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,Die Waise von Lowood. -- Dieser Name wird manchem unserer
jugendlichen Leser bekannt klingen, vielleicht hat er ihn schon auf einer
Theaterankündigung gelesen oder das Schauspiel dieses Namens im
Theater selbst gesehen. Obwohl es schon vor fünfzig Jahren zum ersten
Male gegeben wurde, hat es bis auf unsere Zeit an Zugkraft nichts verloren und seiner Verfasserin, Charlotte Birch-Pfeiffer, viel Anerkennung und
Ehre eingebracht. Aber sein Inhalt entsprang nicht der eigenen Idee der
Verfasserin, sondern lehnte sich an eine Geschichte an, welche unter dem
Titel ,Jane Eyre’ 1818 in England erschien und großes Aufsehen
erregte. Die Titelheldin Jane Eyre war die Waise von Lowood. Die
Verfasserin, Charlotte Bronte, nannte sich als Schriftstellerin Currer
Bell. Sie wurde am A. April 181 zu Thornton geboren, wo ihr
Vater Prediger war. Sie genoß eine gute Erziehung und ging dann
selbst als Erzieherin nach Belgien. Hier schrieb sie ihre erste Erzählung
,Der Professor, für welche sie aber keinen Verleger finden konnte. Nach
England zurückgekehrt, ließ sie ,Jane Eyre' in Form einer Selbstbiographie
erscheinen. worin sie mit vortrefflicher Zeichnung die gesellschaftlichen Verhältnisse der ländlichen Bevölkerung Englands schilderte. Das Buch erregte ein ungeheures Aufsehen, erlebte in kurzer Zeit viele Auflagen und
wurde auch in andere Sprachen übersetzt. Charlotte Bronte heiratete
185s den Pfarrverweser ihres Vaters, Arthur Bell Nichols mit Namen,
starb aber schon im nächsten Jahre. Nach ihrem Tode erschien auch ihr
Erstlingswerk ,Der Professor, und die namhaftesten englischen Zeitschriften
widmeten der Dahingeschiedenen warme Nachrufe und brachten Schilderungen
ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit,
Unser Buch ist in erster Linie ein Roman, der Erlobtes und Erdachtes, Wahrheit und Dichtung vereinigt. In seinen romanhaften Zügen
konnte er der Jugend natürlich nicht geboten werden; diese sind bei der
Bearbeitung ausgeschaltet. Aber das, was unsere Kinder an der Waise
von Lowood mitfühlen und miterleben, das, was auf ihr Herz und Gemüt
belehrend, unterhaltend und erziehend wirken kann, hat seinen vollen Platz
behalten. Das Romanhafte der Erzählung liegt in ihrem letzten
Teile, der dementsprechend gekürzt und bearbeitet ist, während die dem
Kindesalter so naheliegenden Jugenderlebnisse der Waise unverändert
gelassen sind.
Mit dieser Anordnung und Sichtung des Materials glaube ich dafür gesorgt zu haben, daß Eltern und Erzieher das spannend und lichtvoll geschriebene Buch ihren Kindern in die Hand legen können.
1. Kapitel.
Im Hause der Tante zu Gateshead-Hall.
Der kalte Winterwind hatte so düstere Wolken und einen so
durchdringenden Regen mit sich gebracht, daß es unmöglich war,
an diesem Tage einen Spaziergang zu machen.
Das war mir lieb: lange Spaziergänge, besonders an frostigen Tagen, waren mir stets unlieb; widerwärtig war es mir, in
der rauhen Dämmerung nach Hause zu kommen, mit halberfrorenen Händen und Füßen, mit einem Herzen, das durch das Schelten
der Kinderwärterin Bessie tieftraurig war, gedemütigt durch das
Bewußtsein, unter Eliza, John und Georgina Reed physisch so tief
zu stehen.
Eliza, John und Georgina hatten sich im Wohnzimmer um
ihre Mama geschart: diese lag auf einem Sofa in der Nähe des
Kamins und umgeben von ihren Lieblingen, die zufälligerweise in
diesem Augenblick weder weinten noch sich zankten, sah sie vollkommen glücklich aus. Ich durfte mich nicht daran beteiligen, indem sie sagte, daß sie mir erst verzeihen würde, wenn sie es selbst
sähe und durch Bessies Worte zu der Überzeugung gelangt sein
würde, daß ich mich ernstlich bestrebte, mir ein kindlicheres, offenherzigeres, natürlicheres Benehmen anzueignen, wie es zufriedenen
Kindern gezieme.
,Was sagt denn Bessie, was ich getan habe? fragte ich.
,Jane, ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen; es ist
mir widerlich, wenn ein Kind sich gegen ältere Leute in dieser Weise
benimmt. Setze dich irgendwo hin und schweig, bis du freundlicher reden kannst.
Ein kleines Frühstückszimmer stieß an das Wohnzimmer; ich
schlüpfte hinein. Hier stand ein Bücherschrank. Bald hatte ich
mich eines großen Bandes bemächtigt, nachdem ich mich zuerst vorsichtig vergewissert hatte, daß Bilder darin waren. Ich stieg auf
die Fensterbank, zog die Füße nach und kreuzte die Beine wie ein
Türke; dann zog ich die dunkelroten MoireeVorhänge fest zusammen und saß so in einer doppelten Verborgenheit.
In Zwischenräumen, wenn ich die Blätter meines Buches
wendete, betrachtete ich durch das Fenster das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als blasser Nebel;
in der Nähe der feuchte platz vor dem Hause und ein unaufhörlicher vom heulenden Sturm getriebener Regen.
Ich kehrte zu meinem Buche zurück --,Bewicks Geschichte der
britischen Vögel''; im allgemeinen kümmerte ich mich wenig um
den gedruckten Text des Werkes, und doch waren da einige einleitende Seiten, welche ich, obgleich ich noch ein Kind war, nicht gänzlich übergehen konnte. Es waren jene, die von den Schlupfwinkeln der Seevögel handelten, von den einsamen Felsen und Klippen, welche nur sie bewohnen, von der Küste Norwegens, von
ihrer äußersten Spitze,bem Lindesnäs, bis zum Nordkap mit seinen
Inseln.
Wo der nördliche Ozean, in wildem Wirbel
Um die nackten, einsamen Inseln tobt,
Dieses fernste Eiland; und das Atlantische Meer
Sich stürmisch zwischen die Hebriden wälzt.
Auch konnte ich nicht unbeachtet lassen: die Beschreibung von
den düsteren Küsten Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Novazemblas, Islands, Grönlands, mit der arktischen Zone und den
einsamen Regionen von Eis und Schnee, welche den Nordpol umgeben. Von diesen schauerlich kalten Regionen machte ich mir
meine eigene Vorstellung: schattenhaft, wie alle unverstandenen
Gedanken, die durch eines Kindes Hirn gehen, aber einen seltsam
tiefen Eindruck hinterlassend. Die Worte dieser einleitenden Seiten
verbanden sich mit den darauffolgenden Bildern: jenem Felsen,
der aus einem Meer von Wellen und Wogenschaum emporragte;
dem zertrümmerten Boote, das an öder Küste gestrandet; dem kalten, geisterhaften Monde, der durch düstere Wolkenschichten auf ein
sinkendes Wrack herabblickt.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für meinen
unentwickelten Verstand geheimnisvoll, stets aber interessant, so
interessant wie die Erzählungen Bessies, wenn sie zuweilen an
Winterabenden in guter Laune war; dann pflegte sie ihren Plätttisch an dem Kaminfeuer der Kinderstube aufzustellen und erlaubte
uns, unsere Stühle um denselben zu setzen, und während sie dann
Mrs. Reeds Spitzenvolants bügelte und die Spitzen ihrer Nachthauben kräuselte, erzählte sie uns Abenteuer und uralte Märchen.
Mit Bewick auf meinen Knien war ich glücklich: glücklich
wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Störung
- und diese kam nur zu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer
öffnete sich.
,Heda, Träumerin!' rief John Reed; dann hielt er inne;
offenbar war er erstaunt, das Zimmer leer zu finden.
,Wo zum Teufel ist sie denn? fuhr er fort, Lizzy! Georgy!'
rief er seinen Schwestern zu. ,Jane ist nicht hier. Sagt doch
Mama, daß sie in den Regen hinausgelaufen ist-- das böse Tier!''
,Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,
dachte ich; und dann wünschte ich inbrünstig, daß er mein Versteck
nicht entdecken möge; er würde es auch niemals entdeckt haben;
er war langsam, sowohl von Begriffen wie in seinem Beobachtungsvermögen; aber Eliza steckte den Kopf zur Tür hinein und
sagte sofort:
,Sie ist sicherlich im Fenstersitz.
Ich trat sofort heraus, denn ich zitterte bei den Gedanken,
daß der erwähnte Jack mich hervorziehen würde.
,Da bin ich, was wünschst du? fragte ich mit Mißtrauen.
,Es heißt: Was wünschen Sie, Mr. Reed, lautete seine
Antwort.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier
Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn Jahre alt; groß und
stark für sein Alter, mit einer ungesunden Gesichtsfarbe; große
Züge in einem breiten Gesicht, plumpe Gliedmaßen und große
Hände und Füße. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so vollzuessen, daß er gallig wurde; dadurch wurden seine Augen trübe
und seine Wangen schlaff. Er hätte jetzt in der Schule sein müssen,
aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach Hause
genommen, , seiner zarten Gesundheit wegen''. Mr. Miles, sein
Lehrer, versicherte, daß es ihm außerordentlich gut gehen würde,
wenn man ihm nur weniger Kuchen und Konfekt von Hause schicken
wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich bei einer so lieblosen Meinung und neigte mehr zu der Ansicht hin, daß Johns
blasse Farbe von allzu großem Fleiße und vielleicht auch von
Heimweh herrühre.
John hatte wenig Liebe für seine Mutter und seine Schwestern
und eine starke Abneigung gegen mich. Er quälte und schlug mic;
nicht etwa dann und wann, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in mir fürchtete ihn, wenn er in meine Nähe kam.
Es gab Augenblicke, wo der Schrecken, den er mir einflößte, mic
ganz verwirrt machte; denn ich fand niemand, der mich gegen seine
Drohungen und Tätlichkeiten verteidigte; die Dienerschaft mochte
ihren jungen Herrn nicht beleidigen, indem sie für mich gegen ihn
Partei ergriff, und Mrs. Reed war blind und taub. Sie sah niemals, wenn er mich schlug, sie hörte niemals, wenn er mich beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart tat; häufiger noch peinigte er mich hinter ihrem Rücken.
Aus Gewohnheit gehorchte ich John auch dieses Mal und
näherte mich seinem Stuhl: ungefähr drei Minuten streckte er mir
seine Zunge so weit entgegen, wie er es ermöglichen konnte; ich
wußte, daß er mich jetzt gleich schlagen würde, und obgleich ich den
Schlag fürchtete, vermochte ich doch über das häßliche Gesicht des
Burschen meine Betrachtungen anzustellen. Ich weiß nicht, ob er
diese Gedanken auf meinem Gesichte las, denn plötzlich, ohne ein
Wort zu sagen, schlug er heftig auf mich los. Ich taumelte; dann
gewann ich das Gleichgewicht wieder und trat einige Schritte von
seinem Stuhl zurück.
,Das ist für die Frechheit, mit der du vor einer Weile Mama
eine Antwort gegeben hast,'! sagte er, , und dafür, daß du dich
hinter den Vorhang verkriechst und für den Blick, den ich vor zwei
Minuten in deinen Augen gewahrte, du Ratte, du!'
An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es mir niemals ein,
irgend etwas auf dieselben zu erwidern; ich dachte nur daran, wie
ich den Schlag aushalten sollte, der unfehlbar auf die Schmähung
folgen würde.
,Was hast du da hinter dem Vorhang gemacht? fragte er
weiter.
,Ich habe gelesen.'
Zeige mir das Buch.
Ich ging an das Fenster zurück und holte es.
,Du hast keine Erlaubnis, unsere Bücher zu nehmen; du bist
eine Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein
Vater hat dir nichts hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und
hier nicht mit vornehmen Kindern, wie wir es sind, zusammenleben und dieselben Mahlzeiten essen wie wir und Kleider tragen,
die Mama bezahlen muß. Nun, ich will dich lehren, zwischen
meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir, und das
ganze Haus gehört mir oder wird mir wenigstens in einigen Jahren gehören. Geh' und stell' dich an die Tür!r
Ich gehorchte, da ich keine Ahnung von seiner Absicht hatte;
als ich aber gewahrte, daß er das Buch emporhob und mit demselben zielte, sprang ich unwillkürlich zur Seite und stieß einen
Schreckensschrei aus, jedoch nicht früh genug; das Buch traf mich,
und ich fiel mit dem Kopf gegen die Tür und verletzte mich. Die
Wunde blutete, der Schmerz war heftig.
,Böser, grausamer Bube!'' schrie ich. , Du bist wie ein Mörder-- du bist wie ein Sklaventreiber-- du bist wie die römischen
Kaiser!
Ich hatte Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und mir meine
eigene Ansicht über Nero, Caligula und andere gebildet. Im
stillen hatte ich Vergleiche angestellt, welche laut zu äußern ich
mir allerdings niemals vorgenommen hatte.
,Was! Was!' schrie er. ,Hat sie das zu mir gesagt? Habt
ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das werde ich der Mama erzählen! Aber zuvor-
Er rannte auf mich zu; ich fühlte, wie er mein Haar und
meine Schulter faßte; er kämpfte mit einer Verzweifelten. Ich sah
wirklich in ihm einen Tyrannen, - einen Mörder. Ich fühlte
dann, wie Blutstropfen von meinem Kopfe auf den Hals herabträufelten und empfand einen stechenden Schmerz. Diese Gefühle
siegten für den Augenblick über die Furcht, und ich trat ihm in
wahnsinniger Wut entgegen. Was ich mit meinen Händen tat,
kann ich jetzt nicht mehr sagen, aber er schrie fortwährend laut:
,Ratte, Ratte!? Bald kam ihm Hilfe. Mrs. Reed erschien auf
der Szene, und ihr folgten Bessie und ihr Kammermädchen Abbot.
Man trennte uns; dann vernahm ich die Worte:
,Um des Himmels willen! Welch eine Furie, so auf Mr.
John loszustürzen!'
,Hat man jemals ein so wütendes Geschöpf gesehen!'
Dann fügte Mrs. Reed hinzu:
,Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein.' Vier
Hände ergriffen mich, und ich wurde die Treppe hinaufgetragen.
2. Kapitel.
Meine Hausgenossen.
Auf dem ganzen Wege leistete ich Widerstand; dies war etwas
Neues bei mir und ein Umstand, der Bessie und Miß Abbot in der
schlechten Meinung bestärkte, welche diese ohnehin schon von mir
hegten. Tatsache ist, daß ich vollständig außer mir war. Ich
wußte sehr wohl, daß die Empörung dieses einen Augenblicks mir
schon schwere Strafen zugezogen haben mußte, und wie viele rebellische Sklaven war ich fest entschlossen, bis zum Äußersten zu
gehen.
,Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde
Kate.
,Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!'' rief das Kammermädchen. ,Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, den jungen Herrn zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohltäterin! Ihren Herrn!'
,Herr! Wie, ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin?
,Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie tun
nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie
sich und denken Sie über Ihre Bosheit nach!
Unterdessen hatten sie mich in das von Mrs. Reed bezeichnete
Gemach gebracht und mich auf einen Stuhl geworfen; wie eine
Sprungfeder wollte ich wieder von demselben emporschnellen; vier
Hände hielten mich jedoch augenblicklich wie mit eisernen Klammern fest.
,Wenn Sie nicht stillsitzen, werden wir Sie anbinden,'' sagte
Bessie. ,Miß Abbot, leihen Sie mir Ihre Strumpfbänder; denn
die meinen würde sie bald zerreißen.
Diese Vorbereitungen zu meiner Fesselung und die neue
Schande minderten meine Aufregung ein wenig.
,Machen Sie sich keine Mühe, schrie ich, ,ich werde ganz
stillsitzen.
Zum Beweise hielt ich mich mit beiden Händen an meinem
Sitz fest.
,Rühren Sie sich ja nicht,' sagte Bessie; und als sie sich überzeugt hatte, daß ich wirklich anfing, mich zu beruhigen, ließ sie mich
los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit gekreuzten Armen
vor mich und blickten mich finster an, als zweifelten sie an meinem
gesunden Verstande.
,Das hat sie bis jetzt noch niemals getan,'' sagte endlich Bessie
zur Abigail gewendet.
,Aber es hat schon lange in ihr gelegen,'' war die Antwort.
,Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das
Kind gesagt, und sie denkt ebenso. Sie ist für ihr Alter ein verstocktes und verschlossenes Ding.
Bessie antwortete nicht; nach einer Weile wandte sie sich zu
mir und sagte:
,Fräulein, Sie sollten doch bedenken, daß Sie Mrs. Reed
verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortjagte, so müßten
Sie ins Armenhaus gehen.'
Auf diese Wort fand ich nichts zu erwidern; sie waren mir
nicht mehr neu. Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war in meinen Ohren fast zum leeren Singsang geworden. Nun fiel auch
Miß Abbot ein:
, Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie den Damen Reed
und Mr. Reed ebenbürtig sind, weil Mrs. Reed Ihnen gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden einmal sehr reich werden, und Sie sind arm. Sie müssen bescheiden
sein und versuchen, sich bei ihnen beliebt zu machen.'
, Was wir Ihnen sagen, ist nur zu Ihrem Besten, fügte
Bessie hinzu, , Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu
machen, dann würden Sie hier vielleicht eine Heimat finden; wenn
Sie aber heftig und ungezogen werden, so wird Mrs. Reed Sie
zweifellos fortschicken.
,Außerdem, sagte Miß Abbot, , wird Gott Sie strafen. Er
könnte Sie in Ihrem Zorn tot zu Boden fallen lassen, und wohin
kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein
lassen; um nichts in der Welt möchte ich ihr Herz haben. Sagen
Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn Sie
nicht bereuen, könnte etwas durch den Kamin herunterkommen
und Sie mitnehmen.
Sie gingen und schlossen die Tür hinter sich zu.
Das rote Zimmer war ein Gemach, in dem nur selten jemand
schlief. Und doch war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer in Gateshead-Hall. Im Mittelpunkt stand ein Bett von
Mahagoni, mit Vorhängen von dunkelrotem Damast behängt; die
beiden großen Fenster wurden durch Draperien von demselben
Stoffe halbverhüllt; der Teppich war rot; der Tisch am Fußende
des Bettes war mit einer roten Decke belegt; die Wände waren
mit einem Stoffe behängt, der auf lichtbraunem Grunde ein zartes
rosa Muster trug; der Kleiderschrank, der Toilettetisch, die Stühle
waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen
düsteren Schatten erhoben sich weiß und glänzend die Kopfkissen
unheimlich stach ein ebenfalls weißer Lehnstuhl hervor. Damals
erschien er mir wie ein geisterhafter Thron.
Das Zimmer war eisigkalt, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil niemals jemand dasselbe betrat.
Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte
er seinen letzten Atemzug getan; hier lag er aufgebahrt; von hier
hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen - und seit jenem
Tage wurde dieser Raum ängstlich gemieden.
Auch mich ergriff bald die Angst in diesem unheimlichen
Aufenthaltsorte. Ich stand auf, um nachzusehen, ob die Tür zu
öffnen sei. Ach! Keine Kerkertür konnte sicherer verschlossen sein!
Als ich wieder zurückging, mußte ich an dem Spiegel vorüber. In
ihm sah alles noch kühler und hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und die wunderliche, kleine Gestalt, die mir aus ihm entgegen blickte, mit blassem Gesicht und Armen, die scharf aus der
Dunkelheit hervorleuchteten, sah aus, wie ein wirkliches Gespenst;
ich dachte an einen jener Kobolde, wie sie in Bessies Dämmerstunden-Geschichten aus wilden Schluchten und düsteren Mooren hervorkamen. Ich kehrte auf meinen Sit zurück,
Mancherlei Empfindungen stiegen jetzt in mir auf: John
Reeds rohe Tyrannei die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte ich stets leiden, stets mit verächtlichen
Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt
werden? Weshalb konnte ich es niemand recht machen? Vor
Eliza, die so eigensinnig und selbstsüchtig war, hatte man Achtung.
Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die stets übelgelaunt
und trotzig und boshaft war. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte, und ihk Nachsicht für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm
jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen
Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetze; er nannte
seine Mutter sogar ,alte Tante''; zerriß und beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, - und doch war er ,ihr einziger Lieb
ling'. I ch wagte niemals, einen Fehler zu begehen; ich gab mir
Mühe, meine Pflicht zu tun, und mich nannte man unartig, mürrisch und hinterlistig, vom Morgen bis zum Abend.
Mein Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen
Schlage und dem Falle, welchen ich getan hatte; niemand hatte
John einen Verweis erteilt, weil er mich grundlos geschlagen; aber
weil ich mich gegen ihn aufgelehnt hatte, hatten alle mich mit den
lautesten Schmähungen überschüttet.
Wie erregt war mein Gemüt, wie furchtbar empört mein Herz!
Ich hatte keine Antwort auf die unaufhörlich wiederkehrende
Frage, weshalb ich so viel leiden mußte. jetzt nach Verlauf
von vielen Jahren ist mir alles klar.
Ich war in Gateshead-Hall ein Stein des Anstoßes. Sie liebten mich nicht, und in der Tat, ich liebte sie ebensowenig. Es war
auch nicht ihre Pflicht, mit Liebe auf ein Wesen zu blicken, welches
mit niemand sympathisieren konnte; ein nutzloses Wesen, welches
ihrem Interesse nicht dienen, zu ihrem Vergnügen nichts beitragen
konnte. Ich weiß wohl, daß, wenn ich ein geistreiches, schönes,
wildes Kind gewesen wäre - wenn auch ebenso abhängig und
freundlos-- so würde Mrs. Reed meine Gegenwart mit mehr Geduld ertragen haben; ihre Kinder hätten für mich ein freundlicheres Gefühl der Gemeinsamkeit gehegt; die Dienstboten wären
weniger geneigt gewesen, mich zum Sündenbock der Kinderstube
zu machen.
Auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Ich hörte den Regen noch unaufhörlich gegen das
Fenster der Treppe schlagen, wie den Wind in den Gebüschen
hinter dem Herrenhause heulen; nach und nach wurde ich so
kalt wie Stein, und dann begann mein Mut zu sinken. Die
gewöhnliche Demut, Zweifel an mir selbst, einsame Traurigkeit bemächtigten sich meiner und schlugen die Asche meiner dahinschwindenden Wut nieder. Alle sagten ja, daß ich boshaft sei --
vielleicht war es der Fall, denn hatte ich nicht soeben den Gedanken
gefaßt, mich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: war ich bereit zu sterben ? oder war das Gewölbe unter
der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes Ziel?
In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man mir gesagt
hatte. Ich konnte mich seiner nicht erinnern; aber ich wußte, daß
er mein Onkel gewesen,- der einzige Bruder meiner Mutter -
daß er mich in sein Haus aufgenommen, als ich ein armes, elternloses Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken
Mrs. Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen. Mrs. Reed war höchstwahrscheinlich der
Überzeugung, daß sie dieses Versprechen gehalten habe, und soweit
ihr Charakter ihr dies erlaubte, hatte sie es auch getan; aber wie
sollte sie denn auch in Wirklichkeit für einen Eindringling Liebe
hegen, der nicht zu ihrer Familie gehörte und nach dem Tode ihres
Gatten durch keine Bande mehr an sie geknüpft war? Es mußte
allerdings ärgerlich sein, sich durch ein unter solchen Umständen
gegebenes Versprechen gebunden zu sehen, an einem fremden Kinde,
das sie nicht lieben konnte, Mutterstelle zu vertreten.
Eine sonderbare Idee stieg in mir auf. Ich dachte, wie Mr.
Reeds Geist, gequält durch das Unrecht, welches man dem Kinde
seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte verließ - entweder in
dem Gewölbe der Kirche oder in dem unbekannten Lande der Abgeschiedenen und in diesem Zimmer mir erscheinen könne. Ich
trocknete meine Tränen und unterdrückte mein Schluchzen; denn ich
fürchtete, daß diese lauten Äußerungen meines Kummers eine
übernatürliche Stimme zu meinem Troste wachrufen könnten, oder
aus dem mich umgebenden Dunkel ein Antlitz hervorleuchten lassen
könnten, das sich mit wundersamem Mitleid über mich beugte. Mein
Haar von Stirn und Augen streichend, erhob ich den Kopf und
versuchte in dem dunklen Zimmer umherzublicken. In diesem
Augenblick sah ich einen Lichtschein an der Wand!-- War es vielleicht der Mondstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang
drang, fragte ich mich? Nein, die Mondstrahlen waren ruhig, und
dies Licht bewegte sich; während ich noch hinblickte, glitt es zur
Decke hinauf und erzitterte über meinem Kopfe. jetzt kann ich freilich begreifen, daß dieser Lichtstreifen wahrscheinlich der Schimmer
einer Laterne war, welche jemand über den freien Plat vor dem
Hause trug; aber damals hielt ich in meinem aufgeregten Gemüt
den sich schnell bewegenden Strahl für den Vorboten einer Erscheinung aus einer anderen Welt. Mein Herz pochte laut, mein Kopf
wurde heiß; in meinen Ohren spürte ich ein Brausen, das ich für
das Rauschen der Flügel hielt. Ich fühlte meinen Atem stocken,
ich stürzte auf die Tür zu und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende Schritte kamen durch den äußeren
Korridor daher; der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht,
Bessie und Miß Abbot traten ein.
,Miß Eyre, sind Sie krank? fragte Bessie.
,Welch ein schrecklicher Lärm! Ich bin ganz außer mir!'' rief
Abbot aus.
,Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube!
schrie ich.
,Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben
Sie etwas gesehen?' fragte Bessie wiederum.
,O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen
würde. Ich hatte mich jetzt Bessies Hand bemächtigt, und sie
entzog sie mir nicht.
,Sie hat mit Absicht so geschrien,' erklärte Abbot mit einigem Widerwillen. ,Und welch ein Geschrei! Wenn sie Schmerzen
gehabt hätte, so könnte man es noch entschuldigen, aber ihre einzige -
Absicht war, uns alle herbeizulocken. Ich kenne ihre Unarten
schon.'
,Was geht hier vor? fragte eine andere Stimme gebieterisch;
und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher. ,Abbot und Bessie, ich
glaube, daß ich befohlen habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer
zu lassen, bis ich selbst sie holen würde?
ein.
,Miß Jane schrie so laut, Madame, wandte Bessie zögernd
, Laß sie los, war die einzige Antwort. ,Laß Bessies Hand
los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht
durchkommen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern;
es ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit solchen Kniffen
nicht weit kommst. jetzt wirst du noch eine Stunde hierbleiben,
und nur unter der Bedingung gebe ich dich frei, wenn du mir das
Versprechen gibst, vollkommen ruhig und unterwürfig zu sein.'
, O, Tante hab' Erbarmen! Vergib mir doch! Ich kann es
nicht ertragen.-- Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich komme
, Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz empörend! Ohne Zweifel hegte sie auch Abscheu gegen mein Betragen. In lhren Augen
war ich eine frühreife Schauspielerin.
Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten, warf Mrs.
Reed, die meiner wahnsinnigen Angst und meines lauten Schluchzens wohl überdrüssig geworden sein mochte, mich rasch in das
Zimmer zurück und schloß mich ohne weitere Worte wieder ein.
Ich hörte sie davonrauschen; und bald, nachdem sie gegangen war,
umfing mich Bewußtlosigkeit.
3. Kapitel.
Bessie, die einzige mitleidige Seele.
Als ich erwachte, hörte ich Stimmen, die hohl an mein Ohr
klangen, als würden sie durch das Rauschen des Wassers oder
Toben des Windes übertönt. Die Aufregung, die Ungewißheit
und ein alles beherrschendes Gefühl des Entsetzens hielt alle meine
Sinne gefangen. Nach einiger Zeit fühlte ich, daß jemand mich berührte, mich aufrichtete und mich in eine sitzende Stellung brachte,
und zwar viel liebreicher und sorgsamer, als mich bis jetzt irgend
jemand emporgehoben hatte. Ich lehnte meinen Kopf gegen einen
Arm oder ein Polster und fühlte mich behaglich.
Fünf Minuten später wurde es mir klar, daß ich in meinem
eigenen Bette lag. Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem
Tische; Bessie stand am Fußende meines Bettes und hielt
ein Waschbecken in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle
neben mir und beugte sich über mich.
Ich empfand eine wohltuende Sicherheit, als ich sah, daß sich
ein Fremder im Zimmer befand, der nicht zum Haushalt von
Gateshead, nicht zu den Verwandten von Mrs. Reed gehörte. Es
war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen
ließ, wenn ihre Dienstboten krank waren. Für sich selbst und die
Kinder nahm sie einen Arzt.
,Nun, wer bin ich? fragte er.
Ich sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit
meine Hand entgegen; er nahm sie lächelnd und sagte: ,Ah, es
wird langsam besser mit uns werden. Dann legte er mich nieder und befahl Bessie, mich während der Nacht nicht zu stören.
Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt und gesagt hatte, daß
er am folgenden Tage wiederkommen würde, ging er zu meiner
größten Betrübnis fort. Als er fortgegangen war, verzagte mein
Herz von neuem.
,Glauben Sie, daß Sie schlafen werden, Miß? fragte Bessie
mich ziemlich sanft.
Kaum wagte ich, ihr zu antworten, denn ich fürchtete, daß im
nächsten Augenblick sie wieder unfreundlich mit mir reden würde.
,Ich will es versuchen,' sagte ich.
,Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?
,Nein, ich danke, Bessie.
,Nun, dann werde ich zu Bett gehen, denn es ist schon nach
Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während der
Nacht etwas brauchen.''
Welche auffällige Höflichkeit! Sie ermutigte mich, eine Frage
zu stellen.
,Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?
,Ich vermute, daß Sie von Ihrem vielen Schreien im roten
Zimmer krank geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald
wieder ganz gesund sein.'
Bessie ging in das Zimmer der Hausmädchen. Ich hörte,
wie sie dort sagte:
,Sara, komm' und schlaf' bei mir in der Kinderstube; ich
kann diese Nacht nicht mit dem armen Kinde allein bleiben; es
könnte sterben! Ich möchte doch wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war aber auch zu hart gegen sie.
Sara kam mit ihr zurück; beiden gingen zu Bett; sie flüsterten
wenigstens noch eine halbe Stunde miteinander, bevor sie einschliefen. Ich hörte einige Sätze ihrer Unterhaltung, und aus diesen schloß ich auf den Hauptgegenstand ihres Gesprächs.
,Etwas ist an ihr vorübergegangen, ganz in Weiß gekleidet,
dann ist es verschwunden.'-- Ein großer, schwarzer Hund hinter
ihm. ,Dreimal hat es laut an der Zimmertür geklopft.
,Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem Grabe- usw.
Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In
schaurigem Wachen brachte ich die Nacht hin; Entsetzen und Angst
hielten Ohren, Augen und Sinne wach.
Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange,
ernste, körperliche Krankheit; nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven, die ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde. Ja,
Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich gar manche Seelenqual.
Am nächsten Mittag war ich bereits aufgestanden und angekleidet und saß in einen Shawl gehüllt am Kamin. Ich fühlte mich
körperlich und geistig schwach und gebrochen. Und doch meinte ich,
daß ich augenblicklich glücklich sein müßte, denn keiner von den
Reeds war da, alle waren mit ihrer Mutter spazierengefahren;
auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer, und Bessie richtete,
während sie hin- und herging, dann und wann ein ungewöhnlich
freundliches Wort an mich. Dieser Zustand der Dinge wäre für
mich ein Paradies des Friedens gewesen, für mich, die ich nur an
unaufhörliches Tadeln und grausame Sklaverei gewöhnt war,
aber meine Nerven waren jetzt in einem solchen Zustande, daß sie
keine Ruhe mehr besänftigen konnte.
Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte mir jetzt
einen Kuchen auf einem buntbemalten Porzellanteller herauf. Gar
oft hatte ich gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen,
um ihn genauer betrachten zu können, bis jetzt hatte man mich
aber stets einer solchen Erlaubnis für unwürdig gehalten. jetzt
stellte man mir nun diesen kostbaren Teller auf den Schoß und bat
mich freundlich, das Stückchen köstlichen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Vergebliche Gunst! Sie kam zu spät, wie
so manche andere, die so innig erwünscht und so lange versagt worden war! Ich konnte den Kuchen nicht essen und stellte sowohl
Teller wie Gebäck beiseite.
Bessie fragte mich, ob ich ein Buch haben wolle. Das Wort
Buch wirkte einen Augenblick wie ein Sporn, und ich bat sie, mir
,Gullivers Reisen'' aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch
hatte ich schon unzählige Male mit Entzücken gelesen; ich hielt es
für eine Erzählung von Tatsachen und entdeckte in ihm eine Ader,
die ein weit tieferes Interesse für mich hatte, als dasjenige, welches
ich in Märchen gefunden hatte; denn nachdem ich die Elfen vergebens unter den Blättern des Fingerhuts und der Glockenblume,
Unter Pilzen und altem, von Efeu bekleideten Gemäuer gesucht,
hatte ich mein Gemüt mit der traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß
sie alle England verlassen hätten, um in ein unbekanntes Land zu
gehen, wo die Wälder noch stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach meinem Glauben feste Bestandteile der Erdoberfläche; ich zweifelte gar nicht, daß, wenn ich eines Tages eine
weite Reise machen könnte, ich mit meinen eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen Menschen, die zierlichen Kühe,
Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso
die baumhohen Kornfelder, die mächtigen Bullenbeißer, die riesigen Katzen, die turmhohen Männer und Frauen des anderen. Und
doch, als ich den geliebten Band jetzt in Händen hielt -- als ich
die Seiten umblätterte und in den wundersamen Bildern den Zauber suchte, welchen sie mir bis jetzt stets gewährt hatten - da war
alles alt und trübselig; die Riesen waren hagere Kobolde; die
Pigmäen boshafte und scheußliche Gnomen, Gulliver ein unglücklicher Wanderer in öden und gefährlichen Regionen. Ich schloß
das Buch, in dem ich nicht länger zu lesen wagte und legte es auf
den Tisch neben das unberührte Stück Kuchen.
Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte, öffnete
sie eine kleine Schieblade, welche mit den schönsten Läppchen von
Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Sie sang dazu ein Lied, welches
lautete:
,Als wir noch als lustige Zigeuner lebten,
Vor langer, langer Zeit.
Wie oft hatte ich dies Lied schon gehört und immer mit dem
größten Entzücken; denn Bessie hatte eine schöne Stimme - wenigstens wie ich es mir dachte. Aber jetzt, obgleich ihre Stimme noch
immer lieblich klang, lag für mich eine unbeschreibliche Traurigkeit
in dieser Melodie. Zuweilen, wenn ihre Arbeit sie ganz in Anspruch nahm, sang sie den Refrain sehr leise, sehr langsam: ,Vor
langer, langer Zeit''; dann klang es wie die Trauermelodie eines
Grabliedes. Endlich begann sie eine andere Ballade zu singen,
diesmal eine wirklich traurige.
Mein Körper ist müd' und wund ist mein Fuß,
Weit ist der Weg, den ich wandern muß,
Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find,
Den ich wandern muß, armes Waisenkind!
Weshalb sandten sie mich so weit, so weit,
Durch Feld und Wald, auf die Berg', wo es schneit?
Die Menschen sind hart! Doch Engel sind lind,
Bewachen mich armes Waisenkind.
Die Sterne, sie scheinen herab so klar,
Die Luft ist mild! Es ist doch wahr:
Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind,
Daß er nicht erfasse das Waisenkind.
Und wenn ich nun strauchle am Waldesrand
Oder ins Meer versink', wo mich führt keine Hand,
So weiß ich doch. daß den Vater ich find',
Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!
Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir gibt,
Daß Gott da droben sein Kind noch liebt.
Bei ihm dort oben die Heimat ich find',
Er liebt auch das arme Waisenkind!
,Miß Jane, weinen Sie nicht,' sagte Bessie, als sie zu Ende
war. Ebensogut hätte sie zum Feuer sagen können ,Brenne nicht!
Aber, was wußte sie von dem tiefen Weh, das mich zu Boden
drückte! Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd wieder.
,Wie? Schon aufgestanden? rief er, als er in die Kinderstube trat. .Nun, Wärterin, wie geht es ihr denn eigentlich?
Bessie entgegnete, daß es mir außerordentlich gut gehe.
,Dann müßte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her,
Miß Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?
,Ja, mein Herr, Jane Eyre!'
,Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, wollen Sie mir
nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?
,Nein, Herr.
,Ah, sie weinte wahrscheinlich, weil sie nicht mit Mrs. Reed
spazierenfahren durfte,' warf Bessie hier ein.
,O nein, gewiß nicht, für solche Albernheit ist sie denn doch
,In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Tränen um
solche Dinge vergossen,' fiel ich ein.,Ich weine, weil ich unglücklich bin.
,Aber pfui, Miß! rief Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verlegen. Er heftete
seine Augen fest auf mich und fragte:
,Was hat Sie gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen,' sagte Bessie wieder einfallend.
,Gefallen! Wie ein Kind! Kann sie bei ihrem Alter denn
noch nicht allein gehen? Sie muß doch acht oder neun Jahre alt
sein?
,Man hat mich zu Boden geschlagen,' war die Erklärung.
welche ich mit gekränktem Stolze gab. ,Aber das hat mich nicht
krank gemacht,'' fügte ich hinzu, während Mr. Lloyd eine Prise
nahm.
Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob, rief
eine Glocke die Dienstboten zum Mittagessen; er wußte, was es
bedeutete: ,Das gilt Ihnen, Wärterin, sagte er zu Bessie, ,Sie
können hinuntergehen; ich werde Miß Jane einige Lehren geben,
bis Sie zurückkehren.
Bessie wäre lieber geblieben, aber Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten war eine Sache, auf welche in Gateshead-Hall strenge gehalten wurde.
,Der Fall hat Sie nicht krank gemacht? Nun, was war es
denn? fragte Mr. Lloyd weiter, nachdem Bessie gegangen war.
,Ich wurde in ein Zimmer eingesperrt, wo ein Geist kam.
Ich sah, wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte. ,Ein Geist! Was! Sie sind am Ende doch wirklich noch
ein kleines Kind! Sie fürchten sich vor Geistern?
,Ja, vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich. Er starb in jenem
Zimmer und lag dort auf der Bahre. Weder Bessie noch sonst
jemand geht am Abend hinein, wenn es nicht dringend notwendig
ist; und es war so furchtbar grausam, mich dort allein, ohne Licht,
einzuschließen - so grausam, daß ich es niemals werde vergessen
können.
,Unsinn! Das macht Sie so elend? Fürchten Sie sich jetzt
bei Tage auch noch?
,Nein. Aber es dauert nicht lange, und dann wird es wieder
Nacht. Und außerdem, ich bin unglücklich, sehr unglücklich um
anderer Dinge willen.r
,Was für Dinge denn? Nennen Sie mir diese!
Nach einer unruhigen Pause gelang es mir, eine unzulängliche, aber wahre Antwort hervorzubringen.
,Erstens habe ich weder Vater, noch Mutter, noch Bruder,
noch Schwester.
,Aber Sie haben eine gütige Tante und Vettern und Cousinen.'
Wiederum hielt ich inne, dann rief ich stotternd aus:
,Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen, und meine
Tante hat mich im roten Zimmer eingesperrt.
Zum zweitenmal holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdofe
hervor.
,Haben Sie außer Mrs. Reed keine Verwandten? fragte er
forschend.
,Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed, und da
sagte sie, daß ich einige arme Verwandte, namens Eyre, haben
könne, daß sie aber nichts über sie wisse.
,Möchten Sie denn zu ihnen gehen, wenn Sie solche Angehörige hätten?
Ich besann mich. Armut hat etwas Abschreckendes für erwachsene Menschen; für Kinder aber noch mehr; sie verstehen unter
Armut nur zerlumpte Kleider, spärliche Nahrung, einen kalten
Ofen, rohe Manieren und entwürdigende Laster.
,Nein. Ich möchte nicht bei armen Leuten leben,' war meine
Antwort.
,Auch nicht, wenn sie Sie gütig behandelten?
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht begreifen, wie arme
Leute gütig sein können. Und dann -- sprechen lernen wie sie --
ihre Manieren annehmen-- schlecht erzogen werden -- aufwachsen wie eins jener armen Weiber, die ich zuweilen vor den Türen
der Hütten ihre Kinder warten und ihre Kleider waschen sah?
Nein, ich war nicht heroisch genug, meine Freiheit um einen solchen
Preis zu erkaufen.
,Aber sind Ihre Verwandten denn so arm? Sind sie Arbeiter?
,Das weiß ich nicht; Tante Reed sagt, wenn ich überhaupt
Angehörige habe, so müssen sie Bettlerpack sein. Nein, nein, ich
möchte nicht betteln gehen.
,Möchten Sie nicht in die Schule gehen?
Wiederum dachte ich nach; kaum wußte ich, was eine Schule
denn eigentlich sei; Bessie sprach zuweilen davon wie von einem
Orte, an dem man von jungen Damen erwartet, daß sie außerordentlich manierlich und geziert sind; John Reed haßte seine
Schule und schmähte seinen Lehrer, aber John Reeds Ansichten
und Geschmack waren keine Regel für die meinen, und wenn Bessies
Berichte über Schuldisziplin (diese stammten von den Töchtern
einer Familie, in welcher sie gedient hatte, bevor sie nach Gates-
head kam) etwas abschreckend lauteten, so waren die Erzählungen
von verschiedenen Talenten und Kenntnissen, welche diese selben
jungen Damen sich angeeignet hatten, andererseits höchst verlockend. Sie prahlte von wunderschönen Gemälden, von Landschaften und Blumen, welche sie vollendet, von Liedern, die sie
singen und Liedern, die sie spielen, von Geldbörsen, die sie häkeln,
von französischen Büchern, die sie übersetzen konnten, bis mein
Gemüt, während ich ihr lauschte, zur Nachahmung angeregt wurde.
Außerdem wäre die Schule doch eine gründliche Abwechselung,
damit war eine lange Reise verknüpft, eine gänzliche Trennung
von Gateshead, ein Eintritt in ein neues Leben.
,O, das möchte ich wohl,' war meine Antwort.
, Gut, gut, wer weiß denn, was geschieht!' sagte Mr. Lloyd,
indem er sich erhob.
Jetzt kam Bessie zurück; in demselben Augenblick hörte man
Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen.
,Ist das Ihre Herrin, Wärterin? fragte Mr. Lloyd, ,ich
möchte sie noch sprechen, bevor ich gehe.
Bessie forderte ihn auf, ins Frühstückszimmer zu gehen und
geleitete ihn hinaus. Wie ich aus den nachfolgenden Begebenheiten schloß, empfahl der Apotheker Mrs. Reed, daß sie mich in
eine Schule schicke; und ohne Zweifel wurde dieser Rat sehr bereitwillig aufgenommen, denn als ich an einem der folgenden Abende
im Bette lag, und Bessie und Abbot mich schlafend glaubten, sagte
letztere: , Ich glaube, die gnädige Frau ist nur zu froh, solch ein
heimtückisches, boshaftes Kind los zu werden; sie sieht immer aus,
als beobachte sie jeden Menschen und schmiede heimliche Pläne.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch aus Miß Abbots Mitteilungen an Bessie, daß mein Vater ein armer Geistlicher gewesen
sei, und daß meine Mutter ihn gegen den Willen ihrer Angehörigen
geheiratet habe. Ich hörte auch, daß mein Großvater Reed so ungehalten über ihren Ungehorsam gewesen sei, daß er sie gänzlich
enterbte; daß mein Vater, nachdem er kaum ein Jahr mit meiner
Mutter verheiratet gewesen, ein typhöses Fieber bekommen, während er die arme Bevölkerung einer großen Fabrikstadt, in welcher
seine Pfarre lag, besuchte; und daß meine Mutter kaum einen
Monat später starb.
Als Bessie diese Erzählung mit anhörte, seufzte sie und sagte:
,Abbot, die arme Miß Jane ist doch recht zu bedauern.
,Ja, entgegnete Abbot, ,wenn sie ein liebes, gutes, hübsches
Kind wäre, so könnte man ihre Verlassenheit bedauern; aber solch
eine häßliche, kleine Kröte kann einem doch unmöglich Erbarmen
einflößen.
,Ja, stimmte Bessie ihr bei,,auf jeden Fall würde eine so
prächtige Schönheit wie Miß Georgina in einer solchen Lage viel
rührender sein.
4. Kapitel.
Mr. Brocklehurst macht mir klar, wie schlecht ich bin.
Tage und Wochen vergingen; ich hatte meine Gesundheit wiedererlangt. Oft betrachtete Mrs. Reed mich mit strengen Blicken,
aber nur selten sprach sie zu mir. Seit meiner Krankheit hatte sie
eke schärfere Grenze denn je zwischen mir und ihren eigenen Kindern gezogen; mir war eine kleine Kammer als Schlafgemach angewiesen worden; man hatte mich verbannt, allein in der Kinderstube zu verweilen, während meine Vettern und Cousinen sich stets
im Wohnzimmer aufhielten. Indessen fiel noch immer kein Wink
über den Plan, mich in die Schule zu schicken; und doch hegte ich
die instinktive Gewißheit, daß sie mich nicht mehr lange unter
ihrem Dache dulden würde; denn mehr als je drückte ihr Blick,
wenn er auf mich fiel, einen unüberwindlichen Abscheu aus.
Eliza und Georgina sprachen so wenig wie möglich mit mir;
John streckte die Zunge aus, sobald er mich erblickte und versuchte
sogar einmal, mich zu züchtigen; da ich mich aber augenblicklich
gegen ihn wandte, und er in meinen Blicken dieselbe Wut wahrnahm, in welcher ich mich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte,
hielt er es für besser, abzulassen und unter läuten Verwünschungen davonzulaufen,während er behauptete, ich habe ihm das Nasenbein zertrümmert. Allerdings hatte ich ihm einen Schlag versetzt ,
so heftig, wie meine Knöchel ihn auszuteilen vermochten; und als
ich sah, daß entweder dieser Schlag oder meine Blicke ihn eingeschüchtert hatten, spürte ich die größte Neigung, meinen Vorteil
noch weiter zu verfolgen; er war indessen schon zu seiner Mutter
gelaufen. Ich hörte, wie er mit stammelnden Lauten eine Geschichte begann, ,wie diese abscheuliche Jane Eyre'' einer wilden
Katze gleich auf ihn gesprungen sei; mit strenger Stimme fiel ihm
seine Mutter ins Wort:
,Sprich mir nicht von ihr, John; ich habe dir gesagt, daß du
ihr nicht zu nahe kommen sollst; sie ist nicht einmal deiner Beachtung wert.
In diesem Augenblick lehnte ich mich über das Treppengeländer und schrie plötzlich ohne im geringsten meine Wort abzuwägen:
,Sie sind nicht wert, daß ich mich mit Ihnen einlasse.
ls Mrs. Reed diese kühnen Worte vernahm, kam sie ganz
schnell die Treppe heraufgelaufen, brachte mich mit Windeseile
in die Kinderstube und verbot mir, mich von dieser Stelle fortzurühren und während des ganzen Tages auch nur eine einzige Silbe
zu sprechen.
,Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte
war meine unwillkürliche Frage.
,Was? sagte Mrs. Reed fast unhörbar; in ihrem sonst so
kalten, ruhigen, grauen Auge blitzte etwas auf, was wie Furcht
aussah; sie ließ meinen Arm los und blickte mich an, als wisse sie
nicht, ob ich ein Kind oder der böse Feind sei. Jetzt war ich im
Zuge:
,Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann alles sehen, was
Sie tun und sagen; und mein Vater und meine Mutter auch; sie
wissen, daß Sie mich den ganzen Tag einsperren und daß Sie nur
wünschen, ich wäre tot.
Mrs. Reed war schnell wieder gefaßt; sie schüttelte mich heftig,
sie ohrfeigte mich aus allen Kräften und verließ mich ohne ein
Wort.
Der Spätherbst verging. Weihnachten kam heran. In der
Familie wurde das liebliche Fest fröhlich gefeiert. Ich war davon
ausgeschlossen; mein Anteil an diesem bestand darin, daß ich täglich
mit ansehen mußte, wie Eliza und Georgina auf das schönste herausgeputzt, in ihren zarten Kleidern und roten Schärpen mit sorgsam gelocktem Haar, in den Salon hinabgingen; und später horchte
ich dann auf die Töne des Klaviers oder der Harfe, die zu mir
heraufdrangen; hörte, wie der Kellermeister und die Diener hin
und her liefen, wie die Teller klapperten und die Gläser klangen,
während die Erfrischungen umhergereicht wurden; und wenn die
Türen des Salons geöffnet und wieder geschlossen wurden, drangen sogar abgebrochene Sätze der Unterhaltung an mein Ohr.
Wenn ich des Lauschens müde geworden, verließ ich meinen Posten
auf dem Treppenabsatz und ging in die stille, einsame Kinderstube
zurück; dort, wenn ich auch traurig war, fühlte ich mich wenigstens
nicht elend. Offen gestanden, hegte ich nicht das leiseste Verlangen,
in Gesellschaft zu gehen, denn in der Gesellschaft schenkte mir selten
irgend jemand Beachtung; und wenn Bessie nur ein wenig liebenswürdig und freundlich gewesen wäre, so hätte ich es für eine Bevorzugung angesehen, die Abende ruhig mit ihr anstatt unter den
gefürchteten Augen von Mrs. Reed, in einem Kreise von mir gleichgültigen Herren und Damen zubringen zu dürfen. Aber sobald
Bessie ihre jungen Damen angekleidet hatte, pflegte sie in die
lebhafteren Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin hinunterzugehen und gewöhnlich auch noch die Lampe
mit fortzunehmen. Dann saß ich da mit meiner Puppe im Arm,
bis das Feuer abgebrannt war, und blickte zuweilen ängstlich umher, um mich zu vergewissern, daß sich nichts Schlimmeres als ich
selbst in dem düsteren Zimmer befand; wenn sich dann nur noch
ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Roste befand, entkleidete
ich mich hastig und suchte in meinem Bettchen Schutz vor Kälte und
der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm ich auch stets meine
Puppe mit; jedes menschliche Wesen muß et w as lieben, und da
mir jeder andere Gegenstand für meine Liebe fehlte, fand ich meine
Glückseligkeit darin, ein Gebilde zu lieben, das noch häßlicher als
eine MiniaturVogelscheuche war. In der Erinnerung scheint es
mir jetzt unbegreiflich, daß ich mit so alberner Zärtlichkeit an diesem kleinen Spielzeug hängen konnte; oft bildete ich mir ein, daß
es lebendig sei und mit mir empfinden könnte. Ich konnte nicht
schlafen, wenn ich es nicht in die Falten meines Nachthemdchens
gehüllt hatte, und wenn es dort sicher und warm lag, fühlte ich
mich verhältnismäßig glücklich, weil ich glaubte, daß es ebenfalls
glücklich sein müsse.
Wie lang schienen mir die Stunden, wenn ich auf das Fortgehen der Gesellschaft wartete und auf Bessies Tritte auf der
Treppe horchte. -- Zuweilen kam sie auch in der Zwischenzeit
herauf, um ihren Fingerhut und ihre Schere zu suchen oder mir
irgend etwas zum Abendbrot, vielleicht ein Milchbrot heraufzubringen; dann pflegte sie auf der Bettkante zu sitzen, während ich
aß, und wenn ich fertig war, wickelte sie mich fest in die Decken und
küßte mich zweimal und sagte: ,Gute Nacht, Miß Jane. Wenn
Bessie so sanft war, erschien sie mir wie das beste, freundlichste Geschöpf auf der Welt; und dann wünschte ich so innig, daß sie stets
so fröhlich und liebenswert sein und mich niemals wieder umherstoßen oder schelten oder mich ungerecht beschuldigen möchte, wie
es doch meistens ihre Gewohnheit war. ich glaube, daß Bessie
Lee ein Mädchen mit guten, natürlichen Anlagen gewesen sein
muß, denn in allem, was sie tat, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein eigentümliches Erzählertalent, oder wenigstens schien mir es so nach dem Eindruck, welchen ihre Kinderstubengeschichten auf mich machten. Sie steht vor mir schlank und
jung, mit schwarzem Haar, dunklen Augen, sehr hübschen Zügen
und einer klaren, gesunden Gesichtsfarbe; aber sie war von heftigem und launenhaftem Temperament-- und doch, wie und was
sie auch sein mochte, sie war mir lieber als irgend ein anderes
lebendes Wesen in Gateshead-Hall.
Es war am 15. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens.
Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen; meine Cousinen
waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza zog gerade
ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und ihr Geflügel zu füttern- eine Beschäftigung,
welche sie sehr liebte-- und ebensoviel Vergnügen machte es ihr,
der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie
auf solche Weise erlangte, zusammenzusparen. Sie hatte viel
Sinn für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit; dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern
und Eiern, sondern auch in scharfem Handeln mit dem Gärtner
um Blumenpflanzen, Samen und junge Stengel; dieser Beamte
hatte von Mrs. Reed den strengen Befehl' erhalten, der jungen
Herrin alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen wünschte, abzukaufen, und Eliza würde jedes einzelne
Haar von ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie einen namhaften
Vorteil dabei erzielt hätte! Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen
möglichen Winkeln und Ecken, in alte Lumpen gewickelt, versteckt;
aber als einige dieser aufgespeicherten Schätze von dem Stubenmädchen entdeckt worden, willigte Eliza, welche fürchtete, eines
Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, darein, es ihrer Mutter gegen unerhörte Wucherzinsen-- fünfzig oder sechzig Prozent
-- anzuvertrauen. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes Vierteljahr ein und führte mit genauer Sorgfalt in einem kleinen Notizbuche hierüber Rechnung.
Georgina saß auf einem hohen Stuhl und ordnete ihr Haar
vor dem Spiegel;' in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen und
verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in einer
Kiste auf der Bodenkammer gefunden hatte. Ich brachte mein
Bett in Ordnung, denn Bessie hatte mir den genauen Befehl erteilt,
damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde; sie benutzte
mich jetzt häufig wie eine Art von zweitem Stubenmädchen, um
das Zimmer aufzuräumen, den Staub von den Möbeln zu wischen
usw.-- Nachdem ich die Bettdecke ausgebreitet und mein Nachtkleid zusammengefaltet hatte, ging ich an das Fensterbrett, un
einige Bilderbücher und Möbel aus der Puppenstube, welche dort
umherlagen, fortzuräumen; aber ein lauter Befehl Georginas,
ihre Spielsachen nicht anzurühren, gebot meinem Tun Einhalt.
In Ermangelung jeder anderen Beschäftigung fing ich jetzt an, auf
die Eisblumen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert
hatte, zu hauchen, und mir so eine kleine Öffnung auf dem Glase
zu verschaffen, durch welche ich in den Garten blicken konnte, wo
der harte Frost alles getötet und versteinert hatte.
Durch das Fenster war die Fahrstraße sichtbar, und gerade,
als ich so viel von den gefrorenen Fensterscheiben fortgehaucht
hatte, um hinausblicken zu können, sah ich, daß die Pforten geöffnet wurden und ein Wagen durch das Tor rollte. Er hielt vor
dem Hause, die Glocke wurde heftig gezogen; der Besucher erhielt
-
,Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab. Haben Sie heute morgen Gesicht und Hände schon gewaschen'- Bevor ich antwortete, streute ich noch einige Brotkrumen für die hungernden
Vögel auf das Fenstergesims; dann erst schloß ich das Fenster und entgegnete:
,Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Staubwischen fertig
geworden.'
,Unartiges, unordentliches Mädchen! Und was machen Sie
da jetzt?
Die Antwort blieb mir erspart, denn Bessie hatte es eilig; sie
zerrte mich an den Waschtisch, rieb meine Hände und mein Gesicht
erbarmungslos mit Seife, Wasser und einem groben Handtuch;
ordnete mein Haar mit einer scharfen Bürste, band meine Schürze
los und riß mich dann schnell an die Treppe, wo sie mir gebot,
eilig hinunterzugehen, da man mich im Frühstückszimmer erwarte.
Ich hätte gern gewußt, wer mich erwartete; gern hätte ich gefragt, ob Mrs. Reed dort sei; aber Bessie war schon wieder davongelaufen und hatte die Kinderstubentür hinter sich geschlossen.
Langsam ging ich die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten
hatte Mrs. Reed mich nicht mehr rufen lassen; seit dieser Zeit war
ich auf die Kinderstube angewiesen gewesen, und das Frühstückszimmer, der Speisesaal und der Salon waren für mich Regionen
geworden, die ich nur mit Schrecken und Angst betreten konnte.
Ich stand jetzt in der leeren Halle; vor mir war die Tür des
Frühstückszimmers. zitternd und furchtsam hielt ich inne. Welch
einen elenden, kleinen Feigling hatte die Furcht vor ungerechter
Behandlung in jenen Tagen aus mir gemacht! Ich fürchtete mich,
in die Kinderstube zurückzugehen; ich fürchtete mich, in das Wohnzimmer einzutreten! Zehn Minuten stand ich ängstlich zögernd
da; das heftige Klingeln der Glocke im Frühstückszimmer entschied:
ich mußte eintreten.
,Wer konnte nach mir verlangen?' fragte ich mich, als ich
mit beiden Händen die Türklinke erfaßte, welche mehrere Sekunden
meinen Anstrengungen widerstand. ,Wen würde ich noch auf;er
Tante Reed in dem Zimmer erblicken?- Einen Mann oder eine
Frau?- Die Klinke gab nach. Die Tür sprang auf.
Ich trat ein und erblickte-- einen schwarzen Pfeiler! - Als ein solcher erschien mir wenigstens auf den ersten Blick die lange,
schmale, schwarzgekleidete Gestalt mit ernster Miene, welche kerzengerade auf dem Teppich stand.
Mrs. Reed hatte ihren gewöhnlichen Platz neben dem Kamin inne. Sie gab mir ein Zeichen, näher zu treten. Ich tat es, und
sie stellte mich dem steinernen Gaste mit den Worten vor:,Dies ist
das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich an Sie wandte.'
Er wandte den Kopf langsam nach mir um, und nachdem er mich mit seinen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich
mit einer tiefen Stimme:,Sie ist klein von Gestalt, wie alt ist sie?’
,Zehn Jahre.’
,So alt?' lautete die zweifelnde Antwort. Darauf redete er mich an: ,Ihr Name, kleines Mädchen?
,Jane Eyre, mein Herr.’
,Nun, Jane Eyre, sind Sie ein artiges Kind?’
Wie sollte ich diese Frage beantworten? Die Welt, die mich umgab, war anderer Meinung -- ich schwieg. Mrs. Reed antwortete für mich mit einem ausdrucksvollen Schütteln des Kopfes und fügte hinzu:,Je weniger man hierüber spricht, Mr. Brocklehurst, desto besser.’
,Das ist mir nicht lieb zu hören!' antwortete er und setzte sich in den Lehnstuhl, welcher Mrs. Reed gegenüberstand. ,Kommen Sie hierher,'' sagte er.
Ich ging über den Kaminteppich; er stellte mich gerade und aufrecht vor sich.
,Es gibt keinen widerwärtigeren Anblick, als den eines unartigen Kindes,! begann er, ,besonders eines unartigen kleinen
Mädchens! Wissen Sie, wohin die Gottlosen nach dem Tode kommen?’
,Sie kommen in die Hölle, lautete meine schnelle und strenggläubige Antwort.’
,Und was ist die Hölle?’
,Ein Abgrund voll Feuer.’
,Und möchten Sie wohl in diesen Abgrund fallen und dort ewig brennen?’
‘Nein, Herr.’
,Was müssen Sie denn tun, um das zu vermeiden?’
Einen Augenblick überlegte ich meine Antwort; dann sagte ich
aufs Geratewohl: ,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.''
,Wie können Sie denn gesund bleiben? Täglich sterben Kinder, die jünger sind als Sie. Erst vor zwei oder drei Tagen habe
ich ein kleines Kind von fünf Jahren begraben - ein gutes
Find, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Ich fürchte, daß man dasselbe nicht von Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben
abberufen würden.
Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu zerstreuen,
schlug ich nur die Augen nieder und ließ sie auf den beiden großen
Füßen ruhen, die auf dem Kaminteppich standen. Dann seufzte
ich tief auf. Ich wünschte mich weit, weit fort.
,Ich hoffe, daß dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens
kommt, und daß Sie bedauern, Ihrer ausgezeichneten Wohltäterin
so ungehorsam gewesen zu sein.
,Wohltäterin! Wohltäterin!' wiederholte ich innerlich.
,Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohltäterin; wenn sie das
war, so ist eine Wohltäterin eine häßliche Sache.
,Verrichten Sie abends und morgens Ihr Gebet?' fuhr er
fort.
.Ja. Herr.
,Lesen Sie Ihre Bibel?
,Zuweilen.
,Mit Freude? Leben Sie Ihre Mote
,Ich liebe die Offenbarung und das Buch Daniel und das
erste Buch Mosis und das Buch Samuelis und ein wenig vom Buch
der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik und Hiob
und Ruth.
,Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben sie auch?
,Nein, Herr.
,Nein? O, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, viel
jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn
man ihn fragt, ob er lieber eine Pfeffernuß zum Essen, oder einen
Vers aus den Psalmen zum Auswendiglernen haben möchte, so
sagt er: .,den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen ja
Psalmen,' sagt er, ,ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner
Engel sein,'' dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit zwei Pferffernüsse.
,Psalmen sind nicht interessant,'' bemerkte ich.
,Das beweist, daß Sie ein böses Herz haben und Sie müssen
Gott bitten, daß er es besser macht; daß er Ihnen Ihr Herz von
Stein nimmt und Ihnen ein Herz von Fleisch gibt.
Ich war gerade im Begriff, eine Frage zu tun, als Mrs. Reed
mich unterbrach:
,Mr. Brocklehurst, ich glaube, daß ich in dem Briefe, welchen
ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe,
daß dieses kleine Mädchen keinen guten Charakter hat. Ich würde
Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer in
Lowood ersuchen wollten, ein wachsames Auge auf sie zu haben
und vor allen Dingen, ihrem schlimmsten Fehler, der Neigung zur
Lüge und Verstellung, entgegenzuarbeiten. Ich erwähne diese
Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch
Mr. Brocklehurst zu täuschen.'
Diese Beschuldigung, vor einem Fremden ausgesprochen,
schnitt mir tief ins Herz. Ich merkte, daß Mrs. Reed bemüht war,
Argwohn und Unfreundlichkeit auf meinen künftigen Lebenspfad
zu säen; ich sah, wie ich mich in Mr. Brocklehursts Augen in ein
verschlagenes, eigensinniges Kind verwandelte; und was konnte
ich tun, um dies gegen mich begangene Unrecht abzuwenden?
,Nichts, in der Tat! dachte ich, als ich kämpfte, um ein
Schluchzen zu unterdrücken, und hastig einige Tränen, die ohnmächtigen Zeugen meiner Herzensangst, abtrocknete.
,Verstellung ist in der Tat ein trauriger Fehler bei einem
Kind,' sagte Mr. Brocklehurst. ,Alle Lügner müssen einstmals
in Pech und Schwefel brennen; sie soll indessen scharf bewacht werden, Mrs. Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrern und
Lehrerinnen sprechen.
,Ich wünsche, daß sie in einer Weise erzogen wird, welche mit
ihren Lebensaussichten übereinstimmt,' fuhr meine Wohltäterin
fort, ,sie soll sich nützlich machen und bescheiden bleiben. Die
Ferien soll sie stets mit Ihrer Erlaubnis in Lowood zubringen,
,Ihre Bestimmungen, Madame, sind durchaus richtig,' entgegnete Mr. Brocklehurst.,Die Demut ist eine christliche Tugend,
die ganz besonders für die Schülerinnen von Lowood passend ist;
ich gebe daher die Weisung, daß ihrer Pflege eine besondere
Sorgfalt gewidmet wird. Ich lasse es stets meine Sorge sein, zu
ergründen, wie das weltliche Gefühl des Stolzes am besten in
meinen Schülern zu ersticken ist. Und vor wenigen Tagen erst
hatte ich eine angenehme Probe meiner Erfolge. Meine zweite
Tochter, Auguste, ging mit ihrer Mama, um die Schule zu besuchen, und bei ihrer Rückkehr rief sie aus: ,O, mein teurer Papa,
wie ruhig und einfach all die Mädchen in Lowood aussehen! Mit
ihrem Haar, das glatt hinter die Ohren gestrichen ist, und ihren
langen Schürzen und den kleinen Taschen, welche sie über ihren
Kleidern tragen-- sie sehen beinahe aus wie die Kinder armer
Leute! und, fuhr sie fort, ,sie starrten Mamas und mein Kleid
an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch kein seidenes Kleid gesehen hätten.
,Das ist eine Einrichtung der Dinge, welche meinen ungeteilten Beifall hat,' erwiderte Mrs. Reed, ,wenn ich ganz England durchsucht hätte, so würde ich kein System gefunden haben,
das für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so vollkommen gepaßt
haben würde. Konsequenz und Festigkeit, mein lieber Mr. Brocklehurst, ich befürworte Konseguenz in allen Dingen!''
,Konsequenz. Madame, ist die erste der christlichen Pflichten,
und sie wird in dem Etablissement von Lowood bei jeder Anordnung in erster Linie berücksichtigt, einfache Kost, einfache Kleidung,
einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten-- das ist die Tagesordnung für das Haus und seine Bewohner.
,Ganz in der Ordnung, mein Herr,'' war Mrs. Reeds Antwort. ,Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als
Schülerin in Lowood aufgenommen und dort ihrer Stellung und
ihren Lebensaussichten angemessen erzogen wird.
,Ja, Madame, das können Sie. Und ich hoffe, daß sie sich
dankbar zeigen wird für das unschätzbare Glück, welches ihr dadurch zuteil wird.
,Ich werde sie so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst,
denn ich versichere Sie, ich hege das innigste Verlangen, so schnell
wie möglich von einer Verantwortlichkeit befreit zu werden, welche
mir endlich drückend geworden ist,
,Ohne Zweifel, Madame, ohne Zweifel, und jetzt will ich mich
empfehlen. In ungefähr zwei bis drei Wochen werde ich nach
Brocklehurst-Hall zurückkehren. übrigens werde ich Miß Temple
ankündigen, daß sie ein neues Mädchen zu erwarten hat, damit es
bei ihrem Eintritt keine Schwierigkeiten gibt.
,Mein kleines Mädchen, hier ist ein Buch mit dem Titel:,Des
Kindes Führer''; lesen Sie es mit Andacht, besonders jenen Teil,
welcher von dem schrecklichen, plötzlichen Tode Martha G.s handelt,
einem unartigen Kinde, welches der Heuchelei und Lüge ergeben
war.
Mit diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein kleines Heft in
meine Hand; dann ließ er seinen Wagen vorfahren und entfernte
sich unter herzlicher Verabschiedung von Mrs. Reed.
Mrs. Reed und ich blieben allein. Mehrere Minuten verharrten wir im Schweigen; sie nähte, ich beobachtete sie. Mrs.
Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig
Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten
Schultern und starken Knochen. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht, der Unterkiefer war hervortretend und stark entwickelt; ihre
Stirn war niedrig, das Kinn breit, Mund und Nase waren ziemlich regelmäßig; unter ihren farblosen Augenbrauen blitzte ein
Auge, das wenig Herzensgüte verriet; ihre Haut war dunkel und
matt, das Haar flachsblond; ihre Konstitution war fest und gesund-- eine Krankheit nahte sich ihr niemals. Sie war eine
strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft
standen vollständig unter ihrer Aufsicht; nur ihre Kinder trotten
zuweilen ihrer Würde und verlachten sie höhnisch; sie kleidete sich
hübsch und verstand es, eine schöne Toilette mit Anstand zu tragen.
Wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt saß ich auf
einem niedrigen Schemel und ließ meine Blicke prüfend auf ihrer
Gestalt und ihren Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt ich das
Schriftchen, welches von dem plötzlichen Tode der Lügnerin handelte. Noch war meine Seele tief verletzt von dem, was soeben
geschehen war, was Mrs. Reed in bezug auf mich mit Mr. Brocklehurst gesprochen, von dem ganzen Inhalt ihres Gesprächs. Ich
hatte jedes Wort ebenso tief empfunden, wie ich es deutlich
gehört hatte, und ein leidenschaftliches Gefühl der Rache begann sich in mir zu regen.
Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf.
,Verlaß das Zimmer! Geh wieder in die Kinderstube zurück!? In meinem Blicke oder in meinen Bewegungen mußte sie
etwas Herausforderndes gesehen haben, denn sie sprach in heftigster, wenn auch unterdrückter Bewegung. Ich stand auf; ich ging
an die Tür; ich kam wieder zurück; dann ging ich an das Fenster,
durch das Zimmer, und stellte mich dicht vor sie hin.
Sprechen mußte ich, man hatte mich zu schwer verletzt,
ich mußte mich auflehnen, doch wie? Ich faßte meinen ganzen
Mut zusammen und schleuderte ihr folgende Worte ins Gesicht:
,Ich bin nicht heuchlerisch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so
würde ich sagen, daß ich dich liebe, aber ich erkläre dir, daß ich dich
nicht liebe, ich hasse dich mehr als irgend jemanden auf der ganzen Welt, John Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der
Geschichte einer Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgiana
geben, denn sie ist es, die dich und alle anderen belügt, nicht ich.
Mrs. Reeds Hände ruhten untätig auf ihrer Arbeit; ihr eiskaltes Auge blickte starr in das meine:
,Hast du sonst noch mehr zu sagen? fragte sie mich in schneidendem Tone.
,Ich bin glücklich, fuhr ich bebend fort,,daß Sie nicht meine
Verwandte sind. Niemals, solange ich lebe, werde ich Sie wieder
Tante nennen. Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich
kommen, um Sie zu besuchen, und wenn irgend jemand mich fragen sollte, ob ich Sie leiden kann und wie Sie mich behandelt
haben, so werde ich antworten, daß der Gedanke an Sie mich allein
schon krank macht, und daß Sie mich mit entsetzlicher Grausamkeit
behandelt haben.’
,Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, das zu behaupten?
,Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Weil es die Wahrheit ist. Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen. Ich werde
niemals vergessen, wie Sie mich heftig und rauh in das rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen. Vor Jammer und
Entsetzen fast erstickend, schrie und flehte ich aus allen Kräften:
,Hab' Erbarmen, Tante Reed! Hab' Erbarmen!? Und diese
Strafe ließen Sie mich erdulden, weil Ihr boshafter Sohn mich ohne Grund zu Boden schlug. Und diese Geschichte werde ich jedem
erzählen, der mich fragt. Die Leute glauben, daß Sie eine gute Frau sind, aber Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig und falsch!’
Mrs. Reed sah erschrocken aus; die Arbeit war von ihren Knien gefallen, sie erhob die Hände, wiegte sich hin und her und
verzog ihr Gesicht zum Weinen.
,Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du etwas Wasser trinken?’
,Nein, Mrs. Reed.’
,Möchtest du irgend etwas anderes, Jane? Du kannst mir glauben, ich wünsche nichts anderes, als deine Freundin zu sein.'
,Nein, das wollen Sie nicht. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, daß ich einen lügnerischen und bösen Charakter habe. Aber
ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind und was Sie getan haben.’
,Jane, das verstehst du nicht. Kinder müssen für ihre Fehler gestraft werden.’
,Falschheit ist aber nicht mein Fehler!’ schrie ich mit lauter, wilder Stimme.
,Aber du bist heftig, Jane, das mußt du zugeben. Und jetzt geh' wieder in die Kinderstube, mein liebes Kind! -- Geh' und ruh'
dich ein wenig aus.
,Ich bin nicht Ihr liebes Kind! Ich kann mich nicht ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt, Mrs.
Reed, das Leben hier verabscheue ich.'
,Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken,? murmelte Mrs. Reed. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.
Ich blieb nun allein, ich behauptete das Schlachtfeld. Es war der erbitterste Kampf, den ich jemals gekämpft, und der erste
Sieg, den ich je errungen. Einige Augenblicke stand ich vor dem Kamin auf derselben Stelle, wo Mr. Brocklehurst gestanden, und genoß die Einsamkeit des Sieges! Zuerst lächelte ich still vor mich hin und fühlte mich gehoben; aber diese wilde Freude schwand dahin in demselben Maße, wie das beschleunigte Tempo meines Pulsschlages nachließ. Ein Kind kann nicht mit älteren Leuten streiten, wie ich es getan-- kann seinen unbemeisterten Gefühlen nicht ungehindert Ausdruck verleihen, wie es soeben non mir geschehen -- ohne daß es nachher die Qualen der Gewissensbisse, den Schauder der Gegenwirkung empfindet. Ein Streifen brennenden Heidelandes, glühend, tobend, verzehrend-- das wäre eine passende Verbildlichung meines Gemütes gewesen, als ich Mrs. Reed anklagte und bedrohte. Und dasselbe Heideland, schwarz und versengt, nachdem die Flammen erloschen, würde ebenso treffend meinen späteren Gemütszustand versinnbildlicht haben, nachdem die Ruhe und das Nachdenken einer halben Stunde mir den Wahnsinn meines Vorgehens und die Trostlosigkeit meiner verhaßten Lage und hassenden Stimmung vor Augen geführt hatte.
Zum erstenmal empfand ich die Süßigkeit der Rache; dann aber beschlich mich ein Gefühl der Reue. Gern wäre ich gegangen, um Mrs. Reeds Verzeihung zu erbitten, aber ich wußte, teils aus Erfahrung, teils aus Instinkt, daß sie mich dann nur mit doppelter Verachtung zurückstoßen und meine Heftigkeit aufs neue erwecken würde.
Ich öffnete die Glastür, welche aus dem Frühstückszimmer
in den Garten führte; das Buschwerk lag so still da; der düstere
Frost, weder durch Sonne noch Wind gestört, herrschte im Garten.
Ich lehnte mich gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame
Weide, auf welcher keine Schafe mehr grasten. Es war ein sehr
grauer Tag; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf
den hartgefrorenen Wegen und Büschen und Bäumen liegen blieben, ohne zu schmolzen.
Da stand ich, ein unglückliches Kind und flüsterte immer wieder:,Was soll ich tun? Was soll ich tun?
Plötzlich hörte ich eine helle Stimme rufen: ,Miß Jane! Wo
sind Sie? Kommen Sie zum Frühstück herein!'
Ich wußte sehr wohl, daß es Bessie sei, aber ich rührte mich
nicht von der Stelle. Sie kam auf dem Gartenwege herab.
,Sie unartiges, kleines Ding !' sagte sie. ,Weshalb kommen
Sie nicht, wenn man Sie ruft?
Bessies Gegenwart war erheiternd im Vergleich zu meinen
düsteren Gedanken, wenngleich sie etwas zornig war. Ich schlang
denn meine beiden Arme um ihren Hals und sagte schmeichelnd:
,Sei gut, Bessie, schilt mich nicht!
Diese Bewegung war natürlicher und furchtloser als irgend
eine, die ich mir bis jetzt erlaubt hatte; sie mußte auch dem Mädchen gefallen.
,Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane,' sagte sie, ,ein
kleines, ruheloses, einsames Ding; also vermutlich wird man Sie
jetzt in die Schule schicken?’
Ich nickte.
,Und wird es Ihnen nicht leid sein, Ihre arme Bessie zu verlassen?’
,Was kümmert Bessie sich um mich? Sie schilt mich ja immer
nur.’
,Well Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares, kleines Ding sind. Sie sollten dreister sein.’
,Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?’
,Unsinn! Aber es ist wahr, man geht hart mit Ihnen um. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie, daß sie
keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen möchte. Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe gute Nachrichten für
Sie.’
,Ach nein, Bessie, die hast du nicht.’
,Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen
Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau und die jungen
Damen und Master John fahren heute nachmittag aus, und Sie
sollen mit mir Tee trinken. Ich werde die Köchin bitten, daß sie
Ihnen einen kleinen Kuchen backt, und später helfen Sie mir, Ihre
Kleider durchzusehen; denn ich werde bald Ihren Koffer packen
müssen. Die gnädige Frau hat beschlossen, daß Sie in ein bis
zwei Tagen Gateshead verlassen sollen; Sie dürfen alle Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen wollen.'
,Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten, solange ich noch hier bin.'
,Nun, das will ich! Aber nun müssen Sie auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten.'
,Nein, ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder vor dir
fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und gar
bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu fürchten
habe.
,Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, so werden die Leute Sie niemals lieb haben.'
,Wie du es tust, Bessie?’
,ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von Ihnen, als von all den anderen!'
,Aber du zeigst es mir nicht.
,Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Male ganz anders. Was macht Sie denn so mutig und kühn?’
, Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem -- ich war im Begriff etwas von den zu sagen, was zwischen Mrs.
Reed und mir vorgefallen war, aber ich besann mich und schwieg.
, Sie sind also froh, mich zu verlassen?’
,O, gewiß nicht, Bessie; in der Tat, in diesem Augenblick tut es mir fast leid.’
Bessie neigt sich zu mir, wir umarmten uns, und ich folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmittag verging in Frieden
und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie mir einige ihrer schönsten Geschichten und sang mir ihre lieblichsten Lieder vor. Sogar mein Leben hatte also einen Sonnenstrahl.
5. Kapitel.
Die Reise nach Lowood. -- Die ersten Eindrücke.
Am 19. Januar sollte ich Gateshead mit einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens an dem Parktor vorüberfuhr.
Bessie war die einzige Person, die aufgestanden war; sie hatte in der Kinderstube Feuer angezündet und bereitete jetzt mein Frühstück. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind, und ich konnte es auch nicht.
Vergebens bat Bessie mich, nur einige Löffel voll von dem Milch- und Brotbrei zu essen, den sie für mich bereitet hatte; ich weigerte
mich hartnäckig; dann wickelte sie einige kleine Brötchen und Zwieback in ein Papier und steckte sie in meine Reisetasche. Darauf
bekleidete sie mich mit Hut und Pelz, hüllte sich in ein großes Tuch und verließ mit mir die Kinderstube. Als wir an Mrs. Reeds
Schlafzimmer vorüberkamen, sagte sie: ,Wollen Sie Ihrer Tante Lebewohl sagen?’
,Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche hinuntergegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, daß ich
sie und meine Cousinen heute morgen nicht stören sollte. Dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, daß sie stets meine beste Freundin gewesen sei und dankbar von ihr zu sprechen und an sie zu denken.
,Was antworteten Sie darauf, Fräulein?’
,Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte mich der Wand zu.
,Das war nicht recht, Miß Jane.’
,Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine Freundin gewesen, sie war meine Feindin.’
,O, Miß Jane, das dürfen Sie nicht sagen!'
,Lebewohl, Gateshead!' rief ich, als wir durch die Halle gingen und zur Haustür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen, und es war sehr dunkel.
Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Treppenstufen und einen durch Tauwetter aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und
rauh war dieser Wintermorgen, meine Zähne schlugen vor Kälte zusammen, als wir den Fahrweg hinabeilten. Es fehlten nur
noch wenige Minuten an secs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen der Räder
das Herannahen des Postwagens. ich ging an die Tür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit daherkamen.
Die Kutsche hielt an; da stand sie mit ihren vier Pferden und dem von Reisenden besetzten Dach vor der Tür; der Kutscher und
der Schaffner trieben laut zur Eile an; mein Koffer wurde hinaufgehißt; man zog mich von Bessie fort, die ich mit Küssen bedeckte.
,Geben Sie nur gut acht auf das Kind rief sie dem Schaffner zu, der mich in den Wagen hob.
,Ja! ja!'' war die Antwort. Die Tür wurde wieder zugeschlagen, eine Stimme rief,Fertig'', und vorwärts ging es. So
trennte ich mich von Bessie und Gateshead-- so flog ich davon, unbekannten und fernen Regionen entgegen.
Von der Reise weiß ich nicht viel mehr. Ich weiß nur noch, daß der Tag mir sehr lang vorkam, und daß es mich dünkte, als
ob die Landstraße, auf welcher wir dahinfuhren, hunderte von Meilen lang sei. Wir kamen durch verschiedene Städte, und in
einer derselben, einer sehr großen, hielt die Kutsche an; die Pferde wurden ausgespannt, und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu essen. ich wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Schaffner mich aufforderte, mich zum Speisen hinzusetzen; da ich jedoch keinen Appetit hatte, ließ er mich in einem großen Zimmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand; ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand war eine kleine,
rote Galerie angebracht, auf der verschiedene musikalische Instrumente lagen. In diesem Gemache ging ich lange auf und ab; mir war gar seltsam zumute, und ich hatte eine Todesangst, daß jemand hereinkommen könne, um mich zu rauben und fortzuführen, denn ich glaubte an Kinderdiebe; ihre Taten hatten in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine hervorragende Rolle gespielt. Endlich kam der Schaffner zurück, noch einmal wurde ich in die Kutsche gepackt; mein Beschützer stieg auf seinen eigenen Sitz, ließ sein Horn erklingen, und fort rasselten wir über die steinigen Straßen von L.
Naß und nebelig kam der Nachmittag heran; als die Dämmerung hereinbrach, begann ich zu fühlen, daß wir in der Tat schon
weit von Gateshead entfernt sein mußten; wir hörten auf, Städte
zu passieren; die Landschaft veränderte sich; große, graue Hügel
begannen den Horizont einzuschließen. Als es dunkler und dunkler wurde, fuhren wir in ein düsteres, dicht bewaldetes Tal hinab,
und lange, nachdem die Nacht sich herabgesenkt hatte und jede Aussicht unmöglich machte, hörte ich den wilden Sturm durch die
Bäume rauschen.
Das Rauschen lullte mich ein, endlich schlief ich fest. Das
plötzliche Aufhören der Bewegung weckte mich. Der Schlag der
Postkutsche war geöffnet, und eine Person, die wie eine Dienerin
gekleidet war, stand daneben.
,Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?’ fragte sie. Ich antwortete ,Ja' und wurde herausgehoben; man setzte meinen Koffer ab, und der Postwagen fuhr weiter.
Ich war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom Gerassel der Kutsche; nachdem ich mich einigermaßen erholt hatte,
blickte ich umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft;
trotzdem unterschied ich eine Mauer vor mir und eine geöffnete
Tür in ihr. jetzt wurde ein Haus sichtbar. Wir wurden eingelassen, dann führte die Dienerin mich durch einen Korridor in ein
Zimmer, wo ein helles Kaminfeuer brannte, und ließ mich allein.
Ich war gerade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genau zu besichtigen, als die Tür geöffnet
wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der Hand trug: eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.
Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen Augen und einer weißen, hohen Stirn; ihre Gestalt wurde zum Teil durch einen Shawl verhüllt; ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.
,Das Kind ist noch gar zu jung, um eine solche Reise allein zu machen,' sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte. Mehrere Minuten betrachtete sie mich aufmerksam, dann fügte sie hinzu:
,Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bette geht, sie sieht ermüdet aus. Bist du müde?’ fragte sie und legte ihre Hand auf meine Schulter.
,Ein wenig, Madame.
,Und wohl auch hungrig. Geben Sie ihr, Miß Miller, etwas zu essen, bevor sie sich schlafen legt. Ist es das erste Mal, daß du
deine Eltern verlassen hast, meine Kleine, um hier in die Schule zu kommen?
Ich erklärte ihr, daß ich keine Eltern hätte. Sie fragte mich. wie lange sie schon tot seien; dann wie alt ich sei, wie ich heiße, ob
ich lesen könne und auch schreiben und etwas nähen. Endlich berührte sie meine Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte, sie
hoffe, daß ich ein artiges Kind sein würde, und dann entließ sie mich mit Miß Miller.
Die Dame, die ich soeben verlassen, mochte ungefähr neunundzwanzig Jahre alt sein. Die, welche mit mir ging, konnte um
einige Jahre weniger zählen; die erstgenannte machte durch ihre Mienen, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf
mich. Miß Miller war von gewöhnlicherem Schlage, ihr Teint war gesund, obgleich ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen trugen; sie war hastig in Gang und Bewegungen wie jemand, der fortwährend eine Menge der verschiedensten Dinge zu besorgen hat; in der Tat, man sah auf den ersten Blick, daß sie war, was
ich späterhin erfuhr -- eine Unterlehrerin.
Von dieser geführt, ging ich von Zimmer zu Zimmer, von
Korridor zu Korridor durch ein großes, unregelmäßiges Gebäude.
Endlich traten wir in ein großes, langes Zimmer, in welchem an
jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen; auf diesen brannten zwei Kerzen, und rund um dieselben saßen auf Bänken eine
Menge von Mädchen jeden Alters, von neun, zehn bis zwanzig
Jahren. Sie trugen sämtlich braune wollene Kleider nach Cä
altmodischem Schnitt. Sie hatten jetzt Arbeitsstunde, in welcher
sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten.
Miß Miller hieß mich auf einer Bank nahe der Tür Platz nehmen; dann ging sie an das obere Ende des großen Zinnners und
rief mit lauter Stimme:
,Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher ein!
Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und legten sie fort.
Von neuem erscholl das Kommandowort:
,Aufseherinnen, holt das Abendessen!’
Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich
zurück. Jedes trug ein großes Präsentierbrett. In der Mitte
eines jeden solchen Brettes stand ein Krug mit Wasser und ein
Becher und die Schüssel mit der Eßportion. Die Portionen wurden umhergereicht, wer wollte, konnte auch einen Scluck Wasser
trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die
Reihe an mich kam, trank ich, denn ich war durstig; die Speise ließ
ich unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es mir unmöglich, zu essen.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei
nach oben. Diese Nacht mußte ich das Bett mit Miß Miller teilen,
sie half mir beim Ausziehen. Als ich mich niederlegte, blickte ich
auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes schnell mit zwei
Mädchen sich füllte, nach zehn Minuten wurde das einzige Licht
ausgelöscht. Stille und völlige Dunkelheit herrschten; ich schlief ein.
Als ich die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer
Glocke an mein Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden
und kleideten sich an. Widerwillig erhob auch ich mich, es war
bitter kalt, und ich kleidete mich an, so gut es vor Kälte gehen
mochte. Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen
Abend zwei und zwei in die Reihe, und in dieser Ordnung gingen
sie die Treppe hinunter. Sie traten in das spärlich beleuchtete und
kalte Schulzimmer; hier las Miß Miller das Morgengebet vor;
dann rief sie laut:
,Bildet die Klassen!’
Hierauf folgte ein großer Lärm, der einige Minuten anhielt.
Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen:, Ruhe!' und
,Ordnung!' Als diese endlich eingetreten, sah ich, daß alle sich in
vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen, und ein großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem leeren Stuhl.
Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei
Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen Tisch und
nahm ihren Plat ein. Miß Miller nahm den vierten Stuhl, welcher der Tür am nächsten stand und um den die kleinsten Kinder
sich versammelt hatten. Dieser untersten Klasse wurde auch ich zugewiesen, und zwar mußte ich den letzten Platz einnehmen.
Jetzt begann der Unterricht. Die Losung des Tages wurde wiederholt, dann wurden mehrere Stellen aus der Heiligen Schrift
hergesagt, und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der
Bibel, welches eine ganze Stunde dauerte. Als wir mit dieser
Übung zu Ende gekommen, war der Tag vollständig angebrochen.
Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal. Die Klassen
sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer zum Frühstück. Wie froh war ich bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu
essen zu bekommen! Der Hunger hatte mich schon schwachgemacht, denn tags zuvor hatte ich sehr wenig zu mir genommen.
Im Speisezimmer auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen Näpfen, das einen nichts weniger als einladenden Geruch ausströmte.
,Ekelhaft! Die Suppe ist schon wieder angebrannt!' flüsterte es in meiner Umgebung.
,Ruhe!' gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miß Millers, sondern gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen,
dunklen Person, die hübsch gekleidet war, hingegen sehr mürrisch und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende an
einem der Tische Plat, während eine behäbigere Dame an den anderen präsidierte. Umsonst hielt ich Umschau nach der Gestalt,
welche ich am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar.
Miß Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen,
an welchem ich saß, und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche Dame-- die französische Lehrerin, wie ich später erfuhr -
nahm denselben Platz am nächsten Tische ein.
Ein langes Gebet wurde gesprochen, eine Hymne gesungen, dann brachte eine Dienerin den Tee für die Lehrerinnen herein,
und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.
Vollständig ausgehungert verschlang ich mehrere Löffel voll
von meiner Portion, ohne an den Geschmack zu denken; als aber
der erste Hunger gestillt war, bemerkte ich, daß ein übelriechendes
Zeug vor mir stand. Angebrannter Haferbrei ist beinahe ebenso
abscheulich wie verfaulte Kartoffeln; selbst die Hungernot schreckt
davor zurück. Die Löffel wurden ganz langsam in Bewegung gesetzt, ich sah, wie jedes Mädchen die ihr vorgesetzte Nahrung kostete
und versuchte, sie hinunterzuschlucken, aber in den meisten Fällen
wurden diese Bemühungen aufgegeben. Das Frühstück war vorüber, und niemand hatte gefrühstückt. Wir sprachen das Dankgebet für etwas, was wir gar nicht bekommen hatten, und nachdem
eine zweite Hymne abgesungen worden, leerte das Refektorium sich,
und wir begaben uns in das Schulzimmer. Ich war eine der letzten die hinausging, und als ich die Tische passierte, sah ich, wie eine
der Lehrerinnen einen Napf mit Haferbrei nahm, um den Inhalt
desselben zu kosten; sie blickte die anderen an; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus, und eine der Damen, die behäbige,
flüsterte:
,Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!’
Eine Viertelstunde verging, bis der Unterricht wieder begann. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein ungeheurer Tumult. Die ganze Unterhaltung drehte sich um das Frühstück, auf das alle schalten. Außer Miß Miller war keine
andere Lehrerin im Zimmer. Einige der erwachsenen Mädchen
bildeten eine Gruppe um sie und sprachen mit ernsten Gebärden.
Ich hörte den Namen Mr. Brocklehursts. Miß Miller schüttelte
mißbilligend den Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, die allgemeine Entrüstung zu unterdrücken; ohne Zweifel
teilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug neun.
D Oberlehrerinnen nahmen jetzt ihre Posten ein, und doch
schienen alle noch auf etwas zu warten. Auf den Bänken, welche
sich an den Seiten des Zimmers entlangzogen, saßen achtzig Mädchen bewegungslos und kerzengerade, eine seltsame Versammlung
in der Tat-- allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt,
nicht eine Locke war sichtbar -- in ihren braunen Kleidern, die bis
an den Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abgeschlossen - mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe ungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländer, die an der Vorderseite des Kleides befestigt waren und den Zweck hatten als
Arbeitstasche zu dienen- dazu die wollenen Strümpfe und die
einfach gearbeiteten Schuhe, welche mit Messingschnallen befestigt
waren - ja, in der Tat, eine seltsame Versammlung! - Ungefähr
zwanzig der auf diese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen
oder eigentlich schon über die allererste Jugend hinaus; das Kostüm
kleidete sie schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein
sonderbar abstoßendes Aussehen.
Ich betrachtete sie noch, und dann und wann auch die Lehrerinnen, von denen keine einzige mir besonders gefiel, denn die Behäbige hatte etwas gewöhnliches, die Dunkle sah sehr trotzig aus,
die Fremde heftig und grotesk, und Miß Miller, das arme Ding.
sah blaurot und abgehärmt und überarbeitet aus.
Plötzlich, als meine Blicke von einem Gesicht zum anderen
wanderten, erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und wie auf
Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in die Höhe
geschnellt.
Was war denn geschehen? Da sich jetzt aber alle Blicke auf einen Punkt richteten, so folgten auch die meinen jener Richtung
-- und fielen auf die Dame, welche mich am vorhergehenden Abende empfangen hatte. Sie stand am Kamin, am unteren
Ende des Zimmers. Ernst und ruhig musterte sie die beiden Reihen der Mädchen, die wieder ihre Plätze eingenommen hatten.
Miß Miller näherte sich ihr und schien eine Frage zu tun. Nachdem sie die Antwort erhalten, ging sie an ihren Platz zurück und
sagte laut:
,Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie den Globus.”
Während der Befehl ausgeführt wurde, ging die Dame, welche befragt worden war, langsam durch das Zimmer. Noch
heute erinnere ich mich des Gefühls von staunender Bewunderung, mit welchem ich ihren Schritten folgte. Erst bei hellem Tage sah
sie schlank, groß und stattlich aus. Braune Augen nit wohlwollendem Blick und fein gezeichnete Wimpern, welche sie umgaben, hoben
ihre weiße Stirn noch besonders hervor. Nach der Mode jener Zeit, wo weder glatte Scheitel noch lange Schmachtlocken gebräuchlich waren, trug sie ihr schönes, dunkelbraunes Haar in kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt. Ihre Kleidung.
ebenfalls nach der Mode des Tages, bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von spanischem Besatz aus schwarzem Sammet.
Eine goldene Uhr (Uhren wurden in jenen Tagen noch nicht allgemein getragen) hing an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muß der Leser sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine bleiche, aber klare Gesichtsfarbe, eine stattliche Haltung und Gestalt - und dann hat er, so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen, einen richtigen Begriff von dem Äußeren der Miß Temple, der Vorsteherin von Lowood. Sie nahm ihren Sitz vor
einem Globus ein, der auf einem der Tische stand, ließ die erste Klasse herantreten und begann dann, eine Unterrichtsstunde in
Geographie zu geben. Die niederen Klassen versammelten sich um ihre Lehrerinnen, welche in der Weltgeschichte und Grammatik
unterrichteten. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgte Rechnen und Schreibunterricht, und Miß Temple gab einigen größeren
Mädchen Musikstunde, bis es zwölf schlug. Die Vorsteherin erhob sich:
,Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten.’
Der Tumult, welcher nach Beendigung der Schulstunden einzutreten pflegte, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sich sofort
beim Klange ihrer Stimme. Sie fuhr fort:
,Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht essen konntet, ihr müßt hungrig sein - ich habe befohlen
daß für euch alle ein zweites Frühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.’
Die Lehrerinnen sahen sie mit Erstaunen an.
,Es geschieht auf meine Verantwortung,' fügte sie erklärend für die Damen hinzu; gleich darauf verließ sie das Zimmer.
Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt, zum größten Ergötzen und zur Erquickung der ganzen Schule. Und
nun hieß es:, In den Garten ! Jede Schülerin setzte einen groben, hässlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kaitun auf
und warf einen Mantel von grauem Fries um. Ich wurde in gleicher Weise ausgestattet, und dem Strome folgend machte ich meinen Weg in die frische Luft hinaus.
Der Garten war mit hohen Mauern umgeben. Jede Aussicht in die Ferne war unmöglich. Kleine Beete waren den Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes Beet hatte eine Eigentümerin. Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch, wenn sie mit Blumen bedeckt waren, aber jetzt gegen Ende des
Monats Januar zeigten sie sich nur im Bilde der winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte mich, als
ich so umherblickte. Der Boden unter unseren Füßen war durch den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren
unter den Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen: aber unter der Veranda standen bleiche, magere Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schutz und Wärme.
Bis jetzt hatte ich noch mit niemand gesprochen, und niemand hatte von mir Kenntnis genommen, ganz einsam stand ich da;
aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war ich ja gewöhnt, es bedrückte mich nicht mehr als sonst. Ich lehnte mich gegen einen
Pfeiler der Veranda, zog meinen grauen Mantel fest um mich zusammen, und indem ich versuchte, die Kälte, die mich von außen
schmerzte, und den ungestillten Hunger, der von innen an mir nagte. zu vergessen, gab ich mich ganz der Beschäftigung hin, zu
beobachten und nachzudenken. Ich blickte in den klösterlichen Garten umher, dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war. Eine steinerne Tafel über der Tür dieses neuen Teils trug die Inschrift:
,Lowood-Stiftung.-- Dieser Teil des Hauses wurde wiedererbaut Anno domini...- durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-Hall in dieser Grafschaft.'
,Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten
Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.’ Ev. Matthäi, 5,16.
Wieder und wieder las ich diese Worte. Ich fühlte, daß sie noch eine Erklärung haben mußten und konnte ihren Inhalt nicht
erfassen. Noch dachte ich über die Bedeutung des Wortes ,Stiftung' nach und bemühte mich, einen Zusammenhang zwischen den
ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als ich hinter mir husten hörte und den Kopf umwandte.
Ich sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sihen, sie war in ein Buch vertieft. Von dem Plate aus, wo ich stand, konnte ich
den Titel lesen - es war ,Rasselas-, ein Name, der mir seltsam vorkam und mich infolgedessen fesselte. Als sie ein Blatt umwandte, blickte sie zufällig auf, und sogleich sagte ich:
,Ist dein Buch interessant?’
,Mir gefällt es,’ sagte sie nach einer Pause und blickte mich an.
,Du darfst es dir ansehen.’
,Wovon handelt es denn? fuhr ich fort. Noch weiß ich kaum, woher ich den Mut nahm, in dieser Weise eine Unterhaltung
mit einer gänzlich Unbekannten anzufangen, -- es war so gänzlich meiner sonstigen Gewohnheit und meiner Natur entgegen, aber ich
glaube, das ihre Beschäftigung irgend eine sympathische Saite in mir berührt hatte, denn auch ich liebte die Lektüre, obgleich die
meine stets kindisch und nichtssagend gewesen war; die schwere und ernste konnte ich weder verstehen noch verdauen.
Eine kurze Durchsicht überzeugte mich, daß der Inhalt weit weniger anziehend war als der Titel. ,Rasselas erschien mir
höchst langweilig, denn es enthielt kein Märchen und Abenteuer.
Ich gab ihr das Buch zurück. Sie nahm es ruhig, und ohne ein
weiteres Wort zu sprechen, war sie im Begriff, sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben, als ich noch einmal wagte,
sie zu stören:
,Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein
über der Tür bedeutet? Was ist Stiftung von Lowood?
,Es ist das Haus, in welchem du hier lebst.’
,Und weshalb nennen sie es Stiftung? Ist es denn in irgend
einer Weise von anderen Schulen verschieden?’
,Es ist zum Teil eine Armen-Schule. Du und ich und alle
übrigen sind Armen-Zöglinge. Ich vermute, aß du eine Waise
bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?’
,Sie sind beide tot, solange ich denken kann.’
,Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter oder beide Eltern verloren, und man nennt dies eine Stiftung
für die Erziehung von Waisen.’
,Wer unterhält die Stiftung?’
,Verschiedene wohltätige Damen und Herren in dieser Gegend und in London.’
,Wer war Naomi Brocklehurst?’
,Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat, wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und
leitet.’
,Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, daß wir Brot und
Käse bekommen sollen?
,Miß Temple? O nein! Ich wünschte wohl, es gehörte ihr! Sie muß Herrn Brocklehurst für alles, was sie tut, Rechenschaft
ablegen. Mr. Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.’
,Wohnt er hier?’
,Nein - zwei Meilen von hier, in einem großen Herrenhause.’
,Ist er ein guter Mann?’
,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, daß er sehr viel Gutes tut.’
,Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?’
,Die eine mit den roten Wangen heißt Miß Smith; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd; die dritte, die ein
Tuch trägt und das Taschentuch mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat, ist Madame Pierrot, sie kommt aus Lisle
in Frankreich.’
,Liebst du die Lehrerinnen?
,O ja. so ziemlich.’
,Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame? Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie du.'
,Miß Scatcherd ist heftig-- du musst dich hüten, sie ärgerlich
zu machen. Madame Pierrot ist leidlich.’
,Aber Miß Temple ist die beste-- nicht wahr?’
,Miß Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den
anderen, weil sie viel mehr weiß, als sie.’
,Bist du schon lange hier?’
‘Zwei Jahre.’
,Bist du eine Waise?
,Meine Mutter ist tot.’
‘Fühlst du dich hier glücklich?’
,Du fragst eigentlich viel. Für jetzt habe ich dir genug geantwortet. Jetzt will ich lesen.’
In diesem Augenblick erklang die Glocke zum Mittagessen. Alle kehrten zurück in das Haus. Der Geruch, welcher jetzt das
Speisezimmer füllte, war kaum appetitlicher als jener, welcher unsere Nasen beim Frühstück empfangen hatte. Das Mittagessen
bestand aus Kartoffeln und seltsamen Fetzen rötlichen Fleisches, die zusammen gekocht waren. Von dieser Mischung wurde jeder
Schülerin eine ziemlich große Portion vorgesetzt. Ich aß soviel ich konnte und fragte mich still verwundert, ob die Kost der anderen Tage ebenso wie heute sein würde.
Nach dem Mittagessen verfügten wir uns sofort in das Schulzimmer. Die Stunden begannen von neuem und dauerten bis
fünf Uhr.
Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin, daß ich sah, wie das Mädchen, mit dem ich draußen
gesprochen hatte, von Miß Scatcherd gescholten wurde und inmitten des großen Schulzimmers stehen mußte. Zu meinem größten
Erstaunen weinte sie weder, noch errötete sie; gefaßt, wenn auch
ernst, stand sie da.,Wie kann sie das so ruhig - so gefaßt tragen? fragte ich mich. ,Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde
ich doch gewiß wünschen, daß die Erde sich öffnen möchte, um mich
zu verschlingen. Ich möchte doch wissen, was für ein Mädchen sie
ist- ob gut oder unartig.
Bald nach fünf Uhr nachmittags bekamen wir einen kleinen Becher Kaffee und eine halbe Schnitte Schwarzbrot. Ich verschlang
mein Brot und trank meinen Kaffee mit Behagen. Aber ich wäre froh gewesen, wenn ich noch einmal soviel gehabt hätte- ich war
noch hungrig. Darauf folgte eine halbstündige Erholung, und dann begannen die Schularbeiten von neuem. Schließlich kam das
Glas Wasser mit dem Stückchen Haferkuchen, das Gebet und das Bett. -- Das war mein erster Tag in Lowood.
6. Kapitel.
Helene Burns.
Der nächste Tag begann wie der vorige. Wir standen beim Lampenlicht auf und kleideten uns an. aber an diesem Morgen mußten wir von der Zeremonie des Waschens dispensiert werden -- das Wasser in den Wasserkrügen war gefroren. Am Abend vorher war eine Veränderung im Wetter eingetreten, und ein scharfer Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Ritzen in unseren Schlafzimmerfenstern gepfiffen, hatte uns in unseren Betten vor
Kälte beben und den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht.
Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des Bibellesens zu Ende waren, war ich nahe daran, vor Kälte ohnmächtig zu werden. Endlich kam die Frühstückszeit, und an diesem Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt, die Qualität war
eßbar, die Quantität lies; viel zu wünschen übrig. Wie klein erschien mir doch meine Portion! Ich wünschte, sie wäre doppelt so
groß gewesen.
Im Laufe des Tages wurde ich der vierten Klasse als Schülerin eingereiht, und regelmäßige Aufgaben wurden mir angewiesen; bis jetzt war ich nur Zuschauerin bei den Vorgängen in Lowood gewesen. Da ich wenig daran gewöhnt gewesen, auswendig zu lernen, schienen die Aufgaben mir unendlich lang und
schwer. ich war daher froh, als Miss Smith mir gegen drei Uhr nachmittags einen zwei Ellen langen Streifen weißen Musselins samt Fingerhut und Schere gab und mir gebot, mich in einen stillen Winkel des Schulzimmers zu setzen, wo ich den Streifen säumen sollte. Um diese Zeit nähten auch die meisten anderen Mädchen, nur eine Klasse stand noch um Miß Scatcherds Stuhl herum und las. Da tiefe Stille herrschte, konnte man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen. Unter den Leserinnen bemerkte ich meine Bekannte aus dem Garten. Sie wurde ohne Unterlaß von Miß Scatcherd getadelt und gescholten.
,Burns, (dies schien ihr Name zu sein; die Mädchen wurden hier, wie anderswo die Knaben, mit ihren Familiennamen angeredet), ,Burns, du stehst schon wieder einwärts, augenblicklich die Fußspitzen nach außen.'!-- ,Burns, weshalb streckst du das Kinn in so häßlicher, unangenehmer Weise vor? Halte den Kopf gerade!'-- ,Burns, ich bestehe darauf, daß du dich gerade hältst, ich will dich in solcher Stellung nicht vor mir sehen,' usw., usw.
Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher zugemacht und die Mädchen geprüft. Die Lektion hatte einen
Teil der Regierung Karls 1 behandelt, und es waren unterschiedliche Fragen über Tonnengeld und Pfund- und Schiffszoll gestellt
worden, welche die meisten der Mädchen nicht beantworten konnten. Jede kleine Schwierigkeit jedoch wurde gelöst, wenn die Frage
an Burns kam; ihr Gedächtnis schien den Inhalt der ganzen Lektion gefaßt zu haben. Ich wartete, daß Miß Scatcherd ihre Aufmerksamkeit loben würde, statt dessen rief sie plötzlich aus:
,Du schmutziges Mädchen! Heute morgen hast du deine Nägel wieder nicht gereinigt!'
Burns antwortete nicht, ich wunderte mich über ihr Schweigen.
,Weshalb, dachte ich, ,erklärt sie denn nicht, daß sie weder ihr Gesicht waschen, noch ihre Nägel reinigen konnte, da das Wasser gefroren war?
Just wurde meine Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt, welche mich bat, ihr Garn zu halten. Während sie es abwickelte, sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir, fragte, ob ich schon früher eine Schule besucht habe, ob ich zeichnen, sticken, stricken könne usw.; als sie mich endlich entließ, konnte ich meine Beobachtungen über Miß Scatcherds Verhalten nicht fortsetzen. Als ich auf meinen Sitz zurückkehrte, erteilte sie gerade einen Befehl, den ich nicht verstehen konnte. Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und trat in ein kleines, inneres Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt wurden. Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und trug in ihrer Hand ein Bündel Reiser, das an einem Ende zusammengebunden war. Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie Miß Scatcherd mit einem ehrerbietigen Knix, dann löste sie schweigend, ohne daß es ihr befohlen wurde, ihre Schürze - und augenblicklich versetzt e die Lehrerin ihr mindestens ein Dutzend scharfer Streiche mit der Rute auf den Nacken. Keine Träne kam in Burns Augen, während ich vor Zorn bebte.
,Halsstarriges Mädchen!'' rief Miß Scatcherd aus, ,nichts kann dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen! -
Trage die Rute wieder fort.-
Burns gehorchte. Ich sah sie scharf an, als sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat. Sie schob gerade ihr Taschentuch
wieder in die Tasche, und eine Träne glänzte in ihrem Auge.
Die Spielstunde am Abend war für mich der angenehmste Teil des ganzen Tages in Lowood. Wenn das kleine Stück Brot,
der Schluck Kaffee, den ich um fünf Uhr genossen, meinen Hunger auch nicht gestillt hatte, so hatte er wenigstens meinen Lebensmut
wieder angeregt. Der lange Zwang des Tages fiel fort. Das Schulzimmer war wärmer als am Morgen, denn die Feuer in
demselben durften heller brennen, weil sie in gewissem Maße die Lichter ersetzen sollten, die noch nicht eingeführt waren. Der rötliche Feuerschein, der gestattete Lärm, die Menge vieler Stimmen rief ein wohliges Gefühl von Freiheit hervor.
Am Abend des Tages, an dem ich gesehen hatte, wie Miß Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte, ging ich wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und Bänken und lachenden Gruppen umher, ich fühlte mich indessen nicht einsam. Wenn ich an den Fenstern vorüberging, hob ich dann und
wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus. Der Schnee fiel in dichten Flocken, vor den unteren Fensterscheiben lag bereits
eine hohe Schicht; wenn ich mein Ohr dicht an das Fenster legte, konnte ich durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige
Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden.
Wenn ich ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen hätte, so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen, in der ich
die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte.
Dieser draußen tobende Sturm würde mir das Herz schwer gemacht und meinen Frieden gestört haben- wie die Dinge aber
lagen, rief das Getöse eine seltsame Erregung in mir wach. Ich wurde unruhig und fieberhaft, ich wünschte, daß der Wind lauter
heulen, die Dämmerung zur Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte.
Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend, bahnte ich mir einen Weg zu einem der Kamine. Dort fand ich an
dem hohen Drahtgitter knieend und in ein Buch vertieft Burns, während die glühende Asche nur einen matten Schein verbreitete.
,Ist es noch immer,Rasselas’, fragte ich sie.
,Ja,’ sagte sie, ,ich bin gerade damit zu Ende.’
Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu. Das war mir lieb.
,Jetzt,' dachte ich, ,kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen. Ich setzte mich neben sie auf den Fußboden.’
,Welchen Namen hast du noch außer Burns?’
,Helene.'
,Bist du von weit hergekommen?’
,Ich komme weiter von Norden her, von der schottischen Grenze.’
,Wirst du jemals wieder zurückkehren?’
,Ich hoffe es, aber niemand kann über die Zukunft verfügen.’
,Wünschest du nicht sehr, von Lowood fortzukommen?
,Nein, weshalb sollte ich das? Ich bin nach Lowood geschickt
worden, um eine gute Erziehung zu bekommen, und es würde
zwecklos sein, fortzugehen, wenn diese Absicht nicht erreicht ist.'
,Aber jene Lehrerin, Miß Scatcherd, ist doch so grausam gegen dich?’
‘Grausam? Durchaus nicht! Sie ist strenge. Sie haßt meine Fehler.’
,Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen, ich würde ihr Widerstand leisten; wenn sie mich mit jener Rute
schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen, vor ihrer Nase würde ich das Ding zerbrechen.''
,Wahrscheinlich würdest du das lassen, aber wenn du es tätest, so würde Mr. Brocklehurst dich aus der Schule jagen, und du würdest deinen Angehörigen Kummer machen. Es ist viel besser, einen Schmerz mit Geduld zu ertragen, den man nur allein fühlt, als eine unüberlegte Tat zu begehen, deren böse Folgen alle treffen, die dir verwandt sind-- und überdies gebietet die Bibel uns, Böses mit Gutem zu vergelten.
Verwundert hörte ich ihr zu. Ich konnte diese Lehre vom Dulden nicht begreifen. Doch fühlte ich, daß Helene Burns alle
Dinge in einem Lichte sah, das meinen Augen noch verborgen war. Ich vermutete aber, daß sie recht hatte und ich unrecht.
,Du sagst, daß du Fehler hast, Helene, welche? Mir scheinst du gut zu sein.
,Dann lerne von mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, sehr nachlässig, halte
keine Ordnung zwischen meinen Sachen. Ich bin unachtsam; ich vergesse die Vorschriften. Zuweilen sage ich wie du, ich kann es
nicht ertragen, mich der Schulordnung zu fügen. Alles dies ärgert Miß Scatcherd, welche von Natur sauber und pünktlich ist.
,Und unfreundlich und grausam, fügte ich hinzu, aber Helene Burns wollte diesem Zusatz nicht zustimmen, sondern schwieg.
Bei der Nennung von Miß Temples Namen flog ein sanftes Lächeln über ihr Gesicht.
,Miß Temple ist die Güte selbst; es bereitet ihr Schmerz, gegen irgend jemand strenge sein zu müssen, selbst gegen die schlechteste Schülerin der ganzen Schule. Sie sieht meine Fehler und belehrt mich freundlich darüber; wenn ich aber irgend etwas Lobenswertes tue, so hält sie nicht mit ihren Lobeserhebungen zurück. Ein starker Beweis für meine fehlerhafte Natur ist es, daß sogar ihre Vorstellungen, so milde, so vernünftig, nicht soviel Einfluß haben,
um mich von meinen Fehlern zu heilen. Und sogar ihr Lob, obgleich ich es so hoch schätze, kann mich nicht zu andauernder Aufmerksamkeit und Überlegung anspornen.'
,Das ist seltsam,'! sagte ich, ,es ist doch leicht, aufmerksam zu sein.”
,Für dich ist es das ohne Zweifel. Ich habe dich heute morgen beobachtet und sah, wie aufmerksam du warst. Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen, wie die meinigen, während Miß Miller die Lektion erklärt und fragt. Und die meinen wandern fortwährend, wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte, was sie sagt, höre ich oft sogar
den Laut ihrer Stimme nicht mehr; ich versinke in eine Art von
Traum. Manchmal glaube ich, daß ich in Northumberland bin
und daß der Lärm, den ich um mich herum höre, das Plätschern
und Rieseln eines kleinen Baches ist, der durch Deepden, ganz nahe
unserem Hause fließt: - wenn dann die Reihe an mich kommt,
zu antworten, muß ich erst geweckt werden, und weil ich dann von
allem, was gelesen wurde, nichts gehört habe, weil ich dem Rauschen des vermeintlichen Baches lauschte, so habe ich niemals eine
Antwort in Bereitschaft.'
,Aber du hast doch heute nachmittag so gut geantwortet.’
,Das war Zufall. Der Gegenstand, über den wir gelesen, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Anstatt von Deepden zu
träumen, dachte ich heute nachmittag verwundert darüber nach, wie ein Mann, der so innig wünschte, das Gute zu tun, oft so ungerecht
und unklug handeln konnte, wie Karl I. es getan; und ich dachte, wie traurig es gewesen, daß er bei all seiner Rechtschaffenheit und
Gewissenhaftigkeit nicht weiter blicken konnte, als bis zu den Vorrechten der Krone. Wenn er nur imstande gewesen wäre, in die
Ferne zu blicken und zu sehen, wohin das, was man den Geist der Zeit nennt, eigentlich strebte! Und doch-- ich liebe Karl-- ich
achte ihn-- ich bedauere ihn, den armen, gemordeten König! Ja, seine Feinde waren die schlimmsten; sie vergossen Blut, welches zu
vergießen sie kein Recht hatten! Wie konnten sie es wagen, ihn zu töten!
Helen sprach jetzt mit sich selbst; sie hatte ganz vergessen, daß ich wohl kaum imstande war, sie zu verstehen-- daß ich unwissend
war, daß der Gegenstand, über den sie sich ereiferte, mir fast unbekannt war. Ich rief sie wieder auf meinen Standpunkt zurück.
,Wandern deine Gedanken auch, wenn Miß Temple dich unterrichtet?
,Nein, gewiß nicht, oder doch nur selten. Miß Temple besitzt eine angenehme Sprechweise, und die Belehrung, welche sie erteilt,
ist meistens gerade das, was ich zu lernen wünschte.
,Also mit Miß Temple bist du gut?’
,Ja, aber nur aus Neigung, und darin liegt kein besonderes Verdienst.'
,Doch! Du bist gut mit denen, die gut mit dir sind. Das ist genug. Wenn die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber wären, so würden sie vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern, sondern immer schlechter und schlechter werden. Wenn man uns ohne Grund schlägt, so sollten wir wieder
schlagen, und zwar so kräftig, daß der andere sich wohl hüten würde, es jemals wieder zu tun.'
,Ich hoffe, du wirst anderen Sinnes werden, wenn du älter wirst, bis jetzt bist du ja nur ein kleines, unwissendes Mädchen.
Lies das Neue Testament und merke, was Christus sagt, wie er handelt - mache seine Lehre zu deiner Richtschnur, sein Tun zu
deinem Beispiel.’
,Was sagt er?’
,Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen und verfolgen.
,Dann müßte ich Mrs. Reed lieben, und das kann ich nicht;
ich müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.
Ihrerseits bat Helene Burns nun, mich ihr zu erklären, und
sofort begann ich ihr die ganze Geschichte meiner Leiden und Qualen zu erzählen. Wild und bitter, wenn ich erregt war, sprach ich,
wie ich fühlte, ohne Beschönigung, ohne Zurückhaltung.
Geduldig hörte Helene mir bis zu Ende zu. Ich erwartete
dann, daß sie eine Bemerkung machen werde, aber sie schwieg.
,Nun, fragte ich ungeduldig, ,ist Mrs Reed nicht eine herzlose, böse Frau?
,Sie ist unfreundlich gegen dich gewesen, ohne Zweifel, weil
sie deinen Charakter ebenso unausstehlich findet, wie Miß Scatcherd
den meinigen. Wie genau du dich aber an alles erinnerst, was sie
dir getan, was sie dir gesagt hat! Welch einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz gemacht zu haben scheint!
So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem
Gefühl nicht einzuprägen. Würdest du nicht glücklicher sein, wenn
du versuchtest, ihre Strenge zu vergessen, sowie die leidenschaftlichen Erregungen, welche diese wachrief? Das Leben scheint mir
doch zu kurz zu sein, um es damit hinzubringen, Feindseligkeit zu
nähren und erduldete Unbill zu verzeichnen. Ein jeder hat Fehler;
aber bald wird die Zeit kommen, das hoffe ich zuversichtlich, wo
wir sie ablegen zusammen mit unserem vergänglichen, irdischen
Leibe; wo wir Vergänglichkeit und Sünde mit diesem hinfälligen
Fleische von uns streifen, und nur der Geist zurückbleibt - dieser
unerschütterliche,, unverrückbare Grundstein des Lebens und des
Gedankens, so rein geblieben wie er war, als er vom Schöpfer ausging, um die Kreatur zu beleben; er wird dorthin zurückkehren,
von wannen er kam-- vielleicht um in ein Wesen überzugehen,
das höher und erhabener ist als der Mensch-- vielleicht um zur
Herrlichkeit einzugehen, von der ohnmächtigen menschlichen Seele
bis hinauf zum Seraph zu steigen! Denn gewiß, nimmer kann es
doch sein, daß wir umgekehrt vom Menschen zum Teufel degenerieren? Nein. Das kann ich nicht glauben. Mein Glaubensbekenntnis ist ein anderes. Niemand hat es mich jemals gelehrt, und nur selten spreche ich davon, aber es ist meine ganze Glückseligkeit, und ich klammere mich fest daran, denn es gewährt allen Hoffnung -- es macht die Ewigkeit zur Ruhe, zum Frieden - zur
himmlischen Heimat, nicht zum Schrecken, nicht zum Abgrund. Und
außerdem gewährt dieser Glaube mir die Fähigkeit, zwischen dem
Verbrecher und seinem Verbrechen zu unterscheiden. Ich bin imstande, ersterem von Herzen zu vergeben, während ich seine Tat
verabscheue. Und dieser mein Glaube macht auch, daß Rachegefühl
mein Herz niemals quält, Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet, Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann: ich lebe
in Frieden und denke an das Ende.’
Helenes Kopf, den sie immer ein wenig gesenkt trug, sank
noch tiefer herab, als sie die letzten Worte sprach. Ich sah es ihren
Blicken an, daß sie kein Verlangen trug, noch länger mit mir zu
reden, daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein' sein wollte.
Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken. Eine Aufseherin,
ein großes, grobes Mädchen, trat in diesem Augenblick an sie heran
und rief in ausgeprägtem cumberländischen Accent:
,Helene Burns, wenn du nicht hinaufgehst und augenblicklich
Ordnung in deiner Schieblade machst, so werde ich Miß Scatcherd
rufen und sie bitten, sich die Sache anzusehen.'
Helene seufzte, als sie aus ihren Träumereien gerissen wurde,
aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne Zögern, ohne
Erwiderung.
7. Kapitel.
Mr. Brocklehurst stellt mich an den Pranger.
Das erste Vierteljahr in Lowood schien mir ein Menschenalter,
aber durchaus nicht das goldene Zeitalter; es bedeutete einen
ärgerlichen Kampf mit der Schwierigkeit, mich an neue Regeln und
ungewöhnte Aufgaben zu gewöhnen.
Während der Monate Januar, Februar und März hinderte
uns der tiefe Schnee, weiter zu gehen, als bis an die Mauern des
Gartens - nur der sonntägliche Weg in die Kirche machte eine Ausnahme -- aber innerhalb dieser Grenzen mußten wir jeden
Tag eine Stunde in freier Luft zubringen. Unsere Bekleidung war nicht hinreichend, um uns gegen die strenge Kälte zu schützen. Wir
hatten keine Stiefel, der Schnee drang in unsere Schuhe ein; unsere Hände, für welche es keine Handschuhe gab, erstarrten und bedeckten sich nach und nach mit Frostbeulen, ebenso unsere Füße. Ich erinnere mich noch der Qualen, welche ich jeden Abend erduldete,
wenn meine Füße sich entzündeten, und der Schmerzen, wenn ich die geschwollenen, wunden und steifen Zehen am Morgen in die Schuhe zwängen mußte. Auch die Knappheit der Nahrung brachte uns fast zur Verzweiflung. Daraus entstand ein Mißbrauch, welcher schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete. Wenn sich nämlich den größeren, heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot, so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen dahin, ihnen ihre Portion abzutreten. Gar manchesmal habe ich zwischen zwei Anspruchmachenden das kostbare Stück Schwarzbrot geteilt, das wir zur Teestunde bekamen, und nachdem ich dann
noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte meines Kaffeenapfes gegeben hatte, schluckte ich den Rest zusammen mit geheimen Tränen
hinunter, welche der Hunger mir abpreßte.
Die Sonntage waren traurige Tage in dieser Winterzeit. Wir mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklebridge gehen, wo
unser Patron den Gottesdienst verrichtete. Fröstelnd machten wir uns auf den Weg, noch erfrorener langten wir in der Kirche an;
während des Morgengottesdienstes lähmte uns die Kälte beinahe.
Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten wir
nach Hause zurück. Der eisige Wintersturm, der über eine Kette
schneebedeckter Hügel von Norden her fegte, riß uns beinahe die
Haut vom Gesicht.
Wie wir uns nach dem Licht und der Wärme eines hellen
Feuers sehnten, wenn wir nach Hause kamen! Aber diese Wohltat blieb uns versagt - den Kleineren wenigstens. Jeder Kamin
im Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer Mädchen belagert, und hinter diesen kauerten die kleinen Kinder in trostlosen Gruppen umher, ihre abgemagerten Arme in ihre Schürzen hüllend.
Ein winziger Trost ward uns in der Teestunde in Gestalt einer doppelten Brotration - eine ganze Scheibe anstatt einer halben - mit der köstlichen Zugabe einer dünnen Schicht von Butter. Auf diesen allwöchentlichen Genuß freuten wir uns von einem Sonntag zum andern.
Der Sonntagabend wurde dazu verwandt, den Katechismus, das fünfte, sechste und siebente Kapitel des Evangeliums St. Matthäi anzusagen und eine lange Predigt mit anzuhören, welche die Miß Miller unter nicht zu unterdrückendem Gähnen uns vorlas.
Eine häufige Unterbrechung dieser Andacht geschah dadurch, daß ein halbes Duzend der kleinen Mädchen, überwältigt von Müdigkeit, von der Bank fielen und halbtot wieder emporgehoben wurden. Sie wurden in die Mitte des Zimmers gestellt und gezwungen, auszuharren, bis die Predigt zu Ende war. Zuweilen versagten die Füße ihnen den Dienst, und sie sanken in einen Haufen zusammen; dann pflegte man sie durch die hohen Stühle der Aufseherinnen zu stützen.
Eines Nachmittags-- ich war damals gerade drei Wochen in Lowood gewesen - saß ich mit der Tafel in der Hand da und zerbrach mir den Kopf über einem langen Divisionsexempel, als meine Blicke sich zerstreut auf das Fenster richteten. Ich erkannte die
hageren Umrisse einer Gestalt, und als zwei Minuten später die
ganze Schule, die Lehrerinnen mit eingeschlossen, sich erhob.
brauchte ich nicht aufzublicken, um zu wissen, wessen Eintritt auf
diese Weise begrüßt wurde. Ich hatte mich nicht getäuscht, es war
Mr. Brocklehurst, fest in seinen Überzieher geknöpft, und länger,
hagerer und strenger aussehend denn je.
Ich hatte meine besonderen Gründe, beim Anblick dieser Erscheinung zu erschrecken. Ich erinnere mich nur zu wohl der nichtswürdigen Winke, welche Mrs. Reed ihm über meinen Charakter
gegeben hatte, und des von Mr. Brocklehurst gegebenen Versprechens, Miß Temple und die Lehrerinnen von meiner lasterhaften,
verderbten Natur in Kenntnis zu setzen. Während der ganzen Zeit
hatte ich schon die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet; täglich hatte ich nach dem ,Manne, der da kommen sollte'', um durch
seine Auskunft über mein vergangenes Leben und mein Betragen
mich als ein schlechtes Kind zu brandmarken, ausgesehen - jetzt
war er da!
Er trat zu Miß Temple und sprach leise zu ihr ins Ohr. Ich
zweifelte keinen Augenblick daran, daß er ihr Eröffnungen über
meine Schlechtigkeit machte; mit peinvoller Angst beobachtete ich
ihre Blicke, jede Minute erwartete ich, daß ihr dunkles Auge voll
Abscheu und Verachtung mich ansehen würde.
,Ich hoffe, Miß Temple, daß der Zwirn, den ich in Lowton
gekauft habe, der passende sein wird. Ich glaube, er wird gerade
für die Kattunhemden gut sein, und ich habe auch die dazu passenden Nadeln ausgesucht. Wollen Sie Miß; Smith sagen, daß ich
vergaß, mir die Stopfnadeln zu notieren; nächste Woche wird sie
indessen mehrere Päckchen derselben bekommen, und sagen Sie ihr
auch, daß sie jeder Schülerin unter keiner Bedingung mehr als
eine Nadel zu gleicher Zeit gilt; wenn sie mehr davon haben, werden sie oft nachlässig und verlieren sie nur. Und dann, Miß
Temple! Ich wünschte wirklich, daß auf die wollenen Strümpfe
mehr geachtet würde! - Als ich das letztemal hier war, ging ich in
den Küchengarten und besah mir die Kleidungsstücke, welche auf
der Leine trockneten. Eine ganze Menge der schwarzen Strümpfe
war in mangelhaftem Zustande. Aus der Größe der Löcher, welche
ich in ihnen bemerkte, schloß ich, daß sie nicht gut ausgebessert
waren.
Hier hielt er inne.
,Und, fuhr er fort, ,die Wäscherin erzählt mir, daß einige
der Mädchen zwei reine Halskrausen in der Woche getragen
haben; das ist zu viel. Die Hausregel beschränkt sie auf eine.
,Ich glaube, Herr Brocklehurst, daß ich diesen Umstand genügend erklären kann. Am vorigen Donnerstag waren Agnes und
Katharine Johnston von ihren Freunden in Lowton zum Tee eingeladen. Ich gab ihnen die Erlaubnis, bei dieser Gelegenheit reine
Halskrausen anzulegen.''
Mr. Brocklehurst nickte.
,Nun, für einmal mag es hingehen, aber ich ersuche Sie, diesen Fall nicht zu oft vorkommen zu lassen. Noch eine andere Sache
hat mich überrascht. Indem ich die Rechnung mit der Haushälterin abschloß, fand ich, daß während der letzten zwei Wochen den
Mädchen zweimal ein Gabelfrühstück gereicht worden ist, welches
aus Brot und Käse bestand. Wio kommt das? Ich habe die Statuten durchgelesen und fand dort keiner Mahlzeit erwähnt, die sich
Gabelfrühstück nennt. Wer hat diese Neuerung eingeführt und mit
welchem Rechte?
,Dafür bin ich verantwortlich, mein Herr,'' entgegnete Miß
Temple, , das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß die Schülerinnen es nicht essen konnten, und ich konnte es nicht mit ansehen,
daß sie bis zum Mittagessen fasteten.
,Miß Temple, gestatten Sie mir einen Augenblick zu reden.
- - Sie wissen, daß es meine Absicht bei der Erziehung dieser Miben ist, sie nicht an Luxus zu gewöhnen, sondern sie abzuhärten
und sie an Geduld und Selbstverleugnung zu gewöhnen. Sollte
nun einmal zufällig solch eine kleine Enttäuschung des Appetits
vorkommen, weil etwa eine Mahlzeit verdorben ist, so sollte dieser
kleine Ausfall nicht durch einen Leckerbissen ersetzt werden. Eine
kurze Ansprache bei solchen Gelegenheiten würde sehr am Platze
sein. Man könnte z. B. auf die Leiden und Entsagungen der
ersten Christen hinweisen; auf die Qualen der Märtyrer, ja, sogar
auf die Gebete unseres Erlösers selbst, der seine Jünger ermahnt,
ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von
einem jeglichen Worte, so durch den Mund Gottes geht; auf seine
göttlichen Trostesworte: , Selig seid ihr, so ihr um meinetwillen
Hunger oder Durst leidet! O, Miß Temple, wenn Sie anstatt
der angebrannten Suppe mit Brot und Käse den Mund dieser
Kinder füllen, so nähren Sie allerdings ihre sterblichen Leiber, aber
Sie denken nicht daran, daß Sie die unsterblichen Seelen verhungern lassen.
Mr. Brocklehurst hielt wieder inne- wahrscheinlich von seinen Gefühlen überwältigt. Beim Veginn seiner Rede hatte Miß
Temple zu Voden geblickt; jetzt aber sah sie gerade vor sich hin,
und ihr Gesicht wurde marmorbleich.
Unterdessen stand Mr. Brocklehurst vor dem Kamin, die Hände
hatte er auf den Rücken gelegt, und majestätisch ließ er seine Blicke
über die ganze Schule schweifen. Plötzlich sah man ihn zusammenzucken, wie wenn sein Auge geblendet oder schmerzhaft berührt
worden sei; dann wandte er sich um, und rascher als er bisher gesprochen, sagte er:
,Miß Temple, Mß; Temple, was--was ist jenes Mädchen
da mit dem lockigen Haar? Rotes Haar, Madame, lockig - durchweg lockig? - Mit diesen Worten streckte er seinen Stock aus
und zeigte nach dem Gegenstande seines Entsetzens.
,Es ist Julia Severn,' entgegnete Miß Temple sehr ruhig.
,Julia Severn, Madame! Und weshalb hat sie oder irgend
eine andere gelocktes Haar? Weshalb richtet sie sich so offen gegen
alle Vorschriften und Grundsätze dieses Hauses nach der weltlichen
Mode, daß sie es wagt, ihr Haar in einem großen Wust von Locken
zu tragen?
.Julias Haar ist von Natur lockig,' entgegnete Miß Temple
noch ruhiger.
,Von Natur! Aber wir sollen uns nicht nach der Natur richten. Ich wünsche, daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden. Ich habe doch zu wiederholten Malen angedeutet, daß das
Haar einfach und glatt anliegend getragen werden soll. Miß
Temple, das Haar jenes Mädchens muß abgeschnitten werden;
morgen werde ich einen Barbier schicken, und ich sehe noch andere,
die viel zu viel Haarwuchs haben- das große Mädchen dort zum
Beispiel; sagen Sie ihr, daß sie sich umdreht. Sagen Sie den
Mädchen der ganzen ersten Bank, daß sie sich erheben und die Gesichter der Wand zuwenden.
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über die Lippen, als
wollte sie ein unwillkürliches Lächeln wegwischen, indessen erteilte
sie den gewünschten Befehl, dem die erste Klasse nachkam. Ich
lehnte mich ein wenig auf meiner Bank zurück und konnte die Blicke
und Grimassen wahrnehmen, mit welchen die Mädchen dies Manöver begleiteten. Wie schade war es, daß nicht auch Mr. Brocklehurst sie sehen konnte; vielleicht würde er dann eingesehen haben, daß, was er auch mit der Außenseite tun mochte, die Innenseite
seiner Einmischung weiter entrückt war, als er zu begreifen imstande war.
Ungefähr fünf Minuten lang betrachtete er die Kehrseite dieser lebenden Medaillen mit prüfenden Blicken-- dann fällte er das
Urteil. Die Worte klangen wie das Urteil des jüngsten Gerichts:
,Alle diese Haarflechten müssen abgeschnitten werden!
Miß Temple schien ihm Vorstellungen zu machen.
,Madame, fuhr er fort, ,jede dieser jungen Personen da vor uns trägt ihr Haar in Flechten gedreht, welche die Eitelkeit
geflochten hat- und diese, ich wiederhole es, müssen abgeschnitten werden, denken Sie an die Zeit, welche damit verloren geht, an-‘
Hier wurde Mr. Brocklehurst unterbrochen. Drei Damen traten ins Zimmer. Sie hätten ein wenig früher kommen sollen, um seinen Vortrag über Kleidung zu hören, denn sie waren köstlich in Samt und Seide und Pelze gekleidet. Die beiden jüngeren Damen (schöne Mädchen von sechzehn und siebzehn Jahren) hatten graue
Biberhüte mit Straußenfedern, und unter dem Rande dieser zierlichen Kopfbedeckung hervor zeigte sich eine Fülle von blonden, sorgfältig gekräuselten Haaren. Die ältere Dame war in einen kostbaren Samtschal gehüllt, der mit Hermelin beset war; auf ihrer Stirn trug sie falsche französische Locken.
Diese Damen wurden von Miß Temple mit großer Hochachtung als Mrs. Brocklehurst und ihre Töchter begrüßt und dann
zu den Ehrensitzen am Ende des Zimmers geleitet. Die Damen begannen jetzt, an Miß Smith, welche die Verwaltung der Wäsche
und die Beaufsichtigung der Schlafsäle unter sich hatte, einige verweisende Bemerkungen zu richten, aber ich hatte keine Zeit, auf das
zu horchen, was sie sagten; denn meine Aufmerksamkeit wurde jetzt anderweitig in Anspruch genommen.
Ich hatte mich auf der Bank zurückgelehnt, und während ich mit meinen Rechenexempeln beschäftigt schien, hielt ich meine Tafel
so, daß sie mein Gesicht gänzlich verdecken mußte. Durch einen unglücklichen Zufall entglitt diese meiner Hand und fiel mit lautem
Krach zu Boden. Aller Augen waren auf mich gerichtet. Ich wußte, was jetzt über mich ergehen würde. Während ich mich
bückte, um die Scherben meiner Tafel zusammenzusuchen, rüstete ich mich für das Schlimmste. Es kam.
,Ein nachlässiges Mädchen!' sagte Mr. Brocklehurst, und gleich darauf--,Ah, ich bemerke, es ist die neue Schülerin. Ehe
ich es vergesse, ich habe noch ein Wort über sie zu sagen. Das Kind,
das seine Tafel zerbrochen hat, soll vortreten!'
Ich war gelähmt, aber die beiden großen Mädchen, die mir
zur Seite saßen, stellten mich auf die Füße und schoben mich vorwärts dem gestrengen Richter entgegen, dann trat Miß Temple
dicht vor ihn, und flüsterte mir zu:
Fürchte dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß es ein unglücklicher Zufall war, du sollst nicht bestraft werden.
Wie ein Dolch ging mir dieser gütige Zuspruch durchs Herz.
,Holt jenen Stuhl,' sagte Mr. Brocklehurst, auf einen sehr
hohen Stuhl deutend, von dem eine Schulaufseherin sich soeben
erhoben hatte. Er wurde gebracht.
,Stellt das Kind hinauf.’
Ich fühlte nur, daß ich ungefähr bis zur Höhe von Mr.
Brocklehursts Nase emporgehißt wurde, daß er kaum einen Schritt von mir entfernt stand und daß mich eine Wolke von silbergrauen
Federn, dunkelroter Seide und orangegelben Kleidern umschwebte.
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, sagte er zu seiner Familie gewandt, ,Miß
Temple, Lehrerinnen und Kinder, ihr alle sehet dieses Mädchen?
Natürlich sahen sie es; denn ich hatte das Gefühl, als ob ihre
Augen wie Brenngläser meine Haut versengten.
,Ihr sehet, daß sie noch jung ist; ihr bemerkt, daß auch sie die
gewöhnliche Gestalt eines Kindes hat; Gott in seiner Gnade hat
auch ihr die Form gegeben, die er uns allen gewährt; keine Entstellung kennzeichnet sie als einen mit einem Makel behafteten Charakter. Wer würde glauben, daß der Böse in ihr bereits eine Dienerin und ein williges Werkzeug gefunden hat? Und doch -- es
schmerzt mich, es sagen zu müssen - ist dies der Fall.
Eine Pause folgte. Ich versuchte meine Nerven für weitere
Aufregungen zu stählen.
,Meine Kinder,’ fuhr der schwarze, steinerne Geistliche mit
Pathos fort, ,ihr müßt vor diesem verworfenen Kinde auf eurer
Hut sein; ihr müßt ihrem Beispiel nicht folgen; wenn es notwendig ist, meidet ihre Gesellschaft, schließt sie von euren Spielen aus.
habt keine Gemeinschaft, keinen Umgang mit ihr. Die Lehrerinnen
müssen sie überwachen, ihre Worte wohl erwägen und prüfen, ihre
Taten untersuchen, ihren Leib strafen, um ihre Seele zu retten
- wenn überhaupt eine solche Rettung noch möglich ist, denn
meine Zunge scheut sich, es auszusprechen-- dieses Kind, obwohl
im christlichen Lande geboren, ist schlimmer als manche kleine Hei
din, die ihr Gebet zu Brahma spricht und vor dem Götzenbild Juggernaut kniet-- dies Mädchen ist eine Lügnerin!'
Jetzt folgte eine Pause von zehn Minuten. Ich war wieder
ruhig geworden und bemerkte, wie all die weiblichen Brocklehursts
ihre Taschentücher hervorzogen und sie an die Augen führten, während die ältere Dame sich hin und her wiegte; die beiden Töchter
aber flüsterten; ,Wie entsetzlich!'
Mr. Brocklehurst fuhr fort:
,Dies alles erfuhr ich durch ihre Wohltäterin; durch die fromme und barmherzige Dame, welche sich der Waise annahm,
sie wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte, deren Großmut
diese Unglückselige durch eine so schnöde Undankbarkeit vergalt,
daß ihre edle Beschützerin gezwungen war, sie von ihren eigenen
Kindern zu trennen, aus Furcht, daß ihr schlechtes Beispiel deren
Reinheit beflecken könne. Sie hat sie hierher gesandt, um geheilt zu werden, wie die Juden des Altertums ihre Aussätzigen an den
Teich Bethesda schickten. Und daher, Vorsteherin, Lehrerinnen, ich flehe Sie an, lassen Sie die Wasserwellen um dieses Kind nicht
stillstehen.’
Mit diesem erhabenen Schlusse knöpfte Mr. Brocklehurst den
obersten Knopf seines Überziehers zu und murmelte etwas seiner
Familie zu. Diese erhob sich, verneigte sich gegen Miß Temple
und dann verließen die vornehmen Leute das Zimmer. Mein
Richter aber wandte sich an der Tür noch einmal um und sagte:
,Laßt sie noch eine halbe Stunde auf jenem Stuhl stehen,
und keinen während des ganzen übrigen Tages mit ihr sprechen.'
Da stand ich also, hoch erhoben über alle; ich, die ich so oft gesagt, daß ich die Schande nicht ertragen würde, auf meinen eigenen Füßen in der Mitte des Zimmers zu stehen-- ich stand nun da, allen Blicken ausgesetzt, als Säule der Schande. Worte vermögen meine Gefühle nicht zu beschreiben, die in mir tobten; aber gerade in dem Augenblick, wo sie mir die Kehle zusammenschnürten und mir den Atem zu rauben drohten, ging ein Mädchen an
mir vorbei. Welch ein seltsames Licht strömten seine auf mich gerichteten Augen aus! Es war, als habe ein Held, ein Märtyrer
einem Sklaven Mut und Kraft eingeflößt. Ich überwältigte den
Weinkrampf, der sich meiner bemächtigen wollte, erhob das Haupt
und stellte mich auf den Stuhl. Helene Burns stellte eine unbedeutende Frage über ihre Arbeit an Miß Smith, wurde wegen der
Geringfügigkeit derselben gescholten, ging an ihren Plat zurück
und lächelte mir im Vorübergehen wiederum zu. Welch ein Lächeln!
Noch heute erinnere ich mich dessen, und ich weiß, daß es der Ausfluß eines großen Geistes, eines wahren Mutes war; es verklärte
ihre scharfen Züge, ihr abgemagertes Gesicht, ihre eingesunkenen, grauen Augen wie der Wiedersein von der Gestalt eines Engels.
Und doch trug Helen Burns in diesem Augenblick die ,Binde der Unordnung' an ihrem Arm; vor kaum einer Stunde hatte ich erst
vernommen, wie Miß Scatcherd sie für den morgenden Tag verdammte, ein Mittagmahl von Wasser und Brot zu halten, weil sie
eine Übung beim Abschreiben mit Tinte befleckt hatte. So unvollkommen ist die Natur des Menschen! Solche Flecken gibt es auf der
Scheibe des strahlendsten Planeten, und Augen wie Miß Scatcherds sind nur imstande diese kleinlichen Mängel und Fehler zu
entdecken; für den vollen Glanz des Gestirns sind sie blind!
8. Kapitel
Miß Temple, mein Trost im Leid.
Ehe noch die halbe Stunde um war, schlug es fünf Uhr. Die Schülerinnen wurden entlassen und begaben sich zum Tee in den
Speisesaal. jetzt wagte ich herabzusteigen: es herrschte tiefe Dunkelheit. Ich ging in einen Winkel und setzt e mich auf den Fußboden. jetzt weinte ich,- Helene Burns war nicht mehr da; nichts, niemand hielt mich aufrecht; mir selbst überlassen, von
Kummer überwältigt, benetzte ich mit meinen Tränen den Fußboden. Ich hatte die feste Absicht gehabt, gut und brav zu werden, in Lowood viel zu lernen; mir Achtung zu erringen und Liebe zu erwerben. Schon hatte ich sichtbare Fortschritte gemacht; noch an demselben Morgen war ich die Erste in meiner Klasse geworden; Miß Miller hatte mich warm gelobt; Miß Temple hatte mir versprochen, mich zeichnen zu lehren und
mich französisch lernen zu lassen, wenn ich noch zwei Monate fortfahren würde, solche Fortschritte zu machen. Auch von meinen
Mitschülerinnen war ich gern gelitten, meine Altersgenossinnen
behandelten mich als ihresgleichen, niemand quälte, niemand belästigte mich - und jetzt lag ich hier in den Staub getreten! Würde
ich mich jemals wieder erheben können?
,Niemals, dachte ich und wünschte sehnlichst, sterben zu können. Während ich in gebrochenen Lauten diesen Wunsch hervorschluchzte, näherte sich mir jemand; ich fuhr empor - wiederum war Helene Burns mir nahe; das erlöschende Feuer ließ
mich gerade noch erkennen, wie sie durch das große, leere Zimmer
daherkam, sie brachte mir Kaffee und Brot.
,Komm, iß etwas, sagte sie; aber ich schob beides zurück.
Helene sah mich mit Erstaunen an; wie sehr ich mich auch bemühte,jetzt konnte ich meiner Erregung nicht Herr werden. Ich
fuhr fort laut zu weinen. Sie setzte sich neben mich auf den Fußboden, schlang die Arme um ihre Kniee und legte ihren Kopf
darauf; in dieser Stellung verharrte sie schweigsam wie ein Indianer. Ich war die erste, die sprach:
,Helene, weshalb bleibst du bei einem Mädchen, das jedermann für eine Lügnerin hält?
,Jedermann, Jane? Nun, es sind doch nur achtzig Menschen,
welche dich so nennen hörten, und die Welt hält doch Hunderte von
Millionen.''
,Aber was gehen mich die Millionen an? Die achtzig, welche
ich kenne, verachten mich.
,Jane, du irrst; wahrscheinlich ist nicht eine einzige in der ganzen Schule, die dich verachtet; viele- dessen bin ich gewiß - bedauern dich von ganzem Herzen.
,Wie können sie mich nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt
hat, noch bedauern?
,Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist nicht einmal ein großer
und bewunderter Mensch; er ist hier nicht beliebt; er hat auch
niemals irgend etwas getan, um sich beliebt zu machen. Wenn er
dich wie seinen besonderen Liebling behandelt hätte, so würdest du
nur Feinde gefunden haben, offene oder heimliche,- wie die
Dinge jetzt aber stehen, würden die meisten Mädchen die Sympathie gern beweisen, wenn sie es nur wagten. Möglich ist es, daß
Lehrerinnen und Schülerinnen dich während der nächsten zwei,
drei Tage mit kalten Blicken betrachten, aber glaub' mir, im Herzen sind sie dir freundlich gesinnt. Und wenn du fortfährst, gut
zu sein, so werden diese Gefühle binnen kurzem um so deutlicher
zutagetreten. Außerdem, Jane''-- sie hielt inne.
,Nun, Helene?' fragte ich und legte meine Hand in die ihre;
zärtlich rieb sie meine Finger, um sie zu erwärmen, und fuhr dann
fort:
,Wenn die ganze Welt dich haßte und dich für schlecht hielt,
so würdest du doch Freunde haben, solange dein eigenes Gewissen
dich von Schuld freispricht.
,Nein; ich weiß, daß ich von mir selbst gut denken würde;
aber das ist nicht genug; wenn andere mich nicht lieben, so will
ich lieber sterben als leben - ich kann es nicht ertragen, gehaßt
und verachtet zu sein, Helene. Sieh doch um von dir oder Miß
Temple oder sonst jemand, den ich wirklich liebe, geliebt zu werden,
würde ich mir gern den Knochen meines Arms zerbrechen oder mich
von einem wilden Stier niederstoßen lassen oder meine Brust von
den Hufen scheugewordener Pferde zertreten lassen.
,Ruhig, Jane! Du hältst zu viel von der Liebe der Menschen;
du bist zu stürmisch, zu heftig, du läßt dich zu sehr von deinen
Empfindungen beherrschen. Die allmächtige Hand, die deinen
Leib erschaffen und ihm Leben eingehaucht hat, gab dir andere
Stützen als dein schwaches Selbst oder Wesen; diese sind ebenso
schwach wie du. Außer dieser Welt, außer dem Menschengeschlecht
gibt es eine unsichtbare Welt und ein Reich der Geister; diese Welt
umgibt uns, denn sie ist überall, diese Geister wachen über uns,
denn sie sind da, um uns zu behüten; und wenn wir in Kummer
und Schande stürben, wenn Haß uns zu Boden drückte-- so sehen
Engel unsere Qualen, erkennen unsere Unschuld. Gott erwartet
nur die Trennung der Seele vom Leibe, um uns mit dem höchsten
Lohn zu krönen. Nun denn, weshalb von Leid überwältigt zu
Boden sinken, wenn das Leben so bald zu Ende ist und nach dem
Tode uns die Krone der Herrlichkeit winkt?’
Ich schwieg. Helene hatte mich beruhigt; aber die Ruhe,
welche sie mir gegeben, hatte einen Zusatz von unendlicher Traurigkeit. Sie atmete schneller und hustete trocken und kurz; ich vergaß für einen Augenblick meinen eigenen Kummer und gab mich
einer unbestimmten Besorgnis um ihre Gesundheit hin.
Meinen Kopf an Helenens Schulter lehnend, umschlang ich sie
mit meinen Armen; sie zog mich an sich, und so ruhten wir lange
schweigend. Nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde trat
Miß Temple ins Zimmer.
.Ich kam, um dich zu suchen, Jane Eyre, sagte sie,,du sollst
in mein Zimmer kommen, und da Helene Burns bei dir ist, mag
sie uns begleiten.
Ein helles Feuer brannte dort; es sah behaglich aus.
,Hast du deinen Kummer fortgeweint? fragte sie und blickte
mir ins Gesicht.
,Ich fürchte, das werde ich nicht können.
,Weshalb?
,Weil ich ungerecht und fälschlich beschuldigt worden bin; und
jetzt werden Sie, Madame, und alle anderen Menschen mich für
böse und gottlos halten.
,Wir werden dich für das halten, mein Kind, als was du dich
erweist. Fahre fort, dich wie ein gutes Mädchen zu betragen, und
du wirst mich zufrieden stellen.
,Gewiß, Miß Temple?
,Gewiß, Jane,' sagte sie und schlang ihre Arme um mich.
,Und jetzt erzähle mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst
deine Wohltäterin nannte.'
,Mrs. Reed, die Gattin meines Onkels. Mein Onkel ist tot,
und er ließ mich in ihrer Pflege zurück.
,Sie nahm dich also nicht aus eigenem Antrieb an Kindesstatt an?
,Nein, Madame; sie hat es sehr ungern getan; aber wie ich
die Dienstboten oft erzählen hörte, nahm er ihr kurz vor seinem
Tode das Versprechen ab, stets für mich sorgen zu wollen.r'
,Nun, Jane, du weißt, man hat dich der Falschheit angeklagt;
verteidige dich vor mir so gut du kannst. Sag' alles, was dein
Gedächtnis als wahr rechtfertigen kann; aber füge nichts hinzu
und übertreibe nichts.’
In der Tiefe meines Herzens beschloß ich, so maßvoll wie möglich zu erzählen, und nachdem ich einige Augenblicke nachgedacht
hatte, um das, was ich zu sagen hatte, richtig zu ordnen, erzählte
ich ihr die ganze Geschichte meiner traurigen Kindheit. Durch die
Erregung sehr erschöpft, sprach ich in gemäßigterem Tone, als ich
es sonst zu tun pflegte, und bedachte Helenes Warnung, mich dem
Rachegefühl nicht rückhaltslos hinzugeben.
Als ich zu Ende gekommen war, betrachtete mich Miß Temple
einige Minuten; dann sagte sie:
,Ich habe von Mr. Lloyd gehört; ich werde an ihn schreiben;
wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt, so sollst
du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden. Für mich,
Jane, stehst du schon jetzt unschuldig da.’
Sie küßte mich und sagte zu Helene Burns gewandt:
‘Wie geht es dir heute Abend, Helene? Hast du viel gehustet?’
,Nicht ganz so viel wie sonst, glaube ich.
,Und der Schmerz in deiner Brust?
,Damit ist es besser.
Miß Temple erhob sich, nahm ihre Hand und befühlte den
Puls. Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück; ich hörte, wie sie
leise seufzte. In Nachdenken versunken, verharrte sie einige Minuten; dann raffte sie sich gleichsam auf und sagte fröhlich:
,Aber heute abend seid ihr beide meine Gäste; ich muß euch als solche bewirten.' Sie zog die Glocke.
,Barbara, sprach sie zu dem Mädchen, welches eintrat, ,ich habe noch keinen Tee getrunken, bringe das Teebrett und bringe
auch Tassen für diese beiden jungen Mädchen.
Bald wurde das Teebrett gebracht. Wie hübsch erschienen die Porzellantassen und der glänzende Teetopf meinen Augen, als
sie auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen! Wie köstlich war der Duft des Getränkes und der gerösteten Weißbrotschnitten,
von denen ich freilich nur eine kleine Portion entdeckte!
,Barbara,'' sagte sie, ,könntest du mir nicht noch etwas Brot
und Butter bringen? Es ist nicht genug für drei.
Barbara ging hinaus.-- Gleich darauf kam sie zurück.
,Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die gewöhnliche Portion heraufgeschickt.'
,Schon gut, schon gut!' entgegnete Miß Temple;,dann werden wir uns schon einrichten, Barbara.- Als das Mädchen fort
war, fügte sie lächelnd hinzu: ,Glücklicherweise liegt es in meiner Macht, dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen.''
Nachdem sie Helene und mich aufgefordert hatte, uns an den Tisch zu setzen, und jeder von uns eine Tasse heißen Tees und eine
Scheibe gerösteten Weißbrots gegeben hatte, stand sie auf, öffnete eine Schieblade, nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes
Paket und enthüllte vor unseren Augen einen großen Streuselkuchen.
,Ich hatte die Absicht, jeder von euch ein Stück hiervon mitzugeben,'' sagte sie,,da man uns aber so wenig Weißbrot bewilligt
hat, sollt ihr es jetzt schon bekommen,'' und sie begann mit freigebiger Hand, den Kuchen in Stücke zu schneiden.
Die Mahlzeit schmeckte uns wie Nektar und Ambrosia. Unsere
Wirtin sah mit zufriedenem Lächeln, wie wir unseren Appetit an
den köstlichen Leckerbissen, welche sie uns vorsetzte, stillten. Als
der Tee getrunken und der Tischabgeräumt war, rief sie uns wieder an den Kamin; wir setzten uns an jede Seite von ihr, und jetzt
folgte ein Gespräch zwischen Helene und ihr, welches anhören zu
dürfen ein Vorzug war.
Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem
Äußeren, von Hoheit in ihrer Miene, von geläutertem Anstand in
ihrer Sprache, welches jede Abweichung in das Feurige, Erregte,
Ungestüme ausschloß -- ein etwas, welches die Freude jener heiligte, welche ihr zuhörten, welche sie anblickten, und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte. In diesem Augenblick war es auch meine Empfindung; was aber Helen Burns anbetraf, so überraschte sie mich aufs höchste.
Das erfrischende Mahl, das wärmende Feuer, die Gegenwart ihrer geliebten Lehrerin, oder vielleicht mehr als alles dies etwas in
ihrem eigenen, seltenen Gemüt, hatte alle Kräfte und Gaben in ihr
geweckt. Sie erwachten, sie entflammten; zuerst glühten sie in den
strahlenden Farben ihrer Wangen, welche ich bis zu dieser Stunde
niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte; dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen, welche plötzlich eine
Schönheit bekommen hatten, die noch eigentümlicher war, als jene
Miß Temples-- eine Schönheit, die weder in der schönen Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten Augenbrauen lag, - sondern in dem Ausdruck, in der Bewegung, in dem Glanz. jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache
floß --- aus welcher Quelle weiß ich nicht -- denn hat ein vierzehnjährige Mädchen ein Herz, das groß genug, stark und kräftig genug ist, um den brausenden Quell der reinen, vollen, feurigen Beredsamkeit fassen zu können? Dies war die Eigenart von Helens
Gespräche an diesem mir unvergeßlichen Abende; es war, als wolle ihr Geist sich beeilen, in einer kurzen Spanne Zeit ebenso
voll und ganz zu leben, wie die meisten Menschen während eines langen Daseins.
Sie sprachen über Dinge, von denen ich niemals gehört hatte;
von längst geschwundenen Zeiten und Nationen; von fernen Ländern, von entdeckten oder nur geahnten Naturgeheimnissen-- sie
sprachen von vielen Büchern, die sie gelesen hatten! Dann schienen
sie so vertraut mit französischen Namen und französischen Schriftstellern; aber mein Erstaunen stieg aufs höchste, als Miß Temple
Helene fragte, ob sie zuweilen einen freien Augenblick erübrigen
könne, um das Latein, welches ihr Vater sie gelehrt hatte, zu wiederholen; dann nahm sie ein Buch von einem Bücherbrett und bat
sie, eine Seite des Vergil zu lesen und zu übersetzen; Helene gehorchte, und meine Verehrung wuchs, während ich lauschte. Kaum
hatte sie geendet, als die Glocke ertönte, welche die Zeit des Schlafengehens verkündete; wir durften nicht länger verweilen; Miß
Temple sagte, während sie uns an ihr Herz zogt
,Gott segne euch, meine Kinder!'
Helene hielt sie ein wenig länger ans Herz gedrückt als mich;
sie ließ sie widerstrebender von sich; Helene folgte ihr Auge bis
an die Tür; ihr galt die Träne, welche sie schnell zu trocknen bemüht war.
Als wir das Schlafzimmer erreichten, hörten wir Miß Scatcherds Stimme; sie sah nach, ob die Schiebladen in Ordnung
waren; gerade hatte sie jene von Helene Burns herausgezogen,
und als wir eintraten, wurde Helene mit einem scharfen Verweise
begrüßt, und die Lehrerin kündigte ihr an, daß ihr am folgenden
Tage ein halbes Dutzend unordentlicher Dinge an die Schulter geheftet werde.
,Meine Sachen befanden sich allerdings in einer auffälligen
Unordnung, flüsterte Helene mir zu, ,ich hatte die Absicht gehabt
aufzuräumen, aber ich vergaß es.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit weithin sichtbaren Buchstaben auf ein Stück Pappe das Wort ,Schlampe'
und band es wie einen Denkzettel um Helenes hohe und milde
Stirn. Geduldig und ohne Murren trug sie es bis zum Abend,
es wie eine verdiente Strafe ansehend. Kaum hatte Miß Scatcherd sich nach den Nachmittags-Unterrichtsstunden zurückgezogen,
als ich auf Helene losstürzte, es herabriß und es ins Feuer warf.
Die Wut, deren sie nicht fähig war, hatte den ganzen Tag über
in meiner Seele gekocht, und große, heiße Tränen hatten fortwährend auf meinen Wangen gebrannt; denn der Anblick ihrer traurigen Ergebung bereitete mir einen unerträglichen Schmerz.
Ungefähr eine Woche nach diesen Vorgängen erhielt Miß
Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, dessen Antwort;
wie es schien, bestätigte er meinen Bericht. Miß Temple rief die
ganze Schule zusammen und verkündete, daß die Anklagen, welche
gegen Jane Eyre erhoben, genau untersucht worden, und daß sie
sich freue, mich von jeder Schuld freisprechen zu können. Darauf
schüttelten die Lehrerinnen mir die Hände und küßten mich, und
ein Murmeln der Freude lief durch die Reihen meiner Mitschülerinnen.
Eine schwere Last war mir vom Herzen genommen; und von dieser Stunde an begann ich von neuem ernstlich zu arbeiten, fest
entschlossen, alle Schwierigkeiten hinfort zu überwinden; ich gab
mir Mühe, und der Erfolg entsprach meinen Anstrengungen; mein
Gedächtnis, welches von Natur nicht sehr stark war, besserte sich
durch stete Übung; mein Verstand wurde durch die Arbeit geschärft; nach einigen Wochen wurde ich in eine höhere Klasse verseht; in weniger als zwei Monaten durfte ich mit dem Französischen und Zeichnen beginnen. Ich lernte die ersten beiden Zeiten
des Verbums etre und skizzierte meine erste Hütte - deren schräge
Mauern, nebenbei gesagt, den hängenden Turm von Pisa bei weitem übertrafen- an demselben Tage. Als ich an jenem Abend
zu Bette ging, vergaß ich, in meiner Phantasie das Barmeciden Souper von heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch zu bereiten, mit dem ich sonst mein inneres Sehnen zu
befriedigen pflegte; statt dessen ergötze ich mich an dem Anblick
idealer Zeichnungen, welche ich im Dunkeln sah, alle das Werk meiner eigenen Hand; fein gezeichnete Häuser und Bäume, malerische
Felsen und Ruinen, stattliche Viehherden, reizende Malereien von
Schmetterlingen, welche halberschlossene Rosen umflogen; Vögel,
welche an reifen Kirschen pickten, Nester von Zaunkönigen, in denen
perlgroße Eier lagen, während junge Efeuranken sie umwucherten.
Im Gedanken ventilierte ich auch die Möglichkeit, ob ich jemals
imstande sein würde, ein gewisses, kleines, französisches Geschichtenbuch, welches Madame Pierrot mir an jenem Tage gezeigt hatte,
fließend übersetzen zu können;-- aber noch war dieses Problem
nicht zu meiner Zufriedenheit gelöst, als ich sanft einschlief.
Wie richtig hat Salomo gesagt:,Besser ein Mahl von frischen Kräutern, wo die Liebe ist, als ein gemästeter Ochse, wo der Haß ist.
Jetzt hätte ich Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht mehr mit Gateshead-Hall und seinem Luxus vertauschen mögen.
9. Kapitel.
Der liebsten Freundin seliger Heimgang.
Aber die Entbehrungen oder richtiger gesagt die Mühseligkeiten in Lowood verringerten sich. Der Frühling kam; die Winterfröste hatten aufgehört; der Schnee war geschmolzen, die schneidenden Winde waren milder geworden. Meine armen Füße, welche im Winter entzündet waren, begannen zu heilen. An besonders sonnigen Tagen begann es schon angenehm und freundlich zu werden, ein zartes Grün begann sich über die braunen Beete
auszubreiten. Unter den Blättern blickten Blumen hervor: Schneeglöckchen, Krokus, dunkelrote Aurikeln und goldäugige
Stiefmütterchen. An den schulfreien Donnerstagnachmittagen machten wir jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain,
unter den Hecken noch schönere Blumen.
Ich entdeckte auch, daß ein großes Vergnügen außerhalb unseres Gartens lag. Er bestand nämlich in der Aussicht auf eine
lange Reihe hochgipfeliger, grüner und schattiger Hügel und einen klaren Bach voll dunkler Steine und glitzernder Strudel.
Aus dem April wurde Mai; ein klarer, schöner Mai mit blauem Himmel und mildem Sonnenschein. Die anscheinend dürren Ulmen und Eschen und Eichen wurden belaubt. Waldpflanzen sproßten in allen Ecken und Vertiefungen, und die wilden Schlüsselblumen bedeckten den Boden wie mit Sonnenstrahlen; oft habe
ich an schattigen Stellen ihren zarten, goldigen Glanz für hellen Sonnenschein gehalten. Und alles dies genoß ich frei, unbewacht und fast immer allein.
Reizend in der Tat wär die Lage von Lowood, ob aber gesund oder nicht, das ist eine andere Frage.
Das Waldtal, in welchem Lowood lag, war die Brutstätte von Nebeln, welche Krankheiten in die Stiftung einführten. Der Typhus brach aus, und bevor der Mai herbeikam, war die Erziehungsanstalt in ein Hospital umgewandelt.
Durch mangelhafte Ernährung und vernachlässigte Erkältungen wau die Mehrzahl der Schülerinnen für die Ansteckung veranlagt; von achtzig Mädchen lagen fünfundvierzig zu gleicher Zeit an der Krankheit danieder. Die Schulstunden hörten auf, alle
Vorschriften blieben unbeachtet. Den wenigen, welche gesund blieben, wurde eine fast unbeschränkte Freiheit gewährt, denn der Arzt
bestand zu ihrer Gesunderhaltung auf der Notwendigkeit häufiger
Bewegung in freier Luft. Miß Temple wohnte im Krankenzimmer; niemals verließ sie es, mit Ausnahme von wenigen Stunden
der Nacht, wo sie selbst etwas ruhte. Viele, welche bereits angesteckt
waren, kehrten nur nach Hause zurück, um zu sterben; einige starben in der Anstalt und wurden schnell und in der Stille begraben,
da die Natur der Krankheit keinen Aufschub gestattete.
Während so die entsetzliche Krankheit in Lowood wütete und
der Tod so häufig Besuch hielt, leuchtete draußen der strahlende
Mai über stolze Hügel und den herrlichen Wald. Der Garten
prangte im Blumenflor: Lilienkelche waren erschlossen, Tulpen und
Rosen standen in Blüte; die Ränder der kleinen Beete strahlten in
ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten Tausendschönchen; Morgen und Abend strömten die Heckenrosen ihren würzigen
Duft aus-- und diese blühenden Schätze waren jetzt für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos - nur zuweilen legte
man ihnen eine Handvoll Blüten und Blätter in den Sarg.
Aber ich und die übrigen, welche gesund blieben, genossen in
vollen Zügen die Schönheit der Gegend und der Jahreszeit; man
ließ uns wie Zigeuner im Walde umherstreifen; wir taten von morgens bis abends nur, was uns gefiel, gingen wohin wir wollten
-- und wurden auch besser beköstigt. Mr. Brocklehurst und seine
Familie kamen jetzt gar nicht mehr nach Lowood; die Furcht vor
Ansteckung hatte die geizige Wirtschafterin fortgetrieben; ihre Nachfolgerin kannte die Gewohnheit Lowoods noch nicht und versorgte
uns mit verhältnismäßiger Freigebigkeit. Die Kranken konnten
ja auch weniger essen. Wenn sie keine Zeit hatte, ein regelrechtes
Mittagessen herzurichten -- ein Fall, der ziemlich häufig eintrat,
pflegte sie uns ein großes Stück kalter Pastete zu geben oder
ein großes Stück Brot und Käse; damit gingen wir in den Wald
hinaus, wo jede von uns ihr Lieblingsplätzchen aufsuchte und ein
üppiges Mahl hielt.
Mein Lieblingssitz war ein breiter, glatter Stein, welcher sich
weiß und trocken mitten aus dem Waldlache heraushob; er war
nur zu erreichen, indem ich durch das Wasser watete, und das tat
ich denn ziemlich oft und zwar barfuß. Der Stein war gerade
breit genug, um auf,er mir noch ein anderes Mädchen aufzunehmen; dies war Mary Ann Wilson, ein kluges, beobachtendes Kind,
dessen Gesellschaft mir Freude machte, teilweise weil sie witzig und
originell war, und teilweise, weil sie eine Art hatte, welche mir besonders zusagte. Mit meinen Fehlern hatte sie die größte Nachsicht. Sie liebte es, zu belehren- ich, zu fragen; so wurden wir
gut miteinander fertig und zogen viel Vergnügen aus unserem
gegenseitigen Verkehr.
Und wo war inzwischen Helene Burns? Weshalb brachte ich
diese süßen Tage der Freiheit nicht mit ihr zu ? Hatte ich sie vergessen? Oder war ich ihrer veredelnden Gesellschaft überdrüssig
geworden? Gewiß war die erwähnte Mary Ann Wilson jener
meiner ersten Freundin nicht ebenbürtig; sie konnte mir nur lustige
Geschichten erzählen oder irgend einen witzigen Klatsch wiederholen, der mir gerade Vergnügen machte, während Helen, wenn
ich die Wahrheit über sie gesprochen habe, geeignet war, dene.
welche das Vorrecht, die Begünstigung ihrer Unterhaltung genossen, Sinn und Geschmack für höhere, reinere Dinge einzuflößen.
Das ist wahr, mein teurer Leser, und ich wußte und fühlte das;
und obgleich ich ein unvollkommenes Geschöpf bin mit vielen
Fehlern und wenigen guten Eigenschaften, so war ich Helene
Burns doch noch niemals überdrüssig geworden; niemals hatte
ich aufgehört, für sie eine Liebe zu hegen, die so stark, so zärtlich
und so achtungsvoll war, wie nur je ein Gefühl mein Herz bewegt
hat. Wie hätte es denn auch anders sein können, wenn Helene zu
allen Zeiten und unter allen Umständen mir eine ruhige und treue
Freundschaft bewiesen hatte, welche keine böse Laune je verbitterte, kein Streit jemals störte?
Helene war augenblicklich krank; seit mehreren Wochen war
sie meinen Augen bereits entrückt; ich wußte nicht, in welches Zimmer sie eine Treppe höher gebracht worden war. Man hatte mir
gesagt, daß sie sich nicht in der Hospitalabteilung unter den Fieberkranken befände; denn ihre Krankheit war die Schwindsucht, nicht
der Typhus, und ich in meiner Unwissenheit stellte mir unter
Schwindsucht eine harmlose Krankheit vor, die durch Pflege und
Fürsorge mit der Zeit geheilt werden müsse.
In diesen Gedanken wurde ich noch dadurch bestärkt, daß sie
einigemal an sonnigen, warmen Nachmittagen von Miß Temple in
den Garten geführt wurde; bei diesen Gelegenheiten durfte ich
nicht mit ihr sprechen; ich sah sie nur aus dem Fenster des Schulzimmers und dann nicht einmal deutlich; denn sie war in viele
Tücher gehüllt und saß in einiger Entfernung auf der Veranda.
Eines Abends, im Anfang des Monats Juni, war ich sehr spät
mit Mary Ann im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten wir
uns von den anderen getrennt und waren weit umhergestreift, so
weit, daß wir uns verirrten und den Weg in einer einsamen Hütte,
wo ein Mann und eine Frau wohnten, erfragen mußten. Als wir
endlich zurückkamen, war der Mond schon aufgegangen; ein Pony,
welchen wir als denjenigen des Arztes erkannten, stand an der
Gartentür. Mary Ann bemerkte, daß wahrscheinlich irgend jemand
schwer erkrankt sein müsse, wenn Mr. Bates noch so spät am
Abend geholt worden sei. Sie ging in das Haus; ich blieb zurück,
um noch eine Handvoll Wurzeln, die ich im Walde ausgegraben
hatte, in meinem Garten einzupflanzen. Es war ein so wunderschöner Abend, so rein, so ruhig, so warm. Im dunklen Osten
stieg majestätisch der Mond empor. Ich freute mich darüber, wie
-
,Wie traurig ist es doch, jetzt auf dem Krankenbett liegen zu
müssen und in Todesgefahr zu schweben! Diese Welt ist so schön
-- es muß doch entsetzlich sein, abberufen zu werden und wer weiß
wohin gehen zu müssen!
Und meine Seele machte die erste erste Anstrengung, das zu
begreifen, was man in bezug auf Himmel und Hölle sie gelehrt
hatte; zum erstenmal erblickte ich überall einen unermeßlichen Abgrund; zum erstenmal bebte meine Seele entsetzt zurück, sie empfand und fühlte nichts Sicheres mehr als die Gegenwart, alles andere war eine leere Tiefe- es schauderte mich bei dem Gedanken, in dies Chaos hinabzutauchen. Als ich noch diesen Gedanken nachhing, hörte ich, wie die große Hausthür geöffnet wurde; Mr.
Bates trat heraus, mit ihm eine Krankenwärterin. Nachdem sie
gewartet, bis er aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war, wollte
sie die Tür wiederum schließen. Ich lief auf sie zu.
,Wie geht es Helene Burns?
,Sehr schlecht, lautete die Antwort.
,War Mr. Bates ihretwegen gekommen?
,Ja.,Und was sagt er?
,Er sagt, daß sie nicht mehr lange hier verweilen wird.'
Im ersten Augenblick bemächtigte sich meiner ein namenloser
Schrecken; dann empfand ich den heftigsten Schmerz, dann einen
Wunsch-- den Wunsch, sie zu sehen. Und ich fragte, in welchem
Zimmer sie läge.
,Sie ist in Miß Temples Zimmer,'' sagte die Wärterin.
,Kann ich hinaufgehen und mit ihr sprechen?'
,O nein, Kind! Das geht nicht an. Und jetzt ist es auch für
Sie Zeit, hineinzugehen; Sie werden das Fieber bekommen, wenn
Sie draußen sind, während der Tau fällt.
Die Wärterin schloß die Haustür: ich ging durch den Seiteneingang, welcher zu dem Schulzimmer führte; ich kam noch zu rechter Zeit; es war neun Uhr, und Miß Miller rief gerade die Schülerinnen zum Schlafengehen.
Es mochte vielleicht zwei Stunden später, ungefähr elf Uhr
sein; leise stand ich auf, zog mein Kleid über mein Nachtgewand
und schlich barfuß aus dem Gemach, um Miß Temples Zimmer zu
suchen. Es befand sich am entgegengesetzten Ende des Hauses;
aber ich kannte den Weg, und der helle Mondschein half mir, ihn
zu finden. Ich verspürte einen scharfen Geruch von Kampfer
und Essig, als ich mich dem Zimmer der Fieberkranken näherte;
schnell eilte ich an der Tür vorüber, aus Furcht, das die Krankenwärterin mich hören könne. Ich mußte Helene selen,-- ich
mußte sie umarmen, bevor sie starb, -- ich musste ihr einen letzten
Kuß geben, noch ein letztes Wort mit ihr sprachen.
Nachdem ich die Treppe hinuntergegangen war, einen Teil
vom Erdgeschoß des unteren Hauses durchschritten hatte und es
mir gelungen war, ohne Geräuschzwei Türen zu öffnen, kam ich
an eine zweite Treppe; diese stieg ich wieder hinauf und befand
mich gerade vor der Tür von Miß Temples Zimmer. Durch das
Schlüsselloch und eine Spalte unterhalb der Tür fiel ein Lichtschein; ringsumher herrschte tiefe Stille. AlS ich näher kam, fand
ich die Tür nur angelehnt, wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach etwas Luft einzulassen. In heftigem Schmerz erbebend,
öffnete ich die Tür ganz und blickte hinein. Mein Auge suchte
Helene und fürchtete, den Tod au finden.
Dicht neben Miß Temples Bett stand ein kleines Bettchen.
Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht war durch die Vorhänge verdeckt. Die Wärterin, mit welcher
ich im Garten gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und war
eingeschlafen; ein ungeputztes Licht auf dem Tische verbreitete ein
trübes Licht. Miß Temple war nicht sichtbar; später erfuhr ich,
daß sie zu einer Fieberkranken gerufen worden. -- Ich stand neben
dem kleinen Bette still; meine Hand faßte den Vorhang, doch hielt
ich es für besser, zu sprechen, bevor ich denselben zur Seite zog.
Ein Schauer faßte mich bei der Möglichkeit, daß ich vielleicht nur
noch eine Leiche sehen könnte. ,Helene,flüsterte ich, ,wachst du?’
Sie bewegte sich, schob den Vorhang zurück-- und ich blickte
in ihr blasses, abgezehrtes aber ruhiges Gesicht. Sie schien so
wenig verändert, daß meine Furcht augenblicklich schwand.
,Bist du's wirklich, Jane? fragte sie mit ihrer gewohnten,
sanften Stimme.
,Ah!' dachte ich, ,sie wird nicht sterben; sie irren sich alle;
wäre es der Fall, so könnte sie nicht so ruhig aussehen.''
Ich ging an ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt und
ihre Wange, ihre Hände und ihre Arme ebenfalls; aber sie lächelte
wie früher.
,Warum kommst du hierher, Jane? Es ist schon nach elf
Uhr; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören.'
,Ich kam, um dich zu sehen, Helene. Ich hörte, du seist sehr
krank, und ich konnte nicht einschlafen, bevor ich mit dir gesprochen
hatte.
,Du bist also gekommen, um mir Lebewohl zu sagen: wahrscheinlich bist du gerade noch zu rechter Zeit gekommen.'
,Willst du fort, Helene? Willst du etwa nach Hause?
,Ja, nach Hause-- in meine ewige, meine letzte Heimat.’
,Nein, nein, Helene,'! unterbrach ich sie jammernd. Während ich versuchte, meine Tränen zu unterdrücken, hatte Helene
einen heftigen Hustenanfall; indessen weckte dieser die Krankenwärterin nicht; als er vorüber war, lag sie einige Minuten ganz
erschöpft da; dann flüsterte sie:
,Jane, deine kleinen Füße sind nackt; decke dich mit meiner
Decke zu.
Ich tat es; sie schlang ihren Arm um mich, und ich schmiegte
mich dicht an sie. Nach langem Schweigen fuhr sie flüsternd fort:
h
,Ich bin sehr glücklich, Jane; und wenn du hörst, daß ich gestorben bin, so sollst du dich nicht darum grämen. Wir alle müssen
ja sterben, und die Krankheit, die mich fortrafft, ist nicht schmerzhaft; sie schreitet langsam und schmerzlos fort. Ich hinterlasse
niemanden, der mich betrauert. Ich habe nur einen Vater; er hat
sich vor kurzem wieder verheiratet und wird mich nicht vermissen.
