Eyre_GReichard_Jugendhort.txt
Eyre_Susemihl_Duncker & Humblot.txt

Jane und ihr Peiniger.
Es war an einem rauhen Wintertage. In Gateshead-Hall,
einem Schlosse in der Grafschaft.. shire im südlichen England
ruhte die Besitzerin des Schlosses, Mrs. Reed, umgeben von ihren
drei Lieblingen: Eliza, John und Georgina - auf einem Sofa ihres Salons. Glücklich betrachtete sie die Gesichtszüge ihrer Kinder, die in diesem Augenblick zufällig weder zankten noch schrien.
An das Wohnzimmer stieß ein kleines Frühstückszimmer, in
welchem ein großer Bücherschrank stand. Auf dem Sitz in der
Fenstervertiefung saß ein kleines Mädchen, die Beine gekreuzt wie
ein Türke; doch verdeckten dunkelrote Moire-Vorhänge das Kind
fast vollständig. Scharlachrote Draperien schlossen die Aussicht zur
rechten Hand; links befanden sich die großen, klaren Fensterscheiben,
die einen Ausblick in den düstern Novembertag gestatteten. Das
Mädchen hatte ein Buch in der Hand, und wenn es die Blätter desselben wendete, fiel sein Blick auf das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als ein blasser, leerer Nebel,
Wolken; im Vordergrunde der feuchte, freie Platz vor dem Hause,
vom Winde entlaubte Gesträuche, und ein unaufhörlicher vom
Sturm wildgepeitschter Regen.
Wer war jenes Kind, und weshalb saß es so einsam dort?
Nun, meine liebe Leserin, ich will deine Wißbegierde gleich befriedigen. Dieses einsame Mädchen war Jane Eyre, eine elternlose Nichte der Mrs. Reed, und von dieser- wie sie sagte- aus
Gnade und Barmherzigkeit angenommen. Nichtsdestoweniger suchte
Mrs. Reed ihre Nichte stets so weit wie möglich von sich fern zu
halten. Als nun Jane nach dem Mittagsmähle sich ebenfalls der
Familie zugesellen und im Salon verweilen wollte, sprach ihre
Tante zu ihr: ,Ich bin gezwungen, dich von uns fern zu halten,
bis du angenehmere und freundlichere Manieren, sowie ein offenherzigeres Wesen zeigst; auch hat Bessie sich wieder über dich beklagt.
,Wessen klagt mich denn Bessie an? fragte das Kind dagegen.
,Ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen, erwiderte
die Tante darauf, ,und finde es geradezu häßlich, wenn ein Kind
ältere Leute in solcher Weise zur Rede stellt. Augenblicklich setzest
du dich irgendwo hin und schweigst, bis du freundlicher und liebenswürdiger sprechen kannst.
Daraufhin hatte sich Jane in die Fensternische des Frühstückszimmers zurückgezogen, und so finden wir sie dort mit Bewicks Geschichte von Englands befiederten Bewohnern beschäftigt. Sie
blätterte von Bild zu Bild, sah auf den stillen, einsamen Friedhof,
auf jenes Tor, die beiden Bäume, den niedrigen Horizont, der
durch eine zerfallene Mauer begrenzt war, auf die schmale Mondessichel, deren Aufgang die Stunde der Abendflut bezeichnete. Die
beiden Schiffe, welche auf regungsloser See von einer Windstille
befallen werden, hielt sie für Meergespenster.
Über den Unhold, welcher das Bündel des Diebes auf dessen
Rücken festband, eilte sie flüchtig hinweg; er war ein Gegenstand
des Schreckens für sie.
Und ein gleiches Entsetzen flößte ihr das schwarze, gehörnte
Etwas ein, das hoch auf einem Felsen saß und in weiter Ferne eine
Menschenmasse beobachtete, die einen Galgen umgab.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für ihren
unentwickelten Verstand geheimnisvoll, ihrem Empfinden unverständlich, stets aber flößte sie ihr das tiefste Interesse ein: dasselbe Interesse, mit welchem sie den Erzählungen Bessies, des Kindermädchens, horchte, wenn diese zuweilen an Winterabenden in
guter Laune war. Dann nämlich pflegte Bessie ihren Plättisch an
das Kaminfeuer der Kinderstube zu bringen, und während sie dann
Mrs. Reeds Spitzen bügelte und kräuselte, ergötzte sie die Kinder
mit Erzählungen von alten Märchen und noch älteren Balladen.
Mit Bewick auf den Knien saß Jane so glücklich da; sie fürchtete
nichts als eine Unterbrechung, eine Störung- und diese kam nur
zu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.
,Bah, Frau Träumerin!'' ertönte John Reeds Stimme; dann
hielt er inne; augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu
finden.
,Wo zum Teufel ist sie denn? fuhr er fort, ,Lizzy! Georgy!'
rief er seinen Schwestern zu, ,Jane ist nicht hier. Sagt doch
Mama, daß sie in den Regen hinaus gelaufen ist- das böse Tier!'
,Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,
dachte Jane; und dann wünschte sie inbrünstig, daß er ihren Versteck nicht entdecken möge; John Reed selbst würde es auch niemals
entdeckt haben, aber Eliza steckte den Kopf zur Tür hinein und sagte
sofort:
,Sie ist gewiß wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh
nur nach, John.
Jetzt trat Jane sofort heraus, denn sie zitterte bei dem Gedanken, daß John sie hervorzerren würde.
,Da bin ich, was wünscht ihr? sagte sie mit schlecht erheuchelter Gleichgültigkeit.
,Ich will, daß du hierher kommst, lautete seine Antwort, und
indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er ihr durch eine
Geste zu verstehen, daß sie näher kommen und vor ihn treten solle.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier
Jahre älter als Jane, denn diese war erst zehn Jahre alt; der
Knabe war groß und stark für sein Alter, mit einer ungesunden
Hautfarbe, schwerfälligen Gliedmaßen und großen Händen und
Füßen. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so voll zu pfropfen,
daß er schlecht gelaunt wurde; das machte seine Augen trübe und
seine Wangen schlaff. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein
müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach
Hause geholt, ,seiner zarten Gesundheit wegen. Mr Miles, der
Direktor der Schule, versicherte, daß es ihm außerordentlich gut
gehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen
von Hause schicken wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich
Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh
herrühre.
John hegte wenig Liebe für seine Mutter und seine
Schwestern, und eine starke Antipathie gegen seine Cousine. Er
quälte und strafte sie; nicht zwei- oder dreimal in der Woche, nicht
ein- oder zweimal am Tage, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in dem Kinde fürchtete ihn, und sie schauderte,
wenn er in ihre Nähe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken,
den er ihr einflößte, sie ganz besinnungslos machte, denn sie hatte
niemanden, der sie gegen seine Drohungen und seine Tätlichkeiten
verteidigte; die Dienerschaft wagte es nicht, ihren jungen Herrn zu
beleidigen, indem sie für Jane gegen ihn Partei ergriff, und Mrs.
Reed war in diesem Punkte blind und taub: sie sah niemals, wenn
er ihre Nichte schlug, sie hörte niemals, wenn er sie beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart tat: häufiger zwar noch
hinter ihrem Rücken.
Jane gehorchte John auch diesesmal und näherte sich seinem
Stuhl: ungefähr zwei bis drei Minuten brachte er damit zu, ihr
seine Zunge so weit entgegenzustrecken, wie er es nur bewerkstelligen konnte; und obgleich Jane eine tödliche Angst vor dem gewöhnlich folgenden Schlage empfand, vermochte sie es doch nicht,
ihren Abscheu über die häßliche Erscheinung des Burschen zu
unterdrücken. Plötzlich schlug er heftig und brutal auf das Kind
los. Jane taumelte; dann gewann sie das Gleichgewicht wieder
und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück.
,Das ist für die Frechheit, dich hinter den Vorhang zu verkriechen, und für den Blick, den ich vor zwei Minuten in deinen
Augen gewahrte, du Ratte, du!
An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es Jane niemals
ein, irgend etwas auf dieselben zu erwidern.
,Was hast du da hinter dem Vorhange gemacht? fragte er
weiter.
,Ich habe gelesen, erwiderte sie.
,Zeige mir das Buch, gebot John.
Das Mädchen ging an das Fenster zurück und holte es
von dort.
,Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen; du bist eine
Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein Vater hat
dir keins hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und hier nicht
mit den Kindern eines Gentleman, wie wir es sind, zusammen
leben, und dieselben Mahlzeiten essen wie wir, und Kleider tragen,
die unsere Mama dir kaufen muß. Nun, ich werde dich lehren,
zwischen meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir,
und das ganze Haus gehört mir, oder wird mir wenigstens in
einigen Jahren gehören. Geh und stell dich an die Tür; nicht vor
den Spiegel oder die Fenster,'' rief John wütend.
Jane tat, wie ihr geheißen wurde. Da gewahrte sie aber, daß
er das Buch emporhob und mit demselben zielte; instinktiv sprang
sie zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus; doch das Buch
wurde geschleudert und traf das Kind, so daß es mit dem Kopf
gegen die Tür schlug und sich verletzte. Die Wunde blutete, der
Schmerz war heftig.
,Du böser, grausamer Bube! schrie Jane jetzt. ,Du bist wie
ein Mörder-- du bist wie ein Sklaventreiber-- du bist wie die
römischen Kaiser!''
Sie hatte nämlich Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und so
von den Schandtaten Neros, Caligulas und anderer erfahren.
,Was! Was! schrie er. ,Hat sie das zu mir gesagt? Habt
ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das will ich der Mama erzählen!- Aber erst noch -
Er stürzte auf Jane zu. Sie fühlte, wie er ihr Haar und ihre
Schulter faßte; sie bemerkte, wie einzelne Blutstropfen von ihrem
Kopfe auf den Hals herabfielen, und empfand einen stechenden
Schmerz, und für den Augenblick siegte wahnsinnige Wut über den
Schmerz. Sie schlug und kratzte, während er fortwährend,ate!
Rate!'' schrie und aus Leibeskräften brüllte. Eliza und Georgina
holten Mrs. Reed. Diese erschien sofort und ihr folgten Bessie und
ihre Kammerjungfer Abbot. Man trennte die Kämpfenden und
dann ertönten die Worte:
,Du liebe Zeit! Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!?
,Hat man jemals ein so leidenschaftliches Geschöpf gesehen!?
Mrs. Reed aber gebot:
,Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein. Vier
Hände bemächtigten sich sofort des Mädchens und man trug sie
nach oben.

Zweites Kapitel.
Das rote Zimmer.
Auf dem ganzen Wege leistete Jane Widerstand; dies war
etwas neues und ein Umstand, der viel dazu beitrug, Bessie und
Miß Abbot in der schlechten Meinung zu bestärken, welche diese
ohnehin schon von ihr hegten; aber das Kind war vollständig außer
sich und trotzdem es wohl wußte, daß diese Empörung ihm außergewöhnliche Strafen zuziehen mußte, war es in seiner Verzweiflung
fest entschlossen, bis ans äußerste zu gehen.
, Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde
Katze.
,Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!' rief die Kammerjungfer.,Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, einen jungen
Gentleman zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohltäterin! Ihren
jungen Herrn!''
,Herr! Wie ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin??
, Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie tun
nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie
sich und denken Sie über Ihre Schlechtigkeit und Bosheit nach!
Inzwischen hatten sie Jane in das von Mrs. Reed bezeichnete
Gemach gebracht und sie auf einen Stuhl geworfen; doch wie eine
Sprungfeder schnellte sie wieder von demselben empor. Vier Hände
hielten sie jedoch augenblicklich wieder wie mit eisernen Klammern.
,Wenn Sie nicht still sitzen, werden wir Sie festbinden,' sagte
Bessie und bat Miß Abbot einen Strick zu holen.
Schon wollte diese gehen, als die Aufregung Janes sich ein
wenig minderte.
,Gehen Sie nicht, schrie sie, ,ich werde ganz still sitzen, und
sie hielt sich mit beiden Händen an ihrem Sitz fest.
Als sich Bessie überzeugt hatte, daß sich Jane wirklich etwas
beruhigte, ließ sie sie los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit
gekreuzten Armen vor Jane hin und blickten finster und zweifelnd
in ihr Gesicht, als glaubten sie nicht an ihren gesunden Verstand.
,Das hat sie bis jetzt noch niemals getan,' sagte endlich Bessie
zu Abigail Abbot gewendet.
,Aber es hat schon lange in ihr gesteckt, lautete die Antwort.
,Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das
Kind gesagt, und sie hat mir auch beigestimmt. Sie ist ein verstecktes, kleines Ding: ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter
gesehen, das so schlau wäre.
Bessie antwortete nicht; nach einer Weile wandte sie sich zu
Jane und sagte:
,Fräulein, Sie sollten doch wissen, daß Sie Mrs. Reed zu
Dank verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortschickte, so
müßten Sie ins Armenhaus gehen.
Auf diese Worte erwiderte Jane nichts; sie waren ihr nicht
mehr neu; so weit sie in ihrem Leben zurückdenken konnte, hatte sie
Reden desselben Inhalts gehört. Nun fiel auch Miß Abbot ein:
,Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie mit den Fräulein
Reed und Mr. Reed auf gleicher Stufe stehen, weil Mrs. Reed Ihnen
gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden
einmal ein großes Vermögen haben, und Sie sind arm. Sie müssen
demütig und bescheiden sein und versuchen, sich den andern angenehm zu machen.
,Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten,'' fügte Bessie hinzu, ohne in hartem Ton zu reden,,Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann würden Sie hier vielleicht eine
Heimat finden; wenn Sie aber heftig und roh und ungezogen
werden, so wird Mrs. Reed Sie fortschicken, davon bin ich fest überzeugt.
,Außerdem, sagte Miß Abbot, ,wird Gott Sie strafen. Er
könnte Sie mitten in Ihrem Trotz tot zu Boden fallen lassen, und
wohin kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie
allein lassen: um keinen Preis der Welt möchte ich ihr Herz haben.
Sagen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn
Sie nicht bereuen, könnte etwas Schreckliches durch den Kamin herunterkommen. und Sie holen.
Sie gingen und schlossen die Türe hinter sich ab.
Das rote Zimmer war ein Fremdenzimmer, in dem nur selten
jemand schlief; man könnte beinahe sagen niemals oder nur dann,
wenn zufällig sehr viel Besucher auf Gateshead-Hall anwesend
waren; trotzdem war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer im Herrenhause. Im Mittelpunkt desselhen stand ein Bett
von massiven Mahagonipfeilern getragen und mit Vorhängen von
dunkelrotem Damast behängt; die beiden großen Fenster, deren
Rouleaux immer herabgelassen waren, wurden durch Gehänge und
Faltendraperien vom selben Stoffe halb verhüllt; der Teppich war
rot; der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer hochroten
Decke belegt; die Wände waren mit einem Stoffe behängt, der auf
lichtbraunem Grunde ein zartes rosa Muster trug; die Garderobe,
der Toilettetisch, die Stühle waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich hoch
und glänzend die aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen des
Bettes, über die eine schneeweiße Decke gebreitet war. Ebenso unheimlich stak ein großer, gepolsterter, ebenfalls weißer Lehnstuhl
hervor, der am Kopfende des Bettes stand und vor dem sich ein
Fußschemel befand.
Das Zimmer war dumpf, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil fast niemals
jemand dasselbe betrat. Nur am Sonnabend kam das Hausmädchen hierher, um den Staub einer Woche von den Möbeln und
den Spiegeln zu wischen; und in langen Zwischenräumen kam auch
Mrs. Reed hierher, um den Inhalt einer gewissen Schieblade zu
revidieren, in welcher sich verschiedene Urkunden, ihre Juwelenschatulle und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten befand.
In diesen letzten Worten liegt das Geheimnis des roten Zimmers.
der Zauberbann, weshalb es trotz seiner Pracht so einsam und verlassen war.
Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte
er seinen letzten Atemzug getan; hier lag er aufgebahrt; von hier
hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen -- und seit jenem
Tage hatte ein Gefühl trauriger Weihe jeden unberufenen Besucher
von seiner Schwelle fern gehalten.
Der Sitz, auf welchen Bessie und die bitterböse Miß Abbot die
Kleine gebannt hatten, war eine niedrige Ottomane, welche nahe
dem weißen Marmorkamin stand; das Bett türmte sich davor auf;
zur Rechten Janes befand sich ein hoher dunkler Garderobenschrank; zu ihrer Linken waren die verhängten Fenster; ein großer
Spiegel zwischen denselben wiederholte die totenstille Majestät des
Bettes und des Zimmers. Jane war nicht ganz sicher, ob die Tür
zugeschlossen war; und als sie wieder Mut genug hatte, um sich zu
bewegen, stand sie auf und sah nach. Ach ja! Keine Kerkertür war
jemals sicherer verschlossen! Als sie wieder an die Ottomane zurückging, mußte sie an dem Spiegel vorüber, und ihr gebannter Blick
bohrte sich unwillkürlich in die Tiefe desselben ein. In ihm sah
alles noch hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und Janes
seltsame, kleine Gestalt, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, mit
weißem Gesicht und Armen, die grell aus der Dunkelheit hervorleuchteten, mit Augen, die vor Furcht hin- und herrollten, während sonst alles bewegungslos war diese kleine Gestalt. sah aus, wie
ein wirkliches Gespenst, halb Elfe, halb Kobold, wie sie in Bessies
Dämmerstundengeschichten auftraten. Erschreckt kehrte Jane auf
ihren Sitz zurück.
Aber noch wurde die Furcht des Aberglaubens von der
Empörung zurückgehalten. Aus dem bewegten und aufgeregten
Gemüt des Kindes stiegen alle ihre Leiden an die Oberfläche. John
Reeds wilde Tyrannei, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte sie stets leiden, stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt werden?
Weshalb konnte sie niemals etwas recht machen? Weshalb war es
immer nutzlos, wenn sie versuchte, irgendeines Menschen Gunst zu
erringen? Man hatte Achtung vor Eliza, die doch so eigensinnig und
selbstsüchtig war. Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die
stets übelgelaunt und trotzig war. Ihre Schönheit, ihre rosigen
Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte und ihr Vergebung für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm
jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen
Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetzte, den Weinstock
im Treibhause seiner Trauben beraubte und von den seltensten
Pflanzen die Knospen abriß; er nannte seine Mutter sogar ,liebe
Alte''; nahm durchaus keine Rücksicht auf ihre Wünsche; zerriß und
beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, - und doch war er
,ihr einziger Liebling'. Sie wagte niemals, einen Fehler zu begehen, bemühte sich stets, ihre Pflicht zu tun, und trotzdem nannte
man sie unartig und unerträglich, mürrisch und hinterlistig.
Ihr Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen
Schlage und dem Falle, welchen sie getan; niemand hatte John
einen Verweis erteilt, weil er sie grundlos geschlagen; aber weil sie
sich gegen ihn aufgelehnt hatte, um seiner weiteren, unvernünftigen
Heftigkeit zu entgehen, hatten sie alle mit den lautesten
Schmähungen überhäuft.
, Ungerecht! - ungerecht!'' sagte das arme Mädchen zu sich
selbst, und ihr Geist sann auf allerhand Mittel, um eine Flucht aus
diesem schier unerträglich gewordenen Drucke zu bewerkstelligen --
sie dachte daran, auf und davon zu laufen, oder wenn dies nicht
möglich, wenigstens niemals wieder Speise und Trank zu sich zu
nehmen und auf diese Weise zu Tode zu hungern.
,Ach,' fragte sich die arme, verzweifelte Jane, ,warum muß
ich soviel leiden?
Währenddessen begann das Tageslicht aus dem roten Zimmer
zu schwinden; es war nach vier Uhr, und auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Jane hörte, wie der Regen
noch unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlug, wie der
Wind in den Laubgängen hinter dem Herrenhause heulte; nach und
nach wurde ihr so kalt wie Marmor, und dann begann ihr Mut zu
sinken. Hilflose Traurigkeit bemächtigte sich ihrer und ihr Herz
wurde voller Zweifel. Alle sagten ja, daß sie boshaft sei- vielleicht war es der Fall, denn hatte sie nicht soeben den Gedanken gehegt, sich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: denn war sie bereit zu sterben? oder war das Grabgewölbe
unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes
Ende? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man ihr
gesagt hatte, und dieser Gedanke führte Jane dazu, sein Andenken
herauf zu beschwören und mit wachsendem Grauen bei demselben
zu verweilen. Sie konnte sich seiner nicht erinnern, aber sie wußte,
daß er ihr Onkel gewesen, der einzige Bruder ihrer Mutter-
daß er sie in sein Haus aufgenommen, als sie ein armes, elternloses
Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs.
Reed das Vorsprechen abgenommen hatte, sie wie ihr eigenes Kind
zu erziehen und zu versorgen.
So zweifelte Jane jetzt nicht, daß Mr. Reed, wenn er am Leben geblieben, sie mit Güte behandelt haben würde; und als sie
so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte, zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel
warf da begann sie sich an das zu erinnern, was sie von Toten
gehört hatte, die im Grabe keine Ruhe finden konnten, weil man
ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen, und jetzt auf die Erde zurückkehrten, um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu
rächen; sie dachte, wie Mr. Reeds Geist, gequält durch das Unrecht,
welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte
verließ - und in diesem Zimmer vor ihr erscheinen könne. Sie
trocknete ihre Tränen und unterdrückte ihr Schluchzen; denn sie
fürchtete, daß diese lauten Äußerungen ihres Grams eine übernatürliche Stimme zu ihrem Troste erwecken oder aus dem sie umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könne, das sich mit wundersamem Mitleid über sie beugen werde. Das würde entsetzlich sein, und Jane bemühte sich deshalb, solche Gedanken zu unterdrücken. Sie strich das Haar von Stirn und Augen, erhob den Kopf und versuchte, in dem dunklen Zimmer umher zu blicken: in diesem Augenblick erglänzte
der Widerschein eines Lichtes an der Wand!-- War es vielleicht
der Mondesstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang.
fragte sich Jane? Nein, das konnte nicht sein; die Mondesstrahlen
waren ruhig und dies Licht bewegte sich; während sie noch hinblickte,
glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über ihrem Kopfe. Wahrscheinlich waren diese Lichtstreifen der Schimmer einer Laterne,
welche jemand über den freien platz vor dem Hause trug; aber das
erschreckte und aufgeregte Gemüt des Kindes hielt den sich schnell
bewegenden Strahl für eine Erscheinung aus einer anderen Welt.
Ihr Herz pochte laut, ihr Kopf wurde heiß; in den Ohren spürte sie
ein Brausen, das sie für das Rauschen der Flügel hielt; ein Etwas
schien sich ihr zu nähern; sie fühlte sich bedrückt, erstickt, ihr
Widerstandsvermögen gab nach; sie stürzte auf die Tür zu und
rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende
Schritte kamen: durch den äußeren Korridor daher; der
Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, Bessie und Miß
Abbot traten ein.
,Miß Eyre, sind Sie krank? fragte Bessie.
, Welch ein fürchterlicher Lärm! Ich bin ganz außer mir!'' rief
Abbot aus.
,Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube gehen!'
schrie Jane ununterbrochen.
,Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben
Sie etwas gesehen?' fragte Bessie wiederum.
,O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen
würde,'' erwiderte Jane und hatte sich jetzt Bessies Hand bemächtigt.
,Sie hat mit Absicht so geschrien, erklärte Abbot mit Abscheu.
, Und welch ein Geschrei! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte,
so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte weiter nichts,
als uns alle herbeilocken. Ich kenne ihre bösen Streiche schon.''
, Was gibt es denn hier?? fragte eine andere Stimme gebieterisch; und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher.,Abbot und Bessie, ich glaube, daß ich Befehl gegeben habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen, bis ich selbst sie holen würde??
,Miß Jane schrie so laut, Madame,'! wandte Bessie zögernd ein.
,Laßt sie los, war die einzige Antwort. ,Laß Bessies Hand
los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht hinaus
gelangen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern; es
ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit derartigen Ränken
und Schlichen nicht weit kommst. Jetzt wirst du noch eine ganze
Stunde hierbleiben, und auch dann gebe ich dich nur frei, wenn
du mir das Versprechen gibst, vollkommen ruhig und unterwürfig
zu sein.
,O, Tante, hab Erbarmen! Vergib mir doch! Ich kann, ich
kann es nicht ertragen. Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich
komme um, wenn --, schrie Jane.
,Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend!
entgegnete die Tante. Schnell warf sie Jane in das Zimmer zurück
und schloß sie ohne weitere Erklärungen und Worte wieder ein.
Jane hörte noch, wie sie davon rauschte, und bald darauf verfiel die
Ärmste in Krämpfe und Bewußtlosigkeit.

Drittes Kapitel.
Der gute Mr. Lloyd.
Als Jane wieder erwachte, war es mit dem Gefühl eines schrecklichen Alpdrückens, vor sich sah sie eine unheimliche rote Glut, von
der sich dicke, schwarze Stangen abhoben. Sie hörte Stimmen, die
hohl an ihr Ohr klangen, als würden sie durch das Rauschen des
Wassers oder Toben des Windes übertönt. Aufregung, Ungewißheit und Entsetzen hielten alle ihre Sinne gefangen. Nach einigen
Augenblicken gewahrte sie, daß jemand sie berührte, aufhob und in
eine sitzende Stellung brachte, und zwar viel zärtlicher und sorgsamer, als sie bis jetzt irgend jemand gestützt oder emporgehoben
hatte. Sie lehnte ihren Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und
fühlte sich unendlich wohl.
Noch fünf Minuten und die Wolken der Bewußtlosigkeit begannen zu schwinden. jetzt wußte sie sehr wohl, daß sie in ihrem eigenen Bette lag, und daß die rote Glut nichts anderes war, als
das Feuer im Kamin der Kinderstube. Es war Nacht, eine Kerze
brannte auf dem Tische; Bessie stand am Fußende ihres Bettes und
hielt eine Waschschüssel in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben ihr und beugte sich über sie.
Jane empfand ein wohltuendes Gefühl des Beschütztseins, als
sie sah, daß sich ein Fremder im Zimmer befand, ein Mensch, der
nicht zum Haushalt von Gateshead, nicht zu den Verwandten von
Mrs. Reed gehörte. Sich von Bessie abwendend, prüfte sie die
Gesichtszüge des Herrn; sie kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ, wenn ihre Dienstboten
krank waren. Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur
die Hilfe des Arztes in Anspruch.
,Nun, wer bin ich? fragte er.
Jane sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit
die Hand entgegen; er nahm sie, lächelte und sagte:,Ah, wir werden
uns jetzt langsam erholen. Dann legte er sie nieder, wandte sich
zu Bessie, empfahl ihr, sehr vorsichtig zu sein undJane während der
Nacht nicht zu stören. Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt
und gesagt hatte, daß er am folgenden Tage wiederkommen würde,
ging er fort zu Janes größter Betrübnis, denn als die Tür sich
hinter ihm schloß, verzagte ihr Herz von neuem.
,Glauben Sie, daß Sie schlafen können, Miß? fragte Bessie
sie ungewöhnlich sanft.
,Ich will es versuchen,'' sagte Jane leise.
,Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?
,Nein, ich danke, Bessie.
,Nun, dann werde ich auch schlafen gehen, denn es ist schon
nach Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während,
der Nacht irgend etwas brauchen.
Durch Bessies Sanftmut beruhigt, wagte das Kind jetzt eine
Frage zu stellen.
,Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?
, Ich vermute, daß Sie vor Schreien im roten Zimmer krank
geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz
gesund sein.
Bessie ging in das anstoßende Zimmer der Hausmädchen.
Jane hörte, wie sie dort sagte:
, Sarah, komm und schlaf bei mir in der Kinderstube, und
wenn es mein Leben gälte, so könnte ich diese Nacht nicht mit dem
armen Kinde allein bleiben; es könnte sterben! Wie sonderbar, daß -
Miß Jane einen solchen Anfall haben mußte! Ich möchte doch
wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war dieses
Mal aber auch zu hart gegen sie.
Sarah kam mit ihr zurück; beide gingen zu Bett; sie flüsterten
wenigstens noch eine halbe Stunde miteinander, und Jane hörte
noch einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung, deren Hauptgegenstand
sie selbst war.
, Etwas ist an ihr vorübergeschwebt, ganz in Weiß gekleidet,
dann ist es verschwunden.' --,Ein großer, schwarzer Hund
hinter ihm.,Dreimal hatte es laut an der Zimmertür geklopft.--,Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem
Grabe'-- usw., usw.
Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In
schaurigem Wachen ging die Nacht für Jane langsam hin; Entsetzen und Angst hielten alle ihre Sinne wach. Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange, ernste, körperliche Krankheit und am nächsten Tage gegen Mittag war sie bereits aufgestanden und saß in einen warmen Schal gehüllt vor dem Kaminfeuer. Sie fühlte sich wohl körperlich schwach und gebrochen, aber ein unaussprechlicher Jammer erfüllte ihre Seele, ein Jammer, der ihr fortwährend stille Tränen entlockte. Und doch fühlte sie sich augenblicklich glücklich, denn keiner von den Reeds war da, alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen
spazieren gefahren; auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer,
und während Bessie hin und her ging, Spielsachen forträumte und
Schiebladen ordnete, richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich
freundliches Wort an Jane.
Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte ihr jetzt
einen Kuchen herauf, der auf einem gewissen, bunt gemalten
Porzellanteller lag, dessen Paradiesvogel stets eine außerordentliche Bewunderung in der Waise wach gerufen hatte. Gar oft hatte
sie innig gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um
ihn genauer betrachten zu können, aber stets hatte man ihr eine
solche Gunst verweigert. Jetzt stellte Bessie ihr diesen kostbaren
Teller auf den Schoß und bat sie freundlich, das Stückchen auserlesenen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Vergebens! Die Gunst kam zu spät. Jane konnte den Kuchen nicht
essen, und das Gefieder des Vogels erschien ihr seltsam verblaßt; sie
schob sowohl Teller wie Gebäck von sich. Bessie fragte sie nun, ob
sie ein Buch haben wolle, und Jane bat sie, ihr,Gullivers Reisen'
aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte sie schon unzählige
Male mit Entzücken gelesen; sie hielt es für eine wahre Erzählung
und brachte ihr ein weit tieferes Interesse entgegen als allen
Märchen; denn nachdem sie die Elfen vergebens unter den Blättern
des Fingerhuts und der Glockenblume, unter Pilzen und altem,
von Efeu umrankten Gemäuer gesucht, hatte sie sich mit der
traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß sie alle England verlassen
hätten, um in ein unbekanntes Land zu gehen, wo die Wälder noch
stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet
seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach ihrem
Glauben wirkliche Bestandteile der Erdoberfläche; sie zweifelte gar
nicht, daß, wenn sie eines Tages eine weite Reise machen könnte, sie
mit eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen
Menschen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso die baumhohen Kornfelder, die
mächtigen Bullenbeißer, die Katzenungeheuer, die turmhohen
Männer und Frauen des anderen. Und doch, als sie den geliebten
Band jetzt in Händen hielt, als sie die Seiten umblätterte und in
den wundersamen Bildern den Reiz suchte, welchen sie ihr bis jetzt
stets gewährt hatten, da war alles alt und trübselig. Sie schloß
das Buch und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück
Kuchen.
Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des
Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte,
öffnete sie eine gewisse kleine Schieblade, welche mit den schönsten.
prächtigsten Lappen von Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Dann begann sie zu singen; das Lied lautete:
Mein Körper ist mid und wund ist mein Fuß,
Weit ist der Weg, den ich wandern muß,
Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find',
Den ich wandern muß, armes Waisenkind!
Weshalb sandten sie mich so weit, so weit,
Durch Feld und Wald, auf die Berg', wo es schneit?
Die Menschen sind hart! Doch Engel so lind,
Bewachen mich armes Waisenkind.
Die Sterne, sie scheinen herab so klar,
Die Luft ist mild! Es ist doch wahr:
Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind,
Daß er nicht erfasse das Waisenkind.
Und wenn ich nun strauchle am. Waldesrand
Oder ins Meer versink, wo mich führt keine Hand,
So weiß ich doch, daß den Vater ich find',
Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!
Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir gibt,
Daß Gott da droben sein Kind doch liebt.
Jane wurde beim Anhören dieses Liedes von unendlicher
Traurigkeit erfaßt; Tränenbäche entströmten ihren Augen.
,Kommen Sie, Miß Jane, weinen Sie nicht, sagte Bessie,
als sie zu Ende war. Ebensogut hätte sie dem Feuer sagen können
,brenne nicht!'' aber wie hätte sie denn auch eine Ahnung von dem
herzzerreißenden Schmerz haben können, dessen Beute das
arme Kind war. Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd
wieder.
,Wie? Schon aufgestanden ? rief er, als er in die Kinderstube trat. ,Nun, Wärterin, wie geht es ihr denn eigentlich?
Bessie entgegnete, daß es ihr außerordentlich gut gehe.
,Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her,
Miß Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?
,Ja, mein Herr, Jane Eyre!
,Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, wollen Sie mir
nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?
,Nein, Herr.
,Ah, ich vermute, daß sie weint, weil sie nicht mit Mrs. Reed
spazieren fahren durfte, warf Bessie hier ein.
,O nein, gewiß nicht, für solche Albernheit ist sie denn doch
zu alt.
Jane antwortete schnell: ,In meinem ganzen Leben habe ich
noch keine Tränen um solche Dinge vergossen. Ich hasse die
Spazierfahrten. Ich weine, weil ich so unglücklich bin.
,Schämen Sie sich, Miß! rief Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verwirrt. Jane stand
vor ihm; er heftete seine Augen fest auf sie. Trotz der harten
Züge hatte er ein gutmütiges Gesicht. Nachdem er das Kind lange
mit Muße betrachtet hatte, sagte er:
,Was hat Sie gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen, sagte Bessie wieder einfallend.
, Gefallen! Nun, das ist gerade wieder wie ein Kind! Kann
sie bei ihrem Alter denn noch nicht allein gehen? Sie muß doch
acht oder neun Jahre alt sein?
,Jemand hat mich zu Boden geschlagen, lautete die derbe
Erklärung, welche der Schmerz gekränkten Stolzes der Waise entriß,,aber das hat mich nicht krank gemacht,' fügte sie hinzu, während Mr. Lloyd bedächtig eine Prise Tabak nahm.
Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob, rief
der laute Klang einer Glocke die Dienstboten zum Mittagessen; er
wußte, was es bedeutete.,Das gilt Ihnen, Wärterin,' sagte er,
,Sie können hinunter gehen; ich werde Miß Jane einige Lehren
geben, bis Sie zurückkehren.
Bessie wäre lieber geblieben, aber sie war gezwungen zu
gehen, weil auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten in Gateshead-
Hall strenge gehalten wurde.
,Der Fall hat Sie nicht krank gemacht? Nun, was
war es denn? fragte Mr. Lloyd weiter, nachdem Bessie gegangen war.
,Ich war in einem Zimmer eingesperrt, wo ein Geist umgeht und es war schon lange dunkel,'' erwiderte Jane.
Sie sah, wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte. ,Ein Geist! Was! Sie sind am Ende doch nichts anderes,
als ein kleines Kind! Sie fürchten sich vor Geistern?
,Ja, vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich. Er starb in jenem
Zimmer und lag dort auf der Bahre. Weder Bessie noch sonst
jemand geht am Abend hinein; ach, es war so furchtbar grausam,
mich dort allein, ohne Licht, einzuschließen - so grausam, daß ich
glaube ich werde es niemals vergessen können.
, Unsinn! Und macht das Sie so elend? Fürchten Sie sich jetzt
bei Tage auch noch?
, Nein. Aber es dauert nicht lange und dann wird es wieder
Nacht. Und außerdem bin ich unglücklich, sehr unglücklich.
,Weshalb denn? Können Sie es mir nicht sagen?
Wie sehr wünschte Jane, offen und ehrlich auf diese Frage zu
antworten! Wie schwer war es aber, richtige Worte für eine solche
Antwort zu finden! Da sie aber fürchtete, daß diese erste und
einzige Gelegenheit, ihren Kummer durch Mitteilung zu erleichtern,
ungenützt vorübergehen könnte, brachte sie zwar eine unzulängliche,
aber wahre Antwort hervor.
, Erstens habe ich keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder,
keine Schwester,'' sprach sie.
,Aber Sie haben eine gütige Tante, einen lieben Vetter und
Cousinen.''
,Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen,'! rief sie aus,
,und meine Tante hat mich im roten Zimmer eingesperrt.
Wieder holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdose hervor.
, Finden Sie denn nicht, daß Gateshead-Hall ein wunderschönes Haus ist?' fragte er. ,Sind Sie nicht dankbar, an einem so schönen Orte leben zu können??
,Es ist nicht mein eigenes Haus, Sir,' erwiderte Jane, ,und
Abbot sagt, daß ich weniger Recht habe, hier zu sein, als ein Dienstbote.
, Dummes Zeug! Sie können doch nicht so dumm sein, zu
wünschen, daß Sie einen so herrlichen Ort wie diesen verlassen
dürften?
,Wenn ich nur wüßte, wohin ich gehen sollte, ich wäre wahrhaftig froh zu gehen; aber ich darf Gateshead erst verlassen, wenn
ich erwachsen bin,' war Janes Antwort.
,Vielleicht doch früher - wer weiß? Haben Sie außer Mrs.
Reed keine Verwandte?
,Ich glaube nicht, Sir.
,Niemanden, der mit Ihrem Vater verwandt war?
,Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed, und da
sagte sie, daß ich möglicherweise irgendwelche arme, heruntergekommene Verwandte, namens Eyre, haben könne, daß sie aber
nichts über sie wisse.
,Möchten Sie denn zu ihnen gehen, wenn Sie solche Angehörige hätten?
Jane besann sich. Armut hat etwas Abschreckendes für erwachsene Menschen; für Kinder aber noch mehr; dies Wort erweckt in ihnen nur den Gedanken an zerlumpte Kleider, kärgliche Nahrung, einen kalten Ofen und rohe Manieren. Auch für Jane war Armut gleichbedeutend mit Entehrung.
, Nein. Ich möchte nicht bei armen Leuten leben,' war ihre
Antwort.
, Auch nicht, wenn sie gütig gegen Sie wären??
Jane schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht begreifen, wie
arme Leute überhaupt die Mittel haben, gütig zu sein. Und dann
-- sprechen lernen wie sie-- ihre Manieren annehmen- schlecht
erzogen werden -- nein, sie war nicht entschlossen genug, um ihre
Freiheit mit Armut zu erkaufen.
,Aber sind Ihre Verwandten denn so arm ? Gehören sie zur
arbeitenden Klasse? fragte Mr. Lloyd jetzt weiter.
,Das weiß ich nicht; Tante Reed sagt, wenn ich überhaupt
Angehörige habe, so müssen sie Bettlergesindel sein. Nein, nein,
ich möchte nicht betteln gehen,'' entgegnete das Kind.
,Möchten Sie nicht in die Schule gehen?
Wiederum dachte Jane nach; kaum wußte sie, was eine Schule
eigentlich sei; Bessie sprach zuweilen davon wie von einem Orte,
an dem man von jungen Damen erwartet, daß sie außerordentlich
manierlich sind. John Reed haßte seine Schule und schmähte
seinen Lehrer, aber John Reeds Ansichten waren nicht für sie vorbildlich. Außerdem hatte Jane durch Bessies Erzählungen erfahren, daß die jungen Mädchen in einer Schule sich allerlei Talente und Kenntnisse aneignen könnten, wie das Malen von wunderschönen Gemälden, von Landschaften und Blumen, das Singen von Liedern und Klavierspielen. Schließlich wäre die Schule doch eine gänzliche Trennung von Gateshead, ein Eintritt in ein neues Leben.
,Ich möchte in der Tat in eine Schule gehen,'' war jetzt Janes
Antwort.
, Nun, nun, wer weiß denn, was geschieht!'' sagte Mr. Lloyd,
indem er sich erhob.,Das Kind braucht Luft- und Ortsveränderung,' fügte er hinzu, mit sich selbst redend, ,die Nerven sind in einer bösen Verfassung.
jetzt kam Bessie zurück; in demselben Augenblick hörte man
Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen.
,Ist das Ihre Herrin, Wärterin? fragte Mr. Lloyd, ,ich
möchte noch mit ihr reden, bevor ich gehe.
Bessie forderte ihn auf, ins Frühstückszimmer zu gehen und
geleitete ihn hinaus. Ohne Zweifel empfahl der Apotheker Mrs.
Reed, Jane in eine Schule zu schicken, denn als diese an einem der
folgenden Abende im Bette lag, und Bessie und Abbot sie schlafend
glaubten, sagte letztere: , Ich glaube, die gnädige Frau ist nur zu
froh, solch ein langweiliges, boshaftes Kind los zu werden; sie
sieht immer aus, als beobachte sie jeden Menschen und schmiede
heimliche Pläne.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Jane auch aus Miß Abbots
Mitteilungen an Bessie, daß ihr Vater ein armer Prediger gewesen,
den ihre Mutter gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet
habe. Über diesen Ungehorsam sei Großvater Reed so erzürnt gewesen, daß er seine Tochter gänzlich enterbte. Kaum ein Jahr nach
seiner Verheiratung sei Janes Vater dem Typhus erlegen. Er
hatte sich denselben zugezogen, als er die arme Bevölkerung einer
großen Fabrikstadt, in welcher diese schreckliche Krankheit ausgebrochen war, und die zu seiner Pfarre gehörte, besuchte. Einen
Monat später folgte ihm seine Gattin ins Grab.
Als Bessie diese Erzählung mit anhörte, seufzte sie und sagte:
,Abbot, die arme Miß Jane ist auch zu bedauern.''
, Ja, ja,'' entgegnete Abbot, ,wenn sie ein liebes, gutes, hübsches Kind wäre, so könne man Mitleid mit ihr haben, weil sie so
gänzlich verlassen ist; aber solch eine scheußliche kleine Kröte kann
einem doch unmöglich Erbarmen einflößen.
,Nein, nicht viel,. stimmte Bessie ihr bei, ,auf jeden Fall
würde eine so prächtige Schönheit, wie Miß Georgina in einer
solchen Lage viel rührender sein.
,Ja, ja, ich bete Miß Georgina an! rief Abbot., Der
kleine süße Liebling!-- Mit ihren langen Locken und blauen
Augen, und den süßen, lieblichen Farben, gerade als ob sie angemalt wäre!-- Bessie, ich hätte wahrhaftig Appetit auf einen gerösteten Käse zum Abendbrot.
,Ich auch, ich auch- mit geschmorten Zwiebeln. Kommen
Sie, wir wollen hinunter gehen.'
Und sie gingen.

Viertes Kapitel.
Jane schöpfte jetzt sichere Hoffnung, bald aus Gateshead-Hall
fortzukommen, aber Tage und Wochen vergingen, ohne daß sie
irgend etwas davon vernahm. Oft betrachtete Mrs. Reed sie mit
strengen, finsteren Blicken, aber nur selten sprach sie zu ihr. Seit
Janes Erkrankung hatte ihre Tante eine schärfere Grenzlinie denn
je zwischen ihr und ihren eigenen Kindern gezogen; es war ihr eine
kleine Kammer als Schlafgemach angewiesen worden; man hatte
sie dazu verdammt, alle Mahlzeiten allein einzunehmen, und sie
mußte allein in der Kinderstube verweilen, während ihr Vetter
und die Cousinen sich stets im Wohnzimmer aufhielten.
Eliza und Georgina sprachen so wenig wie möglich mit Jane,
während John ihr die Zunge herausstreckte, sobald er sie erblickte
und einmal sogar sie zu züchtigen versuchte. Da sie sich aber augenblicklich gegen ihn wandte, und er in ihren Augen denselben Blick
wahrnahm, mit dem sie sich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte,
hielt er es für besser, abzulassen und unter lauten Verwünschungen
davon zu laufen, während er schrie, Jane habe ihm das Nasenbein
zertrümmert; allerdings hatte sie nach ihm einen Schlag geführt.
Jane hörte noch, wie er zu seiner Mutter eilte und derselben
mit stammelnden Lauten erzählte, ,wie diese abscheuliche Jane
Eyre'' einer wilden Kate gleich auf ihn gesprungen sei; mit strenger
Stimme unterbrach ihn seine Mutter.
,Sprich mir nicht von ihr, John; ich habe dir gesagt, daß du
ihr nicht zu nahe kommen sollst; sie ist nicht einmal deiner Beachtung wert; ich will nicht, daß du oder eine deiner Schwestern
mit ihr etwas zu tun haben.
In diesem Augenblick lehnte sich Jane über das Treppengeländer und schrie plötzlich ohne im geringsten über ihre Worte
nachzudenken:,Sie sind nicht wert, mit mir zu verkehren.'
Mrs. Reed war zwar eine ziemlich starke Frau; als sie indessen
diese seltsamen und unverschämten Worte vernahm, kam sie ganz
leichtfüßig die Treppe herauf gelaufen, zog das Mädchen mit
Windeseile in die Stube, drückte sie an die Seite ihres kleinen
Bettes und verbot ihr, sich von dieser Stelle fortzurühren und
während des ganzen Tages auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
,Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte?' war
Janes fast willenlos getane Frage.
,Was? zischte Mrs. Reed fast unhörbar; in ihrem sonst so
kalten, ruhigen, grauen Auge blitzte etwas auf, das der Furcht glich;
sie ließ Janes Arm los und blickte sie an, als wisse sie nicht recht, ob sie ein Kind oder ein Teufel sei. Jetzt faßte Jane erst recht Mut.
,Mein Onkel Reed ist im Himmel,' sagte sie, ,und kann alles
sehen, was Sie tun und sagen; und mein Vater und meine Mutter
auch; sie wissen, daß Sie mich den ganzen Tag einsperren und daß
Sie nur wünschen, ich wäre tot.
Mrs. Reed war schnell wieder gefaßt; sie schüttelte das Kind
heftig, ohrfeigte es aus allen Kräften und verließ es dann, ohne
eine Silbe zu sprechen. Bessie füllte diese Lücke aus, indem sie
dem Kinde eine stundenlange Strafpredigt hielt, in welcher sie
ihr bewies, daß sie das elendeste und pflichtvergessenste Kind sei,
das jemals unter einem Dache erzogen worden.
November, Dezember und die Hälfte des Januar gingen vorüber. Das Weihnachtsfest und Neujahr waren in Gateshead in
der üblichen fröhlichen Weise gefeiert worden; Geschenke waren
nach allen Seiten hin ausgeteilt und Mittag- und Abendgesellschaften gegeben. Von jeder Feier und Festlichkeit war Jane natürlich ausgeschlossen; ihr Anteil an diesen bestand darin, daß sie
täglich mit ansehen mußte, wie Eliza und Georgina auf das schönste
herausgeputzt, in ihren zarten Musselinkleidern und rosenroten
Schärpen, mit sorgsam gelocktem Haar, in den Salon hinabgingen;
und später horchte sie dann auf die Töne des Klaviers oder der
Harfe, die zu ihr heraufdrangen; hörte, wie der Kellermeister und
die Diener hin und her liefen, wie die Teller klapperten und die
Gläser klangen, während die Erfrischungen umhergereicht wurden.
Währenddessen saß Jane in der stillen einsamen Kinderstube,
wenn auch traurig, so doch nicht elend. Denn sie hegte nicht das
leiseste Verlangen nach der Gesellschaft, in der ihr niemand irgendwelche Beachtung schenkte. Ja, hätte Jane nur Bessie in etwas
freundlicherer Stimmung bei sich gehabt, so würde sie sich ganz zufrieden gefühlt haben, aber sobald das Kindermädchen ihre jungen
Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in die Küche oder in das
Zimmer der Haushälterin zu begeben und gewöhnlich auch noch
die Lampe mit fortzunehmen. Dann saß Jane da mit ihrer Puppe
im Arm, bis das Feuer herabgebrannt war und blickte zuweilen
ängstlich umher, um sich zu vergewissern, daß sich nichts Schlimmes
in dem düsteren Zimmer befand; wenn dann nur noch ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Roste war, entkleidete sie sich
hastig, riß und zerrte aus allen Kräften an den Bändern und
Haken ihrer Röcke und suchte in ihrem Bettchen Schutz vor der Kälte
und der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm sie auch stets ihre
Puppe mit. Sie konnte nicht schlafen, wenn sie die Puppe nicht
in die Falten ihres Nachthemdchens gehüllt hatte, und wenn das
Spielzeug dort sicher und warm lag, fühlte sie sich glücklich,
weil sie glaubte, daß das Püppchen ebenfalls glücklich sein
müsse.
Wie lang schienen der armen Jane die Stunden, wenn sie auf
das Fortgehen der Gesellschaft wartete und auf den Widerhall
von Bessies Tritten auf der Treppe horchte. Zuweilen kam diese
auch in der Zwischenzeit herauf, um ihren Fingerhut und ihre
Schere zu suchen oder ihr irgend etwas zum Abendbrot, vielleicht
einen Käsekuchen oder ein Milchbrot, zu bringen; dann pflegte sie
auf der Bettkante zu sitzen, während Jane aß, und wenn sie fertig
war, wickelte Bessie das Kind fest in die Decken und küßte es zweimal und sagte: ,Gute Nacht, Miß Jane''. Wenn Bessie so sanft
war, erschien sie der Kleinen wie das beste' und freundlichste Geschöpf auf der Welt; und dann wünschte sie so innig, daß Bessie
stets so fröhlich und liebenswürdig sein und sie niemals wieder
umherstoßen oder schelten oder ungerecht beschuldigen möchte, wie
sie es doch meistens tat. Bessie Lee war ein Mädchen mit guten
natürlichen Anlagen; in allem, was sie tat, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein wundersames Erzählungstalent. Sie
war schlank, hatte schwarzes Haar, dunkle Augen, sehr hübsche
Züge und eine klare, gesunde Gesichtsfarbe; aber sie besaß ein
heftiges und launenhaftes Temperament; dem Kinde war sie lieber,
als irgendein anderes lebendes Wesen in Gateshead-Hall.
Es war am 1. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens.
Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen; Janes Cousinen
waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza zog gerade
ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und ihr Geflügel zu füttern - eine Beschäftigung.
welche sie sehr liebte- und ebensoviel Vergnügen machte es ihr,
der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie
auf solche Weise erlangte, zusammenzusparen. Sie hatte viel Sinn
für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit;
dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern und Eiern,
sondern auch in scharfem Handeln mit dem Gärtner um Blumenpflanzen, Samen und junge Schößlinge; dieser Angestellte hatte
von Mrs. Reed den strengen Befehl erhalten, der jungen Herrin
alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen
wünschte, abzukaufen - und Eliza würde jedes einzelne Haar von
ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie einen namhaften Gewinn
dabei erzielt hätte! Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen möglichen
Winkeln und Ecken, in altes Lockenpapier oder in Lumpen gewickelt,
versteckt; aber als einige dieser aufgespeicherten Schätze von dem
Stubenmädchen entdeckt worden, willigte Eliza, welche fürchtete,
eines Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, darein, es ihrer
Mutter gegen unerhörte Wuchezinsen -- fünfzig oder sechzig Prozent - anzuvertrauen. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes
Vierteljahr ein und führte mit ängstlicher Sorgfalt in einem kleinen
Notizbuche hierüber Rechnung.
Georgina saß auf einem hochbeinigen Stuhl und ordnete ihr
Haar vor dem Spiegel; in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen
und verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in
einer Kiste auf der Bodenkammer gefunden hatte. Jane brachte
ihr Bett in Ordnung, denn Bessie hatte ihr den strengen Befehl erteilt, damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde; diese benutzte sie jetzt häufig wie eine Art von zweitem Stubenmädchen, um
das Zimmer aufzuräumen, den Staub von den Möbeln zu wischen
usw. Nachdem Jane die Bettdecke ausgebreitet und ihr Nachtkleid
zusammengefaltet hatte, ging sie an das Fensterbrett, um einige
Bilderbücher und Möbel aus der Puppenstube, welche dort umherlagen, fortzuräumen; aber ein lauter Befehl Georginas, ihre
Spielsachen nicht anzurühren (denn die Liliput Stühle und
-Spiegel, die Feen-Teller und -Tassen waren ihr Eigentun gebot
ihrem Tun Einhalt. In Ermangelung jeder anderen Beschäftigung fing sie jetzt an, auf die Eisblumen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert hatte, zu hauchen, und sich so eine kleine Offnung auf dem Glase zu verschaffen, durch welche sie in den Garten blicken konnte, wo der harte Frost alles getötet und versteinert hatte.
Durch dieses Fenster war die Loge des Portiers und die Fahrstraße sichtbar und gerade als sie so viel von dem silberweißen
Laubgewinde, das die Scheiben verschleierte, fortgehaucht hatte, um
hinausblicken zu können, sah sie, daß die Pforten geöffnet wurden
und ein Wagen durch das Tor rollte. Mit größter Gleichgültigkeit
verfolgte sie ihn; es kamen ja so oft Wagen nach Gateshead, aber
niemals brachten sie Besucher, welche auch für sie nur das geringste
Interesse hegten. Der Wagen hielt vor dem Hause, die Glocke
wurde heftig gezogen; der Besucher erhielt Einlaß. Da dieser ganze
Vorgang Jane nicht kümmerte, fand ihre jetzt unbeschäftigte Aufmerksamkeit bald lebhaftere Anziehungskraft in dem Anblick eines
kleinen, hungrigen Rotkehlchens, das sich piepend auf die entlaubten
Zweige eines Spalierkirschenbaumes nahe am Fenster setzte. Die
Überreste ihres Frühstücks von Brot und Milch standen auf dem
Tische, und nachdem sie eine Semmel in Krümel zerrieben hatte,
zog sie an dem Klappfenster, um die Brosamen auf das Fenstersims
streuen zu können, als Bessie atemlos in die Kinderstube
stürzte.
,Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie
da? Haben Sie heute morgen Gesicht und Hände schon gewaschen?
Bevor das Kind antwortete, zog es noch einmal an der Fensterklinke, denn sie wollte dem Vogel gern sein kleines Mahl sichern;
die Klinke gab nach, sie streute die Brosamen aus, einige auf das
steinerne Gesimse, andere auf die Zweige des Kirschbaumes; dann
erst schloß sie das Fenster und entgegnete:
,Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Aufräumen fertig geworden.
,Unartiges, unordentliches Mädchen! Und was machen Sie da
jetzt? Sie sehen so rot aus, als hätten Sie irgend ein Unheil angerichtet. Weshalb haben Sie das Fenster aufgerissen?
Darauf zerrte Bessie Jane an den Waschtisch, unterwarf ihre
Hände und ihr Gesicht einer erbarmungslosen Waschung mit Seife,
Wasser und einem groben Handtuch, ordnete ihren Kopf mit einer
scharfen Bürste, entkleidete sie der Schürze und riß sie dann schnell.
an die Treppe, wo sie ihr gebot, eilig hinunter zu gehen, da man
sie im Frühstückszimmer erwarte.
Jane hätte gern gewußt, wer sie erwartete; gern hätte sie gefragt, ob Mrs. Reed dort sei; aber Bessie war schon wieder davon
gelaufen und hatte die Kinderstubentür hinter sich geschlossen. Langsam stieg Jane die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten hatte
Mrs. Reed sie nicht mehr rufen lassen; seit dieser Zeit war sie auf
die Kinderstube angewiesen gewesen, und das Frühstückszimmer,
der Speisesaal und der Salon waren für sie Räume geworden, die
sie nur mit Schrecken und Angst betreten konnte.
Sie stand jetzt in der leeren Halle; vor ihr war die Tür des
Frühstückszimmers. zitternd und furchtsam hielt sie inne. Zehn
Minuten stand sie so ängstlich zögernd, da ertönte heftiges Klingeln
der Glocke im Frühstückszimmer, und sie mußte eintreten.
Die Tür sprang auf, Jane trat ein, machte einen tiefen Knix,
blickte auf und sah einen schwarzen Pfeiler! Als ein solcher erschien ihr wenigstens auf den ersten Blick die lange, schmale, schwarzgekleidete Gestalt, welche kerzengerade vor dem Kamin stand: das
ernste Gesicht, welches dieselbe krönte, sah aus wie eine geschnitzte
Maske, die als Kapitäl auf die Säule gestellt war.
Mrs. Reed hatte ihren gewöhnlichen Platz neben dem Kamin
inne. Sie machte Jane ein Zeichen, näher zu treten. Diese tat es
und Mrs. Reed stellte sie jetzt dem steinernen Fremden mit den
Worten vor: ,Dies ist das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich
an Sie wandte.
Der Fremde wandte den Kopf langsam nach der Seite, auf
welcher Jane stand, und nachdem er das Kind mit zwei neugierigen,
unter einem Paar buschiger Augenbrauen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich mit einer tiefen Stimme:,Sie ist klein
von Gestalt, wie alt ist sie?
,Zehn Jahre.
,So alt? lautete die zweifelnde Antwort, und dann fuhr er
noch einige Minuten fort, Jane schweigend zu prüfen. Darauf
redete er sie an:
,Ihr Name, kleines Mädchen?
,Jane Eyre, mein Herr.
,Nun, Jane Eyre, sind Sie ein gutes Kind?
Jane blieb schweigsam, denn die kleine Welt, die sie umgab,
war anderer Meinung. Mrs. Reed antwortete für sie, indem sie
sagte: ,Je weniger man über diesen Punkt spricht, Mr. Brocklehurst,
desto besser.
,Ich bedaure sehr, das zu hören,' erwiderte Mr. Brocklehurst,
indem er sich in einen, Mrs. Reed gegenüberstehenden, Lehnstuhl
sette. ,Kommen Sie hierher,'' fuhr er fort.
Jane ging über den Kaminteppich; er stellte sie gerade und
aufrecht vor sich. Welch ein Gesicht hatte er, welch eine ungeheure Nase! und welch ein Mund! welche großen, hervorstehenden
Zähne!
,Es gibt keinen schrecklicheren Anblick, als den eines unartigen
Kindes, begann er, ,besonders eines unartigen kleinen Mädchens!
Wissen Sie, wohin die Gottlosen kommen, wenn sie gestorben
sind?
,Sie kommen in die Hölle, lautete Janes schnelle Antwort.
,Und was ist die Hölle? Können Sie mir das ebenfalls
sagen?
,Eine Grube voll Feuer.
,Und möchten Sie wohl in diese Grube hineinfallen und dort
für ewig brennen?
,Nein, Sir.
,Was müssen Sie denn tun, um das zu vermeiden?
Einen Augenblick überlegte sie ihre Antwort; dann erwiderte
sie:,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.
,Aber täglich sterben doch Kinder, die jünger sind, als Sie. Erst
vor zwei oder drei Tagen habe ich ein kleines Kind von fünf
Jahren begraben - ein gutes Kind, dessen Seele jetzt im Himmel
ist. Es steht zu befürchten, daß man dasselbe nicht von
Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben abberufen
würden.''
Jane schwieg und schlug die Augen nieder; dann ließ sie sie auf
den beiden ungeheuerlichen Füßen ruhen, die sich in den Kaminteppich eingegraben hatten. Sie seufzte tief auf.
,Ich hoffe, daß dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens
kommt und daß Sie bedauern, die Quelle so vieler Unannehmlichkeiten für Ihre ausgezeichnete Wohltäterin gewesen zu sein.'
,Wohltäterin! Wohltäterin!'' wiederholte Jane innerlich.
,Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohltäterin; wenn sie das
war, so ist eine Wohltäterin eine sehr unangenehme Sache.
,Sprechen Sie abends und morgens Ihr Gebet? fuhr der
Examinator fort.
,Ja. Sir.
,Lesen Sie Ihre Bibel?
,Zuweilen.
,Mit Freude? Lieben Sie Ihre Bibel?
,Ich liebe die Offenbarung, und das Buch Daniel und Genesis und Samuel, und ein wenig vom Buch der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik, und Hiob und Ruth.
,Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben sie auch??
,Nein, Sir.
,Nein? o, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, vie!
jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn
Sie ihn fragen, ob er lieber eine Pfeffernuß zum Essen, oder
einen Vers aus den Psalmen zum Lernen haben möchte, so sagt er:
,O, den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen ja Psalmen,
ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner Engel sein,,
und dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit
zwei Pfeffernüsse.
,Psalmen sind nicht interessant,'' bemerkte Jane.
,Das beweist, daß Sie ein bösartiges Herz haben und Sie
müssen Gott bitten, daß er Ihnen ein besseres gibt, ein neues, ein
reines; daß er Ihnen Ihr Herz von Stein nimmt und Ihnen ein
Herz von Fleisch gibt.
Jane war gerade im Begriff, eine Frage in Bezug darauf zu
tun, als Mrs. Reed sie unterbrach, indem sie ihr gebot,
sich zu setzen, dann fuhr sie fort, selbst die Unterhaltung zu
führen.
,Mr. Brocklehurst, ich glaube, daß ich in dem Briefe, welchen
ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe,
daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Eigenschaften hat, welche mir wünschenswert erscheinen. Wenn Sie sie
in die Schule von Lowood aufnehmen sollten, so würde ich Ihnen
dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer ersuchen
wollten, ein scharfes Auge auf sie zu haben und vor allen Dingen,
ihrem schlimmsten Fehler, einen Hang zur Lüge und Verstellung.
entgegen zu arbeiten. Ich erwähne dieser Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch Mr. Brocklehurst
täuschen zu wollen.
Wohl erkannte Jane an diesen Worten wiederum den ungerechten Haß ihrer Tante gegen sich, die sich schon jetzt bemühte, auch
auf ihrer Nichte künftigen Lebenspfad Abneigung und Unfreundlichkeit zu säen und sie deshalb in Mr. Brocklehursts Augen in ein
verschlagenes und eigensinniges Kind verwandelte.
Aber was konnte sie gegen dieses neue Unrecht tun? Nur
mühsam kämpfte sie mit ihren Tränen.
,Verstellung ist in der Tat ein trauriger Charakterfehler bei
einem Kinde, sagte Mr. Brocklehurst, ,ein Fehler, welcher mit
der Falschheit und Lügenhaftigkeit nahe verwandt ist, und alle
Lügner werden ihren Anteil haben an dem See, in welchem Pech
und Schwefel brennen; Jane soll indessen sorgsam bewacht werden, Mrs. Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrern und
Lehrerinnen sprechen.
,Ich wünsche, daß sie in einer Weise erzogen wird, welche mit
ihren Lebensaussichten übereinstimmt,' fuhr Mrs. Reed fort,
,sie soll sich nützlich machen und demütig bleiben. Die Ferien soll
sie stets mit Ihrer Erlaubnis in Lowood bleiben.
,Ihre Bestimmungen, Madame, sind durchaus vernünftig,'
entgegnete Mr. Brocklehurst. ,Die Demut ist ein Schmuck der
Christen und einer, der ganz besonders für die Schülerinnen von
Lowood passend ist; ich gebe daher die Weisung, daß ihrer Pflege
eine besondere Sorgfalt gewidmet wird. Ich habe ein Studium
darauf verwendet, zu ergründen, wie das weltliche Gefühl des
Stolzes und des Hochmuts am besten in ihnen zu ersticken ist.
Und vor wenigen Tagen erst hatte ich eine angenehme Probe
meiner Erfolge. Meine zweite Tochter, Auguste, ging mit ihrer
Mama, um die Schule zu besuchen und bei ihrer Rückkehr rief sie
aus: , mein teurer Papa, wie ruhig und einfach all die Mädchen
in Lowood aussehen! Mit ihrem Haar, das glatt hinter die
Ohren gestrichen ist und ihren langen Schürzen und den kleinen
Taschen, welche sie über ihren Kleidern tragen-- sie sehen beinahe
aus, wie die Kinder armer Leute! und,' fuhr sie fort, ,sie starrten
Mamas und mein Kleid an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch
kein seidenes Kleid gesehen hätten'.
, Das ist eine Einrichtung der Dinge, welche meinen ungeteilten Beifall hat,’ erwiderte Mrs. Reed, ‘wenn ich ganz England durchsucht hätte, so würde ich keine Erziehungsweise gefunden
haben, die für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so vollkommen gepaßt haben würde.
,Festigkeit, Madame, ist die erste der christlichen Pflichten,
und sie wird in Lowood bei jeder Anordnung in erster Linie berücksichtigt, einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten-- das ist die Tagesordnung für
das Haus und seine Bewohner.
,Ganz in der Ordnung, Sir. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Schülerin in Lowood aufgenommen
und dort ihrer Stellung und ihren Lebensaussichten angemessen
erzogen wird?
,Ja, Madame, das können Sie. Sie soll an jene Pflegestätte
auserlesener Pflanzen versetzt werden- und ich hoffe, daß sie sich
dankbar zeigen wird für das unschätzbare Privilegium, welches ihr
dadurch zuteil wird.
,Ich werde sie also so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst, denn ich versichere Sie, ich hege das innigste Verlangen, so
schnell wie irgend tunlich von einer Verantwortlichkeit befreit zu
werden, welche mir schon zu lästig geworden ist.
,Ohne Zweifel, Madame, ohne Zweifel und jetzt will ich
Ihnen guten Morgen wünschen. In ungefähr zwei bis drei
Wochen werde ich nach Brocklehurst Hall zurückkehren; mein guter
Freund, der Erzbischof, wird mir kaum erlauben, ihn früher zu
verlassen. Übrigens werde ich Miß Temple ankündigen, daß sie
ein neues Mädchen zu erwarten hat, damit bei ihrem Eintritt keine
Schwierigkeiten entstehen. Leben Sie wohl.
,Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst; machen Sie Mrs. und
Miß Brocklehurst ünd Augusta und Theodora und Ihren Sohn
Broughton Brocklehurst meine Empfehlungen.
,Das werde ich tun, Madame. Mein kleines Mädchen,
wandte er sich jetzt an Jane,,hier ist ein Buch mit dem Titel: ,Des
Kindes Führer'; lesen Sie es mit Gebeten, besonders jenen Teil,
welcher von dem fürchterlichen, plötzlichen Tode Marta G.s
handelt, eines unartigen Kindes, welches der Falschheit und Lüge
ergeben war.
Mii diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein Heftchen, welches sorgsam in einen Umschlag genäht war, in Janes Hand; dann ließ er seinen Wagen vorfahren und entfernte sich. Mrs. Reed und Jane blieben allein; mehrere Minuten verharrten sie im Schweigen; sie nähte, Jane beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten Schultern und starken Knochen. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht, ihre Stirn war niedrig, das Kinn breit, unter ihren farblosen Augenbraunen blizte ein Auge, das wenig Herzensgüte verriet; ihre Körperbeschaffenheit war fest und gesund-- eine Krankheit nahte sich ihr niemals. Sie war eine strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft standen vollständig unter
ihrer Kontrolle; nur ihre Kinder trotten zuweilen ihrer Autorität
und verlachten sie höhnisch.
Wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt saß Jane auf
einem niedrigen Schemel und ließ ihre Blicke prüfend auf ihrer
Tante Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt sie das Heftchen.
welches von dem plötzlichen Tode der Lügnerin handelte; ihre Aufmerksamkeit war ganz besonders auf diese Erzählung gelenkt, weil
sie eine passende Warnung für sie enthalten sollte. Ihre Seele
war wund und schmerzhaft von dem, was soeben Mrs. Reed in
bezug auf sie mit Mr. Brocklehurst gesprochen hatte, und das
leidenschaftlichste Rachegefühl regte sich in ihr.
Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge bohrte sich
in das des Kindes.
,Verlaß das Zimmer! Geh wieder in die Kinderstube zurück!'
sagte sie heftig. Jane stand auf, ging an die Tür, kam wieder zurück und trat dicht an Mrs. Reeds Lehnstuhl. Sie faßte ihren ganzen Mut zusammen und schleuderte ihrer Tante folgende,
leidenschaftliche Worte ins Gesicht:
,Ich bin nicht falsch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so würde ich
sogen, daß ich dich liebe, aber ich erkläre dir, daß ich dich nicht liebe.
ich hasse dich mehr als irgend jemand auf der ganzen Welt, John
Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte einer
Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgina geben, denn sie
ist es, die dich und alle anderen belügt, nicht ich.
Mrs. Reeds Hände ruhten untätig auf ihrer Arbeit; ihr
eisiges Auge bohrte sich erstarrend in das Janes.
, Hast du sonst noch etwas zu sagen ? fragte sie kalt.
Ihre kalte Stimme wühlte all' den Haß, der in dem Kinde
lebte, auf. Vom Kopfe bis zu den Füßen bebend, von einer Erregung geschüttelt, deren sie nicht mehr Herr werden konnte, fuhr
sie fort:
,Ich bin glücklich, daß Sie nicht meine Blutsverwandte sind.
Niemals, so lange ich lebe, werde ich Sie wieder Tante nennen.
Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich kommen, um
Sie zu besuchen, und wenn irgend jemand mich fragen sollte, ob ich
Sie liebe und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich antworten, daß der Gedanke an Sie allein schon genügt, um mich todkrank zu machen, und daß Sie mich mit elender Grausamkeit behandelt haben.
,Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, das zu behaupten?
, Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Wie ich es wagen kann?
Weil es die Wahrheit ist. Sie glauben, daß ich kein Gefühl habe.
daß ich ohne die geringste Liebe und Güte leben kann, aber so kann
ich nicht leben - und Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen.
Ich werde niemals vergessen, wie Sie mich heftig und rauh in das
rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen- bis zu
meiner Sterbestunde werde ich es nicht vergessen. Obgleich die
Todesangst mich verzehrte, obgleich ich vor Jammer und Entsetzen
fast erstickend aus allen Kräften schrie und flehte: ,Hab Erbarmen,
Tante Reed! Hab Erbarmen!' Und diese Strafe ließen Sie mich
erdulden, weil Ihr boshafter, schlechter Sohn mich schlug - mich
ohne Grund und Ursache zu Boden schlug. Und diese Geschichte -
gerade so, wie ich sie jetzt erzähle - werde ich jedem erzählen, der
mich fragt. Die Leute glauben, daß Sie eine gute Frau sind, aber
Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig! Sie sind lügnerisch und
falsch!
Ehe Jane noch mit dieser Antwort zu Ende war, begann ein
seltsam glückseliges Gefühl der Freiheit sich ihrer Seele zu bemächtigen. So hatte sie noch niemals empfunden. Es war, als wenn
unsichtbare Fesseln und Bande plötzlich zerrissen wären, und sie sich
endlich den Weg zur unverhofften Freiheit erkämpft hätte. Und
dieses Gefühl kam nicht ohne Veranlassung über sie, denn-- Mrs.
Reed schien erschrocken und furchtsam; die Arbeit war von
ihrem Schoße gefallen, sie erhob die Hände und wiegte sich hin
und her, ihr Gesicht verzerrte sich, als wolle sie anfangen zu
weinen.
,Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du einen
Schluck Wasser trinken?
, Nein, Mrs. Reed.
,Möchtest du irgend etwas anderes, Jane? Du kannst mir
glauben, ich wünsche nichts anderes, als dir eine Freundin zu
sein.
, Nein, das ist nicht wahr. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, daß ich einen lügnerischen, bösen und falschen Charakter habe.
Aber ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind.
und was Sie getan haben! Das schwöre ich Ihnen.
,Jane, du verstehst solche Dinge nicht. Kinder müssen von
ihren Fehlern geheilt werden.'
,Falschheit ist aber nicht mein Fehler!'' schrie Jane mit lauter,
wilder, gellender Stimme.
,Aber du bist leidenschaftlich und heftig, Jane, das mußt du
zugeben. Und jetzt geh wieder in die Kinderstube- so-- das ist
ein gutes, liebes Kind! Geh und ruh dich ein wenig aus.
,Ich bin nicht Ihr gutes, liebes Kind! Ich kann mich nicht
ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt, Mrs.
Reed, denn das Leben hier ist mir unerträglich und verhaßt geworden.
,Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken,. murmelte Mrs. Reed. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.
Jane blieb nun allein, sie behauptete das Schlachtfeld. Es
war der erbittertste Kampf, den sie jemals gekämpft, und der erste
Sieg, den sie je errungen. Einige Augenblicke stand sie vor dem
Kamin auf derselben Stelle, wo Mr. Brocklehurst gestanden, und
genoß die Einsamkeit des Sieges! Zuerst lächelte sie still vor sich
hin und fühlte sich gehoben. Aber diese trotzige Freude schwand
bald dahin, denn ein Kind kann nicht mit älteren Leuten so
streiten, wie Jane es getan, ohne daß es nachher die Qualen der
Gewissensbisse empfindet. Einem Streifen brennenden Heidelandes glich ihr Gemüt, als sie Mrs. Reed anklagte und bedrohte;
und demselben Heideland, schwarz und versengt, nachdem die
Flammen erloschen, glich es, nachdem die Ruhe und das Nachdenken einer halben Stunde den Wahnsinn ihres Vorgehens ihr
vor Augen geführt hatte.
Zum erstenmal hatte sie die Süßigkeit der Rache gekostet; aromatischer Wein dünkte sie ihr, der während des Trinkens süß und
feurig ist; sein Nachgeschmack aber ist herbe und metallisch
-- so hatte sie das Gefühl, als ob sie vergiftet sei. Gern wäre sie
gegangen, um Mrs. Reeds Verzeihung zu erbitten, aber sie wußte
schon aus Erfahrung, daß Mrs. Reed sie dann nur mit doppelter
Verachtung zurückstoßen würde.
Gern hätte Jane jetzt Nahrung für ein sanfteres Gefühl gefunden, als das der finsteren Empörung. Sie nahm ein Buches waren arabische Erzählungen; sie setzte sich, um zu lesen, doch sie
konnte den Sinn des Ganzen nicht verstehen; eigene Gedanken
schwebten fortwährend zwischen den Zeilen. Sie öffnete die Glastür, welche aus dem Frühstückszimmer in den Garten führte; die
jungen Anpflanzungen lagen so still da; der düstere Frost, weder
durch Sonne noch Wind gestört, hatte sein Reich im Garten aufgeschlagen. Sie bedeckte ihren Kopf und ihre Arme mit dem Rock
ihres Kleides und ging hinaus, um in einem abgeschiedenen Teil
des Parks zu spazieren aber sie fand keine Freude an den stillen,
bewegungslosen Bäumen, den herabfallenden Tannenzapfen, den
braunen, welken Blättern, welche der Wind in Haufen zusammengefegt und der Frost bewegungslos gemacht hatte. Sie lehnte sich
gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame Weide, auf welcher
keine Schafe mehr grasten, wo das kurze Gras geschwärzt und welk
und traurig aussah. Es war ein sehr grauer Tag; ein matter
Himmel, der voll. Schneewolken hing, wölbte sich über der Landschaft; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf den
hartgefrorenen Wegen und Büschen und Bäumen liegen blieben,
ohne zu schmelzen.
Da stand sie, ein unglückliches Kind, und flüsterte immer
wieder:,Was soll ich tun? -- Was soll ich tun?
Plötzlich hörte sie eine helle Stimme rufen:,Miß Jane! Wo
sind Sie? Kommen Sie zum Gabelfrühstück herein!
Sie wußte sehr wohl, daß es Bessie sei, aber sie rührte sich
nicht von der Stelle; bald ertönte denn auch Bessies leichter Schritt
auf dem Gartenwege.
, Sie' unartiges, kleines Ding!'' sagte sie.,Weshalb kommen
Sie nicht, wenn man Sie ruft?
Da schlang Jane beide Arme um Bessies Hals und sagte
schmeichelnd:,Komm, Bessie, schilt mich nicht!
Diese Bewegung war natürlicher und furchtloser als irgendeine, die sich Jane bis jetzt Bessie gegenüber erlaubt hatte; sie
mußte auch dem Mädchen gefallen.
,Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane, sagte sie,
indem sie zu ihr herabblickte, ,ein kleines, ruheloses einsames Ding; also vermutlich wird man Sie jetzt in die Schule
schicken?
Jane nickte.
,Und wird es Ihnen nicht schwer, Ihre arme Bessie zu verlassen?
,Was kümmert Bessie sich um mich? Sie schilt mich ja immer
nur,'' erwiderte Jane.
,Weil Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares, kleines
Ding sind. Sie sollten dreister sein.
,Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?
, Unsinn! Aber es ist wahr, es wird hart mit Ihnen umgegangen. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie,
daß sie keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen
möchte.-- Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe Ihnen
etwas angenehmes zu erzählenl'
,Ach nein, Bessie, das hast du nicht.
, Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen
Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau und die jungen
Damen und Master John fahren heute nachmittag zum Tee aus,
und Sie sollen mit mir Tee trinken. Ich werde die Köchin bitten,
daß sie Ihnen einen kleinen Kuchen bäckt, und später sollen Sie
mir helfen, Ihre Schränke und Schiebladen durchzusehen; denn
ich werde bald Ihren Koffer packen müssen. Die gnädige Frau
hat beschlossen, daß Sie in ein bis zwei Tagen Gateshead verlassen sollen; Sie dürfen alle Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen möchten.
,Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten,
so lange ich noch hier bin.
, Nun, das will ich Ihnen versprechen! Aber nun müssen Sie
auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten.
Schrecken Sie nicht immer gleich auf, wenn ich einmal ein bißchen
scharf spreche, das ist so ärgerlich!?
, Nein, ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder vor dir
fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und
gar bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu
fürchten habe.
,Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, so werden die Leute Sie
niemals lieb haben.
,Wie du es tust, Bessie?
,O, ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von
Ihnen, als von all den anderen!''
,Aber du zeigst es mir nicht.
,Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Male ganz
anders. Was macht Sie denn so mutig, so waghalsig?
,Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem'
Jane war im Begriff, etwas von dem zu sagen, was zwischen
Mrs. Reed und ihr vorgefallen war, aber bald fühlte sie, daß es
doch besser sei, über diesen Punkt Schweigen zu bewahren.
,Sie sind also froh, mich zu verlassen?
,O gewiß nicht, Bessie; in der Tat, in diesem Augenblick tut
es mir beinahe leid.
,In diesem Augenblick! und ,beinahe!' Wie ruhig die kleine
Dame das sagt! Ich glaube wahrhaftig, wenn ich Sie in diesem
Augenblick um einen Kuß bäte, so würden Sie ihn mir nicht geben.
Sie würden dann sagen, beinahe lieber nicht.
, Ich will dich küssen, und gern küssen; komm, biege deinen
Kopf zu mir herunter. Bessie neigte sich, sie umarmten sich, und
Jane folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmitiag verging in Frieden und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie ihr
einige ihrer bezauberndsten Geschichten und sang ihr ihre süßesten
Lieder vor. Sogar auf Janes Leben fiel dann und wann ein
Sonnenstrahl.

