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Erstes Kapitel.
Jane wird Waise.
Es dürfte nach London kaum mehr eine zweite Stadt in England geben, die geeignet wäre, auf den Fremden einen größeren und bleibenderen Eindruck zu machen, als Manchester, welches die größten Baumwollspinnereien der Welt besitzt und unter den Fabriksstädten des Kontinents den ersten Rang einnimmt. Der Eintritt in eine solche Baumwollspinnerei oder Mühle, wie die englischen Fabriksherren ihre Spinnereien zu nennen pflegen, ist höchst überraschend; denn dort, wo mehrere hundert Menschenhände beschäftiget sein sollen, um die nothwendigen Arbeiten zu verrichten,
findet man kaum den zehnten Theil der erforderlichen Arbeitskräfte, da alle wie immer gearteten Verrichtungen durch Maschinen der bewunderungswürdigsten Einrichtung besorgt werden. Die einzige Arbeit, welche von Menschenhänden
verrichtet werden muß, ist das Anknüpfen der gerissenen Fäden, denn alles Übrige besorgt die Maschine selbst; ja sogar die Dampfmaschine, durch deren Kraft die übrigen Maschinen in dauernder Bewegung erhalten werden, wird durch eine
eigens zu diesem Zwecke angebrachte Vorrichtung mit den erforderlichen Steinkohlen versehen, um ohne Hinzuthun von Menschenhänden eine ununterbrochene Heizung zu unterhalten.
Es war gegen die Mitte des Monats November, wo die kurzen Tage und die langen Nächte in einer englischen Fabriksstadt mehr als anders irgendwo zu einander im
größten Widerspruche stehen, als ein ungemein dichter Nebel sich kurz nach Sonnenaufgang über die Stadt Manchester gelagert hatte, der gegen Mittag an Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit so sehr zunahm, dass man in allen Stockwerken der ausgedehnten Fabriksgebäude seine Zuflucht zur künstlichen Beleuchtung durch Gas nehmen mußte.
Während in Manchester drüben eine rastlose Thätigkeit herrschte, war für die Fabriken der Vorstadt Salford, welche am linken Ufer des schiffbaren Irwell liegt und durch eine schöne eiserne Brücke mit der Stadt in Verbindung steht, bereits die Nachmittagsruhe eingetreten, da sämmtliche Arbeiter einem ihrer geschicktesten und menschenfreundlichsten Ärzte die letzte Ehre erwiesen. James Reed hatte sich bei einer ausgebrochenen Epidemie durch seine rastlose Thätigkeit und wahre Selbstaufopferung den Tod zugezogen, und hinterließ der bekümmerten Wittwe außer dem Rufe eines geschickten Arztes und wahren Menschenfreundes kein Vermögen, da einige hundert Pfund Sterlinge kaum hinreichend waren, den Unterhalt der Mutter und ihrer sechsjährigen Tochter auf ein Jahr zu fristen. Zwar hatte die junge Wittwe in Gateshead einen reichen Schwager, welcher der tiefbetrübten Mutter sammt der armen Waise auf seinen ausgedehnten Besitzungen den nothwendigen Unterhalt hätte sichern können; allein von dieser Seite war wenig oder gar nichts zu hoffen, da Mistreß Reed eine sehr stolze und hochtrabende Frau war, die auf die armen Verwandten ihres Mannes nur mit verächtlichen Blicken herabsah und denselben mit der größten Geringschätzung begegnete. Die Hinterlassenen zogen es nun vor, in Salford zu verbleiben und lieber auf eine kümmerliche Weise ihr Leben zu fristen, als in
Gateshead das Gnadenbrod zu essen.
So war kaum ein Jahr verstrichen, wo manche Thräne das Stück Brod benetzte, das die bekümmerte Mutter ihrem Kinde reichte, als der Gram um den Dahingeschiedenen auch
die Mutter auf das Krankenlager streckte, das sie um jene Zeit, wo der Herbst die Blätter von den Bäumen streicht, mit dem kalten Grabe vertauschte. Nun stand Jane verwaiset in der Welt da, und hätte sich nicht für den ersten Augenblick eine gutmüthige Frau zu Salford um die arme verlassene Waise angenommen und an derselben einstweilen Mutterstelle vertreten, so wäre das vom Schicksale so tief gebeugte Kind sicher an Leib und Seele zu Grunde gegangen.
Jane war zwar arm an zeitlichen Gütern, aber reich an Tugend und Frömmigkeit, wofür Vater und Mutter während ihres kurzen Lebens bestens gesorgt hatten, da beide die Überzeugung im Herzen trugen, dass nur der wahre Glaube und ein festes, unerschütterliches Vertrauen auf Gott den Menschen in Leiden und Widerwärtigkeiten stützen und durch die rauhen Wege des Lebens führen können.
Zu Gateshead wurde ein fröhliches, von Genüssen aller Art begleitetes Leben geführt, und ein Vergnügen verdrängte das andere, ohne von dem Unglücke eine Ahnung zu haben, das die nächsten Verwandten in Salford getroffen hatte. Da erschien eines Tages zu Gateshead ein Bote mit einem Schreiben, in welchem John Reed aufgefordert wurde, für die hinterlassene Waise seines Bruders zu sorgen. John Reed war über die unerwartete Nachricht von dem Tode seines Bruders bis zu Thränen gerührt, während Mistreß Reed sich ganz gleichgiltigzeigte und ihrem Manne mit wenigen, aber um desto eindringlicheren Worten bedeutete, dass sie das Bettelvolk von jeher wenig gekümmert habe. Zu einer andern Zeit hätten diese Worte der Geringschätzung und Verachtung seiner nächsten Verwandten auf John Reed weniger Eindruck gemacht, als eben jetzt, wo sein Gemüt von dem Unglücke tief ergriffen war. Das Schicksal der armen Waise ging ihm sehr zu Herzen, und er hatte fest beschlossen, dieselbe in sein Haus aufzunehmen und in Allem und Jedem seinen Kindern ganz gleich zu halten. Wäre Mistreß Reed von denselben Gesinnungen beseelt gewesen, so hätte Jane an ihrem Onkel wie an ihrer Tante zärtliche Pflegeältern gefunden, durch deren freundliche Behandlung und Sorgfalt das unglückliche Mädchen den Verlust weniger gefühlt, den es durch den Tod seiner geliebten Ältern erlitten hatte. Allein Mistreß Reed widersetzte sich dem Ansinnen ihres Mannes, so lange dies möglich war; und als sie endlich nachzugeben und die verlassene Waise in ihr Haus aufzunehmen gezwungen war, da war auch dem armen Geschöpfe die traurigste Zukunft, die man sich nur für ein älternloses Kind denken kann, beschieden.
Da John Reed die Angelegenheit eine dringende schien, so trat er auch schon nach zwei Tagen die Reise nach Salford an, um seine Nichte abzuholen und nach Gateshead zu bringen. Jane war nicht wenig erstaunt, als sie dem fremden Manne vorgestellt wurde, dem sie nun nach einem ihr ganz unbekannten Orte folgen sollte. Hätte Jane ihrem Willen und ihrem Gefühle folgen dürfen, sie wäre lieber bei ihrer zeitweiligen Pflegemutter in Salford geblieben, die sie bereits sehr lieb gewonnen hatte. Allein die Umstände geboten, und so mußte sich das Mädchen in das unabänderliche Schicksal fügen, das nach dem weisen Walten der göttlichen Vorsehung über dasselbe verfügt worden war.
Ankunft in Gateshead.
John Reed war ein freundlicher und äußerst gemütlicher Mann, zu dem jeder, der ihn auch nur kurze Zeit kannte, Zutrauen fassen mußte. Auch Jane war bald mit dem fremden Onkel bekannt und fühlte sich in dessen Nähe recht heimisch. Onkel John hatte dem Mädchen von den vielen Schönheiten zu Gateshead erzählt, die Liebenswürdigkeit
seiner Töchter Eliza und Georgiana gerühmt, jedoch des wilden John und der gehässigen Tante mit keiner Silbe erwähnt, was der Kleinen bei einigem Nachdenken doch aufgefallen sein mußte. John Reed wusste aber den von dem
Mädchen an ihn gerichteten Fragen sehr geschickt auszuweichen und bemerkte seiner Nichte mit einigen Worten, dass die Tante außerordentlich freundlich und liebenswürdig sei und sich gewiss schon auf ihre Ankunft freue. Leider sei die Tante oft kränklich, bemerkte der Onkel weiter, und dann sei sie in solchen Augenblicken gemeiniglich nicht gut zu sprechen. Onkel Reed ermunterte seine Nichte zum willigen Gehorsam, und dann werde man sie auch im ganzen Hause bald recht lieb gewinnen.
Novembertage haben an und für sich wenig Freundliches
aufzuweisen, da dichte Nebel und feuchtes Wetter überhaupt
die steten Begleiter des vorgeschrittenen Herbstes sind. Heuer schien diese Jahreszeit eine Ausnahme machen zu wollen, denn von Allerheiligen bis zum ersten Adventsonntage hatte man sich im Süden und Westen, wie im Osten und Norden von England des herrlichsten Wetters zu erfreuen, welches die Reise unserer kleinen Gesellschaft um desto angenehmer machte.
Es war schon finstere Nacht, als der Reisewagen vor dem Schlosse zu Gateshead hielt. Onkel Reed bemerkte seiner kleinen Reisegefährtin, dass sie an dem Orte ihrer Bestimmung angekommen seien, und dieses Schloss mit den
vielen Fenstern und Lichtern ihr künftiger Wohnort sein
werde. Kaum hatte Jane vernommen, dass sie am Ziele
ihrer Reise angelangt sei, so ergriff sie mit ungewöhnlicher Hast die Hand ihres Onkels und sprach mit tiefbewegtem Herzen: »Nicht wahr, lieber Onkel! Sie lassen mir hier kein Leid zufügen?«
»Beruhige Dich, mein Kind, ich werde Alles veran-
lassen, um Dir Deinen Aufenthalt auf meinem Schlosse
recht angenehm und vergnügt zu machen.«
Bei diesen Worten war ein Diener des Hauses an den Wagen herangekommen, grüßte seinen Herrn mit den Anzeichen der größten Unterwürfigkeit, hob sodann die Kleine aus dem Wagen und nahm Herrn Reed den großen Pelz ab, dessen er sich auf der Reise bedient hatte, um sich und seine Mündel vor Nässe und Kälte zu schützen.
Mit hochklopfendem Herzen betrat Jane das Stiegenhaus
und folgte dem Onkel ganz instinktmäßig über eine ziemlich
hohe, aber sehr breite Treppe, welche nach dem ersten Stockwerke führte, und wo sich auch das Gesellschaftszimmer von Mistreß Reed befand. Der Onkel wusste genau, dass er hier alle seine Leute beisammen treffen werde, um ihnen seinen kleinen Gast vorzustellen, deshalb begab er sich mit seiner Nichte unverzüglich nach jenen Räumlichkeiten des Schlosses.
Hier wurde Jane ihrer Tante und ihren Cousinen vorgestellt; den muthwilligen und ränkesüchtigen John sollte Jane erst
später kennen lernen, denn er war heute etwas früher als
sonst zu Bette gegangen, da er den ganzen Nachmittag über
heftige Kopfschmerzen klagte.
Mistreß Reed sprach sehr wenig, und die kargen Worte,
die sie an ihre kleine Nichte gerichtet hatte, waren voll Hass und Bitterkeit. Darum nahm John Reed das Wort und empfahl die Kleine der Obhut und Sorgfalt der Kindermuhme Bessie, und wies Jane an, in Allem, was sie benöthigen werde, die Bessie anzugehen, welche stets mit größter Bereitwilligkeit für deren Bedürfnisse sorgen werde. Nach dieser kurzen Ansprache trennte sich die Gesellschaft, und Bessie nahm die Kleine bei der Hand, um sie nach der Kinderstube zu führen; denn hier war für die Unterkunft des neuen Sprösslinges des Hauses Reed bereits Sorge getragen.
Jane fühlte sich in dem Hause ihres Oheims nicht heimisch. Ein unnennbarer Schmerz bemächtigte sich oft ihres gepressten Herzens, dem nur ein Strom heißer Thränen etwas Linderung zu verschaffen im Stande war. Es waren kaum zehn Tage verstrichen, so mußte Jane wol den Unterschied bemerken, den nicht nur Mistreß Reed, sondern auch die Domestiken zwischen ihr und den Kindern des Hauses machten. Eliza und Georgiana benahmen sich zwar anfangs
recht liebenswürdig gegen ihre jüngere Kousine; allein schon nach wenigen Wochen schimpften und schmähten sie auf die Kleine und dichteten derselben allerlei Fehler an, die Mistreß Reed auf das bloße Wort ihrer so wahrheitsliebenden Töchter an der armen Waise mit aller Strenge gestraft haben
würde, wenn Jane nicht an dem Onkel einen mächtigen und in jeder Beziehung gerechten Beschützer gehabt hätte. John Reed mußte dann seine Töchter beschwichtigen und ihnen begreiflich machen, dass jeder Mensch seine Fehler und Schwachheiten besitze. Und eben darum sei es unsere Pflicht, mit den Schwächen und Gebrechen unserer Nebenmenschen Nachsicht zu haben, damit auch wir auf die Nachsicht Anderer wieder Anspruch machen können. Übrigens sei Jane von gutmüthiger Natur, besitze ein äußerst versöhnliches Herz und sei gegen jedermann gefällig, wenn man ihr ebenfalls freundlich und liebevoll entgegenkomme. In Abwesenheit des Onkels nahm Jane ihre Zuflucht zu Bessie und bat sie oft um Schutz gegen die Lästerungen und Verfolgungen der Kinder des Hauses; allein das getäuschte Kind kam alsbald zur Einsicht, dass Bessie auf der Seite Mistreß Recd und ihrer Kinder stehe und genau so spreche, wie es diese gern zu hören gewohnt waren.
Am meisten hatte die Keine von dem zanksüchtigen, äußerst unverträglichen und parteiischen John, ihrem Kousin, zu leiden. John hatte ungefähr das eilfte Jahr erreicht, und war nicht nur faul und träge beim Lernen, sondern auch lässig in der Erfüllung seiner übrigen Pflichten und im Fluchen ein Meister. An ein Morgen- oder Abendgebet war bei dem Jungen nicht zu denken, weil ihn niemand daran erinnerte und zum Beten anhielt; und vor dem Mittagstische
zu beten hielt Mistreß Reed nicht mehr schicklich, denn dazu, meinte sie, sei John schon zu groß. So wuchs der Knabe in einer gänzlichen Wildheit und Rohheit heran, ohne Religion und ohne Grundsätze, ohne Glauben und Gottesvertrauen, blos seinen Leidenschaften und Begierden fröhnend. Durch seinen Übermuth und seine Zügellosigkeit wurde der Junge zur wahren Hausplage für die Dienerschaft, die sich von dem kleinen Wildfang stoßen, beißen, schlagen und alle anderen Unbilden gefallen lassen mußten, wenn Einer oder der Andere seinen Dienst nicht aufgeben wollte. Wie nun unsere arme Jane bei diesem Wildfang wegkam, lässt sich leicht denken.
So verstrichen drei kummervolle Jahre für die Kleine, wo sie unzählige Male zu Gott ihre Hündchen erhob und den
Herrscher des Weltalls im brünstigen Gebete bat, sie wieder
aus diesem Hause zu führen, damit sie von den Qualen und
Leiden, denen sie in dem Hause ihres Onkels täglich und
stündlich ausgesetzt war, endlich befreit werde. Allein das
Maß ihrer Leiden war noch nicht voll. Gott hatte in seiner
unendlichen Weisheit beschlossen, unsere Jane noch größeren und härteren Prüfungen zu unterziehen, damit ihr Herz von den Schlacken des irdischen Lebens vollkommen gereiniget und für ein besseres und freudenreicheres Leben empfänglich
gemacht werde.
Der plötzliche Tod des Onkels gab den häuslichen Verhältnissen zu Gateshead eine ganz andere Wendung, welche auf das künftige Schicksal der Kleinen einen mächtigen Einfluß hatte. Jane hatte durch den Tod ihres Onkels nicht nur einen ihrer nächsten Verwandten verloren, den sie bereits recht lieb gewonnen hatte, sondern das Schicksal war so
grausam, ihr auch den einzigen Beschützer zu Gateshead zu
rauben. Die Lage der Verlassenen war eine höchst beklagenswerte, denn nun sollten für sie die schwersten Tage der Prüfung eintreten. Das Maß ihrer Leiden mußte voll werden, damit auch für sie wieder das Licht des Glückes zu dämmern beginne, und ihr eine bessere Zukunft in Aussicht stelle.
Das rothe Zimmer.
»Es war ein recht freundlicher Septembermorgen, deren man in diesem Jahre wenige aufzuweisen hatte, als auf dem
Schlosse zu Gateshead beschlossen worden war, kurz nach Tische nach den neuen Anlagen hinauszufahren, um sich daselbst in der freien Luft ein wenig zu ergehen. In der Kinderstube herrschte eine rege Thätigkeit. Alle Hände waren beschäftiget, um Eliza und Georgiana auf das Sorgfältigste anzukleiden und deren Toilette in Ordnung zu bringen, da Mistres Reed bei ihren Töchtern die Putzsucht schon ziemlich früh wachgerufen hatte. Den beiden Mädchen war kaum irgend ein Kleid mehr gut und schön genug, selbst wenn es aus den theuersten und gesuchtesten Stoffen angefertigt worden war. Sie wussten über Alles und Jedes eine Ausstellung, und nannten die elegantesten Kleidungsstücke nur Fetzen. Dass der liebe Gott endlich über so hoffärtige und verdorbene Kinder seine Zuchtruthe mit der ganzen Macht ihrer drückenden Last werde niedergehen lassen, war wol leicht vorauszusehen.
Während sich auf dem Schlosse Alles putzte und schmückte, stand Jane in einem zwar einfachen, aber ganz netten Anzuge da und war schon längst zur Fahrt bereit; auch Mistreß Reed war im vollen Putze auf der Kindsstube erschienen, um ihre Töchter zu ermuntern, doch endlich mit ihrem Anzuge in Ordnung zu kommen. Da trat auch der wilde John in die Stube, näherte sich unbemerkt Jane, die eben mit dem Rücken gegen die halbgeöffnete Thür da stand, erfasste das Mädchen ohne die geringste Veranlassung bei der Chemisette, und riss der Kleinen dieselbe entzwei. Jane stieß einen lauten Schrei aus, und die Thränen rollten dem armen tiefgekränkten Mädchen über die Wangen, während John und seine Schwestern in ein höllisches Gelächter ausbrachen. Und was sagte Mistreß Reed zu dem Muthwillen ihres zügellosen Sohnes? — Sie wendete sich zu Jane und
sprach: »Jetzt kannst Du zu Hause bleiben, weil es Dir nicht möglich ist, John in Ruh zu lassen.«
Jane konnte vor Thränen und Schluchzen nicht sprechen. Sie ließ sich in der Fensternische auf einen Stuhl nieder, zog ihr Sacktuch aus dem Kleide, um sich Augen und Wangen abzutrocknen, während die ganze Gesellschaft, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer verließ, um sich zur Pforte des Schlosses zu begeben, wo bereits zwei muthige Rosse mit den Vorderfüßen beständig im Sande scharrten, da sie des langen Wartens schon überdrüssig zu sein schienen. Das Knallen der Peitsche und das Rollen der Räder sagten der tiefbetrübten Jane, dass der Wagen bereits abgefahren sei.
Es kann nicht geleugnet werden, dass Jane über den Muthwillen ihres Kousins höchst entrüstet war; aber es schmerzte das Mädchen auch auf eine unnennbare Weise, durch die Zügellosigkeit und die Bosheit John's um ein Vergnügen gebracht worden zu sein, dem sie schon lange Zeit mit Sehnsucht entgegengesehen hatte. Allein es geht uns und
vielen andern Personen oft um kein Haar anders. Wir grämen uns oft bei einem eingetretenen Unfalle oder bei einem über uns hereingebrochenen Unglücke, ohne zu bedenken, ob eben dieser Unfall oder dieses Unglück uns und unserem ganzen Hause nicht zum Nutzen gereichen könne.« In solchen Fällen die weisen Rathschlüsse Gottes zu erkennen, kommt uns und manchem Anderen nicht in den Sinn.
So mag es auch heute Jane ergangen sein. Sie hielt diesen Unfall für ein großes Unglück und kränkte sich nicht wenig darüber, dass das Schicksal so schonungs- und rücksichtslos mit ihr verfahre. Als aber der Abend heranrückte, ward Jane vom Gegentheile überzeugt, und pries den Augenblick glücklich, wo ihr von dem zügellosen und boshaften John
eine solche Schmach zugefügt worden war, dass sie an der
Vergnügungsfahrt nicht theilnehmen konnte. Ein fremder
Wagen fuhr in den Schlosshof; auch der Kutscher und die
Pferde waren Jane, die eben durch's Fenster nach dem Schlosshofe blickte, ganz fremd. Jane lief zur Bessie, um sie hiervon in Kenntnis zu setzen, dass eine fremde Kutsche an der Pforte gehalten habe, als der alte Doriel ganz athemlos die Treppe heraufkroch, um die Bessie zu rufen.
Welch eine Ueberraschung, als Bessie sich dem Wagen
genähert hatte! Mistreß Reed lag in demselben und ein
Fremder ihr zur Seite, der sie unablässig zu stützen suchte. Die gute Frau hatte den Kopf verbunden und trug den rechten Arm in der Schlinge, welcher gebrochen war. Die
Pferde waren scheu geworden; der Kutscher konnte die muthigen Thiere nimmer bändigen, kam zu nahe an einen Graben und warf um. Die Kinder waren jämmerlich zerschlagen und zerschunden, und Mistreß Reed hatte nebst einem Beinbruch noch mehrere Kopfwunden davongetragen.
Auf Jane hatte das Unglück, welches die Tante getroffen hatte, einen großen Eindruck gemacht; selbst Eliza und Georgiana dauerten sie, nur die Unbilden, welche John erlitten hatte, konnten dem Mädchen nicht das geringste Mitleid abnöthigen. Über ihn, meinte sie, sei die gerechte Strafe gekommen, und was den losen Jungen begegnet, sei für die verruchten Bubenstücke, die er schon in Unzahl verübt hatte, viel zu wenig gewesen.
Wochen waren verstrichen, bis Mistreß Reed von den Lei-
den, die sie sich durch jene Lustfahrt zugezogen hatte, nur einigermassen wieder hergestellt worden war. Sie brachte daher täglich einige Stunden im Gesellschaftszimmer oder auch in der Kinderstube zu, wo ihr Eliza und Georgiana Gesellschaft leisteten; John war wol seltener zugegen, da er auf dem Hühnerhofe, oder beim Taubenhause oder sonst irgendwo zu thun hatte, um die armen Thiere zu peinigen. Fand er aber nirgends Gelegenheit, an den harmlosen Thieren seine höllische Lust zu kühlen, dann begab sich der verwilderte Junge nach der Kinderstube, wo ja noch immer Jane zugegen war, die er nach Herzenslust necken und peinigen konnte.
Es war an einem rauhen Wintertage, wo Mistreß Reed auf einem Sofa nahe beim Kamin lag, und umgeben von ihren Lieblingen, ganz in ihrem Glücke zu sein schien. Eliza und Georgiana saßen zu ihren Füßen, John hatte sich auf einem kleinen Rohrstuhle neben dem Kopfkissen der Mama niedergelassen, die dem wilden Jungen mit der Linken die
Haare aus der Stirne strich, da sie die Rechte noch nicht gebrauchen konnte. In einiger Entfernung stand Jane, die sich dieser geselligen Gruppe nicht anschließen durfte, weil Mistreß Reed schon seit lange her mit der Kleinen gänzlich unzufrieden war. Sie glaubte deshalb eben heute den rechten Augenblick gefunden zu haben, um Jane in Gegenwart ihrer Kinder und der Bessie, die eben ins Zimmer getreten war, einen derben Verweis über ihr Betragen geben zu müssen und sprach: »So lange ich nicht von der Bessie höre oder aus eigener Erfahrung wisse, dass Du Dich ernstlich bestrebst, Dir eine gefälligere, kindlichere und empfindsamere Gemütsart, ein anziehenderes und natürlicheres Wesen anzueignen, muß ich Dich in der That von Vorrechten ausschließen, die man nur besseren, zufriedeneren und dankbareren Kindern zugestehen kann.«
Diese freundliche Ermahnung wäre in der That nicht zur Unzeit gekommen, wenn sie Diejenigen auf sich bezogen haben würden, für die eine solche Rüge von großer Wirksamkeit und gutem Erfolge gewesen sein müßte. Allein Jane, wiewol erst zehn Jahre alt, besaß für ihr Alter einen zu hellen Verstand, um nicht zu erkennen, daß eine solche Rüge nicht sie, sondern diejenigen verdient haben würden, die sich mit all ihren Fehlern, Leidenschaften, Ungezogenheiten und Lastern dennoch Mistreß Reed's Lieblinge nennen durften.
Die Kleine stand mit niedergeschlagenen Augen und hochgerötheten Wangen da. Ein tiefer Seufzer entwand sich ihrer Brust, und indem die reichlichen Thränen der Sprache den Weg gebahnt hatten, sprach sie: »Und was sagt Bessie, dass ich gethan habe?«
»Jane,« nahm Mistreß Reed das Wort, »Kinder, die so gerne widersprechen, wie Du, können weder ich noch die Meinigen in ihrer Nähe dulden. Zudem ist es wahrhaft empörend, ein Kind vor sich zu sehen, das sich erdreistet, an die Frau des Hauses, an ihre freundliche, zärtliche und liebevolle Tante eine solche Frage zu richten. Denkst Du nicht daran, dass Du in meinem Hause nur das Gnadenbrod genießt? -- Ein Bettelkind, wie Du, kann man täglich und stündlich auf die Straße setzen. Geh' mir augenblicklich aus dem Zimmer, und komme mir nicht eher unter die Augen, bis Du von mir oder sonst Jemanden im Hause gerufen wirst.«
Während Mistreß Reed noch sprach, hatte Jane ihr Sacktuch hervorgezogen, um sich die Thränen abzutrocknen, die ihr der Schmerz in reichlicher Anzahl ausgepresst hatte.
Als nun Mistreß Reed mit ihrer Ansprache zu Ende war, verließ die Kleine das Zimmer, um in der Einsamkeit über ihr Unglück nachzudenken.
Neben dem Gesellschaftszimmer befand sich ein kleineres Zimmer, wo in den Wintermonaten das Frühstück eingenommen wurde. Hierher begab sich also das Mädchen, um ungestört ihrem Schmerz nachhängen zu können. In diesem Zimmer befand sich ein Bücherkasten, der nebst manchen andern Werken auch viele interessante Jugendschriften aufzuweisen hatte. Jane näherte sich dem Schranke und nahm Berick's Naturgeschichte heraus, um darin zu lesen. Damit sie aber ungestört sei, trat sie in die Fensternische, schwang sich auf den Fenstersitz, zog den langen Vorhang von rothem Moir ganz zu, damit sie nicht so leicht bemerkt würde, wenn etwa eines von den Kindern Lust hätte, sie hier zu suchen. Jane blätterte längere Zeit in ihrem Lieblingsbuche, sah dann durchs Fenster nach der starren und frostigen Gegend, die schon hie und da mit leichtem Schnee überzogen war, und kam endlich wieder auf ihr Buch zurück.
Die hübschen und ziemlich getreuen Abbildungen hatten
die Fantasie unserer kleinen Leserin alsbald wach gerufen; nicht minder zog die höchst interessante Beschreibung der Polargegenden und der nur in diesem kalten Himmelstriche lebenden Seevögel die Aufmerksamkeit des wissbegierigen Mädchens auf sich. Die Winterlandschaft von Gateshead versetzte Jane ganz in die Polarwelt, wo Frost und Schnee, wo feste Eisfelder, von mehr als tausend Wintern in gebirgartiger Schichtung angehäuft, den Pol umgeben, und alle Schrecken der Natur in sich vereinigen. Das Mädchen konnte nicht begreifen, wie es dennoch Menschen gebe, die ungeachtet der großen und fast unüberwindlichen Gefahren Reisen nach jenen Ländern unternehmen, um theils Pelzthiere zu jagen, theils dem Wallfisch aufzulauern. Trübe und finstere Bilder trieben wirr durch das Gehirn des Kindes. Die hochgehende See und die schäumenden Meereswogen, welche an den wüsten Felsenmassen vielfache Brandungen erlitten, schienen dem Mädchen doch nicht ganz ohne Schönheit und Interesse für den stillen Beobachter und einen denkenden Menschen überhaupt zu sein. Dazu dachte sich Jane die Trümmer der an Klippen zerschellten Schiffe, welche zwischen Eismassen umhergetrieben wurden. Ein Seesturm mag schauderhaft und furchtbar für den Betheiligten sein, sprach Jane halblaut zu sich; allein wer die Gefahr glücklich überstanden hat, dem muß eine Erinnerung bleiben, die er selbst um ein Königreich nicht hingeben würde.
Nicht minder anziehend waren für die Kleine die Beschreibungen der Südregionen, wo weiße Adler, schwarze Schwäne, grüne Turteltauben, blaue und weiße Reiher und andere seltene Vogel ihren Standort haben und das Meer zu gewissen Zeiten wie ein Silberspiegel glänzt und flimmert;
wo ungeheuere Wasserflächen wie entzündeter Schwefel und brennendes Pech leuchten, während die angränzenden Massen einen milchweißen Ton angenommen haben, aber zeitweise von hellglänzenden oder fosforähnlichen Lichtstreifen durchzogen werden.
Jane war in tiefes Nachdenken versunken und schien überglücklich in ihren Träumereien; wenigstens war dies einer jener wenigen Augenblicke, die sie in Ruhe und Frieden und in einem geträumten Glücke in dem Hause ihrer
Tante verlebte. Da öffnete sich plötzlich die Thür. Jane zitterte am ganzen Körper, und der Angstschweiß überzog ihre Stirn, gleich als ob sie ein Verbrechen der größten Art verübt hätte.
»Nicht hier!« rief eine ihr wohlbekannte Stimme, vor welcher das Mädchen zu erbeben allerdings Ursache hatte;
denn es war die Stimme ihres ärgsten Feindes im Hause.
Wahrscheinlich hatte sie John schon im ganzen Hause gesucht, um an dem harmlosen Wesen wieder einmal seinen Übermut zu kühlen.
»Wo mag die kleine Hexe wol sein«, rief John. »Ich habe sie auf dem Korridor und in der Küche gesucht; ich habe alle Gemächer durchstöbert, aber nirgends ist sie zu finden. Aber Du sehe zu«, rief jetzt John im vollsten Zorne und indem er die Faust seiner Rechten zu einem gewaltigen Schlag ballte, »wenn ich Dich in meine Hand bekomme. Ich will Dich lehren, mit mir Verstecken spielen.«
Jane sass gleich einer Marmorbildsäule am Fenstersitze und getraute sich kaum Athem zu holen, während John halb nach dem Zimmer, halb nach außen gewendet seinen Schwestern rief, zu deren Ohren aber sein erster Ruf
nicht dringen wollte, da die Thür der Kinderstube fest verschlossen war.
»Lizzi! Georgi!« rief John jetzt aus vollem Halse.
»Kommt doch und helft mir die Kleine aufsuchen. Gewiss
ist das lose Mädchen in den Regen hinausgegangen, um
im Schnee und Regenwasser ihren Ärger abzukühlen.«
Jane hatte gar nicht bemerkt, dass sich seit einer Stunde ihres Hierseins das Wetter gebrochen und der von Westen hertreibende Sturm Schnee und Regen gebracht habe. Sie war froh, die Draperie der Fensternische so sorgfältig geordnet zu haben, dass es nicht leicht möglich wurde, hinter derselben sein auserlesenes Opfer zu wittern. Dazu wäre John mit seinem schwachen Verstande auch gar nicht geeignet gewesen. Er hätte Jane eher an allen Orten, nur hier nicht vermuthet.
Indessen steckte Eliza den Kopf durch die Thür und fragte den Bruder, was es wol gebe, dass er so eilig und dringend nach den Schwestern verlange.
»Die Kleine suche ich«, entgegnete John, »und kann sie nirgends finden.«
»Die wird so weit nicht sein«, erwiderte hierauf das scharfsinnige Mädchen. »Gewiss sitzt sie auf dem Fenster und sucht ihren Schlupfwinkel durch die Draperie zu verbergen.«
Eliza hatte noch nicht ausgesprochen, so stürzte John gegen den Vorhang, um sein Opfer aus dem Verstecke hervorzuholen. Aber ehe es noch dem Knaben gelang, den Vorhang zu öffnen, trat Jane hervor und fragte mit festem und bestimmten Tone: »Was willst Du von mir? -- Werde ich vor Dir nirgend Ruhe finden?« --
»Hörst! Hörst Du Schwester!« rief jetzt John mit zorniger Stimme, »wie mir das Bettelkind entgegnet. Mir, dem Sohne des Hauses, dem Sohne ihrer Wohlthäterin, dem sie alles zu verdanken hat!«
Bei diesen Worten hatte sich John in einen Armstul geworfen, der jenem verhängnisvollen Fenster gegenüber stand. »Du sollst hieher kommen, und das augenblicklich Ich befehle es Dir!«
Ich sah das Bedenkliche meiner Lage ein, und überdachte in dem Augenblicke, was wol hier am gerathensten sein könnte. Da ich John und seine Natur weit besser als Mistreß Reed und alle Übrigen im Hause kannte, so überlegte ich nicht lange, und näherte mich dem Wildfang auf einige Schritte. Als ich in seiner Nähe war, schnitt er allerlei Gesichter, höhnte und lästerte mich in den gemeinsten Ausdrücken, wozu Eliza aus Herzenslust lachte.
»Kommst Du näher, oder soll ich Dich bis zu dem Stule zerren?« schrie jetzt John, indem er mit der Zehenspitze seines linken Fußes den Punkt bezeichnete, auf den ich mich nach seiner augenblicklichen Laune stellen sollte. Es war ein großes Glück für mich, dass mich meine selige Mutter schon von der frühesten Kindheit an einen unbedingten Gehorsam gewöhnt hatte; daher fiel es mir auf meiner gegenwärtigen Laufbahn nicht schwer, in Allem und Jedem zu gehorchen, so lange nicht das Ansinnen an mich gestellt wurde, gegen Gottes Gebote oder mein Gewissen zu handeln, das ich meines Wissens bis zur gegenwärtigen Stunde noch mit keiner Sünde befleckt hatte.
Ich schien jetzt so zu stehen, wie es John gewünscht hatte, denn er schob sich mit dem Oberleibe etwas vor, daher ich auf meiner Huth zu sein für rathsam hielt. Dass ein Schlag jetzt kommen werde, sah ich voraus; denn John mußte seinem Ärger Luft machen, da sein Gesicht nebst gelb und grün noch manche andere Farben zu spielen schien, wenn mich anders das zweifelhafte Licht des Zimmers nicht getäuscht hatte. Es mag sein, dass John meine instinktmäßige Vorsicht gemerkt hatte; denn bevor ich noch daran dachte, erfolgte ein Schlag mit geballter Faust gegen meinen Kopf, dass ich fast die Besinnung verlor. Ich taumelte einige Schritte zurück, und als mein Blick den Boden traf, überzeugte mich der zertrümmerte Kamm, dessen Splittern im ganzen Zimmer zerstreut herum lagen, dass der Schlag in der That ein gewaltiger gewesen sein mußte, falls mich der Schmerz, den ich empfand, hierüber noch in Ungewissheit gelassen haben würde.
»Das ist für die unverschämte Antwort, die Du jüngst der Mama gegeben hast«, sagte jetzt John. »Der Lohn für die kecke Frage, die Du an mich zu richten wagtest, sowie für die gallsüchtigen Blicke, die Du mir zuwirfst, wird folgen.«
Ich war nun gewiss, dass mir noch eine zweite Züchtigung in Aussicht stehe; worin dieselbe aber bestehen werde, hatte ich für den Augenblick keine Ahnung. Es kam mir in solchen Momenten der gemeinsten und entehrendsten Erniedrigung, die ich von diesem unnatürlichen Knaben ertragen mußte, nie in den Sinn, dagegen Einsprache zu erheben, weil mir genau bekannt war, dass sich selbst unter den günstigsten Verhältnissen das Recht nie auf meine Seite stellen werde.
Darum zog ich es jederzeit vor, zu schweigen und mich der Gewalt dieses rohen Jungen nach Thunlichkeit zu entziehen. Heute wollte mir diese List nicht gelingen. Kaum hatte John mein
Vorhaben gemerkt, so fuhr er gleich einem Rasenden von seinem Sitze empor und schrie mit fast kreischender Stimme:
»Du bleibst, und rührst Dich nicht vom Flecke, sonst -- «.
Was das »Sonst« zu bedeuten hatte, wusste ich wol; daher machte ich zum bösen Spiele eine gute Miene und blieb.
»Was hast Du hinter dem Vorhange gethan?« fragte jetzt John.
»Was ich hinter dem Vorhange that, kannst Du leicht errathen. Ich las!« war meine Antwort.
»In welchem Buche hast Du gelesen?« lautete die zweite Frage, die John an mich richtete.
»Es liegt dort am Fenster«, war meine Antwort.
»Bringe es her, ich will es sehen!« rief der die Rolle des Gebieters mit großer Meisterhaftigkeit spielende Junge.
John hatte diese Worte mit solcher Bedeutung und in einem so herrischen Tone an mich gerichtet, dass ich es nicht wagte, dem Quälgeist der Menschen und Thiere meinen absoluten Widerwillen entgegenzustellen. Ich ging also ganz gelassen an das Fenster und holte das Buch.
Bewick’s Naturgeschichte war wol des Knaben Eigenthum, das könnte ich nicht in Abrede stellen; allein so lange der Onkel lebte, waren sämmtliche, in diesem Schranke aufbewahrten Bücher ein Gemeingut aller Kinder, wovon ich nach John Reed’s ausdrücklichen Worten nicht ausgeschlossen war, und somit an diesem geistigen Vergnügen theilnehmen durfte, so oft es meine freie Zeit erlaubte. Und da mir seit dem Tode des Onkels der Bücherschrank selbst von Mistreß Reed nicht verboten worden war, so konnte ich hierin wol kein Vergehen ersehen; denn ich würde mich vor mir
selbst geschämt haben, dem ausdrücklichen Befehle meiner Wohlthäterin zuwider zu handeln. Da aber Alles, was ich that, in den Augen dieser Menschen unrecht war, so durfte es mich auch nicht so sehr überraschen, dass der herrische Junker hierin ein Verbrechen erblickte, das ihm eine neue Gelegenheit bot, mich dafür ganz nach Gutdünken zu züchtigen.
»Du brauchst unsere Bücher nicht zu nehmen und zu verderben«, sagte jetzt John. »Du bist ein Bettelkind, das uns ganz gegen unseren Willen aufgedrungen wurde; dazu lebst Du von dem, was wir Dir aus Gnade und besonderem Mitleide reichen, wie die Mama erst vor Kurzem ausdrücklich bemerkt hatte. Dein Vater ist arm gestorben und hat Dir nichts hinterlassen, sonst hätte Deine Mutter nicht am
Hungertuche nagen müssen. Übrigens wärest Du gut genug, Dir Dein Brot vor den Thüren anderer Leute zu sammeln, anstatt wie ehrlicher Leute Kinder gehalten zu sein. Du kostest Mama jährlich viel Geld, das uns entzogen wird. Wir wollen uns nun nimmer länger von Dir beeinträchtigen lassen, sondern Dich ehestens vor die Thür hinausstoßen und davonjagen. Nun will ich Dich gleich lehren, ganz ohne mein Wissen und meine Erlaubnis in meinen Bücherschrank zu gehen und Dir ein Buch herauszunehmen. Der Bücherschrank ist mein Eigenthum. Alle Bücher gehören mir und sonst niemanden im Hause; das ganze Haus gehört mir oder wird doch einst in mir den Herrn und Gebieter ersehen. Was mein Vater war, bin auch ich; ich bin -- Gutsbesitzer. Packe Dich jetzt von hier! Doch nein, Du sollst bleiben. Dort stelle Dich hin an die Wand neben der Thür und dem Fenster, doch etwas vom Spiegel entfernt!«
Stumm und in Thränen gebadet stand ich hier, mir kaum meiner Sinne bewusst. Arm war ich, das wusste und fühlte ich nur zu deutlich. Ich hatte mich meiner Armut nicht zu schämen, denn ich war ehrlich, und von meinen Ältern wohl erzogen; ein Kleinod, das ich um alle Schätze der Welt nicht hingegeben haben würde, und wofür ich den Dahingeschiedenen jetzt, wie auch noch in den folgenden Jahren dankte. Ich würde alles leicht unberührt dahin genommen haben, wenn John nur nicht meine Ältern, die kein anderes Verbrechen an sich trugen, als ihre Armut, im Grabe
verschont haben würde. Dass meine Ältern ehrliche und biedere Menschen gewesen sein mußten, das fühlte ich jetzt
mehr, als dies vielleicht zu einer andern Zeit der Fall gewesen wäre, auch hätte ich sonst nicht ihre leibliche Tochter sein können. Ich zitterte an allen Gliedern; ein frostiger Schauer durchzog meinen ganzen Leib, und in demselben Augenblicke fühlte ich meinen Körper von einer Gluthitze ergriffen, die ich mir nicht zu deuten wusste. Meine Wangen mußten hochroth gefärbt gewesen sein, denn sie brannten mich, wie glühende Kohlen nur es zu thun vermögen. Jetzt oder nimmer, dachte ich mir. Die Ehre deiner Ältern ist angegriffen, ihr guter Ruf gebrandmarkt, und ihr tadelloser Wandel selbst noch im Grabe von einem mutwilligen Schulknaben befleckt. John soll, John muß -- das ganze Haus muß es beweisen, dass meine Ältern ehrliche Leute waren. Ich wäre nicht ihr Kind, ihre vielgeliebte Jane, die Vater und Mutter täglich und stündlich mit ihrer Liebe und Zärtlichkeit überhäuften, wenn ich hierzu schweigen könnte. Fluch den Kindern, die ihre Ältern misachten, und deren Ehre von bösen Zungen antasten und verunglimpfen lassen, ohne sich
ihrer anzunehmen, und dieselben zu vertheidigen. Doch plötzlich trat eine gänzliche Änderung meines aufgeregten Gemütes ein. Gleichsam von einer unsichtbaren Macht ergriffen, sah ich im Geiste meine Ältern vor mir, die Friedenspalme zwischen den gefalteten Händen haltend, winkten sie mir freundlich und wohlwollend zu. Mir schwanden die Sinne, ich wusste nicht, wie mir geschah. Ein unnennbar wohlthätiges Gefühl durchzuckte mein Herz. Ich erinnerte mich in demselben Augenblicke an die Worte des Pater Anton, der meinen seligen Vater oft besucht und ihn darauf hingewiesen hatte, daß Selbstbeherrschung eine Kunst sei, die nur wenigen Menschen eigen ist. Ach! wäre dieser fromme Priester noch am Leben, dann stünde es wol anders um mich. Ich bot also meine ganze Kraft auf, um mich zu beherrschen. Die Lehren des Pater Anton waren für meinen Vater von großem Nutzen, sie sollten es nun auch für mich sein. Nie und nimmer wollte ich meinen Ältern nachstehen, -- ihnen wollte ich in Allem und Jedem gleichen. Ich hatte bereits ausgerungen; der Kampf, der sich in meinem Herzen entsponnen hatte, war ein furchtbarer, und dennoch hatte ich denselben durch meine Selbstbeherrschung überwunden. Ich that also, was John von mir verlangte, und stellte mich ohne die geringste Widerrede an den bezeichneten Ort.
Ich hatte keine Ahnung, was der lose Junge jetzt zu thun gesonnen sei. Als er aber die Hand in die Höhe hob und das Buch in der Luft mehrmals schwang, um seines Wurfes sicher zu sein, da suchte ich mich vor einem so kräftigen Schlag zu schützen. In meiner Angst mag ich wol das beste Mittel nicht gewählt haben, denn ich sprang gegen den Spiegel, weil ich am ehesten erwarten konnte, dass John ein
so kostbares Möbel zu zertrümmern, mit seinem Wurfe doch
eher einhalten würde. Ich hatte mich aber diesmal arg getäuscht, denn noch in demselben Augenblicke flog das Buch, welches einen bedeutenden Umfang hatte, gegen mich, verfehlte aber vermöge der natürlichen Schwere und eines minder kräftigen Wurfes das beabsichtigte Ziel, und traf den Spiegel, dessen Trümmer nach allen Richtungen hinflogen. In meiner Angst stieß ich einen entsetzlichen Schrei aus, der auch in den Räumen des oberen Stockwerkes vernommen worden sein musste. Mein Angstgeschrei war aber nicht umsonst, denn ein ziemlich großes Stück der zerschmetterten Spiegelfläche war mir an den Kopf gefahren, und schlug mir eine so tiefe Wunde, dass das Blut stromweise hervorquoll.
Wuth und Verzweiflung bemächtigten sich meiner, und das Lamm ward plötzlich zum Tieger geworden. »Blut,« schrie ich, indem ich mit der Hand gegen jenen Theil des Kopfes
fuhr, der mich infolge der Wunde so sehr schmerzte.
»Blut! Blut!« rief ich jetzt noch lauter« »Du willst also an mir zum Mörder werden, und nachdem du mich und meine braven Ältern um ihre Ehre und ihren guten Ruf gebracht hast, mir auch noch das Leben rauben, das ich nicht dir, sondern meinem Gotte allein zu verdanken habe. Du bist ärger, als die Tirannen des grauen Alterthums. Nero, Caligula und Domizian, und wie alle diese Bluthunde und
Christenverfolger heißen, fänden an dir einen würdigen
Schüler.«
»Wie!« rief jetzt John, dem anfangs die blutige Szene doch etwas unangenehm gewesen sein mag, »du unterstehst dich, solche Lästerungen gegen mich auszustoßen. Habt ihr’s gehört, lieben Schwestern, wiemich dieses Bettelkind beschimpft
hat« Kann ich als der Sohn des Hauses einen solchen Schimpf
wohl ungeahndet hinnehmen ?«
Bei diesen Worten rannte der Bösewicht auf mich zu, packte mich mit aller Kraft mit der einen Hand bei den Schultern, während er mit der andern meinen Zopf fasste, und mich derb schüttelte. Ich war mir nicht mächtig genug, daher mußte ich mit mir geschehen lassen, was ich nicht zu ändern
vermochte. Die Wunde schmerzte mich bis zur Unerträglichkeit, das Blut rann über meine Wangen, und träufelte auf meine weiße Schürze. Da bot ich all meine Kraft auf, um mich den unablässigen Mishandlungen dieses Wütherichs zu entziehen. Ich machte eine rasche Wendung, und fuhr dem Jungen mit beiden Händen ins Gesicht. Wiewohl die Nägel meiner Finger stets einer anständigen und lobenswerten Kürze sich zu erfreuen hatten, so mußte ich dieselben doch zu stark in John’s Wangen eingesenkt haben, wovon mich die Blutspuren, die an meinen Händen und Fingern bemerkbar wurden, nur zu deutlich überzeugten. Die Biene hat ihre spitzigen Stachel, das Lamm seine breite Stirn, das Pferd seinen kräftigen Huf, und der Stier seine gewaltigen Hörner von dem Schöpfer der Welten erhalten, um sich gegen seine Feinde vertheidigen zu können; deshalb mag es auch mir nicht zum Nachtheile ausgelegt werden, dass ich, nur ein schwaches, hilfloses Mädchen, meine Finger demjenigen zur Wehr entgegenstreckte, der mir schon soviele Unbilden zugefügt hatte; und ohne Gewissensbisse und ohne darüber wahre Reue zu empfinden, das Blut eines schuldlosen Wesens fließen sehen konnte. Wer Fliegen und Käfer köpfen, den Hunden und Katzen den Schweif stutzen, oder die Ohren zuschneiden, die harmlosen Vögel blenden, d. i. denselben mittels eines
glühenden Drahtes die Augen ausbrennen, und blinde oder
bresthafte Personen auf allerlei Weise necken, schimpfen und lästern kann; der kann unmöglich ein gefühlvolles Herz besitzen.
Ich war also nicht im geringsten darüber betroffen, dass John von mir ganz gegen meinen Willen so arg zugerichtet worden war. Um desto mehr kränkte sich der Junge darüber und rief seine Schwestern herbei, damit sie ihm beistehen möchten, wozu dieselben auch allsogleich Miene machten.
Dieser ungerechte Kampf, den ich nun mit dreien meiner Feinde bestehen sollte, machte mich förmlich wahnsinnig, und dies mag auch die alleinige Ursache gewesen sein, weshalb ich wenigstens so lange die Oberhand über meine Gegner behielt, als dies eben nothwendig geworden war. Da mir nun von keiner Seite beizukommen war, so liefen Eliza und Georgiana die Treppe hinauf, um Mistreß Reed oder Bessie zu Hilfe zu rufen, während John zu meiner Bewachung zurückgeblieben war. Es währte nicht lange, so kam Mistreß Reed in Begleitung von Bessie und ihrer Kammerzofe.
»Gerechter Himmel!« rief Mistreß Reed aus, als sie die Blutspuren auf den Wangen ihres Lieblings bemerkt hatte. »Wie ist wol dies geschehen! Es hat sich doch dieses widerspänstige Kind nicht so weit vergessen, sich an Dir zu
vergreifen?«
»Und doch ist es so, Mama!« entgegnete hierauf John,
der vernünftig genug war, den Hergang der ganzen
Geschichte so lange zu verschweigen, bis er zur Rechenschaft gezogen würde. Und würde dies auch geschehen sein, so wäre eine findige Lüge hinreichend gewesen, sich in den Augen Aller rein zu waschen und die Schuld auf die arme Waise
zu wälzen, da John an seinen Schwestern gar kräftige Zeugen gefunden haben würde.
»Hat man je einen solchen Zorn und eine solche Katzennatur gesehen! sagte Mistreß Reed weiter.
Doch genug! sie soll mir ihre Schuld büßen. Man bringe sie nach dem rothen Zimmer.«
»Dieser Ausspruch war für mich ein Donnerschlag, dem eine solche schwache Natur, wie die meinige, kaum zu widerstehen vermochte. Niemand auf Erden konnte je eine größere Furcht gehabt haben, als dies in der That bei mir in Hinsicht auf das rothe Zimmer der Fall war. Man packte mich also an Händen und Füßen und traf alle Anstalten, um mich nach dem verhängnisvollen Zimmer zu bringen, das sich im oberen Stockwerke an dem äußersten Ende des langen Ganges befand, der oft in den Wintermonaten am hellen Tage beleuchtet werden mußte, um sich nicht Hals und Beine zu brechen.
Da ich auf dem ganzen Wege und vornehmlich über die Treppe starken Widerstand leistete, so wurden endlich zwei Domestiken herbeigerufen, und diese mußten mich an den Ort meiner Bestimmung schaffen; hintendrein folgte die ganze Schaar meiner Feinde, wovon ich etwa die Abbot (das Kammermädchen) auszunehmen Ursache gehabt hätte, wenn ich später nicht eines Besseren belehrt worden wäre.
Dass ich auf dem Wege zum rothen Zimmer heftigen Widerstand leistete und meine ganze Kraft aufbot, um mich frei zu machen, geschah weder aus Eigensinn noch aus Ungehorsam, wie sowol Mistreß Reed als auch Bessie und Miß Abbot der Meinung waren, sondern lediglich nur aus Furcht vor meinem Exil.
Das rothe Zimmer war ein kleiner Saal, der noch bei Onkel John Reed’s Lebzeiten dazu diente, um größere Gesellschaften zu empfangen und in der Wintersaison einige Konzerte abzuhalten, da er ein Freund von Musik und gutem
Vortrag war. Onkel Reed mag aber nicht ganz Unrecht gehabt haben, wenn er den Grundsatz aufstellte, dass Leute, die an Musik und Blumen kein Vergnügen finden, in der Regel auch kein gutes Herz besitzen. Sollte sich der Onkel in seinen Ansichten und Erfahrungen auch getäuscht haben, so mußte ihm doch in dieser Beziehung seine eigene Familie die nothwendigen Anhaltspunkte geben, da die Kinder weder an Blumen, noch an einem hübschen Gesange, noch an einem Tonstücke von was immer für einer Art eine Freude finden konnten.
Seit der Onkel die Augen geschlossen hatte, wollte sich
niemand von der Familie allein in diesem Zimmer aufhalten; selbst die Domestiken waren nicht leicht zu bereden, bei einbrechender Dämmerung in diesem verrufenen Gemache zu verweilen. Der Grund, weshalb das ganze Haus vor diesem Zimmer einen gewissen Abscheu hatte, lag darin, weil Onkel John Reed’s Leiche hier durch drei Tage aufgebahrt lag, bevor der Verstorbene zur Ruhe bestattet wurde. Schon
wenige Wochen nach dessen Beerdigung lief das Märchen
von Mund zu Mund, dass Onkel John’s Geist hier im rothen Zimmer wie im langen finstern Gange sich zeige. Somit war die Furcht bei den Erwachsenen wol albern; allein einem kleinen unerfahrenen Mädchen, wie Jane war, hätte man eine solche übertriebene Furcht wol nachsehen können.
Im Ganzen war das Zimmer auch jetzt noch prachtvoll
ausgestattet, wiewol seit des Onkels Tod niemand von demselben Gebrauch machte. Die Wände des Zimmers waren mit kostbaren, reich verzierten Tapeten versehen, deren Gold-
und Silberverzierung auf rothem Grunde zu dem aus Mahagoniholz gearbeiteten und mit rothem Sammt tapezierten
Möbeln im vollen Einklang stand. Sonderbarer Weise stand in der Mitte des Zimmers ein von hohen Säulen getragenes und mit Gold und Silber gestickter Draperie versehenes Himmelbett, zu dessen beiden Seiten prachtvolle und mit auserlesenen Stickereien gezierte Teppiche lagen. Zu den Füssen des Bettes stand ein Tisch, welcher mit rothem Seidendamast überdeckt war, die übrigen Möbel, als Kästen, Tische, Stüle waren ebenfalls von Mahagoniholz. An der einen Wand hing ein ziemlich großer Spiegel mit einem breiten, zierlich geschnitzten Goldrahmen, und diesem gegenüber das wohlgetroffene Porträt des Verstorbenen, in dessen Zügen ein gewisser wehmutvoller Ausdruck nicht zu verkennen war.
Dieses Zimmer war kalt, weil darin nie oder doch nur äußerst selten Feuer angemacht wurde; es war still, weil es von der Kinderstube und den übrigen bewohnten Gemächern ziemlich entfernt lag, und niemand eine Ehre darein setzte, in demselben auch nur die nothwendigsten Arbeiten, wozu unmittelbar Lüften und Abstauben der Möbel gerechnet werden mußte, zu verrichten. Selbst Mistreß Reed kam nur äußerst selten hieher. Und wenn dies erfolgte, so geschah es nur, um den Inhalt einer geheimnisvollen Schublade zu erforschen, von dem man sich im Schlosse wie an andern Orten mancherlei erzählte.
Nachdem mich die beiden Bedienten des Hauses in dem verhängnisvollen Zimmer abgesetzt hatten, setzten sich auf das
Geheiß von Mistreß Reed, Miß Abbot und Bessie in volle
Thätigkeit. Man hatte mich hier auf einen kleinen, niedrigen Stul recht unsanft niedergesetzt, von dem ich aber gleich einem Federharzball hoch emporsprang und durch die Kraft meiner Hände mich von beiden loszumachen suchte.
»Halten Sie der Kleinen doch die Hände, Miß Abbot«, rief jetzt Bessie der rathlosen Kammerzofe zu; »sie geberdet sich ja wie eine tolle Katze.«
»Pfui! schämen Sie sich doch, Jane«, sagte hierauf Abbot zu mir, indem sie mich noch unsanfter als das erstemal auf den kurzbeinigen Stul niederdrückte. »Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, so müssen Sie angebunden werden.«
»Ja! ja!« erwiderte hierauf Bessie, »das wird wol das einzige Mittel sein, um die Kleine zur Besinnung zu
bringen.«
Diese Drohung that ihre Wirkung. Alles konnte ich mit Geduld ertragen, nur nicht binden sollte man mich, denn diese Behandlung schien mir doch zu thierisch und die Menschenrechte zu sehr verletzend. Da nun Bessie wirklich Anstalten traf, um mich an Händen und Füssen zu binden und dann so an dem Stule gleich dem Hunde an der Kette festzumachen, da rief ich ihr mit voller Stimme zu: »Lassen Sie das Binden, ich werde hier ruhig sitzen bleiben.«
Zum Beweise, dass ich mich wirklich ruhig verhalten wolle, klammerte ich mich mit beiden Händen an den Sitz des Stules an. Den Vollstreckerinnen des von Mistreß Reed über mich verhängten Urtheiles schien diese Versicherung zu genügen, hatten doch beide durch mehrere Jahre die volle Ueberzeugung gewonnen, dass eine Lüge mit der Natur meines Karakters im Widerspruche stehe.
Ich ergab mich nun mit Geduld in mein Schicksal und
überließ alles Andere dem Schutze des Himmels.
Indessen hatten sich beide mit verschränkten Armen vor mich hingestellt, und mich durch geraume Zeit ganz stillschweigend betrachtet, bis endlich Abbot das Wort nahm und sprach: »So habe ich die Kleine noch nie gesehen! Es steckt doch viel Bosheit und Eigensinn in diesem kleinen Köpfchen, denn die schelmischen Augen und der anmaßende Blick verrathen schon eine gewisse Dreistigkeit, mit der sie selbst erwachsenen Personen entgegenzutreten sich erkühnt.
Bessie entgegnete für den Augenblick nichts auf diese
Bemerkung, wendete sich aber nach einer kurzen Pause zu mir und sprach: »Sie sollten doch bedenken, meine liebe Jane, dass Sie Mistreß Reed zu Dank verpflichtet sind. Sie ist es ja, die Sie ernährt und für Ihren ganzen Unterhalt sorgt. Wollte sie ihre wohlthätige Hand von Ihnen abziehen, so müßten Sie entweder Ihr Brot auf den Straßen erbetteln oder in irgend einem Armenhause eine Unterkunft suchen.«
Mir schwindelte der Kopf bei dieser Rüge, die doch nur aus dem Munde eines Domestiken und zwar aus dem Munde eines weiblichen Wesens kam, das seine Worte und Ansichten genau so einzurichten gewohnt war, wie es die Umstände erforderten, um ja bei Mistreß Reed nicht in Ungnade zu kommen. Ich hatte also hierauf nichts zu antworten, da mir solche und ähnliche Rügen und Vorwürfe seit dem Tode meines Onkels in diesem Hause nimmer neu waren. Es waren ja schon die ersten Lebenserinnerungen, sowie meine ganze Jugendzeit von solchen spitzigen Doren durchflochten, warum sollte sich nicht auch eine Bonne das Recht herausnehmen,
eine arme verlassene Waise durch den Stachel ihrer Worte nicht nur zu kränken, sondern sogar deren Herz zu verwunden.
Kaum war Bessie mit ihrer Strafpredigt zu Ende, so nahm Miß Abbot das Wort und sprach: »Es ist bedauerlich, dass Sie dem Gedanken im Herzen Raum gegeben haben, mit Misses Reed und Master Reed auf gleicher Höhe zu stehen und dieselben Rechte beanspruchen zu können, wie die Kinder des Hauses. Mistreß Reed hat zwar die Güte, Sie mit ihren Kindern erziehen zu lassen, doch wird hiefür zwischen Ihnen und Misses Reed ein großer Unterschied sein; denn diese werden einst über ein ansehnliches Vermögen zu gebieten haben, während Sie nicht einmal eine Scholle Erde Ihr Eigenthum
nennen können. An Ihnen ist es also, sich zu demütigen und
die Unterwürfige zu spielen, wenn Ihnen auch in der That nicht so ums Herz sein sollte. Suchen Sie sich Mistreß Reed so angenehm als möglich zu machen; trachten Sie, den beleidigten John mit sich zu versöhnen; bitten Sie ihn um Verzeihung, damit er vergesse, was Sie ihm angethan: und ich bürge Ihnen dafür, dass Sie im Hause recht wohl gelitten sein werden. Niemand wird es mehr wagen, Sie als eine Heimatlose zu betrachten, und man wird Ihnen im Hause alle Rechte einer so nahen Verwandten angedeihen lassen.
Beherzigen Sie diese meine Worte, meine liebe Jane, und suchen Sie sich zu überwinden, denn man muß in unseren Tagen mehr zum Schein als der Wirklichkeit nach thun, wenn man in besseren Häusern sein Fortkommen finden will.«
Jane war über die Zumuthung der Kammerzofe in ihrem
Innern höchst empört. Sie konnte nicht begreifen, wie es denn möglich sei, dass ein Mensch so schlechte Grundsätze haben, und
im Verkehr mit andern Menschen gleichsam eine doppelte Gestalt annehmen könne. Sie wollte eben den Mund öffnen und
Miß Abbot sagen, dass sie solche und ähnliche Grundsätze nie zu den ihrigen erheben werde, weil sie sich hierzu viel zu gut und zu wohlerzogen fühle, als beide Miene machten, sich zu entfernen. An der Thüre wurde der Kleinen zum wiederholten Male eingeschärft, sich ruhig zu verhalten, bis man kommen und sie abholen werde, und dann wurde die etwas schwerfällige Thür zugeworfen und fest verschlossen.
So bin ich nun wirklich in dem so sehr gefürchteten rothen Zimmer ganz allein, sprach ich halblaut zu mir selbst. Kein menschliches Wesen ist in meiner Nähe, um mich zu beschützen und zu beschirmen, falls mir irgend ein Unglück begegnen sollte? Wie, sollte es wahr sein, was man sich im
Schlosse erzählt? Doch was regt sich dort in der Nähe des
Fensters? -- Nichts, nichts ist es, Jane, sprach ich leise zu mir selbst, um mich theilweise zu beruhigen und meine fast übertriebene Furcht von mir zu verbannen. Wie das scheue Reh, sobald es den Jäger erblickt, fuhr’ich pfeilschnell von meiner kleinen Ottomane, die sich in der Nähe des marmornen Kamines befand, mit einem Sprunge auf und lief der Thüre zu. Da fiel mir erst bei, dass sie ja verschlossen sei. Um mich nun von der Wahrheit meiner Vermuthung zu überzeugen, machte ich einen Versuch, dieselbe zu öffnen; allein mein Bemühen und Forschen war vergebens, weshalb ich wieder zu meinem früheren Sitze zurückkehrte. Als ich an dem großen Spiegel vorüberkam, traf mein Blick die dunkle Fläche, welche mir nicht nur mein eigenes Bild, sondern auch die übrigen Gegenstände des Zimmers in dunklen und schauerlichen Gestalten vor die Sinne führte. Grauen
und Entsetzen bemächtigten sich meiner; meine Knie fingen an zu schlottern und die Füsse schienen mir plötzlich den Dienst zu versagen. Nur mit Mühe konnte ich die Ottomane erreichen, die mir ursprünglich zum Sitze angewiesen worden
war. Ich fuhr mir mit der flachen Hand über die Stirne,
um den Angstschweiß, der eisigkalt auf derselben haftete, ein wenig zu trocknen. Da vernahm ich in der Richtung vom
hohen Bette her Geräusch. War es Wahrheit oder Täuschung, ich konnte es für den Augenblick nicht ermitteln, da meine aufgeregte Fantasie in dem werdenden Schatten der einbrechenden Dämmerung schon die seltsamsten Gestalten
erblickte. Hier eine Fee mit einem freundlichen, wohlwollenden Blick, der Balsam für mein geängstigtes Herz war; dort eine Gruppe von hässlichen Zwergen, wie sie häufig in den Sagen und Märchen vorkommen, welche Bessie vor Jahren in der Kinderstube erzählt hatte. Gleich wieder regte und streckte es sich in der Ecke, dort, wo jener geheimnisvolle Schrank stand, in einer Weise, dass ich die Fratzenbilder und Schreckensgestalten über den Boden hingleiten sah. Da traf mein Blick das Bildnis des Onkels. In demselben Augenblicke regte sich der Aberglaube in mir.
Ich hatte einmal von den Domestiken erzählen gehört, dass Verstorbene, deren Geist man anrufe, sich dem Flehenden auf irgend eine Weise offenbaren sollen. Ich hatte solch albernes Zeug nie geglaubt und hielt das Ganze für die Erfindung irgend eines müßigen Kopfes, und lachte selbst dann nach Herzenslust, als mich der alte Doriel versicherte, dass er selbst einen Mann gekannt habe, dem einmal ein böser Geist in der Gestalt eines schwarzen Hundes mit funkensprühendem Rachen erschienen sei.
Das wäre entsetzlich, dachte ich bei mir selbst, wenn dir ein ähnliches Gesicht begegnen möchte. Mein Blut war heiß, die Augen glühten infolge der übermäßigen Anstrengung, um die Dinge, die mich nah und fern umgaben, in ihrer wahren
Gestalt zu erkennen, und mein Puls ging heftiger als je.
Jane! Du bist krank, sehr krank, sagte ich zu mir selbst. Und daran ist niemand Schuld, als der herzlose und unmenschliche John und seine stolzen und hoffärtigen Schwestern. Ich fühle die Abneigung, oder besser den Abscheu, den das Benehmen dieser Kinder gegen mich in meinem Herzen hervorgerufen hatte. Mistreß Reed und ihre Domestiken waren voll Parteilichkeit; im ganzen Hause war niemand, dem ich meinen Schmerz und meinen Kummer hätte klagen können: darum rief ich in meiner Angst und in meiner Bedrängnis den Geist meines verblichenen Oheims an, damit
er mir seinen Schutz und seinen Beistand gegen die Verfolgungen seiner Angehörigen angedeihen lassen möge. Es war mir, als hätte sich das Bildnis geneigt und mir stillschweigend die Gewährung meiner Bitte zugestanden. Da fing es plötzlich zu krachen an. Ich stieß einen fürchterlichen Schrei aus und stürzte bewusstlos auf den Boden hin. Was weiter mit mir geschah, vermag ich nicht anzugeben.
Jane kommt in’s Waisenhaus nach Lowood
Als ich wieder zu mir gekommen war und die Gegenstände, die mich umgaben, deutlich erkennen konnte, da überzeugte ich mich, dass ich in meinem Bette liege und einen tiefen Schlaf gethan haben mußte. Im Kamin prasselte die hoch auflodernde Flamme, und meinem Gefühle nach zu urtheilen, war die Kinderstube noch nie so unangenehm erwärmt, wie eben jetzt. Düstere Bilder zogen an mir vorüber und riefen mir die Schrecknisse des verflossenen Abendes in den lebhaftesten Szenen vor die Sinne. Die Erinnerung an die ausgestandenen Qualen und die Todesangst, die mich in meinem prunkvollen Kerker überfallen hatte, pressten mir jetzt noch Thränen aus, und ich fing an zu stöhnen und zu schluchzen. Da fühlte ich mich sanft an der Hand ergriffen. Ich sah auf und bemerkte einen fremden Herrn neben meinem Bette sitzen. Auch die Bessie erkannte ich, ungeachtet der schwache Schein der Nachtlampe das Zimmer nur mäßig erleuchtete. Sie stand zu meinen Füssen, beide Arme auf die Brüstung des Bettes gestützt und schien freundlich auf mich zu lächeln.
Mir war unnennbar wohl; ich verspürte eine Erleichterung, welche die angenehmsten Gefühle in meinem Innern wachgerufen hatte. War es die wohlthuende Überzeugung des persönlichen Schutzes gegen meine Peiniger, war es die Sicherheit, nicht mehr von Geistern, Kobolden, Zwergen und andern Misgestalten belästiget zu werden, oder war es der überaus wohlthätige Eindruck, den nach so vielen überstandenen Mishandlungen und Verunglimpfungen eine menschliche Behandlung auf mich ausübte; -- ich vermochte es nicht zu sagen und wusste nur so viel, dass ich mich für den Augenblick recht glücklich fühlte.
Weder der fremde Herr noch Bessie störten mich in meiner Ruhe und in meinen Betrachtungen, zogen aber ihre Blicke keinen Augenblick von mir ab. Da erinnerte ich mich, dem lieben Gott für seinen Schutz und die Befreiung aus meinem Kerker noch nicht gedankt zu haben; darum faltete ich meine Hände und sprach ein kurzes Gebet, da ich am verflossenen Abende aus höllischer Angst selbst das Beten verlernt hatte.