Indem ich jung sterbe, werde ich vielen Leiden entgehen. Ich hatte
keine Eigenschaften, keine Talente, die mir meinen Lebensweg
glücklich hätten machen können. Fortwährend würde ich gefehlt
haben.'
,Aber wohin gehst du denn, Helene? Kannst du es sehen?
Kannst du glauben?
,Ich glaube; ich habe die feste Zuversicht: ich gehe zu
Gott.
,Wo ist Gott? Was ist Gott?
,Mein Schöpfer und der deine, der niemals zerstören kann,
was er geschaffen hat. Ich glaube fest an seine Macht und vertraue seiner Allgüte. Ich zähle die Stunden bis zu jener bedeutungsvollen, da ich ihn von Angesicht zu Angesicht schauen soll.'
,Und werde ich dich wiedersehen, Helene, wenn ich sterbe?'
,Du wirst in dieselben Regionen der Glückseligkeit kommen
wie ich; derselbe allmächtige Allvater wird auch dich zu sich nehmen, Jane, zweifle nicht daran.'
Fester schlang ich meine Arme um Helene; sie war mir in diesem Augenblick teurer denn je; mir war, als könne ich mich nicht
von ihr trennen. Gleich darauf sagte sie in ihrer lieblichen Weise:
,Wie wohl ich mich fühle! Der letzte Hustenanfall hat mich
ein wenig ermüdet; mir ist, als könnte ich jetzt schlafen; aber verlaß mich nicht, Jane; ich möchte dich nahe bei mir wissen.''
,Ich bleibe bei dir, teure Helene; niemand soll mich von hier
fortbringen.'
,Ist dir warm, mein Liebling?
.Ja.
,Gute Nacht, Jane.
,Gute Nacht, Helene.
Sie küßte mich, und ich küßte sie; bald schliefen wir beide.
ls ich erwachte, war es Tag. ich öffnete die Augen; jemand
hielt mich in den Armen; es war die Krankenwärterin; sie trug
mich durch die Korridore in den Schlafsaal zurück. Man gab mir
keinen Verweis dafür, daß ich mein Bett verlassen hatte; die Leute
hatten an andere Dinge zu denken. Auf meine vielen Fragen gab
man mir damals keine Erklärungen; aber einige Tage später erfuhr ich, daß Miß Temple, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt
war, mich in dem kleinen Bette gefunden habe; mein Gesicht ruhte
an Helene Burns Schulter, meine Arme umschlangen ihren Hals.
Ich schlief, und Helene war tot.
Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhofe von Brocklebridge;
noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode deckte es nur ein einfacher
Grashügel. jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel die Stelle;
darauf steht ihr Name und das Wort: ,Auferstehen.''
10. Kapitel.
Der Typhus in Lowood.-- Neue Ziele.
Der Typhus verschwand nach und nach in Lowood; aber seine
Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer hatte die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Ursache dieser Geißel wurde genau untersucht, und so wurden mehrere Tatsachen entdeckt, welche
die allgemeine öffentliche Entrüstung im höchsten Grade erregten.
Die ungesunde Lage des Instituts; die schlechte Beschaffenheit der
Nahrung, welche den Kindern verabreicht wurde; das salzige.
stinkende Wasser, welches bei der Zubereitung verwendet wurde;
die elende, unzureichende Bekleidung der Schülerinnen - alle diese
Dinge kamen ans Tageslicht, und die Entdeckung machte einen sehr
beschämenden Eindruck für Mr. Brocklehurst, hatte aber eine
segensreiche Wirkung für die Anstalt.
Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute spendeten
große Summen für die Errichtung eines passenderen Gebäudes
in einer besseren Lage; neue Statuten wurden aufgestellt. Verbesserungen in Nahrung und Kleidung eingeführt; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Ausschusses anvertraut. Mr. Brocklehurst behielt zwar das Amt eines Kassenverwalters; aber bei der Erledigung seiner Pflichten standen ihm
Herren von einsichtsvollerer und menschlicherer Sinnesart zur
Seite. Ich blieb noch acht Jahre nach ihrer Umgestaltung eine Bewohnerin ihrer Mauern; sechs Jahre als Schülerin und zwei als
Lehrerin. In beiden Eigenschaften kann ich nur ihren großen
Wert und ihre Wichtigkeit bezeugen.
Während dieser acht Jahre war mein Leben außerordentlich
einförmig; aber nicht unglücklich, weil es nicht untätig war. Mit der Zeit stieg ich zum Range der ersten Schülerin der ersten Klasse
empor; dann wurde ich mit dem Amte einer Lehrerin betraut; dieser Pflichten erledigte ich mich während zweier Jahre. Doch nach
Ablauf dieser Zeit nahm ich eine andere Stelle an.
Bei allen Veränderungen war Miß Temple Vorsteherin des
Seminars geblieben; ihrem Unterricht verdankte ich den größten
Teil meiner Kenntnisse; ihre Freundschaft war mein immerwährender Trost gewesen; sie hatte die Stelle einer Mutter bei mir
vertreten, sie wurde meine Erzieherin und später meine Gefährtin.
Um diese Zeit heiratete sie und zog mit ihrem Gatten-- einem
Geistlichen, der ein ausgezeichneter Mann und einer solchen Gattin
würdig gewesen war -- in eine entfernte Grafschaft; für mich
war sie infolgedessen verloren.
Seit dem Tage, wo sie uns verließ, war ich nicht mehr dieselbe; mit ihr war jedes Gefühl der Gemeinschaft, die Lowood gewissermaßen zu meiner Heimat gemacht hatte, dahin. Die Empfindungen meiner Seele waren geregelter geworden. Ich hatte
mich der Pflicht und der Ordnung unterworfen; ich war ruhig
geworden und glaubte, daß ich zufrieden sei.
Aber das Schicksal in Gestalt Seiner Hochehrwürden des
Herrn Nasmyth trat zwischen Miß Temple und mich;- ich sah
sie kurz nach der Trauung im Reisekleide in den Postwagen steigen;
ich sah den Wagen den Hügel hinauffahren und hinter dem Walde
verschwinden. Dann ging ich auf mein Zimmer. Und dort verbrachte ich auch in Einsamkeit den größten Teil des Tages.
Viele Stunden lang ging ich im Zimmer auf und ab. Ich
bildete mir ein, daß ich nur meinen Verlust betrauere und daran
dächte, ihn zu ersehen; als ich aber den Schluß meiner Betrachtungen zog, da dämmerte die Entdeckung vor mir auf: ich fühlte,
daß sie die reine Atmosphäre, welche ich in ihrer Nähe eingeatmet
hatte, mit sich genommen habe, und daß ich jetzt in mein eigenes
natürliches Element zurückversetzt sei. Ich fühlte, wie die alten
Leidenschaften wieder in mir erwachten. Es war nicht, als ob eine
Stütze mir genommen sei, sondern vielmehr, als ob eine bewegende
Kraft verloren gegangen; nicht als ob die Fähigkeit, ruhig
und zufrieden zu sein, geschwunden sei, sondern als ob die Ursache
zur Zufriedenheit dahin sei. Während vieler Jahre war Lowood meine ganze Welt gewesen; meine Erfahrung kannte
nichts anderes als seine Vorschriften. jetzt aber fiel mir ein,
daß die wirkliche Welt groß sei, und daß ein weites, wechselvolles
Feld von Furcht und Hoffnung, von Empfindung und Anregung
jene erwarte, welche genug Mut besäßen, hinauszugehen, um wirkliche Lebenserfahrung zu suchen.
Ich ging an das Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Da
lagen die beiden Flügel des Gebäudes, da war der Garten, dort
die Grenze von Lowood, dahinter der hügelige Horizont. Mein
Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort, um an den
entferntesten, den blauen Vergspitzen, haften zu bleiben. Diese
zu übersteigen, sehnte ich mich; alles innerhalb ihrer Grenzen von
Felsen und Heide erschien mir Gefängnis und Verbannung. Ich
verfolgte die weiße Landstraße, welche sich an dem Fuße eines
Berges dahinzog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand, mit den Augen. Da erinnerte ich mich der Zeit, da ich
in einer Postkutsche auf derselben Straße des Weges gekommen
war; ich erinnerte mich, wie wir in der Dämmerung jenen Hügel
herunterfuhren; ein Menschenalter schien vergangen seit jenem
Tage, der mich zuerst nach Lowood brachte -- und nicht eine
Stunde hatte ich es seitdem verlassen. Alle meine Ferien hatte ich
in der Schule verlebt; Mrs. Reed hatte mich niemals wieder nach
Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgend
ein Mitglied ihrer Familie mich besucht. Weder schriftlich noch
mündlich hatte ich einen Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten; Schulregeln, Schulpflichten, Schulgebräuche, Schulgedanken, Stimmen, Gesichter, Phrasen, Kostüme, Sympathien und
Antipathien -- das war alles, was ich vom Leben kannte. Und
jetzt fühlte ich, daß dies nicht genug sei. In einem einzigen Nachmittage wurde ich dessen überdrüssig, was mir in acht Jahren zur
Gewohnheit geworden war. Ich ersehnte die Freiheit; ich lechzte
nach Freiheit; um die Freiheit betete ich; der Wind, der sich leise
erhob, schien das Gebet zu verwehen. Dann gab ich die Freiheit
auf und sprach eine demütigere Bitte aus: ich bat um Veränderung, um irgend eine Anregung. Aber auch diese Bitte schien sich
kn bem weiten Raum zu verlieren.,Dann,'' rief ich in halber
Verzweiflung aus, ,dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt!
Hier rief mich die Glocke zum Abendessen.
Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte ich meine unterbrochenen Gedankengang nicht wieder aufnehmen; selbst dann hielt mich
noch eine Lehrerin, welche das Zimmer mit mir teilte, durch interesseloses Geschwätz von dem Gegenstande fern, dem ich mich mit
meinen Gedanken wieder zuwenden wollte. Wie wünschte ich, daß
der Schlaf sie endlich zum Schweigen bringen möchte!
Endlich schnarchte Miß Gryce; sie war eine schwerfällige Walliserin, und bis jetzt hatte ich ihre Schnarchlaute nur als eine Belästigung betrachtet; heute abend aber begrüßte ich die ersten tiefen
Töne mit innerster Befriedigung; ich brauchte keine Unterbrechung
mehr zu fürchten; meine halbverwischten Gedanken belebten sich
von neuem.
,Eine neue Dienstbarkeit! Darin liegt etwas, sagte ich zu
mir selbst. ,Es klingt nicht allzu süß; es klingt nicht wie die Worte
Freiheit, Aufregung, Genuß- entzückende Klänge in der Tat;
aber für mich doch nichts als Klänge. Aber Dienstbarkeit! Das
ist eine Tatsache! Jeder kann dienen! Ich habe hier acht Jahre
gedient; und jetzt verlange ich nichts weiter, als anderswo dienen
zu können. Ist die Sache denn nicht ausführbar? Ja - ja -
das Ende ist nicht so schwer, wenn mein Gehirn nur erfinderisch
genug wäre, um die Mittel, es zu erreichen, aufspüren zu können.'
Ich richtete mich im Bette auf, um mein vorerwähntes Hirn
zur Tätigkeit anzuspornen; es war eine frostige Nacht; ich bedeckte
meine Schultern mit einem Schal, und dann fing ich wieder mit
allen Kräften an zu denken.
,Was fehlt mir eigentlich? Eine neue Stelle in einem neuen
Hause, unter neuen Gesichtern, unter neuen Verhältnissen. Dies
wünsche ich, weil es nichts nützt, etwas Besseres zu wünschen.
Wie macht man es nun, um eine neue Stelle zu bekommen? Man
wendet sich an seine Freunde, ich habe keine Freunde. Es gibt
aber noch viele Menschen, die keine Freunde haben und selbst für
sich sorgen müssen und sich selbst helfen. Wie machen Sie das?’
Mein Hirn arbeitete schneller und schneller; ich fühlte die Pulse
in meinem Kopf und meinen Schläfen klopfen; aber fast eine Stunde lang arbeitete es in einem Chaos und ohne Erfolg. Fieberhaft erregt durch die vergebliche Anstrengung erhob ich mich wieder und ging einigemal im Zimmer auf und ab; zog den Vorhang zurück, blickte zu den Sternen, zitterte vor Kälte und kroch
wieder in mein Bett.
Während meines Umherwanderns hatte eine gütige Fee gewiß die erflehte Antwort auf mein Kopfkissen niedergelegt, denn
als ich wieder lag, kam ein Gedanke in meinen Sinn: ,Leute,
welche Stellungen suchen, fragen in der Zeitung an: du mußt es
im ,—shire Herald’ ankündigen.'
,Aber wie? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen.
Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt:
,Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den Herausgeber des ,Herald' einschicken; bei der ersten Gelegenheit,
die sich dir darbietet, mußt du die Sendung in Lowton auf die Post
geben; die Antwort muß an J. E. an das dortige Postamt geschickt werden; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt, kannst du hingehen und dich erkundigen, ob irgend eine Antwort eingetroffen ist; daraufhin hast du zu handeln.'
Zwei, dreimal überdachte ich diesen Plan; jetzt hatte ich ihn genügend verarbeitet; ich hatte ihn in eine klare, praktische Form
gefaßt; jetzt war ich zufrieden und fiel in tiefen Schlaf.
Mit Tagesanbruch war ich auf. Ehe noch die Glocke ertönte,
hatte ich meine Annonce geschrieben, couvertiert und adressiert; sie
lautete folgendermaßen:
,Eine junge, im Lehren geübte Dame wünscht eine Stellung
in einer Familie bei Kindern unter vierzehn Jahren. Sie ist befähigt, in den gewöhnlichen Fächern, welche zu einer guten englischen Erziehung gehören, zu unterrichten, ebenso im Französischen, im Zeichnen und in der Musik. Gefällige Adressen sind an J. E.,
postlagernd Lowton,-shire, zu richten.’
Nach dem Tee bat ich die neue Vorsteherin um die Erlaubnis, nach Lowton gehen zu dürfen, wo ich einige Besorgungen für mich
und zwei meiner Mitlehrerinnen zu machen hatte. Die Erlaubnis wurde mir gern gewährt. Ich ging. Der Weg war zwei Meilen lang; es war ein feuchter Abend, aber die Tage waren noch lang; ich ging in mehrere Läden, warf meinen Brief in den Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern,
aber mit erleichtertem Herzen zurück.
Die jetzt folgende Woche schien endlos lang. Wie alle Dinge dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende, und an einem anmutigen
Herbstabende befand ich mich abermals zu Fuß unterwegs nach Lowton.
Mein Vorwand bei dieser Gelegenheit war gewesen, mir das Maß zu einem paar Schuhe nehmen zu lassen; folglich machte ich
dieses Geschäft zuerst ab, und nachdem es erledigt, ging ich aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine, reinliche Straße
in das Postamt. Eine alte Dame verwaltete es; sie trug eine Hornbrille auf der Nase und schwarze Handschuhe.
,Sind Briefe für J. E. angelangt? fragte ich.
Sie blickte mich über ihre Brille fort an; dann öffnete sie eine
Schieblade und wühlte solange zwischen dem Inhalt umher, daß
meine Hoffnung zu schwinden begann. Endlich, nachdem sie ein
Dokument mindestens fünf Minuten lang vor ihre Augengläser
gehalten hatte, reichte sie es mir durch den Postschalter hin, indem
sie diese Tat zugleich mit einem fragenden und mißtrauischen
Blicke begleitete -- der Brief war an J. E. adressiert.
,Ist nur er da? fragte ich.
,Ja,' sagte sie; ich schob ihn in die Taschen und machte mich
auf den Nachhauseweg. Jetzt konnte ich ihn nicht öffnen; die
Hausordnung verlangte, daß ich um acht Uhr zurück wäre, und
es war bereits halb acht.
Als wir uns endlich für die Nacht zurückzogen, war die unvermeidliche Miß Gryce noch meine Gefährtin. Ich fürchtete, daß Miß Gryce sprechen würde, bis das kleine Restchen Licht verlöschen würde; glücklicherweise hatte das reichliche Mahl, welches sie zu sich genommen hatte, eine einschläfernde Wirkung. Sie schnarchte schon, bevor ich mich entkleidet hatte. Noch war ein Zolllang Kerze vorhanden- ich zog meinen Brief hervor, das Siegel trug den
Anfangsbuchstaben F - ich erbrach es, der kurze Inhalt lautete:
,Wenn J. E., welche am letzten Donnerstag eine Annonce in
den “—shire Herald” rücken ließ, die erwähnten Fähigkeiten besitzt und wenn sie genügend Auskunft über Charakter und Kenntnis geben kann, so wird ihr eine Stellung geboten, wo sie nur ein kleines Mädchen unter zehn Jahren zu unterrichten hat. Gehalt
dreißig Pfund Sterling im Jahre.- . . wird gebeten, Zeugnisse, Namen, Adresse und alles Nähere einzusenden unter der
Adresse:,Mrs. Fairfax, Thornfield bei Millcote,-shire.’
Lange prüfte ich das Schriftstück; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, wie die einer alten Frau. Dieser
Umstand war befriedigend, denn eine Furcht hatte mich gequält,
daß ich durch dieses eigenmächtige Handeln ins Unheil geraten
würde; und vor allen Dingen wünschte ich doch auch, in ein achtbares Haus zu kommen. Mrs. Fairfax! Ich sah sie in einem
schwarzen Kleide und in der Witwenhaube; vielleicht etwas kalt -
aber nicht unhöflich: ein Muster der ältlichen, englischen Respektabilität. Thornfield! das war ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung, gewiß ein sauberes, nettes Plätzchen. Millcote, -shire!
Ich frischte meine Erinnerung an die Karte von England auf; ja,
da lagen sie vor mir, die Grafschaft sowohl wie die Stadt. Sie
war London um siebzig Meilen näher, als die entlegene Grafschaft,
in welcher ich jetzt lebte: das war schon eine Empfehlung für mich.
Ich sehnte mich dorthin, wo Leben war; Millcote war eine große
Fabrikstadt, ein lebhafter Ort ohne Zweifel; desto besser, das
würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein. Nicht daß meiner Phantasie etwa die Gedanken an hohe Fabrikschornsteine
und Rauchwolken zugesagt hätten - ,aber,' folgerte ich weiter, ,Thornfield liegt wahrscheinlich eine gute Strecke Wegs von der
Stadt entfernt.’
Hier erlosch die Kerze.
Am folgenden Tage mußten neue Schritte getan werden.
Meine Pläne konnten nicht länger in der eigenen Brust verschlossen
bleiben; um sie ihrer Ausführung näher zu bringen, mußte ich sie
anderen mitteilen. Nachdem ich bei der Vorsteherin eine Audienz
erhalten hatte, teilte ich ihr während der Mittags-Erholungsstunde mit, daß ich Aussicht auf eine neue Stellung habe, in welcher das Gehalk das Doppelte von dem betragen würde, das ich in Lowood erhielt. Sehr freundlich willigte sie ein, in dieser Sache
als Vermittlerin auftreten zu wollen. Am nächsten Tage trug sie
Mr. Brocklehurst die Angelegenheit vor; dieser erwiderte, daß man
an Mrs. Reed schreiben müssen, da diese mein Vormund sei.
Infolgedessen ging eine Notiz an diese Dame ab, auf welche sie
antwortete, daß ich ganz nach eigenem Belieben handeln könne, da
sie längst jede Einmischung in meine Angelegenheiten aufgegeben
habe. Dieser Brief machte die Runde bei dem Komitee, und nach
sehr unnötiger Verzögerung erhielt ich die Erlaubnis, meine Stellung zu verbessern, wenn ich könnte. Dieser Einwilligung folgte
die Versicherung, daß man mir, da ich sowohl als Lehrerin wie als
Schülerin mir die vollständige Zufriedenheit der Lehrerinnen in
Lowood erworben, unverzüglich ein Zeugnis über Charakter wie
über Fähigkeiten, das von allen Vorstehern der Anstalt unterzeichnet, zustellen würde.
Nach ungefähr einer Woche erhielt ich das Zeugnis, schickte
eine Abschrift an Mrs. Fairfax und erhielt die Antwort, daß sie
zufrieden sei und ich binnen vierzehn Tagen den Posten als Gouvernante antreten könnte.
Die vierzehn Tage gingen schnell dahin. Ich hatte keine große
Garderobe, wenn sie auch meinen Bedürfnissen vollkommen genügte. Der letzte Tag reichte hin, um meinen Koffer zu packen - -
denselben, welchen ich bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte.
Die Kiste wurde geschnürt, die Adresse aufgenagelt. Nach
einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um sie nach Lowton
mitzunehmen, wohin ich selbst mich am folgenden Morgen in früher Stunde begeben sollte, um mit der Post weiter zu fahren. Ich
hatte mein schwarzwollenes Reisekleid ausgebürstet, meinen Hut,
Muff und meine Handschuhe zurechtgelegt; in allen Schiebladen
nachgesucht, damit nichts zurückbliebe, und jet, da ich nichts mehr
zu tun hatte, setzte ich mich und versuchte mich auszuruhen. Doch
das war unmöglich; obgleich ich während des ganzen Tages auf
den Füßen gewesen, konnte ich jetzt doch nicht einen Augenblick
Ruhe finden; ich war zu aufgeregt. Heute abend schloß ein Abschnitt meines Lebens ab; morgen begann ein anderer. Fieberhaft mußte ich wachen, während der Wechsel sich vollzog.
,Miß,' sagte ein Mädchen, welches mich in dem Korridor, wo
ich wie ein geängstigter, ruheloser Geist auf- und abging, traf,
,unten ist jemand, der mit Ihnen sprechen möchte.
,Ohne Zweifel der Bote,' dachte ich und lief ohne weitere
Frage die Treppe hinunter. Ich ging an dem hinteren Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei, dessen Tür halb geöffnet war, um in
die Küche zu gehen, als jemand aus dem Zimmer gestürzt kam.
, Sie ist's, ich weiß es gewiß!-- überall hätte ich sie wiedererkannt!'' rief die Gestalt, die mich in meinem Laufe aufhielt und
meine Hand ergriff.
Ich blickte auf. Vor mir stand eine Frau, gekleidet wie eine
herrschaftliche Dienerin, matronenhaft, aber dennoch jung, mit
schwarzem Haar, dunklen Augen, frischer Gesichtsfarbe.
,Nun, wer ist's wohl? fragte sie mit einem Lächeln und einer
Stimme, die ich halb und halb erkannte; ,aber Miß Jane, ich
hoffe doch, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben?
Im Augenblick darauf umärmte und küßte ich sie voll Entzücken: ,Bessie! Bessie! Bessie! weiter konnte ich nichts hervorbringen; sie hingegen lachte bald, bald weinte sie; dann gingen
wir zusammen ins Wohnzimmer. Am Kaminfeuer stand ein kleiner Bursche von ungefähr drei Jahren.
,Das ist mein kleiner Junge,' sagte Bessie schnell.
,Du bist also verheiratet, Bessie?
,Ja. Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem
sKutscher; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen, das ich Jane habe taufen lassen.'
,Und du wohnst nicht mehr in Gateshead?
,Ich wohne in der Pförtnerloge; der alte Portier ist fort.
,Nun, und wie geht es allen dort? Du mußt mir alles erzählen, Bessie; aber nimm erst Platz; und du, Bobby, komm zu
mir und setze dich auf meinen Schoß, willst du? Aber Bobby zog
es vor, sich neben seine Mama zu setzen.
,Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jane, und auch nicht
sehr stark, fuhr Mrs. Leaven fort. ,Man hat Sie wohl hier in
der Schule nicht allzu gut gehalten? Miß Reed ist mindestens
einen Kopf größer als Sie, und Miß Georgina ist gewiß zweimal
so breit.
,Georgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie.’
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in
London gewesen, und dort hat jedermann sie bewundert; ein junger Lord hat sich in sie verliebt; aber seine Verwandten waren
gegen die Heirat; und-- was denken Sie wohl?-- er und Miß
Georgina verabredeten, miteinander davonzulaufen. Aber sie
wurden entdeckt und aufgehalten. jetzt leben sie und ihre Schwester wie Hund und Kate miteinander; sie zanken und streiten unaufhörlich.
,Nun, und was macht John Reed?
,Ach, er ist nicht so gut, wie seine Mutter es wohl wünschen
könnte. Er war auf der Universität und wurde fortgejagt; dann
wollten seine Onkel, daß er Advokat werden und die Rechte studieren sollte. Aber er ist ein so zerstreuter junger Mensch, ich
glaube, daß niemals viel aus ihm werden wird.
,Wie sieht er aus?
,Er ist sehr schlank. Einige Leute finden, daß er ein schöner
junger Mann ist. Aber er hat so dicke Lippen.?
,Und Mrs. Reed?
,Die gnädige Frau sieht stark und wohl genug aus, aber ich
glaube, daß sie sich in ihrem Gemüt oft krank fühlt. Mr. Johns
Betragen gefällt ihr nicht - er verbraucht sehr viel Geld.
,Hat sie dich hergeschickt, Bessie?
,Nein, in der Tat; aber ich habe schon solange gewünscht, Sie
zu sehen, und als ich hörte, daß ein Brief von Ihnen gekommen
sei, und daß Sie in eine andere Gegend des Landes gehen wollten,
dachte ich mir, daß ich mich auf den Weg machen müsse, um Sie
noch einmal zu sehen, bevor Sie mir ganz entrückt wären.
,Und ich fürchte, Bessie, du siehst dich in deinen Erwartungen
getäuscht. Dies sagte ich wohl lachend, aber ich hatte bemerkt,
daß Bessies Blicke in keiner Weise Bewunderung ausdrückten, wenn
auch Achtung darin lag.
,Nein, Miß Jane, das nicht gerade; Sie sehen sehr fein aus;
Sie sehen aus wie eine Dame, und mehr habe ich eigentlich nie
von Ihnen erwartet. Als Kind waren Sie schon keine Schönheit.
Ich lächelte über Bessies offenherzige Antwort. Ich fühlte,
daß sie treffend war, aber ich muß gestehen, daß ich doch nicht ganz
unempfindlich gegen ihren Inhalt war. Mit achtzehn Jahren wünschen die meisten Menschen zu gefallen, und die Überzeugung.
daß ihr Äußeres nicht geeignet ist, ihnen die Erfüllung dieses Wunsches zu verschaffen, ist nicht angenehm.
,Aber ich vermute, daß Sie sehr gelehrt sind, fuhr Bessie, wie um mich zu trösten, fort. ,Was können Sie denn alles?
Können Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin und öffnete es; dann bat sie mich, ihr ein Stück vorzuspielen. Ich
spielte einige Walzer, und sie war entzückt.
,Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen !' sagte sie
freudig.,Ich habe ja immer gesagt, daß Sie sie im Lernen übertreffen würden. Können sie auch zeichnen?
,Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen.
Es war eine Landschaft in Wasserfarben, welche ich der Vorsteherin
aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittelung bei dem
Komitee geschenkt hatte, und die sie unter Glas und Rahmen hatte
bringen lassen.
,Aber das ist schön, Miß Jane! Der Zeichenlehrer der Miß
Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben; von den jungen
Damen selbst will' ich schon gar nicht reden. Haben Sie auch Französisch gelernt?
,Ja, Bessie; ich kann es lesen und auch sprechen.
,Und können Sie auch sticken?
,Gewiß, das kann ich.
,O, Sie sind ja eine vollkommene Dame geworden, Miß
Jane! Das habe ich mir immer gedacht. Ihnen wird es immer
gut gehen, ob sich nun Ihre Verwandte um Sie kümmern oder
nicht. Ich wollte Sie noch um etwas befragen. -- Haben Sie
jemals von den Verwandten Ihres Vaters, den Eyres etwas gehört?
,Niemals.
,Nun, Sie wissen ja, Mrs. Reed hat immer gesagt, daß sie
arm und von geringem Stande wären; möglich, daß sie arm
sind, aber ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst; denn
eines Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach
Gateshead und wünschte Sie zu sehen. Mrs. Reed sagte, daß Se
fünfzig Meilen weit in einer Schule seien; er schien sehr enttäuscht,
denn er konnte nicht bleiben; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen, und das Schiff sollte schon in wenigen Tagen von
London abgehen. Er sah aus wie ein Gentleman, und ich glaube,
es war Ihres Vaters Bruder.
,Nach welchem fremden Lande ging er, Bessie?
,Nach einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo sie
Wein machen- der Kellermeister hat mir das gesagt.
,Madeira? fiel ich ein.
Ja. ja, das war's, so hieß sie.
,Und dann ging er wieder fort?
,Ja. Er blieb nicht viele Minuten im Hause. Mrs. Reed
war sehr hochmütig zu ihm. Nachher sagte sie von ihm, er sei ein
,armseliger Krämer''. Mein Robert glaubt, daß er ein Weinhändler war.
Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und ich von alten
Zeiten, und dann war sie gezwungen, mich zu verlassen. Als ich
am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete, sah
ich sie noch für einige Minuten wieder. Schließlich trennten wir
uns vor dem Posthause; sie begab sich auf die Höhe des Lowood-
Felsens, wo der Wagen vorüberkam, der sie nach Gateshead zurückführen sollte; ich bestieg das Gefährt, das mich in die unbekannte Gegend von Millcote brachte, zu einem neuen Leben und
zu neuen Pflichten.
11. Kapitel.
Die Reise nach Thornfieldhall.- Meine neuen Lebensgefährten.
Ein neues Kapitel in einem Roman ist mit einem neuen Akt
in einem Schauspiel zu vergleichen; wenn ich den Vorhang wiederum in die Höhe ziehe, lieber Leser, mußt du dir vorstellen, daß
du ein Zimmer im ,Georgs Wirtshaus- in Millcote siehst, mit so
großblumigen Tapeten an den Wänden, wie Gasthauszimmer sie
gewöhnlich aufweisen; mit dazu passenden Teppichen, Möbeln,
Nippesfiguren auf dem Kamin, Kupferstichen, einem Porträt von
Georg 1l., einem zweiten des Prinzen von Wales, und einer Darstellung vom Tode des Generals Wolfe. Und alles dies siehst du
bei dem Schein einer Öllampe, welche von der Decke herabhängt,
und dem eines hellen Kaminfeuers, neben welchem ich in Mantel
und Hut sitze; mein Muff und Regenschirm liegen auf dem Tische,
und ich versuche, mich an der Wärme des Ofens von der Betäubung zu erholen, welche eine sechzehnstündige Reise in kaltem
Oktoberwetter bei mir hervorgerufen hatte; um vier Uhr morgens
hatte ich Lowton verlassen, und die Stadtuhr von Millcote schlug
jetzt gerade die achte Stunde.
Ich hatte gehofft, bei meiner Ankunft jemanden in Millcote
zu meinem Empfange bereit zu finden. Ich blickte ängstlich am
Posthause umher, in der Erwartung meinen Namen von irgend
jemandem aussprechen zu hören und einen Wagen zu erblicken,
welcher mich nach Thornfield bringen sollte. Aber nichts derartiges war sichtbar, und als ich den Kellner fragte, ob jemand da gewesen sei, um sich nachMi; Eyre zu erkundigen, erhielt ich eine verneinende Antwort. So blieb mir also nichts anderes übrig, als
ein Zimmer zu verlangen, und hier saß ich nn, während Furcht
und Zweifel aller Art meine Gedanken beherrschten.
Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl, sich
plötzlich ganz allein in der Welt zu sehen-- von allen Bekannten abgeschnitten - ungewiß, ob der Hafen, dem man zusteuert,
auch erreichbar ist, und ob man nicht verhindert ist, nach dem
Hafen, den man verlassen hat, wieder zurückzukehren. Der Reiz
des Abenteuerlichen versüßt dies Gefühl, das Bewußtsein des Stolzes erwärmt es -- aber die Empfindung der Furcht dämpft es;
und kaum war eine halbe Stunde vergangen, in welcher ich noch
immer allein war, so wurde das Gefühl der Furcht durchaus überwiegend. Da fiel mir ein zu klingeln.
,Ist hier in der Nähe ein Ort, welcher Thornfield heißt?
fragte ich den Aufwärter, welcher auf mein Klingeln erschienen war.
,Thornfield? Ich weiß nicht, Madame; ich werde mich in
der Gaststube erkundigen. Er verschwand, kam aber augenblicklich zurück:
,Ist Ihr Name Eyre. Miß?
Ja.
,Es wartet jemand auf Sie.
Ich sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte
in den Flur des Gasthauses. Ein Mann stand in der offenen
Tür, und bei der Straßenlaterne sah ich ein einspänniges Gefährt.
,Das ist wohl Ihr Gepäck? sagte der Mann und zeigte auf
meinen Koffer, der im Gange stand.
,Ja. Er hißte ihn auf den Wagen hinauf, und dann stieg
ich ein. Ehe er die Tür hinter mir zuschlug, fragte ich, wie weit es
bis Thornfield sei.
,Etwa sechs Meilen.’
,Und wie lange fahren wir?’
,Vielleicht anderthalb Stunden!
Er kletterte auf seinen Si, und wir fuhren ab. Langsam
kamen wir vorwärts, und ich hatte reichliche Zeit zum Nachdenken.
Ich war zufrieden, dem Endziel meiner Reise so nahe zu sein, und
als ich mich in das bequeme, wenn auch durchaus nicht elegante
Gefährt zurücklehnte, konnte ich mich ungestört meinen Gedanken
hingeben.
,Nach der Einfachheit und der Anspruchslosigkeit des Dieners und des Wagens zu urteilen, ist Mrs. Fairfax keine sehr hochgestellte Person; um so besser; ich habe nur einmal unter feinen
Leuten gelebt, und bei ihnen habe ich mich sehr unglücklich gefühlt.
Ob sie mit diesem kleinen Mädchen ganz allein lebt? Wenn das
der Fall und sie auch nur einigermaßen liebenswürdig ist, werde
ich sehr gut mit ihr auskommen. Ich werde mein Bestes tun. Aber
wie schade, daß es nicht immer genügt, sein Bestes zu tun. In
Lowood allerdings faßte ich diesen Vorsatz, führte ihn aus, und es
gelang mir, allen zu gefallen; aber bei Mrs. Reed erinnere ich mich,
daß selbst mein Bestes nur mit Hohn aufgenommen wurde. Ich
flehe zu Gott, daß Mr. Fairfax keine zweite Mrs. Reed sein möge.
Wenn sie es aber ist, so brauche ich nicht bei ihr zu bleiben. Im
schlimmsten Falle kann ich ja wieder in der Zeitung anfragen.''
Millcote lag jetzt hinter uns; nach der Anzahl seiner Lichter
schien es ein Ort von ziemlicher Größe, viel größer als Lowton
zu sein. So weit ich es überblicken konnte, befanden wir uns jetzt
auf einer Art Weide; aber über die ganze Gegend lagen Häuser
zerstreut; ich fühlte, daß wir uns in Regionen befanden, welche
sehr verschieden waren von denen Lowoods; sie waren bevölkerter,
aber weniger malerisch; sehr belebt, aber weniger romantisch.
Die Straßen waren schwierig, die Nacht war neblig; mein
Kutscher ließ sein Pferd fortwährend im Schritt gehen, und ich
glaube, daß sich anderthalb Stunden zu mindestens zwei ausdehnten. Endlich wandte er sich um und sagte:
,Jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.
Wieder blickte ich hinaus; wir fuhren an einer Kirche vorüber;
ich sah den niedrigen, breiten Turm sich gegen den Himmel abzeichnen, seine Uhr schlug ein Viertel; dann sah ich auch eine schmale
Reihe von Lichtern längs einer Anhöhe; es war ein Dorf oder ein
Weiler. Nach ungefähr zehn Minuten stieg der Kutscher ab und
öffnete ein Tor. jetzt kamen wir langsam über den großen Fahrweg des Parks und fuhren an der langen Front eines Hauses
entlang; aus einem verhängten Bogenfenster schimmerte ein Licht;
alle übrigen waren dunkel. Der Wagen hielt vor der Haustür.
Eine Dienerin öffnete diese; ich stieg aus und ging hinein.
,Mike, hier, Fräulein, sagte das Mädchen, und ich folgte ihr,
und sie führte mich in ein Zimmer, dessen doppelte Erleuchtung
durch Kerzen und Kaminfeuer mich im ersten Augenblick blendete.
Als ich jedoch imstande war, wieder zu sehen, bot sich meinen
Blicken ein gemütliches und trauliches Bild.
Ein hübsches, sauberes, kleines Zimmer, ein runder Tisch an
einem lustig lodernden Kaminfeuer; ein altmodischer Lehnstuhl, in
welchem die denkbar sauberste ältere Dame saß. Sie trug eine
Witwenhaube, ein schwarzes Seidenkleid und eine schneeweiße
Musselinschürze: gerade so wie ich mir Mrs. Fairfax vorgestellt
hatte, nur weniger stattlich und milder aussehend. Sie war mit
Stricken beschäftigt; eine große Katze lag still zu ihren Füßen, --
kurzum, nichts fehlte, um das Ideal häuslichen Wohlbehagens zu
vervollständigen. Eine beruhigendere Einführung für eine neue
Gouvernante ließ sich kaum denken; keine Erhabenheit, die überwältigte, keine anmaßende Vornehmheit, die in Verlegenheit setzte.
ls ich eintrat, erhob die alte Dame sich und kam mir schnell und
freundlich entgegen.
,Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Ich fürchte, daß Sie eine
sehr langweilige Fahrt gehabt haben. John fährt so langsam; es
muß Sie frieren, kommen Sie ans Feuer.
,Mrs. Fairfax vermutlich? fragte ich.
,Die bin ich. Bitte, nehmen Sie Platz.
Sie führte mich zu ihrem Stuhl und dort begann sie, mir
meinen Schal abzunehmen und meine Hutbänder zu lösen. Ich
bat sie, sich meinetwegen nicht so viel Mühe zu machen.
das ist keine Mühe. Ihre eigenen Hände müssen vor
Kälte ja ganz erstarrt sein. Leah, bereite ein wenig heiße Limonade
und bringe ein paar Butterbrote; hier sind die Schlüssel zur
Speisekammer.
Bei diesen Worten zog sie ein Bund Schlüssel aus ihrer Tasche
und übergab es der Dienerin.
,Und jetzt rücken Sie näher an das Feuer,' fuhr sie fort.
,Nicht wahr, meine Liebe. Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht?’
.Ja wohl, Madame
,Ich werde es auf Ihr Zimmer bringen lassen,' sagte sie und trippelte geschäftig hinaus.
,Sie behandelt mich wie einen Gast,' dachte ich. ,Solch einen
Empfang habe ich wahrlich nicht erwartet; dies gleicht nicht den
Erzählungen, die ich von der Behandlung der Erzieherinnen gehört
habe; aber ich darf nicht zu früh frohlocken.'
Sie kehrte zurück; mit ihren eigenen Händen räumte sie ihren
Strickstrumpf und einige Bücher vom Tische, um Platz für das
Speisebrett zu machen, welches Leah jetzt brachte, und dann reichte
sie selbst mir die Erfrischungen. Ich ward ein wenig verblüfft,
als ich mich in dieser Weise zum Gegenstand so vieler Aufmerksamkeiten gemacht sah, und das noch obendrein von meiner Herrin;
da sie selbst aber gar nicht zu finden schien, daß sie etwas tat, was
ihr nicht zukam, hielt ich es für das Beste, ihre Liebenswürdigkeit ruhig hinzunehmen.
,Werde ich das Vergnügen haben, Miß Fairfax noch heute abend zu sehen? fragte ich, nachdem ich von dem Vorgesetzten
etwas genossen hatte.
,Was sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig taub,
entgegnete die gute Dame, indem sie ihr Ohr meinem Munde
näherte.
Deutlicher wiederholte ich die Frage.
,Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der Name Ihrer künftigen Schülerin.
,In der Tat? Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?’
,Nein.- Ich habe keine Familie.’
Ich hätte meiner ersten Frage noch einige andere folgen lassen
sollen und mich erkundigen, in welcher Weise Miß Varens denn
mit ihr verwandt sei; aber ich erinnerte mich noch zu rechter Zeit,
daß es nicht höflich sei, so viele Fragen zu stellen; überdies mußte
ich es ja ohnehin mit der Zeit erfahren.
,Ich bin so froh'-- fuhr sie fort, als sie sich mir gegenübersetzte und die Kate auf ihren Schoß nahm, ,ich bin so froh, daß
Sie gekommen sind. jetzt wird das Leben hier mit einer Gesellschafterin ganz angenehm sein. Nun, es ist auch wohl zu allen
Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein prächtiger alter Herrensitz, während der letzten Jahre allerdings ein wenig vernachlässigt,
aber immerhin stattlich; aber Sie wissen wohl, Selbst in dem schönsten Hause fühlt man sich im Winter traurig, wenn man ganz allein
ist. Ich sage allein-- Leah ist gewiß ein gutes Mädchen, und
John und seine Frau sind anständige Leute; aber sehen Sie, es
sind doch in:mer nur Dienstboten und man kann nicht mit ihnen
wie mit seinesgleichen verkehren; man muß sie sich immer in gewisser Entfernung halten aus Furcht, damit man seine Achtung
nicht verliert. Im letzten Winter kam vom November bis zum
Februar nicht eine lebende Seele in dies Haus, mit Ausnahme
des Schlächters und des Postboten; und ich wurde ganz melancholisch, als ich so Abend für Abend allein dasaß. Allerdings mußte.
Leah mir zuweilen vorlesen, aber ich fürchte, daß dem armen Mädchen diese Aufgabe nicht sonderlich erwünscht war; sie kam sich
dabei wohl wie eine Gefangene vor. Im Frühling und Sommer
ging es dann besser. Sonnenschein und lange Tage machen einen
großen Unterschied. Zu Anfang dieses Herbstes kam die kleine
Adele Varens mit ihrer Wärterin; ein Kind bringt sofort Leben
ins Haus, und jetzt, da auch Sie hier sind, werde ich am Ende gar
noch ganz vergnügt werden.'
Mein Herz wurde warm, als ich die würdige alte Dame so
plaudern hörte; ich zog meinen Stuhl näher zu ihr hin und sprach
den aufrichtigen Wunsch aus, daß sie meine Gesellschaft wirklich als
so angenehm finden möge, als sie erwartete.
, Heute abend will ich Sie aber nicht lange aufhalten,' sagte
sie;,es ist jetzt zwölf Uhr, und Sie sind den ganzen Tag gefahren;
Sie müssen müde sein. Sobald Ihre Füße ordentlich erwärmt
sind, will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen. Ich habe das Gemach, welches an das meine stößt, für Sie herrichten lassen; es ist
nur ein kleines Zimmer, aber ich meinte, daß es Ihnen lieber sein
würde, als eins der großen Vorderzimmer; allerdings sind diese
prächtiger ausgestattet, aber sie sind so düster und öde; ich könnte
niemals darin schlafen.'
Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Anordnung, und da ich
mich von der langen eise wirklich ermüdet fühlte, zeigte ich mich
bereit, mich auf mein Zimmer zurückzuziehen. Sie nahm ihr Licht,
und ich folgte ihr auf den Korridor hinaus. Zuerst sah sie nach,
ob die große Haustür auch wirklich verschlossen sei; nachdem sie
den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen, führte sie mich die Treppe
hinauf. Stufen und Geländer waren von Eichenholz; das Treppenfenster war hoch und vergittert; dieses, wie die lange Galerie,
auf welche die Schlafzimmertüren hinausgingen, sahen aus, als
gehörten sie zu einer Kirche und nicht zu einem Hause. Eine feuchte
Luft wie aus einem Gewölbe lag auf der Treppe wie in der Galerie, und ich war froh, als ich endlich in mein Zimmer trat und
fand, daß es klein und in gewöhnlich modernem Stil möbliert sei.
Als Mrs. Fairfax mir eine herzliche Gutenacht gewünscht,
und ich meine Tür verschlossen hatte, sah ich mich mit Muße um;
der Anblick meines behaglichen Zimmers verdrängte einigermaßen
den Eindruck, welchen die weite Halle, die große Treppe und jene
lange, kalte Galerie auf mich gemacht hatten, und endlich kam es
mir zum Bewußtsein, daß ich mich nach einem Tage körperlicher
Ermüdung und ängstlicher Erwartung nun endlich in einem sicheren Hafen befinden würde. Das Gefühl der Dankbarkeit schwellte
mein Herz, ich kniete neben meinem Bette nieder und sandte ein
Dankgebet zu dem empor, dem ich Dank schuldete; und bevor ich
mich wieder erhob, vergaß ich nicht, weitere Hilfe für meinen Pfad
zu erflehen und um die Kraft zu bitten, mich der Güte würdig
machen zu können, welche mir zuteil wurde, bevor ich sie noch hatte
verdienen können. In dieser Nacht hatte ich kein Dornenlager;
mein einsames Zimmer kannte keine Furcht. Zugleich müde und
zufrieden, schlief ich bald und fest ein. Als ich erwachte, war es
bereits heller Tag.
In dem Sonnenschein, welcher durch die hellblauen Fenstervorhänge fiel, erschien mir mein Zimmer freundlich und traulich.
Äußerlichkeiten üben einen so großen Einfluß auf die Jugend. Mir
war, als müsse jetzt ein schöner Abschnitt meines Lebens für mich
anbrechen, ein Abschnitt, welcher ebenso Dornen und Mühseligkeiten wie Blüten und Freuden haben würde. Ich kann nicht
genau wiedergeben, was ich erwartete, aber es war etwas Freudiges: nicht vielleicht gerade für einen bestimmten Tag oder Monat, sondern für irgend eine unbestimmte, ferne Zeit.
Ich stand auf und kleidete mich sorgfältig an. Wenn ich auch
gezwungen war, einfach zu sein- ich hatte kein einziges Kleidungsstück, welches nicht in der einfachsten Weise gemacht wäre -
so achtete ich doch darauf, sauber und nett auszusehen. Es war
durchaus nicht meine Gewohnheit, gleichgültig gegen mein Äußeres
zu sein, im Gegenteil, ich wünschte stets, so hübsch wie möglich zu
sein und so sehr zu gefallen, wie mein Mangel an Schönheit es gestattete. Wie oft bedauerte ich, nicht hübscher zu sein! Wie lebhaft wünschte ich, rosige Wangen, eine gerade Nase und einen kleinen Kirschenmund zu besitzen; ich hätte schlank und stattlich sein
mögen; ich empfand es wie ein Unglück, so klein und bleich zu sein,
so unregelmäßige, scharfe Züge zu haben. Aber weshalb hatte ich dies Verlangen? dieses Bedauern? Das wäre schwierig gewesen zu
sagen. Damals hätte ich es mir selbst nicht erklären können. Als
ich jedoch mein Haar sehr sorgsam gekämmt und mein schwarzes
Kleid angezogen hatte, welches trot seiner Quäkerhaftigkeit den
Vorzug hatte, aufs genaueste zu passen, als ich eine reine, weiße
Halskrause umgebunden, glaubte ich sauber genug auszusehen, um
vor Mrs. Fairfax erscheinen zu können. Von meiner Schülerin
hoffte ich, daß sie wenigstens nicht vor mir zurückschrecken werde.
Nachdem ich das Fenster geöffnet und mich überzeugt hatte, daß ich
auf dem Toilettentisch alles sauber und ordentlich zurückließ, wagte
ich mich hinaus.
Nachdem ich die lange, mit Teppichen belegte Galerie entlanggegangen war, stieg ich die glatte Eichentreppe hinunter;
dann kam ich in die Halle; hier stand ich eine Minute still; ich betrachtete einige Bilder an den Wänden,- noch heute erinnere ich ,
mich derselben, das eine stellte einen finsteren Mann in einem Harnisch dar; das andere eine Dame mit gepuderten Haaren und einem Perlhalsband —- eine Bronzelampe, welche von der Decke herabhing, eine große Wanduhr, deren Gehäuse aus Eichenholz künstlich geschnitzt und durch die Zeit schwarz und blank wie Ebenholz geworden war. Alles erschien mir sehr stattlich und großartig. Die Tür der Halle, welche halb aus Glas war, stand offen; ich überschritt die Schwelle. Es war ein herrlicher Herbstmorgen; die Sonne schien klar auf herbstlich gefärbte Wälder und noch grüne Felder herab; ich ging auf den freien Rasenplatz hinaus und betrachtete die Front des Herrenhauses. Es war drei Stockwerke hoch, von großer Ausdehnung, der Sitz eines vornehmen Herrn.
Zinnen auf dem Dache gaben dem Hause ein malerisches Aussehen.
Die graue Front hob sich hübsch von dem Hintergrunde eines Krähengenistes ab, dessen krächzende Bewohner jetzt über den Grasplatz und den Park flogen, um sich auf einer großen Weide niederzulassen, von welcher erstere durch einen eingesunkenen Zaun getrennt waren. In der Ferne waren Hügel, nicht so hoch wie jene
um Lowood, nicht so selsig, nicht so ähnlich Schranken, welche einen von der übrigen Welt abschlossen, aber doch Hügel, welche Thornfield eine gewisse Abgeschiedenheit verliehen. Ein kleiner Weiler, dessen Dächer von Bäumen beschattet waren, zog sich an einem der
Hügel hinauf; die Kirche des Distrikts stand näher an Thornfield, ihre alte Turmspitze sah über einen Hügel zwischen dem House und
dem Parktor hervor.
Ich erfreute mich noch an der friedlichen Aussicht und an der
angenehmen, frischen Luft, horchte noch mit Vergnügen auf das
Gekrächze der Krähen, blickte noch auf die große Front der Halle
und dachte bei mir, welch ein großer Besitz es für eine einzelne
kleine Dame wie Mrs. Fairfax sei, als diese Dame in der Tür erschien.
,Was? schon draußen? sagte sie.,Ich sehe, Sie lieben es, früh aufzustehen. Ich ging zu ihr und wurde mit einem Kusse
und einem herzlichen Händedruck empfangen.
,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie. Ich antwortete
ihr, daß ich es sehr schön fände.
,Ja,' sagte sie,,es ist ein reizender Ort; aber ich fürchte, es
wird in Verfall geraten, wenn Mr. Rochester sich nicht entschließt,
herzukommen und für immer hier zu wohnen oder wenigstens
häufiger herzukommen. Große Häuser und schöne Besitzungen erfordern die Anwesenheit ihres Besitzers.'
,Mr. Rochester!' rief ich aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield,' antwortete sie ruhig. ,Wußten Sie nicht, daß er Rochester heißt?
Natürlich wußte ich das nicht-- ich hatte ja noch niemals von
ihm gehört; aber die alte Dame schien sein Dasein für eine so allgemein bekannte Tatsache zu halten, daß jedermann sie kennen
mußte.
,Ich glaubte, fuhr ich fort, ,daß Thornfield Ihr Eigentum sei.’
,Mein Eigentum? Gott segne Sie, Kind! Welch eine Idee!
Mein Eigentum? Ich bin nur die Haushälterin, die Verwalterin.
Allerdings bin ich von mütterlicher Seite entfernt mit den Rochesters verwandt, oder wenigstens war mein Gatte es: er war
Pfarrer jenes kleinen Dorfes da drüben auf dem Hügel. Die
Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine Fairfax und meines
Mannes Cousine im zweiten Grade; aber ich berufe mich auf diese
Verwandtschaft niemals und mache mir gar nichts daraus; ich betrachte mich ganz wie eine gewöhnliche Haushälterin; mein Herr
ist immer höflich, und mehr erwarte ich nicht.
,Und das kleine Mädchen- meine Schülerin?
,Sie ist Mr. Rochesters Mündel; er beauftragte mich, eine Erzieherin für sie zu suchen. Ich glaube, daß er die Absicht hegt, sie
in -shire erziehen zu lassen. Da kommt sie mit ihrer ,Bonne'', wie sie ihre Wärterin nennt.
Das Rätsel war also gelöst; diese freundliche, kleine Witwe war keine große Dame, sondern eine Untergebene wie ich selbst.
Deshalb war sie mir nicht weniger lieb; im Gegenteil, ich fühlte mich wohler als zuvor. Meine Stellung war deshalb um so viel
freier.
Während ich noch über diese Entdeckung nachdachte, kam ein
kleines Mädchen, welchem eine Wärterin folgte, über den Grasplatz daher gelaufen. Ich betrachtete meine Schülerin, welche mich
anfangs nicht zu bemerken schien. Sie war noch ein Kind, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zart gebaut, mit einer Fülle von
Haar, das in Locken über die Schultern wallte.
,Guten Morgen, Miß Adele, sagte Mrs. Fairfax. ,Kommen Sie her und sprechen Sie mit dieser Dame, welche Ihre Lehrerin sein und Sie zu einem klugen Mädchen erziehen wird. Sie kam näher.
,C’est là ma gouvernante?’ fragte sie zu ihrer Wärterin
gewendet auf mich zeigend; diese antwortete:
,Mais qui, certainemente!’
,Sind sie Ausländerin?’ fragte ich, erstaunt, die französische Sprache zu hören.
,Die Wärterin ist eine Ausländerin, und Adela wurde auf dem Kontinent geboren; ich glaube, daß sie bis vor sechs Monaten
immer dort war. ls sie zuerst herkam, konnte sie kein Wort englisch sprechen; jetzt hat sie es ein wenig gelernt; ich verstehe sie
nicht, sie vermischt es so sehr mit dem Französischen; aber ich vermute daß Sie sich mit ihr schon zurechtfinden werden.
Zum Glück hatte ich französisch von einer Französin gelernt; und da ich es mir stets hatte angelegen sein lassen, so viel wie möglich mit Madame Pierrot zu reden und überdies während der letzten sieben Jahre täglich etwas französisch auswendig gelernt hatte,
war es mir möglich geworden, mir einen Grad der Fertigkeit in der Sprache anzueignen, welcher mich in den Stand setzte, mit
Mademoiselle Adele fertig zu werden.
Als sie hörte, daß ich ihre Erzieherin sei, kam sie und reichte mir die Hand; dann führte ich sie in das Frühstückszimmer und
richtete einige Worte in ihrer Muttersprache an sie; im Anfang antwortete sie sehr kurz, aber als wir am Tische saßen und sie mich
ungefähr zehn Minuten mit ihren großen, hellbraunen Augen gemustert hatte, begann sie plötzlich ganz geläufig zu plaudern.
,Ach,' rief sie auf französisch aus, ,Sie sprechen meine Muttersprache ebenso gut wie Mr. Rochester, ich kann mit Ihnen reden
wie mit ihm, und Sophie kann es auch. Sie wird glücklich sein;
hier kann niemand sie verstehen, Madame Fairfax ist durch und
durch englisch. Sophie ist meine Wärterin; sie ist mit mir über
das Meer gekommen in einem großen Schiffe mit einem Schornstein, der rauchte- und wie er rauchte! -- und ich war krank,
und Sophie auch und Mr. Rochester auch. Mr. Rochester legte sich auf ein Sofa in einem hübschen Zimmer, das Salon genannt
wurde, und Sophie und ich hatten kleine Betten in einem anderen Zimmer. Beinahe wäre ich aus meinem Bette herausgefallen, es
war ganz wie ein Brett. Und, Mademoiselle, wie heißen Sie doch?’
,Eyre -- Jane Eyre.
,Aire? Bah! Das kann ich nicht aussprechen. Nun gut: gegen Morgen, vor Tage, hielt unser Schiff bei einer großen Stadt
mit sehr schmutzigen, verräucherten Häusern an. Mr. Rochester trug
mich auf seinen Armen über ein Brett ans Land, und Sophie kam
hinterher; dann stiegen wir alle in einen Wagen, der uns bis an
ein großes, prächtiges Haus brachte, viel größer und schöner als
dieses, und es hieß ein ,Hotel'. Hier blieben wir beinahe eine
Woche. Sophie und ich gingen oft auf einem großen grünen Plat
voller Bäume umher, den sie , Park' nannten. Außer mir waren
noch viele Kinder dort, und ein Teich mit prachtvollen Vögeln -'
darauf, die ich oft mit Brotkrumen gefüttert habe.'
,Können Sie sie denn eigentlich verstehen, wenn sie so schnell
plappert? fragte Mrs. Fairfax,
Ich verstand sie sehr gut, denn ich war an Madame Pierrots geläufige Zunge gewöhnt.
Dann fuhr die gute, alte Dame fort: ,Ich wünschte es wohl, daß Sie ein paar Fragen über ihre Eltern an sie richteten; es soll.
mich doch wundern, ob sie sich ihrer noch erinnert?'
,Adele,' fragte ich, ,bei wem warst du in jener hübschen, sauberen Stadt, von welcher du mir erzählt hast?’
,Mit meiner Mama, aber das ist schon lange her; sie ist in den Himmel gegangen. Mama hat mich auch tanzen und singen
und Verse hersagen gelehrt. Viele Herren und Damen kamen zu Mama, und dann pflegte ich ihnen etwas vorzutanzen oder vorzusingen. Wollen Sie mich jetzt auch singen hören?’
Sie war mit ihrem Frühstück zu Ende, und deshalb erlaubte
ich ihr, mir eine Probe ihrer Fertigkeit zu geben. Sie kletterte von
ihrem Stuhl herunter und kam zu mir, um sich auf meinen Schoß
zu setzen; dann faltete sie ernsthaft ihre kleinen Hände, warf ihre
Locken zurück, heftete ihre Augen auf die Decke des Zimmers und
begann eine Melodie aus einer Oper zu singen. Es war ein Lied
von einer verlassenen Frau, welche anfangs die Treulosigkeit ihres
Geliebten beweint und dann ihren Stolz zu Hilfe ruft; darauf befiehlt sie ihrer Begleiterin, ihr die schönsten Gewänder und ihre
prächtigsten Juwelen zu bringen und beschließt, dem Falschen am Abend auf einem Balle zu begegnen und ihm durch ihre Fröhlichkeit zu beweisen, wie wenig seine Treulosigkeit sie ergriffen hat.
Das Lied schien seltsam gewählt für eine so kindliche Sängerin; aber ich vermute, daß der Schwerpunkt des Vortrages darin
lag, diese Töne und Worte der Liebe und Eifersucht von den Lippen des Kindes zu hören; und sehr geschmacklos schien mir diese
Pointe zu sein.
Adele sang die Kanzonette ganz geschmackvoll und mit der Naivetät ihrer Jahre.
Nachdem sie damit zu Ende war, sprang sie von meinem Schoße herab und sagte: ,Jetzt, Mademoiselle, will ich Ihnen
etwas vordeklamieren.'
Dann nahm sie eine Attitüde an und begann: ,La ligue des rats, fable de La Fontaine.’ Nun deklamierte sie das kleine Stück
mit einer Achtsamkeit auf die Interpunktion und Betonung, einer Biegsamkeit der Stimme und einer Angemessenheit der Bewegungen, welche in ihren Jahren allerdings ungewöhnlich waren undeutlich bewiesen, daß sie sorgsam geschult worden war.
,Hat deine Mama dich dieses Gedicht gelehrt? fragte ich.
,Ja, und sie pflegte immer so zu sagen: ,Qu’avez-vous donc? lii dir un de des rats; parlez!’ Und dann ließ sie mich meine
Hand aufheben - so - um mich daran zu erinnern, daß ich die Stimme erheben müsse bei der Frage. Soll ich Ihnen jetzt etwas
vortanzen?
,Nein. Jetzt ist es genug. Aber bei wem wohntest du, als deine Mama in den Himmel gegangen war, wie du sagst?
,Bei Madame Frederic und ihrem Manne; sie hat mich gepflegt und für mich gesorgt, aber sie ist nicht mit mir verwandt.
Ich glaube, daß sie arm ist, denn sie hatte kein so schönes Haus wie Mama. Ich war nicht lange dort. Mr. Rochester kam und fragte
mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm bleiben möchte, und ich sagte Ja. Denn ich kannte Mr. Rochester, bevor ich
Madame Frederich kannte, und er war immer gütig gegen mich und schenkte mir schöne Kleider und Spielsachen. Aber Sie sehen, er
hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, aber er selbst ist wieder fortgegangen, und jetzt sehe ich ihn nie
mehr.
Nach dem Frühstück zog ich mich mit Adele in die Bibliothek zurück, welche, wie es schien, uns Mr. Rochester als Schulzimmer
angewiesen hatte. Die Mehrzahl der Bücher standen in Glasschränken; aber ein Bücherschrank, welcher offen stand, enthielt
alles, was für den elementaren Unterricht gebraucht wurde, und verschiedene Bände der leichteren Literatur, Poesie, Biographie,
Reisebeschreibungen, einige Romane usw. Ich vermute, daß er der Ansicht gewesen, dies sei für die Privatlektüre einer Erzieherin
genug, und in der Tat genügten sie mir vollauf für den Augenblick; im Vergleich zu dem kärglichen Büchervorrat in Lowood
schienen diese Bände mir einen reichen Schatz von Unterhaltung und Belehrung zu bieten. In diesem Zimmer befand sich auch ein
ganz neues Klavier von vortrefflichem Ton; außerdem eine Staffelei und mehrere Erdkugeln.
Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, aber nicht lernbegierig. Sie war nicht an eine regelmäßige Beschäftigung irgend
welcher Art gewöhnt. Ich fühlte, daß es nicht ratsam sein würde, sie im Anfang zu sehr mit Arbeit zu überhäufen; deshalb erlaubte
ich ihr, gegen Mittag zu ihrer Wärterin zurückzukehren. Und dann nahm ich mir vor, bis zur Stunde des Mittagessens einige kleine
Skizzen für ihren Gebrauch zu zeichnen.
Als ich hinaufging, um meine Mappe und meine Zeichenstifte zu holen, rief Mrs. Fairfax mir zu: ,Ihre Schulstunden für den
Morgen sind jetzt vorüber, wie ich vermute. Sie befand sich in einem Zimmer, dessen Flügeltüren weit geöffnet waren; als sie
mich anredete, ging ich hinein. Es war ein großes, stattlicher Zimmer, mit purpurfarbigen Möbeln und Vorhängen, einem türkischen
Teppich, nußholzbekleideten Wänden, einem großen, buntfarbigen Fenster und einer reich verzierten Decke. Mrs. Fairfax wischte den
Staub von einigen Vasen aus herrlichem Rubinglas, welche auf
einem Nebentische standen.
,Welch ein prachtvolles Zimmer,' rief ich aus, indem ich umherblickte, denn ich hatte noch nie ein Zimmer gesehen, was auch
nur halb so schön gewesen wäre.
,Ja, dies ist bas Speisezimmer. Ich habe soeben das Fenster
geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnenschein hereinzulassen,
denn in Zimmern, die selten bewohnt werden, wird alles feucht.
Drüben im großen Gesellschaftszimmer ist es gerade wie in einem
Kellergewölbe.
e
Sie deutete auf einen großen Bogen, welcher dem Fenster
gegenüberlag und mit purpurroten Vorhängen dekoriert war. Als
ich zwei breite Stufen, welche zu demselben hinaufführten, erstiegen hatte, war mir's, als täte ich einen Blick ins Feenreich; so herrlich erschien meinem unerfahrenen Auge der Anblick, welcher sich
ihm darbot. Und doch war es nichts als ein sehr hübscher Salon
mit einem Boudoir; beide waren mit weißen Teppichen belegt, auf
welche bunte Blumengirlanden gelegt zu sein schienen; die Decke
war reich mit schneeigem Stuck bedeckt, welcher weiße Weintrauben
und Blätter darstellte; seltsam stachen davon die feuerroten Stühle
und Ottomanen ab. Die Zierrate, welche den Kaminsims aus weisem, karrarischem Marmor schmückten, bestanden aus funkelndem,
rubinrotem, böhmischem Glas, und in den Spiegeln zwischen den
Fenstern wiederholte sich die allgemeine Verschmelzung von Schnee
und Feuer.
,Wie gut Sie diese Zimmer in Ordnung halten, Mrs. Fairfax!'' rief ich. ,Kein Staub, keine Überzüge! Man könnte wirklich glauben, daß sie täglich bewohnt würden, wenn die Luft nicht
ein wenig eisig wäre.
,Nun, Miß Eyre, wenn Mr. Rochesters Besuche hier auch nur selten sind, so kommen sie ebenfalls stets unerwartet und plötzlich;
und da ich bemerkt habe, daß es ihm mißfällt, wenn er alles eingehüllt findet, so dachte ich mir, es sei das Beste, die Zimmer stets
in Bereitschaft zu halten.
,Ist Mr. Rochester ein strenger und anspruchsvoller Herr?
fragte ich.
,Das gerade nicht; aber er hat den Geschmack und die Gewohnheiten eines Gentleman und er erwartet, daß alle Dinge sich
danach einrichten.'
,Mögen Sie ihn gern? Ist er allgemein beliebt?
,O ja. Die Familie hat hier stets in großer Hochachtung gestanden. Seit undenklichen Zeiten hat alles Land in der Gegend,
soweit das Auge reicht, den Rochesters gehört.
,Gut; aber ist er auch beliebt, ganz abgesehen von seinen Besitzungen?
,Ich glaube wohl, daß seine Pächter ihn als einen freigebigen und gerechten Herrn betrachten; aber er hat niemals viel unter
ihnen gelebt.’
,Aber hat er keine Eigentümlichkeiten? Kurz, wie ist sein
Charakter?
,O, sein Charakter ist fleckenlos. Er hat seine Eigenheiten;
ich vermute, daß er viel gereist ist und viel von der Welt gesehen
hat. Ich glaube auch, daß er sehr klug ist, aber ich habe mich noch
nicht viel mit ihm unterhalten.
,Welche Eigenheiten hat er?
,Ich weiß es nicht. Das ist nicht so leicht zu beschreiben -
nichts besonderes Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit
ihm spricht. Man weiß niemals, ob er im Scherz oder im Ernst
redet, ob er sich freut oder ob er sich ärgert. Wenigstens ich verstehe ihn nicht. Aber das schadet ja nichts; er ist ein sehr guter
Herr.
Dies war alles, was ich von Mrs. Fairfax über ihren Herrn
und den meinen erfahren konnte. Es gibt Leute, welche meist nicht
imstande zu sein scheinen, einen Charakter beschreiben zu können
und weder bei Menschen noch bei Dingen hervorragende Eigentümlichkeiten bemerken, - und augenscheinlich gehörte die gute
Dame zu diesen; meine Fragen verblüfften sie, konnten aber nichts
aus ihr herausbringen. Mr. Rochester war in ihren Augen Mr.
Rochester, ein Gentleman, ein Gutsbesitzer -- nichts anderes; sie
wunderte sich augenscheinlich über meinen Wunsch, eine bestimmte
Vorstellung seiner Person zu bekommen.
Als wir das Speisezimmer verließen, schlug sie mir vor, mir
den übrigen Teil des Hauses zu zeigen; und ich folgte ihr treppauf, treppab und bewunderte alles, denn alles war schön eingerichtet. Besonders die Vorderzimmer erschienen mir prächtig, und
einige der Zimmer des dritten Stocks waren interessant durch ihr
altertümliches Aussehen. Die Möbel, welche einst für die unteren
Gemächer angeschafft worden, waren je nach den Anforderungen
der Mode von Zeit zu Zeit hier heraufgeschafft, und das unzulängliche Licht, welches durch die niederen Fenster eindrang, fiel
auf Bettstellen, welche wohl ein Jahrhundert alt waren; Truhen
aus Nuß- und Eichenholz sahen mit ihren seltsamen Schnitzereien
von Palmenzweigen und Engelsköpfen aus wie die Typen der alttestamentlichen Bundeslade; Reihen von ehrwürdigen Stühlen mit
schmalen und hohen Lehnen; noch ältere Lehnstühle, auf deren gepolsterten Lehnen noch Spuren halbverblaßter Stickereien zu erkennen waren, welche vor zwei Generationen von Fingern gearbeitet waren, die längst zu Staub zerfallen waren. Die Ruhe, das
Dämmerlicht, die Eigentümlichkeit dieser Räume am Tage gefiel
mir, aber ich wünschte durchaus nicht, in diesen großen und schweren Betten, durch Türen von Eichenholz von der Welt abgeschlossen, eine Nacht zuzubringen!
-
Hinterseite des Hauses; hier schläft niemand; man möchte fast
sagen, daß, wenn wir in Thornfield-Hall einen Geist hätten, dies
sein Schlupfwinkel wäre.
,Das glaube ich auch. Sie haben also keinen Geist hier?
,Nicht, daß ich wüßte,' entgegnete Mrs. Fairfax lächelnd.
,Auch keine Geistergeschichten?
.Ich glaube nicht. Und doch sagt man, daß die Rochesters
ihrer Zeit ein mehr gewalttätiges als friedliches Geschlecht gewesen
seien. Aber vielleicht ist gerade das der Grund, weshalb sie jetzt
ruhig in ihren Gräbern liegen.
,Ja, ja- sie ruhen aus nach dem verzehrenden Fieber des
Lebens.' murmelte ich. ,Wohin gehen Sie denn jetzt, Mrs.
Fairfax? fragte ich, als sie weiterging.
,Hinauf auf das Bleidach; wollen Sie mit mir gehen, um die
Aussicht von dort zu genießen? Ich folgte ihr über eine sehr
enge Treppe zu den Bodenkammern hinauf, und von dort über
eine Leiter und durch eine Falltür auf das Dach des Herrenhauses.
Ich befand mich jetzt auf gleicher Höhe mit der Krähenkolonie und
konnte in ihre Nester sehen. Als ich mich über die Zinnen lehnte
und weit hinunterblickte, sah ich den Park und die Gärten wie eine
Landkarte vor mir liegen; der lichtgrüne Rasenplatz, der sich dicht
um das Haus zog; die Felder und Wiesen; der düstere Wald, durch
welchen sich ein Fußsteig zog, dessen Moos grüner war als das
Laub der Bäume; die Kirche an der Parkpforte; die Landstraße;
die Hügel, welche ruhig in das klare Sonnenlicht des Herbsttages
hineinragten; der tiefblaue, mit leichten Wölkchen bezogene Himmelsbogen, das ganze vor mir liegende Bild hatte keinen besonders
schönen Zug, aber es war lieblich und wohlgefällig. Als ich mein
Auge von demselben abwandte und wieder durch die Falltür hinabstieg, konnte ich kaum meinen Weg über die Leiter hinunterfinden,
so geblendet war ich von dem sonnigen Bild, das ich erschaut hatte.
Mrs. Fairfax blieb einen Augenblick zurück, um die Falltür
zu schließen; ich tastete mich an den Ausgang der Bodentür und begann dann die enge Bodentreppe hinunterzusteigen. In dem
langen Gange, welcher zu dieser führte, und die Vorderzimmer und
Hinterzimmer der dritten Etage trennte, wartete ich; er war eng
und dunkel, mit einem einzigen kleinen Fenster am äußersten Ende
sah er mit seinen beiden Reihen kleiner, niedriger, schwarzer Türen
aus wie ein Korridor in Ritter Blaubarts Schloß.
Als ich dann leise vorwärtsschritt, traf ein Ton, den ich in
diesen Regionen am wenigsten erwartet haben würde - ein lautes
Lachen- mein Ohr. Es war ein seltsames Lachen, deutlich, gemessen, freudlos. Ich stand still. Der Ton verstummte; doch nur
für einen Augenblick; dann begann das Lachen von neuem, lauter,
denn anfangs war es, wenn auch deutlich, doch nur leise gewesen.
Es endigte mit entsetzlichem Schall, welcher in jedem einsamen
Zimmer ein Echo zu wecken schien; es kam aber nur aus einem einzigen hervor, und ich hätte die Tür bezeichnen können, aus welcher
die Töne kamen.
,Mrs. Fairfax!' rief ich, denn jetzt hörte ich sie die große
Treppe herabkommen. ,Haben Sie das laute Lachen gehört?
Woher kommt es? Wer war es?
,Wahrscheinlich eins der Dienstmädchen,' entgegnete sie,
,vielleicht Grace Poole.
,Haben Sie es auch gehört?' fragte ich wieder.
Ja, ganz deutlich. Ich höre sie oft, sie näht in einem dieser
Zimmer. Zuweilen ist Leah bei ihr; sie machen oft großen Lärm
miteinander,
Das leise, eintönige Lachen wiederholte sich und endigte mit
einem seltsamen Gemurmel.
,Grace!' rief Mrs. Fairfax.
Ich erwartete wirklich nicht, daß irgend eine Grace auf diesen
Ruf antworten werde; denn das Lachen klang so tragisch, so unnatürlich, wie ich es noch niemals vernommen habe; und wenn
nicht heller Mittag gewesen wäre, so würde ich eine abergläubische
Furcht empfunden haben.
Die Tür, neben welcher ich stand, öffnete sich und eine Dienerin trat heraus; sie war eine Frau zwischen dreißig und vierzig,
eine untersetzte Gestalt mit rotem Haar und einem harten, häßlichen Gesicht; eine weniger romantische oder geisterhafte Erscheinung ließ sich kaum denken.
Zu viel Lärm, Grace,' sagte Mrs. Fairfax, ,denke an deine
Weisungen!' Ohne ein Wort zu sagen, verbeugte sich Grace und
ging wieder ins Zimmer.
,Sie ist eine Person, die wir hier haben, um zu nähen und
Leah bei ihrer Hausarbeit zu helfen, fuhr die Witwe fort, ,in
manchen Dingen ist sie nicht fehlerfrei, aber sie ist im allgemeinen
brauchbar. Übrigens, wie waren Sie heute morgen mit Ihrer
Schülerin zufrieden?
So kam das Gespräch auf Adele, und wir fuhren fort, über
sie zu sprechen, bis wir die sonnigen, hellen Regionen des unteren
Stockwerks erreicht hatten. Adele kam uns in der Halle entgegengelaufen und rief:
,Mesdames, vous etes servies! Dann fügte sie hinzu:
,J’ai bien faim, moi!'
In Mrs. Fairfax' Zimmer fanden wir das Mittagessen angerichtet.
12. Kapitel.
Mr. Rochester.
Die Aussicht auf einen ruhigen Verlauf meiner Tage, welche
mein erster, ruhiger Eindruck in Thornfield-Hall zu versprechen
schien, wurde nach einer näheren Bekanntschaft mit dem Orte und
seinen Bewohnern durchaus nicht gestört. Mrs. Fairfax war in
Wirklichkeit das, was sie zu sein scheint, eine gutherzige, freundliche
Frau von guter Erziehung und einem mittelmäßigen Verstande.
Meine Schülerin war ein lebhaftes Kind, welches verzogen und
verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig war; da sie indessen gänzlich meiner Erziehung anvertraut war und keine unvernünftige Einmischung von irgend einer Seite jemals meine Pläne und Absichten in bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte, so vergaß sie
bald ihre kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig.
Sie besaß keine hervorragenden Talente, keine scharfen Charaktereigenschaften, keine besondere Geschmacksentwicklung, welche sie
über andere Kinder emporgehoben hätte; aber auch keineLaster und
Fehler. Sie machte ziemlich gute Fortschritte, hegte für mich eine
lebhafte, wenn auch nicht sehr tiefgehende Neigung und flößte
mir ihrerseits durch ihr einfaches Wesen, ihr fröhliches Plaudern
und ihre Bemühungen, mir zu gefallen, einen Grad von Liebe ein,
welcher hinreichte, um uns eine gewisse Anhänglichkeit an unserer
gegenseitigen Gesellschaft finden zu lassen.
Leute, welche heiligen Grundsätzen über die engelgleiche Natur der Kinder huldigen und verlangen, daß jene, welchen ihre Erziehung anvertraut ist, diese abgöttisch lieben sollen, werden meine Wort für kalt halten; aber ich schreibe nicht, um der elterlichen Eigenliebe zu schmeicheln, um Unsinn nachzubeten oder Heuchler zu unterstützen, - ich erzähle nur die Wahrheit. Ich verwandte
große Sorgfalt auf Adeles Wohlergehen und Fortschritte und ein ruhiges Wohlgefallen an ihrer kleinen Person; gerade so, wie ich
für Mrs. Fairfax' Güte dankbar war und an ihrer Gesellschaft Vergnügen fand.
Mag mich tadeln, wer da will, wenn ich noch hinzufüge, daß ich dann und wann, wenn ich einen Spaziergang im Parke gemacht hatte oder nach dem Parktor hinuntergegangen war, um von dort auf die Landstraße zu blicken, oder wenn Adele mit ihrer Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte, daß ich dann die drei Treppen hinaufkletterte, die Falltür in der Bodenkammer öffnete, an die Galerie des Daches
trat und weit über Felder und Hügel bis an die ferne Linie des Horizonts hinblickte. Dann wünschte ich mir, über jene Grenzen
fortsehen zu können, dorthin, wo die geschäftige Welt und lebhafte Städte waren, von denen ich wohl gehört, die ich aber niemals gesehen hatte. Dann ersehnte ich mir mehr praktische Erfahrung, mehr Verkehr mit meinesgleichen, mehr Kenntnis verschiedener Charaktere, als ich mir hier erringen konnte. Ich wußte das Gute in Mrs. Fairfax und das Gute in Adele zu schätzen, aber ich glaubte, es müsse eine andere, eine lebensvollere Güte geben, und
ich wünschte, das, was ich glaubte, mit eigenen Augen zu sehen.
Wer tadelt mich? Sehr viele wahrscheinlich, und man wird mich unzufrieden und ungenügsam nennen. Ich konnte nichts dafür; die Ruhelosigkeit lag in meiner Natur und quälte mich. Dann
fand ich die einzige Erleichterung darin, in dem Korridor des dritten Stockwerkes hin und her zu gehen, wo ich mich in der Einsamkeit des Ortes wohl und sicher fühlte, um das geistige Auge auf den
herrliche Visionen ruhen zu lassen, die sich vor demselben ausbreiteten-- und es waren ihrer viele und prächtige und farbenglühende und mein Herz schwellen zu lassen von lebensvoller Sehnsucht, die, wenn auch schmerzhaft, doch wenigstens Leben war;
und vor allen Dingen mein inneres Ohr auf eine Geschichte horchen
zu lassen, die niemals endigte-- eine Geschichte, welche meine
Phantasie schuf und fortwährend wiederholte, - eine Geschichte,
in welcher all das Leben, das Feuer, die Empfindungen pulsierten,
nach denen ich mich sehnte, und die mein wirkliches Dasein mir
nicht boten.
Es ist vergebens, zu sagen, daß der Mensch zufrieden sein
sollte, wenn er Ruhe hat, er muß auch Arbeit haben, und
er wird sie sich verschaffen, wenn er sie nicht findet. Millionen
sind zu einem stilleren Lose verdammt als das meinige, und Millionen empören sich lautlos gegen ihr Los. Niemand weiß, wieviel Empörungen außer politischen Empörungen in den Menschenmassen gären, welche die Erde bevölkern. Im allgemeinen nimmt
man an, daß Frauen sehr ruhig sind, aber Frauen empfinden genau so wie Männer; auch sie brauchen einen Wirkungskreis für
ihre Fähigkeiten, wie ihre Brüder es tun; sie leiden unter strengem
Zwange, unter vollständigem Stillstand gerade so, wie Männer
leiden würden; und es ist engherzig, wenn ihre begünstigteren
Mitmenschen sagen, daß sie sich darauf beschränken sollten, Puddings zu machen und Strümpfe zu stopfen, Klavier zu spielen und
Tabaksbeutel zu sticken. Es ist gedankenlos, sie zu verdammen
oder über sie zu lachen, wenn sie versuchen, mehr zu arbeiten und
mehr zu lernen, als das, was das alte Herkommen für ihr Geschlecht nötig erachtet.
Wenn ich allein war, hörte ich gar oft Grace Pooles Lachen,
dasselbe Lachen, dasselbe leise, langsame Ha! ha! das mich so erschüttert hatte, als ich es zuerst vernommen; ich hörte auch ihr sonderbares Gemurmel, das noch seltsamer klang als ihr Lachen. Es
gab Tage, an denen sie sich ganz still verhielt, aber wiederum andere, wo mir die Laute, welche sie ausstieß, unerklärlich schienen.
Zuweilen sah ich sie; dann pflegte sie mit einem Teller oder einer
Schüssel oder einem Speisebrett aus ihrem Zimmer zu kommen,
in die Küche hinunterzugehen und gewöhnlich - o, verzeihe mir,
romantische Leserin, wenn ich die Wahrheit sage - mit einem Topf
voll Porterbier zurückzukommen. Ihre Erscheinung dämpfte stets
die Neugierde, welche ihre rednerischen Seltsamkeiten erregt hatten; ihre harten Züge vermochten kein Interesse zu wecken. Ich
machte einige Versuche, eine Unterhaltung mit ihr anzuknüpfen,
die anderen Mitglieder des Haushalts, wie John und seine
Frau, Leah, das Hausmädchen, und Sophie, die französische
Bonne, waren sehr anständige, aber in keiner Weise bemerkenswerte Leute. Mit Sophie pflegte ich französisch zu sprechen, und
zuweilen fragte ich sie über ihr Vaterland aus; sie verstand aber
weder zu erzählen noch zu beschreiben, und gab meistens so verworrene und nichtssagende Antworten, daß sie meine Neugierde
eher dämpften als ermutigten.
Oktober, November und Dezember gingen hin. Eines Nachmittags im Januar hatte Mrs. Fairfax um einen freien Tag für
Adele gebeten, weil diese sich eine Erkältung zugezogen hatte;
da Adele diese Bitte mit einem Eifer unterstützte, welcher mich
daran erinnerte, wie kostbar solch ein gelegentlicher freier Tag
mir selbst in meiner Kindheit gewesen, gewährte ich ihn. Es war
ein schöner, windstiller Tag; de ganzen Morgen hatte ich ruhig
sitzend in der Bibliothek zugebracht, jetzt war ich dessen müde; Mrs.
Fairfax hatte gerade einen Brief geschrieben, welcher darauf
harrte, zur Post getragen zu werden, und so nahm ich Hut und
Mantel und erbot mich freiwillig, denselben auf das Postamt nach
Hay zu tragen; die Entfernung, welche ungefähr zwei Meilen betrug, war ein angenehmer Nachmittagsspaziergang für mich.
Nachdem ich Adele gemütlich in ihrem kleinen Lehnstuhl vor Mrs.
Fairfax' Kaminfeuer gesetzt und ihr die schönste Wachspuppe,
welche ich in einer Schublade verwahrt hielt, zum Spielen gegeben
hatte und dazu noch ein Geschichtenbuch, machte ich mich auf den
Weg, nachdem ich Adeles ,Revenez bientôt, ma bonne amie, ma
chère Mademoiselle Jeanette!' noch mit einem herzlichen
Kuß beantwortet hatte.
Der Boden war hart gefroren, die Luft war still, meine
Straße einsam; ich ging sehr schnell, bis ich warm wurde, dann
ging ich langsam, um das Vergnügen des Spazierganges recht zu
genießen. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug, als ich an dem
Glockenturm vorüberging; der Reiz der Stunde lag in der herannahenden Dämmerung, in der niedersinkenden und mattstrahlenden Sonne. Ich war eine Meile von Thornfield entfernt, in einem engen Heckenwege, welcher im Sommer seiner wilden Rosen, im
Herbst seiner Nüsse und Brombeeren wegen bekannt war und sogar jetzt noch einige korallenfarbige Schäe in Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte; seine herrlichste Winterfreude lag jedoch in seiner vollständigen Einsamkeit und starren
Stille. Selbst wenn ein Lüftchen wehte, weckte es hier keinen
Laut, denn hier war kein Stechpalmengesträuch, kein Immergrün,
welches hätte rauschen können, und die entblätterten Weißdorn-
und Haselnußbüsche lagen ebenso still da, wie die weißen, morschen
Steine, mit welchen der Fußpfad in der Mitte gepflastert war.
Als ich die Mitte des Weges erreicht hatte, setze ich mich an
einem Zaun nieder, welcher sich von dort quer über ein Feld zog.
Ich hüllte mich dicht in meinen Mantel, verbarg die Hände in meinem Muff und fühlte auf diese Weise die Kälte nicht, obgleich es
scharf fror, wie eine dünne Eisschicht auf einer Pfütze bewies. Von
meinem Plate aus konnte ich Thornfield liegen sehen; das graue
Herrenhaus bildete den hervorragendsten Punkt in dem Tal zu
meinen Füßen, die Wälder und das dunkle Krähengeniste erhoben
sich am Westhimmel ab. Ich verweilte, bis die Sonne hinter den
Bäumen versank und feurig zur Ruhe ging. Dann wandte ich mich
ostwärts.
Über der Spitze des Hügels vor mir stand der aufgehende
Mond; jetzt noch bleich, aber mit jedem Augenblick glänzender werdend. Er blickte auf Hay hinab, das halb in Bäumen versteckt, aus
seinen Schornsteinen einen bläulichen Rauch in die Luft sandte; es
lag noch eine Meile entfernt, aber in der tiefen Stille konnte ich
die Töne des Lebens vernehmen.
Plötzlich unterbrach ein lebhaftes Geräusch dies zarte, ferne
und doch so klare Flüstern und Kräuseln und Rieseln, ein Klirren
wie von Pferdehufen.
Der Lärm war auf dem Fußpfade, ein Pferd näherte sich, die
Windungen des Weges verbargen es noch, aber es kam näher; ich
wollte gerade meinen Plat verlassen, da der Pfad aber schmal war,
saß ich still, um es vorbeizulassen. In jenen Tagen war ich jung
und mancherlei Phantasiegebilde bemächtigten sich meines Gemüts; die Erinnerung an Kindermärchen lag dort unter anderen:
Unsinn aufgespeichert, und wenn sie wach wurden, verlieh die reifere Jugend ihnen eine Lebhaftigkeit und Stärke, wie es die Kindheit nicht vermocht hatte. Als dies Pferd näher kam, und ich erwartete, es aus der Dämmerung auftauchen zu sehen, fiel mir eine
von Bessies Geschichten ein, in welcher ein Geist aus dem Norden
Englands, namens Gytrash auftrat, dieser spukte in Gestalt eines
Pferdes, Maulesels oder großen Hundes auf einsamen Wegen und
überfiel zuweilen nächtliche Wanderer, gerade so wie dieses Pferd
jetzt auf mich zukam.
Es war schon sehr nahe, aber immer noch nicht sichtbar; da
vernahm ich außer jenem trapp, trapp noch ein Rascheln unter der
Hecke, und dicht an den Sträuchern entlang lief ein großer Hund,
dessen schwarze und weiße Farbe ihn weithin kenntlich machte.
Dies war nun gerade eine Erscheinung aus Bessies Gytrash, ein
löwenähnliches Tier mit langer Mähne und ungeheurem Kopfe;
es schlich indessen ruhig an mir vorüber und blickte mit seinen seltsamen Hundeaugen nicht zu mir auf, wie ich halb und halb erwartete. Dann folgte das Pferd -- ein starkes Roß, auf seinem Rücken
ein Reiter. Der Mann, das menschliche Wesen, machte dem Zauber sofort ein Ende. Den Gytrash ritt niemand, er stürmte stets
allein umher, und wenn Kobolde auch in die stummen Leiber der
Tiere fahren konnten, so vermochten sie doch, soviel ich wußte, nicht
die gewöhnliche Menschengestalt anzunehmen. Dies war also kein
Gytrash -- sondern nur ein Reisender, welcher auf dem näheren
Wege nach Millcote ritt. ich ging weiter; nur wenige Schritte,
dann wandte ich mich um; ein Laut, als glitte irgend etwas aus,
ein Ausruf: ,Was zum Henker ist jetzt zu machen?' ein polternder Fall weckten meine Aufmerksamkeit. Roß und Reiter lagen
am Boden; sie waren auf einer Eisfläche ausgeglitten. In großen Sprüngen kam der Hund zurück, und als er seinen Herrn in
dieser Lage sah und das Pferd stöhnen hörte, begann er zu bellen,
bis es von den Hügeln widerhallte. Er beschnüffelte die auf dem
Boden liegende Gruppe und dann kam er zu mir gelaufen; das
war alles, was er tun konnte-- keine andere helfende Hand war
zur Stelle. Ich folgte ihm und ging zu dem Reiter hinunter, welcher jetzt begann, sich unter seinem Pferde loszumachen. Seine
Austrengungen waren so kräftig, daß ich glaubte, er könne keinen
großen Schaden genommen haben; aber ich fragte ihn:
,Haben Sie sich verletzt, mein Herr?