Fünftes Kapitel.
Der erste Tag im neuen Heim.
Am Morgen des 19. Januar hatte es kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in Janes kleine Kammer brachte und
sie bereits außer Beti und halb angekleidet fand. Sie war schon
eine halbe Stunde vor Bessies Eintritt aufgestanden, hatte ihr
Gesicht gewaschen und sich beim Scheine des gerade untergehenden
Mondes, der seine Strahlen durch das schmale Fensterchen neben
ihrem Bette warf, angekleidet. An diesem Tage sollte sie Gateshead mit einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens an
dem Parktor des Herrenhauses vorüberfuhr. Bessie war die einzige Person, die aufgestanden war; sie hatte in der Kinderstube
ein Feuer im Kamin angezündet und bereitete jetzt das Frühstück
an demselben. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie
von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind, und Jane konnte
es auch nicht. Umsonst bat Bessie sie, nur einige Löffel voll von
dem Milch- und Brotbrei zu essen, den sie für sie bereitet hatte;
sie weigerte sich hartnäckig; dann wickelte Bessie einige kleine Brötchen und Zwieback in ein Papier und schob es in Janes Reisetasche. Darauf bekleidete sie das Kind mit Hut und Pelz, hüllte
sich in ein dickes Tuch und verließ mit Jane die Kinderstube. Als
sie an Mrs. Reeds Schlafzimmer vorüberkamen, sagte Bessie:
,Wollen Sie hineingehen und Ihrer Tante Lebewohl sagen?
, Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche
hinuntergegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, daß ich
weder sie noch meine Cousinen heute morgen zu stören brauche,
und dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, daß sie stets meine
beste Freundin gewesen, und dankbar von ihr zu sprechen und an
sie zu denken.
, Was antworteten Sie darauf, Fräulein?
,Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte
mich von ihr ab.
,Das war nicht recht, Miß Jane.
,Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine
Freundin gewesen, sie war meine erbittertste Feindin.
,O, Miß Jane, das dürfen Sie nicht sagen!'
, Lebewohl Gateshead! rief Jane, als sie durch die Halle gingen und durch die große Haustür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen und es war sehr dunkel.
Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Stufen und einen
durch plötzlichen Tau aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und
rauh war dieser Wintermorgen, Janes Zähne schlugen vor Kälte
zusammen, als sie den Fahrweg hinuntereilten. Aus der Loge des
Portiers glänzte ein Licht. Als sie näher kamen, sahen sie, daß
die Pförtnersfrau gerade ein Feuer machte. Janes Koffer, welcher
schon am Abend vorher hinuntergetragen war, stand mit Stricken
geschnürt vor der Tür. Es fehlten nur noch wenige Minuten an
sechs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen der Räder das Nahen der Postkutsche.
Jane ging an die Tür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit daher kamen.
,Fährt sie allein?' fragte die Portiersfrau.
,Ja.
,Und wie weit ist es von hier?
,Fünfzig Meilen.
, Welch weiter Weg! Mich wundert es nur, daß Mrs. Reed
es wagt, sie die lange Strecke allein fahren zu lassen.
Die Kutsche hielt an; da stand sie mit ihren vier Pferden und
dem von Reisenden besetzten Dach vor der Tür; der Kutscher und
der Kondukteur trieben laut zur Eile an; Janes Koffer wurde hinauf gehißt; man zog sie von Bessie fort, deren Nacken sie umklammert hielt und die sie mit Küssen bedeckte.
, Daß Ihr nur gut acht auf das Kind gebt!' rief sie dem
Kondukteur zu, der Jane in das Innere des Wagens hob.
,Ja! Ja! Ja !' war seine Antwort. Die Tür wurde wieder
zugeschlagen, eine Stimme rief,Fertig', und vorwärts ging es.
So trennte sich Jane von Bessie und Gateshead-- so rollte sie
davon, einer unbekannten Zukunft entgegen.
Der Tag erschien dem Kinde von einer unnatürlichen Länge,
und es dünkte sie, als ob die Landstraße, auf welcher sie dahinfuhr, hunderte von Meilen lang sei. Sie kamen durch verschiedene
Städte, und in einer derselben, einer sehr großen, hielt die Kutsche
an; die Pferde wurden ausgespannt und die Passagiere stiegen
aus, um zu Mittag zu essen. Jane wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Aondukteur sie aufforderte, sich zum Speisen hinzusetzen; da sie jedoch keinen Appetit hatte, ließ er sie in einem großen
Zimmmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand;
ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand
war eine kleine, rote Galerie angebracht, auf der verschiedene
musikalische Instrumente lagen. In diesem Gemach ging sie lange
auf und ab; ihr war gar seltsam zumute und sie hatte eine Todesangst, daß jemand hereinkommen könne, um sie zu rauben und
fortzuführen; denn sie glaubte an Kinderdiebe, ihre Taten hatten
in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine hervorragende Rolle
gespielt. Endlich kam der Kondukteur zurück, noch einmal wurde
sie in die Kutsche gepackt; ihr Beschützer stieg auf seinen eigenen
Sitz, ließ sein Horn erklingen, und fort rasselte der Postwagen
über die steinigen Straßen von L.
Naß und nebelig kam der Nachmittag heran; als die Dämmerung hereinbrach, begann Jane zu fühlen, daß sie in der Tat
schon weit von Gateshead entfernt sein mußte; Städte wurden
nicht mehr passiert; die Landschaft veränderte sich; große, graue
Hügel begannen den Horizont einzuschließen. Als es dunkler und
dunkler wurde, fuhr der Wagen in ein düsteres, dicht bewaldetes
Tal hinab, und lange nachdem die Nacht sich herabgesenkt hatte
und jede Aussicht unmöglich machte, hörte Jane den wilden Sturm
durch die Bäume rauschen.
Dieses Rauschen lullte sie ein, endlich schlief sie fest. Doch
hatte sie noch nicht lange geschlummert, als das plötzliche Aufhören der Bewegung sie weckte. Der Schlag der Postkutsche war
geöffnet und eine Person, die wie eine Dienerin gekleidet war,
stand daneben. Beim Schein der Laterne sah man ihr Gesicht und
ihre Kleidung.
,Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?
fragte sie. Jane antwortete ,ja'', und wurde dann herausgehoben; man setzte ihren Koffer ab, und augenblicklich fuhr der
Postwagen weiter.
Jane war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom
Lärm und der Bewegung der Kutsche; nachdem sie sich einigermaßen erholt hatte, blickte sie umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft; trotzdem unterschied sie eine Mauer vor sich
und eine geöffnete Tür in derselben. Durch diese Tür schritt sie
mit ihrer neuen Führerin; letztere verschloß die Tür, mit
vielen, vielen Fenstern. Durch einige derselben fiel Lichterschein.
Die beiden gingen einen breiten, mit Kies bestreuten Weg hinauf
und wurden durch eine Tür in das Haus eingelassen, dann führte
die Dienerin das Kind durch einen Korridor in ein Zimmer, wo
ein helles Kaminfeuer brannte. Nun blieb Jane allein.
Sie stand und wärmte ihre erstarrten Finger an der Glut,
dann blickte sie umher. Es brannte kein, Licht, aber bei dem unsicheren Schein des Kaminfeuers konnte sie tapezierte Wände,
einen Teppich, Vorhänge und glänzende Mahagonimöbel unterscheiden. Es war ein Wohnzimmer, zwar nicht so geräumig und
prächtig wie der Salon in Gateshead-Hall, aber dennoch hübsch
und gemütlich. Sie war gerade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genau zu besichtigen, als die Tür
geöffnet wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der
Hand trug; eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.
Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen
Augen und einer weißen, hohen Stirn; ihre Gestalt wurde zum
Teil durch einen Schal verhüllt; ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.
,Das Kind scheint doch zu jung, um diese Reise allein zu
machen,'' sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte.
Mehrere Minuten betrachtete sie Jane aufmerksam, dann fügte sie
hinzu:
,Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bette geht, sie sieht so
müde aus. Bist du müde? fragte sie und legte ihre Hand auf
Janes Schulter.
,Ein wenig, Madame.'
,Und auch hungrig, ohne Zweifel. Sorgen Sie dafür, Miß
Miller, daß sie etwas zu essen bekommt, bevor sie sich schlafen legt.
Ist es das erstemal, daß du deine Eltern verlassen hast, mein
kleines Mädchen, um hier in die Anstalt zu kommen??
Jane erklärte ihr, daß sie keine Eltern habe. Sie fragte sie,
wie lange diese schon tot seien; dann wie alt sie sei, wie sie heiße, ob sie lesen könne und auch schreiben und ein wenig nähen. Endlich
berührte sie ihre Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte,,sie
hoffe, daß sie ein gutes Kind sein würde, und dann schickte sie die
Kleine mit Miß Miller fort.
Die Dame, die Jane soeben verlassen, mochte ungefähr neunundzwanzig Jahre alt sein. Die, welche mit ihr ging, konnte um
einige Jahre weniger zählen; die erstgenannte machte durch ihre
Mienen, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf
die Waise. Miß Miller war von gewöhnlicherem Schlage, doch
trugen ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen; sie war
hastig in Gang und Bewegungen wie jemand, der fortwährend eine
Menge der verschiedensten Dinge zu schaffen hat; in der Tat, man
sah auf den ersten Blick, sie war eine Unterlehrerin. Von ihr geführt, ging Jane von Zimmer zu Zimmer, von Korridor zu Korridor
durch ein großes, unregelmäßiges Gebäude. Endlich hörte die vollständige und trübselige Stille des von ihnen durchschrittenen Teiles des Hauses auf, und bald schlug ein Gewirr von Stimmen an das
Ohr. Sie traten in ein großes, langes Zimmer, in welchem an
jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen; auf diesen brannten zwei Kerzen und rund um dieselben saßen auf Bänken eine
Menge von Mädchen jeden Alters, von neun, zehn bis zu zwanzig
Jahren. In dem trüben Schein der Talgkerzen schien ihre Anzahl
Legion, obgleich ihrer in Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren.
Sie trugen sämtlich eine Uniform von braunen wollenen Kleidern
nach ganz altmodischem Schnitt und lange, baumwollene Schürzen.
Es war die Stunde, in welcher sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten, und das Gesumme von Stimmen, welches zuerst
vernehmbar war, entstand aus dem vereinigten Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen.
Miß Miller machte Jane ein Zeichen, sich auf eine Bank nahe
der Tür zu setzen; dann ging sie an das obere Ende des großen
Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme:
,Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher zusammen und legt
sie an ihren Platz
Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und legten sie
fort. Von neuem ertönte Miß Millers tönendes Kommandowort:
,Aufseherinnen, holt sie Bretter mit dem Abendessen!?
Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich
zurück. Jede trug ein großes Präsentierbrett mit Portionen von
irgendwelchem Essen, und in der Mitte eines jeden solchen Brettes
stand ein Krug mit Wasser und ein Becher. Die Portionen wurden
umher gereicht, wer wollte, konnte auch einen Schluck Wasser trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die Reihe
an Jane kam, trank sie, denn sie war durstig; das Abendbrot selbst
ließ sie unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es ihr unmöglich zu essen, indessen sah sie, daß es ein dünner Kuchen von
Hafermehl war, der in Stücke geschnitten worden.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach
oben. jetzt hatte die Müdigkeit Jane vollständig überwältigt, sie
bemerkte kaum, welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer
eigentlich war; sie sah nur, daß es ebenso lang war wie das Schulzimmer. Diese Nacht mußte sie das Bett mit Miß Miller teilen;
diese half ihr beim Entkleiden. Als sie sich niederlegte, blickte sie
auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes schnell mit zwei
Teilhabern sich füllte; nach zehn Minuten wurde das einzige Licht
ausgelöscht. Stille und vollständige Dunkelheit herrschten; Jane
schlief ein.
Die Nacht verstrich schnell. Jane war sogar zu müde und abgespannt, um träumen zu können. Nur einmal erwachte sie und
vernahm, wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume
brauste. Der Regen fiel in Strömen. jetzt gewahrte sie auch, daß
Miß Miller ihren Platz an ihrer Seite eingenommen hatte. Als sie
die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer Glocke an ihr
Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich
an; der Tag war noch nicht angebrochen, und ein oder zwei Lichter
brannten im Zimmer. Widerwillig erhob auch Jane sich; es war
bitter kalt, und sie kleidete sich an, so gut wie sie es vor Kälte bebend
vermochte. Als eine Waschschüssel frei geworden war, wusch sie sich.
Allerdings mußte sie lange auf diese glückliche Fügung warten, denn
auf den Waschtischen, welche durch die Mitie des Zimmers entlang
standen, befand sich nur immer eine Schüssel fr je sechs Mädchen.
Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen Abend zwei
und zwei in die Kolonne, und in dieser Ordnung gingen sie die
Treppe hinunter. Sie traten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer; hier las Miß Miller das Morgengebet vor; dann rief sie
laut:
,Bildet bie Klassen!
Hierauf folgte ein großer Tumult, der einige Minuten anhielt.
Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen: ,Ruhe!'' und
, Ordnung !' Als diese endlich eingetreten, sah Jane, daß alle sich
in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor
vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen, und ein
großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem
leeren Stuhl. Nun entstand eine minutenlange Pause, während
welcher man nichts vernahm, als das leise Gemurmel von Zahlen.
Miß Miller ging von Klasse zu Klasse und machte diese unbestimmten Laute verstummen.
Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei
Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen der Tische und
nahm ihren platz ein. Miß Miller nahm den vierten Stuhl,
welcher der Tür am nächsten stand, und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten; dieser letzten Klasse wurde auch Jane
zugewiesen und zwar als letzte in derselben.
jetzt begann die Arbeit. Die Aufgaben des Tages wurden
wiederholt, dann wurden mehrere Texte aus der heiligen Schrift
hergesagt, und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel,
welches eine ganze Stunde dauerte. Als man mit dieser Übung
zu Ende gelangt, war der Tag vollständig angebrochen. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal. Die Klassen
sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, wo das
Frühstück eingenommen wurde. Wie froh war Jane bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen. Der Hunger hatte
sie beinahe schon krank gemacht, denn Tags zuvor hatte sie fast gar
keine Nahrung zu sich genommen.
Das Speisezimmer war ein großes, niedriges, düsteres
Gemach. Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen
Näpfen, das indessen zu Janes größter Enttäuschung einen Geruch
ausströmte, der nichts weniger als einladend war. Als der Dampf
dieser Mahlzeit in die Geruchsorgane der Kinder drang, bemerkte
Jane eine allgemeine Kundgebung der Unzufriedenheit. Aus dem
Nachtrab des Zuges, den die großen Mädchen der ersten Klasse
bildeten, hörte man die geflüsterten Worte:
,Ekelhaftl Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt!
,Ruhe!'' gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miß.
Millers, sondern sie gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen
dunklen Person, die hübsch gekleidet war, hingegen sehr mürrisch
und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende an
einem der Tische Plat, während eine behäbigere Dame an den
anderen präsidierte. Umsonst hielt Jane Umschau nach der Gestalt,
welche sie am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar. Miß
Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen, an
welchem Jane saß, und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche
Dame- die französische Lehrerin - nahm denselben platz am
nächsten Tische ein. Ein langes Gebet wurde gesprochen, eine
Hymne gesungen, dann brachte eine Dienerin den Tee für die
Lehrerinnen herein, und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.
Vollständig ausgehungert und ermattet verschlang Jane
mehrere Löffel voll von ihrer Portion, ohne an den Geschmack zu
denken; als aber der erste, quälende Hunger gestillt war, bemerkte
sie, daß ein übelriechendes Gemisch vor ihr stand. Angebrannter
Haferbrei ist beinahe ebenso abscheulich wie verfaulte Kartoffeln;
selbst die Hungersnot schreckt davor zurück. Die Löffel wurden ganz
langsam in Bewegung gesetzt, Jane sah, wie jedes Mädchen die ihr
vorgesetzte Nahrung kostete und versuchte, sie hinunterzuschlucken,
aber in den meisten Fällen wurden diese Bemühungen aufgegeben.
Das Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Die
Mädchen sprachen das Dankgebet für etwas, was sie gar nicht bekommen hatten, und nachdem eine zweite Hynne abgesungen worden, leerte der Speisesaal' sich und alle begaben sich in das Schulzimmer. Jane war eine der letzten, die hinausging, und als sie die
Tische passierte, sah.ie, wie eine der Lehrerinnen einen Napf mit
Haferbrei nahm, um den Inhalt desselben zu kosten; sie blickte die
anderen an; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus, und
eine der Damen, die behäbige, flüsterte:
,Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!
Eine Viertelstunde verging, bevor die Stunden wieder begannen. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein glorreicher Aufstand! In dieser Viertelstunde schien es nämlich erlaubt,
frei und laut zu sprechen; und die Mädchen machten den umfassendsten Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die ganze Unterhaltung drehte sich um das Frühstück, auf das alle ungeniert schalten. Die armen Dinger! Es war der einzige Trost, den sie hatten!
Außer Miß Miller war keine andere Lehrerin im Zimmer. Einige
der erwachsenen Mädchen bildeten eine Gruppe um sie und sprachen s
mit ernsten, trotzigen Gebärden. Jane hörte von einigen Lippen den
Namen Mr. Brocklehursts. Miß Miller schüttelte mißbilligend den
Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, um die allgemeine Wut und Empörung zu dämpfen; ohne Zweifel teilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug die neunte Stunde. Miß
Miller verließ den Kreis, welcher sich um sie gebildet hatte,
die Mitte des Zimmers und rief mit lauter Stimme:
,Ruhe! Auf die Plätze!
Die Schulzucht trug den Sieg davon. Nach fünf Minuten war,
Ordnung in die wirre Menge gekommen, und verhältnismäßige
Ruhe folgte auf die Sprachenverwirrung von Babel. Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Posten ein, und doch
schienen alle noch auf irgend etwas zu warten. Auf den Bänken,
swelche sich an den Seiten des Zimmers entlang zogen, saßen achtzig
Mädchen bewegungslos und kerzengerade; eine seltsame Versammlung. Allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt, nicht
eine Locke war sichtbar; in ihren braunen Kleidern, die bis an den
Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abschlossen
mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe hungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländers, die an der Vorderseite des
Kleides befestigt waren und den Zweck hatten, als Arbeitstasche zu
dienen -- dazu die wollenen Strümpfe und die einfach gearbeiteten
Schuhe, welche mit Messingschnallen befestigt waren- ja, in der
Tat, eine seltsame Versammlung!- Ungefähr zwanzig der auf
biese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen oder eigentlich
schon über die allererste Jugend hinaus; das Kostüm kleidete sie
schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein sonderbar abstoßendes Aussehen.
Jane betrachtete sie noch, und dann und wann auch die
Lehrerinnen, - da plötzlich, als ihre Blicke noch von einem Gesicht
zum anderen wanderten, erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und
wie auf Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in
die Höhe geschnellt.
Was war denn geschehen? Jane hatte keinen Befehl vernommen, sie war ganz bestürzt. Bevor sie sich noch gesammelt und
orientiert hatte, saßen die Klassen schon wieder. Da sich jetzt aber
alle Blicke auf einen Punkt richteten, so folgten auch Janes Blicke
jener Richtung und fielen auf die Dame, welche sie am vorhergehenden Abend empfangen hatte. Sie stand am Kamin, am
unteren Ende des Zimmers, an jedem Ende desselben befand sich
nämlich ein Kaminfeuer. Ernst und ruhig musterte sie die beiden
Reihen der Mädchen. Miß Miller näherte sich ihr und schien eine
Frage zu tun. Nachdem sie die Antwort erhalten, ging sie an ihren
Platz zurück und sagte laut:
,Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie
den Globus.
Während diese Weisung befolgt wurde, ging die Dame, welche
befragt worden war, langsam durch das Zimmer. Jetzt im hellen
Tageslicht sah sie schlank, groß und stattlich aus. Braune Augen
mit wohlwollendem, klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern,
welche sie umgaben, hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor. Sie trug ihr schönes, dunkelbraunes Haar in
kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt. Ihre
Kleidung bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von
spanischem Besatz aus schwarzem Samt. Eine goldene Uhr hing
an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muß die
junge Leserin sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine
bleiche, aber klare Gesichtsfarbe, eine stattliche Haltung und Gestalt, und dann hat sie so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen, einen richtigen Begriff von dem Außeren der Miß Temple,
Maria Temple, wie Jane später einmal in einem Gebetbuche las, welches ihr anvertraut wurde, um es in die Kirche zu tragen.
Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood nahm ihren Sitz vor
einem Globus ein, der auf einem der Tische stand, rief die exste
Klasse auf, sich um sie zu sammeln, und begann dann, eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben. Die niederen Klassen wurden
von den Lehrerinnen aufgerufen: Repetitionen in der Weltgeschichte, Grammatik usw. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgte
Arithmetik und Schreibunterricht, und Miß Temple gab einigen der
größeren Mädchen Musikstunde. Die Dauer jeder Unterrichtsstunde
wurde nach der Uhr bemessen. Endlich schlug es zwölf. Die Vorsteherin erhob sich:
,Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten,'
sagte sie.
Der Tumult, welcher stets nach Beendigung der Schulstunden
einzutreten pflegt, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sieh sofort beim Klange ihrer Stimme. Sie fuhr fort:
,Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht
essen konntet, ihr müßt hungrig sein; ich habe befohlen, daß für euch
alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.
Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie, welche das größte Erstaunen verrieten.
,Es soll auf meine Verantwortung geschehen,'' fügte sie hinzu,
gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen; gleich
darauf verließ sie das Zimmer.
Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt,
zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen
Schule. Und nun erging der Befehl: ,In den Garten! Jede
Schülerin setzte einen groben, häßlichen Strohhut mit Bändern von
buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um.
Jane wurde in gleicher Weise ausgerüstet, und dem Strome folgend, machte sie ihren Weg in die frische Luft hinaus.
Der Garten war ein weiter Plan, der mit so hohen Mauern
umgeben war, daß er jeden Blick in die Außenwelt unmöglich
machte; eine überdachte Veranda zog sich an der einen Seite entlang, und breite Kieswege umschlossen einen Mittelraum, der in
unzählige, kleine Beete abgeteilt war. Diese Beete waren den
Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes
Beet hatte eine Besitzerin. Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch,
wenn sie mit Blühenden Blumen bedeckt waren, aber jetzt gegen
Ende des Monats Januar boten sie dem Auge nur ein Bild der
winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte Jane, als sie so dastand und umherblickte. Der Tag war
der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig, es war kein
ordentlicher Regen, der alles durchnäßte, sondern ein dicker, gelber,
herabrieselnder Nebel. Der Boden unter ihren Füßen war durch
den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren der
Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen:
aber unter der Veranda stand eine ganze Schar bleicher, magerer
Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schus
und Wärme. Oft ertönte aus ihrer Mitte, als der dichte Nebel
ihnen fast bis auf die. Haut drang, ein hohler, Böses verkündender
Husten.
Bis jetzt hatte Jane noch mit niemand gesprochen und niemand
schien ihr sonderliche Beachtung zu schenken, ganz einsam stand sie
da; aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war sie ja gewöhnt,
es bedrückte sie nicht mehr als sonst. Sie lehnte sich gegen einen
Pfeiler der Veranda, zog ihren grauen Mantel fest um sich zusammen und indem sie versuchte, die Kälte, die sie von außen schmerzte,
und den unbefriedigten Hunger, der von innen an ihr nagte, zu
vergessen, gab sie sich ganz der Beschäftigung hin, zu beobachten
und nachzudenken. Sie wußte noch kaum, wo sie sich eigentlich befand. Gateshead und ihr bisheriges Leben schienen in einer unermeßlichen Ferne zu verschwinden, die Gegenwart war seltsam und
unbestimmt und von der Zukunft wagte sie nicht, sich irgendein
Bild zu machen. Sie blickte in demr klösterlichen Garten umher,
dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine
Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war.
Dieser neue Teil, welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt, hatte vergitterte Bogenfenster, die ihm ein kirchenähnliches
Aussehen gaben. Eine steinerne Tafel oberhalb der Tür trug die
Inschrift
,Institut von Lowood. Dieser Teil des Hauses wurde wieder
erbaut un. äon.... durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-
Hall in dieser Grafschaft.
, Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten
Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Ev. Matthäi 16.
Wieder und wieder las Jane diese Worte. Sie fühlte, daß sie
noch eine Erklärung haben mußten, und war außerstande, ihren
ganzen Inhalt zu erfassen. Noch dachte sie über die Bedeutung
des Wortes ,Institut'' nach und bemühte sich, einen Zusammenhang zwischen den ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als
ein hohler Husten hinter ihr sie veranlaßte, den Kopf zu
wenden.
Sie sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sitzen; diese
war über ein Buch gebeugt, dessen Inhalt sie vollständig zu fesseln
schien. Von der Stelle aus, wo Jane stand, konnte sie den Titel
lesen: es war ,Ntasselas-, ein Name, der sie seltsam dünkte und sie
infolgedessen fesselte. Als die Leferin ein Blatt umwandte, blickte
sie zufällig auf, und sogleich sagte Jane:
,Ist dein Buch interessant? Sie hatte bereits den Entschluß
gefaßt, sie eines Tages zu bitten, daß sie es ihr leihen möge.
,Mir gefällt es,! sagte diese nach einer Pause von einigen
Sekunden, während welcher sie Jane angeblickt.
,Wovon handelt es denn? fuhr Jane fort.
,Du darfst es dir ansehen,' sagte das Mädchen und gab ihr
das Buch.
Das iat Jane. Eine kurze Besichtigung überzeugte sie, daß der
Inhalt weit weniger fesselnd war als der Titel.,Rasselas schien
ihrem ungebildeten Geschmack höchst langweilig; sie fand nichts von
Feen, von Genien; die enggedruckten Seiten schienen keine fröhliche Abwechslung zu bieten. Sie gab ihr das Buch zurück. Sie
nahm es ruhig, und ohne ein weiteres Wort zu sprechen war sie im
Begriff, sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben,
als Jane noch einmal wagte, sie zu stören:
, Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein
über der Tür bedeutet? Was ist ,nstitut von Lowood'?
,Es ist das Haus, in welchem du hier lebst. ?
, Und weshalb nennen sie es Institut? Ist es denn in irgendeiner Weise von anderen Schulen verschieden?
,Es ist zum Teil eine Mildtätigkeitsschule. Du und ich und
alle übrigen sind Mildtätigkeitszöglinge. Ich vermute, daß du eine
Waise bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?
, Sie sind beide tot, schon lange, ich habe gar keine Erinnerung
mehr an sie.
, Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter
oder beide Eltern verloren, und man nennt dies ein Institut für
die Erziehung von Waisen.
,Vezahlen wir denn kein Schulgeld? Werden wir hier umsonst erhalten?
, Wir oder unsere Verwandten bezahlen fünfzehn Pfund Sterling jährlich.
,Weshalb nennt man uns denn Mildtätigkeitskinder??
, Weil fünfzehn Pfund nicht hinreichend sind für Kost und
Schule, und das Fehlende wird durch Subskriptionen aufgebracht.
, Wer subskribiert denn?
, Verschiedene barmherzige Damen und Herren in dieser
Gegend und in London.
,Wer war Naomi Brocklehurst??
,Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat,
wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und
anordnet.
, Weshalb tut er das?
,Weil er der Schazzmeister und Verwalter des ganzen Instituts ist.
,Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken
Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, daß wir Brot und Käse
bekommen sollten?
,Miß Temple? O nein! Ich wollte, es gehörte ihr! Sie ist
Mr. Brocklehurst für alles, was sie tut, verantwortlich. Mr.
Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.
,Wohnt er hier?
, Nein, zwei Meilen von hier, in einem großen, prächtigen
Herrenhause.
,Ist er ein guter Mann?
,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, daß er sehr vie!
Gutes tut.
PSagtest du, daß die schlanke Dame Miß Temple heißt?
.Va.
, Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?
,Die eine nnit den roten Wangen heißt Miß Smith, sie muß
auf die Handarbeiten achten und schneidet zu, denn wir nähen
unsere eigene Wäsche, unsere Kleider und unsere Mäntel - kurzum
alles; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd, sie
lehrt Geschichte und Grammatik und überhört die Repetitionen der
zweiten Klasse; die dritte, die ein Tuch trägt und das Taschentuch
mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat, ist Madame
Pierrot, sie kommt aus Lisle in Frankreich und lehrt Französisch.
, Liebst du die Lehrerinnen?'
,O ja, so ziemlich.
,Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame?
Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie dr.
,Miß Scatcherd ist heftig; du mußt dich hüten, sie ärgerlich
zu machen. Madame Pierrot ist gerade keine böse Person.
,Aber Miß Temple ist die beste, nicht wahr?
,Miß Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den
anderen, weil sie viel mehr weiß, als sie.
,Bist du schon lange hier?
,Zwei Jahre.
,Bist du eine Waise?
,Meine Mutter ist tot.
,Fühlst du dich hier glücklich?
,Du tust eigentlich zu viele Fragen. Für jetzt habe ich dir
genug geantwortet. Jetzt will ich lesen.
In diesem Augenblick erklang die Glocke, die zum Mittagessen rief. Alle kehrten zurück in das Haus. Der Geruch, welcher
jetzt den Speisesaal füllte, war kaum appetitlicher als jener, welcher die Nasen beim Frühstück erfüllt hatte. Das Mittagessen wurde in zwei unendlich großen Zinnschüsseln serviert, aus
denen ein scharfer Dampf aufstieg, der stark an ranziges Fett erinnerte. Das Gemengsel bestand aus Kartoffeln und seltsamen
Feten rötlichen Fleisches, die untereinander gerührt und zusammen
gekocht waren. Von dieser köstlichen Speise wurde jeder Schülerin
eine ziemlich große Portion vorgesetzt. Jane aß, so viel sie konnte
und fragte sich still verwundert, ob die Kost der anderen Tage nicht
besser sein würde als diese.
Nach dem Mittagessen verfügten sich alle sofort in das Schulzimmer. Die Stunden begannen von neuen und dauerten bis
fünf Uhr.
Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin, daß Jane sah, wie das Mädchen, mit dem sie, in der
Veranda gesprochen, von Miß Scatcherd mit Schimpf und Schande
aus der Weltgeschichtsstunde gejagt wurde und inmitten des großen
Schulzimmers stehen mußte. Die Sirafe schien ihr im höchsten
Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen, das mehr
als dreizehn Jahre zu zählen schien. Sie erwartete bei ihm Anzeichen von großer Scham und Verzweiflung zu sehen, aber zu
ihrem größten Erstaunen weinte sie weder noch errötete sie; gefaßt,
wenn auch ernst, stand sie da, aller Blicke waren auf sie gerichtet.
, Wie kann sie das so ruhig - so gefaßt tragen?' fragte sich Jane,
, Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde ich doch gewiß wünschen,
daß die Erde sich öffnen möchte, um mich zu verschlingen. Sie
sieht aus, als dächte sie an etwas, das über ihre Strafe hinaus
liegt. Ich möchte doch wissen, was für ein Mädchen sie ist, ob gut
oder unartig.''
Bald nach fünf Uhr nachmittags gab es wieder eine Mahlzeit.
die aus einem kleinen Becher Kaffee und einer halben Schnitte
Schwarzbrot bestand. Jane verschlang ihr Brot und trank ihren
Kaffee mit wahrem Ergötzen. Aber sie wäre froh gewesen, wenn
sie doppelt so viel gehabt hätte, sie war noch hungrig. Darauf
folgte eine halbstündige Erholung, und dann begannen die Studien
von neuem. Schließlich kam das Glas Wasser mit dem Stückchen
Haferkuchen, das Gebet und das Schlafengehen. Das war ihr
erster Tag in Lowood.

Sechstes Kapitel.
Helen Burns.
Der nächste Tag begann wie der vorige. Die Waisen standen
beim Lampenlicht auf und kleideten sich an; aber an diesem Morgen mußten sie vom Waschen dispensiert werden, denn das Wasser
war in den Wasserkrügen gefroren. Am Abend vorher war eine
Veränderung im Wetter eingetreten, und ein scharfer Nordostwind,
der die ganze Nacht durch die Ritzen in den Schlafzimmerfenstern
gepfiffen, hatte die Mädchen in ihren Betten vor Kälte beben und
den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht.
Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des
Bibellesens zu Ende waren, war Jane nahe daran, vor Kälte ohnmächtig zu werden. Endlich kam die Frühstückszeit, und an diesem
Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt, die Zubereitung der
Speise war nicht schlecht, aber ihre Menge ließ viel zu wünschen
übrig. Wie klein erschien Jane ihre Portion! Sie wünschte, sie
wäre doppelt so groß gewesen.
Im Laufe des Tages wurde Jane der vierten Klasse als
Schülerin eingereiht, und regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen wurden ihr angewiesen; bis jetzt war sie nur Zuschauerin bei
den Vorgängen in Lowood gewesen, jetzt sollte sie eine der Mitspielenden werden. Da sie wenig daran gewöhnt gewesen, auswendig zu lernen, schienen die Aufgaben ihr unendlich lang und schwer,
auch der häufige Wechsel des Gegenstandes der Lektionen verwirrte
sie; sie war däher froh, als Miß Smith ihr gegen3 Uhr nachmittags
einen zwei Ellen langen Streifen weißen Musselins samt Fingerhut
und Schere gab und ihr gebot, sich in einen stillen Winkel des
Schulzimnners zu setzen, wo sie ihr Anweisungen gab, wie sie
säumen sollte. Um diese Zeit nähte auch die Mehrzahl der anderen'
Mädchen, nur eine Klasse war noch um Miß Scatcherds Stuhl gruppiert und mit Lesen beschäftigt. Da tiefe Stille herrschte, konnte
man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen und
ebenso die Art und Weise, wie jedes Mädchen sich ihrer Aufgabe
entledigte, oder Miß Scatcherd ihre Mißbilligung oder Anerkennung zu verstehen gab. Es war die englische Weltgeschichte.
Unter den Leserinnen bemerkte Jane ihre Bekannte von der
Veranda; beim Beginn der Lektion hatte sie ihren platz als erste
der Klasse gehabt, aber wegen irgendeines Irrtums in der Aussprache oder einer Unaufmerksamkeit in bezug auf Interpunktion
wurde sie plötzlich an das Ende der Schülerinnenreihe geschickt. Und
selbst noch in dieser Stellung blieb sie unausgesett ein Gegenstand
für Miß Scatcherds beständige Aufmerksamkeit; fortwährend
richtete sie Worte wie die folgenden an sie:
, Burns (dies schien ihr Name zu sein; die Mädchen wurden
hier, wie anderswo die Knaben, mit ihren Familiennamen angeredets. ,Burns, du stehst schon wieder einwärts, augenblicklich die
Fußspitzen nach außen. ,Burns, weshalb steckst du das Kinn in
so häßlicher, unangenehmer Weise vor? Halte den Kopf gerade!'
,Burns, ich bestehe darauf, daß du dich gerade hältst, ich will dich
in solcher Stellung nicht vor mir sehen,'' usw., usw.
Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher
geschlossen und die Mädchen geprüft. Die Lektion hatte einen Teil
der Regierung Karls l. umfaßt, und es waren unterschiedliche
Fragen gestellt worden, welche die meisten der Mädchen zu beantworten außer stande gewesen. Jede kleine Schwierigkeit jedoch
wurde gelöst, wenn sie zu Burns kam; ihr Gedächtnis schien die
ganze Lektion gefaßt zu haben, und sie hatte für jgden Punkt eine
Antwort bereit. Jane saß da und wartete freudig erregt, daß Miß
Scatcherd ihre Aufmerksamkeit rühmen würde, statt dessen rief sie
plötzlich aus:
,Du schmuziges, widerwärtiges Mädchen! Heute morgen hast
du deine Nägel wieder nicht gereinigt!''
Burns antwortete nicht, Jane wunderte sich über ihr
Schweigen.
,Weshalb,r dachte sie,,erklärt sie denn nicht, daß sie weder ihr
Gesicht waschen noch ihre Nägel reinigen konnte, da das Wasser gefroren war??
Hier wurde Janes Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt, welche sie aufforderte, ihr beim Abwinden des Zwirns behilflich zu sein. Während sie ihn abwickelte, sprach sie von Zeit zu
Zeit mit Jane, fragte sie, ob sie schon früher eine Schule besucht
habe, ob sie zeichnen, sticken, stricken könne usw.; als sie Jane endlich entließ, konnte diese ihre Beobachtungen über Miß Scatcherds
Verhalten nicht fortsetzen. Als sie auf ihren Sitz zurückkehrte, erteilte diese Dame gerade einen Befehl, dessen Inhalt Jane nicht verstehen konnte. Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und
trat in ein kleines, inneres Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt
wurden. Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und
trug in ihrer Hand ein kleines Reisigbündel, das an einem Ende zusammen gebunden war. Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie
Miß Scatcherd mit einem respektvollen Knix, dann löste sie
schweigend, ohne daß es ihr befohlen wurde, ihre Schürze und
augenblicklich versetzte die Lehrerin ihr mindestens ein Duzend
scharfer Streiche mit der Rute auf Arme und Nacken. Nicht eine
einzige Träne trat in Burns Augen und während Jane mit ihrer
Arbeit innehielt, weil ein Gefühl ohnmächtigen, hilflosen Zorns
ihre Finger erbeben machte, veränderte sich nicht ein einziger Zug
in dem nachdenklichen, ernsten Gesichke Burns.
,Verhärtetes Mädchen!r rief Miß Scatcherd aus, ,nichts kann
dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen! Trage die
Rute wieder fort.
Burns gehorchte. Jane sah ihr scharf ins Gesicht, als
sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat. Sie schob gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und eine Träne
glänzte in ihrem Auge und rann langsam über ihre hohle, bleiche
Wange.
Die Spielstunde am Abend galt Jane als der angenehmste
Teil des ganzen Tages in Lowood. Wenn das kleine Stück Brot,
der Schluck Kaffee, den sie um fünf Uhr genossen, ihren Hunger
auch nicht gestillt, so hatte er wenigstens ihren Lebensmut neu beseelt. Der lange Zwang des Tages fiel fort. Das Schulzimmer
war wärmer als am Morgen, denn die Feuer in demselben durften
heller brennen, weil sie in gewifsem Maße die Lichter erseyen sollten. Der rötliche Feuerschein, der gestattete Lärm, das Durcheinander vieler Stimmen, rief ein wohliges Gefühl von Freiheit
hervor.
Am Abend des Tages, an dem Jane gesehen hatte, wie Miß
Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte,
ging sie wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und
Bänken und lachenden Gruppen umher, sie fühlte sich indessen nicht
einsam. Wenn sie an den Fenstern vorüberging, hob sie dann und
wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus. Der Schnee
fiel in dichten Flocken, vor den unteren Fensterscheiben lag bereits
eine hohe Schicht; wenn sie ihr Ohr dicht an das Fenster legte,
konnte sie durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige
Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden.
Wenn sie ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen
hätte, so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen, in der sie
die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte.
Dieser draußen tobende Sturm würde ihr das Herz schwer gemacht haben, dieses düstere Chaos würde ihren Frieden gestört
haben; wie die Dinge aber lagen, rief das Getöse eine seltsame
Erregung in ihr wach. Sie wurde unruhig und fieberhaft, sie
wünschte, daß der Wind lauter heulen, die Dämmerung zur
Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte.
Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend,
bahnte sie sich einen Weg zu einem der Kamine. Dort fand sie auf
dem hohen Fender kniend Burns, welche bei dem matten Schein
der glühenden Asche über der Gesellschaft ihres Buches alles vergessen hatte, was um sie hervorging.
, Ist es noch immer Rasselas? fragte Jrne hinter ihr
stehend.
,Ja, sagte sie, ,ich bin gerade damit zu Ende.
Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu. Jane
war froh darüber.
,jetzt,'! dachte sie,,kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen. Sie setzte sich neben Burns auf den Fußboden.
,Welchen Namen hast du noch außer Burns?
.Helen.
,Bist du von weit hergekommen?

, Ich komme von Norden her, von der schottischen
Grenze.
,Wirst du jemals wieder nach Hause gehen?
, Ich hoffe es, aber niemand kann in die Zukunft sehen.
,Wünschest du nicht sehr, Lowood zu verlassen?
, Nein, weshalb sollte ich das wünschen? Ich bin nach Lowood geschickt worden, unn eine gute Erziehung zu bekommen, und
nas würde es nüten, fortzugehen, wenn dieser Zweck nicht erreicht ist.
,Aber jene Lehrerin, Miß Scatcherd, ist doch so grausam
gegen dich?
,Grausam ? Durchaus nicht! Sie ist strenge. Sie hat einen
großen Widerwillen gegen meine Fehler.
, Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen,
ich würde mich gegen sie auflehnen; wenn sie mich mit jener Rute
schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen, vor ihrer Nase
wkrde ich das Ding zerbrechen.?
, Wahrscheinlich würdest du nichts von alledem tun, aber
wenn du es tätest, so würde Mr. Brocklehurst dich mit Schimpf
und Schande aus der Schule jagen. Und das wäre doch ein großer
Kummer für deine Angehörigen. Es ist viel besser, einen Schmerz
mit Geduld zu ertragen, den niemand fühlt, als du selbst, denn
eine unüberlegte Tat zu begehen, deren böse Folgen alle treffen.
die dir verwandt sind; und überdies gebietet die Bibel uns, Böses
mnit Gutem zu vergelten.
,Aber es ist doch entehrend, mit Ruten gepeitscht zu werden
und in der Mitte eines Zimmers stehen zu müssen, das voller
Menschen ist, und du bist schon ein so großes Mädchen; ich bin viel
jünger als du und ich könnte es nicht einmal ertragen.
, Und doch wäre es deine Pflicht, es zu ertragen, wenn du es
nicht vermeiden könntest. Es ist schwach und albern zu sagen, daß
du nicht ertragen kannst, was das Schicksal dir auferlegt.
Staunend hörte Jane ihr zu. Sie konnte diese Lehre der
Duldsamkeit nicht begreifen; und noch weniger konnte sie die Versöhnlichkeit, mit welcher Helen von ihrer Quälerin sprach, versiehen. Doch fühlte sie, daß Helen Burns alle Dinge in einem
Licht sah, das ihren Augen nicht sichtbar war. Sie vermutete, daß
Helen recht hatte und sie selbst unrecht.
,Du sagst, daß du Fehler hast, Helen, nenne sie mir doch.
Mir erscheinst du so gut.
, Dann lerne von mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, sehr unordentlich;
selten nur mache ich Ordnung zwischen meinen Sachen und niemals erhalte ich diese Ordnung; ich bin unachtsam; ich vergesse die
Vorschriften; ich lese, wenn ich meine Aufgaben machen sollte, und
zuweilen sage ich wie du, ich kann es nicht ertragen, mich bestimmten Einrichtungen zu unterwerfen. Alles dies ist sehr
ärgerlich für Miß Scatcherd, welche von Natur sauber und reinlich und pünktlich ist.
,Und böse und grausam,! fügte Jane hinzu, aber Helen
Burns wollte diesen Zusay nicht gelten lassen, sie schwieg.
,Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich, wie Miß
Scatcherd ? fragte Jane wieder.
Bei der Nennung von Miß Temples Namen flog ein sanftes
Lächeln über Helens sonst so ernstes Gesicht.
,Miß Temple ist voller Güte; es bereitet ihr Schmerz, gegen
irgend jemand strenge sein zu müssen, selbst gegen die schlechteste
Schülerin der ganzen Schule. Sie sieht meine Fehler und belehrt
mich mit Sanftmut über dieselben; wenn ich aber irgend etwas
Lobenswertes tue, so ist sie sehr freigebig mit ihren Lobeserhebungen. Ein starker Beweis für meine unglückselig elende, fehlerhafte, schwache Natur ist es, daß sogar ihre Vorstellungen, so milde,
so vernünftig, nicht genug Einfluß haben, um mich von meinen
Fehlern zu kurieren. Und sogar ihr Lob, obgleich ich es so hoch
schäte, kann mich nicht zu andauernder Sorgsamkeit und Überlegung anspornen.
,Das ist seltsam, sagte Jane, ,es ist doch so leicht, sorgsam
zu sein.'?
, Für dich ist es das ohne Zweifel. Ich habe dich heute morgen
in deiner Klasse beobachtet und sah, wie unverwandt aufmerksam
, du warst. Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen, während. Miss Miller die Lektion erklärte und dich befragte. Und die
meinen wandern fortwährend; wenn ich Miß Scatcherd zuhören
und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte, was sie sagt, höre
ich oft sogar den Laut ihrer Stimme nicht mehr; ich versinke in
eine Art von Traum. Manchmal' glaube ich, daß ich in Northumberland bin, und daß der Lärm, den ich um mich herum höre, das
Plätschern und Rieseln eines kleinen Baches ist, der durch Deepden,
ganz nahe unserem Hause, fließt; wenn dann die Reihe an mich
kommt zu antworten, muß ich erst geweckt werden, und weil ich
dann von allem, was gelesen wurde, nichts gehört habe, da ich
dem Rauschen eines Baches zu lauschen glaubte, so habe ich niemals eine Antwort in Bereitschaft,
, Aber du hast doch heute nachmittag so gut geantwortet.
, Das war ein reiner Zufall. Der Gegenstand, über den wir
gelesen, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Ich liebe König
Karl, ich achte ihn und ich bedauere den armen gemordeten König!
Ja, seine Feinde waren die schlimmsten; sie vergossen Blut, welches
zu vergießen sie kein Recht hatten! Wie konnten sie es wagen, ihn
zn töten!'?
Helen sprach jetzt mit sich selbst; sie hatte ganz vergessen, daß
Jane wohl kaum imstande war, sie zu verstehen. Diese rief sie deshalb wieder auf ihren Standpunkt zurück.
, Wandern deine Gedanken auch, wenn Miß Temple dich
unterrichtet?
, Nein, gewiß nicht, oder doch nur selten. Miß Temple hat
inmer etwas zu sagen, das für meine eigenen Gedanken noch neu
ist. Ihre Sprechweise ist mir seltsam angenehm, und die Belehrung, welche sie erteilt, ist meistens gerade das, was ich zu lernen
wünschte.
,Also mit Miß Temple bist du gut??
,Ja, aber ganz absichtslos. Ich mache keine besondere Anstrengung, ich folge nur, wohin meine Neigung mich führt. In
solcher Güte liegt doch kein besonderes Verdienst.
,Ein großes Verdienst! Du bist gut mit denen, die gut mit dir
sind. Wahrhaftig, ich wünschte nur, daß ich das sein könnte. Wenn
die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber
wären, so ginge den bösen Menschen ja alles nach ihrem Kopfe; sie
würden vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern, sondern
immer schlechter und schlechter werden. Wenn man uns ohne
Grund schlägt, so sollten wir mit aller Macht wieder schlagen.
Ganz gewiß- das sollten wir tun, so kräftig, daß die Person,
welche es getan hat, sich wohl hüten würde, es jemals wieder
zu tun.'?
, Ich hoffe, du wirst anderen Sinnes werden, wenn du älter
wirst, bis jetzt bist du ja nur ein kleines, unwissendes Mädchen, das
es nicht besser gelernt hat.
, Aber das fühle ich doch klar, Helen, daß ich die hassen muß.
die fortfahren mich zu hassen, trotzdem ich alles tue, was ihnen
Freude machen kann; ich muß mich auflehnen gegen die, welche
mich ungerecht bestrafen. Es ist ebenso natürlich, wie daß ich jene
liebe, die mir Liebe zeigen, oder daß ich mich ruhig einer Strafe
unterwerfe, wenn ich fühle, daß sie verdient ist.
,Heiden und wilde Stämme huldigen solcher Lehre, aber
Christen und zivilisierte Nationen erkennen sie nicht an.?
,Wie? Ich verstehe das nicht.
, Nicht Heftigkeit oder Gewalt vermag den Haß am besten zu
besiegen, nicht befriedigtes Rachegefühl heilt die geschlagenen
Wunden.
,Was sonst?
, Lies das Neue Testament und merke, was Christus sagt;
mache sein Wort zu deiner Richtschnur.
,Was sagt er?
,Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, tut wohl denen,
die euch hassen und euch beleidigen
,Dann müßte ich Mrs. Reed lieben und das kann ich nicht; ich
müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.
Ihrerseits bat Helen Burns nun ihre kleine Gefährtin, ihre
Lebensgeschichte zu erzählen, und sofort begann Jane in ihrer
eigenen Weise, ihr die ganze Geschichte ihrer Leiden und Qualen,
die ganze ihr widerfahrene Unbill zu berichten. Wild und bitter
sprach sie ohne Beschönigung, ohne Zurückhaltung.
Geduldig hörte Helen ihr bis zu Ende zu. Jane erwartete
dann, daß Helen irgendeine Bemerkung machen werde, aber diese
beharrte schweigend.
, Nun,' fragte Jane ungeduldig,,ist Mrs. Reed nicht ein herzloses, böses Weib?
,Sie ist nicht gütig gegen dich gewesen, ohne Zweifel, weil sie,
das mußt du begreifen lernen, deinen Charakter ebenso häßlich
findet wie Miß Scatcherd den meinen. Wie genau du dich aber an
alles erinnerst, was sie dir getan, was sie dir gesagt hat! Welch
einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz
gemacht zu haben scheint! So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem Gefühl nicht einzuprägen. Würdest
du nicht glücklicher sein, wenn du versuchtest, ihre Strenge zu vergessen, sowie die leidenschaftlichen Empfindungen, welche diese
wachrief? Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein, um es damit
hinzubringen, Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu
verzeichnen. Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern
beladen und er muß es sein; aber bald wird die Zeit kommen.
das hoffe ich zuversichtlich, wo wir sie ablegen zusammen mit
unserem vergänglichen, irdischen Leibe und nur der Geistesfunke
zurückbleibt. Er wird dorthin zurückkehren, woher er kam, vielleicht um in ein Wesen überzugehen, das höher und erhabener ist
als der Mensch, vielleicht um durch alle Zeiträume der Ewigkeit
zur Herrlichkeit einzugehen, von der ohnmächtigen menschlichen
Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen! Dieser Glaube ist meine
ganze Glückseligkeit, und ich klammere mich fest daran, denn er gewährt allen Hoffnung, er macht die Ewigkeit zur Ruhe, zum Frieden, zur himmlischen Heimat, nicht zum Schrecken, nicht zum Abgrund. Dieser mein Glaube macht auch, daß Rachegefühl mein
Herz niemals quält, Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet, Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann: ich lebe in Frieden und denke an das Ende!''
Helens Kopf, den sie immer ein wenig gesenkt trug, sank noch
tiefer herab, als sie die letzten Worte sprach. Jane sah es ihren
Blicken an, daß sie kein Verlangen trug, noch länger mit ihr zu
reden, daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte.
Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken. Eine Aufseherin.
ein großes, grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran
und rief im ausgeprägten cumberländischen Akzent:
, Helen Burns, wenn du nicht hinaufgehst und augenblicklich
Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit
sauber zusammenfaltest, so werde ich Miß Scatcherd rufen und sie
bitten, sich die Sache anzusehen.'
Helen seufzte, als ihre Träumereien ein so jähes Ende
nahmen, aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne
Zögern, ohne Erwiderung.

Siebentes Kapitel.
Der schwarze Mann kommt.
Das erste Vierteljahr in Lowood dünkte Jane ein Menschenalter, aber durchaus kein goldenes Zeitalter; es bedeutete für sie
einen ermüdenden Kampf mit der Schwierigkeit, sich in neue Regeln
und ungewohnte Aufgaben hineinzuarbeiten. Die Furcht, in
diesen Punkten zu unterliegen, quälte sie mehr als die körperlichen
Mühseligkeiten und Entbehrungen, trotzdem auch diese wahrlic
keine Kleinigkeiten waren.
Während der Monate Januar, Februar und März hinderten
der tiefe Schnee und, nachdem er fortgeschmolzen, die fast unpassierbaren Straßen die Mädchen daran, weiter zu gehen, als bis
an die Mauern des Gartens, nur der sonntägliche Weg in die
Kirche machte eine Ausnahme; aber doch mußten sie jeden Tag
eine Stunde in freier Luft zubringen. Ihre Bekleidung war nicht
hinreichend, um sie gegen die strenge Kälte zu schüten. Sie hatten
keine Stiefel, der Schnee drang in ihre Schuhe und schmolz darin;
ihre unbehandschuhten Hände erstarrten und bedeckten sich nach
und nach mit Frostbeulen, ebenso ihreFüße. Sie hatten verzweifelte
Schmerzen zu erdulden, wenn ihre Füße sich entzündeten, und
wenn sie die geschwollenen, wunden und steifen Zehen am Morgen
in die Schuhe zwängen mußten. Auch die Kargheit der Nahrung
brachte sie fast zur Verzweiflung; sie hatten den regen Appetit
von im Wachstum begriffener Kinder, und man gab ihnen kaum
genug, um einen schwachen Kranken damit am Leben zu erhalten.
Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch, welcher
schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete. Wenn sich nämlich
den größeren, heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot,
so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen
dahin, ihnen ihren Anteil abzutreten. Gar manchesmal teilte
Jane zwischen zwei Anspruchmachenden den kostbaren Bissen
Schwarzbrot, den die Mädchen zur Teestunde bekamen, und nachdem sie dann noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte ihres
Kaffeenapfes gegeben hatte, schluckte sie den Rest zusammen mit
bitteren, geheimen Tränen hinunter, welche der Hunger ihr
auspreßte.
Die Sonntage waren trübe Tage in dieser Winterzeit. Die
Mädchen mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklehurst
gehen, wo ihr Schutherr den Gottesdienst verrichtete. Halb erfroren machten sie sich auf den Weg, noch erfrorener langten sie in
der Kirche an; während des Morgengottesdienstes lähmte sie die
Kälte beinahe. Der Weg war zu weit, um zum Mittagessen nach
Lomood zurückzukehren, daher reichte man ihnen zwischen den beiden Predigten eine Ration von kaltem Fleisch und Brot, welche
ebenso kärglich war, wie die bei ihren gewöhnlichen Mahlzeiten.
Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten sie
über eine hügelige, dem Winde ausgesetzte Straße nach Hause zurück. Der eisige Wintersturm, der über eine Kette schneebedeckter
Hügel von Norden her blies, riß ihnen beinahe die Haut von den
Wangen.
Miß Temple ging, fest in ihren schottischen Mantel gehüllt,
den der Wind ihr fortwährend zu entreißen drohte, leichtfüßig und
schnell an den ermatteten Reihen entlang und ermunterte diese
durch Worte und Beispiel, Mut zu behalten und vorwärts zu
schreiten ,tapferen Soldaten gleich', wie sie zu sagen pflegte. Die
übrigen Lehrerinnen waren gewöhnlich selbst zu niedergeschlagen,
um andere zu trösten.
Wie sehnten sich die Armen nach dem Licht und der Wärme
eines hellen Feuers, wenn sie nach Hause kamen! Aber selbst dieser
Genuß blieb den Kleineren wenigstens versagt. Jeder Kamin im
Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer
Mädchen belagert und hinter diesen krochen die kleinen Kinder in
trostlosen Gruppen umher, ihre abgemagerten Arme in ihre
Schürzen hüllend.
Ein schwacher Trost ward den Bedauernswerten in der Teestunde in Gestalt einer doppelten Brotration, nämlich eine ganze
Scheibe anstatt einer halben, mit der köstlichen Zutat einer dünnen
Schicht von Butter; es war ein allwöchentlicher Genuß, dem sie
von Sabbat zu Sabbat sehnsuchtsvoll entgegensahen. Gewöhnlich
gelang es Jane, die Hälfte dieses lukullischen Mahls für sich zu behalten, die andere Hälfte mußte sie unabänderlich jedesmal verschenken.
Der Sonntagabend wurde dazu verwandt, den Kirchenkatechismus, das fünfte, sechste und siebente Kapitel des Evangeliums
St. Maithäi auswendig zu wiederholen, und eine lange Predigt
mit anzuhören, welche die arme Miß Miller, deren nicht zu unterdrückendes Gähnen ihre Müdigkeit verriet, den Kindern vorlas.
Gar häufig kam es vor, daß ungefähr ein halbes Dutzend kleiner
Mädchen, überwältigt von Müdigkeit, von der Bank fielen und
halbtot wieder emporgehoben wurden. Die Abhilfe hiergegen bestand darin, daß man sie in die Mitte des Schulzimmers hineinstieß, wo sie gezwungen wurden auszuharren, bis die Predigt zu
Ende war. Zuweilen versagten die Füße ihnen den Dienst und sie
sanken in einen hilflosen Klumpen zusammen; dann pflegte man sie
durch die hohen Stühle der Aufseherinnen zu stützen.
Noch ist der Besuche Mr. Brocklehursts nicht Erwähnung
getan worden, und in der Tat war dieser während des ersten
Monats von Janes Aufenthalt in Lowood von Hause abwesend;
vielleicht zog sein Besuch bei seinem Freunde, dem Erzbischof, sich
so sehr in die Länge.
Seine Abwesenheit war eine Erleichterung für Jane, denn
sie hatte ihre eigenen Gründe, sein Kommen zu fürchten. Aber
endlich kam er doch.
Eines Nachmittags, Jane war damals gerade vier Wochen in
Lowood gewesen, saß sie mit der Tafel in der Hand da und zerbrach sich den Kopf über ein langes Divisionsexempel, als ihre
Blicke sich ganz gedankenlos auf das Fenster richteten. In diesem
Augenblick schritt eine Gestalt an demselben vorbei, und fast wie
ein Blitz kam ihr der Gedanke an Mr. Brocklehurst in den Sinn.
Als zwei Minuten darauf die ganze Schule mit Inbegriff der
Lehrerinnen sich erhob, brauchte sie nicht aufzublicken, um sich zu
vergewissern, wessen Eintritt auf diese Weise begrüßt wurde. Ein
langer Schritt durchmaß das Schulzimmer und gleich darauf stand
neben Miß Temple, die sich ebenfalls erhoben hatte, dieselbe
schwarze Säule, welche vor dem Kamin im Herrenhause von Gateshead-Hall so finster und unheilvoll auf Jane herabgeblickt hatte.
jetzt blickte Jane von der Seite auf diese Erscheinung. Ja, sie
hatte sich nicht getäuscht, es war Mr, Brocklehurst, fest in seinen s
Überzieher geknöpft, und länger, schmäler und steifer aussehend
denn je.
Jane erschrak heftig beim Anblick dieser Erscheinung. Denn sie erinnerte sich nur zu wohl der Worte, welche Mrs. Reed ihm
über ihren Charakter gegeben hatte, und des von Mr. Brocklehurst
gegebenen Versprechens, Miß Temple und die Lehrerinnen von
ihrer lasterhaften, verderbten Natur in Kenntnis zu setzen. Während der ganzen Zeit hatte sie schon die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet; täglich hatte sie nach diesem Manne, der sie
durch seine Auskunft über ihr vergangenes Leben und ihr Betragen als ein schlechtes Kind brandmarken konnte, ausgesehen--
jetzt war er da! Er stand neben Miß Temple und sprach leise zu
ihr ins Ohr. Jane zweifelte keinen Augenblick daran, daß er ihr
Enthüllungen über ihre Schlechtigkeit machte; mit qualvoller
Angst beobachtete sie ihre Blicke, jede Minute erwartete sie Miß
Temples dunkles Auge sich voll Abscheu und Verachtung auf sie
heften zu sehen. Auch horchte sie. Und da sie am oberen Ende des
Zimmers saß, konnte sie den größten Teil des von ihm geführten
Gesprächs hören. Der Inhalt desselben befreite sie wenigstens
für den Augenblick von der Furcht.
,Ich hoffe, Miß Temple, daß der Zwirn, den ich in Lowton
gekauft habe, genügen wird. Es fiel mir ein, daß diese Sorte
gerade für die Kalikohemden gut sein werde, und ich habe auch die
dazu passenden Nadeln ausgesucht. Wollen Sie Miß Smith sagen,
daß ich vergaß, mir die Stopfnadeln zu notieren; nächste Woche
wird sie indessen mehrere Päckchen derselben bekommen, und sagen
Sie ihr auch, daß sie jeder Schülerin unter keiner Bedingung mehr
als eine Nadel zurzeit gibt; wenn sie mehrere davon haben, werden
sie oft nachlässig und verlieren sie nur. Und dann, o, Miß Temple!
Ich wünschte wirklich, daß den wollenen Strümpfen mehr Beachtung geschenkt würde! Als ich das letztemal hier war, ging ich
in den Küchengarten und besah mir die Wäsche, welche auf der
Leine trocknete. Eine ganze Menge der schwarzen Strümpfe war
auf die mangelhafteste Weise gestopft. Aus der Größe der Löcher,
welche ich in ihnen bemerkte, schloß ich, daß sie nicht gut ausgebessert sein konnten. Hier hielt er inne.
,Ihre Weisungen sollen befolgt werden, Sir,. sagte Miß
Temple.
,Und Madame,' fuhr er fort, ,die Wäscherin erzählt mir,
daß einige der Mädchen zwei reine Halskrausen in der Woche gehabt haben; das ist viel zu viel. Die Hausregel beschränkt sie auf
eine.’
,Ich glaube, Sir, daß ich diesen Umstand genügend erklären
kann. Am vorigen Donnerstag waren Agnes und Katherine
Johnston eingeladen, bei ihren Freunden in Lowton den Tee zu
nehmen. Ich gab ihnen die Erlaubnis, für diese Gelegenheit reine
Halskrausen anzulegen.
Mr. Brocklehurst nickte.
,Nun, für einmal mag es hingehen, aber ich ersuche Sie,
diesen Fall nicht zu oft eintreten zu lassen. Noch eine andere
Sache hat mich höchlichst überrascht. Indem ich die Rechnung mit
der Haushälterin abschloß, fand ich, daß während der letzten zwei
Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück serviert
worden ist, welches aus Brot und Käse bestand. Was bedeutet
das? Ich habe die Statuten durchlesen und fand dort keiner
Mahlzeit erwähnt, die sich Gabelfrühstück nennt. Wer hat diese
Neuerung eingeführt und auf welche Autorität gestützt??
,Für diesen Umstand bin ich verantwortlich, Sir,'' entgegnete
Miß Temple, ,das Frühstück war so außergewöhnlich schlecht zubereitet, daß die Schülerinnen es nicht essen konnten, und ich durfte
nicht zugeben, daß sie bis zum Mittagessen fasteten.
,Miß Temple, gestatten Sie mir einen Augenblick zu reden.
Sie wissen, daß es meine Absicht bei der Erziehung dieser
Mädchen ist, sie nicht an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen, sondern sie abzuhärten und sie selbstverleugnend, geduldig und entsagend zu machen. Sollte nun einmal zufällig solch eine kleine
Enttäuschung des Appetits vorkommen, wie z. B. das Verderben
einer Mahlzeit, das Versalztwerden eines Fisches usw., so sollte dieser
kleine, unbedeutende Zwischenfall nicht unwirksam gemacht werden,
indem man den verlorenen Genuß noch durch einen größeren
Leckerbissen ersetzt und damit den Körper verweichlicht und den
Zweck und das Ziel dieser barmherzigen Stiftung verrückt. Man
sollte ein solches Vorkommnis dazu benützen den Schülerinnen eine geistige Erbauung zu schaffen, indem man sie ermutigt, auch
bei vorkommenden Entbehrungen ihre geistige Kraft zu behaupten.
Eine kurze Ansprache bei solchen Gelegenheiten würde sehr angemessen sein. Ein kluger Lehrer würde z. B. auf die Leiden und
Entsagungen der ersten Christen hinweisen; auf die Qualen der
Märtyrer, ja, sogar auf die Gebete unsers gesegneten Heilands
selbst, der seine Jünger ermahnt, ihr Kreuz auf sich zu nehmen
und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht
vom Brote allein lebt, sondern von einem jeglichen Worte, so aus
dem Munde Gottes gehet; auf seine göttlichen Tröstungen glücklich seid ihr, so ihr für mich Hunger oder Durst leidet!' O, Miß
Temple, wenn Sie anstatt des angebrannten Haferbreis Brot und
Käse in den Mund dieser Kinder legen, so füttern Sie allerdings
ihre sündigen Leiber, aber Sie denken wenig daran, daß Sie ihre unsterblichen Seelen verhungern lassen.

Mr. Brocklehurst hielt wieder inne - wahrscheinlich von
seinen Gefühlen übermannt. Beim Beginn seiner Rede hatte Miß
Temple zu Boden geblickt; jetzt aber sah sie gerade vor sich hin, und
ihr Gesicht, welches von Natur bleich wie Marmor war, schien auch
die Kälte und Unbeweglichkeit dieses Materials anzunehmen; besonders ihr Mund schloß sich so fest, als hätte es des Meißels eines
Bildhauers bedurft, um ihn wieder zu öffnen, und auf ihrer Stirn
lagerte eine versteinerte Strenge.
Inzwischen stand Mr. Brocklehurst vor dem Kamin, die Hände
hatte er auf den Rücken gelegt und majestätisch ließ er seine Blicke
über die ganze Schule schweifen. Plötzlich zuckte er zusammen,
wie wenn sein Auge geblendet oder schmerzhaft berührt worden
sei; dann wandte er sich um und schneller, als er bisher gesprochen.
sagte er:
,Miß Temple, Miß Temple, was- was ist jenes Mädchen
da mit dem lockigen Haar? Rotes Haar, Madame, lockig - ganz
und gar lockig? Mit diesen Worten streckte er seinen Stock aus
und zeigte nach dem entsetzlichen Gegenstande. Seine Hände zitterten vor Erregung.
,Es ist Julia Severn,' entgegnete Miß Temple sehr ruhig.
,Julia Severn, Madame! Und weshalb hat sie oder irgendeine andere gelocktes Haar? Weshalb bekennt sie sich so offen
allen Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses entgegen zu den
Gelüsten der Welt, hier in einem evangelischen Institut der
Barmherzigkeit, daß sie es wagt, ihr Haar in einem großen Wust
von Locken zu tragen?’
,Julias Haar ist von Natur lockig,! entgegnete Miß Temple
noch ruhiger.
,Von Natur! Ja! Aber wir sollen uns der Natur nicht anpassen. Ich wünsche, daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden. Und wozu jener Überfluß? Ich habe doch zu wiederholten
Malen angedeutet, daß ich das Haar einfach, bescheiden, glatt anliegend arrangiert zu sehen wünsche. Miß Temple, das Haar
jenes Mädchens muß augenblicklich abgeschnitten werden, förmlich
rasiert; morgen werde ich einen Barbier herausschicken; und ich
sehe noch andere, die viel zu viel von diesem Auswuchs haben--
das große Mädchen dort zum Beispiel; sagen Sie ihr, daß sie sich
umdreht. Sagen Sie den Mädchen der ganzen ersten Bank, daß
sie sich erheben und die Gesichter der Wand zuwenden.
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über die Lippen, als
wollte sie ein unwillkürliches Lächeln verjagen, daß dieselben.
kräuselte; indessen erteilte sie den gewünschten Befehl, und als die
erste Klasse verstanden hatte, was man von ihr verlangte, kam
sie demselben nach. Jane lehnte sich ein wenig auf ihrer Bank
zurück und konnte die Blicke und Grimassen wahrnehmen, mit
welchen die Mädchen die Ausführung dieses Befehls begleiteten,
schade, daß nicht auch Mr. Brocklehurst diesen Genuß haben
konnte; vielleicht würde er dann eingesehen haben, daß, was er
auch mit der Außenseite der Schale und der Schüssel tun mochte,
die Innenseite seiner Einmischung weiter entrückt war, als er zu
begreifen imstande war.
Ungefähr fünf Minuten lang betrachtete er die Rückseite dieser
lebenden Puppen mit prüfenden Blicken, dann fällte er das Urteil.
Die Worte wirkten wie die Posaune des jüngsten Gerichts:
,All diese Haarflechten und Knoten müssen abgeschnitten
werden!''
Miß Temple schien ihm Vorstellungen zu machen.
,Madame,' fuhr er fort, ,ich diene einem Herrn, dessen Reich
nicht von dieser Welt ist; meine Mission ist es, diese Mädchen zu
lehren, daß sie sich mit Ehrbarkeit kleiden, nicht mit gesalbten
Haaren und köstlicher Gewandung; aber jede dieser jungen Personen da vor uns hat ihr Haar in Flechten gedreht, welche die Eitelkeit dieser Welt geflochten hat, und diese, ich wiederhole es, müssen
abgeschnitten werden; denken Sie an die Zeit, welche damit verloren geht, an--'
Hier wurde Mr, Brocklehurst unterbrochen. Drei neue Besucher, Damen, traten ins Zimmer. Sie hätten ein wenig früher
kommen sollen, um diesen Vortrag über Kleidung zu hören, denn
sie waren köstlich in Samt und Seide und Pelze gekleidet. Die
beiden jüngeren Damen schöne Mädchen von sechzehn und siebzehn
Jahren hatten graue Biberhüte, damals die neueste Mode, mit
wallenden Straußenfedern, und unter dem Rande dieser graziösen
Kopfbedeckung hervor fiel ein Reichtum von goldenen, künstlich gelockten Haaren. Die ältere Dame war in einen kostbaren Samtschal gehüllt, der mit Hermelin verbrämt war; auf ihre Stirn fiel
eine Wolke von falschen französischen Locken.
Diese Damen wurden von Miß Temple mit großer Hochachtung als Mrs. Brocklehurst und ihre Töchter begrüßt und dann
auf die Ehrensitze am oberen Ende des Zimmers geleitet. Es
scheint, daß sie mit ihrem hochehrwürdigen Anverwandten in der
Equipage gekommen waren und die oberen Zimmer einer durchstöbernden, eingreifenden Besichtigung unterworfen hatten, während er mit der Haushälterin die Geschäfte ordnete, die Wäscherin
ausfragte und die Vorsteherin des Instituts maßregelte. Die
Damen begannen jetzt Miß Smith, welcher die Verwaltung der
Wäsche und die Beaufsichtigung der Schlafsäle anvertraut war,
einige scharfe Verweise zu erteilen.
Während Jane dem Gespräch zwischen Miß Temple und Mr.
Brocklehurst lauschte, hatte sie es dennoch nicht versäumt, Vorsichtsmaßregeln für ihre eigene persönliche Sicherheit zu treffen. Zu diesem Zweck hatte sie sich auf der Bank zurückgelehnt, und während
sie mit ihren Rechenexempeln beschäftigt schien, hielt sie ihre Tafel
so, daß diese ihr Gesicht gänzlich verdecken mußte. Wahrscheinlich
wäre sie Mr. Brocklehursts Wachsamkeit auch entgangen, wenn die
Tafel nicht durch einen unglücklichen Zufall ihrer Hand entglitten
und mit einem lauten Krach zu Boden gefallen wäre. Sofort
waren aller Augen auf Jane gerichtet. Sie wußte, daß jetzt alles
zu Ende sei. Während sie sich bückte, um die Stücke ihrer Tafel zusammenzusuchen, sammelte sie alle Kräfte für das Schlimmste.
Es kam.
,Ein nachlässiges Mädchen!'' sagte Mr. Brocklehurst, und
gleich darauf --,Ah, ich bemerke, es ist die neue Schülerin. Bevor
ich es vergesse, ich habe noch ein Wort in bezug auf sie zu
sagen.'! Dann laut, ach, wie laut erschien es der armen
Jane. ,Lassen Sie das Kind, das seine Tafel zerbrochen hat,
vortreten l''
Aus eigenem Antriebe hätte sich Jane nicht bewegen können;
sie war gelähmt, aber die beiden großen Mädchen, die ihr zur Seite
saßen, stellten sie auf die Füße und schoben sie vorwärts, dem gefürchteten Richter entgegen; dann führte Miß Temple sie sanft dicht
vor ihn, und wie aus weiter Ferne vernahm Jane ihren geflüsterten Rat:
,Fürchte dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß es ein unglücklicher Zufall war, du sollst nicht bestraft werden.
Wie ein Dolch drang dieses gütige Flüstern der Armen ins
Herz.
, Noch eine Minute und sie wird mich als eine Heuchlerin verachten lernen,'' dachte Jane und bei dieser Überzeugung tobte eine
namenlose Wut gegen Mrs. Reed und Mr. Brocklehurst durch ihre
Adern. Nein, sie war keine Helen Burns.
,Holt jenen Stuhl,' sagte Mr. Brocklehurst auf einen sehr
hohen Stuhl deutend, von dem eine Schulaufseherin sich soeben erhoben hatte. Er wurde gebracht.
,Stellt jenes Kind hinauf.
Und hinauf gestellt wurde Jane, ohne zu wissen, von wem; sie
fühlte nur, daß sie ungefähr bis zur Höhe von Mr. Brocklehursts
Nase emporgehißt wurde, daß er kaum eine Elle lang von ihr entfernt stand und daß unter ihr eine Wolke von silbergrauen Federn,
dunkelrotem Seidenpelze und orangegelben Kleidern durcheinander
wogte.
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, sagte er zu seiner Familie gewandt, ,Miß
Temple, Lehrerinnen und Kinder, ihr alle sehet dieses Mädchen?
Jane fühlte, wie aller Augen sich auf sie richteten.
,Ihr sehet, daß sie noch jung ist; ihr bemerkt, daß auch sie die
gewöhnliche Gestalt eines Kindes hat; Gott in seiner Gnade hat
auch ihr die Form gegeben, die er uns allen gewährt; keine abschreckende Häßlichkeit kennzeichnet sie als einen gezeichneten
Charakter. Wer würde glauben, daß der Teufel in ihr bereits eine
Dienerin und ein williges Werkzeug gefunden hat? Und doch, es
schmerzt mich, es sagen zu müssen, ist dies der Fall.
Eine Pause. -- Jane versuchte, der Lähmung, die sie ergreifen wollte, Einhalt zu tun und sich zu sagen, daß sie der Prüfung
nicht mehr entgehen könne, sondern sie jetzt standhaft ertragen
müsse.
,Meine Kinder,'! fuhr der schwarze, steinerne Geistliche mit
Pathos fort,,dies ist eine traurige, eine betrübende Angelegenheit,
denn es ist meine Pflicht, euch vor diesem Mädchen zu warnen, das
eines von Gottes auserwählten Lämmern sein könnte und jetzt eine
Verworfene ist-- kein Mitglied der treuen Herde, sondern augenscheinlich eine Fremde, ein Eindringling. Ihr müßt auf eurer Hut
sein ihr gegenüber; ihr müßt ihrem Beispiel nicht folgen; wenn es
notwendig ist, meidet ihre Gesellschaft, schließt sie von euren Spielen
aus, habt keine Gemeinschaft, keinen Umgang mit ihr. jetzt zu den
Lehrerinnen. Sie müssen sie überwachen, ihr Tun beobachten, ihre
Worte wohl erwägen und prüfen, ihre Taten untersuchen, ihren
Leib strafen, um ihre Seele zu retten, wenn in der Tat eine solche
Rettung noch möglich ist, denn, meine Zunge scheut sich, es auszusprechen, dieses Mädchen, dieses Kind, diese Eingeborene eines
christlichen Landes, schlimmer als manche kleine Heidin, dieses
Mädchen ist eine Lügnerin!?
jetzt folgte eine Pause von zehn Minuten. -- Die arme Jane
war wieder im Vollbesitz ihrer Sinne, ihres Verstandes und bemerkte, wie all die weiblichen Brocklehursts ihre Taschentücher hervorzogen und sie an die Augen führten, während die ältere Dame
sich hin und her wiegte und die beiden jüngeren flüsterten: ,Wie
entsetzlich!'
Mr, Brocklehurst begann von neuem.
,Dies alles erfuhr ich durch ihre Wohltäterin; durch die
fromme und barmherzige Dame, welche sich der verlassenen Waise
annahm, sie wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte, deren
Großmut dieses unglückliche Mädchen durch eine so schwarze, so
schändliche Undankbarkeit vergalt, daß ihre ausgezeichnete Beschützerin gezwungen war, sie von ihren eigenen Kindern zu
trennen, aus Furcht, daß ihre lasterhafte Verderbtheit die Reinheit
der Kleinen besudeln könne. Sie hat sie hierher gesandt, um geheilt
zu werden. Und daher, Vorsteherin, Lehrerinnen, ich flehe Sie an,
lassen Sie die Wellen um dieses Kind nicht zum Stillstand
kommen.
Mit diesen erhabenen Schlußworten knöpfte Mr. Brocklehurst
den obersten Knopf seines Überziehers zu, und murmelte etwas zu
seiner Familie gewendet. Diese erhob sich, verneigte sich gegen Miß
Temple, und dann segelten all die vornehmen Leute mit großem
Pomp zur Tür hinaus. Janes Richter aber wandte sich noch einmal um und sagte:
, Laßt sie noch eine halbe Stunde auf jenem Stuhl stehen, und
daß keiner von euch während des ganzen übrigen Tages mit ihr
spricht.
Da stand Jane also, hoch erhoben über alle; sie, die so oft gesagt, daß sie die Schande nicht ertragen würde, in der Mitte des
Zimmers zu stehen, sie stand nun da, allen Blickän ausgeseht, auf
einer Säule der Schande. Worte vermögen nicht zu beschreiben,
welcher Art die Gefühle waren, die in ihr tobten, aber gerade in dem
Augenblick, wo diese ihr die Kehle zusammenschnürten und den Atem
zu rauben drohten, ging ein Mädchen an ihr vorbei. Und im Vorbeigehen richtete sie ihre Blicke auf Jane. Welch ein seltsames Licht
strömten sie über diese aus! Welch ein wunderbares Gefühl weckten
die Strahlen ihres Auges dem Kinde! Und wie stark dies bis jetzt
ungekannte Empfinden sie machte! Es war ihr, als sei ein Held, ein
Märtyrer an einem Sklaven oder an einem Opfer vorübergegangen
und hätte ihm dadurch Mut und Kraft eingeflößt. Jane beherrschte
und überwältigte den Weinkrampf, der sich ihrer bemächtigen
wollte, erhob das Haupt und stand dann fest und ohne Beben auf
dem Stuhl. Helen Burns stellte eine unbedeutende Frage über
ihre Arbeit an Miß Smith, wurde wegen der Unbedeutendheit derselben gescholten, ging an ihren Platz zurück und lächelte Jane im
Vorübergehen wiederum zu. Welch ein Lächeln!! Es konnte nur
der Ausfluß eines großen Geistes, eines wahren Mutes sein; es
verklärte ihre scharfen Züge, ihr abgemagertes Gesicht, ihre eingesunkenen, grauen Augen wie der Widerschein von der Gestalt eines
Engels. Und doch trug Helen Burns in diesem Augenblick die
,Binde der Unordnung' an ihrem Arm; vor kaum einer Stunde
hatte Miß Scatcherd sie für den morgenden Tag verdammt, ein
Mittagmahl von Wasser und Brot zu halten, weil sie eine Übung
beim Abschreiben mit Tinte befleckt hatte.

Achtes Kapitel.
Besser ein Mahl von frischen Kräutern, wo die Liebe ist,
als ein gemästeter Ochse, wo der Haß ist.
Ehe noch die halbe Stunde zu Ende war, schlug es fünf Uhr.
Die Klassen wurden entlassen, und alle begaben sich zum Tee ins
Speisezimmer. jetzt wagte Jane, herabzusteigen: es herrschte tiefe
Dunkelheit. Sie ging in eine Ecke und setzte sich auf den Fußboden. Der Zauber, der sie soweit aufrecht erhalten hatte, begann
zu schwinden, und so überwältigend war bald der Schmerz, der sich
ihrer bemächtigte, daß sie auf das Antlitz zu Boden fiel. jetzt
weinte sie; Helen Burns war nicht mehr da; nichts, niemand hielt
sie aufrecht; sich selbst überlassen, gab sie sich dem Jammer hin, und
ihre Tränen netten den Fußboden. Sie hatte die feste Absicht gehabt, gut und brav zu werden, in Lowood so viel zu lernen, sich
viele Freunde zu erwerben, Achtung zu erringen und Liebe zu
ernten. Schon hatte sie sichtbare Fortschritte gemacht; noch an demselben Morgen war sie die Erste in ihrer Klasse geworden; Miß
Miller hatte sie warm gelobt; Miß Temple hatte ihr Beifall zugelächelt; sie hatte ihr versprochen, sie zeichnen zu lehren und
französisch lernen zu lassen, wenn sie noch zwei Monate fortfahren
würde, solche Fortschritte zu machen. Ihre Mitschülerinnen waren
ihr freundlich gesinnt; ihre Altersgenossinnen behandelten sie als
ihresgleichen, niemand quälte, niemand belästigte sie; und jetzt lag
sie hier zertreten, zermalmt! Würde sie sich jemals wieder erheben
können?
,Niemals,! dachte die Arme; und brennend, glühend wurde
der Wunsch in ihr rege, sterben zu können. Während sie in gebrochenen Lauten diesen Wunsch hervorstammelte, näherte sich ihr
jemand; sie fuhr empor- wiederum war Helen Burns ihr nahe;
das erlöschende Feuer ließ Jane gerade noch erkennen, wie Helen
durch das große, leere Zimmer daher kam; sie brachte ihr Kaffee
und Brot.
, Komm, ein wenig,'! sagte sie; aber Jane schob beides zurück; ihr war, als hätte ein Bissen, ein Tropfen in ihrem gegenwärtigen Zustande eine Erstickung herbeiführen müssen. Helen sah
sie wahrscheinlich mit Erstaunen an; wie sehr Jane sich auch bemühte, jetzt konnte sie ihrer Erregung nicht Herr werden. Sie fuhr
fort laut zu weinen. Helen setzte sich zu ihr auf den Fußboden,
schlang die Arme um ihre Knie und legte ihren Kopf auf dieselben;
in dieser Stellung verharrte sie regungslos wie ein Indianer.
Jane sprach zuerst:
,Helen, weshalb bleibst du bei einem Mädchen, das jedermann für eine Lügnerin hält?
, Jedermann, Jane? Nun, es sind doch nur achtzig Wesen,
welche dich so nennen hörten, und die Welt trägt ihrer Hunderte
von Millionen.
, Aber was habe ich mit Millionen zu tun? Die achtzig, welche
ich kenne, verachten mich.
, Jane, du irrst; wahrscheinlich ist nicht eine einzige in der
ganzen Schule, die dich verachtet oder dich haßt; viele-- dessen bin
ich gewiß-- bedauern dich von ganzem Herzen.
, Wie können sie mich nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt
hat, noch bedauern ??
, Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist nicht einmal ein großer
und bewunderter Mensch; man liebt ihn hier nicht; er hat auch niemals irgend etwas getan, um sich beliebt zu machen. Wenn er dich
wie seinen besonderen Liebling behandelt hätte, so würdest du rund
umher nur Feinde gefunden haben, offene oder heimliche, wie die
Dinge jetzt aber liegen, würden die meisten Mädchen dir Liebe beweisen, wenn sie nur den Mut dazu hätten. Möglich ist es, daß
Lehrerinnen und Schülerinnen dich während der nächsten zwei, drei
Tage mit kalten Blicken betrachten, aber glaub mir, freundliche Gefühle und Gesinnungen tragen sie für dich im Herzen. Und wenn
du fortfährst, gut und fleißig zu sein, so werden diese Gefühle
binnen kurzem um so augenscheinlicher zutage treten, weil sie eine
Zeitlang unterdrückt werden mußten. Außerdem, Jane''--
sie hielt inne.
, Nun, Helen ?' fragte Jane und legte ihre Hand in die He-
lens; zärtlich rieb diese Janes Finger, um sie zu erwärmen und
fuhr dann fort:
,Wenn die ganze Welt dich haßte und dich für böse und gottlos hielt, so würdest du doch Freunde haben, solange dein eigenes
Gewissen dich von Schuld freispricht und dir Recht gibt.
, Nein; ich weiß, daß ich selbst dann gut von mir denken würde;
aber das ist nicht genug; wenn andere mich nicht lieben, so will.
ich lieber sterben als leben; ich kann es nicht ertragen, einsam und
gehaßt und verachtet zu sein, Helen. Sieh doch, um von dir oder
Miß Temple oder sonst jemand, den ich wirklich liebe, ein wenig
wahre, aufrichtige Liebe zu erringen, würde ich mir gern den Knochen meines Armes zerbrechen oder mich von einem wilden Stier
aufspießen lassen oder mich einem scheu gewordenen Pferde in den
Weg werfen und meine Brust von seinen Hufen zertreten lassen
, Still, Jane, still! Du denkst zu viel an die Liebe der Menschen;
du bist zu stürmisch, zu heftig, du läßt dich zu sehr von deinen
Empfindungen beherrschen. Die allmächtige Hand, die deinen Leib
erschaffen und ihm Leben eingehaucht hat, gab dir andere Stützen
als dein' schwaches Selbst oder Wesen; diese sind ebenso schwach wie
du. Außer dieser Welt, außer dem Menschengeschlecht gibt es eine
unsichtbare Welt und ein Reich der Geister; diese Welt umgibt uns,
denn sie ist überall, diese Geister bewachen uns, denn sie sind da,
um uns zu behüten; und wenn wir in Kummer und Schande stürben, wenn Verachtung von allen Seiten auf uns eindränge, wenn
Haß uns zermalmte, so sehen Engel unsere Qualen, erkennen unsere
Unschuld, wenn wir unschuldig sind, und ich weiß, du bist schuldlos; diese Anklage, welche Mr. Brocklehurst von Mrs. Reed hat
und so jämmerlich und pathetisch gegen dich wiederholte, sie trifft
dich nicht; denn auf deiner reinen Stirn, in deinen lebensvollen
Augen steht es geschrieben, daß du eine wahre offenherzige Natur
bist; und Gott erwartet nur die Trennung der Seele vom
Fleische, um uns mit dem höchsten Lohn zu krönen. Nun denn,
weshalb von Leid überwältigt zu Boden sinken, wenn das Leben
so bald zu Ende ist, und der Tod uns den Eintritt zu Seligkeit
und Herrlichkeit bedeutet??
Jane schwieg, Helen hatte sie beruhigt: aber die Ruhe, welche
sie ihr gegeben, hatte einen Zusatz von unsäglicher Traurigkeit.
Rer
ein wenig schneller atmete und trocken und kurz hustete, vergaß sie
für einen Augenblick ihren eigenen Kummer und gab sich einer ,
unbestimmten Furcht und Unruhe in bezug auf Helen hin.
Ihren Kopf an Helens Schulter lehnend, schlang sie ben Arm
um ihre Taille; Helen zog Jane an sich, und so ruhten beide lange
schweigend. Nach Verlauf von ungefähr einer Vjertelstunde trat
eine dritte Person ins Zimmer. Ein frischer Wind hatte einige
schwere Wolken vom Horizont fortgetrieben, und der Mond ging ,
klar auf; durch ein nahes Fenster warf er seine hellen Strahlen auf
die Sitzenden und die nahende Gestalt, in welcher sie sofort Miß
Temple erkannten.
,Ich kam, um dich zu suchen, Jane Eyre, sagte sie, ,du sollst
in mein Zimmer kommen, und da Helen Burns bei dir ist, mag
sie uns begleiten.
Sie gingen. Unter Führung der Vorsteherin hatten, sie ihren
Weg durch ein Labyrinth von Korridoren zu suchen und eine Treppe .
emporzusteigen, bevor sie ihr Zimmer erreichten. Ein helles Feuer
brannte in demselben; es sah freundlich und behaglich aus. Miß
Temple bedeutete Helen Burns, sich in einen niedrigen Lehnsessel
an einer Seite des Kamins zu setzen; sie selbst nahm einen zweiten
und rief Jane an ihre Seite.
, Ist es jetzt vorüber?' fragte sie und blickte ihr ins Gesicht.
, Hast du deinen Kummer fortgeweint?
, Ich fürchte, das werde ich nicht können.
,Weshalb?
,Weil ich ungerecht und fälschlich beschuldigt worden bin; und
jetzt werden Sie, Madame, und alle anderen Menschen mich für böse
und gottlos halten.
, Wir werden dich fürdas halten, mein Kind, als was du dich
erweist. Fahre fort, dich wie ein gutes Mädchen zu betragen und
du wirst mich zufrieden stellen.
,Gewiß, Miß Temple?
,Gewiß, Jane,' sagte sie und schlang ihren Arm um Jane.
,Und jetzt erzähle mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst deine
Wohltäterin nannte.
,Mrs. Reed, die Gattin meines Onkels. Mein Onkel ist tot,
und er ließ mich in ihrer Obhut zurück,?
,Sie nahm dich also nicht aus eigenem Antrieb an Kindesstatt an?
,Nein, Madame; sie hat es sehr ungern getan; aber wie ich die
Dienstboten oft erzählen hörte, nahm er ihr kurz vor seinem Tode
das Versprechen ab, stets für mich sorgen zu wollen.
,Nun also, Jane, du weißt ja, oder ich will es dir sagen, daß
wenn ein Verbrecher angeklagt wird, man ihm stets gestattet, seine
eigne Verteidigung zu führen. Man hat dich der Falschheit, der
Lügenhaftigkeit angeklagt; verteidige dich vor mir, so gut du kannst.
Sag alles, was dein Gedächtnis als wahr rechtfertigen kann;
aber füge nichts hinzu, verschweige nichts, übertreibe nichts.
In der Tiefe ihres Herzens beschloß Jane, sich zu mäßigen.
so genau wie möglich in ihrer Erzählung zu sein; und nachdem
sie einige Augenblicke nachgedacht hatte, um das, was sie zu sagen
hatte, zusammenhängend zu ordnen, erzählte sie der Vorsteherin
die ganze Geschichte ihrer traurigen Kindheit. Durch die Erregung
sehr erschöpft, sprach sie in gemäßigteren Ausdrücken, als sie es sonst
zu tun pflegte, wenn sie auf dieses qualvolle Thema kam; und
Helens Warnung gedenkend, sich dem Rachegefühl nicht rückhaltslos hinzugeben, ließ sie viel weniger Galle und Wermut in die Erzählung einfließen, als es sonst wohl geschah. So vereinfacht und
beschränkt, klang sie sehr glaubwürdig: während sie sprach, empfand
sie, daß Miß Temple ihr vollen Glauben schenkte.
Im Laufe der Erzählung hatte sie erwähnt, daß Mr. Lloyd
gekommen sei, um sie nach jenem Krampfanfalle zu besuchen; denn
niemals vergaß sie die für sie so entsetzliche Episode in dem roten
Zimmer; wenn sie diese Dinge erzählte, konnte sie gewiß sein, daß
ihre Erregung in einem gewissen Grade die Grenzen überschritt;
denn noch hatte in ihrer Erinnerung die Todesangst sich frisch erhalten, welche sich ihrer bemächtigte, als Mrs. Reed ihr wildes
Flehen um Verzeihung verlachte und sie zum zweiten Male in das
düstere, gespenstische Zimmer sperrte.
Jane war zu Ende. Schweigend betrachtete Miß Temple sie
einige Minuten; dann sagte sie:
,Ich habe von Mr. Lloyd gehört; ich werde an ihn schreiben;
wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt, so sollst j
du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden. Für mich,
Jane, stehst du schon jetzt unschuldig da.'
Sie küßte Jane und behielt sie noch an ihrer Seite. Jane gewährte das Betrachten ihres Angesichts, ihres Kleides, ihrer wenigen prunklosen Schmuckgegenstände, ihrer weiße Stirn, ihrer
dicken, glänzenden Locken und strahlenden schwarzen Augen ein
kindliches Vergnügen.
Zu Helen Burns gewandt, fuhr sie fort:
,Wie geht es dir heute abend, Helen? Hast du während des
ganzen Tages viel gehustet?’
,Nicht ganz so viel wie sonst, glaube ich.
, Und der Schmerz in deiner Brust?
,Er ist nicht mehr so heftig.
Miß Temple erhob sich, nahm ihre Hand und prüfte den Puls.
Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück; sie seufzte leise. In Nachdenken versunken, verharrte sie einige Minuten; dann erwachte sie
gleichsam und sagte fröhlich:
,Aber heute abend seid ihr beide meine Gäste; ich muß euch
als solche bewirten. Sie zog die Glocke.
, Barbara,'' sprach sie zu dem Mädchen, welches hierauf eintrat, ,ich habe noch keinen Tee getrunken, bringe das Teebrett und
bringe auch Tassen für diese beiden jungen Damen.'
Bald wurde das Teebrett gebracht. Wie hübsch erschienen der
glänzende Teetopf und die Porzellantassen Janes Augen, als sie
auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen! Wie köstlich war
das Aroma des heißen Getränks. Und nun erst der Duft der gerösteten Weißbrotschnitten! Zu Janes Bedauern, denn der Hunger
begann jetzt, sich bei ihr fühlbar zu machen, sah sie nur eine kleine
Portion davon auf dem Teller; auch Miß Temple schien diese Entdeckung zu machen.
, Barbara,'' sagte sie, ,könntest du mir nicht noch etwas Brot
und Butter bringen? Es ist nicht genug für drei.
Barbara ging hinaus. Gleich darauf kam sie zurück.
,Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die gewöhnlichePortion
heraufgeschickt. ?
Es sei bemerkt, daß Mrs. Harden die Haushälterin war,
eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen, die aus gleichen Teilen
Fischbein und Eisen zusammengesetzt war.
,Schon gut, schon gut!'' entgegnete Miß Temple; ,dann muß
es wohl für uns genug sein, Barbara. Als das Mädchen fort
war, fügte sie lächelnd hinzu: ,Glücklicherweise liegt es in meiner
Macht, dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen.
Nachdem sie Helen und Jane aufgefordert hatte, sich an den
Tisch zu setzen, und jeder von ihnen eine Tasse heißen Tees und eine
Scheibe köstlichen gerösteten Weißbrots gegeben hatte, erhob sie sich,
öffnete eine Schieblade, nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes Paket und enthüllte vor den Augen der beiden Kinder
einen großen, prächtigen Krümelkuchen.
, Ich hatte die Absicht, jeder von euch ein Stück hiervon mit
auf den Weg zu geben,'' sagte sie,, da man uns aber so wenig Brot
bewilligt hat, sollt ihr es jetzt schon haben,'' und sie begann mit
großmütiger Hand, den Kuchen in Scheiben zu schneiden.
Die Waisen schmausten an diesem Abend, als ob sie Nektar und
Ambrosia äßen; und es war nicht die kleinste Freude dieses Festes,
daß ihre Wirtin ihnen mit freundlich zufriedenem Lächeln zusah,
wie sie ihren regen Appetit an den köstlichen Leckerbissen, welche sie
ihnen vorsetzte, stillten. Als der Tee getrunken und der Tisch abgeräumt war, rief sie die beiden wieder an den Kamin; sie setzten sich
an jede Seite von ihr, und jetzt folgte ein Gespräch zwischen Helen
und der Vorsteherin, welchem lauschen zu dürfen allerdings eine
Begünstigung war.
Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem
Außeren, von Hoheit in ihrer Miene, von geläutertem Anstand in
ihrer Sprache, welches jede Abweichung in das Erregte, Ungestüme
ausschloß - ein Etwas, welches die Freude jener heiligte, die ihr
zuhörten, und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte. In diesem
Augenblick war es auch Janes Empfindung: was aber Helen
Burns anbetraf, so überraschte diese ihre kleine Freundin aufs
höchste.