Endlich plagte mich doch die Neugierde, den Mann kennen zu lernen, der an meinem Bette saß und mir so viele Theilnahme zu zollen schien. Schüchtern wendete ich meinen Kopf nach ihm, konnte aber bei dem schwachen Schein der Lampe dessen Züge nicht recht ausnehmen. So viel stand fest, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, diesen Herrn je auf dem Schlosse zu Gateshead gesehen zu haben. Da fühlte ich einen leisen Druck in der Hand, dem alsbald die Worte folgten: »Kennen Sie mich?« --
Ich hob langsam das Haupt von dem weißen Kissen, da mich meine Wunde noch ziemlich schmerzte, und sah dem Fremden frei ins Angesicht. Jetzt erst hatte ich mich überzeugt, dass kein Fremder, sondern ein mir wohlbekannter Herr an meinem Bette sitze, dessen Nähe mir doppelt angenehm sein mußte. Es war Herr Lloyd, ein Apotheker den Mistreß Reed zuweilen nach dem Schlosse rief, wenn einem von der Dienerschaft unwohl war; für sich und ihre Kinder wurden stets die geschicktesten und renommirtesten Ärzte konsultirt. Ich hatte alle Ursache, diesem Manne mein unbedingtes Vertrauen zu schenken, denn er war stets freundlich und liebevoll gegen mich, und mag vielleicht der einzige Mensch auf Gateshead gewesen sein, der mein Verhältnis hier im Hause richtig auffasste und das Bedauerliche meiner Lage erkannte. Mein freundliches Lächeln mag ihm ein kleiner Beweis gewesen sein, dass ich ihn erkannt hatte, darum stellte er mit eben so freundlichem Tone die zweite Frage an mich und sagte: »Nun, wer bin ich?«
Ich nannte ihn beim Namen und reichte ihm gleichzeitig die Hand zum Beweis des freundlichen Willkommens. Herr Lloyd ergriff meine Hand und sagte mit lächelnder Miene: »Beruhigen Sie sich, Jane, es wird bald besser werden.«
Mein Zustand mußte für ihn ein befriedigender gewesen sein, denn er machte zu meinem größten Leidwesen Anstalten, mich zu verlassen. Doch ertheilte Herr Lloyd vorerst noch einige Befehle und trug Bessie auf, mich ja in meiner Ruhe nicht zu stören. Lassen Sie die Kleine nicht allein, sprach er weiter, und bleiben Sie hübsch in der Nähe, damit Sie auf jedesmaliges Verlangen bei der Hand sind. Nachdem er versprochen hatte, morgen wieder zu kommen, grüßte er freundlich und verließ sodann das Zimmer.
Der Abschied des Mannes blieb für mich nicht ohne Nachwirkung. Ich hatte mich in seiner Gesellschaft so wohl befunden, meine Sicherheit war durch ihn geborgen, und nun war ich wieder so verlassen, so auf mich selbst beschränkt, wie vor wenigen Stunden. Mir war der Mut abermals gesunken; ein unaussprechlicher Gram bemächtigte sich meiner; der Thränenquell, welcher nur auf kurze Zeit versiegt war, floss vom Neuen, und ich fühlte mich unglücklich, wie noch nie. Da trat Bessie zu meinem Bette heran und sprach:
»Fühlen Sie keinen Schlaf, Miß?«
Diese Worte waren mit so viel Freundlichkeit und Theilnahme gesprochen, dass mich dieser Ton der Milde und Herzlichkeit nicht wenig überraschte.
»Ich will es versuchen«, antwortete ich auf die an mich
gerichtete Frage.
»Nun, so will auch ich mich zur Ruhe begeben«, sagte
hierauf Bessie, »denn es ist bereits Mitternacht vorüber und meine Augen belästigte der Schlaf. Sollte Ihnen Unangenehmes begegnen oder ein schwerer Traum Sie belästigen, so dürfen Sie blos meinen Rahmen rufen, denn ich werde für heute ebenfalls mein Nachtlager in der Kinderstube nehmen.«
Bessie ging hierauf in das angränzende Zimmer, wo Miß Abbot schlief, um sie zu wecken, damit sie gleichzeitig mit ihr den Nachtdienst bei mir versehe. Es währte ziemlich lange, bis beide ihr Nachtlager in meiner unmittelbaren Nähe hergerichtet hatten, dann begaben sie sich zur Ruhe und
schliefen die ganze Nacht hindurch so fest, dass ich sie wahrlich um dieses Glück beneidete, da der wohlthätige Schlaf mich floh, wie der Gesunde den Aussätzigen.
Es war eine schauerliche, lange Nacht, die ich durchwachte; und selbst als der Morgen zu dämmern begann, entzog mir der Schlaf diese für mich so nothwendige Erquickung.
Ich verließ deshalb gegen Mittag das Bett, kleidete mich an und nahm in der Nähe des Kamins Platz. Dass ich körperlich krank sei, fühlte ich, wenigstens sagte mir dies das Fieber, dessen kalter Schauer mich zeitweise so arg rüttelte, dass mir die Zähne klapperten; doch bestand mein größtes Leiden in dem geistigen Zustande, in dem ich mich seit gestern befand. Vielleicht war auch das Fieber eine Folge meiner geistigen Aufregung, die nur meine Thränen theilweise beschwichtigen konnte, aber im nächsten Augenblicke in desto größerem Maße wieder hervortrat.
Außer Bessie war niemand im Zimmer, denn Mistreß Reed war mit ihren Lieblingen ausgefahren und hatte sich um mich gar nicht bekümmert. Ich fühlte diese Zurücksetzung
heute mehr als sonst, darum that mir die besondere Freundlichkeit, mit welcher mir Bessie auch heute begegnete, wirklich wohl. In tiefes Nachdenken über meinen gegenwärtigen Zustand sowie über meine Zukunft versunken, bemerkte ich gar nicht, dass Bessie das Zimmer verlassen hatte. Sie war nach der Küche gegangen, um für mich einen kleinen Imbiss zu holen, wiewol ich weder nach Speise noch nach Trank ein Verlangen hatte. Bei ihrem Wiedererscheinen in der Kinderstube war ich wirklich überrascht, denn Bessie stellte mir einen Teller mit etwas Backwerk hin, um, wie sie meinte, mich ein wenig aufzuheitern. So sehr Backwerk zu einer andern Zeit meinem Gaumen mundete und meinen Lieblingsgerichten beizuzählen war, so ließ ich heute das Stückchen Torte sammt den Bisquiten doch ganz unbeachtet.
Bessie schien anfangs meine Abneigung gegen das mir dargebotene Backwerk gar nicht zu bemerken, und wurde erst durch Miß Abbot, welche indessen in die Kinderstube gekommen war, um sich nach Sara, dem neuangekommenen Stubenmädchen zu erkundigen, aufmerksam gemacht, dass mir doch noch nicht ganz wohl sein müsse, weil ich sonst sicher zugelangt haben würde. Indessen hatte Bessie an ihrem Nähtischchen Platz genommen, denn sie mußte für Eliza’s Puppe ein neues Seidenkleid anfertigen, welcher Auftrag ihr meiner Erinnerung nach wenigstens gestern zu Theil geworden war. Dieser Umstand lenkte ganz unwillkürlich meinen Blick nach der meinem Sitze gegenüber liegenden Ecke, wo meine Puppe in einer gewissen Armseligkeit und Verlassenheit lag.
Zwischen meinem und ihrem Schicksale herrschte die vollste
Übereinstimmung. Die Zurücksetzung, die ich in dem Hause von Mistreß Reed ertragen mußte, rieß die alten Wunden
neuerdings auf, und der Schmerz über mein Unglück und
meine Verlassenheit presste mir neuerdings Thränen aus,
wiewol meine Thränenquelle schon längst hätte versiegt sein
sollen.
»Weinen Sie doch nicht«, sagte Bessie zu mir, die mich
wahrscheinlich durch den Spiegel längere Zeit beobachtet haben mußte. Mein Schmerz war aber so groß, dass ich ihr gar keine Antwort zu geben vermochte. Da gab der dumpfe Schlag der Glocke, welche im Frontspitze des Schlosses hing und mit der Uhr in Verbindung stand, meinen Gedanken plötzlich eine andere Wendung. Der Hammer verkündete die zweite Stunde nach Mittag; um drei Uhr war die Speisestunde, folglich mußte Mistreß Reed mit ihren Kindern bald zurückkehren. Der Gedanke, mit dem abscheulichen John, dem ich meinen so traurigen und erbärmlichen Zustand zu verdanken hatte, neuerdings in Berührung zu kommen, und mich denselben Unannehmlichkeiten und Mishandlungen ausgesetzt zu sehen, wie früher, quälte mich unaussprechlich. Mir wurde heiß und bald darauf wieder kalt, wenn ich an den Gedanken des Zusammentreffens mit John dachte.
Ich hatte von Mistreß Reed seit meiner Ankunft in Gateshead viel zu ertragen, und dennoch war ich der Frau nicht so gram, dass ich derselben etwas Unangenehmes hätte wünschen sollen. Auch Eliza und Georgiana hasste ich nicht, denn auch sie wären vielleicht freundlicher und weniger theilnahmslos gewesen, wenn sie nicht unablässig von dem boshaften und unerträglichen John gegen mich aufgestachelt worden wären. In ihm erkannte ich nun den Urheber meines Unglückes, und darum -- --
»Pfui, Jane!« sagte »ich jetzt zu mir selbst. »Bald würde ein Wort über Deine Lippen gekommen sein, das Deiner unwürdig gewesen wäre. John hat mir unnennbaren Schmerz bereitet; er hat mich gequält, wie nur ein roher und gefühlloser Mensch dem Thiere zu thun vermag; er hat mich verleumdet, verachtet, mishandelt, ja er hätte mich vielleicht an jenem verhängnisvollen Tage selbst todtgeschlagen, wenn es in seiner Macht gelegen wäre; allein hassen darf ihn mein Herz dennoch nicht, denn dies wäre eine dem Christen ganz unwürdige Handlung. Ich will den Menschen von seinen Fehlern und Leidenschaften trennen; sie will ich hassen und verabscheuen; -- ihm habe ich in dieser Stunde verziehen.«
In demselben Augenblicke klopfte jemand an der Thür. Ich fuhr erschreckt von meinem Sitze auf, um zu sehen, wer es sei, ließ mich aber um desto eiliger wieder nieder, da ich meine Neugierde für eine unzeitliche und tadelnswerte hielt. Allein es war schon zu spät; denn in demselben Augenblicke stand Herr Lloyd vor mir und streckte mir die Hand zum Gruß entgegen.
Wie leicht war mir ums Herz, als ich diesen Mann wieder in meiner Nähe wusste. Ich konnte jetzt wieder frei aufathmen und Vertrauen fassen, das ich zu allen Übrigen im Hause bereits verloren hatte.
»Wie, schon auf!« sagte der Apotheker im freundlichen Tone. »Wie steht es um Ihr Befinden, Miß Jane?«
Ich zuckte die Achseln und blieb für den Augenblick
die Antwort schuldig.
»Sehe ich recht, so haben Sie geweint, denn Ihre Augen tragen die Spuren viel verlorner Thränen noch ganz deutlich an sich.«
Ich wusste abermals nichts zu antworten, oder besser gesagt, ich wollte und konnte Herrn Lloyd in Bessie’s Gegenwart die Wahrheit nicht gestehen; und da ich mein Gewissen mit keiner Lüge belasten wollte, so hielt ich Schweigen für rathsamer. Doch für den Augenblick schien mich Bessie zu überheben, denn sie bemerkte dem Apotheker, dass kaum einige Minuten vergehen, wo ich nicht weine. Sie sei selbst begierig, den Grund meiner Traurigkeit und die Ursache eines so reichlich fließenden Thränenquelles zu erfahren, habe aber bisher noch keine Zeit gefunden, der Sache auf den Grund zu kommen.
Herr Lloyd hatte indessen seiner Tasche auf den Grund
gefühlt, um zu seiner reichlich gefüllten Tabaksdose zu ge-
langen, und Bessie verließ auf einige Augenblicke das Zim-
mer, wahrscheinlich, um jene Gegenstände aufzusuchen, die
sie trotz ihres besonderen Eifers in der Kinderstube doch
nicht finden konnte.
Als Bessie die Thür im Rücken hatte, nahm mich der Apotheker bei der Hand und sprach: »Sagen Sie mir doch ganz aufrichtig und wahr, Miß Jane, warum Sie unablässig weinen?«
Diese Frage brannte wie glühende Kohlen auf mein Gewissen. Lügen durfte ich nicht, und ob ich die Wahrheit sagen und diesem Herrn mein Geheimnis anvertrauen sollte, dazu gehörte doch einige Ueberlegung. Ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, und diesem folgte ein Strom von Thränen.
Der Apotheker hatte indessen eine zweite Prise genommen, und so konnte ich Zeit gewinnen, um mich von meinem Schmerz etwas zu erholen.
»Sie drückt ein Kummer«, sagte jetzt Herr Lloyd im Tone der innigsten Theilnahme zu mir. »Fassen Sie Vertrauen zu mir! wenn ich helfen kann, soll es gewiss geschehen.«
In demselben Augenblicke fuhr der Wagen durch's Portal. Mistreß Reed war mit ihren Kindern von der Spazierfahrt zurückgekehrt. Der Zeiger der Uhr neigte sich zum Abschlusse der dritten Stunde, wo gespeist wurde. Mistreß Reed war in dieser Hinsicht sehr genau und hielt auf große
Pünktlichkeit. Ich war also vollkommen überzeugt, dass meine Unterredung mit dem Apotheker durch keine unliebsame Dazwischenkunft gestört werden wird, und darum nahm ich mir
das Herz, Herrn Lloyd mit meinem traurigen Verhältnisse bekannt zu machen.
»Ich fühle mich in diesem Hause äußerst unglücklich,
Herr Lloyd, und will fort!«
»Wie«, sagte hierauf der Apotheker, »Sie fühlen sich in dem Hause Ihrer Tante unglücklich, und wollen fort von hier? Wohin wollen Sie gehen?«
»Das weiß ich für den Augenblick selbst noch nicht«, antwortete ich dem erstaunten Manne.
»Haben Sie Verwandte?« fiel mir Herr Lloyd in die
Rede.
»Außer Mistreß Reed habe ich niemanden auf dieser
Welt; ich bin eine Waise.«
»Aber warum wollen Sie fort von hier? Ist Ihnen denn etwas Unangenehmes begegnet, oder -- «
»Ich werde hier schrecklich mishandelt; meine Kopfwunde ist der sprechendste Zeuge meiner Behauptung.«
»Und wer hat Sie so mishandelt?« fragte Herr Lloyd.
»John! der mich wie ein Thier schlägt und quält,«
war meine Antwort.
»Und was sagt Mistreß Reed dazu?«
Ich schwieg und fing neuerdings heftig zu weinen an.
»Beruhigen Sie sich, Miß Jane, und weinen Sie nicht. Sie sind leidend und müssen vorerst gesund werden; das Andere werde ich dann schon veranlassen.«
»Wird Mistreß Reed jetzt wol zu sprechen sein?« fragte nach einer kurzen Pause der Apotheker.
»Jetzt ist die Speisestunde«, antwortete ich, »und da
hat es Mistreß Reed nicht gerne, wenn sie gestört wird.«
»Ich verstehe«, sagte der Apotheker, »doch fällt mir
auf, dass Sie nicht gerufen werden!«
Ich zuckte die Achseln und trocknete die Thränen von der Wange, die mir jene Bemerkung vom Neuen ausgepresst hatte. Da reichte mir der Apotheker die Hand und sprach: ,,Morgen sehe ich Sie wieder, Miß Jane, und hoffe Sie in einer besseren Stimmung zu treffen.«
Ich verneigte mich schweigend und nahm wieder meinen früheren Platz in der Nähe des Kamines ein, um mich ernsten Betrachtungen über meine gegenwärtige Lage hinzugeben, als die Thür ausging und Bessie in die Kinderstube trat. »Mistreß Reed wünscht, dass Sie hier auf dem Zimmer speisen, Jane, darum lasse ich Ihnen hier den Tisch decken«, sagte Bessie. Da Sara wirklich hierzu Anstalt traf, erhob ich mich von meinem Sitze und sprach: »Ich muß
Ihnen für Ihre Mühe herzlich danken, denn ich fühle nicht die geringste Esslust. Mir ist so heiß, auch schmerzt mich meine Wunde bis zur Unerträglichkeit; und darum würde ich Sie ersuchen, dass ich mich zu Bette begeben darf.«
Bessie entgegnete mit keiner Silbe, ließ die Roleaux
(Rollvorhänge) an beiden Fenstern herab, während Sara
beschäftiget war, mir das Lager zu bereiten.
Ich war vielleicht noch nie so schnell ausgekleidet, wie heute, denn ich fühlte, dass ich recht übel daran sei. Bessie ließ sich auf einem Stule neben meinem Bette nieder und sprach mir Trost zu, den ich ihr aber herzlich gerne erlassen hätte, da mir vor Kopfschmerz fast die Sinne vergingen. Ich schloss die Augen und fing zu beten an. Trost und Linderung mußten in mein Herz gedrungen sein, denn ich schlief ein und erwachte erst spät am andern Morgen. Der Schlaf war für mein zerrüttetes Gemüt wie für meinen äußern Schmerz von bester Wirkung, denn ich fühlte mich nicht nur sehr gestärkt, sondern auch merklich heiter.
Da trat Herr Lloyd ins Zimmer und war ganz erstaunt, mich noch im Bette zu treffen. Er erkundigte sich nach meinem Befinden, fühlte mir den Puls und fand, dass sich mein Zustand bedeutend gebessert habe, worüber er auch seine Freude äußerte. Dann wendete sich der Apotheker mit der Bitte an Bessie, ob es nicht möglich sei, Mistreß Reed zu
sprechen. Bessie ging, um ihn bei der Tante anzusagen. In dem kurzen Zeitraume, wo Herr Lloyd mit mir allein war, erklärte mir der menschenfreundliche Mann, dass er gekommen sei, um mit Mistreß Reed über mein ferneres Schicksal Rücksprache zu nehmen und gab mir die Versicherung, dass sich Alles zu meinem Besten gestalten werde.
In demselben Augenblicke trat Bessie ein und erklärte, dass Mistreß Reed bereit sei, Herrn Lloyd zu empfangen. Er reichte mir die Hand zum Abschiede und verließ mit Bessie das Zimmer.
Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, denn ich war schon begierig, was Herr Lloyd bei Mistreß Reed in Beziehung auf meine Person ausrichten werde; allein Tage und Wochen verstrichen, ohne über mein künftiges Schicksal Aufklärung zu erlangen. Ohne allen Einfluss muß die Rücksprache, welche Herr Lloyd mit Mistreß Reed gepflogen hatte, doch nicht gewesen sein, das konnte ich aus den Veränderungen entnehmen, die einige Tage später mit mir vorgingen. Es wurde mir ein kleines, etwas unfreundliches Kabinet angewiesen, wo ich von nun an schlafen und mich auch während des Tages aufhalten sollte.
Mistreß Reed sah ich sehr selten; auch ihre Kinder hielten sich hübsch fern von mir, und so war ich auf mich selbst und auf meine Puppe beschränkt, welche meine einzige Gesellschafterin blieb. Auch durfte ich seit dem Tage meiner gänzlichen Absonderung nicht mehr lernen, was mir den meisten Kummer bereitete, denn ich fühlte nur zu deutlich, dass meine Bildung bis jetzt noch eine äußerst verkümmerte war.
Um desto mehr erwachte jetzt die Lernlust in mir, und ich suchte auf diesem Wege jene Versäumnisse nachzuholen, an denen wahrlich die Schuld nicht bei mir zu suchen war.
Mistreß Reed schien ihren Kindern verboten zu haben, mit mir ferneren Umgang zu pflegen; doch konnte es John nicht unterlassen, bisweilen auf mein Zimmer zu kommen, um mich zu quälen. Ich verhielt mich aber in solchen Augenblicken in der größten Entfernung von ihm und erwiderte kein Wort, selbst wenn der Junge die gröbstenSchimpfnamen gegen mich ausstieß. Da er es aber eines Tages neuerdings wagte, auf mich loszustürzen, um mich für mein Stillschweigen, das er eine unverschämte Bosheit nannte, zu züchtigen,
erhob ich mich mit einem Sprunge von meinem Sitze und streckte ihm dieselben Finger entgegen, die ihn schon einmal so arg zugerichtet hatten, worauf er mein Zimmer unter den größten Verwünschungen und entehrendsten Beschimpfungen verließ.
Als John die Thüre im Rücken hatte, mußte ich über den ganzen Vorfall herzlich lachen. Ich war innerlich froh, ein Mittel gefunden zu haben, um den rohen Burschen von mir fern zu halten; allein der unschuldigen Heiterkeit folgte die Strafe auf dem Fuße. John war zu seiner Mama gelaufen und mußte daselbst die ärgsten Beschuldigungen gegen mich vorgebracht haben, worüber ich natürlich gar nicht vernommen, sondern nur mit einem Fasttage bestraft wurde, wo ich außer einer Schale klarer Suppe und einem durchsichtigen Stückchen Brot nichts zu Essen bekam.
Das Essen hatte nie meine Glückseligkeit ausgemacht, da ich stets mit Wenigem zufrieden war. Diese Strafe schmerzte mich nur deshalb, weil ich sie ganz unverschuldeter Weise ertragen mußte. Ich klagte meiner Puppe mein Leidwesen, weil ich kein lebendes Wesen hatte, vor dem ich meinen Kummer hätte ausschütten können, und unterhiel mich eben auf eine ganz harmlose Weise, als Mistreß Reed ins Zimmer trat; hinter ihr der gallsüchtige John und seine neugierigen und schadenfrohen Schwestern.
»Jane!« rief Mistreß Reed, »daher!«
Ich sprang sogleich auf und legte meine Puppe bei Seite.
»Wie hast Du Dich unterfangen, meinen Sohn neuerdings zu beleidigen?«
Ich wollte sprechen und meine Unschuld darthun, als mir ein donnerndes »Schweig« aus Mistreß Reed’s Munde entgegen fuhr. Dieser Schrei hatte mich so sehr überrascht, dass ich am ganzen Leibe zitterte und in ein heftiges Weinen und Schluchzen ausbrach.
»Seht das boshafte Kind!« sagte Mistreß Reed zu den Ihrigen, »weil es seinen Zorn an niemanden auslassen kann, darum weint und heult der Trotzkopf, als ob man ihr an’s Leben gienge.«
»Nicht doch, Tante!« sagte ich in meinem Schmerz und wollte mich eben über die Beschuldigungen rechtfertigen, als mich Mistreß Reed am Arme erfasste und gegen sich riss. Die Ohrfeigen, die ich jetzt ganz ungezählt erhielt, schienen schon längst reif gewesen zu sein und hätten mich vielleicht weniger geschmerzt, wenn ich nicht in demselben Augenblicke so derbe Stöße auf das Schienbein meines rechten Fußes erhalten haben würde, dass ich mich vor Schmerz nicht länger auf den Füßen halten konnte und zu Boden sank. Diese zweite Mishandlung kam wol nicht von Mistreß Reed, sondern von John, welcher diese Gelegenheit benützt hatte, um seinen Ärger und seinen Übermut wieder an mir zu kühlen. Ich wand und krümmte mich auf dem Boden, wie ein Wurm, der mit den Füßen getreten wird, bis auf das Schellen der Tante Miß Abbot kam und mich vom Boden aufraffte.
»Sind Sie nicht so boshaft, Jane, und stehen Sie doch, wenn man Ihnen schon aufhilft«, sagte Abbot zu mir.
»Ich kann nicht stehen, mein Fuß schmerzt mich so«, entgegnete ich unter Weinen und Schluchzen.
Im Laufe dieser Scene hatte sich Mistreß Reed mit ihren Kindern entfernt und die Bessie geschickt. Durch ihre
Unterstützung ward ich auf mein Zimmer und ins Bett gebracht.
Die Stöße, welche mir John zum Beweise seiner gänzlichen Abneigung zukommen ließ, mußten sehr gewaltig gewesen sein; denn der Fuß war so arg angeschwollen, dass ich den Strumpf gar nicht abnehmen konnte.
Bessie schien jetzt ganz umgewandelt zu sein. Mein Zustand und die unverdiente Züchtigung mußten das Mitleid in ihrem Herzen wach gerufen haben; denn zum erstenmale meines Hierseins auf dem Schlosse zu Gateshead schmähte sie auf John, und nannte ihn einen rohen, zügellosen Menschen, was wohl sehr gewagt war. Da aber dieser Ausspruch ohne Zeugen geschah, so konnte er auch für die Zukunft keine Folgen haben, indem auf meine Verschwiegenheit mit voller Bestimmtheit gerechnet werden konnte.
Bessie hatte sich indessen auf mein Bett gesetzt und mir ernst zugesprochen; ja sie hatte mir sogar die Thränen von den Wangen getrocknet und mich geküsst, -- eine Zärtlichkeit, die ich mir nicht zu erklären wusste. Doch muß ich offen gestehen, dass diese Liebe und Theilnahme, die ich in Bessie nie gesucht hätte, auf mein Gemüt den wohlthätigsten Einfluss übte. Der Augenblick schien mir ein günstiger zu sein, und ich wollte mich eben mit meiner neuen Beschützerin in ein Gespräch einlassen, um über die Bemühungen des Apothekers Aufklärung zu erlangen, als die Abbot ins Zimmer trat und erklärte, dass Mistreß Reed nach Bessie verlange. Durch diesen unliebsamen Zwischenfall war einer meiner schönsten Pläne zu Wasser geworden, was mich in meinem
Innern ganz verstimmte. Wäre mein Gemüt durch die erlittenen Mishandlungen nicht schon aufgeregt gewesen, so würde dies zweifelsohne durch die Reden geschehen sein, die ich jetzt von Miß Abbot vernehmen mußte. Ich schwieg und gab auf keine der gegen mich gerichteten Beschuldigungen eine Antwort, sondern wendete mich mit dem Gesichte gegen die Wand, drückte die Augen fest zu und that, als ob ich schliefe.
Miß Abbot mußte von Mistreß Reed den Auftrag erhalten haben, in Abwesenheit der Bessie bei mir auf dem Zimmer zu bleiben, weil sie dasselbe nicht verließ, ungeachtet ihr durch mein Schweigen die Gewissheit zu Theil geworden war, dass ich schlafe.
Bessie war lange ausgeblieben; es dürfte nach meiner mutmasslichen Berechnung wohl eine gute Stunde gewesen sein, während welcher Zeit sich Abbot nicht wenig gelangweilt haben mußte.
»Aber Sie bleiben entsetzlich lange aus«, sagte Abbot,
als Bessie in das Zimmer trat. »Man könnte hier sterben
vor Langweile und Ueberdruss!«
»Schläft die Kleine?« fragte Bessie ganz leise.
»O, vielleicht schon über eine Stunde!« erwiderte Abbot, die noch immer nicht gut zu sprechen war.
»Da bin ich sehr frohr, sagte Bessie, »dann wird sie
auch bald ruhiger werden«
»Es wäre hohe Zeit, dass Miß Jane überhaupt anders würde«, fiel ihr Abbot in die Rede, »sonst wird Mistreß Reed doch noch sehr ungehalten über das boshafte Mädchen werden.«
»Boshaft ist Jane nicht«, entgegnete Bessie, »da thut
man der Kleinen ganz und gar Unrecht. An ihrem ganzen
Unglücke ist nur die Misstellung Schuld, in welche das arme Kind nach dem Tode unseres seligen Herrn gerathen ist. Übrigens wird sich im Laufe einiger Wochen so Manches ändern, denn Jane wird ohnehin in eine Schule oder ins Waisenhaus nach Lowood kommen.
Hat mich mein Fuß so sehr geschmerzt, oder habe ich vor Freude, über meine Zukunft so unerwartet Aufklärung erlangt zu haben, mit dem gesunden Beine eine solche ungeschickte Bewegung gemacht, dass der Stul, welcher übrigens etwas schief an meinem Bette gestanden sein muß, umfiel, wodurch das Zweigespräch, das für mich von so großem Interesse war, sein Ende gefunden hatte. Ich wusste übrigens genug; auch hatte mir diese Aufklärung hinreichenden Stoff geboten, um darüber nachzudenken.
Indessen hatte sich Bessie meinem Bette genähert.
»Wie ist Ihnen, Jane?« fragte sie im herzlichen Tone.
»Ich danke Ihnen für die Freundlichkeit, sich um meinen Zustand und zugleich um das Befinden einer armen verlassenen Waise zu erkundigen. Mir ist wohl, ganz wohl, nur mein Fuß schmerzt mich von Zeit zu Zeit.«
»Haben Sie nur Geduld, liebe Jane«, antwortete Bessie, »in einigen Tagen ist Alles wieder gut. Auch hoffe ich, dass sich ein ähnlicher Fall, wie der heutige, während Ihres
Aufenthaltes auf Gateshead nicht mehr ereignen wird.
»Sie sprechen von meinem Aufenthalte auf Gateshead so, als ob ich denselben bald zu verändern hätte«, Miß Bessie«, sagte ich hierauf mit Hast.
»So ist es auch, Miß Jane!«
»Und wohin wird man mich bringen ?« fragte ich jetzt mit noch größerer Hast, indem ich mich ungeachtet meines
wunden Beines im Bette aufrichtete, um von der mir zu ertheilenden Antwort ja kein Wort zu überhören. Allein ich wurde in meinen Erwartungen sehr getäuscht; denn Bessie zuckte die Achseln und bat mich, nicht weiter in sie zu dringen, indem ihr von Mistreß Reed tiefes Stillschweigen aufgetragen worden sei.
Ohne mir eine Lobrede zu halten, so muß ich doch zu meiner Ehre gestehen, dass eine zügellose Neugierde mir nie als ein Fehler angerechnet werden konnte; auch war ich nie unbescheiden und hatte stets wohlerwogen, wie weit die Gränzen der Schicklichkeit reichen. Darum unterließ ich es auch, noch weiter in Bessie zu dringen, da ich ja ohnehin wusste, was in kurzer Zeit mit mir geschehen werde.
Bessie suchte dem ganzen Vorfalle dadurch eine andere
Wendung zu geben, dass sie mich fragte, ob ich nicht von
Hunger gequält werde.
»Wol bin ich hungrig«, entgegnete ich; »Sie kennen aber das Verbot der Tante, und somit lässt sich hierin keine Abänderung treffen.«
Bessie lächelte und winkte mir freundlich zu. Sie verließ sodann das Zimmer und kam recht bald mit einem gefüllten Teller zurück, dessen Inhalt ein Stück kaltes Huhn und ein Kuchen von Bisquitteig ausmachte. Nach Fleisch hatte ich weniger Sehnsucht und würde dasselbe nur gegessen haben, um meinen Heißhunger zu stillen, da ich außer einer Schale Suppe und der durchsichtigen Brotschnitte noch keinen Bissen über meine Lippen gebracht hatte, wiewol der Zeiger der Uhr deutlich nachwies, dass bereits die neunte Stunde eines äußerst unfreundlichen Abendes im Anmarsche begriffen sei. Aber nach dem Kuchen wässerten mir die Zähne,
nicht als ob ich so begierlich, wie hundert andere Kinder gewesen wäre, sondern weil ich Mehlspeisen den Fleischspeisen von den Tagen meiner frühesten Kindheit an vorgezogen hatte.
Mit großer Freundlichkeit richtete nun Bessie das Oberbett zurecht, damit der Teller mit seinem lockenden Inhalte in der gehörigen Stellung bleibe; allein ich wies dieses Ansinnen entschieden zurück, indem ich bemerkte, eher den Hungertod zu erleiden, als gegen Mistreß Reed’s ausdrückliches Verbot zu handeln, indem ich durch diese Uebertretung mein Gewissen mit einer Sünde belasten würde.
Bessie schien über meine Weigerung, noch mehr aber über meinen festen Entschluss etwas betroffen zu sein und sprach mit sichtlicher Verwirrung: »Was ich Ihnen reiche, dürfen Sie ohne Scheu genießen. Sie werden dadurch Ihr Gewissen mit keiner Sünde belasten, weil ich die Verantwortung bei Mistreß Reed übernehmen werde.«
»Nicht doch, liebe Bessie«, erwiderte ich, indem ich den
Teller zurückschob, »Verbot bleibt Verbot, und so lange
dies von Mistreß Reed nicht aufgehoben ist, werde ich keinen Bissen anrühren, so sehr ich auch vom Hunger gequält
werde.«
»Haben Sie wirklich so großen Hunger?« fragte Bessie im Tone der größten Verwunderung.
»Ich bin sehr hungerig, Bessie«, war meine Antwort, »ich kann mich aber selbst in die misslichste Lage fügen, sobald es die Umstände gebieten, und deshalb muß ich Sie bitten, den Teller von mir zu entfernen.«
»Nein!« sagte hierauf Bessie mit einer Feftigkeit, die selbst jedem Manne Ehre gemacht haben würde, »du muß
ich eiligst zu Mistreß Reed, um deren Erlaubnis einzuholen«.
Und in demselben Augenblicke war sie auch aus dem Zimmer, ohne auf meine quälende Lage Rücksicht zu nehmen, indem ich
während ihrer Abwesenheit den Teller vor mir haben mußte,
gleichsam zur Prüfung meiner Standhaftigkeit. Aber bevor ich noch eine Ahnung hatte, war sie wieder zurück und erklärte mir mit sichtlicher Freude, dass Mistreß Reed ihr Verbot nicht bis in den späten Abend ausgedehnt wissen wollte, und ich mich daher schon längst hätte sättigen können.
Ich muß gestehen, dass mir dieser Bescheid der Mistreß
Reed sehr gelegen gekommen ist. Darum griff ich eiligst zu,
verzehrte zuerst das Huhn und dann den Kuchen. Meine Esslust war so groß, dass nichts als die Knochen auf dem Teller zurückblieben. Dann gab ich Bessie eine freundliche gute Nacht, ließ Mistreß Reed für ihre Güte und Nachsicht die Hand küssen und schlief die ganze Nacht so gut, dass ich erst gegen zehn Uhr des andern Tages erwachte.
Jane wird dem Direktor des Waisenhauses zu Lowood vorgestellt.
Mein Zustand mußte sich in der That gebessert haben, weil mich ein sanfter und süßer Schlaf so lange in seinen Armen gehalten hatte. Ich erhob mich rasch und nicht ganz ohne Scham aus dem Bette, weil ich erwartete, man werde mich eine Schlafmütze schelten; machte aber die traurige Bemerkung, dass ich meinen rechten Fuß noch nicht ganz ohne
Schmerzen gebrauchen konnte. Da ich aber um keinen Preis der Welt selbst um eine Stunde länger im Bette zubringen
wollte, so suchte ich so gut als es ging von einem Orte des
Zimmers zu dem andern zu gelangen, ohne den kranken Fuß eben besonders anzustrengen, und blieb den ganzen Tag über hübsch auf meinem Sitze, welche Ruhe zur Besserung meines Zustandes wesentlich beigetragen hatte. Fast den ganzen Tag auf mich selbst beschränkt, hatte ich Zeit genug, über mich und meine Zukunft nachzudenken und mit mir zu Rathe zu gehen.
Der Name »Waisenhaus« war mir unerträglich, ohne den Grund angeben zu können, weshalb ich gegen das Waisenhaus solche Abneigung empfand. Ich glaube, diese unverhohlene und sichtliche Abneigung kam blos daher, weil ich gar nicht wusste, was ein Waisenhaus ist, noch viel weniger mir eine klare Vorstellung von der innern Einrichtung und der Nützlichkeit einer solchen Anstalt machen konnte. In eine
Schule wäre ich gern gegangen, aber ins Waisenhaus gehst du nicht, sagte ich zu mir selbst.
So war der November hinüber gegangen und hatte dem gewiss von allen Kindern mit Sehnsucht erwarteten Christmonat den Platz geräumt. Auf dem Schlosse zu Gateshead wurden die Weihnachtsfeiertage und der Neujahrstag mit großem Aufwande gefeiert. Festessen und Geschenke wollten da kein Jahr ein Ende nehmen, und somit war darauf zu rechnen, dass die in diesem Jahre bevorstehenden, auch nicht minder festlich begangen werden, worin sich auch niemand täuschte, der dieser Ansicht oder Voraussetzung huldigte.
Es war am 8.Dezember, am Tage Maria Empfängnis, als ich gegen Mittag am Korridor stand und die Sperlinge mit den Brosamen jener Krumen fütterte, die ich beim Frühstück oder Mittagsessen erübrigte. Es war ein herrlicher Tag; die Sonne schien so freundlich und einladend, als ob die östliche Halbkugel nicht dem Winter, sondern dem werdenden
Frühlinge entgegeneile, wiewohl die Luft schon merklich frisch und rauh war. Da wurde ich plötzlich durch ein gewaltiges Rauschen in meiner einsamen Betrachtung gestört. Ich wandte mich schnell nach der Richtung, in welcher ich das Geräusch vernommen hatte und bemerkte, dass eben Eliza und Georgiana aus dem obern Stockwerke herabkamen, um sich nach dem Gesellschaftszimmer oder dem Empfangssaal zu begeben. Sie mußten an mir vorüber, und darum wäre auch jeder Versuch, mich ihren Blicken zu entziehen, vergeblich gewesen. Ich blieb also, machte halbe Front, und grüßte nach meiner gewohnten Art; allein mein freundlicher Gruß blieb unerwidert, und beide Mädchen warfen mir einen Blick der Verachtung und Demütigung zu. Ich kränkte mich eben nicht darüber, weil mir diese Behandlung nimmer neu war, und eben deshalb fiel mir das stolze, von der größten Geringschätzung begleitete Benehmen nicht so sehr auf. Was mir aber aufgefallen war, das war der äußerst elegante und geschmackvolle Anzug der Mädchen. Ich müßte ja kein Mädchen gewesen sein, wenn mir eine so auffallende Erscheinung entgangen wäre; auch hätte ich meinem Schönheitssinne und meinem guten Geschmacke eben nicht das beste Zeugnis ausgestellt.
Ist es aber nicht der Neid oder seine Schwester, die
Scheelsucht, diese Dämonen der Eitelkeit und Putzsucht, welche dein Auge an den Prunkgewändern von Mistreß Reed’s Töchtern festhielt, sagte eine innere, geheimnisvolle Stimme ganz leise zu mir. Ich legte die Hand auf’s Herz und konnte mir mit gutem Gewissen sagen, dass diese finstern Unholdsgötter der Erde noch zu keiner Zeit mein Herz beschlichen haben und dasselbe auch nie beschleichen werden«
Dass Mistreß Reed in Beziehung auf Toilette sehr viel Geschmack besaß, das mußten selbst ihre ärgsten Feinde zugeben. Die loisenblauen Seidenkleider, von dem feinsten
Venezianerstoffe angefertiget, waren allerliebst und wurden durch die schwarzen Sammtjoppen, welche nach schottischer Art mit schweren Goldborten verschnürt waren, noch mehr gehoben. Ganz im Einklange mit ihrer Toilette stand die
Frisur, welche durch die halbverschlungenen, vom feinsten
Golddraht geknüpften Netzhäubchen noch um desto mehr gehoben wurde.
Ich wusste zwar nicht, welcher Umstand zu diesem Putze
Veranlassung gegeben haben mochte, da mir der Feiertag allein doch nicht maßgebend genug zu sein schien. Da fiel mir plötzlich ein, dass heute der achte Dezember und somit
Eliza’s Geburtstag sei. Vom Herzen gerne hätte ich meiner Kousine meinen Glückwunsch dargebracht, wenn mich nicht ihr
steifes und rücksichtsloses Benehmen davon abgehalten haben
würde, da vorauszusehen war, dass ich im Gesellschaftszimmer eine ganz sonderbare Figur spielen und von Mistreß Reed oder dem herrischen John vielleicht gar zur Thüre hinausgewiesen werden würde, zu welcher Konfrontazion ich wahrlich keine Lust hatte.
Da rollten zwei Wägen hintereinander über den Kiesweg daher, und somit hatte ich die Ueberzeugung gewonnen,
dass man heute nicht allein, sondern in Gesellschaft speise. Um nicht abermals misliebigen Personen in die Arme zu laufen, zog ich mich auf mein Zimmer zurück und beschloss, dasselbe heute nimmer zu verlassen.
Gegen drei Uhr schien die Gesellschaft an Ausdehnung immer zuzunehmen, da noch mehrere Wägen innerhalb dieser
Zeit durchs Portal gefahren waren. Alsbald vernahm man ein eifriges Hin- und Hereilen der Domestiken, die heute in
ihrem Festanzuge prangten. Die Stimme des Kellermeisters ward mehrmals gehört, und die beiden Köche hatten mit ihren
Küchenjungen noch zu keiner Zeit so herumgemeistert, wie
diesen Nachmittag. Wenn die Thürflügel des Speisesaales
auf- und zugingen, konnte man aus dem Gesumse ganz deutlich vernehmen, dass die Gesellschaft eine zahlreiche sein müße.
Es war schon ziemlich finster in meinem Stübchen geworden, auch das Kohlenfeuer im Kamine war verglommen, und ich hatte heute mein Mittagsessen noch nicht erhalten. An die arme verlasseneWaise dachte außer Bessie sicher niemand, und diese durfte sich aus Mistreß Reed’s Nähe nicht entfernen, sondern mußte immer bei der Hand sein. Da ertönten der Harfe liebliche Klänge, auch das Pianoforte mußte jemand mit Beschlag belegt haben, und somit konnte ich gewiss sein, dass die Tafel bereits aufgehoben war.
Es mag gegen sieben Uhr gewesen sein, als Bessie auf mein Zimmer kam. »Jane!« rief sie, als ihr die starre Finsternis entgegentrat. Ich meldete mich zum Beweise, dass ich
noch lebe und auch heute nicht verhungert sei.
»Um des Himmels willen« , sagte Bessie, »so ganz
allein, und noch obenhin in dieser schauerlichen Finsternis. Warum hat man Ihnen kein Licht gebracht?«
Bei diesen Worten hatte sie das Zimmer verlassen, um ein Licht zu holen. Als sie zurückkam, war ihre erste Frage:
»Sie haben doch zu Mittag gespeist?«
»Ich schüttelte den Kopf und griff nach meiner Puppe, um die Verlegenheit zu verbergen, in die ich durch diese Frage oder durch jene Rücksichtslosigkeit gerathen war.
»Das ist doch unverzeihlich!« sagte Bessie und entfernte sich abermals, um einige Ueberreste von der Tafel für mich zu holen, wurde aber schon von einem Bedienten an allen Ecken und Enden des Schlosses gesucht und konnte somit ihr Vorhaben nicht mehr zur Geltung bringen.
Verstimmt in meinem Innern und bereits die Kälte in den Füßen fühlend, von welcher das Zimmer durchdrungen worden war, suchte ich mein Bett und schlief ein, ohne seit dem Frühstücke eine Brotkrume zu mir genommen zu haben.
Die Kinderstube ist einsam, sagte ich am andern Tage zu mir selbst; dafür hat mein jetziges Schlafgemach die größte Ähnlichkeit mit dem Grabe selbst. Und doch wäre mir der Kreis einer so großen Gesellschaft lästig geworden, falls ich in denselben treten und einen halben Tag und eine halbe
Nacht daselbst hätte zubringen müßen.
In meiner Einsamkeit und Abgeschiedenheit hatte ich mir einen hässlichen Fehler angewöhnt. Ich hatte nämlich täglich meine Puppe mit ins Bett genommen, damit ich nicht so ganz allein war. Es gab Stunden in meiner Jugend, wo dieses todte Spielzeug meine einzige Zerstreuung, Tage lang meine einzige Gesellschafterin war. Dass ich mir in dem
hölzernen Wesen nur zu oft eine lebende Person, eine Schwester oder eine Jugendfreundin dachte und mit derselben die längste Zeit plauderte, wird man einem armen verlassenen, zehnjährigen Mädchen wol verzeihen, auf dem die eiserne Hand des Schicksals schon seit seinem sechsten Jahre schwer lastete.
Ich war eben im Begriffe, meine Puppe aus dem Bette zu holen, und für dieselbe die Morgen-Toilette zu besorgen,
als Miß Abbot ins Zimmer stürzte und mir zurief, die
dunkle Schürze abzunehmen und ihr ins Gesellschaftszimmer zu folgen.
»Was soll ich dort machen?« fragte ich ganz verwundert.
»Ei, fragen Sie nicht erst«, sagte Abbot etwas unwillig, »und kommen Sie schnell, Mistreß Reed wünscht Sie einem fremden Herrn vorzustellen.«
»Kenne ich den Herrn nicht, Miß Abbot?« fragte ich
in meiner Neugierde und Überraschung weiter.
»Ach, mein Gott! wie kann ich das wissen«, war die
Antwort. »Machen Sie lieber, dass Sie fortkommen, sonst
könnte Mistreß Reed des Wartens müde werden und Sie
vielleicht in eigener Person holen.
Dieser Nachdruck that seine gute Wirkung, denn schon in wenigen Minuten stieg ich die Treppe hinan, welche zum
Gesellschaftszimmer führte. An der Thür angekommen, stand
ich einige Zeit unschlüssig und wusste nicht, ob ich den Drücker in die Hand nehmen und öffnen oder eiligst die Treppe wieder hinabsteigen sollte. Da fasste ich mir ein Herz und legte die Hand mit aller Kraft auf den Drücker. Die Thür flog etwas unsanft auf und ich stand nach langer Zeit wieder einmal im Gesellschaftszimmer, das mir nur mehr dem Namen nach bekannt war.
Mistreß Reed saß auf dem grünseidenen Kanapee in einer ganz nachlässigen Stellung; ihr gegenüber ein ziemlich hagerer Mann im schwarzen Anzuge, dessen Blick und Miene eben nicht den wohlthätigsten Eindruck auf mich machten; und dennoch hatte ich später diesen Mann so lieb gewonnen, dass ich ihn wie meinen zweiten Vater ehrte.
Ich neigte mich tief, vorerst gegen den Fremden und dann gegen Mistreß Reed, und war der Dinge gewärtig, die da kommen werden.
Mistreß Reed gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, dass ich näher treten möchte, indem ich gleich bei meinem Eintritte in größter Entfernung von Tisch und Kanapee stehen blieb. Ich trat etwas vor und zwar so weit, dass ich
den fremden Herrn wie die Tante beständig im Gesichte behalten konnte. Sodann nahm Mistreß Reed das Wort und
sprach: »Das ist die Kleine, welche die Veranlassung zu jenem Schreiben gab, das ich vor ungefähr vierzehn Tagen an Sie zu richten die Ehre hatte, Herr Abbe.«
Der Mann im schwarzen Kleide verneigte sich gegen die Tante und sagte dann zu mir: »Wie alt sind Sie, Miß?«
»Zehn Jahre vorüber«, war meine Antwort.
Hierauf betrachtete mich der Abbe von der Zehenspitze
bis zum Wirbel des Kopfes und sagte dann kopfschüttelnd:
»Sie ist etwas klein auf ihr Alter.«
»Wohl!« entgegnete Mistreß Reed, »aber die ist raffinirt. Wer sie nicht näher kennt, kann es gar nicht glauben und muß denken, dass alle Beschwerden, die man gegen sie vorbringt, pure Verleumdungen seien.«
»Das hätte ich nicht gedacht!« erwiderte hierauf der Abbe. »Da hat mich wieder einmal im Leben ein gutmütiges Gesicht arg getäuscht.«
Ich zog die Stirne etwas in Falten, ob aus Ärger oder purer Verlegenheit über die dreiste Lüge der Tante, kann ich jetzt selbst nicht mehr behaupten. Da zog mich der
Abbe aus meiner Verlegenheit, indem er mich ganz freundlich
ersuchte, etwas näher zu treten.
»Wie heißen Sie, mein liebes Kind«, fragte jetzt der Abbe mit der vorigen Freundlichkeit.
»Jane Reed«, war meine Antwort.
»Haben Sie noch Ältern?« fragte der Abbe weiter.
»Nein« sagte ich mit merklicher Beklommenheit, »beide sind schon seit vier Jahren todt.«
»Wer war Ihr Vater?« lautete die fernere Frage des Abbe.
»Fabriksarzt zu Salford und ein grundehrlicher Mann«, war meine Antwort.
»Das will ich meinen«, erwiderte der Abbe, »dieses Zeugnis wird und muß ihm die ganze Welt geben.«
Mistreß Reed schien mit der Unterredung, die der Abbe mit mir bisher gepflogen hatte, nicht ganz zufrieden gewesen zu
sein, weshalb sie jetzt das Wort nahm und sprach: »So viel ich mich erinnern kann, habe ich Ihnen, Herr Direktor, in meinem letzten Briefe eine genaue Schilderung in Betreff des Karakters gemacht, den dieses Mädchen besitzt. Im Herzen verstockt, voll Bosheit und Zanksucht, und im Lügen eine Meisterin, kann ich die Kleine nicht mehr länger in meinem Hause dulden. Sollten Sie nun gesonnen sein, dieselbe in das Waisenhaus zu Lowood aufzunehmen, so würde ich Sie sehr ersuchen, die Oberaufseherin sowie die Lehrerinnen von dem Karakter und den bösen Leidenschaften des Kindes in Kenntnis zu setzen, damit man dasselbe streng überwache, und vor Allem ihren gröbsten Fehlern, nämlich der Verstellung, Hinterlist und Lügenhaftigkeit mit aller Schärfe entgegentrete. Ich sage das in Deiner Gegenwart, Jane, damit
Du Dir nicht etwa beikommen lässst, den Herrn Direktor durch Deine gewohnte Freundlichkeit, die aber nichts als
Heuchelei ist, zu hintergehen.«
Ich hatte Mistreß Reed von jeher gefürchtet, weil ich
wusste, dass sie mir nicht im geringsten gewogen war. Es
lag ferner auch in ihrem ganzen Wesen, mich bei jeder Gelegenheit zu schmähen, ohne eben einen Fehltritt gethan zu haben, mich der Unwahrheit zu strafen, wo ich im augenscheinlichen Rechte war, und allen Leuten zu sagen, dass ich ein Bettelkind sei, dem sie aus purem Mitleid in ihrem Hause auf unbestimmte Zeit einen Unterstand zugesagt habe. Ich war in ihrer Gegenwart nie froh und zufrieden, sondern fühlte mich im Gegentheile stets unheimlich in ihrer Nähe. Mein Gehorsam war zu jeder Zeit ein pünktlicher; ich gab mir alle Mühe, ihre Zufriedenheit zu erlangen, und ärntete dafür nur Misfallen. Die Beschuldigungen, die man gegen mich vorbrachte, nahm ich in den meisten Fällen schweigend hin, um nur keinen Anlass zu neuen Beschwerden zu geben und ertrug mit Geduld, was in meinen Kräften stand. Dass mich aber Mistreß Reed vor einem fremden, vor dem Abbe und Direktor des Waisenhauses zu Lowood, auf eine Weise verunglimpfen würde, die den schamlosesten Verleumdungen gleich kam, hätte ich nie und nimmer gedacht. Mistreß Reed hatte mich durch diese falsche Anklage bis ins Innerste des Herzens verwundet; sie hatte mir den Stachel einer Leidenschaft ins Herz gedrückt, die ich vor diesem verhängnisvollenAugenblicke nicht gekannt hatte; und darum wollte, darum mußte ich mich gegen eine so ungerechte Anschuldigung vertheidigen und die Urheberin derselben Lügen strafen.
Ich wollte sprechen und konnte keine Worte finden, um mich auf eine geziemende Weise auszudrücken; nur ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, und bahnte den Thränen, die ein mächtiger Zeuge meines gekränkten Gemütes waren, den Weg.
»Gleißnerei und Verstellung«, sagte hierauf der Abbe, sind schon an und für sich grobe und hässliche Fehler, welche
Denjenigen, der sie an sich trägt, in den Augen seiner Mitmenschen verächtlich machen. Christus der Herr tadelte die Pharisäer dieser Laster wegen und warnte die Juden vor diesen Wölfen im Schafpelz. Sehen Sie also zu, mein liebes Kind, dass Sie diesen Fehler ablegen, um nicht dem ewigen Gerichte zu verfallen, wo schwere Strafen Ihrer harren würden. Im Übrigen verlassen Sie sich, Mistreß Reed, auf meine Scharfsichtigkeit und eine strenge Überwachung; auch werde ich mit Miß Temple und den Lehrerinnen hierüber besondere Rücksprache nehmen.«
»Mein Wunsch ist«, sagte hierauf Mistreß Reed, »dass die Kleine eine ihren künftigen Verhältnissen angemessene
Erziehung erhalte, da die Bestimmung ihres Lebens da hinausläuft, nach vollendeter Bildung in einem anständigen
Hause eine Unterkunft zu finden, um sich ihr Brot einst selbst verdienen zu können.«
»Ihre Ansichten sind nur zu billigen, Mistreß«, sagte
hierauf der Abbe, »und das Kind kann sich immerhin glücklich preisen, eine solche Wohlthäterin gefunden zu haben.«
»Ich kann mich also verlassen, dass die Kleine im Waisenhause zu Lowood Aufnahme finden werde?« sagte hierauf
Mistreß Reed.
»Sie ist aufgenommen«, erwiderte der Abbe.
»Nun, so kannst Du jetzt gehen; das Übrige werde ich schon veranlassen«, war die Antwort von Mistreß Reed.
Ich verneigte mich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer.
Wie ich in mein kleines Gemach zurückgekommen bin, weiß ich nicht anzugeben, denn ich sah und hörte nicht. Ich war ganz überrascht, Bessie hier zu finden, die an einem Kleide für mich nähte. Wahrscheinlich war ihr von Mistreß Reed aufgetragen worden, meine Sachen in Ordnung zu bringen und ich schloss daraus, dass ich meinem künftigen Asyl bald zugeführt werden würde.
»Was ist Ihnen, Jane, dass Sie so heftig weinen?« redete Bessie mich an.
»Das werden Sie eben so gut wissen, wie ich«, sagte ich etwas gereizt, und wollte an ihr vorüber gehen. Sie ergriff mich an der Hand, zog mich zu sich und sprach: »Trösten Sie sich, Jane, und vertrauen Sie auf Gott, er wird Alles zu Ihrem Besten leiten.«
Bei diesen Worten drückte sie einen Kuss auf meine nassen Wangen und sagte: »Auch ich bin in einem Waisenhause erzogen worden, und kann dem lieben Gott nicht genug danken, daselbst Aufnahme gefunden zu haben; denn sonst wäre ich sicher an Leib und Seele zugrunde gegangen.«
Ich sperrte die Augen weit auf, um Bessie Lee recht betrachten zu können. Ich hatte mir die Menschen, die in einem Waisenhause erzogen werden, ganz anders vorgestellt.
Bessie fing hierauf von ihrer Jugend und ihrem Aufenthalte im Waisenhause zu erzählen an, und entwarf mir ein Bild, welches auf mich den wohlthätigsten Eindruck machte, so
zwar, dass ich den Tag gar nicht mehr erwarten konnte, wo
ich Gateshead sammt seinen Schrecknissen im Rücken haben
werde.
Zweites Kapitel.
Eintritt ins Waisenhaug zu Lowood.
Durch die freimütige Erzählung von Bessie’s Jugend wurde ich ganz umgestimmt. Ich war viel heiterer als sonst, sang, scherzte und lachte mit meiner Puppe, und es schien, als ob nach so vielen trüben und finstern Tagen wieder einige Sonnenblicke in mein düsteres Gemüt gedrungen wären. Ich fragte Bessie mehrmals, wenn ich mit ihr allein auf meinem
Zimmer war, ob wol der Tag meiner Abreise von Gateshead noch fern sei? Doch konnte sie mir hierüber keinen Bescheid
geben und bemerkte, dass außer Mistreß Reed dies auf dem
Schlosse niemand wisse. Indessen sollte mir der letzte Jänner hinlängliche Aufklärung geben.
Es war kaum fünf Uhr Morgens, als Bessie vollständig angekleidet mit einem Licht in der Hand in mein Zimmer
trat und mich weckte. Noch halb im Schlafe, wusste ich nicht, was mit mir vorgehe. Bessie ließ mich aber nicht lange in Ungewissheit und erklärte mir, dass ich schon nach einer Stunde nach Lowood abreisen werde. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette. Noch nie in meinem Leben war ich so schnell angekleidet, wie heute. Bessie hatte einstweilen das Frühstück
herbeigeschafft, das in einer Schale Fleischsuppe bestand;
allein ich war so aufgeregt, dass ich gar nicht essen wollte.
Nachdem aber Bessie unaufhörlich in mich drang und mir
Vorstellungen machte, dass ich bei der großen Winterkälte
leicht krank werden könnte, wenn ich mit nüchternem Magen
den ganzen Tag fahren sollte, so gab ich endlich nach, trank die Suppe und schob das Brötchen in meine Tasche, um auf der Reise versorgt zu sein, falls mich ein Hunger überfallen sollte.
Es war von Mistreß Reed beschlossen worden, dass ich um sechs Uhr Morgen mit dem Gateshead passierenden Eilwagen meine Reise nach Lowood antreten soll. Die Zeit drängte, darum ermahnte mich Bessie zur Eile. Ich langte meinen Mantel vom hohen Schrank herab, setzte meinen runden Hut auf und sagte zu Bessie, die sich eben in ein großes dickes Schafswolltuch hüllte: »Ich bin fertig!«
Bessie nahm meinen Reisesack in die eine Hand und mit der andern ergriff sie meine Rechte, mich ermahnend, vorsichtig über die Stiege zu schreiten, damit ich keine Stufe übersehe und etwa hinabstürze, da von den vielen Laternen auch nicht eine angezündet worden war. Plötzlich blieb ich stehen und erklärte Bessie, dass ich mich weder von
Mistreß Reed noch von Eliza und Georgiana empfohlen
hätte und so unmöglich das Schloss verlassen könne.
»Man hat sich allgemein ihren Besuch verbeten«, sagte
Bessie, »darum lassen Sie uns eilen, damit wir den Wagen
nicht versäumen.«
Dieser Bescheid hatte mich überrascht. Wie, sagte ich
zu mir selbst, niemand will von dir Abschied nehmen, niemand will dich mehr sehen? Verlassener kann doch kein zweites Kind auf Erden sein.
Indessen waren wir in die Vorhalle gekommen, wo uns der matte Schein einer Lampe aus der Portierswohnung entgegen dämmerte. Die gute Frau hatte Feuer im Kamin, daher ich mich gleich in dessen Nähe machte, um den Frost von mir zu verscheuchen, der mich auf dem kurzen Gange überfallen hatte.
»Fährt die Kleine allein?« fragte die Portiersfrau
Bessie.
»Leider hat es Mistreß Reed so angeordnet,« sagte
hierauf Bessie.
Da ward mir bange. Ich stürzte auf Bessie los, hielt
sie mit beiden Händen fest umschlungen, und rief unter
Thränen und Schluchzen: »Nein! Sie dürfen mich nicht
verlassen; Sie müßen mit mir reisen.«
Da vernahm man das Rollen des Postwagens. Ein starker Knall mit der langen Peitsche bestätigte die Annäherung der erwarteten Fahrgelegenheit. Der Portier zog schnell aus der Ecke seines Stübchens einen ziemlich großen Koffer hervor, um denselben an den Fahrweg hinauszuschaffen, und Bessie umschlang meinen Leib und trug mich die wenigen Schritte bis zum Postwagen. Hier übernahm mich der Kondukteur, schob mich in den ziemlich besetzten Wagen hinein und schwang sich wieder auf seinen hohen Sitz hinauf. Da vernahm ich zum Letztenmale Bessie’s Stimme. Sie rief dem Kondukteur zu, auf mich wol Acht zu geben, damit mir kein Unfall begegne. Der Wagen rollte weiter, und das Schloss zu Gateshead war meinen Blicken für immer entschwunden.
Im Eilwagen herrschte eine undurchdringliche Finsternis, da der Mond sein Silberhorn hinter einem dichten Wolkenschleier zu verbergen suchte. Ich konnte also gar nicht unterscheiden, wer meine Reisegesellschaft sei, und konnte ungestört so lange weinen, bis endlich der Morgen zu dämmern begann. Der helle und volle Ton des Posthorns weckte eine mir gegenübersitzende Dame aus dem Schlafe. Sie warf den grünen Schleier zurück, um sich zu überzeugen, ob wir schon an der Stazion seien, was den Reisenden durch die ziemlich unerquicklichen Töne des Posthorns angezeigt wurde.
»Guten Tag, meine liebe, holde Kleine«, sagte die Dame mit besonderer Freundlichkeit und Herablassung zu mir und streichelte dabei meine Wangen; —- eine Liebkosung, die mir
während meines vierjährigen Aufenthaltes zu Gateshead nie zu Theil geworden war. Mir schoss vor Verlegenheit das Blut ins Gesicht, das sagte mir die Gluthitze, welche meine Wangen überzogen hatte.
Während ich in meiner Scham und mit zu Boden gesenkten Blicken da sass, hatte die Dame mit einem prüfenden Blick die Gesellschaft gemustert. Ihr Auge muß außer mir keinen fremden Passagier entdeckt haben, darum fragte sie mich mit sichtlicher Verwunderung: »Reisen Sie allein?«
Ich nickte mit dem Köpfchen und ließ den Zeugen meines Kummers und meines Schmerzens freien Lauf.
»Wohin wollen Sie?« fragte die Dame mit besonderer Theilnahme.
»Nach Lowood ins Waisenhaus!« war meine Antwort.
In demselben Augenblicke hatte der Postillon die Pferde
angehalten, der Kondukteur war von seinem Sitz herabgesprungen, während ein kleiner, dicker Mann auf den Wagen zukam und der ganzen Gesellschaft den Morgengruß seines Herrn überbrachte. Es war das Hotel Viktoria, mit dem gleichzeitig die Postexpedizion in Verbindung gebracht worden war. Der Kondukteur öffnete den Schlag und hob mich aus dem Wagen; mir folgte die fremde Dame und dieser die übrigen Reisegefährten.
Es war ein äußerst unfreundlicher Morgen. Der Wind pfiff mit einer Schärfe von Nordosten her, dass mich das Gesicht wie Feuer brannte, weshalb ein warmes Zimmer der ganzen Gesellschaft willkommen sein mußte.
Indessen hatte mich der Kondukteur von der Gesellschaft
getrennt und in die Gemeindestube geführt, theils um mich zu erwärmen, theils um für uns beide das Frühstück zu besorgen. Ich hatte wenig Esslust und nippte nur ein wenig von der Tasse Thee, die mir vorgesetzt worden war.
»Trinken Sie, Miß«, sagte der Kondukteur; »der wird
Ihnen den Magen erwärmen.«
Ich bedeutete meinem Beschützer, dass ich kein ferneres
Verlangen weder nach dem Thee noch nach dem Rum habe, worauf er sich die ganze Porzion sammt den beigegebenen
Brödchen beilegte und eiligst die Stube verließ, aber noch in derselben Minute wieder zurückkam und mich aufforderte,
ihm zu folgen.
Innerhalb dieser Zeit hatte der Postillon das Zeichen
gegeben, die ganze Gesellschaft traf wieder am Wagen zusammen, und Jedes von uns nahm seinen vorigen Platz ein, worüber ich sehr erfreut war, da ich mich in der Gesellschaft dieser Dame unendlich heimisch fühlte.
Das Frühstück, welches meine Reisegesellschaft im Passagiersaale eingenommen hatte, mußte von dem meinen wesentlich verschieden gewesen sein; denn die Dame war so freundlich, mir einen Honigkuchen, zwei Butterschnitten und einige Stück Backwerk zu präsentiren. Ich langte schüchtern nach den dargereichten Gaben und ließ mir dieselben auf das Beste munden. Für den Mittag ward ich von der Dame zu Gaste geladen, und erhielt während des Tages viele Beweise ihres besonderen Wohlwollens Kurz vor meiner Ankunft in Lowood fragte sie mich um meinen Namen, den sie sodann in ihr kleines Reise-Portefeuille eintrug und überreichte mir ihre Karte mit der Aufforderung, dieselbe ja gut aufzubewahren und sie von Zeit zu Zeit von meinem Befinden in Kenntnis zu setzen.
Da ward es allmälich dunkel geworden; die Straße war steinig und fast unwegsam, weshalb der Wagen oft so hin- und hergeschleudert wurde, dass wir fast mit den Köpfen zusammen fuhren.
»Jetzt sind wir nicht mehr weit von Lowood entfernt,«
sagte die Dame zu mir. »Sie sind am Ziele Ihrer Reise.
Ich wollte, ich wäre es auch.«
Bald darauf rollte der Wagen durch das kleine und finstere Stadtthor. Ich hatte die Augen unablässig nach dem Fenster gerichtet, konnte aber wegen der großen Dunkelheit die Gegenstände von einander nicht unterscheiden, bis endlich der Wagen vor einem großen, schwarzen Hause hielt. Ich zitterte am ganzen Körper und wusste gar nicht, wie mir geschah. Dies mußte die Dame bemerkt haben und richtete einige ermunternde Worte an mich, während der Schlag vom Wagen sich öffnete und eine hagere Gestalt mit einer Handlaterne die Frage an die Gesellschaft richtete: »Ist ein kleines Mädchen, Namens Jane Reed, mit angekommen?«
Die Dame war so gütig, für mich die Antwort zu geben, da ich vor Beklommenheit gar nicht sprechen konnte. Ich wollte meiner Gönnerin die Hand küssen; allein sie zog mich an sich, küsste mich mehrmals und sprach: »Betreten Sie dieses Haus im Vertrauen auf Gott; er wird Ihr fernerer Leiter und Beschützer sein« Hieran wurde ich aus dem Wagen gehoben und einer ziemlich bejahrten Frau übergeben, die mich durch ein düsteres und unfreundliches Portal in das Innere eines ausgedehnten Gebäudes führte, und mir auf meine Frage: »wem dieses Haus gehöre?« den Bescheid gab, dass ich im Waisenhaus zu Lowood sei.
Jane wird Miss Temple vorgestellt.
Von dem langen Sitzen war ich ganz steif geworden, weshalb es mit meinen Füßen gar nichtrecht vorwärts wollte, während die Alte mit rüstigen Schritten vor mir her ging, aber zeitweise sich umwendete, um zu sehen, ob ich nachkomme.
Ohne ein Wort zu sprechen, wurde ich durch mehrere lange, dunkle Gänge geführt, deren gewölbte Bogenfenster an ein Kloster erinnerten. Mir wurde der Athem schwer und eine Beklommenheit hatte sich meiner bemächtiget, als ob mir der Alp durch mehrere Stunden auf der Brust gesessen sei. Plötzlich hielt die Alte ihre Schritte an, und gleich fuhr es mir durch den Sinn, dass wir jetzt das Ziel unserer Wanderung erreicht haben könnten, ich hatte mich aber in meinen Vermutungen arg getäuscht, was ich erst merkte, als ich schon in der unmittelbaren Nähe meiner Führerin stand, welche bereits die Hand auf den eisernen Drücker einer schwarzen, ungemein schwerfällig sich öffnenden Thür aus festem Eichenholz gelegt hatte, und nur meiner harrte, um zu öffnen. Da diese altmodische Thür mit dicken Eisenbändern beschlagen und mit
fast zolldicken Riegeln und Schließen versehen war, so schloss ich daraus, dass sie den Eingang zu einem neuen Gebäude öffnen müße, und so war es auch.
Mir war bereits warm geworden, und ich fing an zu schwitzen, weshalb ich das Hutband lockerte und den Mantel öffnete.
»Was beginnen Sie, Miß,« fuhr mich die Alte mit rauher Stimme an, »verwahren Sie sich wohl, wir kommen ins Freie.«
Ich erwiderte nichts auf diese Rüge und that, wie man
mir gesagt hatte. Kaum war die Thür geöffnet, so blies uns ein eisiger Wind mit aller Heftigkeit entgegen, weshalb ich mich emsiger als zuvor in meinen Mantel hüllte und auch den Hut versorgte, damit mir derselbe nicht etwa durch einen unvermuteten Windstoß entführt werde. Jetzt ging es auf einem gut geebneten Pfade, der nicht im geringsten glitschig, sondern wohl mit Sand oder Asche bestreut war, über einen ziemlich geräumigen Hof, der mit einigen großen Bäumen bepflanzt war, und wo uns von dem gegenüber liegenden Gebäude aus einer großen Anzahl kleiner Fenster eine Menge Lichter entgegenstralten. In mir fing es bereits zu dämmern an, denn jetzt erst befanden wir uns am Ziele unserer Wanderung. Bevor ich noch an die Pforte herangekommen war, hatte die Alte schon die Klinke ergriffen und heftig geschellt.
