen nur Ihr eigenes Gewissen Beifall zollt und Sie von aller Schuld losspricht. Nein, und wenn ich mir auch selbst das beste Zeugniß geben könnte, es genügte mir nicht; wenn mich meine Umgebung nicht liebt, möchte ich lieber sterben, als am Leben bleiben; ich kann nun einmal nicht einsam und ohne Liebe leben, Helene. Sehen Sie, um Ihre oder Miß Temple's, oder Jemandes Anderen aufrichtige Zuneigung zu erlangen, könnte ich mir von freien Stücken einen Arm brechen, mich von einem wilden Stier aufspießen lassen oder hinter einem scheuen Pferde stehen, das ausschlüge und mir mit seinen Hufen die Brust zerschmetterte. Stille, Jane! Sie machen sich einen zu hohen Begriff von der Zuneigung menschlicher Wesen. Sie sind zu hingebend, zu heftig: die Hand des Schöpfers, die Ihren Körper formte und belebte, hat Sie mit anderen Hilfsquellen ausgerüstet, als mit dem Vertrauen auf Ihr schwaches Ich oder auf andere, noch gebrechlichere Wesen als Sie sind. Außer dieser Erde und über dem sterblichen Menschengeschlechte gibt es noch eine unsichtbare Welt, ein Reich der Geister; diese Welt umgibt uns, denn sie ist überall, und jene Geister bewachen uns, denn sie haben den Auftrag und die Sendung, uns zu beschützen; und stürben wir auch in Schmerz und Schande, und träfe uns von allen Seiten Verachtung und zerträten uns Haß und Verfolgung, Engel sehen unsere Qualen, erkennen unsere Unschuld (wenn wir unschuldig sind, wie dies bei Ihnen gewiß hinsichtlich Mr. Brocklehurst's Beschuldigung der Fall ist; denn ich lese die reinste Aufrichtigkeit in Ihren treuherzigen Augen und auf Ihrer reinen Stirn), und Gott erwartet nur die Trennung des Geistes vom Fleische, um uns aufs Herrlichste zu belohnen. Warum sollten wir uns also je zu Boden drücken lassen, wenn das Leben so bald vorüber und der Tod ein so sicherer Führer zur Glückseligkeit, zur Verklärung ist? Ich sprach kein Wort. Helene hatte mich beruhigt; allein die Beruhigung, die sie mir eingeflößt, hatte einen Beigeschmack von unbeschreiblicher Traurigkeit. Ein tiefes Weh durchzuckte mich, während sie so sprach, aber ich wußte nicht, von wannen es kam; und als sie, nachdem sie zu sprechen aufgehört hatte, etwas schwerer Athem holte und kurz abgebrochen hustete, vergaß ich für den Augenblick meine eigenen Schmerzen, um einer unbestimmten Befürchtung für meine Trösterin Raum zu geben. Meinen Kopf auf Helenens Schulter gelegt, schlang ich meine Arme um ihren Leib; sie zog mich an sich und wir überließen uns einem ruhigen Nachdenken. Wir waren noch nicht lange so gesessen, als eine dritte Person in die Stube trat. Der Winter hatte einige schwere Wolken von der klaren Mondscheibe weggefegt und bei dem Lichte des Nachtgestirnes, das durch ein nahes Fenster in aller Fülle auf uns Beide und die nahende Gestalt herniederströmte, erkannten wir sofort Miß Temple. Ich kam absichtlich, Dich aufzusuchen, Jane Eyre, sagte sie; ich bedarf Deiner auf meiner Stube und da Helene Burns gerade bei Dir ist, mag sie auch mitkommen. Wir gingen; der Oberin folgend mußten wir mehre in einander laufende Gänge durchschreiten und eine Treppe erklimmen, ehe wir in ihr Gemach gelangten, welche ein gutes Feuer enthielt und sehr gemüthlich aussah. Miß Temple hieß Helene sich auf einen niederen Armstuhl an der einen Seite des Camins niederlassen, und nachdem sie sich gleichfalls gesetzt hatte, rief sie mich zu sich. Nun, ist's wieder gut? frug sie, mir ins Gesicht blickend. Hast Du deinen Schmerz ausgeweint? Das, denke ich, wird mir wohl nie möglich seyn. Wie so? Weil ich ungerecht beschuldigt worden bin, und Sie, Madame, und Jedermann wird mich fortan für ein böses Kind halten. Wir werden Dich für das halten, als was Du Dich uns zeigst, mein Kind; fahre fort, ein braves Mädchen zu seyn und ich bin mit Dir zufrieden. Gewiß, Miß Temple? Ganz gewiß, sagte sie, mich in ihre Arme schließend. Und nun sage mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst deine Wohlthäterin nannte? Mrs. Reed, die Frau meines Onkels. Mein Onkel ist todt und hinterließ mich ihrer Obhut. Sie nahm Dich also nicht aus eigenem Antriebe an Kindesstatt an? Nein, Madame; vielmehr war es ihr sehr unlieb, daß sie es thun mußte: aber mein Onkel forderte ihr, wie ich die Dienerschaft oft erzählen hörte, das feierliche Versprechen ab, mich stets, auch nach seinem Tode, bei sich behalten zu wollen. Nun gut, Jane, Du weißt, oder ich will Dir es wenigstens sagen, daß, wenn ein Verbrecher beschuldigt wird, es ihm jedesmal frei steht, sich zu vertheidigen. Man hat Dich der Falschheit und der Lüge beschuldigt, vertheidige Dich bei mir, so gut Du kannst. Sage Alles, was Dir dein Gedächtniß als wahr eingibt, aber füge nichts hinzu und übertreibe nichts. In der Tiefe meines Herzens beschloß ich mich zu mäßigen und nur die reine Wahrheit zu sagen und nachdem ich einige Minuten nachgedacht hatte, um meine Gedanken zu ordnen, erzählte ich ihr die vollständige Geschichte meiner traurigen Kindheit. Von der vorhergegangenen Aufregung noch erschöpft war meine Sprache weit ruhiger denn sonst, wenn ich diesen traurigen Gegenstand berührte; und Helenens Warnung, mich nicht so sehr dem Zorne hinzugeben, eingedenk, brachte ich in meine Erzählung weit weniger Bitterkeit und Schärfe als gewöhnlich. Derart geläutert und vereinfacht lautete meine Erzählung viel wahrscheinlicher; noch im Verlaufe derselben wurde ich gewahr, daß mir Miß Temple vollen Glauben schenkte. Ich that unter andern Mr. Lloyd's Erwähnung, als desjenigen, der mich nach meinem Unfalle besuchte; denn ich vergaß die für mich so schreckliche Episode des rothen Zimmers keineswegs, vielmehr ließ mich die Aufregung, die sich meiner bei Erwähnung dieser Scene bemächtigte, etwas aus der Rolle fallen, da nichts im Stande war, die lebhafte Erinnerung jenes Todeskrampfes aus meinem Gedächtniß zu verwischen, der mich am Herzen packte, als Mrs. Reed meine flehentlichen Bitten um Verzeihung schnöde von sich wies und mich ein zweites Mal in die finstere Gespensterstube einschloß. Ich hatte geendigt; Miß Temple sah mich einen Augenblick schweigend an und sagte dann: Ich kenne diesen Mr. Lloyd ein wenig. ich werde ihm schreiben, und stimmen seine Aussagen mit den deinigen überein, dann sollst Du öffentlich von jeder Anschuldigung gereinigt werden; in meinen Augen bist Du es nun schon, liebe Jane. Sie küßte mich und mich noch immer an ihrer Seite behaltend (wo ich mich glücklich fühlte und aus der Betrachtung ihres Gesichtes, ihres Anzuges, ihres Schmuckes, ihrer weißen Stirne, ihrer dichten, glänzenden Locken, und feurigen dunklen Augen ein eigenes, kindliches Vergnügen schöpfte) wandte sie sich nun zu Helene Burns. Wie geht es Dir heute Abend, Helene? Hast Du den Tag über viel gehustet? Ich denke, nicht so viel, Madame. Und deine Brustschmerzen? Haben ein wenig nachgelassen. Miß Temple stand auf, faßte ihre Hand und fühlte ihr den Puls; als sie sich wieder setzte, hörte ich sie leise seufzen. Einen Augenblick blieb sie nachdenklich, dann, sich gleichsam selbst ermuthigend , rief sie fröhlich aus: Doch Ihr Beiden seyd ja heute Abend meine Gäste und ich muß Euch als solche bewirthen. Sie zog die Klingel. Barbara, sagte sie zum eintretenden Dienstmädchen, ich habe meinen Thee noch nicht bekommen; bring das Theegeschirr und nimm zwei Tassen für die beiden Fräuleins mit. Das Theegeschirr erschien sofort. Wie weiteten sich meine Augen an den porzellanenen Tassen und den glänzenden Theekannen, die auf dem kleinen runden Tische am Canin standen! Wie duftete mir der Qualm des Getränkes und der Geruch der Butterschnitten entgegen! Zu meinem Leidwesen (denn ich war sehr hungrig) bemerkte ich von den letzteren nur eine sehr kleine Portion; Miß Temple gewahrte gleichfalls. Barbara, sagte sie, kannst Du nicht etwas mehr Brot und Butter bringen? für drei Personen reicht dies nicht hin. Barbara ging hinaus und kam sogleich wieder zurück. Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die übliche Menge heraufgeschickt. Mrs. Harden war, im Vorbeigehen gesagt, die Haushälterin, eine Frau nach Mr. Brocklehurst's Geschmack, halb Fischbein, halb Eisen. Oh, ganz gut, versetzte Miß Temple, wir müssen sehen, daß wir auskommen. Und als das Mädchen zum Zimmer hinaus war, fügte sie leise hinzu: Glücklicherweise liegt es heute in meiner Macht, diesem Mangel abzuhelfen. Nachdem sie mich und Helenen zum Tische geführt und vor jede eine Tasse Thee mit einer einzigen dünnen, aber köstlichen Butterschnitte gestellt hatte, stand sie auf, öffnete eine Schublade und holte ein in Papier gewickeltes Päckchen hervor, aus dem sie alsbald einen tüchtigen Streukuchen auspackte. Ich wollte einer jeden von Euch zum Abschiede ein Stück von diesem Kuchen mitgeben, sagte sie, da wir indessen so wenig Butterschnitten haben, müßt Ihr ihn wohl jetzt essen. Und mit freigebiger Hand schnitt sie große Stücke ab. Wir labten uns an jenem Abende wie an Nektar und Ambrosia, und das befriedigte Lächeln, mit welchem uns unsere Wirthin betrachtete, während wir unsere ausgehungerten Mägen an den großmüthig gespendeten Leckereien zufriedenstellten, spielte unter den Genüssen des Festmahles keineswegs die letzte Rolle. Als der Thee genommen und der Tisch abgeräumt war, beschied sie uns abermals zum Camine, wir setzten uns zu beiden Seiten neben sie und nun begann eine Unterredung zwischen ihr und Helene, welches mit anhören zu können, wirklich ein Vorrecht zu nennen war. Miß Temple war wie immer heiteren Aussehens, voll Anstand in ihren Bewegungen, und befliß sch einer sehr gewählten Redeweise, die sie hinderte, in allzugroße Lebhaftigkeit, Aufregung, wohl gar Heftigkeit zu gerathen; ein Etwas lag in ihrem Wesen, welches das Vergnügen, das man empfand, wenn man sie ansah und ihr zuhörte, durch ein Gefühl von Hochachtung dämpfte, und eine solche Empfindung beherrschte mich auch in diesem Augenblicke; allein Helenens Erscheinung machte mich beinahe starr vor Verwunderung. Das erfrischende Mahl, das helllodernde Feuer, die Gegenwart und die Freundlichkeit ihrer geliebten Lehrerin, oder vielleicht noch mehr als dieses Alles, ein eigener momentaner Aufschwung ihres herrlichen Geistes, hatte alle ihre Seelenthätigkeiten geweckt. Sie erwachten, sie entzündeten sich; zuerst erglänzten sie in der lebhaften Farbe ihrer Wangen, die ich bis zur Stunde nie anders als blaß und blutleer gesehen hatte; dann leuchteten sie in dem feuchten Glanze ihrer Augen auf, welche plötzlich eine weit bemerkenswerthere Schönheit als diejenige von Miß Temple's Augen erlangt hatten- eine Schönheit, weder durch eine schöne Farbe des Augensternes, noch durch lange Wimpern oder durch schön geformte Brauen hervorgebracht, sondern einzig und allein durch den Schimmer, die Regsamkeit, die Strahlen des Geistes. Helenens Seele thronte auf ihren Lippen, ihre Rede entströmte einer unbekannten Quelle; oder hat wohl das Herz eines vierzehnjährigen Mädchens Raum und Kraft genug, den Quell wahrer, volltönender, hinreißender Beredsamkeit einzuschließen? Denn diese seltene Eigenschaft zeichnete die Reden meiner Freundin an jenem für mich unvergeßlichen Abende in wunderbarem Maße aus: es schien, als wolle ihr Geist in einer kurzen Spanne Zeit gleich viel leben, als der Geist so manches Sterblichen während eines langen irdischen Daseyns. Sie besprachen sich über Gegenstände, von denen ich nie ein Wort gehört hatte; über verschollene Nationen und vergangene Jahrhunderte, über weit entfernte Gegenden, über erforschte und geahnte Naturgeheimnisse; dann kam die Rede auf Bücher und o, wie viele hatten sie denn gelesen! Französische Namen und Schriftsteller waren ihnen ungemein bekannt, aber mein Erstaunen erreichte den Gipfelpunkt, als Miß Temple Helenen frug, ob sie zuweilen einen Augenblick Zeit hätte, sich des Lateinischen zu erinnern, welches sie ihr Vater gelehrt; als sie wirklich ein Buch herbei holte und Helenen eine Seite aus Virgil's Werken zu übersetzen und zu erklären gab, als endlich die Letztere sich ihrer Aufgabe auf's Beste entledigte, kannte meine Hochachtung bei dem letzten wohlklingenden Verse, den sie las, keine Grenzen. Sie war kaum zu Ende gekommen und schon ertönte auch die Glocke zur Nachtruhe: ein weiteres Verweilen ging nicht an; Miß Temple umarmte uns, drückte uns an sich und entließ uns mit einem warmen: Gott segne Euch, meine Kinder! Helene hielt sie etwas länger in ihren Armen; sie trennte sich weit schwerer von ihr; ihr folgte der Lehrerin Auge bis zur Thüre; ihretwegen seufzte sie ein zweites Mal schmerzlich auf; ihretwegen wischte sie sich eine Thräne von der Wange. Im Schlafzimmer angelangt hörten wir Miß Scatcherd's Stimme; sie war über dem Untersuchen der Schubladen und hatte eben Helenens Lade herausgezogen; ein scharfer Verweis und das Versprechen ihr am nächsten Morgen ein Duzend unordentlich gelegter Sachen auf den Rücken heften zu wollen, empfing die Aermste beim Eintritte. Meine Sachen waren wirklich in einer schändlichen Unordnung, flüsterte mir Helene zu, ich wollte sie wohl in Ordnung legen, aber ich vergaß darauf. Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd auf ein Stück Pappe mit ellenlangen Buchstaben das Wort „Schlumpe“ und band es als einen Denkzettel um Helenens breite, helle, freundliche Stirn. Sie trug das Anhängsel geduldig, ohne Unwillen, als eine ihrer Ueberzeugung nach verdiente Strafe bis zum Abend. Sobald Miß Scatcherd nach der Nachmittagsschule das Lehrzimmer verlassen hatte, sprang ich auf Helenen los, riß das Schandzeichen ab und warf es ins Feuer; die Wuth, deren sie unfähig war, hatte den ganzen Tag über in mir gekocht und heiße dicke Thränen waren mir ohne Unterlaß die Wangen herabgeronnen, denn der Anblick ihrer mit Schwermuth gepaarten Unterwürfigkeit verursachte mir ein unnennbares Herzleid. Beiläufig eine Woche nach den eben erzählten Begebenheiten erhielt Miß Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, eine Antwort; jedenfalls bestätigte seine Aussage die meinige, denn Miß Temple versammelte alsbald sämmtliche Mädchen und erklärte ihnen, sie habe sich bezüglich der gegen Jane Eyre erhobenen Anschuldigungen genauer erkundigt und fühle sich nunmehr sehr glücklich, sie hiermit von jeder Schuld und jedem Verdachte lossprechen zu können. Die Lehrerinnen drückten mir darauf die Hand und küßten mich, und ein Gemurmel des Beifalls durchlief die Reihen meiner Schulgefährtinnen. Von der drückenden Last, die auf mir gelegen, befreit, machte ich mich von dieser Stunde an mit erneuerten Kräften ans Werk und beschloß bei mir selbst, mir unter allen Umständen, durch alle Schwierigkeiten hindurch einen Weg zu bahnen. Ich arbeitete mit großer Anstrengung und meine Erfolge standen im Verhältniß zur angewandten Mühe; mein von Natur aus nicht sehr glückliches Gedächtniß kräftigte sich durch Uebung; häufiges Denken schärfte meinen Geist; in wenigen Wochen trat ich in eine höhere Classe ein; in weniger als zwei Monaten erhielt ich die Erlaubniß Französisch und Zeichnen zu lernen. Am selben Tage lernte ich bereits die zwei ersten Zeiten des Hilfszeitwortes etre auswendig und skizzirte meine erste Zeichnung, ein Landhaus, dessen Wände, beiläufig gesagt, ihrer Stellung nach den schiefen Thurm zu Pisa beschämten. Als ich Abend zu Bette ging, vergaß ich, mir in der Einbildungskraft das Barmecidische Nachtessen von frischgerösteten Kartoffeln oder von Weißbrot in frischer Milch zu bereiten, mit welchem ich sonst meinen nagenden Hunger zu beschwichtigen pflegte; statt dessen schwelgte ich im Anblicke idealer Zeichnungen, die ich mir im Finstern vorzauberte; Alles Werke von meiner Arbeit: aus freier Hand gepinselte Häuser und Bäume, malerische Felsen und Ruinen, Thiergruppen in Guyps Manier, zarte Zeichnungen von Schmetterlingen auf halb erblühten Rosen, von Vögeln, die an reifen Kirschen pickten, von Zaunkönignestern mit perlgleichen in jungen Immergrünsprossen liegenden Eierchen. Dann dachte ich darüber nach, ob ich wohl je im Stande seyn würde, ein gewisses kleines französisches Märchenbuch zu übersetzen, welches mir Madame Pierrot im Verlaufe des Tages gezeigt hatte, und noch war ich über die Möglichkeit einer solchen Vervollkommnung nicht im Klaren, als ich auch schon sanft und selig entschlief. Salomon hatte Recht, wenn er sagte: Besser ein Mittagessen von Kräutern mit Liebe genossen, als ein Mastochse mit Haß verzehrt. Nicht um eine Welt hätte ich nun Lowood mit all seinen Entbehrungen um Gatesheadhall sammt seinen täglichen Leckermahlen vertauscht! Neuntes Capitel. Doch die Entbehrungen, oder besser gesagt, die Beschwerlichkeiten des Schulaufenthaltes verminderten sich. Der Frühling war im Anzuge oder vielmehr schon gekommen, die Winterfröste hatten nachgelassen, der Schnee war geschmolzen, der schneidende Wind einer gelindern Luft gewichen. Meine armen, in der Winteratmosphäre aufgeschwollenen, beinahe lahmen Beine begannen unter dem Einflusse der milden Frühlingszeit zu heilen; nicht länger machten die Nächte und Morgen durch ihre canadische Temperatnr das Blut in den Adern erstarren, die Spielstunde im Garten war erträglich, zuweilen, an einem sonnigen Tage sogar einladend angenehm; die fahlen Beete überzog ein frisches Grün, das täglich üppiger wurde und den Gedanken hervorrief, die Hoffnung selbst betrete sie bei Nacht und hinterlasse jeden Morgen glänzende Spuren ihrer Tritte. Bunte Blumen, Schneeglöckchen, Crocusse, purpurfarbige Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen sproßten aus den Blättern empor; an Donnerstagnachmittagen, wo wir halbe Ferien hatten, machten wir nun häufige Ausflüge und fanden täglich glänzendere und duftendere Blumen am Wegrande unter den Hecken erschlossen. Ich entdeckte nun auch, daß ein großer Vergnügungsplatz, ein solcher, den der Himmel allein einschloß, außerhalb der hohen mit Nägeln beschlagenen Gartenwand lag; er bestand in einer Kette steiler Bergkuppen, die eine grüne, schattige Thalschlucht umschlossen; in einem hellen Bächlein voll dunklen Gesteins und schäumender Wirbel. Wie ganz anders zeigte sich diese Gegend, als ich sie unterm eisengrauen Winterhimmel, starr vor Frost, mit dichtem Schnee überzogen gesehen hatte, wo törtlich kalte Nebel, vom Ostwinde getrieben, über die nun purpurgesäumten Gipfel hinzogen und dann jählings zum Bache hinunter rollten, mit dessen gefrornen Dünsten sie sich vermälten. Der Bach selbst war damals zu einem wilden trüben Bergstrome angeschwollen, der Bäume mit sich fortriß und die durch Platzregen und Schneegestöber verfinsterte Luft mit seinem schauerlichen Tosen erfüllte. Der Wald an seinen Ufern bot in seiner blätterlosen Nacktheit das Bild in Reihen aufgestellter Skelette. Dem milden April folgte der blüthenreiche Wonnemonat. Und was für ein heiterer prachtvoller Mai das war! Tage mit blauem Himmel, warmen Sonnenschein und sanften West- und Südwinden bezeichneten seine Dauer. Die Vegetation schoß mit Macht empor: Lowood schüttelte seine Fesseln ab; es wurde über und über grün und blumig; die hohen Ulmen, Eschen und Eichen waren ihren majestätischen Daseyn wieder gegeben; tausende von Waldpflanzen keimten unter ihrem Schatten in die Höhe; unzählige Moosarten füllten die Höhlungen aus; der ungeheure Reichthum von wilden Primeln deckte den Boden wie ein zweiter Sonnenschein; oft sah ich ihr blasses Gold, dem anmuthigsten Sonnenlichte ähnlich, an schattigen Orten erglänzen. Alle diese Freuden der Natur genoß ich ununterbrochen, im vollsten Maße, frei und unbewacht und beinahe ganz allein; diese ungewöhnliche Ungebundenheit hatte ihre besondere Ursache, die ich nun auseinander zu setzen bemüht seyn werde. Habe ich nicht einen herrlichen Wohnplatz beschrieben, wenn ich von schwellenden Hügeln mit schattigem Gehölz sprach, die vom Rande eines Baches in die Höhe stiegen? Ganz gewiß einen sehr anmuthigen Wohnplatz: ob er aber gesund war oder nicht, das ist eine andere Frage. Die Waldschlucht, in welcher Lowood lag, war der Sammelplatz giftiger Nebel und pestilenzialischer Ausdünstungen, die, mit dem erwachenden Lenze an Schädlichkeit zunehmend, in das Waisenhaus drangen, durch ihren bösen Hauch den Typhus in die überfüllten Räume brachten, und bevor der Monat Mai herankam, die Erziehungsanstalt in ein Krankenhaus verwandelten. Mangel an hinreichender Nahrung und vernachlässigte Erkältungen hatten die meisten Zöglinge für die Ansteckung empfänglich gemacht: von den achtzig Mädchen erlagen auf einmal fünfundvierzig der Seuche. Die Wenigen, welche gesund blieben, erfreuten sich einer beinahe schrankenlosen Freiheit, da der Arzt eine unausgesetzte Bewegung im Freien als das beste Vorbeugungsmittel empfohlen hatte und andererseits auch Niemanden Muße genug blieb, sie zu überwachen. Miß Temple's ganze Aufmerksamkeit war von den Patientinnen in Anspruch genommen: sie wohnte so zu sagen im Krankenzimmer, das sie nur des Nachts auf einige Stunden verließ, um etwas Kräfte zu sammeln. Die Lehrerinnen hatten mit Einpacken und anderen Vorbereitungen zur Reise vollauf zu thun, da diejenigen Mädchen, welche glücklich genug waren, Freunde und Verwandte zu besitzen, die sie aufnehmen konnten und wollten, insgesammt ihnen, die schon den Keim des Todes in sich trugen, starben sofort nach ihrer Ankunft in der Heimat; noch mehre starben in der Anstalt selbst und wurden schnell und ohne Gepränge zur Erde bestattet, indem die Natur der Krankheit keinen Aufschub zuließ. Während auf diese Weise eine Epidemie ihren Wohnsitz in Lowood aufgeschlagen hatte und der unerbittliche Sensenmann häufige Besuche abstattete; während Trauer und Furcht innerhalb der Mauern herrschte und der eigenthümliche Spitalgeruch die Gänge erfüllte, weil weder Essenzen, noch Räucherkerzchen den Pesthauch des Todes zu vertreiben im Stande waren, erglänzte außerhalb der schönste, heiterste Frühlingshimmel über den stolzen Bergen und dem herrlichen Waldlande. Auch der Garten prangte im schönsten Blüthenschmucke; Pappelrosen waren baumhoch emporgeschossen, die Lilien hatten ihre Kelche geöffnet, Dahlien und Rosenstauden in voller Blüthe; die Einfassungen der kleinen Beete schmückten junge Nelken und carmoisinrothe, gefüllte Gänseblümchen; Morgens und Abends verstreuten die Bartnelken ihren eigenthümlichen Gewürz- und Aepfelgeruch: allein alle diese duftenden Schätze wuchsen für die meisten Bewohnerinnen von Lowood vergebens, ausgenommen, daß sie dann und wann eine Handvoll Blätter und Blüthen lieferten, einen Sarg auszuschmücken. Wir andern hingegen, nemlich ich und die Mädchen; welche von der Krankheit verschont blieben, genossen die Schönheiten der Gegend und der Jahreszeit im vollsten Maße: von Früh bis in die Nacht durften wir, Zigeunerinnen gleich, in den Wäldern herumirren; wir thaten was uns beliebte und gingen wohin wir wollten. Sogar unsere Kost war viel besser geworden: weder Mr. Brocklehurst noch seine Familie kamen nun Lowood nahe; Niemand beaufsichtigte die Führung des Haushaltes; die wunderliche Wirthschafterin war aus Furcht vor Ansteckung davon gegangen und ihre Nachfolgerin, eine ehemalige Hebamme der Londoner Krankenanstalt, kannte die übliche Hausordnung ihres neuen Platzes zu wenig, weshalb sie die Küche mit verhältnißmäßiger Freigebigkeit bestellen ließ. Uebrigens war auch die Zahl der Kostgängerinnen vermindert: die Kranken konnten nur wenig genießen; unsere Frühstücksnäpfe wurden besser gefüllt und wenn die Zeit fehlte ein ordentliches Mittagmahl zu bereiten, was sich öfter zutrug, erhielten wir ein großes Stück kalte Pastete oder eine tüchtige Schnitte Brot und Käse. Mit diesen Eßwaaren liefen wir sofort ins Holz, suchten jede unseren Lieblingsplatz und schmausten gar herrlich und in Freuden. Mein Lieblingssitz war ein glatter, breiter Stein, der sich weiß und trocken inmitten des Waldbächleins erhob und zu welchem man durchs Wasser waten mußte, was ich stets barfuß vollführte. Der Stein hatte gerade die gehörige Breite, um mir und einem zweiten Mädchen, Namens Marianne Wilson, zur Zeit meiner erkorenen Gespielin, zum bequemen Sitze zu dienen. Marianne war eine pfiffige, mit scharfer Beobachtungsgabe ausgerüstete Person, an deren Umgange ich sehr viel Geschmack fand, theils weil sie witzig und originell war, theils weil sie Manieren hatte, die meinen Verkehr mit ihr erleichterten. Um einige Jahre älter als ich, kannte sie die Welt weit besser und konnte mir vieles erzählen, was ich gern hörte; sie befriedigte meine Neugierde, sie hatte mit meinen Fehlern Nachsicht und ließ mir in Reden und Handlungen die Zügel schießen. Sie hatte eine Neigung zum Erzählen, ich zum Zergliedern; sie liebte es zu unterrichten, ich zu befragen; so gingen wir gleichen Schrittes mit einander und schöpften aus unseren wechselseitigen Unterredungen zwar keine große Belehrung, aber um desto mehr Unterhaltung. Und wo weilte in der Zwischenzeit Helene Burns? Warum brachte ich die glücklichen Tage der Freiheit nicht mit ihr zu? Hatte ich sie vergessen oder war ich sittlich so tief gesunken, daß mich ihr reiner Umgang langweilte? Ohne Zweifel stand die eben erwähnte Marianne Wilson tief unter meiner ersten Bekanntschaft, sie konnte mir blos unterhaltende Geschichten erzählen oder in einer nach Scherz und Witz haschenden Plauderei, die ich gerade beliebte, Stand halten; indessen Helene, wie ich der Wahrheit gemäß bereits erwähnte, geschaffen war, denjenigen, die das Glück hatten mit ihr umzugehen, für höhere Dinge, für edlere, geistigere Genüsse, Geschmack einzuflößen. Ganz wahr, lieber Leser! Auch ich wußte und fühlte dieses, und wiewohl ich ein unvollkommenes Wesen, voll Fehler und mit wenigen guten Eigenschaften bin, so war ich doch Helenens keinen Augenblick überdrüssig geworden, noch hatte ich je aufgehört, für sie ein so starkes Gefühl fester, zärtlicher, achtungsvoller Zuneigung zu hegen, wie nur je eines mein Herz erfüllte. Wie konnte es auch anders seyn, da Helene Burns zu allen teiten und unter allen Umständen für mich eine ruhige, aufrichtige Freundschaft an den Tag legte, welche weder böse Laune verbitterte, noch unzeitige Empfindlichkeit trübte! Aber die Arme lag krank darnieder; schon vor Wochen hatte man sie meiner Nähe entrückt und in ein mir unbekanntes Zimmer eine Treppe höher gebracht. Wie man mir sagte, befand sie sich nicht in der allgemeinen Krankenstube, welche die Fieberkranken enthielt, da sie nicht den Typhus hatte, sondern an der Auszehrung litt. Unter Auszehrung dachte ich mir nun in meiner Unwissenheit ein leichtes Unwohlseyn, das man mit der Zeit und bei gehöriger Sorgfalt ganz wohl heben könne. Der Umstand, daß sie ein- oder zweimal in warmen, sonnigen Nachmittagen herunter kam und von Miß Temple in den Garten geführt wurde, bestärkte mich in dieser Meinung, doch erlaubte man mir auch bei dieser Gelegenheit nicht mit ihr zu sprechen; ich sah sie blos von einem Fenster des Schulzimmers aus und das nicht einmal ganz genau, denn sie war in viele Tücher eingewickelt und saß in einiger Entfernung unter dem Säulendache. Eines Abends, zu Anfang des Monats Juni, war ich mit Marianne ziemlich spät im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten wir uns von den anderen Mädchen getrennt und unsern Weg in die Mitte des Holzes eingeschlagen; und wir gingen so weit vorwärts, daß wir uns verirrten und bei einer einsamen Hütte, die ein Mann mit seiner Frau bewohnte, welcher im Walde eine Heerde halbwilder Schweine zur Mast hatte, nach dem Wege fragen mußten. Als wir nach Hause kamen, war der Mond bereits aufgegangen; ein Pony, welches wir als dasjenige unsers Hausarztes erkannten, stand an der Gartenthüre. Marianne bemerkte, es müsse Jemand sehr schwer erkrankt seyn, da man Mr. Bates noch so spät Abend s geholt habe. Sie trat ins Haus; ich blieb eine Weile zurück, um eine Handvoll im Walde ausgegrabener Wurzeln im Garten in die Erde zu legen, damit sie nicht bis zum folgenden Tage welk würden. Nachrem ich diese Arbeit vollbracht, hielt ich mich noch einen Augenblick auf, die Blumen dufteten so süß, wie sie der Nachtthau tränkte; der Abend war so schön, so heiter, so warm; der prachtvolle glühende Westen prophezeite für den nächsten Tag ein gleich herrliches Wetter; der Vollmond ging im Osten majestätisch auf. Ich betrachtete diese Scene und freute mich ihrer nach Kinderweise, als plötzlich, wie früher nie, trübe Gedanken in mir aufstiegen. Wie traurig, gerade nun am Krankenbette zu liegen, und dem Tode nahe zu seyn! dachte ich bei mir. Die Welt ist so schön, es wäre schmerzlich, von hier abgerufen zu werden und in unbekannte Räume wandern zu müssen! Zum ersten Male strengte ich mich ernstlich an, zu erfassen was man mir über Himmel und Hölle beigebracht hatte; zum ersten Male erzitterte ich vor Schrecken; zum ersten Male sah ich hinter und vor mir, rechts und links ängstliche Blicke werfend, rund herum einen unermeßlichen Abgrund: nur den Einen Punkt, auf dem ich stand, die Gegenwart konnte ich wahrnehmen, alles Uebrige barg unförmliches Gewölke und unerforschliche Tiefe; ich schauderte vor dem bloßen Gedanken zustraucheln, und mitten in dieses Chaos hineinzustürzen. Während ich diesen für mich ganz neuen Ideengang verfolgte, hörte ich die Thüre der Vorderseite öffnen; Mr. Bates trat mit einer Krankenwärterin heraus. Als er sein Pferd bestiegen hatte und hinweggeritten war, wollte die Letztere eben wieder die Thüre schließen; ich lief auf sie zu. Wie geht es Helene Burns? Sehr schlecht, war die Antwort. Ist Mr. Bates ihretwegen hier gewesen? Ja. Und was sagte er zu ihrem Befinden? Er meinte, sie würde nicht mehr lange hier seyn. Gestern gehört, hätte dieser Ausspruch für mich blos die Bedeutung gehabt, Helene werde nach Northumberland, ihrer Heimat, übersiedeln; mit keinem Gedanken hätte ich vermuthet, sie sey dem Tode nahe. Doch jetzt begriff ich augenblicklich, um was es sich handle: ich erkannte klar und deutlich, Helenens letzte Stunde sey, gekommen, und ihre Seele werde ins Reich der Geister emporsteigen, wenn es ja ein solches gäbe. Zuerst erfaßte mich Entsetzen, dann durchzuckte mich ein Gefühl des tiefsten Schmerzes; endlich machte sich der Wunsch, die Nothwendigkeit geltend, meine Freundin noch einmal zu sehen, und ich frug, in welcher Stube sie läge. Sie liegt in Miß Temple's Zimmer, sagte die Wärterin. Kann ich zu ihr, und mit ihr sprechen? Ach nein, liebes Kind, das geht nicht an; und jetzt ist's Zeit, daß Sie herein kommen, sonst erwischt Sie das Fieber, wenn Sie draußen bleiben, während der Thau fällt. Die Wärterin schloß die Frontthüre; ich ging zu einem Seitenpförtchen hinein, welches ins Schulzimmer führte. Ich kam gerade recht; es schlug neun Uhr, und Miß Miller hieß die Schülerinnen sich schlafen legen. Es mochte zwei Stunden später, etwa um elf Uhr seyn, als ich, -- (es war mir unmöglich gewesen ein Auge zu schließen, und aus der im Schlafsaale herrschenden tiefen Stille schloß ich, daß alle meine Gefährtinnen fest schliefen) -- leise das Bett verließ, meinen Rock über's Nachtkleid anzog, und in Strümpfen zum Gemache hinauskroch, um Miß Temple's Stube aufzusuchen. Sie befand sich am entgegengesetzten Ende des Gebäudes; aber ich wußte den Weg und der wolkenlose, mondhelle Nachthimmel, der durch die Gangfenster schien, erleichterte mir mein Vorhaben. Ein Geruch von Kampfer und verdünstetem Essig warnte mich, als ich zum Fieberzimmer kam; ich huschte schnell vorüber, aus Furcht, die Wärterin, welche dort die ganze Nacht wachte, könnte mich hören. Ich hatte Furcht, entdeckt und zurückgeschickt zu werden, denn ich mußte Helene sehen, sie umarm en, bevor sie starb, ihr einen letzten Kuß auf den Mund drücken, mit ihr noch ein letztes Wort wechseln. Nachdem ich eine Treppe herabgestiegen war, ein unteres Stockwerk durchschritten, und zwei Thüren ohne Geräusch auf- und zugemacht hatte, erreichte ich eine zweite Treppe, die ich hinaufsprang. und dicht vor mir lag Miß Temple's Zimmer. Ein Lichtstrahl drang durch's Schlüsselloch und unter der Thüre hindurch; die tiefste Stille herrschte in der ganzen Nachbarschaft. Als ich näher trat, fand ich die Thüre ein klein wenig offen, wahrscheinlich um etwas frische Luft ins Krankenzimmer zu lassen. Voll Ungeduld, keines langen Zögerns fähig. Herz und Sinne in schmerzlichen Ahnungen befangen, stieß ich den Thürflügel auf und blickte hinein. Meine Augen suchten Helenen, und fürchteten einen Leichnam zu finden. Knapp an Miß Temple's Bette und halb von dessen Vorhängen eingeschlossen stand eine kleine Liegerstätte. Ich erkannte die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht war durch die Vorhänge verhüllt; die Wärterin, mit welcher ich Abends gesprochen hatte, saß in einem Armstuhle eingeschlafen; eine ungeputzte Kerze brannte düster auf einem Tische. Miß Temple war nicht zu sehen; ich erfuhr später, sie sey zu einer im Fieberwahn liegenden Patientin berufen worden. Ich trat näher und blieb dann vor dem kleinen Bette stehen; meine Hand erfaßte den Vorhang, roch wollte ich früher sprechen, bevor ich ihn wegzog. Noch immer befürchtete ich, einen Leichnam zu Gesichte zu bekommen. Helene, flüsterte ich sanft; sind Sie wach? Sie bewegte sich, schob selbst den Vorhang bei Seite und ich sah ihr blasses, abgemagertes, aber ruhiges Gesicht, sie war so wenig verändert, daß ich augenblicklich alle Furcht fahren ließ. Ist's möglich, Jane? Sind Sie es wirklich? frug sie mit ihrer sanften Stimme. Oh! dachte ich bei mir, die stirbt nicht. Die Leute irren gewaltig: wie könnte sie sonst so sprechen und so ruhig dareinsehen? Ich trat vollends ans Bett heran und küßte sie. Ihre Stirne war kalt, ihre Wange durchsichtig, auch ihre Hände und Handgelenke fühlten sich kalt an; doch lächelte sie so freundlich wie ehedem. Warum sind Sie hergekommen, Jane? Es ist eilf Uhr vorüber, ich habe es vor einer Weile schlagen hören. Ich wollte Sie sehen, liebe Helene; ich hörte, Sie wären sehr krank und ich konnte nicht schlafen, bevor ich nicht mit Ihnen gesprochen hatte. Sie kommen, mir Lebewohl zu sagen; es ist wohl gerade noch Zeit. Wollen Sie verreisen, Helene? Gehen Sie etwa nach Ihrer Heimat? Wohl; nach meiner fernen, meiner letzten Heimat. Nicht doch, nicht doch, liebe Helene! und ich hielt mit vor Schmerz erstickter Stimme inne. Während ich mich bemühte meine Thränen zurück zu drängen, hatte die Kranke einen Anfall von Husten. Doch die Wärterin erwachte nicht und als der letztere vorüber war, lag sie einige Augenblicke ganz erschöpft da; dann flüsterte sie: Jane, Ihre kleinen Füße sind bloß, legen Sie sich zu mir und decken Sie sich mit meiner Decke zu. Ich erfüllte ihren Wunsch; sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich hart an sie an. Nach einer langen Pause fuhr sie mit leiser Stimme wieder fort: Ich bin sehr glücklich, Jane, und wenn ich todt bin, müssen Sie sich trösten und nicht etwa jammern: da ist nichts zu beweinen. Wir Alle müssen einmal sterben, und die Krankheit, welche mich von hier nimmt, ist gar nicht schmerzlich, vielmehr kömmt sie gelinde und allmälig vorwärts und mein Geist ist ruhig. Ich hinterlasse Niemanden, den mein Tod sehr dauerte: ich habe nur noch einen Vater und der hat unlängst geheirathet, wird mich also nicht sehr vermissen; dadurch, daß ich jung sterbe, gehe ich vielen Leiden aus dem Wege. Meine Eigenschaften, meine Talente waren nicht darnach, mir in dieser Welt fortzuhelfen: ich wäre immerwährenden Mißgriffen ausgesetzt gewesen. Doch wo gehen Sie hin, Helene? Sehen Sie es, wissen Sie es? Ich glaube, ich vertraue: ich gehe zu Gott. Wer ist Gott und wo ist er? Er ist mein Schöpfer und der Ihrige, welcher dasjenige, was er geschaffen, nimmer zerstören will. Ich stütze mich unbedenklich auf seine Macht und vertraue gänzlich auf seine Güte; ich zähle die Stunden, bis der ereignißvolle Augenblick kömmt, der mich ihm zuführt und ihn mir enthüllt. Sie wissen also gewiß, daß es einen Himmel gibt und daß unsere Seelen hingelangen, wenn wir todt sind? aIch glaube mit Zuversicht an ein künftiges Leben; ich glaube an Gottes Allgüte: ich kann meinen unsterblichen Geist ohne Bedenken in seine Hände empfehlen. Gott ist mein Vater, Gott ist mein Freund; ich liebe ihn und ich glaube, daß auch er mich liebt. Und werde ich Sie wieder sehen, wenn ich sterbe? Gewiß werden Sie zu denselben glückseligen Räumen emporsteigen und dort vom allmächtigen Schöpfer, unser Aller Vater, empfangen werden, theure Jane! Wieder frug ich, aber diesmal blos mich selbst: Wo sind diese Räume? Ist's keine Täuschung? Und ich schloß Helenen fester in meine Arme: sie schien mir werther denn je zu seyn; es kam mir vor, als könnte ich sie gar nicht scheiden lassen. Ich lag mit meinem Gesichte an ihrem Halse; mit kaum hörbarer Stimme sagte sie: Wie wohl ich mich fühle! Der letzte Anfall meines Husens hat mich etwas ermüdet; ich denke, ich werde schlafen können, aber verlassen Sie mich nicht, Jane; ich freue mich so sehr, Sie in meiner Nähe zu haben. Ich bleibe bei Ihnen, Helene, und Niemand soll mich Ihnen entreißen. Liegen Sie warm, liebe Seele? Ja wohl! Gute Nacht, liebe Jane! Gute Nacht, liebe Helene! Sie küßte mich, ich küßte sie und bald waren wir Beide sanft entschlummert. Als ich erwachte, war es Tag; eine ungewöhnliche Bewegung hatte mich geweckt; ich blickte empor; ich lag in Jemandes Armen. Die Wärterin war es, die mich hielt und mich durch den Gang ins Schlafzimmer zurücktrug. Ich erhielt keinen Verweis, daß ich mein Bett verlassen hatte: Alles schien mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Niemand gab mir auf meine häufigen Kragen eine Antwort, allein einen oder zwei Tage darauf erfuhr ich, Miß Temple habe mich, gegen Morgen in ihrer Stube angelangt, in dem kleinen Bette gefunden, meinen Kopf auf Helenens Schulter gelegt, meine Arme um ihren Hals geschlungen. Ich schlief und Helene war -- todt. Sie liegt im Friedhofe von Brocklebridan begraben; durch volle fünfzehn Jahre deckte ein einfacher Grashügel ihre letzte Ruhestätte; doch jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel den Ort, sie enthält ihren Namen und das Hoffnungswort: Resurgam. Zehntes Capitel. Bisher habe ich alle Ereignisse meines unbedeutenden Daseyns in ihren Einzelnheiten erwähnt, den ersten zehn Jahren meines Lebens fast eben so viele Capitel gewidmet. Allein dies Buch ist keine regelrechte Selbstbiographie, ich darf nur dann die Erinnerung befragen, wenn ich weiß, daß ihre Antworten in einem gewissen Grade von Interesse sind; darum übergehe ich nun einen Zeitraum von acht Jahren fast mit gänzlichem Stillschweigen. Nur einiger Zeilen bedarf es, um den verbindenden Faden nicht zu verlieren. Nachdem der Thyphus seine vernichtende Sendung Lowood beendigt hatte, zog er sich allmälig wieder zurück, doch nicht ohne daß dessen Bösartigkeit und die Zahl der hinweggerafften Opfer die allgemeine Aufmerksamkeit in einem hohen Grade erregt hätten. Man forschte den Ursachen der Seuche nach, und es kamen nach und nach Thatsachen zum Vorscheine, welche den Unwillen des Publicums auf's Höchste steigerten. Die ungesunde Lage der Schule, die geringe Menge und schlechte Beschaffenheit der Kost, das zum Kochen verwendete salzige und stinkende Wasser, die elende Kleidung und die geringen Bequemlichkeiten der Zöglinge, alles das kam ans Tageslicht, und die Entdeckung brachte ein für Mr. Brocklehurst sehr unangenehmes, für die Schule jedoch höchst heilsames Resultat zu Wege. Mehre reiche und wohlthätige Einwohner der Grafschaft subscribirten eine bedeutende Summe zur Errichtung eines entsprechenden Gebäudes in einer gesünderen Gegend, neue Statuten wurden entworfen, Verbesserungen in Kost und Kleidung eingeführt und die Fonds der Anstalt der Verwaltung eines Ausschusses übergeben. Mr. Brocklehurst. der seiner Familienverbindungen und seines Reichthumes wegen nicht gut übergangen werden konnte, behielt seinen Posten als Cassier; allein zwei Herren von großmüthigerer und freundlicherer Gemüthsart unterstützten ihn in dieser Function und auch als Inspector der Anstalt hatte er Männer zur Seite, welche es verstanden, Vernunft mit Genauigkeit, Bequemlichleit mit Sparsamkeit, menschliches Gefühl mit nothwendiger Strenge zu paaren. Die in solcher Weise umgestaltete Schule wurde mit der Zeit ein wahrhaft nützliches, edelsinnige Zwecke förderndes Institut. Noch volle acht Jahre brachte ich nach seiner Wiedergeburt daselbst zu: sechs Jahre als Zögling und zwei als Lehrerin und in beiden Beziehungen lernte ich diese Anstalt als eine würdige und wichtige kennen. Während dieser acht Jahre führte ich ein einförmiges Leben; doch fühlte ich mich nicht unglücklich, da ich thätig seyn kennte. Die Mittel eine ausgezeichnete Bildung zu erlangen, standen mir zu Gebote; die Neigung für manche Studienfächer und der Wunsch, mich in allen auszuzeichnen und dadurch meine Lehrerinnen zu erfreuen, besonders diejenigen, die ich liebte, spornten mich an: ich gebrauchte die mir gebotenen Vortheile im vollsten Maße. In kurzer Zeit war ich die Erste unter den Mädchen der ersten Classe, dann wurde ich mit dem Amte einer Lehrerin betraut, welchem ich mit allem Eifer durch zwei Jahre vorstand; aber am Ende dieses Zeitabschnittes ging in mir eine große Veränderung vor sich. Miß Temple war, aller Veränderungen ungeachtet, Oberin der Anstalt geblieben, ihrem Unterrichte verdankte ich den besten Theil meiner geistigen Errungenschaften, ihre Freundschaft und ihr Umgang waren meine einzige Erholung; sie vertrat bei mir nach und nach die Stelle einer Mutter, einer Lehrerin und einer Gesellschafterin. Doch zu der erwähnten Zeit heirathete sie, zog mit ihrem Gatten, einem vortrefflichen Geistlichen, der eine solche Frau wirklich verdiente, in eine entfernte Grafschaft und war demnach für mich verloren. Von dem Tage an, wo sie abreiste, war ich ganz verändert mit ihr war jedes behagliche Gefühl, Alles was mich in etwas an Lowood fesseln konnte, von mir gewichen. Ich hatte einen Theil ihres Charakters und viele ihrer Gewohnheiten angenommen, mir harmonischere Gefühle angeeignet; geordnetere Gedanken hatten mein Inneres bezogen. Ich war gegen meine Verpflichtungen und die eingeführte Ordnung fügsam, ruhig und anscheinend zufrieden geworden, in den Augen Anderer und theilweise auch in den meinigen erschien ich als ein wohlgeschulter, unterwürfiger Charakter. Allein das Schicksal trat in der Gestalt des ehrwürdigen Mr. Nasmyth zwischen Miß Temple und mich: ich sah sie kurz nach ihrer Vermälung in Reisekleidern die Postkutsche besteigen, ich folgte dem Wagen, wie er die Anhöhe hinauf fuhr und bald darauf im Thale verschwand; dann zog ich mich in meine Stube zurück und brachte den größten Theil des bei dieser besonderen Gelegenheit gewährten halben Ferientages in der Einsamkeit zu. Die längste Zeit ging ich im Zimmer auf und ab. Ich bildete mir ein, blos meinen Verlust zu betrauern und über dessen möglichen Ersatz nachzudenken; doch als ich meine Betrachtungen endigte und fand, der ganze Nachmittag sey vergangen und der Abend weit vorgerückt, tauchte eine neue Entdeckung in mir auf, nemlich die, daß ich in der Zwischen- zeit einen Umwandlungsprozeß erlitten, daß ich alles von Miß Temple in mein Gemüth Aufgenommene abgelegt -- daß sie die heitere, zufriedene Atmosphäre, die ich in ihrer Nähe einathmete -- mit sich genommen hatte; daß ich mich daher in meinem natürlichen Elemente befand, meinen alten Affecten überlassen blieb. Es war nicht, als hätte ich eine Stütze verloren, sondern als wäre ein Beweggrund entfallen; es fehlte mir nicht die Kraft, ruhig zu seyn, nur die Ursache eines solchen Gemüthszustandes blieb aufgehoben. Durch mehre Jahre war Lowood meine Welt gewesen, meine Erfahrungen nach den Regeln und dem Systeme der Anstalt bemessen; nun erst wurde es mir klar, wie groß die wirkliche Welt sey, welch' ein weites Gebiet der Hoffnungen und Befürchtungen, der Empfindungen und Aufregungen sich demjenigen eröffne, der den Muth besitzt sich hinauszuwagen. um sich wirkliche Lebenserfahrungen inmitten von Gefahren zu sammeln. Ich trat zum Fenster. öffnete es und sah hinaus. Da lagen die beiden Flügel des Gebäudes, der Garten, der Saum des Waldes, der hügelbekränzte Gesichtskreis, vor meinen Blicken ausgebreitet. Mein Auge überging alle andern Gegenstände und blieb an den entferntesten Punkten, von blauen Berggipfeln haften; sie waren es, die ich zu überschreiten wünschte; das ganze von ihnen umschlossene Gebiet von Felsen- und Haideland erschien mir als ein Gefängniß, als ein engbegrenztes Exil. Ich nahm die weiße Straße aus, die sich am Fuße eines Berges hinschlängelte und dann in einer Thalschlucht verschwand; wie sehnte ich mich, sie weit in die Ferne zu verfolgen! Ich rief mir die Zeit ins Gedächtniß zurück, wo ich denselben Weg in einer Kutsche zurück legte; ich erinnerte mich, jenen Hügel in. der Dämmerung herabgefahren zu seyn; ein Jahrhundert schien mir seit jenem Tage, der mich nach Lowood brachte, verflossen und nie hatte ich es seit der Zeit verlassen. Alle meine Ferien hatte ich in der Schule zugebracht; kein einziges Mal war ich von Mrs. Reed abgeholt oder von ihr oder einem Gliede ihrer Familie besucht worden. Nicht einmal durch Briefe oder Botschaften stand ich mit der äußeren Welt in Verbindung; Schulregeln, Schulpflichten, Schulgewohnheiten und Ansichten, Stimmen und Gesichter, Redensarten und Costume, Zuneigungen und Abneigungen das war Alles, was ich vom Leben kennen gelernt hatte. Und nun begriff ich, daß dies nicht genüge; ich bekam eine achtjährige Lebensweise in einem Nachmittage satt. Ich sehnte mich nach Freiheit; nach Freiheit dürstete ich; um Freiheit sandte ich ein inniges Gebet zum Himmel empor; der schwache Abendwind schien es in die Ferne zu tragen. Nach einer Weile ließ ich diesen Wunsch fallen und reichte eine demüthige Bitte, um Veränderung, Aufregung ein; auch dieses Gesuch schien im weiten Raume unbeachtet zu verhallen. Nun denn, rief ich in halber Verzweiflung, so will ich wenigstens eine neue Sclaverei! Hier ertönte die Glocke zum Nachtessen und rief mich eine Treppe tiefer. Nicht eher als zur Schlafenszeit konnte ich den abgerissenen Faden meiner Betrachtungen wieder aufnehmen und selbst dann wurde ich von einer Lehrerin, die mit mir dasselbe Zimmer bewohnte, durch eine bedeutungslose Plauderei daran verhindert. Wie sehr wünschte ich, der Schlaf möchte ihr den Mund schließen! Der Gedanke drängte sich mir auf, es müsse mir eine glückliche Eingebung kommen, könnte ich nur die Idee, die ich am Fenster meiner Stube erfaßte, weiter ausspinnen. Endlich hörte ich Miß Gryce schnarchen; sie war eine dumpe Waleserin und bis nun hatte ich ihr gewöhnliches Nasenconcert als eine große Unannehmlichkeit angesehen, diese Nacht begrüßte ich die ersten Baßnoten mit großer Befriedigung, keine weitere Unterbrechung befürchtend, belebten sich meine Gedanken augenblicklich. Eine neue Dienstbarkeit! darin liegt etwas, begann mein stilles Selbstgespräch. Es ist gewiß etwas daran; denn es klingt durchaus nicht angenehm, nicht wie die Wörter Freiheit, Erheiterung, Vergnügen, herrliche Töne, aber für mich nichts weiter als Töne, so körperlos, so flüchtig, daß es Zeitverlust wäre, ihnen zu lauschen. Doch Dienstbarkeit, das ist etwas Anderes, es ist greifbare Wirklichkeit. Dienen kann Jedes; ich habe hier acht Jahre gedient und nun ist Alles was ich wünsche, anderwärts dienen zu dürfen. Kann ich dies mit meinem Willen durchsetzen? Ist die Sache thunlich? Wohl -- wohl -- es ist nicht so schwer; wäre nur mein Gehirn im Stande, die nöthigen Mittel ausfindig zu machen. Ich setzte mich im Bette auf, um das besagte Gehirn zu ermuntern: es war eine kühle Nacht, ich wickelte mich in einen Shawl und fuhr mit aller Macht fort nachzudenken. Was brauche ich? Einen neuen Platz, in einem andern Hause, unter andern Gesichtern und andern Verhältnissen: ich wünsche eben nicht mehr, weil es unnütz wäre, einen andern Wunsch zu hegen. Was pflegen die Leute zu thun, um eine neue Stelle zu erlangen? Sie wenden sich an Bekannte, denk' ich; ich habe keine Bekannten. Aber es gibt noch viele Personen, die ohne Freunde sind und sich selbst helfen müssen: was thun nun solche Leute? Ich konnte es nicht sagen, keine Antwort kam mir in den Sinn. Ich trug also meinem Gehirne auf, sofort eine solche zu finden. Es arbeitete gewaltig und immer gewaltiger: ich fühlte die Pulsadern am Kopfe und an den Schläfen schlagen; doch fast eine Stunde lang arbeitete es im Chaos und kein günstiger Erfolg krönte seine Bemühungen. Von der unnützen Anstrengung fieberhaft aufgeregt, stand ich auf, ging einmal im Zimmer herum; zog den Fenstervorhang hinweg, bemerkte einen oder zwei Sterne und kroch, der Kälte zitternd, wieder in mein Bett zurück. Gewiß hatte eine gütige Fee während meiner Entfernung die gesuchte Unterweisung auf mein Kopfkissen gelegt; denn als ich mich niederlegte, kam mir der gute Rath ganz natürlich und wie von selbst in den Sinn:-- Diejenigen, welche Stellen suchen, kündigen es in Zeitungen an; Du mußt also einen Antrag in den „--shire Herold“ einrücken lassen. Aber wie? Ich weiß nicht wie man das anstellt? Die Antworten kamen nun schnell und leicht: Du schließest deine Anzeige und die Einrückungsgebühr in einen Brief an den Herausgeber des „Herolds“ ein, welchen Du bei erster Gelegenheit in Lowton auf die Post gibst. Die Antworten lasse Dir unter der Chiffre J. E. durch dieselbe Post zukommen, beiläufig acht Tage darauf kannst Du wegen etwa eingelangter Briefe nachfragen und dann deine Maßregeln ergreifen. Diesen Plan überdachte ich mir zwei- bis dreimal und nachdem ich ihn verdaut und in eine praktische Form gebracht hatte, schlief ich ruhig und selbstzufrieden ein. Mit Tagesanbruch war ich auf: ich schrieb, schloß und adressirte meinen Brief, bevor die Glocke zum Aufstehen geläutet hatte; er lautete wie folgt: Eine junge Dame, im Erziehungsfache bewandert (ich war doch durch zwei Jahre Lehrerin gewesen), sucht eine Stelle in einer Familie bei Kindern unter vierzehn Jahren. (Da ich selbst kaum achtzehn Jahre zählte, konnte ich nicht wohl die Erziehung von Personen meines Alters übernehmen.) Sie ist geeignet, die gewöhnlichen Gegenstände einer guten englischen Erziehung und nebstbei noch französische Sprache, Zeichnen und Musik zu lehren. (In jener Zeit, lieber Leser, erschien dieser, für nun ziemlich beschränkte Kreis von Kenntnissen als ein sehr umfangreicher.) Briefe bittet man zu richten an J. E. Postamt Lowton, --shire. Dieses Document blieb den ganzen Tag über in meinem Kasten eingeschlossen; nach dem Thee bat ich mir von der neuen Oberin die Erlaubniß aus, nach Lowton gehen zu dürfen. um für mich und mehre Mitlehrerinnen kleine Einkäufe zu besorgen; meine Bitte wurde mir bereitwilligst gewährt und ich ging. Es war ein Weg von zwei Meilen und der Abend regnerisch, der Tag jedoch noch lang genug. Ich ging in ein oder zwei Verkaufsgewölbe, ließ den Brief in den Briefkasten gleiten und kam im heftigsten Regen, mit triefenden Kleidern, doch mit erleichtertem Herzen nach Hause. Die folgende Woche schien mir ungemein lang -- sie erreichte jedoch auch ihr Ende, wie überhaupt alles Irdische, und am Schlusse eines anmuthigen Herbsttages wanderte ich zum zweiten Mal die Straße nach Lowton entlang. Es s war ein sehr malerischer Pfad. der sich am Ufer des Waldbaches durch die schönsten Thalkrümmungen hinzog: an jenem Abende jedoch dachte ich mehr an die Briefe, die im kleinen Flecken meiner warteten oder auch nicht eingetroffen seyn konnten, als an die Schönheiten des Wiesenplanes und des Wassers. Ich hatte vorgeschützt, mir ein Paar Schuhe anmessen lassen zu wollen und so machte ich dieses Geschäft zuerst ab und als ich damit fertig war, überschritt ich die kleine saubere und ruhige Straße vom Schuhmacher zum Postamte. Die Post gehörte einer alten Frau, die eine Hornbrille auf der Nase und schwarze Fäustlinge an den Händen trug. Sind Briefe unter der Adresse J. E. angelangt? frug ich. Sie beguckte mich über die Brille hinweg, öffnete eine Schublade und kramte in deren Inhalte die längste Zeit herum; so lange, daß ich fast alle Hoffnung verlor. Endlich, nachdem sie ein Schreiben etwa fünf Minuten durch ihre Gläser untersucht hatte, reichte sie mir es unter Begleitung eines letzten fragenden und zweifelnden Blickes über den Zahltisch hin. Es war an J. E. adressirt. Ist nur der eine Brief hier? frug ich. Es ist nichts weiter gekommen, sagte die Frau. Ich schob das Schreiben in die Tasche und zog der Heimat zu. Ich konnte es nicht sofort öffnen: der Hausordnung nach mußte ich um acht Uhr zurück seyn und es war bereits halb sieben Uhr. Die Erfüllung verschiedener Pflichten erwartete mich nach meiner Ankunft: ich mußte die Mädchen während der Studierstunde beaufsichtigen; dann war heute die Reihe an mir die Gebete vorzulesen und die Zöglinge zu Bette zu bringen: schließlich mußte ich mit den anderen Lehrerinnen zu Nacht essen. Sogar als wir uns endlich schlafen legten, blieb die unvermeidliche Miß Gryce noch immer meine Gesellschafterin. Wir hatten nur ein kleines Stümpchen Licht im Leuchter und ich fürchtete, sie möchte so lange plaudern bis es ausginge; glücklicherweise übte das schwere Nachtessen eine einschläfernde Wirkung auf sie aus: sie schnarchte bereits, als ich noch nicht ganz ausgezogen war. Es blieb noch ein daumenbreites Stückchen Kerze übrig: ich nahm den Brief heraus, brach das mit einem F. versehene Siegel und las den kurzen Inhalt. Wenn J. E., welche sich im „--shire Herold“ anbot, die erwähnten Kenntnisse besitzt und in der Lage ist, bezüglich ihres Charakters und ihrer Tauglichkeit genügende Nachweisungen zu geben, kann sie einen Platz bei einem einzigen kleinen Mädchen unter zehn Jahren erhalten und zwar mit einem jährlichen Gehalte von dreißig Pfund. J. E. wir gebeten, ihren Namen, ihre Zeugnisse, ihre Adresse und alles Nähere unter der Adresse: Mrs. Fairfax, Thornfield, bei Milcote, „--shire" einzusenden. Ich unterzog den Brief einer genauen Untersuchung: die Handschrift war altmodisch und zitternd, gleich der einer alten Dame. Dieser Umstand befriedigte mich: eine eigenthümliche Furcht hatte mich befallen, ich könnte, wenn ich solchergestalt auf eigene Faust vorging, leicht in irgend eine Falle gerathen, und vor allen Dingen wünschte ich, das Resultat meiner Bemühungen möchte ein achtungswürdiges, mir angemessenes, allen Regeln des Anstandes entsprechendes seyn. Ich begriff, daß, nachdem eine alte Dame die Hand im Spiele hatte, der Platz ein ganz anständiger seyn mußte. Mrs. Fairfax! Ich sah sie ordentlich in einem schwarzen Rocke und einer Winterhaube; etwas frostig zwar, aber nicht unhöflich; ein Muster altenglischer Respectabilität. Thornfield! Wahrscheinlich der Name ihrer Besitzung die letztere selbst ein netter, wohlanständiger Ort, wie sich's von selbst verstand; obgleich ich mir von den Vordersätzen meiner Schlüsse keine Rechenschaft ablegen konnte. Milcote, --shire: ich frischte meine Erinnerungen an die Landkarte Englands auf; ja, da sah ich beides. Stadt und Grafschaft -- shire lag siebzig Meilen näher gegen London zu, als die entfernte Grafschaft, die ich eben bewohnte: in meinen Augen eine besondere Anempfehlung. Ich sehnte mich nach einem lebens- und geräuschvollen Aufenthalt. Milcote war eine große Fabriksstadt an den Ufern des A--; ohne Zweifel ein sehr betriebsamer Ort: desto besser, jedenfalls stand mir eine gänzliche Veränderung meiner Lage bevor. Nicht etwa daß die Vorstellung von hohen Schornsteinen und dicken Rauchwolken meine Fantasie zu fesseln vermochte, doch, dachte ich bei mir selbst, Thornfield wird wohl ein gutes Stück Weges von der Stadt entfernt seyn. In diesem Augenblicke war die Kerze zu Ende gebrannt und der Docht verlöschte. Am folgenden Tage hatte ich neue Schritte zu thun; meine Pläne durften nicht länger in meinem Busen verschlossen bleiben: ich mußte sie am gehörigen Orte mittheilen, um ihren Erfolg zu sichern. Nachdem ich während der mittägigen Raststunde eine Unterredung mit der Oberin nachgesucht und erlangt hatte, theilte ich ihr mit, ich hätte die Aussicht eine andere Stelle zu erlangen, die mir an Gehalt das Doppelte meiner jetzigen Einkünfte brächte (denn in Lowood hatte ich blos fünfzehn Pfund des Jahres) und bat sie, Mr. Brocklehurst und irgend einem Ausschußmanne die Angelegenheit vorzutragen und nachzufragen, ob ich mich wohl einer Empfehlung wegen auf einen Herrn berufen dürfte. Sie sagte mir aufs Verbindlichste ihre Vermittlung in der von mir gewünschten Weise zu. Tags darauf verwendete sie sich in der That bei Mr. Brocklehurst, welcher meinte, es müßte an Mrs. Reed, als an meine natürliche Vormünderin, geschrieben werden. Es wurde demzufolge eine schriftliche Anfrage an sie gestellt, worauf sie erwiederte: ich möchte nach eigenem Gefallen handeln, da sie schon längst allen Einfluß auf meine Angelegenheiten aufgegeben habe. Der Brief machte die Runde im Ausschusse und nach einem für mich äußerst lästigen Aufschube erhielt ich die förmliche Erlaubniß, meine Lage. wenn ich könnte, zu verbessern, nebst der Versicherung, daß mir, nachdem ich mich sowohl als Schülerin wie als Lehrerin immer gut aufgeführt hätte, ein Sitten- und Fähigkeitszeugniß zu meiner Empfehlung ausgestellt und von den Inspectoren des Institutes unterzeichnet werden solle. Dies Zeugniß erhielt ich, wie besprochen, nach beiläufig acht Tagen, sandte Mrs. Fairfax eine Abschrift davon und erhielt auch sofort ihre Antwort, in der sie sich zufrieden gestellt erklärte, und mich aufforderte binnen vierzehn Tagen meinen Posten als Erzieherin in ihrem Hause anzutreten. Nun ging es an meine Vorbereitungen zur Reise; die vierzehn Tage verschwanden äußerst schnell. Meine Garderobe war nicht sehr groß, obwohl sie meinen Bedürfnissen genügte. und der letzte Tag reichte hin, meinen Koffer zu packen, denselben, den ich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht hatte. Der Koffer war zugeschnallt, die Karte mit meinem Namen und Reiseziel aufgeklebt. In einer halben Stunde wollte ihn der Kärrner holen und nach Lowton bringen, wohin ich mich selbst zeitlich am nächsten Morgen in einer Kutsche begeben mußte. Meinen schwarzstoffenen Reiseanzug hatte ich ausgebürstet, meine Haube, meine Handschuhe, meinen Muff zurecht gelegt, in allen Schubladen nachgesehen, ob nichts vergessen sey, und da ich nichts weiter zu thun hatte, versuchte ich es auszuruhen. Doch ich konnte nicht, wiewohl ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war; ich war zu sehr aufgeregt. Eine Phase meines Daseyns schloß mit diesem Abend, eine neue begann mit dem nächsten Morgen; es war mir unmöglich in der Zwischenzeit zu schlafen; ich mußte fieberhaft wachen, indeß der Uebergang stattfand. Miß, sagte ein Dienstmädchen, welches im Vorsaale, wo ich wie ein unruhiges Gespenst herum wandelte, auf mich zukam, es ist Jemand unten, der Sie zu sprechen wünscht! Ohne Zweifel der Kärrner, dachte ich und lief ohne weiter zu fragen die Treppe hinab. Ich ging beim hinteren Sprachzimmer, dem Sitzzimmer der Lehrerinnen, dessen Thüre halbgeöffnet war, vorbei, um mich in die Küche zu begeben, als Jemand herausgelaufen kam. Sie ist's, gewiß ist sie's! Hab ich sie doch gleich erkannt! rief die Person, welche sich mir in den Weg stellte und meine hand erfaßte. Ich blickte empor; eine Frau im Anzuge einer gut gekleideten Dienstmagd, von matronenhaftem, doch noch jungem Aussehen, hübsch, schwarzhaarig und schwarzaugig- von lebhafter Gesichtsfarbe, stand vor mir. Nun wer bin ich? frug sie mit einer Stimme, die ich halb und halb erkannte; »Sie werden mich doch nicht ganz vergessen haben, Miß Jane? Eine Secunde später umarmte und küßte ich sie wie wahnsinnig. Bessie! Bessie! Bessie! war Alles, was ich hervorbringen konnte; worauf sie halb lachte und halb weinte und wir Beide ins Sprachzimmer traten. Am Camine stand ein kleiner Kerl von drei Jahren in gewürfeltem Röckchen und desgleichen Höschen. Das ist mein kleiner Junge, sagte Bessie unaufgefordert. Also bist Du verheirathet, Bessie? Ja wohl; schon beinahe fünf Jahre an den Kutscher, Robert Leaven, und nebst Bob habe ich noch ein kleines Mädchen, das ich Jane taufen ließ. Du wohnst also nicht in Gatesheadhall? Ich wohne in der Portierloge; der alte Portier ist fort. Nun und was machen Alle? Sage mir Alles, was Du weißt, Bessie, aber setze Dich erst nieder und Du, Bobby, komm auf meinen Schooß. Willst Du? doch Bobby zog es vor, sich an seine Mutter anzuschmiegen. Sie sind nicht sehr gewachsen, Miß Jane, und auch nicht sehr stark geworden, fuhr Mrs. Leaven fort. Ich denke, Sie sind in der Schule nicht sehr gut gepflegt worden! Elise ist um zwei Köpfe größer als Sie und aus Georginen könnte man der Breite nach zwei Personen Ihrer Stärke machen. Georgine ist schön geworden, nicht wahr, Bessie? Sehr. Letzten Winter war sie mit ihrer Mama in London, wo sie allgemein bewundert wurde; ein junger Lord verliebte sich in sie; aber seine Verwandten wollten diese Verbindung nicht zugeben; und was glauben Sie wohl? -- er und Miß Georgine liefen auf und davon. Allein sie wurden eingeholt und zusammengepackt. Miß Elisa war hinter die Sache gekommen und hatte sie wahrscheinlich aus Neid verrathen, und nun leben die beiden Schwestern wie Hund und Katze zusammen; sie zanken den ganzen Tag. Und was macht John Reed? Oh, der hat den Erwartungen seiner Mutter schlecht entsprochen. Er kam in eine Gelehrtenschule und wurde dort gerupft, wie sie es nennen. Darauf wollten seine Oheime einen Advocaten aus ihm machen und ihn die Rechte studieren lassen; doch John ist ein zu ausschweifender Mensch, es wird wohl nicht viel aus ihm werden, glaube ich. Wie sieht er denn aus? Er ist sehr groß geworden; viele Leute halten ihn für einen hübschen jungen Mann; doch den Guckguck auch! er hat solche dicke Lippen. Und Mrs. Reed? Die gnädige Frau ist dick und fett von außen, aber in ihrem Innern sieht's wohl nicht am besten aus; des jungen Herrn John Aufführung gefällt ihr nicht: er verthut so viel Geld. Hat sie Dich hieher geschickt, Bessie? Ach nein! Ich sehnte mich schon lange darnach, Sie zu sehen, und als ich hörte, ein Brief sey, von Ihnen gekommen, und Sie zögen in einen entfernten Theil des Landes, da dachte ich, es wäre gerade Zeit, mich auf den Weg zu machen, um Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz aus meiner Nähe wären. Ich fürchte, Du hast Dich in mir getäuscht, Bessie, sagte ich lachend. Ich bemerkte nemlich, daß Bessie's Blicke, wiewohl sie Achtung verriethen, nichts weniger als Bewunderung meines Aeußern an den Tag legten. Nein, Miß Jane, das ist's gerade nicht: Sie sind hübsch genug. Sie sehen aus, wie eine vornehme junge Dame und mehr erwartete ich nicht von Ihnen; als Kind waren Sie gerade keine Schönheit. Bessie's aufrichtige Antwort entlockte mir ein Lächeln; ich fühlte, daß sie Recht hatte. Indessen muß ich gestehen, daß mir der berührte Gegenstand nicht gleichgültig war; mit achtzehn Jahren wünscht wohl jedes Mädchen zu gefallen, und die Ueberzeugung, daß das Aeußere die Erfüllung dieses Wunsches nicht unterstützt, ist wohl nicht weniger als angenehm. Sie sind wohl sehr geschickt, nicht wahr? fuhr Bessie, um mich zu trösten, fort. -Was können Sie Alles? Spielen Sie Pianoforte? Ein wenig. Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin. öffnete es, und bat mich ihr ein Stück vorzuspielen; ich spielte einen oder zwei Walzer, und sie war entzückt. Die Fräulein Reed spielen nicht so schön! rief sie im Triumph aus. Ich sagte es immer, Sie würden sie im Lernen überflügeln. Können Sie auch malen? Dort überm Camin hängt eine Zeichnung von mir. Es war eine in Aquarell gemalte Landschaft, die ich der Oberin aus Dankbarkeit für ihre gütige Verwendung zum Geschenke gemacht hatte, welche dieselbe unter Glas und Rahmen bringen ließ. Ei, das ist ja wunderschön, Miß Jane! Der Zeichnenmeister der Fräulein Reed hätte es nicht schöner malen können, der Fräulein gar nicht zu erwähnen, die an so etwas gar nicht denken dürfen. Haben Sie auch französisch gelernt? Wohl, Bessie, ich kann lesen und sprechen. Können Sie auf Mousseline und Ganevas sticken? Freilich. Oh, Sie sind eine vollendete Dame, Miß Jane! Ich dachte mir's doch immer: Sie werden schon vorwärts kommen, mögen sich Ihre Verwandten um Sie kümmern oder nicht. Doch ich wollte Sie noch Etwas fragen. -- Haben Sie seit der Zeit von Ihren Verwandten väterlicherseits, den Eyres, nichts gehört. Nicht das Mindeste. Nun, Sie wissen ja doch selbst, wie die gnädige Frau immer behauptete, sie wären Alle arm und gemeines Volk. Arm mögen sie wohl seyn, aber sie gehören wohl eben so gut als die Reed's den Honoratioren an; denn eines Tages, es ist nun sieben Jahre her, kam ein Mr. Eyre nach Gateshead und wollte Sie sehen; die gnädige rau sagte ihm, Sie wären in eine Kostschule fünfzig Meilen weit; er schien darüber sehr verdrießlich zu seyn, da er sich nicht aufhalten konnte, weil er eine Reise ins Ausland vorhatte, und sein Schiff in ein oder zwei Tagen von London abging. Er sah ganz wie ein Gentleman aus, und ich glaube, es war Ihres Vaters Bruder. Nach welchem Lande ging seine Reise, Bessie? Nach einer Insel, einige tausend Meilen weit, wo man guten Wein baut, wie der Kellermeister sagte --. Nach Madera? half ich ihrem Gedächtnisse nach. Ja, ja, das ist's, so heißt die Insel. Er reiste also ab? Ja, er hielt sich nur wenige Minuten in unserem Hause auf: Mrs. Reed behandelte ihn sehr hochfahrend, und nannte ihn, wie er fort war, einen filzigen Krämer. Mein Robert hielt ihn für einen Weinhändler. Wohl möglich, versetzte ich; vielleicht ist er ein Commis oder ein Weinreisender. So unterhielten wir uns noch eine ganze Stunde über alte Zeiten, bis Bessie genöthigt war mich zu verlassen; am nächsten Morgen sah ich sie in Lowton, wo ich den Wagen erwartete, noch einmal auf einige Minuten. Endlich schieden wir an der Thüre des Gasthauses zum Brocklehurst- Wappen. Jedes ging seiner Wege; Bessie begab sich an den Saum des Holzes von Lowood, um dort die Gelegenheit zur Rückfahrt zu erwarten, ich bestieg den Wagen, der mich neuen Pflichten und einem neuen Leben in der unbe- kannten Gegend von Millcote entgegenführte. Eilftes Capitel. Ein neues Capitel einer Novelle ist beinahe einer neuen Scene eines Schauspieles zu vergleichen; und wenn ich nun den Vorhang in die Höhe ziehe, stelle sich der Leser eine Stube im Georgs-Wirthshause zu Millcote vor, mit großblumigen Papiertapeten an den Wänden, wie sie in Wirthshäusern gewöhnlich sind, mit einem solchen Teppich, solchen Möbeln, solchen Verzierungen am Camingesimse und solchen Kupferstichen, worunter ein Porträt Georgs 1., ein anderes des Prinzen von Wales und eine Darstellung von Wolfe's Tode. Das Alles wird mir beim Scheine einer vom Gewölbe herabhängenden Oellampe und eines vortrefflichen Feuers sichtbar, an dem ich in Mantel und Reisemütze gehüllt, sitze; mein Muff und mein Regenschirm liegen auf dem Tische, und ich selbst bemühe mich den Frost und die Steifheit zu vertreiben, welche ich mir durch eine sechzehnstündige Fahrt in der rauhen Octoberluft zugezogen habe: ich verließ Lowton um vier Uhr Nachmittags, und die Startuhr von Millcote schlägt soeben acht Uhr. Wiewohl ich mir's ganz bequem gemacht habe, lieber Leser, so sieht es doch in meinem Gemüthe nicht sehr ruhig aus: als die Kutsche hier ankam , dachte ich, es erwarte - mich Jemand; ich blickte ängstlich um mich, während ich die hölzernen Stufen hinabging , die mir der Hausknecht hinhielt, ich dachte meinen Namen rufen zu hören, und irgend ein Fuhrwerk zu sehen, das mich nach Thornfield bringen sollte. Es war indeß nichts dergleichen sichtbar, und als ich den Kellner frug, ob sich Niemand nach einer Miß Eyre erkundigt habe, verneinte er es. Es blieb mir also nichts weiter übrig, als mir eine Stube aufsperren zu lassen, und daselbst, von Gefühlen der Furcht und des Zweifels gequält, zu warten. Es ist für die unerfahrene Jugend ein eigenthümliches Gefühl, sich ganz allein in der Welt, von aller Verbindung mit bekannten Personen abgeschnitten zu wissen; ungewiß ob sie den Hafen, dem sie zusteuert, erreicht; ob sie in denjenigen, den sie verließ, im schlimmsten Falle wieder einlaufen kann. Freilich wird dieses Gefühl durch den Reiz der Neuheit versüßt, durch die Glut des Selbstbewußtseyns warm erhalten; aber auch das bange Erzittern der Furcht tritt störend dazwischen, und bei mir besonders gewannen Furcht und Angst die Oberhand, nachdem eine halbe Stunde verflossen, und ich noch immer allein war. Ich that einen heftigen Zug an der Klingel. Gibt es, in der Nähe einen Ort Namens Thornfield? frug ich den eintretenden Aufwärter Thornfield? Weiß nicht, Madame, will unten fragen. Er verschwand, kam jedoch sofort wieder zurück. Ist Ihr Name Eyre, Miß? Ja wohl! Jemand erwartet Sie unten. Ich sprang empor, packte Muff und Regenschirm zusammen, und eilte in den Thorweg hinab; ein Mann stand am offenen Thore, und in der erleuchteten Straße sah ich dunkel eine einspännige Fahrgelegenheit. Das ist wohl Ihr Gepäcke, denk' ich? sagte der Mann etwas kurz angebunden, indem er auf meinen Koffer wies. Allerdings. Er schob ihn in den Wagen, eine Art Karren, worauf ich einstieg. Bevor er den Schlag zumachte, frug ich ihn, wie weit es wohl nach Thornfield wäre. Etwa sechs Meilen. Wie lang werden wir unterwegs seyn? Beiläufig anderthalb Stunden. Er schloß den Kutschenschlag, erstieg seinen Sitz an der Außenseite, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Unser Fortschritt war ein sehr gemäßigter, und ließ mir hinlängliche Zeit zum Nachdenken; ich war zufrieden, meinem Reiseziele so nahe zu seyn, und mich in dem bequemen wiewohl nicht sehr eleganten Wagen zurücklehnend, überließ ich mich meinen Gedanken. Nach der Einfachheit des Dieners und des Wagens zu urtheilen, ist Mrs. Fairfax keine elegante Dame; desto besser; ich habe nur einmal unter Modeleuten gelebt und mich sehr unglücklich gefühlt. Ich möchte wissen, ob sie mit ihrem kleinen Mädchen allein lebt und wenn dies der Fall und die Dame nur einigermaßen freundlich ist, will ich schon mit ihr auskommen; wenigstens will ich mein Bestes thun, nur Schade, daß man damit nicht immer ausreicht. Zu Lowood faßte ich den gleichen Entschluß, blieb ihm getreu und erfreute mich eines guten Erfolges; aber bei Mrs. Reed blieben meine eifrigsten Bemühungen unbeachtet, ja sie wurden sogar mit Verachtung vergolten. Gott gebe, daß sich Mrs. Fairfax nicht etwa als eine zweite Mrs. Reed herausstellt, doch wenn auch: ich muß ja nicht bei ihr bleiben und im schlimmsten Falle lasse ich wieder eine Ankündigung einrücken. Wie weit mögen wir wohl noch haben? Ich ließ das Wagenfenster herunter und sah hinaus: Millcote lag hinter uns; nach der Anzahl der Lichter zu schließen, schien es eine Stadt von beträchtlicher Ausdehnung und viel größer als Lowton zu seyn. Wir fuhren nun, so viel ich sehen konnte, über eine Art Haide. Doch standen hin und wieder Häuser herum; ich bemerkte, daß ich mich in einer anderen, volkreicheren, aber wenig malerischen, geräuschvolleren, aber nicht so romantischen Gegend befand als Lowood war. Die Straße war uneben, die Nacht neblig; mein Kutscher ließ sein Pferd den ganzen Weg über im Schritt gehen und die anderthalb Stunden dehnten sich ganz bestimmt zu zwei Stunden aus. Endlich drehte er sich auf dem Bocke herum und sagte: Wir sind nun nicht mehr weit von Thornfield. Wieder blickte ich hinaus und wir fuhren an einer Kirche vorüber, ich sah ihren niedern breiten Thurm in den Wolken und die Glocke schlug eben ein Viertel; weiter bemerkte ich am Fuße eines Hügels eine schmale Lichterreihe, welche die Nähe eines Dorfes oder eines Weilers anzeigte. Etwa zehn Minuten später stieg der Pferdebändiger ab und öffnete zwei Thorflügel: wir fuhren hindurch und die letzteren klappten hinter uns zu. Nun ging es langsam die Fahrbahn hinauf und wir kamen bei der langen Häuserreihe an: aus einem verhängten Bogenfenster schimmerte das Licht einer Kerze herüber; alles ringsum war in Dunkelheit gehüllt. Der Wagen hielt an der Frontthüre; ein Dienstmädchen öffnete, ich stieg aus und trat ins Haus hinein. Ich bitte hier zu gehen, Madame, sagte das Mädchen und ich folgte ihr durch eine viereckige Vorhalle mit hohen Thüren ringsum; sie wies mich in ein Zimmer, dessen doppelte Beleuchtung von Kerzenlicht und Caminfeuer mich durch ihren grellen Abstand von der Finsterniß, an die sich meine Augen durch nahe an zwei Stunden gewöhnt hatten, gar arg blendete. Als ich sie indeß wieder öffnen konnte, bot sich meinen Blicken ein eben so gemüthliches, als angenehmes Bild dar. Eine nette kleine Stube; ein runder Tisch an einem luftig emporflackernden Feuer; ein altmodischer Armstuhl mit hoher Lehne, in dem die denkbar sauberste kleine alte Dame in einer Witwenhaube einem schwarzseidenen Ueberrock und einer schneeweißen Mousselinschürze saß gerade so, wie ich mir Mrs. Fairfax vorgestellt hatte, nur nicht so stattlich und von gutmüthigerem Aussehen. Sie hatte einen Strickstrumpf in der Hand; eine große Katze lag bescheiden zu ihren Füßen; kurz es fehlte nichts, um das Ideal häuslicher Gemühlichkeit und Bequemlichkeit zu vollenden. Man konnte sich nicht leicht eine beruhigendere Einleitung zum Amtsantritte einer angehenden Erzieherin denken: da war nichts von überwältigender Pracht oder in Verlegenheit setzender Hochnäsigkeit zu sehen; als ich eintrat, stand die alte Dame auf und ging mir rasch und freundlich entgegen. Wie befinden Sie sich, meine Liebe? Ich fürchte, Sie hatten einen sehr langweiligen Weg: John fährt immer so langsam: es muß Ihnen kalt seyn, kommen Sie doch zum Feuer. Mrs. Fairfax, wie ich vermuthe? sagte ich. Die bin ich; bitte, nehmen Sie Platz. Sie führte mich zum Stuhle, in dem sie gesessen hatte, und machte sich daran, mir den Shawl abzunehmen und die Haubenbänder loszubinden: ich bat sie, sich nicht so sehr zu bemühen. Ach, das ist ja keine Mühe! Ihre Hände sind ja ganz starr vor Kälte. Leah, mache ein wenig heißen Nepus, und schmiere einige Butterschnitten; hier sind die Schlüssel. zur Speisekammer. Bei diesen Worten zog sie einen sehr hausfrauenmäßigen Schlüsselbund aus der Tasche und reichte ihn dem Dienstmädchen hin. Und nun kommen Sie näher zum Feuer, fuhr sie fort. Sie haben doch Gepäcke mitgebracht, nicht wahr, meine Liebe? Ja, Madame. Ich will sehen, daß es in Ihre Stube geschafft wird, sagte sie und ging geschäftigen Schrittes zum Zimmer hinaus. Sie behandelt mich ja, als wäre ich ein vornehmer Gast, dachte ich. Einen solchen Empfang habe ich am wenigsten erwartet. Ich war auf ein frostiges steifes Benehmen gefaßt: dieses hier ist nicht demjenigen gleich, das man, wie ich hörte, Erzieherinnen gegenüber beobachtet; doch will ich nicht zu früh frohlocken. Die alte Dame kam zurück, räumte ihr Strickzeug und ein oder zwei Bücher eigenhändig vom Tische, um für das von Leah gebrachte Geschirr Platz zu machen und schenkte mir selbst ein. Es machte mich fast verwirrt, der Gegenstand so vieler, mir früher noch nie, am allerwenigsten von einer Dienstgeberin und im Range über mir stehenden Person erwiesenen Aufmerksamkeit zu seyn; da die Dame indessen ihrer eigenen Ansicht nach nichts Außerordentliches zu thun schien, hielt ich es für angemessener, ihre Höflichkeiten ruhig hinzunehmen. Werde ich noch heute Abend das Vergnügen haben, Miß Fairfax zu sehen? frug ich, als ich etwas zu mir genommen hatte. Was sagten Sie, meine Theure? Ich bin ein wenig taub, versetzte die gute Dame, indem sie ihr Ohr zu meinem Munde hielt. Ich wiederholte meine Frage etwas lauter. Miß Fairfax? Ach, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der Name Ihres künftigen Zöglings Wirklich! Sie ist also nicht Ihre Tochter? Nein -- ich habe keine Familie. Ich wollte weitere Erkundigungen einziehen, auf welche Weise Miß Varens mit ihr verwandt sey; allein ich bedachte bei Zeiten, daß es nicht von Lebensart zeige, zu viel auf einmal zu fragen: übrigens mußte ich es ja später von selbst erfahren. Ich bin so froh, fuhr sie fort, indem sie sich mir gegenüber setzte und die Katze auf ihren Schooß nahm, ich bin so froh, daß Sie hier sind; das Leben wird nun in Ihrer Gesellschaft viel angenehmer seyn. Es ist zwar schon an und für sich zu allen Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein schönes altes Schloß, vielleicht in den letzten Jahren etwas vernachlässigt, doch immer noch ein respectaber Wohnort: dennoch hat man, besonders zur Winterszeit, selbst in der schönsten Wohnung, sobald man allein ist, die abscheulichste Langeweile. Leah ist zwar ein sehr nettes Mädchen und John und sein Weib sehr anständige Leute; allein sie gehören doch nun einmal zum Gesinde und man kann sich mit ihnen nicht auf dem Boden der Gleichheit abgeben, will man nicht sein Ansehen einbüßen. Im vergangenen Winter -- er war sehr streng, wie Sie sich erinnern werden, und wenn es nicht schneite, regnete und stürmte es -- kam vom November bis zum Februar, den Fleischer und Briefträger ausgenommen, keine Menschenseele zu uns und ich wurde von dem beständigen Alleinseyn an den langen Abenden ganz melancholisch; zuweilen ließ ich mir wohl von Leah vorlesen, doch dem armen Mädchen schien diese Beschäftigung nicht sehr zu behagen: sie kann das Stillsitzen nicht leiden. Im Frühling und Sommer ging es etwas besser; schon die langen Tage machen einen Unterschied und dann kam, gerade zu Anfang dieses Herbstes, die kleine Adele mit ihrer Bonne: ein Kind bringt, wie Sie wissen, gleich Leben ins Haus und nun Sie hier sind, will ich recht lustig seyn. Die Reden der würdigen Dame erwärmten mir ordentlich das Herz; ich rückte meinen Stuhl näher zu ihr hin, und drückte den Wunsch aus, sie möchte meinen Umgang so angenehm finden, als sie es voraussetze. Doch ich will Sie heute Abend nicht so lange aufhalten, sagte sie; es ist nahe an zwölf Uhr und Sie sind den ganzen Tag gefahren. Sie müssen sehr müde seyn. Wenn Ihre Füße schon warm sind, will ich Sie in Ihr Schlafzimmer geleiten. Ich habe Ihnen ein Gemach neben dem meinigen einräumen lassen; es ist nur klein, aber ich dachte es würde Ihnen lieber seyn als eine von den großen Frontzimmern; sie sind wohl schöner eingerichtet, aber so unheimlich und verlassen, daß ich selbst nicht gerne darin schlafe. Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da mich meine Reise in der That ermüdet hatte, sprach ich meine Bereitwilligkeit aus, mich zurückzuziehen. Sie nahm den Leuchter zur Hand und ich folgte ihr zur Stube hinaus. Zuerst sah sie nach, ob die Thüre der Vorhalle geschlossen wäre, und nachdem sie den Schlüssel abgezogen hatte, führte sie mich die Treppe hinauf. Die Stufen und Treppengeländer waren von Eichenholz, die Treppenfenster hoch und vergittert; sowohl das Treppenhaus als die lange Gallerie, auf welche die Thüren der Schlafzimmer hinausgingen, sahen eher wie Bestandtheile einer Kirche als eines Wohngebäudes aus. Eine kalte und dunkle Gewölbsluft durchzog die Treppe und die Gänge und brachte trostlose Ideen von leerem Raum und Einsamkeit mit sich, und ich war froh, als ich endlich in meiner Stube angelangt, die Bemerkung machte, daß sie klein und einfach, aber modern möblirt war. Nachdem mir Mrs. Fairfax freundlich gute Nacht gesagt und ich meine Thüre zugeriegelt hatte, blickte ich mit Muße um mich, um den unangenehmen Eindruck der großen Vorhalle, der finsteren Treppe, des langen, kalten Ganges, durch den lebhaften Anblick meines kleinen Stübchens zu verwischen. Mit inniger Freude dachte ich daran, wie ich nun, nach den körperlichen Mühseligkeiten und der Seelenangst eines ganzen Tages, endlich im Hafen der Ruhe eingelaufen war; das Gefühl der Dankbarkeit sch wellte mir das Herz, und ich kniete an meinem Bette nieder, demjenigen zu danken, dem mein Dank gebührte; bevor ich mich erhob, erflehte ich mir seine Hilfe auf meinem weiteren Lebenswege, und die Kraft, jene Güte und Freundlichkeit wirklich zu verdienen, die man mir in diesem Hause so freiwillig entgegentrug, ehe ich sie noch durch mein Benehmen hervorrufen konnte. Keine Dornen drückten mich diese Nacht auf meinem Lager, keine Furcht beschlich mich in meiner einsamen Kammer. Müde und zufrieden schlief ich bald und fest ein; als ich erwachte, war es vollkommen Tag. Wie schmuck und freundlich nahm sich nun mein Stübchen aus, da die Sonne zwischen den Fenstervorhängen von hellblauem Blitz hereinschien; was für einen ganz anderen Eindruck machte es mit seinen Tapetenwänden und dem mit Teppichen belegten Fußboden, als die nackten Dielen und die schmutzige Tünche meiner Schlafstube in Lowood. Aeußerlichkeiten äußern auf junge Leute eine große Wirkung; ich war überzeugt, ein schönerer Abschnitt meines Lebens werde nun beginnen, nicht mit Dornen und Mühseligkeiten besäet, und auch mit Blumen und Freuden geschmückt. Meine Geisteskräfte, durch die neue Umgebung -- für mich das Feld neuer Hoffnungen -- erweckt, arbeiteten wirr durcheinander. Ich kann es nicht genau angeben, was ich Alles erwartete; allein es war etwas Angenehmes, nicht etwa ein Ereigniß des nächsten Tages oder des nächsten Monats, sondern das einer unbestimmten zukünftigen Zeitepoche. Ich stand auf und kleidete mich sorgfältig an. Auf eine einfache Toilette angewiesen, denn die Auswahl meiner Garderobe zeigte nur sehr einfache Anzüge, hielt ich von Natur aus darauf, nett angethan zu seyn. Es war nicht meine Gewohnheit, mein Aeußeres zu vernachlässigen, mich über den Eindruck, den ich hervorbrachte, hinwegzusetzen im Gegentheile, ich wünschte so hübsch wie nur möglich auszusehen und so sehr zu gefallen, als es nur immer mein Mangel an Schönheit zuließ. Zuweilen that es mir leid, daß ich nicht schöner war; zuweilen wünschte ich mir rosige Wangen, eine schöngeformte Nase und einen kleinen kirsch- rothen Mund; ich wäre gerne schlank, stattlich und schön geformt gewesen, ich fühlte mich unglücklich, so klein, so blaß zu seyn, so unregelmäßige und markirte Gesichtszüge zu besitzen. Und warum diese eitlen Wünsche, dieses nutzlose Bedauern? Es wäre schwer zu sagen, ich konnte mir selbst keinen Grund angeben und doch hatte ich eine natürliche, eine vernünftige Ursache dazu. Nachdem ich inzwischen mein Haar recht glatt gebürstet, meinen schwarzen, quäckerartigen Ueberrock, der wenigstens meinen Ansichten von Nettigkeit entsprach, angelegt, auch meinen frischen, weißen Halskragen zurecht gezupft hatte, hielt ich mich für gut aussehend genug, um vor Mrs. Fairfax mit Anstand erscheinen zu können und meinem neuen Zöglinge wenigstens keine Abneigung einzuflößen. Ich öffnete mein Fenster, sah daß Alles am Ankleidetische in Ordnung lag, und wagte mich hinaus. Ende des ersten Theiles. Eilftes Capitel. (Fortsetzung.) Den langen, mit Matten bedeckten Gang hinabschreitend, erreichte ich die glatte Treppe von Eichenholz und endlich die Vorhalle; dort blieb ich eine Weile stehen, ich musterte einige an der Wand hängende Gemälde (das eine stellte einen wild aussehenden Mann im Brustharnisch das andere eine Dame mit gepudertem Haar und einem Halsbande von Perlen vor, betrachtete eine bronzene Lampe an der Wölbung und eine große Wanduhr, deren künstlich aus Eichenholz geschnitzter Kasten vom Alter und dem vielen Scheuern fast schwarz wie Ebenholz geworden war. Alles kam mir so stattlich und imposant vor: doch war ich damals nur wenig an Großartigkeit gewohnt. Die zur Hälfte mit Glasfenstern versehene Thür der Vorhalle stand offen: ich überschritt die Schwelle. Es war ein schöner Herbstmorgen, die Morgensonne schien heiter über gebräunte Baumgruppen und noch ziemlich grüne Felder: mich dem Grasplatze nähernd, blickte ich empor und übersah die Vorderseite des Gebäudes. Es war drei Stockwerke hoch, den Raumverhältnissen nach nicht großartig, aber immerhin ansehnlich, das Herrenhaus eines Gentlemans, nicht das Schloß eines hohen Adeligen: ringsum die Firste laufende Zinnen gaben ihm ein malerisches Aussehen. Die graue Fronte des Hauses trat sehr gut aus dem Hintergrunde einer Krähenzucht* hervor, deren krächzende Bewohnerinnen sich eben er hoben, über den Grasplatz und die Felder hinflogen und sich auf einer großen Wiese niederließen, welche eine halb durchbrochene Umzäunung von den ersten absperrte und wo eine Anzahl mächtiger, knorriger, dicker, Eichen nicht unähnlicher Kreuzdornbäume auf einmal die Ableitung des Ortsnamens „Thornfield“ (Dornfeld) rechtfertigen. Weit in der Ferne sah man Berge; keine so hohen, so felsigen, wie die um Lowood herum, aber auch keine solchen, die den Weg in die Außenwelt abzusperren schienen; eigentlich blos einige stille, unbegangene Hügel, welche Thornfield zu einer so tiefen Einsamkeit machten, wie ich es in der Nähe eines so lebhaften Ortes wie Millcote kaum erwartet hätte. Ein kleines Dörfchen, dessen Dächer zwischen Baumgruppen einzeln hervorschielten, zog sich an der Seite des einen Hügels hinan; die Kirche stand näher gegen Thornfield zu; ihre verwitterte Thurmspitze sah über einen Erdaufwurf zwischen dem Hause und dem Hofthore herüber. Noch erfreute ich mich des ruhigen Anblickes und der frischen Luft, hörte den Krähen zu und übersah die lange graue Fronte des Herrenhauses, im Stillen bedenkend, was für ein großer Wohnplatz dies für eine einzelne kleine Frau wie Mrs. Fairfax sey, als die erwähnte Dame an der Thüre sichtbar wurde. [*Das Krähenschießen ist eine Lieblingsunterhaltung (sport) der englischen Edelleute, weshalb diese Thiere auf den Land sitzen in ordentlichen Gezüchten (rookeries) eigens auferzogen werden. Anmerk. d. Uebersetzers.] Was! Schon im Freien? rief sie. Ich sehe, Sie sind keine Langschläferin. Ich trat auf sie zu, und sie empfing mich mit einem freundlichen Kusse und Händedruck. Wie gefällt Ihnen Thornfield? frug sie. Ich erwiederte, es gefiele mir ausnehmend. Ja , sagte sie, es ist ein hübscher Ort; allein ich fürchte, es wird noch Alles zerfallen. wenn Mr. Rochester nicht bei Zeiten daran denkt, hier seinen beständigen Wohnsitz aufzuschlagen, oder doch wenigstens öfter hierherkömmt. Große Häuser und schöne Landgüter verlangen die Gegenwart ihres Eigenthümers. Mr. Rochester! rief ich aus. Wer ist das? Der Besitzer von Thornfield, bemerkte sie ganz ruhig. Wußten Sie denn nicht, daß er Rochester heißt? In der That wußte ich es nicht, ich hatte vordem nie etwas von ihm gehört; doch die alte Dame schien seine Existenz als eine allgemein bekannte Thatsache vorauszusetzen, welche Jedermann aus Instinct bekannt seyn mußte. Ich dachte, Sie wären die Eigenthümerin von Thornfield, fuhr ich fort. Ich? Ei bewahre, liebes Kind! Was für eine Idee! Ich bin ja nur die Haushälterin, die Wirthschafterin. Wohl bin ich durch meinen Mann mit den Rochesters weitläufig verwandt: mein Mann war ein Geistlicher, ein Pfründner von Hay, dem kleinen Dorfe dort am Hügel, und dies hier war sein Gotteshaus; des jetzigen Mr. Rochester's Mutter war eine Fairfax und ein zweites Geschwisterkind meines verstorbenen Mannes; aber ich thue mir auf diese Verwandtschaft nichts zu gute -- ich kümmere mich wirklich nicht darum; ich betrachte mich als eine gewöhnliche Haushälterin, mein Dienstherr begegnet mir äußerst artig und mehr wünsche ich auch nicht. Und das kleine Mädchen -- mein Zögling? Ist Mr. Rochester's Mündel; er gab mir den Auftrag, für sie eine Erzieherin zu suchen. Ich denke, er will sie in-- shire aufwachsen lassen. Hier kömmt sie mit ihrer Bonne, wie sie ihr Kindermädchen nennt. Nun war das Räthsel gelöst. Die, gesprächige und gutherzige kleine Witwe war also keine vornehme Dame, sondern eine bedienstete Person, wie ich selbst. Doch darum hatte ich sie um nichts weniger lieb; im Gegentheil, sie gefiel mir nur um so besser. Die Gleichheit zwischen ihr und mir war eine wirkliche, nicht das bloße Resultat einer Herablassung von ihrer Seite: um so besser, meine Stellung war um desto zwangloser. Während ich über die eben gemachte Entdeckung nachdachte, kam ein kleines Mädchen, von seiner Wärterin gefolgt, über den Grasplatz herbeigelaufen. Ich sah mir meinen Zögling an, der mich anfänglich gar nicht zu beachten schien; das Kind war höchstens sieben bis acht Jahre alt, schwächlich, blassen, fein geformten Gesichtes und mit einem reichen Haarwuchse gesegnet, der in langen Locken bis zum Gürtel herunter fiel. Guten Morgen, Miß Adela, sagte Mrs. Fairfax. Gehen Sie, sprechen Sie mit jener Dame, die Sie unterrichten, und ein geschicktes Fräulein aus Ihnen machen soll. Das Kind näherte sich. C’est la ma gouvernante? frug das Mädchen, mit dem Finger nach mir weisend. Mais oui, certainement, lautete die Antwort. Sind das Fremde? rief ich voll Verwunderung, die Beiden französisch sprechen zu hören. Das Kindermädchen ist eine Französin, und Adela selbst wurde auf dem Continente geboren, den sie, wie ich glaube. erst vor einem halben Jahre verließ. Gleich nachdem sie herkam, konnte sie gar nichts Englisch; jetzt spricht sie es doch schon zur Noth; ich zwar verstehe sie nicht, denn sie mischt zu viel Französisch darunter; aber Sie werden schon mit ihr zurecht kommen, denke ich. Glücklicherweise hatte ich den Vortheil genossen, die französische Sprache von einer Eingebornen zu lernen, und da ich jede Gelegenheit benutzt hatte, mit Madame Pierrot zu sprechen, auch täglich eine Anzahl Wörter auswendig lernte, wo bei ich mir Mühe gab, die Aussprache der Meisterin so genau als möglich nachzuahmen, so konnte ich mich einer ziemlichen Geläufigkeit und Reinheit in dieser Sprache rühmen, und mich mit Mademoiselle Adela ohne Scheu einlassen. Sie kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand, als sie hörte ich sey ihre Erzieherin, und indem ich sie zum Frühstück geleitete, sprach ich sie einigemale in ihrer Muttersprache an; anfänglich gab sie mir nur kurze Antworten, als wir aber bei Tische saßen, und nachdem sie mich beiläufig zehn Minuten mit ihren braunen Augen betrachtet hatte, begann sie plötzlich mit großer Zungenfertigkeit zu plaudern. Ah ! sagte sie auf französisch, Sie sprechen meine Sprache so gut, wie Mr. Rochester; ich kann mit Ihnen sprechen, wie mit ihm und Sophie auch. Es wird sie sehr freuen. Niemand versteht sie hier; Mrs. Fairfax spricht nur englisch. Sophie ist mein Kindermädchen; sie kam mit mir zur See herüber, in einem großen Schiffe mit einem Schornstein, der schrecklich rauchte, und ich war krank, und Sophie auch, und Mr. Rochester auch. Mr. Rochester legte sich in einem schönen Gemache, welches man den Salon nannte, aufs Sopha und ich und Sophie, wir hatten kleine Betten in einer andern Stube. Ich fiel aus dem meinigen beinahe heraus; es sah wie ein Brett aus. Wie heißen Sie, Mademoiselle? Eyre -- Jane Eyre. Aire? Bah! Ich kann's nicht aussprechen. Nun gut: unser Schiff blieb früh, ehe es noch Tag war, an einer ungeheuren Start voll finsterer, russiger Häuser stehen; nicht sowie das nette kleine Städtchen, wo ich her kam. Mr. Rochester trug mich über eine Planke in seinen Armen ans Land, und Sophie kam hintenher, und wir Alle stiegen in eine Kutsche, die uns in ein großes Gebäude, ein viel schöneres und größeres als dieses hier, Hotel genannt, brachte. Fast eine Woche wohnten wir dort; ich und Sophie, wir gingen täglich in einem großen Garten voll Bäumen, dem Park, spazieren, und da gab es außer mir noch sehr viele Kinder, und einen schönen Teich mit prächtigen Fischen, die ich mit Semmelkrumen fütterte. Können Sie sie verstehen, wenn sie so schnell spricht? frug Mrs. Fairfax. Ich verstand das Mädchen ganz gut. denn ich war das schnelle Sprechen von Madame Pierrot gewohnt. Fragen Sie sie einmal über ihre Eltern , fuhr die gute Dame fort. Ich möchte gerne wissen, ob sie sich ihrer noch erinnert. Adele , so begann ich, mit wem lebten Sie in jener netten, kleinen Stadt, von der Sie vorhin sprachen? Vor langer, langer Zeit lebte ich mit Mama, aber sie ist nun bei der Mutter Gottes. Mama unterrichtete mich im Tanzen, Singen und Verse hersagen. Eine große Menge Herren und Damen kamen zu Mama zu Besuch, und ich pflegte ihnen etwas vorzutanzen. oder ich setzte mich einem der Herren auf den Schooß und sang etwas; das gefiel mir. Soll ich Ihnen ein Lied singen? Sie hatte ihr Frühstück verzehrt; ich erlaubte ihr also, uns eine Probe ihrer Kunst zum Besten zu geben. Von ihrem Stuhle heruntersteigend, kam sie auf mich zu und setzte sich mir auf den Schooß; dann faltete sie die kleinen Händchen, schüttelte sich die Locken aus dem Gesichte, hob die Augen zur Decke empor und begann eine Opernarie zu singen. Es war die Romanze einer verlassenen Dame, die, nachdem sie sich von der Treulosigkeit des Geliebten überzeugt hat, ihren Stolz zu Hilfe ruft; sie befiehlt ihrer Kammerfrau, sie in ihre reichsten Juwelen und ihren köstlichsten Anzug zu kleiden, und beschließt, den Falschen noch diese Nacht auf einem Balle aufzusuchen, um ihm durch ihre Fröhlichkeit zu beweisen, wie wenig sie seine Untreue berührt. Der Gegenstand war für eine kleine Sängerin, ein Kind, sonderbar gewählt; wahrscheinlich sollte der eigentliche Kern darin liegen, die Töne der Liebe und Eifersucht von der schwachen Stimme eines Kindes wirbeln zu hören: eine sehr abgeschmackte Idee, so dachte ich wenigstens. Adele sang das Lied schmelzend genug und mit der Naivetät ihres Alters. Nach Beendigung der Arie sprang sie von meinem Schooße herunter und rief: Nun will ich Ihnen ein Gedicht hersagen. Sich in Positur stellend, begann se: La ligue des Rats; fable de-Lafontaine. Sie declamirte das ganze Stück mit einer Beachtung der Unterscheidungszeichen und des zu gebenden Nachdruckes, einer Biegsamkeit der Stimme und einer Angemessenheit der Handbewegungen, wie sie bei einem Kinde ihres Alters sehr selten sind, und woraus hervorging, daß man sich mit ihr ganz besondere Mühe gegeben haben mußte. Hat Sie Ihre Mama dies Stück gelehrt? frug ich. Ja, und sie pflegte gerade so zu sagen: Qu’avez-- vous done?** lui dit un de ces rats; parlez! wobei sie die Hand so in die Höhe hob, um mich zu erinnern, ich smüsse diese Frage etwas stärker aussprechen. Nun, soll ich Ihnen noch etwas vortanzen? Nein, für jetzt ist's genug. Aber bei wem wohnten Sie, als Ihre Mama, wie Sie sagen, zur Mutter Gottes gegangen war? Bei Madame Frederic und ihrem Manne: sie hatte mich jedoch blos in der Pflege; sie ist nicht verwandt mit mir. Ich denke, sie ist arm, denn sie hatte kein so schönes Haus wie Mama; auch war ich nicht lange bei ihr. Mr. Rochester frug mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm wohnen wollte, und ich sagte ja; denn ich kannte Mr. Rochester früher als Madame Frederic und er war immer sehr gut mit mir und kaufte mir hübsche Kleider und artige Spielsachen. Doch Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, und ist nun selbst wieder zurückgekehrt, und ich bekomme ihn nie zu sehen. Nach dem Frühstück begab ich mich mit Adelen in die Bibliothek, welches Zimmer Mr. Rochester zum Schulzimmer bestimmt zu haben schien. Die meisten Bücher waren in Glasschränken verschlossen, nur ein Schrank war offen, welcher alle in Bezug auf den ersten Unterricht nöthigen Werke, und mehre Bände leichterer Literatur, Gedichte, Biographien, Reisebeschreibungen, einige Romane u.s. w. enthielt. Wahrscheinlich hielt Mr. Rochester diese Bücher zum Privatgebrauche der Erzieherin für hinreichend, und in der That befriedigten sie mich für den Augenblick vollkommen. Mit der kargen Aehrenlese und der Büchersammlung von Lowood verglichen, versprachen sie mir eine reichliche Ernte von Unterhaltung und Belehrung. Weiter standen in dem Gemache ein ganz neues Querpiano von vorzüglichem Tone, eine Staffelei und zwei Erdkugeln. Meine Schülerin fand ich ziemlich gelehrig, wiewohl etwas arbeitscheu: man hatte sie nie an irgend eine regelmäßige Beschäftigung gewöhnt. Ich hielt es für unvernünftig. sie gleich anfänglich zu sehr anzustrengen; nachdem ich ihr daher ein gutes Stück vorgesagt und sie dazu gebracht hatte ein kleines Stückchen zu lernen, erlaubte ich ihr um die Mittagszeit zu ihrer Wärterin zurückzukehren. Die Zeit bis zum Mittagsessen wollte ich dazu verwenden, einige kleine Skizzen für Adelen zu zeichnen. Als ich die Treppe hinaufging, mein Skizzenbuch und meine Stifte zu holen, rief mich Mrs. Fairfax an: Für heute Morgen sind wohl eure Lehrstunden beendigt, sagte sie. Sie befand sich in einem Zimmer, dessen Flügelthüren offen standen: ich trat hinein, da sie mich angeredet hatte. Es war ein schönes stattliches Gemach mit purpurrothen Möbeln und Vorhängen, einem türkischen Fußteppich, mit Nußbaumholz getäfelten Wänden, einem einzigen, großen Fenster von geschliffenem Glas und einer hohen, kühngespannten Wölbung. Mrs. Fairfax staubte eben einige Vasen von schönem Purpurglas ab, die auf einem Seitentische standen. Was für ein schönes Zimmer! rief ich aus. indem ich mich umsah, denn noch nie hatte ich ein auch nur zur Hälfte so prachtvolles Gemach gesehen. Ja wohl, es ist das Speisezimmer. Ich habe eben das Fenster geöffnet, um etwas Luft und Sonne herein zu lassen, denn Alles wird ordentlich schimmlich in Stuben, die selten bewohnt werden. Das Besuchzimmer drüben kömmt mir wie ein Kellergewölbe vor. Sie deutete nach einem weiten, dem Fenster entsprechenden und gleichfalls mit purpurrothen, jetzt aufgezogenen Vorhängen geschmückten Bogen Zwei breite Stufen emporsteigend und hindurchblickend. glaubte ich einen Feenpalast geschaut zu haben, so wunderbar schön erschien dieser Anblick meinen Neulingsaugen. Und doch war es nur ein hübsches Besuchzimmer und weiterhin ein Boudoir, beides mit weißen buntgeblümten Teppichen belegt, die Wölbung mit schneeweißen Trauben und Weinblättern in erhabener Arbeit geziert. unter denen im schneidendsten Contraste carmoisinrothe Sitze und Ottomanen erglänzten. Die Zierrathen am weißen Camingesimse waren von leuchtendem, böhmischen Rubinglase und zwischen den Fenstern angebrachte Spiegel vervielfältigten die allgemeine Färbung von Schneeweiß und Feuerroth. Wie sauber und ordentlich Sie die Zimmer halten, Mrs. Fairfax? sagte ich. Kein Staub, keine Spinnengewebe; wäre die kalte Luft nicht, man dächte, die Gemächer wären immer bewohnt. Je nun, Miß Eyre, wiewohl Mr. Rochester dieses Haus nur selten heimsucht, so kommt er doch immer plötzlich und unerwartet; und da ich bemerkte, daß es ihn sehr verdroß, Alles in Unordnung zu finden und bei seiner Ankunft geräuschvolle Vorbereitungen veranlassen zu müssen, hielt ich es fürs Beste, die Wohnung stets in Bereitschaft zu halten. Ist Mr. Rochester ein wunderlicher, anspruchsvoller Mann? Nicht besonders; doch hat er den Geschmack und die Gewohnheiten eines Gentlemans und er erwartet, daß man sich in allen Dingen darnach richte. Sind Sie ihm zugethan? Ist er im Allgemeinen beliebt? Oh, gewiß! Seine Familie stand hier immer in größtem Ansehen. Fast aller Grund in der Nachbarschaft, so weit Sie nur sehen können, gehört seit undenklichen Zeiten den Rochesters! Wohl, wohl! Doch seine Besitzungen bei Seite, gefällt er Ihnen? Ist er um seiner selbst willen beliebt? Ich habe keinen Grund, ihn nicht leiden zu können; und ich glaube auch seine Pächter halten ihn für einen gerechten und großmüthigen Gutsherrn, wiewohl er sich nie lange unter ihnen aufhielt. Hat er keine Eigenthümlichkeiten, oder kurz gesagt, welches ist sein Charakter? Oh, sein Charakter ist unantastbar, glaub' ich. Etwas sonderbar ist er wohl; er ist viel gereist, und hat einen großen Theil der Welt gesehen. Er ist wohl sehr gebildet; doch ich selbst sprach nie viel mit ihm. Wienach ist er sonderbar? Ich weiß es nicht -- es läßt sich nicht gut beschreiben -- es ist nichts Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit ihm spricht: man weiß nie recht, spricht er im Scherz oder im Ernst, ob ihm Etwas angenehm ist oder nicht; kurz, man begreift ihn nicht ganz -- wenigstens mir geht es so; aber das thut nichts, er ist bei Allem dem ein sehr braver Herr. Das war die ganze Beschreibung, die Mrs. Fairfax von unserem Gebieter lieferte. Es gibt Leute, die offenbar keinen Begriff davon haben, wie man einen Charakter zeichnet, hervorragende Eigenschaften, sowohl an Sachen als an Personen beobachtet und beschreibt: die gute Frau gehörte jedenfalls dieser Classe an; meine Fragen setzten sie in Verwunderung: aber brachten nichts aus ihr heraus. Mr. Rochester blieb in ihren Augen Mr. Rochester; ein Gentleman, ein Gutsbesitzer, nichts mehr und nichts weniger; das Weitere ging sie nichts an, und sie verwunderte sich augenscheinlich über meine Bemühung, eine genauere Darstellung seines Wesens zu erhalten. Als wir das Speisezimmer verließen, machte sie mir den Vorschlag. mir auch die andern Theile der Wohnung zeigen, und ich folgte ihr Treppe auf, Treppe ab, den ganzen Weg über bewundernd und preisend, denn Alles war schön und in bester Ordnung. Die geräumigen Vorderstuben schienen mir besonders großartig, und mehre Gemächer des dritten Stockwerkes interessirten mich, trotzdem sie finster und niedrig waren, ihrer Alterthümlichkeit wegen. Die vordem den untern Stuben angepaßte Einrichtung war von Zeit zu Zeit, wenn sich die Mode änderte, hinaufgebracht worden, und das unvollkommene durch die schmalen Fenster eindringende Licht zeigte hundertjährige Bettstellen, Kasten von Eichen- und Nußbaumholz, mit ihrem Schnitzwerk von Palmen und Engelsköpfen der jüdischen Bundeslade ähnlich, Reihen ehrwürdiger, hochlehniger und schmaler Sessel, noch ältere Stühle, deren Kissen Spuren halbzerfaserter Stickerei trugen, von Händen gearbeitet, die wohl schon seit zwei Menschenaltern Staub und Asche waren. Alle diese Reliquien gaben dem dritten Stockwerke von Thornfieldhall das Ansehen einer Heimat der Vergangenheit, eines Opferaltars der Erinnerung. Am Tage gefiel mir die Stille, das Düstere, das Wunderliche dieser Rüstkammern; doch hätte ich um Alles in der Welt in einer der schweren, breiten Bettstellen keine Nacht zubringen mögen, deren einige spanische Wände von Eichenholz umschlossen, andere alte gestickte englische Vorhänge bedeckten, mit Abbildungen wunderlicher Blumen, noch wunderlicherer Vögel und wunderlichster menschlicher Wesen in schwerer Stickerei geziert. und wie wunderlich mußte sich erst Alles das beim blassen Schimmer des Mondes ausnehmen! Schlafen die Dienstleute in diesen Stuben? bemerkte ich. Nein, sie bewohnen eine Reihe kleiner Zimmer im Hntergebäude; hier schläft Niemand. Gäbe es ein Gespenst in Thornfieldhall, hier und nirgends anders könnte es hausen. Das glaub' ich auch. Sie haben also keine Gespenster? Nicht daß ich wüßte, versetzte lächelnd Mrs. Fairfax. Auch keine Ueberlieferungen von solchen? Keine Legenden oder Gespenstergeschichten? Ich denke nicht, und doch sagt man, die Rochesters wären zu ihrer Zeit ein eher streitlustiger als spießbürgerlicher Stamm gewesen: vielleicht bleiben sie nun eben darum ruhig in ihren Gräbern. Wohl --, nach des Lebens Fieberhitze ruh'n sie**** denn sie machte Miene mich zu verlassen. Auf den Boden: wollen Sie mich begleiten und sich die Aussicht von oben ansehen? Ich folgte ihr eine schmale Treppe hinauf in eine Dachkammer und stieg von dort mittelst einer Leiter durch eine Fallthüre auf's Dach. Ich stand nun in gleicher Linie mit der Krähencolonie und konnte in die Nester sehen. Ueber die Zinne gelehnt und hinunter blickend, übersah ich das Gefilde wie auf einer vor mir ausgebreiteten Landkarte: die frische, grünsammtene Graseinfassung um das graue Gebäude herum; das weit ausgedehnte, hin und wieder mit altem Gehöl; bewachsene Feld, den gelbbraunen dürren Wald, durchschnitten von einem sichtlich verwachsenen Pfade, grüner in seinem Moosüberzuge als die Bäume in ihrem herbstlichen Laubschmucke; die Kirche am Gitterthore, die Straße, die stillen Hügel, Alles von den Strahlen der Herbstsonne beschienen, unter einem azurnen, hin und wieder mit perlengleichen Wölkchen gesprenkelten Himmel. Der Anblick bot nichts Besonderes, war aber ungemein anziehend. Als ich mich weggewendet hatte und durch die Fallthüre wieder hinabgestiegen war, sah ich kaum meinen Weg die Leiter hinunter; im Vergleiche mit der blauen Himmelswölbung und der von der Sonne erleuchteten Landschaft kam mir der Boden wie ein finsterer Keller vor. Mrs. Faifax blieb eine Weile zurück, um die Fallthüre zu schließen; im Herumtappen fand ich den Ausgang und stieg die schmale Bodentreppe hinunter. Im anstoßenden langen Gange blieb ich stehen: er schied die Frontzimmer des dritten Stockwerkes von den Hinterstuben, war eng, niedrig, dunkel, nur von einem Fenster am äußersten Ende erhellt, und sah aus wie irgend ein Corridor in Blaubarts Schlosse. Während ich langsam weiter schritt, schlug ein Laut, den ich hier am wenigsten zu hören erwartete, eine laute Lache, an mein Ohr. Es war ein sonderbares, helles, erzwungenes, nichts weniger als lustiges Lachen. Ich blieb stehen: nur für einen Augenblick verstummte der Thon und ließ sich noch einmal und zwar viel lauter hören, denn zum ersten Male klang er, wenn auch deutlich, dennoch ziemlich leise. Ein schallendes Gewieher machte den Beschluß und schien das Echo in all' den einsamen Stuben zu wecken, wiewohl es nur aus einer einzigen kam, deren Thüre ich hätte ganz genau bezeichnen können. Mrs. Fairfax! rief ich; denn ich hörte sie jetzt die Haupttreppe hinunter gehen. Haben Sie das laute Lachen gehört? Wer mag das seyn? Wahrscheinlich irgend ein Dienstmädchen, vielleicht Grace Poole. Haben Sie es gehört? frug ich nochmals. Ja wohl, ganz genau: ich höre sie oft; sie näht hier in einem der immer. Zuweilen ist Leah bei ihr: dann machen sie einen gehörigen Lärm zusammen. Das Lachen erscholl abermals, leise, eintönig, und endigte mit einem sonderbaren Gemurmel. Grace! rief Mrs. Fairfax. Ich erwartete wirklich keine Antwort von einem menschlichen Wesen; denn das Lachen klang so tragisch, so übernatürlich, wie ich noch nie eines gehört hatte, und wäre es nicht am hellen Mittage gewesen, hätte irgend ein geisterhafter Umstand den Schall begleitet und wäre nicht sowohl Umgebung als Zeit jeder Furcht entgegen gestanden, hätte mich wirklich eine abergläubische Angst befallen. Indessen zeigte der weitere Verfolg, wie albern selbst meine Verwunderung war. Die nächste Thüre ging auf und eine Dienstmagd kam heraus, - ein Frauenzimmer von dreißig bis vierzig Jahren, breitschulterig, rothhaarig, von groben garstigen Gesichtszügen: es wäre kaum möglich gewesen, sich eine weniger romantische, weniger geisterhafte Erscheinung vorzustellen. Keinen solchen Lärm, Grace, sagte Mrs. Fairfax. Erinnere Dich der Hausordnung. Grace machte eine stille Verbeugung und ging zurück in die Stube. Wir verwenden diese Person zum Nähen und dann hilft sie auch Leah in ihren Verrichtungen als Hausmädchen, fuhr die Witwe fort; sie hat so Manches an sich was nicht recht ist, aber im Allgemeinen bin ich mit ihr zufrieden. Apropos! Wie waren Sie heute mit Ihrer neuen Schülerin zufrieden? Das Gespräch über Adele dauerte so lange, bis wir die lichten freundlichen Räume des untern Stockwerkes erreicht hatten. Adele kam uns in der Halle mit dem Rufe entgegen! Mesdames, vous etes servies! worauf sie hinzufügte: J’ai bien faim, moi! Das Mittagessen war angerichtet und erwartete uns in Mrs. Fairfax's Wohnstube. Zwölftes Capitel. Die Erwartung eines angenehmen, gemüthlichen Lebens, welche der erste Tag meines Aufenthaltes in Thornfieldhall in mir gemacht, bestätigte sich bei einer längern Bekanntschaft mit dem Hause und dessen Bewohnern vollkommen. Mrs. Fairfax war in der That, was sie zu seyn schien, eine herzliche, gutmüthige Frau von entsprechender Erziehung und natürlichem Verstande. Meine Schülerin war ein lebhaftes, von seiner früheren Umgebung verdorbenes und vernachlässigtes Kind, und demnach zuweilen etwas ungezogen; allein da sie meiner Sorgfalt gänzlich überlassen blieb, und Niemand meinen Erziehungsplan durch eine unzeitige und unvernünftige Einmischung durchkreuzte, legte sie bald ihre kleinen Unarten ab, wurde gehorsam und gelehrig. Sie besaß keine besondern Talente, keinen hervorragenden Charakterzug, keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung. welche sie auch nur einen Zoll hoch über den gewöhnlichen Standpunkt der Kindheit erhoben hätte; doch verunzierte sie auch kein Fehler, keine Untugend, wodurch sie unterhalb desselben gerathen wäre. Sie machte ziemliche Fortschritte, hatte für mich eine lebhafte, wenn gleich nicht sehr tief eingewurzelte Anhänglichkeit und flößte durch ihre Einfalt, ihr munteres Geplauder und ihre Bemühungen zu gefallen, auch mir eine genügende Zuneigung zu ihr ein, so daß sich die Eine in der Andern Gesellschaft behaglich fühlen konnte. Viele Leute, die sich zu feierlichen Lehren über die englische Natur der Kinder und über die Pflichten der Erzieher und Erzieherinnen, besagte Kinder abgöttisch zu lieben, bekennen, werden, im Vorbeigehen sey es gesagt, meine Sprache sehr frostig finden; allein ich schreibe nicht, um elterlicher Eigenliebe zu schmeicheln, albernes Gefasel nachzuplappern, und die Heuchelei zu unterstützen; ich sage blos die reine Wahrheit. Ich hatte eine gewissenhafte Sorgfalt für Adelens Wohlseyn und Fortschritte und eine ruhige Hinneigung zu ihrer eigenen kleinen Person gerade so, wie ich für Mrs. Fairfax, ihrer Güte wegen, die innigste Dankbarkeit hegte und in ihrem Umgange eine Befriedigung empfand, welche ihrer stillen Achtung für mich und ihrem sich gleichbleibenden Gemüthe und Charakter entsprach. Es mag mich tadeln, wer Lust hat, wenn ich noch hinzufüge. daß, wenn ich dann und wann allein spaziren ging oder zum Gitterthor auf die Straße hinaussah, oder während Adele mit ihrem Mädchen spielte und Mrs. Fairfax Früchte einsott, vom Dache herab bis zum fernen Horizont über einsame Felder und Hügel blickte mich die Sehnsucht nach einer Sehergabe überkam , über den engen Gesichtskreis hinaussehen zu können, die Sehnsucht nach wirklicher Weltanschauung, nach vielfältigerem Umgange mit Menschen von größerer Charakterverschiedenheit, als mir meine Umgebung darbot. Ich erkannte die guten Eigenschaften Mrs. Fairfax's und Adelens; allein ich glaubte an die Existenz einer anderen lebendigeren Herzensgüte und was ich glaubte, das wünschte ich auch mit eigenen Augen zu sehen. Wer wird mich tadeln? Sehr viele ohne Zweifel, und man wird mir Unzufriedenheit vorwerfen. Doch ich konnte es nicht ändern, jene Rastlosigkeit lag nun einmal in meinem Wesen und peinigte mich zuweilen aufs Schmerzlichste. In solchen Augenblicken bestand meine Zerstreuung darin, daß ich den langen Gang im dritten Stockwerke, mich in der Stille und Einsamkeit des Ortes sicher fühlend, rastlos auf und ab wandelte und mein geistiges Auge an hellen Visionen erfreute, wie sie in meinem Innern- und zuweilen hatte ich deren milde und glänzende auftauchten; daß ich mein Herz höher schlagen ließ in jubelnder Bewegung, die es mit neuem Leben erfüllte, während sie es in süße Verwirrung brachte; daß ich endlich, was mich am glücklichsten machte, mir selbst eine endlose Erzählung vorsagte, die meine Einbildungskraft schuf und mit all den Zwischenfällen, dem Leben, dem Feuer, den Gefühlen ausschmückte, wornach ich mich so sehr sehnte und die ich in meinem wirklichen Daseyn so schmerzlich vermißte. Es ist umsonst, wenn man sagt, der Mensch solle sich mit einem ruhigen Leben begnügen; er bedarf der Bewegung und Aufregung ; er wird sie so lange suchen, bis er sie findet. Millionen sind zu einem noch stilleren Loose verurtheilt, als das meinige war, und diese Millionen sind in innerem Hader mit ihrem Schicksal. Niemand kann es sagen, wie viele dergleichen Revolutionen nebst den politischen Aufständen, in jenen Massen von Leben gähren, welche die Erde bevölkert. Im Allgemeinen hält man Frauen für sehr ruhig; doch Weiber fühlen ebenso wie Männer; sie bedürfen einer Uebung ihrer Fähigkeiten und eines Kampfplatzes für ihre Anstrengungen gleich ihren Brüdern; unter einem zu harten Zwange, einem zu unbedingten Stillstande leiden sie ebenso gut wie die Männer, und es zeigt von großer Engherzigkeit ihrer bevorzugteren Mitgeschöpfe, wenn diese letzteren behaupten, die Frauen hätten sich aufs Puddingkochen, Stricken, Pianofortespielen und Börsenhäkeln zu beschränken. Es ist albern, sie zu verdammen oder auszulachen, wenn sie sich bemühen, mehr zu leisten und mehr zu lernen, als der gewöhnliche Schlendrian ihrem Geschlechte eigenmächtig zumißt. In meiner Zurückgezogenheit hörte ich häufig Grace Poole's Gelächter; denselben Laut, dasselbe leise „ha, ha“ welches mir beim ersten Male Hören durch Mark und Bein gegangen war; auch ihr eigenthümliches Gemurmel hörte ich und verwunderte mich darüber noch mehr, als über ihr Lachen. An manchen Tagen war sie ganz still; an anderen hingegen konnte ich die Laute, die sie ausstieß, kaum zählen. Zuweilen sah ich sie; gewöhnlich trat sie mit einem Becken, einer Schüssel, einer Speisetrage in der Hand aus ihrer Stube, ging in die Küche hinunter, und kam bald darauf (Verzeihung, mein romantischer Leser, daß ich die Wahrheit sage!) in der Regel mit einem Krug Porterbier zurück. Ihr Aeußeres dämpfte jedesmal die Neugier, welche ihre sonderbaren Harmonien rege gemacht hatten, ihre groben Gesichtszüge und ihre Unfreundlichkeit benahmen im Voraus jedes weitere Interesse. Ich versuchte es mehremale, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen; doch schien sie sehr schweigsamer Natur zu seyn, eine einsylbige Antwort vereitelte in der Regel meine diesfällige Anstrengung. Die anderen Mitglieder des Hauswesens, nemlich John und sein Weib, Leah, das Stubenmädchen, und Sophie, die französische Bonne, waren lauter anständige Leute, boten aber in keiner Beziehung etwas Besonderes; mit Sophien sprach ich gewöhnlich französisch und frug sie zuweilen über ihr Vaterland aus; doch sie war weder zu Beschreibungen, noch zu Erzählungen sehr geneigt und gab in der Regel unbestimmte und verwirrte Antworten, eher geeignet weiteren Fragen auszuweichen, als sie hervorzurufen. Die Monate October, November und December vergingen in dieser Weise. Eines Nachmittags, im Monate Januar, hatte Mrs. Fairfax für Adelen um Befreiung vom Unterrichte gebeten, weil sie einen Schnupfen hatte, und da Adele die Bitte mit einem Eifer unterstützte, der mir in Erinnerung brachte, wie angenehm auch mir in meiner Kindheit gelegentliche Ferientage gewesen waren, gab ich meine Einwilligung, überzeugt, an meiner Willigkeit in diesem Punkte ganz recht zu thun. Es war ein schöner, windstiller, wiewohl sehr kalter Tag; ich war vom Sitzen in der Bibliothek durch einen ganzen Vormittag müde geworden. Mrs. Fairfax hatte eben einen Brief geschrieben, der auf die Post kommen sollte, und da ich Bewegung machen wollte, setzte ich meinen Hut auf, nahm meinen Mantel um, und erbot mich freiwillig das Schreiben nach Hay zu tragen; die zwei Meilen zum Dorfe waren gerade ein angenehmer Spazirgang für einen Wintertag. Nachdem sich Adele in ihrem kleinen Stuhle in der Caminecke von Mrs. Fairfax's Wohnung bequem gemacht, und ich ihr die schönste Wachspuppe (die ich gewöhnlich in Silberpapier eingewickelt in meiner Schublade barg) nebst einem Märchenbuche zur Abwechslung eingehändigt hatte, erwiederte sie mir: Revenez bientot, ma bonne amie, ma chere Mademoiselle Jeannette, mit einem Kusse, und ich trat meinen Weg an. Der Boden war gefroren, das Wetter ruhig, mein Pfad einsam, ich ging schnell bis mir warm wurde, und dann etwas langsamer, um das Vergnügen zu genießen und zu zergliedern, das für mich in der Tageszeit und in der Umgebung lag. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug. eben, als ich beim Thurme vorüberging; der Reiz des Augenblicks lag in der einbrechenden Dämmerung, in der dem Untergange zueilenden, blaß scheinenden Sonne. Ich befand mich eine Meile von Thornfield auf einem Fußwege, den im Sommer wilde Rosen, im Herbste Haselnüsse und Brombeeren schmückten, und der auch jetzt noch einige Schätze an korallenrothen Mehlbeeren und Hagebutten besaß, dessen größte Annehmlichkeit jedoch für mich in seiner gänzlichen Einsamkeit und seiner entblätterten Nacktheit bestand. Erhob sich auch ein Wind, hier brachte er kein Geräusch hervor; denn da gab es keine Stechpalmen, kein Immergrün, das der Luftzug durchrauschen konnte, und die entblätterten Hagedorn- und Haselsträuche waren so ruhig, wie die weißen, abgetretenen Pflastersteine der Wegmitte. Weit und breit, zu beiden Seiten dehnten sich Felder aus, auf denen zu dieser Zeit kein Vieh weidete, und die kleinen, braunen Vögelein, die dann und wann durch die Hecke schwirrten, sahen aus wie einzelne, braunrothe Blätter, die vergessen hatten abzufallen. Dieser Pfad ging fortwährend hügelan, bis zum Dorfe Hay; in der Mitte desselben angelangt, setzte ich mich auf einen Steg nieder, der dort in eines der Felder führte. Den Mantel enger um mich ziehend, und meine Hände im Muff bergend, fühlte ich nichts von der Kälte, obwohl es tüchtig fror, wie an einer Eisrinde am Pflaster zu sehen war, das ein kleines Bächlein vor einigen Tagen bei einem raschen Thauwetter überschwemmt hatte. Von meinem Sitze aus konnte ich nach Thornfield hinabblicken; das graue Gebäude mit seinen Zinnen war der bemerkenswertheste Gegenstand unten im Thale; gegen Westen erhob sich das Gehölze und die Krähenzucht. Ich wartete bis die Sonne hinter den Bäumen verschwand, und rein und carmoisinroth unterging. Dann ging ich nach Osten zu. Oben auf der Spitze des Hügels stand der aufgehende Mond noch blaß wie eine Wolke nahm er doch von Minute zu Minute an Glanz zu und sah auf Hay hernieder, das, halb zwischen Bäumen versteckt, aus seinen Schornsteinen einen bläulichen Rauch emporsandte; noch war ich eine volle Meile entfernt, und schon konnte ich bei der tiefen rings herrschenden Ruhe die schwachen Laute der Lebendigkeit in seinen Häusern vernehmen. Auch das Rauschen von Strömen unterschied ich; in welchen Thälern und Schluchten, konnte ich wohl nicht sagen, allein es gab so viele Berge über Hay hinaus, und gewiß flossen viele Flüßchen durch die Schluchten. Die Ruhe des Abends ließ das Murmeln des nächsten Baches und das Rauschen des fernsten Stromes gleich gut ans Ohr gelangen. Ein nahes Geräusch verdrängte mit einem Male das ferne und doch so helle Gemurmel, ein massives Getrampel, ein metallener Schall, welcher das sanfte Geplätscher der Wellen verwischte, gleich wie auf einem Gemälde eine feste Felsenmasse, oder die knorrigen Aeste einer starken Eiche, dunkel und stark im Vordergrund aufgetragen, die blauen Hügel, den sonnigen Horizont, die glänzenden Wolken der luftigen Entfernung, wo eine Farbe in die andere verschwimmt, in den Hintergrund treten lassen. Das Geräusch kam vom Steinwege her, ein Pferd kam heran, noch verbargen es die Krümmungen des Weges, aber es näherte sich. Ich wollte eben von meinem Platze fortgehen, da indessen der Pfad schmal war, blieb ich sitzen, um es vorbei zu lassen. Damals war ich jung und eine Unzahl düsterer und freundlicher Phantasiegebilde bevölkerten mein Inneres: auch die Erinnerungen an Ammenmärchen hatten unter andern Ruinen ihren Platz; und wenn sie auf die Oberfläche kamen, gab ihnen die Reife der Jugend eine weit größere Kraft und Lebendigkeit, wie sie die Kindheit nie verleihen konnte. Während das Pferdegetrappel näher kam und ich der Ankunft des Reiters im Abend dunkel entgegensah, erinnerte ich mich an einige von Bessie's Märchen, in welchen ein nordenglisches Gespenst Namens Gytrash eine große Rolle spielte, welches in der Gestalt eines Pferdes, eines Maulthieres und eines großen Hundes einsame Wege heimsuchte und zuweilen auf verspätete Reisende zukam, wie eben jetzt das erwartete Pferd auf mich losging. Es war schon sehr nahe, aber noch immer nicht sichtbar; auf einmal hörte ich nebst den Hufschlägen ein Rascheln in der Hecke und unten knapp an den Haselsträuchen glitt ein großer Hund hin, dessen schwarz und weiß geflecktes Fell sich ganz genau von den Büschen abzeichnete. Es war in der That eine von Bessie's Verwandlungen des Gytrash, -- ein löwenähnliches Thier mit langen Mähnen und einem großen Kopfe: es ging indessen ganz ruhig hei mir vorüber und blieb nicht vor mir stehen, mich mit unheimlichen, überhünischen Augen anzublicken, wie ich es halb und halb erwartete. Das Pferd -- ein starker Hengst -- folgte nach, auf seinem Rücken trug es einen Reiter. Der Mann, ein menschliches Wesen, machte auf einmal allem Zauber ein Ende. Das Gespenst ließ ja Niemanden aufsitzen: es war immer allein; und wiewohl Kobolde, meiner Ansicht nach, allerdings Thierkörper zu bewohnen pflegten, so hatte ich doch nie gehört, daß sie sich in gewöhnlicher Menschengestalt sehen ließen. Nein, es war der Gytrash nicht, sondern ein Reisender, der den Weg nach Millcote abschneiden wollte. Er ritt vorüber und ich setzte meinen Weg fort; nach wenigen Schritten blickte ich herum: ein Rutscher, ein was der Teufel ist da zu thun? und ein rasselnder Fall nahmen meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Reiter und Pferd lagen am Boden, das letztere war am Steinwege auf der Eisdecke ausgerutscht. Der Hund kam in langen Sätzen zurück und bellte, seinen Herrn in Gefahr sehend und das Gestöhne des Pferdes hörend, im Verhältniß zu seiner Größe so übermäßig laut, daß das Echo in den Bergen wach wunde. Dann beschnupperte er die am Boden liegende Gruppe und lief auf mich zu; es war Alles, was er thun konnte und keine andere Hilfe in der Nähe. Ich folgte der Aufforderung und ging auf den Reiter los, der sich gerade unter seinem Rosse hervorzuwinden suchte. Seine Anstrengungen waren so stark, daß ich glaubte, er könne nicht viel Schaden genommen haben; dennoch frug ich ihn: Sind Sie verletzt, mein Herr? Ich glaube er fluchte, wiewohl ich's nicht gewiß sagen kann; jedenfalls sprach er eine Formel aus, die ihn hinderte, mir augenblicklich zu antworten. Kann ich Ihnen helfen? frug ich wieder. Gehen Sie nur bei Seite, antwortete er während er sich zuerst auf die Kniee und endlich auf die Beine erhob. Ich folgte: und nun begann ein Heben, Stampfen, Rasseln, von Gebell und Gewieher begleitet, daß ich wirklich auf mehre Schritte zurücktrat, ohne mich jedoch ganz zu entfernen, bevor das Ereigniß zu Ende gekommen war. Das Resultat war schließlich ein günstiges; das Pferd wurde wieder auf die Beine und der Hund mit einem barschen Leg dich, Pilot zum Schweigen gebracht. Der Reisende hinkte herum und befühlte seine Füße, um zu erfahren, ob sie noch ganz wären; jedenfalls fehlte ihm etwas, denn er hinkte zu dem Stege, von dem ich eben aufgestanden war, und setzte sich nieder. Ich war nun einmal in der Laune, dienstfertig zu seyn, denn ich näherte mich ihm neuerdings. Wenn Sie sich wehe gethan haben und Hilfe bedürfen, mein Herr, kann ich Jemanden zum Beistand entweder von Thornfieldhall oder von Hay holen. Ich danke Ihnen; es wird schon gehen: ich habe mir nichts gebrochen, nur ein wenig den Fuß verstaucht, und wieder erhob er sich und versuchte es zu gehen, doch die Bewegung entlockte ihm unwillkürlich ein schmerzliches Uf! Noch war Etwas von der Tageshelle übrig und der Mond glänzte in voller Schönheit; ich konnte den Mann ziemlich ins Auge fassen. Seine Gestalt war in einen Reitermantel mit Pelzkragen und stählerner Schließe gehüllt; genau konnte ich sie also nicht sehen, doch schätzte ich sie von mittlerer Größe mit ziemlich breiter Brust. Sein Gesicht war braun, von starrem Ausdruck und zeigte eine finstere Stirne; seine Augen und zusammengewachsenen Augenbrauen verkündigten eben jetzt Zorn und Gereiztheit; er war über die jungen Jahre hinaus, jedoch noch nicht im mittleren Alter angelangt; vermuthlich zählte er fünfunddreißig Jahre. Wäre es ein schöner romantisch aussehender junger Herr gewesen, ich hätte mich nicht getraut, ihn trotz seines Widerwillens zu befragen und ihm meine Dienste aufzudringen. Ueberhaupt hatte ich eigentlich noch nie einen schönen jungen Mann gesehen. noch viel weniger gesprochen. Ich hegte eine theoretische Achtung und Verehrung für Schönheit, Eleganz, Galanterie und Anmuth; doch hätte ich alle diese Eigenschaften in der Gestalt eines Mannes verkörpert angetroffen, eine innere Stimme hätte mir sofort zugerufen, daß weder jene noch dieser mit mir oder mit irgend Etwas an mir sympathisiren könnten und wie dem Feuer, dem Blitz oder einem andern glänzenden, doch gefährlichen Gegenstande wäre ich ausgewichen. Und selbst wenn dieser Fremdling mir gelächelt, mir gutmüthig geantwortet, mein Anerbieten freundlich und mit Dank abgelehnt hätte, wäre ich meiner Wege gegangen, ohne meine Fragen zu erneuern; doch das Stirnrunzeln, die Rauheit des Reiters gaben mir Muth: ich blieb auf dem Platze stehen, den er mir angewiesen, als er mich gehen hieß, und fuhr fort: Ich kann nicht daran denken, mein Herr, Sie in so später Stunde allein auf diesem einsamen Pfade zu lassen, bis ich weiß, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen. Er sah mich an, als ich dies sagte: zuvor hatte er nicht einmal den Blick nach mir gewendet. Ich dächte, Sie sollten eilen selbst nach Hause zu kommen, wenn Sie hier in der Nähe zu Hause sind, sagte er. Woher sind Sie? Von dort unten. Uebrigens habe ich durchaus keine Angst im Mondlichte spät Abends auszugehen; gerne will ich Ihretwegen nach Hay hinüberlaufen; ich muß ohnedies hin, und einen Brief auf die Post tragen. Dort unten wohnen Sie -- meinen Sie etwa das Gebäude mit den Zinnen? Dabei deutete er auf Thornfieldhall, welches der Mond mit seinem hellen Schimmer beschien und aus dem Gehölze hervor hob, das unterm Schatten einer westlichen Wolke wie eine finstere Masse dalag. Ja. mein Herr. Wem gehört das Haus? Mr. Rochester. Kennen Sie Mr. Rochester? Nein, ich habe ihn nie gesehen. Er wohnt also nicht dort? Nein. Können Sie mir sagen wo er sich aufhält? Ich weiß es nicht. Sie sind doch keineswegs eine Dienerin des Herrenhauses? Sie sind--. Er hielt inne und musterte meinen Anzug, der wie gewöhnlich sehr einfach war und in einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Biberhute bestand; mein ganzes Aeußere war selbst für eine Herrenmagd lange nicht schön genug. Er zögerte mit seinem Ausspruche: ich kam ihm zu Hilfe. Ich bin die Erzieherin. Ah, die Erzieherin wiederholte er; der Guckguck hole mich, wenn ich mehr daran dachte! Die Erzieherin und wieder unterzog er meinen Anzug einer Prüfung. Zwei Minuten später stand er vom Wege auf; sein Gesicht drückte Schmerz aus, da er sich fortbewegte. Ich kann Sie nicht beauftragen, mir Hilfe zu holen, sagte er; doch mögen Sie mich selbst ein wenig stützen, wenn Sie so gut seyn wollen. Gerne, mein Herr! Sie haben keinen Schirm, den ich als Stock verwenden könnte? Nein. Versuchen Sie es die Zügel meines Pferdes zu fassen und führen Sie es zu mir. Sie fürchten sich doch nicht? Ich hätte mich gefürchtet ein Pferd von freien Stücken zu berühren, doch that ich es herzhaft, da es mir geheißen wurde. Ich legte meinen Muff nieder und ging auf das Roß zu; ich versuchte es den Zügel zu packen, allein es war ein muthiges Thier und ließ mich nicht bis zum Kopfe heran; ich machte eine Anstrengung um die andere, doch umsonst; die ganze Zeit über fürchtete ich mich vor dem Ausschlagen des Pferdes. Der Reisende wartete und sah einige Zeit zu; endlich brach er in ein Gelächter aus. Ich sehe, sagte er, der Berg wird nie zu Mahomet gebracht werden, somit ist's am besten, Sie helfen Mahomet zum Berge hin. Bitte, kommen Sie her. Ich kam --Entschuldigen Sie, fuhr er fort, daß mich die Noth zwingt, Sie so zu mißbrauchen. Er legte einen schweren Arm auf meine Schulter und indem er sich mit ziemlicher Gewalt auf mich stützte, sprang er ans Pferd hinan. Nachrem er einmal die Zügel erfaßt hatte, hielt er sie fest und schwang sich in den Sattel, nicht ohne grimmige Gesichter zu schneiden, da er sich bei dieser Bewegung den Fuß noch ärger verstauchte. Und nun, sagte er, seine Unterlippe loslassend, in die er vor Schmerz gebissen hatte, wollen Sie mir gefälligst meine Reitgerte herlangen, sie liegt dort unter der Hecke. Ich suchte und fand sie. Ich danke Ihnen und jetzt eilen Sie auf die Post, machen Sie, daß Sie bald nach Hause kommen. Er gab seinem Pferde die Sporen, das sich anfänglich bäumte und dann im Galopp davon sprengte; der Hund lief nach, alle Drei verschwanden Wie Haidekraut im öden Land Vom Wind hinweggeweht. Ich hob meinen Muff auf und ging meiner Wege; der Zwischenfall war nun zu Ende; es war ein Ereigniß von geringer Bedeutung, nicht im Mindesten romantisch oder interessant; doch brachte es wenigstens für eine Stunde eine kleine Abwechslung in mein einförmiges Leben. Meine Hilfe that Noth und ward in Anspruch genommen, ich hatte sie gewährt; es freute mich, doch Etwas gethan zu haben; so alltäglich und gewöhnlich auch meine Leistung war, ich hatte doch irgend eine Thätigkeit entwickelt und längst schon war ich meines durch und durch passiven Daseyns müde. Auch das neue Gesicht war einem neuen, der Gemäldegallerie meiner Erinnerung eingereihten Bildniß zu vergleichen; es hatte mit allen andern Porträts der ersteren nicht die geringste Aehnlichkeit, erstens da es einen Mann vorstellte, zweitens weil es ein düsteres, kräftiges, starres Gepräge trug. Ich sah es ohne Unterlaß vor mir, als ich nach Hay kam und den Brief auf die Post trug; es begleitete mich auf dem ganzen Heimwege, als ich bergab schnellen Schrittes nach Hause ging. Bei dem Stege angelangt, hielt ich eine Minute an, sah um mich und horchte; ich dachte wieder den Hufschlag eines Pferdes zu hören und einen in einen Mantel gehüllten Reiter mit einem gespenstischen Neufoundländer zu sehen; doch nur die Hecke und ein im Mondscheine gerade emporsteigender, beschnittener Weidenbaum zeigten sich meinen Blicken, nur der leise Hauch des Windes schlug an mein Ohr, wie er eine Meile weiter durch die Bäume von Thornfield rauschte und als ich meine Augen nach dem letzteren Orte richtete, erspähte ich ein Licht in einem der Frontezimmer des Herrenhauses; ich erinnerte mich, daß es spät sey, und beschleunigte meine Schritte. Nur mit Widerstreben kehrte ich nach Thornfield zurück; die Schwelle der Hausthüre überschreiten hieß für mich zum ewigen Stillstande zurückkehren. Wenn ich die stille Halle durchwandelte, die finstere Treppe erklomm, in mein kleines Gemach trat, und endlich die stille Mrs. Fairfax aufsuchte, um mit ihr und nur mit ihr den langen Winterabend zuzubringen, verdrängte ich da nicht mit einem Male die geringe Aufregung, welche der Abendspazirgang in mir hervorgerufen hatte, um mein Gemüth vom Neuen in die endlosen Fesseln eines zu eintönigen, zu stillen Daseyns zu legen, eines Daseyns, dessen Sicherheit und Bequemlichkeit ich nicht zu schätzen vermochte? Wie gut hätte es mir damals gethan, im Sturme eines unsicheren, kämpfereichen Lebens hin- und hergeschleudert, und durch bittere, schmerzliche Erfahrungen dahin gebracht zu werden, mich von freien Stücken nach jener Ruhe zu sehnen, inmitten welcher ich mich nun im Gegentheil so unglücklich fühlte! Eben so gut wie ein weiter Spazirgang einem Manne, der des langen Sitzens im zu bequemen Armstuhle müde ist; der Wunsch nach Bewegung war in meinen Verhältnissen wohl eben so natürlich, wie in den Verhältnissen dieses letzteren. Ich zögerte am Gitterthore einzutreten, ich zögerte den Grasplatz zu überschreiten; ich ging am Steinpflaster vor- und rückwärts; die hölzernen Läden der Glasthüre waren geschlossen; ich konnte nicht hindurch sehen und Augen und Geist schienen vor dem finstern Gebäude, der düstern mit lichtleeren Zellen gefüllten Höhle, wie mir das Haus vorkam, zurückzuschrecken, und sich dem blauen, wolkenlosen Horiont über meinem Haupte, dem majestätisch durch das blaue Himmelsmeer ziehenden Monde zuzuwenden, dessen Scheibe dem in seiner unergründlichen Tiefe und unermeßlichen Entfernung mitternächtig dunklen Zenith zusteuerte; und die zitternden Sterne, die seinem Laufe folgten, machten auch mein herz erzittern und meine Pulse schlagen, wie meine Blicke an ihnen hafteten. Kleine Zufälle geben uns dem irrischen Daseyn wieder: die Wanduhr der Vorhalle schlug, das genügte; ich ließ Mond und Sterne, öffnete ein Seitenpförtchen und trat ins Haus. Die Vorhalle wau nicht finster, wiewohl die Bronzelampe an der Decke noch nicht brannte; eine warme helle Glut beschien sowohl die Halle als die unteren Stufen der eichenen Treppe. Der rothe Lichtschein kam aus dem Speisesaale, dessen Doppelthüre offen stand und ein gemüthliches Feuer im Camine sehen ließ, welches das marmorne Gesimse und den messingenen Feuerbock beleuchtete und die purpurnen Draperien und glänzenden Möbel mit seiner anmuthigen Helle aus der Dunkelheit hervorhob. Auch eine Gruppe in der Caminecke war sichtbar; ich hatte sie kaum ins Auge gefaßt und das fröhliche Gesumme mehrer Stimmen, darunter auch diejenige Adelens vernommen, als sich die Thüre mit einemmale schloß. Ich eilte in Mrs. Fairfax's Stube: auch dort brannte ein Feuer; aber weder eine Kerze noch Mrs. Fairfax waren zu sehen. An ihrer Stelle am Teppich saß ganz allein und ernsthaft in die Feuerglut blickend ein großer, schwarz und weiß gefleckter, langhaariger Hund, dem Hunde des Reiters so ähnlich, daß ich auf ihn zuging und ihn mit einem lauten „Pilot“ anrief; das Thier stand auf, kam auf mich los und beschnupperte mich. Ich liebkoste es und es wedelte mit seinem langen Schweife; doch wurde mir unheimlich ganz allein bei dem Hunde, von dem ich nicht einmal wußte, woher er gekommen war. Ich zog die Klingel, denn ich wollte ein Licht und eine Erklärung über den vierbeinigen Gast haben. Leah trat ein. Was ist das für ein Hund? Er kam mit seinem Herrn. Mit wem? Mit seinem Herrn -- Mr. Rochester -- der soeben anlangte. Wirklich! und ist Mrs. Fairfax bei ihm? Ja wohl, und Miß Adela auch: sie sind alle im Speisesaale und John ist um einen Arzt gegangen: denn der Herr ist vom Pferde gefallen und hat sich den Fuß verrenkt. Wohl gar am Wege nach Hay? Ja, den Hügel herunter; das Pferd rutschte auf Eise aus. Ah so! Bringen Sie mir ein Licht, Leah! Leah brachte das Verlangte, hinter ihr kam Mrs. Fairfax, welche die ebenerwähnte Neuigkeit wiederholte und hinzufügte, Mr. Carter der Arzt sey gerade gekommen und in diesem Augenblicke bei Mr. Rochester. Darauf huschte sie wieder zur Stube hinaus, um Thee zu bestellen, und ich ging in meine Stube, Hut und Mantel abzulegen. Dreizehntes Capitel. Auf Anordnung des Arztes legte sich Mr. Rochester zeitlich zu Bette und stand auch am nächsten Morgen eben nicht sehr früh auf. Als er herunter kam, war es, um Geschäfte abzuthun; sein Verwalter und mehre Pächter waren gekommen, ihn zu sprechen. Adela und ich mußten nun das Bibliothekzimmer räumen, da es fortan als Empfangszimmer für Besucher dienen sollte. In einem oberen Gemache wurde Feuer angemacht und dorthin trug ich unsere Bücher und richtete es zum künftigen Lehrzimmer ein. Noch im Verlaufe desselben Morgens bemerkte ich, wie sehr sich Thornfieldhall verändert hatte: nicht länger war das Gebäude still wie eine Kirche, fast alle Stunden ertönte es vom Klopfen an der Thüre und vom Klange der Glocke; Schritte ließen sich in der Halle vernehmen und fremde Stimmen wurden unten in den verschiedensten Tonarten laut: mit Einem Worte, ein neues Leben strömte durch die Räume des Hauses; es hatte nun seinen Herrn wieder und die Wahrheit zu sagen, gefiel es nun auch mir viel besser. Mit Adelens Lehrstunden hieß es an diesem Tage nichts viel; sie war nichts weniger als fleißig: alle Augenblicke lief sie zur Thüre oder zum Treppengeländer, um Mr. Rochester, wenn auch nur im Fluge zu sehen; dann ersann sie wieder einen Vorwand nach dem andern, um hinunter ins Bibliothekzimmer gehen zu können, wo sie eigentlich, wie ich wohl wußte, nichts zu thun hatte; und als ich sie über ihr Herumlaufen etwas böse, endlich einmalstill sitzen hieß, sprach sie unaufhörlich von Ihrem „ami, Monsieur Edouard Fairfax de Rochester,“ wie sie ihn nannte (seinen vollen Titel hatte ich noch nie gehört), und erschöpfte sich in Muthmaßungen, was für Geschenke er ihr wohl mitgebracht hätte. Allem Anscheine nach hatte er am Abend zuvor erwähnt, unter seinem Gepäcke, wenn es von Millcote käme, befände sich auch eine gewisse kleine Schachtel, für deren Inhalt sie sich sehr interessirte. Und daraus schließe ich, sagte sie auf französisch, daß diese Schachtel ein Geschenk für mich und wahrscheinlich auch eines für Sie enthält. Monsieur bat von Ihnen gesprochen: er hat mich um den Namen meiner Erzieherin gefragt und ob es nicht eine kleine, hagere, etwas blasse Person wäre. Ich bejahte es, denn es ist so, nicht wahr, Mademoiselle? Wie gewöhnlich mittagmahlte ich mit meinem Zöglinge in Mrs. Fairfax Wohnstube; der Nachmittag war rauh, voll Schneegestöber und wir brachten ihn im Schulzimmer zu. Als es finster geworden war, erlaubte ich Adelen ihre Bücher und ihre Arbeit bei Seite zu legen und hinabzugehen; denn aus der verhältnißmäßigen Stille im untern Stockwerke schloß ich, Mr. Rochester sey nun allein und habe Zeit. Nachdem mich das Kind verlassen hatte, trat ich zum Fenster; doch ich konnte nichts sehen, denn die eingebrochene Dämmerung und der dichte Schneefall verfinsterten die Luft und machten sogar das Gesträuch des Grasplatzes unsichtbar. Ich ließ den Vorhang herunter und ging zum Camine zurück. In die helle Kohlenglut blicken, dachte ich eine Ansicht des Heidelberger Schlosses zu sehen, wie man es mir einmal auf einem Bilde gezeigt hatte, als Mrs. Fairfax in die Stube trat und sowohl die feurige Vision als auch einige trübe Gedanken verscheuchte, die eben in meinem Innern aufzusteigen begannen. Mr. Rochester läßt um das Vergnügen Ihrer und Adelens Gegenwart beim Thee im Gesellschaftszimmer bitten, sagte sie; er war den ganzen Vormittag so sehr beschäftigt, daß er Sie nicht früher darum ersuchen konnte. Um welche Stunde pflegt er Thee zu nehmen? frug ich. Um sechs Uhr: auf dem Lande thut er alle Mahlzeiten sehr zeitlich ab. Sie werden wohl thun, sich jetzt umzukleiden. Ich will mit Ihnen gehen und Ihnen das Kleid zumachen. Hier ist eine Kerze. Ist's denn nöthig ein anderes Kleid anzuziehen? Freilich, es ist immer besser: ich wenigstens, ich ziehe mich für den Abend immer um, wen Mr. Rochester hier ist. Die überflüssige Ceremonie roch etwas nach Steifheit: doch ging ich auf meine Stube und vertauschte mit Mrs. Fairfax's Hilfe mein schwarzwollenes Kleid mit einem schwarzseidenen, nächst einem lichtgrauen Anzuge, der aber nach meinen Lowooder Toillettebegriffen viel zu schön war, um bei andern, als den allerfeierlichsten Gelegenheiten getragen zu werden, das beste Stück meiner Garderobe. Sie müssen eine Broche vorstecken, bemerkte Mrs. Fairfax. Ich besaß blos eine kleine mit Perlen besetzte Schnalle, welche mir Miß Temple beim Scheiden zum Andenken gegeben hatte; ich befestigte sie ans Kleid und wir gingen die Treppe hinunter. An den Verkehr mit unbekannten Personen nur wenig gewöhnt, hielt ich meine förmliche Erscheinung in Mr. Rochester's Gegenwart beinahe für eine Tortur. Ich ließ Mrs. Fairfax vorausgehen und drückte mich in ihren Schatten, während wir durch den Speisesaal und weiter durch den Bogen schritten, dessen Vorhang jetzt gezogen war und die eleganten Räume des Besuchszimmers verhüllte. Zwei Wachslichter standen auf dem Tische, zwei andere auf dem Caminsimse; im Lichte und in der Wärme eines vortrefflichen Feuers lag Pilot, neben welchem Adela am Boden kniete. Halb auf einem Sopha liegend, den Fuß durch ein Kissen unterstützt war Mr. Rochester sichtbar, der Glanz des Feuers beschien sein Antlitz. Sofort erkannte ich den Reisenden von gestern an seinen schwarzen, buschigen Augenbraunen, an seinem viereckigen, durch den horizontalen Schnitt der Haare noch viereckiger erscheinenden Vorderkopfe, auch die markirte, mehr durch Charakter als durch Schönheit ausgezeichnete Nase, die weiten cholerischen Nasenlöcher, der verzogene Mund nebst Kinn und Kinnlade. Alles das sah ich wieder und ein Irrthum war unmöglich. Wie ich nun, da kein Mantel seine Gestalt verhüllte, bemerken konnte, harmonirte die Viereckigkeit der letzteren mit seiner Physiognomie auf's Vollkommenste, wohl mochte seine Figur vom athletischen Standpunkte aus befriedigen, da sie eine breite Brust und schmale Taille aufwies, allein schlank und graziös konnte man sie durchaus nicht nennen. Mr. Rochester mußte unser Eintreten bemerkt haben: doch schien er nicht in der Laune zu seyn, von mir und Mrs. Fairfax Kenntniß zu nehmen, denn er hob nicht einmal den Kopf in die Höhe, als wir näher kamen. Miß Eyre, Sir, sagte Mrs. Fairfax, mich ihm vorstellen in ruhiger Weise. Er nickte, ohne die Augen von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde zu verwenden. Lassen Sie Miß Eyre Platz nehmen, versetzte er und in dem förmlichen, steifen Kopfnicken, dem ungeduldigen Tone lag etwas, das zu sagen schien: Was zum Guckguck geht es denn mich an, ob Miß Eyre hier ist, oder nicht? Jetzt bin ich gerade nicht aufgelegt, sie anzureden. Ich setzte mich nieder; jede Verlegenheit war von mir gewichen. Ein vollendet höflicher Empfang hätte mich wahrscheinlich verwirrt gemacht; ich hätte ihn meinerseits weder mit hinreichender Grazie noch mit Eleganz erwiedern können; barsche Laune hingegen befreite mich von aller Verbindlichkeit; vielmehr gab mir meine von guter Lebensart zeigende bescheidene Ruhe allen Vortheil in die Hand. Zudem war das Ungewöhnliche in Mr. Rochester's Benehmen wirklich pikant; ich war neugierig, was nun weiter werden sollte. Er benahm sich wie eine Bildsäule: das heißt er sprach nicht, und bewegte sich ebenso wenig. Mr. Fairfax schien es für nöthig zu erachten, daß irgend Jemand Liebenswürdigkeit entwickle, und begann zu sprechen. Freundlich und hausbacken wie gewöhnlich, bedauerte sie Mr. Rochester wegen der vielen Geschäfte, die er den ganzen Tag über gehabt; wegen der Schmerzen, die ihm seine Verrenkung verursachen müsse, und bewunderte schließlich die Geduld, die er bei allen diesen Anlässen gezeigt hätte. Madame, ich möchte Thee haben , war die einzige Antwort die sie ihm entlockte. Sie beeilte sich zu klingeln und als das Theegeschirr anlangte, machte sie sich mit den Tassen, Löffeln u. s. w. zu thun. Ich und Adele setzten uns an den Tisch; der Herr des Hauses jedoch blieb auf dem Sopha liegen. Wollen Sie Mr. Rochester seine Tasse hinlangen , sagte Mrs. Fairfax zu mir; Adele möchte den Thee verschütten. Ich that nach Gebot. Als er mir die Tasse aus der and nahm, hielt Adela den Augenblick für günstig, ein Wort zu meinen Gunsten einzulegen. N’est-ce pas, Monsieur, qu’il y a un cadeau por Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre? Wer spricht von Cadeau's, sagte er mürrisch; haben Sie ein Geschenk erwartet, Miß Eyre? Haben Sie es gerne, wenn man Sie beschenkt? Dabei ließ er seine schwarzen, galligen, durchbohrenden Augen forschend auf mir ruhen. Ich weiß es nicht recht, Sir; ich kann darüber nicht aus Erfahrung sprechen: im Allgemeinen pflegen Geschenke recht willkommen zu seyn. Im Allgemeinen! Ich will wissen, was Sie davon denken? Ich müßte mir Zeit nehmen nachzudenken, bevor ich Ihnen eine Antwort geben könnte, welche würdig wäre, von Ihnen entgegen genommen zu werden; ein Geschenk kann mannigfache Bedeutung haben, und man müßte sie alle wohl erwägen, ehe man ein vernünftiges Urtheil zu fällen im Stande wäre. Miß Eyre, Sie sind nicht so offenherzig wie Adela; die verlangt von mir unter Geschrei und Lärm ein Geschenk, den Augenblick, wo sie mich sieht, Sie hingegen gehen wie die Katze um den Brei herum. Weil ich in meine Verdienste weniger Vertrauen setze, als Adela in die ihrigen; für sie spricht das Recht einer älteren Bekanntschaft, und das Gewohnheitsrecht; denn wie sie selbst sagt pflegen Sie ihr stets Spielsachen zu schenken; sollte ich hingegen meine Ansprüche geltend machen, wäre ich wirklich in Verlegenheit, da ich Ihnen fremd bin, und durch nichts Ihre Erkenntlichkeit verdient habe. Oh! nur nicht zu bescheiden ! Ich habe Adelen geprüft und gefunden, daß Sie sich sehr viel Mühe genommen haben: das Mädchen hat keine schnelle Fassungskraft und keine besonderen Talente, und doch hat sie in der kurzen Zeit große Fortschritte gemacht. Sir, dieser Ausspruch ist das schönste Geschenk, ich danke Ihnen; es kann für eine Lehrerin nichts Angenehmeres geben, als die Fortschritte ihres Zöglings anerkannt zu sehen! O! rief Mr. Rochester und leerte seine Tasse. Kommen Sie zum Feuer, fuhr er fort, als der Tisch abgeräumt war und Mrs. Fairfax sich mit ihrer Strickerei in eine Ecke zurückgezogen hatte, während mich Adela im Zimmer herumführte, und die Prachtwerke und allerliebsten Kleinigkeiten auf den Chiffonieren und Nipptischchen sehen ließ. Wir folgten der Aufforderung: Adela wollte sich auf meinen Schooß setzen, allein sie bekam Befehl sich mit Pilot zu unterhalten. Sie sind nun drei Monate in meinem Hause? Ja, mein Herr. Und Sie kamen von Lowood, einer Erziehungsanstalt in der Grafschaft *** Aha! eine Waisenschule. Wie lange waren Sie dort? Acht Jahre. Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich war der Meinung, die Hälfte eines solchen Zeitraumes in einer solchen Anstalt zugebracht, müßte die kräftigste Natur aufreiben. Kein Wunder, daß Sie aussehen, als gehörten Sie bereits der andern Welt an. Ich wußte nicht recht, wo Sie Ihr Gesicht her hätten. Als sie gestern Abends am Wege nach Hay auf mich zukamen, dachte ich unwillkürlich an Feenmärchen, und wollte Sie beinahe fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten, und fast glaube ich's noch jetzt. Wer sind Ihre Eltern? Ich habe keine. Und hatten auch nie welche, denk' ich. Können Sie sich ihrer entsinnen? Nein. Dacht' ich's doch! Sie erwarteten also Ihre Unterthanen, als Sie auf jenem Stege saßen? Meine Unterthanen? Wie so? Ei nun, die Elfen und Grasmännchen; der mondhelle Abend war dazu wie geschaffen. Durchbrach ich einen Ihrer Elfenringe, daß Sie zur Strafe das Eis unter die Hufe meines Pferdes zauberten? Ich schüttelte den Kopf. Die Elfen und Grasmännchen haben England schon seit Hunderten von Jahren verlassen, sagte ich mit demselben Ernst. Nicht einmal in den Feldern und auf den Wegen ringsum findet man eine Spur von ihnen. Ich glaube weder im Sommer, noch im, Herbst, noch im Winter wird der Mond je wieder ihre Tänze bescheinen. Mrs. Fairfax ließ ihre Strickerei fallen und sah uns voll Verwunderung an, was für ein Gespräch wir wohl führten. Nun denn, hob Mr. Rochester wieder an, wenn Sie auch keine Eltern haben, so müssen Sie doch andere Verwandte, Onkel und Tanten besitzen? Nein, ich habe nie welche gesehen. Und wo ist Ihre Heimat? Ich habe keine Heimat. Wo leben Ihre Geschwister? Ich habe keine Geschwister. Wer empfahl Sie zu Ihrer jetzigen Stelle? Ich setzte ein Gesuch in die Zeitung, worauf mich Mrs. Fairfax kommen ließ. Ja wohl, sagte die gute Dame, die nun unser Gespräch wieder verständlich fand, »und ich danke Gott täglich für die gute Wahl, die er mich treffen ließ. Miß Eyre, war mir eine unschätzbare Gesellschafterin, und Adelen eine gütige und sorgsame Lehrerin. Geben Sie sich keine Mühe mit Ihrer Anempfehlung, versetzte Mr. Rochester; Lobsprüche thun es bei mir nicht, ich muß erst selbst urtheilen. Bei mir hat sie den Anfang damit gemacht, daß sie mein Pferd zum Stürzen brachte. Wie, bitt' ich? sagte Mrs. Fairfax. Ich habe ihr diese Verrenkung zu verdanken. Die gute Frau sah ganz bestürzt darein. Haben Sie je in einer Stadt gelebt, Miß Eyre? Nein. Sind Sie viel in Gesellschaft gewesen? In keiner andern als derjenigen der Zöglinge und der Lehrerinnen zu Lowood und jetzt der Bewohner von Thornfield. Haben Sie viel gelesen? Blos solche Bücher, die mir gerade in die Hände fielen und die waren weder zah lreich, noch sehr gelehrt. Sie haben ja wie eine Nonne gelebt: ohne Zweifel sind Sie in religiösen Ceremonien sehr bewandert. Brocklehurst, der Director von Lowood, ist ein Pfarrer, wie ich gehört habe; nicht wahr? Ja, mein Herr. Und Ihr Mädchen verehrtet ihn wahrscheinlich wie ein Kloster voll Nonnen seinen geistlichen Schutzherrn verehrt? O nein. Sie sind sehr frostig! Nein, sagen Sie. Wie, eine Novize sollte ihren Beichtiger nicht verehren? Das klingt ja wie Gotteslästerung. Ich konnte Mr. Brocklehurst nicht leiden, und nicht ich allein hegte dieses Gefühl. Er ist ein harter Mann, ein hochtrabender Mensch und zugleich ein Topfgucker, er ließ uns die Haare abschneiden und kaufte uns aus lauter Sparsamkeit schlechte Nadeln und schlechten Zwirn, daß wir kaum nähen konnten. Eine übel angewandte Sparsamkeit, bemerkte Mrs. Fairfax, die nun wieder den Faden unseres Gespräches erfaßt hatte. Und war das seine größte Missethat? fragte Mr. Rochester. Er ließ uns Hunger leiden, so lange er allein die Aufsicht über das Hauswesen führte und bevor ein Ausschuß eingesetzt war; und er quälte uns wöchentlich einmal mit langen Andachtsübungen und mit Abendvorlesungen aus Büchern von eigener Fabrikation, über plötzliche Todesfälle und Gottesurtheile, daß wir uns ordentlich fürchteten zu Bett zu gehen. Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen? Beiläufig zehn Jahre. Und Sie brachten daselbst acht Jahre zu: Sie sind so gegenwärtig achtzehn Jahre alt? Ich bejahte es. Die Rechenkunst ist, wie Sie sehen, zu Vielem nütze, ohne ihre Beihilfe wäre ich kaum im Stande gewesen, Ihr Alter zu errathen. Es ist sehr schwer zu bestimmen, sobald, wie dies bei Ihnen der Fall ist, die Züge und der Gesichtsausdruck so sehr im Unklaren lassen. Und nun, was haben Sie in Lowood gelernt? Können Sie Pianoforte spielen? Ein wenig. Richtig; das ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie ins Bibliothekzimmer -- wenn es Ihnen gefällig ist, will ich sagen. -- (Verzeihen Sie meinen befehlenden Ton; ich bin es einmal gewohnt, und kann meine Gewohnheiten einer neuen Hausbewohnerin wegen nicht ablegen) -- Gehen Sie also ins Bibliothekzimmer, nehmen Sie ein Licht mit, lassen Sie die Thür offen, setzen Sie sich zum Piano und spielen Sie ein Stück. Ich ging seinen Befehl zu vollführen. Genug! rief er nach wenigen Minuten. Sie spielen wirklich ein wenig, wie ich bemerke; wie jedes andere Schulmädchen, vielleicht auch etwas besser, aber nicht gut. Ich machte das Piano zu und kam zurück. Mr. Rochester fuhr fort: Adele zeigte mir diesen Morgen einige Skizzen, wie sie sagte, von Ihrer Hand. Ich weiß nicht ob Sie sie ganz allein gezeichnet haben, wahrscheinlich hat Ihnen ein Meister geholfen. Nein, gewiß nicht! wehrte ich ab. Ei, verletzte Eigenliebe! Nun gut, bringen Sie ihr Skizzenbuch her, wenn Sie sich verbürgen können, daß Alles von Ihrer Hand ist; aber bedenken Sie sich wohl, ehe Sie Ihr Wort geben: denn ich versichere Sie, daß ich alle Nachbesserungen erkenne. Dann will ich lieber nichts sagen und Sie mögen selbst urtheilen. Ich holte mein Skizzenbuch aus dem Bibliothekzimmer. Rücken Sie den Tisch näher. Ich rollte ihn zum Sopha. Adele und Mrs. Fairfax kamen herbei, die Zeichnungen anzusehen. Kein Gedränge, sagte Mr. Rochester; nehmt die Blätter aus meiner Hand, wenn ich damit fertig bin, aber lehnt eure Gesichter nicht an das meine. Er untersuchte jede Skizze und jede Malerei mit Aufmerksamkeit. Drei Blätter legte er bei Seite; die übrigen schob er von sich. Nehmen Sie sie zum andern Tische hin, Mrs. Fairfax, sagte er, und sehen Sie die Blätter mit Adelen durch; -- Sie (er blickte mich an) nehmen wieder Ihren Platz ein und beantworten mir einige ragen. Ich sehe, daß diese Gemälde von einer Hand sind: wohl von der Ihrigen? Ja. Und wann fanden Sie Zeit, dieselben zu vollenden? Denn sie erforderten viel Zeit und viel Nachdenken. Ich malte sie in den beiden letzten Ferien, die ich zu Lowood zubrachte, wo ich nichts weiter zu thun hatte. Woher nahmen Sie die Idee dazu? Aus meinem Kopfe. Aus demselben Kopfe, den ich da auf Ihren Schultern sehe? Enthält er einen weiteren Vorrath von derlei Dingen? Ich sollt' es meinen: ich hoffe noch bessere Sachen. Er legte die drei Gemälde in einer Reihe vor sich hin und betrachtete sie neuerdings eines um's andere. Während er damit beschäftigt ist, will ich dem Leser beschreiben, was die Bilder vorstellten und vor Allem die Bemerkung vorausschicken, daß sie durchaus nichts Wunderbares an sich hatten. Allerdings war der Gegenstand einer jeden dieser Darstellungen mit großer Lebhaftigkeit in meinem Geiste, in meinem Innern aufgestiegen; da ich ihn mit meinem geistigen Auge sah und ehe ich es versuchte, den Gedanken zu verkörpern, ergriff er mich mit aller Macht; allein meine Hand hielt nicht gleichen Schritt mit meiner Phantasie und lieferte in den drei Bildern nur schwache - Umrisse meiner innern Anschauungen. Die Bilder waren in Aquarell gemalt. Das erste zeigte niedrig hängende schwarz-gelbe, über die hohl gehende See dahinrollende Wolkenmassen: den ganzen Hintergrund und auch den Vordergrund deckte tiefes Dunkel; vom Land sah man keine Spur. Ein einziger Lichtstrahl hob einen halb versunkenen Mast hervor, auf dem ein schwarzer großer Seerabe saß, die Flügel von den schäumenden Wellen bespritzt; im Schnabel hielt er ein goldenes, mit Edelsteinen besetztes Armband, dem ich die lebhaftesten Farben meiner Palette, diejenige glänzende Deutlichkeit gegeben hatte, deren nur immer mein Pinsel fähig war. Unterhalb des Mastes und des Vogels schimmerte ein versinkender Leichnam durch die grünen Wellen; ein schöner weißer Arm allein war deutlich sichtbar, von dem die Wellen ohne Zweifel das Armband weggespült hatten. Das zweite Gemälde stellte im Vordergrunde blos den nebelumflossenen Gipfel eines Berges dar, mit einigen Blättern und etwas Gras, das aussah, als hätte es ein starker Wind umgelegt. Jenseits und oberhalb der Bergkuppe dehnte sich ein tiefblauer Himmel aus, so blau, wie er im Zwielicht zu seyn pflegt; zu den Wolken aufsteigend, bot sich dem Beschauer die Büste einer Frauengestalt dar, die ich mit den zartesten Farben, so viel wie möglich nur hingehaucht hatte. Ein Stern schmückte die halb durchsichtige Stirne; die untern Gesichtszüge verschwammen wie in Aetherduft, nur die Augen leuchteten finster und wild und die Haare flatterten dunkel in der Luft, wie eine vom Sturme und vom Blitz zerzauste finstere Wolke. Den Nacken umfloß ein schwacher, dem Mondlicht ähnlicher Reflex; derselbe matte Schimmer lag auf den kleinen Wölkchen, denen diese Vision des Abendsternes entstieg. Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines in der Atmosphäre des Polarwinters empor starrenden Eisberges: ein Nordlicht faßte mit seinen eng neben einander auffallenden, schimmernden Lanzen gleichen Strahlen rings den Horizont ein. Diese Gegenstände zurückdrängend, erhob sich im Vordergrunde ein kolossaler, gegen den Eisberg geneigter, sch daran lehnender Kopf. Zwei dünne Hände, unter der Stirne gefaltet, stützten ihn und bedeckten die unteren Gesichtszüge wie mit einem dunklen Schleier; die Stirne war blutleer und weiß wie Alabaster, das Auge hohl und starr und bis auf den gläsernen Ausdruck der Verzweiflung ganz gedankenlos. Ueber den Schläfen, inmitten einem turbangleichen, in seiner Unbestimmtheit wohl auch einer Wolke ähnlichen schwarzen Kopfputze erglänzte in Form eines Diadems eine weiße Flamme, statt der Edelsteine mit Funken von tieferer Glut besetzt. Der blasse Flammenring war das Bildniß einer Königskrone, und das, was er schmückte, die formlose Gestalt. Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten? fuhr Mr. Rochester in seinem Verhöre fort. Wohl, ich vertiefte mich hinein und war glücklich. Indem ich diese Gemälde schuf, empfand ich das lebhafteste Vergnügen, das je in meinem Innern Platz gefunden. Damit sagen Sie nicht zu viel. Vergnügen mögen Sie, Ihrer eigenen Erzählung nach, nur sehr wenig genossen haben, eigentlich lebten Sie, während Sie diese wunderlichen Tinten zusammenstellten, als Künstlerin in einem Traumlande. Saßen Sie des Tages lange über Ihrer Arbeit? Ich hatte nichts weiter zu thun, da wir Ferien hatten, und so malte ich den ganzen Tag über: die Länge der Sommertage unterstützte mich in meinem Fleiße auf's Beste! Befriedigte Sie der Erfolg Ihrer Bemühung? Weit davon entfernt, berührte mich der Unterschied zwischen der Idee und dem Werke meiner Hand sehr schmerzlich: ich hatte mir bei jedem der Bilder Etwas gedacht, das zu verwirklichen ich außer Stande war. Nicht ganz; -- Sie haben den Schatten Ihrer Gedanken wiedergegeben, aber auch nichts weiter. Es fehlte Ihnen die Geschicklichkeit und Gewandtheit des geübten Künstlers, um Ihre Idee vollkommen zu verkörpern: bei Allem dem jedoch sind diese Gemälde, namentlich von der Hand eines Schulmädchens, sehr beachtenswerth. Die Gedanken besonders sind elfenartig. Diese Augen am Abendstern müssen Sie einmal im Traum gesehen haben. Wie fingen Sie es an, sie so hell und doch so ganz und gar nicht glänzend zu geben? Denn der Planet dort oben verdunkelt ihre Strahlen. Und welche Gedankenfülle liegt in ihrer ernsten Tiefe! Und wer lehrte Sie den Wind malen? Der Sturm weht durch diesen Horizont und über jene Bergkuppe. Wo haben Sie Latmos gesehen? -- denn dies hier ist Latmos. Hier -- nehmen Sie die Bilder weg. Ich hatte kaum die Bänder meines Skizzenbuches zugenestelt, als er mit einem Blicke auf seine Uhr plötzlich ausrief: Es ist neun Uhr, was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, Adelen so lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bette. Adela küßte ihn, bevor sie das Zimmer verließ; er ließ sich die Liebkosung gefallen, ohne mehr Antheil daran zu nehmen, als etwa Pilot gethan hätte, vielleicht nicht einmal so viel. Ich wünsche Ihnen Allen eine gute Nacht, sagte er mit einer Handbewegung gegen die Thüre, um anzuzeigen, er sey unserer Gesellschaft müde und wünsche nun allein zu seyn. Mrs. Fairfax legte ihre Stickerei zusammen; ich nahm mein Skizzenbuch; wir machten unsern Knix, den Mr. Rochester mit einem frostigen Kopfnicken erwiederte, und verließen das Gesellschaftszimmer. Sie sagten Mr. Rochester habe keine besondern Eigenheiten an sich, Mrs. Fairfax, bemerkte ich, als ich Adelen zu Bette gebracht und die alte Dame in ihrer Stube wieder aufgesucht hatte. Nun, ist's nicht so? Ich dächte nicht; er ist sehr barsch und sehr wetterwendisch. Möglich, daß er fremden Leuten so vorkömmt, doch ich bin seine Manieren so gewohnt, daß ich gar nichts Besonderes bemerke. Und wenn er auch Grillen und Launen hat, ei nun, so muß man wohl Nachsicht mit ihm haben. Wie so? Theilweise weil es seine Natur mit sich bringt -- und für seine Natur kann Niemand, theilweise darum, weil ihn wahrscheinlich schmerzliche Gedanken quälen und ihn eben grillig und launisch machen. Worüber sollten ihm schmerzliche Gedanken kommen? Einmal über Familienverhältnisse. Aber er hat ja keine Familie? Jetzt wohl nicht, aber früher hatte er welche -- wenigstens Verwandte. Er verlor seinen älteren Bruder erst vor einigen Jahren. Seinen älteren Bruder? Ja wohl, der jetzige Mr. Rochester ist noch nicht lange im Besitze der Familiengüter, kaum neun Jahre. Neun Jahre sind ein ziemlicher Zeitraum. Hatte er denn seinen Bruder so besonders lieb, daß er über dessen Verlust noch jetzt trauert? Nun, ich denke nicht sehr. Ich glaube es herrschten sogar Mißverständnisse zwischen den Beiden. Mr. Rowland Rochester betrug sich gegen Mr. Eduard nicht ganz brüderlich; ich glaube sogar, er hetzte seinen Vater gegen ihn auf. Der alte Herr war geizig und suchte um jeden Preis das Familienvermögen zusammenzuhalten. Einestheils wollte er nun die Besitzungen nicht durch Theilung zersplittern, andererseits hätte er gerne gesehen, daß auch Mr. Eduard Vermögen besitze, um seinem Namen Ehre zu machen, und gleich nachdem er großjährig geworden war, wurden einige eben nicht sehr ehrenhafte Maßregeln ergriffen, die viel Unheil stifteten Der alte Mr. Rochester und Mr. Rowland brachten Mr. Eduard in ein, nach des Letzteren Begriffen sehr peinliches Verhältniß, damit er sein Glück mache; von welcher besonderen Art dieses Verhältniß war, habe ich nie erfahren können, doch sein Gemüth konnte es nicht ertragen. was er darunter zu leiden hatte. Er ist nicht sehr versöhnlich; er brach mit seiner Familie, und nun führt er seit Jahren ein unruhiges, unstetes Leben. Ich glaube kaum, daß er ein einziges Mal nur vierzehn Tage nacheinander in Thornfield zubrachte, seit ihn der Tod seines Bruders, der ohne Testament starb, in den Besitz der Familiengüter versetzte; und wirklich ist's kein Wunder, wenn er das alte Haus meidet. Warum sollte er es meiden? Vielleicht ist's ihm zu düster. Die Antwort war ausweichend; gerne hätte ich etwas Bestimmteres erfahren; allein Mrs. Fairfax konnte oder wollte mir keine nähere Auskunft über Mr. Rochester's Prüfungen geben. Sie versicherte indessen, daß dieselben auch für sie ein Geheimniß wären und daß das Wenige, was sie wüßte, eben nur in bloßen Vermuthungen bestünde. Aus Allem ging in der That hervor, daß sie es wünschte, ich möchte den Gegenstand fallen lassen, was ich denn auch sofort that. Vierzehntes Capitel. Mehre Tage hinter einander bekam ich Mr. Rochester nur sehr selten zu sehen. Des Morgens schien er mit Geschäften überhäuft zu seyn und Nachmittags kamen gewöhnlich einige Herren von Millcote und der Umgebung zu Besuche und blieben auch wohl über Tische. Nachdem seine Verrenkung geheilt war und er wieder zu Pferde konnte, ritt er sehr viel herum, wahrscheinlich erwiederte er alle diese Besuche, denn er kam gewöhnlich sehr spät in der Nacht zurück. Während dieser Zeit ließ er selbst Adelen nur äußerst selten vor und mein ganzer Umgang mit ihm beschränkte sich auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle, auf der Treppe oder auf dem Gange, wo er gewöhnlich hochmüthig und kalt an mir vorüberging und meine Gegenwart höchstens durch ein flüchtiges Kopfnicken und einen frostigen Blick begrüßte, zuweilen jedoch auch eine Verbeugung und ein feines artiges Lächeln zum Besten gab. Die Ungleichheit fernes Benehmens beleidigte mich nicht, denn ich wußte, daß ich daran keine Schuld trug: diese Ebbe und Flut hatte ganz andere Ursachen. die mit mir in gar keiner Verbindung standen. Eines Tages, wo er gerade Gäste zu Tische hatte, schickte er um mein Skizzenbuch, ohne Zweifel um es während des Essens sehen zu lassen: die Herren entfernten sich schon zeitlich, um, wie mir Mrs. Fairfax sagte, einer Volksversammlung in Millcote beizuwohnen. Da der Abend naß und rauh war, begleitete sie Mr. Rochester nicht und sie waren kaum fort, als er klingelte und mir sagen ließ, ich möchte mit Adelen hinunter kommen. Ich kämmte Adelens Haar glatt und machte sie sauber, und nachdem ich mich ersichert hatte, daß auch mein gewöhnlicher Quäkeranzug, der übrigens, die festgedrehten Locken mit inbegriffen, zu einfach war, um in Unordnung gerathen zu können, nichts ;u wünschen übrig ließ, eilten wir nun der Einladung Folge zu leisten; Adela voll der höchsten Hoffnung, der petit coffre, dessen Ankunft irgend eine Irrung verzögert hatte, sey, nun endlich angelangt. Sie wurde befriedigt; ein kleines Pappkästchen stand auf dem Tische des Speisezimmers. Das Kind schien es aus Instinct zu kennen. Ma boite, ma boite! rief sie, darauf losrennend. Wohl, da ist endlich deine boite; nimm sie mit in einen Winkel, Du echtes Pariser Kind, und unterhalte Dich damit, sie auszupacken, ließ sich Mr. Rochester's tiefe, beinahe sarkastische Stimme aus dem Abgrunde eines ungeheuren Lehnstuhles vom Camin her vernehmen. Und sieh zu, daß Du mich nicht mit den Einzelnheiten des anatomischen Proesses oder mit Bemerkungen über die Beschaffenheit der Eingeweide belästigst, schloß er; nimm deine Operation in der Stille vor -- tiens-toi tranquille, enfant; comprends-tu? Adela schien dieser Ermahnung kaum zu bedürfen; schon hatte sie sich mit ihrem Schatze auf ein Sopha zurückgezogen und war emsig beschäftigt, den Bindfaden loszumachen, der den Deckel zuhielt. Damit zu Ende gelangt und nach Entfernung des umgeschlagenen Seidenpapieres war ihr einziger Ausruf: Oh, ciel! Que c'est beau! worauf sie sich im Entzücken des Anschauens verlor. Ist Miß Eyre hier? frug Mr. Rochester, sich halb von seinem Sitze erhebend und zur Thüre blickend, wo ich stehen geblieben war. Ah, schön! Kommen Sie vor, nehmen Sie hier Platz. Er zog einen Stuhl neben den seinigen hin. Ich kann das Kindergeplauder nicht leiden, fuhr er fort; denn in mir altem Junggesellen erweckt ihr Lallen eben eine angenehmen Gedanken. Es wäre mir unausstehlich, einen ganzen Abend im tete-a-tete mit einem kleinen Fratzen zuzubringen. Rücken Sie Ihren Stuhl nicht zurück. Miß Eyre; setzen Sie sich dort nieder, wo ich ihn hingestellt habe -- wenn es Ihnen gefällig ist, heißt das. Der Teufel hole die Höflichkeiten! Ich vergesse immer darauf. Auch die hausbackenen alten Damen mag ich nicht besonders. Beiläufig gesagt, muß ich die meinige hereinkommen lassen, ich darf sie nicht vernachlässigen; sie ist eine Fairfax, oder war vielmehr an einen Mann dieses Namens verheirathet und man sagt, Blut sey dicker als Wasser. Er zog an der Glocke und ließ Mrs. Fairfax einladen, die sofort mit ihrem Strickkörbchen erschien. Guten Abend, Madame; ich habe nach Ihnen eines wohlthätigen Zweckes wegen geschickt; ich habe Adelen verboten, mit mir über die erhaltenen Geschenke zu sprechen und sie ist nahe daran zu platzen. Haben Sie die Güte, sie anzuhören und mit ihr zu sprechen, es wird dies die wohlthätigste Handlung Ihres Lebens seyn. Adela hatte auch in der That kaum Mrs. Fairfax ersehen, als sie sie zum Sopha rief und ihr sofort sämmtliches Porzellan, Elfenbein und die wächsernen Spielsachen aus dem Pappkästchen in den Schooß warf, wobei sie in gebrochenem Englisch eine Flut von Erklärungen und Ausrufungen des Entzückens von sich gab. Nun habe ich die Pflichten eines sorgsamen Wirthes erfüllt, meinte Mr. Rochester, und meinen Gästen den Weg zur wechselseitigen Unterhaltung gebahnt; es ist Zeit, daß ich an mein eigenes Vergnügen denke. Miß Eyre, rücken Sie Ihren Stuhl noch ein wenig vor; Sie sitzen noch immer viel zu weit zurück: ich kann Ihnen nicht ins Gesicht sehen, ohne meine bequeme Stellung aufzugeben, was ich keineswegs zu thun gesonnen bin. Ich that, wie mir geheißen wurde, obgleich ich bei weitem lieber im Schatten gesessen wäre; allein Mr. Rochester hatte eine Art zu befehlen, die das Gehorchen als eine unausweichliche Nothwendigkeit erscheinen ließ. Wir saßen, wie ich bereits erwähnte, im Speisezimmer; der Kronleuchter, der zum Mittagessen angezündet worden war, erleuchtete das Gemach mit festlichem Glanze, das große Feuer brannte hell und roth, die purpurnen Vorhänge fielen in weiten und reichen Falten am hohen Fenster und dem noch höheren Schwibbogen nieder; Alles war stille, bis auf Adelens leises Geflüster, sie wagte es nicht, laut zu sprechen, und bis auf die schweren Regentropfen, die von Zeit zu Zeit an die Fenster schlugen. Mr. Rochester sah, im damastenen Lehnstuhle sitzend. (ganz anders aus, als je zuvor, -- nicht so starr, nicht so finster. Ein Lächeln spielte um seinen Mund und seine Augen leuchteten, ob von genossenem Weine oder nicht konnte ich nicht unterscheiden, doch hielt ich das Erstere für sehr wahrscheinlich. Mit einem Worte, er war in seiner gewöhnlichen Dessertlaune, etwas aufgeregter und gemüthlicher und darum auch genießbarer, als in seiner frostigen, sauertöpfischen Morgenstimmung. Dennoch bot er, seinen massiven Kopf im gepolsterten Stuhle zurückgelegt, die wie in Granit ausgehauenen Gesichtszüge vom Feuer beschienen, die großen, schwarzen Augen unter den Brauen hervorleuchtend, einen wunderbar grimmigen Anblick dar. Seine Augen konnte man sogar schön nennen und zuweilen zeigten sie in ihrer Tiefe einen gewissen Schmelz, der, wenn er auch nicht von sanfteren Regungen zeugte, so doch wenigstens daran mahnte. Er hatte durch zwei Minuten unverwandt ins Feuer geblickt, während welcher Zeit ich kein Auge von ihm wegwandte; als er sich umsah, bemerkte er es. Sie sehen mich prüfend an, Miß Eyre, sagte er; halten Sie mich für schön? Hätte ich nachgedacht, wäre mir vielleicht irgend eine der üblichen höflichen Redensarten über die Lippen gekommen, so aber entschlüpfte mir die unüberlegte Antwort: Nein, mein Herr! Ah! Auf Ehre! Ihre ganze Erscheinung ist sehr sonderbar, sagte er, Sie sehen ganz aus wie eine kleine Nonne, geziert, still, ernst und einfach, mit gefalteten; Händen sitzen Sie da, die Augen in der Regel zu Boden geschlagen, wenn Sie sie nicht (wie gerade in diesem Augenblicke) durchbohrend auf mich heften, und fragt man Sie um Etwas, oder macht man eine Bemerkung, die eine Entgegnung erheischt, fahren Sie mit einer Antwort heraus, wie, wenn auch nicht plump, so doch barsch klingt. Was wollten Sie vorhin damit sagen? Ich war zu offenherzig, mein Herr, ich bitte um Vergebung. Ich hätte erwiedern sollen, daß es nicht leicht ist, auf eine Frage über das Aeußere eines Menschen aus dem Stegreife zu antworten, daß der Geschmack verschieden, daß auf Schönheit nicht viel zu geben ist, oder so was vergleichen. Nichts von Allem dem hätten Sie sagen sollen. Auf Schönheit nicht viel zu geben?! Warum nicht gar! Unter dem Vorwande, Ihre frühere Beleidigung zu verwischen, mich zustreicheln und in Behaglichkeit einzulullen, stechen Sie mich heimlich mit einem Federmesser hinter's Ohr! Heraus damit, was ist Ihnen an meiner Person nicht recht? Habe ich nicht Glieder und Gesichtszüge wie ein anderer Mann? Mr. Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort zurückzunehmen: ich beabsichtigte keine spitze Erwiederung zu geben, es war ein bloßer Mißgriff! So ist's; ich will es glauben, und Sie dafür verantwortlich machen. Nun kritisiren Sie mich: gefällt Ihnen meine Stirne nicht? Er hob die dunklen Haarwellen in die Höhe, welche ihm in horizontaler Linie ins Gesicht hingen, und wies eine solide Masse von Organen geistiger Fähigkeiten; nur dort, wo das Organ des Wohlwollens zu sitzen pflegt, zeigte sich ein gänzlicher Mangel. Nun, Madame, bin ich ein alberner Mensch? Ganz und gar nicht, Sir. Sie werden mich vielleicht für unartig halten, wenn ich Sie hingegen frage, ob Sie ein Menschenfreund sind? Wieder ein Stich, während sie beabsichtigt mir den Kopf zu streicheln; und das blos deswegen, weil ich vorhin sagte, ich könnte die Gesellschaft von Kindern und alten Weibern (wir müssen leise sprechen!) nicht vertragen. Nein, junge Dame, ich bin kein allgemeiner Philantrop; doch bin ich gewissenhaft. Hier deutete er auf denjenigen Theil seines Kopfes, der, wie man sagt, diese Eigenschaft anzeigt, und bei ihm wirklich sehr entwickelt war. sogar seinem Oberkopfe eine ungewöhnliche Breite verlieh. Und zudem, fuhr er fort, besaß ich ehedem auch eine Art roher Gutherzigkeit. In Ihren Jahren war ich ein ziemlich gefühlvoller Bursche, den Unmündigen, Nahrungslosen und Unglücklichen besonders zugethan; doch das Schicksal hat mich seitdem herum geworfen, mich sogar mit seinen harten Knöcheln breit geschlagen, und nun schmeichle ich mir, hart und zäh zu seyn wie ein Kautschukball: durch eine oder zwei Ritzen kann man mir wohl noch beikommen, und just in der Mitte gibt es vielleicht auch noch einen fühlenden Punkt. Bleibt mir da noch einige Hoffnung? Zu was, mein Herr? Zu meiner endlichen Wiederverwandlung von Kautschuk zu Fleisch. Jedenfalls hat er zu viel Wein getrunken, dachte ich, und wußte wirklich nicht. was ich auf seine sonderbare Frage antworten sollte. Wie konnte ich es wissen, ob eine solche Umwandlung bei ihm möglich war? Sie sehen sehr verlegen aus, Miß Eyre; und wiewohl Sie eben so wenig hübsch sind, als ich schön bin, so steht Ihnen die verlegene Miene doch recht gut; zudem hat sie den Vortheil, daß sie Ihre durchdringenden Augen von meinem Gesichte ab- und hinunter auf den Teppich lenkt; fahren Sie daher fort verlegen zu seyn und die gewirkten Blumen zu betrachten. Meine Dame, ich bin heute Abend in einer geselligen und mittheilsamen Stimmung. Dies verkündend, erhob er sich und stellte sich, den einen Arm auf den Caminmantel gelehnt, vor mich bin; in dieser Stellung ließ sich sowohl seine Gestalt, als sein Gesicht ganz deutlich überblicken: die zu seiner Körperhöhe in keinem Verhältnisse stehende Breite seines Brustkastens trat besonders hervor. Ich bin dessen gewiß, die Meisten hätten ihn für einen häßlichen Mann gehalten, und doch lag so viel unbewußter Stolz in seiner Haltung. eine so große Leichtigkeit in seinen Bewegungen, sein Blick zeigte eine so vollkommene Gleichgültigkeit gegen seine äußere Erscheinung, ein so hochmüthiges Vertrauen in seine, für den Mangel an körperlicherAnmuth reichlich entschädigenden geistigenVorzüge, daß man unwillkürlich seine Gleichgültigkeit theilen und blindlings seinem Vertrauen beistimmen mußte. Ich bin heute in einer geselligen und mittheilsamen Stimmung, wiederholte er, und eben deshalb habe ich um Sie geschickt; das Feuer und die Lichter genügten mir nicht, nicht einmal Pilot, denn sie Alle können nicht sprechen. Adela ist schon in einem Grad besser, doch immer noch weit vom Ziele; Mrs. Fairfax detto. Von Ihnen hingegen bin ich überzeugt, daß sie mir genügen können, wenn Sie nur wollen: schon am ersten Abend, wo ich Sie zu mir lud, brachten Sie mich in Verlegenheit. Seitdem waren Sie mir ganz aus dem Sinne gekommen, andere Ideen hatten Sie aus meinem Kopfe verdrängt: doch heute Abend will ich mir's bequem machen, will von mir weisen, was mich belästigt und herbeirufen, was mir Vergnügen macht. Jetzt zum Beispiel würde es mich freuen, Sie auszuforschen, Sie besser kennen zu lernen. Sprechen Sie also -- Anstatt zu sprechen lächelte ich, doch weder verbindlich noch unterwürfig. Sprechen Sie, herrschte er. Wovon, Sir? Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen die Wahl des Gegenstandes und der Verhandlungsweise. Gerade nun blieb ich ruhig sitzen und sagte gar nichts. Wenn er glaubt, ich werde sprechen, nur um zu sprechen und ihm die Langeweile zu vertreiben, hat er sich an die unrechte Person gewendet, dachte ich bei mir. Sie sind stumm, Miß Eyre. Ich blieb stumm. Er bog seinen Kopf etwas zu mir herab und schien mit einem hastigen Blicke mir durch die Augen in die Seele sehen zu wollen. Störrisch , sagte er, und verdrießlich? Ach, es ist begreiflich. Ich habe meine Bitte in eine alberne, fast insolente Form eingekleidet. Miß Eyre, ich bitte um Verzeihung, Sie mögen es ein für allemal wissen, daß ich Sie ganz wie meines Gleichen zu behandeln beabsichtige und mir nur diejenige Ueberlegenheit vorbehalte, die aus dem nahe an zwanzig Jahre betragenden Unterschiede zwischen; m einem und Ihrem Alter und aus meiner fast um ein Jahrhundert vorgeschrittenen Lebenserfahrung natürlich hervorgeht. Dazu bin ich berechtigt, et j’y tiens, wie Adela zu sagen pflegt, und blos kraft dieser Ueberlegenheit bitte ich Sie, die Güte zu haben, ein wenig mit mir zu plaudern und mich zu zerstreuen. Meine Gedanken sind ordentlich wund und ausgefressen wie ein rostiger Nagel, weil sie immer auf einem Punkte stehen bleiben. Er hatte sich zu einer Erklärung, zu einer Entschuldigung herbeigelassen: ich war für dieses Entgegenkommen nicht unempfindlich und wollte es auch nicht scheinen. Gerne will ich Sie unterhalten, wenn ich es im Stande bin, Sir, sehr gerne will ich es; doch wie soll ich den Gegenstand des Gespräches wählen, da ich nicht weiß, was Sie interessirt? Stellen Sie Fragen an mich und ich will mein Möglichstes thun, sie zu beantworten. Nun denn, sind Sie gleich mir der Meinung, daß ich ein Recht habe, herrisch und barsch, vielleicht auch etwas anspruchsvoll gegen Sie zu seyn, weil ich alt genug bin, Ihr Vater zu heißen und weil ich mich unter allen Nationen herumgeschlagen und den größten Theil der Erde durchpilgert habe, während Sie ganz ruhig mit einer Gattung Menschen in einem und demselben Hause lebten? Sie mögen thun was Ihnen beliebt. Das ist keine oder vielmehr eine sehr aufreizende Antwort, vielmehr eine Ausflucht. Sprechen Sie deutlich. Ich glaube, daß Sie nicht schon deshalb ein Recht haben mir zu gebieten, weil Sie älter und mehr in der Welt herumgekommen sind, als ich: es kommt noch darauf an, welchen Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihrer Erfahrung gemacht haben. Hm! Rasch geantwortet. Allein ich gebe es nicht zu, da es mir nicht paßt, weil ich einen höchst unbedeutenden, um nicht zu sagen schlechten Gebrauch von beiden Vortheilen gemacht habe. Aber lassen wir auch meine Ueberlegenheit aus dem Spiele, so müssen Sie doch dann und wann Befehle von mir annehmen, ohne mir den herrischen Ton übel zu nehmen und sich beleidigt zu fühlen. Ist's nicht so? Ich lächelte. Mr. Rochester ist ein eigener Mensch, dachte ich bei mir; er scheint zu vergessen, daß er mir dreißig Pfund jährlich zahlt, um seine Befehle entgegen zu nehmen. Das Lächeln ist am rechten Orte, sagte er, den vorübergehenden Ausdruck schnell erfassend; doch Sie müssen auch sprechen. Ich dachte daran, daß sich wohl wenige Herren die Mühe nehmen würden Erkundigungen einzuziehen, ob ihre bezahlten Untergebenen sich durch ihre Befehle verletzt fühlen oder nicht. Bezahlte Untergebene! Wie, sind Sie eine solche? Ach ja, ich vergaß den Gehalt! Nun gut denn, wollen Sie mir auf Grundlage dieser Besoldung erlauben, Sie dann und wann ein wenig auszufragen? Nein, mein Herr, nicht auf dieser Grundlage, wohl aber darum, weil Sie auf diesen Umstand vergaßen und es Ihnen daran liegt, daß sich diejenigen, die von Ihnen abhängen, in diesem Verhältnisse wohl fühlen. Und wollen Sie mir eine Masse conventioneller Formen und Redensarten nachsehen, ohne mir die Unterlassung als Ungezogenheit anzurechnen? Nie werde ich ein freies Benehmen mit Ungezogenheit verwechseln, das Eine liebe ich sogar, das Andere würde sich wohl kein freigebornes Wesen für alle Besoldungen der Welt gefallen lassen. Albernes Geplauder! Die meisten freigebornen Leute lassen sich alles Mögliche für Geld gefallen; bleiben Sie daher bei Ihrer eigenen Person stehen und lassen Sie sich nicht in allgemeine Urtheile ein, von denen Sie gar nichts wissen. Dessenungeachtet reiche ich Ihnen Ihrer Antwort wegen und trotz ihrer Unrichtigkeit im Geiste die Hand und zwar eben so sehr des Inhaltes, als auch der Manier wegen, in welcher Sie Ihren Ausspruch von sich gaben. Die Letztere war frei und offen, wie man sie nicht oft zu Gesichte bekommt; im Gegentheil pflegt man Ziererei, Kälte oder einem albernen, von geringer Bildung zeugenden Mißverständniß seiner Meinung zu begegnen. Unter dreitausend steifen Erzieherinnen hätten nicht drei so geantwortet, wie Sie es eben thaten. Indessen will ich Ihnen damit keine Schmeichelei sagen; wenn Sie andern Geistes sind, als die Mehrzahl, so ist dies nicht Ihr Verdienst, sondern das der Natur, die Sie schuf. Wenn ich mir's übrigens recht überlege, so bin ich eigentlich zu voreilig in meinen Schlüssen; wer weiß ob Sie viel besser sind, als die Uebrigen: vielleicht haben Sie eine Anzahl unerträglicher Fehler an sich, die Ihre wenigen guten Eigenschaften mehr als hinlänglich aufwiegen. Und so mag es auch bei Ihnen der Fall seyn, dachte ich bei mir. Mein Blick begegnete dem seinigen als mich dieser Gedanke durchfuhr: er schien ihn errathen zu haben. Wohl, wohl, Sie haben Recht, sagte er; auch ich habe eine Menge Fehler an mir. ich weiß es und will sie nicht bemänteln, ich versichere Sie. Gott sey es geklagt, ich habe nicht Ursache meinen Nächsten mit Strenge zu richten, ich selbst habe eine Vergangenheit, eine Reihe von Handlungen, die Färbung eines Lebens in meiner eigenen Brust zu betrachten, und wohl würden meine Spöttereien, meine Ausstellungen von meiner Umgebung auf mich selbst zurückprallen. Mit einundzwanzig Jahren betrat ich, oder wurde vielmehr auf einen falschen Weg geworfen (wie andere Sünder schiebe ich gerne die halbe Schuld dem Unglücke und traurigen Verhältnissen in die Schuhe), und konnte von der Zeit nicht wieder den rechten Pfad finden; es hätte aber auch anders kommen, ich hätte eben so gut wie Sie, klüger, wenigstens eben so rein seyn können. Ich beneide Sie um Ihre Seelenruhe, Ihr reines Gewissen, Ihre unbefleckte Erinnerung. Junges Mädchen! ein Bewußtseyn ohne Makel, ohne Flecken, muß ein unerschöpflicher Quell der reinsten Genüsse seyn; nicht wahr? Wie war Ihr Bewußtseyn beschaffen, als Sie achtzehn Jahre zählten? Ganz in der Ordnung, rein und gesund; noch hatte es kein Zufluß von faulem Wasser in eine stinkende Pfütze verwandelt. Ich war Ihnen ganz gleich, vollkommen gleich. Die Natur wollte aus mir im Ganzen einen braven Mann machen, einen von der bessern Sorte, und wie Sie sehen, ist es ihr nicht gelungen. Sie wollten eben sagen, es käme Ihnen nicht so vor: wenigstens schmeichle ich mir, etwas dergleichen in Ihren Augen gelesen zu haben und ich verstehe mich sehr gut auf die Augensprache. Nun denn, so nehmen Sie mein Wort zum Pfande -- ich bin kein Schurke; das dürfen Sie nicht denken, mir keine so hohe Stellung in der Niederträchtigkeit zumuthen; mehr in Folge eines unglücklichen Zusammentreffens von Umständen, als eines natürlichen Hanges bin ich ein ganz gewöhnlicher Alltagssünden, der all die armseligen, kleinlichen Laster durchgemacht hat, mit denen die Reichen und Gottlosen ihr Leben auszufüllen suchen. Wundern Sie sich darüber, daß ich Ihnen dieses, Geständniß mache? So wissen Sie denn, daß Sie im weiteren Verlaufe Ihres Lebens noch oft zur unwillkürlichen Vertrauten der Geheimnisse Ihrer Bekannten erkoren werden: die Leute werden es, so gut wie ich, instinctartig herausfinden, daß Sie mehr dazu passen zuzuhören, wie Andere von sich sprechen, als Ihre eigene Person zum Gegenstande Ihres Gespräches zu machen; sie werden fühlen, daß Sie ihre Bekenntnisse mit keiner übelwollenden Verachtung ihrer Unbedachtsamkeit aufnehmen, vielmehr mit der Ihnen angebornen Gutherzigkeit theilnahmvoll anhören, die um so tröstender und ermuthigender ist, als sie sich in keinen lästigen Aeußerungen kund gibt. Woher wissen, woher vermuthen Sie dies Alles, Sir? Ich weiß es ganz bestimmt und eben darum gehe ich so fessellos zu Werke, als vertraute ich meine Gedanken einem Tagebuche an. Sie werden mir erwiedern, ich hätte mich der Verhältnisse bemeistern sollen; das hätte ich thun sollen, wirklich, das hätte ich thun sollen; allein Sie sehen, es ist nun einmal nicht geschehen. Als mich des Schicksals Härte traf, besaß ich nicht Klugheit genug, kaltblütig z bleiben; ich verzweifelte und artete dann aus. Wenn mich nun irgend ein verächtlicher Dummkopf durch seine armselige Liederlichkeit anekelt, kann ich mir durchaus nicht schmeicheln, besser zu seyn als er: vielmehr muß ich zugeben, daß wir auf einer und derselben Stufe stehen. Ich wollte, ich hätte nie gewankt -- Gott weiß es, ich wollt' es! Denken Sie an die Gewissensbisse, wenn Sie je in Versuchung kommen zu fehlen, Miß Eyre: Gewissensbisse vergiften das Leben! Reue, sagt man, bringt, zur Ruhe. Das genügt nicht. Nur wenn man ein neuer Mensch wird, kann man diesen Krebsschaden los werden -- und ich hätte es dahin bringen können -- ich fühle wohl jetzt die Kraft dazu in mir, wenn -- doch was nützt mir's daran zu denken, zu Boden gedrückt, verstrickt und verflucht wie ich bin? Uebrigens, da mir nun einmal Glückseligkeit versagt ist, habe ich ein Recht so viel Vergnügen wie möglich aus dem Leben herauszuschlagen und das will ich, koste es was es wolle! Dann werden Sie noch tiefer sinken. Möglich; doch warum, wenn ich mir immer frische, süße Vergnügen verschaffe? Und ich kann sie mir so süß und frisch verschaffen, wie wilder Honig, den die Bienen auf der Haide sammeln. Und dennoch werden sie einen herben, bittern Nachgeschmack zurücklassen. Wie können Sie das wissen? Sie haben sie ja nie versucht. Wie ernst, wie feierlich Sie aussehen! und doch sind Sie in dieser Sache eben so unwissend, wie diese Gamee hier. (Er hob eine solche vom Caminsimse auf.) Sie haben kein Recht, mir vorzupredigen, Sie Novize, die kaum die Schwelle des Lebens überschritt, dessen Geheimnisse sie noch gar nicht kennt. Ich erinnere Sie blos an Ihre eigenen Worte, Sir: Sie sagten, Fehltritte brächten Gewissensbisse mit sich und die letzteren vergifteten das Leben. Wer spricht jetzt von Fehltritten? Ich glaube kaum, daß die Vorstellung, die eben in meinem Geiste emporstieg, einen Fehltritt betraf. Ich halte sie eher für eine glückliche Eingebung, als für eine Versuchung zum Bösen: sie war sehr anmuthig, sehr tröstend -- ich verstehe mich darauf. Da ist sie wierer! Nicht der Teufel flüstert sie mir zu, ich versichere Sie: und wenn auch, so hat er die Gestalt eines Engels des Lichtes angenommen. Ich muß wohl einen so lieben Gast einlassen, wenn er an der Pforte meines Herzens anklopft. Mißtrauen Sie ihm, Sir; es ist kein Gesandter des Himmels. Und wieder frage ich Sie: woher wissen Sie das? Welcher Instinct läßt Sie einen gefallenen Engel der Finsterniß von einem Boten des Ewigen, den Führer vom Verführer unterscheiden? Ich urtheilte nach dem Ausdrucke Ihres Gesichtes, Sir; es verdüsterte sich, als, wie Sie sagten, jene Vorstellung in Ihnen auftauchte. Ich bin überzeugt, Sie werden noch unglücklicher werden, wenn Sie darauf hören. Nicht im Geringsten -- die Erscheinung brachte mir die angenehmste Botschaft von der Welt; übrigens sind Sie nicht mein Gewissensrath und mögen daher ganz ruhig seyn. Da, tritt ein, lieblicher Wanderer! Er sagte die letzten Worte, als spräche er sie zu einer, nur seinen Augen sichtbaren Vision, dann kreuzte er seine Arme, die er halb von sich gestreckt hatte, über der Brust: es schien als umschlösse er mit dieser Umarmung ein unsichtbares Wesen. Nun, fuhr er, sich wieder zu mir wendend, fort, habe ich den Pilgrim aufgenommen, eine verkleidete Gottheit, wie ich es fest glaube. Schon hat sie mir gutgethan: mein Herz war bis nun eine Art Beinhaus, fortan wird es ein Altar seyn. Die Wahrheit zu sagen, verstehe ich Sie ganz und gar nicht: ich kann dies Gespräch nicht weiter verfolgen, da es weit über meinen Horizont geht. Nur Eins weiß ich: Sie sagten, Sie wären nicht so gut, als Sie es gerne seyn möchten und Sie bedauerten Ihre sittliche Unvollkommenheit -- nur Eins begreife ich: Sie behaupteten, ein schuldbeladenes Gewissen sey die ewige Verdammniß auf Erden. Es scheint mir, daß Sie, wenn Sie nur ernstlich wollten, sehr bald das seyn könnten, was Sie zu seyn wünschen; und daß, wenn Sie mit dem heutigen Tage anfingen Ihre Denk- und Handlungsweise zu ändern, Sie nach wenigen Jahren eine Reihe von Erinnerungen besitzen müßten, die für Sie zum unerschöpflichen Quell des reinsten Vergnügens würden! Richtig gedacht und gut gesagt, Miß Eyre; und gerade in diesem Augenblicke bekämpfte ich die Hölle mit aller Macht. Wie das? Ich fasse gute Entschlüsse, die, wie ich glaube, so fest sind wie Kieselsteine. Fortan will ich eine andere Gesellschaft suchen und eine andere Lebensweise führen. Doch wohl eine bessere? Jedenfalls eine um so viel bessere, als reines Gold besser ist denn schmutzige Schlacken. Sie scheinen zu zweifeln: ich selbst zweifle nicht im Mindesten; ich kenne mein Ziel und meine Beweggründe, und in diesem Augenblicke erkläre ich durch ein eben so unwandelbares Gesetz wie jenes der Meder und Perser, daß beide recht sind. Das können Sie nicht seyn, Sir, sobald sie erst eines neuen Statutes bedürfen, welches sie bestätigt. Und doch sind sie es, Miß Eyre, wiewohl sie ein ganz neues Statut erheischen: außerordentliche Umstände machen außerordentliche Maßregeln nothwendig. Das ist ein gefährlicher Grundsatz, Sir, dem man es sofort ansieht, daß er auch zum Mißbrauche führen kann. So ist's, Sie sinnspruchreiche Philosophin! aber ich schwöre Ihnen bei meinen Hausgöttern, daß ich ihn nicht mißbrauchen will. Sie sind ein Mensch und können fehlen. Das bin ich; auch Sie sind's, und was ist's weiter? Der gebrechliche Sterbliche sollte sich jedoch keine Gewalt anmaßen, die nur die göttliche Vollkommenheit gehörig gebrauchen kann. Welche Gewalt meinen Sie? Diejenige, welche irgend einer ungewöhnlichen, von der Moral nicht sanctionirten Handlungsweise durch ihren Ausspruch: So ist es recht, Gesetzeskraft ertheilt. So ist es recht, Sie haben den Satz ausgesprochen. So möge es denn recht seyn, sagte ich, indem ich mich erhob. Es schien mir unnütz ein Gespräch weiter zu führen. das ein für mich unauflösbares Räthsel betraf; zudem drückte mich bei dem unerforschlichen Charakter meines Partners ein äußerst unangenehmes Gefühl der Ungewißheit und theilweisen Unwissenheit. Wohin gehen Sie? Ich will Adelen zu Bette bringen; ihre Zeit ist schon vorüber. Sie fürchten sich vor mir, weil ich gleich einer Sphinx spreche. Ihre Sprache ist wohl räthselhaft, Sir, doch fürchte ich mich keineswegs, und bin blos betroffen. Sie fürchten dennoch, oder vielmehr Ihre Eigenliebe fürchtet einen möglichen Mißgriff. In diesem Sinne fürchte ich allerdings ich möchte nicht gerne Unsinn schwatzen. Und thäten Sie es auch, es geschähe in so ruhiger, ernster Weise, daß ich den Unsinn für baaren Verstand nähme. Pflegen Sie nie zu lachen, Miß Eyre? Bitte, bemühen Sie sich nicht zu antworten -- ich sehe schon, daß Sie selten lachen; doch Sie können auch recht munter seyn; glauben Sie mir, Sie sind von Natur aus eben so wenig sauertöpfisch, als ich fehlerhaft bin. Der Schulzwang von Lowood hängt Ihnen noch etwas an; er bewacht Ihr Gesicht, umschleiert Ihre Stimme, und hindert die Bewegungen Ihres Körpers, und Sie fürchten sich, in der Gegenwart eines Mitmenschen -- sey es nun Ihr Vater, Bruder oder Gebieter -- zu freundlich zu lachen. zu frei zu sprechen, sich zu frei zu bewegen. Doch mit der Zeit, glaub' ich, werden Sie es lernen, gegen mich so natürlich zu seyn, wie ich es unmöglich finde, Sie mit trivialer Höflichkeit zu behandeln, und dann werden auch Ihre Blicke und Ihre Bewegungen eine größere Lebhaftigkeit und Abwechslung zeigen, als sie es bis jetzt zu thun wagten. Zuweilen sehe ich einen sonderbaren Vogel durch die engen Gitter des Käfigs schimmern, der einen lebhaften, unstäten, entschlossenen Gefangenen zu beherbergen scheint; nur die Freiheit fehlt ihm, daß er sich hoch in die Lüfte erhebe. Sind Sie noch immer entschlossen zu gehen? Es hat neun Uhr geschlagen, Sir. Hat nichts zu sagen -- bleiben Sie noch eine Minute; Adela hat noch keine Lust sich schlafen zu legen. Meine Stellung mit dem Rücken gegen das Feuer, und mit dem Gesichte gegen die Stube gekehrt, ist meinen Beobachtungen sehr günstig. Während ich mit Ihnen sprach, ließ ich auch Adelen nicht ganz aus den Augen (ich habe meine eigenen Ursachen, sie mit Aufmerksamkeit zu studieren -- welche Ursachen ich Ihnen eines Tages vielleicht -- nein, ganz gewiß -- mittheilen werde); vor etwa zehn Minuten holte sie aus ihrer Pappschachtel ein blaßrothes Seidenkleidchen hervor; Entzücken strahlte aus ihren Augen, da sie es auseinander legte; die Coketterie liegt in ihrem Blute, in ihrem Gehirn, im Mark ihrer Knochen. Il faut que je l'essaie! rief sie, et a l’instant meme, und sie stürzte zum Zimmer hinaus. Sie ist jetzt bei Sophie und überzieht sich; bald wird sie wieder hier seyn, und ich weiß was ich zu sehen bekomme- ein Miniaturbild von Celine Varens, wie sie auf den Brettern zu erscheinen pflegte, nachdem -- doch lassen wir das. Indessen werden nun meine zärtlichsten Gefühle einen harten Schlag erleiden, ich ahne es; bleiben Sie, um zu sehen, ob ich Recht habe. Im selben Augenblicke ließ sich Adelens leichter Tritt in der Vorhalle hören. Sie trat ins Zimmer, umgekleidet, wie es ihr Vormund vorhergesagt hatte. Ein kurzes, faltenreiches Kleid von rosenrothem Atlas ersetzte das braune Röckchen, das sie vorhin anhatte; ein Kranz von Rosen- knospen zierte ihr Haar; ihre Füße deckten seidene Strümpfe und kleine weiße Atlasschuhe. Est-ce que ma robe va bien? rief sie, vorwärts springend; et mes souliers? et mes bas? Tenez, je crois que je vais danser! Und ihr Kleidchen an beiden Seiten in die Höhe hebend, tanzte sie durch's Zimmer; bei Mr. Rochester angelangt, drehte sie sich auf einem Absatze herum, fiel dann vor ihm auf die Knie und rief aus: Monsieur, je vous remercie mille fois de votre borte; und wieder aufstehend fügte sie hinzu: C'est comme cela que maman faisait, n'est-ce pas, Monsieur? Ganz so, lautete die Antwort, und comme cela lockte sie das englische Gold aus meinen brittischen Taschen. Auch ich war einmal grün, Miß Eyre, grasgrün; der Frühlingshauch, der Sie schmückt, ist kaum frischer als derjenige, der mich dereinst zierte. Mein Frühling ist indessen vorbei, und hat mir dies französische Blümlein zurückgelassen, das ich auf irgend eine Weise gern los werden möchte. Jetzt, wo ich die Wurzel, der sie entsprang, nicht weiter schätze, weil ich fand, daß sie nur Goldstaub ernähren konnte, kann ich die Blüthe kaum mehr halb so gut leiden, besonders wenn sie so gekünstelt aussieht, wie gerade jetzt. Ich erhalte sie am Ende, einem Grundsatze der römisch-katholischen Kirche folgend, demzufolge man zahlreiche kleine und große Sünden durch Ein gutes Werk abbüßen kann. Ich will Ihnen einmal das Alles auseinander setzen. Gute Nacht. Wort. Fünfzehntes Capitel. Mr. Rochester hielt bei einer nächsten Gelegenheit Es war eines Nachmittags, wo er mir und Adelen im Freien begegnete; und während die Letztere mit Pilot und ihrem Federballe spielte, bat er mich mit ihm in einer Birkenallee auf- und abzugehen. Dabei erzählte er mir, Adela sey die Tochter einer französischen Operntänzerin. Namens Celine Varens, für welche er ehedem eine grande passion gehegt, die von der Dame anscheinend mit noch heißerer Liebe erwiedert worden war. Er glaubte ihr Abgott zu seyn und war, bei all seiner Häßlichkeit, wie er sagte, fest überzeugt, sie ziehe seine taille d'athlete dem eleganten Wuchse des Apolle vom Belvedere vor. Und so sehr schmeichelte mir diese Leidenschaft der gallischen Sylphide für ihren brittischen Gnomen, daß ich ihr ein ganzes Hotel miethete, eine vollständige Dienerschaft hielt, eine Equipage. Caschmirshawls, Diamanten, Spitzen u. s. w. schenkte. Kurz, ich verlegte mich, wie der erste Gelbschnabel, darauf, mich in der hergebrachten Weise zu Grunde zu richten. Ich hatte augenscheinlich nicht Originalität genug, mir einen andern Pfad zur Schande und zum Untergange vorzuzeichnen, und trabte somit in dummer Genauigkeit auf dem altgebahnten Wege vorwärts. Mein Schicksal war verdientermaßen dasjenige aller andern Einfaltspinsel. Als ich Celinen eines Abends, wo sie mich nicht erwartete, heimsuchte, war sie ausgegangen; die Nacht war warm, und da ich es satt hatte in den Straßen herumzubummeln, setzte ich mich in ihrem Boudoir nieder, glücklich die Luft einathmen zu können, die sie erst kürzlich durch ihre Anwesenheit geheiligt hatte. Doch nein, ich übertreibe; ich muthete ihr wohl keine besonders heiligende Kraft zu: eher hatte sie einen Duft von Räucherkerzchen, von Moschus und Ambra zurückgelassen, als einen Geruch der Heiligkeit. Ich war nahe daran an den Ausdünstungen der getrockneten Blumen und der ausgesprengten Essenzen zu ersticken, öffnete bei Zeiten die Glasthüre und trat auf den Balcon hinaus. Der Mond schien und die Gaslampen brannten; die Nacht war ruhig und heiter. Ein oder zwei Stühle standen auf dem Balcon; ich setzte mich, nahm eine Cigarre heraus -- ich will jetzt ein Gleiches thun, wenn Sie erlauben. Eine Pause trat ein, während welcher Mr. Rochester eine Cigarre hervorholte und sie anbrannte; nachdem er sie in den Mund gesteckt und eine Wolke Havanneser Weihrauches in die frostige sonnenlose Atmosphäre geblasen hatte, fuhr er fort: Ich war in jenen Tagen auch ein Liebhaber von Zuckerzeug und so saß ich da, abwechselnd Chocolade kauend und meine Cigarre rauchend, und betrachtete die vielen Equipagen, die, jene elegante Straße entlang, zum benachbarten Opernhause rollten, als ich an einem prächtigen, von einem Paar schöner Engländer gezogenen Wagen denjenigen erkannte, den ich Celinen zum Geschenk gemacht. Sie kam nach Hause: natürlich pochte mein Herz voll liebender Ungeduld gegen das eiserne Gitter, an dem ich lehnte. Wie ich es erwartet hatte, hielt der Wagen an der Einfahrt des Hotels; meine Flamme (der wahre Ausdrück für eine Balletliebe) stieg aus: wiewohl sie in einen Mantel gehüllt war -- eine unnöthige Vorsicht in einer warmen Juninacht -- erkannte ich sie doch augenblicklich an ihrem kleinen Fuße, der unterm Rocke hervor guckte, als sie vom Wagentritte herunter sprang. Mich vom Balcon herunter neigend, wollte ich eben ein leises, nur dem Ohre der Geliebten hörbares mon ange hinunter flüstern, als eine zweite, gleichfalls in einen Mantel gewickelte Gestalt aus dem Wagen sprang: doch hörte ich nun einen Sporn klirren und ein Männerhut bedeckte den Kopf dieser zweiten Erscheinung, die über die Schwelle des Einfahrtsthores ins Hotel schritt. Sie waren wohl nie eifersüchtig, Miß Eyre? Wohl nicht, die Frage ist überflüssig; Sie haben ja noch nicht geliebt. Noch sind Ihnen beide Gefühle fremd, noch schläft Ihr Herz und der Anstoß, der es wecken soll, muß erst kommen. Sie denken wohl, ein jeder Lebenslauf fließe in derselben ruhigen Gleichmäßigkeit hin, in der bis jetzt Ihre Jugend dahin rieselte. Mit verbundenen Augen und verstopften Ohren fort schwimmend, sehen Sie weder die im Flußbette aufgethürmten Felsenriffe, noch hören Sie das Gebrause der daran schlagenden Brandung. Doch wahrlich, ich sage Ihnen, und Sie mögen sich meine Worte merken, einmal in Ihrem Leben kommen Sie doch noch zu einer felsigen Stelle des Canals, wo sich der ganze Lebensstrom in Wirbel und Getöse, in Schaum und Geräusch auflöst; entweder zerschellen Sie dann an den Klippen in tausend Atome, oder es hebt Sie eine der stärksten Wellen in die Höhe und trägt sie in ein ruhigeres Wasser. ein solches, in dem ich mich jetzt befinde. Der heutige Tag gefällt mir: ich liebe diesen grauen Winterhimmel; ich liebe Stille und Starrheit der vom Frost gebändigten Erde. Mir gefällt Thornfield in seiner Alterthümlichkeit und Einsamkeit; mit den alten Kreuzdornbüschen, der grauen Facade, den Reihen dunkler, den Metallglanz der Wolken abspiegelnder Fenster: und doch, wie lange Zeit habe ich dies Gebäude verabscheut, es wie eine Pesthöhle gemieden! Wie verabscheue ich noch immer -- Er knirschte mit den Zähnen und schwieg; im Gehen inne halten, schlug er mit den Absätzen auf den fest gefrorenen Boden. Irgend ein verhaßter Gedanke schien sich seiner bemächtigt zu haben und ihn so fest zu halten, daß er nicht vorwärts konnte. Wir gingen gerade die Allee hinauf, als er so stehen blieb; das Herrenhaus lag vor uns. Seine Augen zu den Binnen erhebend, ließ er über sie einen so leidenschaftlichen Blick hingleiten, wie ich noch keinen, weder vorher, noch nachher gesehen. Schmerz, Scham, Zorn, Ungeduld, Ekel, Abscheu schienen in diesem Momente in den großen Augensternen zu wetteifern, die sich unter den rabenschwarzen Augenbrauen gewaltig ausdehnten. Heftig war der Kampf um die Oberherrschaft, doch ein anderes Gefühl stieg empor und triumphirte: ein Gefühl der Hartherzigkeit, des Eigenwillens, der Entschlossenheit, das seine Leidenschaft dämpfte und seinen Gesichtszügen einen cynischen, versteinerten Ausdruck verlieh; er fuhr fort: In diesem Augenblicke eines vorübergehenden Stillschweigens habe ich es mit meinem Geschicke zu tun. Dort stand es, an jenem Birkenstamme, wie eines jener Hexenweiber, die Macbeth auf der Haide von Foores erschienen. Dir gefällt Thornfield? sagte es und hob den Finger empor und schrieb als ein Memento längs der Fronte des Gebäudes zwischen die obere und die untere Fensterreihe die Worte: Finde Gefallen daran, wenn Du kannst! finde Gefallen daran, wenn Du es wagst! Ich will es, sagte ich. Ich wage es; und (setzte er mürrisch hinzu) ich werde Wort halten: ich will die Hindernisse meiner Glückseligkeit, meiner Besserung aus dem Weges räumen. Ich will ein anderer Mensch werden, als ich es war, als ich noch bin: gleichwie Hiobs Leviathan den Speer, den Pfeil und den Brustharnisch zerbrach, werde ich Hindernisse, die Andern stark wie Eisen und Messing erscheinen, nicht höher denn Stroh und faules Holz achten. Da kam gerade Adela mit ihrem Federballe herbei gesprungen. Fort! rief er mit barscher Stimme; bleibe in der Ferne, Kind, oder gehe hinein zu Sophien. Ich versuchte es das darauf folgende Stillschweigen zu unterbrechen, indem ich ihm seine plötzlich abgebrochene Erzählung ins Gerächtniß zurück rief: Verließen Sie den Balcon, frug ich, als Mademoiselle Varens ins Haus trat? Fast erwartete ich ein hartes Wort auf diese etwas unzeitige Frage zu vernehmen, doch im Gegentheil; aus seinem düstern Hinbrüten erwachend, sah er mich an und der finstere Ausdruck seines Gesichtes schien zu verschwinden. Ach, ich hatte ganz auf Celinen vergessen! Wohl, um wieder darauf zurück zu kommen: als ich meine Holde in Begleitung eines Cavaliers zurückkommen sah, glaubte ich ein Zischen zu vernehmen und die grüne Schlange der Eifersucht ringelte sich vom mondhellen Balcone los, glitt mir unter die Weste und hatte sich in zwei Minuten auch in mein Herz hinein gefressen. Sonderbar rief er, neuerdings vom Gegenstande der Erzählung abspringend, sonderbar, daß ich eine junge Dame wie Sie zu meiner Vertrauten mache; noch sonderbarer, daß Sie einem Manne ganz ruhig zuhören, der Ihnen, einem wohlerzogenen, unerfahrnen Mädchen, seine Liebschaften mit Operntänzerinnen zum Besten gibt, als wären es die gewöhnlichsten Geschichten von der Welt! Doch der letztere Umstand erklärt den ersteren, wie ich schon einmal bemerkte: Sie mit Ihrem unerschütterlichen Ernst. Ihrem gesetzten Wesen, Ihrer Schweigsamkeit sind wie geschaffen, die Mittheilung von Geheimnissen in sich aufzunehmen. Uebrigens weiß ich zu gut, mit welchem Gemüthe ich es zu thun habe; ich weiß, daß es keiner bösen Eindrücke fähig, zu keiner Ansteckung geneigt, daß es ein besonderes Gemüth, einzig in seiner Art ist. Glücklicherweise habe ich nicht die Absicht, ihm Schaden zuzufügen; doch, wenn ich es auch wollte, der vergiftete Pfeil würde wirkungslos abprallen. Je mehr wir mit einander umgehen, desto besser; denn während ich Sie nicht verderben kann, steht es in Ihrer Macht mein Herz aufzufrischen. Nach dieser Abschweifung nahm er den Faden seiner Erzählung wieder auf. Ich blieb am Balcone stehen. Jedenfalls gehen sie ins Boudoir, dachte ich; ich will mich in den Hinterhalt legen. Und meine Hand durchs offene Fenster langend, zog ich den Vorhang vor, bis auf eine kleine Oeffnung, durch welche ich hindurch blicken konnte; dann schloß ich den Fensterflügel, doch so, daß ich das Geflüster der Liebenden hören konnte, und stahl mich zu meinem Sitze zurück. Wie ich es vorausgesehen, trat das Pärchen ein und sofort näherte ich mein Auge der Oeffnung. Celinens Kammermädchen kam hinterher, zündete eine Lampe an, stellte sie auf den Tisch und verschwand. Ich konnte nun Alle deutlich sehen; Beide legten den Mantel ab und da erblick ich die Varens glänzend in Seide und Edelsteinen -- meinen Geschenken natürlich -- und an ihrer Seite eine; Mann in Uniform, einen jungen Vicomte, einen hirnlosen Wüstling, den ich zuweilen in Gesellschaften traf und nicht einmal hassen konnte, weil ich ihn gar so sehr verachtete. Als ich ihn erkannte, war es mit den Schlangen: bissen der Eifersucht augenblicklich vorbei, denn meine Lieb' zu Celinen sank sofort unter Null herab. Ein Weib, das mich um eines solchen Rivalen willen hintergehen konnte, nur Verachtung konnte sie treffen; mehr noch vielleicht mich; stand nicht dafür, daß ich mich ihretwegen gekränkt hätte; da ich dumm genug gewesen war mich von ihr bei der Nase herumführen zu lassen. Sie begannen zu sprechen; ihre Unterredung gab mir vollends meinen Gleichmuth wieder, in ihrer Frivolität, Gemeinheit. Herz- und Geistlosigkeit war sie eher geeignet, den Zuhörer anzuekeln, als in Wuth zu bringen. Meine Karte lag am Tische und lenkte das Gespräch natürlich auf meine Person. Keines von Beiden besaß Muth, oder Witz genug, mich tüchtig zu verarbeiten; statt dessen, überhäuften sie mich mit so gemeinen Schimpfwörtern, wie sie es nur in ihrer kleinlichen Denkungsweise im Stande waren; besonders that sich Celine hervor, die in außerordentlich gute Laune kam, als sie die Unregelmäßigkeiten meines Aeußern oder, wie sie sich ausdrückte, meine körperlichen Gebrechen berührte. Nun war es einer ihrer besonderen Kunstgriffe gewesen, über meine beaute male in Extase zu gerathen, worin sie ganz und gar von Ihnen abwich, die Sie mir bei unserer zweiten Unterredung gerade heraus sagten, Sie hielten mich nicht für schön. Der schneidende Contrast fiel mir auf, und -- Hier kam Adela abermals herbei gelaufen. Monsieur, John läßt sagen, daß Ihr Verwalter gekommen ist und Sie zu sprechen wünscht. Ah! wenn das ist, muß ich mich kurz fassen. Also, ich öffnete die Glasthüre, trat auf das Paar zu, kündigte Celinen meine Protection auf, ersuchte sie das Hotel zu räumen, händigte ihr für den augenblicklichen Bedarf eine Geldbörse ein, setzte mich über Thränen, Krämpfe, Bitten, Versicherungen und Nervenzuckungen hinaus und gab dem Vicomte ein Rendezvous im Holze von Boulogne. Am nächsten Morgen hatte ich das Vergnügen mit ihm zusammenzutreffen, schoß ihm einen seiner armseligen dünnen, mit den Flügeln eines pipsigen Hühnchens vergleichbaren Arme herunter und glaubte nun mit dem ganzen Pack fertig zu seyn. Unglücklicherweise hatte mich die Varens ein halbes Jahr zuvor mit diesem Mädchen, Adela beschenkt, von dem sie behauptete, es sey meine Tochter: vielleicht ist es wahr, obwohl ich in dem Gesichte des Kindes keine Beweise für diese sonderbare Vaterschaft finden kann; denn gewiß ist mir Pilot ähnlicher, als Adela. Einige Jahre nachdem ich mit der Mutter gebrochen hatte, ließ die letztere ihr Kind im Stiche und lief mit einem Sänger oder Musiker nach Italien davon. Ich räumte dem Kinde kein Recht auf irgend einen Unterhalt von meiner Seite ein und thue es auch jetzt nicht, da ich nicht sein Vater bin; allein als ich hörte, daß es ganz verlassen und hilflos sey, entriß ich es dem Schlamme und Schmutze von Paris und verpflanzte das arme Ding hierher, damit es im Boden eines englischen Landaufenthaltes rein und gesund empor wachse. Mrs. Fairfax nahm Sie auf, um das Mädchen zu erziehen; doch jetzt, wo Sie wissen, daß es der uneheliche Sprößling einer französischen Operntänzerin ist, werden Sie wahrscheinlich von Ihrem Posten und Ihrem Zöglinge eine andere Meinung haben; an einem schönen Morgen kommen Sie mir wohl mit der Nachricht, daß Sie eine andere Stelle gefunden und mich ersuchen. mich nach einer anderen Erzieherin umzusehen, und so weiter. Nicht wahr? Nein -- Adela ist weder an Ihrem noch an ihrer Mutter Fehltritte Schuld; ich bin ihr zugethan und nun ich weiß, daß sie gewissermaßen elternlos, von ihrer Mutter verlassen und von Ihnen nicht anerkannt ist, werde ich sie nur noch fester an mein Herz drücken. Wie könnte ich auch den verderbten Liebling einer reichen Familie, der vielleicht seine Erzieherin als eine lästige Person ansieht, einer verlassenen Waise vorziehen, die sich an mich wie an eine Freundin anschmiegt? Oh! Sehen Sie die Sache in diesem Lichte an? Nun gut; ich muß indessen jetzt ins Haus gehen und Sie auch, denn es fängt an dunkel zu werden. Doch ich blieb noch eine Weile mit Adelen und Pilot zurück -- lief mit ihr um die Wette und machte eine Partie Federball mit. Im Hause angelangt band ich ihr Hut und Mantel ab und nahm sie auf meinen Schooß; dort ließ ich sie eine ganze Stunde sitzen und ganz nach Belieben plaudern, wobei ich sogar gewisse kleine Freiheiten und Ungezogenheiten übersah, in die sie zu verfallen pflegte, wenn man sich diel mit ihr zu schaffen machte und die eine wahrscheinlich von ihrer Mutter ererbte Oberflächlichkeit des Geistes verriethen, wie sie bei einer Engländerin kaum zu finden ist. Doch hatte das Mädchen auch ihre guten Seiten und ich war gerne geneigt, alles Lobenswerthe an ihr nach der höchsten Währung zu schätzen. Ich suchte in ihrem Gesichte eine Aehnlichkeit mit Mr. Rochester zu entdecken, doch umsonst; da war kein verwandter Zug, kein auch nur im geringsten ähnlicher Ausdruck zu finden. Es that mir leid; hätte sie ihm nur in Etwas ähnlich gesehen, er hätte sich mehr um sie gekümmert. Erst als ich mich in mein eigenes Schlafzimmer zurückgezogen hatte, konnte ich Mr. Rochester's Erzählung einer näheren Betrachtung unterziehen. So wie er es sagte, lag wahrscheinlich in dem Gegenstande derselben nichts Außerordentliches, die Leidenschaft eines reichen Engländers für eine französische Tänzerin und die Treulosigkeit der letzteren mochten wohl in der Gesellschaft als eine alltägliche Geschichte erscheinen: allein in dem Gefühlsparorysmus, der Mr. Rochester so plötzlich erfaßte, als er seine jetzige Zufriedenheit und sein wieder auflebendes Vergnügen an Thornfield und seinen Umgebungen verkündigte, lag etwas entschieden Sonderbares. Ich fand es für den Augenblick unerklärlich und wandte mich zu der Betrachtung seines Betragen gegen mich. Das Vertrauen, welches er in mich setzte, schien ein meiner Verschwiegenheit gezollter Tribut zu seyn; ich sah und nahm es als einen solchen an. Seit einigen Wochen war sich nun sein Betragen hinsichtlich meiner mehr gleich geblieben, als im Anfange unserer Bekanntschaft. Ich schien ihm nicht mehr im Wege zu stehen; er hatte weiter keine Anwandlungen von vornehmer Kälte; wenn er mir unerwartet begegnete, war es ihm allem Anscheine nach willkommen; immer hatte er ein freundliches Wort oder ein Lächeln für mich bereit. Lud er mich zu sich ein, so zeigte die herzliche Aufnahme, mit welcher er mich beehrte, daß ich wirklich die Macht besaß, ihn zu unterhalten, und daß er in diesen Abendunterhaltungen nicht blos sein Vergnügen suchte, sondern auch darauf Rücksicht nahm, daß auch ich mich behaglich fühlte. Verhältnißmäßig sprach ich selbst nur wenig, hörte ihn aber mit desto größerem Vergnügen erzählen. Er war von Natur aus mittheilsam; er liebte es einem mit dem Treiben der Welt unbekannten Gemüthe das Dichten und Trachten derselben vorzuführen; nicht etwa in Bildern der Verderbniß und Unsittlichkeit, sondern in solchen Scenen, die durch die Großartigkeit der verhandelten Interessen oder durch ihre charakteristische Neuheit und gänzliche Abweichung von der Alltäglichkeit die Aufmerksamkeit fesselten. Es war für mich ein außerordentlicher Genuß, diese neuen Ideen in mich aufzunehmen, die neuen Gemälde, die er mir vorzeichnete, zu betrachten, ihm in Gedanken durch die unbekannten Regionen zu folgen, die er meinem Geiste erschloß, und das Alles ohne je durch eine zweideutige Anspielung verletzt, oder in Verlegenheit gebracht zu werden. Die Ungezwungenheit seines Benehmens befreite auch mich von jedem lästigen Höflichkeitskram; die eben so vernünftige als herzliche Vertraulichkeit, mit der er mich behandelte, zog mich zu ihm hin. Zuweilen kam es mir vor, als sey er mehr mein Anverwandter, denn mein Gebieter; doch zeigte er sich zuweilen noch herrisch, was ich indeß nicht beachtete, da ich wußte, daß es so seine Art sey. Dieses neue, zu meinem Alltagsleben hinzu gekommene Interesse machte mich so selbstzufrieden, so glücklich, daß ich aufhörte mich nach Heimat und Familie zu sehnen. Mein kleinlich angelegtes Schicksal schien sich zu erweitern, die Leere meines Daseyns sich auszufüllen; sogar meine Gesundheit besserte sich, ich begann kräftiger und stärker zu werden. Und war Mr. Rochester in meinen Augen noch immer häßlich? Nein, lieber Leser: Dankbarkeit und eine Menge anderer gleich freundlicher Gefühle machten sein Antlitz zu demjenigen Gegenstande, den ich am liebsten sah; seine bloße Gegenwart in der Stube wärmte mich mehr als das hellste Feuer. Bei allem dem übersah ich jedoch seine Fehler nicht; und in der That wäre es auch unmöglich gewesen, da er sie mir sehr oft vor Augen führte. Er war stolz, bissig, barsch gegen Leute. die in was immer für einer Weise unter ihm standen; im Innersten meines Herzens fühlte ich es nur zu gut, daß eine ungerechte Strenge gegen viele Andere seine zu große Güte gegen mich bei weitem aufwog. Auch war er sehr launisch, sogar unausstehlich; mehr als einmal, wo er mich ersuchen ließ, ihm vorzulesen, fand ich ihn ganz allein im Bibliothekzimmer sitzend, den Kopf auf seine übereinander geschlagenen Arme gelehnt, und wenn er aufblickte, verzerrte ein mürrisches, fast boshaftes Grinsen seine Gesichtszüge. Doch war ich überzeugt, daß seine verdrießliche Laune, seine Barschheit, seine früheren sittlichen Gebrechen (ich sage seine früheren Gebrechen, denn jetzt schien er sie bereits abgelegt zu haben) in irgend einem grausamen Schicksalsschlage ihren Ursprung hatten. Ich wußte, daß er von Natur aus bessere Neigungen und Grundsätze, reinere Gefühle besaß, als diejenigen, die sich durch Umstände entwickelt und in seine Erziehung eingeschlichen, die das Ge- schick in ihm großgezogen hatte; ich wußte, daß vortreffliches Material in ihm stack, wiewohl es augenblicklich etwas wirr und unordentlich durch einander lag. Ich kann es nicht läugnen, daß sein Kummer, worin er immer bestehen mochte, auch mich drückte und daß ich sehr viel darum gegeben hätte, ihn lindern zu können. Wiewohl ich nun mein Licht ausgelöscht hatte und im Bette lag, so konnte ich doch nicht einschlafen, sobald ich nur an jenen Blick dachte, den er mir zugeworfen, als er im Baumgang stehen blieb und sagte, sein Schicksal sey ihm erschienen und habe ihm Trotz geboten, sich je in Thornfield glücklich zu fühlen. Warum sollte er es nicht? frug ich mich selbst; was wendet ihn von dem Hause ab? Will er es bald wieder verlassen? Mrs. Fairfax erwähnte, er halte sich nie länger als vierzehn Tage auf einmal auf und nun weilt er hier bereits über acht Wochen. Wenn er geht, ist der Wechsel für mich ein schmerzlicher. Gesetzt, er wäre im Frühling, Sommer und Herbst nicht hier, wie so freudenlos erschienen mir, Sonnenschein und schönes Wetter! Ich weiß wirklich nicht, ob ich nach diesem Hin- und Hersinnen einschlief oder nicht; so viel ist gewiß, daß ich über ein unbestimmtes Geräusch erwachte, das, eigenthümlich und klagend, wie es mir vorkam, gerade über mir ertönte. Ich wollte, ich hätte das Licht brennen lassen: die Nacht war stockfinster, mir sank der Muth. Ich setzte mich im Bette auf und horchte. Die Laute schwiegen. Wieder versuchte ich es zu schlafen, allein mein Herz pochte ängstlich, meine Gemüthsruhe war gewichen. Die Glocke in der Halle schlug zwei Uhr. Da gerade schien es mir, als hätte Jemand an meiner Stubenthüre gerüttelt, als wären die Finger eines Vorübertappenden über die Thürflügel gefahren. Wer ist da? rief ich. Niemand antwortete. Todtenkälte rieselte mir durch die Gebeine. Plötzlich fiel mir ein, es könnte Pilot seyn, der, wenn die Küchenthüre zufällig offen blieb, nicht selten bis vor die Schwelle von Mr. Rochester's Stube hinauflief. Oft hatte ich ihn selbst des Morgens dort liegen sehen. Diese Idee beruhigte mich in etwas; ich legte mich wieder nieder. Stille beruhigt die Nerven und da augenblicklich eine durch nichts gestörte Ruhe im Hause herrschte, wollte ich eben wieder einschlafen. Doch im Buche des Schicksals stand es geschrieben, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum hatte sich ein Traumbild auf mich herniedergesenkt, als es sofort von einem, das Mark in den Beinen erstarren machenden Zwischenfalle entfloh. Es war dies ein leises, unterdrücktes, tiefes, geisterhaftes Lachen, das sich, wie es schien, gerade vor dem Schlüsselloche meiner Thür hören ließ. Der Kopf meines Bettes stand hart daran und anfänglich glaubte ich, der hohnlachende Dämon stehe neben meinem Bette oder hocke vielmehr auf meinem Kopfkissen: doch als ich aufstand und herumblickte, sah ich nichts; kaum verhielt ich mich jedoch wieder ruhig, als auch der unnatürliche Laut, und zwar diesmal ganz bestimmt hinter der Thüre, von neuem ertönte. Mein erster Gedanke war aufzustehen und den Riegel vorzuschieben, mein zweiter ein wiederholtes „Wer da?“ zu rufen. Irgend ein Wesen knurrte und seufzte laut auf. Darauf zog es sich im Gange gegen die Treppe zum dritten Stockwerk zurück. Eine Thüre war unlängst vor diese Treppe gemacht worden, die ich nun auf- und zugehen hörte, worauf wieder Alles ganz still wurde. War das Grace Poole und ist sie vom Teufel besessen? dachte ich. Unmöglich konnte ich allein bleiben: ich mußte zu Mrs. Fairfax gehen. Ich schlüpfte in meinen Rock, band ein Tuch um, schob den Riegel zurück und öffnete die Thüre mit zitternder Hand. Draußen im Gange sah ich ein Licht auf der Matte stehen; doch noch mehr überraschte es mich, daß mir eine dicke, wie mit Rauch gefüllte Luft entgegenkam, und während ich rechts und links um mich blickte, um die Ursache des Rauches zu entdecken, fuhr mir ein starker Brandgeruch in die Nase. Es krachte etwas, eine Thüre flog auf: es war diejenige von Mr. Rochester's Stube, aus welcher Wolken dichten Rauches herausströmten. Ich dachte nicht weiter an Mrs. Fairfax, an Grace Poole und ihr Gelächter: in einem Augenblicke war ich in der brennenden Stube. Flammenzungen umleckten das Bett, die Vorhänge brannten lichterloh. Mitten in Feuer und Rauch lag Mr. Rochester bewegungslos im tiefsten Schlafe. Auf! Auf! schrie ich und rüttelte ihn aus Leibeskräften; doch er murmelte etwas vor sich hin und drehte sich herum, der Rauch hatte ihn bereits betäubt. Kein Augenblick war zu verlieren, denn schon hatte sein Bettuch Feuer gefangen. Ich stürzte zum Waschbecken und Wasserkruge; glücklicherweise war das eine weit und der andere tief und beide bis an den Ran mit Wasser gefüllt. Ich nahm die Gefäße auf, übergoß das Bett und den Schläfer, flog in meine Stube zurück, brachte meinen eigenen Wasserkrug, leerte ihn ebenfalls aus und mit Gottes Hilfe gelang es mir das Feuer zu löschen. Das Zischen des bewältigten Elementes, das Zerbrechen des einen Kruges, den ich, nachdem ich ihn geleert, von mir geschleudert hatte, und mehr noch als dies Alles das plätschernde Sturzbad, welche ich ihm hatte reichlich angedeihen lassen, weckte endlich Mr. Rochester. Wiewohl es nun finster war, wußte ich doch, daß er nicht mehr schlief, denn ich hörte ihn ganz lästerlich fluchen, als er fand, daß er in einer Wasserpfütze lag. Ist eine Ueberschwemmung hereingebrochen? rief er. Nein, Sir, erwiederte ich; aber es hat hier gebrannt: stehen Sie auf, das Feuer ist nun gelöscht und ich will Ihnen sogleich ein Licht holen. Im Namen aller Elfen der Christenheit, ist das Jane Eyre? frug er. Was hatten Sie mit mir vor, Sie Hexe, Sie Zauberin? Wer ist außer Ihnen noch im Zimmer? Haben Sie sich verschworen, mich zu ersäufen? Ich will Ihnen Acht bringen. Sir; um des Himmels willen stehen Sie auf. Wohl hat sich irgend Jemand gegen Sie verschworen und Sie können nicht schnell genug ausfindig machen wer es ist. Da -- nun bin ich auf; doch holen Sie die Kerze noch nicht: warten Sie noch zwei Minuten, bis ich ein trockenes Kleidungsstück umthue, wenn ja eines zu finden ist. Doch ja, hier ist mein Schlafrock und nun laufen Sie. Ich rannte hinaus und brachte die Kerze, die noch immer am Gangestand. Er nahm sie mir aus der Hand, hielt sie in die Höhe und besah sich das Bett; Alles war schwarz und angebrannt, die Bettücher naß und rund herum am Boden standen Wasserpfützen. Was soll das und wer hat das gethan? frug er. Mit kurzen Worten berichtete ich ihm, was sich zugetragen: das wunderbare Gelächter in der Gallerie; die Schritte zur Treppe des dritten Stockwerkes; den Rauch, den Brandgeruch, der mich zu seinem Zimmer brachte; den Zustand, in welchem ich ihn gefunden und wie ich ihn mit allem vorhandenen Wasser begossen hatte. Er hörte sehr ernsthaft zu; sein Gesicht drückte im Verlaufe meiner Erzählung mehr Angst als Verwunderung aus; er sprach nicht sogleich, als ich geendet hatte. Soll ich Mrs. Fairfax rufen? frug ich. Mrs. Fairfax? Nein; -- warum, zum Guckguck, wollen Sie sie rufen? Was soll sie hier? Lassen Sie sie ruhig schlafen. Dann will ich Leah rufen und John und sein Weib wecken. Durchaus nicht: sind Sie stille. Sie haben ein Tuch um: ist Ihnen nicht warm genug, wickeln Sie sich noch in jenen Mantel ein und setzen Sie sich in jenen Armstuhl; so, ich will ihn Ihnen umthun helfen. Nun legen Sie Ihre Beine auf den Stuhl, damit Ihre Füße nicht naß werden. Ich verlasse Sie auf einige Minuten und nehme die Kerze mit. Bleiben Sie wo Sie sind, bis ich zurückkomme, und seyen Sie mäuschenstill. Ich muß dem zweiten Stockwerke einen Besuch abstatten. Erinnern Sie sich daran, daß Sie still seyn und Niemanden rufen sollen Er ging; meine Blicke folgten dem scheidenden Lichte. Er ging die Gallerie ganz leise entlang, öffnete die Treppenthüre so geräuschlos als möglich, zog sie hinter sich zu und der letzte Lichtstrahl verschwant. Ich blieb in gänzlicher Finsterniß zurück, und verlegte mich auf's Horchen, ohne etwas zu hören. Eine geraume Zeit verging. Ich wurde müde; trotz des Mantels war mir kalt und dann begriff ich nicht, warum ich hier warten sollte, wenn ich Niemanden wecken durfte. Ich war im Begriffe, Mr. Rochester's Ungnade auf mich zu laden, indem ich seinen Befehlen zuwider handelte, als das Licht wieder auf dem Gange erschien und die Tritte seiner bloßen Füße auf der Matte hörbar wurden. Ich hoffe er ist es und kein böser Geist, dachte ich. Sehr blaß, mit verstörtem Antlitz trat er in die Stube. Ich bin hinter Alles gekommen, sagte er, die Kerze auf den Waschtisch niederstellend; es ist so, wie ich mir's dachte. Was ist's also? Er gab keine Antwort, sondern blieb mit verschränkten Armen, den Blick zu Boden gerichtet, vor mir stehen. Nach wenigen Minuten hob er in einem sonderbaren Tone an: Ich vergaß ganz, Sie zu fragen, ob Sie Jemanden sahen, als Sie Ihre Stubenthüre öffneten? Nein, blos den Leuchter sah ich am Boden stehen. Doch Sie hörten ein sonderbares Lachen? Ein Lachen, das Sie schon früher einmal gehört hatten, wie ich glaube? Ja wohl! Hier im Hause ist ein Frauenzimmer, Namens Grace Poole -- sie pflegt auf diese Weise zu lachen. Es ist eine sonderbare Person. So ist's, Grace Poole. -- Sie haben es errathen. Sie ist, wie Sie sagen, eine sonderbare, sogar sehr sonderbare Person. Wohl, ich will mir die Sache überlegen. Indessen ist es mir sehr lieb, daß Sie außer mir die Einzige sind, welche von den Einzelnheiten des Ereignisses dieser Nacht Kenntniß hat. Sie sind keine alberne Plaudertasche; erwähnen Sie gegen Niemand etwas davon. Diesen Zustand der Dinge (auf das Bett weisend) will ich verantworten: und nun kehren Sie in Ihre Stube zurück. Ich werde den Rest der Nacht ganz bequem in der Bibliothek am Sopha zubringen. Es ist bald vier Uhr; -- in zwei Stunden ist die Dienerschaft auf. Nun denn, gute Nacht, Sir, sagte ich, mich entfernend. Er schien verwundert -- ganz ohne Grund, da er mich doch gehen geheißen. Wie! rief er, Sie verlassen mich schon und auf diese Weise? Sie sagten ja, ich möchte gehen. Doch nicht ohne Abschied zu nehmen, nicht ohne ein oder zwei Worte der Erkenntlichkeit, nicht in dieser trockenen, herzlosen Manier. Wie, Sie haben mir das Leben gerettet, -- mich einem schrecklichen, qualvollen Tode entrissen, -- und nun gehen Sie von mir, als hätten wir uns nie gekannt? So reichen Sie mir doch wenigstens die Hand! Er streckte mir seine Rechte entgegen, ich gab ihm die meine: er na hm sie zuerst in die eine, dann in seine beiden Hände. Sie haben mir das Leben erhalten, ich schätze mich glücklich, Ihnen so unendlich viel zu verdanken. Mehr kann ich nicht sagen. Kein anderes Geschöpf wäre mir als Gläubiger einer so großen Schuld leidlich: doch bei Ihnen ist es was Anderes; Ihre edle Handlung ist für mich keine Last, Jane! Er hielt inne, sah mich an, Worte, die ich fast lesen konnte, schwebten auf seinen Lippen, allein seine Stimme stockte. Und nun zum zweiten Male, gute Nacht, Sir. Es ist hier von keiner Schuld, edlen Handlung, Last oder Verbindlichkeit die Rede. Ich wußte es, Sie würden einmal auf irgend eine Art meine Wohlthäterin werden -- ich sah es Ihnen an den Augen an, als ich Sie zum ersten Male sah: ihr freundlicher Ausdruck -- (er stockte) -- ihr freundlicher Ausdruck (hastig fortfahrend) rief nicht umsonst ein so unaussprechliches Vergnügen im Innersten meines Herzens wach. Man spricht von natürlichen Sympathien; ich habe von guten Genien gehört -- selbst die unglaublichste Fabel enthält etwas Wahres. Meine theure Lebensretterin, gute Nacht! Seine Stimme ertönte in wunderbarer Kraft, seine Augen erglänzten in ungewohntem Feuer. Es ist ein bloßer Zufall, daß ich gerade wach war, sagte ich und schickte mich an, die Stube zu verlassen. Wie! Sie wollen doch gehen! Es ist mir kalt, Sir! Kalt? Wohl, und Sie stehen im Wasser. Gehen Sie, Jane, gehen Sie! Aber noch immer hielt er meine Hand fest und ich konnte mich nicht losmachen. Ein Ausweg fiel mir ein. Ich denke, ich höre Mrs. Fairfax kommen, sagte ich. Gut denn, verlassen Sie mich. Er ließ meine Hand fahren und ich ging. Ich suchte mein Lager wieder auf, doch war an Schlaf nicht zu denken. Bis zum grauen Morgen trieb ich mich auf hoher und stürmischer See herum, wo düstere Wogen mit freundlichem Wellengekräusel abwechselten. Zuweilen glaubte ich durch die getheilten Wasser die Küste zu sehen, schwellend wie die Hügel von Beulah; dann und wann trug mich ein prächtiger, von freudiger Hoffnung geweckter Wind im Triumph dem Gestade zu; doch konnte ich es nicht einmal in der Phantasie erreichen, -- eine widrige Luftströmung wehte vom Lande und trieb mich jedesmal vom Ufer ab, Der Verstand bekämpfte den Fieberwahn und drängte die Leidenschaft zurück. Zu fieberhaft erregt, um ruhen zu können, erhob ich mich mit Anbruch des Tages. Sechzehntes Capitel. Am Tage, der dieser schlaflosen Nacht folgte, wünschte: und fürchtete ich Mr. Rochester zu sehen: es war mir Bedürfniß, den Laut seiner Stimme zu hören, allein ich zitterte seinen Blicken zu begegnen. In den ersten Morgenstunden sah ich seinem Erscheinen jeden Augenblick entgegen es war zwar nicht seine ausgesprochene Gewohnheit, das Lehrzimmer zu betreten, allein zuweilen kam er doch auf ein paar Minuten hinein, und gerade an jenem Morgen glaubte ich ihn mit Gewißheit erwarten zu können. Allein der Morgen verging wie gewöhnlich: nichts unterbrach den ruhigen Verlauf von Adelens Lehrstunden; nur nach dem Frühstücke hörte ich einiges Geräusch in der Nähe von Mr. Rochester's Stube; Mrs. Fairfax's Stimme, diejenige Leah's, der Köchin -- Johns Frau und auch Johns rauhe Töne konnte ich unterscheiden. Was für ein Glück, hieß es, daß der Herr nicht im Bette verbrannte! Es ist immer gefährlich, des Nachts in der Schlafstube Licht zu brennen. -- Welche Fügung des Himmels, daß er noch Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken! -- Es ist merkwürdig, daß er Niemanden weckte. -- Wir wollen hoffen, daß er sich im Bibliothekzimmer auf dem Sopha nicht erkältet hat. Dem vielen Gerede machte eine gebieterische Stimme ein Ende, die zur Ruhe und Ordnung mahnte; und als ich, mich zum Mittagsessen hinunter begebend, bei der Stube vorüberkam, sah ich durch die offene Thür, daß Alles wieder hergerichtet war, bis auf die Bettvorhänge, die noch fehlten. Leah stand im Fenster und wusch die Scheiben, welche der Rauch ganz geschwärzt hatte. Ich wollte sie anreden, um zu erfahren, was für ein Bericht über das nächtliche Ereigniß im Hause die Runde machte. Doch als ich vorwärts trat, bemerkte ich eine zweite Person in der Stube -- ein Frauenzimmer, das in einem Armstuhle an der Bettstelle saß und Ringe an die neuen Vorhänge nähte. Es war Niemand Anderer als Grace Poole. Da saß sie ernst und schweigsam wie gewöhnlich; in ihrem braunstoffenen Kleide, der gewürfelten Schürze, mit dem weißen Taschentuche und der weißen Haube. Sie war in ihre Arbeit vertieft, die ihren ganzen Gedankenkreis in Anspruch zu nehmen schien; ihre rauhe Stirne, ihre alltäglichen Gesichtszüge zeigten nichts von der Blässe und Verzweiflung, die man im Gesichtsausdrucke eines Weibes er- wartet hätte, das einen Mord beabsichtigt, dessen erkorenes Opfer ihr die Nacht zuvor in die Kammer gefolgt war und sie dort des versuchten Verbrechens beschuldigt hatte. Ich war erstaunt, verwirrt. Sie blickte auf, während ich sie ansah: kein Zucken, kein Wechseln der Farbe verrieth Aufregung, Schuldbewußtseyn und die Furcht vor Entdeckung. Sie sagte ihr Guten Morgen, Miß, in ihrer gewöhnlichen kurzen und phlegmatischen Manier, nahm einen neuen Ring und ein neues Stück Band und fuhr fort zu nähen. Ich will sie doch einmal auf die Probe stellen, dachte ich, eine so gänzliche Verstocktheit übersteigt ja alle Begriffe. Guten Morgen, Grace, sagte ich. Was hat's denn gegeben? ich glaubte das Gesinde vor einer Weile über Etwas reden zu hören. Der Herr hatte in der Nacht im Bette gelesen; darüber schlief er ein, ließ die Kerze brennen und die Vorhänge fingen Feuer. Glücklicherweise erwachte er, bevor sich die Bettücher und das Holzwerk entzündeten, und es gelang ihm die Flamme mit dem Wasser aus dem Kruge zu löschen. Eine wunderliche Geschichte! sagte ich leise, und sie dann fest anblickend, fuhr ich fort: Hat Mr. Rochester Niemanden geweckt, hat ihn Niemand gehen hören? Wieder sah sie empor und diesmal glaubte ich das Bewußtseyn der Schuld in ihren Augen zu lesen. Sie schien mich sorgsam zu prüfen, dann antwortete sie: Die Dienstleute schlafen so weit entfernt, wie Sie wissen, sie konnten es nicht gut hören. Mrs. Fairfax's Stube und die Ihrige liegen am nächsten. Doch Mrs. Fairfax sagt, sie habe nichts gehört: wenn die Leute einmal älter werden, pflegen sie sehr fest zu schlafen. Sie hielt inne und versetzte dann mit einer Art angenommener Gleichgültigkeit, doch in einem ausdrucksvollen und bezeichnenden Tone: Doch Sie sind jung, Miß, und haben, wie ich glaube, einen leisen Schlaf; vielleicht hörten Sie irgend ein Geräusch? So ist's, sagte ich, meine Stimme dämpfend, daß mich Leah, die noch immer die Fenster putzte, nicht hören konnte. Anfangs dachte ich, es wäre Pilot, aber Pilot kann nicht lachen; und ganz gewiß hörte ich ein Lachen und was für ein merkwürdiges Lachen! Sie nahm einen neuen Faden, wichste ihn sorgfältig, fädelte ihre Nadel mit fester Hand ein und bemerkte dann mit vollkommenster Seelenruhe: Es ist kaum glaublich, daß der Herr gelacht hätte, da er in so großer Gefahr war, Miß; Sie müssen geträumt haben. Ich habe nicht geträumt, sagte ich mit Wärme: denn ihre eiserne Keckheit brachte mich auf. Und wieder maß sie mich mit demselben prüfenden und unsicheren Blicke. Sagten Sie es dem Herrn, daß Sie lachen hörten? fragte sie. Ich hatte keine Gelegenheit ihn diesen Morgen zu sprechen. Dachten Sie nicht daran, Ihre Stubenthür zu öffnen und auf den Gang hinaus zu sehen? fuhr sie fort. Sie schien mich ausforschen und mir, ohne daß ich es bemerkte, Geständnisse entlocken zu wollen: sofort kam mir der Gedanke, sie möchte mir am Ende, wenn sie bemerkte, daß ich ihre Schuld vermuthete, oder darum wüßte, irgend einen bösen Streich spielen; ich hielt es daher für rathsam auf meiner Hut zu seyn. Im Gegentheile, erwiederte ich, ich riegelt mich ein. Sie pflegen das also nicht jede Nacht zu thun, bevor Sie zu Bette gehen? Du Teufel! dachte ich im Stillen. Sie will meine Gewohnheiten wissen, um ihren Plan darnach ein richten zu können! Der Unwille siegte über die Klugheit und ich antwortete mit scharfer Betonung: Bisher vergaß ich häufig den Riegel vorzuschieben, ich hielt diese Vorsicht für unnöthig. Ich dachte nicht, daß in Thornfieldhall irgend eine Gefahr oder ein Anfall zu fürchten sey, doch von nun an (und ich hob diese Worte besonders hervor) werde ich nicht ermangeln, Alles sorgfältig zu verschließen, ehe ich mich niederlege. Daran werden Sie sehr wohl thun, lautete ihre Antwort. Die Nachbarschaft ist zwar sicher, so viel ich weiß und nie, seit ich im Hause bin, hörte ich von irgend einem Raubanfalle; wiewohl, wie Jedermann weiß, Hunderte von Pfunden nur allein an Silbergeschirr im Silberschranke liegen. und Sie sehen selbst, wie gering die Anzahl der Dienstleute für das große Haus ist, eben weil sich unser Herr nie lange hier aufhielt, und wenn er auch kömmt, so braucht er, als Junggeselle, nur geringe Aufwartung. Ich für meinen Theil denke, man kann nie sicher genug gehen, eine Thüre ist bald verschlossen und es ist jedenfalls besser man schiebt einen Riegel zwischen sich und mögliche Gefahren. Viele Leute, Miß, verlassen sich ganz und gar auf die Vorsehung; aber ich sage, die Vorsehung enthebt uns der eigenen Vorsicht nicht, wiewohl sie dieselbe oft zum Segen und Gedeihen wendet, wenn man sie mit Klugheit braucht. Sie schloß diese für sie ungewöhnlich lange, mit der Demuth einer Quäkerin vorgebrachte Rede. Wie vom Donner gerührt stand ich vor ihr, sprachlos über diese mir wunderbar scheinende Selbstbeherrschung und unergründliche Verstellung, als die Köchin eintrat. Mrs. Poole, begann sie zu Grace gewendet, das Essen für die Dienstleute wird bald angerichtet seyn; wollen Sie hinunter kommen? Nein, stellen Sie nur meine Halbe Porter und ein Stückchen Pudding auf einen Träger, ich will mir's schon holen. Wollen Sie Fleisch dazu? Blos einen Bissen und einen Brocken Käse, das ist Alles. Und was soll's mit dem Sago? Ach, lassen Sie das; ich komme ohnedies noch vor dem Thee hinab; ich werde mir ihn selbst anrichten. Die Köchin wandte sich nun zu mir und sagte, Mrs. Fairfax erwarte mich; ich ging. Bei Tische hörte ich Mrs. Fairfax's Erzählung vom Zimmerbrande nur mit halben Ohren an, so sehr beschäftigte mich Grace Poole's unerforschlicher Charakter, noch mehr aber das Räthselhafte ihrer Stellung in Thornfield und der Umstand, daß man sie nicht sofort am Morgen gefangen setzte oder doch wenigstens des Dienstes entließ. Fast mit Bestimmtheit hatte Mr. Rochester in der Nacht seine Ueberzeugung von ihrer Schuld erklärt; welche geheimnißvolle Ursache hinderte ihn sie anzuklagen? Warum trug er mir ein unverbrüchliches Stillschweigen auf? Man konnte sich nicht leicht etwas Sonderbareres denken; ein muthiger, rachsüchtiger und stolzer Edelmann schien irgendwie in die Gewalt seiner letzten Dienstmagd gegeben, und so ohne alle Waffen, daß sie es wagen durfte, ihm nach dem Leben zu trachten, ohne daß er daran dachte, sie öffentlich anzuklagen, viel weniger der strafenden Hand der Gerechtigkeit zu überliefern. Wäre Grace jung und schön gewesen, hätte ich in die Versuchung kommen können, zu glauben, Mr. Rochester's Handlungsweise sey -- durch andere Gefühle als Klugheit und Furcht bestimmt worden; doch bei ihrem unangenehmen Aeußern und ihrem vorgerückteren Alter konnte eine solche Idee nicht zu Platz greifen. Und doch, überlegte ich, war sie einmal jung und mag jetzt mit Mr. Rochester in gleichem Alter stehen. Mrs. Fairfax sagte mir, sie wohne schon viele Jahre im Schlosse. Ich glaube nicht, daß sie jemals hübsch war. doch besitzt sie vielleicht Originalität und Charakterstärke, die für den Mangel persönlicher Anmuth entschädigen. Mr. Rochester ist ein Liebhaber des Kräftigen und Excentrischen und das Letztere ist Grace gewiß in hohem Grade. Wie, wenn eine frühere Liebschaft (bei einer so wetterwendischen und starrsinnigen Natur wie die seinige ein sehr möglich er Fall) ihn in ihre Hände geliefert hätte, so daß sie nun in Folge seiner Unbesonnenheit auf seine Handlungen einen geheimen Einfluß ausübt, den er nicht zurückweisen, nicht mißachten darf? Allein bei diesem Theile meiner Vermuthung angelangt, trat mir Mrs. Poole untersetzte, ordinäre Figur, ihr widriges, verwittertes, ja gemeines Gesicht so deutlich vor die Augen, daß ich zu mir selbst sagte: Nein, nicht möglich! Meine Vermuthung kann nicht richtig seyn. Und doch, rief mir die Stimme meines Herzens zu: bist auch Du nichts weniger als schön und vielleicht ist Dir Mr. Rochester dennoch geneigt. Wenigstens kam es Dir oft so vor, als wenn dies der Fall wäre, und die vorige Nacht - erinnere Dich seiner Worte, seiner Blicke, des Tones seiner Stimme. Wohl war mir Alles frisch im Geächtniß: Sprache, Blick und Stimme schwebten mir lebhaft vor. Ich befand mich gerade im Lehrzimmer; Adele zeichnete: ich neigte mich über sie und führte ihr die Bleifeder. Zu mir emporblickend fuhr sie ordentlich zurück. Qu'avez -- vous, Mademoiselle? versetzte sie. Vos doigts tremblent comme la feuille et vos joues sont rouges, mais rouges comme des cerises. Es ist mir warm vom Niederbücken, liebe Adela! Sie fuhr in ihrer Zeichnung, ich in meinem Nachdenken fort. Ich gab mir alle Mühe, die verhaßte Vorstellung, die ich wegen Grace Poole gefaßt, zu vertreiben, sie machte mich gar so verdrießlich. Ich verglich mich mit ihr und fand, wie verschieden wir wären. Bessie Leaven hatte gesagt, ich wäre eine gemachte Dame und sie hatte Recht, ich war es in der That. Und zudem sah ich jetzt viel besser aus, als damals, wo mich Bessie zu Gesichte bekam: ich hatte eine bessere Farbe und mehr Fleisch, mehr Leben, mehr Feuer, da sich mir schönere Aussichten eröffneten und mir mehr Unterhaltung zu Gebote stand. Der Abend naht, sagte ich, zum Fenster blickend. Den ganzen Tag über habe ich weder Mr. Rochester's Stimme noch seine Tritte vernommen, doch gewiß werde ich ihn heute noch zu sehen bekommen. Heute Morgen sah ich dieser Begegnung mit Furcht entgegen, nun wünsche ich sie herbei, denn meine Erwartung wurde so oft getäuscht, daß sie nun ungeduldig ist. Meine Sehnsucht erreichte den höchsten Grad, nachdem die Dämmerung wirklich hereingebrochen war, und mich Adela verlassen hatte, um in der Kinderstube mit Sophien zu spielen. Ich horchte ob unten die Klingel ertönte, ob Leah mit einer Botschaft käme z zuweilen bildete ich mir ein, Mr. Rochester's Schritte zu hören und sah nach der Thür, in der Erwartung sie öffnen und ihn eintreten zu sehen. Doch die Thür blieb geschlossen und nur die nächtliche Finsterniß kam durch's Fenster herein. Doch war es noch nicht so spät, sehr oft ließ er mich noch um sieben oder acht Uhr kommen und jetzt war es erst sechs Uhr. Wie könnte ich heute Abends umsonst gehofft haben, wo ich ihm so viel zu sagen hatte? Ich wollte vor Allem Grace Poole zum Gegenstande des Gespräch es machen und hören, was er darauf antworten würde; ich hatte die Absicht, ihn geradezu zu fragen, ob er fest überzeugt wäre, daß sie die Thäterin des scheußlichen Mordversuches sey, und wenn er es bejahte, warum er ihr Verbrechen mit dem Schleier des Geheimnisses bedecke? Es kümmerte mich dann wenig, ob ihn meine Neugierde aufbrachte, es machte mir stets ein besonderes Vergnügen, ihn abwechselnd ärgern und wieder besänftigen zu können und ich wußte darin gut Bescheid: ein sicherer Instinct hinderte mich zu weit zu gehen, nie wagte ich mich über die Grenze hinaus und es war meine größte Freude, auf der äußersten Linie angelangt, meine Geschicklichkeit versuchen zu können. Bei aller achtungsvollen Entfernung, wie sie meine Stellung mit sich brachte, konnte ich dennoch seine Ansichten ohne Furcht oder Zwang bekämpfen, was sowohl ihm als auch mir behagte. Endlich ließen sich Tritte von der Treppe her vernehmen; Leah erschien, doch nur um mir anzuzeigen, der Thee erwartete mich in Mrs. Fairfax's Stube. Ich begab mich dahin, froh, doch wenigstens die Treppe hinab gehen zu können, denn das brachte mich ja, so bildete ich mir ein, Mr. Rochester näher. Wollen Sie keinen Thee nehmen? rief mir die gute Dame freundlich entgegen; Sie aßen heute so wenig zu Mittag. Ich fürchte ordentlich, daß Sie krank sind, Sie sehen so geröthet und fieberhaft aus. Oh, ich bin ganz gesund! Nie fühlte ich mich wohler. Dann beweisen Sie es dadurch, daß Sie einen guten Appetit an den Tag legen; wollen Sie die Theekanne füllen, indeß ich diese Nadel abstricke? Mit ihrer Aufgabe fertig geworden, stand sie auf und schloß die Fensterläden, die sie bis jetzt offen gelassen, wahrscheinlich um das Tageslicht so lange als möglich zu genießen, wiewohl sich inzwischen die Dämmerung in nächtliche Finsterniß verwandelt hatte. Es ist heute Abend schönes Wetter, sagte sie, durch die Fensterscheiben blickend, obgleich nicht sternenhell; Mr. Rochester hatte im Ganzen einen sehr günstigen Tag für seine Reise. Seine Reise! -- Ist Mr. Rochester verreist? Ich wußte ja gar nicht, daß er weg wäre! O, er fuhr gleich nach dem Frühstück fort. Er ist nach Leas gefahren, Mr. Eshton's Gut, zehn Meilen jenseits Millcote; ich glaube es ist dort eine ganze Gesellschaft beisammen: Lord Ingram, Sir George Lynn, Obrist Dent und Andere. Erwarten Sie ihn heute Nacht zurück? Nein -- morgen eben so wenig; ich glaube er wird eine Woche ganz wegbleiben, wenn nicht länger; wenn diese vornehmen Leute zusammenkommen, ist Alles so voll Eleganz und Fröhlichkeit, so bemüht einander zu gefallen und zu unterhalten, daß kaum ans Fortgehen gedacht wird. Die Herren namentlich sind bei solchen Gelegenheiten ein sehr gesuchter Artikel und Mr. Rochester ist so begabt, so lebhaft in Gesellschaft, daß er, wie ich glaube, von Allen auf den Händen getragen wird; die Damen sind ihm besonders gut, wiewohl Sie dies, seinem Aeußern nach zu schließen, kaum glauben würden; wahrscheinlich ersetzen seine Talente und Kenntnisse, vielleicht auch sein Reichthum und gute Abkunft alle diese kleinen Mängel. Gibt's in Leas auch Damen? Wohl; da ist Mrs. Eshton mit ihren drei Töchtern, sehr eleganten jungen Fräulein; dann die schönen Ladies Ingram, Blanche und Mary Ingram; die erstere sah ich vor sechs oder sieben Jahren, wo sie etwa achtzehn Jahre zählte. Sie war zu Weihnachten hier bei einem Gesellschaftsballe, den Mr. Rochester gab. Sie hätten das Speisezimmer an jenem Tage sehen sollen -- wie reich es geschmückt, wie glänzend es erleuchtet war! Ich denke es waren an fünfzig Herren und Damen zugegen -- sämmtlich den ersten Familien der Grafschaft angehörig; und Miß Ingram war die Königin des Festes. Sie sahen Sie, Mrs. Fairfax? Ist sie in der That so schön? Wohl sah ich sie. Die Flügelthüren des Speisesaales standen offen; und da es Weihnachtszeit war, erhielten sämmtliche Dienstleute die Erlaubniß, in der Halle zusammenzukommen und zuzuhören, wie einige Damen sangen und Musik machten. Mr. Rochester lud mich ein, in den Saal zu treten, und ich setzte mich in einen Winkel, von wo aus ich meine Beobachtungen anstellte. Nie hatte ich wohl einen glänzenderen Anblick; die Damen waren prachtvoll gekleidet; die meisten -- wenigstens die jüngeren -- waren schön, allein Miß Ingram war doch sicherlich die Krone von Allen. Und wie sah sie aus? Schlank, eine schöne Büste, runde Achseln, ein langer graziöser Hals, die Hautfarbe dunkel, aber rein und durchsichtig, edle Gesichtszüge, Augen, wie Mr. Rochester's seine, groß und schwarz, ihre Juwelen an Glanz überstrahlend. Und dazu die schönen rabenschwarzen Haare, geschmackvoll geordnet, hinten einer Krone von dichten Flechten, vorne die schönsten, glänzendsten Locken, die ich je zu sehen bekam. Sie war ganz weiß angezogen; eine bernsteinfarbene Schärpe deckte ihre Schultern, ging über die Brust herab und fiel, an der Seite geknüpft, in langen mit Fransen besetzten Enden über die Kniee. Eine einzelne Blume von gleicher Farbe steckte in ihrem Haare; sie bildete einen geschmackvollen Contrast mit den dichten, ebenholzschwarzen Locken. Natürlich wurde sie sehr bewundert? Gewiß, und nicht allein ihrer Schönheit, sondern auch ihrer Talente wegen. Sie war eine der Damen, welche sangen, ein Herr begleitete sie auf dem Piano. Zuletzt trug sie mit Mr. Rochester ein Duett vor. Mit Mr. Rochester? Ich wußte ja gar nicht, daß er auch singen kann. Ei, er hat eine sehr schöne Baßstimme und sehr viel Sinn für Musik. Und was hat Miß Ingram für eine Stimme? Eine sehr volle und klangreiche; sie sang köstlich, es war ein Vergnügen sie zu hören; -- später spielte sie auch Pianoforte. Ich bin keine Kennerin, allein Mr. Rochester verseht sich darauf, und er sagte, sie habe das Instrument vollkommen in ihrer Macht. Ist diese schöne, mit allen Vollkommenheiten ausgerüstete Dame noch ledig? So glaube ich wenigstens. So viel ich weiß, sind die beiden Schwestern keineswegs reich. Die Güter des alten Lord Ingram sind meistens Majorate und gelangten daher fast alle an den ältesten Sohn. Es wundert mich aber, daß sich noch kein reicher Edelmann um sie beworben hat, wie z. B. Mr. Rochester. Er ist doch reich, nicht wahr? Ja freilich! Allein, sehen Sie, der Unterschied in Alter ist zu groß; Mr. Rochester zählt nahe an vierzig, sie erst fünfundzwanzig Jahre. Was hat das zu sagen? Tagtäglich werden noch viele ungleichere Ehen geschlossen. Wohl wahr; doch glaube ich kaum, daß Mr. Rochester an eine solche Verbindung denkt. -- Aber Sie genießen ja gar nichts; Sie haben ja kaum einen Bissen gegessen. Ich bin zu durstig, um essen zu können. Wollen Sie mir eine Tasse Thee einschenken? Ich wollte auf die Wahrscheinlichkeit einer Partie, zwischen der schönen Blanche und Mr. Rochester wieder zurückkommen; allein Adela trat in die Stube und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Als ich endlich spät Abends allein war, musterte ich die erhaltenen Aufklärungen durch, blickte in mein Herz, prüfte meine Gedanken und Gefühle und bemühte mich, sie, die im unbegrenzten Gebiete der Einbildungskraft herum schweiften, den, rechtmäßigen Herrschaft der gesunden Vernunft wieder zuzuführen. Vor meinen Richterstuhl geladen, gab die Erinnerung Beugniß von den Hoffnungen, Wünschen. Gefühlen. die ich seit der vergangenen Nacht im Busen hegte -- von dem Bustande meines Innern im Allgemeinen, wie er sich in den letzten zwei Wochen gestaltet; und als darauf die Vernunft in ihrer ruhigen Weise den wahren Sachverhalt ungeschminkt aufgeklärt und berichtet hatte, wie ich die Wirklichkeit so schnöde zurückgewiesen und die Phantasie an ihrer Statt hatte ungehindert walten lassen, erkannte ich zu Recht: daß nie ein einfältigeres Geschöpf als Jane Eyre die Luft dieser Welt eingeathmet, daß sich nie eine phantastischere Thörin mit angenehmeren Lügen gefoppt und tödtliches Gift so gierig verschluckt habe, als wäre es reiner Nektar. Du, sagte ich mir, Mr. Rochester's Liebling? Du wärest im Stande ihm zu gefallen? Du liegest ihm irgendwie am Herzen? Geh, deine Dummheit flößt mir Ekel ein, und Du konntest Vergnügen finden an gelegentlichen Beweisen von Hinneigung, an zweideutigen Beweisen von einem Adeligen, einem Weltmanne Dir, einer Untergebenen, einer unerfahrenen Person gegeben? Wie konntest Du es nur wagen, arme, alberne Getäuschte? -- Konnte Dich nicht dein eigenes Interesse klüger machen? Noch diesen Morgen gingst Du im Gedächtniß die kurze Scene der verflossenen Nacht durch; bedecke dein Gesicht und schäme Dich! Er sagte einige Worte zum Lobe deiner Augen, nicht wahr? Blinde, eitle Närrin! Thue sie auf und betrachte deine gänzliche Hirnlosigkeit! Welchem Weibe wäre es zum Vortheil, wenn ihr der Gebieter Schmeicheleien sagt, der sie unmöglich heirathen kann, und Thorheit ist es, eine geheime Leidenschaft zu nähren, die, ungeahnt und unerwiedert, das Leben verzehrt, dem sie ihre Nahrung verdankt und wenn sie erkannt und getheilt wird, einem Irrlichte gleich in unabsehbare Sümpfe führen muß. aus denen es keinen Ausweg gibt! Und nun, Jane Eyre, höre dein Urtheil: morgen stellst Du einen Spiegel der Dich und zeichnest dein getreues Bildniß mit der Bleifeder; Du vertuschest keinen Fehler, vergissest keinen häßlichen Zug, lässest keine unangenehme Unregelmäßigkeit weg und darunter schreibst Du die Worte: Bildniß einer armen, häßlichen Erzieherin von niedriger Herkunft. Dann nimmst Du eine Platte glattes Elfenbein -- Du hast eine solche unter deinen Zeichengeräthen -- mischest deine frischesten, feinsten, hellsten Farben, suchst den zartesten Kamehlhaarpinsel aus, entwirfst mit Sorgfalt das liebliche Gesicht, das Du Dir nur denken kannst, und malst es nach Mrs. Fairfax’s Beschreibung von Blanche Ingram in den zartesten Abwechslungen von Licht und Schatten; vergiß die Rabenlocken und das orientalische Auge nicht; wie, Du willst Mr. Rochester's Auge zum Modell nehmen? Zur Ordnung! Keine Thränen! -- keine Empfindeleien! -- kein Bedauern! Nur Vernunft und Entschlossenheit kann ich zugeben. Erinnere Dich der edlen, doch harmonischen Gesichtszüge, des schönen Halses, vereleganten Büste; laß den runden, weißen Arm hervortreten, so wie die zarte Hand; übersieh weder Ringe noch Armspangen; male naturgetreu den Anzug, die luftige Taille, die schimmernde Seide, die anmuthig umgeworfene Schärpe und die goldene Rose; die Ueberschrift sey: -- Blanche, eine vollendete Dame von Rang. Sollte Dir dann künftighin wann immer der Gedanke kommen, Mr. Rochester sey Dir gut, dann suche die beiden Bilder hervor, vergleiche sie und sprich: Mr. Rochester kann, wenn er nur will, um die Liebe dieser edlen Dame werben; ist es nun wahrscheinlich, daß er für jene arme, unbedeutende Plebejerin einen ernsten Gedanken zu verlieren hat? Ich will es thun, beschloß ich, und nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde ich ruhig und schlief ein. Ich hielt Wort. Ein oder zwei Stunden genügten, mein Porträt zu skizziren und in weniger als vierzehn Tagen hatte ich das Miniaturbild einer eingebildeten Blanche Ingram vollendet. Es sah lieblich genug aus und im Vergleich mit der Kreidenzeichnung nach der Natur zeigte sich ein so großer Contrast, als ihn nur immer die Selbstprüfung wünschen konnte. Die Durchführung dieser Aufgabe war für mich sehr heilsam: sie hatte meine Hände und meinen Geist beschäftigt und den neuen Eindrücken, die ich meinem Herzen unauslöschlich einprägen wollte, Haltbarkeit und Stärke verliehen. Nur zu bald hatte ich Ursache mir zu der heilsamen Umwandlung, der ich meine Gefühle unterzogen hatte, Glück zu wünschen; nur ihr hatte ich es zu danken, daß ich spätere Ereignisse mit gebührender Seelenruhe hinnehmen konnte, die, hätten sie mich unvorbereitet getroffen, mich wahrscheinlich nicht blos geistig, sondern auch körperlich vernichtet hätten. Siebenzehntes Capitel. Eine Woche verging und Mr. Rochester ließ nichts von sich hören; zehn Tage verflossen und noch immer kam er nicht. Mrs. Fairfax sagte, es würde sie gar nicht Wunder nehmen, wenn er am Ende von Leas geradezu nach London gegangen wäre, um sich von dort aus auf den Continent zu begeben und Thornfield wenigstens für ein ganzes Jahr den Rücken zu kehren; denn schon oft hatte er es eben so plötzlich und unerwartet verlassen. Als ich dies hörte, war es mir ganz eigen ums Herz und Frost durchrieselte meine Glieder. Fast hätte ich dem schmerzlichen Gefühle getäuschten Erwartung Raum gegeben; doch nahm ich bei Zeiten meine Sinne zusammen, erinnerte mich meines Entschlusses und brachte sofort meine Empfindungen ins Gleichgewicht, und es war in der That wunderbar, wie ich dieser augenblicklichen Bewegung Herr wurde und den Gedanken entfernte, als ginge mich Mr. Rochester's Thun und Treiben auch nur, im geringsten etwas an. Nicht als hätte ich mich durch eine sclavische Vorstellung meiner Unterordnung gedemüthigt, nein, im Gegentheile sagte ich zu mir: Du hast mit dem Besitzer von Thornfield weiter nichts zu thun, als einen Gehalt dafür zu empfangen, daß Du seinen Schützling erziehst, und ihm für diejenige achtungsvolle und freundliche Behandlung dankbar zu seyn, die Du von seiner Seite mit Recht beanspruchen kannst, sobald Du deine Pflicht erfüllst. Sey versichert, daß dies das einzige Band zwischen Dir und ihm ist, dessen Bestehen er anerkennt; mache ihn also nicht zum Gegenstande deiner zärtlichen Gefühle, deiner Verzückungen, deines Herzeleids u. s. w. Er ist nicht deinesgleichen, tritt nicht aus deinem Stande heraus und achte Dich selbst zu hoch. um dein Herz, deine Seele, alle deine Kräfte in einer Neigung zu verschwenden, nach der man kein Verlangen trägt, die man vielleicht verachtet. Ich verrichtete mein Tagewerk in aller Ruhe; doch dann und wann beschlichen mich Einflüsterungen von Vernunftgründen, denen nach ich Thornfield verlassen sollte, und unwillkürlich setzte ich in Gedanken Zeitungsankündigungen auf und dachte an die Möglichkeit eine neue Stelle zu finden; diesen Vorstellungen nun ließ ich freies Spiel; immerhin konnten sie keimen, wachsen und wenn möglich Früchte tragen. Bereits war Mr. Rochester vierzehn Tage abwesend, als eines Morgens ein Brief an Mrs. Fairfax anlangte. Von unserem Herrn, sagte sie mit einem Blicke auf die Adresse. Nun werden wir wohl erfahren, ob er zurück kömmt oder nicht. Während sie das Siegel erbrach und das Schreiben durchlas. trank ich meinen Kaffeh (wir waren eben beim Frühstück), er war sehr heiß und diesem Umstande schrieb ich es zu, daß mir eine glühende Röthe ins Gesicht stieg. Warum jedoch meine Hand zitterte, daß ich die halbe Tasse voll verschüttete, dafür wußte ich keinen Grund anzugeben. Je nun -- zuweilen denke ich, es gehe bei uns zu ruhig her; doch jetzt scheint mir's sind wir nahe daran für eine Weile wenigstens vollauf zu thun zu haben, sagte Ms. Fairfax. den Brief von allen Seiten durch ihr Augenglas musternd. Bevor ich mir sie Freiheit nahm sie um eine nähere Erklärung zu bitten, band, ich Adelens Schürze fest, die gerade lose war, und nachdem ich ihr ein Stückchen Kuchen gereicht und auch ihre Schale mit frischer Milch gefüllt hatte, frug ich so unbefangen als möglich: Mr. Rochester kommt wohl noch nicht so bald zurück? Sogar sehr bald -- in drei Tagen, wie er sagt, das ist nächsten Donnerstag und zwar in Gesellschaft. Ich weiß indessen nicht, wie viele von den vornehmen Leuten von Leas mitkommen: er trägt mir nur auf, alle Schlafzimmer in Bereitschaft zu halten, die Bibliothek und die Gesellschaftszimmer zu reinigen und Köchinnen und Köche von Millcote und von wo immer herkommen zu lassen; die Damen bringen ihre Mädchen und die Herren ihre Diener mit; wir werden also wohl das ganze Haus voll haben. Und Mrs. Fairfax verschlang ihr Frühstück und eilte hinweg, um ihre Maßregeln zu treffen. Die drei Tage waren, wie sie es vorhergesagt hatte, voll Arbeit. Ich hatte mir immer vorgestellt, die Zimmer des Herrenhauses wären alle sehr rein und in Ordnung; doch schien ich mich geirrt zu haben. Drei Weiber wurden zur Aushilfe aufgenommen und nun folgte ein Scheuern, Bürsten, Waschen, Teppichklopfen, Abnehmen und Aufhängen von Gemälden, Putzen von Spiegeln und Kronleuchtern, ein Feueranmachen in den Schlafzimmern und Auslüften der Federbetten, wie ich es nie, weder zuvor, noch nachher gesehen hatte. In der Mitte dieses Aufruhrs rannte Adela wie wild herum; die Empfangsvorbereitungen und die Aussicht auf Gesellschaftsabende schienen sie in Extase zu bringen. Sie veranlaßte Sophien ihre toilettes, wie sie ihre Kleider nannte, zu mustern, diejenigen, die passees wären, aufzufrischen, und die neuen zu putzen und zu plätten. Sie selbst that nichts, als in den Vorderstuben herumrennen, auf die Bettstellen hinauf und wieder hinunter springen, und auf den Matratzen und aufgethürmten Kopfpölstern vor den ungeheuern Feuern in den Camin en herum liegen. Vom Lernen war sie frei, denn Mrs. Fairfax hatte mich zu ihrem Dienste gepreßt und ich stack den ganzen Tag in der Vorrathskammer, um ihr und der Köchin zu helfen oder besser gesagt sie zu hindern, um Pasteten und Käsekuchen und französisches Backwerk anfertigen, Wildpet anrichten und Dessertschüsseln garniren zu lernen. Wir erwarteten die Gesellschaft am Donnerstage Nachmittag um sechs Uhr zu Tische. Während der Zwischenzeit hatte ich nicht Muße mir Gedanken zu machen und ich glaube, ich war so munter und geschäftig wie alle Anderen, Adela ausgenommen. Nur von Zeit zu Zeit trübte ein unbekanntes Etwas meine Heiterkeit und drängte mich trotz aller Anstrengung in die Region der Zweifel, der schlimmen Ahnungen und der traurigen Vermuthungen zurück. Es geschah dies besonders dann, wenn ich die Thür der Treppe zum dritten Stockwerke (die in der letzten Zeit immer verschlossen blieb) sich langsam öffnen und Grace Poole in weißer Haube, weißer Schürze und weißem Halstuch herauskommen sah; wenn ich sie über den Gang schleichen hörte, die Schritte fast unhörbar gemacht durch ihre ausgetretenen Schlafschuhe; wenn ich bemerkte, wie sie in die unaufgeräumten Stuben guckte -- vielleicht dann und wann einem der Waschweiber über das Reinigen eines Rostes oder eines marmornen Caminsimses oder über das Wegbringen der Flecke von den Papiertapeten einige Worte sagte und dann weiter ging. Einmal des Tages pflegte sie in die Küche zu kommen, dort ihr Mittagsessen zu verzehren, eine mäßig große Pfeife am Herde zu rauchen und dann mit ihrem Kruge Porterbier zu verschwinden, den sie zu ihrem Privatvergnügen in ihren Schlupfwinkel hinauf trug. Von den vierundzwanzig Stunden des Tages brachte sie nur diese eine unter den übrigen Dienstleuten zu; die ganze übrige Zeit verlebte sie in einer niedrigen, mit Eichenholz getäfelten Stube des zweiten Stockwerkes: dort saß und nähte sie -- und lachte wohl auch unheimlich in sich hinein -- so einsam, wie ein Gefangener in seinem Kerker. Das Wunderbarste jedoch war, daß, mich allein ausgenommen, keine Seele im ganzen Hause ihre sonderbare Lebensweise zu bemerken und sich darüber zu verwundern schien. Niemand sprach über ihre Stellung und Beschäftigung im Haushalte, Niemand bedauerte sie wegen ihrer Abgeschiedenheit und Einsamkeit. Eines Tages hörte ich indessen zufällig ein Gespräch zwischen Leah und einem der Waschweiber, dessen Gegenstand Grace Poole war. Leah sagte Etwas, was ich nicht vernahm, worauf die Scheuerfrau bemerkte: Sie bekömmt einen sehr guten Lohn, glaub' ich? Und ob! erwiederte Leah; ich wollte der meine wäre eben so hoch: nicht daß ich Ursache zu klagen hätte, denn man ist in Thornfield nichts weniger als filzig, allein mein Lohn beträgt kaum den fünften Theil desjenigen, den Mrs. Poole erhält. und sie legt Geld bei Seite: alle Vierteljahre geht sie in die Bank von Millcote. Ich bin überzeugt, sie hat sich genug erspart, um unabhängig leben zu können, wenn sie nur von hier fort wollte; aber ich glaube, sie ist an ihren Platz zu sehr gewöhnt und dann ist sie noch nicht vierzig Jahre alt und stark und fähig genug zu jeder Arbeit. Es wäre für sie noch zu früh, bas Geschäft aufzugeben. Sie arbeitet gut, denk' ich, sagte die Waschfrau. Ah! sie versteht ihre Sache, wie Niemand, erwiederte Leah in bedeutsamer Weise; und ihren Platz könnte nicht leicht eine Andere ausfüllen, nicht für all das Geld, das sie bekömmt. Das ist's nicht! war die Antwort. Ich möchte nur wissen ob der Herr -- Die Frau wollte fortfahren; doch Leah, die sich umgedreht und mich bemerkt hatte, gab ihr sofort einen Wink. Weiß sie's denn nicht? hörte ich das Waschweib flüstern. Leah schüttelte den Kopf und das Gespräch hatte natürlich ein Ende. Alles was ich daraus entnommen, beschränkte sich darauf, daß es ein Geheimniß in Thornfield gab, von dessen Mitwissenschaft man mich absichtlich ausschloß. Der Donnerstag war da und alle Arbeit den Abend zuvor fertig geworden; Teppiche deckten den Boden, die Bettvorhänge prangten im schönsten Faltenwurf, blendendweiße Bettdecken schmückten die Lagerstätten. Auch die Ankleidetische waren in Ordnung, die Möbeln frisch politirt und Blumen in den Vasen aufgespeichert; die Stuben und Salons sahen so neu und glänzend aus, als sie es nur immer durch Menschenhände werden konnten Auch die Halle war gescheuert und selbst die geschnitzte Wanduhr und die Stufen und Geländer der Treppen glänzten blank wie Spiegel; der Schenktisch im Speisesaale schimmerte von Silbergeschirr und im Besuchszimmer und dem Boudoir verbreiteten erotische Pflanzen ihren Duft. Es war Nachmittag: Mrs. Fairfax zog ihr schönstes schwarzes Seidenkleid und Handschuhe an und hing ihre goldene Uhr um; denn ihr kam es zu, die Gesellschaft zu empfangen, die Damen in ihre Gemächer zu geleiten und dergleichen mehr. Auch Adela wollte sich in Staat werfen, wiewohl sie meiner Ansicht nach wenig Hoffnung hatte, den Gästen, wenigstens an diesem Tage, vorgeführt zu werden. Um ihr indessen die Freude nicht zu verderben, erlaubte ich Sophien ihr eines ihrer faltigen Mousselinkleider anzulegen. Was mich selbst anbelangt, so hatte ich es nicht nöthig Toilette zu machen; jedenfalls brauchte ich das Allerheiligste des Schulzimmers nicht zu verlassen; denn ein Tabernakel war es jetzt für mich ein trauter Zufluchtsort in trüben Zeiten. Ein mildes, heiteres Frühlingswetter, wie es gegen Ende März oder Anfangs April als freundlicher Vorbote des Sommers die Erde zu verjüngen pflegt, hatte den ganzen Tag über geherrscht und noch jetzt, da die Nacht schon hereinbrach, war es so warm, daß ich im Lehrzimmer mit meiner Arbeit am offenen Fenster sitzen konnte. Es wird spät, sagte Mrs. Fairfax im größten Putz ins Zimmer tretend. Es ist mir lieb, daß ich das Essen eine Stunde später bestellte, als Mr. Rochester es anordnete: denn es ist nun sechs Uhr vorüber. Ich habe John zum Gitterthore hinunter geschickt, um nachzusehen ob Jemand die Straße heraufkommt; man kann von dort aus beinahe den ganzen Weg bis Millcote überblicken. Sie ging zum Fenster. Da ist er, rief sie. Nun John, (sich hinauslehnend) was gibt's Neues? Sie kommen, Madame, war die Antwort, in zehn Minuten sind sie hier. Adela flog zum Fenster. Ich folgte und trug Sorge, mich so zu stellen, daß ich, vom Vorhange bedeckt, ganz gut sehen, doch nicht gesehen werden konnte. Johns zehn Minuten dauerten sehr lange, aber endlich ließ sich das Rollen von Rädern hören; vier Personen zu Pferde galoppirten der Einfahrt zu, ihnen folgten zwei offene Wagen. Fliegende Schleier und wehende Federn füllten die Kutschen; zwei der Reiter waren junge, elegant aussehende Herren, der dritte war Mr. Rochester auf seinem Rappen Mesrur, vor ihm sprang Pilot einher, ihm zur Seite ritt eine Dame; er und sie eröffneten den Bug. Ihr purpurrothes Reitkleid fegte beinahe den Boden. ihr Schleier flatterte in der Abendluft; sich mit dessen durchsichtigen Wellen vermischend und durch sie hindurch scheinend erglänzten dichte, rabenschwarze Locken. Miß Ingram! rief Mrs. Fairfax und fort eilte sie, hinunter auf ihren Posten zu kommen. Die Cavalcade bog, der Wendung des Fahrweges folgend, rasch um die Ecke und ich verlor sie aus den Augen. Adela stellte nun die Bitte, hinunter gehen zu dürfen; allein ich nahm sie auf meinen Schooß und machte ihr begreiflich, daß sie nicht daran denken dürfe, sich jetzt oder ein andermal vor den Damen zu zeigen, außer man lasse sie ausdrücklich kommen: Mr. Rochester würde sonst böse werden u. s. w. Sie vergoß, wie natürlich, einige Thränen; als ich ihr jedoch ein ernstes Gesicht zu zeigen begann, willigte sie endlich ein sie zu trocknen. Nun wurde ein fröhlicher Tumult in der Halle hörbar: die tiefen Stimmen der Herren wechselten mit den Silbertönen der Damen ab und sie alle beherrschend erscholl der klangreiche Baß des Besitzers von Thornfieldhall, der seine schönen und edlen Gäste unter seinem Dache willkommen hieß. Dann kamen leichte Schritte die Treppe herauf und in der Gallerie vernahm man ein Trippeln und Kichern, ein Oeffnen und Zuschlagen von Thüren, worauf dann für eine kleine Weile gänzliche Stille eintrat. Sie kleiden sich um, sagte Adela, die, aufmerksam horchend, jeder Bewegung gefolgt war, mit einem tiefen Seufzer. Wenn Mama Besuch hatte, fuhr sie fort, konnte ich überall herumgehen, im Salon und in den Stuben; zuweilen sah ich den Kammermädchen zu, wie sie die Damen frisirten und anzogen. Wie hübsch war das und wie viel konnte ich da lernen! Sind Sie nicht hungrig, liebe Adela? Ja wohl, Mademoiselle; seit fünf bis sechs Stunden haben wir ja nichts zu essen bekommen. Nun gut, während die Damen in ihren Schlafzimmern sind, will ich es versuchen hinunterzugehen und etwas zu holen. Und aus meinem Zufluchtsorte vorsichtig heraustretend suchte ich eine Hintertreppe auf, die gerade zur Küche hinabführte. Dort fand ich Alles in größter Aufregung Suppe und Fische waren im letzten Stadium ihrer Bereitung, und die Köchin lag über ihren Schmelztiegeln in einer Körper- und Geistesverfassung, die fast eine Selbstverbrennung fürchten ließ. Im Dienstbotenzimmer standen und saßen zwei Kutscher und drei Herren Kammerdiener am Feuer; die Abigails waren wahrscheinlich oben bei ihren Gebieterinnen; die neuaufgenommenen Dienstleute von Millcote liefen wie verrückt im ganzen Hause herum. Mir einen Weg durch dieses Chaos bahnend erreichte ich endlich die Speisekammer, wo ich ein kaltes Huhn, eine Semmel, einige Torten, zwei Teller, Messer und Gabeln in Besitz nahm und mit meiner Beute schleunigst den Rückzug antrat. Ich hatte die Gallerie erreicht und wollte eben die Thüre der Hintertreppe absperren, als mich ein vielfältiges Gesumme von Stimmen bei Zeiten in Kenntniß setzte, daß die Damen ihre Stuben zu verlassen gedächten. Ich konnte das Lehrzimmer nicht erreichen, ohne bei ihren Thüren vorbei zu gehen und Gefahr zu laufen, daß man mich mit meiner Lebensmittelladung bemerkte; ich blieb also an jenem Ende des Ganges stehen, der dort kein Fenster hatte, folglich finster war und umsomehr in diesem Augenblicke, wo sich nach Sonnenuntergang bereits die Dämmerung eingestellt hatte. Sofort traten die schönen Bewohnerinnen eine nach der andern aus ihren Gemächern, munter, mit luftigem Tritt, in Anzügen, die sogar im Zwielicht erglänzten. Einen Augenblick blieben sie am andern Ende der Gallerie in einer Gruppe beisammen, sich mit halblauter Stimme äußerst lebhaft unterhaltend, dann stiegen sie die Treppe hinab, fast so geräuschlos, wie der Nebel einen Hügel hinunterrollt. Ihre Gesammterscheinung hinterließ bei mir einen Einruck hochgeborner Eleganz, wie er mir vordem noch nie geworden war. Ich fand Adelen an der Thüre des Lehrzimmers durch's Schlüsselloch guckend. Oh, die schönen Damen! rief sie mir entgegen. Wie gerne möchte ich zu ihnen! Glauben Sie wohl, daß uns Mr. Rochester nach Tische kommen läßt? Das glaube ich nicht! Mr. Rochester hat wohl andere Dinge im Kopfe. Schlagen Sie sich die Damen für heute Abend aus dem Sinne; vielleicht bekommen Sie sie morgen zu sehen. Hier ist Ihr Mittagessen. Sie war wirklich hungrig und die Torten und das Huhn brachten sie für einen Augenblick auf andere Gedanken. Es war ein Glück, daß ich diese Eßwaren in Besitz genommen, sonst hätten weder ich, noch Adela, noch Sophie, der ich einen Theil unserer Mahlzeit überließ, überhaupt etwas zu essen bekommen: unten war Alles zu sehr beschäftigt, um auch nur Einen Augenblick auf uns denken zu können. Erst um neun Uhr wurde das Dessert aufgetragen, und noch um zehn Uhr liefen die Lakeien mit Speisetragen und Kaffehtassen herum. Ich gestattete Adelen länger, als gewöhnlich aufzubleiben; denn sie behauptete, sie könnte nicht schlafen, so lange unten die Thüren auf und zu gingen und die Leute Lärm machten. Uebrigens, meinte sie, könnte ja möglicherweise Mr. Rochester noch um sie schicken, wo sie dann am Ende nicht angekleidet wäre; et alors quel dommage! Ich erzählte ihr so lange Geschichten, als sie nur immer anhören wollte, und dann nahm ich sie zur Abwechslung, mit auf die Gallerie hinaus. Die Lampe der Vorhalle war unangezündet und es machte ihr Vergnügen, über das Treppengeländer hinabzublicken und den emsig ab- und zugehenden Dienstleuten zuzusehen. Als der Abend ziemlich weit vorgerückt war, ertönte aus dem Besuchzimmer, wohin das Pianoforte gebracht worden war, Musik; ich setzte mich mit Adelen auf den Treppenabsatz, um zuzuhören. In diesem Augenblicke mischte sich eine klangreiche Stimme in die Töne des Instruments: es war eine Dame, die sang, und melodisch floß die Sangweise von ihren Lippen. Auf dies Solo folgte ein Duett und dann ein Allegro: eine lebhafte Conversation füllte die Pausen zwischen den Musikstücken aus. Ich hörte lange zu; plötzlich machte ich die Bemerkung, daß mein Ohr bemüht war die verschiedenen Laute zu untersuchen und unter dem Gewirr von Stimmen diejenige Mr. Rochester's herauszufinden, und als ihm das gelungen war, fand es eine neue Aufgabe darin, die fernen unartikulirten Laute zu verständlichen Worten zusammenzusetzen. Da schlug es eilf Uhr. Ich sah nach Adelen, deren Kopf auf meiner Schulter lag; ihre Augen begannen sich zu schließen und so nahm ich sie in meine Arme und brachte sie zu Bette. Erst spät nach Mitternacht zogen sich die Herren und Damen in ihre Gemächer zurück. Der folgende Tag war eben so schön wie der vorhergehende; die Gesellschaft benutzte ihn zu einem kleinen Auszuge in die Nachbarschaft. Die Gäste machten sich schon des Morgens auf den Weg, einige zu Pferde, die übrigen in mehren Wagen; ich sah sie abfahren und wieder zurückkommen. Wie früher war Miß Ingram die einzige Dame zu Pferde und wie zuvor galoppirte Mr. Rochester ihr zur Seite; das Paar ritt etwas entfernt vom Reste der Gesellschaft. Ich machte Mrs. Fairfax, die mit mir am Fenster stand, auf diesen Umstand aufmerksam. Sie meinten es wäre nicht wahrscheinlich, daß die Beiden ans Heirathen dächten, sagte ich; aber Sie sehen doch, daß sie Mr. Rochester allen übrigen Damen vorzieht. Wohl; er bewundert sie ohne Zweifel. Und sie ihn, fügte ich hinzu; sehen Sie nur wie sie ihren Kopf zu ihm hinneigt, als wäre er Ihr Vertrauter! Ich wollte, ich könnte Ihr Gesicht sehen; bis jetzt war mir's noch nicht vergönnt! Sie werden sie heute Abend sehen, antwortete Mrs. Fairfax. Ich bemerkte Mr. Rochester im Vorbeigehen, wie sehr sich Adela darnach sehne, vor der Gesellschaft erscheinen zu dürfen. -- Oh, sie mag nach Tische ins Besuchzimmer kommen, sagte er, und ersuchen Sie Miß Eyre sie zu begleiten. Das sagte er aus bloßer Artigkeit, versetzte ich, und es ist wohl eben so gut, wenn ich nicht mitgehe. Nun, ich machte ihn aufmerksam, daß Sie bei Ihrer Befangenheit seiner Einladung kaum folgen würden, besonders da die Gesellschaft aus lauter Fremden bestehe, worauf er mir jedoch in seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit zur Antwort gab: Unsinn! Wenn sie Einwendungen macht so sagen Sie ihr, daß es mein besonderer Wunsch ist und daß ich Sie selbst holen werde, so ferne sie nicht freiwillig kommt. Ich werde ihm diese Mühe ersparen, antwortete ich. Ich werde kommen, wenn es nun einmal nicht anders seyn kann; aber gerne thue ich es nicht. Werden Sie auch mit unten seyn, Mrs. Fairfax? Nein, ich entschuldigte mich und er nahm meine Entschuldigung an. Ich will Ihnen indessen sagen wie Sie es anstellen, um der Verlegenheit eines förmlichen Eintrittes enthoben zu seyn, was am Ende das Angenehmste an der Sache ist. Sie begeben sich ins Besuchzimmer, so lange es noch leer ist und bevor die Damen vom Tische aufstehen, und nehmen in irgend einem beliebigen Winkel Platz. Sind einmal die Herren da, brauchen Sie nicht mehr lange zu bleiben, außer es gefiele Ihnen; lassen Sie sich nur vor Mr. Rochester sehen und verschwinden Sie dann -- Niemand wird darauf Acht geben. Werden diese Leute lange hier bleiben? Etwa zwei oder drei Wochen, länger nicht. Sir George Lynn, der zum Mitgliede von Millcote erwählt wurde, will nach den Osterferien zur Stadt gehen und seinen Sitz im Parlamente einnehmen, wahrscheinlich wird ihn Mr. Rochester begleiten; es wundert mich, daß er sich schon so lange in Thornfield aufhält. Mit einigem Jittern sah ich die Stunde herannahen, wo ich mich mit meiner Schülerin ins Gesellschaftszimmer begeben sollte. Adela war den ganzen Tag über im Entzücken, als sie hörte, daß sie am Abend vor den Damen erscheinen würde, und erst als Sophie die Operation des Ankleidens begann, wurde sie etwas nüchterner. Die Wichtigkeit dieses Vorganges machte sie plötzlich gesetzt und als sie ihre Locken geordnet, ihr rosenfarbnes Atlaskleid angelegt, ihre Schärpe geknüpft und die gewirkten Handschuhe angezogen hatte, sah sie so ernst darein wie ein Eximinalrichter. Eine Warnung, ihren Anzug nicht in Unordnung zu bringen, war überflüssig: vorsichtig setzte sie sich in ihren kleinen Armstuhl nieder, nachdem sie vorher ihren Atlasrock, aus Furcht ihn zu zerknittern, in die Höhe gehoben, und versicherte mich ruhig bleiben zu wollen, bis ich ganz fertig wäre. Das war denn auch bald der Fall: mein bester Anzug (das silbergraue Kleid, welches ich mir zu Miß Temple's Trauung gekauft und seitdem kein einziges Mal getragen hatte) war in wenigen Minuten angelegt, mein Haar mit einigen Bürstenstrichen geordnet und mein einziger Schmuck, die perlenbesetzte Broche, ohne Aufenthalt vorgesteckt. Wir machten uns auf den Weg. Glücklicherweise führte noch ein anderer Eingang zum Gesellschaftszimmer außer demjenigen durch den Salon, wo sämmtliche Gäste noch bei Tische saßen. Wir fanden das Gemach leer; ein großes Feuer brannte im marmornen Camin und Wachslichter erglänzten zwischen den ausgesuchten Blumen, welche die Tische schmückten. Der carmoisinrothe Vorhang deckte den Schwibbogen: eine dünne Scheidewand, doch sprach die Gesellschaft im benachbarten Speisesaale so leise, daß man über ein halblautes Gemurmel hinaus von ihren Gesprächen nichts vernehmen konnte. Adela, die noch immer unter dem Einflusse der feierlichsten Gefühle zu stehen schien, setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, auf einen Schämel, den ich ihr anwies. Ich zog mich in eine Fensterbrüstung zurück und versuchte es in einem Buche zu lesen, das ich vom Tische aufnahm. Adela brachte ihren Sitz zu meinen Füßen und ehe wenige Minuten vergingen, zupfte sie mich am Arme. Was ist's, Adela? Est-ce que je ne puis pas prendre une seule de ces fleurs magnifiques, Mademoiselle? Seulement pour completer ma toilette. Sie denken zu viel an Ihre Toilette, Adela; doch sollen Sie eine Blume haben. Und ich nahm eine Rose; aus der Blumenvase und steckte sie ihr vor die Brust. Sie stieß einen Seufzer unaussprechlicher Befriedigung aus, als hätte nun ihr Glück den höchsten Gipfel erreicht. Ich wandte mein Gesicht ab, um ein Lächeln zu verbergen, das ich nicht unterdrücken konnte: der Ernst und die angeborne Verehrung der kleinen Pariserin für Toilettesachen hatten etwas Lächerliches und zu gleicher Zeit auch Peinliches an sich. Ein leises Geräusch ließ vermuthen, daß die Gäste vom Tische aufstanden; der Vorhang wurde zurückgeschoben und man sah das Speisezimmer, dessen Kronleuchter auf das Silber- und Glasgeschirr eines prachtvollen Dessertservice hernieder strahlte, das einen langen Tisch bedeckte; eine Gruppe geschmückter Damen stand unter dem Schwibbogen: sie überschritten die Schwelle und der Vorhang wurde hinter ihnen zugezogen. Es waren ihrer nur achte; doch als sie hereinschwebten, machten sie den Eindruck einer viel größern Anzahl. Einige darunter waren sehr schlank, viele ganz weiß angezogen und alle schleppten ihre faltigen, bauschigen Anzüge nach, die ihre Gestalten zu vergrößern schienen, wie der Nebel den Mond vergrößert. Ich stand auf und verbeugte mich: eine oder zwei Damen nickten mit dem Kopfe, die Andern glotzten mich blos an. Sie vertheilten sich im Gemache: durch die Leichtigkeit und Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen erinnerten sie an eine Heerde Schwäne. Einige warfen sich in halbliegender Stellung auf die Sopha's und Ottomanen; einige bogen sich über die Tische und musterten Blumen und Bücher; der Rest umstand in einem Halbzirkel das Feuer: Alle sprachen mit einer gedämpften, doch deutlichen Stimme, die ihnen angeboren schien. Ihre Namen erfuhr ich zwar später, doch mögen sie hier eben so gut erwähnt werden. Da war zuerst eine Mrs. Eshton mit ihren beiden Töchtern. Augenscheinlich mußte sie ehedem eine schöne Frau gewesen seyn und sah noch jetzt sehr gut aus. Amy, die älteste Tochter, war etwas klein, naiv und kindlich in Gesicht und Manieren und ihrem ganzen Aeußern nach pikant; ihr weißes Musselinkleid und der blaue Gürtel standen ihr gut. Die jüngere Tochter. Louise, war schlanker und von eleganterer Gestalt; ihr sehr hübsches Gesicht gehörte derjenigen Gattung an, welche der Franzose minois chiftonne nennt; beide Schwestern waren makellos wie Lilien. Lady Lynn war eine große dicke Person von beinahe vierzig Jahren; sie hielt sich sehr gerade, trug die Nase sehr hoch, und hatte eine reiche Robe von schillerndem Atlas an; ihr dunkles Haar glänzte unter einer azurblauen Feder und einem mit Edelsteinen besetzten Stirnbande hervor. Mrs. Dent, Obrist Dent's Gemalin, sah weniger auffallend, aber wie es mir vorkam um so nobler aus. Sie hatte eine schlanke Figur, ein blasses anmuthiges Gesicht und schöne Haare. Ihr schwarzes Seidenkleid, ihre Schärpe von reichem ausländischen Spitzengrund gefielen mir bei weitem besser als die Regenbogenpracht der betitelten Dame. Doch die hervorragendsten -- wohl theilweise weil größten Gestalten der Versammlung waren die verwitwete Lady Ingram und ihre Töchter Blanche und Mary. Sie hatten alle drei die größte Frauenstatur. Die Mutter konnte zwischen vierzig und fünfzig Jahre zählen; noch immer war ihre Figur schön, ihre Haare, bei Kerzenlicht wenigstens, schwarz, ihre Zähne anscheinend vollkommen gut. Die meisten Leute hätten sie, mit Rücksicht auf ihr Alter, für eine prächtige Frau erklärt, und das war sie auch ohne Zweifel in physischer Beziehung; allein der Ausdruck von unerträglichem, albernem Hochmuth, der sich in ihrem Gesichte und in ihrer Körperhaltung aussprach, machte sie wirklich zu einer unausstehlichen Person. Sie hatte eine römische Nase und ein doppeltes Kinn, welches sich unterhalb mit einer Kehle vermälte, die an Steifheit einem Mauerpfeiler glich. Ihre Gesichtszüge waren nicht nur von Stolz ganz aufgeblasen, sondern auch wie die Gesichter anderer Leute von Sorgen, von Eigendünkel gefurcht, und dieselbe Ursache erhielt ihren Nacken in einer fast übernatürlichen Steifheit aufrecht. Sie hatte ein starres, von Gefühllosigkeit zeigendes Auge, das mir Mrs. Reed's Blicke ins Gedächtniß rief; beim Sprechen warf sie die Worte im Munde herum ; ihre Stimme war tief, die Biegungen derselben feierlich, predigermäßig, mit einem Worte unleidlich. Ein carmoisinrothes Sammtkleid und ein ostindischer, goldgewirkter Shawlturban verliehen ihr (so dachte sie wenigstens) einen wahrhaft kaiserlichen Anstand. Blanche und Mary waren von gleicher Größe, -- gerade und schlank wie Pappeln. Mary war für ihre Größe zu schwach, doch Blanche hatte die Formen einer Diana. Wie begreiflich betrachtete ich sie mit besonderem Interesse. Erstlich wollte ich sehen, ob ihre Erscheinung mit Mrs. Fairfax's Beschreibung übereinstimmte; zweitens ob sie meinem Miniatur-Phantasiegemälde ähnlich sah, und drittens -- heraus damit! -- ob sie möglicherweise Mr. Rochester's Geschmacke zusagen konnte. Was die Figur anbelangt, entsprach dieselbe Punkt für Punkt meinem Porträt und Mrs. Fairfax's Beschreibung. Da war Alles: die schöne Büste, die runden Achseln, der graziöse Nacken; -- und ihr Gesicht? Ihr Gesicht war ganz das ihrer Mutter, ihr jugendliches ungefurchtes Ebenbild: dieselbe niedere Stirne, dieselben markirten Züge, derselbe Stolz. Es war indessen kein mürrischer Stolz; sie lachte beständig; ihr Lachen war satyrisch, gleichwie der Zug um ihren aufgeworfenen, hochmüthigen Mund. Man jagt, das Genie besitze Selbstgefühl; ich weiß nicht ob Miß Ingram ein Genie' zu seyn das Glück hatte, aber selbstgefällig war sie, und das in einem bemerkenswerth hohen Grade. Sie ließ sich mit der sanften Mrs. Dent in ein Gespräch über Botanik ein; die letztere schien diese Wissenschaft nicht studiert zu haben, wiewohl sie die Blumen im Allgemeinen, und wie sie sagte, besonders die wildwachsenden sehr liebte. Miß Ingram hatte sich wohl mit Botanik beschäftigt, und sagte ihre Nomenclatur her, wobei sie sich ein sehr gelehrtes Ansehen gab. Ich bemerkte sofort, daß sie es darauf anlegte Mrs. Dent, wie man zu sagen pflegt, aufzuziehen, sie ihrer Unwissenheit wegen zum Besten zu haben; vielleicht zeugte ihr Benehmen von Witz, keineswegs jedoch von Gemüth und Herzlichkeit. Sie spielte Pianoforte; ihre Technik war brillant; sie sang, ihre Stimme war schön; sie sprach mit ihrer Mama französisch, und sie sprach es gut, geläufig und mit einem guten Accent. Mary hatte ein sanfteres, aufrichtigeres Gesicht als Blanche, und eine weit feinere, zartere Hautfarbe (Blanche war brunett wie eine Spanierin), -- allein es fehlte ihr die Lebhaftigkeit ihrer Schwester; ihrem Gesichte mangelte der Ausdruck, ihren Augen der Glanz. Sie wußte nie etwas zu sagen, und hatte sie sich einmal niedergesetzt, blieb sie starr und regungslos wie eine Bildsäule in ihrer Nische. Das Schwesternpaar war schneeweiß angezogen. Und hielt ich nun dafür, daß Miß Ingram Mr. Rochester's Ansprüche befriedigen könne? Ich konnte es nicht sagen -- ich kannte ja seinen Geschmack in Bezug auf Frauenschönheit nicht. War er für das Majestätische eingenommen, dann hatte er an ihr den wahren Typus der Majestät und zudem war sie lebhaften Temperamentes, und besaß noch andere geistige Vollkommenheiten. Die Mehrzahl der Herren mußte sie bewundern, und auch er bewunderte sie, wofür ich zahlreiche Belege hatte; um auch den letzten Schein eines Zweifels fallen zu lassen, brauchte man nur die Beiden beisammen zu sehen. Der Leser wird sich wohl nicht einbilden, Adela sey die ganze Zeit über regungslos auf ihrem Schämel zu meinen Füßen gesessen; als die Damen eintraten, stand sie auf, ging ihnen entgegen, machte eine ceremoniöse Verbeugung und sagte ganz ernsthaft: Bon jour, mesdames! Miß Ingram blickte mit einem spöttischen Lächeln auf sie herab. O, die kleine Puppe! rief sie aus. Dies ist wohl Mr. Rochester's Mündel, bemerkte Lady Lynn, die kleine Französin, von der er sprach. Mrs. Dent nahm Adelen freundlich bei der Hand und küßte sie. Amy und Louise Eshton begegneten sich in dem gleichzeitigen Ausrufe: Der liebe kleine Engel! Darauf riefen sie Adelen zum Sopha, wo sie nun zwischen ihnen saß, und abwechselnd französisch und gebrochen englisch plapperte, und nicht allein die Aufmerksamkeit der jungen Damen, sondern auch diejenige von Mrs. Eshton und Lady Lynn in Anspruch nahm, die sie nach Kräften abherzten. Endlich wird der Kaffeh gebracht und die Herren herbei gerufen. Ich sitze im Schatten, wenn es überhaupt welchen in der hellerleuchteten Stube gibt; der Fenstervorhang verbirgt mich halb und halb. Wieder öffnet sich die Draperie; sie kommen. Das gleichzeitige Eintreten der Herren ist, wie jenes der Damen, imposant; sie sind alle schwarz gekleidet, die Meisten schlank, Einige noch jung. Henry und Frederick Lynn sind in der Thut glänzende Dandys und Obrist Dent ein feiner Mann von militärischem Aussehen. Mr. Eshton, der Richter des Bezirkes, zeigt auf den ersten Blick den vollendeten Gentleman; sein Haar ist weiß, seine Augenbrauen und sein Backenbart hingegen ganz schwarz, was ihm einigermaßen das Aussehen eines noblen Vaters vom Theater verleiht. Lord Ingram ist gleich seinen Schwestern sehr groß gewachsen, und ein schöner Mann; doch hat er mit Mary den gläsernen, ausdrucklosen Blick gemein; er scheint mehr Körperkraft als Lebendigkeit und geistige Fähigkeiten zu besitzen. Und wo ist Mr. Rochester? Da kömmt er endlich; wiewohl ich nicht nach dem Eingang blicke, sehe ich ihn doch eintreten. Ich bemühe mich meine Aufmerksamkeit auf meine Häkelnadel, auf die Maschen der Börse zu richten, an der ich in diesem Augenblicke arbeite. -- Gerne möchte ich nur an meine Arbeit denken, nur den Seidenfaden und die silbernen Perlen sehen, die auf meinem Schooße liegen; doch nur zu genau erblicke ich seine Gestalt, und unausweichlich kömmt mir jener Moment ins Gedächtniß, wo ich ihn zuletzt sah, nachdem ich ihm, seiner Meinung nach, einen unschätzbaren Dienst erwiesen, und wo er, mich bei der Hand fassend, mein Gesicht mit Blicken betrachtete, die ein volles, dem Ueberströmen nahes Herz entschleierten, an dessen Regungen auch ich meinen Antheil hatte. Wie nahe- war ich ihm in einem Augenblicke gestanden! Was hatte sich seit der Zeit ereignet, und unsere wechselseitigen Beziehungen geändert? Und doch wie fern standen, wie entfremdet waren wir nun einander! So sehr, daß ich gar nicht erwartete, er würde auf mich zukommen und mich anreden. Es wunderte mich gar nicht, als er, ohne mich eines Blickes zu würdigen, am entgegengesetzten Ende des Zimmers Platz nahm und mit einigen Damen zu sprechen begann. Kaum bemerkte ich, daß seine Aufmerksamkeit von diesen letzteren in Anspruch genommen war, und ich ohne eine Entdeckung zu fürchten herumblicken konnte, als meine Augen unwillkürlich an seinem Gesichte haften blieben; ich hatte die Augenlider nicht mehr in meiner Gewalt; sie gingen in die Höhe, und die Sterne ließen sich von ihrer Richtung nicht abbringen. Ich schaute und fühlte ein eigenes bittersüßes Vergnügen -- ein Vergnügen rein wie Gold, mit einer stählernen, das Herz verletzenden Spitze; ein Vergnügen wie etwa das eines vor Durst Verschmachtenden, der weiß, daß die Quelle, zu der er sich mühsam geschleppt, vergiftet ist, aber dennoch die Hand eintaucht, und einen Göttertrank zu schlürfen scheint. Es ist sehr wahr, daß die Schönheit im Auge des Beschauers liegt. Meines Gebieters blasses, olivenfarbiges Gesicht, seine maßlose, viereckige Stirne, seine buschigen schwarzen Augenbrauen, die tiefliegenden Augen und groben Gesichtszüge, sein harter, verzogener Mund, lauter Zeichen von Energie, Entschiedenheit, festem Willen, bildeten zusammengenommen keine regelmäßige Schönheit; für mich jedoch waren diese Züge mehr als schön -- voll Interesse, voll eines Einflusses, der mich beherrschte, die Gefühle meiner eigenen Gewalt entriß und der seinigen unterordnete. Ich hatte es nicht beabsichtigt ihn zu lieben; er Leser weiß es, welche Mühe ich mir gegeben, selbst die zartesten Keime einer Zuneigung aus meinem Herzen zu reißen, und nun, da ich ihn zum ersten Mal wieder sah, schossen sie grün und kräftig empor. Er machte, daß ich ihn wieder liebte, ohne daß er mich ansah. Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was hatte die galante Grazie der beiden Lynn, die schmachtende Eleganz Lord Ingram's, sogar der militärische Anstand Obrist Dent's zu bedeuten, wenn mit seinem Ausdrucke angeborner Tüchtigkeit und urwüchsiger Kraft zusammengestellt? Ich fühlte mich zu Jenen in keiner Beziehung hingezogen und doch konnte ich mir denken, daß sie die Mehrzahl der Beschauer für anziehende, schöne, imposante junge Männer halten mußte, während Mr. Rochester in ihren Augen als ein grobgeformter, melancholisch aussehender Gnome erschien. Ich sah die Anderen lächeln, lachen, -- wie bedeutungsvoll! Das Kerzenlicht hatte eben so viel Geist in sich als ihr Lächeln; das Läuten der Glocke eben so viel Bedeutung als ihr Lachen. Ich sah Mr. Rochester lächeln -- seine schroffen Züge wurden anmuthig, seine Augen glänzend und sanft, ihr Blick forschend und gutmüthig zu gleicher Zeit. Er sprach eben mit, Louise und Amy Eshton. Ich wunderte mich, wie sie den mir so durchdringend scheinenden Blick ruhig aushalten konnten; ich erwartete, sie würden die Augen senken, erröthen; doch war ich froh, als weder das Eine noch das Andere geschah. Er ist ihnen nicht das, was er mir ist, dachte ich, ser ist nicht von ihrer Gattung. Er ist von der meinigen, -- gewiß ist er's; -- denn ich fühle die geistige Verwandtschaft zwischen uns, ich verstehe die Sprache seiner Gesichtezüge, seiner Bewegungen; wiewohl uns Rang und Vermögen strenge von einander scheiden, liegt ein Etwas in meinem Geiste und Herzen, in meinem Blute und meinen Nerven, das mich ihm in geistiger Beziehung näher bringt. Sagte ich nicht vor einigen Tagen, ich hätte sonst nichts mit ihm zu schaffen, als meinen Gehalt von ihm zu empfangen? Verbot ich mir nicht selbst anders an ihn zu denken, als an meinen Zahlmeister? Welche Sünde gegen die Natur! Jedes kräftige, gute, wahre Gefühl meines Herzens neigt sich aus eigenem Antriebe zu ihm hin. Ich weiß es, ich muß mich beherrschen; ich muß meine Hoffnungen unterdrücken, mir vor Augen halten, daß er sich nicht viel um mich bekümmern kann. Denn wenn ich auch sage, daß ich von seiner Gattung bin, meine ich damit nicht, daß ich auch die Macht seines Einflusses, den Zauber seiner Anziehungskraft besitze: ich will damit nur bezeichnen, daß ich mit ihm manche Neigungen und Gefühle gemein habe. Ich muß mir daher fortwährend wiederholen, daß wir für ewig geschieden sind: und doch, so lange ich athme und denke, muß ich ihn lieben. Der Kaffeh wird herumgereicht. Die Gegenwart der Herren hat die Damen munter wie die Lerche gemacht: die Conversation wird lebhaft und fröhlich. Obrist Dent und Mr. Eshton unterhalten sich von Politik, ihre Frauen hören zu. Die zwei stolzen Witwen Lady Lynn und Lady Ingram haspeln zusammen ein Alltagsgespräch ab. Sir George, -- den ich, im Vorbeigehen gesagt, zu beschreiben vergaß, -- ein sehr dicker und sehr roth aussehender Landedelmann, steht mit der Kaffehtasse in der Hand vor ihnen und flickt von Zeit zu Zeit ein Wort mit ein. Mr. Frederik Lynn hat an Mary Ingram's Seite Posto gefaßt und zeigt ihr die Kupferstiche eines Prachtwerkes; sie schaut, lächelt dann und wann, spricht aber im Ganzen genommen äußerst wenig. Der lange, phlegmatische Lord Ingram stützt sich mit verschränkten Armen auf die Stuhllehne der kleinen lebhaften Amy Eshton; sie blickt zu ihm empor und plappert wie eine Elster: er gefällt ihr besser als Mr. Rochester. Henry Lynn hat zu Louisens Füßen von einer Ottomane Besitz genommen; Adela theilte sie mit ihm; er versucht es mit ihr französisch zu reden und Louise lacht über seine Sprachschnitzer. Mit wem wird sich wohl Blanche Ingram unterhalten? Mit Grazie über ein Album gebeugt, steht sie ganz allein an einem Tische. Sie scheint darauf zu warten, daß man sie aufsuche; doch will sie nicht zu lange warten und wählt sich selbst einen Gesellschafter. Mr. Rochester hat die Eshtons verlassen und steht ebenso einsam am Camine, wie sie am Tische; sie geht auf ihn zu und stellt sich an die entgegengesetzte Seite des Caminmantels. Mr. Rochester, ich dachte Sie könnten die Kinder nicht leiden? So ist's auch in der That. Was bestimmte Sie dann, sich jene kleine Zierpuppe (auf Adelen zeigend) auf den Hals zu binden? Wo haben Sie, die aufgelesen? Ich habe sie nicht aufgelesen, man hat sie mir angehängt. Sie hätten sie sollen in eine Kostschule schicken. Ich konnte es nicht erschwingen: die Schulen sind so theuer. Nun, ich denke, Sie halten ihr eine Gouvernante: ich sah vorhin so eine Person mit ihr -- ist sie fort? Oh, nein! dort sitzt sie noch hinterm Fenstervorhange. Natürlich zahlen Sie sie: das, sollt' ich meinen, kömmt man eben so hoch, wenn nicht höher; denn nun müssen Sie zwei Personen erhalten. Ich fürchtete -- oder soll ich sagen, ich hoffte? -- diese Anspielung müsse Mr. Rochester's Blicke auf mich lenken und unwillkürlich drückte ich mich noch tiefer in meine Ecke, allein er wandte kein Auge nach mir. Ich habe mir die Sache nicht überlegt, sagte er gleichgültig und gerade vor sich hinblickend. Ei wohl! die Männer überlegen nie, wo es sich um Sparsamkeit und vernünftige Einrichtungen handelt. Sie sollten Mama über das Capitel der Gouvernanten sprechen hören: ich und Mary, wir hatten ihrer, glaub' ich, nacheinander ein volles Dutzend: die eine Hälfte davon war unausstehlich, die andere lächerlich und alle insgesammt waren sie entsetzliche Druden. Nicht wahr, Mama? Hast Du gesprochen, mein Eigenthum? Die junge, von ihrer Mutter als besonderes Besitzthum reclamirte Dame wiederholte ihre Frage mit einer Erklärung. Erinnere mich nicht an Gouvernanten, meine Theuerste, schon das bloße Wort verursacht mir Krämpfe. Ihre Unfähigkeit und ihre Launen haben mir wahre Martern verursacht: ich danke dem Himmel, daß ich mit ihnen nichts mehr zu schaffen habe! Hier bog ich Mrs. Dent zu der frommen Dame herüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr; aus der Antwort schloß ich, daß es eine Erinnerung an die Gegenwart eines Mitgliedes der verfluchten Race war. Tant pis, sagten Ihre Gnaden, ich hoffe es wird ihr gut thun. Dann fügte sie etwas leise hinzu, doch noch immer laut genug, daß ich es hören konnte: Ich habe sie mit Aufmerksamkeit betrachtet, ich verstehe mich auf Physiognomik und in ihrem Gesichte sehe ich alle Fehler ihrer Classe vereinigt. Und welche sind diese? frug Mr. Rochester ganz laut. Ich will es Ihnen einmal unter vier Augen sagen, erwiederte sie, ihren Turban mit geheimnißvoller Wichtigkeit dreimal hin und herschwenkend. Aber meine Neugierde wird bis dahin ihren Appetit verloren haben: sie bedarf gerade jetzt der Nahrung. Fragen Sie Blanche, sie ist näher bei Ihnen als ich. Oh, weisen Sie ihn nicht an mich, Mama! Ich habe über die ganze Zucht nur ein Wort zu sagen: sie sind eine Landplage. Nicht etwa daß ich viel von ihnen erduldet hätte: ich wußte das Blatt bei Zeiten zu wenden. Was für Streiche Theodor und ich unsern Miß Wilsons und Mr. Greys und Jouberts zu spielen pflegten! Mary war immer viel zu schläfrig, um sich an unseren Verschwörungen zu betheiligen. Den größten Spaß hatten wir mit Madame Joubert; Miß Wilson war ein armseliges kränkliches, weinerliches Geschöpf, bei ihr verlohnte sich's nicht der Mühe, das Schlachtfeld zu behaupten, und Mrs. Grey war ordinär und gefühllos, so daß sie kein Streich in Aufregung versetzen konnte. Doch die arme Madame Joubert! Ich sehe sie noch vor Wuth schnaubend, wenn wir sie zum Aeußersten gebracht hatten -- unsern Thee verschütteten, das Butterbrot zerbrockten, unsere Bücher an die Zimmerdecke warfen und mit den Linealen und Schreibpulten, dem Camingitter und der Feuerzange eine Katzenmusik aufführten. Theodor, erinnerst Du Dich noch dieser fröhlichen Zeiten? Ja wo-oh-l! gähnte Lord Ingram; und das arme alte Knochenhaus pflegte zu rufen: Oh Ihr abseulike Kind! und dann hielten wir ihr eine Predigt über ihre Anmaßung, so ungeheuer gescheidte Kinder unterrichten zu wollen, da sie selbst so unwissend sey. Richtig! Und weißt Du, Tedo, wie ich Dir den käsigen Mr. Vinng -- den pipsigen Pfarrer, wie wir ihn nannten -- sekiren half? Er und Miß Wilson hatten die Keckheit sich in einander zu verlieben -- so dachten wir wenigstens, Tedo und ich; wir ertappten sie bei wunderbar zärtlichen Blicken und Seufzern, die wir als Zeichen einer schönen Leidenschaft ansahen, und das Publicum schöpfte alsbald einen Nutzen von unserer Entdeckung: wir gebrauchten sie als eine Art Hebel, um unsere Vogelscheuchen aus dem Hause zu schnellen. Die liebe Mama entdeckte in diesem Verhältnisse eine unmoralische Tendenz. Ist's nicht so, gnädige Mama? Gewiß, meine Beste. Und ich hatte darin ganz Recht, verlaß Dich darauf: tausend Gründe sprechen dafür, daß in einem ordentlichen Hause eine Liebschaft zwischen dem Erzieher und der Erzieherin nicht geduldet werden kann; erstlich -- Oh, Himmel, Mama! Verschonen Sie uns mit Ihren Aufzählungen! Au reste kennen wir alle diese Gründe; die Gefahr eines bösen Beispieles für die unschuldigen Kinder; Zerstreutheit und daraus entspringende Vernachlässigung der obliegenden Pflichten seitens der Verliebten; wechselseitige Allianz und Unterstützung; Vertraulichkeit -- Unverschämtheit -- Meuterei und allgemeiner Umsturz. Habe ich es getroffen, Baronin Ingram von Ingram-Park? Ja, meine Lilie, jetzt wie immer. Dann ist weiter nichts darüber zu sagen; sprechen wir von etwas Anderem. Amy Eshton, die diese Weisung entweder nicht gehört hatte oder nicht beachten wollte, fiel hier mit ihrer sanften Kinderstimme ein: Wir pflegten wohl auch unsere Gouvernante zu hudeln, Louise und ich; aber sie war so ein gutes Geschöpf und ließ sich Alles gefallen, nichts konnte sie in Wuth bringen. Sie war nie böse auf uns, nicht wahr, Louischen?’ ‘Nein, nie; wir konnten thun was wir wollten, ihr Pult und ihren Arbeitskorb durchstöbern oder die Schubladen ihres Kastens verkehrt hineinschieben. Dabei war sie so gutmüthig, daß sie uns Alles gab, um was wir sie baten.’ ‘Ich glaube gar,’ sagte Miß Ingram mit einem boshaften Zuge um den Mund, ‘wir bekommen heute noch einen Auszug aus den Memoiren aller existirenden Gouvernanten zu hören; um dieses Unglück abzuwenden, trage ich nochmals darauf an, einen andern Gegenstand unserer Unterhaltung einzuführen. Sie unterstützen mich doch, Mr. Rochester?’ ‘Madame, jetzt so gut wie bei jeder andern Gelegenheit.’ ‘Ich stelle also meinen Antrag. Signor Eduardo, sind Sie heute Abend bei Stimme?’ ‘Wenn Sie es befehlen, Donna Bianca, will ich es seyn.’ ‘Nun denn, Signor, ich mache Euch hiermit meinen souveränen Willen dahin kund, daß Ihr eure Lunge und andere Stimmorgane zurecht richtet, da dieselben alsbald in meinen königlichen Diensten verwendet werden sollen.’ ‘Wer möchte nicht der Rizzio einer so göttlichen Mary seyn?’ ‘Zum Guckguck mit Rizzio!’ rief sie ihren Lockenkopf schüttelnd, während sie zum Pianoforte ging. ‘Meiner Meinung nach muß der Fiedler David ein sehr alberner, abgeschmackter Bursche gewesen seyn, mir für meinen Theil gefällt der schwarze Bothwell besser; in meinen Augen ist ein Mann, der nicht etwas vom Teufel an sich hat, gar nichts und die Geschichte mag von James Hepburn sagen was sie will, ich bin fest überzeugt, daß er gerade der wilde, feurige Banditenheld war, dem ich hätte meine Hand reichen mögen.’ ‘Sie hören es, meine Herren! Wer von Ihnen sieht nun Bothwell am meisten gleich?’ rief Mr. Rochester. ‘Ihnen ist wohl dieser Vorzug nicht abzustreiten,’ antwortete Obrist Dent. ‘Ich bin Ihnen sehr verbunden, auf Ehre.’ Miß Ingram, die sich inzwischen mit stolzer Anmuth ans Piano gesetzt, und ihre faltige Robe mit dem Air einer Königin ausgebreitet hatte, begann ein brillantes Vorspiel, während dessen sie fortsprach. Sie schien diesen Abend hoch zu Rosse zu seyn; sowohl ihre Reden als ihre Manieren waren augenscheinlich berechnet, ihre Zuhörer nicht blos zur Bewunderung hinzureißen, sondern sie ordentlich zu verdutzen; sie legte es darauf an, so imponirend und herausfordernd als möglich zu seyn. ‘Oh, die jungen Männer unserer Zeit sind mir wirklich zum Ekel,’ rief sie, auf dem Inftrumente herumarbeitend, aus. ‘Die armen schwächlichen Dingelchen, die sich kaum über Papa's Park hinauswagen, nicht einen Schritt ohne Mama's Erlaubniß und Aufsicht thun! Geschöpfe, deren größte Sorge durch ihre Milchgesichter, ihre weißen Hände und kleinen Füße in Anspruch genommen wird, als wenn überhaupt ein Mann irgend etwas mit Schönheit zu thun hätte! Als wäre die Anmuth nicht ein besonderes Vorrecht des Frauengeschlechtes, sein gesetzliches Eigenthum und unbestreitbares Erbe! Ein häßliches Weib ist ein Fleck auf dem reinen Antlitz der Schöpfung; was hingegen die Männer betrifft, so ist es genug, wenn sie Kraft und Muth besitzen; ihre Beschäftigung sey: — Jagen, Schießen und Fechten; alles Uebrige ist keinen Heller werth. Das wäre meine Devise, wäre ich ein Mann.’ ‘Wenn ich mich je verheirathe,’ fuhr sie nach einer durch Niemanden unterbrochenen Pause fort, ‘nehme ich mir einen Mann, der mir eine Folie, nicht ein Nebenbuhler ist. Um meinen Thron dulde ich keinen Mitbewerber, alle Huldigungen sollen mir unverkürzt zukommen, seine Aufmerksamkeit darf nicht getheilt seyn zwischen mir und der Gestalt, die er in seinem Spiegel sieht. Mr. Rochester, singen Sie, ich will Sie begleiten.’ ‘Ich stehe ganz zu Diensten,’ war die Antwort. ‘Hier ist ein Corsarenlied. Sie müssen wissen, daß ich in Corsaren ordentlich vernarrt bin; drum singen Sie es auch con spirito.’ ‘Ein Befehl von Miß Ingram's Lippen müßte in einen Napf wässeriger Milch Begeisterung bringen.’ ‘Seyen Sie also auf Ihrer Hut; wenn Sie mir nicht gefallen, so beschäme ich Sie, indem ich Ihnen zeige, wie man sich einer solchen Aufgabe entledigt.’ ‘Auf diese Art bieten Sie der Unfähigkeit eine Belohnung; ich werde mich sogar bemühen zu fehlen. ‘Gardez-vous-en bien! wenn Sie absichtlich fehlen, verhänge ich über Sie eine verhältnißmäßige Strafe.’ ‘Miß Ingram sollte Gnade üben, da es in ihrer Macht steht, eine Züchtigung aufzuerlegen, die wohl kein Sterblicher ertragen möchte.’ ‘Ha! erklären Sie sich deutlicher’, befahl die Dame. ‘Entschuldigen Sie, Madame, eine nähere Erklärung ist hier überflüssig; Ihr eigener Scharfsinn muß Ihnen sagen, daß ein finsterer Blick von Ihnen einer Capitalstrafe gleich ist.’ ‘Singen Sie!’ sagte sie, und wieder die Tasten berührend spielte sie eine im lebhaftesten Allegro gehaltene Begleitung. ‘Nun ist es Zeit, daß ich mich fortschleiche,’ dachte ich; doch die Töne, die nun erschollen, hielten mich zurück. Mrs. Fairfax hatte Mr. Rochester's Stimme gelobt, und das mit Recht; er besaß einen kräftigen markigen Baß in seinen Gesang wußte er seine ursprünglichen naturkräftigen Gefühle zu legen und damit den Weg durch's Ohr zum Herzen zu finden, wo sie ein wunderbares Echo wach riefen. Ich wartete bis der Nachhall des letzten Tones erstorben war und der Fluß der allgemeinen Unterredung, der für eine Weile ins Stocken gerieth, seinen natürlichen Fortlauf genommen hatte, dann verließ ich den schützenden Winkel und trat zur Seitenthüre hinaus, die zum Glücke nicht weit entfernt war. Von dort führte ein schmaler Gang zur Vorhalle; indem ich die letztere hindurch schritt, bemerkte ich, daß mein Schuhband los war; ich hielt an, um es zu binden, und kniete zu diesem Behufe auf der Strohmatte an der Treppe nieder. Ich hörte wie die Thüre des Speisesaales aufging; ein Herr kam heraus; mich plötzlich erhebend, stand ich ihm mit dem Gesichte gegenüber, es war Mr. Rochester. ‘Wie geht es Ihnen?’ frug er. ‘Ich bin ganz wohl, Sir.’ ‘Warum kamen Sie im Gesellschaftszimmer nicht auf mich zu, um mit mir zu sprechen?’ Ich dachte, ich hätte ein besseres Recht, diese Frage an ihn zu richten; aber ich wollte mir diese Freiheit nicht herausnehmen. Ich erwiederte blos: ‘Ich wollte Sie nicht stören, da ich sah, daß Sie in Anspruch genommen seyen.’ ‘Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?’ ‘Nichts Besonderes; ich unterrichtete Adelen, wie gewöhnlich.’ ‘Und sind viel blässer geworden, wie ich gleich beim ersten Anblick bemerkte. Was ist's mit Ihnen?’ ‘Gar nichts, Sir.’ ‘Haben Sie sich etwa in jener Nacht, wo Sie mich halb ersäuften, erkältet?’ ‘Ganz und gar nicht.’ ‘Gehen Sie ins Gesellschaftszimmer zurück; Sie verlassen uns zu zeitlich.’ ‘Ich bin müde, Sir.’ Er sah mich einen Augenblick an. ‘Und ein wenig trübe gestimmt,’ sagte er. ‘Weswegen? Sagen Sie an.’ ‘Es ist nichts — nichts. Ich bin nicht trübe gestimmt.’ ‘Doch versichere ich Ihnen, daß Sie es sind und zwar in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen fast in die Augen treten; — und in der That da sind sie schon und eine Perle fiel eben von den Wimpern auf die Wange herab. ‘Wenn ich Zeit hätte und nicht in tödtlicher Angst wäre, irgend ein plaudernder, naseweiser Diener möchte am Ende vorbeikommen, Sie müßten mir beichten, was das Alles zu bedeuten hat. Nun gut, für diesen Abend mag es dabei sein Bewenden haben; wissen Sie jedoch, daß ich es Ihnen zur Pflicht mache, so lange meine Gäste hier sind, jeden Abend im Besuchszimmer zu erscheinen; es ist mein Wunsch, den ich nicht zu übersehen bitte. Jetzt gehen Sie und lassen Sie Adelen von Sophien abholen. Gute Nacht, meine’ — Er hielt inne, biß sich in die Lippen und entfernte sich mit raschen Schritten. Achtzehntes Capitel. Welch' fröhliche und geschäftige Tage waren das jetzt, wie so ganz verschieden von den ersten drei Monaten der Stille, Einförmigkeit und Einsamkeit, die ich unter dem Dache von Thornfieldhall zugebracht hatte! Alle trüben Gefühle, alle traurigen Gedanken schienen nun das Haus verlassen zu haben; überall herrschte Leben und Bewegung. Es war unmöglich die sonst so verlassene Gallerie oder die Vorderzimmer zu betreten, ohne einer netten Kammerzofe oder, einem aufgewichsten Lakei zu begegnen. Eine gleiche Rührigkeit herrschte in der Küche, in der Kellerei, im Gesindezimmer und in der Vorhalle, und die Salons standen nur dann leer, wenn sonnige, halcyonische Frühlingstage die Gäste ins Freie riefen. Selbst an unfreundlichen, regnerischen Tagen trat in den Unterhaltungen kein Stillstand ein, nur daß dann Zimmerbelustigungen in um so größerer Abwechslung und Lebendigkeit stattfanden. Ich wußte nicht recht was am nächsten Abend beabsichtigt wurde, als die Gäste zur Abwechslung das “Charadenspiel” vorschlugen; in meiner Unerfahrenheit war mir selbst das Wort unverständlich. Die Diener wurden gerufen, die Tische bei Seite geschoben, die Lichter anders vertheilt, die Stühle dem Schwibbogen gegenüber in einem Halbzirkel aufgestellt. Während Mr. Rochester mit den übrigen Herren diese Veränderungen vornahm, liefen die Damen Treppe auf, Treppe ab, und klingelten ihren Mädchen. Mrs. Fairfax wurde aufgefordert, über die Vorräthe des Hauses an Shawls, Anzügen, Draperien jeder Art zu berichten, worauf die alten Garderoben des dritten Stockwerkes geplündert wurden und ihren Inhalt an brocatenen und gestickten Röcken, an schwarzseidenen Staatskleidern, Spitzenkrägen [2161-0 und atlassenen Mäntelchen c. abliefern mußten. Die Kleidungsstücke wurden in Massen von den Zofen herunter geschafft, und nach geschehener Auswahl die brauchbaren Stücke im Boudoir des Gesellschaftszimmers aufgespeichert. Inzwischen hatte Mr. Rochester die Damen um sich berufen, von denen er einige zu seinen Partnerinnen erwählte. ‘Miß Ingram gehört natürlich zu mir,’ sagte er. Darauf nannte er die beiden Misses Eshton und Mrs. Dent. Er sah mich an; ich stand zufällig in seiner Nähe und befestigte Mrs. Dent's Armband, welches aufgegangen war. ‘Wollen Sie spielen?’ frug er. Ich schüttelte mit dem Kopfe. Er bestand nicht weiter darauf, was ich beinahe befürchtete, und erlaubte mir mich hinter meinen Fenstervorhang zurückzuziehen. Nun trat er mit seiner Partei hinter die Draperie, der andere Theil ver Gesellschaft unter Obrist Dent's Anführung setzte sich auf die im Halbkreis aufgestellten Stühle. Mr. Eshton, der mich gewahr wurde, schien den Vorschlag zu machen mich herbei zu rufen; doch Lady Ingram war entschieden dagegen. ‘Nein,’ hörte ich sie sagen, ‘sie sieht zu einem solchen Spiele viel zu dumm aus.’ Kurze Zeit darauf ertönte eine Klingel und der Vor- hang ging in die Höhe. Innerhalb des Schwibbogens sah man Sir George Lynn in ein weißes Bettuch gehüllt. Vor ihm auf einem Tische lag ein offenes großes Buch, ihm zur Seite stand Amy Eshton in Mr. Rochester's Mantel, ein Buch in der Hand haltend. In der Ferne hörte man ein fröhliches Glockengeläute; Adela (die es sich nicht nehmen ließ, von der Partei ihres Vormundes zu seyn) kam nun herbei gesprungen und streute den Inhalt eines Blumenkörbchens auf dem Boden aus. Darauf erschien Miß Ingram, ganz weiß gekleidet, einen Kranz von Rosen im Haar, mit ihr Mr. Rochester im schwarzen Anzuge. Das Paar näherte sich dem Tische. Sie knieten nieder, während sich Mrs. Dent und Louise Eshton hinter ihnen aufstellten. Eine stumme Ceremonie folgte, in der man mit Leichtigkeit eine Trauung erkannte. Am Ende der Scene berieth sich der Obrist dort etwa durch zwei Minuten mit seinen Partnern, worauf er laut ausrief: ‘Braut!’ Mr. Rochester verbeugte sich und der Vorhang fiel. Eine geraume Weile verging, bevor er wieder aufgezogen wurde. Als dies geschah, sah man Mr. Rochester, ein elegantes Maroquinkästchen in der Hand gleichsam in eine Stube treten, wo ihn Miß Ingram sitzend empfing und ihm mit einer Handbewegung bedeutete, näher zu treten. Mit ehrfurchtsvoller Geberde überreichte er ihr das Etui. Sie öffnete es und nahm mehre Ohrgehänge und Armspangen, eine Broche, ein Stirnband, Alles auf's Reichste mit Edelsteinen besetzt, heraus. Eine darauffolgende Pantomime stellte jedenfalls den Abschluß eines Kaufes vor. Der Vorhang fiel zum zweiten Male. Wahrscheinlich konnte sich Obrist Dent's Partei über vie Bedeutung des Bildes nicht vereinigen, denn der Oberst verlangte das Tableau des Ganzen. Im dritten Aufzuge erschien nun Miß Ingram in demselben Anzuge wie im ersten, nur schmückte sie der Inhalt des Maroquinkästchens: von ihrer Stirne funkelte das Diadem, in ihren Ohren glänzten die prachtvollen Ohrgehänge, am Busen stack die kostbare Brillantbroche. ‘Brautschmuck!’ rief nun Obrist Dent und die Charade war gelöst. Eine Pause trat nun ein, während welcher die Darsteller ihre gewöhnlichen Kleider wieder anlegten; damit zu Ende gekommen, traten sie wieder ins Besuchzimmer. Mr, Rochester hatte Miß Ingram am Arme. ,Nun ist die Reihe an Ihnen, Dent,’ mahnte der Erstere, und als sich die andere Partei zurückgezogen hatte, nahm er mit seinem Anhange die Sitze ein: Miß Ingram saß ihm zur Rechten. Nun sah ich nicht mehr nach den Darstellern, nun erwartete ich nicht länger mit Spannung das Aufgehen des Vorhanges; meine ganze Aufmerksamkeit war auf die Zuseher gerichtet. meine Augen auf den Halbkreis von Stühlen wie festgebannt. Welche Charade Obrist Dent's Partei darstellte, welches Wort sie wählte, wie sie spielte, von Allem dem weiß ich nichts mehr; doch sehe ich noch immer die Berathungen vor mir, welche jeder Scene folgten ich sehe Mr. Rochester sich zu Miß Ingram wenden und Miß Ingram zu ihm; ich sehe sie den Kopf zu ihm neigen, daß die glänzenden Locken beinahe auf seine Achsel herunter fallen und seine Wange berühren; ich höre ihr wechselseitiges Flüstern; ich erinnere mich der gewechselten Blicke, und noch in dieser Stunde kann ich mir das Gefühl ins Gedächtniß zurückrufen, welches dieser Anblick in mir hervorbrachte. Ich habe dem Leser mitgetheilt, wie meine Liebe zu Mr. Rochester entstanden war. Sollte ich ihn jetzt etwa darum nicht mehr lieben, weil ich fand, daß er mich nicht beachtete, daß ich nun ganze Stunden in seiner Nähe zubringen konnte, ohne daß er mich auch nur ein einzigesmal ansah? Oder darum, weil ich seine Aufmerksamkeiten für eine vornehme Dame bemerkte, die mich nicht für würdig genug erachtete, daß mich der Saum ihres Kleides berührte, die, wenn zufällig ihr dunkles, gebieterisches Auge auf mich fiel, es sofort wegwandte, als wäre ich ein zu gemeiner Gegenstand, ihrer Blicke gar nicht werth? Noch liebte ich ihn, wiewohl ich überzeugt war, er werde diese nemliche Dame ehestens heirathen; wiewohl ich täglich seinen Bewerbungen beiwohnte, die, unabsichtlich und von Zurückhaltung zeigend. gerade durch diesen Beweis von Selbstgefühl unwiderstehlich wurden. Alle diese Umstände konnten meine Liebe weder mindern, noch viel weniger aus meinem erzen reißen, obgleich sie mich zur Verzweiflung brachten. Wohl auch zur Eifersucht, wird der Leser denken, wenn überhaupt ein Märchen von meiner Stellung auf ein Fräulein wie Miß Ingram eifersüchtig seyn durfte. Aber ich war es gar nicht, oder doch nur sehr selten; dieses Wort fand zur Bezeichnung des besonderen Schmerzes, den ich fühlte, keine Anwendung. Miß Ingram stand zu tief unter mir, um dieses Gefühl hervorrufen zu können. Man gestatte mir, diesen anscheinend seltsamen Satz aufzustellen, den ich sofort erklären will. Sie wußte zu blenden, doch nur mit erborgtem Flitter: sie hatte ein schönes Aueßeres und manche glänzende Vorzüge, allein ihr Geist war arm, ihr Herz von Natur aus öde und unfruchtbar; nichts erblühte naturwüchsig auf diesem Boden, keine süße Frucht lohnte mit ihrer erquickenden Frische. Sie war weder herzensgut, noch originell; ihre Aussprüche bestanden in tönenden, aus Büchern entlehnten Phrasen; nie urtheilte sie aus eigener Ueberzeugung und war in dieser Hinsicht vollkommen unselbstständig. Sie spielte die Gefühlvolle und kannte weder Mitgefühl noch Mitleid; Zärtlichkeit und Natürlichkeit hätte man bei ihr vergebens gesucht. Nur zu oft verrieth sie sich, indem sie ihrer schmählichen Antipathie gegen die kleine Adela freien Lauf ließ, diese mit irgend einem Schimpfworte von sich stieß, wenn sie ihr nahe kam, oder zuweilen aus dem Zimmer hinausschaffte, unter allen Umständen aber mit Kälte und Bissigkeit behandelte. Andere Augen nebst den meinen beobachteten diese Kundgebungen des Charakters auf's Genaueste. Mr. Rochester selbst, der angehende Bräutigam, beaufsichtigte seine Zukünftige ohne Unterlaß: eben diese beobachtende Kälte, das daraus entspringende klare Bewußtseyn der Fehler seiner Geliebten und der gänzliche Mangel an Leidenschaft von seiner Seite verursachten meinen unheilbaren Schmerz. Ich erkannte, daß er sie blos aus Familien-, vielleicht auch aus politischen Rücksichten zu heirathen gedachte, weil ihm ihr Rang und ihre Verbindungen zusagten; ich fühlte es, daß er sie nicht liebe und daß ihre Eigenschaften nicht darnach waren, ihm den Schatz seiner Zuneigung zu entlocken. Das war die verwundbare Stelle, wo der Not bloß lag und vor Schmerz zuckte — wo das Fieber raste und immer neue Nahrung erhielt: sie konnte ihn nicht beglücken. Hätte sie ihn mit einem Male besiegt und hätte er sich unterworfen, und ihr sein Herz mit Freuden zu Küßen gelegt, würde ich mein Gesicht verhüllt und ihm gerne entsagt haben. Wäre Miß Ingram ein braves, edles, mit Seelenstärke, Herzensgüte und Verstand begabtes Weib gewesen, hätte ich nur Einen Kampf mit den Dämonen der Eifersucht, der Verzweiflung zu bestehen gehabt, welche mir vielleicht das Herz aus dem Leibe gerissen und verzehrt hätten; — allein ich hätte sie bewundert, ihre Vortrefflichkeit anerkannt und den Rest meiner Tage in Ruhe beschlossen. Doch wie die Sachen in der Wirklichkeit standen, gehörte in der That eine außerordentliche moralischeKraft dazu, mit Ruhe zuzusehen. wie sich Miß Ingram bemühte, Mr. Rochester an sich zu ziehen, nicht wissend, daß alle ihre Mühe vergebens sey; wie sie sich in ihrer Eitelkeit einbildete, jeder abgesandte Pfeil treffe ins Schwarze; wie sie sich mit ihren scheinbaren Erfolgen brüstete, während gerade ihr Stolz und ihre Einbildung sie immer mehr und mehr von dem angestrebten Ziele entfernten. Denn während sie fehlte, wußte ich ganz gut, wie sie hätte treffen können. Pfeile, die fortwährend von Mr. Rochester's Brust abprallten und ohne Schaden zu verursachen zu seinen Füßen fielen, mußten, ich war dessen gewiß, von einer sicheren Hand abgeschossen, sein stolzes Herz treffen, sein ernstes Auge in Liebe, sein spöttisches Gesicht in Milde erglänzen machen. Und noch besser mußte eine friedliche Eroberung ohne alle Waffe gelingen. ‘Warum kann sie ihn nicht besser fesseln, da sie doch das Vorrecht hat, mit ihm beständig umzugehen?’ frug ich mich selbst. ‘Gewiß liebt sie ihn nicht wahrhaft und vom Herzen! Wäre dies der Fall, hätte sie es nichs nöthig, so kunstvoll zu lächeln, so geziert zu blicken, anmuthige Geberden und Stellungen zu fabriciren. Es scheint mir, sie erreichte ihre Absicht besser und käme seinem Herzen näher, wenn sie ruhig an seiner Seite säße, wenig spräche und noch weniger herumblickte. Ich habe auf seinem Gesicht schon einen ganz verschiedenen Ausdruck gesehen, als die regungslose Härte, die gerade jetzt seine Züge versteinert, wo sie so lebhaft in ihn hinein redet; allein damals kam dieser Ausdruck von selbst, ohne durch buhlerische Künste und berechnete Manövers hervorgerufen zu werden und man durfte nur einfach seine Fragen beantworten, ihn, wenn nöthig, ohne Ziererei ansprechen, um ihn ganz Feuer und Flamme zu sehen und sich in seinem Scheine zu wärmen. Wie will sie ihn fesseln, wenn sie erst verheirathet sind? Ich denke, es wird ihr nicht gelingen, wiewohl es so leicht wäre und sein Weib das glücklichste unter der Sonne seyn könnte.’ Ich habe bis jetzt Mr. Rochester's auf Interesse beruhendes Heirathsproject noch mit keinem Worte getadelt. Die Entdeckung seiner Absichten überraschte mich anfänglich; ich habe ihn für einen Mann gehalten, der sich der Wahl einer Lebensgefährtin von keinen so alltäglichen Beweggründen würde bestimmen lassen; doch je mehr ich die gesellschaftliche Stellung, die Erziehung der beiden Brautleute ins Auge faßte, desto ungerechter erschien es mir, sowohl Mr. Rochester als Miß Ingram wegen einer Handlungsweise zu tadeln, die mit den ihnen von Jugend auf beigebrachten Ideen und Grundsätzen ganz im Einklange war. Die ganze Kaste, der sie angehörten, theilte ja diese Ansichten; es mußten also doch wohl Gründe für ihre Richtigkeit sprechen; nur daß sie mir unbekannt waren, In diesem, so wie in allen andern Punkten hatte ich mit meinem Gebieter die größte Nachsicht; seine Fehler, für die ich ehedem ein scharfes Auge gehabt, schien ich alle vergessen zu haben. Früher hatte ich mir Mühe gegeben, alle Seiten seines Charakters zu erforschen, das Gute und das Schlechte mitzunehmen und mir nach genauer Abwägung des Einen und des Andern ein richtiges Urtheil zu bilden. Jetzt sah ich gar nichts Fehlerhaftes an ihm. Der Sarcasmus. der mich vordem verletzt, die Barschheit, die mich zurück geschreckt hatte, kamen mir nun wie eine pikante Würze in einem ausgesuchten Gerichte vor; ihr Vorhandenseyn war zwar nicht angenehm, allein ihre Abwesenheit hätte allen Geschmack vermissen lassen. Und was seinen unbestimmten, ob unheilvollen, ob schmerzlichen, kühnen oder verzweifelnden Ausdruck anbelangte, der sich dann und wann rem Auge eines sorgsamen Beobachters in Mrs. Rochester's Blicken erschloß, aber auch sofort wieder verschwand, ehe man noch seine wunderbare Tiefe ermessen konnte; jenen Ausdruck, der mich mit Furcht und Entsetzen erfüllte, als wandelte ich auf vulkanischem Boden und fühlte die Erde unter mir erbeben-- noch sah ich ihn von Zeit zu Zeit, doch nur noch mit Herzklopfen, nicht mehr mit vor Schreck gelähmten Nerven. Statt jenem fürchterlichen Geheimnisse auszuweichen, wünschte ich vielmehr, es untersuchen, errathen zu können und ich beneidete Miß Ingram, daß sie eines Tages mit Muße würde in den Abgrund blicken, seine Geheimnisse ergründen, seine Beschaffenheit studiren können. Während ich nur an Mr. Rochester und seine Braut dachte, nur die Beiden sah, nur ihre Unterhaltung hörte und nur ihre Bewegungen für bemerkenswerth erachtete, beschäftigten sich die übrigen Gäste mit ihren Privatinteressen und Privatvergnügen. Die Ladies Lynn und Ingram setzten ihre feierlichen Zweigespräche fort, in welchen sie, gleich zwei großen Puppen, einander mit den beturbanten Köpfen zuwinkten und ihre vier Hände in wunderbaren Bewegungen verrenkten, je nachdem das Thema ihrer Unterhaltung ein überraschendes, geheimnißvolles oder schauderhaftes war. Die sanfte Mrs. Dent plauderte mit der herzensguten Mrs. Eshton und die Beiden richteten zuweilen ein freundliches Wort an mich und lächelten mir zu. Sir George Lynn, Oberst Dent und Mr. Eshton sprachen über Politik, über Grafschaftsangelegenheiten und über Rechtsfälle. Lord Ingram cokettirte mit Amy Eshton; Louise spielte und sang mit einem der Gebrüder Lynn und Mary Ingram lauschte still schmachtend den galanten Reden des andern. Zuweilen hielten Alle, wie von einem Gedanken geleitet, in ihren Seitengesprächen inne, um die Hauptpersonen zu beobachten und ihnen zuzuhören; denn nach Allem waren Mr. Rochester und — weil mit ihm in enger Verbindung — Miß Ingram die Seele der Gesellschaft. War er nur eine Stunde abwesend, beschlich alle Gäste eine merkliche Langeweile, sein Wiedereintritt gab ohne Zweifel der Lebhaftigkeit der Unterhaltung einen neuen Anstoß. Der Mangel seiner belebenden Gegenwart machte sich ganz besonders eines Tages bemerkbar, da ihn Geschäfte nach Millcote gerufen hatten, von wo er allem Anscheine nach erst spät zurück kommen konnte. Der Nachmittag war regnerisch; ein projectirter Spazirgang zu seinem Zigeunerlager, das jenseits des Dorfes Hay auf einer Haide aufgeschlagen war, mußte daher unterbleiben. Einige Herren waren in die Pferdeställe hinab gegangen, die jüngeren spielten mit den jungen Damen Billard. Die Damen Ingram und Lynn trösteten sich mit einer gemächlichen Whistpartie. Blanche Ingram wies einige Versuche von Mrs. Dent und Miß Eshton, sie mit in ihr Gespräch zu verflechten, durch hochmüthiges Stillschweigen zurück, sang dann mit halblauter Stimme einige sentimentale Lieder und Arien zum Piano und holte sich endlich einen Roman aus der Bibliothek, mit dem sie sich auf's Sopha warf, um sich mit dem Zauber der Dichtung die langweiligen Stunden der Abwesenheit zu verkürzen. Im Hause und in allen Gemächern war es still, nur aus, dem Billardzimmer ertönte dann und wann ein fröhliches Lachen. Es war schon dunkel und die Glocke hatte bereits die Stunde des Ankleidens zum Tische angezeigt, als Adela, die bei mir auf einem Fenstersitze kniete, plötzlich ausrief: ‘Voila Monsieur Rochester qui revient!’ Ich wandte mich um, und sah, wie Miß Ingram vom Sopha emporflog; auch die andern Gäste blickten von ihren augenblicklichen Beschäftigungen auf, denn in demselben Momente vernahm man das Rollen von Rädern und Pferdegetrampel auf dem nassen Sandwege. Ein Postwagen näherte sich. ’Was fällt ihm denn ein in diesem Aufzuge nach Hause zu kommen?’ bemerkte Miß Ingram. ‘Er ritt ja seinen Rappen Mesrur und Pilot war mit ihm, als er heute Morgen Thornfield verließ; was hat er nur mit den Thieren angestellt?’ Bei diesen Worten trat sie mit ihrer starken Figur und ihren weiten faltigen Kleidern so nahe zum Fenster, daß ich bei der Bemühung ihr auszuweichen und mich zurück zu biegen, fast das Rückgrat brach. In ihrem Eifer bemerkte sie mich nicht sogleich; doch. meiner ansichtig werdend, rümpfte sie die Nase und suchte ein anderes Fenster auf. Der Postwagen hielt vor dem Hause; der Kutscher läutete an und ein Herr in Reisekleidern stieg aus; allein es war nicht Mr. Rochester, sondern ein Fremder, ein schlanker, elegant aussehender Mann. ‘Wie ärgerlich!’ rief Miß Ingram. ‘Sie alberner Affe!’ (Adelen anfahrend) ‘Wer hieß Sie denn sich auf's Fenster hinauf zu hocken und die Leute zum Narren halten? Und sie warf auch mir einen wüthenden Blick zu, als wäre ich an der ganzen Sache Schuld. Man hörte in der Vorhalle reden und sofort trat der neue Ankömmling ins Besuchzimmer. Er verneigte sich vor Lady Ingram als der ältesten der anwesenden Damen. ‘Ich scheine etwas ungelegen zu kommen, Madame,’ sagte er, ‘da mein Freund, Mr. Rochester, vom Hause abwesend ist; allein ich lange eben von einer sehr weiten Reise an und ich darf wohl als ein alter und intimer Freund einstweilen absteigen und seine Zurückkunft abwarten.’ Sein Benehmen war artig; sein Accent kam mir etwas ungewöhnlich — nicht gerade fremd, aber auch nicht englisch vor. Dem Alter nach schien er mit Mr. Rochester auf derselben Stufe zu stehen und zwischen dreißig bis vierzig Fahre zu zählen; seine Hautfarbe war merkwürdig blaß: im Uebrigen konnte man ihn, besonders beim ersten Anblick, einen sehr hübschen Mann nennen. Bei näherer Betrachtung jedoch entdeckte man in seinem Gesichte ein Etwas, das mißfiel, oder vielmehr nicht gefiel. Seine Gesichtszüge waren regelmäßig, aber zu schlaff: sein Auge war groß und schön geschnitten, aber das innere Leben, welches herausblickte, ein leeres, gedankenloses Leben. So dachte ich wenigstens. Die Gesellschaft ging auseinander, um sich zur Tafel umzukleiden. Erst nach Tische sah ich den Fremden wieder: er schien sich ganz heimisch zu fühlen. Doch gefiel mir sein Gesicht wo möglich noch weniger als früher: es war unruhig und doch ohne Leben. Seine Blicke irrten herum, sagten aber gar nichts, was dem Manne ein so sonderbares Aussehen verlieh, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ungeachtet seines hübschen und wohl auch anmuthigen Aeußern hatte er für mich etwas sonderbar Abstoßendes: seinem glatten ovalen Gesichte fehlte der Ausdruck der Kraft, seiner Adlernase Kühnheit, seinem kirschrothen Munde männlicher Ernst; seine niedere, ebene Stirne war gedankenlos, sein stieres braunes Auge ohne Feuer. Von meiner Nische aus betrachtete ich ihn, wie die Armleuchter des Gamins, an dem er fast vor Kälte zitternd in einem Armstuhl saß, ihn mit ihrem vollen Lichte übergossen, und verglich ihn in Gedanken mit Mr. Rochester. Der Contrast konnte — mit aller Achtung sey, es gesagt — zwischen einem albernen Gänserich und einem kühnen Falken, zwischen einem furchtsamen Schafe und seinem Hüter, dem rauhhaarigen, scharfäugigen Hunde, kaum größer seyn. Er hatte von Mr. Rochester als von einem alten Freunde gesprochen. Ihre Freundschaft muß eine wunderliche gewesen seyn, eine treffliche Illustration des alten Sprichwortes: ‘die Extreme berühren sich.’ Zwei oder drei Herren saßen neben ihm und zuweilen gelangten Bruchstücke ihrer Unterredung an mein Ohr. Anfangs konnte ich nicht viel Sinn hinein bringen; denn ein Gespräch zwischen Louise Eshton und Mary Ingram, die mir näher saßen, trat störend dazwischen. Die beiden Märchen sprachen über den Fremden; beide nannten ihn “einen schönen Mann.” Louise sagte, ‘er wäre ein liebenswürdiges Geschöpf, und sie ‘bete ihn an’; und Mary war entzückt ‘über seinen hübschen kleinen Mund und die schöne Nase,’ die ihrer Ansicht nach das Ideal aller Schönheit darstellten. ‘Und was für eine schöne Stirne er hat!’ rief Louise aus. ‘Keine jener finstern Unregelmäßigkeiten, die ich so sehr hasse! Sehen Sie nur das sanfte Auge und freundliche Lächeln!’ Zu meinem größten Vergnügen wurden die beiden Damen von Mr. Henry Lynn an andere Ende des Zimmers berufen, um einer Berathung über den verschobenen Ausflug ins Zigeunerlager beizuwohnen. Nun konnte ich der Gruppe am Feuer ungestört zuhören und erfuhr sofort, daß der neue Gast Mr. Mason heiße und eben erst aus einem sehr warmen Lande angekommen sey. Wahrscheinlich war vies Letztere die Ursache, daß er so blaß aussah, sich so nahe am Feuer hielt und selbst da noch seinen Winterrock nicht ablegte. Die Worte Jamaica, Kingston, Spanish Town zeigten an, daß er in Westindien ansäßig sey, und mit nicht geringem Erstaunen vernahm ich, daß er dort Mr. Rochester's Bekanntschaft gemacht hatte. Er erwähnte seines Freundes Abneigung gegen die dortige brennende Hitze, gegen die Orkane und Winterregen jener Gegend. Mrs. Fairfax hatte mir wohl von Mr. Rochester's Reisen erzählt; doch dachte ich immer, dieselben wären blos auf Europa beschränkt gewesen, und er selbst hatte nie eine Anspielung auf seinen Aufenthalt in anderen Welttheilen gemacht. Ich überlegte mir das eben Gehörte, als plötzlich ein etwas unerwarteter Zwischenfall den Lauf meiner Gedanken unterbrach. Mr. Mason, der vor Kälte zitterte, sobald nur vie Thüre aufging, bat, noch mehr Kohlen auf's Feuer zu legen, das wohl ausgebrannt war, dessen Glut jedoch noch Hitze genug verbreitete. Der Diener, welcher die Kohlen brachte, blieb an Mrs. Eshton's Stuhle stehen und sagte ihm etwas halblaut ins Ohr, von dem ich blos die Worte ‘altes Weib,’ — ‘läßt sich nicht abweisen’ — auffing. ‘Sagen Sie ihr, ich lasse sie in den Bock spannen, wenn sie sich nicht sogleich fortpackt,’ erwiederte die Gerichtsperson. ‘Halt!’ fiel Obrist Dent dazwischen. ‘Schicken Sie sie nicht fort, Eshton; wir können die Sache zu unserer Unterhaltung ausbeuten. Fragen wir doch erst bei den Damen an.’ Und mit lauter Stimme fuhr er fort: ‘Meine Damen, Sie hatten einen Ausflug nach Hay ins Zigeunerlager vor; nun berichtet hier Sam, es sey im Bedientenzimmer eine der alten Zauberinnen angelangt, die durchaus vor die Herrschaften vorgelassen werden will, um ihnen wahrzusagen. Beliebt es Ihnen sie zu sehen?’ ‘Sie scherzen, lieber Obrist!’ rief Lady Ingram. ‘Sie werden doch die Betrügerin nicht unterstützen wollen? Schicken Sie sie auf alle Fälle fort und zwar sogleich.’ ‘Aber, Ew. Gnaden, ich kann sie nicht fortbringen,’ versetzte der Diener, ‘und die andern Leute vermögen es eben so wenig. Mrs. Fairfax spricht in diesem Augenblicke mit ihr und ersucht sie das Haus zu verlasen; doch die Alte hat sich in die Caminecke gesetzt und behauptet nicht eher fortgehen zu wollen, bis sie ihre Absicht erreicht habe.’ ‘Was will sie denn?’ frug Mrs. Eshton. ‘Sie wünscht den Herrschaften wahrzusagen, Madame, und sie schwört hoch und theuer, sie müsse und werde dies thun.’ ‘Wie sieht sie aus?’ erkundigten sich die Misses Eshton in einem Athemzuge. ‘Es ist ein fürchterlich häßliches altes Geschöpf, Mis, fast so schwarz wie eine Krähe.’ ‘Je nun, es ist wohl eine wahrhaftige Hexe! bemerkte Frederick Lynn. ‘Wir lassen sie hereinkommen, das versteht sich. ‘Natürlich,’ bekräftigte sein Bruder; ‘es wäre Jammerschade eine solche Gelegenheit zur Unterhaltung vorübergehen zu lassen.’ ‘Meine lieben Jungen, was fällt Euch ein?’ rief Lady Lynn. ‘Ich kann einem so unvernünftigen Vorhaben unmöglich beipflichten,’ unterstützte sie die verwitwete Lady Ingram. ‘Wirklich, Mama? Ei, Sie können und werden es!’ ertönte die hochmüthige Stimme Blanche's, die bis dahin ruhig am Piano gesessen hatte, anscheinend mit der Durchsicht verschiedener Musikalien beschäftigt. ‘Ich bin begierig, meine Zukunft zu wissen, lassen Sie also die edle Dame herein kommen, Sam!’ ‘Meine theuerste Blanche! denke doch — ‘Ich weiß schon — ich kann mir vorstellen, was Sie mir sagen wollen; allein ich muß meinen Willen haben — also vorwärts, Sam!’ ‘Ja! — ja! — ja!’ jubelten die jungen Leute beiderlei Geschlechtes im Chore. ‘Sie soll kommen, — herein mit der Alten, — das wird ein köstlicher Spaß werden!’ Der Diener zögerte. ‘Sie sieht gar so schrecklich aus,’ meinte er. ‘Ich sage vorwärts!’ herrschte Miß Ingram und der Mann verschwand. Eine außerordentliche Aufregung bemächtigte sich alsbald der ganzen Gesellschaft; ein Lauffeuer von Witz und Scherz machte die Runde, als Sam zurück kam. ‘Sie will nicht herein kommen,’ berichtete er. ‘Sie sagt, es sey nicht ihre Gewohnheit, vor dem großen Haufen (ihre eigenen Worte) zu erscheinen. Ich müßte sie in ein besonderes Zimmer führen, und dann sollten Diejenigen, die sie zu befragen wünschten, einzeln vor sie treten.’ ‘Du siehst nun, meine königliche Blanche,’ begann Lady Ingram, ‘das Weib wird grob. Laß Dir rathen, mein Engel — und — ‘Führen Sie die Alte in vie Bibliothek,’ fiel das Engelskind ihrer Mutter barsch in die Rede. Es ist ebenso wenig meine Sache, sie vor dem “großen Haufen” anzuhören; ich will sie für mich allein haben. Ist das Gemach geheizt? ‘Wohl, Madame, aber das Weib sieht so verdächtig aus.’ ‘Lassen Sie das Geschwätz, Dummkopf! und thun Sie was ich Ihnen befehle.’ Wieder verschwand Sam, und geheimnißvolle Aufregung und Erwartung zeigte sich auf den Gesichtern aller Anwesenden. ‘Sie ist bereit,’ sagte der Diener, nach einer Weile ins Gemach tretend. ‘Sie wünscht zu wissen, wer sie zuerst besucht.’ ‘Ich glaube, es wäre besser, ich ginge zuerst hinein, bevor sich die Damen zu ihr begeben,’ sagte Obrist Dent. ‘Sagen Sie ihr, Sam, daß ein Herr mit ihr sprechen will.’ Sam ging und kam wieder. ‘Sie sagt, Sir, Sie hätte mit Herren nichts zu schaffen; eben so wenig,’ fügte er mit einem schwer unterdrückten Kichern hinzu, ‘mit Damen, die jungen und ledigen ausgenommen.’ ‘Beim Himmel! sie hat einen guten Geschmack!’ rief Henry Lynn aus. Miß Ingram stand feierlich auf. ‘Ich gehe zuerst hinein,’ sagte sie mit dem Tone des Anführers eines verlorenen Postens, der an der Spitze seiner Mannschaft eine Bresche besteigt. ‘Ach meine Beste, meine Theuerste, halt ein, — überlege Dir’s,’ jammerte die Mama; doch die Tochter schwebte mit majestätischem Schweigen an ihr vorüber, schritt zur Thüre hinaus, die Obrist Dent offen hielt, und wir hörten sie ins Bibliothekzimmer treten. Eine verhältnißmäßige Pause trat ein. Lady Ingram hielt es für angemessen, die Hände zu ringen, was sie auch nach Kräften that. Miß Mary erklärte, sie für ihren Theil könne sich nicht entschließen. Amy und Louise Eshton kicherten halblaut und sahen ein wenig furchtsam aus. Die Zeit verging langsam; man konnte an fünfzehn Minuten zählen, bis sich die Thüre des Bibliothekzimmers wieder öffnete. Miß Ingram kehrte zurück. Lacht sie? Sieht sie die Sache als einen Scherz an? Aller Augen betrachteten sie neugierig; sie begegnete diesen Zeichen der Theilnahme mit einem zurückweisenden frostigen Blicke. Ihr Gesicht zeigte weder Aufregung noch Munterkeit; sie schritt in aller Stille zu einem Stuhle und setzte sich ruhig nieder. ‘Nun, Blanche?’ sagte Lord Ingram. ‘Was sagte sie, liebe Schwester?’ frug Mary. ‘Was dachte, was fühlte sie? Sagte sie Ihnen wirklich wahr?’ erkundigten sich die Misses Eshton. ‘Nun, nun, lieben Leute,’ wehrte Miß Ingram ab, ‘bestürmt mich doch nicht so! Eure Verwunderung und Leichtgläubigkeit scheint ja aufs Höchste gestiegen zu seyn. Nach der Wichtigkeit, die Ihr Alle, Mama mit inbegriffen, dem Ereignisse beimesset, müßt Ihr wahrlich glauben, wir haben eine echte Here im Hause, die mit dem Gott-sey-bei-uns in directer Verbindung steht. Ich sah eine herumziehende Zigeunerin, weiter nichts: sie übt die Handwahrsagekunst in der alten Weise und sagte mir eben das was Leute ihres Gelichters zu sagen pflegen. Meine Laune ist nun befriedigt, und Mr. Eshton wird wohl daran thun, sie morgen einsperren zu lassen, wie er es beabsichtigte.’ Miß Ingram nahm ein Buch, legte sich in ihrem Stuhle zurück und wies jedes weitere Gespräch von sich. Ich beobachtete sie beinahe durch eine halbe Stunde, während dieser ganzen Zeit wendete sie kein Blatt und ihr Antlitz wurde mit jedem Augenblicke düsterer, verdrießlicher. Jedenfalls hatte sie nichts Angenehmes erfahren und aus ihrem anhaltenden finsteren Schweigen schloß ich, daß sie, ungeachtet ihrer vorgeblichen Gleichgültigkeit, den empfangenen Enthüllungen ein sehr großes Gewicht beilegte. Mittlerweile erklärten Mary Ingram, Amy und Louise Eshton, daß sie sich nicht einzeln zu gehen trauten, aber doch gerne ihr Glück versuchen möchten. Eine Unterhandlung wurde durch den Abgesandten Sam eröffnet und nach vielem Hin- und Hergehen, das dem besagten Sam den Wadenkrampf zugezogen haben mußte, gab endlich die Sibylle mit großer Schwierigkeit die Erlaubniß, daß die drei Damen zusammen ihre Aufwartung machen dürften. Ihr Besuch lief nicht so ruhig ab, als derjenige Blanche. Ingram's; ein krampfhaftes Lachen und dann und wann ein lauter Schrei ertönten aus dem Gemache herüber und nach beiläufig zwanzig Minuten brachen sie ordentlich die Thüre ein und kamen durch die Vorhalle gelaufen, als hätten sie den Verstand verloren. ‘Mit der Alten ist's gewiß nicht richtig,’ riefen sie zu gleicher Zeit. ‘Was die uns für Sachen sagte! Sie weiß Alles!’ und athemlos sanken sie in die Armstühle, die ihnen die Herren entgegen getragen hatten. Um weitere Auskunft gebeten, erzählten die Mädchen, sie habe ihnen Dinge geoffenbart, die sie als ganz kleine Kinder gesagt und gethan hätten, Bücher und Nippsachen beschrieben, die sich zu Hause in ihren Boudoirs befänden, so wie Andenken, die sie von verschiedenen Verwandten erhalten. Sie behaupteten, die Zigeunerin habe sogar ihre Gedanken errathen und einer Jeden den Namen derjenigen Person, die ihr am theuersten sey, ins Ohr geflüstert und hinzugefügt, was sie sich am sehnlichsten wünschten. Hier traten die Herren mit der angelegentlichen Bitte dazwischen, sie auch bezüglich dieser letzten zwei Punkte eines Näheren zu belehren; doch ihre Zudringlichkeit brachte nur ein allgemeines Erröthen, Aufschreien und verlegenes Kichern hervor. Die verheiratheten Damen offerirten inzwischen ihre Fächer und Riechfläschchen, und drückten wiederholt ihr Bedauern aus, daß man ihren Rath nicht bei Zeiten befolgte. Die älteren Herrn lachten und die jüngeren boten den aufgeregten Schönen ihre Dienste an. Inmitten der Verwirrung und während meine Augen und Ohren von dieser Scene in Anspruch genommen waren, hörte ich ein leises Husten in meiner Nähe, wandte mich um und erblickte Sam. ‘Ich bitte, Miß, die Zigeunerin meint, es wäre noch eine ledige junge Dame hier, die sie nicht befragt hätte; sie betheuert, sie wolle nicht früher fortgehen, bis auch sie bei ihr gewesen sey. Das müssen wohl Sie seyn, Miß, denn ich sehe sonst keine junge Dame hier. Was soll ich der Frau sagen?’ ‘Oh, ich komme auf jeden Fall,’ antwortete ich, froh eine Gelegenheit zur Befriedigung meiner stark erregten Neugier zu finden. Von Allen unbemerkt schlüpfte ich zum Zimmer hinaus und machte die Thüre leise hinter mir zu. ‘Wenn es gefällig ist, Miß,’ sagte Sam, ‘will ich auf Sie in der Halle warten und sollte sie Sie erschrecken, so rufen Sie nur und ich komme sogleich.’ ‘Ich danke, Sam; gehen Sie nur in die Küche, ich bin nicht furchtsam.’ Und das war ich auch nicht, wiewohl meine Neugier und meine Spannung einen hohen Grad erreicht hatten. Ende des zweiten Theiles.

Neunzehntes Capitel Die Bibliothek sah aus wie gewöhnlich, und die Sibylle, wenn es ja eine war, saß ganz gemüthlich in einem Lehnstuhle am Camin. Sie hatte einen rothen Mantel um und eine schwarze Mütze auf dem Kopfe oder vielmehr einen breitkrämpigen Zigeunerhut, der mit einem bunten Sacktuche unterm Kinn zugebunden war. Eine ausgelöschte Kerze stand auf dem Tische; die Alte bog sich zum Feuer herab und schien in einem kleinen, schwarzen Buche beim Scheine der Glut zu lesen: sie sprach die Worte halblaut vor sich hin, wie es die meisten alten Weiber zu thun pflegen. Bei meinem Eintritte hielt sie nicht sogleich inne: wahrscheinlich wollte sie erst mit einem Abschnitte fertig werden. Ich stand am Camingesimse und wärmte meine Hände, die im Gesellschaftszimmer, wo ich so entfernt vom Feuer saß, ordentlich kalt geworden waren. Ich war im Ganzen so gefaßt und ruhig, wie nie in meinem Leben: die Zigeunerin hatte in der That nichts an sich, was irgend wie beunruhigen konnte. Endlich schlug sie ihr Buch zu und blickte lange empor. Der Hutrand bedeckte zum Theile ihr Gesicht, doch konnte ich, als sie es zu mir wandte, die wunderlichen Züge ziemlich deutlich unterscheiden. Ihre Gesichtsfarbe war braun, beinahe schwarz; zerzauste Haarlocken sahen unter einer weißen Binde hervor, die sie unter dem Kinne zugebunden hatte, und hingen halb über ihre Wangen herab; sie maß mich mit einem durchbohrenden, forschenden Blicke. ‘Nun, Sie möchten wohl gerne Ihr Schicksal wissen?’ sagte sie in einem Tone, der in seiner Barschheit mit dem harten Ausdrucke ihres Gesichtes harmonirte. ‘Ich kümmere mich nicht viel darum , gute Mutter: Ihr mögt euer Heil versuchen, aber ich sage Euch im Vorhinein, daß ich an eure Kunst nicht glaube.’ ‘Diese Aeußerung war von einer so kecken Person zu erwarten; ich hörte es gleich an Ihrem Tritte, als Sie die Schwelle überschritten.’ ‘Wirklich? Ihr müßt ein scharfes Gehör haben.’ ‘Wohl, und auch ein scharfes Auge.’ ‘Ihr braucht das Alles bei eurem Handwerk.’ ‘Natürlich; besonders wenn ich solche Kunden habe, wie Sie. Warum zittern Sie nicht?’ ‘Mir ist nicht kalt.’ ‘Warum werden Sie nicht blaß?’ ‘Ich bin nicht krank.’ ‘Warum befragen Sie meine Kunst nicht?’ ‘Ich bin nicht albern genug.’ Die alte Hexe kicherte unter ihrer schwarzen Mütze hervor: darauf zog sie eine kurze schwarze Pfeife heraus, zündete sie an und begann zu rauchen. Nachdem sie sich eine Weile dem Genusse dieses Beruhigungsmittels hingegeben hatte, richtete sie ihren gebückten Körper gerade in die Höhe, nahm die Pfeife aus dem Munde und während sie unverwandt ins Feuer blickte, sagte sie mit Entschiedenheit: ‚Es ist Ihnen kalt, Sie sind krank, Sie sind albern.’ ,Beweiset es,’ erwiederte ich. Das will ich mit wenigen Worten. Es ist Ihnen kalt, denn Sie stehen allein: keine Berührung entlockt das Feuer, das in Ihnen brennt. Sie sind krank, denn das beste. das höchste, das süßeste der menschlichen Gefühle ist Ihnen fern. Sie sind albern, denn bei all Ihren Schmerzen wagen Sie es nicht, es herbeizurufen oder einen Schritt vorwärts zu thun, um es dort zu treffen, wo es Ihrer wartet.’ Und wieder führte sie ihre kurze schwarze Pfeife zum Mund und qualmte mit aller Macht. ‘Dasselbe könntet Ihr wohl einem jeden Mädchen sagen, von dem Ihr wißt, daß es in einem vornehmen Hause und in Abhängigkeit lebt.’ ‘Wohl könnte ich es; doch wäre es auf jedes andere Mädchen gleich gut anwendbar?’ ‘So bald sie sich in gleichen Verhältnissen befindet, ja.’ ‘Richtig, in gleichen Verhältnissen; und nun zeigen Sie mir eine Person, die ganz genau so gestellt ist wie Sie.’ ‘Oh, tausend für Eine!’ ‘Ich glaube kaum eine einzige wäre zu finden. Ihre Stellung ist eine ganz eigenthümliche: das Glück steht Ihnen so nahe, Sie können es mit der Hand erreichen. Alle Bestandtheile sind vorbereitet, nur einer Bewegung bedarf es, um sie zu verbinden. Der Zufall legte sie etwas abseits: lassen Sie sie nur näher kommen und der schönste Erfolg soll Sie beglücken.’ ‘Ich verstehe mich nicht auf Räthsel. Nie in meinem Leben konnte ich welche auflösen.’ ‘Wenn Sie wünschen, daß ich deutlicher spreche, zeigen Sie mir Ihre Hand.’ ‘Und ich muß sie wohl mit Silber bedecken, nicht wahr?’ ‘Freilich.’ Ich gab ihr einen Schilling: sie schob ihn in einen alten Strumpf, den sie aus der Tasche hervorgeholt hatte. Nachdem sie dieses Geldbehältniß sorgfältig zugebunden und wieder eingesteckt, gebot sie mir meine Hand hinzuhalten. Ich that es, sie näherte ihr Gesicht meiner Handfläche und besah sie, ohne sie zu berühren. ‘Sie ist zu zart,’ sagte sie. ‘Mit einer solchen Hand kann ich nichts anfangen; sie hat fast gar keine Linien Uebrigens was soll auch die Hand? Die Zukunft steht doch nicht darin.’ ‘Ich glaube es selbst,’ sagte ich. ‘Sie steht im Gesichte,’ fuhr sie fort, ‘auf der Stirn, um die Augen herum, in den Augen selbst, in den Linien des Mundes. Knieen Sie nieder und halten Sie den Kopf in die Höhe.’ ‘Ah, nun kommt Ihr zur Wirklichkeit!’ bemerkte ich, ihrer Weisung folgen. ‘Ich werde damit beginnen, Ihnen einigen Glauben einzuflößen.’ Ich kniete etwa eine halbe Elle von ihr entfernt. Sie schürte das Feuer an, daß ein Lichtschein aus den aufgestörten Kohlen hervorbrach; so wie sie saß, brachte sie der Schein in einen noch tieferen Schatten, während er mein Gesicht grell beleuchtete. ‘Ich möchte wissen, mit welchen Gefühlen Sie zu mir kamen,’ sagte sie, nachdem sie mich eine kurze Zeit scharf ins Auge gefaßt hatte. ‘Ich möchte wissen, welche Gedanken und Gefühle durch alle die Stunden in Ihnen auftauchen, wo Sie in jener Stube sitzen, während alle die vornehmen Leute wie die Gestalten einer Zauberlaterne vor Ihren Blicken herumtanzen. Sie fühlen sich zu den Andern in der That so wenig hingezogen, als wären sie nichts Besseres denn menschliche Schattenbilder ohne alle Wirklichkeit.’ ‘Oft bin ich müde und langweile mich, zuweilen bin ich schläfrig, doch nur selten traurig.’ ‘Dann haben Sie irgend eine geheime Hoffnung, die Sie aufheitert und Ihnen eine bessere Zukunft verspricht?’ ‘Nein, Alles was ich von der Zukunft erwarte, besteht darin, daß ich mir von meinem Gehalte so viel Geld erspare, um eines Tages eine Kostschule für eigene Rechnung eröffnen zu können.’ ‘Eine spärliche Nahrung für das Herz, um sich damit zu begnügen! Und wenn Sie in jener Fensterbrüstung sitzen (Sie sehen, ich weiß sogar Ihre Gewohnheiten) —‘ ‘Die konntet Ihr von den Dienstboten erfahren.’ ‘Ei, Sie halten sich für klug. Möglich, daß Sie Recht haben. Die Wahrheit zu sagen, kenne ich eine Person von der Dienerschaft — Mrs. Poole —‘ Ich erzitterte am ganzen Körper, als ich diesen Namen hörte. ,Wirklich?’ dachte ich, ‘wenn es so ist, dann hat der Teufel seine Hand im Spiele.’ ‘Erschrecken Sie nicht,’ fuhr das sonderbare Wesen fort; ‘vor Mrs. Poole ist nichts zu besorgen, sie ist verschwiegen und ruhig, jedermann kann sich auf sie verlassen. Doch was wollte ich sagen? Ja! wenn Sie in jener Fensterbrüstung sitzen, denken Sie da auch an Ihre künftige Errichtung einer Kostschule? Interessirt Sie denn von der ganzen Gesellschaft, die vor Ihnen auf den Sopha's und Ottomanen sitzt, durchaus Niemand? Gibt's da kein einziges Gesicht, daß Sie besonders betrachten? kein Antlitz, dessen wechselnden Ausdruck Sie mindestens aus Neugier verfolgen?’ ‘Ich finde ein Vergnügen daran, alle Gesichter und alle Gestalten zu studieren.’ ‘Scheiden Sie nie eine einzelne Person — vielleicht auch zwei — von den übrigen aus?’ ‘Das thue ich oft. Wenn die Bewegungen oder die Blicke eines Paares eine ganze Geschichte zu erzählen scheinen, freut es mich, Beobachtungen anstellen zu können.’ ‘Welche Geschichten hören Sie am liebsten?’ ‘O, ich habe keine große Auswahl! Sie behandeln gewöhnlich denselben Gegenstand — Liebesbewerbungen, und enden voraussichtlich mit derselben Katastrophe — einer Heirath.’ ‘Und gefällt Ihnen dieser einförmige Stoff?’ ‘Aufrichtig gesagt, kümmere ich mich nicht viel darum; ich habe nichts damit zu schaffen.’ ‘Nichts damit zu schaffen? Wenn eine junge Dame voll Leben und Gesundheit, reich an Reizen und Talenten, mit Rang und Glücksgütern gesegnet, neben einem Herrn sitzt und ihm zulächelt, den —‘ ‘Nun?’ ‘Den Sie kennen und dem Sie vielleicht — gut sind.’ ‘Ich kenne alle die Herren nicht. Ich habe kaum ein Wort mit einem von ihnen gewechselt und was das Gutseyn anbelangt, so ist ein solches Gefühl fern von mir. Ich achte die einen als stattliche, achtungswerthe alte Herren und erkenne die Jugend, Schönheit, Liebenswürdigkeit und glänzende Galanterie der Andern auch; allein es steht ihnen allen frei, sich von wem immer zulächeln zu lassen, ohne daß mich dieser Vorgang auch nur im Geringsten, angenehm oder unangenehm, berührt.’ ‘Sie kennen die Herren nicht? Sie haben noch mit keinem ein Wort gesprochen? Wollen Sie das von dem Herrn des Hauses auch behaupten?’ ‘Er ist nicht hier.’ ‘Eine tiefsinnige Bemerkung! Ein äußerst geistreiches Auskunftsmittel! Er ging diesen Morgen nach Millcote und wird noch heute Abends zurückerwartet; schließt ihn dieser Umstand von der Liste Ihrer Bekanntschaften aus — vernichtet er seine Existenz?’ ‘Nein; aber ich kann nicht einsehen, was Mr. Rochester mit dem Gegenstande unserer Verhandlung gemein hat.’ ‘Ich sprach von Damen, die Herren zulächeln, und in letzterer Zeit wurde Mr. Rochester von einer gewissen Dame so häufig angelächelt, daß er ordentlich schmelzen muß, wie Märzschnee in der Frühlingssonne. Haben Sie das nie bemerkt?’ ‘Mr. Rochester hat vollkommen Recht, sich an dem Umgange seiner Gäste zu erfreuen.’ ‘Darum handelt es sich hier nicht; allein haben Sie es unter den vielen Bewegungen und Blicken, die ganze Geschichten erzählen, wie Sie sagen, nicht bemerkt, daß Mr. Rochester mit den lebhaftesten und unausgesetztesten Kundgebungen dieser Art beglückt wurde?’ ‘Die Aufmerksamkeit des Zuhörers beflügelt die Zunge des Erzählers.’ Ich sagte dies mehr zu mir selbst als zur Zigeunerin, deren sonderbares Gespräch, eigenthümliche Stimme und Manieren mich in eine Art Traum eingewiegt hatten. Eine unerwartete Rede nach der andern kam von ihren Lippen, bis ich in ein ordentliches Netz von Mystificationen verstrickt war und nachsann, welcher unsichtbare Geist wohl wochenlang an meinen Herzen gesessen, sein ganzes Treiben überwacht und jeden Pulsschlag aufgezeichnet hatte. ‘Die Aufmerksamkeit des Zuhörers!’ wiederholte die Zigeunerin; ‘wohl; Mr. Rochester hat ganze Stunden da gesessen und sein Ohr den wundervollen Lippen geneigt, die in Erfüllung ihrer Aufgabe ein so großes Vergnügen zu finden schienen. Und er hörte so gerne zu und war so dankbar für die ihm bereitete Unterhaltung! Sie haben es doch bemerkt?’ ‘Dankbar? Ich weiß mich nicht zu erinnern, daß ich je in seinem Gesichte Dankbarkeit entdeckt hätte.’ ‘Entdeckt! Sie haben es also untersucht. Und was entdeckten Sie denn, wenn keine Dankbarkeit?’ Ich sagte nichts. ‘Sie haben Liebe bemerkt, nicht wahr? Und weiter in die Zukunft blickend, sahen Sie ihn vermält und seine Braut glücklich?’ ‘Hm! Nicht ganz. Eure Kunst läßt Euch zuweilen im Stiche.’ ‘Was zum Teufel haben Sie denn gesehen?’ ‘Lassen wir das! Ich kam hierher, um zu fragen, nicht um zu beichten. Ist es schon allgemein, daß sich Mr. Rochester vermälen wird?’ ‘Ja wohl, mit der schönen Miß Ingram.’ ‘Bald?’ ‘Alle Anzeichen bejahen es, und Sie werden ohne Zweifel (obwohl Sie die strafbare Kühnheit haben, es in Abrede zu stellen) ein äußerst glückliches Paar seyn. Er muß so eine schöne, edle, witzige, vollendete Dame lieben und wahrscheinlich liebt auch sie ihn, oder wenn auch nicht seine Person, so doch seinen Geldsack. Ich weiß, daß ihr die Besitzungen der Familie Rochester sehr wünschenswerth vorkommen, wiewohl ich ihr darüber (Gott verzeihe es mir!) vor einer Stunde Dinge offenbarte, die sie merkwürdig ernst machten; ihre Mundwinkel fielen um einen guten Zoll. Ich möchte ihrem gemüthlichen Anbeter rathen, sich vorzusehen, denn wenn ein Anderer mit einer längeren oder einer weniger belasteten Einkommenliste anrückt, ist er geliefert —‘ ‘Aber, Mutter, ich kam ja nicht hierher, um Mr. Rochester's Schicksal zu hören, ich wollte das meinige wissen und Ihr sagtet mir ja darüber noch kein Sterbenswort.’ ‘Ihre Zukunft ist noch zweifelhaft: als ich Ihr Gesicht untersuchte, widersprach ein Zug dem andern. Das Schicksal hat Ihnen ein Maß Glückseligkeit zugemessen, so viel weiß ich. Ich wußte es, bevor ich noch heute Abend herkam. Es legte es Ihnen sorgfältig bei Seite. Ich sah ihm dabei zu. Nun hängt es von Ihnen ab, die Hand darnach auszustrecken und es aufzuheben; ob Sie dies aber werden thun wollen, das ist das Räthsel, über welches ich nachdenke. Knieen Sie wieder auf den Teppich nieder.’ ‘Laßt mich nicht lange knieen, das Feuer röstet mich ordentlich.’ Ich kniete nieder. Sie bückte sich nicht zu mir herunter, sondern lehnte sich in ihrem Stuhle zurück und sah mich blos an. Darauf murmelte sie vor sich hin: ‘Die Flamme flackert im Auge, das Auge glänzt wie der Thau. Es ist sanft und gefühlvoll, es lächelt zu meinem Kauderwelsch; es ist empfänglich: in seinem klaren Kreise folgt ein Eindruck dem andern. Wenn es aufhört zu lächeln, ist es trübe; eine unbewußte Niedergeschlagenheit drückt das Augenlid nieder, was Melancholie in Folge des Alleinseyns bedeutet. Es wendet sich von mir, es will einer weiteren Untersuchung ausweichen; es scheint durch einen spöttischen Blick die Entdeckungen zu verneinen, welche ich bereits gemacht habe, die Anwesenheit von Gefühl und Kummer in Abrede stellen zu wollen; sein Stolz und sein Läugnen bestärken mich nur noch in meiner Meinung. Das Auge ist günstig.’ ‘Was den Mund anbelangt, so pflegt er zuweilen gerne zu lachen, er theilt alle Gedanken der Seele mit, wiewohl er über so manche Regungen des Herzens ganz stille schweigt. Beweglich und geläufig wie er ist, ist er nicht dazu geschaffen, in dem ewigen Stillschweigen der Einsamkeit geschlossen zu bleiben, es ist ein Mund, der viel sprechen und oft lächeln und Liebe und Zuneigung zum Gegenstande seiner Gespräche machen sollte. Auch dieser Theil des Gesichtes ist günstig. ‘Nur in der Stirne sehe ich ein Hinderniß des glücklichen Ausganges, in der Stirne, welche zu sagen scheint: ‘Ich kann allein leben, wenn mich Selbstachtung und Verhältnisse dazu bestimmen. Ich will meine Seele nicht verkaufen, um dafür Glück einzuhandeln. Ich besitze in meinem Innern einen Schatz, der mich aufrecht erhält, und wenn mich auch von Außen nichts als Schmerz und Kummer trifft, wenn mich alle Freude flieht oder wenn ich sie nur um einen Preis erlangen kann, den ich nicht gewähren darf.’ Diese Stirne sagt ferner: ‘Die Vernunft sitzt hier fest und hält die Zügel straff an; sie gestattet den Gefühlen nicht ihren freien Lauf zu nehmen und im wilden Taumel Geist und Herz zu bethören. Mögen die Leidenschaften, wie wahre Heiden, noch so sehr rasen, mag das Begehrungsvermögen im Bunde mit der Einbildungskraft noch so glänzende, lockende Bilder schaffen, der Verstand wird bei jeder Berathung das letzte Wort haben und den entscheidenden Ausschlag geben. Sturm, Erdbeben und Feuer mögen vorbeitoben, ich werde stets nur der leisen Stimme folgen, die mir die Entscheidungen meines Gewissens zuflüstert.’ ‘Gut gesprochen, Stirne, deine Aussage soll berücksichtigt werden. Ich habe meinen Plan gemacht, den ich für den rechten halte, und darin den Anforderungen des Gewissens. den Rathschlägen der Vernunft entsprochen. Ich weiß es, wie bald die Jugend vergehen und die Blüthe abfallen würde, wäre im gebotenen Kelche der Glückseligkeit auch nur ein Tropfen Schande und nur der leiseste Vorgeschmack bitterer Reue, und ich wünsche weder Opfer, noch Schmerz, noch Untergang, — Alles das ist nicht nach meinem Geschmacke. Ich will erhalten, nicht zerstören, Dankbarkeit hervorrufen, nicht blutige Thränen auspressen; nur lächelnde Blicke, Liebkosungen, süße Worte mag ich ernten. Wie herrlich wird das seyn! Mir kömmt es vor, als lebte ich in einem schönen Fieberwahne! Wie sehr wünschte ich diesen Augenblick ins Unendliche zu verlängern, doch ich wage es nicht. Insofern beherrsche ich mich durch und durch. Ich habe meine Rolle gespielt, wie ich mir es innerlich zugeschworen; bei einer Fortsetzung könnte mich meine Selbstbeherrschung verlassen. Stehen Sie auf, Miß Eyre, verlassen Sie mich, das Stück ist zu Ende.’ Wo war ich? Schlief oder wachte ich? Hatte ich geträumt? Träumte ich noch? Die Stimme des alten Weibes war verändert; ihre Laute, ihre Mienen und Bewegungen kamen mir so bekannt vor, wie mein eigenes Gesicht im Spiegel, wie die Sprache meiner eigenen Zunge. Ich stand auf, doch ohne mich zu entfernen. Ich blickte um mich: stierte das Feuer an und blickte von Neuem: doch das Weib zog ihre Mütze und ihre Binde noch fester zusammen und hieß mich zum zweiten Male gehen. Die Flamme beleuchtete ihre ausgestreckte Hand; aus meiner Träumerei erwacht und voll Neugierde, etwas Näheres zu entdecken, faßte ich diese Hand ins Auge. Es war nicht die fleischlose vertrocknete Knochenhand eines alten Weibes, sondern ein rundes volles Glied mit wohlgebildeten feingeformten Fingern; ein großer Siegelring glänzte am kleinen Finger und als ich mich nach vorne neigte und ihn ansah, erkannte ich einen Edelstein, den ich schon viele hundert Mal gesehen hatte. Wieder musterte ich das Gesicht, das nicht länger abgewandt war — die Mütze hing herunter, die Binde war verschwunden und der Kopf frei. ‘Nun, Jane, kennen Sie mich?’ frug eine wohlbekannte Stimme. ‘Nehmen Sie nur den rothen Mantel ab und dann —‘ ‘Das Band ist verknüpft — helfen Sie mir.’ ’Zerreißen Sie es.’ ‘So, und nun fort mit dem erborgten Tand!’ Und Mr. Rochester stand vor mir, wie er leibte und lebte. ‘Welch' sonderbarer Einfall, Sir!’ ‘Aber gut durchgeführt, nicht wahr?’ ‘Mit den andern Damen, wohl.’ ‘Mit Ihnen nicht?’ ‘Bei mir spielten Sie keine Zigeunerin.’ ‘Was stellte ich dann vor? Mich selbst?’ ‘Auch nicht; irgend eine unbegreifliche Person. Kurz, ich glaube, Sie machten einen Versuch mich auszuforschen oder — zum Besten zu haben; Sie sprachen Unsinn, um auch mich zu verleiten, Unsinn zu schwatzen. Das ist nicht edel von Ihnen, Sir.’ ‘Sie vergeben mir doch, Jane?’ ‘Ich kann es Ihnen nicht eher versprechen, bis ich mir Alles überdacht habe. Wenn ich finde, daß ich mir keine zu großen Blößen gegeben, will ich mich bemühen, Alles zu vergessen; doch es war auf keinen Fall recht, so zu handeln.’ ‘Oh, Sie waren sehr zurückhaltend, sehr vorsichtig, Sie haben musterhaft geantwortet.’ Ich dachte nach und fand am Ende, daß es wirklich der Fall sey. Das tröstete mich; ich war in der That rom Anfange der Scene an sehr auf meiner Hut gewesen. Ich vermuthete gleich irgend eine Maskerade dahinter. Ich wußte, daß sich Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen nicht so ausdrückten, wie dieses seynsollende alte Weib; überdies hatte ich ihre verstellte Stimme, ihre Bemühung, sich das Gesicht zu verdecken, ganz gut bemerkt. Aber ich hatte zuerst an Grace Poole gedacht — an jenes wandelnde Räthsel, jenes Geheimniß der Geheimnisse; Mr. Rochester hätte ich in dieser Verkleidung nie vermuthet.’ ‘Nun,’ sagte er, ‘worüber sinnen Sie nach? Was bedeutet dies ernste Lächeln?’ ‘Verwunderung und Selbstzufriedenheit, Sir. Sie erlauben mir wohl mich zu entfernen?’ ‘Nein, bleiben Sie noch einen Augenblick, und sagen Sie mir, was die Leute im Besuchszimmer machen.’ ‘Sie sprechen über die Zigeunerin, denk' ich.’ ‘Setzen Sie sich — Lassen Sie mich hören, was sie von mir sagten.’ ‘Es wäre besser, Sir, wenn ich nicht so lange hier bliebe; es muß nahe um eilf Uhr seyn. O! wissen Sie schon, Mr. Rochester, daß ein Fremder ankam, während Sie fort waren?’ ‘Ein Fremder! nein. Wer mag das seyn? Ich erwartete Niemanden. Ist er wieder fort?’ ‘Nein, er sagte er sey ein alter Bekannter, und dürfe sich die Freiheit nehmen, Ihre Rückkunft abzuwarten.’ ‘Der Teufel darf er's! Sagte er seinen Namen?’ ‘Er heißt Mason, und kömmt aus Westindien, von Spanish Town in Jamaica, wie ich glaube.’ Mr. Rochester stand neben mir: er hatte meine Hand ergriffen, als wollte er mich zu einem Sitze führen. Während ich sprach, drückte er sie krampfhaft; das Lächeln um seinen Mund verschwand, der Athem stockte in seiner Brust. ‘Mason! — Westindien!’ rief er, in dem Tone einer Sprachmaschine. ‘Mason! Westindien!’ wiederholte er, und zum dritten Male sprach er die beiden Worte aus, während sein Gesicht immer blässer und blässer wurde. Er schien fast das Bewußtseyn verloren zu haben. ‘Sie sind unwohl, Sir?’ frug ich. ‘Jane, mich hat ein schrecklicher Schlag getroffen; ein schrecklicher Schlag hat mich getroffen, Jane!’ stammelte er. ‘Stützen Sie sich auf mich.’ ‘Jane, Sie boten mir schon einmal Ihren Arm, thun Sie es wieder.’ ‘Ja, Sir, ja! Hier haben Sie ihn.’ Er setzte sich nieder, und zog mich an seine Seite. Meine Hand in der seinigen haltend, streichelte er sie liebevoll, indem er mich gleichzeitig mit verstörten und unheimlichen Blicken betrachtete. ‘Meine kleine Freundin,’ sagte er, ‘ich wollte, ich wäre mit Ihnen allein auf einer menschenleeren Insel und Sorgen und Gefahren und schreckliche Erinnerungen wären fern von mir.’ ‘Kann ich Ihnen helfen, Sir? — Gerne gäbe ich mein Leben für Sie hin.’ ‘Jane, wenn mir Hilfe Noth thut, will ich sie bei Ihnen suchen; ich verspreche es Ihnen.’ ‘Tausend Dank! Sagen Sie mir, was ich thun soll, und ich will es wenigstens versuchen.’ ‘Für jetzt holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisezimmer; die Gäste werden beim Nachtessen sitzen; sagen Sie mir, ob Mason bei ihnen ist, und was er thut.’ Ich entfernte mich. Die Gäste waren in der That beim Nachtessen, wie es Mr. Rochester vorhergesagt hatte; doch saßen sie nicht um einen Tisch herum, die Speisen waren auf den Seitentischen aufgestellt, und Jeder nahm sich was ihm beliebte, und verzehrte es stehend. Alles schien in freudigster Aufregung zu seyn; die Unterhaltung und das Gelächter waren allgemein und sehr lebhaft. Mr. Mason stand am Feuer, sprach mit Obrist Dent und dessen Gemalin, und schien ebenso aufgeräumt zu seyn, wie alle Uebrigen. Ich füllte ein Weinglas (Miß Ingram warf mir einen finstern Blick zu; sie fand es unbegreiflich, daß ich so keck seyn konnte) und kehrte ins Bibliothekzimmer zurück. Mr. Rochester's ungewöhnliche Blässe war verschwunden und er sah wieder ruhig und gefaßt aus. Er nahm mir das Glas aus der Hand. ‘Auf Ihre Gesundheit, dienstbarer Geist!’ sagte er, schluckte den Inhalt mit einem Zug hinunter, und stellte mir das Trinkgefäß wieder zurück. ‘Was machen die Leute, Jane?’ ‘Sie sprechen und lachen, Sir.’ ‘Sehen sie nicht ernst und geheimnißvoll darein, als hätten sie etwas Außergewöhnliches erfahren?’ ‘Ganz und gar nicht; — sie sind voll Scherz und Munterkeit.’ ‘Und Mason?’ ‘Lacht so gut wie die Andern.’ ‘Wenn nun all das Volk in einem Haufen hereinkäme, und mir ins Gesicht spuckte, was würden Sie da thun, Jane?’ ‘Die Leute zum Zimmer hinausschaffen, wenn ich es vermöchte.’ Er versuchte es zu lächeln. ‘Doch wenn ich nun unter sie träte, und sie sähen mich frostig an und flüsterten schadenfroh mit einander und verließen mich Eines um’s Andere? Gingen Sie mit ihnen?’ ‘Ich glaube kaum, Sir; ich würde wohl lieber bei Ihnen bleiben.’ ‘Und mich trösten?’ ‘Wohl, so gut ich es könnte.’ ‘Und wenn Sie die Welt mit ihrem Bannfluche belegte, weil Sie mit mir hielten?’ ‘Ich würde mich jedenfalls um einen solchen Fluch nicht kümmern, wenn er mir auch zu Ohren käme, was ich indeß kaum glaube.’ Sie könnten also um meinetwillen den Tadel der Menschen ertragen? ‘Ich vermöchte es um jedes Freundes willen, der es verdiente, daß ich ihm anhinge, wie dies bei Ihnen gewiß der Fall ist.’ ‘Gehen Sie nun ins Speisezimmer zurück, treten Sie ganz ruhig zu Mason, und sagen Sie ihm leise ins Ohr, Mr. Rochester sey angelangt und wünsche ihn zu sprechen. Führen Sie ihn dann hier herein und lassen Sie uns allein.’ ‘Wohl, Sir.’ Ich that nach seinem Geheiß. Die ganze Gesellschaft glotzte mich an, als ich gerade mitten hindurchschritt. Ich nahm Mr. Mason bei Seite, richtete ihm die Botschaft aus und führte ihn aus dem Zimmer. Dann wies ich ihm die Bibliothek und begab mich auf meine Stube. Sehr spät in der Nacht, nachdem ich schon eine geraume Zeit im Bette lag, hörte ich die Gäste in ihre Schlafzimmer gehen. Ich unterschied Mr. Rochester's Stimme und vernahm die Worte: ‘Hier, Mason, dies ist Ihre Stube!’ Seine Stimme klang fröhlich, und die muntern Laute brachten mein Herz zur Ruhe. Ich schlief bald ein. Zwanzigstes Capitel. Ich hatte diesmal zufällig vergessen meinen Fenstervorhang herunter zu lassen und die Läden zu schließen, was ich sonst nie vergaß. Die Folge davon war, daß, als der Mond in seinem Laufe meinem Fenster gegenüber kam, mich sein heller Schimmer weckte. Ich öffnete meine Augen, und blickte gerade in die krystallhelle Silberscheibe des Nachtgestirnes. Die Nacht war schön, doch ungemein feierlich; ich stand halb auf, und streckte meinen Arm aus, um den Vorhang zuzuziehen. Hilf Himmel! Welch ein Schrei schlug an mein Ohr! Ein scharfer, schriller Laut unterbrach die nächtliche Stille und durchlief Thornfieldhall von einem Ende zum andern. Meine Pulse stockten, mein Herz stand still, mein ausgestreckter Arm war wie gelähmt. Der Schrei erstarb und ließ sich nicht wieder hören. Und in der That, welches Wesen immer einen solchen Laut von sich gab, es konnte ihn unmöglich so bald wiederholen; nicht der stärkste Condor der Cordilleren konnte zweimal hinter einander einen solch' furchtbaren Schrei ausstoßen. Das Geschöpf, welches einen derartigen Laut ausstieß, mußte ausruhen, um zu einer solchen Anstrengung neue Kräfte zu sammeln. Der Schrei kam vom dritten Stockwerke, denn ich hörte ihn über mir. Und gerade über mir, in der Stube oder meiner Zimmerdecke vernahm ich nun ein Ringen, einen verzweifelten, einen Todeskampf nach dem Lärm zu schließen und eine halberstickte Stimme schrie: ‘Hilfe! Hilfe! Hilfe!’ dreimal hinter einander. ‘Kömmt denn Niemand?’ rief es wieder und das Ringen und Stampfen ging von Neuem los. Durch die Wölbung hindurch unterschied ich die Worte: ‘Rochester! Rochester! Um Gottes willen, kommen Sie!’ Eine Stubenthüre ging nun auf: irgend Jemand lief oder huschte vielmehr über den Gang. Ein Tritt ertönte über mir, ein Körper fiel schwer zu Boden und wieder war es ganz still. Ich hatte hastig ein paar Kleidungsstücke umgeworfen, obwohl ich vor Schrecken an allen Gliedern zitterte, und ging zu meiner Stube hinaus. Alle Gäste waren auf: Verwunderung und Schrecken herrschten in allen Zimmern. Eine Thüre nach der andern öffnete sich und verschlafene, erschreckte Gesichter guckten heraus; der Gang füllte sich. Sowohl Herren als Damen hatten ihre Betten verlassen. — Was gibt's? — Wer ist verwundet? — Was ist geschehen?’ — ‘Holen Sie Licht! — Brennt es? — Sind Diebe eingebrochen? — ‘Wohin sollen wir laufen?’ ertönte es von allen Seiten. Bis auf das Mondlicht war es im ganzen Hause finster. Alles lief hin und her, und stellte sich dann in einem Haufen zusammen; Einige wimmerten, Andere stolperten, kurz, die Verwirrung war unaussprechlich. ‘Wo zum Teufel steckt nur Rochester?’ rief Obrist Dent. ‘Er ist nicht in seinem Bette.’ ‘Hier! Hier!’ ertönte eine Stimme. Beruhigen Sie sich: ich komme schon. Und die Thüre am Ende des Ganges ging auf und Mr. Rochester näherte sich mit einem Lichte: er kam gerade vom obern Stockwerke herunter. Eine der Damen lief sofort auf ihn zu und erfaßte seinen Arm. Es war Miß Ingram. ‘Was für ein fürchterliches Ereigniß hat sich zugetragen?’ sagte sie. ‘Sprechen Sie! Lassen Sie uns das Schlimmste auf einmal wissen.’ ‘Zerreißen und erdrosseln Sie mich nur nicht,’ antwortete er. Denn auch die Misses Eshton hatten sich nun an ihn geklammert und die beiden alten Ladies segelten, in weiße Pudermäntel gehüllt, zwei schwer beladenen Schiffen gleich, voll auf ihn los. ‘Es ist ja Alles in Ordnung,’ rief er. ‘Eine bloße Probe von ‘Viel Lärm um Nichts.’ Meine Damen, lassen Sie los, oder ich werde wüthend.’ Er sah in der That wüthend aus; seine schwarzen Augen schossen Blitze. Seine Aufregung beschwichtigend, fuhr er fort: ‘Eine Dienstmagd hatte das Alpdrücken. Sie ist eine erregbare, nervenschwache Person: sie glaubte eine Erscheinung oder so etwas dergleichen zu sehen und fiel vor Schrecken in Ohnmacht. Und nun machen Sie, daß Sie in Ihre Betten kommen, denn bevor nicht das ganze Haus ruhig ist, kann man der Armen nicht zu Hilfe kommen. Meine Herren, gehen Sie den Damen mit gutem Beispiele voran. Miß Ingram, ich bin überzeugt, Sie werden sich nicht von eitler Furcht beherrschen lassen. Anna und Louise, kehren Sie in Ihr Nest zurück, wie ein Paar Tauben, was Sie auch wirklich sind. Mesdames’ (zu den alten Damen gewendet) ‘Sie werden sich zum Tode erkälten, wenn Sie noch länger in diesem kalten Gange verweilen.’ Und auf diese Weise, halb durch Bitten, halb durch Gewalt gelang es ihm, alle Gäste in ihre Gemächer zu bringen. Ich wartete nicht erst, bis ich fortgewiesen wurde, sondern entfernte mich ebenso unbemerkt, wie ich gekommen war. Doch nicht um zu Bette zu gehen, im Gegentheil, ich zog mich sorgfältig an. Die Töne, die ich nach dem Schrei gehört hatte und die Worte, die dabei ausgestoßen worden waren, hatte wohl außer mir Niemand vernommen, denn sie kamen von oben, von der Stube gerade ober meinem Schlafzimmer. Soviel wußte ich, daß es nicht der Traum eines Dienstmädchens war, der das ganze Haus in Aufruhr versetzt hatte, und daß Mr. Rochester's Erzählung eine bloße Erfindung sey, um seine Gäste zu beruhigen. Ich kleidete mich also an, um auf alle Fälle gerüstet zu seyn. Mit meinem Anzuge fertig geworden, saß ich eine gute Weile am Fenster und blickte in die stillen, vom Mond beglänzten Gefilde hinaus; ich wartete und wußte nicht recht auf was. Es schien mir als müsse ein Ereigniß auf den sonderbaren Schrei, den Kampf und den Hilferuf folgen. Ich hatte mich geirrt: tiefe Stille herrschte ringsum. Alles Geräusch und alle Bewegung war nach und nach erstorben und in etwa einer Stunde war Thornfieldhall wieder der ruhigste Ort von der Welt. Allem Anscheine nach hatten die Nacht und der Schlaf wieder ihre Herrschaft angetreten. Mittlerweile neigte sich der Mond: er war seinem Untergange nahe. Da ich keine Lust verspürte in der Finsterniß und Kälte auf zu bleiben, beschloß ich mich angekleidet aufs Bett zu legen. Ich verließ das Fenster und bewegte mich, mit so wenig Geräusch als möglich, über den Teppich, meinem Lager zu. Als ich mich bückte, um die Schuhe auszuziehen, klopfte es vorsichtig an der Thür. ‘Will Jemand etwas von mir?’ frug ich. ‘Sind Sie auf?’ ließ sich die Stimme vernehmen, die ich zu hören erwartete, nemlich die des Herrn vom Hause. ‘Ja, Sir.’ ‘Sind Sie angekleidet?’ ‘Ja.’ ‘Nun denn, so kommen Sie leise heraus.’ Ich folgte. Mr. Rochester stand in der Gallerie: er hielt ein Licht in der Hand. ‘Ich bedarf Ihrer,’ sagte er. ‘Kommen Sie mit mir, lassen Sie sich Zeit und machen Sie so wenig Lärm als möglich.’ Meine Schuhe hatten ganz dünne Sohlen und auf dem mit Matten belegten Fußboden konnte ich so sachte wie eine Katze einherschleichen. Er glitt den Gang entlang, die Treppe hinauf und blieb in der Gallerie des verhängnißvollen dritten Stockwerkes stehen: ich war ihm gefolgt und befand mich an seiner Seite. ‘Haben Sie einen Schwamm in Ihrer Stube?’ frug er ganz leise. ‘Ja, Sir.’ ‘Auch etwas Riechsalz?’ ‘Ja.’ ‘Gehen Sie zurück und holen Sie Beides.’ Ich kehrte um, nahm den Schwamm vom Waschtische, das Riechsalz aus der Commode und kroch zurück. Er wartete noch immer und hielt einen Schlüssel bereit. Sich einer der kleinen schwarzen Thüren nähernd, steckte er ihn ins Schloß. Einige Augenblicke innehaltend, sagte er: ‘Es wird Ihnen doch nicht übel, wenn Sie Blut sehen?’ ‘Ich denke nicht; doch war ich bis jetzt noch nie in der Lage, welches sehen zu müssen.’ Ein eigenthümliches Gefühl durchzuckte mich, während ich diese Worte sprach; allein es war weder Frost noch ohnmächtige Schwäche. ‘Ihre Hand her,’ sagte er. ‘Eine Ohnmacht können wir nicht brauchen.’ Ich reichte ihm sie hin. ‘Warm und ruhig,’ bemerkte er. Dann drehte er den Schlüssel um und öffnete die Thüre. Ich erinnerte mich dieses Zimmer schon einmal gesehen zu haben und zwar an jenem Tage, wo mir Mrs. Fairfax das ganze Haus gezeigt hatte. Damals war es jedoch ganz mit Tapeten ausgeschlagen, die nur an einer Seite in die Höhe gehoben waren und eine Thür sehen ließen, welche ich früher nicht bemerkt hatte. Diese Thür war offen und ein Lichtschein drang heraus, zugleich mit einem schnappenden, knurrenden Laute, der an das halblaute Gebell eines bissigen Hundes erinnerte. Mr. Rochester stellte das Licht auf den Tisch, bat mich eine Minute zu warten und trat in das Innere des Gemaches. Ein schallendes Gelächter begrüßte seinen Eintritt; es begann sehr lärmend und endigte in Grace Poole's bekanntem dämonischen Ha! ha! Sie war also darin. Er traf einige Vorkehrungen, ohne jedoch zu sprechen, wiewohl ihn Jemand mit leiser Stimme anredete. Darauf kam er heraus und sperrte die Thüre hinter sich ab. ‘Hierher, Jane!’ rief er, und ich ging um eine breite Bettstelle herum, die mit ihren zugezogenen Vorhängen einen beträchtlichen Theil der Stube in Anspruch nahm. Ein Armstuhl stand am Kopfe des Bettes, in welchem ein Mann saß, bis auf ben Rock ganz angekleidet, doch regungslos. mit zurückhängendem Kopfe und geschlossenen Augen. Mr. Rochester hielt das Licht nahe an sein Gesicht: ich erkannte die blassen und anscheinend ganz leblosen Züge — des Fremden, Mr. Mason. Auch bemerkte ich, daß seine Leibwäsche an der einen Seite und an dem einen Arm von Blut triefte. ‘Halten Sie das Licht,’ sagte Mr. Rochester; er holte ein Becken mit Wasser vom Waschtische und gab mir auch dieses zu halten. Dann nahm er den Schwamm, tauchte ihn ins Wasser und wusch das leichenblasse Gesicht des Leblosen; darauf verlangte er ein Riechfläschchen und hielt es ihm unter die Nase. Nach wenigen Minuten schlug Mr. Mason die Augen auf und seufzte. Mr. Rochester riß jhm das Hemd auf und reinigte seinen bereits verbundenen Arm und die Schulter vom Blute, das ohne Unterlaß heruntertropfte. ‘Geht es ans Leben?’ murmelte Mr. Mason. ‘Warum nicht gar! Ein bloßer Kratzer. Seyn Sie nicht so niedergeschlagen, Mann: fassen Sie Muth! Ich will nun selbst gehen und Ihnen einen Arzt holen; ich denke mit Anbruch des Morgens kann man Sie weiter schaffen Jane —’ fuhr er fort. ‘Sie wünschen?’ ‘Ich werde Sie mit diesem Herrn auf eine oder zwei Stunden allein lassen; Sie waschen indessen das Blut ab, so oft es zu fließen beginnt, und wenn er schwach wird, geben Sie ihm Wasser zu trinken und halten ihm das Riechsalz unter die Nase. Sie lassen sich mit dem Patienten unter keiner Bedingung in ein Gespräch ein, und was Sie anbelangt, Richard, so erinnern Sie sich, daß es sich um Ihr Leben handelt. Sobald Sie sich bewegen und sprechen, stehe ich in der That für nichts.’ Wieder seufzte der arme Mann: offenbar wagte er es nicht sich zu bewegen; war es die Angst vor dem Tode oder vor etwas Anderem, genug, er war wie vom Schlage gelähmt. Mr. Rochester gab mir den blutigen Schwamm in die Hand und ich machte mich daran, ihn nach seiner Anleitung zu gebrauchen. Er sah mir einen Augenblick zu und verließ dann mit den Worten: ‘Vergessen Sie nicht — ja keine Unterredung!’ die Stube. Ein sonderbares Gefühl überkam mich, als der Schlüssel im Schlosse knarrte und auch der letzte Nachhall der Schritte des sich eilig Entfernenden erstarb. Da war ich nun im dritten Stockwerke, in einer der geheimnißvollen Zellen eingeschlossen, um mich herum nächtliches Dunkel, vor meinen Augen und unter meinen Händen Blut, eine Mörderin, kaum durch eine Thür von mir geschieden, in meiner Nähe. Alles war wohl noch zu ertragen, allein der Gedanke, Grace Poole könnte am Ende auf mich losstürzen, erfüllte mich mit Schaudern und Entsetzen. Indessen mußte ich auf meinem Posten ausharren, dieses leblose Gesicht, die blauen, starren, zum Schweigen verurtheilten Lippen, diese bald offenen bald geschlossenen Augen ansehen, die nun durchs Zimmer schweiften, nun mit dem Ausdrucke des Entsetzens an der Thür des Nebenzimmers haften blieben. Ich mußte meine Hand wieder und immer wieder in das mit Blut gefüllte Becken tauchen und den hervorquellenden Lebensstrom von den Wunden hinwegwaschen. Ich mußte sehen wie das Licht der ungeputzten Kerze meine Beschäftigung matt beschien, wie die Schatten an den gewirkten, alterthümlichen Tapeten immer dunkler und unter den Vorhängen der ungeheuern Bettstelle ganz schwarz wurden und unheimlich über der Thür eines großen, gegenüberliegenden Cabinets erzitterten; welche Thür in zwölf abgetheilten Federn und fratzenhaften Abbildungen die Köpfe der zwölf Apostel schmückten, über welchen sich oben am Thürfutter ein ebenholzenes Crucifix mit dem sterbenden Christus erhob. Jenachdem der flackernde Schein der Kerze hin und her hüpfte, kam bald der bärtige Arzt St. Lucas, bald Johannes mit seinen langen Locken zum Vorschein und zuweilen zeigte sich auch das teufliche Gesicht Judas des Verräthers und schien Leben zu gewinnen und eine Verkörperung des Satans selbst in der Gestalt seines Dieners zu seyn. Inmitten dieser Umgebung mußte ich ebenso gut hören als sehen, hören, ob nicht die wilde Bestie nebenan ihre Höhle zu verlassen, auf mich loszuspringen versuche. Allein seit Mr. Rochester's Besuche schien sie wie fest gebannt zu seyn; die ganze Nacht hindurch hörte ich nur drei Laute in drei langen Zwischenräumen; einen Tritt, eine augenblickliche Erneuerung des knurrenden Hundegebells und einen tiefen Seufzer. Nun machte ich mir meine eigenen Gedanken. Welches war das Verbrechen, das verkörpert in diesem sonst stillen Gebäude herumschlich und von dem Besitzer weder hinausgetrieben, noch unterdrückt werden konnte? Welches das Geheimniß, das sich bald in einer Feuersbrunst, bald in einer blutigen That in den ruhigen Stunden der Nacht offenbarte? Was für ein Geschöpf war es, das, in die Gestalt eines gewöhnlichen Frauenzimmers vermummt, bald wie ein böser Geist hohnlachte, bald wie eine nach Leichnamen suchende Hyäne heulte? Und der Mann, den ich in meiner Obhut hatte, dieser ruhige Fremdling von alltäglichem Aussehen, — wie kam der in dieses geheimnißvolle Gewebe, und warum war die Furie gerade über ihn hergefallen? Wie kam es, daß er in später Nachtstunde, statt in seiner Stube zu schlafen, diesen abgelegenen Theil des Hauses aufgesucht hatte? Ich hatte es gehört, wie ihm Mr. Rochester seine Stube eine Treppe tiefer anwies, — was brachte den Mann in diese Höhle des Schreckens? Warum blieb er nun so ruhig, trot ver ihm zugefügten Gewaltthat? Weshalb beugte er sich so willig Mr. Rochester's Anordnung, stille zu seyn? Und warum stellte überhaupt Mr. Rochester ein solches Verlangen? Sein Gast war angefallen, er selbst bei einer frühern Gelegenheit am Leben bedroht worden und beide Schandthaten hüllte er in geheimnißvolles Dunkel und überlieferte sie der Vergessenheit! Weiter fiel mir Mr. Mason's Unterwürfigkeit Mr. Rochester gegenüber außerordentlich auf; die wenigen Worte, die der Letztere in meiner Gegenwart gesprochen, zeigten mir zur Genüge, welche Herrschaft derselbe über die Unentschiedenheit des Ersteren ausübte. Es war augenscheinlich, daß der Einfluß der rastlosen Energie des Einen auf die windelweiche Gemüthsbeschaffenheit des Andern schon von einem frühern Umgange herstammen mußte; was war dann die Ursache von Mr. Rochester's Verzweiflung, als ich ihm Mr. Mason's Anwesenheit meldete? Warum hatte ihn der bloße Name dieses jeden Widerstandes unfähigen Individuums, das er nun wie ein Kind am Gängelbande führte, am Abend zuvor zu Boden geworfen, wie der Blitz eine Eiche niederschmettert? Oh! sein Blick und seine Blässe waren mir frisch im Gedächtniß, als er mir zuflüsterte: ‘Jane, mich hat ein fürchterlicher Schlag getroffen — ein fürchterlicher Schlag hat mich getroffen, Jane.’ Lebhaft erinnerte ich mich, wie sein Arm gezittert, als er sich auf mich stützte, und es konnte keine Kleinigkeit seyn, die im Stande war, den entschlossenen Geist in kräftigen Körper Fairfax-Rochester's zum Erbeben zu bringen. ‘Wann wird er nun kommen? Wann wird er kommen?’ rief es in meinem Herzen, als die Nacht gar kein Ende nehmen wollte — als mein blutender Patient abwechselnd ächzte, seufzte und ohnmächtig wurde und weder der Tag noch Hilfe nahte. Wie oft hatte ich seitdem das Wasserglas an Mason's blasse Lippen gehalten, wie oft ihn mit dem Riechsalze zum Leben erweckt! endlich brachten meine Bemühungen gar keine Wirkung hervor: körperliche und geistige Schmerzen, der große Blutverlust, Alles vereinigte sich, um die Kräfte des Verwundeten vollends zu erschöpfen. Er wimmerte so sehr und sah so schwach aus, daß ich wirklich fürchtete, er möchte nicht einmal den anbrechenden Tag erleben, und dennoch durfte ich ihn nicht anreden. Auch das Licht ging zu Ende und erlosch endlich ganz und gar; doch schon bemerkte ich einen grauen Schein in Osten und der Morgen dämmerte. Da hörte ich mit einem Male Pilots Gebell, der unten im Hofe anschlug; dies belebte mich mit neuen Hoffnungen. Und nicht um sonst hatte ich frischen Muth geschöpft: fünf Minuten darauf ging der Schlüssel im Schlosse und ich wußte, daß ich nun in meinen Wärterdiensten abgelöst werden sollte. Nicht zwei Stunden länger hätte ich diese Qual ausgehalten; so manche Woche war mir sonst schneller verflossen. Mr. Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte. ‘Nun, Carter, machen Sie schnell, sagte er zu diesem Letzteren. Ich gebe Ihnen blos eine halbe Stunde Zeit, die Wunden auszuwaschen, zu verbinden und den Patienten, die Treppe hinab und aus dem Hause zu schaffen.’ ‘Aber kann er sich bewegen, Sir?’ ‘Ohne Zweifel, es ist nichts Gefährliches. Er ist nur sehr nervös und muß etwas aufgemuntert werden. Frisch ans Werk denn!’ Mr. Rochester zog den schweren Bettvorhang zurück, öffnete die Fensterläden und ließ so viel Tageslicht ein als möglich; ich war verwundert und erfreut, zu sehen wie weit die Helle bereits vorgeschritten war, und welche rosigen Streifen von Osten herüber schimmerten. Inzwischen war er zu Mason hingetreten, den der Arzt bereits unter den Händen hatte. ‘Nun, mein guter Junge, wie geht’s?' frug er. ‘Mit mir ist's wohl vorbei, denk' ich,’ antwortete Mason mit schwacher Stimme. ‘Nicht daran zu denken. Nur Muth! Heute vierzehn Tage ist Alles wieder gut; Sie haben etwas Blut verloren, das ist das Ganze. Carter, sagen Sie ihm doch, daß nichts zu befürchten ist.’ ‘Das kann ich mit gutem Gewissen thun,’ sagte Carter, der jetzt den Verband abgenommen hatte; ‘nur wollte ich, ich wäre früher gekommen, dann hätten Sie nicht so stark geblutet. Doch, was soll das heißen? Das Fleisch an der Schulter ist nicht herunter geschnitten, sondern heraus gerissen? Diese Wunde wurde mit keinem Messer beigebracht; man sieht Spuren von Zähnen?’ ‘Sie biß mich,’ murmelte der Beschädigte. ‘Sie zerfleischte mich wie eine Tigerin, nachdem ihr Rochester das Messer entrissen hatte.’ ‘Sie hätten nicht nachgeben, Sie hätten sich ihrer mit einem Male bemächtigen sollen,’ sagte Mr. Rochester. ‘Was konnte ich unter solchen Verhältnissen thun?’ versetzte Mason. ‘Oh, es war fürchterlich,’ fügte er schaudernd hinzu. ‘Und ich war gar nicht darauf gefaßt; sie sah anfänglich ganz ruhig aus.’ ‘Ich warnte Sie,’ lautete seines Freundes Antwort. “Sagte ich nicht: Seyen Sie auf Ihrer Hut, wenn Sie ihr nahe kommen? Uebrigens hätten Sie bis zum nächsten Tag warten können, bis ich mit Ihnen gegangen wäre. Es war reine Thorheit, heute Nacht und allein eine Unterredung zu suchen.’ ‘Ich dachte etwas Gutes zu thun.’ ‘Sie dachten! Sie dachten! Man könnte vor Ungeduld aus der Haut fahren, wenn man Ihnen zuhört. Aber Sie haben dafür gebüßt und werden wahrscheinlich noch eine Weile dafür leiden, daß Sie meinen Rath nicht befolgten, und so will ich darüber kein Wort mehr verlieren. Schnell, Carter, schnell! Die Sonne geht bald auf und ich muß ihn aus dem Hause haben.’ ‘Gleich, Sir, die Schulter ist eben verbunden. Nun muß ich die andere Wunde am Arme untersuchen; auch hier scheint sie ihre Zähne gehabt zu haben.’ ‘Sie sog mir das Blut aus den Adern; sie sagte, sie wollte mein Herzblut austrinken,’ sagte Mason. Mr. Rochester schauderte; ein Ausdruck des tiefsten Ekels, des innersten Abscheues, des schrecklichsten Hasses verzog sein Gesicht fast bis zur Fratze; doch sagte er nichts weiter, als: ‘Seyen Sie still, Richard, und kehren Sie sich nicht an ihr Kauderwelsch oder wiederholen Sie es wenigstens nicht.’ ‘Ich wollte, ich könnte es vergessen.’ ‘Das wird geschehen, wenn Sie aus dem Lande hinaus, wenn Sie wieder in Spanish-Town angelangt seyn werden, dann mögen Sie sich ihrer als einer Abgeschiedenen und Begrabenen oder am besten gar nicht erinnern.’ ‘Unmöglich! Die heutige Nacht werde ich nie vergessen können.’ ‘Warum sollte das nicht gehen; nur Muth gefaßt, Mann. Vor zwei Stunden glaubten Sie, Sie wären mausetodt und nun leben Sie und schwatzen wie eine Elster. Siehe da! Carter ist mit Ihnen fertig oder es fehlt wenigstens nicht viel. Nun will ich Sie auch in einer Secunde sauber machen. Jane’ (zum ersten Male seit seiner Rückkunft wandte er sich zu mir), ‘nehmen Sie diesen Schlüssel, gehen Sie in meine Stube hinunter und von dort geradezu in mein Ankleidezimmer; öffnen Sie die oberste Schublade meines Kleiderschrankes, nehmen Sie ein reines Hemde und ein Halstuch heraus und bringen Sie es her. Aber sputen Sie sich.’ Ich ging, suchte den Kasten, fand die genannten Gegenstände und kam damit zurück. ‘Und nun treten Sie hinter den Bettvorhang, während ich seine Toilette in Ordnung bringe. Doch verlassen Sie das Zimmer nicht, man könnte Ihrer wieder bedürfen.’ ‘War schon Jemand auf, Jane, als Sie jetzt unten waren?’ fuhr Mr. Rochester fort. ‘Nein, Sir; es war alles still.’ ‘Wir werden Sie famos fortbringen, Dick, und es wird sowohl um Ihrer, als auch um jenes armen Geschöpfes willen besser seyn. Ich habe lange gekämpft, um Auflehen zu vermeiden und es wäre mir nicht lieb, wenn es endlich doch dazu käme. Hier, Carter, helfen Sie ihm die Weste anziehen. Wo ließen Sie Ihren Pelzmantel? Sie können ohne denselben keine Meile weit in diesem verflucht kalten Klima reisen. In Ihrer Stube? — Jane, laufen , Sie hinunter in Mr. Mason's Stube, die nächste neben der meinen, und holen Sie den Mantel, den Sie dort finden werden.’ Wieder lief ich hinaus und wieder kam ich zurück, mit einem ungeheuern, mit Pelz gefütterten und verbrämten Mantel beladen. ‘Nun habe ich Ihnen einen andern Auftrag zu ertheilen,’ sagte mein unermüdlicher Gebieter. Sie müssen wieder auf meine Stube. Wie gut ist's, daß Sie schnell zu Fuße sind, Jane! Ein lahmer Bote wäre bei dieser Gelegenheit nichts nütze. Oeffnen Sie die mittelste Lade meines Ankleidetisches und bringen Sie mir eine Phiole und ein Glas, die sich dort befinden. Hurtig!’ Ich flog hin und zurück und brachte das Verlangte. ‘Recht so! Nun, Doctor, werde ich mir die Freiheit nehmen, unserem Patienten selbst eine Dosis einzugeben und zwar unter meiner eigenen Verantwortlichkeit. Ich erhielt diese Herzstärkung in Rom von einem italienischen Quacksalber — einem Kerl, den Sie durchgebläut hätten, Carter. Man darf das Zeug nicht willkürlich gebrauchen, doch bei gewissen Gelegenheiten ist es gut, wie zum Beispiele jetzt. Jane, etwas Wasser!’ Er hielt mir das kleine Gläschen hin, das ich halb mit Wasser füllte. ‘Genug; — nun machen Sie die Mündung der Phiole naß.’ Ich that es und er zählte zwölf Tropfen einer carmoisinrothen Flüssigkeit in Glas hinein, das er dann Mason hinreichte. ‘Trinken Sie, Richard; es wird Ihnen für eine Stunde und noch länger den Muth geben, dessen Sie bedürfen.’ ‘Thut es mir nichts? Ist es nicht erhitzend?’ ‘Trinken Sie! Trinken Sie!’ Mr. Mason trank, da jeder Widerstand augenscheinlich nutzlos war. Er war nun angezogen, zwar noch immer sehr blaß, doch nicht mehr blutig und beschmutzt. Mr. Rochester ließ ihn noch drei Minuten sitzen, nachdem er den Trank genommen hatte, dann faßte er seinen Arm. ‘Nun können Sie gewiß gehen,’ sagte er; ‘versuchen Sie es.’ Der Patient erhob sich. ‘Carter, fassen Sie seinen andern Arm. Nur Muth, Richard; hübsch ausgeschritten, — so ist's recht!’ ‘Es ist mir besser,’ bemerkte Mr. Mason. ‘Das versteht sich. Nun, Jane, gehen Sie voraus zur Hintertreppe, öffnen Sie die Ausgangsthür und sagen Sie dem Kutscher der Postchaise, den Sie im Hofe oder wohl außerhalb des Hauses sehen werden, weil ich ihm verbot, nicht über's Pflaster zu fahren, er möge sich bereit halten, wir kommen, und wenn sich Jemand in der Nähe sehen läßt, so sind Sie so gut, treten Sie unten an die Treppe hin und husten.’ Es war um diese Zeit halb sechs Uhr und die Sonne nahe daran aufzugehen; aber ich fand die Küche still und öde. Die hintere Ausgangsthür war verschlossen, ich öffnete sie so geräuschlos als möglich; auch im Hofe war Alles ruhig, nur das Gitterthor stand angelweit offen und eine Postchaise, ganz reisefertig, den Kutscher am Bocke, hielt außerhalb des Hofes. Ich näherte mich dem letzteren und sagte ihm, die Herren kämen; er nickte, dann sah ich mich sorgfältig um und horchte. Ueber Alles lag die Stille des frühen Morgens ausgebreitet, sogar die Fenstervorhänge des Gesindezimmers waren noch unten und mit Ausnahme einiger Vögel, die in den Baumzweigen zwitscherten, und der Postpferde, die von Zeit zu Zeit stampften, hörte man nicht, das geringste Geräusch. Die Herren langten an. Mason schien, von Mr. Rochester und dem Arzt unterstützt, ziemlich gut gehen zu können; die Beiden halfen ihm in den Wagen hinein und Carter folgte. ‘Geben Sie Acht auf ihn,’ sagte Mr. Rochester zu dem Arzte gewendet, ‘und behalten Sie ihn so lange bei sich, bis er ganz hergestellt ist; in ein oder zwei Tagen will ich nachsehen was er macht. Wie geht's, Richard?’ ‘Die frische Luft thut mir wohl, Fairfax.’ ‘Lassen Sie das Wagenfenster an seiner Seite offen, Carter; es ist ohnedem nicht windig. Adieu, Dick.’ ‘Fairfax —’ ‘Nun?’ ‘Sehen Sie, daß sie so gut und freundlich behandelt wird, als es nur immer angeht; lassen Sie sie —” ein Thränenstrom erstickte seine Stimme. ‘Ich thue mein Bestes und habe es gethan und werde es thun,’ war die Antwort. Mr. Rochester schlug den Kutschenschlag zu und der Wagen rollte fort. ‘Ich wollte die ganze Geschichte hätte ein Ende!’ setzte er hinzu, indem er das schwere Gitterthor schloß. Damit fertig, schritt er langsam und feierlich einer Thür zu, die in den Obstgarten führte. In der Meinung, er habe mir nichts weiter zu sagen, wollte ich ins Haus zurück gehen; doch er rief mich zu sich. Er erwartete mich an der offenen Gartenthür. ‘Kommen Sie auf einen Augenblick frische Luft schöpfen,’ redete er mich an. ‘Dieses Haus ist ein wahrer Kerker. Scheint es Ihnen nicht auch so?’ ‘Ich halte es für einen glänzenden Edelsitz.’ ‘Der Schleier der Unerfahrenheit bedeckt Ihre Augen und Sie sehen das Gebäude durch ein Zauberglas an. Sie bemerken nicht, daß die Vergoldungen Schlamm und die seidenen Draperien Spinnengewebe sind; Sie halten den schmutzigen Schiefer für Marmor und die schlechten Späne und schäbigen Baumrinden für edles Holzwerk. Nur hier,’ er zeigte auf das grüne Baumdach über uns, ‘nur hier ist Alles wirklich, unverfälscht, duftig und prachtvoll.’ Er ging einen mit Buchsbaum eingefaßten Gang entlang; auf der einen Seite standen Aepfel-, Birn- und Kirschbäume, auf der andern ein Beet voll alltäglicher Blumen, Nelken, Primeln, Dreifaltigkeitsblumen und Bartnelken, untermischt mit Stabwurz und verschiedenen wohlriechenden Kräutern. Alle Pflanzen waren nun so frisch, wie sie es nur immer nach einem Aprilregen an einem sonnigen Frühlingsmorgen seyn konnten; die Sonne erhob sich im Osten und ihre Strahlen vergoldeten die üppig grünenden, im Morgenthau erglänzenden Obstbäume und schienen, durch sie hindurch, auf die Gartenwege. ‘Wollen Sie eine Blume, Jane?’ Er pflückte eine halbaufgeblühte Rose, die einzige am Busche, und reichte sie mir dar. ‘Ich danke Ihnen, Sir.’ ‘Gefällt Ihnen dieser Sonnenaufgang, Jane? dieser Horizont mit seinen leichten weißen Wolken, die gewiß mit der wachsenden Tageshitze verschwinden? diese reine, balsamische Atmosphäre?’ ‘Außerordentlich.’ ‘Sie haben eine sonderbare Nacht verlebt!’ ‘Wohl.’ ‘Und Sie sehen ganz blaß aus. Fürchteten Sie sich, denn, als ich Sie mit Mason allein ließ?’ ‘Blos vor dem Geschöpfe, das aus der anstoßenden Stube hervorkommen konnte.’ ‘Ich hatte die Thür verschlossen und den Schlüssel in der Tasche. Ich müßte ein sorgloser Hirt seyn, wollte ich mein Lamm, mein liebes Lämmchen so nahe einer Wolfshöhle lassen, ohne es in Sicherheit zu wissen.’ ‘Wird Grace Poole auch ferner hier bleiben, Sir?’ ‘O, natürlich ! Doch zerbrechen Sie sich nicht weiter den Kopf darüber, suchen Sie die Geschichte zu vergessen.’ ‘Und doch scheint es mir, als wäre kaum Ihr eigenes Leben sicher, so lange sie im Hause ist.’ ‘Fürchten Sie nichts, ich werde mich schon in Acht nehmen.’ ‘Ist die Gefahr, die Sie gestern Abend befürchteten, nunmehr vorüber?’ ‘Nicht eher, bis Mason England verlassen hat, und vielleicht auch dann noch nicht. Mein Leben, Jane, ist dem Aufenthalte auf einem Krater gleich, der jeden Augenblick ausbrechen und Feuer speien kann.’ ‘Doch Mr. Mason scheint sehr gefügig zu seyn. Sie üben auf ihn jedenfalls einen gewaltigen Einfluß aus; er wird Ihnen wohl nie entgegentreten und Ihnen absichtlich schaden.’ ‘Oh nein! weder das Eine noch das Andere; allein ohne es zu beabsichtigen, kann er eines Tages durch Ein unbedachtes Wort mir, wenn auch nicht mein Leben, so doch meine Glückseligkeit rauben.’ ‘Mahnen Sie ihn zur Vorsicht; theilen Sie ihm mit, was Sie befürchten, und zeigen Sie ihm, wie der Gefahr begegnet werden kann.’ Er lachte, ergriff hastig meine Hand und ließ sie ebenso hastig wieder los. ‘Wenn ich das könnte, albernes Geschöpf, wo wäre dann noch eine Gefahr? So lange ich Mason kenne, brauchte ich ihm blos zu sagen ‘Thuen Sie das,’ und es geschah. Doch in diesem Falle kann ich nicht sagen: ‘Geben Sie Acht, Richard, daß Sie mich nicht unglücklich machen!’ Denn ich muß ihn nothwendigerweise in dem Wahne lassen, als könne er mir gar nicht schaden. Wie Sie mich verwundert anblicken! Sie sollen es noch mehr thun! Sind Sie meine kleine Freundin, oder sind Sie es nicht?’ ‘Es freut mich, Ihnen dienen zu können, und Ihnen gehorchen in Allem was recht ist.’ ‘Richtig; so ist es. Ich sehe eine aufrichtige Zufriedenheit in Ihrer Miene und Ihrer Haltung, in Ihrem Auge, in Ihrem Gesichte, wenn Sie mir helfen, mir Gefälligkeiten erweisen, für mich und mit mir arbeiten und zwar, wie Sie ganz gut bemerkten, in Allem was recht ist. Denn wenn ich Ihnen etwas auftrüge, das in Ihren Augen unrecht wäre, liefen Sie wohl nicht so leichtfüßig herum, bewegten sich nicht mit solcher Schnelligkeit, sähen nicht so fröhlich und munter aus. Meine Freundin würde sich dann zu mir wenden, mir in aller Ruhe sagen: ‘Nein, Herr, das ist unmöglich, ich kann es nicht thun, denn es ist nicht recht , und unbeweglich bleiben wie ein Fixstern. Wohl, auch Sie üben einen großen Einfluß auf mich aus, und können mir wehe thun, aber ich wage es ebensowenig Ihnen zu sagen, wo ich verwundbar bin, aus Furcht, Sie möchten mich, bei aller Freundschaft und allem Vertrauen, sofort durchbohren.’ ‘Wenn Sie von Mr. Mason nicht mehr zu fürchten haben, als von mir, dann sind Sie sehr sicher, Sir.’ ‘Gott gäbe, es wäre so! Hier ist eine Laube, Jane, setzen wir uns.’ Es war eine mit Epheu geschmückte Mauernische und enthielt eine roh geschnitzte Bank. ‘Nehmen Sie Platz,’ sagte er; ‘die Bank ist lang genug für Zwei. Sie nehmen doch keinen Anstand, sich neben mich zu setzen? Ist das unrecht, Jane?’ Ich antwortete ihm dadurch, daß ich mich niederließ; eine Weigerung wäre unklug gewesen. ‘Nun, meine kleine Freundin, während die Sonnenstrahlen die Thautropfen trinken, während alle Blumen in diesem alten Garten erwachen und ihren Duft verbreiten, die Vögel für ihre Jungen aus den Feldern Nahrung holen, und die emsigen Bienen ihr Tagewerk beginnen — will ich Ihnen einen Fall vorlegen, in den Sie sich so hineindenken müssen, als befänden Sie sich selbst darin. Aber zuerst sehen Sie mich an und sagen Sie mir, ob Sie sich behaglich fühlen, und ob Sie nicht fürchten, daß wir Beide fehlen; ich, weil ich Sie zurückhalte, und Sie, weil Sie bei mir bleiben.’ ‘Nein, Sir; ich bin ruhig.’ ‘Nun gut, Jane; und jetzt rufen Sie Ihre Phantasie zu Hilfe. Stellen Sie sich vor, Sie wären kein sittsames, wohlerzogenes Mädchen, sondern ein wilder, von Jugend auf sich selbst überlassener Junge. Versetzen Sie sich in den Einbildung in ein fernes Land, bilden Sie sich ein, daß Sie daselbst einen großen Fehltritt begehen, gleichgiltig war für einen und aus welchen Beweggründen, doch einen solchen, dessen Folgen Sie durchs Leben geleiten, und Ihr ganzes Daseyn vergiften. Bemerken Sie wohl, daß ich nicht sage: ‘ein Verbrechen;’ ich spreche weder von Blutvergießen, noch von irgend einer andern Schuld, die den Frevler dem Strafgesetze überliefern müßte; meine Bezeichnung ist ‘Fehltritt.’ Die Ergebnisse dieses letztern werden für Sie mit der Zeit unerträglich; Sie ergreifen Maßregeln um sich Linderung zu verschaffen, außerordentliche Maßregeln zwar, doch keine ungesetzlichen, keine verbrecherischen, und doch sind Sie elend; denn die Hoffnung hat Sie beim Beginne Ihres Lebens verlassen, Ihre Sonne verfinstert sich schon um Mittag und Sie wissen, daß die Finsterniß bis zum Untergang anhalten wird. Bittere und schmerzliche Gedanken sind allein der Inhalt Ihrer Erinnerung; Sie wandern in der Welt herum, um in der Verbannung Ruhe zu finden; Sie suchen Ihr Glück in Vergnügungen — in geistlosen, sinnlichen Freuden — die Geist und Herz abstumpfen. Mit leerem Herzen und wüstem Kopfe kommen Sie, nach Jahren freiwilliger Verbannung, in die Heimat zurück. Dort machen Sie, gleichgiltig auf welche Weise, eine neue Bekanntschaft, und finden in dieser Person die meisten jener guten und schönen Eigenschaften, nach denen Sie zwanzig Jahre lang vergebens herumforschten, und Alles ist an ihr frisch und gesund, ohne Fehler, ohne Makel. Ein solcher Umgang erfrischt, macht Einen wie neugeboren. Sie fühlen es, daß bessere Tage zurückkommen — mit ihnen ein geistiges Leben, reinere Gefühle. Sie hegen den Wunsch ein neues Leben zu beginnen, und den Rest Ihrer Tage in einer Weise zuzubringen, die eines unsterblichen Wesens würdiger ist. Würden Sie sich berechtigt glauben, ein aus einem bloßen Gebrauche entspringendes, ein rein conventionelles Hinderniß, das weder Ihr Bewußtseyn heiligt, noch Ihr Verstand billigt, zu überspringen, um diesen hohen Zweck zu erreichen?’ Er hielt inne und sah einer Antwort entgegen. Was sollte ich erwiedern? Wo war der gute Geist, der mir eine, scharfsinnige und befriedigende Antwort zuflüstern konnte? Eitle Hoffnung! der Westwind rauschte durch's Epheulaub, aber kein freundlicher Ariel blies mir einen Gedanken ins Ohr; die Vögel sangen in den Baumwipfeln, allein ihr Gesang hatte keine Worte. Und wieder stellte mir Mr. Rochester die Frage: ‘Ist der Ruhe suchende und reuige Pilgrim und Sünder berechtigt, der Meinung der Welt zu trotzen, um sich für immer den Besitz dieser sanften, anmuthigen, geistreichen Unbekannten zu sichern, und dadurch die Ruhe seiner Seele und die Möglichkeit eines neuen Lebenswandels zu erlangen?’ ‘Sir,’ erwiederte ich, ‘die Ruhe eines Pilgrims und die Bekehrung eines Sünders sollten nie von einem Mitgeschöpfe abhängen. Mann und Weib sind sterblich; Philosophen irren in ihrer Weisheit und Christen weichen von der Bahn der Tugend ab; wenn irgend Jemand gefehlt und gelitten hat, mag er höher emporblicken um Kraft zur Besserung und um Trost zur Heilung.’ ‘Aber das Werkzeug — das Werkzeug! Gott, der das Werk thut, weiset das Werkzeug zu. Ich selbst, — ich sage dies, ohne in Gleichnissen zu sprechen — war ein weltlicher, sündiger, ruheloser Mensch und ich glaube das Werkzeug meiner Bekehrung gefunden zu haben in —’ Er schwieg; die Vögel schmetterten, die Blätter rauschten. Ich wunderte mich beinahe, daß sie nicht ihren Gesang und ihr Rauschen einstellten, um den unterbrochenen Enthüllungen zuzuhören; doch sie hätten viele Minuten warten müssen — so lange dauerte das Stillschweigen. Endlich sah ich zu dem trägen Sprecher empor: er betrachtete mich mit prüfenden Blicken. ‘Kleine Freundin,’ hob er in verändertem Tone an, während auch sein Gesicht einen ganz verschiedenen Ausdruck angenommen und den frühern sanft-ernsten mit einem harten, spöttischen Ausdrucke vertauscht hatte; ‘kleine Freundin, Sie haben meine zärtliche Neigung für Miß Ingram bemerkt: glauben Sie nicht, daß sie mich, wenn ich sie heirathe, einem neuen Leben der Rache wiedergibt?’ Und er stand plötzlich auf, ging ans andere Ende des Pfades und als er wieder zurückkam, sang er ein Liedchen. ‘Jane, Jane,’ sagte er, vor mir stehen bleibend, ‘Sie sind ganz blaß vor lauter Nachtwachen. Fluchen Sie mir nicht, daß ich so Ihre Ruhe störe?’ ‘Ihnen fluchen? Nein, Sir.’ ‘Geben Sie mir die Hand darauf. Wie kalt Ihre Finger sind! Als ich sie diese Nacht an der Thüre des geheimnißvollen Zimmers berührte, waren sie wärmer. Jane, wann wollen Sie wieder mit mir aufbleiben?’ ‘So bald ich Ihnen wieder nützlich sevn kann.’ ‘Zum Beispiele in der Nacht bevor ich heirathe? Ich werde da gewiß nicht schlafen können. Versprechen Sie mir, daß Sie mir da Gesellschaft leisten wollen? Mit Ihnen kann ich wohl von meinem Liebchen sprechen, denn Sie haben sie gesehen und kennen sie nun.’ ‘Wohl, Sir.’ ‘Es ist ein seltenes Geschöpf, nicht wahr?’ ‘Wohl, Sir.’ ‘Vollblut, echtes Vollblut, Jane: rund, brünett und feurig; mit Haaren, wie sie die Damen von Karthago gehabt haben mußten. Verdammt! Dent und Lynn sind im Stalle! Gehen Sie durch's Gebüsch, dort bei jenem Pförtchen hinaus!’ Ich schlug den bezeichneten, er einen andern Weg ein. Im Hofe angelangt, hörte ich ihn lustig ausrufen: ‘Mason ist diesen Morgen Euch Allen zuvorgekommen und noch vor Sonnenaufgang abgereist: ich stand schon vor vier Uhr auf, um von ihm Abschied zu nehmen.’ Einundzwanzigstes Capitel. Es ist eine eigene Sache um Ahnungen, um Sympathien und um An;eichen und die drei zusammen genommen bilden ein Geheimniß, welches die Menschheit bis nun noch nicht ergründet hat. Ich konnte mich über Ahnungen nie lustig machen, weil ich deren selbst sehr wunderbare in meinem Leben gehabt hatte. Auch an das Vorhandenseyn von Sympathien glaube ich, welche entfernte, lange Zeit abwesende, ja einander ganz entfremdete Familienglieder mit einander verbinden und sie, ungeachtet ihres Getrenntseyns, zum Quell ihrer gemeinsamen Abstammung in einer Art zurückführen, die über alle menschlichen Begriffe gehen. Und die Anzeichen sind am Ende nichts weiter, als Ergebnisse des sympathischen Zusammenhanges der Natur mit dem Menschen. Als ich noch ein kleines Mädchen von etwa sechs Jahren war, hörte ich eines Abends Bessie Leaven zu Martha Abbot sagen, es habe ihr von einem kleinen Kinde geträumt und es sey dies eine sichere Vorbedeutung von einem kommenden Unglücksfalle in ihrer Familie. Diese Rede wäre meinem Gedächtnisse entfallen, hätte sich nicht unmittelbar darauf ein Umstand ereignet, der mir dieselbe für alle Zeiten unvergeßlich machte: Tags darauf wurde nemlich Bessie zum Todtenbette ihrer kleinen Schwester berufen. Besonders in der letzten Zeit erinnerte ich mich dieses Zufalles sehr häufig, denn eine ganze Woche hindurch verging keine Nacht, wo mir nicht ein kleines Kind im Traume erschienen wäre, das ich entweder im Arme trug oder auf meinen Knieen schaukelte, oder auf einem Grasplatze mit Maiblümchen spielen oder endlich sein Händchen in fließendes Wasser halten sah. Die eine Nacht weinte das Kind, die nächste lachte es: heute klammerte es sich an mich an, morgen riß es vor mir aus: allein ob in dieser oder jener Stimmung, ob jetzt so, ein andermal anders aussehend, die Erscheinung kam mir regelmäßig in sieben aufeinander folgend en Nächten gerade in dem Augenblicke, wo ich in das Land der Träume hinübergeschlummert war. Diese Wiederholung einer und derselben Idee, diese sonderbare Wiedererscheinung eines und desselben Traumbildes war mir unheimlich. Ich fürchtete mich ordentlich, wenn es Schlafenszeit wurde und die Stunde der Vision herannahte. Auch in jener mondhellen Nacht, wo mich der fürchterliche Schrei weckte, hatte ich dasselbe Traumgesicht gehabt und am darauffolgenden Nachmittage wurde ich zu Mrs. Fairfax hinuntergerufen, wo mich Jemand erwartete. Ich fand einen Mann im Anzuge eines Herrendieners, der Trauer trug und auch um den Hut, den er in der Hand hielt, ein breites schwarzes Florband gewickelt hatte. ‘Sie werden sich meiner wohl kaum mehr entsinnen, Miß,’ sagte er. sich vom Stuhle erhebend; ‘mein Name ist Leaven, ich war Kutscher bei Mrs. Reed, als Sie vor etwa acht bis neun Jahren in Gatesheadhall lebten, wo ich auch noch jetzt in Diensten stehe.’ ‘Ei, Robert! wie geht's? Ich erinnere mich Eurer sehr wohl, Ihr ließet mich zuweilen auf Miß Georginens Ponny herumreiten. Was macht Bessie? Sie ist ja eure Frau?’ ‘Wohl, Miß. Meine Frau ist wohl auf, Ihnen aufzuwarten, und vor zwei Monaten beschenkte sie mich wieder mit einem Kindlein — wir haben nun in Allem drei Stück — und Mutter und Kind sind frisch und munter.’ ‘Und wie geht es der Familie Reed, Robert?’ ‘Es thut mir leid Ihnen hierüber nicht viel Tröstliches berichten zu können. Es sieht jetzt im Herrenhause traurig aus; sie sind Alle in der größten Bestürzung.’ ‘Es ist doch Niemand gestorben?’ sagte ich, Roberts schwarzen Anzug betrachtend. Auch er blickte auf seinen beflorten Hut und erwiederte: ‘Der junge Herr John verschied, gestern eine Woche, in seiner Wohnung in London.’ ‘John?’ ‘Wohl.’ ‘Und was sagt seine Mutter dazu?’ ‘Je nun, sehen Sie, Miß Eyre, es ist eine ganz zußerordentliche Geschichte. Er führte ein wildes Leben und besonders in den letzten drei Jahren gab er sich allen Ausschweifungen hin. Sein Ende war schrecklich.’ ‘Bessie erzählte mir, er wollte nicht gut thun.’ ‘Nicht gut thun! Er hätte sich nicht schlechter aufführen können. Er ruinirte seine Gesundheit und sein Vermögen in Gesellschaft der liederlichten Männer und schlechtesten Frauenzimmer, häufte Schulden auf Schulden und kam in den Schuldthurm. Seine Mutter half ihm zweimal heraus, kaum war er aber frei, als er auch wieder zu seinen alten Cameraden und früheren Gewohnheiten zurückkehrte. Er war gerade keiner von den Gescheidesten, und die Schurken, mit denen er umging, plünderten ihn auf die unerhörteste Weise. Etwa vor drei Wochen kam er nach Gateshead herunter und verlangte von seinen Schwestern die Abtretung ihres Erbtheils. Die Fräulein schlugen es ihm ab, sie waren durch seine Verschwendung ohnehin schon in ihrem Vermögen beeinträchtigt worden; er mußte also unverrichteter Sache wieder abziehen und die nächste Nachricht von ihm lautete, er sey todt. Wie er starb, das weiß Gott! — Die Leute sagen, er habe sich selbst das Leben genommen.’ Ich war sprachlos: die Neuigkeiten waren zu fürchterlich. Robert Leaven fuhr fort: ‘Die gnädige Frau war ohnedies schon seit längerer Zeit nicht ganz gesund und bei all ihrer Dicke nichts weniger als kräftig; die großen Geldverluste und die Furcht vor Armuth und Noth drückten sie vollends nieder. Die Nachricht von Mr. Johns Tode und den Umständen, unter welchen er geendet, kam plötzlich, so daß sie der Schlag rührte. Durch volle drei Tage war sie sprachlos, doch am letzten Dienstag schien sie etwas besser zu seyn; es war als wollte sie etwas sagen und sie machte meinem Weibe in Einem fort Zeichen und lallte ganz unverständlich. Erst gestern früh brachte es Bessie heraus, daß sie Ihren Namen aussprechen wollte, und endlich unterschied sie die Worte: ‘Bringt Jane, holt Jane Eyre her, ich muß mit ihr sprechen.’ Bessie wußte nicht, ob sie bei Verstande sey oder was sie mit den Worten sagen wollte, doch theilte sie dieselben den Misses Reed mit und gab ihnen den Rath, um Sie zu schicken. Die Fräulein wollten anfänglich nichts davon hören, aber ihre Mutter wurde so unruhig und rief so oft: ‘Jane! Jane!’ daß sie endlich einwilligten. Gestern verließ ich Gateshead, und wenn Sie bis dahin bereit seyn können, möchte ich Sie gerne morgen zeitlich in der Früh mitnehmen.’ ‘Wohl, Robert, ich werde bereit seyn; ich denke, es ist nothwendig, daß ich gehe.’ ‘Das glaub' ich auch, Miß. Bessie war überzeugt, daß Sie sich nicht weigern würden; doch Sie werden wohl erst um Urlaub ansuchen müssen?’ ‘Freilich wohl, und ich will es gleich jetzt thun.’ Und nachdem ich Robert in die Gesindestube geleitet und daselbst der Sorgfalt Johns und seines Weibes übergeben hatte, suchte ich Mr. Rochester auf. Er war weder in den untern Stuben, noch im Hofe, noch in den Stallungen, noch in den Ackergründen zu sehen. Ich frug Mrs. Fairfax, ob sie wüßte, wo er wäre; sie sagte, sie glaube, er spiele Billard mit Miß Ingram. Ich eilte also ins Billardzimmer, aus dem mir Stimmengewirr und das Klappern der Bälle entgegenschollen. Mr. Rochester, Miß Ingram, die beiden Misses Eshton und ihre Bewunderer waren sämmtlich im Spiele begriffen. Es gehörte einiger Muth dazu, eine so interessante Partie zu stören, mein Anliegen ließ indeß keine Verzögerung zu und ich näherte mich daher meinem Gebieter, der dicht an Miß Ingram's Seite stand. Sie wandte sich um, als ich näher kam, und maß mich mit einem hochmüthigen Blicke, der zu fragen schien: Was kann nur dieser elende Wurm wollen? und als ich mit leiser Stimme ‘Mr. Rochester!’ rief, machte sie eine Bewegung, als fühlte sie sich versucht, mich wegzuweisen. Ich erinnere mich ihres Aussehens in jenem Augenblicke: es war sehr graziös und auffallend. Sie trug ein Morgenkleid von himmelblauem Crepp und einen azurblauen Gazeaufputz in ihren Haaren. Die Bewegung des Spieles hatte ihr Gesicht geröthet und das Gefühl verletzten Stolzes verlieh ihren Zügen einen äußerst gebieterischen Ausdruck. ‘Hat Ihnen diese Person etwas zu sagen?’ frug sie. Und Mr. Rochester wandte sich um, um zu sehen wer diese Person wäre. Er zog ein sonderbares Gesicht — eine seiner wunderlichen, doppeldeutigen Demonstrationen — warf sein Queue aufs Bret und folgte mir zum Zimmer hinaus. ‘Nun, Jane?’ sagte er, sich mit dem Rücken an die Thüre des Lehrzimmers lehnend, die er zugeschlagen hatte. ‘Ich komme Sie um Urlaub auf ein oder zwei Wochen zu ersuchen, Sir.’ ‘Wozu? Wohin wollen Sie gehen?’ ‘Eine kranke Frau besuchen, die nach mir geschickt hat.’ ‘Was für eine kranke Frau? — Wo befindet sie sich?’ ‘In Gateshead, in der Grafschaft ***’ ‘In der Grafschaft ***? Die liegt ja etwa hundert Meilen von hier! Wer ist die Frau, daß sie die Leute so weit herholen läßt?’ ‘Sie heißt Reed, Sir, — Mrs. Reed.’ ‘Reed von Gateshead? ich kannte eine Magistratsperson dieses Namens!’ ‘Die Frau ist seine Witwe.’ ‘Und was geht Sie diese Witwe an? Woher kennen Sie sie?’ ‘Mr. Reed war mein Onkel — der Bruder meiner Mutter.’ ‘Den Teufel war er's! Sie sagten mir ja nie etwas davon: Sie erzählten immer, Sie hätten gar keine Verwandten.’ ‘Keine, die sich meiner annähmen. Mr. Reed ist todt und seine Frau verstieß mich.’ ‘Warum?’ ‘Weil ich arm und ihr zur Last war und weil sie mich nicht leiden konnte.’ ‘Aber Mr. Reed hinterließ Familie? — Sie müssen noch Geschwisterkinder haben? Sir George Lynn sprach gestern von einem Reed von Gateshead, der, wie er sagte, der größte Lump von London wäre, und Ingram erwähnte eine Georgine Reed, die vor ein oder zwei Wintern ihrer Schönheit wegen in der Stadt sehr bewundert wurde.’ ‘John Reed ist todt, Sir; er ruinirte sich und zum Theile auch seine Familie und endigte sein Leben mit einem Selbstmord. Die Nachricht hiervon machte auf seine Mutter einen solchen Eindruck, daß sie einen Schlaganfall hatte.’ ‘Ja was können Sie ihr helfen? Es ist reiner Unsinn, Jane! Ich würde gewiß nie daran denken, eine Reise von hundert Meilen zu machen, um eine alte Frau zu besuchen, die vielleicht eher stirbt, als Sie bei ihr ankommen. Uebrigens hat sie Sie ja. wie Sie selbst sagten, verstoßen.’ ‘Wohl, Sir! Allein das ist schon lange her und unten ganz andern Verhältnissen geschehen. Ich hätte nie Ruhe, käme ich nicht jetzt ihrem Wunsche nach.’ ‘Wie lange werden Sie ausbleiben?’ ‘So kurze Zeit als möglich, Sir.’ ‘Versprechen Sie mir, daß Sie nicht länger als eine Woche bleiben wollen.’ ‘Es ist besser, ich verspreche nichts; ich könnte möglicher Weise wortbrüchig werden müssen.’ ‘Doch zurückkommen werden Sie auf jeden Fall und lassen sich durchaus nicht bewegen, für immer in Gateshead zu bleiben, nicht wahr?’ ‘Gewiß nicht! Ich komme auf jeden Fall wieder, sobald dort Alles in Ordnung ist.’ ‘Wer begleitet Sie? Sie werden doch nicht hundert Meilen allein reisen wollen?’ ‘Keineswegs; Mrs. Reed's Kutscher ist um mich gekommen.’ ‘Darf man sich auf ihn verlassen?’ ‘Gewiß; er dient schon zehn Jahre im Hause.’ Mr. Rochester verfiel in Nachdenken. ‘Wann wollen Sie abreisen?’ ‘Morgen zeitlich früh.’ ‘Wohl. Sie müssen Geld haben, Sie können nicht so fortgehen und ich glaube, Ihre Baarschaft wird nicht sehr groß seyn; übrigens habe ich Ihnen noch keinen Gehalt gezahlt. Wie hoch belaufen sich Ihre Capitalien, Jane?’ frug er lächelnd. Ich holte meine Börse hervor, sie sah sehr schwindsüchtig aus. ‘Fünf Schillinge, Sir.’ Er nahm den Beutel, schüttete die Münzen auf seine flache Hand aus und lachte darüber, als freute ihn die Geringfügigkeit meines Vermögens. Dann nahm er seine Brieftasche heraus. ‘Hier,’ sagte er, mir eine Banknote hinhaltend. Es war eine Fünfzigpfundnote und ich hatte blos fünfzehn zu fordern. Ich sagte, ich könnte ihm nicht wechseln. ‘Ich brauche nichts gewechselt; ich weiß es schon. Nehmen Sie nur Ihren Gehalt.’ Ich weigerte mich mehr anzunehmen als mir gebührte. Er schalt mich erst aus, dann, als ob ihm plötzlich etwas einfiele, sagte er: ‘Wahr, wahr! Besser ich gebe Ihnen nicht Alles auf einmal. Sie blieben am Ende drei Monate aus, wenn Sie fünfzig Pfund hätten. Hier sind zehn, ist das genug?’ ‘Wohl; doch jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.’ ‘Kommen Sie zurück und holen Sie sich sie. Ich bin Ihr Bankier für vierzig Pfund.’ ‘Mr. Rochester, ich möchte am Ende noch eine Geschäftsangelegenheit mit Ihnen ordnen, weil sich gerade die Gelegenheit dazu darbietet.’ ‘Eine Geschäftsangelegenheit? Bin neugierig sie zu hören.’ ‘Sie haben mich so gut als benachrichtigt, Sir, daß Sie sich binnen Kurzem zu vermälen gedenken.’ ‘Nun, und was weiter?’ ‘In diesem Falle müssen Sie Adelen in eine Kostschule thun. Ich denke. Sie sehen die Nothwendigkeit davon ein.’ ‘Um sie meiner Braut aus dem Wege zu räumen, die sie sonst etwas zu nachdrücklich treten würde. Ihre Bemerkung ist sehr verständig; Adela muß, wie Sie sagen, in eine Kostschule und Sie müssen, natürlich, geraden Weges zum — Teufel gehen.’ ‘Ich denke nicht; allein ich muß mir irgend einen andern Platz suchen.’ ‘Wirklich!’ rief er mit einem phantastischen und gutmüthig spottenden Ausdrucke in Stimme und Geberde. Dabei sah er mich durch einige Minuten unverwandt an. Und die alte Mrs. Reed, oder die Misses, ihre Töchter, werden von Ihnen behufs des Auffindens einer neuen Stelle in Bewegung gesetzt werden?’ ‘Nein, Sir! Ich stehe mit meinen Verwandten auf keinem so guten Fuße, um von ihnen Gefälligkeiten verlangen zu können. Ich will eine Ankündigung in die Zeitung setzen lassen.’ ‘Sie werden die egyptischen Pyramiden hinauf reiten,’ brummte er. ‘Kündigen Sie nur immer auf Ihre Gefahr hin an. Ich wollte ich hätte Ihnen statt zehn Pfund nur Ein Pfund gegeben. Geben Sie mir neun Pfund zurück, Jane, ich brauche sie.’ ‘Ich auch,’ erwiederte ich, meine Hand und meine Börse hinter mich haltend. ‘Ich kann das Geld auf keinen Fall missen.’ ‘Gibt mir die kleine Schelmin eine abschlägige Antwort, wenn ich von ihr Geld borgen will!’ scherzte er. ‘Leihen Sie mir fünf Pfund, Jane!’ ‘Nicht fünf Schillinge, Sir, nicht fünf Pence.’ ‘So lassen Sie mich nur wenigstens das Geld sehen.’ ‘Nein, Sir, man kann Ihnen nicht trauen.’ ‘Jane!’ ‘Sie befehlen?’ ‘Versprechen Sie mir nur Eines.’ ‘Ich verspreche Ihnen Alles, was ich zu halten im Stande bin.’ ‘Lassen Sie keine Ankündigung in die Zeitung setzen und überlassen Sue mir die Ausfindigmachung eines Platzes. Ich will Ihnen einen solchen zur rechten Zeit besorgen.’ ‘Gerne will ich dies eingehen, Sir, sobald auch Sie mir versprechen, daß wir, sowohl ich als Adela, aus dem Hause sind, bevor es Ihre zukünftige Frau betritt.’ ‘Gut, gut! Ich gebe Ihnen mein Wort zum Pfande. Also morgen reisen Sie schon?’ ‘Ja und bei Zeiten.’ ‘Kommen Sie heut nach Tische ins Gesellschaftszimmer hinunter?’ ‘Nein, Sir, ich muß meine Vorbereitungen zur Reise treffen.’ ‘Wir müssen also einander für eine kurze Zeit Lebewohl sagen?’ ‘So ist es.’ ‘Und wie pflegen die Leute derlei Abschiedsceremonien zu begehen, Jane? Lehren Sie mich es, ich verstehe mich nicht darauf.’ ‘Sie sagen einander: ‘Leben Sie wohl!’ oder irgend eine andere Redensart, die ihnen beliebt.’ ‘Nun so thun Sie es.’ ‘Leben Sie für jetzt wohl, Mr. Rochester!’ ‘Und was habe ich zu sagen?’ ‘Dasselbe, wenn es Ihnen gefällig ist, Sir.’ ‘Leben Sie für jetzt wohl, Miß Eyre. Ist das Alles?’ ‘Ja.’ ‘Es kommt mir aber so kalt, so trocken, so unfreundlich vor. Etwas Anderes wäre mir lieber, eine kleine Ausdehnung der Feierlichkeit könnte nicht schaden. Wie, wenn wir uns die Hände reichten? Doch nein, auch das würde mich nicht befriedigen! Sie wollen also nichts weiter thun, als ‘Leben Sie wohl!’ sagen?’ ‘Es genügt, Sir; man kann in wenige Worte eben so viel Herzlichkeit legen als in viele.’ ‘Möglich; aber das Eine Wort ist gar so mager und leer.’ ‘Wie lange wird er noch an der Thür stehen bleiben?’ dachte ich bei mir. ‘Ich muß noch meine Sachen einpacken.’ Die Glocke ertönte zum Mittagessen und fort stürzte er, ohne weiter ein Wort zu verlieren. Den Tag über bekam ich ihn nicht mehr zu sehen und am nächsten Morgen hatte ich schon Thornfield hinter mir, bevor er noch aufgestanden war. Ich erreichte die Schließerswohnung von Gatesheadhall am ersten Mai beiläufig um fünf Uhr Nachmittag und machte dort Halt, ehe ich mich ins Herrenhaus begab. Bessie's Wirthschaft sah ungemein nett und ordentlich aus; schöne weiße Vorhänge zierten die kleinen Fenster, der Fußboden war blank gescheuert, der Rost und der Feuerbock des Camins glänzten von weitem und das Feuer selbst brannte freundlich und hell. Bessie saß am Camine und stillte ihr Kleinstes und der kleine Bob spielte mit seiner Schwester in einem Winkel der Stube. ‘Gott segne Sie! — Sagt' ichs doch gleich, Sie würden kommen!’ — rief Mrs. Leaven aus, als ich eintrat. ‘Wohl, Bessie,’ sagte ich, nachdem ich sie umarmt hatte, ‘und ich hoffe, daß ich nicht zu spät komme. Wie befindet sch Mrs. Reed? — Sie ist doch noch am Leben?’ ‘Sie ist noch am Leben und weicher gestimmt und gefaßter als zuvor. Der Doctor meint, sie würde sich noch ein oder zwei Wochen fortfristen, allein schwerlich wieder genesen.’ ‘Hat sie meiner in der letzten Zeit Erwähnung gethan?’ ‘Erst heute früh sprach sie wieder von Ihnen und wünschte, Sie möchten kommen; aber in diesem Augenblicke schläft sie, wenigstens war dies vor zehn Minuten der Fall, als ich oben bei ihr war. Sie liegt in der Regel jeden Nachmittag in einer Art Bewußtlosigkeit und Schlafsucht, aus der sie erst um sechs oder halb sieben Uhr erwacht. Wollen Sie bei uns eine Stunde ausruhen, Miß? Ich will Sie dann zu Mrs. Reed bringen.’ Hier trat Robert ein; Bessie legte ihr schlafendes Kind in die Wiege und bewillkommte ihren Mann. Dann nöthigte sie mich meinen Hut abzulegen und lud mich ein, mit ihr Thee zu trinken, weil ich gar so blaß aussähe. Ich nahm ihr gastfreundliches Anerbieten gern an und ließ mich aus meinen Reisekleidern eben so willig aushülsen, wie ich mich von ihr als Kind auskleiden zu lassen pflegte. Erinnerungen an vergangene Zeiten stiegen in mir auf, währen ich zusah wie Bessie geschäftig hin- und herlief, ihr bestes Porzellan-Theezeug hervorholte, Butterschnitten schmierte, einen Theekuchen bähte und dazwischen von Zeit zu Zeit dem kleinen Bob und der kleinen Jane einen gelegentlichen Klaps oder einen Rippenstoß versetzte, gerade wie sie mir deren in früheren Tagen zu verabreichen gewöhnt war. Bessie hatte nicht allein ihre Leichtfüßigkeit und ihr hübsches Aeußere, sondern auch ihr lebhaftes Temperament bewahrt. Als der Thee fertig war, wollte ich mich mit zu Tische setzen; doch sie gebot mir, ganz in ihrem frühern befehlenden Tone, sitzen zu bleiben. Sie müsse mir in der Caminecke auftragen, sagte sie, und stellte ein kleines rundes Tischchen mit einer Tasse und einem Teller voll Butterschnitten vor mich hin, geradeso wie sie mich ehedem in der Kinderstube auf einen kleinen Stuhl setzte und mit irgend einer heimlich bei Seite geschafften Leckerei bewirthete. Ich lächelte und gehorchte ihr, wie in den Tagen meiner Kindheit. Sie wollte nun wissen, ob ich mich in Thornfieldhall glücklich fühle und was für eine Person die Frau vom Hause sey, und als ich ihr sagte, es sey ein Herr da, ob er mich gut behandle und mir gefalle. Ich sagte ihr, der Herr sey fast häßlich zu nennen, aber ein Mann von Welt; er gehe ganz gut mit mir um und ich sey zufrieden. Dann beschrieb ich ihr die muntere Gesellschaft, die sich zuletzt im Hause versammelt hatte, und Bessie hörte meinen Schilderungen, die ganz nach ihrem Geschmacke waren, mit andächtiger Aufmerksamkeit zu. Eine Stunde war auf diese Weise bald verflossen; Bessie setzte mir wieder den Hut auf und legte mir den Mantel um, und wir verließen die Schließerwohnung, um uns ins Herrenhaus zu begeben. Etwa vor neun Jahren war ich, eben auch in ihrer Begleitung, denselben Pfad hinabgewandelt, den ich nun hinanging. An einem finstern, nebligen, kalten Januarmorgen hatte ich ein feindliches Haus mit Bitterkeit und Verzweiflung im Herzen — gleichsam vogelfrei und als ein Auswürfling — verlassen, um die frostige Herberge von Lowood, diesen weit entfernten unbekannten Aufenthalt, aufzusuchen. Dasselbe feindselige Haus stand nun vor mir, meine jetzigen Aussichten waren nicht viel besser und mein Herz blutete aus einer frischen Wunde. Noch im immer stand ich als eine Fremde auf der weiten Erde da, nur daß ich jetzt mehr Selbstvertrauen, mehr innere Kraft besaß und unabhängiger da stand, daß jede Erinnerung erlittenen Unrechts von mir gewichen und die Flamme meines Zornes erloschen war. ‘Gehen Sie nur erst ins Frühstückzimmer,’ sagte Bessie, ‘die Fräulein werden wohl darin seyn.’ Einen Augenblick darauf befand ich mich in dem genannten Gemache. Die ganze Einrichtung sah noch ganz so aus wie an jenem Morgen, wo ich zum ersten Male Mr. Brocklehurst vorgestellt worden war; da lag auch noch derselbe Teppich vor dem Camine, auf welchem er gestanden hatte. Einen Blick in den Bücherschrank werfend, glaubte ich darin die beiden Bände von Bewick's Naturgeschichte der Vögel Englands auf ihrem alten Platze in der dritten Reihe zu sehen und über denselben standen Gulliver's Reisen und die Arabischen Nächte. Die leblosen Gegenstände hatten sich nicht geändert, allein die lebenden Wesen waren kaum mehr zu erkennen. Ich sah zwei junge Damen vor mir; die eine davon sehr groß. beinahe so groß wie Miß Ingram, doch sehr magern, blassen und ernsten Antlitzes. Ihr Aussehen hatte etwas Selbstkasteiendes an sich, das durch ein faltenloses, enges Kleid von schwarzem Wollstoff, einen schmalen, leinenen, gestärkten Halskragen, durch die aus den Schläfen gekämmten Haare und die nonnenartige Zierde eines schwarzen Rosenkranzes mit einem daranhängenden Crucifixe nur noch erhöht wurde. Das war jedenfalls Elise, wiewohl ich in dem langen, hagern, farblosen Gesichte nur wenige ihrer früheren Züge wieder finden konnte. Die andere Dame war eben so sicher Georgine, doch nicht die Georgine von vormals, das schmächtige, sylphenartige eilfjährige Mädchen. Statt dessen sah ich ein voll aufgeblühtes, dickes Geschöpf, wie aus Wachs gegossen, mit schönen, regelmäßigen Gesichtszügen, schmachtenden blauen Augen und blonden gelockten Haaren. Auch sie trug ein schwarzes Kleid, doch war der Schnitt desselben ganz verschieden von demjenigen ihrer Schwester, viel jugendlicher unkleidsamer und eben so modisch, als der Anzug Elisens eine Verachtung alles Weltlichen an den Tag legte. Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter, aber auch nur einen einzigen; die magere und blasse Elise ihr starres, frostiges Auge, die blühende, üppige Georgine ihr Kinn, das, wenn auch nicht so sehr markirt, ihrem sonst sinnlichen und weichen Gesichte eine unbeschreibliche Härte mittheilte. Beide Damen standen bei meinem Eintritte auf, mich zu bewillkommnen und beide sprachen mich mit ‘Miß Eyre’ an. Elisens Gruß war kurz und kalt, von keinem freundlichen Blicke begleitet; sie setzte sich sogleich nieder, sah starr ins Feuer und schien nicht weiter an mich zu denken. Georgine fügte ihrem: ‘Wie befinden Sie sich?’ verschiedene Gemeinplätze über meine Reise, das Wetter u. s. w. bei, die sie in einem merkwürdig gezogenen Tone von sich gab; dabei maß sie mich mit unterschiedlichen Seitenblicken vom Kopf zu Fuß, indem sie bald meinen Merinorock, bald meinen einfach aufgeputzten ländlichen Strohhut zum Gegenstande ihrer Forschungen machte. Junge Damen haben ein besonderes Geschick, anderen Mädchen zu verstehen zu geben, daß sie sie für ‘Landgänschen’ halten, ohne sich gerade dieses Ausdruckes zu bedienen. Ein gewisser sanftmüthiger Blick, frostige Manieren und eine Ungezwungenheit des Tones drücken ihre Ansichten über diesen Punkt vollkommen deutlich aus, ohne daß sie es nöthig hätten, zu thatsächlichen Grobheiten ihre Zuflucht zu nehmen. Ein verächtlicher Blick, ob heimlich ob offen gespendet, machte auf mich nicht mehr den schmerzlichen Eindruck wie in früheren Zeiten. Zwischen meinen beiden Cousinen sitzend, wunderte ich mich ordentlich darüber, wie wenig mich die gänzliche Vernachlässigung der einen und die halb spöttische Aufmerksamkeit der andern zu berühren vermochten; Elise konnte mich nicht ärgern, Georgine nicht aus der Fassung bringen, und die Wahrheit zu sagen, hatte ich an andere Dinge zu denken: in den letzten Monaten waren weit mächtigere Gefühle in mir rege geworden, als die Beiden hervorzurufen im Stande waren; heftigere Schmerzen und ausgesuchtere Freuden hatten mich heimgesucht, als sie mir zufügen oder gewähren konnten. Ihr Betragen machte daher auf mich nicht den geringsten Eindruck. ‘Wie befindet sich Mrs. Reed?’ frug ich, Georginen ruhig anblickend, die über diese Ansprache, in der sie eine maßlose Keckheit sah, stolz die Nase rümpfte. ‘Mrs. Reed? Die Mama meinen Sie? Sie ist sehr krank; ich zweifle, daß Sie sie noch heute sehen können.’ ‘Sie würden mich sehr verbinden,’ versetzte ich, ‘wenn Sie zu ihr gingen und ihr meine Ankunft meldeten.’ Georgine fuhr vor Verwunderung ordentlich in die Höhe und riß die Augen weit auf. ‘Ich weiß, daß ihr sehr daran liegt mich zu sprechen,’ fuhr ich fort, ‘und ich möchte die Erfüllung ihres Wunsches nicht gerne länger hinausschieben, als es unumgänglich nothwendig ist.’ ‘Mama sieht es nicht gern, wenn man sie des Abends stört,’ bemerkte Elise. Ich stand jedoch sofort auf, legte Hut und Handschuhe ab, ohne dazu aufgefordert worden zu seyn, und sagte, ich wollte Bessie aufsuchen, die wahrscheinlich in der Küche sey. um sie zu Mrs. Reed mit der Anfrage zu senden, ob es ihr beliebe, mich zu empfangen. Ich ging zur Stube hinaus und nachdem ich Bessie gefunden und mit meiner Botschaft betraut hatte, ergriff ich weitere Maßregeln. Von jeher war mir alle Anmaßung verhaßt; wäre ich vor einem Jahre so wie heute empfangen worden, ich hätte Gateshead am nächsten Morgen schon wieder verlassen; jetzt verwarf ich einen solchen Plan sofort als eine Thorheit. Ich war hundert Meilen hergekommen, meine Tante zu sehen und mußte nun hier bleiben, bis sie entweder gesund würde oder — stürbe; was den Stolz und die Albernheit ihrer Töchter anbelangte, so durfte ich nicht weiter darauf achten, mich gar nicht daran kehren. Ich wandte mich daher an die Wirthschafterin, ließ mir ein Zimmer anweisen, eröffnete ihr, daß ich mich wahrscheinlich ein oder zwei Wochen aufhalten würde, und schaffte meinen Koffer in meine Stube. Ich traf Bessie auf dem Treppenabsatze. ‘Die gnädige Frau ist erwacht,’ sagte sie; ‘ich meldete ihr, daß Sie hier seyen. Kommen Sie, wir wollen sehen, ob Sie sie erkennt.’ Man brauchte mich nicht erst in die wohl bekannte Stube zu geleiten, wohin ich ehedem so oft berufen worden war, um bestraft oder ausgescholten zu werden. Ich lief vor Bessie her, und öffnete leise die Thüre. Ein Licht mit einem Lichtschirm befand sich auf dem Tische, denn es war bereits finster. Da stand noch die große Bettstatt mit den bunten Vorhängen, der Ankleidetisch, der Armstuhl und der Fußschämel, auf dem ich hatte so oft niederknien und um Verzeihung bitten müssen, wegen Fehltritten, die ich meistens gar nicht begangen. Ich blickte in einen gewissen Winkel, halb erwartend die schlanke Gestalt der von mir einst so gefürchteten Ruthe zu sehen, die dort zu lauern und auf mich loszuspringen pflegte, um meine zitternde Hand oder meinen gebeugten Rücken zu bestreichen. Ich schob die Vorhänge bei Seite, und bog mich über die hoch aufgethürmten Kissen. Wohl hatte ich noch Mrs. Reed's Antlitz im Gedächtniß und eifrig spähte ich nach den wohlbekannten Zügen. Es ist ein wahres Glück, daß die Zeit den Durst nach Rache stillt und Zorn und Abneigung erstickt; Haß und Bitterkeit im Herzen hatte ich dieses Weib verlassen, und nun kam ich mit keinem andern Gefühle zurück, als einer Art Mitleid für die harten Schicksalsschläge, die sie betroffen, und mit dem ernsten Willen, zu vergessen und zu vergeben, und zur Versöhnung freundlich die Hand zu bieten. Ja, da war es, das wohlbekannte Gesicht, starr und gefühllos wie immer; da war das merkwürdige Auge, dem nichts einen Schimmer von Sanftmuth zu entlocken vermochte, mit den etwas in die Höhe gezogenen, hochmüthigen Augenbrauen. Wie oft hatte es mich drohend und voll Haß angeblickt, wie stiegen bei seiner Betrachtung Erinnerungen an die Leiden und Schmerzen meiner Kindheit in mir auf! Und dennoch warf ich mich auf die Kranke nieder und küßte sie. Sie sah mich an. ‘Ist dies Jane Eyre?’ frug sie. ‘Wohl, Tante Reed. Wie geht es Ihnen, theure Tante?’ Ich hatte ihr es einst zugeschworen, daß ich sie nie wieder Tante nennen wollte; ich hielt es für keine Sünde, diesen Schwur zu brechen. Meine Finger umspannten ihre Hand, die außerhalb der Bettdecke lag; hätte sie in diesem Augenblicke die meinige freundlich gedrückt, ich hätte darüber eine aufrichtige Freude empfunden. Doch harte Naturen werden nicht so leicht weich und eingewurzelte Abneigungen lassen sich nicht so schnell vertilgen. Mrs. Reed zog ihre Hand weg, und wandte beinahe ihr Gesicht von mir, indem sie die Bemerkung machte, die Nacht sey sehr warm. Wieder blickte sie mich an, doch so eiskalt war ihr Blick, daß ich begriff, ihre Meinung von mir sey unverändert, und wohl auch nicht zu ändern. Ihr wahrhaft steinernes Auge, durch welches keine Zärtlichkeit hindurch schimmern, das nicht in Thränen zerfließen konnte, sagte mir deutlich, wie fest sie entschlossen sey, mich bis zum letzten Augenblicke für schlecht zu halten; denn der Glaube an meinen sittlichen Werth konnte sie, weit entfernt ihr irgend eine Befriedigung zu gewähren, nur mit bitterem Verdruß erfüllen. Erst überkam mich Schmerz, dann Zorn und endlich beschloß ich sie zu bändigen, sie trotz ihrer Natur und ihres Starrsinnes zu beherrschen. Wie in meinen Kinderjahren waren mir Thränen in die Augen gekommen, ich hieß sie zu ihrer Quelle zurückkehren. Ich stellte einen Stuhl zum Bette, setzte mich und bog mich über das Kopfkissen. ‘Sie haben um mich geschickt,’ sagte ich, ‘und hier bin ich nun, und will hier so lange bleiben, bis ich sehe, was mit Ihnen wird.’ ‘Ob, natürlich! Du hast doch schon mit meinen Töchtern gesprochen?’ ‘Ja.’ ‘Wohl, Du kannst ihnen sagen, es sey mein Wille, daß Du so lange bleibst, bis ich Dir so Manches mitgetheilt habe, was mir am Herzen liegt. Heute ist's schon zu spät dazu, und mein Kopf ist zu schwach. Doch ich wollte ja etwas sagen — was war es doch nur gleich —’ Der irre Blick und die veränderte Sprache zeigten zur Genüge, welches Wrack an die Stelle des einst so kräftigen Körpers getreten war. Sich unruhig hin und her werfend, wickelte sie sich fester in ihre Bettecke; mein Ellbogen, den ich auf einen der Zipfel gestützt hatte, hinderte sie einigermaßen daran, worüber sie in Wuth gerieth. ‘Laß los!’ rief sie, ‘und ärgere mich nicht weiter damit, daß Du meine Decke fest hältst. Bist Du wirklich Jane Eyre?’ ‘Freilich wohl!’ ‘Ich habe mich mit diesem Kinde schon so viel geärgert, wie sich's gar kein Mensch denken kann. So eine Last auf dem Halse zu haben, und so viele Galle hinunterschlucken zu müssen! Täglich, ja stündlich machte sie mir Verdruß, bald mit den Ausbrüchen ihrer Leidenschaftlichkeit, bald mit der rastlosen, unnatürlichen Aufmerksamkeit, mit der sie alle meine Bewegungen überwachte! Ja, eines Tages sprach sie vollends mit mir, als wäre sie wahnsinnig, oder vom Teufel besessen; nie hat noch ein Kind so gesprochen, oder solche Blicke geworfen. Ich war ordentlich froh, als ich sie aus dem Hause hatte. Was thaten sie nur mit ihr in Lowood? Das Nervenfieber wüthete in der Schule und sehr viele von den Zöglingen starben; doch Jane starb nicht, wiewohl ich vorgab, sie sey todt. Ich wollte es wäre wahr gewesen!’ ‘Ein ungewöhnlicher Wunsch, Mrs. Reed. Warum hassen Sie sie nur so?’ ‘Ich konnte schon ihre Mutter nicht leiden. Sie war meines Mannes einzige Schwester, und sein Liebling; er allein widersetzte sich ihrer Enterbung, als sie jene Mißheirath eingegangen war, und als die Nachricht von ihrem Tode eintraf, weinte er wie ein Einfaltspinsel. Er wollte durchaus um ihr Kind schicken, wiewohl ich ihn bat, es lieber irgendwo hin in die Pflege zu thun, und dafür zu zahlen. Ich haßte es vom ersten Augenblicke an, das kränkliche, weinerliche, plärrende Geschöpf! Die ganze Nacht weinte es in seiner Wiege; aber es schrie nicht aus voller Brust wie andere Kinder, es wimmerte und ächzte blos. Reed hatte Mitleid mit dem Dinge, er hätschelte und wiegte es, als wäre es sein eigen, wohl mehr noch als seine eigenen Kinder in gleichem Alter. Er wollte, seine Kinder sollten mit der kleinen Bettlerin freundlich seyn, allein die theuern Herzenspuppen konnten sie nicht leiden, und er wurde ordentlich böse, wenn sie ihre Abneigung an den Tag legten. Während seiner letzten Krankheit hatte er sie beständig an seinem Bette, und eine Stunde bevor er verschied, forderte er mir einen Eidschwur ab, das Kind im Hause behalten zu wollen. Eben so gerne hätte ich mich eines Sprößlings aus dem Arbeitshause angenommen, allein Reed war schwach, von Natur aus schwach. John ist seinem Vater ganz und gar nicht ähnlich; John ist wie ich und wie meine Brüter, ein echter Gibson. Oh, ich wollte nur, er plagte mich in seinen Briefen nicht mehr um Geld. Ich kann ihm nichts mehr geben; wir sind beinahe arm geworden. Ich muß die Hälfte meiner Dienstleute verabschieden, und einen Theil des Hauses absperren und vermiethen. Ich kann mich dazu durchaus nicht entschließen, und doch muß ich es. Wie wollen wir sonst auskommen? Zwei Drittheile meines Einkommens gehen darauf, die Interessen von Leibrenten zu zahlen. John spielt entsetzlich und verspielt immer. — Der arme Junge! Er ist in die Hände von Gaunern gerathen, er ist sehr tief gesunken — er sieht schrecklich aus — ich schäme mich seiner, wenn ich ihn sehe.’ Sie wurde immer aufgeregter. ‘Ich dächte, es wäre besser, ich verließe sie jetzt,’ sagte ich zu Bessie, die mir gegenüber am Bette stand. ‘Vielleicht, Miß; allein sie spricht des Abends immer so — des Morgens ist sie ruhiger. Ich stand auf. ‘Bleib!’ rief Mrs. Reed. ‘Ich wollte noch etwas sagen. Er droht mir — er droht mir immer mit seinem oder mit meinem Tode, und zuweilen träumt mir, daß ich ihn öffentlich ausgestellt sehe, mit einer großen Wunde am Halse, oder mit einem schwarzen geschwollenen Gesichte. Ich bin sehr in die Enge getrieben, ich habe schwere Sorgen. Was soll ich thun? Woher soll ich Geld schaffen?’ Bessie versuchte es nun sie zu bewegen , einen niederschlagenden Trank zu nehmen; es gelang ihr nur mit vieler Mühe. Bald darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und versank in eine Art Bewußtlosigkeit. Ich verließ sie. Mehr als zehn Tage verflossen, bevor ich mich mit ihr wieder in eine Unterredung einlassen konnte. Entweder lag sie in Bewußtlosigkeit oder in Schlafsucht und der Arzt verbot aufs Strengste Alles, was sie in Aufregung versetzen konnte. Mittlerweile suchte ich mit Georginen und Elisen so gut wie möglich auszukommen. Sie waren gegen mich anfänglich sehr kalt. Elise saß halbe Tage lang mit Nähen, Lesen und Schreiben beschäftigt und sprach nur selten ein Wort mit mir oder ihrer Schwester. Georgine plapperte ganze Stunden mit ihrem Canarienvogel, ohne mich zu beachten. Allein ich war fest entschlossen, keine Verlegenheit um Beschäftigung oder Unterhaltung blicken zu lassen; ich hatte mein Zeichengeräth mitgebracht und es war für beides gesorgt. Mit einem Kästchen Zeichenstifte und einigen Bogen Papier versehen, pflegte ich mich abseits von den beiden Schwestern nahe ans Fenster zu setzen und phantastische Skizzen zu malen, wie sie in dem immer wechselnden Kaleidoskope meiner Einbildungskraft nach und nach auftauchten; ein Stückchen See zwischen zwei Felsen, den aufgehenden Mond und ein Schiff, das durch seine Scheibe hindurch zu segeln schien, ein Rohrgebüsch mit Wasserlilien untermengt, den mit Lotosblumen bekränzten Kopf einer Wassernixe in der Mitte, eine Elfe in einem Zaunkönigsneste unter einem Kranze von wilden Rosen. Eines Morgens fiel es mir ein ein Gesicht zu skizziren; wen es vorstellen sollte, daran dachte, darum kümmerte ich mich nicht. Ich nahm einen weichen Kreidenstift, stumpfte ihn an der Spitze ab und fing an zu arbeiten. Bald hatte ich den Umriß einer breiten hervorrägenden Stirn und einen markirten Gesichtsuntertheil gezeichnet. Die Contur gefiel mir und meine Finger fuhren emsig fort, sie mit Gesichtszügen auszufüllen. Buschige, geradlinige Augenbrauen kamen zuerst hervor, dann eine kühne Nase mit einem geraden Nasenbein und weit geöffneten Nasenlöchern, dann ein keineswegs kleiner, ausdrucksfähiger Mund, und endlich ein hervorragendes Kinn mit einem merklichen Einschnitt in der Mitte. Natürlich durfte ein schwarzer Backenbart nicht fehlen, eben so wenig schwarze an den Schläfen gekräuselte Haare. Jetzt ging es an die Augen; ich hatte mir sie auf die letzt gelassen, da sie eine besondere Sorgfalt erforderten. Ich zeichnete sie groß und schön geschnitten, die Augenwimpern lang und schwarz, die Pupillen weit und glänzend. ‘Gut, doch nicht vollkommen genügend,’ dachte ich bei mir, indem ich die Gesammtwirkung betrachtete. ‘Sie müssen mehr Feuer und Lebhaftigkeit haben. Ich zeichnete die Schatten stärker, um die Lichter mehr hervorzuheben — ein oder zwei glückliche Striche brachten vollkommenes Gelingen hervor. Und nun hatte ich ein wohlbekanntes Gesicht vor mir.’ Warum drehten mir die jungen Damen den Rücken zu? Weil ich das Bild ansah, ihm, mich selbst vergessend, zulächelte. Ich war ganz im Anschauen vertieft und fühlte mich glücklich. ‘Ist dies das Porträt eines Ihrer Bekannten?’ frug Elise, die sich mir unbemerkt genähert hatte. Ich antwortete, es sey ein bloßes Phantasiestück und versteckte das Blatt unter meinen übrigen Zeichnungen. Ich hatte indessen gelogen, denn die Skizze war ein sehr gelungenes Bildnis Mr, Rochester's. Allein was ging das sie oder jemand Anderen außer mir an? Auch Georgine kam herbei, die Zeichnungen anzusehen. Sie gefielen ihr alle, bis auf das Porträt, das sie einen ‘häßlichen Mann’ nannte. Beide Mädchen staunten über meine Geschicklichkeit. Ich machte ihnen das Anerbieten, sie porträtiren und eine jede von ihnen saß mir zu einer Crayonskizze. Dann holte Georgine ihr Album. Ich versprach ihr eine Aquarellzeichnung, was sie in eine sehr gute Laune versetzte. Sie lud mich zu einem Spazirgang in die Felder ein. Bevor wir zwei Stund en im Freien gewesen waren, hatten wir uns in ein vertrauliches Gespräch verwickelt. Sie beehrte mich mit einer Beschreibung des glanzvollen Winters, den sie vor zwei Jahren in London zugebracht — der Bewunderung , die sie dort erregt — der Aufmerksamkeiten, die man ihr gespendet hatte, und sogar von der vornehmen Eroberung, die sie gemacht, ließ sie einige Winke fallen. Noch im Verlaufe desselben Nachmittags theilte sie mir weitere Einzelnheiten, zärtliche Gespräche und gefühlvolle Scenen mit und in kurzer Zeit hatte sie zu meiner Unterhaltung eine Novelle aus dem modernen Leben improvisirt. Diese Mittheilungen erneuerte sie jeden Tag; sie behandelte stets denselben Stoff: sich selbst, ihre Liebe und ihre Schmerzen. Sonderbarerweise spielte sie nie weder auf ihrer Mutter Krankheit, noch auf ihres Bruders schreckliches Ende, noch auf den gegenwärtigen traurigen Zustand der Familienangelegenheiten an. Ihr Geist schien von Erinnerungen an vergangene Herrlichkeiten und von Sehnsucht nach kommenden Zerstreuungen ganz in Anspruch genommen zu seyn. Etwa fünf Minuten und nicht länger verweilte sie täglich am Krankenlager ihrer Mutter. Elise fuhr in ihrer Schweigsamkeit fort, sie hatte augenscheinlich keine Zeit zu sprechen. Ich sah nie eine geschäftigere Person, als sie zu seyn schien, doch war es schwer zu sagen, was sie eigentlich that, oder vielmehr die Ergebnisse ihrer Thätigkeit zu entdecken. Sie hatte eine Weckuhr, um alle Tage zeitlich aufzustehen. Ich weiß nicht, womit sie sich vor dem Frühstücke beschäftigte, aber die Zeit nach diesem Mahle hatte sie in regelmäßige Abschnitte abgetheilt und jede Stunde hatte ihre Bestimmung. Dreimal des Tages las sie in einem kleinen Buche, einem allgemeinen Gebetbuche, wie ich später fand. Ich frug sie eines Tages, worin die Anziehungskraft desselben bestände und sie antwortete: ‘In der Kirchenordnung.’ Drei Stunden täglich stickte sie mit Goldfaden den Rand eines viereckigen rothen Tuches, beinahe so groß wie ein Fußteppich. Auf meine Erkundigungen über den Zweck desselben belehrte sie mich, es sey eine Altarrecke für eine unlängst bei Gateshead erbaute Kirche. Zwei Stunden widmete sie der Abfassung ihres Tagebuches, zwei Stunden arbeitete sie im Küchengarten und eine Stunde hindurch revidirte sie ihre Rechnungen. Sie schien sich weder nach Gesellschaft noch nach Unterredung zu sehnen. Ich glaube, sie war glücklich in ihrer Art, diese Regelmäßigkeit behagte ihr und nichts verdroß sie so sehr, als irgend ein Zwischenfall, der sie in ihrer, einem Uhrwerk vergleichbaren Pünktlichkeit störte. Eines Abends, wo sie leutseliger als gewöhnlich war, vertraute sie mir, Johns Aufführung und der bevorstehende Ruin der Familie hätten sie anfänglich mit tiefer Betrübniß erfüllt, doch nun sey sie beruhigt und habe ihren Entschluß gefaßt. Ihr eigenes Vermögen habe sie in Sicherheit gebracht und sobald ihre Mutter todt wäre (und die könne weder gesund werden, noch es überhaupt mehr lange machen, bemerkte sie ganz ruhig), wollte sie einen lange gehegten Lieblingsplan ins Werk setzen: sich an einen Ort zurückziehen, der ihr für die ruhige Ausübung ihrer pünktlichen Gewohnheiten Schutz gewähren und sie von der heillosen, verdorbenen Welt absondern könnte. Ich frug, ob sie Georgine begleiten würde. ‘Auf keinen Fall. Georgine und sie hätten nichts miteinander gemein; sie wolle sich die Last ihrer Gegenwart um keinen Preis der Welt aufbürden. Georgine möge ihren eigenen Weg einschlagen, währen sie den ihrigen verfolge.’ Georginens Beschäftigung bestand darin, mir ihre Herzensergießungen mitzutheilen oder auf dem Sopha zu liegen, über das langweilige Leben im Hause zu schimpfen und sich darnach zu sehnen, Tante Gibson möchte sie doch bald wieder mit der Einladung nach der Stadt zu kommen erfreuen. ‘Es wäre viel besser,’ meinte sie, ‘wenn sie auf ein oder zwei Monate fort könnte, bis Alles vorüber wäre.’ Ich frug sie nicht nach der Bedeutung der letztern Worte, allein sie wollte damit jedenfalls den bevorstehenden Tod ihrer Mutter und die darauffolgenden Leichenceremonien bezeichnen. Elise beachtete ihrer Schwester Trägheit und ihr Jammern in der Regel eben so wenig, als ob gar keine solche Person vor ihren Augen herum ginge. Eines Tages jedoch, als sie eben ihr Rechenbuch zugeschlagen und ihre Stickerei zusammengelegt hatte, ließ sie sich wie folgt vernehmen: — ‘Georgine, ein eitleres und alberneres Thier als Du hat wohl noch nie die Erde mit seinem Daseyn belästigt. Du hast kein Recht auf dein Leben, denn Du weißt es nicht anzuwenden. Anstatt für Dich, in und mit Dir zu leben, wie sich dies für ein vernünftiges Geschöpf ziemt, suchst Du deine Schwäche durch anderer Leute Kraft zu stützen und wenn sich Niemand findet, der sich mit einem solch faden, geistesschwachen, aufgeblasenen, unnützen Geschöpf befassen will, schreist Du, daß du elend bist, daß man Dich schlecht behandelt, vernachlässigt. Das Leben sollte deinem Wunsche nach in einer Reihe von Unterhaltungen und Aufregungen bestehen, widrigenfalls Du die Welt für einen Kerker ansiehst; Du willst bewundert, angebetet, geschmeichelt seyn, Du mußt Musik, Tanz und Gesellschaft haben, or er Du verschmachtest und stirbst ab. Hast Du denn nicht Verstand genug, Dir eine Lebensweise vorzuzeichnen, die Dich von allen fremden Einstreuungen und von dem Willen Anderer unabhängig erhält? Nimm den Tag her, theile ihn in Abschnitte, deren jeder seine Aufgabe hat; lasse keine Viertelstunde, keine zehn, keine fünf Minuten ohne bestimmt zugetheilte Beschäftigung, und verrichte diese letztern methodisch in der angenommenen Reihenfolge. Der Tag wird zu Ende seyn, ehe Du Dich dessen versiehst und Du bist Niemanden dafür Dank schuldig, daß er Dir die Zeit verbringen half, Du brauchst Niemandes Gesellschaft aufzusuchen, seine Sympathie, seine Geduld in Anspruch zu nehmen; kurz Du hast so gelebt, wie ein vernünftiges, unabhängiges Wesen leben soll. Folge meinem Rathe, dem ersten und letzten, den ich Dir ertheile, und Du bedarfst unter allen Verhältnissen weder meiner noch fremder Unterstützung. Befolge ihn nicht, lebe wie bisher, jammere, weine und faullenze, und Du hast Dir die Folgen deines Blödsinnes, schlimm und unerträglich, wie sie seyn werden, selbst zuzuschreiben. Ich spreche ganz offen und nun höre weiter, was ich Dir noch zu sagen habe; ich werde es kein zweites Mal wiederholen, aber fortan meine Handlungsweise darnach einrichten. Nach meiner Mutter Tode will ich nichts mehr von Dir wissen; von dem Tage, wo ihr Sarg in der Gruft von Gateshead beigesetzt ist, sind wir einander so fremd, als hätten wir uns nie gekannt. Du darfst Dir nicht etwa einbilden, daß, weil wir Kind er derselben Eltern sind, Du irgend wie an mich Ansprüche machen kannst; ich sage Dir nur so viel: ginge das ganze Menschengeschlecht bis auf uns Beide zu Grunde, so daß wir zwei allein auf der Erde stünden, würde ich Dich in der alten Welt stehen lassen und mich selbst nach der neuen begeben.’ Sie schwieg. ‘Du hättest Dir diese lange Rede ersparen können,’ gab ihr Georgine zur Antwort. ‘Jedermann weiß es, daß Du das selbstsüchtigste, herzloseste aller lebenden Geschöpfe bist und ich kenne deinen schmählichen Haß gegen mich nur gut. Du hast mir in dem Streiche, den Du mir wegen Lord Edwin Vere spieltest, eine hübsche Probe davon gegeben. Es war Dir unerträglich, mich neben Dir mit einem adeligen Titel geschmückt, in Gesellschaften eingeführt zu sehen, in denen Du nicht einmal dein Gesicht zeigen dürftest. Darum machtest Du die Spionin, die Angeberin und ruinirtest meine Aussichten für alle Zukunft.’ Georgine zog ihr Taschentuch hervor und schneuzte sich durch eine volle Stunde; Elise saß kalt, unempfindlich und anhaltend fleißig wie immer da. Es gibt Leute, die wahre, edle Gefühle nicht zu schätzen wissen; doch hier hatte ich zwei besondere Geschöpfe vor mir, das eine voll unerträglicher Härte, das andere voll verächtlicher Abgeschmacktheit, weil den beiden eben alles Gefühl ganz und gar abging. Gefühl ohne Verstand ist ein wässeriger Trank; allein Verstand ohne Gefühl ist ein für die menschliche Verdauung zu bitteres und trockenes Gericht. Nachmittags hatten wir Wind und Regen. Georgine war am Sopha über einer Novelle eingeschlafen, Elise zur Kirche gegangen, wo man den Festtag eines Heiligen feierte. In religiösen Angelegenheiten war sie eine strenge Formkrämerin, kein Wetter konnte sie von der Erfüllung dessen abhalten, was sie für eine fromme Pflicht ansah; ob es schön, ob es unfreundlich war, sie ging Sonntags dreimal und in der Woche so oft in die Kirche, als Betstunden abgehalten wurden. Es fiel mir ein, hinaufzugehen und nachzusehen, was die sterbende Frau mache, die fast unbeachtet in ihrer Stube lag. Sogar die Dienstleute bedienten sie sehr lässig und auch die eigens gemiethete Wärterin schlüpfte so oft aus dem Zimmer, als es nur immer anging. Bessie machte hievon eine lobenswerthe Ausnahme, aber sie hatte selbst kleine Kinder zu versorgen und konnte daher nur gelegentlich ins Herrenhaus kommen. Ich fand die Kranke, wie ich es nicht anders erwartet hatte, ganz allein, auch die Wärterin war verschwunden. Sie verhielt sich ruhig und lag anscheinend in Bewußtlosigkeit versunken da; ihr fahles Gesicht stack tief in den Kissen, das Feuer im Camine war dem Erlöschen nahe. Ich legte Holz zu, brachte die Pölster in Ordnung und betrachtete die Aermste, die mich nun nicht sehen konnte, durch eine geraume Zeit. Dann trat ich ans Fenster. Der Regen schlug an die Scheiben, ein ungestümer Wind sauste über die Felder hin. ‘Da liegt Eine,’ sagte ich still vor mich hin, ‘die bald dem Einflusse der irdischen Elemente entrückt seyn wird. Wohin wird die Seele, die sich nun von der morschen Hülle loszuringen sucht, fliehen, sobald sie frei geworden?’ Dieses große Geheimniß erwägend, dachte ich an Helene Burns, an ihre letzten Worte, ihr Gottvertrauen, ihre Lehre von der Gleichheit der abgeschiedenen Seelen. Noch lauschte ich in der Einbildung dem wohlbekannten Tone ihrer Stimme, noch hatte ich ihr blasses. geisterhaftes Antlitz, ihren zum Himmel erhobenen Blick vor Augen, als sie mir am Todtenbette ihre Sehnsucht nach dem Schauen des Unendlichen zuflüsterte. Eine schwache Stimme hinter mir rief: ‘Wer ist da?’ Mrs. Reed hatte durch mehre Tage kein Wort gesprochen; lebte sie wieder auf? Ich ging ans Bett. ‘Ich bin es, Tante Reed.’ ‘Wer — ich?’ versetzte sie. ‘Wer sind Sie?’ mich mit Verwunderung und theilweiser Furcht anblickend. ‘Sie sind mir ganz fremd. Wo ist Bessie?’ ‘Sie ist in ihrer Wohnung, liebe Tante.’ ‘Tante! Wer nennt mich Tante? Sie sind doch keine von den Gibsons, und doch kenne ich dieses Gesicht, diese Augen, diese Stirne. Sie sehen aus wie — wie — Jane Eyre.’ Ich sagte nichts. Ich hatte Angst ihr einen neuen Anfall ihrer Krankheit zu verursachen, wenn ich mich ihr zu erkennen gab. ‘Doch fürchte ich, daß ich mich irre,’ fuhr sie fort. ‘Meine Augen täuschen mich. Ich wünschte Jane Eyre zu sehen und erblicke nun eine Aehnlichkeit, wo keine vorhanden ist. Uebrigens muß sie sich seit acht Jahren sehr verändert haben.’ Ich versicherte sie nun ganz freundlich, ich sey die von ihr erwartete Person und als ich sah, daß sie mich verstand, erzählte ich ihr, Bessie habe mich durch ihren Mann von Thornfield abholen lassen. ‘Ich bin sehr krank, ich weiß es,’ sagte sie nach einer Weile. ‘Vor wenigen Minuten versuchte ich es mich umzuwenden und konnte kein Glied rühren. Es ist besser, ich erleichtere mein Gewissen, bevor ich sterbe. So Manches, woran wir im gesunden Zustande nur selten denken, beschwert uns die Seele in Stunden wie die gegenwärtige. Ist die Wärterin oder irgend Jemand außer Dir in der Stube?’ Ich versicherte ihr, wir wären allein. ‘Ich habe Dir zweimal Unrecht gethan, was ich jetzt sehr bereue. Einmal, indem ich das meinem verstorbenen Gatten gegebene Versprechen brach, Dich wie mein eigenes Kind zu halten. Das andere Mal —’ sie stockte. ‘Am Ende ist's von keiner Bedeutung,’ murmelte sie für sich, ‘und ich könnte vielleicht wieder gesund werden, und mich vor ihr zu demüthigen, ist mir zu schrecklich.’ Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu ändern, doch vergebens. Ihr Gesicht wechselte die Farbe, sie schien einen innerlichen Schmerz, wohl den Vorläufer ihrer letzten Stunde, zu empfinden. ‘Wohlan, es muß seyn. Die Ewigkeit thut sich vor mir auf und es ist besser, ich sage ihr es. Gehe zu meinen Toilettetischchen, öffne die Lade und nimm den Brief heraus, der darin liegt.’ Ich folgte ihrer Weisung. ‘Lies,’ sagte sie. Das Schreiben war kurz und lautete wie folgt: ‘Madame, ‘Haben Sie die Güte, mir die Adresse meiner Nichte Jane Eyre mitzutheilen und mir zu melden, wie es ihr geht. Ich möchte ihr baldigst schreiben und sie ersuchen, zu mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mich mit Vermögen bedacht und da ich weder vermält bin noch Kinder habe, wünsche ich sie an Kindesstatt anzunehmen und sie zur Erbin meines gesammten Vermögens einzusetzen. ‘Ich bin u. s. w. ‘John Eyre, Madeira. Der Brief war vor drei Jahren geschrieben worden. ‘Warum ließen Sie mich nichts davon wissen?’ frug ich. ‘Weil ich Dich zu glühend haßte, um Dir je die Möglichkeit zu verschaffen, reich zu werden. Ich konnte dein Betragen gegen mich nie vergessen, nie die Wuth, mit der Du an jenem Morgen über mich herfielst, nie den Ton, mit dem Du erklärtest, Du verabscheutest mich mehr als Alles in der Welt, nie jenen unkindlichen, bösen Blick, der deine Versicherung begleitete, der bloße Gedanke an mich mache Dich krank, weil ich Dich mit erbärmlicher Grausamkeit behandelt hätte. Nie konnte ich meine eigenen Gefühle vergessen, die mich überkamen, als Du in dieser Weise auffuhrst und alles Gift deines Herzens über mich ergossest: es war mir als hätte mich ein Thier, welches ich geschlagen und getreten, mit menschlichen Augen angeblickt und mit menschlicher Stimme verflucht. — Bringe mir ein Glas Wasser, aber schnell!’ ‘Theure Mrs. Reed,’ sagte ich, indem ich ihr den gewünschten Trunk reichte, ‘denken Sie nicht weiter daran, verwischen Sie alle diese Erinnerungen. Vergeben Sie mir meine damalige leidenschaftliche Sprache, ich war ja nur ein Kind. Acht bis neun Jahre sind seit der Zeit verflossen.’ Sie kehrte sich jedoch nicht an meine Reden. Kaum hatte sie einen Schluck Wasser genommen, hob sie auch schon wieder an! ‘Ich sage Dir, ich konnte es nie vergessen und ich rächte mich. Der Gedanke, Dich von deinem Onkel an Kindesstatt angenommen, unabhängig und wohlhabend zu wissen, war mir unerträglich. Ich schrieb ihm, es thäte mir leid, allein Jane sey am Typhus in der Schule von Lowood gestorben. Jetzt handle wie Du willst; schreibe und widerlege meine Behauptung — stelle meine Lügenhaftigkeit an den Pranger, sobald es Dir beliebt. Ich glaube, Du bist mir zur Qual geboren, noch meine letzte Stunde wird durch die Erinnerung an eine That vergiftet, die ich, wärest Du nicht auf der Welt gewesen, gewiß nie begangen hätte.’ ‘Ich wollte nur, liebe Tante, Sie vergäßen auf alle diese Geschichten und sähen mich nur einmal mit einem Blicke der Güte und Vergebung an.’ ‘Du hast ein sehr böses Gemüth,’ sagte sie, ‘und das Eine kann ich noch zur Stunde nicht begreifen, wie Du durch alle neun Jahre jede Behandlung ruhig ertragen und im zehnten mit einemmale Feuer und Flamme speien konntest.’ ‘Mein Gemüth ist nicht so böse, wie Sie denken: ich bin leidenschaftlich, doch nicht rachsüchtig. Wie sehr hätte es mich in meiner Kindheit beglückt, Sie lieben zu können und zu dürfen, und noch jetzt sehne ich mich ernstlich darnach, mich mit Ihnen auszusöhnen. Küssen Sie mich, Tante!’ Ich näherte meine Wange ihren Lippen, doch sie berührte sie nicht. Sie meinte, es benähme ihr den Athem, wenn ich mich so auf sie lege, und verlangte zum zweiten Male Wasser. Als ich sie wieder in ihre frühere Lage brachte, denn ich hatte sie in die Höhe gehoben und gestützt, damit sie trinken konnte, nahm ich ihre eiskalte, feuchte Hand in die meine; die schwachen Finger suchten sich loszuwinden, das gläserne Auge wich meinen Blicken aus. ‘Lieben oder hassen Sie mich wie Sie wollen,’ sagte ich endlich; ‘meine vollkommene und freiwillige Vergebung haben Sie. Bitten Sie nun auch Gott um die seinige und der Friede sey mit Ihnen.’ Armes gequältes Weib! Es war zu spät für sie, ihre Gesinnung ändern zu wollen; im Leben hatte sie mich gehaßt — noch im Tode mußte sie mich hassen. Die Wärterin trat nun ein und Bessie folgte ihr. Noch eine halbe Stunde wartete ich, in der Hoffnung , einen freundlichen Blick zu erhalten, doch umsonst. Sie war in ihre gewöhnliche Bewußtlosigkeit verfallen, aus der sie auch nicht mehr erwachte, denn sie verschied noch in derselben Nacht um zwölf Uhr. Die Dienstleute meldeten es uns am nächsten Morgen. Sie lag um diese Zeit bereits am Paradebette. Elise und ich gingen sie anzusehen; Georgine, die in lautes Schluchzen ausgebrochen war, erklärte sie könnte unmöglich mit gehen. Da lag nun Sarah Reed's sonst so rüstiger, thätiger Körper still und steif: die kalten Lider deckten die stieren Augen, die Stirne und die schroffen Züge trugen noch das Gepräge ihrer unerbittlichen Seele. Der Anblick des Leichnams machte in mir sonderbare, feierliche Gefühle rege. Ich betrachtete ihn mit starrem Trübsinn; doch flößte er mir keine sanfte Regung des Mitleids, der Hoffnung oder der Demuth ein. Nur eine peinliche Angft um ihr Seelenheil, nicht der Schmerz um meinen Verlust durchzuckte mich; und eine düstere thränenlose Scheu vor den Schrecken des Todes in dieser Gestalt gewann schließlich in meinem Herzen die Oberhand. Elise sah ihre Mutter ruhig an. Nach einigen Minuten bemerkte sie: ‘Bei ihrer kräftigen Leibesbeschaffenheit hätte sie sehr alt werden können, doch Gram und Harm haben sie getödtet.’ Ein Krampf schloß ihr für eine Weile den Mund: als er nachgelassen, wandte sie sich um und verließ die Stube; ich folgte ihr. Keine von uns hatte auch nur Eine Thräne vergossen. Zweiundzwanzigstes Capitel. Mr. Rochester hatte mir blos einen einwöchentlichen Urlaub ertheilt, allein es verfloß ein Monat, bevor ich von Gateshead fortkam. Ich wollte nach Mrs. Reed's Beerdigung sofort abreisen, aber Georgine bat mich so lange zu bleiben, bis sie nach London ginge, wohin sie endlich ihr Onkel Mr. Gibson einlud, der in den letzten Tagen angelangt war, um der Beerdigung seiner Schwester beizuwohnen und die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Georgine behauptete, sie fürchte sich mit Elisen allein zu bleiben, von der sie weder Mitgefühl mit ihrem Schmerze, noch Trost in ihren Aengsten, noch eine Hilfeleistung bei ihren Vorbereitungen zur Reise erwarten konnte; ich half ihr also, ihr albernes Weinen und ihre selbstsüchtigen Weheklagen anhörend, beim Wäschenähen und Einpacken so gut ich konnte. Wahr ist es, daß sie, während ich arbeitete, ganz müßig ging und ich dachte bei mir selbst: ‘Wenn wir mit einander leben müßten, Cousine, würde ich mir die Sache schon anders einrichten. Ich würde mich dann nicht länger bequemen, der leidende Theil zu seyn; ich würde auch Dir einen Antheil an der Arbeit zuweisen, den Du vollenden müßtest, widrigenfalls die ganze Arbeit liegen bliebe; ich würde ferner darauf dringen, daß Du dein erzwungenes, widriges Gejammer für Dich behieltest. Nur deshalb, weil unser zufälliges Beisammenseyn von so kurzer Dauer ist, und unter so eigenthümlich traurigen Verhältnissen statt hat, will ich meinerseits so geduldig und fügsam seyn.’ Endlich erlebte ich Georginens Abgang. Nun kam aber auch Elise und bat mich, noch eine Woche zu bleiben. Die Ausführung ihres Planes nehme, so sagte sie, ihre ganze Zeit in Anspruch. Sie wollte sich in irgend ein mir unbekanntes Asyl zurück ziehen, und den ganzen Tag lang hielt sie sich bei verschlossenen Thüren in ihrer Stube auf, packte Koffer, leerte Schubläden, verbrannte Papiere und blieb außer aller Verbindung mit den übrigen Hausgenossen. Mich hatte sie mit der Aufsicht über das Hauswesen, mit dem Empfange von Besuchen und mit der Beantwortung der Condolenzbriefe beauftragt. Eines Morgens kündigte sie mir an, ich wäre nun frei. ‘Ich bin Ihnen,’ fügte sie hinzu, ‘für die uns geleisteten ersprießlichen Dienste und die bewiesene Theilnahme sehr verbunden. Es ist ein großer Unterschied, ob man mit einer Person wie Sie oder mit Georginen leben muß. Sie gehen Ihren Beschäftigungen nach und fallen Niemanden lästig. — Morgen reise ich nach dem Continent, um mich in ein Kloster in der Nähe von Lisle zurückzuziehen. Dort werde ich ruhig und unbeirrt leben, mich eine Zeit lang mit der Prüfung des römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses beschäftigen, und wenn es, wie ich beinahe davon überzeugt bin, geeignet ist, der Regelmäßigkeit und Ordnung in der Erfüllung sämmtlicher Pflichten Vorschub zu leisten, will ich zum Katholicismus übertreten und mich einkleiden lassen.’ Ich erstaunte weder über diese Mittheilung noch versuchte ich es, sie von der Ausführung ihres Entschlusses abzubringen. ‘Dieser Beruf paßt für Dich auf ein Haar,’ dachte ich mir, ‘wohl bekomm’s!' Als wir von einander Abschied nahmen, sagte sie: ‘Leben Sie wohl, Cousine; ich wünsche, es möge Ihnen gut gehen, Sie haben einigen Verstand.’ ‘Auch Sie sind nicht ohne Verstand,’ erwiederte ich ihr; ‘allein was Sie davon besitzen, wird wohl binnen hier und einem Jahre in den Mauern eines französischen Klosters lebendig begraben seyn. Indessen geht mich das nichts an und da Ihnen ein solches Leben behagt, so habe ich mich nicht weiter darum zu kümmern.’ ‘Recht so,’ sagte sie und mit diesen Worten trennten wir uns. Da ich kaum mehr Gelegenheit haben werde, auf sie oder auf ihre Schwester wieder zurückzukommen, mag hier der Leser erfahren, daß Georgine eine vortheilhafte Partie mit einem abgelebten Modemann machte, und daß Elise wirklich den Schleier nahm und gegenwärtig die Oberin desselben Klosters ist, in welchem sie als Novizin eintrat und dem sie ihr ganzes Vermögen vermachte. Welches Gefühl die Leute beschleicht, wenn sie nach einer kürzern oder längern Abwesenheit wieder nach Hause kommen, das wußte ich nicht; ich hatte es nie selbst erfahren. Wohl wußte ich, was es hieß, wenn ich als Kind von einem weiten Spazirgang nach Gatesheahall zurück kam und einen Verweis erhielt, weil ich so erfroren und mürrisch aussah; wohl erinnerte ich mich, wie ich mir nach einem Lowooder Kirchengange ein reichliches Mahl und eine arme Stube zu wünschen pflegte, ohne weder des einen noch der andern theilhaftig werden zu können. In keinem der beiden Fälle war meine Rückkehr von einem angenehmen Gefühle begleitet gewesen, denn der Magnet fehlte, der seiner Anziehungskraft zunimmt, je näher man kömmt. Die mit einer Rückkehr nach Thornfield verbundenen Empfindungen mußte ich erst noch aus Erfahrung kennen lernen. Meine Reise kam mir langweilig — sehr langweilig vor. An dem einen Tage machte ich fünfzig Meilen, brachte dann eine Nacht im Gasthause zu und legte am nächsten Tage abermals fünfzig Meilen zurück. Während der ersten zwölf Stunden dachte ich am Mrs. Reed's letzte Augenblicke: ich sah ihr blasses, entstelltes Gesicht und hörte den Ton ihrer gebrochenen Stimme. Der Begräbnißtag, der Sarg, die Bahre, der schwarze Zug von Dienern und Pächtern — der Verwandten gab es nur wenige — die offene Gruft, die stille Kirche, die feierliche Einsegnung, Alles stand mir lebhaft vor Augen. Dann stellte ich mir Elisen und Georginen vor, die Eine als die Bewohnerin eines Klosters, die Andere als die Zierde eines Ballsaales, und ich verweilte einige Zeit bei der ausgesprochenen Verschiedenheit ihrer Personen und Charaktere. Die Ankunft in der großen Stadt *** verscheuchte diese Gedanken, die Ruhe der Nacht rief andere Vorstellungen hervor und endlich gewann ich auch Zeit für Vermuthungen über die Zukunft. Nun ging ich also nach Thornfield zurück; aber wie lange würde ich noch dort bleiben? Nur ganz kurze Zeit, dessen war ich gewiß. Mrs. Fairfax hatte mir während meiner Abwesenheit einmal geschrieben; sämmtliche Gäste waren bereits abgereist und auch Mr. Rochester hatte sich vor drei Wochen nach London begeben, wurde jedoch schon wieder in vierzehn Tagen zurück erwartet. Mrs. Fairfax vermuthete, er treffe Vorbereitungen zu seiner Heirath, da er von dem Ankaufe eines neuen Wagens gesprochen hätte. Sie sagte wohl, die Idee einer Vermälung mit Miß Ingram ginge ihr nicht ein, aber nach allem, was sie selbst gesehen und was ihr andere Leute gesagt, könne sie kaum mehr daran zweifeln, daß dieselbe in kurzer Zeit stattfinden werde. ‘Sie wären sehr ungläubig, wollten Sie es bezweifeln,’ sollte es wohl heißen; ‘ich selbst bezweifle es nicht im Geringsten.’ Nun drängte sich mir die natürliche Frage auf: ‘Wohin soll ich dann gehen?’ Die ganze Nacht träumte ich von Miß Ingram; in einem lebhaften Morgentraume sah ich sie das Gitterthor von Thornfield vor mir zuschließen und mir die Straße weisen und Mr. Rochester schaute mit verschränkten Armen zu und lachte anscheinend spöttisch über mich und über sie. Ich hatte Mrs. Fairfax den Tag meiner Ankunft nicht genau angegeben, denn ich wollte nicht, daß ich von Millcote mit einem Wagen abgeholt würde. Ich beabsichtigte das Stück Weg bis Thornfield zu Fuße zurückzulegen, und nachdem ich meinen Koffer der Obhut des Hausknechtes anvertraut hatte, huschte ich beiläufig um sechs Uhr Abends zum Georgswirthshause hinaus und schlug den alten Weg nach Thornfield ein, einen Weg, der größtentheils durch Felder hindurch führte und sehr wenig begangen war. Der Abend war nicht sehr heiter, wiewohl angenehm und warm. Den ganzen Weg entlang waren die Mähder mit Grasmähen beschäftigt und der Horizont verkündete, trotz seiner Wolken, für den nächsten Tag schönes Wetter. Es freute mich, daß der Weg vor mir immer kürzen wurde und so lebhaft war meine Freude, daß ich einmal stehen blieb, um mich zu fragen, was sie zu bedeuten hätte und um mir zu wiederholen, daß ich weder nach meiner Heimat zuginge, noch nach einem bleibenden Aufenthaltsorte, noch lieben Freunden entgegen, die mich mit offnen Armen erwarteten. ‘Mrs. Fairfax wird Dir ganz ruhig ein freundliches Willkommen entgegen lächeln,’ sagte ich, ‘und die kleine Adela in die Hände schlagen und herumspringen, weil sie Dich wiedersieht; doch Du denkst an eine andere Person und weißt doch ganz gut, daß sie sich um Dich durchaus nicht kümmert.’ Doch was ist eigensinniger als die Jugend? Was blinder als Unerfahrenheit? Diese beiden versicherten, das Vergnügen, Mr. Rochester sehen zu können, sey schon an und für sich groß genug, selbst wenn er mich gar keines Blickes würdigte. ‘Eile! eile!’ setzten sie hinzu, ‘bleibe bei ihm, so lange Du kannst: noch wenige Tage und höchstens Wochen und Du hast ihn für immer verloren!’ Worauf ich ein neu entstehendes Gefühl, ein ungeformtes Ding, das ich weder als mein eigen anerkennen, noch unterstützen mochte, sofort erstickte und schnellen Schrittes vorwärts ging. Auch auf den Wiesen von Thornfield wird jetzt Heu gemacht; vielmehr sind die Arbeiter eben mit ihrem Tagewerke fertig geworden und kehren nun mit den Rechen aus der Achsel nach Hause zurück. Noch ein oder zwei Felder habe ich zu durchschreiten, dann gehe ich quer über die Straße und bin am Hofthore. Wie die Hecken so voll Rosen sind! Doch habe ich keine Seit welche zu pflücken, ich muß sehen, daß ich bald ins Haus komme. Ich gehe bei einem großen Fliederbusche vorbei, der sich grün oder voll Blüthen über den Weg neigt, ich sehe den schmalen Steg mit den steinernen Stufen vor mir, ich sehe — Mr. Rochester, der dort, eine Schreibtafel und eine Bleifeder in der Hand, sitzt und schreibt. Nun, er ist wohl kein Gespenst, allein ein jeder Nerv zittert in mir, denn in diesen Augenblicken bin ich meiner nicht mächtig. Was soll das bereuten? Ich dachte mir nicht, daß ich bei seinem Anblicke so zittern, in seiner Gegenwart so sprach- und regungslos werden könnte. Ich will lieber zurückgehen, sobald ich wieder meine Beine bewegen kann, ich will mich doch nicht gar so sehr bloß geben. Es führt ja noch ein anderer Weg zum Hause. Aber ach! und wenn es noch zwanzig andere Wege gäbe, es nützte mir nichts, denn Mr. Rochester hat mich bereits gesehen. ‘Holla!’ ruft er und wirft Schreibtafel und Bleifeder von sich. ‘Da sind Sie! Her zu mir, wenn's beliebt!’ Und ich glaube in der That, ich gehe auf ihn los, obwohl ich nicht weiß, wie mir geschieht uno meiner Bewegungen nicht mehr Herr bin. Mein einziges Bestreben geht dahin, ruhig zu erscheinen und vor Allem die Muskeln meines Gesichtes zu bemeistern, die sich, wie ich es wohl fühle, gegen meinen Willen auflehnen und das auszudrücken suchen, was ich sehr zu verheimlichen wünsche. Doch ich habe einen Schleier — herunter damit, daß ich wenigstens se viel wie möglich den Anstand wahre. ‘Ist das wirklich Jane Eyre? Sie kommen von Millcote und zu Fuß? Wohl — auch wieder einer Ihrer Streiche. Sie wollen keinen Wagen haben und gleich anderen Sterblichen über Stock und Stein dahergerollt kommen; es gefällt Ihnen besser, sich mit der einbrechenden Dämmerung wie ein Traum oder ein Schatten in Ihre Heimat zu stehlen. Was zum Guckguck haben Sie denn die ganzen vier Wochen gemacht?’ Ich war bei meiner Tante, Sir, die nun mehr todt ist. ‘Eine Ihrer gewöhnlichen Antworten! Die Engel Gottes mögen mich behüten! Sie kömmt aus der andern Welt, aus der Wohnung der Seligen und erzählt mir es, während sie mich hier ganz allein bei einbrechender Nacht trifft. Wenn ich es wagen dürfte, würde ich Sie berühren, um zu sehen, ob Sie ein Körper oder ein Schatten sind; doch ich denke, ich könnte wohl eben so gut ein Irrlicht in einem Sumpfe erhaschen. — Landstreicherin! Landstreicherin!’ fügte er nach einer Pause hinzu. ‘Einen ganzen Monat bleibt sie von mir weg und denkt gar nicht an mich, ich will meinen Kopf darauf wetten.’ Wohl hatte ich mir es vorgestellt, wie groß meine Freude seyn würde, meinen Gebieter wieder zu sehen, wenn gleich diese Freude durch die Furcht, ihn so bald wieder verlassen zu müssen und durch die Ueberzeugung, ich sey seinem Herzen gleichgiltig, bedeutend gedämpft werden mußte. Doch besaß (wenigstens dachte ich so) Mr. Rochester eine so unbegrenzte Macht zu beglücken, daß es schon ein wahres Festmahl zu nennen war, wenn man die wenigen Krümchen, die er fremden und verlassenen Geschöpfen, wie zum Beispiele mir, hinstreute, auflesen durfte. Seine letzten Worte waren Balsam für mein Herz: sie zeigten mir deutlich, daß es ihm nicht gleichgiltig sey, ob er in meinem Gedächtniß weile oder nicht. Und er nannte Thornfield meine Heimat! Wollte Gott es wäre der Fall! Er verließ den schmalen Weg nicht und ich hatte keine Lust ihn zu ersuchen, mich vorbei zu lassen. Um etwas zu sagen, frug ich ihn, ob er in London gewesen sey. ‘Wohl! Wahrscheinlich zeigte es Ihnen Ihr zweites Gesicht?’ ‘Mrs. Fairfax schrieb mir es.’ ‘Theilte Sie Ihnen auch mit, was ich dort zu besorgen hatte?’ ‘Wohl, Sir, und alle Leute wußten es.’ ‘Sie müssen sich den Wagen ansehen, Jane, und mir aufrichtig sagen, ob er für Mrs. Rochester gut genug ist, und ob sie nicht, auf diese purpurrothen Kissen zurückgelehnt, wie die Königin Boadicea aussehen wird? Ich wollte nur, ich paßte meinem Aeußeren nach etwas besser zu ihr. Sagen Sie mir, Sie kleine Fee, können Sie mir vielleicht einen Talisman, einen Liebestrank oder so etwas dergleichen mittheilen, das mich schön macht?’ ‘Das ginge über die Macht der Magie hinaus, Sir.’ Und in Gedanken vertieft fügte ich hinzu: ‘Ein liebendes Auge ist der beste Talisman, dem erscheinen Sie schön genug; ja, es macht Ihr ernstes Aussehen einen Eindruck, der mächtiger ist als das flüchtige Wohlgefallen an einer schönen Gestalt.’ Mr. Rochester hatte schon oft meine bloßen Gedanken mit einem mir unerklärlichen Scharfsinn errathen; in dem gegenwärtigen Falle beachtete er meine laute unvollständige Antwort nicht, sondern sah mich blos mit seinem eigenthümlichen Lächeln an, dessen er sich nur bei besondern Gelegenheiten bediente. Er hielt es für zu gut, um für gewöhnlich vergeudet zu werden; es war der wahre Sonnenstrahl des Gefühles — und mit diesem erleuchtete er mich in diesem Augenblicke. ‘Gehen Sie, Jane,’ sagte er, indem er, um mir Platz zu machen, auf die Seite trat, ‘gehen Sie nach Hause und lassen Sie Ihre müden Beine unter dem gastlichen Dache eines Freundes ausruhen.’ Alles was mir nun übrig blieb, war, ihm stillschweigend zu gehorchen: eines weiteren Zweigesprächs bedurfte es nicht. Ich überschritt den Steg, ohne ein Wort zu sagen, und wollte ihn ruhig verlassen. Ein Impuls hielt mich fest, — eine unsichtbare Macht zwang mich, mich umzudrehen, und ich sagte — oder vielmehr ein unbekanntes Etnwas sagte an meiner Stelle: ‘Dank, tausend Dank für Ihre große Güte. Es freut mich ganz außerordentlich, daß ich wieder bei Ihnen bin. Wo Sie immer sind, dort ist auch meine Heimat, meine einzige Heimat.’ Und so raschen Schrittes eilte ich fort, daß nicht einmal er mich hätte einholen können, hätte er es auch versucht. Die kleine Adela war ganz außer sich vor Freude, mich wieder zu sehen. Mrs. Fairfax empfing mich mit ihrer gewohnten einfachen Herzlichkeit. Leah lächelte und auch Sophie sprach ihr ‘bon soir’ mit besonderer Wärme aus. Mich beglückte das ungemein: es gibt kein größeres Glück, als das, von seinen Mitgeschöpfen geliebt zu werden und zu sehe, daß man ihnen willkommen ist. Mit vollem Selbstbewußtsein schloß ich den ganzen Abend hindurch meine Augen vor den Aussichten in die Zukunft verstopfte meine Ohren gegen die warnende Stimme, die mich an nahe Trennung und kommendes Leid erinnerte. Als sie mit Theetrinken fertig waren, Mrs. Fairfax ihre Strickerei heraus genommen hatte und Adela auf dem Fußteppich knieend meine Beine umklammert hielt und uns Alle ein Gefühl wechselseitiger Zuneigung wie ein Ring des goldenen Friedens umschloß, schickte ich ein leises Gebet zum Himmel empor, er möchte uns nicht sobald von einander reißen. Als jedoch Mr. Rochester, während wir so da saßen, unangemeldet hereintrat und uns mit besonderem Wohlgefallen betrachtete, als er bemerkte, die alte Dame sey ganz glücklich, ihre Ziehtochter wieder bei sich zu haben und Adelen sähe er es ordentlich an sie sey ‘prete a croquer sa petite maman anglaise’ — da wagte ich es halb und halb zu hoffen, er würde uns, selbst nach seiner Vermälung, an irgend einem Orte unter seinem Schutze beisammen lassen und nicht ganz aus dem Sonnenscheine seiner Gegenwart verbannen. Zwei Wochen einer zweideutigen Stille folgten meiner Rückkehr nach Thornfieldhall. Der Vermälung des Herrn wurde mit keinem Worte gedacht und ich bemerkte auch gar keine Vorbereitungen dazu fast täglich frug ich Mrs. Fairfax, ob sie darüber schon etwas Bestimmtes wisse, und jedesmal lautete ihre Antwort verneinend. Einmal, meinte fie. habe sie Mr. Rochester geradezu gefragt, wann er seine Braut heimzuführen gedächte; er habe ihr jedoch blos mit einem Scherzworte und einem seiner sonderbaren Blick geantwortet und so wisse sie eigentlich nicht, was sie von ihm denken solle. Ueber einen Umstand wunderte ich mich ganz besonders, daß keine Hin- und Herfahrten zwischen Thornfield und IngramPark stattfanden. Allerdings betrug die wechselseitige Entfernung an zwanzig Meilen, allein was war das für einen feurigen Liebhaber? Einem so geübten und unermüdlicher Reiter wie Mr. Rochester mußte der Weg ein bloßer Spazirritt seyn. Ich fing an Hoffnungen zu nähren, zu denen ich keineswegs berechtigt war; bald dachte ich, die Partie habe sich zerschlagen, bald wieder die Leute seyen überhaupt falsch berichtet gewesen, oder der eine oder beide Theile hätten ihren Sinn geändert. Ich pflege Mr. Rochester's Gesicht zu betrachten, ob es traurig oder verdrießlich sey; allein ich dachte die Zeit nicht, wo es so gleichmäßig heiter und sanft gewesen wäre, als gerade jetzt. Wenn ich zuweilen in denjenigen Augenblicken, die ich mit Adelen bei ihm zubrachte, muthlos und traurig wurde, schien sogar seine fröhliche Laune zuzunehmen Nie hatte er mich übrigens so oft zu sich berufen, nie war er mit mir liebevoller umgegangen als in diesen Tagen und meine Liebe zu ihm nahm, leider! mit jeder Stunde an Heftigkeit zu. Dreiundzwanzigstes Capitel. Ein herrlicher Sommer erglänzte über Englands Gefilden; eine Reihe der heitersten, wolkenlosesten Tage, wie sie in solcher Anzahl aufeinander folgend in unserem meerumflossenen Eilande eine große Seltenheit sind. Es war, als ob eine Abtheilung italienischer Tage wie ein Schwarm Bugvögel vom Süden heraufgekommen wäre, um auf den Felsenklippen Albions auszurasten. Das Heu war von den Wiesen eingebracht, die Saatfelder um Thornfield wogten wie die wellenschlagende See, alle Wege und Straßen waren trocken, die Bäume im kräftigsten Laubschmucke; Hecken und Wälder bildeten mit ihrem üppigen Grün einen bemerkenswerthen Gegensatz zu den sonnenbeschienenen, abgemähten Wiesen. Eines Abends war Adela, von Erdbeerensuchen in den Hecken auf dem Wege nach Hay müde geworden, schon mit der Sonne zu Rüste gegangen. Ich blieb bei ihr, bis sie eingeschlafen war, und begab mich dann in den Garten. Es war gerade die schönste der vierundzwanzig Stunden. Die Last und Hitze des Tages war gewichen, und der Thau fiel kühlend auf die von den Sonnenstrahlen versengte Erde herab. Die Sonne war gerade im Westen rein und glänzend untergegangen und ihr letzter Schein malte purpurn Wald und Hügel und einen Theil des Horizonts. Auch der östliche Himmel hatte seinen eigenen Reiz in der tiefen Bläue und dem einzelnen, eben sichtbar werdenden Sterne; bald mußte ihn auch der Mond schmücken, der sich indessen noch gar nicht blicken ließ. Eine Weile ging ich in der Nähe des Gebäudes herum, allein ein feiner, wohlbekannter Geruch, der einer Cigarre, kam mir aus einem der Fenster entgegen. Ich sah die Fen- ster des Bibliothekzimmers offen, ich wußte, daß ich von dort aus beobachtet werden konnte, und begab mich daher in den Obstgarten. Kein Winkel in der ganzen Gegend herum war wohl so einsam und paradiesisch: die Bäume glänzten im saftigsten Grün, die Blumen prangten in ihrem schönsten Farbenschmucke; an der einen Seite schloß den Garten eine hohe Mauer vom Hofe, an der andern eine Birkenallee vom Grasplatze ab. Im Hintergrunde befand sich eine halb morsche Planke, seine einzige Abgrenzung gegen die einsamen Felder zu; ein geschlängelter, mit Lorbeerbüschen eingefaßter, unten an einem riesigen Roßkastanienbaum mit einer runden Bank vorübergehender Pfad führte zu diesem Breterzaune. Hier konnte man unbemerkt herumwandeln. Während der Thau fiel, die tiefste Stille herrschte, und die Dämmerung hereinbrach, dachte ich an die Möglichkeit, diesen abgeschlossenen Ort öfter besuchen zu können; als ich jedoch unter Blumen und Obstbäumen umherstreifend, an den obern Theil der Mauer gelangte, welchen Ort der einstweilen aufgegangene Mond beschien, blieb ich betroffen stehen. Es war kein Laut, kein Anblick, der mich erschreckte, sondern wieder nur der wohlbekannte Geruch. Die Nachtviolen und die Stabwurz, der Jasmin, die Nelken und die Rosen hatten bereits ihr Abendopfer an Wohlgeruch gespendet, dieser Duft kömmt weder von einem Gesträuch, noch von einer Blume her, es ist — ich weiß es wohl — Mr. Rochester's Cigarre. Ich blicke um mich und horche. Ich sehe Bäume mit reifenden Früchten beladen. Ich höre die Nachtigall im benachbarten Holze schlagen. Keine nahende Gestalt ist sichtbar, kein herankommender Tritt hörbar und dennoch nimmt der Geruch an Stärke zu. Ich muß fliehen. Ich eile zum Pförtchen, das ins Gebüsch hinausführt, und sehe Mr. Rochester eintreten. Ich schleiche mich beiseits in die Epheulaube; wahrscheinlich bleibt er nicht lange und wenn ich mich still verhalte, bemerkt er mich nicht. Doch nein — die Abendzeit gefällt ihm so wohl wie mir und dieser alte Garten hat für ihn dieselbe Anziehungskraft. Er geht auf und ab, bald einen Stachelbeerstrauch und dessen pflaumengroße Beeren betrachtend, bald eine reife Kirsche von der Mauer pflückend, bald sich zu einem Blumenstocke hinabbeugend, um den Duft einzuathmen und die Thauperlen an den Blumenblättern zu bewundern. Ein großer Nachtfalter summt an mir vorbei; er setzt sich auf eine Pflanze zu Mr. Rochester's Füßen, der ihn sieht und sich zu ihm neigt, ihn näher zu betrachten. ‘Nun hat er mir den Rücken zugedreht,’ dachte ich, ‘und beschäftigt ist er auch, ich kann ihm also entschlüpfen, wenn ich leise auftrete.’ Ich setzte den Fuß auf eine Raseneinfassung, um das Knistern des Sandes auf dem Wege zu vermeiden. Er stand zwischen den Beeten, etwa eine oder zwei Ellen von der Stelle entfernt, bei welcher ich vorbei mußte: der Falter nahm seine Aufmerksamkeit sichtlich in Anspruch. ‘Ich werde ganz gut fortkommen,’ sagte ich zu mir selber. Als ich jedoch durch den Schatten ging, den seine Gestalt im Mondlichte warf, sagte er ganz ruhig, ohne sich umzudrehen: ‘Jane, kommen Sie und sehen Sie dieses Thier an.’ Ich hatte doch kein Geräusch gemacht, und er hinten keine Augen — besaß denn sein Schatten Gefühl? Ich erschrak anfänglich, und ging dann auf ihn zu. ‘Betrachten Sie nur seine Flügel,’ fuhr er fort, ‘er erinnert mich an die westindischen Insecten. In England sieht man nur selten einen so großen Nachtvogel. Da, jetzt ist er davon geflogen!’ Der Falter schwirrte durch die Luft, auch ich wollte mich bescheiden zurückziehen. Doch Mr, Rochester folgte mir, und als wir beide den Ausgang erreicht hatten, sagte er: ‘Kehren Sie um. In einer so wunderbaren Nacht ist es eine Schande im immer zu sitzen, und gewiß denkt jetzt Niemand daran, schon zu Bette zu gehen, wo die Sonne eben erst unter- und der Mond kaum aufgegangen ist.’ Es ist einer meiner größten Fehler, daß es, obgleich meine Junge sonst sehr schnell mit einer Antwort da ist, doch Zeiten gibt, wo sie mich abscheulich im Stiche läßt, und zwar stets in einem kritischen Augenblicke, wenn es einer kleinen Ausflucht bedarf, mich einer peinlichen Verlegenheit zu entreißen. Ich hatte keine Lust zu so später Stunde mit Mr Rochester in den dunklen Gängen des Obstgartens allein herumzuwandeln, aber es fiel mir kein Grund ein, den ich dagegen geltend machen konnte. Ich folgte ihm zögernden Schrittes, und dachte mit aller Macht über ein Mittel nach, mich aus dieser fitzlichen Lage zu befreien, doch er selbst sah so ernst und gesetzt aus, daß ich anfing mich meiner Verlegenheit zu schämen. Das Uebel, wenn ja eines vorhanden und zu fürchten war, mußte auf meiner Seite seyn, denn sein Gemüth schien sich dessen unbewußt und ruhig. ‘Jane,’ hob er an, während wir den geschlängelten Pfad zum Roßkastanienbaume hinabgingen. ‘Thornfield ist ein angenehmer Sommeraufenthalt, nicht wahr?’ ‘Ja, Sir.’ ‘Sie müssen es einigermaßen lieb gewonnen haben, Sie, die Sie Sinn für Naturschönheiten und ein so ausgesprochenes Organ der Anhänglichkeit besitzen.’ ‘So ist es, in der That.’ ‘Und auch der kleinen Adela sind Sie, wiewohl ich es nicht gut begreifen kann, wie es kömmt, zugethan, und sogar die einfache Mrs. Fairfax hat einen Platz in Ihrem Herzen.’ ‘Wohl. Sir; ich bin beiden, noch in verschiedener Weise, gut.’ ‘Es würde Ihnen wohl leid thun, sich von ihnen trennen zu müssen?’ ‘Gewiß.’ ‘Schade!’ sagte er und seufzte. ‘So geht es immer in diesem Leben; kaum hat man sich an irgend einen Ort und seine Bewohner gewöhnt, als auch schon die Stimme des Schicksals ertönt, und die Reise fortzusetzen mahnt, weil die Raststunde verstrichen sey. ‘Muß ich fort, Sir?’ frug ich. ‘Muß ich Thornfield verlassen?’ ‘Ich denke wohl, Jane. Es thut mir leid, aber es muß seyn.’ Das war ein harter Schlag für mich, doch ließ ich mich nicht zu Boden drücken. ‘Nun gut, ich will bereit sevn, sobald ich Marschordre bekomme.’ ‘Sie bekommen Sie jetzt, ich muß sie Ihnen heute Abend geben.’ ‘Sie werden sich also vermälen, Sir?’ ‘Richtig errathen! Mit Ihrem gewöhnlichen Scharfsinn haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen.’ ‘Geschieht es bald?’ ‘Sehr bald, meine — Miß Eyre, will ich sagen. Sie werden sich erinnern, Jane, daß Sie die Erste waren, die mich, nachdem Sie erfahren, ich wolle meine Junggesellenwirthschaft aufgeben und in den heiligen Ehestand treten, mit Einem Worte Miß Ingram an meinen Busen drücken (und ein tüchtiges Stück hat man an ihr, wiewohl man von einer so ausgezeichneten Waare wie Blanche nie genug haben kann), — daß Sie, sage ich, die Erste waren, — warum hören Sie mir nicht zu, Jane? Suchen Sie nach andern Faltern?— daß Sie mich, sage ich noch einmal, mit der Klugheit, Vorsicht und Demuth, die Ihre verantwortliche und abhängige Stellung erheischt, aufmerksam machten, Sie Beide, nemlich Sie und Adela, wüßten nach meiner Vermälung davon traben. Ich übergehe die Beleidigung ; die in dieser Annahme für meine geliebte Braut liegt, und halte mich blos an die Klugheit und Zweckmäßigkeit des Vorschlages, die mir so einleuchten, daß ich sie zur Richtschnur meiner Handlungen gemacht habe. Adela kömmt in eine Erziehungsanstalt, und Sie treten eine neue Stelle an. Wohl, Sir! Und ich will gleich morgen meinen Antrag in die Zeitung setzen lassen und mittlerweile —’ Ich wollte hinzufügen: ‘kann ich wohl so lange hier bleiben, bis ich einen andern Aufenthaltsort gefunden haben werde.’ Allein ich stockte, denn ich fühlte, daß ich mich meiner zitternden Stimme wegen nicht an einen langen Satz wagen durfte. ‘In beiläufig vier Wochen hoffe ich ein glücklicher Bräutigam zu seyn,’ fuhr Mr. Rochester fort; ‘und in der Zwischenzeit will ich mich selbst nach einem Asyl und einer Stelle für Sie umsehen.’ ‘Ich danke Ihnen, Sir; ich bedaure, Sie belästigen —‘ ‘Ah! Keine Entschuldigungen, wenn ich bitten darf. Ich bin der Ansicht, daß, wenn eine bedienstete Person so wie Sie ihre Pflichten getreulich erfüllt, sie einen gerechten Anspruch auf ihrer Dienstherren Unterstützung machen darf. In der That hat mir auch bereits meine angehende Schwiegermama von einer Stelle erzählt, die Ihnen gewiß behagen wird. Es handelt sich um die Erziehung der fünf Töchter der Mrs. Dionysius O’Gall von Bitternut, Lodge Connaught in Irland. Es wird Ihnen wohl in Irland gefallen, man sagt, die Leute sollen dort sehr gutherzig seyn.’ ‘Aber es ist so weit weg.’ ‘Macht nichts. Ein so verständiges Mädchen wie Sie wird wohl gegen die Reise und die Entfernung nichts einzuwenden haben.’ ‘Wohl nichts gegen die Reise, doch gegen die Entfernung, und dann liegt auch das Meer zwischen —‘ ‘Zwischen was, Jane?’ ‘Zwischen dort und England und Thornfield und —‘ ‘Nun?’ ‘Und Ihnen, Sir!’ Ich sagte dies beinahe unwillkürlich und ganz wider meinen Willen stürzten mir die Thränen aus den Augen. Ich weinte indessen nicht laut und vermied es auch, zu schluchzen. Der Gedanke an Mrs. O’Gall und Bitternut Lodge fuhr mir wie ein Dolchstich durchs Herz und die Vorstellung der haushohen Wellen, die sich zwischen mich und meinen Gebieter, an dessen Seite ich mich jetzt befand, drängen sollten, drückte mich förmlich zu Boden. Doch schrecklicher als Alles war mir der Anblick des gähnenden Abgrundes, den Reichthum, Kastengeist und gesellschaftliche Convenienz zwischen uns gegraben hatten. ‘Der Weg ist weit,' sagte ich wieder. ‘Das ist wahr, und sobald Sie Ihre neue Stelle angetreten haben, werde ich Sie wohl nie wiedersehen, das ist gewiß. Ich selbst komme nie nach Irland hinüber, da mir die dortige Gegend ganz und gar nicht gefällt. — Wir waren doch immer gute Freunde, nicht wahr, Jane?’ ‘Gewiß.’ ‘Und wenn gute Freunde am Vorabende ihrer Trennung stehen, pflegen sie gewöhnlich die kurze Zeit ihres Beisammenseins in engster Vereinigung zuzubringen. Kommen Sie, wir wollen uns über die Reise und unsere baldige Trennung ganz ruhig besprechen, während die Sterne am Himmel heller erglänzen. Hier ist der Kastanienbaum und hier die alte Bank. Setzen wir uns gemächlich nieder, vielleicht ist es zum letzten Male, daß wir neben einander sitzen.’ Wir nahmen Platz. ‘Irland liegt weit von hier, Jane, und es thut mir leid, meine kleine Freundin auf so unangenehme Reisen schicken zu müssen. Doch es kann nicht anders seyn und da muß man sich wohl fügen. Glauben Sie, daß wir mit einander verwandt sind?’ Ich konnte nicht antworten, mein Herz war zu voll. ‘Denn wenn ich so neben Ihnen sitze, habe ich zuweilen eine ganz sonderbare Empfindung. Es ist mir als hätte ich unter meiner linken Rippe ein Band, welches an ein gleiches Band in Ihrem kleinen Körper eng und fest geknüpft zu seyn scheint. Und wenn das stürmische Meer und etwa zweihundert Meilen Land zwischen uns treten, wird wohl, so fürchte ich, dies Band reißen und ich mich innerlich verbluten. Was Sie anbelangt, so werden Sie mich wohl vergessen!’ ‘Das wird nie geschehen, Sir; Sie wissen —‘ Ich konnte unmöglich weiter sprechen. ‘Jane, hören Sie die Nachtigall im Gebüsche schlagen?’ Ich horchte und schluchzte krampfhaft, denn nicht länger konnte ich meine Gefühle beherrschen. Ich mußte nachgeben und meinem Schmerz freien Lauf lassen. Als ich wieder im Stande war einige Laute hervorzubringen, geschah es nur, um den Wunsch auszusprechen, ich wäre nie geboren worden, oder ich hätte Thornfield nie gesehen. ‘Weil es Sie schmerzt, es verlassen zu müssen?’ Die Heftigkeit meiner Aufregung, durch meinen Schmerz und meine Liebe noch mehr angefacht, suchte die Oberhand zu gewinnen und hervorzubrechen. Es gelang ihr endlich, sie beherrschte mein Inneres, meine Nerven und meine Sprache. ‘Wohl schmerzt es mich, Thornfield verlassen zu müssen, denn es ist mir werth und theuer; ich habe hier, wenn auch nur für Augenblicke, ein glückliches, freudiges Daseyn verlebt. Ich fühlte mich nicht gedrückt, ich brauchte nicht von Holz und Stein zu scheinen. Ich war nicht mit alltäglichen Menschen lebendig begraben und von jedem geistigen Umgang abgeschlossen. Ich konnte mit einem Manne sprechen, den ich verehrte, dessen kräftiger, origineller, hochgebildeter Geist mich entzückte. Mit Einem Worte, ich lernte hier Sie kennen und kann nun den Gedanken nicht ertragen, Sie für immer verlassen zu müssen. Ich sehe die Nothwendigkeit meiner Entfernung ein, doch, nicht anders, als man die Unvermeidlichkeit des Sterbens begreift.’ ‘Und worin liegt diese Nothwendigkeit?’ frug er plötzlich. ‘Worin? Sie selbst haben mir sie vor Augen gestellt.’ In welcher Gestalt?’ ‘In der Gestalt Miß Ingram's, einer edlen und schönen Dame, Ihrer Braut.’ ‘Meiner Braut? Was für eine Braut? Ich habe keine Braut.’ ‘Doch Sie werden eine haben.’ ‘Ja wohl, das will ich, — das will ich!’ Er knirschte mit den Zähnen. ‘Dann muß ich fort von hier; — Sie sagten es ja s selbst.’ ‘Nein, Sie bleiben! Ich schwöre es Ihnen und werde meinen Eid halten.’ ‘Und ich sage Ihnen, ich muß gehen!’ erwiederte ich mit einiger Leidenschaftlichkeit. ‘Glauben Sie wohl, ich kann hier bleiben, wenn ich Ihnen gar nichts mehr bin? Halten Sie mich für einen Automaten, eine Maschine ohne Gefühl? Denken Sie, ich kann es ertragen, daß man mir meinen Bissen Brot vom Munde wegschnappt, den Trunk Quellwasser aus meinem Becher verschüttet? Glauben Sie, daß ich, weil ich arm, von geringem Stande, nicht hübsch und unansehnlich bin, weder Herz noch Seele besitze? — Sie irren sich! — Ich habe beides so gut wie Sie! Und hätte mir Gott ein wenig Schönheit und viel Reichthum beschert, ich hätte Ihnen den Abschied von mir ebenso schwer zu machen gewußt, wie es mir jetzt schmerzlich ist, Sie verlassen zu müssen. Mit Außerachtlassung der gewöhnlichen gesellschaftlichen Formen, selbst mit Hintansetzung meiner sterblichen Hülle spreche ich nun zu Ihnen: es ist mein Geist, der sich an den Ihrigen wendet, gleich als hätten Beide unsere Körper verlassen, und wir stünden nun vor Gottes Throne, einander gleich, wie wir es in der That auch sind!’ ‘Wie wir es in der That auch sind!’ wiederholte Mr. Rochester; — ‘so,’ fügte er hinzu, mich umarmend, an seine Brust ziehend, seine Lippen auf die meinen drückend, ‘so ist's recht, Jane!’ ‘So und auch nicht so,’ versetzte ich; ‘denn Sie sind vermält oder doch so gut wie vermält, — einer Person verlobt, die tief unter Ihnen steht, an die Sie keine Neigung kettet, die Sie gewiß nicht wahrhaft lieben, denn ich sah es, wie Sie ihrer spotteten. Eine solche Verbindung ist mir verächtlich, ich bin besser wie Sie und darum — lassen Sie mich gehen.’ ‘Wohin, Jane, nach Irland?’ ‘Wohl — nach Irland. Ich habe mich ausgesprochen und kann nun wo immer hin gehen. ‘Seyen Sie ruhig, Jane! Schlagen Sie nicht so um sich, wie ein scheu gewordener Vogel der sich in der Verzweiflung sein eigenes Gefieder ausrupft.’ ‘Ich bin kein Vogel und kein Käfig hält mich gefangen. Ich bin ein freies menschliches Wesen mit einem unabhängigen Willensvermögen, welches sich eben jetzt darin äußert, daß ich Sie verlasse.’ Eine gewaltige Anstrengung meiner Hände entriß mich seiner Umarmung und ich stand aufrecht vor ihm da. ‘Und Ihr Wille soll über Ihr eigenes Schicksal entscheiden,’ sagte er. ‘Ich biete Ihnen meine Hand und mein, Herz und einen Theil meines sämmtlichen Vermögens an.’ ‘Sie spielen Komödie, das macht mich lachen!’ ‘Sie sollen an meiner Seite durch's Leben wandeln, mein zweites Ich, meine einzige Gefährtin auf dieser Erde seyn.’ ‘In dieser Beziehung haben Sie schon Ihre Wahl getroffen und müssen nun dabei bleiben.’ ‘Verhalten Sie sich eine Weile ruhig, Jane; Sie sind zu aufgeregt. Auch ich will still seyn.’ Ein leiser Windhauch wehte durch die Lorbeerbüsche und die Zweige des Kastanienbaumes, und erstarb in der weiten Ferne. Der Gesang der Nachtigall tönte allein durch die Stille der Nacht; den süßen Tönen lauschend, brach ich von Neuem in Thränen aus. Mr. Rochester saß ruhig da und blickte mich sanft und ernst an. Einige Zeit verging, bevor er wieder seinen Mund öffnete; dann sagte er: ‘Setzen Sie sich neben mich, Jane, wir wollen uns verständigen und ins Klare kommen.’ ‘Nie komme ich wieder an Ihre Seite; ich habe mich von Ihnen losgerißen und kann nicht wiederkehren.’ ‘Aber ich rufe Sie als meine Braut zu mir, denn nur Sie will ich heirathen.’ Ich sprach kein Wort; ich dachte er spotte meiner. ‘Kommen Sie, Jane, kommen Sie.’ ‘Ihre Braut steht zwischen uns.’ Er erhob sich und trat auf mich zu. ‘Meine Braut ist hier, sagte er, mich zu sich auf die Bank ziehend, ‘denn nur sie ist mir geistig ebenbürtig, mir gleich. Jane, wollen Sie mich zum Manne nehmen?’ Noch immer antwortete ich nicht, noch immer versuchte ich es, mich seiner Umarmung zu entwinden, denn ich konnte nicht glauben, was er mir sagte. ‘Zweifeln Sie an mir, Jane?’ ‘Ganz und gar.’ ‘Sie haben kein Vertrauen zu mir?’ ‘Nicht das mindeste.’ ‘Halten Sie mich für einen Lügner?’ frug er mit Heftigkeit. ‘Sie sollen überzeugt werden, kleine Zweiflerin. Welche Liebe habe ich für Miß Ingram? Keine, wie Sie selbst wissen. Welche Zuneigung hat sie für mich? Auch keine, wofür ich volle Beweise habe. Ich verbreitete nemlich das Gerücht, mein Vermögen betrage um volle zwei Drittheile weniger, als man allgemein glaube. Es kam ihr auf meine Veranlassung zu Ohren, und als ich sie darauf besuchte, um mich selbst von der Wirkung zu überzeugen, wurde mir von Mutter und Tochter ein äußerst frostiger Empfang. Ich wollte — und konnte — Miß Ingram nicht heirathen. Nur Sie liebe ich, Sie wunderbares, fast überirdisches Wesen, Sie armes, verlassenes, unansehnliches und nichts weniger als schönes Geschöpf, und bitte Sie, meine Hand anzunehmen. ‘Mich lieben Sie?? rief ich, aus seinem ernsten Aussehen, noch mehr aber aus seiner Unhöflichkeit auf die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen schließend; ‘mich, die ich außer Ihnen, wenn Sie es in der That sind, keinen Freund auf der Welt habe, außer dem Gehalte, den Sie mir geben, keinen Schilling mein nenne?’ ‘Ja, Sie, theure Jane. Ich muß Sie besitzen. Sie ganz besitzen. Wollen Sie mir angehören? Sagen Sie schnell ja!’ ‘Lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen, Mr. Rochester; wenden Sie es dem Mondlichte zu.’ ‘Warum das?’ ‘Damit ich in Ihren Zügen lesen kann. Ihr Wille geschehe; doch werden Sie mein Antlitz schwerlich besser entziffern können, als ein altes, halb verwischtes Pergament. Lesen Sie, aber sputen Sie sich, denn ich leide.’ Sein Gesicht war sehr geröthet und der Ausdruck desselben ein sehr bewegter. Die Muskeln zuckten fieberhaft und die Augen sprühten Funken. ‘Jane, Sie martern mich!’ rief er aus. ‘Sie quälen mich mit diesem prüfenden, doch treuherzigen und freundlichen Blicke.’ ‘Wie ist dies möglich? Wenn Sie wahr sprechen und Ihr Anerbieten ehrlich gemeint ist, können nur Dankbarkeit und Hingebung mein Herz erfüllen, und der Ausdruck dieser Gefühle kann für Sie wohl kaum peinlich seyn.’ ‘Dankbarkeit!’ schrie er und setzte in beinahe mildem Tone hinzu, ‘schlagen Sie schnell ein, Jane. Sagen Sie: Eduard — nennen Sie mich bei meinem Vornamen — Eduard, ich will Sie heirathen.’ ‘Ist es Ihr voller Ernst? — Lieben Sie mich wirklich? — Wünschen Sie es von ganzem Herzen, daß ich Ihr Weib werde?’ ‘Gewiß; und wenn es eines Eides bedarf, so schwöre ich es Ihnen.’ ‘Wenn es so ist, Sir, hier meine Hand darauf, ich will Sie heirathen.’ ‘Nennen Sie mich Eduard, mein kleines Weibchen.’ ‘Theurer Eduard!’ ‘Kommen Sie zu mir, kommen Sie ganz zu mir her,' sagte er und mit seinem herzlichsten Tone, seine Wange an die meinige gepreßt, flüsterte er mir ins Ohr: ‘Machen Sie mich glücklich, auch ich will Sie beglücken.’ ‘Gott wird mir vergeben,’ hob er nach einer Pause wieder an, ‘und Menschen dürfen uns nicht trennen: ich habe Sie und halte Sie fest.’ ‘Es hat Niemand etwas darein zu reden, ich habe keine Verwandten um ihre Einwilligung zu befragen.’ ‘So ist es am besten,’ meinte er. Hätte ich ihn weniger geliebt, das zügellose, wilde Frohlocken, welches sich im Tone seiner Stimme, im Feuer seiner Blicke kundgab, wäre mir gewiß aufgefallen; doch, neben ihm sitzend und vom Alpdrücken der Trennungsschmerzen zu den paradiesischen Freuden der gänzlichen Vereinigung erwacht, dachte ich nur an die grenzenlose Glückseligkeit, die ich nun in vollen Zügen schlürfen konnte. Wieder und immer wieder frug er: ‘Sind Sie glücklich, Jane?’ Und wieder und immer wieder antwortete ich mit einem freudigen: ‘Ja.’ Worauf er dann leise vor sich hinflüsterte: 'Es wird mit vergeben werden, — es wir mir vergeben werden. Habe ich sie nicht schuld- und freundlos und ohne Trost gefunden? Will ich sie nicht beschützen und lieben und trösten? Wohnt nichts Liebe in meinem Herzen und Beständigkeit in meiner Seele? Das soll vor Gottes Richterstuhle meine Sühne seyn. Ich weiß es, daß mein Schöpfer meine Handlungsweise billigt. Um das Urtheil der Welt kümmere ich mich nicht: der öffentlichen Meinung trotze ich.’ Doch wo war indessen der heitere Nachthimmel hingekommen? Noch war der Mond nicht untergegangen und doch saßen wir in tiefer Finsterniß, daß ich kaum mehr meines Gebieters Gesicht sehen konnte. Und was war dem Kastanienbaume geschehen? Er schwankte hin und her und seine Aefte ächzten, während ein heftiger Sturmwind durch die Lorbeersträuche herübersauste. ‘Wir müssen ins Haus treten,’ sagte Mr. Rochester, ‘das Wetter ändert sich. Gerne wäre ich mit Dir bis zum Morgen sitzen geblieben, Jane!’ ‘Auch ich mit Ihnen,’ dachte ich im Stillen. Ich wollte es eben laut sagen, als ein heftiger Blitzstrahl eine Wolke zertheilte, die ich gerade ansah; ein Donnerschlag folgte und ich beeilte mich meine geblendeten Augen hinter Mr. Rochester's Rücken zu schützen. Der Regen floß nun in Strömen. Er zog mich den Gang entlang rasch ins Haus hinein, doch waren wir schon fadennaß, ehe wir noch die Schwelle überschritten hatten. In der Vorhalle na hm er meinen Shawl ab und wischte das Wasser aus meinen fliegenden Haaren, als Mrs. Fairfax aus einer Stube heraus trat. Anfangs bemerkte sie weder ich noch Mr. Rochester. Die Lampe brannte, die Wanduhr wies Mitternacht. ‘Machen Sie, daß Sie Ihre nassen Kleider herunter bekommen,’ sagte er, ‘und nun gute Nacht — gute Nacht, meine süße Seele!’ Er küßte mich wiederholt. Als ich aufblickte und mich seinen Armen entriß, stand die alte Dame blaß, ernst und wie vom Donner gerührt vor mir. Ich lächelte ihr blos zu und lief die Treppe hinauf. ‘Eine Aufklärung verspare ich mir für eine gelegentlichere Zeit,’ dachte ich. In meinem Zimmer angelangt schrak ich dennoch vor dem Gedanken zurück, die gute Frau möchte das eben Gesehene, wenn auch nur für eine kurze Weile, falsch auslegen. Allein die Freude meines Herzens überwältigte sofort alle andern Gefühle und so nahe auch der Donner krachte, so heftig und so schnell ein Blitz auf den andern folgte, so sehr auch der Regen während des zwei Stunden anhaltenden Ungewitters herunterströmte, ich empfand weder Furcht noch Angst. Dreimal kam Mr. Rochester an meine Thür, sich nach meinem Befinden zu erkundigen und das stärkte mich und gab mir Muth für Alles. Bevor ich noch am nächsten Morgen mein Bett verlassen hatte, kam die kleine Adela in meine Stube gehüpft und erzählte mir, der Blitz habe in der verwichenen Nacht in den großen Kastanienbaum im Obstgarten eingeschlagen und den Stamm zersplittert. Vierundzwanzigstes Capitel. Beim Aufstehen und Ankleiden dachte ich über das Geschehene nach und hielt es beinahe für einen Traum. Ich konnte nicht eher an die Wirklichkeit des Ereignisses glauben, bis ich Mr. Rochester wieder gesehen und seine Liebesbetheuerungen und sein Versprechen von Neuem gehört hatte. Während ich mir das Haar machte, besah ich mich im Spiegel und fand, ich sey nicht mehr häßlich. Die Hoffnung verschönerte mein Gesicht und die Freude hatte es lebhaft geröthet: meine Augen sahen aus, als hätten sie den Quell des Genusses betrachtet und sich ben Glanz seiner krystallenen Fluten erborgt. Sehr oft war es mir sonst unangenehm gewesen, meinen Gebieter ansehen zu müssen, weil ich fürchtete, mein Anblick könne ihm unmöglich gefallen; doch jetzt, ich fühlte es zu gut, durfte ich ihm kühn ins Auge sehen, ohne daß es seiner Neigung zu mir Eintrag that. Ich nahm ein einfaches, doch sauberes und leichtes Sommerkleid aus meiner Schublade und legte es an; es kam mir vor als hätte mich noch nie ein Anzug so vortheilhaft gekleidet, wohl, weil ich noch nie einen in solch freudiger Stimmung angehabt. In der Vorhalle hinunterlaufend erstaunte ich durchaus nicht, daß ein glänzender Junimorgen dem nächtlichen Unwetter gefolgt war, daß mir durch die offene Glasthür eine frische würzige Luft entgegen wehte. Auch die Natur mußte freundlich lächeln, da ich mich selbst so glücklich fühlte. Eine Bettlerin und ihr kleiner Junge, beide blaß und abgerissen, kamen den Weg entlang und ich lief ihnen entgegen und gab ihnen alles Geld, das ich gerade bei mir hatte, etwa drei bis vier Schillinge; wohl oder übel mußten sie meinen Jubel theilen. Die Krähen krächzten, die Singvögel sangen, doch nichts in der Welt klang fröhlicher und melodischer, als der rasche Schlag meines übervollen Herzens. Mrs. Fairfax, die traurig und ernst zu einem der Fenster heraus blickte, bemerkte mich und rief mir zu, ‘ob ich nicht zum Frühstück kommen wollte.’ Während des Mahles war sie kalt und gemessen, doch durfte ich ihr noch keine Erklärung geben. Ich mußte warten bis es Mr. Rochester selbst that. Ich aß etwas Weniges und eilte dann die Treppe hinauf. Ich begegnete Adelen, die aus dem Lehrzimmer kam. ‘Wohin gehen Sie? Wir müssen unsere Stunde abhalten.’ ‘Mr. Rochester schickt mich zu Sophien hinunter.’ ‘Wo ist er?’ ‘Dort,’ auf das Gemach zeigend, welches sie eben verlassen hatte. Ich trat hinein und da stand er auch. ‘Kommen Sie und bieten Sie mir einen guten Morgen,’ sagte er. Ich hüpfte fröhlich auf ihn zu, denn nun handelte es sich nicht weiter um kalte Worte oder einen bloßen Händedruck, sondern um eine Umarmung und um einen Kuß. Es schien mir ganz natürlich, von ihm geliebt und geliebkost zu werden. ‘Sie sehen rosig und lächelnd und hübsch aus,’ sagte er; ‘wirklich hübsch. Ist das noch die kleine blasse Elfe, das Käsegesichtchen von ehedem? Dieses Mädchen hier, mit dem strahlenden Gesichte, den Wangengrübchen, den rosigen Lippen, den braunen Haaren, weich und glänzend wie Seide, und den glänzenden braunen Augen?’ (Ich hatte grüne Augen. lieber Leser, doch man muß ihm seinen Irrthum zu Gute halten, ihm erschienen sie wahrscheinlich in einem andern Lichte.) ‘Es ist Jane Eyre, Sir.’ ‘Und bald Jane Rochester,’ versetzte er; ‘in vier Wochen, Jane, nicht einen Tag später. Hören Sie?’ Ich hörte es, und konnte es kaum begreifen. Mir schwindelte ordentlich. Das Gefühl, welches mich bei dieser Eröffnung durchzuckte, war bewältigender, als es sonst die Freude zu seyn pflegt, — es schlug mich so zu sagen zu Boden und machte mich starr: fast däuchte es mir Furcht zu seyn. ‘Sie erröthen und nun werden Sie blaß, Jane; was soll das bedeuten?’ ‘Weil Sie mir einen andern Namen beilegten Jane Rochester. Es klingt so sonderbar!’ ‘Wohl, Mrs. Rochester,’ sagte er, ‘die junge Mrs. Rochester, Fairfax-Rochester's Braut.’ ‘Das geht nicht an, Sir; es ist zu unwahrscheinlich. Der Mensch kann sich hiernieden nie eines vollkommenen Glückes erfreuen, und ich bin am wenigsten zu einem, von der gewöhnlichen Laufbahn der Mädchen meines Standes verschiedenen Schicksale auserkoren. Der Gedanke, daß mir ein solch beneidenswerthes Loos zu Theil würde, kömmt mir wie ein ein Märchen, wie ein Traum vor.’ ‘Den ich verwirklichen kann und verwirklichen will. Ich werde gleich heute damit beginnen. Diesen Morgen schrieb ich bereits meinem Londoner Bankier, er möchte mir die Juwelen schicken, die er zur Aufbewahrung bei sich hat und die ein Erbstück der Ladies von Thornfield sind. Ich hoffe sie Ihnen in ein oder zwei Tagen in Ihren Schooß schütten zu können, denn Sie sollen mit derselben Auszeichnung, mit all der Aufmerksamkeit behandelt werden, die ich einer hochadeligen Dame angedeihen ließe, wenn ich im Begriffe wäre zu heirathen.’ ‘O, sprechen Sie nicht von Juwelen. Sir! — Ich kann nicht einmal davon reden hören. Juwelen für Jane Eyre! das klingt unheimlich und unnatürlich: es ist mir lieber ich habe keine.’ ‘Ich selbst will Ihnen das Halsband von Brillanten anlegen und das Diadem in die Stirne drücken, der es gebührt, da sie die Natur selbst mit dem Ausdrucke des Geistesadels schmückte. Ich will die zarten Handgelenke in Armspangen zwängen und die feinen feenartigen Finger mit Ringen bestecken.’ ‘Nein, Nein! Denken Sie an andere Dinge und sprechen Sie in einem andern Tone. Reden Sie nicht von mir als wäre ich eine Schönheit; ich bin ja doch nur Ihre einfache, quäkerhafte Gouvernante.’ ‘In meinen Augen sind Sie eine Schönheit, und eine Schönheit nach dem Wunsche meines Herzens: zart und luftig.’ ‘Schwächlich und unansehnlich, wollen Sie sagen. Sie träumen oder Sie spotten. Um Gottes willen, nur keine Ironie!’ ‘Und auch die Welt soll Ihre Schönheit anerkennen,’ fuhr er fort, während mir bei seinen Worten wirklich unheimlich wurde, denn ich begriff, daß er entweder sich selbst oder mich zu täuschen suchte. ‘Ich will meine Jane in Sammt und Seide kleiden und ihr Rosen ins Haar stecken, und dies Gesicht, das ich über Alles liebe, soll ein unschätzbaren Schleier bedecken.’ ‘Dann werden Sie mich nicht mehr kennen, Sir, und ich nicht länger Ihre Jane Eyre seyn, sondern ein Affe in einer Narrenjacke, — ein Holzhäher mit erborgten Federn geschmückt. Ebenso gerne möchte ich Sie in Theaterflitter angeputzt sehen, als mich in der Kleidung einer Hofdame. Und ich nenne Sie nicht schön, Sir, obwohl Sie mir unendlich theuer sind, zu theuer, als daß ich Ihnen Schmeicheleien sagen könnte. Thuen Sie es doch auch nicht.’ Indessen verfolgte er dieses Thema, ohne meine Bitten zu beachten, in der begonnenen Weise. ‘Noch heute fahren Sie mit mir nach Millcote und suchen sich einige Kleider aus. Ich sagte Ihnen, unsere Vermälung finde in vier Wochen statt. Wir lassen uns in aller Stille trauen und dann entführe ich Sie sofort nach der Residenz. Dort halten wir uns eine kurze Zeit auf, worauf ich meinen Schatz nach sonnigeren wärmeren Gegenden, nach den Weingärten Frankreichs und den Ebenen Italiens bringe; und Alles was es an Alterthümern und an Wundern der Neuzeit Merkwürdiges gibt, soll mein Herzensweib sehen und auch das großstädtische Leben kosten, damit sie durch den Vergleich mit Andern sich selber schätzen und richtig beurtheilen lerne.’ ‘Ich soll also reisen, und mit Ihnen, Sir?’ ‘Wir werden uns in Paris, Rom und Neapel, in Florenz, Venedig und Wien aufhalten. Alle die Länder, die ich schon einmal durchreite, werden auch Sie besuchen, und alle die Orte, die mein schwerer Tritt betrat, muß nun auch Ihr Sylphidenfuß betreten. Vor zehn Jahren durchflog ich Europa in halbem Wahnsinn; Ekel, Haß und Wuth waren meine Begleiter: nun will ich geheilt und reinen Herzens, mit einem tröstenden Engel zur Seite, alle diese Gegenden wieder besuchen.’ Ueber diese Worte mußte ich lachen. ‘Ich bin kein Engel,’ sagte ich, ‘und will auch keiner seyn, so lange ich lebe; ich will ich selbst bleiben. Sie dürfen etwas Himmlisches weder von mir erwarten, noch verlangen, Mr. Rochester — Sie würden es bei mir eben so wenig finden, als ich bei Ihnen. Indessen mache ich mir wenigstens keine Rechnung darauf.’ ‘Welche Erwartungen hegen Sie denn von mir?’ ‘Eine kurze Zeit, eine sehr kurze Zeit werden Sie vielleicht so bleiben, wie Sie jetzt sind, dann werden Sie kälter, dann grillig und endlich barsch werden, und ich werde mir viele Mühe geben müssen, Ihnen zu gefallen. Sobald Sie indessen eine längere Gewohnheit an mich gefesselt haben wird, werden Sie mir wieder gut seyn — verstehen Sie wohl, mir gut seyn, nicht, mich lieben. Meiner Meinung nach wird Ihre Liebe in einem halben Jahre oder noch weit früher verraucht seyn. Wenigstens habe ich noch in allen Büchern gelesen, daß dieses die längste Dauer sey, auf welche sich die heiße Liebe eines Ehemannes auszudehnen pflegt. Doch als Freundin und Gesellschafterin hoffe ich wohl meinem theuren Herrn nie ganz zu mißfallen.’ ‘Sie mir mißfallen! ich Ihnen blos gut seyn! Noch nach Jahren werden Sie mir das Zeugniß geben, daß ich Ihnen nicht allein gut bin, sondern daß ich Sie liebe — wahr, innig und beständig liebe.’ ‘Haben Sie keine Launen?’ ‘Bei Weibern, die mir nur durch ihr Gesicht gefallen, bin ich ein wahrer Satan, sobald ich ausfindig gemacht habe, daß sie weder Geist noch Herz besitzen — sobald sie mir die Aussicht auf Flachheit, Alltäglichkeit, vielleicht sogar auf Albernheit, Gemeinheit und Bosheit eröffnen, allein dem klaren Auge, der beredten Junge, der Feuerseele, dem schmiegsamen, doch festen Charakter bleibe ich stets zärtlich zugethan.’ ‘Kam Ihnen je ein solcher Charakter vor? Liebten Sie schon einmal ein solches Weib?’ ‘Ich liebe es jetzt.’ ‘Doch vor mir, meine ich: wenn Sie denn durchaus glauben, daß ich diesem Muster der Vollkommenheit entspreche.’ ‘Nie kam mir ein Mädchen wie Sie vor, Jane. Sie gefallen mir, und Sie beherrschen mich; Sie scheinen sich zu fügen, und ich liebe diese Fügsamkeit, und während ich den Seidenfaden um den Finger wickle, sendet er gleichsam einen elektrischen Schlag durch den Arm nach meinem Herzen. Sie haben einen großen Einfluß auf mich gewonnen, mich erobert; und dieser Einfluß thut mir so wohl, wie ich es gar nicht sagen kann, und das Joch, unter welches mich mein weiblicher Eroberer gebracht, übt einen Zauber auf mich aus, der mir höher gilt als tausend Triumphe. Warum lächeln Sie, Jane? Was soll der unerklärliche, fast spöttische Ausdruck in Ihrem Gesichte?’ ‘Ich dachte — Sie verzeihen schon, der Gedanke kam mir unwillkürlich — ich dachte an Herkules und Simson und ihre Huldinnen —‘ ‘Wirklich? Sie kleine Fee!’ ‘Still, Sir! Sie sprechen eben jetzt nicht sehr klug, so wenig als die erwähnten Herren klug handelten. Hätten sie indessen ihre Geliebten geehelicht, sie hätten durch ihre Strenge als Ehemänner ihre Nachgiebigkeit als Freier hinlänglich aufgewogen, und ich fürchte, Sie werden ein Gleiches thun. Ich möchte wissen, welche Antwort Sie mir von heute in einem Jahre ertheilen werden, wenn ich Sie um eine Gefälligkeit ersuche, die zu erfüllen Sie gerade nicht bei Laune sind.’ ‘Ersuchen Sie mich jetzt um Etwas, das Erste, Beste — ich will mich gerne bitten lassen —‘ ‘Gut, Sir; ich habe mein Bittgesuch in Bereitschaft.’ ‘Sprechen Sie! Doch wenn Sie mich anblicken, und mir, wie gerade jetzt, zulächeln, sage ich Ihnen am Ende im Voraus Gewährung zu, ohne zu wissen, um was es sich handelt, und das wäre wohl sehr voreilig von mir.’ ‘Keineswegs, Sir; ich habe nur die Eine Bitte zu stellen: lassen Sie die Juwelen nicht kommen, und stecken Sie mir keine Rose ins Haar. Ebenso gut könnten Sie Ihr einfaches Taschentuch mit goldenen Spitzen einsäumen lassen.' ‘Ich möchte ebenso gut feines Gold vergolden wollen. Ich weiß das: Ihre Bitte sey Ihnen gewährt — doch nur für jetzt. Ich will den Auftrag, den ich meinem Bankier zugehen ließ, widerrufen. Aber Sie haben ja noch um nichts gebeten; Sie haben mich blos ersucht, ein Geschenk zurückzunehmen. Bringen Sie eine andere Bitte vor.’ ‘Nun wohl, Sir; haben Sie die Güte meine Neugierde zu befriedigen, die in einer Hinsicht sehr gereizt ist.’ Er wurde verlegen. ‘Wie? was?’ versetzte er hastig. ‘Die Neugier ist eine gefährliche Bittstellerin. Gut daß ich mich noch nicht verpflichtet habe, Ihnen eine jede Bitte zu gewähren.’ ‘Doch es kann keine Gefahr dabei seyn, diesem einen Ansuchen zu willfahren.’ ‘Wohlan, sprechen Sie es aus, Jane: aber ich wünschte, es wäre statt von der bloßen Erforschung eines Geheimnisses, von der Schenkung meines halben Vermögens die Rede.' ‘Ei, König Ahasverus! Was soll ich mit Ihrem halben Vermögen? Glauben Sie ich bin ein jüdischer Wucherer, der nach einer vortheilhaften Belohnung mit Ländereien sucht? Ihr ganzes Vertrauen wäre mir weit lieber. Sie werden mich doch von selbem nicht ausschließen wollen, da Sie mir Ihr Herz schenken?’ ‘Mein ganzes, mein ungetheiltes Vertrauen sollen Sie haben, Jane, soweit es Ihnen wünschenswerth erscheinen kann; tragen Sie nur um Gottes willen kein Verlangen nach einer nutzlosen, zentnerschweren Bürde! Wollen Sie Fein Gift, werden Sie mir keine zweite Eva!’ ‘Warum nicht, Sir? Sie sagten ja eben wie angenehm es Ihnen ist, besiegt zu werden, und wie gerne Sie sich bereden lassen. Denken Sie nicht, daß es sich der Mühe verlohnt, von Ihrem Bekenntniß Nutzen zu ziehen, Ihnen zu schmeicheln, Sie zu bitten — wenn nöthig auch zu weinen und zu schmollen — blos um meine Macht zu versuchen?’ ‘Machen Sie einen solchen Versuch. Seyen Sie unbescheiden, anmaßend und wir haben ausgeredet.’ ‘In der That, Sir? Sie sind leicht böse zu machen. Wie wild Sie nun aussehen! Ihre Kopfadern sind so dick wie mein Daumen, und auf Ihrer Stirne lagert ein dräuendes Ungewitter. So werden Sie wohl nach der Trauung aussehen, nicht wahr?’ ‘Wenn Sie nach unserer Vermälung so aussehen wie in diesem Augenblicke, muß ich als ein guter Christ den Gedanken aufgeben, mich mit einem solchen Kobold oder einem Salamander zu verbinden. Doch was wollten Sie von mir wissen? Heraus damit, neugieriges Geschöpf!’ ‘So, nun sind Sie nichts weniger als artig, und Barschheit ist mir lieber als Schmeicheleien. Ich bin weit eher ein neugieriges Geschöpf, als ein Engel und wollte Sie nur fragen, warum Sie sich so viel Mühe gaben, mir glauben zu machen, als wollten Sie Miß Ingram heirathen?’ ‘Ist das Alles? Gott sey Dank, daß es nichts Schlimmeres ist!’ Und seine Stirne glättete sich und er sah mich lächelnd an, und streichelte mir das Haar, als wäre er erfreut einer Gefahr entronnen zu seyn. ‘Ich muß wohl beichten,’ fuhr er fort, ‘selbst auf die Gefahr hin, Sie böse zu machen, liebe Jane — wiewohl ich es erfahren hatte wie Sie wettern können, wenn Sie unmuthig sind. Sie sprühten in jener mondhellen Nacht wirklich Feuer, als Sie sich gegen Ihr Schicksal auflehnten und erklärten, auf gleicher Stufe mit mir zu stehen. Im Vorbeigehen gesagt waren Sie es, die um mich warb.’ ‘So ist es. Doch zur Sache, wenn es Ihnen beliebt.’ ‘Nun, ich machte Miß Ingram den Hof, weil ich Sie ebenso verliebt in mich machen wollte, wie ich es in Sie war, und weil ich wußte, die Eifersucht sey hiezu das beste Mittel.’ ‘Vortrefflich! Wie klein Sie nun in meinen Augen erscheinen, nicht größer als mein kleiner Finger. Schmach und Schande über Sie, daß Sie so handeln konnten! Dachten Sie denn gar nicht an Miß Ingram's Gefühle?’ ‘Ihre Gefühle vereinigen sich in einem einzigen — ihrem Stolze , und der muß gedemüthigt werden. Waren Sie eifersüchtig, Jane?’ ‘Lassen wir das, es kann Ihnen nun gleichgiltig seyn. Beantworten Sie mir lieber noch eine Frage. Glauben Sie, Miß Ingram werde unter Ihrer unehrenhaften Coketterie nicht zu leiden haben? Wird sie sich nicht verspottet, verlassen fühlen?’ ‘Unmöglich Ich sagte Ihnen ja, daß sie es war, die sich von mir lossagte. Die Vorstellung meiner Zahlungsunfähigkeit kühlte oder löschte vielmehr ihre Flammen in einer Minute.’ ‘Sie sind ein sonderbarer Mann, Mr Rochester, und fast fürchte ich, Ihre Grundsätze weichen in manchen Punkten zu sehr von der rechten Mitte ab.’ ‘Meine Grundsätze wurden nie gezügelt, Jane; möglich, daß sie aus Mangel an Pflege etwas schief geraten sind!’ ‘Noch einmal frage ich Sie in vollem Ernste: Kann ich mich des Glückes, das Sie mir durch Ihre Liebe bereiten, ruhig erfreuen, ohne fürchten zu müssen, eine Andere empfinde in diesem Augenblicke das bittere Weh, das ich selbst noch vor ganz kurzer Zeit im Herzen trug?’ ‘Sie können ruhig seyn, mein theures Märchen. Kein anderes Wesen dieser Erde liebt mich so wahr, so treu, wie Sie, — und der Glaube an Ihre Liebe ist meine größte Seligkeit!’ Ich drückte meine Lippen auf seine Hand, die auf meiner Achsel lag. Ich liebte ihn unendlich, mehr als ich mir selbst zu gestehen wagte, mehr, als es Worte sagen konnten. ‘Erbitten Sie sich noch etwas,’ sagte er nach einer Pause; ‘es macht mir ein unendliches Vergnügen, um etwas ersucht zu werden, und es gewähren zu können.’ Auch mein zweites Ansuchen lag bereit. ‘Theilen Sie Ihre Absichten Mrs. Fairfax mit. Sie sah mich gestern mit Ihnen in der Vorhalle, und war darüber sichtlich betroffen. Unterrichten Se sie über unser Verhältniß, ehe ich sie wieder sehe. Es thut mir leid, von einer so guten Frau verkannt zu werden.’ ‘Gehen Sie auf Ihre Stube, und setzen Sie Ihren Hut auf,’ versetzte er. ‘Ich wünsche, daß Sie mich diesen Morgen nach Millcote begleiten, und während Sie sich anziehen, will ich der alten Dame ein Licht aufstecken. Dachte sie wohl, daß Sie eine Welt für Liebe hingaben, und den Handel für Gewinn ansahen?’ ‘Wahrscheinlich glaubte sie, ich habe meine Stellung und die Ihrige aus den Augen gelassen!’ ‘Stellung! Stellung! — Ihre Stellung ist in meinem Herzen, und auf dem Nacken derjenigen, die es wagen sollten, Sie jetzt und späterhin zu beleidigen. — Gehen Sie.’ — Ich war schnell angekleidet, und als ich Mr. Rochester aus Mrs. Fairfax's Stube heraustreten hörte, lief ich zu ihr hinunter. Die gute Frau hatte wohl eben ihre Morgenportion aus der heil. Schrift — die Epistel des Tages — gelesen, denn die Bibel lag aufgeschlagen vor ihr, und ihre Augengläser obenauf. Diese durch Mr. Rochester's Eintritt unterbrochene Beschäftigung schien nun ganz vergessen zu seyn: ihre Augen starrten nach der weißen Wand ihr gegenüber, und drückten das Erstaunen einer einfachen Seele aus, die durch die Mittheilung außerordentlicher Nachrichten aus ihrer gewohnten Fassung gebracht wurde. Meiner ansichtig werdend, schien sie zu erwachen; sie bemühte sich zu lächeln, und mir mit einigen Worten Glück zu wünschen, allein ihr Lächeln erstarb zur Hälfte, und ihre begonnene Reve blieb unvollendet. Sie setzte ihre Augengläser wieder auf, schlug die Bibel zu und schob ihren Stuhl vom Tische zurück. ‘Ich bin so verwundert,’ begann sie, ‘daß ich kaum weiß, was ich Ihnen sagen soll, Miß Eyre. Ich habe doch nicht geträumt, was glauben Sie? Zuweilen, wenn ich allein sitze, schlafe ich ein und träume dann von allerhand Sachen. Mehr als einmal schien es mir in meinem Schlummer, als trete mein guter Mann, der nun fünfzehn Jahre todt ist, hier in die Stube, setzte sich zu mir und rief mich bei meinem Namen Alice, wie er es zu thun pflegte. Nun bitte ich Sie, sagen Sie mir einmal, ist es wirklich wahr, daß Mr. Rochester um Ihre Hand angehalten hat? Lachen Sie mich nicht aus, allein ich glaubte steif und fest, er wäre vor fünf Minnten bei mir gewesen, und hätte mir eröffnet, Sie würden in vier Wochen seine Frau.’ ‘Mir sagte er dasselbe,’ erwiederte ich. ‘Gewiß? Glauben Sie es? Haben Sie eingewilligt?’ ‘Ja.’ Sie sah mich ganz verwirrt an. ‘Ich kann mir es gar nicht denken. Er ist so stolz, wie es alle Rochester waren, und sein Vater war noch dazu geldsüchtig. Auch er steht im Rufe eines sparsamen Herrn. Er will Sie also heirathen?’ ‘So versichert er mir.’ Sie sah mich vom Kopfe bis zum Fuße an. In ihren Augen las ich, daß sie keine Reize entdecken konnte, die mächtig genug gewesen wären. das räthselhafte Ereigniß glaubwürdig erscheinen zu lassen. Das geht über meinen Verstand, fuhr sie fort. ‘Allein es muß ohne Zweifel wahr seyn, da Sie es sagen. Wie die Sache ausfällt, weiß ich nicht. Gleichheit der gesellschaftlichen Stellung und des Vermögens ist in solchen Fällen wohl zu beachten und zudem liegen zwanzig Jahre zwischen seinem und Ihrem Alter. Er könnte eben so gut Ihr Vater sehn.' ‘Oh, gewiß nicht, Mrs. Fairfax,’ rief ich halb ärgerlich; ‘er sieht ganz und gar nicht wie mein Vater aus? Niemand, der uns zusammen sieht, wird sich so etwas einfallen lassen. Mr. Rochester sieht so jung aus und ist so jugendlich, wie wenige Männer mit fünfundzwanzig Jahren.’ ‘Und nimmt er Sie wirklich aus Liebe?’ frug sie. Ihre Kälte und ihre Zweifel verletzten mich so sehr, daß mir Thränen in die Augen kamen. ‘Es thut mir leid Ihnen Schmerz zu verursachen,’ fuhr die alte Dame fort; ‘allein Sie sind so jung und kennen, die Männer so wenig, daß ich Sie gerne zu einiger Vorsicht veranlassen möchte. Ein altes Sprichwort sagt: ‘Nicht Alles was glänzt ist Gold,’ und fast fürchte ich, auch in dem, gegenwärtigen Falle werde das Ergebniß ein für Sie und für mich unerwartetes seyn.’ ‘Wie so? — Bin ich denn ein Scheusal?’ sagte ich, ‘ist es denn so ganz unmöglich, daß Mr. Rochester für mich seine wahrhafte Zuneigung hat?’ ‘Keineswegs. Sie sind hübsch und haben besonders in letztrer Zeit noch gewonnen und auch Mr. Rochester liebt Sie. Ich hatte es übrigens schon lange bemerkt, daß Sie sein Liebling sind und zuweilen machte mich diese merkliche Bevorzugung um Ihrer selbst willen unruhig. Oft dachte ich daran, Sie zur Vorsicht zu ermahnen, aber ich wollte Sie nicht einmal auf die entfernte Möglichkeit böser Absichten aufmerksam machen. Ich wußte, daß Sie ein solcher Gedanke verletzen mußte, und da Sie sich immer so durchaus bescheiden und zurückhaltend betrugen. hegte ich die Hoffnung, Sie könnten sich selbst am besten beschützen. Sie werden gar nicht glauben, was ich verwichene Nacht für eine Angst ausstand, als ich Sie im ganzen Hause suchte und nirgends finden konnte, so wenig als unsern Herrn. Dann, um Mitternacht, traten Sie mit ihm ins Haus.’ ‘Gut, gut, denken Sie nun nicht weiter daran,’ fiel ich ihr etwas ungeduldig in die Rede; ‘genug, daß nun Alles in Ordnung ist.’ ‘Ich will's hoffen; Ende gut, Alles gut,’ sagte sie; ‘aber glauben Sie mir, Sie können nicht vorsichtig genug seyn. Halten Sie Mr. Rochester in einer gewissen Entfernung; mißtrauen Sie sich so gut als ihm. Herren seines Ranges pflegen in der Regel nicht ihre Gouvernanten zu heirathen.’ Ich wollte eben ernstlich böse werden, als zum Glücke Adela in die Stube gelaufen kam. ‘Lassen Sie mich mitfahren — lassen Sie mich nach Millcote mitfahren,’ rief sie. ‘Mr. Rochester will mich nicht mit haben, obwohl in dem neuen Wagen Platz genug ist. Bitten Sie ihn, daß er mich mitnimmt.’ ‘Das will ich, Adela,’ und ich eilte mit ihr fort, froh meine schwarzsehende Warnerin los zu seyn. Der Wagen stand bereit und mein Gebieter ging vor dem Hause auf und ab, wobei ihm Pilot auf dem Fuße folgte. ‘Adela darf uns begleiten, nicht wahr, Sir?’ ‘Ich habe ihr es schon abgeschlagen. Ich mag den Fratzen nicht mit haben; ich will mit Ihnen allein seyn.’ ‘O, lassen Sie sie doch mitfahren, Mr. Rochester, es wird besser seyn.’ Er schien, nach Blick und Stimme zu urtheilen, unbeugsam zu seyn. Die Warnungen und Zweifel der guten Mrs. Fairfax hatten in mir ein leises Frösteln zurück gelassen, meine Hoffnungen hatten viel von ihrer freudigen Zuversicht eingebüßt. Ich vergaß halb und halb, daß ich irgend eine Macht über ihn hatte. Eben wollte ich ihm, ohne Widerrede, maschinenmäßig gehorchen; doch als er mich in den Wagen hob, sah er mich an. ‘Was soll das?’ frug er; ‘der ganze Sonnenschein ist verschwunden. Ist es Ihr ernstlicher Wunsch, daß das Kind mit uns führt? Thut es Ihnen leid, wenn es zurück bleiben muß?’ ‘Es wäre mir sehr lieb, wenn sie mitkäme.’ ‘Fort denn, den Hut geholt, schnell wie der Blitz,; rief er Adelen zu. Sie lief so schnell sie nur konnte. ‘Am Ende hat ein gestörter Morgen nicht viel zu bedeuten,’ bemerkte Mr. Rochester, ‘da ich Sie doch in kurzer Zeit — mit allen Ihren Gedanken, Ihrem Umgange, — für das ganze Leben mein nennen werde.’ Adela begann mich zu küssen, als sie in den Wagen gehoben worden war, um mir ihre Dankbarkeit zu beweisen; sie wurde indeß sofort in eine Wagenecke neben ihm verwiesen. Von dort aus guckte sie zu mir herüber ; ihr ernster Nachbar schien ihr nicht zu behagen, ihm durfte sie weder ihre Bemerkungen zuflüstern, noch ihn um etwas befragen. ‘Lassen Sie sie zu mir,’ bat ich; ‘sie wird Sie vielleicht belästigen; ‘es ist ja Raum genug an meiner Seite.’ Er reichte sie wir herüber wie einen Schooßhund. ‘Ich werde sie doch in eine Schule schicken,’ sagte er, indeß lächelte er bei diesen Worten. Adela erkundigte sich, ob sie ‘sans Mademoiselle’ dahin müsse ‘Freilich,’ versetzte er, ‘jedenfalls ohne Mademoiselle, denn ich nehme Mademoiselle mit zum Monde hinauf. Dort suche ich mir eine Höhle in einem der weißen Thäler zwischen den feuerspeienden Bergen aus, wo Mademoiselle mit mir und nur mit mir allein leben wird. ‘Sie wird ja nichts zu essen haben und Hungers sterben,’ bemerkte Adela. ‘Ich werde für sie Tag und Nacht Manna sammeln; die Ebenen und Bergabhänge sind dort ganz beschneit mit Manna.’ ‘Sie wird sich wärmen wollen; wie wird sie Feuer machen?’ ‘Das Feuer kommt im Monde aus den Bergen heraus: wenn ihr kalt ist, trage ich sie auf den Gipfel hinauf und lege sie dort am Rande eines Kraters nieder.’ ‘O, wie schlecht, wie unbequem! Und wenn ihre Kleider zerreißen, woher wird sie sich neue verschaffen?’ Mr. Rochester spielte den Verlegenen. ‘Hm,’ sagte er. ‘Was würdest Du thun, Adela? Zerbrich Dir den Kopf, vielleicht findest Du einen Ausweg. Wie würde sich eine weiße und eine feuerfarbne Wolke als Kleiderstoff ausnehmen? Aus einem Regenbogen ließe sich wohl eine ganz hübsche Schärpe schneiden.’ ‘Sie befindet sich besser, wo sie jetzt ist,’ beschloß Adela nach einigem Nachdenken; ‘übrigens würde sie sich langweilen, wenn sie nur mit Ihnen allein im Monte leben sollte. Wenn ich Mademoiselle wäre, ich willigte nie , darein, mit Ihnen zu gehen.’ ‘Sie hat bereits eingewilligt und ihr Wort verpfändet.’ ‘Aber Sie können sie nicht hinaufschaffen. Es führt doch keine Straße zum Monde und weder Mademoiselle noch Sie können fliegen.’ ‘Sieh Dir jenes Feld an, Adela.’ Wir befanden uns nun außerhalb Thornfield und rollten auf der Straße nach Millcote dahin. Der Regen der vergangenen Nacht hatte den Staub gelöscht und die Hecken und die Bäume grünten auf beiden Seiten um so frischer. ‘In jenem Felde ging ich vor vierzehn Tagen spät Abends spazieren; es war an jenem Tage, wo Du mir im Obstgarten das Heu zusammenrechen halfst. Die Bewegung hatte mich müde gemacht und ich setzte mich auf jenem Wege nieder, um ein Weilchen auszuruhen. Dann nahm ich mein Taschenbuch und meinen Bleistift heraus und begann einige Zeilen über einen Unfall niederzuschreiben, der mich vor einiger Zeit betroffen. Der Wunsch nach künftigen, glücklichen Tagen wurde in mir rege und ich schrieb rasch nacheinander fort, wiewohl es schon stark dunkelte. Da hörte ich etwas den Pfad heraufkommen und zwei Schritte von mir blieb eine Gestalt stehen. Ich sah sie an. Es war ein kleines Geschöpf mit einem Schleier von Sommerfäden auf dem Kopfe. Ich winkte ihr näher zu treten und bald hatte ich sie zu meinen Füßen. Ich sagte kein Wort zu dem kleinen Wesen und es sprach keine Sylbe mit mir, doch las ich in seinen Augen, während es in den meinigen las, und es ergab sich das folgende stumme Gespräch: Sie sagte, sie sey eine Fee und komme aus dem Elfenlande, ihre Sendung sey, mich glücklich zu machen. Zu diesem Behufe müsse ich mit ihr, der Fee nemlich, diese Alltagswelt verlassen und nach einem einsamen Orte ziehen, z. B. nach dem Monde. Sie erzählte mir von Alabasterhöhlen, in denen wir dort leben könnten, worauf ich erwiederte, ich möchte wohl gerne mitgehen, aber ich hätte ja keine Flügel. ‘Oh, das hat nichts zu sagen,’ erwiederte die Fee; ‘dieser Talisman hier beseitigt alle Schwierigkeiten,’ und dabei zeigte sie mir einen schönen goldenen Ring. ‘Stecke ihn,’ fuhr sie fort, ‘an den vierten Finger meiner linken Hand, und ich gehöre Dir an und Du mir und wir verlassen die Erde und schaffen uns dort drüben unsern eigenen Himmel.’ Dabei wies die Fee zum zweiten Male nach dem Monde. ‘Dieser Ring, liebe Adela, befindet sich in meiner Tasche in ein Goldstück verwandelt, das ich jedoch bald wieder gegen einen Ring umzutauschen gedenke.’ ‘Aber was hat Mademoiselle mit Allem dem zu schaffen? Was kümmert mich die Fee? Vorhin sagten Sie doch, Sie wollten Mademoiselle mit nach dem Monde nehmen?’ ‘Mademoiselle ist eben eine Fee,’ flüsterte er Adelen geheimnißvoll ins Ohr. Ich sagte ihr jedoch, sie möge den Scherz nicht weiter beachten und auch sie entwickelte einen Vorrath von echt französischer Zweifelsucht, indem sie Mr. Rochester ‘un vrai menteur’ nannte und ihn versicherte, sie schenke seinen Feenmärchen gar keinen Glauben. ‘Uebrigens gibt es gar keine Feen,’ schloß sie, ‘und gesetzt auch es gäbe welche, so werden sie Ihnen nicht erscheinen, noch viel weniger Ringe geben und Sie zu einer Reise nach dem Monde einladen.’ Die Stunde, die wir darauf in Millcote zubrachten, war für mich qualvoll. Mr. Rochester schleppte mich in eine Seidenhandlung und beorderte mich, mir ein halbes Dutzend Kleider auszusuchen. Das Geschäft war mir zuwider und ich bat es aufschieben zu dürfen: doch nein — es mußte gerade jetzt geschehen. Meine flehentlichen Bitten brachten es dahin, daß die Zahl der Kleider auf zwei Stück herabgesetzt wurde, deren Auswahl sich jedoch Mr. Rochester durchaus nicht nehmen ließ. Mein Auge folgte ihm ängstlich, als er die glänzenden Stoffe durchmusterte; endlich blieb er bei zwei prachtvollen Atlaskleidern, das eine amethystfarben, das andere rosenroth, stehen. Ich sagte ihm halblaut ins Ohr, warum er mir nicht lieber gleich ein goldenes Kleid und einen silbernen Hut kaufe, ich würde ihm gewiß nie wieder die Wahl überlassen. Mit ungeheurer Schwierigkeit (denn er war hart wie Stein) vermochte ich ihn, die beiden Kleiderstoffe gegen ein bescheidenes schwarzes und ein perlgraues Kleid umzutauschen. ‘Für heute möge es hingehen,’ sagte er, ‘er werde es schon durchsetzen, daß ich wie ein Blumenbeet prange.’ Ich war glücklich, ihn aus der Seidenhandlung und später aus einem Juweliergewölbe herauszuhaben. Je mehr er mir kaufte, desto mehr brannte mir die.Wange vor Unmuth und Demüthigung. Als wir wieder in den Wagen gestiegen waren und ich in fieberhafter Aufregung dasaß, erinnerte ich mich an etwas, das ich im Taumel meines Glückes gänzlich vergessen hatte,— an den Brief meines Onkels John Eyre, an seine Absicht, mich an Kindesstatt anzunehmen und zur Gesammterbin einzusetzen. ‘Es wäre mir wirklich tröstlich,’ dachte ich bei mir, ‘wenn ich irgend ein, obgleich noch so geringes Vermögen besäße. Ich bin nicht im Stande, mich von Mr. Rochester einer Puppe gleich aufputzen zu lassen und wie eine zweite Danae im Goldregen zu sitzen. Sobald ich nach Hause komme, schreibe ich nach Madeira und melde meinem Onkel, daß ich mich verheirathe, und wenn ich nur die Aussicht habe, Mr. Rochester eines Tages etwas zuzubringen, wird es mir leichter, mich von ihm jetzt ausstatten zu lassen.’ Dieser Gedanke, der noch am selben Tage zur That wurde, erleichterte mir das Herz und ich wagte es, zu meinem Herrn und Geliebten wieder aufzublicken, der mit ungemeiner Beharrlichkeit meine Blicke aufsuchte, obwohl ich mein Gesicht abgewandt hatte. Er lächelte; sein Lächeln kam mir vor wie dasjenige, mit dem ein Sultan in einem glücklichen Augenblicke seine Favoritin ansieht, die er eben mit Gold und Edelsteinen bereicherte; ich drückte seine Hand, welche die meinige erfassen wollte, krampfhaft zusammen und schleuderte sie, ganz roth von dem heftigen Drucke, von mir. ‘Sehen Sie mich nicht so an,’ sagte ich, ‘sonst trage ich fürwahr nichts, als meine alten Kleider von Lowood bis ans Ende meines Lebens. Ich lasse mich in diesem Kattunkleide trauen und Sie mögen sich aus dem perlgrauen Seidenstoffe einen Schlafrock und aus dem schwarzen Atlas eine unendliche Reihe von Westen machen lassen.’ Er kicherte und rieb sich die Hände. ‘Oh, es ist eine Wonne, sie zu sehen und zu hören!’ rief er aus. ‘Wie originell, wie pikant sie ist! Ich gebe diese eine kleine Engländerin nicht für das ganze Serail des Großtürken, trotz Gazellenaugen und Hourisgestalten.’ Diese Anspielung verdroß mich abermals. ‘Ich habe nicht ein Fünkchen Lust, Ihnen ein Serail zu ersetzen,’ erwiederte ich; ‘ich bitte mich also zu betrachten. Steht Ihr Sinn nach derlei Dingen, dann fort mit Ihnen nach den Bazars von Stambul; dort mögen Sie Ihr überflüssiges Geld anbringen, das Sie hier nicht los werden zu können scheinen.’ ‘Und was werden Sie thun, Jane, während ich mir Tonnen Menschenfleisches und ein Sortiment schwarzer Augen erhandle?’ ‘Ich werde mich zu einer Missionsreise vorbereiten und den Sclavinnen, Ihr Harem mit eingeschlossen, Freiheit predigen. Dann zettle ich in Ihrem Serail eine Empörung an und bald sollen Sie, wiewohl ein Paschah von drei Roßschweifen, gefesselt in unsern Händen seyn. Und nicht eher lasse ich Sie los, bis Sie die liberalste Verfassung, die je ein Despot verliehen, unterschrieben haben.’ ‘Ich würde mich Ihrer Gnade empfehlen, Jane.’ ‘Und ich würde keine Gnade üben, wenn Sie darum mit einem solchen Gesichte bäten, wie jetzt. Ihre Blicke sagen deutlich, daß es nach erlangter Freiheit Ihr Erstes wäre, die abgedrungene Charte zu verletzen.’ ‘Was wollen Sie damit sagen? fast fürchte ich, Sie beabsichtigen mich zu einer häuslichen Trauungsceremonie zu zwingen, bei der Sie mir besondere Bedingungen stellen.’ ‘Worin sollen diese bestehen?’ ‘Ich wünsche blos ein ruhiges Gemüth zu haben, das von der Last auf einander gehäufter Verbindlichkeiten frei ist. Erinnern Sie sich dessen. was Sie über Celine Varens sagten? — Ueber die Diamenten, die Caschemirshawls, die Sie ihr gegeben? Ich möchte keine zweite Celine Varens seyn; ich will lieber Adelens Erzieherin bleiben, und mir dadurch Kost, Wohnung und dreißig Pfund jährlich verdienen. Mit dem Gelde kann ich meine Garderobe bestreiten und Sie brauchen mir nichts weiter zu schenken, als —‘ ‘Nun?’ ‘Als Ihre Achtung und wenn ich Ihnen dafür die meinige zolle, sind wir auch in dieser Hinsicht quitt.’ ‘Das muß wahr seyn,’ versetzte er; ‘was angeborne, trockene Unverschämtheit und natürlichen Stolz anbelangt, kann man Ihresgleichen suchen.’ Wir näherten uns in diesem Augenblicke dem Herrenhause von Thornfield. ‘Werden Sie wohl die Gefälligkeit haben heute bei mir zu speisen?’ frug er, als wir in den Hofraum fuhren. ‘Ich danke, nein.’ ‘Und warum nicht, wenn man fragen darf?’ ‘Ich speiste noch nie mit Ihnen und sehe auch nicht ein, warum ich es jetzt sollte, so lange —‘ ‘Sprechen Sie aus, Sie gefallen sich in abgebrochenen Sätzen.’ ‘So lange ich es vermeiden kann, wollte ich sagen.’ ‘Halten Sie mich denn für einen Menschenfresser, daß Sie mein Mahl zu theilen fürchten?’ ‘Ich habe nichts Besonderes darunter, ich wünschte nur auch in den nächsten vier Wochen meine bisherige Lebensweise beizubehalten.’ ‘Sie müssen Ihre Gouvernantensclaverei sofort aufgeben.’ ‘Wirklich! das werde ich nicht thun, sondern vielmehr meine Pflichten als Erzieherin ganz wie bisher erfüllen. Auch werde ich mich den ganzen Tag über von Ihnen fern halten und blos des Abends mögen Sie mich kommen lassen, wenn Sie mich zu sprechen wünschen, doch durchaus zu keiner andern Zeit.’ ‘Ich möchte rauchen oder eine Prise Tabak nehmen, pour me donner une contenance,’ wie Adela sagen würde. ‘Unglückseliger Weise habe ich sowohl meine Cigarrentasche als auch meine Dose vergessen. Nun ist wohl die Reihe mich zu unterjochen an Ihnen, Sie kleine Tyrannin, es wirr aber auch meine Zeit kommen; und habe ich Sie einmal fest gefaßt, dann hänge ich Sie an ein solches Ding (seine Uhrkette berührend). Ja, ja, mein gutes Püppchen, und im Herzen will ich Sie tragen, und dort soll mein Juwel gut verwahrt seyn.’ Bei diesen Worten hob er mich aus dem Wagen und während er Adelen heraussteigen half, trat ich ins Haus und eilte die Treppe hinauf. Wie ich es erwartete, ließ er mich Abends zu sich rufen. Ich hatte ihm eine Beschäftigung zugedacht, da ich nicht den ganzen Abend im Alleingespräche mit ihm zubringen wollte. Ich erinnerte mich seiner Stimme, ich wußte, daß er, wie alle guten Sänger, gerne sang. Wiewohl ich selbst nicht singen konnte und seinem unartigen Urtheile nach auch schlecht Piano spielte, so hörte ich doch der Uebung beider Talente mit außerordentlichem Vergnügen zu. Kaum war die Dämmerung, diese Zeit der Schwärmerei und Romantik eingetreten, als ich mich erhob, das Piano öffnete und ihn um des Himmels willen ersuchte, mir ein Lied zu singen. Er meinte, ich wäre eine launenhafte Here und er möchte es lieber ein anderes Mal thun; allein ich versicherte ihn, gerade der jetzige Augenblick sey hiezu der passendste. ‘Gefällt Ihnen meine Stimme?’ frug er. ‘Sehr,’ erwiederte ich. Ich liebte es nicht seine ohnedies leicht erregte Eitelkeit zu kitzeln; doch diesmal that ich es aus nahe liegenden Gründen und um meine Absicht zu erreichen. ‘Sie müssen mich doch auf dem Piano begleiten, Jane!’ ‘Ich will es versuchen, Sir.’ Ich begann zu spielen, er schob mich aber sogleich bei Seite und nannte mich eine kleine Pfuscherin. Das wollte mich entfernt hatte, nahm er meinen Platz ein und spielte und sang. Ich aber zog mich in eine Fensterbrüstung zurück und hörte ihn das nachstehende Lied zu einer sanften Melodie in Moll vortragen: Die tiefste Liebe, treu und fromm, Wie sie nur Menschenherzen fühlen, War es, die meine Brust beklomm, Und glühend, flammend sie durchströmte. Ihr Nahen war mir Wonnelust, Ihr Scheiden schuf mir bitt're Qualen, Und ängstlich hob sich meine Brust, Hielt sie ein Ungefähr zurücke. Dem Träumen jener Seligkeit, Geliebt zu werden, wie ich liebte, Hab' viele Nächte ich geweiht, Mit heller Glut im tiefsten Herzen. Doch fern, unwegsam war der Pfad, Der zwischen uns sich weit hin dehnte, Und trügerisch, wie ans Gestad' Der Brandung wilde Wogen schlagen. Unheimlich, gleich des Räubers Schlucht In dunklen Waldesfinsternissen, So lag des Mißgeschickes Wucht Gethürmet zwischen unsern Seelen. Doch hab' ich's kühnen Sinn's gewagt, Mich konnt' kein Hinderniß erschrecken, Und stürmisch, glutvoll, unverzagt, So jagte ich nach diesem Glücke. Der Liebe Regenbogenlicht Stieg auf am dunklen Firmamente: So Wunderbares sah ich nicht, Als dieses Kindes Zauberwesen. Nun scheinen durch die finst're Nacht Der Liebe sanfte, milde Strahlen; Steigt auch ein Sturm herauf mit Macht, Mich soll's mit Schrecken nicht erfüllen. In solchem süßen Augenblick, Wenn ich in sel'ger Wonne schwelge, Vergeß ich jedes Mißgeschick, Das mich verwundend treffen könnte. Mag übermüth'ger Feinde Macht Im Kampfe mich zu Boden werfen, Mag finstrer Haß, zur Wuth entfacht, Mir unversöhnlich Feindschaft schwören. Es legte ja die kleine Hand Die Liebste treugesinnt in, meine, Schlang so ein festes Liebesband Umkettend enger unsre Seelen. Es schwört ihr Kuß, ihr süßer Blick: Mit Dir will leben ich und sterben! — Nun bist Dn mein ersehntes Glück: Zu lieben und geliebt zu werden! Er stand auf und kam auf mich zu. Sein Gesicht glühte, sein Falkenauge blitzte und jeder seiner Züge drückte Zärtlichkeit und Leidenschaftlichkeit aus. Ich erzitterte augenblicklich, faßte mich jedoch bald wieder. Ich wollte jedem verliebten Auftritte, jeder leidenschaftlichen Erklärung ausweichen; beiden sah ich mich ausgesetzt und eine Waffe mußte vorbereitet werden. Ich spitzte meine Junge und als er zu mir heran trat, frug ich ihn etwas barsch, wen er nun zu heirathen gedenke? ‘In der That eine sonderbare Frage im Munde meiner herzlieben Jane.’ ‘Ich halte dieselbe für sehr natürlich und nothwendig. Sprachen Sie nicht davon, Ihre künftige Frau müsse mit Ihnen sterben? Was soll's mit dieser heidnischen Idee? Ich habe durchaus nicht die Absicht mit Ihnen zu sterben, ver- lassen Sie sich darauf.’ ‘Mein einziger Wunsch, meine größte Sehnsucht geht dahin, daß Sie mit mir leben. Ueber Sie hat der Tod keine Macht.’ ‘Warum nicht? Auch meine Zeit wird kommen; allein ich will sie ruhig abwarten und nicht wie eine indische Witwe lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrennen.’ ‘Vergeben Sie mir meine selbstsüchtige Idee und wollen Sie mir es mit einem Versöhnungskusse beweisen?’ ‘Nein, es ist wohl besser, wir lassen das.’ Darauf hörte ich mich ein ‘hartherziges Geschöpf’ schelten und die Behauptung aufstellen, ‘ein jedes andere Märchen wäre über solche ihr zu Ehren gedichtete Verse zerschmolzen.’ Ich versicherte ihm, ich wäre von Natur aus hart wie Stahl; er würde später noch oft Gelegenheit finden sich davon zu überzeugen. Auch wollte ich ihm noch andere Unebenheiten meines Charakters während der nächsten vier Wochen aufdecken, damit er noch bei Zeiten zurücktreten könnte. Er frug mich, ob ich im Stande sey, ruhig und vernünftig zu sprechen? ‘Ich bin ruhig, wenn Sie es wünschen,’ versetzte ich, ‘und was das vernünftige Sprechen anbelangt, so schmeichle ich mir, daß ich dies gerade jetzt thue.’ Zischend und sprudelnd vor Aerger fuhr er im Zimmer umher. ‘Recht so,’ dachte ich, ‘ärgere Dich so viel Du willst. Es bleibt dies doch der beste Plan Dir gegenüber. Ich liebe Dich unaussprechlich, allein ich will nicht in langweilige Empfindsamkeit verfallen. Mit meinen geharnischten Antworten halte ich Dich überdies vom Rande des Abgrundes entfernt, der am Ende unser beiderseitiges Glück verschlingen könnte.’ Nach und nach brachte ich ihn in eine beträchtliche Wuth, und als er sich in seinem Ingrimm an das entgegengesetzte Ende der Stube zurückgezogen hatte, stand ich auf, sagte ihm in meiner gewöhnlichen respectvollen Weise eine ‘Gute Nacht, Sir!’ und schlüpfte bei einer Seitenthüre hinaus. Dieses System befolgte ich durch die ganze Probezeit und zwar mit dem besten Erfolge. Mr. Rochester war zwar boshaft und barsch; doch ich sah, daß er sich im Ganzen genommen sehr gut unterhielt, und wußte, daß eine lammfromme Unterwürfigkeit und eine taubengleiche Empfindsamkeit seinem Verstande, seinem Geschmacke weit weniger zugesagt hätten. In anderer Leute Gegenwart war ich wie früher unterwürfig und schweigsam, da ein jedes andere Betragen nicht am Platze gewesen wäre. Nur in unseren allabendlichen Zusammenkünften erlaubte ich mir ihn zu quälen und zu necken. Alle Tage, ohne Ausnahme, ließ er mich Punkt sieben Uhr rufen; doch hatte er zu meiner Bewillkommnung nicht wie früher die süßen Worte ‘Herzchen,’ ‘theuere Seele’ auf den Lippen: seine freundlichsten Benennungen waren ‘häßliche Puppe,’ ‘boshafte Fee,’ ‘Gespenst,’ ‘Wechselbalg’ u. s. w. Statt mich zu liebkosen zog er mir Gesichter, statt mir die Hand zu drücken kneipte er mich in den Arm, statt mich zu küssen zwickte er mich ins Ohr. Mir war das recht; für den Augenblick zog ich diese zweideutigen Gunstbezeigungen auf jeden Fall seinen Zärtlichkeiten vor. Mrs. Fairfax schien mit mir zufrieden zu seyn und ihre Aengstlichkeit rücksichtlich meiner verschwand; daraus sah ich, daß mein Betragen das richtige war. Inzwischen behauptete Mr. Rochester, ich ärgere ihn zu einem Gerippe herunter und schwor mir die schrecklichste Rache. Ich lachte mir bei seinen Drohungen ins Fäustchen. ‘Kann ich Dich jett gehörig in Schach halten,’ dachte ich mir, ‘und wird es mir späterhin auch noch möglich seyn? Hilft das eine Mittel nicht mehr, macht man ein anderes ausfindig.’ Trotzdem war aber meine Aufgabe keine leichte: weit öfter fühlte ich mich geneigt ihn an mich zu ziehen, statt von mir abzustoßen. Mein künftiger Gemal war nun meine Welt, mein Himmel auf Erden. Er stand zwischen mir un einem jeden religiösen Gedanken, wie eine Finsterniß zwischen Sonne und Erde tritt. In jenen Tagen sah ich vor dem Geschöpfe, das ich wie einen Götzen anbetete, Gott, seinen Schöpfer, nicht. Fünfundzwanzigstes Capitel. Die Zeit meines Brautstandes hatte ihr Ende erreicht, und ihre letzten Stunden waren gezählt. An ein Hinausschieben des Trauungstages war nicht mehr zu denken und alle Vorbereitungen bereits getroffen. Ich wenigstens hatte nichts mehr zu thun: meine Koffer waren gepackt, verschlossen und in einer Reihe aufgestellt. Morgen um diese Zeit waren sie schon weit auf dem Wege nach London und ich desgleichen, oder vielmehr nicht ich, sondern eine gewisse Jane Rochester, eine mir unbekannte Person. Nur die Adressen hatte ich noch aufzukleben; sie lagen in vier Exemplaren auf meiner Commode. Mr. Rochester hatte selbst die Worte: ‘Mrs. Rochester, *** Hotel London,’ darauf geschrieben, allein ich konnte mich nicht entschließen sie auf die Koffer zu befestigen. Mrs. Rochester! Eine solche gab es ja gar nicht; die sollte erst morgen nach acht Uhr Früh auf die Welt kommen und ich wollte erst ihre wirkliche Ankunft erleben, bevor ich sie in den Besitz ihres Eigenthums einsetzte. Genug daran, daß in jenem Closett, gegenüber von meinem Ankleidetische, Kleider, die, wie man behauptete, ihr gehörten, meinen schwarzen Rock und meinen Lowooder Strohhut verdrängt hatten; denn jener Brautanzug, das perlgraue Seidenkleid, der kostbare Schleier waren nicht mein Eigenthum. Ich schloß das Closett, um das unheimliche Gewand aus den Augen zu bekommen; welches in der späten Abendstunde — es war neun Uhr — gespenstisch in meine Stube herüberschimmerte. ‘Ich will dich mit dir allein lassen, blasser Traum,’ sagte ich. ‘Ich bin fieberhaft erregt, ich höre den Wind durch die Lüfte sausen, ich will hinausgehen und mich in der frischen Luft abkühlen.’ Es war nicht blos die Eile bei meinen Reisevorbereitungen, nicht nur das Vorgefühl des großen Wechsels — des neuen Lebens, das für mich mit dem kommenden Tage beginnen sollte, was mich so sehr aufregte: wohl trugen beide Umstände viel dazu bei, mich in jene rathlose Stimmung zu versetzen, die mich zwang das Freie zu suchen; allein noch eine dritte Ursache übte auf mein Gemüth einen bei weitem mächtigeren Einfluß aus. Ein sonderbarer, ängstlicher Gedanke drückte mich nieder. Etwas hatte sich die vergangene Nacht zugetragen, das ich nicht begreifen konnte; Niemand wußte von dem Ereignisse und hatte es gesehen, als ich selbst. Mr. Rochester war vom Hause abwesend und noch jetzt nicht zurückgekehrt; eine Geschäftsangelegenheit, die er vor seiner Abreise nach dem festen Lande persönlich abthun mußte, hatte ihn nach einem kleinen Landgute, das er dreißig Meilen von Thornfield besaß, abgerufen. Ich sah nun seiner Ankunft entgegen, voll Begierde, ihm den sonderbaren Vorfall mitzutheilen und von ihm die Lösung des Räthsels zu verlangen, das mich verwirrte. Um dem heftigen Südwinde zu entgehen, der bei all seiner Stärke und langen Dauer keinen Tropfen Regen mitgebracht hatte, begab ich mich in den Obstgarten. Anstatt sich bei einbrechender Nacht zu legen, schien der Sturm nur noch wilder rasen zu wollen, die Bäume krachten und große Wolkenmassen rollten, vom Winde gejagt, durch den Himmelsraum. Kein einziges blaues Fleckchen war den Tag über am Firmamente sichtbar gewesen. Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen lief ich vor dem Winde her, der, ein Abbild meines sturmgepeitschten Gemüthes, meine innere Unruhe zu theilen schien. Am Ende des mit Lorbeerbüschen eingefaßten Spazirweges angelangt, erblickte ich den zersplitterten Stamm des wilden Kastanienbaumes; der gespaltene Rumpf schimmerte mir geisterhaft entgegen. Die beiden Hälften wurden noch durch den starken Untertheil und durch die Wurzeln zusammengehalten, doch war der Kreislauf der Säfte unterbrochen und der Baum abgestorben; die Aeste an beiden Seiten hingen verdorrt zur Erde und der nächste Sturm mußte das Werk der Zerstörung vollenden. Bis dahin war der Baum wohl eine Ruine, aber keine ganze Ruine. ‘Ihr hattet Recht, fest an einander zu halten,’ sagte ich, als wären die Riesensplitter lebende Wesen und könnten mich hören. ‘Ich denke, ihr habt doch noch Leben in euch, wiewohl ihr zerschunden, verwittert und abgestorben ausseht, denn noch hält Euch die gemeinsame Wurzel zusammen. Wohl wird euch nie mehr grünes Laub schmücken, und die Vögeln nie wieder in euren Zweigen singen, aber ihr seyd nicht getrennt und ihr könnt einander trösten in eurem Unglücke. Als ich noch einmal nach dem Baumstumpfe blickte, schien der Mond gerade durch die Spalte zwischen den zwei Splittern hindurch: er sah blutroth und unrein aus, schien mir einen trostlosen, düsteren Blick zuzuwerfen und verschwand sofort wieder hinter den Wolken. Für einen Augenblick trat um Thornfield herum Windstille ein, aber weit über Wäldern und Gewässern heulte ein wilder schauerlicher Windstoß; er erfüllte mich mit Traurigkeit und ich setzte meinen einsamen Spazirgang fort. Ich streifte im Garten herum und hob die abgefallenen sonderte ich die reifen von den unreifen und trug sie ins Aepfel auf, die in Menge auf dem Boden herumlagen; dann Haus in die Vorrathskammer. Darauf begab ich mich ins Bibliothekzimmer, um zu sehen ob das Feuer brenne, denn auch im Sommer liebte es Mr. Rochester, besonders an stürmischen Abenden, bei seiner Nachhausekunft ein lustiges Feuer im Camine zu finden. Das Feuer war schon längere Zeit angemacht und brannte ganz hell. Ich stellte seinen Armstuhl in die Caminecke und rückte den Tisch in die Nähe; auch ließ ich den Vorhang herunter und stellte die Kerzen bereit. Mit diesen Vorkehrungen fertig, konnte ich keine Minute ruhig sitzen und rastloser denn je, war es mir kaum möglich im Hause zu bleiben. Die kleine Uhr im Zimmer und die große Wanduhr in der Halle schlugen zehn Uhr. ‘Wie spät es schon ist!’ rief ich. ‘Ich will zum Hofthor hinunter laufen; zuweilen ist es mondhell und ich kann von dort aus einen Theil der Straße übersehen. Nun kommt er doch wohl bald und wenn ich ihm entgegen gehe, gewinne ich wenigstens einige Minuten.’ Der Wind strich durch die hohen Wipfel der Bäume am Gitterthore und der Mond schimmerte wieder auf eine Weile durch das dunkle Gewölk, aber so weit ich die Straße auf und ab sehen konnte, war Alles öde und still. Eine kindische Thräne trat mir ins Auge, während ich hinausblickte, eine Thräne der Ungeduld und getäuschten Hoffnung; ich schämte mich und trocknete sie ab. Noch immer wartete ich am Thore; der Mond hatte sich wieder hinter seinen Wolkenvorhang zurückgezogen und tiefe Finsterniß decke die Gegend. Mittlerweile hatte es auch zu regnen angefangen. ‘Ich wollte er käme, ich wollte er käme!’ rief ich von trüben Ahnungen gequält in die Nacht hinaus. Er hatte versprochen zur Theezeit wieder zurück zu seyn, und nun war es schon so spät! Was hielt ihn ab? Das Ereigniß der letzten Nacht trat mir wieder vor die Seele, ich legte es als ein Anzeichen kommenden Unglückes aus. Meine, Aussichten schienen mir zu glänzend, als daß sie sich verwirklichen sollten, und ich war in der letzten Zeit so glücklich gewesen, daß ich mir einbildete, mein Glück habe nun seinen höchsten Gipfelpunkt erreicht und müsse ins Gegentheil umschlagen. ‘Ich kann nicht ins Haus zurück,’ dachte ich im Stillen; ‘ich kann nicht beim warmen Feuer sitzen, während er im Ungewitter unterwegs ist. Besser, meine Glieder ermüden, als mein Herz verblutet. ich will ihm ein Stück Weges entgegen gehen.’ Ich schritt aus und lief schnell, aber nicht weit. Kaum hatte ich eine Viertelmeile zurückgelegt, als ich auch schon den Hufschlag eines Pferdes hörte; ein Reiter kam in vollem Galopp angesprengt, ein Hund sprang neben ihm her. Fort waren alle bösen Ahnungen; er war es, auf seinem Rappen Mesrur, gefolgt von seinem treuen Pilot. Er sah mich, denn der Mond glänzte eben wieder durch die Wolken, und schwenkte seinen Hut. Ich rannte auf ihn zu. ‘Da seht einmal!’ rief er, sich herunterneigend und mir seine Hand entgegenhaltend. ‘Sie können nicht ohne mich seyn, das ist klar. Treten Sie auf meine Fußspitze, reichen Sie mir beide Hände, und nun herauf mit Ihnen.’ Ich gehorchte, die Freue machte mich gelenkig und rasch schwang ich mich auf's Pferd. Ein herzlicher Kuß bewillkommte mich, nebst einigen Ausdrücken seines Entzückens, die ich so gut es ging mitnahm. ‘Doch was ist geschehen, Jane,’ frug er, nachdem der erste Freudenrausch zu Ende war, ‘was gibt's, daß Sie mir zu dieser späten Stunde entgegen gelaufen kommen? Ist denn irgend etwas vorgefallen?’ ‘Durchaus nichts; allein ich dachte Sie kämen gar nicht wieder. Ich konnte es im Hause nicht länger aushalten, besonders bei diesem Regen und diesem Winde.’ ‘Regen und Wind ! Richtig, Sie sind ja so naß wie eine Wassernixe. Wickeln Sie sich in meinen Mantel ein. Aber Sie scheinen Fieber zu haben, Ihre Wangen und Ihre Hände brennen ja wie Feuer. Ich frage Sie noch einmal, ist etwas geschehen?’ ‘Nichts, nichts! Ich bin weder ängstlich noch unglücklich.’ ‘Vielleicht waren Sie es?’ ‘Möglich, doch will ich Ihnen das im Vorbeigehen erzählen, und Sie werden mich wohl auslachen, denke ich.’ ‘Wenn der morgige Tag zu Ende ist, will ich vom Herzen gerne lachen; früher wage ich es nicht, ich muß erst meinen Schatz gehoben haben. Dieser Schatz sind Sie, die Sie den ganzen Monat hindurch schlüpfrig wie ein Aal und dornig wie eine Hagerose waren. Ich konnte Sie nirgends anfassen, ohne mich zu stechen, und nun glaube ich ein verirrtes Lamm in den Armen zu halten. Sie verließen die Hürde, um Ihren Schäfer aufzusuchen, nicht wahr, Jane?’ ‘Ich sehnte mich nach Ihnen, aber prahlen Sie nicht damit. Wir sind angelangt; lassen Sie mich nun hinunter.’ Er setzte mich vor dem Hause ab. Während ihm John das Pferd abnahm, und er mir in die Halle folgte, bat er mich, mich schnell umzukleiden und zu ihm ins Bibliothekzimmer zu kommen. Dann hielt er mich an der Treppe noch einmal an, und erpreßte mir die Betheurung, ihn nicht lange warten zu lassen. Ich hielt Wort; fünf Minuten später trat ich in sein Gemach. Ich fand ihn beim Nachtessen. ‘Setzen Sie sich und leisten Sie mir Gesellschaft. Gott gebe, dßz es das vorletzte Mahl ist, das Sie für eine geraume Zeit in Thornfield einnehmen.’ Ich setzte mich zu ihm, bemerkte jedoch, ich könne nichts essen. ‘Ist es etwa deshalb, weil Sie eine Reise vorhaben? Ist es der Gedanke an London, der Ihnen den Appetit benimmt?’ ‘Heute Abend kann ich nicht klar in die Zukunft sehen, Sir, und kaum weiß ich, was ich für Gedanken im Kopfe habe. Das ganze Leben scheint mir ein Traumbild zu seyn.’ ‘Mich ausgenommen, ich bin substantiös genug,— greifen Sie mich an.’ ‘Gerade Sie kommen mir am gespensterhaftesten vor; Sie sind ein bloßes Schattenbild.’ Lachend hielt er mir seine Hand hin. ‘Ist das ein Schatten?’ frug er, mir sie dicht vor die Augen rückend. Seine Hand war fleischig, musculös und kräftig, sein Arm land und sehnig. ‘Gewiß ist’s ein Schatten, wiewohl ich Ihren Arm berühre,’ sagte ich, seine Hand von meinem Gesichte zurückdrängend. ‘Sind Sie mit dem Nachtessen fertig, Sir?’ ‘Ja, liebe Jane.’ Ich klingelte und ließ den Tisch abdecken. Als wir wieder allein waren, stierte er das Feuer auf, und ich setzte mich auf einen Schemmel, zu meines Gebieters Füßen. ‘Es ist nahe um Mitternacht,’ sagte ich. ‘Wohl! doch erinnern Sie sich, Jane, daß Sie mir versprachen, die Nacht vor meiner Vermälung mit mir wach zu bleiben.’ ‘Ich weiß es, und will mein Versprechen wenigstens für eine oder zwei Stunden halten, da ich keine Lust verspüre schlafen zu gehen.’ ‘Sind Sie mit allen Ihren Vorbereitungen fertig?’ ‘Mit allen.’ ‘Auch ich bin ganz reisefertig,’ versetzte er. ‘Ich habe Alles in Ordnung gebracht, und wir verlassen morgen Thornfield eine halbe Stunde nach der Trauung.’ ‘Mit welch’ sonderbarem Lächeln Sie dieses ‘ganz wohl’ ausgesprochen, Jane! Und die rothen Flecke, die Sie auf Ihren Wangen haben! Und wie unheimlich Ihre Augen glänzen! Sind Sie wohl?’ ‘Ich glaube es.’ ‘Sie glauben es! Was soll das? — Sagen Sie mir was Sie fühlen.’ ‘Es wäre mir unmöglich; Worte vermöchten es nicht zu beschreiben. Ich wollte blos, die jetzige Stunde währte ewig; wer weiß was uns die nächste bringt!’ ‘Das ist kindische Schwarzseherei. Entweder sind Sie zu aufgeregt oder zu sehr ermüdet.’ ‘Sind Sie ruhig und glücklich?’ ‘Ruhig? — nein, aber glücklich, so glücklich als es nur mein Herz fassen kann.’ Ich blickte zu ihm auf, um den Ausdruck des Glückes in seinen Zügen zu lesen. Dunkle Glut deckte sein Gesicht. ‘Schenken Sie mir Ihr Vertrauen,’ sagte er; ‘befreien Sie Ihr Gemüth von jedweder Last, die es drückt, und theilen Sie mir Ihren Kummer mit. Was fürchten Sie? — Glauben Sie vielleicht ich werde sein guter Ehemann seyn?’ ‘Der Gedanke kömmt mir gar nicht in den Sinn.’ ‘Schrecken Sie vor der neuen Sphäre, vor dem neuen Leben zurück, in das Sie jetzt treten sollen?’ ‘Nein.’ ‘Sie machen mich verwirrt, Jane; Ihr kummervoller Blick, der schmerzliche Ton Ihrer Stimme brechen mir das Herz. Ich wünsche eine Aufklärung.’ ‘Nun gut, hören Sie also. Sie waren die vergangene Nacht vom Hause abwesend.’ ‘Wohl, und vor einer Weile machten Sie eine Anspielung auf irgend ein Ereigniß, das sich in der Zwischenzeit zutrug. Es hat gewiß nicht viel zu bedeuten, aber es erschreckte Sie vielleicht. Lassen Sie hören. Hat Ihnen Mrs. Fairfax etwas gesagt, oder haben Sie die Dienstleute etwas reden hören, was Ihr empfindliches Selbstgefühl verletzte?’ ‘Nein, Sir.’ Es schlug zwölf Uhr; ich wartete den letzten Schlag ab und fuhr dann fort. ‘Den ganzen Tag über war ich gestern geschäftig und fühlte mich in diesem endlosen Tummel ganz glücklich. Denn ich fürchte mich nicht, wie Sie es zu glauben scheinen, vor meiner neuen Sphäre und dergleichen; ich freue mich im Gegentheile darauf mit Ihnen leben zu können, weil ich Sie liebe. Liebkosen Sie mich nicht, und lassen Sie mich reden. — Noch gestern hatte ich volles Vertrauen in die Vorsehung und dachte, es träfe Alles zusammen, um unser beiderseitiges Wohl zu begründen. Es war ein schöner Tag, wie Sie wissen, und Ihre Reise schien vom besten Wetter begleitet zu werden. Nach der Theezeit ging ich eine Weile vor dem Hause spazieren und dachte an Sie und stellte mir Ihre Gestalt so lebhaft vor, daß ich Ihre Abwesenheit kaum gewahr wurde. Ich dachte an das Leben, das vor mir lag — an Ihr Leben, Sir — ein ausgedehntes und stürmischeres Daseyn als das meine, um so viel mehr, als die Tiefe der See, in die der Bach fließt, mit dessen eigenem seichten Wasser verglichen beträgt. Ich konnte nicht begreifen, warum Sittenprediger diese Welt eine trostlose Wüste nennen, denn mir kam sie blühend wie ein Rosengarten vor. Nach Sonnenuntergang wurde es kühl und der Himmel trübte sich; ich trat ins Haus. Sophie rief mich hinauf, meinen Brautanzug zu besehen, der gerade gebracht worden war, und darunter fand ich in einer Schachtel, Ihr Geschenk, den Schleier, den Sie mir in Ihrer fürstlichen Prachtliebe, wahrscheinlich als einen Ersatz für die verschmähten Juwelen, hatten von London kommen lassen. Ich lächelte, als ich ihn auseinanderlegte, und dachte darüber nach, wie ich Sie wegen Ihres aristokratischen Geschmackes und Ihrer Bemühung, Ihre plebejische Braut als eine Gräfin zu maskiren, ausschmählen wollte. Ich dachte daran, wie ich Ihnen meinen eigenen einfachen Schleier ohne Spitzenbesetz vorlegen und Sie fragen wollte, ob nicht ein solcher Kopfputz für ein Mädchen gut genug sey, das ihrem Gatten weder Vermögen, noch Schönheit, noch einflußreiche Verbindungen zubringe. Ich konnte mir im Voraus Ihr Gesicht vorstellen und hörte ordentlich Ihre republikanischen Antworten und Ihre Versicherung, Sie hätten weder nöthig Ihren Reichthum zu vermehren, noch Ihre Stellung mit einer höheren zu vertauschen.’ ‘Wie gut Sie mich kennen, Sie kleine Zauberin!’ unterbrach mich Mr. Rochester. ‘Doch was fanden Sie sonst noch nebst der Stickerei in dem Schleier? fanden Sie Gift oder einen Dolch, daß Sie jetzt so traurig sind?’ ‘Nein. Außer der kostbaren Arbeit fand ich höchstens noch Fairfax-Rochester's Stolz darin und das drückte mich nicht nieder, da ich an den Anblick dieses Dämons schon gewöhnt bin. Aber als es finster wurde. erhob sich der Wind und blies, nicht wie jetzt, laut und stürmisch, sondern leise und ächzend, was weit schauerlicher klang. Ich wünschte Sie wären zu Hause; ich trat in dieses Gemach und der Anblick des leeren Armstuhls und des ungeheizten Camins stimmte mich traurig. Kurze Zeit darauf ging ich zu Bette, aber ich konnte nicht schlafen; ein ängstliches, fürchtsames Gefühl hielt mich wach. Der Wind schien einen andern Laut in den Hintergrund zu drängen; ob dieser letztere aus dem Hause selbst oder aus der Ferne kam, konnte ich nicht unterscheiden, aber endlich glaubte ich das ferne Heulen eines Hundes zu erkennen. Ich war froh, als das Gebelle endlich nachließ, und schlief ein. Doch auch im Traume verfolgte mich die Idee einer finstern, gefahrvollen Nacht und bei dem Wunsche, mit Ihnen zu seyn, bemächtigte sich meiner ein Gefühl, als trennte uns eine unübersteigliche Scheidewand. Während meines ersten Schlummers träumte ich von einer geschlängelten, mir gänzlich unbekannten Straße, die ich in tiefster Finsterniß und im heftigsten Regen verfolgte. Ein kleines Kind, das weder gehen noch stehen konnte und vor Kälte zitterte, trug ich in meinen erstarrten Armen; es weinte unaufhörlich. Es war als hätten Sie auf derselben Straße einen sehr großen Vorsprung vor mir und ich strengte mich aufs Aeußerste an, Sie einzuholen; auch wollte ich Sie beim Namen rufen und Sie bitten, auf mich zu warten, allein ich konnte den Mund nicht aufthun und ebenso wenig vom Flecke kommen, indeß Sie sich immer weiter und weiter von mir entfernten.’ ‘Und diese Träume lasten noch jetzt auf Ihrem Gemüte, Jane, da ich Ihnen ganz nahe bin ? Vergessen Sie den geträumten Schmerz und genießen Sie die angenehme Wirklichkeit. Sie sagen, Sie lieben mich und diese Worte wenigstens können Sie über die Lippen bringen. Ich hörte sie klar und deutlich, Sie sagten: ‘Sie freuten sich, mit mir leben zu können, weil Sie mich liebten.’ Ist das wahr, Jane, lieben Sie mich wirklich? Sagen Sie es noch einmal.’ ‘Ich liebe Sie von ganzem Herzen.’ ‘Es ist sonderbar,’ sagte er nach einer Pause, ‘allein Ihre Worte fuhren mir wir ein Dolchstich durch die Brust. Warum? Vielleicht weil Sie sie mit einem so feierlichen Tone aussprachen und mit einem Blicke voll Wahrheit, Treue und Innigkeit zu mir empor sahen. Ich dachte einen Geist vor mir zu haben. Machen Sie ein schlimmes Gesicht, Jane, nie Sie es so gut verstehen; lächeln Sie schelmisch, schlau und boshaft, sagen Sie, Sie hassen mich; ärgern und quälen, aber rühren Sie mich nur nicht.’ Ich will lieber ärgerlich als traurig seyn. ‘Ich werde Sie nach Herzenslust quälen, sobald ich mit meiner Erzählung fertig bin. Hören Sie nun weiter!’ ‘Ich meinte, Sie wären schon zu Ende und der Grund Ihrer Melancholie sey in jenem Traume zu suchen.’ Ich schüttelte den Kopf. ‘Also eine Fortsetzung? Hoffentlich wird es nichts Wichtiges seyn. Uebrigens versichere ich Ihnen im Voraus, daß ich sehr ungläubig bin. Fahren Sie fort.’ Die Unruhe in seinem Gesichte, die furchtsame Ungeduld in seinen Bewegungen überraschten mich, doch entsprach ich seinem Begehren. ‘Ich hatte noch einen zweiten Traum, Sir: Thornfield war eine Ruine und der Zufluchtsort der Nachteulen und Fledermäuse. Vom ganzen stattlichen Gebäude standen nur noch die Mauern aufrecht und auch sie hatten Risse. Im Mondscheine wanderte ich durch den mit Gras bewachsenen Hofraum, stieß hier auf einen marmornen Caminmantel, dort auf ein Stück Gesimse. In ein großes Tuch gehüllt, hatte ich noch immer das unbekannte kleine Kind im Arme; obwohl mich seine Schwere im Gehen hinderte, mußte ich es dennoch tragen. In weiter Entfernung hörte ich den Galopp eines Pferdes auf der Fahrstraße. Ich wußte, daß Sie es wären und auf viele Jahre nach einem fernen Lande verreisten. Mit wahnsinniger Hast suchte ich die morsche Mauer zu erklettern, um Sie von oben, wenn auch nur im Fluge, sehen zu können; allein die Steine rollten unter meinen Füßen weg, die Epheuranken, an denen ich mich fest hielt, gaben nach, das erschreckte Kind umklammerte meinen Hals, als wollte es mich erwürgen — endlich hatte ich mein Ziel erreicht. Ich sah Sie wie einen dunklen Fleck auf dem weißen Grunde der Fahrstraße; mit jedem Augenblicke wurde Ihre Gestalt kleiner. Der Wind blies so heftig, daß ich nicht länger auf der Mauer stehen konnte. Ich setzte mich auf der schmalen Fläche nieder, brachte das weinende Kind zum Schweigen und sah Sie hinter einem Hügel verschwinden. Als ich mich vorwärts bog, um Sie noch ein letztes Mal zu sehen, stürzte die Mauer ein, ich erbebte, verlor das Kind aus den Armen, fiel zu Boden und — erwachte.’ ‘Und das ist Alles, Jane?’ ‘Die Einleitung, Sir; die eigentliche Erzählung kommt erst. Als ich erwachte, blendete mich ein heller Schein. ‘Das Tageslicht,’ dachte ich; aber ich irrte, denn es war ein Kerzenlicht. Ich glaubte, Sophie sey in die Stube getreten. Das Licht stand am Ankleidetisch und das Gloset, welches meinen Brautanzug enthielt, war offen: ich hörte darin rascheln. ‘Sophie!’ rief ich, ‘was machen Sie dort?’ Niemand antwortete, allein eine Gestalt trat heraus, faßte das Licht, hielt es in die Höhe und betrachtete den an der Wand hängenden Anzug. ‘Sophie! Sophie!’ rief ich wieder und wieder blieb ich ohne Antwort. Ich war im Bette aufgestanden und sah nun um mich. Ueberraschung und Schrecken bemächtigten sich meiner und das Blut stockte in meinen Adern. Die Person war weder Sophie, noch Leah, noch Mrs. Fairfax, noch — ich sah es zu deutlich und bin noch jetzt fest davon überzeugt — noch jenes sonderbare Weib, Grace Poole. Es muß aber doch Eine von ihnen gewesen seyn,’ fiel mir Mr. Rochester in die Rede. ‘Nein, Sir! Ich kann es feierlich beschwören. Die Gestalt, die vor mir stand, war mir innerhalb dieser vier Mauern noch nie zu Gesicht gekommen, ich sah sie zum ersten Mal.’ ‘Können Sie sie beschreiben?’ ‘Es war ein großes starkes Weib mit dichten schwarzen, über die Schultern herabhängenden Haaren. Ich weiß nicht welchen Anzug sie anhatte; er war weiß und ohne Falten, ob ein Rock, ein Bettuch oder ein Sterbekleid, das kann ich unmöglich sagen.’ ‘Sahen Sie sie im Gesichte?’ ‘Anfangs nicht. Doch alsbald nahm sie meinen Schleier herunter, hielt ihn in die Höhe, sah ihn lange an, wickelte ihn dann um ihr Haupt und beschaute sich im Spiegel. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich den Reflex ihrer Gesichtszüge ganz deutlich auf der glatten Glasfläche.’ ‘Wie erschienen sie Ihnen?’ ‘O, fürchterlich und gespenstisch! In meinem Leben sah ich kein solches Gesicht! Es war wild und entstellt und ich wollte, ich könnte das Rollen der rothen Augen und den Ausdruck der schwarzen aufgedunsenen Züge vergessen.’ ‘Die Gespenster pflegen in der Regel weiß zu seyn, Jane.’ ‘Das hier war halb schwarz, halb purpurroth. Die Lippen waren geschwollen, fast blau, die Stirne gerunzelt, die schwarzen Augenbrauen zogen sich hoch über die mit Blut unterlaufenen Augen. Soll ich Ihnen sagen, woran mich die Erscheinung mahnte?’ ‘Nun?’ ‘An das fürchterliche, in Deutschland bekannte Gespenst — den Vampyr.’ ‘Ha! — Was that das Ungeheuer?’ ‘Es nahm den Schleier von seinem unförmlichen Kopfe herab, zerriß ihn in zwei Stücke, warf die Fetzen auf den Boden und trat sie mit Füßen.’ ‘Und dann?’ ‘Dann schob es den Fenstervorhang zurück und blickte hinaus. Vielleicht bemerkte es, der Tag breche heran, denn es ergriff das Licht und bewegte sich nach der Thür zu. Hart an meinem Bett blieb die Gestalt stehen: ihr Feuerauge stierte mich an, sie hielt mir die Kerze ins Gesicht und löschte sie vor meinen Augen aus. Ich fühlte wie sie ihr fürchterliches Antlitz über mich bog und fiel bewußtlos zurück. Zum zweiten Male in meinem Leben waren mir vor Entsetzen die Sinne geschwunden.’ ‘Wer war bei Ihnen, als Sie wieder zu sich kamen?’ ‘Niemand, Sir; es war bereits Tag. Ich stand auf, wusch mir den Kopf und das Gesicht und trank ein großes Glas Wasser. Ich fühlte mich wohl etwas schwach, doch nicht krank und beschloß, meine Vision außer Ihnen Niemanden mitzutheilen. Und nun sagen Sie mir, Sir, wer war das Frauenzimmer?’ ‘Die Ausgeburt einer erhitzten Phantasie. Ich muß Acht auf Sie geben, mein theures Herz; Nerven wie die Ihrigen wollen zart behandelt seyn.’ ‘Verlassen Sie sich darauf, Sir, meine Nerven waren in bester Verfassung und der Vorfall war kein Traum, sondern ereignete sich wirklich.’ ‘Und Ihre frühern Träume waren wohl auch Wirklichkeit? Ist Thornfield eine Ruine? Bin ich von Ihnen durch unübersteigliche Hindernisse getrennt? Werde ich Sie ohne einen Kuß, ohne ein Abschiedswort verlassen?’ ‘Jetzt nicht.’ ‘Vielleicht bald, denken Sie? — Der Tag, der uns für immer an einander ketten soll, hat bereits begonnen und sobald wir einmal vereint sind, hören alle Schreckgespenster auf, dafür stehe ich Ihnen.’ ‘Schreckgespenster, Sir! Ich wollte es wäre so, da Sie nicht einmal im Stande sind, mir das Geheimniß jenes fürchterlichen Besuches aufzuklären.’ ‘Und eben weil ich es nicht aufklären kann, besteht es auch in der Wirklichkeit nicht.’ ‘So dachte ich auch, als ich heute früh aufstand. aber am Boden lag der Gegenstand, der all' meine Annahmen Lügen strafte, — der Schleier, von oben bis unten in zwei Hälften zerrissen.’ Ich sah Mr. Rochester blaß werden und schaudern. Seinen Arm um mich schlingend rief er aus: ‘Gott sey Dank, daß nur der Schleier darunter litt. — Oh, nur daran zu denken, was noch hätte geschehen können!’ Er athmete tief auf und drückte mich so fest an sich, daß ich mich kaum bewegen konnte. Nach einem kurzen Stillschweigen hob er munter an: ‘Nun, Jane, will ich Ihnen Alles erklären. Die Sache war halb Traum, halb Wirklichkeit; ein Weib kam ohne Zweifel in Ihre Stube, und dieses Weib war ganz gewiß — Grace Poole. Sie selbst nennen sie eine sonderbare Person und haben auch, nach Allem was Sie von ihr wissen, gerechte Ursache dazu. Was that sie mir, was Mason? In einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen bemerkten Sie ihr Eintreten und ihre Bewegungen; doch in Ihrer Aufregung, ich möchte sagen in Ihrem Fieberwahne, sahen Sie sie in einer Art Gespensteraufzug: das lange aufgelöste Haar, das schwarz geschwollene Gesicht, die hohe Gestalt fügte Ihre Phantasie hinzu. Das schmähliche Zerreißen des Schleiers war Wirklichkeit und sieht ihr ganz gleich. Ich sehe, Sie wollen mich fragen, warum ich ein solches Weib im Hause behalte? Wenn wir Jahr und Tag verheirathet seyn werden, sollen Sie es wissen, doch jetzt nicht. Sind Sie befriedigt, Jane? Nehmen Sie meine Erklärung des Geheimnisses an?’ Ich dachte nach, und die Wahrheit zu sagen, erschien mir diese Lösung als die einzig mögliche. Ganz zufrieden gestellt war ich nicht, allein ihm zu Gefallen that ich, als ob ich es wäre, und da es mir wenigstens leichter ums Herz war, antwortete ich ihm mit einem zufriedenen Lächeln. Es war indessen ein Uhr geworden und ich dachte daran mich zurückzuziehen. ‘Schläft nicht Adele mit Sophien in der Kinderstube?’ frug er mich, indem er mir ein Licht anzündete. ‘Ja.’ ‘Und in Adelens Bette ist noch Platz genug für Sie. Sie müssen heute Nacht bei ihr schlafen, Jane; es wäre kein Wunder, wenn der erzählte Vorfall Ihre Nerven angegriffen hätte, und da möchte ich lieber, Sie schliefen nicht allein. Versprechen Sie mir, daß Sie in der Kinderstube schlafen wollen?’ ‘Sehr gerne.’ ‘Und schließen Sie die Thüre von innen zu. Wecken Sie Sophien, wenn Sie die Treppe hinaufgehen, unter dem Vorwande, Sie ersuchten sie, sie möchte Sie morgen bei Zeiten rufen, denn Sie müssen schon vor acht Uhr angezogen seyn und gefrühstückt haben. Und nun keine trüben Gedanken mehr, verscheuchen Sie jede Sorge, Jane. Höre: Sie nicht wie der Wind bis auf einen leisen Lufthauch verstummt ist und der Regen nicht mehr an die Fenster schlägt? Sehen Sie doch (er hob den Vorhang in diechöhes wie lieblich die Nacht ist.’ So war es auch. Der halbe Himmel war heiter und wolkenlos. Der Mond schien friedlich auf die Erde herab. ‘Nun,’ sagte Mr. Rochester, mich mit einem fragenden Blicke ansehend, ‘wie befindet sich jetzt meine theure Jane?’ ‘Die Nacht ist heiter, Sir, und auch ich bin es.’ ‘Und Sie werden diese Nacht weder von Trennung noch von Schmerzen träumen, sondern von glücklicher Liebe und von unserer baldigen Verbindung.’ Diese Vorhersagung ging nur halb in Erfüllung; ich hatte wohl keine düsteren, aber auch keine freundlichen Träume, denn ich schlief ganz und gar nicht. Die kleine Adela in meinen Armen machte ich meine Betrachtungen über den ruhigen, gesunden Schlaf der Kindheit und sah dem kommenden Tage entgegen: alle meine Lebensgeister waren in Aufregung und als sich die Sonne erhob, erhob auch ich mich. Noch erinnerte ich mich, wie fest sich Adela an mich anklammerte, wie ich sie küßte, während ich ihre kleinen Aermchen von mir losmachte, wie ich in sonderbarer Aufregung weinte und sie endlich verließ, weil ich befürchtete, mein Schluchzen könnte ihren Schlummer stören. Sie erschien mir das Spiegelbild meines vergangenen Lebens und er, mit dem ich mich nun verbinden sollte, als der gefürchtete und dennoch angebetete Lenker meiner unbekannten Zukunft. Ende des dritten Theiles. Sechsundzwanzigstes Capitel. Sophie erschien um sieben Uhr, mich anzukleiden. Sie machte sehr lange, so lange, daß Mr. Rochester, wahrscheinlich ungeduldig geworden, hinaufschickte und fragen ließ, warum ich noch nicht käme. Sie befestigte eben meinen Schleier (das einfache viereckige Stück Blonde) mit einer Broche und ich entschlüpfte ihren Händen so schnell als ich nur konnte. ‘Einen Augenblick!’ rief sie mir auf französisch zu. ‘Sehen Sie sich doch im Spiegel an, Sie vergessen ja ganz darauf.’ Ich wandte mich an der Thüre um und sah eine Gestalt in vollem Staate, die meinem schlichten Selbst so unähnlich war, daß ich mir ganz fremd vorkam. ‘Jane!’ rief eine Stimme und ich eilte hinunter. Mr. Rochester empfing mich am Fuße der Treppe. ‘Zauderin!’ rief er, sich brenne vor Ungeduld und Sie können so lange zögern!’ Er führte mich ins Speisezimmer, beaugenscheinigte mich von Kopf zu Fuß, erklärte, ich sey, schön wie eine Lilie und nicht blos der Stolz seines Daseyns, sondern auch die Wonne seiner Augen, und gab mir zehn Minuten Zeit, etwas zu frühstücken. Er klingelte — einer seiner neu aufgenommenen Diener erschien. ‘Macht John den Wagen zurecht?’ ‘Ja, Sir.’ ‘Ist das Gepäcke unten?’ ‘Eben wird es heruntergetragen.’ ‘Gehen Sie nach der Kirche, sehen Sie, ob Mr. Wood (der Geistliche) und der Notar dort sind.’ Die Kirche lag, wie sich der Leser erinnern wird, in der Nähe. Der Lakei kam bald wieder zurück. ‘Mr. Wood ist in der Sacristei, Sir, und zieht eben seinen Ornat an.’ ‘Und der Wagen?’ ‘Es wird eben eingespannt.’ ‘Zur Kirche brauchen wir ihn wohl nicht, aber sobald wir zurückkommen, muß Alles bereit, die Koffer aufgepackt und der Kutscher auf dem Bocke seyn.’ ‘Ganz wohl.’ ‘Jane, sind Sie fertig?’ Ich erhob mich. Weder Brautführer, noch Brautjungfern noch Anverwandte begleiteten den Zug, der aus mir und Mr. Rochester bestand. Mrs. Fairfax stand in der Halle, als wir durchgingen. Gerne hätte ich mit ihr gesprochen, doch ein eiserner Griff hielt mich fest; Mr. Rochester zog mich so rasch mit sich fort, daß ich ihm kaum folgen konnte und sein Gesicht sagte deutlich, er dulde keine Minute Aufenthalt. Ich möchte wissen, ob je andere Bräutigame so aussahen wie er in jenem Augenblicke, ob sie so erpicht, so entschlossen waren und ob ihre Augen solche Blitze schossen. Ich weiß wirklich nicht mehr, ob wir an dem Tage schönes oder garstiges Wetter hatten. Ich sah weder zum Himmel, noch zur Erde; mein Herz war in meinen Augen und die schienen sich in Mr. Rochester's Gestalt verkrochen zu haben. Ich wünschte das unsichtbare Wesen zu sehen, dem er, den Weg entlang, so wilde und grause Blicke zuwarf; ich wünschte die Gedanken zu wissen, gegen die er mit solcher Anstrengung anzukämpfen schien. Am Kirchhofpförtchen blieb er stehen, da er bemerkte, daß ich ganz außer Athem war. ‘Ich bin wohl grausam in meiner Liebe?’ sagte er. ‘Warten Sie ein Weilchen und stützen Sie sich auf mich.’ Noch jetzt sehe ich das alte Gotteshaus vor mir stehen, dessen Thurm eine Krähe umkreiste und über dem sich ein unfreundlicher Morgenhimmel wölbte. Auch einiger grünen Grabhügel erinnere ich mich und zwei fremder Männer, die zwischen ihnen herumgingen und die Aufschriften auf den wenigen Grabsteinen zu lesen schienen. Als sie uns erblickten, bogen sie um die Kirche herum und ich zweifelte nicht, daß sie die Absicht hatten, durch eine Seitenthüre hineinzutreten und der Feierlichkeit beizuwohnen. Mr. Rochester gewahrte sie nicht; er blickte mir forschend ins Gesicht, aus dem in diesem Augenblicke alles Blut gewichen war; meine Stirne wurde feucht und Mund und Wangen kalt. Als ich mich wieder erholt hatte, was bald der Fall war, führte er mich langsamen Schrittes dem Haupteingange zu. Wir traten in den stillen, bescheidenen Tempel. Der Priester erwartete uns im weißen Chorhemde am niedrigen Altare, der Notar stand neben ihm. Alles war ruhig; blos in einem fernen Winkel bewegten sich zwei dunkle Gestalten. Meine Vermuthung war richtig gewesen, die Fremden waren vor uns in die Kirche geschlüpft und standen nun an der Familiengruft der Rochester, uns den Rücken zukehrend und anscheinend den marmornen Sarkophag betrachtend, an dem ein knieender Engel die Ueberreste Damer's von Rochester bewachte, der zur Zeit des Bürgerkrieges bei Marston Moor gefallen war und neben seiner Gemalin Elisabeth ruhte. Wir nahmen am Atargeländer Platz. Einen leisen Schritt hinter mir hörend, sah ich mich um, und bemerkte den einen der Fremden, der sich zur Kanzel heranschlich. Die Ceremonie begann. Die Erklärung des Zweckes der Ehe war bald vorüber, worauf der Geistliche vortrat und sich leise zu Mr. Rochester neigend fortfuhr: ‘Ich fordere Euch hiermit Beide auf, mir, wie an jenem großen Tage des allgemeinen Gerichtes, wo sich die Geheimnisse aller Herzen erschließen werden, hiermit zu eröffnen, ob Euch irgend ein bei Euch obwaltendes Ehehinderniß bekannt ist, denn Ihr könnt versichert seyn, daß Alle diejenigen, die anders verbunden, als es Gottes Wort erlaubt, nicht mit Gottes Hilfe einander zugetraut sind, und daß ihre Ehe ungiltig ist.’ Er hielt inne, wie es gebräuchlich ist. Wann geschieht es wohl, daß diese Pause durch eine Einwendung unterbrochen wird? Kaum in hundert Jahren einmal, und der Geistliche, der von seinem Buche nicht aufgeblickt hatte, wollte eben fortfahren. Auf Mr. Rochester zeigend, war er gerade im Begriffe die übliche Frage zu stellen: ‘Willst Du diese Jungfrau zu deinem rechtmäßigen Weibe nehmen?’ — als eine deutliche Stimme ganz in der Nähe ausrief: ‘Die Trauung kann nicht vor sich gehen! ich erkläre hiermit das Vorhandenseyn eines Ehehindernisses.’ Der Geistliche sah den Sprecher an und verstummte; der Notar desgleichen. Mr. Rochester erzitterte leise, als hätte ein Erdbeben den Boden unter seinen Füßen zum Wanken gebracht; doch alsbald faßte er sich, und gebot, ohne sich umzusehen, mit fester Stimme: ‘Fahren Sie fort.’ Eine tiefe Stille trat nach diesen Worten ein, worauf sich der Geistliche, Mr. Wood, vernehmen ließ: ‘Ich kann nicht fortfahren, ohne die eben ausgesprochene Behauptung näher zu untersuchen!’ ‘Die Ceremonie hat ein Ende,’ versetzte dieselbe Stimme hinter uns. ‘Ich bin im Stande, das Vorhandenseyn eines unübersteiglichen Hindernisses darzuthun.’ Mr. Rochester hörte, aber beachtete diese Rede nicht. Steif und regungslos stand er da die einzige Bewegung, die er machte, bestand darin, daß er meine Hand erfaßte. Wie brannte sein Händedruck, wie sah seine breite Stirn so alabasterweiß aus! Wie ruhig, wie forschend und bei Allem dem wie wild waren seine Blicke! Mr. Wood war verlegen. ‘Von welcher Art ist dieses Hinderniß?’ frug er. ‘Vielleicht läßt es sich beseitigen.’ ‘Kaum,’ lautete die Antwort: ‘ich nannte es unübersteiglich, und ich weiß was ich sage.’ Der Fremde trat vor, lehnte sich ans Altargeländer, und sagte die nachstehenden Worte mit ruhiger, deutlicher, doch halblauter Stimme: ‘Das Hinderniß besteht einfach in dem Vorhandenseyn einer früheren Ehe, und Mr. Rochester's Gemalin ist noch am Leben.’ Meine Nerven erzitterten bei diesen leise gesprochenen Worten, wie sie noch nie bei dem lautesten Donnerschlage gezittert hatten; mein Blut erstarrte wie noch nie im heftigsten Froste; allein ich war gefaßt, und brauchte keine Ohnmacht zu fürchten. Ich sah Mr. Rochester an, er wandte sein Gesicht zu mir; es war kalt und regungslos wie Marmor, und sein Auge gläsern. Er widersprach nicht, er schien Allem trotzbieten zu wollen. Ohne zu sprechen, ohne eine Miene zu verziehen, augenscheinlich ohne mich für ein menschliches Wesen anzusehen, umschloß er mich mit dem einen Arme und drücke mich fester an sich. ‘Wer sind Sie?’ frug er den Eindringling. ‘Mein Name ist Briggs, ich bin ein Londoner Sachwalter.’ ‘Und Sie möchten mir gerne ein Weib aufschwatzen?’ ‘Ich wollte Sie blos an das Vorhandenseyn Ihrer Gemalin erinnern, Sir, die das Gesetz anerkennt, wenn auch Sie es nicht thun.’ ‘Erfreuen Sie mich mit näheren Angaben über ihren Namen, ihre Verwandten, ihren Aufenthaltsort.’ ‘Mit Vergnügen.’ Mr. Briggs zog ganz ruhig ein Papier aus der Tasche, dessen Inhalt er mit einer näselnden Advocatenstimme verlas: ‘Ich behaupte und kann den Beweis führen, daß am 20. October des Jahres *** Eduard Fairfax-Rochester von Thornfieldhall in der Grafschaft *** und von Ferndean Manor in ***shire in England, mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, Tochter Jonas Mason's, Kaufmanns, und seiner Frau Antoinette, in der ***kirche zu Spanishtown in Jamaica vermält wurde. Der Trauschein ist in jener Kirche hinterlegt und eine Abschrift hiervon in meinem Besitze. Gez. Richard Mason.’ ‘Dies mag beweisen, falls die Urkunde echt ist, daß ich verheirathet war; aber es beweist nicht, daß mein ebengenanntes Weib noch lebt.’ ‘Sie lebte noch vor drei Monaten,’ versetzte der Sachwalter. ‘Woher wissen Sie es?’ ‘Ich habe einen Zeugen dafür, dessen Zeugniß nicht einmal Sie werden umstoßen können.’ ‘Bringen Sie ihn her und gehen Sie zur Hölle.’ ‘Ich will ihn lieber vorführen, er ist ganz in der Nähe. Mr. Mason, haben Sie die Güte herzukommen.’ Bei Erwähnung dieses Namens knirschte Mr. Rochester mit den Zähnen und zitterte conculsivisch; ich fühlte wie diese krampfhafte Bewegung der Wuth oder der Verzweiflung durch seinen Körper lief. Der zweite Fremde, der bis nun im Hintergrunde gelauert hatte, trat näher, ein blasses Gesicht blickte hinter des Arvocaten Rücken hervor — richtig. es war Mr. Mason. Mr. Rochester wandte sich um und starrte ihn an. Sein Auge war, wie gesagt, schwarz, doch nun erglänzte es von einem blutrothen Schimmer; sein ganzes Gesicht schien Feuer zu speien und er erhob seinen Arm, als wollte er Mason zerschmettern, ihm durch einen tödtlichen Schlag die Seele aus dem Leibe treiben. Aber Mason wich mit einem Satze und einem schwachen Hilferuf antworten können. Noch einmal, was haben Sie mir zu aus. Eine tiefe Verachtung folgte Rochester's Zornesglut, und er frug ganz ruhig: ‘Was haben Sie mir zu sagen?’ Eine unhörbare Antwort kam über Mason's blasse Lippen. ‘Der Teufel hole Sie, wenn Sie nicht deutlicher antworten können. Noch einmal, was haben Sie mir zu sagen?’ ‘Sir — Sir —’ unterbrach ihn der Geistliche, ‘vergessen Sie nicht, daß Sie sich an einem geheiligten Orte befinden.’ Sich dann zu Mason wendend, frug er ihn sanft: ‘Können Sie sagen, ob die Gemalin dieses Herrn lebt oder nicht?’ ‘Muth!’ rief der Sachwalter, ‘sprechen Sie es aus.’ ‘Sie lebt nun in Thornfie!dhall,’ sagte Maion mit etwas mehr Fassung. ‘Ich sah sie noch am letzten April daselbst. Ich bin ihr Bruder.’ ‘In Thornfieldhall!’ versetzte voll Verwunderung der Geistliche. ‘Unmöglich! Ich lebe schon eine geraume Zeit in dieser Gegend, allein ich habe nie von dem Vorhandenseyn einer Mrs. Rochester auf Thornfieldhall gehört.’ Ein grimmiges Lächeln glitt über Mr. Rochester's Gesicht, während er murmelte: ‘Das glaube ich; bei Gott! ich trug Sorge, daß sie Niemand unter diesem Namen kennen lernte.’ Er dachte nach und schien durch zehn Minuten mit sich zu Rathe zu gehen. Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt und begann: ‘Genug, — es soll Alles auf einmal heraus, wie die Kugel aus dem Büchsenlauf. — Machen Sie Ihr Buch zu, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab, und Sie, Green (zu dem Notar gewendet), gehen Sie nach Hause. Es wird heute keine Trauung stattfinden.’ Der Notar gehorchte. Mr. Rochester fuhr in der angefangenen Ansprache barsch und rücksichtslos fort: ‘Zweiweiberei ist ein häßliches Wort, und doch wollte ich das Verbrechen begehen. Allein das Schicksal machte mir einen Strich durch die Rechnung vielleicht auch hielt mich die Vorsehung von dieser Sünde ab. Ich bin in diesem Augenblicke wenig besser, als der Teufel selbst und verdiene, wie mir mein Pastor dort sagen wird, die Strafe der ewigen Verdammniß und des höllischen Feuers. Meine Herren, mein Plan ist vereitelt, denn was diese beiden Leute behaupten, ist wahr: ich bin vermält und das Weib, dem ich angetraut wurde, lebt noch. Sie sagen, Sie hätten nie von einer Mrs. Rochester gehört, Wood; aber oft werden Sie der Sage von der geheimnißvollen Wahnsinnigen gelauscht haben, die in Thornfieldhall unter Schloß und Riegel verwahrt wird. Einige Leute behaupteten, es sey meine uneheliche Halbschwester, Andere hielten sie für meine verstoßene Geliebte und ich eröffne Ihnen nun, daß sie mein Weib ist, die ich vor fünfzehn Jahren ehelichte. — Bertha Mason, die Schwester dieser heldenmüthigen Versen, die blaß und am ganzen Körper zitternd hier steht und den Beweis liefert, was für ein Herz zuweilen ein Mann im Leibe haben kann. Muth gefaßt, Dick! Fürchten Sie sich nicht vor mir! Ich möchte eher ein Weib schlagen als Sie. Bertha Mason ist wa hnsinnig , sie stammt aus einer wahnsinnigen Familie, die seit drei Menschenaltern aus Blödsinnigen und Tollhäuslern besteht. Ihre Mutter, eine Creolin, war wahnsinnig und dem Trunke ergeben, — wie ich dies erst später erfuhr, nachdem ich schon mit der Tochter getraut war, denn vorher beobachteten sie über die Familiengeheimnisse ein kluges Stillschweigen. Bertha ahmte ihrer Mutter als ein braves Kind in beiden Punkten nach. Ich hatte eine liebenswürdige, keusche, bescheidene und kluge Gefährtin und Sie können sich vorstellen, was für ein glücklicher Gatte ich war. — Oh, ich erlebte herrliche Auftritte Ich machte heimliche Erfahrungen. nur Schade, daß Sie sie nicht kennen! Briggs, Wood, Mason — ich lade Euch Alle ein, zu mir ins Haus zu kommen, und Mrs. Pool's Patientin, meinem Weibe, einen Besuch abzustatten! — Ihr werdet sehen, mit was für einem Wesen man mich zusammen koppelte und mögt beurtheilen, ob ich nicht ein Recht hatte, die Fesseln brechen und anderwärts Mitgefühl oder wenigstens Menschlichkeit zu suchen. Dieses Märchen auf mich deutends wußte um das grause Geheimniß eben so wenig als Sie, lieber Wood; Sie dachte, es wäre Alles in der Ordnung und es fiel ihr nicht einmal im Traume ein, daß sie in eine ungesetzliche Verbindung mit einem unglücklichen Betrogenen verflochten werden sollte, der bereits an eine boshafte, wahnsinnige und verthierte Ehegenossin gefesselt ist! Und nun kommen Sie Alle mit!’ Mich noch immer festhaltend verließ er die Kirche; die drei Herren folgten nach. Am Haupteingange des Herrenhauses stand der Wagen in Bereitschaft. ‘Zurück damit in die Wagenremise, John,’ sagte Mr. Rochester kaltblütig, ‘wir werden den Wagen heute nicht brauchen.’ Beim Eintritte ins Haus kamen uns Mrs. Fairfax, Sophie, Leah und Adela entgegen, um uns zu begrüßen. ‘Rechts um!’ rief der Gebieter. ‘Fort mit euren Glückwünschen! Wer bedarf ihrer? Ich nicht, für mich kommen sie fünfzehn Jahre zu spät.’ Er schritt vorüber, stieg, mich an Arme, die Treppe hinan und winkte den Herren ihm zu folgen. Sie gehorchten. Wir erstiegen das dritte Stockwerk; Mr. Rochester's Hauptschlüssel öffnete die niedrige schwarze Thür und ließ uns in das mit Tapeten behangene Gemach mit der großen Bettstatt und dem Seitencabinete ein. ‘Sie kennen diesen Ort, Mason,’ sagte unser Führer, ‘sie zerfleischte Sie hier und stach nach Ihnen mit einem Messer.’ Die Tapeten an der einen Wand in die Höhe hebend, deckte er die geheime Thür auf, die er gleichfalls öffnete. In einem Gemache ohne Fenster brannte ein großes Feuer hinter einem hohen starken Gitter und von der Wölbung hing eine angezündete Lampe an einer starken Kette herab. Grace Poole stand am Feuer und war augenscheinlich damit beschäftigt. etwas in einer Pfanne zu kochen. Am äußersten Ende des Zimmers lief eine Gestalt unruhig auf und nieder. Was es war, ob ein Thier, ob ein menschliches Wesen, ließ sich beim ersten Anblicke nicht unterscheiden. Es kroch auf allen Vieren und bellte und heulte wie eine wilde Bestie, war aber angekleidet und hatte am Kopfe eine Menge dunkler, stellenweise ins Graue schillernder Haare, die zottig wie Mähnen herabwallten und Gesicht und Brust verhüllten. ‘Guten Morgen, Mrs. Poole,’ sagte Mr. Rochester. ‘Wie geht es Ihnen und was macht Ihre Pflegebefohlene?’ ‘Sie führt sich ziemlich gut auf, Sir,’ erwiederte Grace, das kochende Gebräu vorsichtig hinter das Eisengitter stellend. ‘Sie ist wohl etwas bissig, aber doch nicht toll.’ Ein wilder Schrei schien den günstigen Bericht Lügen strafen zu wollen. Die bekleidete Hyäne erhob sich und stand der ganze Länge nach auf den Hinterfüßen. ‘Ah, Sir, sie sieht Sie!’ rief Grace; ‘ich dächte, Sie entfernten sich lieber.’ ‘Nur noch einige Augenblicke, Grace; Sie müssen mich noch einige Minuten hier lassen.’ ‘Dann seyen Sie um Gottes willen auf Ihrer Hut.’ Die Wahnsinnige bellte, strich sich die zerzausten Haarlocken aus dem Gesichte und sah ihre Gäste wild an. Wohl erkannte ich dies purpurrothe aufgedunsene Gesicht, diese teuflischen Züge. Mrs. Poole trat vor. ‘Gehen Sie aus dem Wege,’ sagte Mr. Rochester, sie bei Seite schiebend, ‘sie hat jetzt kein Messer, denke ich, und ich bin vorbereitet.’ ‘Man weiß nie was sie hat, sie ist so pfiffig, daß keine menschliche Klugheit ihre List zu ergründen im Stande ist.’ ‘Ich dächte, wir gingen,’ flüsterte Mason. ‘Gehen Sie zum Teufel!’ war seines Schwagers Antwort. ‘Acht gegeben!’ schrie Grace. Die drei Herren sprangen gleichzeitig zurück. Mr. Rochester stieß wich hinter sich, die Wahnsinnige sprang auf ihn zu, packte ihn bei der Gurgel und legte ihre Zähne an seine Wange; sie rangen. Die Frau war stark, fast so groß wie ihr Gatte und sehr beleibt; im Kampfe legte sie eine nahezu männliche Kraft an den Tag und mehr als einmal brachte sie ihn, eine so athletische Stärke er auch besaß, zum Weichen. Wohl hätte er sie mit einem gut angebrachten Schlage zu Boden werfen können, allein er wollte nicht schlagen, er wollte sie blos bändigen. Endlich hatte er ihre Arme erfaßt, Grace Poole gab ihm einen Strick und er band sie ihr auf den Rücken, mit einem andern Tauende befestigte er sie an einem Stuhle. Die Operation wurde unter wildem Geheul und den fürchterlichsten Kraftanstrengungen von Seite der Wahnsinnigen vollführt. Mr. Rochester wandte sich dann zu den Zuschauern und maß sie mit einem bittern und trostlosen Lächeln. ‘Das ist mein Weib,’ sagte er. ‘Solche Umarmungen sind die einzigen, deren ich mich erfreuen, solche Liebkosungen diejenigen, die ich in meinen Mußestunden nachsuchen kann! Und dies hier (seine Hand auf meine Achsel legend) ist, was ich zu besitzen wünschte; dies junge Mädchen, das nun ernst und ruhig am Eingange der Hölle steht, das den Wuthsprüngen eines bösen Geistes mit Fassung zusieht. Ich wollte es zur Abwechslung nach diesem gepfefferten Ragout haben. Wood! Briggs! bemerken Sie nur den Unterschied! Vergleichen Sie diese klaren Augen mit jenen rothen Feuerballen, dieses Gesicht mit jener ratze, diese Gestalt mit jener Unform und nun urtheilen Sie, Priester des Evangeliums und Sie, Mann des Gesetzes, und erinnern Sie sich daran, daß Sie Gott so richten wird, wie Sie mich richten! Und nun fort mit Euch, ich muß meinen Schatz verschließen. Wir verließen insgesammt das Schreckensgemach. Mr. Rochester blieb noch eine Weile zurück, um Grace Poole einige Verhaltungsbefehle zu ertheilen. Als wir die Treppe hinunter gingen, redete mich der Sachwalter an. ‘Sie, Madame,’ sagte er, ‘stehen ganz tadellos da. Ihr Onkel wird sehr erfreut seyn es zu vernehmen, vorausgesetzt, daß er noch am Leben ist, wenn ihn Mr. Mason in Madeira wieder aufsucht.’ ‘Mein Onkel! Was soll's mit dem? Kennen Sie ihn?’ ‘Ich nicht, doch Mr. Mason. Mr. Eyre war durch lange Jahre der Correspondent seines Hauses für Funchal. Als Ihr Onkel Ihren Brief erhielt, in dem Sie ihm Ihre bevorstehende Verbindung mit Mr. Rochester anzeigten, befand sich Mr, Mason, seiner Gesundheit wegen, gerade in Madeira bei Ihrem Onkel. Mr. Eyre theilte ihm die Nachricht mit; da er wußte, Mr. Mason sey mit einem Herrn Namens Rochester bekannt. Voll Verwunderung und Betrübniß enthüllte Mr. Mason die wahre Sachlage. Ihr Onkel liegt nun krank und wird bei er Beschaffenheit seines Nebels — der Auszehrung — und bei dem hohen Grade, den es erreicht hat, kaum wieder aufkommen. Natürlich konnte er nicht selbst nach England eilen, um Sie aus der Ihnen gelegten Falle zu befreien; allein er ersuchte Mr. Mason, alles Mögliche anzuwenden, um dieser ungiltigen Ehe vorzubeugen und wies ihn des rechtlichen Beistandes wegen an mich. Ich beeilte mich so sehr ich konnte und kam, Gott sey Dank! noch zur rechten Zeit, was gewiß auch Ihnen sehr erwünscht seyn muß. Hätte ich nicht die moraliche Gewißheit, Ihr Onkel werde sterben, bevor Sie noch Madeira erreichen, wollte ich Ihnen rathen, Mr. Mason dahin zu begleiten; aber wie die Sachen stehen, ist es wohl besser, Sie bleiben in England und warten fernere Nachrichten ab. Haben wir noch etwas zu verrichten?’ frug er Mr. Mason. ‘Nein, nein wir wollen abreisen,’ gab der ängstliche Mann zur Antwort und ohne sich von Mr. Rochester zu verabschieden, verschwanden Beide, Sachwalter und Client. Der Geistliche blieb zurück, um an sein stolzes Pfarrkind einige Worte des Tadels oder der Ermahnung zu richten, worauf er sich empfahl. An der halboffenen Thüre meiner Stube stehend, in die ich mich mittlerweile zurückgezogen hatte, hörte ich ihn fortgehen. Nachdem das Haus rein war, schloß ich mich ein, schob den Riegel vor, um jeder Ueberraschung zuvorzukommen und begann — nicht etwa zu weinen oder zu Zimmern, dazu war ich viel zu ruhig, sondern — mechanisch meinen Brautanzug abzulegen und mit dem schwarzen Wollkleide zu vertauschen, das ich noch gestern, wie ich glaubte, zum letzten Male getragen hatte. Dann setzte ich mich nieder, denn ich fühlte mich matt und schwach. Ich stützte meine Arme auf den Tisch und legte meinen Kopf darauf. Und nun fing ich an zu denken; denn bis jetzt hatte ich blos gehört, gesehen, mich bewegt, mich hin und her führen, und ein Ereigniß nach dem andern geduldig über mich ergehen lassen. Ein tiefes Nachdenken trat jetzt an die Stelle. Der Morgen war, bis auf die Scene mit der Wahnsinnigen, ziemlich still gewesen. Selbst die Verhandlung in der Kirche war geräuschlos, ohne leidenschaftliche Ausbrüche, ohne Zank und Streit, ohne Thränen, ohne eine Herausforderung abgelaufen. Einige wenige Worte waren gewechselt, eine ruhige Einsprache in die Vornahme der Trauung gethan worden, Mr. Rochester hatte einige barsche Fragen gestellt, die verlangten Antworten erhalten und darauf die Wahrheit und Richtigkeit der gemachten Einwendung gegeben. Zuletzt war uns der lebende Beweis des Ehehindernisses vorgeführt worden, worauf sich die Eindringlinge entfernten und das Trauerspiel zu Ende war. Nun befand ich mich in meiner Stube, wie gewöhnlich, in meiner früheren Stellung, ohne irgend eine Veränderung erlitten zu haben. Der schreckliche Zwischenfall hatte mich nicht zu Boden gedrückt, kaum gelähmt. Und doch, wo weilt Jane Eyre von gestern? Wohin waren ihre Aussichten, ihre Zukunft gerathen? Jane Eyre, die liebende, hoffende Braut, war nun wieder das arme, verlassene Mädchen, ihr Leben verblaßt, ihre Aussichten trostlos. Ein Winterfrost war mitten im Sommer gekommen, ein Decembersturm durch die laue Junilust gesaust: Eis glänzte an den reifen Aepfeln, der Reif hatte die Blumen versengt und Wiesen und Felder mit einer weißen Decke überzogen. Die Wege, noch gestern mit blühenden Hecken eingesäumt, waren heute vor tiefem Schnee nicht mehr gangbar und die Wälder, noch vor zwölf Stunden im üppigsten, wahrhaft tropischen Blätterschmucke prangend, starrten nun kahl und traurig zum Himmel, wie Knieholz in einem lappländischen Winter. Alle meine Hoffnungen waren zu Grabe gegangen, plötzlich und in der Stille, wie in einer Nacht alle Erstgebornen des Landes Egypten der Tod ereilte. Ich ging die Wünsche meines Herzens durch; noch gestern lebten sie frisch und kräftig, heute lagen sie da, als starre, kalte Leichname. die ich nimmer ins Daseyn zurückrufen konnte. Ich sah nach meiner Liebe, der Schöpfung, dem Eigenthume meines Gebieters; sie zitterte in meinem Herzen, wie ein krankes Kind in einer kalten, unbedeckten Wiege, denn sie konnte nicht mehr in Mr. Rochester's Arme eilen, sich an seiner Brust erwärmen. O, nie, nie durfte sie sich ihm wieder zuwenden, denn der Glaube war gewichen, das Vertrauen zerstört. Mr. Rochester war mir nicht mehr das , was er mir einst gewesen, denn er war nicht so, wie ich mir ihn gedacht. Ich schrieb ihm keine böse Absicht zu, ich wollte nicht behaupten, er habe mich zu hintergehen gesucht; doch der Glaube an seine unbefleckte Rechtlichkeit war dahin und mit ihm mußte nun auch ich weit von ihm weg eilen. Wann, wie und wohin ich gehen sollte, das war mir noch nicht klar, doch war ich überzeugt, daß auch ihm daran gelegen seyn mußte, mich von Thornfield zu entfernen. Eine wahre, reine Liebe konnte er, nach Allem zu schließen, nie für mich gefühlt haben und es war blos eine blinde Leidenschaft, die sich seiner bemächtigt hatte; umsomehr mußte ich nun jedes Zusammentreffen mit ihm vermeiden, denn auch ihm mußte mein Anblick verhaßt seyn. O, wie blind war ich gewesen, wie thöricht hatte ich mich betragen! Meine Augen waren geschlossen und tiefe Finsterniß schien mich zu umgeben, trübe Gedanken durchzogen meine Seele. Mir selbst überlassen, ohne Schutz und Hilfe, kam es mir vor, als läge ich in einem ausgetrockneten Flußbette und als hörte ich von der Ferne einen Waldstrom heranbrausen und hätte weder den Willen aufzustehen, noch die Kraft zu entfliehen. Nur die eine Idee lebte mit aller Kraft in mir — der Gedanke an Gott. Ich sagte ein stilles Gebet her, denn ich besaß nicht Kraft genug es über meine Lippen zu bringen. ‘Bleibe bei mir,’ flehte ich, ‘denn das Unglück naht und es ist Niemand da, der mich schützte.’ Und es war nahe, und da ich in Tagen des Glücks vergessen hatte den Himmel zu bitten, er möge es von mir abwenden, so kam es unaufhaltsam und mit voller Macht über mich. Mein Selbstbewußtseyn war gebrochen, meine Liebe geknickt, meine Hoffnungen vernichtet, mein Vertrauen untergraben. Jene bittere Stunde der Wahrheit getreu zu beschreiben wäre unmöglich; es war als stände ich im Wasser und versänke im bodenlosen Schlamm und als schlügen sie Wellen über meinem Haupte zusammen. Siebenundzwanzigstes Capitel. Gegen Abend hob ich den Kopf wieder in die Höhe, sah um mich, erblickte die Sonne, die im Westen ihrem Untergange zueilte, und fnug mich was ich nun thun sollte. Doch die Antwort, die mir mein Verstand darauf gab, Thornfield sofort zu verlassen, lautete so niederschlagend, daß ich nichts davon hören mochte. ‘Daß ich nicht mehr Eduard Rochester's Braut bin,’ sprach ich zu mir selbst, ‘ist mein geringster Schmerz; daß ich aus den schossten Träumen erwachte und die Wirklichkeit mit all' ihren Schrecken vor mir sehe, ist ein Zustand, den ich ertragen konnte, allein der Gedanke, ihn mit einem Male und für immer vergessen zu müssen, ist mir fürchterlicher als Alles. Nein, das vermag ich nicht.’ Darauf versicherte mich die Stimme der Vernunft, ich könne und werde es auch thun und ich schwankte hin und her. Ich wollte schwach seyn, um den Leidensgang, der vor mir lag, vermeiden zu können; doch das Gewissen trat mit Entschiedenheit auf, entschlossen die Leidenschaft niederzuhalten. ‘Nun denn, so mag unan mich von hier losreißen,’ rief ich, ‘und es ein Anderer thun.’ ‘Du selbst mußt Dich losreißen,’ lautete der Ausspruch der Vernunft, ‘und Niemand soll Dir dabei helfen. Du selbst wirst Dir dein rechtes Auge ausstechen und Dir die rechte hand abhacken, dein Herz soll das Opfer seyn, und Du der Priester, der es durchbohrt.’ Voll Furcht über die mich umgebende Stille und voll Entsetzen über diese Mahnung meines bessern Selbst sprang ich auf. Der Kopf drehte sich mir und ich bemerkte jetzt erst, daß ich vor Aufregung und Hunger unwohl war; weder Speise noch Trank waren den ganzen Tag über meine Lippen gekommen, denn ich hatte in der Eile nicht einmal frühstücken können. Dazu kam der schmerzliche Gedanke, daß sich die ganze Zeit hindurch keine Menschenseele um mich gekümmert, Niemand nach mir gefragt hatte. Nicht einmal Adela war an die Thüre meiner Stube gekommen, nicht einmal Mrs. Fairfax hatte sich meiner erinnert. ‘Wem das Glück den Rücken wendet, der hat keine Freunde mehr,’ sprach ich vor mich hin, während ich den Riegel zurückschob und zum Zimmer hinaus trat. Ich strauchelte über etwas; mein Kopf war noch immer eingenommen, meine Augen getrübt, meine Glieder schwach, aber ich fiel nicht auf den Boden, ein ausgestreckter Arm fing mich auf. Ich sah empor — Mr. Rochester hielt mich, der in seinem Stuhle der der Thürschwelle gesessen war. ‘Endlich kommen Sie heraus,’ sagte er. ‘Ich habe lange auf Sie gewartet und einstweilen gehorcht, aber ich hörte weder eine Bewegung, noch einen Seufzer; noch fünf Minuten und ich hätte das Schloß aufgebrochen wie ein Dieb. Also Sie gehen mir aus dem Wege? Sie sperren sich ein, um allein zu weinen? Ich wollte Sie wären lieber voll Wuth und Heftigkeit auf mich losgefahren. Sie sind leidenschaftlich, ich machte mich auf einen lärmenden Auftritt gefaßt. Ich war auf einen heißen Thränenregen vorbereitet und wünschte nur, sie würden an meinem Herzen vergossen; indessen hat sie der gefühllose Fußboden oder Ihr nasses Taschentuch eingesogen. Doch ich irre mich, Sie haben gar nicht geweint! Ihre Wange ist blaß und Ihr Auge verschwommen, allein von Thränen keine Spur. Wahrscheinlich hat Ihr Herz Blut geweint?’ ‘Nun, Jane, haben Sie leinen Vorwurf für mich? Keine Bitterkeit — keine herzzerreißenden Reden? Nichts, was das Gefühl erregt und den Zorn aufstachelt? Sie sitzen ruhig auf dem Orte, auf den ich Sie niedergesetzt und sehen mich mit einem matten, ausdruckslosen Blicke an. ‘Ich hatte nicht die Absicht, Jane, Sie so zu verletzen. Wenn irgend Jemand sein einziges Schäfchen, das er wie sein Kind liebte, dem er von seinem Brote zu essen, aus seinem Becher zu trinken gab, das an seinem Busen zu ruhen pflegte, durch irgend ein Mißverständniß geschlachtet hätte, er könnte sein blutiges Versehen nicht bitterer bereuen, als ich das meinige. Werden Sie mir je vergeben?’ Ich vergab ihm auf der Stelle. In seinem Blicke lag ein so tiefes Bedauern, in dem Tone seiner Stimme ein so aufrichtiges Leid, in seiner ganzen Erscheinung ein so unverkennbarer Ausdruck seiner unwandelbaren Liebe, daß ich ihm Alles, wenn auch nicht laut, so doch im Innersten meines Herzens verzieh. ‘Sie wissen, daß ich ein Schurke bin, Jane?’ frug er neugierig, mich ohne Zweifel über mein fortgesetztes Stillschweigen und über meine Sanftmuth wundernd, die beide mehr das Ergebniß meiner Abspannung als meines Willensvermögens waren. Ich schwieg. ‘Dann sagen Sie mir es rund heraus und schonen Sie mich nicht.’ ‘Das kann ich nicht, ich bin zu erschlafft und krank. Ich möchte etwas Wasser haben.’ Er stieß einen langen, zitternden Seufzer aus, nahm mich in seine Arme und trug mich die Treppe hinunter. Anfangs wußte ich nicht, in welches Zimmer er mich gebracht hatte, denn mein Blick umnachtete sich; blos den belebenden Einfluß der Wärme verspürte ich, da ich, trotzdem daß es Sommer war, fürchterlich fror. Er flößte mir etwas Wein ein: ich schluckte ihn hinunter und kam wieder zu mir; dann aß ich einige Bissen, die er mir vorschnitt, und war alsbald vollkommen gekräftigt. Ich befand mich im Bibliothekzimmer in seinem Stuhle, er stand neben mir. ‘Wenn ich jetzt ohne einen zu großen Kampf aus dem Leben scheiden könnte, wäre es gut,’ dachte ich bei mir selbst. ‘Wenigstens bedürfte es meiner Anstrengung nicht, die Bande zu zerreißen, mit denen die Liebe unsere Herzen verbunden. Ich muß ihn verlassen; allein ich will, ich kann es nicht thun.’ ‘Wie befinden Sie sich, Jane?’ ‘Weit besser, Sir; ich werde bald hergestellt seyn.’ ‘Nehmen Sie noch einen Schluck Wein.’ Ich gehorchte. Mr. Rochester stellte das Glas wieder auf den Tisch hin und sah mich aufmerksam an. Plötzlich wandte er sein Gesicht mit einem unverständlichen Ausrufe, ging rasch im Zimmer auf und ab, bog sich dann zu mir herab und schien mich küssen zu wollen. Ich erinnerte ihn, Liebkosungen seyen nun nicht mehr erlaubt, drehte den Kopf herum und stieß sein Gesicht sanft zurück. ‘Was? — Wie?’ rief er hastig aus. ‘Ach, Sie wollen Bertha Mason's Gatten nicht küssen? Sie denken, er hat eine Andere in die Arme zu schließen und zu herzen?’ ‘Jedenfalls kann ich keinen rechtmäßigen Anspruch darauf machen.’ ‘Warum? — Ich will Ihnen indessen das viele Reden ersparen und statt Ihnen antworten. Weil ich schon ein Weib habe, wollen Sie sagen. Habe ich es errathen?’ ‘Ja.’ ‘Wenn Sie so denken, müssen Sie eine sonderbare Meinung von mir haben. Sie müssen mich für einen lasterhaften Spitzbuben ansehen, für einen elenden Schurken, der Ihre uneigennützige Liebe wecken wollte, um Sie damit in eine vorbereitete Falle zu locken. und Ihnen Ihre Ehre und Ihre Selbstachtung zu rauben. Was sagen Sie dazu? Ich sehe, Sie können nichts darauf erwiedern, denn erstens sind Sie zu schwach und können kaum Athem holen und sich zweitens noch nicht daran gewöhnen, mich zu beschuldigen und für schlecht zu halten. Uebrigens ist der Thränenquell gefüllt und würde überfließen, wenn Sie zu viel sprächen, und Sie sind nicht geneigt zu zanken, zu schmähen, Komödie zu spielen. Sie denken darüber nach, wie Sie handeln sollen, denn Sie glauben, mit dem bloßen Reden sey nichts gethan. Ich kenne Sie und — bin auf meiner Hut.’ ‘Ich will nichts gegen Sie unternehmen, Sir,’ sagte ich mit unsicherer Stimme und im Bewußtseyn nur kurze Sätze aussprechen zu können. ‘Nicht in Ihrer Bedeutung des Wortes, sondern in der meinen wollen Sie mich vernichten. Sie sagten, ich sey ein verheiratheter Mann — als einen solchen werden Sie mich meiden, mir aus dem Wege gehen, und eben jetzt verweigerten Sie mir einen Kuß. Sie wollen mir fortan als eine Fremde gegenüberstehen, unter diesem Dache blos als Adelens Erzieherin leben, und wenn ich je ein freundliches Wort zu Ihnen sage, oder in Ihrer Nähe etwas wärmer werde, wollen Sie sich vor Augen halten, daß ich Sie fast zu meiner Maitresse gemacht, und Sie werden mir gegenüber kalt wie Eis und hart wie Stein seyn.’ Ich suchte meine Stimme zu kräftigen. ‘Alle meine Verhältnisse haben sich geändert, Sir, folglich muß auch ich mich ändern, und um alle Gelegenheit zu nutzlosen Aufregungen und ewigen Kämpfen zu vermeiden, gibt es nur Einen Weg, und der ist — daß Adela eine andere Erzieherin bekömmt.’ ‘Oh, Adela geht in eine Kostschule — ich habe das schon geordnet; auch habe ich nicht die Absicht, Sie mit den fürchterlichen Erinnerungen und schrecklichen Mahnungen von Thornfieldhall zu peinigen — diesem verfluchten Hause — diesem scheußlichen Aufenthalte, der das Gespensterbild des lebendigen Todes Angesichts des lichten Firmamentes birgt — dieser von Stein gebauten Hölle mit einem einzigen, doch einer ganzen Legion anderer Teufel überlegenen, Satan. Sie sollen nicht hier bleiben, Jane, und auch ich will mich von hier entfernen. Ich hatte Unrecht, Sie überhaupt hieher zu bringen, da ich wußte, wer hier hau- set. Noch ehe ich Sie kannte, trug ich meinen Leuten strenge auf, Ihnen den Fluch, der auf diesem Gebäude lastet, un- ter keiner Bedingung zu entdecken, blos weil ich fürchtete, es würde keine Erzieherin bei Adelen aushalten, sobald sie wüßte, was für eine Hausgenossin sie hier habe. Und wohin anderwärts wollte ich die Wahnsinnige nicht thun, wiewohl ich noch ein altes, noch weit abgelegeneres Schloß als dieses hier, Ferndean-Manor genannt, besitze. Doch die ungesunde Lage des Gebäudes ließ mein Gewissen vor einer solchen Anoronung zurückschrecken. Wahrscheinlich hätten mich jene feuchten Mauern bald von meiner Last befreit, allein jeder Schurke hat seine Fehler, und ich fühle mich nun einmal nicht zu indirectem Morde geneigt, auch bei demjenigen Geschöpfe nicht, das ich über Alles hasse.’ ‘Ihnen die Gegenwart des tollen Weibes verheimlichen, hieß ein Kind mit einem Mantel zudecken und unter einen Upasbaum legen; die Umgebung dieses Dämons ist vergiftet, und war es von jeher. Doch ich will Thornfieldhall verschließen, den Haupteingang zunageln, und die untern Fenster zumauern lassen, und Mrs. Poole soll zweihundert Pfund jährlich dafür haben, daß sie mit meinem Weibe lebt, wie Sie jene scheußliche Hexe zu nennen belieben. Grace thut viel für's Geld, und zudem soll sie noch ihren Sohn, den Schließer von Grimsby-Retreat, zu sich nehmen, daß er ihr Gesellschaft leiste und bei der Hand sey. wenn es meinem Weibe einfällt, die Leute zu verbrennen, zu erstechen, zu zerfleischen u. s. w.’ ‘Sie sind gegen die unglückliche Frau zu erbittert, unterbrach ich ihn. Sie sprechen von ihr mit Haß und Abscheu. Das ist grausam, denn sie kann nicht dafür, daß sie wahnsinnig ist.’ ‘Jane, mein theueres Herz (so will ich Sie nennen, denn Sie sind mir theuer), Sie wissen nicht was Sie sagen. Sie beurtheilen mich wieder ganz falsch; nicht ihres Wahnsinns wegen hasse ich sie. Glauben Sie, ich würde auch Sie hassen, wenn Sie dieses Unglück beträfe?’ ‘Das glaube ich in der That.’ ‘Dann irren Sie sehr und kennen mich oder wenigstens die Liebe nicht, deren ich fähig bin. Jedes Atom Ihres Körpers ist mir so theuer wie mein Herzblut und erlägen Sie dem Schmerze und der Krankheit, es änderte nichts an der Sache. Ihr Geist ist meine Schatzkammer, und wäre er umnebelt, er bliebe es auch dann noch; ras’ ten Sie, meine Arme und nicht eine Zwangsjacke hielten Sie fest, und Ihre Berührung hätte selbst in der Wuth einen unnennbaren Zauber für mich; stürzten Sie sich mit gleicher Raserei, wie heute Morgens jenes Weib, auf mich, ich empfinge Sie mit einer ebenso herzlichen als festen Umarmung. Vor Ihnen würde ich nicht, wie vor Jener, voll Ekel zurückschaudern; in Ihren ruhigen Augenblicken sollten Sie keinen andern Wärter haben als mich, und ich würde mich mit unwandelbarer Zärtlichkeit zu Ihnen neigen, wiewohl Sie mir nie zulächelten, und nicht müde werden, in Ihre Augen zu schauen, obgleich sie keinen Blick des Erkennens für mich hätten. — Doch was verfolge ich diesen Ideengang? Ich sprach davon, Sie von Thornfield zu entfernen. Sie wissen, daß Alles zur Abreise bereit ist; morgen sollen Sie dieses Haus verlassen. Ich bitte Sie, nur noch diese einzige Nacht unter diesem Dache zuzubringen, Jane, um dann für immer seinen Schrecken und seinen Schauern Lebewohl zu sagen. Ich habe einen Zufluchtsort ausersehen, der gegen alle verhaßten Erinnerungen, alle unangenehmen Störungen, auch gegen Doppelzüngigkeit und Lästermäuler sicher stellt.’ ‘Nehmen Sie Adelen mit sich, Sir,’ unterbrach ich ihn; ‘sie wird Ihnen eine muntere Gesellschafterin seyn.’ ‘Was fällt Ihnen ein? Sagte ich Ihnen nicht, daß sie in eine Kostschule kömmt? Was soll mir ein Kind und noch dazu ein fremdes, der Bastard einer französischen Tänzerin, als Gesellschafterin? Was belästigen Sie mich mit solchen Zumuthungen? Was weisen Sie mir das Kind zur Gesellschaft zu?’ ‘Sie sprachen von einem einsamen Zufluchtsorte und die Einsamkeit ist langweilig, besonders für Sie.’ ‘Einsamkeit, Einsamkeit!’ wiederholte er mit Heftigkeit. ‘Ich sehe schon, ich muß mich deutlich erklären. Ich begreife den räthselhaften Ausdruck Ihres Gesichtes durchaus nicht. Sie sollen meine Einsamkeit theilen. Verstehen Sie mich?’ Ich schüttelte mit dem Kopfe. Bei der ungeheuren Aufregung, in der er sich befand, gehörte ein hoher Grad von Muth dazu, selbst dieses stumme Zeichen der Verneinung zu wagen. Er war rasch im Zimmer herumgegangen, blieb aber plötzlich wie eingewurzelt stehen, und sah mich lange und scharf an. Ich wandte mein Gesicht ab, sah ins Feuer und versuchte es ein gefaßtes, ruhiges Aussehen anzunehmen. ‘Wieder ein Knoten in Jane's Charakter,’ sagte er weit ruhiger, als es der bewegte Ausdruck seines Gesichtes erwarten ließ. ‘Bis jetzt hatte sich der Knäuel ganz gut abgewunden; allein ich wußte, es müsse nun ein Knoten und ein Hemmniß kommen. Hier ist es und mit ihm Verdruß, Aufregung und endlose Verwirrung! Bei Gott, ich sehne mich nach einem Bruchtheil von Samsons Kraft, um das Hinderniß wie ein schwaches Stäbchen zu zerbrechen!’ Er nahm seinen Spazirgang wieder auf, blieb jedoch in kurzer Zeit wieder, und diesmal knapp vor mir stehen. ‘Wollen Sie vernünftig seyn, Jane?’ sagte er mir ins Ohr. ‘Denn wenn Sie es nicht sevn wollen, brauche ich Gewalt.’ Seine Stimme war heiser, sein Blick derjenige eines Mannes, der auf dem Sprunge ist irgend eine unerträgliche Fessel zu brechen, und sich kopfüber in wilde Zügellosigkeit zu stürzen. Ich bemerkte das nur zu gut und wußte, daß, wenn seine Leidenschaft nur noch um einen Grad höher stieg, ich keine Macht mehr über ihn hatte. Die gegenwärtige — die nächste Secunde war die einzige Zeit, während der ich ihn zähmen und zügeln konnte; eine Bewegung des Widerstrebens oder der Furcht, ein Versuch zu entfliehen, hätten sein und mein Schicksal besiegelt. Doch war ich nicht im Geringsten ängstlich. Ich fühlte ein moralisches Uebergewicht, eine Macht des Einflusses in mir, die mich aufrecht erhielten. Die Krisis war gefährlich Es, aber nicht ohne Reiz, wie ihn etwa ein Indianer empfinden mag, der in seinem leichten Canoe über eine Stromschnelle dahingleitet. Ich faßte seine geballte Faust, richtete die krampfhaft gebogenen Finger gerade und suchte ihn zu besänftigen. ‘Setzen Sie sich,’ sagte ich; ‘ich will mit Ihnen so lange sprechen, als Sie es wünschen, und Alles anhören, was Sie mir zu sagen haben, sey, es vernünftig oder unvernünftig.’ Er setzte sich, doch kam er nicht sogleich zum Sprechen. Schon eine geraume Zeit hindurch hatte ich meine Thränen zurück gehalten, da ich wußte, er könne mich nicht weinen sehen. In diesem Augenblicke jedoch hielt ich es für angemessen, ihnen freien Lauf zu lassen; verdroß ihn mein Schluchzen, um so besser. Ich weinte also nach Herzenslust. Sofort drang er ernstlich in mich, ruhig zu seyn. Ich sagte, es wäre mir unmöglich, so lange er in selch einer leidenschaftlichen Stimmung sey. ‘Ich bin ja nicht aufgebracht, Jane; ich liebe Sie nur zu heftig und Sie hatten Ihr blasses Gesichtchen mit einem so frostigen entschlossenen Ausdrucke gestählt, daß ich es nicht mehr aus halten konnte. Und nun seyen Sie still und trocknen Sie Ihre Thränen.’ Der weiche Klang seiner Stimme zeigte an, daß er ruhig sey und so wurde auch ich es. Er versuchte es nun seinen Kopf auf meine Achsel zu legen, allein ich ließ es nicht zu. Dann wollte er mich zu sich ziehen, auch das gestattete ich nicht. ‘Jane! Jane!’ rief er in so betrübtem Tone, daß alle Nerven in mir erzitterten. ‘Sie lieben mich also nicht? Es war nur meine Stellung und der Rang meiner Gemalin, wornach Sie strebten? Nun Sie sehen, daß ich nicht Ihr Gatte werden kann, schrecken Sie vor einer jeden meiner Berührungen zurück, als wäre ich eine Kröte oder eine Schlange.’ Diese Worte durchschnitten mir das Herz. Doch was konnte ich thun, was sagen? Am besten wäre es gewesen, ganz unthätig und still zu bleiben, aber es dauerte mich so sehr, seine Gefühle auf diese Art zu verletzen, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihm einigen Balsam in die Seele zu träufeln. ‘Ich liebe Sie noch,’ sagte ich, ‘und mehr als je; aber ich darf mich diesem Gefühle nicht weiter hingeben, es nicht mehr zur Schau tragen und es geschieht jetzt zum letzten Mal, daß ein solches Bekenntniß über meine Lippen kömmt.’ ‘Zum letzten Mal, Jane? Wie, Sie glauben, Sie können mit mir leben, mich täglich, stündlich sehen und dennoch bei aller Liebe zu mir kalt und abstoßend bleiben?’ ‘Nein, Sir, das könnte ich gewiß nicht und eben darum gibt es nur Ein Mittel, diesem Uebel auszuweichen, aber Sie werden wüthend, wenn ich es erwähne.’ ‘O, erwähnen Sie es nur! wenn ich tobe, verstehen Sie es zu weinen.’ ‘Mr. Rochester, ich muß Sie verlassen.’ ‘Auf wie lange, Jane? Auf einige Minuten, um Ihr Haar glatt zu kämmen, das etwas zerrauft ist, und um Ihr Gesicht zu waschen, das sehr verweint aussieht?’ ‘Ich muß Adelen und Thornfield verlassen. Ich muß mich von Ihnen für immer trennen, und unter fremden Gesichtern in einer fremden Gegend ein neues Daseyn beginnen.’ ‘Natürlich, das sage ich ja selbst. Die wahnsinnige Idee, mich verlassen zu wollen, übergehe ich mit Stillschweigen; Sie meinten wohl damit, Sie müßten ein Theil meines Ich's werden. Was das neue Daseyn anbelangt, so haben Sie da vollkommen recht; Sie sollen trotz Allem mein Weib werden, denn ich bin nicht vermält. Sie sollen Mrs. Rochester dem Namen und der Wesenheit nach seyn, und ich will zu Ihnen halten, so lange wir beide leben. Ich bringe Sie nach einem Landsitze, den ich im südlichen Frankreich habe, einer Villa am Ufer des mittelländischen Meeres. Dort sollen Sie ein glückliches ungetrübtes Leben führen. Fürchten Sie nicht, daß ich Sie locken, Sie berücken, zu meiner Maitresse machen will. Warum schütteln Sie den Kopf? Sie müssen vernünftig seyn, Jane, oder ich werde wieder wüthend’ Seine Stimme und seine Hand zitterten, seine Nasenlöcher wurden weit, seine Augen sprühten Feuer. Dennoch wagte ich es zu sprechen. ‘Ihre Gemalin lebt, dies ist eine von Ihnen selbst zugegebene Thatsache. Wenn ich mit Ihnen lebte, wie Sie es wünschen, wäre ich Ihre Maitresse, jede andere Auslegung ist sophistisch, grundfalsch.’ ‘Denken Sie daran, Jane, daß ich kein sanftmüthiger Mann bin. Ich besitze weder übermäßige Geduld noch Kaltblütigkeit genug. Aus Erbarmen mit mir und mit sich selbst legen Sie Ihre Finger auf meinen Puls, fühlen Sie nie er schlägt und — seyen Sie auf Ihrer Hut.’ Er entblößte seine Handwurzel und hielt sie mir hin. Das Blut wich aus seinen Wangen und er sah ganz gelb aus, der Muth begann mich zu verlassen. Ihn durch einen ihm so verhaßten Widerstand noch mehr zu reizen, wäre grausam, ihm nachzugeben jedoch rein unmöglich gewesen. Ich that was der Mensch instinctmäßig zu thun pflegt, wenn er auf's Aeußerste getrieben ist, ich flehte den Höchsten um Rettung an und die Worte ‘Gott helfe mir’ kamen unwillkürlich über meine Lippen. ‘Ich bin ein Narr!’ rief plötzlich Mr. Rochester aus. ‘Ich behaupte da in einem fort, ich sey nicht vermält und erkläre ihr nicht, wie so das der Fall ist. Ich vergesse darauf, daß sie nichts über den Charakter jenes Weibes, über die näheren Umstände meiner höllischen Verbindung mit ihr gehört hat. O, Jane wirr mir sicherlich beistimmen, sobald sie Alles weiß, was ich weiß. Legen Sie doch Ihre Hand in die meine, Jane, damit ich auch durch das Ge- fühl erkenne, daß Sie mir nahe sind, und ich will Ihnen mit wenigen Worten den wahren Sachverhalt schildern. Können Sie mir zuhören?’ ‘Stunden lang, wenn Sie es wünschen.’ ‘Ich ersuche Sie nur um einige Minuten. Hat man Ihnen schon gesagt, daß ich nicht der erstgeborne Sohn der Familie bin, und noch einen älteren Bruder hatte?’ ‘Mrs. Fairfax sagte mir es eines Tages.’ ‘Sagte sie Ihnen auch, daß mein Vater ein geiziger, habsüchtiger Mann war?’ ‘Ich hörte etwas dergleichen.’ ‘Gut, Jane,. — Es war meines Vaters Wunsch, das Familienvermögen ungetheilt beisammen zu behalten, der Gedanke, es zu theilen und mir einen Antheil daran einzuräumen, war ihm unausstehlich: Alles sollte mein älterer Bruder Russell bekommen. Aber eben so wenig konnte er sich mit dem Gedanken befreunden, daß einer seiner Söhne arm sey und er dachte daran, mich durch eine reiche Heirath zu versorgen. Er hatte bei Zeiten eine entsprechende Partie ausfindig gemacht. Mr. Mason, ein Kaufmann und Pflanzer in Westindien, ein alter Bekannter, besaß, so viel ihm bekannt, ausgedehnte Besitzungen und ein schönes Vermögen. Mein Vater zog nähere Erkundigungen ein und erfuhr, Mr. Mason habe einen Sohn und eine Tochter und gedenke der letzteren ein Heirathsgut von dreißigtausend Pfund mitzugeben. Die Summe genügte ihm. Von der Hochschule zurückgekehrt, wurde ich nach Jamaica geschickt, um eine bereits mit mir versprochene Braut zu heirathen. Mein Vater sagte nichts über ihr Vermögen, bemerkte jedoch, Miß Mason sey die größte Schönheit von Spanish-Town und das war ganz richtig. Ich fand an ihr ein schönes Frauenzimmer nach Miß Ingram's Art: schlank, brünett, von majestätischem Aussehen. Ihre Angehörigen wünschten mich zu kapern, da ich von guter Familie war, und es gelang ihnen. Man führte sie mir, prächtig gekleidet, in Gesellschaften vor; nur selten sah ich sie unter vier Augen und sprach noch weniger mit ihr. Sie schmeichelte mir und wußte mich mit ihren reizenden Talenten zu fesseln. Alle Männer ihrer Bekanntschaft schienen sie zu bewundern und mich zu beneiden. Ich war geblendet, mein Stolz erregt meine Sinnlichkeit erwacht und in meiner Unwissenheit und Unerfahrenheit glaubte ich sie zu lieben. Es gibt keine auch noch so augenscheinliche Albernheit, zu deren Begehung ein junger verblendeter, leidenschaftlicher Mann durch blödsinnige Hetzereien, wie sie in der vornehmen Welt üblich sind, nicht getrieben werden könnte. Ihre Anverwandten begünstigten mich, Nebenbuhler stachelten meine Eigenliebe auf, sie selbst wußte mich zu locken und die Vermälung war vorüber, ehe ich mich dessen versah. Oh! ich verachte mich selbst, ich könnte mich vernichten, wenn ich an jenen wahnsinnigen Streich denke. Ich liebte sie nicht, ich achtete sie nicht, ja ich kannte sie nicht einmal. Von keiner einzigen Tugend meiner Braut konnte ich mir Rechenschaft geben: ich hatte weder Bescheidenheit, noch Herzensgüte, noch Seelenreinheit, noch wahre geistige oder auch nur äußere Bildung an ihr bemerkt und doch heirathete ich sie, ich unsinniger, vernagelter, stockblinder Dummkopf! Mein Fehltritt wäre geringer gewesen, hätte ich — doch ich muß mir vor Augen halten, zu wem ich spreche. ‘Die Mutter meiner Braut hatte ich nie gesehen: man sagte mir, sie sey todt. Als die Flitterwochen zu Ende waren, erfuhr ich die Wahrheit: sie war blos wahnsinnig und in einem Tollhause eingesperrt. Noch ein jüngerer Bruder war da, ein vollkommen blödsinniger Junge. Der ältere Bruder, den Sie kennen, wird wohl auch früher oder später um seinen Verstand kommen. Ihn allein vermag ich nicht zu hassen, während ich die ganze Sippschaft verabscheue; wenigstens hat er ein ziemlich gutes Herz, das sich in der beständigen Theilnahme am Schicksale seiner elenden Schwester und in einer hündischen Anhänglichkeit kund gibt, die er für meine Person hegt. Mein Vater und mein Bruder Russell wußten dies Alles, aber sie dachten blos an die dreißigtausend Pfund und schlossen sich der Verschwörung gegen mich von ganzem Herzen an. ‘Das waren traurige Entdeckungen; allein mit Ausnahme der böswilligen und betrügerischen Verheimlichung hätte ich meinem Weibe darüber nie einen Vorwurf gemacht; selbst dann nicht, als ich fand, ihr Wesen sey, ganz von dem meinigen verschieden, ihre Neigungen meinen Grundsätzen entgegengesetzt, ihre Gesinnungen gemein, ihr Geist beschränkt und jeder edleren Regung unfähig. Keinen Abend, keine Stunde konnte ich mit ihr in gemüthlicher Unterhaltung zubringen, denn ich mochte was immer für einen Gegenstand zur Sprache bringen, sie gab der Unterredung sofort einen gemeinen albernen Anstrich. An einen geordneten Haushalt war nicht zu denken, denn kein Dienstbote hielt die fortwährenden Ausbrüche ihrer bösen Laune und der Pein der Befolgung ihrer sinnlosen, sich widersprechenden Anordnungen aus. und dennoch hielt ich an mich, vermied jeden Zank, ließ den Gedanken an vernünftige Vorstellungen fallen und versuchte es, meinen Ekel und meine Reue in mich zu verschließen. Ich brachte es sogar dahin, meinen Widerwillen zu unterdrücken. Ich will Sie nicht mit der Aufzählung schrecklicher Einzelnheiten belästigen: einige Kraftworte sollen ausdrücken, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich lebte mit dem Weibe, das Sie diesen Morgen sahen, durch volle vier Jahre, und sie machte mir in dieser Zeit wirklich die Hölle heiß. Ihr Charakter reifte und entwickelte sich mit fürchterlicher Schnelligkeit; ihre Laster sproßten üppig und kräftig die Höhe, nur Grausamkeit hätte ihr Wachsthum unterdrücken können und die wollte ich nicht anwenden. Wie winzig war ihr Verstand, wie riesig ihre bösen Lüste! Was hatte ich unter dem Fluche zu leiten, der mich in der Gestalt dieses Geschöpfes verfolgte! Die wohlgerathene Tochter einer elenden Mutter, ließ mich Bertha Mason all' die scheußlichen Auftritte erleben, die nur ein Mann durchmachen kann, der an ein unkeusches, dem Trunke ergebenes Weib gefesselt ist. Inzwischen war mein Bruder gestorben und zu Ende des vierten Jahres meiner Ehe segnete auch mein Vater das zeitliche. Ich war nun reich genug, aber auch elender als der ärmste Bettler; ein schmutzig lasterhaftes, im Schlamme der Gemeinheit versunkenes Wesen war mir an den Hals gebunden und vom Gesetze und der Gesellschaft als mein zweites Ich anerkannt. und ich konnte es durch keinen gesetzlichen Schritt los werden, denn die Aerzte machten nun die Entdeckung, mein Weib sey wahnsinnig und in der That hatten ihre maßlosen Ausschweifungen den in ihr schlummernden Keim des Uebels frühzeitig geweckt. — Meine Erzählung gefällt Ihnen nicht, liebe Jane; Sie sehen ganz angegriffen aus. Soll ich das Ende auf einen andern Tag ersparen?’ ‘Nein, Sir, — fahren Sie nur fort. — Ich bedauere Sie — ich bedauere Sie von ganzem Herzen.’ ‘Im Munde gewisser Leute wird das Bedauern zu einer Beleidigung und man hat vollkommen Recht, es in das Antlitz des Beleidigers zurückzuschleudern; allein es ist dies jenes Mitleid, das harten, selbstsüchtigen Herzen eigen ist, eine Art kühlen egoistischen Schmerzes bei Anhörung der Schilderung fremder Leiden, zu dem sich noch eine gewisse blödsinnige Verachtung derjenigen hinzugesellt, die solche Schmerzen erlitten haben. Ein solches Bedauerns Jane, ist Ihnen fremd; das Gefühl, das in diesem Augenblicke Ihr Herz erfüllt und sich in Ihrem Gesichte abspiegelt, das Ihre Augen übergehen macht, ist, ich weiß es wohl, ein ganz anderes. Ihr Mitleid, m eine geliebte Seele, ist die schmerzhafte Mutter der Liebe, sein Weh der Geburtsschmerz dieser göttlichen Leidenschaft. Ich nehme es an, Jane, und lassen Sie auch die Tochter frei herankommen: meine Arme sind bereit sie zu empfangen!’ ‘Um wieder auf Ihre Erzählung zurückzukommen: was thaten Sie, als Sie entdeckten, Ihre Gattin sey wahnsinnig?’ ‘Ich stand am Rande der Verzweiflung; ein Ueberrest von Selbstachtung war die einzige Scheidewand, die mich von dem Abgrunde trennte. In den Augen der Welt erschien ich ohne Zweifel mit unendlicher Schmach beladen, doch vor mir selbst wollte ich rein da stehen: ich beschloß daher der ferneren Berührung mit ihren Lastern aus dem Wege zu gehen und jeder Zusammenkunft mit ihr auszuweichen. Dennoch verband die Welt meinen Namen und meine Person mit der ihrigen; dennoch mußte ich sie täglich sehen und hören, dieselbe Luft, die sie mit ihrem Hauche verpestete, einathmen. Doch mehr als Alles drückte mich der Gedanke nieder, daß ich ungeachtet dessen ihr Gatte blieb, daß ich, so lange sie lebte, nie daran denken durfte, ein braves edles Weib an mein Herz zu drücken und obwohl sie um fünf Jahre älter war — mein Vater und ihre Angehörigen hatten mich sogar in Betreff ihres Alters belogen, — so hatte es doch allen Anschein, daß sie mindestens so lange als ich leben würde, da ihr Körper eben so stark als ihr Geist schwach war. Und so mußte ich, mit sechsundzwanzig Jahren, auf alle Hoffnungen Verzicht leisten. ‘In einer Nacht hatte mich ihr Geheul geweckt. Seitdem sie die Aerzte für wahnsinnig erklärt hatten, war sie natürlich in einem besonderen Gemache eingeschlossen. Es war eine jener glühend heißen Nächte, wie sie unter jenem Himmelsstriche den Orkanen vorauszugehen pflegen. Ich konnte es im Bette nicht aushalten, stand auf und öffnete das Fenster. Die Luft roch nach flüssigem Schwefel und an eine Abkühlung war nicht zu denken. Schwärme von Mosquitos drangen in die Stube und summten an den Wänden herum. Die See, die ich von meinem Zimmer aus sehen und hören konnte, rollte wie ein fernes Erdbeben; schwarze Wolken thürmten sich ringsum auf, der Mond ging, einer glühenden Bombe vergleichbar, in den Wellen unter und warf einen letzten blutrothen Schimmer über die im tobenden Ungewitter erzitternde Erde. Der ganze Anblick und die drückende Luft übten auf meinen Körper einen betäubenden Einfluß aus. Dazu ertönten von Zeit zu Zeit die Flüche der Wahnsinnigen, in die sie meinen Namen mit solch' teuflischem Hasse, mit solch' herabwürdigenden Beiwörtern verflocht, wie sie keine Metze von Profession ihren Reden ärger beimengen kann. Wiewohl durch zwei Zimmer von ihr getrennt, hörte ich doch jedes Wort, da die dünnen Wände eines westindischen Hauses ihrem Wolfsgeheul nur eine schwache Abwehr entgegenstellen konnten.’ ‘Dieses Leben,’ sagte ich zu mir selbst, ist die leidige Hölle; dies die Luft, die man im Pfuhle der Verdammniß einathmet; dies die Laute, die man darin vernimmt. Ich habe das unzweifelhafte Recht, mich daraus zu befreien, wenn ich es kann; die Leiden meines irdischen Daseyns haben ein Ende, sobald meine Seele die gebrechliche Hülle verläßt. Vor dem ewigen Feuer des Frömmlings fürchte ich mich nicht, denn es kann unmöglich einen ärgern Zustand geben, als denjenigen, indem ich gegenwärtig schmachte. Ich will aufbrechen und zu meinem himmlischen Vater eingehen!’ Bei diesen Worten kniete ich nieder, und schloß einen Kasten auf, der ein Paar geladene Pistolen enthielt; ich wollte mich erschießen. Doch gab ich diesen rasch gefaßten Entschluß schnell wieder auf, und da ich bei gesundem Verstande war, verschwand diese Krisis einer aufs Höchste gestiegenen Verzweiflung in einer Secunde. ‘Ein frischer Windhauch strich von Europa über den Ocean daher, und drang durch das offene Fenster; der Sturm brach mit aller Macht los, und die Luft wurde wieder rein. Ich trat hinaus in meinen Garten, und während ich unter den nassen Orangen- und Granatapfelbäumen herumging, und der Schimmer der tropischen Morgenröthe rings am Horizonte erglänzte, stellte ich die nachfolgenden Betrachtungen an. — Hören Sie mir aufmerksam zu, Jane, denn es war echte Weisheit, die mich in jener Stunde tröstete und mir den richtigen Weg zeigte. ‘Noch immer rauschte jener belebende Hauch von Europa her durch das erfrischte Laub, und der atlantische Ocean schäumte in entfesselter Wildheit. Mein verdorrtes Herz wurde wieder weit, und zum ersten Male seit langer Zeit strömte das Blut wieder lebendig in meinen Adern. Ich sah meine Hoffnung wieder aufleben, und die Möglichkeit eines neuen Daseyns trat mir vor die Seele. Von einem blühenden Laubengange aus übersah ich das blaue Meer; jenseits desselben lag die alte Welt, in der sich mir neue Aussichten eröffneten. ‘Gehe,’ sagte die Hoffnung zu mir, ‘und lebe wieder in Europa. Dort weiß Niemand was für einen beflecken Namen Du trägst, welche schmutzige Last Dir aufgebürdet ist. Nimm die Wahnsinnige mit nach England, sperre sie unter gehöriger Aufsicht und mit der nöthigen Vorsicht in Thornfield ein, reise dann in der Welt herum, und schaffe Dir ein neues Le ben, und gehe ein neues Bündniß ein. Das Weib, das deine Geduld mißbrauchte, deinen Namen besudelte, deinen Ruf mit Füßen trat, das deine schöne Jugendzeit vergiftete, ist nicht deine Gattin, und Du bist nicht ihr Mann. Sieh zu, daß ihr diejenige Pflege wird, die ihr Zustand erheischt und Du hast Alles gethan, was Gott und die Menschen von Dir verlangen können. Wer sie ist, welche Bande sie an Dich knüpfen, darüber breite den Schleier der Vergessenheit aus. Bringe sie in Sicherheit, sorge dafür, daß ihre Entartung ein Geheimniß bleibt, und verlasse sie. ‘Ich handelte genau nach dieser Vorschrift. Mein Vater und mein Bruder hatten meine Vermälung im Kreise ihrer Freunde nicht bekannt gemacht, da ich ihnen gleich in dem ersten Schreiben nach m einer Trauung, wo mir schon in etwas die Augen aufgegangen waren, auf's Strengste empfohlen hatte, meine Verbindung geheim zu halten. Das darauffolgende Betragen des mir von ihm erkorenen Weibes war derart, daß auch mein Vater sich seiner Schwiegertochter schämen mußte. Es war also auch ihm daran gelegen, das tiefste Stillschweigen zu beobachten. ‘Nach England also brachte ich meine Gemalin; die Reise mit einem solchen Ungeheuer war fürchterlich. Wie froh war ich, als ich sie endlich in Thornfield hatte, und in jenem geheimen Gemache des dritten Stockwerkes in sicherem Gewahrsam wußte. Dort lebt sie nun bereits zehn Jahre wie eine wilde Bestie in ihrer Höhle. Es war sehr schwer, für sie eine passende Wärterin zu finden, da ich diesen Posten nur einer mein volles Vertrauen verdienenden Person über- geben konnte, wollte ich nicht mein Geheimniß durch die Raserei der Kranken verrathen sehen. Zudem hat sie lichte Zwischenräume, die Tage, ja Wochen lang anhalten und die sie damit ausfüllt, daß sie mit den ärgsten Schmähungen gegen mich loszieht. Endlich nahm ich Grace Poole von Grimby Retreat in meinen Sold. Sie und der Wundarzt Carter (der an jenem Morgen Mason's Wune verband) waren die einzigen zwei Personen, die um mein Geheimniß wußten. Mrs. Fairfax mag wohl etwas vermuthet haben, doch konnte sie unmöglich den wahren Sachverhalt erfahren. Grace versah ihr Amt im Ganzen sehr gut, nur daß ihre Vorliebe fürs Trinken, die eine natürliche Folge ihrer schrecklichen Stellung und kaum mehr auszurotten ist, ihre Aufmerksamkeit mehr als einmal einschläferte, was die Wahnsinnige jedesmal zu benützen bedacht war. Einmal bemächtigte sie sich des Messers, mit dem sie ihren Bruder erstechen wollte, und zweimal brachte sie den Schlüssel ihrer Zelle an sich und verließ dieselbe zur Nachtszeit. Bei der ersten Gelegenheit versuchte sie es mich zu verbrennen, bei der zweiten stattete sie Ihnen jenen nächtlichen Besuch ab. Ich danke der Vorsehung, die über Sie wachte, so daß die Rasende Ihre Wuth blos an Ihrem Brautanzuge ausließ, der ihr wohl ihren eigenen Hochzeittag ins Gedächtniß zurückrief. Doch wenn ich daran denke, was hätte geschehen können, erstarrt mir noch jetzt das Blut in den Adern zu Eis, und wenn ich mir vorstelle, daß jenes Geschöpf, das mich diesen Morgen an der Gurgel packte, sein scheußliches Gesicht auf das Nest meines Täubchens herunterbog, könnte ich selbst rasend werden.’ ‘Und was thaten Sie, Sir?’ frug ich ihn, indeß er in seiner Erzählung inne hielt, ‘was thaten Sie, nachdem Sie Ihre Gemalin hier untergebracht hatten?’ ‘Je nun, ich wurde ein wahrer Ueberall und Nirgends und wanderte herum wie der ewige Jude. Ich ging nach dem Continente und durchreiste aller Herren Länder. Mein einziger Wunsch war, ein gutes, vernünftiges Weib zu finden, das ich lieben könnte, einen Contrast zu jener Furie, die ich in Thornfield zurückgelassen.’ ‘Aber Sie konnten ja doch nicht heirathen, Sir.’ ‘Ich war zu dem Beschlusse gekommen, ich könne und müsse es thun. Anfänglich war es nicht meine Absicht, zu hintergehen, so wie ich Sie hinterging. Ich wollte meine Geschichte rund heraus sagen und offen als Freier auftreten, und die Sache erschien mir so vernünftig, so einleuchtend, daß ich keinen Augenblick daran zweifelte, es würde sich bald ein freundliches Wesen finden, das meine Lage begriffe und mir gerne die Hand reichte, trotz des Fluches, der auf mir lastet.’ ‘Nun, Sir?’ ‘Ich muß immer über Sie lächeln, wenn Sie neugierig sind. Sie öffnen dann Ihre Augen wie ein Raubvogel und machen von Zeit zu Zeit eine ungeduldige Bewegung als kämen Ihnen die Antworten in einem Gespräche nicht schnell genug zu und als wollten Sie den Leuten im Herzen lesen. Doch bevor ich fortfahre, müssen Sie mir erst erklären, was Ihr ‘Nun, Sir?’ zu bedeuten hat. Es ist ein ganz kurzer Satz, den Sie häufig anwenden und der mich mehr als einmal in ein endloses Geplauder verwickelte, wiewohl ich nicht recht weiß wie dies kam.’ ‘Ich will damit sagen: Was weiter? Was thaten Sie dann? Was waren die weiteren Folgen dieses Ereignisses?’ ‘Richtig. Und was wollen Sie jetzt wissen?’ ‘Ob Sie irgend ein Wesen fanden, das Sie liebten, ob Sie ihr einen Heirathsantrag machten und was sie dazu sagte.’ ‘Wohl kann ich Ihnen sagen, ob ich ein Mädchen fand, das ich liebte, und ob ich ihr einen Heirathsantrag machte, — doch was sie dazu sagte, das steht noch nicht im Buche des Schicksals geschrieben. Durch zehn lange Jahre pilgerte ich herum, lebte bald in der, bald in jener großen Stadt, zeitweilig in Petersburg, öfter in Paris. gelegentlich in Rom, Neapel und Florenz. Mit reichlichen Geldmitteln versehen, im Besitze eines alten Namens hatte ich die Wahl meiner Gesellschaft und alle Zirkel standen mir offen. Ich suchte mein Ideal unter englischen Ladies, französischen Comtessen, italienischen Signoras und deutschen Gräfinnen. Ich konnte es nirgends finden. Zuweilen, doch nur auf Augenblicke kam es mir vor, als sähe ich einen Blick, hörte eine Stimme, erblickte eine Gestalt, die mir die Verwirklichung meiner Träume verkündigten, doch ich fühlte mich bald enttäuscht. Sie dürfen indessen ja nicht glauben, daß ich ein an Körper und Geist vollkommenes Weib beanspruchte. Ich verlangte nur etwas für mich Passendes, das gerade Gegentheil meiner Creolin, und suchte vergebens. Unter all' den Frauenzimmern, die ich sah, gab es kein einziges, dem ich, wäre ich noch so frei gewesen, nach den bitteren Erfahrungen von den Schrecknissen einer anpassenden Verbindung, hätte meine Hand reichen mögen. Die Unmöglichkeit, meinen Wunsch befriedigt zu sehen, machte mich gallig. Ich versuchte es mich durch Zerstreuungen zu heilen, vermied jedoch alle Ausschweifung, die ich haßte und noch jetzt hasse. Sie war das Attribut meiner indischen Messalina: meine eingewurzelte Abneigung gegen sie und ihre Liederlichkeit hielt mich, selbst bei erlaubten Vergnügungen, im Jaume. Irgend ein Genuß, der an Schwelgerei streifte, hätte mich ihr und ihren Lastern genähert, und ich mied ihn wie das Feuer. ‘Ganz allein konnte ich jedoch nicht leben, ich hielt mir also Maitressen aus. Die erste war Celine Varens — wieder einer jener Streiche, die den Menschen in seinen eigenen Augen erniedrigen. Ich habe Ihnen bereits erzählt, wer diese Person war und wie sich meine Verbindung mit ihr löste. Sie hatte zwei Nachfolgerinnen: eine Italienerin, Giacinta, und eine Deutsche, Clara, beide von ausgezeichneter Schönheit. Allein schon nach wenigen Wochen hatte für mich ihre Schönheit allen Reiz verloren. Giacinta war heftig und leichtsinnig: nach drei Monaten hatte ich sie satt. Clara war brav und still, aber schwerfällig, geistlos, unempfindlich, kurz durchaus nicht nach meinem Geschmacke. Ich war froh, sie mit einer Summe Geldes abzufertigen, die sie in den Stand setzte ein ordentliches Geschäft zu beginnen. — Doch ich sehe es an Ihrem Gesichte, Jane, daß Sie keine so gute Meinung mehr von mir haben. Sie halten mich wohl für einen gefühllosen Wüstling ohne alle Grundsätze? Ist's nicht so?’ ‘Sie gefallen mir in der That nicht mehr so gut wie ehedem. Hielten Sie es denn für keine Sünde, einen solchen Lebenswandel zu führen? Sie sprechen von Ihren Maitressen wie von einer bloßen Gewohnheitssache.’ ‘Weiter war es auch nichts, denn mein Herz fühlte nichts dabei. Es war ein unruhiges Leben und um keinen Preis möchte ich es wieder von vorne beginnen. Sich eine Maitresse aushalten ist nach dem Ankaufe einer Sclavin das Schrecklichste und sich mit Weibern, die auf einer niedrigen Bildungsstufe stehen, abgeben, wahrhaft entwürdigend. Die bloße Erinnerung an die Zeit, die ich mit Celinen, mit Giacinten und Claren zubrachte, ist mir verhaßt. Ich fühlte die Wahrheit dieser Worte und zog daraus den richtigen Schluß, daß, wenn ich mich je so weit vergessen könnte, unter was immer für Verhältnissen die Nachfolgerin dieser armen Märchen zu werden, er sich eines Tages meiner mit demselben Gefühle erinnern müßte, mit dem er jetzt das Andenken jener unglücklichen Geschöpfe verfluchte. Ich sprach diese Ueberzeugung nicht laut aus; es genügte daß ich von ihr innerlich durchdrungen war. Fest prägte ich sie meinem Herzen ein, damit sie mir zur Zeit der Versuchung beistehe. ‘Warum sagen Sie nicht wieder ‘Nun, Sir?’ Ich bin noch nicht zu Ende. Sie sehen sehr ernst aus. Sie sind noch immer mit mir unzufrieden. Doch zur Sache. Aller meiner Maitressen ledig, kam ich in einer ärgerlichen Gemüthsstimmung — voll Bitterkeit, aufgebracht gegen alle Menschen, besonders aber gegen sämmtliche Frauenzimmer, um einige Geschäfte zu ordnen, nach England zurück. ‘An einem kalten Winternachmittage ritt ich Thornfield zu, wo ich weder Ruhe noch Freude zu finden hoffte. An einem Stege auf dem Wege von Hay nach Thornfield erblickte ich eine kleine Gestalt, die einsam und still da saß. Ich ritt ebenso gleichmüthig vorüber, wie vor dem gestutzten Weidenbaume, denn ich hatte keine Ahnung von der Zukunft und wußte nicht, daß diese bescheidene Er- scheinung meinen guten Engel, die Lenkerin meines Schick sals barg. Auch dann wurde es mir noch nicht klar, als das Wesen nach Mesrur's Falle auf mich zukam und mir seine Hilfe anbot. Das kindische, schwache Geschöpf! Es war als hüpfte ein Hänfling zu meinen Füßen und machte mir den Vorschlag, mich auf seinen winzigen Flügeln durch die Luft zu tragen. Ich wurde ärgerlich, aber das kleine Ding wollte nicht weiter gehen; es blieb mit einer bewundernswerthen Ausdauer bei mir stehen und blickte und sprach mit einer eigenen Entschlossenheit. Es mußte mir Hilfe werden und zwar durch diese Hand und wirklich, sie ward mir. Sobald ich die schwache Schulter des Märchens berührt hatte, durchzog mich ein ganz neues Gefühl der Frische und wiedererwachten Lebenskraft. Es war gut, daß ich erfuhr, ich müsse diese Fee wiedersehen, da sie zu meinem eigenen Haushalte gehörte, sonst hätte ich sie nicht ohne das innigste Bedauern hinter der dunklen Hecke verschwinden sehen. Ich hörte Sie am selben Abend nach Hause kommen, Vane, obwohl Sie kaum daran dachten, daß ich mich mit Ihnen beschäftige, Sie beobachte. Tags darauf sah ich Ihnen, ohne selbst bemerkt werden zu können, durch eine halbe Stunde zu, wie Sie mit Adelen auf der Gallerie spielten. Es schneite den Tag über zu arg und Sie konnten nicht ausgehen. Ich war auf meiner Stube, die Thüre stand halb offen, und ich konnte Sie sehen und hören. Adele nahm Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch; dennoch glaubte ich zu bemerken, daß Ihre Gedanken anderwärts beschäftigt waren. Dessenungeachtet hatten Sie Geduld mit dem Kinde und unterhielten es eine gute Weile. Als es endlich davonlief, verfielen Sie plötzlich in ein tiefes Sinnen und gingen die Gallerie langsam auf und nieder. Dann und wann, an einem Fenster angelangt, sahen Sie nach dem dicht fallenden Schnee hinaus, lauschten dem Heulen des Windes und setzten dann Ihren Weg und Ihre Träumerei wieder fort. Ich glaube, diese Träume hatten keine düstere Färbung, denn ein freundliches Licht strahlte aus Ihren Augen und Ihr Gesicht war sanft geröthet; Ihr Blick zeigte die süße Schwärmerei eines jugendlichen Gemüthes an, das auf den raschen Schwingen der Hoffnung zu einem idealen Himmel emporsteigt. Mrs. Fairfax's Stimme, die mit einem Dienstmädchen sprach, weckte Sie und ein wunderbares Lächeln, wohl Ihren eigenen Halbträumen geltend, glitt über ihr Antlitz. Es lag ein tiefer Sinn in diesem Lächeln; es schien der eigenen Zerstreuung zu spotten und zu sagen: ‘Meine Träume sind sehr schön, allein ich darf nicht vergessen, daß sie eben nichts mehr als Träume sind. In meinem Geiste stellte ich mir einen rosigen Himmel und ein blumiges Eden vor, doch weiß ich recht gut, daß in der Wirklichkeit ein rauher, dornenvoller Pfad vor mir liegt.’ Sie liefen die Treppe hinunter, und baten Mrs. Fairfax um irgend eine Beschäftigung; ich denke es handelte sich um die wöchentliche Wirthschaftsrechnung oder so etwas dergleichen. Ich war böse über Sie, daß Sie mir entwischten. ‘Mit wahrer Ungeduld erwartete ich den Abend, um Sie zu mir kommen zu lassen. Ich vermuthete, Ihr Charakter müsse ein ungewöhnlicher, ein für mich ganz neuer seyn und der Wunsch stieg in mir auf, ihn zu studieren und besser kennen zu lernen. Sie traten mit scheuer und doch von Selbstbewußtseyn zeugender Miene ins Gemach; Sie waren sauber, doch einfach, gerade so wie jetzt, angezogen. Ich brachte Sie zum Sprechen und bald erkannte ich in Ihnen das Vorhandenseyn ungewöhnlicher Gegensätze. Ihre Manieren waren durch eine strenge Schulerziehung in steife Formen gezwängt worden, Ihr Betragen meist unsicher, doch zu gleicher Zeit Ihren natürlichen Seelenadel enthüllend wenn auch die äußere Politur, wie sie die vornehme Welt verlangt, fehlte. Sie waren augenscheinlich ängstlich bemüht, jedem nachtheiligen Eindrucke, jedem Mißgriffe vorzubeugen; und doch, wenn man Sie ansprach, ließen Sie ungescheut den scharfen, kühnen, strahlenden Blick Ihres Auges auf dem Antlitze des Sprechers ruhen. Und ein jeder dieser Blicke drang durch Mark und Bein, und wollte man Sie durch Fragen in die Enge treiben, hatten Sie jederzeit eine schlagende Erwiederung bereit. Sie schienen sich sehr bald an mich gewöhnt zu haben — ich denke, Sie fühlten das Vorhandenseyn eines sympathischen Bandes zwischen sich selbst und Ihrem wunderlichen brummigen Dienstherrn. Es war in der That zum Staunen, wie schnell Sie sich in meiner Gesellschaft heimisch fühlten; ich mochte noch so sehr belfern, Sie zeigten weder Verwunderung, noch Furcht, noch Unmuth; Sie sahen mich blos an und antworteten mir mit einem einfachen, doch klugen und anmuthigen Lächeln, das ich nicht zu beschreiben vermag. Das was ich an Ihnen sah, befriedigte mich und machte mich zugleich noch mehr begierig, dennoch behandelte ich Sie durch eine geraume Zeit mit Kälte und Zurückhaltung und suchte Ihre Gesellschaft selten auf. Ich war ein geistiger Epikuräer und wünschte die Genüsse dieser neuen, pikanten Bekanntschaft möglichst zu verlängern; zudem fürchtete ich, die Blume könnte am Ende ihren Duft, ihre Frische verlieren, wenn ich sie zu oft berührte. Damals wußte ich noch nicht daß es keine vergängliche Blüthe sey, sondern ihr strahlendes, in eine unverwüstliche Gemme geschnittenes Ebenbild. Uebrigens wollte ich auch noch sehen, ob Sie mich nicht selbst aufsuchen würden, wenn ich Ihnen auswiche; doch das thaten Sie nicht: Sie blieben im Lehrzimmer, unbeweglich wie Ihre Staffelei und Ihr Schreibpult, und wenn ich Ihnen zufällig begegnete, gingen Sie so rasch, mit so geringen Zeichen des Erkennens vorüber, als es nur immer Ihre Achtung für mich zuließ. Ihr gewöhnlicher Gesichtsausdruck war in jenen Tagen ein nachdenklicher, doch keineswegs ein trauriger, denn Sie waren nicht krankhaft empfindlich; allein er konnte kein heiterer seyn, da Sie keine freundlichen Aussichten in die Zukunft und gar keine Freuden in der Gegenwart hatten. Gerne hätte ich gewußt, was Sie von mir hielten, oder ob Sie überhaupt an mich dachten, und um dies zu erforschen, überwachte ich Sie mit verdoppelter Aufmerksamkeit. Jedenfalls waren Sie geselliger Natur und ihr Trübsinn hatte seinen Grund in der gänzlichen Abgeschlossenheit Ihrer Stellung, denn sobald man Sie in ein Gespräch verflocht, erglänzten Ihre Augen in Heiterkeit und alle Ihre Bewegungen bekamen neues Leben. Ich machte mir das Vergnügen, herzlich gegen Sie zu seyn; meine Herzlichkeit machte Ihre Gefühle rege. Ihr Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an, der sich auch Ihrer Stimme mittheilte; ich freute mich, meinen Namen mit dem Tone der Dankbarkeit und Zufriedenheit von Ihren Lippen aussprechen zu hören. Oft bereitete ich mir den Genuß eines scheinbar zufälligen Zusammentreffens; eine eigenthümliche Unsicherheit gab sich dabei in Ihrem Benehmen kund. Sie sahen mich zweifelhaft an, Sie wußten nicht ob ich in der Laune sey den strengen Gebieter oder den wohlwollenden Freund zu spielen. Ich hatte Sie schon zu lieb, um noch öfter die erstere Rolle durchführen zu können, und wenn ich Ihnen mit Herzlichkeit meine Hand reichte, wurde Ihr junges Gesicht so heiter, so lächelnd, so strahlend von Seligkeit, daß ich mich mit aller Gewalt zurückhalten mußte, Sie nicht an mein Herz zu drücken.’ ‘Sprechen Sie nicht weiter von jenen Zeiten, Sir,’ fiel ich ein, mir heimlich einige Thränen aus den Augen wischend. Seine Reden waren mir unendlich peinlich, denn ich wußte was ich thun — ja bald thun mußte, und alle diese Erinnerungen, alle diese Erschütterungen seiner Gefühle erschwerten mir den ohnedies schweren Schritt nur noch mehr.’ ‘Wohl, Jane,’ versetzte er, ‘zu was bei der Vergangenheit verweilen, wenn die Gegenwart so viel gewisser, die Zukunft so viel glücklicher ist?’ Sein Irrwahn erfüllte mich mit bitterem Schmerz. ‘Sie wissen nun wie die Dinge stehen,’ fuhr er fort. ‘Nachdem ich meine Jugend und einen Theil meines Mannesalters in unaussprechlichem Elende verlebte, habe ich nun diejenige gefunden, die ich wahrhaft lieben kann ich habe Sie gefunden. Sie sind mein besseres Selbst, mein guter Engel, an Sie bin ich für ewig gefesselt. Sie sind gut, geistig begabt und liebenswürdig und eine glühende Leidenschaft brennt für Sie in meinem Herzen; sie zieht Sie zum Quell meines Lebens, verbindet mein Daseyn mit dem Ihrigen und verschmilzt uns Beide in Eines. ‘Und eben weil ich dies wußte und fühlte, beschloß ich Sie zu heirathen. Es ist ein grausamer Scherz, mir zu erwiedern, ich habe bereits ein Weib, nun Sie wissen, welch ein Scheusal mir auf dem Halse sitzt. Ich hatte Unrecht, Sie hintergehen zu wollen; allein ich fürchtete die Ungefügigkeit Ihres Charakters, die Macht von Vorurtheilen, die man Ihnen ohne Zweifel schon in zarter Jugend eingeflößt. Erst wollte ich Sie festhalten, bevor ich Ihnen Eröffnungen machte. Es war eine Niederträchtigkeit, ich hätte mich an Ihren Edelmuth, Ihre Hochherzigkeit wenden, ich hätte Ihnen die Schrecknisse meines unbefangenen Lebens beschreiben, meine Sehnsucht nach einem schöneren, würdigeren Dasevn schildern sollen, wie ich es eben jetzt gethan. Dann mußte ich Ihnen beweisen, wie ich diejenige zu lieben im Stande bin, die mit ganzer Seele an mir hängt, und Sie bitten, mir die Versicherung Ihrer Treue in derselben Weise zu geben, wie ich Sie Ihnen entgegen trug. Jane, ich bitte Sie jetzt darum!’ Eine Pause trat ein. ‘Warum schweigen Sie, Jane?’ Es war mir als würde ich einem Gottesurtheil unterzogen, als durchwühlte mir eine Hand von glühendem Eisen die Eingeweide. Oh, des schrecklichen Augenblickes, voll des schmerzlichsten Kampfes, der trostlosesten Verzweiflung! Kein menschliches Wesen konnte sich wünschen, mehr geliebt zu werden, als ich geliebt wurde, und ihn, der mich so liebte, betete ich wahrhaft an, und doch mußte ich meiner Liebe, meinem Idole entsagen. Und die Erfüllung dieser herzzerreißenden Pflicht bezeichneten die wenigen, aber schauerlichen Worte: ‘Du mußt fort!’ ‘Sie verstehen nicht, was ich von Ihnen verlange. Jane? Blos das Versprechen: Ich will Ihnen angehören, Mr. Rochester.’ ‘Mr. Rochester, ich will Ihnen nicht angehören.’ Wieder trat eine lange Pause ein. ‘Ja, begann er mit einer Sanftmuth, die mich mit namenlosem Schmerz und banger Ahnung erfüllte — denn diese leise Stimme war das Athem holen des erwachenden Löwen — ‘Jane, ist es Ihre Absicht, Ihren eigenen Weg durch die Welt zu gehen und mich auf dem meinigen allein zu lassen?’ ‘So ist’s.' ‘Jane,’ (sich zu mir neigend und mich umarmend), ‘auch jetzt noch?’ ‘Gewiß.’ ‘Und nun?’ mich sanft auf Stirne und Wange küssend. ‘Ich bleibe dabei.’ Bei diesen Worten entwand ich mich seiner Umarmung. ‘Oh, das ist bitter, Jane, das ist schlecht! Es wäre keine Sünde, mich zu lieben.’ ‘Aber es wäre ein Verbrechen, Ihnen zu gehorchen.’ Ein wilder Ausdruck überflog sein Gesicht. Er stand auf, doch hielt er noch an sich. Ich stützte mich auf eine Stuhllehne; ich zitterte vor Furcht, aber mein Entschluß war gefaßt. ‘Einen Augenblick, Jane. Werfen Sie einen Blick auf mein künftiges Leben, wenn Sie fort sind. Mit Ihnen weicht alles Glück von mir. Was bleibt mir noch? Jene Wahnsinnige dort oben, und eben so gut könnten Sie mich an eine Leiche im Kirchhofe weisen. Was soll ich thun, Jane? Wo soll ich eine Gefährtin, wo Trost und Hoffnung suchen?’ ‘Thun Sie wie ich, ventrauen Sie auf Gott und auf Ihre eigene Kraft. Blicken Sie zum Himmel und hoffen Sie auf ein baldiges Wiedersehen in einem künftigen Leben.’ ‘Sie sind also unerbittlich?’ ‘Ich bin es.’ ‘Sie verdammen mich dazu, elend zu leben und noch elender zu sterben?’ Er sprach diese Worte mit steigender Stimme. ‘Ich rathe Ihnen, nun ohne Sünde zu leben und ruhig zu sterben.’ ‘Und Sie nehmen Liebe und Schuldlosigkeit von mir und weisen mir die Wollust als Herzensneigung und das Laster als eine Beschäftigung zu?’ ‘Ich weise Ihnen ein solches Geschick eben so wenig zu, als ich selbst darnach trachte. Wir Menschen sind zu Kampf und Entbehrung geboren — Sie so gut wie ich: handeln Sie darnach. Sie werden mich wohl früher vergessen, als ich Sie.’ ‘Durch solche Reden stempeln Sie mich zum Lügner und greifen meine Ehre an. Ich sagte Ihnen, ich könnte mich nicht ändern, und Sie behaupten mir ins Gesicht, es werde in kurzer Zeit der Fall seyn. und welche Verirrung Ihres Verstandes. welche Verderbtheit Ihres Gemüthes legen Sie durch Ihre Handlungsweise an den Tag! Ist es besser, man treibt einen Mitmenschen zur Verzweiflung, als man übertritt eine bloße Menschensatzung, wenn durch die Uebertretung Niemanden ein Leid zugefügt wird? Denn Sie haben weder Freunde noch Anverwandte, die Sie dadurch verletzen könnten, daß Sie mit mir leben.’ Das war richtig und während er sprach, wurden Verstand und Gewissen zu Verräthern an mir, und warfen mir meinen Widerstand als ein Verbrechen vor. Sie sprachen fast so laut, als mein Gefühl, welches unbändig tobte. ‘Oh, gib nach,’ rief es. ‘Denke an sein Elend, an die Gefahren, denen er, wenn allein, preisgegeben ist. Erinnere Dich seiner Heftigkeit, der Tollheiten, die er in seiner Verzweiflung zu begeben im Stande ist. Rette und liebe ihn; sage ihm, Du wollest sein werden. Wer in der ganzen weiten Welt kümmert sich um Dich oder leidet durch diese Handlungsweise auch nur den geringsten Schaden?’ Doch die unausweichliche Antwort lautete: ‘Mir selbst muß an meiner Achtung gelegen seyn. Je einsamer, je freund- und hilfloser ich dastehe, desto mehr muß ich für die Wahrung meiner Ehre Sorge tragen. Ich will das von Gott gegebene, von den Menschen heilig gehaltene Gesetz befolgen; ich will fest an den Grundsätzen halten, die mir eingeflößt wurden, da ich noch meine gesunde Vernunft hatte und nicht halb verrückt war, wie ich es jetzt bin. Gesetze und Grundsätze sind nicht für Zeiten gegeben und aufgestellt, wo keine Versuchung lockt; gerade für solche Augenblicke, wie der jetzige ist, passen sie, wo sich Geist und Körper gegen die Giltigkeit derselben auflehnen. Sie lauten streng, allein sie dürfen nicht übertreten werden. Wenn ich dies nach meinem eigenen Belieben thun könnte, welchen Werth hätten sie denn im Allgemeinen. Und daß sie einen großen Werth haben, davon war ich stets überzeugt und daß ich in diesem Momente daran zweifle, das kömmt daher, weil ich kaum meiner Sinne mächtig bin, weil mir Feuer durch die Adern läuft und mein Herz schneller schlägt, als ich die einzelnen Schläge zählen kann. Frühere Ansichten und Entschlüsse sind Alles, was mir in dieser Stunde der Prüfung zur Seite steht und darauf will ich mich stützen.’ Mein Entschluß war gefaßt. Mr. Rochester las ihn von meinem Gesichte ab. Seine Leidenschaftlichkeit hatte den höchsten Grad erreicht; er mußte ihr irgend einen Ausbruch gestatten. Er durchschritt das Gemach, kam auf mich los, ergriff meinen Arm und faßte mich um den Leib. Er schien mich mit seinen Flammenblicken verzehren zu wollen: körperlich fühlte ich mich in dieser Minute so schwach wie ein Rohr, das vom Winde hin und her gepeitscht wird, geistig war ich noch kräftig genug und meiner endlichen Rettung aus dem Sturme gewiß. Die Seele besitzt glücklicherweise einen oft unbewußten, doch stets getreuen Dolmetsch an dem Auge. Ich schlug den Blick zu ihm empor und während ich ihm in das zornglühende Gesicht schaute, entfuhr mir ein unwillkürlicher Seufzer. Der Druck seiner Hand schmerzte mich und meine übermäßig angestrengte Kraft war erschöpft. ‘Nie,’ sagte er zähneknirschend, ‘nie in meinem Leben sah ich ein so schwaches und doch so unüberwindliches Wesen. Wie ein Strohhalm fühlt sie sich an!’ Dabei schüttelte er mich mit seiner gewaltigen Hand. ‘Ich könnte sie mit zwei Fingern umbiegen, aber was hälfe es mir, wenn ich es thäte, wenn ich sie zusammenrollte, zerdrückte? Seht einmal das Auge, seht den wilden, entschlossenen, freien Blick, der mich mit mehr als Muth, mit der Sicherheit des unausweichlichen Sieges herausfordert! Ich mag mit dem Kerker machen was ich will, den scheuen, theuren Gefangenen vermag ich nicht zu erlangen. Zerbreche ich die schwache Hülle, erreiche ich mit meinem Frevel nichts weiter, als daß mir sein Bewohner entflieht und im Himmel ist, ehe ich noch sein irdisches Wohnhaus ganz in meinen Händen habe. Und nur Du bist es, Du kräftige, tugendhafte, keusche Seele nach der ich trachte, nicht dein gebrechliches Gefängniß. Warum brichst Du nicht von selbst reine Fesseln und kömmst zu mir und ziehst in mein Herz ein? Gegen deinen Willen kann ich Dich nicht fassen, eben so wenig als einen Wohlgeruch, der verflüchtigt, noch ehe man seinen Duft eingesogen hat. Oh, komm, theure Seele, komm!’ Er hatte mich inzwischen losgelassen und blickte mich nur noch an. Weit schwerer war es diesem Blicke zu widerstehen, als jenem wilden, krampfhaften Drucke; allein nur eine Blödsinnige wäre jetzt unterlegen. Ich hatte seiner Wuth getrotzt, sie gebrochen, seinem Schmerze mußte ich ausweichen. Ich zog mich zur Thüre zurück. ‘Sie gehen, Jane?’ ‘Ich gehe, Sir.’ ‘Sie verlassen mich?’ ‘Ja.’ ‘Sie bleiben nicht bei mir? Sie wollen nicht meine Trösterin, meine Erlöserin seyn? Meine heiße Liebe, mein wilder Schmerz, mein Bitten und Flehen — gilt Ihnen das Alles nichts?’ Welche glühende Leidenschaft lag in dem Tone seiner Stimme! Wie schwer wurde es mir, wiederholt zu erwiedern: ‘Ich gehe.’ ‘Jane!’ ‘Mr. Rochester!’ ‘Sehen Sie — ich willige ein — aber erinnern Sie sich, daß Sie mich hier in Angst und Qual zurücklassen. Gehen Sie in Ihre Stube hinauf, denken Sie an Alles, was ich Ihnen gesagt und — an meine Leiden. Jane, denken Sie an mich. Er wandte sich um und warf sich mit dem Gesichte aufs Sopha. ‘Oh, Jane! — meine Hoffnung — meine Liebe — mein Leben!’ ertönte es schmerzlich von seinen Lippen. Ein tiefer, langgezogener Seufzer folgte. Ich hatte bereits den Ausgang erreicht, aber — ich ging noch einmal zurück, ebenso festen Schrittes, als ich mich entfernt hatte. Ich kniete vor ihm nieder, hob seinen Kopf aus den Kissen empor, küßte seine Wange und strich ihm das Haar glatt. ‘Gott segne Sie, mein theurer Herr!’ sagte ich. ‘Er halte Schmerz und Gram fern von Ihnen, er geleite und tröste Sie, er lohne Ihnen alle mir erwiesene Güte.’ ‘Meine beste Belohnung wäre die Liebe meiner kleinen Jane gewesen,’ antwortete er; ‘ohne sie stirbt mein Herz ab. Doch Jane wird mir ihre Liebe schenken, das wird sie in ihrem Edelmuth, ihrer Herzensgüte.’ Das Blut stieg ihm ins Gesicht, seine Augen blitzten, er sprang in die Höhe und breitete die Arme nach mir aus. Aber ich ging der beabsichtigten Umarmung aus dem Wege und verließ mit einem Male das Zimmer. ‘Lebe wohl!’ rief mein Herz, als ich ihn verließ. Die Verzweiflung fügte hinzu: ‘Lebe wohl auf ewig!’ Ich dachte gar nicht, daß ich die Nacht würde schlafen können; aber kaum hatte ich mich ins Bett gelegt, als auch schon der Schlummer meine Augen schloß. Ein lebhafter Traum versetzte mich in die Tage meiner Kindheit zurück. Ich träumte, ich liege in der rothen Stube zu Gateshead, die Nacht sey finster und mein Gemüth unter dem Einflusse einer sonderbaren Furcht. Jener Lichtschein, der mich vor Jahren bewußtlos gemacht, erschien mir in meinem Traumgesichte; ich sah ihn die Wand hinan gleiten und inmitten der Zimmerdecke zitternd Halt machen. Ich hob meinen Kopf empor, um die Erscheinung zu besichtigen; die Zimmerwölbung löste sich in schwere, düstere Wolken auf und der Schimmer war demjenigen des Mondes zu vergleichen, wenn er im Begriffe ist durch den Nebel zu brechen. Ich sah seiner Ankunft mit eigenthümlicher Bangigkeit entgegen, als sollte seine Scheibe die Worte eines Schicksalsspruches enthalten. Endlich zertheilten sich die Wolken, aber es war nicht der Mond, der sichtbar wurde, sondern eine weiße menschliche Gestalt, die ihr strahlendes Antlitz zur Erde neigte. Sie sah mich an. Sie flüsterte meinem Herzen die aus unendlicher Ferne herübertönenden, doch ganz deutlich vernehmbaren Worte zu: ‘Fliehe die Versuchung, meine Tochter!’ ‘Ich will es, theure Mutter,’ antwortete ich, aus diesem bedeutungsvollen Traume erwachend. Es war noch Nacht, aber eine kurze Julinacht, wo sich bald nach Mitternacht die Morgendämmerung einstellt. ‘Es ist nicht zu früh, mit der Ausführung meines Vorsatzes zu beginnen,’ dachte ich. Ich erhob mich. Ich war angezogen, denn ich hatte blos meine Schuhe abgelegt. Ich wußte wo ich in meiner Commode etwas Wäsche, ein Armband und einen Ring zu suchen hatte. Bei dieser Gelegenheit kam mir ein Halsband von Perlen in die Hände, welches mir Mr. Rochester vor einigen Tagen aufgedrungen hatte. Ich ließ es zurück; es war nicht mein Eigenthum, es hatte der Traumgestalt von einer Braut gehört, die nun in Nebel zerflossen war. Die andern Gegenstände band ich in ein Packet zusammen, meine Börse mit zwanzig Schillingen, meinem ganzen Vermögen, steckte ich zu mir. Ich setzte meinen Strohhut auf, nahm meinen Shawl um, erfaßte das Päckchen und die Schuhe, die ich erst im Freien anziehen wollte, und stahl mich zur Stube hinaus. ‘Adieu, gute Mrs. Fairfax,’ flüsterte ich bei ihrer Thüre vorüber gleitend. ‘Adieu, meine theure Adela,’ sagte ich mit einem Blicke nach der Kinderstube. Ich konnte nicht hineintreten und sie ein letztes Mal in meine Arme schließen; ich hatte ein feines Gehör zu täuschen, das vielleicht gerade in diesem Augenblicke aufpaßte. Ich wollte bei Mr. Rochester's Stube rasch vorüber schreiten; doch mein Herz stand still, als ich seiner Schwelle nahe kam und auch mein Fuß blieb zögernd stehen. Weder Schlaf noch Ruhe herrschte in dem Gemache, dessen Bewohner rastlos auf- und abging und seufzte. Ein Himmel, ein irdischer Himmel war für mich darin bereit, ich durfte nur hineingehen und sagen: ‘Mr. Rochester, ich will Sie lieben und bei Ihnen bis zu meinem Tode ausharren,’ und ein nie geahntes Paradies eröffnete sich mir. Ich dachte daran. Mein theurer Gebieter, der nun nicht schlafen konnte, sah dem Tage ungeduldig entgegen. Ich wußte, er werde gleich des Morgens nach mir schicken und mich nicht mehr finden; er werde überall nach mir suchen, doch umsonst. ‘Er wird sich verlassen und elend fühlen,’ stellte ich mir vor; ‘Verzweiflung wird dem Schmerze über verschmähte Liebe folgen.’ Meine Hand wollte nach der Thürklinke greifen, ich zog sie hastig zurück und eilte rasch weiter. Wie im Traume ging ich die Treppe hinab; ich wußte was ich zu thun hatte und that es mechanisch. In der Küche suchte ich den Schlüssel zur Hinterthüre; etwas Oel und eine Feder, den Schlüssel und das Schloß einzuölen. Ich trank etwas Wasser und nahm ein Stück Brot zu mir; vielleicht mußte ich weit gehen und meine in der letzten Zeit so sehr gerütteten Kräfte konnten mich leicht verlassen. Alles das verführte ich ganz geräuschlos. Dann öffnete ich die Thür, schlich mich hinaus und schloß sachte hinter mir zu. Es dämmerte bereits. Das Hauptthor der Hofmauer war geschlossen, ein Seitenpförtchen dagegen blos zugeriegelt. Durch dieses letztere trat ich hinaus und befand mich nun außerhalb Thornfield. Eine Meile davon, jenseits der Felder, lag eine Straße, die sich in der entgegengesetzten Richtung von Millcote ausdehnte, eine Straße, die ich nie gereist war, aber oft betrachtet hatte, voll Neugierde, wo sie hinführte. Dorthin lenkte ich meine Schritte. Es war keine Zeit zu überlegen oder einen Blick zurückzuwerfen. Ich konnte weder der Vergangenheit noch der Zukunft einen Gedanken widmen. Die erstere füllte ein so wunderliebliches und doch so trauriges Blatt meiner Lebensgeschichte, daß eine einzige Zeile davon meinen Muth schwächen, meine Kraft brechen mußte. Die letztere zeigte eine unheimliche Leere, wie sie etwa nach der Ueberschwemmung der Welt vorhanden war. Ich schritt über die Felder, Hecken und Fußwege entlang, bis die Sonne aufging. Ich glaube es war ein lieblicher Sommermorgen; meine Schuhe waren binnen kurzer Zeit ganz durchnäßt von Thau. Aber ich sah weder nach der aufgehenden Sonne, noch nach dem heitern Himmelsraume, noch nach der erwachenden Natur. Derjenige, der zum Schaffot hinausgeführt wird, denkt nicht an die bunten Blumen am Wege, sondern an den Holzblock und an die Schärfe des Beils; ich dachte an meine trostlose Flucht und mein heimatloses Herumirren und — an das Theuerste was ich zurückließ. Ich konnte nicht anders. Ich stellte mir ihn in seinem Zimmer vor, wie er die aufgehende Sonne betrachtet, voll Erwartung, ich werde nun kommen und ihm sagen, ich wollte nun bleiben und ihm angehören. Ich sehnte mich darnach sein zu seyn, wieder zurückzukehren, ihm den bittern Schmerz meines Verlustes zu ersparen. Noch war meine Flucht gewiß nicht entdeckt worden, noch konnte ich umkehren, ihn trösten, beglücken vom Elende, vielleicht vom Untergange erretten. Wie drückte mir die Angst vor seiner Verzweiflung, die jedenfalls noch die meinige überbot, das Herz ab. Die Vögel sangen in Wäldern und Feldern; die Vögel tauschten Liebe um Liebe, sie erschienen mir als die Sinnbilder dieses himmlischen Gefühls. und was that ich? Mitten in meiner Herzenspein und in meinem Ringen nach Pflichterfüllung kam mir der Abscheu vor mir selber. Nicht einmal den Trost der Selbstzufriedenheit hatte ich, nicht denjenigen der Selbstachtung. Ich hatte meinen Gebieter beleidigt — tödtlich verletzt — verlassen. Ich verachtete mich selbst. Doch ich konnte nicht umkehren, keinen Schritt nach rückwärts thun. Gott selbst wies mir meinen Weg in die Ferne; leidenschaftlicher Schmerz hatte meinen Willen gelähmt, die Stimme meiner Vernunft übertäubt. Unter heftigem Schluchzen setzte ich meinen einsamen Weg fort; schneller, immer schneller rannte ich wie im Fieberwahn vorwärts. Endlich erlag ich der Mattigkeit, die seit dem vorhergehenden Tage in meinen Gliedern lag, und ich sank zu Boden. Einige Minuten blieb ich liegen und drückte meine brennenden Wangen auf den nassen Rasen. Ich fürchtete oder hoffte vielmehr, der Tod werde mich hier ereilen; doch bald faßte ich wieder Muth und kroch auf Händen und Küßen weiter, mehr denn je entschlossen die Fahrstraße zu erreichen. Dort angelangt sah ich mich genöthigt, eine Weile unter einer Hecke auszuruhen. Ich hörte das Rollen eines Wagens und sah eine Kutsche herankommen. Ich stand auf und winkte; sie hielt an. Ich frug, wohin sie ginge; der Kutscher nannte mir einen weit entfernten Ort, wo Mr. Rochester, wie ich ganz gewiß wußte, keine Bekannte hatte. Ich erkundigte mich nach dem Fahrpreise; er verlangte dreißig Schillinge. Ich antwortete, ich hätte nur zwanzig; er meinte, er wolle sehen, daß es genüge. Er erlaubte mir ferner, mich in das Innere zu setzen, da der Wagen leer war. Ich stieg hinein und er rollte fort. Mögest Du, liebe Leserin, nie das fühlen, was ich fühlte. Mögen deine Augen nie so heiße, so blutige Thränen vergießen, als sie den meinen entströmten. Mögest Du nie so hoffnungslose Gebete zum Himmel emporsenden, als in jener bittern Stunde über meine Lippen kamen! Mögest Du endlich nie, wie ich, zittern müssen, daß Du demjenigen, den Du liebst, den Todesstoß versetztest! Achtundzwanzigstes Capitel. Zwei Tage sind verflossen. Es ist ein Sommerabend; der Kutscher hat mich an einem Orte Namens Whitcroß abgesetzt. Er konnte mich für das erhaltene Fahrgeld nicht weiter mitnehmen, und ich besaß keinen rothen Heller mehr. In diesem Augenblicke ist die Kutsche über eine Meile entfernt; ich bin allein. Nun erst bemerke ich, daß ich mein kleines Packet aus der Wagentasche herauszunehmen vergaß wohin ich es der Sicherheit wegen gesteckt hatte. Dort steckt es, holen kann ich es nicht mehr, und ich bin nun ganz arm. Whiteroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Weiler, sondern blos eine steinerne Säule an einem Kreuzwege; weiß angestrichen, um von der Ferne besser sichtbar zu seyn. Vier Arme weisen nach den vier verschiedenen Richtungen der Straßen. Die Aufschrift zeigt, daß der nächste Ort zehn, der weitest entfernte zwanzig Meilen von hier liegt. Die wohlbekannten Namen der beiden Städte lassen mich erkennen, in welcher Grafschaft ich mich befinde. Es ist ein unfruchtbares Sumpfland, theilweise gebirgig, wie ich sehe. Große Moräste liegen hinter mir und zu beiden Seiten jenseits jenes tiefen Thales steigen Berge in die Höhe. Die Bevöllerung muß hier sehr dünn gesät seyn, und ich bemerkte keine Reisenden auf den vier Straßen, die sich nach allen Himmelsgegenden ausdehnen und sämmtlich durch Sumpfboden führen. Doch konnte der Zufall einen einsamen Wanderer in die Nähe bringen, und ich möchte nicht, daß mich ein Menschenauge erblickte; die Leute würden sich wundern, was ich hier am Fuße des Wegweisers zu suchen habe, Fragen an mich stellen, die ich nicht beantworten könnte, und Zweifel und Verdacht müßten in ihnen rege werden. Kein Band fesselt mich in diesem Augenblicke an die menschliche Gesellschaft, keine Hoffnung ruft mich zu den Wohnungen meiner Mitmenschen, und kein Sterblicher der mich sieht, wird einen guten Gedanken und einen freundlichen Wunsch für mich bereit haben. Ich habe keinen andern Anverwandten, als die Allmutter Natur; an ihre Brust will ich mich legen und Ruhe suchen. Ich ging geraden Weges auf die Haide los, hielt mich längs eines Abhanges, der sich am dunkeln Sumpfe hinzog, watete bis an die Knie in dem dichten Haidekraute und fand endlich einen bemoosten Granitstein, unter dem ich mich niedersetzte. Die hervorragende Steinplatta schützte mein Haupt, rings um mich sah ich nur Himmel und Haideland. Eine geraume Zeit verging, bevor ich mich, selbst in diesem abgelegenen Winkel der Erde, sicher fühlte; eine leise Furcht befiel mich, es möchte wildes Vieh in der Nähe seyn, ein Jäger oder ein Wilddieb herankommen und meiner ansichtig werden. Wenn der Wind über die Einöde strich, sah ich empor, ob es nicht das Schnauben eines Stieres oder Pferdes sey; wenn ein Kibitz pfiff, dachte ich, es sey ein Mensch. Meine Befürchtungen unbegründet findend und durch die in der ganzen Gegend herrschende tiefe Stille beruhigt, faßte ich Muth und Vertrauen. Bis nun hatte ich vor lauter Horchen keine Zeit zum Nachdenken gefunden; jetzt war der Augenblick gekommen, wo ich mich meinen Gedanken überlassen konnte. Was sollte ich nun beginnen? Wohin sollte ich gehen? Beides qualvolle Fragen, da ich nichts thun, nirgends hingehen konnte, da noch ein unermeßlicher Weg von meinen schwachen Füßen durchschritten werden mußte, bevor ich zu einer menschlichen Wohnung kam! Und dann mußte ich erst eine Unterkunft erbetteln, mich zudringlich schelten, hundertmal abweisen lassen, ehe ich eine gutmüthige Seele fand, die meiner Erzählung Glauben schenkte, mir unter die Arme griff. Ich legte mich auf das Haidekraut nieder, es war trocken und noch warm von der Sonnenhitze. Ich blickte zum Himmel empor, er war heiter und ein freundlicher Stern erglänzte gerade über mir. Der Thau fiel, doch weder stark, noch kalt; kein Lüftchen regte sich. Die Natur schien mir wohlzuwollen und geneigt zu seyn und ich, die ich mich von Seite der Menschen nur auf Mißtrauen, Zurückweisungen und üble Behandlung gefaßt machen konnte, schmiegte mich mit kindlicher Zärtlichkeit an sie. Diese Nacht wenigstens wollte ich ihr Gast seyn — wie ich schon ihr Kind wars meine Mutter beherbergte mich umsonst, ohne Anspruch auf Gewinn. Noch besaß ich einen Bissen Brot, den Ueberrest eines kleinen Laibes, den ich mir für einen zufällig in meiner Tasche gefundenen Penny unterwegs gekauft hatte. Dieses Mahl stillte wohl meinen Hunger nicht ganz — doch war es besser als nichts. Mit dem Essen zu Ende gekommen sagte ich mein Abendgebet her und legte mich dann schlafen. Ich faltete meinen Shawl doppelt zusammen und breitete ihn über mich statt einer Decke aus; ein niedriger mit Moos bewachsener Stein war mein Kopfkissen. Auf diese Weise konnte mir, wenigstens nicht gleich anfangs, die Kühle der Nacht etwas anhaben. Mein Schlaf wäre ein ruhiger gewesen, hätten mich die klaffenden Wunden meines Herzens nicht so sehr geschmerzt. Es zitterte für Mr. Rochester und seine Zukunft, es beweinte sein trauriges Schicksal mit blutigen Thränen, es schlug ihm mit sehnsüchtigem Verlangen entgegen, und ohnmächtig wie ein Vogel, dessen Flügel gebrochen, bewegte es noch immer seine zerschmetterten Schwingen zu nutzlosen Versuchen, dem Geliebten entgegen zu fliegen. In meinem Innern von solch qualvollen Gedanken zerfleischt, stand ich bald von meinem Lager auf. Es war Nacht und Mond und Gestirne erglänzten am Firmamente, der Himmel war zu heiter, um Angst und Furcht zuzulassen. Wohl wissen wir, daß Gott überall ist, doch empfinden wir seine Nähe am lebhaftesten. wenn die großartigen Werke seiner Schöpfung vor uns liegen, und am wolkenlosen, heiteren Nachthimmel, wo seine Welten ihren stillen Lauf verfolgen, lesen wir am deutlichsten seine Unehrlichkeit, Allmacht und Allgegenwart. Ich kniete nieder, um für Mr. Rochester zu beten. Zum Himmel emporsehend, erblickten meine in Thränen schwimmenden Augen die mächtige Milchstraße. Mich daran erinnernd, woraus sie besteht, welch’ zahllose Planetensysteme diesen schwachen Lichtstreif bilden, fühlte ich mich von Gottes Größe und Allmacht durchdrungen. Ich war von seinem Willen, die Werke seiner Hand zu erhalten, überzeugt, ich wußte, daß weder die Erde, noch irgend eine Menschenseele zu Grunde gehen könne. Mein Gebet war ein Dankgebet; der Urquell des Lebens ist ja auch der Behüter der Seelen. Mr. Rochester war sicher, als Gottes Geschöpf stand auch er unter Gottes Schutz. Wieder legte ich mich nieder, und in kurzer Zeit hatte der Schlaf meinen Schmerz und meine Sorge zur Ruhe gebracht. Doch am nächsten Tage schon stellte sich nackt und hohläugig der Mangel ein. Lange nachdem die Vögel ihre Nester verlassen hatten, die Bienen im frischen Morgenthau auf das Haidekraut hernieder geflogen waren, den süßen Honig zu sammeln, als der Schatten schon kürzer geworden, und die Sonne mit der Fülle ihrer Strahlen Himmel und Erde beschien, erwachte ich und blickte um mich herum. Welch' heiterer, warmer, köstlicher Tag! Wie golden und glänzend sah das Sumpfland aus! Allüberall Sonnenschein! Ich wünschte hier bleiben, hier leben zu können. Eine Eidechse lief über den bemoosten Stein, eine Biene summte geschäftig unter den süßen Heidelbeeren. Gern wäre ich in diesem Augenblicke eine Biene over eine Eidechse gewesen, um hier Nahrung und Wohnung zu finden. Allein ich war ein menschliches Wesen, und hatte menschliche Bedürfnisse; ich durfte nicht an einem Orte bleiben, wo ich keine Aussicht hatte, dieselben befriedigen zu können. Ich erhob mich, und warf einen Blick nach dem Lager zurück, von dem ich aufgestanden war. Ohne Aussichten in die Zukunft ohne Hoffnungen, konnte ich den Wunsch nicht unterdrücken mein himmlischer Vater hätte mich diese Nacht, währen ich schlief, zu sich genommen, und mir weitere Kämpfe und Leiden erspart. Doch lebte ich nun einmal, und fühlte all' die Schmerzen und Bedürfnisse des menschlichen Daseyns; ich mußte also die Last ertragen, für meine Bedürfnisse sorgen, die Leiden geduldig hinnehmen. Ich machte mich auf den Weg. Am Meilenzeiger angelangt, wählte ich diejenige Straße, die am meisten vor der Sonnenhitze geschützt schien. Kein anderer Umstand entschied meine Wahl. Ich ging eine geraume Zeit fort, und als ich dachte, eine genug weite Strecke zurückgelegt zu haben, und meine müden Glieder auf einer nahen Steinbank ausruhen zu dürfen, hörte ich ein Geläute, das Läuten einer Kirchenglocke. Ich wandte meine Blicke nach der Richtung des Schales und bemerkte zwischen den romantischen Hügeln, die ich noch vor einer Stunde betrachtet hatte, ein Dörfchen und einen Kirchthurm. Das Thal zu meiner Rechten bestand aus Weideland, Getreidefeldern und Gehölz; ein klarer Strom durchschlängelte es seiner ganzen Richtung nach. Das Gerassel eines Wagens lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Fahrstraße und ich sah einen schwerbeladenen Wagen mühsam bergan fahren; nicht weit von mir weidete ein Mann eine beiden Kühe. Menschliche Lebendigkeit, menschliche Thätigkeit waren nahe. Auch ich mußte mich abmühen, für meinen Unterhalt sorgen und arbeiten, gleich meinen übrigen Mitmenschen. Beiläufig um zwei Uhr Nachmittags langte ich im Dorfe an. Am Ende der einen Straße befand sich ein kleiner Laden mit Kuchen im Auslagekasten. Ich empfand eine lebhafte Sehnsucht nach einem derselben. Eine derlei Erfrischung konnte mir neue Kräfte geben, denn ohne etwas zu genießen war es mir fast unmöglich weiter zu gehen. Der Wunsch nach Kraft und Stärke wurde in mir mit demselben Augenblicke lebendig, wo ich mich wieder unter Menschen befand. Ich fühlte wie demüthigend es wäre, in der Straße eines Dorfes vor Hunger umzusinken. Hatte ich denn gar nichts bei mir, um es gegen eine Semmel auszutauschen? Ich dachte nach. Wohl besaß ich ein kleines seidenes Halstuch und Handschuhe. Ich hatte es nie selbst erfahren, was man in solchen äußersten Fällen zu thun pflegt; ich wußte nicht einmal ob man einen dieser Gegenstände annehmbar finden würde. Vielleicht scheiterte mein Versuch, allein ich mußte ihn wagen. Ich trat in den Laden; eine Frau saß darin. Eine anständig gekleidete Person, ihrer Meinung nach eine vornehme Dame erblickend, kam sie mir ganz artig entgegen. Sie frug mich was mir zu Diensten stände? Ich schämte mich und konnte die vorbereitete Bitte nicht über die Junge bringen. Ich wagte es nicht ihr meine getragenen Handschuhe, mein zerknittertes Halstuch anzubieten; die Zumuthung eines Tauschhandels kam mir nun selbst albern von. Ich bat nur um Erlaubniß, mich einen Augenblick setzen zu dürfen, da ich se hr müde wäre. Sich in der Erwartung, eine Kundschaft an mir zu bekommen, getäuscht sehend, gewährte sie mir mein Ansuchen mit frostiger Miene und wies mir einen Stuhl an. Ich sank darauf hin und wollte fast weinen. Bald erinnerte ich mich jedoch, wie unzeitig eine solche Kundgebung meiner Gefühle wäre und hielt meine Thräne zurück. Dann frug ich, ob es im Dorfe keine Putzmacherin oder Weißnäherin gebe? ‘Ja wohl, zwei oder drei. Gerade genug für den kleinen Ort.’ Ich überlegte. Ich war nun zum Aeußersten gebracht und meine Noth fürchterlich. Ohne eine Hilfsquelle, ohne Freunde, ohne Geld mußte ich Schritte für die Erhaltung meines Lebens thun. Auf welche Weise? Ich mußte mir einen Dienst suchen. Aber wo? ‘Ist Ihnen kein Haus in der Nachbarschaft bekannt,’ frug ich , ‘wo man ein Dienstmädchen brauchen könnte?’ ‘Ich weiß keines.’ ‘Welches ist die Hauptbeschäftigung des Ortes?’ ‘Viele Leute treiben Ackerbau, die andern arbeiten in Mr. Oliver's Nadelfabrik und in der Gießerei.’ ‘Verwendet Mr. Oliver Frauenzimmer? ‘Nein, blos Männer.’ ‘Und womit beschäftigen sich die Weiber?’ ‘Mit dem und jenem. Arne Leute müssen sehen wie sie fortkommen.’ Meine Fragen schienen der Frau lästig zu werden. Und was hatte ich auch für ein Recht sie zu belästigen? Einige Nachbarinnen traten in den Laden, mein Stuhl wurde allem Anscheine nach benöthigt. Ich empfahl mich. Ich ging die Straße entlang und sah mir alle Häuser rechts und links an. Allein es fiel mir kein Vorwand bei, unter welchem ich in irgend eines hätte treten können. Eine ganze Stunde wanderte ich auf diese Weise im Dorfe herum. Ganz erschöpft und den Qualen des nagendsten Hungers preisgegeben, bog ich in einen Seitenweg ein und ließ mich unter einer Hecke nieder. Doch schon nach wenigen Minuten war ich wieder in der Höhe und setzte meine Forschungen fort, um irgend eine Hilfsquelle zu entdecken oder doch wenigstens Erkundigungen einzuziehen. Ein kleines hübsches Haus mit einem netten Blumengärtchen stand am Ende des Weges Ich blieb vor demselben stehen. Aus welcher Ursache konnte ich mich der weißen Thüre nähern, den blanken Pocher berühren? Was konnte die Bewohner veranlassen mir zu helfen? Dennoch trat ich ans Thor und pochte. Ein sanft aussehendes, sauber gekleidetes Märchen machte auf. Mit halb erstickter, gebrochener Stimme erkundigte ich mich, ob man hier ein Dienstmärchen brauchen könne? ‘Nein,’ lautete die Antwort; ‘wir halten gar keine Dienstboten.’ ‘Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich irgend eine wie immer geartete Beschäftigung finden kann?’ fuhr ich fort. ‘Ich bin hier fremd und möchte gerne arbeiten.’ Allein es war nicht die Sache des jungen Frauenzimmers. sich viel um mich zu kümmern oder mir einen Dienst zu suchen; wie zweifelhaft mußte ihr übrigens mein Charakter, wie unwahrscheinlich meine Erzählung vorkommen! Sie schüttelte den Kopf, versicherte, es thäte ihr sehr leid, mir keine näheren Andeutungen geben zu können und schloß dann die Thüre. Hätte sie noch eine kleine Weile offen gelassen, ich würde sie wahrlich um ein Stück Brot gebeten haben, denn der fürchterlichste Hunger wühlte in meinen Eingeweiden. Der Gedanke, in das schmutzige Dorf zurückzukehren. war mir unerträglich; zudem war dort gar keine Aussicht auf Rettung vorhanden. Ich wollte lieber nach einem nahen Gehölze einbiegen, das mir in seinem dichten Schatten einen freundlichen Zufluchtsort anzubieten schien; doch ich war so krank, so schwach, so heißhungrig, daß mich der Instinct in der Nähe menschlicher Wohnungen festhielt. Ich kroch zu Häusern, schlich mich wieder fort, kam wieder zurück, um wieder weiter zu wandern. Immer trieb mich der Gedanke hinweg, daß ich kein Recht habe, eine Unterstützung zu beanspruchen. Während ich so einem herrenlosen, hungerigen Hunde gleich herumzog, kam der Abend immer näher. Ein Feld durchschreitend sah ich den Kirchthurm vor mir und ging geraden Weges darauf los. Nahe am Kirchhofe, mitten in einem Garten stand ein kleines Haus von hübschem Aussehen, ohne Zweifel das Pfarrhaus. Ich erinnerte mich, daß sich fremde Personen, die an irgend einem Orte keine Bekannten haben, wegen Beschäftigung und Unterstützung an den Ortsgeistlichen zu wenden pflegen. Es ist auch in der That die Pflicht eines jeden Gottesmannes dem Hilflosen wenigstens mit einem guten Rathe beizustehen, und ich dachte irgend ein Recht zu haben, in diesem Hause eine freundliche Auskunft zu erlangen. Den Rest meiner nahezu erschöpften Kraft zusammennehmend erreichte ich das Gebäude. Ich pochte, ein altes Weib öffnete die Thüre. ‘Ist dies das Pfarrhaus?’ frug ich. ‘Ja.’ ‘Ist der geistliche Herr zu Hause?’ ‘Nein.’ ‘Kömmt er bald zurück?’ ‘Kaum; er ist verreist.’ ‘Weit von hier?’ ‘Nicht gar weit, etwa drei Meilen. Der plötzliche Tod seines Vaters rief ihn ab, er ist jetzt in Marschend und wird wohl noch vierzehn Tage ausbleiben.’ ‘Ist keine Frau im Hause?’ ‘Nein, ich bin allein hier. Ich bin die Haushälterin.’ Es war mir unmöglich die Frau um etwas zum Essen anzugehen — zu betteln. Halb todt kroch ich weiter. Wieder nahm ich mein seidenes Halstuch ab, wieder dachte ich an die Semmeln und Kuchen in jenem kleinen Laden. Instinctmäßig wandte ich meine Schritte dem Dorfe zu, hatte den Laden bald wiedergefunden und trat hinein. Wiewohl noch and ere Leute außer der Verkäuferin darin standen. frug ich die letztere, ob sie doch mir für das Halstuch eine Semmel geben wollte? Sie sah mich mit augenscheinlichem Mißtrauen an. ‘Ich pflege meine Waare nicht auf diese Weise zu verkaufen,’ sagte sie. Fast zur Verzweiflung getrieben, verlangte ich einen halben Kuchen. Sie verweigerte mir auch diesen. ‘Wer weiß woher Sie das Tuch haben,’ bemerkte die Frau. ‘Wollen Sie meine Handschuhe nehmen?’ ‘Nein; was sollte ich damit?’ Es ist nicht angenehm, lieber Leser, bei diesen Einzelnheiten zu verweilen. Gewisse Leute behaupten, es sey ein Genuß, nach vergangenen traurigen Zeiten zurückzublicken; doch noch heute ist es mir unmöglich, an jene Zeit der fürchterlichsten physischen und moralischen Leiden ohne Schaudern zu denken. — Es war eingetroffen, was ich vorhergesehen hatte; ein gewöhnlicher Bettler wird sehr oft, ein gut gekleideter stets mit Mißtrauen angesehen. Wohl bettelte ich nur um Arbeit, doch wer hatte die Verpflichtung, mir welche zu verschaffen? Gewiß am allerwenigsten diejenigen, die mich zum ersten Male sahen und mich durchaus nicht näher kannten. Was die Frau anbelangte, die mein Tuch nicht gegen Brot eintauschen wollte, so hatte auch sie vollkommen Recht, sobald ihr mein Anerbieten verdächtig oder nicht nutzbringend vorkam. Doch genug von diesem Gegenstande; die bloße Erinnerung daran ist mir widerlich. Eine Weile bevor es dunkel wurde, kam ich bei einer Pachterswohnung vorüber. An der offenen Thüre saß der Pachter und verzehrte sein Nachtessen, bestehend in Brot und Käse. Ich blieb stehen. ‘Wollen Sie mir ein Stück Brot geben?’ bat ich, ‘ich bin sehr hungrig.’ Er sah mich verwundert an; aber ohne ein Wort zu verlieren schnitt er ein tüchtiges Stück von seinem Laibe ab und gab es mir. Ich denke, er hielt mich kaum für eine Bettlerin, sondern für eine wunderliche Dame, die zufällig einen Appetit auf sein Schwarzbrot bekommen hatte. Sobald ich aus dem Bereiche seiner Blicke heraus war, setzte ich mich nieder und aß. Ich hielt es nicht für möglich. in irgend einem hause ein Nachtlager zu finden und suchte daher in dem besagten Gehölze eine Unterkunft. Doch brachte ich die Nacht elend zu und meine Ruhe wurde mehr als einmal durch Vorübergehende unterbrochen, so daß ich mein Lager einigemal wechseln mußte. Ueberdies war der Boden feucht, die Nachtluft kalt und gegen Morgen regnete es ziemlich stark. Der ganze darauffolgende Tag war regnerisch. Er verging wie der vorhergehende; ich suchte Arbeit und wurde abgewiesen, ich hungerte und nur ein einziges Mal kam Nahrung über meine Lippen. An der Thüre einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen, das gerade im Begriffe stand eine Schüssel kalten Breies in einen Schweinetrog zu schütten. ‘Willst Du mir das geben?’ frug ich. Das Kind starrte mich an. ‘Mutter!’ rief es, ‘ein Frauenzimmer ist hier und will von mir diesen Brei haben.’ ‘Wohl, Kind,’ antwortete eine Stimme in der Stube, ‘gib ihr ihn, wenn es eine Bettlerin ist. Die Schweinchen brauchen ihn so nicht.’ Das Mädchen leerte den dick und zäh gewordenen Inhalt der Schüssel in meine Hände aus, und ich verschlang ihn mit Heißhunger. Beim Herannahen der Dämmerung hielt ich auf einem einsamen Fußpfade an, den ich bereits über eine Stunde verfolgte. ‘Meine Kräfte sind erschöpft,’ sagte ich zu mir selbst. ‘Ich fühle es, daß ich nicht mehr weiter kann. Soll ich diese Nacht wieder im Freien zubringen, mich im strömenden Regen auf den nassen Boden legen? Ich muß wohl, denn wer wird mich beherbergen? Es wird eine qualvolle Nacht werden, und wohl bin ich, noch ehe der Morgen graut, todt. Aber warum kann ich mich mit dem Gedanken an einen baldigen Tor nicht aussöhnen? Warum strenge ich mich an, ein werthloses Leben zu verlängern, zu erhalten? Wohl nur darum, weil ich weiß oder vielmehr glaube, auch Mr. Rochester sey noch unter den Lebenden, und weil die Natur des Menschen vor der Möglichkeit zurückschreckt, durch Hunger und Kälte zu Grunde zu gehen. Gütiger Himmel erhalte mich noch eine Zeit lang, unterstütze — führe mich!’ Mein gläserner Blick glitt über die feuchte neblige Landschaft hin. Ich sah, daß ich mich vom Dorfe weit entfernt hatte; es war unsichtbar geworden und selbst von den dazu gehörigen Feldern war nur wenig zu bemerken. Auf verschiedenen Seitenwegen war ich dem Sumpflande nahe gekommen. ‘Lieber will ich da unten sterben,’ dachte ich, ‘als in der Gasse des Dorfes oder auf einer besuchten Straße. Besser, die Raben verzehren meinen Leichnam, als daß er in einen Sarg aus dem Arbeitshause gezwängt wird und in einem Armengrabe vermodert.’ Ich ging auf den Hügel zu, der sich hinter dem Sumpflande erhob. Ich erreichte ihn und durfte nur noch eine Höhlung suchen, wo ich, wenn auch nicht sicher, so doch verborgen war; aber die ganze Gegend ringsum war eben wie ein Tisch. Mein Auge schweifte noch über dem wüsten Haidelande hin und her, als plötzlich auf einem der dunkelsten Punkte, ganz in der Ferne, ein Lichtschein sichtbar wurde. ‘Ein Irrlicht,’ war mein erster Gedanke und ich erwartete den Schein verschwinden zu sehen. Doch er hielt an und glänzte ruhig fort, ohne auch nur im geringsten seinen Standpunkt zu verändern. ‘Ist es vielleicht ein Freudenfeuer?’ frug ich mich selbst. ‘Doch es wurde nicht größer und verlöschte auch nach langer Zeit nicht. ‘Das Licht eines Hauses,’ schloß ich. Doch wenn auch, so kann ich es nicht erreichen. Es ist zu weit entfernt, und läge es auch gerade vor mir, ich könnte eben nur anklopfen, um wieder abgewiesen zu werden.’ Und ich sank auf derselben Stelle nieder, auf der ich stand. Einige Augenblicke blieb ich ruhig liegen; die Nachtluft zog kalt über mich hinweg, der Regen fiel in Strömen und durchnäßte mich bis auf die Haut. Nech lebte ich, noch hatte mich nicht alles Gefühl verlassen; vor Kälte zitternd stand ich auf. Noch immer war das Licht zu sehen, zwar matt, doch ohne Unterlaß durch die feuchte Nachtluft herüberschimmernd. Ich versuchte es zu gehen, meine müden Glieder nach jener Gegend hinzuschleppen. Ich überschritt den Hügel und kam dann durch einen weit ausgedehnten Sumpf, der im Winter unwegsam gewesen wäre, und selbst jetzt, mitten im Sommer, nicht ganz trocken war. Zweimal fiel ich um, stand aber stets wieder auf und spannte meine Kräfte auf's Höchste. Das Licht war meine letzte Hoffnung; ich mußte es erreichen. Am Ende des Sumpfes angelangt, bemerkte ich einen weißen Streif. Darauf zugehend sah ich, daß es eine Straße war, die gerade nach dem Lichtscheine führte, der, wie ich nun unterscheiden konnte, aus einer Baumgruppe herüberstrahlte. Augenscheinlich waren es, so viel ich im Dunkeln erkennen konnte, Fichtenbäume. Mein Leitstern verschwand, als ich mich näherte; irgend ein Gegenstand verdunkelte ihn. Ich streckte die Hand nach der undurchsichtigen Masse der mir aus und fühlte, daß es eine niedrige Mauer war. Längs derselben hintappend gewahrte ich etwas Weißes — eine Thüre, die sich aufthat, als ich sie berührte. Zu beiden Seiten derselben standen dunkle Gebüsche, Stechpalmen oder Eiben. Nachdem ich die Thürschwelle überschritten hatte und in den Hofraum getreten war, zeigten sich mir die Umrisse eines schwarzen, niederen, langen Gebäudes, doch das Licht, das mich geleitet, war nirgends zu sehen. Dichte Finsterniß schien in allen Räumen des Hauses zu herrschen. Hatten sich die Bewohner schon zu Ruhe begeben? Fast fürchtete ich, es möchte der Fall seyn. Nach der Eingangsthüre suchend bog ich um eine Ecke und der freundliche Schimmer strahlte mir durch die rautenförmigen Scheiben eines kleinen Gitterfensters entgegen, das durch die Einfassung von Epheu oder irgend einer andern Schlingpflanze noch viel keiner erschien. Die Oeffnung war so schmal und so verdeckt, daß man das Anbringen von Vorhängen oder Fensterläden für überflüssig zu halten schien, und als ich mich bückte (das Fenster erhob sich kaum einen Fuß hoch über den Boden), konnte ich das Innere der Stube genau sehen. Der Fußboden war blank gescheuert und mit Sand bestreut; ein Geschirrkasten von Nußbaumholz zeigte Reihen von Zinntellern, in denen sich die rothe Glut eines Torffeuers abspiegelte. Die weitere Zimmereinrichtung bestand in einer weißen Tafel und einigen Stühlen. Die Kerze, deren Schein mein Wegweiser gewesen war, stand auf dem Tische und eine ältliche Frau von etwas rauhem Aussehen, doch von gleicher Sauberkeit wie ihre ganze Umgebung, strickte bei dem Lichte. Diese Gegenstände nahmen meine Aufmerksamkeit nur in einem geringen Grade in Anspruch. Weit mehr interessirte mich eine Gruppe, die, vom hellen Scheine des Feuers umflossen, in der Nähe des Herdes saß. Es waren zwei junge, anmuthige Frauengestalten, jedenfalls den höheren Ständen angehörig, die eine in einem Schlafsessel, die andere auf einem niedrigen Stuhle sitzend, beide in tiefster Trauer. Die schwarze Kleidung hob die schönen Nacken und reizenden Gesichter äußerst vertheilhaft hervor; ein alter Wachtelhund stützte seinen Kopf auf die Kniee des einen Mädchens, im Schooße des andern ruhte eine große schwarze Katze. Die bescheidene Küche war ein wunderlicher Aufenthaltsort für solche Damen. Wer waren sie? Auf keinen Fall die Töchter der ältlichen Frau dort am Tische, die wie eine Bäuerin aussah, während die jungen Mädchen in ihrem Aeußeren die feinste Bildung verriethen. Noch nirgends hatte ich solche Gesichter gesehen und dennoch kam mir jeder Zug bekannt vor. Sie waren nicht regelmäßig schön — viel zu blaß und zu ernst und wie sie so über einem Buche in Gedanken versunken dasaßen, kam mir der Ausdruck ihrer Mienen beinahe finster vor. Ein kleines Tischchen zwischen ihren Sitzen trug eine zweite Kerze und zwei große Bücher, in denen sie beständig nachschlugen und sie anscheinend mit zwei kleineren Bänden verglichen, wie Leute, die bei einer Uebersetzung ein Wörterbuch zu Rathe ziehen. Die ganze Scene ging so still, so geräuschlos vor sich, als wären alle diese Gestalten Schatten und die geheizte Stube blos ein Bild gewesen. Ich konnte fast die Asche durch den Rost fallen, die Uhr dort im Winkel picken hören und beinahe dachte ich auch das Klappern der aneinander schlagenden Stricknadeln zu vernehmen. Als endlich eine Stimme das tiefe Stillschweigen brach, schlug jedes Wort deutlich an mein Ohr. ‘Höre, Diana,’ sagte die eine der schweigsamen Leserinnen; ‘Franz und der alte Daniel sind in der Nacht beisammen und Franz erzählt einen Traum, aus dem er eben voll Entsetzen erwachte.’ Und mit halblauter Stimme las sie etwas vor, wovon ich kein einziges Wort verstand; es war in einer fremden Sprache abgefaßt, doch weder französisch noch lateinisch. Ob es griechisch oder deutsch war, konnte ich nicht unterscheiden. ‘Das ist kräftig,’ sagte die junge Dame mit ihrer Lectüre zu Ende gekommen; ‘so etwas entzückt mich.’ Das andere Märchen, welches seinen Kopf erhoben hatte, um ihrer Schwester zuzuhören, wiederholte, ins Feuer blickend, eine Zeile des Gelesenen. In späteren Tagen lernte ich die Sprache und das Buch kennen und will hier diese Zeilen anführen. ‘Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht. ‘Gut, sehr gut!’ rief sie aus, indeß ihre dunkeln Augen Feuer sprühten. ‘Das nenne ich ein richtiges Bild eines mächtigen Erzengels! Diese einzige Zeile ist mehr werth, als hundert Seiten albernen Gefasels. ‘Ich wäge die Gedanken in der Schale meines Zornes und die Werke mit dem Gewichte meines Grimmes. Wie schön ist das!’ Und wieder schwiegen die Beiden. ‘Gibt's ein Land, wo die Leute so sprechen?’ frug die alte Frau, von ihrer Strickerei aufblickend. ‘Wohl, Hannah — ein weit größeres Land als England, wo man keine andere Sprache spricht, als diese.’ ‘Nun, aufrichtig gesagt, begreife ich nicht, wie da die Menschen einander verstehen können. Und wenn irgend eine von Euch hinkäme, würde sie wohl verstehen, was sie hört?’ ‘Etwas wohl, doch nicht Alles. Wir sind nicht so geschickt als Du glaubst. Wir können nicht deutsch sprechen und nur mit Hilfe eines Wörterbuches lesen.’ ‘Und was nützt Euch das?’ ‘Wir wollen eines Tages in dieser Sprache oder wenigstens in ihren Anfangsgründen Unterricht ertheilen und werden damit mehr Geld verdienen als jetzt.’ ‘Möglich. Doch für heute habt Ihr genug studiert und könnt nun aufhören.’ ‘Du hast Recht; ich wenigstens bin müde. Und Du, Mary?’ ‘Sterbensmatt! Im Ganzen genommen ist's eine harte Arbeit, eine Sprache ohne einen andern Lehrer als ein Wörterbuch zu lernen.’ ‘Gewiß, besonders bei diesem verzwickten, aber herrlichen Deutsch. Ich möchte wissen, wann St. John nach Hause kömmt.’ ‘Er wird wohl nicht mehr lang ausbleiben; es ist gerade zehn.’ Sie sah nach einer kleinen goldenen Uhr, die se aus ihrem Gürtel zog. ‘Es regnet fürchterlich. Willst Du so gut seyn, Hannah, nach dem Feuer im Sprachzimmer zu sehen?’ Die Alte stand auf; sie öffnete eine Thüre, durch die ich ein klein wenig hindurch sehen konnte, und bald hörte ich sie in einem Nebenzimmer das Feuer anschüren. In kurzer Seit kam sie zurück. ‘Ach, Kinder!’ sagte sie, ‘es ist mir ordentlich unheimlich, in jenes Zimmer zu gehen. Es sieht so öde aus, seit der Lehnstuhl leer in Winkel steht.’ Sie wischte sich die Augen mit der Schürze ab; die beiden Märchen wurden traurig. ‘Aber er ist gut aufgehoben,’ fuhr Hannah fort; ‘wir sollten uns ihn nicht wieder in unsere Mitte zurück wünschen. Zudem hatte Niemand einen so leichten Tod als er.’ ‘Er machte von uns keine Erwähnung, sagtest Du?’ frug die eine der jungen Damen. ‘Er hatte keine Zeit, Kind! Er war in einer Minute weg, euer guter Vater. Am Tage zuvor war er ein bischen unwohl gewesen, aber es hatte nichts zu sagen, und als ihn Mr. St. John frug, ob er um Euch schicken solle, lachte er ihm ins Gesicht. Tags darauf — es ist nun vierzehn Tage her — fühlte er wieder eine gewisse Schwere im Kopfe und legte sich nieder, um niemals wieder zu erwachen. Er war schon kalt und steif, als euer Bruder in die Stube trat. Ach, Kinder! Das war der letzte Zweig des alten Stammes — denn Ihr und Mr, St. John seyd von einer ganz verschiedenen Sorte. Eure Mutter war gerade so wie Ihr und auch fast so gelehrt. Mary ist ganz ihr Abbild; Diana sieht dem Vater mehr ähnlich.’ Die beiden Schwestern kamen mir einander so ähnlich vor, daß ich den Unterschied, den die alte Magd (für eine solche hielt ich sie) zu finden vorgab, nicht bemerkte. Beide waren schwach und schmächtig, beide besaßen ausdrucksvolle geistreiche Züge. Wohl war das Haar der einen nur einen Gedanken dunkler und jedes der beiden Märchen trug einen andern Kopfputz. Mary's lichtbraune Haare, getheilt und glatt gekämmt, Diana's dunklere Locken bedeckten den Nacken mit dichten Ringeln. Die Wanduhr schlug zehn. ‘Ihr werdet euer Nachtessen haben wollen,’ bemerkte Hannah, ‘und Mr, St. John auch, wenn er nach Hause kömmt.’ Und sie schickte sich an die Mahlzeit zu bereiten. Die Damen standen auf, anscheinend in der Absicht sich ins Sprachzimmer zu begeben. Bis nun war ich mit ihrem Aussehen, ihrem Gespräche so sehr beschäftigt gewesen, daß ich darüber mein eigenes Elend vergaß; jetzt kam es mir wieder ins Gedächtniß zurück und erschien mir im Vergleiche mit dem Stillleben vor mir um so drückender, um so trostloser. Wie unwahrscheinlich schien es mir, die Bewohnerinnen des Hauses für mich gewinnen, sie veranlassen zu können, meinen Worten Glauben zu schenken und mir ein Nachtlager zu gewähren! Als ich die Eingangsthüre erreicht hatte und anklopfte, kam mir der letztere Gedanke wie eine Chimäre vor. Hannah öffnete mir. ‘Was wollen Sie?’ frug sie mich mit nicht geringer Verwunderung vom Kopf bis zum Fuße beim Scheine der Kerze, die sie in der Hand hielt, beaugenscheinigend. ‘Kann ich mit Ihren Gebieterinnen sprechen?’ sagte ich. ‘Es ist besser, Sie theilen mir erst mit, was Sie denen zu sagen haben. Woher kommen Sie?’ ‘Ich bin eine Fremde.’ ‘Was haben Sie hier zu dieser Stunde zu thun? ‘Ich bitte um ein Nachtlager in irgend einem Winkes und um einen Bissen Brot.’ Ein augenscheinliches Mißtrauen machte sich, wie ich es befürchtete. in Hannah's Innerem geltend. ‘Ich will Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer Pause; aber wir können eine Landstreicherin nicht beherbergen. Fällt uns nicht ein!’ ‘Lassen Sie mich mit Ihren Herrinnen sprechen.’ ‘Nein! Was können die für Sie thun? Sie sollten jetzt nicht hier herumschleichen, es sieht verdächtig aus.’ ‘Doch wohin soll ich gehen, wenn Sie mich fortweisen? Was sell ich thun?’ ‘Oh, ich wette, Sie wissen wohin Sie zu gehen und was Sie zu thun haben. Thun Sie nur nichts Böses, das rathe ich Ihnen. Hier ist ein Penny und nun gehen Sie!’ ‘Ein Penny kann meinen Hunger nicht stillen und ich kann vor Kraftlosigkeit nicht weiter kommen. Schließen Sie die Thüre nicht, oh, thun Sie es um Gottes willen nicht!’ ‘Ich muß, es regnet sonst herein.’ ‘Rufen Sie die jungen Damen. — Lassen Sie mich zu Ihnen.’ ‘Unter keiner Bedingung. Mit Ihnen ist's nicht richtig, sonst würden Sie keinen solchen Lärm machen. Fort!’ ‘Aber ich gehe zu Grunde, wenn Sie mich verstoßen.’ ‘Sie sicher nicht. Ich fürchte Sie haben irgend einen schlimmen Plan im Sinne, der Sie zu dieser Stunde vor anderer Leute Häuser bringt. Wenn Sie noch einige Diebe oder so was dergleichen in Ihrem Gefolge haben, so sagen Sie ihnen, daß wir nicht allein sind. Ein Herr ist hier und der hat große Hunde und Schießgewehre.’ Bei diesem Worte schloß und verriegelte die ehrliche, aber hartherzige Magd die Thüre. Das war der letzte Schlag. Ein namenloses Weh, die tiefste Verzweiflung zerfleischten mein Herz. Meine Kraft war gebrochen, einen Schritt weiter zu thun ganz unmöglich. Ich sank auf der nassen Thürschwelle nieder, ich ächzte, ich rang die Hände. Ich weinte blutige Thränen. Da war sie nun die fürchterliche letzte Stunde! Und so verlassen, so ganz verstoßen von meinen Mitmenschen sollte ich meine Tage beschließen, und nicht allein die Hoffnung sondern auch meine Seelenstärke hatte mich verlassen, doch bemühte ich mich die letztere nach Möglichkeit wieder zu erlangen. ‘Ich muß sterben,’ sagte ich, ‘aber ich glaube an Gott. Ich will es versuchen, mich seinem weisen Rathschlusse in stiller Ergebenheit zu fügen.’ Diese Worte dachte ich nicht blos, sondern sprach sie auch laut aus, und wollte nun, meinen ganzen Jammer in mein Herz verschließend, dem Tode ruhig entgegensehen. ‘Alle Menschen müssen sterben,’ versetzte eine Stimme dicht hinter mir; ‘doch nicht alle sind dazu verdammt, eines so langsamen und frühzeitigen Todes zu sterben, wie es bei Ihnen der Fall wäre, wenn Sie hier verhungerten.’ ‘Wer oder was spricht da?’ frug ich, durch die unerwarteten Laute erschreckt. Eine Gestalt stand in der Nähe, was für eine Gestalt es war, konnte ich in der pechfinstern Nacht und bei meinem geschwächten Sehvermögen nicht erkennen. Der neue Ankömmling pochte wiederholt und laut ans Thor. ‘Sind Sie es Mr. St. John?’ frug Hannah. ‘Wohl, wohl! Mach schnell auf!’ ‘Ei, wie naß und erfroren müssen Sie seyn! Treten Sie ein — Ihre Schwestern waren schon Ihretwegen sehr unruhig; ich denke, es gibt hier herum böse Leute. Eine Bettlerin war hier — bei Gott! da liegt sie noch! Stehen Sie auf und schämen Sie sich! Packen Sie sich fort, sag' ich!’ ‘Still, Hannah! Ich habe mit dem Frauenzimmer ein Wort zu sprechen. Du hast deine Pflicht gethan, indem Du sie fortwiesest, laß mich nun die meinige thun, indem ich sie mit ins Haus nehme. Ich stand nahe und hörte euer Gespräch mit an; der Fall scheint ein besonderer zu seyn und ich muß ihn wenigstens untersuchen. Stehen Sie auf, junge Person, und kommen Sie herein.’ Ich folgte ihm mit Schwierigkeit. Einen Augenblick später stand ich in der hellen, reinlichen Küche, zitternd und in die Kniee sinken, im Bewußtseyn eines gespensterhaften verwilderten und verwitterten Aussehens. Die beiden Damen, Mr. St. John, die alte Magd, sahen mich alle voll Verwunderung an. ‘Wer ist die Person, St. John?’ hörte ich fragen. ‘Ich weiß es nicht, ich fand Sie an der Thürschwelle,’ lautete die Antwort. ‘Sie sieht ganz weiß aus,’ sagte Hannah. ‘Weiß wie Kreide oder wie der Tod,’ wurde erwiedert. ‘Setzt sie nieder, sonst sinkt sie um.’ Und wirklich drehte sich mir der Kopf und ich fiel, aber ein Armstuhl fing mich auf. Wiewohl ich nicht sprechen konnte, war ich doch meiner Sinne mächtig. ‘Vielleicht bringt sie etwas Wasser zu sich. Hole welches. Hannah. Sie ist ganz abgezehrt, ganz hager und durchsichtig.’ ‘Ein bloßer Schatten.’ ‘Ist sie krank oder blos ausgehungert?’ ‘Wohl das Letztere, denke ich. Ist dies Milch, Hannah? Reiche mir den Topf her und gib mir ein Stückchen Brot.’ Diana (ich erkannte sie an ihrem dichten, geringelten Haar) brach einen Bissen Brot ab, tunkte ihn in Milch und hielt ihn dann an meine Lippen. ‘Versuchen Sie zu essen,’ sagte sie freundlich. ‘Ja — versuchen Sie es,’ wiederholte Mary mit sanfter Stimme, worauf sie mir den nassen Hut abnahm und meinen Kopf unterstützte. Ich kostete das dargereichte Brot; erst aß ich ganz wenig. dann außerordentlich gierig. ‘Nicht zu viel auf einmal,’ warnte der Bruder, ‘sie hat nun genug.’ Und er schob den Milchtopf und den Teller mit Brot bei Seite. ‘Nur noch einen Bissen, St. John! Sieh nur wie gierig sie ißt.’ ‘Nichts mehr für den Augenblick. Sieh, ob sie sprechen kann; frage sie um ihren Namen. Ich fühlte, daß ich wieder reden konnte, und antwortete: ‘Ich heiße Jane Elliott.’ Keiner Entdeckung zuvorzukommen hatte ich schon längst beschlossen, meinen Namen zu verändern. ‘Wo wohnen Sie? Wo befinden sich Ihre Angehörigen?’ Ich schwieg still. ‘Können wir nach Jemanden schicken, den Sie kennen?’ Ich schüttelte den Kopf. ‘Welche Nachweisungen können Sie uns über Ihre Person geben?’ Nun ich die Schwelle dieses Hauses überschritten hatte und mich in Gegenwart seiner Bewohner befand, fühlte ich mich nicht länger einsam, verlassen, von der weiten Welt verstoßen. Ich wagte es meine demüthige Bettlerrolle aufzugeben und meinen natürlichen Charakter, meine angebornen Manieren wieder anzunehmen. Ich war zum vollsten Bewußtseyn zurückgekehrt und als Mr. St. John von mir Nachweisungen verlangte, — die zu ertheilen ich augenblicklich viel zu schwach war — sagte ich nach einer kurzen Pause: ‘Sir, ich kann Ihnen heute keine weiteren Eröffnungen machen.’ ‘Was wollen Sie also, daß ich für Sie thue?’ ‘Nichts,’ erwiederte ich. ‘Meine Schwäche erlaubte mir nur kurze Antworten.’ Diana nahm das Wort. ‘Glauben Sie wohl, daß wir nun genug für Sie gethan haben, daß wir Sie wieder in die regnerische Nacht, ins Sumpfland hinausweisen können?’ Ich blickte fie an. Ihr Gesicht hatte ein eigenthümliches Gepräge; es trug gleichzeitig den Ausdruck geistigen Kraft und außerordentlicher Herzensgüte. Ich faßte Muth. Ihren mitleitigen Blick mit einem dankbaren Lächeln erwiedernd hob ich an: ‘Ich lege mein Schicksal in Ihre Hände. Wäre ich auch nur ein herrenloser Hund, Sie würden mich sicher nicht von Ihrem Herde wegweisen; als menschliches Wesen darf ich dies also umso weniger befürchten. Thuen Sie mit mir und für mich was Ihnen beliebt, allein erlassen Sie mir für heute alle langwierigen Erklärungen — mein Athem ist kurz — und ich fühle eine Art Krampf, wenn ich spreche.’ Die drei Personen blickten mich schweigend an. ‘Hannah,’ sagte endlich Mr. St. John, ‘lasse sie ruhig sitzen und stelle keine Fragen an sie. Nach zehn Minuten gib ihr das übrige Brot und die Milch. Mary, Diana, kommt mit mir ins Sprachzimmer, wo wir das Weitere verhandeln können.’ Sie entfernten sich. Bald kam eine der Damen zurück — ich konnte nicht unterscheiden, welche es war. Eine angenehme Bewußtlosigkeit hatte sich meiner bemächtigt, während ich an dem köstlichen Feuer saß. Mit halblauter Stimme gab sie Hannah einen Auftrag, die mich kurze Zeit darauf eine Treppe hinaufgeleitete, mir die nassen Kleider vom Leibe zog, und in ein warmes, trockenes Bett half. Ich dankte Gott, empfand trotz meiner unaussprechlichen Erschöpfung eine lebhafte Freude und — schlief ein. Neunundzwanzigstes Capitel. Der nachfolgenden drei Tage und Nächte kann ich mich nur dunkel erinnern. Nur so viel weiß ich, daß ich mich in einer kleinen Stube und einem schmalen Bette befand, an welches ich angewachsen zu seyn schien. Bewegungslos wie ein Stück Holz lag ich darauf, und der bloße Versuch, mich meinem Lager zu entreißen, hätte mich gewiß getödtet. Der Wechsel der Tageszeiten ging spurlos an mir vorüber; ich bemerkte keinen Unterschied zwischen Vor- und Nachmittag, zwischen Morgen und Abend. Wohl sah ich es, wenn Jemand in meine Stube trat oder Sie verließ; ich erkannte sogar die verschiedenen Personen und verstand auch was sie sagten, doch hätte ich um keinen Preis meine Lippen öffnen und selbst sprechen können. Am häufigsten besuchte mich Hannah. Ihre Gegenwart war mir unangenehm, denn ein eigenthümliches Gefühl sagte mir, daß sie mich hinwegwünschte, daß sie meine traurige Lage, meine Verhältnisse nicht begriff und gegen mich eingenommen war. Diana und Mary kamen ein- oder zweimal in meine Stube. Ihr gewöhnliches Gespräch lautete: ‘Es ist ein Glück, daß wir sie aufnahmen.’ ‘Wohl; man hätte sie gewiß am nächsten Morgen vor unserer Thürschwelle todt gefunden. Was mag die Arme Alles ausgestanden haben!’ ‘Sie hat wohl viele Widerwärtigkeiten erduldet, die arme, blasse, hagere Pilgerin!’ ‘Nach ihrer Sprache zu urtheilen scheint sie nicht ohne Bildung zu seyn. Auch ihre Kleidung war, wiewohl mit Koth bespritzt und vom Regen durchnäßt, nichts weniger als abgetragen und von modernem Schnitt.’ ‘Sie hat ein eigenthümliches Gesicht, das mir trotz seiner Blässe und Hagerkeit sehr gefällt; wenn sie gesund und guter Laune ist, muß ihre Physiognomie sehr angenehm seyn.’ Nie mischte sich in ihr Zwiegespräch auch nur eine Sylbe des Bedauerns über die mir erwiesene Gastfreundschaft, nie ein Wort des Mißtrauens oder der Abneigung gegen mich selbst. Das tröstete mich. Mr. St. John besuchte mich blos ein einziges Mal. Er sah mich an und sagte, mein lethargischer Zustand wäre die Folge außerordentlicher und anhaltender Anstrengungen und Entbehrungen. Er meinte, ärztliche Hilfe thäte hier nicht Noth, die Natur werde sich selbst um besten helfen und meine Genesung, wenn sie einmal begonnen, einen sehr raschen Fortgang nehmen. Alle diese Aussprüche gab er in kurzgefaßten Sätzen, mit leiser Stimme von sich. ‘Eine ungewöhnliche Physiognomie,’ schloß er, ‘die weder Gemeinheit noch Gesunkenheit anzeigt.’ ‘Ganz im Gegentheil,’ erwiederte Diana. ‘Die Wahrheit zu sagen hängt mein Herz an dem armen kleinen Geschöpfe. Ich wollte wir wären im Stande, sie für immer bei uns zu behalten.’ ‘Das ist kaum möglich,’ versetzte St. John. ‘Sie ist gewiß irgend eine junge Dame, die in Folge eines Mißverständnisses ihrer Familie davon ging. Vielleicht gelingt es uns sie der letzteren wieder zu geben. falls sie nicht stützig ist; allein der Ausdruck ihrer Gesichtszüge zeigt sehr viel Charakterstärke an, was mich an ihre Fügsamkeit einigermaßen zweifeln läßt.’ Er betrachtete mich durch einige Minuten und fügte dann hinzu: ‘Sie sieht sehr geistreich, doch nichts weniger als schön aus.’ ‘Sie ist ja krank, St. John!’ ‘Alles eins, krank oder gesund, kann sie doch nie hübsch seyn. Die Grazie und die Harmonie der Schönheit gehen diesem Gesichte gänzlich ab.’ Am dritten Tage befand ich mich besser, am vierten konnte ich sprechen, mich bewegen, im Bette aufstehen. Hannah brachte mir, wohl um die Mittagszeit, etwas Hafergrütze und geröstetes Brot. Ich aß mit Appetit, nicht mehr mit jenem krankhaften Heißhunger, und fühlte mich so kräftig, daß der Trieb nach Bewegung und Thätigkeit in mir rege wurde. Gerne wäre ich aufgestanden; doch was sollte ich anziehen? Meine Kleider waren in einem Zustande, der es mir unmöglich machte, in denselben vor meinen Wohlthätern zu erscheinen. Diese Demüthigung wurde mir erspart. Auf einem Stuhle neben meinem Bette lagen meine sämmtlichen Kleidungsstücke, sauber und trocken, die Schuhe blank gewichst, das schwarze Seidenkleid gewaschen und geplättet. Ein Waschtisch nebenan enthielt alles Nöthige zum Waschen und Frisiren. Nicht ohne Schwierigkeit und nicht ohne von Zeit zu Zeit abzusetzen, gelang es mir mich anzukleiden. Mit Hilfe des Geländers kroch ich dann eine steinerne Treppe hinab, schritt durch einen schmalen niedrigen Gang und befand mich alsbald in der Küche. Sie roch nach frischem Brote und gewährte mir die Wohlthat eines freundlichen Feuers. Hannah war mit Brotbacken beschäftigt. Vorurtheile sind aus dem Herzen ungebildeter Leute sehr schwer auszurotten; sie wuchern wie Unkraut zwischen Gestein üppig in die Höhe. Hannah war anfänglich kalt und steif gegen mich gewesen; in letzter Zeit hatte sie mir etwas mehr Freundlichkeit gezeigt und als ich nun sauber und gut gekleidet in die Küche trat, lächelte sie mir sogar entgegen. ‘Wie, Sie sind schon aufgestanden!’ sagte sie. ‘Sie sind also gesund. Setzen Sie sich auf meinen Stuhl am Herde nieder.’ Sie zeigte nach dem Schlafsessel; ich nahm darauf Platz. Die alte Magd wirthschaftete emsig herum und sah mich dabei von Zeit zu Zeit von der Seite an. Einige Brotlaibe aus dem Backofen herausnehmend, wandte sie sich plötzlich zu mir und frug mich barsch: ‘Gingen Sie schon früher einmal betteln, bevor Sie zu uns kamen?’ Ich wurde böse; doch erinnerte ich mich noch bei Zeiten, daß hier von Unwillen keine Reue seyn könne und daß ich vor ihr in der That als Bettlerin erschienen war. Ich antwortete daher ganz ruhig, doch nicht ohne scharfe Betonung! ‘Sie haben Unrecht, mich für eine Bettlerin zu halten. Ich bin keine Bettlerin, eben so wenig als Sie selbst over Ihre jungen Gebieterinnen.’ Nach einer Pause versetzte sie: ‘Das versteh' ich nicht. Sie scheinen ja weder eine Heimat noch Batzen zu haben.’ ‘Der Mangel einer Heimat oder der Batzen (was wahrscheinlich Geld heißen soll) macht noch keinen Bettler in Ihrer Bedeutung des Wortes aus.’ ‘Sind Sie gelehrt?’ frug sie weiter. ‘So ziemlich.’ ‘Aber Sie waren nie in einer Kostschule?’ ‘Ich war acht volle Jahre in einer Erziehungsanstalt.’ Sie machte große Augen. ‘Wie kömmt's dann, daß Sie sich nicht selbst forthelfen können?’ ‘Ich habe mir bis jetzt selbst fortgeholfen und werde es hoffentlich bald wieder im Stande seyn. Was wollen Sie mit den Stachelbeeren thun?’ frug ich, als sie einen Korb voll dieser Frucht auf den Tisch stellte. ‘Ich fülle sie in Pasteten.’ Geben Sie mir sie, ich will sie auslesen.’ ‘Ne, Sie brauchen nichts zu thun.’ ‘Aber ich muß etwas thun. Nur her damit.’ Sie willigte endlich ein und brachte mir ein reines Handtuch, um es über mein Kleid zu breiten, ‘damit ich mich nicht beschmiere,’ wie sie sagte. ‘Sie sind nicht an harte Arbeit gewöhnt,’ bemerkte sie; ‘man sieht's an Ihren Händen. Sie waren wohl eine Putzmacherin?’ ‘Nein, Sie irren sich. Doch zerbrechen Sie sich nicht weiter den Kopf über meinen früheren Stand und sagen Sie mir lieber wie das Haus hier heißt!’ ‘Einige nennen es Marsh-End und Andere das Moorhaus. ‘Und der Herr, der hier wohnt, heißt Mr. St. John?’ ‘Nein, der wohnt nicht hier, der ist nur zeitweilig auf Besuch hier. Er ist in seinem eigenen Pfarrsprengel in Morton zu Hause.’ ‘In dem Dorfe jenseits des Sumpfes?’ ‘Ja wohl.’ ‘Und was ist er?’ ‘Ein Pfarrer.’ Ich erinnerte mich an die Antwort der alten Haushälterin in der Pfarrei von Morton. ‘Also wohnte wenigstens sein Vater hier?’ ‘Wohl; der alte Mr. Rivers wohnte hier und sein Vater und sein Großvater und sein Urgroßvater.’ ‘Also ist der Name dieses Herrn eigentlich Mr. St. John Rivers?’ ‘Richtig! St. John ist so ‘ne Art Taufnamen.’ ‘Seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?’ ‘Ja.’ ‘Ihr Vater ist todt?’ ‘Er starb vor drei Wochen an einem Schlaganfalle.’ ‘Die Kinder haben keine Mutter?’ ‘Oh, die Frau ist schon vor vielen Jahren gestorben.’ ‘Sind Sie schon lange in der Familie?’ ‘Ueber dreißig Jahre. Alle drei Kinder habe ich aufgezogen.’ ‘Das beweist, daß Sie ein ehrlicher und treuer Dienstbote sind, was ich gern anerkenne, wiewohl Sie so unartig waren, mich eine Bettlerin zu nennen.’ Sie sah mich erstaunt an. ‘Ich mag mich wohl geirrt haben,’ sagte sie; ‘aber es geht so vielerlei Gesindel herum, daß Sie mir meinen Mißgriff vergeben müssen.’ ‘Wiewohl,’ fuhr ich in strengem Tone fort, ‘Sie mich in einer Nacht, wo man keinen Hund hinaus gejagt hätte, vor die Thür wiesen.’ ‘Es war wohl hart, aber was kann der Mensch thun? Ich dachte mehr an die Kinder als an mich. Die armen Dinger haben sonst Niemanden, der sich ihrer annimmt und da muß ich wohl etwas scharf aufpassen.’ Ich bewahrte durch einige Minuten ein ernstes Stillschweigen ‘Sie dürfen mich nicht für böse halten,’ bemerkte sie. ‘Aber ich thue es doch,’ versetzte ich, ‘und ich will Ihnen sagen warum. Nicht so sehr deswegen, weil Sie mir ein Nachtlager versagten und mich für eine Betrügerin ansahen, sondern deshalb, weil Sie mir erst vor einer Weile vorwarfen, ich hätte weder eine Heimat noch ‘Batzen.’ Die edelsten besten Menschen die je gelebt, waren eben so dürftig als ich es bin. und wenn Sie eine Christin sind, wie können Sie Jemanden seine Armuth zum Verbrechen anrechnen?’ ‘Das sollte ich wohl nicht,’ sagte sie; ‘Mr. St. John meinte dasselbe. Ich sehe, daß ich im Unrecht bin, aber ich habe eine ganz andere Meinung von Ihnen als vordem. Ich halte Sie für eine sehr anständige kleine Person.’ ‘Das mag gehen, — ich vergebe Ihnen. Reichen Sie mir Ihre Hand.’ Sie legte ihre mit Mehl bestaubte schwielige Rechte in die meinige, ein herzliches freundliches Lächeln glitt über ihr rauhes Antlitz, und von dem Augenblicke an waren wir die besten Freundinnen. Hannah schwatzte gern. Während ich das Obst ausklaubte, und sie den Teig zu den Pasteten anmachte, erzählte Sie mir alle möglichen Einzelnheiten über ihre verstorbene Herrschaft, und über die ‘Kinder,’ wie sie die beiden Damen und ihren Bruder nannte. Der alte Mr. Rivers war, ihrer Erzählung nach, ein einfacher Herr, doch ein Gentleman aus einer der ältesten Familien, Marsh-End seit undenklichen Zeiten im Besitze der Rivers, und das Gebäue selbst schon weit über zweihundert Jahre alt, obwohl es im Vergleiche mit Mr. Oliver's Herrenhause in Marton-Vale als ein kleines, unansehnliches Häuschen erschien. Doch denke sie noch recht gut die Zeit, wo Bill Oliver's Vater als Tagarbeiter in einer Nadelfabrik beschäftigt war. während die Rivers schon zu Zeiten der Heinriche von England zum Landadel gehörten, wie man aus den Büchern der Pfarrkirche von Morton ersehen könne. Indessen war selbst ihrer Ansicht nach der alte Herr von Indern Leuten nicht sehr verschieden, ein leidenschaftlicher Jäger und guter Landwirth; die verstorbene Frau dagegen sehr belesen und gelehrt, und die Kinder ganz ihn Ebenbild. In Hannah's Augen waren die letzteren das Muster aller Vollkommenheiten, und nie hatten nach ihrer Meinung noch junge Leute schon in frühester Jugend eine solche Freude am Lernen gehabt. ‘Mr. St. John,’ fuhr sie in ihrer Erzählung fort, ‘bezog später die Universität und bereitete sich für die Seelsorge vor, und die beiden Fräulein beschlossen, kaum aus der Kostschule zurückgekommen, Gouvernantenstellen anzunehmen, da ihr Vater in einem Bankrott den größten Theil seines Vermögens eingebüßt hatte, und man nicht mehr reich genug war, ihnen eine Mitgift geben zu können. Die beiden Mädchen sind schon seit geraumer Zeit aus dem Hause, und erst seit Kurzem wieder hier angekommen, um nach des Vaters Tode die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Es gefällt ihnen jedoch in Marsh-End sehr gut, wiewohl sie bis jetzt in London und andern großen Städten gelebt hatten. Schon früher pflegten sie immer zu sagen: ‘Ueberall gut, zu Hause am besten,’ und was mich am meisten freut, die Geschwister sind so einig, und haben einander so lieb, wie dies kaum in einer andern Familie der Fall ist.’ Mit dem Auslesen der Stachelbeeren fertig geworden, erkundigte ich mich, wo sich in diesem Augenblicke die jungen Damen mit ihrem Bruder befänden. ‘Sie sind hinüber nach Morton spaziren gegangen, aber sie werden längstens in einer halben Stunde zum Thee wieder zurück seyn.’ Die drei Geschwister traten nach der erwähnten Zeit in die Küche. Mr. St. John machte blos eine Verbeugung, und ging durch; Mary drückte in einigen freundlichen Worten ihr Vergnügen aus, mich wieder außer Bett zu sehen; Diana faßte mich bei der Hand, und schüttelte den Kopf zum Zeichen ihrer Unzufriedenheit. ‘Sie hätten mich erst um Erlaubniß fragen sollen, bevor Sie das Bett verließen,’ sagte sie, ‘Sie sehen noch immer sehr blaß, sehr abgezehrt aus, Sie armes Kind!’ Diana's Stimme kam mir wie das Girren einer Taube vor. Ihrem Blicke begegnete ich gar so gerne, ihr ganzes Gesicht hatte für mich einen eigenthümlichen Reiz. Mary's Antlitz war wohl eben so geistreich, und eben so hübsch, doch nicht so einnehmend, und ihre Manieren, wiewohl freundlich, weit gemessener. Diana hatte eine gewisse Autorität in Blick und Sprache, und besaß jedenfalls einen festen Willen. Es machte mir ein besonderes Vergnügen, mich einer Ueberlegenheit, die wie die ihrige das Maß des Schicklichen nie überschritt, unterzuordnen, und von Natur aus pflegte ich gerne nachzugeben, insofern dadurch mein Selbstbewußtseyn und meine Selbstachtung nicht verletzt wurden. ‘Und was haben Sie hier eigentlich zu thun?’ fuhr sie fort. ‘Dieser Ort paßt nicht für Sie. Mary und ich sitzen zuweilen in der Küche, da wir uns zu Hause die ungebundenste Freiheit gestatten, doch Sie als Gast gehören ins Besuchzimmer.’ ‘Ich befinde mich hier ganz wohl.’ ‘Keineswegs, wenn Hannah hier herumwirthschaftet und Sie mit Mehl bestaubt.’ ‘Zudem ist es auch am Feuer zu warm für Sie,’ bemerkte Mary. ‘Ganz gewiß,’ versetzte ihre Schwester. ‘Kommen Sie und seyen Sie folgsam.’ Mich bei der and fassend, zwang sie mich zum Aufstehen und führte mich in das anstoßende Gemach. ‘Setzen Sie sich auf's Sopha,’ sagte sie, ‘während wir uns auskleiden und den Thee bereiten. Wieder eine der Freiheiten, welche wir uns im Moorhause nehmen, die nemlich, daß wir uns unsere Mahlzeiten selbst bereiten, wenn es uns gerade einfällt, oder wenn Hannah bäckt, wäscht und plättet.’ Sie verließ die Stube, schloß die Thür hinter sich zu und ließ mich mit Mr. St. John allein, der mir gegenüber saß und ein Buch oder eine Zeitung in der Hand hielt. Ich betrachtete zuerst das Zimmer und dann den jungen Mann. Das Sprachzimmer war ein nicht sehr großes, einfach doch bequem, sauber und nett möblirtes Gemach. Die altmodischen Stühle und der Tisch von Nußbaumholz glänzten wie Spiegelglas. Einige alterthümliche Porträts von Männern und Frauen aus früheren Jahrhunderten hingen an den übertünchten Wänden; ein Glasschrank enthielt einige Bücher und etwas Porzellangeschirr. In der ganzen Stube war kein überflüssiger Zierrath, kein modernes Einrichtungsstück zu sehen, mit Ausnahme zweier Arbeitskästchen und eines Damenpultes von Rosenholz, welche auf einem Seitentischchen standen. Die gesammte Zimmereinrichtung, Teppiche und Vorhänge mit inbegriffen, trug das Gepräge der gewissenhaftesten Ordnung und der sorgfältigsten Reinlichkeit. Mr. St. John saß regungslos da, wie eines der alten Porträts an der Want. Seine Augen hafteten auf der Seite, die er gerade las und seine Lippen waren geschlossen — ich hatte also Gelegenheit, ihn ungestört und unbemerkt zu betrachten, als wäre er eine Bildsäule gewesen. Er mochte etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre zählen; seine Gestalt war groß und schlank, sein Gesicht — ein griechisches, wahrhaft classisches Profil — ungemein anziehen. Nur selten mochte das Antlitz eines Engländers dem antiken Modell so genau entsprechen, als das seinige und wohl durfte ihm, der sich eines so harmonischen Gesichtsausdruckes erfreute, die Unregelmäßigkeit meiner Züge unangenehm auffallen. Sein Auge war blau und groß von dunklen Wimpern beschattet, seine hohe Stirne weiß und makellos wie Alabaster und von natürlichen, schönen Locken anmuthig umwallt. Eine schöne Zeichnung — nicht wahr, lieber Leser? Dennoch machte der Gegenstand derselben auf den Beschauer nicht den angenehmen Eindruck eines sanften, empfänglichen, ja nicht einmal den eines heiteren Gemüthes. Wie er so ruhig da saß, glaubte ich um seine Nase, um seinen Mund, auf seiner Stirne die An;eichen eines unruhigen, unbeugsamen Charakters zu entdecken. Weder sprach er ein Wort zu mir, noch blickte er mich an, so lange seine Schwestern abwesend waren. Diana, die während des Zurichtens des Thees durch die Stube kam, brachte mir einen kleinen auf dem Ofen gebackenen Kuchen. ‘Essen Sie das einstweilen,’ sagte sie. ‘Sie müssen sehr hungerig seyn. Hannah sagte, Sie hätten, außer etwas Grütze, seit dem Frühstücke nichts zu sich genommen.’ Ich nahm das Gebotene dankbar an, denn mein Appetit war sehr groß. Mr. Rivers schloß nunmehr sein Buch, näherte sich dem Tische und heftete, sich auf einem Stuhle niederlassend, den Blick seiner schwärmerischen blauen Augen auf mich. Die unartige Starrheit, die forschende Entschiedenheit dieses Blickes zeigte zur Genüge, Mr. Rivers habe es bisher absichtlich. nicht aus Bescheidenheit, vermieden, die fremde Pilgerin einer genauen Betrachtung zu würdigen. ‘Sie sin sehr hungrig,’ sagte er. ‘Das bin ich, Sir.’ Es war von jeher und ist noch immer meine Art, den Kutzangebundenen kurze, den Gradsinnigen ungeschminkte Antworten zu geben. ‘Es ist ein Glück, daß Sie eine Art Fieber in den letzten drei Tagen abhielt, Ihrem Heißhunger nachzugeben, es wäre in der That gefährlich gewesen. Jetzt können Sie schon essen. doch nicht zu viel.’ ‘Ich hoffe, daß ich nicht mehr lange auf Ihre Kosten zehren werde, Sir,’ lautete meine unartige, beinahe grobe Antwort. ‘Natürlich,’ versetzte er kaltblütig, ‘sobald Sie uns den Wohnort Ihrer Angehörigen angezeigt haben werden, können wir den Letzteren schreiben, und Sie selbst wieder nach Ihrer Heimat gelangen.’ ‘Das ist, aufrichtig gesagt, unmöglich, da ich weder Angehörige, noch eine Heimat habe.’ Die drei Geschwister sahen mich verwundert, doch ohne alle Beimischung von Mißtrauen an. Aus ihren Blicken, namentlich aus denjenigen der beiden Schwestern, sprach die bloße Neugierde. St. Johns Augen waren, wiewohl buchstäblich genommen, von seltener Klarheit, im figürlichen Sinne sehr undurchdringlich und schwer zu ergründen. Er schien sich derselben m ehr zu bedienen, um anderer Leute Gedanken zu erforschen, als um seine eigenen Gefühle zu enthüllen; die daraus entspringende Vereinigung von durchdringender Schärfe und kluger Zurückhaltung brachte diejenige Person, die mit ihm sprach, natürlich mehr in Verlegenheit, als sie dieselbe ermuthigte. ‘Sie wollen damit sagen,’ versetzte er, ‘daß Sie ohne irgend welche Anverwandte oder Freunde sind und ganz allein in der Welt stehen?’ ‘So ist es. Kein Band fesselt mich an irgend ein lebendes Wesen, ich habe nicht den geringsten Anspruch auf den Aufenthalt unter irgend einem Dache in ganz England.’ ‘In Ihrem Alter eine ganz besondere Lage!’ Bei diesen Worten richteten sich seine Blicke nach meinen Händen, die vor mir auf dem Tische lagen. Ich wußte nicht, was er damit beabsichtigte, doch gaben mir seine Worte sehr bald die nöthige Aufklärung. ‘Sie sind nicht verheirathet? Sie sind ledig?’ Diana lachte. ‘Was fällt Dir ein? Sie ist ja kaum siebenzehn oder achtzehn Jahre alt,’ sagte sie. ‘Ich werde bald neunzehn Jahre zählen, aber ich bin nicht vermält.’ Eine brennende Röthe stieg mir ins Gesicht, denn St. Johns Frage rief in meinem Herzen trübe und qualvolle Erinnerungen wach. Alle Drei bemerkten meine Aufregung und Verlegenheit. Diana und Mary wandten, um mich der letztern zu entreißen, ihre Augen von meinem purpurrothen Gesichte ab; allein ihr kälterer und strengerer Bruder sah mich so lange fest an, bis mir meine Verwirrung nicht nur alles Blut ins Gesicht trieb, sondern auch heiß Thränen erpreßte. ‘Wo hielten Sie sich zuletzt auf?’ frug er. ‘Du frägst zu viel, St. John,’ versetzte Mary mit leiser Stimme. Aber er ließ sich nicht irre machen, bog sich über den Tisch und heischte mit einem festen, durchdringen? den Blicke eine Antwort. ‘Der Name des Ortes wo, und der Personen, mit welchen ich lebte, ist mein Geheimniß,’ erwiederte ich ganz kurz. ‘Und meiner Meinung nach haben Sie das Recht, es St. John und jedem andern Frager gegenüber zu bewahren,’ bemerkte Diana. ‘Aber wenn ich nichts Näheres über Sie und Ihr früheres Leben weiß,’ sagte St. John, ‘so kann ich Ihnen unmöglich helfen. Und Sie bedürfen doch der Hilfe, nicht wahr?’ ‘Ich bedarf ihrer und suche sie insofern, als mir ein wahrer Menschenfreund eine Arbeit verschaffen mag, der ich gewachsen bin und deren Erträgniß mich wenigstens vor Mangel schützt.’ ‘Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund bin; allein ich bin gesonnen Sie in Ihrem redlichen Streben nach besten Kräften zu unterstützen. Sagen Sie mir also erstens, womit Sie sich bis jetzt beschäftigten, und zweitens was Sie zu leisten im Stande sind.’ Ich war inzwischen mit meinem Thee fertig geworden und fühlte neue Kräfte in mir. Das Getränke hatte meine Lebensgeister erweckt und mich auch geistig insoweit gestärkt, daß ich meinem strengen Sittenrichter kühn die Spitze bieten konnte. ‘Mr, Rivers,’ begann ich, mich zu ihm wendend und ihm mit derselben Festigkeit ins Auge blickend, mit der er mich ansah, ‘Sie und Ihre Schwestern haben mir einen großen Dienst erwiesen, den größten, den ein Mensch dem andern erweisen kann; Sie entrissen mich durch Ihre großmüthige Unterstützung und Pflege dem sichern Hungertode. Dies gibt Ihnen ein unbestreitbares Recht auf meine Dankbarkeit und theilweise auch auf mein Vertrauen. Sie sollen daher von der Lebensgeschichte der armen Verlassenen, deren Sie sich erbarmten, so viel erfahren, als ich, ohne meine Seelenruhe, meine Sicherheit und die Sicherheit Anderer einer Gefahr auszusetzen, füglich mittheilen kann. ‘Ich bin eine Waise, die Tochter eines Geistlichen. Meine Eltern starben. noch ehe ich sie kannte. Fremde Wohlthätigkeit nahm sich meiner an und ich wurde in einem Waisenhause erzogen. Ich will Ihnen sogar den Namen der Anstalt nennen, in welcher ich volle sechs Jahre als Zögling und zwei Jahre als Lehrerin zubrachte; es ist das Waisenhaus von Lowood, von dem Sie wohl schon gehört haben werden; der ehrwürdige Robert Brocklehurst steht dem Institute als Schatzmeister vor.’ ‘Ich habe die Anstalt besucht und von Mr. Brocklehurst gehört.’ ‘Vor ungefähr einem halben Jahre verließ ich Lowood, um als Erzieherin in ein Privathaus einzutreten. Meine Stellung in dem letzteren war angenehm und ich selbst ganz glücklich. Vor vier Tagen sah ich mich genöthigt, meinen bisherigen Aufenthaltsort zu verlassen; die Gründe, die mich dazu zwangen, kann und darf ich nicht veröffentlichen; es wäre nutzlos — gefährlich und würde Ihnen unglaublich vorkommen. Doch trifft mich keine Schuld und ich stehe so rein da, wie Sie und Ihre Schwestern. Aber ich bin nun unglücklich und werde es auch noch eine geraume Zeit hindurch seyn, denn die Katastrophe, die mich aus einem Hause vertrieb, welches mir als ein irisches Paradies erschien, war eine ganz besondere, in ihren Folgen unselige. Nur zwei Punkte hatte ich bei dem Plane meiner Flucht vor Augen: Schnelligkeit und Heimlichkeit; diesen Zweck zu erreichen, mußte ich meine ganze Habe bis auf ein kleines Päckchen zurücklassen und auch dies letztere vergaß ich aus dem Wagen, der mich nach Whitcroß führte, mitzunehmen, so daß ich nun ganz entblößt dastehe. Zwei Nächte brachte ich im Freien zu und wanderte zwei Tage umher, ohne eine Schwelle zu betreten; nur zweimal kam während dieser Zeit etwas Nahrung über meine Lippen und als ich ganz erschöpft und verzweifelnd, nahe daran war meinen Geist an Ihrer Hausthüre aufzugeben, waren Sie es, Mr. St. John, der sich meiner annahm und mir Einlaß unter sein Dach gewährte. Ich weiß Alles, was Ihre Schwestern seitdem an mir gethan — denn ich war während meiner scheinbaren Erstarrung nicht ganz bewußtlos — und ich bin ihrem edlen, natürlichen, herzlichen Mitgefühl ebenso verpflichtet, als Ihrer evangelischen Barmherzigkeit.’ ‘Lass' sie nicht weiter sprechen, St. John,’ sagte Diana während ich innehielt; ‘sie ist jedenfalls noch nicht im Stande Aufregungen zu ertragen. Kommen Sie zum Sopha und nehmen Sie Platz, Miß Elliott.’ Bei Erwähnung meines angenommenen Namens blickte ich unwillkürlich halb verwundert in die Höhe; ich hatte ganz darauf vergessen. Mr. Rivers, dessen Scharfblick nichts zu entgehen schien, bemerkte es sofort. ‘Sie sagten Ihr Name wäre Jane Elliott?’ versetzte er. ‘So sagte ich und es ist dies der Name, den ich mir jetzt beizulegen für zweckmäßig erachte; allein es ist nicht mein rechter Name und wenn ich ihn höre, klingt er mir fremd.’ ‘Sie wollen Ihren wahren Namen nicht sagen?’ ‘Nein! Ich fürchte vor Allem entdeckt zu werden und muß daher auf meiner Hut seyn.’ ‘Sie haben ganz Recht,’ bemerkte Diana. ‘Und nun, lieber Bruder, magst Du sie eine Weile im Frieden lassen.’ Doch kaum war St. John einige Augenblicke stille gesessen, als er sein Verhör mit demselben Gleichmuthe und derselben Schärfe wieder aufnahm. ‘Sie wünschen nicht weiter von unserer Gastfreundschaft abzuhängen und so schnell wie möglich das Mitgefühl meiner Schwestern und besonders meine Barmherzigkeit — Sie sehen, ich weiß Ihre feine Unterscheidung zu würdigen — unnöthig zu machen?’ ‘So ist es und so sagte ich. Weisen Sie mir eine Arbeit zu und sagen Sie mir, wo ich welche finden kann; mehr verlange ich nicht und will mich dann gern selbst in die niedrigste Hütte begeben. Bis dahin aber erlauben Sie mir, daß ich hier bleibe; ich möchte die Schrecken einer gänzlichen Entblößung von den nothwendigsten Bedürfnissen um Alles in der Welt nicht ein zweites Mal durchmachen.’ ‘Sie sollen hier bleiben,’ sagte Diana, ihre weiße Hand auf meinen Kopf legend. ‘Ja, das sollen Sie,’ wiederholte Mary mit dem Tone aufrichtigster Herzlichkeit. ‘Meine Schwestern freut es, wie Sie sehen, Sie hier zu behalten,’ sagte Mr. St. John, ‘eben so sehr, als ob Sie ein halberfrorner Vogel wären, den der Frost in ihr offenes Fenster getrieben hätte. Was mich anbelangt, so fühle ich mich weit mehr bestimmt, Sie dahin zu bringen, daß Sie selbst für Ihren Unterhalt sorgen können; doch muß ich die Bemerkung vorausschicken, daß mein Wirkungskreis ein sehr bescheidener, eng abgegrenzter ist. Ich bin der Seelsorger einer armen Dorfgemeinde und es kann sich darum auch meine Unterstützung nicht sehr hoch versteigen; für den Fall also, wo Ihnen eine bescheidene, untergeordnete Stellung nicht zusagen sollte, müßten Sie sich an Jemanden andern wenden.’ ‘Sie hat ja schon erklärt, daß Sie eine jede Beschäftigung übernimmt, der sie gewachsen ist,’ antwortete Diana statt meiner; ‘und Du weißt am besten, St. John, daß sie keine große Auswahl an Helfern hat und sich wohl mit einem so mürrischen Menschen, wie Du einer bist, begnügen muß.’ ‘Ich will Putz machen, Wäsche nähen, als Dienstmagd oder als Kindermädchen dienen, wenn es seyn muß,’ setzte ich hinzu. ‘Ganz recht,’ sagte Mr. St. John mit einiger Kälte. ‘Wenn das in der That Ihr fester Wille ist, dann verspreche ich Ihnen baldige Hilfe, wie solche im Bereiche meiner Möglichkeit liegt.’ Bei diesen Worten nahm er das Buch, in welchem er vorher gelesen hatte, wieder zur Hand. Ich zog mich bald zurück, denn ich hatte für das gegenwärtige Maß meiner Kräfte genug gesprochen und war hinlänglich lange aufgeblieben. Dreißigstes Capitel. Je näher ich die Bewohner des Moorhauses kennen lernte, desto besser gefielen sie mir. In wenigen Tagen hatte sich der Zustand meiner Gesundheit so sehr gebessert, daß ich den ganzen Tag außerhalb es Bettes zubringen und zuweilen einen Spazirgang unternehmen konnte. Ich war nun im Stande Diana und Mary in all' ihren Arbeiten zu unterstützen und mit ihnen so viel und so lange zu plaudern, als sie es nur wünschten. Ein eigenthümliches, von mir zum ersten Male empfundenes Behagen war die nächste Folge unsers beständigen Beisammenseyns — das, Behagen, welches aus einer vollkommenen Uebereinstimmung der Neigungen, der Gefühle und Grundsätze entspringt. Was sie gerne lasen, gefiel auch mir, was ihnen Vergnügen machte, freute auch mich und was ihre Billigung erlangt hatte, war auch meiner Zustimmung gewiß. Sie hingen mit Liebe an ihrer einsamen Wohnung; der Reiz, den das graue alterthümliche Haus mit den Gitterfenstern und der Garten mit seinen düstern Stechpalmen und Eibenbäumen für mich hatten, war gleich mächtig und anhaltend. Das unfruchtbare Sumpfland um ihre Heimat herum, der Hohlweg mit dem mit Kies bestreuten Reitstege, der von der Hausthüre aus dahin führte, die Weideplätze mit den grauen Schafen und ihren kleinen Lämmchen, — die ganze Scene zusammengenommen war für sie ein Gegenstand des lebhaftesten Entzückens. Ich konnte dieses Gefühl ganz gut begreifen und dasselbe sowohl seiner Innigkeit als seiner Stärke nach theilen; ich erkannte das Anziehende der Oertlichkeit, das Feierliche der stillen Einsamkeit und gerne weilte mein Blick auf dem wilden Colorit, welches die ganze Gegend, Anhöhen wie Vertiefungen, durch die Vegetation des Mooses und des Heidekrautes, und durch die hin und wieder vertheilten Granitfelsen erhielt. Alle diese Einzelnheiten waren für mich, wie für die beiden Schwestern eben so viele Veranlassungen des reinsten Vergnügens. Bannte uns das schlechte Wetter an die Stube fest, unterhielten wir uns eben so gut. Die beiden Mädchen waren in ihrer geistigen Bildung weit mehr vorgeschritten und weit belesener als ich, und mit emsiger Hast folgte ich ihnen auf dem Pfade der Erkenntniß nach, den sie zum größeren Theile schon vor mir zurückgelegt hatten. Ich verschlang die Bücher, die sie mir liehen, und kannte dann keinen größeren Genuß, als mit ihnen am Abende über dasjenige zu sprechen, was ich am Tage hindurch gelesen hatte. Unsere Gedanken, unsere Meinungen begegneten sich auf halbem Wege: wir harmonirten vollkommen und in jeder Beziehung. Wenn in unserem Kleeblatte überhaupt irgend Eine höher stand und das Wort führte, so war es unstreitig Diana. In physischer Beziehung namentlich übertraf sie mich bei weitem; sie war schön, sie war kräftig. Ihre Lebensgeister waren von einer Frische, einer Schnellkraft, die mich in Verwunderung versetzten und über meine Begriffe gingen. Ich konnte des Abends wohl eine Weile plaudern, aber wenn der erste Anflug von Lebhaftigkeit vorüber war, wurde ich still und setzte mich gerne zu Diana's Füßen auf einen Schämel und legte meinen Kopf in ihren Schooß; allein Diana ruhte nicht eher, bis sie mit Mary den Gegenstand, den ich blos berührte, gesprächsweise ganz erschöpft hatte. Eines Tages machte sie mir den Vorschlag, mich deutsch zu lehren. Ich ließ mich mit Vergnügen von ihr unterrichten; ich sah, daß ihr die Rolle der Lehrerin behagte, während auch mir diejenige einer Schülerin nicht minder zusagte. Unsere Naturen vermälten sich, eine wechselseitige unerschütterliche Zuneigung war der Sprößling dieser Verbindung. Die Schwestern machten die Entdeckung, ich könne malen; sofort stellten sie mir ihr sämmtliches Malergeräthe zur Verfügung. Meine Geschicklichkeit, die in diesem einzigen Punkte die ihrige übertraf, versetzte sie in Erstaunen und entzückte sie. Mary pflegte sich neben mich zu setzen und mir stundenlang zuzusehen; später nahm sie Stunden bei mir und gab eine gelehrige und fleißige Schülerin ab. So beschäftigten und unterhielten wir uns abwechselnd, Tage vergingen wie Stunden und Wochen wie Tage. Was Mr. St. John anbelangt, so erstreckte sich jene Vertraulichkeit, die so schnell und so natürlich zwischen mir und seinen Schwestern entstanden war, nicht bis auf ihn. Einen Grund gab es hierfür: seine häufige Abwesenheit vom Hause, denn einen großen Theil seiner Zeit schien er dazu zu verwenden, die Armen und die Kranken unter der zerstreuten Bevölkerung seines Kirchsprengels heimzusuchen. Kein Wetter hinderte ihn an der Ausübung dieser Berufspflicht; es mochte schön seyn oder regnen, tagtäglich nach Beendigung seiner Morgenstudien machte er sich mit seines Vaters altem Wachtelhunde, Carlo, auf den Weg zur Erfüllung seiner Sendung der Nächstenliebe oder Christenpflicht — ich weiß nicht in welchem Lichte er dieselbe ansah. Zuweilen wenn das Wetter gar zu rauh war, machten seine Schwestern Einwendungen. Er pflegte ihnen dann mit einem eigenthümlichen, mehr ernsten denn freundlichen Lächeln zur Antwort zu geben: ‘Und wenn ich mich jetzt durch einen Windstoß oder einige Regentropfen von der Erfüllung meiner leichten Berufspflichten abhalten lasse, was soll das für eine Vorbereitung zu meiner künftigen Bestimmung seyn?’ Dianens und Mary's einzige Erwiederung bestand in einem Seufzer und einem schmerzlichen Sinnen, das einige Minuten anhielt. Doch nebst seiner häufigen Abwesenheit gab es noch eine andere Scheidewand zwischen mir und ihm, die jedes freundschaftliche Verhältniß unmöglich machte: er war nemlich von Natur aus zurückhaltend, in sich selbst versunken und tiefsinnig. Eifrig in der Vollführung seiner Berufsarbeiten, tadellos in seinem häuslichen Leben und in seinen Gewohnheiten, schien er sich doch nicht jener Heiterkeit des Geistes, jener innern Zufriedenheit zu erfreuen, die der Antheil jedes wahren Christen und thätigen Menschenfreundes seyn sollten. Sehr oft, wenn er des Abends an seinem Pulte saß, um zu lesen oder zu schreiben, hielt er in der einen oder in der andern Beschäftigung mitten inne, stützte sein Kinn auf seine Hand und überließ sich irgend einem mir unbekannten Gedankenlaufe. Doch erkannte ich an dem häufigen Leuchten seiner Augen und dem Wechsel seiner Gesichtszüge, daß sein Geist stürmisch bewegt, in vollem Aufruhr war. Die Natur, denke ich, erschien ihm auch nicht wie seinen Schwestern als eine Quelle reiner Freuden. Ein einziges Mal ließ er sich in meiner Gegenwart vernehmen, die Umgegend sey romantisch und er habe eine angeborne Zuneigung zu dem finstern, alterthümlichen Gebäude, das er seine Heimat nannte; aber der Ton, mit dem er diese Wortaussprach, war mehr düster als freudig und nie suchte er das Sumpfland um seiner eigenen wilden Schönheit wegen auf. Bei seinem gänzlichen Mangel an Mittheilsamkeit verging eine geraume Zeit, bevor ich Gelegenheit fand, sein Gemüth zu ergründen. Ich konnte dies zuerst bei einer Predigt thun, die er in seiner Kirche zu Morton hielt. Ich wollte, ich könnte diese Erbauungsrede beschreiben; allein es überstieg meine Kräfte und kaum bin ich im Stande ein getreues Bild des Eindruckes zu geben, den dieselbe auf mich hervorbrachte. Der Anfang derselben war ruhig gehalten und sie blieb es auch, was den Vortrag und den Ton der Stimme anbelangt, bis ans Ende; ein tiefgefühlter, doch knapp im Baum gehaltener, religiöser Eifer athmete durch die deutlich gesprochenen Sätze und schien dem Prediger alle die kräftigen Worte einzuflößen. Die Sprache wurde stärker, doch gedämpft und unter Aufsicht gestellt, überschritt sie nicht das richtige Maß. Die geistige Ueberlegenheit des Redners erschütterte das Herz, zwang den Geist zur Verwunderung, doch wurde weder das eine noch der andere gerührt, milder gestimmt. Eine sonderbare Bitterkeit durchwehte die ganze Rede und der gänzliche Mangel an tröstender, versöhnender Sanftmuth, so wie die häufigen Anspielungen auf calvinistische Lehrsätze mußten auffallen; eine jede Hinweisung auf diese letzteren ertönte wie ein Urtheilsspruch. Als die Predigt zu Ende war, fühlte ich mich, statt besser, ruhiger, aufgeklärter zu seyn, unendlich trübe gestimmt, denn es kam mir vielleicht auch nur mir so vor, als wäre die ganze Beredsamkeit einem durch vereitelte Wünsche, ungestillte Begierden und unruhige Bestrebungen erbitterten und erregten Gemüthe entsprungen. Gewiß hatte St. John Rivers trotz seines tadellosen Lebenswandels und seiner gewissenhaften, eifrigen Pflichterfüllung den Frieden Gottes ebensowenig gefunden, als ich, die ich durch den Verlust meines Ideals, meines Paradieses eine Beute des nagendsten Schmerzes geworden war, der mich noch immer mitleidslos quälte, wiewohl ich seiner in der letzten Zeit weniger Erwähnung that. Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und Mary sollten in kurzer Zeit das väterliche Haus verlassen und auf ihre Posten als Erzieherinnen in einer großen Stadt Süd-Englands zurückkehren, wo sie in zwei verschiedenen sehr reichen und sehr angesehenen Familien dienten, die sie in ihrer Hochnäsigkeit eben nur als Dienstboten ansahen, und ihre Talente und Kenntnisse gerade so schätzten, wie man etwa die Geschicklichkeit einer Köchin und den Geschmack einer Kammerzofe anerkennt. Mr. St. John hatte noch mit keinem Worte angedeutet, daß er für mich eine Beschäftigung gefunden habe, und doch war es nun höchste Zeit für mich, irgend einen Beruf anzutreten. Eines Morgens, wo ich mit ihm eine kurze Zeit allein blieb, unternahm ich es, ihn in seiner Arbeit zu stören, und dieser Angelegenheit wegen anzusprechen. Noch wußte ich nicht recht, in welche Worte ich meine Anrede einkleiden sollte, als er mich selbst dieser Verlegenheit überhob und mich zuerst anredete. ‘Sie wollen mich um etwas fragen?’ hob er von seinem Pulte aufblickend an. ‘Wohl; ich möchte wissen, ob Ihnen bereits irgend ein Dienstposten bekannt worden ist, den ich bald antreten könnte.’ ‘Vor drei Wochen wußte ich etwas dergleichen; doch da Sie sich hier so glücklich zu fühlen schienen und so nützlich zu machen wußten und da meine Schwestern ein so ungewöhnliches Vergnügen in Ihrer Gesellschaft fanden, so hielt ich es für unzeitig, dieses glückliche Verhältniß früher zu zerstören, als es durch die Abreise der beiden Mädchen nach ihrem Bestimmungsorte nothwendig würde.’ Diana und Mary reisen in drei Tagen ab?’ frug ich. ‘Ja; und ich kehre nach meiner Pfarre zurück. Hannah wird mich begleiten und das alte Haus hier geschlossen.’ Ich wartete einige Augenblicke, in der Hoffnung er würde den ursprünglichen Gegenstand unserer Unterredung wieder aufnehmen; aber er schien, seinem Blicke nach zu urtheilen, an ganz andere Dinge zu denken, als an mich und meine Angelegenheit. Ich mußte ihm also ein Thema ins Gedächtniß zurückrufen, das für mich von größter Wichtigkeit war. ‘Welches war die Beschäftigung, die Sie damals für mich gefunden hatten, Mr. Rivers? Ich hoffe der Verzug hat das Inswerksetzen Ihres Planes nicht unmöglich gemacht.’ ‘Oh, gewiß nicht, da es eine Anstellung ist, deren Verleihung von mir, deren Annahme von Ihnen abhängt.’ Wieder hielt er inne, als sey es ihm unangenehm fortzufahren. Ich wurde ungeduldig und machte ihm diese Empfindung durch eine unruhige Bewegung und einen fragenden Blick bemerkbar. ‘Sie dürfen keine solche Eile haben, das Nähere zu hören,’ sagte er; ‘aufrichtig gesagt kann ich Ihnen weder etwas sehr Angenehmes noch etwas Nutzbringendes anbieten. Doch bevor ich mich näher erkläre, wollen Sie sich meiner neulichen, klar und deutlich abgefaßten Bemerkung erinnern, daß ich Ihnen nemlich kaum anders helfen kann, als der Blinde dem Lahmen. Ich bin arm, denn wenn ich meines Vaters Schulden gezahlt haben werde, bleibt mir nichts als diese halbverfallene Hütte, die paar Tannenbäume hinter und das Stück Sumpfland vor derselben. Ich bin ein geringer Mann; wohl ist Rivers ein alter Name, allein von den drei letzten Sprößlingen desselben arbeiten zwei um des täglichen Brotes willen als Lohndienerinnen in der Fremde und der dritte betrachtet sich nicht blos im Leben, sondern auch im Tode als einen Fremd ling im eigenen Heimatlande. Ja, und er schätzt sich glücklich, daß ihm ein solches Los zu Theil wurde und sehnt sich nach dem Herannahen des Augenblickes, wo er das Kreuz der Duldung und Entsagung von fleischlichen Banden wird auf seine Achsel nehmen, und den Worten des Oberhauptes jener streitenden Kirche, unter deren niedrigste Diener er sich zählt, gehorsamen können, das da rufen wird: ‘Stehe auf und folge mir nach!’ St. John sprach diese Worte in derselben Weise, wie er seine Predigten vortrug, in einem ruhigen Tone, mit tiefer Stimme, marmorblassen Wangen und funkelnd en Augen. ‘Und da ich selbst arm und gering bin,’ fuhr er fort, ‘kann ich Ihnen auch nur einen ärmlichen und geringfügigen Dienstplatz verschaffen. Vielleicht werden Sie ihn für einen Ihrer Person und Ihrer Kenntnisse unwürdigen Posten halten, denn so viel ich gesehen, gehören Sie Ihren Gewohnheiten nach der guten Gesellschaft an; allein ich bin der Meinung, daß keine Beschäftigung herabwürdigt, die dazu dient, unsere Mitmenschen zu bessern, daß die Ehre desto größer ist, je rauher der Boden, den der christliche Ackersmann zu bebauen bekömmt, je geringer die Frucht seiner mühsamen Arbeit. Er erscheint unter solchen Verhältnissen als ein Vorkämpfer des Glaubens und die ersten Vorkämpfer des Evangeliums waren die Apostel und ihr Anführer Jesus Christus, unser Heiland.’ ‘Nun?’ sagte ich, als er wieder schwieg, ‘fahren Sie fort.’ Bevor er dies that, sah er mich eine Weile forschend an, als wollte er in meinem Gesichte lesen, als wäre das letztere das Blatt eines Buches und die Gesichtszüge Buchstaben. ‘Ich denke, Sie werden den Posten annehmen, den ich Ihnen anbieten will, und auch eine Zeit lang auf demselben ausharren. Für immer möchte er Ihnen wohl ebenso wenig genügen, als mir das bescheidene, verborgene Amt eines Landgeistlichen für die Dauer anstehen kann; denn Ihrem Gemüthe ist gleich dem meinen ein Zusatz beigemischt, der Sie so wenig wie mich den innern Frieden erlangen läßt, wiewohl der Grund ein ganz verschiedener ist.’ ‘Sprechen Sie deutlicher,’ drang ich in ihn, als er abermals innehielt. ‘Das will ich und Sie sollen sehen, wie ärmlich, wie alltäglich. wie anstrengend die Beschäftigung ist, die ich Ihnen zugedacht. Nun mein Vater todt ist und ich mein eigener Herr bin, bleibe ich nicht mehr lange in Morton und verlasse diesen Ort wahrscheinlich schon im Verlaufe dieses Jahres, allein so lange ich hier bleibe, will ich alles Mögliche aufbieten, um die nöthigen Verbesserungen in meiner Gemeinde einzuführen. Als ich vor zwei Jahren nach Morton kam, hatte das Dorf noch keine Schule und die Kinder der Armen waren von jeder Aussicht auf Unterricht ausgeschlossen. Ich errichtete sofort eine Knabenschule und beabsichtige nun auch eine Mädchenschule zu gründen. Ein Gebäude sowie ein kleines Häuschen mit zwei Stuben für die Lehrerin habe ich bereits zu diesem Zwecke gemiethet. Die letztere erhält dreißig Pfund jährlich und findet ihre Wohnung durch die Güte einer jungen Dame, Miß Oliver, der Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde, des Eigenthümers einer Nadelfabrik und Eisengießerei, zwar sehr einfach, doch anständig eingerichtet. Dieselbe Dame zahlt auch für den Unterricht und die Kleidung eines Waisenmädchens aus dem Armenhause, wofür dieselbe der Lehrerin in Arbeiten zur Seite stehen soll, welche die Erstere aus Mangel an Zeit nicht selbst verrichten kann. Wollen Sie die Stelle der Lehrerin annehmen?’ Er brachte die letzten Worte nicht ohne einige Befangenheit heraus, als erwarte er halb und halb seinen Antrag mit Unwillen und mit Verachtung zurückgewiesen zu sehen. Die angebotene Stelle war eine mehr als bescheidene; aber sie gewährte mir einen sicheren Zufluchtsort; sie war mit großer Anstrengung verbunden, allein sie hatte, im Vergleiche mit dem Posten einer Erzieherin in einem großen Hause, den Vortheil der Unabhängigkeit für sich. Die Furcht vor der Dienstbarkeit in einer fremden Familie entschied mich für die Annahme. ‘Ich nehme Ihr Anerbieten mit Dank und vom Herzen gerne an, Mr. Rivers.’ ‘Sie haben mich doch verstanden?’ versetzte er. ‘Es ist von einer Dorfschule die Rede. Ihre künftigen Schülerinnen sind Kinder der Hüttenbewohner, im besten Falle Pächterskinder, und Alles was Sie sie zu lehren haben, beschränkt sich auf Stricken, Nähen, Lesen, Schreiben und Rechnen. Was wollen Sie mit Ihren anderweitigen Kenntnissen, was mit dem besseren Theile Ihres Geistes, Ihren Gefühlen und Neigungen anfangen?’ ‘Ich werde sie in so lange aufbewahren, bis ich ihrer bedarf. Sie werden nicht zu Grunde gehen.’ ‘Sie wissen also was Sie unternehmen?’ ‘Ganz genau.’ Er lächelte; doch war sein Lächeln kein herbes oder trübes, sondern ein freundliches und vollkommen zufriedenes. ‘Wann wollen Sie Ihr Amt antreten?’ ‘Morgen will ich meine Wohnung beziehen, und wenn es Ihnen angenehm ist, den Unterricht schon nächste Woche beginnen.’ ‘Sehr gut, dabei soll es bleiben.’ Er stand auf, ging durch's Zimmer, blieb dann stehen und sah mich kopfschüttelnd an. ‘Was haben Sie auszusetzen, Mr. Rivers?’ frug ich ihn. ‘Sie sollten es lange in Morton aushalten?! Nein und abermals nein!’ ‘Warum? Was berechtigt Sie zu dieser Annahme?’ ‘Ich sehe es Ihren Augen an; sie versprechen durchaus keine Zufriedenheit mit einem ruhigen, einförmigen Leben.’ ‘Ich bin nicht ehrgeizig.’ Bei dem Worte ‘ehrgeizig’ fuhr er in die Höhe. ‘Das glaube ich selbst. Wer brachte Sie dazu, an Ehrgeiz zu denken? Wer ist ehrgeizig? Ich weiß wohl, daß ich es bin, aber woraus erkannten Sie das?’ ‘Ich sprach von mir selbst.’ ‘Nun, wenn Sie auch nicht ehrgeizig sind, so sind Sie doch —’ Er stockte. ‘Was bin ich?’ ‘Leidenschaftlich, wollte ich sagen; aber vielleicht hätten Sie das Wort falsch ausgelegt und wären böse geworden. Ich meine damit, daß menschliche Zuneigung und menschliche Affecte in Ihrer Seele tiefe Wurzel gefaßt haben. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß Sie es nicht lange ertragen werden, Ihre Mußestunden in der Einsamkeit und Ihre Arbeitsstunden mit einer eintönigen, reizlosen Beschäftigung zuzubringen, gleichwie es auch mir unmöglich wäre,’ fügte er mit besonderer Betonung hinzu, ‘meinen Geist, die mir vom Himmel verliehenen Gaben hier in diesem von Bergen eingeschlossenen Moraste nutzlos zu begraben. Sie hören nun, wie ich mir selbst widerspreche, ich, der ich das bescheidene Loos und den Beruf der geringsten Arbeiter im Weinberge des Herrn glücklich pries, — ich, sein verordneter Diener, verzehre mich beinahe in Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit. Nun wohl, Neigungen und Grundsätze müssen durch irgend ein Mittel in Einklang gebracht werden.’ Er verließ die Stube. In dieser Einen Stunde hatte ich ihn besser kennen gelernt, als im ganzen vergangenen Monat; dennoch konnte ich ihn noch immer nicht ganz begreifen. Diana und Mary wurden immer stiller und immer trauriger, je näher die Stunde der Trennung von ihrem Bruder und dem Vaterhause herannahte. Wohl versuchten sie es, in ihrer gewöhnlichen Laune zu erscheinen, doch der Schmerz, gegen den sie ankämpften, war viel zu groß, um besiegt oder unterdrückt werden zu können. Diana erklärte, es würde die schmerzlichste Trennung werden, die sie noch je erlebt und mit Bezug auf St. John eine Trennung auf lange Jahre, vielleicht eine auf ewig seyn. ‘Er wird seinem lang genährten Vorhaben Alles opfern,’ sagte sie, ‘die heiligsten Gefühle, wie die natürlichsten Regungen des Herzens. St. John sieht ruhig aus, Jane, doch in seinem Innern brennt ein verzehrendes Feuer. Sie würden ihn für sanft halten und doch ist er in manchen Dingen hartherzig und unerbittlich wie der Tod, und das Schlimmste an der Sache ist der Umstand, daß mir mein Gewissen nicht erlaubt, ihn von seinem Entschlusse abzubringen , der ein edler, christlicher ist, mir aber das Herz bricht.’ Thränen erstickten ihre Stimme und auch Mary ließ den Kopf auf ihre Arbeit sinken. ‘Wir sind nun ohne Vater, bald werden wir auch keinen Bruder und keine Heimat mehr haben,’ flüsterte sie. In diesem Augenblicke trat ein kleines Ereigniß dazwischen, das wie vom Schicksal auserkoren schien, die Wahrheit des Sprichwortes zu beweisen, daß ein Unglück selten allein kömmt. St. John trat, einen Brief lesend, in das Zimmer. ‘Unser Onkel Tom ist gestorben,’ sagte er. Diese Mittheilung schien auf die beiden Schwestern einen riesen, doch weder einen schmerzlichen noch erschütternden Eindruck zu machen. Die Nachricht interessirte sie offenbar mehr, als sie sie betrübte. ‘Gestorben?’ wiederholte Diana. ‘Ja.’ Sie richtete einen fragenden Blick auf ihres Bruders Antlitz. ‘Und was ist's weiter?’ frug sie. ‘Was weiter, Diana?’ erwiederte er, während seine Gesichtszüge ihren unbeweglichen Ausdruck beibehielten. ‘Was weiter? Je nun nichts. Lies selbst.’ Er warf ihr den Brief in den Schooß. Sie durchlas ihn flüchtig und reichte ihn ihrer Schwester hin. Mary that desgleichen und stellte das Schreiben ihrem Bruder wieder zurück. Alle drei sahen einander an und alle drei lächelten; — es war ein trostloses, nachdenkliches Lächeln. ‘Amen! Leben können wir ja noch!’ sagte endlich Diana. ‘Jedenfalls steht es mit uns nicht schlimmer als früher,’ bemerkte Mary. ‘Mit der einzigen Ausnahme, daß man nun unwillkürlich Vergleiche anstellt zwischen dem was ist und was hätte seyn können,’ versetzte Mr. Rivers. Er legte den Brief zusammen, schloß ihn in seinem Pulte ein und ging wieder zur Stube hinaus. Durch einige Minuten sprach Niemand. Diana brach zuerst das Stillschweigen. ‘Sie werden sich über uns und unsere Geheimnisse wundern, liebe Jane,’ sagte sie, ‘und uns für hartherzige, gefühllose Leute halten, weil uns der Tod eines so nahen Anverwandten so wenig rührt; allein wir haben ihn weder gesehen, noch je gekannt. Er war der Bruder unserer Mutter und lag mit unserm Vater lange im Streite; sein Rath war es, der den letztern veranlaßte, sein Vermögen in seinen Speculationen aufs Spiel zu setzen, die ihn zu Grunde richteten. Wechselseitige Vorwürfe waren die nächste Folge davon, sie trennten sich voll Unwillen und versöhnten sich nie wieder. Mein Onkel betheiligte sich später bei glücklicheren Unternehmungen, und wie es scheint, ersparte er ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund Sterling. Er war nie verheirathet und hatte außer uns und noch einer Person, die ihm nicht näher steht als wir, keine Verwandten. Der Vater trug sich immer mit dem Gedanken herum, er würde seinen Fehler dadurch gut machen, daß er uns seine sämmtlichen Besitzungen hinterließe, aber eben dieser Brief belehrt uns, daß er Alles bis auf einen Pfennig dem andern Anverwandten vermachte, mit Ausnahme von dreißig Guineen, die uns drei Geschwistern zur Anschaffung von Traueranzügen ausbezahlt werden sollen. Allerdings besaß er das unbestreitbare Recht, nach seinem Willen vorzugehen, aber dennoch drückt uns diese Nachricht, wenigstens für den ersten Augenblick, nieder. Mary und ich hätten uns eine jede mit tausend Pfund für reich gehalten und auch St. John wäre eine gleiche Summe zur Unterstützung seines Vorhabens erwünscht gewesen.’ Nach dieser Erklärung wurde der ganze Gegenstand fallen gelassen und weder Mr. St. John noch eine seiner beiden Schwestern kamen je wieder darauf zurück. Tags darauf verließ ich Marsh-End und begab mich nach Morton und einen Tag später reisten Diana und Mary nach dem entfernten V***. Nach einer Woche übersiedelte Mr. Rivers mit Hannah nach seiner Pfarrwohnung und das alte Moorhaus war solchergestalt ganz verlassen. Einunddreißigstes Capitel. Meine Heimat, nachdem ich endlich eine solche gefunden, ist eine Hütte, bestehend aus einer kleinen Stube mit geweißten Wänden, vier Stühlen und einem Tische, einer Wanduhr, einem Geschirrkasten mit einigen Tellern und Schüsseln und einem Theegeschirr von Töpferthon, und aus einem Schlafzimmer eine Treppe höher, das eine Bettstatt von weichem Holze und einen desgleichen Kasten mit Schubladen enthält, der meine dürftige Garderebe aufnehmen soll; die wiewohl mich meine großmüthigen Freundinnen mit dem Nöthigsten versehen hatten, dennoch keinen großen Raum in Anspruch nimmt. Es ist Abend. Ich habe das Waisenmädchen, das mich bedient, mit einem Apfel als Belohnung entlassen und sitze ganz allein am Camine. Am selben Morgen eröffnete ich meine Schule und zählte zwanzig Schülerinnen; nur drei davon können lesen, keine einzige schreiben oder rechnen. Mehre Märchen stricken schon, doch nur wenige haben einen Begriff vom Nähen. Ihre Sprache ist der ungebildetste Dialekt der ganzen Gegend und wir verstehen einander nicht ohne Schwierigkeit. Wiewohl einige dieser Kinder ziemlich artig und gelehrig sind, so ist doch natürlicherweise die Mehrzahl noch ganz roh und ungefügig. Ich darf indessen nicht vergessen, daß diese kleinen Bäuerinnen von demselben Fleische und Blute sind, wie die Abkömmlinge adeliger Familien, und daß die Keime angeborner Herzensgüte und geistiger Vollkommenheiten sich auch bei ihnen vorfinden. Es wird meine Pflicht seyn, diese Keime zur Entwicklung zu bringen und ich werde mich in Erfüllung derselben gewiß glücklich fühlen. Sehr viel Vergnügen erwarte ich zwar von meinem künftigen Leben nicht; indessen wird es mich, falls ich mich füge und meine Gewohnheiten den Verhältnissen anpasse, jedenfalls befriedigen. War ich fröhlich, zufrieden, ruhig während der Stunden, die ich diesen Morgen und diesen Nachmittag in jenem ärmlichen, kahlen Schulzimmer zubrachte? Die Wahrheit zu sagen, nein; vielmehr ich fühle mich unheimlich und — wie albern ich doch bin! — sogar gedemüthigt. Es kam mir vor, als hätte ich einen Schritt gethan, der statt mich im gesellschaftlichen Leben zu heben, mich vielmehr noch tiefer stellte; die Unwissenheit, die Roheit, die Armuth meiner ganzen Umgebung erfüllten mich beinahe mit Widerwillen. Aber ich will mich dieser Gefühle wegen nicht allzu stark tadeln; es ist ein großer Schritt zur Besserung, daß ich mein Unrecht einsehe, und ich will mich bestreben diese Vorurtheile ganz auszurotten. Schon morgen werde ich ganz anders denken und in wenigen Wochen alle vorgefaßten Meinungen abgelegt haben. Möglich, daß mich sogar in einigen Monaten die Fortschritte und die gesteigerte sittliche Bildung meiner Zöglinge beglücken und für mich der Quell so mancher Freude, manches Genusses sin. Inzwischen will ich mich nur das Eine fragen: Was ist besser? — Der Versuchung erlegen zu seyn, der Leidenschaft ohne Kampf, ohne eine Kraftanstrengung die Oberhand gelassen zu haben und nun in Frankreich als Mr. Rochester's Maitresse zu leben, oder nun als Lehrerin einer Dorfschule in einem Winkel Englands ein armseliges, aber ehrliches Daseyn zu fristen? — Ja, ich fühle nun, daß ich Recht hatte, meinen Grundsätzen und Geboten der Sittlichkeit Gehör zu geben und die tollen Einflüsterungen eines schwachen Augenblickes von mir zu weisen. Gott ließ mich den Weg des Rechtes finden und ich danke seiner Vorsehung für die gewährte Unterstützung. Bei diesem Punkte meiner Abendgedanken angelangt, erhob ich mich, ging zur Thüre und sah mir den Sonnenuntergang an. Tiefe Ruhe deckte die Gefilde, die Vögel sangen ihr letztes Lied, die Luft war mild und balsamisch fiel der Thau auf die lechzende Pflanzenwelt hernieder. Während ich um mich blickte, hielt ich mich für glücklich und war erstaunt, mich plötzlich beim Weinen zu ertappen. Und warum das? Wegen des harten Schicksalsspruches, der mich von meinem theueren Gebieter gerissen. wegen des schrecklichen Schmerzes und der entsetzlichen Wuth, die sich seiner nach meiner Flucht bemächtigt haben mußten und ihn vielleicht eben jetzt allen bösen Leidenschaften in die Arme werfen. Bei diesem Gedanken wandte ich mein Gesicht vom lieblichen Abendhimmel und von dem einsamen Thale von Morton ab, das außer der in einer Baumgruppe versteckten Kirche und Pfarrwohnung und außer Mr. Oliver's Hause am fernen Ende kein Gebäude enthielt und vom Dorfe selbst eine halbe Meile entfernt lag. Ich schloß die Augen und lehnte den Kopf an das steinerne Thürfutter meiner Hütte; aber alsbald machte mich ein Geräusch in der Nähe meines winzigen Gärtchens aufblicken. Ein Hund — der alte Carlo, Mr. River's Wachtelhund — stieß die Gitterthüre des Gartens mit der Schnauze auf und St. John selbst stand mit verschränkten Armen und gefurchter Stirne, mich mit einem ernsten, fast widerlichen Blicke ansehend, hinter ihm. Ich bat ihn einzutreten. ‘Ich kann mich nicht aufhalten; ich bringe Ihnen blos ein kleines Päckchen, das meine Schwestern für Sie zurückließen. Ich glaube es enthält ein Farbenkästchen, Pinsel und Papier.’ Ich näherte mich ihm, es in Empfang zu nehmen; es war mir ein höchst willkommenes Geschenk. St. John musterte mich, als ich vor ihm stand mit strengen Blicken; noch waren die Sputen vergossener Thränen auf meinem Gesichte zu sehen. ‘Haben Sie den Beginn Ihres Tagewerkes über Erwartung schwer und anstrengend gefunden?’ frug er. ‘Oh, nein! im Gegentheile; ich denke, daß ich es mit meinen Schülerinnen in einiger Zeit weit gebracht haben werde.’ ‘Vielleicht hat Ihnen Ihre Wohnung, oder die Einrichtung derselben nicht entsprochen? Es ist in der That, Alles ärmlich genug, allein —’ ‘Meine Hütte ist sauber und schützt mich gegen die Unbilden der Witterung,’ unterbrach ich ihn; ‘und auch die Einrichtung enthält alles Nöthige und ist bequem genug. Alles das hat mich zur Dankbarkeit, nicht zum Trübsinn gestimmt und ich bin keine jener Thörinnen, die den Mangel eines Sophas, eines Teppichs oder des Silbergeräthes schmerzlich empfinden. Noch vor wenigen Wochen hatte ich übrigens gar nichts und pilgerte als Bettlerin und Heimatlose herum; nun habe ich einen Verdienst, eine Wohnung und gute Freunde und fühle mich der Güte Gottes und der Großmuth der letzteren zum innigsten Danke verpflichtet. Ich denke nicht daran mein Loos zu beklagen.’ ‘Aber die Einsamkeit ist für Sie eine Last und Ihr kleines Häuschen ist finster und leer.’ ‘Ich habe wirklich noch nicht Zeit gefunden, über meine Lage ruhig nachzudenken, am wenigsten aber, mich meines Alleinseyns wegen unglücklich zu fühlen.’ ‘Ganz gut. Ich hoffe, daß Sie die Zufriedenheit, die Sie zu erkennen geben, auch wirklich fühlen. Jedenfalls wird Ihnen Ihr Verstand sagen, daß es noch lange nicht Zeit ist, die Befürchtungen von Loth's Weibe zu hegen. Was Sie zurückließen, bevor Sie zu uns kamen, das weiß ich nicht; allein ich rathe Ihnen freundschaftlich, durchaus nicht in die Vergangenheit zu blicken und Ihre gegenwärtige Laufbahn wenigstens durch einige Monate festen Schrittes zu verfolgen.’ ‘Auch ich bin dieser Ansicht,’ versetzte ich. ‘Es ist eine harte Arbeit,’ fuhr St. John fort, ‘seine Neigungen im Jaume zu halten und den natürlichen Anlagen eine entgegengesetzte Richtung zu geben; aber daß es möglich ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Gott hat uns in einem gewissen Maße die Macht ertheilt, uns unser Schicksal selbst zu bestimmen, und wenn uns unsere Kräfte verlassen, wenn unser Wille den Versuch macht, einen anderen Pfad einzuschlagen, als denjenigen, den wir zu gehen beschlossen, dürfen wir weder ohnmächtig zusammenbrechen, noch in unzeitiger Verzweiflung stehen bleiben. Wir müssen dann eine ebenso kräftige und gesündere Nahrung für den Geist suchen, als die verbotene ist, nach der er verlangt und dem zögernden Fuße einen ebenso breiten und geraden Weg aushauen, als derjenige ist, den das Schicksal abgesperrt hat. ‘Noch vor einem Jahre fühlte ich mich unaussprechlich elend, weil ich durch die Wahl des geistlichen Standes einen Mißgriff gethan zu haben dachte. Die Erfüllung der einförmigen Pflichten eines Seelsorgers langweilte mich unaussprechlich und ich sehnte mich nach dem thätigeren Treiben der Welt, nach den aufregenderen Arbeiten der literarischen Laufbahn, nach dem Berufe eines Künstlers, Schriftstellers oder Redners, kurz nach allem Andern, als dem bescheidenen Wirken eines Priesters. Das Herz eines Politikers, eines Soldaten, eines Dieners des Ruhmes, eines Vasallen der Ehre schlug unter dem schlichten Gewande eines Landpfarrers und mein Leben kam mir so trostlos vor, daß ich es entweder ändern mußte oder den sicheren Tod vor Augen sah. Nach einem Zeitraume der Finsterniß und des Kampfes brach das Licht hervor und die Hilfe nahte; mein verkrüppeltes Daseyn breitete sich vor mir gleich einer unabsehbaren Ebene aus und mein Geist vernahm einen Ruf vom Himmel, sich zu erheben, seine gesammte Kraft zusammen zu raffen, seine Schwingen auszuspannen und zur Unendlichkeit empor zu steigen. Gott hatte eine Sendung für mich bereit, zu deren Vollführung die vereinten Eigenschaften des Soldaten, des Staatsmannes und des Redners, Geschicklichkeit und Kraft, Muth und Beredsamkeit erforderlich sind — die Sendung eines Missionärs. ‘Und ein solcher beschloß ich zu werden. Von diesem Augenblicke an änderte sich der Zustand meiner Seele, die Fesseln fielen von allen Kräften meines Geistes ab und hinterließen kein anderes Zeichen der Knechtschaft, als jene Wundmale, die nur die Zeit heilen kann. Mein Vater war wohl meinem Entschlusse entgegen, doch seit er todt ist, steht mir kein beachtenswerthes Hinderniß im Wege. Noch habe ich einige Geschäfte zu ordnen, für meinen Posten einen Nachfolger zu finden, vielleicht mit dem oder jenem Gefühle einen Kampf zu bestehen, aus dem ich, ich bin dessen gewiß, als Sieger hervor gehe, weil ich es mir zugeschworen, daß ich siegen will und ich verlasse sofort Europa, um nach dem Osten zu wandern.’ Er sagte dieses in seiner eigenthümlichen Redeweise mit leiser, doch erregter Stimme und sah, mit seiner Rede zu Ende gekommen, nicht nach mir, sondern nach der untergehenden Sonne. nach der auch ich blickte. Wir wandten beide dem Pfade, der vom Felde zur Gartenthür führte, den Rücken. Wir vernahmen keine Tritte auf dem weichen Grasboden und waren daher mit Recht nicht wenig überrascht, als wir eine muntere. sanft klingende Stimme sprechen hörten: ‘Guten Abend. Mr. Rivers; guten Abend, alter Carlo. Ihr Hund erkennt gute Freunde schneller, als Sie, Sir; er spitzte die Ohren und wedelte mit dem Schweife, als ich noch am andern Ende des Feldes war, und Sie kehren mir noch immer den Rücken.’ Es war wirklich der Fall. Wiewohl Mr. Rivers bei den ersten Lauten zusammen gefahren war, als hätte ihn der Blitz getroffen, so stand er doch noch am Schlusse der Anrede in derselben Stellung da, die Arme auf den Gartenzaun gestützt, das Gesicht gegen Westen gewandt. Endlich drehte er sich gemessen und langsam herum. Eine zauberische Erscheinung war neben ihm wie aus der Erde empor gestiegen; eine jugendliche, anmuthige, weißgekleidete Gestalt, die Umrisse voll, doch zart, und als sie von dem Hunde, der sie geliebkost hatte, emporsah und ihren langen Schleier zurückschlug , leuchtete mir ein Gesicht von vollkommener Schönheit entgegen. Vollkommene Schönheit ist ein starker Ausdruck, aber ich nehme ihn nicht zurück und ändere ihn kein Haar breit; das zarteste, rosigste Gesicht, makellos wie eine Lilie, welches je unter dem gemäßigten Himmel Albions erblühte, rechtfertigte in diesem Falle die gebrauchte Bezeichnung auf's Glänzendste. Das Mädchen hatte feine, regelmäßige Züge, ein großes dunkles Auge, lange Wimpern, feingezeichnete Brauen, eine glatte, weiße Stirne, welche lebhaften gefärbten Schönheiten so wohl ansteht. Frische, volle Wangen, kirschrothe Lippen, schöne weiße Zähne, ein reizend geformtes Kinn mit einem Grübchen, ein üppiger Haarwuchs vollendeten das herrliche Meisterstück. Ich war sprachlos vor Verwunderung über das liebliche Geschöpf; die Natur mußte es in einer ganz besonders guten Laune geformt haben, da sie bei demselben ihre gewöhnliche Stiefmütterlichkeit bei Seite gesetzt und ihren Liebling mit der großmüthigsten Freigebigkeit bedacht hatte. ‘Was mochte wohl St. John Rivers von diesem irdischen Engel halten?’ So frug ich mich. während er sich zu dem Märchen wandte und suchte, wie natürlich, die Antwort auf seinem Gesichte zu lesen. Allein er hatte seinen Blick bereits wieder von der Peri weggewandt und betrachtete einen Busch Maiblümchen am Gartenzaune. Ein lieblicher Abend; doch viel zu spät für Sie, um allein auszugehen , ? sagte er, die Blümchen mit dem Fuße zertretend. ‘Oh, ich kam erst diesen Nachmittag von S*** (sie nannte eine zwanzig Meilen entlegene große Stadt) zurück. Papa sagte mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue Lehrerin wäre auch schon da, und so setzte ich nach dem Thee meinen Hut auf und lief hierher, um sie zu sehen. Ist's die hier?’ auf mich zeigend. ‘Ja,’ erwiederte St. John. ‘Glauben Sie wohl, daß es Ihnen auf die Länge in Morton gefallen wird?’ frug sie mich mit naiver Einfalt, die, wenn natürlich, so sehr gefällt. ‘Ich hoffe es, und es sprechen viele Gründe dafür.’ ‘Fanden Sie Ihre Schülerinnen so aufmerksam, wie Sie es erwarteten?’ ‘Vollkommen.’ ‘Gefällt Ihnen Ihre Wohnung?’ ‘Sehr.’ ‘Habe ich sie nicht nett eingerichtet?’ ‘Sehr nett, in der That.’ ‘War ich in der Wahl Alice Wood’s, Ihres Mädchens, glücklich?’ ‘Ganz gewiß. Sie ist gelehrig und geschickt.’ Also das ist Miß Oliver, die Erbin, dachte ich bei mir. Das Glück und die Natur scheinen sie gleich sehr begünstigt zu haben! Welch' glückliche Constellation mag wohl bei ihrer Geburt wirksam gewesen seyn? Zuweilen will ich herüber kommen und Ihnen im Unterrichtgeben beistehen,’ fügte sie hinzu. ‘Es wird mir eine angenehme Abwechslung gewähren, Sie dann und wann zu besuchen, und ich liebe die Abwechslung. Mr. Rivers, ich war während meines Aufenthaltes in S*** ganz außerordentlich lustig. Die vergangene Nacht, oder vielmehr diesen Morgen tanzte ich bis zwei Uhr. Das zehnte Regiment liegt seit den letzten Unruhen dort und die Offiziere sind die angenehmsten Leute von der Welt. Sie beschämen alle unsere Scheerenschleifer und Messerhändler.’ Es schien mir als hätte sich Mr. St. John's Gesicht für einen Augenblick verdüstert, als ihm das lustige Mädchen diese Eröffnung machte. Er blickte von den Blumen auf und sah ihr ins Antlitz. Sein Blick war forschend, bedeutungsvoll; sie beantwortete ihn mit einem zweiten Lacher und das Lachen stand ihrem jugendlichen Gesichte ganz besonders gut. Während er stumm und ernst dastand, bog sie sich wieder zu Carlo herab und herzte ihn. ‘Der arme Carlo liebt mich,’ sagte sie. ‘Er ist nicht ernst und gemessen mit seinen Freunden und könnte er sprechen, er schwiege nicht still.’ Eine brennende Röthe überflog bei diesen Worten St. John's Gesicht und er sah in seiner Aufregung als Mann eben so schön aus, wie Miß Oliver als Märchen. Seine Brust hob sich, als wollte sich sein volles Herz der tyrannischen Fesseln entledigen und sich in angeborner Freiheit ausdehnen; aber er bändigte es, wie ein guter Reiter sein Pferd bändigt, und erwiederte das freundliche Entgegenkommen des Mädchens weder mit einem Blicke. ‘Papa meint, Sie besuchten uns jetzt gar nicht mehr,’ fuhr Miß Oliver fort. ‘Sie sind unserem Hause beinahe entfremdet. Er ist diesen Abend allein und etwas unwohl; wollen Sie mich zurück geleiten und ihm bei dieser Gelegenheit einen Besuch abstatten?’ ‘Es ist zu spät, um Mr. Oliver noch belästigen zu können,’ antwortete St. John. ‘Zu spät! Wo denken Sie hin? Es ist gerade jetzt die Zeit, wo sich Papa am meisten nach Gesellschaft sehnt, denn die Arbeitsstunden sind zu Ende und er hat nichts weiter zu thun. Wohlan, Mr. Rivers, kommen Sie. Warum sind Sie so scheu und so düster?’ ‘Ich vergesse ganz,’ fuhr sie fort, als er keine Antwort geben zu wollen schien, ‘ich vergesse ganz, daß Sie wohl Ursache haben, traurig zu seyn. Verzeihen Sie mir. Ich dachte nicht daran, daß Diana und Mary fort und Sie nun ganz verlassen sin. Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, aber kommen Sie mit zu Papa.’ ‘Heute Abend nicht, Miß Rosamond, heute nicht.’ St. John sprach beinahe wie ein Automat und nur er allein wußte, welche Ueberwindung es ihm kostete, die Einladung auszuschlagen. ‘Nun gut, wenn Sie so eigensinnig sind, so muß ich wohl gehen; ich darf nicht länger ausbleiben, denn der Thau fällt. Gute Nacht.’ Sie reichte ihm die Hand hin, er berührte sie ganz leicht. ‘Gute Nacht!’ wiederholte er leise und dumpf wie ein Echo. Sie ging, kehrte aber sogleich wieder um. ‘Sind Sie wohl?’ frug sie. Und die Frage war am rechten Orte, denn sein Gesicht sah so weiß aus wie ihr Kleid. ‘Ganz wohl,’ versetzte er und verließ mit einer Verbeugung den Gartenzaun. Sie ging dahin, er dorthin; sie sah sich zweimal nach ihm um, als sie elfenartig durch die Felder schwebte; er ging festen Schrittes dem Pfarrhause zu und wandte sich kein einziges Mal. Dieses Schauspiel fremder Leiden und Aufopferung zog meine Gedanken vom eigenen Kummer ab. Diana hatte behauptet, ihr Bruder wäre ‘unerbittlich’ wie der Tod. Diese Bezeichnung war keine Uebertreibung. Zweiunddreißigstes Capitel. Ich setzte meinen Unterricht in der Dorfschule mit möglichster Thätigkeit und Gewissenhaftigkeit fort. Anfangs war es mir eine sauere Arbeit und eine geraume Zeit verging, bevor ich es mit all' meinen Anstrengungen dahin brachte, meine Schülerinnen und ihre natürlichen Anlagen kennen zu lernen. Bei ihrer gänzlichen Unwissenheit und dem Stocken aller geistigen Thätigkeit schienen sie mir alle gleich talentlos zu seyn; aber schon nach einigen Wochen fand ich, daß ich mich geirrt hatte. Auch unter den Bauernkindern gab es, wie unter den Kindern gebildeter Stände, einen Unterschied, und als ich mit ihnen und sie mit mir vertraut geworden waren, machte sich diese Verschiedenheit rasch bemerkbar. Sobald nur einmal ihre Verwunderung über meine Sprache, meine Manieren und Gewohnheiten zu Ende war, bildeten sich sehr viele von den schwerfällig aus sehenden, Maulaffen feil haltenden Landdirnen gar schnell zu ganz gescheiden und geschickten Mädchen heran. Sehr viele darunter wurden sogar zuvorkommend, artig und liebenswürdig und gar manche zeigten ganz außerordentliche geistige Anlagen. Diese letzteren zeichneten sich sehr bald durch Fleiß, gute Sitten und Nettigkeit in ihrer äußern Erscheinung aus. Die bewundernswerthen Fortschritte von einigen derselben gaben mir zu gerechtem Stolze Veranlassung und nicht wenige gewann ich sogar in gleichem Maße lieb, als auch sie mir ihre Zuneigung bewiesen. Unter meinen Schülerinnen befanden sich auch einige beinahe erwachsene Pachterstöchter, die schon schreiben, lesen und nähen konnten und nun bei mir Sprachlehre, Geographie, Geschichte und feine weibliche Arbeiten lernten. Ich fand darunter schätzbare Charaktere, gleich lernbegierig, wie für sittliche Vervollkommnung empfänglich, mit denen ich in den Wohnungen ihrer Eltern manchen angenehmen Abend verbrachte und wobei mich die letzteren mit Aufmerksamkeiten aller Art überhäuften. Im Allgemeinen war mir die ganze Nachbarschaft freundlich zugethan. So oft ich nur meine Wohnung verließ, schallten mir herzliche Grüße von allen Seiten entgegen und hießen mich freundliche Blicke willkommen. Die Achtung und Werthschätzung und sey es auch nur diejenige von Landleuten, wärmt wie milder Sonnenschein, und den freudigen Aufregungen gab es in jener Periode meines Lebens gar manche. Aber dennoch pflegten mich nach einen freudig, wenn auch mühsam verlebten Tage und nach einen mit Zeichnen und Lesen zugebrachten Abende gar sonderbare Träume zu beschleichen, die mir mitten in stürmischen Scenen wieder und immer wieder Mr. Rochester, seine Blicke, den Ton seiner Stimme, die Hoffnung, mit ihm durchs Leben zu gehen, vormalten. Ich erwachte dann; ich erinnerte mich, wo und in welcher Lage ich mich befand und setzte mich vor Aufregung zitternd in meinem Bette auf. Die dunkle Nacht war Zeuge der Ausbrüche meiner Verzweiflung, meiner Leidenschaft; aber schon um neun Uhr des Morgens eröffnete ich die Schule, ruhig, gefaßt, keine Spur der schmerzlich durchwachten Nacht im Gesichte. Rosamond Oliver hielt ihr Versprechen, mich zeitweilig besuchen zu wollen. Gewöhnlich pflegte sie bei mir des Morgens bei Gelegenheit ihres Spazirrittes einzusprechen; ein Diener in Livree begleitete sie. Man konnte nicht leicht eine schönere Erscheinung sehen als das reizende Mädchen in ihrem purpurnen Reitkleide und dem schwarzsammtnen, graziös in die dichten Locken gedrückten Amazonenkäppchen. In diesem Aufzuge schritt sie durch die Reihen der geblendeten Bauernmädchen hindurch und bei Mr. St. John vorüber, der um diese Zeit den Religionsunterricht zu ertheilen pflegte. Wie ein zweischneidiger Dolch durchbohrten die Augen der schönen Besucherin des jungen Predigers Herz. Eine Art Instinct schien ihn von dem Nahen in Kenntniß zu setzen, und wenn er auch vom Eingange, an dem sie erschien, wegsah, brannten ihm doch die Wangen und seine anscheinend versteinerten Gesichtszüge nahmen einen veränderten Ausdruck an, der in seiner scheinbaren Ruhe mehr innere Aufregung verrieth, als es das Jucken aller Muskeln vermocht hätte. Jedenfalls kannte sie ihre Macht, denn er verbarg ihr die Wirkung derselben nicht, weil er es nicht konnte. Trotz eines christlichen Stoicismus zitterte seine Hand und leuchteten seine Augen, wenn sie auf ihn zukam, ihm freundlich, ja ermuthigend zulächelte. Seine traurigen, doch entschlossenen Blicke schienen zu sagen: ‘Ich liebe Sie und ich weiß, Sie zeichnen mich aus. Nicht die Verzweiflung um Erfolge macht mich stumm, denn wenn ich Ihnen mein Herz anböte, würden Sie es, glaub' ich, annehmen. Aber dieses Herz ist schon auf einen geheiligten Altar gelegt und das Feuer rund herum angezündet. Bald wird das Opfer vollbracht seyn.’ Miß Oliver schmollte dann wie ein in seinen Erwartungen getäuschtes Kind und eine düstere Wolke verdunkelte ihre glänzente Lebhaftigkeit. Sie zog die Hand zurück und schien den fernern Anblick des heldenmüthigen Märtyrers zu meiden. St. John hätte wohl die ganze Welt darum gegeben, ihr folgen, sie zurückrufen zu können; doch er mochte auch nicht Ein Stückchen seines Himmels opfern, oder für das Elysium ihrer Liebe Eine Hoffnung des wahren, ewigen Paradieses hingeben. Zudem konnte er auch nicht alle seine Eigenschaften — die Schwärmerei, den Ehrgeiz, die Romantik, seine Religiosität in dieser Einen Leidenschaft vereinigen, nicht das wilde Schlachtfeld seines bevorstehenden geistlichen Kriegszuges mit den Salons und der stillen Ruhe von Mr. Oliver's Hause vertauschen. Er sagte mir das Alles eines Tages, wo ich ihn trotz seiner gewöhnlichen Zurückhaltung zu vertraulichen Eröffnungen gebracht hatte. Die reiche Erbin beehrte mich nun auch mit häufigen Besuchen in meiner Wohnung und ich lernte ihren Charakter kennen, der übrigens ganz offen vor Augen lag. Sie war gefallsüchtig, doch nicht herzlos; sie machte Ansprüche, doch ohne eine unwürdige Selbstsucht zu verrathen. Man hatte ihr von Jugend auf ihren Willen gelassen, aber sie war darum nicht ganz verdorben. Sie war heftig, aber dabei gutmüthig und eitel, aber nicht affectirt, freigebig, ohne Geldstolz, naiv, ziemlich verständig, munter, lebhaft und rasch, mit Einem Worte selbst für einen kalten Beobachter reizend; allein sie konnte kein tieferes Interesse erwecken, und keinen nachhaltigen Eindruck machen. Wie ganz verschieden war sie zum Beispiel in geistiger Beziehung von St. John's Schwestern! Aber dennoch war ich ihr gut, wie etwa Adelen, meiner früheren Schülerin, nur daß die Zuneigung zu einem Zöglinge weit inniger ist als diejenige, die man für eine gleich anmuthige, jedoch erwachsenere Person empfindet. Auch sie war mir sehr geneigt. Sie sagte, ich wäre Mr. Rivers ähnlich, aber natürlich nicht den zehnten Theil so schön; ich wäre zwar auch eine allerliebst kleine Seele, doch Mr. St. John dagegen ein wahrer Engel. Ihrer Ansicht nach war ich indessen so gut, so geschickt, so gesetzt und so charakterfest als er und als eine Dorfschullehrerin ein wahres Naturwunder. Meine Lebensgeschichte, meinte sie, müßte einen sehr interessanten Roman abgeben. Eines Abends, wo sie mit ihrer angebornen Neugierde den Geschirrkasten und die Tischlade meiner kleinen Küche durchstöberte, entdeckte sie zwei französische Bücher, einen Band von Schiller's Werken, eine deutsche Sprachlehre und ein Wörterbuch, meine Zeichenrequisiten und einige Skizzen, bestehend aus dem Porträte einer meiner kleinen Schülerinnen und aus verschiedenen Ansichten des Thales von Morton und des um liegenden Heidelandes. Erst sprachlos vor Verwunderung, machte sie alsbald den Gefühlen des lebhaftesten Vergnügens Luft. ‘Haben Sie das gemalt? Können Sie französisch und deutsch? Sie liebes Wundermädchen! Sie zeichnen und malen ja besser, als mein Meister in S***. Möchten Sie wohl so gut seyn, mein Bildniß zu skizziren, um es Papa zu zeigen?’ ‘Mit dem größten Vergnügen,’ erwiederte ich, und freute mich in der That auf den Kunstgenuß, ein so vollkommenes Modell copiren zu können. Sie hatte an jenem Tage ein dunkelblaues Seidenkleid an; die Arme und der Nacken waren bloß und ihr einziger Schmuck bestand aus den kastanienbraunen Locken, die mit der eigentlich wilden Grazie natürlicher Ringel auf ihre Schultern herabwallten. Ich nahm ein Blatt feines Papier und zeichnete die Umrisse; da es aber schon spät war, so bat ich sie, mir, zur Vollendung des Bildnisses ein andermal zu sitzen. Sie machte ihrem Vater eine solche Beschreibung von mir, daß er, ein großer, starker, grauköpfiger Mann von mittlerem Alter, neben dem sich seine Tochter wie eine liebliche Blume an einer beschneiten Ruine ausnahm, die letztere gleich am nächsten Abende zu mir begleitete. Er schien sehr schweigsam und sehr stolz zu seyn, doch behandelte er mich mit besonderer Güte. Die Skizze von Rosamundens Porträt gefiel ihm außerordentlich und er bat mich, sie vollends auszuarbeiten. Auch bestand er darauf, ich müsse den nächsten Abend in seinem Hause zubringen. Ich folgte der Einladung und sah ein großes, schönes Gebäude, das in allen seinen Räumen den Reichthum seines Besitzers zur Schau trug. Rosamond war die ganze Zeit, die ich mich dort aufhielt, voll der herzlichsten Freude und ihr Vater selbst ungemein freundlich. Nach dem Thee ließ er sich mit mir in ein längeres Gespräch ein und drückte seine besondere Zufriedenheit mit meinen Leistungen in der Mädchenschule aus; nur meinte er, ich sey nach Allem, was er gehört und gesehen, zu gebildet und zu begabt für eine derlei Stellung; er müsse also befürchten, ich würde sie bald mit einem angemesseneren Posten vertauschen wollen.’ ‘Gewiß!’ rief Rosamunde. ‘Sie ist hinlänglich geschickt, um als Gouvernante in eine vornehme Familie einzutreten.’ Ich bemerkte, ich wolle lieber in meiner jetzigen Stellung verharren, als irgend einer vornehmen Familie meine Dienste zu widmen. Mr. Oliver sprach von Mr. Rivers und der ganzen Familie überhaupt mit besonderer Hochachtung. Der Name sey sehr alt, sagte er; die Rivers seyen ehemals sehr reich gewesen: ganz Morton habe ihnen gehört, und noch jetzt könne der letzte Sprößling ohne Scheu eine Verbindung mit einem der besten Häuser nachsuchen. Er bedauerte, daß ein so hübscher und so reich begabter junger Mann den Entschluß fassen konnte, als Missionär in die weite Welt hinaus zu gehen und sein kostbares Leben in die Schanze zu schlagen. Aus Allem war zu ersehen, daß Mr. Oliver gegen eine Verbindung seiner Tochter mit Mr. Rivers nichts einzuwenden gehabt hätte, dessen alter Name und heiliger Beruf ihm ein hinreichender Ersatz für den Mangel an Vermögen zu seyn schienen. Es war der fünfte November und ein Feiertag. Mein kleines Dienstmärchen hatte mir geholfen, die Wohnung zu reinigen und war bereits wieder, mit einem Penny für ihre Bemühung beschenkt, heimgegangen. Alles um mich herum war blank geputzt und auch ich hatte mich sauber angezogen, um den Nachmittag nach meinem besten Ermessen zuzubringen. Die Uebersetzung einiger Seiten aus dem Deutschen nahm eine Stunde weg; dann ergriff ich meine Palette und meine Pinsel und machte mich daran, Rosamond Oliver's Miniaturbildniß zu vollenden. Der Kopf war bereits fertig, nur der Hintergrund und die Draperie war zu malen und hin und wieder etwas nachzubessern. Noch war ich in voller Arbeit, als Jemand an meine Thüre klopfte und einen Augenblick später John Rivers in die Stube trat. ‘Ich komme nachzusehen, wie Sie den Feiertag verbringen,’ sagte er. ‘Doch nicht mit trübem Hinbrüten?’ Nein! Das ist gut: wenn Sie malen, fühlen Sie sich wohl nicht einsam. Sie sehen, daß ich Ihnen noch immer nicht recht traue, wiewohl Sie sich bis jetzt ganz musterhaft betrugen. Ich habe Ihnen ein Buch zur Abendlecture mitgebracht,’ und er legte ein neues Werk auf den Tisch, eine jener herrlichen Dichtungen, womit das damalige, in dieser Beziehung beneidenswerthe Publicum so oft erfreut wurde. Während ich das Buch hastig durchblätterte — es war Marmion — bückte sich St. John, um meine Malerei zu besehen. Seine schlanke Gestalt sprang wie eine Feder sogleich wieder empor, doch sagte er nichts. Ich sah ihn an, er wich meinem Blicke aus. Wohl kannte ich seine Gedanken und konnte in seinem Herzen lesen, denn ich war in diesem Augenblicke ruhiger und kaltblütiger als er. Insoferne stand ich über ihm und fühlte die Neigung in mir, diesen Moment zu seinem Besten zu benützen. Bei all' seiner Festigkeit und Selbstüberwindung, dachte ich bei mir, strengt er sich zu sehr an, verschließt jedes Gefühl, jeden Schmerz in sich und verräth sich durch keine Sylbe. Ich bin überzeugt, es wäre ihm angenehm von der hübschen Rosamunde plaudern zu können und will ihn zum Sprechen bringen. ‘Setzen Sie sich, Mr. Rivers,’ begann ich. Allein er erwiederte, wie immer, er könne nicht bleiben. Gut, sagte ich zu mir selbst, bleibe stehen, wenn Du willst, aber gehen darfst Du noch nicht, denn die Einsamkeit ist für Dich wenigstens ebenso schädlich wie für mich. Ich will es versuchen, die geheime Springfeder deines Vertrauens und eine Oeffnung in deiner Felsenbrust aufzufinden, durch die ich Dir lindernden Balsam in dein Herz träufeln kann. ‘Finden Sie dieses Porträt ähnlich?’ frug ich ihn geradezu. ‘Aehnlich! Wem soll es ähnlich seyn? Ich habe es nicht genau angesehen.’ Sie haben es angesehen, Mr. Rivers. Er schrak ordentlich über meine trockenen Bemerkungen zusammen und sah mich verwundert an. Oh, damit ist's nichts, dachte ich im Stillen. Es fällt mir nicht ein, mich durch dein steifes Betragen beirren zu lassen. Ich bin auf alle Fälle vorbereitet. — ‘Sie sahen es ganz genau an,’ fuhr ich laut fort; ‘aber ich habe nichts einzuwenden, wenn Sie es noch einmal betrachten,’ und ich stand auf und gab ihm das Porträt in die Hand. ‘Ein sehr gut ausgeführtes Bild,’ sagte er; ‘das Colorit äußerst zart, die Zeichnung sehr correct.’ ‘Wohl, wohl, ich weiß das. Aber wie steht es mit der Aehnlichkeit? Wem sieht es gleich?’ Einige Aufregung unterdrückend erwiederte er: ‘Miß Oliver, wie ich glaube.’ ‘Freilich wohl, und um Sie für Ihr richtiges Errathen zu belohnen, verspreche ich Ihnen eine getreue Copie dieses Bildes anzufertigen, vorausgesetzt daß Sie mir die Versicherung geben, das Geschenk sey Ihnen angenehm. Ich möchte nicht gerne meine Zeit an eine Arbeit wenden, die dann vielleicht in Ihren Augen keinen Werth hätte.’ Er fuhr fort das Gemälde zu betrachten; je länger er es ansah, desto fester hielt er es, desto mehr schien es ihn zu fesseln. ‘Es ist ähnlich,’ murmelte er, ‘das Auge, der ganze Ausdruck ist vollkommen gut. Es lächelt.’ ‘Würde es Sie trösten oder Ihnen Schmerz bereiten, wenn Sie ein ähnliches Bildniß besäßen? Sagen Sie mir das. Denken Sie sich, Sie wären in Madagaskar, im Caplande oder in Indien: wäre es für Sie ein Trost dieses Angedenken zu besitzen, oder würde vielmehr der Anblick desselben traurige, schmerzliche Erinnerungen in Ihnen wachrufen?’ Er sah mich verstohlen an; er schien unentschlossen, verstört zu seyn. Dann blickte er wieder auf das Bildniß. ‘Daß ich es gerne besitzen möchte ist gewiß, ob es aber vernünftig oder klug wäre, das ist eine andere Frage.’ Seitdem ich wußte, daß ihm Rosamunde geneigt sey und auch ihr Vater nichts wider die Partie habe, war ich in meinem Herzen, da meine Ansichten nicht so überspannt waren als diejenigen St. Johns, für diese Verbindung äußerst günstig gestimmt. Ich dachte daß er, im einstigen Besitze von Mr. Oliver's großem Vermögen, eben so viel Gutes wirken könnte, als wenn er seinen Geist und seinen Körper unter der Sonnenglut der Tropenländer aufriebe. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen gab ich ihm zur Antwort: ‘Soweit ich die Angelegenheit kenne, wäre es vernünftiger und klüger, wenn Sie gleich auf einmal das Original in Besitz nähmen.’ Er hatte sich unterdessen niedergesetzt, das Bild auf den Tisch vor sich hingelegt und sah, den Kopf mit beiden Händen unterstützt, ununterbrochen darauf hinunter. Ich bemerkte, daß ihn meine Zudringlichkeit weder verdroß, noch viel weniger in Zorn brachte; vielmehr schien ihm dieses Gespräch, über einen Gegenstand, den er bisher für unnahbar gehalten hatte, ein nie empfundenes Vergnügen, einen ungehofften Trost zu gewähren. Zurückhaltende Leute haben es weit öfter als die mittheilsamen nöthig, daß man ihre Gefühle, ihre Schmerzen frei und offen mit ihnen bespricht. Der ernsteste Stoiker ist am Ende auch ein Mensch, dem man einen Gefallen erweist, wenn man zuerst in das ‘stille Meer’ seiner Seele hinabtaucht. ‘Sie ist Ihnen gut, das weiß ich gewiß,’ sagte ich, ‘und ihr Vater achtet Sie hoch. Zudem ist sie ein sehr sanftes, vielleicht etwas gedankenloses Geschöpf; aber dafür haben Sie mehr als hinreichend genug Gedanken für zwei. Sie sollten sie heirathen.’ ‘Ist sie mir wirklich gut?’ frug er. ‘Gewiß, mehr als irgend jemanden auf der Welt, Sie spricht beständig von Ihnen, kein anderer Gegenstand freut sie so sehr und wird von ihr so oft berührt.’ ‘Es ist sehr angenehm, so etwas zu hören,’ versetzte er; ‘sprechen Sie noch eine Viertelstunde so fort.’ Und er zog in der That seine Uhr aus der Tasche und legte sie auf den Tisch vor sich hin, um die Zeit zu messen. ‘Aber was soll das nützen,’ wandte ich ein, ‘wenn Sie wahrscheinlich irgend eine unumstößliche Erwiederung gleich einem zerschmetternden Keulenschlage vorbereiten, und Ihr Herz in neue Fesseln schmieden?’ ‘Bilden Sie sich solch' böse Sachen nicht ein. Halten Sie mich lieber für sanft und nachgiebig, wie ich es wirklich bin, denn die Liebe steigt wie ein Springbrunnen frisch und munter in meinem Herzen in die Höhe, und übergießt mit ihren klaren Fluten all' das Gefilde, das ich so mühsam bearbeitet, so sorgfältig mit der Saat guter Entschlüsse und selbstverläugnender Pläne bestellt hatte. Und nun haben die Nektarwellen die jungen Schößlinge weggeschwemmt, und köstliches Gift tödtet ihre Wurzeln. Ich sehe mich an der Seite meiner Braut Rosamond Oliver in ihrem Hause auf einer Ottomane des Besuchzimmers hingestreckt; sie spricht zu mir mit ihrer süßen Stimme, blickt mich mit diesen herrlichen Augen an, die Ihre kunstvolle Hand so natürlich auf dieses Papier hinzauberte, sie lächelt mir mit diesen Korallenlippen zu. Sie ist mein — ich gehöre ihr an — dies Erdenleben, diese vergängliche Welt genügen mir. Aber stille! Mein Herz ist übervoll — meine Sinne umdüstert — lassen wir die Zeit, die ich mir bestimmt, ruhig ablaufen.’ Ich widersprach ihm nicht; die Uhr pickte eintönig fort, er athmete schnell und tief. Inmitten dieser stillen Pause ging die anberaumte Viertelstunde zu Ende. Er steckte die Uhr wieder ein, legte das Bild nieder, stand auf und trat zum Camine. ‘Dieser kleine Zeitraum,’ sagte er, ‘war dem Wahne und der Selbsttäuschung gewidmet. Ich ließ mein Haupt an der Brust der Versuchung ausruhen, beugte meinen Nacken mit Willen unter ihr blumiges Joch, und nippte von dem berauschenden Tranke ihres Bechers. Das Kissen brannte, die Blumen bargen eine Natter, der Wein hatte einen bittern Nachgeschmack. Alle ihre Versprechen sind leer, ihre Anträge bethörend, ich weiß das.’ Ich sah ihn voll Verwunderung an. ‘Es ist wunderbar,’ fuhr er fort, ‘daß während ich Rosamond Oliver mit aller Macht der ersten Zuneigung liebe, ich doch in meinem Innern die ruhige, feste Ueberzeugung habe, sie sen kein Weib für mich, sie passe nicht zu mir, und ich müsse dies längstens in einem Jahre nach der Vermälung erkennen. Ein Leben voll bitterer Reue wäre durch ein zwölfmonatliches Entzücken zu theuer erkauft!’ ‘Wirklich sonderbar!’ rief ich unwillkürlich aus. ‘Während ein Theil meines Herzens durch ihre Reize bezaubert ist, hat der andere das volle Bewußtseyn ihrer Fehler. Ihrer ganzen Wesenheit nach könnte sie mit mir unmöglich sympathisiren, mir in meinem Wirken, Vorhaben unmöglich zur Seite stehen. Rosamond sollte dulden, arbeiten, ein weiblicher Apostel werden? Rosamond das Weib eines Missionärs? Nimmermehr!’ ‘Aber Sie müssen ja diesen Beruf nicht ergreifen. Sie können Ihr Vorhaben aufgeben.’ Ich mein Vorhaben aufgeben? Mein großes Werk unvollendet lassen? Was soll aus dem Grundsteine werden, den ich hiernieden für meine dereinstige Wohnung im Himmel legen will? was aus meiner Hoffnung, den Männern beigezählt zu werden, die alle irdischen Vortheile freudig zum Opfer brachten, um das Licht der Erkenntniß in die Wohnungen der Finsterniß und des Aberglaubens zu tragen, um an die Stelle des Krieges den Frieden, an die Stelle der Sclaverei die Freiheit, an die Stelle der Furcht vor der Hölle die Hoffnung auf ein ewiges Leben zu setzen? Das Alles sollte ich bei Seite legen? Diese Zukunft ist mir theurer als mein Herzblut und ich kann durchaus nicht von ihr lassen!’ ‘Und Miß Oliver?’ bemerkte ich nach einer Weile. ‘Achten Sie ihren Schmerz, ihre getäuschten Hoffnungen für gar nichts?’ ‘Miß Oliver wird auch ferner Anbeter und Schmeichler genug um sich versammeln; in weniger als einem Monat ist mein Andenken aus ihrem Herzen verschwunden. Sie wird mich vergessen und einen andern heirathen, der sie jedenfalls glücklicher machen wird, als ich es gekonnt hätte.’ ‘Sie sprechen frostig genug, aber Sie leiden unendlich. Sie zehren sich ganz auf.’ ‘Keineswegs. Wenn ich ein wenig abnehme, so geschieht dies nur aus ängstlicher Sorgfalt für die Ausführung meines Planes, die, leider! immer wieder verschoben wird. Erst diesen Morgen erhielt ich wieder einen Brief, der mich benachrichtigt, daß mein Nachfolger, dessen Ankunft ich feit so langer Zeit entgegensehe, erst in drei, vielleicht sechs Monaten eintreffen kann.’ ‘Sie zittern und werden roth, so oft Miß Oliver ins Schulzimmer tritt.’ Der Ausdruck des lebhaftesten Erstaunens machte sich auf seinem Gesichte bemerkbar. Er hatte sich nie gedacht, daß ein Weib so zu einem Manne sprechen könnte. Ich für meinen Theil fühlte mich in dieser Gesprächsweise ganz heimisch. Es war mir von jeher unmöglich gewesen, auf die Länge mit einem starken gebildeten Geiste umzugehen, ohne bei günstiger Gelegenheit den Versuch zu machen, die Außenwerke einer conventionellen Zurückhaltung mit Gewalt zu nehmen, die Schwelle des Zutrauens zu überschreiten und im Innersten des Herzens ein Plätzchen zu erobern. ‘Sie sind ein originelles Mädchen, und keineswegs verzagt,’ bemerkte er. ‘In Ihrer Seele wohnt Entschlossenheit und Ihr Auge ist durchdringend; allein Sie müssen mir die Bemerkung erlauben, daß Sie meine Aufregung ganz falsch auslegen. Sie halten sie für tiefer liegend und weit mächtiger, als ich mit gutem Gewissen zugeben kann. Wenn ich erröthe und in Miß Oliver's Gegenwart zittere, so habe ich selbst kein Mitleid mit mir. Ich verachte diese unedle Schwäche, ich weiß, daß sie ein bloßes Fieber des Fleisches, keine Krankheit der Seele ist, die fest und unerschüttert dasteht, wie ein Felsenriff in der Tiefe der wogenden See. Halten Sie mich für das was ich bin — für einen kalten, hartherzigen Menschen.’ Ich lächelte ungläubig. ‘Sie haben mein Zutrauen im Sturm genommen,’ fuhr er fort, ‘und Sie sollen mich nun ganz kennen lernen. Ich bin in meinem natürlichen Zustande, ohne jenes blutgebleichte Staatskleid, mit welchem die Christenheit die menschliche Fehlerhaftigkeit bedeckt, wie gesagt, ein kalter, hartherziger, ehrgeiziger Mensch. Von allen Gefühlen hat blos die natürliche Zuneigung eine immerwährende Macht über mich. Sonst ist der Verstand und nicht das Gefühl mein Führer; mein Ehrgeiz ist unbegrenzt, mein Wunsch, höher zu steigen, mehr als Andere zu thun, unersättlich. Ich ehre den Fleiß, die Ausdauer, das Talent, weil dies die Mittel sind, mit welchen die Menschen große Zwecke erreichen und sich zu schwindelnder Höhe erheben können. Ich verfolge Ihren Lebenslauf mit Interesse. da ich in Ihnen das Musterbild eines fleißigen, ordnungsliebenden, energischen Weibes erkannt habe, und nicht etwa deshalb, weil ich Sie Ihrer Leiden wegen bemitleide.’ ‘Sie möchten sich gerne für einen heidnischen Philosophen ausgeben,’ sagte ich. ‘Keineswegs. Zwischen mir und jenen Philosophen besteht der Unterschied, daß ich glaube, und zwar an das Evangelium glaube Sie wandten ein unrechtes Beiwort an. Ich bin kein heidnischer, sondern ein christlicher Philosoph, ein Nachfolger der Secte Jesu. Als sein Schüler befolge ich seine reinen Lehren der Barmherzigkeit, des Wohlwollens; ich vertheidige sie und habe geschworen, sie zu verbreiten. Von Jugend der Religion anhänglich, hat sie meine natürliche Eigenschaft folgendermaßen ausgebildet. Den zarten Keim natürlicher Zuneigung zog sie zum Alles überschattenden Baume allgemeiner Menschenliebe heran. Aus der wildwachsenden, zähen Wurzel menschlichen Rechtsgefühles entwickelte sie eine richtige Ansicht von der göttlichen Gerechtigkeit. Den Ehrgeiz. Macht und Ruhm für mein gebrechliches Selbst zu erlangen, verwandelte sie in das unermeßliche Streben, das Reich meines Meisters und Herrn zu erweitern und das Zeichen des Kreuzes zum Siege zu führen. Das hat die Religion für mich gethan, indem sie den vorhandenen Stoff zu meinem Besten verwendete, meine natürlichen Anlagen beschnitt und zügelte. Allein ganz ausrotten konnte sie diese letzteren nicht und es wird dies auch nicht eher möglich seyn, bis diese sterbliche Hülle füllt, und die Seele dem Reiche der Geister wiedergegeben wird. Mit seiner Rede zu Ende gekommen, nahm er seinen Hut, der auf dem Tische neben der Palette lag. ‘Sie ist ein liebliches Geschöpf,’ flüsterte er leise vor sich hin, ‘und verdient wohl den Namen der Rose der Welt.’ ‘Soll ich Ihnen Ihr Ebenbild malen?’ ‘Zu was? Nein.’ Er bedeckte das Porträt mit dem dünnen Blatte Papier, worauf ich beim Malen meine Hand zu legen pflegte, um die Zeichnung nicht zu verwischen. Was er mit einem Male auf diesem weißen Blatte erblickte, das konnte ich mir unmöglich denken; allein irgend etwas mußte ihm aufgefallen seyn. Denn er hob es rasch empor, besah sich den Rand und warf mir einen ganz eigenthümlichen, unbegreiflichen Blick zu; einen Blick, der meine ganze Gestalt, mein Gesicht, meine Kleidung schnell wie der Blitz zu mustern schien. Seine Lippen öffneten sich, wie zum Sprechen; aber er unterdrückte die Worte, die eben hervorbrechen wollten. ‘Was ist’s?' frug ich ihn. ‘Ganz und gar nichts,’ gab er zur Antwort und ich sah, wie er beim Niederlegen des Papieres sehr geschickt ein kleines Stückchen vom Rande abriß und in seinen Handschuh gleiten ließ. Mit einem hastigen Kopfnicken und einem raschgesprochenen ‘Guten Abend!’ verließ er mich. ‘Wahrlich, das geht doch über alle Begriffe!’ rief ich aus und sah nun meinerseits das Papier ganz genau von allen Seiten an. Aber außer einigen Farbenklecksen und Pinselstrichen konnte ich nichts entdecken und nachdem ich mir durch einige Minuten über das Geheimniß den Kopf zerbrochen, ohne dahinter kommen zu können, ließ ich die ganze Sache fallen und verlor sie auch bald aus dem Gedächtniß. Ende des vierten Theiles. Dreiunddreißigstes Capitel. Nach Mr. St. Johns Entfernung begann es zu schneien und das Gestöber hielt die ganze Nacht an. Auch der nächste Tag brachte einen bedeutenden Schneefall und gegen Abend war das Thal ganz verschneit und beinahe unwegsam. Ich hatte meinen Fensterladen geschlossen, eine Matte vor die Thüre gelegt, um das Hereindringen des Schnees zwischen derselben und der Schwelle zu verhindern, zündete dann ein gutes Feuer und eine Kerze an, und nachdem ich eine Stunde lang dem tosenden Sturme zugehört, nahm ich Marmion hervor, und fing an zu lesen und vergaß alsbald über der Musiker Verse das Heulen des Windes. Ich hörte ein Geräusch und dachte der Luftzug hätte an der Thüre gerüttelt. Doch nein, es war St. John Rivers, der in pechfinsterer Nacht, im schrecklichsten Unwetter zu mir kam; eine dichte Eiskruste deckte seinen Mantel. Ich war ganz bestürzt, so wenig hatte ich in diesem bösen Wetter das Eintreten eines Besuchers erwartet. ‘Schlimme Nachrichten?’ frug ich. ‘Ist ein Unglück geschehen?’ ‘Nein. Wie leicht Sie in Furcht zu setzen sind,’ antwortete er, seinen Mantel ablegend und an die Thüre hängend und sich den Schnee von den Stiefeln streifend. ‘Ich beflecke die Reinheit Ihres Fußbodens,’ sagte er, ‘aber Sie müssen mir für diesmal verzeihen.’ Dann näherte er sich dem Feuer. ‘Es war eine harte Arbeit, bis zu Ihnen zu gelangen, Sie können mir es glauben,’ bemerkte er, sich die Hände an der wohlthätigen Flamme wärmend. ‘In eine der Gruben fiel ich bis zum Gürtel; glücklicherweise ist der Schnee noch ganz locker.’ ‘Aber warum sind Sie gekommen?’ konnte ich mich nicht enthalten zu fragen. ‘Eine sehr ungastliche Frage; doch da Sie mir dieselbe nun einmal stellen, so muß ich Ihnen wohl auch antworten: blos um ein wenig mit ihnen zu plaudern, da ich meiner Bücher und meiner einsamen Stube für heute schon überdrüssig bin. Uebrigens empfinde ich seit gestern die Aufregung einer Person, der man eine Geschichte halb erzählte und die nun begierig ist die Fortsetzung zu erfahren.’ Er setzte sich. Sein sonderbares Benehmen von gestern kam mir ins Gedächtniß zurück und in der That fürchtete ich fast, er habe den Verstand verloren. War er indessen wirklich wahnsinnig, so erschien seine Geisteskrankheit jedenfalls in ihren Aeußerungen als sehr ruhig und gemäßigt: denn nie sah wohl sein schönes ausdrucksvolles Gesicht ruhiger und gefaßter aus, als in dem gegenwärtigen Augenblicke, wo er sich das nasse Haar aus der Stirne strich. Ich wartete, in der Hoffnung, er werde nun wenigstens etwas Verständliches sagen, aber er stützte den Kopf auf die Hand und überließ sich seinen Gedanken. Es fiel mir auf, daß sein Gesicht, gleichwie seine Hand, ganz abgezehrt aussah. Ein vielleicht ungebetenes Mitgefühl entströmte meinem Herzen und drängte mich zu der Bemerkung: ‘Ich wollte, Diana oder Mary kämen her und lebten bei Ihnen; es ist eine böse Sache, daß Sie so ganz allein sind, besonders da Sie auf Ihre Gesundheit so wenig Acht geben.’ ‘Nicht nothwendig,’ versetzte er; ‘ich gebe schon selbst genug Acht auf mich. Was sehen Sie Krankhaftes an mir?’ Er sagte diese Worte mit einem Tone der Zerstreutheit und Sorglosigkeit, der deutlich bewies, daß meine Besorgniß, wenigstens seiner Meinung nach, überflüssig war. Noch immer hatte er die Hand am Kinn, noch immer blickte sein Auge träumerisch in die Feuerglut; ich hielt es für nothwendig, irgend etwas zu sagen, und frug ihn, ob er keinen kalten Luftzug von der Thüre verspüre, der er den Rücken zuwandte. ‘Nein,’ erwiederte er ganz kurz und gewissermaßen eigensinnig. Wohl, dachte ich; wenn du nicht reden willst, so magst Du schweigen; ich lasse Dich mit deinen Gedanken allein und kehre zu meinem Buche zurück. Ich putzte also das Licht und fuhr in meiner Lectüre fort. Nach einer Weile bewegte er sich, ich blickte nach ihm; er zog eine Brieftasche von Maroquin aus dem Rocke, nahm einen Brief daraus hervor, las ihn, legte ihn wieder zusammen und in die Brieftasche hinein, und verfiel wieder in sein voriges Hinbrüten. Es schien mir unmöglich, mit einem so unergründlichen, unbeweglichen Hausmöbel vor Augen, weiter zu lesen; übrigens war ich zu neugierig, um schweigen zu können und beschloß daher, ihn, auf die Gefahr hin zurückgewiesen zu werden, anzureden. ‘Haben Sie in letzter Zeit von Diana und Mary Nachricht erhalten?’ ‘Keine seit jenem Briefe, den ich Ihnen vor einer Woche zu lesen gab.’ ‘Ist in Ihren eigenen Verhältnissen irgend eine Veränderung eingetreten? Sollen Sie etwa England früher verlassen, als Sie es erwarteten?’ ‘Das fürchte ich nicht; ein solches Glück wäre zu groß, als daß es mir zu Theil werden könnte.’ Auf diesem Punkte zurückgeschlagen, glaubte ich den Gegenstand des Gespräches ändern zu müssen und beschloß, über meine Schule und meine Schülerinnen zu sprechen. ‘Mary Garrett's Mutter befindet sich etwas besser und Mary selbst kam diesen Morgen wieder in die Schule und nächste Woche soll ich vier neue Schülerinnen aus der Gießerei bekommen — sie wären schon heute hier gewesen, wenn sie der Schnee nicht daran verhindert hätte.’ ‘Wirklich?’ ‘Mr. Oliver zahlt für zwei dieser Mädchen.’ ‘Thut er das?’ ‘Er will sogar die sämmtlichen Schülerinnen am Weihnachtsabend bewirthen.’ ‘Ich weiß es.’ ‘Kömmt die Idee von Ihnen?’ ‘Nein.’ ‘Von wem denn?’ ‘Von seiner Tochter, wie ich glaube.’ ‘Es sieht ihr gleich; sie hat ein so gutes Herz.’ ‘Ja wohl!’ Wieder trat die Leere einer Pause ein und die Wanduhr schlug acht. Dies brachte ihn zu sich; er richtete sich auf seinem Stuhle in die Höhe, und wandte sich zu mir. ‘Legen Sie Ihr Buch auf eine Weile weg und kommen Sie zum Feuer,’ sagte er. Aus einem Erstaunen in das andere verfallend gehorchte ich. ‘Vor einer halben Stunde,’ hob er an, ‘sprach ich von meiner Ungeduld, die Fortsetzung einer gewissen Erzählung zu hören: bei reiflicher Erwägung fand ich es indessen für besser, selbst die Rolle des Erzählers zu übernehmen und Ihnen diejenige meiner Zuhörerin zuzuweisen. Bevor ich beginne, muß ich Ihnen bemerken, daß Ihnen die Geschichte etwas abgedroschen vorkommen wird; allein die bekanntesten Einzelnheiten erhalten sehr oft dadurch ein neues Interesse, daß man sie aus einem andern Munde vernimmt. Uebrigens ist die Erzählung. ob neu, ob bekannt, ganz kurz. ‘Vor etwa zwanzig Jahren verliebte sich ein armer Prediger — sein Name thut hier nichts zur Sache — in die Tochter eines reichen Mannes; auch sie liebte und heirathete ihn gegen den Willen ihrer Familie, die sie auch demzufolge sofort nach der Trauung verstieß. Ehe zwei Jahre vergingen, starben Beide und wurden unter Einem Grabhügel beerdigt. (Ich habe ihr Grab gesehen: es bildete einen Theil des Pflasters im Kirchhofe der alten rußigen Kathedrale der übervölkerten Fabriksstadt M***.) Sie hinterließen eine Tochter, die gleich nach ihrer Geburt fremde Mildthätigkeit in ihren eisigen Schooß aufnahm und in das Haus eines reichen Verwandten von mütterlicher Seite trug, wo das arme Kind von einer Stieftante, Mrs. Reed von Gateshead — ich will nun auch die Namen nennen — auferzogen wurde. — Sie erschrecken — Sie hörten wohl irgend ein Geräusch? Es wird nur eine Maus seyn, die im Sparrenwerk des Schulzimmers herumläuft. Das Gebäude war, ehe ich es herrichten ließ, eine Scheune und in solchen pflegen sich gewöhnlich Mäuse aufzuhalten. — Doch fahren wir in unserer Erzählung fort. Mrs. Reed behielt die Waise zehn Jahre bei sich; ob sich diese letztere bei ihr glücklich fühlte oder nicht, das kann ich nicht sagen; allein am Ende dieses Zeitraumes schickte sie das Mädchen in die Schule von Lowood, wo Sie selbst so lange Zeit lebten. Sie scheint sich dort sehr brav aufgeführt zu haben und stieg von einer Schülerin zu dem Amte einer Lehrerin empor, ganz so wie Sie — die Aehnlichkeit zwischen Ihrer Lebensgeschichte und derjenigen des armen Waisenmädchens fällt mir jetzt wirklich auf — und verließ die Schule, um gleich Ihnen als Erzieherin einzutreten und zwar bei der Pflegebefohlenen eines gewissen Mr. Rochester. ‘Mr. Rivers!’ unterbrach ich ihn. ‘Ich errathe Ihre Gefühle,’ versetzte er, ‘bitte Sie jedoch, dieselben für eine Weile im Zaume zu halten und mich bis ans Ende, das nicht mehr fern ist, ruhig anzuhören. Ueber Mr. Rochester's Charakter weiß ich nichts zu sagen: nur die Eine Thatsache ist mir bekannt, daß er um die Hand des Mädchens in allem Ernste anhielt und daß sie am Altare die Entdeckung machte, er sey bereits vermält und seine Frau, wiewohl wahnsinnig, noch am Leben. Sein weiteres Betragen und die weiteren Anträge, die er dem Mädchen stellte, lassen sich blos vermuthen; als jedoch ein Ereigniß eintrat, welches es nothwendig machte über diese Erzieherin Erkundigungen einzuziehen, zeigte es sich, daß sie davon gegangen war, Niemand wußte wie, wann und wohin. Alle Nachforschungen waren vergebens und keine Spur von ihr aufzufinden, wiewohl es von der höchsten Wichtigkeit erschien und sie durch alle Zeitungen um Nachricht von ihrem Aufenthalte ersucht wurde. Ich selbst habe von einem Advocaten, Mr. Briggs, einen Brief erhalten, der mir alle diese Einzelnheiten mitgetheilt. — Ist has nicht eine wunderbare Geschichte?’ ‘Sagen Sie mir nur,’ versetzte ich, ‘und da Sie so viel wissen, können Sie mir gewiß auch das sagen — was ist mit Mr. Rochester? Wie geht es ihm und wo befindet er sich? Was macht er? Ist er wohl?’ ‘Ich kann Ihnen von Mr. Rochester durchaus nichts sagen; der Brief erwähnt seiner blos wegen des betrügerischen Versuches eine ungesetzliche Verbindung einzugehen. Frägen Sie doch lieber nach dem Namen der Erzieherin und nach der Beschaffenheit des Ereignisses, welches ihre Gegenwart nothwendig macht.’ ‘Ging denn Niemand nach Thornfieldhall, Mr. Rochester zu besuchen?’ ‘Ich glaube nicht.’ ‘Aber man schrieb ihm doch?’ ‘Freilich.’ ‘Und was sagt er? Wo sind seine Briefe?’ ‘Mr. Briggs erwähnt, die Antwort auf seine Anfrage sey nicht von Mr. Rochester, sondern von einer Dame ‘Allie Fairfax’ unterzeichnet gewesen.’ Der fürchterlichste Schmerz erfüllte meine Seele, meine Furcht war also nicht ungegründet gewesen. Mr. Rochester hatte aller Wahrscheinlichkeit nach England verlassen und irgend einen seiner früheren Aufenthaltsorte am Continente aufgesucht, um sich in den Strudel der Zerstreuungen zu stürzen. Welches Besänftigungsmittel seine Leiden, welchen Gegenstand seiner riesigen Leidenschaften mochte er dort gefunden haben? Ich wagte es kaum mir diese Frage zu beantworten. Oh, mein armer Gebieter nahezu mein Gatte, den ich so oft meinen theueren Eduard genannt, wo weilte er wohl in diesem Augenblicke? ‘Er muß ein schlechter Mensch seyn,’ bemerkte Mr. Rivers. ‘Sie kennen ihn nicht und sind nicht im Stande ihn zu beurtheilen,’ erwiederte ich mit Wärme. ‘Meinetwegen,’ antwortete er ganz ruhig, ‘zudem habe ich auch noch ganz andere Dinge im Kopfe und muß vor Allem meine Erzählung vollenden. Da Sie mich nicht um den Namen jener Gouvernante fragen wollen, muß ich Ihnen denselben schon von freien Stücken mittheilen — Doch warten Sie — ich habe ihn hier — es ist immer besser, man sieht wichtige Punkte schwarz auf weiß vor sich.’ Und wieder zog er bedachtsam seine Brieftasche heraus und brachte einen schmutzigen Papierstreifen zum Vorschein, den ich sofort als denjenigen erkannte, welchen er von der Porträtrecke abgerissen hatte. Er stand auf, hielt mir das Papier ganz dicht vor die Augen und ich las mit Tusch von meiner eigenen Hand geschrieben die Worte: ‘Jane Eyre,’ jedenfalls das Werk eines Augenblickes der Gedankenlosigkeit und der Zerstreuung. ‘Briggs schrieb mir von einer gewissen Jane Eyre,’ sagte er; ‘die öffentlichen Kundmachungen verlangtes Nachrichten über eine Jane Eyre; ich kannte nur eine Jane Elljott. Ich muß gestehen, daß ich gleich anfangs Verdacht schöpfte, aber erst gestern Nachmittag erlangte ich die vollste Gewißheit. Bekennen Sie sich zu diesem rechten Namen und leisten Sie auf Ihren angenommenen Verzicht? ‘Ja — ja — aber wo ist Mr, Briggs? Vielleicht weiß er über Mr. Rochester mehr zu berichten als Sie?’ ‘Briggs ist in London; ich zweifle, ob er überhaupt etwas von diesem Herrn weiß, denn es ist nicht Mr, Rochester, um den er sich interessirt.’ ‘Indessen übersehen Sie in der Berücksichtigung von Kleinigkeiten die wichtigsten Dinge; Sie fragen gar nicht, weshalb Sie Mr. Briggs suchte, und was er von Ihnen wollte.’ ‘Nun, und was hatte er mir zu sagen?’ ‘Weiter nichts, als daß Ihr Onkel Mr. Eyre in Madeira mit Tode abgegangen ist und Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen hat und daß Sie nun reich sind. Das ist Alles.’ ‘Ich reich?’ ‘Ja wohl — eine reiche Erbin.’ Eine Pause trat ein. ‘Sie müssen natürlich die Identität Ihrer Person beweisen,’ fuhr St. John fort, ‘was Ihnen indessen nicht schwer fallen wird und können dann sofort den Besitz Ihres Vermögens antreten, das in englischen Fonds angelegt ist und worüber Briggs bereits alles Nöthige veranlaßt hat.’ Wie hatte sich doch das Blatt gewendet! Es ist ein schönes Ding, lieber Leser, in einem Augenblicke von der bittersten Armuth zum behäbigen Wohlstante zu gelangen, aber keineswegs eine Sache, die man mit einem Male begreift und schätzen lernt. Uebrigens gibt es noch andere entzückende Momente im Leben, die nicht so solider, nüchterner Natur sind, als dieser, bei dem man also eben deswegen weder springen, noch tanzen, noch Hurrah! rufen mag, vielmehr die geschäftliche Seite der Angelegenheit ins Auge faßt und eine Verantwortlichkeit zu erwägen beginnt. Auf Grundlage der empfundenen Genugthuung erheben sich verschiedene nicht unbedeutende Sorgen und man denkt über das Glück, das Einem zu Theil geworden, mit gefurchter Stirne nach. Ueberdies gehen die Worte ‘Legat, Erbschaft’ Hand in Hand mit den Worten: ‘Tod, Begräbniß.’ Mein Onkel, mein einziger Verwandter, war also todt; seitdem ich von seiner Existenz gehört hatte, hegte ich immer im Stillen die Hoffnung, ihn eines Tages sehen zu können und nun war dieselbe für ewige Zeiten vernichtet. Ferner kam dieses Geld nur mir und keiner sich glücklich fühlenden Familie zu Gute; nur mir allein! Aber es machte mich unabhängig und um die Unabhängigkeit ist es eine so schöne Sache! Dieser Gedanke, ich fühlte es, hob meine Brust im stolzen Selbstgefühl. ‘Endlich glättet sich Ihre Stirne,’ sagte Mr. Rivers; ‘ich dachte, Medusa hätte Sie angesehen und versteinert. Vielleicht fällt es Ihnen ein zu fragen, wie schwer Sie jetzt sind?’ ‘Nun, wie schwer wiege ich?’ ‘Oh, eine Kleinigkeit! Wirklich kaum der Rede werth! zwanzigtausend Pfund, aber was ist das?’ ‘Zwanzigtausend Pfund!’ Neue Ursache des Erstaunens! Ich hatte auf vier- oder fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht benahm mir in der That für einige Augenblicke den Athem. Mr. St. John, den ich nie lachen gehört, lachte von ganzem Herzen. ‘Wohlan,’ sagte er, ‘wenn Sie einen Mord begangen und wenn ich Ihnen eröffnet hätte, Ihr Verbrechen sey entdeckt, könnten Sie kaum mehr erschrocken seyn.’ ‘Die Summe ist zu groß — denken Sie nicht, es sey ein Irrthum unterlaufen?’ ‘Keineswegs.’ ‘Vielleicht haben Sie die Ziffer nicht gut angesehen und es heißt zweitausend statt zwanzigtausend?’ ‘Die Summe ist in Buchstaben, nicht in Ziffern ausgeschrieben und es heißt ganz zuverlässig zwanzigtausend.’ Ein Gefühl überkam mich, gleich demjenigen eines Individuums von ganz schwacher Verdauung, das sich urplötzlich ganz allein an einer Tafel sieht, auf welcher für hundert Personen aufgetragen wird. Mr. Rivers stand nun auf und nahm seinen Mantel um. ‘Wenn die Nacht nicht gar so kalt wäre,’ bemerkte er, ‘würde ich Ihnen Hannah herschicken, daß Sie Ihnen Gesellschaft leiste: Sie sehen so verzweifelt unglücklich aus, daß ich Sie nicht gerne allein lasse. Aber die arme Hannah könnte die Schneewehen nicht so gut durchschreiten als ich; ihre Beine sind nicht ganz so lang und ich muß Sie daher schon mit Ihren Schmerzen allein lassen. Gute Nacht!’ Er wollte die Hand an die Thürklinke legen; ein Gedanke fuhr mir plötzlich durch den Kopf. ‘Warten Sie noch eine Weile,’ rief ich. ‘Nun?’ ‘Es wundert mich, wie Mr. Briggs dazu kam, Ihnen meinetwegen zu schreiben oder wie es ihm einfallen konnte, daß Sie ihn in diesem entlegenen Winkel in seinen Nachforschungen unterstützen würden.’ ‘O, ich bin ein Geistlicher,’ sagte er, ‘und an die Geistlichkeit wendet man sich oft in sonderbaren Angelegenheiten.’ Und wieder erfaßte er die Thürklinke. ‘Das genügt mir nicht!’ rief ich aus, und in der hastigen und ausweichenden Antwort lag in der That etwas, was meine Neugierde nur noch mehr reizte. ‘Es ist eine sonderbare Angelegenheit,’ fügte ich hinzu; ‘ich möchte gerne etwas mehr darüber wissen.’ ‘Ein anderes Mal.’ ‘Nein; noch heute — noch diesen Abend!’ und als er zur Thüre ging, stellte ich mich davor. Er sah ganz verlegen aus. ‘Sie kommen nicht eher hinaus, bis Sie mir Alles gesagt haben!’ erklärte ich. ‘Ich möchte es nicht gerne. gerade jetzt nicht.’ ‘Sie müssen bekennen!’ ‘Ich wollte lieber, Diana oder Mary unterrichteten Sie davon.’ Diese Einwürfe spannten meine Neugierde aufs Höchste; befriedigt mußte sie werden und zwar ohne Verzug. Ich sagte es ihm. ‘Aber ich eröffnete Ihnen, ich sey ein hartherziger Mann und nicht leicht zu überreden,’ meinte er. ‘Und ich bin ein hartherziges Weib, und unter keiner Bedingung abzuweisen.’ ‘Uebrigens bin ich zu kalt,’ fuhr er fort, ‘und keine Glut kann mir etwas anhaben.’ ‘Ich bin dagegen heißblütig und Feuer bringt das Eis zum Schmelzen. Die Flamme hat all' den Schnee von Ihrem Mantel weggeleckt und in Gestalt von Wasserströmen auf meinem Fußboden ausgegossen, der nun aussieht, wie eine zusammengetretene Straße. Wenn Sie je einer Verzeihung für das Verbrechen, die frisch gescheuerte Stube verunreinigt zu haben, entgegensehen, so theilen Sie mir mit, was ich zu wissen wünsche.’ ‘Nun wohl,’ sagte er, ‘ich weiche Ihrer Ausdauer, wie auch ein Stein durch einen Tropfen Wasser, der beständig darauf fällt, ausgehöhlt wird. Zudem müssen Sie die Wahrheit ohnedies früher oder später erfahren. Sie heißen Jane Eyre?’ ‘Natürlich; darüber sind wir ja schon einig.’ ‘Sie haben wohl noch nicht bemerkt, daß ich Ihr Namensvetter bin und mich St. John Eyre Rivers nenne?’ ‘Nein! ich erinnere mich indessen, in Ihren Büchern unter Ihren Anfangsbuchstaben auch den Buchstaben E gesehen zu haben. Sie sind doch nicht —’ ‘Meine Mutter war eine geborene Eyre,’ unterbrach er mich; ‘sie hatte zwei Brüder, der eine war ein Geistlicher und heirathete Miß Jane Reed von Gateshead, der andere war der verstorbene John Eyre, Weinhändler zu Funchal in Madeira. Als Testamentsvollstrecker dieses letzteren schrieb uns Mr. Briggs im verwichenen August, um uns von dem Tode unseres Oheims zu benachrichtigen und uns mitzutheilen, daß er sein ganzes Vermögen der Tochter seines Brurers, des Geistlichen, hinterlassen habe. Vor wenigen Wochen wandte er sich wieder an uns und zeigte uns an, die Erbin sey verschwunden, wobei er zugleich frug, ob wir nichts von ihr wüßten. Ein zufällig auf dies Fetzchen Papier geschriebener Name hat mich in den Stand gesetzt, Sie ausfindig zu machen; das Uebrige wissen Sie.’ Zum dritten Male machte er eine Bewegung gegen die Thüre zu, aber ich rückte zwischen ihn und den Ausgang. ‘Lassen Sie mich ein Wort sprechen,’ sagte ich; ‘geben Sie mir einen Augenblick Zeit, um Athem zu holen und nachzudenken.’ Ich schwieg still — er stand vor mir, den Hut in der Hand und sah ganz gefaßt aus. ‘Ihre Mutter war meines Vaters Schwester?’ hob ich an. ‘Ja.’ ‘Und folglich meine Tante?’ Er nickte mit dem Kopfe. ‘Mein Onkel John war also auch Ihr Onkel? Sie, Diana und Mary sind die Kinder seiner Schwester, so wie ich das Kind seines Bruders bin?’ ‘Ohne Zweifel.’ ‘Ihr Drei seyr also meine Geschwisterkinder und die Hälfte unseres Blutes ist derselben Quelle entsprungen?’ Ich sah ihn an. Es schien mir als hätte ich einen Bruder gefunden, auf den ich stolz seyn, den ich lieben konnte, und zwei Schwestern, an denen ich schon damals mit ganzer Seele hing, als ich sie noch wie fremde Personen betrachtete. Die zwei Mädchen, die ich an jenem schrecklichen Abende durch das Gitterfenster mit einem bittern Gemisch von Interesse und Verzweiflung beobachtet hatte, waren also meine nahen Verwandten und der junge stattliche Herr, der mich fast sterbend an der Thürschwelle gefunden, mein Blutsfreund. Welch' herrliche Entdeckung für eine einsame Unglückliche! Auch das konnte man Reichthum, Reichthum des Herzens nennen, eine Goldmine reiner natürlicher Zuneigung war es, die mich mit mehr innerem Vergnügen erfüllte, als das nüchterne Gold. Ich schlug vor Freuden in die Hände — meine Pulse flogen , meine Nerven zitterten. ‘Oh, das freut mich — das freut mich!’ rief ich aus. St. John lächelte. ‘Sagte ich's nicht, daß Sie wichtige Sachen übersehen, indem Sie Kleinigkeiten nachjagen? Sie sahen ganz ernst darein, als ich Ihnen mittheilte, Sie seyen reich und nun gerathen Sie über eine unbedeutende Sache in Extase!’ ‘Was wollen Sie damit sagen? Es mag wohl für Sie eine unbedeutende Sache seyn! Sie haben Schwestern und kehren sich nicht weiter an Cousinen; aber ich hatte Niemanden und zähle nun drei Anverwandte- oder zwei, falls Sie es nicht der Mühe werth halten darunten gerechnet zu werden. Noch einmal sage ich es, ich freue mich von ganzem Herzen.’ Ich schritt schnell im Zimmer auf und ab: ich blieb stehen, fast an den Gedanken erstickend, die nun in meinem Innern rasch in die Höhe stiegen und dasjenige betrafen, was nun geschehen könnte, geschehen würde und geschehen sollte. Ich sah nach der leeren Wand sie kam mir, wie das Firmament, dicht mit Sternen besäet vor, deren jeder irgend einen Zweck oder eine Freude in mir beleuchtete. Diejenigen, die mir das Leben gerettet, die mich bis jetzt erhalten, konnte ich nun dafür belohnen, konnte ihnen die Liebe, die ich für sie fühlte, nun auch werkthätig beweisen. Sie schmachteten im Joche der Abhängigkeit — ich konnte sie davon befreien; sie waren getrennt von einander — ich konnte sie vereinigen: sie mußten meine Unabhängigkeit, meinen Ueberfluß theilen. Wir waren vier Personen; zwanzigtausend Pfund in gleiche Theile getheilt geben für Jedes von uns fünftausend Pfund; das war mehr als genug und unser Aller Glück begründet. Nun drückte mich der Reichthum nicht mehr nieder; nun erschien es mir als kein kalter Mammon mehr, sondern als ein Vermächtniß an Leben, Hoffnungen und Herzenslust. Was ich für ein Gesicht machte, während mich diese Gedanken beschäftigten, kann ich nicht sagen, aber ich bemerkte alsbald, daß Mr. Rivers einen Stuhl hinter mich stellte und freundlich bemüht war, mich zum Sitzen zu bringen. Er bat mich, meine Fassung zu bewahren; diese Zumuthung der Rathlosigkeit und des Verlustes meines geistigen Gleichgewichtes berührte mich unangenehm: ich stieß seine Hand zurück und begann wieder auf- und abzugehen. ‘Schreiben Sie morgen an Diana und Mary,’ sagte ich, ‘und ersuchen Sie sie, sofort nach Hause zu kommen. Diana meinte, sie würden sich Beide mit tausend Pfund für reich halten, sie werden daher mit fünftausend ganz gut langen.’ ‘Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser verschaffen kann,’ versetzte St. John; ‘Sie müssen wirklich Alles anwenden, um Ihre Aufregung zu beschwichtigen.’ ‘Unsinn! Welche Wirkung wirr die Erbschaft auf Sie ausüben? Werden Sie in England bleiben, Miß Oliver heirathen und sich gleich einem gewöhnlichen Sterblichen niederlassen?’ ‘Sie phantasiren; Ihre Ideen verwirren sich. Ich habe Ihnen die glückliche Nachricht zu plötzlich mitgetheilt und sie hat Sie über Ihre Kräfte aufgeregt.’ ‘Mr. Rivers, Sie erschöpfen meine Geduld! Ich bin ganz vernünftig und nur Sie scheinen mich nicht verstehen zu wollen.’ ‘Wenn Sie sich etwas deutlicher erklärten, würde ich Sie vielleicht besser begreifen.’ ‘Mich erklären! Was gibt's da weiter zu erklären? Sie werden doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund zu gleichen Theilen unter den Neffen und drei Nichten getheilt fünftausend Pfund für die Person geben? Was ich von Ihnen verlange, besteht einfach darin, daß Sie Ihren Schwestern schreiben und sie von dem Vermögen, das ihnen zugefallen, in Kenntniß setzen.’ ‘Welches Ihnen zugefallen, wollen Sie sagen.’ ‘Ich habe weine Ansichten über diese Angelegenheit klar und deutlich ausgedrückt und ändere meinen Entschluß auf keine Weise. Ich bin weder einer brutalen Selbstsucht, noch einer schreienden Ungerechtigkeit, noch eines schwarzen Undankes fähig und überdies fest entschlossen, mir eine Heimat und freundschaftliche Verbindungen zu begründen. Das Moorhaus gefällt mir und ich wünsche in demselben zu wohnen; ich liebe Diana und Mary und ich will sie mein ganzes Leben hindurch an meiner Seite haben. Der Besitz von fünftausend Pfund macht mich glücklich und reich: der Besitz von zwanzigtausend wäre mir unerträglich und qualvoll, besonders da ich diese Summe, wenn auch nach dem Buchstaben des Gesetzes, so doch keineswegs nach Recht und Gerechtigkeit mein nennen könnte. Ich überlasse Ihnen also nicht mehr, als Dasjenige, was mir gänzlich überflüssig ist. Lassen Sie daher jede Widerrede und jede langwierige Verhandlung bei Seite und uns diesen Gegenstand mit einem Male abthun.’ ‘Sie folgen Ihren ersten Eindrücken: es gehören Tage dazu um solch' wichtige Angelegenheiten reiflich zu erwägen und bis dahin kann Ihr Entschluß nicht als giltig und verbindlich angesehen werden.’ ‘Oh, wenn Sie an nichts weiter, als an der Ernsthaftigkeit meiner Absichten zweifeln, dann bin ich ruhig. Wenigstens erkennen Sie die Richtigkeit und Gerechtigkeit meiner Anschauungsweise?’ ‘Es ist etwas von Gerechtigkeit dabei, allein ganz wider alles Herkommen. Unter allen Verhältnissen haben Sie ein unbestreitbares Anrecht auf das Vermögen: unser Onkel erwarb es sich durch seine Thätigkeit und Sparsamkeit und hatte daher jedenfalls das vollste Recht, es nach seinem Tode wem immer zu hinterlassen. Nach Allem erlaubt Ihnen auch die strengste Gerechtigkeit das Vermögen zu behalten und Sie können dasselbe mit ruhigem Gewissen als Ihr Eigenthum ansehen.’ ‘Bei mir,’ versetzte ich, ‘handelt es sich eben so sehr um meine Gefühle, als um mein Gewissen und ich muß den erstern um so mehr Rechnung tragen, als sich die Gelegenheit dazu gar so selten ergibt. Und widersprächen Sie mir und langweilten Sie mich auf ein ganzes Jahr mit der Herzählung Ihrer Scheingründe, ich könnte mir doch nicht das köstliche Vergnügen versagen, von dem ich schon jetzt einen Vorgeschmack habe — das Vergnügen, mein Verpflichtungen wenigstens theilweise abzutragen und mir Freunde für das ganze Leben zu erwerben.’ ‘In diesem Augenblicke denken Sie so,’ versetzte St. John, ‘weil Sie nicht wissen, was es heißt ein Vermögen zu besitzen und sich der daraus hervorgehenden Genüsse zu erfreuen. Sie können sich von dem Ansehen, mit welchem Sie der Besitz von zwanzigtausend Pfund umgeben wird, eben so wenig einen Begriff machen, als von der Stellung, die Sie dadurch in der Gesellschaft erlangen, den Aussichten, die sich Ihnen eröffnen; Sie können —’ ‘Und Sie,’ unterbrach ich ihn, ‘können sich die unendliche Sehnsucht nicht vorstellen, die ich nach brüderlicher und schwesterlicher Zuneigung empfinde. Ich hatte nie eine Heimat, weder Brüder noch Schwester und muß und will das Alles jetzt besitzen: Sie haben doch gegen meinen Eintritt in den Kreis Ihrer Familie nichts einzuwenden?’ ‘Jane, ich will Ihr Bruder seyn und meine Schwestern sollen Ihre Schwestern seyn; allein dazu bedarf es der großen Opfer nicht, die Sie mir bringen wollen.’ ‘Mein Bruder wollen Sie seyn? Wohl! auf eine Entfernung von tausend Meilen? — Ihre Schwestern meine Schwestern? Natürlich, während sie in der Fremde Sclavendienste verrichten. Indessen ich reich bin, mich im Golde wälze. das ich weder durch meine Arbeit noch sonstwie verdient habe, besitzen sie keinen Pfennig. Eine schöne Gleichheit und Brüderlichkeit! Eine liebliche Vereinigung! — Eine innige Zuneigung!’ ‘Aber Ihre Sehnsucht nach Familienbanden und häuslicher Glückseligkeit lassen sich auf eine andere Weise verwirklichen, als auf die von Ihnen beabsichtigte: Sie können sich vermälen.’ ‘Neuer Unsinn! Ich mich vermälen! Ich brauche nicht zu heirathen und will nicht heirathen.’ ‘Damit behaupten Sie zu viel und diese gewagten Behauptungen sind der beste Beweis, daß Sie sich in einem Zustande der heftigsten Aufregung befinden.’ ‘Ich behaupte nicht zu viel; ich kenne mein Inneres und weiß, wie mein Herz vor dem bloßen Gedanken an eine solche Verbindung zurückschreckt. Niemand würde mich aus Liebe heirathen, und ich will nicht als der Gegenstand einer bloßen Geldspeculation angesehen werden. Ich brauche keinen fremden Mann, der mit mir nicht übereinstimmt, mir vielleicht geradezu gegenüber steht; nach meinen Blutsverwandten trage ich Verlangen, die mir in geistiger Beziehung vollkommen gleich sind. Sagen Sie noch einmal, daß Sie mein Bruder seyn wollen; als Sie vorhin diese Worte aussprachen, war ich glücklich: wiederholen Sie dieselben, wenn Sie können, wenn sie Ihnen vom Herzen kommen.’ ‘Mit gutem Gewissen kann ich sie wiederholen. Ich habe meine Schwestern von jeher geliebt und ich weiß, worauf sich diese Zuneigung gründet, — auf die Hochachtung für ihren sittlichen Werth und auf die Anerkennung ihrer geistigen Vollkommenheiten. Auch Sie haben gute Grundsätze und besitzen geistige Bildung in einem hohen Grade Ihre Neigungen und Gewohnheiten sind denjenigen meiner Schwestern ganz ähnlich. Ihre Gegenwart ist mir jederzeit sehr angenehm und Ihr Umgang hat mir schon mehr als einmal heilsamen Trost eingeflößt. Ich fühle es deutlich, daß es mir leicht wird, Ihnen in meinem Herzen als meiner dritten und jüngsten Schwester einen Platz einzuräumen.’ ‘Ich danke Ihnen; das stellt mich für diesen Abend zufrieden. Und nun möchten Sie sich lieber auf den Weg machen, denn wenn Sie noch länger hier bleiben, verwunden Sie mich am Ende durch irgend ein frisches Zeichen des Mißtrauens auf's Neue.’ ‘Und die Schule wird nun geschlossen, Miß Eyre? Nicht wahr?’ ‘Nein. Ich werde meine Stelle als Lehrerin so lange behalten, bis Sie eine Stellvertreterin gefunden haben.’ Er antwortete mit einem zufriedenen Lächeln. Wir reichten uns die Hände und trennten uns. Ich brauche wohl meine weiteren Kämpfe und meine anhaltenden Bemühungen, die Erbschaftsangelegenheit meinem Wunsche gemäß in Ordnung zu bringen, nicht auseinander zu setzen. Meine Aufgabe war eine ungemein schwierige, allein da ich mich in meinem Entschlusse durch nichts wankend machen ließ, und da meine Geschwisterkinder endlich einsahen, daß ich von meinem Plane, die Erbschaft nach den Grundsätzen der Billigkeit zu vertheilen, durchaus nicht abzubringen war, so fügten sie sich endlich in so weit, die Angelegenheit einem schiedsrichterlichen Ausspruche anheim zu stellen. Die erwählten Richter waren Mr. Oliver und ein geschickter Advocat, welche Beide meine Meinung theilten, so daß ich denn doch den Sieg davon trug. Die Abtretungsurkunden wurden ausgestellt und ein Jedes von uns befand sich nun im Besitze eines hinreichenden Auskommens. Vierunddreißigstes Capitel. Die Erbschaftsverhandlungen erreichten um die Weihnachtszeit ihr Ende: die fröhlichen Feiertage kamen raschen Schrittes heran. Ich schloß meine Schule und trug Sorge, daß ich mich nicht mit leeren Händen von meinen Schülerinnen trennte. Ein ungeahntes Glück pflegt Herz und Hand auf eine wunderbare Weise zu öffnen; und wenn wir geben, wo wir selbst reichlich empfingen, thun wir nichts weiter, als der ungewöhnlichen Steigerung der Gefühle einen wohlthuenden Ausweg zu gewähren. Schon lange hatte ich es mit dem größten Vergnügen wahrgenommen, daß mir die meisten meiner Schülerinnen aufs Herzlichste zugethan waren: bei Gelegenheit meines Abganges legten sie diese Empfindung auf eine ebenso schmucklose als überzeugende Weise an den Tag. Meine Freude darüber, daß ich in diesen unverdorbenen Gemüthern einen solchen Platz einnahm, war ungemein groß und ich versprach den Mädchen, fortan keine Woche vorübergehen zu lassen, ohne sie zu besuchen und ihnen eine Stunde zu geben. Mr. Rivers kam dazu, als ich die sämmtlichen aus sechzig Schülerinnen bestehenden Classen zur Schule hinaus an mir vorüberziehen ließ und mich mit dem Thürschlüssel in der Hand von einigen meiner besten Schülerinnen noch besonders verabschiedete. Es waren so züchtige, achtungswerthe, bescheidene und wohlunterrichtete junge Bäuerinnen, als man sie nur immer im britischen Reiche finden konnte, und das will viel sagen, denn Alles in Allem genommen ist der englische Bauernstand der manierlichste und unterrichtetste in Europa. Seitdem lernte ich französische und deutsche Bäuerinnen kennen und fand sie im Vergleiche mit den Mortoner Mädchen unwissend, gemein und unartig. ‘Halten Sie sich für hinreichend belohnt für alle Ihre Mühe und Ihre Entbehrungen?’ frug mich Mr. Rivers, als sich die Kinder entfernt hatten. ‘Macht Ihnen das Bewußtseyn, Ihrem Geschlechte genützt, ihm Gutes gethan zu haben, einiges Vergnügen?’ ‘Ohne Zweifel.’ ‘Und Sie haben nur wenige Monate gearbeitet. Glauben Sie nicht, daß ein ganzes Leben, welches der geistigen Wiedergeburt des Menschengeschlechtes gewidmet wird, wohl angewendet ist?’ ‘Wohl,’ versetzte ich; ‘aber ich könnte es nicht sehr lange so forttreiben; ich fühle bas Bedürfniß in mir, meine geistigen Anlagen in gleichem Maße zu gebrauchen, als ich diejenigen meiner Nebenmenschen ausbilde. Gerade in diesem Augenblicke sehne ich mich darnach und bin ganz festtäglich gestimmt: erinnern Sie also weder meinen Körper noch meinen Geist an Schulangelegenheiten.’ Er zog seine Stirne in Falten. ‘Was soll das? Was bedeutet diese plötzliche Hast? Was haben Sie vor?’ ‘Ich will thätig seyn, so thätig als nur möglich. Und vor Allem muß ich Sie bitten Hannah einen Urlaub zu ertheilen und sich einstweilen Jemanden Andern zu ihrer Bedienung zu nehmen?’ ‘Bedürfen Sie ihrer?’ ‘Wohl; sie muß mit mir nach dem Moorhause. Diana und Mary werden in einer Woche hier seyn, und ich möchte gerne bis zu ihrer Ankunft Alles in Ordnung haben.’ ‘Ich verstehe; ich dachte anfänglich, Sie wären im Begriffe, irgend einen Ausfiug zu unternehmen. So ist es besser; Hannah soll mit Ihnen gehen.’ ‘Sagen Sie ihr also, sie möchte morgen bereit seyn. Hier ist der Schlüssel zum Schulzimmer, den Schlüssel zu meiner Wohnung gebe ich Ihnen morgen.’ Er nahm ihn. ‘Sie geben ihn mit wahrer Wonne aus der Hand,’ sagte er, ‘ich begreife Ihre Fröhlichkeit nicht, da ich nicht weiß, welcher Beschäftigung Sie sich nunmehr statt der bisherigen zuzuwenden gedenken. Welches Ziel, welchen Zweck haben Sie sich für Ihr Leben vorgesetzt?’ ‘Meine erste Absicht ist, das Moorhaus vom Boden bis zum Keller durchzuscheuern, Sie begreifen doch die volle Bedeutung dieses Ausdruckes? Meine zweite, es mit Wachs, Oel und einer Unzahl Lappen zu bohnen, bis es glänzt wie die Sonne am Himmel. Meine dritte, Tische, Stühle und alles Hausgeräthe mit mathematischer Genauigkeit in Ordnung zu bringen. Dann richte ich sie mit Torf und Kohlen zu Grunde, um in sämmtlichen Zimmern ein ausgiebiges Feuer zu unterhalten, und die zwei letzten Tage vor der Ankunft Ihrer Schwestern, sollen von mir und Hannah mit einem Gequirl, Rosinen lesen, Gewürze stoßen und Zusammensetzen von Weihnachtskuchen und Pasteten ausgefüllt werden, wie es sich ein Uneingeweihter gleich Ihnen nicht einmal im Traume vorstellen kann. Mit Einem Worte, ich beabsichtige vor nächstem Donnerstage für Diana's und Mary's Empfang Alles in Bereitschaft haben, und setzte eine Ehre darein, ihnen das Ideal eines herzlichen Willkommens vorzuführen!’ Ein leises Lächeln glitt über St. John's Gesicht, doch schien er noch immer nicht zufriedengestellt. ‘Das ist für den Augenblick ganz gut,’ versetzte er; ‘aber ich erwarte im vollsten Ernste, daß Sie nach dem ersten Freudenrausche Ihre Blicke nach etwas Höherem, als nach häuslichen Angelegenheiten und Familienfesten richten werden.’ ‘Gibt es etwas Besseres auf Erden, als die gemüthlichen Freuden im Schooße der Familie?’ unterbrach ich ihn. ‘Diese Welt, Jane, ist nicht zum Genießen, zum Ruhen bestimmt; werden Sie nicht genußsüchtig und träge.’ ‘Im Gegentheile, ich gedenke sehr geschäftig zu seyn.’ ‘Ich entschuldige Sie für jetzt, liebe Cousine, und gebe Ihnen volle zwei Monate Zeit, die Freuden Ihrer neuen Stellung zu genießen; dann aber werden Sie hoffentlich Ihre Blicke über das Moorhaus, über Morton und die Gesellschaft der neugefundenen Schwestern nach etwas Edlerem und Geistigerem zu lenken gesonnen seyn.’ Ich sah ihn ganz erstaunt an. ‘Es ist schlecht von Ihnen, St. John, daß Sie so zu mir sprachen. Ich fühle mich glücklich und zufrieden wie eine Königin, und Sie versuchen es meine Unruhe aufzustacheln! Zu was das?’ ‘Um die Talente, mit denen Sie Gott ausgerüstet, und über die er von Ihnen dereinst Rechenschaft fordern wird, zum Besten der Menschheit in Thätigkeit zu versetzen. Ich werde Sie genau und ängstlich überwachen, Jane; verlassen Sie sich darauf. Versuchen Sie es, die Leidenschaftlichkeit zu mäßigen, mit der Sie sich hausbackenen Freunden in die Arme werfen, und halten Sie keine so große Stücke auf die Bande des Fleisches. Versparen Sie Ihre geistige Kraft und Ausdauer für eine würdigere Sache, und hüten Sie sich, dieselbe in Kleinigkeiten zu versplittern. Hören Sie, Jane?’ ‘Wohl; gerade so als ob Sie griechisch sprächen. Ich fühle, daß ich ein Recht darauf habe, glücklich zu seyn, und folglich will ich es auch seyn. Leben Sie wohl!’ Ich fühlte mich in der That im Moorhause ganz glücklich, und arbeitete aus Leibeskräften; Hannah des gleichen, die sich nicht wenig freute, den Glanz des alten Gebäudes wieder auferstehen zu sehen. Mit einer Art innerer Befriedigung gewahrte sie, wie ich inmitten einer Verwirrung, die das Oberste zu unterst kehrte, bürsten und abstauben, reinigen und kochen konnte. Und in der That gewährte es ein eigenes Vergnügen zu sehen, wie sich aus dem Chaos eines wirren Durcheinander nach und nach Harmonie und Ordnung entwickelte. Ich hatte vor einiger Zeit eine Reise nach S*** unternommen, um neue Möbeln einzukaufen, wozu mir meine Cousinen unumschränkte Vollmacht ertheilten. Das Sitzzimmer und die Schlafstuben ließ ich beinahe unverändert, da ich wußte, Diana und Mary würden sich glücklicher schätzen, daselbst die alten Einrichtungsstücke wieder zu finden, als moderne Möbeln an deren Stelle zu sehen. Indessen waren doch einige Neuerungen nothwendig, sollte ihre Rückkehr ins Vaterhaus diejenigen Ueberraschungen zur Folge haben, die ich den beiden Schwestern zu bereiten gedachte. Neue, schöne Teppiche und Vorhänge von dunkler Farbe, einige sorgfältig ausgewählte Zierrathen im alterthümlichen Styl aus Porzellan und Bronze, neue Tischdecken und Spiegel und Toiletten entsprachen diesem Zwecke; sie sah en neu aus, ohne jedoch von der ganzen Einrichtung grell abzustechen. Ein Besuchzimmer und eine Schlafstube richtete ich jedoch mit rothgepolsterten Mahagonymöbeln ganz neu ein, bedeckte die Fußböden der Durchgänge mit Matten und die Treppen mit Teppichen. Nachdem Alles fertig war, erschien mir das Moorhaus eben so als das vollendetste Muster von Nettigkeit und Bequemlichkeit im Innern, als es von außen, namentlich in dieser Jahreszeit, ein Sinnbild des Verfalles und der unheimlichsten Verlassenheit abgab. Der ereignißvolle Donnerstag erschien endlich. Die Gäste sollten bei Einbruch der Nacht ankommen und noch vor Eintritt der Dämmerung waren alle Räume des Hauses aufs Beste geheizt, das Küchenzimmer in größter Parade, Hannah und ich vollkommen angekleidet und Alles in Bereitschaft. St. John langte zuerst an. Ich hatte ihn ersucht, das Moorhaus nicht früher zu betreten, bis ich mit allen Anordnungen zu Ende wäre; allein schon der bloße Gedanke an die alltäglichen Vorkehrungen, die im Innern desselben stattfanden, reichte hin, ihn in respectvoller Entfernung zu erhalten. Er fand mich in der Küche mit dem Backen von Theebrot beschäftigt. Sich dem Herde nähernd, frug er mich, ‘ob ich denn die Arbeiten eines Stubenmädchens und einer Haushälterin noch nicht satt hätte?’ Ich antwortete ihm mit einer Aufforderung, mich bei einer Rundschau der Resultate meiner Wirksamkeit zu begleiten. Es gelang mir nicht ohne Schwierigkeit, ihn zu einem Gange durchs ganze Haus zu bewegen. Ich wußte mich damit begnügen, daß er einen flüchtigen Blick in die Gemächer warf und die trockene Bemerkung machte, alle diese in so kurzer Zeit bewirkten Veränderungen müßten mir sehr viele Mühe verursacht haben; aber mit keiner Sylbe legte er irgend ein Vergnügen über die Ausschmückung des Vaterhauses an den Tag. Diese Kälte und Schweigsamkeit drückten mich nieder. Ich dachte meine Veränderungen hätten am Ende alte, ihm liebgewordene Erinnerungen zerstört und erkundigte mich in einem kleinlauten Ton, ob dies etwa der Fall sey. ‘Keineswegs!’ lautete seine Antwort. ‘Vielmehr habe ich bemerkt, daß Sie mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit zu Werke gingen, und fast befürchte ich, daß Sie dieser Angelegenheit mehr Nachdenken widmeten, als sie es ihrer Natur nach verdient. Wie viel Minuten verwendeten Sie z. B. zum Studium der Einrichtung dieses Zimmers?’ ‘Können Sie mir vielleicht im Vorbeigehen sagen, wo sich ein gewisses Buch (hier nannte er den Titel) befindet?’ Ich wies nach dem Bücherbrete, er holte das Buch herunter, zog sich wie gewöhnlich in die Fensternische zurück und begann zu lesen. Das gefiel mir nun durchaus nicht. St. John war ein guter Mann, aber ich fühlte, daß er die Wahrheit sprach, als er sich selbst kalt und gefühllos nannte. Die Annehmlichkeiten des Lebens hatten keinen Werth, die friedlichen Genüsse desselben keinen Reiz für ihn. Buchstäblich lebte er nur einem Streben — nach etwas Erhabenem und Gutem, ohne Zweifel; aber er gönnte sich keine Ruhe und konnte es auch nicht ansehen, wenn seine Umgebung sich einem gemüthlichen Stillleben hingab. Als ich seine hohe, weiße, wie in Marmor gehauene Stirne betrachtete, begriff ich, er könne nie einen guten Ehemann abgeben und seine Frau würde keine beneidenswerthe Stellung baben. Wie durch Eingebung erkannte ich die Natur seiner Gefühle für Miß Oliver und war mit ihm der gleichen Meinung, es sey dies blos eine sinnliche Liebe. Ich fand seine Verachtung des fieberhaften Zustandes, den die letztere bei ihm hervorbrachte, sein Betreben, dieselbe auszurotten, seine Ueberzeugung, Oliver's Glücke führen, vollkommen gerechtfertigt. Jedenfalls war St. John aus dem Stoffe, aus welchem die Natur ihre Helden, ihre Gesetzgeber, Staatsmänner und Eroberer bildet; ein festes Bollwerk zum Schutze gewichtiger Interessen; in der Caminecke indessen nichts weiter als eine kalte, verwitterte, am unrechten Orte angebrachte Steinsäule. ‘Diese Stube ist nicht sein Platz,’ dachte ich bei mir; ‘aber wohl ist es das Himalaya-Gebirge, das Land der Kaffern, und selbst die verpestete, sumpfige Küste von Guinea würde besser für ihn passen. Er hat Recht, der Ruhe des häuslichen Lebens aus dem Wege zu gehen, es ist nicht sein Element; seine Geisteskräfte würden ins Stocken gerathen, anstatt sich entwickeln, im vortheilhaften Lichte zeigen zu können. Nur im Kampfe und in Gefahren, wo es gilt Entschlossenheit, Muth und Kraft zu zeigen, ist er am rechten Orte und gewiß der Erste an der Spitze. An diesem Herde würde ihn ein munteres Kind verdunkeln und aus dem Felde schlagen. Er hatte Recht, die Laufbahn eines Missionärs zu wählen: ich erkenne es nun ganz genau.’ ‘Sie kommen! Sie kommen!’ rief Hannah, die Stubenthüre öffnend. In demselben Augenblicke begann der alte Carlo ganz lustig zu bellen. Ich rannte hinaus. Es war schon finster, aber man konnte das Rollen eines Wagens vernehmen. Hannah zündete sofort eine Laterne an. Das Fuhrwerk war am Hofpförtchen stehen geblieben, der Kutscher öffnete den Schlag; eine bekannte Gestalt, dann eine zweite sprangen heraus. In einem Nu hatte ich meinen Kopf unter ihren Hüten begraben und kam bald mit Mary's sanften Wangen, bald mit Diana's fliegenden Locken in Berührung. Sie lachten und küßten erst mich, dann Hannah, streichelten Carlo, der vor Freuden ganz wild geworden war, und frugen hastig, ob Alles wohl auf sey. Nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten, stürzten sie ins Haus. Sie waren noch ganz steif von ihrer Fahrt von Whitcroß herüber und von der kalten Nachtluft halb erfroren, aber bald erholten sie sich an der wohlthätigen Stubenwärme. Während der Kutscher mit Hannah die Koffer hereinbrachte, frugen die beiden Mädchen nach St. John, Im selben Augenblicke trat er aus dem Besuchzimmer herein. Seine Schwestern flogen auf ihn zu und herzten und drückten ihn. Er hingegen gab einer jeden einen frostigen Kuß, sprach einige bewillkommnende Worte im ruhigsten Tone von der Welt und zog sich, mit dem Wunsche, sie bald bei sich im Besuchzimmer zu sehen, in dieses letztere wie in einen Zufluchtsort zurück. Ich zündete die Kerzen an und wollte die lieben Bäschen die Treppe hinauf geleiten; allein Diana hatte noch dem Kutscher Einiges zu sagen und erst als sie damit fertig geworden, kamen die Mädchen mit mir. Die Ausschmückung und neue Anordnung in den Zimmern erfüllte sie mit Bewunderung und Entzücken und sie machten ihren Gefühlen in häufigen Ausrufungen Luft. Ich hatte das Vergnügen zu sehen, daß meine Vorbereitungen nicht wenig dazu beigetragen hatten, ihnen die Ankunft im Vaterhause angenehm zu machen. Der Abend war schön. Meine Cousinen waren so munter, daß vor ihrer Gesprächigkeit St. John's Schweigsamkeit in den Hintergrund trat. Es freute ihn zwar herzlich, seine Schwestern wiederzusehen, allein in ihre außerordentliche Heiterkeit, in die Kundgebungen ihres Entzückens konnte er nicht mit einstimmen. Das Ereigniß des Tages — Diana's und Mary's Ankunft — erfüllte ihn mit Vergnügen, aber die Nebenumstände, von denen es begleite war, der fröhliche Tumult, das gemüthliche Geplauder, berührten ihn unangenehm; ich sah es ihm an, daß er sich nach der Ruhe des nächsten Tages sehnte. Beiläufig eine Stunde nachdem wir unsern Thee genommen, trat Hannah in die Stube und berichtete, ‘ein armer Schlucker sey gekommen und lasse Mr. Rivers bitten, seine Mutter zu besuchen, die im Sterben liege.’ ‘Wo wohnt sie, Hannah?’ ‘Hinter Whitcroß, wenigstens vier Meilen von hier. Der Weg führt durch lauter Sumpf und Morast.’ ‘Sage ihm, ich würde kommen.’ ‘Es wäre besser, Sie gingen nicht, Sir. Es ist der schlechteste Weg, den man im Finstern gehen kann, denn es führt kein erkennbarer Pfad über den Moor. Zudem ist es schneidend kalt und so wäre es rathsamer, Sie ließen sagen, Sie kämen morgen früh.’ Aber er war schon im Vorzimmer, nahm seinen Mantel um und ging, ohne zu murren, ohne ein Wort zu verlieren. Es war um neun Uhr, als er das Haus verließ und er kam erst nach Mitternacht wieder zurück. Er war wohl müde und erschöpft genug — sah aber viel glücklicher aus, als bei seinem Weggehen. Er hatte eine Pflicht erfüllt, sich angestrengt, und war dabei seine Kraft zu handeln und zu entsagen inne geworden, mithin zufriedener mit sich selbst als vordem. Das Leben der ganzen nachfolgenden Woche stellte seine Geduld auf eine harte Probe. Es war die Weihnachtswoche, in der wir jede ordentliche Beschäftigung bei Seite setzten und uns häuslichen Lustbarkeiten aller Art überließen. Die Heimatluft, der Aufenthalt im Vaterhause wirkten auf Diana und Mary wie ein, die Lebensthätigkeiten erhöhendes Elixir; sie schwatzten in Einem fort und ihr originelles, witziges Geplauder hatte einen solchen Reiz für mich, daß ich gar nicht daran dachte, etwas Anderes zu thun, als ihnen zuzuhören. St. John grollte uns zwar ob unserer Lebhaftigkeit nicht, aber er wich uns aus, blieb selten zu Hause und machte sich tagtäglich mit den Kranken und Armen seines großes Kirchsprengels zu schaffen. Eines Morgens, beim Frühstück, frug ihn Diana mit einem ernsten Blick, ob er seinen Plan noch nicht aufgegeben hätte? ‘Nein, und ich werde es auch nun und immermehr thun,’ gab er zur Antwort, und er benachrichtigte uns sofort, seine Abreise nach dem Osten sey nun ganz bestimmt auf's nächste Jahr festgesetzt. ‘Und Rosamond Oliver?’ bemerkte Mary in einem Tone, als wären ihr diese Worte unwillkürlich entschlüpft. St. John hielt ein Buch in der Hand — es war seine nichts weniger als artige Gewohnheit beim Essen zu lesen — er schlug es zu und sah empor. ‘Rosamond Oliver,’ sagte er, ‘wird nächstens Mr. Granby, einen der schätzbarsten Bürger von S***, den Enkel und Erben Sir Frederik Granby's, heirathen; ihr Vater theilte mir diese Nachricht erst gestern mit.’ Die beiden Schwestern sahen einander und dann mich an und endlich betrachteten wir ihn alle Drei; er sah so ruhig und heiter aus wie ein Maimorgen. ‘Die Partie muß schnell zu Stande gekommen seyn,’ sagte Diana; ‘die jungen Leuten können einander noch nicht sehr lange kennen gelernt haben.’ ‘Erst zwei Monate; sie kamen im October am Grafschaftsballe in S*** zusammen. Aber wo es keine Hindernisse zu beseitigen gibt, wie in dem vorliegenden Falle, wo eine Verbindung unter allen Verhältnissen wünschenswerth erscheint, da ist ein jeder Aufschub unnöthig. Die Vermälung wird stattfinden, sobald der Landsitz, den Sir Frederik den Neuvermälten verschreiben will, zu ihrer Aufnahme hergerichtet ist.’ Das erste Mal, wo ich St. John nach dieser Eröffnung allein fand, fühlte ich mich versucht ihn zu fragen, ob ihn dieses Ereigniß betrübe; er schien aber des Mitgefühls so wenig zu bedürfen, daß ich, weit entfernt ihm Trost bieten zu wollen, mich ordentlich der Erinnerung an das schämte, was ich in dieser Sache bereits unternommen hatte. Uebrigens war ich ganz aus der Uebung , mit ihm zu sprechen, herausgekommen, die Eiskruste der Zurückhaltung hatte von neuem sein Gemüth überzogen und auch meine Aufrichtigkeit und Geradheit war zugefroren. Er hielt sein Versprechen nicht, mich gleich seinen Schwestern behandeln zu wollen; beständig machte er kleine, doch fühlbare Unterscheidungen zwischen uns, die keineswegs geeignet waren, ein herzliches Einvernehmen zu begründen; mit Einem Worte, seitdem ich als Blutsverwandte mit ihm unter Einem Dache lebte, war der Abstand zwischen uns weit größer denn früher, wo er mich blos als die Lehrerin der Dorfschule kannte. Wenn ich mir vorstellte, wie weit ich schon in seinem Vertrauen gekommen war. konnte ich seine gegenwärtige Frostigkeit kaum begreifen. Unter solchen Umständen war ich nicht wenig erstaunt, als er plötzlich von seinem Lesepulte zu mir aufsah und sagte: ‘Sie sehen, Jane, daß die Schlacht geschlagen und der Sieg erfochten ist.’ Ueber diese unerwartete Anrede aus der Fassung gekommen, konnte ich nicht sogleich antworten. ‘Sind Sie aber dessen gewiß,’ sagte ich nach einer Pause, ‘daß Sie sich nicht in der Lage jener Sieger befinden, denen ihre Erfolge zu theuer zu stehen kamen? Wäre nicht vielleicht ein solcher Sieg Ihr Untergang?’ ‘Ich glaube nicht und wäre es auch der Fall, es hätte nichts zu sagen, denn ich werde wohl nie dazu kommen einen zweiten Sieg erkämpfen zu müssen. Der Ausgang des Kampfes ist entscheidend; meine Straße ist nun gesäubert und ich danke Gott dafür!’ Nach diesen Worten vertiefte er sich wieder in sein Buch und sein Stillschweigen. Als wir, nemlich Diana, Marie und ich, wieder ein geregeltes Leben angefangen und unsere Studien wieder aufgenommen hatten, blieb St. John mehr zu Hause und saß zuweilen ganze Stunden lang bei uns in derselben Stube. Während Mary zeichnete, Diana ihr encyclopädisches Studium, daß sie zu meiner groß en Verwunderung begonnen, verfolgte und ich mich mit einer Uebersetzung aus dem Deutschen plagte, überließ er sich seinem eigenthümlichen mystischen Gedankengange, oder er arbeitete in irgend einer asiatischen Sprache, deren Kenntniß ihm zur Erreichung seines Zweckes nothwendig schien. Auf diese Art in Anspruch genommen, ruhig und nachdenkend in seinem Winkel sitzend, mochte er einem oberflächlichen Beobachter unbeweglich wie eine steinerne Bildsäule erscheinen: allein sein blaues Auge pflegte auf eine ganz eigene Weise von dem Buche aufzusehen und den Blick herumschweifen zu lassen, bis er ihn endlich mit durchdringender Schärfe auf uns, seinen Gefährtinnen im Studium, haften ließ, aber sofort wieder wegwandte, sobald er sich bemerkt sah. Gern hätte ich gewußt, was dieser Blick bedeuten sollte, konnte mir ihn aber ebenso wenig erklären. als die sichtliche Befriedigung, die er bei meinen wöchentlichen Besuchen in der Mädchenschule von Morton an den Tag legte und die um so größer zu seyn schien, wenn das Wetter ungünstig war, wenn es recht schneite und stürmte. Baten mich dann die Schwestern zu Hause zu bleiben und meine Gesundheit zu schonen, pflegte er jedesmal ihrer Sorgfalt zu spotten und mich zu ermuthigen, mein Vorhaben, den Elementen zum Trotz, auszuführen. ‘Jane ist kein solcher Schwächling, wie Ihr glaubt,’ sagte er; ‘sie kann die scharfe Winterluft, einen Regenschauer oder ein paar Schneeflocken eben so gut ertragen wie wir. Ihre Körperbeschaffenheit ist zu gleicher Zeit gesund und elastisch und besser geeignet, klimatischen Einflüssen zu trotzen, als diejenige irgend einer bei weitem stärker gebauten Person.’ Und wenn ich ziemlich müde und nicht weniger erfroren oder durchnäßt zurück kam, wagte ich es nie, mich zu beklagen, weil ich bemerkt hatte, wie sehr ihn mein Murren verdroß. Seelenstärke gefiel ihm unter allen Umständen: das Gegentheil konnte er durchaus nicht vertragen. Eines Nachmittags jedoch erhielt ich die Erlaubniß, zu Hause bleiben zu dürfen, weil ich wirklich einen Schnupfen hatte. Die beiden Schwestern waren statt meiner nach Morton gegangen; ich las in einem Bande von Schiller's Werken, St. John entzifferte seine orientalischen Hieroglyphen. Beim Umschlagen eines Blattes sah ich zufällig nach ihm und bemerkte wie der Blick seines großen durchdringenden Auges beobachtend auf mir ruhte, so scharf, so durchbohrend, daß mich beinahe eine abergläubische Furcht überkam, als hätte ich mich mit einer gespenstischen Erscheinung allein in der Stube befunden. ‘Was machen Sie, Jane?’ ‘Ich lerne deutsch.’ ‘Es wäre mir lieber, Sie gäben das Deutsche auf und lernten hindostanisch.’ ‘Es ist doch nicht Ihr Ernst?’ ‘Mein voller Ernst, so zwar, daß ich davon unter keiner Bedingung ablasse. Ich will. Ihnen sagen warum.’ Er setzte mir darauf auseinander, das Hindostanische sey für jetzt der Gegenstand seines Studiums, er vergesse jedoch beinahe die Anfangsgründe, indem er weiter fortschreite und es sey ihm wünschenswerth und würde ihm eine große Erleichterung gewähren, irgend Jemand unterrichten und mit ihm wiederholt die Elemente der Sprache durchmachen zu können. Anfänglich habe er in seiner Wahl zwischen seinen Schwestern und mir geschwankt, sich aber endlich für mich entschieden, da er gesehen, ich halte am längsten bei einer Arbeit aus. ‘Wollen Sie mir den Gefallen erweisen, meine Schülerin zu werden?’ schloß er. ‘Ich werde Sie nicht zu lange plagen, da nur noch drei Monate bis zu meiner Abreise fehlen.’ St. John war nicht der Mann, dem man etwas leicht abschlagen konnte; man wußte, daß sich ein jeder, ob angenehmer ob unangenehmer Eindruck, seinem Geist tief einprägte. Ich willigte also ein. Als Diana mit Mary zurück kam, fand sie ihre vormalige Schülerin in den Händen ihres Bruders; sie lachte und sowohl sie, wie Mary gestanden offen, er hätte sie nie zu einem solchen Schritte bewegen können. ‘Ich wußte es,’ gab er ruhig zur Antwort. Ich fand an ihm einen geduldigen, nachsichtigen, andererseits aber auch anspruchsvollen Lehrer: er erwartete von mir, daß ich sehr viel leistete; entsprach ich jedoch diesen Erwartungen, dann unterließ er es auch nicht, mir seine Zufriedenheit auf seine Weise bekannt zu geben. Nach und nach erlangte er einen gewissen Einfluß auf meinen Geist, der mir alle Selbstständigkeit benahm: sein Lob und seine Beachtung hielten mich mehr in Schranken als seine Gleichgiltigkeit. Es war mir nicht mehr möglich, in seiner Gegenwart zu plaudern und zu lachen, weil mir ein gewisses drückendes Gefühl sagte, Munterkeit und Lebhaftigkeit kämen ihm, wenigstens an mir, albern und ekelhaft vor. So sehr war ich davon überzeugt, nur ein gesetztes Betragen und ernste Studien könnten ihm genügen, daß ein jeder Versuch, mich in seiner Gegenwart anders zu benehmen oder zu beschäftigen, erfolglos blieb. Ich lebte wie unter dem Einflusse eines Zauberbannes. Wenn er sagte: ‘gehen Sie,’ so ging ich; ‘kommen Sie,’ so kam ich; ‘thun Sie dies,’ so that ich es. Aber meine Sclaverei gefiel mir nicht: mehr als einmal sehnte ich mich darnach, er möchte sich gar nicht mehr um mich kümmern. Eines Abends als wir vor dem Schlafengehen um ihn herumstanden und ihm gute Nacht sagten, küßte er wie gewöhnlich seine Schwestern und drückte mir gleichfalls, nach seiner Gewohnheit, die Hand. Diana, die gerade guter Laune war, — auf ihr lastete sein eiserner Wille nicht, da sie ihm den ihrigen, wohl ebenso unbeugsamen, entgegen setzen konnte — rief plötzlich aus: ‘St. John, Du pflegtest Jane deine dritte Schwester zu nennen, aber Du behandelst sie nicht als eine solche: Du solltest ihr doch auch einen Kuß geben.’ Sie schob mich zu ihm hin. Ich ärgerte mich nicht wenig über Diana und war in keiner geringen Verlegenheit. Während ich noch über diesen unzeitigen Scherz hin und her dachte, bog sich St. John zu mir herab, sah mich mit einem durchdringenden Blicke an und — küßte mich. Es gibt wohl weder Küsse von Marmor, noch von Eis, fast würde ich behaupten, die Liebkosung meines geistlichen Vetters habe zu einer dieser beiden Classen gehört; aber es mag Untersuchungsküsse geben, und ein solcher war der seinige jedenfalls. Denn als er mir denselben beigebracht hatte, musterte er mich, gleichsam um den Erfolg kennen zu lernen, der indessen kein besonders sichtbarer gewesen seyn mag. Wenigstens weiß ich so viel, daß ich nicht erröthete und eher etwas erblaßte, da mir dieser Kuß wie die Besieglung meiner Sclavenbande vorkam. Von diesem Tage an wiederholte er diese Ceremonie jeden Abend und der Ernst und die Ruhe, mit der ich dieselbe über mich ergehen ließ, schienen ihm besondere Freude zu machen. Was mich anbelangte, so wünschte ich von Tag zu Tag immer mehr, ihm Alles zu Gefallen zu thun, fühlte aber gleichzeitig recht gut, daß ich zu diesem Behufe zum großen Theile meine Natur verläugnen, meine Anlagen zur Hälfte unterdrücken, meinen Neigungen sehr oft eine entgegengesetzte Richtung geben mußte, um mich zu Arbeiten, zu einer Thätigkeit zu zwingen, zu denen ich keinen Beruf in mir fühlte. Er wollte mich zu einer geistigen Höhe emporziehen, die ich nie erreichen konnte, und umsonst mühte ich mich ab, dem von ihm aufgestellten Muster nachzukommen. Die Sache war eine eben so unmögliche, als wenn er es unternommen hätte, meine unregelmäßigen Gesichtszüge nach seinem classischen Profil umzumodeln und meinen grünen Augen das Ultramarinblau und den ernsten Glanz der seinigen zu verleihen. Aber nicht sein Einfluß allein drückte mich zu jener Zeit nieder und es war mir leicht genug gewesen, ernst auszusehen: ein nagender Kummer, ein fressender Krebsschaden saß mir im Herzen und verzehrte mein Glück, meine Zufriedenheit im Keime. Der Leser denkt vielleicht, ich habe bei all' den Orts- und Glücksveränderungen Mr. Rochester ganz und gar vergessen. Keineswegs. Sein Bild war keinen Augenblick von mir gewichen, denn es war kein Uebelgebilde, das der Sonnenschein zerstören, noch ein in Sand gegrabenes Erinnerungsteichen, das der Wind verwehen konnte. Wie in Erz war sein Name in die Gedächtnißtafel meines Herzens eingegraben und die Inschrift mußte wohl eben so lange bleiben, als das letztere zu schlagen anhielt. Die Sehnsucht, sein Schicksal zu wissen, verfolgte mich überall; als ich noch in Morton Schule hielt, quälte ich mich jede Naht mit diesem Gedanken, nun ich im Moorhause wohnte, ließ mich derselbe eben so wenig schlafen. Im Verlaufe meiner nothwendigen Correspondenz mit Mr. Briggs stellte ich an ihn die Anfrage, ob er etwas von Mr. Rochester's gegenwärtigem Aufenthalte und von seinem Befinden wisse; allein wie es St. John richtig vermuthet hatte, konnte er mir in dieser Hinsicht nicht das Geringste mittheilen. Ich schrieb darauf an Mrs. Fairfax und bat sie um Nachricht über ihren Herrn. Mit Sicherheit hatte ich darauf gerechnet, eine baldige Antwort zu erhalten; ich war daher nicht wenig erstaunt, als vierzehn Tage vorübergingen und kein Brief ankam, und als endlich nach zwei vollen Monaten Mrs. Fairfax noch nichts von sich hören ließ, erreichte meine Angst den Gipfelpunkt. Ich schrieb noch einmal, denn es konnte ja möglicherweise mein erster Brief in Verlust gerathen seyn. Neue Hoffnungen folgten dieser neuerlichen Bemühung, die wie beim ersten Male einige Wochen anhielten und dann. nachdem ein halbes Jahr ohne irgend eine Nachricht verflossen war, gänzlich erstarben. Ich fühlte, daß es nun mit meinem Hoffen und Harren vorbei sey. Ein herrlicher Frühling war ins Land hernieder gestiegen, allein ich konnte mich seiner Genüsse nicht erfreuen. Der Sommer kam; Diana versuchte es mich aufzuheitern und meinte, ich solle mit ihr in ein Seebad reisen, da ich so krank aussehe. Aber St. John widersetzte sich diesem Vorhaben; er behauptete, ich sey nicht krank: es fehle mir nur an einer ordentlichen Beschäftigung und mein Leben sey zu zwecklos. Wahrscheinlich um allen diesen Mängeln abzuhelfen, verlängerte er meine Lectionen im Hindostasischen und strengte mich noch mehr an, und ich war thöricht genug, nie an einen Widerstand zu denken, vielleicht darum, weil ich ihm nicht widerstehen konnte. Eines Tages kam ich weit trüber als gewöhnlich gestimmt in die Lehrstunde. Eine bitter empfundene Täuschung war die Ursache dieses Seelenzustandes. Hannah hatte mir gesagt, es sey ein Brief für mich angelangt; und als ich hinunterkam, ihn in Empfang zu nehmen, fand ich, daß es ein unbedeutendes Geschäftsschreibenden Mr. Briggs sey, Einige Thränen waren mir über meine so schmerzlich getäuschten Hoffnungen in die Augen getreten und während ich über den seltsam gestalteten Buchstaben einer indischen Schrift brütete, wurden meine Augen abermals naß. St. John rief mich zu sich, um ihm vorzulesen; meine Stimme zitterte, als ich sein Begehren erfüllte, und mein Schluchzen erstickte ganze Worte. Wir waren allein im Sprachzimmer. Diana musicirte im Sitzzimmer, Mary arbeitete in ihrem kleinen Gärtchen, denn es war ein wunderherrlicher warmer Maitag. Mein Lehrer bezeigte durchaus keine Verwunderung über meine Aufregung und erkundigte sich auch nicht um ihre Ursache. ‘Wir wollen eine Weile warten, Jane, bis Sie sich wieder gefaßt haben,’ war Alles was er sagte. Und während ich meine Bewegung mit aller Gewalt zu unterdrücken suchte, saß er kalt und ruhig da, wie ein Arzt, der im Interesse der Wissenschaft die längst erwartete Krisis einer Krankheit beobachtet. Nachdem ich mir die Augen getrocknet, mein Schluchzen zur Ruhe gebracht und leise vor mich hin geflüstert hatte, ich sey diesen Morgen nicht ganz wohl, machte ich mich wieder an meine Arbeit und kam glücklich damit zu Stande. St. John legte die Bücher bei Seite, schlug sein Pult zu und sagte: ‘Nun wollen wir spaziren gehen, Jane.’ ‘Ich will sogleich Diana und Mary rufen.’ ‘Lassen Sie das. Ich bedarf heute nur einer Begleiterin und das sollen Sie seyn. Ziehen Sie sich an, gehen Sie durch die Küche hinaus und schlagen Sie den Weg nach dem Moorthale ein, ich bin in einem Augenblicke bei Ihnen. Ich kenne keine Mittelstraße und kannte in meinem ganzen Leben keine, sobald ich es mit positiven, hartnäckigen, mir ganz entgegengesetzten Charakteren zu thun hatte: entweder ich lehnte mich auf, oder ich gehorchte unbedingt. Das letztere that ich stets auf das Getreulichste bis zu dem Augenblicke, wo ich mit nahezu vulkanischer Heftigkeit die Fahne des Aufruhrs aufpflanzte, und da ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen weder Ursache noch Lust hatte zu revoltiren, so befolgte ich St. John's Weisungen ohne Widerrede, und ging zehn Minuten später an seiner Seite den Thalweg entlang. Ein lauer Westwind wehte von den Hügeln und brachte den Duft des Farrenkrautes mit herüber; ein blauer, wolkenloser Himmel wölbte sich über uns, die Sonne erglänzte: in goldener Pracht und als wir den Fußweg verließen und den Rasen betraten, schimmerte uns der Farbenschmelz unzähliger zarter Blumen entgegen. ‘Hier wollen wir ausruhen,’ sagte St. John, als wir einen Felsen, den Vorposten einer ganzen Reihe, erreicht hatten, die eine Art Engpaß zu bewachen schienen. Ich setzte mich; St. John blieb vor mir stehen und ließ seine Blicke über die Landschaft schweifen. Dann nahm er den Hut ab, daß ihm der laue Windhauch Stirne und Wangen küßte, und schien mit dem Schutzgeiste der Gegend zu verkehren, der letzteren mit den Augen Lebewohl zu sagen. ‘Ich werde dich wiedersehen,’ sagte er mit lauter Stimme, ‘wiedersehen in meinen Träumen, wenn ich am Ganges schlafe; und auch später noch, wenn mir dereinst der lange Schlummer die Augen zudrückt und ich am Ufer eines noch düsteren Stromes ruhe.’ Sonderbarer Ausdruck einer sonderbaren Zuneigung! Eines rauhen Patrioten Liebe für sein Vaterland! Er setzte sich, und durch eine halbe Stunde sprach Keines von uns Beiden ein Wort. ‘Jane,’ hob er wieder an, ‘ich reise in sechs Wochen ab. Ich habe mir schon einen Platz am Bord eines Ostindienfahrers gemiethet, der am zwanzigsten Juni absegelt.’ ‘Gott wird Sie schützen, denn Sie unternehmen die Verherrlichung seines Werkes,’ versetzte ich. ‘Wohl,’ sagte er, ‘und eben das macht meinen Stolz und meine Freude aus. Nicht unter menschlicher Anführung, unabhängig von den Vorschriften und der Gewalt meiner gebrechlichen Mitwürmer gehe ich hinaus, denn mein Anführer ist der Allmächtige, der Unendliche. Es kömmt mir sonderbar vor, daß meine Nächsten nicht vor Begierde brennen, sich unter die gleiche Fahne einreihen zu lassen, am gleichen Unternehmen theilzunehmen.’ ‘Nicht Alle besitzen Ihre Kraft und es wäre Wahnsinn, wollte sich der Schwache anmaßen, mit dem Starken gleichen Schritt zu halten!’ ‘Ich spreche nicht von den Schwachen und denke nicht an sie; ich wende mich nur an diejenigen, die des großen Werkes würdig und im Stande sind, es zu vollführen.’ ‘Ihre Zahl wird gering und sie selbst schwer zu finden seyn.’ ‘Sie sprechen wahr: aber hat man sie einmal gefunden, so hat man auch das Recht, sie aufzurufen, sie zur Thätigkeit zu ermahnen, ihnen zu beweisen, welche Gaben sie besitzen und die Botschaft des Himmels zu verkünden, damit sie einen Platz in der Reihe seiner Auserwählten annehmen.’ ‘Wenn Sie sich der Aufgabe wirklich gewachsen fühlen, wird da nicht die Stimme Ihres eigenen Herzens zuerst zu Ihnen sprechen?’ Es war mir als ob mich irgend ein unsichtbarer Zauber immer fester und fester umstrickte und fast fürchtete ich das fatale Wort zu vernehmen. das mich mit einem Male verwünschte. ‘Und was sagt Ihr Herz?’ frug St. John. ‘Mein Herz ist stumm, ganz stumm,’ rief ich voll Schrecken aus. ‘Dann muß ich an seiner Stelle sprechen,’ fuhr er mit tiefer Stimme unnachsichtlich fort. ‘Kommen Sie mit mir nach Indien, Jane, werden Sie meine Gefährtin und Mitarbeiterin.’ Das Thal und das Firmament schienen zusammenzufallen, die Berge zu wanken! Es war als ob mich der Himmel gerufen, als ob einer seiner unsichtbaren Sendlinge, gleich dem Macedonier, zu mir gesprochen hätte: ‘Komm herüber und hilf uns!’ Aber ich war kein Apostel — ich konnte den Herold nicht sehen — seine Botschaft nicht annehmen. ‘Oh, St. John,’ bat ich, ‘seyen Sie barmherzig!’ Aber ich wandte mich an einen Mann, der in der Erfüllung dessen, was er für seine Pflicht hielt, weder Barmherzigkeit noch Mitleid kannte. ‘Gott und die Natur,’ fuhr er fort, ‘bestimmten Sie zum Weibe eines Missionärs. Sie gaben Ihnen keine persönlichen, sondern geistige Vorzüge und Sie sind somit zur Arbeit und nicht zur Liebe geschaffen. Das Weib eines Missionärs müssen -- sollen Sie werden. Ich muß Sie besitzen, ich beanspruche Sie, nicht der eitlen Lust wegen. sondern zum Dienste meines Herrn und Königs.’ ‘Ich tauge nicht dazu, ich fühle keinen Beruf in mir,’ wandte ich ein. Er war auf meinen Widerspruch vorbereitet und ließ sich durch denselben nicht irre machen. Sich mit dem Rücken an den Felsen lehnend, seine Arme kreuzend und das Gesicht in ernste Falten legend, sah er aus wie Einer, der auf ein heftiges Widerstreben gefaßt und mit einem hinreichenden Vorrathe von Geduld versehen ist, fest entschlossen, den Sieg um jeden Preis zu erkämpfen. ‘Demuth ist der Grundpfeiler des Christenthums,’ sagte er, ‘und Sie haben Recht, wenn Sie behaupten, Sie seyen zu dem Werke nicht tauglich. und wer ist es auch überhaupt? Oder wer, der da berufen wurde, hielt sich für würdig dem Rufe zu folgen? Ich zum Beispiel bin nichts als Staub und Asche. Mit St. Paul erkläre ich mich den ersten der Sünder, aber ich lasse mich durch dieses Gefühl der eigenen Unwürdigkeit nicht niederdrücken. Ich kenne meinen Lenker, ich weiß, daß er ebenso gerecht als mächtig ist und da er zur Vollführung seines Werkes ein so schwaches Werkzeug auserkor, so wirr er demselben auch die nöthigen Mittel an die Hand geben, es endlich zu vollführen. Denken Sie wie ich. hoffen, vertrauen Sie gleich mir. Auf den Herrn der Heerschaaren mögen Sie sich stützen und keinen Augenblick zweifeln, daß er die Last Ihrer menschlichen Schwachheiten erleichtern wird.’ ‘Ich verstehe nichts von dem Leben und Wirken eines Missionärs, da ich nie die nöthigen Vorbereitungsstudien gemacht habe.’ ‘Darin kann ich Sie, so geringfügig ich auch bin, hinreichend unterstützen. Ich kann Ihnen Ihre Arbeit Stunde für Stunde vorzeichnen, Ihnen zur Seite stehen. Ihnen helfen. Soviel genügt für den Anfang und bald werden Sie ich kenne Ihre geistigen Anlagen — so stark, so fähig wie ich seyn und meiner Hilfe nicht weiter bedürfen.’ ‘Doch wo habe ich die nöthige Kraft zu dem Unternehmen? Ich verspüre nichts davon in mir. Nichts wird in meinem Adern laut, nichts regt sich, indem Sie zu mir sprechen. Kein Licht hat sich entzündet, keine Stimme spricht zu mir, um mir zu rathen, mich aufzumuntern. O, ich wollte, Sie könnten in das Innere meiner Seele blicken, das in diesem Augenblicke einem finstern Kerker gleicht, von nichts als von der Furcht bewohnt, ich könne mich von Ihnen bereden lassen, etwas zu unternehmen, was ich nicht auszuführen vermag.’ ‘Darauf kann ich Ihnen ganz gut antworten — hören Sie mich an. Ich habe Sie beobachtet, seitdem ich Sie kenne; Sie waren durch zehn Monate der Gegenstand meines Studiums. Ich habe Sie während dieser Zeit einigemal auf die Probe gestellt und was war das Ergebniß meiner Beobachtungen? In der Dorfschule benahmen Sie sich musterhaft, waren pünktlich, gerecht. vollbrachten Arbeiten, die Ihren Gewohnheiten und Neigungen nicht im Mindesten entsprachen; bei allem dem zeigten Sie bedeutende Fähigkeiten und einen gewissen Tact; trotz aller Strenge wußten Sie sich die Herzen Ihrer Schülerinnen zu gewinnen. Die Ruhe, mit der Sie die Nachricht Ihres plötzlichen Reichthums vernahmen, ließ mich erkennen, daß Ihnen Gewinnsucht fremd sey; die entschlossene Schnelligkeit, mit welcher Sie das ererbte Vermögen sofort in vier gleiche Theile theilten und drei Theile davon Ihrem Zartsinne folgend an Ihre Anverwandten verschenkten, zeigte mir die Opferfreudigkeit Ihrer Seele im schönsten Lichte. Die Lenksamkeit, die Sie ein Lieblingsstudium aufgeben ließ , um ein anderes zu beginnen, weil es mich interessirte, der unermüdliche Fleiß, den Sie seitdem bei eben diesem Studium an den Tag legten, die ungewöhnliche Kraftfülle, mit der Sie alle Schwierigkeiten überwältigten — das Alles lieferte mir den deutlichsten Beweis, daß sich alle von mir längst gesuchten Eigenschaften bei Ihnen vereint vorfanden. Sie sind gelehrig, fleißig, uneigennützig, treu, beständig und muthig, sanft und dabei doch Heldenmüthig; hören Sie also auf, sich zu mißtrauen, da ich in Sie und Ihre Fähigkeit ein unbedingtes Vertrauen setze. Als Oberleiterin indischer Schulen und als Mitarbeiterin unter den Indierinnen wird mir Ihr Beistand unschätzbar seyn.’ Die Fesseln schlangen sich immer enger um mich; die Ueberredung näherte sich langsamen aber sicheren Schrittes. Mochte ich auch meine Augen schließen, seine letzten Worte zeigten mir den Weg, den ich zu gehen hatte. Mein Antheil an dem Werke, der mir so unbestimmt, so gehaltlos erschienen war, nahm unter seiner bildenden Hand eine bestimmte Gestalt an. Er wartete auf eine Antwort Ich bat mir eine Viertelstunde Bedenkzeit aus. ‘Sehr gern,’ versetzte er, stand auf, ging einige Schritte abseits, warf sich auf den schwellenden Rasen nieder und blieb ruhig liegen. ‘Ich kann das vollbringen, was er von mir verlangt,’ dachte ich bei mir, vorausgesetzt jedoch, daß ich am Leben bleibe. Aber mein Körper, ich fühle es, ist nicht im Stande, den Einflüssen des tropischen Klima's lange zu widerstehen. — Was dann? Er kümmert sich wenig darum und käme meine letzte Stunde, er würde mich in aller Heiterkeit meinem Schöpfer empfehlen. Ich sehe den Fall ganz deutlich vor mir. Wenn ich England verlasse, gehe ich aus einem mir theuren Lande, das aber, seit sich Mr. Rochester nicht mehr darin befindet, für mich keine Anziehungskraft mehr besitzt. Aber selbst wenn dies der Fall wäre, was habe ich weiter mit ihm zu schaffen, in welches Verhältniß kann ich noch ferner zu ihm treten? Ich muß also jedenfalls — wie dies einst St. John behauptete — ein anderes Interesse an die Stelle des verlorenen setzen, und ist nicht die Beschäftigung, die er mir anbietet, die ruhmvollste, herrlichste, die Gott einer Sterblichen zuweisen kann? Ist sie nicht mehr als eine jede andere im Stande, die Lehre, welche gebrochene Liebe und vernichtete Hoffnungen zurückließen, auszufüllen? Ich glaube, ich muß ja sagen — und doch schaudere ich zurück! Wenn ich St. John folge, gebe ich meine Persönlichkeit zur Hälfte auf, wenn ich nach Indien gehe, gehe ich einem frühzeitigen Tode entgegen. Und welche Ereignisse werden die Zwischenzeit meiner Reise von hier nach Indien und von Indien ins Grab bezeichnen? Oh, auch das ist mir klar. Wenn ich mich auf's Aeußerste anstrenge, um St. John zufrieden zu stellen, wird es mir auch gelingen. Wenn ich mit ihm gehe, wenn ich ihm dies Opfer bringe, so thue ich es in der umfassendsten Bedeutung des Wortes und lege Alles, mein Herz, mein ganzes Leben auf den Altar. Er wird mich nie lieben, aber er wird mich achten und ich werde ihm Kraftäußerungen. Eigenschaften und Fähigkeiten vor Augen führen, von denen er sich nichts träumen läßt. Wohl! ich kann ebenso tüchtig, eben so unverdrossen arbeiten, wie er. ‘Es ist also möglich, daß ich ihm willfahre, wäre nur eine einzige, aber schreckliche Bedingung nicht. Er will, ich soll ihn heirathen und hat ebensowenig Liebe für mich, als jener riesige Felsblock dort in der Thalschlucht, an dem sich der schäumende Gießbach bricht. Er schätzt mich, wie etwa ein Soldat eine gute Waffe schätzt, aber das ist auch Alles. Wenn ich mit ihm nicht vermält bin, mache ich mir nichts daraus; allein darf ich ihn seine Berechnungen zu Ende führen. seine Pläne kaltblütig ins Werk setzen und mit der Trauungsfeierlichkeit beschließen lassen? Kann ich von ihm den Trauring annehmen, zusehen, wie er alle Aeußerlichkeiten eines Bündnisses der Liebe und Zuneigung genau beobachtet, und das Bewußtseyn ertragen, daß sein Herz nichts dabei zu thun hat? Nein! Die Marter wäre gräßlich, ich kann sie nicht über mich ergehen lassen. Als eine Schwester will ich ihm folgen, aber nicht als sein Weib. Er soll es wissen.’ Ich sah nach dem Rasen. Dort lag er- regungslos wie eine umgestürzte Bildsäule, sein Gesicht gegen mich gewendet, mich mit leuchtenden, durchdringenden Blicken beobachtend. Er sprang auf und näherte sich mir. ‘Ich bin bereit mit Ihnen nach Indien zu gehen, wenn ich frei bleiben kann.’ ‘Ihre Antwort bedarf einer Erklärung,’ bemerkte er: ‘sie ist nicht deutlich genug.’ ‘Sie waren bis jetzt mein angenommener Bruder, ich Ihre angenommene Schwester; wir wollen es auch fernerhin bleiben und das Heirathen ganz außer dem Spiele lassen.’ Er schüttelte den Kopf. ‘Da wirr es in dem vorliegenden Falle nicht gut thun. Wären Sie meine leibliche Schwester, dann möchte es gehen: ich nähme Sie mit und suchte mir weiter kein Weib. Allein wie die Sachen stehen, muß unsere Verbindung entweder durch die Ehe geweiht, besiegelt werden, oder sie ist ganz und gar unmöglich, da sich praktische Schwierigkeiten einem jeden andern Plane entgegenstellen. Begreifen Sie das, Jane? denken Sie einen Augenblick nach — Ihr heller Verstand wird Sie erleuchten.’ Ich dachte nach, aber mein Verstand wies immer wieder darauf hin, daß wir für einander nicht diejenige Liebe fühlten, die Mann und Weib verbinden soll. ‘St. John,’ erwiederte ich, ‘ich sehe Sie als meinen Bruder, Sie mich als Ihre Schwester an und dabei soll es auch sein Bewenden haben.’ ‘Unmöglich, unmöglich!’ rief er mit scharfer bestimmter Betonung aus. ‘Sie sagten, Sie wollten mich nach Indien begleiten, vergessen Sie nicht darauf.’ ‘Ich stellte eine Bedingung.’ ‘Wohl, wohl! Gegen den Hauptpunkt, mich zu begleiten und meine Arbeiten zu theilen, haben Sie somit nichts einzuwenden. Sie haben also Ihre Hand schon so gut wie an den Pflug gelegt und Sie sind zu beständig, um sie wieder zurückzuziehen. Sie müssen nur den Einen Punkt vor Augen haben, wie das große Werk, das Sie unternommen, am leichtesten vollendet werden kann. Vereinfachen Sie Ihre widerstrebenden Interessen, Gefühle, Gedanken, dem Einen Zwecke untergehen: die Sendung Ihres Meisters mit Kraft, mit Erfolg zu vollbringen. Dazu bedürfen Wünsche und Pläne, lassen Sie alle Ihre Rücksichten in Sie eines Gehilfen — nicht eines Bruders, das Band ist zu locker — sondern eines Gatten. Auch mir genügt eine Schwester nicht, die mir jeden Tag genommen wenden kann: ich muß ein Weib haben, die einzige Gehilfin, über die ich unbeschränkt verfügen, die ich bis zum Tode behalten kann.’ Ich schauderte bei seinen Worten und das Blut erstarrte mir in den Adern. Ich fühlte ordentlich, wie er mich fester, immer fester packte. ‘Suchen Sie sich eine andere Gefährtin, St. John, eine andere, die besser für Sie paßt!’ ‘Sie meinen eine solche, die zu meinen Plänen taugt, denn ich sage Ihnen noch einmal, daß es mir auf das einfache Individuum nicht ankömmt, daß ich nur eine Gefährtin und Mitarbeiterin für meinen Missionsberuf suche.’ ‘Und zu diesem Zwecke will ich Ihnen alle meine Kräfte zu Gebote stellen, nur mich selbst nicht, und mehr brauchen Sie ja nicht. Alles Andere wäre eben nur die Schale oder die Hülse des Kernes, die Ihnen zu nichts frommt und die ich daher für mich behalte.’ ‘Das können, das dürfen Sie nicht thun. Glauben Sie wohl, Gott werde sich mit einem halben Opfer begnügen? und in seinem Namen spreche ich zu Ihnen, in seinem Namen werbe ich Sie an. Als sein Stellvertreter darf ich diese Theilung, diesen Vorbehalt nicht gestatten und nehme Sie ganz in Anspruch.’ ‘Wohl! Ich will mein Herz Gott zum Opfer bringen,’ sagte ich, ‘denn Sie bedürfen dessen doch nicht.’ Ich weiß nicht, wieviel halbunterdrückte Ironie sowohl in dem Tone, als in den Worten lag, die ich soeben ausgesprochen. Ich hatte bis nun St. John im Stillen gefürchtet, weil ich ihn nicht begriff. Wie weit bei ihm der Mensch ging — wo der Heilige anfing, ich kennte es nicht sagen allein in der gegenwärtigen Unterredung gab er sich mir zu erkennen und die Analyse seines Gemüthes ging unter meinen Augen vor sich. Ich erkannte seine Schwäche und fand sie erklärlich. Ich kam zu der Erkenntniß, daß ich einen Sterblichen vor mir hatte, der gleich mir mit Fehlern behaftet war. Seine Härte, sein Despotismus erschienen mir in ihrer ursprünglichen Nacktheit und brachten mich zum Bewußtsein seiner Unvollkommenheit. Der Gedanke an die letzteren flößte mir Muth ein: ich sah, daß ich es mit meines Gleichen zu thun hatte, daß ich ihn mit Gründen bekämpfen, mich ihm widersetzen konnte. Meine letzte Rede hatte ihm anscheinend den Mund verschlossen. Ich wagte es nach ihm zu sehen; er maß mich mit einem Blicke, der zu sagen schien: ‘Ist sie wirklich sarkastisch und ist sie es gegen mich? Was soll das bedeuten?’ ‘Wir wollen nicht vergessen, daß diese Angelegenheit eine feierliche, ernste ist,’ hob er nach einer Weile wieder an, ‘eine solche, über die m an nicht scherzen darf, ohne sich einer Sünde schuldig zu machen. Ich hoffe, es ist Ihr voller Ernst, Jane. wenn Sie sagen, daß Sie Ihr Herz Gott zum Opfer bringen wollen, und das genügt mir vollkommen. Haben Sie sich nur erst von allem Irdischen losgemacht und Ihrem Schöpfer zugewendet, dann wirr es von selbst Ihre größte Freude und liebste Beschäftigung seyn, an der Erweiterung des geistigen Reiches Ihres Meisters zu arbeiten und Sie werden gerne nach Allem greifen, was diesen Zweck zu fördern vermag. Sie werden einsehen, welchen Aufschwung unsere Bemühungen durch die Vereinigung unserer physischen und geistigen Kräfte in der Ehe erlangen müssen und sich über alle jene kleinlichen aus übertriebener Empfindsamkeit und alltäglichen Lebensansichten entspringenden Bedenklichkeiten über den Grad, die Gattung, die Stärke wechselseitiger Zuneigung leicht hinwegsetzen.’ ‘Glauben Sie das?’ lautete meine kurze Erwiederung, und ich sah nach seinem schönen, aber durch seine Strenge und Härte abstoßenden Gesichte, nach seiner gebietenden, aber keineswegs offenen Stirne, nach seinen klaren, durch dringenden, nichts weniger als sanften Augen, nach seiner schlanken, hohen Gestalt, und dachte mich als sein Weib. Oh, es wan unmöglich Seine Begleiterin, feine Gesellschafterin, seine Helferin, das Alles wollte ich von ganzem Herzen vorstellen, mit ihm den Ocean durchschiffen, Wüsten durchschreiten, unter der glühenden Sonne des Orients arbeiten, mich seinem Willen fügen, über seinen Ehrgeiz lächeln, den Christen vom Menschen unterscheiden und den ersteren achten, während ich dem letzteren vergab. Ohne Zweifel warteten meiner die größten Leiden, mein Körper kam unter ein hartes Joch, aber mein Herz und mein Geist blieben frei, und ich hatte mir mein besseres Selbst gerettet, mit dem ich dann ungestört in der Einsamkeit verkehren, in dem ich Gefühle bewahren konnte, auf die sich seine Strenge nicht erstreckte, die er nicht zu zertreten im Stande war. Allein als sein Weih immer und ewig um ihn zu seyn, mich ohne Unterlaß zu beherrschen und meine Natur im Zaume zu halten, mein inneres Feuer zu unterdrücken, bis es ein Stück meines innern Lebens nach dem andern verzehrte — das zu ertragen war für mich eine reine Unmöglichkeit. ’St. John!’ rief ich aus, als ich in meinen Betrachtungen bei diesem Punkte angelangt war. ‘Nun?’ frug er mit eisiger Kälte. ‘Ich wiederhole es noch einmal, ich bin gesonnen, Sie von freien Stücken auf Ihrer Missionsreise zu begleiten und Ihr Werk nach Kräften zu fördern, aber nicht als Ihre Gattin, denn ich kann Sie nicht heirathen, nicht Ihre andere Hälfte werden.’ ‘Und Sie müssen meine eheliche Hälfte werden,’ versetzte er hartnäckig, ‘sonst ist der ganze Vertrag null und nichtig. Wie kann ich, ein Mann von nicht ganz dreißig Jahren, ein Mädchen von neunzehn, das nicht mit mir getraut ist, mit nach Ostindien nehmen? Wie können wir zusammen in Einöden, unter wilden Stämmen leben, ohne vermält zu seyn?’ ‘Ganz gut,’ sagte ich kurz abgebrochen, ‘eben so gut, als wäre ich Ihre wirkliche Schwester, oder gleich Ihnen ein Mann und ein Geistlicher.’ ‘Es ist bekannt, daß Sie nicht meine Schwester sind, ich kann Sie nirgends dafür ausgeben, und würde ich es auch versuchen, so wären wir doch Beide dem kränkendsten Verdachte ausgesetzt. Uebrigens haben Sie wohl den kräftigen Geist eines Mannes, aber auch das gefühlvolle Herz eines Weibes und — dies Verhältniß würde nicht gut thun.’ ‘Es würde ganz gut thun,’ versetzte ich mit einigem Unwillen, ‘vollkommen gut. Ich besitze das Herz eines Weibes, aber nicht für Sie; Ihnen weihe ich blos die Anhänglichkeit, die Treue, die Brüderlichkeit eines Kriegsgefährten, wenn es Ihnen recht ist, vielleicht auch die Unterwürfigkeit eines Neubekehrten für seinen Hierophanten, nichts mehr und nichts weniger, und Ihre Befürchtungen sind ganz überflüssig.’ ‘So will ich es auch haben,’ sagte er, anscheinend zu sich selbst sprechend, ‘gerade so will ich es haben.’ Und liegen Hindernisse im Wege, so müssen sie hinweggeräumt werden. Sie sollen keine Ursachen haben es zu bereuen, daß Sie mich geheirathet haben, verlassen Sie sich darauf, und Sie müssen mich heirathen, das ist klar. ‘Ich wiederhole es Ihnen, es gibt keinen andern Ausweg und ohne Zweifel wirr der Heirath ein hinreichender Vorrath von Liebe folgen, der eine solche Verbindung auch in Ihren Augen rechtfertigen wird.’ ‘Ich verachte Ihre Ansichten von der Liebe,’ rief ich, ‘meiner Gefühle nicht mehr mächtig, aus, während ich mich erhob und vor ihn hinstellte. ‘Ich verachte das erheuchelte Gefühl, das Sie mir anbieten, und ich verachte Sie, wenn Sie es thun.’ Er blickte mich starr an und biß sich in die Lippen. Ob er wüthend oder erstaunt war, konnte ich nicht leicht unterscheiden, da er seine Gesichtszüge zu sehr in seiner Gewalt hatte. ‘Ich war wirklich nicht darauf gefaßt, einen solchen Ausdruck von Ihnen zu vernehmen,’ sagte er, ‘und ich glaube kaum, etwas gethan oder gesagt zu haben, was Ihre Verachtung verdient.’ Sein sanfter Ton rührte mich, die ruhige Hoheit seines Wesens zwang mir Achtung ab. ‘Vergeben Sie mir meine Werte, St. John, allein es ist Ihre eigene Schuld, daß ich mich so weit vergaß. Sie haben einen Gegenstand zur Sprache gebracht, über den wir ganz verschiedener Ansicht sind, und den wir füglich nie berühren sollten. Selbst das Wort Liebe ist bei uns ein Apfel der Zwietracht, was wäre es erst mit dem Gefühle selbst? Geben Sie Ihre Heirathsgedanken auf, mein theurer Vetter, und denken Sie nicht weiter daran.’ ‘Durchaus nicht,’ sagte er; ‘es ist ein langgehegter Plan und der einzige, der mich meinem erhabenen Ziele zuführen kann, aber ich will Sie für diesen Augenblick wenigstens nicht weiter damit belästigen. Morgen gehe ich nach Cambridge; ich habe dort so manche Freunde, denen ich noch gerne Lebewohl sagen möchte. Meine Abwesenheit wird etwa vierzehn Tage währen; benützen Sie diese Zeit, meinen Antrag in Erwägung zu ziehen und vergessen Sie nicht, daß Sie, wenn Sie ihn zurückweisen, nicht wider mich, sondern wider Gott selbst sind. Er weiset Ihnen durch mich eine herrliche Laufbahn an aber ja nur als mein Weib können Sie dieselbe betreten. Weigern Sie sich meine Gattin zu werden und Sie beschränken sich für ewige Zeiten auf ein Alltagsleben voll selbstsüchtiger Bequemlichkeit und ruhmloser Dunkelheit. Zittern Sie vor der Möglichkeit, denjenigen beigezählt zu werden, die ihrem Glauben untreu geworden und schlimmer sind als die Ungläubigen selbst.’ Er hatte ausgesprochen. Sich von mir abwendend, sah er noch einmal nach Strom und Hügel, barg aber diesmal alle seine Gefühle in seiner Brust: ich war nicht würdig ihre laute Mittheilung zu empfangen. Als ich an seiner Seite heimwärts ging. entnahm ich aus seinem ehernen Stillschweigen Alles was er gegen mich fühlte: den Unmuth einer starren despotischen Natur, die auf Widerstand gestoßen war wo sie Unterwürfigkeit zu finden hoffte, — die Mißbilligung eines kalten, unbeugsamen Verstandesmenschen, der bei seinem Nächsten Gefühle und Ansichten entdeckt hatte, die er nicht theilen konnte. Als Mann wäre es sein Wunsch gewesen, mich zum Gehorsam zu zwingen, allein als guter Christ trug er meine Verruchtheit in Geduld und wies mir einen so langen Zeitraum zur Reue und Besserung an. Am selben Abend unterließ er es sogar mir auch nur die Hand zu drücken, nachdem er seine Schwestern geküßt hatte, und ging stillschweigend zur Stube hinaus. Wenn ich keine Liebe für ihn fühlte, so war ich ihm doch so freundschaftlich zugethan, daß mich diese Zurücksetzung verletzte und mir Thränen in die Augen traten. ‘Ich sehe es, Ihr habt mit einander gestritten,’ sagte Diana; ‘wahrscheinlich während eures Spazirganges in Moore. Gehen Sie ihm nach, Jane, er wartet auf Sie im Vorzimmer — er will wieder gut werden.’ Ich pflege bei solchen Gelegenheiten keinen unzeitigen Stolz zu zeigen. und ich ziehe es vor mit allen Menschen in Freundschaft zu leben, als darnach zu sehen, ob ich mir nichts vergebe. Ich lief ihm also nach — er stand am Fuße der Treppe. ‘Gute Nacht, St. John,’ sagte ich. ‘Gute Nacht, Jane,’ erwiederte er ganz ruhig. Reichen Sie mir Ihre Hand,’ setzte ich hinzu. Wie kalt, wie leise berührte er meine Finger! Der Vorfall des Tages hatte ihn tief verletzt, weder meine Herzlichkeit noch meine Thränen vermochten ihn zu rühren. Eine Versöhnung — ein freundliches Lächeln, ein Wort der Vergebung — das Alles war von ihm nicht zu erwarten, wiewohl er als Christ noch immer Sanftmuth und Geduld zur Schau trug. Denn als ich ihn frug, ob er mir vergeben habe, meinte er, es sey, nicht seine Gewohnheit, die Erinnerung an erlittenes Unrecht lange im Herzen zu hegen und übrigens habe er mir nichts zu verzeihen, da ich ihn ja nicht beleidigt hätte. Und mit dieser Antwort verließ er mich. Es wäre mir viel lieber gewesen, er hätte mich zu Boden geschlagen. Fünfunddreißigstes Capitel. St. John reiste nicht, wie er es gesagt hatte, am nächsten Tage nach Cambridge ab. Er verschob seine Abreise durch eine ganze Woche und ließ mich während dieser Zeit schmerzlich empfinden, wie strenge ein guter, doch harter, ein gewissenhafter, doch unerbittlicher Mann Jemanden bestrafen kann, der ihn beleidigte. Ohne irgend einen Act offener Feindseligkeit, ohne ein verweisendes Wort wußte er mich zur Ueberzeugung zu bringen, daß ich nicht länger in seiner Gunst stand. Nicht etwa, daß St. John eine unchristliche Rachsucht hegte, nicht daß er die Absicht hatte ein Haar meines Hauptes zu krümmen, selbst wenn es in seiner Macht gelegen hätte es zu thun. Sowohl von Natur aus, als in Folge seiner Grundsätze war er über jedes gemeine Rachegefühl erhaben und hatte mir die Behauptung ‘ich verachte ihn und seine Liebe’ sicherlich vergeben; aber die Worte hatte er nicht vergessen und konnte sie gewiß nicht vergessen, so lange wir beide lebten. Sein Blick sagte mir er sähe dieselbe zwischen mir und ihn in der Luft geschrieben; so oft ich sprach, tönten sie ihm in meiner Stimme entgegen, und ihr Echo ließ sich in jeder Antwort hören, die er mir ertheilte. Er vermied es durchaus nicht mit mir zu sprechen, vielmehr rief er mich jeden Morgen wie gewöhnlich zu seinem Pulte und fast fürchte ich, daß der sündige Mensch in ihm ein besonderes, von dem guten Chriften nicht getheiltes Vergnügen empfand, zu bemerken, mit welcher Geschicklichkeit er mir, ungeachtet er ganz wie gewöhnlich zu sprechen und zu handeln schien, in jeder Rede und in jeder Bewegung zu beweisen wußte, daß er keinen Antheil an mir nehme, mit mir nicht mehr zufrieden sey. In meinen Augen erschien er fortan wirklich nicht mehr als ein Mensch von Fleisch und Bein, sondern als eine Bildsäule von Marmor; seine Augen als glänzende, durchsichtige Edelsteine, seine Junge als eine Sprachmaschine. Sein Benehmen war mir qualvoll — eine raffinirte langsame Tortur. Es nährte ein glimmendes Feuer des Unwillens, einen stillnagenden Schmerz in mir, die mich in ewiger Aufregung erhielten und mich nach und nach aufzehrten. Ich fühlte es wie mich dieser gute Mann, rein wie der tiefe, von der Sonne nie beschienene Quell, falls ich sein Weib wäre, tödten könnte, ohne einen einzigen Blutstropfen meiner Adern zu vergießen und sein eigenes krystallhelles Gewissen mit dem leisesten Makel zu beflecken. Ich fühlte dies besonders in solchen Augenblicken, wo ich es versuchte mich mit ihm auszusöhnen. Aber er hatte kein Mittel mit meiner Sehnsucht nach Wiederherstellung unserer früheren Herzlichkeit, denn ihm verursachte unsere wechselseitige Entfremdung nicht das geringste Leiden, und wiewohl ich sehr oft die Seite, auf der ich las, mit meinen Thränen befeuchtete, so brachten auch diese auf ihn keine an ere Wirkung hervor, als wäre sein Herz in der That von Stein oder von Erz gewesen. Mit seinen Schwestern war er indessen etwas freundlicher und gemüthlicher als gewöhnlich: gleichsam als ob seine bloße Kälte nicht hinreiche, mich von dem Verluste seiner Gunst zu überzeugen, stellte er auch noch diesen Gegensatz auf, nicht etwa aus Bosheit, sondern wie ich fest überzeugt war aus Grundsatz. Den Abend vor seiner Abreise sah ich ihn zufällig nach Sonnenuntergang im Garten spaziren gehen. Sein Anblick rief mir ins Gedächtniß zurück, daß mir dieser Mann, so schroff er mir nun auch gegenüber stand, dereinst das Leben gerettet hatte, daß er mein Blutsverwandter sey, und ich fand mich bewogen, einen letzten Versuch zur Wiedererlangung seiner Zuneigung zu machen. Ich ging auf ihn zu und sprach ihn ohne Umschweife an. ‘Ich fühle mich unglücklich, St. John, weil Sie mir noch immer gram sind. Lassen Sie uns Freunde seyn.’ ‘Ich denke, wir sind es schon,’ gab er kaltblütig zur Antwort, während er fortfuhr den Aufgang des Mondes zu betrachten, der seine Blicke schon vordem in Anspruch genommen hatte. ‘Nein, St. John, wir sind nicht mehr so gut mir einander, wie wir es waren. Sie wissen das recht wohl.’ ‘Sie glauben? Das wäre nicht recht. Ich für meinen Theil wünsche Ihnen nichts Böses, sondern vielmehr alles Gute.’ ‘Deß bin ich gewiß, St. John, denn ich weiß, daß Sie nicht im Stande sind Jemanden etwas Böses zu wünschen; aber da ich Ihre nahe Anverwandte bin, so habe ich auf etwas mehr Zuneigung Anspruch als auf jene allgemeine Menschenfreundlichkeit, die am Ende auch alle Fremden umfaßt.’ ‘Natürlich,’ sagte er. ‘Ihr Wunsch ist ganz billig und ich bin auch weit davon entfernt, Sie als eine Fremde anzusehen.’ Diese Worte in einem kalten, ruhigen Tone gesprochen, waren kränkend und abschreckend genug. Hätte ich den Einflüsterungen des Stolzes und des Zornes Gehör gegeben, wäre ich sofort weiter gegangen; allein ein gewisses Etwas hatte in meinem Innern über jene Gefühle die Oberhand. Ich hatte eine aufrichtige, innige Verehrung für die Talente und Grundsätze meines Vetters. Seine Freundschaft war mir äußerst schätzbar und es hätte mich mit Schmerz erfüllt sie gänzlich zu verlieren. Ich wollte daher den Versuch, sie wieder zu erlangen, nicht sofort aufgeben. ‘Sollen wir uns auf diese Weise trennen, St. John? Und wenn Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich so kalt, mit keinem freundlicheren Worte verlassen, als diejenigen waren, die Sie eben ausgesprochen?’ Er wandte sich nun ganz vom Monde ab und sah mir gerade ins Gesicht. ‘Verlasse ich Sie denn, wenn ich nach Indien gehe? Wollen Sie nicht mitgehen?’ ‘Sie sagten ja, es wäre nicht möglich, außer ich heirathe Sie.’ ‘Und das wollen Sie nicht. Beharren Sie auf Ihrem Entschlusse?’ Hast Du es je erfahren, lieber Leser, welchen Schrecken kalte, herzlose Leute durch ihre eisigen Fragen einflößen können? Wie ihr Unwillen einer Lawine gleich heranwallt, ihr Mißvergnügen dem Aufbrechen der zugefrornen See gleicht? ‘Ich will Sie nicht heirathen, St. John, und ändere meinen Entschluß durchaus nicht.’ Die Lawine war erschüttert und bewegte sich nach vorwärts, aber noch rollte sie nicht den Abhang hinunter. ‘Ich frage Sie noch einmal, warum weigern Sie sich?’ ‘Anfangs weigerte ich mich deshalb, weil Sie mich nicht liebten, und in diesem Augenblicke weise ich Ihren Antrag zurück, weil Sie mich nahezu hassen. Wenn ich Sie zum Manne nähme, würden Sie mich töten. Denn schon jetzt bringen Sie mich langsam um. Seine Lippen, seine Wangen wurden weiß — schneeweiß. ‘Ich würde Sie tödten — ich bringe Sie um? Sie gebrauchen Ausdrücke, die nicht für Sie passen, weil sie unweiblich, leidenschaftlich und unwahr sind. Ihre Reden verrath einen bedauernswerthen Gemüthszustand und verdienen eine strenge Ahndung. Fast sind Sie nicht zu entschuldigen. allein es ist eine heilige Pflicht, seinem Nächsten zu vergeben und wäre es auch zum siebenundsiebzigsten Male.’ Ich war nun fertig. Während ich den ernstlichen Wunsch hegte, das Andenken an eine frühere Beleidigung aus seinem Gedächtniß zu verwischen, hatte ich dem hartnäckigen Gemüth eine neue, noch weit empfindlichere Unbill zugefügt, die ihm tief in die Seele brannte. ‘Nun hassen Sie mich ganz gewiß,’ sagte ich. ‘Es ist nutzlos, einen weiteren Versuch zur Versöhnung zu wagen: ich sehe, daß ich Sie mir auf ewig zum Feinde gemacht habe.’ Diese Worte brachten ihm eine neue und um so empfindlichere Wunde bei, als sie der Wahrheit nahe kamen. Die blassen Lippen erzitterten in einem augenblicklichen Kampfe: ich kannte die Stärke der Leidenschaftlichkeit, die ich geweckt hatte, und bitteres Leid erfüllte mein Herz. ‘Sie legen meine Worte ganz falsch aus,’ sagte ich, seine Hand erfassend; ‘ich habe durchaus nicht die Absicht, Sie zu verletzen, Ihnen wehe zu thun — gewiß nicht!’ Er lächelte bitter und entzog mir seine Hand. ‘Und Sie nehmen nun Ihr Wort zurück und gehen ganz und gar nicht nach Indien mit?’ sagte er nach einer beträchtlichen Pause. ‘Als Ihre Gehilfin will ich Sie gern begleiten.’ Ein langes Stillschweigen trat ein. Welcher Kampf indessen zwischen seiner angeborenen Gemüthsbeschaffenheit und seinem edleren Selbst stattfand, weiß ich nicht zu sagen. Nur so viel sah ich, daß seine Augen wunderbare Strahlen schossen und daß düstere Schatten über sein Gesicht hinzogen. Endlich begann er zu sprechen. ‘Ich bewies Ihnen schon einmal, wie unsinnig es wäre, wenn sich ein lediger Mann meines Alters von einem jungen Mädchen Ihres Alters in einen fremden Welttheil begleiten ließe. Ich bewies es Ihnen in einer Art, die Ihnen meiner Ansicht nach die Lust zu einer jeden ferneren Anspielung auf einen solchen Plan benehmen mußte. Daß Sie es trotzdem noch einmal versuchen, thut mir um Ihretwillen sehr leid. Ich unterbrach ihn. Dieser Vorwurf gab mir mit einem Male all' meinen Muth wieder. ‘Bleiben Sie bei Verstande. St. John, denn Sie fangen an Unsinn zu schwatzen. Sie geben vor, daß Sie meine Reden verletzten. Dies ist nicht leicht möglich, denn Sie sind weder so unvernünftig, noch so eitel, um meine Worte falsch auszulegen. Ich wiederhole es noch einmal: ich will Ihre Gehilfin, doch nie Ihr Weib werden.’ Neuerdings überzog Leichenblässe sein Antlitz, aber wie vordem wußte er sich zu beherrschen. Er versetzte mit Nachdruck, doch ganz ruhig: ‘Eine Gehilfin, die nicht mein Weib ist, kann ich nicht brauchen. Es scheint also, daß Sie mich nicht begleiten können; allein wenn es Ihnen mit Ihrem Anerbieten Ernst ist, so will ich in der Stadt mit einem verehelichten Missionär sprechen, dessen Weib einer Gehilfin bedarf. Ihr Vermögen wird Sie von der Unterstützung der Missionsgesellschaft unabhängig erhalten, und Ihnen durch dieses Auskunftsmittel die Schande erspart, Ihr Wort zu brechen und die heilige Schaar, der Sie sich anzuschließen versprachen, schmählich zu verlassen.’ Nun hatte ich, wie sich der Leser zu erinnern weiß, kein förmliches Versprechen gegeben und durchaus keinen Vertrag abgeschlossen. Seine Redeweise war also viel zu hart und zu despotisch für die Sachlage. Ich erwiederte: ‘Es kann hier weder von Schande noch von Wortbruch die Rede seyn. Ich bin nicht die geringste Verbindlichkeit eingegangen nach Indien zu reisen und am allerwenigsten mit Fremden. Mit Ihnen hätte ich Alles gewagt, Alles ertragen, weil ich Sie bewundere, auf Sie vertraue, und Ihnen mit schwesterlicher Liebe zugethan bin; aber ich bin fest überzeugt, daß ich, mag ich mit wem immer hingehen, auf keinen Fall die Beschwerden dieses Klima's lange ertragen kann.’ ‘Ah, Sie fürchten für Ihr Leben,’ sagte er, seine Lippen leicht aufwerfend. ‘So ist es. Gott hat mir es nicht gegeben, damit ich es wegwerfe und wenn ich Ihrem Willen unbedingt folge, so begehe ich so zu sagen einen Selbstmord. Uebrigens möchte ich, bevor ich mein Vaterland für immer verlasse, die Gewißheit haben, ob ich nicht mehr Nutzen stifte, wenn ich hier bleibe, als wenn ich in die weite Welt gehe.’ ‘Was wollen Sie damit sagen?’ ‘Es wäre unnütz, eine weitere Auseinandersetzung zu versuchen; nur so viel mögen Sie wissen, daß mich über einen gewissen Punkt die schmerzlichsten Zweifel quälen und daß ich nirgends hingehen kann, bevor ich auf eine oder die andere Weise die Zweifel beseitigt habe.’ ‘Ich weiß, wohin sich Ihr Herz wendet und an was es hängt. Die Neigung, die Sie in Ihrem Innern hegen, ist eine sündige und strafbare. Schon längst hätten Sie dieselbe ausrotten sollen und bei dem bloßen Gedanken daran erröthen. Sie denken an Mr. Rochester?’ So war es und ich bekräftigte die Wahrheit seiner Annahme durch mein Stillschweigen. ‘Wollen Sie Mr. Rochester aufsuchen?’ ‘Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist.’ ‘Es bleibt mir also nichts weiter übrig,’ versetzte er, ‘als Sie in mein Gebet einzuschließen und Gott in allem Ernst anzuflehen, daß er Sie nicht zu Grunde gehen lasse. Ich glaubte in Ihnen eine seiner Erwählten zu erkennen; aber Gott sieht besser als der blöde Sterbliche und sein Wille geschehe.’ Er öffnete die Gartenthüre, trat hinaus und ging dem Thalgrunde zu. Bald hatte ich ihn aus dem Gesichte verloren. Ins Besuchzimmer tretend fand ich Diana gedankenvoll am Fenster stehend. Diana war viel größer als ich; sie legte ihre Hand auf meine Achsel, bog sich zu mir herunter und musterte mein Gesicht. ‘Jane,’ sagte sie, ‘Sie sind die ganze Zeit über aufgeregt und sehen jetzt sehr blaß aus. Es hat gewiß etwas gegeben. Sagen Sie mir, was Sie mit St. John haben. Ich habe Euch Beide durch eine halbe Stunde von hier aus beobachtet; Sie müssen mir verzeihen, daß ich mich auf die Lauer legte, aber durch eine geraume Zeit machte ich mir sehr sonderbare Gedanken. St. John ist ein eigenthümlicher Mensch —’ Sie hielt inne — ich war still; sie hob sofort wieder an: ‘Mein Bruder hat jedenfalls ganz besondere Absichten mit Ihnen, denn er studiert Sie seit Monaten mit einem Interesse und einer Genauigkeit, die mir ungemein auffielen. Zu was? Ich wollte, er liebte Sie, Jane. Ist das vielleicht der Fall?’ Ich legte ihre kalte Hand an meine glühende Stirne. ‘Nein, Diana, nicht im Mindesten.’ ‘Warum verfolgt er Sie mit seinen Blicken, sucht mit Ihnen allein zu seyn und Sie beständig in seiner Nähe zu haben? Mary war ebenso wie ich der Meinung, er wolle Sie heirathen.’ ‘So ist es auch — er hielt um meine Hand an.’ Diana schlug in die Hände. ‘Also haben wir es doch errathen! und Sie sagen ja, Jane, nicht wahr? und er bleibt dann mit Ihnen in England?’ ‘Weit davon entfernt, Diana. Seine einzige Absicht war dabei, sich eine brauchbare Gehilfin zu seiner Missionsreise zu verschaffen.’ ‘Wie! Sie sollen mit ihm nach Indien gehen?’ ‘Freilich.’ ‘Unsinn!’ rief sie aus. ‘Sie bleiben keine drei Monate am Leben, deß bin ich gewiß. Aber Sie dürfen nicht gehen; Sie haben doch nicht eingewilligt?’ ‘Ich habe mich geweigert, ihn zu heirathen.’ ‘Und ihn dadurch böse gemacht. Ist's nicht so?’ ‘Sehr. Er wird mir es wohl nie vergeben, obgleich ich ihm den Vorschlag machte, ihn als seine Schwester begleiten zu wollen.’ ‘Es war purer Wahnsinn. Jane! denken Sie an die Aufgabe, die Sie sich gestellt — an die ungeheuren Anstrengungen, die Ihrer warten, die für den Stärksten zu groß, Ihren schwachen Kräften durchaus nicht angemessen sind. Sie kennen St. John, Sie wissen, daß er kein Erbarmen hat, daß er das Unmöglichste von Ihnen verlangen, Ihnen weder Rast noch Ruhe gönnen wird, und unglücklicherweise habe ich die Bemerkung gemacht, daß Sie sich alle Mühe geben, einer jeden seiner Aufforderungen zu genügen. Ich wundere mich wirklich, wo Sie den Muth hernahmen, seine Hand auszuschlagen. Sie lieben ihn also nicht, Jane?’ ‘Nicht wie man einen Gatten liebt.’ ‘Aber er ist doch ein schöner Mann.’ ‘Und ich häßlich, wie Sie sehen. Wir würden also nicht zusammen passen.’ ‘Sie häßlich? Keineswegs. Sie sind viel zu hübsch und zu gut, um unter der Sonne Indiens lebendig geröstet zu werden. Und neuerdings beschwor sie mich, den Gedanken, ihren Bruder zu begleiten, ganz fahren zu lassen.’ ‘Das muß ich auch,’ erwiederte ich; ‘denn als ich ihm jetzt meinen Vorschlag wiederholte, erklärte er, mein Mangel an Schicklichkeitsgefühl berühre ihn sehr unangenehm. Seiner Meinung nach beging ich dadurch eine Unschicklichkeit, daß ich ihm das Anerbieten machte, ihn unverheirathet begleiten zu wollen; als hätte ich nicht von Anbeginn an geglaubt in ihm einen Bruder zu finden und ihn als solchen behandelt!’ ‘Was bringt Sie auf den Gedanken, daß er Sie nicht liebt?’ ‘Sie sollten ihn selbst über diesen Gegenstand sprechen hören. Er erklärte mir wiederholt, nicht er selbst, sondern seine Sendung bedürfe einer Gehilfin; er sagte ich sey zur Arbeit, nicht zur Liebe geschaffen, was ohne Zweifel wahr ist. Allein wenn ich nicht zur Liebe geschaffen bin, so geht daraus nothwendig hervor, daß ich auch nicht zur Ehe tauge. Wäre es nicht etwas Ungewöhnliches, Diana, für sein ganzes Leben an einen Mann gekettet zu seyn, der einen blos für ein nützliches Werkzeug ansieht?’ ‘Es wäre unnatürlich — undenkbar.’ ‘Und wenn ich auch für den Augenblick nur die Zuneigung einer Schwester für ihn fühle, so wäre es denn doch möglich, daß ich als sein Weib ein unausweichliches eigenthümliches, qualvolles Gefühl der Liebe zu ihm fassen könnte, schon seiner geistigen Vorzüge und seines interessanten Aeußern wegen. Wie unaussprechlich elend ich in einem solchen Falle wäre, liegt klar auf der Hand. Er würde meine Liebe für überflüssig halten, für ein Gefühl, das meiner und seiner nicht werth ist.’ ‘Und doch ist St. John ein guter Mensch,’ sagte Diana. ‘Er ist ein guter und ein großer Mann, aber er vergißt über seinen eigenen großartigen Planen die kleinlichen Ansprüche unbedeutender Leute. Es ist also besser die unbedeutenden Leute gehen ihm aus dem Wege, widrigens er sie bei seinem siegreichen Fortschreiten zertritt. Hier kömmt er! Ich will mich entfernen.’ Und ich lief die Treppe hinauf, da ich ihn in den Garten treten sah. Aber beim Nachtessen mußte ich gezwungener Weise wieder mit ihm zusammenkommen. Während der Mahlzeit war er so ruhig und so ernst wie gewöhnlich. Ich dachte, er würde kaum mit mir sprechen und habe seine Heirathsgedanken ganz aufgegeben; der weitere Verfolg zeigte mir, daß ich mich in beiden Annahmen geirrt hatte. Er redete mich in seiner üblichen Manier, d. h. in derjenigen an, die er mir gegenüber in letzterer Zeit beobachtet hatte, er war ausgesucht höflich. Ohne Zweifel hatte er, um seinen Aerger über meine Auflehnung zu unterdrücken, die Hilfe des heiligen Geistes in Anspruch genommen und war nun der Meinung. er habe mir abermals vergeben. Bur Abendandacht wählte er das einundzwanzigste Capitel der Offenbarungen. Es war zu allen Zeiten sehr angenehm zu hören, wenn die Worte der heiligen Schrift über seine Lippen kamen: denn nie erklang seine schöne Stimme so sanft und so voll, nie waren seine Manieren so edel in ihrer Einfachheit, als wenn er Gottes Wort verkündete. An jenem Abend war jedoch der Ton seiner Stimme noch viel feierlicher, seine Manieren viel bedeutungsvoller, während er in der Mitte seines Haushaltes da saß, sich über das große alterthümliche Buch neigte und von dessen Blättern die Beschreibung des neuen Himmels und der neuen Erde ablas und prophezeite, Gott werde zu den Menschen herabkommen, um ihre Thränen zu trocknen und sie von den Fesseln dee Todes zu befreien, und das Weinen und der Schmerz werde ein Ende haben, nachdem alles Frühere vernichtet seyn würde. Die nachfolgenden Worte berührten mich wunderbar; besonders da ich an dem veränderten Tone seiner Stimme bemerkte, er habe sein Auge nach mir gewendet. ‘Und derjenige, der übrig bleibt, soll Alles erben und ich werde sein Gott und er mein Sohn seyn. Aber die Furchtsamen und die Ungläubigen sollen ihren Antheil an dem brennenden Schwefelpfuhle haben, welcher der zweite Tod ist.’ Nun wußte ich, welches Los meiner nach St. John's Befürchtung im anderen Leben harrte. Ein ruhiger, halb unterdrückter Triumph machte sich im Tone seiner Stimme bemerkbar, während er die letzten Verse dieses herrlichen Capitels las. Er glaubte seinen Namen schon im Lebensbuche des Lammes eingetragen zu sehen und er sehnte sich nach der Stunde, welche ihn in jene Stadt bringen sollte, in welcher die Könige der Erde ihren Ruhm und ihre Ehre hinterlegen würden. — In dem Gebete, welches diesem Gapitel folgte, machte sich all' seine Kraft, all' sein ernster Eifer Luft; er schien mit Gott zu ringen und entschlossen zu siegen. Er bat um Kraft für die Schwachen, um Befreiung des Pilgers aus dem Irrsal, um Erleuchtung derjenigen, die, den Lockungen der Welt und den fleischlichen Lüsten folgend, von dem schmalen Pfade abgewichen waren. Wahrer, tiefer Ernst macht stets einen feierlichen Eindruck; anfänglich staunte ich über dieses Gebet, dann als es immer höher stieg, rührte es mich und erfüllte mich zuletzt mit ehrfurchtsvoller Scheu. Nach der Abendandacht nahmen wir Abschied von ihm, da er zeitlich am nächsten Morgen abzureisen gedachte. Diana und Mary küßten ihn und entfernten sich wahrscheinlich in Folge eines erhaltenen Winkes; ich reichte ihm die Hand und wünschte ihm glückliche Reise. ‘Ich danke Ihnen, Jane. Wie ich Ihnen schon einmal sagte, komme ich in vierzehn Tagen von Cambridge zurück, dieser Zeitraum bleibt Ihnen noch zu reiflicher Erwägung. Wenn ich den Eingebungen menschlichen Stolzes folgte, würde ich der Heirath mit keinem Worte mehr erwähnen; aber ich folge blos meinem Pflichtgefühle und habe mein Ziel. Alles zur größeren Ehre Gottes zu thun!’ auch ferner vor Augen. Mein Meister mußte lange leiden und auch ich will alles gerne ertrag en. Ich kann Sie nicht als ein Gefäß des Zornes, der Verderbniß überlassen; bereuen — beschließen Sie, so lange es noch Zeit ist. Bedenken Sie, daß wir aufgefordert werden bei Tage zu arbeiten, ‘weil eine Nacht darauf folgt, in der Niemand arbeiten wird. Denken Sie an Dives' Schicksal, der hienieden alles vollauf hatte. Gott gebe Ihnen Kraft den besseren Theil zu erwählen, den Ihnen Niemand nehmen kann.’ Bei diesen letzten Worten legte er seine Hand auf mein Haupt. Er hatte mit Ernst, mit Milde gesprochen; sein Blick war derjenige eines Hirten, der sein verirrtes Schäflein zurückruft, oder noch besser, der eines Schutzengels. welcher eine Seele bewacht, für die er verantwortlich ist. Alle begabten Männer, seyen sie nun gefühlvoll oder nicht, seyen sie blinde Eiferer, Despoten oder ehrgeizige Ruhmesjäger, haben, vorausgesetzt, daß sie aufrichtig sind, ihre erhabenen Momente, wo sie Andere bemeistern, sich unterwerfen. Ich fühlte nun eine so große Verehrung für St. John, daß mich dieselbe mit einem Male demjenigen Punkte zutrieb, den ich so lange vermieden hatte. Ich kam in die Versuchung, allen Widerstand aufzugeben, mich auf der Stromschnelle seines Willens zum Golfe seiner Existenz hinabtragen zu lassen, um darin mein eigenes Daseyn zu begraben. Ich war für den Augenblick ebenso in seine Hände geliefert, wie ich es vordem in diejenigen eines Andern gewesen war, und jetzt eine ebenso große Thörin wie damals. Hätte ich dazumal nachgegeben, so hätte ich wider meine Grundsätze gehandelt; es im vorliegenden Falle zu thun, hieß den gesunden Menschenverstand verläugnen. So denke ich in dieser Stunde, wo ich in ruhiger Behaglichkeit nach jenen gewaltigen Wendepunkten zurückblicke; allein zu jener Zeit war ich mir des Thörichten unbewußt. Die Berührung meines Hierophanten machte mich regungslos. Mein Widerstreben war vergessen, meine Befürchtungen beschwichtigt, meine Kämpfe paralysirt, das Unmögliche — meine Vermälung mit St. John — nahe daran eine Möglichkeit zu werden. Alles hatte sich wie mit Einem Schlage verändert. Die Religion rief — Engel winkten — Gott ließ mir seinen Befehl zukommen — das Leben fiel wie ein Kartenhaus zusammen — die Pforten des Todes öffneten sich und ließen mich einen Blick in die Ewigkeit thun: es war mir klar, daß man für die Freunde und die Glückseligkeit der letzteren Alles opfern müsse. Traumbilder aller Art erfüllten das düstere Zimmer. ‘Könnten Sie vielleicht schon jetzt einen Entschluß fassen?’ frug der Missionär. Er stellte diese Frage mit sanfter Stimme und zog mich ebenso sanft zu sich. Oh, um wie viel mächtiger war diese Sanftmuth, als seine unbeugsame Kraft! St. John's Zorne konnte ich widerstehen, seine Güte, sein Wohlwollen machten mich schmiegsam wie ein Rohr. Und bei allem dem wußte ich, ich würde, wenn ich auch jetzt nachgab. doch noch eines Tages für meine frühere Widersetzlichkeit büßen müssen. Sein Gemüth war durch ein einstündiges Gebet nicht geändert, sondern einzig und allein erhoben. ‘Ich könnte mich schon jetzt entschließen, Sie zu heirathen,’ sagte ich, ‘möge was immer darauf folgen, wüßte ich nur, daß ich damit den Willen Gottes erfülle.’ ‘Mein Gebet ist erhört!’ rief St. John im Triumph aus. Er drückte seine Hand fester auf mein Haupt, als nähme er mich in Beschlag: er umschlang mich mit seinen Armen beinahe so als liebte er mich — ich sage beinahe, denn ich kannte den Unterschied aus Erfahrung — aber ich hatte meinen innern Kampf noch nicht beendigt und noch war es in meiner Seele nicht licht geworden. Ich wünschte sehnlichst nur das Rechte zu thun, und flehte ängstlich zum Himmel empor, er möge mir den richtigsten Weg weisen. Ich war so sehr aufgeregt, wie noch nie in meinem Leben, und der Leser mag beurtheilen, ob das darauffolgende Ereigniß eine Wirkung dieser Aufregung außer mir und St. John hatten sich wohl schon Alle zur Ruhe begeben. Die Kerze am Tische war dem Verlöschen war oder nicht. Die tiefste Stille herrschte im ganzen Hause, denn nahe; der Mond schien hell in die Stube herein. Mein Herz klopfte hörbar; plötzlich brachte es ein unbeschreibliches Gefühl, das sich sofort dem Kopfe und den Gliedmaßen mittheilte, zum Stillstehen. Das Gefühl war keineswegs einem elektrischen Schlage zu vergleichen, wiewohl es ganz dessen Eigenthümlichkeiten besaß; es wirkte auf meine Sinne, als wäre ihre bisherige übermäßige Thätigkeit eine bloße Starrsucht gewesen, aus der ich nun mit aller Gewalt geweckt wurde. Meine Sinneswerkzeuge waren auf's Höchste gespannt, während ich am ganzen Körper zitterte. ‘Wohl, haben Sie gehört? Was sehen Sie?’ frug St. John. Ich sah nichts, aber ich hörte eine Stimme von Weitem rufen: ‘Jane! Jane! Jane!’ dann war es wieder ganz still. ‘O Gott, was ist das?’ schrie ich. Ich hätte fragen können: ‘Wo ist das?’ denn es war nicht in der Stube, nicht im Hause, nicht im Garten erklungen; die Stimme kam weder vom Himmel herab, noch aus dem Innern der Erde herauf. Aber es war die Stimme eines menschlichen Wesens und noch dazu eine wohlbekannte Stimme — diejenige Eduard Fairfax-Rochester's, die sich schmerzlich flehend hören ließ. ‘Ich komme!’ rief ich. ‘Warten Sie auf mich! Ich komme gleich!’ Ich flog zur Thüre und sah ins Vorzimmer: es war finster. Ich lief in den Garten hinaus: er war leer. ‘Wo sind sie?’ lautete mein Ruf. Das Echo der Berge sandte mir meine Krage zurück, sonst war ringsum Alles in mitternächtlicher Ruhe begraben. ‘Fort mit dir, Aberglauben!’ rief ich innerlich, als dieses Gespenst am Eibenbaume neben der Gartenthüre schwarz vor meinen Augen emporzusteigen schien. ‘Dies ist nicht das Werk deiner Täuschung oder deiner Zauberkraft, sondern ein Ausfluß meines Innern.’ Es war erregt und bewirkte, wenn auch kein Wunder, so doch eine Rückkehr zu mir selbst. Ich riß mich von St. John los, der mir gefolgt war und mich zurückhalten wollte. Nun war die Reihe an mir meinen Einfluß geltend zu machen. Meine Kräfte hatten jetzt freien Spielraum. Ich bedeutete ihm, mich mit Fragen oder Bemerkungen zu verschonen, ich gebot ihm, mich zu verlassen; ich mußte und wollte allein seyn. Er erfüllte mein Begehren augenblicklich. Wo die Energie zu befehlen genügsam vorhanden ist, da fehlt es auch nie an Gehorsam. Ich begab mich auf meine Stube, schloß mich ein, fiel auf die Kniee nieder und betete nach meiner Weise, zwar anders als St. John, aber gewiß mit eben demselben Erfolge. Dann legte ich mich gestärkt und getröstet zu Bette und sah dem kommenden Tage mit Sehnsucht entgegen. Sechsunddreißigstes Capitel. Mit Tagesanbruch stand ich auf und beschäftigte mich damit die Einrichtung meines Zimmers in diejenige Ordnung zu bringen, in welcher sie während einer kurzen Abwesenheit verbleiben sollte. Mittlerweile hörte ich wie St. John seine Stube verließ und an meiner Thüre stehen blieb. Ich fürchtete, er würde anklopfen — statt dessen schob er ein Stückchen Papier unter der Thüre hindurch. Ich hob es auf, es enthielt die nachstehenden Zeilen: ‘Sie verließen mich gestern Abends zu plötzlich. Waren Sie nur noch eine kleine Weile länger geblieben, Sie hätten das Kreuz der Duldung auf sich genommen und damit auch die Himmelskrone errungen. Von heute in vierzehn Tagen erwarte ich Ihre bestimmte Entscheidung zu hören. Inzwischen wachen und beten Sie, auf daß Sie nicht in Versuchung fallen; der Geist ist wohl stark, aber das Fleisch ist schwach. Ich werde stündlich für Sie beten. Der Ihrige St. John.’ ‘Mein Geist,’ erwiederte ich im Stillen, ‘ist bereit Alles zu thun, was recht ist, und mein Fleisch ist hoffentlich stark genug, den Willen des Himmels zu erfüllen, sobald ich denselben genau erkannt haben werde. Jedenfalls wird es die nöthige Kraft besitzen, einen Ausweg aus diesem Labyrinthe der Zweifel und der Ungewißheit zu finden.’ Es war der erste Juni, der Morgen aber trotzdem kalt und düster und der Regen floß in Strömen herunter. Ich hörte wie sich die Hausthüre öffnete und St. John hinaustrat. Ich sah ihn durch den Garten schreiten und nach dem Thalgrunde einbiegen. Er ging nach Whitcroß zu, um dort die Postkutsche zu besteigen. ‘In einigen Stunden gehe ich denselben Weg,’ dachte ich; ‘auch ich treffe dort meine Reisegelegenheit und habe noch Jemanden aufzusuchen, ehe ich England verlasse. Es fehlten noch zwei Stunden zur Frühstückszeit. Ich füllte sie damit aus, daß ich in der Stube herumging, mir die Ereignisse des vergangenen Tages ins Gedächtniß zurückrief und an jenes unbeschreibliche Gefühl, jene Stimme dachte, die mich noch zur rechten Zeit von einem vielleicht übereilten Entschlusse abgehalten hatten. ‘Binnen wenigen Tagen,’ schloß ich meine Betrachtungen, ‘werde ich etwas von ihm wissen, dessen Stimme mich gestern zu sich rief. Was Briefe nicht vermochten, das wird meine persönliche Gegenwart bewirken.’ Beim Kaffeh kündigte ich Dianen und Mary an, daß ich eine kleine Reise beabsichtige, und mindestens vier Tage abwesend seyn würde. ‘Sie gehen ganz allein?’ frugen die Mädchen. ‘Wohl; ich will über einen Verwandten, von dem ich schon lange nichts hörte, Erkundigungen einziehen.’ Zwar hätten mir meine Cousinen ihre Verwunderung zu erkennen geben können, woher ich so plötzlich noch andere Verwandte außer ihnen hergenommen; allein ihr natürliches Zartgefühl erlaubte ihnen nicht, mich durch neugierige Fragen zu belästigen. Sie bemerkten blos, ich sähe sehr blaß aus, worauf ich erwiederte, ich wäre ganz wohl. Meine Reisevorbereitungen waren bald gemacht, da mir Niemand im Wege stand. Ich verließ das Moorhaus um drei Uhr Nachmittag, und schon um vier Uhr stand ich am Wegweise von Whitcroß. Die Kutsche, die mich nach dem fernen Thornfield bringen sollte, kam nach kurzem harren herangerollt. Es war derselbe Wagen, mit dem ich vor beiläufig einem Jahre unter den traurigsten Aussichten von der Welt in diese Gegend gekommen war. Mit ganz verschiedenen Gefühlen bestieg ich ihn nun, und mich auf der Straße von Thornfield wissend, hatte ich das Gefühl einer heimwärts fliegenden Brieftaube. Nach einer Reise von sechsunddreißig Stunden war ich an Ort und Stelle. Der Kutscher hielt bei einem Gasthause an der Straße an, um die Pferde zu tränken. Meine Blicke schweiften indessen über die Fluren, die mich wie die Züge eines wohlbekannten Gesichtes anlächelten. ‘Wie weit ist Thornfieldhall von hier?’ frug ich den Stallknecht. ‘Gerade zwei Meilen, Madame, wenn man den Feldweg einschlägt.’ ‘Meine Reise ist zu Ende,’ dachte ich bei mir. Ich stieg aus, gab dem Hausknecht mein Gepäck zur Aufbewahrung, zahlte mein Fahrgeld und machte mich auf den Weg. Der helle Sonnenschein spiegelte sich in dem Aushängschilde des Wirthshauses, und ich las in goldenen Buchstaben die Bezeichnung — zur Familie Rochester. Mein Herz hüpfte vor Freude, ich befand mich bereits auf dem Grund und Boden meines theuren Gebieters. Aber bald sank mir der Muth wieder, denn der Gedanke dämpfte ihn wieder: ‘Vielleicht ist er in weiter Ferne, und wenn er sich auch in Thornfieldhall befindet, ist er allein? Ist nicht sein wahnsinniges Weib, die Scheidewand zwischen ihm und mir, in seiner Nähe? Deine Mühe ist umsonst; es ist besser, Du kehrst gleich wieder um,’ mahnte eine warnende Stimme. “Frage gleich hier im Wirthshause an, und Du bist aller Ungewißheit los.’ Der Rath war gut, allein ich konnte mich nicht entschließen, ihn zu befolgen, so sehr fürchtete ich eine Antwort zu erhalten, die mich mit Einem Male vernichtete. Die Verlängerung meiner Zweifel war auch zugleich die Verlängerung meiner Hoffnungen. Es schien mir jedenfalls besser zu seyn, ich suchte das Herrenhaus selbst auf. Da lag der Weg vor mir, die Felder, die ich durchwandelte, als ich an jenem trüben Morgen, die Verzweiflung im Herzen, blind und taub, ohne zu wissen wohin, von Thornfieldhall entfloh. Ehe ich mich noch besinnen konnte, was am besten zu thun sey, befand ich mich in der Mitte derselben. Wie ich lief, wie ich meinen Kopf in die Höhe hielt, um eine Ansicht des wohlbekannten Gehölzes zu erspähen! Mit welchen Gefühlen bewillkommte ich einzelne Bäume, die mir bekannt schienen, einzelne Felder und Wiesengründe, die mir Scenen aus der Vergangenheit ins Gedächtniß zurückriefen! Endlich lag das Gehölze und die Krähenzucht vor mir, un ein lautes Gekrächze unterbrach die Stille des Morgens. Ein wunderbares Entzücken bemächtigte sich meiner; ich rannte vorwärts. Noch ein Feld hatte ich zu durchschreiten, einen Fußweg zu verfolgen, und dann lagen die Mauern des Hofraumes, die Hintergebäude vor mir, indeß das Herrenhaus selbst noch nicht zu sehen war. ‘Ich will mir es von der Fronte ansehen,’ beschloß ich, ‘wo mir die Zimmer majestätisch entgegen blicken, und ich das Fenster von meines Gebieters Stube unterscheiden kann. Vielleicht steht er an demselben — denn er pflegt zeitlich aufzustehen, vielleicht geht er im Garten oder auf dem Grasplatze vor dem Hause spaziren. Könnte ich ihn nur sehen, nur auf einen Augenblick! — Ich werde in diesem Falle doch nicht so albern seyn, auf ihn zuzulaufen? Ich weiß es nicht gewiß. — Wie aber wenn ich es doch thue, was dann? Und wem wird es wohl Nachtheil bringen, wenn ich noch einmal das Leben verkoste, das mir sein Blick einzuflößen vermag ? — — Aber ich bin im Fieberwahn: vielleicht sieht er in diesem Augenblicke die Sonne in den Pyrenäen aufgehen, oder an den Ufern des Mittelmeeres. Ich war längs der Mauer des Obstgartens hingegangen und bog nun um die Ecke: dort mußte sich zwischen zwei steinernen Pfeilern ein Thor befinden, das auf die Wiese hinausführte. Hinter dem einen Pfeiler konnte ich ganz ruhig nach der Vorderseite des Hauses blicken. Ich neigte meinen Kopf vorsichtig nach vorne, um zu sehen, ob schon die Fensterläden des einen oder des andern Schlafzimmers geöffnet seyen; nun mußte ich auch die Zinnen, die lange Fronte, die Fenster, mit Einem Worte das ganze Gebäude erschauen. Aber nur einen Blick warf ich nach der Ansicht, die sich mir enthüllte; dann sprang ich aus meinem Verstecke hervor, lief mitten in die Wiese hinein und blieb dort wie versteinert stehen. Warum das? wird mich der Leser fragen. Hier eine Erläuterung Ein Geliebter findet seine Geliebte auf einer Moosbank sanft entschlummert; er möchte gerne den Anblick ihres anmuthigen Gesichtes genießen, ohne sie zu wecken. Er stiehlt sich leise zu ihr hin; er hält an, weil er glaubt sie rührt sich; er zieht sich zurück, denn nicht um alle Schätze der Welt möchte er bemerkt werden. Aber Alles ist still; er rückt wieder vor, er neigt sich über sie. Ein leichter Schleier deckt ihr Gesicht; er schlägt ihn zurück; seine Augen schwelgen im Vorgenusse der lieblichen Reize. Doch wie verstört ist sein Blick! Wie sind sie plötzlich so starr geworden! Wie er zurückschreckt und die Gestalt, die er noch vor einer Weile kaum zu berühren wagte, heftig in seine Arme schließt! Wie laut er ihren Namen ruft, die süße Last fahren läßt und sie verzweiflungsvoll ansieht! Nur darum erfaßt er sie, nur darum ruft er und sieht sie an, weil er nicht mehr zu fürchten braucht, daß sie über sein Geräusch, seine Berührungen erwache. Er glaubte, sie schlummere blos und findet nun, sie sey todt. Mit furchtsamer Freude hatte ich meine spähenden Blicke nach einem stattlichen Hause ausgesandt und gewahrte — eine rauchgeschwärzte Ruine. Nun hatte ich es nicht nöthig, hinter einem Thorpfeiler nach offenen Fenstern zu spähen, dem Zuschlagen der Thüren oder dem Knistern der Schritte auf dem Kiessande des Fußweges zu lauschen. Der Grasplatz, die Wiesen, Alles war öde und verlassen, das Hauptthor gähnte mir offen entgegen. Statt der Hausfronte erblickte ich, wie einst im Traume, eine hohe geborstene Mauer: das Dach, die Zinnen, die Rauchfänge waren sämmtlich eingestürzt. Todtenstille herrschte ringsum, die Ruhe einer unbetretenen Wildniß. Nun begriff ich, warum ich auf meine hierher gerichteten Briefe nie eine Antwort erhalten hatte. Die rußigen Ruinen erzählten übrigens ganz deutlich, durch welchen Schicksalsschlag Thornfieldhall zu Grunde gegangen war. Aber welche näheren Umstände begleiteten diesen Unglücksfall? Welcher Verlust war dabei außer Mörtel und Marmor noch zu beklagen gewesen? War vielleicht auch ein Menschenleben als Opfer gefallen und wenn es sich so verhielt, wessen Leben? und Niemand in der Nähe, der mir die schrecklichen Fragen beantworten konnte! Indem ich die Mauertrümmer einigemal umkreiste, erlangte ich die Gewißheit, das Ereigniß könne sich unmöglich erst in jüngster Zeit zugetragen haben. Winterstürme mußten schon darüber hinweggesaust seyn und der Regen das Mauerwerk befeuchtet haben, denn eine üppige Vegetation von Gräsern aller Art wucherte in demselben üppig empor. Und wo befand sich mittlerweile der hilflose Eigenthümer dieses Schutthaufens? In welchem Lande? Unter welchen Verhältnissen? Meine Blicke fielen unwillkürlich nach dem grauen Kirchthurm und ich frug mich: ‘Ist er vielleicht bei Damer von Rochester, dessen enges Marmorhaus theilend?’ Eine Antwort auf alle diese Fragen mußte mir werden. Jedenfalls erlangte ich sie am schnellsten und sichersten in jenem Gasthause, nach welchem ich auch sofort zurückkehrte. Der Wirth selbst brachte mir das Frühstück. Ich bat ihn die Thüre zu schließen und sich zu mir zu setzen. Fast wußte ich nicht, ob ich beginnen sollte, so sehr fürchtete ich die Schrecknisse einer Aufklärung , wiewohl mich der Anblick, den ich eben gehabt. auf das Traurigste vorbereitet hatte. ‘Sie kennen doch Thornfieldhall?’ frug ich endlich. ‘Wohl, Ma’ am; ich wohnte sogar einmal daselbst.’ ‘Wirklich?’ Nicht zu meiner Zeit, dachte ich, denn ich kenne den Mann nicht. ‘Ich war beim seligen Mr. Rochester Kellermeister.’ Der Schlag, dem ich auszuweichen bemüht war, schien mit voller Kraft auf mich gefallen zu seyn. ‘Beim seligen Mr. Rochester!’ rief ich aus. ‘Ist er todt?’ ‘Ich meine des gegenwärtigen Besitzers Mr. Eduards Vater,’ erklärte der Mann. Ich athmete wieder auf und das Blut floß mir ungehindert durch die Adern. Diese Worte gaben mir die volle Gewißheit, daß Mr. Eduard — mein Eduard — wenigstens noch am Leben war. Nun konnte ich den übrigen Theil der Erzählung ruhig anhören, selbst wenn sie mich belehrte, Mr. Rochester befinde sich bei den Gegenfüßlern. ‘Lebt Mr. Rochester in diesem Augenblicke in Thornfieldhall?’ frug ich. Die Antwort konnte ich mir im Voraus denken, aber noch wollte ich eine directe Erkundigung nach seinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte vermeiden. ‘Nein, Ma' am, nein! Dort wohnt für jetzt gar Niemand. Sie scheinen in dieser Gegend fremd zu sevn, sonst müßten Sie wissen, was sich im verwichenen Herbste zutrug — Thornfieldhall ist ein Schutthaufen — es brannte im vorigen Jahre, gerade nach der Ernte, ab. Ein fürchterliches Unglück! Eine ungeheure Menge werthvollen Eigenthumes ging zu Grunde, kaum konnte man Einiges von den Einrichtungsstücken retten. Das Feuer brach um Mitternacht aus und ehe die Spritzen von Millcote anlangten, war das Herrenhaus bis auf den Grund niedergebrannt. Es war ein schreckliches Schauspiel: ich sah es mit meinen eigenen Augen.’ ‘Um Mitternacht,’ sagte ich leise vor mich hin. Das war von jeher die Unglücksstunde von Thornfieldhall. ‘Weiß man nicht wie das Feuer entstand?’ frug ich. ‘Man vermuthete so Manches, Ma' am, und fast könnte ich behaupten, die eine Annahme unterliege keinem Zweifel. Es ist Ihnen vielleicht nicht bekannt,’ fuhr er, seinen Stuhl näher zu mir rückend, fort, ‘daß sich im Schlosse eine Dame befand — eine Wahnsinnige, die man eingesperrt hielt?’ ‘Ich habe so etwas gehört.’ ‘Sie wurde sehr strenge bewacht und die Leute wußten durch einige Jahre nicht einmal um ihr Daseyn. Niemand bekam sie zu Gesichte und erst nach langer Zeit ging das Gerücht, es befinde sich eine geheimnißvolle Person im Herrenhause; doch war es unmöglich mit Gewißheit anzugeben wer sie war, was sie dort zu thun hatte. Nur so viel erfuhr man, Mr, Eduard habe sie von der Ferne mitgebracht, woraus Einige schlossen, es sey eine ehemalige Geliebte. Aber vor beiläufig einem halben Jahre trug sich eine sonderbare Geschichte zu.’ Ich fürchtete nun meine eigene Geschichte zu hören und versuchte es ihn an die Hauptsache zu erinnern. ‘Und diese Dame?’ ‘Diese Dame war, wie es sich später herausstellte, Mr, Rochester's Gemalin. Man machte diese Entdeckung unter äußerst sonderbaren Umständen. Es befand sich nemlich ein junges Frauenzimmer, eine Erzieherin, mit im Schlosse, in die sich Mr. Rochester verliebte —’ ‘Und der Brand des Schlosses?’ schaltete ich ein. ‘Wir werden schon dazu kommen, Ma’am — eine Erzieherin, in die sich Mr. Rochester verliebte. Die Dienstleute behaupten, sie hätten noch Niemanden gesehen, der so vernarrt gewesen wäre als er; er war beständig um das Mädchen herum. Sie pflegten ihm aufzupassen — Dienstleute thun das immer — und bemerkten, daß er sie über Alles in der Welt theuer und werth hielt, obwohl sie nur ihm selbst schön vorkommen mochte. Sie soll ein kleines, schwaches Ding, noch fast ein Kind gewesen seyn. Ich selbst habe sie nie gesehen, allein Leah, das Stubenmädchen, sagte mir es. Leah war ihr sehr zugethan. Mr. Rochester zählte nahe an vierzig, die Gouvernante kaum zwanzig Jahre, und Sie wissen, wenn sich Herren seines Alters verlieben, so sind sie ordentlich wie verzaubert. Mit Einem Worte, er wollte sie heirathen.’ ‘Sie können mir das ein anderes Mal erzählen,’ sagte ich, ‘für jetzt möchte ich aus besonderen Gründen nur die Nebenumstände des Brandes wissen. Vermuthete man vielleicht, die wahnsinnige Mrs. Rochester habe irgendwie die Hand im Spiele gehabt?’ ‘Sie haben es errathen, Ma'am: es ist eine ausgemachte Sache, daß sie selbst und Niemand Anderer das Feuer anlegte. Sie hatte eine Frau zur Bewachung bei sich, Mrs. Poole — ein ganz brauchbares und verläßliches Frauenzimmer, das blos mit andern Wärterinnen den Fehler gemein hatte, daß es gerne sein Schnäpschen trank und zuweilen zu tief ins Glas guckte. Bei ihrem beschwerlichen Dienste war diese üble Gewohnheit zu entschuldigen, aber sie hatte nichtsdestoweniger die bösesten Folgen. Denn wenn Mrs. Poole fest eingeschlafen war, nahm ihr die Wahnsinnige die Schlüssel aus der Tasche, raste im ganzen Hause herum und richtete allerlei Unheil an. Einmal soll sie ihren Gemal beinahe lebendig verbrannt haben: doch davon weiß ich nichts zu sagen. In jener Unglücksnacht setzte sie jedoch abermals zuerst die Bettvorhänge eines Zimmers dicht an dem ihrigen, dann das Bett in der Stube der Gouvernante (sie schien ordentlich den ganzen Sachverhalt zu ahnen und auf das Märchen einen ganz besondern Groll zu haben) in Brand. Glücklicherweise lag in dem letzteren Niemand, da die Erzieherin zwei Monate zuvor davon gegangen war. Wiewohl sie Mr. Rochester allüberall suchen lies, als wäre sie der kostbarste Schatz gewesen, so konnte er doch kein Sterbenswörtchen von ihrem Aufenthalte erfahren, und wurde zuletzt — obgleich er sonst ein guter Mann — war — so wild, daß es in der That gefährlich war sich — ihm zu nähern. Er wollte ganz allein seyn und schickte Mrs. Fairfax, die Haushälterin, zu ihren Anverwandten, doch nicht ohne sie mit einer anständigen Leibrente bedacht zu haben, was sie auch vollkommen verdiente, denn sie war eine sehr brave Frau. Miß Adele, seine Pflegetochter, brachte er in eine Kostschule und brach alle Verbindungen mit dem Adel der Umgegend ab, um sich zuletzt gleich einem Einsiedler in Thornfieldhall einzuschließen.’ ‘Wie? Er hat also England nicht verlassen?’ ‘Er, England verlassen? warum nicht gar! Er kam, die Nacht ausgenommen, wo er wie ein Gespenst in den Feldern und im Garten umging, nicht einmal vor die Hausthüre hinaus. In der Finsterniß hingegen lief er wie wahnsinnig herum, was er auch meiner Meinung nach gewesen seyn muß, wenn ich mir denke, was für ein kluger, gesetzter, ernster Herr er war, ehe ihm diese Mücke von einer Gouvernante in den Weg kam. Er trank weder, noch spielte er wie so manche Herren seines Standes, aber er hatte seinen eigenen Kopf, wie kein zweiter Mann. Ich kannte ihn von Kindheit an und wünschte gar oft, jene Miß möchte im Meere ertrunken seyn, bevor sie nach Thornfieldhall kam.’ ‘Mr. Rochester war also zu Hause, als das Feuer ausbrach?’ ‘Freilich wohl! und er lief die Treppen hinan, als Alles oben und unten in Feuer stand, und zog die Dienstleute aus den Betten und half ihnen zum Hause hinaus. Dann ging er noch einmal zurück, um seine wahnsinnige Gattin aus ihrer Zelle zu holen; die Leute riefen ihm jedoch zu, sie stehe oben am Dache, wo sie sich auch wirklich befand. mit den Armen um sich herumschlug und jauchzte, daß man es eine Meile weit hören konnte. Ich selbst sah und hörte sie: sie war ein starkes Weib mit schwarzen fliegenden Haaren, die in die Flammen hinabwallten. Wir bemerkten wie Mr. Rochester den Versuch machte, durch die helle Lohe zum Dache emporzusteigen; wir hörten wie er sie bei ihrem Namen, Bertha, rief. Schon war er ihr nahe, da stieß sie plötzlich einen gellenden Schrei aus, that einen gewaltigen Satz und lag einen Augenblick darauf zerschmettert im Hofraum.’ ‘Und war todt?’ ‘Natürlich! unbeweglich wie die Pflastersteine, die sie mit ihrem Gehirn und ihrem Blute bespritzte.’ ‘Guter Gott!’ ‘Wohl, Madame! Es war ein gräßlicher Anblick!’ Der Mann schauderte. ‘Und was geschah weiter?’ ‘Je nun, Ma' am, das Gebäude brannte bis auf den Grund ab; nur einige Stücke Mauerwerk sind noch übrig.’ ‘Ging noch ein Menschenleben verloren?’ ‘Nein, — wiewohl es vielleicht besser gewesen wäre.’ ‘Was wollen Sie damit sagen?’ ‘Der arme Mr. Eduard!’ rief er aus; ‘ich hätte mir es nie gedacht, daß ich so etwas erleben würde! Manche Leute sagen, es wäre eine gerechte Strafe des Himmels, dafür, daß er eine ungiltige Heirath wider Gottes Gebot schließen wollte, aber ich für meinen Theil bedaure ihn.’ ‘Sie sagten doch, er lebe noch?’ rief ich. Wohl, wohl! allein viele Leute meinen, es wäre besser gewesen, er hätte das Leben eingebüßt.’ ‘Wie so? Warum?’ Und meine Pulse stockten. ‘Wo ist er?’ frug ich. ‘Ist er in England?’ ‘Gewiß; er kann ja gar nicht fort, denke ich — er ist jetzt an Ort und Stelle gebannt.’ Welche Todesangst stand ich aus! Und der Mann schien willens sie zu verlängern. ‘Er ist stockblind,’ sagte er endlich, ‘stockblind ist er, der arme Mr. Eduard.’ Ich hatte etwas Schlimmeres befürchtet. Ich glaubte, er wäre wahnsinnig geworden. Meine Kräfte zusammenraffend, erkundigte ich mich nach der Ursache seines Unglückes. ‘Sein Muth und seine Herzensgüte waren Schuld daran: er wollte das brennende Haus nicht eher verlassen, bis jede lebende Seele in Sicherheit war. Als er die große Treppe herabging, nachdem sich Mrs. Rochester von der Zinne des Hauses herabgestürzt hatte, geschah ein lauter Kracher und der ganze Dachstuhl fiel ein. Nach einigen Stunden zog man ihn unter den Trümmern zwar lebendig, aber schwer verwundet hervor. Ein Balken war so gefallen, daß er ihn theilweise beschützte, allein das eine Auge war verloren und die eine Hand so zerschmettert, daß sie der Arzt Mr. Carter sofort abnehmen mußte. Später entzündete sich auch das andere Auge und er ist nun auf beiden blind und noch obendrein ein Krüppel.’ ‘Wo ist er? Wo hält er sich jetzt auf?’ ‘In Ferndean, einem kleinen Edelsitze oder vielmehr einem Meierhofe, dreißig Meilen von hier in einer trostlosen Gegend.’ ‘Wer ist bei ihm?’ ‘Der alte John und sein Weib. Er wollte sonst Niemanden um sich haben. Er soll ganz darnieder seyn.’ ‘Haben Sie irgend ein Fuhrwerk?’ ‘Eine Postchaise, Ma' am — eine sehr schöne Chaise.’ ‘Lassen Sie sofort einspannen und wenn mich Ihr Kutscher noch vor Dunkelwerden nach Ferndean bringt, zahle ich ihm und Ihnen das Doppelte des gewöhnlichen Preises.’ Siebenunddreißigstes Capitel. Der Edelsitz von Ferndean war ein ziemlich altes, nicht sehr großes, ganz schmuckloses, in der Tiefe eines Waldes begrabenes Gebäude. Ich hatte schon früher davon gehört; Mr. Rochester erwähnte desselben öfter. Sein Vater hatte die Besitzung der umliegenden Jagdgründe wegen gekauft und oft daran gedacht, sie zu verpachten, jedoch bei der ungesunden Lage des Ortes keinen Pächter finden können. Ferndean blieb also unbewohnt und uneingerichtet, bis auf zwei oder drei Zimmer, die den Grundherrn zur Jagdzeit aufzunehmen bestimmt waren. Gerade vor Einbruch der Dämmerung, an einem unfreundlichen regnerischen Abend, langte ich vor diesem Gebäude an. Die letzte Meile Weges hatte ich zu Fuße zurückgelegt. Wiewohl ganz nahe am Hause angekommen, sah ich doch vor lauter Bäumen nichts als ein Gitterthor, durch welches ich eintrat. Ein mit Gras bewachsener, gewundener Pfad, dicht von Bäumen überschattet, lag vor mir. In der Erwartung er werde mich zum Ziele führen, schlug ich ihn ein, ging aber eine geraume Zeit vorwärts, ohne weder das Jagdschloß noch irgend welche Spuren von menschlichen Wohnungen zu finden. Ich dachte mich verirrt zu haben. Die nächtliche und die Waldesfinsterniß wurden immer dichter. Ich sah mich nach einem andern Wege um, allein ich fand keinen; nichts als Baumstämme. Holzklötze und dichtes Laub starrte mir entgegen und nirgends war eine Oeffnung, ein Durchgang zu erblicken. Doch schritt ich rüstig weiter und endlich wurde der Wald lichter, eine Umzäunung und zuletzt ein Gebäude sichtbar, wiewohl das letztere mit seinen grünen, moosbewachsenen, halberfallenen Mauern vom Laube der Bäume kaum zu unterscheiden war. Ich trat durch ein zweites Gitterthor ein und befand mich auf einem offenen, durch einen mit Kiessand bestreuten Fußweg durchschnittenen Grasplatze, den weder Blumen noch Sträucher schmückten. Das Haus zeigte in der Fronte zwei spitze Giebel; die Fenster waren klein und vergittert, der Haupteingang gleichfalls klein und eine steinerne Stufe führte zu demselben hinan. Das Ganze sah, wie der Wirth zur Familie Rochester sehr richtig bemerkt hatte, trostlos aus. Die Gegend war so still wie eine Kirche an einem Wochentage und das Fallen der Regentropfen der einzige hörbare Laut. ‘Kann hier eine lebende Seele wohnen?’ frug ich mich. Wohl mußte dies der Fall seyn, denn ich vernahm alsbald eine Geräusch — die Hauptthüre ging auf und eine Gestalt, ein Mann ohne Hut auf dem Kopfe, trat auf die steinerne Stufe heraus. Er streckte die Hand aus, gleichsam um zu fühlen, ob es noch regne. So dunkel es auch war, ich hatte ihn erkannt — es war mein theurer Gebieter, Eduard Rochester. Ich blieb stehen, ihn ungestört, ungesehen und für ihn, leider! unsichtbar beobachten zu können. Es war ein unvermuthetes Zusammentreffen, ein solches, bei welchem ein lebhafter Schmerz das Entzücken niederhielt. Es wurde mir nicht schwer mich eines Ausrufes zu enthalten, meine Schritte zu mäßigen. Seine Gestalt zeigte noch dieselben kräftigen Umrisse, seine Haltung war aufrecht, sein Haar von derselben tiefen Schwärze. Auch seine Gesichtszüge waren weder verändert noch eingesunken: der Zeitraum eines Jahres konnte mit all seinen Sorgen seine Riesenkraft nicht beugen. Nur im Ausdrucke seines Gesichtes bemerkte ich eine Veränderung: es zeigte Spuren von Verzweiflung und Tiefsinn, wie man sie an einem eingekerkerten wilden Thiere zu bemerken pflegt, dem man sich in seinem tiefen Weh nicht ohne Gefahr nähern Hand die goldgeränderten Augen ausgestochen hat, dem Beschauer erscheinen, wie sich dieser blinde Samson meinen kann. So mag der gefesselte Adler, dem eine grausame Blicken darbot. Noch wollte ich ihn nicht ansprechen. Er stieg die Stufe herunter und näherte sich langsam und mit den Händen herum tappend, dem GrasPlatze. Wo war sein sonst so kräftiger Gang? Dann blieb er stehen, als wüßte er nicht welchen Weg er einzuschlagen habe. Seinen verstümmelten linken Arm hatte er im Rocke stecken, mit dem rechten langte er furchtsam um sich, daß man sah, tiefe Nacht bedecke seine Augen. John trat in diesem Augenblicke aus dem Hause und ging auf ihn zu. ‘Wollen Sie meinen Arm nehmen, Sir?’ sagte er. ‘Ein heftiger Regenguß ist im Anzuge; wäre es nicht besser, Sie gingen ins Haus zurück?’ ‘Laß mich gehen,’ erhielt er zur Antwort. John zog sich zurück, ohne mich bemerkt zu haben. Mr. Rochester versuchte es nun herumzugehen, doch umsonst: sein Tritt war zu unsicher. Er tappte dem Hause zu, trat hinein und schloß die Thüre. Nun näherte ich mich der letzteren und klopfte an; John's Weib öffnete mir. ‘Wie geht's, Mary?’ frug ich sie. Sie fuhr zurück, als wäre ich ein Gespenst; ich beruhigte sie, nahm sie bei der Hand und folgte ihr in die Küche, wo bereits John am Feuer saß. Ich erklärte den Beiden mit wenigen Worten, daß ich bereits Alles über den Untergang von Thornfield wisse und nun gekommen sey, Mr. Rochester zu besuchen. Ich bat John zum Mauthhause hinunter zu gehen, wo ich meinen Koffer zurückgelassen hatte, und indem ich meinen Shawl und meinen Hut abnahm, erkundigte ich mich bei seinem Weibe, ob ich die Nacht im Hause zubringen könnte. In Erfahrung bringend, daß es zwar schwer, doch nicht unmöglich sey, beschloß ich zu bleiben und theilte Mary eben meinen Entschluß mit, als die Klingel des Sprachzimmers ertönte. ‘Wenn Sie hineingehen,’ sagte ich, ‘so benachrichtigen Sie Ihren Gebieter, daß ihn Jemand zu sprechen wünscht, doch nennen Sie mich ja nicht. ‘Ich glaube kaum, daß er Sie vorläßt,’ erwiederte sie; ‘er weist Jedermann ab.’ Als sie wieder zurückkam, frug ich sie, was er gesagt habe. ‘Sie sollen ihm Ihren Namen und Ihr Anliegen sagen lassen,’ versetzte sie. Sie füllte dann ein Glas mit Wasser, und stellte es auf einen Credenzteller nebst zwei Kerzen. ‘Ist dies dasjenige, was er verlangt?’ frug ich. ‘Ja; er läßt sich jeden Abend Licht bringen, obgleich er blind ist.’ ‘Geben Sie mir den Teller her, ich will ihn hineintragen.’ Sie reichte mir ihn und wies mir die Thüre zum Sprachzimmer. Die Hände zitterten mir und das Wasser floß über, mein Herz pochte laut. Mary öffnete mir die Thüre und schloß sie hinter mir. Die Stube sah düster aus; ein schwaches Feuer brannte im Camine, an welchem, seinen Kopf in die eine Hand gestützt, der blinde Gebieter des Hauses stand. Sein alter Hund, Pilot, lag neben ihm zusammengekauert, als fürchte er von seinem Herrn, wenn auch unabsichtlich, getreten zu werden. Er spitzte die Ohren, als ich eintrat, sprang dann mit lautem Ge bell in die Höhe und gerade auf mich los, so daß er mir beinahe den Credenzteller aus der Hand schlug. Ich stellte den letztern auf den Tisch, klopfte den Hund leise auf den Kopf und sagte: ‘Leg dich!’ Mr. Rochester wandte sich mechanisch um, um zu sehen was es gebe, aber da er nichts sah, so drehte er sich wieder herum und seufzte. ‘Gib mir das Wasser, Mary,’ sagte er. Ich näherte mich ihm mit dem nur halbgefüllten Glase; Pilot folgte mir überall nach. ‘Was gibt’s?' frug Mr. Rochester. ‘Nieder, Pilot!’ rief ich dem Hunde zum zweiten Mal zu. Er setzte das Glas ab und schien zu horchen; dann trank er und stellte das Trinkgefäß nieder. ‘Du bist's doch, Mary, nicht wahr?’ ‘Mary ist in der Küche,’ antwortete ich. Er streckte die Hand rasch nach mir aus, allein da er mich nicht sehen konnte, so erfaßte er mich nicht. ‘Wer ist das? Wer ist das?’ rief er, augenscheinlich die größten Anstrengungen machend, seine geblendeten Augen zum Sehen zu bringen. ‘Antworten Sie — sprechen Sie!’ noch einmal herrschte er mit lauter Stimme. ‘Wollen Sie noch etwas Wasser, Sir? Ich habe die Hälfte davon vergossen,’ sagte ich. ‘Wer ist das? Was ist das? Wer spricht hier?’ ‘Pilot kennt mich und John und Mary wissen, daß ich hier bin; ich kam erst diesen Abend an.’ ‘Großer Gott!’ rief er aus. ‘Von welcher Täuschung bin ich befallen, welch' schöner Wahn bethört mich!’ ‘Es ist keine Täuschung — kein Wahn, Sir; Ihr Geist ist zu kräftig, Ihr Körper zu gesund, um Täuschung und Wahn zuzulassen.’ ‘Wo ist die Sprecherin? Ist es blos ein Schall? Oh, ich kann nicht sehen, aber ich muß fühlen, sonst bricht mir das Herz und der Kopf zerspringt mir. Wer Sie auch seyn mögen, lassen Sie sich berühren oder ich sterbe!’ Er tappte herum: ich ergriff seine Hand und schloß sie in die meinige. ‘Das sind ihre Finger,’ rief er, ‘ihre kleinen zarten Finger! Wenn es so ist, muß auch noch der übrige Körper hier seyn.’ Seine kräftige Hand entwand sich meinem Drucke, ergriff meinen Arm, meine Achsel, meinen Hals, umschlang meinen Leib und zog mich zu sich. ‘Ist das nicht Jane? Wer könnte es sonst seyn? Dies ist ihre Gestalt, ihre Größe —’ ‘Und ihre Stimme,’ fügte ich hinzu. ‘Sie ist ganz hier, sammt ihrem Herzen. Gott segne Sie, lieber Herr! Ich fühle mich glücklich, Ihnen wieder so nahe zu seyn.’ ‘Jane Eyre! — Jane Eyre!’ war Alles, was er hervorbringen konnte. ‘Mein theurer Gebieter,’ versetzte ich, ‘ich bin in der That Jane Eyre, die Sie endlich ausgeforscht hat und zu Ihnen zurück gekehrt ist. ‘Wirklich? Meine Jane, wie sie leibt und lebt?’ ‘Sie berühren mich ja, Sir, und halten mich fest genug. Ich bin doch nicht kalt wie eine Leiche oder ungreifbar wie die Luft?’ ‘Mein theures Herz! Wohl ist dies ihr Körper und ihre Stimme, allein es ist nicht möglich, daß mir nach all meinem Elend so viel Glück zu Theil werden könnte. Es ist ein bloßer Traum — einer jener Träume, wie sie mich oft des Nachts beglückten, wo ich sie wie jetzt umschloß, und drückte und herzte, und empfand sie liebe mich und werde mich nie verlassen.’ ‘Das wird sie auch nicht, vom heutigen Tage an.’ ‘Sie wird es nicht, spricht die Traumgestalt? Allein ich erwachte jedesmal, und fand, daß es nur eine Aefferei war, daß ich mich wieder inmitten meines trüben, einsamen, hoffnungslosen Daseyns befand. Auch du süßer, sanfter Traum, der du nun in meinen Armen weilst, wirst entfliehen, gleich allen deinen Vorgängern; aber küssen Sie mich noch zuvor, umarmen Sie mich, theure Jane!’ ‘So, Sir — und so!’ Ich drückte meine Lippen auf seine ehedem glänzenden, nun strahlenlosen Augen — ich strich ihm das Haar aus dem Gesichte, und küßte ihn auf den Mund. Er schien plötzlich zu erwachen, und die Wirklichkeit alles Geschehenen zu erfassen. ‘Sie sind es, Jane, nicht wahr? Sie sind mir wieder gegeben?’ ‘Ich bin es.’ ‘Und Sie sind in keinem Wasser ertrunken, in keinem Abgrund begraben? Sie irren nicht elend und verlassen in der Fremde herum?’ ‘Nein, Sir! Ich habe jetzt sogar mein eigenes Vermögen.’ ‘Ihr eigenes Vermögen? Wie so?’ ‘Mein Onkel in Madeira ist gestorben, und hat mir fünftausend Pfund Sterling hinterlassen.’ ‘Ah, das ist praktisch, das ist greifbare Wirklichkeit!’ rief er aus. ‘So etwas pflegte ich nie zu träumen. Uebrigens ist dies ganz ihre eigenthümliche, sanfte, doch lebhafte Stimme, die mein verwittertes Herz auffrischt, neu belebt. Also Sie haben Vermögen, Jane? Sie sind wohl gar reich?’ ‘Das bin ich, Sir. Und wenn Sie mir nicht gestatten, mit Ihnen zu leben, so lasse ich mir knapp neben dem Ihrigen ein Haus bauen, und Sie können den Abend bei mir zubringen, wenn Sie sich nach Gesellschaft sehnen.’ ‘Aber da Sie nun reich sind, Jane, so werden Sie auch Freunde haben, die es nicht zugeben werden, daß Sie Ihr junges Leben einem blinden Klagebruder, wie ich einer bin, zum Opfer bringen?’ ‘Ich bin eben so unabhängig, als ich reich bin; ich habe allein über meine Person zu verfügen.’ ‘Und Sie wollen bei mir bleiben?’ ‘Gewiß, außer Sie sind dagegen. Ich will Ihre Nachbarin, Ihre Wärterin, Ihre Haushälterin seyn. Ich sehe, Sie sind einsam, und will Ihnen Gesellschaft leisten, Ihnen vorlesen, mit Ihnen spaziren gehen, mit Ihnen die Abende zubringen, mit Einem Worte, Ihnen Augen und Hand ersetzen. Blicken Sie nicht mehr so Trübe, Sie sollen nicht ohne Trost seyn, so lange ich lebe.’ Er erwiederte nichts. Er schien ernst, in Gedanken versunken; er öffnete seine Lippen zur Hälfte, gleichsam als wollte er sprechen, schloß sie jedoch sofort wieder. Ich war in einiger Verlegenheit. Vielleicht war ich mit meinem Anerbieten zu zudringlich; vielleicht hatte ich die Convenienz irgendwie verletzt, und wie St. John, sah er vielleicht in meiner Unüberlegtheit eine Unschicklichkeit, und ich hatte doch nur beabsichtigt, ihm eine Veranlassung zu geben, um meine Hand anzuhalten; und die Gewißheit, er würde es thun, hatte mich etwas lebhafter gestimmt. Allein er deutete seine Bereitwilligkeit, in meine Absichten einzugehen, mit keinem Worte, keinem Winke an, und da der Ausdruck seines Gesichtes immer düsterer wurde, so kam mir unwillkürlich der Gedanke, ich habe mich am Ende ganz und gar in meinen Voraussetzungen geirrt, und ich entzog mich sachte seiner Umarmung. Allein er drückte mich nur noch fester an sich. ‘Nein, nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir. Nun ich Sie befühlt, gehört, das Glück Ihrer Nähe empfunden, kann ich all' diese Freuden nie wieder entbehren. Von mir selbst ist nur noch wenig übrig — ich muß Sie besitzen. Die Welt mag lachen, mich albern, selbstisch nennen, aber das kümmert mich nicht. Mein Geist verlangt nach Ihnen, er muß zufriedengestellt werden, oder er wird sich am Körper tödtlich rächen.’ ‘Nun wohl, Sir, ich will bei Ihnen bleiben; ich habe es ja bereits gesagt.’ ‘Ja, aber Sie verstehen darunter etwas ganz Anderes als ich. Sie werden sich vielleicht entschließen können, als meine liebe, kleine Wärterin um mich zu seyn, denn ich kenne Ihr gutes edles Herz, das Sie für diejenigen, die Sie bemitleiden, jedes Opfer bringen läßt. Damit soll ich mich dann natürlich begnügen, und für Sie fortan nur väterliche Gefühle hegen. Sagen Sie an, ist's nicht so?’ ‘Es ist so wie es Ihnen beliebt, Sir; ich bin damit zufrieden, Ihre Wärterin zu seyn, wenn Sie es so besser finden.’ ‘Aber Sie können doch nicht für immer meine Wärterin seyn, Jane; Sie sind jung und werden eines Tages heirathen.’ ‘Ich denke nicht ans Heirathen.’ ‘Sie sollten aber daran denken, Jane; wäre ich noch jetzt derjenige, der ich früher war, ich wollte es versuchen, Sie auf Heirathsgedanken zu bringen, — aber nun, als blinder Krüppel —’ Und er verfiel neuerdings in seinen Trübsinn. Ich hingegen wurde immer fröhlicher und faßte frischen Muth, denn seine letzten Worte zeigten mir, wo das Hinderniß lag, und da es in meinen Augen keineswegs als solches galt, so fühlte ich mich ganz leicht und glücklich und gab dem Gespräch eine lebhaftere Wendung. ‘Es wäre an der Zeit, daß es Jemand unternähme, Sie wieder menschlich zu machen,’ sagte ich, sein dichtes, langgewachsenes Haar zurückstreichend. ‘Wie ich sehe, sind Sie nahe daran, in einen Löwen oder so etwas dergleichen umgewandelt zu werden. Sie sehen beiläufig wie Nebukadnezar im Felde aus. Ihre Haare erinnern mich an Adlersfedern; ob auch Ihre Nägel den Krallen eines Raubvogels gleichen, habe ich noch nicht untersucht.’ An diesem Arme habe ich weder eine Hand noch Nagel,’ sagte er, seine verstümmelte Linke hervorziehend und sie mir hinreichend. ‘Es ist ein bloßer Stummel und ein schrecklicher Anblick. Denken Sie nicht auch, Jane?’ ‘Es jammert Einen, diesen Arm, diese Augen, diese Schramme auf der Stirne zu sehen, und das Schlimmste dabei ist, daß man Gefahr läuft, Sie nur noch mehr zu lieben.’ ‘Ich glaubte Sie würden zurückschrecken, wenn Sie meinen Arm und mein narbiges Gesicht sähen.’ ‘Wirklich? Sagen Sie das nicht noch einmal, sonst mache ich über Ihren Verstand irgend eine unhöfliche Bemerkung. Und nun gewähren Sie mir nur einen Augenblick Zeit, um ein besseres Feuer anzumachen und den Camin abzukehren. Erkennen Sie es, wenn das Feuer hell brennt?’ ‘Wohl, mit dem rechten Auge sehe ich einen hellen Schimmer, einen glutrothen Punkt.’ ‘Sehen Sie das Kerzenlicht?’ ‘Sehr dunkel, ein jedes Licht kommt mir wie eine Wolke vor.’ ‘Können Sie mich sehen?’ ‘Nein, meine gute Fee, aber ich danke Gott, daß ich Sie wenigstens hören und fühlen kann.’ ‘Wann essen Sie zu Nacht?’ ‘Ich nehme nie ein Nachtmahl ein.’ ‘Aber heute müssen Sie etwas essen. Ich bin hungrig und Sie sind es gewiß auch, nur daß Sie darauf vergessen.’ Mit Mary's Hilfe hatte ich das Zimmer bald in Ordnung gebracht und eine tüchtige Mahlzeit angerichtet. Ich war gut aufgelegt und unterhielt ihn während des Essens nach, besten Kräften. Bei ihm brauchte ich mir keinen Zwang anzuthun, denn ich wußte, daß ich ihm gefiel, und daß aber Allles was ich sagte, ihn entweder tröstete oder erheitert, und ein freundliches Lächeln glitt über as Antlitz des armen Blinden, und die Freude fing an auf seiner Stirne zu dämmern. Nach eingenommenem Mahle stellte er eine Unzahl Fragen ch mich: wo ich gewesen, was ich gemacht, wie ich ihn aufgefunden; aber ich gab ihm nur kurze Antworten, da es schon zu spät war in Einzelnheiten einzugehen. Uebrigens hatte ich nicht die Absicht, die kaum vernarbten Wunden seines Herzens aufzureißen: mein einziger Zwecks war, ihn aufzuheitern. Wohl war er fröhlich genug, doch nur auf Augenblicke. Wenn das Gespräch eine Weile stockte, streckte er sich unruhig hin und her, faßte mich an und rief mich beim Namen. ‘Sie sind doch ein menschliches Wesen, Jane? Sie sind dessen gewiß?’ ‘Ich kann es Ihnen mit gutem Gewissen betheuern Mr. Rochester.’ Wie konnten Sie jedoch an diesem trüben Abende so plötzlich in meine Stube treten? Ich streckte meine Hand aus, um ein Glas Wasser von einem Miethlinge zu empfangen: Sie reichten mir es; ich stellte eine Frage in der Erwartung, John's Weib werde mir antworten, und es war Ihre Stimme, die an mein Ohr schlug. ‘Weil ich an Mary's Stelle mit dem Credenzteller hereingekommen war. ‘Und selbst die Stunde, die ich jetzt mit Ihnen zubringe, kömmt mir wie die Wirkung einer Zauberei vor. Wer vermöchte es zu sagen, was für ein elendes, hoffnungsloses Leben ich seit Monaten herumschleppte! Ich that nichts, ich erwartete nichts, ich unterschied Tag und Nacht nicht, fühlte blos daß es kalt war, wenn das Feuer ausging, und daß ich hungrig war, wenn ich zufällig auf's Essen vergessen hatte, und bei allem dem quälte mich eine namenlose Sehnsucht nach meiner lieben Jane. Ja, ich sehnte mich mehr nach ihr, als nach der Wiedererlangung meines verlornen Gesichtes. Wie ist es möglich, daß sie nun mit einem Male bei mir sitzt und mich ihrer Liebe versichert! Wird sie nicht vielleicht eben so schnell wieder verschwinden als sie kam? Ich fürchte. ich finde sie schon morgen nicht mehr. Eine ganz gewöhnliche, alltägliche Antwort paßte meiner Ansicht nach am besten für seinen gegenwärtigen Gemüthszustand. Ich befühlte seine Augenbrauen, bemerkte, sie seyen ganz zerschunden und versprach ein Mittel anzuwenden, nach welchem sie wieder so schwarz und so dicht wie früher wachsen würden. ‘Was kann mir das Alles nützen, mein lieber wohlthätiger Geist, wenn Sie mich vielleicht alsbald wieder böswillig verlassen wollen, wie ein Schatten verschwinden, ohne daß man weiß wie und wohin?’ ‘Haben Sie einen Taschenkamm bei sich, Sir?’ ‘Wozu das, Jane?’ ‘Blos um Ihre zerzauste Mähne durchzukämmen. Sie kommen mir, wenn ich Sie lange ansehe, ordentlich unheimlich vor. Sie nennen mich eine Fee, aber ich könnte Sie mit größerem Rechte für einen Waldgeist halten.’ ‘Bin ich denn so häßlich, Jane?’ ‘Sehr; Sie waren es von jeher, wie Sie selbst am besten wissen.’ ‘Hm! Die Bosheit hat man Ihnen nicht ausgetrieben, wo Sie auch immer weilten.’ ‘Und doch war ich bei guten Leuten, bei weit bessern als Sie, die Ideen und Ansichten hatten, welche Ihnen zeitlebens fremd waren.’ ‘Wo zum Guckguck waren Sie denn?’ ‘Wenn Sie beständig zucken, so rupfe ich Ihnen noch das ganze Haar aus und dann werden Sie wohl aufhören an der Wirklichkeit meines irdischen Daseyns zu zweifeln.’ ‘Bei wem waren Sie, liebe Jane?’ ‘Heute Abends bekommen Sie es nicht mehr aus mir heraus; Sie müssen sich schon bis morgen früh gedulden. Wenn ich Ihnen meine Geschichte nur halb erzähle, so gibt Ihnen das wenigstens die Gewißheit, daß ich bei Ihrem Frühstücktische erscheine, um dieselbe zu beendigen. Beiläufig gesagt, darf ich Ihnen dann nicht blos mit einem Glas Wasser, sondern wenigstens mit einem Ei vor die Augen kommen, des gebackenen Schinkens gar nicht zu gedenken.’ ‘Sie spöttisches Ding, Sie von Feen Geborne und von Menschen Erzogene! Sie erwecken Gefühle in mir, wie sie seit einem Jahre in meiner Seele nicht rege wurden. Hätte Sie Saul statt seines David haben können, der böse Geist wäre ja auch ohne Harfe ausgetrieben worden.’ ‘So, Sir, nun sind Sie frisirt und sehen wieder vernünftig aus. Nun will ich Sie verlassen: ich bin durch volle drei Tage herumgefahren und daher. wie natürlich, müde. Gute Nacht!’ ‘Nur noch ein Wort, Jane; gab es in dem Hause, wo Sie lebten, nur Damen?’ Ich lachte und lief davon und betrat kichernd meine Schlafstube. ‘Ein guter Gedanke,’ dachte ich bei mir; ‘ich sehe daß ich die Mittel in Händen habe, ihm die Melancholie auf eine geraume Zeit zu vertreiben.’ Am nächsten Morgen hörte ich ihn schon zeitlich aufstehen und in den Gemächern herumwandern. Sobald Mary hinunter kam, vernahm ich die Frage: ‘Ist Miß Eyre hier?’ Dann fügte er hinzu: ‘Welche Stube hast Du ihr angewiesen? War sie nicht feucht? — Ist sie schon auf? Geh und frage sie, ob sie nichts brauche und wann sie herunter kommen will?’ Ich erschien, so bald ich wußte, es sey Aussicht auf ein Frühstück vorhanden und da ich ganz leise ins Zimmer trat, so sah ich ihn früher als er meine Gegenwart bemerken konnte. Es war in der That betrübend zu sehen — wie dieser kräftige Geist dem Gewicht eines körperlichen Gebrechens erlag. Er saß regungslos, doch nicht ruhig in seinem Stuhle und wartete; sein Anblick erinnerte an denjenigen einer verlöschenden Lampe, die dem Augenblicke entgegen sieht, wo sie wieder angezündet werden soll. Ich wollte lustig und sorglos seyn, allein die Ohnmacht des starken Mannes durchbohrte mir das Herz. Dennoch suchte ich so lebhaft als möglich zu erscheinen. ‘Es ist ein schöner heiterer Sommermorgen. Sir,’ sagte ich, ‘der Morgen ist vorüber und das Wetter nun um so angenehmer. Wir wollen dann spaziren gehen. Ich hatte das Feuer entzündet; sein Gesicht leuchtete. ‘Da ist sie ja, meine Himmelslerche! Kommen Sie zu mir. Sie sind also nicht vergangen, nicht in Rauch zerflossen! Vor einer Stunde hörte ich eine Ihrer Schwestern in den Lüften wirbeln, aber ihr Gesang hatte ebenso wenig Reiz für mich, als die aufgehende Sonne. Meine schönste Melodie auf Erden ist nur die Stimme m einer theuern Jane und mein einziger Sonnenschein hienieden uhre Gegenwart.’ Das Wasser trat mir in die Augen. als ich dieses Bekenntniß seiner Abhängigkeit vernahm; es war als sähe sich ein gefesselter Königsadler gezwungen, einen Sperling anzuflehen, er möge sein Versorger werden. Doch ich wollte nicht weinerlich seyn, wischte daher die salzigen Tropfen aus den Augen und machte mich daran, das Frühstück zu bereiten. Den größten Theil des Morgens brachten wir im Freien zu. Ich führte ihn durch den Wald hindurch in die Felder hinaus, beschrieb ihm ihr Grün, das herrliche Blau des Firmamentes, den Glanz der Sonnenstrahlen. Dann suchte ich ihm einen anmuthigen Platz zum Sitzen aus, einen trockenen Baumstumpf und weigerte mich nicht, mich von ihm auf seine Kniee heben zu lassen. Warum sollte ich auch, da wir, je näher beisammen, desto glücklicher waren? Pilot lag neben uns und ringsum herrschte die tiefste Ruhe. ‘Grausamer, böser Flüchtling!’ rief er aus, indem er mich fest an sein klopfendes Herz drückte. ‘Welche Qualen, welche Schmerzen fühlte ich, als ich die Entdeckung machte, Sie hätten Thornfield verlassen, und ich Sie nirgends in der ganzen Gegend finden konnte! Das Perlenhalsband, das ich Ihnen geschenkt, lag unberührt in seinem Gehäuse, Ihre Koffer standen ganz reisefertig an derWand. Was konnte mein Herzensliebling ohne Geld, ohne die nöthige Kleidung in der weiten Welt beginnen? Lassen Sie mich nun hören, wie es ihr wirklich erging.’ Dieser Aufforderung zu entsprechen, erzählte ich ihm die Geschichte meiner Leiden. Die Beschreibung der drei ersten Tage nach meiner Flucht aus dem Herrenhause malte ich so gelind als möglich aus, um ihm nicht durch die wahre Schilderung meiner Entbehrung einen unnützen Schmerz zu bereiten; schon das Wenige was ich ihm mittheilte reichte hin, sein treues Herz zu zerfleischen. Ich hätte ihn nicht so ganz entblößt den Allem verlassen, ich hätte ihm vertrauen sollen, meinte er. Er würde mich nie dazu gezwungen haben seine Maitresse zu werden und so heftig und leidenschaftlich er auch damals ausgesehen habe, so wäre ja auch seine Liebe zu mir viel zu groß gewesen, als daß er daran gedacht hätte, sich zu meinem Tyrannen aufwerfen zu wollen. Lieber würde er mir sein halbes Vermögen geschenkt haben, ohne dafür auch nur einen Kuß zu verlangen, ehe er es zugegeben hätte, daß ich mich freund- und hilflos in die weite Welt hinaus stürzte. Gewiß waren meine Leiden viel größer gewesen, als ich es Wort haben wollte. ‘Wohl,’ antwortete ich, ‘mögen nun meine Leiden wie immer geartet gewesen seyn, sie waren jedenfalls von kurzer Dauer.’ Dann beschrieb ich ihm meine Aufnahme im Moorhause, meine Anstellung als Schulmeisterin u. s w. ‘Die Erbschaft, die Entdeckung meiner Verwandtschaft mit der Familie Rivers kamen dann an die Reihe. Natürlich mußte ich St. John Rivers im Verlaufe meiner Erzählung häufig erwähnen. Als ich geendigt hatte, faßte er diesen Namen sofort auf. ‘Dieser St. John ist also Ihr Vetter?’ ‘Ja.’ ‘Sie haben seinen Namen oft genannt; liebten Sie ihn?’ ‘Er war ein sehr guter Mann, Sir, und ich konnte ihm natürlich nicht gram seyn.’ ‘Ein guter Mann ? Soll das einen achtungswerthen gesetzten Fünfziger bereuten?’ ‘St. John war erst neunundzwanzig Jahre alt.’ ‘Jeune encore, wie die Franzosen sagen. Ist er klein, häßlich und schläfrigen Temperaments? Eine Person, deren Güte mehr in dem Abgange von Lastern, als in dem Vorhandenseyn von Tugenden besteht?’ ‘Er ist unablässig wirksam und lebt nur der Vollführung großer, hochstrebend er Thaten.’ ‘Aber sein Geist ist etwas schwach? Er meint es wohl gut, aber Sie zucken die Achseln, wenn er spricht?’ ‘Er spricht wenig. Sir; allein was er spricht, ist stets treffend. Sein Geist ist meiner Meinung nach außerordentlich, nicht empfänglich, aber ungemein stark.’ ‘Er ist also ein geschickter Mann?’ ‘Im wahren Sinne des Wortes.’ ‘Durch und durch gebildet?’ ‘St. John ist ein vollendeter Gelehrter.’ ‘Seine Manieren behagten Ihnen nicht, wie ich glaube? sie waren etwas pfäffisch und frömmelnd?’ ‘So viel ich weiß, erwähnte ich seiner Manieren nicht. Ich müßte aber einen sehr schlechten Geschmack haben, wenn sie mir nicht behagten; sie sind artig, ruhig, ganz die eines Mannes von Welt. ‘Sein Aeußeres, ich vergaß ganz, wie Sie ihn beschrieben; jedenfalls ein ungeschlachter Dorfpfarrer, der in seinem weißen Halstuche halb erstickt und in seinen dickbesohlten Kappenstiefeln wie auf Stelzen einhergeht. Nicht wahr? ‘St. John kleidet sich geschmackvoll. Er ist ein schöner sch lanker Mann mit eineu griechischen Profil.’ (Beiseite.) ‘Der Teufel hole ihn!’ (Zu mir gewendet.) ‘Waren Sie ihm gut?’ ‘Wohl, Mr. Rochester. Sie stellten mir schon einmal dieselbe Frage.’ Wohl verstand ich wohin Mr. Rochester mit seinen Reden zielte. Die Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt und stachelte ihn auf; aber diese Cur war ihm sehr heilsam, sie vertrieb ihm die drückende Melancholie. Ich wollte daher der Schlange nicht sogleich den Kopf zertreten. ‘Vielleicht beliebt es Ihnen nicht mehr auf meinem Schooße zu sitzen, Miß Eyre?’ lautete seine nächste etwas unerwartete Bemerkung. ‘Warum nicht, Mr. Rochester?’ ‘Das Porträt, das Sie mir eben vormalten, bildet einen zu großen Contrast mit meiner Person. Sie gaben die Beschreibung eines Apollo und nun haben Sie einen Vulkan, einen wahren Grobschmied der sich, der noch dazu blind und einarmig ist.’ ‘Ich dachte früher nicht daran allein jetzt sehe ich, daß Sie wirklich einem Vulkan gleichen.’ ‘Sie können gehen, Madame, doch ehe Sie mich werden Sie die Güte haben, mir eine oder zwei Fragen verlassen (und er hielt mich noch viel fester umschlungen), zu beantworten.’ Er hielt inne. ‘Was für Fragen, Mr. Rochester?’ Worauf er das nachstehende Verhör vornahm: ‘St. John stellte Sie als Lehrerin zu Morton an, bevor er wußte, Sie seyen seine Cousine?’ ‘Ja.’ ‘Sie sahen ihn oft und er besuchte zuweilen die Schule? ‘Alle Tage.’ ‘Er war mit Ihrem Lehrplane zufrieden? Er mußte es jedenfalls seyn, denn ich kenne Ihre Talente.’ ‘Er war damit zufrieden.’ ‘Er entdeckte so Manches an Ihnen, was er nicht erwartet hatte? Einige Ihrer Vorzüge sind nicht gewöhnlicher Art.’ ‘Davon weiß ich nichts.’ ‘Sie hatten ein kleines Häuschen neben der Schule, wie Sie sagen; besuchte er Sie auch in Ihrer Wohnung?’ ‘Dann und wann.’ ‘Des Abends?’ ‘Ein- oder zweimal.’ Eine Pause trat ein. ,Wie lange wohnten Sie noch mit ihm und mit seinen Schwestern, nachdem schon Ihre Verwandtschaft mit demselben bekannt war? ‘Fünf Monate.’ ‘Pflegte Rivers oft in Ihrer Gesellschaft zu seyn?’ ‘Ja; die Hinterstube war unser gemeinschaftliches Studierzimmer; er saß am Fenster und wir am Tische.’ ‘Studierte er viel?’ ‘Gehörig.’ ‘Was zum Beispiel?’ ‘Die hindostanische Sprache.’ ‘Und was thaten Sie inzwischen?’ ‘Ich lernte deutsch.’ ‘Gab er Ihnen Stunden?’ ‘Ja, im Hindostanischen.’ ‘Wie, Rivers lehrte Sie Hindostanisch?’ ‘Ja, Sir.’ ‘Und seine Schwestern auch?’ ‘Nein.’ ‘Also blos Sie?’ ‘Blos mich.’ ‘Wollten Sie es selbst lernen?’ ‘Nein.’ ‘Es war also sein Wunsch?’ ‘Ja.’ Neue Pause. ‘Warum wünschte er es? Was konnte Ihnen diese Sprache nützen?’ ‘Er wollte, ich sollte ihn nach Indien begleiten.? ‘Ah, nun komme ich der Sache auf den Grund. Er wollte Sie also heirathen?’ ‘Er hielt um meine Hand an.’ ‘Das ist eine Lüge — eine unverschämte Erfindung, mich zu ärgern.’ ‘Ich bitte um Verzeihung, es ist die reine Wahrheit. Er machte mir sogar mehr als einmal den Vorschlug und war auf die Erfüllung seines Wunsches ebenso versessen, als Sie es zu Ihrer Zeit waren.’ ‘Sie mögen gehen, Miß Eyre, ich wiederhole es. Wie oft soll ich es noch sagen? Warum bleiben Sie so hartnäckig auf mir sitzen, wenn ich Sie bitte, mich zu verlassen?’ ‘Weil ich mich hier am behaglichsten fühle.’ ‘Nein, Jane, Sie fühlen sich nicht behaglich, denn Ihr Herz ist nicht bei mir, es ist bei Ihrem Vetter St. John. Oh, bis zu diesem Augenblicke dachte ich, meine kleine Jane gehöre nur mir an. Auch dann noch, als sie mich verließ, glaubte ich an ihre Liebe und dieser Gedanke schwamm als Atom der Süße in dem Meer von Bitterkeit. Während unserer langen Trennung stellte ich mir nie die Möglichkeit vor, sie könne einen Andern lieben! Aber alles Klagen wäre unnütz. Verlassen Sie mich, gehen Sie hin und heirathen Sie Rivers.’ ‘Nun denn, so schütteln Sie mich ab, stoßen Sie mich von sich; denn von freien Stücken gehe ich nicht fort.’ ‘Ich liebe den Ton Ihrer Stimme, Jane, er macht mir immer wieder Hoffnung, er klingt so zutraulich. So oft ich ihn höre, denke ich mich ein Jahr zurück. Ich vergesse, daß Sie ein neues Band geknüpft haben. Aber ich bin kein Thor — gehen Sie.’ ‘Wohin soll ich gehen, Sir?’ ‘Ihren eigenen Weg entlang ,mit dem Gatten, den Sie sich erwählten.’ ‘Wer ist das?’ ‘Sie wissen es am besten, St. John Rivers.’ ‘Er ist nicht mein Gatte und wird es auch nie werden. Er liebt mich nicht, ich liebe ihn nicht. Er liebt so wie es ihm nur immer möglich ist (und noch lange nicht mit Ihrem Feuer) eine schöne Dame Namens Rosamunde. Er wollte mich blos heirathen, um eine brauchbare Gefährtin bei seinen Missionsreisen zu haben, wozu jene nicht taugte. Er ist gut und großherzig , aber streng und kalt wie ein Eisberg. Er ist nicht so wie Sie, Sir, und ich fühlte mich an seiner Seite, in seiner Nähe nicht glücklich. Nichts zog ihn zu mir, nicht einmal meine Zugend, blos einiger nützlicher Eigenschaften, die er an mir entdeckt hatte, bedurfte er zu seinen Plänen. Und nun, Sir, sind Sie noch immer der Meinung, daß ich Sie verlassen muß, um zu ihm zu gehen?’ Ich erzitterte unwillkürlich und drückte mich fester an meinen blinden Gebieter Er lächelte. ‘Wie, Jane, sollte das wahr seyn? Stehen die Sachen wirklich so?’ ‘Gerade so. Oh, Sie dürfen nicht eifersüchtig seyn! Ich wollte Sie blos ein wenig reizen, um Sie dadurch zu zerstreuen; ich dachte: Aerger sey besser als Kummer. Wenn es aber Ihr Wunsch ist, daß ich Sie liebe, so wollte ich Sie wüßten, wie sehr dies bereits der Fall ist: Sie wären gewiß damit zufrieden. Mein Herz gehört Ihnen ganz und gar und würde auch dann bei Ihnen bleiben, wenn mich selbst das Schicksal von Ihnen losrisse.’ Während er mich küßte, schienen neuerdings trübe Gedanken in ihm aufzutauchen. ‘Meine geblendeten Augen! Mein verkrüppelter Arm!’ jammerte er leise vor sich hin. Ich liebkoste ihn und suchte ihn zu beruhigen. Ich wußte woran er dachte und hätte gerne statt seiner gesprochen, allein ich traute mich nicht. Als er sich wegwendete, sah ich eine Thräne unter seinem geschlossenen Augenlide hervorquellen und seine männlich gebräunte Wange herabrollen. Das Herz wurde mir schwer. ‘Ich bin jetzt nicht mehr werth, als der alte zersplitterte Kastanienbaum im Obstgarten von Thornfield,’ bemerkte er nach einer Pause. ‘Und welches Recht hätte dieser Baumstrunk zu verlangen, daß ein knospendes Geisblatt seine Ruine mit frischem Grün schmücke?’ ‘Sie sind keine Ruine, Sir, kein vom Blitze zerschmetterter Baum! Sie sind noch grün und kräftig. Pflanzen werden dennoch um Ihren Stamm wachsen, Sie mögen es wollen oder nicht, und wie sie emporschießen, werden sie sich auch um Sie ranken, da ihnen Ihre Stärke eine so feste Stütze beut.’ Er lächelte wieder: ich hatte ihm Trost eingeflößt. ‘Sie meinen damit Freunde, Jane?’ ‘Wohl,’ antwortete ich zögernd, denn ich hatte etwas Anderes darunter gemeint, doch ohne es aussprechen zu können. Er half mir aus der Verlegenheit. ‘Aber ich brauche ein Weib.’ ‘Wirklich, Sir?’ ‘Ja wohl; ist Ihnen das etwas Neues?’ ‘Gewiß, denn Sie sprachen ja noch gar nicht davon.’ ‘Ist Ihnen diese Eröffnung willkommen?’ ‘Das hängt von Umständen — von Ihrer Wahl ab.’ ‘Sie sollen sie an meiner Stelle treffen und ich will mich Ihrer Entscheidung unterwerfen.’ ‘So wählen Sie denn diejenige — die Sie am innigsten liebt.’ ‘Wenigstens will ich diejenige nehmen — die ich am innigsten liebe. Jane, wollen Sie heirathen?’ ‘Ja, Sir.’ ‘Mich armen blinden Mann, den Sie werden bei der Hand herumführen müssen?’ ‘Ja, Sir.’ ‘Einen Krüppel, der zwanzig Jahre älter ist als Sie, den Sie zu pflegen haben werden?’ ‘Ja, Sir.’ ‘Ist's Ihr Ernst, Jane?’ ‘Mein voller Ernst, Sir.’ ‘Oh, mein theures Herz! Gott segne und belohne Sie!’ ‘ Wenn ich je in meinem Leben etwas Gutes that, wenn ich je einen frommen Gedanken hatte, wenn ich je ein herzliches Gebet verrichtete, so bin ich jetzt dafür belohnt, Ihr Weib zu seyn ist für mich das größte Glück auf Erden.’ ‘Weil Sie so gerne Opfer bringen.’ ‘Opfer? Was opfere ich? Den Heißhunger der Sättigung, die Erwartung der Befriedigung. Ist es ein Opfer, wenn ich das Recht erlange, mein höchstes Glück in meine Arme zu schließen, den Gegenstand meiner innigsten Neigung zu liebkosen, mich auf denjenigen zu stützen, dem ich ganz vertraue? Ist dies der Fall, dann bringe ich freilich gerne Opfer.’ ‘Aber Sie müssen auch mit meinen Schwächen Nachsicht haben, meine Fehler übersehen.’ ‘Weder die einen noch die andern erscheinen mir als solche. Nun ich Ihnen wirklich nützen kann, liebe ich Sie noch mehr als zuvor in Ihrer stolzen Unabhängigkeit, wo Sie keine andere Rolle annehmen wollten, als diejenige des Gebers und Gönners.’ ‘Bis nun war es mir verhaßt, Hilfe und Unterstützung zu empfangen, doch jetzt ist es etwas Anderes. Ich vermochte es nicht, meinen Arm einem Miethlinge zu reichen: allein wenn ihn Jane's kleine Finger umspannen, machte es mich glücklich. Ich zog das gänzliche Alleinseyn der Gegenwart von Dienstleuten vor: aber Jane's zarte Pflege wird mich stets beglücken. Jane paßt zu mir, passe auch ich zu ihr?’ ‘Ganz genau, Sir.’ ‘Wenn es so ist, so haben wir auf nichts weiter zu warten und können uns sofort trauen lassen.’ Er sprach mit regem Eifer; seine alte Heftigkeit war erwacht. Wir müssen ohne Verzug Ein Leib werden: blos des Aufgebotes bedarf es, dann —’ ‘Ich habe eben bemerkt, daß die Sonne bereits unter der Mittagshöhe steht und Pilot ist in der That schon nach Hause zum Essen gegangen. Lassen Sie mich auf Ihre Uhr sehen.’ ‘Da, nehmen Sie sie und tragen Sie sie fortan: ich kann sie nicht weiter brauchen.’ ‘Es ist beinahe vier Uhr, Sir. Sind Sie nicht hungrig?’ ‘Von heute in drei Tagen findet unsere Vermälung statt. Schöne Kleider und Juwelen wollen wir diesmal bei Seite lassen; alles das ist keinen Heller werth.’ ‘Die Sonne hat alle Feuchtigkeit ausgetrocknet, Sir. Es weht kein Lüftchen und die Hitze ist groß.’ ‘Wissen Sie, daß ich Ihr Perlenhalsband unter meinem Halstuche trage? Ich habe es seit jenem Tage um, wo mir mein einziger Schatz verloren ging.’ ‘Wir wollen unsern Rückweg durch den Wald nehmen, denn es ist wirklich zu heiß.’ Er verfolgte den Gang seiner Gedanken, ohne sich an mich zu kehren. ‘Sie halten mich für einen gottlosen Menschen, Jane; aber ich muß gestehen, daß mich in diesem Augenblicke die innigste Dankbarkeit gegen meinen gütigen Schöpfer erfüllt. Er ist höchst gerecht und höchst weise. Ich hatte gefehlt: ich wollte eine unschuldige Blume beflecken, ihre Reinheit mit dem Hauche m einer Verderbtheit vergiften, aber der Allmächtige entriß sie meinen Händen. In meiner Kurzsichtigkeit fluchte ich der Vorsehung, statt mich willig ihrem Beschlusse zu fügen. Die göttliche Gerechtigkeit nahm ihren Verlauf und ein Unglück nach dem andern traf mich: ich kam dem Tode nahe. Gottes Strafgericht war streng und demüthigte mich besonders in einer Hinsicht. Sie wissen wie sehr ich auf meine Kraft pochte; aber wo ist sie nun hin, da ich mich, ein schwaches Kind, fremder Leitung überlassen muß? Erst in letzter Zeit, Jane, begann ich die rächende Hand Gottes zu erkennen, Gewissensbisse und Reue zu fühlen und mich nach Aussöhnung mit meinem himmlischen Vater zu sehnen. Von Zeit zu Zeit betete ich, zwar wenige, aber herzliche Worte. ‘Vor vier Tagen, am verwichenen Montag, kam eines sonderbare Stimmung über mich; Schmerz trat an die Stelle der Wuth, Kummer an die der Verzweiflung. Schon lange hatte ich die Ueberzeugung gewonnen, Sie müßten todt seyn, da ich Sie nirgends finden konnte. Etwa zwischen eilf und zwölf Uhr in der darauffolgenden Nacht, ehe ich mich zur Ruhe begab, flehte ich zu Gott, er möchte mich, wenn es in seinem Rathe beschlossen sey, zu sich nehmen, da ich doch wenigstens in jener Welt die Hoffnung hätte, meiner lieben Jane wieder zu begegnen. ‘Ich befand mich in meinem Zimmer und saß am offenen Fenster: die balsamische Nachtluft that mir wohl und obgleich ich keine Sterne sehen konnte, so hatte ich doch einen unbestimmten Schein vom Monde. Ich sehnte mich nach Dir, meine Jane, ich frug den himmlischen Vater zerknirscht und demüthig, ob ich noch nicht lange genug gelitten hätte und würdig wäre mein Glück und meinen Frieden wieder zu erlangen. Ich bekannte, daß ich meine Strafe verdiente, aber ich klagte auch, daß ich die Qual nicht länger ertragen könne, und der Anfang und das Ende meiner Herzenswünsche machte sich unwillkürlich Luft. ‘Jane! Jane! Jane!’ rief ich in die Nacht hinaus. ‘Sprachen Sie meinen Namen laut aus?’ ‘Wohl! Wenn mich irgend Jemand gehört hätte, er müßte mich für wahnsinnig gehalten haben: so laut schrie ich.’ ‘Und es war am vergangenen Montag, etwa gegen Mitternacht?’ ‘Ja, aber der Zeitpunkt ist nicht wichtig, das Sonderbare liegt in dem was unmittelbar darauf folgte. Sie werden mich für abergläubisch halten, doch was ich Ihnen hier erzähle, ist wahr.’ ‘Nachem ich Ihren Namen gerufen, antwortete mir eine Stimme — ich wußte nicht woher, allein ich erkannte, daß es Ihre Stimme war: — ‘Ich komme! Warten Sie auf mich!’ und einen Augenblick später hörte ich rufen: ‘Wo sind Sie?’ ‘Ich will versuchen, Ihnen zu beschreiben, welche Gedanken ich mir über dieses Ereigniß machte, wiewohl es schwer ist, dafür Worte zu finden. Ferndean liegt, wie Sie wissen, tief im Walde, wo der Schall matt auffällt und ohne Echo erstirbt. Die Worte: ‘Wo sind Sie?’ schienen zwischen Bergen gesprochen worden zu seyn, denn ich hörte sie im Wiederhalle nachtönen. Der Luftzug erfrischte mich und kühlte meine heißen Wangen ab: ich hatte mir jedenfalls eingebildet, Sie seven mir irgendwo in der Ferne begegnet, und unsere Vereinigung hatte sicherlich im Geiste stattgefunden. Gewiß hatte, während Sie schliefen, Ihre Seele den Körper verlassen und war in meine Nähe geeilt: denn es war, so gewiß als ich lebe, Ithre Stimme, die ich gehört hatte.’ Gerade am Montag — nahe um Mitternacht — war auch mir jene geheimnißvolle Mahnung erklungen. Ich lauschte Mr. Rochester's Erzählung, machte ihm aber meinerseits keine Enthüllungen. Das Zusammentreffen der wunderbaren Töne erschien mir als zu feierlich, zu unerklärlich, um es zum Gegenstande eines Gespräches zu machen; dann wollte ich auch andererseits sein ohnehin erregtes, in letzter Zeit so empfänglich gewordenes Gemüth nicht durch eine Erzählung des übernatürlichen Vorfalles, die nicht verfehlen konnte auf ihn einen tiefen Eindruck zu machen, noch mehr in Aufregung versetzen. Ich behielt also dieses Ereigniß in meinem Herzen und machte darüber im Stillen meine Betrachtungen. ‘Sie dürfen sich daher nicht wundern,’ fuhr Mr. Rochester fort, ‘daß ich, als Sie gestern Abend so plötzlich in meine Stube getreten waren, nur schwer von dem Glauben abzubringen war, es sey Ihr Geist, eine bloße Stimme, die eben so schnell verschwinden mußte, wie jene Töne um Mitternacht. Nun danke ich Gott, daß es anders ist und danke ihm vom Grunde meines Herzens.’ Er nahm mich von seinem Schooße herunter, stand auf, zog ehrerbietig seinen Hut vom Kopfe und blieb, sein Antlitz zur Erde gesenkt, eine Weile in stiller Andacht stehen. Nur die letzten Worte seines Gebetes sprach er mit lauter Stimme. ‘Meinem Schöpfer sey es gedankt,’ sagte er, ‘daß er nach seinem Strafurtheile Barmherzigkeit walten ließ. Meinen Erlöser aber bitte ich in Demuth, er möge mir Kraft verleihen, fortan ein besserer Mensch zu werden, als ich es bis jetzt war.’ Dann streckte er mir seinen Arm entgegen. Ich ergriff seine Hand, drückte sie an meine Lippen, legte sie auf meine Achsel und diente ihm so als Stütze und als Führerin. Wir traten ins Hol; und gingen den Hause zu. Achtunddreißigstes Capitel. Schluß. Wir wurden vermält. Die Handlung ging in aller Stille vor sich, blos der Geistliche und der Notar waren außer uns zugegen. Aus der Kirche zurückgekommen, trat ich in die Küche, wo Mary kochte und John die Messer putzte. ‘Ich bin diesen Morgen mit Mr. Rochester getraut worden, Mary,’ sagte ich. Die Haushälterin und ihr Mann waren sehr phlegmatische Leute und Ausrufe der Verwunderung nicht zu erwarten. Mary sah empor, der Kochlöffel, mit dem sie auf ein Paar am Spieße bratender Hühner Brühe goß, blieb einen Augenblick in der Luft und ebenso lange hielt John mit dem Abreiben der Messer inne. Allein bald wendete Mary ihre Aufmerksamkeit wieder dem Braten zu und sagte ganz ruhig: ‘Ist’s wahr, Miß? Ei, wer hätte das gedacht!’ ‘Ich sah Sie mit dem Herrn ausgehen,’ fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu; ‘aber ich wußte nicht, was es zu bedeuten hatte.’ ‘ch sagte es meinem Weibe, daß es so kommen würde,’ versetzte John: ‘ich kannte Mr. Eduards Absicht (als alter Diener nannte er seinen Herrn oft bei seinem Taufnamen) und wußte, er würde nicht lange herumziehen. Nun, er hat recht gethan, und ich wünsche Ihnen viel Glück und Segen.’ ‘Danke, John, Mr. Rochester bat mich, Euch Beiden dieses hier zu geben,’ und ich legte eine Fünfpfundnote in seine Hand und eilte hinaus. ‘Sie wird besser für ihn taugen, als irgend eine von den Vornehmen,’ hörte ich den alten Diener sagen. ‘Wenn sie auch nicht hübsch ist, so ist sie doch gutmüthig und brav und das ist besser als Schönheit.’ Ich schrieb sofort nach dem Moorhause und nach Cambridge. Diana und Mary billigten meinen Schritt vollkommen. Diana meinte, sie würde mich nach den Flitterwochen sofort besuchen. ‘Sie möchte am Ende zu lange warten müssen,’ sagte Mr. Rochester, als er diesen Entschluß vernahm. ‘Denn unsere Flitterwochen werden wohl so lange dauern als wir leben.’ Mit welchen Gefühlen St. John die Vermälungsanzeige aufnahm, weiß ich nicht. Nach sechs Monaten schrieb er mir einen freundlichen Brief, ohne jedoch in demselben Mr. Rochester's zu erwähnen. Seitdem schreibt er mir regelmäßig, hofft, ich sey glücklich und gehöre nicht zu denjenigen Weltkindern, die über die Dinge dieser Erde Gott und das ewige Leben vergessen. Der Leser erinnert sich doch noch der kleinen Adele? Ich besuchte sie in der Schule; sie war entzückt mich zu sehen, sah aber sehr blaß und krank aus. Ich sah die Schuldisciplin jener Anstalt zu streng und nahm sie zu mir. Da ich jedoch erkannte, meine Zeit sey durch die Pflege meines Gatten zu sehr in Anspruch genommen, that ich sie in eine andere Schule, wo es nicht so streng zuging. Ich besuchte sie oft. ließ es ihr an nichts fehlen und nahm sie in den Ferien mit nach Hause. Eine gute englische Erziehung hat die Fehler ihres französischen Temperaments ausgerottet und sie ist mir nun eine liebe Gesellschafterin, die mir durch ihre Aufmerksamkeiten die wenige Güte, die ich ihr erwiesen, hinlänglich vergilt. Meine Erzählung nähert sich ihrem Ende: noch ein Wort über meine Ehe, und über einige Personen, die im Verlaufe derselben handelnd auftraten. Ich bin nun schon zehn Jahre verheirathet und weiß, was es heißt nur für dasjenige Wesen zu leben, das Einem hier auf Erden das Theuerste ist. Nie war wohl ein Weib so glücklich, wie ich, nie lebte es so angenehm, denn ich bin der Gesellschaft meines Eduard noch keine Minute überdrüssig geworden, eben so wenig, als er der meinigen; Mr. Rochester blieb nur die ersten zwei Jahre unserer Ehe blind: vielleicht war es gerade der Umstand, der uns so sehr an einander fesselte, denn ich war sein Auge, wie ich noch jetzt seine rechte Hand bin. Durch meine Augen sah er die Natur, und nie wurde ich es müde für ihn zu schauen, ihm Landschaften, Bäume und Blumen zu beschreiben. Eines Morgens. am Ende der zwei Jahre, als ich einen Brief schrieb, den er mir dictirte, bog er sich zu mir und sagte: ‘Hast Du nicht einen glänzenden Schmuck am Halse, liebe Jane?’ Ich hatte eine goldene Uhrkette umhängen und bejahte seine Frage. ‘Hast Du nicht ein blaßblaues Kleid an?’ Es war wirklich der Fall. Er erklärte mir dann, seit einiger Zeit komme es ihm vor, als schwinde der Nebel vor seinen Augen und nun sey er dessen gewiß. Ich reiste mit ihm nach London, wo er unter den Händen eines geschickten Augenarztes wenigstens auf dem einen Auge sein Gesicht wieder erlangte. Er kann wohl noch immer nicht ganz deutlich sehen, auch nicht viel lesen und schreiben, aber der Anblick der Natur ist ihm doch gestattet und er kann ohne fremde Hilfe herumgehen, und als ihm sein Erstgeborner in die Arme gelegt wurde, unterschied er, daß er dieselben schwarzen, glänzenden Augen besitze, die einst den Vater zierten. Auch bei dieser Gelegenheit dankte er Gott für seine Güte und Barmherzigkeit. Mein Eduard und ich sind um so glücklicher, da auch unsere Lieben es im vollsten Maße sind. Diana und Mary Rivers sind beide vermält und besuchen uns abwechselnd. Diana's Mann ist Capitän in der Flotte, ein tapferer Offizier und ein guter Mann; Mary ist die Frau eines Geistlichen, eines Schulfreundes ihrer Bruders und seinen Grundsätzen wie seiner Gemüthsbeschaffenheit nach eines solchen Weibes würdig. Sowohl Capitän Fitzjames als Mr. Wharton lieben ihre Weiber und werden von ihnen geliebt. Was St. John anbelangt, so ging er in der That Indien, wo er die sich selbst vorgezeichnete Bahn allem Eifer verfolgt. Mit Kraft und Gottesfurcht Selbstverläugnung arbeitet er an der Bekehrung seiner Nächsten und bekämpft alle Hindernisse des Glaubens des Kastengeistes mit riesiger Anstrengung. Er mag noch immer rauh, noch immer ehrgeizig seyn, aber seine Rauheit ist diejenige des Kriegers. Was er von seinem Mitmenschen beansprucht ist in den Worten Jesu zusammengefaßt, der da sagt: ‘Wer immer einer von meinen Jüngern seyn will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.’ Sein Ehrgeiz strebt nach einem Platze unter denjenigen, die sich von der Erde losgesagt haben, und in erster Reihe vor dem Throne Gottes stehen unter den Berufenen, den Getreuen und Auserwählten. St. John ist unvermält und wird es auch bleiben. Bis jetzt war er allein seiner Arbeit gewachsen und die nähert sich ihrem Ende: die glänzende Sonne neigte sich dem Untergange zu. Der letzte Brief, den er mir schrieb, entlockte mir menschliche Thränen und erfüllte mein Herz dennoch mit göttlicher Freude; er sah schon im Geiste seine Belohnung, die unvergängliche Himmelskrone vor sich. Ich weiß, daß mir demnächst eine fremde Hand schreiben, mich benachrichtigen wird, der gute und treue Diener sey endlich zu seinem Herrn berufen worden. Allein warum sollte ich deshalb weinen? Keine Furcht vor dem Tode wird St. Johns letzte Stunde verbittern sein Geist wird frei, sein Herz stark wie immer, seine Hoffnung, sein Glaube unerschüttert seyn. Seine eigenen Worte sprechen dafür: ‘Mein Meister,’ sagte er, ‘hat mir einen Wink gegeben. Täglich verkündigt er mir deutlicher: ‘Gewiß, ich komme bald!’ und stündlich antworte ich ihm, mit größerer Sehnsucht: ‘So komm denn, mein Herr Jesus, Amen!’ Ende.