Das erfrischende Mahl, das wärmende Feuer, die Gegenwart
ihrer geliebten Lehrerin oder vielleicht mehr als alles dieses etwas
in ihrem eigenen, seltenen Gemüt, hatte alle Kräfte und Gaben in
ihr geweckt. Sie erwachten, sie entflammten; zuerst glühten sie in
den strahlenden Farben ihrer Wangen, welche Jane bis zu dieser
Stunde niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte;
dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen, welche plötzlich eine Schönheit bekommen hatten, die weder in der schönen
Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten
Augenbrauen lag, sondern in dem Ausdruck, in der Bewegung, in
dem Glanz. jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache
floß wie ein brausender Quell daher. Es war, als wolle Helens
Geist sich beeilen, in einer kurzen Spanne Zeit ebenso voll und ganz
zu leben, wie die meisten Menschen während eines langen Daseins.
Sie sprachen über Dinge, von denen Jane niemals gehört
hatte; von längst geschwundenen Zeiten und Nationen; von fernen
Ländern, von entdeckten oder nur geahnten Naturgeheimnissen; sie
sprachen von Büchern. Wie viele sie gelesen hatten! Welchen reichen
Schah von Kenntnissen sie besaßen! Dann schienen sie so vertraut
nit französischen Namen und französischen Schrifistellern; aber
Latein, welches ihr Vater sie gelehrt hatte, zu wiederholen; dann
nahm sie ein Buch von einem Bücherbrett und bat sie, eine Seite
des Virgil zu lesen und zu übersetzen; Helen gehorchte und Janes
Sinn für Verehrung und Hochachtung erweiterte sich, während sie
lauschte. Kaum hatte Helen geendet, als die Glocke ertönte, welche
die Zeit des Schlafengehens verkündete; die Kinder durften nicht
länger verweilen; Miß Temple umarmte sie beide und sagte, während sie dieselben an ihr Herz zogt
,Gott segne euch, meine Kinder lr
Helen hielt sie ein wenig länger ans Herz gedrückt als Jane:
sie ließ sie widerstrebender von sich; Helen folgte ihr Auge bis an
die Tür; ihr galt der traurige Seufzer, welcher ihre Brust hob, ihr
die Träne, welche sie schnell zu trocknen bemüht war.
Als die Mädchen das Schlafzimmer erreichten, hörten sie Miß
Scatcherds Stimme; sie sah nach, ob die Schiebladen in Ordnung
waren; gerade hatte sie jene von Helen Burns herausgezogen, und
als sie eintraten, wurde Helen mit einem scharfen Verweise begrüßt
und die Lehrerin kündigte ihr an, daß sie am folgenden Tage mit
einem halben Dutzend unordentlicher Dinge an die Schulter geheftet umher gehen werde.
,Meine Sachen befanden sich allerdings in einer empörenden
Unordnung,' flüsterte Helen Jane zu, ,ich hatte die Absicht gehabt
aufzuräumen, aber ich vergaß es.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit weithin sichtbaren Buchstaben auf ein Stück Pappe das Wort ,Schlampe' und
band es wie einen Denkzettel um Helens große, intelligente und
milde Stirn. Geduldig und ohne Murren trug sie es bis zum
Abend, es wie eine verdiente Strafe ansehend. Kaum hatte Miß
Scatcherd sich nach den Nachmittagsunterrichtsstunden zurückgezogen, als Jane auf Helen losstürzte, das Papier herabriß und
es ins Feuer warf. Die Wut, deren Helen nicht fähig war, hatte
den ganzen Tag über in Janes Seele getobt, und große, heiße
Tränen hatten fortwährend ihre Wangen genett.
Ungefähr eine Woche nach den oben erwähnten Erzählungen
erhielt Miß Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, dessen
Antwort; wie es schien, ergänzte das, was er sagte, Janes Erzählung. Miß Temple rief die ganze Schule zusammen und verkündete, daß die Anklagen, welche gegen Jane Eyre erhoben, genau
und sorgfältig untersucht worden, und daß sie glücklich sei, diese von
jeder Schuld freisprechen zu können. Darauf schüttelten die Lehrerinnen Jane die Hände und küßten sie, und ein Murmeln der
Freude lief durch die Reihen ihrer Gefährtinnen.
Eine schwere Last war Jane vom Herzen genommen; und von
dieser Stunde an begann sie von neuem ernstlich zu arbeiten; sie
war fest entschlossen, sich einen Weg über alle Schwierigkeiten hinfort zu bahnen; sie mühte sich ab, und der Erfolg entsprach ihren
Anstrengungen; ihr Gedächtnis, welches von Natur nicht sehr stark
war, besserte sich durch stete Übung; ihr Verstand wurde durch die
Arbeit geschärft; nach einigen Wochen wurde sie in eine höhere
Klasse versetzt; in weniger als zwei Monaten gestattete man ihr, mit
dem Französischen und Zeichnen zu beginnen. Sie lernte die ersten
beiden Zeiten des Verbums etre und skizzierte ihre erste Hütte,
derenMauern, nebenbei gesagt, an schrägerRichtung den hängenden
Turm von Pisa bei weitem übertrafen. Als sie an jenem Abend
zu Bette ging, vergaß sie, sich in ihrer Phantasie das Abendessen von
heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch
zu bereiten, mit dem sie sonst ihr inneres Sehnen zu befriedigen
pflegte; statt dessen ergötte sie sich an dem Anblick idealer Zeichnungen, welche sie im Dunkeln sah, alle das Werk ihrer eigenen
Hand: fein gezeichnete Häuser und Bäume, malerische Felsen und
Ruinen, stattliche Viehherden, reizende Malereien von Schmetterlingen, welche halberschlossene Rosen umflogen; Vögel, welche an
reifen Kirschen pickten, Nester von Zaunkönigen, in denen perlgroße
Eier lagen, während junge Efeuranken sie umwucherten. In Gedanken erwog sie auch die Möglichkeit, ob sie jemals imstande sein
würde, ein gewisses kleines französisches Geschichtenbuch, welches
Madame Pierrot ihr an jenem Tage gezeigt hatte, fließend übersetzen zu können; aber noch war ihre Ansicht hierüber nicht zu
ihrer Zufriedenheit gelöst, als sie sanft einschlief.
Wie richtig hat Salomo gesagt: ,Besser ein Mahl von
frischen Kräutern, wo die Liebe ist, als ein gemästeter Ochse, wo
der Haß ist.
jetzt hätte Jane Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht
mehr gegen Gateshead-Hall mit seinem täglichen Luxus eingetauscht.

Neuntes Kapitel.
Heimgang eines Engels.
Aber der Entbehrungen oder vielmehr der Mühseligkeiten in
Lowood wurden auch weniger. Der Frühling kam, die Winterfröste hörten auf, der Schnee schmolz, und die schneidenden Winde
ließen nach. Die armen Füße, welche die Lüfte des Januar geschunden und entzündet hatten, begannen zu heilen und unter den
warmen Winden des April ihre alte Gestalt anzunehmen; die
Nächte und Morgen ließen nicht länger das Blut in den Adern erfrieren; die Waisen ertrugen es jetzt, die Spielstunde im Garten
zuzubringen; zuweilen an besonders sonnigen Tagen begann es
schon angenehm und freundlich zu werden, ein zartes Grün überzog die braunen Beete und wurde täglich frischer. Unter den
Blättern blickten Blumen hervor: Schneeglöckchen, Krokus, dunkelrote Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen. An Donnerstagnachmittagen-- ein halber Ferialtag - machten die Mädchen jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain, unter den
Hecken noch schönere Blumen.
Jane entdeckte auch, daß ein großes Vergnügen, ein Genuß,
welchem nur der Horizont eine Grenze setzte, außerhalb der hohen
und mit eisernen Spitzen gekrönten Mauern des Gartens lag;
dieser Genuß bestand nämlich in der Aussicht, welche eine lange
Reihe hochgipfeliger, grüner und schattiger Hügel bot, in einem
klaren Bach voll dunkler Steine und funkelnder Wirbel und
Strudel.
Wie ganz anders hatte dieses Bild ausgesehen, als Jane es
in Frost erstarrt, in ein Leichentuch von Schnee gehüllt, unter dem
bleiernen Himmel des Winters gesehen! Wenn todeskalte Nebel
vom Ostwind gejagt über diese düsteren Gipfel hinzogen und über
Wiesen und Anhöhen hinunterrollten, bis sie sich mit dem gefrorenen Nebel des Baches vereinigten! Dieser Bach selbst war
damals ein Strom, zügellos und tobend; er durchriß den Wald
und erfüllte die Luft mit tosendem Lärm und wildem Sprühregen;
und der Wald an seinen Ufern war nichts als eine Reihe von Gerippen.
Aus dem April wurde Mai; ein klarer, schöner Mai; all seine
Tage brachten blauen Himmel und milden Sonnenschein und leise
westliche oder südliche Winde. Und jetzt reifte die Vegetation mit
Macht; Lowood schüttelte seine Locken; es wurde grün und blütenreich; seine großen Ulmen- und Eschen- und Eichen-Skelette wurden majestätischem Leben zurückgegeben. Waldpflanzen sprießten
in allen Ecken und Winkeln; zahllose Abarten von Moos füllten
die Vertiefungen, und die wilden Schlüsselblumen bedeckten den
Boden wie mit Sonnenstrahlen; oft konnte man an schattigen
Stellen ihren zarten, goldigen Glanz für hellen Sonnenschein
halten. Und alles dies genoß Jane oft und voll, frei, unbewacht
und fast immer allein; diese ungewohnte Freiheit, dieses Vergnügen hatte eine Ursache, von welcher wir jetzt reden müssen.
Zwar war die Lage des Wohnsitzes der Waisen eine reizende,
in Hügel und Wald gebettet und am Rande eines Stromes sich erhebend; reizend in der Tat; ob aber gesund, das ist eine andere
Frage.
Jenes Waldtal, in welchem Lowood lag, war die Brutstätte
von Nebeln und einer aus Nebel entstandenen Seuche; diese wuchs
mit dem Frühling, kroch in das Waisenasyl, hauchte den Typhus
in die überfüllten Schlafsäle und Schulzimmer, und bevor der
Mai gekommen, war die Erziehungsanstalt in ein Hospital umgewandelt.
Durch Hunger und vernachlässigte Erkältungen war die
Mehrzahl der Schülerinnen für die Ansteckung veranlagt; von
achtzig Mädchen wurden fünfundvierzig zu gleicher Zeit von der
Krankheit ergriffen. Die Schulstunden hörten auf, alle Regeln
blieben unbeachtet. Den Wenigen, welche gesund blieben, wurde
eine fast unbeschränkte Freiheit gewährt, denn der Arzt bestand
auf der Notwendigkeit häufiger Bewegung in freier Luft, um sie
gesund zu erhalten; und selbst wenn es anders gewesen wäre, so
hatte niemand Zeit oder Lust, sie zu bewachen oder zurückzuhalten.
Miß Temples ganze Aufmerksamkeit war von den Patientinnen
in Anspruch genommen; sie wohnte im Krankenzimmer; niemals
verließ sie es, mit Ausnahme von wenigen Stunden der Nacht, wo
sie selbst die ihr so nötige Ruhe suchte. Die Lehrerinnen waren
vollauf mit dem Packen oder anderen notwendigen Vorbereitungen
für die Abreise jener Mädchen beschäftigt, welche glücklich genug
waren, Freunde und Verwandte zu besitzen, die sie von dem
Seuchenherd entfernten. Viele, welche den Keim der Ansteckung
bereits in sich trugen, kehrten nur nach Hause zurück, um zu sterben; einige starben in der Anstalt und wurden schnell und ruhig
begraben, da die Natur der Krankheit keinen Aufschub duldete.
Während so die entsetzliche Krankheit eine Bewohnerin von
Lowood geworden war und der Tod sein häufiger Besucher; während innerhalb seiner Mauern Furcht und Trauer herrschten;
während die Dünste eines Hospitals durch Zimmer und Korridore
zogen, und Tränke und Pastillen umsonst versuchten, der Ausdünstung des Todes entgegen zu wirken, leuchtete draußen der
strahlende Mai über stolze Hügel und herrliches Waldland. Der
Garten prangte im Blumenflor: Rosenpalmen waren so hoch wie
Bäume in die Höhe geschossen; Lilienkelche waren erschlossen,
Tulpen und Rosen standen in Blüte; die Ränder der kleinen Beete
strahlten in ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten
Tausendschönchen; Morgen und Abend strömten die Heckenrosen
ihren würzigen Duft aus, und diese blühenden Schätze waren jetzt
für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos, nur zuweilen
legte man ihnen eine Handvoll Blüten und Kräuter, in den Sarg.
Aber Jane und die übrigen, welche gesund blieben, genossen
in vollen Zügen die Schönheit des Frühlings und der Gegend;
man ließ sie wie Zigeuner im Walde umherstreifen; sie taten von
morgens bis abends nur, was ihnen gefiel, gingen wohin sie
wollten, und führten überhaupt ein besseres Dasein als früher.
Mr. Brocklehurst und seine Familie kamen Lowood jetzt gar nicht
mehr zu nahe; die Angelegenheiten der Haushaltung wurden nicht
mehr geprüft; die böse Haushälterin war fort; die Furcht vor
Ansteckung hatte sie fortgetrieben; ihre Nachfolgerin, welche in der
Armenapotheke in Lowton Vorsteherin gewesen war, kannte die
Gebräuche ihres neuen Aufenthalts noch nicht und versorgte die
Waisen mit verhältnismäßiger Freigebigkeit. Außerdem waren
ihrer ja weniger, die da Nahrung verlangten; die Kranken konnten
wenig essen; die Frühstücksschüsseln wurden besser gefüllt; wenn
die Haushälterin keine Zeit hatte, ein regelrechtes Mittagessen herzurichten, ein Fall, der ziemlich häufig eintrat, pflegte sie den
Mädchen ein großes Stück kalter Pastete zu geben oder eine große
Schnitte Brot und Käse, und diesen Proviant nahmen sie dann
mit sich in den Wald hinaus, wo jede von ihnen ihr Lieblingsplätzchen aufsuchte und ein königliches Mahl hielt.
Janes Lieblingssitz war ein breiter, glatter Stein, welcher
weiß und trocken mitten aus dem Waldbache herausragte; er war
nur zu erreichen, indem sie durch das Wasser watete, und diese Tat
vollbrachte sie denn ziemlich oft und zwar barfuß. Der Stein
war gerade breit genug, um außer ihr noch einem anderen Mädchen bequemen Platz zu gewähren; dies war Mary Ann Wilson,
damals Janes auserwählte Gefährtin; sie war ein kluges, beobachtendes Geschöpf, deren Gesellschaft ihr Freude machte. teilweise
weil sie witzig und originell war, und teilweise, weil sie Manieren
und Sitten hatte, welche Jane besonders zusagten. Um einige
Jahre älter als letztere, kannte sie mehr von der Welt und konnte
Jane von vielen Dingen erzählen, die sie gern hörte; in ihrer Gesellschaft wurde Janes Neugierde befriedigt; mit ihren Fehlern
hatte Mary die größte Nachsicht und niemals versuchte sie Janes
Worten Zwang oder Zügel anzulegen. Sie besaß ein großes Erzählertalent; sie liebte es, zu belehren und Jane zu fragen; so
wurden beide prächtig mit einander fertig und zogen, wenn auch
nicht viel Belehrung, so doch viel Vergnügen aus ihrem gegenseitigen Verkehr.
Und wo war inzwischen Helen Burns? Weshalb brachte sie
diese süßen Tage der Freiheit nicht in Janes Gesellschaft zu ? Hatte
diese sie vergessen? Oder war Jane so leichtsinnig, so unwürdig,
daß sie ihrer veredelnden Gesellschaft müde geworden? Gewiß
war die obenerwähnte Mary Ann Wilson Janes erster Freundin nicht ebenbürtig; sie konnte ihr nur lustige Geschichten erzählen oder irgendeinen witzigen Klatsch wiederholen, der ihr gerade
Vergnügen machte, während Helen geeignet war, denen, welche das
Vorrecht ihrer Unterhaltung genossen, Sinn und Geschmack für
höhere, reinere Dinge einzuflößen.
Aber, teure Leserin, Jane war auch Helen Burns Gesellschaft
noch niemals überdrüssig geworden; niemals hatte sie aufgehört,
für sie eine Liebe zu hegen, die so stark, so zärtlich und so achtungsvoll war, wie nur je ein Gefühl ihr Herz bewegt hatte. Wie hätte
es denn auch anders sein können, wenn Helen zu allen Zeiten
und unter allen Umständen Jane eine ruhige und treue Freundschaft bewiesen hatte, die keine böse Laune je verbitterte, kein Streit
jemals störte? Aber Helen war augenblicklich krank; seit mehreren Wochen war sie Janes Augen bereits entrückt; diese wußte
nicht, in welchem Zimmer sie sich jetzt befand. Man hatte ihr gesagt, daß sie sich nicht in der Hospitalabteilung unter den Fieberkranken befände; denn ihre Krankheit war die Schwindsucht, nicht
der Typhus, und Jane in ihrer Unwissenheit stellte sich unter
Schwindsucht etwas Mildes vor, das durch Pflege und Fürsorge
mit der Zeit geheilt werden müsse.
In dieser Idee wurde sie noch dadurch bestärkt, daß Helen
einigemal an sonnigen, warmen Nachmittagen herunter kam und
von Miß Temple in den Garten geführt wurde; bei diesen Gelegenheiten gestattete man Jane aber nicht, mit Helen zu sprechen
oder sich ihr auch nur zu nähern; sie sah ihre Freundin nur aus
dem Fenster des Schulzimmers und dann nicht einmal deutlich;
denn Helen war in viele Tücher gehüllt und saß in einiger Entfernung auf der Veranda.
Eines Abends im Anfang des Monats Juni war Jane sehr
spät mit Mary Ann im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten
sie sich von den anderen getrennt und waren weit gewandert, so
weit, daß sie den Weg verloren und denselben in einer einsamen
Hütte erfragen mußten, wo ein Mann und eine Frau wohnten,
die eine Herde voll halb wilder Schweine zu hüten hatten, welche
von der Eichelmast im Walde gemästet wurden. Als sie endlich
zurückkamen, war der Mond schon aufgegangen; ein Pony,
welches sie als dasjenige des Arztes erkannten, stand an der
Gartenpforte. Mary Ann bemerkte, daß wahrscheinlich irgend
jemand schwer erkrankt sein müsse, wenn Mr. Bates noch so spät
am Abend geholt worden sei. Sie ging in das Haus; Jane blieb
zurück, um noch eine Handvoll. Wurzeln, die sie im Walde ausgegraben, in ihrem Garten einzupflanzen; sie fürchtete, daß sie sonst
bis zum nächsten Morgen verwelken würden. Nachdem dies geschehen, verweilte Jane noch einige Minuten; die Blumen dufteten
so süß, als der Tau fiel; es war ein so wunderschöner Abend, so
rein, so ruhig, so warm, und der noch gerötete Westen versprach
wiederum einen schönen Tag. Im dunklen Osten stieg majestätisch
der Mond empor. Jane beobachtete dies alles und freute sich
daran, wie ein Kind sich zu freuen vermag, da plötzlich kam ihr ein
Gedanke, wie niemals zuvor.
,Wie traurig ist es doch, jetzt auf dem Krankenbett liegen zu
müssen und in Todesgefahr zu schweben! Diese Welt ist so schön,
wie entsetzlich wäre es, abberufen zu werden, und wer weiß wohin
gehen zu müssen!'!
Und dann machte ihre Seele die erste ernste Anstrengung, das
zu begreifen, was man in bezug auf Himmel und Hölle in sie gelegt hatte; zum erstenmal blickte sie um sich und sah vor sich, neben
sich, hinter sich nichts als einen unermeßlichen Abgrund; zum
erstenmal bebte ihre Seele entsetzt zurück, sie empfand und fühlte
nichts Sicheres mehr als den einen Punkt, auf welchem sie stand,
die Gegenwart; alles andere war eine formlose Wolke, eine unergründliche Tiefe; es schauderte sie bei dem Gedanken zu straucheln, zu wanken und in den Abgrund hinabzutauchen. Als sie
noch diesen neuen Gedanken nachhing, hörte sie, wie die große
Haustür geöffnet wurde; Mr. Bates trat heraus, mit ihm eine
Krankenwärterin. Nachdem die Wärterin gewartet, bis der Doktor
aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war, wollte sie die Tür
wiederum schließen. Jane lief zu ihr.
, Wie geht es Helen Burns ?
, Sehr schlecht, lautete die Antwort.
, War Mr. Bates ihretwegen gekommen ??
-Ja.-
, Und was sagt er?
, Er sagt, daß sie nicht mehr lange bei uns verweilen wird.
Hätte Jane diese Redensart vor einiger Zeit gehört, so würde
sie nur geglaubt haben, daß man Helen nach Northumberland in
ihre Heimat bringen wolle. Sie würde nicht vermutet haben, daß
es bedeute, sie liege im Sterben. Aber jetzt begriff sie sofort; es
wurde ihr augenblicklich klar, daß Helen Burns Tage auf dieser
Welt gezählt seien, und daß sie bald hinauf in die Welt der Geister
gehen würde. Im ersten Moment bemächtigte sich ihrer ein namenloser Schrecken; dann empfand sie den heftigsten Schmerz, dann
einen Wunsch, den Wunsch sie zu sehen. Und sie fragte, in welchem
Zimmer Helen läge.
,Sie ist in Miß Temples Zimmer,'' sagte die Wärterin.
, Kann ich hinauf gehen und mit ihr sprechen?
,O nein, Kind! Das geht nicht an. Und jetzt ist es auch für
Sie Zeit, hineinzugehen; Sie werden das Fieber bekommen, wenn
Sie draußen sind, während der Tau fällt.
Die Wärterin schloß die Haustür; Jane ging durch den Seiteneingang, welcher zu dem Schulzimmer führte; sie kam noch zu
rechter Zeit; es war neun Uhr, und Miß Miller rief gerade die
Schülerinnen zum Schlafengehen.
Es mochte vielleicht zwei Stunden später, ungefähr elf Uhr
sein; es war Jane nicht möglich gewesen einzuschlafen, und aus der
tiefen Ruhe, welche im Schlafzimmer herrschte, schloß sie, daß ihre
Gefährtinnen fest schliefen; leise stand sie auf, zog ihr Kleid über
ihr Nachtgewand und schlich barfuß aus dem Gemach, um Miß
Temples Zimmer zu suchen. Es befand sich am entgegengesetzen
Ende des Hauses; aber Jane kannte den Weg, und die Strahlen
des unbewölkten Sommermondes halfen ihr, ihn zu finden. Jane
verspürte einen scharfen Geruch von Kampher und gebranntem
Essig, als sie sich dem Zimmer der Fieberkranken näherte; schnell
eilte sie an der Tür vorüber, aus Furcht, daß die Krankenwärterin,
welche die ganze Nacht wachen mußte, sie hören könne. Sie hatte
Angst davor, entdeckt und zurückgeschickt zu werden, denn sie mußte
Helen sehen, sie mußte sie umarmen, bevor sie starb, ihr einen
letzten Kuß geben, noch ein letztes Wort mit ihr sprechen.
Nachdem sie die Treppe hinuntergegangen war, einen Teil
vom Erdgeschoß des Hauses durchschritten hatte und es ihr gelungen war, ohne Geräusch zwei Türen zu öffnen, erreichte sie eine
zweite Treppe; diese stieg sie wieder hinauf und befand sich gerade
vor der Tür von Miß Temples Zimmer. Durch das Schlüsselloch
und eine Spalte unterhalb der Tür fiel ein Lichtschein; überall
herrschte tiefste Stille. Als Jane näher kam, fand sie die Tür ein
wenig geöffnet, wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach
etwas Luft dringen zu lassen. Nicht gewillt zu zögern und
von ungeduldigem Drange beseelt, öffnete sie die Tür ganz und
blickte hinein. Ihr Auge suchte Helen und fürchtete, den Tod
zu finden.
Dicht neben Miß Temples Bett und mit den weißen Vorhängen desselben halb verhängt, stand ein kleines Bettchen. Jane
sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht
war durch die Gardinen verdeckt. Die Wärterin, mit welcher sie
im Garten gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und schlief;
eine halb herabgebrannte Kerze, die auf dem Tische stand, verbreitete ein trübes Licht. Miß Temple war nicht sichtbar; später
erfuhr Jane, daß diese zu einer im Delirium liegenden Fieberkranken gerufen worden. Jane wagte sich weiter ins Zimmer
hinein; dann stand sie neben dem kleinen Bette still; ihre Hand
faßte den Vorhang, doch hielt sie es für besser, zu sprechen,
bevor sie denselben zur Seite zog. Ein Schauer faßte sie bei
dem Gedanken, daß sie vielleicht nur noch eine Leiche sehen
könnte.
,Helen, flüsterte sie sanft, ,wachst du?
Helen bewegte sich, schob den Vorhang zurück und Jane
blickte in ihr bleiches, abgezehrtes aber ruhiges Gesicht. Sie schien
so wenig verändert, daß Janes Furcht augenblicklich schwand.
, Bist du's wirklich, Jane? fragte sie mit ihrer gewohnten.
sanften Stimme.
,Ah !' dachte Jane, ,sie wird nicht sterben; sie irren sich alle;
wäre es der Fall, so könnte sie nicht so ruhig, so friedlich aussehen;
das wäre nicht möglich.
Jane ging an ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt und
ihre Wange war kalt und abgezehrt, und ihre Hände und ihre
Arme ebenfalls; aber ihr Lächeln war das alte geblieben.
,Weshalb kommst du hierher, Jane? Es ist schon nach elf
Uhr; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören.
,Ich kam, um dich zu sehen, Helen. Ich hörte, du seist sehr
krank, und ich konnte nicht einschlafen, bevor ich noch einmal mit
dir gesprochen hatte.
, Du bist also gekommen, um mir Lebewohl zu sagen; wahrscheinlich bist du gerade noch zu rechter Zeit gekommen.
,Willst du fort, Helen? Willst du etwa nach Hause.
,Ja, nach Hause, in meine letzte, meine ewige Heimat!'
,Nein, nein, Helen,' unterbrach Jane sie jammernd. Während sie versuchte, ihrer Tränen Herr zu werden, hatte Helen einen
heftigen Hustenanfall; indessen weckte dieser die Krankenwärterin
nicht; als er vorüber, lag sie einige Minuten ganz erschöpft da;
dann flüsterte sie:
,Jane, deine kleinen Füße sind nackt; lege dich zu mir ins
Bett und decke dich mit meiner Decke zu.
Jane tat es; Helen schlang ihren Arm um sie, und Jane
schmiegte sich dicht an sie. Nach langem Schweigen fuhr Helen
flüsternd fort:
,Ich bin sehr glücklich, Jane; und wenn du hörst, daß ich gestorben bin, so mußt du mir versprechen, nicht zu trauern; denn es
ist nichts zu betrauern. Wir alle müssen ja eines Tages sterben,
und die Krankheit, die mich fortrafft, ist nicht schmerzhaft; sie
schreitet langsam und schmerzlos fort; mein Gemüt ist in Frieden.
Ich hinterlasse niemanden, der mich betrauert. Ich habe nur
einen Vater; er hat sich vor kurzem wieder verheiratet und wird
mich nicht vermissen. Ich sterbe jung, aber ich werde auch vielen
Leiden entgehen. Ich hatte keine Eigenschaften, keine Talente, die
mir geholfen hätten, einen guten Weg durch die Welt zu machen.
Fortwährend würde ich das Verkehrte getan haben.r
, Aber wohin gehst du denn, Helen? Kannst du es sehen?
Kannst du glauben??
, Ich glaube; ich habe die feste Zuversicht: ich gehe zu
Gott.
, Wo ist Got? Was ist Gott?
,Mein Schöpfer und der deine, der niemals zerstören kann.
was er geschaffen hat. Ich glaube fest an seine Macht und vertraue seiner Allgüte. Ich zähle die Stunden bis zu jener großen,
bedeutungsvollen, die mich ihm zurückgeben soll, ihn mir von Angesicht zu Angesicht zeigen wird. ?
, Du bist also sicher, Helen, daß es ein Etwas gibt, das sich
Himmel nennt; und daß unsere Seelen dorthin gehen werden,
wenn wir sterben
, Ich bin sicher, daß es ein künftiges Leben gibt; ich glaube.
daß Gott gut ist; ich gebe ihm mein unsterbliches Teil vertrauens-

,Und werde ich dich wiedersehen, Helen, wenn ich sterbe?
,Du wirst in dieselbe Glückseligkeit kommen wie ich; derselbe
mächtige Allvater wird auch dich an sein Herz nehmen, Jane,
zweifle nicht daran.
Fester schlang sich Janes Arm um Helen; sie war ihr in diesem
Augenblick teurer denn je; ihr war, als könne sie ihre Freundin
nicht fortgehen lassen; sie verbarg ihr Gesicht an ihrer Brust. Gleich
darauf sagte Helen in ihrer süßesten Weise:
,Wie wohl ich mich fühle! Jener letzte Hustenanfall hat mich
ein wenig ermüdet; mir ist, als könnte ich jetzt schlafen; aber verlaß mich nicht, Jane; es ist so schön, dich so nahe zu wissen.
, Ich bleibe bei dir, süße Helen; niemand soll mich von hier
fortnehmen.
, Ist dir warm, mein Liebling?
,Ja.
,Gute Nacht, Jane.
,Gute Nacht, Helen.
Sie küßten einander und bald schliefen beide.
Als Jane erwachte, war es Tag. Eine ungewöhnliche Bewegung weckte sie; sie öffnete die Augen; jemand hielt sie in den
Armen; es war die Krankenwärterin; sie trug sie durch die Korridore in den Schlafsaal zurück. Man erteilte ihr keinen Verweis
dafür, daß sie ihr Bett verlassen hatte; die Leute hatten an andere
Dinge zu denken. Auf Janes viele Fragen gab man ihr keine Erklärung, aber einige Tage später erfuhr sie, daß Miß Temple, als
sie in ihr Zimmer zurückgekehrt, sie in dem kleinen Bette gefunden
habe; Janes Gesicht ruhte auf Helen Burns Schulter, ihre Arme
umschlangen ihren Hals. Sie schlief, und Helen war tot.
Helens Grab befindet sich auf dem Friedhofe von Brocklebridge; noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode deckte es nur ein
einfacher Grashügel. jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel die
Stelle; darauf steht ihr Name und das Wort:,Resurgam.’

Zehntes Kapitel.
Wieder ein Wendepunkt.
Als das typhöse Fieber seine Mission der Zerstörung in Lowood erfüllt hatte, verschwand es nach und nach von dort; aber
nicht, bevor seine Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer die
öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Die Ursache
dieser Geißel wurde genau untersucht, und so wurden mehrere Tatsachen entdeckt, welche die allgemeine öffentliche Empörung im
höchsten Grade wachriefen. Die ungesunde Lage des Instituts;
die geringe und schlechte Nahrung, welche den Kindern verabreicht
wurde; das schlechte, stinkende Wasser, welches bei der Zubereitung
verwendet wurde; die elende, unzureichende Bekleidung der
Schülerinnen, alle diese Dinge kamen ans Tageslicht, und die Entdeckung machte zwar einen sehr beschämenden Eindruck für Mr.
Brocklehurst, hatte aber eine wohltätige Wirkung für das Institut.
Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute in der Gegend
zeichneten große Summen für den Aufbau eines passenderen Gebäudes in einer besseren Lage; neue Statuten wurden aufgestellt.
Verbesserungen in Diät und Kleidung eingeführt; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Komitees anvertraut. Mr. Brocklehurst, welcher seiner Familienverbindungen und
seines Reichtums wegen nicht ganz übersehen werden konnte, behielt
das Amt eines Kassenverwalters; aber bei der Erledigung seiner
Pflichten standen ihm Herren von milderer Sinnesart zur Seite;
auch sein Amt als Inspektor mußte er mit Leuten teilen, welche
Strenge mit Vernunft, Behaglichkeit mit Sparsamkeit, Mitgefühl
mit Gerechtigkeit zu paaren wußten. In solcher Gestalt verbessert,
wurde das Institut mit der Zeit zu einer wahrhaft nützlichen und
edlen Gründung. Jane blieb noch acht Jahre nach der Erneuerung der Anstalt eine Bewohnerin ihrer Mauern: sechs Jahre
als Schülerin und zwei als Lehrerin.
Während dieser acht Jahre war Janes Leben außerordentlich
einförmig, aber nicht unglücklich, weil es nicht untätig war. Die
Mittel, sich eine ausgezeichnete Erziehung anzueignen, waren ihr
an die Hand gegeben; eine Vorliebe für einige ihrer Studien, die
Absicht, in allen das Höchste zu erreichen, verbunden mit dem
innigen Wunsch, ihre Lehrerinnen zu befriedigen, besonders jene,
welche sie liebte; dies alles trieb sie vorwärts, und daher benutzte
sie in vollem Maße die Vorteile, welche sich ihr darboten. Mit der
Zeit stieg sie zum Range der ersten Schülerin in der ersten Klasse
empor; dann wurde sie mit dem Amte einer Lehrerin betraut;
dieser Pflichten entledigte sie sich während zweier Jahre. Doch nach
Ablauf dieser Zeit wurde sie andern Sinnes.
Während all dieser Wechsel war Miß Temple Vorsteherin des
Seminars geblieben; ihrem Unterricht verdankte Jane den besten
Teil ihrer Kenntnisse; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft
waren ihr immerwährender Trost gewesen; sie hatte die Stelle
einer Mutter bei ihr vertreten, sie war ihre Erzieherin und später
ihre Gefährtin gewesen. Um diese Zeit heiratete Miß Temple und
zog mit ihrem Gatten, einem Geistlichen, der ein ausgezeichneter
Mann und einer solchen Gattin würdig war, in eine entfernte
Grafschaft; für Jane war sie folglich verloren.
Seit dem Tage, wo sie die Anstalt verließ, war Jane nicht
mehr dieselbe; mit ihr war jedes Gefühl der Festigkeit, jede Gemeinschaft, die Lowood bis zu einem gewissen Grade zu ihrer
Heimat gemacht hatte, dahin. Jane hatte einiges von ihrer Natur, viele ihrer Gewohnheiten angenommen; harmonischere Gedanken, besser geregelte Empfindungen waren die Bewohner ihrer
Seele geworden. Sie hatte sich der Pflicht und der Ordnung
unterworfen, war ruhig geworden; sie glaubte, daß sie zufrieden sei.
Aber als Miß Temple nach der Trauung im Reisekleide in die
Postchaise stieg, als der Wagen den Hügel hinauf fuhr und hinter
diesem Hügel verschwand, da ging Jane auf ihr Zimmer und verbrachte dort auch in Einsamkeit den größten Teil des halben Ferialtages, welchen man den Waisen der feierlichen Gelegenheit zu
Ehren gewährt hatte.
Viele Stunden lang ging sie im Zimmer auf und ab. Am
Abend aber wurde sie inne, daß mit Miß Temple auch ihre
ganze Zufriedenheit geschwunden sei. Sie fühlte, wie die alten,
wilden Gefühle wieder in ihr erwachten. Während vieler Jahre
war Lowood ihre ganze Welt gewesen; ihre Erfahrung kannte
nichts anderes als seine Vorschriften, seine Zucht. Jetzt aber fiel
ihr ein, daß die Welt groß sei, und daß ein weites, wechselvolles
Feld von Furcht und Hoffnung jene erwarte, welche genug Mut
besäßen, auf diese Walstatt hinauszugehen, um wirkliche Lebenserfahrung und Kenntnis inmitten ihrer Gefahren zu suchen.
Jane ging an das Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Da
lagen die beiden Flügel des Gebäudes, da war der Garten, dort
die Grenze von Lowood, weit hinten der hügelige Horizont. Ihr
Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort, um an den entferntesten haften zu bleiben: an den Gipfeln der Berge! Diese zu
übersteigen sehnte sie sich; alles was innerhalb ihrer Grenzen
von Felsen und Heide lag, schien ihr Gefängnisboden. Sie verfolgte die weiße Landstraße, welche sich an dem Fuß eines Berges
dahin zog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand,
mit den Augen. Ach! wie gern wäre sie ihr noch weiter gefolgt!
Sie erinnerte sich der Zeit, da sie in einer Postkutsche auf dieser
selben Straße des Weges gekommen; sie erinnerte sich, wie sie in
der Dämmerung jenen Hügel heruntergefahren; ein Menschenalter schien vergangen seit jenem Tage, der sie zuerst nach Lowood
geführt, und nicht eine Stunde hatte sie es seitdem verlassen. Alle
ihre Ferien waren in der Schule dahin gegangen; Mrs. Reed hatte
sie niemals wieder nach Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgendein Mitglied ihrer Familie Jane besucht. Weder durch Briefe noch durch mündliche Botschaft
hatte Jane Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten;
Schulregeln, Schulpflichten, Schulgebräuche, Schulgedanken,
das war alles, was sie vom Dasein kannte. Und jetzt empfand
sie, daß dies nicht genug sei. In einem einzigen Nachmittage
wurde sie des ewigen Einerlei von acht Jahren müde! Sie ersehnte die Freiheit; sie lechzte nach Freiheit; um die Freiheit betete
sie; der Wind, der sich leise erhob, schien das Gebet davonzutragen.
Dann gab sie die Freiheit auf und sprach einen demütigeren
Wunsch aus: sie bat um Veränderung, um irgendein Reizmittel,
denn alles erschien ihr so öde und tot. Schließlich rief sie in voller
Verzweiflung aus: ,Dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt!
Jetzt rief sie eine Glocke, welche die Stunde des Abendessens
verkündete, in das Speisezimmer hinunter.
Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte sie ihren unterbrochenen Gedankengang nicht mehr aufnehmen; selbst dann hielt
sie noch eine Lehrerin, welche das Zimmer mit ihr teilte, durch ihre
Unterhaltung von dem Gegenstande fern, zu dem sie sich sehnte,
mit ihren Gedanken zurückkehren zu können. Wie wünschte sie,
daß der Schlaf ihre Gefährtin zum Schweigen bringe!
Endlich schlief Miß Gryce.
, Eine neue Dienstbarkeit! Darin liegt etwas, sagte Jane zu
sich selbst. ,Es klingt zwar nicht wie die Worte Freiheit, Genuß;
aber für mich sind diese Worte doch nur hohle Laute; dienen kann
jeder. Ich habe hier acht Jahre gedient; und jetzt wünsche ich ja
nichts weiter, als anderswo dienen zu können. Kann ich meinen
eigenen Willen denn nicht wenigstens so weit durchsetzen ?'
Mit diesen Gedanken saß Jane aufrecht im Bette; es war eine
frostige Nacht; sie bedeckte ihre Schultern mit einem Schal und
dann fing sie wieder mit allen Kräften an zu denken.
, Was wünsche ich denn eigentlich ? fragte sie sich selbst.,Eine
neue Stelle, in einem neuen Hause, unter neuen Gesichtern, unter
neuen Verhältnissen. Dies wünsche ich. Wie machen es die Leute
nun, um eine neue Stelle zu bekommen? Sie wenden sich an ihre
Freunde, wie ich vermute; ich habe keine Freunde. Es gibt
aber noch viele Menschen, die keine Freunde haben und sich selbst
umsehen müssen und sich selbst helfen. Welches sind denn nun,ihre
Hilfsquellen?
Fast eine Stunde lang arbeitete es so in Janes Kopfe. Dann
stand sie erregt auf und ging einigemal im Zimmer auf und nieder;
zog den Vorhang zurück, blickte hinauf zu den Sternen, zitierte vor
Kälte und kroch wieder in ihr Bett.
Plötzlich kam es ihr ruhig und natürlich in den Sinn: ,Leute,
welche Stellungen suchen, kündigen es an; du mußt es in einer
Zeitung ankündigen.'
,Aber wie? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen,' sagte
sie sich wieder.
Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt.
,Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den
Herausgeber der Zeitung einschicken; bei der ersten Gelegenheit.
die sich dir darbietet, mußt du die Sendung in Lowton auf die
Post geben; die Antwort muß an . B. an das dortige Postamt
geschickt werden; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt,
kannst du hingehen und dich erkundigen, ob irgendeine Antwort
eingetroffen ist; daraufhin hast du zu handeln.
Zwei, dreimal überdachte sie diesen Plan; jetzt hatte sie ihn
genügsam verdaut, sie hatte ihn in eine klare, praktische Form
gefaßt; jetzt war sie zufrieden und fiel in tiefen Schlaf.
Mit Tagesanbruch war sie auf. Ehe noch die Glocke ertönte,
welche die ganze Schule weckte, hatte sie ihre Annonce geschrieben,
kuvertiert und adressiert; sie lautete folgendermaßen:
,Eine junge Dame, welche im Lehren geübt ist, wünscht eine
Stellung in einer Familie zu finden, wo die Kinder unter vierzehn
Jahren sind. Sie ist befähigt, in den gewöhnlichen Zweigen.
welche zu einer guten, englischen Erziehung gehören, zu unterrichten, ebenso im Französischen, im Zeichnen und in der Musik.
Gefällige Adressen sind an I. K. poste restante Lowton, - shire
zu richten.'
Während des ganzen Tages lag dieses Dokument in Janes
Schieblade verschlossen; nach dem Tee bat sie die neue Vorsteherin
ui die Erlaubnis, nach Lowton gehen zu dürfen, wo sie einige
Einkäufe für sich und zwei ihrer Mitlehrerinnen zu machen hatte.
Die Erlaubnis wurde ihr gern gewährt. Sie ging. Der Weg war
zwei Meilen lang; es war ein feuchter Abend, aber die Tage waren
noch lang; sie ging in zwei, drei Läden, warf ihren Brief in den
Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern aber mit leichtem Herzen zurück.
Die jetzt folgende Woche schien endlos lang. Wie alle Dinge
dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende, und an einem herrlichen
Herbstabende befand sich Jane abermals zu Fuß unterwegs nach
Lowton. Es war ein romantischer Weg, der an dem Waldbach
und den herrlichsten Windungen des Tals entlang führte, aber an
diesem Tage dachte sie nur an die Briefe, die sie in dem kleinen
Marktflecken zu finden erwartete, nicht an die Reize von Berg und
Tal.
In dem Flecken angekommen, ließ sie sich zuerst Maß zu einem
Paar Schuhe nehmen und ging dann aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine, reinliche Straße in das Postbureau.
Eine alte Dame verwaltete dasselbe; sie trug eine Hornbrille auf
der Nase und schwarze, gestrickte Pulswärmer an den Händen.
,Sind irgendwelche Briefe für . V. angelangt ?' fragte
Jane, sich ein Herz fassend.
Sie blickte Jane über ihre Brille fort an; dann öffnete sie
eine Schieblade und wühlte so lange zwischen dem Inhalt derselben umher, daß Janes Hoffnung zu schwinden begann. Endlich, nachdem sie ein Dokument mindestens fünf Minuten lang vor
ihre Augengläser gehalten hatte, reichte sie es der Fragenden hin,
indem sie dieselbe zugleich mit einem zweiten fragenden und mißtrauischen Blicke betrachtete-- der Brief war an . K. adressiert.
,Ist nur ein einziger da? fragte Jane.
,Es sind keine weiteren da, sagte sie. Jane schob ihn in die
Tasche und machte sich auf den Nachhauseweg.
Bei ihrer Heimkehr harrte ihrer die Erfüllung verschiedener
Pflichten; sie hatte die Mädchen während ihrer Arbeitsstunde zu
überwachen; dann war an ihr die Reihe, das Gebet zu lesen,
darauf zu sehen, daß die Schülerinnen schlafen gingen und
dann nahm sie das Abendessen mit den anderen Lehrerinnen ein.
Selbst als sie sich endlich für die Nacht zurückzog, war die unvermeidliche Miß Gryce noch ihre Gefährtin. Die Kerze im Leuchter
war fast herabgebrannt, als Miß Gryce zu sprechen aufhörte und
sanft einschlief. Schnell zog Jane ihren Brief hervor, das Siegel
trug den Anfangsbuchstaben b, sie erbrach es; der Inhalt war
kurz.
, Wenn J. E., welche am letzten Donnerstag eine Annonce
in den-- shire Herald rücken ließ, die aufgezählten Fähigkeiten
besitzt, und wenn sie in der Lage ist, genügende Referenzen über
Charakter und Wirkungskreis geben zu können, so wird ihr eine
Stellung geboten, deren Gehalt sich auf dreißig Pfund Sterling
im Jahr beläuft; sie hat daselbst nur ein kleines Mädchen unter
zehn Jahren zu unterrichten — J. E. wird gebeten, Referenzen,
Namen, Adresse und alles Nähere einzusenden unter der Adresse:
, Mrs. Fairfax, Thornfield bei Millcote-- shire.
Lange prüfte Jane das Schriftstück; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, wie die einer alten Frau. Sicherlich, die Einsenderin war eine alte Dame. Mrs. Fairfax! Jane
sah sie schon in einem schwarzen Kleide und in der Witwenhaube;
vielleicht etwas steif, aber nicht unhöflich. Thornfield! das war
ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung, gewiß ein sauberes, ordentliches Fleckchen Erde bei Millcote,-- shire! Jane frischte ihre
Erinnerung an die Karte von England auf; ja, da lagen sie vor
ihr, die Grafschaft sowohl wie die Stadt.-- shire war London
um siebzig Meilen näher, als die entlegene Grafschaft, in welcher
sie jetzt lebte; das war schon eine große Empfehlung in ihren
Augen. Sie sehnte sich dorthin, wo Leben und Bewegung war;
Millcote war eine große Fabrikstadt am Ufer des ... gelegen.
ein geschäftiger Ort ohne Zweifel. Desto besser, das würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein.
Die Kerze erlosch; vollständige Dunkelheit herrschte, und Jane
schlief ein.
Am folgenden Tage machte Jane der Vorsteherin des Instituts Mitteilung von ihrem Vorhaben und bat um ihre Entlassung.
Diese wurde ihr nach einiger Zeit von Mr. Brocklehurst und dem
Komitee der Anstalt gewährt, indem man ihr zugleich die besten
Empfehlungen versprach.
Nach ungefähr einer Woche erhielt Jane demzufolge das
Zeugnis, schickte eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax, und erhielt die Antwort dieser Dame, welche besagte, daß sie zufrieden sei
und Jane sich binnen vierzehn Tagen in ihrem Hause einzufinden
habe, wo sie den Posten als Gouvernante antreten könne.
jetzt war Jane mit ihren Vorbereitungen beschäftigt; die
vierzehn Tage gingen schnell dahin. Sie hatte keine große Garderobe, obgleich sie ihren Bedürfnissen vollkommen entsprach. Der
letzte Tag genügte, um ihren Koffer zu packen, denselben, welchen
sie bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte.
Die Kiste wurde geschnürt, die Adresse aufgenagelt. Nach
einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um sie nach Lowton
mitzunehmen, wohin sie sich selbst am folgenden Morgen in früher
Stunde begeben wollte, um mit der Post weiter zu fahren. Sie
hatte ihr schwarzwollenes Reisekleid sorgsam ausgebürstet, ihren
Hut, Muff und ihre Handschuhe zurecht gelegt, in allen Schiebladen nachgesucht, damit nichts zurückbliebe und jetzt, da sie nichts
mehr zu tun hatte, setzte sie sich und versuchte sich auszuruhen.
Doch das war unmöglich; obgleich sie während des ganzen Tages
auf den Füßen gewesen, konnte sie jetzt doch nicht einen Augenblick
Ruhe finden; sie war zu heftig erregt. Heute abend schloß sich ein
Abschnitt ihres Lebens, morgen begann ein anderer, unmöglich in
der Zwischenzeit zu schlafen. Fieberhaft mußte sie wachen, während der Übergang sich vollzog.
,Miß,' sagte ein Mädchen, welches Jane in dem Korridor,
wo sie wie ein geängstigter, ruheloser Geist auf- und abging,
aufsuchte, , unten ist eine Person, die mit Ihnen sprechen
möchte.
,Ohne Zweifel der Bote,' dachte Jane und lief ohne weitere
Frage die Treppe hinunter. Sie ging an dem hintern Salon oder
Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei, dessen Tür halb geöffnet
war, um in die Küche zu gehen, als jemand aus dem Zimmer
gestürzt kam.
,Sie ist's, wahrhaftig sie ist's! -- Überall hätte ich sie wiedererkannt!'' rief die Gestalt, die Jane in ihrem Laufe aufhielt und
ihre Hand ergriff.
Jane blickte auf. Vor ihr stand eine Frau, gekleidet wie eine
herrschaftliche Dienerin, matronenhaft, aber dennoch jung; sie war
hübsch, hatte schwarzes Haar, dunkle Augen und frische Gesichtsfarbe.
, Nun, wer ist's wohl?' fragte sie mit einem Lächeln und einer
Stimme, die Jane halb und halb erkannte; ,aber Miß Jane, ich
hoffe doch, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben?
Nach einer halben Minute umarmte und küßte Jane sie voll
Entzücken: ,Bessie! Bessie! Bessie! weiter konnte sie nichts hervorbringen; Bessie hingegen lachte bald, bald weinte sie; dann gingen
sie zusammen ins Wohnzimmer. Am Kaminfeuer stand ein kleiner
Bursche von ungefähr drei Jahren in schottischem Rock und Hosen.
,Das ist mein kleiner Junge,' sagte Bessie schnell.
,Du bist also verheiratet, Bessie?
, Ja. Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem
Kutscher; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen,
das Jane getauft ist.
, Und du wohnst nicht mehr in Gateshead ?
,Ich wohne in der Pförtnerloge; der alte Portier ist fort.
,Nun, und wie geht es allen dort? Du mußt mir alles erzählen, Bessie; aber nimm erst Plat; und du, Bobby, komm zu
mir und setze dich auf meinen Schoß, willst du ? aber Bobby zog
es vor, sich neben seine Mama zu stellen.
,Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jane, und auch nicht
sehr stark, fuhr Mrs. Leaven fort. ,Vermutlich hat man Sie
hier in der Schule nicht allzu gut gehalten. Miß Reed ist mindestens einen Kopf größer als Sie, und Miß Georgina ist gewiß
zweimal so breit.
, Georgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in
London gewesen und dort hat jedermann sie bewundert; aber mit
ihrer Schwester lebt sie wie Hund und Kate; sie zanken und
streiten unaufhörlich.
,Nun, und was ist ans John Reed geworden?
,Ach, er führt sich nicht so brav auf, wie seine Mutter es wohl
wünschen könnte. Er war auf der Universität und wurde fortgejagt;
dann wollten seine Onkel, daß er Advokat werden und die Rechte
studieren sollte. Aber er ist ein so leichtsinniger junger Mensch,
ich glaube, daß niemals viel aus ihm werden wird.
,Wie sieht er aus?
, Er ist sehr schlank. Einige Leute finden, daß er ein schöner
junger Mann ist. Aber er hat so dicke, aufgeworfene Lippen.'
,Und Mrs. Reed?
,Die gnädige Frau sieht im Gesicht dick und wohl genug aus,
aber ich glaube nicht, daß sie sich im Gemüt wohl fühlt. Mr. Johns
Betragen gefällt ihr nicht; er braucht sehr, sehr viel Geld.
,Hat sie dich hergeschickt, Bessie?
,Nein, in der Tat; aber ich habe schon so lange gewünscht,
Sie zu sehen, und als ich hörte, daß Sie in eine andere Gegend
des Landes gehen wollten, dachte ich mir, daß ich mich auf die
Reise machen müsse, um Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz
außer meinem Bereich wären.
, Und ich fürchte, Bessie, du siehst dich in deinen Erwartungen
getäuscht. Dies sagte Jane wohl lachend, aber sie hatte bemerkt,
daß Bessies Blicke, wenn sie auch achtungsvoll waren, in keiner
Weise Bewunderung ausdrückten.
,Nein, Miß Jane, das nicht gerade; Sie sehen sehr fein aus;
Sie sehen aus wie eine Dame, und mehr habe ich eigentlich nie von
Ihnen erwartet. Als Kind waren Sie auch keine Schönheit.
Jane mußte über Bessies offenherzige Antwort lächeln.
,Aber ich vermute, daß Sie sehr gelehrt sind, fuhr Bessie, wie
um Jane zu trösten fort.,Was können Sie denn alles? Können
Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin und
öffnete es; dann bat sie Jane, ihr ein Stück vorzuspielen. Jane
gab ihr ein paar Walzer zum besten und sie war entzückt.
,Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen!' sagte sie
triumphierend. ,Ich habe ja immer gesagt, daß Sie sie im Lernen
übertreffen würden. Können Sie auch zeichnen?
,Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen.
war eine Landschaft in Wasserfarben, welche Jane der Vorsteherin aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittlung bei
dem Komitee geschenkt hatte, und die sie unter Glas und Rahmen
hatte bringen lassen.
,Aber das ist wirklich schön, Miß Jane! Der Zeichenlehrer
der Miß Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben; von
den jungen Damen selbst will ich schon gar nicht reden. Denen
könnte es bald jemand nachmachen. Haben Sie auch Französisch
gelernt?
,Ja, Bessie; ich kann es lesen und auch sprechen.
,Und können Sie auch sticken und nähen?’
,Gewiß, das kann ich.’
, O, Sie sind ja eine ganze Dame geworden, Miß Jane! Das
habe ich mir immer gedacht. Ihnen wird's immer gut gehen, ob
Ihre Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. Ich wollte
Sie noch um etwas befragen. - Haben Sie jemals von den Verwandten Ihres Vaters, den Eyres etwas gehört??
, Nein, in meinem ganzen Leben nicht.
,Nun, Sie wissen ja, Mrs. Reed hat immer gesagt, daß sie
arm und ganz gemein wären; möglich, daß sie arm sind, aber
ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst; denn eines
Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach Gates-
head und wünschte, Sie zu sehen. Mrs. Reed sagte, daß Sie
fünfzig Meilen weit in einer Schule seien; er schien sehr enttäuscht,
denn er konnte nicht bleiben; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen, und das Schiff sollte schon in zwei, drei Tagen von
London abgehen. Er sah aus wie ein Gentleman, und ich glaube,
daß er Ihres Vaters Bruder war.
, Nach welchem fremden Lande ging er, Bessie
,Nach einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo
sie Wein machen-- der Kellermeister hat mir das gesagt.
, Nach Madeira vermutlich?
,Ja, ja, das war's. so hieß sie.
, Und dann ging er wieder fort?
,Ja. Er blieb nicht viele Minuten im Hause. Mrs. Reed
war sehr von oben herab mit ihm. Nachher sagte sie von ihm, er
sei ein armseliger Handelsmann'. Mein Robert glaubt, daß er
ein Weinhändler war.
, Sehr wahrscheinlich,'' entgegnete Jane, ,oder vielleicht der
Kommis oder der Agent eines Weinhändlers.
Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und Jane von
alten Zeiten, und dann war sie gezwungen, Jane zu verlassen. Als
Jane am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete,
sah sie Bessie noch für einige Minuten wieder. Schließlich trennten sie sich vor der Tür des,Wappens von Brocklehurst'' daselbst;
jede zog dann ihre Straße; Bessie begab sich auf den Gipfel des
Lowood-Felsens, wo der Wagen vorüber kam, der sie nach Gates-
head' zurückführen sollte; Jane bestieg das Gefährt, das sie in die
unbekannte Gegend von Millcote brachte, einem neuen Leben und
neuen Pflichten entgegen.

Elftes Kapitel.
In Thornfield.
Bald darauf finden wir Jane in einem Zimmer in ,Georgs
Wirtshaus' in Millcote, mit so großblumigen Tapeten an den
Wänden, wie Gasthauszimmer sie gewöhnlich aufweisen; mit dazu passenden Teppichen, Möbeln, Nippesfiguren auf dem Kamin,
Kupferstichen, einem Porträt von Georg ll., einem zweiten des
Prinzen von Wales, und einer Darstellung vom Tode des General
Wolfe. Und alles dies sehen wir bei dem Schein einer Öllampe,
welche von der Decke herabhängt, und dem eines helles Kaminfeuers, neben welchem Jane in Mantel und Hut sitzt; Muff und
Regenschirm liegen auf dem Tische, und sie versucht, sich an der
Wärme des Ofens von der Steifheit und Betäubung zu erholen,
welche eine sechzehnstündige Reise in kaltem Oktoberwetter bei ihr
hervorgerufen hatte; um vier Uhr morgens hatte sie Lowton verlassen und die Stadtuhr von Millcote schlug jetzt gerade die ache
Stunde.
Sie befindet sich in ziemlich unbehaglicher Gemütsverfassung.
Sie hatte gehofft, hier bei Ankunft der Postkutsche jemanden zu
ihrem Empfange bereit zu finden. Als sie die hölzerne Treppe
hinabstieg, welche der Hausknecht zu ihrer größeren Bequemlichkeit
an den Wagen gestellt, blickte sie ängstlich umher, in der Erwartung, ihren Namen von irgend jemandem aussprechen zu hören
und einen Wagen zu erblicken, welcher ihrer harrte, um sie nach
Thornfield zu bringen. Aber nichts derartiges war sichtbar, und
als sie den Kellner fragte, ob jemand da gewesen, um sich nach Miß
Eyre zu erkundigen, wurde ihre Frage verneinend beantwortet.
So blieb ihr also nichts anderes übrig, als zu verlangen, daß man
ihr ein Zimmer anweise-- und hier sitzt sie nun, während Furcht
und Zweifel aller Art ihre Seele martern.
Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl, sic
plötzlich ganz allein in der Welt zu sehen-- von allen Bekannten
getrennt -- ungewiß, ob sie das Ziel, nach welchem sie streben,
auch erreichen. Der Reiz der Neuheit, die Freude am Abenteuerlichen versüßt dies Gefühl, das Bewußtsein der Selbständigkeit
erwärmt es-- aber die Empfindung der Furcht dämpft es
und kaum war eine halbe Stunde vergangen, in welcher Jane
noch immer allein war, so wurde das Gefühl der Furcht durchaus
vorherrschend. Da fiel es ihr ein, dem Kellner zu läuten.
,Ist hier in der Nähe ein Ort, welcher Thornfield heißt?
fragte sie den Aufwärter, welcher auf ihr Klingeln erschienen war.
,Thornfield? Ich weiß nicht, mein Fräulein, ich werde mich
in der Schenkstube erkundigen. Er verschwand, kam aber augenblicklich zurück:
,Ist Ihr Name Eyre, Miß?
,Ja.
,Es wartet jemand auf Sie.
Jane sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte
in den Korridor des Gasthauses. Ein Mann stand in der offenen
Tür und auf der von Laternen erhellten Straße konnte sie die
Umnisse eines einspännigen Gefährts unterscheiden.
,Dies ist wohl Ihr Gepäck? sagte der Mann in der Tür, als
er ihrer ansichtig wurde, und zeigte auf den Koffer, der im Gange
stand.
, Ja. Er hißte ihn auf den Wagen, welcher eine Art von
Karren war, hinauf, und dann stieg Jane nach. Ehe er die Tür
hinter ihr zuschlug, fragte sie, wie weit es bis Thornfield sei.
, Etwa sechs Meilen.
, Und wie lange fahren wir??
,Vielleicht anderthalb Stunden!'
Er schloß die Wagentür, kletterte auf seinen Sitz, und sie
fuhren ab. Langsam kamen sie vorwärts, und Jane hatte reichliche
Muße zum Nachdenken. Sie war zufrieden, dem Endziel ihrer
Reise so nahe zu sein, und als sie sich in das bequeme Gefährt zurücklehnte, gab sie sich ungestört ihren Gedanken hin.
,Nach der Einfachheit und der Anspruchslosigkeit des Dieners
und des Wagens zu urteilen, ist Mrs. Fairfax keine sehr vornehme
Person; um so besser; ich habe nur einmal unter feinen Leuten
gelebt und bei ihnen habe ich mich sehr unglücklich gefühlt. Ich
möchte wissen, ob sie mit diesem kleinen Mädchen ganz allein lebt.
Wenn das der Fall und sie auch nur einigermaßen liebenswürdig
ist, werde ich sehr gut mit ihr fertig werden. Ich werde mein
Bestes tun. Aber wie schade, daß es nicht immer genügt, sein
Bestes zu tun. In Lowood allerdings faßte ich diesen Entschluß,
führte ihn aus, und es gelang mir, allen zu gefallen; aber bei
Mrs. Reed erinnere ich mich, daß selbst mein Bestes immer nur
Hohn und Verachtung hervorrief. Ich flehe zu Gott, daß Mrs.
Fairfax keine zweite Mrs. Reed sein möge. Wenn sie es aber ist,
so brauche ich nicht bei ihr zu bleiben. Kommt das Schlimmste
zum Schlimmen, so kann ich ja immer noch wieder eine Annonce
in die Zeitung rücken lassen.
Nach solchen Gedanken ließ Jane das Fenster herab und
blickte hinaus. Millcote lag hinter ihnen; nach der Anzahl seiner
Lichter schien es ein Ort von beträchtlicher Größe, viel größer als
Lowton. So weit Jane es überblicken konnte, befanden sie sich
jetzt auf einer Ari Weide; aber über den ganzen Distrikt lagen
Häuser zerstreut; sie fühlte, daß sie sich in Gegenden befand, welche
sich sehr von denen Lowoods unterschieden; sie waren bevölkerter,
aber weniger malerisch.
Die Straßen waren kotig, die Nacht war neblig; der Kutscher
ließ sein Pferd fortwährend im Schritt gehen. Nach zwei Stunden
endlich wandte er sich um und sagte:
,jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.
Wieder blickte Jane hinaus; sie fuhren an einer Kirche vorüber; sie sah den niedrigen, breiten Turm sich gegen den Himmel
abzeichnen, seine Glocken verkündeten die Viertelstunde; dann sah
sie auch eine schmale Reihe von Lichtern auf einer Anhöhe; es war
ein Dorf oder ein Weiler. Nach ungefähr zehn Minuten stieg der
Kutscher ab und öffnete eine Pforte; der Wagen fuhr hindurch und
das Tor schlug hinter ihm zu. Jetzt kamen sie langsam über den
großen Fahrweg des Parks und fuhren an der langen Front eines
Hauses entlang; aus einem verhängten Bogenfenster fiel ein Lichtschein; alle übrigen waren dunkel. Der Wagen hielt vor der
Haustür. Eine Dienerin öffnete dieselbe; Jane stieg aus und
ging hinein.
,Bitte, diesen Weg, Fräulein,' sagte das Mädchen, und Jane
folgte ihr durch eine viereckige Halle, in welche von allen Seiten
Türen mündeten. Sie führte sie in ein Zimmer, dessen doppelte
Beleuchtung durch Kerzen und Kaminfeuer sie im ersten Augenblick blendete, denn sie stach zu stark von der Dunkelheit ab,
an welche ihre Augen sich während der letzten Stunden gewöhnt
hatten. Als sie jedoch imstande war, wieder zu sehen, bot sich ihren
Blicken ein gemütliches und anheimelndes Bild dar.
Ein hübsches, sauberes, kleines Zimmer, ein runder Tisch an
einem lustig lodernden Kaminfeuer; ein hochlehniger, altmodischer
Lehnstuhl, in welchem die denkbar zierlichste, ältere Dame saß. z
Sie trug eine Witwenhaube, ein schwarzes Seidenkleid und eine ,
schneeweiße Musselinschürze. Sie war mit Stricken beschäftigt;eine
große Kate lag schnurrend zu ihren Füßen. Als Jane eintrat, erhob ß
sich die alte Dame und kam ihr schnell und freundlich entgegen.
,Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Ich fürchte, daß Sie eine
sehr langweilige Fahrt gehabt haben. John fährt so langsam; es s
muß Ihnen aber kalt sein, kommen Sie ans Feuer.
,Mrs. Fairfax vermutlich? fragte Jane.
,Die bin ich. Bitte, nehmen Sie Platz.
Sie führte Jane zu ihrem eigenen Stuhl und dort begann sie,
ihr den Schal abzunehmen und die Hutbänder zu lösen. Jane bat
sie, sich ihretwegen nicht so viel Umstände zu machen.
,O, das sind keine Umstände. Ihre eigenen Hände müssen
vor Kälte ja ganz erstarrt sein. Leah, bereite recht heißen Tee und
streiche ein paar Butterbrote; hier sind die Schlüssel zur Speisekammer.
Bei diesen Worten zog sie ein Bund Schlüssel aus ihrer Tasche
und übergab es der Dienerin.
,Und jetzt rücken Sie näher an das Feuer,. fuhr sie fort.
,Nicht wahr, meine Liebe, Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht?
,Jawohl, Madame.
,Ich werde dafür sorgen, daß man es auf Ihr Zimmer trägt,
sagte sie und trippelte geschäftig hinaus.
Solch einen Empfang hatte Jane wahrlich nicht erwartet; er
glich wenig den Erzählungen, die sie von der Behandlung der
Gouvernanten gehört hatte.
Mrs. Fairfax kehrte zurück; sie räumte ihren Strickstrumpfapparat und mehrere Bücher vom Tische, um platz für das Speisenbrett zu machen, welches Leah jetzt brachte, und dann reichte sie
selbst Jane die Erfrischungen. Diese ward ein wenig verwirrt, als
sie sich in dieser Weise zum Gegenstand so zarter, ungewohnter Aufmerksamkeiten gemacht sah, und das noch obendrein, wie sie
glaubte, von ihrer Brotherrin; da diese selbst aber gar nicht zu
finden schien, daß sie etwas tat, was ihr nicht zukam, hielt sie
es für das Beste, ihre Liebenswürdigkeit ruhig hinzunehmen.
,Werde ich das Vergnügen haben, Miß Fairfax noch heute
abend zu sehen ? fragte Jane, nachdem sie gegessen hatte.
, Was sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig schwerhörig,' entgegnete die gute Dame, indem sie ihr Ohr Janes
Munde näherte.
Deutlicher wiederholte Jane die Frage.
,Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der
Name Ihrer künftigen Schülerin.
, In der Tat? Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?
,Nein. Ich habe keine Familie.
Wohl hatte Jane jetzt die Absicht, ihrer ersten Frage noch
einige andere folgen zu lassen; aber sie erinnerte sich noch zu rechter
Zeit, daß es nicht höflich sei, so viele Fragen zu stellen.
, Ich bin so froh' fuhr Mrs. Fairfax fort, als sie sich Jane
gegenüber setzte und die Kate auf ihren Schoß nahm, ,ich bin so
froh, daß Sie gekommen sind. jetzt wird das Leben hier mit einer
Gefährtin ganz angenehm sein. . Nun, es ist auch wohl zu allen
Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein prächtiger alter Herrensitz; während der letzten Jahre ist es allerdings ein wenig vernachlässigt worden, aber immerhin ist es ein stattlicher Ort; aber Sie
wissen wohl, selbst in dem schönsten Hause fühlt man sich zur
Winterszeit unglücklich, wenn man ganz allein ist. Ich sage allein
-- Leah ist gewiß ein liebes Mädchen, und John und sein Weib
sind anständige, brave Leute; aber sehen Sie, es sind doch immer
nur Dienstboten und man kann nicht mit ihnen wie mit seinesgleichen verkehren; man muß sie sich immer zehn Schritte vom
Leibe halten aus Furcht, seine Autorität zu verlieren. Sie können