Der Pförtner, ein großer, breitschulteriger Mann, öffnete und grüßte mich auf das freundlichste. Die Alte lenkte alsbald in einen mit Kreuzgewölben versehenen Gang ein, führte mich in ein von einer einfachen Lampe spärlich erleuchtetes Zimmer, wo die Flamme im Kamin hoch aufloderte, und ließ mich hier stehen.
Ich fand es hier sehr warm, darum legte ich meinen
Mantel ab, um mich nicht zu sehr zu erhitzen, falls die
Wanderung abermals ins Freie gehen sollte. Übrigens war
mir die Wärme nicht ungelegen gekommen, denn ich hatte den Tag über gefroren genug.
Man ließ mich hier geraume Zeit ganz allein; ich hatte
daher Muße genug, meine Neugierde zu befriedigen, falls ich mit den Gegenständen, die mich umgaben, näher vertraut werden wollte. Da kleine Mädchen mehr oder weniger neugierig sind, so that ich auch meinen Augen keine Gewalt an, als diese Lust bekamen, das Zimmer nebst seinem Inhalte zu mustern.
Ich hatte dieses Zimmer anfangs für ein ganz gewöhnliches gehalten, wurde aber alsbald durch die hübschen Tapeten und die karmoisinrothen Draperien, sowie durch den hübschen Teppich und den aus Nussbaumholz geschnitzten und mit verschiedenem Laubwerke verzierten Tisch eines Besseren belehrt. Ich hatte also die Überzeugung gewonnen, dass ich mich im Empfangs- oder Gesellschaftszimmer befinden müße.
Man hatte mir aber nicht mehr viel Zeit gelassen, um den Unterschied zwischen dem einen und dem andern herauszufinden; denn es öffnete sich die Thür und eine schlanke Frau trat herein, der ein Mädchen mit einer Leuchte auf dem Fuße folgte.
Man sagt, der erste Eindruck ist stets der bleibende,
und muß es auch sein, weil ich mich gleich im, ersten Augenblicke zu jener Dame mit dem glänzend schönen Haar, der hohen gewölbten Stirn, den blassen Wangen und dem scharfen, aber dennoch Vertrauen einflössenden Blicke mächtig hingezogen fühlte.
»Das Kind ist doch noch zu jung, um es so allein hieher zu schicken«, sagte sie zu ihrer Begleiterin, welche indessen die Leuchte auf den Tisch gestellt und mir Hut und Mantel abgenommen hatte.
Die Dame, welcher ich durch mich selbst vorgestellt worden war, ist wirklich Miß Temple, die erste Oberlehrerin und provisorische Vorsteherin dieser Anstalt gewesen, wie ich
alsbald zu erfahren Gelegenheit hatte, und der mich der Abbe besonders zu empfehlen versprach.
»Bist Du hungrig, mein Kind?« sprach sie jetzt im freundlichen Tone zu mir.
»Ich fühle etwas Hunger, Madame«, war meine Antwort.
»Lassen Sie ihr, bevor sie zu Bette geht, einen Teller
Gemüse und ein Stück Brot reichen, Miß Miller, sagte sie
jetzt zu ihrer Begleiterin, »und dann soll sie für heute auf Ihrem Zimmer schlafen, Miß.«
Hierauf lud mich Miß Miller, welche als Unterlehrerin
hier angestellt war, ein, ihr zu folgen, während Miß Temple, die Vorsteherin dieser Anstalt, mich streichelte und sprach: »Ich hoffe, dass Sie ein recht gutes, fleißiges und folgsames Kind sein wird, und dann werden wir immer zusammen gute Freundinnen bleiben. Und nun gute Nacht, meine liebe Jane!«
Ich wollte beim Weggehen die Hand küssen, allein Miß
Temple erklärte, dass eine anständige Verbeugung hinreichend sei, um die schuldige Achtung zu bezeigen und beim Weggehen sich zugleich zu empfehlen.
Miß Miller nahm mich bei der Hand und führte mich
nun von Zimmer zu Zimmer. Auch einige Gänge hatten wir bereits durchschritten; und immer noch herrschte eine Grabesstille im ganzen Gebäude. Endlich vernahm ich in einiger Entfernung ein starkes Summen, ähnlich dem in einem Bienenstocke. Meine Führerin machte die Thür auf und ich stand in einem großen Saale, wo der Länge nach weiße, hölzerne Tische aufgestellt und mit drei Talglichtern versehen waren. Auf beiden Seiten saßen Mädchen jeden Alters, aber von durchaus gleichem Anzuge, welcher aus einem braunen Oberrocke von Flanell und einer blauen Leinenschürze mit einem Brustlatz bestand. Die Haare der Mädchen waren zwar einfach, aber sehr nett gekämmt und geflochten. Jene, welche keinen Zopf trugen, hatten die Haare zurückgekämmt und mit einem gezahnten Kautschukreif befestiget. Die Kinder hatten eben Repetizion, und mußten ihre Lekzionen für die morgigen Schulstunden durchgehen und memorieren.
Meine Gegenwart schien eine allgemeine Störung verursacht zu haben, denn mehr als fünfzig Köpfe hatten ihre Augen auf mich gerichtet, und von den mir zunächst Sitzenden wurde ich sogar sehr freundlich gegrüßt. Miß Miller gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, auf einer der Bänke Platz zu nehmen, was die andern Zöglinge bemerkt haben mußten, weil mich noch in demselben Augenblicke mehrere Hände zugleich erfassten und zu sich heranzogen. Sie war nach dem oberen Raume des Saales gegangen und rief, indem sie eine kleine Treppe erstiegen hatte: »Bücher einsammeln!«
Sogleich erhoben sich vier große Mädchen von ihren Plätzen, gingen von Tisch zu Tisch und sammelten sämmtliche Lehrbücher ein. Dann hieß es weiter: »Die Schüsseltragen herbei!« Sogleich paarten sich mehrere Mädchen und brachten auf einem mit zwei Handhaben versehenen Brette eine Menge Teller herbei, wo das Gemüse, welches zum Abendessen bestimmt war, bereits in Porzionen vertheilt war; neben
jedem Teller lag ein Stück Brot und in der Mitte des Brettes stand ein zinnener Krug und ein großer Becher von demselben Metalle, welche beide in die Mitte des Tisches gesetzt wurden. Die Porzionen wurden herumgereicht, allein
die Wenigsten betheiligten sich bei dem Gemüse, sondern nahmen nur das Stück Brod und tranken aus dem gemeinschaftlichen Becher. Auch ich ließ das Gemüse an mir vorübergehen, da Sauerkraut ohnehin nicht zu meinen Lieblingsgerichten gehörte, nahm blos ein Stück Brot und trank aus dem gemeinschaftlichen Becher.
Die Kost ist einfach, sagte ich zu mir, aber dennoch sehen die Mädchen gut aus. Das muß die innere Ruhe und das heitere Gemüt machen, dachte ich; beides wirst vielleicht auch du hier finden.
Während noch einige Zöglinge aßen, die übrigen aber in Gruppen beisammenstanden, bestieg Miß Miller das Katheder, setzte ein Lesepult auf den Tisch und zwei Lichter daneben, und nahm sodann in einem Buche blätternd am Tische Platz. Da ertönte eine Glocke. Wie von einem Zauberschlage gerührt, machten alle Mädchen zugleich gegen den Tisch
Front, und in demselben Augenblicke war eine tiefe Stille eingetreten. Die Unterlehrerin las nun einige Gebete vor, knüpfte an dieselben einige erbauliche Betrachtungen und
hieß die Zöglinge sodann abtreten. Die Mädchen paarten sich und so ging es nun zwei Mann hoch zur Thüre hinaus auf den Gang, und von da über eine breite Treppe nach dem oberen Stockwerke, wo sich die Schlafsäle befanden. Was mich hierbei am meisten befremdete war, dass von der andern Seite eine ähnliche Schaar von Zöglingen herangezogen kam und nach den Schlafsälen drei und vier gingen, während meine Abtheilung eins und zwei hatte.
Schlaf und Müdigkeit hatten mich ganz hinfällig gemacht. Miß Miller führte mich in ein neben dem Schlafsaale befindliches Kabinet, wo für mich bereits ein Lager bereitet war. Bevor ich mich noch völlig ausgekleidet hatte, war im großen Saale auch das letzte Licht ausgelöscht, und die in der Mitte des Saales befindliche Hänglampe angezündet, worauf eine lautlose Stille eintrat. Alle hielt der wohlthätige Schlaf mit seinen gewaltigen Armen fest umschlungen und erwies auch mir bald dieselbe Wohlthat.
Der erste Schulunterricht zu Lowood.
Die Nacht war mir fast zu schnell verstrichen; noch herrschte im Schlafsaale die größte Ruhe, niemand schien
noch Lust zum Aufstehen zu haben. Da ertönte eine Glocke außerhalb des Saales, die mit aller Kraft mußte geschwungen worden sein, da ihr Schall ein durchdringender war. Dieser Ruf war der strenge Befehl für alle Zöglinge, denn im ganzen Schlafsaale herrschte eine Thätigkeit, die selbst die Emsigkeit der geschäftigen Ameisen und der arbeitsamen Bienen beschämt haben würde.
Nun kam die Reihe auch an mich, und ich muß zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich nur mit großem Widerwillen mein Bett verließ. Im Zimmer war es eisig kalt, denn die Schlafsäle wurden nur Abends mäßig geheizt, während die Fenster den ganzen lieben Tag offen standen, damit die frische Luft gehörig durchstreichen konnte. Ich zitterte dermassen vor Kälte, dass mir die Zähne klapperten, weil ich zu Gateshead immer ein warmes Stübchen hatte. Und nun sollte ich mich in dieser Kälte auch noch waschen, und zwar mit kaltem Wasser, während mir im Hause der Mistreß Reed immer laues Wasser gereicht werden mußte. Dieser Gedanke war mir schrecklich, —- ja ich muß sagen fast unerträglich, und ich empfand heute zum ersten Male, dass mir hier so Manches fehle, an dem ich zu Gateshead niemals Mangel leiden durfte. Zu meiner größten Freude war das Wasser in der Kanne so fest gefroren, dass meine Finger die Eisdecke nicht zu durchdringen vermochten, und somit ließ ich das Waschen bleiben. Kaum hatte ich meine Sachen in Ordnung gebracht, so ertönte die Glocke zum wiederholten
Male. Die Mädchen paarten sich und verließen den Saal, ich mit Miß Miller hintendrein. Nun ging es über eine Treppe nach dem untern Stocke, wo sich ein großes Schulzimmer befand, und hier wurde unter der Aufsicht von Miß Miller und zwei Oberlehrerinnen das Morgengebet verrichtet.
Nachdem die vorgeschriebenen Gebete und Andachtsübungen zu Ende waren, wurden wir ins Refektorium geführt, wo uns dampfende Schalen entgegen lachten. Die meisten Mädchen rümpften die Nase, denn das Frühstück bestand aus eingebrannter Suppe mit sparsam gestreuten Semmelschnitten.
Der Geruch war eben nicht empfehlend; die Mädchen sagten, die Suppe sei brandig —- ein Ausdruck, der mir ganz fremd war. Mich trieb theils die Neugierde, theils der Hunger an den Tisch, um diese mir bisher fremdartige Suppe zu kosten. Der Geschmack war keineswegs einladend; doch nahm ich einige Löffel von diesem magern Frühstücke zu mir, um mich ein wenig zu erwärmen. Da die Theilnahmslosigkeit an dem Frühstücke eine allgemeine war, so gab Miß Miller alsbald das Zeichen zum Aufbruch. Zwei der größeren Mädchen machten das erste Paar, und nun gings nach dem Schulzimmer, wo es recht angenehm warm war. Hier war es ziemlich lebhaft, denn nach dem Frühstücke war stets eine halbe Stunde frei und dann folgte der ununterbrochene Unterricht bis zwölf Uhr.
Mir war schon gestern angezeigt worden, dass ich heute meine erste Lekzion haben werde, welche gleichsam die Stelle der Aufnahmsprüfung vertreten sollte. Da traten drei fremde Damen in den Saal; jede ging auf einen Tisch zu und ließ sich daselbst nieder. Es waren die drei Oberlehrerinnen der Anstalt, wie ich später erfuhr. Vergebens suchte mein Blick jene freundliche Dame, die gestern Abends so liebevoll mit mir war, konnte sie aber im ganzen Zimmer nicht entdecken. Da fragte ich ein neben mir stehendes Mädchen: »Welche von den Damen ist Miß Temple?»
»Sie ist noch nicht zugegen«, erwiderte mir die Kleine, wird aber bald erscheinen«.
Da ertönte abermals die Glocke. Die Mädchen gruppirten sich auf den Bänken, die zu beiden Seiten der langen Tische aufgestellt waren. Der Lärm hatte aufgehört und es war mir, als ob die ganze Versammlung noch auf jemanden zu warten schien. Es war auch in der That nicht anders. Eine von den größeren Schülerinnen, sie mochte vielleicht schon siebzehn bis achtzehn Jahre zählen, öffnete die Thür, und nun trat jene Dame ein, die mein Auge schon so sehnlichst gesucht hatte. Die Oberlehrerinnen erhoben sich nebst den Schülerinnen von ihren bereits eingenommenen Plätzen und grüßten die Dame mit den Zeichen der größten Hochachtung,
während diese den Saal durchschritt und nach allen Richtungen die freundlichen Grüße mit eben so vieler Freundlichkeit erwiderte.
Es war Miß Temple, die erste Oberlehrerin, welcher
einstweilen die provisorische Leitung der Anstalt anvertraut war, die aber schon im Laufe des folgenden Monates zur wirklichen Vorsteherin ernannt wurde.
Man hatte mich in die erste Abtheilung geschoben, weil ich noch ziemlich klein war, und so mag man von meiner Größe auf meine Kenntnisse geschlossen haben. Ich habe zwar auf dem Schlosse zu Gateshead nicht viel gelernt, weil man mich ganz vernachlässigte; allein das hatte ich bald weg, dass ich alle Schülerinnen dieser Abtheilung sowol an Verstand als auch an Kenntnissen und Fertigkeiten weit überragte, und konnte demnach sicher darauf rechnen, dass mir die Beförderung in eine höhere Klasse noch an demselben Tage bevorstehe, sobald es zu einem Examen kommen sollte, und dieses ließ auch wirklich nicht lange auf sich warten.
Miß Temple war eine Dame von hoher Gestalt, schlankem Wuchse und einnehmenden Gesichtszügen. Sie trug einen geschmackvoll gemachten Oberrock von braunem Tibet und ein nettes Häubchen mit Rosaschleifen. Außer einer einfachen Busennadel und einer goldenen Uhr sammt Kette bemerkte ich keinen andern Schmuck. Sie blieb vor einem kleinen runden Tischchen stehen und ließ ihre Blicke durch den ganzen Lernsaal gleiten. Hierauf gab sie Miß Miller ein Zeichen und diese rief meinen Namen. Ich schlich langsam und mit gesenktem Blicke durch die Reihen der Zöglinge, bis ich endlich vor Miß Temple stand, die nun mit wenigen Worten bekannt machte, dass ich in der Anstalt bereits Aufnahme gefunden habe, weshalb sie mich der schwesterlichen Liebe der übrigen Mädchen empfahl. Hierauf nahmen alle ihre Plätze ein und der Unterricht hatte begonnen.
Der Gedanke an die erste Lekzion war das Gespenst, welches mich seit gestern ängstigte. Indessen fiel das Examen weit besser aus, als ich gedacht hatte. Miß Temple lobte mich öffentlich und erklärte, dass ich in die dritte Klasse einzureihen sei.
Die vier Schulstunden waren mir ungemein schnell vergangen, denn ehe ich noch eine Ahnung hatte, ertönte die bekannte Glocke; die Bücher wurden geschlossen und eine der Oberlehrerinnen rief: »In den Garten!« Jede von uns setzte einen braunen Strohhut auf und warf einen grauen Mantel um, und nun gings in eiligen Schritten über den Gang nach dem Garten, der zwar ziemlich geräumig, aber mit sehr hohen Mauern umgeben war und somit gar keine Aussicht gewährte. Die Wege waren mit Kiessand belegt und die übrigen Räume in lauter kleine Bettchen getheilt, die von den Mädchen bebaut und bestellt wurden. Im Sommer müßte sich der Garten nicht übel ausnehmen, dachte ich; in der gegenwärtigen Jahreszeit konnte ich demselben leider keine Annehmlichkeit und noch viel weniger einen Reiz abgewinnen.
Mir war kalt, darum suchte ich die sonnigen Stellen auf, um mich etwas zu erwärmen. Hier traf ich ein Mädchen, Namens Helene, das sich ebenfalls sonnte. Von ihr wurde ich während unserer Erholung im Freien über die Verhältnisse des Hauses aufgeklärt und mit den Eigenschaften der Lehrerinnen bekannt gemacht. Eine solche Mittheilung konnte mir nur sehr willkommen sein, um mich vor etwaigen Unannehmlichkeiten oder Strafen zu verwahren; denn Miß Statcherd, eine der Oberlehrerinnen, war nicht nur sehr streng, sondern, wie mir schien, auch launisch.
Neben mir saß ein kleines Mädchen, Namens Karoline,
das wol etwas beweglich, aber sonst recht gutmüthig war.
Aus Versehen hatte die Kleine eine halbe Seite in ihrem
Schreibhefte unbeschrieben gelassen, und doch schon um ein frisches Heft gebeten. Da gab’s bei Miß Statcherd nicht nur einen derben Verweis, sondern der armen Karoline wurde das Heft mittels einer Stecknadel auf dem Rücken befestiget, und so mußte sie bis zum Schluss der Schulstunden in der Mitte des Saales an dem bestimmten Straforte stehen. Wäre mir das geschehen, ich wäre vor Scham in den Boden gesunken und hätte mich schrecklich darüber gekränkt. Aber die Kleine hatte sich die Strafe eben nicht sehr zu Gemüthe genommen, was ich gar nicht begreifen konnte.
Es sollte aber die Reihe auch bald an mich kommen.
Ungefähr vier Wochen nach meiner Aufnahme im Waisenhause zu Lowood saß ich während der Repetizionsstunde am großen Tische und arbeitete an einer langen Division, denn diese sollte der Beweis von der Richtigkeit der Multiplikazion sein, die ich bereits ausgearbeitet hatte. Ich war dreimal mit der Tafel bei Miß Statchert, aber jedesmal zog sie mit dem Griffel einen Strich durch die ganze Rechnung und sagte: »gefehlt!« Unverdrossen ging ich wieder zum Tische, um meine Arbeit vom Neuen zu beginnen; doch wollte mir die richtige Lösung der Aufgabe nicht gelingen, da ich noch zu ungeübt im Rechnen war, um eine Division, wo der Divisor aus fünf Stellen bestand, allein fehlerfrei auszuarbeiten.
Ich saß mit betrübtem Gesichte am Tische und alsbald rollten die Thränen über meine Wangen. Das angestrengte
Rechnen hatte meinen Körper wie meinen Geist ermüdet; mir kam der Schlaf, als der Thränenquell versiegt war, und in demselben Augenblicke lag ich sammt der Schiefertafel unter dem Tische. Hätte mich der Sturz von der Bank nicht aus dem Schlafe aufgerüttelt, so würde dies sicher durch das allgemeine Gelächter geschehen sein, welches den ganzen Saal erfüllte und gar nicht enden wollte. Mir war von diesem Sturze zwar kein Merkmahl geblieben, aber um desto härter war meine Schiefertafel davongekommen, denn diese lag in mehrere Stücke zertrümmert am Boden.
Mir stand eine große Strafe bevor, das wusste ich; auch würde ich derselben nicht entgangen sein, wenn mich mein Schutzgeist, Miß Temple, nicht gerettet hätte. Schon waren einige Donnerworte aus dem Munde Miß Statchert gegen mich geschleudert worden, als Miß Temple ins Zimmer trat. Die allgemeine Aufregung war ihrem Scharfblicke nicht entgangen, und so wurde die bereits über mich verhängte Strafe wieder zurückgenommen.
Das Krankenzimmer.
Ich war zwar der Schande einer öffentlichen Strafe entgangen, mein Gemüt war aber dadurch noch nicht beruhiget, sondern ungemein aufgeregt. Wiewol mir Miß Temple im freundlichsten Tone zugesprochen hatte, mich zu beruhigen, und mich versicherte, dass ich hierdurch in den Augen meiner Mitschülerinnen an Achtung nicht im geringsten verloren hätte, so blieb dennoch ein gewisser Schmerz in meinem Innern zurück, der am andern Tage wieder kehrte, und mein Gemüt in gleicher Weise aufregte. Der heutige Unterricht war für mich fast gänzlich verloren gegangen, da ich in meinem Schmerze eine Zerstreutheit an den Tag legte, die mich zeitweise selbst überraschte. Miß Miller schien dies zu bemerken, und ließ mir eine kleine Rüge zukommen, war aber im Übrigen gegen mich sehr nachsichtig.
Da ertönte der Schall der bekannten Glocke. Der Unterricht wurde geschlossen und in wenigen Augenblicken war der Saal leer, da alle Zöglinge nach dem Garten strömten. Heute war ich in den vordersten Reihen. Ich sehnte mich zwar weniger nach dem Garten und der freien Luft, weil mir die große Kälte lästig war, und dennoch tribe mich’s vorwärts. Es war die Sehnsucht nach einem theilnehmenden Herzen, nach einer Freundin von gleichen Gefühlen und Empfindungen, von gleicher Denkungsweise und Anschauung der Ereignisse im Kinderkreise; und diese hatte ich bereits an Helenen gefunden.
Helene Burns war eine Waise aus Walis. Sie hatte die Mutter schon in einem Alter von fünf Jahren verloren und kam anfangs in eine Bewahranstalt, da ihr Vater reisender Handelsagentwar, und wurde mit zehn Jahren nach Lowood gebracht. Wiewol um zwei Jahre älter als ich, waren wir dennoch von gleichen Gesinnungen beseelt, und hatten wenige Wochen nach meiner Ankunft in Lowood Freundschaft geschlossen. Zwischen mir und Helene Burns war aber eine Scheidewand gezogen; denn ich war in der dritten und Burns schon in der fünften Klasse, und somit waren wir den ganzen Tag von einander getrennt und konnten uns nur in den freien Stunden sehen und sprechen, wiewol unser beiderseitiges Glück darin bestanden hätte, ungetrennt bei einander verweilen zu dürfen. Vielleicht war aber diese Trennung für uns beide von dem besten Erfolge; auch genossen wir die wenigen Augenblicke unseres Zusammenlebens mit weit größerem Glücke, als dies vielleicht sonst der Fall gewesen wäre. Diese Trennung schmerzte mich zwar sehr oft, aber sie hatte auch ihr Gutes.
Wie bemerkt, war Helene um zwei Klassen vor mir. Sie ermunterte mich unablässig zum Fleiße und zur angestrengten Thätigkeit und unterstützte mich in Allem und Jedem; —- Helene wurde in den freien Stunden meine Lehrerin.
Mein Schmerz und mein Kummer waren der guten Seele nicht entgangen. Sie war schon vor mir in den Garten gekommen, und hatte mich bereits gesucht. Kaum wurde sie meiner ansichtig, so ergriff sie mich bei der Hand und zog mich mit sich fort. Sie führte mich nach einer sonnigen Stelle rückwärts im Garten, wo sie bereits zwei Mauersteine für unsere Sitze zurecht gerichtet hatte. Wir ließen uns hier inftinktmäßig nieder, und nun zog Helene ein Blatt Papier und einen Stift aus dem Mantel hervor, und wir fingen zu
rechnen an. Wo ein guter Wille ist, geht auch Alles gut vonstatten, und ehe noch die Glocke zum Mittagsessen rief, war ich Herrin jener mir so schrecklich langweiligen Rechnungen. Ich hatte die mir gegebenen Beispiele nicht nur fehlerfrei, sondern auch mit besonderer Schnelligkeit ausgearbeitet.
Ich war überglücklich, diese Schwierigkeit überwunden zu haben und konnte Helenen für ihre aufopfernde Liebe gar nicht genug danken. Wie groß war aber meine Freude, als wenige Tage später Miß Temple erklärte, dass ich vermöge meines Fleißes und der staunenswerten Fortschritte, die ich in der kurzen Zeit meines Hierseins gemacht habe, in die erste Abtheilung der vierten Klasse aufzunehmen sei.
Zwei Tage später wurde sämmtlichen Zöglingen angekündiget, dass nächsten Sonnabend der Abbe auf Visitazion komme. Diese Ankündigung hatte auf die Schülerinnen einen verschiedenartigen Eindruck gemacht. Die einen waren darüber sehr erfreut, die andern rümpften die Nase. Selbst den Lehrerinnen schien seine Ankunft nicht ganz willkommen zu sein, wenigstens hatte sich die französische Sprachmeisterin über den Herrn Direktor eben nicht günstig geäußert. Ich erkundigte mich hierüber bei Helenen und erfuhr, dass der Abbe ein ungemein strenger, aber äußerst gerechter Mann sei, dem Ordnung und Genauigkeit über Alles gehe. Er nehme von Allen Einsicht, erkundige sich um die Zufriedenheit der Lehrerinnen mit ihren Zöglingen, dringe besonders darauf, dass es diesen an nichts mangle, und sehe auf eine gute und humane Behandlung der Kinder, weshalb denen, die sich schuldig fühlen, sein Erscheinen nicht willkommen sein kann. Für mich waren diese zwei Tage eine Ewigkeit, denn ich freute mich schon auf das Wiedersehen dieses freundlichen Mannes, dessen liebevolle Behandlung zu Gateshead aufmich einen so
wohlthätigen Eindruck ausgeübt hatte. Ich konnte mit Gewissheit darauf rechnen, dass mir sein Beifall zu Theil werden wird, zumal ich an Miß Temple eine gütige Fürsprecherin hatte.
Meine Ahnung hatte mich auch nicht getäuscht, denn ich wurde dem Abbe durch Miß Temple als eine der fleißigsten und sittsamsten Schülerinnen vorgeftellt, und wurde hierauf von dem menschenfreundlichen Herrn Direktor mit Lob überhäuft, während bei vielen anderen Schülerinnen der Tadel in keiner Weise gespart wurde.
Worauf sich alle freuten, das war das Festessen. Der
Nachmittag war ganz frei und konnte bis zur einbrechenden Dämmerung im Garten zugebracht werden. Mein Glück war nun vollkommen. Ich hatte eine Vorsteherin, die mich liebte, einen Direktor und Lehrerinnen, die meinen Verdiensten volle Gerechtigkeit widerfahren ließen; ich hatte an Helenen eine Freundin gefunden, die mir mit wahrhaft schwesterlicher Liebe zugethan war; und somit war mir der Aufenthalt in Lowood zu einem freundlichen und angenehmen Asyle geworden, das ich um keinen Preis der Welt mit Gateshead vertauscht haben würde. Da aber die irdischen Freuden für keinen Menschen ungetrübt bleiben, so sollten sich auch für meinen Freudenkelch alsbald die Wermuthstropfen finden.
Helene war schon durch mehrere Tage unwohl gewesen, hatte aber um meinetwillen ihren Zustand verheimlicht, weil sie sonst aufs Krankenzimmer gekommen und somit von mir getrennt worden wäre. Ich hatte mir einen heftigen Husten
zugezogen, der schon nach wenigen Tagen eine solche Bösartigkeit erlangte, dass Miß Temple es als nothwendig erachtete, mich aufs Krankenzimmer zu geben. An demselben Nachmittage hatte sich auch Helene krank gemeldet und ward ebenfalls aufs Krankenzimmer geschickt. Wir fühlten uns beide glücklich, und unsere kindliche Einfalt ließ uns gar nicht den gefährlichen Zustand erkennen, in dem wir uns befanden, noch viel weniger das Unglück ahnen, das über uns hereingebrochen war. Eine starke Erkältung hatte uns beiden eine schwere Krankheit zugezogen; Helene starb nach einem vierzehntägigen Krankenlager, ich erlangte nach ungefähr drei Monaten meine vorige Gesundheit wieder.
Es war gegen Ende Mai, wo ich schon täglich einige Stunden im Garten zubringen durfte, als Miß Temple zu mir kam, um sich einige Zeit mit mir zu unterhalten, da mich meine Krankheit sowie der Verlust meiner einzigen
Freundin ungemein tiefsinnig gemacht hatte. Sie hielt einen
offenen Brief in der Hand und erklärte mir, dass dieses
Schreiben meine Person betreffe. »Mistreß Fox aus London hat mir geschrieben und sich nach Deinem Befinden erkundiget. Kennst Du diese Dame?«
»Nein!« sagte ich etwas nachdenkend.
»Kannst Du Dich auch nicht erinnern, diesen Namen
je gehört zu haben?« fragte Miß Temple weiter.
»Der Name ist mir wol nicht ganz fremd«, sagte ich
hierauf, »doch kann ich mich nicht erinnern, wo ich denselben gehört habe.«
»Es ist jene Dame, welche auf der Reise von Gateshead
nach Lowood mit Dir Bekanntschaft machte.«
»Ja! Ja!« rief ich, meine Hände nach dem Schreiben
ausstreckend, »das ist Mistreß Fox!«
Miß Temple reichte mir den vier Seiten langen Brief. Aber schon auf der zweiten Seite mußte ich mit dem Lesen inne halten, um mir die Thränen zu trocknen. Dann sprach ich, zu Miß Temple mich wendend: »Ach, die gute Frau! Wo und wann werde ich sie wieder sehen.«
»Wenn Du den Inhalt des Schreibens weiter verfolgst, kannst Du Dir diese Frage selbst beantworten«, erwiderte Miß Temple.
Sogleich fing ich dort weiter zu lesen an, wo ich aufgehört hatte und fand, dass mich Mistreß Fox auffordere, ihr ehestens zu schreiben, da sie setzt noch längere Zeit in London verweilen und erst gegen den Herbst eine Reise unternehmen werde. Auch wurde mir die Aussicht gestellt, Mistreß Fox um jene Zeit in Lowood zu sehen.
Diese Güte machte mich neuerdings traurig, denn ich war noch nicht in der Lage, zu schreiben, da mir meine Krankheit ein Augenleiden zurückgelassen, das zwar nicht gefährlich war, aber dennoch erforderte, mich jeder Anstrengung zu enthalten. Miß Temple mag dies nicht entgangen sein, darum nahm sie mich bei der Hand und sprach: »Beruhige Dich, mein Kind, diesesmal werde ich für Dich schreiben.«
Ich küsste die Hand, die gegen mich so liebevoll war, und benetzte sie mit meinen Thränen; es waren Thränen der Dankbarkeit, welche Miß Temple mit vollem Rechte verdient hatte.
Der Sommer begünstigte die volle Herstellung meiner Gesundheit, so dass ich ungefähr sechs Wochen später wieder in meine Klasse eintreten und mich den Studien mit dem früheren Eifer hingeben konnte.
Miß Temple war seit dem Tode von Helene Burns gegen mich unendlich liebenswürdig Sie behandelte mich wie ihre Tochter und bevorzugte mich bei jeder Gelegenheit. Dass solche mütterliche Liebe und Zärtlichkeit in meinem Herzen Gegenliebe erwecken mußte, darf wol keinem Zweifel unterliegen. In den freien Stunden war ich meistens auf ihrem Zimmer; und unternahm sie zuweilen einen Spaziergang, so war ich stets unter denjenigen Zöglingen, die sie begleiten durften. Mit Mistreß Fox führte ich durch volle drei Jahre eine ununterbrochene Korrespondenz, ohne das Glück zu haben, sie in Lowood zu sehen. Allmählig blieben auch die Briefe von London aus, und so war ich ausschließend auf Miß Temple beschränkt.
Wie neue Lehrerin zu Lowood.
Meine Krankheit hatte eine gewisse Melancholie zurückgelassen, von der ich mich trotz aller Anstrengung nicht frei machen konnte. Miß Temple ließ mich deshalb nur selten allein und suchte durch allerlei Zerstreuungen diesen bösen Dämon zu verscheuchen, was ihr auch nach und nach wirklich gelang.
Die acht Jahre, welche ich im Waisenhause zu Lowood zubringen sollte, verstrichen auf eine angenehme Weise; allein es mußte auch auf meine Zukunft Bedacht genommen werden, und deshalb nahm Miß Temple mit dem Direktor der
Anstalt Rücksprache, was nach Verlauf des letzten Jahres
mit mir zu geschehen habe. Der Abbe glaubte vorerst, bei
Mistreß Reed, die während dieser Zeit die ganze Pension
für mich bezahlt hatte, anfragen zu müßen, und dann erst könne in dieser Angelegenheit ein Beschluss gefasst werden.
Einige Monate vor Ablauf des Schuljahres wurde mir von Miß Temple mitgetheilt, dass Mistress Reed in ihrem Schreiben an die Direkzion der Anstalt sich dahin ausgesprochen habe, an meinem ferneren Schicksale keinen Antheil zu nehmen, und sie verwahre sich gegen das Ansinnen, für meinen ferneren Unterhalt Sorge zu tragen.
Anfangs hatte mich diese Nachricht nicht im geringsten
überrascht, da mir ja der Karakter und die Denkungsweise
meiner Tante hinlänglich bekannt waren. Und wäre ihr die
Sorge für meinen Unterhalt bis zu meiner Großjährigkeit nicht höheren Ortes aufgetragen worden, so hätte sie auch die Pension zu Lowood für mich nicht gezahlt. Miß Temple’s Scharfblick war es aber nicht entgangen, dass dieses Ereignis neuerdings auf mein Gemüt einen nachtheiligen Einfluss haben werde, und sie suchte daher durch rasches Handeln einen Entschluss zur Reife zu bringen, den ich auch in der Zukunft nie zu bereuen hatte.
Zu Lowood war nämlich die Stelle einer Unterlehrerin frei geworden. Miß Temple wusste mich dafür zu gewinnen, an der Anstalt als Lehrerin zu fungiren, wo ich meine eigene
Bildung erlangt hatte; und seit jenem Tage war ich die
Freundin und Vertraute meiner ehemaligen Erzieherin. Anfangs erhob ich zwar manche Bedenken dagegen, allein Miß
Temple wusste jede Einwendung zu widerlegen; und so kam
es, dass ich jenem Tage mit Sehnsucht entgegensah, wo mir
mein Anstellungsdekret eingehändigt werden sollte. Meine
Installazion war für die Anstalt ein großes Fest, das für die
Zöglinge nicht nur einen Ferialtag, sondern auch einen besonders gewählten Mittagstisch im Gefolge hatte.
Als ich Abends auf mein Zimmer kam, überließ ich mich ernsten Betrachtungen. Für mich war mit dem heutigen Tage ein neues Leben aufgegangen, denn ich erlangte mit meiner Anstellung auch eine gewisse Selbstständigkeit. Ich fühlte nur zu deutlich, dass ich bereits die Kinderschuhe ausgezogen hatte und auf die Leitung Anderer nicht mehr
rechnen dürfe, sondern vielmehr selbst so viel Kraft in mir fühlen müße, die meiner Obhut anvertrauten Zöglinge so zu leiten und zu führen, dass ich einst vor dem Richterstule
Gottes mein Wirken als Lehrerin verantworten könne. Darum
bat ich Gott im Gebete um seine Gnade, damit er mich auf
diesem schweren und dornenvollen Wege leite und führe und
mir mit dem Amte auch den Verstand verleihe, in demselben
nach Recht und Gewissen zu wirken.
Die Würde, die mir von dem Direktor verliehen worden war, und nicht minder der Jahresgehalt -- denn ich bekam 20 Pfund Sterlinge -- waren für mich ein Sporn zu unermüdeter Thätigkeit, und oft mußte mich Miß Temple ermahnen, meine Gesundheit zu schonen, und mich nicht übermäßig anzustrengen. Dass man mit mir vollkommen zufrieden gewesen sein mußte, erhellet schon daraus, weil ich nach Verlauf der ersten Jahresprüfung von Seite der Direkzion eine Remunerazion von zehn Pfund Sterling erhielt. Meine Freude war unnennbar groß, denn ich hatte jetzt die Überzeugung, dass meine Verdienste nicht nur Anerkennung finden, sondern auch belohntwerden. Welch ein großer Trost war dies wohl für mein Herz und für mein Gemüt! So lang ich auf Gateshead verweilte, ward mir nichts als der bitterste Tadel zu
Theil. Ich fand dort nicht einen Menschen, der mir in
Gegenwart von Mistreß Reed wie in ihrer Abwesenheit hätte
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Für mich hatte man kein
freundliches Wort und kein Lob, sondern nur Tadel. Um
wie viel mehr konnte und mußte das Leben für mich an Annehmlichkeiten gewonnen haben, da seit den Tagen meiner
zarten Kindheit die Freude wieder in mein Herz einziehen sollte!
-- Hätte ich damals geahnt, dass neuerdings ein schwerer
Schlag des Schicksals für mich bereit gehalten werde, ich
würde mein Herz auf so kurze Zeit der Freude sicher nicht
geöffnet haben.
Drei Jahre waren seit dem Tage meiner Anstellung
als Lehrerin verstrichen, als mir Miß Temple die Mittheilung machte, dass sie morgen Abends die Anstalt verlasse, indem sie Braut sei. Mir vergingen die Sinne; ich mußte mich an der Ecke des Tisches festhalten, vor welchem ich stand, um meine Füße vor Schwäche und Zittern zu stützen.
Ich weinte und sank an ihre Brust.
Miß Temple begriff meinen Schmerz und suchte mich zu trösten, indem sie mir mit Hand und Mund versprach mir recht oft zu schreiben und dafür zu sorgen, dass ich recht
bald in ihre Nähe komme. Ich wusste nicht, wie ich diese
Rede deuten sollte, und fragte daher Miß Temple, wie dies
möglich sei.
»Hier in der Anstalt für immer zu verbleiben, wäre nicht mein Rath«, sagte hierauf Miß Temple, »weil man nicht leicht in der Lage ist, für seine Zukunft auf genügende Weise zu sorgen. Ich werde aber dafür sorgen, dass Sie
ehestens nach Rochefter kommen, und daselbst in einem besseren Hause als Gouvernante eine Unterkunft finden. Halten
Sie diesen Plan so lange geheim, bis der geeignete Augenblick gekommen ist, ihn auszuführen.«
Der Abschied von Mistreß Temple war für mich ein ungemein schmerzlicher; aber nicht nur ich allein, sondern das ganze Haus fühlte den Schmerz und nicht minder den Verlust, welchen die ganze Anstalt, sowie jedes einzelne Glied durch den Austritt einer so würdigen und liebevollen Leiterin erleide. Alles weinte, kein Auge war trocken geblieben, als Miß Temple am Vorabende eine Abschiedsrede hielt und Miß Stachert als ihre Nachfolgerin bezeichnete.
Seit Miß Temple Lowood verlassen hatte, war mir der Aufenthalt in der Anstalt widerlich geworden, und ich sah dem Augenblicke mit Sehnsucht entgegen, wo ich dieselbe verlassen würde. Miß Stachert und Miß Temple waren von entgegengesetztem Karakter. Während diese durch ihre liebevolle Theilnahme alle Zöglinge für sich gewonnen hatte, waren jener die Herzen der meisten Zöglinge entfremdet, weil ihr Benehmen schroff, launenhaft und unkonsequent war. Auch war Miß Stachert herrisch und anmaßend, während Miß Temple dem ganzen Hause eine Freundin und Rathgeberin war und bei keiner Gelegenheit die Herrin und Gebieterin vorwalten ließ.
Unter solchen Umständen hatte ich wol Ursache mit meiner gegenwärtigen Lage unzufrieden zu sein und eine Änderung derselben zu wünschen; auch stieg in meinem Herzen der Zweifel auf, ob wol die Empfehlung von Miß Temple hinreichend sein werde, mir die Stelle einer Gouvernante in
einem anständigen Hause zu verschaffen? Dieser Zweifel wurde durch ein Schreiben aus Rochester noch an demselben Tage gehoben. Miß Temple zeigte mir darin an,» dass der
Gutsbesitzer zu Thornfield in der Grafschaft Millkote für
seine einzige Tochter, ein Mädchen von ungefähr sechs Jahren, eine Erzieherin suche, welche nicht nur die nöthige
Bildung besitzen, sondern auch bereits in dieser Eigenschaft gedient haben und mit empfehlenden Zeugnissen versehen sein müße. Zugleich werde nebst einer freundlichen Behandlung ein Jahresgehalt von 50 Pfund Sterling zugesichert.
Lange Zeit hielt ich den Brief in der Hand und sah starr vor mich auf den Boden hin, ohne einen Entschluss fassen zu können, was ich auf das freundliche Schreiben antworten soll. Da befreite mich der Ton der Glocke aus der schwebenden Ungewissheit, denn es war die Stunde zum
Abendessen herangekommen, und da durfte keine der Lehrerinnen fehlen, wenn sie nicht triftige Gründe für ein solches Versäumnis entschuldigten. Ich schlug also das Blatt in Eile zusammen und verbarg dasselbe in meinem Oberkleide, bis ich Zeit finden würde, dasselbe nochmals durchzugehen und einen Beschluss zu fassen.
Als sich die Zöglinge zur Ruhe begeben hatten, ging ich auf mein Zimmer, da ich in dieser Woche vom Nachtdienste frei war. Ich fand es in demselben sehr schwül und dunstig, weshalb ich ans Fenster trat und dasselbe öffnete. Da lag die ganze Landschaft von Lowood vor meinen Blicken ausgebreitet, bedeckt von dem Schatten der Nacht, da der Mond nur zeitweise den dunklen Wolkenschleier lichtete und die Gegend durch seinen Silberschein erhellen konnte. Die beiden Flügel des Gebäudes erschienen mir wie die überragenden Wände eines schauerlichen Gefängnisses, wozu der angränzende Wald die geeignete Säumung bot. Mein Athem war nicht frei wie sonst; ich fühlte Beklemmungen in der Brust, und wusste nicht woher sie kämen; ich wollte ins Freie und
war durch die Pflicht und das Gesetz der Schicklichkeit auf
mein Zimmer verwiesen; ich wollte Lowood verlassen und konnte mir nicht im mindesten die Gewissheit verschaffen, dass ich mir meine Lage wirklich verbessern, -- dass ich glücklicher und zufriedener sein werde, als hier. Weder die Welt noch ihre Freuden konnten mich verleiten, meinen gegenwärtigen, ruhigen Aufenthalt zu verlassen, und die Einsamkeit mit einem geränschvollen Leben und der Genusssucht zu vertauschen. Ich war ja zu Lowood glücklich und dankte meinem Schöpfer täglich im Gebete, dass er mich dieses freundliche Asyl hatte finden lassen. Was war also die Ursache, dass ich mich nach einer Veränderung sehnte, dass ich Lowood mit all seinen Erinnerungen schon im Rücken haben wollte? —- Jane! rief mir eine geheimnisvolle Stimme zu, sei auf deiner Hut, damit du nicht auf Abwege geräthst und deinem Verderben entgegeneilst. Hier unter diesem Dache bist du von der Sünde und jeder Gelegenheit dazu geschützt, während in geräuschvollen Städten mehrfache Gelegenheiten sich darbieten, um dich in den Pfuhl des Verderbens zu stürzen.
Diese und ähnliche Gedanken belästigten mich die längste
Zeit, und ich wusste nicht, wie mir geschah. Da beschloss ich, mein Nachtlager zu suchen und die ganze Angelegenheit
morgen in reifliche Erwägung zu ziehen. Es bedurfte wol
längere Zeit, bis mich der Schlaf in seine Arme schloss, doch war ich sehr früh wach und schnell angekleidet. Ich nahm den Brief wieder zur Hand, um mir dessen Inhalt wohl ins Gedächtnis zu rufen und fand, was ich gestern Abends ganz übersehen hatte, dass Mistreß Fairfax zu Thornfield geneigte Anträge entgegenzunehmen habe.
Ein schwerer Kampf entspann sich jetzt in meinem Innern und ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust. Da beschloss ich Lowood zu verlassen und Gouvernante zu werden.
Drittes Kapitel.
Jane als Gouvernante.
Noch an demselben Abende schrieb ich an Miß Temple in Rochester und ein zweites Schreiben ließ ich an Mistreß
Fairfax ergehen, dem ich zugleich meine Zeugnisse beilegte
und erklärte, dass ich gesonnen wäre, diese Stelle anzunehmen. Bevor ich noch eine Ahnung hatte, war auch schon die Antwort zurück. Ich war als Gouvernante in Thornfield aufgenommen und mußte binnen vierzehn Tagen meinen neuen Posten antreten, da Mistreß Fairfax in ihrem freundlichen Schreiben fünf Pfund Sterlinge als Reisegeld beigeschlossen hatte. Mit dem Schreiben in der Hand begab ich mich zu Miß Stachert, der ich meinen Austritt anzeigte und ließ noch an demselben Tage durch sie dem Direktor meine Aufkündung übermitteln. Was ich voraussah, das traf auch so ein. Der freundliche Abbe wollte anfangs in meinen Entschluss nicht einwilligen und machte mir die eindringlichsten Vorstellungen, gab aber später nach, da bei meinem unbeugsamen Willen auf eine Sinnesänderung nicht zu rechnen war. Wiewol meine Garderobe nicht groß war, so hatte ich dennoch die ganze Zeit damit zu thun, um meine Wäsche und meine
Kleider zu ordnen und meine beiden Koffer zu packen, die ich am Vorabende meiner Abreise auf die Post nach Lowton schickte und zugleich einen Platz im Eilwagen für mich bestellen ließ.
Der Abschied zu Lowood war kurz und erfolgte schon am Vorabende meiner Abreise, damit am kommenden Tage im Unterrichte keine Störung eintrete. Die ganze Szene hatte auf mich keinen besondern Eindruck gemacht; doch ein Gang stand mir noch bevor -- eine Abschiedsvisite, die mein Herz mit dem tiefsten Schmerz erfüllte.
Ich konnte Lowood unmöglich verlassen, ohne das Grab meiner lieben Helene zu besuchen. Zu diesem Zwecke hatte ich im Garten Blumen gesammelt und daraus einen Kranz gewunden, mit dem ich das Grab der Theuren schmücken wollte.
Mein Schmerz war unnennbar und mein Gemüt tief erschüttert. Ich heftete den Kranz auf das kleine Kreuz von Eichenholz, kniete sodann auf dem Grabe der geliebten Freundin nieder, betete für das Heil ihrer Seele und gelobte ihrer nie zu vergessen, sondern sie täglich in mein Gebet einzuschließen. Meine Thränen flossen reichlich; waren sie doch dem Andenken meiner besten, ja meiner einzigen Freundin gewidmet! »Helenei« rief ich in meinem Schmerze aus, »warum mußtest Du mich verlassen, nachdem sich unsere
Herzen kaum gefunden hatten? —- Beide haben wir Lowood,
das glückliche Asyl unserer Jugend verlassen; doch wie verschieden sind die Wege, die wir wandeln!«
Da berührte eine Hand meine Schulter. Erschrocken fuhr ich in die Höhe, um nach der Ursache jener unliebsamen Störung zu forschen. Es war der Todtengräber, der mir andeutete, dass bereits die Sperrstunde vorüber sei und der
Kirchhof geschlossen werden müfe, darum möge ich ein anderes Mal wieder kommen.
»Herr!« rief ich im Übermaße meines Schmerzes, indem ich die knöcherige Hand des alten Mannes ergriff, »ich werde vielleicht nie wieder nach Lowood kommen, darum versprecht mir, dieses Grab stets mit frischen Blumen zu versorgen.« Bei diesen Worten öffnete ich meine Börse und reichte dem Greise eine Pfundnote. Dann wendete ich mich noch einmal zu dem Grabe, welches die sterblichen Überreste meiner Freundin barg, und rief unter Weinen und Schluchzen: »Lebe wohl! geliebter Engel, und bereite mir eine Wohnung bei Dir, damit wir auf ewig vereiniget bleiben!«
Am 16. Oktober verließ ich, begleitet von einer Magd des Hauses, die mir meinen Reisesack trug, die Anstalt, um mich nach Lowton auf die Post zu begeben. Ich saß in einer Ecke des Wartsaales und wollte eben meinen Mantel ablegen, weil mir sehr heiß war, als der Portier das Zeichen zur Abfahrt gab. Schnell raffte ich meine Sachen zusammen und eilte zum Wagen hinaus, der sich auf das Zeichen des Kondukteurs auch schon binnen einigen Minuten in Bewegung setzte.
Es war ein unfreundlicher Oktobertag. Ein heftiger
Nordwestwind heulte in den halbbelaubten Wipfeln der Bäume
und wollte selbst die ganze Nacht hindurch seiner Wuth nicht den geringsten Zwang anthun. Ich hüllte mich in meinen Mantel, und verbarg die Hände in meinen Muff von kannadischem Luchs und drückte mich in die Ecke des Wagens, um zu schlafen. Es wollte aber anfangs nicht recht gehen, da meine Füße vor Kälte ganz starr waren. Endlich drückten mir Müdigkeit und Schlaf dennoch die Augen zu, bis ein fürchterlicher Stoß mich weckte. Es war drei Uhr nach Mitternacht. Der Wind trieb fast noch stärker als am Abende unserer Abfahrt von Lowton; der Himmel hatte seine Schleußen geöffnet und die ganze Gegend auf viele Meilen im Umkreise mit einem kalten Regen bedacht. Die schiefe Lage des Wagens hatte uns bereits aufgeklärt, welcher Unfall der ganzen Gesellschaft begegnet sei, als der Kondukteur den Schlag öffnete und uns ersuchte, auszusteigen, da die Achse des Wagen gebrochen sei. Die Zumuthung des Kondukteurs, den
Weg bis zur nächsten Stazion zu Fuß zu machen, wurde von zwei Herren energisch bekämpft, und so mußte der Postillon
ein Pferd ausspannen, um von der nächsten Poststazion einen
Wagen zu holen. Dieser Unfall hatte unsere Reise um sechs
Stunden verzögert, weshalb ich anstatt um ein Uhr Mittags
erst um sieben Uhr Abends nach Thornfield kam. Auf dem
Postamte befanden sich nur einige Personen, und dennoch
wollte mein Auge unter den wenigen niemanden erblicken,
der mich hier zu erwarten schien. Da kam endlich ein kleiner, dickleibiger Mann von mittleren Jahren herangeschlichen, der sich ehrfurchtsvoll vor mir verneigte und mich fragte, ob ich wol jene Dame sei, die man schon zu Mittag in Thornfield erwartet habe, und sich Miß Reed nenne.
»Die bin ich!« sagte ich rasch. »Mistreß Fairfax wird
wol an meinem richtigen Eintreffen gezweifelt haben?«
»Dies eben nicht,« antwortete der Diener, »doch konnten wir nicht begreifen, was an dieser Verzögerung wol Ursache sein könne?«
Hierauf nahm mir der Diener meinen Reisesack ab, ließ die Koffer nach der für mich in Bereitschaft gehaltenen Kutsche
bringen, und nun ging es im raschen Zuge nach dem geräumigen und prachtvollen Schlosse von Thornfield, welches ungefähr eine kleine Wegstunde seitwärts von der Poststazion in einer anmutigen Gegend lag. Das Wetter hatte sich während dieser kurzen Fahrt geändert, einige Sterne kamen am westlichen Himmel zum Vorschein, und selbst der Mond war bemüht, sich seiner Fesseln zu entledigen, die er ganz unfreiwillig den Abend hindurch tragen mußte. Ich öffnete das Wagenfenster, um die Gegend in der Mondbeleuchtung besser betrachten zu können. In geringer Entfernung sah ich einige Lichter schimmern, und ehe ich noch daran dachte, hielt der Wagen an einem hohen, altmodischen Thore. Der Diener sprang ab um dasselbe zu öffnen, und das Ziel meiner Reife war erreicht.«
Mein Gemütszustand war ein ganz eigenthümlicher; Freude und Wehmuth schienen in meinem Herzen um den Rang zu streiten. Ich zitterte, als ich den Fuß auf den Boden setzte und fuhr unwillkürlich zusammen, als mein Auge die grauen unheimlichen Gestalten traf, die hier im Vestibule (Vorhalle) aufgestellt waren. Mit dem Augenblicke, wo der Saum meiner Kleider die fremde Erde berührte, war für mich ein neues Leben aufgegangen Die Vergangenheit lag weit hinter mir. Es war nun der entscheidende Augenblick gekommen, um die Gegenwart ins Auge zu fassen und aus ihr Nutzen für die Zukunft zu schöpfen. Da befreite mich eine Magd, welche ein flammendes Kerzenlicht in der Hand hielt, von der Unbehaglichkeit meines Gefühles und bat mich, ihr zu folgen. Behenden Schrittes stieg sie eine breite Marmortreppe hinan, die Leuchte sorgfältig haltend, damit mir durch einen unsichern Tritt nicht etwa ein Unfall begegne, indem die Stufen ziemlich glatt waren. Ich folgte dem Beispiele meiner kleinen Wegweiserin und verdoppelte meine Schritte, als wir das obere Stockwerk erreicht hatten und links in einen breiten, mit Statuen gezierten Bogengang einlenkten, aber ungefähr in der Mitte desselben abermals eine Treppe hinaufstiegen. Ein starker Luftzug trat uns entgegen, und in demselben Augenblicke standen wir im Finstern. Die Magd entschuldigte sich, ergriff meine Hand und zog mich hinter sich her. Nach einem kurzen aber unsicheren Gange öffnete sie eine Thür, und ich stand in einem geräumigen, äußerst freundlichen Zimmer. Eine ältliche Dame saß auf einem altmodischen Lehnstul vor einem runden Tische, der in der Nähe des Kamines stand, wo die Flamme hoch aufloderte, und mit ihren Wärmestralen bereits das ganze Zimmer erfüllt hatte. Bei meinem Eintritte erhob sich die Dame von ihrem Sitze, indem sie das Strickzeug aus den Tisch legte und die Brille gegen die Stirn schob. »Gott zum Gruß, mein wertes Fräulein!« sagte die Alte, indem sie mir freundlich die Hand entgegenstreckte »Sie werden bei dem argen Wetter viel Ungemach auf der Reise erlitten haben und ganz erstarrt sein« Bei diesen Worten schob sie einen Stul gegen den Kamin vor und hieß mich Platz nehmen.
»Wahrscheinlich Mistreß Fairfax?« fragte ich etwas verlegen.
»Ja, die bin ich. Aber setzen Sie sich doch!«
Bei diesen Worten wollte sie mir Shawl, Mantel und Hut abnehmen, weshalb ich einige Schritte zurücktrat und für diese besondere Aufmerksamkeit mit freundlichen Worten dankte. Nachdem ich abgelegt hatte, ließ ich mich auf den
angebotenen Sitz neben dem Kamin nieder und rieb mir ein wenig die Hände, da meine Finger vor Kälte ganz starr
waren. Mistreß Fairfax gab der Magd den Auftrag, meine
Sachen in das zweite Zimmer daneben zu bringen, und da-
selbst alles zu meiner Bequemlichkeit in Bereitschaft zu
halten.
Die Magd war eben im Begriffe wegzugehen, als ihr Mistreß Fairfax zurief: »Noch eins! liebe Lea! Vor Allem bringe den Thee auf mein Zimmer und vergiss auf die Honigbrödchen nicht, denn Miß Reed wird wol Hunger haben.«
»Nicht sehr!« war meine Antwort.
»Aber eine Schale Thee könnte nach meiner Meinung nicht schaden,« entgegnete hierauf Mistreß Fairfax. »Der Trank wird Sie erwärmen und Ihnen einen sanften Schlaf bereiten.« Mistreß Fairfax rieb sich bei diesen Worten die Hände nahm die Brille gänzlich ab und ließ sich lächelnd auf ihren Stul nieder. Jn demselben Augenblicke vernahm ich ein Geräusch, und zwei funkelnde Augen, die wie der Blitz leuchteten, stralten mir aus der Ecke des Zimmers entgegen. Es war Mistreß Fairfax’s Lieblingskatze, welche, durch mich in ihrer Ruhe gestört, sich von ihrem Lager erhob, die Glieder mächtig reckte und miauend zu ihrer Beschützerin herangeschlichen kam. Diese gab dem Verlangen des Thieres nach, nahm die Katze auf den Schooß und deckte einen Theil der Schürze über deren Kopf, damit das verwöhnte Thier von
der stralenden Glut nicht geblendet werde.
»Sehen Sie, das ist meine einzige Gesellschafterin hier auf dem Schlosse,« nahm jetzt Mistreß Fairfax das Wort.
»Wie!« sagte ich verwundert. »Ist Miß Fairfax nicht zugegen?«
»Sie meinen Miß Varens,« fiel mir Mistreß Fairfax
in die Rede, »Ihren künftigen Zögling?«
»Ja wol ist sie zugegen! Sie bewohnt mit ihrer Banne, einer Schweizerin, die Zimmer im Gange links und hat sich bereits schon zur Ruhe begeben.«
»Ah! so ist Miß Varens nicht Ihre Tochter?« fragte ich hierauf ganz naiv.
»Nein, -- ich habe keine Familie; bin auch nicht die Frau des Hauses, sondern nur die Haushälterin des Herrn Rochester.«
»Wer ist Herr Rochester?« fragte ich hierauf etwas
verlegen.
»Herr Rochester? -- -- Ja, woher sollten Sie das wol wissen,« unterbrach sich jetzt die gute Matrone. »Herr
Rochester ist der Herr dieses Schlosses, der Besitzer der Herrschaft Thornfield, Eigenthümer mehrerer Fabriken in London, -- mit einem Worte -- ein steinreicher Mann.«
»So!« sagte ich hierauf ganz erstaunt. »Und Miß Varens seine Tochter?«
»Ei! wie kann Miß Varens seine Tochter sein? Herr Rochester war nie verehlichet. Miß Adele ist blos seine Mündel, die er hier auf dem Schlosse erziehen lässt.«
»Und hat Herr Rochester noch viele Verwandte hier oder in London?« fragte ich, über meine Neugierde etwas verlegen.
»Ach nein!« sagte hierauf« die geschwätzige Haushälterin.
»Außer Adele keine Seele, weder hier, noch in London.«
»Und werde ich morgen Herrn Rochester meine Aufwartung machen können?« fragte ich weiter.
»Herr Rochester ist nicht zugegen, denn --«
Da trat die Magd mit einer großen Tasse, worauf sich eine silberne Theekanne nebst zwei schönen Porzellanschalen befanden, ins Zimmer, und somit war das Gespräch auf einige Augenblicke unterbrochen worden.
»Aber Lea!« rief Mistreß Fairfax. »Wo sind die Löffel und die Zuckerbüchse geblieben? Auch das Rumfläschchen vermisse ich!«
»Ist sonst ein braves Mädchen, unsere Lea,« sagte hierauf Mistreß Fairfax, aber schrecklich vergessen!«
»Daran mag die Jugend Ursache sein,« sagte ich lächelnd.
»Ei, die liebe Jugend!« sagte die Matrone im sarkastischen Tone. »Ich war auch einmal jung, hatte aber doch den Kopf stets am rechten Flecke.«
Gegen Ende dieser Bemerkung trat Lea ins Zimmer und brachte das Fehlende. »Und wo sind die Brödchen geblieben?« fragte hierauf Mistreß Fairfax etwas unwillig.
»Ei! Ei! Lea, du bereitest mir heute eine Verlegenheit um die andere. Miß Reed muß sich einen hübschen Begriff von der Ordnung machen, die unter meiner Direkzion hier auf dem Schlosse herrscht. Wäre Herr Rochester zugegen, dann --.«
Lea wurde roth bis hinter die Ohren, schlug den Blick zu Boden und entfernte sich, um die Brödchen herbeizuschaffen. Als wir wieder allein waren und jede von uns bereits eine Tasse Thee im Leibe hatte, nahm ich wieder den Faden des Gesprächs dort auf, wo wir denselben durch die Dazwischenkunft der Magd verloren hatten und fragte: »Also ist dieses Schloss nicht der beständige Aufenthalt des Herrn Rochester?«
»Ei behütet« sagte hierauf die Haushalterin, indem sie meine Schale an sich zog, um dieselbe zum zweiten Male zu füllen. Einem guten Thee war ich von jeher nicht abgeneigt, weshalb ich der an mich ergangenen Aufforderung nur Artigkeit halber einigen Widerstand leistete.
»Herr Rochester kommt nur in den Sommermonaten nach Thornfield, bisweilen geschieht es auch im Herbst; dass ihn die Jagd hieher zieht; sonst sind wir stets allein. Außer den täglichen Besuchen des Bäckers, Fleischhauers und Postboten kommt keine Seele aufs Schloss. Ach, wie froh bin ich, dass Sie hier sind, Miß! Ihre Gesellschaft ist mir ganz erwünscht und ich hoffe, dass wir uns recht bald näher kennen lernen werden.«
Ich erklärte hierauf, dass es mir stets Vergnügen bereiten werde, einige meiner freien Stunden in ihrer Gesellschaft zuzubringen, und erbat mir gleichzeitig ihren guten Rath, um den Wünschen meines künftigen Gebieters vollkommen zu entsprechen.
»Sind Sie unbesorgt, Miß Reed,« fiel mir Mistreß Fairfax ins Wort; »dafür werde ich schon Sorge tragen. Übrigens ist Herr Rochester ein äußerst guter und freundlicher Mann, hinter dessen ernstem und finsteren Aussehen das beste Herz von der Welt steckt. Doch eines muß ich bemerken. Bisweilen ist Herr Rochester sehr leidenschaftlich und dann auch weit heftiger, als es eigentlich nothwendig wäre; doch wo ist ein Mensch in der Welt zu finden, der keinen Fehler an sich hätte!«
»Ja der That ist es wirklich so, Mistreß,« erwiderte ich hierauf. »Doch habe ich oftmals die Behauptung vernommen, dass heftige Menschen in der Regel das beste Herz haben sollen.«
»Sie haben ganz recht,« sagte Mistreß Fairfax, »bei unserem Herrn findet dieser Grundsatz wenigstens seine Anwendung.«
Da verkündigten die lauten Hammerschläge der Schlossuhr die zwölfte Stunde. Wir sahen einander verwundert an, worauf sich meine Gesellschafterin die Erlaubnis erbat, mich in mein Zimmer begleiten zu dürfen, das nur wenige Schritte von dem ihrigen entfernt war.
Wiewol Müdigkeit und Schlaf meine Augen quälten, so konnte ich doch die Neugierde nicht unterdrücken, dasselbe noch in
dieser späten Stunde zu mustern. Ich wusste zwar nicht, wem ich die vortrefflichen Anordnungen, die zu meiner Bequemlichkeit getroffen worden waren, zu verdanken hatte, mußte mir aber gestehen, daß Mistreß Fairfax ein ganz besonderes Talent zu einer Haushälterin besitze, falls die Herrichtung dieses Zimmers ihr Geschmack gewesen sein sollte. Die Freundlichkeit dieses Zimmers sowie dessen Comfort hatten auf mich einen wohlthätigen Eindruck gemacht, der zu meinem neuen Glücke nicht wenig beitrug. Wenn Miß Adele anders ein Fräulein von sanftem Karakter und guten Sitten ist, dann hätte ich wol einen guten Tausch gemacht, sagte ich zu mir. Sodann schritt ich auf den Bettschämel zu, faltete die Hände, dankte Gott für die Gnaden, die er mir unverdienter Weise bisher zufließen ließ, und bat den Herrn der Welten mit Inbrunst und Demut, mich durch seine Gnade so zu leiten und zu führen, dass ich stets vor ihm Gnade und Erbarmung finden möge.«
So sanft und süß mußte ich seit den Tagen meiner ersten Kindheit, wo mich die Arme einer zärtlich liebenden
Mutter umschlungen hielten, noch nicht geschlafen haben, denn es war bereits heller Tag, als ich erwachte. Kaum war ich angekleidet, so machte mir Miß Fairfax auch schon einen Besuch, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich konnte es nicht unterlassen, gegen die gute Frau meinen Dank auszusprechen dass sie für mich ein so freundliches und liebliches Zimmer auserkoren hatte, welche Anerkennung ihrem Ehrgeize besonders zu schmeicheln schien. Sodann folgte ich der freundlichen Einladung, das Frühstück mit ihr und meinem neuen Zöglinge einzunehmen. Mistreß Fairfax führte mich nach demselben Zimmer, wo ich bereits eine halbe Nacht mit ihr verplaudert hatte. Hier trafen wir bereits Fräulein Adele mit ihrer Bonne.
Der Anblick des Kindes war für mich ein überraschen-
der, denn ein blonder Lockenkopf mit hellblauen Augen kam
auf mich zu und sprach: »Bonjour Mademoiselle Jeanette!«
»Bonjour Mademoiselle Adele!« erwiderte ich, zog die Kleine an mich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
Nun entspann sich zwischen uns beiden ein lebhaftes Gespräch, woran Mistreß Fairfax große Freude zu haben schien.
Miß Varens war ein Fräulein von vielen geistigen Anlagen und Fähigkeiten, die sie bisher noch wenig benützt zu haben schien. Von dem besten Willen beseelt, begann Adele jede Arbeit mit unendlicher Freude und großer Bereitwilligkeit, hatte aber weder beim Arbeiten noch beim Unterrichte die nothwendige Ausdauer; ja selbst beim Spielen war die Kleine sehr veränderlich, und zeigte weder nach der einen noch nach der andern Richtung die nothwendige Beständigkeit und einen beharrlichen Sinn. Das Herz war unverdorben, doch schien mir der Karakter nicht der edelste; denn
Adele war ungemein vorlaut, und maßte sich über manche Personen ein Urtheil an, das weder Achtung vor älteren Personen noch die geringste Nächstenliebe verrieth. Ich erkannte wol hierin ein Gebrechen unserer Zeit, wo das Sittenverderbnis infolge der modernen Erziehung schon merklich überhand genommen hatte, und nahm mir ernstlich vor, die bereits eingerissenen Misbräuche auszumerzen, die zügellosen Leidenschaften noch einzudämmen, bevor es zu spät wird, und den falschen Grundsätzen mit Entschiedenheit entgegenzutreten und selbe zu bekämpfen, insofern Mittel und Kräfte hier ausreichen.
Was die Erziehung anbelangt, die Adele bisher genossen hatte, so war sie echt französisch und von den reinen Sitten meiner Laudsleute nicht die geringste Spur zu vernehmen. Die Kleine ging ohne Gebet zu Bette, und stand des Morgens auf, ohne Gott für die Erhaltung zu danken, noch viel weniger fiel«es der Kleinen ein, Gott zu bitten, dass er sie am Tage über gesund an Leib und Seele erhalten und vor jedem Unglücke bewahren’und beschützen möge. Ich sprach hierüber mein Misfallen aus und erklärte, dass Adele
jeden Morgen und Abend mit mir gemeinschaftlich ihr Gebet
verrichten müße, worin Mistreß Fairfax mit mir vollkommen
einverstanden war. Bei dem Karakter, der Adelen eigen war,
konnte nur ein fester und mit aller Beharrlichkeit verfolgter Erziehungsplan durchgreifen, weshalb ich es vorzog, meinen Unterricht in den ersten Tagen weniger auf das positive Lernen zu beschränken, sondern mich vielmehr zu bemühen, auf dem Wege der Erfahrung der Kleinen einigen Sinn für einen geregelten Unterricht einzuflößen, was mir nach einigen Wochen auch wirklich gelang. Diese schnelle Umwandlung schien
vornehmlich dadurch wesentlich begünstiget worden zu sein,
dass Adele eine unendliche Liebe und Anhänglichkeit zu mir
zeigte, und sich selbst schon nach einigen Tagen jeder Anordnung willig unterzog, sobald ich drohte, mich diesen Abend auf mein Zimmer zurückzuziehen, und sie mit Mademoiselle Sofie allein zu lassen.
Sehr große Lust und auch eben so große Anlagen zeigte Adele für’s Zeichnen. Da ich von Mistreß Fairfax erfahren hatte, dass Herr Rochester ein großer Kunstkenner sei und in seinen jüngeren Jahren sich viel mit Landschaftszeichnen beschäftiget hatte, so suchte ich diesen Gegenstand bei
Adelen mehr zu kultiviren, als eben nothwendig gewesen wäre, und erzielte schon nach drei Monaten die glänzendsten Resultate.