Ich glaube beinahe, daß er fluchte, aber ich bin dessen nicht
gewiß; indessen brummte er etwas wie eine Antwort.
,Kann ich irgend etwas für Sie tun? fragte ich wiederum.
,Gehen Sie auf die Seite,' entgegnete er, indem er sich erhob, erst auf die Knie, dann auf die Füße. Ich tat, wie er mich
hieß. Dann begann ein Stoßen, Stampfen, Schlagen, begleitet
vom Bellen des Hundes, welches mich in der Tat einige Schritte
vorwärtstrieb; ich wollte mich jedoch nicht ganz entfernen, bevor
ich den Ausgang nicht gesehen hatte. Dieser war am Ende ein
glücklicher; das Pferd stand wieder auf den Füßen, und der Hund
wurde mit einem ,Ruhig, Pilot!' zum Schweigen gebracht. Dann
beugte der Reisende sich nieder und befühlte seinen Fuß und sein
Bein, wie um sich zu vergewissern, ob sie heil geblieben; augenscheinlich war er von dieser Untersuchung zufrieden gestellt, denn
er hinkte bis zu dem Plat am Zaun, wo ich aufgestanden war, und
ließ sich nieder.
Ich war in der Stimmung, mich nützlich zu machen oder doch
wenigstens mich gefällig zu zeigen, denn ich näherte mich ihm wiederum.
,Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, oder Hilfe brauchen,
so kann ich entweder aus Hay oder von Thornfield-Hall. Hilfe herbeiholen.''
,Ich danke Ihnen. Es wird schon gehen. Ich habe nichts
gebrochen, sondern nur eine kleine Verrenkung davongetragen,''
und wiederum stand er auf und prüfte seinen Fuß; der Versuch
preßte ihm aber ein umwillkürliches ,Uh' aus.
Das Tageslicht war noch nicht ganz erloschen, und der Mond
schien bereits hell; ich konnte ihn deutlich sehen. Er trug einen
weiten Reitmantel mit Pelzkragen; ich sah, daß der Mann von
mittlerer Größe und sehr breitschulterig sein mußte. Er hatte ein
dunkles Gesicht mit ernsten Zügen und hoher Stirn; die Augen
mit den hochgewölbten, zusammengewachsenen Brauen verrieten
Wut und Zorn; er mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre alt sein.
Ich fürchtete mich nicht vor ihm und hatte nur wenig Scheu. Wäre
er ein schöner, heroisch aussehender, junger Mann gewesen, so
würde ich nicht gewagt haben, so dazustehen und ihm meine Dienste
unaufgefordert anzubieten und ihn gegen seinen Willen mit Fragen zu belästigen.
Und wenn dieser Fremde mich angelächelt hätte oder freundlich gewesen wäre, als ich ihn anredete; wenn er mein Anerbieten,
ihm Hilfe zu leisten, dankbar und liebenswürdig abgelehnt hätte
-- so würde ich wahrscheinlich meines Wegs gegangen sein und
durchaus keinen Beruf in mir verspürt haben, mein Anerbieten zu
erneuern; aber die Rauheit des Reisenden machten, daß ich ganz
harmlos blieb. Als er mir winkte, beiseite zu gehen, blieb ich
stehen und kündigte ihm an:
,Ich kann gar nicht daran denken, mein Herr, Sie zu so später Stunde in diesem einsamen Wege allein zu lassen, bevor ich nicht gesehen habe, ob Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.'
Als ich dies sagte, blickte er mich an. Bis dahin hatte er mich kaum angesehen.
,Mich dünkt, Sie sollten selbst daran denken, nach Hause zu
kommen,' sagte er, ,wenn Sie ein Haus in der Nähe haben. Woher kommen Sie denn?’
,Von dort unten; und ich fürchte mich nicht, wenn der Mond scheint. Wenn Sie es wünschen, werde ich mit Vergnügen für Sie nach Hay hinüberlaufen-- ich gehe in der Tat nach dort, um einen Brief auf die Post zu geben.
,Sie wohnen dort unten?-- Sie meinen doch nicht in jenem Hause dort mit den Zinnen ?' sagte er und deutete auf Thornfield-Hall, auf welches der Mond jetzt seinen bleichen Schein warf, wodurch es sich deutlich und hell von den Wäldern abhob.
,Ja, mein Herr.
,Wem gehört das Haus?
,Mr. Rochester.’
‘Kennen Sie Mr. Rochester?'
,Nein, ich habe ihn niemals gesehen.'
,Er wohnt also jetzt nicht dort?’
,Nein.’
,Können Sie mir denn sagen, wo er sich aufhält?’
,Nein, ich weiß es nicht.'
,Natürlich sind Sie keine Dienerin im Herrenhause. Sie sind- er hielt inne und ließ die Augen über meine Kleidung schweifen, welche wie gewöhnlich sehr einfach war: ein schwarzer Merinomantel, ein schwarzer Biberhut; beides nicht im entferntesten elegant genug für eine Kammerjungfer. Es machte ihm anscheinend Verlegenheit, zu entscheiden, wer ich eigentlich sein könne.
Ich half ihm.
,Ich bin die Gouvernante.'
,Ah! die Gouvernante!' wiederholte er.,Der Henker soll mich holen, das hatte ich ganz vergessen! Die Gouvernante!' und wiederum unterwarf er meine Toilette einer Prüfung. Nach zwei Minuten versuchte er aufzustehen, aber sein Gesicht drückte Schmerz
aus, als er versuchte eine Bewegung zu machen.
,Ich kann Sie nicht beauftragen, Hilfe herbeizuholen,' sagte er; ,aber Sie selbst können mir ein wenig helfen, wenn Sie die Güte haben wollen.
,Ja, mein Herr.’
,Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als Stock gebrauchen könnte?’
,Nein.’
,Versuchen Sie, den Zügel meines Pferdes zu fassen und es mir herzuführen. Sie fürchten sich doch nicht?’
Ich würde mich gefürchtet haben, ein Pferd zu berühren; da
mir jedoch befohlen wurde, es zu tun, war ich geneigt zu gehorchen.
Ich legte meinen Muff nieder und näherte mich dem großen
Pferde; ich bemühte mich, den Zügel zu fassen, es war aber ein
feuriges Tier und wollte mich seinem Kopfe nicht nahe kommen
lassen; ich versuchte es immer aufs neue, aber vergebens; inzwischen hatte ich eine Todesangst vor seinen stampfenden Vorderhufen. Der Fremde wartete und beobachtete einige Zeit; endlich lachte er.
,Ich sehe schon,’ sagte er, ‘der Berg will nicht zu Mahomet
kommen, daher können Sie weiter nichts tun, als Mahomet helfen,
daß er zum Berge gehe; ich muß Sie bitten, hierher zu kommen.'
Ich ging.
,Entschuldigen Sie, fuhr er fort, ,die Notwendigkeit zwingt
mich, Sie mir nützlich zu machen.’ Er legte eine schwere Hand auf
meine Schulter, und sich kräftig auf mich stützend, hinkte er bis zu
seinem Pferde. Als er den Zügel fassen konnte, beherrschte er es
sofort und schwang sich in den Sattel. Dabei schnitt er furchtbare
Grimassen, denn der verrenkte Knöchel machte sich durch Schmerzen
bemerkbar.
,Jetzt,' sagte er und biß auf die Unterlippe, ,geben Sie mir
meine Peitschte; sie liegt dort unter der Hecke.’
Ich suchte sie und fand sie.
,Ich danke Ihnen; jetzt eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay, und dann kehren Sie so schnell wie möglich zurück.
Eine Berührung mit dem bespornten Absatz machte, daß sein Pferd sich bäumte und dann davonsprengte; der Hund raste hinterdrein, und alle drei verschwanden.
Ich nahm meinen Muff wieder auf und ging weiter. Der Zwischenfall war jetzt vorüber, ohne Bedeutung, ohne Romantik, ohne Interesse in gewisser Beziehung, und doch kennzeichnete er eine einzige Stunde eines einförmigen Lebens. Meine Hilfe war
in Anspruch genommen worden, ich hatte sie geleistet; es freute mich, irgend etwas getan zu haben; ich war ja der bisherigen Untätigkeit so müde geworden. Als ich von Hay an die Stelle zurückkam, hielt ich eine Minute inne, blickte umher und horchte; mir war, als müsse ich wiederum Hufschläge auf der Straße vernehmen, als müsse wiederum ein Reiter im Mantel und ein Gytrash-ähnlicher Neufundländer erscheinen-- aber ich sah nur eine Hecke und eine geköpfte Weide vor mir, die still und gerade in das klare Mondeslicht hineinragten; ich hörte nur den leisen Windhauch, welcher durch die Bäume fuhr, welche das Herrenhaus von Thornfield umstanden, und als ich dieser Richtung mit den Augen folgte, sah ich, wie ein Fenster an der Vorderseite des Hauses plötzlich erhellt wurde. Es erinnerte mich daran, daß ich mich verspätet hatte.
Ich eilte weiter.
Es machte mir keine Freude, Thornfield wieder zu betreten.
Seine Schwelle überschreiten hieß in mein träges Leben zurückkehren, durch die totenstille Halle gehen, die düstere Treppe hinaufsteigen, mein einsames Zimmer aufsuchen und später mit der ruhigen Mrs. Fairfax den langen Winterabend zubringen.
Wie wohltuend würde es mir zu jener Zeit gewesen sein, in
den Stürmen eines unsicheren, kämpfenden Lebens hin und her
geworfen zu werden und durch rauhe und bittere Erfahrung die
Sehnsucht nach der Ruhe zu empfinden, welche mich jetzt fast erdrückten!
An der Parkpforte zögerte ich; ich zögerte auf dem Rasenplatz;
ich ging auf dem Pflaster hin und her; die Läden der Glastür
waren geschlossen; ich konnte nicht in das Innere des Zimmers
blicken, und sowohl meine Augen wie meine Seele schienen von dem
düsteren Hause fortgezogen zu werden hinauf nach jenem klaren
Himmelsmeer, an welchem der Mond feierlich emporstieg. Er ließ
die Spitzen jener Hügel unter sich, hinter denen er hervorgekommen war; er strebte dem dunklen, unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden Sterne, denen ich mit bebendem Herzen, mit fiebernden Pulsen nachblickte. Geringfügige Dinge rufen uns auf diese Erde zurück; in der Halle schlug die Uhr;
das genügte; ich wandte mich von Mond und Sternen ab, öffnete
eine Seitentür und trat ins Haus.
Die Halle war nicht dunkel, aber ebensowenig war sie ganz
erhellt durch die Bronzelampe, welche hoch oben an der Decke hing;
eine angenehme Wärme herrschte sowohl hier wie auf dem unteren
Teil der alten Eichentreppe. Ein rötlicher Schein drang aus dem
großen Speisezimmer, dessen hohe Flügeltüren geöffnet waren und
ein lustig flackerndes Feuer im Kamin sehen ließen; in prächtigem
Glanz zeigten sich die purpurroten Draperien, die polierten Möbel,
die Marmorbekleidung des Kamins. Der Schein des Feuers fiel
auf eine Gruppe, welche sich vor demselben befand; kaum war ich
derselben ansichtig geworden, kaum hatte ich den Ton froher Stimmen vernommen, unter denen ich jene Adeles zu unterscheiden glaubte, als die Tür auch schon wieder geschlossen wurde.
Ich eilte nach Mrs. Fairfax’ Zimmer; auch dort brannte ein
Feuer, jedoch kein Licht. Keine Mrs. Fairfax war sichtbar. Statt
ihrer sah ich auf dem Kaminteppich einen großen, langhaarigen
schwarz und weißen Hund, ähnlich dem Gytrash am Heckenwege.
Er war ihm so ähnlich, daß ich auf ihn zuging und rief:
,Pilot!’ Das Tier erhob sich, kam auf mich zu und beschnüffelte mich. Ich streichelte den Hund; er wedelte mit seinem großen Schwanze; aber er sah zu unheimlich aus, um mit ihm allein zu bleiben, und ich wußte nicht einmal, woher er gekommen. Ich zog
die Glocke, denn ich brauchte ein Licht. Leah trat ein.
,Wo kommt dieser Hund her?’
,Er ist mit dem Herrn gekommen.’
,Mit wem?’
,Mit dem Herrn, mit Mr. Rochester, er ist soeben angekommen?
,Wirklich? Und ist Mrs. Fairfax bei ihm?’
,Ja. Und Fräulein Adele auch. Sie sind im Speisezimmer, und John ist nach einem Wundarzte geschickt; denn unser Herr hat einen Unfall gehabt. Sein Pferd ist gestürzt, und er hat sich den Fuß verrenkt.’
,Ist das Pferd in dem Heckenweg gestürzt, der von Hay herabführt?’
,Ja, als er bergab ritt, ist es auf dem Eise ausgeglitten.'
,Ah, Leah, wollen Sie mir nicht eine Kerze bringen?’
Leah brachte sie; als sie eintrat, folgte Mrs. Fairfax ihr auf
dem Fuße und wiederholte die Erzählung. Sie fügte noch hinzu,
daß der Wundarzt, Mr. Carter, gekommen und jetzt bei Mr. Rochester sei. Dann eilte sie hinaus, um ihre Vorbereitungen für den Tee zu treffen. Ich ging nach oben, meine Sachen abzulegen.
13. Kapitel.
Die erste Unterredung.
Mr Rochester befolgte den Rat des Arztes, indem er an diesem Abende frühzeitig zu Bett ging. Am folgenden Morgen stand er spät auf. Als er dann herunterkam, geschah es, um sich den Geschäften zu widmen; sein Verwalter und einige seiner Pächter
waren gekommen und warteten auf ihn.
Adele und ich mußten das Bibliothekzimmer jetzt räumen, da
es täglich als Empfangszimmer für die Besucher dienen sollte. Im
oberen Stockwerk wurde ein Zimmer geheizt; dorthin trug ich
unsere Bücher und richtete es als künftiges Schulzimmer ein. Im
Laufe des Morgens hatte ich noch Gelegenheit wahrzunehmen, daß
Thornfield-Hall sich verändert hatte. Es war nicht mehr still wie
in einer Kirche; zu jeder Stunde wurde an die Tür geklopft oder
man hörte den Ton der Glocke durch das Haus; oft ertönten
Schritte in der Halle; von unten herauf drang der Schall fremder
Stimmen. Ein Bächlein aus der Außenwelt rieselte plötzlich durch
unser stilles Heim. Das Haus hatte einen Herrn bekommen. Mir
gefiel es jetzt besser.
An diesem Tage war es nicht leicht, Adele zu unterrichten;
sie war zerstreut. Sie lief zur Tür und blickte über das Treppengeländer hinab, um zu sehen, ob sie nicht einen Schimmer von Mr. Rochester erhaschen könne. Dann suchte sie allerlei Vorwände, um hinuntergehen zu dürfen; ich vermute, daß sie nur in die Bibliothek gehen wollte, wo sie doch durchaus nicht gebraucht wurde.
Als ich dann ein wenig ärgerlich wurde und ihr befahl, still zu
sitzen, begann sie unaufhörlich von ihrem ,Ami, Monsieur Edouard Fairfax de Rochester,’ wie sie ihn nannte, zu sprechen,
-- ich hatte seine Vornamen bis jetzt noch nicht gekannt-- und Vermutungen über die Geschenke anzustellen, welche er ihr wohl mitgebracht hatte; denn wie es schien, hatte er ihr abends zuvor angedeutet, daß wenn sein Gepäck aus Millcote käme, sie eine kleine Schachtel finden würde, deren Inhalt ihr willkommen sein dürfte.
‘Et cela doit signifier,’ sagte sie, qu’il y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n’était pas une petite personne, assez mince et un peu pâle. J’ais dit que oui car c’est vrai, n’est-ce pas, Mademoiselle?’
Wie gewöhnlich speisten meine Schülerin und ich in Mrs. Fairfax’ Wohnzimmer. Der Nachmittag war stürmisch und erlaubte ich Adele, Bücher und Arbeiten fortzulegen und hinunterzulaufen; denn aus der Stille unten und dem Aufhören des Läutens an der Türglocke schloß ich, daß Mr. Rochester jetzt freie Zeit habe. Als ich allein wan, trat ich ans Fenster; aber man konnte nichts mehr sehen; die Dämmerung und das Schneegestöber verdunkelten die Luft und verbargen sogar das Gebüsch auf dem Rasenplatz vor dem Hause. Ich ließ die Vorhänge herab und setzte
mich wieder an den Kamin.
Da trat Mrs. Fairfax ein.
,Es würde Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und
Ihre Schülerin heute abend den Tee mit ihm im Gesellschaftszimmer einnehmen wollten,' sagte sie, ,er ist während des ganzen
Tages so sehr beschäftigt gewesen, daß er Sie noch nicht früher zu
sich bitten konnte.
,Um welche Zeit trinkt er den Tee?’ fragte ich.
,O, um sechs Uhr. Auf dem Lande hält er sich an frühe Stunden. Es wird gut sein, wenn Sie jetzt schon gingen, um sich umzukleiden. Ich werde Ihnen helfen. Hier ist eine Kerze.’
,Ist es denn durchaus notwendig, ein anderes Kleid anzuziehen?’
,Ja, Sie werden gut daran tun. Ich ziehe mich stets für den Abend besser an, wenn Mr. Rochester hier ist.’
Diese Zeremonie erschien mir ein wenig steif. Indessen begab
ich mich auf mein Zimmer, und mit Mrs. Fairfax’ Hilfe tauschte
ich mein schwarzes, wollenes Kleid gegen ein schwarzseidenes; es
war das einzige, welches ich besaß, mit Ausnahme eines hellgrauen, welches nach meinen aus Lowood mitgebrachten Ansichten,
zu prächtig und elegant war, um bei anderen als höchst feierlichen
Gelegenheiten getragen zu werden.
,Sie brauchen noch eine Brosche,' sagte Mrs. Fairfax. Ich
besaß einen einzigen, kleinen Schmuckgegenstand aus echten Perlen,
welchen Miß Temple mir beim Abschied als Andenken gegeben
hatte; diesen legte ich an, und dann gingen wir hinunter. Ich war
nicht an den Verkehr mit Fremden gewöhnt, und daher war es
fast eine schwere Aufgabe für mich, so nach einer so förmlichen Aufforderung vor Mr. Rochester zu erscheinen. Ich ließ Mrs. Fairfax zuerst in das Speisezimmer eintreten. Wir gingen unter dem Bogen durch, dessen Vorhänge jetzt herabgelassen waren, und trat in das elegante Gemach, welches dahinter sich befand.
Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf dem
Kamin; in der Hitze und dem Licht eines prächtig lodernden Feuers
lag Pilot-- neben ihm kniete Adele. Halb zurückgelehnt auf einem
Sofa lag Mr. Rochester; sein Fuß war durch ein Kissen gestützt;
er blickte auf Adele und den Hund; der Schein des Feuers fiel voll
auf sein Gesicht. Ich erkannte sofort den Reiter mit den dichten,
kohlschwarzen Augenbrauen wieder. Ich erkannte seine scharf geschnittene Nase wieder, die mehr charakteristisch als schön war; sein grimmer Mund, das Kinn, die Kinnbacken - ja, alle drei waren grimmig, darüber konnte keine Täuschung obwalten. Seine Gestalt, die jetzt von keinem Mantel verdeckt war, entsprach seinem
Gesicht. Ich vermute, daß man sie vom athletischen Standpunkt
aus schön hätte nennen können.
Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfax' und meinen Eintritt wohl
bemerkt haben; aber ich vermute, daß er nicht in der Stimmung
war, Notiz von uns zu nehmen, denn er wandte nicht einmal den
Kopf, als wir näher traten.
,Hier ist Miß Eyre, mein Herr, sagte Mrs. Fairfax in ihrer
ruhigen Weise. Er neigte den Kopf leicht, aber immer wandte er
noch keinen Blick von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde.
,Lassen Sie Miß Eyre Platz nehmen,' sagte er, und in der
förmlichen Verbeugung, in dem ungeduldigen, gezwungenen Ton
lag etwas, das zu sagen schien: ,Was zum Henker kümmert es
mich, ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem Augenblick bin
ich nicht aufgelegt, mit ihr zu sprechen.’
Ich setzte mich und meine Scheu war gänzlich geschwunden.
Ein Empfang von äußerster Höflichkeit würde mich wahrscheinlich
verwirrt haben; ich hätte ihn nicht durch Eleganz oder Grazie meinerseits erwidern können; aber solche rauhen Launen legten mir keine Verpflichtung auf; im Gegenteil, ich errang durch Schweigen einen leichten Vorteil über ihn durch seinen Mangel an gutem Benehmen, den ich schweigend zu ignorieren schien. Außerdem war
mir das Außergewöhnliche seines Verfahrens interessant. Es verlangte mich zu beobachten, wie es nun weiter gehen würde.
Er benahm sich also weiter, wie eine Bildsäule; das heißt, er
sprach weder, noch bewegte er sich. Mrs. Fairfax schien es für notwendig zu halten, daß wenigstens einer von uns sich liebenswürdig
zeige, und so begann sie zu sprechen. Freundlich wie gewöhnlich
und wie gewöhnlich auch zuerst sehr langweilig begann sie ihn
wegen der Überbürdung mit dringenden Geschäften während des
ganzen Tages zu bemitleiden, wegen der Verrenkung, welche ihm
große Schmerzen verursachen müsse,-- dann begann sie, ihm Geduld und Beharrlichkeit anzuempfehlen.
,Madame, ich bitte um eine Tasse Tee,' lautete die einzige
Antwort, welche sie erhielt. Sie beeilte sich, die Glocke zu ziehen;
und als das Teebrett gebracht wurde, begann sie, die Tassen, Löffel
usw. mit geschäftiger Schnelligkeit zu ordnen. Adele und ich gingen
an den Tisch; aber der Hausherr verließ sein Ruhebett nicht.
,Wollen Sie Mr. Rochester die Tasse reichen? sagte Mrs. Fairfax zu mir. ,Adele möchte den Tee verschütten.
Ich tat, was sie wünschte. Als er mir die Tasse aus der Hand nahm, rief Adele, welche den Augenblick vielleicht für geeignet hielt, eine Frage zu meinen Gunsten zu tun:
,N’est-ce pas, Monsieur, gu'il y a un cadeau pour Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?’
,Wer redet von cadeaux? fragte er rauh. ,Haben Sie ein Geschenk erwartet, Miß Eyre? Lieben Sie vielleicht Geschenke?’ und forschend blickte er mir ins Gesicht mit dunklen, zornigen Augen.
,Ich weiß es kaum, mein Herr; ich habe in dieser Beziehung wenig Erfahrung. Aber im allgemeinen hält man sie doch für sehr angenehme Dinge.’
,Im allgemeinen hält man sie dafür! Aber was halten Sie davon?’
,Dazu brauchte ich Zeit, Sir, um zu überlegen, bis ich eine Antwort finden könnte, die Ihrer Frage würdig wäre. Ein Geschenk hat viele Seiten. Nicht wahr? Und man sollte jede einzelne betrachten, ehe man eine Meinung über seine Beschaffenheit ausspricht.’
,Miß Eyre, Sie sind weniger natürlich als Adele; sie verlangt laut ein cadeau, sobald sie meiner ansichtig wird. Sie hingegen klopfen auf den Busch.’
,Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten habe, als Adele; sie kann ihre alte Bekanntschaft geltend machen, denn sie hat mir erzählt, daß Sie ihr stets Spielsachen schenkten. Mir würde es aber die größte Schwierigkeit bereiten, wenn ich irgend
einen berechtigten Anspruch auf eine Belohnung an Sie erhebe sollte.'
,O, bitte, keine zu große Bescheidenheit! Ich habe Adele examiniert und finde, daß Sie sich mit ihr große Mühe gegeben haben. Sie ist nicht besonders befähigt, und doch hat sie in kurzer Zeit große Fortschritte gemachte.'
,Sir, jetzt haben Sie mir mein Geschenk gegeben; ich bin
Ihnen außerordentlich dankbar; nichts kann einem Lehrer größere
Freude machen als das Lob über die Fortschritte seiner Schüler.
,Hm!' sagte Mr. Rochester und trank dann seinen Tee schweigend aus.
,Kommen Sie hierher ans Feuer,' sagte der Hausherr, als
das Teegeschirr abgetragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrem
Strickzeug in eine Ecke setzte, und Adele mich an der Hand durch
das Zimmer führte, um mir all die Bücher und Nippsachen auf
Wandgestellen und Eckbrettern zu zeigen. Wir gehorchten pflichtschuldigst. Adele wollte sich auf meinen Schoß seen, aber es wurde
ihr anbefohlen, sich mit Pilot zu unterhalten.
,Sie sind jetzt schon drei Monate in meinem Hause?
,Ja. Sir.
, Und Sie kamen aus?
,Aus der Schule zu Lowood.
,Ah! eine Wohltätigkeitsanstalt! Wie lange waren Sie
dort?’
,Acht Jahre.’
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich meinte,
die Hälfte der Zeit müsse jede Konstitution aufreiben! Kein
Wunder, daß Sie beinahe aussehen, als kämen Sie aus einer anderen Welt. Ich habe mich schon ganz erstaunt gefragt, woher Ihr Gesicht stammt. Als Sie mir gestern abend in dem Heckenwege entgegenkamen, mußte ich unwillkürlich an Feenmärchen denken,
und ich hatte schon die Absicht zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten. Ganz sicher bin ich meiner Sache auch jetzt noch nicht. Wer sind Ihre Eltern?
,Ich habe keine.’
,Und hatten vermutlich auch niemals welche; erinnern Sie sich ihrer nicht?’
,Nein.’
,Das dachte ich mir. So warteten Sie also auf Ihre Leute, als Sie dort an der Hecke saßen.’
,Auf wen, Sir?’
,Auf die grünen Zaubermännchen. Es war gerade eine rechte Mondscheinnacht für sie. Habe ich vielleicht einen Ihrer Zauber gebrochen, daß Sie das verdammte Eis über den Weg zogen?’
Ich schüttelte den Kopf. ,Die grünen Männchen gibt's jetzt nicht mehr,' sagte ich und sprach ebenso ernst, wie er es getan hatte.
,Und nicht einmal im Heckengäßchen von Hay oder auf den umliegenden Feldern würden Sie jetzt noch eine Spur von ihnen finden. Ich glaube, daß weder Herbst, noch Sommer-, noch Wintermond jemals wieder auf ihre Reigen herabscheinen wird.’
Mrs. Fairfax hatte ihr Strickzeug auf den Schoß sinken lassen, und mit verwunderten Augen hörte sie erstaunt auf unser Gespräch.
‘Nun,' fuhr Mr. Rochester fort, ,wenn Sie nun auch Ihre Eltern verleugnen, so müssen Sie doch irgend welche Verwandte haben, Onkel oder Tanten?’
,Keine, die ich jemals gesehen hätte.’
Und Ihre Heimat?’
,Ich habe keine.’
,Wo leben denn Ihre Geschwister?’
,Ich habe keine Geschwister.’
,Wer empfahl Ihnen denn hierher zu kommen?’
,Ich ließ eine Annonce in die Zeitung rücken, und Mrs. Fairfax beantwortete sie.’
,Ja,' sagte die gute Dame, welche jetzt wußte, auf welchem
Boden wir uns bewegten, ,und täglich danke ich der Vorsehung
für die Wahl, welche sie mich treffen ließ. Miß Eyre ist eine unschätzbare Gefährtin für mich und eine gütige, sorgsame Lehrerin für Adele.’
,Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugnis auszustellen,' entgegnete Mr. Rochester, ,Lobeserhebungen wirken auf mich nicht. Ich urteile nach eigener Erfahrung. Sie hat damit angefangen, mein Pferd zu Fall zu bringen.’
,Sir?’ sagte Mrs. Fairfax.
,Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken.’
Die Witwe blickte uns erschrocken an.
,Miß Eyre, sagen Sie mir, haben Sie jemals in einer Stadt
gewohnt?’
,Nein, Sir.’
Haben Sie viel Gesellschaft gesehen?’
,Keine andere als die Schülerinnen und Lehrerinnen von
Lowood; und jetzt die Bewohner von Thornfield.’
,Haben Sie viel gelesen?’
,Nur solche Bücher, die ich zufällig in die Hand bekam; und
diese waren weder sehr zahlreich noch gelehrt.’
,Sie haben das Leben einer Nonne geführt; ohne Zweifel sind Sie in religiösen Formen gut geschult; Brocklehurst, welcher, wie ich hörte, Direktor von Lowood ist, ist ein Geistlicher, wenn ich nicht irre?’
‘Ja. Sir.’
,Und die Mädchen verehrten ihn wahrscheinlich.’
,Ich liebte Mr. Brocklehurst durchaus nicht; und ich stand mit meinem Gefühl nicht allein da. Er ist ein harter und übermütiger Mann. Er ließ uns das Haar abschneiden, und aus Sparsamkeit kaufte er schlechte Nähnadeln und schlechten Zwirn, mit denen wir kaum nähen konnten.’
,Das war eine Sparsamkeit am falschen Orte,’ bemerkte Mrs. Fairfax, welche den Faden des Gesprächs jetzt wieder fand.
,Und war dies sein größtes Verbrechen?’ fragte Mr. Rochester.
,Er ließ uns beinahe verhungern, als er noch allein die Aufsicht führte; und wöchentlich einmal langweilte er uns mit langen
Vorträgen und mit abendlichen Vorlesungen aus Büchern seiner Auswahl; diese handelten stets von plötzlichen Todesfällen und
fürchterlichen Gerichten, so daß wir abends stets gequält und geängstigt zu Bette gingen.’
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
,Ungefähr zehn Jahre alt.
,Und acht Jahre blieben Sie dort. Da sind Sie also jetzt achtzehn Jahre alt?’
Ich bejahte.
,Wie Sie sehen, ist die Rechenkunst sehr nützlich. Ohne ihre Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen, Ihr Alter zu erraten. Es ist das eine sehr schwierige Sache in einem Falle, wo Züge und Gesichtsausdruck so sehr im Widerspruch miteinander stehen, wie bei Ihnen. Und nun erzählen Sie mir, was Sie in Lowood gelernt haben. Können Sie Klavier spielen?’
,Ein wenig.’
,Natürlich ,ein wenig'. Das ist die gewöhnliche Antwort.
Gehen Sie in die Bibliothek-- d. h. wenn Sie die Güte haben wollen. Verzeihen Sie meinen Befehlston; ich bin daran gewöhnt; ich kann meine alten Gewohnheiten eines einzigen Hausgenossen zu Liebe nicht ablegen. Gehen Sie also in die Bibliothek; nehmen Sie eine Kerze mit, lassen Sie die Tür offen, setzen
Sie sich ans Klavier und spielen Sie etwas.’
Ich ging, um seinen Weisungen Folge zu leisten.
,Genug!'' rief er nach wenigen Minuten. , Sie spielen allerdings ,ein wenig'',ich sehe schon; gerade so wie jedes andere englische Schulmädchen, vielleicht noch ein wenig besser, aber nicht gut.’
Ich schloß das Klavier und kehrte zurück. Mr. Rochester fuhr fort:
,Adele hat mir heute morgen einige Skizzen gezeigt, von denen sie behauptete, daß sie von Ihnen herrührten. Ich weiß
nicht, ob diese Ihr Werk allein sind,-- wahrscheinlich hat ein Lehrer Ihnen dabei geholfen?
,Nein, gewiß nicht! rief ich schnell.
,Ah! das verletzt den Stolz. Gut also, holen Sie Ihre
Mappe, wenn Sie dafür bürgen können, daß es nur Originale
enthält; aber geben Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie nicht ganz sicher
sind. Ich erkenne sofort jedes Flickwerk.
,Dann werde ich also gar nichts sagen, Sir, und Sie werden
selbst urteilen.’
Ich holte die Mappe aus der Bibliothek.
,Schieben Sie mir den Tisch heran, sagte er, und ich rollte
ihn an sein Ruhebett. Adele und Mrs. Fairfax kamen auch heron,
um die Bilder zu sehen.
,Kein Gedränge,' sagte Mr. Rochester,,nehmen Sie mir die
Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin; aber drücken
Sie Ihre Gesichter nicht an das meine.
Mit Muße betrachtete er jedes Bild, jede Zeichnung. Drei
von diesen legte er beiseite; die anderen schob er von sich, nachdem
er sie angesehen hatte.
,Legen Sie sie nach jenem Tische dort, Mrs. Fairfax,' sagte
er, ,und betrachten Sie sie mit Adele;-- Sie mit einem Blick auf
mich nehmen Ihren Platz wieder ein und beantworten meine Fragen. Ich sehe, daß diese Skizzen von einer Hand herrühren; war es die Ihre?’
‘Ja.’
,Und wann haben Sie Zeit gefunden, sie zu machen? Sie
haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken gekostet.’
,Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood, wo ich
keine andere Beschäftigung hatte.’
,Woher haben Sie die Vorlagen genommen?’
,Aus meinem Kopfe.’
,Aus dem Kopfe, den ich jetzt da auf Ihren Schultern sehe?'
‘Ja, Sir.’
,Beherbergt er noch dergleichen Vorräte mehr in sich?’
,Ich meine wohl; aber ich hoffe, daß er deren noch bessere
in sich trägt.-‘
Während er noch damit beschäftigt ist, will ich dir, lieber Leser,
erzählen, was sie vorstellen, aber ich muß vorausschicken, daß sie
durchaus nichts Außergewöhnliches sind. Die Vorlagen hatten
sich mir lebhaft aufgedrängt. Als ich sie mit dem geistigen
Auge sah, bevor ich versuchte, sie zu verkörpern, waren sie allerdings außergewöhnlich; aber mein Pinsel konnte mit meiner Phantasie nicht gleichen Schritt halten, und in jedem Falle war die Aufführung nur ein schwaches Abbild dessen geworden, was mir vorgeschwebt hatte.
Die Bilder waren in Wasserfarben gemalt. Das erste stellte blaugraue, niedrighängende Wolken über einer bewegten See dar. Der ganze Hintergrund lag in Finsternis da und ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen, denn es war gar
kein Land auf dem Bilde. Ein einziger Lichtstrahl fiel auf einen
halb aus dem Wasser hervorragenden Mast, auf welchem ein Seerabe saß; im Schnabel hielt er ein goldenes Armband, welches mit Edelsteinen reich besetzt war; diesen hatte ich die reichsten Farben verliehen, welche meine Palette herzugeben vermocht. Hinter Mast und Vogel schien ein ertrunkener Leichnam in dem grünen Wasser zu versinken; ein weißer Arm war das einzige Glied, das deutlich sichtbar; von ihm war das Armband abgespült oder abgerissen worden.
Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte die neblige Spitze eines Hügels, von welchem einige Blätter und Grashalme vom Winde herabgetrieben wurden. Hinter und über dem Bergesgipfel breitete sich das Himmelsgewölbe aus, tiefblau wie zur
Dämmerzeit; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer Frau, in so weichen Farben gemalt, wie es mir nur möglich gewesen war. Die dunkle Stirn war von einem Stern gekrönt, die unteren Gesichtszüge sah man nur wie durch dichten Nebel; die Augen glänzten düster und wild; das Haar fiel schattengleich herab, wie eine strahlenlose Wolke, welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat. Auf ihrem Nacken lag ein bleicher Schein, wie ein Abglanz von Mondesstrahlen.
Das dritte Bild zeigte die Spitze eines Eisberges, welcher in den nördlichen Winterhimmel hineinragte. Am Horizont schoß ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor. In Vordergrunde erhob sich ein Kopf, welcher sich dem Eisberge zuneigte und an diesem ruhte. Zwei magere Hände, welche sich unter
der Stirn kreuzten und diese stützten, warfen einen schwarzen Schein vor die unteren Gesichtszüge; eine bleiche Stirn, weiß wie Elfenbein und ein hohles, starres Auge, das keinen anderen Ausdruck hatte als den der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Über den Schläfen, zwischen turbanartigen Falten einer düsteren Draperie glänzte ein Ring von weißen Flammen. Dieser blasse Halbkreis war ,das Ebenbild einer Königskrone'; was diese krönte, war die Form, die keine Form hat.
,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?’ fragte Mr. Rochester.
,Ich hatte mich in die Arbeit versenkt, Sir; ja- ich war glücklich. Als ich sie malte, empfand ich das höchste Vergnügen, das ich jemals gekannt habe.
,Das will nicht viel sagen. Nach Ihrer eigenen Erzählung sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen; aber ich vermute, daß Sie in einer Art künstlerischen Traumlandes lebten, als Sie diese seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen. Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht?’
,Ich hatte nichts anderes zu tun, da es Ferienzeit war, und ich saß dabei vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum
Abend. Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Arbeitsluft.
,Und waren Sie mit dem Ergebnis Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden?
,Keineswegs. Der Abstand zwischen meiner Idee und meiner Ausführung quälte mich.’
,Nicht ganz. Die Zeichnungen sind für ein Schulmädchen
immerhin beachtenswert. Die Ideen sind vollständig geisterhaft.’
Diese Augen in dem ,Abendstern' müssen Sie einmal im Traume gesehen haben. Wie haben Sie es nur angefangen, diese so klar und doch nicht glänzend wiederzugeben? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre Strahlen. Und welche Bedeutung
liegt in ihrer ernsten Tiefe? Und wer hat Sie gelehrt, den Wind
zu malen? Unter diesem Himmel und über jenem Hügel weht ein
heftiger Sturm. Wo haben Sie Latmos gesehen? denn das ist
Latmos. Hier- tragen Sie die Zeichnungen wieder fort.’
Kaum hatte ich meine Zeichenmappe wieder zusammengebunden, als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte:
,Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, Adele so lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.'
Adele ging und gab ihm einen Kuß, bevor sie das Zimmer verließ. Er duldete die Liebkosung, aber er schien kaum mehr Wohlgefallen daran zu finden, als Pilot es getan haben würde.
,Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht,. sagte er und
machte eine Handbewegung nach der Tür, zum Zeichen, daß er
unserer Gesellschaft müde sei und uns entließe. Mrs. Fairfax
legte ihre Stickerei zusammen; ich nahm meine Zeichenmappe: wir
verneigten uns vor ihm, erhielten dafür eine kalte Verbeugung als
Gegengruß und zogen uns dann zurück.
,Mrs. Fairfax, Sie sagten, daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichkeiten besitze,'' bemerkte ich, als ich wieder zu ihr ins Zimmer trat, nachdem ich Adele ins Bett gebracht hatte.
,Nun, und besitzt er welche?’
,Ich glaube wohl. Er ist sehr veränderlich und launenhaft.’
,Das ist allerdings wahr. Ohne Zweifel muß er einem Fremden so erscheinen, aber ich bin schon so lange an ihn gewöhnt, daß
ich mir gar keine Gedanken mehr darüber mache. Und überdies
sollte man sich nicht darüber wundern, wenn er nicht immer gleichmäßig gelaunt ist.’
‘Weshalb das?’
Teilweise, weil es in seiner Natur liegt—und keiner von uns kann gegen seine Natur; hauptsächlich aber, weil er wohl oft
traurige und qualvolle Gedanken haben mag, die ihn peinigen und seine Stimmung verderben.'
,Was quält ihn denn?’
,Familiensorgen vor allen Dingen.’
,Aber er hat ja keine Familie.’
,Jetzt nicht-- aber er hatte eine; - Verwandte wenigstens.
Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren.'
,Seinen älteren Bruder?’
,Ja. Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr lange
im Besitz der Güter und des Vermögens; erst ungefähr seit neun
Jahren.’
,Neun Jahre sind eine lange Zeit! Hat er seinen Bruder so lieb gehabt, daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich is?
,Nein, nein -- das ist vielleicht nicht der Fall. Ich glaube aber, daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden. Mr.
Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht, und vielleicht nahm er den Vater gegen ihn ein. Der alte Herr
liebte das Geld gar sehr und war stets ängstlich darauf bedacht, das Familienleben und die Güter zusammenzuhalten. Das Besitztum durch Teilung zu verringeun, war ihm unangenehm, und doch wünschte er, daß auch Mr. Edward reich sein solle, um den
Glanz des Namens aufrecht zu erhalten; und bald nachdem er
großjährig geworden, wurden einige Schritte getan, die nicht ganz
gerecht waren und sehr viel Unheil anrichteten. Er brach mit seiner Familie und hat jetzt seit vielen Jahren ein unstätes Leben geführt. Ich glaube nicht, daß er seit dem Tode seines Bruders, der ohne Testament starb und ihn als Erben der Güter hinterließ, vierzehn Tage hintereinander in Thornfield ausgehalten hat. Und in der Tat, es ist kein Wunder, wenn er den alten Ort meidet.’
,Weshalb sollte er ihn denn meiden?’
‘Vielleicht erscheint er ihm zu unheimlich.’
Die Antwort klang ausweichend-- ich hätte gern eine klarere
gehört; aber Mrs. Fairfax wollte oder konnte mir keine genauere Auskunft über die Ursache oder die Art von Mr. Rochesters Prüfungen geben. Sie behauptete, daß sie auch für sie ein Geheimnis seien, und daß alles, was sie wisse, sich nur auf Vermutungen gründe. Es war augenscheinlich, daß sie wünschte, ich möge den Gegenstand fallen lassen, was ich auch tat.
14. Kapitel.
Meine Schülerin Adele.
Während der folgenden Tage sah ich Mr. Rochester wenig.
Des Morgens schien er ganz von Geschäften in Anspruch genommen zu sein, und am Nachmittag kamen gewöhnlich Herren aus
Millcote oder der Nachbarschaft, um ihre Besuche zu machen und
zuweilen auch, um zum Mittagessen bei ihm zu bleiben. Als seine
Verrenkung so weit geheilt war, daß er ausreiten konnte, ritt er
viel aus. Wahrscheinlich erwiderte er jene Besuche, denn gewöhnlich kam er erst spät in der Nacht zurück.
Während dieser Zeit ließ er Adele nur selten zu sich kommen,
und mein ganzer Verkehr mit ihm beschränkte sich auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle, auf der Treppe oder im Korridor;
zuweilen ging er stolz und kalt an mir vorüber und grüßte nur
durch eine steife Verbeugung oder einen kalten Blick; ein anderes
Mal begrüßte er mich durch ein höfliches Lächeln. Seine wechselnde
Laune beleidigte mich nicht, denn ich sah bald ein, daß meine Person daran keine Schuld hatte.
Eines Tages hatte er zum Mittagessen eine Gesellschaft gehabt und meine Zeichenmappe holen lassen, ohne Zweifel, um ihren
Inhalt zu zeigen.
Die Herren entfernten sich früh, um einer öffentlichen Versammlung in Millcote beizuwohnen, wie Mrs. Fairfax mir mitteilte; da der Abend aber regnerisch und rauh war, begleitete Mr.
Rochester sie nicht. Bald nachdem sie sich entfernt hatten, zog er
die Glocke. Es kam die Weisung, daß Adele und ich nach unten
kommen sollten. Ich bürstete Adelens Haar und machte sie schmuck,
und nachdem ich mich vergewissert hatte, daß mein Anzug in Ordnung war, gingen wir hinunter. Adele fragte mich, ob ich glaube,
daß der petit koffre endlich angekommen sei; denn durch irgend
ein Versehen hatte seine Ankunft sich bis jetzt verzögert. Ihre Hoffnung ging in Erfüllung; da stand er, der kleine Karton, auf. dem
Tische, als wir in das Speisezimmer traten. Instinktiv schien sie
ihn zu kennen.
,Ma boîte!’ rief sie, darauf zueilend.
,Ja, da ist deine ‘boîte’ endlich. Nimm sie dir in eine Ecke, du echte Pariserin, und amüsiere dich mit dem Auspacken, sagte
Mr. Rochester mit seiner tiefen und ziemlich spöttischen Stimme,
die aus der Tiefe eines großen, tiefen Lehnstuhles vom Kamin her
ertönte. ,Und merke es dir,'' fuhr er fort, ,guäle mich nicht mit
den Einzelheiten des Inhaltes - tiens-toi tranquille, mon enfant; comprends-tu?’
Es schien dieser Warnung bei Adele gar nicht zu bedürfen; sie
hatte sich mit ihrem Schatz bereits auf ein Sofa zurückgezogen und war damit beschäftigt, die Schnur zu lösen. Nachdem sie dies Hindernis entfernt und einige in Silberpapier eingehüllte Gegenstände emporgehoben hatte, rief sie nur aus:
,Oh, ciel, gue c’est beau!' Dann blieb sie regungslos in begeisterter Betrachtung stehen.
,Ist Miß Eyre da? fragte der Herr des Hauses jetzt, indem er sich halb aus seinem Sitze erhob und sich nach der Tür umblickte, an welcher ich noch immer stand.
,O! das ist gut! Treten Sie näher, und sehen Sie sich zu mir. Er zog einen Stuhl an den seinen heran. ,Ich liebe das Geplauder der Kinder nicht,' fuhr er fort, ,denn ein alter Junggeselle wie ich hat keine freundlichen Erinnerungen, die sich daran knüpfen könnten. Es wäre unerträglich für mich, wenn ich einen ganzen Abend allein mit solch einem Kinde zubringen sollte. Ziehen Sie den Stuhl nicht weiter zurück, Miß Eyre, setzen Sie sich
gerade da, wohin ich ihn gestellt habe, das heißt, wenn es Ihnen recht ist. Zum Henker mit diesen Förmlichkeiten! Ich vergesse sie immer wieder. Für einfache, alte Damen habe ich auch keine besondere Vorliebe. Dabei fällt mir ein, für die meine sollte ich
sie doch haben; es würde nichts Gutes daraus entstehen, wenn ich sie vernachlässigen wollte. Sie ist eine Fairfax, oder war doch wenigstens mit einem solchen verheiratet; und Blut ist dicker als Wasser, wie das Sprichwort sagt.
Er zog die Glocke und sandte eine Aufforderung an Mrs. Fairfax, welche gleich darauf mit ihrem Strickkorbe erschien.
,Guten Abend, Madame; ich ließ Sie zu einem menschenfreundlichen Zwecke hierher bitten: ich habe Adele verboten mit mir über ihre Geschenke zu sprechen und sie vergeht jetzt beinahe
vor verhaltener Aufregung; haben Sie die Güte, ihr als Zuhörerin zu dienen; es wäre eine der barmherzigsten Taten, die Sie jemals vollbracht haben.'
In der Tat hatte Adele kaum Mrs. Fairfax erblickt, als sie diese schon an das Sofa zu kommen aufforderte. Dort füllte sie ihr den Schoß mit dem ganzen Inhalt von Porzellan, Elfenbein und Wachs ihrer boîte und gab zugleich ihr Entzücken in ihrem gebrochenen Englisch zu erkennen.
,Jetzt habe ich die Rolle eines guten Wirtes gespielt und meinen Gästen Gelegenheit zur Unterhaltung gegeben,' fuhr Mr. Rochester fort, ,nun darf ich wohl auch an mein eigenes Vergnügen denken. Miß Eyre, ziehen Sie Ihren Stuhl noch ein klein wenig näher; ich kann Sie nicht sehen, ohne meine bequeme Lage in diesem Stuhl aufzugeben; und dazu habe ich allerdings keine Lust.
Ich tat, wie mir geheißen wurde, obgleich ich viel lieber ein wenig im Schatten geblieben wäre; aber Mr. Rochester hatte eine Art, seine Befehle zu erteilen, daß ihm augenblicklich zu gehorchen, selbstverständlich war.
Wir befanden uns im Speisezimmer; der Kronleuchter, dessen Kerzen für die Mittagstafel angezündet gewesen, erfüllte das Zimmer mit einem festlichen Glanz; das Feuer im Kamin brannte rot; die roten Vorhänge hingen in reichen Falten vor dem hohen Bogenfenster und der noch höheren Bogentür; ringsum herrschte Ruhe, nur Adeles leises Geplauder-- sie wagte nicht laut zu sprechen und der an die Fenster schlagende Regen unterbrach die Stille.
Wie Mr. Rochester so in seinem prunkhaften Lehnstuhl dasaß,
sah er ganz anders aus, als er mir bis dahin erschienen war, -
nicht ganz so strenge, weniger finster. Auf seinen Lippen ruhte ein
Lächeln, seine Augen funkelten; ob vom Wein oder nicht-- das weiß ich nicht; aber ich halte es für wahrscheinlich. Kurzum, er war in seiner ,Nach-dem-Mittagessen-Stimmung' lebhafter, mitteilsamer, nicht so strenge und kalt als des Morgens. Und doch sah er noch ein wenig grimmig aus, wie er seinen massiven Kopf gegen die schwellenden Polster des Lehnstuhls legte und der Schein des Feuers auf seine wie aus Granit gehauenen Züge und seine großen, dunklen, schönen Augen fiel.
Zwei Minuten hatte er ins Feuer geblickt, und ebenso lange hatte ich ihn angesehen- da wandte er sich plötzlich um und bemerkte meinen Blick, der auf sein Gesicht geheftet gewesen.
,Sie sehen sich mein Gesicht an, Miß Eyre,' sagte er, ,finden Sie mich schön?
Wenn ich überlegt hätte, so würde ich ihm auf diese Frage mit irgend einer unbestimmten Antwort gedient haben; aber ehe ich selbst es recht wußte, entschlüpfte die Antwort meinen Lippen:
,Nein, Sir!’
,Ah! Auf mein Ehrenwort, Sie sind ein eigentümliches Wesen, sagte er,,Sie sehen aus wie eine kleine Nonne; einfach, ruhig, ernst, wie Sie so mit gefalteten Händen dastehen und die
Blicke gewöhnlich auf den Teppich heften - ausgenommen, nebenbei gesagt, wenn sie durchbohrend auf meinem Gesicht ruhen, wie eben jetzt zum Beispiel und wenn man dann eine Frage an Sie richtet oder eine Bemerkung macht, auf welche Sie zu antworten gezwungen sind, so kommen Sie mit einer recht kurz angebundenen Entgegnung. Was ist eigentlich Ihre Absicht dabei?
,Sir, ich war wohl zu dreist. Ich bitte um Entschuldigung. Ich hätte antworten müssen, daß es nicht so leicht ist, aus dem Stegreif Antwort auf eine Frage über die äußere Erscheinung eines Menschen zu geben; daß der Geschmack verschieden ist; daß Schönheit keinen Wert hat oder irgend etwas Ähnliches.
,Nein, Sie hätten durchaus nichts Ähnliches antworten müssen, Schönheit keinen Wert! In der Tat! Und so, unter dem Vorwande, die vorhergehende Beleidigung wieder gut zu machen,
mich zu streicheln und zu beruhigen, stoßen Sie mir ein feines,
kleines Messer in das Ohr! Fahren Sie fort. Was haben Sie an
mir auszusetzen? Bitte, sprechen Sie. Ich denke doch, daß all
meine Gesichtszüge und meine Gliedmaßen gerade so sind wie die
anderer Leute?
,Mr. Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort zurückzunehmen; ich hatte nicht die Absicht, spitz zu sein, es war wirklich nur ein Versehen.
,Da haben Sie recht. Das glaube ich auch. Und Sie sollen mir dafür Rede stehen. Kritisieren Sie mich. Gefällt meine Stirn Ihnen nicht?
Er strich die schwarzen Haarwellen, welche über seine Stirn fielen, zur Seite und zeigte eine hohe, geistreiche Stirn, wo indessen das sanfte Zeichen des Wohlwollens sich hätte erheben sollen, war ein plötzlicher Mangel sichtbar.
,Nun, Fräulein, bin ich ein Dummkopf?’
,Durchaus nicht, Sir. Vielleicht halten Sie mich für unhöflich, wenn ich Sie als Erwiderung frage, ob Sie ein Menschenfreund sind?’
,Also wieder! Noch ein Stich mit dem feinen, kleinen Federmesser, während Sie vorgaben, meinen Kopf zu streicheln. Und das nur, weil ich gesagt habe, daß ich die Gesellschaft kleiner Kinder und alter Frauen — leise sei es gesagt - nicht liebe! Nein,
meine junge Dame, ich bin kein Menschenfreund, aber ich habe ein Gewissen, und außerdem wohnte meinem Herzen einst eine rohe
Art von Zärtlichkeit inne. Als ich so alt war wie Sie, war ich ein
ganz gefühlvoller Bursche; ich hatte Mitleid mit den Unterdrückten, den Vernachlässigten, den Unglücklichen; aber seitdem das
Schicksal auf mich losgeschlagen hat, bin ich so hart und so zähe
wie ein Kautschukball. In der Mitte des Klumpens ist nur noch
ein kleiner, empfindlicher Punkt, und an einer oder zwei unmerkbaren Stellen vermag noch etwas einzudringen. Ja! Ist da noch
irgend eine Hoffnung für mich vorhanden?
Hoffnung auf was, Sir?
,Auf meine schließliche Wiederumgestaltung aus Kautschuk zu Fleisch und Blut?’
,Offenbar hat er zu viel Wein getrunken,' dachte ich bei mir, und ich wußte nicht, welche Antwort ich auf seine sonderbare Frage
geben sollte.
,Sie sehen ganz verlegen aus, Miß Eyre; und obgleich Sie ebensowenig hübsch sind wie ich schön bin, steht Ihnen diese verblüffte Miene ausgezeichnet; außerdem ist sie mir erwünscht, denn sie lenkt Ihre prüfenden Blicke von meinem Gesicht ab und beschäftigt sie mit den gewebten Blumen auf dem Kaminteppich; also
seien Sie nur weiter verlegen. Meine junge Dame, heute abend bin ich in der Stimmung, gesellig und mitteilsam zu sein.
Mit dieser Ankündigung erhob er sich von seinem Stuhl, ging an das Feuer und stützte den Arm auf den Kaminsims. In dieser
Stellung sah man seine Gestalt ebenso deutlich wie sein Gesicht und die ungewöhnliche Breite seiner Schultern, welche zu seiner Höhe
in gar keinem Verhältnis stand. Ich bin überzeugt, daß die meisten Menschen ihn für einen häßlichen Mann gehalten haben würden; und doch lag in seiner Haltung so viel ungezwungener Stolz, in seinen Bewegungen so viel Leichtigkeit; in seiner Miene eine so vollkommene Gleichgültigkeit gegen seine eigene äußere Erscheinung; eine so stolze Zuversicht auf die Macht innerer und äußerer Kraft, daß man unwillkürlich diese Gleichgültigkeit teilen mußte,
wenn man ihn ansah, und in einem gewissen Sinne an sein Selbstvertrauen zu glauben begann.
,Ich bin heute abend in der Stimmung, gesellig und mitteilsam zu sein,'' wiederholte er, ,und deshalb habe ich Sie hierher
bitten lassen; das Kaminfeuer und der Kronenleuchter genügten mir nicht als Gesellschaft, und auch Pilot nicht, denn keines von
diesen kann reden. Adele ist um einen Grad besser, doch noch tief unter der Linie; Mrs. Fairfax dito, aber Sie können mich unterhalten, wenn Sie wollen, dessen bin ich gewiß. Sie verblüfften mich schon an dem ersten Abend, als ich Sie einlud, herunterzukommen. Seitdem hatte ich Sie beinahe schon wieder vergessen.
Andere Gedanken haben Sie aus meinem Kopfe vertrieben; heute abend aber bin ich entschlossen, es mir behaglich zu machen, alles
zu verbannen, was lästig ist, das ins Gedächtnis zurückzurufen,
was angenehm ist. jetzt würde es mir Freude machen, Sie auszuforschen, mehr von Ihnen zu erfahren-- deshalb sprechen Sie.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich. Aber es war weder ein unterwürfiges noch ein gefälliges Lächeln.
,Sprechen Sie,’ drängte er.
,Über was denn, Sir?
,Über was Sie wollen. Die Wahl des Themas und die Art
und Weise es zu behandeln, überlasse ich Ihnen.''
Ich sagte gar nichts.
,Sie sind stumm, Miß Eyre.
Ich war noch immer stumm. Er beugte den Kopf vor und
schien mit einem einzigen Blicke in meine Seele eindringen zu
wollen.
,Eigensinnig?- fragte er, ,und ärgerlich? Ah, es ist klar.
Ich stellte meine Frage in einer eigentümlichen, beinahe unverschämten Form. Miß Eyre, ich bitte Sie um Verzeihung. Ein
für allemal muß ich Ihnen nämlich sagen, daß ich Sie nicht wie
eine Untergebene behandeln möchte. Das heißt''-- hier verbesserte er sich--- ,ich nehme nur jene Überlegenheit für mich in
Anspruch, welche die zwanzig Jahre Unterschied im Alter und die
hundert Jahre in Erfahrung mir geben. Das ist mein Recht, et j’y tiens, wie Adele sagen würde; und kraft dieser Überlegenheit und nur dieser allein bitte ich Sie, daß Sie die Güte haben möchten, jetzt ein wenig mit mir zu plaudern und meine Gedanken
zerstreuen, die durch vieles Grübeln ganz gallig geworden sind.
Ich war nicht unempfindlich für seine Herablassung, aber ich wollte es nicht merken lassen.
,Ich will Sie sehr gern unterhalten, Sir, sehr gern; aber ich kann keinen Gesprächsstoff finden, weil ich nicht weiß, was Sie
interessieren kann. Fragen Sie mich nur, und ich will Ihnen antworten, so gut ich kann.''
,Also fürs erste stimmen Sie mit mir überein, daß ich das Recht habe, ein wenig herrisch und seltsam, zuweilen vielleicht auch
ein wenig anspruchsvoll zu sein, aus Gründen, die ich Ihnen angeführt habe; nämlich, daß ich alt genug bin, um Ihr Vater zu sein
und daß ich mit vielen Menschen und vielen Nationen die verschiedenartigsten Erfahrungen gemacht und mehr als die Hälfte des
Erdballs durchstreift habe, während Sie ruhig mit denselben Menschen in demselben Hause gelebt haben.''
,Tun Sie, was Ihnen gefällt, Sir.
,Das ist keine Antwort oder vielmehr eine sehr ärgerliche,
weil es eine ausweichende ist,-- bitte, drücken Sie sich klar aus.
,Ich glaube nicht, Sir, daß Sie ein Recht haben, mir zu befehlen, nur weil Sie älter sind als ich, oder weil Sie mehr von der
Welt gesehen haben als ich; Ihr Anspruch auf Überlegenheit hängt davon ab, welchen Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihren
Erfahrungen gemacht haben.'
,Hm! Das ist gut gesagt. Aber ich kann das nicht zugeben, weil ich sehe, daß es meiner Sache nicht nützen würde. Ich habe
von beiden Vorteilen einen gleichgültigen, um nicht zu sagen schlechten Gebrauch gemacht. Wenn wir die ,Überlegenheit'' nun auch
ganz aus dem Spiele lassen, so müssen Sie es sich doch gefallen lassen, dann und wann meine Befehle entgegenzunehmen, ohne sich
durch den befehlenden Ton, in welchem ich sie gebe, verletzt zu fühlen; wollen Sie das?
Ich lächelte. Ich dachte bei mir: ,Mr. Rochester ist ein sonderbarer Mann, -- er scheint zu vergessen, daß er mir dreißig
Pfund Sterling jährlich zahlt, damit ich seine Befehle ausführe.
,Das Lächeln ist sehr schön,' sagte er, indem er augenblicklich den vorübergehenden Gesichtsausdruck bemerkte, ,aber Sie müssen auch sprechen.'
, Ich dachte darüber nach, daß sehr wenig Herren sich darum kümmern würden, ob ihre bezahlten Untergebenen durch ihre Befehle verletzt wären oder nicht.
,Bezahlte Untergebene! Was? Sie sind meine bezahlte Untergebene? Sind Sie das? Ach ja, ich hatte das Gehalt vergessen! Gut also! Wollen Sie mir auf diesen krämerischen Grund hin erlauben, Sie ein wenig anmaßend zu behandeln?
,Nein, Sir; aufde n Grund hin nicht; aber auf den Grund hin, daß Sie ihn vergessen konnten, und daß Sie sich darum kümmern, ob eine Untergebene in ihrer Abhängigkeit sich wohl befindet oder nicht, willige ich von Herzen gern ein.’
,Und wollen Sie mir eine ganze Menge herkömmlicher Formen und Phrasen erlassen, ohne zu glauben, daß diese Unterlassung
aus Unhöflichkeit geschieht?’
,Ich bin überzeugt, Sir, daß ich Formlosigkeit niemals mit Unhöflichkeit verwechseln würde; für das eine habe ich eine gewisse
Schwäche, dem anderen würde sich kein Freigeborener fügen, nicht einmal um eines Lohnes willen.'
,Unsinn! Die meisten freigeborenen Menschen würden alles ertragen um eines Lohnes willen; deshalb urteilen Sie nur für
sich selbst und sprechen Sie nicht über Allgemeinheiten, von denen Sie nichts verstehen. Indessen drücke ich Ihnen im Geiste die Hand
für Ihre Antwort, obgleich diese nicht zutreffend war, und ebensosehr für die Art, in welcher Sie es sagten, als wegen des Inhaltes;
die Art und Weise war offen und aufrichtig; man trifft sie nicht allzu oft an; nein, im Gegenteil Verstellung, oder Kälte, oder dummes, grobes Mißverständnis der Absicht sind der gewöhnliche Lohn für Aufrichtigkeit. Unter dreitausend Gouvernanten würden nicht drei mir geantwortet haben, wie Sie es soeben getan haben. Aber ich habe nicht die Absicht, Ihnen zu schmeicheln; wenn Sie in eine andere Form gegossen sind als die Mehrzahl, so ist das nicht Ihr
Verdienst, die Natur hat es getan. Und dann bin ich auch wahrscheinlich zu schnell in meinen Schlüssen, denn wie kann ich eigentlich wissen, ob Sie besser sind als die übrigen. Sie können ja unerträgliche Fehler haben, wodurch Ihre guten Seiten wieder aufgewogen werden.
,Das können Sie ebenfalls,' dachte ich bei mir. Als dieser
Gedanke in meinem Geiste aufstieg, begegnete mein Blick dem seinen; er schien ihn zu erraten und er antwortete mir, als hätte ich
ihn in Worten ausgedrückt:
,Ia, ja! Sie haben recht, sagte er, ,ich selbst habe viele
Fehler; ich weiß das sehr wohl und will' sie nicht beschönigen, dessen
versichere ich Sie. Gott weiß, daß ich keine Ursache habe, anderen
gegenüber zu strenge zu sein. Im Alter von einundzwanzig Jahren betrat ich einen falschen Pfad, und seitdem ist es mir noch nicht
geglückt, den rechten Weg wiederzufinden; aber ich hätte ein anderer Mensch sein können; ich hätte ebenso gut sein können wie Sie
- klüger -fast ebenso rein. Ich beneide Sie um Ihre Gemütsruhe und Ihr reines Gewissen. Eine Erinnerung ohne einen Vorwurf muß ein großer Schatz sein, - eine unerschöpfliche Quelle reinster Freuden-- ist es nicht so?
,Wie waren denn Ihre Erinnerungen, als Sie achtzehn Jahre
zählten?
,O, damals war alles noch gut, klar, gesund. Mit achtzehn
Jahren war ich Ihnen gleich -- ganz gleich. Die Natur hatte mich
im großen Ganzen zu einem guten Menschen bestimmt, Miß Eyre,
zu einem besseren wenigstens- und wie Sie sehen, bin ich es doch
nicht geworden. Sie können mir nun erwidern, daß Sie es nicht
sehen; wenigstens schmeichle ich mir, daß ich das in Ihrem Auge
lese. Aber nehmen Sie mein Wort darauf- ich bin kein Schurke,
das dürfen Sie nicht denken. Wundern Sie sich darüber, daß ich
Ihnen dies Geständnis mache? Wissen Sie denn, daß Sie in Zukunft noch oft zu unfreiwilliger Vertrauten der Geheimnisse Ihrer
Freunde gemacht werden. Instinktiv werden die Menschen stets,
wie ich es getan habe, herausfinden, daß es nicht Ihre schwache
Seite ist, von sich selbst zu reden, sondern zuzuhören, während
andere von sich sprechen; sie werden auch herausfühlen, daß Sie
nicht mit boshafter Verachtung auf die Ergüsse ihres Herzens horchen, sondern mit wirklicher Sympathie, welche nicht weniger tröstlich und ermutigend wirkt, weil sie in ihren Kundgebungen weder
laut noch aufdringlich ist.
,Woher wissen Sie das? Wie können Sie alles dies erraten, Sir?
,Ich weiß es sehr wohl, deshalb spreche ich so offenherzig, als
ob ich meine Gedanken in ein Tagebuch schriebe. Sie möchten sagen,
daß ich die Verhältnisse hätte überwinden sollen, -- ja, das hätte
ich tun müssen; aber Sie sehen- ich tat es nicht. Als das Schicksal mir unrecht tat, besaß ich nicht genug Weisheit, um kalt und
besonnen zu bleiben; ich geriet in Verzweiflung. Wenn die Versuchung an Sie herantritt, Miß Eyre, so fürchten Sie sich vor Gewissensbissen! Sie sind das Gift des Lebens!'
,Aber, Sir, man sagt, daß die Reue sie heilt!
,Nein, Neue heilt sie nicht! Besserung mag es tun. Ich
könnte mich bessern-- ich besitze noch Kraft genug dazu -
wenn aber was nützt es denn, auch nur daran zu denken, gehindert, belastet, verflucht wie ich bin? Und außerdem, da das
Glück mir unwiderruflich versagt ist, habe ich das Recht, dem Leben
soviel Freuden abzuringen, wie möglich, und diese will ich
haben, koste es, was es wolle!'
,Aber dann werden Sie noch tiefer sinken, Sir,
-;
,Das ist möglich! Aber weshalb sollte ich, wenn ich süße,
neue Freuden haben kann? Und ich kann deren haben, so süß,
so frisch wie der wilde Honig, welchen die Biene im Walde
sammelt.
,Aber diese Freuden werden bitter schmecken, Sir!'
,Wie können Sie das wissen? Sie haben es ja niemals
versucht. Wie unendlich ernst- wie feierlich Sie aussehen! Und
Sie verstehen so wenig von der Sache wie diese Camee hier,' --
er nahm eine solche vom Kaminsims.
,Sie haben kein Recht, mir zu predigen; Sie sind ein Neuling, welcher noch nicht durch das Tor des Lebens eingegangen
und mit seinen Geheimnissen gänzlich unbekannt ist,
,Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte, Sir. Sie
sagten, daß ein begangenes Unrecht nur Gewissensbisse bringe, und
Sie erklärten Gewissensbisse für das Gift des Lebens.
,Und wer spricht denn jetzt noch von Unrecht? Ich glaube
kaum, daß der Gedanke, welcher mein Hirn durchkreuzte, ein Unrecht war. Ich glaube, es war eher eine Eingebung als eine Versuchung, es war sehr beruhigend, sehr belebend-- das weiß
ich. Und hier kommt dieser Gedanke schon wieder! Es ist kein
Teufel, ich versichere Sie; oder wenn es einer ist, so hat er sich doch
in das Gewand eines Engels gehüllt. Einen so schönen Gast muß
ich doch einlassen, wenn er so bittend Eingang in mein Herz begehrt!
,Mißtrauen Sie ihm, Sir; es ist kein echter Engel
,Noch einmal, wie können Sie das wissen? Vermöge welchen
Instinkts glauben Sie zwischen einem gefallenen Engel aus dem
Abgrund der Hölle und einem Boten von dem Thron des Ewigen
unterscheiden zu können - zwischen einem Führer und einem Verführer?
,Ich urteile nach Ihrem Gesichte, Sir, und dieses sah kummervoll aus, als Sie sagten, daß jener Gedanke Sie abermals heimsuche. Ich bin überzeugt, daß er noch mehr Elend über Sie bringt, wenn Sie ihn anhören.'
,Durchaus nicht. Es ist die wonnigste Botschaft der Welt;
und überdies sind Sie ja nicht mein Gewissensrat, deshalb beruhigen Sie sich. Hier herein, lieblicher Wanderer!'
Die letzten Worte sprach er wie zu einer Erscheinung, die bloß seinem Auge sichtbar war. Dann verschränkte er die Arme, welche
er halb ausgebreitet hatte, über der Brust und schien das unsichtbare Wesen an sich zu drücken.
,Jetzt,' fuhr er zu mir gewendet fort, ,habe ich den Pilger eingelassen - eine verkleidete Gottheit, wie ich glaube. Sie hat
mir wohlgetan; mein Herz war eine Art von Beinhaus; jetzt wird es ein Heiligtum sein.'
,Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, Sir, so verstehe ich Sie
durchaus gar nicht. Ich kann dem Gespräche nicht folgen, weil es
über meine Begriffe hinausgeht. Ich weiß nur eins: Sie sagten,
daß Sie nicht so gut seien, wie Sie selbst es zu sein wünschten; und
daß Sie Ihre eigene Unvollkommenheit tief beklagten,- das kann
ich wohl verstehen; Sie deuteten an, daß es ein ewig wirkendes Gift
sei, eine Vergangenheit zu haben, welche nicht ganz rein ist. Mir
ist's, als würden Sie es mit der Zeit möglich finden, das zu werden, was Sie selbst wünschen, wenn Sie es ernstlich versuchten.
,Sehr richtig gedacht und richtig gesagt, Miß Eyre; und in
diesem Augenblick pflastere ich den Weg zur Hölle aus allen Kräften mit guten Vorsätzen.
,Sir?
,Ich lege gute Vorsätze nieder, welche ich ebenso hart wie Kieselsteine glaube. Ganz gewiß, meine Gefährten, meine Freunde,
meine Beschäftigungen sollen andere werden, als sie es bisher
waren.'
,Und bessere?
,Und bessere- um so viel, wie reines Gold besser als wertlose Schlacken ist. Sie scheinen an mir zu zweifeln; ich selbst zweifle
nicht. Ich kenne mein Ziel, ich kenne meine Beweggründe; und jetzt, in diesem Augenblick, erlasse ich ein Gesetz, unabänderlich, unantastbar wie das der Meder und Perser, daß beide die einzig richtigen sind.
,Das können sie nicht sein, Sir, wenn es eines neuen Gesetzes
bedarf, um sie zu legalisieren.'
,Sie sind es doch, Miß Eyre, obgleich sie durchaus ein neues Gesetz verlangen. Unerhörtes Zusammenwirken von Umständen und Verhältnissen verlangt auch ungewöhnliche Maßregeln.
,Das scheint mir eine gefährliche Maxime, Sir; weil man auf den ersten Blick sehen kann, daß sie leicht mißbraucht werden kann.
,Tiefsinnige Philosophie! So ist es: aber ich schwöre bei meinen Hausgöttern, daß ich sie nicht mißbrauchen werde.
,Sie sind auch nur ein Mensch und nicht unfehlbar.’
,Das weiß ich- aber Sie sind es ebenfalls. Was dann?’
,Die, die da menschlich sind und fehlbar, sollten sich nicht eine Macht aneignen, welche nur der Ewige mit Sicherheit handhaben kann.'
,Welche Macht?
,Jene, von seltsamen und unheiligen Handlungen sagen zu dürfen: Sie sollen gerecht sein.'
,Sie sollen gerecht sein. Ja, ja, das sind die rechten Worte: Sie haben sie ausgesprochen.'
,Mögen sie denn gerecht sein,' sagte ich, indem ich mich erhob.
,Wohin gehen Sie?
,Ich will Adele ins Bett bringen; es ist bereits über ihre gewöhnliche Schlafenszeit hinaus.'
,Sie fürchten sich vor mir, weil ich dunkel spreche wie eine
Sphynx.
,Ihre Sprache ist allerdings rätselhaft, Sir; aber obgleich ich
nicht alles verstehe, fürchte ich mich doch nicht.
,Sie fürchten sich doch; Ihre Selbstliebe fürchtet sich, einen
Irrtum zu begehen.'
,Ja; in dieser Beziehung fürchte ich mich allerdings - ich
wünsche nicht, Unsinn zu schwatzen.''
,Und wenn Sie dies wirklich täten, so würde es in einer so
ernsten, ruhigen Weise geschehen, daß ich es für sehr vernünftig
halten würde. Lachen Sie niemals, Miß Eyre? Bemühen Sie
sich nicht, mir zu antworten-- ich sehe, Sie lachen nur selten; aber
Sie können sehr fröhlich lachen. Der Zwang von Lowood lastet
noch immer ein wenig auf Ihnen; er beherrscht Ihre Züge, dämpft
Ihre Stimme und hindert Ihre Glieder; und Sie fürchten in
Gegenwart einesMannes und Bruders - oder Vaters oder Herrn,
sei es, wer es sei - zu fröhlich zu lachen, zu frei zu sprechen oder
sich zu schnell zu bewegen; aber ich hoffe, daß Sie mir gegenüber
natürlich sind, denn ich finde es ganz unmöglich, mit Ihnen förmlich zu verkehren, und dann werden Ihre Züge und Ihre Bewegungen lebhafter werden als jetzt. Zuweilen sehe ich durch die engen
Stäbe eines Käfigs den Blick eines seltsamen Vogels; ein lebhafter,
ruheloser, entschlossener Gefangener sitzt drinnen; wäre er aber
frei, so würde er hoch in die Wolken steigen. Wollen Sie noch
immer gehen?
,Es hat bereits neun Uhr geschlagen.’
,Das schadet nichts. Warten Sie noch eine Minute. Adele
ist noch nicht bereit, sich schlafen zu legen. Vor ungefähr zehn
Minuten zog sie einen kleinen rosa seidenen Rock aus ihrem Koffer;
Entzücken leuchtete auf ihren Zügen, als sie ihn entfaltete. ,Il faut que je l’essaie!’ rief sie, ‘et à l’instant mime!’ und mit
diesen Worten stürzte sie aus dem Zimmer hinaus. Sie ist jetzt bei
Sophie und kleidet sich um.'
Nicht lange dauerte es, und wir hörten Adeles Füßchen durch
die Halle trippeln. Sie trat umgewandelt ein. Ein Kleid von
rosafarbiger Seide, sehr kurz und faltenreich, ersetzte das braune
Kleidchen, welches sie vorher getragen hatte; ein Kranz von Rosenknospen umschloß ihre Stirn; seidene Strümpfe und weiße Atlasschuhe bekleideten ihre Füße.
,Est-ce gue ma robe va bien?’ rief sie vorwärts hüpfend, ,et mes souliers? et mes bas? Tenez, je crois gue je vais danser!’
Und indem sie ihr Kleid emporhob, chassierte sie durch das Zimmer. Als sie Mr. Rochester erreicht hatte, wirbelte sie vor ihm
leicht auf den Zehen herum, ließ sich dann vor seinen Füßen auf
ein Knie nieder und rief aus:
,Monsieur, je vous remercie mille fois de votre bonté,’ dann erhob sie sich und fügte hinzu: ,C’est comme cela que maman faisait, n’est-ce pas, Monsieur?’
,Gerade so,' lautete die Antwort, und comme cela lockte sie
mir auch das englische Gold aus meinen brittischen Hosentaschen.
- Ich war auch einmal jung, Miß Eyre - ach ja, jung, und kein
frühlingsfrischer Hauch schmückt Sie jetzt, der nicht auch einst auf
mir geruht hätte! Mein Frühling ist dahin indessen, aber er hat
mir jene kleine französische Blütenknospe hinterlassen, welche ich
in manchen Stimmungen oft gern wieder los sein möchte. Ich
schätze und verehre die Wurzel nicht mehr, welcher sie entsprungen;
ich habe seitdem erfahren, daß jene zu einer Abart gehörte, welche
nur mit Goldstaub gedüngt werden konnte, - und ich liebe die
Blüte nur noch zur Hälfte, besonders wenn sie so künstlich aussieht,
wie in diesem Augenblick. Ich erhalte sie und pflege sie eigentlich
nur nach jener Lehre der römisch-katholischen Kirche, die da sagt,
daß wir durch ein e gute Tat unzählige Sünden zu sühnen vermögen. Alles dies werde ich Ihnen ein andermal erklären. Gute
Nacht!'
e
15. Kapitel.
Der geheimnisvolle Brand.-- Es kommt Besuch ins Haus.
Ich kam jetzt mit Mr. Rochester oft ins Gespräch. Seine
freundliche Offenherzigkeit zog mich zu ihm hin. Zuweilen war
mir, als sei er mir nahe verwandt, ich vergaß ganz, daß er eigentlich mein Herr; wohl war er hier und da noch gebieterisch und herrisch; aber es kränkte mich nicht mehr; ich wußte, daß dies nun einmal seine Art sei. Ich wurde so zufrieden, so glücklich mit dieser
neuen Bekanntschaft, daß ich aufhörte, mich nach anderen Menschen
zu sehnen; die Leere meines Daseins war ausgefüllt; meine körperliche Gesundheit wurde besser, ich wurde stark und kräftig.
Eines Abends war ich zu Bett gegangen. Es kam mir der
Gedanke, wie schmerzlich ich es empfinden würde, wenn Mr. Rochester Thornfield verlassen würde. Obgleich ich meine Kerze jetzt
ausgelöscht hatte, konnte ich nicht schlafen. Wenn er nun Frühling, Sommer und Herbst fortbliebe: wie freudlos würde dann
der Sonnenschein, wie traurig würden die schönen Tage für mich
sein!
Ich weiß nicht, ob ich nach diesen Gedanken eingeschlafen war
oder nicht; auf jeden Fall fuhr ich aber erschreckt empor, als ich
ein undeutliches Geräusch, seltsam und unheimlich, vernahm, das,
wie ich glaubte, gerade über meinem Kopfe war. Ich wünschte,
daß ich meine Kerze hätte brennen lassen; die Nacht war dunkel,
mein Gemüt war bedrückt. Ich richtete mich im Bette auf, um zu
horchen. Das Geräusch verstummte.
Wiederum versuchte ich zu schlafen; aber mein Herz klopfte
ängstlich, meine innere Ruhe war hin. Weit unten im Schlosse verkündete die Uhr die zweite Stunde. In diesem Augenblick war es,
als hätte jemand sich durch die dunkle Galerie an den Holzverkleidungen der Wand entlang getastet. Ich rief:,Wer ist da? Niemand antwortete. Die Furcht machte mich beben.
Plötzlich fiel es mir ein, daß es Pilot sein könne, welcher oft,
wenn die Küchentür nicht geschlossen war, seinen Weg bis an die
Schwelle von Mr. Rochesters Zimmer fand und sich dort niederlegte. Oft hatte ich ihn am Morgen selbst dort liegen sehen.
Einigermaßen durch diesen Gedanken beruhigt, legte ich mich wieder. Stille stärkt die Nerven, und da jetzt eine ununterbrochene
Stille im ganzen Hause herrschte, fühlte ich, wie der Schlaf sich
wiederum einstellte. Aber das Schicksal hatte beschlossen, daß ich
in dieser Nacht keinen Schlummer finden sollte. Kaum hatte ein
Traum begonnen, als er erschreckt von dannen floh, von einem
markerschütternden Zwischenfall verjagt.
Es war ein dämonisches Lachen- leise, unterdrückt, tief -
welches durch das Schlüsselloch in mein Zimmer drang. Das
Kopfende meines Bettes stand nahe an der Tür, und im ersten
Augenblick glaubte ich, daß dieser geisterhafte Lacher neben meinem
Bette stehe oder vielmehr sich auf mein Kopfpolster ducke; aber
ich stand auf, blickte umher und konnte nichts sehen; als ich noch
ins Dunkel starrte, wiederholte sich der übernatürliche Laut, und
ich wußte dann, daß er von außen kam. Mein erster Gedanke war
aufzustehen und den Riegel vorzuschieben; der nächste wiederum
auszurufen: ,Wer ist da?
Ich hört ein Gurgeln, ein Stöhnen und darauf leise Schritte,
die sich über die Galerie nach dem dritten Stockwerk zurückzogen;
auf jener Treppe war vor kurzem eine verschließbare Tür angebracht; diese wurde geöffnet und wiedar geschlossen. Dann war
alles still.
,War das Grace Poole? Und ist sie vom Teufel besessen?
dachte ich. Jetzt war es unmöglich, länger allein zu bleiben, ich
mußte zu Mrs. Fairfax gehen. Eilig warf ich mir Kleid und
Schal über und öffnete die Tür mit zitternder Hand. Draußen
stand auf dem Teppich, welcher in der Galerie lag, ein brennendes
Licht. Dieser Umstand setzte mich in Erstaunen; aber noch erstaunter war ich, zu bemerken, daß die Luft ganz trübe war, wie mit
Rauch angefüllt; und während ich nach links und rechts blickte, um
zu entdecken, woher die blauen, sich kräuselnden Wolken kamen,
machte sich schon ein starker Brandgeruch bemerkbar.
Ein Knarren; es war eine halb geöffnete Tür; diese Tür
führte zu Mr. Rochesters Zimmer, und daraus kamen auch jetzt
dichte Rauchwolken. Ich dachte nicht mehr an Mrs. Fairfax. Ich
dachte nicht mehr an Grace Poole oder an das Lachen, - in einem
Augenblick befand ich mich in jenem Gemache. Rund um das Bett
züngelten Flammen empor, die Vorhänge brannten. Inmitten
dieses Feuers, dieses Rauches lag Mr. Rochester bewegungslos
ausgestreckt, in tiefem Schlafe.
,Wachen Sie auf! Wachen Sie auf!' schrie ich- ich schüttelte
ihn, aber er murmelte nur etwas Unverständliches und wandte sich
um. Der Rauch hatte ihn bereits betäubt. Es war kein Augenblick zu verlieren; schon brannten die Betttücher. Ich stürzte an
die Waschschüssel und an den Wasserkrug; zum Glück waren beide
mit Wasser angefüllt. Ich hob sie auf, überflutete das Bett und
den darin Liegenden, flog zurück in mein eigenes Zimmer, brachte
meinen Wasserkrug, überschüttete das Lager von neuem, und mit
Gottes Hilfe gelang es mir, die Flammen zu löschen.
Das Zischen des verlöschenden Elements und das Zerbrechen
des Kruges, den ich wegwarf, als er geleert war, weckten Mr. Rochester endlich.
,Ist das die Sintflut? schrie er.
,Nein, Sir,' entgegnete ich, ,aber es war ein Feuer; stehen
Sie auf, ich flehe Sie an, Sie sind gänzlich durchnäßt; ich werde
ein Licht holen.
,Im Namen aller Feen der Christenheit, ist das Jane Eyre?
fragte er. ,Was haben Sie mit mir gemacht, Hexe, Zauberin?
Wer ist noch im Zimmer? Wollen Sie mich ertränken?
,Ich werde Ihnen ein Licht holen, Sir; und stehen Sie auf
um Gottes willen! Irgend jemand hat einen bösen Schlag gegen
Sie ausführen wollen; Sie können nicht früh genug untersuchen,
wer es war.
,So, jetzt bin ich auf; aber es geht auf Ihre eigene Gefahr,
wenn Sie jetzt ein Licht holen. Warten Sie noch zehn Minuten,
bis ich trockene Kleider finde, wenn es deren hier überhaupt noch
gibt-- ja, hier ist mein Schlafrock, jetzt eilen Sie!
Und ich eilte. Ich brachte das Licht, welches noch in der Galerie stand. Er nahm es mir aus der Hand, hielt es in die Höhe
und betrachtete das Bett, welches ganz schwarz und versengt war,
die Betttücher waren durchnäßt, der Teppich rund umher stand
unter Wasser.
,Was ist es? Und wer hat es getan?' fragte er.
Ich erzählte ihm kurz, was ich bemerkt hatte.
Er hörte sehr ernst zu; als ich fortfuhr, drückte sein Gesicht
mehr Kummer als Erstaunen aus. Als ich zu Ende war, schwieg
er noch eine Weile.
,Soll ich Mrs. Fairfax rufen?' fragte ich.
,Mrs. Fairfax? Nein. Lassen Sie sie ruhig schlafen.
,Dann will ich Leah holen und John und seine Frau wecken.
,Nein. Seien Sie nur ganz still. Setzen Sie sich in jenen
Lehnstuhl. Ich werde Sie ein paar Minuten allein lassen. Bleiben Sie, wo Sie sind, bis ich zurückkomme. Ich nehme das Licht
mit. jetzt muß ich in das zweite Stockwerk hinaufgehen, um zu
sehen, ob auch dort etwas geschehen. Rühren Sie sich nicht. Rufen
Sie niemanden, ich bitte darum.
Er ging. Es verging eine Zeit, die mich fast eine Ewigkeit dünkte. Ich wurde müde und wollte in mein Zimmer zurückgehen,
als der schwache Schein des Lichts wiederum an der Mauer der Galerie sichtbar wurde, und ich seinen Schritt auf dem Teppich der Galerie vernahm.
,Ich hoffe, daß er es ist, dachte ich, ,und nichts Schlimmeres.
Er trat wieder ein, blaß und verdüstert. ,Ich habe jetzt alles entdeckt,' sagte er, indem er den Leuchter auf den Waschtisch stellte,
es ist alles so, wie ich vermutete.
,Wie, Se
Er entgegnete nichts. Nach Verlauf von einigen Minuten
fragte er mit seltsamem Ton:
,Ich habe vergessen, ob Sie mir sagten, daß Sie irgend etwas
gesehen, als Sie die Tür Ihres Zimmers öffneten,
,Nein, Sir, ich sah nur den Leuchter auf dem Teppich.'
,Aber Sie hörten ein seltsames Lachen? Haben Sie es oder
ein ähnliches schon früher gehört?
,Ja, Sir. Eine Näherin ist hier; sie heißt Grace Poole -- sie
lacht in dieser Weise. Überhaupt ist sie ein sonderbares Geschöpf.
,Ja. Grace Poole- Sie haben es erraten. Sie ist, wie
Sie sagen, sonderbar- sehr sonderbar. Nun, ich werde über die
Sache nachdenken. Übrigens bin ich froh, daß Sie außer mir die
einzige Person sind, welche die Einzelheiten von dem Vorfalle dieser Nacht kennt. Sie sind keine Schwätzerin- also sprechen Sie
nicht darüber. Für das hier auf das Bett zeigend will ich schon
eine Erklärung finden. Und jetzt kehren Sie in Ihr Zimmer zurück. Ich werde den Rest der Nacht auf dem Sofa in der Bibliothek zubringen. Es ist beinahe vier Uhr: - in zwei Stunden werden die Dienstboten wach sein.
,Gute Nacht denn, Sir,. sagte ich, im Begriff fortzugehen.
Er schien erstaunt- mir war das unerklärlich, denn er hatte
mir ja soeben gesagt, ich sollte gehen.