und es regnete-- kam vom November bis zum Februar nicht eine
lebende Seele in dies Haus, mit Ausnahme des Schlächters und
des Postboten; und ich wurde wahrhaftig ganz tiefsinnig, wie ich
so Abend für Abend allein dasaß. Allerdings mußte Leah mir zuweilen vorlesen, aber ich fürchte, daß das arme Mädchen von dieser
Aufgabe nicht sonderlich entzückt war; sie kam sich dabei wohl wie
eine Gefangene vor. Im Frühling und Sommer ging es dann
natürlich besser. Sonnenschein und lange Tage machen einen so
großen Unterschied. Und nun zu Anfang dieses Herbstes kam die
kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin; ein Kind bringt sofort
Leben ins Haus, und jetzt, da auch Sie hier sind, werden wir am
Ende gar noch ganz lustig und vergnügt werden.'?
Als Jane die alte Dame so plaudern hörte, schlug ihr Herz
ihr warm entgegen; sie zog ihren Stuhl näher an den ihren und
sprach den aufrichtigen Wunsch aus, daß ihre Gesellschaft sich wirklich als so angenehm für Mrs. Fairfax erweisen möge, als diese
erwartete.
,Heute abend will ich Sie aber nicht lange wach halten,
sagte die alte Dame;, es ist jetzt Schlag zwölf Uhr, und Sie sind
den ganzen Tag unterwegs gewesen; Sie müssen ja todmüde sein.
Sobald Ihre Füße ordentlich erwärmt sind, will ich Ihnen Ihr
Schlafzimmer zeigen. Ich habe das Gemach, welches an das
meine stößt, für Sie herrichten lassen; es ist nur ein kleines
Zimmer, aber ich meinte, daß es Ihnen lieber sein würde, als eins
der großen Vorderzimmer; allerdings haben diese prächtigere
Möbel, aber sie sind so düster und einsam; ich könnte niemals
darin schlafen.
Jane dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da sie sich
von der langen Reise wirklich ermüdet fühlte, zeigte sie sich bereit,
sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Mrs. Fairfax nahm ein Licht,
und Jane folgte ihr auf den Korridor hinaus. Zuerst überzeugte
sich Mrs. Fairfax, ob die große Haustür auch wirklich verschlossen
sei; nachdem sie den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen, führte sie
Jane die Treppe hinauf. Stufen und Geländersäulen waren von
Eichenholz; das Treppenfenster war hoch und vergittert; sowohl
dieses, wie die lange Galerie, auf welche die Schlafzimmertüren
hinausgingen, sahen aus, als gehörten sie zu einer Kirche und nicht
zu einem Hause. Eine feuchte, dumpfige Luft wie in einem Gewölbe, herrschte auf der Treppe, eine Luft, die den Gedanken an
trostlos öde Räume wachrief, und Jane war froh, als sie endlich
in ihr Zimmer trat und fand, daß es ein kleiner Raum und zierlich, aber einfach möbliert sei.
Als Mrs. Fairfax ihr eine herzliche gute Nacht gewünscht,
und sie ihre Tür sorgsam verschlossen hatte, sah sie sich mit Muße
um; der Anblick ihres behaglichen, kleinen Zimmers löschte den
Eindruck aus, welchen die weite Halle, die düstere, große Treppe
und jene lange, kalte Galerie auf sie gemacht hatten, und bald kam
es ihr zum Bewußtsein, daß sie nach ein paar Tagen körperlicher
Ermüdung und geistiger Erregung nun endlich in einen sicheren
Hafen eingelaufen sei. Dankbarkeit schwellte ihr Herz; sie kniete
neben ihrem Bette nieder und sandte ein inniges Dankgebet zu dem
empor, dem sie Dank schuldete, und bevor sie sich wieder erhob,
vergaß sie nicht, weitere Hilfe für ihren Pfad zu erflehen, und um
die Gabe zu bitten, sich der Güte wert machen zu können, welche
ihr in so reichem Maße zuteil wurde. In dieser Nacht lag sie auf
keinem Dornenlager; ihr einsames Zimmer war von Ruhe und
Frieden erfüllt. Zugleich müde und zufrieden, schlief sie bald fest
ein. Als sie erwachte, war es bereits heller Tag.
In dem Sonnenschein, welcher durch die hellblauen Fenstervorhänge fiel, erschien Jane das Zimmer so freundlich und gemütlich; sie wurde fast mutig bei dem Anblick der tapezierten Wände
und des teppichbelegten Fußbodens, welche den buntfarbigen Kalkwänden und nackten Holzböden in Lowood so unähnlich waren.
Ihr war, als müsse jetzt eine schönere Lebenszeit für sie anbrechen,
eine Zeit, welche neben ihren Dornen und Mühseligkeiten auch ihre
Blüten und Freuden haben würde.
Sie erhob sich. Mit großer Sorgfalt kleidete sie sich an. Wenn
sie auch gezwungen war, einfach zu sein, sie hatte kein einziges
Kleidungsstück, welches nicht in der einfachsten Weise gemacht war.
so hatte sie doch von Natur das größte Verlangen, sauber und nett
auszusehen. Nachdem sie das Fenster geöffnet und gesehen hatte,
daß sie auf dem Toilettetische alles sauber und ordentlich zurückließ,
ging sie hinaus.
Nachdem Jane die lange, mit Teppichen bedeckte Galerie entlang gegangen war, stieg sie die glänzend blanke Eichentreppe hinunter; dann kam sie in die Halle; hier stand sie eine Minute still.
und betrachtete einige Kupferstiche an den Wänden, eine Bronzelampe, welche von der Decke herabhing, eine große, alte Wanduhr, deren Gehäuse aus Eichenholz seltsam geschnitzt und durch die
Zeit schwarz und blank wie Ebenholz geworden war. Alles erschien ihr sehr stattlich und großartig; aber sie war ja auch so
wenig an Glanz und Pracht gewöhnt. Die Tür der Halle, welche
halb aus Glas war, stand offen; sie überschritt die Schwelle. Es
war ein herrlicher Herbstmorgen; die Sonne schien klar auf herbstlich gefärbtes Laub und noch immer frische Felder herab; sie ging
auf den freien platz hinaus und betrachtete die Front des Herrenhauses. Es war drei Stockwerke hoch, von großen Verhältnissen,
der Herrensitz eines Gentleman; Zinnen auf dem Dache gaben
dem Hause ein ritterliches Aussehen. Die graue Front hob sich
hübsch von dem Hintergrunde eines Krähengenistes ab, dessen
krächzende Bewohner jetzt flügge waren; sie flogen über den Grasplatz und den Park, um sich auf einer großen Weide niederzulassen,
von welcher erstere durch einen eingesunkenen Zaun getrennt
waren; auf dieser Wiese stand eine lange Reihe alter, starker, knorriger Dornenbäume, mächtig wie Eichen, welche sofort die Bedeutung der Benennung des Herrenhauses, nämlich Dornenfeld,
kenntlich machten. Die Hügel in der Ferne waren nicht so hoch
wie jene um Lowood, nicht so zackig, nicht so ähnlich Grenzsperren,
welche alles von der übrigen Welt abschlossen, aber doch stille,
einsame Hügel, welche Thornfield eine gewisse Abgeschiedenheit
verliehen. Ein kleiner Weiler, dessen Dächer von Bäumen überschattet waren, zog sich an einem der Hügel hinauf; die Kirche des
Bezirks stand näher an Thornfield, ihr alter Turm sah über einen
Hügel zwischen dem Hause und den Parkpforten hervor.
Jane freute sich noch an der friedlichen Aussicht und an der
frischen, angenehmen Luft, horchte noch mit Entzücken auf das
Gekrächze der Krähen, blickte noch auf die große, von der Zeit geschwärzte Front der Halle und dachte bei sich, welch ein weitläufiger Aufenthalt es für eine einzelne kleine Dame wie Mrs.
Fairfax sei, als diese Dame in der Tür erschien.
,Was? schon draußen? sagte sie.,Ich sehe, Sie sind gewöhnt früh aufzustehen.' Jane ging zu ihr und wurde mit einem
Kusse und einem herzlichen Händedruck bewillkommt.
,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte die alte Dame. Jane
sagte ihr, daß sie es sehr schön fände.
,Ja, erwiderte Mrs. Fairfax, ,es ist ein reizender Ort; aber
ich fürchte, die Besitzung wird vernachlässigt werden, wenn Mr.
Rochester nicht herkommt und seinen ständigen Wohnsitz hier
nimmt. Große Häuser und schöne Parks erfordern die Anwesenheit ihres Besitzers.
,Mr. Rochester!' rief Jane aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield, antwortete sie ruhig. ,Wußten
Sie nicht, daß er Rochester heißt ?
Natürlich wußte Jane das nicht, sie hatte ja noch niemals
von ihm gehört.
, Ich glaubte,! sagte Jane. , daß Thornfield Ihr Eigentum sei.'
,Mein Eigentum? Gott segne Sie, Kind! Welch eine Idee!
Mein Eigentum ? Ich bin nur die Haushälterin, die Verwalterin.
Allerdings bin ich durch die Familie seiner Mutter entfernt mit
den Rochesters verwandt, oder wenigstens war mein Gatte es: er
war ein Geistlicher, Pfründenbesitzer von Hay, jenes kleine Dorf
da drüben auf dem Hügel und die Kirche neben der Parkpforte
war die seine. Die Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine
Fairfax und meines Mannes Cousine im zweiten Grade; aber ich
tue mir auf diese Verwandtschaft niemals etwas zugute und erlaube mir deshalb keine Freiheiten; ich betrachte mich selbst in dem
Lichte einer ganz gewöhnlichen Haushälterin; mein Brotherr ist
immer höflich, und mehr erwarte ich nicht.
,Und das kleine Mädchen - meine Schülerin?
,Sie ist Mr. Rochesters Mündel; er beauftragte mich, eine
Gouvernante für sie zu suchen. Doch- da kommt sie mit ihrer
,Bonne', wie sie ihre Wärterin nennt?
Diese freundliche, gütige, kleine Witwe war also keine große
Dame, sondern eine Untergebene wie Jane selbst. Aber um so
besser für diese. Ihre Stellung war deshalb um so viel freier.
Während Jane noch über diese Entdeckung nachdachte, kam
ein kleines Mädchen, welchem eine Wärterin folgte, über den Grasplatz daher gelaufen. Jane betrachtete ihre Schülerin, welche sie
anfangs nicht zu' bemerken schien. Sie war noch ein Kind, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zart gebaut, blaß mit kleinen Gesichtszügen und einem Überfluß von Haar, das in Locken über die
Schultern wallte.
,Guten Morgen, Miß Adela, sagte Mrs. Fairfax.,Kommen
Sie her und sprechen Sie mit dieser Dame, welche Ihre Lehrerin
sein wird, damit Sie eines Tages eine gescheite Dame werden.
Die Kleine kam näher.
,C’est la ma gouvernante?’ fragte sie zu ihrer Wärterin gewendet auf Jane zeigend; diese antwortete:
,Mais oui, certainement.’
,Sind sie Ausländer? fragte Jane, ganz erstaunt, die französische Sprache zu hören.
,Die Wärterin ist eine Ausländerin und Adela wurde auf dem Kontinent geboren; ich glaube auch, daß sie bis vor sechs Monaten dort verblieb. Als sie zuerst herkam, konnte sie kein Wort
englisch sprechen; jetzt hat sie es so weit gebracht, ein wenig sprechen
zu können, doch ich verstehe sie nicht, sie vermischt es zu sehr mit
dem Französischen; aber ich vermute, daß Sie sehr gut begreifen
werden, was sie meint.
Zum Glück hatte Jane sich einen solchen Grad der Fertigkeit
und der Korrektheit in der französischen Sprache angeeignet, daß
sie sehr wohl imstande war, mit der kleinen Adele gleichen Schritt
zu halten.
Als sie hörte, daß Jane ihre Gouvernante sei, kam sie auf sie
zugelaufen und reichte ihr die Hand; dann führte Jane sie in das
Frühstückszimmer und richtete einige Worte in ihrer Muttersprache ?
an sie; im Anfang antwortete das Kind sehr kurz, aber nachdem ;
alle am Tische Platz genommen hatten und sie Jane ungefähr zehn
Minuten mit ihren großen hellbraunen Augen angesehen hatte,
begann sie plötzlich ganz geläufig zu plaudern.
,Ach, rief sie auf französisch aus. , Sie sprechen meine
Muttersprache ebenso gut wie Mr. Rochester, ich kann mit Ihnen
reden wie mit ihm, und Sophie kann es auch. Sie wird glücklich
sein; hier kann niemand die arme Sophie verstehen, Madame
Fairfax ist durch und durch englisch. Sophie ist meine Wärterin;
sie ist mit mir über das Meer gekommen in einem großen Schiffe
mit einem Schornstein, der rauchte - und wie er rauchte! -
und ich war krank, und Sophie war es auch und Mr. Rochester
auch. Mr. Rochester legte sich auf ein Sofa in einem hübschen
Zimmer, das Salon genannt wurde, und Sophie und ich hatten
kleine Betten in einem anderen Zimmer. Beinahe wäre ich aus
dem meinen herausgefallen, es war ganz wie ein Brett. Und.
Mademoiselle wie heißen Sie doch?
,Eyre - Jane Eyre.
,Aire? Bah! Das kann ich nicht aussprechen. Nun also
weiter: gegen Morgen, der Tag war noch nicht ganz angebrochen,
hielt unser Schiff bei einer großen Stadt an -- bei einer sehr
großen Stadt, mit sehr düsteren Häusern, die ganz von Rauch geschwärzt waren; sie hatte gar keine Ähnlichkeit mit der sauberen,
hübschen Stadt, aus welcher ich kam. Und Mr. Rochester trug mich
auf seinen Armen über ein Brett ans Land, und Sophie kam
hinterher; dann stiegen wir alle in einen Wagen, der uns bis an
ein großes, prächtiges Haus brachte, viel größer und viel, viel
schöner als dieses, und es hieß ein Hotel'. Dort blieben wir beinahe eine Woche. Sophie und ich gingen oft auf einem großen,
grünen Platz voller Bäume umher, den sie Park' nannten. Außer
mir waren noch viele, viele Kinder dort, und ein Teich mit prachtvollen Vögeln darauf, die ich oft mit Brotkrumen gefüttert
habe.
,Können Sie sie denn eigentlich verstehen, wenn sie so schnell
plappert? fragte Mrs. Fairfax.
Jane verstand sie sehr gut, denn sie war an Madame Pierrots geläufige Zunge gewöhnt.
Dann fuhr die gute, alte Dame fort: ,Ich möchte gern, daß
Sie ein paar Fragen über ihre Eltern an sie richteten; es soll mich
doch wundern, ob sie sich ihrer noch erinnert?
,Adele, fragte sie, ,mit wem hast du in jener hübschen,
sauberen Stadt gewohnt, von welcher du mir erzählt hast?'
,Mit meiner Mama, aber die ist schon lange tot. Mama hat
mich auch tanzen und singen und schöne Verse hersagen gelehrt. Wollen Sie mich jetzt auch singen hören?
Sie war mit ihrem Frühstück zu Ende, und deshalb erlaubte
Jane ihr, eine Probe ihres Talents zu geben. Sie kletterte von
ihrem Stuhl herunter und kam zu Jane, um sich auf ihren Schoß
zu setzen; dann faltete sie ernsthaft ihre kleinen Hände, warf ihre
Locken zurück, heftete ihre Augen auf die Decke des Zimmers und
begann, eine Melodie aus irgend einer Oper zu singen.
Adele sang ganz geschmackvoll und mit der kindlichen Auffassung ihrer Jahre. Nachdem sie damit zu Ende, sprang sie von
Miß Eyres Schoße herab und sagte: ,jetzt, Mademoiselle, will ich
Ihnen etwas vordeklamieren.'
Dann begann sie: ‘La ligue des rats; fable de Lafontaine.’ Nun deklamierte sie das kleine Stück mit einer Achtsamkeit auf die Interpunktion und Betonung, einer Biegsamkeit
der Stimme und einer Zartheit der Bewegungen, welche für ihre
Jahre allerdings ungewöhnlich waren.
,Hat deine Mama dich dieses Gedicht gelehrt?' fragte Jane.
,Ja, und sie pflegte immer so zu sagen: ‘Ou’ avez-vous donc? lii dir un de des rats; parlez!’ Und dann ließ sie mich meine
Hand aufheben-- so um mich daran zu erinnern, daß ich die
Stimme erheben müsse bei der Frage. Soll ich Ihnen jetzt etwas
vortanzen ??
,Nein. jetzt ist es genug. Aber bei wem wohntest du, als
deine Mama gestorben war ??
,Bei Madame Frederich und ihrem Manne; sie hat mich gepflegt und für mich gesorgt, aber sie ist nicht mit mir verwandt.
Ich glaube, daß sie arm ist, denn sie hatte kein so schönes Haus wie
Mama. Ich war nicht lange dort. Mr. Rochester kam und fragte
mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm bleiben
möchte; und ich sagte ja. Denn ich kannte Mr. Rochester, bevor
ich Madame Frederich kannte, und er war immer gütig gegen mich
und schenkte mir schöne Kleider und hübsche Spielsachen. Aber
Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, aber er selbst ist wieder fortgegangen, und jetzt sehe
ich ihn nie mehr.
Nach dem Frühstück zog sich Jane mit Adele in die Bibliothek
zurück; wie es schien, hatte Mr. Rochester bestimmt, daß dieser
Raum als Schulzimmer benutzt werden sollte. Die Mehrzahl der
Bücher war in Glasschränken verschlossen; aber ein Bücherschrank,
welcher offen stand, enthielt alles, was für den elementaren
Unterricht gebraucht wurde, und verschiedene Bände der leichteren
Literatur, Poesie, Biographie, Reisebeschreibungen, einige
Romanzen usw. In diesem Zimmer befand sich auch ein ganz
neues Klavier von herrlichem Ton; außerdem eine Staffelei und
mehrere Erdkugeln.
Jane fand ihre Schülerin ausßerordentlich liebenswürdig, aber
sehr zerstreut. Sie war niemals an eine regelmäßige Beschäftigung
irgendwelcher Art gewöhnt gewesen. Jane fühlte, daß es nicht
ratsam sein würde, sie im Anfang zu sehr mit Arbeit zu überhäufen; deshalb erlaubte sie ihr, als aus dem Morgen Mittag geworden war, und sie viel zu ihr gesprochen und sie ein wenig hatte
lernen lassen, zu ihrer Wärterin zurückzukehren. -Jetzt zeichnete
Jane einige kleine Skizzen für ihren Gebrauch.
Als Jane darauf nach ihrem Zimmer ging, rief Mrs. Fairfax
ihr zu: ,Ihre Morgenschulstunden sind jetzt vorüber, wie ich vermute. Sie befand sich in einem Zimmer dessen Flügeltüren weit
geöffnet waren. Als sie Jane anredete, ging diese zu ihr hinein.
Es war ein großes, stattliches Gemach, mit purpurfarbigen
Möbeln und Vorhängen, einem türkischen Teppich, nußholzbekleideten Wänden, einem großen buntfarbigen Fenster und einer
reich geschnitzten Decke. Mrs. Fairfax wischte den Staub von
einigen Vasen aus herrlichem Rubinglas, welche auf einem
Tischchen standen.
,Welch ein prächtiges Zimmer,! rief Jane aus, indem sie
umher blickte, denn sie hatte noch nichts gesehen, was auch nur
halb so schön gewesen wäre.
, Ja, dies ist das Speisezimmer. Ich habe soeben das Fenster
geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnenschein herein zu lassen,
denn in Zimmern, die selten bewohnt werden, wird alles feucht
und dumpfig. Drüben im großen Salon ist es gerade wie in
einem Gewölbe.
Sie deutete auf einen großen Bogen, welcher dem Fenster
gegenüber lag und mit persischen Vorhängen, die in Bogen aufgerafft waren, dekoriert war. Als Jane zwei breite Stufen, welche
zu demselben hinaufführten, erstiegen hatte, war es jhr, als täte
sie einen Blick ins Feenreich; so herrlich erschien ihr der Anblick,
welcher sich ihr darbot. Und doch war es nichts, als ein sehr
hübscher Salon mit einem Boudoir; beide waren mit weißen Teppichen belegt, die mit bunten Blumengirlanden bedeckt schienen;
die Decke war reich mit schneeigem Stuck bedeckt, welcher weiße
Weintrauben und Blätter darstellte; seltsam kontrastierten damit
die feuerroten Stühle und Ottomanen. Die Zierate, welche den
Kaminsims aus weißem, carrarischem Marmor schmückten, bestanden aus funkelndem, rubinrotem, böhmiscem Glas, und in den
Spiegeln zwischen den Fenstern wiederholte sich die allgemeine
Mischung von Schnee und Feuer.
, Wie schön Sie diese Zimmer in Ordnung halten, Mrs.
Fairfax!'' rief Jane. ,Kein Staub, keine Überzüge aus Glanzleinwand. Man könnte wirklich, glauben, daß sie täglich bewohnt würden, wenn die Luft nicht ein wenig gruftartig wäre.
,Nun, Miß Eyre, wenn Mr. Rochesters Besuche hier auch nur
selten sind, so kommen sie ebenfalls stets unerwartet und plötzlich;
und da ich bemerkt habe, daß es ihn stets schlechter Laune macht,
wenn er alles eingehüllt findet und mitten in die Geschäftigkeit des
Räumens hineinkommt, so dachte ich mir, es sei das Beste, die
Zimmer stets in Bereitschaft zu halten.'?
,Ist Mr. Rochester ein strenger und kleinlicher Herr?' fragte
Jane.
,Nicht gerade das; aber er hat die Neigungen und Gewohnheiten eines Gentleman, und er erwartet, daß alle Dinge sich dem
anpassen.'
,Lieben Sie ihn? Ist er allgemein beliebt?
,O ja. Die Familie hat hier stets in großer Hochachtung gestanden. Seit Menschengedenken hat alles Land in der Gegend,
so weit das Auge reicht, den Rochesters gehört.'
, Gut; aber lieben Sie ihn, ganz abgesehen von seinen Besitzungen? Lieben Sie ihn um seiner selbst willen?
,Ich habe keine Ursache, etwas anderes zu tun, als ihn zu
lieben, und ich glaube auch, daß seine Pächter und Untergebenen ihn als einen freigebigen und gerechter Gebieter betrachten; aber
er hat niemals viel unter ihnen gelebt.’
, Aber wie ist sein Charakter?’
, O, sein Charakter ist fleckenlos. Vielleicht ist er in manchen
Dingen ein klein wenig seltsam; ich vermute, daß er viel gereist ist
und viel von der Welt gesehen hat. Ich glaube auch, daß er sehr
gescheit ist, aber ich habe niemals Gelegenheit gehabt, mich viel mit
ihm zu unterhalten.’
,In welcher Weise ist er denn seltsam ?
,Ich weiß es nicht. Das ist nicht so leicht zu beschreiben -
nichts besonders Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit
ihm spricht. Man weiß niemals, ob er im Scherz oder im Ernst
redet, ob er sich freut oder ob er sich ärgert. Kurzum, man versteht
ihn nicht recht - wenigstens ich verstehe ihn nicht. Aber das
schadet ja nichts; er ist ein sehr guter Herr und Gebieter.
Dies war alles, was Jane von Mrs. Fairfax über ihren Brotherrn erfahren konnte. Als sie das Speisezimmer verließen, schlug
Mrs. Fairfax Jane vor, ihr den übrigen Teil des Hauses zu zeigen;
und Jane folgte ihr treppauf, treppab und bewunderte alles im
Gehen, denn alles war schön und geschmackvoll geordnet. Besonders die großen Zimmer an der Vorderseite des Hauses erschienen ihr prächtig, und einige der Zimmer des dritten Stocks, obgleich düster und niedrig, waren interessant durch ihr altertümliches
Aussehen. Die Möbel, welche einst für die unteren Gemächer angeschafft worden, waren je nach den Anforderungen der Mode von
Zeit zu Zeit hier herauf geschafft, und das unsichere Licht, welches
durch die niederen Fenster eindrang, fiel auf Bettstellen, welche
mehr als ein Jahrhundert zählten; Truhen aus Nuß- und Eichenholz sahen mit ihren seltsamen Schnitzereien von Palmenzweigen
und Engelsköpfen aus wie ein Urbild der Arche Noäh; Reihen von
ehrwürdigen Stühlen mit schmalen und hohen Lehnen; noch ältere
Lehnstühle, auf deren gepolsterten Lehnen noch Spuren halbverwitterter Stickereien, welche vor zwei Generationen von Fingern
gearbeitet waren, die längst im Grabe moderten. All diese Reliauien verliehen dem dritten Stockwerk von Thornfield-Hall das
Aussehen eines Heims der Vergangenheit, eines Schreins der Erinnerungen. Jane liebte die Ruhe, das Dämmerlicht, die Eigentümlichkeit dieser Räume während der Tageszeit; aber sie wünschte
sich durchaus nicht das Vergnügen einer Nachtruhe auf diesen
großen und schweren Betten, deren einige durch Türen von Eichenholz abgeschlossen, andere mit schweren alten Vorhängen von englischer Arbeit verdeckt waren, deren Muster seltsame Blumen und
noch seltsamere Vögel und die allerseltsamsten menschlichen Gestalten darstellten-- wie seltsam würden erst all' diese Dinge im
bleichen Mondlicht ausgesehen haben!
,Schlafen die Diener in diesen Zimmern? fragte sie.
,Nein, sie bewohnen eine Reihe kleinerer Gemächer an der
Hinterseite des Hauses; hier schläft niemand.
,Wollen Sie mit mir auf das Dach hinaufgehen? fuhr Mrs.
Fairfax fort,,um die Aussicht von dort zu genießen? Jane folgte
ihr über eine sehr enge Treppe zu den Bodenkammern hinauf, und
von dort über eine Leiter und durch eine Falltür auf das Dach des
Herrenhauses. Sie befand sich jetzt auf gleicher Höhe mit der
Krähenkolonie und konnte einen Blick in ihre Nester werfen. Als
sie sich über die Zinnen lehnte und weit hinunter blickte, sah sie den
Park und die Gärten wie eine Landkarte vor sich liegen; der helle,
wie Samt geschorne Rasen, der sich dicht um das graue Fundament
des Hauses zog; die Felder und Wiesen, auf denen hier und da
große Haufen von starkem Bauholz lagen; der ernste, düstere Wald,
durch welchen sich ein Fußsteig zog, dessen Moos grüner war als
Sonnenlicht des Herbsttages hineinragten; der weite, tiefblaue,
mit leichten Federwölkchen besäte Himmelsbogen, das ganze vor
ihr liegende Bild hatte keinen besonders hervorragenden Zug, aber
es war lieblich und wohlgefällig. Als sie ihr Auge von demselben
abwandte und wieder durch die Falltür hinabstieg, konnte sie kaum
den Weg über die Leiter hinunter finden; im Vergleich mit dem
blauen Himmelsbogen, zu dem sie empor geblickt hatte, erschien
die Bodenkammer finster wie ein Gewölbe; düster wie ein Grab
nach jenem sonnigen Bilde des Parkes, der Weiden und grünen
Hügel, dessen Mittelpunkt das Herrenhaus war, und das sie soeben noch mit Wonne betrachtet hatte.
Kaum waren beide wieder in das untere Stockwerk gelangt,
als Adele lachend auf sie zukam.
,Mesdames, vous etes servies!' rief sie, ,j’ai bien faim,
moi!'
In Mrs. Fairfax' Zimmer fanden sie die Mahlzeit angerichtet.

Zwölftes Kapitel.
Eine Begegnung.
Die Aussicht auf einen ruhigen Verlauf ihrer Tage, welche
der erste Anfang in Thornfieldhall zu versprechen schien, wurde
nach einer näheren Bekanntschaft mit dem Orte und seinen Bewohnern durchaus nicht gestört. Mrs. Fairfax war in Wirklichkeit das, was sie zu sein schien, eine leidenschaftslose, gutherzige.
sich stets gleich bleibende Frau von guter Erziehung und einem
Durchschnittsverstande. Janes Schülerin war ein lebhaftes Kind,
welches verzogen und verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig
und widerspenstig war; da sie indessen gänzlich ihrer Obhut anvertraut war, und keine unberufene und unvernünftige Einmischung von irgendeiner Seite jemals Janes Pläne und Absichten
in bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte, so vergaß das Kind bald
seine kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig. Adele
besaß keine hervorragenden Talente, keine scharfen Charakterzüge,
keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung, welche sie auch
nur um einen Zoll über andere Kinder empor gehoben hätte; aber
ebensowenig hatte sie irgendein Laster oder einen Fehler, welcher
nicht der eines Kindes gewesen wäre. Sie machte ziemlich gute
Fortschritte, hegte für Jane eine lebhafte Neigung und flößte ihr
durch ihr fröhliches Plaudern und ihre Bemühungen, ihr zu gefallen, so viel Liebe ein, daß Jane Freude und Vergnügen an des
Kindes Gesellschaft und in ihrer Tätigkeit fand.
Dann und wann, wenn Jane einen Spaziergang im Park gemacht hatte oder nach dem Parktor hinunter gegangen war, um von
dort auf die Landstraße zu blicken, oder wenn Adele mit ihrer
Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte, kletterte Jane die drei Treppen hinauf, öffnete die
Falltür in der Bodenkammer und blickte, an die Galerie des
Daches gelehnt, weit über Felder und Hügel hinaus bis an die verschwommene Linie des Horizonts. Dann wünschte sie über jene
Grenzen fortsehen zu können, dorthin, wo die geschäftige Welt
und Städte und lebensvolle Gegenden waren, von denen sie wohl
gehört, die sie aber niemals gesehen hatte. Nicht die Ruhe ist es.
welche dem Menschen Zufriedenheit gibt, sondern vor allen die
Tätigkeit neben der Ruhe. So verließ Jane sehnsuchtsvoll' ihren
Ausblick und wanderte unruhig in der Galerie hin und her.
Nun noch einiges über die anderen Mitglieder des Haushalts. Diese, wie John und seine Frau, Leah das Hausmädchen
und Sophie, die französische Bonne, waren sehr anständige Leute,
aber in keiner Weise erhoben sie sich über das Gewöhnliche. Mit
Sophie pflegte Jane französisch zu sprechen und zuweilen richtete
sie auch Fragen über ihr Vaterland an sie; die Bonne besaß aber
weder die Gabe erzählen noch beschreiben zu können und gab
meistens so verwirrte und nichtssagende Antworten, daß sie
Janes Fragelust eher dämpften als ermutigten.
Oktober, November und Dezember gingen hin. Eines Nachmittags im Januar hatte Mrs. Fairfax um einen Freitag für Adele
gebeten, weil diese sich eine heftige Erkältung zugezogen hatte, und
Jane gewähite diese Bitte. Obgleich sehr kalt, war es ein schöner,
windstiller Tag; den ganzen Morgen hatte Jane ruhig sitzend in
der Bibliothek zugebracht, jetzt war sie dessen müde; Mrs. Fairfax
hatte gerade einen Brief beendigt, welcher darauf harrte, zur Post
getragen zu werden, und so nahm Jane Hut und Mantel und erbot
sich freiwillig, denselben auf das Postamt nach Hay zu bringen;
die Entfernung, welche ungefähr zwei Meilen betrug, sollte ein angenehmer Nachmittagsspaziergang für sie sein. Nachdem sie Adele
gemütlich in ihrem kleinen Lehnstuhl vor Mrs. Fairfax’ Kaminfeuer festgesetzt und Jane ihr die schönste Wachspuppe, welche gewöhnlich in Silberpapier gewickelt in einer Schublade verwahrt
lag, zum Spielen gegeben hatte und dazu noch der Abwechslung
wegen ein Geschichtenbuch, machte sie sich auf den Weg.
Der Boden war hart gefroren, die Luft war still, die Straße
einsam; Jane ging sehr schnell, bis sie sich erwärmt hatte, dann
verlangsamte sie ihren Schritt, um das Vergnügen des Weges so
recht zu genießen. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug, als sie
an dem Glockenturm vorüber ging; der Reiz der Stunde lag in der
herannahenden Dämmerung in der niedersinkenden und mattstrahlenden Sonne. Jane war schon eine Meile von Thornfield
entfernt, in einem engen Heckenwege, welcher im Sommer seiner
wilden Rosen, im Herbst seiner Nüsse und Brombeeren wegen bekannt war und sogar jetzt noch einige korallenfarbige, Schätze in
Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte; seine
herrlichste Winterfreude lag jedoch in seiner vollständigen Vereinsamung und laublosen, starren Ruhe. Selbst wenn ein Lüftchen
wehte, weckte es hier keinen Laut, denn hier war kein Stechpalmengesträuch, kein Immergrün, welches hätte rauschen können, und die entblätterten Weißdorn- und Haselnußbüsche lagen ebenso still da,
wie die weißen, ausgetretenen Steine, mit welchen der Fußpfad in
der Mitte gepflastert war. Weit und breit lagen zu jeder Seite nur
Felder, auf denen jetzt kein Vieh mehr weidete; und die kleinen,
braunen Vögel, welche sich dann und wann in der Hecke rührten,
sahen aus wie einzelne welke Blätter, die vergessen hatten, abzufallen.
Dieser Weg zog sich hügelaufwärts nach Hay; als Jane die
Mitte erreicht hatte, setzte sie sich an einem Zaun nieder, welcher sich
von dort quer über ein Feld zog. Sie hüllte sich dicht in ihren
Mantel, verbarg die Hände in ihrem Muff und fühlte auf diese
Weise die Kälte nicht, obgleich es scharf fror; dies bewies eine
dünne Eisschicht, welche den Fußpfad bedeckte, wo ein kleines, jetzt
gefrorenes Bächlein, noch vor wenigen Tagen nach starkem Tauwetter dahingerieselt war. Von ihrem Platze aus konnte sie auf
Thornfield hinunterblicken; das graue, mit Zinnen gekrönte
Herrenhaus bildete den hervorragendsten Punkt in dem Tal zu
ihren Füßen, die Wälder und das dunkle Krähengeniste erhoben
sich gegen Westen. Sie verweilte, bis die Sonne hinter den
Bäumen versank und feurig und klar zur Ruhe ging. Dann
wandte sie sich ostwärts.
Über der Spitze des Hügels oberhalb des Weges stand der
aufgehende Mond; jetzt noch bleich aber mit jedem Augenblick
strahlender werdend. Er blickte auf Hay hinab, das halb in
Bäumen versteckt, aus seinen wenigen Schornsteinen einen bläulichen Rauch gen Himmel sandte; es lag noch eine Meile entfernt,
aber in der tiefen Stille drangen die Töne des schwachen Lebens,
welches in dem Orte pulsierte, bis zu Jane herauf. Ihr Ohr vernahm auch das Rauschen von Strömen; jenseits Hay waren aber
viele Hügel, und zweifellos auch viele Bäche, welche von ihren
Höhen herabrauschten. In der Ruhe dieses Abends verriet sich sowohl das Rieseln der nächsten Bäche wie das Rauschen der weit
entferntesten.
Plötzlich unterbrach ein Geräusch dies zarte, ferne und doch so
klare Flüstern und Kräuseln und Rieseln, ein Trampeln, ein
metallisches Klirren.
Der Lärm war auf dem Fußpfade, ein Pferd näherte sich, die
Windungen des Weges verbargen es noch, aber es kam stetig näher;
Jane wollte gerade ihren platz verlassen, da der Pfad aber schmal
war, saß sie still, um es vorüber zu lassen. In jenen Tagen war
sie jung, und tausend helle und düstere Phantasien bemächtigten sich
ihres Gemüts; die Erinnerung an Kinderstubengeschichten lag dort
unter anderm Gerümpel aufgespeichert, und wenn sie wach wurden, verlieh die reifere Jugend ihnen eine Lebhaftigkeit und Stärke,
welche die Kindheit ihnen nicht zu geben vermocht hatte. Als dies
Pferd näher kam, und sie erwartete, es in der Dämmerung auftauchen zu sehen, fiel ihr eine von Bessies Geschichten ein, in welcher
ein Geist aus dem Norden Englands, namens Gytrash vorkam;
dieser suchte in Gestalt eines Pferdes, Maulesels oder großen
Hundes einsame Wege heim und überfiel zuweilen nächtliche Wanderer, gerade so wie dieses Pferd jetzt auf sie zu kam.
Es war schon sehr nahe, aber immer noch nicht sichtbar; da
vernahm Jane außer jenem Trapp, Trapp noch ein Rascheln unter
der Hecke, und dicht an den braunen Stämmen entlang lief ein
großer Hund, dessen schwarz und weiße Farbe ihn weithin kenntlich machte. Dies war nun gerade eine Maske aus Bessies Gytrash,
eine löwenähnliche Kreatur mit langer Mähne und großem Kopfe;
sie schlich indessen ruhig an ihr vorüber und blickte mit den seltsam
verständigen Hundeaugen nicht zu ihr auf, wie sie halb und halb
erwartete. Dann folgte das Pferd, ein starkes Roß, auf seinem
Rücken ein Reiter. Der Mann, das menschliche Wesen, brach den
Zauber sofort. Den Gytrash konnte niemand reiten, er stürmte
stets allein umher, und wenn Kobolde auch in die stummen Leiber
der Tiere fahren konnten, so vermochten sie doch nicht, so viel Jane
wußte, die gewöhnliche Menschengestalt anzunehmen. Dies war
also kein Gytrash, sondern nur ein Reisender, welcher den kürzesten
Weg nach Millcote einschlug. Er ritt vorüber, und Jane ging
weiter; doch nur wenige Schritte, dann wandte sie sich um. Ein
Laut, als glitte irgend etwas aus, ein Ausruf, ein polternder Fall
erregten ihre Aufmerksamkeit. Roß und Reiter lagen am Boden;
sie waren auf der Eisfläche ausgeglitten, welche den gepflasterten
Fußpfad bedeckte. In großen Sprüngen kam der Hund zurück und
als er seinen Herrn in Verlegenheit sah und das Pferd stöhnen
hörte, begann er zu bellen, bis es von den Hügeln widerhallte. Er
beschnüffelte die auf dem Boden liegende Gruppe und dann kam
er zu Jane gelaufen; das war alles, was er tun konnte, keine andere
helfende Hand war zur Stelle. Jane folgte ihm und ging zu dem
Reiter hinunter, welcher jetzt begann, sich unter seinem Pferde hervorzuarbeiten. Seine Anstrengungen waren so kräftig, daß sie
glaubte, er könne keinen großen Schaden genommen haben; aber
sie fragte dennoch:
,Haben Sie sich verletzt, mein Herr?
Er antwortete nicht.
,Kann ich irgend etwas für Sie tun? fragte sie wiederum.
,Stellen Sie sich auf die Seite,' entgegnete er, indem er sich
erhob, erst auf die Knie, dann auf die Füße. Jane tat, wie er sie
hieß. Dann begann ein Heben, Stampfen, Schlagen, begleitet von
einem Bellen und Springen, welches sie in der Tat einige Schritte
vorwärts trieb; sie wollte sich jedoch nicht ganz entfernen, bevor
sie das Resultat gesehen. Dieses war am Ende ein glückliches; das
Pferd stand wieder auf den Füßen und der Hund wurde mit einem
, Kusch, Pilot!'' zur Ruhe gebracht. Dann beugte der Reisende
sich nieder und betastete seinen Fuß und sein Bein, wie um sich zu
vergewissern, ob sie heil geblieben; augenscheinlich war er von

Jane näherte sich ihm wiederum.
,Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, oder Hilfe brauchen,
so kann ich entweder aus Hay oder von Thornfield-Hall Hilfe herbeiholen,' sagte sie.
,Ich danke Ihnen. Ich werde allein fertig werden. Ich habe kein Glied gebrochen, sondern nur eine kleine Verrenkung davongetragen,'' und wiederum stand er auf und prüfte seinen Fuß; die
Untersuchung preßte ihm aber ein unwillkürliches,Au' aus.
Das Tageslicht war noch nicht ganz gewichen und der Mond
schien bereits hell: Jane konnte ihn deutlich sehen. Die Gestalt
war in einen weiten Reitmantel mit Pelzkragen und Stahlschlössern versehen gehüllt. Sie sah, daß der Mann von mittlerer
Größe und sehr breitschulterig sein mußte. Er hatte ein finsteres
Gesicht mit ernsten Zügen und hoher Stirn; die Augen mit den
hochgewölbten, zusammengewachsenen Brauen sprühten in diesem
Augenblick Wut und Zorn; er war über die erste Jugend fort, das
mittlere Lebensalter hatte er aber noch nicht erreicht; er mochte
ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen. Wieder winkte er ihr, beiseite zu gehen, sie verharrte aber auf ihrem Platze und kündigte ihm an:
‘Ich kann gar nicht daran denken, mein Herr, Sie zu so später Stunde in diesem einsamen Gäßchen allein zu lassen, bevor ich gesehen habe, ob Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.'
Als sie dies sagte, blickte er sie an. Bis dahin hatte er die
Augen kaum auf sie gerichtet.
,Mich dünkt, Sie sollten dafür sorgen, daß Sie selbst nach
Hause kämen,' sagte er, ,wenn Sie ein Haus in der Nähe haben.
Woher kommen Sie denn?
,Von dort unten; und ich fürchte mich durchaus nicht, spät
draußen auf der Landstraße zu sein, wenn der Mond scheint. Wenn
Sie es wünschen, werde ich mit Vergnügen für Sie nach Hay hinüber laufen; ich gehe in der Tat nach dort, um einen Brief auf die
Post zu geben.
,Sie wohnen dort unten? Sie meinen doch nicht in jenem
Hause dort mit den Zinnen?’ mit diesen Worten deutete er auf
Thornfield-Hall, auf welches der Mond jetzt seinen bleichen Schein
warf; deutlich und hell hob es sich von den Wäldern ab, welche jetzt
im Gegensatz zu dem westlichen Himmel eine ungeheure, schattige
Masse bildeten.
,Ja, mein Herr.
,Wem gehört das Haus?
,Mr. Rochester.
,Kennen Sie Mr. Rochester?
,Nein, ich habe ihn niemals gesehen.
,Er wohnt also jetzt nicht dort?
,Nein.
,Können Sie mir denn sagen, wo er sich aufhält?
,Nein, das kann ich nicht.
,Natürlich sind Sie keine Dienerin im Herrenhause. Sie
sind - er hielt inne und ließ die Augen über Janes Kleidung
schweifen, welche wie gewöhnlich sehr einfach war: ein schwarzer
Merinomantel, ein schwarzer Filzhut; beides würde nicht im entferntesten elegant genug für eine Kammerjungfer gewesen sein. Es
ward ihm schwer zu entscheiden, wer sie eigentlich sein könne. Sie
half ihm.
, Ich bin die Gouvernante.
,Ahl! die Gouvernante!' wiederholte er, ,die hatte ich ganz
vergessen! Die Gouvernante! Die Gouvernante!'' und wiederum
unterwarf er Janes Toilette einer eingehenden Prüfung. Nach
zwei Minuten erhob er sich von seinem Plate am Zaun; sein Gesicht drückte den größten Schmerz aus, als er versuchte eine Bewegung zu machen.
,Ich kann Sie nicht beauftragen, Hilfe herbeizuholen,? sagte
er; ,aber Sie selbst können mir ein wenig helfen, wenn Sie die
Güte haben wollen.
,Ja, mein Herr.
,Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als Stützte gebrauchen könnte?
,Nein.
,Versuchen Sie, den Zügel meines Pferdes zu fassen und es
mir herzuführen. Sie fürchten sich doch nicht?
Wäre Jane allein gewesen, so würde sie sich gefürchtet haben,
ein Pferd zu berühren; da ihr jedoch geheißen wurde, es zu tun,
gehorchte sie. Sie legte ihren Muff am Zaun nieder und näherte
sich dem großen Pferde; sie bemühte sich, den Zügel zu fassen, es
war aber ein feuriges Tier und wollte sie seinem Kopfe nicht nahe
kommen lassen; all ihre Versuche blieben erfolglos; inzwischen
fürchtete sie sich beinahe zu Tode vor seinen Vorderhufen, mit denen
es unaufhörlich ausschlug. Der Fremde wartete und beobachtete
einige Zeit; endlich lachte er laut auf.
,Ich sehe schon,' sagte er, ,der Berg will sich nicht zu
Mahomet bringen lassen, daher können Sie weiter nichts tun als
Mahomet helfen, daß er zum Berge gehe; ich muß Sie bitten, herzukommen.
Sie ging.
,Verzeihen Sie mir, fuhr er fort, ,die Notwendigkeit zwingt
mich, Sie mir nützlich zu machen. Er legte eine schwere Hand auf
Janes Schulter, und sich mit Nachdruck auf sie lehnend, hinkte er
bis zu seinem Pferde. Als es ihm dann einmal gelungen war, den
Zügel zu fassen, beherrschte er es sofort und schwang sich in den
Sattel; aber seinem Gesichte merkte man es an, daß der verrenkte
Knöchel ihn heftig schmerzte.
,Jetzt,'' sagte er, ,geben Sie mir meine Peitsche; sie liegt dort
unter der Hecke.
Jane suchte und fand sie.
,Ich danke Ihnen; jetzt eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay
und dann kehren Sie so schnell wie möglich zurück.
Eine Berührung mit dem bespornten Absatz machte, daß sein
Pferd sich bäumte und davon sprengte; der Hund folgte wie rasend
den Spuren, und alle drei verschwanden.
Jane nahm ihren Muff wieder auf und ging weiter. Bald
kam sie nach Hay, warf den Brief in den Schalter des Postbureaus
und machte sich auf den Weg nach Hause. Als sie wieder an den
Zaun kam, hielt sie eine Minute inne, blickte umher und horchte;
ihr war, als müsse sie wiederum Pferdegetrappel auf dem gepflasterten Fußsteige vernehmen, als müßte wiederum ein Reiter
im Mantel und ein Gytrashähnlicher Neufundländer erscheinen,
aber sie sah nur eine Hecke und eine Pappelweide vor sich, die still
und bewegungslos und gerade in das kläre Mondeslicht hineinragten; sie hörte nur den leisen Windhauch, welcher eine Meile
weiter hügelabwärts dann und wann durch die Bäume fuhr, die
das Herrenhaus von Thornfield umstanden, und als sie der
Richtung, aus welcher das leise Murmeln kam, mit den Augen
folgte, sah sie, wie ein Fenster an der Vorderseite des Hauses plötzlich erhellt wurde. Es erinnerte sie daran, daß es bereits spät sei,
und sie eilte weiter.
Als Jane an der Parkpforte angelangt war, zögerte sie noch
einen Augenblick mit dem Eintritt, denn der Abend dünkte sie gar
zu schön. Dann ging se auf der Terrasse hin und her; die Jalousien der Glastür waren herabgelassen; sie konnte nicht in das
Innere des Zimmers blicken, und sowohl ihre Augen wie ihre
Seele schienen von dem düsteren Hause fortgezogen zu werden hinauf nach jenem klaren Himmelsbogen, der sich wie ein blaues, bewegungsloses Meer vor ihr ausbreitete; feierlich und majestätisch
stieg der Mond empor und ließ die Spitzen jener Hügel unter sich,
hinter denen er hervorgekommen war; er strebte dem tiefdunklen,
unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden
Sterne, denen sie mit bebendem Herzen nachblickte. Gar kleine und
geringe Dinge rufen uns oft auf die Erde zurück. In der Halle
schlug die Uhr, das genügte. Jane wandte ihre Augen von Mond
und Sternen ab, öffnete eine Seitentür und trat ins Haus.
Die Halle war nicht dunkel, aber ebensowenig war sie ganz
erhellt durch die Bronzelampe, welche hoch oben an der Decke hing;
eine angenehme Wärme herrschte sowohl hier wie auf dem unteren
Teil der alten Eichentreppe. Ein heller Schein drang aus dem
großen Speisezimmer, dessen hohe Flügeltüren geöffnet waren und
ein lustig flackerndes Feuer im Kamin sehen ließen; in prächtigem
Glanz zeigten sich die dunkelroten Draperien, die polierten Möbel,
die Marmorverkleidung des Kamins. Der Schein des Feuers fiel
auf eine Gruppe, welche sich vor demselben befand; kaum war
Jane derselben ansichtig geworden, kaum hatte sie den Ton fröhlicher Stimmen vernommen, unter denen sie jene Adelens zu unterscheiden glaubte, als die Tür auch schon wieder geschlossen wurde.
Sie eilte nach Mrs. Fairfax' Zimmer; auch dort brannte ein
Feuer, jedoch kein Licht. Mrs. Fairfax war nicht sichtbar. Statt
ihrer fand sie auf dem Kaminteppich, einsam, aufrechtsitzend, ernst,
einen großen, langhaarigen, schwarz und weißen Hund, ähnlich dem
Gytrash aus dem Heckengäßchen. Er war ihm in der Tat so ähnlich, daß sie näher ging und rief:
,Pilot! Das Tier erhob sich, kam auf sie zu und beschnüffelte
sie. Sie liebkoste und streichelte den Hund; er wedelte mit seinem
großen, schweren Schwanze; aber er sah ihr doch ein wenig zu unheimlich aus, um mit ihm allein zu bleiben, und sie wußte nicht einmal, woher er gekommen. Sie zog die Glocke, denn sie wünschte
ein Licht, und überdies hoffte sie auch Auskunft über diesen Gast
zu erhalten. Leah trat ein.
,Wo kommt dieser Hund her?
,Er ist mit dem Herrn gekommen.
,Mit wem??
,Mit dem Herrn, mit Mr. Rochester, er ist soeben angekommen.
,In der Tat! Und ist Mrs. Fairfax bei ihm?
,Ja. Und Fräulein Adele auch. Sie sind im Speisezimmer
und John ist eben gegangen, um einen Wundarzt zu holen; denn
unser Herr hat einen Unfall gehabt. Sein Pferd ist gestürzt und
er hat sich den Knöchel verrenkt. !
,Ist das Pferd in dem Heckenweg gestürzt, der von Hay herabführt?
,Ja, als er bergab ritt, ist es auf dem Glatteise gestürzt.
,Ah, Leah, wollen Sie mir nicht eine Kerze bringen? Ich bitte
Sie darum.
Leah brachte sie; als sie eintrat, folgte Mrs. Fairfax ihr auf
dem Fuße und wiederholte die Erzählung. Sie fügte noch hinzu,
daß Mr. Carter gekommen und jetzt bei Mr. Rochester sei. Dann
eilte sie hinaus, um ihre Vorbereitungen für den Tee zu treffen.
Jane ging nach oben, um Hut und Mantel abzulegen.

Dreizehntes Kapitel.
Mr. Rochester.
Mr. Rochester befolgte den Befehl des Arztes, indem er an
diesem Abend frühzeitig zu Bett ging. Am folgenden Morgen
stand er spät auf. Als er dann herunterkam, war es nur, um sich
den Geschäften zu widmen; sein Bevollmächtigter und einige seiner
Pächter waren gekommen und warteten jetzt, um mit ihm sprechen
zu können.
Adele und Jane mußten das Bibliothekzimmer jetzt räumen;
es sollte täglich als Empfangszimmer für die Besucher dienen. Im
oberen Stockwerk wurde ein Zimmer geheizt; dorthin trug Jane
die Bücher und richtete es als künftiges Schulzimmer ein. Im
Laufe des Morgens hatte sie noch Gelegenheit wahrzunehmen, daß
Thornfield-Hall ein anderer Ort geworden; es war nicht mehr still
wie in einer Kirche; zu jeder Stunde hallte ein lautes Klopfen an
der Tür oder der Ton der Glocke durch das Haus; oft ertönten
Schritte in der Halle; von unten herauf vernahm man den Schall
fremder Stimmen. Ein Bächlein aus der Außenwelt rieselte plötzlich durch ihr stilles Heim. Thornfield hatte einen Herrn bekommen. Ihr gefiel es jetzt besser.
An diesem Tage war es nicht leicht, Adele zu unterrichten; sie
konnte sich nicht sammeln. Jeden Augenblick lief sie zur Tür und
blickte über das Treppengeländer hinab, um zu sehen, ob sie nicht
einen Schimmer von Mr. Rochester erhaschen könne. Dann erfand
sie allerlei Vorwände, um hinuntergehen zu dürfen. Als Jane dann
ein wenig ärgerlich wurde und ihr befahl, still zu sitzen, begann sie
unaufhörlich von ihrem ‘Ami, Monsieur Edouard Fairfax de
Rochester,' wie sie ihn taufte, zu sprechen, und Vermutungen über
die Geschenke anzustellen, welche er ihr möglicherweise mitgebracht
hatte; denn wie es schien, hatte er ihr abends zuvor angedeutet,
daß wenn sein Gepäck aus Millcote käme, sie eine kleine Schachtel
finden würde, deren Inhalt sie möglicherweise interessieren könne.
,Et cela doit signifier,’ sagte sie, ‘qu’il y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n’était pas une petite personne, assez once et un peu pale. J’ai dit que oui: car c’est vrai, n’est-ce pas, Mademoiselle?’
Wie gewöhnlich speiste Jane mit ihrer Schülerin in Mrs.
Fairfax’ Wohnzimmer. Der Nachmittag war rauh und es
schneite, und sie brachten denselben im Schulzimmer zu. Mit
Dunkelwerden erlaubte sie Adele, Bücher und Arbeiten fortzulegen
und hinunter zu laufen; denn aus der verhältnismäßigen Stille
unten und dem Aufhören des Läutens an der Haustürglocke schloß
sie, daß Mr. Rochester jetzt unbeschäftigt sei. Allein geblieben,
trat sie ans Fenster; aber man konnte nichts mehr sehen; die
Dämmerung und das Schneegestöber verdunkelten die Luft und
verbargen sogar das Gebüsch auf dem Wiesenplan vor dem Hause.
Sie zog die Vorhänge zusammen und setzte sich wieder an das
Feuer. Sinnend saß sie so da, als Mrs. Fairfax eintrat.
,Es würde Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und
Und das soll bedeuten, daß ein Geschenk für mich darin sein wird,
und vielleicht auch für Sie, Fräulein. Der Herr hat von Ihnen gesprochen:
er hat mich nach dem Namen meiner Gouvernante gefragt, und ob diese nicht
eine kleine Person sei, ziemlich dünn und ein wenig bleich. Ich habe Ja
gesagt; denn es ist wahr, Fräulein, nicht wahr?
Ihre Schülerin heute abend den Tee mit ihm im Salon einnehmen
wollten,' sagte sie,,er ist während des ganzen Tages so sehr beschäftigt gewesen, daß er bis jetzt keine Zeit gehabt, Sie aufzusuchen.
,Um welche Zeit nimmt er den Tee? fragte Jane.
,O, um sechs Uhr. Auf dem Lande hält er sich an frühe
Stunden. Es wäre am besten, wenn Sie jetzt schon gingen, um
Ihre Toilette zu wechseln. Ich werde mit Ihnen gehen, um Ihnen
zu helfen. Hier ist eine Kerze.
,Ist es denn durchaus notwendig, meine Kleidung zu
wechseln?
,Ja, es ist besser, wenn Sie es tun. Ich mache stets Toilette
für den Abend, wenn Mr. Rochester hier ist.
Diese Sitte erschien Jane ein wenig prahlerisch. Indessen begab sie sich auf ihr Zimmer und mit Mrs. Fairfax' Hilfe tauschte
sie ihr schwarzes wollenes Kleid gegen ein seidenes von gleicher
Farbe; es war das beste und nebenbei auch das einzige, welches sie
besaß, mit Ausnahme eines hellgrauen, welches nach ihren
Toilettenbegriffen, die sie aus Lowood mitgebracht, zu prächtig
und elegant war, um es bei anderen als höchst feierlichen Gelegenheiten zu tragen.
,Sie brauchen noch eine Brosche, sagte Mrs. Fairfax, Jane
besaß einen einzigen kleinen Schmuckgegenstand aus echten Perlen,
welchen Miß Temple ihr beim Abschied als Andenken geschenkt
hatte; diesen legte sie an und dann gingen sie hinunter. Sie war
nicht an den Verkehr mit Fremden gewöhnt, und daher war es fast
eine schwere Prüfung für sie, so förmlich aufgefordert vor Mr.
Rochester zu erscheinen. Sie ließ Mrs. Fairfax zuerst in das
Speisezimmer eintreten und hielt sich in ihrem Schatten, als sie
dieses Gemach durchschritten. Dann gingen sie unter dem Bogen
durch, dessen Vorhänge jetzt herabgelassen waren, und traten in die
elegante Vertiefung, welche sich hinter demselben befand.
Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf dem
Kamin; in der Hitze und dem Licht eines prächtig lodernden Feuers
lag Pilot, neben ihm kniete Adele. Halb zurückgelehnt auf einem
Ruhebett lag Mr. Rochester; sein Fuß war durch ein Polster gestützt; er blickte auf Adele und den Hund; der Schein des Feuers
fiel voll auf sein Gesicht. Jane erkannte sofort den Reiter mit der
hohen Stirn und den dichten, kohlschwarzen Augenbrauen wieder;
das schwarze Haar ließ die Stirn noch weißer erscheinen.
Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfax' und ihren Eintritt wohl
bemerkt haben; aber er war nicht in der Laune, Notiz von ihnen zu
nehmen, denn er wandte nicht einmal den Kopf, als sie näher
traten.
,Hier ist Miß Eyre, mein Herr, sagte Mrs. Fairfax in ihrer
ruhigen Weise. Er neigte den Kopf leicht, aber immer wandte er
noch keinen Blick von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde.
,Lassen Sie Miß Eyre platz nehmen,'' sagte er, und in der
förmlichen, steifen Verbeugung lag etwas, das zu sagen schien:
,Was kümmert es mich, ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem
Augenblick verspüre ich keine Lust, mit ihr zu sprechen.'?
Jane setzte sich und ihre Verlegenheit war gänzlich geschwunden. Ein Empfang von äußerster Höflichkeit würde sie wahrscheinlich verwirrt haben; sie hätte ihn nicht durch Eleganz ihrerseits erwidern können; aber solche schroffe Launen legten ihr keine
Verpflichtung auf. Außerdem war ihr sein eigentümliches Benehmen interessant, und sie beobachtete, wie es nun weiter gehen
würde.
Er benahm sich also weiter, wie eine Statue es ungefähr getan haben würde; das heißt, er sprach weder, noch bewegte er sich.
Da begann Mrs. Fairfax zu sprechen. Freundlich wie gewöhnlich
und auch sehr alltäglich, begann sie ihn wegen der dringenden Geschäfte zu bemitleiden, mit welchen er während des ganzen Tages
überbürdet gewesen, wegen der Verrenkung, welche ihm große
Schmerzen verursachen müsse; dann empfahl sie ihm Geduld und
Ausdauer während des Verlaufs seiner Heilung.
,Madame, ich bitte um eine Tasse Tee,' lautete die einzige
Antwort, welche sie erhielt. Sie beeilte sich, die Glocke zu ziehen;
und als das Teebrett gebracht wurde, begann sie, die Tassen,
Löffel usw. mit geschäftiger Schnelligkeit zu ordnen. Adele und
Jane gingen an den Tisch; aber der Hausherr verließ sein Ruhebett nicht.
,Wollen Sie Mr. Rochester die Tasse reichen? sagte Mrs.
Fairfax zu Jane. ,Adele könnte den Tee verschütten.
Jane tat, was sie begehrte. Als er ihr die Tasse aus der
Hand nahm, rief Adele, welche den Augenblick vielleicht für geeignet hielt, eine Bitte zu Janes Gunsten auszusprechen:
,N’est-ce pas, Monsieur, qu’il y a un cadeau pour Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?’
,Wer redet von cadeau?’ fragte er rauh. ,Haben Sie ein
Geschenk erwartet, Miß Eyre? Lieben Sie vielleicht Geschenke?
und forschend blickte er ihr ins Gesicht mit Augen, in denen Zorn
und Ärger blitzten.
,Ich weiß es kaum, mein Herr; ich habe in dieser Beziehung
wenig Erfahrung. Aber im allgemeinen hält man sie doch für sehr
angenehme Dinge.
,Im allgemeinen hält man sie dafür!! Aber was halten Sie
davon??
,Ich müßte mir wirklich Zeit nehmen, Sir, um zu überlegen,
bis ich eine Antwort finden könnte, die Ihrer Annahme würdig
wäre. Ein Geschenk hat viele Gesichter. Nicht wahr? Und man
sollte jedes einzelne betrachten, ehe man eine Meinung über seine
Beschaffenheit ausspricht.
,Miß Eyre, Sie sind nicht so harmlos und einfach wie Adele;
sie verlangt laut ein cadeau, sobald sie meiner ansichtig wird. Sie
hingegen klopfen auf den Busch.
,Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten habe, als
Adele; sie kann das Recht der Gewohnheit und die alte Bekanntschaft geltend machen, denn sie hat mir erzählt, daß Sie ihr stets
Spielsachen zu schenken pflegten. Mir würde es aber die größte
Schwierigkeit bereiten, wenn ich irgendeinen berechtigten Anspruch
an Sie erheben sollte, denn ich bin eine Fremde und habe nichts
getan, um eine Belohnung von Ihnen zu verdienen.
,D, bitte, verfallen Sie jetzt nicht in das Extrem zu großer
Bescheidenheit! Ich habe Adele examiniert und finde, daß Sie sich
Nicht wahr, mein Herr, in Ihrem Koffer liegt ein Geschenk für
Fräulein Eyre?
mit ihr große Mühe gegeben haben. Sie ist nicht besonders aufgeweckt; sie hat kein großes Talent, und doch hat sie in kurzer Zeit
große Fortschritte gemacht.
,Sir, jetzt haben Sie mir mein cadeau gegeben; ich bin Ihnen
außerordentlich dankbar; nichts kann einem Lehrer größere Freude
machen als Lob über die Fortschritte seiner Schüler.
,Bah!' sagte Mr. Rochester und trank dann seinen Tee schweigend aus.
,Kommen Sie hierher ans Feuer,'' sagte der Hausherr, als
das Teegeschirr abgetragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrem
Strickzeug in einen Winkel setzte, und Adele sie an der Hand durch
das ganze Zimmer führte, um ihr all die prächtigen Bücher und
Nippsachen auf Konsolen und Kommoden zu zeigen. Sie gehorchte pflichtschuldig. Adele wollte auf ihrem Schoß Plat
nehmen, aber es wurde ihr anbefohlen, sich mit Pilot zu unterhalten.
,Sie halten sich jetzt schon drei Monate in meinem Hause auf?!
.Ja, Sir.
, Und Sie kamen aus - - -
, Aus der Schule zu Lowood in .. shire.
, Ah! eine Wohltätigkeitsanstalt! Wie lange waren Sie
dori?
,Acht Jahre.
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich meinte,.
daß die Hälfte der Zeit genügen müsse, um jede Gesundheit aufzureiben! Kein Wunder, daß Sie beinahe aussehen, als kämen
Sie aus einer anderen Welt. Ich habe mich schon ganz erstaunt
gefragt, woher Sie ein solches Gesicht haben könnten. Als Sie
mir gestern abend in dem Heckenwege entgegenkamen, mußte ich
unwillkürlich an Gespenstergeschichten denken, und ich hatte schon
die Absicht zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten. Wer sind
Ihre Eltern?
,Ich habe keine.
, Und hatten vermutlich auch niemals welche; erinnern Sie
sich ihrer nicht?
,Nein.
, Nun,'' fuhr Mr. Rochester fort, , wenn Sie nun auch Ihre
Eltern verleugnen, so müssen Sie doch irgendwelche Verwandte
haben, Onkel oder Tanten?
, Keine, die ich jemals gesehen.'
, Und Ihr Heim?
, Ich habe keins.
, Wo leben denn Ihre Brüder und Schwestern?!
, Ich habe weder Brüder noch Schwestern.
,Wer empfahl Ihnen denn, hierher zu kommen?!
,Ich ließ eine Annonce in die Zeitung rücken, und Mrs. Fairfax beantwortete diese Annonce.
,Ja,! sagte die gute Dame, ,und täglich danke ich der Vorsehung für die Wahl, welche sie mich treffen ließ. Miß Eyre ist
eine unschätzbare Gefährtin für mich, und eine gütige, sorgsame.
pflichtgetreue Lehrerin für Adele.
,Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugnis auszustellen,' entgegnete Mr. Rochester, ,Lobeserhebungen ködern mich nicht. Ich
werde für mich selbst urteilen. Sie hat damit angefangen, mein
Pferd zu Boden zu strecken,'' sagte er scherzend.
,Sir? sagte Mrs. Fairfax.
,Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken,' fuhr er scheinbar
ernst fort.
Die Witwe blickte beide erstaunt an.
,Miß Eyre, sagen Sie mir, haben Sie jeweils in einer Stadt
gewohnt??
,Nein, Sir.
,Haben Sie viel Gesellschaft gesehen?
, Keine andere als die Schülerinnen und Lehrerinnen von
Lowood; und jetzt die Bewohner von Thornfield.
,Haben Sie viel gelesen?
,Nur solche Bücher, deren ich zufällig habhaft werden konnte;
und diese waren weder sehr zahlreich noch sehr gelehrt.
, Sie haben das Leben einer Nonne geführt; ohne Zweifel
sind Sie in religiösen Formen gut geschult; Brocklehurst, welcher, wie ich glaube, Direktor von Lowood, ist ein Prediger, wenn
ich nicht irre?
,Ja, Sir.
,Und die Mädchen verehrten ihn wahrscheinlich.
,O nein!
,Sie sind sehr aufrichtig!
,Ich liebte Mr. Brocklehurst durchaus nicht; und ich stand
mit meinem Gefühl nicht allein da. Er ist ein harter Mann, der
unendlich übermütig war und sich stets Übergriffe erlaubte. Er
ließ uns das Haar abschneiden, und aus Sparsamkeit kaufte er
schlechte Nähnadeln und schlechten Zwirn, mit denen wir kaum
nähen konnten.'
,Das war eine sehr verkehrte Sparsamkeit,r bemerkte Mrs.
Fairfax, welche den Faden des Gesprächs jetzt wieder aufnehmen
konnte.
, Und war dies das größte und schwärzeste seiner Verbrechen? fragte Mr. Rochester.
, Er ließ uns beinahe verhungern, als er die alleinige Aufsicht über die Verwaltung der Verpflegung führte, bevor noch das
Komitee eingesetzt wurde; und wöchentlich einmal langweilte er
uns mit langen Vorträgen und mit abendlichen Vorlesungen aus
Büchern, die er selbst zu wählen pflegte; diese handelten stets von
plötzlichen Todesfällen und fürchterlichen Strafen, so daß wir
abends stets gequält und geängstigt zu Bette gingen.
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
, Ungefähr zehn Jahre alt.
, Und acht Jahre blieben Sie dort. Da sind Sie also jetzt
achtzehn Jahre alt?
Jane nickte bejahend.
,Wie Sie sehen ist die Rechenkunst sehr nützlich. Ohne ihre
Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen, Ihr Alter zu erraten. Es
ist das eine sehr schwierige Sache in einem Falle, wo Züge und
Gesichtsausdruck so sehr im Widerspruch miteinander stehen, wie es
bei Ihnen der Fall ist. Und nun erzählen Sie mir, was Sie in
Lowood gelernt haben. Können Sie Klavier spielen??
,Ein wenig.
, Natürlich ein wenig'. Das ist so die gewöhnliche Antwort.
Gehen Sie in die Bibliothek,d. h. wenn Sie so liebenswürdig sein
wollen. Verzeihen Sie meinen Kommandoton; ich bin daran gewöhnt zu sagen: Tun Sie dies', und es ist geschehen; ich kann
meine alten Gewohnheiten eines einzigen neuen Hausgenossen
zuliebe nicht ablegen. Gehen Sie also in die Bibliothek; nehmen
Sie eine Kerze mit, lassen Sie die Tür offen, setzen Sie sich ans
Klavier und spielen Sie ein Lied.
Jane ging, um seinen Weisungen Folge zu leisten.
, Genug !' rief er nach wenigen Minuten. ,Sie spielen allerdings ein wenig', ich sehe schon; gerade so wie jedes andere englische Schulmädchen, vielleicht noch ein wenig besser, aber durchaus
nicht gut.
Jane schloß das Klavier und kehrte in das Wohnzimmer zurück. Mr. Rochester fuhr fort:
, Adele hat mir heute morgen einige Skizzen gezeigt, von
denen sie sagte, daß es die Ihrigen seien. Ich weiß nicht, ob dieselben Ihr Werk allein sind, wahrscheinlich hat ein Lehrer Ihnen
dabei geholfen??
, Nein, gewiß nicht!' rief Jane schnell.
,Ah! da erwacht die Eitelkeit. Gut also, holen Sie Ihre
Mappe, wenn Sie dafür bürgen können, daß sie nur Originale enthält; aber geben Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie nicht ganz
sicher sind. Ich erkenne sofort jedes Flickwerk.
, Dann werde ich also gar nichts sagen, Sir, und Sie werden
selbst urteilen.
Jane holte die Mappe aus der Bibliothek.
,Bringen Sie mir den Tisch heran,' sagte er, und Jane schob
denselben an sein Ruhebett. Adele und Mrs. Fairfax kamen auch
heran, um die Bilder zu sehen.
, Kein Gedränge,'' sagte Mr. Rochester, ,nehmen Sie mir die
Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin; aber drücken
Sie Ihre Gesichter nicht an das meine.
Mit Muße betrachtete er jedes Bild, jede Zeichnung. Drei
von diesen legte er beiseite; die anderen schob er von sich, nachdem er
sie geprüft hatte.
, Nehmen Sie sie nach jenem Tische dort, Mrs. Fairfax,
sagte er, ,und betrachten Sie sie mit Adele; Sie, Miß Eyre, nehmen
Ihren Sitz wieder ein und beantworten meine Fragen. Ich sehe,
daß diese Skizzen von einer Hand herrühren; war es die Ihre?
.Ja.
,Und wann haben Sie Zeit gefunden, sie zu machen? Sie
haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken erfordert.
,Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood, als
ich keine andere Beschäftigung hatte.
,Woher haben Sie die Motive genommen?
,Aus meinem eigenen Kopfe.
,Hat er noch mehr dergleichen Vorräte in sich?
,Ich meine wohl; aber ich hoffe, daß er deren noch bessere in
sich trägt.
Er breitete die Bilder wieder vor sich aus und betrachtete sie
abwechselnd.
Die Bilder waren in Wasserfarben ausgeführt. Das erste
stellte düstere, blaugraue, niedrighängende Wolken über einer wildbewegten See dar. Die ganze Ferne lag in Finsternis da und
ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen, denn
es war gar kein Land auf dem Bilde. Ein einziger Lichtstrahl
fiel auf einen halb aus dem Wasser hervorragenden Mast, auf
welchem ein Wasserrabe saß, dunkel und groß, dessen Flügel mit
Wellenschaum bespritzt waren; im Schnabel hielt er ein goldenes
Armband, welches mit Edelsteinen reich besetzt war; diesen hatte
die Malerin die reichsten Farben verliehen, welche ihre Palette
herzugeben vermocht. Hinter Mast und Vogel schien ein Ertrunkener in dem grünen Wasser zu versinken; ein weißer Arm war das
einzige Glied, das deutlich sichtbar; von ihm war das Armband
herunter gespült oder gerissen.
Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte nur die neblige
Spitze eines Hügels, von welchem einige Blätter und Grashalme
wie vom Winde getrieben, herabrollten. Hinter und über dem
Bergesgipfel breitete sich der Himmelsbogen aus, tiefblau wie zur
Dämmerzeit; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer
Frau, in weichen und unbestimmten Farben gemalt. Die klare
Stirn war von einem Stern gekrönt, die unteren Gesichtszüge sah
man nur wie durch dichten Nebel; die Augen glänzten dunkel und
wild; das Haar fiel schattengleich herab, wie eine strahlenlose Wolke.
welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat.
Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines Eisberges, welcher
in den nördlichen Winterhimmel hineinragte. Am Horizont schoß
ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor.
Diese in die Ferne schleudernd, erhob sich im Vordergrund ein
Kopf, ein kolossaler Kopf, welcher sich dem Eisberg zuneigte und
an diesem ruhte. Zwei magere Hände, welche sich unter der Stirn
kreuzten und diese stützten, zogen einen schwarzen Schleier vor die
unteren Gesichtszüge; eine bleiche Stirn, weiß wie Elfenbein und
ein hohles, starres Auge, das keinen anderen Ausdruck hatte als
den der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Über den Schläfen,
zwischen turbanartigen Falten einer düstern Drapiere, die in Form
und Farbe unbestimmt wie eine Wolke war, glänzte ein Ring von
weißen Flammen, auf dem hier und da Funken von intensiverem
Glanz leuchteten. Dieser blasse Halbkreis war das Ebenbild einer
Königskrone; was diese krönte, war die Form, die keine
Form hat.
,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?' fragte
Mr. Rochester.
,Ich hatte mich in die Arbeit vertieft, Sir; ja -- ich war glücklich. Als ich sie malte, empfand ich eine der höchsten Freuden, die
ich jemals gekannt.
, Das will nicht viel sagen. Nach Ihrer eigenen Erzählung
sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen; aber ich vermute, daß Sie
sich in einer Art von KünstlersTraumland befanden, als Sie diese
seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen.
Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht?
,Ich hatte nichts anderes zu tun, da es Ferienzeit war, und
ich saß von Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend
dabei. Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Neigung
zum Fleiß.
, Und waren Sie mit dem Resultat Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden?
,Weit entfernt davon. Der Abstand zwischen meiner Idee
und meiner Ausführung quälte mich; in jedem dieser drei Fälle
hatte mir etwas vorgeschwebt, was ich außerstande gewesen zu
verwirklichen.''
, Nicht ganz. Den Schatten Ihrer Gedanken festzuhalten, ist
Ihnen gelungen; mehr wahrscheinlich nicht. Sie hatten nicht genug künstlerische Geschicklichkeit und Kenntnisse, um jenen vollständig Gestalt verleihen zu können; jedoch sind die Zeichnungen
für ein Schulmädchen immerhin beachtenswert. Die Ideen sind
vollständig elfenartig, geisterhaft. Diese Augen in dem Abendstern' müssen Sie einmal im Traume gesehen haben. Wie haben
Sie es nur angefangen, diese so klar und doch nicht glänzend wieder
zu geben? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre
Strahlen. Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe.
Und wer hat Sie gelehrt, den Wind zu malen? Unter diesem Himmel und über jenem Bergesgipfel weht ein heftiger Sturm. Hier,
tragen Sie die Zeichnungen wieder fort.
Kaum hatte Jane die Bänder ihrer Zeichenmappe wieder zusammengebunden, als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte:
,Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, Adele so
lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.
Adele ging und gab ihm einen Kuß, bevor sie das Zimmer
verließ.
,Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht,r sagte er und
machte eine Handbewegung nach der Tür, zum Zeichen, daß er der
Gesellschaft müde sei und sie entließe. Mrs. Fairfax legte ihre
Strickerei zusammen; Jane nahm ihre Zeichenmappe; sie verneigten
sich vor ihm, erhielten eine steife und kalte Verbeugung als Gegengruß, und zogen sich dann zurück.
,Mrs. Fairfax, Sie sagten, daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichkeiten besitze,'' bemerkte Jane, als sie wieder zu ihr ins Zimmer trat, nachdem sie Adele ins Bett gebracht
hatte.
,Nun, und besitzt er deren??
,Ich glaube wohl. Er ist sehr veränderlich und launenhaft.
,Das ist allerdings wahr. Ohne Zweifel muß er einem
Fremden so erscheinen, aber ich bin schon so lange an seine Art und
Weise gewöhnt, daß ich mir gar keine Gedanken mehr darüber
mache. Und überdies sollte man sich nicht darüber wundern, wenn
seine Laune nicht immer gleichmäßig ist.
,Weshalb das?
,Teilweise, weil es in seiner Natur liegt, und keiner von uns
kann gegen seine Natur kämpfen; hauptsächlich aber, weil er
wohl oft traurige und qualvolle Gedanken haben mag, die ihn
peinigen und seine gute Laune stören.
,Was quält ihn denn?
,Familienkummer vor allen Dingen.
,Aber er hat ja keine Familie.
,Jetzt nicht mehr, aber er hatte eine; Verwandte wenigstens.
Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren.
,Seinen älteren Bruder?
,Ja. Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr
lange im Besitz der Güter und des Vermögens; erst ungefähr seit
neun Jahren.
,Neun Jahre sind eine lange Zeit! Liebte er seinen Bruder
so zärtlich, daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich ist?
,Nein, nein, das ist vielleicht nicht der Fall. Ich glaube aber,
daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden. Mr. Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht, und
vielleicht war er es auch, der den Vater gegen ihn einnahm.
Aus diesem Grunde hält sich Mr. Rochester auch nicht gern in
Thornfield auf, um nicht den alten Erinnerungen zu erliegen.