Ich war eben beschäftiget, für Adelen eine kleine Skizze aus der höchst interessanten Szene der vor mir ausgebreiteten Winterlandschaft zu entwerfen, als ich auf dem Korridor eine starke Bewegung wahrgenommen hatte, wo es doch seit meiner Ankunft in Thornfield stets so still, ja fast lautlos hergegangen war. Da ohnehin bereits die Dämmerung eingetreten war, und meine Augen von dem blendenden Schneelichte stark mitgenommen wurden, so schob ich die Skizze in meine Mappe, legte den kleinen Malerstul zusammen, um sämmtliche Requisiten im Bibliothekzimmer, welches mir für den zu ertheilenden Unterricht angewiesen worden war, aufzubewahren, bis ich dieselben wieder benöthigen würde.
Das Bibliothekzimmer hatte die Hauptfront gegen den großen Park gekehrt und vertrat in den strengen Wintermonaten zugleich das Klavierzimmer, während für die Sommermonate oder während des Karnevals ein eigener Klaviersalon
mit einer prachtvollen Ausstattung bestimmt war. Diesem gegenüber befand sich das große Gesellschaftszimmer, welches nur dann geöffnet wurde, wenn Herr Rochester nach Thornfield kam. Ich mußte an diesem Zimmer vorüber, um nach
meinem Gemach zu gelangen, und war nicht wenig erstaunt,
Mistreß Fairfax hier beschäftiget zu sehen. Die gute Frau war ungemein thätig, da Reinlichkeit und Ordnung bei ihr zum Gesetz geworden waren. Sie hatte eben eine Vase von
Alabaster in der Hand, um dieselbe abzustauben, als ich an
die Thüre kam, während Lea und ein alter Diener bemüht waren, die prachtvollen Ottomanen von hochrothem Sammt
auszuklopfen, damit nicht etwa im nächsten Frühlinge die
Motten ihren Wohnsitz darin aufschlagen.
»Welch ein prachtvolles Zimmer!« rief ich voll Verwunderung aus. »Ist dies etwa schon für Herrn Rochester hergerichtet worden? -- Also hätten wir seine Ankunft zu erwarten?«
»Darüber kann ich Ihnen wol nicht genügenden Aufschluss geben, da weder ich noch irgend jemand in Thornfield mit
Gewissheit sagen kann, wann Herr Rochester kommt. Unser Herr ist aber ein Mann von Ordnung und Pünktlichkeit und
wünscht die Zimmer das ganze Jahr hindurch so erhalte zu
sehen, als ob er sie täglich benützen würde. Nichts ist dem
guten Herrn ärger, als Putzen und Säubern während seiner
Anwesenheit. Weil ich nun weiß, dass ihm dies unangenehm ist, so geschieht es während seiner Abwesenheit.«
»Herr Rochester wird Ihnen auch Dank dafür wissen,« sagte ich in meiner Unschuld.
»Wie man’s nimmt«, entgegnete Mistreß Fairfax. »Herr Rochester ist ein Feind aller Zeremonien, und überrascht seine
Leute mit Geschenken, wie es ihm einfällt. Nie schreibt er einen seinem Hause erwiesenen Dienst in das Buch der Vergessenheit, und kommt mit seinem Danke meistens zur rechten Zeit.«
Da stürzte plötzlich der alte Diener die Treppe herauf und erklärte ganz athemlos, dass eben Pilot durch den Thorweg des Schlosses gesprungen sei, folglich Herr Rochester auch nicht mehr weit sein könne.«
Herr Rochester hatte nämlich die Gewohnheit,stets seinen
Hund vorauszuschicken, um sich durch denselben gleichsam anmelden zu lassen. Auf die Erzählung des Dieners brannte
Mistreß Fairfax der Kopf vor Geschäftigkeit, weshalb ich Abschied nahm und auf mein Zimmer ging.
Auf mich hatte die Nachricht von der Ankunft des Herrn Rochester einen erschütternden Eindruck gemacht; konnte ich doch nicht wissen, ob meine Leistungen seinen Erwartungen
entsprechen und ob überhaupt meine Einfachheit sowie meine
Grundsätze, die ich mir bei der Erziehung seiner Mündel zur
Richtschnur genommen hatte, dessen Genehmigung erlangen werden. Undank war noch in den meisten Fällen das Loos eifriger und gewissenhafter Lehrer und Erzieher. Machen die
Schüler Fortschritte, welche den Ältern genügen, so werden
diese günstigen Resultate dem Fleiße und dem besonderen Talente der Kinder allein zugeschrieben, und der Lehrer oder Erzieher ist hierbei nur Nebensache; bleibt aber der Schüler in Folge seiner Faulheit und Trägheit oder seiner persönlichen Abneigung gegen jeden Unterricht im Lernen zurück, dann wird die Schuld niemand andern, als dem Lehrer oder Erzieher aufgebürdet.
Während ich mich mit diesen und ähnlichen Gedanken beschäftigte und das Los eines Lehrers und Erziehers nichtsdestoweniger als beneidenswert fand, vernahm ich plötzlich das Wiehern eines Pferdes und bald darauf große Geschäftigkeit im unteren Stockwerke. Gerne, recht gerne hätte ich mich von der Ursache jener auffallenden Veränderung überzeugt; allein mir fiel noch früh genug ein, dass die Neugierde nicht nur ein hässlicher Fehler, sondern auch eine sträfliche Leidenschaft sei; und somit suchte ich dieselbe nach Kräften zu zügeln. Dabei war mein Verstand keineswegs so beschränkt und meine Urtheilskraft so schwach, dass ich nicht hätte ahnen können, was vorgefallen sei. Da aber Vermuthungen noch immer keine Gewissheit sind, so mußte ich in dieser peinlichen Ungewissheit so lange verharren, bis mich Mistreß Fairfax zum Thee rufen ließ, den ich jeden Abend in ihrer Gesellschaft und auf ihrem Zimmer zu nehmen pflegte.
Meine Überraschung war keine geringe, als ich in Mistreß Fairfax Zimmer trat Und dasselbe leer fand. Auf dem runden Tische, der sich in der Mitte des Zimmers befand, stand ein einfaches Wachslicht, dessen verkohlter Docht der lebendige Zeuge war, dass man die Kerze schon vor geraumer Zeit müsse angezündet haben. Die rosige Glut im Kamin war bereits gedämpft, da sich keine bereitwillige Hand gefunden hatte, das Feuer öfter anzuschüren. Ohne mich lange zu besinnen, übernahm ich für heute dieses Geschäft, des Sprüchwortes eingedenk, dass Arbeit zu keiner Zeit den Menschen schände.
Während ich noch in voller Thätigkeit begriffen war, trat
Mistreß Fairfax mit den Worten ins Zimmer: »Dem Himmel sei’s gedankt, dass ich mich endlich ein wenig ausschnaufen kann!«
Bei diesen Worten erhob ich mich aus meiner zusammengekauerten Stellung am Kamin, während sich die sichtlich erschöpfte Frau in einen vor dem Tische stehenden Lehnstul geworfen hatte, um sich ein wenig auszuruhen.
»Das freut mich, Sie hier zu treffen,« rief Mistreß Fairfax, und streckte mir die Hand zum freundlichen Willkommen entgegen. »Wissen Sie, dass Herr Rochester vor ungefähr zwei Stunden auf dem Schlosse angekommen ist,« sagte sie jetzt mit dem Ausdrucke der größten Freude.
»Nein!« sagte ich voll Verwunderung »Von diesem freudigen Ereignisse habe ich noch keine Silbe vernommen.«
»Denken Sie sich, welch ein Unfall dem guten Herrn begegnet ist. In der Aue bei Hay strauchelte sein sonst so sicheres Ross, da es schon ziemlich dunkel geworden war, stürzte, und -- «
»Wie! Herrn Rochester ist doch kein Unglück begegnet?«
sagte ich in voller Hast.
»Nun! die Sache hätte wol ärger ausfallen «können, als dies wirklich der Fall ist« Herr Rochester ist mit einer leichten Quetschung am linken Fuße davongekommen. Er liegt auf dem Sosa in seinem Zimmer und erwartet jeden Augenblick den Wundarzt.«
Wir wurden jetzt einige Minuten in unserem Gespräche unterbrochen, indem Lea ins Zimmer trat und die Tasse mit dem Thee auf den Tisch setzte. Gleichzeitig schoben wir unsere Stüle heran, und ließen uns den Trank munden. Da kam
der alte John eilig aufs Zimmer und erklärte, dass Herr
Rochester nach Mistreß Fairfax verlange. Ohne auch nur einige Sekunden zu verweilen, verließ sie das Zimmer, um die Befehle ihres Gebieters entgegenzunehmen. Mit Mistreß
Fairfax war auch der Wundarzt bei Herrn Rochester eingetreten und fand, dass die Quetschung zwar bedeutend aber keineswegs gefährlich sei.
Ich hatte für diesen Abend nicht mehr das Vergnügen, Mistreß Fairsax zu sprechen, darum beeilte ich mich, ihr am
Morgen zu ein-Dr schicklichen Stunde einen Besuch zu machen. War es doch an mir, mich zu erkundigen, ob und wann ich Herrn Rochester mich vorstellen solle. Mistreß Fairfax war der Meinung, dass Herr Rochester den Tag und die Stunde
wol selbst bestimmen werde und es überhaupt nicht gerne sehe, wenn ihm irgendwie ein Zwang angethan werde. Ich nahm
diese Mittheilung dankbar an und begab mich nach dem Klavierzimmer, um daselbst Adele zu erwarten. Die Kleine ließ mich nicht lange allein, kam mit großer Freude auf mich zu und erzählte, dass Herr Rochester sie gestern Abend geprüft habe und mit ihr sehr zufrieden war.
Bei dieser Erzählung spielten die Wände, Fenster und übrigen Gegenstände verschiedene Farben, wusste ich doch, wie wenig man sich auf die Konsequenz seiner Schüler verlassen könne, und dass Prüfungen immer mehr oder weniger von einem glücklichen Zufall abhängen. Der Schluss von Adelens Mittheilung machte mir das Herz wieder leichter, indem durch die ausgesprochene Zufriedenheit meines neuen Gebieters zugleich die Anerkennung meiner Leistungen bedingt war.
Adele und ich waren den ganzen Vormittag sehr fleißig, da Herr Rochefter den Wunsch geäußert hatte, ich möchte der Kleinen den heutigen Nachmittag sreigeben, damit sie ihm
Gesellschaft leisten könne. Zugleich sprach er den ferneren Wunsch aus, mich persönlich kennen zu lernen, weshalb ich morgen durch Mistreß Fairfax vorgeführt werden sollte.
Das war wol für mich ein schwerer Gang; allein ich sah die Nothwendigkeit desselben ein und fügte mich in mein unabänderliches Schicksal. Vor Allem mußte die Garderobe
gemustert werden. Wiewol ich meine Sachen in der größten
Ordnung hatte, so war ich für den Augenblick doch in Verlegenheit, welches Kleid ich anziehen werde, um mir in der Toilette keine Nachlässigkeit zu Schulden kommen zu lassen. Der Grund meiner Verlegenheit war aber weniger in der Eitelkeit und Putzsucht, als in der Ärmlichkeit meiner Garderobe selbst zu suchen. Ich hatte nie ein Verlangen nach eleganten Kleidern; einerseits fehlten mir die Mittel hierzu, anderseits gelangte ich zu der Überzeugung, dass einfache Kleider ein Mädchen, wessen Standes es auch sein möge, am besten zieren, sowie Reinlichkeit und Nettigkeit mir unter allen Umständen der schönste Schmuck zu sein schienen.
Es war bereits eilf Uhr, um welche Stunde Mistreß Fairfax mich abzuholen versprochen hatte. Mit dem Schlage der eilften Stunde nahm ich meine schwarze Schärpe aus dem Schranke, um mich in volle Bereitschaft zu setzen. Sie schien mir zu dem olivengrünen Orleankleide am besten zu passen; und hätte dieselbe auch nicht gepasst, so wäre mir doch keine andere Wahl übrig geblieben, da ein ähnliches Kleidungsstück in meiner Garderobe nicht vorräthig war.
Mistreß Fairfax ließ nicht lange auf sich warten, und hatte mich durch ihr pünktliches Erscheinen von einer peinlichen Ungeduld befreit. Der Empfang, auf den ich mich so sehr gefürchtet hatte, war ein äußerst freundlicher, und machte
mir das Herz merklich leichter. Herr Rochester entschuldigte sich, mich nicht auf eine andere Art empfangen zu können, da dies sein gegenwärtiger Zustand nicht zulasse und bat mich,
Platz zu nehmen. »Es freut mich,« nahm hierauf Herr Rochester das Wort, indem er seinen durchdringenden Blick auf mich gerichtet hatte, »die Erzieherin meiner Mündel persönlich kennen zu lernen. Mistreß Fairfax hat sich zwar äußerst lobenswert über Sie ausgesprochen; doch wollte ich persönlich mit Ihnen über die Art der Erziehung sprechen, die Adele durch Sie erhalten soll, und bin eben in dieser Absicht nach Thornfield gekommen.«
»Adele ist ein gutes Kind,« sagte Herr Rochester weiter, »und berechtigt zu manchen schönen Hoffnungen, so ich mich bisher nicht getäuscht habe; doch hat sie viele Fehler an
sich, die Ihnen sicher nicht entgangen sein werden. Da mein
Aufenthalt in Thornfield nie von Dauer ist, so muß ich Ihnen die ganze Erziehung anvertrauen und bin überzeugt,
dass Sie dieses Vertrauen auch rechtfertigen werden. Sofie
wird dieses Frühjahr mein Haus verlassen, da ich deren Gegenwart für überflüssig halte, und somit übergebe ich die
Kleine Ihrer Obhut mit dem Bemerken, sowol beim Unterrichte wie bei der Erziehung konsequent vorzugehen und Milde mit Liebe und Strenge zu vereinen, da Ihr Ausspruch hierin für die Zukunft allein maßgebend sein soll. Ich habe die Kleine
gestern ein wenig geprüft und gefunden, dass sie in dieser
kurzen Zeit merkliche Fortschritte gemacht hat, was sie nur
Ihren Bemühungen allein zu verdanken hat, und wodurch Sie mich einstweilen zu Ihrem Schuldner gemacht haben.
Besonders hatten mich die hübschen Zeichnungen überrascht,
wiewol ich auf diese besondere Fertigkeit bei einem Mädchen
keinen so großen Wert lege. Mehr ist mir daran gelegen,
dass Adele eine religiös-sittliche Bildung erhalte, worauf
bisher von Sofie wenig Rücksicht genommen worden ist« Es
wird mich freuen, wenn Sie während meines Aufenthaltes auf dem Schlosse den Thee auf meinem Zimmer nehmen werden, doch soll Ihnen hierin nicht der geringste Zwang angethan werden, falls Sie die Abendstunden für sich allein benutzen wollen.«
Ich erklärte hierauf, dass ich es mir stets zur Ehre anrechnen werde, falls ich zur gegenseitigen Unterhaltung beitragen kann, und werde mich ganz den Wünschen und Anforderungen meines Gebieters unterziehen Bei diesen Worten trat Herr Bellini, der Wundarzt, ins Zimmer, weshalb ich für angemessen hielt mich zu entfernen.
Dass ich bei Herrn Rochester eine so freundliche Aufnahme finden, und dass er mich mit so großem Vertrauen beehren werde, hatte ich wol keine Ahnung. Es schien nach so vielen
trüben Tagen nun auch für mich die Stunde gekommen zu sein, wo ich mich einer freundlichen Behandlung zu erfreuen haben werde, und dieser Gedanke hatte mich mit den bisherigen Widerwärtigkeiten des Lebens wieder vollkommen ausgesöhnt.
Die Reise nach Manchester.
Ich hatte mir Herrn Rochester als einen strengen, finsteren und unzugänglichen Mann gedacht, der seine Ansichten und Urtheile allein für maßgebend halte, und wurde hierin zu meiner Freude groß getäuscht. Adelens Vormund hatte zwar ein ernstes Aussehen, doch ließ der freundliche Zug um den lächelnden Mund ans die edle Herzensgüte schließen, die Herrn Rochester eigen war. Dass sich die Stirne bisweilen in Falten legte und der Blick zeitweise ernster als gewöhnlich
wurde, mag von Umständen herrühren, die in der Natur der Sache begründet waren. Schon am zweiten Tage nach seiner Ankunft zu Thornfield herrschte auf dem Schlosse eine rege Thätigkeit. Die Thür des Zimmers, wo Herr Rochester die meiste Zeit des Tages zubrachte, ging von einer Hand in die andere über, und so mag es gekommen sein, dass manche Unannehmlichkeiten seine fast heitere Laune aus einige
Augenblicke verscheuchten.
Acht Tage mußte Herr Rochester das Zimmer hüten, bevor er von dem leidenden Fuße wieder Gebrauch machen konnte. Um ihm die Zeit zu verkürzen, bot ich mich als Vorleserin an, welches Anerbieten mit größter Bereitwilligkeit angenommen wurde. Herr Rochester saß in einem Lehnstul, der mit rothem Damast überzogen war; in der Mitte des runden Tisches stand ein sechsarmiger Kronleuchter, dessen Lichtströme das ganze Zimmer mit einem eigenthümlichen Glanze erfüllt hatten, der durch das hochrothe, in vollster Glut sprühende Kaminfeuer noch merklich erhöht wurde. In der Nähe des Kamines hatte sich Adele auf einem prachtvollen Teppich niedergelassen und spielte mit Pilot, dessen komische Geberden der Kleinen viel Spass zu verursachen schienen; am unteren Ende des Tisches saß Mistreß Fairfax mit ihrer Brille und strickte so fleißig, als ob sie zu einer bestimmten Stunde mit einer gewissen Aufgabe zu Ende sein müßte. Ich hatte meinen Platz zwischen Mistreß Fairfax und Herrn Rochester genommen, der mehrmals meinen hübschen Vortrag und die schöne reine Aussprache lobte und Adele erinnerte, sich an mir ein Vorbild zu nehmen. Da trat der alte John ins Zimmer, der einen Brief in der Hand hielt, welcher von Manchester über Millcote nach Hay und durch
den Postboten hieher gelangt sei. Herr Rochester entschuldigte sich, dass er mich auf einige Augenblicke unterbrechen müße, indem der Inhalt des Briefes von Dringlichkeit sei, was er aus der auf dem Umschlage angebrachten Chiffre entnehme. Ich legte das Buch bei Seite und warf mich in den Stul zurück, während Mistreß Fairfax kein Auge von ihrer Arbeit abzog.
»Dacht ich mir’s doch,« sagte jetzt Herr Rochester.
»Wieder ein Manchesterhaus gefallen, wo ich mit einer starken Summe betheiliget bin.«
Ich und Mistreß Fairfax bedauerten den unangenehmen Vorfall, worauf Herr Rochester erklärte, dass er morgen um vier Uhr früh Thornfield verlassen werde, um nach Manchester zu reisen, indem seine Gegenwart durch das Falliment des Hauses Grannert daselbst nothwendig geworden sei.
John mußte sogleich nach Hay fahren, um für morgen einen Separatwagen zu bestellen, woran Herr Rochester von mir
Abschied nahm und Adelen meiner Obhut und Fürsorge
empfahl.
»So wären wir nun wieder allein!« sagte Mistreß Fairfax, als ich mit der Kleinen an ihr Zimmer kam, um daselbst das Frühstück zu nehmen.
»Also ist Herr Rochester heute Morgens wirklich abgereist?« fragte ich etwas neugierig.
»Das ist gewiss!« sagte Mistreß Fairfax. »Wann hätte Herr Rochester sein Wort nicht gehalten?«
»Ist er also ein Mann von so festem Karakter und so konsequent in seinen Handlungen, dass dem Worte die That auf dem Fuße folgt?« fragte ich weiter.
»So wie Sie sehen, Miß, hat es Herr Rochester eben bewiesen,« war die Antwort von Mistreß Fairfax.
»Ich dächte, sein leidender Zustand würde ihn am Ende doch von dieser Reise abhalten, sobald er denselben in Erwägung ziehen wird.«
»Da kennen Sie unsern Herrn noch viel zu wenig. Da
er es einmal gesagt hat, so hätte er selbst mit einem Beine
die Reise angetreten, sobald es mit zweien eben nicht gegangen wäre.«
Am Schlusse dieser Worte hatte ich mich von meinem Sitze erhoben, nahm Adelen bei der Hand, die meinem Beispiele bereits gefolgt war, und empfahl mich Mistreß Fairfax freundlichem Andenken.
So angenehm der kurze Aufenthalt des Herrn Rochester war, da durch seine Gegenwart doch einiges Leben aufs Schloss gebracht wurde, eben so eintönig verstrichen die Tage,
Wochen und Monate nach seiner Abreise. Während seiner
Abwesenheit war nicht ein Brief weder an mich noch an
Mistreß Fairfax gekommen, und somit war uns sein Aufenthalt gänzlich fremd, falls er Manchester verlassen haben sollte.
Das Wort »Manchester« war für mich ein Magnet von besonderer Zugkraft. Und warum sollte jene Stadt für mich von minderem Interesse, als selbst für jeden Fremden gewesen sein? Wo gäbe es einen Menschen auf Erden, dem seine Vaterstadt sowie sein Vaterland nicht theuer und von größter Wichtigket wäre? -- Auch mir war die Vaterlandsliebe gleich jedem andern getreuen Unterthanen ins Herz geschrieben, und somit dürfte hierin ein Entschuldigungsgrund liegen, wenn das heiße Verlangen, meine Vaterstadt
zu sehen, an die ich nur schwache Erinnerungen zu knüpfen
vermögend war, jetzt mehr als sonst in mir auftauchte.
Ich hatte keine Jugend, da ich mich an Salford, sowie an das Haus meiner Ältern nur schwach erinnern konnte. In dem Hause meines Oheims schien mich eine rosige Jugend zu erwarten; allein Mistreß Reed wusste unter die keimenden Rosen solche Dornen zu mengen, deren Stich für mich in der Folge unerträglich wurde. Nun kam ich nach Lowood, wo mir zwar persönlicher Schutz und die große Wohlthat zu Theil wurde, zu einem Mädchen herangebildet zu werden, das fähig ist, sich sein Fortkommen selbst zu sichern; allein die Jugend, wie sie hundert und tausend andern Kindern gegönnt ist, war von meiner Lebenstafel für immer gestrichen.
Der Mensch ist doch ein sonderlihes Ding, sagte ich eines Abends zu mir, als ich einsam auf meinem Zimmer saß, da Mistreß Fairfo eines heftigen Zahnleidens wegen sich ebenfalls ans ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Er schwärmt und träumt oft die längste Zeit Von Dingen, die für ihn unerreichbar sind, und gibt nicht selten Hoffnungen Raum, die er bei voller Vernunft doch nur als leere Seifenblasen betrachten konnte. Oft liegt wol nur eine Spanne Zeit zwischen ihm und dem ersehnten Ziele, doch in den meisten
Fällen thürmen sich Hindernisse auf, die ein gewöhnlicher
Mensch oft nicht zu bewältigen im Stande ist.
Mit der Veränderung meines Standes und dem Tausche
meines Aufenthaltes sollten sich aber auch die Wechselfälle des Glückes zu meinem Gunsten gestalten. Meine leisen Wünsche und die gehegten Hoffnungen sollten von nun an keine leeren
Seifenblasen sein, dazu bestimmt, harmlosen Kindern für
einige Augenblicke ein Vergnügen zu bereiten, sondern sie
sollten in Erfüllung gehen, ehe ich hiervon noch eine Ahnung hatte.
Das leise Pochen an der Thür störte mich in meinen idealen Betrachtungen. Ich stand auf, um die Thür, die ich bereits zugeschlossen hatte, zu öffnen, und war nicht wenig betroffen, den Postboten von Hay vor mir zu sehen. Mit großer Freundlichkeit überreichte er mir einen zwischen den Fingerspitzen seiner linken Hand haltenden Brief, verneigte sich sodann mit eben so großer Freundlichkeit, worauf ich dem artigen Burschen einen Schilling* in die Hand drückte und damit für seine Bemühung freundlich dankte.
Ein Brief, sagte ich halblaut zu mir, und dazu an mich.
Diese Überraschung ist dir seit deinem Aufenthalte in Thornfield noch nicht zu Theil geworden. Bei diesen Worten brach ich in ein so heftiges Gelächter aus, dass ich mich wahrlich hätte schämen müssen, falls ich von jemanden beobachtet worden wäre.
Indessen hatte ich die Thür wieder sorgfältig zugeschlossen, und war mit dem Briefe an den Tisch gekommen, auf welchem zwei silberne Leuchter mit flammenden Wachskerzen standen. Die Adresse war von einer männlichen Hand geschrieben, denn eine so feste Handschrift wäre selbst von mir nicht zu erwarten gewesen, wiewohl ich zu Lowood stets den ersten Preis im Schreiben erhalten hatte.
*) Der Schilling ist eine englische Münze im Werte von
12 Pence, also 36 Neukreuzer, da man den Pence ungefähr zu
3 Neukreuzer rechnen kann.
Ohne mich lange zu besinnen, erbrach ich das Siegel; doch wer kann sich mein Erstaunen denken, als ich dem Schreiben die Gewissheit entnommen hatte, dass selbes von Herrn Rochester sei. Meine Freude war für den Augenblick eine unaussprechliche, doch wurde dieselbe bald in Traurigkeit verwandelt, da ich in demselben das Mittel sah, wodurch mir Mistreß Fairfax Freundschaft entzogen werden wird. Dies wäre für den gegenwärtigen Augenblick wol noch hingegangen, denn Mistreß Fairfax mußte es ja eben nicht wissen, dass Herr Rochester nicht der Haushälterin allein, sondern auch der Gouvernante geschrieben hat, und somit konnte auch deren Eitelkeit nicht verletzt werden. Allein der Brief enthielt nebst einigen für mich wahrlich unangenehmen Aufträgen auch die gewiss sehr erfreuliche Mittheilung, dass ich mit Adele und Mistreß Fairfax sobald als möglich nach Manchester kommen möge; Sofie soll uns bis dahin begleiten und sodann nicht mehr nach Thornfield zurückkehren.
Das alles wäre wol noch gegangen. Herr Rochester hatte aber seinem Schreiben eine Anweisung auf vierzig Pfund Sterlinge beigeschlossen, die ich auf dem Postamte zu Hay beheben und damit die Reisekosten decken sollte, da er mit der Gebahrung von Mistreß Fairfax nimmer zufrieden und deshalb gesonnen sei, hiefür das Hauswesen meiner Oberleitung anzuvertrauen.
In der That war Mistreß Fairfax eine Frau, die in der Jugend nicht Rechnen gelernt hatte, und sich deshalb auch
in den späteren Tagen auf diese eben so seltene als nothwendige Kunst nicht verstand. Ihr ging es so, wie es hundert anderen Frauen unserer Zeit schon ergangen ist, welche sich durch die Unzulänglichkeit in der Gebahrung des ihnen zur
Besorgung des Haushaltes anvertrauten Geldes die größten
Verlegenheiten bereitet haben. Darum vernehmet meinen Mahnruf, ihr Töchter unserer Zeit: Lernet schon in der Jugend Rechnen und erkennet die Sparsamkeit und Genügsamkeit als jene zwei Tugenden, welche einstens die Grundpfeiler eueres hauslichen Glückes und Wohlstandes bilden sollen.
Diese Anforderung war nun der Berg, den ich übersteigen sollte. Herrn Rochesters Zumuthung, dass mir sein Auftrag eben keine Verlegenheit bereiten werde, war eine ungegründete; denn eine solche Zurücksetzung war wol geeignet, selbst Jugendfreundinnen in die erbittertsten Feindinnen umzuwandeln In meiner gegenwärtigen Lage war wol guter Rath theuer, und ich fühlte jetzt mehr als sonst, wie verlassen derjenige Mensch auf Erden sei, der ohne Ältern, ohne Verwandte, ja selbst ohne Freund in der Welt stehe, und im Glücke wie im Unglücke auf sich selbst beschränkt ist.
Nie in meinem Leben hatte ich jemanden Unangenehmes
gewünscht, selbst nicht einmal dem höllischen John Reed,
meinem Peiniger an Gateshead; und doch muß ich geste-
hen, ohne vor mir selbst als Lügnerin zu erröthen, dass es
mir heute sehr angenehm war, Mistreß Fairfax unwohl zu wissen, ja es schien mir der einzige Ausweg zu sein, durch
ihr eigenes Misgeschick einer nicht geringen Verlegenheit zu entgehen. Der morgige Tag sollte mich vollkommen gerüstet und mit einem Plane versehen treffen, der einem hilflosen Wesen sicher Ehre machen wird. Der neue Tag war zwar gekommen, allein Jane war am Morgen noch eben so rathlos, wie am verflossenen Abende. Da verließ ich mich auf das gute Glück und dachte, der Mensch könne nicht immer
für jedes Ereignis vorbereitet sein; er müsse auch einen Theil seiner Erlebnisse dem Zufall überlassen.
Mir wurde plötzlich heiß, das Blut trat mir auf die
Wangen und das Herz schlug mir, wie es dem Missethäter
nach der verübten bösen That durch sein Pochen und Hämmern unablässig quälen müsse. Ich war unzufrieden mit mir selbst und machte mir bittere Vorwürfe über meinen Leichtsinn und die Oberflächlichkeit, mit welcher ich wichtige Momente des Lebens mit solcher Gleichgiltigkeit übergehe. Da sank ich beschämt vor das Kruzifix hin, faltete die Hände, suchte Trost und Erleuchtung im Gebete, und war so glücklich auch beide zu finden.
Da vernahm ich ein Geräusch vor der Thür und zugleich
einige unverständlich gesprochene Worte, an deren Schalltönen ich augenblicklich Mistreß Fairfax Stimme erkannte. Sie war so freundlich, mir einen Morgenbesuch und bei dieser Gelegenheit die Mittheilung zu machen, dass Miß Varens die heutige Nacht sehr unruhig geschlafen, und vielleicht in Folge dessen etwas unwohl sei, weshalb ich der Kleinen erlauben möge, einige Stunden länger im Bette bleiben zu dürfen.
Diese Nachricht kam mir ganz unerwartet, weil sie meine Pläne fast ganz durchkreuzte. Aber in demselben Augenblicke wurde es licht in mir, und was mir anfangs ungelegen kam, bot mir gleichsam die Handhabe zu einem Mittel, das allein geeignet war, mich aus meiner Verlegenheit zu ziehen, und das frühere gute Einvernehmen zwischen mir und Mistreß Fairfax zu erhalten.
»Thut mir sehr leid um die Kleine,« sagte ich zu Mistreß Fairfax; »doch lassen Sie uns derselben einen Besuch machen, um sie ein wenig zu erheitern.«
Ich fand den Zustand des Kindes keineswegs bedenklich,
und wäre Adele mein eigen gewesen, ich hätte sie ohne Verzug aufstehen lassen. So schien mir etwas Vorsicht umwillen meiner eigenen Sicherheit und Beruhigung nothwendig zu sein, deshalb erklärte ich, dass Adele erst gegen Mittag das Bett verlassen werde.
Nach dem Frühstücke hielt ich mich bei Mistreß Fairfax nur kurze Zeit auf und brachte den ganzen Vormittag bei der
Kleinen zu, benützte aber zugleich diese günstige Gelegenheit, um Herrn Rochester zu schreiben und ihm in Betreff der an mich gerichteten Anforderungen begründete Vorstellungen zu machen. Und wirklich ließ sich der gute Herr durch meine Bitten bewegen, an Mistreß Fairfax zu schreiben, und derselben in Betreff der Reise nach Manchester die diesfälligen Weisungen zu ertheilen.
Es ist, als stünde die gute Frau heute noch wie damals vor mir. Die zurückgeschobene Brille auf der Stirn, den Brief in der Rechten, und mit der Linken nach jener Stelle hinweisend, wo sich Herr Rochester seiner Mündel und auch
zugleich meiner mit einigen freundlichen Worten erinnert.
Ihr zur Seite stand die große Hauskatze, welche die vorgelesenen Worte gleichsam zu sekundiren suchte.
»Das ist doch ein prächtiger Mann, unser lieber Gutsherr,« sagte Mistreß Fairfax, indem sie den Brief zusammenlegte und die Brille wieder in die vorige Lage brachte.
»Was sagen Sie zu dieser Reise, Miß Reed, das wird eine
herrliche Schlittenfahrt geben, begleitet von dem freundlichsten Wetter.«
»Ich bin Ihrer Meinung, Mistreß, darum lassen Sie uns keine Zeit verlieren und unsere Abreise nach Thunlichkeit beschleunigen.«
»Natürlich!« sagte hierauf Mistreß Fairfax. »Wir reisen morgen ab, und mag da kommen, was wolle.«
Es wurden nun die warmen Reisepelze, mit denen man in Thornfield reichlich versehen war, aus der großen Garderobe herausgesucht und alle Anstalten getroffen, um morgen ohne Verzug abreisen zu können. Die Reise ging ohne Unfall vor sich und wir erreichten in einem Tage und in einer halben, aber äußerst frischen Nacht mittels Schlitten Manchester.
Herr Rochester war bei unserer Ankunft sichtlich erfreut und machte uns den Aufenthalt daselbst so angenehm als möglich. Auf mich hatte diese große Fabriksstadt einen mächtigen Eindruck gemacht, nicht nur wegen ihrer großartigen Gebäude und Fabriken, sondern weil sie die Wiege meiner Kindheit, weil sie meine Vaterstadt war.
Wir bewohnten den Crescent, eine im neuen Stadttheile in der Form eines Halbmondes angelegte Häuserreihe, und hatten die Aussicht auf den schiffbaren Irwell. Das Haus, welches Herr Rochester hier besaß, war nicht nur im modernsten Style erbaut, sondern auch auf das Prachtvollste und Geschmackvollste eingerichtet und ich muß gestehen, wir
wohnten hier trotz einer der ersten Herrschaften. Im älteren Theile der Stadt besaß Herr Rochester eine große Fabrik, eine sogenannte Baumwollmühle d. i. Baumwollspinnerei, die zu sehen für mich von großem Interesse war. Wiewol mit Geschäften sehr überhäuft, blieb er doch seinem Versprechen getreu, und begleitete uns nach der Fabrik, um
diese Arbeits- und Wundermaschinen in Augenschein zu
nehmen.
Durch die Erfindungen, die in Bezug auf die Baumwolle gemacht wurden, erscheint der Mensch nun wie mit tausend Händen gewappnet; denn die meisten Spinnräder zählen 5 bis 600 und viele sogar tausend und noch mehr Spindeln. Besonders interessant für mich war die von Withney erfundene Baumwollreinigungsmaschine, durch deren Gebrauch jetzt jede Gattung von Baumwolle zum Spinnen hergerichtet werden kann und die nicht nur in England, sondern auch in den vereinigten Staaten von Nordamerika in großer Verwendung steht.
Herr Rochester sagte mir, dass seine Fabrik manche Vortheile vor andern Fabriken besitze; jedoch sei die besteingerichtete Baumwollspinnerei die Orell’sche zu Stockport in der Nähe von Manchester.
Unser Aufenthalt in Manchester sollte nur so lange dauern, bis Herr Rochester seine Geschäfte geordnet hatte, und dann wollte er für dieses Jahr mehr Ruhe sich gönnen, als er sonst zu thun pflegte, weshalb beschlossen worden war, den ganzen Sommer in Thornfield zuzubringen. Wir verblieben daher bis nach Ostern in Manchester und traten am
25. April unsere Rückkehr nach Thornfield an.
Ein Fest im Paris zu Thornfield.
Als wir nach Thornfield kamen, hatte die ganze Gegend ihr winterliches Kleid abgestreift, und hie und da standen einzelne Büsche und Sträucher bereits in ihrem schönsten
Schmucke vor uns. Die Hügelreihen der Umgebung unseres Schlosses waren eben aus ihrer Unthätigkeit hervorgetreten und bewiesen auf das Nachdrücklichste, dass die ganze Natur in ihrer Neugestaltung begriffen sei. Der geräumige Park, welcher mit Inbegriff der Waldpartie eine Ausdehnung von zwei Meilen hatte, bot einen äußerst interessanten und überraschenden Anblick dar; denn hier war die Natur eben im
Keimen begriffen, weshalb die mannigfaltigen Schattirungen der verschiedenartigen Baumgruppen ein Landschaftsbild von
ganz eigenthümlicher Art darboten. Die lieblichen Sänger der Wälder und Haine hatten fast gleichzeitig mit uns ihre
Rückkehr nach Thornfield angetreten, und fast mit jedem neuen Morgen konnte ein aufmerksamer Beobachter neue
Ankömmlinge unter den befiederten Naturfreunden entdecken.
Seit unserer Rückkehr von Manchester stand Adele unter meiner Aufsicht und Leitung, weshalb ich meine Wohnung ändern und mit einer geräumigeren vertauschen mußte.
Ich und Adele bewohnten jetzt den linken Flügel des zweiten
Stockwerkes, welcher aus vier geräumigen Zimmern nebst einem kleinen Salon bestand, da Herr Rochester beschlossen
hatte, das vorhandene Klavier nach dem zweiten Stocke bringen zu lassen, während der große Salon mit einem ganz neuen Flügel versehen werden sollte. Unsere Wohnung war sehr geschmackvoll hergerichtet worden und zu unserer Bedienung ein eigenes Mädchen aus Manchester mitgebracht, da Adelens Bonne nach ihrer Heimat befördert worden war.
Seit meiner zweiten Ankunft in Thornfield schien auf dem
Schlosse eine ganze Umwälzung vorzugehen. Die Dienerschaft
wurde vermehrt, drei prachtvolle Equipagen nebst mehreren
Pferden waren von London angekommen und acht Tapezierer arbeiteten schon durch volle drei Wochen auf dem Schlosse.
Der vordere Theil des Parkes, welcher ganz nach französischer Art angelegt war, wurde noch merklich verschönert und der große Kiosk ganz im orientalischen Style hergerichtet War die Ursache jener Umgestaltung der Schönheitssinn des Herrn Rochester allein, oder wurde er bei diesem Unternehmen von andern Grundsätzen geleitet? Diese Frage hatte ich mir im Laufe der Zeit mehrmals gestellt, ohne darauf die richtige Antwort zu finden. Mistreß Fairfax hätte mir vielleicht darüber Auskunft geben können; allein die Trennung, welche durch die Wohnungsveränderung herbeigeführt worden war, ließ mich den ganzen Tag hindurch keinen Augenblick finden, der geeignet gewesen wäre, einander unser Anliegen mitzutheilen, da wir uns außer dem Mittagstische nur sehr selten sahen. Das Frühstück wurde uns aufs Zimmer gebracht und den Thee nahmen wir in Gesellschaft des Herrn Rochester.
Selbst in den Park kamen wir nur in den Morgen- und
Abendstunden, da ein ungewöhnlich heißer Sommer jede Bewegung in der freien Luft zu einer andern Tageszeit fast unerträglich machte.
Eines Tages trafen wir in der Morgenstunde Herrn Rochester im Park. Ich hatte eben mit Adelen die große Lindenallee durchschritten, und wollte am chinesischen Lusthause vorüber, um an den großen Teich zu kommen, als uns Herr Rochester den Weg vertrat und fragte, welchen Zweck unser Spaziergang habe. Jch war wol etwas verlegen, da eine solche Frage seit meinem Aufenthalte in Thornfield noch zu keiner Zeit an mich gestellt worden war, und konnte in meiner Verlegenheit für den ersten Augenblick gar keine
Antwort finden, weshalb mich Herr Rochester aus der qualvollen Lage befreite und die an mich gerichtete Frage sich selbst beantwortete, indem er sprach: »Sie wollen wahrscheinlich nach dem großen Teiche gehen, damit Adele unter die Fischlein den Rest ihres Morgenbrodes vertheilen könne?«
»Ja!« sagte ich hierauf; »das ist der Zweck unseres Spazierganges. Weil Adele mich darum gebeten hat, so wollte ich der Kleinen dieses Vergnügen nicht versagen.«
»Ganz wohl!« erwiderte hierauf Herr Rochester. »Ich hätte zu einer andern Zeit nicht die geringste Einwendung gemacht; allein heute muß ich Sie ersuchen, diesen Weg zu
meiden, indem dort viele Menschenhände beschäftiget sind, die Ihre Gegenwart nur stören könnte.«
Wir lenkten also rechts ein, um unsern Rückweg anzutreten, und Herr Rochester begleitete uns eine Strecke durch dieselbe Allee, welche wir vor ungefähr einer Viertelstunde
verlassen hatten.
»Ich werde Sie ersuchen, Miß Reed, morgen mit der Kleinen auf Ihrem Zimmer zu speisen. Wir erwarten einige Gäste hier auf dem Schlosse, und ich sehe es nicht gerne, wenn Kinder sich unter erwachsenen Personen bewegen, wo sie sich nur langweilen und eben dieserwegen den Magen voll pfropfen. Man hat dann beständig an ihnen zu korrigieren, thut denselben somit nichts Gutes und bürdet sich und Andern eine Last auf, die leicht zu beseitigen ist.«
»Ich bin ganz Ihrer Ansicht, Sir,« erwiderte ich hierauf, »und werde bemüht sein, Ihren Wünschen nachzukommen.«
»Für den Nachmittag soll Adele frei haben; gegen Abend können Sie mit ihr den Park in seinem schönsten
Schmucke besichtigen und auch dem Wasserfeuerwerke, welches
auf dem großen Teiche abgebrannt werden wird, beiwohnen.«
Hierauf verließ uns Herr Rochester; ich nahm Adele bei der Hand und führte sie nach unsern Gemächern, da die Zeit zum Unterrichte bereits herangerückt war.
Also morgen ist das große Fest, sagte ich am Abende zu mir, als ich beim Arbeitstische saß und fleißig nähte, während Adele mit ihrer Puppe vollnuf zu thun hatte. Herr Rochester ist plötzlich aus seiner Zurückgezogenheit hervorgetreten und hat die Einsamkeit mit einem prunksüchtigen und geräuschvollen Leben vertauscht. Woher doch diese plötzliche Veränderung kommen mag? -- Was mag den an die Einsamkeit und Ruhe so sehr gewohnten Herrn bewogen haben, ein Fest von solchem Kostenaufwande und solcher Ausstattung
zu veranstalten?
Diese und ähnliche Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, und wirkten selbst lähmend auf meine Arbeit, denn ich hatte bereits die Hände in den Schooß gelegt und ganz gedankenlos nach der untergehenden Sonne gesehen, welche mit ihren glänzenden Stralen bereits die Gipfel der Berge zu bestreichen begann, um nach vollendetem Untergange die ganze Gebirgsränderung in ihren Purpurmantel zu hüllen.
»Ein herrlicher Abend,« sagte ich halblaut zu mir.
»Aber noch herrlicher wird der morgige sein,« sagte
hierauf eine mir wohlbekannte Stimme.
Ich fuhr erschrocken zusammen und sprang pfeilschnell von meinem Sitze auf, während Mistreß Fairfax unter lautem Gelächter hinter meinem Stule hervortrat. Die Thür des Zimmers war nur zugelehnt, und so hatte ich in meiner
Vertiefung gar nicht bemerkt, dass jemand ohne mein Wissen ins Zimmer getreten sei.
»Nur nicht so furchtsam, Miß«, nahm sie hierauf das
Wort, »wir sind ja schon alte Bekannte, wenn wir uns
auch jetzt weniger als sonst sehen.«
»Das ist wol nicht meine Schuld, Mistreß Fairfax«
antwortete ich hierauf. »Ihre und meine Geschäfte heißen
uns beide verschiedene Wege gehen.«
»So ist es,« erwiderte Mistreß Fairfax. »Darum vernehmen Sie schnell die Ursache meines Besuches, denn ich habe für den morgigen Tag noch Manches zu besorgen.«
»Werden die Gäste zahlreich sein, die von Herrn Rochester geladen worden sind?« fragte ich, bemüht, meine Neugierde durch das Ordnen meines Nähtischchens zu bemänteln.
»Es scheint, weil der Tisch für zwanzig Personen gedeckt werden und das Diner bis 5 Uhr bereit sein muß.
Morgen dürfte es überhaupt auf dem Schlosse lustig hergehen,« sagte Mistreß Fairfax weiter, »denn unser Herr feiert morgen den Jahrestag seiner Rettung von dem sicheren
Tode.«
»Wie so?« fragte ich weiter. »War Herr Rochester so schwer krank, dass --«
»Das nicht,« fiel mir Mistreß Fairfax in die Rede.
»Aber Herr Rochester hat vor fünf Jahren eine Reise nach Amerika unternommen, und war auf der ganzen Hinfahrt recht glücklich. Als er aber nach einem dreimonatlichen Aufenthalte in Neu-York mit dem Dampfer »Themse«, welcher das Eigenthum einer Liverpooler Gesellschaft war, auf der Rückreise begriffen war, litt er Schiffbruch. Von 39 Passagieren wurde er allein und von der Schiffsmannschaft außer dem Kapitän, dem Steuermann und dem Koch keine Seele gerettet; Alle fanden in den Wellen des Meeres ihr Grab. Zum Gedächtnisse sowie zum Dank für seine Rettung aus der Todesgefahr hat Herr Rochester die Kreuzkapelle zu Hay gestiftet und der Kirche daselbst einen bedeutenden Geldbetrag zur Erhaltung derselben übergeben.«
Mistreß Fairfax hatte mit ihrer Rede inne gehalten, und dennoch fand ich keine Worte, ihr etwas Entscheidendes zu sagen. Da wurde ich durch sie aus einer Verlegenheit befreit, die vielleicht weniger für mich als für Andere bemerkbar war.
»Doch zur Sache, Miß,« nahm jetzt Mistreß Fairfax das Wort. »Der Schneider aus Millcote ist hier. Er hat für Miß Varnes zwei neue Kleider gebracht, und für Sie --«.
»Und für mich?« fuhr ich der geschwätzigen Haushalterin in die Rede. »Ich habe kein Kleid bestellt; auch ist mir kein Schneider aus Millcote bekannt. Doch lassen Sie den Mann heraufkommen, damit ich mit demselben selbst reden kann.«
Bei diesen Worten rief ich Louise, unser Mädchen, damit sie Mistreß Fairfax begleite und dem Schneider als Wegweiser nach unserem Zimmer diene.
Ich war nicht wenig erstaunt, als Louise mit zwei Männern zurückkehrte, wovon jeder einen Pack trug. Es war der Meister mit seinem Gehilfen, welche den Auftrag hatten, jede gewünschte Veränderung sogleich auf dem Schlosse vorzunehmen.
Meine Ungeduld wuchs fast mit jeder Sekunde, bis
der Schneider das Kleid ausgepackt hatte; denn ich war neugierig, wie dasselbe aussehe, und ob es wirklich für mich bestimmt sei.
Es war ein Seidenkleid von schwerem Stoffe, dessen Wert ich gar nicht zu schätzen wusste, da ich mit Kleidern dieser Art in meinem ganzen Leben nichts zu schaffen gehabt hatte. Der Grund war kornblumenblau und mit Rosen in einem äußerst geschmackvollen Dessin eingearbeitet.
»Wer hat das Kleid bei Ihnen bestellt?« fragte ich
voll Verwunderung.
»Herr Rochester,« entgegnete der Mann, »und noch dazu mit der Bemerkung, dass ich den ganzen Schaden tragen müsse, falls Ihnen dasselbe nicht passen sollte. Darum würde ich bitten, mich aus dieser mislichen Ungewissheit zu befreien.«
Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und rief ganz maschinenmäßig Louise aus dem Nebenzimmer herbei, damit mir das Mädchen beim Ankleiden behilflich sei. Ich zog also das Kleid an, trat vor den Spiegel hin, um die Schönheit meines neuen Anzuges zu bewundern, und war von der Pracht und Eleganz desselben nicht wenig überrascht. Mein einfacher aber geschmackvoller Anzug hatte stets meinen ungetheilten Beifall erhalten; doch muß ich gestehen, bisher von dem noch keine Ahnung gehabt zu haben, welch auffallende Veränderung ein Anzug bei dem Menschen hervorrufen kann; denn ich war nicht mehr die einfache Gouvernante im Leinen- und Schafwollkleide, sondern eine englische Dame stand vor mir, umgeben von den Domestiken des Hauses, die bereit waren, deren Befehle entgegenzunehmen
Hätte ich nicht so feste Grundsätze besessen, so wäre dieser Augenblick vielleicht ganz dazu geeignet gewesen, mich von der Bahn der Demut und Tugend abzubringen und dem
sicheren Verderben entgegenzuführen, wozu Eitelkeit und Putzsucht in den meisten Fällen die Wege bahnen.
»Jane!« sprach ich hierauf zu mir. »Das Kleid ist schön, es ist prachtvoll und macht dir eine unendliche Freude; doch soll deine Freude stets eine kindliche bleiben, wie bisher, und nie sollen Eitelkeit, Hoffart und Stolz sich in dein Herz schleichen, und daselbst ihren Wohnsitz aufschlagen --
davor bewahre mich Gott jetzt und für alle Zeiten.«
In demselben Augenblicke trat Herr Rochester ein. Er hatte mit seiner Mündel einen kleinen Spaziergang nach dem nahen Gehölze unternommen, und dieselbe bei seiner Rückkehr wieder unter meine Obhut gestellt. Beschämt, von demselben in diesem Kleide angetroffen zu werden, schlug ich die Augen zu Boden, und getraute mich kaum aufzublicken.
Herr Rochester, dem meine Verlegenheit nicht entgangen war, nahm hierauf das Wort und sprach: »Ich war so frei, Ihnen dieses Kleid zu bestellen, Miß Reed, und hoffe, Sie hierdurch nicht etwa beleidiget zu haben. Es soll vor der
Hand nur als ein kleiner Beweis gelten, wie sehr ich Ihre
Mühe und Sorgfalt, die Sie auf die Kleine verwenden, zu
würdigen weiß; -- mein Dank wird erst bei einer andern
schicklicheren Gelegenheit folgen. Übrigens mache ich die Bemerkung, dass dieses Kleid, welches für Sie zu dem morgigen Feste bestimmt ist, meinem Hause nur Ehre machen wird, denn es gefällt mir jetzt als Kleid weit besser, als dies anfangs bei dem Stoffe der Fall war.« Herr Rochester
küsste hierauf Adele, und empfahl sich von uns auf ein
freundliches Wiedersehen, nahm aber zugleich den Schneider
mit, um den Mann für seine Arbeit und Pünktlichkeit auf eine würdige und gerechte Weise zu belohnen.
Die aufgehende Sonne verkündigte uns den schönsten und herrlichsten Tag; nur etwas heiß schien es zu werden,
weßhalb erst der Abend eine Erholung in Aussicht stellte.
Wiewol die meisten Arbeiten schon den Abend zuvor verrichtet worden waren, so gab es vom Morgen bis zum Nachmittag doch noch vollauf zu thun; denn es waren auf den
Treppen noch die Teppiche zu legen, die chinesischen Vasen
mit zierlichen und sorgfältig gewählten Blumen zu versehen,
und in den Zimmern und Salons manche Menschenhände
erforderlich, um durch Kunst und Fleiß jeden Eintretenden
zu überraschen. Im Speisesalon blitzte der Nebentisch von
Silbergeschirren jeder Art, und auf dem ganzen Wege bis
zu demselben sah man die seltensten Blumen terrassenartig
aufgestellt, da Herr Rochester für diesen Tag einen eigenen
Salon im Parke herrichten ließ.
Gegen drei Uhr erschien Mistreß Fairfax im vollsten
Putz, denn es war ihr Geschäft, die Gesellschaft zu empfangen und die Damen in die Salons einzuführen. Wir hatten nun keine Zeit mehr zu verlieren, deshalb ermunterte ich Louise, Alles bereit zu halten, um Adelen ankleiden zu können, da ich eben beschäftiget war, deren blonden Lockenkopf in Ordnung zu bringen.
Die Geladenen ließen auf sich warten, und verursachten Mistreß Fairfax durch ihr Ausbleiben einigen Kummer,
wiewol die gute Frau um eine Stunde später angetragen hatte, als es der Wunsch ihres Gebieters war. In ihrer
Ungeduld schickte sie den alten John an die Schlosspforte
hinab, damit er sich ein wenig umsehe und sodann eilig Bericht erstatte, falls er die Kutschen auf der Straße nach Millcote bemerken sollte. Der Diener that, wie ihm befohlen
worden war, kam aber bald mit der Nachricht zurück, dass auf dem ganzen Wege nicht die geringste Spur von Equipagen
bemerkbar sei.
»Das ist höchst unangenehm,« sagte Mistreß Fairfax, »und wird mir und den Köchen manche Unannehmlichkeit zuziehen. Geh’ abermals nach der Straße, stelle Dich etwas links, damit Du die Krümmung des Weges übersehen kannst, denn so weit können sie doch nicht mehr entfernt sein, dass man aus den aufwirbelnden Staubwolken nicht auf deren Ankunft schließen könnte.
John ging und kam nach ungefähr zehn Minuten mit der Nachricht zurück, den ersten Wagen schon gesehen zu haben; auch einige Herrn zu Pferde wollte er bemerkt haben.
»Dein Himmel sei es gedankt,« sagte Miftreß Fairfax, »dass er diese Last der Ungewissheit von meinen Schultern genommen hat.«
Adele lief ans Fenster; -- ich folgte, stellte mich jedoch so, dass ich, durch den großen Vorhang geschützt, sehen
konnte, ohne eben von den Ankommenden bemerkt zu werden.
Unsere Neugierde sollte aber nicht so bald befriediget werden, denn wir harrten über eine Viertelstunde, und noch
immer wollte kein Wagen bemerkbar werden. Da vernahmen wir Hufschläge und bald darauf ein Rollen der Wägen. Vier Reiter kamen dahergesprengt und diesen folgten mehrere
offene Wägen. Flatternde Schleier und schwankende Federn
machten sich alsbald bemerkbar; zwei von den Reitern waren
junge, stattliche Herren; der zur Rechten Herr Rochester,
welcher seinen stolzen Rappen, angeblich einen Araber ritt;
links trabte ein alter Herr mit silberweißem Haar und in der Mitte eine Dame in einem himmelblauen Reitrocke mit
weißem Oberleibe. Sie trug ein weißes Hütchen mit einer
weißen, hochwallenden Feder, den Schleier zurückgeschlagen, und schien sich mit Herrn Rochester auf das Angenehmste zu
unterhalten, der unablässig bemüht war, Pilot von der Seite
zu treiben, da das Pferd der Dame unablässig aufstieg und
sich sogar mehrmals bäumte, -- wahrscheinlich durch das unausgesetzte Anschlagen des Hundes etwas scheu gemacht.
»Das ist Mistreß Ingram!« rief Mistreß Fairfax, und verließ eilends das Zimmer, um sich in den Empfangssaal zu begeben.
Adele war über die Dame im Reitrocke ganz entzückt und meinte, ein solches Reitkleid müsse einst auch sie haben.
Sie wollte hinunter, um die Dame in der Nähe betrachten zu können. Ich zog die Kleine an mich, strich ihr die Locken aus der Stirn und machte derselben begreiflich, dass dies
höchst unschicksam wäre. »Du darfst Dich vor den Damen nicht eher zeigen, bis Du gerufen wirst; Herr Rochester wird dies schon veranlassen, falls er es für nothwendig finden sollte.«
Nun ging es auf dem Schlosse wirr durcheinander. Die
Bedienten hatten vollauf bei ihren Herrschaften zu thun, die Kutscher und Reitknechte waren beschäftiget, ihre Pferde zu versorgen, und in der Küche wie in der Zuckerbäckerei waren bei zwanzig Personen beschäftiget, um Voranstalten zum Auftragen der verschiedenartigsten Gerichte zu treffen, da sich die Herrschaften bereits nach dem Speisesaal in den Park begeben hatten.
Diese Gelegenheit benutzte ich, um die ganze Gesellschaft genauer betrachten zu können, weil dies jetzt um so genauer geschehen konnte, ohne von jemanden bemerkt zu werden.
Herr Rochester eröffnete den Reigen, indem er der verwittweten Lady Ingram den Arm bot. Sie war eine Dame von hohem, schlanken Wuchse, in den Jahren zwischen dreißig und vierzig, und hatte erst auf dem Schlosse Toilette gemacht. Nicht minder liebenswürdig als die Mutter waren ihre beiden Töchter, Else und Mary, wovon die eine sechzehn, die andere siebzehn Sommer zählte. Mary war eine Blondine von ausgezeichnet feinem Teint, trug die Haare kurz gerollt und in ein goldenes Netz gehüllt. Das weiße Kleid mit dem auf blauem Grund gestickten Silbergürtel erhöhte deren schlanken Wuchs und verlieh der niedlichen Gestalt einen besonderen Reiz. Noch interessanter war Elisa. Das glänzend schwarze Haar und die über den blendend weißen Nacken rollenden Locken verliehen der ohnehin reizenden Phisiognomie noch mehr Ausdruck und Anmut. Das Haar war
mit frischen Rosen durchflochten, welche durch zitternde Nadeln von edlem Gestein gehalten wurden, und das himmelblaue Seidenkleid wurde durch einen goldenen Gürtel geziert, der noch überdies mit zwei flatternden Goldschleifen versehen war. Beide erschienen in Begleitung ihres Oheims, Oberst Dent, welcher nebst Herrn Rochester Lady Ingram zu Pferd begleitet hatte. Diesen folgte Frau Obristin Dent am Arm eines Gentleman. Ihr Aussehen war weniger glänzend, doch schien sie eine Dame von besonders feinem Anstande zu sein. Sie war von mittlerer Größe, etwas dickleibig und trug ein schwarzes, mit feinen Spitzen
geputztes Atlaskleid, und ihr Schmuck bestand aus großen
orientalischen Perlen nebst einer Broche von Brillanten. Der Fächer war zwar prachtvoll, doch etwas altmodisch und harmonirte mit jenen der übrigen Damen nicht im geringsten.
Jetzt kam Lady Scrif am Arme ihres Gatten, einst Parlamentsmitglied für Millcote. Sie war eine Dame von etwa
dreißig Jahren und durch ihre Schönheit wie durch ihren Reichthum bekannt, indem nach dem Tode ihres Vaters, der einer der reichsten Fabriksherren zu London gewesen sein soll, ein unermessliches Vermögen auf die einzige Erbin
überging. Das blasse Gesicht und die sanften Züge waren
der Ausdruck ihrer besonderen Freundlichkeit und Herzensgüte. Sie trug ein prächtiges, changirendes Seidenkleid mit breiten Blonden und einer Echarpe von gleichen Spitzen. Das Haar war mit einer Schmetterlingsblume von Brillanten und einer azurblauen Feder geschmückt, und um den Hals trug sie eine einfache Perlenschnur mit einem kleinen Medaillon. Den Zug schlossen nebst mehreren älteren und jüngeren Herren Mistreß Eglie mit ihrer Tochter Amy, die etwa zwanzig Jahre alt sein konnte und nichtsdestoweniger als schön genannt zu werden verdient. Was ihr von der Natur an äußeren Reizen versagt worden war, das ersetzte ihr hervorragender Verstand und die seltene Bildung, die sie genossen hatte. Amy war so wie ihre Mutter am einfachsten gekleidet. Das weißmusselinene Kleid und der hellblaue Gürtel standen ihr gut; weniger passend für sie schien mir das gold- und silbergeknüpfte Netz, worein ihre feuerrothen, kurzgeschnittenen Haare geschlagen waren; denn dazu schien sie mir zu wenig jugendlich, wiewol in England solche Netze selbst von älteren Fräuleins getragen werden. Mistreß Eglin war eine Dame von nahe an vierzig. Ihre Haltung war fest und der Ausdruck ihres Gesichtes trug die Spuren von Leidenschaftlichkeit und Stolz an sich. Für den ersten Augenblick glaubte ich Mistreß Reed zu erblicken, da sie mit dieser Dame sprechende Ähnlichkeit hatte. Ihr Auge war streng und hart, und der mehr nach außen gerichtete Blick schien den Tadel zu beurkunden, mit welchem sie ihr misliebige Personen zu begleiten gewohnt war. Man sagte mir später, dass diese Dame ungemein witzig, ihre Zunge aber sehr scharf und verletzend sein soll, weshalb sie von Manchen gefürchtet wurde.
Die Unterhaltung war nicht nur sehr lebhaft, sondern auch sehr andauernd, denn man erhob sich erst gegen zehn Uhr von der Tafel, um sich nach dem großen Teiche zu begeben, wo das Wasserfeuerwerk abgebrannt werden sollte. Die Gesellschaft mußte den in der Ferne rollenden Donner gar nicht vernommen haben, bis die in langen Schlangenlinien
durch die Luft fahrenden Blitze einige aus der Gesellschaft
darauf aufmerksam machten, dass ein furchtbares Gewitter
nicht erst im Anzuge begriffen sei, sondern sich bereits über dem Haupte der lustigen Gaste entlade.«
Man war unschlüssig, was geschehen soll. Während Einige der Meinung waren, dass in wenigen Minuten ein heftiger Gewitterregen bevorstehend sei, hatten bereits Andere in die auf das Imposanteste beleuchtete Lindenallee eingelenkt, welche zum Feuerwerksplatze führte, kamen aber alsbald in der größten Eile zurück, um vor dem in schweren
Tropfen fallenden Regen im Gartensalon Schutz zu suchen. Der Wind, der anfangs nur mäßig von Westen gegen Osten trieb, hatte binnen wenigen Minuten umgesetzt und sich in
einen Sturm verwandelt, der die gefüllten Ballons niederriss und viele von den hellstralenden Lichtern im Salon ausblies. Schnell mußten die Diener herbeieilen, um die nach Südwest gerichteten Fenster zu schließen, da der Sturm den Regen massenhaft in den Salon warf. Da fuhr ein Tod und Verderben verkündender Feuerstral aus einer schwarzen Gewitterwolke, begleitet von einem solch heftigen Donnerschlage, dass Miß Amy Eglin, die nebst sehr reizbaren Nerven auch große Furcht vor Gewittern haben mußte, in Ohnmacht fiel.
Der Blitz fuhr ungefähr zwanzig Schritte vom Salon in den Boden, und hatte durch sein grelles, blendend weißes Licht den Park wie das ganze Schloss in eine magische Beleuchtung gehüllt, die zwar schauerlich war, aber dennoch imposant genannt werden muß.
Ich war wirklich froh, die Kleine schon bei Zeiten ins Bett gebracht zu haben, da ich voraussah, dass wir heute Abends sicher nicht gerufen werden, um der Gesellschaft vorgestellt zu werden.
Die Damen waren in keiner geringen Verlegenheit, wie sie aus dem Gartensalon nach den Zimmern des Schlosses kommen sollten, da binnen einer Viertelstunde die meisten Wege des Parkes durch die starken Regengüsse in einen See verwandelt waren. Eben so übel waren die Herren mit ihren papiernen Stiefletten und noch ärger diejenigen aus ihnen daran, welche es vorgezogen hatten, ihre festere Fußbekleidung auf dem Schlosse mit Schuh und Strümpfen zu vertauschen. Dazu kam noch der starke Schwefelgeruch, den der niedergegangene Blitz zurückgelassen hatte, und der den Aufenthalt im Salon fast unerträglich machte. Die ganze Katastrofe abzuwarten schien mir von zu untergeordnetem
Interesse, daher schloss ich meine Fenster und begab mich zur Ruhe.
Ich hatte eine äußerst unruhige Nacht gehabt, wiewol ich spät zu Bett gegangen war und der Schlaf mich schon ziemlich gequält hatte. Die aufgeheude Sonne fand mich schon wach und völlig angekleidet, während auf dem Schlosse noch Alles im tiefen Schlaf versunken war. Ich öffnete die Fenster und fand, dass die Luft ungemein mild und stärkend sei, weshalb ich beschloss, einen Spaziergang nach der großen Lindenallee im Park zu unternehmen. Die frische Morgenluft hatte meine Nerven etwas angegriffen. Ich fühlte eine große Müdigkeit und Abgeschlagenheit in allen Gliedern meines Körpers, darum wendete ich mich bei dem neuerrichteten Salon links, trat in die große Laube, welche von Efeu und wilden Weinreben ganz umrankt war, und ließ mich auf einem der hier angebrachten Sitze nieder. Mir war nicht ganz wohl, das fühlte ich, und dennoch wollte mir der Zustand meiner Unbehaglichkeit nicht klar werden. Ich beugte mich gegen den Tisch vor, stützte den Kopf in die rechte Hand und fing an, über mich und über mein ganzes Leben ernstlich nachzudenken Dass jene Gedanken und Empfindungen, die durch mancherlei Erinnerungen in mir wachgerufen worden waren, zur Herstellung eines besseren Zustandes nicht geeignet waren, kann ich meine freundlichen Leser und Leserinnen aufs Wort versichern.
Plötzlich vernahm ich einige Fußtritte und alsbald ein ziemlich starkes Geräusch im Gebüsche. Ich erhob mich von meinem Sitze, um nach der Ursache jener unliebsamen Störung zu sehen, und traf in dem Augenblicke, als ich in die Lindenallee trat, mit Mistreß Fairfax zusammen.
»Ich habe Sie schon im ganzen Schlosse gesucht und konnte Sie nirgend finden,« sagte Mistreß Fairfax, nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten. »Ein Mann aus Gateshead ist hier, der Sie dringend zu sprechen hat.«
Diese Nachricht hatte mich nicht nur überrascht, sondern auch merklich erschüttert. Was konnte wol die Veranlassung
sein, einen Boten von Gateshead abzusenden, um mich aufsuchen zu lassen? Ich bat Mistreß Fairfax, mich nach
dem Schlosse zu begleiten, um den Boten daselbst aufzusuchen. In den Räumen des untern Stockwerkes kam ein Mann auf mich zugeschritten, der mich freundlich grüßte und fragte, ob er die Ehre habe, Miß Reed zu sprechen. Ich erklärte, dass ich so heiße und erkundigte mich, woher er komme und wer ihn hieher geschickt habe.
»Ach, Miß Jane, Sie kennen mich entweder wirklich nicht mehr, oder Sie wollen mich nicht mehr kennen. Ich bin John, der Kutscher von Mistreß Reed.«
»Ich hätte Euch wahrlich nicht mehr erkannt, mein lieber John,« erwiderte ich hierauf. »Doch sagt, was Euch
hieher nach Thornfield führt?«
»Die Sehnsucht einer Sterbenden, die Sie vor ihrem Ende noch einmal zu sehen und zu sprechen wünscht,« sagte John mit beklommener Stimme. »Mistreß Reed ist auf den Tod krank und lässt Sie bitten, eiligst nach Gateshead zu kommen, indem sie ein großes Anliegen auf dem Herzen habe. Ist es möglich ihrer Bitte Folge zu leisten, so habe ich den Auftrag, Sie auf der Reise zu begleiten.
Ich wusste gar nicht, wie mir geschah; doch fasste ich den Entschluss, meiner Tante, die an mir so großes Unrecht begangen hatte, den letzten Trost nicht zu versagen, wenn
anders Herr Rochester zu bewegen wäre, mir auf einige Wochen einen Urlaub zu ertheilen. John hatte mir zugleich die Mittheilung gemacht, dass die Reise keinen Aufschub erleide, falls ich Mistreß Reed noch vor ihrem Ende sehen wolle.
Dass diese Angelegenheit keinen Aufschub erleide, war mir wol einleuchtend; doch mußte ich fürchten, dass meine Bitte Herrn Rochester im gegenwärtigen Augenblicke etwas ungelegen kommen werde. Doch hatte ich mir vorgenommen,
meine ganze Beredsamkeit aufzubieten, um meinen Gebieter von der Dringlichkeit dieser Reise zu überzeugen. Ich führte John in ein Zimmer, rief einen Diener herbei, damit er dem Manne einige Erfrischungen reiche und begab mich sodann nach dem oberen Stocke, um Herrn Rochester aufzusuchen. Die Angst beflügelte meine Schritte. Ich lief über die Gallerie, und wollte eben nach der mittleren Treppe einbiegen, um vorerst nach Adelen zu sehen, als Herr Rochester aus seinem Zimmer trat. Er mußte mich nicht gleich bemerkt haben, denn seine ganze Aufmerksamkeit schien die glühende Zigarre auf sich gezogen zu haben, die irgend einen Fehler haben mußte, dessen Entdeckung den leidenschaftlichen Raucher vollauf beschäftigte. Endlich hatte er mich bemerkt und ging auf mich zu, indem er mir einen freundlichen Morgengruß brachte und sich nach meinem Befinden erkundigte. Ich dankte herzlich für diese freundliche Erinnerung und brachte, da ich keine Zeit verlieren und diese günstige Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen lassen wollte, meine Bitte vor.