Als Manuscript gedruckt. Auf rechtmäßige Weise nur von dem Theater-Agenten Herrn U. Heinrich in Berlin zu beziehen. Die Mission der Waise. Schauspiel in 3 Abtheilungen und Akten. Von Harry Morton. (Den verehrlichen Theater-Directionen ist es überlassen, auf dem Zettel zu bemerken: daß dieses Stück die zweite Hälfte des Romans “Jane Eyre” behandelt, also in der für sich abgeschlossenen Handlung sich unmittelbar dem Schauspiel “Die Waise von Lowood” anschließt. Berlin, 1854. Personen. Erste Abtheilung. Die Braut. In 1 Akt. Edward Lord Rochester. Jane Eyre, seine Braut, früher Gouvernante. Paster Wood. Briggs, Rechtsanwalt. Slender, Kaufmann aus Jamaika. Mrs. Willmore, Haushälterin. Blunt, in Rochester’s Diensten. Sophie, Zweite Abtheilung. In 3 Akten. Das Pfarrhaus. St John Rivers, ein junger Pfarrer. Rash, Wirth einer Schenke. Rochester. Diana, seine Schwester. Mary Jane Eyre. Alice Overland. Dullmann. Rash, Wirth einer Schenke. Rochester. Hannah, Magd. Staff, Gastwirth in Berwick. Badstone, Fuhrmann. Boll, Knecht. Dritte Abtheilung. Jane's Mission. In 1 Akt. Lord Rochester. Mrs. Willmore. Sophie. Blunt. Jane. St. John. Erster Akt. (Offener Garten; rechts der Eingang zu einem Hause in noblem Stil; mehr im Vordergrunde ein großer Baum, darunter eine kleine, aber elegante Gartenbank. Im Hintergrunde über die Gärten hinweg blickt man auf eine anmuthige Gegend.) Erste Scene. Mrs. Willmore. Blunt. Mrs. Willmore (tritt aus dem Hause und ruft nach der andern Seite). Blunt! — Blunt! so kommt doch! Blunt (noch hinter der Scene). Ja ja, ich höre! Mrs. Willmore (da Blunt aufgetreten). Der Herr fragte schon zwei Mal nach Euch. Blunt. Ja, wenn ich ‘mal ’n wenig Luft schnappen will, da ist gleich ‘ne Angst — Mrs. Willmore. Seid doch stolz, daß der Herr auf Euch, wie auf ale seine Leute etwas hält. Und nun geht hinein; heut möcht’ ich seiner Ungeduld nicht mit dem Geringsten in die Quere kommen. Blunt. Nu ja, ich geh’ schon; er weiß doch, daß ich vorsichtig und zuverlässig bin. (Will fort und bleibt wieder stehen, indem er sich halb umwendet.) — Hm — Mistreß — ich hörte, der Herr wolle Hochzeit machen, — ist denn dem wirklich so? Mrs. Willmore. Ja, wirklich, Miß Jane soll heut noch Mistreß Rochester werden, — und Herr Rochester, wie ich hoffe, ein glücklicher Gatte. Blunt. So? — hm, — na gut. — Also wirklich Hochzeit? — und Miß Jane, das ist die junge Person, die vor ‘nem halben Jahr als Gouvernante in's Haus kam. Mrs. Willmore. Es ist dieselbe; Miß Jane Eyre, ein liebes und kluges Mädchen. Blunt. Hm, — ich habe doch noch nie gehört, daß ein reicher Lord so'n armes Ding geheirathet; aber das ging schon, denn Herr Rochester ist kein Herr, wie andere, — wenn nur — — — na, was kümmert’s mich. (Geht in's Haus.) Mrs. Willmore. Ja, ich denk auch; ich hätte auch wohl manches zu bedenken und zu befürchten, — wenn ich mir selbst nicht gleichfalls sagen müßte: Was kümmert’s Dich! Wer kommt da, — hier ein Fremder? — Zweite Scene. Mrs. Willmore. Briggs. Briggs. Ihr Diener, Madame; verzeihen Sie, wem ich Einiges zu fragen habe. Sie sind, wie es scheint, hier bekannt. Mrs. Willmore. O ja, seit zehn Jahren; ich bin die Haushälterin des Lord Rochester. Briggs. Lord Rochester wohnt also doch hier? Mrs. Willmore. Allerdings. Bei der Eigenthümlichkeit und Abgeschlossenheit dieser Besitzung ist Wellfield wohl nicht gut zu verwechseln. Briggs. Gewiß nicht; ich wollte damit nur fragen, ob Herr Rochester beständig hier lebt. Mrs. Willmore. Beständig wohl nicht. Sonst kam er nur in langen Zwischenräumen von einem Viertel- oder halben Jahre her, und blieb dann niemals länger als vier Wochen, und nur seit seiner letzten Ankunft vor sechs Monaten ist er mit Ausnahme weniger Tage beständig hier gewesen, was freilich wohl auch seinen guten Grund hat. Briggs. Herr Rochester ist im Begriffe, zu heirathen? — Mrs. Willmore. In der nächsten Stunde noch soll die Trauung der sich gehen. Die Kirche ist eine halbe Meile entfernt. Aber ich bitte — Briggs. Verzeihen Sie, wenn ich Sie über Mehreres ausfrage; ich bin — ein — alter Freund des Lord Rochester und wünsche, ehe ich ihn wiedersehe, über manches mir Unbekannte in seinen jetzigen Verhältnissen Aufschluss zu erlangen. Die Braut des Herrn Rochester heißt ja wohl Jane Eyre und war bisher - Mrs. Willmore. Miß Jane war bisher Gouvernante in Herrn Rochester's Hause. Briggs. Wozu bedurfte der Herr dieser Gouvernante? Mrs. Willmore. Für eines Anverwandten verlassenes Kind, dessen der Lord sich väterlich angenommen. Ich hatte selbst Miß Jane, die eine Waise ist, für diese Stelle engagirt. Da ahnte ich freilich nicht, daß es dazu noch kommen würde, denn Miß Jane ist arm, anspruchslos, nicht schön, — wenn auch sehr gut und liebenswerth. Miß Jane glaubt noch heute zu träumen, wenn sie an des Herren grenzenlose Liebe und an die bevorstehende Hochzeit denkt. Aber Herr Rochester wird ein Sonderling genannt; sein Gemüth war stets düster und gedrückt von irgend einem Kummer, und erst seit dieser Liebe ist er ein anderer Mann geworden. Briggs. Lebt er außer mit dem Kinde mit sonst noch jemandem in diesem Hause? Mrs. Willmore. Mit Niemand, außer der Dienerschaft. Briggs. Wirklich? Und das wissen Sie gewiß? Mrs. Willmore. Wie sollt' ich das nicht wissen? Er hatte wohl hie und da vornehme Freunde aufgenommen, die aber nur stets besuchsweise hier auf Wellfield verkehrten. Briggs. So? — Sind niemals seltsame Gerüchte — über — hm, — über frühere Lebensverhältnisse des Lords zu Ihren Ohren gekommen? Mrs. Willmore. Ich — ich wüßte nicht, was das wäre? — Briggs. Ich danke Ihnen, und bitte wegen meiner Fragen nochmals um Entschuldigung. (Geht wieder nach der Seite links ab.) Mrs. Willmore (allein). Was ist das für ein Besuch? Der Mann thut so geheimnißvoll und wichtig? — und seine Fragen klangen mir oft so sonderbar. (Merkt auf.) Ich höre den Herrn kommen. Dritte Scene. Mrs. Willmore. Rochester. Rochester (aus dem Hause). Mistreß Willmore, — gehen Sie doch zur Miß in's Zimmer; vielleicht können Sie ihr bei der Toilette noch behülflich sein, — wenn sie sie nicht schon allein, wie sie es liebt, beendet hat. Mrs. Willmore. Ich will gleich sehen. — So eben war ein fremder Herr hier, der nach Ihnen fragte. Rochester. Ein Fremder? — nach mir? — Wo ist er? Mrs. Willmore. Er ging wieder fort, als ich ihm seine Fragen beantwortet hatte. Rochester (gespannt). Fragen? — Und was fragte er denn? Mrs. Willmore. Mancherlei, besonders was Ihre Hochzeit und Miß Jane betraf. Rochester (aufgeregt). Hochzeit — Jane! — Und ging wieder fort? — Mrs. Willmore. So eben. Rochester. Und wie? — in welchem Tone fragte er denn? Mrs. Willmore. Sehr artig, — und ganz ruhig. Rochester (nach kurzem Ueberlegen) Gehen Sie. (Mistreß Willmore geht in's Haus.) Vierte Scene. Rochester (allein). Was heißt das? — Ein Fremder, der nach mir fragt und wieder geht? — Wer mag das sein? Und nach Jane und unserer Hochzeit hätte er sich erkundigt. (Schaudert.) Bah! Was beklemmt mich denn so? — Die Sonne strahlt so heiter; meine geliebte Jane ist glücklich, — und ich — (düster) ich soll es auch werden, — und dennoch diese trüben — trüben Schatten! — Fort damit! Jane, Jane, — sie soll sich eilen, daß wir zur Kirche kommen! Der Boden brennt unter mir wie Feuer! — Fünfte Scene. Rochester. Jane. Rochester (ihr entgegen). Komm’, meine Liebe — Liebe! (mit höchster Innigkeit) meines Lebens Sonne — mein guter Engel — meine süße Jane! Sie bleiben mir immer zu lange fort, Jane, und heute ganz besonders. Jane. Und war ich nicht schon fertig, als Sie die gute Willmore zu mir schicken, mir zu helfen? Ihre Eile aber ist ja wahrhaft fürchterlich; (mit wehmüthigem Lächeln) so langsam und geduldig Sie mich auch quälten, und sich selbst, — ehe wir uns Beide klar werden konnten. Und nun diese grimmige Entschlossenheit von Ihnen. Rochester. Ja, grimmig entschlossen, meine Jane, das bin ich! Denn in meine heiße Liebe zu Ihnen mischt sich zugleich ein Grimm gegen mein bisheriges Schicksal; daß ich so lange auf Sie warten mußte, daß ich so Fürchterliches ertragen mußte, ehe Sie mein zerrissenes Herz besänftigten! Ach, meine gute Jane, so oft ich Sie sehe, drängt es mich, mein ganzes früheres Leben Ihnen zu enthüllen, — dann würden Sie erkennen, begreifen, daß ich Sie so gewaltig lieben muß, daß ich in Ihrem klaren, ruhigen Auge den einzigen sicheren Port nach meines Lebens ewigem Schiffbruch finden konnte! Dann aber mahnt es mich wieder: Weshalb diesen ruhigen, klaren Blick auch nur auf eine Stunde trüben? — weshalb Ihnen eine unnütze Last aufbürden? Ihnen, die ich glücklich machen soll und will, und die Sie mich so glücklich machen! Hab' ich nicht recht, meine Jane? Jane (fast seufzend). Ja wohl. Rochester. Was ist das jetzt für ein Ton in diesem: “Ja wohl”? — Jane, eine trübe Wolke zieht über Ihre Stirn? Jane. Ich dachte wiederum an das, was ich Ihnen mittheilen wollte; an das, was mir hier begegnet war, als Sie den gestrigen Tag von Wellfield entfernt waren, und ich allein — Rochester. Mein Gott! Sie ängstigen mich ja. Sagen Sie — schnell! damit ich nicht einen Augenblick etwas Schlimmeres befürchte, als vielleicht wirklich zu befürchten ist. Jane. Jetzt ist Nichts mehr zu befürchten, jetzt bin ich ruhig, — aber dafür noch aus. Rochester. Setzen wir uns hier an den Baum; kommen Sie, — recht dicht und fest an meine Seite — mein Got, ich glaube, Sie zittern. Jane (indem sie sich setzt). Glauben Sie, — ach nein, — aber nun hören Sie, was es war, das mich so fürchterlich erschreckte: Ich war den Nachmittag, als Sie fortgeritten waren, sehr geschäftig und in meiner unaufhörlichen Geschäftigkeit sehr glücklich; denn es beschleicht mich nicht, wie Sie wohl glauben, irgend welche Furcht wegen der neuen Sphäre, in die ich trete, — nein! Ich halte es für etwas Herrliches, die Hoffnung zu haben, mit Ihnen leben zu dürfen, weil ich Sie liebe. — Stören Sie mich in meiner Erzählung jetzt nicht durch Ihre Liebkosungen; ich kenne sie schon, aber Sie kennen meine Geschichte noch nicht. Als ich am Abend in mein Zimmerchen kam, ordnete ich ein wenig meine Hochzeitskleider und fand dabei Ihr neues Geschenk, den kostbaren Schleier, den Sie in Ihrer verschwenderischen Freigebigkeit für mich von London kommen ließen, — da ich keine Juwelen haben wollte. Ich lächelte, als ich ihn entfaltete und dachte dabei nach, ob das einfache Blondenstück, das ich selbst für mein niedrig geborenes Haupt hergerichtet hatte, nicht gut genug sei für ein Frauenzimmer, das Ihrem Gatten weder Vermögen noch Schönheit zubringen könne, das eine arme, bis dahin unglückliche Waise war. Rochester (lächelnd und liebevoll). Aber Jane! — Jane. Hören Sie weiter. Trot dieser Reflexionen blieb ich doch heiter, und schlief heiter ein. Meine Träume aber waren bewegt, düster, und der eine muß mich so lebhaft geschüttelt haben, daß ich plötzlich mitten in der Nacht erwachte. Rochester. Und wie waren diese Träume, — liebes Kind? Jane. Das hab' ich nicht zu erzählen, denn sie waren nicht so schrecklich, wie das, was ich darauf im Wachen sah. — Als ich aufwachte, blendete ein Schimmer meine Augen, — ich dachte, es sei das Tageslicht, aber ich irrte mich; die Helle kam von einem brennenden Lichte, das auf dem Putztische stand. Die Thür des Kabinets, in welches ich vor dem Schlafengehen mein Hochzeitskleid mit dem Schleier gehängt hatte, war offen, und ich hörte darin ein Rascheln. In der Meinung, es könne, nur Sophie sein, rief ich ihren Namen und fragte, was sie da mache. Es erfolgte keine Antwort, aber es trat eine weibliche Gestalt aus dem Kabinet; sie nahm das Licht und beleuchtete damit die am Rechen hängenden Kleider. Ich richtete mich halb in meinem Bette auf, und das Blut erstarrte in meinen Adern, denn es war nicht Sophie und nicht Mistreß Willmore! — Rochester (bestürzt). Aber wer war es? — Jane. Eine Person, die mir innerhalb der Mauern von Wellfield nie zu Gesicht gekommen war, — aber es war eine schreckliche Person! Sie war groß und stark gebaut, mit schwarzem, lang über den Rücken herabfallendem Haar — Rochester (entsetzt Jane an sich pressend). Jane, — meine Jane!! (Nach einer Pause sich sammelnd, ängstlich starrend.) Und — was that sie? Jane. Sie nahm meinen Schleier von seinem Platze weg, bedeckte damit ihr eigenes Haupt und trat vor den Spiegel, durch welchen ich ihre Züge sah, und vor deren Gräßlichkeit ich fast zusammenbrach; — nie, Sir, hatte ich solch’ Gesicht gesehen! — Rochester. Und was that sie, was that sie?! — Jane. Sie nahm den Schleier wieder von ihrem fleischlosen Kopfe, riß ihn in zwei Stücke und trat mit Füßen darauf, — dann nahm sie wieder das Licht und ging der Thür zu. Gerade vor meinem Bette aber blieb sie stehen, stierte mich an, das Licht hart vor mein Gesicht haltend, und löschte es aus. Ich sah deutlich, wie ihr wildes Gesicht über dem meinigen flammte, und hörte sie darauf mein Zimmer verlassen. Meine angstvolle Spannung mußte mir die Besinnung erhalten haben, — noch vernahm ich nach einer Weile die mittlere Thür im Gange zumachen und darauf ein schreckliches, wildes Gelächter, — ach! Sir, dasselbe, was ich schon mehrmals aus dem oberen Stockwerke vernahm, und das Sie jener Magd, der Grace Poole, zuschrieben, — dies Weib aber war nicht jene Magd! — Rochester (da Jane aufstand, gleichfalls aufspringend und sie heftig erfassend). Meine Taube! — Was hätte mit Dir geschehen können!! Gott sei gelobt, daß ich Dich halte, in meinen Armen halte! Jane. Aber was war das, Sir, was kann das gewesen sein? Rochester (einlenkend). Ich weiß nicht, Jane, — vielleicht Ihr erhitztes Blut — Jane (sehr bestimmt). O nein, dessen bin ich gewiß, daß es etwas Wirkliches war, so wahr ich hier vor Ihnen stehe! Rochester. Liebe Jane, — sein Sie ruhig, — ich will untersuchen. — Sein Sie jetzt ruhig, und durch unsere schleunige Vermählung wollen wir alle trüben Gedanken verbannen. Sind Sie bereit? — der Wagen harrt der dem Thore — kommen Sie! Jane. Ich hätte gerne noch der Willmore Adieu gesagt, — vor diesem wichtigen Gange. — Rochester. Nein, nein, kommen Sie nur, — oder ich trage Sie auf meinen Armen hin! (Innig.) Bin ich grausam, da ich Sie so liebe? Jane (schmiegt sich an seine Brust). (Pause.) Jane. So kommen Sie. (Beide gehen der linken Seite zu.) Sechste Scene. Vorige. Briggs und Pastor Wood. Briggs (ihnen entgegentretend und sich verbeugend). Verzeihen Sie, — Sie sind — Lord Rochester. Rochester. Ja, und ich habe keine Zeit. Briggs. Doch wohl so viel, um anzuhören, daß ich Ihnen den Gang zur Kirche ersparen will. Rochester (zurücktretend, dann aufgebracht). Was soll das?! — Und Sie, Herr Pastor, sind hier? Wood. Ja, Herr Rochester, mit schwerem Herzen, aber meiner Pflicht gemäß, um zu erwarten, daß Sie die Anklage dieses Herrn bestätigen, oder — Rochester (eisern). Wessen klagt der Herr mich an? (Zu Briggs.) Wer sind Sie? Briggs. Ich heiße Briggs, bin Rechtsanwalt in London und bin hergekommen, Ihre beabsichtigte Heirath mit Miss Jane Eyre zu verhindern, weil Sie, Lord Rochester, schon verheirathet sind. Rochester (starrt ihn an und zieht Jane fest an sich, nach einer Pause ruhig). Mit wem — bin ich verheirathet? Briggs (zieht ein Papier hervor). Erlauben Sie mir, diese Bestätigung meiner Aussage zu verlesen. (Liest.) “Ich behaupte und kam beweisen, daß Edward Lord Rochester zu Wellfield Hall mit meiner Schwester Bertha Antoinette Slender in der Kirche zu Spanisch Town auf der Insel Jamaica getraut worden ist. Die Trauung ward eingetragen in das Eheregister der genannten Kirche, und besitze ich davon eine Abschrift.” unterzeichnet: “Richard Slender.” Jane (versucht, von Rochester's Arm sich loszumachen). Rochester (zieht sie wieder an sich und hält sie fest umschlungen; nach kurzer Pause). Ist das Alles? Briggs. Dies ist das todte Dokument, ich habe auch das lebendige. (Nach der Seite rufend.) Wollen Sie so gefällig sein, Herr Richard Slender. Siebente Scene. Vorige. Slender. Rochester (zuckt bei dem Namen zusammen, starrt Slender entgegen, — erhebt mit krampfhafter Wuth die Faust und läßt sie wieder sinken.) Wood (zu Slender). Wissen Sie, ob die Frau dieses Herrn noch am Leben ist? Slender. Sie lebt jetzt hier in Wellfield Hall, ich habe sie dort vor zwei Monaten gesehen. Ich bin ihr Bruder. Rochester. Gut denn! So will ich jetzt selbst das Uebrige ergänzen. Ich bin verheirathet, und wie kein Meusch auf Erden fühle ich dies Joch! Sie wußten es nicht, Wood, so wenig wie dies arme Mädchen, wenn auch wohl schon dunkle Gerüchte mögen an Ihr Ohr gedrungen sein von einer Wahnsinnigen, die dort in jenem Hause in meinem Gewahrsam leben soll. Diese Wahnsinnige ist wirklich da und ist wirklich meine Frau, so wahr, wie dies ihr Bruder ist, dem ich bei seinem Besuche vor zwei Monaten vor ihrer Wuth das Leben rettete. Trotz meiner Warnung hatte er sich Nachts ihrer Höhle genähert, um sie zu sehen, wofür sie sich über ihn stürzte, um ihn zu zerfleischen, — dieser blasse Mensch stände jetzt nicht als Zeuge hier, wenn ich nicht mit eigener Lebensgefahr ihn vom Erwürgen durch mein liebes Weib gerettet hatte. Sie können sich also vorstellen, was für ein glücklicher Mann ich bin und war. O meine Erfahrung war eine himmlische, wenn Sie nur etwas davon wüßten! Sie sollen jetzt selber sehen, welch ein Wesen man an meinen Hals gekettet, — Sie sollen sie selber sehen, — treten Sie ein, in mein Haus, damit Sie die Größe meiner Schuld begreifen. Sie, Herr Slender, werden sich Ihrer Schwester wohl nicht zum zweiten Male nahen, Sie, Herr Briggs, brauchen als Jurist nur mein Geständniß, von Ihnen aber, Herr Wood, muß ich es schon verlangen. Sie werden sagen: Sie ist unglücklich; — ja, das ist sie, ich aber bin es tausendmal mehr, denn ich habe noch so viel Verstand, um mein ganzes namenloses Elend zu fühlen, zu begreifen. — Auch Sie sollen das, ich bitte, gehen Sie hinein. Wood (nachdem er ein paar Worte mit Slender gesprochen, geht in das Haus). Rochester. Und auch Ihnen, Jane, kann ich den Anblick nicht ersparen, Sie müssen Ihre siegreiche Nebenbuhlerin kennen lernen, und Alles, was diesem Gräßlichen vorherging, damit Sie selbst ermessen, ob mein Unglück größer ist, oder — meine Schuld. (Er führt Jane, sie immer noch eisern umklammernd, in das Haus.) Achte Scene. Slender. Briggs. Darauf Mrs. Willmore. Briggs. Sie gehen nicht mit, Herr Slender? Slender (schüttelt traurig den Kopf). Nein, — ach, ich ging schon zu weit, und ohne Ihren Willen, der Sie durch den geängstigten Oheim der Dame dazu veranlaßt wurden, hätte ich nie diesen Schritt gethan. Briggs. Auch nicht für die Ehre Ihrer unglücklichen Schwester? Slender. Diese Ehre ist vor ihrem jetzigen Zustande leider durch sie selbst so sehr vernichtet worden, daß ich sie unmöglich mehr vertheitigen kann, am Wenigsten gegen meinen Lebensretter, denn das ist Herr Rochester in der That. Briggs. Es ist ein seltsamer Fall, und wäre er mir nicht auch zugleich höchst interessant, so würde ich hier meine Wirksamkeit bedauern. Mrs. Willmore (aus dem Hause). Was ist geschehen, meine Herren? (Briggs erkennend) ach — Sie sind's, — und Sie vermuthlich haben den fürchterlichen Blitz in unseres Herrn blauen Himmel geworfen, — was ist, Sir, — erklären Sie. Herr Rochester kommt, dem Pastor gefolgt, zurück in's Haus, die gute Miß Jane wie eine geschlachtete Taube un Arme haltend, — sieht mich auf meine Fragen wie eine eherne Bildsäule an, und nur der Pastor flüstert mir in's Ohr: Sein Sie nur ruhig, — es ist keine Hochzeit. Briggs. So ist es auch, Mistrest. Die Hochzeit kann nicht stattfinden, wenn ich Beweise bringe, daß Herr Rochester schon verheirathet ist! Mrs. Willmore. Verheirathet?! — Herr Rochester? — und wer — wo ist sein Weib? — Sie schweigen? — (Da Mrs. Willmore Jane noch fragend ansieht, hört man in der Ferne, von der Richtung des Hauses her, ein gräßliches Gelächter.) Alle drei (schrecken zusammen). Slender. O mein Gott! — das ist sie! (Pause.) Mrs. Willmore. Also roch wahr, — wahr, was mich erschreckte, wenn mich zuweilen nur eine düstere Ahnung davon überfiel! Briggs. Daß eine Wahnsinnige hier verborgen sei, war Ihnen also bekannt. Mrs. Willmore. Na, ich wußte es, doch ich war zu tief von Herrn Rochesters Redlichkeit überzeugt, als daß ich nicht auf sein Verlangen dies Geheimniß hätte bewahren sollen. Ach! dieser Fall wird ihn furchtbar niederschmettern, denn er liebt Miß Jane, wie man ein menschliches Wesen nur lieben kann. Ach! und das arme, gute Mädchen! O, meine Herren, sie ist sicher schuldlos dabei, dem ihre Seele ist so rein, wie das Gold der Sonne. Selbst ihre zärtliche Liebe für den Herrn hat sie mit stiller Ergebung vier Monate lang unausgesprochen, ungeahnt gelassen, wobei sie doch stets um ihn sein mußte, und noch bis heute hätte das kluge starke Märchen ihr Herz der ihm verschlossen, wenn er nicht selbst es ihr mit allen Kräften seiner leidenschaftlichen Seele abgerungen hätte, — ach! und nun! o, es ist zu furchtbar! — Mein Gott! was werd sie thun, denn sie bleibt nicht bei ihm, — ich kenne sie, sie ist zu stolz, zu rein! Briggs. Herr Wood kehrt zurück. Neunte Scene. Briggs. Wood. Briggs. Nun, was sahen Sie? Wood. O, mein Herr Briggs, das ist ein so fürchterliches Ereigniß, daß ich selbst mich hier fast zu schwach zum Trösten fühle. Glauben Sie mir, Herr Rochester ist tief zu beklagen, ich habe einen tiefen Blick in seiner Seele ganzen Jammer gethan. Er führte mich drei Treppen hinauf durch einen dunkeln Gang, woselbst ihm eine Thür von innen aufgeriegelt wurde. Eine sehr muskulös gebaute Person, er nannte sie Mistriß Poole, kam ihm entgegen, und antwortete auf seine Frage, daß seine Patientin heute ziemlich ruhig sei. Ganz im Hintergrunde des finstern Gemaches sahen wir ein Wesen hastig auf- und niederlaufen, ob es ein Mensch oder ein Thier war, konnte ich nicht bald unterscheiden, denn oft schien es auf allen Vieren zu kriechen. Plötzlich richtete es sich auf, kam näher hervor und stand Herrn Rochester gegenüber. Jetzt sah ich das wilde, wie eine Mähne um die Schultern hängende schwarze Haar, die funkelnden Augen, und das rothe Gesicht, das bei Herrn Rochesters Anblick aufzuschwellen schien. Die Wärterin rief dem Herrn zu, er möge auf der Hut sein, da sie ihn erkenne; er aber erwiderte mit eiserner Ruhe: Laßt mich nur, Grace. Eben wollte er zu mir sprechen, da plötzlich schleuderte er die arme Miß Jane, die er immer mit der einen Hand fest umklammert hielt, mit einem Rucke hinter sich und die Wahnsinnige sprang auf ihn zu und klammerte sich wüthend um seinen Hals. Er hatte furchtbar mit ihr zu ringen, denn er wellte sich von ihr befreien, ohne ihr wehe zu thun. Als diese Wahnsinnige mit Hülfe des starken Wärters gebunden war, wandte Herr Rochester sich zu uns und sagte mit einem Tone, der mir tief das Herz erschütterte: “Sehen Sie, das ist meine Frau, — das ist das einzige eheliche Glück, das ich in meinem Leben kennen soll.” — Slender. O möchte er mir verzeihen! Wood. Als wir wieder unten waren, und Miß Jane ihn bat, er möchte sie auf ihr Zimmer gehen lassen, da schien sein starkes Herz von einem furchtbaren Schlage zu brechen. Er ließ die Miß los, — sah ihr mit einem Blicke nach, in dem der ganze Jammer seines Elends lag. — — Ich ging, damit der Schmerz mich nicht überwältige, — aber ich will zurück, um wenigstens das unglückliche Märchen, so viel als ich vermag, zu trösten. Slender. Glauben Sie nicht, daß Herr Rochester eine gerichtliche Scheidung herbeiführen könnte? Briggs. Nicht wahrscheinlich — nach den englischen Gesetzen; doch wäre es immer möglich, und er hätte es wenigstens versuchen können. Nun, für heue dürfte hier wohl mein Geschäft zu Ende sein, — Mr. Slender, wir gehen wohl zusammen. Ich habe die Ehre — (Geht ab.) Slender. O — Rochester! — (Folgt Briggs kummervoll.) Mrs. Willmore (zu Wood). Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Zimmer der Miß zeige, — ach! wenn Sie sie trösten könnten, Got wird's regelten. (Beie gehen in das Haus.) Verwandlung. (Bescheidenes, aber wohnlich eingerichtetes Zimmer. Im Hintergrunde zwei Thüren. Rechts ein Fenster; davor ein Toilettentisch, Stühle etc. Links ein Sopha.) Zehnte Scene. Jane. Mrs. Willmore. Wood. Jane (kommt zuerst herein, und bleibt, ohne Regung vor sich hinblickend, in der Mitte der Bühne stehen). (Paster Wood, der an der Thür stehen bleibt und Mrs. Willmore folgen ihr, Letztere allmälig näher an sie herantretend.) Mrs. Willmore. Meine gute Miß Jane. Jane (sich halb umwendend, sanft). Was ist, — liebe Willmore? — Mrs. Willmore. Ich kann nicht sprechen, kann nicht sagen, was ich für Sie fühle. — Hier ist der Herr Pastor, — er hat Ihnen noch Einiges zu sagen. — Ach, — möchten Sie den armen Herrn Rochester doch nicht hassen, — glauben Sie, er ist sehr unglücklich, — er leidet doppelt, für Sie und für sich selbst. O, zeigen Sie ihm ein mildes Gesicht, — doch ja, wie könnten Sie anders sein, als milde, — aber thun Sie ihm nicht weh, — so sah ich ihn mit seinen eisernen Natur niemals zusammenbrechen, wie jetzt, als er in sein Zimmer ging. Böse ist er gewiß nicht, wenn auch verdammt zu solchem Schicksal. Jane. Ich danke Ihnen, — (bittend) o, gehen Sie nur. Mrs. Willmore (geht wieder hinaus). Eilfte Scene. Jane. Wood. Wood. Verzeihen Sie, Miß, wenn ich in Ihrer jetzigen Lage Sie belästige, aber ich glaube, es dürfte Ihnen tröstend sein, zu vernehmen, daß wir von Ihrer Unschuld in diesem Falle fest überzeugt sind, und auch Ihr Oheim wird dies mit Freuden vernehmen, wenn Herr Slender nach Madeira zurückkehrt. Jane (matt). Mein Oheim? — Kennen Sie ihn? Wissen Sie etwas von ihm? Wood. Herr Slender kennt ihn und steht mit ihm in Geschäftsverbindung. Als Herr Eyre, Ihr Oheim in Madeira, Ihre Briefe erhielt, worin Sie ihm Ihre beabsichtigte Verbindung mit Herrn Rochester anzeigten, war der Bruder der unglücklichen Wahnsinnigen, Herr Slender, zufällig hei ihm, gerade im Begriffe, seine Reise nach Jamaica fortzusetzen. Herrn Eyres Mittheilung mußte ihn natürlich schmerzlich überraschen und er deckte Ihrem Oheim den wahren Sachverhalt auf. Leiter war Herr Eure selbst verhindert, nach England zu eilen, um Sie aus der Schlinge zu befreien, da er gerade erkrankte und vermuthlich noch schwer darniederliegt. Er beauftragte daher Herrn Slender, im Vereine mit dem Herr Advokaten Briggs den Abschluß der ungesetzlichen Ehe wo möglich noch zu verhindern. Beide Herren trafen erst heute bei mir ein. (Pause.) Herr Eyre auf Madeira ist, wie ich hörte, der einzige Verwandte, den Sie haben. Jane. Ja, — und erst vor drei Monden erfuhr ich von seinem Dasein. Wood. Ich will Sie heut bei Ihrer natürlichen Bestürzung nicht länger mit meiner Gegenwart stören. Dies nur Ihnen mitzutheilen, war meine Pflicht. Tragen Sie Ihr Schicksal in Geduld und bleiben Sie reinen Herzens, — dann, armes Mädchen, sind Sie noch nicht ganz unglücklich. Jane. Ich — — (mit Mühe sprechend) will. Ihnen — morgen danken. Wood (entfernt sich). Zwölfte Scene. Jane. Sophie. Sophie (zaghaft näher tretend). Der Herr befahl mir, ich möchte bei Ihnen sein, — wenn Sie etwas verlangten. Jane (schüttelt den Kopf). Gehen Sie — Sophie. Sophie (geht wieder). Dreizehnte Scene. Jane (allein). (Sie bleibt noch, wie theilnahmlos vor sich auf den Boden blickend, stehen, dann faßt sie nach ihrem Schleier, tritt vor den Spiegel und sieht wehmüthig hinein.) Du solltest schon herunter sein — (Sie nimmt still den Schleier ab und ein paar Blumen aus ihrem Haar, legt Beides auf den Tisch und tritt wieder mit trübem Sinnen in die Mitte; faßt sich dann, wie träumend, an die Stirn.) Ja so, — das Kleid muß ich nur auch gleich wieder mit meinem braunen Rock vertauschen. (Sie geht langsam, mit gesenktem Kopfe, in das Nebencabinet links.) Vierzehnte Scene. Rochester (allein). (Sobald Jane fort ist, hört man, von Rochesters Stimme, tief und seufzend an der Thür rechts den Namen: “Jane!” — Nach einer Weile wird die Thür leise geöffnet und Rochester erscheint knieend an derselben, den Kopf gegen den Pfosten gelehnt. Jane, — bist Du nicht da? — (Horcht auf, dann erhebt er sich, ängstlich forschend, und kommt mit vorgestreckten Händen näher.) Wo — wo bist Du, Jane? — Nicht hier? — (er horcht nach der Seite hin) da hör' ich etwas — ja — dort ist sie! Ich fühle ihren nahen Athem mich noch umfächeln, sie muß noch hier sein, denn wäre sie fort, so müßte dies Gewölbe über mir zusammenstürzen und mich begraben. O Gott! Wie wunderbar hast Da Deine Menschen; doch erschaffen, — daß ein Geist so Furchtbares leiden kann, und doch das bischen Körper nicht zersprengen, vernichten! — Wie aber wird sie mir entgegentreten? — o, daß sie rasen möchte, mich verfluchen! — Aber nein, sie ist still und milde, — und das zerreißt mich. (Er horcht wieder auf und zieht sich etwas zurück.) Fünfzehnte Scene. Jane. Rochester. Jane (tritt wieder heraus, in sehr einfachem dunkeln Kleide; mit unsicheren Schritten kommt sie hervor). Rochester (bleibt weiter hinten stehen; nach einer Pause). Ich hatte es gewagt, hier einzudringen, — denn Sie, Jane — Miß Jane, — Sie würden doch zu mir nicht kommen. Jane (tritt schwankend an das Sopha und hält sich. — Pause.) Rochester. Sie weinen nicht, Jane, ich sehe das und fühle es; aber ich sehe auch die blutigen Thränen Ihres Herzens. — O, mein Gott! und ich! — Hätte der Mann, der nur ein einziges kleines Lamm besaß, das ihm so theuer war, wie ein Kind, das von seinem Brode aß und in seinem Schooße ausruhte, — hätte er es aus Versehen auf der Schlachtbank getödtet, — er würde seinen entsetzlichen Fehlgriff nicht mehr bereuen, als ich den meinigen bereue. Können Sie mir jemals wieder vergeben? Jane (wendet ihr Gesicht zu ihm, macht gegen ihn eine Armbewegung, schwankt aber wieder zurück und bricht zusammen, indem sie ihr Gesicht auf das Sopha birgt). Rochester. O, Jane! verdammen Sie mich, — fluchen Sie mir! aber nicht diesen stummen Schmerz, er tönt zehnfach in meinem Herzen wieder. Um Gotteswillen, seien Sie barmherzig und sprechen Sie! — (Indem er sie aufhebt und in die Ecke des Sopha's setzt.) Jane. Was soll ich sprechen, Sir, — was kann es mir, was Ihnen helfen? Rochester. Was helfen? Sie geben die Sache zu leicht verloren. Ich aber gebe sie noch nicht verloren, — ich werde Ihnen klar machen, daß ich wohl mit gutem Rechte mich bemühen konnte, meinen Teufel zu vergessen, — dann werden Sie nicht in das Urheil der Gesetze stimmen, werten mich nicht für ein Ungeheuer verpflichtet halten, dessen Geist jetzt so verwirrt ist, wie es vor deutschen ihr Herz war! Jane. Sir, Sie sind mitleidslos für die Unglückliche; es ist nicht ihre Schuld, daß sie wahnsinnig ist! Rochester. O, Jane, daß Sie mich noch nicht beurtheilen können! Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich sie. Wären Sie wahnsinnig, Jane, und sprängen auf mich zu, wie jenes Weib es heute that, so würde ich Sie mit zärtlichen Blicken und offenen Armen empfangen, weil Sie es werth sind, geliebt zu werden, — (zärtlich sich über sie beugend) o, Jane, weil ich Sie ewig lieben werde! Jane (drängt Rochester zurück). Rochester (zurücktretend, mit schmerzlicher Ruhe). Sie haben Recht, — ich darf nur einer Furie zärtlich nah'n, — von ihr hab' ich Küsse zu fordern, wenn ich statt ihrer Lippen auch nur ihre Zähne fühle. — Nein, — mir steht die Ironie jetzt schlecht, — Sie haben wirklich, Recht, Jane, daß Sie sich mir entziehen, so lange Sie mich nicht ganz kennen, wie ich bin und war. Jane. Sie haben Unrecht, Herr Rochester, daß Sie mir eine üble Meinung gegen Sie zutrauen, — ich kenne den edlen Grund Ihres Characters zu wohl, als daß ich Sie nicht für schuldlos in dieser Lage hallen sollte, — aber Sie mögen auch urtheilen, was mein Gewissen von mir fordert. — Hören Sie’s denn; weil ich Sie nicht für schuldbefleckt, wohl aber für unglücklich halte, — lieb' ich Sie, — jetzt mehr als je, — doch dieses ist das letzte Mal, daß ich es Ihnen ausdrücken kann und werde. Rochester. Das legte Mal? Was heißt das? Jane. Ich muß mich losreißen von der ganzen schrecklichen und — schönen Vergangenheit, — ich muß eine neue Existenz beginnen, unter fremden Gesichtern, an fremden Orte. Rochester. Ja, das sollen Sie, und Sie sollen Mistreß Rochester werden, dem Namen und der That nach. Im südlichen Frankreich, an den Ufern des mittelländischen Meeres, besitze ich ein Gut mit einer Villa, und dort sollen Sie, ein sicheres und glückliches Leben mit mir, mit Ihrem Gatten führen. (Mit rollenden Augen.) Jane, Sie müssen vernünftig über die Sachen denken, — Sie müssen mich nicht wahnsinnig machen!! Jane (zusammenfahrend). Guter Gott! Rochester (geht mit wildem Ausdruck aus und nieder, begegnet damn Jane's Blick, die ihn ruhig ansieht; milder). O, Jane, — mit einem Ihrer Blicke können Sie einen Tiger zähmen. — Aber mein Begehren von Ihnen ist Tollheit, — so lange Sie nicht mich — und meine — Gattin — kennen. Jane, wollen Sie mich für wenige Minuten ruhig hören? Jane. Wenn Sie ruhig sprechen können, — o ja. Rochester (stellt einen Stuhl neben das Sopha und beginnt dann). Haben Sie wohl einmal gehört, daß ich noch einen älteren Bruder hatte? Jane. Ich erinnere mich, von Mistreß Willmore dies gehört zu haben. Rochester Und hörten Sie auch über meines Vaters Character etwas? Jane. Ich hörte, daß ihm Härte und Habsucht vorgeworfen wurde. Rochester. Vielleicht nicht mit Unrecht, aber er ward sehr reich dabei. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß er sein Vermögen theilen und mir ein schönes Erbtheil hinterlassen sollte. Deshalb entschloß er sich, meinem älteren Bruder Russell Alles zu vermachen. Um aber mich einigermaßen zu entschädigen, wollte er bei Zeiten eine gute Partie für mich besorgen, und das geschah. Mein Vater hatte einen alten Bekannten in Jamaika, Herrn Slender, ein westindischer Pflanzer, dessen bedeutende und sichere Besitzungen er kannte. Herr Slender hatte einen Sohn und eine Tochter, und über Letztere ward ermittelt, daß sie ein Vermögen von dreißigtausend Pfund erhalten solle. Als ich die Universität verließ, — ich war damals neunzehn Jahre alt, — ward ich nach Jamaika geschickt, um dort eine Braut zu heirathen, welche die Speculation Anderer für mich geworben hatte. Mein Vater hatte zu mir schon viel von ihrer großen Schönheit gesprochen, und mit Recht, denn ich fand in der That in ihr ein schönes Frauenzimmer. Meines guten Geschlechtes wegen wünschte ihre Familie mich an sie zu fesseln. Sie schmeichelte mir, und entfaltete verschwenderisch ihre Reize und Fertigkeiten, die mich blendeten. Ich wiederhole, daß ich noch nicht zwanzig Jahre alt war. Nach ihren Tugenden und Geistesgaben hatte ich nichts gefragt, — ich sah nur das, was mir präsentirt wurde, und ich war geködert, — ich blinder Tölpel heirathete sie. Die Mutter meiner Gattin hatte ich nie gesehen; man sagte mir, sie sei todt, und später erst erfuhr ich, daß ihr Grab nur — ein Irrenhaus war. Der Sohn, den Sie jetzt oberflächlich kennen lernten, wird eines Tages wahrscheinlich in gleichen Zustand gerathen, wiewohl ich ihn nicht hassen kann, da er bei seinem halben Blödsinn eine gewisse hündische Anhänglichkeit für mich hatte. Auch über des Vaters moralischen Charakter kamen mir nach meiner Verheirathung abscheuliche Gerüchte zu Ohren. Meinem Vater und Bruder er waren all diese Verhältnisse bekannt, aber das Geld konnte sie bewegen, dies Conplott gegen mich zu schmieden. Bald nach meiner Heirath starb mein Bruder und mein Vater; so fiel mir endlich dennoch das ganze große Vermögen anheim. Durch besondere Umstände erfuhr ich nach und nach auch über meine Gattin so Uebles, was ihren bisherigen Lebenswandel betraf, daß wahrlich schon eine starke Resignation dazu gehörte, Alles dies zu ertragen. Aber ich wollte es, ich wollte die Vergangenheit meines Weibes vergessen, wenn sie mir dafür die Gegenwart versüßt hätte. Meine Erfahrungen jedoch wurden immer schrecklicher. Der eigentliche Grund ihres Charakters enthüllte sich mir immer mehr, — o mein Gott! in welchen Abgrund der Verworfenheit mußte ich da blicken. — Jane! ich kam Ihrem reinen Gemüthe nicht ein vollständiges Bild Derer vorhalten, die mich in Ihren Augen entschuldigen soll. Die Rohheiten dieses Weibes, das Gott furchtbar strafte, artete endlich in Blödsinn aus, und nachdem ich vier Jahre dieser schrecklichen Ehe genossen hatte, ward sie von einem Arzte für entschieden wahnsinnig erklärt, — o Jane! ich schwebte am Rande der Verzweiflung! Nachts wurde ich durch das viehische Gebrüll aus ihrer verschlossenen Kammer geweckt und vernahm die Flüche, die sie gegen mich ausstieß. In einer solchen Nacht schloß ich ein Kästchen auf, worin zwei geladene Pistolen lagen, — ich wollte mich erschießen, — als eine Stimme mir zuflüsterte: Hier bist Du todt, — aber geh’, und lebe wieder in Europa! Dort weiß man von Deinem befleckten Namen nichts, und nichts von der schmutzigen Last, die Dich fesselt, dies Weib kann Deine Frau — nicht sein; sorge, daß es ihr in ihrer traurigen Lage an nichts mangele, — damit hast Du Alles gethan, was Dir de Pflicht gebietet! — Mein Entschluß war gefaßt. Ich brachte sie nach England und hielt sie hier nun zehn Jahre lang in Verwahrung, während ich die ersten fünf Jahre wie ein hungriges Wild in Europa umherreiste, um Trost und Ersatz für meine so früh verlorene Jugend zu suchen. Hatte ich mich hier und da auch in den Strudel von Leidenschaften stürzen können, so kehrte ich doch immer wieder zu ernstem Sinnen zurück, denn ich bedurfte eines Herzens, eines zweiten Herzens und ich fand es nicht. Jane. Aber Sie konnten nicht heirathen, Sir. Rochester. Ja, ich konnte und wollte es. Vor der Welt wollte ich das Geheimniß meiner Verheirathuung bewahren, — aus Stolz, aus Furcht, meinen Namen dadurch befleckt zu sehen; aus diesem Grunde auch machte ich nicht einmal den Versuch, eine Trennung von meinem Weibe zu bewerkstelligen. Bei unsern Gesetzen hätte leicht der Versuch mißglücken können, und ich hätte rann unnütz meine ekelhafte Schmach der Oeffentlichkeit Preis gegeben, — hätte mich selbst so allem mit meinem Elend den der Welt für ewig abgeschnitten! Nur einem Herzen, das mich erst verstehen und lieben konnte, wollt ich mich eröffnen, — ach! welche Scheu hielt mich bei Ihnen stets davor zurück! Als Sie vor sechs Monden zur Erziehung meines Pflegekindes in mein Haus gekommen waren, erkannte ich bald, daß der Himmel mir nun selbst entgegen führte, was ich so lang umsonst gesucht. Neue Hoffnung umstrahlte wieder rosig mein verdüstertes Dasein, — o Jane! und nun urtheilen Sie, wie meine Seele jubeln mußte, als ich nach so viel unbeschreiblichem Kummer auf Sie hoffen konnte. — Jane! Sie müssen mir angehören, der Himmel kann solche grauenhaften Opfer von zwei guten Menschen nicht verlangen — Jane! Sie dürfen mich aus Menschlichkeit nicht verlassen! Sie waren die erste Stütze meines kranken Herzens, wenn Sie sich mir wieder jetzt entziehen, so sinkt mein Herz zurück in's alte Elend, in die Dunkelheit des Chaos! — unrettbar — unwiederbringlich! Erretten Sie mich, Jane, sein Sie barmherzig — und lassen Sie mich nicht verzweifeln!! — (Er st außer sich der ihr niedergestürzt.) Jane (nach einer Pause). Herr Rochester, — Sie sind unglücklich, — sehr unglücklich! Rochester. Sie können mein Unglück enden, wenn Sie mit mir kommen, hinweg aus diesen fluchbeladenen Mauern. Wäre es nicht des Himmels Wille, daß wir beisammen blieben, so hätte jenes Ungeheuer, das mich einst verbrennen wollte, und ihren eigenen Bruder zerreißen, so hätte sie in jener Nacht, da sie in Ihrem Zimmer war, um Ihren Schleier zu zerreißen, auch Sie erwürgt, Jane! — Jetzt wissen Sie Alles, und jetzt werden Sie sagen: “Ich will die Ihre sein!” Jane (mit sichtbarem Kampf, steht auf). Herr Rochester, ich kann nicht die Ihre sein. Rochester (fährt wild auf, geht zurück bis in die Mitte des Zimmers und sieht Jane an; dann wieder milde). Jane, — und Sie meinen damit, daß wir uns trennen, daß wir verschiedene Wege gehen sollen? Jane (mit thränenerstickter Stimme, für sich). O mein Gott! Rochester. Jane, — das ist böse. Es wäre nichts Böses, mich zu lieben. Jane. Wohl aber, — Ihnen zu gehorchen. Rochester (wild). Jane! Ich wiederhole es Ihnen: Sie können mich wahnsinnig oder zum Verbrecher machen! — O, blicken Sie auf mein Leben, wenn Sie fort sind, — o, es ist nicht zu denken! Jane. Sie quälen mich entsetzlich! werden Sie erst ruhiger; hoffen Sie, daß wir uns droben einst wiederfinden. Rochester. Sie verurtheilen mich also, ein unglückliches Leben zu führen, und verflucht zu sterben! Jane. Herr Rochester, ich weise Ihnen nicht Ihr Schicksal an, — ertragen Sie es, wie ich meines ertragen muß. Rochester. Und Sie wollten wieder Gouvernante werden, mit Müh’ und Sorgen Ihr bischen Unterhalt erwerben, — indeß ich Sie zu einer Fürstin machen kann. Sie werten augenblicklich keine Stelle finden, — aber was träum’ ich denn. Sie werden ruhiger werden, jetzt sind Sie von dem Vorfall zu sehr erschreckt, ich lasse Ihnen Zeit. (Er geht nach der Ausgangsthür rechts, dicht an derselben faßt er sich verzweifelnd an die Stirn und sinkt auf den neben der Thür stehenden Stuhl.) Jane (sieht sich um, macht eine Bewegung schrecklichen Schmerzes, eilt auf ihn zu und küßt ihm die Stirn. Dann kehrt sie wieder schnell zurück, ihr Gesicht bedeckend). Rochester (erhebt sich, sieht sie freudig an, eilt stürmisch auf sie zu und küßt knieend ihr Kleid). Ich danke Ihnen, Jane, — und ich werde Ihnen noch mehr zu danken haben! (Geht ab.) Jane (allein; besinnt sich und verriegelt die Thür, dann zusammenschaudernd). Wir sind getrennt — getrennt für ewig! — Ja, ich muß fort, Unglücklicher, — ich muß, so furchtbar ich auch zu kämpfen habe, ich will in diesem schweren Kampfe siegen! Die Nacht noch will ich dies Zimmer mit meinen Thränen nässen, — und dann mit des Morgens Grauen wie eine Diebin mich ans dem Hause schleichen. — Wohin? — gleichviel! — Lebe wohl, Du mein Geliebter, lebe wohl, mein Lebensglück! — Wenn meine Füße mir gehorchen, so will ich schon die nächste Morgensonne fern von Wellfield begrüßen, — fern, fern den ihm — ihn zu beweinen — ihn — und mich! (Sie sinkt kraftlos am Sopha zusammen.) (Ende des ersten Aktes und der ersten Abtheilung.) [Zweiter Akt. (Freie Gegend mit vereinzelten Häuser im Hintergrunde. Vorne, links, steht ein Gasthaus in ländlichem Styl; von der Eingangsthür desselben führt eine hölzerne Treppe seitwärts auf die Bühne, so daß die dem Publikum zugekehrte Seitenansicht der Treppe einen den handelnden Personen nicht sichtbaren Versteck bildet. Daselbst befinden sich Bündel Stroh und eine alte Kiste.) Erste Scene. Rash. Darauf Badstone. Rash (tritt eben aus der Hausthür und sieht sich, die Hand ausstreckend, nach dem Himmel um). ’s hat doch noch nicht ganz aufgehört, zu regnen. — Da ist's aber klar; die Wolken ziehen von dort ‘rüber, — also kann's nur noch ein Viertelstündchen dauern. — Wer kommt'n da? Barstone (mit Hut und Peitsche, von rechts). Guten Abend, Rash! Rash. Du bist’s, Barstone? Hast ‘nen tüchtigen Regen gehabt. Wo kommst Du her? Badstone. Bin schon ‘ne gute halbe Stunde in Millcote, — mußte unten den heillosen Guß abwarten, weil ich lieber meine Kehle, als meinen Rock wollte naß werden lassen. Jetzt gieb mir ‘mal ’n ord’nliches Glas Portwein. Rash. Was Teufel! Seit wann bist Du so'n Gentleman, daß Du Portwein trinkst? Badstone. ’s kann Dir ja gleich sein, wenn ich nur bezahle. Rash (ruft in die Thür). Boll! Glas Portwein! (Kommt dann herunter.) Barstone. Ich will Dir sagen, Rash, ich hab'n Geschäft gemacht. Ich war in Faremoore und wollte hieher zurück. Da kam ein junges, blasses Frauenzimmer und fragte mich, ob ich sie nicht nach Dembrigg fahren könne. Sie sagte, sie käme vom Gute Wellfield, habe sich auf den Wegen verirrt und suche schon seit zwei Stunden einen Wagen. — Was ich bis nach Dembrigg forderte, konnte sie aber nicht bezahlen, und so konnte ich sie für ihr bischen Geld nur bis hieher bringen. Wie sie schon ausgestiegen und mir längst aus den Augen war, bemerkte ich, daß sie ein Päckchen im Wagen habe legen lassen. ’s war aber nichts für mich darin: Weibliche Kleidungsstücke, Schuhe und dergleichen. Als ehrlicher Mann hab' ich das an Moses gegeben, und sechs Schillinge dafür gekriegt. Rash. Aber Dick, das ist ja unrechtes Gut. Badstone. Ja, was sollt’ ich denn machen? (Ein Knecht bringt ihm ein gefülltes Glas.) Die Frauensperson hätt' ich doch nicht mehr ausfinden können, — na, und wegwerfen konnt’ ich's doch auch nicht. Uebrigens war das ’n merkwürdiges Frauenzimmer; sie sah sehr anständig aus, und hatte doch kein Geld, um bis nach Dembrigg zu fahren. Mir schien's in ihrem Kopfe nicht ganz richtig. Na, Adjes! Wünsche gute Geschäfte. (Wieder nach links ab.) Rash. Ja, wenn ich's so machen wollte, wie Dn, da könnt' ich auch Geschäfte machen. Ich muß doch wieder nach meinen Herrschaften drinnen sehen, ob sie was befehlen. Schade, daß der Regen aufhört, — sonst könnt' ich noch auf Einiges hoffen. Der Prediger ißt und trinkt zwar nicht viel und Fräulein Overland hat’s zu Hause besser. (Ab in's Haus.) Zweite Scene. Jane. Ein Bauer (von rechts). Bauer. So, liebe Miß, da ist die Taverne zum “Dankee”, — da könnten Sie wohl ein billiges Unterkommen finden. Jane (sieht wie mechanisch das Haus an und dann den Bauer). Bauer. Nun, Miß, gefällt’s Ihnen nicht? Ja, lieber Gott, Sie müssen sich doch wenigstens die Kleider trocknen, so können Sie doch nicht bleiben. Meine elende Hütte kann ich Ihnen nicht bieten, — sonst wollt' ich's gern. Aber gehen Sie nur hinein. Mister Rash läßt mit sich handeln, wenn Sie nur wenig Geld haben. Jane (matt). Ich habe gar kein Geld. Bauer. So ? — Das ist doch sonderbar. Ist Ihnen denn der Ort hier ganz fremd? Jane. Ganz fremd. Bauer. Ja, das ist ne schlimme Sache. Was wollen sie denn aber machen? Sie sehen so fein und gut aus, — aber krank, und unter freiem Himmel müssen Sie ja umkommen. Jane. Wißt Ihr nicht, ob man hier wo eine Magd braucht, — für jede Arbeit — was es sei? Bauer. Magd? — hm, Sie sehen mir gar nicht wie zur Magd geboren aus, — aber ich will mich umsehen. Der junge Herr Pastor war eben in der Stadt, vielleicht find' ich ihn, da werd' ich ihm von Ihnen sagen, wenn Sie so lange hierbleiben wollen. Jane. Ich danke, lieber Mann. Bauer. Das ist ’n seltsames Frauenzimmer; weiß wahrhaftig nicht, was ich aus ihr machen soll. (Geht ab.) Dritte Scene. Jane (allein). Ich weiß nicht, wie man's machen muß, zu betteln. — Und wenn ich's auch nicht werde thun können — ach! genug, daß der Hunger mich schon zu solcher Betrachtung führt! Und wenn jetzt, in meiner grauenvollen Lage. Herr Rochester vor mich thäte, und freundlich seine Hände mir entgegenstreckte, würde ich wohl auch jetzt noch mich von ihn wenden, und lieber unter freiem Himmel, unter fremden, theilnahmlosen Menschen der Hunger der Verzweiflung sterben? Ich glaube, ja, ich würd' es! Denn was für Qualen mir auch noch bevorstehen mögen, was sind all diese Schmerzen und Entbehrungen gegen den furchtbaren Schrei meines Herzens, als ich fei Haus verließ, — verlassen mußte, — und ihn, das einzige liebende Wesen, das ich auf der Welt besitze, zurückließ — vielleicht in süßer Hoffnung, dass ich mich noch besinnen könnte, vielleicht in Todesangst um meinen Entschluß. Er schlief nicht, als ich mit dies Morgens Grauen seiner Thür vorüberschlich, — ich hörte seine unruhigen Schritte, seine tiefen, qualvollen Seufzer — und ich — ich Grausame ging dennoch, weil ich meine Ehre so eigensinnig liebte, — o Gott! Wer mir sagen könnte, ob ich so recht gehandelt habe! O, wenn er nach meinem Verluste nur nicht sich selbst verliert, — das ist's, wovor mir am meisten schaudert! — Fort, fort, mit diesen Gedanken, ich kann sie nicht mehr ertragen. — Vom Kirchthurm hört' ich es vor einer halben Stunde acht Uhr schlagen, — bald wird es dunkel werden, — um vier Uhr Morgens verließ ich Wellfield, — also schon sechszehn Stunden hab' ich mich gemartert. Kein Bissen kam seitdem noch über meine Lippen, und wohl an drei Meilen hab' ich zu Fuß gemacht, — und doch fuhr jener Wagen so langsam, daß ich hätte herunterspringen mögen! — Ich muß mich dort hinter jener Treppe wenigstens ein bischen ruhen, — vielleicht schlaf! ich ein, — um nicht wieder zu erwachen. (Sie setzt sich vorn an die Seite der Haustreppe nieder, so daß sie nur dem Publikum sichtbar ist.) Vierte Scene. [Jane] Alice. St. John kommen aus dem Hause die Treppe herunter). Alice (in freiem Lockenkopf, nur einen leichten Shawl um). So! der Regen ist vorüber, — der Himmel ist jetzt frei, — und auch Sie sind es. St. John (macht eine ernste Verbeugung, um zu gehen). Alice (sieht ihn erst erstaunt an, dann ruft sie ihm nach). St. John! St. John (bleibt stehen). Alice. Was soll nun wieder dieser merkwürdige Abschied — in Ihrem strengsten Kirchenstyl! Habe ich Sie wieder beleidigt? Was soll diese ernste, kalte und stumme Verbeugung? St. John. Sie war nur die einfachste Antwort auf meine Verabschiedung. Alice. Ah so! also doch beleidigt, weil ich Ihre Freiheit nach der des Himmels bestimmte, was für Sie, Herr Prediger, doch gar nicht so unpassend war. (Mit drolligem Aerger.) Sehen Sie, ich habe so selten, so schrecklich selten einen witzigen Einfall, und wenn ich mich mal eines solchen erfreuen kann, dann — dann nehmen Sie mir's übel. St. John (immer zurückhaltend, ernst). Ich habe kein Recht, Ihnen dergleichen übel zu nehmen, Miß Overland — Alice (einfallend, kurz). Alice ist mein Name. St. John Rivers hat die Ehre, im Hause Overland's bekannt und befreundet zu sein, — St. John Rivers hatte schon vor sechs Jahren das Vergnügen, Miß Alice Overland zu unterrichten, wobei Miß Alice zwar sehr wenig lernte, aber darum doch recht befreundet mit dem respectablen Lehrer wurde. Und Leute, die in einem Hause so viele Jahre befreundet sind, haben sich nicht Miß und Mister zu tituliren, sondern — St. John. Aber lassen Sie Ihre Ermahnungen, Alice — Alice. So war's gut! Sie könnten sich was d'rauf einbilden, daß ich das gerade von Ihnen so gern hören will, — ja, ja, — es würde Mancher glücklich sein, wenn ich ihm dies gestattete. St. John (mit plötzlichem Eifer). Sehen Sie, Alice, das ist es eben, was mich so ärgert, — womit Sie mich so häufig verletzen! Diese häufigen Koquetterien — dies ewige Gefallen-Wollen — Alice. Brrrrrr!! ’s ist genug — genug! Ich begreife nicht, St. John, daß mein Vater Sie immer so ungeheuer lobt — Sie müßten sich denn ihm ganz anders zeigen als mir. Sie mögen auch ein ganz herrlicher, tadelloser Charakter sein, — aber was gilt das, wenn Sie andere Leute davon nichts genießen lassen! (Plötzlich freundlich auf ihn zueilend und schmeichelnd). Ach, St. John, sein Sie gut — ja? — nicht böse sein! St. John. Alice, Sie könnten ein so vortreffliches Mädchen sein — Alice. Daß ich Sie weit überflügelte, — ja, das will ich aber eben nicht. (Blickt nach der rechten Seite.) Ach! — sehen Sie mal, wer da kommt! Dullman, — der gute Dullman, mit nem Regenschirm! Ha, ha, ha, ha! Fünfte Scene. Vorige. Dullman. Dullman (mit aufgespanntem Schirm). Endlich gefunden, — habt Dank, ihr Götter! Seit einer Stunde, einer vollen Stunde laufe ich mit diesem Regenschirm herum und suche Sie! Alice. Finden Sie nicht, daß ich den besten Schirm schon an unserm lieben Prediger habe? Dullman. O ja, — aber — naß können Sie doch dabei werden. Alice. Warum machen Sie aber jetzt den Schirm nicht zu — ha, ha, ha! — es regnet ja nicht mehr, — der Himmel ist ja blau! Dullman (sieht empor). Ja, das konnt’ ich durch den Schirm nicht sehen. (Macht den Schirm zu.) Alice (schreit auf). Ah! — aber Sie machen mich ja ganz naß! — Sie machen es wirklich reizend, Mr. Dullman, — Sie suchen mich erst vergeblich mit dem Regenschirm, um mich trocken zu erhalten, und weil Sie zu diesem edlen Zweck zu spät kommen, machen Sie mich dafür naß. Ha, ha, ha! Dullman (verlegen). Verzeihen Sie, liebes Fräulein — aber — Alice (während Dullman, den Schirm zu schließen, sich ein paar Schritte entfernt hat, zu St. John). Sehen Sie, das ist auch einer von Denen. — — die sehr glücklich waren! St. John. Ich möchte Ihnen gegenüber dieser Herr nicht sein. Alice. Ich möchte aber, daß Sie's wären. (Zu Dullman.) Wo kommen Sie denn her, Mr. Dullman? — nun, jetzt können Sie ’n bischen näher treten, — wenn Sie Ihren Schirm bei Seite halten. Dullman (indem er den Schirm weit hinter sich hält). Ich war bei Ihrem Herrn Vater, und war bei einer Partie Schach, als es regnete, — und Ihr Herr Papa sagte mir, daß Sie zum Gärtner gegangen sein, wohin der Herr Prediger Sie begleitet habe. St. John. Weil ich gerade den Weg nach Haufe antreten mußte. Alice. So? sonst also nicht? (Da St. John schweigt, zu Dullman, freundlich). Sie kommen also wieder mit mir zurück, nicht wahr? Dullman. Ich werde so glücklich sein! Alice. Sehen Sie, St. John? — Ich würde Sie auch um Ihre fernere Begleitung bitten, aber die Sonne ist schon untergegangen, und Sie haben eine Stunde bis zu Ihrer Eremiten-Zelle zu gehen, — und mir ist immer bange, wenn Sie den Weg im Finstern machen. St. John. Ich werde mich empfehlen. (Küßt Alice die Hand.) Mr. Dullman, ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. (Ab nach rechts.) Alice (ihm nachrufend). Grüßen Sie mir Diana und Mary! Ich komme übermorgen hin, — gleich Morgens früh! (Sich zurück zu Dullman wendend.) Nun, mein theurer Ritter? Dullman. Wäre ich das in der That, so würde mein Schwert vielleicht glücklicher sein, als mein Regenschirm. Alice (mit scherzhaftem Pathos). Ach! und ich werde in jedem Falle glücklich sein. So kommen Sie, aber den Arm geben Sie mir nicht; Sie haben gewiß Ihre Partie Schach noch nicht zu Ende gespielt, und ich werde als “Springer” meinem Vater helfen, Sie “Matt” zu machen! (Läuft ab, von Dullman gefolgt.) Sechste Scene. Rash. Voll (Jane.) Boll (kommt hinter dem Hause hervorgelaufen und schreit hinauf). Mr. Rash, — Mr. Raeh! Rash (aus dem Hause). Boll. Hier ist eben ein Herr mit ‘nem Pferd gestürzt. Rash (herunterkommend). Wo denn? Boll. Hier auf dem Wege, gleich hinter dem Hause! Rash. Na so bleib' doch bei ihm, um ihm zu helfen. Boll. Dem Pferde, glaub' ich, wird nicht mehr zu helfen sein. Rash. Alle Wetter! So führ' den Reiter her, wenn's ein Fremder und wenn er nicht das Genick gebrochen hat. Boll (ablaufend). Er kommt schon selbst. Rash (nach der Seite blickend). Ach, gütiger Himmel, das Pferd liegt ja regungslos da, — der Herr scheint aber ganz gesund zu sein. Siebente Scene Vorige. Rochester. Rochester (zu Rash). Sind Sie der Wirts hier? Rash. Zu dienen, Herr; es ist Ihnen ein Unglück zugestoßen, wie ich sehe. Rochester. Ist kein guter Thierarzt hier am Orte? Rash. Ein Thierarzt, o ja, der wäre wohl zu schaffen. Rochester. So schicken Sie schnell danach, ob einem Pferde noch zu helfen ist. Rash. Soll gleich geschehen. Boll, lauf schnell zu Mr. Cliner und führ' ihn her; bleibe dann auch selbst bei dem Pferde. (Boll ab.) Rochester (düster vor sich hin). Ich fürchte, es wird um das arme Thier geschehen sein. Ich habe es überjagt, — auch das Thier mußt' es büßen, daß ich unglücklich bin. Jane (die bei Rochester's Worten aufgefahren ist). Ist es nur mein zerstörtes Gehirn, — oder ist er's wirklich! Rash. Befehlen Sie vielleicht, bei mir zu übernachten, Sir? Rochester. Ich werd' es wohl müssen, wenn ich meines Pferde Schicksal hier erwarten will, — (vor sich hin) und da mein Rasen mir noch zu Nichts verhelfen wird. Jane. Ach! ich kann mich nicht täuschen! Ein Schritt von mir jetzt würde ihn glücklich machen, und mich aus dem Elend reißen. Rash (zurückkommend). Befehlen Sie auch wohl etwas Speise und Flüssigkeit zu sich zu nehmen? Rochester (kaum hörend). Ja ja, was sie wollen, — immerhin! Rash. Werde das Beste besorgen! Zimmer und Nachtessen. Rochester (fährt plötzlich auf und ruft ihm nach). Warten Sie! Haben Sie wohl? (Besinnt sich, schüttelt den Kopf, vor sich hin.) Was will ich noch mehr fragen, — tausend Fragen hab' ich schon den Menschen vorgelegt, — tausend Schreie der Verzweiflung zum Himmel gesandt, — aber es bleibt Nacht Nacht! Rash. Befehlen Sie? Rochester. Nichts; es ist gut! Rash (ab in's Haus.) Rochester (bleibt gedankenvoll und düster stehen). Was will ich auch noch? Wo will ich denn hin? Was kann mir Alles helfen? Verloren ist verloren — ich soll vernichtet sein, das Schicksal will es, wenn ich's auch nicht verstehe! Und dennoch könnt’ ich es vielleicht ertragen, wenn ich wüßte, daß sie nicht im Elend lebt! Was ist das für ein Mädchen — welch' ein Geist! — sie wählt sich selbst ihr hartes Schicksal, und ich will nicht einmal die Nothwendigkeit ertragen! Jane (furchtbar mit sich kämpfend). O, Gott! Rochester (sieht sich um). Hört’ ich hinter mir nicht seufzen? — Nein, — ’s ist kein Wunder, daß die Erde unter mir, die Bäume und Sträuche den blutigen Jammer fühlen und beklagen. (Er geht der Treppe zu und bleibt auf der ersten Stufe stehen, vor sich hinbrütend.) Ich will wieder zurück nach Wellfield, — und ein recht glückliches und stilles Leben mit meiner lieben Gattin führen. (Lacht bitter vor sich hin, dann rafft er sich, wie erwacht, empor, und sagt, als ob er sich besinne.) Mein — armes Pferd! — (Geht nach links hinter dem Hause ab.) Jane (hebt sich, aufhorchend, mühsam empor und geht mit ängstlicher Vorsicht und Spannung vorn um die Treppe, sieht Rochester mit ausgebreiteten Armen nach). Er ist es, — ja — dieser Ton konnte mich nicht trügen, — es giebt nur diesen einen in der Welt. — Mein Gott! und wenn er zurückkehrt und mich sieht, — was thu' ich? — bald wird mir die Kraft zur Ueberlegung fehlen, — ich muß in meinen Versteck zurück, und das Schicksal mag entscheiden, wenn er mich findet oder nicht. (Sie verbirgt sich wieder hinter der Treppe.) Achte Scene. Jane. Rochester. Rash. Rash (kommt zugleich aus dem Hause). Rochester (von der Seite, heftig). Es ist dahin! Was soll ich mich diese Nacht hier foltern! — ich habe keine Ruhe, — hinweg, hinweg! (Zu Rash.) Kann ich nicht Wagen und Pferde bekommen, die mich nach Dembrigg bringen — ich muß fort! Rash. Heute? — da wird's wohl nicht mehr gehen. Rochester. Es wird gleich gehen, wem ich Nachtquartier und Essen bezahle und Euch schenke. Rash. Ich werde sehen, — o ja, es wird sich wohl machen lassen. (Ah.) Rochester. Dann fort, — fort! damit ich doch Abwechselung in meiner großen, weiten Hölle finde! (Ab in's Haus.) Jane (kommt hervor, streckt gegen Rochester die Arme aus und schwankt nach der rechten Seite ab). Verwandlung. (Weites offenes Feld; nur links im Vordergrunde steht ein Häuschen, dessen eines Fenster von innen erhellt ist. Es ist finstere Nacht.) Neunte Scene. Diana. Mary. Mary (von rechts). Diana (kommt aus dem Hause). Mary! — Aber Mary, - willst Du nicht herein kommen, — der Regen fängt von Neuem an! Mary. Aber es war eine köstliche Abendluft, — und ich laufe St. John so gern entgegen. Diana. Hast Du noch Nichts von ihm gesehen? Mary, Jetzt hört das Sehen auf, — so finster ist’s! Sieh' mal hinauf, auch die Sterne lassen sich nicht sehen. Diana. Es schlug schon eben zehn auf unserer Uhr, — jetzt könnte St. John wohl kommen. — Aber ist's nicht gleich, ob wir draußen sind, oder drinnen? Mary. Lesen kann ich aber nicht mehr; da fallen mir gleich die Augen zu Diana. Komm' nur! (Beide gehen in das Haus und schließen die Thür. — Man hört stärker regnen.) Zehnte Scene. Jane (allein). Ich kann nicht mehr, — hier muß ich niedersinken und verschmachten, wenn das Licht mich täuschte. — O Tod — den ich mir wünschte, — so kommst Du mir doch grauenhaft. — Da ist das Licht, es ist ein Fenster, — ja, ein Haus. Hier muß ich Obdach finden, — mit den letzten Kräften will ich — (Sie hat sich dem Fenster genähert und blickt hinein.) Ich sehe zwei Mädchen — Gott sei Dank! — aber wie führ' ich mich ein? — (Sie klopft an die Thür und wiederholt es.) Eilfte Scene. Jane. Hannah. Hannah erscheint in der Thür mit einem Lichts. Wer ist da? — nicht der Herr? Jane. Eine Unglückliche. Hannah. Was wollen Sie? Jane. Kann ich mit Ihren Damen reden? Hannah. Sagen Sie mir nur, was Sie wollen. Jane. Ich wünschte ein Obdach für die Nacht, wenn auch im Flur. — Hannah. Ach so! — Wo kommen Sie denn her? Jane. Ich bin verirrt, — haben Sie Barmherzigkeit! Hannah. Wir haben keinen Raum, um Vagabundinnen aufzunehmen. Jane. Um Gotteswillen! Schließen Sie nicht die Thür; — lassen Sie mich mit Ihren Damen reden. Hannah. Gehen Sie fort von der Thür! Wir sind übrigens bewaffnet und haben einen Hund! (Schließt die Thür.) Jane (sinkt an der Schwelle nieder). Zwölfte Scene. Jane. St. John. St. John (ist bei Hannah's letzter Rede aufgetreten und steht hinter Jane). Jane (ohne St. John zu bemerken). Stoßen Sie mich nicht fort, — Sie tödten mich — ich sterbe hier auf der Schwelle, — und Sie können mich retten! — St. John. Wenn Sie um Rettung flehen, so sollen Sie gerettet werten. Hannah! mach' auf, ich bin's! — Stehen Sie auf, Sie sollen vor meiner Thür nicht aus Mangel sterben, Gott will es anders, und ich diene ihm. Hannah (öffnet wieder die Thür). St. John. Leucht' uns, Hannah. (Indem er mit Jane eintritt, fällt der Vorhang.) Dritter Akt. (Sehr einfaches Zimmer mit einer Seitenthür links und einer Thür im Hintergrunde. Rechts ein Fenster; in der Nähe desselben ein Tisch, worauf Schreibmaterialien und eine aufgeschlagene Bibel. Links ein Tisch, worauf einige Blätter Papier etc. Davor zwei bis drei Stühle.) Erste Scene. Jane. St. John. Jane (sitzt beim Aufgehen des Vorhanges links in einem Lehnstuhl, den Kopf auf einen Arm gestützt). St. John (tritt in das Zimmer; da Jane Miene macht, aufzustehen, mild, aber ernst). Bleiben Sie sitzen, — ich bitte darum. (Setzt sich an den andern Tisch rechts, blättert in der Bibel, indem er mit Bleistift Bemerkungen und Zeichen hinein schreibt und zuweilen beobachtend auf Jane blick). Jane (für sich). In welch' seltsamer Lage befinde ich mich hier. — selbst die zuvorkommende Milde meiner Retter läßt mich noch immer in Ungewißheit, wie ich mich zu benehmen habe, — wenn ich dran denke, in welcher Weise ich mich bei ihnen einführte. St. John. Es ist ein eigenthümliches Geschöpf. Trotz ihres durch Kummer und Elend angegriffenen Körpers liegt doch in ihren Augen eine auffallende Willenskraft. (Liest und blättert weiter fort.) Zweite Scene. Vorige. Diana. Diana. Guten Morgen, mein lieber Client. Still! Sie müssen schon in dem bequemeren Stuhle sitzen bleiben. Jane. Ich werde mich wohl d'ran gewöhnen müssen, Ihrer Güte nicht zu widersprechen. — Diana. Ich hoffe, unser größtes Verdienst — ich rede nur von dir und meiner Schwester — müssen Sie darin finden, daß wir, — trotz unserer weiblichen Natur, — von unserm räthselhaften Gaste noch nicht mehr erfahren haben. Jane. Wie tief bedaure ich selbst, daß ich Ihre Güte und Liebe nicht wenigstens mit völliger Offenheit erwidern kann. Sie nennen mich ungeduldig; — ja, in der That, ich bin es, weil ich mit jedem Tage mir meiner peinlichen Lage mehr bewußt werde, so Vieles zu erhalten, und Nichts, gar Nichts dafür thun zu können. Die größte Wohlthat, die Sie mir nicht erzeigen könnten, wäre: daß Sie mir eine Thätigkeit, eine Beschäftigung anwiesen, die mir das selbstständige Erwerben meines ferneren Unterhaltes möglich machte. Diana. Das wird sich finden. St. John. Erst möcht' ich wissen, was Sie zu thun gewöhnt sind, Miß — Elliott. Jane (schweigt erst betroffen, indem St. John sie ernst betrachtet). Darf ich Sie erst bitten, daß Sie mich nur bei meinem Taufnamen nennen: Jane, denn mit dem anderen Namen, den Sie eben sprachen, fühle ich jedes Mal den Vorwurf — einer Unwahrheit. Ich sagte Ihnen anfänglich, daß ich Elliott heiße, weil ich durch Verweigerung meines Namens nicht Mißtrauen erregen wollte, wo ich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet bin. Mein wahrer Name aber ist ein anderer, und ich bin gezwungen, denselben Ihnen zu verschweigen. Diana. Jane aber heißen Sie? — gut, liebe Jane, ich will mich gern mit dem einen Namen begnügen. St. John (der immer, wenn Jame spricht, von Zeit zu Zeit scharf beobachtende Blicke auf sie wirft). Sie sagten auch anfänglich, daß Sie ganz ohne Verwandte seien; ist das wahr? Jane. Zum Theil, ja. Nach meinem Wissen lebt nur ein entfernter Verwandter von mir, ein Oheim, in fernem Lande auf Madeira; ich habe ihn aber nie gesehen. St. John. Und wo hielten Sie sich denn bisher auf? Jane (macht eine Geberde der Verlegenheit). Auch das — muß mein Geheimniß bleiben. — St. John. Hm, — ich hätte nur deshalb gern mehr von Ihnen erfahren, um mit größerer Sicherheit für Ihre spätere selbstständige Erhaltung, — wie Sie es wünschen, — etwas thun zu können. Jane. Jeden Ausweg, den Sie mir zumuthen können, will ich auch gewiß gern ergreifen, um mir zu helfen; und was ich Ihnen den meinen Verhältnissen sagen kann, ohne damit meine Entdeckung befürchten zu müssen, will ich gern thun. Ich bin eine Waise, die Tochter eines Geistlichen, — von meinen Eltern weiß ich gar Nichts. Anfangs ward ich von einer Tante, die mich haßte und die nun todt ist, erzogen und dann in — — in das Waisenhaus von Lowood gethan. St. John (wieder aufmerken). So — in Lowood. Jane. Ich habe diese Anstalt, wo ich zuletzt selbst Lehrerin war, vor etwa einem Jahre verlassen, und erhielt als Erzieherin in — in einem Privathause eine gute Stelle. Dort lebte ich sehr glücklich, bis ich plötzlich das Haus verlassen mußte. Weshalb? — das darf ich Ihnen nicht sagen. — mir wäre es vielleicht gefährlich — und Ihnen nutzlos; auch dürfte Ihnen die Sache so unwahrscheinlich, so abenteuerlich klingen. — — Genug, — nach namenlosem Elend, in welches mich meine Entfernung, brachte, fand ich hier Hülfe — Rettung. Diana. Die Hülfe, die wir gewähren können, sollen Sie hier finden, so lange Sie ihrer bedürfen, und was wir Ihnen thun, das thun wir gern, — (halblaut) denn auch mein Bruder ist von Herzen gut, wenn er Ihnen auch wohl hin und wieder allzu ernst erscheinen mag. Dritte Scene. Vorige. Mary, Mary (mit einem Brief). St. John, bist Du da? — hier ist ein Brief! St. John (öffnet ruhig den Brief und liest ihn sodann mit sichtbarer Aufregung). Mary (geht schnell zu Jane an den Tisch). Haben Sie schon etwas gezeichnet, Miß Jane? — (sieht auf das Papier) nein, noch nicht. Diana. Ich habe dies für Sie hergelegt, damit Sie sich die Langeweile vertreiben mögen, und da ich bemerkte, daß Sie es so gern thun. Jane. Gern, o ja; aber wohl weniger gut, als gern. Aber jedenfalls machen Sie mir eine Freude, daß Sie mir die Mittel dazu geben. Mary. Ach! zeichnen Sie doch etwas. — ja? Sie müssen! Können Sie auch Portraits zeichnen? Dann zeichnen Sie mich, und dann wollen wir sehen, ob es ähnlich ist. Jane (lächelnd). Kritiken können meine Versuche nicht ertragen. St. John (ist aufgestanden und macht einige Schritte durch's Zimmer). Jane (zu Diana). Es scheint ein wichtiger Brief zu sein. Diana (steht auf) Was ist denn das fur ein Brief, St. John? — er scheint Dich zu verstimmen. St. John (bleibt stehen, wirft einen Blick auf den Brief und sagt mit gemessenem Tone). Unser Oheim — John ist todt. Alle Drei (sehen ihn betroffen an). Diana (nach einer Pauses. Todt? - St. John. Es kommt wohl nicht überraschend. Diana. Und — (ihn bedeutungsvoll ansehend) was noch? Was steht noch in dem Brief? St. John. Noch einige Worte, — aber nichts für uns, — nein, Diana. gar nichts. (Reicht ihr den Brief.) Willst Du lesen? Diana (liest und Mary blickt gleichfalls ihr über die Schulter hinein, indem sie ihren Arm um Diana's Hals schlingt). St. John (macht wieder einige ruhige Schritte). Diana. Je nun, wir können doch leben; und wir sind jetzt nicht schlimmer d'ran, als vorher. — St. John. Nein, schlimmer nicht, aber — wir hätten wohl auch besser d'ran sein können. (Nimmt wieder den Brief und legt ihn zusammen.) Diana (sich zu Jane wendend). Denken Sie nicht übel von uns, Jane, daß wir den Tod unseres Oheims uns nicht mehr zu Herzen gehen lassen. Wir haben ihn erstens nie gesehen, und dann hat es damit noch so seine eigene Bewandtniß. Er war der Bruder meiner Mutter und hatte sich mit meinem Vater sehr hart entzweit, um sich nie wieder zu versöhnen, wie sehr dies auch unser Vater wünschte. Der Vater starb und wir — hatten nichts. Der Onkel aber hatte sich ein hübsches Vermögen erworben; er war nie verheirathet und hatte keine nahen Verwandte, als uns — und eine andere Person, die ihm jedoch nicht näher stand, als wir. — Dieser Brief von des Onkels Tode benachrichtigt uns zugleich, daß er in seinem Testament uns — zu Gunsten jener anderen Verwandten — gänzlich übergangen hat — St. John. Die Unversöhnlichkeit gegen unseren Vater hat er auch auf uns übertragen. Jane. O, das ist sehr schlimm. Mary (sich die Thränen wischend). Wenn wir nur wenigstens gut — heirathen könnten, — da ging es schon. Diana (lächelnd). Und wenn es nun so nicht geht, liebe Mary, was thun wir dann? Mary. Ich weiß nicht. St. John. Es geht Alles; — freilich ist’s immer ein Unterschied, ob es besser oder schlechter geht. Kommst Du mit, Mary, da wollen wir's uns überlegen, wie es wohl besser gehen könnte. (Geht mit Mary durch die Mitte ab. Diana. Ich sehe, Jane, daß Sie sich bemüh'n, den Charakter meine Bruders zu ergrünten. Das ist freilich nicht so ganz leicht; er ist in der That ein eigenthümlicher Mensch. Jane. Gewiß aber im Besitze großer Tugenden. Diana. Alles, was er thut und besitzet, vermag er mit seiner Willenskraft zu zügeln, zu bekämpfen. Nach dieser Richtung hin werden Sie seinen Charakter auch bewundern lernen. Jane. Und gewiß mich doppelt freuen, solchem Manne dankbar sein zu dürfen. Diana. Ei, wer spricht denn da draußen mit Hannah? — Vierte Scene. Jane. Diana. Dullman. Diana (ihm entgegen). Ah! Sieh' da, Herr Dullman! Dullman. Ihr ergebenster Diener, Miß Rivers! Diana. Daß Sie sich bis zu unserer Einsiedelei hinauswagen, ist wahrlich nichts Geringes, — Sie müßten denn gerade hier — Jemand suchen? Dullman (verlegen freundlich). Suchen? wen? — ach nein, ich — ich kam nur Ihretwegen her — Diana. Meinetwegen? Dullman. Ja, das heißt — ich wollte mit Ihnen etwas sprechen. Diana. Mit miroder mit meinem Bruder? Dullman. Nein, gerate mit Ihnen, was aber Ihren Bruder betrifft, — (fragend nach Jane blickend) und zwar etwas Wichtiges, was ich gern — Diana. Erlauben Sie mir, Sie bekannt zu machen; dies ist Miß Jane, eine liebe Freundin von uns, — Mr. Dullman. — O, bleiben Sie doch sitzen, Jane. (Zu Dullman.) Ist es etwas Geheimes? vor diesem Gaste können Sie mir Alle — Alles sagen, und wär' es auch eine Liebeserklärung. Dullman. Verzeihen Sie, wenn ich von der Erlaubniß keinen Gebrauch mache, — freilich ist’s auch eine Liebeserklärung. Ich habe zu Ihnen ganz außerordentlich viel Zutrauen, und wollte Sie bitten, daß Sie mir ganz unumwunden sagen möchten, was — — was Sie eigentlich von Ihrem Bruder halten? Diana. Von meinem Bruder? Dullman. Da, das heißt — in Bezug — auf sein — Quasi-Verhältniß zu - Miß Overland. Diana. Zu Alice? — Beunruhigt Sie dies Verhältniß? Dullman. I — je nun, — nein, — das kann ich nicht sagen — Diana. Sie wissen, St. John ist Alicens Lehrer. Dullman. Ja, — nun ja freilich, — es kommt nur darauf an, worin er sie unterrichtet — Diana (ernst). Mister Dullman, — kennen Sie meinen Bruder nicht? Dullman. O ja, so weit, daß ich ihn für einen außerordentlich ehrenhaften Mann halte, — ich meine nur, — Sie machen mir's etwas schwer, Miß Rivers, — ich meine, ob wohl Ihr Bruder Miß Alice ernstlich liebt, — so — was man lieben nennt. Diana. Das, lieber Dullman, ist eine Frage, die ich nicht so leicht beantworten kann, wie Sie wohl meinen. Gerade in diesem Punkte dürfte mein Bruder schwer zu ergründen sein. Wären aber beim Einen oder Andern tiefere Gefühle dabei im Spiel, als die bloßer freundschaftlicher Zuneigung, so würde ich dies beklagen, denn ich könnte mir kein unnatürlicheres Paar vorstellen, als Alice, die muntere, leichtblütige Alice und St. John — mit seinem schweren Ernst — Dullman (schnell). Nicht wahr, — es wäre ganz unpassend, — das liegt ja auf der Hand, — und sie würden sich Beide unglücklich machen! Diana. Aber weshalb interessiren Sie sich so ganz besonders für die Sache? Dullman. Ich? — ach Gott — ich — ich dachte nur, — — ich habe sonst keine Ursache weiter, als — — weil — weil ich mich für — Ihren Bruder überhaupt interessire — Diana (lächelnd). Für — meinen Bruder? Dullman. Nun ja, — gewiß — Diana. Sagen Sie mir jetzt aufrichtig, Dullman: Sollten Sie sich für Alice nicht noch mehr interessiren, als für meinen Bruder? Dullman (herausplatzend). Ja — bei Gott, das thue ich! Und ich kann mir nicht helfen, — ich würde unglücklich, wenn ich — nicht glücklich würde! Diana. Sagen Sie mir, Dullman: Halten Sie eine Neigung der Miß Overland zu Ihnen für wahrscheinlich? Dullman. Eine Neigung? — o ja, — ich glaube zwar, daß ich mich mehr zu ihr neige, als sie zu mir, — aber gleichgültig bin ich ihr nicht, das glaub' ich. Wenn sie mit mir spricht, ist sie immer sehr heiter, — gewiß! und wenn sie etwas will, was es auch sei, dann, — dann beauftragt sie immer mich damit. Das ist doch am Ende ein Zeichen, — daß — Diana. Daß Sie ihr keinesweges unangenehm sind, — gewiß, und wie sollte dies auch möglich sein? Dullman. Nun, möglich doch, — man hat merkwürdige Beispiele darin. Aber, Miß Rivers, Sie sind mir nicht böse, daß ich Sie hierinn zur Vertrauten gemacht habe, — ich mußte Jemand mein Herz ausschütten, und Sie sind wirklich ein so herrliches Mädchen! Diana. Still, Dullman. — Ihr Lob ist hier nicht am Platze, wenn Sie mit Ihre Liebe zu Alice erklären. (Sieht nach dem Fenster.) Aber seh'n Sie mal hinaus, — wer kommt denn da? — Sollten Sie diesen rosa Sonnenschirm nicht kennen? Dullman. Herr Gott — Alice! — Jetzt kann ich ihr hier nicht begegnen, um Gotteswillen, — ich werde in den Garten flüchten, — ach! kommen Sie mit, ja? — Ich habe Ihnen noch mehr zu sagen. (Ab durch die Mitte.) Diana (indem sie ihm folgt). Pfui, Dullman, Sie dürfen nicht fliehen! — (Ab.) Fünfte Scene. Jane (allein, die während der vorigen Scene am Tische gezeichnet hatte). Es giebt in der That so eigenthümlich ausgestattete Menschen, denen Jedermann Vertrauen schenkt, denen Jeder seine Geheimnisse mittheil, — solch' ein Mädchen ist diese Diana. Was aber ist dieser St. John für ein wunderbarer Mensch! Ich studire an ihm, sobald ich ihn sehe, und es scheint fast, als ob ich bei ihm ein ähnliches Interesse erweckte, — bei mir aber ist das wohl natürlicher; bei der abenteuerlichen Weise, in der ich hierher gelangte, muß er wohl den Wunsch haben, etwas Näheres über meine Schicksale zu erfahren. Dabei aber ist seine Art und Weise so kalt, so wenig überredend, daß es ihm eher gelingen würde, Furcht, als Vertrauen zu erwecken. Eifrig in seinen Dienstpflichten, tadellos in seinem Lebenswandel, schein er sich doch nicht jener geistigen Heiterkeit und Zufriedenheit zu erfreuen, die der Lohn eines jeden aufrichtigen Menschenfreundes sein sollte. Und ich! — bin ich jetzt zufrieden, da ich meinen Willen erreicht? — Oder habe ich zum mindesten Ursache, es zu sein? — Freilich, wenn der zufrieden sein kann, den der Himmel bewahrt hat, im höchsten und denkbaren Elend hinzuschmachten! Wie trostlos ist meine Lage, wie verlassen fühl ich mich, — trotz der Freundschaft dieser guten Leute, — o, wie elend!! — Ich darf mein Glück nur danach schätzen, was ich besaß. (Auf ihr Papier blickend.) Seltsam, — hat es sich nicht von selbst gemacht, daß ich bei dieser Zeichnung immer mehr und mehr in seine Züge mich vertiefte, — daß endlich sein Kopf entstanden ist, — fast ohne daß ich's wollte? — Und recht — was fehlt dieser Zeichnung Alles! — (läßt ihren Kopf weinend auf den Tisch sinken) ach! — so viel, wie mir selber fehlt! — Sechste Scene. Jane. St. John. St. John (kommt aus der Seitenhür und geht an seinen Tisch). Jane (hebt, da sie ihn hört, ihren Kopf empor). St John (blickt von seinen Platze seitwärts auf Jane, für sich). Es wäre in der That ein sonderbarer Zufall. (Nach einer Pause tritt er näher an Jane heran.) Jane (zeichnet wieder weiter fort). St. John (tritt dicht an Jane's Tisch und sieht auf das Papier). Sie haben viel Fertigkeit im Zeichnen. Jane. Ich bin nur leider zu sehr auf mein rohes Talent angewiesen, es ist nichts Künstlerisches darin. St. John. Das Talent ist aber um so bemerkenswerther. (Er nimmt das Blatt in seine Hand.) Ist dies das Portrait einer bestimmten Persönlichkeit? Jane (gefaßt). Es ist — ein Bild meiner Phantasie. St. John (das Bild betrachtend). Die Thränen aber, die darauf fielen, sind mehr als Phantasie. Jane (geräth in heftige Erregung, nimmt ihm das Bild aus der Hand, dann ruhig). Die Thränen, Herr, sind mein Eigenthum. (Ablenkend.) Wissen Sie, wer eben bei Ihnen ankam? St John. Bei mir? Jane. Miß Alice. Vermuthlich ist sie bei Ihrer Schwester im Garten. St. John (kalt). So? — Jane (nach einer Pause). Wissen Sie wohl, daß Alice Sie sehr gern hat? St. John. Nein, das weiß ich nicht. Jane. Es ist aber so. St. John. Das ist mir lieb. Jane. Gewiß muß es Ihnen lieb sein. Alice ist ein schönes, vor Allem aber ein gutes Mädchen, vielleicht etwas gedankenlos; aber Sie könnten dafür wohl für Zwei denken. St. John. Wie speculativ Sie sind. Jane. Nur wenn es die Nothwendigkeit gebietet. Sie werden Miß Alice gewiß heirathen. St. John. Glauben Sie das? Alice eine Dulderin, ein weiblicher Apostel, — das Weib eines Missionairs? — Nein, nein, das ist nicht möglich! Jane. Warum könnten Sie aber Ihren Plan nicht aufgeben? Sie brauchen ja nicht Missionair zu werden. St. John. Wie? Den großartigen Beruf meines Lebens sollt ich aufgeben? — meine herrliche Bestimmung, in die Reiche der Unwissenheit das Wissen zu pflanzen, — Frieden für Krieg zu geben, Religion für Aberglauben, — die Hoffnung auf den Himmel für die Furcht der Hölle? Nein, diese Bestimmung, die ich mit meinem Muth zu dulden mir selbst gegeben habe, ist die Möglichkeit meines fernern Lebens — diesseits — und jenseits! Jane. Und Miß Overland? Werden Sie ruhig sein, wenn sie wegen ihrer getäuschten Hoffnungen Gram empfindet? St. John. O, Sie kennen sie schlecht. Sie wird mich bald vergessen und einen Mann zum Gatten nehmen, der sie glücklicher macht, als ich es könnte. Jane. Sie sprechen kalt und ruhig, — aber dennoch leiden Sie bei dem Kampfe. Su John. Nein, ich leide nicht dabei. Mein Leiden ist, daß der Antritt meiner Mission, der Zeitpunkt meiner Abreise immer mehr hinausgeschoben wird, da mein Nachfolger für diesen Ort erst in zwei Monaten hier eintreffen kann. — Uebrigens ist es seltsam, Miß Jane, mit welcher ruhigen Verwegenheit Sie mir meine Geheimnisse abgerungen haben. Jane. Sie wollen sagen, und daß ich dennoch so unfreundlich bin, von meinen Geheimnissen nichts zu verrathen. St. John. Hm, — nein, — Sie verrathen nichts. (Er nimmt wieder die Zeichnung vom Tisch, geht damit ruhig quer über die Bühne zum Fenster hin, und betrachtet es genauer.) Jane (erstaunt, für sich). Was soll das? St. John (scheint plötzlich durch einen Punkt auf dem Papier überrascht und sagt für sich mit muthigem Tone). Jane Eyre! (Er kehrt dann wieder zurück und legt die Zeichnung auf ben Tisch.) Siebente Scene. Jane. St. John. Diana. Alice. Dullman. Diana. Hier, St. John, bring! ich Dir Deinen Besuch in's Zimmer, damit Du Dich um ihn kümmern mußt. Alice. Guten Morgen, St. John! — Diana, Du bist abscheulich selbstsüchtig, ha, ha, ha! St. John, sie sorgt gewiß nur für Sie und mich, damit sie Mr. Dullman für sich behalten kann, ha, ha, ha! und Mr. Dullman kommt dabei in die schrecklichste Verlegenheit, ha, ha, ha! Dullman. Mein Fräulein, wenn ich Ihnen die größte Freude machen will, so brauch' ich Ihnen nur verlegen zu erschauten, — wenn ich verlegen bin, dann sind Sie glücklich. Alice. Nun, auf welche Art Sie mich glücklich machen können, lieber Dullman, das wird Ihnen ganz gleich sein. St. John, ich biete mir Ihre ehrfurchtgebietende Hand zum Gruße aus. (Streckt ihm ihre Hand entgegen, die er ruhig nimmt.) St. John, Sie missen über Ihre Schwester wachen, denn ich habe sie eben im traulichen Gespräche mit Mr. Dullman ertappt. Diana. Und das Gespräch hatte natürlich damit ein Ende. Alice. St. John, ich lese schon wieder zehn Strafpredigten in Ihren strengen Augen, — ach, sein Sie freundlich, — sehen Sie, Dullman ist auch freundlich, obgleich ich ihm sein Rendezvous gestört habe. St. John, Sie haben gewiß ein hübsches Gesicht, aber es wäre noch viel schöner, es wäre bezaubernd, wenn mehr Freundlichkeit darin wäre. Lächeln Sie, St. John! Sie lächeln nur, wenn ich einmal ernst bin, und da geschieht es also selten genug! St. John. Ich lächle, Miß Overland, wenn Sie vernünftig sind. Alice. Und dann sagen Sie auch “Alice”, nicht wahr, — wenn ich aber unvernünftig bin, dann bin ich für Sie Miß Overland, — das ist eben keine Schmeichelei für meinen Papa. — Ach, Miß Jane, wie geht es Ihnen? Wie gefällt's Ihnen denn in unserm Millcote, — nicht wahr, es kann sich schon mit London messen? Jane. Ich kenne London nicht; dieser Ort aber ist mir durch seine Bewohner ein recht angenehmer geworden. Alice. Dullman, das war eine zarte Anspielung auf Sie. Diana. Jetzt, Alice, werde ich Deinem Uebermuthe Schranken setzen, oder Dir ein eben so mürrisches Gesicht machen, wie Du's von St. John zu sehen gewohnt bist. Alice. Das thut nichts, Diana, wenn es so ist, da wird mir's doch immer noch lieb genug sein. Diana. Gieh Dir keine Mühe, Alice, — Du weißt, St. John ist Deinen Schmeicheleien nicht zugänglich. Alice. Schmeicheleien? — Ich bitte, Diana, sage lieber: meiner Liebenswürdigkeit! — Sie brauchen gar nicht so verächtlich wegzusehen, St. John, ich weiß doch, daß ich lebenswürdig bin; wenn Sie mir's auch im Leben noch nicht gesagt haben, — andere Leute sagen's mir genug, und ich glaube der Majorität. Ach, Sie hätten nur sehen sollen, wie ich vorgestern in Dembrigg getanzt habe! Wie sie sich um mich gerissen haben, — Dullman, daß Sie nicht dabei waren, das verzeih' ich Ihnen nie, — nein, nein! dafür muß ich Sie noch lange ärgern. Uebrigens glauben Sie ja nicht, daß es in Dembrigg gar keine fashionable Tänzer gebe, — o, genug! Und drei Offiziere waren dabei — (Sich wieder vertraulich zu St. John wendend, ihm scherzend auf die Schulter klopfend.) St. John — drei Offiziere, — die mich alle Drei liebenswürdig fanden. St. John. Ich will durchaus nicht diesen Herren ihre ganz aparte Meinung streitig machen. (Will nach der Seite ab.) Alice (ruft ihm nach). Ach bleiben Sie doch, St. John! Kommen Sie nicht mit? Diana und Mar wollen uns ein Stück Weges begleiten, und wir gehen gleich. St. John. Ich habe zu thun — Alice (gutmüthig bittend). Ach, lieber St. John, kommen Sie doch mit, ich will auch gewiß sehr vernünftig sein, ach, bitte, bitte! Ich versprech' es Ihnen! St. John (kalt). Es geht für heute nicht. (Geht mit einer kurzen Verbeugung nach der Seite links ab.) Alice (bleibt wie schmollend stehen und wendet sch dann zu Diana, halblaut). Diana, das ist sehr unartig von St. John, — das mußt Du ihm sagen, — daß mich das ernstlich böse macht. (Plötzlich wieder heiter.) Wo ist denn aber Mary? — sie kommt doch auch mit? Diana. Vielleicht noch bei der Arbeit. Alice. Mary! Mary! Achte Scene Jane. Alice. Diana. Dullman. Dazu Mary. Mary (den der Seite). Ja, ja, ich bin schon da! — Ich bin fertig! Alice (Mary bei Seite nehmend, geheimnißvoll). Mary, ich will Dir was sagen, komm her. Ich soll Dich grüßen — von Williams Warrens — Mary. Ist es auch wahr? Alice (feierlich). Bei meinem Getreuen Dullmann, ja! Nun aber kommt! Diana (zu Jane). Haben Sie nicht auch Lust, uns zu begleiten? Jane. Wenn Sie es wünschen — Diana. Nein, Jane, Sie sollen Ihren freien Willen haben. Jane. Damn bleib' ih für heute lieber. Diana (ihr herzlich die Hand drückend). Wir kommen bald wieder. Alice. Dullman, ich werde Ihnen sagen, wenn ich Ihres Armes bedarf, — jetzt noch nicht — Dullman. Ich werde mir Mühe geben, allein zu gehen — und auf die Zukunft getrosten Muths zu warten. Alice (nach dem Fenster laufend) Ach! Es regnet! Dullman, — und Sie haben wieder keinen Schirm. Dullman (ist gleichfalls erschrocken an's Fenster getreten). Sie täuschen sich — ich seh' und fühle Nichts. Alice. Ha, ha, ha! Nur einen fürchterlichen Schreck haben Sie gefühlt, — und weiter wollt' ich nichts! Aber Sie sind mir nicht so leicht böse, lieber Dullman, Sie wissen doch, daß ich Ihnen gut bin. (Im Abgehen.) Aber reizend wär' es, wenn es mitten auf dem Wege regnen möchte, und Dullman hat wieder keinen Schirm, — ha, ha, ha! Diana (im Abgehen). Aber Alice! Alice. Nein! diese Angst von Dullman müßtest Du sehen! Ach, möchte der Himmel uns in einer halben Stunde Regen senden, und Dullman keinen Schirm — ach, ich gäbe Dullman's halbe Liebe dafür hin! (Lachend ab mit den Uebrigen, außer Jane.) (Es ist etwas finsterer geworden.) Jane (allein). Ich kann es wohl kaum wagen, mich unter heitere Menschen zu begeben. Ich müßte immer fürchten, daß mein Gesicht ihre Heiterkeit beleidigt. — Und doch, wie schwer ist es nicht, seinen Schmerz allein zu tragen, — ganz allein! (Sie setzt sich wieder, traurig sinnend.) Neunte Scene. Jane. St John. St. John (tritt gedankenvoll bis in die Mite der Bühne, bleibt daselbst stehen und wirft einen forschenden Blick auf Jane). Jane (bemerkt ihn, ohne sich jedoch nach ihm umzusehen). St. John (geht an den Tisch, blickt flüchtig zum Fenster hinaus und kehr wieder bis zur Mitte der Bühne zurück). Jane (sich halb umwendend). Ich glaube, Sie sind gegen die Heiterkeit der Miß Overland zu strenge. St John. Wirklich? Jane (sieht ihn verwundert an, dann steht sie auf). Es wird bald finster sein. — ich werde Licht besorgen. (Geht hinaus.) St. John (entfaltet einen Brief, den er aus der Tasche nimmt, und liest). Jane (kommt wieder mit einer Lampe herein, die sie auf den Tisch stellt.) St. John (steckt den Brief wieder ein und macht einige Schritte im Zimmer; nach einer Pause). Erlauben Sie mir, daß ich Sie ein wenig unterhalte. Jane (hat sich niedergesetzt und sieht ihn erstaunt an). St. John. Sie wundern sich? — Sie glauben nicht, daß ich auch unterhaltend sein kann. Ich will es dennoch versuchen. (Nach einer Pause.) Vor etwa zwanzig Jahren heirathete ein armer Landpfarrer die Tochter eines reichen Mannes. Die Ehe war gegen den Willen der Eltern und Verwandten seitens des Mädchens geschlossen, und sie deshalb nach der Verbindung von all’ den Ihrigen verleugnet. Schon nach zwei Jahren starben Beide und hinterließen ein Kind, welches von seinen reichen Verwandtenvon mütterlicher Seite — aufgenommen wurde. — Mistreß Reed, — so hieß die Tante, die das, Kind erziehen mußte, — behielt die Waise zehn Jahre bei sich im Hause, und that sie dann — wie man sagt, aus unbegründeter Abneigung gegen das Kind — in eine wohlthätige Anstalt — in das Waisenhaus von Lowood. Nach achtjährigem Aufenthalt daselbst verließ sie Lowood, um Erzieherin zu werden, und sie erhielt eine solche Stelle — Jane (sieht ihn mit ängstlicher Spannung an). St. John. Sie übernahm die Erziehung der Mündel eines — gewissen Herrn Rochester. Jane. Herr Rivers! St. John. Von Herrn Rochester's Charakter weiß ich nichts, als daß derselbe eine ehrenvolle Verbindung mit den Mädchen eingehen wollte, welches erst am Hochzeitstage entdeckte, daß er eine noch lebende Frau habe, welche wahnsinnig sei. Ich weiß jetzt nur, daß demnach die Verbindung nicht stattfand, und daß später, als ein Ereigniß die Nachfrage nach der Erzieherin nöthig machte, es sich herausstellte, — sie sei nicht mehr da, — und Niemand konnte sagen, wohin sie gekommen war, obgleich alle möglichen Nachforschungen angestellt wurden. Jane (in furchtbarer Erregung). Was ist aus Herrn Rochester geworden?! St. John. Ich weiß es nicht. Den Brief, den ich von einem Rechtsanwalt Briggs jenes Mädchens wegen erhielt, erwähnt seiner nicht anders, als in Beziehung auf seinen Versuch jener beabsichtigten gesetzwidrigen Verbindung. Jane. Aber was erwiederte Herr Rochester? — man hat ihm doch geschrieben? St John. Nach der Mittheilung jenes Advokaten sind die eingegangenen Antworten nicht von ihm, sondern von einer Mrs. Willmore unterzeichnet. Jane (wie betäubt ihr Gesicht bedeckend). O mein Gott! St. John. Sie fragen nur immer nach Herrn Rochester, und nicht nach dem Namen jener Erzieherin. So will ich ihnen denselben unaufgefordert nennen: Sie heißen Jane — die Erzieherin, welcher nachgeforscht wird, heißt Jane Eyre, und vielleicht entschließen auch Sie sich nun, diesen Namen anzunehmen, wenn Ihnen die Nothwendigkeit Ihrer Entdeckung klar wird. Die Schicksale dieser Jane Eyre sind mit dem ihrigen, — das heißt mit dem, was Sie uns mittheilten und was ich theils mir nach dem Mitgetheilten selbst ergänzen kann, so übereinstimmend, daß Sie sich wohl vergebens bemühen möchten — Jane. Ja, ja, — und wenn ich es bin, — so sagen Sie mir etwas von Herrn Rochester! St. John. Warum legen Sie mir nicht zunächst eine andere Frage vor, die ich besser beantworten kann? Wollen Sie nicht wissen, weshalb sich Herr Briggs so große Mühe giebt, Ihren Aufenthalt zu erforschen? Jane. Herr Briggs? — Der Advokat? — Was will er von mir? St. John. Ihnen mittheilen, daß Ihr Oheim, Herr Eyre auf Madeira gestorben ist, und daß er Ihnen sein ganzes Vermögen testamentarisch hinterlassen hat. Jane. Mir? — was — mir?! St. John. Ihnen, Jane Eyre. Sie mögen, wenn es Ihnen beliebt, Ihr Vermögen in Besitz nehmen. Briggs hat das Testament sammt den übrigen Dokumenten. — Nun, was erschrecken Sie so darüber, statt sich zu freuen, — es ist für Sie nicht wenig: Zwanzigtaufend Pfund. Jane (die sich kaum zu fassen weiß). Ist hier kein Irrthum möglich? St. John. Gewiß nicht, denn Sie sind Jane Eyre, — und ich freue mich, daß ich Ihnen diese Nachricht mittheilen konnte. (Will sich mit höflicher Verbeugung empfehlen.) Jane (da St. John schon an der Thür ist). Warten Sie noch, — ich bitte. Sagen Sie mir, wie es kommt, daß man in dieser Sache sich gerade an Sie gewendet hat. St. John (ausweichend). Weil ich — Sie waren in allen Blättern aufgefordert und — erlauben Sie, daß ich den zweiten Theil meiner Geschichte Ihnen ein ander Mal vortrage. Jane. Nein, nein! Sie verbergen mir noch ein wichtiges Geheimniß! St. John. Gut denn! — Sie erinnern sich wohl, daß ich einen Brief mit der Nachricht von dem Tode meines Onkels erhielt, — und daß — Jane (ahnend) Daß dieser Onkel — der Sie und Ihre Schwester in seinem Testamente nicht bedachte — St. John. Daß dieser Onkel derselbe ist, der Sie allein zur reichen Erbin machte. Meine Mutter war Ihres Vaters Schwester — folglich Ihre Tante, — mein Oheim John war auch der Ihre — Jane (immer hastiger). Sie also sind mein Vetter — und Ihre Schwestern — o Gott, so lassen Sie mich nur zur Besinnung kommen — mein Gott, — wo sind Ihre Schwestern! — Was sagten Sie — zwanzigtausend Pfund — hab' ich recht gehört? St. John. Ganz recht. Jane. Das macht also auf vier Theile für jeden fünftausend — St. John. Was sprechen Sie von vier Theilen — das Ganze fällt Ihnen zu — Jane. Nein, nein, Sie alle Drei haben gleiche Rechte daran, — ach — diese Freude richtet mich wieder auf — o Diana — Mary! St. John. Ich verstehe Sie nicht, Jane — Jane. Sie wollen mich nicht verstehen, sonst müßten Sie begreifen, daß ich gar nicht anders handeln könnte. St. John. Ich bitte, warten Sie, übereilen Sie hier keinen Entschluß; Sie müssen die Sache erst reifer überlegen. Das ganze Vermögen gehört rechtmäßig Ihnen; mein Oheim hat es durch Fleiß, erworben, und konnt' es hinterlassen, wem er wollte, — also können Sie es mit reinem, ruhigen Gewissen als Ihr Eigenthum betrachten. Jane (mit überströmenden Gefühlen). Nein, St. lohn, das könnt’ ich nicht — wenn Sie mir die Freude gönnen wollen, daß ich nicht mehr allein dastehe in dieser Welt, wenn Sie mein Bruder — wenn Ihre Schwestern die meinen sein wollen, so müssen Sie mehr mit mir theilen, als mein Herz. — ich hätte sonst keine Freude daran — o, ich höre sie kommen — (ihnen entgegen). Zehnte Scene. Vorige. Diana. Mary. Jane. O kommt — Diana — Mary! kommt an mein freudig bebendes Herz — der Himmel hat mir einen Sonnenstrahl in meine finstre Nacht gesandt — ich habe Schwestern, habe einen Bruder — ich danke Dir, mein Gott — ich bin nicht ganz verlassen! — Die Freude überwältigt mich — ich kann nicht sprechen — bleibt in meinen Armen — daß ich nicht allein zu weinen brauche! (In der zärtlichsten Umarmung, die St. John still betrachtet, fällt der Vorhang.) Vierter Akt. (Freies Feld; links das Pfarrhaus — wie am Schluß des zweiten Aktes. — Vorn rechts ist eine Rasenerhöhung zum Sitzen geformt). Erste Scene. St. John (kommt von rechts aus dem Hintergrunde). Sechs Wochen sind es nun, daß ich meine schärfsten Beobachtungen an jenem Mädchen übte, welches mir durch das Schicksal in so wunderbarer Weise entgegen geführt ward. — Sie ist mir jetzt so klar, wie ich selber es mir bin, — und dennoch! — dennoch hab' ich einen großen Kampf zu kämpfen. Soll ich mich aber hier auf Muthlosigkeit ertappen, wo ich in größeren Werken, riesigeren Plänen eines größeren Muthes, einer gewaltigeren Entschließungsfähigkeit mich von mir rühmen will und werde? — Nein, das soll nicht sein! Auch dieses ist ein Theil zur Förderung meines großen Werkes, und auch hier muß ich des Glaubens Muth und Eifer zeigen. Zweite Scene. St. John. Jane. Jane (in zierlichem, wenn auch immer einfachem Kleide, tritt aus dem Hause). Ei nun, Herr Rivers, — Sie hier? Ich warte immer noch, daß Sie mich mit einem Lobe für meine eigenmächtigen und erfinderischen Einrichtungen des Hauses erfreuen werden. St. John. Sie warten auf ein Lob von mir, — das wundert mich. Jane. Wie kommt das? Ist es denn nicht natürlich, daß gerade an Ihrem Beifall mir sehr gelegen ist? Muß ich Ihnen sagen, daß ich mich am meisten bestrebe, Ihnen zu gefallen? St. John. Zeigen Sie dies Bestreben nicht in solchen werthlosen Aeußerlichkeiten, Jane. Sie sind so tief begabt, in Ihren Geistesfähigkeiten vom Schöpfer so bevorzugt, daß ich auch wünschte, dieselben nur an größeren, edleren Gegenständen geübt zu sehen. Jane. Und von Ihnen, St. John, möcht' ich dasselbe in entgegengesetzter Weise sagen. Ihre Fähigkeiten sind von der Art, daß es mir leid ist, wenn Sie so sorgsam damit sind, weil Sie Ihre ganzen Kräfte nur zu solchem großen Zwecke sammeln lassen und concentriren, die all' die kleineren Uebungen, mit denen man sich und den Andern Freuden machen kann, — erdrücken. St. John (nimmt ruhig Jane's Hand und blickt sie prüfend an). Jane (überrascht). Was denken Sie? — Ich widerrufe nicht, was ich sagte. St. John. Jane! — Ich sehe meinen Weg klar vor mir, und danke Gott dafür. Können Sie auch von sich das sagen? Jane (erbebend, halb sinnend, aber mit Empfindung). Nein! — weh' mir, daß ich es nicht kann, — aber es ist nicht meine Schuld. St. John (hat ihre Hand wieder losgelassen). Jane, — in drei Wochen gehe ich. Mein Platz in einem Ostindienfahrer ist bestellt, und am zwanzigsten Juni nehm’ ich Abschied von diesem Hause. Jane. Gott wird Sie schützen, — aber ich bedaure Ihren harten Entschluß. St. John. Wirklich? — (Indem er sich auf den Rasen setzt.) Ich spreche gern mit Ihnen, Jane, — wollen Sie sich her zu mir setzen, es ist besser hier, als d'rinnen. Jane. Gewiß. (Für sich.) Wie seltsam wieder heute? — (Sie setzt sich gleichfalls, doch in angemessener Entfernung, auf den Rasen; nach einer Pause.) Sie besitzen eine außerordentliche Kraft des Willens, St. John; es gebt wenige Menschen, wie Sie. St. John. Die wenigen aber, die es giebt, müssen hervorgerufen werden und zu gleicher Thätigkeit ermuntert. Und hat man einen solchen Menschen der sich, der seine Bestimmung selbst nicht kennt, so muß man ihm die Augen offen, so muß man die Botschaft Gottes seinem Ohr verkünden, — so muß man ihm im Auftrage des Herrn der Welt einen Platz in den Rehen seiner Auserwählten anbieten. Jane (etwas betroffen). Ich glaube wieder, St. John, daß Sie sich da irren. Werden solche Auserwählten nicht von der mächtigen Regung des eigenen Herzens zuerst zur Bestimmung gedrängt werden? — St. John (ruhig). Vielleicht — — (Nach einer Pause.) Und was sagt Ihr Herz? (Er fixirt Jane, und da diese verwirrt schweigt, fährt er fort.) Ihr Herz ist stumm, und deshalb muß ich für dasselbe sprechen: Jane! kommen Sie mit mir nach Indien, seien Sie meine Begleiterin und Gehülfin für ein gottergebenes Werk! Jane (ist aufgesprungen, — mit halbem Ton). Haben Sie Mitleid, St. John. — St. John (fest). Nein, denn Sie bedürfen dessen nicht! Gott und die Natur haben Sie zum Weibe eines Missionairs bestimmt, — Sie müssen, Sie sollen es werden. Sie sollen die Meine sein, — nicht für mich, sondern zu meinem Herren Dienst. — Ich habe Sie beobachtet seit unserm ersten Zusammentreffen, und habe Alles, was ich in Ihnen fand, für gut befunden zu der Bestimmung, die ich Ihnen jetzt eröffne. Sie sind gelehrig, sind treu und muthig, heroisch und uneigennützig. Ich kenne nicht alle Momente Ihrer Vergangenheit, ich weiß nur, daß sie eine unglückliche, eine verfehlte war, — und jetzt stehe ich vor Ihnen, um Sie von, der Vergangenheit mit rettender Hand abzuschneiden und Ihnen ein nenes Leben, eine neue Bestimmung zu geben, — Sie wären mehr als thöricht, Jane, wenn Sie des Himmels sichtbaren Willen so mißachten wollten! (Er bleibt vor Jane mit Spannung, eine Antwort erwartend, stehen.) Jane (mit sich kämpfend). Wie können Sie eine so plötzliche Entschließung von mir fordern, es ist eine Entscheidung für mein Leben, — lassen Sie mir Ueberlegung. St. John. Nein, Jane! Gottes Eingebungen kommen plötzlich, — keine Ueberlegungen bei solcher Sache, — dann wird Ihr besseres Theil der Bedenklichkeiten übertönt, die Sie fest am Irdischen, an irdischen Neigungen und Schwächen halten. Ich halte Sie mit meiner Hand, — und will Ihr entscheidend Wort, ob ich Sie retten — oder fallen lassen soll! — Jane. Und können Sie sich nicht denken, wie sehr Sie mich mit solcher Forderung erschrecken müssen? St. John. Nein, das kann ich nicht! Was ford're ich denn von Ihnen so Ungeheures? Bin ich ein Scheusal, dem Sie sich verschreiben sollen? Jane. Sie wissen zu wohl, wie sehr ich Sie schätze, — wie sehr ich Ihnen außerdem verpflichtet bin. — St. John. Nicht davon sprechen Sie! Ich will von Ihnen kein Geschenk, kein Opfer aus Dankbarkeit, wenn ich Ihnen nur Furcht einflößen kann. Was thun Sie denn, wenn Sie sich an einen Mann fesseln, den Sie schätzen? Jane. St, John, — ich sehe Sie als meinen Bruder an, — ich galt Ihnen bis jetzt als Schwester; bleiben wir darum, was wir sind. Gut denn, St. John! Sie sollen keine Schwache, Feigherzige in mir sehen. Ich will Sie begleiten bei Ihrer heiligen Mission, — ich will an Ihrer Seite Alles thun, was Sie zur Vollendung Ihres göttlichen Unternehmens für nöthig erachten, — und — Ihre Gattin kann ich nicht sein. St. John (schüttelt ruhig den Kopf). Nein, Jane, das ist falsch gedacht, wenn Sie mich begleiten wellen, so können Sie dies nur als meine Gattin, — und so soll es sein! Wenn Sie an meiner Mission Theil haben wollen, so müssen Sie sich auch ganz mir weihen. Er ist die Sache Gottes, die ich vertrete, ich werbe Sie für seinen Dienst, — und einen halben Diensteid will ich nicht. Sie fühlen Achtung, Freundschaft für mich, — gut! Wenn die gewöhnliche irdische Liebe fehlt, die Ihnen zu einer Heirath nöthig scheint, so ist dies ein kleinlicher Zweifel bei einer großen Sache. Die Liebe zum Himmel eint uns und das ist genug. — Jane (tritt schnell einen Schritt von ihm weg). Nein, nein, — auch diese Liebe, die Sie jetzt verwerfen oder entbehrlich halten wollen, hat ihre heiligen Rechte, — und wenn Sie diese verachten wollen, St. John, dann veracht' ich Sie! — St. John (tritt betroffen zurück, nach einer Pause). Das konnte ich von Ihnen nicht erwarten. Jane (steht unschlüssig, in heftigem Kampfe mit sich, da). St. John (tritt ihr wieder näher, kalt). Wenn Sie mein Anerbieten von sich weisen, so entziehen Sie sich nicht mir allein, — sondern Gott. Das bedenken Sie. Wollen Sie mein Weib nicht sein, mich zu begleiten, wohin Gott mich ruft, so beschränken Sie sich auf ein Leben selbstsüchtiger Bequemlichkeit — zielloser Dunkelheit. Zittern Sie, daß Sie in diesem Falle nicht Denjenigen beigezählt worden, die den Glauben verleugnet haben, und schlimmer sind, als Ungläubige. (Er geht mit ruhigen, festen Schritt in's Haus.) Jane (blickt, da er fort ist, auf, scheint mit einem Entschlusse zu kämpfen und folgt ihm dann schnell). Verwandlung. (Das Zimmer im Pfarrhause.) Dritte Scene. Jane (allein). Er ist unwillig, beleidigt von mir gegangen, — ich muß ihn wieder gütig stimmen, denn mein Gewissen treibt mich dazu. Aber welch' einen Kampf soll ich — ich armes, schwaches Weib bestehen! — Und auch von Wellfield erhalt' ich keinen Brief, — keine Nachricht, keine mögliche Aufklärung in meiner Dunkelheit! Den letzten, dritten Brief schrieb ich an Mrs. Willmore, — und auch das vergebens! — St. John hat recht, — die Sache sollte mir klar sein, und meine Bestimmung unzweifelhaft. Verließe ich England, so würde ich ein geliebtes, aber leeres Land verlassen, — das keine Freuden mehr für mich hat. — Rochester ist nicht mehr da, — gewiß nicht — und wäre er's, was sollte mir das nützen? Soll ich von einem Tag zum andern mich hinschleppen, in unbegründeten Hoffnungen, die mich nur peinigen, das Heilen meiner Wunde nur verhindern? — Sollte ich mich also nicht freuen, daß mein Geschick mir einen bestimmten Ausgang zeigt, — soll’ ich nicht mit ihm nach Indien gehen, — als Gehülfin und — — als Weib des Missionairs? — Und dennoch — dennoch — — was zerreißt mein Inneres so bei dem Gedanken? — Er wird mich nie lieben, — aber würde ich das auch je verlangen? — Er soll mit mir zufrieden sein, — ich werde ihm eine Energie und Stärke zeigen, die er noch nicht kennt — ja! ich kann arbeiten, und kann mit so wenig Murren der Arbeit mich unterziehen, — wie er! Ich muß St. John versöhnen, — ich kann es nicht ertragen, daß er mir zürnt! — Vierte Scene. Jane. Diana. Diana. Ei, Jane, — da bist Du! Ich kann die Zeit nicht erwarten, Dich an mein frohes Herz zu drücken. Wie schön, wie sinnig und geschmackvoll Du Alles in unsern bescheidenen Räumen arrangirt hast! — Jane. Weil ich ein inniges Vergnügen darin fand, — ach, Diana, wir sind ja Alle egoistisch, und thun auch nur das Gute uns selber zu Gefallen. Diana. Desto besser, wenn es so schön mit den Wünschen Anderer harmonirt. Was hattest Du denn mit St. John so Eifriges und Wichtiges zu besprechen? — Ich sah Euch aus dem Fenster — Jane. Er sprach — — von — von seiner Mission, — und daß sein Entschluß unerschütterlich fest stehe. Diana. Wolltest Du in wankend machen? — ei ei, liebe Jane? Nein, ohne Scherz, — ich freue mich, zu sehen, wie sehe sich St. John für Dich interessirt; — gewiß, ich täusche mich nicht, er liebt Dich Jane! Jane (wendet sich mit heftiger Bewegung weg). Diana (schnell und freudig). Jane! — und auch Du liebst ihn, — o, wie mich das freut! — Jane. Nein, nein, um Gotteswillen — Du täuschest Dich! Diana. Gewiß nicht, aber Du willst mich täuschen, und Du verräthst es doch! Weißt Du auch, Jane, daß Du das einzige Weib bist, was ich St. John wünsche, das einzige, mit dem er glücklich sein könnte? Jane. Nein, nein, sag' ich! Was denkst Du da? — Ich kann ihn nicht lieben und werd' es niemals, — selbst wenn ich mich dazu entschließen könnte, sein Weib zu werden; — aber Liebe? — nein! Auch er fühlt nicht Lebe zu mir, — sein Verstand weist ihn auf mich hin, nicht sein Herz, — glaubt er aber, mich zu lieben, so täuscht er sich selbst, wie Du Dich täuschest. Diana. Ich verstehe Dich nicht, Jane. Warum dem diese Angst und Hast? — Da kommt er. Fünfte Scene. Jane. Diana. St. John. St. John (kommt von der Seite und geht hinüber nach dem Tische rechts). Jane (leise zu Diana). Ich bitte Dich, erwähne der Sache nicht in seiner Gegenwart. Diana. Nein, nein, wenn Du es willst, gewiß nicht. Nun, St. John, was sagst Du zu unserer lieben Cousine? St. John (kalt, indem er im Buche blättert). Was soll ich sagen. Diana. Zu den reizenden Einrichtungen, die sie in unserem Häuschen getroffen hat, — bist Du nicht erfreut darüber? St. John (blickt auf, setzt sich dann, indem er auf seinen Tisch niederblickt). Miß Eyre hat gewisse Geschicklichkeiten, o ja. Jane (für sich). Er martert mich mit dieser Härte! — Diana (zu Jane). Was ist ihm denn? — Habt Ihr gestritten? — Jane. Ich bitte Dich, schweige lieber. Sechste Scene. Vorige. Mary, Mary (durch die Mitte). Diana. — Jane! — Ich bringe eine Neuigkeit! denkt Euch nur! — hört, was ich eben erfahren habe: — Alice! — Diana. Was ist mit Alice! Mary. Alice ist verlobt! — Diana. Alice Overland? — mit wem? — (Sie blickt auf St. John, der ohne Regung auf sein Buch blickt.) Mary. Mit — ha, ha, ha! — denkt nur an: mit Mr. Dullman! St. John (indem er umblättert, ohne aufzusehen). Miß Overland mit Dullman? Mary (St. John erst jetzt bemerkend, erschrocken). Ah! — Diana. Das ist wirklich überraschend. Jane. Dullman ist aber doch wohl ein sehr guter und ehrenhafter Mann. Diana. Gewiß, ich gönne sie ihm von Herzen St. John. Ich glaube auch, daß sie recht glücklich sein werden. Was ist da also so Wunderbares? Dullman ist reich, — ein guter Tänzer — Diana (mit Bezug). Und hat wenigstens nicht so viel Ernst, um seine Geliebte damit zu Tode zu quälen, oder zu verscheuchen. Mary (leise zu Diana). Siehst Du, Diana, nun ist doch nicht wahr, was Du mir von William gesagt hast. Diana (lächelnd). Hast Du es denn geglaubt, Mary? Mary. O, nein, — geglaubt nicht, — und seit heute würd' ich's auch niemals glauben. Jane, — Du bist ja heut so ernst, fehlt Dir etwas? Jane. Ja wohl fehlt mir etwas, liebe. Mary, Mary. Und was denn? Ach Jane, Du darfst nicht traurig sein, so lange Du bei uns bist, — nein, Jane! denn Du hast uns ja froh gemacht. Diana. Ja, das ist wahr, durch Deine Güte und Großmuth nur können wir jetzt einem ruhigen, zufriedenen Leben entgegensehen. Jane. O, nennt meine Pflicht nicht Großmuth! Ich wäre Eures Hasses werth, wenn ich nicht gegen meine Retter Erkenntlichkeit — ja, bloße Gerechtigkeit ausübte. Diana. Ich kann darüber nicht mit Dir streiten, — aber lieben — lieben will ich Dich, — dagegen kannst Du Dich nicht wehren! — Komm’, Mary, — Du mußt noch Deine sieben Sachen an Ort und Stelle schaffen, Jane wollte Deine Heligthümer nicht berühren. (Nach der Seite ab.) Mary. Du gute Jane! (Umarmt sie herzlich und geht Diana nach.) Siebente Scene. Jane. St. John. Jane (nach einer Pause, zu St. John). Daß ich diese Schwestern mit ihrer reinen, unverfälschten Liebe mir gewonnen habe — wie muß mich das beglücken, und — wie wenig hab' ich für den Erwerb gethan. St. John (blättert ruhig in seinem Buche weiter). Jane (wehmüthig). Ach, wenn ich mich auch des Glücks erfreuen könnte, solchen Bruder zu besitzen — St. John (sieht sie an, sehr kalt). Doch aber einen Bruder, den Sie nicht verachten müßten? — Jane (geht schnell zu ihm heran, mit innig bittendem Tone). St. John! — St. John. Was, Miß Eyre? Jane. Wie sehr bereu' ich das unbedachte Wort, — vergeben Sie es mir, — Sie wissen nicht, was in meiner Seele vorgeht! St. John. Was geht es mich auch an? — Jane. O nein, so dürfen Sie nicht reden! Ich schwör’ es Ihnen, daß Sie mit diesem kalten Tone mein Herz zerschneiden, — ich kann das nicht ertragen. St. John. Auch nicht von mir? — Das wundert mich. Ich glaubte wirklich, daß Sie meiner Liebe nicht bedurften. Jane. Wie lange, St. John, gedenken Sie, mir's zu zeigen, wie ein so guter, edelherziger Mann auch zugleich so hart und unversöhnlich sein kann? St. John. Ich bin nicht unversöhnlich; ich werde Ihnen niemals Böses thun oder wünschen. Jane. Und dennoch grollen Sie mir, — was mich sehr betrübt macht. St. John. Ich hoffe, wir sind Freunde und werden's bleiben. (Steht auf.) Wenigstens was mich betrifft — Jane. Ich weiß, St. John, daß Sie keinem Menschen Böses wünschen können; ich aber verlange von Ihnen etwas mehr Liebe, als Sie jedem Ihnen fern stehenden Menschen angedeihen lassen. St. John (immer noch kalt). Natürlich, Sie gelten mir auch durchaus nicht als eine Fremde. Jane (bewegt). Und sollen wir so scheiden, wenn Sie nach Indien gehen? St. John (sieht sie groß an). Wenn ich nach Indien gehe? — Hm, — und wenn Sie hier bleiben? — Werden Sie das? Jane. Sie halten meine Begleitung für unmöglich, wenn ich Sie nicht heirathe. St. John. Und verharren Sie dabei, mich nicht zu heirathen? — Jane. St. John, — bis heute liebten Sie mich nur nicht, — doch ich muß beinahe fürchten, daß Sie mich jetzt hassen, — und ich fürchte, meine Mühe, Sie zu versöhnen, ist unnütz; ich fürchte, in Ihnen für ewig einen Feind zu sehen! — St. John (beißt sich in die Lippen, sieht sie bitter an und will gehen). Jane (ihm nach, seine Hand ergreifend). Sie mißdeuten alle meine Worte, — ich habe nicht die Absicht, Sie zu kränken, — gewiß nicht! St. John. Jetzt aber nehmen Sie vermuthlich Ihr Versprechen, mit mir zu gehen, ganz und gar zurück? — Jane (lebhaft). Nochmals, St. John, wiederhole ich Ihnen mein Versprechen, daß ich als Ihre Helferin auf Ihrer Mission auf allen Ihren Wegen Sie begleiten will. St. John, ich will ja mit Ihnen gehen! St. John. Eine Gehülfin, die nicht mein Weib ist, paßt nicht für mich; ist aber Ihr Anerbieten ein aufrichtiges, — wohlan! so werde ich noch heute mit einem verheiratheten Missionair sprechen, dessen Frau eine Gehilfin braucht. (Er sieht Jane scharf an.) Jane (ruhiger). Ich habe mich nicht im Allgemeinen verbindlich gemacht, nach Indien zu gehen. Mit Ihnen nur hätte ich's gewagt, weil ich Sie bewundere, Sie wie meine Schwester liebe! Ueberdies müsste ich, ehe ich England verlasse, mich überzeugen, ob ich mich mit meinem Bleiben nicht nützlicher machen könne. Es ist eine Sache, die mir sehr nahe geht, und über die ich erst mir völlige Aufklärung verschaffen muß. St. John (beobachtet sie sehr scharf und mit innerer Erregung, faßt denn schnell und heftig ihre Hand). Sie denken an Herrn Rochester! Jane (Anfangs betroffen, sieht ihn dann herzhaft an und sagt sehr entschlossen). Ja, Herr Rivers, das thu' ich! St. John (läßt ihre Hand fahren, nach einer Pause). So bleibt mir denn nur noch übrig, Sie in mein Gebet zu schließen, und Gott zu bitten, daß er Sie nicht eine Verworfene werden läßt, — Sie, in der ich eine seiner Auserwählten zu erkennen glaubte. Ich täuschte mich in Ihnen, und — das thut mir leid. (Geht festen Schrittes hinaus.) Achte Scene. Jane (allein). Ich danke Dir, St. John, daß Du durch Deine Härte mir plötzlich meine frühere Entschlossenheit wiedergegeben hast. Gott sei gelobt! ich habe stets das Richtige gefühlt, — möge mich auch hier mein Gefühl nicht täuschen! Welch' ein wunderbarer Mensch ist das! Bei so viel Sonnenklarheit doch so viel Kälte! — Bei so viel Tugendwerth doch kein warmes und erwärmendes Herz! Edler St. John! Ich darf Dir ja nicht zürnen, nein, ich will's auch nicht, — denn Du warst mein Wohlthäter, — mein Lebensretter! (Plötzlich mit ernstem Nachdenken.) Lebensretter, — ja — es ist wahr, das ist er mir, und — wäre es danach nicht meine Pflicht, anders gegen ihn zu handeln, ihm mehr zu opfern, als ich es jetzt vermag? — (Plötzlich gegen die Thür gewendet.) St. John! — (Hält wieder sinnend inne.) Wär' es nicht meine Pflicht, weil er mir mein Leben rettete, — auch dafür ganz mein Leben ihm zu weihen? (immer mehr in trübes Brüten sinkend) ja, ja, — ich glaube wohl — das müßt ich. Und St. John ist doch kein böser Mensch, — er ist gut — tugendhaft, — nur für wahre — warme Liebe ist sein Herz nicht geschaffen. — Und weiß ich denn, ob ich es bin, — ob ich nicht auch damit zu Ende bin, — (mit Thränen) wo ich kaum in der Hoffnung rosigem Schein begonnen hatte? — (Sie sinnt nach und schreckt nach einer Weile heftig empor, als ob sie etwas hörte) Was war das? — Mein Blut erstarrt — und nun fiebert es — ich hörte — hörtet: Jane, komm zu mir! — Da, ich hört' es deutlich — und das war seine Stimme — Rochesters!! — (Sie stürzt hinaus und kehrt wieder zurück, in furchtbarer Aufregung.) Nichts ist zu sehen, — aber ich hörte ed ganz deutlich — Gott, kam das von Dir?! — Ja, ja, ich komme, Freund! Ich komm; ich will, ich muß Dich suchen — die Fessel ist gesprengt von meinem Herzen, — hinweg, hinweg! — ich muß ihn sehen — hinweg! (Will nach der Seite ab.) Neunte Scene. Jane. Diana. Diana (ihr entgegen). Was ist Dir, Jane, wie glühst Du? Jane. O, laß mich, laß mich, ich muß sort! Diana. Wohin? — was ist geschehen? — Jane. Nichts, nichts, sei unbesorgt. Nur mein Gewissen rief mich eben auf zu einer Pflicht, — o, hilf mir, meine nöthigsten Sachen, deren ich bedarf, schnell einzupacken. Ich muß auf wenige Tage nur hinweg! Diana. Wohin, meine liebe Jane, wohin? Jane. Um einen Freund zu suchen, einen Freund, Diana, der vielleicht verzweifelt, vielleicht einsam in tiefem Kummer um mich weint. Ich muß es wissen, ob er er das thut, und ob ich ihn trösten darf. — O, halte mich nicht einen Augenblick, — denn mein Entschluß steht fest, — kein Mensch kann ihn mir wankend machen, — o, hilf mir, Diana, hilf mir, — in einer Stunde muß ich ihm schon entgegen eilen, — oder — oder?! Nein, ich muß ihn finden, ich habe ihn ja gehört, — Gewißheit will ich, nur Gewißheit — für wen ich ferner leben darf! (Sie eilt, von Diana gefolgt, zur Seite ab.) Verwandlung. (Ländliche Gegend. Links ein Gasthaus; davor ein Tisch und eine Bank.) Zehnte Scene. Staff. Tom. Dann Wood. Staff (kommt aus dem Hause, geht nach dem Hintergrund und sieht mit Aufmerksamkeit nach der Seite rechts). Tom (komm von links). Da kommt der Eilwagen von Faremoore! Staff. Gut, hab' schon gehört. Hast Du das Heu zusammengebunden? Tom. Ja, — ’s ist aber noch ’n ganz gutes Bund geworden. Staff. Desto besser. — Geh' mal jetzt in ’n Stall' und sieh', ob Jenkins da ist, wenn der Wagen kommt! — Tom. Jenkins ist eben hingegangen; ich hab's ihm schon gesagt, — daß der Wagen kommt. Soll ich mal nachseh'n, wer d'rin ist? Staff. Meinetwegen! Tom (ab nach rechts hinter dem Hause). (Man hört hinter der Scene ein Posthorn blasen.) Staff. Na, da ist er ja schon! Wenn ich nicht irre, so ist das Selby's Geblase. Der pflegt mir noch immer das Beste zu bringen. Sieht wieder nach der Seite hin. Pot Tausend! Die Pferde laufen heut ja ganz hitzig, — gar nicht, als ob's ’n Eilwagen wäre. — Pastor Wood (kommt von der anderen Seite). Mr. Staff! — Staff. Ach — Herr Pastor! ei, das ist schön, daß Sie ‘mal kommen. Wood. Ich komme von ‘ner tüchtigen Entfernung, und wollte nun gleich auf dem Rückweg bei Ihnen halten, um meine Schuld wegen Ihrer freundlichen Uebernahme des Getreides zu berichten. Staff. Ah, das hat ja Zeit! bitte, geh'n Sie nur hinein, ich komme gleich, — meine Frau ist d'rin. Wood (geht in's Haus). Tom (kommt zurück). Staff. Hast Du Selby gefragt, ob der Wagen weiter geht? Tom. Ne, — er geht nicht weiter! Es ist blos ‘ne Dame d'rin, die hier bleibt. Sie ist auch schon ‘rausgesprungen. Staff. Muß ich doch nachseh'n, ob das Zimmer wenigstens ord'ntlich aussieht. (Geht in's Haus, während Tom fort will. Als er d'rin ist, hört man ihn rufen: “Tom!”) Tom. Ja! (Läuft gleichfalls in das Haus.) Eilfte Scene. Jane (in leichten Reisekleidern, kommt sehr eilig und sieht das Haus an). Ja, ja, das muß dasselbe Gasthaus sein, welches ich von Wellfield’s Hügeln immer sehen konnte. (Sieht nach der linken Seite, als ob sie sich bemüht, etwas zu erkennen.) Aber von Wellfield's Mauern sah' ich gar nichts, — das wundert mich. — Nur Ruhe, Ruhe! — mein thörichtes Herz, — weißt Du denn auch, ob Du dort Freude finden wirst? — ob nicht vielleicht auch Jammer! Ach, daß ich wohl gar noch wünschen müßte, lieber in früher Ungewißheit geblieben zu sein, fern von Englands Küsten, fern von Europa, einem anderen Leben mich zu weihen! — Und sollt’ ich ihn nicht wiedersehen? — — nein, nein! — es ist nicht denkbar! — — Was thu' ich aber, wenn ich ihn wiedersehe, — wenn er plötzlich jetzt vor mir steht? — Würd' ich ruhig zu ihm sprechen können: Herr Rochester, ich wollte mich überzeugen, ob Sie glücklich sind, — oder — würd' ich sprachlos mich an seine Brust werfen, — damit er recht sähe, wie sehr er mir gefehlt? — Ich dürfte es nicht, — und dennoch fürcht’ ich, daß ich's thun werde. Mein Gott, wie bebe ich am ganzen Körper, — als ob jetzt über mein Leben geurtheilt würde. Könnt' ich doch wenigstens mit Ruhe und Gleichmuth meine Fragen stellen! — Zwölfte Scene. Jane. Staff. Dann Wood. Staff (aus dem Hause, mit höflichen Verbeugungen). Befehlen Sie, weiter zu fahren, Madame? — Jane. Erst wünscht' ich Einiges von Ihnen zu erfahren. — Sie werden — natürlich — Wellfield kennen — hier in der Nähe — Staff. O ja, Madame, — ich habe einst dort gewohnt. Jane. Wirklich? das ist wohl lange —? Staff. I ja, — ich war dort Kellermeister — bei dem verstorbenen Herrn Rochester. Jane (zuckt zusammen, dann mühsam sprechend). Bei dem — Verstorbenen — — ist er todt? — Staff. Ja, das heißt, ich meine den Vater des jetzigen Herrn, des Herrn Edward Rochester. Wood (kommt aus dem Hause). Jane (wieder aufathmend). Den Vater! — aber Herr Edward Rochester — wohnt er noch zu Wellfield? — Staff. O nein, Madame, da ließe sich's jetzt schlecht wohnen. Nur Krähen wohnen da noch! — Jane. Was ist denn da gescheh'n?! Staff. So wissen Sie also nichts davon? Wood. Miß Eyre! — (Er tritt hervor.) Ja, Sie sind es, — kennen Sie mich dem nicht? Jane (überrascht und verwirrt). Sie? — ja, — freilich, Sie, Herr Pastor! Ach! waren Sie mir doch ein Tröster in meines Lebens schreckenvollster Stunde. Wood. Und was ich Ihnen damals war, das wünschte ich für Sie auch jetzt zu sein. Jane. O, sprechen Sie, Sie werden mich beruhigen können! Wo ist Herr Rochester? — er ist nicht in Wellfield? — Wood. Nein, — und wenn Sie das frühere Wellfield suchen, so werden Sie statt dessen nur eine düstre Brandruine finden. Jane (beängstigt). Brand — mein Gott — Welfield verbrannt — und wie — wodurch? Wood. Wodurch? Sie haben damals ja auch den grauenvollen Dämon geseh'n, den Teufel, der sich zwischen Sie und Rochesters Liebe drängte. Jane. Die Wahnsinnige? Wood. Sie nur — es ist nicht zu bezweifeln, — sie allein hat jenes höllische Feuer angezündet. Man erzählte sich, sie habe schon früher einmal den Versuch gemacht, Herrn Rochester Nachts in seinem Bette zu verbrennen. In jener Nacht des großen Brandes nun, der ganz Wellfield in Schutt und Asche legte, war es ihr wiederum gelungen, ihrer Zelle zu entkommen. Im unteren Zimmer, welches Sie damals bewohnt hatten, wurde das Feuer zuerst bemerkt. Dort war also das schreckliche Weib zuerst hineingeschlichen, das Feuer anzulegen. Gott sei gelobt, Sie waren nicht mehr dort, und ohne Ihre Flucht, die kurz vorher erfolgt war, wären Sie als Opfer Ihres bösen Dämons dort verbrannt. Jane. Und Herr Rochester, — war er in England? Wood. Allerdings. Nach allen möglichen und vergeblichen Bemühungen, Ihren Aufenthalt, Miß Eyre, zu entdecken, war er nach Wellfield zurückgekehrt, um ein Eremitenleben dort zu führen. Glauben Sie, ich kenne Herrn Rochester wohl, — ich kenne seinen wahrhaft edlen, männlichen Charakter und liebe ihn. Jane. Aber war er in dem Schlosse, als das Feuer ausbrach? Wood. Ja, — und er handelte dabei, wie man es von ihm erwarten konnte. Als oben und unten Alles brannte, lief er hinauf, hinab, weckte die Dienerschaft, um sie zu erretten, — dann lief er in den obersten Raum, um sein wahnsinniges Weib aus ihrer Zelle zu holen, — als man plötzlich entdeckte, daß sie oben auf des Daches höchster Spitze stand. Da schwenkte sie ihre Arme wie eine Furie und schrie — ach! ich hab' es selbst gehört und geseh'n. Ich sah auch, wie dann Herr Rochester mit größter Lebensgefahr zu ihr bis aus's Dach kletterte. Wir hörten ihn rufen: Bertha! — wir sahen ihn sich der Furie nähern, da plötzlich stieß sie einen entsetzlich gellenden Schrei aus, that einen Sprung! — und lag zerschmettert unten. Jane (entsetzt). Todt? Wood. Nicht einen Augenblick mehr lebte sie. — Es war schauerlich. Jane. O grauenvoll! Und kam noch Jemand dabei um’s Leben? Wood. Nein, ach! aber vielleicht wär's besser so gewesen. Der unglückliche Herr Rochester! Jane. Was geschah ihm? — Wo ist er denn? — Er lebt doch? — Wo? Wood. Er lebt, aber — sind Sie stark genug, es zu vernehmen? er ist blind! Jane (bedeckt ihr Gesicht). Wood (nach einer Pause). Wie er bei dem Brande, nachdem die Wahnsinnige sich hinabgestürzt hatte und Herr Rochester oben war, wieder die große Treppe herabkam, — da stürzte ein Theil des Gebäudes zusammen, und Herr Rochester lag fast begraben unter Balken und Gemäuer. Man zog ihn zwar lebendig wieder hervor, — aber sehr beschädigt. — Vermuthlich durch die Flamme hatte er beide Augen verloren, — ach! da war es wohl ein schweres Amt für mich: zu trösten. Jane (außer sich). Und wo — wo lebt er nun?! Wood. Zehn Meilen den hier, in einem Herrenhause, Elton, — einem sehr einsamen, unfreundlich gelegenen Ort. Jane. Und wer ist bei ihm? Wood. Seine wackere Haushälterin, Mrs. Willmore und noch eine Dienerin. Jane (zu Staff). Kann ich gleich Fuhrwerk und Pferde bekommen? Staff. Ja, ja, sogleich! Jane. Dann schnell, um Gotteswillen! So schnell, als gält' es ein Menschenleben! Ich zahle Ihnen das Dreifache, wenn ich vor Sonnenuntergang noch dort sein kann! Staff. Ich thue, was möglich ist. (Läuft ab in's Haus.) Wood. Ich werde Sie begleiten, damit Sie nicht den Ort verfehlen; nur einige Zeilen hab' ich hier zurückzulassen. (Geht schnell in’s Haus.) Jane. O Gott! ich danke Dir, daß mein Herz mich nicht betrog, — der Ruf, den es vernahm, er kam aus seines Elends Einsamkeit, es war ein Nothschrei der Verzweiflung — blind — blind und ohne Lebe! — O daß ich vor Schmerz und Freude nicht die Kraft verliere, — jetzt darf ich meinem Herzen folgen — jetzt darf ich trösten — helfen, — o Gott! jetzt kenne ich die Mission, die mir bestimmt ward! (Stürzt in das Haus.) (Ende des 4. Aktes.) Fünfter Akt. (Links ein Wohnhaus, nach dessen Thür einige Stufen führen. Rechts Blumenbeete, welche den Anfang eines Gartens andeuten. Im Hintergrunde eine Gartenmauer mit einem Thor. Erste Scene. Blunt. Sophie. Blunt (kommt aus dem Hause, geht über die Bühne bis nach rechts, wo ihm Sophie entgegentritt). Sophie, — der Herr will wieder in den Garten, komm’ schnell! Sophie. Hat er Dir's gesagt? Blunt. Ja freilich, geh' nur, ich hab' noch an den Bäumen zu thun. Sophie. Das ist aber seltsam. Vor einer halben Stunde hab' ich ihn hineingeführt; und sonst pflegt er doch mindestens ein Stündchen zu schlummern, um erst später die kühlere Nachtluft zu ahmen. Auch klagte er Morgens, daß ihm nicht ganz wohl sei. Blunt. Ja, was weiß ich, — geh' doch nur. (Ab nach rechts.) Sophie (geht auf das Haus zu, wo Rochester schon eben in der Thür erscheint). Zweite Scene. Rochester. Sophie. Rochester. Sophie! — Sophie. Ich komme Sir! (Ist zu ihm gekommen und reicht ihm die Hand.) Verzeihen Sie, ich glaubte nicht, daß Sie jetzt schon hinaus wollten. (Sie führt Rochester die Stufen hinab und geht mit ihm bis zur Mitte der Bühne.) Rochester (läßt, indem er sehen bleibt, Sophiens Hand los. Mit sehr düsterem Tone). Ich weiß nicht, warum es mich jetzt so hinaustrieb — aber es war ein ungewisses Etwas, was mir die Brust zu sprengen drohte, wenn ich dem Gefühle nicht nachgab. — (Er tritt, auf den Stock gestützt und allein, zwei Schritte hervor, und macht mit den Armen suchende Bewegungen, indem er auch den Kopf langsam von einer Seite zur andern wendet, — nach einer Pause.) Und es ist doch immer wieder dieselbe Luft, — so leer — so leer — und so finster! — (Er legt, tief bewegt, eine Hand auf die Brust, indem er tief und schwer seufzt.) Wann wird das enden. — O, — daß ich Thränen hätte, um zu weinen; sie würden endlich in Bächen strömen und meiner Jane zufließen, um ihr zu sagen, wer sie schickt, — und Jane würde dann kommen — — ja, ja — (mitt Schaudern) wenn sie noch auf dieser Erde ist. — Sie war aber grausam, recht grausam, da sie in meinem Jammer mich verließ, — es war recht hart — aber — möchte sie nur dafür nicht leiden, — o, Himmel, wenn ich dies Gebet nicht täglich zu Dir spreche, so weißt Du ja doch, daß ich es ewig — ewig fühle, — daß es das einzige Gefühl ist, was neben meinem Elend noch meine Brut bewegt. — Blind sein — nur blind — ach, das ist Nichts; ich wollte blind sein, und doch sehr glücklich. — — Glücklich — glücklich — ich habe wirklich vergessen, wie es wohl sein mag, wenn man glücklich ist. — — Sophie! — (er streckt die Hand aus, die Sophie ergreift) — ich will nur einen Gang durch den Garten machen. (Er geht zwei Schritte und bleibt wieder nachdenklich stehen.) Sage mir, Sophie, — Du warst ja auch schon bei mir, — — Du mußt es also wissen: War nicht einmal ein junges, blasses Mädchen für Adele als Gouvernante in meinem Hause zu Wellfield, — die sich Jane Eyre nannte? — mir ist es doch so. — Sophie. Ja, gewiß, mein lieber Herr, — Miß Eyre war zu Wellfield. Rochester. Also doch, — gut, — dann bin ich also doch nicht wahnsinnig. Aber wenn sie bei mir war, — und gehen konnte und mein Herz mir aus der Brust riß! — dann! — dann wird sie ja auch nicht wieder zu mir kommen. (Geht, von Sophie geführt, rechts zur Seite ab.) (Nach einer Weile hört man am Gartenthore klingeln.) Dritte Scene. Blunt. Dann Jane. Blunt (kommt von links, geht nach den Gartenthore und öffnet es). Jane (kommt herein, geht schnell einige Schritte vorwärts, sieht sich bewegt um, und wendet sich dann zurück zu Bunt). Hier ist doch wohl der Wohnsitz des Herrn Rochester? — Blunt. Ja. Jane. Ach, — Ihr seid's ja, Blint! Gott sei Dank, ein bekanntes Gesicht! — Kennt Ihr mich nicht mehr? — Blunt. Ah, — ja wohl, jetzt seh' ich erst: Sie sind ja das Fräulein, — ja wohl, Mis Eyre, — hm. (Sich mürrisch abwendend.) Ich dachte nicht, daß ich Sie noch mal zu sehen bekäme, — weiß auch nicht, was Sie hier wollen. Sie müssen mir's nicht übel nehmen, aber — ich hab' es schon ist verwünscht, daß Sie zu Wellfield in Herrn Rochesters Haus gekommen waren, — ja, das hab' ich, denn Sie haben alles Unglück über den armen Herrn gebracht. Jane (wehmüthig). Ich nicht, Blunt, nein, — Ihr sprecht sehr hart, aber ich verzeih' es Euch, weil Ihr aus Liebe zu Eurem Herrn so sprecht. — Und ist denn Mrs. Willmore noch hier? — Blunt. Ja. gewiß, da kommt sie eben — (Mrs. Willmore erscheint in der Thür des Hauses) — sie hat vermuthlich Euch läuten hören, — na, sprecht nur mit ihr. Vierte Scene. Vorige. Mrs. Wilmore. Mrs. Willmore. Was ist denn, Blunt? — Jane (eilt auf sie zu und umarmt sie heftig). Mrs. Willmore. Um's Himmelswillen — Jane! — Mis Eyre, — o, mein Gott! Wo kommen Sie denn her — ist's denn möglich! Jane (Mrs. Willmore fest umarmt haltend). Ja, ja, — ich bin's, es ist möglich, — und ich hoffe, liebe Willmore, daß hier noch mehr möglich ist! Blunt. Soll ich's dem Herrn sagen, — daß Sie hier sind? Jane. Nein, nein! Mrs. Willmore. Um Gotteswillen nicht! Geh' an Deine Arbeit, Blunt, und sprich' zum Herrn kein Wort darüber. (Blunt geht ab.) Mrs. Willmore. Und nun sagen Sie mir, meine gute, arme Miß Jane, — wo waren Sie verborgen, wie erging es Ihnen? — Jane. Nichts sag' ich Ihnen jetzt, liebe Willmore, kein Wort, als ich nicht Alles über Herrn Rochester weiß; — er ist hier — er lebt — und wie — wie lebt er? Mrs. Willmore (wendet sich traurig weg). Ach, — wie soll ich Ihnen das sagen, — wie soll ich Ihnen so viel Elend in Worten schildern. Jane (sie ergreifend). Ich weiß, Mrs. Willmore, sein Unglück schon, — Sie brauchen vor dem Bericht nicht mehr zu schaudern, — ich weiß, daß er blind ist! Mrs. Willmore. Und dennoch hat er dies Unglück noch niemals mit einem Laute beklagt, — weil — ach! weil er vor diesem Leide schon so unglücklich war, wie's ein Mensch nur sein kann. Was ihn fortwährend auch jetzt nur noch quält, ist der Gedanke an Sie, liebe Jane! Wenn er allein ist, und ich ihn dabei überrasche, so hält er ein paar Blumen, die Sie damals an jenem unseligen Hochzeitstage im Haare hatten, — so hält er diese Blumen an seinen Mund gepreßt, wie in Anbetung davor versunken. Jane. O, guter Gott! Mrs. Willmore. Am Tage nach jener Nacht, da Sie Wellfield heimlich verlassen hatten, war sein Gemüthszustand wahrhaft fürchterlich, daß ich glaubte, er habe den Verstand verloren. Was unternahm er Alles, Ihren Aufenthalt zu erfahren! Als alle Versuche nicht halsen, kehrte er nach Wellfield zurück, — aber ich sah seitdem den früheren Lord Rochester nicht mehr wieder, — er war ein völlig anderer Mensch geworden. In jener ganzen Zeit bis zu dem Brande sind wohl kaum zehn Worte zu mir über seine Lippen gekommen; ja, seit dem körperlichen Unglück, das ihn betraf, scheint es mir fast, als ob sein Gemüthszustand ein besserer wäre, als damals; wenn auch immer noch trostlos, düster und verschlossen, so sah ich doch nicht mehr jene erschreckende Zerrißenheit in seinen Zügen, es scheint, als ob ein ruhiger, milder Ernst, eine gewisse traurige Ergebenheit sich darin gelagert habe. Jane. Und wie ist es mit seiner Blindheit? — ist sie unheilbar? Mrs. Willmore. Bei jenem Brande, wo er so hochherzig die Wahnsinnige retten wollte, hatte er nur das eine Auge verloren; das andere entzündete sich erst später, bis die Sehkraft immer schwächer wurde und endlich ganz erlosch; doch giebt der Arzt nicht die Hoffnung auf, es wieder herzustellen. (Deutet nach der rechten Seite.) Erkennen Sie ihn wohl, Jane? — Jane (in furchtbarer Bewegung dorthin starrend). Ach! — er ist es! — auch — so — erkenn' ich ihn. Mrs. Willmore (Jane fortziehend, leise). Kommen Sie ein wenig zurück. (Sie geht mit Jane ganz nach der rechten Seite in den Vordergrund.) Fünfte Scene. Jane. Mrs. Willmore. Rochester. Sophie. Rochester (geht ruhigen Schrittes und frei bis zur Hälfte der Bühne, und Sophie folgt zwei bis drei Schritte hinter ihm). Sophie (da sie Jane bemerkt und erkennt, erschrocken). Ah! — Rochester (bleibt stehen). Was ist, Sophie? Mrs. Willmore (macht Sophie ängstlich Zeichen, daß sie schweigen möge). Rochester. Nun, Sophie? — was war Dir? Sophie. Ich — es war nur — ein scharfer Stein, auf den ich traf. Rochester (wendet sich um und streckt die Hand aus, die Sophie, ihn zu führen, ergreift. Indem er dorthin sieht, wo Jane steht, nach einer Pause, verwundert). Sage mir, — wo steht denn jetzt die Sonne? Sophie. Hinter dem Hause, Sir, wenn Sie sich umwenden. Rochester (nach dem Hause zeigend). Dort? Sophie. Ja, Sir. Rochester (indem er immer das Gesicht Jane zukehrt). Sonderbar, - mir ist's, als müßte sie dort stehen; -- dort wird die Nacht meiner Augen durch einen hellen Schimmer getroffen. Jane (will auf ihn zustürzen, wird aber von Mrs. Willmore beruhigt). Rochester. Das ist seltsam. (Geht, von Sophie geführt, die Stufen hinauf, bleibt oben wieder stehen und sieht zurück nach Jane.) Es ist mir wieder, — als ob dort — dort die Sonne stehen müsse. Wie das wohl kommen mag. (Er schüttelt verwundert den Kopf und geht mit Sophie hinein.) Jane (hat Rochester in ungeheurer Aufregung nachgeblickt, folgt ihm wie magnetisch angezogen bis beinahe zum Hause, hält dort inne und wirft sich dann, von den Gefühlen überwältigt, sprachlos and schluchzend Mrs. Willmore in die Arme). Mrs. Willmore (nach längerer Pause). Werden Sie erst ruhiger, meine gute Miß, — so können Sie sich ihm noch nicht entdecken. Jane (richtet sich mühsam empor). Aber doch noch heute — ja heute noch, — ich würde diesen Schmerz nicht eine ganze Nacht in meiner Brust noch bergen können. (Geht mit unsicherem Schritt, an Mrs. Willmore gelehnt, in das Haus.) (Die Bühne bleibt eine Weile leer.) Sechste Scene. St. John (kommt vorsichtig durch das offen gebliebene Gartenthor herein, sieht sich ruhig nach allen Seiten um und kommt dann in den Vordergrund). Hier nur kann es sein. — Niemand ist da, um mir Bescheid zu geben. Und nun befällt mich ein sonderbares Gefühl der Bangigkeit, — wie ich es noch niemals empfand. Gut, daß sie mich bei ihrem Aufenthalt im Gasthofe zu Berwick nicht bemerkte, daß ich in meinem Wagen unbemerkt dem ihren folgen konnte. — Aber was will ich? — Will ich mich hindernd ihrem Lebensglück entgegen drängen? — Nein, bei dem wahrhaftigen gerechten Gott da über mir, das will ich nicht, -— aber ich muß über dies wunderbare Geschöpf im Klaren sein, ich muß wissen, — wie ich sie verlasse, wenn ich sie überhaupt — verlassen werde — verlassen muß. Ich darf sie nicht so leicht aufgehen, denn ich fühle mich zu ihrem Schutze so lange verpflichtet, bis ich nichts mehr zu thun vermag, — der Himmel selbst führte sie mir entgegen, da ich an jenen Abend rettend ihre Hand ergreifen konnte, — und ich muß für sie einstehen, wie für mich selbst. — Doch ist dies Pflichtgefühl wohl ein ganz reines, lauteres, — ist es nichts Anderes, was mich ihr nachzieht? — ist nicht auch etwas Anderes dabei, was die Reinheit meines Handelns etwas trüben könnte? — Das darf ich nur mir selbst gestehen, — Keinem sonst — Keinem. — Vielleicht find’ ich im Hause einen der Dienerschaft, der mir behülflich sein kann, sie zu beobachten, — vielleicht zu sprechen. (Er geht nach den Stufen des Hauses, und bleibt wieder stehen.) Mir schlägt das Herz, wie es noch bei keinem Gange meines Lebens gethan, — aber — (entschlossen) ich kann nicht anders! (Geht in das Haus.) Verwandlung. (Alterthümliches Zimmer mit einer Mittel- und einer Seitenhür links. Vorn links ein elegantes Sopha, davor ein keiner Tisch. Rechts ein Fenster. Es ist Dämmerung, wie bei eben untergegangener Sonne.) Siebente Scene. Mrs. Willmore und Jane (kommen vorsichtig herein, Jane hat Hut und Reisekleidung abgelegt). Mrs. Willmore. So, liebe Jane, — jetzt wird er im Nebenzimmer sein, — doch können Sie ihn in wenig Minuten hier erwarten. Jane. Ja, das will ich, — ach, liebe Willmore, glauben Sie denn, daß er Freude haben wird, wenn ich mich ihm zu erkennen gebe. Mrs. Wil!more. Gewiß, liebe Jane, — große Freude, — wie können Sie daran zweifeln, — lassen Sie es ihn nur nicht so plötzlich erfahren. Soll ich ihm vielleicht erst sagen, daß ich Ihren Aufenthalt weiß — und daß Sie ihn suchen? Jane. Das möchte wohl besser sein, — dann wüßt' ich auch, wie ich mich ihm zu nahen habe. Achte Scene. Vorige. Blunt. Blunt. Mistreß, — es ist ein fremder Herr draußen. Mrs. Willmore. Ein Fremden? Blunt. Ja, und wünscht Sie zu sprechen, aber allein. Mrs. Willmore. Wer ist es denn? Blunt. Er will nicht seinen Namen nennen, und thut sehr geheim. — Mrs. Willmore. Ich werde kommen. — Warten Sie, liebe Jane. (Blunt und Mrs. Willmore ab.) Jane. Und wenn ich durch die Qualen, die ich ihm bereitete, sein Herz schon gegen mich verhärtet, verschlossen habe, — wenn er mir mit kaltem Tone sagt: Miß Jane, Sie haben mich verlassen nur Sie mögen auch weiterhin fern von mir bleiben, — — o Gott! ich fürchte mich. Neunte Scene. Jane. Sophie. Rochester. Sophie (kommt zuerst aus dem Seitencabinet, dann Rochester). Jane (tritt bewegt in den Hintergrund zurück). Rochester (zu Sophie, die ihn führen will). Ich finde schon, — geh' nur, Sophie, und bringe mir Wasser. Sophie (geht durch die Mitte hinaus). Jane (folgt ihr schnell). Rochester (allein, hat sich auf das Sopha gesetzt). Der große Dichter Milton war blind, und dichtete da sein unsterbliches Werk: Das verlorene Paradies! Ich könnte nur eines geträumten Paradieses mich erinnern; — — ich kann nicht klagen, daß ich der Augen Licht beraubt bin, denn schon, als ich noch sehend war, konnte mein Unglück nicht größer werden, als es mich schon da mit grauenvoller Last erdrückte. Nein, ich freue mich, daß ich die ekle Erde nicht sehe, — ich freue mich der Nacht, die mich umfängt, denn sie stimmt harmonisch mit meinem Innern. Jane (kommt zurück und trägt ein Brett mit einer Wasserflasche und einem Glase. Sie naht sich zitternd dem Tische, wo Rochester sitzt, und setzt es vor ihn hin). Rochester. Nun? schenkst Du mir nicht ein, Sophie? Jane (gießt mit zitternder Hand ein und reicht ihm das Glas, indem sie es halb verschüttet). Rochester. Du vergießt ja etwas, — wie ungeschickt. — Wo ist Mrs. Willmore? (Setzt das Glas an den Mund.) Jane. Draußen, Herr, es fragte jemand nach ihr. Rochester (setzt bei Jane’s Worden überrascht das Glas ab; besinnt sich und trinkt dann). Du bist doch Sophie? Jane (nach einigem Zögern). Nein, Sir, — Sophie ist in der Küche. Rochester (immer gespannter). Was? — wer aber spricht denn mit mir? Jane. Eine Freundin, Herr, die Ihnen ihren Dienst anbietet. Rochester. Gerechter Gott! Was hör ich denn! — Ich sehe wieder diesen hellen Schimmer vor mir! — Aber laß Dich erfassen, wenn Du kein Phantom bist, — ich komme ja die Stimme — bin ich wahnsinnig! — Komm näher — wenn Du nicht willst, daß mein Kopf zerspringt! (Er springt vom Sopha auf und ergreift Jane's Hand.) Auch diese Hand kenn' ich — diese kleine zarte Hand — mein Gott, mein Gott! — Und ich höre ein leises Schluchzen — wer ist es, der hier vor mir weint! Jane (sinkt ihm sprachlos an die Brust). Rochester (fühlt hastig ihren Kopf, Stirn und Arme). Jane — Jane! Sage mir, um des Himmelswillen, daß Du’s bist! Jane. Mein theurer, lieber Herr, ich bin es, bin Jane Eyre, die Sie verließ, und die nun glücklich ist, Sie wieder gefunden zu haben! Fühlen Sie, wie ich Ihre Hände küsse, und diese düstre Stirn, — fühlen Sie's und glauben Sie mir, daß ich es wirklich bin! Rochester. O — mein Kind — mein theures Kind — ja — Du — o Gott — (Er sinkt in das Sopha zurück und Jane knieet vor ihm nieder.) Lange Pause Rochester (sich wieder emporrichtend). Aber das Ganze ist wohl wieder nur so ein Traumbild, wie ich's schon öfter — (Faßt schnell mit beiden Händen Jane's Kopf.) Nein, nein! Ich halte ja doch noch immer den lieben Kopf in meiner Hand, — Sie sind es also, Jane, — und liegen nicht in Grabe, wie ich öfters träumte, — oder in einem Flusse, — kümmern sich auch wohl nicht unter Fremden ab? Jane. Nein, nein! Ich habe in letzter Zeit viel — recht viel Frohes erlebt! Rochester. So ? Frohes? — und — (langsam) was ist dem das? Jane. Ich bin reich geworden, und habe Verwandte gefunden, die mich lieben. Rochester. Lieben? — Ja? Jane. Jetzt aber hab' ich Sie gefunden, jetzt will ich Ihre Wärterin, Ihre Gesellschafterin sein in Ihrer Einsamkeit, — um Ihnen vorzulesen, Sie zu pflegen, mit Ihnen spazieren zu gehen, — ach! sehen Sie jetzt nicht mehr so betrübt aus, mein theurer Herr! Sie sollen nicht einsam und verlassen sein, so lang' ich lebe. Rochester (seufzt und streicht sich über die Stirn). dane (plötzlich betroffen, steht auf). Oder — ist — ist das wohl nicht Ihr Wunsch? Rochester (hält sie schnell fest). Sagen Sie, Jane, — was — (zögernd) was sind denn das für Verwandte oder Freunde, die Sie gefunden haben? Jane (lächelnd). Es ist ein Vetter und — Rochester. So, so — ein Vetter, — ist er jung? — Jane (mit wehmüthigem Lächeln). Ja, jung ist er und hübsch, — und brav und verständig ist er auch — und hat eine Pfarre — Rochester (immer trüber). Und den — den wollen Sie wohl heirathen, Miß Eyre? Jane. Nein, — das will ich nicht. Rochester. Ei — und warum denn nicht? Jane. Weil — weil ich ja schon verheirathet bin. Rochester (zusammenfahrend). Ver — heirathet! Jane. Ach, das ist eine recht trübe Geschichte. Ich lebte einen sehr edlen Mann, recht innig, wahr und rein, — und er liebte mich auch und machte mich zu seiner Braut. Aber ein schreckliches Unglück trennte uns, — ich mußte den ihm gehen, ob wir uns auch über alle Maßen liebten. Nun hat sich seitdem Manches geändert, Sir, — meine Liebe aber ist noch dieselbe geblieben, — nein! sie ist es nicht mehr, — denn sie ist noch stärker, heiliger geworden, — aber er — wenn ich jetzt zu Ihm träte und sagte, — Herr! Ich kann und will jetzt Dein Weib sein! Willst Du mich noch?! Rochester (außer sich). Damn würd' ich sagen: Jane! wenn Du den armen blinden Mann noch leben kannst, und seine treue Gefährtin, seine Gattin sein, dann spott’ ich Alles meinen andern Unglücks! (Er springt auf, indem er sie fest umschlingt.) Und das Juwel, was ich nun habe, will ich niemals mehr aus meinen Händen lassen, — denn nun wird sie es wohl wissen, daß wenn sie geht: ich nicht mehr leben kann, — dass ich aber so an ihrem Herzen unaussprechlich glücklich bin!! — Wo ist die Nacht — wo ist die dumpfe Finsterniß — ich fühle nichts von Allem, — Jane, Du bist mein Leben, bist mein Licht und meine Sonne, — und meine Seele weiß es nicht — wie sie Dich anbeten soll — Du — Du — (Zitternd vor ihr in die Knie sinkend.) Du meine Jane! Jane. O stehen Sie auf. — (Indem sie ihn erhebt und nach dem Sopha drängt.) Sie zittern ja, — Sie sind zu sehr erregt — Zehnte Scene. Vorige. Mrs. Willmore. Jane. Kommen Sie, gute Willmore, und freuen Sie sich dieser heiteren Stirn. Mrs. Willmore. Aus voller Seele! Hier diesen Zettel sollte ich sogleich in Ihre Hand geben. Jane. In die meine? Mrs. Willmore. Ja, Miß. Es war ein fremder Herr hier, der ihn mir hier selbst für Sie geschrieben hat, und dann sich gleich entfernte. Rochester. So lies doch laut, meine Jane. Jane (überblickt den Zettel betroffen). Was ich ahnte — St. John! — “Miß Eyre, ich vergebe Ihnen, und bitte, daß auch Sie meiner nicht mehr im Zorn gedenken. Ich weiß jetzt Alles und begreife Sie. In drei Tagen bin ich auf meiner Fahrt nach Indien, besuchen Sie dann meine Schwestern. Ich kenne jetzt Ihre Mission und muß sie achten. St. John Rivers.” Ach, wie beruhigend sind mir diese Zeilen, — ich danke Dir, St. John! Du kennst jetzt meine Mission, ich kenne sie auch — (sich an Rochester schmiegend) und werde sie erfüllen! Ende. Nachträgliches. 1 Im Personen-Verzeichniß ist in der zweiten Abtheilung der Name des “Pastor Wood” durch ein Versehen weggeblieben, welche Lücke durch den Herrn Regisseur auszufüllen ist. 2 Es steht den Directionen frei, dem Stücke den Namen “Jane” als ersten Titel zu geben, wie es in Berlin geschieht. Sodann möge zwischen dem Titel und dem Autor-Namen eingeschaltet werden: “frei nach Currer Bell” von etc. 3 Die Aussprache englischer Namen betreffend, ist zu bemerken, daß in “John” und "Jane" das J wie das französische j mit einem vorgesetzten d gesprochen wird, also Sainct Djohn und Djähn. Mrs, wenn es vor dem Namen steht, wird Missis gesprochen, und Mr. = Mister. field (in Wellfield) - fihld. Wood - Wuhd. Mary - Märri. Rivers - Riwwers. Grace Poole - Grähß Puhl. Druck von Carl Lindow in Berlin, Neue Schönhauser Str. 12.