Vierzehntes Kapitel.
Mrs. Reeds Tod.
Mr. Rochester hielt sich dieses Mal länger in Thornfield auf
als gewöhnlich, und Jane erkannte bald ihr Unrecht, wenn sie ihn
für hochmütig und launenhaft hielt. Im Gegenteil sah sie bald
ein, daß er trotz seiner anscheinenden Strenge und Rauheit ein
gutes und vor allem gerecht denkendes Herz hatte. Bald war er
ihr gegenüber nicht mehr steif und herrisch, sondern mitteilsam und
vertraulich. Die Leichtigkeit und Freiheit seiner Manieren befreite
sie vom quälenden Zwange; seine freundliche Offenherzigkeit tat ihr
wohl. Zuweilen war es ihr, als sei er ihr nahe verwandt, sie vergaß
ganz, daß er eigentlich ihr Brotherr war. Wohl war er hier und da noch
gebieterisch und herrisch; aber das kränkte sie nicht mehr, da sie nun
wußte, daß es nun einmal so seine Art sei. So fühlte sie sich zufrieden und glücklich; auch ihre körperliche Gesundheit wurde besser,
sie wurde stark und kräftig.
Besonders dankbar aber war sie ihrem Brotherrn für die
geistige Nahrung, die er ihr bot. Er gab ihr Bücher aus seiner
Bibliothek, deren Inhalt er dann in den Mußestunden mit ihr besprach. Auch schenkte er ihr einen prächtigen Farbenkasten und
Malutensilien und ermahnte sie, ihr ausgezeichnetes Maltalent zu
pflegen. So förderte er Jane auf jede Weise.
In dieses friedliche Leben Janes platzte wie, eine Bombe eine
Nachricht von ihrer Tante, der beinahe vergessenen Mrs. Reed hinein. Eines Tages befand sich Jane in ihrem Zimmer, als Leah ihr
mitteilte, daß jemand sie in Mrs. Fairfax Zimmer erwarte.
Als Jane hinunter kam, fand sie einen Mann, der auf sie
wartete; er sah aus wie ein herrschaftlicher Kammerdiener; er war
in tiefe Trauer gekleidet und der Hut, welchen er in der Hand trug,
war in Krepp gehüllt.
,Sie werden sich meiner kaum noch erinnern, Miß,' sagte er,
indem er sich bei Janes Eintritt erhob, ,aber mein Name ist
Leaven; als Sie vor acht oder neun Jahren in Gateshead waren,
war ich Kutscher bei Mrs. Reed; ich bin auch jetzt noch in ihren
Diensten.
,O, Robert. Sie sind's! Wie geht es Ihnen? Ich erinnere
mich Ihrer noch sehr wohl. Sie ließen mich ja zuweilen auf Miß
Georgines braunem Pony reiten. Und wie geht es Bessie? Sie
sind doch mit Bessie verheiratet??
,Ja, Miß. Meine Frau ist kerngesund. Danke fr die Nachfrage. Wir haben jetzt drei Kinder, und Mutter und Kinder befinden sich wohl.
Und ist die Familie im Herrenhause auch gesund, Robert?
,Es tut mir leid, Miß, daß ich Ihnen von dort keine besseren
Nachrichten bringen kann; aber es geht ihnen augenblicklich sehr
schlecht, sie haben großen Kummer.
,Ich hoffe, daß niemand von ihnen gestorben ist,' sagte Jane,
indem sie auf seinen schwarzen Anzug deutete. Auch er blickte auf
den Krepp an seinem Hute und sagte:
,Mr. John ist gestern vor acht Tagen in seiner Wohnung in
London gestorben.''
,Mr. John?’
,Ja. Miß.’
,Und wie trägt seine Mutter es?
,Nun sehen Sie, Miß Eyre, dies ist kein gewöhnliches Unglück; er hat ein gar wildes Leben geführt. Während der letzten
drei Jahre hat er gar sonderbare Dinge getrieben, und sein Tod
war fürchterlich.
, Ich hörte von Bessie, daß er nicht gut war.
,Nicht gut war! Barmherziger Gott! Er konnte nichts
Schlimmeres tun! Er hat seine Gesundheit und seine Güter zugrunde gerichtet in der schlechtesten Gesellschaft. Er geriet in
Schulden und ins Gefängnis. Zweimal hat seine Mutter ihm
heraus geholfen, aber kaum war er frei, als er auch schon zu seinen
alten Gewohnheiten zurückkehrte. Sein Kopf war niemals stark,
Sie wissen das wohl, Miß, und die Schurken, unter welchen er
lebte, betrogen und foppten ihn in der unerhörtesten Weise. Vor
ungefähr drei Wochen kam er nach Gateshead hinunter und verlangte von Mistreß, daß sie ihm das ganze Besitztum übergeben
solle. Mistreß weigerte sich, durch seine Verschwendung sind ihre
Mittel schon seit langer Zeit zusammengeschmolzen. So kehrte er
denn wieder um nach London, und das nächste, was wir von ihm
hörten, war seine Todesnachricht. Wie er gestorben ist- Gott
mag es wissen! Die Leute sagen, daß er sich umgebracht hat.
Jane schwieg. Das war eine entsetzliche Nachricht.
Robert Leaven fuhr fort:
,Mistreß war schon seit langer Zeit kränklich gewesen; sie ist
sehr stark geworden, aber sie ist nicht kräftig dabei; und der Verlust
des Geldes und die Furcht vor Armnut richteten sie schier zugrunde. Die Nachricht von Mr. Johns Tode und die Art, wie er
herbeigeführt, kam zu plötzlich: das führte einen Schlaganfall. herbei. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen, aber am letzten
Dienstag schien es ihr wieder besser zu gehen; es war, als wollte
sie etwas sagen, denn sie machte meiner Frau fortwährend Zeichen
und murmelte unverständliche Worte. Erst gestern morgen konnte
Bessie verstehen, daß sie Ihren Namen aussprach, und zuletzt verstand sie ganz deutlich, wie sie sagte: Bringt mir Jane, holt Jane
Eyre, ich muß mit ihr sprechen. Bessie weiß nun nicht, ob sie bei
Sinnen ist, und ob sie irgend etwas mit den Worten meint; aber
sie hat es Miß Reed und Miß Georgina gesagt und ihnen geraten,
Sie, Miß, holen zu lassen. Die jungen Damen wollten anfangs
nichts davon wissen; aber ihre Mutter wurde so ruhelos, und rief.
so oft Jane! Jane! Jane!! daß sie endlich einwilligten. Ich verließ Gateshead gestern; und wenn Sie bis morgen früh fertig werden könnten, Miß, so würde ich Sie gern mitnehmen.
,Ja, Robert, ich werde fertig sein. Mir ist, als müßte ich doch
gehen.
,Ich glaube auch, Miß; Bessie sagte, Sie würden sich ganz
gewiß nicht weigern. Aber Sie werden wohl um Erlaubnis bitten
müssen, ehe Sie gehen?
,Gewiß. Und ich werde es augenblicklich tun. Dann führte
Jane ihn in das Zimmer der Domestiken, und nachdem sie ihn der
Fürsorge von Johns Frau und Johns eigener Liebenswürdigkeit
warm empfohlen hatte, machte sie sich auf den Weg, um Mr.
Rochester zu suchen.
Mr. Rochester befand sich im Billardzimmer und spielte gerade
mit mehreren Gästen eine Partie, als er Jane bemerkte. Er folgte
ihr auf den Korridor.
,Nun, Fräulein? fragte er, indem er sich mit dem Rücken an
die Tür des Schulzimmers lehnte.
,Sir, ich bin gekommen, um einen Urlaub von einer Woche
von Ihnen zu erbitten.
,Was wollen Sie damit? Wohin gehen Sie?
,Ich will eine kranke Dame besuchen, die mich holen läßt.
,Welche kranke Dame? Wo wohnt sie?
,In Gateshead, in - - - shire.
, -shire? Das ist ja hundert Meilen von hier! Was kann sie
Ihnen sein, daß Sie von Ihnen verlangt, eine solche Entfernung
um ihretwillen zurückzulegen?
,Ihr Name ist Reed, Sir, Mrs. Reed.
Reed auf Gateshead? Ich kannte einen Reed auf Gateshead,
der Ratsherr war.
,Sie ist seine Witwe, Sir,
, Und was haben Sie mit ihr zu tun? Woher kennen Sie sie
überhaupt?
,Mr. Reed war mein Onkel, der Bruder meiner verstorbenen
Mutter.
,War er das? Weshalb haben Sie mir das nicht längst erzählt. Sie sagten stets, daß Sie keine Verwandten hätten.'
,Keine, die mich anerkannten, Sir. Mr. Reed ist tot, und
seine Witwe hat mich verstoßen.
,Weshalb?
,Weil ich arm und ihr eine Last war. Sie hat mich mit leidenschaftlichem Hasse verfolgt.
,Reed hat aber, so viel ich weiß, Kinder hinterlassen. Sie
müssen also doch auch Vettern und Cousinen haben? Ein Bekannter
von mir sprach erst gestern von einem Reed auf Gateshead, der, wie
er sagte, einer der verkommensten Menschen in London sei,!
,John Reed ist jetzt ebenfalls tot, Sir, en hat sich selbst vollständig zugrunde gerichtet und seine Familie zur Hälfte mit in
diesen Ruin hineingezogen. Man vermutet, daß er einen Selbstmord begangen hat. Diese fürchterliche Nachricht hat seine arme
Mutter so sehr erschüttert, daß sie infolge derselben einen Schlaganfall erlitten hat.
, Und was können Sie ihr nützen? Es würde mir niemals in
den Sinn kommen, hundert Meilen zu reisen, um eine alte Dame zu
sehen, die möglicherweise schon tot ist, nenn Sie an Ihrem Bestimmungsort ankommen. Außerdem erzählten Sie mir ja soeben
noch, daß sie Sie verstoßen hat.
, Ja, Sir, aber das ist schon so lange her. Damals lagen die
Verhältnisse auch noch ganz anders. Ich würde niemals wieder
Ruhe finden, wenn ich ihren Wunsch jetzt unberücksichtigt ließe.
,Wie lange werden Sie fortbleiben?
,So kurze Zeit wie irgend möglich, Sir.
,Versprechen Sie mir, nur eine Woche zu bleiben.'
,Ich möchte Ihnen das nicht mit Sicherheit versprechen, doch
hoffe ich in dieser Zeit wieder zurück zu sein.
,Und wer begleitet Sie? Hoffentlich denken Sie nicht daran,
die hundert Meilen allein zu reisen ?
,Nein, Sir; sie hat ihren Kutscher geschickt.
,Ein vertrauenswürdiger Mensch ?
,Ja, Sir, er lebt seit zehn Jahren in der Familie.
Mr. Rochester sann nach.
,Und wann beabsichtigen Sie abzureisen?
,Morgen in aller Frühe, Sir.
,Gut. Aber Sie brauchen Geld. Sie können unmöglich ohne
Geld reisen, und ich glaube kaum, daß Sie noch viel besitzen. Sie
haben von mir noch kein Gehalt bekommen. Wieviel besitzen Sie
noch in dieser Welt? fragte er gutmütig lächelnd.
Jane zog ihre Börse hervor; sie war allerdings ein mageres
Ding. ,Fünf Schilling, Sir.
Er nahm ihr die Börse aus der Hand, schüttete sich den ganzen
Inhalt in die Hand und lachte, als gewähre diese armselige Summe
ihm eine ganz besondere Freude. Gleich darauf zog er seine Brieftasche hervor:
,Hier,'! sagte er und bot ihr eine Banknote. Es waren fünfzig
Pfund, und er schuldete ihr nur fünfzehn. Sie sagte ihm, daß sie
die Note nicht wechseln könne.
,Sie brauchen auch nicht zu wechseln. Es ist nur Ihr Gehalt.
Sie weigerte sich, mehr anzunehmen, als ihr rechtmäßig zukam. Er runzelte die Stirn. Endlich sagte er, wie wenn ihm
plötzlich ein Gedanke gekommen wäre:
,Ja, ja, Sie haben recht, ganz recht! Es ist besser, wenn ich
Ihnen jetzt nicht alles gebe. Wenn Sie fünfzig Pfund besäßen,
könnten Sie sich am Ende verleiten lassen, drei Monate fort zu
bleiben. Hier haben Sie zehn; ist das nicht reichlich?
,Ja, Sir. Aber jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.
,Sie können wieder kommen, um diese einzukassieren. Sie
haben jetzt bei mir, Ihrem Banquier, vierzig Pfund gut. Mit
diesen Worten begab er sich zu seinen Gästen zurück.
Jane sah ihn an diesem Tage nicht wieder, und am nächsten
Morgen war sie schon lange unterwegs, bevor jemand im Hause
aufgestanden war.
Am Nachmittage des ersten Mai erreichte Jane das Parkhüterhäuschen von Gateshead. Es war gegen fünf Uhr. Bevor
sie nach dem Herrenhause hinaufging, trat sie hier ein. Es war
außerordentlich sauber und hübsch. Vor den architektonisch schönen
Fenstern hingen kleine, weiße Vorhänge; der Fußboden war
fleckenlos; der Herd und die Feuerzange waren blank poliert, und
das Feuer loderte lustig empor. Bessie saß in der Ofenecke und
spielte mit ihrem Jüngsten. Robert und sein Schwesterchen unterhielten sich still. in einem Winkel des traulichen Gemaches.
, Gott segne Sie! ich wußte ja, daß Sie kommen würden!
rief Mrs. Leaven bei Janes Eintritt aus.
,Ja, Bessie, sagte diese, und umarmte die Dienerin.
, Hoffentlich komme ich nicht zu spät! Wie geht es Mrs. Reed?
Sie ist doch noch am Leben??
,Ja, sie lebt noch; und sie hat die Besinnung teilweise wieder
erlangt. Der Doktor sagt, daß es noch eine oder zwei Wochen mit
ihr dauern kann; aber auf eine endliche Besserung dürfen wir nicht
hoffen.
,Hat sie meiner kürzlich wieder erwähnt?
, Heute morgen erst hat sie von Ihnen gesprochen und gewünscht, daß Sie kommen möchten. Aber jest schläft sie. Wenigstens
schlief sie, als ich vor zehn Minuten oben im Herrenhause war. Gewöhnlich liegt sie während des ganzen Nachmittags in einer Art
von Erstarrung und erwacht erst gegen sechs oder sieben Uhr. Miß,
wollen Sie sich hier nicht eine Stunde ausruhen? Später werde ich
dann mit Ihnen hinaufgehen.
Hier trat ihr Mann ein, und Bessie legte ihr jetzt schlafendes
Kind in die Wiege, um ihn zu bewillkommnen. Dann bestand sie
darauf, daß Jane ihren Hut abnehmen und eine Tasse Tee trinken
solle; denn sie sehe so müde und blaß aus, sagte sie. Jane war
froh und nahm ihre Gastfreundschaft dankend an. So widerstandslos wie sie sich als Kind von ihr entkleiden ließ, gestatteie sie
ihr auch jet, ihr die Reisekleider abzunehmen.
Wie die alten Zeiten in ihrer Erinnerung wieder auflebten,
als sie ihrem geschäftigen Treiben zusah! Sie deckte den Teetisch
mit ihrem besten Porzellan, schnitt die Butterbrote, röstete einen
Teekuchen, und gab dem kleinen Robert und ihrem Töchterchen
Jane hier und da einen keinen Schlag oder Stoß, gerade so wie
sie es in vergangenen Tagen mit Jane Eyre zu tun pflegte. Bessie
hatte sich ihr rasches Wesen ebensogut gewahrt, wie ihren leichten
Schritt und ihr hübsches Gesicht.
Als der Tee fertig war, wollte sich Jane an den Tisch setzen, aber
in ihrem alten, befehlenden Ton sagte Bessie ihr, sie solle still sitzen.
Sie sagte, sie müsse ihr am Kaminfeuer servieren; und dann stellte
sie einen kleinen, runden Tisch mit einer Tasse und einem Teller
gerösteter Weißbrotschnitten vor sie hin; gerade so wie sie sie früher
mit irgendeinem heimlich erbeuteten Leckerbissen zu versorgen
pflegte, wenn sie in ihrem Kinderstuhl saß. Jane lächelte und gehorchte ihr, wie sie es damals getan. Bessie wollte dann
wissen, ob Jane glücklich in Thornfield-Hall sei, und sie
sollte ihr erzählen, was für eine Persönlichkeit die Frau des
Hauses sei. Und als Jane ihr gesagt, daß Thornfield nur
einen Herrn habe, wollte sie wieder wissen, ob er liebenswürdig
und gut sei. Jane erzählte ihr, daß er durchaus ein Gentleman
sei, daß er sie mit großer Güte behandle, und sie sich dort glücklich
fühle.
Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell.
Bessie brachte Jane ihren Hut und ihre Schals wieder, und von
ihr begleitet verließ sie das Parkhüterhäuschen, um sich hinauf ins
Herrenhaus zu begeben. Von ihr begleitet war Jane auch vor fast
neun Jahren den Pfad hinuntergegangen, den sie jetzt hinaufging.
An einem düstern, nebeligen, rauhen Januarmorgen hatte sie mit
verzweifeltem, erbittertem Herzen ein feindliches Dach verlassen,
um in den unfreundlichen Hafen von Lowood einzulaufen, in jenem
fernen, unbekannten Lande. Und dort stieg nun wieder jenes
feindliche Dach vor ihr empor. Noch immer schmerzte ihr das
Herz. Noch immer war sie nur ein einsamer Wanderer auf diesem
Erdenball, aber sie hatte ein festeres Vertrauen zu sich selbst und
zu ihrer Kraft erlangt; sie fürchtete sich nicht mehr vor dem Unterdrücktsein. Die schmerzende Wunde, die man ihr so grausam in den
Tagen der Kindheit geschlagen, war jetzt geheilt; die Flamme des
lodernden Hasses war erloschen.
,Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben; die
jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein,'' sagte Bessie, als
sie Jane vorauf in die Halle trat.
Nach einem kurzen Augenblick befand sich Jane in dem genannten Zimmer.
Jedes Einrichtungsstück stand noch da, wie an jenem Morgen,
als Jane Mr. Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde; der
Teppich, auf dem er gestanden, lag noch vor dem Kamin. Als ihr
Blick über die Bücherschränke und ihren Inhalt schweifte, war ihr's.
als ständen jene zwei Bände ,Bewick, Vögel Englands' noch auf
ihrem alten Plate auf dem dritten Regal, und ,Gullivers Reisen'
und ,Tausend und eine Nacht'' standen gerade darüber. Die leblosen Dinge waren ganz unverändert geblieben, die Menschen
jedoch waren bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Jane erblickte zwei junge Damen vor sich; die eine war sehr
groß und mager, von blassem Aussehen und strengen harten
Zügen. Sie war mit außerordentlicher Einfachheit gekleidet. Sie
trug ein schwarzwollenes Kleid mit glattem Rock, einen weißen
Leindwandkragen und einen nonnenhaften Schmuck, der aus einer
Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand. Es konnte nicht anders sein- dies war Eliza, obgleich in
ihrem langen, blutleeren Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrem
früheren Selbst zu entdecken war.
Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein, aber nicht
jene Georgina, deren Jane sich erinnern konnte, jenes schlanke,
blonde Mädchen von elf Jahren.
Dies war ein erwachsenes Fräulein, in vollster Blüte, weiß
und zart wie Wachs, mit schönen, regelmäßigen Zügen, blauen
Augen und lockigem gelben Haar. Auch sie trug ein schwarzes
Kleid; dasselbe war aber so verschieden von dem ihrer Schwester,
so viel kleidsamer und graziöser, daß es ebenso modern aussah, wie
das andere einfach erschien.
Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter,
doch nur einen einzigen. Die magere, blasse, ältere Tochter hatte
das hervorstehende Auge; das blühende, üppige, jüngere Mädchen
hatte ihr Kinn. Vielleicht waren die Linien ein wenig gemildert,
aber dennoch gaben sie dem sonst so hübschen Gesicht Georginas
einen Zug von unbeschreiblicher Härte.
Als Jane auf die Damen zuschritt, erhoben sich beide, um sie
zu bewillkommnen, und beide redeten sie mit Miß Eyre an. Elizas
Gruß wurde in kurzer, verächtlicher Weise ausgesprochen, ohne daß
sie bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte. Nach
der Begrüßung setzte sie sich wieder, heftete ihre Blicke auf das
Kaminfeuer und schien Janes Anwesenheit nicht weiter zu bemerken. Georgina fügte ihrem,Wie geht es Ihnen'' noch mehrere
alltägliche Bemerkungen über die Reise, das Wetter usw. hinzu.
Sie maß Jane von Kopf bis zu Fuß, und ein gewisser Hochmut lag
in ihrem Blick.
Aber diese Überhebung ihrer Cousinen machte auf Jane nicht
mehr denselben Eindruck als sonst. Als sie so dasaß zwischen den
beiden, war sie ganz erstaunt, zu finden, wie gleichgültig ihr die vollständige Vernachlässigung der einen und die halbe Höflichkeit der
andern war. Eliza vermochte sie nicht zu demütigen, Georgina
konnte sie nicht aus ihrem Gleichmut bringen.
,Wie befindet sich Mrs. Reed? fragte Jane alsbald, indem
sie Georgina ruhig ins Gesicht blickte; diese hielt es für passend,
bei dieser direkten Frage aufzufahren, als sei es eine ganz unerlaubte Freiheit, die Jane sich erlaubte.
,Mrs. Reed?? Ah! Sie meinen meine Mama! Sie ist außerordentlich krank. Ich glaube nicht, daß Sie sie heute abend noch
sehen können.'
, Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie hinaufgehen wollten, um ihr mitzuteilen, daß ich gekommen bin.
Georgina schreckte förmlich empor und riß ihre blauen Augen
weit und wild auf.
,Ich weiß, daß sie den besonderen Wunsch geäußert hat, mich
zu sehen,' fügte Jane hinzu, ,und ich möchte die Erfüllung dieses
Wunsches nicht weiter hinausschieben als absolut notwendig ist.
, Mama liebt es nicht, wenn man sie am Abend noch stört,''
bemerkte Eliza. Bald darauf erhob sich Jane, nahm unaufgefordert ruhig ihren Hut und ihre Handschuhe ab und sagte, daß sie für
einen Augenblick zu Bessie hinausgehen wolle, die vermutlich in der
a AR
sie Bessie gefunden und sie mit ihrem Auftrag hinaufgeschickt hatte,
fuhr sie fort, weitere Maßregeln zu ergreifen.
Bis jetzt war es stets ihre Gewohnheit gewesen, sich vor jeder
Unverschämtheit zurückzuziehen, förmlich vor derselben zu fliehen;
hätte man sie noch vor einem Jahre irgendwo empfangen, wie man
sie heute in Gateshead empfing, so würde sie das Haus binnen
weniger Stunden bereits verlassen haben; jetzt sah sie aber plötzlich
ein, daß das ein sehr törichtes Verfahren gewesen wäre. Sie hatte
eine Reise von über hundert Meilen gemacht, um ihre Tante zu
sehen, und sie mußte jetzt bei ihr bleiben, bis sie besser war oder tot.
Den Stolz und die Dummheit ihrer Töchter mußte sie unbeachtet
lassen, ja, sich vollständig unabhängig davon machen.
Sie wandte sich also an die Haushälterin, verlangte von ihr,
daß sie ihr ein Zimmer anweise, sagte ihr, daß sie wahrscheinlich
einige Zeit als Gast hier im Hause weilen würde, ließ ihren Koffer
auf ihr Zimmer bringen und ging dann selbst ebenfalls hinauf.
Auf der Treppe begegnete ihr Bessie.
,Mistreß ist wach, sagte sie. ,Ich habe ihr erzählt, daß Sie
da sind; kommen Sie und lassen Sie uns sehen, ob sie Sie erkennen
wird.
Jane bedurfte keines Führers nach dem wohlbekannten
Zimmer. Wie oft war sie in früheren Tagen hineingerufen worden,
um einen Verweis oder eine Strafe zu bekommen. Sie eilte Bessie
voran und öffnete vorsichtig und leise die Tür. Die Lampe auf
dem Tische war durch einen Schirm verdeckt. Da stand das große
Himmelbett mit den bernsteinfarbenen Vorhängen noch wie in
alien Zeiten. Dort der Toilettetisch, der Lehnstuhl und der Fußschemel, auf dem zu knien sie wohl hundertmal verurteilt gewesen.
Wie oft hatte sie dort Verzeihung für Sünden erflehen müssen, die
sie niemals begangen hatte. Sie blickte in einen gewissen Winkel
und erwartete eigentlich halb und halb die schlanken Umrisse einer
einst so gefürchteten Reitgerte zu sehen, die dort auf sie zu lauern
pflegte und nur darauf wartete, wie ein böser Kobold herausspringen und auf ihrem Rücken oder ihren Armen umhertanzen können.
Sie näherte sich dem Bette; sie zog die Vorhänge zurück und
lehnte sich über die hochaufgetürmten Polster.
Gar wohl erinnerte sie sich des Gesichts von Mrs. Reed und
eifrig suchte sie nach den bekannten Zügen. Diese Frau hatte sie
einst in Bitterkeit und Haß verlassen, und jetzt kehrte sie mit keiner
anderen Empfindung zu ihr zurück als mit einer Art von Erbarmen
über ihr großes Leid, und einem innigen Verlangen, alles Unrecht
zu vergeben und zu vergessen, sich zu versöhnen und ihre Hand in
Freundschaft zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da: finster, strenge, erbarmungslos wie immer, jenes eigentümliche Auge, dessen Blick
nichts zu besänftigen vermochte, die geschwungenen, herrschsüchtigen, despotischen Brauen. Wie oft hatte dies Auge nur Haß und
Zorn und Drohungen auf Jane herabgeblitzt! Wie erwachte die
Erinnerung an die Schrecken und den Jammer der Kindheit wieder
in ihr, als sie diese harten Gesichtszüge wieder erblickte! Und doch
beugte sie sich zu ihr hinab und küßte sie.
Sie blickte zu Jane auf.
,Ist es Jane Eyre? fragte sie.
,Ja, Tante Reed. Wie fühlen Sie sich, liebe Tante?’
Wohl hatte Jane einmal geschworen, daß sie Mrs. Reed nie wieder Tante nennen wollte. Aber sie hielt es für keine Sünde
jenes Gelübde in diesem Augenblick zu brechen. Ihre Finger
hielten die Hand der Kranken umschlossen; hätte sie dieselben
freundlich gedrückt, so würde Jane eine warme, innige Freude
empfunden haben. Aber Mrs. Reed zog ihre Hand fort und indem
sie ihr Gesicht von Jane abwandte, bemerkte sie, daß es ein sehr
warmer Abend sei. Und wieder blickte sie Jane an, so eisig kalt,
daß diese augenblicklich fühlte, wie ihre Ansichten über sie, ihre
Empfindungen für sie nicht verändert waren, überhaupt keiner
Änderung fähig waren. Jane sah es dem versteinerten Auge, welches niemals durch Tränen genetzt, niemals in Zärtlichkeit aufgeleuchtet hatte, an, daß sie fest entschlossen sei, sie bis zum letzten
Augenblick für ein schlechtes Geschöpf zu halten.
Jane empfand Kummer, dann bemächtigte sich ihrer der Zorn,
und schließlich faßte sie den Entschluß, die Tante zu besiegen, ihrer
Herr zu werden trot ihrer hartherzigen Natur und ihres starren
Willens. Die Tränen waren ihr in die Augen gestiegen, gerade so
wie in den Tagen ihrer Kindheit, aber sie drängte sie an ihre Quelle
zurück. Dann brachte sie einen Stuhl an das Kopfende des Bettes.
Sie setzte sich und beugte sich über die Polster.
,Sie haben mich holen lassen, sagte sie, ,und jetzt bin ich
hier; und es ist meine Absicht, hier zu bleiben, bis ich sehe, daß es
sich mit Ihnen zum Besseren wendet.
,O natürlich! Hast du meine Töchter gesehen?
Ja.
,Nun, du magst ihnen sagen, daß ich wünsche, dich hier zu behalten, bis ich mit dir über einige Dinge sprechen kann, die mir auf
der Seele lasten. Heute abend ist es zu spät, und es wird mir jetzt
auch schwer, mich auf die Angelegenheit zu besinnen. Aber etwas
wollte ich dir sagen -- ja - was war es doch gleich--
Der wirre Blick und die veränderte Sprache zeigten Jane nur
zu deutlich, wie weit die Zerstörung in diesem einst so kraftvollen
Körper bereits vorgeschritten war. Unruhig warf Mrs. Reed sich
hin und her und begann, an der Bettdecke zu zupfen. Janes Arm,
der auf dem Kopfkissen ruhte, suchte sie zu beruhigen. Augenblicklich wurde sie wieder ärgerlich.
,Laß los!' sagte sie, ,ärgere mich nicht, indem du mich festzuhalten suchst! Bist du wirklich Jane Eyre?
,Ich bin Jane Eyre.
,Ich habe mehr Mühe und Kummer und Verdrießlichkeiten
mit dem Kinde gehabt, als irgendein Mensch glauben würde. Mir
eine solche Last aufzubürden! Und wieviel Ärger sie mir täglich
und stündlich mit ihren unbegreiflichen Charakteranlagen verursacht
hat, mit ihren Ausbrüchen von Heftigkeit und ihrem unnatürlichen,
fortwährenden Lauern und Horchen auf alles, was man tat! Ich
kann versichern, sie hat eines Tages zu mir gesprochen wie eine
Wahnsinnige; kein Kind hat jemals ausgesehen oder gesprochen
wie sie! Kein Kind! Ich war so froh, sie aus dem Hause loszuwerden. Was haben sie in Lowood eigentlich mit ihr gemacht?
Das Fieber brach dort aus, und viele, viele Schülerinnen sind gestorben. Aber sie, sie starb nicht. Ich habe trotzdem gesagt, daß sie
tot sei! Ach, wie wünschte ich, daß sie gestorben wäre!'?
,Ein seltsamer Wunsch, Mrs. Reed! Weshalb haßten Sie sie
so sehr?
,Ich habe ihre Mutter immer gehaßt, denn sie war die einzige
Schwester meines Mannes und er hing mit unsäglicher Liebe an
ihr. Er hinderte die Familie daran, sie zu verstoßen, als sie jene
niedere Ehe schloß. Und als die Nachricht von ihrem Tode kam,
weinte er wie ein Narr. Er wollte durchaus, daß das Baby geholt
werde, obgleich ich ihn anflehte, das Kind lieber in Kost zu geben
und für seine Erhaltung zu bezahlen. Ich haßte es schon, als
meine Augen es zum ersten Male sahen, ein kränkliches, weinerliches, elendes Ding! Die ganze Nacht hindurch konnte es in
seiner Wiege liegen und winseln, es schrie nicht herzlich und kräftig
wie andere Kinder, nein, es stöhnte und wimmerte. Reed hatte
Erbarmen mit ihm. Und er pflegte es zu liebkosen und zu beruhigen, wie wenn es sein eigenes Kind gewesen wäre, nein, mehr
als er jemals die eigenen Kinder beachtet hatte, als sie in jenem
Alter waren. Er versuchte auch, meine Kinder freundlich gegen
die kleine Bettlerin zu stimmen; aber meine Lieblinge konnten
sie nicht leiden, und er wurde ärgerlich, wenn sie ihre Abneigung
zeigten. In seiner letzten Krankheit ließ er es fortwährend an
sein Bett bringen, und kaum eine Stunde vor seinem Tode ließ
er mich einen heiligen Eid ablegen, daß ich das Geschöpf stets erhalten und versorgen wolle. Mir wäre es lieber gewesen, wenn
man mir die Sorge für ein Bettlerkind aus dem Arbeitshause zur
Pflicht gemacht hätte: aber er war so schwach, schwach von Natur.
John ist seinem Vater durchaus nicht ähnlich, und ich bin froh
darüber: John ist mir ähnlich und meinen Brüdern, er ist ein
ganzer Gibson. Ah! ich wollte, er hörte auf, mich mit seinen
Bettelbriefen um Geld zu quälen! Ich habe nichts mehr, das ich
ihm geben könnte: wir werden arm! Ich müßte die Hälfte der
Dienstboten fortschicken und einen Teil des Hauses abschließen oder
es ganz vermieten. Aber ich kann mich nicht darein finden, das
zu tun; und doch, wie sollen wir sonst weiter leben? Zwei Drittel
meines Einkommens gehen drauf, um die Zinsen der Wucherschulden zu bezahlen. John spielt ganz fürchterlich und er verliert immer, der arme Junge! Er ist von lauter Gaunern und
Tagedieben umgeben. John ist ganz gesunken und verkommen -
er sieht grauenhaft aus- ich schäme mich seiner, wenn ich ihn
sehe.
Jetzt geriet die Kranke in eine furchtbare Aufregung.
,Ich glaube, es ist besser, wenn ich sie jetzt verlasse,' sagte
Jane zu Bessie, die an der andern Seite des Bettes stand.
,Vielleicht wäre es besser, Miß; aber gegen Abend spricht sie
oft in dieser Weise -- des Morgens ist sie gewöhnlich viel ruhiger.
Jane erhob sich.
,Bleib!' rief Mrs. Reed aus. ,Ich habe noch etwas anderes
zu sagen. John droht mir, er droht mir unaufhörlich mit seinem
Tode oder dem meinen. Und zuweilen träumt mir, daß ich ihn
mit einer großen Wunde im Halse oder mit blutigem, entstelltem,
geschwärztem Gesicht sehe. Es ist gar seltsam mit mir gekommen.
Ich habe schweren, grausamen Kummer. Was ist aber zu tun?
Woher soll ich das Geld nehmen?
jetzt versuchte Bessie, sie zu überreden, daß sie ein Beruhigungsmittel nehme; nur mit großer Mühe gelang es ihr. Gleich
darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und sank in eine Art von Halbschlaf. Dann ließen sie sie allein.
Mehr als zehn Tage vergingen, bevor sich wieder die Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Kranken bot. Sie lag entweder im Fieber oder völlig bewußtlos; und der Doktor verbot
alles, was sie schmerzlich erregen könnte. Inzwischen stellte sich
Jane mit Eliza und Georgina so gut es eben gehen wollte.
Anfangs waren sie in der Tat sehr kalt. Eliza pflegte halbe Tage
hindurch dazusitzen und zu nähen, zu schreiben oder zu lesen, ohne
auch nur eine einzige Silbe mit ihrer Schwester oder Jane zu
sprechen. Georgina konnte stundenlang Unsinn mit ihrem Kanarienvogel schwatzen, ohne ihre Cousine auch nur im entferntesten zu beachten. Aber Jane war entschlossen, sich Zerstreuung oder Beschäftigung zu verschaffen. Sie hatte ihre Zeichen- und Malutensilien mitgebracht, und diese verschafften ihr beides.
Mit verschiedenen Stiften und einigen Bogen Papier versehen,
pflegte sie entfernt von den Schwestern in einem Fenster ihr
fliegendes Atelier aufzuschlagen und sich damit zu beschäftigen,
Phantasiestücke zu zeichnen, indem sie jedes Bild zu Papier brachte,
das sich ihr in ihrer fortwährend wechselnden Einbildungskraft
darbot: einen Blick auf die See zwischen zwei Felsen hindurch; der
aufgehende Mond und ein Schiff, das an der rotglühenden Scheibe
vorübersegelt; eine Gruppe von Schlingpflanzen und Wasserlilien,
aus welcher der Kopf einer mit Lotusblumen gekrönten Najade
emportaucht; eine Elfe, die unter einem Kranz von wilden Rosen
aus dem Nest eines Zaunkönigs herauslugt.
Eines Morgens malte sie einen Kopf.
,Ist es das Porträt eines Menschen, den Sie kennen ?' fragte
Eliza, welche unbemerkt an sie herangetreten war.
Jane entgegnete, daß es nur ein Phantasiekopf sei. Auch
Georgina kam; sie besahen auch die anderen Zeichnungen und sie
gefielen ihnen ganz außerordentlich; beide schienen von Janes Geschicklichkeit sehr überrascht. Jane erbot sich, ihre Porträts zu
skizzieren, und jede saß dann zu einer Bleistiftsilhouette. Schließlich brachte Georgina ihr Album. Jane versprach ihr, eine Wasserfarbenskizze für dasselbe, und jetzt war sie augenblicklich in der
besten Laune. Sie schlug Jane einen Spaziergang im Park vor.
Und als sie kaum zwei Stunden draußen gewesen, waren sie mitten
in einer vertraulichen Unterhaltung, die sich hauptsächlich um die
Beschreibung des glänzenden Winters, den sie vor zwei Jahren
in London zugebracht hatte, drehte. Täglich machte sie jetzt mit Jane
Spaziergänge, aber es war seltsam, daß sie hierbei niemals mit
einer Silbe der schweren Krankheit ihrer Mutter, des fürchterlichen
Todes ihres Bruders und des augenblicklichen traurigen Zustands
der Familienangelegenheiten gedachte. Ihr Gemüt schien sich nur
mit der Erinnerung an entschwundenes Glück und der Hoffnung
auf künftige Zerstreuungen zu beschäftigen. Jeden Tag brachte
sie ungefähr fünf Minuten in dem Krankenzimmer ihrer Mutter
zu, das war alles.
Eliza sprach noch immer sehr wenig; augenscheinlich hatte sie
keine Zeit für die Unterhaltung. Sie schien immer beschäftigt.
Und doch wäre es schwer gewesen zu sagen, was sie eigentlich tat,
oder vielmehr, irgendein Resultat ihrer Geschäftigkeit zu entdecken.
Sie hatte eine Weckuhr, die sie täglich früh wecken mußte. Schon
vor dem Frühstück beschäftigte sie sich fleißig, nach demselben hatte
sie ihre Zeit in regelmäßige Teile geteilt, und jede Stunde hatte
die ihr zugeschriebene Arbeit. Dreimal am Tage studierte sie ein
kleines Buch, welches sich nach einer genaueren Besichtigung Janes
als das ,allgemeine Gebetbuch' erwies. Jane fragte sie einmal,
worin die große Anziehungskraft dieses Buches für sie liege, und
sie entgegnete ihr: In der Gebetordnung. Drei Stunden widmete
sie der Beschäftigung, mit Goldfäden den Rand eines viereckigen
Tuchstücks zu besticken, welches für einen Teppich beinahe groß
genug gewesen wäre. Auf Janes Frage in bezug auf die Verwendung dieses Gegenstandes sagte sie ihr, daß es eine Altardecke
für eine Kirche sei, welche vor kurzem in der Nähe von Gateshead
erbaut worden war. Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche;
zwei weitere arbeitete sie allein im Küchengarten; eine brauchte sie
für die Regelung ihrer Rechnungen und Bücher. Sie schien keiner
Gesellschaft, keines Verkehrs, keiner Unterhaltung zu bedürfen. Sie
schien auf ihre Weise sehr glücklich zu sein; diese sich täglich wiederholende Beschäftigungsweise genügte ihr; und nichts verursachte ihr größeren Ärger, als wenn irgendein Umstand eintrat, welcher sie zwang, die peinliche Regelmäßigkeit ihrer Arbeiten
abzuändern.
Eines Abends, als sie mehr zur Mitteilsamkeit geneigt war
als gewöhnlich, sagte sie Jane, daß Johns Aufführung und der
drohende Ruin ihrer Familie eine Quelle tiefen und nagenden
Kummers für sie gewesen seien, jetzt aber habe ihr Gemüt sich beruhigt und ihr Entschluß sei gefaßt. Ihr eigenes Vermögen zu
sichern habe sie Sorge getragen, und wenn ihre Mutter stürbe, denn
es sei durchaus unwahrscheinlich, daß sie jemals wieder genesen
oder daß es noch lange mit ihr dauern könne, bemerkte sie sehr
ruhig- so würde sie einen lange gehegten Plan ausführen: dort
eine Zuflucht suchen, wo pünktliche Gewohnheiten vor fortwährender Störung gesichert seien, und zwischen sich und der gottlosen
Welt eine mächtige Scheidewand aufrichten.
Jane fragte, ob Georgina sie begleiten würde.
Nein, natürlich nicht. Sie und Georgina hätten nichts miteinander gemein, hätten auch niemals die gleichen Interessen verfolgt. Unter keinen Umständen würde sie sich diese Last aufbürden.
Georgina solle nur ihren eigenen Weg gehen; sie, Eliza, würde den
ihrigen finden.
Wenn Georgina Jane nicht gerade ihr Herz ausschüttete, so
brachte sie fast ihre ganze Zeit auf dem Sofa zu, klagte und jammerte über die Düsterkeit des Hauses und wiederholte unaufhörlich den Wunsch, daß ihre Tante Gibson sie einladen möchte, mit
ihr nach London zu gehen.
,Es wäre so viel besser,' pflegte sie zu sagen, ,wenn ich auf
ein oder zwei Monate fort könnte, bis alles vorüber ist.
Jane fragte sie nicht, was sie mit dem ,alles vorüber'' meinte,
aber sie wußte wohl, daß es sich auf den erwarteten Tod ihrer
Mutter bezog und auf den düsteren, darauf folgenden Begräbnisbrauch. Eliza nahm von dem Müßiggange und den Klagen ihrer
Schwester nicht mehr Notiz, als wenn solch ein murmelndes, stöhnendes, träges Geschöpf gar nicht in ihrer Nähe gewesen wäre.
Eines Tages jedoch, als sie ihr Rechnungsbuch beiseite legte und
ihre Stickerei zur Hand nahm, fing sie plötzlich an, ihr folgendermaßen die Wahrheit zu sagen.
,Georgina, ein dümmeres, eitleres und alberneres Geschöpf
als du hat sicherlich niemals auf Erden gewandelt. Du hattest nicht
einmal das Recht, geboren zu werden, denn du weißt keinen Nutzen
aus dem Leben zu ziehen. Anstatt für dich, mit und in dir zu
leben, wie jedes vernünftige Wesen es tun sollte, suchst du nur, dich
mit deiner Schwäche auf die Kraft anderer zu lehnen. Und wenn
du niemand findest, der willig ist, sich mit einem so nutzlosen,
schwächlichen Ding belasten zu lassen, so schreist und jammerst du,
daß du vernachlässigt, elend und mißhandelt bist! Für dich soll das
Dasein einen immerwährenden Wechsel und ewige Aufregung bringen, sonst nennst du die Welt ein Gefängnis. Du mußt bewundert werden, man soll dir schmeicheln, du verlangst Musik, Tanz
und Gesellschaft, oder du verschmachtest und stirbst. Hast du denn
nicht soviel Verstand, daß du eine Art un Weise erfinden kannst,
die dich unabhängig macht von jedem anderen Willen als dem
deinen? Nimm dir doch den Tag; teile ihn in Abschnitte ein; jedem
Abschnitt weise seine Aufgabe an; laß nirgend verlorene Viertelstunden, zehn oder fünf Minuten übrig, wende sie alle an. Tue
jeden Teil deiner Geschäfte zu seiner Zeit und mit strenger Regelmäßigkeit. Dann wird der Tag zu Ende sein, bevor du gemerkt
hast, daß er überhaupt begonnen hat. Und du bist keinem zu,
Dank verpflichtet, daß er dir geholfen hat, einen leeren Augenblick
hinzubringen. Du bist nicht genötigt gewesen, irgendeines Menschen Gesellschaft aufzusuchen, von ihm Unterhaltung, oder Nachsicht zu verlangen; kurzum, dann hast du gelebt, wie ein unabhängiges Wesen leben sollte. Nimm meinen Rat, es ist der erste
und letzte, den ich dir gebe; dann wirst du weder mich noch irgendeinen Menschen brauchen, was auch kommen möge. Vernachlässigst
du diesen Nat hingegen, fährst du fort zu faulenzen, zu jammern,
zu stöhnen, zu wünschen wie bisher, dann trage auch die Folgen
deiner Dummheit, wie furchtbar und unerträglich diese auch sein
mögen. Eines sage ich dir offen, höre auf mich; denn wenn ich
auch niemals wiederholen werde, was ich dir zu sagen im Begriff
bin, so werde ich doch strenge danach handeln. Nach dem Tode
meiner Mutter will ich nichts mehr mit dir zu tun haben; von dem
Tage an, wo man ihren Sarg in das Gruftgewölbe von Gateshead
tragen wird, sind wir, du und ich, so weit von einander geschieden,
als ob wir uns niemals gekannt hätten. Du brauchst dir nicht einzubilden, daß ich jemals irgendeinen Anspruch deinerseits an mich
anerkennen werde, nur weil wir zufällig gemeinsame Eltern haben.
Ich sage dir dies: wenn das ganze menschliche Geschlecht, mit Ausnahme von uns beiden, plötzlich von der Erde vertilgt würde, und
wir allein auf der Erdoberfläche stünden, so würde ich dich allein in
der alten Welt lassen und mich selbst in die neue hinüber begeben.
Hier schwieg sie.
, Du hättest dir die Mühe ersparen können, diese Redensarten
loszulassen,' antwortete Georgina. ,Jeder Mensch weiß, daß du
das selbstsüchtigste, herzloseste Geschöpf auf Gottes weitem Erdenrund bist, und ich kenne deinen trotzigen Haß besonders gegen
mich. Hierauf zog Georgina ihr Taschentuch hervor und weinte
noch eine ganze Stunde lang. Eliza saß unbewegt da und arbeitete
fleißig wie immer an ihrer Altardecke.
Es war ein feuchter, winterlicher Nachmittag. Georgina war
bei dem Lesen eines Romans auf dem Sofa eingeschlafen; Eliza
war gegangen, um in der neuen Kirche dem Gottesdienste beizuwohnen, denn in Religionssachen war sie sehr streng. Kein Wetter
konnte sie jemals an der Ausübung dessen hindern, was sie für ihre
kirchlichen Pflichten hielt; ob schön, ob Regen, sie ging an jedem
Sonntag dreimal in die Kirche und an jedem Wochentage, der
einem Heiligen geweiht war, ebenfalls.
Jane fiel es ein, nach oben gehen zu wollen, um zu sehen, wie
es der sterbenden Frau erging, um die sich fast niemand kümmerte.
Ihre eigenen Dienstboten erwiesen ihr eine nur sehr kärgliche Aufmerksamkeit; und die gemietete Krankenwärterin, welche in keiner
Weise kontrolliert wurde, entwischte aus dem Zimmer, so oft sie
konnte. Bessie war zwar treu; aber sie mußte sich um ihre eigene
Familie kümmern und konnte nur gelegentlich nach dem Herrenhause kommen. Jane fand das Krankenzimmer unbehütet, wie sie
es nicht anders erwartet hatte; keine Wärterin war dort; die
Patientin lag still und anscheinend in Bewußtlosigkeit; ihr bleiches
Gesicht war in die Kissen zurückgesunken; im Kamin war das Feuer
dem Verlöschen nahe.
Jane legte frische Nahrung auf die Kohlen, ordnete die Betten
und ließ ihre Blicke einige Augenblicke auf der Gestalt ruhen, welche
sie jetzt nicht ansehen konnte, dann trat sie ans Fenster.
Der Regen schlug heftig gegen die Scheiben; der Wind pfiff
und heulte um das Haus. Da dachte Jane: hier liegt nun eine.
die bald über alle Kämpfe der irdischen Elemente fort sein wird.
Und wohin wird jener Geist, der sich jetzt aus seiner körperlichen
Hülle losringt, fliegen, wenn er sich endlich losgerungen hat?
Indem sie über dies große Geheimnis grübelte, dachte sie an
Helen Burns, ihre letzten Worte kehrten in ihr Gedächtnis zurück,
ihr Glaube, ihre Lehre von der Gleichheit aller entkörperten
Seelen. Noch horchte sie im Geiste auf die Laute ihrer unvergeßlich
süßen Stimme, noch rief sie sich ihr bleiches, vergeistigtes Gesicht,
ihre schmerzerfüllten Züge, ihren erhabenen Blick, als sie so still
auf ihrem Sterbebette lag, in die Erinnerung zurück, noch hörte sie
ihren sehnsüchtig geflüsterten Wunsch, in den Schoß des allmächtigen Vaters zurückkehren zu dürfen, als eine schwache Stimme vom
Bette her murmelte:
,Wer ist da?
Jane wußte, daß Mrs. Reed schon tagelang nicht mehr gesprochen hatte. Kehrte sie denn zum Leben zurück? Sie ging zu ihr
,Ich bin es, Tante Reed.
,Wer -- ich!'' lautete ihre Antwort. ,Wer bist du? und
dabei blickte sie Jane erstaunt und ein wenig erschrocken, aber doch
nicht wild und abwesend an. ,Du bist mir ja ganz fremd - wo
ist Bessie?
,Sie ist im Parkhüterhäuschen, Tante.
,Tante!' wiederholte sie. ,Wer nennt mich Tante? Du bist
doch keine von den Gibsons? und doch kenne ich dich-- das Gesicht, und jene Stirn, und die Augen- das alles ist mir so bekannt; du siehst aus wie-- wie -- nun ja, wie Jane Eyre!
Aber du bist es doch nicht!
Jane schwieg, denn sie fürchtete, eine Katastrophe herbeizuführen, wenn sie sich für Jane Eyre erklärte.
,Und doch, sagte Mrs. Reed weiter,,wünschte ich Jane Eyre
zu sehen.
Sanft und vorsichtig erklärte Jane, daß sie Jane Eyre sei, und
als sie bemerkte, daß die Tante sie verstand, und daß sie vollständig
bei Besinnung war, teilte sie ihr mit, daß Bessie ihren Mann nach
Thornfield geschickt habe, um sie nach Gateshead zu holen.
,Ich weiß, daß ich sehr krank bin, sagte Mrs. Reed nach einer
Weile. Vor ein paar Minuten versuchte ich, mich im Bette umzudrehen und fühlte, daß ich kein Glied mehr rühren kann. Es
wäre gut, wenn ich mein Gemüt erleichtern könnte, bevor ich sterbe.
Was uns wenig zu denken gibt, wenn wir gesund sind, lastet schwer
auf uns in einer Stunde, wie diese es für mich ist. Wärterin, sind
Sie da? Oder ist außer dir noch jemand im Zimmer??
Jane versicherte ihr, daß sie allein seien.
, Nun, ich habe dir zweimal ein Unrecht zugefügt, das ich
jetzt bereue. Das eine war, daß ich das Versprechen brach, welches
ich meinem Manne gegeben, dich stets wie mein eigenes Kind halten
zu wollen; das andere' hier hielt sie inne.
, Nun, vielleicht ist es doch von keiner großen Bedeutung,'
murmelte sie vor sich hin, ,und vielleicht werde ich wieder gesund, und dann wäre der Gedanke schrecklich, mich so vor ihr gedemütigt zu haben.
Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu verändern, aber
es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte sich; sie schien eine innere
Bewegung zu spüren, vielleicht die Vorboten des letzten
Kampfes.
, Nun, ich muß darüber fortkommen. Die Ewigkeit liegt
vor mir. Es ist doch besser, wenn ich es ihr sage. Geh an meinen
Toilettekasten, öffne ihn und nimm den Brief heraus, den du dort
finden wirst.
Jane tat, wie sie ihr befahl.
, Lies den Brief,. sagte sie.
Er war kurz und enthielt folgendes:
,Madame!
Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner Nichte
Jane Eyre zu schicken und mir mitzuteilen, wie es ihr geht. Es
ist meine Absicht, ihr binnen kurzem zu schreiben und sie aufzufordern, daß sie zu mir nach Madeira herauskommt. Die Vorsehung hat meine Bemühungen mit Erfolg gekrönt, ich habe mir
ein Vermögen erworben. Und da ich unverheiratet und kinderlos, so bin ich willens, sie noch bei Lebzeiten zu adoptieren und
ihr bei meinem Tode alles zu hinterlassen, worüber ich verfügen
kann.
Ich zeichne mich, Madame, usw. usw.
John Eyre, Madeira.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Weshalb ist mir dies niemals mitgeteilt worden?' fragte
Jane langsam.
,Weil ich dich zu sehr und zu unabänderlich haßte, um die
Hand dazu zu leihen, daß du zu Wohlstand gelangtest. Ich konnte
dein Betragen gegen mich nicht vergessen,Jane, die Wut nicht vergessen, mit welcher du dich einst gegen mich gewandt hast; den Ton
nicht, in welchem du mir erklärt, daß du mich mehr hassest als irgend
jemand auf der Welt; die unkindliche Stimme nicht, nicht den unnatürlichen Blick, mit dem du gesagt, daß der bloße Gedanke an
mich dich krank mache, mit dem du versichert, daß ich dich mit der
elendesten Grausamkeit behandelt habe. Ich konnte meine eigenen
Empfindungen nicht vergessen, die ich gehegt, als du damals aufsprangst und all das Gift deiner Seele über mich ausgossest: ich
hatte Furcht empfunden, wie wenn ein Tier, das ich gestoßen oder
geschlagen, mich plötzlich mit menschlichen Augen angesehen und
mich mit einer menschlichen Stimme verflucht hätte. Bring mir
einen Tropfen Wasser! Aber beeile dich! O! Beeile dich!''
,Liebe Mrs. Reed!' sagte Jane, indem sie ihr den gewünschten Trunk reichte, ,denken Sie nicht mehr an all diese Dinge.
schlagen Sie sich dieselben aus dem Sinn. Verzeihen Sie mir
meine leidenschaftliche Sprache: ich war damals ein Kind; acht,
fast neun Jahre sind seit jenem Tage vergangen.'
Sie beachtete Janes Worte nicht; als sie aber das Wasser getrunken und tief Atem geholt hatte, fuhr sie folgendermaßen fort:
,Ich sage dir, ich konnte es nicht vergessen, und ich suchte meine
Rache. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dein Onkel
dich adoptieren und dich damit zu Glück und Wohlstand gelangen
lassen wollte. Ich schrieb an ihn. Ich sagte, daß es mir leid täte
um den Kummer, den ich ihm bereiten müsse, aber Jane Eyre sei
tot, sie sei am Typhus in Lowood gestorben. jetzt magst du tun,
was dich gut dünkt; schreib ihm und widersprich meinen Angaben,
decke meine Lügen auf, sobald du willst. Ich glaube, du warst
nur mir zur Qual geboren; meine letzte Stunde wird durch die
Erinnerung an eine Tat gemartert, welche ich niemals zu begehen
versucht gewesen, wenn es sich nicht um dich gehandelt hätte.
,Wenn ich dich nur überreden könnte, Tante Reed, nicht mehr
an diese Angelegenheit zu denken und mich mit Güte und Nachsicht
und Vergebung anzusehen
,Du hast einen sehr bösen Charakter,. sagte sie, ,und dazu
einen, den ich bis auf den heutigen Tag nicht zu begreifen imstande gewesen. Ich werde es nie verstehen, wie du während neun
Jahren jede schlechte Behandlung ruhig und geduldig hinnehmen
konntest, um im zehnten in Wut und Heftigkeit auszubrechen.
,Mein Charakter ist nicht so schlecht, wie Sie glauben, Tante
Reed, ich bin leidenschaftlich, aber nicht boshaft. Als ich ein
kleines Kind war, wäre ich oft froh und glücklich gewesen, wenn
Sie sich von mir hätten lieben lassen wollen, und ich sehne mich
jetzt von ganzem Herzen nach einer Versöhnung. Küssen Sie mich,
Tante.
Jane näherte ihre Wange den Lippen ihrer Tante; aber sie
berührte dieselbe nicht. Sie sagte, es beängstige sie, wenn sich
jemand über das Bett lehne, und verlangte wiederum zu trinken.
Als Jane sie wieder niederlegte, denn während des Trinkens hatte
sie sie aufgerichtet und mit ihrem Arm gestützt, bedeckte sie ihre eis-

Janes Blick.
,Nun, wie Sie wollen, hassen Sie mich oder lieben Sie mich,!
sagte diese endlich,, Sie haben meine volle Verzeihung; bitten Sie
jetzt den allmächtigen Gott um seine Vergebung und finden Sie
Frieden.'
Armes, gequältes Weib! jetzt war es zu spät für sie. Jetzt
konnte sie keine Anstrengung mehr machen, um ihr Gemüt zu
ändern. Während ihres Lebens hatte sie Jane nur gehaßt, auch
im Tode mußte sie sie noch hassen.
Jetzt trat die Wärterin ein und Bessie folgte ihr.
Jane verweilte noch eine halbe Stunde, immer auf ein Zeichen
von Freundlichkeit und Vergebung hoffend: aber es war umsonst,
die Sterbende sah sie nicht mehr. Sie sank immer mehr und mehr in
Bewußtlosigkeit; die Besinnung kehrte nicht wieder. Um zwölf
Uhr in jener Nacht starb sie.
Jane war nicht da, um ihre Augen zudrücken zu können; auch
ihre Töchter weilten nicht bei ihr. Am nächsten Morgen kamen
die Wärterin und Bessie, um ihnen mitzuteilen, daß alles vorüber
sei. Man hatte sie schon auf das Paradebett gelegt. Eliza und
Jane gingen, um sie noch einmal zu sehen. Georgina brach in
lautes, krampfhaftes Weinen aus und sagte, sie habe nicht den
Mut zu gehen. Da lag nun Sarah Feeds einstmals so kräftiger,
lebensvoller Körper, starr und kalt und still. Die kalten Lider
bedeckten das scharfe, erbarmungslose Auge; die Stirn und die
starren Züge trugen noch den Stempel ihrer unbeugsamen, unerbittlichen Seele. Dieser Leichnam hatte etwas Seltsames, Feierliches für Jane. Mit Schauer und Kummer blickte sie auf ihn
herab: nichts Sänftigendes, nichts Friedliches, nichts Erbarmungsreiches oder Hoffnung erweckendes oder ruhig Stimmendes
flößte er ihr ein; nur einen herzzerreißenden, angstvollen Jammer
um ihr Weh und ein düsteres, tränenloses Entsetzen über die
Grauen des Todes in dieser Gestalt.
Eliza blickte ruhig auf ihre Mutter herab. Nach einigen Minuten des Schweigens bemerkte sie:
,Mit ihrer Körperbeschaffenheit hätte sie ein schönes, hohes
Alter erreichen können. Aber Kummer hat ihr Leben verkürzt.
Dann zog ihr Mund sich einen Augenblick krampfhaft zusammen. Aber nur für einen Augenblick. Gleich darauf wandte
sie sich ab und ging zur Tür hinaus. Dasselbe tat Jane. Keine
hatte eine Träne vergossen.

Fünfzehntes Kapitel.
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, waren Kisten und
Kasten schwer; als ich wieder kam, als ich wieder kam, war alles leer.

Mr. Rochester hatte Jane nur eine Woche Urlaub gegeben,
aber trotzdem verflossen mehr als sechs Wochen, ehe sie Gateshead
verließ. Sie wollte unmittelbar nach dem Begräbnis abreisen,
aber Georgina flehte sie an zu bleiben, bis es ihr möglich sein
würde, nach London abzureisen, wohin ihr Onkel, Mr. Gibson,
sie nun endlich, endlich eingeladen hatte. Dieser war hinaus gekommen, um alle Anstalten für das Begräbnis seiner Schwester
zu treffen und die Geldangelegenheiten der Familie zu ordnen.
Georgina sagte, sie fürchte sich mit Eliza allein zu bleiben; von
ihr hatte sie weder Hilfe in ihrer Bedrängnis noch Unterstützung
bei ihren Reisevorbereitungen zu erhoffen. Daher ertrug Jane
denn ihr kleinmütiges Jammern und ihre selbstsüchtigen Klagen
se gut sie konnte und tat ihr Bestes, indem sie für Georgina nähte
und arbeitete und Wäsche und Kleider für sie einpackte. Es ist
wahr, daß die müßig umherging, während Jane arbeitete, und
gar oft dachte Jane in ihrem Sinne: ‘Nun Cousine, wenn wir beide verurteilt wären, miteinander zu leben, so würden wir die Sache bald anders anfassen. Ich würde mich nicht gutwillig
darein finden, der arbeitende Teil zu sein; ich würde auch dir
deinen Teil der Arbeit zukommen lassen und dich zwingen ihn zu
tun, wenn er nicht ungetan bleiben sollte. Und ich würde auch
darauf bestehen, daß du einige dieser nur halb aufrichtig empfundenen, schleppenden Klagelieder in deine eigene Brust verschlössest.
Nur, weil unser Verkehr zufällig ein sehr vorübergehender ist und
in eine sehr traurige Zeit fällt, finde ich mich darein, so geduldig
und gutwillig dir gegenüber zu sein.
Endlich kam der Augenblick für Georginas Abreise, aber jetzt
war die Reihe an Eliza, Jane zu bitten, daß sie noch eine Woche
dableibe. Wie sie sagte, nahmen ihre Pläne all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie war im Begriff, in irgendein unbekanntes Land abzureisen und während des ganzen Tages hielt
sie sich in ihrem Zimmer auf. Die Tür war von innen verschlossen,
und sie beschäftigte sich damit, Koffer zu packen, Schiebladen zu
leeren, Papiere zu verbrennen, ohne daß jemand sie bei dieser Arbeit hätte stören dürfen. Von Jane wünschte sie, daß sie sich um
den Haushalt kümmere, Besucher empfing und Kondolenzschreiben
beantworte.
Eines Morgens sagte sie Jane, daß sie ihrer jetzt nicht weiter
bedürfe.,Und,’ fügte sie hinzu, ,ich bin Ihnen sehr verbunden
für Ihre außerordentlichen Dienste und Ihr vornehmes Verhalten.
Es ist freilich ein großer Unterschied, ob man mit Ihnen lebt oder
mit Georgina. Sie tragen Ihre eigene Last in Leben und quälen
und belästigen niemand. Morgen,'' fuhr sie fort, ,begebe ich mich
nach dem Kontinent. Ich werde meinen Aufenthalt in einem frommen Hause bei Lisle nehmen ein Nonnenkloster, wie man
es zu nennen pflegt. Dort werde ich ruhig und ungestört leben.
Ich werde mich für einige Zeit der Prüfung des römisch-katholischen Dogmas widmen und sorgfältig die Werke über diese Lehre ;
prüfen. Wenn ich finde, wie ich es halb und halb erwarte, daß
es dasjenige ist, welches darauf berechnet ist, alle Dinge des Lebens in guter Ordnung und ruhig ausführen zu können, so werde
ich mich zu den Lehren bekennen, welche von Rom ausgegangen
sind, und wahrscheinlich den Schleier nehmen.
Jane drückte durchaus kein Erstaunen über diesen Entschluß
aus und versuchte ebensowenig, sie von demselben abzubringen.
Als sie sich trennten, sagte sie: ,Leben Sie wohl, Cousine
Jane Eyre; möge es Ihnen gut gehen, Sie besitzen ziemlich viel
Einsicht und Verstand.
Mit diesen Worten trennte sie sich von Jane und jede ging
ihres Weges.
Da keine Gelegenheit mehr sein wird, wieder auf sie oder ihre
Schwester zurückzukommen, soll hier für die neugierige Leserin
noch erwähnt werden, daß Georgina eine vorteilhafte Heirat mit
einem sehr reichen Manne von Welt schloß, und daß Eliza in der
Tat den Schleier nahm und heute Oberin des Klosters ist, in welchem sie die Zeit ihres Noviziats zubrachte. Ihr Vermögen hat sie
demselben ebenfalls vermacht.
Endlich war für Jane wieder die Zeit der Freiheit gekommen
und sie sehnte sich sehr nach Thornfield und seinen Bewohnern.
So beschleunigte sie ihre Vorbereitungen zur Rückkehr und bald
saß sie im Postwagen. Die Reise war sehr langweilig. Fünfzig
Meilen am ersten Tage, Nachtruhe in einem Landwirtshause,
fünfzig Meilen am zweiten Tage. Während der ersten zwölf
Stunden dachte sie an Mrs. Reed und ihre letzten Stunden. Dann
fielen ihr Eliza und Georgina ein. Sie sah die eine inmitten aller
Vergnügungen, die andere als die Bewohnerin einer Klosterzelle.
Die späte Ankunft in dem Landstädtchen F... verjagte diese
Gedanken; die Nacht zog herbei und Jane schlief fest.
Tief am Nachmittage des zweiten Tages kam sie in Millcote an.
Sie hatte Mrs. Fairfax den Tag ihrer Ankunft nicht bekannt
gegeben, denn sie wünschte nicht, daß man ihr irgendein Fuhrwerk nach Millcote entgegenschickte. Sie hatte sich vorgenommen,
die Strecke Weges ruhig allein zu gehen und nachdem sie ihren
Koffer in dem Gasthause zurückgelassen hatte, machte sie sich unbemerkt aus dem Hotel zum heiligen Georg' davon und schlug an
einem schönen Juniabende gegen sechs Uhr die alte Straße nach
Thornfield ein, einem Weg, der hauptsächlich durch Felder führte
und wenig benutzt wurde.
Es war ein warmer, linder, aber kein strahlender, heißer
Sommerabend; die Wiesenarbeiter waren am ganzen Wege entlang beschäftigt; der Himmel versprach gutes Wetter für die kommenden Tage; seine Bläue war milde, und einzelne Wolken zogen
hoch und durchsichtig dahin. Auch der Westen war warm; keine
wässerigen Strahlen störten das Bild, es war, als sei ein Feuer
angezündet, als brenne ein Altar hinter jenem dunstigen Vorhange, und wo dieser hier und da zerrissen war, schien eine goldige
Röte hervor.
Fröhlichkeit kam über Jane, als sie den vor ihr liegenden
Weg immer kürzer werden sah; sie wurde so froh, als ob sie wieder
in ihr eigenes Heim oder an einen dauernden Ruheplatz, oder an
einen Ort zurückkehre, wo treue Freunde ihrer harrten und ihre
Ankunft herbeisehnten.
Sie dachte des freundlichen Lächelns von Mrs. Fairfax, Sie
sah schon die kleine Adele in die Hände klatschen und vor Freude
springen, auch blickte sie erwartungsvoll ihrem gütigen Herrn entgegen.
Immer schneller eilte Jane, um die ersten Wipfel des wohlbekannten Parks zu erspähen! Mit welchem Gefühl sie einzelne
Bäume bewillkommte, die sie kannte. Liebgewordene Aussichten
auf Wiesen und Hügel! Endlich erhoben der Park und das Gehölz sich vor ihr. Düster lag der Krähenhorst da: ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Abends. Ein seltsames Entzücken kam über Jane. Sie rannte fast vorwärts. Noch ein
Feld zu durchkreuzen - einer gewundenen Heckengasse nachzugehen - und da lagen die Mauern des Hofes, die Wirtschaftsgebäude. Das Haus selbst war noch inter dem Krähenhorst verborgen.
,Zuerst will ich es an der Vorderseite wiedersehen, beschloß
Jane, ,wo die kühnen Zinnen sofort einen erhabenen Eindruck auf
das Auge machen.
Jane war an der niederen Mauer des Obstgartens entlang
gegangen, jetzt wandte sie sich um die Ecke; gerade hier war eine
Pforte, welche auf die Wiese hinausging zwischen zwei steinernen
Pfeilern, welche von großen Steinkugeln gekrönt waren. Hinter
einem Pfeiler hervor würde sie ruhig auf die volle Front des
Herrenhauses blicken können. Von diesem Standpunkt aus beherrschte sie sowohl die lange Vorderseite, wie die Fensterreihen
und die Zinnen. jetzt ein kühner, langer Blick auf die Front: Da,
entsetzlich!
Höre ein Bild, liebe Leserin!
Denke dir, ein Sohn ist nach jahrelanger Abwesenheit zurückgekehrt in seine Heimat. Er hat seine Mutter nicht benachrichtigt,
denn er will sie überraschen. Stürmisch eilt er in ihr Haus, ihre
Wohnung. Er findet sein Mütterchen schlafend auf dem Ruhebett. Klopfenden Herzens nähert er sich ihr. Er will die lang
Entbehrte mit einer Umarmung, einem Kusse, erwecken. Er umschlingt die teure Gestalt, aber keine Bewegung in ihr, keine Antwort! Wild hallt sein Schrei, denn diejenige, von der er glaubt,
daß sie schläft, wird er nicht mehr erwecken, sie ist tot!
Also erging es der armen Jane.
Mit zitternder Freude hatte sie den Blick auf ein stattliches
Haus gerichtet: sie sah nur von Rauch geschwärzte Ruinen.
Es war nicht mehr nötig, sich hinter einem Thorpfeiler zusammen zu kauern, nach den Fenstern emporzublicken. Es war
nicht mehr nötig, dem Offnen und Schließen von Türen zu
lauschen oder sich einzubilden, daß menschliche Tritte auf der Terrasse oder den Kieswegen zu vernehmen seien. Der Garten, der
Park waren niedergetreten und verwüstet; das Portal gähnte ihr
in fürchterlicher Leere entgegen. Die Vorderseite des Hauses war
nur eine hohle Mauer, hoch und zerbrechlich aussehend, hier und
da durch leere Fensterhöhlen unterbrochen. Kein Dach, keine Zinnen, keine Schornsteine -- alles war in Trümmer gefallen.
Und überall herrschte die Ruhe des Todes, die Stille einer
öden Wildnis!
Wie war doch das Schreckliche geschehen? Wessen Leben war
zu beklagen? Wo befanden sich die Insassen des Hauses? Der
gütige Herr, die freundliche Haushälterin, das liebe Kind und die
treuen Diener? Schreckliche Frage! Niemand war da, der Jane
diese Fragen beantworten könnte, und doch mußte sie Antwort
haben.
Da fiel ihr ein, daß sie nur in dem Wirtshause eine solche erhalten konnte, und sie begab sich dorthin. Der Wirt selbst brachte
ihr das bestellte Frühstück ins Wohnzimmer.
,Sie kennen Thornfield-Hall natürlich ? gelang es ihr endlich hervorzubringen.
,Ja, Madam, ich habe mich dort einmal aufgehalten. Ich
war der Kellermeister des verstorbenen Mr. Rochester.'
Des verstorbenen! Mit voller Wucht war der Schlag auf
Jane gefallen.
,Des verstorbenen!'' stieß sie endlich mühsam hervor. ,Ist
er denn tot?
,Ja, erwiderte der Wirt.
Er erzählte jetzt, daß das Schloß das Opfer eines furchtbaren
Frevels geworden sei. Schon seit längerer Zeit hätte sich in den
Wäldern um Thornfield eine Zigeunerbande umhergetrieben.
welche der ganzen Umgegend durch ihr beispiellos freches Rauben
und Plündern lästig geworden sei. Ja, zuletzt ging die Frechheit
dieser Elenden so weit, daß sie ihre Raubzüge sogar bis nach Thornfield-Hall ausdehnten. Hierbei sei einer dieser Halunken gefaßt,
von dem wütenden Mr. Rochester ordentlich durchgeprügelt und
dann der Polizei übergeben worden. Die Zigeuner schwuren dem
Schloßherrn furchtbare Rache und bald zeigte es sich, daß dies
keine leere Drohung war.
Vor etwa vier Wochen schlichen sich mitten in der Nacht, als
alles im Schlosse fest schlief, einige Mitglieder der Diebesbande
ins Schloß und zündeten dieses an mehreren Seiten zugleich an,
nachdem sie noch vorher an möglichst vielen Orten des Gebäudes
reichliches Brennmaterial aufgestapelt hatten. Als die Bewohner
des Schlosses erwachten, stand das Haus schon voller Flammen,
und man konnte nur an Rettung des nackten Lebens denken. Fast
alle wurden besonders durch die tatkräftige Hilfe des Herrn gerettet. Da hörte dieser, daß sich im obern Stockwerk noch eine
Dienerin befände, und gleich darauf vernahm er ihren Hilferuf.
Den wackeren Mr. Rochester hielt nichts mehr. Obgleich
schon an Bart und Haar versengt stürzte er abermals in das
Flammenmeer. Er trug die Hilfeflehende mitten durch Rauch
und Flammen die Treppen hinunter. Schon jauchzten ihm die
draußen Stehenden zu, als ein Balken sich löste, und gerade auf
Mr. Rochesters Haupt fiel; die von ihm Gerettete war nur leicht
verletzt worden, den braven Retter zog man tot unter dem Balken
hervor.
Schluchzend vernahm Jane dieses furchtbare Ereignis und
konnte lange nicht ihrer Tränen Herr werden. Auf weiteres Befragen erfuhr sie, daß Mrs. Fairfax, der schon zu Lebzeiten des
Mr. Rochester eine Leibrente ausgesetzt gewesen sei, nach ihrer Heimat zurückgekehrt wäre, einem Dorfe in der Grafschaft... shire
im nördlichen England, und daß sich Adele bei ihr befinde; die
Bonne des Kindes habe eine Stellung in London angenommen.
So war wieder alles aus für die arme Jane. Die neue Heimat, die lieben Menschen, die Ruhe und der Frieden war wie ein
Hauch in der Luft entschwunden, wie eine Fata Morgana - wie
ein Nichts.
Was sollte sie jetzt beginnen? Keine Heimat, keine Zuflucht.
keinen Freund. Wohl besaß sie noch etwas Geld, doch wie weit
würde das reichen. Nur weg wollte sie jetzt, weg von dem Orte
des Grauens und des Unglücks. Am nächsten Morgen schon
wollte sie ihre freudlose Wanderschaft aufnehmen.

Sechzehntes Kapitel.
In der Irre.
Eine Meile von Thornfield hinter den Feldern zog sich eine
Straße hin, welche in die entgegengesetzte Richtung von Millcote
führte; auf dieser geht früh am anderen Morgen unsere Jane.
Sie ging an den Feldern entlang, an Hecken und Gäßchen,
bis die Sonne aufgegangen war. Es war ein unendlich lieblicher
Sommermorgen. Aber sie blickte weder zur Sonne empor, noch
zu dem lächelnden Himmel, noch herab auf die eiwachende Natur,
sie dachte nur an das heimatlose Umherwandern.
Als sie die Landstraße erreichte, war sie gezwungen, sich zu
setzen und unter einer Hecke auszuruhen. Wie sie so dasaß, vernahm sie das Geräusch von Rädern und sah einen Wagen des
Weges kommen. Sie stand auf und winkte mit der Hand. Als
der Wagen anhielt, fragte sie, wohin er führe. Der Kutscher
nannte einen weit entfernten Ort. Sie fragte, für welche Summe
er sie nach dort mitnehmen würde; er antwortete: für dreißig z
Schillinge; sie entgegnete ihm, daß sie nur zwanzig besäße. Nun,
er wolle sie auch dafür mitnehmen. Dann erlaubte er ihr noch,
sich in das Innere des Wagens zu setzen, da er leer war. Sie stieg
ein. Die Tür wurde zugeschlagen und der Wagen fuhr
weiter.
Zwei Tage sind vorüber. Es ist ein Sommerabend. Der
Kutscher hat Jane an einem Orte abgesetzt, der Whitcroß heißt.
Für die Summe, die sie ihm gezahlt, konnte er sie nicht weiter mitnehmen, und auf der ganzen Welt besaß sie nicht einen einzigen
Schilling mehr. Um diese Zeit ist der Wagen schon eine ganze Meile
weit fort. Sie ist allein. Und jetzt entdeckt sie, daß sie vergessen
hat, ihr Paket aus der Wagentasche zu nehmen. Dieses hatte sie
aus den notwendigsten Reisegegenständen gebildet, nachdem sie
dem Gastwirt in Millcote ihren Reisekoffer überlassen. jetzt ist sie
von allen Mitteln entblößt.
Whitcroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Marktflecken; es
ist nur ein steinerner Pfeiler, welcher dort aufgerichtet ist, wo vier
Wege sich kreuzen; weiß angestrichen, damit er in der Ferne und in
der Dunkelheit sichtbarer und in die Augen fallender ist. Vier
Arme gehen von seiner oberen Spitze aus; die nächstgelegene
Stadt, zu welcher diese zeigen, ist der Inschrift nach noch zehn Meilen
von hier entfernt. Durch den wohlbekannten Namen dieser Stadt
erfährt Jane, in welcher Grafschaft sie ausgestiegen ist. Eine nördliche Binnenland-Grafschaft, mit düsterem Moorland, von Bergen
eingerahmt. Hinter ihr und zu beiden Seiten von ihr sind große
Torfmoore. Die Bevölkerung hier ist nur spärlich und weder
Fußgänger noch Reiter sind auf diesen Straßen zu sehen. Sie alle s
sind über das Moor gelegt und das Haidekraut wächst wild und
üppig bis an den Grabenrand. Sie schritt bald direkt auf die
Haide und hielt sich in einem kleinen Durchgang, welcher die
braune Moorerde tief durchfurchte. Sie watete knietief in der dunklen
Vegetation, folgte all seinen Biegungen und als sie einen moosbewachsenen Granitfelsen in einem verborgenen Winkel fand,
setzte sie sich. Hohe Moordämme umgaben sie, die Klippe beschütte ihr Haupt. Und über all. diesem war der Himmel.
Es verging einige Zeit, bevor sie sich selbst hier sicher fühlte.
Sie hatte eine unbestimmte Furcht, daß wilde Viehherden in der
Nähe sein könnten, oder daß ein Wilddieb sie entdecken könne. Wenn
ein Windstoß über die Fläche fortfegte, blickte sie erschreckt empor
und meinte, es könne der ungestüme Anlauf eines Stiers sein;
wenn ein Regenvogel pfiff, so glaubte sie, es seien menschliche
Laute. Mls sie indessen einsah, daß ihre Befürchtungen unbegründet seien, und die tiefe Stille, welche beim Hereinbrechen der Nacht
herrschte, sie beruhigte, da faßte sie Vertrauen.
Doch was sollte sie jetzt beginnen? Wohin sich wenden?
Wenn ihre müden, zitternden Glieder noch einen langen, langen
Weg zurücklegen mußten, bevor sie menschliche Wohnungen erreichen konnte, wenn sie das kalte Mitleid in Anspruch nehmen
mußte, bevor sie eine Unterkunft fand; widerstrebende Barmherzigkeit anrufen, herzlose Zurückweisungen ertragen, ehe überhaupt
jemand ihre Not anhören, oder ihr irgendwelche Arbeit bieten
würde. Sie berührte den Haideboden, er war trocken und noch warm
von der Hitze des Sommertages. Sie blickte zum Himmel empor;
er war klar; ein freundlicher Stern funkelte gerade über dem
Gipfel der Felsenklippe. Der Tau fiel, aber glücklicherweise sehr
schwach; nicht ein Windhauch störte die Ruhe. Die Natur schien
ihr gut und wohlwollend; sie glaubte, daß sie die arme Verlassene
liebe. Heute Nacht wollte sie wenigstens ihr Gast sein. Mutter
Natur würde ihr ja Obdach gewähren ohne Geld, ohne Preis.
Jane hatte noch einen kleinen Bissen Brot, den Rest einer Semmel,
welche sie in einer Stadt gekauft, die sie um die Mittagszeit passiert, gekauft mit einem losen Pfennig, den sie noch zufällig bei sich
gefunden. Hier und da sah sie reife Heidelbeeren; sie pflückte eine
Handvoll davon und sie zu dem Brote. Ihr zuvor noch nagender Hunger war, wenn auch nicht gestillt, so doch gemildert durch
dieses Einsiedlermahl. Zuletzt sagte sie ihr Abendgebet und dann
suchte sie ihr Nachtlager.
Neben der Felsenklippe war das Haidekraut sehr hoch. Als !
sie sich niederlegte, waren ihre Füße beinahe darin begraben; an
beiden Seiten wuchs es so hoch, daß es fast über ihr zusammenschlug und dem Hereindringen der Nachtluft nur wenig Raum gewährte. Sie legte ihren Schal doppelt zusammen und breitete
ihn wie eine Decke über sich; eine unmerkbare, moosige Erhöhung
bildete ihr Kopfpolster. So verwahrt, spürte sie wenigstens beim
Beginn der Nacht keine Kälte.
Die Nacht war gekommen und ihre Planeten waren aufgegangen; eine schöne, stille Nacht, zu rein und klar, als daß man
der Furcht hätte Raum geben können. Wohl wissen wir, daß Gott
allgegenwärtig ist; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am
deutlichsten, wenn seine größten und herrlichsten Werke im Glanze
vor uns ausgebreitet liegen. Und der unbewölkte Nachthimmel,
an dem seine Welten ihren stillen Kreislauf vollenden, macht uns
am meisten seine Unendlichkeit, seine Allmacht, seine Allgegenwärtigkeit empfinden! Jane hatte sich auf die Knie erhoben, um
zu beten. Als sie mit tränenblinden Augen aufsah, erblickte sie
die gewaltige Milchstraße. Indem sie sich erinnerte, was sie eigentlich sei, eine Million von Welten, fühlte sie die Macht und die Kraft
Gottes. Sie war sicher, daß ohne seinen Willen kein Geschöpf
untergehen könnte.
Sie legte sich wieder an die Brust der Erde und nicht lange
dauerte es, so hatte sie im Schlaf allen Kummer vergessen.
Aber am nächsten Tage trat die Not bleich und hager an
sie heran. Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen
hatten, lange nachdem die Bienen während der süßen Jugend des
Tages den Honig aus den Haideblüten gesogen, bevor der Tau noch
getrocknet, erhob sie sich und blickte umher.
Welch ein stiller, warmer, herrlicher Tag! Welch eine goldene
Wüste dieses weite Moor! Überall Sonnenschein! Sie sah eine
Eidechse über den Felsen huschen; sie sah eine Biene geschäftig
zwischen den süßen Haidelbeeren. Wie gern wäre sie in diesem
Augenblick Biene oder Eidechse gewesen; dann hätte sie hier hinreichende Nahrung, schützendes Obdach gefunden. Aber sie war
ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines mensch
lichen Wesens. Sie durfte nicht weilen, wo sie nichts fand, um
sie zu befriedigen. Sie erhob sich und blickte zurück auf das Lager,
das sie verlassen. Sie hegte nur den einen Wunsch: daß der
Schöpfer es für gut befunden hätte, während ihres Schlafes dieser
Nacht die Seele von ihr zurückzufordern. Aber das Leben war
noch immer in ihr mit seinen Erfordernissen und Bedürfnissen.
Diese mußten befriedigt werden.
Sie machte sich auf den Weg.
Als sie Whitcroß wieder erreicht hatte, schlug sie einen Weg
ein, welcher von der Sonne fortführte, die jetzt bereits hoch stand
und glühend herabbrannte. Lange ging sie vorwärts, und endlich
setzte sie sich ermüdet auf einen nahen Stein; da hörte sie eine
Glocke erklingen, eine Kirchenglocke.
Sie wandte sich nach der Richtung, aus welcher der Schall
kam, und dort, zwischen den Hügeln sah sie einen Weiler und einen
Kirchturm. Das ganze Tal zu ihrer Rechten war voll von Weiden,
Kornfeldern und Wäldern; ein glitzernder Strom lief zickzack durch
die verschiedenen Schattierungen der Wiesen, des reifenden Korns.
der düsteren Wälder und der hellen, sonnigen Fluren. Das schwere
Rollen von Rädern lenkte ihre Gedanken wieder auf die vor ihr
liegende Straße; sie sah einen hochbeladenen Wagen hügelaufwärts streben und eine kurze Strecke dahinter erblickte sie zwei
Kühe mit ihrem Treiber. Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren ihr also nahe. Sie wollte sich nun weiter schleppen,
versuchen zu leben und zu arbeiten wie die übrigen.
Gegen vier Uhr nachmittags kam sie in das Dorf. Am Ende
seiner einzigen Straße war ein kleiner Laden mit einigen Semmeln
und Broten im Fenster. Sie sehnte sich nach einem Laib Brot.
Durch solche Erfrischung war es ihr vielleicht möglich, einen gewissen Grad von Kraft wieder zu erlangen; ohne dieselbe war es
ihr unmöglich, weiter zu gehen. Sie fühlte, daß es entehrend sei,
an der Dorfstraße vor Hunger ohnmächtig zu werden. Besaß sie
denn nichts, was sie jenen Leuten zum Tausch gegen eins jener
Brote anbieten konnte? Sie dachte nach. Um den Hals hatte sie
ein kleines, seidenes Tuch geschlungen; sie hatte auch Handschuhe.
Sie wußte ja nicht, ob die Leute irgendeinen dieser Gegenstände
annehmen würden; wahrscheinlich würden sie es nicht tun aber
sie mußte es versuchen.
Sie trat in den Laden. Eine Frau war darin anwesend. Als
sie eine anständig gekleidete Person sah, eine Dame, wie sie vermutete, trat sie mit größter Höflichkeit vor. Womit sie der Dame
dienen könne? Jane kam fast um vor Scham! Ihre Zunge
konnte die wohlvorbereitete Bitte nicht hervorstammeln. Sie
wagte nicht, ihr die abgenützten Handschuhe oder das zerdrückte
Seidentuch anzubieten. Sie bat sie nur um die Erlaubnis, sich
einen Augenblick setzen zu dürfen, da sie sehr ermüdet sei. Getäuscht in ihrer Erwartung auf einen Kunden, gewährte sie Janes
Bitte fast widerstrebend. Sie zeigte auf einen Stuhl. Jane brach
darauf zusammen. Die Tränen waren ihr nahe, doch hielt sie sie
zurück.
Gleich darauf fragte sie die Bäckersfrau, ob im Dorfe eine h
Schneiderin oder eine einfache Handarbeiterin sei.
Ja, zwei oder drei. Gerade so viele, wie dort Beschäftigung?
finden könnten.
Jane dachte nach. Sie war aufs äußerste gekommen. Sie
sah der Not jetzt Aug' in Aug'.
,Ob sie von irgend einer Stelle in der Nachbarschaft wisse,
wo eine Dienerin gebraucht werde?
,Nein, sie wisse von keiner.
,Welches der hauptsächliche Handel an diesem Orte sei?
Womit die Mehrzahl der Leute sich beschäftige?
,Einige seien Landleute; viele von ihnen arbeiteten in der
Nadelfabrik von Mr. Oliver und in der Gießerei?
,Ob Mr. Oliver auch Frauen beschäftige?
,Nein, es sei Männerarbeit.
,Und womit beschäftigten sich die Frauen?
,Weiß nicht,' lautete die Antwort. ,Einige tun dies, andere
das. Arme Leute müssen zusehen, daß sie durchkommen.
Die Frau schien jetzt der Fragen müde zu sein, ein oder zwei
Nachbarn traten ein; augenscheinlich brauchte man den Stuhl.
Jane verabschiedete sich.
Sie ging die Straße hinauf und im Vorübergehen blickte sie
jedes Haus zur Linken und zur Rechten an. Aber sie konnte
keinen Vorwand, keine Veranlassung finden, irgendwo einzutreten.
Sie streifte im Dorfe umher; dann ging sie wieder ins Freie hinaus, um darauf eine Stunde oder später zurückzukehren. Völlig
erschöpft und leidend durch den Mangel an Nahrung schlug sie
einen Heckenweg ein und setzte sich unter die Hecke. Aber nur
wenige Minuten vergingen und sie war wieder auf den Füßen;
sie suchte immerwährend nach einem Ausweg oder doch nach jemandem, der ihr Auskunft geben konnte. Ein hübsches, kleines Haus
mit einem Garten davor stand am Ende des Gäßchens; der Garten
war außerordentlich wohl gepflegt und prangte im schönsten Blumenflor. Sie stand still vor demselben. Sie trat näher und klopfte
an. Eine sauber gekleidete, junge Frauensperson mit milden Gesichtszügen öffnete ihr die Tür. Mit einer leisen, stammelnden
Stimme fragte sie, ob man hier ein Dienstmädchen brauche.
,Nein,' sagte sie, , wir halten keine Magd.
,Können Sie mir denn nicht sagen, wo ich Beschäftigung
irgendwelcher Art finden kann? fuhr Jane fort. ,Ich bin hier
fremd, ohne Bekannte oder Freunde am Ort.
,Es täte ihr leid, ihr keine Auskunft geben zu können, und
die weiße Tür wurde geschlossen, zwar leise und höflich, aber Jane
war ausgeschlossen!
Der Hunger quälte Jane immer mehr. Sie näherte sich
wieder den Häusern; sie verließ sie und kehrte doch wieder zurück.
Dann wanderte sie von neuem fort, immer wieder fortgetrieben
durch das Bewußtsein, daß sie kein Recht zu betteln habe, kein
Recht zu erwarten, daß irgend jemand an ihrer verzweifelten Lage
Anteil nehme. Inzwischen neigte der Nachmittag sich seinem Ende
zu, während sie wie ein verlorener, verlassener Hund umherwanderte. Als sie über ein Feld ging, sah sie den Kirchturm vor
sich, sie eilte näher. In der Nähe des Friedhofes, inmitten eines
Gartens, stand ein kleines, aber schön gebautes Haus, welches
sie sofort für den Pfarrhof hielt. Es fiel ihr ein, daß es das
Amt des Priesters sei, denen zu helfen, welche sich selbst helfen
wollen. Ihr war's, als hätte sie etwas wie ein Recht, sich hier
Rat zu holen. So belebte sich denn ihr Mut von neuem und indem
sie den letzten schwachen Rest ihrer Kräfte zusammen nahm, wanderte sie vorwärts. Sie erreichte das Haus und klopfte an die
Küchentür. Eine alte Frau öffnete. Sie fragte, ob dies das
Pfarrhaus sei.
Ja.
,Ob der Pfarrer zu Hause sei.
,Nein,
,Ob er bald nach Hause kommen würde.
,Nein, er sei eine ziemliche Strecke vom Hause entfernt.
,Sehr weit?
,Nicht so sehr weit -- vielleicht drei Meilen. Er sei durch
den plötzlichen Tod seines Vaters abberufen; augenblicklich sei er
in Marsh End und würde dort wahrscheinlich noch vierzehn Tage
bleiben.
,Ob denn nicht die Hausfrau da sei?
,Nein, außer ihr niemand, und sie sei die Haushälterin.
Aber noch vermochte Jane nicht zu betteln. Sie kroch weiter.Wieder löste sie ihr kleines Halstuch, wieder fielen ihr die kleinen Brötchen in dem Ladenfenster des Dorfes ein. Ach, nur eine
Brotkruste! Nur einen Mund voll, um sich von dem grausamen Hungertode zu erretten! Wieder wandte sie das Gesicht dem Dorfe zu; sie fand den Laden und trat ein, und obgleich sich außer der Frau noch
mehr Leute dort befanden, wagte sie doch die Bitte, ob sie ihr
nicht ein Brötchen für das Seidentuch geben wolle.
Mit augenscheinlichem Mißtrauen blickte die Frau sie an.
,Nein, sie sei nicht gewohnt, auf diese Weise ihre Ware an
den Mann zu bringen.
Fast verzweifelt bat Jane um ein halbes Brot. Sie schlug
es ihr wieder ab. ,Wie könne sie denn wissen, wie sie zu dem Ding,
gekommen sei? sagte sie.
,Ob sie denn ihre Handschuhe wolle?
,Nein! Was sie damit anfangen solle?
Jane ging weiter. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam sie
Wieder löste sie ihr kleines Halstuch, wieder fielen ihr die kleinen
Brötchen in dem Ladenfenster des Dorfes ein. Ach, nur eine Brot-
an einem Meierhofe vorbei, an dessen geöffneter Tür der Pächter
saß und sein Abendbrot verzehrte, das aus Brot und Käse bestand.
Sie stand still und sagte:
,Wollen Sie mir ein Stück Brot geben? Ich bin sehr
hungrig.
Er warf einen Blick des Erstaunens auf sie; aber ohne zu
antworten, schnitt er eine derbe Schnitte von seinem Brot und
gab sie ihr. Er hielt sie nicht für eine Bettlerin, sondern nur für
eine Dame, welche von einem plötzlichen Appetit auf sein Schwarzbrot befallen war. Sobald Jane außer Sehweite war, sette sie
sich hin und begann zu essen.
Wieder war die Nacht angebrochen, und Jane suchte Zuflucht in einem nahen Walde. Aber es war eine fürchterliche
Nacht, sie fand keine Ruhe. Die Erde war feucht, die Luft kalt.
Kein Gefühl von Ruhe oder Sicherheit kam über sie. Gegen
Morgen regnete es. Der ganze folgende Tag war naßkalt. Wie
zuvor suchte Jane Arbeit, wie zuvor wurde sie abgewiesen, und
wie zuvor hungerte sie, nur einmal kam Nahrung über ihre Lippen.
An der Tür einer Hütte sah sie ein kleines Mädchen, das im Begriff stand, eine Schüssel voll kalten Haferbreis in den Schweinetrog zu schütten.
,Willst du mir das nicht geben? bat sie.
Das Kind starrte Jane an.
,Mutter,' rief sie dann aus, ,hier ist ein Weib, das den Brei
haben will.r
,Nun, Mädel,' erwiderte die Stimme von drinnen, ,gib ihn
ihr, wenn es eine Bettlerin ist. Das Schwein braucht ihn nicht.
Das Mädchen schüttete den steifen Brei in Janes Hand und
diese verschlang ihn gierig.
Als die naßkalte Dämmerung herabsank, hielt sie auf einem
einsamen Reitwege inne, den sie schon seit länger als einer Stunde
verfolgt hatte.
,Meine Kräfte verlassen mich jetzt gänzlich,! sagte sie im
Selbstgespräch.,Ich fühle, daß ich nicht viel weiter gehen kann.
Werde ich diese Nacht wieder eine Ausgestoßene sein? Muß ich
mein Haupt auf den kalten, durchweichten Erdboden legen, während der Regen in Strömen herabfließt? Ich fürchte, es wird
mir nichts anderes übrig bleiben. Aber es wird furchtbar sein;
mit diesem Gefühl des Hungers, der Ohnmacht, der Kälte, der
Trostlosigkeit. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde ich noch vor
Tagesanbruch sterben.
,O Gott! halte mich nur noch ein wenig länger aufrecht!
Hilf mir! Führe mich!
Ihr trübes Auge schweifte über die nebelige, verschwommene
Landschaft. Sie sah, daß sie weit vom Dorfe fortgeirrt war; es
war ihren Blicken gänzlich entschwunden. Auf Kreuzwegen und
Nebenpfaden war sie noch einmal dem Moorlande wieder nahe
gekommen, und jetzt lagen nur noch wenige Acker, die fast ebenso
wild und unfruchtbar waren wie die Heide, zwischen ihr und nebligen Bergen.
Nun, ich will lieber dort drüben sterben, als an der Landstraße oder an einem verkehrsreichen Wege,' dachte sie.
So wandte sie sich also den Hügeln zu. Sie erreichte diese.
Jetzt blieb ihr nur noch übrig, eine Höhlung zu finden, in der sie
sich verbergen, wenn auch nicht sicher fühlen konnte. Aber die
ganze Oberfläche der Einöde sah eben aus. Sie zeigte nur eine
Abwechslung: sie war grün, wo Binsen und Moose den Marschboden bedeckten, schwarz, wo der trockne Erdboden nichts trug als
Heidekraut.
Janes Auge schweifte noch über die düsteren Anhöhen, und
entlang dem Rande des Torfmoors, das sich in die wildeste
Szenerie verlor, als plötzlich an einem entfernten Punkt, weit hinein zwischen den Marschen und Höhen ein Licht aufblitzte.
,Das ist ein Irrlicht,' war ihr erster Gedanke, und sie erwartete, daß es bald wieder verschwinden werde. Es brannte indessen ganz stetig; es kam weder näher, noch entfernte es sich.
,Ist es denn ein Freudenfeuer, das soeben erst angezündet istE
fragte sie sich weiter. Sie beobachtete, ob es sich weiter ausdehnen werde; aber nein; so wenig wie es größer wurde, verkleinerte es sich.
,Es wird Kerzenschein aus einem Hause sein,'' vermutete sie
dann, ,aber wenn es auch der Fall, so werde ich es doch nimmer
erreichen können. Es ist viel zu weit entfernt. Und selbst, wenn es
nur eine Klafter weit von mir wäre, was könnte es nützen? Ich würde doch nur an die Tür klopfen, um zu eben, wie sie vor mir
geschlossen wird.’
Und sie sank zusammen, wo sie stand und drückte das Gesicht
gegen den Erdboden. Eine Weile lang lag sie still. Der Nachtwind zog über den Hügel und starb ächzend in der Ferne dahin.
Der Regen fiel unablässig und durchnäßte sie von neuem bis auf
die Haut. Wenn sie nur hätte erstarren können in der freundlichen, barmherzigen Kälte des Todes, so hätte er auf sie herabrieseln mögen, sie hätte ihn nicht gefühlt; aber ihr lebenswarmer
Körper schauderte zusammen unter seinem erkältenden Einfluß.
Es dauerte nicht lange, und sie erhob sich wieder.
Das Licht war noch immer da; es schien trübe aber beständig
durch den Regen. Jane versuchte, wieder zu gehen; sie schleppte
ihre erschöpften Glieder dem Lichte langsam entgegen. Dieses
leitete sie schräge über den Hügel durch einen weiten Sumpf, der
im Winter unpassierbar gewesen wäre und selbst jetzt im Hochsommer naß und unsicher war. Hier fiel sie zweimal. Aber ebenso
oft erhob sie sich wieder und nahm von neuem den Rest ihrer
Kräfte zusammen. Dieses Licht war ihr letzter Wagesatz im Hazardspiel des Lebens- sie mußte gewinnen!
Nachdem sie den Sumpf verlassen, sah sie eine weiße Spur
über das Moor führen. Sie näherte sich ihr; es war eine Straße
oder ein Pfad, der direkt auf das Licht hinführte, das jetzt
zwischen einer Gruppe von Bäumen heraus von einer Art Spitze
oder Gipfel herabschien. Die Bäume waren, soweit Jane es in
der Dunkelheit unterscheiden konnte, Tannen oder Fichten. Als
sie näher kam, verschwand ihr Stern; irgend ein Hindernis war
zwischen ihn und sie getreten. Jane streckte die Hand aus, um
die dunkle Masse vor sich zu fühlen; sie unterschied die rauhen
Steine einer niedrigen Mauer; darüber etwas, das Pallisaden
glich, und innerhalb eine hohe und dornige Hecke. Sie tastete sich
weiter. Wiederum leuchtete ein weißer Gegenstand vor ihr; es
war eine Pforte; sie bewegte sich in ihren Angeln, als Jane sie berührte.