»Sir!« sprach ich mit beklommener Stimme, »ich möchte bei Ihnen um die Erlaubnis nachsuchen, mir auf zwei bis drei Wochen einen Urlaub zu bewilligen, um meine
Tante, die auf den Tod krank ist und nach mir verlangt, zu
besuchen.«
»Wie, Sie haben Verwandte? davon haben Sie zu keiner Zeit noch Erwähnung gethan. Wer sind Ihre Verwandten und wo wohnen dieselben? --«.
»Ich habe außer Mistreß Reed zu Gateshead, die meine
Tante ist, keine Verwandten,« sagte ich hierauf, »und eben
diese Tante wünscht mich vor ihrem Tode noch zu sehen.«
»Da müssen Sie auch ihren Wünschen nachkommen,« erwiderte hierauf Herr Rochester. »Doch sagen Sie mir, Miß Jane, warum Sie nicht in dem Hause Ihrer Tante geblieben sind, da sie doch einst so reich war?«
»Sie ist es noch, Sir,« erwiderte ich hierauf etwas hastig. »Und eben ihr großer Reichthum mag die Ursache sein, weshalb sie die armen Verwandten ihres Mannes verachtete und beständig ein Bettelvolk nannte, welche Reden meinen Onkel, der meines Vaters leiblicher Bruder gewesen ist, oft tief verwundet hatten. Als ich Vater und Mutter verloren hatte, zählte ich kaum sechs Jahre. Onkel Reed nahm mich in sein Haus auf, um mich mit seinen Kindern erziehen zu lassen, mußte aber nach dessen Tod die bittersten Kränkungen und selbst die gemeinsten Mishandlungen ertragen, deren Urheber vornehmlich der wilde John, damals
ein Junge von ungefähr eilf Jahren, war. Bald darauf gab mich Mistreß Reed ins Waisenhaus nach Lowood, wo ich erzogen wurde und als Lehrerin so lange verweilte, bis ich in Ihr Haus kam.«
»Jetzt kann ich mich an diese Familie deutlicher erinnern,« sagte Herr Rochefter. »Mistreß Reed hat auch zwei Töchter, wovon die Eine vor zwei Jahren durch ihre Schönheit in London großes Aufsehen erregte. Auch lebte Mistreß Reed damals auf einem sehr großen Fuße, gab außerordentlich große und stark besuchte Gesellschaften, was ihre häuslichen Verhältnisse etwas derangirt haben mag. Vornehmlich mag aber der junge Herr zu der großen Zerrüttung ihrer Vermögensumstände beigetragen haben, denn er führte daselbst ein Haus trotz dem reichsten Lord unseres Landes. Seine Pferdeliebhaberei und die Spielsucht sollen binnen zwei Jahren unermessliche Summen verschlungen haben. Kreditpapiere, die seine Mutter einzulösen nothgedrungen war, soll die Finanzen dieser sonst so angesehenen Familie gänzlich zerrüttet haben.
Und wie mir dieser Tage erzählt wurde, so hat sich der liederliche Sohn durch einen Pistolenschuss entleibt.«
Ich zitterte am ganzen Leibe, und die Füße versagten mir förmlich den Dienst. Als ich mich endlich gesammelt hatte, erklärte ich Herrn Rochester, dass mir von den traurigen Verhältnissen der Tante nichts bekannt sei.
»Sie bemerkten vorerst, dass man Sie in dein Hause Ihrer Tante nicht nur mit Geringschätzung, sondern sogar mit Verachtung behandelt und endlich gleich einer Fremden aus dem Hause gestoßen habe,« sagte hierauf Herr Rochester, »und dennoch wollen Sie jetzt einer Aufforderung Folge leisten, die nicht nur bereits vernarbte Wunden Ihres tiefverletzten Herzens wieder aufreißen, sondern Ihnen auch sogar eine bedeutende Geldauslage verursachen wird, indem eine Reise von hundert Meilen bei aller Sparsamkeit dennoch fünfzig bis sechzig Pfund in Anspruch nehmen wird.«
»Wohl, Sire! Ich habe dies Alles bereits in Erwägung gezogen; allein das Pflichtgefühl und die Menschlichkeit treten mit solch unbezwinglicher Macht zwischen mich und
meine Verwandten, dass ich die mir zugefügten Unbilden für immer vergessen, alles an mir begangene Unrecht verzeihen und einer Sterbenden den letzten Trost nicht versagen will. Ich will an ihr Sterbelager eilen und ihr beweisen, dass ich nie feindlich gegen sie und die Ihrigen gesinnt war; ich will sie pflegen und zur Linderung ihrer Schmerzen nach
meinen schwachen Kräften beitragen; ich will mit ihr beten und durch das Gebet ihr den Trost verschaffen, den unsere heilige Religion dem Gerechten wie dem Sünder gewährt, wenn er mit reumüthigen und demütigen Herzen zu Gott aufblickt;
die arme verlassene und verstossene Waise soll Kindespflicht an einer sterbenden Mutter üben, die von ihren eigenen Kindern verlassen und selbst des Trostes beraubt ist, von denselben betrauert und beweint zu werden.«
Mehr konnte ich nicht sprechen, denn die Thränen erstickten meine Worte. Herr Rochester ergriff meine Hand und sprach mit gerührten Worten: »Gehen Sie nun, Miß Jane, und handeln Sie so, wie Ihnen Ihr Herz und unser Glaube gebietet; für das Übrige werde ich Sorge tragen. Doch ein Umstand liegt mir noch am Herzen. Wer soll Sie auf der Reise begleiten? Ich kann nun Ihrer eigenen Sicherheit willen nicht zugeben, dass Sie eine so weite Reise allein unternehmen.«
»Dafür wäre wol gesorgt, Sir! Der alte John ist verlässlich. Er kennt mich seit dem Tage, wo ich in Mistreß Reed’s Haus kam, und ist der Mann der Kindermuhme Bessie, die mehr als zehn Jahre bei der Tante im Hause war und ihr ganzes Vertrauen genießt.«
»Wenn es so ist,« erwiderte hierauf Herr Rochester, »dann habe ich keine fernere Cinwendung zu machen. Führen Sie den Mann zu mir, damit ich mit demselben Rücksprache nehmen kann, und dann reisen Sie mit Gott und unter seinem allmächtigen Schutz, und ich hoffe, Sie binnen einigen Wochen wieder gesund und wohlerhalten in Thornfield zu sehen.«
»Soll ich von Adelen Abschied nehmen und sie von meiner Reise in Kenntnis setzen, Sire?«
Ich glaube, es wird besser sein, wenn Sie der Kleinen diese bevorstehende Reise verheimlichen, denn Adele wird darüber untröstlich sein und Tage lang weinen.«
Ich befolgte den Rath meines Gebieters und ging auf mein Zimmer, um meine Sachen zu ordnen und meinen Koffer zu packen. Nachdem ich mit meiner Arbeit bereits zu Ende war, trat Herr Rochester ein und überreichte mir eine neue, allerliebste Damenbörse mit dem Bemerken, dass ich darin das nöthige Reisegeld finden werde. Er entfernte sich so schnell, dass ich nicht einmal Zeit hatte, meinen Dank für seine Güte auszusprechen.
Mistreß Reed’s Tod.
Ich bekam Herrn Rochester am Tage meiner Abreise von Thornfield nicht mehr zu Gesichte. Meine Reise nach
Gateshead war ohne alles Interesse und die langweilige
Fahrt ließ mir Zeit genug, über das Schicksal meiner einzigen noch lebenden Verwandten nachzudenken. Dass ich einen reichen Onkel in der Hauptstadt der vereinigten Staaten von Nordamerika besitze, der kinderlos war und mich adoptiren wollte, davon hatte ich keine Ahnung.
Am Morgen des dritten Tages meiner Reise hielt der
Wagen an demselben Parkthore, wo ich vor ungefähr zehn
Jahren unter Thränen und Schluchzen von Bessie Abschied genommen hatte. Ich bat John, mich vorerst zu seiner Frau zu führen, und war in meinem Herzen wahrlich recht froh,
Bessie umarmen zu können. Sie war eben beschäftiget, ihre
Kinder anzukleiden, als ich in das Zimmer trat.
»Gott segne Sie, liebe Jane!« rief sie mir entgegen, schloss mich in ihre Arme und drückte einen Kuss auf meine
Lippen. »Ich wusste es bestimmt, dass Sie kommen und einer mit dem Tode ringenden Verwandten nicht den letzten Trost versagen werden,« sagte hierauf Bessie.
»Ja, Bessie! Sie haben recht; und wie ich hoffe, komme ich nicht zu spät.«
»Ja, Mistreß Reed ist noch am Leben, Jane, mitunter
theilweise auch mehr bei Sinnen, als vor einigen Tagen. Sie spricht beständig von Ihnen und hat keinen anderen Wunsch, als Sie noch einmal zu sehen und zu sprechen, bevor sie aus dieser Welt scheiden muß.«
»Und ist Mistreß Reed wirklich so schwer krank, dass sie den Tod immer vor Augen hat?« fiel ich Bessie in die Rede.
»Die Ärzte haben sie gänzlich aufgegeben und erklärt, dass der Tod eine unwiderrufliche Folge ihrer unheilbaren und schmerzvollen Krankheit sei, der binnen wenigen Tagen, aber auch erst nach wochenlangen qualvollen Leiden eintreten könne.«
Ich ersuchte Bessie, mich nach dem Schlosse zu begleiten. Sie sagte mir dies zu, doch möge ich vorerst bei ihr eine Schale Thee nehmen, wozu ich mich bereit erklärte. Sie schickte sich nun an, mir meine Reisekleider abzunehmen, und ich ließ dies so geduldig geschehen, wie in den Tagen
meiner Kindheit, wo ich ihrer Pflege und Sorge anvertraut
worden war. Die alten Zeiten drängten sich plötzlich wieder in aller Frische meinem Gedächtnisse auf, als ich sie geschäftig herumgehen und alle zum Frühstücke nothwendigen
Vorbereitungen mit großer Emsigkeit treffen sah. Ich unterhielt mich einstweilen mit ihren größeren Kindern, Robert uud Hannchen, bis der Thee fertig und das Frühstück eingenommen war, mußte aber nebenher auch Auskunft über meine gegenwärtige Stellung in Thornfield und meine ferneren Absichten geben.
Bei einer solchen Unterhaltung war eine Stunde bald verstrichen. Bessie setzte mir wieder meinen Hut auf und
reichte mir meinen Überwurf, den sie sorgfältig auf einem
Kleiderrechen aufgehängt hatte, und so schritt ich in ihrer
Begleitung aus dem Parkhäuschen nach dem Herrenhause, wohin ihr Mann mitterweilen meinen Koffer hatte bringen lassen. Schweigend und mit mir selbst beschäftiget, ging ich neben Bessie einher, die ebenfalls tiefes Schweigen beobachtet hatte. Ruhig war mein Herz nicht geblieben, als wir durch das hohe, finstere Portal schritten; denn durch den Anblick des Schlosses wurde mir die unter diesem Dache verlebte trübe Jugendzeit neuerdings ins Gedächtnis gerufen. Alle schauerlichen Szenen traten in voller Frische vor meine Sinne und riefen eine merkliche Aufwallung in meinem Innern hervor. Trüb war meine Jugendzeit und eben so trüb meine Aussicht in die Zukunft; doch muß ich gestehen, dass ich
selbst bei meinem zweifelhaften Schicksale mich unter keiner Bedingung entschließen konnte, in dieses Haus wieder einzukehren und daselbst eine bleibende Wohnstätte zu suchen, falls dies Mistreß Reed’s Absicht sein sollte.
»Ich glaube, es wird besser sein, wenn Sie sich vorerst nach dem Frühstückzimmer begeben und dort so lange verweilen, bis ich Mistreß Reed auf Ihre Ankunft vorbereitet habe,« sagte Bessie, als wir das Ende der großen Treppe erreicht hatten, die nach dem ersten Stockwerke führte. »Sie werden dort die jungen Damen finden, die sich auf Ihre Ankunft freuen.«
Dieser Bescheid machte mich etwas stutzig. Ich hielt meine Schritte an, während Bessie über die Gallerie nach dem Zimmer eilte, wo sich die Kranke befand. Einen Augenblick war ich unentschlossen, was zu thun sei; dann schritt ich rasch auf das Zimmer zu, fasste den Drücker und einige
Augenblicke später stand ich in dem mir so sehr bekannten
Zimmer, wo ich fast Alles noch in solch unveränderter Weise
fand, wie zu jener Zeit, wo mir der Zutritt in dasselbe gestattet war. Zwei Damen saßen hier, wovon die eine mit
einer Stickerei beschäftiget, die andere in einem Buche vertieft war, dass sie meinen Eintritt gar nicht zu bemerken schien. Die im vorderen Raume des Zimmers sitzende erhob sich von ihrer Arbeit und grüßte mich freundlich, ohne von ihr erkannt zu werden. Sie war zwar sehr groß, doch von blassem Gesichte und hagerer Gestalt. Ihre Züge waren nichtsdestoweniger als einnehmend, und ihr ganzes Wesen verrieth weniger den angebornen Stolz und Hochmut, diese unzertrennlichen Gefährten unserer Geldaristokrazie, als ein zerrüttetes, in sich und mit der Welt zerfallenes Gemüt. Die große Veränderung und die Zeit meiner Abwesenheit von Gateshead ließen mich für einige Augenblicke in Zweifel, ob die vor mir stehende Dame Miß Eliza oder Georgiana sei. Doch ein Blick nach dem hinteren Theile des Zimmers, wo die
zweite Dame in der halben Öffnung der Fensternische saß und den Rücken an den blauen Moirvorhang gelehnt hatte,
erinnerten mich an Herrn Rochesters Bemerkung , daß Miß
Georgiana durch ihre Schönheit und herrische Gestalt in London großes Aufsehen erregt hatte, und somit war mein Zweifel und die Besorgnis über die Verwechslung der beiden
Schwestern gehoben.
»Wahrscheinlich Miß Eliza Reed,« sagte ich, nachdem ich die Dame freundlich gegrüßt hatte.
»So heiße ich,« warf die kalte und trockene Antwort der
Schwärmerin, denn als solche und nichts anderes kam mir Eliza vor.
»Und wie ist Ihr Name?«
»Miß Jane Reed!« erwiderte ich eben so trocken.
»Es freut mich, Dich wieder hier auf dem Schlosse zu sehen, denn Mistreß Reed wünscht mit Dir zu sprechen. Was und worüber ist mir gänzlich unbekannt.«
»Desgleichen auch mir«, war meine Antwort.
»Du bist Gouvernante,« sagte jetzt Eliza im höhnischen Tone, und maß mich mit ihrem fahlen und abgestorbenen Blicke vom Fuß bis zum Kopfe. Muß wahrlich kein beneidenswertes Loos sein, sich mit Kindern herumzubalgen und deren Launen zu studieren, um sie nach Wunsch behandeln zu können.
»Wenn Sie, Miß Eliza, den Wert und die Pflichten einer Gouvernante von diesem Gesichtspunkte auffassen, dann haben Sie nicht so ganz unrecht, und kennen die Erziehungsweise der modernen Welt weit besser, als dies von einer Dame in Ihren Jahren zu erwarten gewesen wäre. Dem Himmel sei es aber gedankt, dass es nebst solchen Familien, wo
Moralität und Sittlichkeit nebst einer einsichtsvollen Kinderzucht dem Hause schon längst den Rücken gekehrt haben, noch Ältern gibt, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, und die, weil sie ihre Kinder wahrhaft lieben, denselben eine solche Bildung und Erziehung geben lassen, die sie einst vor Gott und der Welt verantworten können. In einem solchen Hause wird aber auch den Lehrern und Erziehern die nothwendige Achtung gesichert sein, und sie werden im Vereine mit den Ältern zum Besten ihrer Zöglinge wirken, damit sie einst christliche und zugleich glückliche Menschen werden, denen es weder an Gottesvertranen noch an der nothwendigen Kraft fehlt, den herben Schlagen des Schicksales mit Ruhe und der gehörigen Fassung zu begegnen.«
Ich mußte diese Worte mit großer Aufregung gesprochen haben, weil selbst Georgiana sich von ihrem Sitze erhoben hatte, um sich nach unserem Eifer zu erkundigen und mir mit besonderer Herablassung zu bemerken, dass ihre Schwester oft ganz sonderliche Ansichten über die Welt und ihre Bewohner habe, woran ihr krankes Gemüt und die Überspanntheit ihres Geistes Ursache sein mögen.
Zum Glücke befreite mich Bessie aus dieser höchst unliebsamen Situazion, indem sie erklärte, dass Mistreß Reed auf meinen Besuch vorbereitet sei und mich zu sprechen wünsche. Ich verneigte mich gegen meine stolzen und herrischen Kousinen und verließ das Zimmer, um Bessie zu folgen.
Der Weg nach demselben war mir noch aus den Tagen meiner Kindheit bekannt, darum eilte ich Bessie voraus, öffnete leise die Thür und stand in dem Krankenzimmer meiner Tante. Es war das frühere Empfangszimmer und hatte seit meiner Abwesenheit nur ganz geringe Veränderungen erlitten. Selbst der grüngepolsterte Fußschemmel war noch vorhanden, auf dem ich oft stundenlang knien mußte, um Vergehungen abzubüßen, die ich nie begangen hatte, sondern die mir von Mistreß Reed’s Kindern nur angedichtet und aufgebürdet worden waren. Ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, wahrscheinlich durch die schmerzliche Erinnerung an jene freudenlose Zeit erzeugt und hervorgerufen.
Indessen hatte Bessie die Vorhänge etwas zurückgeschlagen, durch welche das hohe Bett der Kranken zum Theil verschlossen war, und winkte mir sodann, näher zu treten.
Ich fand Mistreß Reed sehr verändert, doch waren die Züge des Hasses und der Bitterkeit von ihrem Gesichte noch nicht
gewichen, wiewol dasselbe fast ganz abgezehrt war und die starken Knochen um desto deutlicher hervortraten. Sie hatte
die Augen geschlossen und schien zu schlummern; allein Bessie hatte mir erklärt, dass sie in diesem Zustande schon zwei Monate hinsieche, aber bisweilen recht lichte Momente habe.
Unser Gespräch, wiewol ganz leise, mußte ihre Aufmerksamkeit erregt haben, denn sie schlug die Augen auf und sah mich mit stieren Blicken an, die mir förmlich den Angstschweiß auf die Stirne trieben. Das Auge schien mir zwar schon halb erstorben, aber dennoch war der Blick der Kranken ganz so streng und hart, wie in den Tagen meiner Kindheit. Ich ergriff ihre Hand, um dieselbe zu küssen; allein sie zog sie schnell von der Decke zurück und sagte ganz leise: »Ist dies nicht Miß Jane?«
»Ja, Tante!« antwortete ich. »Wie geht es Ihnen?«
Ich sah mich nach Bessie um, die sich vom Bette der Kranken zurückgezogen hatte; mein spähender Blick konnte sie aber im ganzen Zimmer nicht auffinden. Sie hatte dasselbe bereits verlassen, damit Mistreß Reed ihr Herz ohne einen unliebsamen Zeugen vor mir ausschütten könne.
Die Kranke sah mich noch immer unverwandten Blickes an, ohne ein Wort zu sprechen. Bisweilen zuckte ihre Unterlippe und dann verzog sie den Mund für einen Augenblick so sehr, dass ihr Gesicht wahrlich einen ganz lächerlichen Ausdruck annahm. Mir waren diese Bewegungen nicht fremd, daher konnten sie mich auch jetzt nicht überraschen. Ich schob ganz vorsichtig einen Lehnstul gegen das Bett vor, ließ mich auf demselben nieder und sprach: »Sind Sie jetzt beruhiget, dass ich bei Ihnen bin, liebe Tante?«
Das Wort »Tante« muß die Kranke etwas überrascht haben, denn sie lächelte.
Mir schien, als ob sie sich ein wenig aufrichten wollte, und ich unterstützte sie bei dieser Bewegung nach Kräften.
Nachdem ich ihr die Kopfkissen gerichtet und derselben jedmögliche Erleichterung zu verschaffen gesucht hatte, wendete sich Mistreß Reed von mir ab und sprach: »Mir ist jetzt leichter, nachdem ich Dich in meiner Nähe weiß, liebe Jane. Es thut meinem Herzen wohl, wenigstens ein Kind meines Hauses an meinem Sterbelager zu sehen, da meine eigenen Kinder mich in den letzten Stunden des Lebens verlassen.«
»Beruhigen Sie sich, liebe Tante, ich werde Eliza und Georgiana rufen, damit beide an Ihr Bett kommen, falls
Sie dieselben zu sehen wünschen.«
Sie machte hierauf mit der knöcherigen Hand eine Bewegung, die mir deutlich genug sagte, dass sie ihre Töchter nicht sehen wolle.
So weit ist es schon in unseren Tagen gekommen, sagte ich zu mir selbst, dass sterbende Mütter ihre eigenen Kinder
meiden, und diese nicht einmal eine Thräne oder ein tröstendes Wort für diejenige haben, der sie doch die Erhaltung ihres Lebens verdanken! -- Mir wurde bei diesem Gedanken ganz unheimlich, und die im hohlen Tone an mich gerichteten Worte der Kranken waren nicht im entferntesten geeignet, dieses Gefühl des Schmerzes und der Unerquicklichkeit von mir zu verbannen.
»Ich habe nie eine Neigung zu Dir gehabt,« sagte Mistreß Reed mit gebrochener Stimme weiter, und hasste Dich schon, bevor Du noch mein Haus betreten hattest, ohne mir hierüber Rechenschaft geben zu können. Aus diesem Grunde mag Dir manches Unrecht widerfahren sein; doch hoffe ich, dass Du mir nicht zürnen, sondern einer Sterbenden in der letzten Stunde ihres Lebens verzeihen wirst.«
»Ja, liebe Tante!« sagte ich mit gebrochenem Herzen, »ich verzeihe Ihnen jetzt mündlich, wie ich Ihnen im Herzen schon längst verziehen habe.«
Es ist mein Wunsch, dass Du so lange bei mir bleibst, bis sich mein Geist von der irdischen Hülle getrennt hat. Sage
dies meinen Töchtern und gehe denselben mit einem guten Rathe an die Hand, so oft sie dessen bedürfen. Verlass mich
jetzt, denn ich bedarf der Ruhe; morgen habe ich noch mehr
mit Dir zu sprechen.
Ich gehorchte. An der Thür traf ich Bessie, welche beschlossen hatte, die Nachtwache bei der Kranken zu übernehmen, da ich durch die Beschwerden der Reise zu ermüdet war, und somit ließ ich mir eines der freien Zimmer im Schlosse öffnen, gab die nothwendigen Befehle für die Unterkunft meiner Sachen; — kurz ich ergriff die Zügel des
Regimentes, da die Töchter des Hauses dies unter ihrer
Würde fanden.
Am nächsten Morgen war ich bei Zeiten aus, um mich nach dem Zustande der Tante zu erkundigen. Ich fand sie im Verhältnis zum gestrigen Vormittag eben nicht unruhiger
oder schwächer, wie Bessie der Meinung war. Mistreß Reed
verlangte mit mir allein zu bleiben, weshalb sich Bessie entfernte.
»Jane!« sagte nach einigen Augenblicken Mistreß Reed; ich habe zwei Dinge auf dem Herzen, die mein Gewissen belasten und meine Seele wie Feuer brennen.«
»Beruhigen Sie sich, liebe Tante, und vertrauen Sie auf Gott. Er wird Trost in Ihr Herz gießen und Ihrer Seele Kraft und Ausdauer verleihen, damit Sie den großen Kampf des Todes würdig und mit Ergebung in seinen göttlichen Willen bestehen.«
»Ja!« sagte Sie hierauf mit bewegter Stimme; »ja, Du hast Recht, mein Kind! Kraft und Ausdauer und den Seelentrost habe ich vonnöthen, um mein Herz ganz vor Dir auszuschütten und mein Unrecht zu bereuen, das ich an Dir begangen hatte.
Ich bemerkte den großen Kampf, der in ihrem Herzen vorging und dessen sie Meister werden wollte, bevor sie mir das Geheimnis anvertrauen wollte, das ihr Herz und ihr Gewissen belastete. Darum ergriff ich das Wort und sprach:
»Fassen Sie Vertrauen zu mir, liebe Tante. Kann ich Ihnen
noch in den letzten Stunden Ihres Lebens irgendwie behilflich sein, so sprechen Sie; ich bin bereit, für Sie Alles, selbst das größte Opfer zu bringen.«
»Ich zweifle nicht, Jane, dass diese Worte aus Deinem
versöhnlichen und gefühlvollen Herzen gekommen sind, und somit will ich Dich von dem in Kenntnis setzen, was mein Herz belastet und mein Gewissen beruhiget.«
»Als mein Mann in den letzten Zügen lag, versprach ich dem Sterbenden mit Hand und Mund, seinen letzten Willen genau zu vollziehen und in den getroffenen Bestimmungen seine letztwillige Anordnung zu ehren. Hiernach solltest Du in meinem Hause nicht nur erzogen, sondern auch meinen eigenen Kindern gleichgehalten werden. Dein Onkel bedachte Dich in seinem Testamente mit zweitausend Pfund, die ich Dir ganz widerrechtlich entzog. Ich hatte Dich also in meiner Verblendung nicht nur verstoßen, sondern auch um Dein Erbtheil gebracht.
»Beruhigen Sie sich, liebe Tante,« sagte ich im versöhnlichen Tone. »Ja beiden Fällen ist für mich nicht der geringste Nachtheil hervorgegangen Sie hatten es zwar übel mit mir gemeint, allein Gott hat Alles zu meinem Besten gefügt.«
»Ich danke Dir herzlich, Du gute Seele, für Deinen versöhnlichen Sinn,« sagte hierauf Mistreß Reed. »Gott wird das eine Unrecht gut machen, das ich an Dir begangen habe und meiner Seele den letzten Trost nicht versagen. Doch habe ich Dir noch nicht Alles mitgetheilt, was von mir unternommen worden war, um Dich zu vernichten und Dein
Glück hier auf Erden zu untergraben.«
»Zu Johanni waren es drei Jahre, als mir durch das englische Konsulat zu Neu-York ein Schreiben zugestellt worden war, in welchem mich Deiner Mutter Bruder, Thomson Ehre, ausforderte, demselben über Deinen Aufenthalt Aufschluss zu geben, indem er ein großes Vermögen besitze, vor zwei Jahren seine Frau und das einzige Kind durch den Tod verloren habe, und Dich somit als sein eigenes Kind
adoptiren wolle, und somit solltest Du einst die alleinige Erbin seines ganzen und eben nicht unbeträchtlichen Vermögens werden.«
Hier hielt Mistreß Reed einige Sekunden inne, gleichsam, als wollte sie neue Kräfte sammeln und fasste mich scharf ins Auge. »Und was thaten Sie, liebe Tante?« fragte ich voll brennender Neugierde.
»Was ich that?« sagte Mistreß Reed mit gebrochener Stimme; »ich schrieb dem Onkel, dass Du schon vor einigen Jahren gestorben seiest, darum möge er sein Vermögen würdigeren Leuten zuwenden.
»Um des Himmels willen, liebe Tante, halten Sie ein« Das haben -- das konnten Sie nicht gethan haben,« rief ich mit bitterem Schmerz.
»Und doch ist es so!« sagte hierauf Mistreß Reed mit kaum vernehmbarer Stimme. »Darum scheue Dich nicht im geringsten und thue Deinem Herzen keinen Zwang an. Verfluche mich in den tiefsten Abgrund der Hölle; nenne mich eine Rabenmutter, ein Gespenst ans dem Schattenreiche; sage, dass ich eine Bundesgenossin des Teufels und seiner finsteren Mächte bin -- -— sage, was Dir Dein von Hass und Rache erfülltes Herz in den Mund legt; denn der Fluch, den Du gegen mich schleuderst, trifft mich und mein Haus in gerechter Weise.«
Nach diesen Worten, welche Mistreß Reed mit aller Anstrengung gesprochen hatte, trat eine völlige Erschöpfung ein. Mir war, als ob der Todesengel die Schwelle des Gemaches bereits überschritten hätte. Mit einem Sprung war ich am Glockenzuge, doch kein menschliches Wesen kam mir zu Hilfe. Mistreß Reed verschied in meinen Armen, nachdem ich mit ihr einige Minuten gebetet hatte.
»Sie hat ausgerungen!« sagte ich zu mir. »Sie ist aus der Welt gegangen, und keines ihrer Kinder war an ihrem Sterbelager erschienen. So reich und angesehen sie im Leben war, so arm und verlassen war sie im Tode.«
»Ich kniete jetzt am Bette der Verstorbenen nieder, um für das Heil ihrer Seele zu beten. Dann verließ ich das Zimmer, um Eliza und Georgiana sowie Bessie hiervon in Kenntnis zu setzen.
Bessie war über den Tod ihrer Gebieterin sehr bestürzt; minder angegriffen waren Eliza und Georgiana, da beide der Meinung waren, dass der Tod der Mutter ja schon seit Wochen vorauszusehen gewesen wäre. Die irdischen Überreste der Verblichenen wurden nach drei Tagen in der Gruft zu Gateshead neben dem Sarge des Onkels beigesetzt, Georgiana begab sich zu ihrem Onkel Gibson nach London, Eliza kam auf ihren ausdrücklichen Wunsch in ein Nonnenkloster zu Tille in Frankreich, wo sie nach dem überstandenen Probejahre den Schleier nahm, und ich kehrte zehn Tage nach der Begräbnisfeier der Tante wieder nach Thornfield zurück.
Viertes Kapitel.
Der Brand auf dem Schlosse zu Thornfield.
Bei meiner Rückkehr nach Thornfield waren die veranstalteten Festlichkeiten bereits geschlossen und eine Ruhe auf dem Schlosse eingekehrt, gleich jener, wie ich sie bei meinem Eintritt als Gouvernante daselbst gefunden hatte.
Mistreß Fairfax empfing mich zwar auf eine ganz freundliche Weise, doch lag in ihrem Empfange wie in ihrem Gruße eine gewisse Bitterkeit, die meinem Scharfblicke nicht entgangen ist. War die gute Frau wirklich gegen mich eingenommen, so konnte dies nur seinen Grund darin haben, dass ihr Herr Rochester einigermassen sein Vertrauen entzogen und mir vor der Abreise nach Gateshead einige Aufträge ertheilte, die in das Bereich einer Haushälterin einen großen und selbst unbefugten Eingriff machen, falls die Weisung hierzu nicht unmittelbar von dem Herrn Rochester selbst kommen sollte.
Mistreß Fairfax Freundschaft zu verlieren, wäre mir unter allen Umständen unlieb gewesen, denn ich war derselben nicht nur persönlich gewogen, sondern sie war auch das einzige Wesen, mit dem ich in meinen freien Stunden verkehren und mich unterhalten konnte, da Herr Rochester ja die meiste Zeit des Jahres von Thornfield abwesend war. Dass ein gewisser Verdacht von Mistreß Fairfax Seite auf mir ruhe, dessen war ich gewiss; deshalb nahm ich mir vor,
einerseits auf meiner Hut zu sein, anderseits aber kein Mittel unversucht zu lassen, mich in ihren Augen von demselben zu reinigen und der argwöhnischen Frau eine bessere Meinung von mir beizubringen, als sie vielleicht im gegenwärtigen Augenblicke haben mochte.
Von diesem Gedanken den ganzen Weg über die Treppe nach dem zweiten Stockwerke belästiget, erreichte ich endlich mein Zimmer, wo mir Louise, unser Mädchen, freundlich entgegenkam und mir nebst herzlichen Grüßen zum Beweise ihrer besonderen Freude und Anhänglichkeit sogar die Hände küssen wollte, die ich ihr blos zum Willkommen gereicht und noch im ersten Augenblicke zurückgezogen hatte, ehe mir diese Belästigung widerfahren konnte.
»Wo ist Adele,« fragte ich rasch, »und wie war man während meiner Abwesenheit mit ihr zufrieden?«
»Miß Varens ist nicht zugegen,« erwiderte das Mädchen; »sie ist mit Herrn Rochester nach Borning-Hall gegangen und wird erst binnen einigen Tagen wieder hier eintreffen.«
Diese Antwort brachte mich etwas aus der Fassung, denn ich hatte nie diesen Rahmen gehört; selbst Mistreß Fairfax oder sonst jemand aus dem Schlosse hatte denselben genannt, was meine Neugierde um so mehr erregte. Da ich mir vor dem Mädchen keine Blöße geben wollte, so wiederholte ich die Hälfte meiner Frage und sprach: »Und wie war man mit Miß Varens während meiner Abwesenheit zufrieden?«
»Vollkommen! Miß. Herr Rochester war ganz entzückt über das Lob, welches die Gesellschaft und vornehmlich die Damen der Kleinen spendeten. Sie genügte in Allem und Jedem, und erregte vornehmlich durch ihre schönen Vorträge großes Aufsehen an jenem Abende, an welchem Sie Ihre Reise angetreten hatten.«
Durch diese Auskunft war ich beruhiget; doch war es mir nicht möglich, meine Neugierde, wo nicht gänzlich zu
unterdrücken, doch etwas zu zügeln, sondern ich mußte aus dem Munde des redseligen Wesens auch erfahren, wie sich Herr Rochester gegenüber diesen Beifallsbezeugungen benahm,
und welche seine Äußerungen waren.
»Und was sagte Herr Rochester dazU?« fragte ich nach einer kleinen Pause.
»Was Herr Rochester dazu sagte, kann ich wol nicht dienen, Miß; doch muß er von Ihren Leistungen eine besonders günstige Meinung haben, da er gesenkten ist, für Sie ein wertvolles Armband von London kommen zu lassen, um dadurch einen Beweis seiner Anerkennung und Dankbarkeit zu geben.«
Diese Mittheilung überraschte mich, nicht etwa um der Gabe willen, sondern weil ich in der Gabe selbst den sonnenklaren Beweis erkennen wollte, dass in Herrn Rochesters Hause eine Gouvernante nicht nur Anerkennung finde, sondern dass ihren Bemühungen auch der schuldige Dank gezollt werde, der sich nicht allein durch Worte, sondern auch durch Thaten beurkunden müsse.
»Und wie benahm sich Adele in Betreff auf meine Person?« fragte ich weiter, da ich schon einmal im Fragen begriffen und Louise zu Mittheilungen geneigt war.
»Den ersten Abend scheint Miß Varnes ihre Gouvernante nicht vermisst zu haben, denn die Zerstreuung war zu groß, da die Kleine aus einer Hand in die andere ging und erst gegen Mitternacht mir überbracht wurde, um für deren
Bequemlichkeit zu sorgen. Am nächsten Morgen war der Rausch des Vergnügens vorüber. Adele war ausschließend auf meine Gesellschaft beschränkt, weshalb ich von der Kleinen den ganzen Tag mit Fragen belästiget wurde, wo Miß Reed sei und wann sie kommen werde. Ungeschickter Weise vertröstete ich die Kleine auf den Abend. Bald nach Sonnenuntergang verlangte Adele, dass ich mit ihr aus dem Park nach ihrem Zimmer gehe. Anfangs war ich der Meinung, dass Adele die Neugierde nach dem Zimmer treibe, um die Gesellschaft, welche zu Pferd einen kleinen Ausflug nach dem Gehölze unternommen hatte, auf ihrer Rückkehr belauschen zu können. Allein ich hatte mich arg getäuscht. Adele stellte sich ans Fenster und harrte vergebens auf Miß Reed’s Ankunft, von der ich am Morgen mit solcher Gewissheit gesprochen hatte, dass dem guten Kinde die Enttäuschung um so schmerzlicher fallen mußte. Ich hatte Mühe, die Kleine vom Fenster zu bringen; sie weinte und schluchzte so lange, bis ich sie zu
Bette gebracht und der Schlaf ihre Augen geschlossen hatte.«
»Armes Kind!« rief ich am Schlusse der Erzählung aus. »Ich will die diese treue Liebe und Anhänglichkeit vergelten, insoweit es in meinen Kräften steht!« Dann sagte ich zu Louise: »Sei so gut und reiche mir ein Glas Wasser!«
Nachdem ich meinen Durst gelöscht hatte, legte ich Shal und Überwurf ab, machte Toilette und begab mich dann zu Mistreß Fairfax, um bei ihr über die Ankunft der Kleinen nähere Erkundigungen einzuziehen. Ich traf sie im Empfangszimmuer, wo sie bemüht war, die prachtvollen chinesischen Vasen mit frischen Blumen zu versehen, die sie von dem Schlossgärtner am vorigen Abende zu diesem Zwecke verlangt, aber erst heute Morgens erhalten hatte.
»Mistreß Fairfax ist doch die fleißigste Frau in der ganzen Grafschaft,« sagte ich im Tone der Überzeugung und des sicheren Bewusstseins.
»Nicht doch!« entgegnete Mistreß Fairfax. »Seit Herr Rochester dem Hause den Rücken gekehrt hat, bin ich auf einige Zeit wieder in Ruhestand versetzt.«
»Wird Herr Rochester so lange von Thornfield wegbleiben?« fragte ich ganz naiv und schüchtern.
»Hätte er Adele nicht bei sich, so dachte ich wol, dass wir ihn vor dem Eintritte des Herbstes nicht zu sehen bekommen würden. So aber dürfte sich sein Wegbleiben vom Schlosse kaum mehr auf einige Tage erstrecken.«
»Und wohin ist Herr Rochester mit der Kleinen gegangen?« fragte ich jetzt in meiner scheinbaren Unwissenheit.
Mistreß Fairfax warf einen Blick der Verwunderung auf mich, fing zu lachen an und sagte: »Ja so! Sie waren ja verreiset, und können somit nicht wissen, was sich innerhalb dieser Zeit auf dem Schlosse zugetragen hat.«
»Etwa vierzig Meilen von Thornfield entfernt liegt die Herrschaft Borning-Hall, welche das Eigenthum unseres Herrn ist. Sie ist an der Ostseite von mäßigen Bergen umschlossen und durch eine kleine Hügelreihe gegen die kalten Nordwinde geschützt. Die Bewohner daselbst beschäftigen sich theils mit dem Bergbau, theils mit der Viehzucht, worunter die Schafzucht die Hauptbeschäftigung sein dürfte. Vor mehreren Tagen erhielt Herr Rochester von dem Okonomie-Verwalter daselbst ein Schreiben, dass man gesonnen sei, die Schafschur vorzunehmen. Weil nun Adele durch Ihre Abwesenheit ohnehin Ferien hatte, so entschloss sich Herr
Rochester, die Kleine mitzunehmen, um sich von dieser ländlichen Beschäftigung einen Begriff machen zu können. Und somit können wir mit Gewissheit erwarten, dass Herr Rochester in einigen Tagen wieder zurück sein wird.«
Da vernahm man ganz deutlich das Rollen eines Wagens auf dem Rieswege, und bevor noch einige Minuten verstrichen waren, fuhr Herr Rochester zum Parkthore herein. Wie von einem Gedanken beseelt, liefen wir beide über die Gallerie nach der Haupttreppe, um den Herrn des Hauses geziemend zu empfangen. Herr Rochester grüßte uns freundlich, und Adele hatte eine unnennbare Freude über meine Rückkehr, die auch meinem Gebieter erwünscht gewesen zu sein schien.
Als wir Abends beim Thee saßen, erklärte Herr Rochester, dass er mir noch eine interessante Mittheilung zu machen habe, die von dem Tage meiner Abreise herrühre. Man bemerkte nämlich an jenem Orte in der großen Allee, wo am vorhergehenden Tage der Blitz eingeschlagen hatte, eine ziemlich weite Öffnung in der Form eines Zilinders; auch konnte man deutlich wahrnehmen, dass der ausströmende Schwefeldampf, der am Abende des wunderbaren Ereignisses fast den ganzen Park erfüllt hatte, zum Theile sich noch bemerkbar mache. Da bemerkte einer der Gäste, dass hier ein besonderes Naturereiguis obwalten müsse, dem man wol durch Nachgraben auf die Spur kommen konnte. Anfangs waren zwar die Meinungen getheilt, allein Herr Rochester hatte sich bereits für den Gegenstand interessirt, und somit wurden allsogleich die nothwendigen Anstalten getroffen, um der Sache auf die Spur zu kommen. Kaum hatte man vier Schuh tief in die Erde gegraben, so kam man auf eine Röhre,
die innen ganz verglaset und ungefähr drei Schuh lang war.
Die Glasmasse hatte mit dem unter dem Rahmen Hyalit bekannten vulkanischen Glase die größte Ähnlichkeit. Man nennt solche durch die außerordentlichen Wirkungen des Blitzes geschmolzenen Rohren Blitzröhren. Ich hatte zwar im Waisenhause zu Lowood Fisik studirt, aber von Blitzröhren nie etwas gehört, weshalb der Vorfall für mich ein doppeltes Interesse hatte.
Seit meiner Rückkehr von Gateshead verflossen die Stunden und Tage auf dem Schlosse zu Thornfield in wahrlich angenehmer Weise, denn Herr Rochester war bemüht, uns den Aufenthalt daselbst so angenehm als möglich zu machen.
Es war einige Tage vor Adelens Geburtstag, als ich mit Herrn Rochester in der sogenannten Einsiedelei zusammentraf. Adele suchte mit ihrem Netze einige Schmetterlinge zu erhaschen, während ich bemüht war, für die Kleine ein Paar seidene Strumpfbänder zu häckeln. Ich war eben daran, Herrn Rochester genügenden Aufschluss zu geben, warum Mistreß Reed noch in ihrer letzten Stunde nach mir verlangte.
Als zwei Männer in den besten Jahren an der Einfriedung des Parkes sichtbar wurden, die sich gegen den offenen Feldweg hinzieht. Als sie unser ansichtig wurden, suchten sie sich
hinter dem ausgeschossenen Buschwerke zu verbergen, woraus für Jedermann leicht zu entnehmen war, dass sie in der besten Absicht eben nicht hieher gekommen sein mögen.
Herrn Rochester war das Treiben der Gauner nicht entgangen, darum schickte er Pilot gegen das Gebüsch, damit er sie aus ihrem Versteck aufscheuche. Der Hund kam in voller Hast herangesprungen und hatte ohne Unterlass angeschlagen, wodurch die Männer wirklich genöthiget worden
waren, sich zu erheben. Sie zogen ihre Mützen ab und baten um einen Zehrpfennig, der ihnen aber von Herrn Rochester verweigert wurde. Zugleich erklärte er den Gaunern, sich augenblicklich von der Herrschaft Thornfield zu entfernen
und sich hier nicht mehr blicken zu lassen, sonst würden sie aufgegriffen und angemessen versorgt werden.
Diese ernste Mittheilung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt, doch war ich der Meinung, dass es besser sei, die Leute durch einige Schillinge zu unterstützen, um sie nicht boshaft und rachesüchtig zu machen, weil durch eine humane Behandlung solcher Menschen oft schon großes Unglück verhütet worden sei. Doch Herr Rochester war hierzu nicht zu bewegen und erklärte, dass es besser sei, derlei Gäste ganz zu vertreiben, als sich Diebe und Bettler zu zügeln. Ich war wol mit dem Raisonnement meines Gebieters nicht einverstanden, doch wäre es für mich in keiner Weise schicklich gewesen, zu widersprechen oder mich gar in eine opposizionelle Verhandlung einzulassen, weshalb ich den ganzen Bescheid mit Stillschweigen überging und die Bemerkung machte, dass die Luft schon ziemlich kühl und feucht werde, weshalb ich es für gerathener halte, mit Adele auf das Zimmer zu gehen.
Herr Rochester begleitete uns bis zum Schlosse und ging sodann mit Pilot wieder in den Park zurück.
Adele hatte schon am Morgen über Kopfschmerzen geklagt. Ich dachte, dass sich das Übel durch eine mäßige Bewegung in der freien Luft heben werde, ward aber vom Gegentheile überzeugt und brachte daher das Kind bald zu Bette. In solchen Augenblicken durfte ich die Kleine nicht verlassen, weil sodann gemeiniglich ein gewisser Eigenwille und eine Launenhaftigkeit sich bemerkbar machte, welcher mit
Entschiedenheit entgegengetreten werden mußte, wenn solche
Fehler nicht zu einer Größe sich ausbilden sollten, wo sie
dann in den meisten Fällen unheilbar sind. Ich setzte also
Herrn Rochester in Kenntnis, weshalb ich heute nicht beim
Thee erscheinen könne und blieb auf meinem Zimmer.
Der Himmel war trüber und schien eine finsterere Nacht in Aussicht zu stellen, da weder der Abendstern noch irgend ein anderes Gestirn am Horizonte sichtbar werden wollte. Auch schien man auf dem Schlosse heute keine besondere Lust zu haben, bis gegen Mitternacht zu wachen, wie dies gemeiniglich der Fall war; denn wenige Minuten nach zehn Uhr war es fast in allen Gemächern des Schlosses finster geworden. Ich hatte bis gegen eilf Uhr gelesen, um welche Stunde meine Augen von einem unbezwinglichen Schlaf geschlossen wurden, obschon die Lektüre, die ich gewählt hatte, höchst interessant war. Gegen zwei Uhr Morgens wurde ich durch mehrere aufeinanderfolgende Schläge, die mit aller Kraft gegen die Thür meines Zimmers geführt worden waren, geweckt. Ich sprang mit beiden Füßen aus dem Bette und eilte gegen die Thür, als ich Herrn Rochesters Stimme vernahm, der mir aus voller Brust die Worte zugerufen hatte: »Retten Sie sich und die Kleine, das ganze Schloss steht in hellen Flammen!«
Wer beschreibt meine Angst, als ich die Balken des Fensters öffnete, und die finstere Nacht durch die hohauflodernde Flamme ans eine wahrlich schauerliche Weise erhellet sah!-- --
Ich weckte Louise und sodann die Kleine, versah uns mit den nothwendigsten Kleidungsstücken und wollte die Thür öffnen, um über die Gallerie des ersten Stockwerkes
ins Freie zu gelangen, konnte aber in der Angst und Verwirrung den Schlüssel nicht finden, wodurch unsere Noth
aufs Höchste gesteigert wurde, .da ich mir durch eine Rekognoszirung die Gewissheit verschafft hatte, dass sich die hochgehenden und vom Winde gepeitschten Flammen bereits des zweiten Stockwerkes bemächtiget hatten. Ich rannte wie besessen im Zimmer hin und her, allein nirgends konnten meine Augen den Schlüssel entdecken. Da traf mein Blick das
Buch und unter diesem den Schlüssel, wodurch ich von meiner Todesangst befreit worden war. Kaum hatte ich die Thür aufgeschlossen, so ergriff mich eine neue Angst, da die hellen Flammen bereits durch die Fenster des rückwärtigen Traktes gegen die Gallerie hereinschlugen und alle Gänge mit dichten Rauch erfüllt hatten. Ob ich in meiner Angst und Verwirrung bei all der Ortskenntnis den Weg nach der mittleren Treppe gefunden hätte, vermag ich wol nicht mit Gewissheit zu behaupten, da der Rauch immer dichter von den rückwärtigen Räumen des Schlosses eindrang und uns kaum die
Augen zu öffnen gestattete.
In demselben Augenblicke vernahm ich Herrn Rochesters Stimme. Ich rief um Hilfe, und sie ward uns durch ihn auch wirklich zu Theil; von seiner Hand geleitet, fanden wir mit Adele, die ich ohnmächtig auf meinen Armen hielt und nur mit meinem Leben losgelassen haben würde, den Ausgang nach den untern Räumen. Ganz erschöpft und durch die große Gefahr bis ins Jnnerste erschüttert, sank ich auf den kalten Boden hin, da ich mich nimmer aufrecht zu halten vermochte. Allein Herr Rochester, den ich jetzt als unseren Lebensretter betrachtete, ließ mir keine Zeit, um neue Kräfte zu sammeln, sondern raffte mich und das Kind vom Boden
auf, trug uns beide nach dem hinteren Theile des Parkes, und blieb so lange bei uns, bis wir das volle Bewusstsein unserer Sinne wieder erlangt hatten.
»Sorgen Sie für die Kleine!« rief mir Herr Rochester jetzt zu, und schon im nächsten Augenblicke war er verschwunden.
Bis zur gegenwärtigen Stunde war für die Eindammung und Bewältigung des starken Feuers wenig geschehen, weil vorerst jeder darauf bedacht war, sein Leben und seine Habseligkeiten zu retten, insoweit dies überhaupt möglich wurde. Auch fehlte es an ausreichenden Kräften, dem Umsichgreifen der Flamme Einhalt zu thun, bis endlich von Hay und selbst von Millcote Hilfe kam. Die Arbeiten wurden
nun mit unermüdeter Thätigkeit bis gegen Mittag fortgesetzt, wo der Brand als gelöscht zu betrachten war. Das Feuer hatte fürchterlich gewüthet, denn nebst den Nebengebäuden, Schuppen und Stallungen, war der Dachstul des ganzen Schlosses abgebrannt und die beiden oberen Stockwerke derart beschädiget, dass vor einigen Monaten gar nicht daran gedacht werden konnte, dieselben wieder in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen.
Meine Reise nach London.
Der Anblick der Ruine hatte auf uns Alle einen widerlichen Eindruck gemacht, darum beschloss Herr Rochester, Thornfield so bald als möglich zu verlassen. Ich wusste gar
nicht, welche Richtung unsere Reise nehmen werde, da mein
Gebieter so viele Besitzungen hatte, dass man auf eine bestimmte Wahl gar nicht rechnen konnte.
Bis zu einer definitiven Entscheidung sollten wir nun das erste Stockwerk bewohnen, da Herr Rochester noch keinen völligen Entschluss gefasst hatte. Es war noch unentschieden, ob wir den Winter in Manchester oder in London zubringen werden, wiewol ich Englands Metropole gerne gesehen hätte. Da mir aber in dieser Angelegenheit keine Entscheidung zustand, so suchte ich meinen sehnlichen Wunsch so viel wie möglich geheim zu halten, weil an eine Gewährung desselben ohnehin nicht zu denken war.
Ich war aber nicht das einzige Wesen auf dem Schlosse, dessen Gesundheit durch dieses unerwartete Ereignis merklich gelitten hatte, sondern auch Mistreß Fairfax war durch dasselbe so sehr angegriffen worden, dass sie sich einer längeren Pflege unterziehen mußte. Herrn Rochester schien dieser Umstand höchst unliebsam zu sein, weil eben dadurch unsere Abreise eine Verzögerung erlitt. Ungefähr acht Tage nach dem unglücklichen Brande kam Herr Rochester auf mein Zimmer und erklärte mir, dass er gesonnen sei, den Winter in London zuzubringen. Würde sich mein Zustand wirklich noch nicht gebessert haben, so wäre diese erfreuliche Nachricht sicher das wirksamste Mittel gewesen, in demselben eine merkliche Veränderung hervorzurufen.
»Wie steht es um Ihre Gesundheit?« fragte Herr Rochester.
»Ich fühle mich seit gestern so ziemlich wohl, Sir,« war meine Antwort. »Aber Mistreß Fairfax ist noch sehr leidend, und wird eine so weite Reise unmöglich vertragen.«
»Der Meinung bin ich wol auch,« erwiderte Herr Rochester. »Ich habe daher beschlossen, künftigen Sonnabend von Thornfield abzureisen.«
»Und Mistreß Fairfax?«
»Sie soll in Thornfield zurückbleiben, bis ihre Gesundheit vollkommen hergestellt ist, und dann kann sie ebenfalls nach London kommen.«
»Findet Herr Karner ihren Zustand bedenklich, Sir?«
»Er spricht sich hierüber nicht genau aus und ist der Meinung, dass wol noch einige Wochen verstreichen dürften, bis sie vollkommen hergestellt ist. Darum habe ich die Kranke seiner Obhut empfohlen und bin überzeugt, dass ein Arzt wie er, seine ganze Kunst aufbieten wird, um derselben das Leben zu retten.«
Ich wusste, dass Herr Rochefter keinen Widerspruch duldet, weshalb ich demselben erklärte, für unsere Abreise die nöthige Sorge zu tragen.
Wir hatten einen trüben, unfreundlichen Morgen, die Lust war feucht und kühl und stellte einen zeitlichen Herbst in
Aussicht, worin Mistreß Fairfax einen kleinen Trost finden
mochte; denn die gute Frau war am Vorabende unserer Abreise ziemlich niedergeschlagen, und beklagte sich in bittern Worten über die Härte des Schicksals, das sie getroffen hatte. Ich sprach ihr Trost zu, so gut dies unter den obwaltenden Umständen ging, und gab ihr die Hoffnung, dass wir uns ganz sicher binnen einigen Wochen in London sehen werden.
Die Reise von Thornfield nach London ging ohne Unfall vorüber, und ich hatte aus derselben mehrfach Gelegenheit, Herrn Rochesters Scharfblick, sowie dessen tiefe und gründliche Kenntnisse in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaften zu bewundern, wodurch mir Gelegenheit geboten worden war, meine Kenntnisfe merklich zu erweitern. Von hohem Interesse waren für mich die Mittheilungen über die
neue Welt, da Herr Rochester die Reise dahin innerhalb fünf Jahren dreimal gemacht hatte.
Als Herr Rochester von seinem Schiffbruch erzählte, den er Angesichts der Stadt Neu-York erlitten hatte, wurde mein Herz unruhig; Gedanken der sonderlichsten Art durchflogen mein Gehirn, denn in demselben Augenblicke fiel mir Mistreß Reeds Mittheilung in der Stunde des Todes ein. Bisher stand ich einsam und verlassen in der Welt als eine Waise, die man schon in ihrer Jugend zur Thür hinausgestoßen hatte, um unter fremden Menschen die Bitterkeiten dieses Lebens kennen zu lernen; und jetzt -- jetzt hätte ich einen Onkel gefunden, der mir seine Liebe zugewendet hatte; einen Onkel, der mich zu seinem Kinde annehmen und an mir Vaterstelle vertreten wollte, -- ja der vielleicht geneigt gewesen wäre, sein ganzes Vermögen auf mich übergehen zu lassen: und dieses Glück, diese Freuden wurden durch Mistreß Reed auf immer für mich zerstört.
Ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, und ich fühlte, ehe ich’s noch hindern konnte, dass die Thränen bereits meine Wangen benetzten.
Ich hatte mich in keiner Beziehung zu beklagen, und konnte mit meinem Schicksale vollkommen zufrieden sein, denn Herr Rochester behandelte mich nicht wie eine Fremde, sondern wie sein eigenes Kind; und wenn ich aus seinen oftmaligen Bemerkungen über die ungewisse Zukunft so vieler Menschen die richtige Auffassung erlangt haben sollte, so war mein Gebieter selbst geneigt, für meine späteren Tage auf eine ausreichende Weise zu sorgen. Allein welche Kluft liegt
zwischen dem Gefühle der Selbstständigkeit und der Unabhängigkeit und jenem der Botmäßigkeit und eines gewissen
Unterthänigkeitsverhältnisses! -- Durch einen glücklichen
Zufall in die angenehme Lage versetzt, meinen eigenen Herd
zu gründen und nach Kräften Gutes zu stiften, sah ich mich
durch die nnversöhnliche Rachsucht eines Weibes in den Staub zurückgeschleudert und mit den ehernen Fesseln der Unmöglichkeit an ein Schicksal gekettet, dessen Genossen Noth und Entbehrung, Hilflosigkeit, Armut und der Bettelstab sind.
Ich sah mich eben durch die Dazwischenkunft jenes unglücklichen Wesens der ausreichenden Mittel beraubt, um den Gefühlen meines Herzens nach Wunsch folgen zu können, die Armen und Nothleidenden aufzusuchen, um sie zu unterstützen, die Betrübten zu trösten und deren Kummer zu erleichtern; — kurz — ich hätte mich über den Stand eines
gewöhnlichen und alltäglichen Menschen erheben können und
wurde durch die Leidenschaften und Ränkesucht meiner nächsten Verwandten in den Koth gezogen und mit dem Zeichen
der Armut gebrandmarkt.
Herr Rochester hatte eben den letzten Rest seiner Zigarre verschmaucht, als ich in tiefes Nachdenken versunken und mit thränenfeuchten Blicken zum Fenster des Wagens hinaussah und die Leute bewunderte, welche im Schweiße ihres Angesichtes durch ihrer Hände Arbeit mühsam das nackte Leben zu fristen bemüht waren, welcher Anblick mein Herz abermals mit Traurigkeit erfüllte.
»Was hat sie plötzlich so sehr verstimmt, Jane?« fragte Herr Rochester mit besonderer Freundlichkeit.
»Der wirre Knoten meines Lebens, den ich zu lösen vergebens bemüht bin,« war meine Antwort.
»Sie scheinen bewegt und angegriffen zu sein, und darum ersuche ich um genaueren Aufschluss, da ich aus
Ihrer mysteriösen Antwort nicht recht klug werden kann. Ich
wünschte überhaupt mit der Geschichte Jhres Lebens näher vertraut zu werden, um Jhnen mit Rath und That an die Hand gehen zu können. Sie sind mir auch noch die Erklärung schuldig, weshalb Sie Mistreß Reed noch kurz vor ihrem Ende so dringend zu sprechen wünschte, da sie doch so rücksichtslos gegen eine ihrer nächsten Verwandten gehandelt hatte.«
Herr Rochester hatte mir durch diese Aufforderung gleichsam den Weg gebahnt, um ihn mit den harten Schlägen des Schicksals, die mich seit den ersten Tagen meiner Kindheit getroffen hatten, vollkommen vertraut zu machen, weshalb ich demselben die Geschichte meines Lebens von meinen Jugendjahren angefangen, bis zu dem Tode meiner Tante wortgetreu erzählte. Als ich auf meinen Onkel in New-York, der für mich so freundliche und wohlwollende Gesinnungen an den Tag gelegt hatte, zu sprechen kam, schien meine Erzählung für Herrn Rochester von besonderem Interesse zu sein. Er erkundigte sich genau nach dessen Namen und Beschäftigung, worauf ich erklärte, dass ich erst durch Mistreß Reed’s Mittheilung in Kenntnis gesetzt wurde, einen
Onkel zu haben, der meiner Mutter Bruder ist und John Eyre heiße.
»John Eyre ist Ihr Onkel!« sagte hierauf Herr Rochester mit Verwunderung »Den Mann habe ich ja persönlich gekannt und stand mit ihm sogar theilweise in Geschäftsverbindung. Fassen Sie sich, Jane! denn ich habe Ihnen zum Theile eine unangenehme, aber auch zugleich eine angenehme Mittheilung zu machen, falls sich durch die näheren Erkundigungen, die ich hierüber in London einzuziehen gesonnen
bin, herausstellen sollte, dass dieser John Eyre wirklich Ihr Onkel ist. Er ist seit Jahr und Tag todt und hat seiner
Nichte ein Vermögen von einigen hunderttausend Dollar im
Baren nebst sämmtlichen unbeweglichen Gütern in New-York
zurückgelassen Sein Rechtsanwalt und Testaments-Vollstrecker ist Herr Brigth in London, welcher bereits eine Aufforderung in mehreren Zeitungen an die Nichte ergehen ließ.«
Bei dieser Mittheilung wurde mir förmlich unheimlich, denn ich konnte den Gedanken gar nicht fassen, dass aus der armen hilflosen Waise urplötzlich ein reiches englisches
Fräulein werden sollte.
Anfangs konnte ich gar keine Worte finden, um gegen Herrn Rochester meinen Dank auszusprechen, dass er so gefällig sein wolle, sich für meine Angelegenheit zu interessieren.
Dann sprach ich gegen denselben die Befürchtung aus, dass
man mir vielleicht das beträchtliche Erbe streitig machen
könne, da ich gar nicht in der Lage sei, meine Ansprüche
hieraus geltend zu machen.
»Es wäre mir lieb, wenn Sie sich mit diesen und ähnlichen Gedanken gar nicht befassen würden,« sagte hieran Herr Rochester; »denn ich kann dieselben nur als die bösen und unheimlichen Dämonen betrachten, welche Sie bis zur gänzlichen Austragung Ihrer Verhältnisse fortwährend ängstigen würden. Ich werde Ihre Angelegenheiten in die Hand nehmen und dieselben so schnell wie möglich zu Ende führen.«
Während ich Herrn Rochester für seine freundliche Zusage danken wollte, fiel er mir mit einer Hast ins Wort, die mich förmlich erschreckt hatte. »Sehen Sie! sehen Sie, Jane!« rief Herr Rochester, indem er mit der Hand gegen Westen hinwies und sodann schnell das Wagenfenster öffnete.
»Da ist London!« sagte er sodann mit derselben Hast, indem er die Kleine an sich zog und gegen das Fenster vorschob.
Wir hatten nämlich die Anhöhe von Shooters-Hill erreicht, welche ungefähr zwanzig englische Meilen von London entfernt ist und den ersten Anblick der Metropole des stolzen Albion gewährt.
Es war für mich nicht nur eine große Überraschung so ganz wider Vermuthen die an den Ufern der Themse sich hinziehende Weltstadt vor meinen Blicken ausgebreitet zu sehen; sondern der Eindruck, den dieses Panorama auf mich machte, war so mächtig und eindringlich, dass ich gar keine
Worte finden konnte, um meine Freud hierüber an den Tag zu legen.
»Wir wollen aussteigen,« sagte hierauf Herr Rochester, »damit sich Ihr Blick an diesem höchst interessanten Bilde
einige Zeit ergötzen kann.«
»Da lag nun jene Stadt vor meinen Blicken ausgebreitet,« die ich schon längst zu sehen gewünscht, aber hierzu nie Gelegenheit gehabt hatte. Hoch in die Lüfte sahen wir St.
Paulus wunderbaren Dom sich erheben, während unzählige
Wipfeln von Masten und Flaggen uns von Englands königlichem Strome lächelnd zuwinkten. Im Hintergrunde der großen Pauluskirche bemerkten wir den schönen gothischen Doppelthurm der Westminster-Abtei, um die sich mehr als hundert andere Thürme der verschiedenen Kirchen gruppirt hatten. Wir hatten zwar einen schönen heitern Morgen, allein der aus so vielen Schornsteinen ewig aufsteigende Steinkohlendampf ließ uns die Gegenstände nur wie durch einen Flor erblicken.
Nachdem wir uns an dem herrlichen Bilde sattsam geweidet hatten, bestiegen wir unseren Wagen, um die Reise fortzusetzen. Es erging mir wie jedem andern Fremden, der da glaubt, schon lange am Ziele seiner Fahrt zu sein, und
die Stadt doch nie erreichen kann.
Endlich lag die Themse in ihrer mächtigen Ausdehnung vor uns, und schnell rollte der Wagen über die prachtvolle
Black-Friars-Brücke hinüber, und erst jetzt befanden wir
uns in London, in jener weltberühmten Stadt, welche eine
Ausdehnung von sechs Stunden in der Länge und vier Stunden in der Breite hat, und von zwei Millionen siebenmalhunderttausend Menschen bewohnt wird. Betäubt von dem Gewühle um uns her, erreichten wir das unweit der Brücke gelegene York-Hotel, wo wir unser erstes Absteigquartier nahmen. Da in London die Unterkunft in den verschiedenen Hotels auf längere Zeit unendlich kostspielig ist, so unternahmen wir wenige Tage nach unserer Ankunft eine Wanderung durch die Straßen der auf der östlichen Seite gelegenen City, um hier von den verfügbaren Wohnungen
Einsicht zu nehmen. Dieser Theil der Stadt, wo Handel und Wandel gleichsam ihr Wesen treiben, gleicht einem förmlichen Ameisenhaufen, denn es herrscht in allen Theilen der City ein Wühlen und Drängen, wovon sich ein Fremder kein eigentliches Bild entwerfen kann.
Es war nicht Herrn Rochesters Absicht, unseren Aufenthalt in der City zu nehmen, wo die Straßen und Gassen meistens enge und die Häuser klein und mehrentheils beschränkt sind; sondern es war ihm vielmehr darum zu thun, mir ein eindringliches Bild von diesem Theile der Stadt zu Verschaffen Außer der großartigen Pauluskirche, welche mit
einem Kostenaufwande von nahe an zwei Millionen Pfund Sterlingen aufgeführt wurde, und deren kunstvollster Theil die 350 Fuß hohe, in einem Durchmesser von 150 Fuß konstruirte Kuppel ist, fiel mir noch der Palast des Lord
Mayors (sprich Lord Mär, Bürgermeister), das Börse- und
Bankgebäude, sowie die Häuser der ostindischen und anderer
Handelsgesellschaften auf. Einen besonderen Eindruck auf mich machte der Tower (sprich Tauer), ein altes, mit einem
breiten und ziemlich tiefen Wassergruben umgebenes Fort, das nicht nur zur Anfbewahrung wichtiger Archive und der
Reichskleinodien dient, sondern auch als Staatsgefängnis
unter der Regierungsperiode Heinrichs VIII. und der großen
Elisabet eine geschichtliche Merkwürdigkeit erlangt hatte.
Wir begaben uns also am folgenden Tage nach Westminster, dem westlichen Theile der Stadt, wo man größtentheils schöne, breite, mit einem vortrefflichen Trottoir versehene Straßen trifft, die zwischen der arbeitsamen und gewerbereichen City und dem prachtvollen und genußreichen
Theile dieser Stadt so ziemlich die Mitte halten. Nebst den
prachtvollen Verkaufsbuden, wo die schönsten und elegantesten Gegenstände aus jedem wie immer gearteten Komfort aufgestellt sind, fiel mir die besondere Höflichkeit auf, welche die Herren gegen Damen auf den Spaziergängen beobachten. Hier in London ist nämlich die Sitte gebräuchlich, dem Entgegenkommenden immer zur Rechten auszuweichen, wodurch das Gehen in den Straßen und Gassen merklich erleichtert wird, ohne dem immerwährenden Drängen und Stoßen der Gegenströmung ausgesetzt zu sein. Den Damen gebührt stets jene Seite, welche den Häusern zugekehrt ist, um sie dadurch vor jeder Belastigung zu schützen. So oft man eine Straße
durchkreuzt, lässt der Herr den Arm seiner Dame los und tritt hinter ihr weg auf die andere Seite; eine Aufmerksamkeit, die von keinem Gentleman (sprich Dschent’lmän) unterlassen wird.
Von den hervorragenden Gebäuden bemerken wir hier die Westminster-Abtei oder die Kirche zu St. Peter, eines der größten noch vorhandenen Meisterwerke gothischer Bauart, welche zur Begräbnisstätte der Könige und berühmter Männer dient; ferner Westminsterhall, wo die Könige gekrönt werden, steht mit dem Parlamentsgebäude in Verbindung; der St. James-Palast (sprich Dschäms-Palast) oder die königliche Residenz ist ein altes Gebäude ohne wesentliches Ansehen und Geschmack.
Was mich außer den glänzenden Equipagen in Westminster, das zur City im strengsten Kontraste steht, noch interessirte, waren die Möhren, prachtvollen Livreen der Bedienten und Jokeyen nebst den geputzten Herren und Damen, welche auf den Trottoirs in den elegantesten und geschmackvollsten Carossen dahinrollten.
Fast eben so anziehend waren für mich und die Kleine die vielen großen Obstläden, in welchen die Früchte aller Jahreszeiten und Zonen, von der königlichen Ananas bis zum
kleinen sibirischen Staudenapfel, in zierlichen Körben, die noch obendrein mit Blumen geschmückt, ausgestellt waren. Nicht minderes Interesse gewähren für Einheimische und
Fremde die unzähligen Kuchenläden, in welchen es guter Ton ist, am Morgen einzusprechen und einige kleine Törtchen heiß von der Pfanne weg zum Frühstück einzunehmen.
Ganz eigenthümlicher Art in London ist die Lebensweise der eleganten Welt und die innere Einrichtung der
Wohnungen jener Klasse, welche dem reichen Bürgerthume
und der Hante-volee angehören.