,Wie!' rief er aus, ,Sie verlassen mich schon, und in dieser
Weise?
,Sie sagten ja, daß ich gehen könne!
,Aber doch nicht, ohne Abschied zu nehmen; nicht ohne ein
oder zwei Worte des Dankes. Sie haben mir das Leben gerettet!'
Er streckte seine Hand aus; ich gab ihm die meine.
,Sie haben mir das Leben gerettet. Ich habe Ihnen gegenüber eine große Pflicht der Dankbarkeit.
Ich fühlte immer, daß Sie mir zu irgend einer Zeit Gutes
erweisen würden; - als ich Sie zum erstenmal erblickte, sah ich
es in Ihren Augen! Nicht umsonst - (hier hielt er inne - nicht
umsonst - und hastig weiter sprechend-traf Ihr Lächeln, Ihr
sympathischer Ausdruck mein Herz. Ich habe von gütigen Schutzengeln gehört- selbst in den albernsten Fabeln gibt es doch ein
Körnchen Wahrheit. Meine liebe Lebensretterin, gute Nacht.
,Ich bin froh, daß ich zufällig wach war,' sagte ich und ging.
Ich begab mich zu Bett, aber ich dachte nicht an Schlaf. Mis
zum Tagesanbruch wurde ich wie auf einem bewegten, tobenden
Meere umhergeworfen. Zuweilen war mir's, als sähe ich hinter
jenen wilden Gewässern ein liebliches Ufer; dann und wann trug
eine erfrischende Brise, durch die Hoffnung geweckt, meine Seele
dem Ufer entgegen, aber ich konnte es nicht erreichen. Zu fieberhaft aufgeregt, um ruhen zu können, erhob ich mich mit Tagesanbruch.
An dem Morgen, welcher dieser schlaflosen Nacht folgte, fürchtete und wünschte ich zugleich, Mr. Rochester wiederzusehen. Ich
sehnte mich, seine Stimme zu hören, und doch fürchtete ich, seinem
Blicke zu begegnen. Während der ersten Morgenstunden erwartete
ich jeden Augenblick, ihn kommen zu sehen. Es war nicht seine
stete Gewohnheit, in das Schulzimmer zu kommen, aber zuweilen
trat er auf einige Minuten ein, und ich hatte die Idee, daß er an
diesem Tage gewiß kommen würde.
Aber der Morgen ging hin wie gewöhnlich; nichts trug sich
zu, das den ruhigen Verlauf von Adelens Studien hätte stören
können. Nur kurz nach dem Frühstück vernahm ich einigen Lärm
in der Nähe von Mr. Rochesters Zimmer, Mrs. Fairfax' Stimme,
und Leahs und der Köchin, welche Johns Frau war, - sogar
Johns eigene rauhe Töne hörte ich. Ich vernahm Ausrufe, wie
,Welch ein Glück, daß unser Herr nicht in seinem eigenen Bette
verbrannt ist! ,Es ist stets gefährlich, ein Licht während der
Nacht brennen zu lassen!' ,Welch ein glücklicher Zufall, daß er
Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken!
,Es wundert mich, daß er niemand geweckt hat. ,Hoffentlich
wird er sich bei dem Schlafen auf dem Sofa der Bibliothek nicht
erkälten' usw.
Auf dies endlose, vertrauliche Gespräch folgte das Geräusch
von Reiben und Waschen und Aufräumen.
Als ich auf dem Wege zum Mittagessen an Mr. Rochesters Zimmer vorüberging, sah ich durch die geöffnete Tür,
daß sich alles bereits wieder in der alten Ordnung befand;
nur die Bettvorhänge fehlten. Leah stand am Fenster und rieb die
Glasscheiben, welche durch den Rauch geschwärzt waren. Neben
dem Bette saß eine Frau und nähte Ringe an die neuen Vorhänge.
Diese Frau war keine andere als Grace Poole.
Da saß sie, ruhig und schweigsam wie gewöhnlich, in ihrem
braunen Wollkleide, der karrierten Schürze, dem weißen Halstuche
und der Haube. Sie war emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt, in
welcher alle ihre Gedanken aufzugehen schienen. Sie fuhr nicht
zusammen, als ich sie ansah, keine Blässe verriet irgend eine Bewegung, von der man auf ein Schuldbewußtsein hätte schließen können oder auf eine Furcht vor Entdeckung. Sie sagte: Guten Morgen, Fräulein' in ihrer gewöhnlichen, kurzen, phlegmatischen Weise
und fuhr fort zu nähen.
, Guten Morgen, Grace!'' redete ich sie an. ,Ist hier irgend
etwas geschehen? Mir war, als hätte ich vor kurzem viele Stimmen hier gehört.
,Der Herr hat nur gestern abend im Bette gelesen; er ist eingeschlafen, während das Licht brannte; so gerieten die Vorhänge
in Brand; aber zum Glück ist er aufgewacht, ehe die Betten oder
das Holz der Bettstelle Feuer fingen, und es ist ihm gelungen, das
Feuer mit dem Wasser aus dem Waschkruge zu löschen.'
,Hat Mr. Rochester niemanden geweckt? Hat ihn niemand
gehört?
,Sie wissen, Fräulein,' war die Antwort, ,die Dienstboten
schlafen so weit fort; wahrscheinlich würden sie ihn nicht gehört
haben. Aber Sie sind jung, Fräulein, und ich sollte doch meinen,
daß Sie einen leichten Schlaf haben. Vielleicht haben Sie das Geräusch vernommen?
,Das habe ich!' sagte ich so leise wie möglich, so daß Leah,
welche noch immer die Fensterscheiben putte, mich nicht hören
konnte, , und anfangs glaubte ich, daß es Pilot sei; aber Pilot
kann nicht lachen; und ich bin sicher, daß ich ein Lachen vernommen habe, ein seltsames noch dazu.
,Sie müssen geträumt haben, Fräulein.
,Ich habe nicht geträumt, sagte ich mit einiger Heftigkeit,
denn ihre eiserne Hartnäckigkeit reizte mich.
,Haben Sie nicht daran gedacht, Ihre Tür zu öffnen und in
die Galerie hinauszusehen? fragte sie weiter.
,Im Gegenteil,' sagte ich. ,ich verriegelte meine Tür.
,So pflegen Sie Ihre Tür also nicht jeden Abend zu verriegeln, bevor Sie sich schlafen legen? Sie werden daran gut tun.
Diese Gegend ist so ruhig und sicher, und ich habe nicht gehört, daß
irgend ein Raubversuch gemacht worden ist. Aber ich halte es
immer für das Beste, wenn man recht vorsichtig ist; eine Tür ist
bald geschlossen, und es kann nicht schaden, wenn man einen vorgeschobenen Riegel zwischen sich und einem Unheil hat.
Ich stand noch vollständig verblüfft und verdutzt über das,
was ich für Heuchelei hielt, als die Köchin eintrat und mir anzeigte, daß Mrs. Fairfax mich erwarte. Dann ging ich.
So sehr war ich damit beschäftigt, meinen Kopf über Grace
Pooles rätselhaften Charakter zu zerbrechen, daß ich während des
Mittagessens auf Mrs. Fairfax' Erzählung von dem Vorhangbrand gar nicht achtete. Ich fragte mich, weshalb man sie an diesem Morgen nicht ins Gefängnis gesteckt, oder sie doch wenigstens
aus Mr. Rochesters Dienst entlassen habe. In diesem aufgeregten
Zustande verbrachte ich den Rest des Tages.
Als die Dämmerung hereingebrochen war, und Adele mich
vom Unterricht verlassen hatte, um mit Sophie in der Kinderstube
zu spielen, sehnte ich mich nach einem: Wiedersehen mit Mr. Rochester. Ich horchte, ob die Glocke unten in der Halle nicht ertönen
werde; ich horchte, ob Leah nicht mit einer Botschaft nach oben
kommen würde, zuweilen bildete ich mir ein, Mr. Rochesters
Schritt zu hören, und ich wandte mich der Tür zu in der festen Erwartung, ihn eintreten zu sehen. Die Tür blieb geschlossen, nur
Dunkelheit blickte ins Fenster. ich beabsichtigte, das Gespräch auf
Grace Poole zu lenken, um zu hören, was er mir antworten
würde; ich wollte ihn fragen, ob er wirklich glaube, daß sie den
schändlichen Anschlag auf sein Leben von gestern abend begangen,
und wenn es der Fall, weshalb er dann ein Geheimnis aus ihrer
Bosheit mache. Es sollte mich wenig kümmern, ob meine Neugierde ihn ärgerte. Ich kannte das Vergnügen, ihn abwechselnd
zu reizen und wieder zu besänftigen; es war eins, an dem ich besondere Freude fand, und ein sicherer Instinkt bewahrte mich stets
davor, zu weit zu gehen; über die Grenze des Reizens ging ich
niemals hinaus, aber ich liebte es, meine Geschicklichkeit auf der
äußersten Grenze zu prüfen. Indem ich selbst die kleine Förmlichkeit der Hochachtung, jede Pflicht meines Standes beobachtete,
konnte ich mich doch ohne unbehaglichen Zwang, ohne Furcht mit
ihm auf Argumente einlassen, und dies unterhielt sowohl ihn
wie mich.
Endlich trat Leah ein, aber es war nur, um mir anzuzeigen,
daß der Tee in Mrs. Fairfax' Zimmer bereitet sei. Dorthin begab ich mich, erfreut überhaupt hinuntergehen zu können.
,Sie müssen nach Ihrem Tee Verlangen tragen,'' sagte die
gute Dame, als ich zu ihr ins Zimmer kam, ,Sie haben heute
mittag so wenig gegessen. Ich fürchte, fuhr sie fort. ,daß Sie
heute nicht ganz wohl sind, Sie sehen fieberhaft und erhitzt aus.
,O, ich bin durchaus wohl, ich habe mich niemals wohler gefühlt.
,Es ist ein schöner Abend,' sagte sie, indem sie einen Blick
durch die Scheiben warf, ,wenn es auch nicht gerade sternenklar
ist. Im ganzen hat Mr. Rochester einen günstigen Tag für seine
Reise gehabt.
,Reise! Ist Mr. Rochester verreist? Ich wußte es gar
nicht.
,Ah! er ist gleich nach dem Frühstück aufgebrochen! Er ist zu
Mr. Eshton, der zehn Meilen jenseit Millcote wohnt. Ich glaube.
es ist dort eine große Gesellschaft versammelt, Lord Ingram, Sir
John Lynn, Oberst Dent und noch viele andere.
,Erwarten Sie ihn heute abend noch zurück?
,Nein. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er eine Woche und noch
länger fortbleibt; wenn diese vornehmen Leute zusammenkommen,
sind sie derartig von Eleganz und Heiterkeit umgeben, so gut mit
allem versehen, was gefällt und unterhält, daß sie durchaus keine
Eile zeigen, sich zu trennen. Besonders Mr. Rochester wird gern
gesehen, und er ist in Gesellschaft so gesellig und lebhaft, daß ich
glaube, er ist ein allgemeiner Liebling, besonders der Damen.'
,Sind in Leas auch Damen?
,Mrs. Eshton und ihre drei Töchter sind dort, sehr elegante,
junge Damen in der Tat; und dann sind noch Miß Blanche und
Marg Ingram da, wie ich vermute sehr schöne Mädchen; in der
Tat, ich habe Manche einmal gesehen. Sie kam hierher zu einer
Weihnachtsgesellschaft mit Ball, welche Mr. Rochester gab. Ich
glaube, es waren mindestens fünfzig Herren und Damen hier-
alle aus den ersten Familien der Grafschaft. Und Miß Ingram
war die Schönheit des Abends.
,Sie sagen, daß Sie sie gesehen hatten, Mrs. Fairfax? Wie
sah sie aus?
,Ja, ich habe sie gesehen. Die Türen des Speisezimmers
waren geöffnet; und da es Weihnachtszeit war, war es den Dienstboten gestattet, sich in der Halle zu versammeln, um einige der
Damen singen und spielen zu hören. Mr. Rochester wollte, daß ich
hineinkomme, und so setzte ich mich in einen stillen Winkel und
beobachtete sie alle. Niemals in meinem Leben habe ich ein prächtigeres Bild gesehen; die Damen waren in kostbarsten Toiletten; die meisten - wenigstens die jüngeren - sahen sehr schön aus;
aber Miß Ingram war entschieden die Königin.'
,Groß, eine herrliche Figur, breite Schultern, einen schlanken
Hals; einen matten, dunklen, klaren Teint, edle Züge; Augen,
welche denen Mr. Rochesters gleichen, groß und schwarz und ebenso
strahlend wie ihre Juwelen. Und dann hat sie ein schönes und
reiches Haar, rabenschwarz, und kleidsam geordnet. Sie war
schneeweiß gekleidet und trug eine ebenfalls schneeweiße Blume im
Haar, welche sehr gut gegen die rabenschwarze Masse ihrer Locken
abstach. Sie war eine der Damen, die sang, ein Herr begleitete
sie auf dem Piano. Sie und Mr. Rochester sangen ein Duett.
,Mr. Rochester? Ich wußte nicht, daß er singt. Und diese
schöne und talentvolle Dame ist noch nicht verheiratet?'
,Nein, und es nimmt mich wunder, daß kein reicher Edelmann oder Gentleman sich um sie bewirbt. Mr. Rochester zum
Beispiel. Er ist doch sehr reich. Aber Sie essen ja nicht. Sie
haben nichts gegessen, seitdem Sie sich an den Teetisch gesetzt
haben.’
,Nein, ich bin zu durstig, um zu essen. Wollen Sie mir noch
eine Tasse Tee geben?
Va.
Ich war im Begriff, auf die Möglichkeit einer Verbindung
zwischen Mr. Rochester und der schönen Blanche zurückzukommen,
als Adele ins Zimmer kam und die Unterhaltung eine andere Richtung erhielt.
Als ich wieder allein war, dachte ich über die Mitteilungen
nach, welche mir gemacht worden; ich sah in mein eigenes Herz.
prüfte seine Gedanken und Gefühle, und bemühte mich ernstlich,
solche, welche durch die end- und pfadlose Wüste der Einbildungskraft geschweift waren, mit fester Hand in die enge Bahn des nüchternen Verstandes zurückzuführen.
Vor meinem Innersten angeklagt, hatte mein Gedächtnis
Zeugnis abgelegt von den Hoffnungen, Wünschen und Gefühlen,
die seit der letzten Nacht in mir erstanden waren- von dem allgemeinen Gemütszustand, dem ich seit beinahe vierzehn Tagen verfallen war; die Vernunft brach sich Bahn und hatte in ihrer eigenen ruhigen Weise eine einfache, ungeschmückte Erzählung gegeben,
wie ich die Wirklichkeit verworfen und das Ideal mit Heißhunger
verschlungen hatte. Ich sprach ein Urteil des Inhaltes aus:
,Daß eine größere Närrin als Jane Eyre niemals auf diesem
Erdenrunde geatmet habe; daß kein phantastischerer Schwachkopf
jemals in süßeren Lügen geschwelgt, daß niemals ein denkendes
Geschöpf mit größerer Begierde Gift verschluckt habe, als wenn es
Nektar wäre.
,Du,' sagte ich, ,von Mr. Rochester wohl gelitten? Du besitzest die Macht, ihm zu gefallen? Du von irgend einer Bedeutung für ihn? Geh! Deine Torheit widert mich an. Du hast an
gelegentlichen Zeichen der Bevorzugung Freude gefunden- sehr
zweideutige Zeichen, welche ein Gentleman von Familie, ein Mann
von Welt einer Unerfahrenen, einer Untergebenen zuteil werden
läßt. Wie konntest du auf solche Gedanken kommen? Arme,
dumme Närrin! Konnte nicht einmal dein Eigenruf dich weiser
machen? Du hast dir heute morgen die kurze Szene der letzten
Nacht immer und immer wieder vor Augen geführt? Verhülle
dein Angesicht und schäme dich! Er sagte etwas zum Lobe deiner
Augen, wie? Blinde Törin! Offne deine verblendeten Lider und
sieh auf deine eigene Sinnlosigkeit! Es ist keinem Weibe gut, wenn
es sich von einem Höherstehenden schmeicheln läßt, dem es nicht
einfällt, es zu heiraten; und jede Frau begeht eine Torheit, wenn
sie eine heimliche Liebe in sich wachsen läßt, die, wenn sie unerwidert und unentdeckt bleibt, das Leben verzehren muß, durch welches sie genährt wird; und welche, wenn sie entdeckt und erwidert
wird, irrlichtähnlich in sumpfige Wildnis führen muß, wo kein
Ausweg ist.
Jane Eyre, höre also deinen Urteilsspruch: nimm morgen den
Spiegel, stelle ihn vor dich und zeichne dann so getreu wie möglich
dein eignes Bild, ohne irgend einen Mangel zu mildern, ohne eine
harte Linie fortzulassen; glätte keine unliebsamen Unregelmäßigkeit hinweg, und schreibe darunter: Porträt einer armen, alleinstehenden, häßlichen Gouvernante.
Später nimm ein Stück weißen Elfenbeins- du hast ein solches in deinem Malkasten vorbereitet; nimm deine Palette, mische
deine frischesten, schönsten, klarsten Farben; wähle deine zartesten Kamelhaarpinsel; zeichne mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht,
welches deine Einbildungskraft dir vorzaubert, male es in den
weichsten Tönen und süßesten Farben nach der Beschreibung, welche
Mrs. Fairfax dir von Blanche Ingram gemacht hat. Vergiß nicht
die rabenschwarzen Locken, das orientalische Auge. Wie! Du
willst dir diejenigen Mr. Rochesters zum Vorbilde nehmen?
Ordnung! Kein Schluchzen! Kein Gefühl! Kein Bedauern! Hier darf nur Vernunft und feste Entschlossenheit
herrschen! Rufe dir die majestätischen und doch harmonischen
Linien, den griechischen Nacken, die antike Gestalt ins Gedächtnis
zurück; laß die zarte Hand sichtbar sein; vergiß weder das Armband noch den Diamantring; male getreu den Anzug, die luftigen
Spitzengewebe, den schillernden Atlas, die graziöse Schärpe, die
goldene Rose; nenne es:,Blanche, eine liebenswürdige und schöne
Dame von Rang !'
Wenn du dir in Zukunft einbilden solltest, daß Mr. Rochester
gut von dir denkt, so nimm diese beiden Bilder und sage: Mr. Rochester könnte wahrscheinlich die Liebe dieser edlen Dame gewinnen,
wenn er sich die Mühe geben wollte, dieselbe zu erobern, ist es
aber wahrscheinlich, daß er diesem armen, unbedeutenden Mädchen
auch nur einen Gedanken schenken würde?
Ich werde es tun,' beschloß ich, und nachdem dieser Entschluß
besiegelt war, wurde ich ruhig und fiel in einen tiefen Schlaf.
Ich hielt mein Wort. Ein oder zwei Stunden genügten, um
mein eigenes Bild in Crayon zu zeichnen; und in weniger als einer
Stunde hatte ich ein Miniaturbild einer eingebildeten Blanche Ingram auf Elfenbein vollendet. Es war ein gar liebliches Bild,
und wenn ich es mit dem der Wirklichkeit nacgezu.eneten Kopfe
in Kreide verglich, so war der Kontrast so groß, wie die Selbsterkenntnis ihn nur immer wünschen konnte. Die Arbeit war eine
Wohltat für mich. Sie hatte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Eindrücken, welche ich unauslöschlich in
mein Herz graben wollte, Kraft und Festigkeit verliehen.
Eine Woche verging, und von Mr. Rochester kam keine Nachricht. Zehn Tage; und immer kam er noch nicht. Mrs. Fairfax
sagte, daß sie durchaus nicht erstaunt sein würde, wenn er direkt
nach London und von dort nach dem Kontinent gehen würde, ohne
vor Ablauf eines ganzen Jahres den Fuß wieder nach Thornfield-Hall zu setzen. Schon oft habe er das alte Haus ebenso unerwartet und jäh verlassen. Als ich dies hörte, glaubte ich ein betäubendes, niederschmetterndes Gefühl der Enttäuschung zu verspüren; aber all meinen Verstand zusammenraffend und mich meiner
erst kürzlich gefaßten Grundsätze erinnernd, rief ich mit aller Gewalt meine Vernunft wieder zur Ordnung.
Mr. Rochester war ungefähr vierzehn Tage abwesend gewesen,
als die Post einen Brief für Mrs. Fairfax brachte.
,Er ist von unserem Herrn, sagte sie, als sie die Adresse las
,Vermutlich werden wir jetzt erfahren, ob wir ihn bald zurückerwarten dürfen oder nicht.
Sie brach das Siegel und las den Inhalt langsam durch.
,Nun, manchmal ist mir's,' sagte sie, ,als lebten wir hier zu
einsam; aber jetzt werden wir für eine kurze Weile vielleicht genug
zu tun bekommen,'' sagte Mrs. Fairfax, während sie noch immer
den Brief vor ihre Brille hielt.
,Vermutlich kehrt Mr. Rochester noch fürs erste nicht zurück? fragte ich.
,Ja, er kehrt zurück- in drei Tagen schon, wie er sagt. Das
würde also am nächsten Donnerstag sein, und zwar kommt er nicht
allein. Er befiehlt mir, daß all die besten Fremdenzimmer instand gesetzt werden, und die Bibliothek und die Salons sollen
gereinigt werden. Hilfspersonal soll ich mir für die Küche holen
lassen. Die Damen werden ihre Kammerjungfern und die Herren
ihre Kammerdiener mitbringen; wir werden also ein volles Haus
haben.'? und Mrs. Fairfax verschlang schnell ihr Frühstück und
eilte davon, um mit den Vorbereitungen zu beginnen.
Adele wurde durch die Nachricht von dem bevorstehenden Besuche förmlich in Entzücken versetzt. Sie wollte, daß Sophie all
ihre ,'Toiletten', wie sie ihre Kleider nannte, genau durchsehen
solle; jene, welche ,passées seien, seien wieder aufzufrischen und
die neuen zu nähen und aufzuputzen. Was sie selbst anbetraf, tat
sie nichts, als in den Vorderzimmern umherzulaufen, auf die Bettstellen hinauf und wieder herab zu hüpfen und sich auf den aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen und Federpolstern umherzuwälzen. Von allen Schulpflichten war sie entbunden; Mrs. Fairfax hatte mich gezwungen, ihr Dienste zu leisten, und ich war während des ganzen Tages in den Vorratskammern, ihr und der
Köchin helfend oder auch sie in ihrer Arbeit hindernd; ich lernte
Käsekuchen und französische Pasteten und Eierrahm machen, Dessertschüsseln garnieren und Wildbraten spicken.
Der festliche Tag kam heran; am Abend zuvor waren wir
mit aller Arbeit fertig geworden; die Teppiche waren gelegt, die
Bettvorhänge aufgesteckt, glänzend weiße Bettdecken ausgebreitet,
Toilettentische in Ordnung gebracht; die Möbel abgerieben, Blumen in Vasen gesteckt. Auch die große Halle war gereinigt, die
Stufen und Geländer der Treppe sowie die alte, geschnitzte Stehuhr waren so blank gerieben wie Glas; im Speisezimmer blitzte
das Silberzeug auf dem Nebentische; im Boudoir und Salon
prangten überall Vasen mit exotischen Blumen.
Der Nachmittag kam. Mrs. Fairfax legte ihr bestes schwarzes Atlaskleid, ihre Handschuhe, ihre goldene Uhr an, denn es lag
ihr ob, die Gesellschaft zu empfangen und die Damen in ihre Zimmer zu führen. Um Adele eine Freude zu machen, gestattete ich
Sophie, ihr eins ihrer reichen, vollen, weißen Musselinklelder anzuziehen, obwohl ich der Ansicht war, daß sie an demselben Tage
nicht in die Gesellschaft eingeführt werden würde. Was mich anbetraf, so hatte ich nicht nötig, irgend eine Änderung an meiner
Toilette vorzunehmen; von mir würde ja niemand verlangen, das
Heiligtum meines Schulzimmers zu verlassen- denn ein Heiligtum war es jetzt für mich geworden- eine Zufluchtsstätte in Zeiten der Not und der Unruhe.
,Es wird spät,. bemerkte Mrs. Fairfax, die in ihrem rauschenden Staat eintrat., ich bin nur froh, daß ich das Mittagessen eine Stunde später, als bestellt war, angeordnet habe; es ist
jetzt sechs Uhr vorüber. Ich habe John hinunter an die Parkpforten geschickt, um zu sehen, oh auf der Landstraße schon irgend
etwas sichtbar ist. Da kommt er schon. ,Nun, John, rief sie, sich
hinauslehnend, ,was gibt es? Irgend etwas zu sehen?
,Sie kommen, Madame, lautete die Antwort. ,In zehn
Minuten werden sie hier sein.'
Adele flog ans Fenster. Ich folgte ihr, mich behutsam auf
der Seite haltend, damit ich vom Vorhang geschützt sehen konnte,
ohne gesehen zu werden.
Die zehn Minuten, welche John prophezeit, schienen sehr
lang; aber endlich hörten wir das Rollen der Räder; vier Reiter
sprengten den Fahrweg herauf und ihnen folgten zwei offene
Wagen. Wehende Schleier und wogende Federn füllten die Equipagen; zwei der Kavaliere waren junge Herren; der dritte war
Mr. Rochester auf seinem schwarzen Pferde Messour; Pilot sprang
vor ihm her; an seiner Seite ritt eine Dame. Ihr dunkelrotes
Reitkleid berührte beinahe den Boden, ihr Schleier flatterte im
Winde; reiche, rabenschwarze Locken schimmerten durch seine durchsichtigen Falten.
,Miß Ingram!' rief Mrs. Fairfax aus und eilte auf ihren
Posten unten in der Halle.
Jetzt tönte ein fröhliches Lärmen in der Halle. Dann kamen
leichte Tritte die Treppe herauf, und aus der Galerie vernahm man
ein Trippeln und leises, fröhliches Lachen, ein Offnen und Schließen von Türen, und dann trat eine Stille ein.
,Elles changent de toilettes,’ sagte Adele, welche aufmerksam horchte.
Adele wurde, wie ich es vorausgesehen hatte, nicht gerufen.
Bis zum späten Abend hatte sie schmerzlich darauf gewartet. Es
schlug elf Uhr. Ich blickte auf Adele, die ihren Kopf an meine
Schultern gelehnt hatte; ihre Augenlider wurden schwer, deshalb
nahm ich sie in meine Arme und trug sie ins Bett. Es war fast
ein Uhr, als die Herren und Damen sich in ihre Zimmer begaben.
Der folgende Tag war ebenso schön wie sein Vorgänger. Die
Gesellschaft hatte sich vorgenommen, einen Ausflug in die Nachbarschaft zu unternehmen. Früh am Vormittag machten sie sich auf
den Weg, einige zu Pferd, die meisten zu Wagen. Ich sah sowohl
die Abfahrt wie die Wiederkehr. Wie tags zuvor war Miß Ingram wieder die einzige Reiterin, und wie tags zuvor ritt Mr.
Rochester wieder an ihrer Seite.
,Ich möchte Miß Ingrams Gesicht so gern sehen; bis jetzt ist
es mir nicht gelungen.''
,Sie werden sie heute abend sehen,' antwortete Mrs. Fairfax,
,Zufällig bemerkte ich Mr. Rochester gegenüber, wie sehr Adele
wünscht, den Damen vorgestellt zu werden, und da sagte er: ,O! Lassen Sie sie nach dem Mittagessen in dasGesellschaftszimmer kommen, und bitten Sie Miß Eyre, sie zu begleiten. Wenn sie Einwendungen macht, so sagen Sie ihr, daß es mein ausdrücklicher Wunsch ist; und wenn sie dann noch widerspricht, so sagen Sie nur, daß ich
kommen werde, sie im Falle des Ausbleibens zu holen, welcher ich mich mit meiner Pflegebefohlenen in den Salon hinunterbegeben sollte. Adele war während des ganzen Tages in einem Zustande der größten Erregung gewesen, nachdem sie gehört
hatte, daß sie am Abend den Damen vorgestellt werden sollte.
Dann nahm die Wichtigkeit des Ankleidens sie bald gänzlich in Anspruch, und als sie dann endlich ihr Haar in glänzenden, tief herabwallenden Locken geordnet sah, ihr rosa Atlaskleid angelegt hatte, ihre lange Schärpe geknüpft und die zarten Spitzenhandschuhe angezogen hatte, sah sie so ernst aus wie ein Richter. Und nun gingen wir hinunter.
Glücklicherweise gab es noch einen anderen Eingang in den
Salon als den durch den Speisesaal, in welchem alle Gäste beim
Diner saßen. Wir fanden das Zimmer leer. Der feuerrote Vorhang wallte vor dem hohen Türbogen herab; wie leicht auch die
Draperie sein mochte, die uns von der Gesellschaft im anstoßenden
Salon trennte, so drang von ihrer Konversation doch nichts zu uns
heraus als ein gedämpftes Gemurmel.
Adele setzte sich ohne zu sprechen auf den Fußschemel, den ich
ihr bezeichnete. Ich zog mich in eine Fenstervertiefung zurück,
nahm ein Buch vom nächsten Tische und bemühte mich zu lesen.
Jetzt vernahm man das Geräusch des Rückens der Stühle;
der Vorhang vor dem Türbogen wurde zurückgezogen; unter der
Wölbung stand eine Gesellschaft von Damen; sie traten ein, und
der Vorhang fiel wieder hinter ihnen.
Es waren ihrer nur acht; als sie jedoch ins Zimmer eintraten, schien es, als wären sie in weit größerer Anzahl. Ich erhob
mich und verneigte mich vor ihnen; eine oder zwei nickten als Erwiderung mit dem Kopfe; die anderen starrten mich nur an.
Das Außere Miß Ingrams entsprach Punkt für Punkt sowohl
meinem Bilde wie Miß Fairfax’ Beschreibung.
Als die Damen eintraten, erhob sich Adele, ging ihnen entgegen, machte eine stattliche Verbeugung und sagte gravitätisch:
,Bonjour, mesdames.
Und Miß Ingram hatte mit spöttischer Miene auf sie niedergeblickt und ausgerufen: ,O, welch eine kleine Drahtpuppe!'
Eine andere Dame hatte bemerkt:,Vermutlich ist es Mr.
Rochesters Mündel- die kleine Französin, von der er uns gesprochen hat.
Eine dritte hatte sie freundlich bei der Hand genommen und
ihr einen Kuß gegeben. Andere hatten gleichzeitig ausgerufen:
,Welch ein reizendes Kind!
Und dann hatten sie sie auf ein Sofa genommen, wo sie jetzt
saß, und abwechselnd Französisch und gebrochenes Englisch sprach.
Endlich wurde der Kaffee gebracht, und man rief die Herren.
Mr. Rochester trat zuletzt ein.
Kaum erschien er in der Tür, so wurde aller Aufmerksamkeit
auf ihn gelenkt, auch ich heftete meine Augen auf sein Gesicht.
,Er ist für sie nicht, was er für mich ist, dachte ich. ,er ist nicht
von ihrer Art. Ich glaube, er ist von meiner Art - ich bin dessen
gewiß- ich fühle mich ihm verwandt- ich verstehe die Sprache
seiner Bewegungen, seiner Gesichtszüge; wenn auch Rang und
Reichtum uns trennen, so habe ich etwas in meinem Kopf und
Herzen, in meinem Blut und meinen Nerven, das mich ihm geistig
gleichstellt.
Mr. Rochester beschäftigte sich viel mit Miß Ingram. Eine
längere Erörterung nahm die Erziehung Adeles in Anspruch. Als
das Thema erschöpft war, schlug Miß Ingram Mr. Rochester vor,
mit ihr ein Duett zu singen.
,Jetzt ist meine Zeit gekommen, mich fortzuschleichen, dachte
ich, aber die Töne, welche in diesem Augenblick an mein Ohr schlugen, hielten mich zurück. Mrs. Fairfax hatte gesagt, daß Mr. Rochester eine schöne Stimme besitze. Das war der Fall- ein voller,
kräftiger Baß, in dem seine ganze Kraft, all sein Gefühl lag, der
einen Weg durch das Ohr zum Herzen fand und dort eine wunderbare Empfindung weckte. Ich wartete, bis der letzte Ton verhallt war; dann verließ ich meinen einsamen Winkel und ging
durch eine Seitentür hinaus, die mir glücklicherweise sehr nahe
war. Von dieser führte ein schmaler Korridor in die Halle; als
ich durch dieselbe schritt, bemerkte ich, daß meine Schuhbänder sich
gelöst hatten; ich beugte mich, um sie wieder festzubinden und
stellte meinen Fuß zu diesem Zweck auf den Teppich der Treppe.
Da öffnete sich die Tür des Speisezimmers; ein Herr trat heraus;
-
,Wie geht es Ihnen? fragte er.
,Es geht mir sehr gut, Sir.
,Weshalb kamen Sie im Zimmer nicht, um mit mir zu
sprechen?
Ich dächte, daß ich ihm wohl mit derselben Frage antworten
könnte, aber ich nahm mir diese Freiheit nicht heraus. Ich antwortete:
,Ich wollte Sie nicht stören, Sir.
,Was haben Sie während meiner Abwesenheit gemacht?
,Nichts besonderes; ich habe Adele unterrichtet wie gewöhnlich.
, Und sind sehr viel blasser geworden, als Sie waren; das
sah ich auf den ersten Blick. Was ist geschehen?
,Gar nichts, Sir.
,Haben Sie sich an jenem Abend, als Sie mich beinahe ertränkten, erkältet?
,Durchaus nicht.
,Gehen Sie in das Gesellschaftszimmer zurück; Sie entfernen
sich zu früh.
,Ich bin müde, Sir.
Er sah mich eine Minute lang an.
,Und ein wenig niedergeschlagen, sagte er. ,Was fehlt
Ihnen? Sagen Sie es mir.
,Nichts- nichts, Sir. Ich bin nicht niedergeschlagen.
,Aber ich versichere Sie, daß Sie es sind,-- so niedergeschlagen, daß Ihnen die Tränen in die Augen treten würden, wenn ich
noch einige Worte spräche- in der Tat, ich sehe sie dort schimmern
und glänzen, und jetzt ist ein Tröpfchen herabgerollt. Wenn ich
Zeit hätte, so würde ich bald herausfinden, was dies alles bedeutet.
Nun, für heute abend will ich Sie entschuldigen; aber verstehen
Sie wohl, daß ich erwarte, Sie jeden Abend im Gesellschaftszimmer zu sehen, so lange meine Gäste hier sind. Es ist mein Wunsch.
Jetzt gehen Sie. Schicken Sie Sophie, daß sie Adele holt. Gute
Nacht, mein -
Hier hielt er inne, biß sich auf die Lippen und verließ mich
plötzlich.
16. Kapitel.
Der nächtliche Überfall.
Wee verschieden waren jetzt die fröhlichen, geschäftigen Tage
in Thornfield-Hall von den ersten drei Monaten, die ich dort in der
Stille zugebracht hatte! Überall war Leben, während des ganzen
Tages alles in Bewegung. Durch die einst so stille Galerie, in die
Vorderzimmer, die sonst keine Seele bewohnt, konnte niemand
gehen, ohne einer Kammerjungfer, einem Kammerdiener zu begegnen.
Die Zerstreuungen im Hause oder im Freien wurden immer
zahlreicher und lustiger und mannigfaltiger. Miß Ingram war
immer an Mr. Rochesters Seite.
Mein Leser, ich habe dir gesagt, daß ich gelernt hatte, Mr.
Rochester zu lieben! Und ich konnte dies Gefühl jetzt doch nicht in
mir ersticken, nur weil ich fand, daß er gänzlich aufgehört hatte,
meine Gegenwart zu bemerken- weil ich stundenlang in seiner
Nähe weilen konnte, ohne daß er auch nur ein einzigesmal einen
Blick zu mir herübersandte - weil ich sah, wie seine ganze Aufmerksamkeit sich auf eine schöne und vornehme Dame konzentrierte,
die mich nicht einmal für würdig hielt, den Saum ihres Gewandes
zu berühren, wenn sie stolz an mir vorüberrauschte; die ihr dunkles, herrschsüchtig gebieterisches Auge sofort von mir abwandte,
wenn ein Blick aus demselben mich zufällig traf, als ob ich ein
Gegenstand sei, der zu gering, zu unbedeutend wäre für die Betrachtung eines so hochstehenden Wesens.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden
Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntnis der
Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Konvenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heiraten etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand
hauptsächlich meine Verblendung, hatte ich sie endlich nach einer
strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle
gerechtfertigt. Im Anfang unserer Bekanntschaft studierte ich die
starke und schwache Seite seines Charakters, ich beobachtete seine
Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir
ein gerechtes Urteil über sein moralisches Ganze zu verschaffen.
Aber seit einiger Zeit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur
noch das an ihm, was mir gefiel. Die Strenge, die mich anfangs
empört, die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte, erschienen mir nur noch wie Gewürze an einem seltenen Gericht,
welches durch den Mangel derselben an Wohlgeschmack verloren
haben würde. Der unbestimmte Schatten, das geheimnisvolle
Wesen, das über diesen Geist gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein kühner Plan beschäftigte, eine entfernte
Sorge quälte, dieses Rätsel, das jedem aufmerksamen Beobachter
in die Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester
stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Rätsel, das mich anfangs
mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Das Geheimnis schien mit einer Gefahr für Rochester verknüpft zu sein, und fürchtete ich auch nicht das Wesen der Gefahr
zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne jemand etwas davon zu sagen, waren die Gäste
von Thornfield-Hall in einer ziemlich verdrießlichen Stimmung
versammelt; man wußte nicht, wozu man sich entschließen, welchen
Zeitvertreib man vornehmen, welche Partie man improvisieren
sollte. Plötzlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.
Eine Postchaise fuhr vor.
,Was mag ihm nur eingefallen sein, auf diese Weise nach
Hause zu kommen!' sagte Miß Ingran. ,ritt Messour den
Rappen, nicht wahr? Und Pilot war doch bei ihm, als er fortritt? Was kann er mit den Tieren angefangen haben?
Indem sie dies sagte, kam sie mit ihrer hohen Gestalt und
ihren weiten Kleidern dem Fenster so nahe, daß ich mich weit zurücklehnen mußte, und fast das Rückgrat gebrochen hätte. In
ihrer Aufgeregtheit bemerkte sie mich im ersten Augenblick fast
gar nicht, und als ihr Blick denn doch auf mich fiel, kräuselte sie die
Lippen höhnisch und wandte sich einem anderen Fenster zu.
Die Postchaise hielt an. Der Kutscher zog die Glocke zur großen Eingangstür, und ein Herr in Reisekleidern entstieg dem Gefährt. Aber es war nicht Mr. Rochester, sondern ein großer,
schlanker, elegant gutsehender Mann, ein Fremder.
Jetzt wurde draußen in der Halle ein kurzes Gespräch hörbar,
und gleich darauf trat er ein. Er verbeugte sich tief vor Lady
Ingram, die er wahrscheinlich für die älteste der anwesenden Damen hielt.
,Es scheint, Madame, daß ich zu sehr ungelegener Zeit
komme,' sagte er, ,denn mein Freund Rochester ist nicht zu Hause.
Aber ich komme von einer sehr langen und ermüdenden Reise, und
daher darf ich wohl die Rechte einer sehr alten Freundschaft geltend
machen und hier bis zu der Rückkehr meines Freundes aufhalten.'
Ich trat an ihn heran und bat ihn höflichst, in das Bibliothekszimmer einzutreten.
Ehe ich Mr. Mason verließ, bat er mich noch, den Herrn des
Hauses von seiner Ankunft zu benachrichtigen, sobald er zurückkehre; ich versprach es und ging Mrs. Fairfax aufzusuchen, um sie
von der Ankunft des neuen Gastes in Kenntnis zu setzen. Ich
wandte mich nach der Küche, die in einem Seitengebäude lag, und
in der ich um diese Zeit die alte Dame am sichersten zu finden
hoffte, weil sie gewöhnlich vor dem Mittagessen noch Anordnungen
zu treffen hatte; auf dem Wege dorthin mußte ich an der Hoftür
vorüber, welche zufällig offen stand. Ich warf einen Blick in den
Hof und sah von den Ställen her Mr. Rochester gerade auf diese
Tür zukommen, er mußte von der hinteren Seite in den Hof gekommen und hier vom Pferde gestiegen sein. Ich erwartete ihn.
Als er mich erblickte, rief er in komischem Zorn:
,Ist man denn vor Ihren lauernden Blicken niemals sicher?
Im Gesellschaftszimmer verfolgen Sie mich damit, und nun spionieren Sie mich auch hier aus. Was haben Sie hier zu suchen?'
,Ich wartete auf Sie, Herr.
,Auf mich? fragte er erstaunt, und sah mich mit einem forschenden, fast ängstlichen Blicke an.
,Ja, wissen Sie denn nicht, Mr. Rochester, daß während Ihrer
Abwesenheit ein Fremder hier eingetroffen ist?
,Ein Fremder! - nein; wer mag es sein? Ich erwarte niemanden. Ist er wieder fort? Hat er seinen Namen genannt?'
,Adele nannte ihn Mason, Sir; Mrs. Fairfax erzählte, daß
er aus Westindien komme; aus Spanisch-Town auf Jamaika, wenn
ich nicht irre.
Mr. Rochester stand neben mir; er hatte meine Hand gefaßt,
wie um mich zu einem Sessel zu führen. Als ich die letzten Worte sprach, umfaßte er mein Handgelenk mit einem konvulsivischen
Griffe; das Lächeln auf seinen Lippen erstarrte; es war, als hätte
ein Krampf ihn erfaßt.
,Mason! Westindien!' sagte er, und die Worte entrangen
sich einzeln seinen Lippen, ungefähr so, wie ein redender Automat
sie gesprochen haben würde. ,Mason! Westindien!' wiederholte
er noch einmal; dreimal wiederholte er mechanisch die Worte und
wurde dabei aschfahl. Er schien kaum noch zu wissen, was er tat.
,Fühlen Sie sich krank, Sir? fragte ich.
,Jane, ich habe einen Schlag erlitten - einen furchtbaren
Schlag, Jane!' stammelte er.
,Sir! stützen Sie sich auf mich.
,Jane, Sie haben mir schon einmal Ihren Arm als Stütze
geboten; geben Sie ihn mir jetzt.
,Ja. Sir, ja!
Er setzte sich, und ich mußte mich ihm zur Seite setzen. Er streichelte meine Hand, die er in der seinen hielt. Dann heftete er einen
traurigen, müden Blick auf mich, der aber dennoch liebevoll war.
,Meine liebe Freundin!' sagte er; ,ich wollte, ich wäre allein
mit Ihnen auf einer stillen, einsamen Insel, fern von Angst und
Kummer und Arger.'
,Kann ich Ihnen helfen, Sir? Ich würde willig mein Leben
hingeben, wenn ich Ihnen damit nützen könnte.
,Jane, wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bei Ihnen suchen;
das kann ich Ihnen versprechen.
,Ich danke Ihnen, Sir; sagen Sie mir, was ich tun soll,
ich werde wenigstens versuchen, es zu tun.'
,Gut, Jane; gehen Sie in das Gesellschaftszimmer; gehen Sie
still und unbemerkt zu Mason und flüstern Sie ihm ins Ohr, daß
Mr. Rochester zurückgekehrt sei und mit ihm zu sprechen wünsche.
Führen Sie ihn zu mir herein und verlassen Sie uns alsdann
wieder.
,Ja, Sir.
Ich tat, wie er mir geheißen. Die ganze Gesellschaft starrte
mich an, als ich mitten durch sie hindurchschritt. Ich suchte Mr.
Mason, richtete ihm jene Botschaft aus und ging dann ihm voran
zum Zimmer hinaus. Vor der Tür der Bibliothek angekommen,
öffnete ich dieselbe und ging auf mein Zimmer.
In der Nacht, als ich schon längst mein Lager aufgesucht hatte,
hörte ich, wie die Gäste sich auf ihre Zimmer begaben. Ich unterschied Mr. Rochesters Stimme und hörte ihn sagen:,Hierher,
Mason, dies ist Ihr Zimmer -
Ich hatte vergessen, die Vorhänge herabzulassen. Die Folge
davon war, daß der strahlende Vollmond mich mit seinem weißen
Glanze aufweckte. Ich erhob mich im Bette, um die Vorhänge, die
es schütten, zusammenzuziehen.
Allbarmherziger Gott! Welch ein Schrei! Die Nacht -
die Stille - die Ruhe wurden unterbrochen durch einen wilden,
scharfen, gellenden Schrei, welcher das Herrenhaus von Thornfield-Hall von einem Ende bis zum andern durchdrang.
Meine Pulse hörten auf zu schlagen - mein Herz stand still;
mein ausgestreckter Arm war wie gelähmt. Der Schrei erstarb
und wiederholte sich nicht.
Der Schrei war aus dem dritten Stockwerk gekommen, denn
er zog über meinem Kopfe fort. Und über mir - ja, gerade in
dem Zimmer über dem meinen hörte ich ein Ringen; nach dem
Lärm zu urteilen, schien es ein Kampf auf Leben und Tod zu sein;
und eine halberstickte Stimme schrie: ,Hilfe! Hilfe! Hilfe! dreimal
hintereinander.
,Kommt mir denn niemand zu Hilfe? rief es wieder.
Und als dann das Ringen und Stampfen und Schreien oben
fortgesetzt wurde, hörte ich deutlich durch die Zimmerdecke:
,Rochester! Rochester! Um Gottes willen! Komm mir zu
Hilfe! Komm!
Eine Tür wurde geöffnet; jemand stürzte lautlos aber schnell.
durch die Galerie. Ein anderer Tritt stampfte über meinem Kopfe.
Dann ein fürchterlicher, schwerer Fall. Und jetzt war alles still.
Ich hatte schnell einige Kleidungsstücke übergeworfen und trat
aus meinem Zimmer heraus. Alle Schläfer waren aufgewacht:
Ausrufe des Schreckens tönten aus allen Zimmern; eine Tür nac
der anderen wurde aufgerissen; ein Gesicht kam zum Vorschein,
dann ein zweiter, bald ein dritter Kopf. Sowohl Herren wie
Damen hatten ihre Betten verlassen, und von allen Seiten hörte
man ein wirres Stimmengemisch:
,O, was bedeutet das? ,Was ist geschehen?,Wer ist
verletzt? ,Holt ein Licht!' ,Ist Feuer ausgebrochen?
,Haben sich Diebe und Mörder eingeschlichen?
,Wo zum Henker ist Rochester? rief einer der Herren. ,In
seinem Bette kann ich ihn nicht finden.'
,Hier, hier!' rief eine andere Stimme in Erwiderung. ,Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften! Ich komme sofort.
Mr. Rochester erschien in der Tür, in der Hand trug er eine
brennende Kerze. Eine der Damen lief direkt auf ihn zu; sie packte
ihn am Arm.
,Welch entsetzliches Ereignis hat sich zugetragen?' sagte sie.
,Sprechen Sie! Lassen Sie uns gleich das Schlimmste erfahren.
,Alles in Ordnung! - alles in Ordnung!' rief er. ,Es ist
nur eine Probe von Viel Lärm um nichts. Meine Damen, bitte,
entfernen Sie sich.
Eine Dienerin war vom Alpdrücken befallen; das ist alles.
Sie ist eine leicht erregbare, nervöse Person. Ohne Zweifel hielt
sie ihren Traum für einen Geist oder irgend etwas Ähnliches und
bekam vor Schrecken einen Krampfanfall. Nun, meine Herrschaften, muß ich Sorge tragen, daß Sie alle sicher in Ihre Zimmer
zurückgelangen; denn bevor die Bewohner des Hauses sich nicht
beruhigt halten, kann für die Person nichts geschehen. Meine Herren, haben Sie die Güte, den Damen mit gutem Beispiel voranzugehen. So nötigte er jedermann halb scherzend, halb unwillig
in sein Zimmer zurückzukehren. Ich war unbemerkt in mein Zimmer geschlüpft, aber nicht, um mich wieder schlafen zu legen, im
Gegenteil, ich begann mich sorgfältig anzukleiden. Das Geräusch,
welches ich unmittelbar nach jenem gräßlichen Angstschrei vernommen und die Worte, welche an mein Ohr gedrungen, hatte wahrscheinlich außer mir niemand gehört, denn sie kamen aus dem Zimmer, welches sich über dem meinen befand; aber ich hatte die Gewißheit, daß es nicht der Traum einer Dienerin gewesen, welcher
mit einem solchen Schrecken das ganze Haus erfüllt hatte. Ich
wußte ebenfalls, daß die Erklärung, welche Mr. Rochester gegeben
hatte, nur eine Erfindung war, deren er sich bedient, um seine
Gäste zu beruhigen. Ich kleidete mich an und setzte mich ans Fenster. Lange blickte ich auf den stillen Park und die vom silbernen
Mondlicht beschienen Felder hinaus und wartete auf - ich weiß
nicht was. Da klopfte es mit leiser Hand an die Tür.
,Will jemand mit mir sprechen? fragte ich.
,Sind Sie wach? fragte Mr. Rochester, dessen Stimme ich
erkannte.
,Ja. Sir.
,Und angekleidet?
,Ja.
,Dann kommen Sie leise heraus.
Ich gehorchte. Mr. Rochester stand in der Galerie; in der
Hand hielt er eine brennende Kerze.
,Ich bedarf Ihrer,' sagte er ,kommen Sie mit mir, aber
nehmen Sie sich in acht und gehen Sie leise.
Meine Schuhe waren leicht. Ich schlich über die mit Teppichen belegten Dielen so leise wie eine Kate. Er ging die Treppe
hinauf und hielt in dem niedrigen, düsteren Korridor des verhängnisvollen Stockwerks inne. Ich war ihm gefolgt und stand
neben ihm.
,Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimmer?' fragte er.
Ja. Sir.
,Haben Sie auch irgend ein Salz - Riechsalz?
,Gewiß.
,Gehen Sie zurück und holen Sie beides.
Ich ging zurück, suchte den Schwamm auf dem Waschtisch, das
Riechsalz in meiner Kommode und schlich noch einmal auf demselben Wege zurück. Er wartete noch auf mich; in der Hand hielt
er einen Schlüssel; indem er sich einer der kleinen, schwarzen Türen
näherte, steckte er ihn in das Schlüsselloch. Dann hielt er inne und
sprach wiederum zu mir gewendet:
,Wird Ihnen übel beim Anblick von Blut?
,Ich glaube kaum. Ich war noch niemals in der Lage.
Ein Schaudern überlief mich, als ich ihm diese Antwort gab;
aber es war weder Kälte noch Schwindel.
,Dann geben Sie mir Ihre Hand,' sagte er, ,wir dürfen es
nicht auf einen Ohnmachtsanfall ankommen lassen.'
Ich legte meine Hand in die seine. ,Sie ist warm und zittert
nicht,' bemerkte er. Dann drehte er den Schlüssel im Schloß um
und öffnete die Tür.
Vor mir sah ich ein Zimmer, das ich schon einmal gesehen zu
haben mich erinnerte- an jenem Tage, als Mrs. Fairfax mir
das ganze Haus zeigte. Es war mit schweren Gobelins behängt.
In diesem Augenblick waren die Gobelins indessen an einer Stelle
in die Höhe genommen und dadurch war eine Tür sichtbar geworden, welche früher verborgen gewesen. Diese Tür war geöffnet,
ein Lichtstrahl schimmerte aus dem inneren Zimmer. Von dort
kam ein knurrender Ton, der fast wie das Knurren eines Hundes
klang. Indem Mr. Rochester die Kerze auf den Tisch setzte, sagte
er zu mir:,Warten Sie einen Augenblick,'' und ging dann in das
innere Gemach. Ein grelles Lachen begrüßte ihn bei seinem Eintritt; zuerst war es lärmend und tobend, aber es endete in Grace
Pooles eigenartigem gnomenhaften Ha! Ha! Ha! Sie war also
da. Er ordnete mancherlei, ohne zu sprechen, obgleich ich eine leise
Stimme vernahm, die ihn anredete. Dann kam er heraus und
schloß die Tür hinter sich.
,Hier, Jane!'' sagte er, und ich trat an die andere Seite eines
großen Bettes, welches einen großen Teil des Zimmers einnahm.
Am Kopfende des Bettes stand ein Lehnstuhl; in diesem saß ein
Mann. Mr. Rochester hielt das brennende Licht über ihn. In
dem bleichen und anscheinend leblosen Gesicht erkannte ich den
Fremden, Mr. Mason wieder. Ich sah auch, daß sein Hemd an
der einen Seite von Blut durchtränkt war.
,Halten Sie das Licht, sagte Mr. Rochester, und ich nahm
es. Er holte eine Schlüssel mit Wasser vom Waschtisch. ,Halten
Sie sie,' sagte er. Ich gehorchte. Er nahm den Schwamm, tauchte
ihn in das Wasser und befeuchtete damit Masons Gesicht. Dann
verlangte er mein Riechfläschchen und hielt es ihm unter die Nase.
Bald darauf öffnete Mr. Mason die Augen; er stöhnte vor
Schmerz. Mr. Rochester öffnete das Hemd des Verwundeten,
dessen Arm und Schulter verbunden war. Er wusch mit dem
Schwamm das herabtropfende Blut ab.
,Bin ich gefährlich verwundet? fragte Mr. Mason mit
matter Stimme.
,Bah! keineswegs- kaum geritzt. Laß den Mut nicht sinken,
Mensch! Ich werde selbst einen Wundarzt holen. Ich hoffe, daß
wir dich morgen schon fortbringen können. Jane- fuhr er fort.
,Sir?
,Ich bin gezwungen, Sie für ungefähr eine Stunde mit diesem Herrn allein zu lassen; vielleicht werden auch zwei Stunden
daraus. Sie werden das herabträufelnde Blut abwaschen, wie ich
es tue. Wenn er ohnmächtig wird, führen Sie das Glas, welches
auf jenem Tische steht, an seine Lippen und das Riechsalz an die
Nase. Sie dürfen unter keinen Umständen mit ihm reden - und-
Richard- dein Leben steht auf dem Spiel, wenn du mit ihr
sprichst. Öffnest du auch nur die Lippen - regst du dich auf- so
kann ich für die Folgen nicht stehen.'
Wiederum stöhnte der arme Mensch. Mr. Rochester reichte
mir den von Blut durchtränkten Schwamm, und ich fuhr fort, ihn
zu handhaben, wie er es getan hatte. Er beobachtete mich eine
Minute und sagte dann:,Vergessen Sie nicht!-- Jede Unterhaltung ist verboten. Gleich darauf verließ er das Zimmer. Ein
seltsames Gefülhl überkam mich, als ich hörte, wie er den Schlüssel
im Schloß drehte und seine Schritte dann in dem langen Korridor
verhallten.
Nun mußte ich, trotz des blutigen und bleichen Bildes vor
meinen Augen, auf meinem Posten ausharren. Immer wieder
mußte ich meine Hand in die Schüssel voll Blut und Wasser tauchen, um das geronnene Blut abzuwischen.
Nun begannen meine eigenen Gedanken mich zu quälen. Was
für ein Verbrechen war es, das Mensch geworden, in diesem Hause
abgesondert lebte, und welches der Besitzer weder zu bezwingen
noch zu verbannen imstande war? Welch ein Geheimnis war es,
das sich in der Totenstille der Nacht bald durch Feuer, bald durch
Blut offenbarte? Was für ein Geschöpf war es, das die Gestalt
und das Gesicht eines gewöhnlichen Weibes trug und bald die
Töne eines hohnlachenden Dämons, bald die eines beutegierigen
Raubvogels ausstieß?
Und dieser Mann, über den ich mich beugte - dieser stille
Fremde - wie war er in dieses Schreckensgewebe verwickelt worden? Weshalb hatte jene Furie sich auf ihn gestürzt?
,Wann wird er kommen? Wann wird er wiederkommen?
rief ich in meinem Sinne, als die Stunden der Nacht hinschwanden
- als der blutende Kranke schwächer und schwächer und kränker
wurde und stöhnte- und die heiß ersehnte Hilfe ausblieb!
Und jetzt vernahm ich Pilots fernes Bellen, das aus einer
Hundehütte im Hofe zu mir heraufdrang - neue Hoffnung kam
über mich.
Sie war nicht grundlos gewesen, denn nach fünf Minuten
wurde der Schlüssel im Schlosse gedreht, die Tür wurde geöffnet
- meine Nachtwache hatte ein Ende.
Mr. Rochester trat ein und mit ihm der Wundarzt, welchen er
herbeigeholt hatte.
,Jetzt beeilen Sie sich, Carter,' sagte er zu letzterem gewendet,
,ich gebe Ihnen nur eine halbe Stunde, um die Wunde zu untersuchen, den Verband anzulegen, den Patienten nach unten zu transportieren und ihn fortzuschaffen.
,Kann er fortgeschafft werden, Sir
,Ohne Zweifel! Er ist durchaus keine ernstliche Verwundung.
Nun, mein guter Junge, fasse Mut! Heute über vierzehn Tage wirst
du die ganze Sache bereits vergessen haben. Du hast ein wenig
Blut verloren. Das ist die ganze Geschichte. Carter, versichern
Sie ihm doch, daß nicht die mindeste Gefahr vorhanden ist.
,Das kann ich mit bestem Gewissen tun,' sagte Carter, welcher
jetzt den Verband gelöst hatte, ich wünschte nur, ich wäre früher
zur Stelle gewesen: er hätte dann nicht soviel Blut verloren.
Aber was bedeutet dies? Das Fleisch hier auf der Schulter ist
zerschnitten, aber auch zerrissen. Diese Wunde rührt nicht von
einem Messer her: hier haben Zähne gewütet!’
,Sie hat mich gebissen,' murmelte er. ,Als Rochester ihr
das Messer entrissen, zerfleischte sie mich wie eine Tigerin. Ich
war gar nicht darauf gefaßt, denn anfangs sah sie so ruhig und
vernünftig aus.
,Ich habe dich gewarnt,' lautete die Antwort seines Freundes. ,Ich sagte dir: ,Sei auf deiner Hut, wenn du ihr nahe kommst. Außerdem hättest du bis zum Morgen warten können,
-
,Ich glaubte, ich würde etwas Gutes damit bewirken.
,Du glaubtest! Du glaubtest! Carter! Beeilen Sie sich!
Beeilen Sie sich! Es ist die höchste Zeit! Die Sonne wird bald
aufgehen - und er muß sobald wie möglich fort von hier!
,Gleich, Sir, gleich! Die Schulter ist bereits verbunden.
,Jane,' sagte Mr. Rochester jetzt zu mir, gehen Sie hinunter in mein Schlafzimmer und von dort geradeswegs in mein
Ankleidezimmer; öffnen Sie die obere Schublade der Kommode
und nehmen Sie ein reines Hemd und ein Halstuch aus derselben.
Beides bringen Sie her. Aber beeilen Sie sich!
Ich fand die genannten Gegenstände und kam mit ihnen in
das dritte Stockwerk zurück.
,So, jetzt habe ich noch einen Auftrag für Sie,' sagte mein
unermüdlicher Herr, ,Sie müssen noch einmal hinunter in mein
Zimmer laufen. Welch ein Glück, Jane, daß Sie Samtschuhe
haben! Ein Bote mit Holzpantoffeln würde bei dieser Gelegenheit kaum zu verwenden sein! Sie müssen die mittlere Schublade
meines Toilettentisches öffnen und ein kleines Fläschchen und ein
kleines Glas, welche Sie dort finden werden, herausnehmen. Bringen Sie es mir schnell!'
Ich flog hinunter und wieder hinauf und brachte die gewünschten Dinge.
,So ist's gut! Jetzt, Doktor, werde ich mir die Freiheit erlauben, ihm selbst eine Dosis beizubringen, auf meine eigene Verantwortung. Jane, ein wenig Wasser!
Er reichte mir das kleine Glas, das ich bis zur Hälfte mit
Wasser aus der Flasche vom Waschtische füllte.
,So ist's genug. Jetzt befeuchten Sie den Rand der Flasche.
Ich tat wie mir geheißen. Er goß zwölf Tröpfen einer roten
Flüssigkeit hinein und reichte es Mason hin.
,Trink, Richard; es wird dir für eine Stunde wenigstens den
Mut geben, der dir fehlt.
,Ich fühle mich besser, bemerkte Mr. Mason nach einer Weile.
,Das wußte ich vorher. Nun, Jane, gehen Sie uns vorauf
zur Hintertreppe; riegeln Sie die Tür des Seitenkorridors auf
und sagen Sie dem Postillon, er soll sich bereit halten. Wir kommen gleich. Und noch eins, Jane, wenn Sie unten irgend jemand
wachfinden, so kommen Sie an den Fuß der Treppe und räuspern
Sie sich.
Inzwischen war es halb sechs geworden, und die Sonne war
im Begriff aufzugehen. Im Hofe herrschte noch Ruhe. Die Tore
standen aber weit geöffnet, und draußen hielt eine Postkutsche; die
Pferde waren eingespannt, der Kutscher saß auf dem Bocke.
Mr. Mason, welcher sich auf Mr. Rochester und den Arzt
stützte, schien bereits wieder mit Leichtigkeit gehen zu können. Sie
halfen ihm den Wagen besteigen; Carter setzte sich zu ihm.
,Lassen Sie ihm sorgfältige Pflege angedeihen,' sagte Mr.
Rochester zu dem letztgenannten gewendet, , und behalten Sie ihn
in Ihrem Hause, bis er ganz wieder hergestellt ist. In ein oder
zwei Tagen werde ich hinüberkommen, um zu sehen, wie seine Genesung fortschreitet. Richard, wie fühlst du dich jetzt?
,Die frische Luft belebt mich, Fairfax!'
,Carter, lassen Sie das Fenster an seiner Seite herab; es ist
ganz windstill. Die frische Luft schadet ihm nicht. Lebewohl, Dick,
mein Junge!
,Fairfax -
,Nun, was gibt's noch?
,Laß sie sorgsam behüten; laß sie so nachsichtig behandeln wie
möglich, laß sie - hier hielt er inne und brach in Tränen aus.
,Ich tue mein Bestes; ich habe es getan und werde es auch
in Zukunft tun, lautete die Antwort. Dann schlug er die Wagentür zu, und die Postkutsche rollte davon.
,O, wollte Gott doch, daß dies alles ein Ende hätte!' seufzte
Mr. Rochester tief auf, als er die schweren Holztore zumachte und
verriegelte.
,Dies war eine seltsame Nacht, Jane.
,Ja, Slr.
,Und sie hat Sie bleich gemacht! Empfanden Sie Furcht,
als ich Sie mit Mason allein ließ?
,Ich fürchtete nur, daß jemand aus dem inneren Zimmer
kommen könne.
,Aber Sie hatten doch gesehen, wie ich die Tür abschloß -
den Schlüssel trug ich in der Tasche. Ich wäre ein pflichtvergessener Hirte gewesen, wenn ich ein Lamm- mein Lieblingslamm-
unbehütet so nahe bei der Höhle des Löwen gelassen hätte; nein,
Sie waren in Sicherheit. Doch nun gehen Sie ins Haus und versuchen Sie, sich von den Stürmen dieser Nacht zu erholen.
Während ich auf dem einen Wege davonging, schlug er den
anderen ein, und ich hörte noch, wie er mit heiterer Stimme im
Hofe einigen jungen Herren zurief:
,Mason ist euch allen heute früh zuvorgekommen. Noch vor
Sonnenaufgang ist er auf und davongegangen. Ich bin um vier
Uhr aufgestanden, um von ihm Abschied zu nehmen.
17. Kapitel.
Des Rätsels Lösung.-- Wieder in Gateshead-Hall.
Ich kann mir denken, wie meine Leser darauf brennen werden,
daß ich ihnen über die geheimnisvollen und unheimlichen Vorgänge zur nächtlichen Weile in Thornfieldhall Aufschluß erteile.
Wie's ihnen ergeht, so erging es mir damals, aber ich hatte die
Überzeugung, daß Mr. Rochester bald Gelegenheit nehmen werde,
mir klaren Aufschluß zu erteilen. Und ich hatte mich in meiner Erwartung nicht getäuscht. Bei einem Spaziergang im Park am
nächsten Tage näherte sich mir mein Herr und erklärte mir, daß er
das Geheimnis, das wie ein Alpdruck auf seiner Seele laste, mir
anvertrauen wolle. Es war eine lange, romanhafte, schauerliche
Geschichte, mit deren Aufzählung im einzelnen ich meine Leser verschonen will. Nur das Hauptsächlichste sei hier wiedergegeben.
Mr. Rochesters ältester Bruder wurde Besitzer des Schlosses
Thornfieldhall, während der jüngere, mein Herr, von seinem
Vater nach Jamaika geschickt wurde, um nach dessen Willen die
Tochter eines steinreichen Pflanzers, namens Mason, zu heiraten,
mit welchem er in Geschäftsverbindung stand. Er war von ihrer
Schönheit geblendet, und die Heirat wurde vollzogen, ehe er recht
zur Überlegung gekommen war. Die Mutter seiner Frau war im
Irrenhause gestorben, und auch bei ihrem Bruder, demselben, der
bei uns in Thornfieldhall den nächtlichen Überfall erlebt hatte, und
dessen Tochter meine Schülerin Adele war, traten Zeichen von Irrsinn ein. Das hatte man dem unglücklichen Mr. Rochester vor der
Hochzeit verschwiegen. Bald stellte sich auch heraus, daß das Einvernehmen zwischen ihm und seiner Gattin ein gespanntes wurde.
Eine freundliche Unterhaltung mit ihr war eine Unmöglichkeit, im
hause herrschte die größte Unordnung, kein Diener konnte die beständigen Ausbrüche ihres heftigen Temperamentes und ihrer unvernünftigen Launen ertragen. So wurde dem armen Manne
diese Ehe zur entsetzlichen Last, und sie wurde noch drückender, als
seine Gattin anfing, sich dem Trunke zu ergeben. Unterdessen starb
sein Bruder und sein Vater. Er mußte sein väterliches Besitztum
antreten und nach Europa übersiedeln, als bei seiner Gattin der
Wahnsinn in furchtbarster Weise ausbrach. Der schwergeprüfte
Mann war in Verzweiflung. Ich will ihn selbst erzählen lassen:
,Ich brachte sie mit nach England, eine fürchterliche Reise, die
ich da mit einem solchen Ungeheuer auf dem Schiffe hatte. Ich
war froh, als ich sie endlich nach Thornfield brachte und sie in
jenem Zimmer im dritten Stocke in sicherer Verwahrung hatte, in
jenem Zimmer, aus dessen geheimem, innerem Kabinett sie nun seit
zehn Jahren die Höhle einer wilden Bestie gemacht hat. Es war
nicht so leicht, eine Wärterin für sie zu finden, da es notwendig
war, eine auszuwählen, auf deren Treue man sich verlassen konnte;
denn die Wahnsinnige mußte mein Geheimnis früher oder später
verraten, sei es in den Zeiten ihrer Raserei, sei es in den Tagen.
ja bisweilen Wochen, in denen sie lichte Augenblicke hatte und die
sie damit ausfüllte, daß sie weidlich auf mich schimpfte. An Ende
dingte ich Grace Poole von Grimsby Retreat. Sie und der Wundarzt Carter, der Masons Wunde verband in jener Nacht, als er
meuchlings gestochen und gebissen wurde- sind die einzigen, denen
ich mein Geheimnis mitgeteilt habe. Wohl mag Mrs. Fairfax etwas geargwöhnt haben, indessen konnte sie nichts Genaueres wissen.
Im ganzen hat Grace sich als eine gute Wärterin erwiesen, obgleich
ihre Wachsamkeit mehr denn einmal eingeschläfert und getäuscht
worden ist. Die Wahnsinnige ist listig und bösartig, nie hat sie
ermangelt, die Augenblicke, wo ihre Wärterin sich vergaß, zu benutzen; einmal hat sie sich bei einer solchen Gelegenheit des Messers
bemächtigt, womit sie ihren Bruder gestochen, und zweimal, um sich
in den Besitz des Schlüssels zu ihrer Zelle zu setzen und während
der Nacht letztere zu verlassen. O, wenn doch der Himmel es fügen
wollte, daß ich von dieser entsetzlichen Pein, die mir alle Freude
am Leben zerstört, befreit würde.
Ich will mich kurz fassen. Viel schneller, als er ahnte, sollte
dieser berechtigte Wunsch in Erfüllung gehen. In einer finsteren
Nacht hatte die Unglückliche ihr Zimmer verlassen, war auf der
Treppe ausgeglitten und .hatte sich das Genick gebrochen. Das
alles hatte sich während meiner Reise nach Gateshead zugetragen.
,Nach Gateshead? werden meine Leser verwundert fragen. ,War
das nicht der Ort, wo die Erzählerin ihre ersten traurigen Jugendjahre unter der Obhut ihrer hartherzigen Tante, ihrer hochmütigen
Töchter und ihres ungezogenen Sohnes in Kummer und Elend
verbracht hat? Ganz recht- dieses Gateshead ist es, und wie
ich zu der Reise kam, will ich jetzt erzählen.
Eines Nachmittages kam eine Dienerin mit der Botschaft zu
mir, daß in Mrs. Fairfax' Zimmer jemand sei, der mich zu sprechen
wünsche. Als ich hinunterkam, fand ich einen Mann, der auf mich
wartete; er sah aus wie ein herrschaftlicher Diener; er war in tiefe
Trauer gekleidet, und um den Hut, welchen er in der Hand trug,
war ein Flor gewunden.
,Sie werden sich meiner kaum noch erinnern, Miß,' sagte er,
indem er sich bei meinem Eintritt erhob, ,aber mein Name ist
Leaven; als Sie vor acht oder neun Jahren in Gateshead waren,
war ich Kutscher bei Mrs. Reed; ich bin auch jetzt noch in ihren
Diensten.
,O, Robert. Sie sind's! Wie geht es Ihnen? Ich erinnere
mich Ihrer noch sehr wohl. Sie ließen mich ja zuweilen auf Miß
Georginas Pony reiten. Und wie geht es Bessie? Sie sind doch
mit Bessie verheiratet?
,Ja, Miß. Meine Frau ist kerngesund. Danke für die Nachfrage; wir haben jetzt drei Kinder, und Mutter und Kinder gedeihen gut.’
,Und ist die Familie im Herrenhause auch gesund, Robert?
,Es tut mir leid, Miß, daß ich Ihnen von dort keine besseren
Nachrichten bringen kann; aber es geht ihnen augenblicklich sehr
schlecht.
,Ich hoffe, daß niemand von ihnen gestorben ist, sagte ich,
indem ich auf seinen schwarzen Anzug deutete. Auch er blickte auf
den Flor an seinem Hute und sagte:
,Mr. John ist gestern vor acht Tagen in seiner Wohnung in
London gestorben.'
,Mr. John?’
‘Ja, Miß.’
,Und wie trägt seine Mutter es?
,Nun, sehen Sie, Miß Eyre, dies ist kein gewöhnliches Unglück:
er hat ein gar tolles Leben geführt. Während der letzten drei
Jahre hat er gar sonderbare Dinge getrieben - und sein Tod war
fürchterlich.
,Ich hörte von Bessie, daß er nicht gut tat.’
,Nicht gut tat! Barmherziger Gott! Er konnte nichts
Schlimmeres tun! Er hat seine Gesundheit und seine Güter
zugrunde gerichtet in schlechtester Gesellschaft. Er geriet in Schulden und- ins Gefängnis. Zweimal hat seine Mutter ihm herausgeholfen, aber kaum war er frei, als er auch schon zu seinen alten Kumpanen und alten Gewohnheiten zurückkehrte. Er war
keiner von den Klügsten, Sie wissen das wohl, Miß, und die Schurken, unter welchen er lebte, betrogen ihn in der unerhörtesten
Weise. Vor ungefähr drei Wochen kam er nach Gateshead hinunter und verlangte von Mistreß, daß sie ihm das ganze Besitztum
übergeben solle. Mistreß weigerte sich, durch seine Verschwendung
sind ihre Mittel schon seit langer Zeit zusammengeschmolzen. So
kehrte er denn wieder um nach London, und das nächste, was wir
von ihm hörten, war seine Todesnachricht. Wie er gestorben ist
- Gott mag es wissen! Die Leute sagen, daß er sich selbst ums
Leben gebracht hat.
Ich schwieg. Das war eine entsetzliche Nachricht.
Robert Leaven fuhr fort:
,Mistreß war schon seit langer Zeit kränklich gewesen; sie ist
sehr stark geworden, aber sie ist nicht kräftig dabei; und der Verlust des Geldes und die Furcht vor der Armut richteten sie fast
zugrunde. Die Nachricht von Mr. Johns Tod und die Art, wie
er herbeigeführt, kam zu plötzlich: sie wurde vom Schlage getroffen. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen, aber am letzten
Dienstag schien es ihr wieder besser zu gehen; es war, als wollte
sie etwas sagen, denn sie machte meiner Frau fortwährend Zeichen
und sprach ganz undeutlich. Erst gestern morgen konnte Bessie
verstehen, daß sie Ihren Namen aussprach, und zuletzt verstand
sie ganz deutlich, wie sie sagte: ,Bringt mir Jane - holt Jane
Eyre, ich muß mit ihr sprechen.
,Bessie ist nun nicht gewiß, ob sie bei Sinnen ist, und ob sie
irgend etwas mit den Worten meint; aber sie hat es Miß Reed
und Miß Georgina gesagt und ihnen geraten, Sie, Miß, holen zu
lassen. Die jungen Damen wollten anfangs nichts davon wissen;
aber ihre Mutter wurde so unruhig, und rief so oft, Jane! Jane!
Jane!'' daß sie endlich einwilligten. Ich habe Gateshead gestern
verlassen, und wenn Sie bis morgen früh fertig werden könnten,
Miß, so würde ich Sie mitnehmen.'
,Ja, Robert, ich werde fertig sein. Mir ist, als müßte ich gehen.
,Ich glaube auch, Miß; Bessie sagte, Sie würden sich ganz
gewiß nicht weigern. Aber Sie werden wohl um Erlaubnis bitten
müssen, ehe Sie gehen?
,Gewiß. Und ich werde es augenblicklich tun. Dann führte
ich ihn in das Zimmer der Domestiken, und nachdem ich ihn der
Fürsorge von Johns Frau und Johns eigener Liebenswürdigkeit
warm empfohlen hatte, machte ich mich auf den Weg, um Mr. Rochester zu suchen.
Er war in keinem der unteren Zimmer, er war nicht im Hofe,
nicht in den Ställen, nicht im Park. Ich fragte Mrs. Fairfax, ob
sie ihn gesehen habe; - ja, sie glaubte, er sei im Billardzimmer
und spiele mit Miß Ingram. Ich eilte daher ins Billardzimmer.
Das Aneinanderschlagen der Billardkugeln und das Gemurmel
von Stimmen ließ sich von dort hören. Mr. Rochester, Miß Ingram, zwei andere Damen und zwei Herren, alle waren mit dem
Spiel beschäftigt. Mein Anliegen war derart, daß es keinen Aufschub duldete; daher näherte ich mich meinem Herrn, der neben
Miß Ingram stand.
Bei meiner Annäherung wandte sie sich um und blickte mich
hochmütig an; ihre Augen schienen zu fragen: ,Was kann diese
Schleicherin jetzt wollen? Und als ich mit leiser Stimme sagte:
,Mr. Rochester,' machte sie eine Bewegung, als wenn sie mich entfernen wollte. Noch heute steht ihre Erscheinung vor mir- sie
trug ein Morgenkleid von himmelblauem Crepe, ein durchsichtiges,
azurfarbenes Band schlang sich durch ihre Locken. Sie war dem
Spiel mit großer Lebhaftigkeit gefolgt, und zürnender Hochmut
konnte den stolzen Linien ihres herrlichen Gesichts nichts anhaben.
,Will die Person etwas von Ihnen? fragte sie zu Mr. Rochester gewendet. Und Mr. Rochester wandte sich um, zu sehen,
wer die ,Person' sei. Er machte ein sonderbares Gesicht, warf
das Billardqueue fort und folgte mir aus dem Zimmer.
,Nun, Jane? fragte er, indem er sich mit dem Rücken an die
Tür des Schulzimmers lehnte, die er soeben geschlossen hatte.
,Sir, ich bin gekommen, um einen Urlaub von ein oder zwei
Wochen von Ihnen zu erbitten.'
,Wohin wollen Sie?
,Ich will eine kranke Dame besuchen, die mich holen läßt.
,Welche kranke Dame? Wo wohnt sie?
,In Gateshead, in -shire.’
‘-shire? Das ist ja hundert Meilen von hier! Wer ist die
Dame, daß Sie von Ihnen verlangt, eine solche Entfernung um
ihretwillen zurückzulegen?’
,Ihr Name ist Reed, Sir, Mrs. Reed.
,Reed auf Gateshead? Ich kannte einen Reed auf Gateshead, der Bürgermeister war.
,Sie ist seine Witwe, Sir.’
,Und was haben Sie mit ihr zu tun? Woher kennen Sie sie
überhaupt?’
,Mr. Reed war mein Onkel, der Bruder meiner verstorbenen
Mutter.’
,Zum Henker! War er das? Weshalb haben Sie mir das
nicht längst erzählt. Sie sagten stets, daß Sie keine Verwandten
hätten.'
,Keine, die mich anerkannten, Sir. Mr. Reed ist tot und
seine Witwe hat mich verstoßen.’
,Weshalb?’
,Weil ich arm war und ihr zur Last fiel. Sie hat mich mit
leidenschaftlichem Hasse verfolgt.’
,Aber Reed hat doch Kinder hinterlassen? Sie müssen also
doch auch Vettern und Cousinen haben? Ein Herr meines Besuchs
sprach gestern von einem Reed auf Gateshead, der, wie er sagte,
einer der verkommensten Menschen in London sei; und Miß Ingram erwähnte eine Miß Georgina Reed von demselben Gute,
eine berühmte Schönheit, die vor einigen Jahren in London sehr
gefeiert worden ist.’
,John Reed ist jetzt ebenfalls tot, Sir; er hat sich selbst vollständig zugrunde gerichtet und seine Familie beinahe. Man vermutet, daß er einen Selbstmord begangen hat. Diese Nachricht
hat seine Mutter so sehr erschüttert, daß sie infolge derselben einen
Schlaganfall erlitten hat.’
,Und was können Sie ihr nützen? Es würde mir niemals in
den Sinn kommen, hundert Meilen zu reisen, um eine alte Dame
zu sehen, die vielleicht schon tot ist, wenn Sie an Ort und Stelle
ankommen, noch dazu, da sie Sie verstoßen hat.’
,Ja, Sir, aber das ist schon so lange her. Damals lagen die
Verhältnisse auch noch ganz anders. Ich würde niemals wieder
Ruhe finden, wenn ich ihren Wunsch jetzt unberücksichtigt ließe.’
,Aber auf jeden Fall werden Sie doch zurückkommen;
Sie versprechen mir wenigstens, sich unter keinen Umständen überreden lassen zu wollen, Ihren Wohnsitz für immer bei ihr aufzuschlagen?’
,O nein! Ich werde zurückkehren, wenn alles wieder gut geworden ist,'
,Und wer begleitet Sie? Hoffentlich denken Sie nicht daran,
die hundert Meilen allein zu reisen?
,Nein, Sir; sie hat ihren Kutscher geschickt.
,Ein zuverlässiger Mensch?
Ja, Sir, er lebt seit zehn Jahren in der Familie.
Mr. Rochester dachte nach.
,Und wann beabsichtigen Sie abzureisen?
,Morgen in aller Frühe, Sir.
,Gut. Aber Sie brauchen Geld. Sie können nicht ohne Geld
reisen, und ich glaube kaum, daß Sie noch viel besitzen. Sie haben
von mir noch kein Gehalt bekommen. Wieviel besitzen Sie überhaupt, Jane? fragte er lächelnd.
Ich zog meine Börse hervor; sie war allerdings ein mageres
Ding. ,Fünf Schilling, Sir.
Er nahm mir die Börse aus der Hand, schüttete sich den ganzen Inhalt in die Hand und lachte, als gewähre diese kleine
Summe ihm eine ganz besondere Freude. Gleich darauf zog er
seine Brieftasche hervor:
,Hier, sagte er und bot mir eine Banknote. Es waren fünfzig Pfund, und er schuldete mir nur fünfzehn. Ich sagte ihm, daß
ich die Note nicht wechseln könne.
,Sie brauchen auch nicht zu wechseln. Das wissen Sie. Es
ist Ihr Gehalt.
Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als ich rechtmäßig zu
fordern hatte. Er runzelte die Stirn. Endlich sagte er, als wäre
ihm plötzlich etwas eingefallen:
,Ja, ja, Sie haben recht, ganz recht! Es ist besser, wenn ich
Ihnen jetzt nicht alles gebe. Wenn Sie fünfzig Pfund besäßen,
könnten Sie sich am Ende verleiten lassen, länger fortzubleiben.
Hier haben Sie zehn.
,Ja, Sir. Aber jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.
,Sie können wiederkommen, um diese zu holen. Sie haben
jetzt bei mir, Ihrem Bankier, vierzig Pfund gut.
,Mr. Rochester, da sich mir jetzt gerade Gelegenheit dazu
bietet, kann ich gleich noch von einer anderen Angelegenheit mit
Ihnen sprechen.'
,Ja, was denn?
,Sie haben mir neulich in ziemlich klaren Worten mitgeteilt,
Sir, daß Sie sich binnen kurzem verheiraten werden.'
,Nun ja. Was weiter?
,In diesem Falle, Sir, müßte Adele doch in eine Schule geschickt werden. Ich bin überzeugt, daß auch Sie diese Notwendigkeit einsehen.
,Um sie meiner Frau aus dem Wege zu räumen, die das arme
Kind sonst am Ende übersehen würde. Es liegt Sinn und Verstand in diesem Ratschlage, ohne Zweifel. Ja, ja, wie Sie sagen.
Adele muß in eine Schule geschickt werden. Und Sie müssen natürlich geraden Weges - zum Kuckuck gehen.
,Das hoffe ich nicht, Sir, aber ich werde mir eine andere Stellung suchen müssen.'
,Dann werden Sie wahrscheinlich die alte Mutter Reed und
ihre Tochter jetzt ersuchen, Ihnen eine Stellung zu besorgen?
,Nein, Sir. Ich stehe mit meinen Verwandten nicht auf
einem solchen Fuße, daß ich das Recht hätte, Gefälligkeiten von
ihnen zu verlangen. Aber ich werde in den Zeitungen annoncieren
lassen.''
, Sie werden die ägyptischen Pyramiden hinaufklettern!'
murmelte er. ,Aber annoncieren Sie nur immer auf Ihre eigene
Gefahr hin! Ich wollte wahrhaftig, ich hätte Ihnen nur eine
Guinee anstatt jener zehn Pfund gegeben. Geben Sie mir neun
Pfund zurück. Ich brauche sie, Jane, ich brauche sie notwendig.
,Und ich brauche sie ebenfalls, Sir,' entgegnete ich, indem ich
meine Hand mit der Börse in die Tasche steckte. ,Ich könnte Ihnen
das Geld unter keinen Umständen wiedergeben.'
,Kleiner Geizhals! sagte er, ,Sie schlagen meine Bitte um
Geld wirklich ab! So geben Sie mir fünf Pfund, Jane.
,Nicht einmal fünf Schilling, Sir; nein, nicht fünf elende
Pence.
,Zeigen Sie mir das Geld noch einmal.
,Nein, Sir, ich kann Ihnen nicht trauen.
,Jane!'
,Sir
,Versprechen Sie mir eins!
,Ich bin gern bereit, Sir, Ihnen alles zu versprechen, was
ich möglicherweise halten kann.'
,Also versprechen Sie, daß Sie keine Annonce in die Zeitung
rücken lassen werden und mir dieses Finden einer passenden Stellung für Sie überlassen. Wenn es Zeit ist, werde ich Ihnen eine
solche besorgen.'
,Das will ich mit Freuden tun, Sir, wenn Sie mir Ihrerseits versprechen, daß Sie sowohl mich wie Adele aus dem Hause
entlassen wollen, bevor Ihre junge Frau es betritt.
,Sehr gut! Sehr gut! Angenommen! Darauf kann ich
Ihnen mein Wort geben! Sie reisen also morgen?
,Ja. Sir, sehr früh.
,Werden Sie heute nach dem Mittagessen in das Gesellschaftszimmer hinunterkommen?'
,Nein, Sir. Ich muß meine Reisevorbereitungen treffen.
,So müssen wir uns denn jetzt schon für einige Zeit Lebewohl
sagen?
,Vermutlich, Sir.
,Und wie nehmen die Menschen voneinander Abschied, Jane?
Lehren Sie mich das. Ich verstehe mich nicht recht darauf.
,Sie sagen: Lebewohl oder irgend ein anderes Wort, das
ihnen gerade einfällt.'
,Also sagen Sie es.
,Leben Sie wohl für einige Zeit, Mr. Rochester.
,Und was muß ich sagen?
,Dasselbe, wenn Sie wollen, Sir.
,Leben Sie wohl für einige Zeit, Miß Eyre! Und ist das
alles?
Ja.
Nach meinen Begriffen klingt das unfreundlich und kalt und
herzlos. Sie wollen also nichts weiter tun, als mir einfach Lebewohl sagen, Jane?
,Es genügt, Sir; ein einziges Wort enthält oft mehr Herzlichkeit als deren viele.’
,Vielleicht! Aber es klingt doch leer und kalt, dies Lebewohl!'
,Wie lange wird er noch so mit dem Rücken an die Tür gelehnt dastehen? fragte ich mich, ,ich möchte gern mit dem Packen
anfangen.'
Die Mittagsglocke wurde geläutet, und plötzlich rannte er
schnell ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus. Ich sah ihn an
diesem Tage nicht wieder, und am nächsten Morgen war ich schon
lange unterwegs, bevor jemand im Hause aufgestanden war.
Am Nachmittage des ersten Mai erreichte ich das Parkhäuschen von Gateshead. Es war gegen fünf Uhr. Bevor ich nach
dem Herrenhause hinaufging, trat ich hier ein. Es war sehr reinlich und nett. Vor den Fenstern hingen kleine, weiße Vorhänge;
der Fußboden war fleckenlos; der Herd und die Feuerzange waren
blank poliert, und das Feuer brannte hell. Bessie saß in der Ofen-
-
,Gott segne Sie!- ich wußte ja, daß Sie kommen würden!'
rief Mrs. Leaven bei meinem Eintritt aus.
,Ja, Bessie,' sagte ich, nachdem ich sie umarmt hatte, ,und
hoffentlich komme ich nicht zu spät! Wie geht es Mrs. Reed?
Ich hoffe, Sie ist doch noch am Leben?
,Ja, sie lebt noch; und sie hat die Besinnung teilweise wieder
erlangt. Der Doktor sagt, daß es noch ein oder zwei Wochen mit
ihr dauern kann; aber an eine endliche Besserung darf man nicht
denken.
,Hat sie meinen Namen kürzlich wieder erwähn?