Siebzehntes Kapitel.
Die Rettung.
Als sie in die Pforte trat und an den Büschen vorüberging.
erhob sich die Silhouette eines Hauses vor ihren Blicken. Schwarz.
niedrig und ziemlich lang; aber das rettende Licht schien nirgends
mehr. Alles war Dunkelheit. Hatten die Bewohner sich zur
Ruhe begeben? Sie fürchtete, daß es so sei. Als sie die Tür
suchte, kam sie um eine Ecke; da schoß der freundliche Lichtstrahl
wieder empor aus den länglichen Scheiben eines kleinen, vergitterten Fensters, das nur einen Fuß hoch über dem Erdboden gelegen
war; es war noch kleiner geworden durch die Ranken eines Efeus
oder irgend einer anderen Schlingpflanze, deren Blätter den ganzen Teil des Hauses bedeckten, in welchem diese Fensterhöhlung
sich befand. Die Öffnung war so verwachsen und eng, daß man
Vorhänge oder Fensterladen für unnötig erachtet hatte; und als
Jane sich hinabbeugte und die grünende Ranke beiseite schob,
welche es bedeckte, konnte sie alles sehen, was drinnen vorging.
Sie sah deutlich ein Zimmer mit einem reingescheuerten, sandbestreuten Fußboden; eine Kredenz von Nußholz, auf welcher zinnerne Teller in langen Reihen aufgestellt waren; diese waren so
blank, daß der Glanz und der rote Schein eines Torffeuers sich in
ihnen spiegelte. Sie konnte eine Ühx sehen, einen weißen Tisch
von Tannenholz und einige Stühle. Das Licht, dessen Strahl
ihr Leuchtturm gewesen, brannte auf dem Tische; und bei seinem
Schein strickte eine ältliche Frau, die ein wenig rauh aber peinlich
sauber aussah, an einem Strumpfe.
Jane bemerkte diese Dinge nur flüchtig; es lag nichts Außergewöhnliches in ihnen. Am Herde saß eine Gruppe, die mehr
Interesse in Anspruch nahm. Zwei junge, anmutige Damen saßen,
die eine in einem Schaukelstuhl, die andere auf einem niederen
Schemel; beide trugen tiefe Trauer; dies düstere Gewand ließ ihre
zarten Gesichter ganz besonders hervortreten; ein großer, alter
Vorstehhund hatte seinen Kopf auf den Schoß des einen Mädchens
gelegt; auf den Knien der anderen lag eine schwarze Kate gebettet.
Welch ein seltsamer Aufenthalt war diese bescheidene Küche
für solche Insassen! Wer waren sie? Unmöglich konnten sie die
Töchter jener ältlichen Person am Tische sein; denn diese sah aus
wie eine Bäuerin, und die Damen waren ganz Zartheit und Verfeinerung.
Es war so still innen, daß Jane die Asche durch den Rost
fallen, die Uhr in seinem dunklen Winkel ticken hören konnte; ja,
sie bildete sich sogar ein, daß sie das Klappern der Stricknadeln
jener alten Frau vernehmen könne. Als daher endlich eine
Stimme diese seltsame Stille unterbrach, war sie ihr deutlich und
hörbar genug.
,Hör doch, Diana, sagte eine der emsigen Leserinnen,
,Franz und der alte Daniel sind bei Nachtzeit zusammen und
Franz erzählt einen Traum, aus dem er mit Entsetzen erwacht ist,
hör nur!' Und mit leiser Stimme las sie etwas, wovon Jane
nicht ein einziges Wort verständlich war; denn es war in einer ihr
unbekannten Sprache.
,Gibt es denn wirklich und wahrhaftig ein Land, wo die Leute
so eine sonderbare Sprache reden? fragte die alte Frau, indem sie
von ihrer Arbeit aufsah.
,Ja Hannah, ein viel größeres Land als England, wo sie gar
nicht anders reden.
,Nun, meiner Seel, da begreif ich doch nicht, wie sie einander
verstehen können; wenn nun eine von euch dorthin reiste - glaubt
ihr, daß ihr jemand verstehen könntet?
,Wahrscheinlich würden wir etwas von dem verstehen, was
die Leute dort sprechen, wenn auch nicht alles- denn wir sind
nicht so gelehrt, wie du meinst, Hannah. Wir sprechen nicht so gut
deutsch und wir können es nicht lesen, ohne ein Wörterbuch zur
Hilfe zu nehmen.
, Und was für Gutes habt ihr davon?!
, Wir beabsichtigen, es eines Tages zu lehren - oder doch
wenigstens die Anfangsgründe, wie man es nennt; dann werden
wir mehr Geld verdienen, als wir jetzt können.
, Kann schon sein! Aber jetzt laßt das Studieren; für heute abend habt ihr genug getan.''
,Ich glaube auch. Wenigstens bin ich müde. Mary, bist du
es ebenfalls?
,Todesmüde. Schließlich ist es doch schwere und zähe Arbeit,
sich mit einer Sprache abzuplagen, ohne einen anderen Lehrer als
das Lexikon zu haben.'
,Das ist es wahrhaftig. Besonders eine Sprache wie dies
harte aber herrliche Deutsch. Ich möchte wissen, wann St. John
nach Hause kommen wird,'' sagte die Vorleserin.
, Gewiß wird er jetzt nicht mehr lange ausbleiben; es ist gerade
zehn Uhr. Es regnet heftig. Hannah, willst du so gut sein und
nach dem Feuer im Wohnzimmer sehen??
Die Frau erhob sich; sie öffnete eine Tür, durch welche
Jane undeutlich einen Korridor sehen konnte. Bald hörte sie, wie
die Alte in einem inneren Zimmer ein Feuer anschürte. Gleich
darauf kam sie zurück.
,Ach, Kinderchen!'' sagte sie,,es wird mir gar so schwer, jetzt
in jenes Zimmer zu gehen; es sieht so einsam und verlassen aus mit
dem leeren Stuhl, der in den Winkel geschoben dasteht!
Sie trocknete sich die Augen mit der Schürze. Die beiden jungen Mädchen, die vorher ernst ausgesehen, wurden jetzt traurig.
, Aber er ist an einem bessern Ort,'' fuhr Hannah fort; ,wir
dürfen ihn nicht wieder her wünschen. Und dann, einen sanfteren
Tod als er hatte, hat niemand.
,Du sagst, daß er unserer gar nicht mehr erwähnt hat? fragte
eine der jungen Damen.
, Er hatte keine Zeit, Kinderchen; es war vorüber in einer
Minute. Er war nicht ganz wohl gewesen, wie Tags zuvor, aber
es hatte nichts zu bedeuten; und als Mr. St. John ihn fragte, ob
eine von euch geholt werden solle, da lachte er ihm gerade ins Gesicht. Am nächsten Tage fing es dann wieder mit der Schwere im
Kopfe an, das sind nun ja schon vierzehn Tage her, und er fiel in
Schlaf und wachte nimmermehr auf. Er war beinahe schon kalt,
als euer Bruder zu ihm ins Zimmer kam und ihn fand. Ach Kinderehen, das war der letzte von dem alten Stamm, denn ihr und
Me Si. John seid von einer anderen Sorte als die, die schon fort
sind. Eure Mutter hatte auch viel Ähnlichkeit mit euch und war
beinahe ebenso gelehrt. Du bist ihr Ebenbild, Mary; Diana sieht
ihrem armen Vater ähnlicher.
Es schlug jetzt zehn Uhr.
, Ihr werdet gewiß euer Abendbrot wollen,! bemerkte
Hannah, , und Mr. St. John wird seins auch verlangen, wenn er
nach Hause kommt. !
Und sie begann die Mahlzeit vorzubereiten. Bis zu diesem
Augenblick war Jane so damit beschäftigt gewesen, sie zu beobachten,
daß sie ihre eigene verzweifelte Lage fast vergessen hatte. Jetzt fiel
sie ihr wieder ein. Durch den Kontrast erschien sie ihr trostloser,
entsetzlicher denn zuvor. Und wie unmöglich dünkte es sie, den Bewohnern dieses Hauses Teilnahme für sich einzuflößen, sie zu bewegen, daß sie ihr nur eine kurze Rast unter ihrem Dache gewährten!
Als sie sich an die Tür getastet hatte und zögernd anklopfte,
fühlte sie, daß ihre Hoffnung vergeblich sei.
Hannah öffnete.
,Was wollen Sie? fragte sie mit erstaunter Stimme, als sie
Jane beim Schein der Kerze, die sie in der Hand hielt, prüfend
ansah.
,Darf ich mit Ihren Gebieterinnen sprechen?! fragte
diese.
,Sagen Sie mir nur lieber, was Sie von ihnen wollen. Woher kommen Sie denn eigentlich?
,Ich bin hier fremd.
,Was haben Sie denn um diese Stunde hier zu suchen??
,Ich bitte um Nachtquartier in einem Stalle oder sonst wo,
und um ein Stückchen Brot.
Mißtrauen war auf Hannahs Gesicht zu lesen.
,Ich will Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer
Pause; ,aber wir können einer Landstreicherin doch kein Obdach
geben. Das ist doch nicht zu verlangen!'
,Lassen Sie mich mit den Damen sprechen!
,Nein, gewiß nicht. Was könnten die für Sie tun? Sie
sollten um diese Zeit nicht mehr so umherlaufen. Das sieht sehr
verdächtig aus !''
,Aber wohin soll ich gehen, wenn ich hier auch fortgejagt
werde? Was soll ich nur beginnen?!
,Ach! ich wette, Sie wissen schon, wohin Sie zu gehen haben
und was Sie zu tun haben. Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie
nichts Unrechtes tun! Sonst geht's mich nichts an. Hier ist ein
Pfennig, und nun fort -
,Einen Pfennig kann ich nicht essen und ich habe keine Kraft
weiterzugehen. Ah! machen Sie die Tür nicht zu - tun Sie's
nicht! Um Gottes willen nicht!'
,Ich muß; der Regen schlägt herein.
,Sagen Sie den jungen Damen Bescheid. Lassen Sie mich
sie sehen.
,Ganz gewiß nicht, nein, ganz gewiß nicht! Sie sind nicht,
was Sie sein sollten, sonst würden Sie nicht solchen Lärm machen.
Fort mit Ihnen! Schnell fort!
,Aber ich muß sterben, wenn ich fortgejagt werde.
,Unsinn! Solches Volk stirbt nicht. Ich bin nur bange, daß
Sie was Böses vorhaben. Wozu treiben Sie sich sonst um diese
Zeit vor den Häusern anderer Leute umher? Wenn Sie vielleicht
noch Helfershelfer haben, Einbrecher oder dergleichen, die hier in
der Nähe versteckt sind, so sagen Sie denen nur, daß wir nicht allein
im Hause sind; wir haben einen Mann hier und Hunde und
Flinten.
Bei diesen Worten schlug die ehrliche aber unbeugsame Magd
Jane die Tür vor der Nase zu und verriegelte sie von innen.
Dies war das Letzte! Ein Weh der qualvollsten Art zerriß
Jane das Herz. Sie war vollständig erschöpft; sie konnte keinen
Schritt mehr tun. Auf den nassen Steinstufen brach sie zusammen;
sie stöhnte, sie rang die Hände, sie weinte in ihrer Todesangst.
, Ich kann nur noch sterben,' sagte sie sich, ,und ich glaube an
Gott. Laß mich versuchen, seinen Willen ergeben abzuwarten.
Diese Worte dachte sie aber nicht nur, sondern sprach sie mit
lauter Stimme.
,Jeder Mensch muß sterben,' sagte eine Stimme in ihrer
Nähe; ,aber nicht alle sind verurteilt, ein langsames oder vorzeitiges Ende zu finden, so wie das Ihre es sein würde, wenn Sie
hier vor Mangel umkämen.'
,Wer oder was spricht?! fragte Jane entsetzt bei den unerwarteten Lauten; denn jetzt war sie nicht mehr imstande, Hoffnung
auf Hilfe zu schöpfen. Eine Gestalt war nahe-- welche Gestalt--
das hinderte sie die stockfinstere Nacht und ihre geschwächte Sehkraft zu unterscheiden. Mit lautem, langem Klopfen meldete der
Neuangekommene sich an der Tür.
,Sind Sie es, Mr. St. John? fragte Hannah.
Ja, ja, mach nur schnell auf.
,Ach, du meine Güte, wie kalt und durchnäßt Sie in einer
solchen Nacht sein müssen! Kommen Sie nur herein! Ihre
Schwestern haben schon große Angst um Sie. Und ich glaube gar
noch, daß sich hier böse Gesellen umhertreiben. Eine Bettlerin ist
hier gewesen, aber wahrhaftig, sie ist noch nicht fort! Sie hat
sich hier hergelegt! -- Steht auf! Es ist eine Schande. Fort! fort!
sage ich noch einmal!'
,Still Hannah! Ich habe ein Wort mit dieser Frau zu
sprechen. Du hast deine Pflicht getan, als du sie ausschlossest, jetzt
laß mich die meine tun, indem ich sie hereinlasse. Ich war in der
Nähe und habe gehört, was ihr beide miteinander spracht. Ich
glaube, dies ist ein ganz besonderer Fall, wenigstens muß ich ihn
untersuchen. Junge Frau, stehen Sie auf und gehen Sie vor mir
ins Haus.
Mit der größten Schwierigkeit gehorchte Jane ihm. Gleich
darauf stand sie in jener reinlichen, hellen Küche vor jenem Herd
zitternd, schwächer und schwächer werdend, wohl wissend, daß sie
im höchsten Grade zerlumpt und abschreckend aussah. Die beiden
jungen Damen, ihr Bruder Mr. St. John und die alte Dienerin
- alle starrten sie an.
,St. John, wer ist sie? hörte Jane die eine fragen.
,Ich weiß es nicht. Ich fand sie vor der Tür,' lautete seine
Antwort.
,Sie sieht ganz weiß aus, warf Hannah ein.
,So weiß wie Kreide oder der Tod, antwortete jemand, ,sie
wird umfallen, laß sie niedersitzen.
Und in der Tat ward Jane schwindlig, sie sank um, aber ein
Stuhl nahm sie auf. Sie war noch im Besitz ihrer Sinne, obgleich
sie in diesem Augenblick nicht sprechen konnte.
,Vielleicht würde etwas frisches Wasser sie neu beleben.
Hannah, hole ein wenig. Aber sie ist ja gänzlich erschöpft. Wie
mager ist sie! Und nicht ein Tropfen Blut in den Wangen!
,Ein wahres Gespenst.
,Ist sie krank oder nur verhungert?
,Verhungert, glaube ich. Hannah, ist das Milch? Gib sie mir
und ein Stück Brot dazu.
,Diana zerbröckelte ein wenig Brot, tunkte es in Milch und
hielt es an Janes Lippen. Ihr Gesicht war dem Janes ganz nahe.
Diese sah das Mitleid darin und hörte dann: ,Versuchen Sie zu
essen.
,Ja, versuchen Sie es,' wiederholte Mary sanft; und Marys
Hand entfernte ihren durchnäßten Hut und hob ihren Kopf empor.
Jane nahm von dem, was sie ihr angeboten, zuerst matt, dann aber
gierig.
,Nicht zu viel mit einemmal-- haltet sie zurück, sagte der
Bruder, ,sie hat genug bekommen. Und er nahm die Tasse mit
Milch ind den Teller mit Brot fort.
,Ein wenig noch, St. John-- sieh doch die ängstliche Gier in
ihren Augen.
,Für den Augenblick nicht mehr, Schwester. Versuch, ob sie
jetzt sprechen kann -- frag sie nach ihrem Namen.
Jane fühlte, daß sie sprechen konnte und sie entgegnete:
,Mein Name ist Jane Eyre.
,Und wo wohnen Sie? Wo sind Ihre Angehörigen, Ihre
Freunde?
Jane schwieg.
,Können wir irgendeine Person holen lassen, die Sie kennen?
Sie schüttelte den Kopf.
Nach einer kurzen Pause sagte Jane:
,Sir, ich bin nicht fähig, Ihnen heute abend noch Näheres
mitzuteilen.
,Aber was erwarten Sie denn von mir, daß ich für Sie tun
soll? fragte er.
,Nichts!' entgegnete sie. Ihre Kraft reichte nur für kurze
Antworten hin. Diana nahm das Wort.
,Wollen Sie damit sagen, daß wir Ihnen jetzt alle Hilfe geleistet haben, deren Sie bedürfen? fragte sie, ,und daß wir Sie
wieder hinaus in den Regen und auf den durchweichten Sumpf
lassen können?
Jane blickte sie an. Sie fand, daß sie ein Gesicht hatte, in dem
sich Klugheit, Kraft und Güte vereinten. Plötzlich faßte sie Mut.
Indem sie ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln beantwortete,
sagte sie: Ihnen will ich vertrauen. Wenn ich ein herrenloser, verlaufener Hund wäre, so weiß ich, daß Sie mich heute abend nicht
mehr aus Ihrem Hause jagen würden. Wie es nun ist, hege ich
wirklich keine Furcht. Tun Sie mit mir und für mich, was Sie
wollen; aber erlassen Sie mir das Reden - mein Atem ist kurz---
ich fühle eine Art Krampf, wenn ich spreche.
Alle drei beobachteten Jane und alle drei verhielten; sic
schweigend.
,Hannah,' sagte Mr. St. John endlich, ,laß sie dort für den
Augenblick noch sitzen und richte keine Fragen an sie. Nach Ablauf
von zehn Minuten gib ihr den Rest von der Milch und den Brote.
Mary und Diana, laßt uns ins Wohnzimmer gehen und die Sache
weiter überlegen.
Sie zogen sich zurück. Sehr bald kehrte eine von den Damen
zurück - Jane konnte nicht unterscheiden, welche. Eine Art angenehmer Bewußlosigkeit bemächtigte sich ihrer, als sie so neben dem
belebenden Feuer saß. Mit leiser Stimme erteilte die Zurückgekehrte Hannah einige Befehle. Es dauerte nicht mehr lange, und
Jane vermochte mit Hilfe der Dienerin eine Treppe hinanzusteigen; ihre durchnäßten Kleider wurden ihr ausgezogen, und bald
lag sie in einem trocknen, angenehm durchwärmten Bette. Sie
dankte Gott für ihre Rettung und schlief ein.

Achtzehntes Kapitel.
Gastfreundschaft.
Drei Tage und drei Nächte ruhte Jane völlig erschöpft in
ihrem Bette. Sie nahm alles sie Umgebende nur wie in einem
Traume wahr. Ein- oder zweimal täglich erschienen Diana und
Mary im Zimmer. Sie flüsterte viel an Janes Bette, ungefähr
wie folgt:
,Ich bin froh, daß wir sie aufnahmen.
,Ja. Sonst wäre sie am folgenden Morgen ohne Zweifel
tot vor unserer Tür gefunden worden, wenn wir sie die ganze
Nacht draußen gelassen hätten. Ich möchte nur wissen, was sie
alles durchgemacht hat.
,Seltene Trübsal und Entbehrungen, glaube ich- armes.
verhungertes, bleiches Menschenkind!
,Sie ist keine ungebildete Person, vermute ich, nach ihrer
Sprache zu urteilen. Ihr Akzent war sehr rein; und die Kleider,
welche sie abgelegt hat, waren, wenn auch naß und schmutzig, so
doch fein und wenig abgenützt.
In all ihren Gesprächen hörte Jane niemals auch nur eine
einzige Silbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft, welche sie
ihr gewährt hatten; oder ein Wort des Mißtrauens gegen sie.
Sie war also beruhigt.
Mr. St. John kam nur einmal; er sah sie an und sagte, daß
ihr Zustand das Resultat übermäßiger und anhaltender Ermüdung sei. Er erklärte es für unnötig, einen Doktor holen zu
lassen; es sei seiner Überzeugung nach am besten, wenn man der
Natur ihren freien Lauf ließe. Es sei durchaus keine Krankheit.
Er glaube, daß Janes Genesung, wenn sie einmal begonnen, eine
sehr schnelle sein werde. Diese Ansichten sprach er in wenigen
Worten aus, mit einer leisen, ruhigen Stimme. Und nach einer
Pause fügte er in dem Tone eines Mannes, der wenig an erläuternde Bemerkungen gewöhnt ist, hinzu: ,ein ziemlich ungewöhnliches Gesicht; ganz entschieden aber trägt sie nicht das Gepräge der Verderbtheit.
,Weit entfernt davon,? entgegnete Diana.,Ehrlich gesprochen, St. John - mein Herz zieht mich zu der armen, kleinen
Seele. Ich wollte, daß wir ihr für die Dauer nützlich sein könnten.
,Das ist kaum anzunehmen,' lautete seine Antwort. ,Ihr
werdet finden, daß sie ein junges Mädchen ist, welches einen Streit
mit seinen Angehörigen gehabt und diese dann unvernünftigerweise
verlassen hat. Vielleicht gelingt es uns, sie jenen wieder zuzuführen, wenn sie nicht allzu eigensinnig ist; aber ich sehe Linien in
ihrem Gesicht, die auf Widerstandskraft schließen lassen und mich
zweifelhaft in bezug auf ihre Lenksamkeit machen.
Er stand und betrachtete Jane während einiger Minuten, dann
fügte er hinzu: ,Sie sieht klug aus, aber sie ist durchaus nicht
hübsch.
Am dritten Tage fühlte Jane sich besser; am vierten konnte
sie sprechen, sich bewegen, im Bette aufsitzen und sich umdrehen.
Es war um die Mittagsstunde, als Hannah ihr ein wenig Grütze
und einige geröstete Brotschnittchen brachte. Sie hatte mit Appetit
gegessen, die Nahrung war gut. Als Hannah sie verließ, fühlte sie
sich neu belebt und verhältnismäßig stark, und bald darauf wurde
sie der Ruhe müde. Sie wollte aufstehen; aber welche Kleider
sollte sie anlegen? Nur ihre feuchten, beschmutzten Gewänder, in
welchen sie auf dem Erdboden geschlafen hatte und auf dem Moor
gefallen war? Sie sah sich um. Auf einem Stuhl neben ihrem
Bette lagen all ihre eigenen Kleidungsstücke, jedoch rein und trocken.
Ihr schwarzseidener Rock hing an der Wand. Die Spuren des
Schlammes waren davon entfernt, die Falten, welche durch die
Nässe entstanden, waren geglättet: er sah durchaus anständig aus.
Sogar ihre Schuhe und Strümpfe waren gereinigt und wieder
brauchbar gemacht. Alle Gegenstände zum Waschen befanden sich
im Zimmer, sogar Kamm und Bürste, um ihr Haar zu ordnen.
Nach einem sehr langwierigen Verlauf, bei dem sie sich alle fünf
Minuten ausruhen mußte, war es ihr gelungen, sich anzukleiden.
Ihre Kleider hingen lose auf ihr, denn sie war sehr abgemagert;
aber diese Mängel bedeckte sie mit einem Schal, und endlich wieder sauber und anständig aussehend-- kein Körnchen Schmut,
keine Spur von Unordnung, die sie so sehr haßte, kroch sie
die steinerne Treppe hinunter, sich fortwährend am Geländer haltend; sie gelangte in einen engen Korridor und fand gleich darauf
den Weg in die Küche.
Diese war voll von dem Duft frisch gebackenen Brotes, und
ein großes, helles Feuer durchwärmte sie. Hannah war mit
Backen beschäftigt.
,Was! Sie sind aufgestanden!' rief sie aus.,Da sind Sie
also endlich besser? Wenn Sie wollen, dürfen Sie sich in meinen
Stuhl am Herd setzen.
Sie zeigte auf den Schaukelstuhl. Jane nahm ihn. Hannah
wirtschaftete in der Küche umher und warf ihr von Zeit zu Zeit
einen prüfenden Seitenblick zu. Indem sie einige Brote aus dem
Backofen nahm, wandte sie sich zu ihr und sagte derb:
, Haben Sie schon früher gebettelt, ehe Sie zu uns kamen??
Einen Augenblick war Jane empört; aber glücklicherweise fiel
es ihr ein, daß sie sich nicht ärgern dürfe, und daß sie in Hannahs
Augen allerdings wie eine Bettlerin erscheinen müsse; daher antwortete sie ruhig:
, Sie irren sich, wenn Sie meinen, daß ich eine Bettlerin sei.
Ich bin ebensowenig eine Bettlerin wie Sie oder Ihre jungen Gebieterinnen.
Nach einer Pause sagte sie wieder: ,Nun, das verstehe ich
nicht. Sie haben doch keinen Pfennig Geld?
,Daß ich kein Geld besitze, macht mich noch immer nicht zur
Bettlerin.
,Sind Sie denn büchergelehrt? fragte sie gleich darauf.
,Ja, sehr!
, Aber Sie sind doch niemals in einer Pension gewesen?
,Ich war acht Jahre hindurch in einer Pension.'
Sie riß die Augen weit auf. ,Und dann können Sie sich nicht
einmal selbst erhalten?
,Ich habe mich selbst ernährt und hoffe, es sehr bald wieder
zu können. Was wollen Sie denn mit diesen Stachelbeeren
machen?' fragte Jane dann, als sie einen Korb dieser Früchte
herbeitrug.
,Kuchen davon backen.
,Geben Sie sie mir, ich will sie auslesen.
,Nein. Ich mag nicht, daß Sie etwas tun.
,Aber ich muß mich doch mit irgend etwas beschäftigen!
Geben Sie sie nur her!
Endlich willigte Hannah ein und brachte ihr sogar ein reines
Handtuch, um es über ihr Kleid zu breiten, ,damit es nicht
schmutzig werde,' wie sie sagte.
,Sie sind wohl nicht an Hausarbeit gewöhnt gewesen; das
sehe ich an Ihren Händen,' bemerkte sie.,Wahrscheinlich sind Sie
Schneiderin.
,Nein, Sie irren. Und nun kümmern Sie sich nicht um das,
was ich gewesen bin, sondern sagen Sie mir, wo ich mich eigentlich befinde, wie dieses Haus heißt.
, Einige Leute nennen es Marsh-End, andere nennen es
MoorHouse.
,Und der Herr, welcher hier wohnt, heißt Mr. St. John?
,Nein, er wohnt nicht hier; er hält sich hier nur für einige
Zeit auf. Wenn er zu Hause ist, dann ist er in seinem eigenen
Hause, und das ist der Pfarrhof von Morton.
,Das Dorf einige Meilen von hier?
.Ja. ia.
,Und was ist er?
,Er ist Prediger.
Jane fiel die Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhofe
ein, als sie gebeten hätte, mit dem Prediger sprechen zu dürfen.
,War denn dies das Haus seines Vaters?
,Ja, ja. Der alte Mr. Rivers wohnte hier, und sein Vater
und sein Großvater, und sein Urgroßvater vor ihm.
,Der Name dieses Herrn ist also Mr. St. John Rivers?
,Ja, ja. St. John ist so etwas wie sein Taufname.
,Und seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?
.Va.
,Ihr Vater ist tot?
,Vor drei Wochen gestorben. Schlagfluß.
,Sie haben keine Mutter?
,Die ist schon lange Jahre tot.
,Sind Sie schon lange in der Familie?
,Ich bin schon dreißig Jahre hier. Hab' ja die drei Kinder
allein auferzogen.
,Das beweist, daß Sie eine treue und ehrliche Dienerin sein
Wieder sah sie Jane ganz erstaunt an.
,Am Ende glaube ich doch, daß ich mich in meinen Gedanken
über Sie ein bißchen geirrt habe,' sagte sie dann; ,aber Sie
müssen mir doch vergeben, denn es gehen ja so viele Betrügerinnen
umher, daß man gar nicht vorsichtig genug sein kann.
,Und,' fuhr Jane in ziemlich strengem Ton fort, Sie wollten
mich von der Tür fortjagen, in einer Nacht, wo Sie nicht einmal
einen Hund hätten hinausjagen dürfen.
,Na ja! Es war hart, aber was kann der Mensch tun?
Ich dachte ja doch mehr an die Kinderchen, als an mich selbst. Die
armen Dingerchen! Für sie sorgt niemand als nur ich. Muß ich
da nicht so ängstlich sein? Sie dürfen aber nicht allzu schlimm von
mir denken, fing sie dann wieder an, ,und ich sehe ein, daß ich unrecht hatte - aber jetzt, meiner Seel, denke ich auch anders von
Ihnen als früher. Sie sehen ja wirklich aus wie eine anständige
kleine Person.
,Das ist genug - jetzt vergebe ich Ihnen. Geben Sie mir
die Hand,! sagte Jane.
So war der Friede zwischen beiden geschlossen.
Hannah liebte es augenscheinlich sehr zu schwatzen und während Jane die Beeren auslas, und sie selbst den Teig zu dem
Kuchen machte, erzählte sie die ganze Lebensgeschichte ihrer
Herrschaft.
Der alte Mr. Rivers, sagte sie, sei ein einfacher Mann gewesen, aber ein Gentleman in jeder Beziehung, und aus einer so
alten Familie, wie es kaum eine ältere gäbe. Dennoch gab sie zu,
,daß der alte Herr ganz wie andere Menschen gewesen sei, nichts
Besonderes, aber toll im Jagen und in der Landwirtschaft und
solchen Dingen. Die Frau war anders gewesen. Sie beschäftigte
sich viel mit Lesen und studierte immer, und die ,Kinderchen
waren ihr ganz nachgeraten. Sie hatten ihresgleichen nicht in
dieser Gegend; von dem Tag an, wo sie sprechen konnten, hatten
sie beinahe schon angefangen zu lernen, und sie hatten schon immer
,was so Apartes gehabt''. Als Mr. St. John größer geworden,
hatte er auf die Universität gehen und Prediger werden wollen,
und die Mädchen, sobald sie die Schule verlassen, hatten Gouvernanten werden wollen, denn wie sie erzählte, hatte Mr, Rivers
vor mehreren Jahren durch den Bankrott eines Bankiers, dem er
sein Vermögen anvertraut, einen großen Teil desselben verloren.
Und da er ihnen kein Vermögen mitgeben konnte, wollten sie nun
selbst für sich sorgen. Seit langer Zeit waren sie nur selten mehr
im alten Heim gewesen, und jetzt hatte der Tod ihres Vaters sie
auch nur für einige Wochen hergerufen; aber sie liebten Marsh-
End und Morton und all diese Hügel und Täler und Moore und
Heiden so innig. Sie waren in London und vielen anderen großen
Städten gewesen, aber immer hatten sie gesagt, der Heimat käme,
doch nichts gleich, und dann hatten sie sich einander so lieb und
zankten nie und machten keinen Lärm. Sie meine, eine solche
Familie, was Einigkeit beträfe, sei gar nicht mehr zu finden.
Nachdem Jane mit der Arbeit des Beerenlesens zu Ende war,
fragte sie, wo die beiden jungen Damen und ihr Bruder jetzt seien.
,Nach Morton hinüber spaziert; aber in einer halben Stunde
werden sie zum Tee zurück sein.
Sie kehrten innerhalb der von Hannah angegebenen Zeit zurück und traten durch die Küchentür ein. Als Mr. St. John Jane
sah, verbeugte er sich nur und ging vorüber; die beiden Damen
verweilten, Mary drückte in wenigen Worten freundlich und ruhig
ihre Freude darüber aus, daß Jane wohl genug sei, um herunter
zu kommen. Diana schüttelte den Kopf, indem sie Janes Hand
ergriff.
, Sie hätten meine Erlaubnis zum Herunterkommen abwarten sollen,' sagte sie. ,Sie sehen noch so fürchterlich blaß aus
-- und so abgezehrt! Armes Kind! - armes Mädchen! Und was
haben Sie hier zu tun? fuhr sie fort.,Dies ist kein platz für
Sie. Mary und ich sitzen zuweilen in der Küche, weil wir zu
Hause gern einmal tun, was uns beliebt, aber Sie sind ein Gast
und müssen ins Wohnzimmer kommen.
,Ich fühle mich hier aber sehr behaglich.
, Das kann nicht sein, mit Hannah, die umherwirtschaftet und
Sie mit Mehl bestäubt.
,Außerdem erhitzt das Herdfeuer Sie auch zu sehr,! warf
Mary hier ein.
, Gewiß,' fügte ihre Schwester hinzu. ,Kommen Sie. Gehorsam müssen Sie sein. Und indem sie Janes Hand noch immer
hielt, ließ sie sie aufstehen und führte sie in das innere Zimmer.
,Nehmen Sie dort Platz,' sagte sie, indem sie Jane auf das
Sofa niederdrückte, ,während wir unsere Mäntel ablegen und
den Tee bereiten.
Sie schloß die Tür und ließ Jane allein mit Mr. St. John,
der ihr gegenübersaß mit einem Buche oder einer Zeitung in der
Hand. Prüfend ließ Jane ihre Blicke durch das Wohnzimmer
schweifen.
Das Wohnzimmer war ein ziemlich kleiner, außerordentlich
einfach ausgestatteter Raum; aber es war gemütlich, weil die peinlichste Sauberkeit darin herrschte. Die altmodischen Stühle waren
blankpoliert und der Nußbaumtisch glänzte wie ein Spiegel. Einige
seltsame, alte Porträts von Männern und Frauen vergangener
Tage zierten die gemalten Wände. Ein Glasschrank enthielt
einige Bücher und ein altes, wertvolles Porzellanservice. Im ganzen Zimmer waren keine überflüssigen Luxusgegenstände-- nicht
ein einziges neumodisches Möbelstück, außer zwei Arbeitskasten
und einem Damenschreibtisch von Rosenholz; sonst sah alles, mit
Einschluß des Teppichs und der Vorhänge aus, als sei es stets benutzt und stets geschont.
Bald traten die Schwestern wieder ein. Als Diana bei den
Vorbereitungen zum Tee aus- und einging, brachte sie Jane einen
kleinen Kuchen, der auf der Platte des Backofens gebacken war.
,Essen Sie das jetzt,'' sagte sie, ,Sie müssen ja hungrig sein.
Hannah sagt, daß Sie seit dem Frühstück nur ein wenig Grütze
gegessen haben.
Jane weigerte sich nicht, denn ihr Appetit war ganz und voll.
zurückgekehrt. Mr. Rivers schloß sein Buch jetzt, näherte sich dem
Tische und heftete seine Augen voll und fest auf Jane, indem er
Platz nahm. jetzt lag eine prüfende, bestimmte Festigkeit in seinem
Blicke.
,Sie sind sehr hungrig,'' sagte er.
,Das bin ich, Sir. Es war Janes Art, dem Kurzen mit
Kürze, dem Geraden mit Geradheit zu begegnen.
,Es war ein Glück für Sie, daß ein leichtes Fieber Sie seit
drei Tagen zum Fasten gezwungen hat; es wäre sehr gefährlich
gewesen, wenn Sie gleich dem Verlangen Ihres Appetits nachgegeben hätten. jetzt dürfen Sie essen, aber immer doch nur mäßig.
,Ich hoffe, daß ich nicht lange auf Ihre Kosten essen werde,
war Janes Antwort.
,Nein,'' sagte er kalt, ,wenn Sie uns den Wohnort Ihrer
Angehörigen mitgeteilt haben werden, so können wir ihnen schreiben, und Sie werden Ihrer Familie wiedergegeben.
,Ich muß Ihnen undweg erklären, daß es nicht in meiner
Macht liegt, das zu tun, da ich weder ein Heim noch irgendwelche
Anverwandte habe.
Die drei blickten Jane an, aber nicht mißtrauisch; sie fühlte,
daß kein Mangel an Vertrauen in ihren Blicken lag, mehr eine
Regung der Neugierde.
,Wollen Sie damit sagen,'' fragte St. John, , daß Sie vollständig allein im Leben dastehen?
,Ja. Kein Land fesselt mich an irgendein lebendes Wesen;
ich habe kein Recht, die Aufnahme unter irgendein Dach in ganz
England zu beanspruchen.'
,Eine seltsame Lage in Ihrem Alter! Sie bedürfen der
Hilfe, nicht wahr? fragte er weiter.
,Ja, ich bedarf ihrer und ich suche sie, insoweit Sir, daß ich
einen Menschenfreund suche, der mir Arbeit schafft, die ich verrichten kann, und deren Ertrag mir die Mittel zum Leben gibt;
wenn auch nur die allernotwendigsten.
,Ich bin willens, Ihnen mit allen mir zu Gebote stehenden
Kräften in der Ausführung eines so ehrlichen Vorsatzes zu helfen.
Sagen Sie mir also vor allen Dingen, an welche Art von Arbeit
Sie gewöhnt sind und was Sie leisten können.
jetzt hatte Jane ihren Tee getrunken. Er hatte sie sehr erfrischt; gerade so, als ob ein Riese Wein getrunken hätte.
,Mr. Rivers,? sagte sie, indem sie sich zu ihm wandte und
ihn offen und ohne Furcht ansah. ,Sie und Ihre Schwestern
haben mir einen großen Dienst geleistet - den größten, welchen
ein Mitmensch dem andern leisten kann; Sie haben mich durch
Ihre edle Gastfreundschaft vom Tode errettet. Diese Wohltat gibt
Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und
bis zu einem gewissen Grade auch Anspruch auf mein Vertrauen.
Ich werde Ihnen deshalb die Geschichte des Wanderers erzählen,
den Sie beherbergt haben.
,Ich bin eine Waise; die Tochter eines Geistlichen. Meine
Eltern starben, bevor ich sie kennen lernte. Ich wurde in Abhängigkeit und in einer gemeinnützigen Anstalt erzogen. Der Name
dieser Anstalt ist Lowood. Dort brachte ich sechs Jahre als
Schülerin und zwei als Lehrerin zu. Se werden davon gehört
haben, Mr. Rivers. Der ehrwürdige Mr. Brocklehurst ist der Verwalter.
,Ich habe von Mr. Brocklehurst gehört und ich kenne die
Schule.
,Vor ungefähr einem Jahre verließ ich Lowood, um Gouvernante in einer Familie zu werden. Ich hatte eine gute Stellung
und war glücklich. Nach meiner Rückkehr von einer Reise zu meiner
sterbenden Tante, fand ich die Besitzung meines gütigen Herrn
niedergebrannt, ihn selbst tot; er hatte sich edelmütig für die Rettung eines anderen aufgeopfert; seine Leute waren in alle Winde
zerstreut. Was blieb mir übrig, ohne Anhang und ohne Verwandte, als mir Arbeit zu suchen. Fast ganz ohne Mittel ergriff
ich die Wanderschaft, um irgendwo eine Tätigkeit zu finden, und
so kam ich ins Unglück. Zwei Nächte schlief ich draußen in Gottes
freier Natur, und zwei Tage wanderte ich umher, ohne die Schwelle
einer menschlichen Wohnung zu betreten. Nur zweimal während
dieser Zeit kam etwas Nahrung über meine Lippen; und als Sie,
Mr. Rivers, es hinderten, daß ich vor Hunger und Mangel an
Ihrer Tür umkam, indem Sie mich in Ihr Haus aufnahmen,
hatten Hunger und Verzweiflung und Erschöpfung mich dem Tode
nahegebracht. Ich weiß, was Ihre Schwestern seitdem für mich
getan haben, denn während meiner anscheinenden Betäubung war
ich nicht immer besinnungslos, und ihrem echten, freiwilligen, ungeheuchelten Mitleid verdanke ich ebensoviel, wie Ihrer christlichen
Barmherzigkeit.

, saß sie jetzt nicht mehr reden, St. John, sagte Diana, als
Jane innehielt; ,wie du siehst, ist sie noch keiner Art von Aufregung gewachsen. Kommen Sie jetzt hier aufs Sofa und setzten
Sie sich, Miß Eyre.
Als St. John einige Minuten nachgedacht hatte, fing er von
neuem an.
,Sie möchten nicht lange von unserer Gastfreundschaft abhängig sein?
, Gewiß möchte ich das. Ich sagte es ja schon. Zeigen Sie
mir, wie ich Arbeit finden kann, das ist alles, um was ich jetzt bitte,
dann lassen Sie mich ziehen, und wenn es in die niedrigste Hütte
ist, aber bis dahin gestatten Sie mir, hier zu bleiben. Ich kann
nicht noch einmal den Kampf mit den Schrecken der heimatlosen
Armut aufnehmen,' erwiderte Jane.
,In der Tat, Sie werden hier bleiben,'' sagte Diana, indem
sie ihre weiße Hand auf Janes Kopf legte.
, Sie werden bleiben,'' wiederholte Mary in dem Ton anspruchsloser Aufrichtigkeit, der ihr eigen zu sein schien.
,Wie Sie sehen, macht es meinen Schwestern Freude, Sie
hier zu behalten,'' sagte Mr. St. John, , gerade so wie es ihnen
Freude bereiten würde, einen halberfrorenen Vogel, den der winterliche Wind in ihr Fenster getrieben hat, zu hegen und zu
pflegen. Ich allerdings bin mehr geneigt, Ihnen die Möglichkeit
zu schaffen, für sich selbst zu sorgen, und ich werde mich auch bemühen, das zu tun. Aber meine Hilfe kann nur der allerbescheidensten Art sein. Wenn Sie also geneigt sind, das Wenige gering
zu achten, so müssen Sie wirksamere Hilfe suchen, als ich Ihnen
bieten kann.
,Sie hat ja schon gesagt, daß sie jede ehrliche Arbeit verrichten
will, deren sie fähig ist,' antwortete Diana für Jane; ,und du
weißt, St. John, sie hat keine Wahl; sie ist gezwungen, mit so
rauhen Menschen vorlieb zu nehmen, wie du.
,Ich will Schneiderin werden, ich will eine einfache Arbeiterin werden; eine Magd, eine Kinderwärterin, wenn sich nichts
anderes findet,'' antwortete Jane.
,Recht so, sagte Mr. St. John sehr kalt.,Wenn das Ihre
Gesinnung ist, so verspreche ich Ihnen zu helfen, sobald ich Zeit
und Mittel finde.
Dann nahm er das Buch wieder auf, mit dem er vor dem
Tee beschäftigt gewesen. Jane zog sich bald zurück, denn sie war
so lange außerhalb des Bettes gewesen und hatte so viel gesprochen,
nie es der augenblickliche Zustand ihrer Kräfte nur irgend erlaubte.

Neunzehntes Kapitel.
Ein neues Amt.
Je näher Jane die Bewohner von Moorhouse kennen lernte,
desto besser gefielen sie ihr. Nach wenigen Tagen hatte sie ihre
Gesundheit schon so weit wieder erlangt, daß sie den ganzen Tag
über aufbleiben und sogar schon kurze Spaziergänge machen konnte. Sie konnte sich mit Diana und Mary in all ihre Beschäftigungen teilen. Sie liebte die Lektüre, welche die Schwestern
liebten, und was ihnen Freude machte, entzückte auch Jane.
Sie waren beide viel gebildeter und hatten mehr gelesen, als
Jane, aber emsig folgte diese ihnen auf dem Pfade des Wissens.
welchen sie schon vor ihr betreten hatten. Jane verschlang die
Bücher, welche sie ihr geborgt hatten, und dann gewährte es ihr
die größte Befriedigung, am Abend das mit ihnen zu besprechen,
was sie während des Tages gelesen hatte. Der Schwestern Gedanken paßten genau zu denjenigen Janes, ihre Ansichten teilte
auch diese-- kurzum, sie harmonierten in allem vollkommen.
Aber in dem Trio gab es eine Erste, eine Anführerin. Das
war Diana. Wenn der Abend begann, vermochte Jane eine Zeitlang zu reden, aber wenn der erste Strom ihrer Rede vorüber war.
liebte sie es, sich auf einen Schemel zu Dianas Füßen zu setzen,
den Kopf in ihren Schoß zu legen und abwechselnd ihr und Mary
zuzuhören, während sie das Thema, welches Jane nur flüchtig berührt hatte, gründlich erörterten. Diana erbot sich, Jane deutsch
zu lehren. Es war Jane eine Freude, von Diana zu lernen. Ihre
Naturen ergänzten sich: gegenseitige Liebe der wärmsten Art war
das Resultat davon. Die Schwestern entdeckten, daß Jane malen
konnte: augenblicklich standen ihre Bleistifte und Farbenkasten zu
Janes Verfügung.-- So vergingen die Tage wie Stunden, die
Wochen wie Tage.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und Mary
sollten Moor-House bald wieder verlassen und zu dem sehr verschiedenen Leben und Treiben zurückkehren, welches ihrer als Gouvernanten in einer großenStadt imSüdenEnglands harrte.-- Hier
hatte jede von ihnen eine Stelle in Familien inne, deren hochmütige,
reiche Mitglieder sie nur wie armselige Dienerinnen betrachteten.
keine ihrer ausgezeichneten Eigenschaften suchten oder kannten,
und ihre hervorragenden Fähigkeiten nur so zu schätzen wußten,
wie sie die Geschicklichkeit ihres Kochs oder den auserlesenen Geschmack ihrer Kammerfrauen zu würdigen verstanden.
Mr. St. John hatte noch nicht eine Silbe mit Jane über die
Stellung gesprochen, welche er ihr zu verschaffen gelobt; und doch
wurde es jetzt dringend notwendig, daß sie einen Beruf irgendwelcher Art erwählte. Aber als sie eines Morgens mit ihm allein war, faßte sie Mut und näherte sich ihm.
Er blickte auf und sagte: , Sie wollen eine Frage an mich
richten?
,Ja, ich möchte wissen, ob Sie von irgendeiner Arbeit gehört haben, zu deren Verrichtung ich mich erbieten könnte.
,Schon vor drei Wochen fand oder plante ich etwas für Sie;
da Sie hier aber glücklich schienen und sich nützlich machten, da
meine Schwestern Sie augenscheinlich lieb gewonnen hatten und
Ihre Gesellschaft den beiden außerordentliche Freude gewährte,
so hielt ich es nicht für ratsam, Ihr gegenseitiges Wohlbehagen
früher zu stören, als ihre nahe bevorstehende Abreise von Marsh-
End auch die Ihre notwendig machen würde.
,Sie reisen aber schon in drei Tagen ab,'' entgegnete Jane.
,Ja, und wenn sie reisen, kehre ich nach dem Pfarrhause von
Morton zurück. Hannah wird mich begleiten, und dies alte Haus
wird zugeschlossen.
, Und welches war die Beschäftigung, Mr. Rivers, welche Sie
für mich im Auge hatten? Ich hoffe, daß dieser Aufschub nicht die
Schwierigkeit noch vergrößert hat, sie für mich zu sichern ?' fragte
Jane.
, O nein. Da es eine Beschäftigung ist, welche nur ich zu vergeben, und Sie nur anzunehmen haben. Und ich glaube, daß Sie
den Platz, welchen ich Ihnen anbieten will, annehmen werden.
,Erklären Sie sich,'' drängte Jane, als er innehielt.
, Das will ich, und Sie werden hören, wie armselig das Anerbieten ist-- wie klein-- wie knapp. Solange ich in Morton
bleibe, werde ich meine Kräfte bis auf das äußerste anspannen,
um den Ort zu fördern und zu verbessern. Als ich vor zwei Jahren
nach Morton kam, hatte es keine Schule; die Kinder der Armen
waren von jeder Hoffnung auf Emporkommen ausgeschlossen. Ich
gründete eine für Knaben; jetzt beabsichtige ich eine zweite für
Mädchen zu eröffnen. Ich habe zu diesem Zweck ein Gebäude
gemietet, und ein dazu gehöriges Häuschen mit zwei Zimmern,
welches der Lehrerin als Wohnung dienen soll. Ihr Gehalt wird
dreißig Pfund im Jahr betragen; Ihr Haus ist bereits eingerichtet,
sehr einfach, aber ausreichend. Ein Waisenmädchen aus dem Arbeitshause wird sie in jenen groben Arbeiten ihres Haushalts
unterstützen, welche selbst zu verrichten ihr Amt des Lehrens sie
hindert. Wollen Sie die Lehrerin sein??
In der Tat, das Amt war bescheiden, aber es war sicher, und
Jane brauchte vor allen Dingen ein geschütztes Asyl; es war mühevoll und anstrengend, aber im Vergleich mit dem Lose einer Gouvernante in einem reichen Hause war es doch immerhin unabhängig. Und die Furcht vor Abhängigkeit von fremden Leuten
folterte Janes Seele wie ein glühendes Eisen.
,Ich danke Ihnen für den Vorschlag, Mr. Rivers, ich nehme
denselben mit voller Dankbarkeit an,' erwiderte Jane.
, Aber Sie verstehen mich ? sagte er. ,Es ist eine Dorfschule; ihre Schülerinnen werden nur arme Mädchen sein Kinder von Tagelöhnern im besten Falle Kinder von Pächtern.
Stricken, nähen, lesen, schreiben, rechnen- das wird alles sein,
was Sie zu lehren haben. Was werden Sie mit Ihren Talenten
anfangen?
,Sie aufbewahren, bis sie gebraucht werden. Sie halten sich.
,Sie wissen also, was Sie unternehmen?
,Ich weiß es.
Jetzt lächelte er freundlich und zufrieden.
Und wann wollen Sie mit der Ausübung Ihrer Pflichten
beginnen ?
,Ich will schon morgen in die mir angewiesene Wohnung
ziehen und mit Anfang der nächsten Woche die Schule eröffnen,
wenn es Ihnen recht ist.
,Gut. Sei es so.'
Diana und Mary Rivers wurden immer stiller und schweigsamer, je näher der Tag kam, an dem sie ihren Bruder und ihr Heim
verlassen sollten. Beide versuchten nicht anders zu erscheinen als
gewöhnlich. Aber der Kummer, gegen welchen sie zu kämpfen
hatten, war der Art, daß er weder leicht zu besiegen noch zu verheimlichen war.
In diesem Augenblick ging St. John einen Brief lesend am
Fenster vorüber. Dann trat er ein.
, Unser Onkel John ist tot, sagte er.
Beide Schwestern schienen bestürzt; aber nicht erschreckt oder
entsetzt. Die Nachricht schien ihnen mehr plötzlich als betrübend zu
kommen.
,Tot? wiederholte Diana.
Ja.
Sie heftete einen prüfenden Blick auf das Gesicht ihres Bruders. ,Und was jetzt? fragte sie mit leiser Stimme.
,Und was jetzt, Diana?' wiederholte er, seine marmorne
Ruhe des Gesichtsausdrucks bewahrend.,Was jetzt? Nun--
nichts! Lies!?
Er warf ihr den Brief in den Schoß. Sie durchflog ihn
schnell und reichte ihn dann Mary. Mary durchlas ihn schweigend
und gab ihn darauf dem Bruder zurück, Mlle drei blickten einander
an und alle drei lächelten- ein trauriges, nachdenkliches Lächeln
war es.
,Amen! Wir haben noch zu leben,'' sagte Diana endlich.
,Auf jeden Fall wird unsere Lage nicht schlimmer, als sie vorher war,'' bemerkte Mary.
John faltete den Brief zusammen, verschloß ihn in sein Pult
und ging wieder hinaus.
Während einiger Minuten sprach niemand. Dann wandte
Diana sich zu Jane.
, Jane, du wirst dich über uns und unsere Geheimnisse wundern,' sagte sie, ,und uns für hartherzige Geschöpfe halten, weil
wir über den Tod eines so nahen Verwandten, wie ein Onkel es ist,
nicht mehr Betrübnis an den Tag legen. Aber wir haben ihn
niemals gekannt noch gesehen. Er war der Bruder meiner Mutter.
Vor langen Jahren hatten er und mein Vater einen Streit, und
sie entzweiten sich. Es geschah auf seinen Rat, daß mein Vater den
größten Teil seines Vermögens in jene Spekulation steckte, welche
ihn ruinierte. Gegenseitige Vorwürfe flogen zwischen ihnen hin
und her; sie trennten sich im Zorn und versöhnten sich niemals
wieder. Mein Onkel wurde später in glücklichere Unternehmungen
hineingezogen; wie es scheint, erwarb er ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund. Er war niemals verheiratet und hatte
außer uns und noch einer Person, die ihm durchaus nicht näher
steht als wir, keine nahen Verwandten. Mein Vater hegte stets
den Glauben, daß er seinen Irrtum wieder gut machen würde, indem er uns sein Vermögen hinterließ. Doch dieser Brief unterrichtet uns davon, daß er jeden Pfennig jener anderen Person
hinterläßt mit Ausnahme von dreißig Pfund, welche zwischen
St. John, Diana und Mary Rivers geteilt werden sollen, um drei
Trauerringe dafür zu kaufen. Natürlich hatte er ein Recht, mit
seinem Gelde zu machen, was er wollte, und doch wirft eine solche
Nachricht eine augenblickliche Verstimmung auf das Gemüt. Mary
und ich würden uns reich erachtet haben, wenn er jeder von uns
tausend Pfund hinterlassen hätte; und für St. John wäre dieselbe
Summe von großem Wert gewesen um der Wohltaten wegen, die
er mit derselben hätte ausüben können.
Nach dieser Erklärung wurde das Thema fallen gelassen und
niemand, weder Mr. Rivers noch seine Schwestern, erwähnten desselben wieder.
Am folgenden Tage übersiedelte Jane von Marsh-End nach
Morton. Tags darauf begaben Diana und Mary sich auf die
Reise nach dem weit entfernten B« Eine Woche später zogen Mr.
Rivers und Hannah nach dem Pfarrhofe und nun lag das alte
Haus verödet da.
Jane hatte also wieder ein Heim gefunden, eine Hütte: ein
kleiner Raum mit weiß getünchten Wänden, ein mit Sand bestreuter Fußboden; darin stehen vier gemalte Stühle und ein Tisch
eine Uhr, ein Schrank mit zwei, drei Tellern und Schüsseln und ein
Teeservice von Delfter Steingut. Darüber ein Zimmer von derselben Größe der Küche mit einer Bettstelle aus Tannenholz und
einer Kommode, die zwar klein, aber dennoch zu groß ist, als daß
ihre ärmlichen Kleidungsstücke sie hätten ausfüllen können; obgleich
. ihre gütigen, großmütigen Freunde dieselben durch einen kleinen
Vorrat der allernotwendigsten Dinge vermehrt hatten.

Es ist Abend. Mit einer Orange als Belohnung hat sie die
kleine Waise entlassen, welche ihr als Hausmädchen dient. Sie
sitzt allein am Herd. Heute morgen ist die Dorfschule eröffnet worden. Sie hat zwanzig Schülerinnen. Nur drei von dieser Zahl
können lesen; nicht eine einzige schreiben oder rechnen. Mehrere
stricken, nur einige nähen ein wenig. Sie sprechen den breitesten
Akzent der Gegend. Für den Augenblick bietet sich ihnen wie Jane
noch die Schwierigkeit, ihre gegenseitige Sprache zu verstehen.
Einige von ihnen sind ebenso ungezogen, roh, unumgänglich wie
unwissend; andere wieder sind sanft, hegen große Lernbegierde und
zeigen Anlagen, welche Jane Freude machen. Sie darf aber nicht
Herzen schlummern wie in dem der Höchstgeborenen. Ihre Pflicht
ist es, diese Keime zu entwickeln; gewiß wird es ihr Befriedigung
und Genugtuung gewähren, wenn sie gewissenhaft dieses Amtes
waltet. Ja viel Freude erwartet sie noch vom Leben; denn Schaffen
und Arbeiten waren von jeher ihre Lust, und so wird sie auch hier
ihre Kräfte bis aufs äußerste anstrengen. Sie fühlte sich freudig
und zufrieden in dem kahlen, bescheidenen Schulzimmer, merkte sie
doch, daß sie jetzt ihres Lebens Endzweck erreicht habe. Und noch
fröhlicher und wohlgemuter wurde ihr Geist, als sie bald entdeckte,
daß sie die Liebe ihrer Schülerinnen, ja, die Achtung der Dorfbewohner erwarb. Freilich vermißte sie eine höhere geistige Anregung, doch das war nur vorläufig. Bald stellte der junge Prediger
die neue Lehrerin dem reichen Fabrikherrn Mr. Oliphant vor, der
mit seiner Tochter gerade durch das Dorf spazieren ging. während
St. John sich mit Jane an der Tür des Schulhauses unterhielt.
Von dem Fabrikbesitzer, dessen Landhaus in der Nähe des Dorfes
lag, und seiner Tochter aufgefordert, machte Jane einen baldigen
Besuch bei ihnen und wurde aufs freundlichste empfangen. Bald
gestaltete sich zwischen den beiden jungen Damen ein regelmäßiger
und freundschaftlicher Verkehr, und Jane hatte nun auch den so
lange vermißten, geistig anregenden Verkehr gefunden. So fühlte
sich Jane Eyre immer zufriedener in ihrer neuen Lebenslage; aber
ein größeres Glück sollte ihr noch zuteil werden.

Zwanzigstes Kapitel.
Die Erbschaft.
Eines Tages trat St. John in Janes Wohnzimmer; gelassen
zog er seine Brieftasche hervor, öffnete sie und suchte etwas darin;
aus einer der kleinen Abteilungen zog er ein Schreiben. Er stand
auf, hielt es Jane dicht vor die Augen und sie las, eine Anfrage
eines Advokaten Briggs, der sich nach einer Jane Eyre erkundigte.
Da Jane schwieg, fragte sie der Pfarrer: ,Wollen Sie nicht
wissen, was der Advokat von Ihnen wollte?
, Nun, was wollte er??
,Ihnen nur mitteilen, daß Ihr Onkel, Mr. Eyre auf Madeira.
tot sei, daß er Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen habe, und
daß Sie jetzt reich seien - nur das-- weiter gar nichts.
,Ich! reich?
,Ja! Sie, reich- eine Erbin!
Darauf entstand eine Pause.
,Ihr Vermögen ist in der englischen Bank angelegt; Briggs
hat das Testament und die nötigen Dokumente.
So war es denn mit einem Schlage anders geworden! Eg ist -
eine schöne Sache, liebe Leserin, in einem kurzen Augenblick von
Armut zu Reichtum emporgehoben zu werden, aber allerlei Bedenken gehen dem davon Betroffenen doch- durch den Kopf; die
Worte Vermächtnis und Hinterlassenschaft stehen Seite an Seite
mit den Worten Tod und Begräbnis. Jane hatte gehört, daß ihr
Onkel, ihr einziger Verwandter, tot sei. Von dem Augenblick an, .
da sie einst von seiner Existenz gehört, hatte sie auch gehofft, ihn
eines Tages zu sehen; und jetzt war auch das vorbei. Und dann
bekam ja auch nur sie allein dies Vermögen, nicht sie und eine
glückliche Familie, nur ihr einsames Ich! Ohne Zweifel war es
eine großartige Gabe, und Unabhängigkeit mußte ein gar köstliches
Ding sein - ja, das fühlte sie, dieser Gedanke machte ihr Herz vor
Wonne erzittern.
,Endlich blicken Sie wieder auf,. sagte Mr. Rivers, ,ich
glaubte, Medusa habe Sie angeblickt und Sie seien zu Stein geworden; vielleicht werden Sie mich jetzt auch fragen, wieviel. Sie
wert sind?
,Wieviel bin ich wert?
,O, eine Kleinigkeit! Nichts, das der Mühe verlohnte zu
nennen; nur zwanzigtausend Pfund Sterling, glaube ich, wurde
gesagt. Aber was ist denn da!
,Zwanzigtausend Pfund?
Dies war ein neues Erstaunen für Jane. Sie hatte auf vier
oder fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht beraubte sie in
der Tat für einen Augenblick des Atems. Mr. St. John, den sie
noch niemals lachen gehört, Mr. St. John lachte jetzt über sie.
,Nun,' sagte er, ,wenn Sie einen Mord begangen hätten und
ich Ihnen sagte, daß Ihre Tat entdeckt wäre, so könnten Sie nicht
bestürzter aussehen.
,Es ist eine große Summe; glauben Sie nicht, daß hier
irgendein Irrtum obwaltet?
,Durchaus kein Irrtum.
,Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen - es werden
nur zweitausend sein!
,Es ist in Buchstaben geschrieben, nicht in Zahlen- zwanzigtausend.’
Jetzt erhob sich Mr. Rivers und nahm seinen Mantel um.
,Wenn es nicht ein so stürmischer Abend wäre, sagte er, ,so
würde ich Hannah herunter senden, um Ihnen Gesellschaft zu
leisten. Sie sehen so verzweifelt unglücklich aus; man sollte Sie
nicht allein lassen. Aber das arme Weib, die Hannah, könnte nicht
so gut durch die Schneewehen kommen wie ich; ihre Beine sind nicht
ganz so lang. Daher muß ich Sie schon einsam Ihrem Kummer
überlassen,'' scherzte er.
Dann wünschte er ihr eine gute Nacht und zog den Riegel zurück. Da kam Jane ein plötzlicher Gedanke.
,Warten Sie eine Minute,' rief sie.
,Nun?
, Es macht mir Kopfzerbrechen, weshalb Mr. Briggs an Sie
über mich schrieb; oder woher er Sie kannte und wie er glauben
konnte, daß Sie, der Sie in einem so weltentlegenen Winkel wohnen,
die Macht besäßen, ihm zu meiner Entdeckung behilflich zu sein.
, O! ich bin ein Prediger,'' sagte er, ,und an die Geistlichen
wendet man sich oft in den seltsamsten Angelegenheiten.
Wieder rasselte der Riegel.
, Nein, das genügt mir nicht!'' rief sie aus. Und in der Tat
lag etwas in der hastigen, unklaren Antwort, das ihre Neugierde
nur noch mehr reizte, anstatt sie zu befriedigen.
,Das ist eine seltsame Geschichte,' sagte sie, ,und ich muß noch
mehr darüber erfahren.
,Ein ander Mal.r
, Nein, heute abend!- heute abend !' und als er sich von der
Tür abwandte, stellte sie sich zwischen diese und ihn. Er sah ziemlich verlegen aus.
,Sie werden bestimmt nicht von hier gehen, bevor Sie mir
nicht alles gesagt haben!' sagte Jane.
,Erlassen Sie mir das, für den Augenblick wenigstens.
,Sie sollen- Sie müssen!
,Ich möchte lieber, daß Diana oder Mary mit Ihnen darüber
spräche.
Natürlich machten seine Einwendungen sie nur noch erregter.
Ihr Verlangen, alles zu erfahren, hatte den höchsten Grad erreicht.
Es mußte befriedigt werden, und das ohne Verzug. Sie sagte
ihm das.
,Ich sagte Ihnen vorher, daß ich hartköpfig bin,' sagte er.
,Und ich bin ebenfalls hartköpfig,'' erwiderte sie.
,Und dann,'' fuhr er fort, ,bin ich kaltblütig; keine Leidenschaft reißt mich hin.
,Während ich heißblütig bin, und Feuer schmilzt Eis. Das
Holzfeuer dort hat allen Schnee auf Ihrem Mantel schmelzen gemacht; und jetzt ist er auf meinen Fußboden herabgeronnen und
hat ihn zu einer schmutzigen Straße gemacht. Mr. Rivers, wenn
Sie hoffen, daß Sie Vergebung für das Verbrechen finden werden,
den sandbestreuten Fußboden einer Küche beschmutzt zu haben, so
sagen Sie mir alles, was ich zu erfahren wünsche.
,Nun, sagte er, ,gut; ich gebe nach, wenn auch nicht Ihrem
Ernst, so doch Ihrer Ausdauer; gerade so wie auch der Stein durch
einen fortwährenden Tropfenfall ausgehöhlt wird. Überdies
müssen Sie es ja doch eines Tages erfahren.
,Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Ihr Namensvetter bin?
daß ich St. John Eyre Rivers getauft bin?
,Nein, in der Tat; ich erinnere mich jetzt wohl, in den Büchern,
welche Sie mir zu verschiedenen Zeiten geborgt haben, auch den
Buchstaben E gesehen zu haben; doch fragte ich niemals, für welchen
Namen er stehe. Und nun weiter?
,Der Name meiner Mutter war Eyre; sie hatte zwei Brüder;
der eine war Geistlicher und heiratete Miß Reed von Gateshead;
der andere John Eyre Esg., Kaufmann, ist vor kurzem in Funchal
auf Madeira gestorben. Da Mr. Briggs Mr. Eyres Sachwalter
ist, schrieb er im letzten August an uns und teilte uns den Tod
unseres Onkels mit; zugleich unterrichtete er uns davon, daß er
sein Vermögen einer anderen Verwandten hinterlassen habe; wir
waren übergangen infolge eines Streites zwischen ihm und meinem
Vater, dem er niemals vergeben hatte. Vor einigen Wochen schrieb
Mr. Briggs wieder, um uns zu sagen, daß die Erbin Jane Eyre
heiße und unauffindbar sei und anzufragen, ob wir nichts von ihr
wüßten.
Und wiederum wollte er gehen, aber Jane stellte sich vor
die Tür.
,Lassen Sie mich sprechen,'' sagte sie,,geben Sie mir nur einen
Augenblick, um aufzuatmen und nachzudenken.
Sie hielt inne; er stand vor ihr, den Hut in der Hand, und sah
sehr ruhig und gefaßt aus.
Jane fuhr fort:
,Ihre Mutter war die Schwester meines Vaters.
,Ja.
,Folglich meine Tante.
Er nickte.
Mein Onkel John war Ihr Onkel John? Sie, Diana und
Mary sind die Kinder seiner Schwester, ebenso wie ich das Kind
seines Bruders bin?
,Ohne Zweifel.
,Sie sind also meine Vettern und Cousinen; die Hälfte unseres
Bluts fließt also aus derselben Quelle?
,Wir sind Vettern und Cousinen; ja.
Jane beobachtete ihn. Ihr war's, als hätte sie einen Bruder
gefunden, und noch dazu einen, auf den sie stolz sein konnte, den
sie lieben konnte; und zwei Schwestern, welche so große, erhabene
Eigenschaften besaßen, daß sie ihr schon, als sie für sie nur fremde
Menschen waren, die größte Liebe und Bewunderung eingeflößt
hatten. Die beiden Mädchen, auf welche sie an jenem Abend, als
sie auf dem feuchten Erdboden kniete und durch das niedrige, vergitterte Fenster der Küche von Moorhouse sah, mit einem so bitteren
Gemisch von Interesse und Verzweiflung geblickt, sie waren ihre
nächsten Verwandten! Und der junge, stattliche Mann, welcher
sie fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden, er war durch Bande
des Blutes an sie gebunden. Welche Entdeckung für eine Einsame!
Dies war Reichtum in der Tat! Reichtum für ihr Herz!-- Dies
war eine Himmelswohltat, rein, klar, neubelebend. In einer plötzlichen Aufwallung von Freude klatschte sie in die Hände, ihre
Pulse flogen,- in ihren Schläfen hämmerte es.
,O, ich bin so froh! - ich bin so froh! rief sie aus.
St. John lächelte.
Jane ging schnell durch das Zimmer. Dann hielt sie inne. Die
Gedanken, welche schneller kamen, als sie sie erfassen, begreifen,
ordnen konnte, erstickten sie fast. Sie starrte die kahle Wand an;
sie erschien ihr wie ein Himmel, der dicht mit leuchtenden Sternen
übersäet war, und jeder einzelne derselben bedeutete ihr ein Glück.
Jetzt konnte sie jenen Wohltaten erweisen, die ihr das Leben gerettet, und die sie bis zu diesem Augenblick nur untätig hatte wieder
lieben können. Ihre Wohltäter lebten in einem Joche, Jane konnte
sie befreien; sie waren in der Welt zerstreut, Jane konnte sie wieder
vereinigen; die Unabhängigkeit, der Überfluß, dessen sie sich erfreute, sie konnten auch ihnen zuteil werden. Zwanzigtausend Pfund
in gleiche Teile geteilt, würde für jeden fünftausend geben -- reichlich genug; der Gerechtigkeit sollte Genüge geschehen, aller Glück
gesichert werden. jetzt lastete der Reichtum nicht schwer auf Jane,
jetzt war es nicht nur ein Erbteil an Geld und Geldeswert -- nein,
es war ein Legat an Leben, Hoffnung und Genuß!
Sie sprach eifrig zu St. John: , Schreiben Sie schon morgen
an Diana und Mary und sagen Sie ihnen, daß sie sofort nach Hause
kommen, Diana hat mir oft gesagt, daß sie sich für reich halten
würden, wenn sie tausend Pfund hätten, folglich werden sie mit
fünftausend Pfund sehr gut leben können.
,Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser holen kann,.
sagte St. John, , Sie müssen sich wirklich beruhigen und Ihre
Gefühle zu beherrschen suchen.
, Mr. Rivers! Sie machen mich wirklich ungeduldig; ich bin
vollkommen vernünftig; Sie sind es, welcher mich mißversteht,
oder welcher vielmehr vorgibt, mich mißzuverstehen,'' erwiderte
Jane.
,Vielleicht würde ich Sie besser verstehen, wenn Sie sich klarer
ausdrückten.
, Klarer ausdrücken! Was ist denn hier noch klarer auszudrücken. Sie müssen doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund, die
in Frage stehende Summe, zu gleichen Teilen zwischen dem Neffen
und den drei Nichten meines Onkels verteilt, fünftausend Pfund
für jeden ergeben? Was ich will, ist, daß Sie an Ihre Schwestern

,Ihnen selbst, wollen Sie sagen.
,Ich habe Ihnen deutlich meine Ansicht über die Sache erklärt.
Eine andere vermag ich nicht zu fassen. Ich bin nicht selbstsüchtig,
nicht ungerecht, nicht undankbar. Außerdem bin ich entschlossen,
mein Heim zu gründen, mir Verwandte zu schaffen. Ich liebe
MoorHouse, und in MoorHouse will. ich wohnen. Ich liebe Diana
und Mary, und bei Diana und Mary will ich mein Lebelang
bleiben. Es wird mir ein Segen und eine Freude sein, fünftausend
Pfund zu besitzen; aber es würde mich quälen und bedrücken,
zwanzigtausend mein eigen zu nennen; und außerdem könnten sie
mir niemals von Rechts wegen gehören, wenn auch das Gesetz sie
mir zuspricht. So überlasse ich Ihnen nur das, was für mich absolut überflüssig wäre.
,Dies heißt nach der ersten Eingebung handeln; Sie bedürfen
mehrerer Tage, um die Sache zu überlegen, bevor ich Ihr Wort als
gültig annehmen kann.
,O! Wenn es nur die Aufrichtigkeit und Dauer meines
Willens ist, die Sie bezweifeln, so bin ich ruhig. Sehen Sie denn
wenigstens die Gerechtigkeit der Sache ein ??
,Ja; eine gewisse Gerechtigkeit erkenne ich an; doch läuft sie
jedem hergebrachten Brauch entgegen. Außerdem haben Sie Anspruch an das ganze Vermögen; mein Onkel erwarb es durch seine
eigenen Anstrengungen; es stand ihm frei, es zu hinterlassen, wem
er wollte: er hinterließ es Ihnen. Und schließlich erlaubt das
Gesetz Ihnen, es zu behalten. Mit reinem Gewissen können Sie
es als Ihnen gehörig betrachten.'?
,Bei mir ist es ebensogut eine Sache des Gewissens wie des
Gefühls, sagte sie., Und ich muß nach meinem Gefühl handeln.
Ich habe bis jetzt so selten Gelegenheit gehabt, das zu tun. Und
wenn Sie während der Dauer eines ganzen Jahres mit mir
stritten, mich ärgerten und mir widersprächen, so würde ich mir
die selige Freude nicht versagen, die sich mir in dieser Stunde
flüchtig offenbart hat - nämlich, zum Teil eine schwerwiegende
Verbindlichkeit abzuzahlen und mir Freunde für das ganze Leben
zu erringen.
, So denken Sie jetzt,! begann St. John wiederum, ,weil
Sie nicht wissen, was es heißt, Reichtum zu besitzen und folglich
sich desselben zu erfreuen; Sie haben keinen Begriff von der Wichtigkeit, welche der Besitz von zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würde; von der Stellung, welche sie Ihnen in der Gesellschaft geben würden; von den Aussichten, welche sich Ihnen dadurch eröffnen würden; Sie können nicht-
,Und Sie,'' unterbrach sie ihn, ,können sich keinen Begriff
machen von der Sehnsucht, welche ich nach schwesterlicher und
brüderlicher Liebe empfinde. Ich hatte niemals eine Heimat, niemals Brüder oder Schwestern. Ich will und muß sie jetzt haben.
Widerstrebt es Ihnen denn, mich aufzunehmen und anzuerkennen?
,Jane, ich will Ihnen ein Bruder sein- meine Schwestern
werden Ihre Schwestern sein-- ohne daß Sie uns das Opfer
Ihrer gerechten Ansprüche bringen.
,Bruder? Ja! In kühler Entfernung. Schwestern? Ja!
Die ein Sklavenleben zwischen Fremden führen! Und ich reich!
Überschüttet mit Gold, das ich mir nicht erworben und das ich nicht
verdiene! Und ihr arm! Großartige Gleichberechtigung und
Brüderlichkeit! Enge, innige Vereinigung! Herzliche Liebe und
Anhänglichkeit!?
,Und die Schule, Miß Eyre? Die wird jetzt doch vermutlich
geschlossen werden müssen?’
,Nein; ich werde den Platz einer Lehrerin behalten und ausfüllen, denn dieser Platz ist mir lieb und wert geworden.
Er lächelte zustimmend. Dann drückten sie sich die Hände
und er ging.
Die Angelegenheit wurde trot längeren Zauderns der Geschwister doch in Janes Sinne geordnet; ein jeder von den Vieren
erhielt fünftausend Pfund Sterling. Jane hatte zwar beschlossen,
ihre Stelle als Lehrerin zu behalten, doch wollte sie von nun an
in Moor House wohnen.

Einundzwanzigstes Kapitel.
Zu gutem Ende.
Das Weihnachtsfest war beinahe herangekommen, ehe alles
geordnet war; die Zeit des Festes der ganzen Christenheit war
nahe. Jetzt schloß Jane die Schule von Morton für einige Zeit
und bat St. John, daß er ihr Hannah abtrete.
,Wozu brauchen Sie sie?
,Um mit mir nach Moor House zu gehen. In einer Woche
werden Diana und Mary zu Hause sein, und bei ihrer Ankunft
sollen sie alles in der schönsten Ordnung finden.
,Ich verstehe. Hannah soll Sie begleiten.
,Sagen Sie ihr also, daß sie sich morgen bereit hält.
,Was gedenken Sie denn in Moor-House zu tun,'' fragte er
dann.
,Mein erstes Ziel ist, Moor-House vom Boden bis zum Keller
einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. DaS nächste, es mit
Bienenwachs, Ol und einer unbestimmten Anzahl von Tüchern zu
reiben, bis es blitzt; das dritte, jeden Tisch, jeden Stuhl, jedes
Bett, jeden Teppich mit mathematischer Präzision zu arrangieren;
darauf werde ich Sie beinahe zugrunde richten durch ungezählte
Massen von Torf und Holz, um in jedem Zimmer ein hellloderndes
Feuer zu unterhalten; und endlich und zuletzt werden die beiden
letzten Tage, welche der Ankunft Ihrer Schwestern voraufgehen,
von Hannah und mir dem Schlagen von Eiern, Auslesen von Rosinen, Rösten von Gewürzen, Backen von Weihnachtskuchen,
Schneiden von Fleisch und anderen schönen Dingen gewidmet
sein, von welchem Uneingeweihte, wie Sie, doch keinen Begriff
haben. Kurz und gut, mein Zweck ist es, vor nächstem Donnerstag alles in einem Zustande der vollkommensten Bereitschaft
zu Dianas und Marys Empfang zu, haben.
St. John lächelte fast unmerklich und entfernte sich.
Jane war jetzt glücklich in Moor-House, und angestrengt arbeitete sie. Desgleichen Hannah. Diese war entzückt, zu sehen,
wie fröhlich Jane sein konnte inmitten der Unruhe eines Hauses,
in welchem das unterste zu oberst gekehrt war - wie gut sie bürsten, abstäuben, reinigen und kochen konnte. Und wirklich nach
zwei Tagen der heillosesten Verwirrung war es reizend mit anzusehen, wie sie nach und nach Ordnung in das Chaos brachten, das
sie erst selbst hervorgerufen hatten. Kurz vorher hatte Jane noch
eine Reise nach S. unternommen, um einige neue Möbelstücke zu
kaufen, nachdem ihre Cousinen ihr freie Hand gelassen und eine
bestimmte Summe zu dem Zwecke gegeben hatten, alle sie gut dünkenden Änderungen zu treffen. Das gewöhnliche Wohnzimmer
und die Schlafzimmer ließ sie ganz so, wie sie gewesen, denn sie
wußte, daß Diana und Mary mehr Freude an dem Wiedersehen der
häßlichen, alten Stühle und Tische haben würden, als an dem Anblick der prächtigsten Neuerungen. Und doch war einiges Neue
notwendig, um ihrer Heimkehr das Ungewöhnliche zu verleihen,
womit sie es gern umkleiden wollte. Diesem Zweck entsprachen
nun neue, schöne, dunkle Teppiche und Vorhänge, eine Zusammenstellung sorgsam ausgewählter, antiker Ornamente in Porzellan
wirken. Ein Fremden, Wohn- und Schlafzimmer möblierte sie ganz
neu mit Mahagoni und roten Polstermöbeln; in den Korridor und
auf die Treppe legte sie Teppiche. Als alles fertig war, erschien
das Innere von MoorHouse ihr ebenso freundlich und sauber und
gemütlich, wie es draußen um diese Jahreszeit winterlich einsam
und öde und traurig war.
Endlich kam der ereignisreiche Donnerstag. Die Schwestern
wurden um die Dämmerstunde erwartet, und lange vorher wurden schon oben und unten die Kaminfeuer angezündet. Die Küche
war in vollkommenster Ordnung. Hannah und Jane waren angekleidet. Alles war bereit.
Zuerst kam St. John. Jane hatte ihn innig gebeten, das
Haus nicht eher zu betreten, als bis alles arrangiert sei; und in der
Tat hatte der bloße Gedanke an die Unruhe und Verwirrung,
und Bronze, neuer Möbelbezüge, Spiegel und Toilette»Necessaire
für die Ankleidezimmer: alles dies sah frisch aus, ohne störend zu
welche innerhalb der vier Wände vor sich ging, hingereicht, ihn
dem Hause völlig zu entfremden. Er fand Jane in der Küche mit
dem Backen einiger Kuchen für den ersten Teeabend beschäftigt.
Indem er sich dem Herde näherte, fragte er, ob sie nun endlich
mit der Arbeit eines Hausmädchens zufrieden sei. Sie antwortete
ihm, indem sie ihn einlud, sie auf einer Generalinspektionsreise
durch das Haus zu begleiten, um das Resultat ihrer Anstrengungen
zu begutachten. Mit einiger Mühe gelang es ihr, ihn zu diesem
Rundgang zu überreden. Dann aber zeigte er offen, welche
Freude er an der Verschönerung seines väterlichen Hauses
empfände,
Da stürmte Hannah herein. ,Sie kommen! sie kommen!’ rief
sie, indem sie die Tür des Wohnzimmers weit aufriß. In demselben Augenblick hob auch der alte Carlo an freudig zu bellen.
Jane lief hinaus. jetzt war es dunkel geworden, aber deutlich vernahm man das Rollen der Räder. Hannah hatte schnell eine
Laterne angezündet. Der Wagen hatte vor dem Gittertor angehalten. Der Kutscher öffnete den Wagenschlag; zuerst stieg eine
wohlbekannte Gestalt heraus, dann die zweite. Im nächsten
Augenblick war Janes Gesicht unter ihrenHüten, zuerst inBerührung
mit Marys weicher Wange, dann mit Dianas reichen Locken.
Sie lachten, küßten sie-- dann Hannah; liebkosten Carlo,
der fast wild vor Freude war, fragten eifrig, ob alles wohl und in
Ordnung sei, und eilten ins Haus, als. ihre Frage bejahend beantwortet wurde.
Sie waren wie gerädert durch die lange Fahrt auf dem
schlechten Wege von Whitcroß; ihre Glieder waren in der eisigen
Nachtluft fast erstarrt; aber sie tauten vor dem lustig flackernden
Kaminfeuer zusehends auf. Während der Kutscher und Hannah
die Koffer hereinbrachten, fragten sie nach St. John. In diesem
Augenblick trat er aus dem Wohnzimmer. Beide umarmten ihn
zugleich. Er küßte und bewillkommnete sie herzlich.
Jane hatte die Kerzen angezündet, um beide nach oben zu
geleiten, aber Diana hatte vorher noch gastfreie Befehle in Bezug
auf den Kutscher zu erteilen; nachdem dies geschehen, folgten beide.
Sie waren über die Neuerungen und Ausschmückungen ihrer Zimmer entzückt. In reichstem Maße sprachen sie ihre Freude über die
neuen Vorhänge, die frischen Teppiche und reich bemalten Porzellanvasen aus. Jane hatte die Genugtuung zu fühlen, daß ihre
Anordnungen ihren Wünschen vollkommen entsprachen, und daß
alles, was sie getan hatte, ihrer freudigen Heimkehr noch einen
großen Reiz verliehen hatte. Es war ein wonniger Abend.
Hiermit sind wir an das Ende unserer Erzählung gelangt;
denn welchen schöneren Abschluß könnte es geben, als die arme
Waise, welche alles Elend eines elternlosen und verlassenen Kindes
hat durchkosten müssen, in wohlhabenden Verhältnissen, in geachteter Stellung und im Kreise lieber Verwandten zu sehen? Bald
wurde Jane Eyres Liebeskreis noch erweitert; denn sobald sie
durch andauernde Nachforschungen Mrs. Fairfax's Aufenthaltsort entdeckt hatte, ließ sie die kleine Adele, welche jetzt ganz einsam
bei der gütigen, alten Dame noch weilte, zu sich kommen. So
hatte Jane noch eine besondere Liebespflicht zu erfüllen, und sie
widmete sich derselben mit geradezu mütterlicher Zärtlichkeit.
Erstes Kapitel.