London ist fast aus lauter kleinen, schmalen Häusern
zusammengesetzt, was seinen Grund darin hat, dass jeder
Begüterte ein eigenes Haus zu erwerben trachtet, weil mit diesem Besitze große Vorzüge im bürgerlichen Leben verbunden sind. An eine Reihenfolge mehrerer Zimmer ist in bürgerlichen Häusern mit ganz geringen Ausnahmen gar nicht
zu denken. Jedes Stockwerk enthält gewöhnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Straße, eines nach dem oft sehr
engen Hofraume zu. In den großen Palästen ist die Vertheilung der Zimmer natürlich eine andere, doch bleiben sich die Bestimmungen derselben so ziemlich gleich. Die Küchen- und Bedientenwohnungen sind meistens in den Souterrains (Kellergewölbe, welche theils über die Erde hervorragen) angebracht. Die Thüren und Fenster der verschiedenen Gebäude sind auffallend hoch und enge, die Spiegelwände dazwischen dagegen sehr breit. Eine große Vorliebe besitzt man in London für Teppiche, denn man findet bei Kaufleuten und wohlhabenden Handwerkern nicht nur die Fußböden, sondern sogar die Treppen mit schönen Teppichen belegt. Außer den hübschen und eleganten Möbeln von Mahagoniholz bilden noch die Kamine, welche nicht selten mit Marmor- und Stahlarbeiten verziert sind, eine besondere Zierde der Zimmer und Paläste. Schöne Vasen von Wedgewood (sprich Wetschwot) und kristallene Kandelaber zieren den Sims; der stählerne Rost, in welchem das Feuer brennt, Zange, Schaufel und das übrige Metallgerüth sind hell poliert und verbreiten im Zimmer einen eigenthümlichen Glanz.
Die Lebensweise ist in London sehr verschieden. Wer spät zu Bette geht, steht auch spät auf; daher hat das Sprüchwort: »Die Morgenstunde hat Gold im Munde,« nirgends weniger Verehrer, als in der Hauptstadt des stolzen Albion, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird. Für die Bourgeoisie wird es vor neun bis zehn Uhr nie Tag, um welche Zeit sich die Familie in dem zum Frühstücken bestimmten Zimmer einfindet; die Herren in Stiefeln und Schlafröcken, die Damen in einer reizenden Neglige, schneeweiß und mit zierlichen Häubchen.
Es gibt in der Welt nichts Einladenderes, als ein englisches Familienfrühstück. Auf dem hellpolierten stählernen Roste lodert die stille Flamme des Steinkohlenseuers. Das elegante Theegeräth steht in zierlicher Ordnung auf dem schneeweiß bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene, in Wasser schwimmende Butter, schönes weißes Brod, Zwieback, hartgekochte Eier, Honig und Marmelade von Pomeranzen. Ein selten vermisstes Stück des deutschen Frühstücks, die Tabakspfeife, ist in London aus den Kreisen der eleganten Welt verbannt und wird nur bei dem niederen Handwerksstande angetroffen; dafür bemerkt man auf einem Etager die neuesten Zeitungsblätter aus allen Theilen der Welt, deren Inhalt mit besonderer Lesewuth verschlungen wird.
Eine ganz eigenthümliche Ehre sucht jede Hausfrau darin, den Thee mit eigener Hand zu bereiten. Vorerst werden die Tassen mit heißem Wasser ausgewärmt, der Thee wird gehörig abgemessen, das heiße Wasser nach bestimmten Regeln darauf gegossen, und um für alle diese Mühe den gehörigen Ruhm zu ärnten, wird der Reihe nach gefragt, ob der Thee nach Wunsch gerathen sei.
Nach dem Frühstück begeben sich die Herren an ihr Geschäft, aufs Komptoir oder wohin der Beruf sie treibt. Nun ist man beschäftiget, so viel als möglich den Vormittag alle Arbeiten zu vollführen, die für das Haus nothwendig sind, was trotz der späten Morgenstunden doch noch geschehen kann, da man erst um fünf oder sechs Uhr zu Mittag speist.
Die Damen machen zwischen zwölf und vier Uhr ihre Besuche, und dann Toilette für den Mittagstisch, da selbst die Herren den Börsenrock mit dem eleganten Frack vertauschen.
Eine große Rolle spielen in der Zwischenzeit die Kuchenläden, welche frei und offen unten an der Straße liegen, und sowol von Damen wie von Herren besucht werden, da die kleinen Pastetchen und die Schildkrötensuppe als zweites Frühstück sehr beliebt sind.
Nach mancherlei Visiten und Einkäufen fuhren wir schön, aber etwas steif geputzt um sechs Uhr zum Mittagsessen zu Herrn Brom, einem alten Freunde Herrn Rochesters. Im Besuchzimmer fanden wir die ganze Gesellschaft, aus 14 Personen bestehend, bereits versammelt. Nach den gewöhnlichen Begrüßungsformeln nahmen die Damen zu beiden Seiten des Kamines in Lehnstülen Platz, während sich die Herren um das Feuer in mancherlei Stellungen gruppierten und wärmten, da wir einen etwas unfreundlichen Tag hatten. Die Konversazion war ziemlich langweilig, ja ich möchte sagen, sogar schläfrig, da weder die Herren noch die Damen Anstand nahmen, einander im Gähnen den Rang streitig zu
machen. Endlich wurde die Gesellschaft ins Speisezimmer gerufen, welches um eine Treppe höher, als das Besuchszimmer lag. Die Tafel stand fertig und servirt da, bis auf die
Gläser und Servietten. Erstere zieren gemeiniglich den
Schenktisch, und letztere stehen bei dem Engländer auf heimatlichen Boden nicht im Gebrauche, sondern jeder Tischgenosse nimmt das lange, fast bis an den Boden reichende Tischtuch beim Niedersetzen aufs Knie und handhabt dasselbe beim Speisen, sowie der Deutsche seine Serviette.
Mistreß Brom nahm ihren Platz am obern Ende des Tisches in einem Lehnstul, ihr Gemal saß ihr gegenüber unten am Tisch, und die Gäste nahmen zu beiden Seiten in der Ordnung Platz, wie ihnen ihre Sitze von dem Herrn des Hauses angewiesen worden waren.
Ein englisches Mittagsessen hat wahrlich nichts Amüsantes, da von einem interessanten Tischgespräche gar nicht die Rede sein kann, indem die Gäste theils von der Hausfrau oder derjenigen Dame, welche die Honneur macht, theils von dem Hausherrn stets mit Fragen belästiget werden, ob sie dieses oder jenes wünschen. Sehr üblich ist es bei den Engländern, sich gegenseitig zum Trinken aufzufordern, wovon auch die Damen nicht ausgeschlossen sind; denn es würde als ein großer Verstoß gegen die Üblichkeit und den Anstand betrachtet werden, wenn eine Dame unaufgefordert das Glas ergriffe, um ihren Durst zu stillen.
Ich war demnach nicht ungehalten, als die Tafel nach neun Uhr aufgehoben worden war. Die ganze Gesellschaft zog sich in ein anderes Zimmer zurück, wo nach einer kurzen Konversazion der Thee genommen wurde. Gegen zehn Uhr ließ Herr Rochester unsern Wagen vorfahren, und ich war herzlich froh, als ich den Fuß auf die erste Treppe gesetzt hatte, um von all diesem lästigen Zeremoniell sowie von der äußerst langweiligen Gesellschaft befreit zu sein.
Die große Erbschaft
Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück saßen, fragte mich Herr Rochester, wie ich mit der gestrigen Unterhaltung zufrieden war. Da die Unwahrheit zu reden nie meine Sache war, so erklärte ich ganz offen und frei, dass ich mich noch an keinem Abende so gelangweilt habe, wie gestern.
»Das befremdet mich,« entgegnete Herr Rochester. »Ich war vielmehr der Meinung, Sie hätten-sich mit Mistreß Brom sehr amüsirt, da sie doch allgemein für eine sehr geistreiche Dame gehalten wird.«
»Jch bedauere, hierin widersprechen zu müssen«, war meine Antwort; ,,entweder ist mein Verstand zu schwach, um mit Schärfe und Bestimmtheit hierüber ein richtiges Urtheil zu fällen, oder man hat in den geselligen Zirkeln zu London von dem Worte »geistreich« einen ganz andern Begriff. Da
gefällt mir Mistreß Brigth besser. Sie ist nicht nur geistreich, sondern auch sehr gemüthlich. Ihre Reden beurkunden viel Verstand und sind frei von jeder Ziererei und den bereits zur Mode gewordenen Phrasen.«
»Sie haben nicht ganz unrecht, Jane,« erwiderte hieraus
Herr Rochester, den mein Eifer in die heiterste Laune versetzt zu haben schien. »Wenn mir zwischen Mistreß Brom und Mistreß Brigth die Wahl gelassen wäre, so würde ich letztere in Hinsicht auf Konversazion vorziehen. Doch sagen Sie mir, Jane, hat Ihnen Herr Bright keine Mittheilung in Betreff Ihrer Angelegenheit gemacht?«
»Herr Bright wechselte mit mir nur wenige Worte, Sir, und hat meine Angelegenheit mit keiner Silbe berührt. Wissen Sie mir keine näheren Aufschlüsse zu geben, Sir?«
»Ich habe in der That mit Herrn Bright in dieser Beziehung noch keine aussührliche Besprechung gepflogen. So viel ist gewiss, dass die Sachen im Zuge sind, wiewol sich in jüngster Zeit einige Schwierigkeiten in den Weg zu stellen drohen, die sich aber nach meines Freundes Behauptung beseitigen lassen werden.«
»Und von welcher Art sollen diese Schwierigkeiten sein, Sir, wenn es überhaupt zu fragen erlaubt ist?«
»Ich denke, der Fall wird Sie unangenehm berühren, daher dürfte es gerathener sein, die ganze Angelegenheit einstweilen auf sich beruhen zu lassen, da mein Freund ohnehin binnen einigen Tagen Briefe aus Salford und Lowton erwartet, welche den Schleier lüften und zweifelsohne die gewünschten Aufschlüsse geben werden.«
»Hat Herr Bright in Betreff meiner Abkunft nach Salford geschrieben , Sir, dann müsse ihm auch durch die zu verabfolgenden Dokumente die nothwendige Aufklärung werden.«
»Ihr Schluss ist ein ganz richtiger,« erwiderte Herr
Rochester; »allein derselbe bedarf auch noch einiger Erhebungen aus Lowton, weil ohne einige wichtige Dokumente von dort an die Behebung Ihrer Erbschaft nicht zu denken ist.«
»Wer wollte mir dieselbe streitig machen?« sagte ich etwas gereizt. »Mein Onkel hat mich zur Universal-Erbin seines ganzen Vermögens eingesetzt, und somit steht der Ausfolgung desselben kein Hindernis im Wege.«
»Sie irren, Jane, wenn sie diesen Gedanken mit absoluter Beharrlichkeit verfolgen. Es hat sich in neuester Zeit ein gewisser John Marthon aus Lowton gemeldet, welcher nebst seinen beiden Schwestern, Martha und Elisa, Erbausprüche macht, indem er nachweiset, dass seine Mutter eine geborne Ehre, und somit die Schwester Ihres in Amerika verstorbenen Onkels war.«
«Während der ganzen Unterredung war ich in der Nähe des Kamines gestanden, mich mit beiden Armen auf die Lehne eines Fauteuils stützend, von dem ich, wie vom Blitz getroffen, auffuhr, mit der flachen Hand über die Stirne strich, um mein Gehirn etwas abzukühlen, und dann einige
Schritte gegen den Armstul vortrat, wo Herr Rochester in der unmittelbaren Nähe des Feuers Platz genommen hatte.
Mir war heiß, -- ja ich muß sagen, sehr heiß. Hatte Herr Rochester den Kamin so stark heizen lassen, oder haben mir die neuen Erben so heiß gemacht; weder das Eine noch das Andere vermag ich mit Gewissheit zu behaupten. Meine Brust rang nach Luft, denn mein Athem war gepresst und kurz und mein Fuß wankend und unsicher.
»Sir!« sprach ich mit beklommener Stimme, »scherzen Sie, oder soll Ihre Mittheilung zur Wahrheit werden?«
»Leider muß ich Sie auf letzteres verweisen,« sagte hieraus Herr Rochester, »da sich die Erben in der That bereits gemeldet haben und binnen wenigen Tagen in London eintreffen werden, um sich mit Herrn Bright, dem Testamentsvollstrecker Ihres Oheims ins Einvernehmen zu setzen.«
»Und weiß die Familie Marthon, dass ich in London bin?«
»Darüber kann ich Ihnen wol nicht genügenden Aufschluss geben; doch glaube ich, dass bei der ganzen Sache nicht das Geringste zu fürchten ist, da die Familie Marthon nur mit Legaten und nicht mit der Erbschaft bedacht ist,«
sagte Herr Rochester, wahrscheinlich nur, um mich augenblicklich zu beruhigen.
In demselben Augenblicke öffnete ein Diener die Thür und rief: »Herr Advokat Bright!«
Ich schob die Stüle zusammen und wollte mich eben entfernen, als Herr Brigth ins Empfangszimmer trat und die Bitte an mich richtete, kurze Zeit hier zu verweilen, indem meine Anwesenheit unumgänglich nothwendig wäre.
Meine Verwirrung war so groß, dass ich für den Augenblick gar nichts zu antworten wusste. Herr Bright hätte mich sicher nicht in Verlegenheit gebracht, wenn er allein gekommen wäre. In seiner Begleitung befanden sich aber ein junger Mann und zwei Damen, die mit dem ersteren eine so sprechende Ähnlichkeit hatten, dass Bruder und Schwestern nicht zu verkennen war. Es drängte sich meinem Herzen eine Gewissheit auf, die mich auf das Unangenehmste berührte; denn ich erkannte in den Fremden jene Personen, welche sich so urplötzlich zwischen mich und mein Glück drängten.
So lange du arm und verlassen warst, sagte ich zu mir selbst, wollte sich auf der ganzen weiten Erde niemand finden, der mit dir verwandt gewesen wäre; und jetzt, wo das Glück dir zu lächeln scheint, finden sich deren gleich
mehrere.
Indessen hatte Herr Bright die Fremden vorgestellt und den Zweck ihres Besuches erörtert. Ich war freundlich mit meinen neuen Kousinen, ja vielleicht auch herzlich, ohne dass ich es wusste. Hätte ich ihre Bekanntschaft zu einer andern Zeit gemacht, so würde ich vielleicht hocherfreut darüber gewesen sein, so nahe Verwandte gefunden zu haben, von denen weder meine Ältern noch Mistreß Reed je Erwähnung gethan hatten. Allein in dem gegenwärtigen Augenblicke ware mir ein Verwandter ganz und gar ungelegen gekommen, vielweniger deren drei. Martha und Elisa waren bemüht, meine Gunst zu erlangen, während ihr Bruder mit Herrn Rochester eifrig verkehrte; und ich muß gestehen, dass bereits nach einer Stunde Beide einen vollkommenen Sieg über mich errungen hatten. Besonders liebenswürdig und
Zutrauen einflößend war Elisa, die jüngere von den Schwestern. Aus ihrem Munde erfuhr ich, dass sie mit ihrer Mutter, die schon seit vier Jahren Witwe war, erst vor zwei
Jahren aus der neuen Welt nach England übersiedelt und sich zu Lowton niedergelassen hatten. Ihr Vater, der auch ein Bruder meiner Mutter gewesen ist, lebte durch viele Jahre in Filadelfia, und unterhielt mit seinem Bruder eine eifrige Korrespondenz, aus welcher später eine Geschäftsverbindung hervorging, die in Folge irriger Ansichten sich zerschlug und später in solche Feindschaft umsetzte, dass sich die Brüder einander gar nicht mehr kennen wollten, woher es auch gekommen sein mag, dass die Marthon’sche Familie von dem Onkel zu New-York fast ganz übergangen wurde.
Die Schlichtung meiner Angelegenheit forderte die Gegenwart der Marthonischen Familie, weshalb dieselbe vielleicht ganz gegen ihren Willen bei vier Wochen sich aufhalten mußte. Wir besaßen in Westminster eine große und sehr bequeme Wohnung, die von Herrn Rochester bis zum künftigen Sommer gemietet worden war, weshalb er Marthon das Anerbieten machte-, mit seinen Schwestern in unserem Hause so lange zu verweilen, als deren Gegenwart nothwendig sein würde. Man schlug zwar anfangs das freundliche Anerbieten aus, ließ sich aber am Schlusse dennoch dazu bewegen, und ich muß gestehen, dass wir in Gesellschaft meiner Verwandten äusserst fröhliche und vergnügte Tage verlebt hatten.«
Endlich waren durch Herrn Bright meine Geschäfte zu Ende geführt. An mich gingen 200.000 Dollar über, und der Ausfall des übrigen Vermögens wurde auf Herrn Rochesters Vorschläge und mit meiner Zustimmung unter die drei Geschwister der Familie Marthon getheilt, worauf diese wieder nach Lowton zurückkehrten, nachdem sie mir das Versprechen abgenommen hatten, sie auf meiner Reise nach Thornfield zu besuchen.
Es war ein ziemlich unerträglicher Winter, weniger kalt als feucht und empfindlich, so dass wir herzlich froh waren, in Bälde einer besseren Jahreszeit entgegen sehen zu können. Herr Rochester hatte beschlossen, den nächsten Sommer in Thornfield zu verleben, welches bereits wieder vollkommen hergerichtet und weit schöner und prunkvoller ausgestattet worden war, als dies vor dem Brande der Fall war. Mistreß Fairfax überlebte den Umbau des Schlosses nicht mehr, denn sie hatte im Spätherbst ihren Geist aufgegeben. Ich reichte Herrn Rochester noch in demselben Jahre meine Hand und verlebte zu Thornfield in aller Zurückgezogenheit die glücklichsten Stunden an der Seite meines Gatten.
Die Waise aus Lowood
Jane.
Erste Abteilung in einem Aufzug.
Personen.
Mistreß Sarah Reed, eine reiche Witwe.
John (15 Jahr alt), ihr Sohn.
Kapitän Henry Wytfield, ihr Bruder.
Dr. Blackhorst, Vorsteher einer Waisenstiftung.
Jane Eyre (16 Jahr alt), eine Waise.
Bessie, Bonne im Hause der Mistreß Reed.
Die Handlung spielt auf Gateshead, dem Gute der Mistreß Reed.
Rochester.
Zweite Abteilung.
Charaktergemälde in drei Aufzügen.
Personen.
Lord Rowland Rochester.
Lord Clawdon.
Lady Clawdon.
Francis Steenworth, Baronet.
Edward Harder, Esquire.
Mistreß Reed.
Lady Georgine Clarens, Witwe.
Kapitän Henry Wytfield.
Mistreß Judith Harleigh, Rochesters Verwandte.
Jane Eyre.
in Rochesters Hause.
Adele, ein Kind von acht Jahren
Gratia Poole
Sam, Diener
Patrik, Reitknecht
Die Handlung spielt acht Jahre nach der ersten Abteilung auf Thornfield-Hall, einem Gute Rochesters.
Erste Abteilung.
Jane
Ein Zimmer bei Mistreß Sarah Reed mit Bücherschränken und Statuen. Mittelthür. Seitenthüren rechts und links. Links ein hohes Fenster mit einem roten Damastvorhang, der zurückgeschlagen ist, davor ein
Stuhl. Rechts ein Kamin; über dem Kamin das lebensgroße Bild eines schönen stattlichen Mannes von einigen vierzig Jahren; davor ein Sofa, daneben ein Lehnstuhl und Tisch. Alles verrät Reichtum.
(Rechts und links vom Schauspieler.)
Die mit Klammern [] versehenen Stellen können bei der Aufführung wegfallen.
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (kommt, nachdem sie vorher den Kopf zur Thür hereingesteckt, von links, tritt auf den Zehen lauschend ein und sieht sich ringsum; dann huscht sie leicht durch das Zimmer und eilt auf den Kamin zu; ihr Gesicht ist bleich, lange dunkle Locken umwogen ihr Haupt, sie trägt ein ärmliches dunkles Kattunkleid, darauf eine schwarze Schürze mit einem gleichen Brustlätzchen, ein kleines weißes Tuch um Hals und Schultern geschlungen; sie bleibt vor dem Bilde stehen, faltet die Hände und sieht mit ernsten Blicken dazu auf. Nach einer Pause). Onkel Reed, mein guter Onkel Reed! Siehst du mich? -- Du lächelst, du siehst mich! Warum lächelst du? Nein, weine, weine! Sie sagen ja alle, daß
ich böse, verdorben, verloren, daß ich ein undankbares Kind sei, da muß es wohl so sein! -- Ach, warum hast du mich verlassen! Ich hatte dich so lieb, du hattest mich so lieb, sie aber hassen mich alle; muß ich denn dankbar sein für Haß? Drüben schmausen sie und freuen sich; gestern war Weihnacht, sie beschenken sich, sie schwimmen in Glück und Freude, deiner aber denken sie nicht, Onkel Reed – und (sie sinkt plötzlich auf die Knie) es ist dein Geburtstag heute; du hast ihnen alles gegeben, worin sie schwelgen, du bist's, der sie beschenkt noch aus dem Grabe herauf -- und sie denken deiner nicht! -- Ach Onkel, ich kann dir nichts bringen als meine Thränen, ich habe ja sonst nichts, es ist alles, was sie mir gelassen, nimm sie hin, ich weine aus Liebe, aus Dankbarkeit -- und sie sagen, ich sei undankbar! -- Glaubst du's, Onkel? Nein, nein, du glaubst es nicht!
Zweiter Auftritt.
Jane. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Gott steh' mir bei! Ich dachte mir's! Jane, was machst du, du trittst hier ein, wohin es dir verboten ist, den Fuß zu setzen! Nicht einen Augenblick darf man dich doch aus den Augen lassen! Was thust du?
Jane (ist bei ihrem Eintritt aufgesprungen, mit wildem Blick). Ich habe Onkel Reed Glück zu seinem Geburtstag gewünscht! Ich that es, Bessie, weil alle anderen es vergaßen!
Bessie (ergriffen und verlegen). Wie? Ist denn heute –
Jane. Der zweite Weihnachtsfeiertag – der nie vergessen wurde, als Onkel Reed noch lebte, um an diesem Tage das ganze Haus zu beschenken!
Bessie (verwirrt). Aber Jane, er ist ja schon fünf Jahre tot, wer kann sich das alles merken, es ist ja eine Ewigkeit!
Jane (bitter). Fünf Jahre! Jawohl, eine Ewigkeit! Welch glückliches Kind war ich! Ehe Onkel Reed starb, wußte ich nicht, daß gute Menschen sterben und arme Waisen so elend werden können!
Bessie. Du hattest ja aber doch Vater und Mutter verloren.
Jane (schüttelt traurig den Kopf). Die kannte ich nicht. Onkel Reeds Arme, die mich aufnahmen, waren so weich; als er lebte, wußte ich nicht, daß ich eine Waise sei! (In wildem Ausbruch.) Ach, Onkel Reed, wo bist du? Willst du mich denn nicht holen?
Bessie (ängstlich). Komm fort, Jane, du fällst wieder in den wilden Ton, der dir vom Fieber geblieben, an dem du im vorigen Jahre kranktest! (Sanft.) Du wirst wieder böse.
Jane. Warum schiltst du mich denn nicht mehr wie früher, Bessie, warum zerrst du mich denn nicht gewaltsam fort, warum schlägst du mich nicht? Mistreß Reed hat es dir doch befohlen!
Bessie (verlegen). Weil du kein Kind mehr, weil du ein erwachsenes Mädchen bist.
Jane. O nicht deshalb; ich bin erwachsen - und ein Kind an Hilflosigkeit, an Unwissenheit! Aber du wagst es nicht, weil du an eine Nacht denkst, wo ihr mich in Onkels Sterbezimmer eingeschlossen --- wo du mich für tot heruntertrugst. Du fürchtest dich wohl jetzt, mich umzubringen?
Bessie. Ich fürchte mich, dich bei Missis noch mehr verhaßt zu machen, als du es ohnedem schon selbst gethan, und -nun ja, ich halte es für Pflicht, dich zu schonen, weil deine Nerven - (sie stockt) komm jetzt fort, Jane, wenn man dich hier fände -
Jane (trotzig). Ich will nicht fort!
Bessie. Jane! (Bittend). Sei gut! Mache mir keinen Verdruß!
Jane (plötzlich an ihrem Hals). Ach, Bessie! Schilt mich nicht, mein Herz thut so weh!
Bessie. Seltsames Geschöpf, nun bist du mild, und erst --
Jane. Ich kann nicht dafür, Bessie! Du bist ja auch so oft böse mit mir -- und so selten lieb! Ich bitte dich, laß mich hier! Siehst du - auch heute denkt kein Mensch an die Bücher hier -- ich will auch Weihnachten haben, ich will ein Stündchen lesen! Ich habe so lange kein Buch in die Hand bekommen, Georgine hat mich überall ausgeschlossen! Laß mich lesen, Bessie, es ist meine einzige Freude!
Bessie (mit sich selbst kämpfend). Ich möchte dir's wohl gönnen -- aber wenn man dich sieht--
Jane (fliegt zu einem Schranke, nimmt rasch ein Buch heraus und sagt froh). Niemand, niemand wird mich sehen! Da ist's! Humes Geschichte Englands! (Sie kommt atemlos vor Freude zurück). Auf den ersten Griff hatte ich's, siehst du? O, ich habe mir den Platz gemerkt. (Sie eilt zum Fenster links, das ein sehr breites Gesims hat, welches in das Zimmer hineingeht, stellt rasch den Stuhl davor, läßt die Gardine vorfallen und springt leichtfüßig auf den Stuhl. Indem sie sich auf das Gesims setzt, strahlend vor Freude). Nun, Bessie, ziehe ich die Gardine um mich her, der helle Wintertag leuchtet so frisch durchs Fenster -- so findet mich niemand, und ich kann die Geschichte meines Vaterlandes studieren? (vergnügt) Nicht wahr, das geht? Etwas muß ich doch wissen, und sie läßt mich gar nichts mehr lernen, gar nichts!
Bessie. In Gottes Namen! In einer Stunde hole ich dich-- rühre dich nur nicht, denke an mich, wenn du nicht an dich denken willst! Du kennst Mistreß Reed!
Jane (zieht die Gardine so um sich, daß man sie nicht mehr gewahrt). Sei nur ruhig, ich will mich weniger rühren als eine Maus!
Bessie (für sich). Mag mich Missis schelten - ich kann's nicht über mich gewinnen, dem unglücklichen Geschöpf die einzige Feiertagsfreude, die ich ihr zu gewähren vermag, zu nehmen! (Sie will nach links abgehen).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. John, elegant gekleidet durch die Mitte.
John (rauh). Ah, Bessie? Was machst du hier? -- Bleib da. --
Bessie (erschrocken und verwirrt). Ich habe keine Zeit, junger Herr!
John (befehlend). Du sollst dableiben, ich will unterhalten sein. Onkel Wytfield, der aus Spanien gekommen ist, und Mama schwatzen so langweiliges Zeug; das hält kein vernünftiger Mensch aus; und dabei sitzt Georgine steif wie eine Puppe -- und zieht Gesichter, wenn ich sie mit Brot werfe, als wäre sie eine große Dame!
Bessie. Es schickt sich auch nicht, daß Sie die Schwester mit Brot werfen. Miß Georgine ist älter als Sie – Sie müssen ihr Respekt zeigen!
John (wirft sich auf das Sofa, streckt die Beine von sich und die Hände in die Taschen). Respekt? Ihr? -- Ich habe vor niemand Respekt -- nicht vor der Mama. Sie werden einmal alle bei mir das Gnadenbrot essen wie diese elende Jane Eyre jetzt das unsere! Wenn ich erst mündig bin und die Güter antrete, bin ich hier Herr -- und wer jetzt nicht pariert, wie ich es will, der soll nachher schon büßen! Merke
dir das, Bessie!
Bessie (trocken). Damit wird es noch Zeit haben!
John (springt auf). Du langweilst mich, Bessie -- du unterhältst mich nicht! -- Es ist schade, daß Mama dieser Jane verboten hat, den ersten Stock zu betreten --
Bessie (wie oben). Freilich! Sie haben nun niemand, an dem sie Ärger und Bosheit auslassen dürfen, nicht wahr? Pfui, schämen Sie sich, John, Sie haben damals das arme Geschöpf geschlagen, schickt sich das für Ihren Stand?
John. Ich schlug sie, weil ich sie hasse! Es ist schon lange her, aber ich denke noch immer mit Vergnügen daran, daß ich es that. Und die abscheuliche Katze kratzte und biß mich!
Bessie. Leider that sie es, aber sie war in Verzweiflung; Sie schlugen sie mit dem Hammer, und das Mädchen hatte keine Waffe als Nägel und Zähne, um sich zu wehren.
John. Sie sollte sich nicht wehren, wenn ich sie schlug; ich bin der Herr vom Hause -- und sie ist ein Bettelkind, das uns das Brot wegißt! (Die Augen fest auf den Vorhang links gerichtet). Was -- was ist denn dort? Sieh nur, die Gardine bewegt sich --
Bessie (erschrocken hinsehend). Wahrhaftig! Kommen Sie fort, junger Herr, es ist nicht geheuer.
John (triumphierend). Nicht geheuer? Dahinter steckt jemand -- ich wette, es ist die Katze --- (Er fliegt hin und schlägt die Gardine auf). Aha! Richtig! Was machst du hier, unverschämtes Geschöpf?
Bessie (für sich). O Gott! Ich dachte es!
Jane (sitzt wie vorher auf dem Gesims, die Füße auf dem Stuhl, beide Hände mit dem Buch auf den Knien; ihre Blicke sind unstät und wild, sie zittert an allen Gliedern und starrt John drohend an).
John (tritt etwas verblüfft zurück). Nun - was stierst du so? Kannst du nicht antworten? Was versteckst du dich hier, um die Leute zu ängstigen? Ich werfe dich herunter, wenn du nicht auf der Stelle Rechenschaft giebst, du Unke! (Er streckt die Hand aus, um sie zu ergreifen).
Jane (wie oben). Rühre mich nicht an, John! Vor einem Jahr war ich noch eine Katze und kratzte dich, weil ich mich nicht mit dem Hammer totschlagen lassen konnte, jetzt bin ich ein Mädchen!
John (lacht höhnisch). Da denkst du wohl, ich schlage dich nicht mehr? Das sollst du gleich --- (Er geht auf sie zu.)
Jane (mit funkelnden Augen, aber ohne Bewegung). Wenn du es thust, John, dann kratze ich dich nicht mehr -- sie springt hinab und steht mit einem Satz auf dem Bodens ich töte dich! Drum laß mich ruhig gehen!
John (sehr erschrocken zurück). Bah! Das läßt du wohl bleiben!
Jane (trocken). Wenn du mich nicht schlägst, gewiß!
Bessie (faßt sanft ihre Hand). Komm fort, Jane.
Jane (ohne das Auge von John zu wenden). Wenn er erst geht.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Mistreß Reed, eine hohe Frau von einigen vierzig Jahren, stolz, schroff, finster, in dunkler sehr eleganter und glänzender Kleidung, ihre Art ruhig, kalt würdevoll, kommt mit Henry Wytfield durch die Mitte.
Mistreß Reed. Was giebt es? (Sie erblickt Jane und wendet sich mit einem Blick voll Abscheu ab). Ha! Das Geschöpf hier? Wie untersteht sie sich --
John (auf sie zu). Mama, Jane hat sich heimlich hinter die Gardine versteckt und mir gedroht, mich zu töten, wenn ich ihr nahe komme.
Mistreß Reed (sich überwindend). Warum ließest du dich mit ihr ein? Es ist deine Schuld, du hast mein Verbot nicht geachtet. Zu Jane. Was machst du hier?
Jane (die von dem Augenblick, wo Mistreß Reed eintrat, in scheuem Entsetzen, zitternd und unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen dastand, leise). Ich las, Tante Reed.
Mistreß Reed (sich beherrschend, immer kalt und ernst). Ist dir nicht verboten, den ersten Stock zu betreten?
Jane. Ja.
Mistreß Reed. Nun? Wie konntest du es wagen, dich hier einzuschleichen, wo dich mein Wille verbannt?
Jane (immer bescheiden, aber Ernst). Georgine und John haben mir alle Bücher fortgenommen, auch die, welche durch Onkel Reeds Güte mein Eigentum waren. Man hat mich auf die Oberstube angewiesen, seit Georgine in den ersten Stock kam, dort ist es aber so kalt und öde. Ich sehnte mich so sehr nach einem guten Buche, und hier ist es warm und einsam.
Henry (schüttelt den Kopf, halblaut). Sarah! Laß sie!
Mistreß Reed (wirft ihm einen drohenden Blick zu, dann wie oben zu Jane). Du konntest mich um ein Buch bitten, dann hattest du nicht nötig, dich ungehorsam zu zeigen.
Jane (mit einem scharfen Blick sie fest ansehend). Ich kam auch nicht um des Buches willen allein--
Mistreß Reed (schroff). Weshalb kamst du also? Um zu erhorchen, was hier nebenan geschieht!
Jane (wie oben). Nein! Um Onkel Reed zu besuchen (sie zeigt nach rechts auf das Bild) und ihm ein Gebet zu weihen, da ich keine Blumen habe, um sein Bild zu seinem Geburtstage zu schmücken.
Mistreß Reed (fährt zusammen und beißt sich auf die Lippen, für sich). Natter!
Henry (sieht Mistreß Reed erstaunt an). Ja - wahrhaftig, der zweite Weihnachtsfeiertag! Das war zu meines Schwagers Lebzeiten ein großer Festtag hier im Hause! Daran dachte man heute nicht, wie es scheint!
John (aufgeblasen). Papa ist aber auch schon so lange tot, wer kann immer daran denken!
Mistreß Reed (herrisch) Schweig! Henry. Ich begreife, daß Jane Eyre diesen Tag nicht vergißt; ist es doch mein seliger Gatte allein, dessen Verzärtelung sie den Starrsinn, den Hochmut, den Trotz verdankt, welche sie zum Kobold dieses ruhigen Hauses machen. (Sie sieht sie finster an). Habe ich dir nicht verboten, die Haare gelockt zu tragen? Weißt du nicht, daß Georgine dies nicht duldet? Diese Frisur paßt nur für Töchter großer Häuser, wie meine Georgine, die zum Befehlen, nicht für solche, die zum Dienen bestimmt sind wie du. Antworte, warum thust du das?
Jane (führt wie träumend mit der Hand durch ihre Locken, sie langsam durch die Finger ziehend). Ich wußte nicht, daß ich eine ,Frisur' trage, ich thue es nicht, Tante Reed, das kommt so von selbst; dies widerspenstige Haar will nicht anders fallen; gewiß, ich kann nicht dafür.
Mistreß Reed. Dein Haar ist also das Sinnbild deines Charakters! -- Hast du John gedroht, ihn zu töten?
Jane (ruhig). Wenn er mich wieder schlagen würde, wie damals -- ja.
Mistreß Reed. Wirklich? So bitte ihn um Verzeihung!
Jane (sieht vor sich nieder, ohne sich zu rühren).
Mistreß Reed (sieht sie durchbohrend an). Wirst du nicht?
Jane (ruhig). Nein!
Mistreß Reed (mit funkelnden Augen). Du bittest nicht um Verzeihung?
Jane (wie oben). Wenn er erst mich bittet, ihm alle die Schmähungen, mit denen er “das Bettelkind” überhäuft, zu vergeben.
Mistreß Reed (zu Wytfield). Hörst du, Henry, hörst du? Zu Jane. Geh!
Jane (neigt das Haupt und will gehen).
Mistreß Reed. Lege erst das Buch ab.
Jane (kämpft schwer mit sich selbst, kehrt dann um und legt es mit schmerzlichem Ausdruck auf den Tisch).
Mistreß Reed. Du wirst hier nur noch einmal erscheinen, wenn ich dich rufen lasse -
Jane (sieht sie groß an).
Mistreß Reed. Geh! Befreie mich von dem Anblick eines undankbaren und bösen Geschöpfes.
Jane (geht mit gesenktem Haupt links ab)
John (triumphierend zu Bessie). Ha, das will ich schnell Georgine erzählen! Wie wird die sich freuen! (Er läuft durch die Mitte ab.
Bessie folgt ihm kopfschüttelnd).
Fünfter Auftritt.
Mistreß Reed. Henry Wytfleld.
Mistreß Reed (In voller ausbrechender Wut). Nun hast du sie gesehen und gehört, die Schlange, die den Frieden dieses Hauses gestört, seit sie es betrat! Begreifst du nun, was ich unter der Pflichterfüllung litt, die meines Gatten Härte mir auferlegte? Gott sei gepriesen, daß es nun zu Ende ist!
Henry. Ich war zu lange von hier entfernt, um alle Verhältnisse mit einem Blick zu durchschauen. Ich begreife nur, daß die Stellung dieser Waise in deinem Hause eine falsche, eine sehr traurige und das Resultat einer mangelhaften Erziehung ist, denn sie trägt schwer an deinem Hasse.
Mistreß Reed. Ja, ich hasse sie! Möglich, daß ich sie nicht zu erziehen verstand, möglich, daß ich es nicht wollte, ich weiß nur, daß dieses Geschöpf wie Schierling auf gesunder Weise hier zwischen uns aufwuchs, daß es meine Kinder verdarb, sie mißhandelte, meine Ruhe störte, und daß ich eine gewissenhafte Thörin war, bis jetzt diese Bürde getragen zu haben!ß Ich that das Unsäglichste, ich versuchte alles an ihr, um sie gefügig, gehorsam zu machen, allein sie ist unverbesserlich; sie haßt meine Kinder, trotzt meinem Willen, und muß fort; so nur kann Friede in mein Herz und Haus kommen, denn sie ist das Ebenbild ihrer Mutter, eigenwillig und verstockt wie diese es war.
Henry (kopfschüttelnd). Du hattest, wenn ich mich recht erinnere, schon gegen die Mutter einen heftigen Widerwillen.
Mistreß Reed. Hatte ich kein Recht dazu? Sie hat unseren Namen mit Schande bedeckt, lief mit einem armen Seeoffizier davon, verheiratete sich mit diesem Elenden, der ihr Vermögen vergeudete und sie nach wenig Jahren mit diesem Kinde als hilflose Witwe, als Bettlerin zurückließ! Was habe ich nicht damals schon erduldet, als sie eines Abends hier ankam und der schwache romantische Reed sie mit offenen Armen aufnahm! Ich mußte ihren Anblick ertragen, sie pflegen und warten, bis mich ihr Tod von dieser Marter erlöste! Ich atmtete auf, ich glaubte, der Kelch sei geleert, ich täuschte mich, das Bitterste war noch zurück - sie hatte ihm ihre Waise ans Herz gelegt! Du gingst eben damals nach Spanien, du weißt nicht, was mir auferlegt wurde! Reed war ein strenger eigenwilliger Mann, ich durfte ihn nicht ahnen lassen, wie sehr ich dieses kleine Geschöpf haßte, das seine ganze Liebe, seine ungeteilte Aufmerksamkeit besaß! – Abgöttisch hing er an dem Kinde, stundenlang konnte er sie auf den Knien halten, mit ihren schwarzen Locken tändeln und ihrem albernen Geschwätz lauschen. Es war, als hätte sie die Fähigkeit, seine eigenen Kind er zu lieben, gänzlich vernichtet, denn als alle drei am Scharlach erkrankten, saß er Tag und Nacht an Janes Bett, hatte nur für ihre Gefahr Augen, für ihre Klagen ein Ohr, und überließ unsere Kinder mir und dem Schicksal! Ich aber mußte es tragen und schweigen! Ja, noch als der Tod ihn plötzlich überraschte, waren seine letzten Gedanken bei diesem unheimlichen Wesen, denn er ließ mich schwören, sie nie zu verlassen, sie mit meinen Kindern in denselben Rechten zu erziehen -- (fast knirschend) in den Rechten meiner Kinder! Die Bettlerin! So hat er noch über sein Grab hinaus die Bürde auf meine Schultern gewälzt, die ich indes lange genug getragen habe, um es vor meinem Gewissen verantworten zu können, wenn ich sie jetzt abwerfe, damit ich nach vierzehn langen Jahren wieder frei atmen kann in meinem eigenen Hause!
Henry (erstaunt). Was hast du mit ihr vor?
Mistreß Reed. Ich schicke sie in die Lowoodstiftung; der Direktor, derselbe, welcher gestern hier ankam, ist damit einverstanden, und ich erwarte ihn jeden Augenblick, um sie ihm zu übergeben.
Henry. Die Lowoodstiftung? Ist das nicht ein Waisenhaus, eine Art Armenschule, die von milden Gaben existiert -- in sehr ungesunder Gegend, achtzig Meilen von hier?
Mistreß Reed (kalt). Ein Waisenhaus, allerdings. Die Gegend kenne ich nicht, doch weiß ich, daß junge Mädchen dort streng, einfach und in Gottesfurcht gelehrt und zur Arbeit und Demut angehalten werden. [Ich bezahle achtzehn Pfund Jahrgeld für sie und werde diese Summe für vier Jahre im voraus erlegen.] Dort wird Jane Eyre erzogen, wie es für ihre Zukunft nötig ist -- von dort aus kann sie eine Stelle als Dienerin oder Lehrerin suchen, je nachdem sie diese vier Jahre zu eigenem Wohl verwendet, und so
glaube ich ihr die größte Wohlthat zu erweisen und meiner Pflicht Genüge zu thun!
Henry. Jedenfalls thust du es zu spät, Sarah. [Vor wenig Jahren noch konnte sie sich in diesen furchtbaren Wechsel ihres Geschickes finden, sie konnte lernen, jetzt ist sie nicht mehr jung genug für ein solches Pensionat--] und mir scheint, du erfüllst auf diesem Wege das Versprechen nicht, das du deinem Gatten gabst – in einem Waisenhause wollte er sie sicher nicht erziehen lassen.
Mistreß Reed (bitter). O nein! Gewiß nicht! Das erste Pensionat Londons würde ihm für Jane Eyre zu gering erschienen sein, und hätte er Zeit gehabt zu testieren – er hätte sie wohl zum Nachteil seiner Kinder reichlich bedacht! Aber Gott ist gerecht und wollte es anders! (Sich rasch zu ihm wendend.) Wenn du übrigens, wie es scheint, mein Verfahren nicht billigst, so steht es bei dir, für Jane Eyres Zukunft zu sorgen, ich überlasse dir diese mit Freuden.
Henry. Du spottest bitter, Sarah! [Du weißt sehr wohl, daß du wenig hattest, als Thymoty Reed dich durch seine Hand zur reichen Frau machte, und daß ich im Kriegsdienst meine Stellung im Leben gründen mußte, denn ich hatte nicht viel mehr als du!] Meine Verhältnisse erlauben nicht wie die deinen, die Zukunft dieser Waise zu sichern!
Mistreß Reed (kalt). So wirst du sehr wohl daran thun, sie dem Schicksal zu überlassen, das ich als das Angemessenste für sie erachte. Die ganze Gegend kennt und lobt, was ich für dieses fremde Kind gethan, und ich glaube, dies Lob zu verdienen!
Henry (zuckt die Achseln). Wohl dir, wenn dein Gewissen es dir nicht anders sagt!
Mistreß Reed (will heftig antworten).
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Mistreß! Master Blackhorst bittet –
Mistreß Reed (belebt). Ah, willkommen! Rufe Jane Eyre.
Bessie. Ich habe James nach ihr hinauf geschickt, sie wird gleich da sein. (Sie geht, öffnet dle Mittelthür und geht hinter Blackhorst ab.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen. Blackhorst, ganz schwarz, in einer Art geistlichen Tracht, fünfzig Jahre alt, kommt durch die Mitte.
Blackhorst (unterthänig gegen Mistreß Reed, seine Züge hart und kalt). Mistreß haben erlaubt--?
Mistreß Reed (verwandelt, sobald er eintritt, ihr Gesicht; sie wird sanft, würdevoll und gütig). Sehr willkommen, mein ehrenwerter Herr! (Sie geht nach dem Sofa und zeigt auf den Stuhl daneben.)
Ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet.
Blackhorst (setzt sich, Henry begrüßend). Zu gütig, Mistreß Reed.
Mistreß Reed (mit Salbung). Mit Sehnsucht kann ich wohl sagen, denn ich sehe in Ihnen das Werkzeug, welches der Allgütige gewählt, um Herzen, die ihm verloren gehen könnten, mit fester Hand zurückzuführen zu dem wahren Heil ihrer Seele!
Blackhorst (demütig, mit einem scharfen Blick.) Mit harter Hand sogar, Mistreß Reed, wo Härte Balsam ist, gewiß! Gott hat seinen demütigen Diener zu einem solchen Werkzeug erwählt -- und ich werde ihn preisen, wenn es mir gelingen sollte, das junge Lamm, welches sich, trotz Ihrer Wohlthaten, wie mir Ihre Briefe melden, so weit von der Herde verirrt, auf die rechte Bahn zurückzuführen!
Mistreß Reed (wie oben). Leider war ich Ihnen diese traurige Wahrheit schuldig, wenn ich es Ihnen möglich machen wollte, die Leitung dieses Kindes zum Besseren zu vollbringen.
Achter Auftritt.
Die Vorigen. Jane von links durch die Seitenthür, bleibt an der Thür stehen.
Mistreß Reed (Jane erblickend, winkt ihr). Tritt näher, du sollst nicht sagen, daß ich hinter deinem Rücken sprach.
Jane (kommt staunend und ängstlich näher).
Mistreß Reed. Ich habe an Jane Eyre alles gethan, was Gott befiehlt, den Waisen zu erweisen. Sie lebte seit ihrem zweiten Jahre unter meinem Dach -- sie teilte alles mit meinen Kindern, sie wurde erzogen wie diese, doch der Same meines Wohlthuns fiel auf steinigen Boden, (mit einem schweren Seufzer) sie hat kein Herz! Sie ist undankbar, sie lügt -- und heuchelt! Ich habe an diesem Charakter vergebens alles versucht -- ich bin es ihrem künftigen Wohl schuldig, sie in strengere Hände, als die meinigen sind, zu geben!
Blackhorst. Es ist entsetzlich, was Mistreß Reed mir da sagen! Doch sein Sie ohne Sorge; ich habe schon manches starre Herz, manches böse Gemüt gebeugt! Mit Gottes Hilfe wird es auch hier gelingen -- obgleich es schon etwas spät ist, [diese junge Seele noch auf den Weg des Rechten zu führen!]
Mistreß Reed. Jane Eyre, du siehst den ehrenwerten Mann, in dessen Hände ich dein Schicksal von jetzt an lege. Du wirst in wenig Tagen nach der Lowoodstiftung reisen, wohin ich dich auf vier Jahre in Pension gegeben habe.
Jane (mit freudigem Schreck). Wie? Ich soll fort von hier?
Mistreß Reed. Du hörst es.
Jane. Sie schicken mich auf die Schule?
Blackhorst. Wo man böse Herzen Gott erkennen lehrt.
Jane, (mißt ihn mit einem ernsten Bick). Diesen Unterricht hat mein Onkel Reed übernommen, Sir-- ich erkenne und liebe Gott, der mir gnädig aus diesem Hause hilft! Sagen Sie mir lieber, was ich sonst noch bei Ihnen lernen werde, Sir.
Blackhorst (sehr verwundert). Wenn Sie Lust zum Lernen haben, sehr viel, Miß!
Jane. O, ich habe Lust, ich habe Fleiß, ich will alles lernen, alles, Sir, was mich selbständig -- was mich unabhängig von Wohlthaten macht, die wie Feuer auf meiner Seele brennen!
Blackhorst (streng). Nun, Miß, Sie sollen vor allem Demut lernen, denn nur ein demütiges Herz taugt in ein Waisenhaus wie das zu Lowood, das seine Existenz nur edlen Wohlthätern dankt.
Jane (erbebend). Waisenhaus? Sie schicken mich in ein Waisenhaus, Mistreß Reed?
Mistreß Reed (kalt). Es ist der Ort, wohin du gehörst, wo du so ausgebildet wirst, wie es deinen Aussichten in die Zukunft angemessen scheint.
Jane (das Haupt zu dem Bilde erhebend). Hörst du es, Onkel Reed? Dein Herzenskind, deine Jane verstößt man, ein Waisenhaus ist ihre Heimat! Sei es! Ich werde nicht mehr böse sein, wie sie mich hier nennen, denn wenn mich auch der Haß verfolgt und quält und peinigt - so wird es der Haß Fremder sein, nicht derer, welche mir Verwandten.
Blackhorst (faltet die Hände). Gerechter Gott! Welche Sprache eines Kindes vor seinen Wohlthätern!
Jane (zuckt zusammen). Wohlthätern ! -- Du hörst es, Onkel Reed!
Blackhorst. Erlauben Sie, Mistreß Reed, daß ich mich entferne! Ich sah und hörte genug, um zu bedauern, daß Sie sich nicht schon vor Jahren entschlossen, dieses Mädchen einer Stiftung zu übergeben. Sie waren zu schonend, Sie haben mir noch nicht einmal die ganze Wahrheit gesagt! (Er ist aufgestanden und will sich entfernen.)
Jane (deren Brust heftig arbeitet, tritt ihm entschlossen in den Weg; ihre Augen funkeln, ihre Lippen zittern, doch sind ihre Bewegungen ruhig und fast starr). Nein, Sir, sie hat Ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt! Sie sollen sie von mir hören, Sie sollen mich kennen lernen, ehe ich Ihnen folge und diesem Hause auf immer den Rücken zuwende. [Ich würde sterben, wenn ich es nicht einmal aussprechen könnte, was seit Jahren in mir gärt, und hinter ihrem Rücken (auf Mistreß Reed) hätte ich es nie gethan.] -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich sei undankbar. Es ist nicht wahr! Ich vergesse eine Wohlthat nie, das kleinste Zeichen von Güte ist in mein Herz begraben für immer. (Zu dem Bild gewendet.) Du weißt es, Onkel Reed! -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich lüge und sei eine Heuchlerin! Das ist nicht wahr! Wenn ich lügen könnte, so würde ich sagen: ich liebe Mistreß Reed, sie hat mir Gutes gethan, sie war mir wie eine Mutter; wenn ich heucheln könnte, so würde ich jetzt vor Ihnen weinen und klagen, daß ich aus diesem Hause verstoßen bin, denn ich weiß, dies würde mir Vorteil bei Ihnen bringen! Aber ich sage Ihnen -- ich verabscheue nichts auf der Welt so sehr wie diese Frau, deren Blicke Dolche, deren Worte Stacheln für mich waren, seit ich zu denken und zu fühlen begann; ich juble darüber, dieses Haus zu verlassen, diese Frau und ihre bösen Kinder nicht mehr sehen zu müssen, und welche Zukunft mir auch bestimmt sei, ich werde nie zu ihr zurückkehren und sie nie wieder “Tante” nennen, und wenn ich alles Glück der Welt mit diesem einen Wort erkaufen könnte! (Sich plötzlich ganz zu Mistreß Reed wendend.) Denn Sie haben mich seit fünf Jahren mit kalter elender Grausamkeit behandelt -- mich, die Ihnen nichts zuleid gethan hat, als daß sie Gott erschuf!
Mistreß Reed (überwältigt von Staunen und Schreck). Wie kannst du wagen, mir das zu sagen, vor diesem fremden Herrn!
Jane (leidenschaftlich, bis fast zu Thränen). Wie ich es wagen kann, Mistreß Reed! Wie ich es wagen kann? Weil es Wahrheit ist, was ich sage! Sie glauben, mein Herz sei von Stein, es bedürfe keiner Liebe, aber ich bedarf Liebe, ich war Liebe gewohnt -- ein klein wenig Liebe hätte mich gut gemacht, für ein klein wenig Liebe hätte ich Sie angebetet, wie ich Onkel Reed angebetet habe! Aber Sie kennen kein Mitleid, Sie wissen nichts von Erbarmen! In meiner Todesstunde noch werde ich des Abends vor einem Jahre gedenken, als mich Ihr böser Sohn ohne Grund und Ursache mit dem Hammer niedergeschlagen hatte, als ich mich blutend und verzweifelnd zur Wehr setzte, und Sie mich deshalb nach dem Saale schleppen ließen, wo einst Onkel Reeds Leiche ausgestellt war, wo Bessie sagt, daß sein Geist klagend wandle -- als Sie mich dort im Finstern durch eine lange fürchterliche Nacht eingeschlossen schmachten ließen, obgleich ich vor Jammer fast erstickend flehte: “Tante Reed, haben Sie Erbarmen! Tante Reed, haben Sie Mitleid!” -- O ich will es aller Welt erzählen, was Ihr Mitleid, Ihr Erbarmen ist! Sie ließen mich dort verzweifeln -- es kümmerte Sie nicht, daß der Arzt nachher sagte: Sie hätten mich zerstört fürs ganze Leben! -- Wenn ich böse geworden, bin ich es durch Sie! Sie sind, was Sie mich nennen: eine Heuchlerin -- ja, Sie sind mehr, Sie sind eine Meineidige –
Mistreß Reed (unfähig sich länger zu halten, entsetzt). Jane!
Jane (außer sich, ohne sich unterbrechen zu lassen). Eine meineidige an den Toten-- denn Sie haben in meinem Beisein in die kalten Hände meines sterbenden Onkels geschworen, mich zu halten wie Ihre eignen Kinder, mir gleiche Rechte, gleiche Liebe zu gewähren, mich nie zu verlassen, und Sie haben mich mit Haß erzogen, haben mich verbannt aus den Zimmern, die Sie und Ihre Kinder bewohnen, haben mir die Lehrer Ihrer Kinder versagt, damit ich unwissend bleiben sollte -- und heute stoßen Sie mich in ein Waisenhaus, da ich schon zu alt zum Lernen und zu jung bin, um meinem Schicksal allein überlassen werden zu dürfen! So haben Sie Ihren Eid erfüllt -- und wenn Sie ihn (sie zeigt auf das Bild) in jenem Leben wiederfinden, und er Sie fragen wird: “Was hast du mit der Waise meiner Schwester gemacht und was ist aus deinem Eid geworden?” so sagen Sie ihm: “Ich habe die Waise böse gemacht und meinen Eid gebrochen!”' (Zu Blackhorst.) Nun nehmen Sie mich hin und sehen Sie zu, ob Sie gut machen können, was der Haß an mir verdarb! (Sie eilt durch die Mitte ab
Mistreß Reed (sinkt zitternd in das Sofa und verhüllt ihr Gesicht).
Blackhorst (stand sehr verlegen und folgt Jane).
Henry (zu Mistreß Reed tretend, zuckt die Achseln).
Der Vorhang fällt rasch.
Zweite Abteilung.
Rochester.
Erfter Aufzug.
Salon auf Thornfield-Hall in düsterer Pracht aus den letzten Jahren des siebzehnten Jahrhunderts. Im Rokokostil möbliert, sodaß die Möbel moderner erscheinen als der Saal. Die Mittelthür der allgemeine Eingang, die Thür zur Rechten führt zu Rochesters Zimmern, die zur Linken in die Bibliothek. Rechts vorn ein Fenster. Links vorn ein großartiger Kamin, über demselben das Wappen der Rochester in Marmor ausgehauen; auf dem Sims des Kamins zwei silberne Armleuchter mit brennenden Lichtern und mehrere Vasen mit Blumen; im Kamin brennt ein starkes Feuer; dicht am Kamin eine Chaiselongue; daneben ein kleiner Marmortisch. Rechts der gleiche Tisch, daneben zwei Lehnstühle. Im Hintergrunde rechts von der Mittelthür ein servierter Theetisch mit silberner Theemaschine und silbernem Gerät, links von derselben Thür ein Stuhl.
Auf den beiden Tischchen stehen gleichfalls brennende Lichter.
(Rechts und links immer vom Schauspieler.)
Erster Auftritt.
Sam. Mistreß Judith Harleigh.
Sam (ein Mann von einigen fünfzig Jahren, hat eben die letzte Blumenvase auf den Tisch gesetzt). So! Hier wäre alles in Ordnung! Ich denke, er könnte zufrieden sein, wenn er heute wirklich noch zum Thee herüber kommt.
Judith (die ordnend an dem Theetisch stand). Warum sollte er nicht?
Sam. Er kam ja in fürchterlicher Laune an und ging nach seinem Zimmer, ohne nach elfmonatlicher Abwesenheit einen Menschen zu begrüßen als Gratia Pool, mit der er sich einschloß.
Judith (ruhig, setzt sich auf den Lehnstuhl rechts). Dafür ist er der Herr! Seine Laune geht niemand an, und warum er zuerst mit Gratia Pool spricht, wißt Ihr.
Sam (gewichtig). Wohl weiß ich es, und ich denke, ich bin dem Lord ein treuer verschwiegener Diener!
Judith. Gewiß. Das seid ihr, Sam. Aber er hat ja selbst mir, seiner Verwandten, noch keine Silbe gegönnt! Das kümmert mich nicht, er ist einmal der Herr!
Sam (ärgerlich). Und so mir nichts dir nichts ins Schloß hereinzufallen, ohne nur ein Wort zu schreiben!
Judith. Er treibt es ja immer so, seit er aus Indien zurückkam; was habt Ihr nur, Sam, daß Ihr heute so besonders verdrießlich seid?
Sam (brummend). Ach, Sie wissen es, Mistreß Harleigh, warum fragen Sie? Früher war Ihnen meine Frau, die gute Lea, alles, aber seit diese bleichsüchtige hochnäsige Miß Eyre auf Thornfield-Hall einzog, sind wir hintenangesetzt.
Judith (lächelnd und immer lebhafter werdend?) Ihr seid alte Thoren, Ihr und Lea! Ist die Erscheinung dieses Mädchens nicht ein glückliches Ereignis, für das wir alle dankbar sein müssen? [Mit Ausnahme der wenigen Wochen, die Lord Rochester zuweilen hier zubringt, seit er sein Erbe antrat, saßen wir einsam in diesem unheimlichen Schloß wie auf einer wüsten Insel; sind wir einsam, seit dies wackre Mädchen mit ihren klugen Augen alles hier belebt? Hat sie uns nicht von der Plage erlöst, welche uns diese kleine Adele bereitete, die der Lord aus Frankreich mitbrachte? In drei Monaten ist sie Herr dieses verzogenen Kobolds geworden, den zwei Jahre lang kein Mensch, selbst der Lord nicht, zu bändigen wußte. Sie ist stets gefällig, stets zufrieden, niemals zeigt sie müßige Neugier und das - ist viel wert, Sam! Ich weiß, was ich mit der gefährlichen Neugier der früheren Gouvernante ausstand, bis ich sie endlich aus dem Schlosse hatte! Darum danke ich täglich Gott, der uns dieses gute Mädchen schickte! Versteht Ihr?
Sam (faltet die Hände). Gott behüte, Mistreß Harleigh, kommen Sie zu Atem! (Giftig.) Ich wünsche nur, daß der Lord auch einen solchen Schatz in ihr entdeckt, ihre Herrlichkeit dürfte sonst nicht lange hier dauern.
Judith. Ich will hoffen, daß er mir Jane Eyre hoch in Ehren hält, denn wenn sie uns auch verläßt, so kann er seine kleine Französin erziehen lassen, wo er will, ich bringe keine Gouvernante mehr ins Schloß!
Sam (lauernd). Wissen Sie nicht, Mistreß, wo er das Kind aufgelesen, und wem es gehört?
Judith (trocken). Nein! Habe nie danach gefragt, geht uns auch nichts an.
(Man hört von rechts einen langgezogenen Glockenton, der nicht ganz nahe sein darf.)
Sam (fährt zusammen). Der Herr!
Judith (horchend). Nur einmal, das geht den Kammerdiener an.
(Ein zweiter Glockenzug.)
Judith. Nein, es gilt Euch -- rasch Sam!
Sam (eilt durch die Seitenthür rechts ab).
Zweiter Auftritt.
Judith allein.
Judith. Ehe er nicht dreimal klingelt, geht es mich nicht an, und er kommt wohl heute nicht mehr herüber! Aber wenn es ihm doch einfiele, wenn er die neue Erzieherin sehen wollte, und Jane ist noch nicht da! [Warum mußte ich auch den Postboten von Millcote heute versäumen! Nun hat sich das wackre Mädchen erboten, meinen Brief an die Base selbst nach Hay-Lane zur Post zu tragen. Hätte ich es doch nicht angenommen!] Es ist schon stockfinster! (hin und her gehend). Wem konnte aber auch einfallen, daß der Lord grade heute, wie vom Himmel geschneit, ankommen würde! Und das arme Kind hat
einen Weg von zwei Stunden zu machen. Wenn ihr nur nichts zugestoßen ist!
Dritter Auftritt.
Die Vorige. Jane steckt den Kopf durch die Mittelthür. Sie trägt ein kornblumenblaues Tibetkleid bis zum Hals geschlossen, ein feines weißes Spitzenkrägelchen und gleiche Manschetten an der Handwurzel. Das Haar einfach gescheitelt. Auf dem Hinterkopf ein zierliches Kantenhäubchen mit weißem Band. Ihr Gesicht ist etwas mehr gerötet als im Vorspiel, aber nur leicht, ihre Haltung aufrechter, auch ist es nötig, daß die Darstellerin sich durch die Schuhe größer macht, als sie früher war. Ihre Miene spricht ernste Zufriedenheit, ohne Heiterkeit, aus.
Jane. Ei! Hier muß man Mistreß suchen?
Judith. Ah, da sind Sie! Gott sei Dank! Kommen Sie geschwind! Wo blieben Sie? Ich war so in Angst!
Jane (freundlich auf Judith zugehend). Ihr Brief ist bestens besorgt, Mistreß Harleigh. Ich ging nur nach meinem Zimmer, um Hut und Mantel abzulegen, [suchte Sie vergebens in dem Ihrigen und erfuhr von Lea, die mir auf dem Korridor eiligst vorüberlief, daß ich Sie hier fände.] (Mit großen Augen umhersehend.) Aber wie hell ist es hier, und wie warm, wie wohnlich! Gar Blumen auf dem Kamin? Was bedeuten denn diese großen Anstalten, Mistreß Harleigh?
Judith. Sie bedeuten, daß während Ihrer Abwesenheit ganz plötzlich unser Herr angekommen ist.
Jane (ohne Schrecken). Lord Rochester? In der That? Wußten Sie denn –
Judith. Niemand wußte, er treibt es immer so.
Jane (ruhig). Ach welch ein ereignisvoller Tag! Ich dachte schon, alle Abenteuer wären überstanden, und nun kommt erst die Hauptsache.
Judith (neugierig). Abenteuer? Wieso? Hatten Sie--?
Jane (lächelnd). Wohl hatte ich das seltsamste Abenteuer! Die Luft war diesen Nachmittag so frisch, der Schnee knisterte unter meinen Füßen, der lange Spaziergang that mir wohl, ich lief rasch und ward ein bißchen müde. Auf dem Hügel, eine halbe Stunde vor Hay-Lane, setzte ich mich auf die Steinbank, sah in die prächtige Winterlandschaft hinaus und dachte dabei: daß unser Herr doch sehr reich sein müßte, denn Sie sagten mir einmal: alles Land, was ich von dort übersehen könne, sei sein eigen! Plötzlich höre ich den Berg herauf Hufschlag, und zugleich beschnobbert ein ungeheurer Neufundländer meine Füße und glotzt mich mit feurigen Augen drohend an; ich erschrecke, springe rasch auf, und in demselben Augenblick sprengt ein Reiter an, dessen Pferd sich bei meinem Augenblick bäumt, überschlägt und seinen Herrn unter sich begräbt!
Judith. Großer Gott!
Jane. Ich höre einen wilden Schrei, dann einen derben Fluch, und als ich entsetzt herzu eile, ruft mich eine tiefe, klangvolle Stimme, wie eine Feuerglocke dröhnend, an: “Wenn Sie keine böse Fee sind und mein Pferd nicht fürchten, so reichen Sie mir die Hand, daß ich unter dem tollen Tier hervorkomme!” Ich fürchtete mich wohl ein wenig, obgleich nicht allzuviel, aber ich wollte mutig sein, und da ging es. Ich brachte ihn glücklich in die Höhe. Kaum war er auf, faßte er mit gewaltiger Hand den Zügel und rief: “Auf, Mesrour, auf!”
Judith (erschrocken). Mesrour nannte er das Tier?
Jane. Gewiß, und es verstand den Ruf, denn es machte eine kräftige Anstrengung und stand plötzlich, sich schauernd, auf den Füßen. Das erste, was der rohe Mensch that, war, dem schönen Pferde einen Streich zu versetzen, daß es hoch aufsprang. “Strafe muß sein,” sagte er kaltblütig, “warum hast du mich abgeworfen?”
Judith (zitternd). Nun -- und was geschah dann ?
Jane. Dann wollte er es besteigen, aber er hatte sich den Fuß verrenkt und schien zu leiden. Ich fragte: “Herr, kann ich nichts für Sie thun? Ich möchte Ihnen gern helfen. Er sah mich aus schwarzen Augen mit einem Blick an, scharf und tief genug, um mir ins Mark zu dringen, so seltsam, halb gut, halb verächtlich. Dann sagte er trocken: “So leihen Sie mir Ihre Schulter, schwankes Rohr, wenn Sie nicht unter meiner Last zu brechen fürchten!” Ich lächelte und hielt ihm die Schulter hin, mich recht fest auf die Füße stellend, und das war nötig, denn er legte eine Hand schwer wie Blei auf meine Achsel, stützte sich darauf und mit einem Ruck war er im Sattel. Ohne zu danken, fuhr er dahin wie der Sturmwind über die Haide; der Hund in tollen Sätzen vor ihm her! (humoristisch). War das nicht ein frisches echtes Winterabenteuer?
Judith. Armes Kind! Wissen Sie, wer der Reiter war? Lord Rochester -- kein anderer!
Jane (erschrocken). Unser Herr! Zu Pferde?
Judith. Ja, sehen Sie, das ist so eine seiner Sonderlingslaunen! Stets läßt er den Reisewagen in irgend einer Stadt zurück, hierher kommt er nie anders als zu Pferde, und wir wissen nie, wann noch woher. Heute, scheint's, ist ihm der Ritt schlecht bekommen.
Jane (in trübem Sinnen). O weh! Das ist eine böse Empfehlung!
Judith. Nun verstehe ich erst, warum er sich sogleich auf sein Zimmer zurückzog; gewiß hat er Schmerzen, und er liebt es nicht, daß man ihn leidend sieht, es ist so eine seiner Eigenheiten!
Jane (aufmerksam). Eigenheiten? Sie sagten mir doch, als ich Sie frug, wie ich ihn zu behandeln hätte, er habe keine?
Judith (verlegen). Ja, das heißt -- ich meinte -- er sei gut zu behandeln, wenn man ihn sich selbst überließe, aber er hat denn auch so seine besondere Art, wie jeder Mensch.
Jane (sinnend). Höflich ist der Lord jedenfalls nicht, davon zeugt schon diese kleine Probe.
Judith (mit Überwindung, ihr ganz nahe tretend) Kind, ich habe Ihnen nie darüber gesprochen, ich liebe das Schwatzen nicht. Aber jetzt -- da es nötig, muß ich reden, denn ich habe Sie zu lieb, um nicht herzlich zu wünschen, daß Sie dem Herrn guten Eindruck machen! Lord Rochester ist der jüngere Sohn des Hauses und war arm, indes sein Bruder Herr des großen Erbes werden sollte. Sie hatten sich ziemlich vertragen, bis ein geheimnisvoller Vorgang zwischen den sie in Zwiespalt stürzte. Was vorgegangen, weiß ich nicht, denn ich lebte damals noch auf einem alten Jagdschloß der Familie, ich weiß nur, daß der alte Lord sich gezwungen, um die Brüder für immer zu trennen, unseren jetzigen Herrn nach Westindien zu schicken; dort lebte er fast vergessen, vor einigen Jahren, wo sein Bruder plötzlich starb, und ihm die Erbschaft zufiel. Da er nun sein halbes Leben in der Fremde zubrachte, und Spanisch Town in Jamaika bekanntlich eben keine Hochschule für feine Lebensart genannt werden kann, so ist der Herr etwas -- kurz angebunden und --- ungeniert geworden, das ist alles. Im übrigen ist Lord Rochester ein echter Gentleman an Herz und Gesinnung, und seit er hier Herr ist, ein Vater der Armen und Bedrängten in der ganzen Grafschaft! (Geheimnisvoll sich umsehend.) Nur eines wollte ich Ihnen noch raten, Kind! Sie erzählten mir neulich, daß Sie ein seltsames Lachen im Schloß gehört ---
Jane (zusammenzuckend). Ja, ein seltsames --- ein grausiges gespenstiges Lachen, Mistreß, das durch die Stille der Nacht aus dem dritten Stock des Turmes herab bis in mein Zimmer drang und mir das Blut starren machte!