,Heute morgen erst hat sie von Ihnen gesprochen und gewünscht, daß Sie kommen möchten. Aber jetzt schläft sie. Wenigstens schlief sie, als ich vor zehn Minuten oben im Herrenhause
war. Gewöhnlich liegt sie während des ganzen Nachmittags in
einer Art von Schlafsucht und erwacht erst gegen sechs oder sieben
Uhr. Miß, wollen Sie sich hier nicht eine Stunde ausruhen?
Später gehe ich dann mit Ihnen hinauf.
Hier trat Robert ein, und Bessie legte ihr schlafendes Kind in
die Wiege, um ihn zu bewillkomnen. Dann bestand sie darauf,
daß ich meinen Hut abnehmen und Tee trinken solle; denn ich sähe
so müde und blaß aus, sagte sie. Ich war froh und ließ mir meine
Reisekleider von ihr abnehmen.
Wie die alten Zeiten in meiner Erinnerung wieder auflebten,
als ich ihrem geschäftigen Treiben zusah! Sie deckte den Teetisch
mit ihrem besten Porzellan, schnitt die Butterbrote, röstete einen
Teekuchen und gab dem kleinen Robert und Jane hier und da
einen kleinen Schlag oder Stoß - gerade so wie sie es in vergangenen Tagen mit mir zu tun pflegte. Bessie hatte sich ihr rasches
Wesen ebensogut gewahrt, wie ihren leichten Schritt und ihr hübsches Gesicht.
Als der Tee fertig war, wollte ich mich an den Tisch setzen,
aber in ihrem alten, entschiedenen Ton sagte sie mir, ich solle still
sitzen. Sie sagte, sie müsse mir am Kaminfeuer servieren; und
dann stellte sie einen kleinen, runden Tisch mit meiner Tasse und
sorgen pflegte, wenn ich in meinem Kinderstuhl saß. Ich lächelte
und gehorchte ihr wie in vergangenen Tagen.
Sie wollte dann wissen, ob ich glücklich in Thornfield-Hall sei,
und ich sollte ihr erzählen, was für eine Persönlichkeit die Frau des
Hauses sei. Und als ich ihr gesagt, daß Thornfield nur einen
Herrn habe, wollte sie wissen, ob er liebenswürdig und gut sei
und ich ihn gern habe. Ich erzählte ihr, daß er ein Gentleman sei,
daß er mich freundlich behandle, und ich mich dort glücklich fühle.
Ferner beschrieb ich ihr die lustige Gesellschaft, die sich jetzt im
Thornfield-Herrenhause aufhielt, und diesen Einzelheiten hörte
Bessie mit großem Interesse zu; es waren Dinge, die einen großen
Reiz für sie hatten.
Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell. Bessie
brachte mir meinen Hut und meine Schals wieder, und von ihr
begleitet, war ich auch vor fast neun Jahren den Pfad hinuntergegangen, den ich jetzt hinaufging. An einem finsteren, nebeligen,
rauhen Januarmorgen hatte ich mit verzweifeltem, verbittertem
Herzen ein feindliches Dach verlassen- übermannt fast von einem
Gefühle des Geächtetseins, ja, des Verdammtseins- um in den
frostigen Hafen von Lowood einzulaufen, in jenem fernen, unbekannten Lande. Und dort zeigte sich nun wieder jenes feindliche
Dach vor mir. Noch immer waren meine Aussichten zweifelhaft
- noch immer tat mir das Herz weh. Noch immer war ich nur
ein einsamer Wanderer auf der Erde- aber ich hatte ein festeres
Vertrauen zu mir selbst und meiner Kraft; ich fürchtete mich nicht
mehr vor einer Last. Die schmerzende Wunde des Unrechts, die
man mir so grausam in den Tagen meiner Kindheit geschlagen, war
jetzt geheilt; die Flamme des Hasses war erloschen.
,Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben; die
jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein,' sagte Bessie, als
sie mir vorauf in die Halle trat.
Nach einem kurzen Augenblick befand ich mich in diesem
Zimmer.
Alles sah noch so aus wie an jenem Morgen, als ich Mr.
Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde; der Teppich, auf
dem er gestanden, lag noch vor dem Kamin. Als mein Blick über
die Bücherschränke und ihren Inhalt schweiften, war mir's, als
ständen jene zwei Bände, Bewick, Vögel Englands noch auf ihrem
alten Plate auf dem dritten Regal, und ,Gullivers Reisen'' und
,Tausend und eine Nacht'' standen gerade darüber. Die leblosen
Dinge hatten sich nicht verändert, wohl aber die Menschen.
Ich erblickte zwei junge Damen vor mir; die eine war sehr
groß, fast so groß wie Miß Ingram- sehr mager und knochig,
mit blassem Gesicht und strengen Zügen. Es lag etwas Hartes in
ihrem Blick, das noch erhöht wurde durch die außerordentliche Einfachheit eines schwarzwollenen Kleides mit glattem Rock, einem
weißen Leinewandkragen, aus der Stirne gekämmtem Haar und
einem nonnenhaften Schmuck, der aus einer Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand. Es konnte
nicht anders sein - dies war Eliza, obgleich ich in ihrem langen,
farblosen Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrer früheren Erscheinung
entdecken konnte.
Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein, aber nicht
jene Georgina, deren ich mich erinnern konnte, - jenes schlanke,
blonde Mädchen von elf Jahren.
Dies war ein erwachsenes Fräulein, in vollster Blüte, weiß
und zart wie Wachs, mit regelmäßigen Zügen, schmachtenden,
blauen Augen und lockigem gelben Haar. Auch sie trug ein schwarzes Kleid; der Schnitt aber war so verschieden von dem ihrer
Schwester - so viel kleidsamer und zierlicher- daß es ebenso
modern aussah, wie das andere puritanisch erschien.
Jede der beiden Schwestern hatten einen Zug von der Mutter- doch nur einen einzigen. Die magere, blasse, ältere Tochter
hatte das stechende Auge, das blühende, jüngere Mädchen hatte
ihr Kinn und ihre Unterkiefer- vielleicht ein wenig gemildert,
aber dennoch gaben sie dem sonst so gesunden Gesichte einen Zug
von unbeschreiblicher Härte.
Als ich auf die Damen zuschritt, erhoben sich beide, um
mich zu bewillkomnen, und beide redeten mich Miß Eyre an.
Elizas Gruß wurde in kurzer Weise ausgesprochen, ohne daß sie
bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte. Nach der
Begrüßung seyte sie sich wieder, heftete ihre Blicke auf das Kaminfeuer und schien mich zu vergessen. Georgina fügte ihrem,Wie
geht es Ihnen'' noch mehrere alltägliche Bemerkungen hinzu. Sie
sprach in langgezogenem Tone und maß mich dabei seitwärts mit
vielsagenden Blicken von Kopf bis zu Fuß; bald musterte sie den
Faltenwurf meines braunen Merino-Pelzmantels, bald weilte ihr
Auge auf meinem sehr einfachen Reisehute. Junge Damen haben
eine merkwürdige Art, einen Menschen wissen zu lassen, daß sie ihn
für altmodisch halten, ohne die Worte geradezu auszusprechen.
Ein gewisser übermütiger Blick, Kälte im Wesen, Nachlässigkeit im
Ton drücken hinlänglich ihre Gefühle und Ansichten in dieser Beziehung aus, ohne daß sie noch besonders durch Unhöflichkeit in
Wort oder Tat zu kränken brauchen.
Ein Naserümpfen, ob nun versteckt oder offen, machte jetzt
nicht mehr denselben Eindruck auf mich, den es sonst zu üben
pflegte. Als ich so dasaß zwischen meinen Cousinen, war ich ganz
erstaunt zu finden, wie wohl mir bei der vollständigen Vernachlässigung der einen und der halbsarkastischen Höflichkeit der anderen war. Eliza vermochte nicht mich zu demütigen, Georgina
konnte mich nicht aus dem Gleichgewicht bringen.
In der Tat, ich hatte andere Dinge zu bedenken. Während
der letzten Monate waren Gefühle und Empfindungen in mir wach
geworden, die viel mächtiger waren, als irgend welche, die sie zu
erregen vermochten.
,Wie befindet sich Mrs. Reed? fragte ich alsbald, indem ich
Georgina ruhig ins Gesicht blickte; diese hielt es für passend, bei
dieser direkten Frage aufzufahren, als sei es eine ganz unerlaubte
Freiheit, die ich mir erlaubte.
,Mrs. Reed? Ah! Sie meinen meine Mama! Sie ist außerordentlich krank. Ich glaube nicht, daß Sie sie heute abend noch
sprechen können.
,Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie hinaufgehen
wollten, um ihr mitzuteilen, daß ich gekommen bin.
Georgina fuhr vor Schrecken zusammen und riß ihre blauen
Augen weit und wild auf.
,Ich weiß, daß sie den besonderen Wunsch geäußert hat, mich
zu sehen, fügte ich hinzu, und ich möchte die Erfüllung dieses
Wunsches nicht weiter hinausschieben als unumgänglich notwendig ist.
,Mama liebt es nicht, wenn man sie am Abend noch stört,.
bemerkte Eliza. Bald darauf erhob ich mich, nahm unaufgefordert
und ruhig meinen Hut und meine Handschuhe ab und sagte, daß
ich für einen Augenblick zu Bessie hinaufgehen wolle, um diese zu
bitten, daß sie nachsehe, ob Mrs. Reed mich heute abend noch sehen
wolle oder nicht. Ich ging, und nachdem ich Bessie gefunden und
sie mit meinem Auftrag hinaufgeschickt hatte, fuhr ich fort, weitere
Maßregeln zu treffen.
Bis jetzt war es stets meine Gewohnheit gewesen, mich vor
jeder Anmaßung zurückzuziehen; hätte man mich noch vor einem
Jahre irgendwo empfangen, wie man mich heute in Gateshead
empfing, so würde ich das Haus binnen weniger Stunden bereits
verlassen haben; jetzt sah ich aber plötzlich ein, daß das eine Torheit gewesen wäre. Ich hatte eine Reise von hundert Meilen gemacht, um meine Tante zu sehen, und ich mußte jetzt bei ihr bleiben, bis sie besser war- oder tot. Denn der Stolz und die
Dummheit ihrer Töchter konnten mich daran nicht hindern.
Ich wandte mich also an die Haushälterin, verlangte von ihr,
daß sie mir ein Zimmer anweise, sagte ihr, daß ich wahrscheinlich
einige Zeit als Gast hier im Hause weilen würde, ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen und ging dann selbst ebenfalls
hinauf. Auf der Treppe begegnete mir Bessie.
,Mistreß ist wach. sagte sie.,Ich habe ihr erzählt, daß Sie
da sind; kommen Sie und lassen Sie uns sehen, ob sie Sie wiedererkennt.
Ich bedurfte keines Führers nach dem wohlbekannten Zimmer. Wie oft war ich in früheren Tagen hineingerufen worden,
um einen Verweis oder eine Strafe zu bekommen. Ich eilte Bessie
voran und öffnete vorsichtig und leise die Tür. Die Lampe auf
dem Tische war durch einen Schirm verdeckt. Da stand das große
Himmelbett mit den bernsteinfarbenen Vorhängen noch wie in
alten Zeiten. Dort der Toilettentisch, der Lehnstuhl und der Fußschemel, auf dem 'ch wohl hundertmal hatte knieen müssen. Wie
oft hatte ich dort Verzeihung für Sünden erfleht, die ich niemals
begangen hatte. Ich blickte in einen gewissen Winkel und erwartete eigentlich halb und halb die schlanken Umrisse einer einst so
gefürchteten Rute zu sehen, die dort auf mich zu lauern pflegte und
nur darauf wartete, herauszuspringen und auf meinem Nacken
oder meinen Armen umhertanzen zu können.
Ich näherte mich dem Bette; ich zog die Vorhänge zurück und
lehnte mich über die hochaufgetürmten Kissen.
Gar wohl erinnerte ich mich des Gesichts von Mrs. Reed, und
eifrig suchte ich nach den bekannten Zügen. Es ist wahrlich ein
Glück, daß die alles mildernde Zeit auch die Rachbegierde erstickt
und die Eingebungen der Wut und des Abscheus sänftigt: diese
Frau hatte ich in Bitterkeit und Haß verlassen, und jetzt kehrte ich
mit keiner anderen Empfindung zu ihr zurück, als mit einer Art
Mitleids über ihr großes Leid, und dem lebhaften Verlangen, alles
Unrecht zu vergeben und zu vergessen - mich zu versöhnen und
ihre Hand in Freundschaft zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da: finster, streng wie immer
- jenes eigentümliche Auge, dessen Blick nichts zu besänftigen
vermochte die geschwungenen, herrschsüchtigen Brauen. Wie oft
hatte dies Auge nur Haß und Zorn auf mich herabgeblitzt! Wie
erwachte die Erinnerung an die Schrecken und den Jammer der
Kindheit wieder in mir, als ich diese harten Gesichtszüge wieder
erblickte! Und doch beugte ich mich nieder und küßte sie.
Sie blickte zu mir auf.
,Ist es Jane Eyre? fragte sie.
,Ja, Tante Reed. Wie befinden Sie sich, liebe Tante?.
Ich hatte einmal gelobt, daß ich sie nie wieder Tante nennen
wollte. Aber ich hielt es für keine Sünde, jenes Gelübde in diesem Augenblicke zu brechen. Meine Finger hielten die Hand umschlossen, welche auf der Bettdecke lag: hätte sie meine Hand freundlich gedrückt, so würde ich eine warme, innige Freude empfunden
haben. Aber Mrs. Reed zog ihre Hand zurück, und indem sie ihr
Gesicht von mir abwandte, bemerkte sie, daß es ein sehr warmer
Abend sei. Und wieder blickte sie mich an, so eisig kalt, daß ich
augenblicklich fühlte, wie ihre Empfindungen für mich unverändert
geblieben waren. Ich sah es ihrem versteinerten Auge, welches
niemals durch Tränen genetzt, niemals in Zärtlichkeit aufgeleuchtet
hatte, an, daß sie fest entschlossen sei, mich bis zum letzten Augenblick für schlecht zu halten; denn im Guten an mich zu glauben,
wäre nur eine Demütigung für sie gewesen.
Ich empfand Kummer, dann bemächtigte sich meiner der Zorn,
und schließlich faßte ich den Entschluß, sie zu besiegen- ihrer
Herr zu werden trotz ihrer hartherzigen Natur und ihres starren
Willens. Die Tränen waren mir in die Augen gestiegen, gerade
so wie in den Tagen meiner Kindheit- aber ich drängte sie an
ihre Quelle zurück. Dann brachte ich einen Stuhl an das Kopfende des Bettes. Ich setzte mich und beugte mich über die Polster.
,Sie haben mich holen lassen,' sagte ich, ,und jetzt bin ich
hier; und ich habe die Absicht, hier zu bleiben, bis ich sehe, daß es
Ihnen besser geht.
,O natürlich! Hast du meine Töchter gesehen?
,Ja.
, Nun, du magst ihnen sagen, daß ich wünsche, dich hier zu behalten, bis ich mit dir über einige Dinge sprechen kann, die ich auf
dem Herzen habe. Heute abend ist es zu spät, und es wird mir
jetzt auch schwer, mich auf die Angelegenheit zu besinnen. Aber
etwas wollte ich dir sagen - ja - was war es doch -
Der verstörte Blick und die veränderte Sprache zeigten mir
nur zu deutlich, wie weit die Zerstörung in diesem einst so kraftvollen Körper bereits vorgeschritten war. Unruhig warf sie sich
hin und her und schlug auf die Bettdecke. Mein Arm, der auf dem
Kopfkissen ruhte, suchte sie zu beruhigen. Augenblicklich wurde sie
wieder ärgerlich.
,Laß los! sagte sie,,halte mich nicht fest! Bist du wirklich
Jane Eyre?
-
ein Mensch vorstellen kann. Mir eine solche Last aufzubürden!
Und wieviel Arger sie mir täglich und stündlich mit ihrer unbegreiflichen Gemütsart verursacht hat, mit ihren Ausbrüchen von Heftigkeit und ihrem unnatürlichen, fortwährenden Lauern und Horchen auf alles, was man tat! Ich kann versichern, sie hat eines
Tages zu mir gesprochen wie eine Wahnsinnige oder - wie ein
Teufel- kein Kind hat jemals ausgesehen oder gesprochen wie
sie! Kein Kind! Ich war so froh, sie aus dem Hause los zu werden. Was haben sie in Lowood eigentlich mit ihr gemacht? Das
Fieber brach dort aus, und viele Schülerinnen sind gestorben. Aber
sie- sie starb nicht. Ich habe aber gesagt, daß sie tot sei! Ach,
wie wünschte ich, daß sie gestorben wäre!
,Ein seltsamer Wunsch, Mrs. Reed! Weshalb haßten Sie sie
so sehr?
,Ich habe ihre Mutter immer gehaßt, denn sie war die einzige
Schwester meines Mannes, und er hing mit großer Liebe an ihr.
Er hinderte die Familie daran, sie zu verstoßen, als sie jene abscheuliche, niedere Ehe schloß. Und als die Nachricht von ihrem
Tode kam, weinte er wie ein Narr. Er wollte durchaus, daß das
Kind geholt werde, obgleich ich ihn anflehte, das Kind lieber in
Pflege zu geben und für seine Erhaltung zu bezahlen. Ich konnte
es schon von Anfang an nicht leiden- ein kränkliches, weinerliches, elendes Ding! Die ganze Nacht hindurch schrie es in seiner
Wiege- es schrie nicht kräftig wie andere Kinder- nein, es
stöhnte und wimmerte. Reed hatte Erbarmen mit ihm. Und er
pflegte es zu beruhigen, wie wenn es sein eigenes Kind gewesen
wäre, nein, mehr als er jemals die eigenen Kinder beachtet hatte,
als sie in jenem Alter waren. Er versuchte auch, meine Kinder
freundlich gegen die kleine Bettlerin zu stimmen; aber meine Lieblinge konnten sie nicht leiden, und er wurde ärgerlich, wenn sie
ihren Widerwillen zeigten. In seiner letzten Krankheit ließ er es
fortwährend an sein Bett bringen, und kaum eine Stunde vor
seinem Tode ließ er mich feierlich versprechen, daß ich das Geschöpf
stets erziehen und versorgen wolle. Mir wäre es lieber gewesen,
wenn man mir die Sorge für ein Bettlerkind aus dem Arbeitshause zur Pflicht gemacht hätte: aber er war so schwach, schwach
von Natur. John ist seinem Vater durchaus nicht ähnlich - und
ich bin froh darüber: John ist mir ähnlich und meinen Brüdern -
er ist ein ganzer Gibson. Ah! ich wollte, er hörte auf, mich mit
seinen Briefen um Geld zu quälen! Ich habe nichts mehr, das ich
ihm geben könnte: wir werden arm! Ich müßte die Hälfte der
Dienstboten fortschicken und einen Teil des Hauses abschließen-
oder es vermieten. Aber wie sollen wir sonst weiter leben?
Zwei Drittel meines Einkommens werden von den Zinsen der
Wucherschulden verschlungen. John spielt ganz fürchterlich, und
er verliert immer, der arme Junge! Er ist von lauter Gaunern
und Tagedieben umgeben. John ist ganz verlumpt und verkommen- er sieht grauenhaft aus- ich schäme mich seiner, wenn ich
ihn sehe.
Jetzt geriet sie in eine furchtbare Aufregung.
,Ich glaube, es ist besser, wenn ich sie jetzt verlasse, sagte ich
zu Bessie, die an der anderen Seite des Bettes stand.
,Vielleicht wäre es besser, Miß; aber gegen Abend spricht sie
oft in dieser Weise - des Morgens ist sie gewöhnlich viel ruhiger.
Ich stand auf.
,Bleib!' rief Mrs Reed aus. ,Ich habe noch etwas anderes
zu sagen. Er droht mir - er droht mir unaufhörlich mit seinem
oder mit meinem Tode. Und zuweilen träumt mir, daß ich ihn
mit einer großen Wunde am Halse oder mit blutigem, geschwärztem Gesicht sehe. Es ist gar seltsam mit mir gekommen. Ich habe
schweren, grausamen Kummer. Was ist aber zu tun? Woher soll
ich das Geld nehmen??
Jetzt versuchte Bessie, sie zu überreden, daß sie einen beruhigenden Trank nehme; nur mit großer Mühe gelang es ihr. Gleich
darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und sank in einen Halbschlummer. Dann ließ ich sie allein.
Mehr als zehn Tage vergingen, bevor ich wieder mit ihr
sprechen konnte. Sie lag entweder im Delirium oder in Bewußtlosigkeit, und der Arzt verbot alles, was sie schmerzlich erregen
könnte. Inzwischen verkehrte ich mit Eliza und Georgina so gut
es eben gehen wollte. Anfangs waren sie in der Tat sehr kalt.
Eliza pflegte halbe Tage hindurch dazusitzen und zu nähen, zu
schreiben oder zu lesen, ohne auch nur eine einzige Silbe mit ihrer
Schwester oder mir zu sprechen. Georgina konnte stundenlang
dummes Zeug mit ihrem Kanarienvogel schwatzen, ohne mich zu
beachten. Aber ich war entschlossen, mir nicht den Anschein zu
geben, als fehle es mir an Zerstreuung oder Beschäftigung; ich
hatte meine Zeichen- und Malsachen mitgebracht, und diese verschafften mir beides.
Mit verschiedenen Stiften und einigen Bogen Papier versehen, setzte ich mich gewöhnlich allein ans Fenster, um Phantasievignetten zu zeichnen, indem ich jedes Bild zu Papier brachte, das
sich mir meiner Einbildungskraft darbot: einen Blick auf die See
zwischen zwei Felsen hindurch; der aufgehende Mond und ein
Schiff, das an der rotglühenden Scheibe vorübersegelt; eine
Gruppe von Schlingpflanzen und Wasserlilien, aus welcher der
Kopf einer mit Lotusblumen gekrönten Najade emportaucht; eine
Elfe, die unter einem Kranz von wilden Rosen aus dem Nest eines
Zaunkönigs herauslugt.
Eines Morgens begann ich ein Gesicht zu skizzieren. Ich
wußte selbst nicht recht, was für ein Gesicht es werden sollte. Ich
nahm einen weichen, schwarzen Stift, gab ihm eine stumpfe Spite
und arbeitete darauf los. Bald hatte ich eine breite, hervorragende
Stirn auf das Papier geworfen, die Linien des Untergesichts
waren scharf und eckig. Diese Umrisse machten mir Freude, und
geschäftig fuhren meine Finger fort, die übrigen Züge hineinzuzeichnen. Scharf markierte, horizontale Augenbrauen mußten
unter jene Stirn gesetzt werden; dann folgte natürlich eine schön
gezeichnete Nase mit geradem Rücken und nun ein weicher Mund;
ein festes Kinn, das in der Mitte gespalten war; jetzt brauchte ich
natürlich einen schwarzen Backenbart und kohlschwarzes Haar, das
sich an Stirn und Schläfen schmiegte. Die Augen hatte ich zuletzt
gelassen, weil sie die sorgsamste Arbeit verlangten. Ich zeichnete
sie groß und formte sie schön; die Augenwimpern wurden lang und
dunkel, die Iris glänzend und groß.
, Sehr gut, aber doch nicht ganz ähnlich,' sagte ich zu mir
selbst, als ich das Ganze betrachtete: ,die Augen brauchen mehr
Kraft und Geist''; und ich machte den Schatten noch dunkler, damit das Licht mehr zur Geltung kam- ein oder zwei glückliche
Striche waren von vollster Wirkung. So, jetzt hatte ich das Gesicht eines Freundes vor meinen Blicken. Was machte es nun noch
aus, daß die jungen Damen mir den Rücken wandten? Ich sah
die Zeichnung an und mußte über die sprechende Ähnlichkeit lächeln
Ich war zufrieden und glücklich.
,Ist es das Porträt eines Herrn, den Sie kennen? fragte
Eliza, welche unbemerkt an mich herangetreten war.
Ich entgegnete, daß es nur ein Phantasiekopf sei und legte die
Zeichnung eilig unter die anderen Blätter. Natürlich sprach ich die
Unwahrheit, denn es war ein sehr getreues Porträt Mr. Rochesters. Aber was kümmerte das sie? Oder irgend jemand außer
mir? Auch Georgina kam, um einen Blick darauf zu werfen
Die anderen Zeichnungen gefielen ihr ganz außerordentlich, aber
ihn nannte sie ,einen häßlichen Mann'. Beide schienen von meiner Geschicklichkeit sehr überrascht. Ich erbot mich, auch ihre Porträts zu skizzieren, und jede saß dann zu einer Bleistiftskizze
Schließlich brachte Georgina ihr Album. Ich versprach ihr etwas
in Wasserfarbe zu malen, und jetzt war sie augenblicklich in der
besten Laune. Sie schlug mir einen Spaziergang im Park vor.
Und als wir kaum zwei Stunden draußen gewesen, waren wir
mitten im vertraulichen Gespräch; sie erzählte mir von dem glänzenden Winier, den sie vor zwei Jahren in London zugebracht hatte
und von der Bewunderung, die sie erregt hatte- von den Aufmerksamkeiten, die man ihr erwiesen, und sie ließ sogar eine Andeutung von der hochadeligen Eroberung durchblicken, die sie gemacht hatte. Im Laufe des Nachmittags und des Abends kam
sie wieder auf diese Andeutungen zurück und wurde noch bestimmter. Täglich machte sie mir neue Mitteilungen, wenn sie auch stets
von demselben Thema handelten- von ihr, ihrer Liebe und ihrem
Leid. Es war seltsam, daß sie niemals mit einer Silbe der schweren Krankheit ihrer Mutter, des Todes ihres Bruders und den
augenblicklichen traurigen Aussichten der Familie erwähnte.
Eliza sprach noch immer sehr wenig; augenscheinlich hatte sie
keine Zeit für die Unterhaltung. Ich habe niemals eine geschäftigere Person gesehen, als sie zu sein schien. Und doch wäre es
schwer gewesen zu sagen, was sie eigentlich tat, oder vielmehr,
irgend ein Resultat ihres Fleißes zu entdecken. Sie hatte eine
Weckuhr, die sie täglich früh wecken mußte. Ich weiß nicht, was
sie vor dem Frühstück machte;na ch demselben hatte sie ihre Zeit
in regelmäßige Teile geteilt, und jede Stunde hatte ihre Aufgabe.
Dreimal am Tage las sie in einem kleinen Buche, welches sich nach
einer genaueren Besichtigung meinerseits als das ,Allgemeine
Gebetbuch'' erwies. Drei Stunden widmete sie der Beschäftigung.
mit Goldfäden den Rand eines viereckigen Tuchstücks zu besticken,
welches für einen Teppich beinahe groß genug gewesen wäre. Auf
meine Frage, wozu dieser Gegenstand verwendet werden solle,
sagte sie mir, daß es eine Altardecke für eine Kirche sei, welche vor
kurzem in der Nähe von Gateshead erbaut worden war. Zwei
Stunden widmete sie ihrem Tagebuche; zwei weitere arbeitete sie
allein im Küchengarten; eine brauchte sie für die Regelung ihrer
Rechnungen. Sie schien keiner Gesellschaft, keiner Unterhaltung
zu bedürfen. Ich glaube, daß sie auf ihre Weise sehr glücklich war;
diese sich täglich wiederholende Regelmäßigkeit genügte ihr; und
nichts verursachte ihr größeren Arger, als wenn irgend ein Umstand eintrat, welcher sie zwang, die streng abgemessene Regelmäßigkeit ihrer Arbeiten abzuändern.
Eines Abends, als sie mehr zur Mitteilsamkeit geneigt war
als gewöhnlich, sagte sie mir, daß Johns Aufführung und der
drohende Ruin ihrer Familie eine Quelle tiefen Kummers für sie
gewesen seien, jetzt aber habe ihr Gemüt sich beruhigt und ihr
Entschluß sei gefaßt. Ihr eigenes Vermögen habe sie in Sicherheit
gebracht, und wenn ihre Mutter stürbe- denn es sei durchaus
unwahrscheinlich, daß sie jemals wieder genesen oder daß es noch
lange mit ihr dauern könne, bemerkte sie ruhig- so würde sie
einen lange gehegten Plan ausführen: dort eine Zuflucht suchen,
wo pünktliche Gewohnheiten vor fortwährender Störung gesichert
seien, und zwischen sich und der leichtsinnigen Welt eine sichere
Schranke aufrichten.
Ich fragte, ob Georgina sie begleiten würde.
Nein, natürlich nicht. Sie und Georgina hätten nichts miteinander gemein. Unter keinen Umständen würde sie sich die Last
ihrer Gesellschaft auferlegen. Georgina solle nur ihren eigenen
Weg gehen; sie, Eliza, würde den ihrigen finden.
Wenn Georgina mir nicht ihr Herz ausschüttete, so brachte
sie den größten Teil ihrer Zeit auf dem Sofa zu, klagte und jammerte über da langweilige Leben im Hause und wiederholie unaufhörlich den Wunsch, daß ihre Tante Gibson sie zu sich nach der
Stadt einladen möchte.
,Es wäre viel besser,' pflegte sie zu sagen, ,wenn ich auf ein
oder zwei Monate fort könnte, bis alles vorüber ist.
Ich fragte sie nicht, was sie mit dem ,alles vorüber'' meinte,
aber ich vermutete, daß es sich auf den erwarteten Tod ihrer Mutter bezog. Eliza nahm von der Trägheit und den Klagen ihrer
Schwester nicht mehr Notiz, als wenn solch ein mürrisches, träges
Geschöpf gar nicht in ihrer Nähe gewesen wäre. Eines Tages jedoch, als sie ihr Rechnungsbuch beiseite legte und ihre Stickerei zur
Hand nahm, fiel sie folgendermaßen über sie her:
,Georgina, ein eitleres und alberneres Geschöpf als du hat
sicherlich niemals auf: Erden gewandelt. Du hattest nicht einmal
das Recht geboren zu werden, denn du ziehst aus dem Leben keinen
Nuten. Anstatt für dich, mit und in dir zu leben, wie jedes vernünftige Wesen es tun sollte, suchst du nur, dich mit deiner
Schwäche auf die Kraft anderer zu lehnen. Und wenn du niemand
findest, der willig ist, sich mit einem so nutzlosen Ding belasten zu
lassen, so schreist und jammerst du, daß du vernachlässigt und mißhandelt bist! Für dich soll das Dasein eine immerwährende Aufregung bringen, sonst nennst du die Welt ein Gefängnis. Du mußt
bewundert werden, man soll dir schmeicheln, du verlangst Musik,
Tanz und Gesellschaft, oder du verschmachtest. Hast du denn nicht
soviel Verstand, daß du eine Lebensweise ausdenken kannst, die
dich unabhängig macht von allen anderen Anstrengungen, jedem
anderen Willen als dem meinen? Nimm dir doch den Tag; teile
ihn in Abschnitte ein; jedem Abschnitte weise seine Aufgabe an;
laß nirgend verlorene Viertelstunden, zehn oder fünf Minuten
übrig, wende sie alle an. Tue jeden Teil deiner Geschäfte zu seiner
Zeit, aber mit strenger Regelmäßigkeit. Dann wird der Tag zu
Ende sein, bevor du gemerkt hast, daß er überhaupt begonnen hat.
Und du bist keinem zu Dank verpflichtet, daß er dir geholfen hat,
einen leeren Augenblick hinzubringen. Nimm meinen Rat- es
ist der erste und letzte, den ich dir gebe; dann wirst du weder mich
noch irgend einen Menschen brauchen, was auch kommen möge.
Vernachlässigst du diesen Rat hingegen - fährst du fort zu faulenzen, zu jammern, zu stöhnen, zu wünschen wie bisher - dann
trage auch die Folgen deiner Torheit, wie furchtbar und unerträglich diese auch sein mögen. Eines sage ich dir offen, beachte es
wohl; denn wenn ich auch niemals wiederholen werde, was ich dir
zu sagen im Begriff bin, so werde ich doch strenge danach handeln.
Nach dem Tode meiner Mutter will ich nichts mehr mit dir zu tun
haben; von dem Tage an, wo man ihren Sarg in das Gruftgewölbe von Gateshead tragen wird, sind wir, du und ich, so weit
voneinander geschieden, als ob wir uns niemals gekannt hätten.
Du brauchst nicht zu denken, daß ich jemals irgend einen Anspruch
deinerseits an mich anerkennen werde, nur weil wir zufällig gemeinsame Eltern haben. Ich sage dir dies: wenn das ganze Menschengeschlecht- mit Ausnahme von uns beiden- plötzlich von
der Erde vertilgt würde und wir allein auf der Erde stünden, so
würde ich dich allein in der alten Welt lassen und mich selbst in
die neue flüchten. Hier schwieg sie.
,Du hättest dir die Mühe ersparen können, diesen Redeschwall
loszulassen,' antwortete Georgina. ,Jeder Mensch weiß, daß
du das selbstsüchtigste, herzloseste Geschöpf auf Gottes Erdboden
bist, und ich kenne deinen boshaften Haß, besonders gegen mich.
Ich hatte ja eine Probe davon, als du mir jenen bösen Streich mit
Lord Edwin Bere spieltest; du konntest es nicht ertragen, daß ich
höher stehen sollte als du, daß ich einen Adelstitel haben und in
Gesellschaften kommen würde, in denen du nicht einmal wagen
darfst, dein Gesicht zu zeigen. Und deshalb spieltest du die Spionin
und die Angeberin und zerstörtest für immer alle meine Hoffnungen.
Dann saßen die beiden Schwestern eine Stunde lang stumm
gegenüber.
Es war ein feuchter, windiger Nachmittag. Georgina war
bei dem Lesen eines Romans auf dem Sofa eingeschlafen; Eliza
wohnte einem Gottesdienste bei; kein Wetter konnte sie jemals an
der Ausübung dessen hindern, was sie für ihre kirchlichen Pflichten
hielt: ob Sonnenschein, ob Regen, sie ging an jedem Sonntag in
die Kirche.
Mir fiel es ein, die Treppe hinaufzugehen, um zu sehen, wie
es der sterbenden Frau erging, um die sich fast niemand kümmerte.
Selbst ihre Dienstboten erwiesen ihr eine nur oberflächliche Aufmerksamkeit; und die Krankenwärterin, welche wenig beaufsichtigt
wurde, entwischte aus dem Zimmer so oft sie konnte. Bessie war
zwar treu; aber sie mußte sich um ihre eigene Familie kümmern
und konnte nur gelegentlich nach dem Herrenhause kommen. Ich
fand das Krankenzimmer unbewacht, wie ich es nicht anders erwartet hatte; keine Wärterin war dort; die Patientin lag still und
anscheinend in bewußtlosem Zustande; ihr bleiches Gesicht war in
die Kissen zurückgesunken; im Kamin war das Feuer dem Verlöschen nahe.
Ich schüttete Kohlen auf, ordnete die Betten und ließ meine
Blicke einige Augenblicke auf der Gestalt ruhen, welche mich jetzt
nicht ansehen konnte, - dann trat ich ans Fenster.
Der Regen schlug heftig gegen die Scheiben; der Wind heulte
um das Haus. Da dachte ich: hier liegt nun eine, die bald über
alle Kämpfe der irdischen Elemente fort sein wird. Und wohin
wird jener Geist, der sich jetzt von seiner körperlichen Hülle scheidet,
fliegen, wenn er sich endlich losgerungen hat?
Indem ich, über dies große Geheimnis grübelte, dachte ich an
Helene Burns - ihre letzten Worte kehrten in mein Gedächtnis zurück- ihr Glaube- ihre Lehre von der Gleichheit aller entkörperten Seelen. Noch horchte ich im Geiste auf die Laute ihrer,unvergeßlichen Stimme noch rief ich mir ihr bleiches Gesicht, ihre
schmerzerfüllten Züge, ihren erhabenen Blick, als sie so still auf
ihrem Sterbebette lag, in die Erinnerung zurück, noch hörte ich
ihren sehnsüchtig geflüsterten Wunsch, in den Schoß des himmlischen Vaters zurückkehren zu dürfen- als eine schwache Stimme
vom Bette her murmelte: ,Wer ist da?
Ich wußte, daß Mrs. Reed schon tagelang nicht mehr gesprochen hatte. Lebte sie wieder auf? Ich ging zu ihr.
,Ich bin es, Tante Reed.'
,Wer- ich!' lautete ihre Antwort.,Wer bist du? und
dabei blickte sie mich erstaunt und ein wenig erschrocken, aber doch
nicht verstört an.,Du bist mir ja ganz fremd- wo ist Bessie?
,Sie ist im Parkhäuschen, Tante.
,Tante!'' wiederholte sie. ,Wer nennt mich Tante? Du bist
doch keine von den Gibsons?- und doch kenne ich dich- das Gesicht, und jene Stirn, und die Augen- das alles ist mir so bekannt; du siehst aus wie- wie- wie Jane Eyre!
Ich schwieg. Denn ich fürchtete eine Erschütterung herbeizuführen, wenn ich die Richtigkeit ihrer Annahme bestätigte.
,Und doch,' sagte sie, ,fürchte ich, daß ich mich irre. Meine
Gedanken täuschen mich. Ich wünschte Jane Eyre zu sehen,
und jetzt finde ich eine Ähnlichkeit, wo keine vorhanden ist. Außerdem muß sie sich doch während dieser acht Jahre verändert haben!
Sanft und vorsichtig erklärte ich, daß ich die Person sei, welche
sie vermutete, und als ich bemerkte, daß sie mich verstand und daß
sie vollständig bei Sinnen war, teilte ich ihr mit, daß Bessie ihren
Mann nach Thornfield geschickt habe, um mich nach Gateshead zu
holen.
,Ich weiß, daß ich sehr krank bin,' sagte sie nach einer Weile.
,Vorhin versuchte ich, mich im Bette umzuwenden und fühlte, daß
ich kein Glied mehr rühren kann. Es wäre gut, wenn ich ruhig
werden könnte, bevor ich sterbe. Ist die Wärterin da? Oder ist
außer dir noch jemand im Zimmer?
Ich versicherte sie, daß wir allein seien.
,Nun, ich habe dir zweimal unrecht getan, das ich jetzt bereue. Das eine war, daß ich das Versprechen brach, welches ich
meinem Manne gegeben, dich stets wie mein eigenes Kind halten
zu wollen; das andere- hier hielt sie inne.
Nun, vielleicht ist es doch von keiner großen Bedeutung,
murmelte sie vor sich hin, ,und vielleicht werde ich wieder gesund, und dann wäre es mir peinlich, mich so vor ihr gedemütigt
zu haben.
Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu verändern, aber
es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte sich; sie schien einen inneren Schmerz zu spüren - vielleicht die Vorboten des letzten
Kampfes.
,Nun, ich muß es überwinden. Die Ewigkeit steht vor mir.
Es ist doch besser, wenn ich es ihr sage. Geh' an meinen Toilettentisch, öffne ihn und nimm den Brief heraus, den du dort
finden wirst.
Ich tat, wie sie mir befohlen hatte
,Lies den Brief, sagte sie.
Er war kurz und lautete:
,Madame!
Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner Nichte
Jane Eyre zu schicken und mir mitzuteilen, wie es ihr geht. Es
ist meine Absicht, ihr binnen kurzem zu schreiben und sie aufzufordern, daß sie zu mir nach Madeira herauskommt. Die Vorsehung hat meine Bemühungen, mir ein sorgenfreies Leben zu
verschaffen, gesegnet. Da ich unverheiratet und kinderlos bin,
so habe ich die Absicht, sie noch bei Lebzeiten zu adoptieren und
ihr bei meinem Tode alles zu hinterlassen, worüber ich verfügen
kann.
Ich bin, Madame, usw., usw.
John Eyre, Madeira.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Weshalb ist mir dies niemals mitgeteilt worden? fragte ich
langsam.
,Weil ich dich zu sehr haßte, um dazu beizutragen, daß du zu
Wohlstand gelangtest. Ich konnte dein Betragen gegen mich nicht
vergessen, Jane, die Wut nicht vergessen, mit welcher du dich einst
gegen mich gewandt hast; den Ton nicht, in welchem du mir erklärt,
daß du mich mehr haßtest als irgend jemand auf der Welt; den
unkindlichen Blick nicht, nicht dein Wort, daß der bloße Gedanke
an mich dich krank mache, mit dem du versichert, daß ich dich mit
der abscheulichsten Grausamkeit behandelt habe. Ich konnte meine
eigenen Empfindungen nicht vergessen, die ich gehegt, als du damals aufsprangst und all das Gift deiner Seele über mich ausgossest: ich hatte Furcht empfunden, wie wenn ein Tier, das ich gestoßen oder geschlagen, mich plötzlich mit menschlichen Augen angesehen und mich mit einer menschlichen Stimme verflucht hätte.
Bring' mir einen Tropfen Wasser! Aber beeile dich!
,Liebe Mrs. Reed! sagte ich, indem ich ihr den gewünschten
Trunk reichte, ,denken Sie nicht mehr an all diese Dinge, schlagen
Sie sie sich aus dem Sinn. Verzeihen Sie mir meine leidenschaftliche Sprache: ich war damals ein Kind; acht, fast neun Jahre sind
seit jenem Tage vergangen.
Sie hörte nichts von dem, was ich sagte; als sie aber das
Wasser getrunken und tief Atem geschöpft hatte, fuhr sie fort:
,Ich sage dir; ich konnte es nicht vergessen und nahm meine
Rache dafür. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dein
Onkel dich adoptieren und dich damit zu Wohlstand gelangen lassen
wollte. Ich schrieb an ihn. Ich sagte, das; es mir leid täte um
den Kummer, den ich ihm bereiten müsse, aber Jane Eyre sei tot,
sie sei am Typhus in Lowood gestorben. Handle nun, wie du
willst; schreib' ihm und widersprich meinen Angaben- decke meine
Lügen auf, sobald du willst. Ich glaube, du warst nur mir zur
Qual geboren; meine letzte Stunde wird durch die Erinnerung an
eine Tat verbittert, welche ich niemals zu begehen versucht gewesen,
wenn es sich nicht um dich gehandelt hätte.
,Wenn ich dich nur überreden könnte, Tante Reed, nicht mehr
an diese Angelegenheit zu denken und mich mit Güte und Versöhnlichkeit anzusehen
,Du hast einen sehr bösen Charakter,' sagte sie, ,und dazu
einen, den ich bis auf den heutigen Tag nicht zu begreifen vermag.
Ich werde es nie verstehen, wie du während neun Jahre jede
schlechte Behandlung ruhig und geduldig hinnehmen konntest, um
im zehnten in Wut auszubrechen.
,Mein Charakter ich nicht so schlecht, wie Sie glauben, Tante
Reed, ich bin leidenschaftlich, aber nicht rachsüchtig. Als ich ein
kleines Kind war, wäre ich oft froh und glücklich gewesen, wenn
Sie sich von mir hätten lieben lassen wollen, und ich sehne mich
jetzt von ganzem Herzen nach einer Versöhnung. Küssen Sie mich,
Tante.
Ich näherte meine Wangen ihren Lippen; sie berührte aber
diese nicht. Sie sagte, es verursache ihr Angst, wenn ich mich über
das Bett lehne, und verlangte wiederum zu trinken. Als ich sie
wieder niederlegte - denn während des Trinkens hatte ich sie aufgerichtet und mit meinem Arm gestützt- bedeckte ich ihre eiskalte,
feuchte Hand mit der meinigen; die schwachen Finger zuckten unter
meiner Berührung zusammen - die gläsernen Augen wichen meinem Blicke aus.
,Nun, wie Sie wollen, hassen Sie mich oder lieben Sie mich,'
sagte ich endlich, ,Sie haben meine volle Verzeihung; bitten Sie
jetzt den allmächtigen Gott um seine Vergebung - und finden Sie
Frieden.
Armes, gequältes Weib! Jetzt war es zu spät für sie. Jetzt
konnte sie keine Anstrengung mehr machen, um ihr Gemüt zu
ändern. Während ihres Lebens hatte sie mich nur gehaßt - auch
auf dem Totenbett blieb sie unversöhnlich.
Jetzt trat die Wärterin ein, und Bessie folgte ihr.
Ich verweilte noch eine halbe Stunde, immer auf ein Zeichen
von Freundlichkeit und Vergebung hoffend: aber es war umsonst,
sie sah mich nicht mehr. Die Bewußtlosigkeit nahm zu, die Besinnung kehrte nicht wieder. Um zwölf Uhr in jener Nacht starb sie.
Ich war nicht da, um ihr die Augen zuzudrücken; auch ihre Töchter
weilten nicht bei ihr. Am nächsten Morgen kam die Wärterin und
Bessie, um uns mitzuteilen, daß alles vorüber sei. Eliza und ich
gingen, um sie noch einmal zu sehen. Georgina brach in lautes
Weinen aus und sagte, sie habe nicht den Mut zu gehen. Da lag
nun Sara Reeds einstmals so kräftiger, lebensvoller Körper, starr
und still. Die kalten Lider bedeckten das scharfe Auge; die Stirn
und die starren Züge trugen noch den Zug ihrer unerbittlichen
Seele. Dieser Leichnam hatte etwas Seltsames, Feierliches für
mich. Nichts Friedliches, nichts Hoffnungserweckendes flößte er
mir ein; nur einen angstvollen Jammer um ihr Weh - nicht um
meinen Verlust - und ein düsteres, tränenloses Entsetzen über
die Grauen eines solchen Todes in dieser Gestalt.
Eliza blickte ruhig ihre Mutter an. Nach einigen Minuten
des Schweigens bemerkte sie:
,Mit ihrer Konstitution hätte sie ein schönes, hohes Alter erreichen können. Aber Kummer hat ihr Leben verkürzt.
Dann zog ihr Mund sich einen Augenblick krampfhaft zusammen. Gleich darauf wandte sie sich ab und ging zur Tür hinaus.
Dasselbe tat ich. Keine von uns hatte eine Träne vergossen.
Ich wollte unmittelbar nach dem Begräbnis abreisen, aber
Georgina flehte mich an zu bleiben, bis es ihr möglich sein würde,
nach London abzureisen, wohin ihr Onkel, Mr. Gibson, sie nun
endlich eingeladen hatte. Dieser war hinaus gekommen, um alle
Anstalten für das Begräbnis seiner Schwester zu treffen und die
Geldangelegenheiten der Familie zu ordnen. Ich will hier gleich
vorwegnehmen, daß ich nach langen Verhandlungen einige Jahre
später in den Besitz des Vermögens meines inzwischen in Madeira
verstorbenen Onkels gelangt bin. Georgina sagte, sie fürchte sich
mit Eliza allein zu bleiben; von ihr hatte sie weder Sympathie in
ihrer Traurigkeit noch Hilfe in ihrer Bedrängnis und Unterstützung bei ihren Reisevorbereitungen zu erhoffen. Daher ertrug
ich denn ihr kleinmütiges Jammern und ihre selbstsüchtigen Klagen
so gut ich konnte und tat mein Bestes, indem ich für sie nähte und
einpackte. Es ist wahr, daß sie müßig umherging, während ich
arbeitete, und gar oft dachte ich bei mir selbst: ,Nun, Cousine,
wenn wir beide verurteilt wären, miteinander zu leben, so würden
wir die Sache bald anders anfassen. Ich würde mich nicht gutwillig darin finden, der arbeitende Teil zu sein; ich würde auch dir
deinen Teil der Arbeit zukommen lassen und dich zwingen,
ihn zu tun, wenn er nicht ungetan bleiben sollte. Und ich würde
auch darauf dringen, daß du deine Klagen in deine eigene Brust
verschlössest. Nur, weil unser Verkehr zufällig ein sehr vorübergehender ist und in eine sehr traurige Zeit fällt, habe ich
mich herbeigelassen, so geduldig und gutwillig dir gegenüber
zu sein.
Endlich kam der Augenblick für Georginas Abreise, aber jetzt
wurde ich von Eliza gebeten, noch eine Woche dazubleiben. Wie
sie sagte, nahmen ihre Pläne all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in
Anspruch. Sie war im Begriff, in irgend ein unbekanntes Land
abzureisen, und während des ganzen Tages hielt sie sich in ihrem
Zimmer auf. Die Tür war verriegelt, und sie beschäftigte sich damit, Koffer zu packen, Schubladen zu leeren, Papiere zu verbrennen, ohne jemand zu beachten. Von mir wünschte sie, daß ich mich
um den Haushalt kümmere, Besucher empfinge und Kondolenzschreiben beantwortete.
Eines Morgens sagte sie mir, daß ich nun frei wäre. ,Und,
fügte sie hinzu, ,ich bin Ihnen außerordentlich verbunden für Ihre
schätzbaren Dienste und Ihr verständiges Verhalten. Es ist freilich ein großer Unterschied, ob man mit Ihnen lebt oder mit Georgina. Sie erfüllen Ihre Aufgabe im Leben und belästigen niemand. Morgen,'' fuhr sie fort, ,begebe ich mich nach dem Kontinent. Ich werde meinen Aufenthalt in einem frommen Hause
bei Lisle nehmen- ein Nonnenkloster, wie man es zu nennen
pflegt. Dort werde ich ruhig und ungestört leben. Wenn ich finde
- wie ich es halb und halb erwarte- daß mich mein Entschluß
nicht reut, so werde ich wahrscheinlich den Schleier nehmen.
Ich drückte durchaus kein Erstaunen über diesen Entschluß
aus und versuchte ebensowenig, sie von demselben abzubringen.
,Dieser Beruf wird aufs Haar für dich passen,' dachte ich, ,möge
es dir dabei gut gehen!'
Als wir uns trennten, sagte sie: ,Leben Sie wohl, Cousine
Jane Eyre; ich wünsche Ihnen eine glückliche Zukunft, Sie besitzen
viel Verstand.
Und ich entgegnete: ,Auch Sie sind nicht ohne Verstand, Cousine Eliza; aber was Sie davon besitzen, wird wahrscheinlich binnen Jahresfrist in einem französischen Kloster eingemauert sein.
Indessen geht das mich nichts an, und wenn Sie sich wohl dabei
fühlen, ist es mir gleichgültig.
,Sie haben recht,'' entgegnete sie. Und mit diesen Worten
trennten wir uns und gingen jede unseres Weges.
Da ich nicht Gelegenheit haben werde, wieder auf sie oder ihre
Schwester zurückzukommen, kann ich hier ebensogut noch erwähnen,
daß Georgina eine vorteilhafte Heirat mit einem sehr reichen
Herrn schloß, und daß Eliza in der Tat den Schleier nahm und
heute Oberin des Klosters ist, in welchem sie die Zeit ihres Noviziats zubrachte. Ihr Vermögen hat sie demselben ebenfalls vermagt.
18. Kapitel.
Verlobung und Hochzeit.
Eine herrliche Mittsommerzeit war über England gekommen,
so klar war der Himmel, so strahlend der Sonnenschein, wie wir
ihn selten erlebt hatten. Es war, als ob eine Menge von italienischen Tagen wie eine Schar prächtiger Zugvögel vom Süden heraufgekommen wäre und sich, um auszuruhen, auf den Felsen
Albions niedergelassen hätte. Alles Heu war hereingebracht.
Die Wiesen um Thornfield waren grün und kurz geschoren; die
Landstraßen waren weiß und staubig, die Bäume prangten in
dunklem Grün. Hecken und Bäume in ihrem vollen dunklen Blätterschmuck kontrastierten auf das prächtigste mit den lichtgrünen
Matten, auf welchen sie standen.
Am Johannisabend war Adele, die den ganzen Tag wilde
Erdbeeren in Haylane gesucht hatte, mit der Sonne schlafengegangen. Ich hatte ihr zugesehen, wie sie einschlief. Dann verließ ich
sie und ging in den Garten.
Das war die süßeste von allen vierundzwanzig Stunden.
Das glühende Feuer des Tages war erloschen, und auf die lechzende Erde und die ausgedörrten Hügel fiel der Tau. Wo die
Sonne in ihrer einfachen Pracht untergegangen war, ohne sich mit
dem Pomp der Wolken zu umgeben, zog sich ein roter Streifen hin,
in dem es hier und da funkelte wie das Feuer eines köstlichen Edelsteins oder die Flamme eines Hochofens. Hoch und weit, schwächer und schwächer werdend, zog er sich über den halben Horizont.
Im tiefblauen Osten stieg ein einziger Stern empor, bald sollte
ihm der Mond folgen; jetzt war er noch unter dem Horizont.
Während einiger Minuten ging ich auf dem Steinpflaster hin
und her; aber bald drang ein wohlbekannter Duft - der einer
Zigarre - aus einem der Fenster; ich bemerkte, daß die Fenstertür des Bibliothekzimmers ungefähr eine Handbreit offen stand,
und ich wußte, daß man mich von dort aus beobachten konnte;
deshalb ging ich hinunter in den Obstgarten. Im ganzen Park
hätte sich kein Winkel an Ruhe und Schönheit mit diesem vergleichen können; die Bäume spendeten Schatten, die duftendsten
Blumen wuchsen hier; eine sehr hohe Mauer trennte ihn von dem
Wirtschaftshofe an der einen Seite, an der anderen schied ihn eine
Buchenallee vom großen dahinter liegenden Grasplatz. Am
äußersten Ende war ein zerfallener Zaun, die einzige Scheide zwischen den einsamen Feldern; zu diesem Zaun führte ein gewundener Fußpfad, an welchem Lorbeerbäume sich entlangzogen und der
vor einem gewaltigen Kastanienbaum endigte, um dessen Stamm
eine Bank aufgestellt war. Hier konnte man ungesehen umherwandern. Der Tau fiel, es wurde dunkler und stiller, und mir
war, als könnte ich in diesem Schatten für immer weilen. Als ich
aber die Blumenbeete und Baumgruppen überblickte, wurde mein
Schritt plötzlich gehemmt - nicht durch einen Gegenstand, nicht
durch einen Laut, sondern wiederum durch einen verräterischen
Duft.
Duftende Sträucher, Nelken und Rosen haben längst ihr
abendliches Opfer an Weihrauch dargebracht; dieser neue Duft entsteigt weder einer Blume noch einem Strauch - er entströmt, ich
weiß es nur zu wohl, Mr. Rochesters Zigarre. Ich blicke umher
und horche. Ich sehe die Bäume mit reifenden Früchten beladen.
In einem Gehölz, eine halbe Meile von hier entfernt, höre ich eine
Nachtigall schlagen. Keine menschliche Gestalt ist sichtbar, kein
nahender Schritt hörbar, aber jener Duft wird stärker: ich muß
mich flüchten. Ich schreite auf die Gitterpforte zu, welche in die
Allee führt - und sehe Mr. Rochester eintreten. Ich trete seitwärts in eine mit Efeu berankte Nische; er wird ja nicht lange verweilen; bald wird er dorthin zurückkehren, von wo er gekommen,
und wenn ich mich ruhig verhalte, wird er mich nicht sehen.
Aber nein die Abendruhe ist ihm so wohltuend, und dieser
altertümliche Garten übt die gleiche Anziehungskraft auf ihn; und
weiter schlendert er. Jetzt hebt er den Zweig eines Stachelbeerbusches empor, um die reifenden Früchte zu prüfen, welche so groß
wie Pflaumen sind und schwer zu Boden hängen. Dann pflückt
er eine reife Kirsche von der Mauer; nun wieder beugt er sich zu -
einer Baumgruppe nieder, entweder um ihren Duft einzuatmen
oder die Tautropfen an ihren Blumenblättern zu bewundern.
Eine große Motte schwärmt an mir vorüber; sie läßt sich auf einer
Pflanze zu Mr. Rochesters Füßen nieder; er sieht sie und beugt sich,
um sie genau anzusehen.
,Jetzt kehrt er mir den Rücken zu,r' dachte ich, ,und ist beschäftigt; wenn ich sehr leise gehe, kann ich vielleicht unbemerkt
entschlüpfen.
Ich schlich am Rande der Beete entlang, damit das Knirschen
der Kieselsteine auf dem Wege mich nicht verraten sollte, einige Fußbreit von der Stelle entfernt, an welcher ich vorbei mußte, stand er
zwischen den Baumgruppen; augenscheinlich beschäftigte die Motte
ihn. ,Ich werde unbemerkt vorbeikommen,'' dachte ich. Als ich
über seinen Schatten, welchen der eben aufgegangene Mond über
den Fußpfad warf, hinwegschritt, sagte er ruhig, ohne sich umzuwenden:
,Jane, kommen Sie her und sehen Sie dies Tier an.
Ich hatte kein Geräusch gemacht: er hatte auch keine Augen
auf dem Rücken - konnte sein Schatten fühlen? Im ersten Augenblick stutzte ich, dann näherte ich mich ihm.
,Sehen Sie die Flügel an,' sagte er, ,sie erinnern mich an
ein westindisches Insekt; in England sieht man einen so großen und
lustigen Nachtfalter nicht oft: ah! nun fliegt er davon!'
und die Motte flog fort. Auch ich wollte mich leise davonmachen; aber Mr. Rochester folgte mir, und als wir die Pforte erreichten, sagte er:
,Kehren Sie mit mir um; es wäre unverantwortlich, an
einem so herrlichen Abend im Hause zu sitzen; und niemand kann
doch wünschen, sein Lager aufzusuchen, wenn Sonnenuntergang
und Mondaufgang so wundersam zusammentreffen.
Es ist einer meiner Mängel, daß meine Zunge, die oft so leicht
die passende Antwort findet, mich im Stiche läßt, wenn es gilt, eine
Entschuldigung oder einen Vorwand vorzubringen, um aus einer
peinlichen Verlegenheit herauszukommen. Es war mir nicht angenehm, um diese Stunde mit Mr. Rochester allein im Obstgarten
spazieren zu gehen; aber mir fiel kein Vorwand ein, unter dem ich
ihn hätte verlassen können.
Mit langsamen Schritten folgte ich ihm, mein Kopf mühte sich
ab, ein Mittel zu finden, um von ihm loszukommen, aber er selbst
sah so ruhig und ernst aus, daß ich mich meiner Verwirrung
schämte. Das Unrecht - wenn überhaupt davon die Rede sein
konnte - lag nur auf meiner Seite; seine Stimmung schien gefaßt
zu sein.
,Jane,' begann er von neuem, als wir in den Lorbeerweg traten und langsam in der Richtung des verfallenen Zaunes und des
Kastanienbaumes hinschritten, ,Jane, Thornfield ist ein prächtiger
Aufenthalt im Sommer, nicht wahr?
Ja, Sir.
,Das Haus müssen Sie doch schon ein wenig lieb gewonnen
haben,-- Sie, die Sie ein Auge für Naturschönheit haben und
einen stark ausgebildeten Sinn der Seßhaftigkeit.
,Allerdings hege ich eine Vorliebe für Thornfield.
,Und obgleich ich nicht begreife, wie es zugeht, so bemerke ich
doch, daß Sie eine Art von Zuneigung für das törichte kleine Ding,
die Adele, gefaßt haben und ebenso für die schlichte Dame Fairfax.
,Ja, Sir, in verschiedener Weise habe ich beide herzlich lieb.
,Und würde es Ihnen schwer fallen, sich von beiden zu
trennen?
,Gewiß.
,Wie schade! sagte er seufzend. Dann schwieg er lange. ,So
geht es immer im Leben,' fuhr er nach einer Weile fort, ,kaum
hat man einen glücklichen Ruhefleck gefunden, so ertönt die
Stimme, die einem zuruft aufzustehen und weiterzugehen, denn die
Stunde der Ruhe ist vorüber.
,Muß ich denn weitergehen, Sir?’ fragte ich. ,Muß ich
Thornfield wieder verlassen?'
,Ich glaube, Sie müssen, Jane. Es tut mir leid, Jane, aber
ich glaube wirklich, daß Sie fort müssen.
Das war ein Schlag; aber ich ließ mich nicht von ihm zu
Boden drücken.
,Nun, Sir, ich werde bereit sein, wenn der Befehl zum Aufbruch kommt.
,Er kommt jetzt- ich muß ihn schon heute abend erteilen.
,Sie wollen sich also verheiraten, Sir?
,Sie haben es erraten - vollkommen erraten. Mit Ihrer
gewohnten Scharfsicht haben Sie wieder den Nagel auf den Kopf
getroffen.
,Bald, Ehe?
,Sehr bald, meine -- ich wollte sagen Miß Eyre; und Sie
werden sich noch erinnern, als das Gerücht oder ich Ihnen zum
erstenmal mitteilte, daß es meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken unter das heilige Joch der Ehe zu beugen, Miß Ingram an mein Herz und meinen Herd zu nehmen, kurzum -
also . . nun, wie ich Ihnen schon sagte- hören Sie mich an,
Jane! Sie wenden den Kopf doch nicht ab, um noch mehr Motten
zu suchen? Ich wollte Sie nur daran erinnern, daß Sie die erste
waren, die mir sagte- allerdings mit jener Vorsicht und Bescheidenheit, welche Ihrer abhängigen Stellung zukommen daß Sie
und die kleine Adele für den Fall, daß ich Miß Ingram heiraten
sollte, fortgehen würden. Ich will nicht von der Beleidigung
reden, welche in diesem Begehren für die Angebetete meines Herzens liegt; in der Tat, Jane, wenn Sie weit fort sein werden, will.
ich sogar versuchen, diese Beleidigung zu vergessen; ich will nur an
Ihren guten Rat denken, welcher darin liegt; dieser war so groß,
daß ich ihn sogar zur Richtschnur für meine Handlungsweise
machen will. Adele muß in eine Schule geschickt werden, und Sie,
Miß Eyre, müssen eine andere Stellung haben.
,Ja, Sir, ich will' es sofort in die Zeitungen rücken lassen, inzwischen aber vermute ich- ich wollte sagen, ,vermute ich, daß
ich hier bleiben darf, bis ich ein anderes Obdacht gefunden habe,
aber ich hielt inne, weil ich fühlte daß ich mich nicht an einen so
langen Sat wagen dürfe, da ich meine Stimme in diesem Augenblick nicht beherrschen konnte.
,In ungefähr einem Monat hoffe ich Hochzeit zu halten, fuhr
Mr, Rochester fort, .und in der Zwischenzeit werde ich selbst nach
einer Stellung und einem Obdach für Sie Umschau halten.
,Danke, Sir, es tut mir leid, daß ich Ihnen so viel Mühe verursache.
O?
-
hat, wie Sie, das Recht hat, von ihrem Herrn einigen Beistand zu
verlangen, welchen er ihr ohne große Mühe leisten kann; ich habe
sich darum, die Erziehung der fünf Töchter einer gewissen Mrs.
Dionysius O Gall auf Bitternutlodge, in der Grafschaft Connaught in Irland zu übernehmen. Irland wird Ihnen gefallen,
-
,Das ist aber so weit von hier, Sir.
,Das tut nichts- ein so verständiges Mädchen wie Sie wird
sich doch nicht an die lange Reise oder die Entfernung stoßen -
nicht wahr?
,Nicht an die Reise - aber an die Entfernung, und dann ist
die See doch immerhin eine Schranke.
,Zwischen wem, Jane?’
,Zwischen England, Thornfield und -
,Nun?
,Und Ihnen, Sir.
Diese Worte entschlüpften mir fast umwillkürlich; und ohne
daß ich etwas dagegen zu tun vermochte, stürzten mir die Tränen
aus den Augen. Indessen weinte ich nicht so laut, daß man mich
hätte hören können; ich enthielt mich wenigstens des Schluchzens.
Der Gedanke an Mrs. O Gall in Bitternutlodge machte mir fast
das Herz erstarren.
,Es ist so weit von hier,' sagte ich noch einmal.
,Gewiß ist es das, und wenn Sie einmal in Bitternutlodge,
Grafschaft Connaught in Irland, sind, dann werde ich Sie nie
wiedersehen, Jane, das ist unumstößlich gewiß. Denn ich gehe
niemals nach Irland hinüber, ich habe keine Vorliebe für dieses
Land. Aber nicht wahr, Jane, wir sind immer gute Freunde gewesen?
,Ja, Sir.
, Und wenn gute Freunde am Vorabend einer Trennung
stehen, dann sind sie glücklich, wenn sie die kurze Zeit, die ihnen noch
bleibt, beieinander verleben können. Kommen Sie - lassen Sie
uns für eine Stunde oder länger ruhig über den Abschied und die
Reise sprechen, und betrachten wir dabei die Sterne, wie sie still
einer nach dem anderen am Himmel aufgehen. Hier auf dieser
Bank unter dem Kastanienbaum. Lassen wir uns heute abend in
Frieden dort nieder; vielleicht hat das Schicksal gefügt, daß wir
niemals wieder dort sitzen sollen. Er drückte mich auf die Bank
nieder und setzte sich neben mich.
,Der Weg nach Irland ist sehr weit, Jane, und es wird mir
schwer, meine kleine Freundin auf eine so lange Reise zu schicken;
wenn ich aber etwas Besseres tun könnte was dann? Glauben
Sie, daß Sie mir seelenverwandt sind, Jane?
Es war mir in diesem Augenblick nicht möglich, irgend eine
Antwort zu geben; mein Herz war zu voll.
,Zuweilen,' fuhr er fort, ,habe ich nämlich eine so seltsame
Empfindung Ihnen gegenüber, besonders wenn Sie mir so nahe
sind wie in diesem Augenblick; es ist, als hätte ich unter meiner
linken Rippe irgendwo einen Faden, welcher fest und unauflöslich
mit einem gleichen Faden an derselben Stelle Ihres kleinen Körpers verknüpft wäre. Und ich fürchte, daß dies Band für immer
zerreißt, wenn das stürmische Meer und mehr als zweihundert
Meilen Landes zwischen uns liegen. Und ich hege eine Angst, daß
ich mich dann verbluten müßte. Was Sie anbetrifft - Sie -
würden mich bald vergessen.
,Das könnte ich niemals, Sir Sie wissen das?
weiter vermochte ich nicht zu sprechen.
,Jane, hören Sie die Nachtigall dort drüben im Walde schlagen? Horchen Sie nur.
Indem ich aufhorchte, begann ich krampfhaft zu schluchzen;
denn ich konnte mein Empfinden nicht länger unterdrücken; ich
mußte nachgeben, und mein Schmerz schüttelte mich von Kopf bis
zu Fuß. Als ich wiederum redete, geschah es nur, um den leidenschaftlichen Wunsch auszusprechen, daß ich niemals geboren oder
niemals nach Thornfield gekommen wäre.
,Weil es Ihnen so leid wird, wiederum von hier fortzugehen,
Jane?
Die Gewalt jener Empfindungen, welche Liebe und Kummer
in mir erweckt hatten, rang nach der Oberherrschaft und zwang
mich zu reden.
,Ich bin bedrückt, weil ich Thornfield verlassen soll, denn ich
liebe Thornfield- ich liebe es, weil ich hier ein volles, frohes
Leben gelebt habe- für kurze Augenblicke wenigstens. Man hat
mich hier nicht mit Füßen getreten. Man hat mich nicht mit unter
mir stehenden Menschen zusammengeworfen, ich bin nicht ausgeschlossen worden von dem Verkehr mit allem, was hell und strahlend und kraftvoll ist. Ich habe von Angesicht zu Angesicht mit
dem reden können, was ich verehre; mit einem großmütigen, weitblickenden, eigenartigen Charakter. Ich habe Sie kennen gelernt,
Mr. Rochester, und es erfüllt mich mit Angst und Schrecken, daß ich
für immer von Ihnen getrennt sein soll. Ich sehe die Notwendigkeit der Abreise vor mir, und mir ist zumute, als ob ich dem Tode
entgegengehen müßte.''
,Wo sehen Sie die Notwendigkeit? fragte er mich dann
plötzlich.
,In der Gestalt von Miß Ingram, einer edlen, schönen
Frauengestalt -- Ihrer Braut.'
,Meiner Braut! Welcher Braut? Ich habe keine Braut!
,Aber Sie werden eine haben.'
,Ja, ich werde! - ich werde! Und fest entschlossen biß er
die Zähne zusammen.
,Und deshalb muß ich gehen - Sie selbst haben es ja gesagt.
,Nein! Sie müssen bleiben! Ich schwöre es! Und diesen
Eid werde ich halten.'
,Und ich sage Ihnen, daß ich gehen muß, entgegnete ich
mit Leidenschaft. ,Glauben Sie, daß ich bleiben kann, um Ihnen
nichts zu werden? Meinen Sie denn, daß ich ein Automat bin?
- eine Maschine ohne Gefühl? Und daß ich es ertragen kann,
mir den Bissen Brot von den Lippen entreißen, den Kelch mit dem
Tropfen klaren Wassers aus den Händen reißen zu lassen? Glauben Sie, daß ich ohne Seele, ohne Herz bin, weil ich arm und klein
bin? Nein, Sie irren! Ich habe ebensoviel Seele wie Sie -
ebensoviel Herz wie Sie! Wenn Gott mir nur ein wenig Schönheit und großen Reichtum geschenkt hätte, so würde ich es Ihnen
ebenso schwer gemacht haben, mi ch zu verlassen, wie es mir jetzt
wird, von Ihnen zu scheiden. Ich spreche in diesem Augenblick
nicht nach Gewohnheit und Brauch zu Ihnen - nein, nicht einmal
das Fleisch ist es, was zum Fleische spricht - es ist meine Seele,
die zu der Ihren redet, es ist, als wären beide durch die dunkle
Pforte des Todes gegangen, und wir ständen vor Gott, vor dem
wir gleich sind.
,Vor dem wir gleich sind!' wiederholte Mr. Rochester, so,
fügte er hinzu und schloß mich in seine Arme, zog mich an sein Herz,
preßte seinen Mund auf meine Lippen und sagte:,So, Jane! Ich
begehre von Ihnen, daß Sie mein Weib werden; nur Sie beabsichtige ich zu heiraten
Ich schwieg. Ich glaubte, er spotte meiner.
,Kommen Sie, Jane,- hier an meine Seite.
,Ihre Braut steht zwischen uns, Sir.
Er erhob sich und stand mit wenigen Schritten an meiner Seite.
,Meine Braut steht hier,' sagte er, und zog mich wieder an
sich, ,weil sie meinesgleichen und weil sie mir ähnlich ist. Jane,
wollen Sie mich heiraten?
,Ja, Sir - ich will Sie heiraten.
,Edward, sagen Sie Edward - mein kleines Weib.
,Teurer Edward!
,Kommen Sie zu mir - kommen Sie für Zeit und Ewigkeit
zu mir, sagte er und fügte in seinem innigsten Tone hinzu, indem
er seine Wange an die meine legte und mir ins Ohr flüsterte:
,Mach du mein Glück- ich werde das deine machen.
Immer und immer wieder fragte er mich: ,Bist du glücklich,
Jane?’
Und immer wieder antwortete ich: ,Ja, ja!’
Was war aber aus dem lichten Abend geworden? Der Mond
konnte noch nicht untergegangen sein- und doch saßen wir bereits
im Schatten. Ich konnte kaum das Gesicht meines Herrn sehen,
wie nahe ich ihm auch war. Der Wind heulte in dem Lorbeerwäldchen und fuhr sausend über uns dahin.
,Wir müssen hineingehen, sagte Mr. Rochester, ,das Wetter
verändert sich, ich hätte bis zum Morgen mit dir hier sitzen können,
Jane!
Unsere Hochzeit war einige Monate später. Sie wurde still
gefeiert. Wie glücklich ich war, brauche ich meinen Lesern nicht
zu versichern. Zum erstenmal in meinem vielgeprüften Leben zog
Friede in mein Herz ein. Nun hatte Gott es alles zum besten gewandt.
Lieber Leser, hoffentlich hast du die kleine Adele noch nicht
ganz vergessen? Ich wenigstens gedachte ihrer. Bald nach meiner
Verheiratung erbat und erhielt ich von meinem Mann die Erlaubnis, sie in ihrer Schule besuchen zu dürfen, in welche er sie gebracht
hatte. Ihre grenzenlose Freude bei meinem Anblick rührte mich
aufs tiefste. Sie war blaß und mager und klagte mir, daß sie nicht
glücklich sei. Ich fand, daß die Regeln der Schule zu strenge gehandhabt wurden, daß der Lehrplan für ein Kind in ihren Jahren
zu anstrengend sei. Deshalb nahm ich sie mit mir nach Hause. Ich
suchte und fand später eine Schule, welche nach einem nachsichtigeren System geführt wurde und uns nahe genug gelegen war, um
sie öfter besuchen und dann und wann nach Hause nehmen zu können. Ich trug Sorge, daß ihr nichts fehlte, was zu ihrem Wohlbefinden notwendig war; daher fühlte sie sich an ihrem neuen
Aufenthaltsorte bald heimisch, wurde dort sehr glücklich und machte
in ihren Studien ausgezeichnete Fortschritte. Als sie heranwuchs,
ersetzte eine gesunde englische Erziehung in großem Maße die ihrem
französischen Charakter anhaftenden Mängel; und nachdem sie die
Schule verlassen hatte, fand ich in ihr eine stets liebenswürdige
Gefährtin; sie war sanft, gutmütig und hatte strenge Grundsätze.
Durch die dankbare Aufmerksamkeit, welche sie mir und den Meinen erweist, hat sie längst jede Freundlichkeit und Güte vergolten,
welche ihr zu erweisen einst in meiner Macht lag.
Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Nur noch ein kurzes
Schlußwort.
Jetzt bin ich seit zehn Jahren verheiratet. Ich weiß, was es
heißt, ganz fur den und mit dem zu leben, den man auf dieser
Welt am liebsten hat. Ich halte mich für außerordentlich glücklich -
glücklicher als Worte es beschreiben können, weil ich meinem
Gatten ebenso teuer bin, wie er es mir ist. Kein Weib stand jemals
ihrem Gatten näher als ich dem meinen: wir sind geistig und körperlich miteinander verwachsen. Edwards Gesellschaft ermüdet
mich niemals; er ist niemals ohne mich; der Pulsschlag seines Herzens ist der meine- mein Pulsschlag ist der seine. Beieinandersein bedeutet für uns so froh sein wie in großer Gesellschaft, - so
frei wie in der Einsamkeit. Ich glaube, wir sprechen den ganzen
Tag miteinander; das ist nur eine hörbarere und lebhaftere Art
des Denkens. Ich schenke ihm mein ganzes Vertrauen; er hat mir
das seine vollständig geschenkt; unsere Charaktere passen genau zueinander - folglich herrscht die vollkommenste Übereinstimmung
zwischen uns.
Die Waise aus Lowood
Jane.
Erste Abteilung in einem Aufzug.
Personen.
Mistreß Sarah Reed, eine reiche Witwe.
John (15 Jahr alt), ihr Sohn.
Kapitän Henry Wytfield, ihr Bruder.
Dr. Blackhorst, Vorsteher einer Waisenstiftung.
Jane Eyre (16 Jahr alt), eine Waise.
Bessie, Bonne im Hause der Mistreß Reed.
Die Handlung spielt auf Gateshead, dem Gute der Mistreß Reed.
Rochester.
Zweite Abteilung.
Charaktergemälde in drei Aufzügen.
Personen.
Lord Rowland Rochester.
Lord Clawdon.
Lady Clawdon.
Francis Steenworth, Baronet.
Edward Harder, Esquire.
Mistreß Reed.
Lady Georgine Clarens, Witwe.
Kapitän Henry Wytfield.
Mistreß Judith Harleigh, Rochesters Verwandte.
Jane Eyre.
in Rochesters Hause.
Adele, ein Kind von acht Jahren
Gratia Poole
Sam, Diener
Patrik, Reitknecht
Die Handlung spielt acht Jahre nach der ersten Abteilung auf Thornfield-Hall, einem Gute Rochesters.
Erste Abteilung.
Jane
Ein Zimmer bei Mistreß Sarah Reed mit Bücherschränken und Statuen. Mittelthür. Seitenthüren rechts und links. Links ein hohes Fenster mit einem roten Damastvorhang, der zurückgeschlagen ist, davor ein
Stuhl. Rechts ein Kamin; über dem Kamin das lebensgroße Bild eines schönen stattlichen Mannes von einigen vierzig Jahren; davor ein Sofa, daneben ein Lehnstuhl und Tisch. Alles verrät Reichtum.
(Rechts und links vom Schauspieler.)
Die mit Klammern [] versehenen Stellen können bei der Aufführung wegfallen.
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (kommt, nachdem sie vorher den Kopf zur Thür hereingesteckt, von links, tritt auf den Zehen lauschend ein und sieht sich ringsum; dann huscht sie leicht durch das Zimmer und eilt auf den Kamin zu; ihr Gesicht ist bleich, lange dunkle Locken umwogen ihr Haupt, sie trägt ein ärmliches dunkles Kattunkleid, darauf eine schwarze Schürze mit einem gleichen Brustlätzchen, ein kleines weißes Tuch um Hals und Schultern geschlungen; sie bleibt vor dem Bilde stehen, faltet die Hände und sieht mit ernsten Blicken dazu auf. Nach einer Pause). Onkel Reed, mein guter Onkel Reed! Siehst du mich? -- Du lächelst, du siehst mich! Warum lächelst du? Nein, weine, weine! Sie sagen ja alle, daß
ich böse, verdorben, verloren, daß ich ein undankbares Kind sei, da muß es wohl so sein! -- Ach, warum hast du mich verlassen! Ich hatte dich so lieb, du hattest mich so lieb, sie aber hassen mich alle; muß ich denn dankbar sein für Haß? Drüben schmausen sie und freuen sich; gestern war Weihnacht, sie beschenken sich, sie schwimmen in Glück und Freude, deiner aber denken sie nicht, Onkel Reed – und (sie sinkt plötzlich auf die Knie) es ist dein Geburtstag heute; du hast ihnen alles gegeben, worin sie schwelgen, du bist's, der sie beschenkt noch aus dem Grabe herauf -- und sie denken deiner nicht! -- Ach Onkel, ich kann dir nichts bringen als meine Thränen, ich habe ja sonst nichts, es ist alles, was sie mir gelassen, nimm sie hin, ich weine aus Liebe, aus Dankbarkeit -- und sie sagen, ich sei undankbar! -- Glaubst du's, Onkel? Nein, nein, du glaubst es nicht!
Zweiter Auftritt.
Jane. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Gott steh' mir bei! Ich dachte mir's! Jane, was machst du, du trittst hier ein, wohin es dir verboten ist, den Fuß zu setzen! Nicht einen Augenblick darf man dich doch aus den Augen lassen! Was thust du?
Jane (ist bei ihrem Eintritt aufgesprungen, mit wildem Blick). Ich habe Onkel Reed Glück zu seinem Geburtstag gewünscht! Ich that es, Bessie, weil alle anderen es vergaßen!
Bessie (ergriffen und verlegen). Wie? Ist denn heute –
Jane. Der zweite Weihnachtsfeiertag – der nie vergessen wurde, als Onkel Reed noch lebte, um an diesem Tage das ganze Haus zu beschenken!
Bessie (verwirrt). Aber Jane, er ist ja schon fünf Jahre tot, wer kann sich das alles merken, es ist ja eine Ewigkeit!
Jane (bitter). Fünf Jahre! Jawohl, eine Ewigkeit! Welch glückliches Kind war ich! Ehe Onkel Reed starb, wußte ich nicht, daß gute Menschen sterben und arme Waisen so elend werden können!
Bessie. Du hattest ja aber doch Vater und Mutter verloren.
Jane (schüttelt traurig den Kopf). Die kannte ich nicht. Onkel Reeds Arme, die mich aufnahmen, waren so weich; als er lebte, wußte ich nicht, daß ich eine Waise sei! (In wildem Ausbruch.) Ach, Onkel Reed, wo bist du? Willst du mich denn nicht holen?
Bessie (ängstlich). Komm fort, Jane, du fällst wieder in den wilden Ton, der dir vom Fieber geblieben, an dem du im vorigen Jahre kranktest! (Sanft.) Du wirst wieder böse.
Jane. Warum schiltst du mich denn nicht mehr wie früher, Bessie, warum zerrst du mich denn nicht gewaltsam fort, warum schlägst du mich nicht? Mistreß Reed hat es dir doch befohlen!
Bessie (verlegen). Weil du kein Kind mehr, weil du ein erwachsenes Mädchen bist.
Jane. O nicht deshalb; ich bin erwachsen - und ein Kind an Hilflosigkeit, an Unwissenheit! Aber du wagst es nicht, weil du an eine Nacht denkst, wo ihr mich in Onkels Sterbezimmer eingeschlossen --- wo du mich für tot heruntertrugst. Du fürchtest dich wohl jetzt, mich umzubringen?
Bessie. Ich fürchte mich, dich bei Missis noch mehr verhaßt zu machen, als du es ohnedem schon selbst gethan, und -nun ja, ich halte es für Pflicht, dich zu schonen, weil deine Nerven - (sie stockt) komm jetzt fort, Jane, wenn man dich hier fände -
Jane (trotzig). Ich will nicht fort!
Bessie. Jane! (Bittend). Sei gut! Mache mir keinen Verdruß!
Jane (plötzlich an ihrem Hals). Ach, Bessie! Schilt mich nicht, mein Herz thut so weh!
Bessie. Seltsames Geschöpf, nun bist du mild, und erst --
Jane. Ich kann nicht dafür, Bessie! Du bist ja auch so oft böse mit mir -- und so selten lieb! Ich bitte dich, laß mich hier! Siehst du - auch heute denkt kein Mensch an die Bücher hier -- ich will auch Weihnachten haben, ich will ein Stündchen lesen! Ich habe so lange kein Buch in die Hand bekommen, Georgine hat mich überall ausgeschlossen! Laß mich lesen, Bessie, es ist meine einzige Freude!
Bessie (mit sich selbst kämpfend). Ich möchte dir's wohl gönnen -- aber wenn man dich sieht--
Jane (fliegt zu einem Schranke, nimmt rasch ein Buch heraus und sagt froh). Niemand, niemand wird mich sehen! Da ist's! Humes Geschichte Englands! (Sie kommt atemlos vor Freude zurück). Auf den ersten Griff hatte ich's, siehst du? O, ich habe mir den Platz gemerkt. (Sie eilt zum Fenster links, das ein sehr breites Gesims hat, welches in das Zimmer hineingeht, stellt rasch den Stuhl davor, läßt die Gardine vorfallen und springt leichtfüßig auf den Stuhl. Indem sie sich auf das Gesims setzt, strahlend vor Freude). Nun, Bessie, ziehe ich die Gardine um mich her, der helle Wintertag leuchtet so frisch durchs Fenster -- so findet mich niemand, und ich kann die Geschichte meines Vaterlandes studieren? (vergnügt) Nicht wahr, das geht? Etwas muß ich doch wissen, und sie läßt mich gar nichts mehr lernen, gar nichts!
Bessie. In Gottes Namen! In einer Stunde hole ich dich-- rühre dich nur nicht, denke an mich, wenn du nicht an dich denken willst! Du kennst Mistreß Reed!
Jane (zieht die Gardine so um sich, daß man sie nicht mehr gewahrt). Sei nur ruhig, ich will mich weniger rühren als eine Maus!
Bessie (für sich). Mag mich Missis schelten - ich kann's nicht über mich gewinnen, dem unglücklichen Geschöpf die einzige Feiertagsfreude, die ich ihr zu gewähren vermag, zu nehmen! (Sie will nach links abgehen).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. John, elegant gekleidet durch die Mitte.
John (rauh). Ah, Bessie? Was machst du hier? -- Bleib da. --
Bessie (erschrocken und verwirrt). Ich habe keine Zeit, junger Herr!
John (befehlend). Du sollst dableiben, ich will unterhalten sein. Onkel Wytfield, der aus Spanien gekommen ist, und Mama schwatzen so langweiliges Zeug; das hält kein vernünftiger Mensch aus; und dabei sitzt Georgine steif wie eine Puppe -- und zieht Gesichter, wenn ich sie mit Brot werfe, als wäre sie eine große Dame!
Bessie. Es schickt sich auch nicht, daß Sie die Schwester mit Brot werfen. Miß Georgine ist älter als Sie – Sie müssen ihr Respekt zeigen!
John (wirft sich auf das Sofa, streckt die Beine von sich und die Hände in die Taschen). Respekt? Ihr? -- Ich habe vor niemand Respekt -- nicht vor der Mama. Sie werden einmal alle bei mir das Gnadenbrot essen wie diese elende Jane Eyre jetzt das unsere! Wenn ich erst mündig bin und die Güter antrete, bin ich hier Herr -- und wer jetzt nicht pariert, wie ich es will, der soll nachher schon büßen! Merke
dir das, Bessie!
Bessie (trocken). Damit wird es noch Zeit haben!
John (springt auf). Du langweilst mich, Bessie -- du unterhältst mich nicht! -- Es ist schade, daß Mama dieser Jane verboten hat, den ersten Stock zu betreten --
Bessie (wie oben). Freilich! Sie haben nun niemand, an dem sie Ärger und Bosheit auslassen dürfen, nicht wahr? Pfui, schämen Sie sich, John, Sie haben damals das arme Geschöpf geschlagen, schickt sich das für Ihren Stand?
John. Ich schlug sie, weil ich sie hasse! Es ist schon lange her, aber ich denke noch immer mit Vergnügen daran, daß ich es that. Und die abscheuliche Katze kratzte und biß mich!
Bessie. Leider that sie es, aber sie war in Verzweiflung; Sie schlugen sie mit dem Hammer, und das Mädchen hatte keine Waffe als Nägel und Zähne, um sich zu wehren.
John. Sie sollte sich nicht wehren, wenn ich sie schlug; ich bin der Herr vom Hause -- und sie ist ein Bettelkind, das uns das Brot wegißt! (Die Augen fest auf den Vorhang links gerichtet). Was -- was ist denn dort? Sieh nur, die Gardine bewegt sich --
Bessie (erschrocken hinsehend). Wahrhaftig! Kommen Sie fort, junger Herr, es ist nicht geheuer.
John (triumphierend). Nicht geheuer? Dahinter steckt jemand -- ich wette, es ist die Katze --- (Er fliegt hin und schlägt die Gardine auf). Aha! Richtig! Was machst du hier, unverschämtes Geschöpf?
Bessie (für sich). O Gott! Ich dachte es!
Jane (sitzt wie vorher auf dem Gesims, die Füße auf dem Stuhl, beide Hände mit dem Buch auf den Knien; ihre Blicke sind unstät und wild, sie zittert an allen Gliedern und starrt John drohend an).
John (tritt etwas verblüfft zurück). Nun - was stierst du so? Kannst du nicht antworten? Was versteckst du dich hier, um die Leute zu ängstigen? Ich werfe dich herunter, wenn du nicht auf der Stelle Rechenschaft giebst, du Unke! (Er streckt die Hand aus, um sie zu ergreifen).
Jane (wie oben). Rühre mich nicht an, John! Vor einem Jahr war ich noch eine Katze und kratzte dich, weil ich mich nicht mit dem Hammer totschlagen lassen konnte, jetzt bin ich ein Mädchen!
John (lacht höhnisch). Da denkst du wohl, ich schlage dich nicht mehr? Das sollst du gleich --- (Er geht auf sie zu.)
Jane (mit funkelnden Augen, aber ohne Bewegung). Wenn du es thust, John, dann kratze ich dich nicht mehr -- sie springt hinab und steht mit einem Satz auf dem Bodens ich töte dich! Drum laß mich ruhig gehen!
John (sehr erschrocken zurück). Bah! Das läßt du wohl bleiben!
Jane (trocken). Wenn du mich nicht schlägst, gewiß!
Bessie (faßt sanft ihre Hand). Komm fort, Jane.