Es war keine Möglichkeit, an jenem Tage einen Spaziergang zu machen. Wir waren freilich am Morgen eine Stunde in der unbelaubten Anpflanzung umhergewandert; aber seit dem Mittagessen -- wenn keine Gesellschaft da war, speiste Mistreß Reed sehr früh -- hatte der kalte winterliche Wind so düstere Wolken und so durchdringenden Regen mit sich geführt, daß von einer weiteren Bewegung im Freien nicht die Rede sein konnte.
Es war mir angenehm, denn ich liebte niemals weite Spaziergänge, besonders nicht an kalten Nachmittagen. Schrecklich war es mir, in der öden Dämmerung mit erfrorenen Fingern und Zehen nach Hause zu kommen, wo dann mein Herz durch das Schelten der Kindermuhme Bessie noch trauriger gestimmt und durch das Bewußtsein gedemüthigt wurde, daß ich in physischer Hinsicht Elise, John und Georgine Reed so weit nachstand.
Elise, John und Georgine hatten sich jetzt im Gesellschaftszimmer um ihre Mama gedrängt: sie lag auf einem Sopha in der Nähe des Kamins und erschien, von ihren Lieblingen umgeben, vollkommen glücklich, auch hörte man zu der Zeit kein Zanken oder Schreien. Mich hatte sie dispensiert, mich dieser Gruppe anzuschließen, indem sie gesagt, sie bedaure, sich in die Nothwendigkeit gesetzt zu sehen, mich in einiger Entfernung zu halten: und so lange sie nicht von Bessie gehört und durch eigene Beobachtung entdeckt habe, daß ich mich bemühe, mir allen Ernstes eine geselligere und kindlichere Gemüthsart, ein anziehenderes und lebhafteres Wesen anzueignen -- etwas leichter, unbefangener und natürlicher, als es bisher gewesen -- müsse sie mich von Vorrechten ausschliessen, die nur für zufriedene und frohe kleine Kinder bestimmt seien.
"Was sagt Bessie, daß ich gethan habe?" fragte ich.
"Johanna, ich liebe den Widerspruch und das Fragen nicht; überdies ist es wirklich abscheulich, wenn ein Kind sich gegen ältere Personen so benimmt. Setze Dich irgendwo nieder und schweig, bis es Dir möglich ist, angenehm zu reden"
Neben dem Gesellschaftszimmer befand sich ein kleines Frühstückzimmer: in dieses schlich ich mich. Dort befand sich ein Bücherschrank: ich bemächtigte mich eines Buches, trug aber Sorge, daß es eines mit Bildern war. Ich stieg auf den Fenstersitz, schlug meine Füße unter, wie ein Türke, zog die Vorhänge von rothem Moor fast dicht zu und war von beiden Seiten geschützt.
Die Falten der scharlachrothen Draperie schlossen mich auf der rechten Seite ein: zur linken waren die klaren Glasscheiben, die mich vor dem öden Novembertage schützten, aber nicht von ihm trennten. Von Zeit zu Zeit, während ich die Blätter meines Buches umschlug, studirte ich den Anblick dieses Winternachmittages. In der Ferne bot er eine bleiche Masse von Nebel und Gewölk dar; in der Nähe eine Scene von nassen Rasenplätzen und sturmbewegten Gesträuchen mit unaufhörlichem Regen, den ein lang gehaltener und klagender Wind wild vor sich her peitschte.
Ich kehrte zu meinem Buche zurück -- zu Bewick's Naturgeschichte der britischen Vögel. Um den Text kümmerte ich mich im Allgemeinen wenig; und doch waren einige einleitende Bemerkungen da, die ich, so sehr ich auch Kind war, nicht ganz übergehen konnte. Es waren solche, die von den Wanderungen der Seevögel handeln, von den einsamen Felsen und Vorgebirgen, die nur von ihnen bewohnt werden, von der norwegischen Küste, die von ihrem südlichen Ende bis zum Nordkap mit Inseln besetzt ist:
"Wo das Polarmeer laut und wirbelnd siedet
Um jene nackten, melancholischen Inseln
Des fernsten Thule, und der Wogen Brandung
Sich Bahn bricht durch die stürmischen Hebriden."
Auch konnte ich die Beschreibung der öden Ufer von Lappland, Sibirien, Spitzbergen, Nova-Zembla, Island, Grönland mit dem weiten Kreise der nördlichen Zone und jenen verlorenen Himmelsstrichen des öden Raumes -- jenes Reservoir von Frost und Schnee, wo feste Eisfelder,
die Anhäufung von vielen tausend Wintern, Alpenhöhe über Alpenhöhe, den Pol umgeben und die gesteigerte Strenge der äußersten Kälte concentriren -- nicht übergehen. Von diesen schneeweißen Reichen bildete ich mir meine eigene Idee -- schattenähnlich, gleich allen halbbegriffenen Kenntnissen, die trübe, aber seltsam und ausdrucksvoll, durch das kindliche Gehirn treiben. Die Worte in diesen einleitenden Bemerkungen verschmolzen sich in den folgenden Bildern und gaben dem in einer See von Wogen und Schaum alleinstehenden Felsen, dem zertrümmerten, an der verlassenen Küste gescheiterten Boot, dem kalten und geisterhaften Monde, der durch Wolkengitter auf ein eben untersinkendes Wrack niederblickt, ihre Bedeutung.
Ich kann nicht sagen, welche Empfindungen den einsamen Kirchhof umschwebten und den beschriebenen Leichenstein, seine Pforte, seine zwei Bäume und den niedrigen Horizont, der von einer verfallenen Mauer begrenzt war, und dessen eben aufgegangener Halbmond die Abendstunde verkündete.
Die beiden Schiffe, die von einer stürmischen See geschaukelt wurden, hielt ich für Meerphantome.
Den bösen Geist, der des Diebes Bündel hinter ihm festnagelt, überging ich rasch: es war ein Gegenstand des Schreckens.
Dasselbe geschah mit dem schwarzen, gehörnten Geschöpfe, welches hoch auf einem Felsen saß, und eine ferne Menschenmenge überschaute, die einen Galgen umringte.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte; oft geheimnisvoll für meinen unentwickelten Verstand und meine unvollkommenen Gefühle, doch sehr interessant: so interessant, wie die Mährchen, die Bessie zuweilen an Winterabenden erzählte, wenn sie zufällig bei guter Laune war, ihren Plätttisch an den Kamin in der Kinderstube gestellt und uns erlaubte, uns um sie zu setzen, während sie Mistreß Reed's Halskrausen und Nachthauben plättete. Dann belohnte sie unsere Aufmerksamkeit mit Abenteuern der Liebe und des Kriegs, die aus alten Feenmärchen und älteren Balladen geschöpft waren, oder, wie ich später entdeckte, aus Pamela und Heinrich, Grafen von Moreland. Bewick's Buch auf meinem Knie, war ich also glücklich; glücklich wenigstens auf meine Weise. Ich fürchtete Nichts als Störung, und die kam nur zu bald. Die Thür des Frühstückzimmers öffnete sich.
"Bah! Jungfer Träumerin! rief John Reed's Stimme und verstummte, als er das Zimmer leer zu finden meinte.
"Wo zum Popanz mag sie sein?" fuhr er fort und rief dann seinen Schwestern zu:
"Lizzy! Georgy! Hannchen ist nicht hier: sagt Mama, sie ist in den Regen hinausgelaufen -- das böse Geschöpf!"
"Es ist gut, daß ich den Vorhang zugezogen habe," dachte ich und wünschte inbrünstig, er möge mein Versteck nicht entdecken; auch würde John Reed mich nicht gefunden haben, denn er hatte weder einen raschen Blick noch einen scharfen Verstand. Aber Elise steckte nur ihren Kopf durch die Thür und sagte sogleich:
"Sie ist gewiß auf dem Fenstersitze, Jack."
Ich kam sogleich heraus; denn ich zitterte bei dem Gedanken, von dem erwähnten Jack, herausgeschleppt zu werden.
"Was willst Du von mir?" fragte ich mit linkischer
Schüchternheit.
Was wollen Sie, Monsieur Reed"" heißt es, "war die Antwort. Ich will, daß Du hierher kommst."
Hierauf setzte er sich in einen Lehnsessel und gab mir durch eine Bewegung zu verstehen, daß ich mich nähern und vor ihn hinstellen sollte.
John Reed war ein Schulknabe von vierzehn Jahren -- vier Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn -- groß und stark für sein Alter, von dunkelbrauner und ungesunder Gesichtsfarbe, starken Linien in seinem breiten Gesichte, von plumpen Gliedern und großen Händen und Füßen. Er aß sich bei Tische gewöhnlich sehr voll, wovon er gallsüchtig wurde und was ihm ein trübes, gläsernes Auge und welke Backen zugezogen. Er hätte jetzt in der Schule sein sollen; doch seine Mutter hatte ihn wegen seiner zarten Gesundheit auf einen oder zwei Monate nach Hause genommen. Herr Miles, sein Lehrer, versicherte, es würde sehr gut sein, wenn ihm weniger Kuchen und Leckerbissen von Hause geschickt würden; doch das Mutterherz empörte sich über eine so harte Ansicht und war eher zu der höheren Idee geneigt, daß John's abgefallenes Gesicht
von übergroßer Anstrengung und vielleicht auch vom Heimweh herrühre.
John zeigte nicht viel Zärtlichkeit für seine Mutter und Schwestern und hatte einen Widerwillen gegen mich. Er verfolgte und bestrafte mich nicht zwei- oder dreimal in der Woche, nicht ein- oder zweimal am Tage, sondern beständig; jeder Nerv, den ich hatte, fürchtete ihn, und alles
Fleisch auf meinen Knochen erbebte, wenn er mir nahe kam. Es gab Augenblicke, wo ich durch den Schrecken, den er mir einflößte, ganz verwirrt war, denn ich konnte mich bei Niemand über seine Drohungen um Tätlichkeiten beschweren: die Diener wollten ihren jungen Herrn nicht beleidigen, und also nicht Partei gegen ihn nehmen, und Mistreß Reed war in dieser Hinsicht taub und blind. Sie sah nie, wenn er mich schlug, und hörte nicht, wenn er mich schalt, obgleich er zuweilen Beides in ihrer Gegenwart that, doch noch häufiger hinter ihren Rücken.
Gewohnt, John zu gehorchen, nähert ich mich seinem Stuhle; er brachte etwa drei Minuten damit zu, seine Zunge so weit herauszustrecken, als es geschehen konnte, ohne ihre Wurzel zu beschädigen: ich wußte, daß er bald zuschlagen würde, und während ich den Schlag fürchtete,
dachte ich an das ekelhafte und garstige Aussehen dessen, der ihn austheilen würde. Vielleicht las er diese Gedanken in meinem Gesichte, denn plötzlich und ohne zu reden, schlug er stark und heftig zu. Ich taumelte, und als ich mein Gleichgewicht wieder erlangt hatte, zog ich mich ein oder zwei Schritte von seinem Stuhle zurück.
"Das ist für Deine Unverschämtheit, womit Du Mama vor einiger Zeit geantwortet hast," sagte er; "dafür, daß Du Dich fortschleichst und Dich hinter den Vorhängen verbirgst, und für den Blick, den Du erst vor zwei Minuten in Deinem Auge zeigtest, Du Ratte."
An John Reed's üble Behandlung gewöhnt, fiel es mir nie ein, darauf zu erwidern; meine Sorge war nur, wie ich den Schlag ertragen sollte, der gewiss auf die Schmähung folgen mußte.
"Was thatest Du dort hinter dem Vorhange?" fragte er.
"Ich las."
"Zeige das Buch."
Ich kehrte zum Fenster zurück und holte es von dort her.
"Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen: Mama sagt, Du bist abhängig: Du hast kein Geld; Dein Vater hat Dir keins hinterlassen; Du solltest betteln und hier nicht mit anständigen Kindern, wie wir sind, zusammen leben, mit uns essen und Kleider tragen auf Kosten unserer Mutter. Nun will ich Dich lehren, meinen Bücherschrank zu durchstöbern; denn er ist mein, das ganze Haus ist mein oder wird mir doch in wenigen Jahren gehören. Geh und stelle Dich an die Thür, fern von dem Spiegel und den Fenstern."
Ich that es, da ich nicht gleich wußte, was seine Absicht war; als ich ihn aber das Buch erheben und schwingen sah, sprang ich instinktmäßig mit einem Schrei des Schreckens auf die Seite; doch nicht früh genug, das Buch traf mich, ich fiel hin und verwundete meinen Kopf an der
Thür. Die Wunde blutete, der Schmerz war heftig, mein Schrecken hatte den höchsten Grad erreicht. Andere Gefühle folgten.
"Böser, grausamer Junge!" sagte ich. "Du gleichst einem Mörder. Du gleichst einem Sclaventreiber -- Du gleichst den römischen Kaisern!"
Ich hatte Goldsmith's Geschichte von Rom gelesen und mir meinen Begriff von Nero und Caligula gebildet. Auch hatte ich in der Stille Parallelen gezogen, die ich nie laut
auszusprechen beabsichtigte.
"Was! was!" rief er. "Sagte sie das zu mir? Hörtet Ihr es, Elise und Georgine? Soll ich es nicht Mama sagen? Aber vorher --"
Er lief plötzlich auf mich zu; ich fühlte, wie er mein Haar und meine Schulter ergriff: er hatte sich an ein verzweifeltes Geschöpf gewagt. Ich sah in der That einen Tyrannen, einen Mörder in ihm. Ich fühlte, wie einige Blutstropfen von meinem Kopfe auf meinen Hals niederfielen, und empfand einen stechenden Schmerz: diese Empfindungen überwanden für den Augenblick die Furcht, und ich empfing ihn auf wahnsinnige Weise. Ich weiß nicht recht, was ich mit meinen Händen that, doch er nannte mich "Ratte! Ratte!” und brüllte laut. Hülfe war ihm nahe, Elise und Georgine holten Mistreß Reed herbei, die die Treppe hinaufgegangen war; sie trat jetzt auf den Schauplatz. Bessie und ihr Kammermädchen Abbot folgten ihr. Wir wurden getrennt und ich hörte die Worte:
"O Himmel! welch eine Furie, auf Monsieur John loszustürzen!'
"Sah je ein Mensch eine solche Leidenschaft?"
Dann fügte Mistreß Reed hinzu:
"Bringt sie in das rothe Zimmer und schließt sie dort ein."
Vier Hände ergriffen mich sogleich und ich wurde die Treppe hinaufgetragen

Zweites Kapitel

Ich widersetzte mich den ganzen Weg über, was bei mir etwas Neues war und sehr dazu beitrug, die schlimme Meinung zu verstärken, die Bessie und Miß Abbot von mir zu hegen geneigt waren. Ich war in der That ein wenig außer mir, ich wuste, daß eine augenblickliche Empörung mich schon schweren Strafen unterwarf, und gleich jedem andern rebellischen Sclaven fühlte ich mich in meiner Verzweiflung entschlossen, noch weiter zu gehen.
"Halten Sie ihr die Arme fest, Miß Abbot. Sie ist gleich einer wilden Katze."
"Pfui pfui!" rief die Kanmerjungfer. Welch ein garstiges Betragen, Miß Eyre, einen jungen Herrn zu schlagen, den Sohn Ihrer Wohlthäterin! Ihren jungen Herrn!"
"Meinen Herrn! Wie ist er denn mein Herr? bin ich denn eine Dienerin?"
"Nein, Sie sind noch weniger, als eine Dienerin, denn Sie thun Nichts für Ihren Unterhalt. Da setzen Sie so, nieder und denken über Ihre Bosheit nach."
Sie hatten mich jetzt in das von Mistreß Reed angedeutete Zimmer gebracht und mich auf einen Stuhl geworfen.
Mein erster Antrieb war, wieder aufzuspringen, doch die vier Hände hielten mich augenblicklich wieder fest.
"Wenn Sie nicht still sitzen, so müssen wir Sie festbinden," sagte Bessie. "Miß Abbot, borgen Sie mir Ihre Strumpfbänder; sie würde die meinen sogleich zerreißen."
Miß Abbot begann ihr rundes Bein von dem nöthigen Bande zu befreien. Diese Vorbereitung, mich zu fesseln, um die damit verbundene Schande mäßigte mich ein wenig.
"Lassen Sie die Strumpfbänder nur," rief ich; "ich will mich nicht bewegen."
Zum Beweise hielt ich mich mit den Händen an meinem Stuhle fest.
"Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie Ihr Wort halten, sagte Bessie, und als sie sich überzeugt hatte, daß ich wirklich ruhiger wurde, ließ sie mich los; dann standen sie und Miß Abbot mit übereinandergeschlagenen Armen da und sahen mir finster und zweifelhaft ins Gesicht, als ob sie an meinem Verstande zweifelten.
"Sie ist noch nie so gewesen," sagte Bessie endlich, sich zu der Abigail wendend.
"Doch es lag immer in ihr," war die Antwort. "Ich habe Missis oft meine Meinung über das Kind gesagt, und Missis stimmte mir bei. Sie ist ein boshaftes kleines Ding, ich sah noch nie ein Mädchen in ihrem Alter mit so viel versteckter List."
Bessie antwortete nicht, doch wendete sie sich bald zu mir und sagte:
Sie sollten bedenken, Miß, was Sie Mistreß Reed für Dank schuldig sind: sie ernährt Sie; wenn sie Sie wegjagte, müßten Sie ins Waisenhaus gehen."

Ich hatte Nichts zu diesen Worten zu sagen: sie waren mir nicht neu, denn meine ersten Erinnerungen waren mit Andeutungen dieser Art verschmolzen. Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war ein undeutliches Lied für mein Ohr geworden, sehr schmerzlich und niederdrückend, aber nur halb verständlich.
"Und Sie sollten sich nicht für gleich mit den Misses Reed und Monsieur Reed halten," fiel Miß Abbot ein, "weil Missis so gütig ist, Sie mit ihnen erziehen zu lassen. Jene werden viel Geld bekommen und Sie keins: Sie sollten demüthig sein und versuchen, sich ihnen angenehm zu
machen."
"Was wir Ihnen sagen, geschieht zu Ihrem Besten," fügte Bessie in nicht rauhem Tone hinzu; "Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann würden Sie vielleicht hier eine Heimath haben; aber wenn Sie leidenschaftlich und roh werden, so bin ich gewiß, daß Missis Sie fortschicken wird."
"Ueberdies wird Gott sie bestrafen," sagte Miß Abbot; "er könnte sie in ihrem Zorne tödten, und wohin würde sie dann gehen? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie verlassen: ich möchte um die Welt nicht ihr Herz haben. Sprechen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie wieder zu sich gekommen sind: denn wenn Sie nicht bereuen, so möchte etwas Böses im Kamin herunterkommen und Sie wegholen."
Sie gingen fort, machten die Thür zu und verschlossen sie.
Das rothe Zimmer war unbewohnt und es schlief seltene oder nie Jemand darin, als wenn eine ungewöhnliche Anzahl von Gästen in Gateshead Hall es nöthig machte, alle Räume zu benutzen, die das Haus besaß: und doch war es das größte und stattlichste Zimmer in dem ganzen Gebäude.
Ein Bett, von Säulen von Mahagoniholz getragen, mit Vorhängen von dunkelrothem Damask versehen, stand wie ein Zelt in der Mitte, zwei große Fenster, deren Laden beständig geschlossen waren, zeigten eine reiche Draperie von ähnlicher Farbe: der Fußteppich war roth: der Tisch am
Fuße des Bettes mit einer karmoisinrothen Decke belegt die Tapeten an den Wänden von falber Farbe mit scharlachrothen Streifen: der Kleiderschrank, der Toilettentisch und
die Stühle waren von dunkel polirtem alten Mahagoniholz. In dieser tiefen Dunkelheit erhoben sich hoch und schimmernd weiß die aufgethürmten Matratzen und Kissen des Bettes, welches mit einer schneeweißen Bettdecke belegt war. Kaum weniger in die Augen fallend war ein großer, mit Kissen belegter Lehnstuhl am Kopfende des Bettes, ebenfalls weiß und mit einem Fußschemel vor demselben, so daß er mir wie ein blasser Thron vorkam.
Dieses Zimmer war kalt, weil es selten gebeizt wurde; es war still, weil es von der Kinderstube und der Küche entfernt lag, und feierlich, weil selten Jemand hineinkam. Das Hausmädchen allein ging jeden Sonnabend hinein, um von den Spiegeln und den Möbeln den leichten Staub einer Woche abzuwischen; und Mistreß Reed selber besuchte es in großen Zwischenräumen, um den Inhalt eines gewissen geheimen Faches in dem Kleiderschranke zu untersuchen, worin sie verschiedene Documente, ihr Juwelenkästchen und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Mannes aufbewahrte. In diesen letzten Worten liegt das Geheimniß des rothen Zimmers: der Zauber, der es ungeachtet seiner Pracht einsam ließ.
Herr Reed war vor neun Jahren gestorben: in diesem Zimmer hatte er seinen Geist aufgegeben; hier hatte er auf dem Paradebette gelegen, von hier hatte man seinen Sarg weggetragen, und seit jenem Tage schützte ein Gefühl der Furcht das Zimmer vor häufigem Besuche.
Mein Sitz, auf den mich Bessie und die boshafte Miß Abbot gebannt zurückgelassen, war eine niedrige Ottomane in der Nähe des marmornen Kamins. Das Bett erhob sich vor mir, zu meiner Rechten befand sich der hohe dunkle Kleiderschrank, an dessen glänzenden Verzierungen sich das matte Licht brach; zu meiner Linken die verhüllten Fenster und ein großer Spiegel zwischen ihnen wiederholte die leere Majestät des Bettes und des Zimmers. Ich war nicht ganz gewiß, ob sie die Thür verschlossen hatten, und als ich mich zu bewegen wagte, stand ich auf, um nachzusehen. Ach ja, kein Kerkermeister war je pünktlicher in seinem Amt. Als ich zurückkehrte, mußte ich an dem Spiegel vorüber; mein bezauberter Blick erforschte unwillkürlich die Tiefe, die er darstellte. Alles erschien in jenem zauberhaften Abbilde kälter und dunkler, als in der Wirklichkeit, und die fremde kleine Gestalt, die mich daraus anblickte mit einem weißen Gesichte und Armen, die gegen die Dunkelheit abstachen, und mit schimmernden Augen, die sich vor Furcht bewegten, wo alles Andere still war, machte auf mich den Eindruck eines Geistes. Ich meinte, sie sei jenen winzigen Phantomen, halb Fee halb Zwerg, ähnlich, die nach Bessie's Abenderzählungen aus einsamen Schluchten hervorkamen und den Augen verspäteter Wanderer erschienen. Ich kehrte zu meinem Sitze zurück.
Der Aberglaube war in diesem Augenblick mächtig in mir; doch war es noch nicht seine Stunde des vollständigen Sieges: mein Blut war noch warm; die Stimmung des empörten Sclaven band mich noch mit mächtiger Stärke ich mußte mich dem raschen Gange zurückblickender Gedanken widersetzen, ehe es mir gelang, die unheilvolle Gegenwart zu dämpfen.
Alle gewaltsamen Tyranneien John Reed's, alle stolze Gleichgültigkeit seiner Schwestern, alle Abneigung seiner Mutter, alle Parteilichkeit der Diener erhob sich in meinem verstörten Geiste gleich einem dunklen Niederschlage in einer aufgerührten Quelle. Warum mußte ich immer leiden, immer hart behandelt, immer beschuldigt und immer verurtheilt werden? Warum konnte ich nie gefallen? Warum war es nutzlos, zu versuchen, irgend Jemandes Gunst zu erwerben?
Elise, die halsstarrig und selbstsüchtig war, wurde geachtet. Georgine, die eine verdorbene Gemüthsart, eins sehr scharfen Spott, ein naseweises und freches Benehmen hatte,
wurde überall geduldet. Ihre Schönheit, ihre rothen Wangen und ihre goldenen Locken schienen Allen, die sie ansahen, Entzücken zu gewähren und ihr Straflosigkeit für jeden Fehler zu erkaufen. John trat Niemand in den Weg und bestrafte ihn noch weniger, obgleich er den Tauben die Halse umdrehte, die kleinen Pfauen tödtete, die Hunde hinter die Schafe hetzte, die Weinstöcke im Treibhause ihrer Früchte beraubte und die Knospen der seltensten Pflanzen im Gewächshause abbrach. Obgleich er seine Mutter "ein altes Weib" nannte, sie wegen ihrer dunklen Haut, die der seinen glich, verspottete, frech ihren Wünschen entgegen handelte und nicht selten ihr seidenes Kleid zerriß oder beschmutzte, so war er doch immer ihr Liebling. Ich wagte keinen Fehler zu begehen; ich bemühte mich, jede Pflicht zu erfüllen, und ich wurde vom Morgen bis Mittag und vom Mittag bis Abend unartig und lästig genannt.
Mein Kopf schmerzte noch und blutete von dem Schlage und dem Falle, den er bekommen hatte: Niemand hatte John Vorwürfe gemacht, weil er mich aus Uebermuth geschlagen und weil ich mich gewehrt, um fernere unvernünftige Gewaltthätigkeit abzuwenden, wurde ich mit allgemeinem Tadel überhäuft.
"Ungerecht! -- ungerecht!" sagte meine Vernunft, die durch den quälenden Stachel zu frühzeitiger, obgleich vorübergehender Kraft angespornt wurde. Der Entschluß, gleichfalls
angeregt, trieb zu einem seltsamen Auskunftsmittel, uns dem unerträglichen Drucke zu entfliehen: davonzulaufen oder, wenn das nicht zu bewerkstelligen war, nicht mehr zu essen
oder zu trinken, und so zu sterben.
Welch eine tiefe Trostlosigkeit empfand ich an jenen traurigen Nachmittage! Wie war mein ganzes Gehirn im Tumult und mein ganzes Herz im Aufstande! Doch in welcher Dunkelheit, in welcher dichten Unwissenheit wurde die geistige Schlacht gefochten! Ich konnte die unaufhörliche innere Frage nicht beantworten, warum ich so litt jetzt, nach einem Zeitraum -- ich will nicht sagen, von wie vielen Jahr -- sehe ich es deutlich ein.
Ich war in Gateshead Hall Allen ungleich: Niemand harmonirte mit mir: ich hatte nichts Uebereinstimmendes mit Mistreß Reed, ihren Kindern oder ihrer auserwählen Dienerschaft. Wenn sie mich nicht liebten, so liebe ich sie in der That eben so wenig. Sie waren nicht verbunden ein Wesen mit Zärtlichkeit zu betrachten, welches mir seiner Person unter ihnen übereinstimmte: ich war ein heterogenes Wesen, ihnen an Temperament, Fähigkeit und Neigung entgegengesetzt, ein nutzloses Wesen, unfähig, ihrem Interesse zu dienen oder ihr Vergnügen zu erhöben: ein schädliches Wesen, welches die Keine des Unwillens über ihre Behandlung, der Verachtung ihres Urtheils hegte. Ich weiß, wenn ich ein sanguinisches, leichtsinniges, nachlässiges, anspruchsvolles, schönes und wildes Kind gewesen wäre -- obgleich eben so abhängig und freundlos wie jetzt -- so würde Mistreß Reed meine Gegenwart geduldiger ertragen, ihre Kinder mehr Freundschaft für mich empfunden haben, und die
Diener weniger geneigt gewesen sein, mich zu dem Sündenbock der Kinderstube zu machen.
Das Tageslicht begann das rothe Zimmer zu verlassen, es war vier Uhr vorbei, und der bewölkte Nachmittag ging in trübe Dämmerung über. Ich hörte den Regen noch beständig an das Fenster auf der Treppe schlagen, und den Wind in dem Wäldchen hinter der alle heulen: ich wurde nach und nach kalt wie Stein und dann sank mein Muth. Meine gewohnte bemüthige Stimmung, der Zweifel an mir selbst, meine trostlose Niedergeschlagenheit sanken feucht auf die erlöschenden Kohlen meines verglühenden Zornes. Alle sagten, ich sei boshaft, und vielleicht mochte ich es auch sein: wie hatte ich auch erst eben auf den Gedanken kommen können, mich auszuhungern, das war offenbar ein Verbrechen: und war ich denn vorbereitet zu sterben? oder war das Gewölbes unter dem Chor in der Kirche zu Gateshead ein einladendes Ziel? In solch einem Gewölbe, hatte man mir gesagt, liege Herr Reed begraben: und durch diesen Gedanken daran gemahnt, verweilte ich mit zunehmendem Schrecken dabei. Ich erinnerte mich seiner nicht mehr: aber ich wußte, daß er mein Oheim -- meiner Mutter Bruder war -- daß er mich als elternloses Kind in sein Haus genommen und in seinen letzten Augenblicken sich von Mistreß Reed das Versprechen hatte geben lassen, mich wie eins ihrer eigenen Kinder zu erziehen und zu unterhalten. Mistreß Reed dachte wahrscheinlich, dieses Versprechen erfüllt zu haben: und ich denke, sie hatte es auch gethan, soweit ihre Natur es gestattete: aber wie konnte sie einen Ausläufer wirklich lieben, der nicht zu ihrem Geschlechte gehörte, und nach ihres Mannes Tode durch kein Band mit ihr in Verbindung stand? Sie mußte es sehr lästig finden, durch ein erzwungenes Versprechen gebunden zu sein, an einem fremden Kinde, welches sie nicht lieben konnte, Mutterstelle zu vertreten und eine Fremde beständig ihrer Familiengruppe aufgedrängt zu haben.
Eine ähnliche Aussicht dämmerte in mir auf. Ich zweifelte nicht -- ich hatte nie gezweifelt, daß Herr Reed, wenn er gelebt, mich gütig würde behandelt haben, und nun als ich da saß und das weiße Bett und die beschatteten Wände ansah -- mich auch von Zeit zu Zeit mit bezaubertem Auge zu dem schimmernden Spiegel wendete begann sie mich zu erinnern, was ich von Verstorbenen gehört, dadurch die Verletzung ihrer letzten Wünsche, in ihren Graben beunruhigt, die Erde wieder besuchten, um die Meineidigen zu bestrafen und die Unterdrückten zu rächen; und ich dachte Herrn Reed's Geist, durch das Unrecht empört, welches dem Kinde seiner Schwester wiederfuhr, könne seinen Aufenthalt, sei es nun in dem Grabgewölbe der Kirche oder in der unbekannten Welt der Abgeschiedenen -- verlassen und sich in diesem Zimmer vor mir erheben. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen, da ich fürchtete, ein Zeichen heftigen Kummers möchte eine übernatürliche Stimme erwecken, um mich zu trösten, oder in der Dunkelheit ein matt schimmerndes Gesicht erscheinen lassen, welches sich mit kummervollem Mitleid über mich neigte. Ich fühlte, das diese an sich tröstliche Idee in der Wirklichkeit schrecklich sein werde, und ich bemühte mich mit aller Macht, sie zu unterdrücken -- ich bemühte mich, fest zu sein. Ich schüttelte mein Haar aus meinen Augen, erhob den Kopf und versuchte, mich kühn in dem dunklen Zimmer umzusehen; in diesem Augenblick schimmerte ein Licht an der Wand. "Sollte es ein Strahl des Mondes sein, der durch eine Oeffnung des Fensterladens fallt?" fragte ich mich. "Nein, das Mondlicht steht still, und dies bewegt sich." Während ich es anblickte, erhob es sich zur Decke und bebte über meinem Haupte. Ich vermuthete jetzt, daß dieser Lichtschimmer ohne Zweifel von einer Laterne herrührte, die Jemand über den Rasenplatz trug; aber da mein Geist auf das Entsetzen vorbereitet, und meine Nerven durch Aufregung erschüttert waren, hielt ich den raschen Strahl für den Vorboten einer Erscheinung aus der andern Welt. Mein Herz schlug heftig, mein Kopf wurde heiß; ein Geräusch erfüllte meine Ohren, welches ich für das Mauschen von Flügeln hielt es schien etwas in meiner Nähe zu sein; ich war atemlos und erblickt, ich konnte es nicht länger ertragen, stürzte auf die Thür zu und schüttelte das Schloss mit verzweifelter Anstrengung. Es eilte Jemand den äußeren Gang daher, der Schlüssel wurde umgedreht und Bessie und Abbot traten ein.
"Miß Eyre, sind sie krank?" sagte Bessie.
"Welch ein schrecklicher Lärm! es ist mir in alle Glieder gefahren!" rief Abbot.
"Last mich heraus! Laßt mich in die Kinderstube gehen!" schrie ich.
"Weshalb? ist Ihnen etwas geschehen? Haben Sie etwas gesehen?" fragte Bessie wieder.
"O! ich sah ein Licht und glaubte, es würde ein Geist kommen."
"Sie hat absichtlich geschrieen," behauptete Abbot mit Widerwillen. "Und welch ein Schrei! Wenn sie großen Schmerz empfunden, hätte man es noch entschuldigen können, aber sie wollte uns Alle nur hierher bringen: ich kenne ihre listigen Ränke."
"Was ist dies Alles?" fragte eine andere gebieterische Stimme, und Mistreß Reed kam mit flatternder Haube und stürmisch rauschendem Kleide den Corridor daher. "Abbot und Bessie, ich meine doch befohlen zu haben, Johanna Eyre solle in dem rothen Zimmer bleiben, bis ich sie selber herauslasse."
"Miß Johanna schrie so laut, Madame," sagte Bessie entschuldigend.
"Laß sie nur," war die Antwort. "Laß Bessie's Hand los, Kind: es wirr Dir nicht gelingen, auf solche Weise herauszukommen. Ich verabscheue die List, besonders bei Kindern, es ist meine Pflicht, Dir zu zeigen, daß Du durch Ränke nicht Deinen Zweck erreichst. Du wirst jetzt eine
Stunde länger hier bleiben, und nur unter der Bedingung der vollkommenen Unterwürfigkeit und Stille werde ich Dich dann befreien.
"O Tante, haben Sie Mitleid! Verzeihen Sie mir!
Ich kann es nicht ertragen -- bestrafen Sie mich auf eine andere Weise! Ich werde sterben, wenn--"
Still! Diese Heftigkeit ist empörend!”
So kam es ihr ohne Zweifel vor. Ich war in ihren Augen eine frühreife Schauspielerin; sie hielt mich für eine Vereinigung glühender Leidenschaften, niedrigen Geistes und gefährlicher Falschheit.
Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten, schob mich Mistreß Reed, aufgebracht Uber meine wahnsinnige Angst und mein heftiges Schluchzen, ohne Weiters wieder in das Zimmer zurück und schloß mich wieder ein. Ich hörte sie fortrauschen, und bald nachdem sie fort war, sank ich in Ohnmacht, und Bewußtlosigkeit schloß die Scene.


Drittes Kapitel.

Als ich wieder erwachte, geschah es mit einem Geist als hätte ich ein furchtbares Alpdrücken gehabt, und ich sei vor mir einen schrecklichen rothen Schein, der von schwarzen Stangen durchkreuzt war. Ich hörte auch Stimmen, die in hohlem Ton sprachen, als würden sie von dem Rauschen des Windes oder Wassers erstickt: Aufregung, Ungewißheit und die vorherrschende Empfindung des Schreckens verwirrten meine geistigen Fähigkeiten. Bald wurde ich gewahr, das mich Jemand anfaßte, mich erhob und mich in sitzender Stellung unterstützte, und zwar sanfter, als man mich je vorher aufgerichtet oder unterstützt hatte. Mein Kopf lag auf einem Kissen oder auf einem Arme und ruhe welch.
Nach wenigen Minuten verschwand die Wolke der Verwirrung; ich wußte, daß ich in meinem Bette lag und daß der rothe Schein von dem Feuer des Kamins in der Kinderstube berührte. Es war Nacht: ein Licht brannte auf den Tische. Bessie stand, ein Becken in der Hand, am Fußende des Bettes; ein Herr saß auf einem Stuhle neben meinen Kopfkissen und neigte sich über mich.
Ich empfand eine unaussprechliche Erleichterung, eine besänftigende Ueberzeugung des Schutzes und der Sicherheit als ich wußte, daß ein Fremder im Zimmer war, eine Person, die nicht zu Gateshead gehörte und nicht mit Mistreß Reed verwandt war. Mich von Bessie abwendend, obgleich ihre Gegenwart mir viel weniger luftig war, als die der Miß Abbot gewesen sein wurde, beobachtete ich das Gesicht des Herrn. Ich kannte ihn; es war Herr Lloyd, ein Apotheker und Wundarzt, der zuweilen von Mistreß Reed gerufen wurde, wenn ihre Diener krank waren, wogegen Gesund ihre Kinder einen Arzt gebrauchten.
"Nun, wer bin ich?" fragte er.
Ich nannte seinen Namen und reichte ihm zugleich meine Hand. Er nahm sie, lächelte und sagte:
"Es wird schon nach und nach besser mit uns werden."
Dann legte er mich nieder, redete Bessie an und trug ihr auf, sehr vorsichtig zu sein, daß ich während der Nacht nicht gestört werde. Nachdem er noch einige weitere Anordnungen gegeben, sagte er, er werde am nächsten Tage wider kommen, und entfernte sich zu meinem Kummer. Ich
hatte mich so beschützt und sicher gefühlt, während er auf dem Stuhle neben meinem Kopfkissen gesessen; und als er die Thür hinter sich zumachte, wurde das ganze Zimmer dunkel, mein Muth sank, und eine unaussprechliche Traurigkeit druckte mein Herz nieder.
"Meinen Sie, daß Sie schlafen könnten, Miß? fragte Bessie ziemlich sanft.
Kaum wagte ich, zu antworten, denn ihr nächstes Wort konnte rauh sein.
"Ich will es versuchen," sagte ich.
"Mochten Sie vielleicht trinken oder etwas essen?"
"Nein, ich danke Ihnen, Bessie."
"Dann denke ich, will ich zu Bette gehen, denn es ist schon über zwölf, aber Sie können mich rufen, wenn Sie in der Nacht etwas bedürfen."
Das war ein wunderbare Höflichkeit! Sie machte mich so kühn, eine Frage zu thun.
"Bessie, was ist mit mir geschehen? bin ich krank?"
"Ich vermuthe, Sie wurden im rothen Zimmer vom Schreien ohnmächtig; Sie werden bald besser sein, zweifeln Sie nicht."

Bessie ging in das Zimmer des Hausmädchens, welches an die Kinderstube stieß, und ich hörte sie sagen:
"Sara, komm und schlaf mit mir in der Kinderstube; ich möchte um's Leben nicht die Nacht mit dem armen Kinde allein sein; sie könnte sterben. Es ist ein seltsamer Vorfall mit dieser Ohnmacht: es soll mich wundern, ob sie wohl etwas gesehen hat; Missis war doch zu hart
gegen sie."
Sara kehrte mit ihr zurück; Beide legten sich zu Bette und flüsterten noch eine halbe Stunde zusammen, ehe sie einschliefen. Ich vernahm einige Sätze von ihrer Unterhaltung, woraus ich nur zu deutlich den Hauptgegenstand ihrer Verhandlung erkennen konnte.
"Es ist ihr etwas erschienen, ganz weiß gekleidet und verschwunden -- ein großer schwarzer Hund hinter ihm -- drei starke Schläge an die Kammerthür -- ein Licht auf dem Kirchhofe gerade über seinem Grabe u. s. w."
Endlich schliefen Beide: das Feuer und das Licht gingen aus. Ich brachte die lange Nacht in schrecklichem Wachen zu; Ohr, Auge und Geist waren gleich geschärft durch die Furcht -- solche Furcht, wie nur Kinder empfinden können.
Keine schwere oder langweilige körperliche Krankheit folgte auf dieses Ereignis in dem rothen Zimmer: es gab nur meinen Nerven einen Stoß, wovon ich die Erschütterung noch heute empfinde. Ja, Mistreß Reed, Ihnen habe ich einige furchtbare Qualen geistigen Leidens zur Last zu legen. Aber ich muß Ihnen verzeihen, denn Sie wußten nicht, was Sie thaten; während Sie die Saiten meines Herzens zerrissen, glaubten Sie nur, meine bösen Neigungen auszurotten.
Am folgenden Tage um Mittag war ich auf und angekleidet, und saß, in einen Shawl gehüllt, am Kamin in der Kinderstube. Ich fühlte mich matt und niedergeschlagen; aber mein schwerstes Leiden war ein unaussprechliches Elend der Seele; ein Elend, welches mir beständig stille Thränen auspresste, und sobald ich einen salzigen Tropfen von mein Wange getrocknet, folgte auch schon ein anderer. Doch dachte ich, sollte ich froh sein, denn keins von den Reeds war da; sie waren alle mit ihrer Mama ausgefahren: Abbot nähete in dem andern Zimmer und Bessie, die von Zeit zu Zeit hereinkam, die Spielsachen aufräumte und die Kleider in den Schränken ordnete, richtete hin und wieder ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich. Dieser Zustand der Dinge hätte für mich ein Paradies des Friedens sein sollen, so sehr wie ich an ein Leben unaufhörlichen Tadels und undankbarer Sclaverei gewöhnt war; aber in der That waren meine angegriffenen Nerven jetzt in einem solchen Zustande, daß keine Ruhe sie besänftigen und kein Vergnügen sie angenehm aufregen konnte.
Bessie war in der Küche gewesen und hatte eine Torte auf einem gewissen glänzend bemalten chinesischen Teller hereingebracht, dessen Paradiesvogel, der unter Convolvuli und Rosenknospen nistete, mich stets in begeisterte Bewunderung zu versetzen pflegte. Oft hatte ich gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um ihn genauer zu betrachten, doch hatte man mich bisher immer dieses Vorrechts für unwürdig geachtet. Dieses kostbare Gefäß wurde
jetzt auf mein Kniee gesetzt und ich freundlich eingeladen, was darauf befindliche delikate Gebäck zu essen. Vergebliche Gunst! die, wie die meisten oft gewünschten und lange verschobenen Gunstbezeugungen zu spät kam! Ich konnte die Torte nicht essen und das Gefieder des Vogels, die Farben der Blumen schienen seltsam verblichen. Ich stellte Teller und Torte weg. Bessie fragte, ob ich ein Buch haben wollte: das Wort Buch wirkte, wie ein vorübergehender Antrieb, und ich bat sie, Gulliver's Reisen aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte ich wiederholt mit Entzücken durchgelesen; ich betrachtete es als eine Erzählung von Thatsachen und fand ein lebhafteres Interesse daran, als an den Feenmährchen, denn nachdem ich die Elfen vergebens unter Fingerhutblättern und Glockenblumen, unter Moosrosen und dem Epheu besucht, der die alten Mauern überkleidete, war ich endlich zu der Ueberzeugung von der traurigen Wahrheit gekommen, daß sie alle aus England verschwunden und in ein wildes Land gegangen, wo die Wälder noch dichter und die Bevölkerung spärlicher wäre. Da Liliput und Brobdignag meinem Glauben nach feste Theile der Oberfläche der Erde waren, so zweifelte ich nicht, daß ich einst auf einer weiteren Reise und eigenen Augen die kleinen Felder, Häuser und Bäume das winzige Völkchen, die zierlichen Kühe, Schaafe und Vögel dieses Reiches, und die Kornfelder so hoch wie die Bäume des Waldes, die mächtigen Hunde, die ungeheuren Katzen und die thurmähnlichen Männer und Weiber des andern Reiches sehen werde. Doch als dieses ersehnen Buch jetzt in meine Hand gelegt wurde -- als ich die Blätter umschlug und in seinen wunderbaren Schildereien der Reiz suchte, den ich bis jetzt noch immer darin gefunden, da war Alles öde und leer; die Riesen waren unförmliche Gestalten, die Pygmäen boshafte und furchtbare Zwerge und Gulliver ein höchst trostloser Wanderer in der ödesten und gefahrvollsten Gegend. Ich machte das Buch zu, welches ich nicht länger zu lesen wagte, und legte es neben der unangerührten Torte auf den Tisch.
Bessie war jetzt mit Abstäuben und Auskehren fertig, und nachdem sie ihre Hände gewaschen, öffnete sie ein gewisses kleines Fach, welches mit glänzenden Stücken Seidenzeug und Sammet angefüllt war, und begann einen neuen Hut für Georginens Puppe zu machen. Dabei sang sie ihr Lied:
"Als wir mit Zigeunern einst zogen umher
Der langer, langer Zeit."
Ich hatte das Lied oft vorher und stets mit lebhafter Freude gehört, denn Bessie hatte eine angenehme Stimme -- wenigstens kam es mir so vor. Aber obgleich ihre Stimme auch jetzt noch lieblich war, so fand ich in ihrer Melodie doch eine unbeschreibliche Traurigkeit. Mit ihrer
Arbeit beschäftigt, sang sie den Schlußreim: "Vor langer, langer Zeit," zuweilen sehr leise und gezogen, so daß er einem Grabliede glich. Sie ging zu einer andern Ballade über, und diesmal war es eine klagende:
Wund sind die Füße und müde die Glieder,
Weit ist der Weg, es stürmet der Wind;
Bald senkt die Dämm'rung auf Pfade sich nieder,
Wo trostlos wandert das Waisenkind.

Ach' warum schickt man mich doch in die Ferne,
Wo öde Tristen und Felsen nur sind;
Hart sind die Menschen, wie oft ich hier lerne:
Engel nur leiten das Waisenkind.
Sterne mir strahlen so lieblich dort oben,
Die Wolken verschwinden, die Luft wehet lind;
Gott gibt mir Trost, und ihn muß ich loben:
Er schützet gnädig das Waisenkind.
Sollt' ich auch fallen, wenn morsch ist die Brücke,
Und folgen dem täuschenden Irrlichte blind;
Stets ruft mein Vater mich liebend zurücke:
Nimmt an den Busen das Waisenkind.
Sollten auch oftmals die Kräfte mir fehlen,
Und ich nicht wissen, wo Obdach ich find':
Will ich den Himmel zur Heimath nur wählen:
Gott hat zum Freunde das Waisenkind.

"Ei, Miß Johanna, weinen Sie nicht, sagte Bessie, als sie geendet hatte. Ebenso gut hätte sie zu dem Feuer sagen können: "Brenne nicht!" Aber wie konnte sie das schmerzliche Leiden errathen, dem ich preis gegeben war.
Im Laufe des Morgens kam Herr Lloyd wieder.
"Was! schon auf!" sagte er, als er in die Kinderstube trat. "Nun, Bessie, wie geht es mit ihr?"
Bessie antwortete, es gebe sehr gut mit mir.
"Dann müßte sie heiterer aussehen. Kommen Sie her, Miß Johanna: Ihr Name ist Johanna, nicht wahr?
"Ja, Herr, Johanna Eyre."
"Sie haben geweint, Miß Johanna Eyre. Können Sie mir sagen, warum? Empfinden Sie irgend einen Schmerz?"
"Nein, Herr."
"O! ich denke sie weint, weil sie nicht mit Missis hat ausfahren dürfen," fiel Bessie ein.
"Gewiß nicht. Sie ist zu alt, um so kindlich zu sein."
Ich dachte auch so, und da meine Selbstachtung durch die falsche Anklage verwundet wurde, so antwortete ich sogleich:
"Ich weinte nie in meinem Leben wegen einer solchen Sache und fahre überhaupt nicht gern im Wagen. Ich weine, weil ich elend bin."
"O pfui, Miß!" sagte Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verlegen, wie das nehmen solle. Ich stand vor ihm; er richtete seine Augen fest auf mich: diese Augen waren klein und nicht sehr hell, aber schlau genug; außerdem hatte er harte Züge und doch ein gutmüthiges Gesicht. Nachdem er mich nach Muße betrachtet hatte, sagte er:
"Was machte Sie gestern krank?"
"Sie ist gefallen," sagte Bessie, wieder das Wort nehmend.
"Gefallen! das gleicht ja wieder einem kleinen Kinde.
Kann sie denn in ihrem Alter noch nicht vorsichtig geben? Sie muß acht oder neun Jahr alt sein."
"Ich wurde zu Boden geschlagen," war die unumwundene Erklärung, die mir durch eine neue Qual des gekränkten Stolzes ausgepreßt wurde. "Aber das machte mich nicht krank," fügte ich hinzu, während Herr Lloyd eine Prise Schnupftabak nahm.
Als er die Dose wieder in seine Westentasche gesteckt hatte, wurde laut zum Mittagessen der Dienerschaft geklingelt. Er wußte, was es bedeutete, und sagte: Das gilt Ihnen, Bessie; Sie können hinuntergehen: ich will Miß Johanna meine Vorschriften ertheilen, bis Sie zurückkehren."
Bessie wäre lieber dageblieben, doch war sie genöthigt zu gehen, denn Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten wurde in Gateshead Hall strenge gefordert.
"Der Fall machte Sie also nicht krank? was denn? fuhr Herr Lloyd fort, als Bessie gegangen war.
"Ich wurde bis nach der Dunkelheit in ein Zimmer eingeschlossen, wo sich ein Geist aufhält.
Ich sah, wie Herr Lloyd zu gleicher Zeit lächelte und finster blickte.
"Geist! Sie sind doch am Ende noch ein Kind! Sie fürchten Geister?
"Ja, Herrn Reed's Geist fürchte: ich er starb in jenen Zimmer und wurde dort ausgestellt. Weder Bessie noch irgend sonst Jemand geht bei Nacht hinein, wenn es zu vermeiden ist: und es war grausam, mich allein und ohne Licht dort einzuschließen -- so grausam, daß ich denke, ich werde es nie vergessen."
"Unsinn! und ist es das, was Sie so elend macht? Fürchten Sie sich denn auch jetzt bei Tage?"
"Nein: aber die Nacht wird bald kommen, und überdies bin ich unglücklich -- sehr unglücklich wegen anderer Dinge."
"Wegen welcher andern Dingen? Können Sie mir einige davon nennen?"
Wie sehr wünschte ich, diese Frage vollständig zu beantworten! Wie schwierig war es, eine Antwort zu bilden! Kinder können fühlen, aber sie können ihre Gefühle nicht analysiren; und wenn diese Analyse auch zum Theil in Gedanken vorgeht, so wissen sie doch das Resultat des Processes nicht in Worten auszudrücken. Da ich indessen fürchtete, meine erste und einzige Gelegenheit zu verlieren, meinen Kummer durch die Mittheilung zu erleichtern, gelang es mir nach einer Pause der Verwirrung, eine magere, doch so weit, wie sie ging, wahre Antwort hervorzubringen.
"Für's Erste, weil ich weder Vater noch Mutter, weder Brüder noch Schwestern habe."
"Aber Sie haben eine gütige Tante, Vetter und Cousinen.'
Ich schwieg wieder und stotterte dann hervor:
"Aber John Reed schlug mich zu Boden und meine Tante schloß mich in das rothe Zimmer ein."
Herr Lloyd brachte zum zweiten Male seine Schnupftabacksdose zum Vorschein.
"Ist nicht Gateshead Hall ein sehr schönes Haus?" fragte er. " Sind Sie nicht sehr dankbar, daß Sie an einem so schönen Orte leben können?"
"Es ist nicht mein Haus, Herr; und Abbot sagt, ich habe weniger Recht, hier zu sein, als eine Dienerin."
"Bah! Sie können nicht so thöricht sein, einen so glänzenden Ort verlassen zu wollen?"
"Wenn ich irgendwo anders hingehen könnte, wurde ich ihn gern verlassen; aber ich kann nicht eher von Gateshead fort, als bis ich erwachsen bin."
"Vielleicht doch -- wer weiß? Haben Sie noch Verwandte, außer Mistreß Reed?"
"Ich glaube nicht, Herr."
"Keine von Seiten Ihres Vaters?"
"Ich weiß nicht: ich fragte Tante Reed einst darnach, und sie sagte, es könnte möglich sein, daß ich einige arme und gemeine Verwandte Namens Eyre habe, doch sie wisse Nichts von ihnen."
"Wenn Sie solche hätten, würden Sie zu ihnen geben wollen?"
Ich dachte nach. Die Armuth hat für erwachsene Leute ein abschreckendes Ansehen, und noch mehr für Kinder, sie haben keinen Begriff von fleißiger und achtungswerther Armuth; sie verbinden mit diesem Worte den Begriff von zerlumpten Kleidern, spärlicher Nahrung, kalten Zimmern, rohen Sitten und entehrenden Lastern: Armuth war für mich mit Entehrung gleichbedeutend.
"Nein, ich möchte nicht bei armen Leuten sein," war meine Antwort.
"Auch nicht, wenn sie gütig gegen Sie wären?"
Ich schüttelte den Kopf: ich konnte nicht einsehen, wie es armen Leuten möglich sein sollte, gütig zu sein: und dann, wie sie sprechen zu lernen, ihre Sitten anzunehmen, unwissend zu werden und aufzuwachsen wie eins jener armen Weiber, die ich vor den Thüren der Häuser im
Dorfe Gateshead ihre Kinder stillen oder ihre Kleider hatte waschen sehen: nein, ich war nicht heroisch genug, die Freiheit um den Preis einer solchen Erniedrigung zu erkaufen.
"Aber sind Ihre Verwandten denn so sehr arm? Gehören sie der arbeitenden Klasse an?"
"Ich kann es nicht sage; Tante Reed sagt, wenn ich welche hätte, müßte es ein bettelhaftes Pack sein, und ich möchte nicht betteln gehen."
"Möchten Sie denn wohl in die Schule gehen?"
Ich dachte wieder nach: ich wußte kaum, was eine Schule sei: Bessie sprach zuweilen davon, wie von einem Orte, wo junge Damen eingesperrt würden, Zwangsleibchen trügen, außerordentlich pünktlich und artig sein müßten; John Reed haßte seine Schule und verspottete seinen Lehrer; aber John Reed's Geschmack war keine Regel für mich, und wenn Bessie's Berichte von der Schuldisciplin, die sie von den jungen Damen der Familie gehört, wo sie vorher gewesen, ehe sie nach Gateshead gekommen, auch etwas abschreckend waren, so hielt ich ihre Schilderung von den Fertigkeiten, die einige junge Damen dort erlangten, für eben so anziehend. Sie sprach von schönen Bildern, von Landschaften und Blumen, die sie verfertigen, von Liedern, die sie singen, und von Stücken, die sie spielen, von Börsen, die sie häkeln, und von französischen Büchern, die sie übersetzen lernten, so das mein Geist zur Nacheiferung getrieben wurde. Ueberdies war die Schule eine völlige Veränderung; sie machte eine weite Reise, eine gänzliche Trennung von Gateshead und den Eintritt in ein neues Leben nöthig.
"Ich möchte in der That wohl in die Schule gehen," war der hörbare Schluß meines Nachhdenkens.
"Nun, wer weiß, was geschehen kann,' sagte Herr Lloyd, indem er aufstand. "Das Kind sollte Luftveränderung haben, fügte er mit sich selber redend hinzu, "die Nerven sind in keinem guten Zustande."
Jetzt kehrte Bessie zurück und in demselben Augenblick hörte man den Wagen über den Kiesweg dahinrollen.
"Ist das Ihre Dame, Bessie?" fragte Herr Lloyd; "ich möchte gern mit ihr reden, ehe ich gehe."
Bessie lud ihn ein, sich in das Frühstückszimmer zu begeben, und ging voran, um ihm den Weg zu zeigen. Aus späteren Ereignissen schließe ich, daß der Apotheker in seiner Unterredung mit Mistreß Reed ihr den Vorschlag gemacht, mich in die Schule zu schicken, welcher Vorschlag ohne Zweifel sehr bereitwillig aufgenommen wurde, denn Abbot sagte, als sie eines Abends den Gegenstand mit Bessie verhandelte, als Beide in der Kinderstube saßen und näheten, als ich schon im Bette war, und sie glaubten, ich schlafe.
"Ich zweifle nicht, daß Missis sehr froh war, ein so lästiges und übelgesinntes Kind los zu werden, das immer aussieht, als wenn es Jedermann beobachte und geheime Pläne entwirft."
Ohne Zweifel hielt mich Abbot für einen kindlichen Guy Fawkes.
Bei derselben Gelegenheit erfuhr ich zum ersten Mal aus den Mittheilungen, die Miß Abbot Bessie machte, das mein Vater ein armer Geistlicher gewesen, daß meine Mutter ihn gegen die Wünsche ihrer Verwandten geheirathen welche die Verbindung unter ihrem Stande gehalten; das
mein Großvater Reed über ihren Ungehorsam so aufgebracht gewesen, das er ihr keinen Schilling gegeben: daß, nachdem meine Mutter und mein Vater ein Jahr verheirathet gewesen,
der Letztere das Typhusfieber bekommen, weil er die Armen der großen Fabrikstadt besucht, wo er Prediger gewesen, und wo jene Krankheit geherrscht: daß meine Mutter von ihm dieselbe Krankheit bekommen, und Beide innerhalb eines Monats nach einander gestorben.
Als Bessie diese Erzählung hörte, seufzte sie und sagte:
"Die arme Miß Johanna ist doch sehr zu bedauern, Abbot."
"Ja," antwortete Abbot, "wenn sie ein hübsches, artiges Kind wäre, könnte man wohl Mitleid mit ihrer Verlassenheit haben: aber man kann sich in der That nicht viel um eine solche kleine Kröte kümmern."
"Freilich nicht viel," stimmte Bessie ein: "aus jeden Fall würde eine Schönheit, wie Miß Georgine, viel rührender in einer solchen Lage sein."
"Ja. ich schwärme für Miß Georgine!" rief die begeistere Abbot. "Der kleine Engel! mit den langen Locken und blauen Augen! Und welch einen lieblichen Teint sie hat: gerade wie gemalt! -- Bessie, ich mochte wohl ein walisisches Kaninchen zum Abendessen haben."
"Mir würde es auch behagen -- mit einer gebratenen Zwiebel. Kommen Sie, wir wollen hinuntergehen."
Und sie entfernten sich.

Viertes Kapitel.

Aus meiner Unterredung mit Herrn Lloyd und der oben berichteten Conferenz zwischen Bessie und Abbot, schöpfte ich hinreichende Hoffnung, um den Wunsch in mir zu erregen, bald wieder hergestellt zu sein: eine Veränderung schien nahe -- ich wünschte und erwartete sie mit Schweigen. Sie trat aber noch immer nicht ein: Tage und Wochen vergingen: ich hatte meinen gewöhnlichen Gesundheitszustand wieder erlangt, doch wurde keine Anspielung auf den Gegenstand gemacht, worüber ich brütete. Mistreß Reed sah mich zuweilen mit strengen Blicken an, sprach aber selten mit mir: seit meiner Krankheit hatte sie eine auffallendere Trennungslinie
zwischen mir und ihren eigenen Kindern gezogen, indem sie mir ein kleines Gemach zum Schlafen anwies, mich verurtheilte, meine Mahlzeiten allein einzunehmen, und alle meine Zeit in der Kinderstube zuzubringen, während ihre Kinder beständig im Gesellschaftszimmer waren. Indessen ließ sie kein Wort davon fallen, daß sie mich in die Schule schicken wolle. Doch fühlte ich die instinctmäßige Gewißheit, daß sie mich nicht lange mit sich unter einem Dache dulden würde: denn wenn ihr Blick sich auf mich richtete, drückte er mehr als je eine unüberwindliche und eingewurzelte Abneigung aus. Offenbar nach ihrem Befehle bandelnd, sprachen Elise und Georgine so wenig als möglich mit mir. John drückte die Junge gegen seine Wange, wenn er mich sah, und versuchte mich zu bestrafen: aber da ich mich augenblicklich, von derselben Empfindung tiefen Hasses und verzweifelter Empörung aufgeregt, die durch die frühere
üble Behandlung veranlaßt worden, zur Wehr setzte, so hielt er es für besser, davon abzustehen, lief mit Verwünschungen davon und behauptete, ich hätte ihm das Nasenbein zerbrochen. Ich hatte ihm freilich einen so heftigen Schlag als meine Knöcheln auszutheilen vermochten, auf diesen vorragenden Gesichtstheil versetzt: und als ich sah, daß entweder dieser Schlag, oder mein Blick ihn erschreckte, empfand ich die größte Neigung, meinen Vortheil noch weiter zu verfolgen; aber er war schon bei seiner Mama. Ich hatte wie er in plärrendem Ton seine Erzählung begann, das die garstige Johanna Eyre wie eine wilde Katze auf ihn zugefahren; doch wurde er ziemlich rauh unterbrochen:
"Rede mir nicht von ihr, John; ich sagte Dir, Du solltest nicht in ihre Nähe kommen; sie ist der Beachtung nicht werth. Ich wünsche nicht, daß Du oder Deine Schwestern sich mit ihr einlassen."
Hier lehnte ich mich über das Treppengeländer und plötzlich und ohne Ueberlegung die Worte aus:
"Sie sind nicht werth, daß ich mich mit ihnen einlasse."
Mistreß Reed war eine wohlbeleibte Frau, doch als diese seltsame und kühne Erklärung hörte, lief sie rasch die Treppe hinauf, riß mich wie ein Wirbelwind mit sich in die Kinderstube fort, drückte mich auf den Rand meines Bettes nieder und gebot mir mit nachdrücklicher Stimme, den ganzen Tag nicht von der Stelle aufzustehen, oder eine Sylbe zu sprechen.
"Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch am Leben wäre? war meine fast unwillkürliche Frage. Ich sage, meine fast unwillkürliche Frage, denn es schien, als ob meine Zunge diese Worte ohne meine Einwilligung aussprach, und als rede etwas in mir, worüber ich keine Gewalt hatte.
"Was?" sagte Mistreß Reed in leisem Tone; ihr gewöhnliches kaltes und ruhiges graues Auge wurde unruhig und nahm fast einen Ausdruck der Furcht an; sie ließ meinen Arm los und sah mich an, als wisse sie in der That nicht, ob ich ein Kind oder ein böser Geist sei. Ich habe
jetzt das Eis gebrochen und fuhr fort:
"Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann Alles sehen, was Sie thun und denken: eben so auch Papa und Mama: sie wissen, daß Sie mich den ganzen Tag eingeschlossen haben, und meinen Tod wünschen."
Mistreß Reed faßte sich bald wieder; sie schüttelte mich heftig, versetzte mir eine Ohrfeige auf jede Wange und verließ mich, ohne ein Wort zu reden. Bessie füllte den Zwischenraum mit einer stundenlangen Strafpredigt aus, worin sie mir unzweifelhaft bewies, daß ich das gottloseste und
verworfenste Kind sei, das je unter einem Dache erzogen worden. Ich glaubte ihr halb, denn ich empfand in der That, wie sich nur böse Gefühle in meiner Brust erhoben.
November, December und die Hälfte des Januar gingen vorüber. Weihnachten und Neujahr waren in Gateshead mit der gewöhnlichen festlichen Heiterkeit begangen worden; man hatte Geschenke gewechselt, Mittagsmahlzeiten und Abendgesellschaften gegeben. Ich war natürlich von jedem Vergnügen ausgeschlossen: mein Antheil an der Heiterkeit bestand darin, Elise und Georgine täglich sauber anziehen und in das Gesellschaftszimmer hinuntergehen zu sehen, wo
sie sich in ihren Röcken von feinem Mousselin und scharlachnen Schärpen, so wie mit ihrem zierlich gelockten Haar darstellten, und dann später die Töne des Pianoforte oder der Harfe, das Hin- und Herlaufen des Kellermeisters und der Bedienten, das Klingen der Gläser und das Klirren der Gefäße, worin Erfrischungen herumgereicht wurden, so wie das Summen der Unterredung zu hören, wenn die Thüren des Gesellschaftszimmers geöffnet und geschlossen wurden. Wenn ich dieser Beschäftigung müde war, pflegte ich mich von dem oberen Ende der Treppe in die einsame und stille Kinderstube zurückzuziehen, wo ich mich zwar etwas traurig,
aber doch nicht unglücklich fühlte. Um die Wahrheit zu sagen, hätte ich nicht den geringsten Wunsch, in Gesellschaft zu gehen, denn in der Gesellschaft wurde ich sehr selten bemerkt, und wenn Bessie nur freundlich und gesellig gewesen wäre, hätte ich viel lieber den Abend ganz in der Stille mit ihr zugebracht, anstatt unter dem schrecklichen Auge der Mistreß Reed in einem mit Damen und Herren angefüllten Zimmer. Aber sobald Bessie ihre jungen Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in die lebhafteren Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin zu begeben, und gewöhnlich das Licht mitzunehmen. Ich saß dann da, meine Puppe auf dem Schooß, bis das Feuer ich niedergebrannt war, sah mich von Zeit zu Zeit um, ob auch etwas Böseres, als ich, das verdunkelte Zimmer besuche, und wenn die Kohlen nur noch einen schwachen Schimmer verbreiteten, kleidete ich mich hastig aus, riß Knoten und Schnüre, so gut ich konnte, auf, und suchte Schutz der Kälte und Dunkelheit in meinem Bettchen.
In dieses Bettchen nahm ich immer meine Puppe wie menschliche Wesen müssen etwas lieben, und in Ermangelung würdigerer Gegenstände fand ich ein Vergnügen daran, ein verblichenes und abgeschabtes Bild, gleich eine kleinen Vogelscheuche, zu lieben und zu liebkosen. Die thörichte Aufrichtigkeit, womit ich für dieses hölzerne Spielzeug schwärmte und es fast für lebendig und der Empfindung fähig hielt, ist mir jetzt unerklärlich. Ich konnte nie schlafen, wenn meine Puppe nicht mit in mein Nachtgewand gehüllt war; und wenn sie sicher und warm dalag, fühlte ich mich verhältnißmäßig glücklich und glaubte, sie sei es auch.
Die Stunden erschienen mir sehr lang, während ich die Entfernung der Gesellschaft erwartete, und auf Bessie's Tritt auf der Treppe horchte. Zuweilen kam sie herein, ihre Fingerhut oder ihre Scheere zu suchen, oder mir etwas zum Abendessen zu bringen -- einen Fladen oder einen Käsekuchen; dann setzte sie sich auf mein Bett, währen ich ab und wenn es geschehen war, drückte sie die Bettdecke so -- um mich zu, küßte mich zweimal und sagte:
"Gute Nacht, Miß Johanna."
Wenn Bessie so sanft war, erschien sie mir als das beste, schönste und gütigste Wesen in der Welt; und ich wünsche: aufrichtig, sie möchte immer so angenehm und liebenswürdig sein, und mich niemals herumstoßen, schelten, oder zu viel von mir verlangen, was sie nur zu oft zu thun pflegte. Bessie Lee muß ein Mädchen von guten natürlichen Anlagen gewesen sein, denn sie hatte Geschick bei Allem, was sie that und ein bemerkungswerthes Erzählungstalent: so urtheile
wenigstens nach dem Eindruck, den ihre Ammenmährchen auf mich machten. Sie war auch hübsch, wenn meine Erinnerungen an ihr Gesicht und ihren Wuchs richtig sind. Ich sehe sie noch immer als ein hübsches junges Frauenzimmer mit schwarzem Haar, dunklen Augen, sehr zierlichen Gesichtszügen und gutem reinen Teint: aber sie hatte ein launenhaftes und hastiges Temperament und gleichgültige Ansichten von Grundsätzen und Gerechtigkeit doch so, wie sie war, zog in sie jeder andern Person in Gateshead Hall vor.
Es war am fünfzehnten Januar um neun Uhr Morgens: Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen und meine Cousinen noch nicht zu ihrer Mama gerufen. Elise zog ihr warmes Winterkleid an und setzte ihren Hut auf, um das Federvieh zu füttern, welche Beschäftigung sie besonders liebte, um die Eier an die Haushälterin zu verkaufen und das so gewonnene Geld aufzusparen. Sie hatte Geschick zum Handeln und eine vorherrschende Neigung zum Sparen, die sich nicht nur beim Verkaufen von Eiern und jungen Hühnern zeigte, sondern auch in dem Handel, den sie mit dem Gärtner um Blumenzwiebeln, Saamen und Ableger trieb. Dieser hatte nämlich von Mistreß Reed den Befehl, seiner jungen Dame alle Produkte ihrer Blumenbeete abzukaufen, die sie zu verkaufen wünschte, und Elise hätte das Haar von ihrem Kopf verkauft, wenn sie einen hübschen Profit dabei gesehen hätte. Ihr Geld verbarg sie anfangs in Winkeln und hüllte es in Lumpen oder in alte Haarwickel; doch als das Hausmädchen einige von diesen Schatzkammern entdeckt hatte, fürchtete Elise, ihren geschätzten Reichthum einst zu verlieren, und willigte ein, ihn ihrer Mutter zu dem übertriebenen Zins von fünfzig oder sechszig Procent anzuvertrauen, welchen Zins sie alle Vierteljahre pünktlich einforderte und in einem kleinen Buche mit ängstlicher Sorgfalt Alles notirte.
Georgine saß auf einem hohen Stuhle, machte ihr Haar vor einem Spiegel und durchflocht ihre Locken mit künstlichen Blumen und verblichenen Federn, wovon sie einen Vorrath in einem Fache auf einer Dachstube gefunden. Ich machte mein Bett, da ich von Bessie den strengen Befehl erhalten, es bis zu ihrer Rückkehr zu ordnen, denn Bessie beschäftigte mich jetzt häufig als ihre Gehülfin, die Stube auszukehren, die Stühle abzustäuben u. s. w. Nachdem ich die Matratze zurecht gelegt und mein Nachtzeug zusammengefaltet, ging ich zu dem Fenstersitze, um einige Bilderbücher und Spielsachen in Ordnung zu bringen. Ein plötzlicher Befehl von
Georginen, ihre Spielsachen in Ruhe zu lassen -- denn die kleinen Stühle und Spiegel, die kleinen Teller und Tassen waren ihr Eigenthum -- bewog mich, davon abzustehen, und aus Mangel anderer Beschäftigung begann ich, an die gefrorenen Blumen des Fensters zu blasen, wodurch ein kleiner Raum frei wurde, durch den ich die Umgegend übersehen
konnte, wo Alles noch von dem Einflusse des harten Frost still und versteinert war.
Von diesem Fenster aus war die Wohnung des Portiers und der Fuhrweg sichtbar, und gerade als ich so viel zu dem silberweißen Laubwerk, womit die Scheiben überkleidet waren, aufgethaut hatte, daß ich hinausblicken konnte, sah ich das Thor sich öffnen und einen Wagen hereinrollen. Ich beobachtete ihn mit Gleichgültigkeit, denn es kamen oft Wagen nach Gateshead, doch keiner brachte Gäste, an welchen ich Interesse nahm. Er hielt vor dem Hause an, die Thürglocke wurde stark angezogen und der Gast eingelassen. Da dies Alles Nichts für mich war, so fand meine lebhafte Aufmerksamkeit bald einen lebhafteren Reiz an dem Schauspiel eines kleinen hungrigen Rothkehlchens, welches kam und auf den Zweigen des unbelaubten Kirschbaumes zirpte, der dicht an der Mauer in der Nähe des Fensters stand. Die Ueberbleibsel meines Frühstücks von Brod und Milch standen auf dem Tische, und nachdem ich ein Stück Brod zerkrümelt hatte, versuchte ich, das Schiebfenster zu öffnen, um die Krumen auf die Fensterschwelle zu legen, als Bessie die Treppe heraufgelaufen kam und in die Kinderstube trat.
"Miß Johanna, nehmen Sie Ihr Lätzchen ab -- was thun Sie da? haben Sie diesen Morgen schon Ihre Hände und Ihr Gesicht gewaschen?"
Ich zog noch einmal an, um das Fenster zu öffnen, als ich antwortete, denn ich wollte dem Vogel sein Brod sichere das Schiebfenster öffnete sich; ich streute die Krumen theils auf die Fensterschwelle, theils auf den Kirschbaum, machte dann das Fenster wieder zu und erwiderte:
"Nein, Bessie, ich bin erst eben mit dem Abstäuben fertig."
"Lässiges, sorgloses Kind! Und was thun Sie jetzt? Sie sehen ganz roth aus, als hätten Sie irgend einen Streiche vor: warum öffneten Sie das Fenster?"
Mir war die Mühe der Antwort erspart, denn Bessie schien in zu großer Eile zu sein, um meine Erklärung anzuhören: sie riß mich zu dem Waschtisch hin, rieb mir unerbittlich, aber glücklicher Weise nicht lange, Gesicht und Hände mit Seife, Wasser und einem groben Handtuch
glättete mein Haar mit einer harten Bürste, nahm mir das Lätzchen ab, zog mich zur Treppe hin und befahl mir, hinunterzugehen, da man meiner im Frühstückszimmer bedürfe.
Ich wollte fragen, wer mich dorthin rufe: ich wollte fragen, ob Mistreß Reed da sei; aber Bessie war schon fort und hatte die Thür der Kinderstube geschlossen. Ich stieg also langsam hinunter. Seit beinahe drei Monaten hatte mich Mistreß Reed nie zu sich gerufen: so lange auf die Kinderstube beschränkt, waren mir das Frühstückzimmer, das Speisezimmer und die Gesellschaftszimmer schreckenvolle Regionen geworden, in die ich nur mit Furcht einzutreten
wagte.
Ich stand jetzt in dem leeren Vorsaale; vor meinen Augen war die Thür des Frühstückszimmers und ich blieb furchtsam und zitternd stehen. Wie feigherzig war ich in jenen Tagen durch eine ungerechte Strafe geworden! Ich fürchtete, in die Kinderstube zurückzukehren; ich fürchtete,
weiter zu gehen: zehn Minuten stand ich in aufgeregtem Zaudern da: das heftige Klingeln in dem Frühstückszimmer brachte mich zu dem Schlusse, daß ich eintreten müsse.
"Wer mag mich rufen?" fragte ich bei mir selber, als ich mit beiden Händen den schweren Drücker faßte, der eine oder zwei Sekunden lang meinen Anstrengungen widerstand. Wen mochte ich außer Tante Reed in jenem Zimmer finden? -- Einen Mann oder eine Frau?
Der Drücker drehte sich, die Thür ging auf, ich trat ein, machte eine tiefe Verneigung, sah auf und erblickte einen schwarzen Pfeiler! -- So erschien mir wenigstens beim ersten Anblick die gerade, schmale, schwarz gekleidete Gestalt, die auf dem Teppich stand, und das grimmige Gesicht am oberen Ende hatte Aehnlichkeit mit einer Maske, die man en anstatt des Capitäls auf den Schaft gestellt.
Mistreß Reed nahm ihren gewöhnlichen Sitz am Kamin ein und gab mir ein Zeichen, mich zu nähern; ich that es und sie stellte mich dem steinernen Gaste mit den Worten vor:
"Dies ist das kleine Mädchen, wegen welcher ich mich an Sie gewendet."
Er, denn es war ein Mann, wendete seinen Kopf langsam zu der Stelle, wo ich stand, prüfte mich mit zwei forschend aussehenden grauen Augen, die unter buschigen Augenbrauen
funkelten, und sagte feierlich und mit einer Baßstimme:
"Sie ist von kleinem Wuchs; wie alt ist sie?"
"Zehn Jahre."
"So alt?" war die zweifelhafte Antwort. Er setzte seine Beobachtung noch einige Minuten lang fort und redete mich darauf sogleich an:
"Dein Name, kleines Mädchen?
"Johanna Eyre, Herr."
Indem ich diese Worte aussprach, blickte ich auf: er schien mir ein großer Mann zu sein; aber damals war ich sehr klein. Seine Gesichtszüge waren groß, und diese, so wie alle Umrisse seiner Gestalt, gleich strenge und geschraubt.
"Nun, Johanna Eyre, und Du bist ein gutes Kind?"
Da meine kleine Welt die entgegengesetzte Ansicht hegte, so war es unmöglich, diese Frage bejahend zu beantworten und ich schwieg. Mistreß Reed antwortete mit ausdrucksvollem
Kopfschütteln für mich und fügte bald hinzu:
"Je weniger darüber gesagt wird, desto besser ist es wohl, Herr Brocklehurst."
"Thut mir leid, dies zu hören! Wir müssen uns ein wenig mit einander unterreden."
Hierauf veränderte er seine perpendikuläre Stellung in eine sitzende, nahm in dem Lehnsessel der Mistreß Reed gegenüber Platz und sagte. "Komm hierher."
Ich ging über den Teppich; er stellte mich gerade vor sich hin. Welch ein Gesicht hatte er jetzt, da es mit dem meinen fast in gleicher Höhe war! welch eine Nase! und welch einen Mund und welche große verragende Zähne!
"Kein Anblick ist so traurig, als der eines unartigen Kindes," begann er, "und ganz besonders eines unartigen kleinen Mädchens. Weißt Du, wohin die Bösen nach dem Tode kommen?"
"In die Hölle," war meine rasche und orthodoxe Antwort.
Und was ist die Hölle? Kannst Du mir das sagen?
"Ein Abgrund voll Feuer."
"Und möchtest Du in diesen Abgrund fallen und ewig brennen?"
"Nein, Herr."
"Und was mußt Du thun, um es zu vermeiden?"
Ich fand einen Augenblick nach; endlich gab ich die Antwort.
"Ich muß mich bei guter Gesundheit erhalten und nicht sterben."
"Wie kannst Du Dich bei guter Gesundheit erhalten? Kinder, jünger als Du, sterben täglich. Erst vor wenigen Tagen begrub ich ein kleines Kind von fünf Jahren -- ein gutes kleines Kind, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Es ist zu fürchten, daß man nicht dasselbe sagen könnte, wenn Du abgerufen würdest."
Da ich nicht im Stande war, seinen Zweifel zu beseitigen, so schlug ich nur die Augen nieder, richtete sie auf seine beiden großen Füße, die auf dem Teppich ruhten, und seufzte, indem ich mich weit weg wünschte.
"Ich hoffe, dieser Seufzer kommt Dir von Herzen, und Du bereust, Deine vortreffliche Wohlthäterin je beleidigt zu haben!"
"Wohlthäterin! Wohlthäterin!' sagte ich bei mir selber; "Sie nennen Alle Mistreß Reed meine Wohlthäterin: in dem Falle ist eine Wohlthäterin ein unangenehmes Ding."
"Betest Du Abends und Morgens?" fuhr mein Frager fort.
"Ja, Herr."
"Liesest Du in Deiner Bibel?"
"Zuweilen.
"Mit Vergnügen? liesest Du gern?"
"Mir gefällt die Offenbarung und das Buch Daniel, die Genesis und Samuel, ein kleines Stück vom Exodus und einige Theile von den Königen und den Chroniken, Hiob und Jonas.
"Und die Psalmen? Ich hoffe, die gefallen Dir auch."
"Nein, Herr."
"Nein? O, das ist entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, jünger als Du, der weiß sechs Psalmen auswendig, und wenn Du ihn fragst, was er lieber will, eine Pfeffernuß essen oder einen Vers von einem Psalm lernen, so sagt er: ...O! den Vers des Psalms! Engel singen Psalmen."