Judith. Nun, Sie wissen jetzt, daß es von der armen Gratia Poole kam, dieser treuen Dienerin, die oft solchen Anfällen unterworfen ist.
Jane (sie fest ansehend). Ja, das sagten Sie mir; auch daß ihr befohlen ist, ihr Zimmer im dritten Stock des Abends nie zu verlassen, und doch begegnete ich ihr soeben auf der Treppe, und als ich die Galerie heraufging, hörte ich dieses entsetzliche Lachen wieder!
Judith (erschrocken). Wie? (Sich fassend). Ah, richtig --- Gratia Poole war ja drüben bei ihm.
Jane (sehr aufmerksam). Bei ihm, bei dem Lord?
Judith (verwirrt). Ich weiß nicht -- ich glaube. Aber – nehmen Sie sich in acht, Kind, sprechen Sie vor dem Herrn nie von diesem Vorfall und beachten Sie Gratia Poole gar nicht – (gutmütig) es ist zu Ihrem Besten, was ich Ihnen rate.
Jane. Ich danke Ihnen, Mistreß Harleigh, ich werde gehen.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Gratia kommt aus der Seitenthür rechts. Eine ältliche Frau; sie trägt ein dunkles Wollenkleid, darüber eine weiße Schürze, ein zierliches aber einfaches weißes Tüchelchen über dem Kleide. Das Haar schlicht gescheitelt, darauf eine einfache weiße Mütze, die das Gesicht umschließt. Ihre Miene ist ernst und einfach, ihre Haltung fest und gerade ihr Ton männlich, sie macht keine Bewegungen.
Jane (leise zu Judith). Da ist das Weib!
Gratia. Mistreß Harleigh, der Herr wird hier den Thee nehmen.
Judith (froh). Gottlob! Wer ist jetzt bei ihm?
Gratia. Adele und der Doktor [Speenley], den Lea gerufen, er hatte einen Unfall.
Judith (mit einem bedeutsamen Blick auf Jane). Mein Himmel, ist das so schlimm?
Gratia (trocken). Weiß nicht, er klagt ja nie. Haben Sie alles in Bereitschaft gesetzt für die Nacht?
Judith. Steht alles unten.
Gratia. Der Herr will die neue Erzieherin beim Thee sehen. (Sie geht).
Judith. Gut! -- Gratia!
Gratia (bleibt stehen). Was?
Judith (mit Bedeutung). Zu viel Lärm, zu viel Lärm! Haltet mehr Ruhe, Gratia!
Gratia (kalt). Ich werde Ruhe halten. (Ab durch die Mitte.)
Fünfter Auftritt.
Jane. Judith.
Jane (die Gratia nicht aus den Augen ließ, für sich). Seltsam!
Judith (geschäftig). Es ist ein gutes Zeichen, daß er herüberkommt -- das Übel muß nicht so schlimm sein! Horch, ist das nicht Adelens Stimme?
Jane. Mein Gott, hat sie denn die Bonne noch nicht zu Bette gebracht?
Judith. O, wenn der Lord hier ist, bringt sie kein Mensch zum Schlafen! (Erschrocken). Ha! Ich glaube, das ist sein schwerer Gang -- er kommt jetzt schon? (Sie geht nach der Thür rechts, horcht, geht dann zu dem Theetisch und entzündet die Flamme unter der Maschine.)
Jane (für sich). Mein Herz klopft! Ich habe ihm Unglück gebracht bei dem ersten Blick; er müßte ein seltener Charakter sein, um mich ohne Vorurteil wiederzusehen! (Sie zieht nach dem Hintergrunde zurück.)
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Adele, ein Kind von höchstens acht Jahren, graziös aber einfach gekleidet, lebhaft, fröhlich, ganz Französin, kommt von rechts mit Rowland, einem Mann von vierzig Jahren; sein Gesicht kräftig, seine Stirn: ernst, fast finster, starkes, dunkles Haar, ein schwarzer leicht gekräuselter Bart. Er trägt einen dunklen modernen Sammetpelz, mit Zobel verziert, darunter einfache moderne Kleidung, auf dem Kopf eine rote moderne Sammetmütze mit Gold. Seine Art zu sprechen kurz, tief,
herrisch; sein Ausdruck hat zuweilen etwas Wildes, was aber rasch vorübergeht. Als er eintritt, ist sein Kopf etwas gesenkt, er sieht weder Jane noch Judith an. Hinter ihm
Sam.
Adele. Ah, siehst du, mein Freund, das ist meine gute Miß Jane. (Sie will auf Jane zu).
Rowland (gebieterisch zu Adele). Schon gut, Adele, sei ruhig! (Er geht etwas hinkend über die Bühne nach der Chaiselongue.) Sam!
Sam (rasch). Zu Befehl, Mylord!
Rowland (auf die Chaiselongue zeigend). Rückt mir das näher zum Feuer. In diesem alten Dohlennest schützt nicht Pelz noch Flamme vor Frost! (Er beißt sich auf die Lippen und fährt unwillkürlich nach dem Knie.) Hölle! -- Sam, Eueren Arm!
Sam (springt hinzu). Mylord!
Rowland (sich auf ihn stüzend, geht bis zur Chaiselongue und läßt sich mühsam nieder). Es ist gut! Rückt mir den Tisch her!
Sam (rückt ihm rasch das Marmortischchen zu Häupten der Chaiselongue).
Rowland (stützt den Arm auf das Tischchen und legt den Kopf auf die Hand). Gut! Geh!
Sam (im Vorbeigehen leise zu Judith, spöttisch). Nun kommt Ihr Kleinod an die Reihe. Wünsche Glück! (Ab durch die Mitte.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen ohne Sam.
Rowland (sitzt in Gedanken).
Adele (vor ihm auf den Knien kauernd, streichelt seine herabhängende Hand). Bist du böse, Rowland?
Rowland (kurz). Nein!
Adele (schmeichelnd). Hast du mir auch etwas mitgebracht?
Rowland (kurz). Wollen sehen, ob du es verdienst.
Adele (aufspringend, klatscht in die Hände). O, ich habe viel verdient, gewiß! (zu
Jane laufend.) Nicht wahr, Miß?
Jane (legt ihr die Hand auf den Mund und neigt sich leise flüsternd zu ihr herab).
Rowland (wirft einen halben Blick auf Jane, als erwarte er eine Antwort. Nach einer kleinen Pause, da Jane sich nicht rührt, wendet er den Kopf zu Judith, trocken). Guten Abend, Base Judith!
Judith (ebenso trocken). Gott grüße Sie, Lord Rochester! (Sich etwas nähernd). Sie haben einen Unfall gehabt?
Rowland. Wie immer, wenn ich diesen Mauern zu nahe komme.
Judith. Wie kam's?
Rowland. Eine verwünschte häßliche Hexe hat mir Mesrour scheu gemacht.
Jane (für sich, humoristisch). O weh, wie aufrichtig!
Judith (sehr ängstlich und verlegen). Das that sie gewiß nicht mit Willen.
Rowland. Gleichviel! (Er bewegt sich, den Schmerz verbeißend). Die Wirkung ist dieselbe. (Abwehrend.) Thee!
Adele (springt hinzu). Mir, mir! Ich darf ihm die Tasse bringen! (Sie hüpft um Judith her.)
Judith. Nichts da, du wirst sie wieder verschütten, ich kenne deine Sprünge schon. Miß Eyre, bitte! (Sie zeigt auf Rowland und giebt ihr die Tasse, ihr etwas zuflüsternd; später giebt sie Adele Thee.)
Adele (setzt sich auf einen der Stühle im Hintergrund und trinkt).
Rowland (für sich). Zudringlich scheint diese neue Gouvernante nicht. Entweder ist sie sehr schüchtern oder sehr klug.
Jane (setzt die Tasse auf einen silbernen Präsentierteller und kommt bescheiden, aber ohne alle Verlegenheit nach dem Vordergrund, sie ihm anbietend).
Rowland (kurz). Auf den Tisch!
Jane (stellt die Tasse auf das Tischchen).
Rowland (sie anschauend). Ei! Alle Wetter! Guten Abend, böse Fee!
Jane (verbeugt sich).
Rowland. Sie haben doch nicht meinen Thee verzaubert, wie diesen Nachmittag mein Pferd?
Jane (ihn ruhig ansehend, bescheiden). Ich fürchte, Herr, die Schuld lag mehr an Mesrour, welchen mein häßlicher Anblick erschreckte, als an einer Zauberkraft, von deren Vorhandensein ich wenigstens bis jetzt keine Beweise hatte.
Rowland (sieht sie sehr frappiert an). So? Hm! Nehmen Sie einen Stuhl.
Jane (geht zu dem Lehnstuhl rechts).
Rowland (für sich) Kurz angebunden! Die “häßliche Hexe” hat sie verdrossen. (verächtlich.) Sie ist eitel, wie alle! (Laut.) Rücken Sie den Stuhl zu mir.
Jane (bringt ruhig den Stuhl und setzt ihn zu den Füßen der Chaiselongue, sodaß sie ihm fast gegenüber sitzt).
Rowland (für sich.) Furchtsam ist sie wenigstens nicht. (Laut.) Sind die neue Erzieherin ?
Jane. Ja, Herr!
Judith (die in ängstlicher Spannung von ferne stand, kommt rasch vor.) Zu dienen, Lord Rochester. Sie ist es, für deren Gewinn ich täglich Gott danke!
Rowland (kurz.) Hat die junge Person Thee erhalten?
Jane. Ich danke, Herr!
Rowland (wie oben zu Judith). So nehmen Sie Ihren Thee, Muhme, setzen Sie sich dann dort (er zeigt auf den Stuhl rechts, der auf der anderen Seite des Tisches steht) zu uns, und bleiben Sie ruhig.
Judith (nimmt, ohne den geringsten Arger zu zeigen, ihren Thee mit, zieht ihr Strickzeug hervor und setzt sich, wo er befahl, zuweilen trinkend, immer aber auf das Gespräch lauschend).
Adele (vorkommend). Aber süßer Rowland, was hast du mir denn nun mitgebracht? Sag doch!
Rowland (trocken zu Jane). Hat sie etwas verdient?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. So geh zu meinem Kammerdiener und laß dir das Kistchen geben!
Adele (jubelnd). Ah -- Dank, tausend Dank! (Sich besinnend.) Du hast doch für Miß Eyre auch ein Geschenk mitgebracht?
Rowland (wirft einen mißtrauischen Blick auf Jane). Weiß nicht.
Adele. So will ich ihr von dem meinen etwas geben, nicht wahr, ich darf? (Sie läuft durch die Seitenthür rechts ab.)
Achter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Rowland (mit scharfem Blick auf Jane, wie oben). Haben Sie ein Geschenk erwartet, lieben Sie Geschenke, Miß?
Jane (immer vollständig ruhig, ohne Furcht, wie [sic] ohne Unbescheidenheit) Ich weiß es nicht, Herr! Ich habe nie Geschenke erhalten, noch erwartet.
Rowland. Sie sind nicht so ehrlich wie Adele! Sie fordert ihre Geschenke mit Ungestüm und verhehlt ihre Freude darüber nicht. Sie aber, Miß, halten hinter dem Berge.
Jane. Adele macht den Anspruch alter Bekanntschaft und das Recht der Gewohnheit geltend; sie erzählte mir, daß Sie nie ankommen, ohne sie reich zu beschenken. Wenn ich aber einen Grund ausfindig machen sollte, der mich berechtigte, ein Geschenk von Ihnen zu erwarten, so würde ich sehr in Verlegenheit kommen, denn ich bin Ihnen gänzlich fremd und habe noch nichts gethan, das solche Ansprüche rechtfertigte.
Rowland (finster). Kokettieren Sie nicht mit übergroßer Bescheidenheit. Ich habe Adele in diesen wenigen Stunden geprüft und staune über die Fortschritte, die sie gemacht. Sie hat in dieser kurzen Zeit mehr englisch gelernt, als bis jetzt in zwei Jahren!
Jane (heiter, neigt das Haupt leicht). Dank, Herr! Ich habe mein Geschenk.
Rowland (sieht sie nicht ohne Wohlgefallen an, nimmt seine Tasse und trinkt). Hm ! (immer aufmerksamer.) Wie heißen Sie?
Jane. Jane Eyre.
Rowland. Sie sind erst drei Monate in meinem Hause?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Und kommen --- woher?
Jane. Aus der Lowoodstiftung, zwanzig Meilen von Millcot.
Rowland (wie bedauernd.) Aus der Lowoodstiftung ? O! -- Wie lange waren Sie dort?
Jane. Acht Jahre!
Rowland. Acht Jahre? Dann müssen Sie eine Konstitution von Eisen haben, Miß, denn so viel ich weiß, werden die Zöglinge in dieser milden Stiftung halb ausgehungert und von dem heuchlerischen Blackhorst mit schonungsloser Strenge zum Lernen und Beten getrieben. Darum kamen Sie mir heute auf dem Berge vor, als stammten Sie aus einer anderen Welt; wußte ich doch gar nicht, wo ich diese Art von Gesicht hinthun sollte! Aber was machten Sie denn so lange in Lowood?
Jane. Vier Jahre war ich Zögling, und als ich nichts mehr bekam, meine Pension zu bezahlen, ward ich für die übrige Zeit Lehrerin dort, mit fünf Pfund jährlichem Gehalt.
Rowland (halb mitleidig, halb spöttisch). Fünf Pfund! Hm! Da haben Sie freilich keine Reichtümer gesammelt. Wie kamen Sie denn aber in mein Haus?
Jane. Ich las in der Zeitung, daß zu Thornfield – Hall eine Gouvernantenstelle zu vergeben sei; die Bedingungen waren sehr glänzend. Ich fühlte, daß ich einen besseren Wirkungskreis verdiente und auszufüllen fähig bin, sandte meine Zeugnisse an Mistreß Harleigh, sie ließ mich augenblicklich kommen, und--
Judith (stolz). Und das war das Klügste, was ich in meinem Leben gethan.
Rowland (mit einem seltsamen Blick auf Jane, fast unwillkürlich). Wer weiß!
Judith (hoch aufhorchend). Wie?
Rowland (winkt abbrechend mit der Hand). Gut, gut. —Bleibt ruhig, Base Judith! (Zu Jane.) Da man Sie in Lowood erzog, sind Sie eine Waise?
Jane (ernst, ohne alle Sentimentalität.) Ich habe meine Eltern nie gekannt.
Rowland. Nun, Sie werden doch eine Familie haben, Schwestern, Brüder --
Jane (wie oben). Ich habe nie welche gehabt.
Rowland (ungeduldig.) Aber doch Verwandte: Onkel, Tante --
Jane (schmerzlich berührt). Ich hatte --- einen guten Onkel: er ist tot. Ich habe niemand.
Rowland. Niemand? Gar niemand?
Jane (ruhig). Man sagte mir einst von einem Bruder meines Vaters, der nach Amerika ging -- ich habe nie wieder von ihm gehört! ich bin allein in der Welt.
Rowland (mit einem sarkastischen Lächeln). Aber nicht hilflos, wie mich dünkt.
Jane (sieht ihn verwundert an). Herr!
Rowland (lächelnd, deutet auf die Stirn). Sie haben hier einige tapfere Hilfstruppen. Nun, Miß – (ärgerlich) wie heißen Sie?
Jane (trocken). Eyre; Jane Eyre, Herr!
Rowland (sie mit einem scharfen Blick streifend). Richtig—Miß Eyre! Was haben Sie denn in Lowood alles gelernt? Spielen Sie Klavier?
Jane. Ein wenig.
Rowland. Ich kann es denken. “Ein wenig” – gleich jedem anderen Schulmädchen, das will nicht viel sagen.
Jane (ohne Verdruß zu zeigen). Sie mögen wohl recht haben,Herr!
Rowland (sie immer scharf beobachtend). Sind die Zeichnungen, die mir Adele vorhin zeigte, von Ihnen?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Haben Sie deren mehrere?
Jane. Hier nebenan, in der Bibliothek, wo ich heute arbeitete, liegt meine Mappe noch.
Rowland. Holen Sie dieselbe.
Jane (steht auf).
Rowland. Das heißt – (mit Überwindung) ich bitte Sie, dieselbe zu holen; Sie wissen, ich kann nicht gut von der Stelle.
Jane (geht).
Rowland (ihr nachrufend). Wenn die Mappe etwa nur Kopien enthält, so lassen Sie es lieber --
Jane (ruhig). Sie werden ja urteilen können, Herr, wenn Sie erst gesehen. Gut oder schlecht - jedenfalls finden Sie Originale, ich habe nie verstanden, wiederzugeben, was nicht in mir selbst seinen Ursprung hat. (Sie geht in die Seitenthür links.)
Neunter Auftritt.
Judith. Rowland.
Rowland (sieht Jane nach). Hm! Stolze Hexe! Nun bringt sie gewiß Stümpereien an.
Judith (mit schlecht verhehltem Ärger). Das glaube ich nicht, Mylord; wenn Jane Eyre sagt: das kann ich, so dürfen Sie sicher sein, daß sie es kann.
Rowland. Ei, Muhme, Ihr habt wohl dieses Persönchen so verzogen, daß sie bei anscheinend äußerer Bescheidenheit sich mir gegenüberstellt mit einer Stirn von Eisen; dergleichen von Kreatur ist mir nie zuvor begegnet!
Judith. Wird Ihnen auch nicht wieder begegnen, Mylord, wenn Sie die aus dem Schloß treiben.
Rowland (trocken). Sie ist noch nicht draußen, Mistreß! Der Sprung von fünf Pfund Jahrgeld in Lowood auf dreißig Pfund in Thornfield ist ihr zu gut bekommen, als daß sie den Fuß so schnell zurückziehen sollte.
Judith. Nehmen Sie sich in acht! Wer es acht Jahre in Lowood aushielt, hat Charakter, und mit Charakteren ist nicht gut experimentieren!
Rowland (zuckt verächtlich lächelnd die Achseln).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Jane mit einer großen ledernen Mappe.
Jane (legt die Mappe vor Rowland nieder und öffnet sie).
Rowland. Setzen Sie sich.
Jane (setzt sich).
Rowland (durchblättert die Mappe). Das sind Aquarelle. Sie malen?
Jane. Ja, Herr. Mit dem Crayon vermochte ich stets nur dem Gedanken Ausdruck zu geben -- um Gefühle zu gestalten, bedurfte ich der Farben.
Rowland (der sein Staunen nicht verbergen kann, in die Blätter sehend). Welch seltsame Ideen! Hier -- nichts als wogendes Meer, vom Sturm gepeitscht -- ein weißer Arm umklammert den zerschellten Mastbaum, der auf den Wellen treibt, auf diesem sitzt ein Rabe, der ein glänzendes Armband im Schnabel hält -- er hat es diesem erstarrten Arm geraubt! Nichts Lebendes über dem Wassergrab als dieser höllische Vogel -- und doch alles Leben! Wer gab Ihnen die Idee zu diesem Bilde?
Jane. Mein Kopf.
Rowland (sieht sie groß an). Dieser kleine Kopf da, der zwischen Ihren Schultern sitzt?
Jane. Ja, Herr!
Rowland (humoristisch). Enthält er noch mehr Stoff solcher Art?
Jane. Ich hoffe noch besseren.
Rowland (ergreift ein neues Blatt, stützt den Kopf auf den Arm und beugt sich über den Tisch, es mit Staunen betrachtend; wie zufällig faßt er sein Käppchen an, wirft einen halben Blick auf Jane und zieht es langsam ab, es neben sich legend.
Judith (für sich). Sie hat gewonnen -- er nimmt die Mütze ab!
Rowland (erhebt den Kopf, schüttelt die Haare aus der Stirne und wendet sich rasch zu ihr). Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder schufen, Miß Eyre? Es sind ernste finstere Phantasien.
Jane. Ich versenkte mich dabei in meine Gedankenwelt und war glücklich, so lang ich malte, obgleich nicht der Kontrast zwischen meiner Idee und dem Werk meiner Hand sehr quälte; ich fühlte peinlich den Mangel an Fähigkeit, das zu erreichen, was ich erreichen wollte!
Rowland (in das Bild sehend). Sie haben sich doch wenigstens den Schatten Ihres Gedankens gesichert, wenn auch Ihre künstlerische Ausbildung nicht an seine Größe reichte. Jedenfalls sind diese Phantasiegebilde einer Schülerin aus Lowood merkwürdig genug! Sie sind voll Poesie! Diese Augen des Abendsterns, den Sie hier verkörpern, müssen Sie irgendwo im Traum gesehen haben -- welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe! (Er faßt schnell das andere Blatt, immer leidenschaftlicher werdend.) Wer lehrte Sie den Wind malen? Welcher Sturm fegt da über die Heide? Wo sahen Sie Latmos, denn das ist Latmos-- was kocht in Ihnen, daß Ihr Gehirn solche Blasen wirft? (Er hält plötzlich inne, wie über sich selbst erschreckend, sein Ton ändert sich augenblicklich, er schiebt die Blätter von sich. Dieses tolle Zeug wird mich um den Schlaf bringen, oder sich in meine Träume drängen. Es muß spät sein. (Er nimmt während des folgenden die Mappe wieder auf).
Judith. Elf Uhr vorüber, Mylord!
Rowland (aufspringend, verdrießlich). Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, daß Sie Adele noch nicht zu Bett bringen ließen? Wollen Sie eine neue Ordnuung in diesem alten Schlosse einführen ? (Er geht, bleibt stehen und beißt sich vor Schmerz in die Lippen.) Hölle! dieses verwünschte Bein! (Halb lächelnd, halb zornig.) Es wird mich noch einige Tage an Ihren abscheulichen Kastorhut erinnern, Miß Eyre! Gute Nacht! (Er geht mit sichtlicher Anstrengung, die Mappe unter dem Arm, in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (ist aufgestanden, als er sich erhob, beobachtete ihn ernst und ruhig und sieht ihm jetzt ebenso nach).
Elfter Auftritt.
Judith. Jane.
Judith (sehr bekümmert). Was ihm nur einfiel! Da ist Ihnen wieder alles bei ihm verdorben.
Jane (wie unwlllkürlich, in Gedanken). Ich denke nicht.
Judith (sie nicht begreifend). Wie meinen Sie?
Jane (wieder zu sich kommend). Sie sagten, Lord Rochester habe keine Eigenheiten und sei leicht zu behandeln? Ich denke, er ist aus Eigenheiten zusammengesetzt ---- und sehr schwer mit ihm fertig zu werden. Aber--
[Judith. Aber -- Sie waren doch gar nicht furchtsam?
Jane (wieder in Gedanken). Ich weiß es selbst nicht – er kam mir vor wie ein Löwe; man ist verloren, wenn man diesem Tier nicht furchtlos ins Auge blickt. Das gab mir Mut.
Judith. Sie vergleichen den Herrn mit einem Raubtier? O weh! Ich fürchtete wohl, daß er Ihnen nicht gefallen würde!
Jane (heiter). Wer sagt Ihnen das? Gerade so wie er ist, gefällt er mir, und] ich meine: wenn er sich nur erst an die “häßliche Hexe” und den “abscheulichen Kastorhut” gewöhnt hat, werde ich es wohl zustande bringen, in Frieden mit ihm auszukommen! Lassen Sie uns getrost zu Bett gehen – ich werde sehr gut schlafen diese Nacht, wir sind ja jetzt nicht sehr einsam in diesem weiten Schloß, wir haben einen strengen aber sicheren Schutz, nicht wahr? Wir haben nun einen Mann im Hause!
Beide durch die Mitte ab.
Der Vorhang fällt.
Zweiter Aufzug.
Dieselbe Dekoration wie im vorigen Aufzug
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (steht am Fenster rechts und sieht gedankenvoll hinaus). Wie der Frühling mit Macht das Haupt erhebt, [wie schon von allen Seiten grüne Augen aus den Sträuchern sehen! Mir ist, als ginge die Zeit wie in einem Traume an mir vorüber.] Da draußen alles Leben, alles Erwachen aus dem Wintertraum – (sie geht vom Fenster) und in dem finsteren Schloß hier alles Stille und kalte Ruhe. Eines Morgens stand ich auf, und es hieß: “Der Herr ist fortgeritten.” Das sind wohl zwölf Tage her -- und er kommt nicht wieder. (kopfschüttelnd). Sonderbarer Mann! Wochen sind seit jenem Abend verstrichen, wo es schien, als mißfalle ihm meine Art nicht, und hat mir sein Stolz seitdem ein freundliches Wort gegönnt? Es ist, [als ärgere er sich jetzt über die kurze Beachtung, deren er das “kleine Schulmädchen” gewürdigt, und doch scheint es mir oft -- gerade, wenn er thut, als bemerke er mich gar nicht --] als laure er darauf, daß ich ihn anreden solle! O, ich werde mich wohl hüten, ihm mit einem halben Wort nur in die Quere zu kommen, damit er mich rauh anlassen könnte. (Sie geht ein paar Schritte.) Dennoch aber giebt er mir meine Bilder nicht heraus, die ich seitdem nicht wiedersah -- und nicht von ihm zu fordern wage. Was hat er nur daran? (Sie steht wieder still. Ich möchte wohl wissen, wo er sich jetzt herumtreibt? (Pause.) Hm! Was geht es mich an! Dieser wunderbare Charakter beschäftigt mich fortwährend, wie ein Rätsel, das ich lösen möchte - und-- nicht lösen darf! Seltsam, es ist, als ob seine Gegenwart eisern auf seiner Umgebung laste, und doch-- ich fürchte ihn nicht, und mir ist als wären wir jetzt erst einsam hier, seitdem er nicht mehr in diesem Saale grollt und schweigt.
Judith (noch nicht sichtbar). Schnell, Lea, alle Kamine geheizt, die Fremdenzimmer gelüftet!
Jane (aufhorchend). Die Fremdenzimmer gelüftet? Ei! Was bedeutet das? Sie kommt. Auf der Hut, Jane; nur keine Neugier, das ziemt dir nicht.
Zweiter Auftritt.
Jane. Judith und Patrik durch die Mitte.
Judith (im Eintreten sehr eilig und geschäftig). Sam! Sam! Wo steckt Ihr? (zu Patrik.) In einer Stunde, sagt Ihr, Patrik?
Patrik (in Reitkleidern). Länger wird es wohl nicht dauern, wollen wir wetten? Der Lord wenigstens folgt mir auf der Ferse, die anderen fahren.
Judith (eilig). Aber es ist doch auch gar zu toll, daß man so was nicht früher erfährt!
Patrik. Ist ihnen auch diesen Morgen erst eingefallen.
Judith (Jane erblickend). Ah-- Miß Jane, gut, daß Sie da sind! Kleiden Sie sich geschwinde, machen Sie sich hübsch; rasch, rasch, auf Ihr Zimmer, ich habe Ihnen das Paket hinaufgeschickt. Ja, ja! Nicht gestaunt und nicht gewundert, vorwärts, kein Augenblick ist zu verlieren, Kind! Sie hören ja, daß sie in einer Stunde eintreffen!
Jane. Wer denn? Für wen soll ich mich hübsch machen?
Judith (reicht ihr einen offenen Brief). Da steht's, lesen Sie geschwind; ich muß den Sam haben, das alte Murmeltier. He, Sam, seid Ihr denn taub geworden? (Sie eilt in die Seitenthür links ab.)
Dritter Auftritt.
Jane. Patrik.
Jane (sieht ihr verwundert nach, öffnet den Brief und liest). Eine Stunde nach diesem Briefe treffe ich mit Gästen ein. Mistreß Harleigh wird die Fremdenzimmer instandsetzen, auch für Damen. Beifolgendes Seidenkleid für die Gouvernante, sie wird der Gesellschaft den Thee bereiten, und ich will sie anständig vor meinen Gästen sehen. Rochester.” (für sich, mit humoristischer Empfindlichkeit.) Sieh einmal, “die Gouvernante !” Meinen Namen kann er nicht merken! (Zu Patrik) Also Damenbesuch bekommen wir?
Patrik (verschmitzt). Jawohl, Miß, und schönen—das heißt, die Junge; die Alte --- na, das ist Geschmacksache, wenn sie nicht eine Lady wäre, mir gefiele sie nicht, wollen wir wetten?
Jane (lächelnd). Aber die Junge, die gefällt Euch wohl sehr, Patrik.
Patrik. O, die gefällt noch ganz anderen Leuten als unsereinem! Wetten wir?
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Judith kommt von links zurück.
Judith. So. Das ist abgemacht! Nun, Kind, ist unser Herr nicht ein Engel? Sie sollen sehen, wie reizend Ihnen das rosenrote Seidenkleid lassen wird.
Jane (ruhig). Ich werde es nicht tragen, Mistreß.
Judith. Was, nicht tragen? Der Lord hat es eigens aus London kommen lassen, nicht wahr, Patrik
Patrik. Das will ich meinen! Es ist nach dem Maß von Lady Clarens Kammerjungfer gemacht, die hat fast Ihren Wuchs, wollen wir wetten?
Jane. Wirklich! Und wer ist Lady Clarens?
Patrik. Ei, eine schöne, stolze, junge Witwe, deren Man ihr einen großen Namen, aber eine kleine Besitzung, sechs Meilen von hier, hinterließ.
Jane (trocken). Da giebt es wohl eine Heirat?
Judith (lebhaft). Ei behüte! Ja, wenn es von der Lady abhinge, die hatte schon vor drei Jahren, als der Lord aus Frankreich kam, ein Auge auf ihn geworfen, aber das hilft ihr nichts, er bemerkt so etwas nicht.
Patrik (wie oben). Na, na, diesmal hat er doch die Augen weit aufgemacht, Mistreß! Wetten wir?
Judith. Patrik, schwatzt nicht in den Tag hinein! Ich sage, das hilft der schönen Lady nichts.
Patrik. Und ich sage --- mit Verlaub, Mistreß, das hat schon geholfen! Da hat doch nun der Lord die üblichen Besuche in der Gegend gemacht und blieb überall nur einen Tag --- drüben aber auf Clarens-House haben sie ein solches Wesens mit ihm gemacht, haben ihn seit acht Tagen nicht fortgelassen --- und gesungen haben sie miteinander, der Lord und die schöne Lady, wie die Lerchen; und nun kommt er gar mit Mutter, Tochter und der ganzen Sippschaft hier angeschleppt. Es sind noch viel mehr Gäste geladen, und wenn das nicht was ganz Besonderes bedeutet, so ----
Judith (kopfschüttelnd). Ich kann es nicht glauben!
Patrik. [Warum nicht? Wegen seiner vierzig Jahre etwa? Ja, da fangen wir Männer erst recht toll an, und verfängt sich da einer in ein Paar hübsche Augen, so läßt er nicht mehr los!] Ich kenne den Lord erst seit ein paar Jahren, aber ich sage Ihnen doch: das giebt eine Hochzeit! Wetten wir? (Er streckt die Hand aus.)
Judith. Ach, laßt mich zufrieden! Geht lieber hinunter und macht Platz für die fremden Pferde.
Patrik (im Gehen). Werden bald nicht mehr fremd sein in unserem Stall. Wollen wir wetten? (ab durch die Mitte.
Judith (unruhig). Der Starrkopf, solches Zeug zu behaupten! Und es ist nicht wahr, es kann nicht sein! (Sie geht in ernsten Gedanken durch die Mitte ab.)
Fünfter Auftritt.
Jane allein.
Jane. Wenn er nun aber doch heiratete? Und—warum sollte er nicht? (Sie schüttelt sinnend den Kopf.) Hm! Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Lord nicht als Bräutigam denken kann. (lächelnd.) Es kommt mir vor, als müßte er alles, was sich ihm unbedingt zu eigen giebt, verschlingen, aus Liebe oder Haß, wie er gerade bei Laune ist! (zusammenfahrend.) Horch! Das ist er. Ich kenne diesen gebieterischen Tritt von Eisen; (humoristisch) es ist immer, als ärgere ihn der Boden, den er beschreitet, weil er es wagt, ihm zu widerstehen.
Sechster Auftritt.
Die Vorige. Rowland kommt rasch durch die Mitte, in einem eleganten Reitkleid, den Hut auf dem Kopf, die Peitsche in der Hand.
Rowland (mit finsterer Miene rufend). Nun, zum Wetter, wo sind -- (Jane erblickend, sein Ton wird etwas milder.) Ei! Guten Abend, Miß Eyre!
Jane (sich verbeugend). Guten Abend, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland (wirft Hut und Peitsche auf den Tisch, halb ärgerlich, halb gutmütig). Laufen Sie schon wieder vor mir?
Jane (bleibt stehen). Ich laufe vor niemand.
Rowland. Nun gut, dann bleiben Sie; ich habe mit Ihnen reden, und es ist mir lieb, daß ich gerade Sie zuerst treffe, denn es fiel mir unterwegs manches ein --- was ich Ihnen längst hätte sagen müssen. Ich hatte in der letzten Woche zu viel Plackereien mit meinen Pächtern, ich hatte Sie wahrhaftig ganz vergessen. (Er wirft sich auf den Diwan und sieht sie groß an.) Sie haben Ihr neues Kleid nicht angelegt?
Jane. Nein, ich danke, Herr!
Rowland (auffahrend). Warum nicht?
Jane (immer sehr ruhig und bescheiden). Weil ich mich nicht über meine Stellung erheben und keine Farbe tragen will, die so schlecht zu meinem Außern paßt. Ich danke Ihnen nochmals, ich werde Mittel finden, “anständig” erscheinen zu können, ohne Ihre Güte mißbrauchen zu müssen.
Rowland (schroff). Sie haben meinen Brief an Mistreß Harleigh gelesen?
Jane. Sie gab ihn mir zu diesem Zweck.
Rowland. Sie sind empfindlich, daß mir Ihre einförmige Tracht nicht gefällt?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Sie sind es und wollen nicht begreifen, daß diesen finsteren Schloß, [in dieser schweren Luft] dem Auge helle, heitere Farben Wohlthat sind. Dann --- haben Sie zu viel Dünkel, um Geschenke nehmen zu wollen.
Jane (sieht ihn erstaunt an). Herr – ich --
Rowland (ohne sich unterbrechen zu lassen, bestimmt). Ich kenne Sie, wenn ich gleich nicht tausend Worte mit Ihnen gesprochen habe. Hinter Ihrer demütigen Einfachheit steckt eine gute Portion von Ansprüchen. [Sie haben Ihren eigenen Kopf!] Meine Art ist Ihnen wohl zu herrisch, zu befehlend? Das Leben in Indien und die Erbärmlichkeit der Menschen haben mich rauh gemacht, ich verletze Sie mit diesem geraden Wesen, nicht wahr?
Jane (sieht ihn groß an).
Rowland. Was sehen Sie mich jetzt so sonderbar an, was denken Sie?
Jane. Ich dachte eben, Mylord, ob es wohl viele Herren giebt, die sich die Mühe nehmen, bezahlte Untergebene zu fragen, ob sie sich durch ihre Art verletzt fühlen oder nicht!
Rowland (mit großen Augen). Meine bezahlte Untergebene nennen Sie sich? Ah so -- ja, ich vergaß, weshalb ich so scharf ritt, daß ich den Wagen eine Stunde Vorsprung abgewonnen. Es quälte mich schon seit meiner Abwesenheit, daß ich nicht sogleich, als ich Sie kennen lernte, offen gegen Sie war; aber - das kommt daher, daß Sie selbst versteckt sind. Sie beurteilen mich ohne Zweifel falsch, und ich will gerechtfertigt sein, ehe die anderen kommen. Ich bin heute zur Mitteilung aufgelegt, und das ist eine Stimmung, die mich so selten anwandelt – [als die Lust, zur Beichte zu gehen!] Darum hören Sie aufmerksam, wer weiß, wann es mir wieder einmal einfällt, mit Ihnen zu schwatzen.
Jane (ihren Sinnen nicht trauend). Aber Herr --
Rowland (bestimmt. Sie sind Adeles Gouvernante -- was dachten Sie über mein Verhältnis zu diesem Kinde?
Jane (frappiert, aber es schnell unterdrückend). Ich dachte nichts, Herr; ich spähe den Verhältnissen meiner Herrschaft nicht nach.
Rowland (sie scharf anschauend). Miß Eyre, Sie dachten darüber! Sie sprechen zu wenig, um nicht viel zu denken! Sie dachten, Adele sei mein Kind.
Jane (die Augen niederschlagend). Und wenn ich das gedacht hätte, wem sind Sie Rechenschaft darüber schuldig, Herr?
Rowland. Schuldig bin ich sie niemand -- außer Ihnen, die Sie sich in dies öde Schloß mit ihr einschließen müssen. Sie haben ein Recht zu fragen: “Wessen Kind erziehe ich?” Das ist nur billig. Adele ist eine Waise, und ich habe allen Grund zu glauben, daß sie die Frucht eines verbrecherischen Verhältnisses ist. Ich habe einem Verstorbenen gegenüber heilige Pflichten gegen sie zu erfüllen, habe sie deshalb von Paris hierher geholt und sorge für ihre Erziehung, wie ich es für recht halte -- und dennoch bin ich nicht ihr Vater.
Jane (mit einem unwillkürlichen Atemzug). Um so edler ist das, was Sie jetzt für sie thun.
Rowland (gleichgültig). Bah! Davon ist nicht die Rede! Sie wissen nun, Miß Eyre, daß es wahrscheinlich ein ungesetzliches Kind ist, dem Sie sich widmen. Ich glaube einem ehrenhaften Mädchen wie Sie diese Erklärung schon deshalb schuldig zu sein, weil ich in nächster Zeit vornehme Gäste hier sehen muß, die Sie kennen lernen werden. Sie verstehen es, zu erziehen, Sie haben viel gelernt, Sie können eines Tages [ehrenwerte Anerbietungen,] eine glänzendere Stellung bei legitimen Töchtern eines großen Hauses finden, dann darf Ihrem Glücke nichts im Wege stehen.
Jane (mit funkelnden Augen). Glauben Sie wirklich, Herr, daß mich eine solche Aussicht verlocken könnte, dieses unglückliche Kind zu verlassen, [das nichts mit der Schuld seiner Erzeuger gemein hat, das ich liebe?] Giebt es eine glänzendere Stellung, als die Mutter einer Waise zu sein? O Mylord, ich bin eine Waise, ich kenne diesen höchsten Fluch, der das schuldlose Haupt eines Kindes treffen kann: vater- und mutterlos zu sein! Ich (innig) danke Ihnen für diese edelmütige Offenheit! Ich werde Adele jetzt noch zärtlicher lieben, ich werde sie gut machen-- denn nur Mangel an Liebe macht das Herz eines Kindes böse, ich werde sie dreifach lieben, [da sie niemand liebt als ich,] und sie nicht verlassen – (Plötzlich stockend, sieht ihn zweifelnd an.) Sie müßten mich denn selbst fortschicken.
Rowland (hat sie mit Staunen betrachtet, mit einer Mischung von Achtung und Wärme). Sie sind ein wackeres Mädchen, Miß Eyre! Ich nehme Sie beim Wort. Sie versprechen, nicht zu gehen, bis ich Sie fortschicke. (Ihr die Hand hinhaltend.) Schlagen Sie ein!
Jane (mit einem frohen Lächeln einschlagend). Wie gern, Herr!
Rowland (sieht sie überrascht an). Ei sieh, da lächeln Sie ja -- ich wußte gar nicht, daß Sie das können!
Jane. Herr!
Rowland. Wissen Sie wohl, daß das wie ein Sonnenstrahl über Sie hinzieht? Sie müssen öfter so -- gut lächeln, Miß Eyre!
(Man hört entfernt Peitschengeknall und Wagengerassel.)
(Es wird dunkel.)
Rowland (auffahrend). Alle Wetter! Da sind sie schon! Es ist ja indes fast Nacht geworden, und ich habe die Kleider noch nicht einmal gewechselt. (Ärgerlich.) Das Schwatzen wollte auch gar kein Ende nehmen! (Barsch.) Sie werden die Gäste empfangen, Miß Eyre, und ein wenig hier zurückhalten, bis ich komme. (im Abgehen bleibt er stehen, freundlicher.) Das heißt: ich bitte Sie zu thun, was Ihnen so sehr zuwider ist, mit den Fremden zu plaudern, wollen Sie?
Jane. Gern, Herr!
Rowland (im Gehen). Aber dann -- die Menschen sehen nun einmal nur nach der Außenseite -- (mit Überwindung, halb bittend) dann ziehen Sie auch später das andere Kleid an -- nicht?
Jane (ohne Trotz, aber fest). Nein, Herr -- es muß so gut sein.
Rowland (zornig im Gehen). Nun so lassen Sie es—ich werde Sie nicht mit Gewalt hübsch machen! (Er geht rasch in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (sieht ihm sinnend nach). Seltsamer, wunderbarer, rechtschaffener Mann! (Sie steht mit gesenktem Haupt in Gedanken.)
Siebenter Auftritt.
Sam öffnet die Mittelthür, tritt mit zwei Armleuchtern mit brennenden Kerzen ein, die er auf die Tische im Vordergrund stellt. Die Bühne wird dadurch sofort erhellt. Judith kommt voran. Dann tritt Mistreß Reed, von Francis geführt, durch die Mitte ein. Sie trägt ein Reisekleid von grauem Damast. darüber ein schwarzes Pelzmäntelchen, einen kleinen grauen Hut mit schwarzem Spitzenschleier. Ihr Haar ist grau geworden, ihr Gesicht bleich und schmal, ihre Züge finsterer und schroffer als im Vorspiel; ihre Haltung ist aufrecht und ihr Gang fest. Georgine folgt in einem eleganten Reisekleide von dunklem Sammet, einem Sammethut mit Federn, eine kostbare Boa malerisch um Hals und Schultern geschlungen; eine hohe glänzende Gestalt; ihre Haltung stolz, fast übermütig, ihre Art decidiert aber graziös, und ihr Benehmen den Umgang mit der großen Welt verratend.
Judith. Wenn es gefällig ist, hier einzutreten: Ihre Zimmer sind noch nicht gehörig erwärmt.
Mistreß Reed (geht in den Vordergrund und läßt sich auf das Sofa links nieder). Dank, Sir!
Jane (hat sich, im Vordergrund stehend, nach den Eintretenden umgewendet: als sie Mistreß Reed erblickt, fährt sie wie vom Blitz berührt zusammen, je mehr diese nach dem Vordergrund kommt, je mehr tritt sie, Schritt für Schritt, zurück; ihre Glieder beben, sie preßt die Hand krampfhaft auf die Brust und starrt sie mit großen Augen wild, wie eine Erscheinung an, als Mistreß Reed sich setzt, und spricht für sich).
Mistreß Reed (Ihre Augen funkeln im schnellerwachten Haß, doch sammelt sie sich allmählich, tritt unbemerkt hinter den Tisch und von da in den Hintergrund.)
Georgine (sieht mit funkelnden Augen umher). Es ist sehr freundlich von Ihnen, Mistreß, (zu Judith) daß Sie die Pflichten Lord Rochesters übernehmen und seine Gäste empfangen. Seine Herrlichkeit ist wohl beschäftigt?
Jane (im Hintergrunde, für sich). Das ist Georgine! Also sie -- sie ist es!
Judith (die sich schon beim Eintritt sehr bestürzt nach Rowland umsah). Der Lord hat die Herrschaften wohl nicht so früh erwartet; indes wird er sogleich -- (Sie giebt Sam einen Wink.)
Sam (eilt rechts ab).
Francis (spöttisch). Wahrlich ist es die ungewöhnliche Sorgfalt, welche Lord Rochester heute ausnahmsweise seiner Toilette schuldig zu sein glaubt, die ihn zurückhält.
Georgine (mit einem verächtlichen Seitenblick auf Francis). Es wäre wohl das erste Mal in seinem Leben, daß Rochester sich der Tyrannin eines Londoner Dandys, der Mode, unterworfen hätte! Seinen Willen wird die Toilette nie beherrschen!
Francis (bitter). Meine schöne Base scheint die Charaktere ihrer Anbeter sorgsam zu studieren!
Georgine (scharf). Nicht alle, das lohnte wahrlich der Mühe nicht! Diesen einen nur -- weil Probleme lösen ein stolzes Vergnügen ist.
Francis (wendet sich gekränkt zu Mistreß Reed).
Jane (für sich). Ha, sie hat ihn erkannt!
Georgine (sich links in den Lehnshl werfend, hochfahrend). Mistreß Harleigh, bitte, haben Sie die Güte, dafür zu sorgen, daß wir uns bald in unsere Gemächer zurückziehen können. Wir sind sehr ermüdet.
Judith. Soll augenblicklich geschehen, und ich hoffe, daß es an nichts fehlen wird. (Sie geht rasch durch die Mitte ab.)
Achter Auftritt.
Mistreß Reed. Francis. Georgine. Jane.
Mistreß Reed (die anfangs ohne Teilnahme vor sich hinsah, wird nach und nach unruhlg, als empfinde sie einen peinlichen Eindruck; sie knüpft während des Dialogs den Hut auf, nimmt ihn endlich ganz ab und legt ihn neben sich; sie trägt ein schwarzes Spitzenhäubchen. Ihre Unruhe wächst, sie legt endlich die Hand auf die Brust, als wäre ihr Atem beengt, läßt das Mäntelchen hinter sich fallen und fährt mit der Hand über die Stirn). Es ist hier heiß und dumpf.
Georgine (wirft ihre Boa ab). Das ist es! Warum auch wickeltest du uns in Sammet und Pelz, Mama, die Frühlingsluft macht ja all diese Wintermaßregeln lächerlich!
Mistreß Reed (dumpf). Aber ich friere beständig.
Georgine (kurz). Das macht dein kaltes Blut, Mama. (Sie nimmt rasch den Hut ab und wirft ihn auf den Tisch neben sich, ihre Locken fallen lang und voll an den Wangen herab, sie schleudert sie unwillig aus dem Gesicht.) Es ist wirklich unerträglich heiß!
Francis (halblaut, sich zu ihr niederbeugend). Das ist Ihr Gewissen, Georgine, was Ihnen das Blut zu Kopfe jagt.
Georgine (verächtlich lächelnd). Mein Gewissen? Ha, ha, ha!
Francis. Dies Lachen wird Ihnen schwer! Sie waren mir gut, Sie gaben mir Hoffnung, ehe dieser Krösus zurückkehrte, um Sie zu verwandeln! Sie lieben ihn nicht!
Georgina. Man täuscht sich manchmal über sich selbst!
Francis (bitter). Besitze ich auch kein Thornfield-Hall, so habe genug für uns beide -- und einen unbefleckten Namen! Wissen Sie, wessen man diesen Rochester beschuldigt?
Georgine. Nein, ich will es auch nicht wissen, was die Alltäglichkeit dem Ungewöhnlichen andichtet.
Francis (wütend für sich). Ich aber will Gewißheit -- oder nicht das Leben haben!
Mistreß Reed (immer unruhiger). Mein Gott, wie wird mir?
Georgine (sieht sie überrascht an und steht auf, ziemlich kühl). Mama, was ist dir?
Mistreß Reed. Ich weiß es nicht. Seit ich dies Zimmer betrat, hat mich jene Beklommenheit, jene Angst wieder beschlichen, die mir jedes Unglück meines Lebens anzukündigen pflegt!
Georgine (wegwerfend). Gott bewahre!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich sage dir, Georgine, in diese Luft liegt etwas Unheimliches -- etwas Feindliches! Laß uns umkehren, hier lauert ein Unglück!
Georgine (verächtlich lächelnd). Aber Mama -- welch ein Aberglaube!
Mistreß Reed (mit der Hand an der Stirn.) Kein Aberglaube -- mir ist unwohl!
Georgine (zu Francis). Bitte, rufen sie Bessie, sie soll ein Flacon für Mama bringen.
Francis (wendet sich nach der Mittelthür und erblickt Jane_. Ah, da ist jemand.-- Wollten Sie vielleicht so gefällig sein Miß --
Jane (welche, mit sich selbst kämpfend, noch immer im Hintergrund stand, tritt jetzt näher; ihr Ton ist bescheiden, aber fest). Kann ich Ihnen dienen, Mylady, so gebieten Sie über mich. Lord Rochester hat mich beauftragt, Sie zu empfangen.
Georgine (stolz). Wirklich? Das ist sehr gütig von dem Lord! (Sie mit einem verächtlichen Blick messend. Und wer sind Sie, die einer solchen Ehre gewürdigt wird!
Jane (wie oben). Die Gouvernante im Hause Seiner Herrlichkeit.
Georgine (mit verächtlichem Erstaunen). Die Gouvernante?
Mistreß Reed (die bei den ersten Worten von Jane zusammenfuhr, horcht hoch auf, ohne den Mut zu haben, sich nach ihr umzuwenden; sie dreht sich jetzt mit Überwindung nach ihr und stößt einen dumpfen Schrei aus). Ach -- ich wußte es –
Francls (sieht sie sehr verwundert an).
Georgine (erstaunt). Was?
(Ganz im Vordergrund und so rasch wie möglich.)
Mistreß Reed (zwischen den Zähnen, dumpf). Daß Verhaßtes in meiner Nähe ist!
Georgine (leise). Aber so fasse dich doch, ich verstehe dich nicht!
Mistreß Reed (faßt mit einer krampfhaften Bewegung ihre Hand und zieht sie an sich, leise mit fürchterlichem Blick). Bist du blind? Siehst du Jane Eyre nicht?
Georgine (fährt zusammen, wirft einen raschen Blick auf Jane, in sich hinein). Bei Gott!
Mistreß Reed (leise). Sie wird ihr Recht an uns gelten machen!
Georgine (nach einem Blick auf Jane). Sie wird es nicht -- wenn ich Jane Eyre je gekannt habe!
Francls (der die Gruppe sehr erstaunt betrachtet, zu Jane). Kennen Sie diese Damen vielleicht, Miß?
Jane (die vollständig ruhig dastand, betrachtet Mistreß Reed mit einem kalten Blick, ihre Augen begegnen sich) Nein, Sir; ich sehe sie zum estenmal.
Mistreß Reed (zuckt zusammen).
Georgine (leise). Du hast recht, das ist Jane Eyre!
Francis (für sich). Seltsam! Wie sie verstört sind!
Neunter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts, im Gesellschaftskleid, sorgfältig frisiert, den Bart zierlich geordnet, mit vor Heiterkeit strahlender Stirn, ein ganz anderer als früher.
Rowland (alle begrüßend). Ah, meine schöne Amazone, meine werten Gäste, Sie überflügeln alle meine Hoffnungen und rauben mir dadurch die Freude, meine Pflicht als Wirt zu erfüllen. Seien Sie herzlich willkommen!
Alle (verbeugen sich).
Rowland. Auf Ihrer Stirn schwebt eine Wolke, Lady Georgine, ich will nicht fürchten, daß sie mich bedroht? ( Er faßt ihre Hand.)
Georgine (ihm die Hand entziehend). Gewiß nicht, Lord Rochester – (mit einem ironischen Lächeln) ich fürchte nur für den Ruf Ihres weltberühmten Mesrour, wenn es in der Grafschaft ruchbar wird, daß Sie mit uns zugleich von Clarens-House abritten und es unseren armen Rappen vergönnt ward, das schnellste Pferd in Alt-England zu überholen.
Rowland. Daran ist Mesrour unschuldiger als sein Herr--
Georgine (rasch und finster). Wie? Sie bekennen, Lord Rochester --
Rowland (immer nur mit Georgine beschäftigt). Ich bekenne -- daß ich unterwegs, in seltsame mir neue Träumereien versenkt, das edle Tier unwillkürlich zwang, im Schritt zu gehen. Dafür machte mich aber auch der Schaum seiner fiebernde Ungeduld fast unkenntlich, als ich hier ankam.
Jane (für sich). Ei!
Georgine (mit einem Strahl von hoffnungsvollem Triumpf über ihrem Gesicht). Das klingt fast, als ob Sie sich entschuldigen könnten, und als ob man Ihnen vergeben müßte! (sie reicht ihm die Hand.) Ich will es auch.
Rowland (ihre Hand küssend). Sie sind zu schön, wenn Sie milde sind, um lange eine Wolke auf dieser Stirn zu dulden. (Als ob er sich eben auf Jane erinnere.) Aber-- ich hoffe doch, daß man Sie so hier empfing, daß Sie den Wirt nicht vermißten?
Georgine (mit verächtlichem Achselzucken). Wer sollte Ihre Gegenwart ersetzen! Diese junge Person vielleicht? Sie ist uns unbekannt.
Rowland (mit einem stechenden Blick auf Jane). Hat sie sich Ihnen nicht vorgestellt?
Jane. Ich hatte keine Gelegenheit dazu, Herr!
Rowland (sie präsentierend, leicht). Miß Jane Eyre, die Gouvernante Adeles.
Georgine (scharf). Adele? Ah ja, die kleine Französin, die Sie vor drei Jahren aus Paris mitbrachten! Also existiert dieser Pariser Arlequin noch hier?
Rowland. Allerdings.
Georgine (gezwungen lächelnd). Man muß wirklich bei allem fragen: Existiert das oder jenes noch auf Thornfield-Hall? --- denn dieses Schloß liegt unter siebenfachen Siegeln, wenn Sie fern sind, wie ein Gespensterhaus; ich glaube, die Luft muß Rechenschaft geben, von wannen sie kommt, ehe sie durch die Schlüssellöcher rauschen darf! Aber ich dachte ja, Miß Ellen Warner sei die Erzieherin Ihrer kleinen Protegée?
Rowland. Seit fünf Monaten ist es Miß Eyre.
Mistreß Reed (kalt, vollständig wieder Herr über sich). Wirklich? Worin unterrichtet sie das Kind?
Rowland (etwas verwundert). Nun, in Sprachen, Musik, kurz, in allem, was man von einer Gouvernante fordert. Miß Eyre malt sogar, und zwar etwas besser, als sonst Dilettanten zu malen pflegen.
Georgine (pikiert). In der That, dies Zeugnis von Ihnen, der so viel fordert, setzt mich in Erstaunen. Aber Miß – (sich besinnend) seltsamer Name, den ich nicht so leicht behalten werde --- wo lernten Sie denn alle Ihre Künste?
Jane (trocken). In der Lowoodstiftung, Mylady.
Georgine (schlägt die Augen nieder).
Mistreß Reed (wie oben). Ich wußte nicht, daß in dieser Waisenanstalt derlei weltliche Künste gelehrt werden; ich hatte stets gehört, daß der fromme Doktor Blackhorst seine Zöglinge vor allem Religion, Demut und Arbeit lehre.
Jane (wie oben). Das thut er, Mistreß --- (Zu Rowland.) Entschuldigen Sie, Herr - ich habe nicht die Ehre, den Namen dieser Dame zu kennen --
Rowland (beißt sich auf die Lippen). Ah, ich vergaß — Mistreß Reed.
Jane. Mistreß Reed können sich überzeugt halten, daß ich in der Lowoodstiftung alles lernte, was Doktor Blackhorst jemals gelehrt hat, und daß ich denen ewig dankbar sein werde, die mich dieses Unterrichts teilhaftig werden ließen.
Rowland (lachend). Miß Eyre, Sie sind sehr genügsam. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, weiß also nicht, aus welchem Grund es geschah -- so viel ist aber sicher, geliebt hat Sie derjenige nicht, der Sie auf diese Galeere schickte!
Jane. Das glaube ich auch nicht, Herr, aber er hat mir wohlgethan. Segen über seine Hand!
Mistreß Reed (für sich). Ha, Fluch! Fluch!
Georgine (um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben). Aber -- daß sie so gut malen soll, setzt mich in Erstaunen! (Sie droht Rowland lächelnd.) Wenn nur Lord Rochester hier nicht parteiisch ist –
Rowland (trocken). Für Miß Eyre? Ich wüßte nicht, wie ich dazu käme! Sie mögen selbst urteilen. (Er geht rasch nach seinem Zimmer.)
Jane (ihm nach, schüchtern). O Herr, ich bitte –
Rowland (mißt sie mit einem strengen Blicke). Keine Affektation, Miß Eyre! (Ab rechts.)
Jane (steht im Hintergrund still und sieht vor sich nieder).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen ohne Rowland.
Georgine (leise zu Misteß Reed.) Findest du es nicht seltsam, wie bemüht der Lord ist, uns von dem Talent dieser Person zu überführen?
Mistreß Reed (welche stets starr vor sich hinaussah). An ihren Talenten habe ich nie gezweifelt.
Georgine (leise). Mama, du verrätst dich!
Mistreß Reed (wie aus einem Traume, leise). Hüte dich – dieses Krokodil liegt nicht umsonst auf unserem Wege!
Francis (der Jane mit wachsender Aufmerksamkeit betrachtet hatte). Was haben sie nur? Was ist mit dem Mädchen! Da geht etwas vor.
Elfter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts zurück.
Rowland (hält die Mappe vom ersten Aufzug in der Hand, tritt zu dem Tisch rechts, öffnet sie und ruft.) Nun, Lady Georgine, sehen Sie sich das einmal an, es ist merkwürdig genug für ein Schulmädchen aus Lowood!
Jane (macht eine unwillkürliche Bewegung, bittend). Herr!
Rowland (sieht sie groß und finster an). Was giebt’s?
Jane (sieht vor sich nieder und bleibt regungslos).
Georgine. Sie werden gestatten, daß ich mir den Anblick dieser Meisterwerke für morgen erbitte, Lord Rochester. Meine Mutter fühlt sich unwohl, und mich selbst verlangt nach Ruhe!
Rowland (wirft die Mappe zu und wendet sich rasch zu ihr). Wie? Sie wollen nicht mit mir zur großen Halle kommen, wo alles bereit ist--
Mistreß Reed. Zu spät für heute -- ich danke, Mylord! Ich bin alt, die Fahrt war lang, ich bedarf des Schlafes; auch ist in diesem Schloß eine Atmosphäre, an die ich mich erst gewöhnen muß! Komm, Georgine!
Francis (reicht Mistreß Reed den Arm). Wenn Sie erlauben, Mistreß Reed, so unterstütze ich Sie.
Mistreß Reed (ihren Arm in seinen legend). Dank, Dank, Sir! (für sich) Sie oder ich -- eins muß hier weichen! (Sie geht langsam mit ihm durch die Mitte ab.)
Rowland zu Georgine. Sie verschmähen mich also ganz für diesen Abend, Lady Clarens? Sie sind mir noch böse!
Georgine (lächelnd mit Koketterie.) Für heute bedarf ich nur noch Ihren Arm, um mich in diesem Zauberschloß zurecht zu finden, und morgen, wenn wir so manches verschlafen haben werden, wollen wir zusehen, ob man Ihnen noch böse sein kann. (Sie legt ihren Arm in seinen.)
Rowland. Sie sind es schon nicht mehr, ich kenne Ihre Augen, Georgine! (Hingeworfen im Gehen.) Miß Eyre, Sie können immer zu Bett gehen – (im Abgehen) für heute sind Sie Ihres Amtes entlassen. (Mit Georgine durch die Mitte ab.)
Zwölfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (hat mit Erstaunen und nach und nach mit sichtlicher Unruhe Rowlands Benehmen verfolgt. Ihr Atem geht schnell, ihre Augen funkeln, sie sieht ihm lange schweigend nach.) Für heute nur? Wer weiß, vielleicht -- für immer! Ist das Lord Rochester? Derselbe Herr, der mich seit zwei Monaten auf jedes Wort, jedes Lächeln tagelang warten ließ? [Derselbe finstere Geist, dessen Gedanken verschlossen schienen wie ein Schatz im Schoß der Erde?] (Sie schüttelt den Kopf.) Das ist er nicht; oder --
(sie fährt leicht zusammen) er liebt! - Ha, und Georgine ist es, die ihn umgewandelt! Auf welche Schlange trat ich denn, daß diese Gespenster meiner Jugend plötzlich wieder vor mir erstehen, und alles, was ich so tief gebettet, was böse, was feindlich in mir war, sich mit Eins bäumend in mir erheben will! (Ihr Blick fallt auf die Mappe.) Ah -- meine Bilder! Jetzt könnte -- (Sie tritt zu dem Tisch und will danach greifen, fährt aber plötzlich zusammen, horcht auf und läßt die Arme sinken.) Er schon zurück? Sie hat ihn schnell verabschiedet, wie es scheint --
Dreizehnter Auftritt.
Die Vorige. Rowland mit Sam durch die Mitte.
Rowland (im Eintreten zu Sam, finster). Sorgt dafür, Sam, daß Ruhe im Schlosse wird.
Die Damen bedürfen derselben. Ich habe Gratia im Korridor gesehen --
Sam (etwas verlegen). Daß ich nicht wüßte, Mylord.
Rowland (streng). Ich habe sie gesehen, so rasch sie auch vorüberhuschte --- was macht sie um diese Zeit im ersten Stockwerk?
Sam. Die Fremden haben sie wohl aufgescheucht.
Rowland. Die Neugier, wollt Ihr sagen, sie gehört an ihren Platz! (Fürchterlich.) Weh ihr, wenn ich sie nachlässig finde! Sagt ihr das und treibt sie hinauf. Geht!
Sam (ab durch die Mitte).
Vierzehnter Auftritt.
Rowland. Jane. Dann wieder Sam.
Rowland (wie er sich nach rechts zu seiner Thür wendet, erblickt er Jane, auffahrend). Ha! Was giebt es hier? (Mit untergeschlagenen Armen sie forschend betrachtend.) Ich befahl Ihnen, sich schlafen zu legen, Miß Eyre, warum gehorchten Sie nicht?
Jane (vor sich niedersehend). Ich war nicht schläfrig, Herr!
Rowland. Nicht schläfrig? Hm, so scheint es, da Sie hier blieben - um mich zu belauern!
Jane (will lebhaft antworten, besinnt sich aber und sagt ruhig). Befehlen Mylord noch weiteres?
Rowland (ärgerlich). Nein!
Jane (verbeugt sich stumm und geht).
Rowland (ihr nach). Ei, hören Sie! Wie gefällt Ihnen Lady Clarens?
Jane (die stehen blieb, ohne ihr Befremden zu verbergen). Das weiß ich noch nicht.
Rowland. Nicht? -- Ich denke, Sie sahen sie doch lange genug.
Sam (tritt wieder ein und bleibt im Hintergrunde stehen, erstaunt zuhörend).
Jane. Ich sah sie, ja; aber wenn ich sagen soll, wie mir eine Dame gefällt, muß ich wissen, wie sie ist -- nicht wie sie aussieht. Gute Nacht, Herr! (Sie geht rasch durch die Mitte ab).
Fünfzehnter Auftritt.
Rowland. Sam.
Rowland (im Vordergrund, für sich). Immer hat sie das letzte Wort, nicht eines Haares breit giebt sie nach in ihrer verwünschten Demut. (Mit dem Fuße stampfend.) Nie gab es ein unausstehlicheres Geschöpf! Wer errät wohl die Gedanken dieses Kobolds? Welche Schlüssel öffnen dieses verstockte Herz? Nicht einmal Beleidigung hat Gewalt, sie zum Reden zu bringen. (Er wendet sich zum Gehen; Sam erblickend.) Sam! -- Was wollt Ihr noch hier?
Sam (der im Hintergrund stand, trotzig). Ich warte, bis Eure Herrlichkeit zu Bett sind, um hier die Lichter zu verlöschen. Es ist eine stürmische Nacht geworden, man kann nicht sorglich genug sein, Mylord.
Rowland (aufatmend). Eine stürmische Nacht? Ja wahrlich, der Wind bläst mit vollen Backen durch den Schornstein. Bei dieser Musik läßt sich's gut schlafen! (Im Gehen.) Habt Ihr Gratia gefunden?
Sam. Nein, Mylord. Sie ist wohl längst hinauf.
Rowland (unter der Thür). Und die Herrschaften?
Sam. Sind alle zur Ruhe gegangen!
Rowland. Gut, wir wollen es ihnen nachthun – (im Abgehen, für sich) wenn wir können! (Ab Seitenthür rechts.)
Sechzehnter Auftritt.
Sam allein.
Sam geht zu den Lichtern und fängt an, sie zu löschen). Hat man je dergleichen erlebt? Wenn ich’s nicht selbst sähe, keinem Menschen würde ich es glauben. Der stolze Herr läßt sich mit diesem hochnasigen Waisenhausprodukt förmlich in Gespräche ein. Sie widerspricht ihm, ohne eine Miene zu verziehen, und wenn er sie anfährt, daß unsereiner an Arm und Beinen zitterte, geht sie kaltblütig ihrer Wege und läßt ihn stehen, wie eben jetzt! (Er bleibt in Mitte des Salons stehen, faltet die Hände.) Wir, die wir sein Geheimnis in Händen haben, wir sollten uns dergleichen beikommen lassen, ich glaube, er würfe uns kopfüber aus dem Fenster! – Diese Person muß hexen können, das lasse ich mir nicht nehmen, und ein gutes Ende nimmt das nicht, (vergnügt) das ist noch mein einziger Trost! (Er hat alle Lichter ausgelöscht, bis auf das letzte, das er jetzt von dem Leuchter nimmt.) Horch -- der Wind
rasselt greulich im Kamin! Da wird es für Gratia eine böse Nacht geben. (Im Gehen stillstehend.) Sie sagen unten, er wolle die große Lady heiraten. Wenn's nur so wäre, die würde mit dieser Miß Eyre kurzen Prozeß machen! Trübselig. Aber --- ich denke, er läßt das Heiraten fein bleiben! Schade! Jammerschade! (Er geht durch die Seitenthür links ab.)
(Tiefe Nacht bedeckt den Salon, der einige Sekunden leer bleibt. Man hört den Wind sausen, sehr fern, nicht auffallend.)
Siebzehnter Auftritt.
Jane allein. Sie sieht vorsichtig zur Mitte herein und tritt dann erst ein. Später Rowlands Stimme.
Jane. Alles leer, es ist, als lebte ich allein, so totenstill ist es im Schloß! (Sie trägt einen kleinen Handleuchter, worauf ein halbabgebranntes Licht brennt, die Hand vorhaltend.) Gott sei Dank! Niemand hat mich bemerkt! (Sie geht zu dem kleinen Tischchen und setzt das Licht nieder.) Ich glaube, ich habe mich ein wenig gefürchtet, als ich herabschlich, denn mir war, als schlüpfe ein dunkles Etwas lautlos an seiner Kabinettsthür hin durch den Korridor. Es war gewiß mein eigener Schatten, der mich erschreckte. Wie kindisch! (Sie steht suchend umher.) Ich kann nicht schlafen, ehe ich meine Bilder gerettet habe. (Sie sieht die Mappe liegen und fliegt zu dem Tisch.) Ha, da ist sie! Glücklich hat er sie vergessen! Mein größter Schatz! -- Und das einzige geistige Eigentum, das ich besitze, diese Schöpfung meiner schwer kämpfenden Seele will er ihr preisgeben? [Ihre Augen, die Dolche, die meine Jugend getötet, sollen darauf haften, ihre Lippen die Blüten meiner stillen Träume verhöhnen?] Ich nehme sie, da er sie mir nicht giebt! Ich darf den Augenblick der Nacht stehlen, der sich mir am Tage verweigert – (sie hat die Mappe aufgefaßt und drückt sie fest an sich) er könnte nicht wiederkehren.
(Ein heftiger Windstoß.)
Jane (nimmt das Licht von dem Tisch und wendet sich rasch; durch diese Bewegung erlöscht das Licht in ihrer Hand, sie läßt es erschrocken fallen).
(Es wird Nacht.)
Jane (fährt entsetzt zusammen). O weh, was ist das? Mein Licht ist erloschen! -- Tiefe Nacht! -- Wie abscheulich!-- Wie unheimlich! -- Horch -- da huscht wahrhaftig draußen etwas an der Thür vorbei! (auffahrend.) Bin ich von Sinnen? -- Ist es nicht, als taste sich jemand vorsichtig an der Wand durch den Korridor? -- Nichts mehr -- alles still! Es war wohl der Sturm, der sich schon vorhin erhob, als ich herabging. Ja, ja, so ist es! (Sich schüttelnd.) Welche Thorheit! Weil ein Windstoß aus dem Kamin mein Licht ausbläst, überläuft mich ein Grausen, das mir das Haar sträubt – und das Sausen des Sturmes hat mich in Lowood so oft in den Schlaf gesungen. Pfui, schäme dich, Jane! Wenn Adele sich so kindisch gehabte, wie würde ich sie schelten, und nun rieselt es mir selber eiskalt durch die Adern. (Sie tappt im Dunkeln nach dem Hintergrund.) Possen! Ich muß eben im Finstern den Weg durch die öden Gänge nach meinem zweiten Stockwerk suchen! (Als sie sich gegen die Mittelthür wendet, hört man plötzlich das heisere gespenstige Lachen einer Frau, das, sich in zwei Absätzen wiederholend, sich immer mehr entfernt.)