Jane (ohne das Auge von John zu wenden). Wenn er erst geht.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Mistreß Reed, eine hohe Frau von einigen vierzig Jahren, stolz, schroff, finster, in dunkler sehr eleganter und glänzender Kleidung, ihre Art ruhig, kalt würdevoll, kommt mit Henry Wytfield durch die Mitte.
Mistreß Reed. Was giebt es? (Sie erblickt Jane und wendet sich mit einem Blick voll Abscheu ab). Ha! Das Geschöpf hier? Wie untersteht sie sich --
John (auf sie zu). Mama, Jane hat sich heimlich hinter die Gardine versteckt und mir gedroht, mich zu töten, wenn ich ihr nahe komme.
Mistreß Reed (sich überwindend). Warum ließest du dich mit ihr ein? Es ist deine Schuld, du hast mein Verbot nicht geachtet. Zu Jane. Was machst du hier?
Jane (die von dem Augenblick, wo Mistreß Reed eintrat, in scheuem Entsetzen, zitternd und unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen dastand, leise). Ich las, Tante Reed.
Mistreß Reed (sich beherrschend, immer kalt und ernst). Ist dir nicht verboten, den ersten Stock zu betreten?
Jane. Ja.
Mistreß Reed. Nun? Wie konntest du es wagen, dich hier einzuschleichen, wo dich mein Wille verbannt?
Jane (immer bescheiden, aber Ernst). Georgine und John haben mir alle Bücher fortgenommen, auch die, welche durch Onkel Reeds Güte mein Eigentum waren. Man hat mich auf die Oberstube angewiesen, seit Georgine in den ersten Stock kam, dort ist es aber so kalt und öde. Ich sehnte mich so sehr nach einem guten Buche, und hier ist es warm und einsam.
Henry (schüttelt den Kopf, halblaut). Sarah! Laß sie!
Mistreß Reed (wirft ihm einen drohenden Blick zu, dann wie oben zu Jane). Du konntest mich um ein Buch bitten, dann hattest du nicht nötig, dich ungehorsam zu zeigen.
Jane (mit einem scharfen Blick sie fest ansehend). Ich kam auch nicht um des Buches willen allein--
Mistreß Reed (schroff). Weshalb kamst du also? Um zu erhorchen, was hier nebenan geschieht!
Jane (wie oben). Nein! Um Onkel Reed zu besuchen (sie zeigt nach rechts auf das Bild) und ihm ein Gebet zu weihen, da ich keine Blumen habe, um sein Bild zu seinem Geburtstage zu schmücken.
Mistreß Reed (fährt zusammen und beißt sich auf die Lippen, für sich). Natter!
Henry (sieht Mistreß Reed erstaunt an). Ja - wahrhaftig, der zweite Weihnachtsfeiertag! Das war zu meines Schwagers Lebzeiten ein großer Festtag hier im Hause! Daran dachte man heute nicht, wie es scheint!
John (aufgeblasen). Papa ist aber auch schon so lange tot, wer kann immer daran denken!
Mistreß Reed (herrisch) Schweig! Henry. Ich begreife, daß Jane Eyre diesen Tag nicht vergißt; ist es doch mein seliger Gatte allein, dessen Verzärtelung sie den Starrsinn, den Hochmut, den Trotz verdankt, welche sie zum Kobold dieses ruhigen Hauses machen. (Sie sieht sie finster an). Habe ich dir nicht verboten, die Haare gelockt zu tragen? Weißt du nicht, daß Georgine dies nicht duldet? Diese Frisur paßt nur für Töchter großer Häuser, wie meine Georgine, die zum Befehlen, nicht für solche, die zum Dienen bestimmt sind wie du. Antworte, warum thust du das?
Jane (führt wie träumend mit der Hand durch ihre Locken, sie langsam durch die Finger ziehend). Ich wußte nicht, daß ich eine ,Frisur' trage, ich thue es nicht, Tante Reed, das kommt so von selbst; dies widerspenstige Haar will nicht anders fallen; gewiß, ich kann nicht dafür.
Mistreß Reed. Dein Haar ist also das Sinnbild deines Charakters! -- Hast du John gedroht, ihn zu töten?
Jane (ruhig). Wenn er mich wieder schlagen würde, wie damals -- ja.
Mistreß Reed. Wirklich? So bitte ihn um Verzeihung!
Jane (sieht vor sich nieder, ohne sich zu rühren).
Mistreß Reed (sieht sie durchbohrend an). Wirst du nicht?
Jane (ruhig). Nein!
Mistreß Reed (mit funkelnden Augen). Du bittest nicht um Verzeihung?
Jane (wie oben). Wenn er erst mich bittet, ihm alle die Schmähungen, mit denen er “das Bettelkind” überhäuft, zu vergeben.
Mistreß Reed (zu Wytfield). Hörst du, Henry, hörst du? Zu Jane. Geh!
Jane (neigt das Haupt und will gehen).
Mistreß Reed. Lege erst das Buch ab.
Jane (kämpft schwer mit sich selbst, kehrt dann um und legt es mit schmerzlichem Ausdruck auf den Tisch).
Mistreß Reed. Du wirst hier nur noch einmal erscheinen, wenn ich dich rufen lasse -
Jane (sieht sie groß an).
Mistreß Reed. Geh! Befreie mich von dem Anblick eines undankbaren und bösen Geschöpfes.
Jane (geht mit gesenktem Haupt links ab)
John (triumphierend zu Bessie). Ha, das will ich schnell Georgine erzählen! Wie wird die sich freuen! (Er läuft durch die Mitte ab.
Bessie folgt ihm kopfschüttelnd).
Fünfter Auftritt.
Mistreß Reed. Henry Wytfleld.
Mistreß Reed (In voller ausbrechender Wut). Nun hast du sie gesehen und gehört, die Schlange, die den Frieden dieses Hauses gestört, seit sie es betrat! Begreifst du nun, was ich unter der Pflichterfüllung litt, die meines Gatten Härte mir auferlegte? Gott sei gepriesen, daß es nun zu Ende ist!
Henry. Ich war zu lange von hier entfernt, um alle Verhältnisse mit einem Blick zu durchschauen. Ich begreife nur, daß die Stellung dieser Waise in deinem Hause eine falsche, eine sehr traurige und das Resultat einer mangelhaften Erziehung ist, denn sie trägt schwer an deinem Hasse.
Mistreß Reed. Ja, ich hasse sie! Möglich, daß ich sie nicht zu erziehen verstand, möglich, daß ich es nicht wollte, ich weiß nur, daß dieses Geschöpf wie Schierling auf gesunder Weise hier zwischen uns aufwuchs, daß es meine Kinder verdarb, sie mißhandelte, meine Ruhe störte, und daß ich eine gewissenhafte Thörin war, bis jetzt diese Bürde getragen zu haben!ß Ich that das Unsäglichste, ich versuchte alles an ihr, um sie gefügig, gehorsam zu machen, allein sie ist unverbesserlich; sie haßt meine Kinder, trotzt meinem Willen, und muß fort; so nur kann Friede in mein Herz und Haus kommen, denn sie ist das Ebenbild ihrer Mutter, eigenwillig und verstockt wie diese es war.
Henry (kopfschüttelnd). Du hattest, wenn ich mich recht erinnere, schon gegen die Mutter einen heftigen Widerwillen.
Mistreß Reed. Hatte ich kein Recht dazu? Sie hat unseren Namen mit Schande bedeckt, lief mit einem armen Seeoffizier davon, verheiratete sich mit diesem Elenden, der ihr Vermögen vergeudete und sie nach wenig Jahren mit diesem Kinde als hilflose Witwe, als Bettlerin zurückließ! Was habe ich nicht damals schon erduldet, als sie eines Abends hier ankam und der schwache romantische Reed sie mit offenen Armen aufnahm! Ich mußte ihren Anblick ertragen, sie pflegen und warten, bis mich ihr Tod von dieser Marter erlöste! Ich atmtete auf, ich glaubte, der Kelch sei geleert, ich täuschte mich, das Bitterste war noch zurück - sie hatte ihm ihre Waise ans Herz gelegt! Du gingst eben damals nach Spanien, du weißt nicht, was mir auferlegt wurde! Reed war ein strenger eigenwilliger Mann, ich durfte ihn nicht ahnen lassen, wie sehr ich dieses kleine Geschöpf haßte, das seine ganze Liebe, seine ungeteilte Aufmerksamkeit besaß! – Abgöttisch hing er an dem Kinde, stundenlang konnte er sie auf den Knien halten, mit ihren schwarzen Locken tändeln und ihrem albernen Geschwätz lauschen. Es war, als hätte sie die Fähigkeit, seine eigenen Kind er zu lieben, gänzlich vernichtet, denn als alle drei am Scharlach erkrankten, saß er Tag und Nacht an Janes Bett, hatte nur für ihre Gefahr Augen, für ihre Klagen ein Ohr, und überließ unsere Kinder mir und dem Schicksal! Ich aber mußte es tragen und schweigen! Ja, noch als der Tod ihn plötzlich überraschte, waren seine letzten Gedanken bei diesem unheimlichen Wesen, denn er ließ mich schwören, sie nie zu verlassen, sie mit meinen Kindern in denselben Rechten zu erziehen -- (fast knirschend) in den Rechten meiner Kinder! Die Bettlerin! So hat er noch über sein Grab hinaus die Bürde auf meine Schultern gewälzt, die ich indes lange genug getragen habe, um es vor meinem Gewissen verantworten zu können, wenn ich sie jetzt abwerfe, damit ich nach vierzehn langen Jahren wieder frei atmen kann in meinem eigenen Hause!
Henry (erstaunt). Was hast du mit ihr vor?
Mistreß Reed. Ich schicke sie in die Lowoodstiftung; der Direktor, derselbe, welcher gestern hier ankam, ist damit einverstanden, und ich erwarte ihn jeden Augenblick, um sie ihm zu übergeben.
Henry. Die Lowoodstiftung? Ist das nicht ein Waisenhaus, eine Art Armenschule, die von milden Gaben existiert -- in sehr ungesunder Gegend, achtzig Meilen von hier?
Mistreß Reed (kalt). Ein Waisenhaus, allerdings. Die Gegend kenne ich nicht, doch weiß ich, daß junge Mädchen dort streng, einfach und in Gottesfurcht gelehrt und zur Arbeit und Demut angehalten werden. [Ich bezahle achtzehn Pfund Jahrgeld für sie und werde diese Summe für vier Jahre im voraus erlegen.] Dort wird Jane Eyre erzogen, wie es für ihre Zukunft nötig ist -- von dort aus kann sie eine Stelle als Dienerin oder Lehrerin suchen, je nachdem sie diese vier Jahre zu eigenem Wohl verwendet, und so
glaube ich ihr die größte Wohlthat zu erweisen und meiner Pflicht Genüge zu thun!
Henry. Jedenfalls thust du es zu spät, Sarah. [Vor wenig Jahren noch konnte sie sich in diesen furchtbaren Wechsel ihres Geschickes finden, sie konnte lernen, jetzt ist sie nicht mehr jung genug für ein solches Pensionat--] und mir scheint, du erfüllst auf diesem Wege das Versprechen nicht, das du deinem Gatten gabst – in einem Waisenhause wollte er sie sicher nicht erziehen lassen.
Mistreß Reed (bitter). O nein! Gewiß nicht! Das erste Pensionat Londons würde ihm für Jane Eyre zu gering erschienen sein, und hätte er Zeit gehabt zu testieren – er hätte sie wohl zum Nachteil seiner Kinder reichlich bedacht! Aber Gott ist gerecht und wollte es anders! (Sich rasch zu ihm wendend.) Wenn du übrigens, wie es scheint, mein Verfahren nicht billigst, so steht es bei dir, für Jane Eyres Zukunft zu sorgen, ich überlasse dir diese mit Freuden.
Henry. Du spottest bitter, Sarah! [Du weißt sehr wohl, daß du wenig hattest, als Thymoty Reed dich durch seine Hand zur reichen Frau machte, und daß ich im Kriegsdienst meine Stellung im Leben gründen mußte, denn ich hatte nicht viel mehr als du!] Meine Verhältnisse erlauben nicht wie die deinen, die Zukunft dieser Waise zu sichern!
Mistreß Reed (kalt). So wirst du sehr wohl daran thun, sie dem Schicksal zu überlassen, das ich als das Angemessenste für sie erachte. Die ganze Gegend kennt und lobt, was ich für dieses fremde Kind gethan, und ich glaube, dies Lob zu verdienen!
Henry (zuckt die Achseln). Wohl dir, wenn dein Gewissen es dir nicht anders sagt!
Mistreß Reed (will heftig antworten).
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Mistreß! Master Blackhorst bittet –
Mistreß Reed (belebt). Ah, willkommen! Rufe Jane Eyre.
Bessie. Ich habe James nach ihr hinauf geschickt, sie wird gleich da sein. (Sie geht, öffnet dle Mittelthür und geht hinter Blackhorst ab.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen. Blackhorst, ganz schwarz, in einer Art geistlichen Tracht, fünfzig Jahre alt, kommt durch die Mitte.
Blackhorst (unterthänig gegen Mistreß Reed, seine Züge hart und kalt). Mistreß haben erlaubt--?
Mistreß Reed (verwandelt, sobald er eintritt, ihr Gesicht; sie wird sanft, würdevoll und gütig). Sehr willkommen, mein ehrenwerter Herr! (Sie geht nach dem Sofa und zeigt auf den Stuhl daneben.)
Ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet.
Blackhorst (setzt sich, Henry begrüßend). Zu gütig, Mistreß Reed.
Mistreß Reed (mit Salbung). Mit Sehnsucht kann ich wohl sagen, denn ich sehe in Ihnen das Werkzeug, welches der Allgütige gewählt, um Herzen, die ihm verloren gehen könnten, mit fester Hand zurückzuführen zu dem wahren Heil ihrer Seele!
Blackhorst (demütig, mit einem scharfen Blick.) Mit harter Hand sogar, Mistreß Reed, wo Härte Balsam ist, gewiß! Gott hat seinen demütigen Diener zu einem solchen Werkzeug erwählt -- und ich werde ihn preisen, wenn es mir gelingen sollte, das junge Lamm, welches sich, trotz Ihrer Wohlthaten, wie mir Ihre Briefe melden, so weit von der Herde verirrt, auf die rechte Bahn zurückzuführen!
Mistreß Reed (wie oben). Leider war ich Ihnen diese traurige Wahrheit schuldig, wenn ich es Ihnen möglich machen wollte, die Leitung dieses Kindes zum Besseren zu vollbringen.
Achter Auftritt.
Die Vorigen. Jane von links durch die Seitenthür, bleibt an der Thür stehen.
Mistreß Reed (Jane erblickend, winkt ihr). Tritt näher, du sollst nicht sagen, daß ich hinter deinem Rücken sprach.
Jane (kommt staunend und ängstlich näher).
Mistreß Reed. Ich habe an Jane Eyre alles gethan, was Gott befiehlt, den Waisen zu erweisen. Sie lebte seit ihrem zweiten Jahre unter meinem Dach -- sie teilte alles mit meinen Kindern, sie wurde erzogen wie diese, doch der Same meines Wohlthuns fiel auf steinigen Boden, (mit einem schweren Seufzer) sie hat kein Herz! Sie ist undankbar, sie lügt -- und heuchelt! Ich habe an diesem Charakter vergebens alles versucht -- ich bin es ihrem künftigen Wohl schuldig, sie in strengere Hände, als die meinigen sind, zu geben!
Blackhorst. Es ist entsetzlich, was Mistreß Reed mir da sagen! Doch sein Sie ohne Sorge; ich habe schon manches starre Herz, manches böse Gemüt gebeugt! Mit Gottes Hilfe wird es auch hier gelingen -- obgleich es schon etwas spät ist, [diese junge Seele noch auf den Weg des Rechten zu führen!]
Mistreß Reed. Jane Eyre, du siehst den ehrenwerten Mann, in dessen Hände ich dein Schicksal von jetzt an lege. Du wirst in wenig Tagen nach der Lowoodstiftung reisen, wohin ich dich auf vier Jahre in Pension gegeben habe.
Jane (mit freudigem Schreck). Wie? Ich soll fort von hier?
Mistreß Reed. Du hörst es.
Jane. Sie schicken mich auf die Schule?
Blackhorst. Wo man böse Herzen Gott erkennen lehrt.
Jane, (mißt ihn mit einem ernsten Bick). Diesen Unterricht hat mein Onkel Reed übernommen, Sir-- ich erkenne und liebe Gott, der mir gnädig aus diesem Hause hilft! Sagen Sie mir lieber, was ich sonst noch bei Ihnen lernen werde, Sir.
Blackhorst (sehr verwundert). Wenn Sie Lust zum Lernen haben, sehr viel, Miß!
Jane. O, ich habe Lust, ich habe Fleiß, ich will alles lernen, alles, Sir, was mich selbständig -- was mich unabhängig von Wohlthaten macht, die wie Feuer auf meiner Seele brennen!
Blackhorst (streng). Nun, Miß, Sie sollen vor allem Demut lernen, denn nur ein demütiges Herz taugt in ein Waisenhaus wie das zu Lowood, das seine Existenz nur edlen Wohlthätern dankt.
Jane (erbebend). Waisenhaus? Sie schicken mich in ein Waisenhaus, Mistreß Reed?
Mistreß Reed (kalt). Es ist der Ort, wohin du gehörst, wo du so ausgebildet wirst, wie es deinen Aussichten in die Zukunft angemessen scheint.
Jane (das Haupt zu dem Bilde erhebend). Hörst du es, Onkel Reed? Dein Herzenskind, deine Jane verstößt man, ein Waisenhaus ist ihre Heimat! Sei es! Ich werde nicht mehr böse sein, wie sie mich hier nennen, denn wenn mich auch der Haß verfolgt und quält und peinigt - so wird es der Haß Fremder sein, nicht derer, welche mir Verwandten.
Blackhorst (faltet die Hände). Gerechter Gott! Welche Sprache eines Kindes vor seinen Wohlthätern!
Jane (zuckt zusammen). Wohlthätern ! -- Du hörst es, Onkel Reed!
Blackhorst. Erlauben Sie, Mistreß Reed, daß ich mich entferne! Ich sah und hörte genug, um zu bedauern, daß Sie sich nicht schon vor Jahren entschlossen, dieses Mädchen einer Stiftung zu übergeben. Sie waren zu schonend, Sie haben mir noch nicht einmal die ganze Wahrheit gesagt! (Er ist aufgestanden und will sich entfernen.)
Jane (deren Brust heftig arbeitet, tritt ihm entschlossen in den Weg; ihre Augen funkeln, ihre Lippen zittern, doch sind ihre Bewegungen ruhig und fast starr). Nein, Sir, sie hat Ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt! Sie sollen sie von mir hören, Sie sollen mich kennen lernen, ehe ich Ihnen folge und diesem Hause auf immer den Rücken zuwende. [Ich würde sterben, wenn ich es nicht einmal aussprechen könnte, was seit Jahren in mir gärt, und hinter ihrem Rücken (auf Mistreß Reed) hätte ich es nie gethan.] -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich sei undankbar. Es ist nicht wahr! Ich vergesse eine Wohlthat nie, das kleinste Zeichen von Güte ist in mein Herz begraben für immer. (Zu dem Bild gewendet.) Du weißt es, Onkel Reed! -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich lüge und sei eine Heuchlerin! Das ist nicht wahr! Wenn ich lügen könnte, so würde ich sagen: ich liebe Mistreß Reed, sie hat mir Gutes gethan, sie war mir wie eine Mutter; wenn ich heucheln könnte, so würde ich jetzt vor Ihnen weinen und klagen, daß ich aus diesem Hause verstoßen bin, denn ich weiß, dies würde mir Vorteil bei Ihnen bringen! Aber ich sage Ihnen -- ich verabscheue nichts auf der Welt so sehr wie diese Frau, deren Blicke Dolche, deren Worte Stacheln für mich waren, seit ich zu denken und zu fühlen begann; ich juble darüber, dieses Haus zu verlassen, diese Frau und ihre bösen Kinder nicht mehr sehen zu müssen, und welche Zukunft mir auch bestimmt sei, ich werde nie zu ihr zurückkehren und sie nie wieder “Tante” nennen, und wenn ich alles Glück der Welt mit diesem einen Wort erkaufen könnte! (Sich plötzlich ganz zu Mistreß Reed wendend.) Denn Sie haben mich seit fünf Jahren mit kalter elender Grausamkeit behandelt -- mich, die Ihnen nichts zuleid gethan hat, als daß sie Gott erschuf!
Mistreß Reed (überwältigt von Staunen und Schreck). Wie kannst du wagen, mir das zu sagen, vor diesem fremden Herrn!
Jane (leidenschaftlich, bis fast zu Thränen). Wie ich es wagen kann, Mistreß Reed! Wie ich es wagen kann? Weil es Wahrheit ist, was ich sage! Sie glauben, mein Herz sei von Stein, es bedürfe keiner Liebe, aber ich bedarf Liebe, ich war Liebe gewohnt -- ein klein wenig Liebe hätte mich gut gemacht, für ein klein wenig Liebe hätte ich Sie angebetet, wie ich Onkel Reed angebetet habe! Aber Sie kennen kein Mitleid, Sie wissen nichts von Erbarmen! In meiner Todesstunde noch werde ich des Abends vor einem Jahre gedenken, als mich Ihr böser Sohn ohne Grund und Ursache mit dem Hammer niedergeschlagen hatte, als ich mich blutend und verzweifelnd zur Wehr setzte, und Sie mich deshalb nach dem Saale schleppen ließen, wo einst Onkel Reeds Leiche ausgestellt war, wo Bessie sagt, daß sein Geist klagend wandle -- als Sie mich dort im Finstern durch eine lange fürchterliche Nacht eingeschlossen schmachten ließen, obgleich ich vor Jammer fast erstickend flehte: “Tante Reed, haben Sie Erbarmen! Tante Reed, haben Sie Mitleid!” -- O ich will es aller Welt erzählen, was Ihr Mitleid, Ihr Erbarmen ist! Sie ließen mich dort verzweifeln -- es kümmerte Sie nicht, daß der Arzt nachher sagte: Sie hätten mich zerstört fürs ganze Leben! -- Wenn ich böse geworden, bin ich es durch Sie! Sie sind, was Sie mich nennen: eine Heuchlerin -- ja, Sie sind mehr, Sie sind eine Meineidige –
Mistreß Reed (unfähig sich länger zu halten, entsetzt). Jane!
Jane (außer sich, ohne sich unterbrechen zu lassen). Eine meineidige an den Toten-- denn Sie haben in meinem Beisein in die kalten Hände meines sterbenden Onkels geschworen, mich zu halten wie Ihre eignen Kinder, mir gleiche Rechte, gleiche Liebe zu gewähren, mich nie zu verlassen, und Sie haben mich mit Haß erzogen, haben mich verbannt aus den Zimmern, die Sie und Ihre Kinder bewohnen, haben mir die Lehrer Ihrer Kinder versagt, damit ich unwissend bleiben sollte -- und heute stoßen Sie mich in ein Waisenhaus, da ich schon zu alt zum Lernen und zu jung bin, um meinem Schicksal allein überlassen werden zu dürfen! So haben Sie Ihren Eid erfüllt -- und wenn Sie ihn (sie zeigt auf das Bild) in jenem Leben wiederfinden, und er Sie fragen wird: “Was hast du mit der Waise meiner Schwester gemacht und was ist aus deinem Eid geworden?” so sagen Sie ihm: “Ich habe die Waise böse gemacht und meinen Eid gebrochen!”' (Zu Blackhorst.) Nun nehmen Sie mich hin und sehen Sie zu, ob Sie gut machen können, was der Haß an mir verdarb! (Sie eilt durch die Mitte ab
Mistreß Reed (sinkt zitternd in das Sofa und verhüllt ihr Gesicht).
Blackhorst (stand sehr verlegen und folgt Jane).
Henry (zu Mistreß Reed tretend, zuckt die Achseln).
Der Vorhang fällt rasch.
Zweite Abteilung.
Rochester.
Erfter Aufzug.
Salon auf Thornfield-Hall in düsterer Pracht aus den letzten Jahren des siebzehnten Jahrhunderts. Im Rokokostil möbliert, sodaß die Möbel moderner erscheinen als der Saal. Die Mittelthür der allgemeine Eingang, die Thür zur Rechten führt zu Rochesters Zimmern, die zur Linken in die Bibliothek. Rechts vorn ein Fenster. Links vorn ein großartiger Kamin, über demselben das Wappen der Rochester in Marmor ausgehauen; auf dem Sims des Kamins zwei silberne Armleuchter mit brennenden Lichtern und mehrere Vasen mit Blumen; im Kamin brennt ein starkes Feuer; dicht am Kamin eine Chaiselongue; daneben ein kleiner Marmortisch. Rechts der gleiche Tisch, daneben zwei Lehnstühle. Im Hintergrunde rechts von der Mittelthür ein servierter Theetisch mit silberner Theemaschine und silbernem Gerät, links von derselben Thür ein Stuhl.
Auf den beiden Tischchen stehen gleichfalls brennende Lichter.
(Rechts und links immer vom Schauspieler.)
Erster Auftritt.
Sam. Mistreß Judith Harleigh.
Sam (ein Mann von einigen fünfzig Jahren, hat eben die letzte Blumenvase auf den Tisch gesetzt). So! Hier wäre alles in Ordnung! Ich denke, er könnte zufrieden sein, wenn er heute wirklich noch zum Thee herüber kommt.
Judith (die ordnend an dem Theetisch stand). Warum sollte er nicht?
Sam. Er kam ja in fürchterlicher Laune an und ging nach seinem Zimmer, ohne nach elfmonatlicher Abwesenheit einen Menschen zu begrüßen als Gratia Pool, mit der er sich einschloß.
Judith (ruhig, setzt sich auf den Lehnstuhl rechts). Dafür ist er der Herr! Seine Laune geht niemand an, und warum er zuerst mit Gratia Pool spricht, wißt Ihr.
Sam (gewichtig). Wohl weiß ich es, und ich denke, ich bin dem Lord ein treuer verschwiegener Diener!
Judith. Gewiß. Das seid ihr, Sam. Aber er hat ja selbst mir, seiner Verwandten, noch keine Silbe gegönnt! Das kümmert mich nicht, er ist einmal der Herr!
Sam (ärgerlich). Und so mir nichts dir nichts ins Schloß hereinzufallen, ohne nur ein Wort zu schreiben!
Judith. Er treibt es ja immer so, seit er aus Indien zurückkam; was habt Ihr nur, Sam, daß Ihr heute so besonders verdrießlich seid?
Sam (brummend). Ach, Sie wissen es, Mistreß Harleigh, warum fragen Sie? Früher war Ihnen meine Frau, die gute Lea, alles, aber seit diese bleichsüchtige hochnäsige Miß Eyre auf Thornfield-Hall einzog, sind wir hintenangesetzt.
Judith (lächelnd und immer lebhafter werdend?) Ihr seid alte Thoren, Ihr und Lea! Ist die Erscheinung dieses Mädchens nicht ein glückliches Ereignis, für das wir alle dankbar sein müssen? [Mit Ausnahme der wenigen Wochen, die Lord Rochester zuweilen hier zubringt, seit er sein Erbe antrat, saßen wir einsam in diesem unheimlichen Schloß wie auf einer wüsten Insel; sind wir einsam, seit dies wackre Mädchen mit ihren klugen Augen alles hier belebt? Hat sie uns nicht von der Plage erlöst, welche uns diese kleine Adele bereitete, die der Lord aus Frankreich mitbrachte? In drei Monaten ist sie Herr dieses verzogenen Kobolds geworden, den zwei Jahre lang kein Mensch, selbst der Lord nicht, zu bändigen wußte. Sie ist stets gefällig, stets zufrieden, niemals zeigt sie müßige Neugier und das - ist viel wert, Sam! Ich weiß, was ich mit der gefährlichen Neugier der früheren Gouvernante ausstand, bis ich sie endlich aus dem Schlosse hatte! Darum danke ich täglich Gott, der uns dieses gute Mädchen schickte! Versteht Ihr?
Sam (faltet die Hände). Gott behüte, Mistreß Harleigh, kommen Sie zu Atem! (Giftig.) Ich wünsche nur, daß der Lord auch einen solchen Schatz in ihr entdeckt, ihre Herrlichkeit dürfte sonst nicht lange hier dauern.
Judith. Ich will hoffen, daß er mir Jane Eyre hoch in Ehren hält, denn wenn sie uns auch verläßt, so kann er seine kleine Französin erziehen lassen, wo er will, ich bringe keine Gouvernante mehr ins Schloß!
Sam (lauernd). Wissen Sie nicht, Mistreß, wo er das Kind aufgelesen, und wem es gehört?
Judith (trocken). Nein! Habe nie danach gefragt, geht uns auch nichts an.
(Man hört von rechts einen langgezogenen Glockenton, der nicht ganz nahe sein darf.)
Sam (fährt zusammen). Der Herr!
Judith (horchend). Nur einmal, das geht den Kammerdiener an.
(Ein zweiter Glockenzug.)
Judith. Nein, es gilt Euch -- rasch Sam!
Sam (eilt durch die Seitenthür rechts ab).
Zweiter Auftritt.
Judith allein.
Judith. Ehe er nicht dreimal klingelt, geht es mich nicht an, und er kommt wohl heute nicht mehr herüber! Aber wenn es ihm doch einfiele, wenn er die neue Erzieherin sehen wollte, und Jane ist noch nicht da! [Warum mußte ich auch den Postboten von Millcote heute versäumen! Nun hat sich das wackre Mädchen erboten, meinen Brief an die Base selbst nach Hay-Lane zur Post zu tragen. Hätte ich es doch nicht angenommen!] Es ist schon stockfinster! (hin und her gehend). Wem konnte aber auch einfallen, daß der Lord grade heute, wie vom Himmel geschneit, ankommen würde! Und das arme Kind hat
einen Weg von zwei Stunden zu machen. Wenn ihr nur nichts zugestoßen ist!
Dritter Auftritt.
Die Vorige. Jane steckt den Kopf durch die Mittelthür. Sie trägt ein kornblumenblaues Tibetkleid bis zum Hals geschlossen, ein feines weißes Spitzenkrägelchen und gleiche Manschetten an der Handwurzel. Das Haar einfach gescheitelt. Auf dem Hinterkopf ein zierliches Kantenhäubchen mit weißem Band. Ihr Gesicht ist etwas mehr gerötet als im Vorspiel, aber nur leicht, ihre Haltung aufrechter, auch ist es nötig, daß die Darstellerin sich durch die Schuhe größer macht, als sie früher war. Ihre Miene spricht ernste Zufriedenheit, ohne Heiterkeit, aus.
Jane. Ei! Hier muß man Mistreß suchen?
Judith. Ah, da sind Sie! Gott sei Dank! Kommen Sie geschwind! Wo blieben Sie? Ich war so in Angst!
Jane (freundlich auf Judith zugehend). Ihr Brief ist bestens besorgt, Mistreß Harleigh. Ich ging nur nach meinem Zimmer, um Hut und Mantel abzulegen, [suchte Sie vergebens in dem Ihrigen und erfuhr von Lea, die mir auf dem Korridor eiligst vorüberlief, daß ich Sie hier fände.] (Mit großen Augen umhersehend.) Aber wie hell ist es hier, und wie warm, wie wohnlich! Gar Blumen auf dem Kamin? Was bedeuten denn diese großen Anstalten, Mistreß Harleigh?
Judith. Sie bedeuten, daß während Ihrer Abwesenheit ganz plötzlich unser Herr angekommen ist.
Jane (ohne Schrecken). Lord Rochester? In der That? Wußten Sie denn –
Judith. Niemand wußte, er treibt es immer so.
Jane (ruhig). Ach welch ein ereignisvoller Tag! Ich dachte schon, alle Abenteuer wären überstanden, und nun kommt erst die Hauptsache.
Judith (neugierig). Abenteuer? Wieso? Hatten Sie--?
Jane (lächelnd). Wohl hatte ich das seltsamste Abenteuer! Die Luft war diesen Nachmittag so frisch, der Schnee knisterte unter meinen Füßen, der lange Spaziergang that mir wohl, ich lief rasch und ward ein bißchen müde. Auf dem Hügel, eine halbe Stunde vor Hay-Lane, setzte ich mich auf die Steinbank, sah in die prächtige Winterlandschaft hinaus und dachte dabei: daß unser Herr doch sehr reich sein müßte, denn Sie sagten mir einmal: alles Land, was ich von dort übersehen könne, sei sein eigen! Plötzlich höre ich den Berg herauf Hufschlag, und zugleich beschnobbert ein ungeheurer Neufundländer meine Füße und glotzt mich mit feurigen Augen drohend an; ich erschrecke, springe rasch auf, und in demselben Augenblick sprengt ein Reiter an, dessen Pferd sich bei meinem Augenblick bäumt, überschlägt und seinen Herrn unter sich begräbt!
Judith. Großer Gott!
Jane. Ich höre einen wilden Schrei, dann einen derben Fluch, und als ich entsetzt herzu eile, ruft mich eine tiefe, klangvolle Stimme, wie eine Feuerglocke dröhnend, an: “Wenn Sie keine böse Fee sind und mein Pferd nicht fürchten, so reichen Sie mir die Hand, daß ich unter dem tollen Tier hervorkomme!” Ich fürchtete mich wohl ein wenig, obgleich nicht allzuviel, aber ich wollte mutig sein, und da ging es. Ich brachte ihn glücklich in die Höhe. Kaum war er auf, faßte er mit gewaltiger Hand den Zügel und rief: “Auf, Mesrour, auf!”
Judith (erschrocken). Mesrour nannte er das Tier?
Jane. Gewiß, und es verstand den Ruf, denn es machte eine kräftige Anstrengung und stand plötzlich, sich schauernd, auf den Füßen. Das erste, was der rohe Mensch that, war, dem schönen Pferde einen Streich zu versetzen, daß es hoch aufsprang. “Strafe muß sein,” sagte er kaltblütig, “warum hast du mich abgeworfen?”
Judith (zitternd). Nun -- und was geschah dann ?
Jane. Dann wollte er es besteigen, aber er hatte sich den Fuß verrenkt und schien zu leiden. Ich fragte: “Herr, kann ich nichts für Sie thun? Ich möchte Ihnen gern helfen. Er sah mich aus schwarzen Augen mit einem Blick an, scharf und tief genug, um mir ins Mark zu dringen, so seltsam, halb gut, halb verächtlich. Dann sagte er trocken: “So leihen Sie mir Ihre Schulter, schwankes Rohr, wenn Sie nicht unter meiner Last zu brechen fürchten!” Ich lächelte und hielt ihm die Schulter hin, mich recht fest auf die Füße stellend, und das war nötig, denn er legte eine Hand schwer wie Blei auf meine Achsel, stützte sich darauf und mit einem Ruck war er im Sattel. Ohne zu danken, fuhr er dahin wie der Sturmwind über die Haide; der Hund in tollen Sätzen vor ihm her! (humoristisch). War das nicht ein frisches echtes Winterabenteuer?
Judith. Armes Kind! Wissen Sie, wer der Reiter war? Lord Rochester -- kein anderer!
Jane (erschrocken). Unser Herr! Zu Pferde?
Judith. Ja, sehen Sie, das ist so eine seiner Sonderlingslaunen! Stets läßt er den Reisewagen in irgend einer Stadt zurück, hierher kommt er nie anders als zu Pferde, und wir wissen nie, wann noch woher. Heute, scheint's, ist ihm der Ritt schlecht bekommen.
Jane (in trübem Sinnen). O weh! Das ist eine böse Empfehlung!
Judith. Nun verstehe ich erst, warum er sich sogleich auf sein Zimmer zurückzog; gewiß hat er Schmerzen, und er liebt es nicht, daß man ihn leidend sieht, es ist so eine seiner Eigenheiten!
Jane (aufmerksam). Eigenheiten? Sie sagten mir doch, als ich Sie frug, wie ich ihn zu behandeln hätte, er habe keine?
Judith (verlegen). Ja, das heißt -- ich meinte -- er sei gut zu behandeln, wenn man ihn sich selbst überließe, aber er hat denn auch so seine besondere Art, wie jeder Mensch.
Jane (sinnend). Höflich ist der Lord jedenfalls nicht, davon zeugt schon diese kleine Probe.
Judith (mit Überwindung, ihr ganz nahe tretend) Kind, ich habe Ihnen nie darüber gesprochen, ich liebe das Schwatzen nicht. Aber jetzt -- da es nötig, muß ich reden, denn ich habe Sie zu lieb, um nicht herzlich zu wünschen, daß Sie dem Herrn guten Eindruck machen! Lord Rochester ist der jüngere Sohn des Hauses und war arm, indes sein Bruder Herr des großen Erbes werden sollte. Sie hatten sich ziemlich vertragen, bis ein geheimnisvoller Vorgang zwischen den sie in Zwiespalt stürzte. Was vorgegangen, weiß ich nicht, denn ich lebte damals noch auf einem alten Jagdschloß der Familie, ich weiß nur, daß der alte Lord sich gezwungen, um die Brüder für immer zu trennen, unseren jetzigen Herrn nach Westindien zu schicken; dort lebte er fast vergessen, vor einigen Jahren, wo sein Bruder plötzlich starb, und ihm die Erbschaft zufiel. Da er nun sein halbes Leben in der Fremde zubrachte, und Spanisch Town in Jamaika bekanntlich eben keine Hochschule für feine Lebensart genannt werden kann, so ist der Herr etwas -- kurz angebunden und --- ungeniert geworden, das ist alles. Im übrigen ist Lord Rochester ein echter Gentleman an Herz und Gesinnung, und seit er hier Herr ist, ein Vater der Armen und Bedrängten in der ganzen Grafschaft! (Geheimnisvoll sich umsehend.) Nur eines wollte ich Ihnen noch raten, Kind! Sie erzählten mir neulich, daß Sie ein seltsames Lachen im Schloß gehört ---
Jane (zusammenzuckend). Ja, ein seltsames --- ein grausiges gespenstiges Lachen, Mistreß, das durch die Stille der Nacht aus dem dritten Stock des Turmes herab bis in mein Zimmer drang und mir das Blut starren machte!
Judith. Nun, Sie wissen jetzt, daß es von der armen Gratia Poole kam, dieser treuen Dienerin, die oft solchen Anfällen unterworfen ist.
Jane (sie fest ansehend). Ja, das sagten Sie mir; auch daß ihr befohlen ist, ihr Zimmer im dritten Stock des Abends nie zu verlassen, und doch begegnete ich ihr soeben auf der Treppe, und als ich die Galerie heraufging, hörte ich dieses entsetzliche Lachen wieder!
Judith (erschrocken). Wie? (Sich fassend). Ah, richtig --- Gratia Poole war ja drüben bei ihm.
Jane (sehr aufmerksam). Bei ihm, bei dem Lord?
Judith (verwirrt). Ich weiß nicht -- ich glaube. Aber – nehmen Sie sich in acht, Kind, sprechen Sie vor dem Herrn nie von diesem Vorfall und beachten Sie Gratia Poole gar nicht – (gutmütig) es ist zu Ihrem Besten, was ich Ihnen rate.
Jane. Ich danke Ihnen, Mistreß Harleigh, ich werde gehen.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Gratia kommt aus der Seitenthür rechts. Eine ältliche Frau; sie trägt ein dunkles Wollenkleid, darüber eine weiße Schürze, ein zierliches aber einfaches weißes Tüchelchen über dem Kleide. Das Haar schlicht gescheitelt, darauf eine einfache weiße Mütze, die das Gesicht umschließt. Ihre Miene ist ernst und einfach, ihre Haltung fest und gerade ihr Ton männlich, sie macht keine Bewegungen.
Jane (leise zu Judith). Da ist das Weib!
Gratia. Mistreß Harleigh, der Herr wird hier den Thee nehmen.
Judith (froh). Gottlob! Wer ist jetzt bei ihm?
Gratia. Adele und der Doktor [Speenley], den Lea gerufen, er hatte einen Unfall.
Judith (mit einem bedeutsamen Blick auf Jane). Mein Himmel, ist das so schlimm?
Gratia (trocken). Weiß nicht, er klagt ja nie. Haben Sie alles in Bereitschaft gesetzt für die Nacht?
Judith. Steht alles unten.
Gratia. Der Herr will die neue Erzieherin beim Thee sehen. (Sie geht).
Judith. Gut! -- Gratia!
Gratia (bleibt stehen). Was?
Judith (mit Bedeutung). Zu viel Lärm, zu viel Lärm! Haltet mehr Ruhe, Gratia!
Gratia (kalt). Ich werde Ruhe halten. (Ab durch die Mitte.)
Fünfter Auftritt.
Jane. Judith.
Jane (die Gratia nicht aus den Augen ließ, für sich). Seltsam!
Judith (geschäftig). Es ist ein gutes Zeichen, daß er herüberkommt -- das Übel muß nicht so schlimm sein! Horch, ist das nicht Adelens Stimme?
Jane. Mein Gott, hat sie denn die Bonne noch nicht zu Bette gebracht?
Judith. O, wenn der Lord hier ist, bringt sie kein Mensch zum Schlafen! (Erschrocken). Ha! Ich glaube, das ist sein schwerer Gang -- er kommt jetzt schon? (Sie geht nach der Thür rechts, horcht, geht dann zu dem Theetisch und entzündet die Flamme unter der Maschine.)
Jane (für sich). Mein Herz klopft! Ich habe ihm Unglück gebracht bei dem ersten Blick; er müßte ein seltener Charakter sein, um mich ohne Vorurteil wiederzusehen! (Sie zieht nach dem Hintergrunde zurück.)
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Adele, ein Kind von höchstens acht Jahren, graziös aber einfach gekleidet, lebhaft, fröhlich, ganz Französin, kommt von rechts mit Rowland, einem Mann von vierzig Jahren; sein Gesicht kräftig, seine Stirn: ernst, fast finster, starkes, dunkles Haar, ein schwarzer leicht gekräuselter Bart. Er trägt einen dunklen modernen Sammetpelz, mit Zobel verziert, darunter einfache moderne Kleidung, auf dem Kopf eine rote moderne Sammetmütze mit Gold. Seine Art zu sprechen kurz, tief,
herrisch; sein Ausdruck hat zuweilen etwas Wildes, was aber rasch vorübergeht. Als er eintritt, ist sein Kopf etwas gesenkt, er sieht weder Jane noch Judith an. Hinter ihm
Sam.
Adele. Ah, siehst du, mein Freund, das ist meine gute Miß Jane. (Sie will auf Jane zu).
Rowland (gebieterisch zu Adele). Schon gut, Adele, sei ruhig! (Er geht etwas hinkend über die Bühne nach der Chaiselongue.) Sam!
Sam (rasch). Zu Befehl, Mylord!
Rowland (auf die Chaiselongue zeigend). Rückt mir das näher zum Feuer. In diesem alten Dohlennest schützt nicht Pelz noch Flamme vor Frost! (Er beißt sich auf die Lippen und fährt unwillkürlich nach dem Knie.) Hölle! -- Sam, Eueren Arm!
Sam (springt hinzu). Mylord!
Rowland (sich auf ihn stüzend, geht bis zur Chaiselongue und läßt sich mühsam nieder). Es ist gut! Rückt mir den Tisch her!
Sam (rückt ihm rasch das Marmortischchen zu Häupten der Chaiselongue).
Rowland (stützt den Arm auf das Tischchen und legt den Kopf auf die Hand). Gut! Geh!
Sam (im Vorbeigehen leise zu Judith, spöttisch). Nun kommt Ihr Kleinod an die Reihe. Wünsche Glück! (Ab durch die Mitte.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen ohne Sam.
Rowland (sitzt in Gedanken).
Adele (vor ihm auf den Knien kauernd, streichelt seine herabhängende Hand). Bist du böse, Rowland?
Rowland (kurz). Nein!
Adele (schmeichelnd). Hast du mir auch etwas mitgebracht?
Rowland (kurz). Wollen sehen, ob du es verdienst.
Adele (aufspringend, klatscht in die Hände). O, ich habe viel verdient, gewiß! (zu
Jane laufend.) Nicht wahr, Miß?
Jane (legt ihr die Hand auf den Mund und neigt sich leise flüsternd zu ihr herab).
Rowland (wirft einen halben Blick auf Jane, als erwarte er eine Antwort. Nach einer kleinen Pause, da Jane sich nicht rührt, wendet er den Kopf zu Judith, trocken). Guten Abend, Base Judith!
Judith (ebenso trocken). Gott grüße Sie, Lord Rochester! (Sich etwas nähernd). Sie haben einen Unfall gehabt?
Rowland. Wie immer, wenn ich diesen Mauern zu nahe komme.
Judith. Wie kam's?
Rowland. Eine verwünschte häßliche Hexe hat mir Mesrour scheu gemacht.
Jane (für sich, humoristisch). O weh, wie aufrichtig!
Judith (sehr ängstlich und verlegen). Das that sie gewiß nicht mit Willen.
Rowland. Gleichviel! (Er bewegt sich, den Schmerz verbeißend). Die Wirkung ist dieselbe. (Abwehrend.) Thee!
Adele (springt hinzu). Mir, mir! Ich darf ihm die Tasse bringen! (Sie hüpft um Judith her.)
Judith. Nichts da, du wirst sie wieder verschütten, ich kenne deine Sprünge schon. Miß Eyre, bitte! (Sie zeigt auf Rowland und giebt ihr die Tasse, ihr etwas zuflüsternd; später giebt sie Adele Thee.)
Adele (setzt sich auf einen der Stühle im Hintergrund und trinkt).
Rowland (für sich). Zudringlich scheint diese neue Gouvernante nicht. Entweder ist sie sehr schüchtern oder sehr klug.
Jane (setzt die Tasse auf einen silbernen Präsentierteller und kommt bescheiden, aber ohne alle Verlegenheit nach dem Vordergrund, sie ihm anbietend).
Rowland (kurz). Auf den Tisch!
Jane (stellt die Tasse auf das Tischchen).
Rowland (sie anschauend). Ei! Alle Wetter! Guten Abend, böse Fee!
Jane (verbeugt sich).
Rowland. Sie haben doch nicht meinen Thee verzaubert, wie diesen Nachmittag mein Pferd?
Jane (ihn ruhig ansehend, bescheiden). Ich fürchte, Herr, die Schuld lag mehr an Mesrour, welchen mein häßlicher Anblick erschreckte, als an einer Zauberkraft, von deren Vorhandensein ich wenigstens bis jetzt keine Beweise hatte.
Rowland (sieht sie sehr frappiert an). So? Hm! Nehmen Sie einen Stuhl.
Jane (geht zu dem Lehnstuhl rechts).
Rowland (für sich) Kurz angebunden! Die “häßliche Hexe” hat sie verdrossen. (verächtlich.) Sie ist eitel, wie alle! (Laut.) Rücken Sie den Stuhl zu mir.
Jane (bringt ruhig den Stuhl und setzt ihn zu den Füßen der Chaiselongue, sodaß sie ihm fast gegenüber sitzt).
Rowland (für sich.) Furchtsam ist sie wenigstens nicht. (Laut.) Sind die neue Erzieherin ?
Jane. Ja, Herr!
Judith (die in ängstlicher Spannung von ferne stand, kommt rasch vor.) Zu dienen, Lord Rochester. Sie ist es, für deren Gewinn ich täglich Gott danke!
Rowland (kurz.) Hat die junge Person Thee erhalten?
Jane. Ich danke, Herr!
Rowland (wie oben zu Judith). So nehmen Sie Ihren Thee, Muhme, setzen Sie sich dann dort (er zeigt auf den Stuhl rechts, der auf der anderen Seite des Tisches steht) zu uns, und bleiben Sie ruhig.
Judith (nimmt, ohne den geringsten Arger zu zeigen, ihren Thee mit, zieht ihr Strickzeug hervor und setzt sich, wo er befahl, zuweilen trinkend, immer aber auf das Gespräch lauschend).
Adele (vorkommend). Aber süßer Rowland, was hast du mir denn nun mitgebracht? Sag doch!
Rowland (trocken zu Jane). Hat sie etwas verdient?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. So geh zu meinem Kammerdiener und laß dir das Kistchen geben!
Adele (jubelnd). Ah -- Dank, tausend Dank! (Sich besinnend.) Du hast doch für Miß Eyre auch ein Geschenk mitgebracht?
Rowland (wirft einen mißtrauischen Blick auf Jane). Weiß nicht.
Adele. So will ich ihr von dem meinen etwas geben, nicht wahr, ich darf? (Sie läuft durch die Seitenthür rechts ab.)
Achter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Rowland (mit scharfem Blick auf Jane, wie oben). Haben Sie ein Geschenk erwartet, lieben Sie Geschenke, Miß?
Jane (immer vollständig ruhig, ohne Furcht, wie [sic] ohne Unbescheidenheit) Ich weiß es nicht, Herr! Ich habe nie Geschenke erhalten, noch erwartet.
Rowland. Sie sind nicht so ehrlich wie Adele! Sie fordert ihre Geschenke mit Ungestüm und verhehlt ihre Freude darüber nicht. Sie aber, Miß, halten hinter dem Berge.
Jane. Adele macht den Anspruch alter Bekanntschaft und das Recht der Gewohnheit geltend; sie erzählte mir, daß Sie nie ankommen, ohne sie reich zu beschenken. Wenn ich aber einen Grund ausfindig machen sollte, der mich berechtigte, ein Geschenk von Ihnen zu erwarten, so würde ich sehr in Verlegenheit kommen, denn ich bin Ihnen gänzlich fremd und habe noch nichts gethan, das solche Ansprüche rechtfertigte.
Rowland (finster). Kokettieren Sie nicht mit übergroßer Bescheidenheit. Ich habe Adele in diesen wenigen Stunden geprüft und staune über die Fortschritte, die sie gemacht. Sie hat in dieser kurzen Zeit mehr englisch gelernt, als bis jetzt in zwei Jahren!
Jane (heiter, neigt das Haupt leicht). Dank, Herr! Ich habe mein Geschenk.
Rowland (sieht sie nicht ohne Wohlgefallen an, nimmt seine Tasse und trinkt). Hm ! (immer aufmerksamer.) Wie heißen Sie?
Jane. Jane Eyre.
Rowland. Sie sind erst drei Monate in meinem Hause?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Und kommen --- woher?
Jane. Aus der Lowoodstiftung, zwanzig Meilen von Millcot.
Rowland (wie bedauernd.) Aus der Lowoodstiftung ? O! -- Wie lange waren Sie dort?
Jane. Acht Jahre!
Rowland. Acht Jahre? Dann müssen Sie eine Konstitution von Eisen haben, Miß, denn so viel ich weiß, werden die Zöglinge in dieser milden Stiftung halb ausgehungert und von dem heuchlerischen Blackhorst mit schonungsloser Strenge zum Lernen und Beten getrieben. Darum kamen Sie mir heute auf dem Berge vor, als stammten Sie aus einer anderen Welt; wußte ich doch gar nicht, wo ich diese Art von Gesicht hinthun sollte! Aber was machten Sie denn so lange in Lowood?
Jane. Vier Jahre war ich Zögling, und als ich nichts mehr bekam, meine Pension zu bezahlen, ward ich für die übrige Zeit Lehrerin dort, mit fünf Pfund jährlichem Gehalt.
Rowland (halb mitleidig, halb spöttisch). Fünf Pfund! Hm! Da haben Sie freilich keine Reichtümer gesammelt. Wie kamen Sie denn aber in mein Haus?
Jane. Ich las in der Zeitung, daß zu Thornfield – Hall eine Gouvernantenstelle zu vergeben sei; die Bedingungen waren sehr glänzend. Ich fühlte, daß ich einen besseren Wirkungskreis verdiente und auszufüllen fähig bin, sandte meine Zeugnisse an Mistreß Harleigh, sie ließ mich augenblicklich kommen, und--
Judith (stolz). Und das war das Klügste, was ich in meinem Leben gethan.
Rowland (mit einem seltsamen Blick auf Jane, fast unwillkürlich). Wer weiß!
Judith (hoch aufhorchend). Wie?
Rowland (winkt abbrechend mit der Hand). Gut, gut. —Bleibt ruhig, Base Judith! (Zu Jane.) Da man Sie in Lowood erzog, sind Sie eine Waise?
Jane (ernst, ohne alle Sentimentalität.) Ich habe meine Eltern nie gekannt.
Rowland. Nun, Sie werden doch eine Familie haben, Schwestern, Brüder --
Jane (wie oben). Ich habe nie welche gehabt.
Rowland (ungeduldig.) Aber doch Verwandte: Onkel, Tante --
Jane (schmerzlich berührt). Ich hatte --- einen guten Onkel: er ist tot. Ich habe niemand.
Rowland. Niemand? Gar niemand?
Jane (ruhig). Man sagte mir einst von einem Bruder meines Vaters, der nach Amerika ging -- ich habe nie wieder von ihm gehört! ich bin allein in der Welt.
Rowland (mit einem sarkastischen Lächeln). Aber nicht hilflos, wie mich dünkt.
Jane (sieht ihn verwundert an). Herr!
Rowland (lächelnd, deutet auf die Stirn). Sie haben hier einige tapfere Hilfstruppen. Nun, Miß – (ärgerlich) wie heißen Sie?
Jane (trocken). Eyre; Jane Eyre, Herr!
Rowland (sie mit einem scharfen Blick streifend). Richtig—Miß Eyre! Was haben Sie denn in Lowood alles gelernt? Spielen Sie Klavier?
Jane. Ein wenig.
Rowland. Ich kann es denken. “Ein wenig” – gleich jedem anderen Schulmädchen, das will nicht viel sagen.
Jane (ohne Verdruß zu zeigen). Sie mögen wohl recht haben,Herr!
Rowland (sie immer scharf beobachtend). Sind die Zeichnungen, die mir Adele vorhin zeigte, von Ihnen?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Haben Sie deren mehrere?
Jane. Hier nebenan, in der Bibliothek, wo ich heute arbeitete, liegt meine Mappe noch.
Rowland. Holen Sie dieselbe.
Jane (steht auf).
Rowland. Das heißt – (mit Überwindung) ich bitte Sie, dieselbe zu holen; Sie wissen, ich kann nicht gut von der Stelle.
Jane (geht).
Rowland (ihr nachrufend). Wenn die Mappe etwa nur Kopien enthält, so lassen Sie es lieber --
Jane (ruhig). Sie werden ja urteilen können, Herr, wenn Sie erst gesehen. Gut oder schlecht - jedenfalls finden Sie Originale, ich habe nie verstanden, wiederzugeben, was nicht in mir selbst seinen Ursprung hat. (Sie geht in die Seitenthür links.)
Neunter Auftritt.
Judith. Rowland.
Rowland (sieht Jane nach). Hm! Stolze Hexe! Nun bringt sie gewiß Stümpereien an.
Judith (mit schlecht verhehltem Ärger). Das glaube ich nicht, Mylord; wenn Jane Eyre sagt: das kann ich, so dürfen Sie sicher sein, daß sie es kann.
Rowland. Ei, Muhme, Ihr habt wohl dieses Persönchen so verzogen, daß sie bei anscheinend äußerer Bescheidenheit sich mir gegenüberstellt mit einer Stirn von Eisen; dergleichen von Kreatur ist mir nie zuvor begegnet!
Judith. Wird Ihnen auch nicht wieder begegnen, Mylord, wenn Sie die aus dem Schloß treiben.
Rowland (trocken). Sie ist noch nicht draußen, Mistreß! Der Sprung von fünf Pfund Jahrgeld in Lowood auf dreißig Pfund in Thornfield ist ihr zu gut bekommen, als daß sie den Fuß so schnell zurückziehen sollte.
Judith. Nehmen Sie sich in acht! Wer es acht Jahre in Lowood aushielt, hat Charakter, und mit Charakteren ist nicht gut experimentieren!
Rowland (zuckt verächtlich lächelnd die Achseln).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Jane mit einer großen ledernen Mappe.
Jane (legt die Mappe vor Rowland nieder und öffnet sie).
Rowland. Setzen Sie sich.
Jane (setzt sich).
Rowland (durchblättert die Mappe). Das sind Aquarelle. Sie malen?
Jane. Ja, Herr. Mit dem Crayon vermochte ich stets nur dem Gedanken Ausdruck zu geben -- um Gefühle zu gestalten, bedurfte ich der Farben.
Rowland (der sein Staunen nicht verbergen kann, in die Blätter sehend). Welch seltsame Ideen! Hier -- nichts als wogendes Meer, vom Sturm gepeitscht -- ein weißer Arm umklammert den zerschellten Mastbaum, der auf den Wellen treibt, auf diesem sitzt ein Rabe, der ein glänzendes Armband im Schnabel hält -- er hat es diesem erstarrten Arm geraubt! Nichts Lebendes über dem Wassergrab als dieser höllische Vogel -- und doch alles Leben! Wer gab Ihnen die Idee zu diesem Bilde?
Jane. Mein Kopf.
Rowland (sieht sie groß an). Dieser kleine Kopf da, der zwischen Ihren Schultern sitzt?
Jane. Ja, Herr!
Rowland (humoristisch). Enthält er noch mehr Stoff solcher Art?
Jane. Ich hoffe noch besseren.
Rowland (ergreift ein neues Blatt, stützt den Kopf auf den Arm und beugt sich über den Tisch, es mit Staunen betrachtend; wie zufällig faßt er sein Käppchen an, wirft einen halben Blick auf Jane und zieht es langsam ab, es neben sich legend.
Judith (für sich). Sie hat gewonnen -- er nimmt die Mütze ab!
Rowland (erhebt den Kopf, schüttelt die Haare aus der Stirne und wendet sich rasch zu ihr). Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder schufen, Miß Eyre? Es sind ernste finstere Phantasien.
Jane. Ich versenkte mich dabei in meine Gedankenwelt und war glücklich, so lang ich malte, obgleich nicht der Kontrast zwischen meiner Idee und dem Werk meiner Hand sehr quälte; ich fühlte peinlich den Mangel an Fähigkeit, das zu erreichen, was ich erreichen wollte!
Rowland (in das Bild sehend). Sie haben sich doch wenigstens den Schatten Ihres Gedankens gesichert, wenn auch Ihre künstlerische Ausbildung nicht an seine Größe reichte. Jedenfalls sind diese Phantasiegebilde einer Schülerin aus Lowood merkwürdig genug! Sie sind voll Poesie! Diese Augen des Abendsterns, den Sie hier verkörpern, müssen Sie irgendwo im Traum gesehen haben -- welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe! (Er faßt schnell das andere Blatt, immer leidenschaftlicher werdend.) Wer lehrte Sie den Wind malen? Welcher Sturm fegt da über die Heide? Wo sahen Sie Latmos, denn das ist Latmos-- was kocht in Ihnen, daß Ihr Gehirn solche Blasen wirft? (Er hält plötzlich inne, wie über sich selbst erschreckend, sein Ton ändert sich augenblicklich, er schiebt die Blätter von sich. Dieses tolle Zeug wird mich um den Schlaf bringen, oder sich in meine Träume drängen. Es muß spät sein. (Er nimmt während des folgenden die Mappe wieder auf).
Judith. Elf Uhr vorüber, Mylord!
Rowland (aufspringend, verdrießlich). Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, daß Sie Adele noch nicht zu Bett bringen ließen? Wollen Sie eine neue Ordnuung in diesem alten Schlosse einführen ? (Er geht, bleibt stehen und beißt sich vor Schmerz in die Lippen.) Hölle! dieses verwünschte Bein! (Halb lächelnd, halb zornig.) Es wird mich noch einige Tage an Ihren abscheulichen Kastorhut erinnern, Miß Eyre! Gute Nacht! (Er geht mit sichtlicher Anstrengung, die Mappe unter dem Arm, in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (ist aufgestanden, als er sich erhob, beobachtete ihn ernst und ruhig und sieht ihm jetzt ebenso nach).
Elfter Auftritt.
Judith. Jane.
Judith (sehr bekümmert). Was ihm nur einfiel! Da ist Ihnen wieder alles bei ihm verdorben.
Jane (wie unwlllkürlich, in Gedanken). Ich denke nicht.
Judith (sie nicht begreifend). Wie meinen Sie?
Jane (wieder zu sich kommend). Sie sagten, Lord Rochester habe keine Eigenheiten und sei leicht zu behandeln? Ich denke, er ist aus Eigenheiten zusammengesetzt ---- und sehr schwer mit ihm fertig zu werden. Aber--
[Judith. Aber -- Sie waren doch gar nicht furchtsam?
Jane (wieder in Gedanken). Ich weiß es selbst nicht – er kam mir vor wie ein Löwe; man ist verloren, wenn man diesem Tier nicht furchtlos ins Auge blickt. Das gab mir Mut.
Judith. Sie vergleichen den Herrn mit einem Raubtier? O weh! Ich fürchtete wohl, daß er Ihnen nicht gefallen würde!
Jane (heiter). Wer sagt Ihnen das? Gerade so wie er ist, gefällt er mir, und] ich meine: wenn er sich nur erst an die “häßliche Hexe” und den “abscheulichen Kastorhut” gewöhnt hat, werde ich es wohl zustande bringen, in Frieden mit ihm auszukommen! Lassen Sie uns getrost zu Bett gehen – ich werde sehr gut schlafen diese Nacht, wir sind ja jetzt nicht sehr einsam in diesem weiten Schloß, wir haben einen strengen aber sicheren Schutz, nicht wahr? Wir haben nun einen Mann im Hause!
Beide durch die Mitte ab.
Der Vorhang fällt.
Zweiter Aufzug.
Dieselbe Dekoration wie im vorigen Aufzug
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (steht am Fenster rechts und sieht gedankenvoll hinaus). Wie der Frühling mit Macht das Haupt erhebt, [wie schon von allen Seiten grüne Augen aus den Sträuchern sehen! Mir ist, als ginge die Zeit wie in einem Traume an mir vorüber.] Da draußen alles Leben, alles Erwachen aus dem Wintertraum – (sie geht vom Fenster) und in dem finsteren Schloß hier alles Stille und kalte Ruhe. Eines Morgens stand ich auf, und es hieß: “Der Herr ist fortgeritten.” Das sind wohl zwölf Tage her -- und er kommt nicht wieder. (kopfschüttelnd). Sonderbarer Mann! Wochen sind seit jenem Abend verstrichen, wo es schien, als mißfalle ihm meine Art nicht, und hat mir sein Stolz seitdem ein freundliches Wort gegönnt? Es ist, [als ärgere er sich jetzt über die kurze Beachtung, deren er das “kleine Schulmädchen” gewürdigt, und doch scheint es mir oft -- gerade, wenn er thut, als bemerke er mich gar nicht --] als laure er darauf, daß ich ihn anreden solle! O, ich werde mich wohl hüten, ihm mit einem halben Wort nur in die Quere zu kommen, damit er mich rauh anlassen könnte. (Sie geht ein paar Schritte.) Dennoch aber giebt er mir meine Bilder nicht heraus, die ich seitdem nicht wiedersah -- und nicht von ihm zu fordern wage. Was hat er nur daran? (Sie steht wieder still. Ich möchte wohl wissen, wo er sich jetzt herumtreibt? (Pause.) Hm! Was geht es mich an! Dieser wunderbare Charakter beschäftigt mich fortwährend, wie ein Rätsel, das ich lösen möchte - und-- nicht lösen darf! Seltsam, es ist, als ob seine Gegenwart eisern auf seiner Umgebung laste, und doch-- ich fürchte ihn nicht, und mir ist als wären wir jetzt erst einsam hier, seitdem er nicht mehr in diesem Saale grollt und schweigt.
Judith (noch nicht sichtbar). Schnell, Lea, alle Kamine geheizt, die Fremdenzimmer gelüftet!
Jane (aufhorchend). Die Fremdenzimmer gelüftet? Ei! Was bedeutet das? Sie kommt. Auf der Hut, Jane; nur keine Neugier, das ziemt dir nicht.
Zweiter Auftritt.
Jane. Judith und Patrik durch die Mitte.
Judith (im Eintreten sehr eilig und geschäftig). Sam! Sam! Wo steckt Ihr? (zu Patrik.) In einer Stunde, sagt Ihr, Patrik?
Patrik (in Reitkleidern). Länger wird es wohl nicht dauern, wollen wir wetten? Der Lord wenigstens folgt mir auf der Ferse, die anderen fahren.
Judith (eilig). Aber es ist doch auch gar zu toll, daß man so was nicht früher erfährt!
Patrik. Ist ihnen auch diesen Morgen erst eingefallen.
Judith (Jane erblickend). Ah-- Miß Jane, gut, daß Sie da sind! Kleiden Sie sich geschwinde, machen Sie sich hübsch; rasch, rasch, auf Ihr Zimmer, ich habe Ihnen das Paket hinaufgeschickt. Ja, ja! Nicht gestaunt und nicht gewundert, vorwärts, kein Augenblick ist zu verlieren, Kind! Sie hören ja, daß sie in einer Stunde eintreffen!
Jane. Wer denn? Für wen soll ich mich hübsch machen?
Judith (reicht ihr einen offenen Brief). Da steht's, lesen Sie geschwind; ich muß den Sam haben, das alte Murmeltier. He, Sam, seid Ihr denn taub geworden? (Sie eilt in die Seitenthür links ab.)
Dritter Auftritt.
Jane. Patrik.
Jane (sieht ihr verwundert nach, öffnet den Brief und liest). Eine Stunde nach diesem Briefe treffe ich mit Gästen ein. Mistreß Harleigh wird die Fremdenzimmer instandsetzen, auch für Damen. Beifolgendes Seidenkleid für die Gouvernante, sie wird der Gesellschaft den Thee bereiten, und ich will sie anständig vor meinen Gästen sehen. Rochester.” (für sich, mit humoristischer Empfindlichkeit.) Sieh einmal, “die Gouvernante !” Meinen Namen kann er nicht merken! (Zu Patrik) Also Damenbesuch bekommen wir?
Patrik (verschmitzt). Jawohl, Miß, und schönen—das heißt, die Junge; die Alte --- na, das ist Geschmacksache, wenn sie nicht eine Lady wäre, mir gefiele sie nicht, wollen wir wetten?
Jane (lächelnd). Aber die Junge, die gefällt Euch wohl sehr, Patrik.
Patrik. O, die gefällt noch ganz anderen Leuten als unsereinem! Wetten wir?
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Judith kommt von links zurück.
Judith. So. Das ist abgemacht! Nun, Kind, ist unser Herr nicht ein Engel? Sie sollen sehen, wie reizend Ihnen das rosenrote Seidenkleid lassen wird.
Jane (ruhig). Ich werde es nicht tragen, Mistreß.
Judith. Was, nicht tragen? Der Lord hat es eigens aus London kommen lassen, nicht wahr, Patrik
Patrik. Das will ich meinen! Es ist nach dem Maß von Lady Clarens Kammerjungfer gemacht, die hat fast Ihren Wuchs, wollen wir wetten?
Jane. Wirklich! Und wer ist Lady Clarens?
Patrik. Ei, eine schöne, stolze, junge Witwe, deren Man ihr einen großen Namen, aber eine kleine Besitzung, sechs Meilen von hier, hinterließ.
Jane (trocken). Da giebt es wohl eine Heirat?
Judith (lebhaft). Ei behüte! Ja, wenn es von der Lady abhinge, die hatte schon vor drei Jahren, als der Lord aus Frankreich kam, ein Auge auf ihn geworfen, aber das hilft ihr nichts, er bemerkt so etwas nicht.
Patrik (wie oben). Na, na, diesmal hat er doch die Augen weit aufgemacht, Mistreß! Wetten wir?
Judith. Patrik, schwatzt nicht in den Tag hinein! Ich sage, das hilft der schönen Lady nichts.
Patrik. Und ich sage --- mit Verlaub, Mistreß, das hat schon geholfen! Da hat doch nun der Lord die üblichen Besuche in der Gegend gemacht und blieb überall nur einen Tag --- drüben aber auf Clarens-House haben sie ein solches Wesens mit ihm gemacht, haben ihn seit acht Tagen nicht fortgelassen --- und gesungen haben sie miteinander, der Lord und die schöne Lady, wie die Lerchen; und nun kommt er gar mit Mutter, Tochter und der ganzen Sippschaft hier angeschleppt. Es sind noch viel mehr Gäste geladen, und wenn das nicht was ganz Besonderes bedeutet, so ----
Judith (kopfschüttelnd). Ich kann es nicht glauben!
Patrik. [Warum nicht? Wegen seiner vierzig Jahre etwa? Ja, da fangen wir Männer erst recht toll an, und verfängt sich da einer in ein Paar hübsche Augen, so läßt er nicht mehr los!] Ich kenne den Lord erst seit ein paar Jahren, aber ich sage Ihnen doch: das giebt eine Hochzeit! Wetten wir? (Er streckt die Hand aus.)
Judith. Ach, laßt mich zufrieden! Geht lieber hinunter und macht Platz für die fremden Pferde.
Patrik (im Gehen). Werden bald nicht mehr fremd sein in unserem Stall. Wollen wir wetten? (ab durch die Mitte.
Judith (unruhig). Der Starrkopf, solches Zeug zu behaupten! Und es ist nicht wahr, es kann nicht sein! (Sie geht in ernsten Gedanken durch die Mitte ab.)
Fünfter Auftritt.
Jane allein.
Jane. Wenn er nun aber doch heiratete? Und—warum sollte er nicht? (Sie schüttelt sinnend den Kopf.) Hm! Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Lord nicht als Bräutigam denken kann. (lächelnd.) Es kommt mir vor, als müßte er alles, was sich ihm unbedingt zu eigen giebt, verschlingen, aus Liebe oder Haß, wie er gerade bei Laune ist! (zusammenfahrend.) Horch! Das ist er. Ich kenne diesen gebieterischen Tritt von Eisen; (humoristisch) es ist immer, als ärgere ihn der Boden, den er beschreitet, weil er es wagt, ihm zu widerstehen.
Sechster Auftritt.
Die Vorige. Rowland kommt rasch durch die Mitte, in einem eleganten Reitkleid, den Hut auf dem Kopf, die Peitsche in der Hand.
Rowland (mit finsterer Miene rufend). Nun, zum Wetter, wo sind -- (Jane erblickend, sein Ton wird etwas milder.) Ei! Guten Abend, Miß Eyre!
Jane (sich verbeugend). Guten Abend, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland (wirft Hut und Peitsche auf den Tisch, halb ärgerlich, halb gutmütig). Laufen Sie schon wieder vor mir?
Jane (bleibt stehen). Ich laufe vor niemand.
Rowland. Nun gut, dann bleiben Sie; ich habe mit Ihnen reden, und es ist mir lieb, daß ich gerade Sie zuerst treffe, denn es fiel mir unterwegs manches ein --- was ich Ihnen längst hätte sagen müssen. Ich hatte in der letzten Woche zu viel Plackereien mit meinen Pächtern, ich hatte Sie wahrhaftig ganz vergessen. (Er wirft sich auf den Diwan und sieht sie groß an.) Sie haben Ihr neues Kleid nicht angelegt?
Jane. Nein, ich danke, Herr!
Rowland (auffahrend). Warum nicht?
Jane (immer sehr ruhig und bescheiden). Weil ich mich nicht über meine Stellung erheben und keine Farbe tragen will, die so schlecht zu meinem Außern paßt. Ich danke Ihnen nochmals, ich werde Mittel finden, “anständig” erscheinen zu können, ohne Ihre Güte mißbrauchen zu müssen.
Rowland (schroff). Sie haben meinen Brief an Mistreß Harleigh gelesen?
Jane. Sie gab ihn mir zu diesem Zweck.
Rowland. Sie sind empfindlich, daß mir Ihre einförmige Tracht nicht gefällt?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Sie sind es und wollen nicht begreifen, daß diesen finsteren Schloß, [in dieser schweren Luft] dem Auge helle, heitere Farben Wohlthat sind. Dann --- haben Sie zu viel Dünkel, um Geschenke nehmen zu wollen.
Jane (sieht ihn erstaunt an). Herr – ich --
Rowland (ohne sich unterbrechen zu lassen, bestimmt). Ich kenne Sie, wenn ich gleich nicht tausend Worte mit Ihnen gesprochen habe. Hinter Ihrer demütigen Einfachheit steckt eine gute Portion von Ansprüchen. [Sie haben Ihren eigenen Kopf!] Meine Art ist Ihnen wohl zu herrisch, zu befehlend? Das Leben in Indien und die Erbärmlichkeit der Menschen haben mich rauh gemacht, ich verletze Sie mit diesem geraden Wesen, nicht wahr?
Jane (sieht ihn groß an).
Rowland. Was sehen Sie mich jetzt so sonderbar an, was denken Sie?
Jane. Ich dachte eben, Mylord, ob es wohl viele Herren giebt, die sich die Mühe nehmen, bezahlte Untergebene zu fragen, ob sie sich durch ihre Art verletzt fühlen oder nicht!
Rowland (mit großen Augen). Meine bezahlte Untergebene nennen Sie sich? Ah so -- ja, ich vergaß, weshalb ich so scharf ritt, daß ich den Wagen eine Stunde Vorsprung abgewonnen. Es quälte mich schon seit meiner Abwesenheit, daß ich nicht sogleich, als ich Sie kennen lernte, offen gegen Sie war; aber - das kommt daher, daß Sie selbst versteckt sind. Sie beurteilen mich ohne Zweifel falsch, und ich will gerechtfertigt sein, ehe die anderen kommen. Ich bin heute zur Mitteilung aufgelegt, und das ist eine Stimmung, die mich so selten anwandelt – [als die Lust, zur Beichte zu gehen!] Darum hören Sie aufmerksam, wer weiß, wann es mir wieder einmal einfällt, mit Ihnen zu schwatzen.
Jane (ihren Sinnen nicht trauend). Aber Herr --
Rowland (bestimmt. Sie sind Adeles Gouvernante -- was dachten Sie über mein Verhältnis zu diesem Kinde?
Jane (frappiert, aber es schnell unterdrückend). Ich dachte nichts, Herr; ich spähe den Verhältnissen meiner Herrschaft nicht nach.
Rowland (sie scharf anschauend). Miß Eyre, Sie dachten darüber! Sie sprechen zu wenig, um nicht viel zu denken! Sie dachten, Adele sei mein Kind.
Jane (die Augen niederschlagend). Und wenn ich das gedacht hätte, wem sind Sie Rechenschaft darüber schuldig, Herr?
Rowland. Schuldig bin ich sie niemand -- außer Ihnen, die Sie sich in dies öde Schloß mit ihr einschließen müssen. Sie haben ein Recht zu fragen: “Wessen Kind erziehe ich?” Das ist nur billig. Adele ist eine Waise, und ich habe allen Grund zu glauben, daß sie die Frucht eines verbrecherischen Verhältnisses ist. Ich habe einem Verstorbenen gegenüber heilige Pflichten gegen sie zu erfüllen, habe sie deshalb von Paris hierher geholt und sorge für ihre Erziehung, wie ich es für recht halte -- und dennoch bin ich nicht ihr Vater.
Jane (mit einem unwillkürlichen Atemzug). Um so edler ist das, was Sie jetzt für sie thun.
Rowland (gleichgültig). Bah! Davon ist nicht die Rede! Sie wissen nun, Miß Eyre, daß es wahrscheinlich ein ungesetzliches Kind ist, dem Sie sich widmen. Ich glaube einem ehrenhaften Mädchen wie Sie diese Erklärung schon deshalb schuldig zu sein, weil ich in nächster Zeit vornehme Gäste hier sehen muß, die Sie kennen lernen werden. Sie verstehen es, zu erziehen, Sie haben viel gelernt, Sie können eines Tages [ehrenwerte Anerbietungen,] eine glänzendere Stellung bei legitimen Töchtern eines großen Hauses finden, dann darf Ihrem Glücke nichts im Wege stehen.
Jane (mit funkelnden Augen). Glauben Sie wirklich, Herr, daß mich eine solche Aussicht verlocken könnte, dieses unglückliche Kind zu verlassen, [das nichts mit der Schuld seiner Erzeuger gemein hat, das ich liebe?] Giebt es eine glänzendere Stellung, als die Mutter einer Waise zu sein? O Mylord, ich bin eine Waise, ich kenne diesen höchsten Fluch, der das schuldlose Haupt eines Kindes treffen kann: vater- und mutterlos zu sein! Ich (innig) danke Ihnen für diese edelmütige Offenheit! Ich werde Adele jetzt noch zärtlicher lieben, ich werde sie gut machen-- denn nur Mangel an Liebe macht das Herz eines Kindes böse, ich werde sie dreifach lieben, [da sie niemand liebt als ich,] und sie nicht verlassen – (Plötzlich stockend, sieht ihn zweifelnd an.) Sie müßten mich denn selbst fortschicken.
Rowland (hat sie mit Staunen betrachtet, mit einer Mischung von Achtung und Wärme). Sie sind ein wackeres Mädchen, Miß Eyre! Ich nehme Sie beim Wort. Sie versprechen, nicht zu gehen, bis ich Sie fortschicke. (Ihr die Hand hinhaltend.) Schlagen Sie ein!
Jane (mit einem frohen Lächeln einschlagend). Wie gern, Herr!
Rowland (sieht sie überrascht an). Ei sieh, da lächeln Sie ja -- ich wußte gar nicht, daß Sie das können!
Jane. Herr!
Rowland. Wissen Sie wohl, daß das wie ein Sonnenstrahl über Sie hinzieht? Sie müssen öfter so -- gut lächeln, Miß Eyre!
(Man hört entfernt Peitschengeknall und Wagengerassel.)
(Es wird dunkel.)
Rowland (auffahrend). Alle Wetter! Da sind sie schon! Es ist ja indes fast Nacht geworden, und ich habe die Kleider noch nicht einmal gewechselt. (Ärgerlich.) Das Schwatzen wollte auch gar kein Ende nehmen! (Barsch.) Sie werden die Gäste empfangen, Miß Eyre, und ein wenig hier zurückhalten, bis ich komme. (im Abgehen bleibt er stehen, freundlicher.) Das heißt: ich bitte Sie zu thun, was Ihnen so sehr zuwider ist, mit den Fremden zu plaudern, wollen Sie?
Jane. Gern, Herr!
Rowland (im Gehen). Aber dann -- die Menschen sehen nun einmal nur nach der Außenseite -- (mit Überwindung, halb bittend) dann ziehen Sie auch später das andere Kleid an -- nicht?
Jane (ohne Trotz, aber fest). Nein, Herr -- es muß so gut sein.
Rowland (zornig im Gehen). Nun so lassen Sie es—ich werde Sie nicht mit Gewalt hübsch machen! (Er geht rasch in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (sieht ihm sinnend nach). Seltsamer, wunderbarer, rechtschaffener Mann! (Sie steht mit gesenktem Haupt in Gedanken.)
Siebenter Auftritt.
Sam öffnet die Mittelthür, tritt mit zwei Armleuchtern mit brennenden Kerzen ein, die er auf die Tische im Vordergrund stellt. Die Bühne wird dadurch sofort erhellt. Judith kommt voran. Dann tritt Mistreß Reed, von Francis geführt, durch die Mitte ein. Sie trägt ein Reisekleid von grauem Damast. darüber ein schwarzes Pelzmäntelchen, einen kleinen grauen Hut mit schwarzem Spitzenschleier. Ihr Haar ist grau geworden, ihr Gesicht bleich und schmal, ihre Züge finsterer und schroffer als im Vorspiel; ihre Haltung ist aufrecht und ihr Gang fest. Georgine folgt in einem eleganten Reisekleide von dunklem Sammet, einem Sammethut mit Federn, eine kostbare Boa malerisch um Hals und Schultern geschlungen; eine hohe glänzende Gestalt; ihre Haltung stolz, fast übermütig, ihre Art decidiert aber graziös, und ihr Benehmen den Umgang mit der großen Welt verratend.
Judith. Wenn es gefällig ist, hier einzutreten: Ihre Zimmer sind noch nicht gehörig erwärmt.
Mistreß Reed (geht in den Vordergrund und läßt sich auf das Sofa links nieder). Dank, Sir!
Jane (hat sich, im Vordergrund stehend, nach den Eintretenden umgewendet: als sie Mistreß Reed erblickt, fährt sie wie vom Blitz berührt zusammen, je mehr diese nach dem Vordergrund kommt, je mehr tritt sie, Schritt für Schritt, zurück; ihre Glieder beben, sie preßt die Hand krampfhaft auf die Brust und starrt sie mit großen Augen wild, wie eine Erscheinung an, als Mistreß Reed sich setzt, und spricht für sich).
Mistreß Reed (Ihre Augen funkeln im schnellerwachten Haß, doch sammelt sie sich allmählich, tritt unbemerkt hinter den Tisch und von da in den Hintergrund.)
Georgine (sieht mit funkelnden Augen umher). Es ist sehr freundlich von Ihnen, Mistreß, (zu Judith) daß Sie die Pflichten Lord Rochesters übernehmen und seine Gäste empfangen. Seine Herrlichkeit ist wohl beschäftigt?
Jane (im Hintergrunde, für sich). Das ist Georgine! Also sie -- sie ist es!
Judith (die sich schon beim Eintritt sehr bestürzt nach Rowland umsah). Der Lord hat die Herrschaften wohl nicht so früh erwartet; indes wird er sogleich -- (Sie giebt Sam einen Wink.)
Sam (eilt rechts ab).
Francis (spöttisch). Wahrlich ist es die ungewöhnliche Sorgfalt, welche Lord Rochester heute ausnahmsweise seiner Toilette schuldig zu sein glaubt, die ihn zurückhält.
Georgine (mit einem verächtlichen Seitenblick auf Francis). Es wäre wohl das erste Mal in seinem Leben, daß Rochester sich der Tyrannin eines Londoner Dandys, der Mode, unterworfen hätte! Seinen Willen wird die Toilette nie beherrschen!
Francis (bitter). Meine schöne Base scheint die Charaktere ihrer Anbeter sorgsam zu studieren!
Georgine (scharf). Nicht alle, das lohnte wahrlich der Mühe nicht! Diesen einen nur -- weil Probleme lösen ein stolzes Vergnügen ist.
Francis (wendet sich gekränkt zu Mistreß Reed).
Jane (für sich). Ha, sie hat ihn erkannt!
Georgine (sich links in den Lehnshl werfend, hochfahrend). Mistreß Harleigh, bitte, haben Sie die Güte, dafür zu sorgen, daß wir uns bald in unsere Gemächer zurückziehen können. Wir sind sehr ermüdet.
Judith. Soll augenblicklich geschehen, und ich hoffe, daß es an nichts fehlen wird. (Sie geht rasch durch die Mitte ab.)
Achter Auftritt.
Mistreß Reed. Francis. Georgine. Jane.
Mistreß Reed (die anfangs ohne Teilnahme vor sich hinsah, wird nach und nach unruhlg, als empfinde sie einen peinlichen Eindruck; sie knüpft während des Dialogs den Hut auf, nimmt ihn endlich ganz ab und legt ihn neben sich; sie trägt ein schwarzes Spitzenhäubchen. Ihre Unruhe wächst, sie legt endlich die Hand auf die Brust, als wäre ihr Atem beengt, läßt das Mäntelchen hinter sich fallen und fährt mit der Hand über die Stirn). Es ist hier heiß und dumpf.
Georgine (wirft ihre Boa ab). Das ist es! Warum auch wickeltest du uns in Sammet und Pelz, Mama, die Frühlingsluft macht ja all diese Wintermaßregeln lächerlich!
Mistreß Reed (dumpf). Aber ich friere beständig.
Georgine (kurz). Das macht dein kaltes Blut, Mama. (Sie nimmt rasch den Hut ab und wirft ihn auf den Tisch neben sich, ihre Locken fallen lang und voll an den Wangen herab, sie schleudert sie unwillig aus dem Gesicht.) Es ist wirklich unerträglich heiß!
Francis (halblaut, sich zu ihr niederbeugend). Das ist Ihr Gewissen, Georgine, was Ihnen das Blut zu Kopfe jagt.
Georgine (verächtlich lächelnd). Mein Gewissen? Ha, ha, ha!
Francis. Dies Lachen wird Ihnen schwer! Sie waren mir gut, Sie gaben mir Hoffnung, ehe dieser Krösus zurückkehrte, um Sie zu verwandeln! Sie lieben ihn nicht!
Georgina. Man täuscht sich manchmal über sich selbst!
Francis (bitter). Besitze ich auch kein Thornfield-Hall, so habe genug für uns beide -- und einen unbefleckten Namen! Wissen Sie, wessen man diesen Rochester beschuldigt?
Georgine. Nein, ich will es auch nicht wissen, was die Alltäglichkeit dem Ungewöhnlichen andichtet.
Francis (wütend für sich). Ich aber will Gewißheit -- oder nicht das Leben haben!
Mistreß Reed (immer unruhiger). Mein Gott, wie wird mir?
Georgine (sieht sie überrascht an und steht auf, ziemlich kühl). Mama, was ist dir?
Mistreß Reed. Ich weiß es nicht. Seit ich dies Zimmer betrat, hat mich jene Beklommenheit, jene Angst wieder beschlichen, die mir jedes Unglück meines Lebens anzukündigen pflegt!
Georgine (wegwerfend). Gott bewahre!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich sage dir, Georgine, in diese Luft liegt etwas Unheimliches -- etwas Feindliches! Laß uns umkehren, hier lauert ein Unglück!
Georgine (verächtlich lächelnd). Aber Mama -- welch ein Aberglaube!
Mistreß Reed (mit der Hand an der Stirn.) Kein Aberglaube -- mir ist unwohl!
Georgine (zu Francis). Bitte, rufen sie Bessie, sie soll ein Flacon für Mama bringen.
Francis (wendet sich nach der Mittelthür und erblickt Jane_. Ah, da ist jemand.-- Wollten Sie vielleicht so gefällig sein Miß --
Jane (welche, mit sich selbst kämpfend, noch immer im Hintergrund stand, tritt jetzt näher; ihr Ton ist bescheiden, aber fest). Kann ich Ihnen dienen, Mylady, so gebieten Sie über mich. Lord Rochester hat mich beauftragt, Sie zu empfangen.
Georgine (stolz). Wirklich? Das ist sehr gütig von dem Lord! (Sie mit einem verächtlichen Blick messend. Und wer sind Sie, die einer solchen Ehre gewürdigt wird!
Jane (wie oben). Die Gouvernante im Hause Seiner Herrlichkeit.
Georgine (mit verächtlichem Erstaunen). Die Gouvernante?
Mistreß Reed (die bei den ersten Worten von Jane zusammenfuhr, horcht hoch auf, ohne den Mut zu haben, sich nach ihr umzuwenden; sie dreht sich jetzt mit Überwindung nach ihr und stößt einen dumpfen Schrei aus). Ach -- ich wußte es –
Francls (sieht sie sehr verwundert an).
Georgine (erstaunt). Was?
(Ganz im Vordergrund und so rasch wie möglich.)
Mistreß Reed (zwischen den Zähnen, dumpf). Daß Verhaßtes in meiner Nähe ist!
Georgine (leise). Aber so fasse dich doch, ich verstehe dich nicht!
Mistreß Reed (faßt mit einer krampfhaften Bewegung ihre Hand und zieht sie an sich, leise mit fürchterlichem Blick). Bist du blind? Siehst du Jane Eyre nicht?