Jane (bleibt wie festgebannt stehen, die Mappe entfällt ihr). Großer Gott! Da ist es wieder, dies gräßliche Lachen! Gratia Poole! Schreckliches Weib! Warum darfst du so ungescheut dein dämonisches Wesen hier treiben! Hört denn niemand als ich diese Töne, die aus der Hölle zu stammen scheinen? (Horchend). Alles wieder still. -- Ich höre nichts mehr als die lauten Schläge meines Herzens! -- Ich wage nicht, hier zu bleiben, und -- bei dem Gedanken, hinauszutreten, wird mein Blut zu Eis! (Sie schüttelt sich.) Hu! Das ist dasselbe Grauen, das mich einst in Onkels Sterbezimmer halb rasend machte! -- Hilf mir fort, mein Gott! (Sie verhüllt das Gesicht und steht eine Welle wie erstarrt; plötzlich erhebt sie das Haupt.) Was ist das? Welch ein erstickender Qualm umgiebt mich plötzlich? Das ist Rauch! — (Aufschreiend.) Das ist Feuer! (sie wendet sich nach dem Hintergrund. Ha -- dort, durch die Thür ein heller Schein! (Sie fliegt nach der Thür rechts, stößt beide Flügel auf, man sieht in ein Zimmer, von rotem Licht erhellt, Dampfwolken dringen in den Salon.) Die Thür seines Kabinetts steht offen, das brennt bei ihm! Entsetzlich! (sie eilt in das Zimmer, die Thür bleibt offen, man hört sie in Absätzen rufen.) Herr! -- Herr! -- Lord Rochester! Erwachen Sie, oder Sie sind verloren! -- Hören Sie doch! Feuer, Feuer!
Rowland (nicht sichtbar, stammelnd). Wa -- was ist – was soll’s! -- Laßt, laßt mich!
Jane. Um Gott, so erwachen Sie, ermannen Sie sich doch! Auf! Auf!
(Der Salon bleibt leer, die Röte im Hintergrunde verschwindet nach und nach und erlischt ganz, sodaß es dunkel ist, als die Kommenden eintreten.)
Achtzehnter Auftritt.
Rowland in einem kostbaren Schlafrock von indischer Seide gehüllt, das Haar wie genäßt um Gesicht und Nacken hängend, bleich, betäubt, den einen Arm um Janes Nacken geschlungen, den Kopf auf ihrem Haupte liegend, kommt langsam, mit schwankenden Schritten, von rechts. Jane kommt mit ihm, den einen Arm, ihn unterstützend, um seinen Leib geschlungen, in der anderen Hand ein Licht auf silbernem Leuchter tragend
Jane (bleich, aber fest und energisch). Hierher, Herr, hier ist die Luft reiner. Sie sind halb erstickt. (Sie führt ihn währenddessen zur Chaiselongue.) Ruhen Sie, erholen Sie ich, ich werden nun Leute rufen.
Rowland (läßt sich nieder).
Jane (will gehen).
Rowland (schwer atmend, dumpf). Nein, nein, still – keinen Laut – nicht von der Stelle! (Er faßt krampfhaft ihren Arm.) Wollen Sie meine Gäste nicht rufen? Soll ich das Märchen der ganzen Gesellschaft werden?
Jane (setzt den Leuchter auf den Marmortisch). Aber Herr, das Feuer –
Rowland (sich schüttelnd, als wollte er sich ermannen). Pah! Feuer. Das bißchen Flamme der Bettgardine hatten Sie ja im Nu erstickt, da Sie diese herabrissen und mich mit den Fluten meiner Waschtoilette fast ersäuften.
Jane. Ich mußte, Herr, Sie wären lebendig verbrannt, so unbegreiflich fest war Ihr Schlaf!
Rowland (ganz erholt). Oder die Betäubung durch den Rauch. (Sich besinnend.) Ich hatte mich angekleidet auf das Bett geworfen, ich las. Der Schlaf hat mich wohl überwältigt, ich vergaß, das Licht zu löschen, und so entstand –
Jane (fest). Das Licht hier (sie zeigt darauf) ist unschuldig, es brannte ruhig zu Ihren Häupten, indes die Gardine an dem Fußende flammte und die Thüre des Kabinetts, die nach dem Korridor führt, offen stand.
Rowland (betreten). Offen? – So vergaß ich, sie zu verschließen –
Jane. Und eine frevelnde Hand wußte diesen Umstand zu nützen; man wollte Sie verderben, Herr!
Rowland (dumpf, den Kopf senkend). Ja, ja, so wird es wohl sein! Aber – wer sollte -- (sie beobachtend) wer, glauben Sie, daß solch ein Verbrechen gewagt?
Jane (wie oben). Gratia Poole, Herr!
Rowland (erleichtert, mit einem tiefen Atemzüge). Ja, ja – Gratia Poole!
Jane (mit Abscheu). Dies Weib, das so gräßlich lacht, scheint mir ein ganzer Teufel!
Rowland (scherzend, um seine Erschütterung zu verbergen). Möglich! Dafür sind Sie ein ganzer Engel, Jane Eyre, denn ohne Sie wäre ich wahrhaftig verbrannt! – Nun, sein Sie vernünftig und schweigen Sie – wenn Sie es vermögen, über diesen tollen Vorfall; verraten Sie mich nicht mit einem Atemzug an meine Gäste!
Jane (sieht ihn verwundert an). Ich werde schweigen, Herr, wenn Sie es befehlen.
Rowland (gebieterisch). Ich befehle es, Miß! (Milder.) Versprechen Sie mir auch, der Sache nicht nachzuforschen – wenn Ihre Neugier das vermag.
Jane (sieht ihn groß an). Ich bin nicht neugierig, ich will nicht forschen – aber – (ihn fixierend) dieses Weib wird also nicht bestraft?
Rowland (kurz). Das ist meine Sache!
Jane (trocken, indem sie ihr Licht vom Boden aufnimmt und an dem brennenden anzündet). Gut, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland. Noch eins! Was suchten Sie denn eigentlich um diese Stunde hier?
Jane (sich plötzlich besinnend, nimmt die Mappe auf). Meine Bilder, Herr!
Rowland (sehr frappiert). So? Hm! Sie wollen sie mir also nicht lassen?
Jane (ruhig). Ihnen, ja –aber sonst keinem.
Rowland. Ei—Lady Georgine soll sie also nicht sehen?
Jane (trocken). So ist es, Herr! (Sie geht.)
Rowland (für sich, fast heiter). Das ist seltsam! (Mit Überwindung.) Sie gehen – ohne mir nur die Hand zu reichen! So sehr habe ich Sie diesen Abend verletzt?
Jane (steht, ohne sich zu regen). Herr!
Rowland (fast bittend). Geben Sie mir die Hand, kleiner Trotzkopf!
Jane (tritt ruhig zu ihm und reicht ihm die Hand). Hier, Herr!
Rowland (faßt ihre Hand erst mit der einen, dann mit beiden Händen, warm). So! Ich danke Ihnen, Jane Eyre!
Jane (entzieht ihm langsam die Hand). Nicht Ursache, Herr! Ich bin ja keine Heidin, die ihren Nebenmenschen verbrennen läßt, wo ihn ein Krug Wasser retten kann. Was aber Mesrours Sturz von damals betrifft, den Sie mir noch nicht vergeben haben – sind wir doch nun quitt, Herr?
Rowland (sieht ihr glühend ins Auge). Das sind wir längst – ich denke – da mußten Sie fühlen. (Er faßt rasch ihre linke Hand wieder, halt sie kräftig fest und legt den Arm um ihre Schultern.)
Jane (zuckt zusammen und steht unbeweglich).
Rowland. Kleines Mädchen, du hast den Mut eines Mannes und den Takt einer Frau! Meine Pulse stürmen, und ich wette -- nicht ein Blutstropfen rollt schneller durch ihr Adern, so wenig liegt ihr daran, daß sie mich gerettet.
Jane (senkt plötzlich den Kopf und will' ihm die Hand entziehen).
Rowland (zusammenfahrend, ohne sie loszulassen.) Was--- was -- bei Gott - nein, in jeder Fingerspitze rast ein Puls --- das Licht zittert in ihrer Hand – (Jubelnd.) Ihr Blut ist ehrlicher als ihr Gesicht, es verrät sie!
Jane (empört, ihm ihre Hand mit Gewalt entreißen). Gute Nacht, Herr! (Sie stürzt durch die Mitte ab.)
Rowland (ihr die Arme nachstreckend. Kleines Schulmädchen -- du bist ein gefährlicher Kobold! -- Jane Eyre, ich fürchte, mir wäre besser, du hättest mich verbrennen lassen! (Er geht nach seinem Zimmer.)
Der Vorhang fällt rasch.
Dritter Aufzug
Wieder dieselbe Dekoration.
Erster Auftritt.
Mistreß Reed, Georgine und Lady Clawdon in eleganter Vormittagstoilette. Rowland. Francis. Oberst Clawdon. Edward Harder. Adele. Jane trägt ein hohes Kleid in grauer Seide, einfach aber kleidsam gemacht, das Haar frei, ohne Haube. Sam und ein Diener gehen mit Präsentiertellern herum, nehmen Kaffeetassen ab oder sevieren. Die leeren Tassen bringt Sam zu Jane, die einschenkt; als zum zweitenmal serviert wird, nimmt niemand mehr von den Gästen.
Georgine (in einem großen Album blätternd, das vor ihr liegt.) Dieses indische Album entzückt mich, Lord Rochester – die Bilder sind wohl von Ihnen?
Adele (sitzt im Festkleid zu ihren Füßen auf einem Schemelchen).
Rowland (zu ihr hinüber gelehnt). Nach der Natur, zu dienen.
Georgine. Es ist mir ein Rätsel, wie Sie sich nach so langem Aufenthalt unter dieser wunderbaren Zone in unserem kalten England wieder angewöhnen konnten. Dort, wo alles lebt, duftet, glüht - freilich sagt man, in Indien laure hinter jeder Blüte eine Schlange.
Rowland (lächelnd). Glauben Sie, daß derlei Kreaturen in England nicht auch existieren?
Georgine. Wenigstens stecken sie nicht hinter Blumen. (Sie tritt zu Edward, mit dem sie leise spricht.)
Mistreß Reed (die an einer Tapisserie arbeitet und zuweilen einen lauernden Blick auf Rowland und Georgine wirft). Desto öfter hinter Büchern!
Rowland. Wie das?
Mistreß Reed (Bitter). Nun, es giebt eine Art Schlangen, die sich leicht in große Häuser einschleichen, die still ihre Schlingen weben und schwer zu verdrängen sind, wo man sie einmal ihr Nest bauen läßt.
Rowland (als verstände er sie nicht). Ei, zu welcher Gattung gehören diese Reptilien?
Mistreß Reed. Zu der der Erzieher und Gouvernanten, die um so gefährlicher sind, als sie unbemerkt ihr Gift in Kopf und Herzen ihrer Zöglinge niederlegen.
Jane (richtet, ohne sich zu bewegen, einen festen Blick auf Mistreß Reed).
Rowland (sich in die Lippen beißend). Hm! Sie haben wohl diese traurige Erfahrung an sich selbst gemacht?
Mistreß Reed (sieht ihn starr an). Wie meinen Sie das, Lord Rochester?
Rowland. Nun, ich meine, daß nur eigene Erfahrung Sie zu einem so harten Urteil berechtigen kann.
Lord Clawdon. Aber Mistreß Reed hat recht! Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl von Erzieherinnen.
Adele (die altklug und graziös dasaß und Georgine immer mit Bewunderung betrachtet, hat dem Gespräch aufmerksam zugehört). Ich habe eine gute liebe Gouvernante, nicht wahr, Rowland?
Rowland (trocken). Das hast du!
Adele (spring auf und schmiegt sich an Georgine). Sie haben gewiß auch solch eine gute Miß Jane gehabt, weil Sie so schön und liebenswürdig sind. Ich werde auch so werden, nicht wahr?
Georgine (sie von sich wegschiebend). Ei, Kind, du zerdrückst mir ja das Kleid! Geh! -- Aber sagen Sie, teuerster Lord, ich dachte ja immer, Sie liebten Kinder nicht besonders?
Rowland (streckt die Hand nach Adele aus.) Das thue ich auch nicht.
Adele (die sehr verdutzt dastand, tritt zu ihm).
Georgine. Was bewog Sie denn, diese Pariser Puppe anzunehmen? Wo haben Sie sie aufgelesen?
Rowland (zu Adele sanft). Geh zu Miß Eyre.
Adele (geht mit gesenktem Kopf und legt sich in Janes Arme, bitterlich weinend).
Jane (beschäftigt sich zärtlich mit ihr).
Rowland. Ich habe sie nicht aufgelesen, ich habe sie geerbt, wie dieses Schloß, meine Gärten, meinen Park – (er wirft einen Blick auf Jane) und bin zufrieden mit allem!
Georgine (beißt sich in die Lippen; nach einer Wendung des Gesprächs suchend.) Ihr Park, Mylord, ist das Reizendste, was man sich denken kann -- er muß im Sommer ein Paradies sein!
Rowland (sarkastisch). Und noch dazu ohne Schlangen!
Georgine (spitz). So? Meinen Sie? -- Wer weiß ! – [Aber in der That, diese himmelhohen Baumgruppen, der prächtige Fluß und das alte Schloß mit seine Türmen, alles das ist wahrhaft romantisch!] Diese sechs Tage, seit wir hier sind, entschwanden mir wie ein Traum!
Rowland (gallant). Mögen Ihnen noch viele Tage so hier entschwinden.
Georgine (zärtlich). Ah, dazu könnte Rat werden – denn Sie wissen uns immer neue Überraschungen zu bereiten. Was haben Sie nun heute wieder vor?
Rowland. Ah, leider so dringende Geschäfte, daß ich für wenige Nachmittagsstunden um Nachsicht bitten muß. Lord Clawdon hat mir versprochen, die Honneurs für mich zu machen und die Gesellschaft nach der alten Abtei zu führen. Es ist ein Teil meines Besitztums, der noch von Heinrich dem Achten erbaut wurde.
Georgine. Ach, das ist entzückend! (Etwas schmollend.) Und Lord Clawdon wird uns eskortieren?
Francis und Edward (lebhaft). Wir alle!
Lord Clawdon (der an einem Tischchen mit Francis Schach spielt, sarkastisch, indem er eine Schachfigur rückt). Leider müssen sich Mylady mit uns begnügen.
Georgine (lachend.) O, ich werde Sie vernachlässigen, um mich mit den historischen Erinnerungen an Heinrich den Achten zu beschäftigen, denn Sie müssen wissen, daß ich einen gewaltigen Respekt vor diesem genialen Tyrannen habe.
Francis (höhnisch, eine Schachfigur rückend). Lady Clarens ist gewiß trostlos, daß er zu seinen Ahnen ging, sie wäre imstande gewesen, ihn zu heiraten.
Jane (steht auf, als wolle sie sich entfernen).
Rowland (wirft ihr einen befehlenden Blick zu, wendet sich aber dann wieder zu Georgine). Das hätte Lady Georgine nicht gethan.
Jane (setzt sich wieder, das Haupt gesenkt).
Sam geht durch die Mitte ab.
Georgine (lebhaft). Warum nicht? Gewiß! Denn war Heinrich der Achte auch ein Tyrann, so war er doch ein Mann.
Mistreß Reed (hat fortwährend forschende Blicke auf Rowland geworfen und nimmt wenig Anteil an dem Gespräch). Gott bewahre dich vor einem solchen!
Georgine. Warum, Mama? Ich bin einmal so; nach meinem Geschmack ist ein Mann höchst bedeutungslos, wenn er nicht etwas Weniges Teufel in sich trägt!
[Lord Clawdon und Edward (lachen).
Francis (mit einem scharfen Blick auf Rowland). O, dergleichen findet sich!
Lord Clawdon (sehr ernst). Ei! Ei!
Rowland (küßt Georgine leicht die Hand). Bravo! (Sein Blick fliegt nach Jane.)
Jane (sitzt unbeweglich, ohne ihn anzusehen).
Georgine (immer lebhafter werdend.) Bei meiner Ehre!] Ich bin dieser Dandys der heutigen Zeit herzlich überdrüssig! Diese armen winzigen Geschöpfe, die so viel Sorgfalt auf ihre Mondschein-Gesichter, ihre weißen Hände und schlanken Taillen verwenden, als ob ein Mann überhaupt etwas mit Schönheit zu thun hätte, als ob diese nicht das einzige Vorrecht des Weibes, ihre Mitgift, ihre natürliche Erbschaft wäre! (Mit einem Blick auf Jane.) Ein häßliches Weib ist ein Brandmal im Gesicht der Schöpfung -- ein, Mann ist immer schön, wenn seine Devise “Kraft, Geist und Ehre” ist!
Rowland (hat wieder einen raschen Blick auf Jane geworfen, die ganz teilnahmlos bleibt). Das ist großartig gedacht, Lady Georgine --
Georgine (steht auf). Ich bin schön, ich weiß das, und habe ein Recht, es zu sein; wenn ich mich jemals wieder verheirate, so will ich eine Stütze, keinen Nebenbuhler in meinem Gatten besitzen -- er soll seine Neigung nicht zwischen mir und der Gestalt teilen, die er in seinem Spiegel sieht; es soll für ihn nur eine Schönheit geben, die meine! Habe ich nicht recht, Rochester?
Rowland (ihre Hand fassend). Sie haben recht! Aber, nur ein Weib wie Sie darf so denken und sprechen.
Francis (für sich). Bei Gott, sie verdient die Strafe, die sie erwartet!
Zweiter Auftritt.
Die Vorigen. Sam tritt wieder ein.
Sam (sagt leise etwas zu Jane).
Jane (etwas näher tretend). Mylord, die Wagen sind vorgefahren.
Rowland (rasch). Dann bitte ich die Damen, ihre Toilette zu beschleunigen, denn der Weg ist nicht kurz, Sie haben vieles zu sehen, und ich erwarte Sie zu Tische zurück.
Georgine. O, wir werden bald fertig sein. Komm, Mama!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich fürchte die angreifende Frühlingsluft.
Georgine. Du bist gewiß die einzige, die sich ausschließt. Wer ist mit von der Partie?
Lord Clawdon, Lord Clawdon, Francis, Edward. Wir alle!
Georgine. Ah, ich wußte es! Vorwärts denn! Wir wollen versuchen, uns ohne unseren Wirt zu amüsieren!
Rowland. Das wird Ihnen nur zu gut gelingen!
Georgine (mit einem vielsagenden Blick, leiser). Wer weiß! (Sich zum Gehen wendend, bemerkt sie, daß ihr Schuhband auf ist.) O weh, mein Schnürband hat sich gelöst.
Francis (mit einem Blick auf Rowland). Welchem Glücklichen wird der Ritterdienst vergönnt werden, es zu binden?
Georgine (die mit erwartendem Blick auf Rowland sah, nach einer kleinen Pause, pikiert). Keinem von Ihnen, meine Herren, Sie sind weder würdig, mir das Schuhband zu lösen, noch zu binden! (Sie wirft die Locken zurück und winkt Adele; hochfahrend.) Komm einmal her, kleine Puppe, und thue deine Pflicht.
Adele (vorkommend, sieht sie groß an). Was soll ich?
Georgine (ungeduldig). Nun – binde mir das Schuhband, Kind!
Adele (schüttelt ben Kopf). Ich will nicht.
Rowland (auffahrend). Adele! Gehorche!
Adele (fest). Nein -- sie ist nur schön, nicht gut – ich will nicht.
Rowland (ganz versteinert, mit einem Blick auf Jane). Was ist das?
Mistreß Reed (kalt). Die Erziehungsmethode der Miß Eyre!
Georgine (mit einem langen Blick Jane messend). Von der sie jedenfalls keine Demut lernte.
Rowland (finster). So scheint es!
Jane (mit einem festen Blick auf Mistreß Reed, bescheiden). Adele ist seit fünf Monaten mein Zögling, und Sie wissen wohl, Mistreß, daß eine verwahrloste Erziehung oft kaum in Jahren gut gemacht wird. (Zu Georgine.) Vergeben Sie dem Kinde und gestatten Sie mir, seinen Fehler zu sühnen. (Sie läßt sich rasch auf ein Knie nieder und bindet das Band.)
Sam (giebt seine boshafte Freude zu erkennen).
Rowland (macht eine Bewegung, als wollte er sie zurückhalten, schlägt plötzlich die Arme übereinander, kreuzt sie fest auf der Brust, schwer atmend und den Blick, als ertrüge er den Anblick nicht, zu Boden gesenkt).
Georgine (ist so überrascht, daß sie alles geschehen läßt). O, sehr gütig, Miß!
Jane (steht auf, verbeugt sich, nimmt Adeles Hand und tritt mit ihr etwas zurück). Geh auf dein Zimmer, Adele.
Adele (geht mit gesenktem Kopfe in die Seitenthür links ab).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Georgine (leise zu Rowland). Nun, strenger Gebieter, man muß es Ihnen lassen, Sie haben Ihre Schlange trefflich dressiert! Man könnte sich fast vor Ihnen fürchten – wenn -- man Ihnen weniger gut wäre!
Rowland (mit Mühe sich selbst bekämpfend). Zu viel Güte –
Georgine (mit Vorwurf). O Rochester!
Francis (hat indes ein Taschentuch vom Sitz genommen und reicht jetzt Georgine, dicht zu ihr tretend). Ihr Tuch, Lady Clarens. -- Mylord werden erlauben, daß ich meinen Ritterdienst schon hier beginne. (Er reicht Georgine den Arm.)
Georgine (nimmt ihn, nachdem sie vergebens auf eine Einrede Rowlands gewartet).
Francis. Ich hoffe, daß Sie sich nicht allein mit den Erinnerungen an Heinrich den Achten unterhalten sollen, Mylady.
Rowland (reicht Lady Clawdon den Arm und geht mit ihr durch die Mitte ab.)
Francis (leise zu Georgine). Auch dies Schloß hat seine Geschichte, deren Entdeckung für Sie nicht ohne Interesse sein dürfte!
Georgine (sieht ihn frappiert an).
Francls (fortfahrend, laut). Die Wagen warten, eilen wir.
Mistreß Reed (ist ebenfalls im Begriff zu gehen).
Georgine (indem sie sich wendet, berührt sie mit den Armen Mistreß Reed. Ah, Mama, auf Wiedersehen! (Sie geht mit Francis durch die Mitte voran.)
Edward (folgt).
Lord Clawdon und Mistreß Reed (sind die letzten; er bietet ihr den Arm, sie dankt; er folgt den übrigen, die durch die Mitte abgehen).
Mistreß Reed (folgt langsam, geht an Jane vorüber, ohne sie anzusehen, bleibt plötzlich stehen, mit sich selbst kämpfend, wendet sich dann zu ihr und sagt kalt).
Jane Eyre, ich muß Sie sprechen.
Jane (zuckt zusammen, da sie sie anredet). Mich?
Mistreß Reed. Wenn alles ruhig ist im Schloß, werden Sie sich hier einfinden?
Jane (sieht sie groß und ruhig an). Zu Befehl, Mistreß.
Mistreß Reed (geht langsam durch die Mitte ab). Gut.
Vierter Auftritt.
Jane allein.
Jane (sieht ihr starr nach). Sie will mich sprechen, mich? Was will sie noch von mir? Ah -- trage ich nicht schwer genug! [(Sie fährt mit der Hand über die Stirn.) Kein Wort, kein Blick löst mir das dämonische Rätsel jener schrecklichen Nacht! Gratia Poole waltet stumm und unheimlich wie immer -- welche Rechte hat sie an seine Nachsicht? Fürchtet er diese finstere Gestalt? Welch ein lichtscheues Geheimnis umschließt dies Schloß - oder vielleicht - Rochesters Brust? O! (Sie preßt die Hand auf die Brust). Ich weiß es nun - Georgine beherrscht seine Sinne -- er ertrug es, meine Demütigung zu sehen, nicht die Hand regte er, um mich abzuhalten!] Ruhig -- ruhig, gefoltertes Herz - du hast ja nicht einmal das Recht zu brechen!
[Fünfter Auftritt.
Jane. Adele kommt von links.
Adele (steckt den Kopf herein, sieht sich ängstlich um und fliegt dann zitternd auf Jane zu, sie weinend umschlingend). Ach, Miß Jane, retten Sie mich!
Jane (erstaunt, sanft verweisend). Adele! Befahl ich dir nicht, nach deinem Zimmer zu gehen?
Adele. Ach, sein Sie gut! Sam hielt mich ab, er nahm mich mit in die Unterstube und drohte mir und sagte: Rowland werde mich in den östlichen Turm sperren, weil ich seine Geliebte beleidigt hätte!
Jane (schmerzlich getroffen, sich gewaltsam fassend). Sam ist ein boshafter Mensch; sei ruhig, Lord Rochester ist kein Tyrann -- du weißt es ja. Weine nicht!
Adele (die Tränen trockend). Ja -- aber Sir Francis Bedienter sagte doch: “Rowland sperrte alle Leute, auf die er böse ist, in den Turm, wie seine Lady!”
Jane (zusammenzuckend). Wie -- wen ?
Adele (leise und geheimnisvoll). “Seine Lady,'” sagte er, das wisse alle Welt, daß im Turm Rowlands Lady gefangen sitze.
Jane (fest und gebieterisch). Wiederhole das nie wieder, Adele, es ist eine Lüge! (Zusammenfahrend.) Horch -- das ist er!
Adele (flehend). Rowland? O kommen Sie -- ich fürchte mich so sehr! (Sie läuft nach links ab.)
Jane (ihr folgend). So höre doch!]
Sechster Auftritt.
Jane. Rowland durch die Mitte.
Rowland (ihr in den Weg tretend). Sie noch hier, Miß Eyre? Werden Sie nicht mitfahren?
Jane (wieder vollkommen ruhig). Ich blieb zurück, um Sie zu bitten, Herr, daß Sie mich von dieser Pflicht entbinden. Adele muß hier bleiben, sie hat diese Strafe verdient; allein ich überlasse das Kind nicht gern sich selbst, wenn es gefehlt hat.
Rowland (sieht sie forschend an). Und denken wohl, daß ich kein Recht habe, Sie für meine Gäste in Anspruch zu nehmen, und daß Sie schon genug für diese gethan?
Jane. Ich weiß wenigstens, daß ich dort nicht vermißt werde, und für Adele bin ich nötig.
Rowland (mit halbem Vorwurf). Für Adele? Hm! – Für niemand sonst?
Jane (rasch). O gewiß, für die arme Mistreß Harleigh, die unter der Wirtschaftslast jetzt fast erliegt.
Rowland. Für niemand sonst?
Jane (ruhig). Für niemand, Herr!
Rowland (wendet sich unwillig ab). Und -- Sie haben mir nichts zu sagen?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Mich nichts zu fragen, Jane Eyre?
[Jane (wie oben). Ich werde Sie nie um etwas befragen: denn ich weiß, daß Sie mir ungefragt sagen werden, was mir zu wissen nötig ist, und daß keine Frage Ihnen ablocken würde, was Sie verschweigen wollen.
Rowland. So? Sie sind spitzfindig, Jane Eyre; und doch giebt es eine Frage, die seit jener Nacht auf Ihren Lippen, in Ihren Augen schwebt, zu der Sie ein Recht haben -- (ungeduldig) warum denn fragen Sie nicht? Lohnt es Ihnen nicht der Mühe, sind Sie nicht als Weib geboren, daß Sie die Neugier nicht kennen, daß Sie nicht wissen wollen, warum man mich verbrennen will-- oder haben Sie jenem Nacht --- vergessen?
Jane. Wenn ich Ja sagte, würde ich Sie belügen, Herr, und ich lüge nie.
Rowland (finster). Sie wollen also nicht fragen und haben mir nichts zu sagen – (sie fest ins Auge fassend) gar nichts!]
Jane. Nein! Jetzt nicht -- vielleicht später.
Rowland. Später! So! Und -- wenn ich Ihnen nun -- (Er stockt, geht ein paar Schritte, dann plötzlich vor sie hintretend.) Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich mich ganz plötzlich verheiratete?
Jane (ohne irgend eine Bewegung). Ich würde sagen, daß Sie recht daran thun, Herr!
Rowland. So! Und das wäre Ihnen ganz einerlei?
Jane. Nein, Herr! Ich würde mich freuen, wenn Sie glücklich würden!
Rowland (sie fest, fast schmerzlich betrachtend). Wirklich? (Mit sich kämpfend.) Miß Eyre -- Sie – (Er faßt sich, trocken.) Sie können gehen.
Jane (ruhig den Kopf neigend, geht durch die Mitte ab).
Rowland (stampft wütend mit dem Fuße). Sie geht! Kein Wort! Kein Blick verrät ihr Inneres! Diese Sphinx wird mich rasend machen!
Siebenter Auftritt.
Rowland. Judith durch die Mitte.
Rowland. Ah, Base! Sind die Pächter da?
Judith (in großer Aufregung, aber sich bezwingend). Nein, Mylord; aber ich bin da, um ein paar ernste Worte mit Ihnen zu reden.
Rowland (befremdet). Oho! das klingt ja sehr wichtig; ich denke aber, ich habe Wichtigeres zu thun, als Ihr Geschwätz zu hören, Base!
Judith. Das glaube ich kaum! Sie wissen, ob ich jemals Lust gezeigt, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen, oder Ihnen Ratschläge zu geben -- Sie können sich sagen, daß Wichtiges mich bestimmen muß, wenn ich jetzt gezwungen bin, beides zu thun!] Hören Sie mich aufmerksam an. Als Sie nach Ihres Bruders Tod Ihr Erbe antraten, als Sie kurz darauf befahlen, die lichten Zimmer im östlichen Turm für einen Gast in Bereitschaft zu setzen, und dann in dunkler Nacht ganz plötzlich ein verschleiertes Weib hierher brachten -- deren Antlitz noch bis heute niemand sah -- als Sie befahlen, ihrer Wärterin, jener Gratia Poole, in allem zu Willen zu sein und reichlich für die Bedürfnisse der Fremden zu sorgen, habe ich die Lippen nie zu einer Frage geöffnet. Sie befahlen mir, die Anwesenheit der Dame nicht zu verraten und nie nach ihrem Schicksal zu forschen -- ich gehorchte stillschweigend, ich hielt Ihr Geheimnis so heilig, als wäre es das meine. That ich so oder nicht?
[Rowland (unmutig). Sie thaten Ihre Pflicht!
Judith. Ich that sie, ohne Groll über den Mangel an Vertrauen, das eine alte Verwandte Ihres Hauses wohl verdient hätte! Meine Nächte wurden oft gestört durch das wahnsinnige Lachen, das in dem öden Schloß wiederhallte, meine Tage durch die stete Sorge, müßige Neugier fernzuhalten -- Sie haben nie eine Klage darüber von mir gehört, Lord Rochester! Nun aber machen Sie plötzlich all’ unser Mühen zunichte, Sie selbst geben das Geheimnis preis, das ich so angstvoll gehütet -- Sie schleppen eine Schar unnützer Gäste in das Schloß --
Rowland. Ich mußte der Nachbarschaft einmal wieder mein Haus öffnen, wollte ich nicht selbst das alberne Gerücht nähren, das leise, aber bedrohlich durch die Grafschaft schleicht.
Judith (decidiert). Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es bald nicht mehr leise, sondern überlaut auftreten wird, wenn Sie diese neugierigen Gäste nicht rasch entfernen. -- In vergangener Nacht hörte Gratia Geräusch im Turm, und als sie ihre Thür öffnete, lagerte ein fremder Diener auf der Schwelle, der wohl die ganze Nacht da auf der Lauer lag. Er floh bei ihrem Anblick. Diesen Morgen aber vernahm Lea in der Küche Reden, die sich das fremde Gesinde zuflüsterte, die so seltsam klangen, daß ich sie Ihnen nicht wiederholen möchte! Das mußten Sie wissen, Lord Rochester. Sie sollen mich nicht beschuldigen, Ihre Geheimnisse verraten zu haben, während Sie selbst es sind, der --
Rowland (sie unterbrechend). Eine solche Beschuldigung haben Sie nie von mir zu fürchten, Judith! Denn man verrät niemals -- was man nicht weiß!
Judith (wendet sich empört und gekränkt ab).]
Rowland (gutmütig). Geben Sie sich zufrieden, Base; ich weiß ja, daß Sie wacker sind und mein Haus in guten Händen ist. Ich bin dankbar, das wissen Sie.
Judith (ausbrechend). Das sind Sie nicht, Lord Rochester! Sie glauben, mit Gold sei alles abgethan. Was hilft mir das? Ein Herz bedurfte mein freudloses Alter, ein helles frohes Auge, das die Finsternis dieses Hauses wie Sonne durchstrahlte -- ich hatte es gefunden, ich lebte wieder! Nun aber jagen Sie mir Jane Eyre fort, ich soll wieder allein und verlassen sein. (Sie kämpft mit Thränen.) Das ist zu viel für mich -- das ist grausam, das ist Ihrer nicht würdig!
Rowland (sieht sie groß an). Wer sagt Ihnen denn, daß ich Miß Eyre fortjagen will. Ich denke nicht dran!
Judith. Sie denken nicht dran? Nun -- aber Jane Eyre denkt daran!
Rowland (wendet sich rasch nach ihr). Das wagt sie nicht!
Judith. Sie wagt nicht? Ei sieh! Habe ich Ihnen nicht am ersten Tage, da Sie kamen, gesagt, daß mit Charakteren nicht gut experimentieren ist? Gott weiß, was Sie mit dem unglücklichen Geschöpf vorhaben! Sie lassen sie rufen, wenn sie einen Morgen beim Frühstück oder einen Abend beim Thee fehlt, und kommt sie, so thun Sie, als existiere sie nicht, und dulden, daß diese hoffärtige Lady sich vor Ihren Augen das Schuhband von dem edlen Geschöpf binden läßt! Der boshafte Sam hat mir alles erzählt! Ich wollte sie trösten, als sie eben still und entschlossen an mir vorbeikam – sie sah mich nicht an -- aber ich sah –
Rowland (rasch). Nun? Was?
Judith. Daß sie leichenblaß und schwankend vor sich hin sah, und dabei stürzten ihre Thränen stromweis auf die fest verschlungenen Hände herab. Ich wußte genug! Ihr Herz ist gebrochen, ihre Ehre verletzt! Sie wollten Jane Eyre biegen, das können Sie nicht, aber Sie werden sie brechen! Sie geht! Glauben Sie mir, ich kenne diese stolze feinfühlende Seele! Halten Sie sie zurück um des armen Kindes, um Ihrer selbst willen!
Rowland (seine Bewegung niederkämpfend, fixiert sie lauernd). Haben Sie nun Ihren Auftrag vollständig besorgt?
Judith (sieht ihn entsetzt an). Meinen Auftrag? Sie könnten glauben – (Mit Würde, tief gekränkt). O wie unwürdig denken Sie von mir und dem edlen Mädchen! Ich beklage Sie, daß Sie das Verständnis einer Seele wie Jane Eyres verloren haben! Lassen Sie sie ziehen. Dieses Haus des Fluches scheint keine Heimat für reine Geister-- und habe ich Ihnen gesagt, was Ihnen nicht gefällt, so senden Sie mich ihr getrost nach, ich gehe gern, wenn Jane Eyre fortgeschickt wird. Eine Wohlthat aber will ich der armen Jane noch erweisen; sie weinte um Sie, den sie wie ein höheres Wesen verehrt, das weiß ich; ich aber, Herr, wenn ich auch blindlings gehorche, bin nicht blind -- ich werde meine Pflicht thun und Jane Eyre belehren, daß ich Lord Rochester ihrer Thränen nicht würdig halte; das wird ihr den Abschied sehr erleichtern! (Sie geht entschlossen.)
Rowland (zusammenfahrend, ihr nachrufend). Judith – was wollen Sie thun ! (Er bleibt stehen.) Nein!
Judith (bleibt erwartungsvoll in der Mittelthür stehen).
Rowland (plötzlich entschlossen und befehlend.) Gehen Sie und thun Sie, wozu Sie Lust haben!
Judith (eilt unwillig durch die Mitte ab.)
Rowland. Sei es! Endlich muß der Streich doch fallen! Und wenn ihr Herz dabei in Trümmer ginge, das wird sie reden lehren! Es ist gut so! (Ab nach rechts).
Achter Auftritt.
Mistreß Reed allein, sie kommt durch die Mitte.
Mistreß Reed (sich umsehend). Noch nicht da! (Sie geht ein paar Schritte. Sie läßt sich erwarten. (Sie legt die Hand an die Stirn, wie im Fieber). O! Schwerer Schritt, zu dem ich den Fuß erhob -- ihr entgegen! Aber es muß, es muß!-- Welch eine Wechselwirkung zwischen diesem Geschöpf und Rochester besteht, kann ich nicht enträtseln, aber sie besteht, ich fühle es [und kann Georgines Siegeswahn nicht teilen, so lange diese stille Natter zwischen ihm und unserem Glück liegt.] (Fieberhaft.) Mit welchem Stolz sie sich vor Georgine demütigten -- o sie ist gefährlich --! (Pause.) Sie wird mir eine eiserne Stirn, die unbeugsame Macht des Hasses entgegenstellen! Haß denn gegen Haß, ich will ihr alles sagen!
Neunter Auftritt.
Die Vorige. Jane durch die Mitte.
Jane (bleich, aber ruhig und sanft, wie nach einem gefaßten Entschluß). Mistreß Reed haben befohlen –
Mistreß Reed (mit Überwindung, kalt). Kommen Sie näher! Wir wollen uns ohne Heuchelei gegenüber treten, wollen uns nicht täuschen. Die Zeit hat keine Macht an Charakteren wie den unseren. Wir haben uns gehaßt, hassen uns und werden uns hassen. [Verstellung wäre zwischen uns eine Unwürdigkeit, die uns vor uns selbst verächtlich machen müßte.]
Jane (ruhig). Sie hassen mich, Mistreß Reed, und werden mich leider immer hassen; doch thun Sie unrecht, unsere Charaktere zusammenzustellen. Sie sind eine Frau bei Jahren, Sie halten wohl fest an dem einmal gefaßten Vorurteil, selbst wenn Sie dessen Unbilligkeit einsähen, ich hingegen war damals so jung --
Mistreß Reed (peinlich von ihrer Stimme aufgeregt, sieht sie starr und immer starrer an). Sie sind dieselbe geblieben, Sie sind älter geworden, aber es sind dieselben bleichen scheuen Züge des starrsinnigen unheimlichen Wesens -- das nie ein Kind war; es sind dieselben dunklen Augen, aus denen mich und die Meinen stets der böse Blick verfolgte! [Ah -- die ganze fürchterliche Zeit steigt aus diesem stummen Gesicht vor mir auf. Was litt ich, was meine armen Kinder! Warum hatte Reed dich mir aufgebürdet -- welch furchtbare Last! Täglich und stündlich, durch Jahre und Jahre, quälte mich diese unbegreifliche Gemütsart, diese stille fürchterliche Beobachtung!] Ah, wie war mir wohl, als du fort warst, und nun stehst du wieder vor mir -- du, die aus einer rechtlichen Frau eine Verbrecherin gemacht, du, die mein reines Gewissen mit Qual belastet hat!
Jane (die geduldig und ruhig zuhörte). Ich-- ich habe Ihr Gewissen belastet?
Mistreß Reed. Ja -- du, du allein! (Dumpf.) Darum muß ich dich in alle Ewigkeit hassen, wie du mich, und darum können wir nicht zusammen leben und atmen unter einem Dach! (Dumpf in sich hinein.) Jane Eyre, die reiche Mistreß Reed ist arm geworden! Freut dich das?
Jane (erschrocken). O Gott beschütze mich! Wie konnten Sie arm werden?
Mistreß Reed (wie im Fieber wehklagend). Ich gab meinem lieben John alles, ich verkaufte Gateshead, ich zog zu Georgine, ich muß nun bei ihr leben, denn ich habe nichts mehr, John hatte alles nötig.
Jane (faltet die Hände). O der Elende!
Mistreß Reed (auffahrend). Er ist mein lieber Junge, man braucht viel in London -- es quälte mich, ihn darben zu lassen. (Wie zu sich selbst kommend.) Nun habe ich nur noch Georgine, und da sie den Lord heiratet, werde ich hier wohnen. Jane Eyre, du siehst ein, daß du hier fort mußt, damit ich bleiben kann!
Jane (schmerzlich). O Mistreß Reed, das sah ich längst ein; daß aber Sie es sind, die mich auch aus diesem Asyl verjagt, daß Ihnen die acht Jahre in Lowood nicht für mich genügen, daß Sie es sind, die die arme Waise zum zweitenmal hilflos in die weite Welt jagt, das -- ist hart, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (hastig). Nicht arm, nicht hilflos, reicher als ich – wenn du willst.
Jane (starrt sie an). Was sagen Sie?
Mistreß Reed (vor sich hinaussehend, fast tonlos). Du warst schon lange in Lowood -- da kam eines Tages ein Brief aus Madeira, von Tybald Eyre, deines Vaters Bruder. Er verlangte dich von mir, er schrieb, daß er reich geworden, daß er dich zur Erbin machen wolle, wenn du zu ihm zögst.
Jane. Großer Gott! Und dieser Brief, warum hörte ich nie davon?
Mistreß Reed (wie oben). Weil ich den Gedanken nicht ertrug, dich im Wohlstand zu sehen, indes mein Vermögen täglich schwand, [und Georgine nicht viel mehr besaß als ich!] Weil ich [die Wut, mit der du dich einst gegen mich erhobst] die Beschimpfungen nicht vergeben konnte, mit denen du mich vor Blackhorst und meinem Bruder gebrandmarkt! [Ich konnte nicht vergessen, was ich empfand, als du mir sagtest: du verabscheutest auf der Welt nichts so sehr als mich und meine Kinder -- als du, die jahrelang geschwiegen, so plötzlich das kochende Gift deiner Seele über mich ausgossest, als du gelobtest, mich nie wieder Tante zu nennen! Ich hatte ein Gefühl, als hätte ein Tier, das ich getreten, mich mit menschlicher Stimme verflucht!] Darum konnte ich dir nicht verzeihen, mußte dich hassen -- und darum (schaudernd) belastete ich mein Gewissen.
Jane (sanft). Ich habe ja längst vergessen, was Sie mir gethan; ich war gewiß ein böses Kind -- ich bin durch Sie gebessert worden -- vergessen Sie auch, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Wenn du gehst, Jane Eyre!
Jane (den Kopf senkend, sieht starr vor sich hinaus).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Henry Wytfield tritt im Reisekleid durch die Mitte ein. Rowland kommt von rechts und bleibt staunend stehen.
Henry. Ah, hier bist du, Sarah!
Mistreß Reed (wendet sich rasch, zusammenfahrend). Henry! Du bringst ein Unglück!
Henry. Ich fürchte es! (Auf Jane blickend.) Aber – wir sind nicht allein!
Jane (seine Hand fassend, herzlich). Es ist Jane Eyre, die Sie begrüßt, mein lieber Vetter Wytfield!
Henry. Jane Eyre? -- Sie, Miß--? Ja wahrlich -- das sind Sie! Und hier? Bei dir,
Sarah? Ah, da ist Versöhnung!
Mistreß Reed (an seinen Blicken hangend, hört kaum, was vorgeht). Du kommst von Clarens-House, du hast Briefe von John?
Henry (zieht einen Brief hervor). Nicht von ihm, aber ich konnte es nicht verschieben -- du mußt alles wissen, Sarah, denn vielleicht ist noch Rettung möglich.
Mistreß Reed (bebend). Rettung! Rettung?
Henry. [Du hast meine Warnungen nie gehört, du warst blind für diesen Elenden, zu deinem eigenen Verderben!] Ich kann dir's nicht ersparen, die Zeit drängt. John Reed ist -- entflohen -- nachdem er für tausend Pfund Wechsel gefälscht hat, die eingelöst werden müssen, wenn die Schmach unseren Namen nicht unauslöschlich --
Mistreß Reed (hat jedes Wort zuckend begleitet, wird starr und sinkt lautlos in Janes Arme).
Jane (fängt sie auf). O Gott, mein Gott!
Rowland (der im Begriff ist, einzutreten, bleibt bei Janes Ausruf wieder stehen und tritt etwas zurück).
Henry (eilt hinzu, sie bringen Mistreß Reed auf die Chaiselongue links).
Jane (ihre Hand und Stirn reibend). Tante Reed! Fassen Sie sich! Tante Reed, hören Sie mich?
Henry (leise). Ah -- die Unglückliche weiß das Ärgste nicht -- es ist alle Wahrscheinlichkeit, daß John sich selbst entleibt hat!
Jane (faltet die Hände). Gott der Barmherzigkeit!
Henry (finster). Gott der Gerechtigkeit müssen Sie sagen, Jane Eyre! Sie büßt schwer, was sie an Ihnen verschuldet hat!
Jane (in Thränen). O, sagen Sie nicht so! Ihr Haß war eine Krankheit ihrer Seele, die Onkel Reed vielleicht durch seine übergroße Liebe für mich erzeugte!
Mistreß Reed (bewegt sich und schlägt die Augen auf). Ah!
Jane. Sie lebt! (Mild und tröstend). Tante Reed, wie ist Ihnen?
Mistreß Reed. Du nennst mich Tante -- du hast es einst verschwören!
Jane (in Thränen). Ich war ein wildes ergrimmtes Kind, ich wußte nicht, wie böse ich gegen Sie war! Tante Reed, vergeben Sie mir, daß ich Ihr Leben getrübt, Ihr Gewissen belastet habe!
Mistreß Reed. Ich habe dich nach Lowood verbannt, ich hatte meinem Manne versprochen, dich wie mein Kind zu halten -- ich that es nicht -- ich habe dir zweimal unrecht gethan, habe dir daher nichts zu vergeben; es war ein Unglück, daß du geboren worden.
Jane (das Gesicht in beiden Händen verbergend). Ja, ja! O ja!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Es ist etwas Entsetzliches geschehen -- ich weiß es, ich fühle es, da, da! (Sie drückt die geballte Faust auf die Brust.) Mein Herz brennt wie Feuer! Ich habe nichts auf der Welt geliebt als John, nur er konnte mein Herz so zerfleischen. (In schmerzlichem Aufschrei.) John ist tot.
Jane (schüchtern). Aber -- Sie haben noch eine Tochter!
Mistreß Reed (auffahrend). Ja -- ja! Und sie muß glücklich, muß reich werden, und wir müssen leben! Darum mußt du fort.
Rowland (steht mit untergeschlagenen Armen und macht eine Bewegung, als verstände er plötzlich, was vorgeht).
Mistreß Reed (zieht mit zitternder Hand ein Portefeuille aus der Tasche, öffnet es, indem sie spricht). Dein Onkel lebt und harrt noch auf dich -- da, da ist sein erster und --- zweiter Brief, ich habe mich nie davon getrennt, ich dachte immer: einmal komme doch der Augenblick, diese Last von meinem Gewissen zu wälzen! Ha, er ist da! Da nimm -- und geh nun, Jane Eyre, wir sind quitt!
Jane (die Briefe nehmend). Ich werde gehen, Tante Reed -- wenn Sie mir Ihren Segen mitgeben! (Sie streckt beide Arme nach ihr und will ihre Hand fassen.)
Mistreß Reed (schaudernd, fährt zurück). Meinen Segen?! Du hast John gehaßt, hast ihn einmal umbringen wollen -- nein, nein -- ich kann dich nicht segnen, der Segen des Hasses wäre Gotteslästerung! Aber -- du gehst, um Georgine glücklich zu machen, ich werde dir Gutes wünschen --- mehr kann ich nicht, (schwer atmend) mehr kann ich nicht!
Rowland (erhebt entschlossen das Haupt und tritt zurück).
Mistreß Reed (fortfahrend). Gott allein ist die Gerechtigkeit, Gott wird es recht mit uns machen! (Sie stützt sich, dem Umsinken nahe, auf Henrys Arm und geht mit ihm durch die Mitte ab.)
Henry (reicht im Abgehen Jane die Hand).
Elfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (stand wie erstarrt und schaudernd, in wilder Verzweiflung ausbrechend). Haß! Haß! Haß -- und nirgend Liebe für die Waise! (Mistreß Reed nachsehend.) Ja, Unglückselige, ich gehe; einsam gehe ich durch alle die Millionen Lebenden – einsam nach einem fernen Weltteil zu dem Einzigen auf Gottes großer Erde, der nach Jane Eyre verlangt! (Mit finsterem Entschluß.) Ich bin sein! (Sie wendet sich zum Abgang).
Zwölfter Auftritt.
Die Vorige. Rowland ernst und ruhig von rechts.
Jane (zusammenfahrend, erblickt Rowland). Ah, da ist er! Es ist Gottes Wille!
Rowland (näher kommend). Wohin, Miß Eyre?
Jane (gefaßt und fest). Ich suchte Sie, Herr!
Rowland. Das ist wohl das erste Mal, seit wir uns kennen!
Jane. Ich hatte Ihnen auch noch nie eine Bitte vorzutragen, Herr!
Rowland. Eine Bitte? Sie? Was wollen Sie von mir?
Jane (fest). Ich bitte Sie -- mich fortzuschicken.
Rowland (sehr erleichtert). Ah! Warum erbitten Sie, was in Ihrem freien Willen steht?
Jane. Ich gab Ihnen das Wort, daß ich nicht von hier gehen werde, ehe Sie mich selbst fortschicken.
Rowland. Ah, jetzt besinne ich mich! Richtig, es ist so. -- -- Nun wohl, wenn Sie gehen wollen, ich schicke Sie fort!
Jane. Ich danke Ihnen, Herr!
Rowland. Was aber treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? -- Sie schweigen? Mir deucht, ich verstehe die Schrift um diesen stummen Mund -- Judith hat Ihnen gesagt: ich sei ein Ungeheuer, ich halte ein armes Weib hier gefangen, mein Weib!
Jane (ruhig). Nicht sie, Herr, andere sagten das.
Rowland (immer ruhig und prüfend). Und Sie haben dies Gerücht mit dem Ereignis jener Nacht in Verbindung gebracht – [finstere Gedanken, unheimliche Zweifel sind in Ihnen erwacht, haben Ihr Urteil über mich verwirrt -- nicht so?
Jane (sieht ihn groß und klar an). Nein, Herr, ich wußte, daß alles das Lüge sei.
Rowland (von einem Freudenstrahl durchzuckt, sich gewaltsam bezwingend). Ei! -- Und woher kommt Ihnen diese Überzeugung?
Jane. Aus meiner Achtung für Sie, Herr -- die mein Stab und meine Stütze sein wird, wenn -- ich allein in der Fremde lebe.
Rowland. Das ist gut, das ist brav von Ihnen, Jane Eyre, und damit Ihnen nichts diese Stütze rauben könne -- auch wenn wir für immer scheiden-- soll es klar zwischen uns werden. Der Zufall oder Ihr Verhängnis haben Sie in ein Geheimnis eingeweiht, das Sie unter allen Lebenden allein mit dem Friedensrichter der Grafschaft und mir teilen sollen, Sie, die Sie zu schweigen wissen wie ein Mann!] Sie wollten nicht fragen, so lege ich mein Vertrauen freiwillig auf Ihr Herz. Jener Dämon, der mich lebendig verbrennen wollte, ist nicht Gratia Poole, wie Sie glaubten -- es ist eine Wahnsinnige, der ich Schonung schulde, die ich keiner Anstalt, keiner Pflege als der Gratias anvertrauen darf, denn sie hat den Namen dieses Hauses entehrt -- es ist --
Jane (mit krampfhaft gefalteten Händen und bebendem Ton). Lady -- Rochester?
Rowland (finster, fast tonlos). Lady Hariette Rochester.
Jane (zuckt zusammen, sieht vor sich nieder und steht regunglos).
(Pause.)
Rowland (betrachtet sie scharf, als erwarte er eine Antwort, und fährt dann kalt und mit untergeschlagenen Armen fort). Sie war meine erste -- und bis vor wenigen Monden -- meine einzige Liebe! Gelebt hatte ich, wild und zügellos -- geliebt nicht mehr! Ich war der jüngere Sohn, also arm -- aber wir liebten uns -- sie ward meine Braut. Man sandte mich für ein Jahr nach London -- als ich wiederkehrte -- hielt sie eben Hochzeit mit dem reichen Erben unseres Hauses -- sie hatte Arthur dem armen Rowland vorgezogen -- sie ward --
Jane (ihre Freude gewaltsam bekämpfend, schreit auf). Ihres -- Bruders Weib?
Rowland (fast tonlos jedes Wort abwägend). Meines -- Bruders Weib! In jener Nacht wollte ich ihn erwürgen -- aber man band den jungen Kain, mein zärtlicher Vater erklärte mich für toll -- man schleppte mich auf ein Schiff, und erst in Indien fand ich die Vernunft -- aber nicht den Glauben an Gott und Menschheit wieder. Mein Vater starb -- mein Bruder zog mit ihr nach dem Kontinent -- ich hörte endlich, daß auch sie dort gestorben--- ich blieb kalt, ich konnte selbst der Toten nicht vergeben, mein Herz war vergiftet! -- Jahre vergingen, als ich eines Tages die Nachricht von dem Ableben meines Bruders empfing. Der Tod hatte unter den Schuldigen aufgeräumt; ich kehrte nach England zurück, trat mein Erbe an, und mit ihm – empfing ich in geheimer Zuschrift das grauenvolle Vermächtnis, das die Reue des Heimgegangenen mir an das Bruderherz legte. Arthur hatte mir die Braut geraubt -- und (fürchterlich) Hariette Rochester hatte mich dafür so furchtbar an ihm und sich selbst gerächt, wie es keine menschliche Phantasie, selbst meine rachelechzende Seele nicht erdacht hätte! (Wieder ruhiger, aber hastig.) Ihre Verblendung war einem glühenden Haß gegen Arthur gewichen; das Unglück seiner Ehe zu verbergen, brachte er sie nach dem Kontinent- in Genf erkrankte er tödlich -- und als er genas-- war die Elende mit einem schönen Polen -- verschwunden.
Jane (zurückfahrend, sieht entsetzt und erglühend vor sich nieder).
Rowland. Stolz und grausam, wie Arthur es war, meldete er den Tod seiner Gattin nach England, verfolgte still und rastlos die Spur der Flüchtigen bis, nach kaum einem Jahr, ihr Geschick sie in Paris in seine Hand gab. Den Verführer durchstach er vor ihren Augen, ein Kind, das sie im Arm hielt, entriß er ihr und übergab es einer Pension -- sie selbst schleppte er mit ihrer Amme, Gratia Poole, nach England und vergrub sich mit ihr in unser fernes Waldschloß Fardean. Niemand ahnte sein Geheimnis, das er mit Fieberangst hütete. [Er hatte sich die Nemesis selbst angekettet!] Als er der Unseligen Adele entriß, hatte sie den Verstand verloren, und nichts von Erinnerungen war ihr geblieben als der glühende Haß gegen den Mörder ihres Geliebten! -- Arthurs Rache war gesättigt, aber die Angst um sein Geheimnis, vielleicht auch Reue, verzehrte ihn. Der letzte Wille des Sterbenden legte mir die Pflicht auf, jenes verlassene Kind nach England, die Wahnsinnige aus der Moorluft in Fardean in dieses feste Schloß zu bringen und die Schande unsers Hauses heilig zu bewahren. Wie ich diese Pflicht bis heute erfüllte – wissen Sie, Jane Eyre!
Jane (mit bebender Stimme, ihre Bewegung niederkämpfend). Auch wie Ihre Wohlthat belohnt wird, Herr -- dieses Weib wollte Sie ermorden.
Rowland. Das galt nicht mir! Sie begreift nicht, daß ihr Gatte tot sei, in ihrem wirren Geist lebt Arthur in mir, der leider seine Züge trägt. Mit dem Instinkt des Hasses errät sie stets meine Nähe hier -- und strebt mit der Schlauheit des Wahnsinns unermüdet, mich zu verderben! So benutzte sie Gratias kurze Abwesenheit, um Feuer an mein Lager zu legen, und ohne die Elende hätte ich nie erfahren -- welch eine entschlossene Seele in dem zarten Leib Jane Eyres wohnt!
Jane (ohne ihre innere Bewegung zu verraten, wie reflektierend). So sind Sie also der Pfleger des Weibes geworden, das Sie verriet, und der Vater eines Kindes, dessen Mutter Ihr Glück zerstörte. Das ist edel, Herr -- das ist groß!
Rowland (trocken). Ich wollte keine Kritik meines Verhaltens von Ihnen, Jane Eyre, ich wollte Ihnen nur das Erröten ersparen, wenn Sie einst Ihres -- Herrn gedenken. Oder -- gehen Sie vielleicht jetzt nicht mehr?
Jane (zusammenfahrend). Ob ich gehe, Herr? -- O ja – (heftig) gewiß -- noch heute!
Rowland (sieht sie forschend an). Also nicht deshalb wollen Sie fort?
Jane. Nein, Herr, nicht deshalb -- ich hielt Sie nie für schuldig.
Rowland (forschend). Weshalb aber gehen Sie denn! — Weil es dieses Weib, das Sie so sehr haßt, Ihre Tante, von Ihnen fordert?
Jane (sieht ihn groß an). Mistreß Reed? -- Nein, ich war vorher dazu entschlossen.
Rowland. So? Seit wann?
Jane. Sie sagten mir, daß Sie heiraten.
Rowland. Das ist wahr, ich denke zu heiraten -- und bald soll es geschehen!
Jane (gefaßt, aber sanft). Dann wird Adele auf eine Schule geschickt werden und bedarf keiner Gouvernante mehr.
Rowland (nickend). Hm! Das könnte wohl sein, Georgine macht sich nicht viel aus Kindern, und Sie wollen meiner Frau aus dem Wege gehen, nicht wahr? -- Sie ist Ihnen zu hochmütig?
Jane (mit leiser, bebender Stimme). Das ist es nicht. Ich fühle nur, daß ich nicht mehr hierher passe, wenn Sie verheiratet sind, Herr!
Rowland (als dächte er nach). Sie mögen recht haben, ich glaube es selbst. Aber -- wo wollen Sie hin? Sie haben keine Stelle --
Jane. Meine Stelle ist gefunden -- ich gehe zu meinem Onkel nach Madeira.
Rowland (immer ernst und ruhig). Nach Madeira? Hm! Das ist ein weiter Weg, Jane Eyre!
Jane (kaum hörbar). Ja -- ein weiter Weg!
Rowland. Zwar -- für ein Mädchen von Ihrem Verstande und festen Sinn ist das kein Hindernis! Indessen -- das Weltmeer wird sich zwischen Sie und Ihr Vaterland legen --
Jane (schwer atmend. Das Weltmeer -- ja –
Rowland (mild). Und auch zwischen -- uns!
Jane (wie sein Echo, leise). Zwischen uns.
Rowland. Wir werden nichts mehr von einander hören.
Jane (wie oben). Nichts mehr!
Rowland. Wir werden einander nie wiedersehen!
Jane (zitternd). Nie -- nie wiedersehen! (Sie bricht plötzlich in Thränen aus.)
Rowland (ruhig). Weshalb -- weinen Sie, Miß Eyre?
Jane (die Thränen zurückdrängend). Ich liebe Thornfield, es war ein schönes glückliches Asyl für die verlassene Waise. Man hat mich hier nicht mit Füßen getreten, wie ich es gewohnt war so viele Jahre; [man hat mich geweckt aus der Versteinerung meines Unglücks -- man hat mich nicht bei untergeordneten (immer wärmer werdend) Geistern begraben,] ich habe Angesicht zu Angesicht mit dem verkehrt, was ich verehre, was mich erhob, [mit einem kräftigen, genialen und umfassenden Geist,] ich habe Sie erkennen gelernt, Lord Rochester! Ich fühle die Notwendigkeit, mich von allem hier loszureißen, aber sie gleicht für mich der Notwendigkeit des Todes! Soll ich da nicht weinen, Herr? (Sie verbirgt das Gesicht schluchzend in ihren Händen.)
Rowland. Das ist alles wahr, aber wenn Sie so schwer gehen, können Sie ja hier bleiben.
Jane (läßt die Hände plötzlich fallen, wendet sich rasch nach ihm, ihre Augen funkeln von innerem Zorn). Bei Ihnen bleiben? – Wenn Sie verheiratet sind?
Rowland. Gewiß! Sie halten die Trennung nicht aus, Sie müssen bleiben!
Jane (zitternd, leidenschaftlicher werdend, bis sie endlich in ihren ursprünglichen Charakter zurückfällt). Ich sage Ihnen aber, ich muß gehen, die Trennung werde ich aushalten -- das Leben hier nimmermehr! Denken Sie, ich könnte es tragen, nichts mehr für Sie zu sein, [ein überflüssiges Möbel aus alter Zeit, das man aus Pietät nicht eben den Flammen übergiebt? Halten Sie mich für einen Automaten, für eine Maschine ohne Empfindung, die sich den Tropfen lebendigen Wassers, nach dem sie lechzt, von den Lippen nehmen läßt, ohne zu zucken?] Glauben Sie, weil ich arm und klein, einfach und verlassen bin, ich hätte deshalb kein Herz, keine Seele? -- Sie irren sich in Ihrem Hochmut, ich habe so viel Seele wie Sie, und ebenso viel Herz! [Ich verstehe Sie besser als alle anderen, denn jene sind nicht von Ihrer Art -- ich aber, ich bin von Ihrer Art, Herr, ich fühle etwas in Kopf und Herzen, in Blut und Nerven, was mich Ihnen verwandt macht, was mich geistig Ihnen vereint! Und wenn Gott mich mit Schönheit und Reichtum gesegnet hätte -- so sollte es Ihnen gewiß ebenso schwer werden, mich gehen zu sehen, als es mir ist, Sie zu verlassen.] Ich rede jetzt nicht nach Sitte und Herkommen, noch vermöge meines irdischen Teils, nein, es ist mein Geist, der Ihren Geist anredet, als wären wir schon gestorben und unsere Seelen ständen sich gleich, wie sie sind, zu den Füßen Gottes!
Rowland (dessen Brust heftig arbeitet, der regungslos stand, um den Strom ihrer Worte nicht zu hemmen, schlingt plötzlich die Arme um sie und preßt sie an sich). Gleich, wie wir sind! So, so, meine kleine Jane!
Jane (überrascht, aber ohne aus dem früheren Ton zu fallen, steht in seiner Umarmung). Ja -- so -- und doch nicht so -- denn Sie sind so gut wie verheiratet, und zwar an ein Wesen, das Sie nicht wahrhaft lieben können, weil es tief unter Ihnen steht! Und nun -- lassen Sie mich, ich habe meine Gesinnung ausgesprochen, nun kann ich gehen, wohin ich will!
Rowland (sie fester an sich drückend). Das kannst du nicht mehr, Jane Eyre, das Netz schlug über dir zusammen, du bist gefangen.
Jane (sich rasch von ihm losmachend). Ich zerreiße es! Ich bin ein freies Wesen mit unabhängigem Willen.
Rowland. Und du glaubst, ich würde dich lassen, nachdem du so zu mir gesprochen? (Umfaßt sie plötzlich mit beiden Armen.) Weißt du, daß ich dich brechen kann wie Rohr, kleines Mädchen, ehe ich dich von mir gehen lasse?
Jane (steht unbeweglich in seinen Armen und sieht ihn groß und ruhig an). Das können Sie, Herr; mein Leib ist schwächer als der Ihre -- meine Seele ist stärker -- und meine Seele ist mein!
Rowland (sie mit glühenden Blicken betrachtend). O, wie sie mich kennt und sich, wie sie wahr spricht! Was will ich denn! Diesen Geist, diesen gewaltigen, trotzigen, diesen großen Geist will ich, und er würde mir durch die Finger schlüpfen, wie flüchtiges Kali, wenn ich den Käfig zertrümmerte, der ihn fesselt! (Er schiebt sie von sich.) Nun denn, dein Wille soll dein Geschick entscheiden, Jane Eyre! Endlich hast du mir deine Seele geöffnet -- so blicke auch auf den Grund der meinen. Seit ich dich zum erstenmal sah, seit ich ein Stück von meinem Wesen in dir erkannte, kämpfe ich mit meiner vollen Manneskraft gegen dich, armes Lamm; umsonst, du hast meine Seele mit zauberhafter Gewalt an dich gerissen, sie ist dein, mein Herz ist dein, was ich bin und habe, ist dein -- nimm auch noch das Geringste, was du übrig ließest, meine Hand! (Er streckt ihr die rechte Hand hin.)
Jane (sieht ihn groß an und tritt ganz von ihm zurück). O -- spielen Sie nicht mit mir in dieser ernsten Stunde!
Rowland (zitternd vor Ungeduld und Leidenschaft). Jane, komm her zu mir!
Jane (heftig atmend, finster). Ich kann nicht, Ihre Braut steht zwischen uns, Herr!
Rowland (glühend). Ich habe keine Braut!
Jane (ihn scheu von der Seite ansehend). So haben Sie Georgine, die Sie liebt, betrogen!
Rowland. Georgine liebt nichts als sich selbst – und den Reichtum.
Jane. Was sollte sie denn hier?
Rowland. Mir den Schlüssel leihen zu deiner festverschlossenen Seele, starrsinniges Kind! Die Eifersucht mußte dir die Liebe klar machen! Nie habe ich von Liebe und Heirat mit Georgine gesprochen. Niemand, niemand hat Anspruch an mein Herz als du, wunderlicher Kobold, trotziges Schulmädchen! (Immer heftiger werbend.) Dich will ich! Arm und klein, verlassen und einfach, wie du bist, will ich dich, nur dich! [Sieh mich nicht an, als ob dein ganzes Gesicht Auge würde, so träumend, so ungläubig -- du quälst mich fürchterlich!] (Flehend). Jane, nimm mich zum Gatten, nimm mich schnell, bedenke es nicht lange -- sage: “Rowland, ich will dein Weib sein, Rowland, ich will dich lieben!” Sag's schnell, oder meine Fibern reißen, und etwas Schreckliches geschieht!
Rowland. Du, nur du! Willst du? -- Willst du?
Jane (zitternd, in Thränen). Ach Rowland, mein Herr -- meine Welt-- da hast du mich! (Sie stürzt in seine Arme).
Rowland (sie mit Entzücken an sich drückend). Und will dich ewig halten!
[Dreizehnter Auftritt.
Die Vorigen. Francis, Georgine, Lord Clawdon, Lady Clawbon, Clarisse, Judith, Mistreß Reed durch die Mitte.
Francis (höhnisch). Vergebung, Lord Rochester wir konnten nicht ahnen, so zur ungelegenen Zeit hier zu stören, um Zeuge zu werden --
Rowland (großartig, sich mit Stolz zu der Gesellschaft wendend). Wie ich Jane Eyre mit Stolz und Entzücken vor allen Lebenden als meine Braut erkenne!
Alle (in starrem Staunen). Seine Braut!
Mistreß Reed (tonlos). Ich wußte es! (Sie verhüllt das Gesicht und bleibt unbeweglich.)
Rowland (Jane umschlingend). Ja, meine Braut, mein Weib, mein Kleinod, das meine starken Arme fortan wahren werden -- und Gott, der die verlassene Waise durch die Hand des Hasses an das Herz der Liebe führte, wird zwei Seelen schützen, die nichts zu ihrem Glück bedürfen als sich selbst -- und (er legt die Hand auf Janes Haupt und streckt den Arm zum Himmel) seinen Segen!
Allgemeine Gruppe.
Georgine (reicht stolz, mit einem verächtlichen Blick auf Rowland Francis die Hand).
Francis (drückt ihre Hand an seine Lippen).
Judith (giebt ihre Freude zu erkennen).
Die übrigen (in verschiedenen Gruppen, ihre Teilnahme ausdrückend).
Jane (hat die Hände gefaltet und scheint zu beten).]
Der Vorhang fällt rasch.