Georgine (fährt zusammen, wirft einen raschen Blick auf Jane, in sich hinein). Bei Gott!
Mistreß Reed (leise). Sie wird ihr Recht an uns gelten machen!
Georgine (nach einem Blick auf Jane). Sie wird es nicht -- wenn ich Jane Eyre je gekannt habe!
Francls (der die Gruppe sehr erstaunt betrachtet, zu Jane). Kennen Sie diese Damen vielleicht, Miß?
Jane (die vollständig ruhig dastand, betrachtet Mistreß Reed mit einem kalten Blick, ihre Augen begegnen sich) Nein, Sir; ich sehe sie zum estenmal.
Mistreß Reed (zuckt zusammen).
Georgine (leise). Du hast recht, das ist Jane Eyre!
Francis (für sich). Seltsam! Wie sie verstört sind!
Neunter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts, im Gesellschaftskleid, sorgfältig frisiert, den Bart zierlich geordnet, mit vor Heiterkeit strahlender Stirn, ein ganz anderer als früher.
Rowland (alle begrüßend). Ah, meine schöne Amazone, meine werten Gäste, Sie überflügeln alle meine Hoffnungen und rauben mir dadurch die Freude, meine Pflicht als Wirt zu erfüllen. Seien Sie herzlich willkommen!
Alle (verbeugen sich).
Rowland. Auf Ihrer Stirn schwebt eine Wolke, Lady Georgine, ich will nicht fürchten, daß sie mich bedroht? ( Er faßt ihre Hand.)
Georgine (ihm die Hand entziehend). Gewiß nicht, Lord Rochester – (mit einem ironischen Lächeln) ich fürchte nur für den Ruf Ihres weltberühmten Mesrour, wenn es in der Grafschaft ruchbar wird, daß Sie mit uns zugleich von Clarens-House abritten und es unseren armen Rappen vergönnt ward, das schnellste Pferd in Alt-England zu überholen.
Rowland. Daran ist Mesrour unschuldiger als sein Herr--
Georgine (rasch und finster). Wie? Sie bekennen, Lord Rochester --
Rowland (immer nur mit Georgine beschäftigt). Ich bekenne -- daß ich unterwegs, in seltsame mir neue Träumereien versenkt, das edle Tier unwillkürlich zwang, im Schritt zu gehen. Dafür machte mich aber auch der Schaum seiner fiebernde Ungeduld fast unkenntlich, als ich hier ankam.
Jane (für sich). Ei!
Georgine (mit einem Strahl von hoffnungsvollem Triumpf über ihrem Gesicht). Das klingt fast, als ob Sie sich entschuldigen könnten, und als ob man Ihnen vergeben müßte! (sie reicht ihm die Hand.) Ich will es auch.
Rowland (ihre Hand küssend). Sie sind zu schön, wenn Sie milde sind, um lange eine Wolke auf dieser Stirn zu dulden. (Als ob er sich eben auf Jane erinnere.) Aber-- ich hoffe doch, daß man Sie so hier empfing, daß Sie den Wirt nicht vermißten?
Georgine (mit verächtlichem Achselzucken). Wer sollte Ihre Gegenwart ersetzen! Diese junge Person vielleicht? Sie ist uns unbekannt.
Rowland (mit einem stechenden Blick auf Jane). Hat sie sich Ihnen nicht vorgestellt?
Jane. Ich hatte keine Gelegenheit dazu, Herr!
Rowland (sie präsentierend, leicht). Miß Jane Eyre, die Gouvernante Adeles.
Georgine (scharf). Adele? Ah ja, die kleine Französin, die Sie vor drei Jahren aus Paris mitbrachten! Also existiert dieser Pariser Arlequin noch hier?
Rowland. Allerdings.
Georgine (gezwungen lächelnd). Man muß wirklich bei allem fragen: Existiert das oder jenes noch auf Thornfield-Hall? --- denn dieses Schloß liegt unter siebenfachen Siegeln, wenn Sie fern sind, wie ein Gespensterhaus; ich glaube, die Luft muß Rechenschaft geben, von wannen sie kommt, ehe sie durch die Schlüssellöcher rauschen darf! Aber ich dachte ja, Miß Ellen Warner sei die Erzieherin Ihrer kleinen Protegée?
Rowland. Seit fünf Monaten ist es Miß Eyre.
Mistreß Reed (kalt, vollständig wieder Herr über sich). Wirklich? Worin unterrichtet sie das Kind?
Rowland (etwas verwundert). Nun, in Sprachen, Musik, kurz, in allem, was man von einer Gouvernante fordert. Miß Eyre malt sogar, und zwar etwas besser, als sonst Dilettanten zu malen pflegen.
Georgine (pikiert). In der That, dies Zeugnis von Ihnen, der so viel fordert, setzt mich in Erstaunen. Aber Miß – (sich besinnend) seltsamer Name, den ich nicht so leicht behalten werde --- wo lernten Sie denn alle Ihre Künste?
Jane (trocken). In der Lowoodstiftung, Mylady.
Georgine (schlägt die Augen nieder).
Mistreß Reed (wie oben). Ich wußte nicht, daß in dieser Waisenanstalt derlei weltliche Künste gelehrt werden; ich hatte stets gehört, daß der fromme Doktor Blackhorst seine Zöglinge vor allem Religion, Demut und Arbeit lehre.
Jane (wie oben). Das thut er, Mistreß --- (Zu Rowland.) Entschuldigen Sie, Herr - ich habe nicht die Ehre, den Namen dieser Dame zu kennen --
Rowland (beißt sich auf die Lippen). Ah, ich vergaß — Mistreß Reed.
Jane. Mistreß Reed können sich überzeugt halten, daß ich in der Lowoodstiftung alles lernte, was Doktor Blackhorst jemals gelehrt hat, und daß ich denen ewig dankbar sein werde, die mich dieses Unterrichts teilhaftig werden ließen.
Rowland (lachend). Miß Eyre, Sie sind sehr genügsam. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, weiß also nicht, aus welchem Grund es geschah -- so viel ist aber sicher, geliebt hat Sie derjenige nicht, der Sie auf diese Galeere schickte!
Jane. Das glaube ich auch nicht, Herr, aber er hat mir wohlgethan. Segen über seine Hand!
Mistreß Reed (für sich). Ha, Fluch! Fluch!
Georgine (um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben). Aber -- daß sie so gut malen soll, setzt mich in Erstaunen! (Sie droht Rowland lächelnd.) Wenn nur Lord Rochester hier nicht parteiisch ist –
Rowland (trocken). Für Miß Eyre? Ich wüßte nicht, wie ich dazu käme! Sie mögen selbst urteilen. (Er geht rasch nach seinem Zimmer.)
Jane (ihm nach, schüchtern). O Herr, ich bitte –
Rowland (mißt sie mit einem strengen Blicke). Keine Affektation, Miß Eyre! (Ab rechts.)
Jane (steht im Hintergrund still und sieht vor sich nieder).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen ohne Rowland.
Georgine (leise zu Misteß Reed.) Findest du es nicht seltsam, wie bemüht der Lord ist, uns von dem Talent dieser Person zu überführen?
Mistreß Reed (welche stets starr vor sich hinaussah). An ihren Talenten habe ich nie gezweifelt.
Georgine (leise). Mama, du verrätst dich!
Mistreß Reed (wie aus einem Traume, leise). Hüte dich – dieses Krokodil liegt nicht umsonst auf unserem Wege!
Francis (der Jane mit wachsender Aufmerksamkeit betrachtet hatte). Was haben sie nur? Was ist mit dem Mädchen! Da geht etwas vor.
Elfter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts zurück.
Rowland (hält die Mappe vom ersten Aufzug in der Hand, tritt zu dem Tisch rechts, öffnet sie und ruft.) Nun, Lady Georgine, sehen Sie sich das einmal an, es ist merkwürdig genug für ein Schulmädchen aus Lowood!
Jane (macht eine unwillkürliche Bewegung, bittend). Herr!
Rowland (sieht sie groß und finster an). Was giebt’s?
Jane (sieht vor sich nieder und bleibt regungslos).
Georgine. Sie werden gestatten, daß ich mir den Anblick dieser Meisterwerke für morgen erbitte, Lord Rochester. Meine Mutter fühlt sich unwohl, und mich selbst verlangt nach Ruhe!
Rowland (wirft die Mappe zu und wendet sich rasch zu ihr). Wie? Sie wollen nicht mit mir zur großen Halle kommen, wo alles bereit ist--
Mistreß Reed. Zu spät für heute -- ich danke, Mylord! Ich bin alt, die Fahrt war lang, ich bedarf des Schlafes; auch ist in diesem Schloß eine Atmosphäre, an die ich mich erst gewöhnen muß! Komm, Georgine!
Francis (reicht Mistreß Reed den Arm). Wenn Sie erlauben, Mistreß Reed, so unterstütze ich Sie.
Mistreß Reed (ihren Arm in seinen legend). Dank, Dank, Sir! (für sich) Sie oder ich -- eins muß hier weichen! (Sie geht langsam mit ihm durch die Mitte ab.)
Rowland zu Georgine. Sie verschmähen mich also ganz für diesen Abend, Lady Clarens? Sie sind mir noch böse!
Georgine (lächelnd mit Koketterie.) Für heute bedarf ich nur noch Ihren Arm, um mich in diesem Zauberschloß zurecht zu finden, und morgen, wenn wir so manches verschlafen haben werden, wollen wir zusehen, ob man Ihnen noch böse sein kann. (Sie legt ihren Arm in seinen.)
Rowland. Sie sind es schon nicht mehr, ich kenne Ihre Augen, Georgine! (Hingeworfen im Gehen.) Miß Eyre, Sie können immer zu Bett gehen – (im Abgehen) für heute sind Sie Ihres Amtes entlassen. (Mit Georgine durch die Mitte ab.)
Zwölfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (hat mit Erstaunen und nach und nach mit sichtlicher Unruhe Rowlands Benehmen verfolgt. Ihr Atem geht schnell, ihre Augen funkeln, sie sieht ihm lange schweigend nach.) Für heute nur? Wer weiß, vielleicht -- für immer! Ist das Lord Rochester? Derselbe Herr, der mich seit zwei Monaten auf jedes Wort, jedes Lächeln tagelang warten ließ? [Derselbe finstere Geist, dessen Gedanken verschlossen schienen wie ein Schatz im Schoß der Erde?] (Sie schüttelt den Kopf.) Das ist er nicht; oder --
(sie fährt leicht zusammen) er liebt! - Ha, und Georgine ist es, die ihn umgewandelt! Auf welche Schlange trat ich denn, daß diese Gespenster meiner Jugend plötzlich wieder vor mir erstehen, und alles, was ich so tief gebettet, was böse, was feindlich in mir war, sich mit Eins bäumend in mir erheben will! (Ihr Blick fallt auf die Mappe.) Ah -- meine Bilder! Jetzt könnte -- (Sie tritt zu dem Tisch und will danach greifen, fährt aber plötzlich zusammen, horcht auf und läßt die Arme sinken.) Er schon zurück? Sie hat ihn schnell verabschiedet, wie es scheint --
Dreizehnter Auftritt.
Die Vorige. Rowland mit Sam durch die Mitte.
Rowland (im Eintreten zu Sam, finster). Sorgt dafür, Sam, daß Ruhe im Schlosse wird.
Die Damen bedürfen derselben. Ich habe Gratia im Korridor gesehen --
Sam (etwas verlegen). Daß ich nicht wüßte, Mylord.
Rowland (streng). Ich habe sie gesehen, so rasch sie auch vorüberhuschte --- was macht sie um diese Zeit im ersten Stockwerk?
Sam. Die Fremden haben sie wohl aufgescheucht.
Rowland. Die Neugier, wollt Ihr sagen, sie gehört an ihren Platz! (Fürchterlich.) Weh ihr, wenn ich sie nachlässig finde! Sagt ihr das und treibt sie hinauf. Geht!
Sam (ab durch die Mitte).
Vierzehnter Auftritt.
Rowland. Jane. Dann wieder Sam.
Rowland (wie er sich nach rechts zu seiner Thür wendet, erblickt er Jane, auffahrend). Ha! Was giebt es hier? (Mit untergeschlagenen Armen sie forschend betrachtend.) Ich befahl Ihnen, sich schlafen zu legen, Miß Eyre, warum gehorchten Sie nicht?
Jane (vor sich niedersehend). Ich war nicht schläfrig, Herr!
Rowland. Nicht schläfrig? Hm, so scheint es, da Sie hier blieben - um mich zu belauern!
Jane (will lebhaft antworten, besinnt sich aber und sagt ruhig). Befehlen Mylord noch weiteres?
Rowland (ärgerlich). Nein!
Jane (verbeugt sich stumm und geht).
Rowland (ihr nach). Ei, hören Sie! Wie gefällt Ihnen Lady Clarens?
Jane (die stehen blieb, ohne ihr Befremden zu verbergen). Das weiß ich noch nicht.
Rowland. Nicht? -- Ich denke, Sie sahen sie doch lange genug.
Sam (tritt wieder ein und bleibt im Hintergrunde stehen, erstaunt zuhörend).
Jane. Ich sah sie, ja; aber wenn ich sagen soll, wie mir eine Dame gefällt, muß ich wissen, wie sie ist -- nicht wie sie aussieht. Gute Nacht, Herr! (Sie geht rasch durch die Mitte ab).
Fünfzehnter Auftritt.
Rowland. Sam.
Rowland (im Vordergrund, für sich). Immer hat sie das letzte Wort, nicht eines Haares breit giebt sie nach in ihrer verwünschten Demut. (Mit dem Fuße stampfend.) Nie gab es ein unausstehlicheres Geschöpf! Wer errät wohl die Gedanken dieses Kobolds? Welche Schlüssel öffnen dieses verstockte Herz? Nicht einmal Beleidigung hat Gewalt, sie zum Reden zu bringen. (Er wendet sich zum Gehen; Sam erblickend.) Sam! -- Was wollt Ihr noch hier?
Sam (der im Hintergrund stand, trotzig). Ich warte, bis Eure Herrlichkeit zu Bett sind, um hier die Lichter zu verlöschen. Es ist eine stürmische Nacht geworden, man kann nicht sorglich genug sein, Mylord.
Rowland (aufatmend). Eine stürmische Nacht? Ja wahrlich, der Wind bläst mit vollen Backen durch den Schornstein. Bei dieser Musik läßt sich's gut schlafen! (Im Gehen.) Habt Ihr Gratia gefunden?
Sam. Nein, Mylord. Sie ist wohl längst hinauf.
Rowland (unter der Thür). Und die Herrschaften?
Sam. Sind alle zur Ruhe gegangen!
Rowland. Gut, wir wollen es ihnen nachthun – (im Abgehen, für sich) wenn wir können! (Ab Seitenthür rechts.)
Sechzehnter Auftritt.
Sam allein.
Sam geht zu den Lichtern und fängt an, sie zu löschen). Hat man je dergleichen erlebt? Wenn ich’s nicht selbst sähe, keinem Menschen würde ich es glauben. Der stolze Herr läßt sich mit diesem hochnasigen Waisenhausprodukt förmlich in Gespräche ein. Sie widerspricht ihm, ohne eine Miene zu verziehen, und wenn er sie anfährt, daß unsereiner an Arm und Beinen zitterte, geht sie kaltblütig ihrer Wege und läßt ihn stehen, wie eben jetzt! (Er bleibt in Mitte des Salons stehen, faltet die Hände.) Wir, die wir sein Geheimnis in Händen haben, wir sollten uns dergleichen beikommen lassen, ich glaube, er würfe uns kopfüber aus dem Fenster! – Diese Person muß hexen können, das lasse ich mir nicht nehmen, und ein gutes Ende nimmt das nicht, (vergnügt) das ist noch mein einziger Trost! (Er hat alle Lichter ausgelöscht, bis auf das letzte, das er jetzt von dem Leuchter nimmt.) Horch -- der Wind
rasselt greulich im Kamin! Da wird es für Gratia eine böse Nacht geben. (Im Gehen stillstehend.) Sie sagen unten, er wolle die große Lady heiraten. Wenn's nur so wäre, die würde mit dieser Miß Eyre kurzen Prozeß machen! Trübselig. Aber --- ich denke, er läßt das Heiraten fein bleiben! Schade! Jammerschade! (Er geht durch die Seitenthür links ab.)
(Tiefe Nacht bedeckt den Salon, der einige Sekunden leer bleibt. Man hört den Wind sausen, sehr fern, nicht auffallend.)
Siebzehnter Auftritt.
Jane allein. Sie sieht vorsichtig zur Mitte herein und tritt dann erst ein. Später Rowlands Stimme.
Jane. Alles leer, es ist, als lebte ich allein, so totenstill ist es im Schloß! (Sie trägt einen kleinen Handleuchter, worauf ein halbabgebranntes Licht brennt, die Hand vorhaltend.) Gott sei Dank! Niemand hat mich bemerkt! (Sie geht zu dem kleinen Tischchen und setzt das Licht nieder.) Ich glaube, ich habe mich ein wenig gefürchtet, als ich herabschlich, denn mir war, als schlüpfe ein dunkles Etwas lautlos an seiner Kabinettsthür hin durch den Korridor. Es war gewiß mein eigener Schatten, der mich erschreckte. Wie kindisch! (Sie steht suchend umher.) Ich kann nicht schlafen, ehe ich meine Bilder gerettet habe. (Sie sieht die Mappe liegen und fliegt zu dem Tisch.) Ha, da ist sie! Glücklich hat er sie vergessen! Mein größter Schatz! -- Und das einzige geistige Eigentum, das ich besitze, diese Schöpfung meiner schwer kämpfenden Seele will er ihr preisgeben? [Ihre Augen, die Dolche, die meine Jugend getötet, sollen darauf haften, ihre Lippen die Blüten meiner stillen Träume verhöhnen?] Ich nehme sie, da er sie mir nicht giebt! Ich darf den Augenblick der Nacht stehlen, der sich mir am Tage verweigert – (sie hat die Mappe aufgefaßt und drückt sie fest an sich) er könnte nicht wiederkehren.
(Ein heftiger Windstoß.)
Jane (nimmt das Licht von dem Tisch und wendet sich rasch; durch diese Bewegung erlöscht das Licht in ihrer Hand, sie läßt es erschrocken fallen).
(Es wird Nacht.)
Jane (fährt entsetzt zusammen). O weh, was ist das? Mein Licht ist erloschen! -- Tiefe Nacht! -- Wie abscheulich!-- Wie unheimlich! -- Horch -- da huscht wahrhaftig draußen etwas an der Thür vorbei! (auffahrend.) Bin ich von Sinnen? -- Ist es nicht, als taste sich jemand vorsichtig an der Wand durch den Korridor? -- Nichts mehr -- alles still! Es war wohl der Sturm, der sich schon vorhin erhob, als ich herabging. Ja, ja, so ist es! (Sich schüttelnd.) Welche Thorheit! Weil ein Windstoß aus dem Kamin mein Licht ausbläst, überläuft mich ein Grausen, das mir das Haar sträubt – und das Sausen des Sturmes hat mich in Lowood so oft in den Schlaf gesungen. Pfui, schäme dich, Jane! Wenn Adele sich so kindisch gehabte, wie würde ich sie schelten, und nun rieselt es mir selber eiskalt durch die Adern. (Sie tappt im Dunkeln nach dem Hintergrund.) Possen! Ich muß eben im Finstern den Weg durch die öden Gänge nach meinem zweiten Stockwerk suchen! (Als sie sich gegen die Mittelthür wendet, hört man plötzlich das heisere gespenstige Lachen einer Frau, das, sich in zwei Absätzen wiederholend, sich immer mehr entfernt.)
Jane (bleibt wie festgebannt stehen, die Mappe entfällt ihr). Großer Gott! Da ist es wieder, dies gräßliche Lachen! Gratia Poole! Schreckliches Weib! Warum darfst du so ungescheut dein dämonisches Wesen hier treiben! Hört denn niemand als ich diese Töne, die aus der Hölle zu stammen scheinen? (Horchend). Alles wieder still. -- Ich höre nichts mehr als die lauten Schläge meines Herzens! -- Ich wage nicht, hier zu bleiben, und -- bei dem Gedanken, hinauszutreten, wird mein Blut zu Eis! (Sie schüttelt sich.) Hu! Das ist dasselbe Grauen, das mich einst in Onkels Sterbezimmer halb rasend machte! -- Hilf mir fort, mein Gott! (Sie verhüllt das Gesicht und steht eine Welle wie erstarrt; plötzlich erhebt sie das Haupt.) Was ist das? Welch ein erstickender Qualm umgiebt mich plötzlich? Das ist Rauch! — (Aufschreiend.) Das ist Feuer! (sie wendet sich nach dem Hintergrund. Ha -- dort, durch die Thür ein heller Schein! (Sie fliegt nach der Thür rechts, stößt beide Flügel auf, man sieht in ein Zimmer, von rotem Licht erhellt, Dampfwolken dringen in den Salon.) Die Thür seines Kabinetts steht offen, das brennt bei ihm! Entsetzlich! (sie eilt in das Zimmer, die Thür bleibt offen, man hört sie in Absätzen rufen.) Herr! -- Herr! -- Lord Rochester! Erwachen Sie, oder Sie sind verloren! -- Hören Sie doch! Feuer, Feuer!
Rowland (nicht sichtbar, stammelnd). Wa -- was ist – was soll’s! -- Laßt, laßt mich!
Jane. Um Gott, so erwachen Sie, ermannen Sie sich doch! Auf! Auf!
(Der Salon bleibt leer, die Röte im Hintergrunde verschwindet nach und nach und erlischt ganz, sodaß es dunkel ist, als die Kommenden eintreten.)
Achtzehnter Auftritt.
Rowland in einem kostbaren Schlafrock von indischer Seide gehüllt, das Haar wie genäßt um Gesicht und Nacken hängend, bleich, betäubt, den einen Arm um Janes Nacken geschlungen, den Kopf auf ihrem Haupte liegend, kommt langsam, mit schwankenden Schritten, von rechts. Jane kommt mit ihm, den einen Arm, ihn unterstützend, um seinen Leib geschlungen, in der anderen Hand ein Licht auf silbernem Leuchter tragend
Jane (bleich, aber fest und energisch). Hierher, Herr, hier ist die Luft reiner. Sie sind halb erstickt. (Sie führt ihn währenddessen zur Chaiselongue.) Ruhen Sie, erholen Sie ich, ich werden nun Leute rufen.
Rowland (läßt sich nieder).
Jane (will gehen).
Rowland (schwer atmend, dumpf). Nein, nein, still – keinen Laut – nicht von der Stelle! (Er faßt krampfhaft ihren Arm.) Wollen Sie meine Gäste nicht rufen? Soll ich das Märchen der ganzen Gesellschaft werden?
Jane (setzt den Leuchter auf den Marmortisch). Aber Herr, das Feuer –
Rowland (sich schüttelnd, als wollte er sich ermannen). Pah! Feuer. Das bißchen Flamme der Bettgardine hatten Sie ja im Nu erstickt, da Sie diese herabrissen und mich mit den Fluten meiner Waschtoilette fast ersäuften.
Jane. Ich mußte, Herr, Sie wären lebendig verbrannt, so unbegreiflich fest war Ihr Schlaf!
Rowland (ganz erholt). Oder die Betäubung durch den Rauch. (Sich besinnend.) Ich hatte mich angekleidet auf das Bett geworfen, ich las. Der Schlaf hat mich wohl überwältigt, ich vergaß, das Licht zu löschen, und so entstand –
Jane (fest). Das Licht hier (sie zeigt darauf) ist unschuldig, es brannte ruhig zu Ihren Häupten, indes die Gardine an dem Fußende flammte und die Thüre des Kabinetts, die nach dem Korridor führt, offen stand.
Rowland (betreten). Offen? – So vergaß ich, sie zu verschließen –
Jane. Und eine frevelnde Hand wußte diesen Umstand zu nützen; man wollte Sie verderben, Herr!
Rowland (dumpf, den Kopf senkend). Ja, ja, so wird es wohl sein! Aber – wer sollte -- (sie beobachtend) wer, glauben Sie, daß solch ein Verbrechen gewagt?
Jane (wie oben). Gratia Poole, Herr!
Rowland (erleichtert, mit einem tiefen Atemzüge). Ja, ja – Gratia Poole!
Jane (mit Abscheu). Dies Weib, das so gräßlich lacht, scheint mir ein ganzer Teufel!
Rowland (scherzend, um seine Erschütterung zu verbergen). Möglich! Dafür sind Sie ein ganzer Engel, Jane Eyre, denn ohne Sie wäre ich wahrhaftig verbrannt! – Nun, sein Sie vernünftig und schweigen Sie – wenn Sie es vermögen, über diesen tollen Vorfall; verraten Sie mich nicht mit einem Atemzug an meine Gäste!
Jane (sieht ihn verwundert an). Ich werde schweigen, Herr, wenn Sie es befehlen.
Rowland (gebieterisch). Ich befehle es, Miß! (Milder.) Versprechen Sie mir auch, der Sache nicht nachzuforschen – wenn Ihre Neugier das vermag.
Jane (sieht ihn groß an). Ich bin nicht neugierig, ich will nicht forschen – aber – (ihn fixierend) dieses Weib wird also nicht bestraft?
Rowland (kurz). Das ist meine Sache!
Jane (trocken, indem sie ihr Licht vom Boden aufnimmt und an dem brennenden anzündet). Gut, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland. Noch eins! Was suchten Sie denn eigentlich um diese Stunde hier?
Jane (sich plötzlich besinnend, nimmt die Mappe auf). Meine Bilder, Herr!
Rowland (sehr frappiert). So? Hm! Sie wollen sie mir also nicht lassen?
Jane (ruhig). Ihnen, ja –aber sonst keinem.
Rowland. Ei—Lady Georgine soll sie also nicht sehen?
Jane (trocken). So ist es, Herr! (Sie geht.)
Rowland (für sich, fast heiter). Das ist seltsam! (Mit Überwindung.) Sie gehen – ohne mir nur die Hand zu reichen! So sehr habe ich Sie diesen Abend verletzt?
Jane (steht, ohne sich zu regen). Herr!
Rowland (fast bittend). Geben Sie mir die Hand, kleiner Trotzkopf!
Jane (tritt ruhig zu ihm und reicht ihm die Hand). Hier, Herr!
Rowland (faßt ihre Hand erst mit der einen, dann mit beiden Händen, warm). So! Ich danke Ihnen, Jane Eyre!
Jane (entzieht ihm langsam die Hand). Nicht Ursache, Herr! Ich bin ja keine Heidin, die ihren Nebenmenschen verbrennen läßt, wo ihn ein Krug Wasser retten kann. Was aber Mesrours Sturz von damals betrifft, den Sie mir noch nicht vergeben haben – sind wir doch nun quitt, Herr?
Rowland (sieht ihr glühend ins Auge). Das sind wir längst – ich denke – da mußten Sie fühlen. (Er faßt rasch ihre linke Hand wieder, halt sie kräftig fest und legt den Arm um ihre Schultern.)
Jane (zuckt zusammen und steht unbeweglich).
Rowland. Kleines Mädchen, du hast den Mut eines Mannes und den Takt einer Frau! Meine Pulse stürmen, und ich wette -- nicht ein Blutstropfen rollt schneller durch ihr Adern, so wenig liegt ihr daran, daß sie mich gerettet.
Jane (senkt plötzlich den Kopf und will' ihm die Hand entziehen).
Rowland (zusammenfahrend, ohne sie loszulassen.) Was--- was -- bei Gott - nein, in jeder Fingerspitze rast ein Puls --- das Licht zittert in ihrer Hand – (Jubelnd.) Ihr Blut ist ehrlicher als ihr Gesicht, es verrät sie!
Jane (empört, ihm ihre Hand mit Gewalt entreißen). Gute Nacht, Herr! (Sie stürzt durch die Mitte ab.)
Rowland (ihr die Arme nachstreckend. Kleines Schulmädchen -- du bist ein gefährlicher Kobold! -- Jane Eyre, ich fürchte, mir wäre besser, du hättest mich verbrennen lassen! (Er geht nach seinem Zimmer.)
Der Vorhang fällt rasch.
Dritter Aufzug
Wieder dieselbe Dekoration.
Erster Auftritt.
Mistreß Reed, Georgine und Lady Clawdon in eleganter Vormittagstoilette. Rowland. Francis. Oberst Clawdon. Edward Harder. Adele. Jane trägt ein hohes Kleid in grauer Seide, einfach aber kleidsam gemacht, das Haar frei, ohne Haube. Sam und ein Diener gehen mit Präsentiertellern herum, nehmen Kaffeetassen ab oder sevieren. Die leeren Tassen bringt Sam zu Jane, die einschenkt; als zum zweitenmal serviert wird, nimmt niemand mehr von den Gästen.
Georgine (in einem großen Album blätternd, das vor ihr liegt.) Dieses indische Album entzückt mich, Lord Rochester – die Bilder sind wohl von Ihnen?
Adele (sitzt im Festkleid zu ihren Füßen auf einem Schemelchen).
Rowland (zu ihr hinüber gelehnt). Nach der Natur, zu dienen.
Georgine. Es ist mir ein Rätsel, wie Sie sich nach so langem Aufenthalt unter dieser wunderbaren Zone in unserem kalten England wieder angewöhnen konnten. Dort, wo alles lebt, duftet, glüht - freilich sagt man, in Indien laure hinter jeder Blüte eine Schlange.
Rowland (lächelnd). Glauben Sie, daß derlei Kreaturen in England nicht auch existieren?
Georgine. Wenigstens stecken sie nicht hinter Blumen. (Sie tritt zu Edward, mit dem sie leise spricht.)
Mistreß Reed (die an einer Tapisserie arbeitet und zuweilen einen lauernden Blick auf Rowland und Georgine wirft). Desto öfter hinter Büchern!
Rowland. Wie das?
Mistreß Reed (Bitter). Nun, es giebt eine Art Schlangen, die sich leicht in große Häuser einschleichen, die still ihre Schlingen weben und schwer zu verdrängen sind, wo man sie einmal ihr Nest bauen läßt.
Rowland (als verstände er sie nicht). Ei, zu welcher Gattung gehören diese Reptilien?
Mistreß Reed. Zu der der Erzieher und Gouvernanten, die um so gefährlicher sind, als sie unbemerkt ihr Gift in Kopf und Herzen ihrer Zöglinge niederlegen.
Jane (richtet, ohne sich zu bewegen, einen festen Blick auf Mistreß Reed).
Rowland (sich in die Lippen beißend). Hm! Sie haben wohl diese traurige Erfahrung an sich selbst gemacht?
Mistreß Reed (sieht ihn starr an). Wie meinen Sie das, Lord Rochester?
Rowland. Nun, ich meine, daß nur eigene Erfahrung Sie zu einem so harten Urteil berechtigen kann.
Lord Clawdon. Aber Mistreß Reed hat recht! Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl von Erzieherinnen.
Adele (die altklug und graziös dasaß und Georgine immer mit Bewunderung betrachtet, hat dem Gespräch aufmerksam zugehört). Ich habe eine gute liebe Gouvernante, nicht wahr, Rowland?
Rowland (trocken). Das hast du!
Adele (spring auf und schmiegt sich an Georgine). Sie haben gewiß auch solch eine gute Miß Jane gehabt, weil Sie so schön und liebenswürdig sind. Ich werde auch so werden, nicht wahr?
Georgine (sie von sich wegschiebend). Ei, Kind, du zerdrückst mir ja das Kleid! Geh! -- Aber sagen Sie, teuerster Lord, ich dachte ja immer, Sie liebten Kinder nicht besonders?
Rowland (streckt die Hand nach Adele aus.) Das thue ich auch nicht.
Adele (die sehr verdutzt dastand, tritt zu ihm).
Georgine. Was bewog Sie denn, diese Pariser Puppe anzunehmen? Wo haben Sie sie aufgelesen?
Rowland (zu Adele sanft). Geh zu Miß Eyre.
Adele (geht mit gesenktem Kopf und legt sich in Janes Arme, bitterlich weinend).
Jane (beschäftigt sich zärtlich mit ihr).
Rowland. Ich habe sie nicht aufgelesen, ich habe sie geerbt, wie dieses Schloß, meine Gärten, meinen Park – (er wirft einen Blick auf Jane) und bin zufrieden mit allem!
Georgine (beißt sich in die Lippen; nach einer Wendung des Gesprächs suchend.) Ihr Park, Mylord, ist das Reizendste, was man sich denken kann -- er muß im Sommer ein Paradies sein!
Rowland (sarkastisch). Und noch dazu ohne Schlangen!
Georgine (spitz). So? Meinen Sie? -- Wer weiß ! – [Aber in der That, diese himmelhohen Baumgruppen, der prächtige Fluß und das alte Schloß mit seine Türmen, alles das ist wahrhaft romantisch!] Diese sechs Tage, seit wir hier sind, entschwanden mir wie ein Traum!
Rowland (gallant). Mögen Ihnen noch viele Tage so hier entschwinden.
Georgine (zärtlich). Ah, dazu könnte Rat werden – denn Sie wissen uns immer neue Überraschungen zu bereiten. Was haben Sie nun heute wieder vor?
Rowland. Ah, leider so dringende Geschäfte, daß ich für wenige Nachmittagsstunden um Nachsicht bitten muß. Lord Clawdon hat mir versprochen, die Honneurs für mich zu machen und die Gesellschaft nach der alten Abtei zu führen. Es ist ein Teil meines Besitztums, der noch von Heinrich dem Achten erbaut wurde.
Georgine. Ach, das ist entzückend! (Etwas schmollend.) Und Lord Clawdon wird uns eskortieren?
Francis und Edward (lebhaft). Wir alle!
Lord Clawdon (der an einem Tischchen mit Francis Schach spielt, sarkastisch, indem er eine Schachfigur rückt). Leider müssen sich Mylady mit uns begnügen.
Georgine (lachend.) O, ich werde Sie vernachlässigen, um mich mit den historischen Erinnerungen an Heinrich den Achten zu beschäftigen, denn Sie müssen wissen, daß ich einen gewaltigen Respekt vor diesem genialen Tyrannen habe.
Francis (höhnisch, eine Schachfigur rückend). Lady Clarens ist gewiß trostlos, daß er zu seinen Ahnen ging, sie wäre imstande gewesen, ihn zu heiraten.
Jane (steht auf, als wolle sie sich entfernen).
Rowland (wirft ihr einen befehlenden Blick zu, wendet sich aber dann wieder zu Georgine). Das hätte Lady Georgine nicht gethan.
Jane (setzt sich wieder, das Haupt gesenkt).
Sam geht durch die Mitte ab.
Georgine (lebhaft). Warum nicht? Gewiß! Denn war Heinrich der Achte auch ein Tyrann, so war er doch ein Mann.
Mistreß Reed (hat fortwährend forschende Blicke auf Rowland geworfen und nimmt wenig Anteil an dem Gespräch). Gott bewahre dich vor einem solchen!
Georgine. Warum, Mama? Ich bin einmal so; nach meinem Geschmack ist ein Mann höchst bedeutungslos, wenn er nicht etwas Weniges Teufel in sich trägt!
[Lord Clawdon und Edward (lachen).
Francis (mit einem scharfen Blick auf Rowland). O, dergleichen findet sich!
Lord Clawdon (sehr ernst). Ei! Ei!
Rowland (küßt Georgine leicht die Hand). Bravo! (Sein Blick fliegt nach Jane.)
Jane (sitzt unbeweglich, ohne ihn anzusehen).
Georgine (immer lebhafter werdend.) Bei meiner Ehre!] Ich bin dieser Dandys der heutigen Zeit herzlich überdrüssig! Diese armen winzigen Geschöpfe, die so viel Sorgfalt auf ihre Mondschein-Gesichter, ihre weißen Hände und schlanken Taillen verwenden, als ob ein Mann überhaupt etwas mit Schönheit zu thun hätte, als ob diese nicht das einzige Vorrecht des Weibes, ihre Mitgift, ihre natürliche Erbschaft wäre! (Mit einem Blick auf Jane.) Ein häßliches Weib ist ein Brandmal im Gesicht der Schöpfung -- ein, Mann ist immer schön, wenn seine Devise “Kraft, Geist und Ehre” ist!
Rowland (hat wieder einen raschen Blick auf Jane geworfen, die ganz teilnahmlos bleibt). Das ist großartig gedacht, Lady Georgine --
Georgine (steht auf). Ich bin schön, ich weiß das, und habe ein Recht, es zu sein; wenn ich mich jemals wieder verheirate, so will ich eine Stütze, keinen Nebenbuhler in meinem Gatten besitzen -- er soll seine Neigung nicht zwischen mir und der Gestalt teilen, die er in seinem Spiegel sieht; es soll für ihn nur eine Schönheit geben, die meine! Habe ich nicht recht, Rochester?
Rowland (ihre Hand fassend). Sie haben recht! Aber, nur ein Weib wie Sie darf so denken und sprechen.
Francis (für sich). Bei Gott, sie verdient die Strafe, die sie erwartet!
Zweiter Auftritt.
Die Vorigen. Sam tritt wieder ein.
Sam (sagt leise etwas zu Jane).
Jane (etwas näher tretend). Mylord, die Wagen sind vorgefahren.
Rowland (rasch). Dann bitte ich die Damen, ihre Toilette zu beschleunigen, denn der Weg ist nicht kurz, Sie haben vieles zu sehen, und ich erwarte Sie zu Tische zurück.
Georgine. O, wir werden bald fertig sein. Komm, Mama!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich fürchte die angreifende Frühlingsluft.
Georgine. Du bist gewiß die einzige, die sich ausschließt. Wer ist mit von der Partie?
Lord Clawdon, Lord Clawdon, Francis, Edward. Wir alle!
Georgine. Ah, ich wußte es! Vorwärts denn! Wir wollen versuchen, uns ohne unseren Wirt zu amüsieren!
Rowland. Das wird Ihnen nur zu gut gelingen!
Georgine (mit einem vielsagenden Blick, leiser). Wer weiß! (Sich zum Gehen wendend, bemerkt sie, daß ihr Schuhband auf ist.) O weh, mein Schnürband hat sich gelöst.
Francis (mit einem Blick auf Rowland). Welchem Glücklichen wird der Ritterdienst vergönnt werden, es zu binden?
Georgine (die mit erwartendem Blick auf Rowland sah, nach einer kleinen Pause, pikiert). Keinem von Ihnen, meine Herren, Sie sind weder würdig, mir das Schuhband zu lösen, noch zu binden! (Sie wirft die Locken zurück und winkt Adele; hochfahrend.) Komm einmal her, kleine Puppe, und thue deine Pflicht.
Adele (vorkommend, sieht sie groß an). Was soll ich?
Georgine (ungeduldig). Nun – binde mir das Schuhband, Kind!
Adele (schüttelt ben Kopf). Ich will nicht.
Rowland (auffahrend). Adele! Gehorche!
Adele (fest). Nein -- sie ist nur schön, nicht gut – ich will nicht.
Rowland (ganz versteinert, mit einem Blick auf Jane). Was ist das?
Mistreß Reed (kalt). Die Erziehungsmethode der Miß Eyre!
Georgine (mit einem langen Blick Jane messend). Von der sie jedenfalls keine Demut lernte.
Rowland (finster). So scheint es!
Jane (mit einem festen Blick auf Mistreß Reed, bescheiden). Adele ist seit fünf Monaten mein Zögling, und Sie wissen wohl, Mistreß, daß eine verwahrloste Erziehung oft kaum in Jahren gut gemacht wird. (Zu Georgine.) Vergeben Sie dem Kinde und gestatten Sie mir, seinen Fehler zu sühnen. (Sie läßt sich rasch auf ein Knie nieder und bindet das Band.)
Sam (giebt seine boshafte Freude zu erkennen).
Rowland (macht eine Bewegung, als wollte er sie zurückhalten, schlägt plötzlich die Arme übereinander, kreuzt sie fest auf der Brust, schwer atmend und den Blick, als ertrüge er den Anblick nicht, zu Boden gesenkt).
Georgine (ist so überrascht, daß sie alles geschehen läßt). O, sehr gütig, Miß!
Jane (steht auf, verbeugt sich, nimmt Adeles Hand und tritt mit ihr etwas zurück). Geh auf dein Zimmer, Adele.
Adele (geht mit gesenktem Kopfe in die Seitenthür links ab).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Georgine (leise zu Rowland). Nun, strenger Gebieter, man muß es Ihnen lassen, Sie haben Ihre Schlange trefflich dressiert! Man könnte sich fast vor Ihnen fürchten – wenn -- man Ihnen weniger gut wäre!
Rowland (mit Mühe sich selbst bekämpfend). Zu viel Güte –
Georgine (mit Vorwurf). O Rochester!
Francis (hat indes ein Taschentuch vom Sitz genommen und reicht jetzt Georgine, dicht zu ihr tretend). Ihr Tuch, Lady Clarens. -- Mylord werden erlauben, daß ich meinen Ritterdienst schon hier beginne. (Er reicht Georgine den Arm.)
Georgine (nimmt ihn, nachdem sie vergebens auf eine Einrede Rowlands gewartet).
Francis. Ich hoffe, daß Sie sich nicht allein mit den Erinnerungen an Heinrich den Achten unterhalten sollen, Mylady.
Rowland (reicht Lady Clawdon den Arm und geht mit ihr durch die Mitte ab.)
Francis (leise zu Georgine). Auch dies Schloß hat seine Geschichte, deren Entdeckung für Sie nicht ohne Interesse sein dürfte!
Georgine (sieht ihn frappiert an).
Francls (fortfahrend, laut). Die Wagen warten, eilen wir.
Mistreß Reed (ist ebenfalls im Begriff zu gehen).
Georgine (indem sie sich wendet, berührt sie mit den Armen Mistreß Reed. Ah, Mama, auf Wiedersehen! (Sie geht mit Francis durch die Mitte voran.)
Edward (folgt).
Lord Clawdon und Mistreß Reed (sind die letzten; er bietet ihr den Arm, sie dankt; er folgt den übrigen, die durch die Mitte abgehen).
Mistreß Reed (folgt langsam, geht an Jane vorüber, ohne sie anzusehen, bleibt plötzlich stehen, mit sich selbst kämpfend, wendet sich dann zu ihr und sagt kalt).
Jane Eyre, ich muß Sie sprechen.
Jane (zuckt zusammen, da sie sie anredet). Mich?
Mistreß Reed. Wenn alles ruhig ist im Schloß, werden Sie sich hier einfinden?
Jane (sieht sie groß und ruhig an). Zu Befehl, Mistreß.
Mistreß Reed (geht langsam durch die Mitte ab). Gut.
Vierter Auftritt.
Jane allein.
Jane (sieht ihr starr nach). Sie will mich sprechen, mich? Was will sie noch von mir? Ah -- trage ich nicht schwer genug! [(Sie fährt mit der Hand über die Stirn.) Kein Wort, kein Blick löst mir das dämonische Rätsel jener schrecklichen Nacht! Gratia Poole waltet stumm und unheimlich wie immer -- welche Rechte hat sie an seine Nachsicht? Fürchtet er diese finstere Gestalt? Welch ein lichtscheues Geheimnis umschließt dies Schloß - oder vielleicht - Rochesters Brust? O! (Sie preßt die Hand auf die Brust). Ich weiß es nun - Georgine beherrscht seine Sinne -- er ertrug es, meine Demütigung zu sehen, nicht die Hand regte er, um mich abzuhalten!] Ruhig -- ruhig, gefoltertes Herz - du hast ja nicht einmal das Recht zu brechen!
[Fünfter Auftritt.
Jane. Adele kommt von links.
Adele (steckt den Kopf herein, sieht sich ängstlich um und fliegt dann zitternd auf Jane zu, sie weinend umschlingend). Ach, Miß Jane, retten Sie mich!
Jane (erstaunt, sanft verweisend). Adele! Befahl ich dir nicht, nach deinem Zimmer zu gehen?
Adele. Ach, sein Sie gut! Sam hielt mich ab, er nahm mich mit in die Unterstube und drohte mir und sagte: Rowland werde mich in den östlichen Turm sperren, weil ich seine Geliebte beleidigt hätte!
Jane (schmerzlich getroffen, sich gewaltsam fassend). Sam ist ein boshafter Mensch; sei ruhig, Lord Rochester ist kein Tyrann -- du weißt es ja. Weine nicht!
Adele (die Tränen trockend). Ja -- aber Sir Francis Bedienter sagte doch: “Rowland sperrte alle Leute, auf die er böse ist, in den Turm, wie seine Lady!”
Jane (zusammenzuckend). Wie -- wen ?
Adele (leise und geheimnisvoll). “Seine Lady,'” sagte er, das wisse alle Welt, daß im Turm Rowlands Lady gefangen sitze.
Jane (fest und gebieterisch). Wiederhole das nie wieder, Adele, es ist eine Lüge! (Zusammenfahrend.) Horch -- das ist er!
Adele (flehend). Rowland? O kommen Sie -- ich fürchte mich so sehr! (Sie läuft nach links ab.)
Jane (ihr folgend). So höre doch!]
Sechster Auftritt.
Jane. Rowland durch die Mitte.
Rowland (ihr in den Weg tretend). Sie noch hier, Miß Eyre? Werden Sie nicht mitfahren?
Jane (wieder vollkommen ruhig). Ich blieb zurück, um Sie zu bitten, Herr, daß Sie mich von dieser Pflicht entbinden. Adele muß hier bleiben, sie hat diese Strafe verdient; allein ich überlasse das Kind nicht gern sich selbst, wenn es gefehlt hat.
Rowland (sieht sie forschend an). Und denken wohl, daß ich kein Recht habe, Sie für meine Gäste in Anspruch zu nehmen, und daß Sie schon genug für diese gethan?
Jane. Ich weiß wenigstens, daß ich dort nicht vermißt werde, und für Adele bin ich nötig.
Rowland (mit halbem Vorwurf). Für Adele? Hm! – Für niemand sonst?
Jane (rasch). O gewiß, für die arme Mistreß Harleigh, die unter der Wirtschaftslast jetzt fast erliegt.
Rowland. Für niemand sonst?
Jane (ruhig). Für niemand, Herr!
Rowland (wendet sich unwillig ab). Und -- Sie haben mir nichts zu sagen?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Mich nichts zu fragen, Jane Eyre?
[Jane (wie oben). Ich werde Sie nie um etwas befragen: denn ich weiß, daß Sie mir ungefragt sagen werden, was mir zu wissen nötig ist, und daß keine Frage Ihnen ablocken würde, was Sie verschweigen wollen.
Rowland. So? Sie sind spitzfindig, Jane Eyre; und doch giebt es eine Frage, die seit jener Nacht auf Ihren Lippen, in Ihren Augen schwebt, zu der Sie ein Recht haben -- (ungeduldig) warum denn fragen Sie nicht? Lohnt es Ihnen nicht der Mühe, sind Sie nicht als Weib geboren, daß Sie die Neugier nicht kennen, daß Sie nicht wissen wollen, warum man mich verbrennen will-- oder haben Sie jenem Nacht --- vergessen?
Jane. Wenn ich Ja sagte, würde ich Sie belügen, Herr, und ich lüge nie.
Rowland (finster). Sie wollen also nicht fragen und haben mir nichts zu sagen – (sie fest ins Auge fassend) gar nichts!]
Jane. Nein! Jetzt nicht -- vielleicht später.
Rowland. Später! So! Und -- wenn ich Ihnen nun -- (Er stockt, geht ein paar Schritte, dann plötzlich vor sie hintretend.) Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich mich ganz plötzlich verheiratete?
Jane (ohne irgend eine Bewegung). Ich würde sagen, daß Sie recht daran thun, Herr!
Rowland. So! Und das wäre Ihnen ganz einerlei?
Jane. Nein, Herr! Ich würde mich freuen, wenn Sie glücklich würden!
Rowland (sie fest, fast schmerzlich betrachtend). Wirklich? (Mit sich kämpfend.) Miß Eyre -- Sie – (Er faßt sich, trocken.) Sie können gehen.
Jane (ruhig den Kopf neigend, geht durch die Mitte ab).
Rowland (stampft wütend mit dem Fuße). Sie geht! Kein Wort! Kein Blick verrät ihr Inneres! Diese Sphinx wird mich rasend machen!
Siebenter Auftritt.
Rowland. Judith durch die Mitte.
Rowland. Ah, Base! Sind die Pächter da?
Judith (in großer Aufregung, aber sich bezwingend). Nein, Mylord; aber ich bin da, um ein paar ernste Worte mit Ihnen zu reden.
Rowland (befremdet). Oho! das klingt ja sehr wichtig; ich denke aber, ich habe Wichtigeres zu thun, als Ihr Geschwätz zu hören, Base!
Judith. Das glaube ich kaum! Sie wissen, ob ich jemals Lust gezeigt, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen, oder Ihnen Ratschläge zu geben -- Sie können sich sagen, daß Wichtiges mich bestimmen muß, wenn ich jetzt gezwungen bin, beides zu thun!] Hören Sie mich aufmerksam an. Als Sie nach Ihres Bruders Tod Ihr Erbe antraten, als Sie kurz darauf befahlen, die lichten Zimmer im östlichen Turm für einen Gast in Bereitschaft zu setzen, und dann in dunkler Nacht ganz plötzlich ein verschleiertes Weib hierher brachten -- deren Antlitz noch bis heute niemand sah -- als Sie befahlen, ihrer Wärterin, jener Gratia Poole, in allem zu Willen zu sein und reichlich für die Bedürfnisse der Fremden zu sorgen, habe ich die Lippen nie zu einer Frage geöffnet. Sie befahlen mir, die Anwesenheit der Dame nicht zu verraten und nie nach ihrem Schicksal zu forschen -- ich gehorchte stillschweigend, ich hielt Ihr Geheimnis so heilig, als wäre es das meine. That ich so oder nicht?
[Rowland (unmutig). Sie thaten Ihre Pflicht!
Judith. Ich that sie, ohne Groll über den Mangel an Vertrauen, das eine alte Verwandte Ihres Hauses wohl verdient hätte! Meine Nächte wurden oft gestört durch das wahnsinnige Lachen, das in dem öden Schloß wiederhallte, meine Tage durch die stete Sorge, müßige Neugier fernzuhalten -- Sie haben nie eine Klage darüber von mir gehört, Lord Rochester! Nun aber machen Sie plötzlich all’ unser Mühen zunichte, Sie selbst geben das Geheimnis preis, das ich so angstvoll gehütet -- Sie schleppen eine Schar unnützer Gäste in das Schloß --
Rowland. Ich mußte der Nachbarschaft einmal wieder mein Haus öffnen, wollte ich nicht selbst das alberne Gerücht nähren, das leise, aber bedrohlich durch die Grafschaft schleicht.
Judith (decidiert). Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es bald nicht mehr leise, sondern überlaut auftreten wird, wenn Sie diese neugierigen Gäste nicht rasch entfernen. -- In vergangener Nacht hörte Gratia Geräusch im Turm, und als sie ihre Thür öffnete, lagerte ein fremder Diener auf der Schwelle, der wohl die ganze Nacht da auf der Lauer lag. Er floh bei ihrem Anblick. Diesen Morgen aber vernahm Lea in der Küche Reden, die sich das fremde Gesinde zuflüsterte, die so seltsam klangen, daß ich sie Ihnen nicht wiederholen möchte! Das mußten Sie wissen, Lord Rochester. Sie sollen mich nicht beschuldigen, Ihre Geheimnisse verraten zu haben, während Sie selbst es sind, der --
Rowland (sie unterbrechend). Eine solche Beschuldigung haben Sie nie von mir zu fürchten, Judith! Denn man verrät niemals -- was man nicht weiß!
Judith (wendet sich empört und gekränkt ab).]
Rowland (gutmütig). Geben Sie sich zufrieden, Base; ich weiß ja, daß Sie wacker sind und mein Haus in guten Händen ist. Ich bin dankbar, das wissen Sie.
Judith (ausbrechend). Das sind Sie nicht, Lord Rochester! Sie glauben, mit Gold sei alles abgethan. Was hilft mir das? Ein Herz bedurfte mein freudloses Alter, ein helles frohes Auge, das die Finsternis dieses Hauses wie Sonne durchstrahlte -- ich hatte es gefunden, ich lebte wieder! Nun aber jagen Sie mir Jane Eyre fort, ich soll wieder allein und verlassen sein. (Sie kämpft mit Thränen.) Das ist zu viel für mich -- das ist grausam, das ist Ihrer nicht würdig!
Rowland (sieht sie groß an). Wer sagt Ihnen denn, daß ich Miß Eyre fortjagen will. Ich denke nicht dran!
Judith. Sie denken nicht dran? Nun -- aber Jane Eyre denkt daran!
Rowland (wendet sich rasch nach ihr). Das wagt sie nicht!
Judith. Sie wagt nicht? Ei sieh! Habe ich Ihnen nicht am ersten Tage, da Sie kamen, gesagt, daß mit Charakteren nicht gut experimentieren ist? Gott weiß, was Sie mit dem unglücklichen Geschöpf vorhaben! Sie lassen sie rufen, wenn sie einen Morgen beim Frühstück oder einen Abend beim Thee fehlt, und kommt sie, so thun Sie, als existiere sie nicht, und dulden, daß diese hoffärtige Lady sich vor Ihren Augen das Schuhband von dem edlen Geschöpf binden läßt! Der boshafte Sam hat mir alles erzählt! Ich wollte sie trösten, als sie eben still und entschlossen an mir vorbeikam – sie sah mich nicht an -- aber ich sah –
Rowland (rasch). Nun? Was?
Judith. Daß sie leichenblaß und schwankend vor sich hin sah, und dabei stürzten ihre Thränen stromweis auf die fest verschlungenen Hände herab. Ich wußte genug! Ihr Herz ist gebrochen, ihre Ehre verletzt! Sie wollten Jane Eyre biegen, das können Sie nicht, aber Sie werden sie brechen! Sie geht! Glauben Sie mir, ich kenne diese stolze feinfühlende Seele! Halten Sie sie zurück um des armen Kindes, um Ihrer selbst willen!
Rowland (seine Bewegung niederkämpfend, fixiert sie lauernd). Haben Sie nun Ihren Auftrag vollständig besorgt?
Judith (sieht ihn entsetzt an). Meinen Auftrag? Sie könnten glauben – (Mit Würde, tief gekränkt). O wie unwürdig denken Sie von mir und dem edlen Mädchen! Ich beklage Sie, daß Sie das Verständnis einer Seele wie Jane Eyres verloren haben! Lassen Sie sie ziehen. Dieses Haus des Fluches scheint keine Heimat für reine Geister-- und habe ich Ihnen gesagt, was Ihnen nicht gefällt, so senden Sie mich ihr getrost nach, ich gehe gern, wenn Jane Eyre fortgeschickt wird. Eine Wohlthat aber will ich der armen Jane noch erweisen; sie weinte um Sie, den sie wie ein höheres Wesen verehrt, das weiß ich; ich aber, Herr, wenn ich auch blindlings gehorche, bin nicht blind -- ich werde meine Pflicht thun und Jane Eyre belehren, daß ich Lord Rochester ihrer Thränen nicht würdig halte; das wird ihr den Abschied sehr erleichtern! (Sie geht entschlossen.)
Rowland (zusammenfahrend, ihr nachrufend). Judith – was wollen Sie thun ! (Er bleibt stehen.) Nein!
Judith (bleibt erwartungsvoll in der Mittelthür stehen).
Rowland (plötzlich entschlossen und befehlend.) Gehen Sie und thun Sie, wozu Sie Lust haben!
Judith (eilt unwillig durch die Mitte ab.)
Rowland. Sei es! Endlich muß der Streich doch fallen! Und wenn ihr Herz dabei in Trümmer ginge, das wird sie reden lehren! Es ist gut so! (Ab nach rechts).
Achter Auftritt.
Mistreß Reed allein, sie kommt durch die Mitte.
Mistreß Reed (sich umsehend). Noch nicht da! (Sie geht ein paar Schritte. Sie läßt sich erwarten. (Sie legt die Hand an die Stirn, wie im Fieber). O! Schwerer Schritt, zu dem ich den Fuß erhob -- ihr entgegen! Aber es muß, es muß!-- Welch eine Wechselwirkung zwischen diesem Geschöpf und Rochester besteht, kann ich nicht enträtseln, aber sie besteht, ich fühle es [und kann Georgines Siegeswahn nicht teilen, so lange diese stille Natter zwischen ihm und unserem Glück liegt.] (Fieberhaft.) Mit welchem Stolz sie sich vor Georgine demütigten -- o sie ist gefährlich --! (Pause.) Sie wird mir eine eiserne Stirn, die unbeugsame Macht des Hasses entgegenstellen! Haß denn gegen Haß, ich will ihr alles sagen!
Neunter Auftritt.
Die Vorige. Jane durch die Mitte.
Jane (bleich, aber ruhig und sanft, wie nach einem gefaßten Entschluß). Mistreß Reed haben befohlen –
Mistreß Reed (mit Überwindung, kalt). Kommen Sie näher! Wir wollen uns ohne Heuchelei gegenüber treten, wollen uns nicht täuschen. Die Zeit hat keine Macht an Charakteren wie den unseren. Wir haben uns gehaßt, hassen uns und werden uns hassen. [Verstellung wäre zwischen uns eine Unwürdigkeit, die uns vor uns selbst verächtlich machen müßte.]
Jane (ruhig). Sie hassen mich, Mistreß Reed, und werden mich leider immer hassen; doch thun Sie unrecht, unsere Charaktere zusammenzustellen. Sie sind eine Frau bei Jahren, Sie halten wohl fest an dem einmal gefaßten Vorurteil, selbst wenn Sie dessen Unbilligkeit einsähen, ich hingegen war damals so jung --
Mistreß Reed (peinlich von ihrer Stimme aufgeregt, sieht sie starr und immer starrer an). Sie sind dieselbe geblieben, Sie sind älter geworden, aber es sind dieselben bleichen scheuen Züge des starrsinnigen unheimlichen Wesens -- das nie ein Kind war; es sind dieselben dunklen Augen, aus denen mich und die Meinen stets der böse Blick verfolgte! [Ah -- die ganze fürchterliche Zeit steigt aus diesem stummen Gesicht vor mir auf. Was litt ich, was meine armen Kinder! Warum hatte Reed dich mir aufgebürdet -- welch furchtbare Last! Täglich und stündlich, durch Jahre und Jahre, quälte mich diese unbegreifliche Gemütsart, diese stille fürchterliche Beobachtung!] Ah, wie war mir wohl, als du fort warst, und nun stehst du wieder vor mir -- du, die aus einer rechtlichen Frau eine Verbrecherin gemacht, du, die mein reines Gewissen mit Qual belastet hat!
Jane (die geduldig und ruhig zuhörte). Ich-- ich habe Ihr Gewissen belastet?
Mistreß Reed. Ja -- du, du allein! (Dumpf.) Darum muß ich dich in alle Ewigkeit hassen, wie du mich, und darum können wir nicht zusammen leben und atmen unter einem Dach! (Dumpf in sich hinein.) Jane Eyre, die reiche Mistreß Reed ist arm geworden! Freut dich das?
Jane (erschrocken). O Gott beschütze mich! Wie konnten Sie arm werden?
Mistreß Reed (wie im Fieber wehklagend). Ich gab meinem lieben John alles, ich verkaufte Gateshead, ich zog zu Georgine, ich muß nun bei ihr leben, denn ich habe nichts mehr, John hatte alles nötig.
Jane (faltet die Hände). O der Elende!
Mistreß Reed (auffahrend). Er ist mein lieber Junge, man braucht viel in London -- es quälte mich, ihn darben zu lassen. (Wie zu sich selbst kommend.) Nun habe ich nur noch Georgine, und da sie den Lord heiratet, werde ich hier wohnen. Jane Eyre, du siehst ein, daß du hier fort mußt, damit ich bleiben kann!
Jane (schmerzlich). O Mistreß Reed, das sah ich längst ein; daß aber Sie es sind, die mich auch aus diesem Asyl verjagt, daß Ihnen die acht Jahre in Lowood nicht für mich genügen, daß Sie es sind, die die arme Waise zum zweitenmal hilflos in die weite Welt jagt, das -- ist hart, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (hastig). Nicht arm, nicht hilflos, reicher als ich – wenn du willst.
Jane (starrt sie an). Was sagen Sie?
Mistreß Reed (vor sich hinaussehend, fast tonlos). Du warst schon lange in Lowood -- da kam eines Tages ein Brief aus Madeira, von Tybald Eyre, deines Vaters Bruder. Er verlangte dich von mir, er schrieb, daß er reich geworden, daß er dich zur Erbin machen wolle, wenn du zu ihm zögst.
Jane. Großer Gott! Und dieser Brief, warum hörte ich nie davon?
Mistreß Reed (wie oben). Weil ich den Gedanken nicht ertrug, dich im Wohlstand zu sehen, indes mein Vermögen täglich schwand, [und Georgine nicht viel mehr besaß als ich!] Weil ich [die Wut, mit der du dich einst gegen mich erhobst] die Beschimpfungen nicht vergeben konnte, mit denen du mich vor Blackhorst und meinem Bruder gebrandmarkt! [Ich konnte nicht vergessen, was ich empfand, als du mir sagtest: du verabscheutest auf der Welt nichts so sehr als mich und meine Kinder -- als du, die jahrelang geschwiegen, so plötzlich das kochende Gift deiner Seele über mich ausgossest, als du gelobtest, mich nie wieder Tante zu nennen! Ich hatte ein Gefühl, als hätte ein Tier, das ich getreten, mich mit menschlicher Stimme verflucht!] Darum konnte ich dir nicht verzeihen, mußte dich hassen -- und darum (schaudernd) belastete ich mein Gewissen.
Jane (sanft). Ich habe ja längst vergessen, was Sie mir gethan; ich war gewiß ein böses Kind -- ich bin durch Sie gebessert worden -- vergessen Sie auch, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Wenn du gehst, Jane Eyre!
Jane (den Kopf senkend, sieht starr vor sich hinaus).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Henry Wytfield tritt im Reisekleid durch die Mitte ein. Rowland kommt von rechts und bleibt staunend stehen.
Henry. Ah, hier bist du, Sarah!
Mistreß Reed (wendet sich rasch, zusammenfahrend). Henry! Du bringst ein Unglück!
Henry. Ich fürchte es! (Auf Jane blickend.) Aber – wir sind nicht allein!
Jane (seine Hand fassend, herzlich). Es ist Jane Eyre, die Sie begrüßt, mein lieber Vetter Wytfield!
Henry. Jane Eyre? -- Sie, Miß--? Ja wahrlich -- das sind Sie! Und hier? Bei dir,
Sarah? Ah, da ist Versöhnung!
Mistreß Reed (an seinen Blicken hangend, hört kaum, was vorgeht). Du kommst von Clarens-House, du hast Briefe von John?
Henry (zieht einen Brief hervor). Nicht von ihm, aber ich konnte es nicht verschieben -- du mußt alles wissen, Sarah, denn vielleicht ist noch Rettung möglich.
Mistreß Reed (bebend). Rettung! Rettung?
Henry. [Du hast meine Warnungen nie gehört, du warst blind für diesen Elenden, zu deinem eigenen Verderben!] Ich kann dir's nicht ersparen, die Zeit drängt. John Reed ist -- entflohen -- nachdem er für tausend Pfund Wechsel gefälscht hat, die eingelöst werden müssen, wenn die Schmach unseren Namen nicht unauslöschlich --
Mistreß Reed (hat jedes Wort zuckend begleitet, wird starr und sinkt lautlos in Janes Arme).
Jane (fängt sie auf). O Gott, mein Gott!
Rowland (der im Begriff ist, einzutreten, bleibt bei Janes Ausruf wieder stehen und tritt etwas zurück).
Henry (eilt hinzu, sie bringen Mistreß Reed auf die Chaiselongue links).
Jane (ihre Hand und Stirn reibend). Tante Reed! Fassen Sie sich! Tante Reed, hören Sie mich?
Henry (leise). Ah -- die Unglückliche weiß das Ärgste nicht -- es ist alle Wahrscheinlichkeit, daß John sich selbst entleibt hat!
Jane (faltet die Hände). Gott der Barmherzigkeit!
Henry (finster). Gott der Gerechtigkeit müssen Sie sagen, Jane Eyre! Sie büßt schwer, was sie an Ihnen verschuldet hat!
Jane (in Thränen). O, sagen Sie nicht so! Ihr Haß war eine Krankheit ihrer Seele, die Onkel Reed vielleicht durch seine übergroße Liebe für mich erzeugte!
Mistreß Reed (bewegt sich und schlägt die Augen auf). Ah!
Jane. Sie lebt! (Mild und tröstend). Tante Reed, wie ist Ihnen?
Mistreß Reed. Du nennst mich Tante -- du hast es einst verschwören!
Jane (in Thränen). Ich war ein wildes ergrimmtes Kind, ich wußte nicht, wie böse ich gegen Sie war! Tante Reed, vergeben Sie mir, daß ich Ihr Leben getrübt, Ihr Gewissen belastet habe!
Mistreß Reed. Ich habe dich nach Lowood verbannt, ich hatte meinem Manne versprochen, dich wie mein Kind zu halten -- ich that es nicht -- ich habe dir zweimal unrecht gethan, habe dir daher nichts zu vergeben; es war ein Unglück, daß du geboren worden.
Jane (das Gesicht in beiden Händen verbergend). Ja, ja! O ja!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Es ist etwas Entsetzliches geschehen -- ich weiß es, ich fühle es, da, da! (Sie drückt die geballte Faust auf die Brust.) Mein Herz brennt wie Feuer! Ich habe nichts auf der Welt geliebt als John, nur er konnte mein Herz so zerfleischen. (In schmerzlichem Aufschrei.) John ist tot.
Jane (schüchtern). Aber -- Sie haben noch eine Tochter!
Mistreß Reed (auffahrend). Ja -- ja! Und sie muß glücklich, muß reich werden, und wir müssen leben! Darum mußt du fort.
Rowland (steht mit untergeschlagenen Armen und macht eine Bewegung, als verstände er plötzlich, was vorgeht).
Mistreß Reed (zieht mit zitternder Hand ein Portefeuille aus der Tasche, öffnet es, indem sie spricht). Dein Onkel lebt und harrt noch auf dich -- da, da ist sein erster und --- zweiter Brief, ich habe mich nie davon getrennt, ich dachte immer: einmal komme doch der Augenblick, diese Last von meinem Gewissen zu wälzen! Ha, er ist da! Da nimm -- und geh nun, Jane Eyre, wir sind quitt!
Jane (die Briefe nehmend). Ich werde gehen, Tante Reed -- wenn Sie mir Ihren Segen mitgeben! (Sie streckt beide Arme nach ihr und will ihre Hand fassen.)
Mistreß Reed (schaudernd, fährt zurück). Meinen Segen?! Du hast John gehaßt, hast ihn einmal umbringen wollen -- nein, nein -- ich kann dich nicht segnen, der Segen des Hasses wäre Gotteslästerung! Aber -- du gehst, um Georgine glücklich zu machen, ich werde dir Gutes wünschen --- mehr kann ich nicht, (schwer atmend) mehr kann ich nicht!
Rowland (erhebt entschlossen das Haupt und tritt zurück).
Mistreß Reed (fortfahrend). Gott allein ist die Gerechtigkeit, Gott wird es recht mit uns machen! (Sie stützt sich, dem Umsinken nahe, auf Henrys Arm und geht mit ihm durch die Mitte ab.)
Henry (reicht im Abgehen Jane die Hand).
Elfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (stand wie erstarrt und schaudernd, in wilder Verzweiflung ausbrechend). Haß! Haß! Haß -- und nirgend Liebe für die Waise! (Mistreß Reed nachsehend.) Ja, Unglückselige, ich gehe; einsam gehe ich durch alle die Millionen Lebenden – einsam nach einem fernen Weltteil zu dem Einzigen auf Gottes großer Erde, der nach Jane Eyre verlangt! (Mit finsterem Entschluß.) Ich bin sein! (Sie wendet sich zum Abgang).
Zwölfter Auftritt.
Die Vorige. Rowland ernst und ruhig von rechts.
Jane (zusammenfahrend, erblickt Rowland). Ah, da ist er! Es ist Gottes Wille!
Rowland (näher kommend). Wohin, Miß Eyre?
Jane (gefaßt und fest). Ich suchte Sie, Herr!
Rowland. Das ist wohl das erste Mal, seit wir uns kennen!
Jane. Ich hatte Ihnen auch noch nie eine Bitte vorzutragen, Herr!
Rowland. Eine Bitte? Sie? Was wollen Sie von mir?
Jane (fest). Ich bitte Sie -- mich fortzuschicken.
Rowland (sehr erleichtert). Ah! Warum erbitten Sie, was in Ihrem freien Willen steht?
Jane. Ich gab Ihnen das Wort, daß ich nicht von hier gehen werde, ehe Sie mich selbst fortschicken.
Rowland. Ah, jetzt besinne ich mich! Richtig, es ist so. -- -- Nun wohl, wenn Sie gehen wollen, ich schicke Sie fort!
Jane. Ich danke Ihnen, Herr!
Rowland. Was aber treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? -- Sie schweigen? Mir deucht, ich verstehe die Schrift um diesen stummen Mund -- Judith hat Ihnen gesagt: ich sei ein Ungeheuer, ich halte ein armes Weib hier gefangen, mein Weib!
Jane (ruhig). Nicht sie, Herr, andere sagten das.
Rowland (immer ruhig und prüfend). Und Sie haben dies Gerücht mit dem Ereignis jener Nacht in Verbindung gebracht – [finstere Gedanken, unheimliche Zweifel sind in Ihnen erwacht, haben Ihr Urteil über mich verwirrt -- nicht so?
Jane (sieht ihn groß und klar an). Nein, Herr, ich wußte, daß alles das Lüge sei.
Rowland (von einem Freudenstrahl durchzuckt, sich gewaltsam bezwingend). Ei! -- Und woher kommt Ihnen diese Überzeugung?
Jane. Aus meiner Achtung für Sie, Herr -- die mein Stab und meine Stütze sein wird, wenn -- ich allein in der Fremde lebe.
Rowland. Das ist gut, das ist brav von Ihnen, Jane Eyre, und damit Ihnen nichts diese Stütze rauben könne -- auch wenn wir für immer scheiden-- soll es klar zwischen uns werden. Der Zufall oder Ihr Verhängnis haben Sie in ein Geheimnis eingeweiht, das Sie unter allen Lebenden allein mit dem Friedensrichter der Grafschaft und mir teilen sollen, Sie, die Sie zu schweigen wissen wie ein Mann!] Sie wollten nicht fragen, so lege ich mein Vertrauen freiwillig auf Ihr Herz. Jener Dämon, der mich lebendig verbrennen wollte, ist nicht Gratia Poole, wie Sie glaubten -- es ist eine Wahnsinnige, der ich Schonung schulde, die ich keiner Anstalt, keiner Pflege als der Gratias anvertrauen darf, denn sie hat den Namen dieses Hauses entehrt -- es ist --
Jane (mit krampfhaft gefalteten Händen und bebendem Ton). Lady -- Rochester?
Rowland (finster, fast tonlos). Lady Hariette Rochester.
Jane (zuckt zusammen, sieht vor sich nieder und steht regunglos).
(Pause.)
Rowland (betrachtet sie scharf, als erwarte er eine Antwort, und fährt dann kalt und mit untergeschlagenen Armen fort). Sie war meine erste -- und bis vor wenigen Monden -- meine einzige Liebe! Gelebt hatte ich, wild und zügellos -- geliebt nicht mehr! Ich war der jüngere Sohn, also arm -- aber wir liebten uns -- sie ward meine Braut. Man sandte mich für ein Jahr nach London -- als ich wiederkehrte -- hielt sie eben Hochzeit mit dem reichen Erben unseres Hauses -- sie hatte Arthur dem armen Rowland vorgezogen -- sie ward --
Jane (ihre Freude gewaltsam bekämpfend, schreit auf). Ihres -- Bruders Weib?
Rowland (fast tonlos jedes Wort abwägend). Meines -- Bruders Weib! In jener Nacht wollte ich ihn erwürgen -- aber man band den jungen Kain, mein zärtlicher Vater erklärte mich für toll -- man schleppte mich auf ein Schiff, und erst in Indien fand ich die Vernunft -- aber nicht den Glauben an Gott und Menschheit wieder. Mein Vater starb -- mein Bruder zog mit ihr nach dem Kontinent -- ich hörte endlich, daß auch sie dort gestorben--- ich blieb kalt, ich konnte selbst der Toten nicht vergeben, mein Herz war vergiftet! -- Jahre vergingen, als ich eines Tages die Nachricht von dem Ableben meines Bruders empfing. Der Tod hatte unter den Schuldigen aufgeräumt; ich kehrte nach England zurück, trat mein Erbe an, und mit ihm – empfing ich in geheimer Zuschrift das grauenvolle Vermächtnis, das die Reue des Heimgegangenen mir an das Bruderherz legte. Arthur hatte mir die Braut geraubt -- und (fürchterlich) Hariette Rochester hatte mich dafür so furchtbar an ihm und sich selbst gerächt, wie es keine menschliche Phantasie, selbst meine rachelechzende Seele nicht erdacht hätte! (Wieder ruhiger, aber hastig.) Ihre Verblendung war einem glühenden Haß gegen Arthur gewichen; das Unglück seiner Ehe zu verbergen, brachte er sie nach dem Kontinent- in Genf erkrankte er tödlich -- und als er genas-- war die Elende mit einem schönen Polen -- verschwunden.
Jane (zurückfahrend, sieht entsetzt und erglühend vor sich nieder).
Rowland. Stolz und grausam, wie Arthur es war, meldete er den Tod seiner Gattin nach England, verfolgte still und rastlos die Spur der Flüchtigen bis, nach kaum einem Jahr, ihr Geschick sie in Paris in seine Hand gab. Den Verführer durchstach er vor ihren Augen, ein Kind, das sie im Arm hielt, entriß er ihr und übergab es einer Pension -- sie selbst schleppte er mit ihrer Amme, Gratia Poole, nach England und vergrub sich mit ihr in unser fernes Waldschloß Fardean. Niemand ahnte sein Geheimnis, das er mit Fieberangst hütete. [Er hatte sich die Nemesis selbst angekettet!] Als er der Unseligen Adele entriß, hatte sie den Verstand verloren, und nichts von Erinnerungen war ihr geblieben als der glühende Haß gegen den Mörder ihres Geliebten! -- Arthurs Rache war gesättigt, aber die Angst um sein Geheimnis, vielleicht auch Reue, verzehrte ihn. Der letzte Wille des Sterbenden legte mir die Pflicht auf, jenes verlassene Kind nach England, die Wahnsinnige aus der Moorluft in Fardean in dieses feste Schloß zu bringen und die Schande unsers Hauses heilig zu bewahren. Wie ich diese Pflicht bis heute erfüllte – wissen Sie, Jane Eyre!
Jane (mit bebender Stimme, ihre Bewegung niederkämpfend). Auch wie Ihre Wohlthat belohnt wird, Herr -- dieses Weib wollte Sie ermorden.
Rowland. Das galt nicht mir! Sie begreift nicht, daß ihr Gatte tot sei, in ihrem wirren Geist lebt Arthur in mir, der leider seine Züge trägt. Mit dem Instinkt des Hasses errät sie stets meine Nähe hier -- und strebt mit der Schlauheit des Wahnsinns unermüdet, mich zu verderben! So benutzte sie Gratias kurze Abwesenheit, um Feuer an mein Lager zu legen, und ohne die Elende hätte ich nie erfahren -- welch eine entschlossene Seele in dem zarten Leib Jane Eyres wohnt!
Jane (ohne ihre innere Bewegung zu verraten, wie reflektierend). So sind Sie also der Pfleger des Weibes geworden, das Sie verriet, und der Vater eines Kindes, dessen Mutter Ihr Glück zerstörte. Das ist edel, Herr -- das ist groß!
Rowland (trocken). Ich wollte keine Kritik meines Verhaltens von Ihnen, Jane Eyre, ich wollte Ihnen nur das Erröten ersparen, wenn Sie einst Ihres -- Herrn gedenken. Oder -- gehen Sie vielleicht jetzt nicht mehr?
Jane (zusammenfahrend). Ob ich gehe, Herr? -- O ja – (heftig) gewiß -- noch heute!
Rowland (sieht sie forschend an). Also nicht deshalb wollen Sie fort?
Jane. Nein, Herr, nicht deshalb -- ich hielt Sie nie für schuldig.
Rowland (forschend). Weshalb aber gehen Sie denn! — Weil es dieses Weib, das Sie so sehr haßt, Ihre Tante, von Ihnen fordert?
Jane (sieht ihn groß an). Mistreß Reed? -- Nein, ich war vorher dazu entschlossen.
Rowland. So? Seit wann?
Jane. Sie sagten mir, daß Sie heiraten.
Rowland. Das ist wahr, ich denke zu heiraten -- und bald soll es geschehen!
Jane (gefaßt, aber sanft). Dann wird Adele auf eine Schule geschickt werden und bedarf keiner Gouvernante mehr.
Rowland (nickend). Hm! Das könnte wohl sein, Georgine macht sich nicht viel aus Kindern, und Sie wollen meiner Frau aus dem Wege gehen, nicht wahr? -- Sie ist Ihnen zu hochmütig?
Jane (mit leiser, bebender Stimme). Das ist es nicht. Ich fühle nur, daß ich nicht mehr hierher passe, wenn Sie verheiratet sind, Herr!
Rowland (als dächte er nach). Sie mögen recht haben, ich glaube es selbst. Aber -- wo wollen Sie hin? Sie haben keine Stelle --
Jane. Meine Stelle ist gefunden -- ich gehe zu meinem Onkel nach Madeira.
Rowland (immer ernst und ruhig). Nach Madeira? Hm! Das ist ein weiter Weg, Jane Eyre!
Jane (kaum hörbar). Ja -- ein weiter Weg!
Rowland. Zwar -- für ein Mädchen von Ihrem Verstande und festen Sinn ist das kein Hindernis! Indessen -- das Weltmeer wird sich zwischen Sie und Ihr Vaterland legen --
Jane (schwer atmend. Das Weltmeer -- ja –
Rowland (mild). Und auch zwischen -- uns!
Jane (wie sein Echo, leise). Zwischen uns.
Rowland. Wir werden nichts mehr von einander hören.
Jane (wie oben). Nichts mehr!
Rowland. Wir werden einander nie wiedersehen!
Jane (zitternd). Nie -- nie wiedersehen! (Sie bricht plötzlich in Thränen aus.)
Rowland (ruhig). Weshalb -- weinen Sie, Miß Eyre?
Jane (die Thränen zurückdrängend). Ich liebe Thornfield, es war ein schönes glückliches Asyl für die verlassene Waise. Man hat mich hier nicht mit Füßen getreten, wie ich es gewohnt war so viele Jahre; [man hat mich geweckt aus der Versteinerung meines Unglücks -- man hat mich nicht bei untergeordneten (immer wärmer werdend) Geistern begraben,] ich habe Angesicht zu Angesicht mit dem verkehrt, was ich verehre, was mich erhob, [mit einem kräftigen, genialen und umfassenden Geist,] ich habe Sie erkennen gelernt, Lord Rochester! Ich fühle die Notwendigkeit, mich von allem hier loszureißen, aber sie gleicht für mich der Notwendigkeit des Todes! Soll ich da nicht weinen, Herr? (Sie verbirgt das Gesicht schluchzend in ihren Händen.)
Rowland. Das ist alles wahr, aber wenn Sie so schwer gehen, können Sie ja hier bleiben.
Jane (läßt die Hände plötzlich fallen, wendet sich rasch nach ihm, ihre Augen funkeln von innerem Zorn). Bei Ihnen bleiben? – Wenn Sie verheiratet sind?
Rowland. Gewiß! Sie halten die Trennung nicht aus, Sie müssen bleiben!
Jane (zitternd, leidenschaftlicher werdend, bis sie endlich in ihren ursprünglichen Charakter zurückfällt). Ich sage Ihnen aber, ich muß gehen, die Trennung werde ich aushalten -- das Leben hier nimmermehr! Denken Sie, ich könnte es tragen, nichts mehr für Sie zu sein, [ein überflüssiges Möbel aus alter Zeit, das man aus Pietät nicht eben den Flammen übergiebt? Halten Sie mich für einen Automaten, für eine Maschine ohne Empfindung, die sich den Tropfen lebendigen Wassers, nach dem sie lechzt, von den Lippen nehmen läßt, ohne zu zucken?] Glauben Sie, weil ich arm und klein, einfach und verlassen bin, ich hätte deshalb kein Herz, keine Seele? -- Sie irren sich in Ihrem Hochmut, ich habe so viel Seele wie Sie, und ebenso viel Herz! [Ich verstehe Sie besser als alle anderen, denn jene sind nicht von Ihrer Art -- ich aber, ich bin von Ihrer Art, Herr, ich fühle etwas in Kopf und Herzen, in Blut und Nerven, was mich Ihnen verwandt macht, was mich geistig Ihnen vereint! Und wenn Gott mich mit Schönheit und Reichtum gesegnet hätte -- so sollte es Ihnen gewiß ebenso schwer werden, mich gehen zu sehen, als es mir ist, Sie zu verlassen.] Ich rede jetzt nicht nach Sitte und Herkommen, noch vermöge meines irdischen Teils, nein, es ist mein Geist, der Ihren Geist anredet, als wären wir schon gestorben und unsere Seelen ständen sich gleich, wie sie sind, zu den Füßen Gottes!
Rowland (dessen Brust heftig arbeitet, der regungslos stand, um den Strom ihrer Worte nicht zu hemmen, schlingt plötzlich die Arme um sie und preßt sie an sich). Gleich, wie wir sind! So, so, meine kleine Jane!
Jane (überrascht, aber ohne aus dem früheren Ton zu fallen, steht in seiner Umarmung). Ja -- so -- und doch nicht so -- denn Sie sind so gut wie verheiratet, und zwar an ein Wesen, das Sie nicht wahrhaft lieben können, weil es tief unter Ihnen steht! Und nun -- lassen Sie mich, ich habe meine Gesinnung ausgesprochen, nun kann ich gehen, wohin ich will!
Rowland (sie fester an sich drückend). Das kannst du nicht mehr, Jane Eyre, das Netz schlug über dir zusammen, du bist gefangen.
Jane (sich rasch von ihm losmachend). Ich zerreiße es! Ich bin ein freies Wesen mit unabhängigem Willen.
Rowland. Und du glaubst, ich würde dich lassen, nachdem du so zu mir gesprochen? (Umfaßt sie plötzlich mit beiden Armen.) Weißt du, daß ich dich brechen kann wie Rohr, kleines Mädchen, ehe ich dich von mir gehen lasse?
Jane (steht unbeweglich in seinen Armen und sieht ihn groß und ruhig an). Das können Sie, Herr; mein Leib ist schwächer als der Ihre -- meine Seele ist stärker -- und meine Seele ist mein!
Rowland (sie mit glühenden Blicken betrachtend). O, wie sie mich kennt und sich, wie sie wahr spricht! Was will ich denn! Diesen Geist, diesen gewaltigen, trotzigen, diesen großen Geist will ich, und er würde mir durch die Finger schlüpfen, wie flüchtiges Kali, wenn ich den Käfig zertrümmerte, der ihn fesselt! (Er schiebt sie von sich.) Nun denn, dein Wille soll dein Geschick entscheiden, Jane Eyre! Endlich hast du mir deine Seele geöffnet -- so blicke auch auf den Grund der meinen. Seit ich dich zum erstenmal sah, seit ich ein Stück von meinem Wesen in dir erkannte, kämpfe ich mit meiner vollen Manneskraft gegen dich, armes Lamm; umsonst, du hast meine Seele mit zauberhafter Gewalt an dich gerissen, sie ist dein, mein Herz ist dein, was ich bin und habe, ist dein -- nimm auch noch das Geringste, was du übrig ließest, meine Hand! (Er streckt ihr die rechte Hand hin.)
Jane (sieht ihn groß an und tritt ganz von ihm zurück). O -- spielen Sie nicht mit mir in dieser ernsten Stunde!
Rowland (zitternd vor Ungeduld und Leidenschaft). Jane, komm her zu mir!
Jane (heftig atmend, finster). Ich kann nicht, Ihre Braut steht zwischen uns, Herr!
Rowland (glühend). Ich habe keine Braut!
Jane (ihn scheu von der Seite ansehend). So haben Sie Georgine, die Sie liebt, betrogen!
Rowland. Georgine liebt nichts als sich selbst – und den Reichtum.
Jane. Was sollte sie denn hier?
Rowland. Mir den Schlüssel leihen zu deiner festverschlossenen Seele, starrsinniges Kind! Die Eifersucht mußte dir die Liebe klar machen! Nie habe ich von Liebe und Heirat mit Georgine gesprochen. Niemand, niemand hat Anspruch an mein Herz als du, wunderlicher Kobold, trotziges Schulmädchen! (Immer heftiger werbend.) Dich will ich! Arm und klein, verlassen und einfach, wie du bist, will ich dich, nur dich! [Sieh mich nicht an, als ob dein ganzes Gesicht Auge würde, so träumend, so ungläubig -- du quälst mich fürchterlich!] (Flehend). Jane, nimm mich zum Gatten, nimm mich schnell, bedenke es nicht lange -- sage: “Rowland, ich will dein Weib sein, Rowland, ich will dich lieben!” Sag's schnell, oder meine Fibern reißen, und etwas Schreckliches geschieht!
Rowland. Du, nur du! Willst du? -- Willst du?
Jane (zitternd, in Thränen). Ach Rowland, mein Herr -- meine Welt-- da hast du mich! (Sie stürzt in seine Arme).
Rowland (sie mit Entzücken an sich drückend). Und will dich ewig halten!
[Dreizehnter Auftritt.
Die Vorigen. Francis, Georgine, Lord Clawdon, Lady Clawbon, Clarisse, Judith, Mistreß Reed durch die Mitte.
Francis (höhnisch). Vergebung, Lord Rochester wir konnten nicht ahnen, so zur ungelegenen Zeit hier zu stören, um Zeuge zu werden --
Rowland (großartig, sich mit Stolz zu der Gesellschaft wendend). Wie ich Jane Eyre mit Stolz und Entzücken vor allen Lebenden als meine Braut erkenne!
Alle (in starrem Staunen). Seine Braut!
Mistreß Reed (tonlos). Ich wußte es! (Sie verhüllt das Gesicht und bleibt unbeweglich.)
Rowland (Jane umschlingend). Ja, meine Braut, mein Weib, mein Kleinod, das meine starken Arme fortan wahren werden -- und Gott, der die verlassene Waise durch die Hand des Hasses an das Herz der Liebe führte, wird zwei Seelen schützen, die nichts zu ihrem Glück bedürfen als sich selbst -- und (er legt die Hand auf Janes Haupt und streckt den Arm zum Himmel) seinen Segen!
Allgemeine Gruppe.
Georgine (reicht stolz, mit einem verächtlichen Blick auf Rowland Francis die Hand).
Francis (drückt ihre Hand an seine Lippen).
Judith (giebt ihre Freude zu erkennen).
Die übrigen (in verschiedenen Gruppen, ihre Teilnahme ausdrückend).
Jane (hat die Hände gefaltet und scheint zu beten).]
Der Vorhang fällt rasch.