sagt er; "ich will hier schon ein kleiner Engel werden." Und dann bekommt er zwei Pfeffernüsse zur Belohnung für seine kindliche Frömmigkeit."
"Die Psalmen sind nicht interessant," bemerkte ich.
"Das beweist, daß Du ein böses Herz hast; und Du mußt Gott bitten, es zu vertauschen und Dir ein neues um reines Herz zu geben: Dein steinernes Herz wegzunehmen und Dir ein Herz von Fleisch zu geben."
Ich war im Begriff zu fragen, wie die Vertauschung meines Herzens geschehen könne, als Mistreß Reed einfiel mir niederzusitzen befahl und dann de Unterredung selbst fortsetzte.
"Herr Brocklehurst, ich glaube Ihnen in dem Briefe, den ich Ihnen vor drei Wochen schrieb, angedeutet zu haben, daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Gemüthsart
habe, wie ich wünschen möchte: wenn Sie sie also in die Schule zu Lowood aufnehmen, sollte es mir lieb sein, wenn die Directrice und die Lehrerinnen gebeten würden, ein scharfes Auge auf sie zu haben und sich besonders zu bemühen, ihr ihren ärgsten Fehler, eine Neigung zur Verstellung, abzugewöhnen. Ich erwähne dies in Deiner Gegenwart, Johanna, damit es Dir nicht einfallen möge, Herrn Brocklehurst ebenfalls täuschen zu wollen."
Wohl hatte ich Ursache, Mistreß Reed zu fürchten und zu verabscheuen, denn es lag in ihrer Art, mich grausam zu verwunden. Nie war ich heiter in ihrer Gegenwart, so sorgfältig ich auch gehorchte, so angestrengt ich mich bemühte, ihr zu gefallen, meine Anstrengungen wurden immer durch ähnliche Aussprüche, wie der obige, zurückgewiesen und belohnt. Jetzt vor einem Fremden ausgesprochen, verwundete mir die Beschuldigung das Herz: ich sah dunkel ein, daß sie schon die Hoffnung aus dem neuen Dasein verscheuchte, in welches ich eintreten sollte; obgleich ich das Gefühl nicht aussprechen konnte, so fühlte ich doch, daß sie Abneigung und Unfreundlichkeit auf meinen künftigen Pfad säete; ich sah mich vor Herrn Brocklehurst's Augen in ein listiges, bösartiges Kind verwandelt, und was konnte ich thun, um das Unheil von mir abzuwenden?
"Nichts in der That," dachte ich, als ich mich bemühte ein Schluchzen zu unterdrücken und hastig einige Thränen, die ohnmächtigen Zeugen meiner Seelenqual, trocknete.
"Verstellung ist in der That ein trauriger Fehler an einem Kinde," sagte Herr Brocklehurst, "sie ist mit der Lüge verwandt, und alle Lügner werden ihren Antheil an dem Pfuhl haben, worin Feuer und Schwefel brennen. Sie soll indeß streng beaufsichtigt werden, Mistreß Reed: ich will mit Miß Temple und den Lehrerinnen reden."
"Ich wünsche sie so erzogen zu sehen, wie es ihren Aussichten angemessen ist," fuhr meine Wohlthäterin fort: "man suche sie nützlich zu beschäftigen und ihr eine demüthige Gesinnung einzuflößen. Die Ferien wird sie mit Ihrer Erlaubniß immer in Lowood zubringen."
"Ihre Bestimmungen sind vollkommen richtig, Madame," entgegnete Herr Brocklehurst. "Demuth ist eine christliche Tugend, die besonders für die Zöglinge von Lowood geeignet ist, ich trage daher Sorge, daß die Anleitung zu derselben nicht versäumt wird. Ich studirte, wie man die weltliche Gesinnung des Stoltes am Besten in ihnen unterdrücken könne, und erst kürzlich hatte ich einen angenehmen Beweis von einem glücklichen Erfolge. Meine zweite Tochter Auguste ging mit ihrer Mutter, die Schule zu besichtigen und rief bei ihrer Rückkehr: "O lieber Papa, wie still und einfach sehen alle die Mädchen in Lowood aus mit ihren hinter die Ohren gekämmten Haaren und ihren langen Lätzchen und den kleinen Taschen von Leinwand an der Außenseite ihrer Kleider -- sie gleichen fast Kindern armer Leute! Sie blickten meine und Mama's Kleidung an, als hätten sie nie vorher ein seidenes Kleid gesehen."
"Dies ist gerade so, wie ich es billige," entgegnete Mistreß Reed; "hätte ich ganz England durchsucht, so würde ich kaum ein System gefunden haben, welches so vollkommen für ein Kind, wie Johanna Eyre, paßt. Gleichförmigkeit, mein lieber Herr Brocklehurst, ich bin für die Gleichförmigkeit in allen Dingen."
"Gleichförmigkeit, Madame, ist die erste der christlichen Pflichten, und die wird in dem Institut zu Lowood in jeder Hinsicht beobachtet: einfache Speisen, einfacher Anzug, ungesuchte Bequemlichkeiten, abgehärtete und thätige Gewohnheiten, das ist die Ordnung des Tages im Hause und bei den Bewohnern."
"Ganz richtig, mein Herr. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Zögling in Lowood aufgenommen und in Uebereinstimmung mit ihrer Lage und ihren Aussichten behandelt und erzogen werde?"
"Das können Sie, Madame: sie soll in jenes Treibhaus auserlesener Pflanzen aufgenommen werden -- und ich hoffe, sie wird sich dankbar zeigen für das unschätzbare Vorrecht,
dazu auserwählt zu sein."
"Ich will sie sobald als möglich schicken, Herr Brocklehurst, denn ich versichere Ihnen, ich bin sehr geneigt, von einer Verantwortlichkeit befreit zu werden, die mir zu lästig wird."
"Ohne Zweifel, Madame; und nun wünsche ich Ihnen einen guten Morgen. Ich werde in einer oder zwei Wochen nach Brocklehurst Hall zurückkehren, denn mein guter Freund, der Archidiakonus, wird mir nicht gestatten, ihn früher zu verlassen. Ich werde Miß Temple Nachricht senden, daß sie eine neue Schülerin zu erwarten hat, damit ihre Aufnahme keine Schwierigkeit macht. Leben Sie wohl."
"Leben Sie wohl, Herr Brocklehurst, empfehlen Sie mich Mistreß und Miß Brocklehurst, Auguste und Theodore so wie dem jungen Herrn Broughton Brocklehurst."
"Ich werde es ausrichten, Madame. Kleines Mädchen hier ist ein Buch, betitelt: der Kinderfreund; ließ darin vor Deinem Gebet, besonders jenen Theil, der die Erzählung von dem schrecklichen und plötzlichen Tode eines unartigen Kindes, Namens Martha G. enthält, welches der Lüge und Täuschung ergeben war."
Bei diesen Worten gab mir Herr Brocklehurst ein kleines, in einen Umschlag geheftetes Buch in die Hand und entfernte sich, nachdem er wegen seines Wagens geklingelt.
Mistreß Reed und ich blieben allein.
Einige Minuten vergingen schweigend; sie nähte und ich beobachtete sie. Mistreß Reed mochte um diese Zeit etwa sechs oder sieben und dreißig Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breitschulterig und von starken Gliedern, nicht groß und nicht übertrieben stark; sie hatte ein etwas breites Gesicht, der Unterkiefer war sehr stark entwickelt und sehr fest; die Stirn war niedrig, ihr Kinn groß und vorragend, Mund und Nase ziemlich regelmäßig. Unter ihren hellen Augenbrauen schimmerte ein unerbittliches Auge. Ihre Haut war dunkel und undurchsichtig, ihr Haar fast flachsfarbig; ihre Constitution gesund wie eine Glocke, und Krankheit war ihr unbekannt. Sie war eine pünktliche und geschickte Haushälterin; das Hauswesen und die Landwirthschaft standen vollkommen unter ihrer Leitung: nur ihre Kinder trotzten zuweilen ihrer Autorität und verlachten sie. Sie war immer gut gekleidet und hatte ein Benehmen und eine Haltung, die zu der hübschen Kleidung paßten.
Wenige Schritte von ihrem Lehnfessel, auf einem niedrigen Stuhle sitzend, beobachtete ich ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge. In der Hand hielt ich das Buch, welches den plötzlichen Tod der Lügnerin enthielt, auf welche Erzählung meine Aufmerksamkeit als geeignete Warnung gerichtet worden. Was eben geschehen war, was Mistreß Reed zu Herrn Brocklehurst von mir gesagt, der ganze Inhalt ihrer Unterredung stand noch frisch und lebhaft vor meinem Geiste. Ich hatte jedes Wort eben so tief empfunden, als ich es deutlich gehört, und eine Leidenschaft der Rache kochte jetzt in mir.
Mistreß Reed blickte von ihrer Arbeit auf: ihr Auge richtete sich auf das meine, und ihre Finger stellten zugleich ihre raschen Bewegungen ein.
"Verlaß das Zimmer und kehre in die Kinderstube zurück, war ihr Befehl. Mein Blick, oder sonst etwas an mir, mußte sie beleidigt haben, denn sie sprach mit außerordentlicher, obgleich unterdrückter Aufregung. Ich stand auf und ging zur Thür, kehrte aber wieder zurück, ging durch's Zimmer und stellte mich vor sie hin.
Reden mußte ich: man hatte mich hart getreten, und der Wurm mußte sich krümmen. -- Aber wie? Welche Kraft hatte ich, meiner Gegnerin Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Ich sammelte meinen Muth und sprach meine Gedanken in diesem kühnen Satze aus:
"Ich verstelle mich nicht: wenn ich es thäte, würde ich sagen, ich liebe Sie; aber ich erkläre, ich liebe Sie nicht: ich verabscheue Sie am meisten auf der Welt, John Reed ausgenommen. Und dieses Buch von der Lügnerin können nur Ihrer Tochter Georgine geben, denn die lügt und nicht ich."
Mistreß Reed's Hände lagen noch unthätig auf ihrer Arbeit: ihr eiskaltes Auge ruhte erstarrend auf dem meinigen.
"Was hast Du noch weiter zu sagen? fragte sie in einem Tone, worin man einen Gegner von erwachsenen Alten und nicht ein Kind anzureden pflegt.
Ihr Auge und ihre Stimme erregten allgemeinen Widerwillen. Vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, von bezähmbarer Aufregung durchbebt, fuhr ich fort:
"Ich bin froh, daß Sie keine Verwandte von mir sind; ich will Sie nie wieder Tante nennen, so lange ich lebe; ich will Sie nie besuchen, wenn ich herangewachsen bin; und wenn mich Jemand fragt, wie Sie mir gefallen und wie Sie mich behandelt haben, so will ich sagen, daß mich schon der bloße Gedanke an Sie krank macht, und daß Sie mich mir elender Grausamkeit behandelt haben."
"Wie kannst Du wagen, das zu behaupten, Johanna Eyre?"
"Wie ich es wagen kann, Mistreß Reed? Wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit ist. Sie denken, ich habe kein Gefühl; könne ohne die geringste Liebe oder Freundlichkeit leben; aber ich kann nicht so leben, und Sie haben kein Mutleid. Ich werde mich bis zum Tage meines Todes erinnern, wie Sie mich rauh und heftig in das rothe Zimmer zurückstießen und mich dort einschlossen, obgleich ich in Todesangst war, obgleich ich vor Kummer fast erstickend ausrief: "Haben Sie Mitleid! Haben Sie Mitleid, Tante Reed ? Und diese Strafe mußte ich erdulden, weil Ihr böser Junge mich geschlagen -- mich ohne Ursache zu Boden geschlagen. Ich will Jedem, der mich fragt, diese Geschichte erzählen. Die Leute halten Sie für eine gute Frau, aber Sie sind böse und hartherzig. Sie verstellen sich!"
Ehe ich diese Antwort vollendet hatte, begann meine Seele sich zu erheben, und mit dem mächtigsten Gefühl der Freiheit und des Triumphes, das ich je empfand, zu frohlocken. Es schien, als sei ein unsichtbares Band zerrissen und als habe ich eine ungehoffte Freiheit errungen. Dies Gefühl war nicht ohne Ursache, denn Mistreß Reed sah erschrocken aus, ihre Arbeit war von ihrem Knie niedergeglitten, sie erhob ihre Hände, wiegte sich auf ihrem Stuhle hin und her und verzog sogar ihr Gesicht, als ob sie weinen wollte.
"Johanna, Du bist im Irrthum: was ist mit Dir vorgegangen? warum zitterst Du so heftig? Möchtest Du nicht ein wenig Wasser trinken?"
"Nein, Mistreß Reed."
"Wünschest Du denn irgend sonst etwas? Ich gebe Dir die Versicherung, daß es mein Wunsch ist, Deine Freundin zu sein."
"Nicht Sie. Sie sagten Herrn Brocklehurst, ich habe einen bösen Charakter und sei zur Verstellung geneigt. Ich will nun auch in Lowood Jedermann sagen, wer Sie sind, und was Sie gethan haben."
"Johanna, Du verstehst diese Dinge nicht: Kinder müssen von ihren Fehlern gebessert werden."
"Verstellung ist nicht mein Fehler!" rief ich mit wilder und lauter Stimme.
"Aber Du bist leidenschaftlich, Johanna, das mußt Du zugestehen. Und nun kehre in die Kinderstube zurück Du bist mein gutes Kind -- und lege Dich ein wenig nieder."
"Ich bin nicht Ihr gutes Kind; ich kann mich nicht niederlegen. Schicken Sie mich bald in die Schule, Mistreß Reed, denn ich hasse das Leben hier."
"Ich will sie in der That bald zur Schule schicken," murmelte Mistreß Reed mit halber Stimme, nahm ihre Arbeit auch und verließ hastig das Zimmer.
Ich war allein dort geblieben -- ich hatte das Feld gewonnen. Es war die schwerste Schlacht, die ich ausgefochten, und der erste Sieg, den ich errungen. Ich blieb eine Weile auf dem Teppich stehen, wo Herr Brocklehurst gestanden, und erfreute mich in der Einsamkeit meiner Eroberung.
Zuerst lächelte ich bei mir selber und fühlte mich gehoben; aber dieses lebhafte Vergnügen legte sich in mir mit den beschleunigten Schlägen meines Pulses. Ein Kind
kann keinen Streit ausfechten mit älteren Personen, wie ich gethan; kann seine wüthenden Gefühle nicht ungezügelt spielen lassen, wie es bei mir geschehen war, ohne später die Qual der Neue und eine erstarrende Gegenwirkung zu empfinden. Ein brennender, glühender Haufen Haidekraut wäre ein passendes Bild für meinen Geist gewesen, als ich Mistreß Reed beschuldigte und ihr drohte. Derselbe Haufen, schwarz und ausgebrannt, nach dem die Flammen erloschen, würde eben so passend meine spätere Lage dargestellt haben,
als eine halbe Stunde des Schweigens und Nachdenkens mir den Wahnsinn meiner Handlungsweise und die Orte meiner verhaßten Lage zeigte.
Ich habe zum ersten Mal die Mache gekostet; aromatisch wie warmer und würziger Wein, erschien sie mir beim Hinunterschlucken, aber der Nachgeschmack war metallartig und bitter und verursachte mir die Empfindung, als sei ich vergiftet.
Gern wäre ich jetzt gegangen und hätte Mistreß Reed um Verzeihung gebeten; aber ich wußte theils aus Erfahrung und theils aus Instinct, daß sie mich nur mit doppelter Verachtung zurückweisen und jeden stürmischen Impuls meiner Natur wieder aufregen werde.
Ich wollte gern eine bessere Fähigkeit, als die des heftigen Redens üben, und gern Nahrung finden für weniger dämonische Gefühle, als die des düstern Unwillens. Ich nahm mein Buch es waren arabische Erzählungen -- setzte mich nieder und versuchte zu lesen. Ich konnte keinen Sinn darin finden; meine eigenen Gedanken schwammen immer zwischen mir und den Blättern, die ich gewöhnlich so bezaubernd fand. Ich öffnete eine Glasthür in dem Frühstückszimmer; die Anpflanzung war ganz still; rings umher herrschte der Frost, ununterbrochen von Sonne oder Wind. Ich bedeckte meinen Kopf und meine Arme mit dem Saum meines Kleides und ging in der ganz verlassenen Anpflanzung spazieren; aber ich fand kein Vergnügen an den stillen Bäumen, an den niedergefallenen Tannenzapfen, den erfrorenen Ueberbleibseln des Herbstes, an den röthlichen Blättern, die frühere Winde auf einen Haufen zusammengeweht und die der Frost jetzt einer einzigen Masse erstarrt hatte. Ich lehnte mich über die Pforte und blickte auf ein leeres
Feld hinaus, wo keine Schafe weideten, und das kurze Gras erfroren und erblichen war. Das Tageslicht war sehr grau, und der Himmel sehr düster; von Zeit zu Zeit fielen Schneeflocken nieder, die auf dem harten Wege und dem unebenen Rasenplatze, ohne zu schmelzen, liegen blieben. Ich stand da, ein unglückliches Kind, und flüsterte wiederholt bei mir selber:
"Was soll ich thun? -- Was soll ich thun?'
Plötzlich hörte ich, wie eine klare Stimme mir zurief:
"Miß Johanna! Wo sind Sie? Kommen Sie zum Vorschein!"
Es war Bessie, das wußte ich gut genug; aber ich regte mich nicht, als sie mit leichten Schritten den Weg heruntertrippelte.
"Sie unartiges kleines Ding!" sagte sie. "Warum kommen Sie nicht, wenn Sie gerufen werden?"
Im Vergleich mit den Gedanken, denen ich brütend nachhing, schien Bessie's Gegenwart erfreulich, selbst wenn sie, wie gewöhnlich, etwas rauh war. In der That war ich nach dem Streite mit Mistreß Reed und dem Siege, den ich über sie erlangt, nicht gestimmt, mich viel um den vorübergehenden Zorn der Kindermuhme zu bekümmern; und geneigt, mich in der jugendlichen Heiterkeit ihres Herzens zu sonnen. Ich umfaßte sie mit beiden Armen und sagte:
"Komm, Bessie! und schilt nicht."
Die Regung war unbefangener und furchtloser, als ich sonst eine zu zeigen pflegte, und sie gefiel ihr.
"Sie sind ein seltsames Kind, Miß Johanna," sagte sie, als sie auf mich niederblickte; "ein kleines ungeselliges Ding. Und Sie werden wohl in die Schule geschickt werden?"
Ich nichte.
"Und wird es Ihnen nicht leid sein, die arme Bessie zu verlassen?"
"Was kümmert sich denn Bessie um mich," sagte ich.
"Sie schilt mich immer."
"Weil Sie ein seltsames, furchtsames und scheues kleines Ding sind. Sie sollen kühner sein."
"Wie? um noch mehr Schläge zu bekommen?"
"Unsinn! aber Sie werden offenbar übel behandelt. Als meine Mutter mich letzte Woche besuchte, sagte sie, sie möchte nicht, daß eins von ihren Kleinen an Ihrer Stelle wäre. -- Und nun kommen Sie herein, ich habe eine gute Nachricht für Sie."
"Ich glaube es nicht, Bessie."
"Kind! was haben Sie vor? welche klägliche Augen richten Sie auf mich! Nun, Missis und die jungen Damen und Monsieur John fahren Nachmittags zum Thee aus, und Sie sollen mit mir Thee trinken. Ich will die Köchin bitten einen kleinen Kuchen für Sie zu backen, und dann sollen
Sie mir helfen, Ihren Schrank auszuräumen, denn ich werde bald Ihren Koffer packen müssen. Missis will, daß Sie morgen oder übermorgen Gateshead verlaßen, und dann sollen die Spielsachen auswählen, die Sie mitnehmen wollen."
"Bessie, Du mußt mir versprechen, mich nicht wieder zu schelten, bis ich gehe."
"Nun gut, ich will es nicht; aber Sie müssen ein gutes Mädchen sein und sich nicht vor mir fürchten. Fahren Sie nicht zusammen, wenn ich etwas heftig spreche: das ist so widerwärtig."
"Ich denke, ich werde mich nie wieder vor Dir fürchten Bessie, weil ich mich an Dich gewöhnt habe; und ich werde bald eine andere Art von Leuten zu fürchten haben."
"Wenn Sie sie fürchten, werden Sie ihnen mißfallen."
"Wie ich Dir mißfalle, Bessie?"
"Sie mißallen mir nicht, Miß: ich glaube, ich bin zärtlicher gegen Sie, als alle die Andern."
"du zeigst es nicht."
"Sie kleines scharfes Ding! Sie haben ja eine ganz neue Art zu reden. Was macht Sie so kühn und verwegen?
"Nun, ich werde bald von hier fort sein, und überdies --"
Ich wollte etwas von der Unterredung sagen, die zwischen mir und Mistreß Reed vorgefallen war: aber bei reiferem Nachdenken hielt ich es für besser, davon zu schweigen.
"So find Sie also froh, mich zu verlassen?"
"Durchaus nicht, Bessie; im Gegentheil ist es mir jetzt fast leid."
"Jetzt fast! Wie kalt meine kleine Dame sprich! Ich wette, wenn ich Sie jetzt um einen Kuß hätte, würden Sie mir keinen geben und sagen, Sie wollten lieber nicht."
"Ich will Dich küssen, soviel Du willst; beuge nur Deinen Kopf nieder."
Bessie beugte sich nieder; wir umarmten einander gegenseitig und ich folgte ihr ganz getröstet in's Haus. Jener Nachmittag verging in Frieden und Harmonie, und am Abend erzählte mir Bessie einige ihrer unterhaltendsten Geschichten und sang mir einige der lieblichsten Lieder vor.
Selbst für mich hatte das Leben zuweilen Sonnenschein.

Fünftes Kapitel.
Kaum hatte die Uhr am Morgen des neunzehnten Januar fünf geschlagen, als Bessie ein Licht in mein Gemach brachte und mich schon auf und beinahe angekleidet fand. Ich war eine halbe Stunde vor ihrem Eintritt aufgestanden, und hatte bei dem Lichte des eben untergehenden Halbmondes, dessen Strahl durch das enge Fenster in der Nähe meines Bettchens schimmerte, mein Gesicht gewaschen und meine Kleider angelegt. Ich sollte an dem Tage Gateshead verlassen und mit einem Omnibus fahren, der um sechs Uhr Morgens am Parkthore vorüberkam. Bessie war allein auf, sie hatte in der Kinderstube ein Feuer angezündet und machte dort jetzt mein Frühstück. Wenige Kinder können essen, wenn der Gedanke an eine Reise sie aufregt, und ich konnte es auch nicht. Nachdem Bessie mich vergebens aufgefordert hatte, einige Löffel voll gewärmter Milch und Brot zu genießen, wickelte sie etwas Zwieback in ein Papier und steckte ihn in meinen Korb; dann half sie mir,
meinen Pelz anlegen und meinen Hut aufsetzen, hüllte sich selbst in einen Shawl und verließ die Kinderstube. Als wir an Mistreß Reed's Schlafzimmer vorüberkamen, sagte sie:
"Wollen Sie nicht hineingehen und Missis Lebewohl sagen?"
"Nein, Bessie, sie kam gestern Abend, als Du zum Abendessen gegangen warst, an mein Bett und sagte, ich dürfe sie und meine Cousinen am Morgen nicht stören; und
fügte hinzu, ich solle mich erinnern, daß sie stets meine beste Freundin gewesen, und demzufolge von ihr reden und dankbar sein."
"Was sagten Sie, Miß?"
"Nichts; ich bedeckte mein Gesicht mit dem Bettuch und wendete mich von ihr zu der Wand."
"Das war unrecht, Miß Johanna."
"Es war ganz recht, Bessie: Deine Missis ist nicht
meine Freundin, sie ist meine Feindin gewesen."
"O Miß Johanna! sagen Sie das nicht."
"Lebe wohl, Gateshead!" rief ich, als wir durch den
Vorsaal gegangen waren und aus der Hausthür traten.
Der Mond war untergegangen und es war sehr dunkel;
Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Stufen und
aus den, von dem eben eingetretenen Thauwetter aufgeweichten Kiesweg fiel. Es war ein rauher und kalter Wintermorgen; meine Zähne klapperten, als ich den Weg hinuntereilte. Es war Licht in dem Häuschen des Portier; als wir es erreichten, fanden wir die Frau des Portier eben im Begriff, ihr Feuer anzuzünden: mein Koffer, der am Abend vorher hinuntergetragen worden, stand verschlossen vor der Thür. Es fehlten nur noch wenige Minuten bis sechs Uhr, und bald nachdem diese Stunde geschlagen, verkündete ein fernes Rollen von Rädern den ankommenden Wagen. Ich ging zur Thür und beobachtete seine Lampen, die sich rasch durch die Dunkelheit näherten.
"Wird sie ganz allein gehen?" fragte die Frau des Portiers.
"Ja."
"Und wie weit ist es?"
"Fünfzig Meilen."
"Welch ein weiter Weg! Es wundert mich, daß Mistreß
Reed sie allein so weit reisen läßt."
Der Wagen fuhr vor: da hielt er am Thor mit seinen
vier Pferden und seiner mit Passagieren beladenen Imperiale.
Der Conducteur und der Kutscher trieben laut zur Eile; mein Koffer wurde hinaufgehißt; ich wurde von Bessies Halse genommen, an der ich mit Küssen hing.
"Tragen Sie auch ja Sorge für sie, Herr Conducteur," rief sie diesem zu, als ich mich in das Innere des Wagens setzte.
"Ja, ja!" war die Antwort: die Thür wurde zugeschlagen,
eine Stimme rief: "Alles richtig," und fort ging's.
So war ich von Bessie und Gateshead getrennt: so wurde ich zu unbekannten und, wie es schien, zu entfernten und geheimnißvollen Regionen fortgezogen.
Ich habe nur wenig von der Reise behalten: ich weiß nur, daß mir der Tag unnatürlich lang erschien, und dass es mir vorkam, als legten wir viele hundert Meilen Wegs zurück. Wir kamen durch mehrere Städte, und in einer derselben, die sehr groß war, hielt der Wagen an; die Pferde wurden abgespannt und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu speisen. Ich wurde in das Gasthaus getragen, wo der Conducteur mir etwas zum Mittagessen bestellen wollte, doch da ich keinen Appetit hatte, so ließ er mich in einem ungeheuren Zimmer zurück, welches an jedem Ende einen Kamin hatte, einen Kronleuchter in der Mitte und eine kleine rothe Gallerie hoch an der Wand, die mit musikalischen Instrumenten angefüllt war. Hier ging ich eine lange Zeit umher, es war mir seltsam zu Muthe und ich hatte eine tödtliche Furcht, daß ein Seelenverkäufer kommen und mich entführen möchte; denn ich glaubte an Seelenverkäufer, deren Thaten häufig in Bessie's Abenderzählungen figurirten. Endlich kehrte der Conducteur zurück; ich wurde wieder in den Wagen gepackt, mein Beschützer stieg auf seinen Sitz, blies sein dumpfes Horn und fort rollten wir über die unebene Straße von L.
Der Nachmittag war naß und etwas nebelig; als es dunkel zu werden anfing, begann ich zu fühlen, daß wir uns in der That sehr weit von Gateshead entfernten. Wir kamen nicht mehr durch Stätte; die Gegend veränderte sich; große graue Hügel erhoben sich rings am Horizont: als es noch dunkler wurde, fuhren wir in ein Thal hinunter, und lange nachdem die Nacht schon die Aussicht verfinstert hatte, hörte ich einen wilden Wind unter Bäumen rauschen.
Durch dieses Geräusch eingelullt, sank ich endlich in Schlummer. Ich hatte noch nicht lange geschlafen, als das plötzliche Aufhören der Bewegung mich erweckte; die Wagenthür war offen, es stand eine Person, die einer Dienerin glich, vor derselben: ich sah ihr Gesicht und ihre Kleidung bei dem Scheine der Lampen.
"Ist hier ein kleines Mädchen Namens Johanna Eyre?" fragte sie.
"Ja." antwortete ich und wurde herausgehoben, mein Koffer heruntergelangt, und der Wagen fuhr sogleich fort.
Ich war steif vom langen Sitzen und betäubt und verwirrt von dem Geräusch und der Bewegung des Wagens.
Meine Gedanken sammelnd, sah ich mich um. Regen, Wind und Dunkelheit erfüllten die Luft; dennoch erkannte ich eine Mauer vor mir, in welcher sich eine offene Thür befand. Durch diese Thür ging ich mit meiner neuen Führerin und diese machte sie wieder zu und verschloß sie. Jetzt
war ein Haus oder mehrere Häuser - denn das Gebäude breitete sich weit aus -- mit vielen Fenstern sichtbar, und in einigen derselben brannten Lichter. Wir gingen einen
breiten, mit Kieseln bestreuten, nassen Weg hinauf und wurden in eine Thür eingelassen; dann führte mich die Dienerin durch einen Gang in ein Zimmer, wo ein Feuer brannte
und ließ mich dort allein.
Ich stand da und wärmte meine erfrorenen Finger über dem Feuer und sah mich dann um. Es war kein Licht im
Zimmer, aber der unsichere Schein des Kaminfeuers zeigte mir von Zeit zu Zeit die mit Tapeten bedeckten Wände, den Fußteppich, die Vorhänge und Möbeln von glänzendem Mahagoniholz: es war ein Sprachzimmer, nicht so geräumig oder glänzend wie das Gesellschaftszimmer in Gateshead, aber ganz bequem eingerichtet. Ich war eben beschäftigt ein Gemälde an der Wand zu betrachten, als die Thür sich öffnete und eine Person eintrat, die ein Licht trug, und der eine andere folgte.
Die erstere war eine große Dame mit dunklem Haar, schwarzen Augen und blasser und hoher Stirn. Ihre Gestalt war zum Theil in ein großes Halstuch eingehüllt, ihr Gesicht ernst und ihre Haltung gerade.
"Das Kind ist sehr jung, es allein so weit zu schicken," sagte sie, ihr Licht auf den Tisch setzend. Sie betrachtete
mich einige Minuten aufmerksam und fügte dann hinzu:
"Es wäre besser, sie bald zu Bett zu bringen; sie sieht ermüdet aus. Bist Du müde?" fragte sie, mir die Hand auf die Schulter legend.
"Ein wenig, mein Fräulein."
"Und hungrig auch, ohne Zweifel. Besorgen Sie, dass sie etwas zu essen bekommt, ehe sie zu Bette geht, Miß Miller. Ist dies das erste Mal, daß Du Deine Eltern verlassen
hast, um in die Schule zu gehen, kleines Mädchen?"
Ich erklärte ihr, daß ich keine Eltern habe. Sie fragte, wie lange sie schon todt wären, dann wie alt ich wäre, wie mein Name sei, ob ich schon lesen, schreiben und ein wenig nähen könne, berührte dann sanft meine Wange mit dem Zeigefinger und sagte, sie hoffe, ich werde ein gutes Kind sein, und entließ mich mit Miß Miller.
Die Dame, die ich verlassen hatte, schien etwa neun und zwanzig Jahre alt zu sein, und die, welche mit mir ging, war wohl einige Jahre jünger; die Erstere machte durch ihre Stimme, ihren Blick und ihre Miene einen lebhaften Eindruck auf mich. Miß Miller war gewöhnlicher,hatte eine röthliche Farbe und doch ein sorgenvolles Gesicht, war eilig in ihrem Gange und ihren Bewegungen, gleich einer Person, die zugleich vielfache Geschäfte zu besorgen
hat, und sah in der That wie eine Unterlehrerin aus, was sie auch wirklich war, wie ich später erfuhr. Von ihr geführt, ging ich von Gemach zu Gemach, von Gang zu Gang durch ein unregelmäßiges Gebäude, bis wir von der öden Stille in jenem Theile des Hauses uns dem Gesumme vieler Stimmen näherten, und sogleich in ein großes Zimmer mit tannenen Tischen, zwei an jedem Ende, eintraten, auf welchem ein paar Lichter brannten, und um welche eine Versammlung von Mädchen jeden Alters von neun oder
zehn bis zwanzig Jahren saßen. Bei dem trüben Schein der Talglichte erschien mir die Menge zahllos, obgleich ihrer in der That nicht mehr als achtzig waren; ihr Anzug war gleichförmig und bestand in Kleidern von braunem Zeuge von auffallendem Schnitt, und in Lätzchen von holländnischer Leinwand. Es war die Stunde des Lernens, und sie waren beschäftigt, sich auf ihre Lectionen auf den folgenden Morgen vorzubereiten, und das Gesumse, welches ich gehört hatte war das vereinte Geräusch ihrer leisen Wiederholung.
Miß Miller wies mir einen Platz auf einer Bank in der Nähe der Thür an, ging dann nach dem obern Ende des großen Zimmers und rief:
"Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein und legt sie weg!"
Vier große Mädchen standen von den verschiedenen Tischen auf, gingen herum, sammelten die Bücher ein und legten sie weg. Miß Miler ertheilte wieder das Commandowort:
"Aufseherinnen, holt das Abendessen herein!"
Die großen Mädchen gingen hinaus, kehrten sogleich
zurück und jede trug einen Teller, worauf sich Portionen
von Etwas befanden, was ich nicht kannte. Außerdem
stand in der Mitte jedes Tellers ein Wasserkrug und ein
Becher. Die Portionen wurden herumgereicht: die, welche
trinken wollten, tranken von dem Wasser und der Becher
war gemeinschaftlich. Als ich an die Reihe kam, trank ich
auch, denn ich war durstig, berührte die Speise aber nicht
da Aufregung und Ermüdung mir das Essen unmöglich
machten: ich sah aber jetzt, daß es dünner Haferkucben war
den man in Stücke getheilt hatte.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller Gebete vor, dann marschirten die Klassen, je zwei und zwei neben einander, die Treppe hinauf. Da ich jetzt den Ermüdung überwältigt war, so beachtete ich kaum, was das
Schlafzimmer für ein Ort war, außer daß es mir, gleich dem Schulzimmer, sehr lang vorkam. Für diese Nacht war ich Bettgenossin der Miß Miller, und sie half mir beim Auskleiden. Als ich im Bette lag, überblicke ich die langen Reihen von Betten, wovon jedes rasch von zwei Mädchen angefüllt wurde: in zehn Minuten wurde das einzige Licht ausgelöscht, und von Stille und völliger Dunkelheit umgeben, schlief ich ein.
Die Nacht verging rasch; ich war zu ermüdet, um auch nur zu träumen: ich erwachte nur einmal, um den Wind in wüthenden Stößen saufen und den Regen in Strömen fallen zu hören, und mir bewußt zu werden, daß Miß Miller ihren Platz an meiner Seite eingenommen. Als ich meine Augen wieder öffnete, ertönte eine laute Glocke. Die Mädchen waren schon auf und kleideten sich an; der Tag dämmere noch nicht, und es brannten zwei kleine Talglichte Zimmer. Ich stand widerstrebend auf; es war bitterlich kalt, und ich kleidete mich, so gut ich es vor Kälte zitternd konnte, an und wusch mich, sobald eine Waschschale frei war, was nicht oft geschah, da nur eine für sechs Mädchen da war, die auf einem Tische im mittleren Gange zwischen den Betten stand. Wieder ertönte die Glocke; alle bildeten eine Reihe und gingen zu Zweien neben einander. Zu dieser Ordnung stiegen sie die Treppe hinunter und traten in das kalte und matt erleuchtete Schulzimmer: hier lag Miß Miller Gebete vor und rief dann:
"Bildet Klassen."
Ein großer Tumult erfolgte, der einige Minuten dauerte, während dessen Miß Miller wiederholt: "Stille! Ordnung!" ausrief. Als sich dieser Tumult gelegt hatte, sah ich alle in vier Halbkreise vor vier Stühlen aufgestellt, die an den vier Tischen standen: alle hielten Bücher in den Händen,
und ein großes Buch, wie eine Bibel, lag auf jedem Tisch vor dem leeren Sitze. Eine Pause von einigen Sekunden erfolgte, die von dem leisen undeutlichen Summen der Einzelnen ausgefüllt wurde. Miß Miller ging von einer Klasse zur andern und brachte dieses undeutliche Geräusch zur Ruhe.
Eine ferne Glocke ertönte, sogleich traten drei Damen ins Zimmer, jede ging auf einen Tisch zu und nahm ihren Sitz ein. Miß Miller behauptete den vierten leeren Stuhl, der vor Thür am nächsten stand, und um den sich die kleinsten Kinder versammelt hatten. Zu dieser letzten Klasse wurde ich berufen und erhielt den untersten Platz.
Jetzt begann das Geschäft, das Gebet des Tages wurde gelesen, dann verschiedene Sprüche hergesagt, worauf Kapitel aus der Bibel vorgelesen wurden, was eine Stunde währte. Als diese Uebung zu Ende war, schien den Tag hell durch die Fenster. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum vierten Male; die Klassen wurden in Ordnung gestellt und marschirten in ein anderes Zimmer zum Frühstück, mit der Aussicht, etwas zu essen zu bekommen! Ich war jetzt fast krank vor Ermattung, da ich den Tag zuvor wenig genossen hatte.
Das Refectorium war ein großes, niedriges und düsteres Zimmer; auf zwei Tischen dampften Schüsseln, worin sich etwas Heißes befand, was aber zu meinem Schrecken
einen durchaus nicht einladenden Geruch verbreitete. Ich
sah eine allgemeine Unzufriedenheit, als der Geruch der
Speise in die Nasen derjenigen drang, die sie zu essen bestimmt waren, und der Vortrab der Procession, die großen Mädchen der ersten Klasse, sprachen die leichten Worte aus:
"Abscheulich! die Suppe ist schon wieder angebrannt."
"Still!" rief eine Stimme, es war nicht Miß Miller, sondern eine von den Oberlehrerinnen, eine kleine schwarze Person, zierlich gekleidet, aber von etwas mürrischem Ansehen, die sich an das obere Ende des Tisches setzte, während eine voller aussehende Dame an dem andern Ende präsidirte. Ich sah mich vergebens nach der um, die ich
am Abend vorher zuerst gesehen, doch sie war unsichtbar.
Miß Miller saß am untern Ende des Tisches, an
welchem ich mich befand, und eine fremdartig aussehende ältliche Dame, die französische Lehrerin, wie ich später erfuhr, nahm den entsprechenden Sitz an dem andern Tische
ein. Ein langes Tischgebet wurde gesprochen und eine
Hymne gesungen: dann brachte eine Dienerin Thee für die
Lehrerinnen herein und das Mahl begann.
Da ich jetzt sehr ermattet war, so verschlang ich begierig einige Löffel voll von meiner Portion, ohne an den Geschmack zu denken; aber als der erste Hunger vorüber
war, bemerkte ich, daß ich ein übelschmeckendes Essen vor
mir hatte. Angebrannte Suppe ist ein fast eben so schlechtes Essen, als verfaulte Kartoffeln; der Hunger selbst wird bald derselben überdrüssig. Die Löffel bewegten sich langsam; ich sah wie die Mädchen die Speise kosteten und hinunterzuschlucken versuchten; doch die meisten gaben bald das Bemühen auf. Das Frühstück war vorüber und keine
hatte gefrühstückt. Nachdem man ein Dankgebet gesprochen
für das, was wir nicht genossen, und eine zweite Hymne
gesungen, wurde das Refectorium mit dem Schulzimmer
vertauscht. Ich war eine der Letzten, die hinausging, und
als ich an den Tischen vorüberkam, sah ich eine von den
Lehrerinnen einen Teller mit Suppe nehmen und kosten: sie
sah die Andern an; die Gesichter Aller drückten Mißfallen
aus, und eine von ihnen, es war die muntere und wohlbeleibte, flüsterte:
"Abscheuliches Zeug! Wie schmachtvoll!"
Eine Viertelstunde verging, ehe die Lectionen wieder begannen,
während welcher das Schulzimmer sich im großen
Tumulte befand. In dieser Zeit schien es erlaubt zu sein,
laut und freier zu reden, sie benutzten ihr Vorrecht. Die
ganze Unterhaltung drehte sich um das Frühstück, welches
Alle sehr tadelten. Die armen Geschöpfe! es war der einzige Trost, den sie hatten. Miß Muller war jetzt die einzige Lehrerin im Zimmer: eine Gruppe von großen Mädchen stellte sich um sie und sprach mit ernsten und finsteren Geberden. Ich hörte Herrn Brocklehurst's Namen von einigen Lippen aussprechen, worüber Miß Miller mißbilligend den Kopf schüttelte, ohne jedoch einen kräftigen Versuch zu machen, der allgemeinen Wuth Einhalt zu thun:
ohne Zweifel theilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug neun. Miß Miller verließ ihren Kreis, trat in die Mitte des Zimmers und rief:
"Still! an Eure Plätze!"
Jetzt wirkte die Disciplin: in fünf Minuten hatte sich
das verwirrte Gedränge in Ordnung verwandelt, und eine
verhältnißmäßige Stille das Geschrei zur Ruhe gebracht.
Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Plätze ein;
aber noch schien Alles zu warten. Auf Bänken, an den
Seiten des Zimmers, saßen die achtzig Mädchen aufrecht
und bewegungslos: eine seltsame Versammlung war es, Alle
hatten ihr Haar aus dem Gesichte gekämmt und keine Locke
war sichtbar; Alle trugen braune Kleider, die hoch hinauf
gingen und von einem schmalen Halsstreifen umgeben waren.
vorn hatten sie kleine Taschen von Leinwand angebunden,
die zur Aufbewahruug ihrer Handarbeiten bestimmt waren.
Alle trugen wollene Strümpfe und starke Schuhe, die was
messingenen Schnallen befestigt waren. Mehr als zwanzig
von denen, die dieses Kostüm trugen, waren völlig erwachsene Mädchen, oder vielmehr junge Frauenzimmer: es stand ihnen schlecht, und gab selbst den hübschesten ein widerwärtiges Ansehen.
Ich sah sie an und mustere auch von Zeit zu Zeit die
Lehrerinnen, wovon mir keine recht eigentlich gefiel, denn
die muntere und wohlbeleibte war ein wenig plump, die
dunkle nicht wenig heftig, die fremde hart und von seltsamen
Wesen, und Miß Miler, das arme Geschöpf! sah purpurroth und angegriffen ans, als ob sie zu viel arbeiten müsse:
doch plötzlich, als mein Auge von einem Gesicht zum andern
wanderte, stand die ganze Schule zugleich auf, wie von einer
gemeinschaftlichen Springfeder gehoben.
Was war geschehen? Ich hatte keinen Befehl gehört
ich war verlegen. Ehe ich noch meine Gedanken gesammelt
hatten sich die Klaffen wieder niedergesetzt; aber da Aller
Augen jetzt auf einen Punkt gerichtet waren, so folgte sie
meine der allgemeinen Richtung und begegnete der Person,
die mich am letzten Abend empfangen hatte. Sie stand am
Ende des langen Zimmers am Kamin, denn an jedem Ende
war ein Feuer; sie überschaute schweigend und ernst die beiden
Reihen der Mädchen. Miß Miller näherte sie ihre Antwort
erhalten, kehrte sie an ihren Platz zurück und sagte laut:
"Aufseherin der ersten Klasse, hole den Globus."
Während der Befehl ausgeführt wurde, kam die befragte
Dame langsam das Zimmer heraufgegangen. Ich vermuthe
ich besitze ein beträchtliches Organ der Verehrung, denn ich
erinnere noch immer den Sinn der bewundernden Ehrfurcht
womit meine Augen ihren Schritten folgten. Jetzt, bei heilem Tage gesehen, erschien sie groß, schön und stattlich braune Augen mir wohlwollendem Lichte, von schönen, pinselartigen, langen Wimpern umgeben, erhöhten die Weiße
ihrer hohen Stirn; an den Schläfen war ihr Haar, welches
von sehr dunklem Braun war, nach der Mode jener Zeit,
wo weder glatte Streifen, noch lange Ringellocken getragen
wurden, in rundem Locken geordnet; ihre Kleidung, auch
noch der Mode jener Zeit, war von purpurrothem Tuch,
mit einer Art spanischem Besatz von schwarzem Sammet,
und eine goldene Uhr -- Uhren waren damals nicht so gewöhnlich wie jetzt -- schimmerte an ihrem Gürtel. Um das Bild zu vervollständigen, möge der Leser noch feine
Züge, einen klaren, wenn gleich blassen Teint, und eine
stattliche Miene und Haltung hinzufügen, und er wird
wenigstens, so klar Worte sie geben können, eine richtige
Idee von dem Aeußeren der Miß Temple haben, die mit
Vornamen Maria hieß, wie ich später in einem Gebetbuch
geschrieben sah, welches sie mir anvertraute, um es in die
Kirche zu tragen.
Die Direktrice von Lowood -- denn dies war die Dame
-- nahm ihren Platz vor einem Globus ein, der auf einen
von den Tischen gestellt wurde, versammelte die erste Klase
um sich, und begann eine Lection in der Geographie zu
geben. Die unteren Klassen erhielten von den andern Lehrerinnen
Unterricht in der Geschichte und Sprachlehre, was
eine Stunde währte; dann folgte Schreiben und Rechnen,
und Miß Temple ertheilte den älteren Mädchen Anweisung
in der Musik. Die Dauer jeder Lehrstunde wurde nach der
Uhr abgemessen, die endlich zwölf schlug. Die Vorsteherin
stand auf und sagte:
"Ich habe doch ein Wort an Euch Alle zu richten."
Der Tumult des Aufhörens der Lection hatte schon begonnen,
verstummte aber, als man ihre Stimme vernahm.
Sie fuhr fort:
"Ihr habt diesen Morgen ein Frühstück erhalten, welches
Ihr nicht essen konntet: Ihr müßt hungrig sein. Ich
habe befehlen, daß an Alle ein Stück Brot and Käse ausgetheilt werde."
Die Lehrerinnen sahen sie mit Erstaunen an.
"Es geschieht auf meine Verantwortung," fügte sie als
Erklärung für jene hinzu und verließ gleich darauf das
Zimmer.
Brot und Käse wurden gleich hereingebracht und zum
großen Entzücken uns zur Beruhigung der ganzen Schule
vertheilt. Dann ertonte das Commandowort." In den
Garten" Jede setzte einen großen Strohhut mit Bindern von farbigem Callico auf, und legte einen Mantel grauem Wollenzeug an. Ich wurde ähnlich equipirt, folgte
dem Strome, und nahm meinen Weg in die freie Luft.
Der Garten war ein weiter Raum, von so hohen Mauern
umgeben, daß man Nichts von der Aussicht sehen konnte,
ein bedeckter Gang zog sich an der einen Seite hin, und
breite Wege begrenzten einen mittleren Raum, der in einige
zwanzig kleine Beete getheilt war. Diese Beete waren den
Schülerinnen zum Anbau übergeben, und jedes Beet hatte
seine Besitzerin. Wenn sie voll Blumen waren, mußten sie
ohne Zweifel ganz hübsch aussehen; aber jetzt, am Ende
des Januar, sah Alles winterlich und braun aus. Ich
empfand einen Schauder, als ich dastand und mich umsah.
Es war ungünstiges Wetter zur Bewegung im Freien, nicht
gerade regnerisch, aber verdunkelt von einem feuchten gelben
Nebel, und der Boden noch naß von dem gestrigen Regen.
Die stärksten unter den Mädchen liefen umher und begannen
kräftige Spiele, aber mehrere blasse und schwächliche Kinder
drängten sich zusammen, um Obdach und Wärme unter dem
bedeckten Gange zu finden, und unter diesen hörte ich bei
dem dichten Nebel, der ihre bebenden Körper durchdrang,
häufig einen hohlen Husten.
Noch hatte ich mit Keiner gesprochen, auch schien Keine
auf mich zu achten; ich stand einsam genug da: aber an das
Gefühl der Verlassenheit war ich gewöhnt, und es drückte
mich nicht sehr nieder. Ich lehnte mich an einen Pfeiler
des bedeckten Ganges, zog meinen grauen Mantel dicht um
mich zu, versuchte die Kälte, die mir von Außen zusetzte.
so wie den ungestillten Hunger zu vergessen, der im Innern
nagte, und gab mich der Beschäftigung des Beobachtens
und Denkens hin. Mein Nachdenken war zu unbestimmt
und fragmentarisch, um Erwähnung zu verdienen: ich wußte
noch kaum, wo ich war: Gateshead und mein früheres Leben
schienen in unermeßliche Ferne zurückgedrängt; die Gegenwart
war unbestimmt und seltsam, und von der Zukunft
konnte ich mir keinen Begriff machen. Ich sah mich in dem
klösterlichen Garten um, und blickte dann zu dem Hause aus.
Es war ein großes Gebäude, wovon die eine Hälfte grau
und alt, und de andere ganz neu erschien. Der neue Theil
enthielt das Schul- und Schlafzimmer und wurde von vergitterten Spitzfenstern erleuchtet, die demselben ein kirchenartiges Ansehen gaben; eine steinerne Tafel über der Thür
enthielt folgende Inschrift:
"Die Lowood-Stiftung. -- Dieser Theil wurde im
Jahre des Herrn -- von Naomi Brocklehurst von Brocklehurst
Hall erbaut. -- Lasset Euer Licht leuchten vor den
Leuten, daß sie Eure guten Werke sehen, und den Vater
im Himmel preisen. -- Matth, 16."
Ich las diese Worte wiederholt: ich fühlte, daß eine
Erklärung dazu nöthig sei, und war unfähig, vollkommen
in ihre Bedeutung einzudringen. Ich dachte noch über die
Bedeutung des Wortes "Stiftung" nach, und versuchte, ein
Verbindungsglied zwischen den ersten Worten und den Versen der Schrift zu entdecken, als ein Husten dicht hinter mir mich veranlaßte, den Kopf umzuwenden. Ich sah ein Mädchen auf einer steinernen Bank in der Nähe sitzen, sie neigte sich über ein Buch, worin sie mit Aufmerksamkeit zu lesen schien. Von der Stelle, wo ich stand, konnte ich den Titel
sehen. -- Es war "Rasselas;" ein Name, der mir auffallend und folglich anziehend vorkam. Als sie ein Blatt umschlug, blickte sie zufällig auf, und ich sagte sogleich zu ihr:
"Ist das Buch interessant?"
Ich hatte schon die Absicht, sie zu bitten, es mir einst
zu borgen.
"Es gefällt mir," antwortete sie nach einer Pause von
zwei bis drei Minuten, während welcher sie mich beobachtete.
"Wovon handelt es?" fuhr ich fort. Ich weiß kaum,
wo ich die Kühnheit hernahm, eine Unterredung mit einer
Fremden zu beginnen; der Schritt war meiner Natur und
meinen Gewohnheiten entgegen; aber ich glaube, ihre Beschäftigung schlug irgendwo eine Saite der Sympathie an,
denn auch ich liebte das Lesen, obgleich auf kindische Weise:
ich konnte das Ernste oder Wesenhafte weder verdauen, noch begreifen.
"Du kannst es ansehen," versetzte das Mädchen, mir
das Buch anbietend.
Ich nahm es; eine kurze Untersuchung überzeugte mich,
daß der Inhalt weniger interessant sei, als der Titel, denn nach meinem Geschmack war es sehr langweilig; ich sah Nichts von Feen, Nichts von Geistern darin, und keine
glänzende Abwechselung schien über die enggedruckten Seiten ausgegossen zu sein; ich gab es ihr wieder; sie nahm es ruhig zurück, und ohne etwas zu sagen, schien sie im Begriff, weiter zu lesen, als ich sie noch einmal zu stören wagte.
"Kannst Du mir nicht sagen, was die Inschrift auf dem
Stein über der Thür bedeutet? Was ist die Lowood-Stiftung?"
"Dieses Haus, wohin Du gekommen bist."
"Und warum nennt man es denn Stiftung? Ist es denn
auf irgend eine Weise von anderen Schulen verschieden?"
"Es ist eine halbe Freischule: Du und ich, und alle die
Uebrigen werden hier umsonst unterrichtet und unterhalten.
Ich vermuthe, Du bist eine Waise: ist nicht Dein Vater
oder Deine Mutter todt?"
"Beide starben, ehe ich sie kennen lernte."
"Nun, alle Mädchen hier haben entweder Eins von
ihren Eltern, oder Beide verloren, und dies ist eine Stiftung
zur Erziehung von Waisen."
"Zahlen wir denn kein Geld? und erhält man uns denn
umsonst?"
"Wir, oder vielmehr unsere Verwandten, zahlen fünfzehn Pfund jährlich für jedes Kind."
"Warum nennt man uns denn Waisenkinder?"
"Weil fünfzehn Pfund nicht genug ist für Kost und
Unterricht, und das Fehlende durch Unterschriften beigetragen wird."
"Wer unterschreibt denn?"
"Verschiedene wohlwollende Damen und Herren in dieser Gegend und in London.
"Wer war Naomi Brocklehurst?"
"Die Dame, die den neuen Theil dieses Hauses erbaute, wie jene Tafel erwähnt, und deren Sohn hier Alles beaufsichtigt und leitet."
"Warum?'
"Weil er der Schatzmeister und Director der Stiftung ist?"
"So gehört dieses Haus also nicht jener großen Dame, die eine Uhr trägt, und welche sagte, wir sollten etwas Brod und Käse haben?"
"Der Miß Temple? O nein! ich wollte, es gehörte ihr;
Aber sie muß Herrn Brocklehurst von Allem Rechenschaft
ablegen, was sie thut. Herr Brocklehurst kauft alle unsere
Lebensmittel und unsere Kleider."
"Wohnt er hier?"
"Nein -- zwei Meilen von hier in einem großen Herrenhause."
"Ist er ein guter Man?"
"Er ist ein Geistlicher, und man sagt, er thut sehr viel Gutes."
"Sagtest Du nicht, daß die große Dame Miß Temple heiße?
"Ja."
"Und wie heißen die andern Lehrerinnen?"
"Die mit den rothen Backen heißt Miß Smith, sie führt
die Aufsicht bei den Handarbeiten und schneidet zu -- denn
wir machen uns unsere Kleider, unsere Ueberröcke, Mäntel
und Alles selbst, die Kleine mit dem schwarzen Haar ist Miß
Scatcherd; sie unterrichtet in der Geschichte und Sprachlehre,
und überhört, was die zweite Klasse auswendig gelernt; und
die, welche einen Shawl trägt und ein Taschentuch an ihrer
Seite mit einem gelben Bande befestigt, ist Madame Pierrot;
sie ist aus Lille in Frankreich und unerrichtet im Französischen.
"Gefallen Dir die Lehrerinnen?"
"Ziemlich gut."
"Gefällt Dir die kleine Schwarze und Madame -- ? --"
Ich kann ihren Namen nicht so wie Du aussprechen.'
"Miß Scatcherd ist hastig -- Du mußt Dich in Acht
nehmen, sie nicht zu reizen; Madame Pierrot ist keine üble
Person."
"Aber Miß Temple ist die Beste -- nicht wahr?"
"Miß Temple ist sehr gut und sehr talentvoll: sie steht
über den Andern, weil sie viel mehr weiß, als sie."
"Bist Du schon lange hier?"
"Seit zwei Jahren."
"Bist Du eine Waise?"
"Meine Mutter ist todt."
"Fühlst Du Dich glücklich hier?"
"Du thust auch zu viel Fragen. Ich habe Dir für jetzt
Antworten genug ertheilt; nun will ich lesen." Aber in
dem Augenblick ertönte die Aufforderung zum Mittagessen
und Alle traten wieder in's Haus. Der Geruch, der jetzt
den Speisesaal erfüllte, war nicht viel appetitlicher, als der,
welcher uns beim Frühstück in die Nase drang. Das Mittagessen
wurde in zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen,
woraus sich ein starker Geruch von ranzigem Fett
erhob. Das Essen bestand in ziemlich schlechten Kartoffeln
und Schnitten von müffigem Fleisch, die unter einander gemischt
und zusammen gekocht waren. Von dieser Composition
wurde jedem Zögling ein ziemlich reichlicher Teller voll
gegeben. Ich aß, was ich konnte, und war begierig zu
wissen, ob unsere Speisen wohl jeden Tag von dieser Art
sein würden.
Nach dem Mittagessen begaben wir uns sogleich in die
Schulstube: die Lectionen begannen wieder und wurden bis
fünf Uhr fortgesetzt.
Das einzige bemerkenswerthe Ereigniß an dem Nachmittage
war, daß das Mädchen, mit dem ich in dem bedeckten
Gange gesprochen hatte, von Miß Scatcherd in Ungnade
aus der historischen Klasse entlassen wurde, und in der Mitte
der großen Schulstube stehen mußte. Die Strafe schien mir
um höchsten Grade schmachvoll, besonders für ein so großes
Mädchen -- denn sie mußte dreizehn Jahre oder älter sein.
Ich erwartete, sie würde Zeichen großer Betrübniß oder
Scham zu erkennen geben; aber zu meiner Ueberraschung
weinte und erröthete sie nicht, sondern stand gefaßt, obgleich
ernst alle die Zielscheibe aller Augen da.
"Sie kann sie es so ruhig und fest ertragen?" fragte
ich mich." Wäre ich an ihrer Stelle, so glaube ich, würde
ich wünschen, daß sich die Erde öffnen und mich verschlingen
möge. Sie sieht aus, als dächte sie an etwas, was jenseits
ihrer Strafe -- über ihre Lage hinaus liegt; an etwas
was nicht vor ihr ist und sie umgibt. Ich habe von Tageträumen
gehört -- ist sie jetzt in einem solchen Traume?
Ihre Augen sind auf den Boden gerichtet, aber ich bin gewiß, sie sieht ihn nicht -- ihr Blick scheint nach Innen gewendet und in ihr Herz zu dringen; sie blickt an, was sie
sich erinnern kann, glaube ich, nicht was wirklich gegenwärtig ist. Es soll mich wundern, was sie für ein Mädchen ist, ob gut, oder nicht."
Bald nach fünf Uhr Nachmittags bekamen wir noch
eine Mahlzeit, die in einem kleinen Becher mit Kaffee und
einer halben Schnitte braunes Brod bestand. Ich verschlang mein Brod und trank meinen Kaffee mit Appetit;
aber ich hätte gern noch mehr gehabt -- ich war noch immer hungrig. Eine halbe Stunde der Erholung folgte,
dann wurde gelernt, dann kam das Glas Wasser und das
Stück Haferkuchen, und dann ging's zu Bette. Dies war
der Verlauf meines ersten Tages in Lowood.

Sechstes Kapitel.

Der nächste Tag begann wie der erste; man stand bei dem düstern Lichte auf und kleidete sich an; aber diesen Morgen waren wir genöthigt, die Ceremonie des Waschens
einzustellen, denn das Wasser in den Krügen war gefroren.
Das Wetter hatte sich am vergangenen Abend geändert, und ein scharfer Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Spalten der Fenster unseres Schlafzimmers pfiff, machte,
daß wir in unsern Betten vor Frost zitterten, und verwandelte den Inhalt der Wasserbehälter in Eis.
Ehe die anderthalb Stunden des Gebets und Bibellesens vorüber waren, glaubte ich vor Kälte umkommen zu müssen.
Endlich kam die Zeit des Frühstücks, und diesen Morgen
war die Suppe nicht angebrannt; sie war eßbar, die Qualität
aber sehr gering. Wie klein schien mir meine Portion!
Ich wünschte, sie wäre verdoppelt worden.
Im Laufe des Tages wurde ich als Mitglied der vierten
Klassee aufgenommen und mir regelmäßige Aufgaben und
Beschäftigungen angewiesen; bisher nur Zuschauerin der
Vorgange zu Lowood, wurde ich jetzt eine handelnde Person.
Da ich aber an das Auswendiglernen nicht gewöhnt
war, so erschienen mir die Lectionen zugleich lang und
schwierig: der häufige Uebergang den einer Lection zu
andern verwirrte mich auch, und ich war froh, als Miß
Smith um drei Uhr Nachmittags mir einen zwei Gelangen
Streifen Mousselin nebst Nadel und Fingerhut
die Hand gab, und mich mit dem Befehl in einen ruhigen
Winkel des Schulzimmers schickte, jenes Stück zu säumen.
Zu dieser Stunde näheten die meisten Andern auch; nur (66)
eine Klasse stand um Miß Scatcherd's Stuhl und las, und
da Alles still war, so konnte man den Gegenstand ihrer
Lection, wie jedes Mädchen ihre Aufgabe wußte, und die
Bemerkungen und den Tadel der Miß Scatcherd hören.
Es war englische Geschichte: unter den Leserinnen bemerkte
ich meine Bekannte aus dem bedeckten Gange; zu Anfang
der Lection hatte sie den ersten Platz in der Klasse eingenommen,
doch wegen eines Fehlers in der Aussprache oder irgend einer andern Unaufmerksamkeit mußte sie ganz unten stehen.
Selbst in dieser Lage machte Miß Scatcherd sie von
Gegenstande der beständigen Beachtung und redete sie unaufhörlich
in Ausdrücken an, wie folgende:
"Burns"-- dies schien ihr Name zu sein, denn hier wurden die Mädchen, wie anderswo die Knaben, alle bei ihrem Geschlechtsnamen genannt -- "Burns" Du stehst auf
der Seite Deines Schuhes, setze gleich die Zehen auswärts
-- Burns, Du streckst Dein Kinn sehr unangenehm vor,
gleich zieh es zurück -- Burns, ich muß darauf bestehen,
daß Du Deinen Kopf aufrichtest: ich will nicht, daß Du in
dieser Stellung vor mir stehst," u. s. w.
Nachdem ein Kapitel zweimal vorgelesen, wurden die Bücher zugemacht und die Mädchen examinirt. Die Lection umfaßte einen Theil der Regierungszeit Karl des Ersten
und es kamen verschiedene Fragen über Tonnengeld, Pfundgeld und Schiffsgeld vor, welche Mehrere von ihnen nicht beantworten zu können schienen; doch jede kleine Schwierigkeit wurde augenblicklich gelöst, als die Reihe an Burns kam: sie schien den Inhalt der ganzen Lection behalten haben, und wußte jede Frage zu beantworten. Ich erwartete, daß Miß Scatcherd ihre Aufmerksamkeit loben werde; anstatt dessen aber rief sie plötzlich aus:
"Du schmutziges, unordentliches Mädchen! Du hast ja
diesen Morgen Deine Nägel nicht gereinigt!"
Burns antwortete nicht: ich wunderte mich über ihr
Schweigen.
"Warum erklärt sie nicht," dachte ich, "daß sie weder ihre Nägel hat reinigen, noch ihr Gesicht waschen können, da das Wasser gefroren gewesen?"
Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt von Miß Smith in Anspruch genommen, die mich aufforderte, einen Strang Zwirn zu halten, und während sie ihn abwickelte, sprach sie
von Zeit zu Zeit mit mir und fragte, ob ich schon früher in der Schule gewesen, ob ich zeichnen, steppen und stricken könne u. s. w. Ich konnte also nicht eher, als bis sie mich
entließ, Miß Scatcherd's Bewegungen weiter verfolgen. Als ich zu meinem Sitze zurückkehrte, sprach diese Dame gerade einen Befehl aus, dessen Bedeutung ich nicht verstehen konnte; aber Burns verließ augenblicklich die Klasse, ging in das innere kleine Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt wurden, und kehrte in einer halben Minute mit einem Ruthenbündel zurück. Sie überreichte das verhängnißvolle Werkzeug der Miß Scatcherd mit einer respectvollen Verbeugung; dann nahm sie ruhig, und ohne daß es ihr geheißen wurde, ihr Lätzchen ab, und die Lehrerin theilte ihr mit Ruthenbündel augenblicklich ein Dutzend Hiebe auf den bloßen Nacken zu. Burns vergoß keine Thräne, und während ich zu nähen aufhörte, weil meine Finger bei diesem Schauspiel mit der Empfindung ohnmächtigen Zornes zitterten, veränderte kein Zug ihres nachdenkenden Gesichts seinen gewöhnlichen Ausdruck.
"Halsstarriges Mädchen!" rief Miß Scatcherd, "Nichts kann Dich bewegen, Deine nachlässigen Gewohnheiten abzulegen: trage die Ruthe weg."
Burns gehorchte: ich sah sie genau an, als sie aus dem Bücherzimmer zurückkehrte; sie steckte gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und die Spur einer Thräne schimmerte auf ihrer schmalen Wange.

Die Spielstunde am Abend hielt ich für die angenehmste Erholung während des Tages: das kleine Stück Brod und der Schluck Kaffee, den wir um fünf Uhr bekamen, hatte
uns neu belebt, wenn auch nicht den Hunger gestillt. In lange Zwang des Tages hatte nachgelassen; das Schulzimmer war wärmer, als am Morgen, denn man hatte das
Feuer ein wenig heller brennen lassen, um den Mangel und Lichter zu ersetzen, die noch nicht da waren, und der reichliche Schimmer des Feuers, der erlaubte Aufruhr, die Verwirrung vieler Stimmen verlieh uns ein willkommenes Gefühl der Freiheit.
An dem Abend des Tages, als ich gesehen, wie Miß Scatcherd ihre Schülerin Burns gepeitscht, wanderte ich, wie gewöhnlich, ohne Begleiterin unter den Bänken und Tischen
und lachenden Gruppen umher, fühlte mich aber nicht einsam. Als ich an dem Fenster vorüberkam, erhob ich einen Vorhang und sah hinaus; der Schnee fiel unaufhörlich und
hatte sich unter den Scheiben gelagert. Als ich mein Obdacht an das Fenster hielt, konnte ich das trostlose Heulen des Windes draußen von dem heiteren Tumult im Innern
unterscheiden.
Wenn ich kürzlich eine gute Heimath und freundliche Verwandte verlassen hätte, so wäre dies ohne Zweifel die Stunde gewesen, wo ich die Trennung am lebhaftesten hatte
bedauern müssen; dieser Wind würde mein Herz traurig gestimmt, dieses düstere Chaos meinen Frieden gestört haben, so aber verursachte nur Beides eine seltsame Aufregung, und
ich wünschte, der Wind möchte noch wilder heulen, die Dämmerung zur Dunkelheit werden, und die Verwirrung in ein wildes Geschrei übergehen.
Ueber Bänke springend und unter Tischen durchkriechend, nahm ich meinen Weg zu einem von den Kaminen, wo ich Burns an dem hoben Drahtgitter gedankenvoll, schweigend und abgesondert, knieend fand, während sie bei dem düsteres Schimmer der Kohlen in einem Bucher las.
"Ist es noch Rassellas?" fragte ich, mich ihr nähernd.
"Ja." sagte sie. "ich habe es gleich zu Ende."
In fünf Minuten machte sie das Buch zu. Es war mir lieb.
"Jetzt kann ich sie vielleicht zum Reden bringen," dachte ich, und setzte mich zu ihr auf den Boden nieder.
"Wie heißt Du weiter als Burns?"
"Helene."
"Kommst Du weit her?"
"Ich komme von einem Orte im Norden, nahe an der schottischen Grenze."
"Wirst Du je zurückkehren?"
"Ich hoffe es, aber Niemand kann der Zukunft gewiß sein."
"Du wirst wünschen, Lowood zu verlassen?"
"Nein, warum sollte ich das? Ich wurde der Erziehung wegen nach Lowood geschickt, und es würde thöricht sein, diesen Ort zu verlassen, ehe ich diesen Zweck erreicht habe."
"Aber diese Lehrerin, Miß Scatcherd, ist so grausam gegen Dich?"
"Grausam? Durchaus nicht! Sie ist strenge: ihr missfallen meine Fehler."
"Und wenn ich an Deiner Stelle wäre, würde sie mir mißfallen; ich würde mich ihr widersetzen. Wenn sie mich mit der Ruthe schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen und sie ihr vor der Nase zerbrechen."
"Wahrscheinlich würdest Du Nichts dergleichen thun. Wenn Du es thätest, würde Dich Herr Brocklehurst aus der Schule jagen, und das würde Deinen Verwandten einen großen Kummer verursachen. Es ist siel besser, einen Schmerz geduldig zu ertragen, den Du nur allein fühlst,
als eine übereilte Handlung zu begehen, deren üble Folgen sich auf Alle erstrecken würden, die mit Dir in Verbindung stehen -- und überdies gebietet uns die Bibel, Böses mit Gutem zu vergelten."
"Aber es scheint so schmachvoll, geschlagen zu werden, und in der Mitte des Zimmers vor allen Schülerinnen stehen zu müssen, und Du bist schon ein so großes Mädchen: ich bin viel jünger, als Du, und konnte es nicht ertragen."
"Doch es wäre Deine Pflicht, es zu ertragen, wenn Du es nicht vermeiden konntest, es ist schwach und thöricht, zu sagen, Du kannst es nicht ertragen, was Du vermöge Deines Schicksals ertragen mußt.
Ich hörte ihr mit Verwunderung zu; ich konnte diese Duldung nicht begreifen, und noch viel weniger in der Achtung mit ihr übereinstimmen, die sie für die strenge Lehrerin
aussprach. Dennoch fühlte ich, daß Helene Burns die Dinge aus einem Gesichtspunkte ansah, der meinen Augen unsichtbar war. Ich vermuthete, sie möchte Recht und ich Unrecht
haben; aber ich wollte die Sache nicht weiter verfolgen, und verschob die Ueberlegung auf eine günstigere Zeit.
"Du sagst, Du hast Fehler, Helene: welches sind sie? mir scheinst Du sehr gut zu sein."
"Dann lerne von mir, nicht nach dem Schein zu urtheilen: ich bin nachlässig, wie Miß Scatcherd sagt: ich bringe selten etwas in Ordnung und halte es auch nicht ordentlich: ich bin nachlässig: ich vergesse die Regeln, ich lese, wenn ich meine Lectionen lernen sollte: ich habe keine Methode und zuweilen sage ich, wie Du, ich kann es nicht ertragen, der systematischen Ordnung unterworfen zu werden.
Dies Alles ist sehr empörend für Miß Scatcherd, die von Natur eigen, zierlich und pünktlich ist.
"Und strenge und grausam, fügte ich hinzu, aber Helene Burns wollte meinen Zusatz nicht gelten lassen und schwieg.
"Ist Miß Temple ebenso strenge gegen Dich, wie Miß Scatcherd?'
Als ich Miß Temple's Namen nannte, verbreitete sie ein sanftes Lächeln über ihr ernstes Gesicht.
"Miß Temple ist voll Güte: es schmerzt sie, strenge gegen irgend Jemand zu sein, selbst gegen die Unartigsten in der Schule. Sie sieht meine Fehler und macht mich sanft darauf aufmerksam, und wenn ich etwas Lobenswerthes thue, so ertheilt sie mir freigebig mein Loh. Ein starker Beweis meiner elenden und mangelhaften Natur ist, daß ihre so milden und vernünftigen Vorstellungen mich nicht von meine Fehlern befreien können, und daß selbst ihr Lob, so
hoch ich es auch schätze, mich nicht zu beständiger Sorgfalt und Vorsicht anzuspornen vermag."
"Das ist seltsam," sagte ich, "es ist doch so leicht. achtsam zu sein."
"Für Dich ohne Zweifel. Ich beobachtete Dich diesen Morgen in Deiner Klasse und sah, wie aufmerksam Du warst: Deine Gedanken schienen nie umherzuwanden, während Miß Miller die Lection erklärte und Dich befragte. Meine Gedanken schweifen dagegen beständig umher: wenn
ich Miß Scatcherd zuhören und Alles, was sie sagt, behalten sollte, verliere ich oft den Ton ihrer Stimme und versinke wie in einen Traum. Zuweilen denke ich, ich bin in Northumberland, und das Geräusch, welches ich um mich höre, ist das Plätschern eines kleinen Baches, der durch
Deepden in der Nähe unseres Hauses fließt -- wenn dann die Reihe zu antworten an mich kommt, muß ich erst erweckt werden, und da ich Nichts von der Vorlesung gehört habe,
während ich auf den eingebildeten Bach gehorcht, so habe ich keine Antwort in Bereitschaft."
"Aber wie gut antwortetest Du diesen Nachmittag!"
"Es war bloßer Zufall: der Gegenstand, der verhandelt wurde, hatte mich interessirt. Anstatt von Deepden zu träumen, wunderte ich mich, wie ein Mann, der Recht zu thun wünschte, so ungerecht und unweise handeln konnte, wie Karl der Erste zuweilen that: und ich hielt es für einen Jammer, daß er bei seiner Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit Nichts weiter im Auge haben konnte, als die Vorrechte seiner Krone. Wäre er nur im Stande gewesen, eine Strecke
vorauszublicken und zu sehen, wie der sogenannte Geist der Zeit wirkte! Dennoch gefällt mir Karl, ich achte -- ich bemitleide ihn, den armen gemordeten König! Ja, seine Feinde waren viel schlimmer, sie vergossen Blut, was sie zu vergießen kein Recht hatten. Wie konnten sie es wagen, ihn zu tödten!"
Helene sprach jetzt bei sich selber: sie vergaß, daß ich sie nicht wohl verstehen könne -- daß ich fast ganz unbekannt mit dem verhandelten Gegenstande sei. Ich erinnerte sie daran und fuhr fort;
Und wenn Miß Temple unterrichtet, schweifen da Deine Gedanken nicht umher?"
"Nein, gewiß nicht oft, weil Miß Temple gewöhnlich etwas zu sagen hat, was neuer ist, als mein eigenes Nachdenken: ihre Sprache ist mir außerordentlich angenehm, und

die Belehrung, die sie mittheilt, ist oft gerade von der Art
wie ich sie mir anzueignen wünsche."
"Nun, bei Miß Temple bist Du also gut?"
"Ja, auf passive Weise: ich mache keine Anstrengung
ich folge, wohin die Neigung mich leitet. In einer solchen
Güte liegt kein Verdienst."
"Sehr viel: Du bist gut gegen die, welche gut gegen
Dich sind. Das ist Alles, was ich je zu sein wünsche.
Wenn man immer freundlich und gehorsam gegen die wäre,
welche grausam und ungerecht sind, so würden die bösen
Menschen immer ihren Willen haben: sie würden nie Furcht
empfinden, sich also auch nicht bessern und nur immer schlimmer
werden. Wenn wir ohne Grund geschlagen werden,
sollten wir sehr hart wieder schlagen; ich bin gewiß, das
sollten wir -- so hart, daß es der Person, die uns geschlagen,
nie einfällt, es noch einmal zu thun. "
"Du wirst hoffentlich Deine Gesinnung ändern, wenn
Du älter wirst. Bis jetzt bist Du noch ein kleines, unerfahrnes
Mädchen."
"Aber ich fühle, Helene, daß ich diejenigen verabscheuen
muß, die beständig Widerwillen gegen mich zeigen, was ich
auch thun mag, ihnen zu gefallen, und daß ich mich denen
widersetzen muß, die mich auf ungerechte Weise bestrafen.
Es ist eben so natürlich, als daß ich die liebe, die Neigung
für mich zeigen, oder mich bestrafen, wenn ich fühle, daß ich
es verdient habe."
"Heiden und wilde Völker folgen dieser Lehre, aber Christen
und civilisirte Nationen verleugnen sie."
"Wie? Ich verstehe Dich nicht."
"Es ist nicht Gewalthätigkeit, die den Hass am besten
überwindet -- noch Rache, die die Beleidigung am sichersten
heilt.
"Was denn?"
"Lies das neue Testament und beachte, was Christus
sagt und wie er handelt - mache sein Wort zu Deiner Regel und sein Benehmen zu Deinem Vorbild."
"Was sagt er?'
"Liebe Deine Feinde, segne die Dir fluchen, thue wohl denen, die Dich hassen und verfolgen."
"Da müßte ich ja auch Mistreß Reed lieben, und das
kann ich nicht: ich müßte ihren Sohn John segnen. und
das ist unmöglich."
Hier forderte Helene Burns eine Erklärung von mir.
und ich begann sogleich auf meine eigene Weise die Erzählung
von meinem Leiden und von meiner Rache. Bitter
und aufgeregt sprach ich, wie ich fühlte, ohne Rückhalt oder
Milderung.
Helene hörte mich geduldig bis zu Ende an: ich erwartete,
sie würde dann eine Bemerkung machen, aber sie sagte
Nichts.
"Nun," fragte ich ungeduldig, ist nicht Mistreß Reed
ein hartherziges, böses Weib?"
"Sie ist ohne Zweifel unfreundlich gegen Dich gewesen,
denn wie Du stehst, mißfällt ihr die Richtung Deines Charakters, wie Miß Scatcherd die Richtung des meinigen mißfält.
Aber wie genau erinnerst Du Dich Alles dessen, was
sie gethan und zu Dir gesagt hat! welch einen tiefen Eindruck
scheint ihre Ungerechtigkeit auf Dein Herz gemacht zu
haben! Keine üble Behandlung drückt sich so tief meinem
Gefühle ein. Würdest Du nicht glücklicher sein, wenn Du
versuchtest, ihre Strenge zugleich mit den leidenschaftlichen
Regungen zu vergessen, die dadurch hervorgebracht worden?
Das Leben scheint mir zu kurz, um damit hingebracht zu
werden, Feindschaft zu nähren oder erlittenes Unrecht aufzuzeichnen.
Wir Alle, Einer wie der Andere, müssen in
dieser Welt mit Fehlern belastet sein: aber ich hoffe, die Zeit
wird bald kommen, wo wir sie zugleich mit unsern vergänglichen
Körpern ablegen, wo Erniedrigung und Sünde mit
dieser lästigen Gestalt von Fleisch von uns abfallen, und
nur der Funke des Geistes zurückbleiben wird -- das unerfaßbare
Princip des Lebens und Gedankens, rein, wie es
den Schöpfer verließ, um es der Creatur einzuhauchen: woher
es kam, dorthin wird es zurückkehren, um vielleicht einem
höheren Wesen, als der Mensch, wieder mitgetheilt zu
werden -- vielleicht um auf Stufen der Glorie aus der
blassen menschlichen Seele in einen glänzenden Seraph überzugehen!
Gewiß wird es nie im Gegentheil von einem
Menschen zu einem bösen Geiste abfallen? Nein, das kann

ich nicht denken: ich habe einen andern Glauben, den mich
Niemand gelehrt, und den ich selten ausspreche, aber an dem
ich Freude empfinde und an dem ich hänge; denn er breitet
die Hoffnung über Alle aus und macht die Ewigkeit zu
einem Ruheplatze -- zu einer mächtigen Heimath -- nicht zu
einem Abgrund des Schreckens und Entsetzens. Neben
kann ich bei diesem Glauben so klar zwischen dem Verbrecher
und seinem Verbrechen unterscheiden: ich kann so aufrichtig
dem ersteren verzeihen, während ich das letztere verabscheuen
bei diesem Glauben quält Rache nie mein Herz, Entbehrung
beugt mich nie zu tief, und Ungerechtigkeit schlägt mich nie
zu hart darnieder. Ich lebe in Ruhe und sehe dem Ende entgegen."
Helenens schon vorher geneigter Kopf sank noch ein wenig tiefer, als sie diesen Satz ausgesprochen hatte. Ich sah es ihrem Blicke an, daß sie nicht länger mit mir zu reden,
sondern vielmehr mit ihren eigenen Gedanken zu verkehren wünsche. Es wurde ihr nicht viel Zeit zum Nachdenken gelassen, denn eine Aufseherin. ein großes. plumpes Mädchen, kam sogleich heran und rief in breitem cumberländischen Dialect:
"Helene Burns, wenn Du nicht gehst, Dein Fach in Ordnung bringst und in einer Minute Deine Arbeit zusammenlegst, so rufe ich Miß Scatcherd herbei, um es anzusehen."
Helene seufzte, als ihre Träumerei gestört wurde, stand auf und gehorchte der Aufseherin unverzüglich und ohne zu antworten.

Siebentes Kapitel.

Mein erstes Vierteljahr in Lowood schien ein Jahrhundert, und nicht das golden Jahrhundert zu sein, denn ich mußte einen lästigen Kampf mit der Schwierigkeit bestehen, mich an die neuen Regeln unter ungewohnten Aufgaben zu gewöhnen. Die Furcht, in dieser Hinsicht einen Fehler zu begehen, schreckte mich viel mehr, als die physische Härte meines Looses, obgleich die auch keine Kleinigkeit war. Während des Januar, Februar und eines Theiles des März verhinderte uns der hohe Schnee, und dann beim Schmelzen desselben die fast unzugänglichen Wege, uns aus
den Gartenmauern zu entfernen, außer um in die Kirche zu gehen: aber innerhalb dieser Grenzen durften wir jeden Tag eine Stunde in der freien Luft zubringen. Unsere Kleidung
war nicht hinreichend, uns gegen die strenge Kälte zu schützen; wir hatten keine Stiefeln, der Schnee kam in unsere Schuhe und schmolz dort; unsere, nicht mit Handschuhen versehenen, Hände wurden erstarrt und mit Frostbeulen bedeckt, ebenso wie unsere Füße. Ich erinnere mich noch sehr wohl der reizbaren Qual, die mir meine entflammten Füße jeden Abend verursachten, und des heftigen Schmerzes, wenn ich die angeschwollenen und steifen Zehen Morgens in meine Schuhe stecken mußte. Ferner war die spärliche Nahrung, die wir bekamen, ehr betrübend: bei dem starken Appetit heranwachsender Kinder bekamen wir kaum so viel, um einen schwachen Kranken am Leben zu erhalten. Aus diesem Mangel an Nahrungsmitteln erfolgte ein Mißbrauch, der die jüngeren Zöglinge sehr hart drückte: denn wenn die ausgehungerten großen Mädchen irgend Gelegenheit hatten, so bewegen sie die kleineren durch Schmeicheleien oder Drohungen, ihnen ihre Portionen zu geben. Oft habe ich das kostbare Stück schwarzes Brod, welches uns zur Theezeit gegeben wurde. unter zwei Fordernde getheilt, und nachdem ich einer dritten den halben Inhalt meiner Kaffeetasse zugestanden den das Uebrige in Begleitung geheimer Thränen hinuntergeschluckt die mir durch dem Hunger ausgepreßt wurden.
Die Sonntage waren traurige Tage zur Winterzeit. Sie hatten zwei Meilen zur Kirche nach Brocklebridge zu gehen, wo unser Damen sein geistliches Amt verwaltete. Wir ging kalt fort, kamen noch kälter in der Kirche an und waren während des Gottesdienstes fast gefroren. Es war zu weit um zum Mittagessen zurückzukehren und es wurde uns eine eben so sparsame Portion von kaltem Fleisch und Brod was bei unser gewöhnlichen Mahlzeiten zwischen dem Gottesdienste zugetheilt.
Nach dem Schlusse des Nachmittagsgottesdienstes mußten wir auf einem freien und hügeligen Wege zurückkehren, wo der kalte winterliche Wind, der über eine Reihe nördlicher
Schneehügel dahinwehte, uns fast die Haut von den Gesichtern nahm. Ich sehe noch immer, wie Miß Temple leicht und rasch an unserer trostlosen Reihe dahinging, ihren schottischen Mantel, der im Winde flatterte, dicht um sich zugezogen, und uns durch Vorschrift und Beispiel ermunterte, den Muth nicht sinken zu lassen, und, wie sie sich ausdrückte, gleich tapferen Soldaten vorwärts zu marschiren. Die andern Lehrerinnen, die armen Dinger, waren gewöhnlich selber zu sehr niedergeschlagen, um zu versuchen, Andere aufzuheitern.
Wie verlangte uns nach dem Licht und der Wärme des glühenden Feuers, wenn wir zurückkehrten! aber den kleineren Mädchen war dies verweigert, denn jeder Kamin im
Schulzimmer wurde sogleich von einer doppelten Reihe großer Mädchen umringt, und hinter ihnen hockten die jüngeren Kinder in Gruppen nieder, und hüllten ihre erstarrten Arme
in ihre Schürzen.
Ein kleiner Trost kam zur Licht in Gestalt einer doppelten Portion Brod -- in einer ganzen Schnitte anstatt einer halben -- mit der zarten Hinzufügung eines dünnen Auftrages von Butter: es war die wöchentliche Bewirthung. der wir von einem Sabbath zum andern entgegensahen. Es gelang mir gewöhnlich, die eine Hälfte dieser reichlichen Mahlzeit für mich zu behalten, während ich beständig genöthigt war, das Uebrige zu vertheilen.
Der Sonntag Abend wurde mit Hersagen des Kirchenkatechismus,
des fünften, sechsten und siebenten Kapitels des Matthäus hingebracht, und dann mußten wir noch eine lange Predigt anhören, die Miß Miller vorlas, deren unüberwindliches Gähnen ihre Ermüdung bezeugte. Ein häufiges Zwischenspiel bei diesen Verrichtungen war, daß ein halbes Dutzend kleiner Mädchen, dem Schlaf überwältigt, wenn auch nicht aus dem dritten Stock, doch wenigstens von der vierten Bank herabfiel und halb todt aufgegeben wurde. Das Heilmittel dagegen war, sie in die Mitte der Schulstube zu schleppen, und sie zu nöthigen stehen zu bleiben, bis die Predigt zu Ende war. Zuweilen wollten ihre Füße sie nicht tragen, sie fielen in einen Haufen zusammen, und dann wurden sie von den hohen Stühlen der Aufseherinnen unterstützt.
Ich habe die Besuche des Herrn Brocklehurst noch nicht erwähnt. Dieser Herr war während des größten Theils es ersten Monats nach meiner Ankunft verreist, da er vielleicht seinen Aufenthalt bei seinem Freunde dem Archidiaconus verlängert hatte. Seine Abwesenheit war eine Beruhigung für mich. Ich darf nicht erst sagen, daß ich Grund hatte, seine Ankunft zu fürchten; aber endlich kam er.
An einem Nachmittage, als ich grade drei Wochen in Lowood gewesen war, saß ich, meine Schiefertafel in der Hand da und war mit einem großen Divisionsexempel beschäftigt, als ich die Augen zum Fenster erhob und eine Gestalt vorübergehen sah. Ich erkannte fast instinktmäßig den seltsamen Umriß der Gestalt; und als zwei Minuten später die ganze Schule, die Lehrerinnen mit eingeschlossen, in Masse aufstand, war es mir nicht nöthig aufzublicken und mich zu überzeugen, wessen Eintritt begrüßt wurde.
Ein weiter Schritt durchmaß das Schulzimmer, und sogleich stand neben Miß Temple, die selber aufgestanden war, dieselbe schwarze Säule, die mich so unheimlich von dem Fußteppich zu Gateshead angeblickt hatte. Ich sah dieses Bauwerk von der Seite an. Ja, ich hatte Recht gehabt; es war Herr Brocklehurst, in einen Oberrock geknöpft, länger, schmäler und strenger als je.
Ich hatte meine eigenen Gründe, über sein Erscheinen zu erschrecken: nur zu wohl erinnerte ich mich der treulosen Winke, die ihm Mistreß Reed über meine Neigungen u.s.w. vertheilt, so wie des Versprechens des Herrn Brocklehurst, Miß Temple und die Lehrerinnen von meiner fehlerhaften Natur in Kenntniß zu setzen. Schon lange hatte ich die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet - täglich hatte ich der Ankunft entgegen gesehen, dessen Bericht über mein früheres Leben mich auf immer als ein böses Kind brandmarken sollte: und nun war er da. Er stand neben Miss Temple und sprach leise mit ihr: ich zweifelte nicht, daß er ihr Eröffnungen über meine Bosheit mache, und beobachtete mit schmerzlicher Angst ihre Augen, jede Secunde erwartend, daß sie dieselben mit einem Blicke des Widerwillens und der Verachtung auf mich richten werde. Ich horchte auch, und da ich zufällig ganz am Ende des Zimmers war so vernahm ich das Meiste, was gesprochen wurde: doch befreite mich der Inhalt der Unterredung von unmittelbarer Furcht.
"Ich denke, der Zwirn, den ich in Lowton gekauft, wird gut sein, Miß Temple: ich dachte, er müsse gerade zu des Callicohemden passen, und ich wählte die Nadeln darnach aus. Sie können Miß Smith sagen, daß ich vergessen habe ein Verzeichniß von den Stopfnadeln zu machen, aber es soll ihr in der nächsten Woche geschickt werden. Auf jeden Fall soll sie jeder Schülerin zur Zeit nur eine Nadel geben denn wenn sie mehr haben, werden sie unachtsam und verlieren sie. Und o! Miß Temple, ich wünschte sehr es würde besser nach den wollenen Strümpfen gesehen
-- Als ich zuletzt hier war, ging ich in den Küchengarten
und untersuchte die Kleider, die zum Trocknen aufgehängt
waren: da waren viele Strümpfe in sehr schlechtem Zustande, und aus der Größe der Löcher schloß ich, daß sie nicht gehörig von Zeit zu Zeit ausgebessert worden."
Er schwieg.
"Ihre Anordnungen sollen befolgt werden, mein Herr."
sagte Miß Temple.
"Und die Wäscherin sagt mir, Miß Temple." fuhr er
fort. "das einige von den Mädchen wöchentlich zwei reine
Halsstreifen bekommen: das ist zu viel: die Regel gestattet
nur einen."
"Ich glaube diesen Umstand erklären zu können, mein
Herr. Agnes und Katharina Johnstone wurden am letzten
Donnerstag zu ihren Verwandten zum Thee nach Lowton
eingeladen, und ich gab ihnen die Erlaubnis, bei dieser Gelegenheit, reine Halsstreifen zu nehmen."
Herr Brockelhurst nickte.
"Nun, einmal mag es hingehen: aber ich bitte Sie,
lassen Sie es nicht zu oft vorkommen. Und noch etwas
Anderes hat mich überrascht. Ich finde nämlich, bei der Berechnung mit der Haushälterin, daß den Mädchen in den letzten vierzehn Tagen zweimal Brod und Käse gegeben
worden ist. Wie kommt dies? Ich sehe das Reglement an und finde kein solches Mahl von Brod und Käse erwähnt.
Wer führte diese Neuerung ein? und auf wessen
Autorität geschah sie?"
"Ich habe mich dafür verantwortlich gemacht, mein
Herr," versetzte Miß Temple. "das Frühstück war so schlecht
bereitet, daß die Mädchen es unmöglich essen konnten, und
ich glaubte, es nicht verantworten zu können, sie biß zur
Mittagszeit hungern zu lassen."
"Erlauben Sie mir einen Augenblick, Miß Temple. Sie
wissen, daß mein Plan bei Auferziehung dieser Mädchen
nicht ist, sie an Luxus und Schwelgerei zu gewöhnen, sondern sie abzuhärten, sie geduldig, und selbstverleugnend zu machen. Sollte irgend ein zufälliger Umstand eintreten,
daß die Erwartung. den Appetit zu stillen, nicht erfüllt
würde, daß eine Speise angebrannt, zuviel oder zu wenig
gesalzen wäre, so sollte man die Wirkung nicht dadurch
aufheben, daß man etwas Delikateres an die Stelle setzt, dem
Leide Behaglichkeit verschafft und so dem Zwecke dieser Anstalt entgegen handelt: man sollte die geistliche Erbauung der Zöglinge dadurch erhöhen, daß man sie ermuthigt, bei zeitlicher Beraubung Stärke zu zeigen. Eine kurze Anrede bei solchen Gelegenheiten würde nicht übel angebracht sein, worin eine verständige Lehrerin Gelegenheit nehmen könnte,
aus die Leiten der ersten Christen, auf die Qualen der
Märtyrer und die Ermahnungen unseres göttlichen Erlösers selbst zu verweisen, der seine Hunger auffordert, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen; auf seine
Warnungen, daß der Mensch nicht den Brode allein leben
soll, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gotte kommt, und auf seine göttliche Tröstung: Selig seid Ihr, wenn Ihr hungert und durstet um meinerwillen. O
Miß wenn Sie diesen Kindern Brod und Käse anstatt verbrannter
Suppe in dem Mund stecken, so mögen Sie in der
That ihre irdischen Körper nähren. aber Sie denken nicht
daran, daß Sie ihre unsterblichen Seelen hungern lassen!"
Herr Brocklehurst schwieg wieder -- vielleicht war er von seinem Gefühle überwältigt. Miß Temple hatte an den Boden geblickt, als er zuerst angefangen mit ihr zu
reden; aber jetzt sah sie gerade vor sich hin, und ihr Gesicht, welches von Natur blaß wie Marmor war, jetzt auch die Kälte und Starrheit dieses Materials anzunehmen;
besonders schloß sich ihr Mund so fest, als hätte es
des Meisels eines Bildbauers bedurft, um ihn zu öffnen
und ihre Stirn ging allmählig in versteinerte Strenge über.
Inzwischen stand Herr Brocklehurst, seine Hände auf den
Rücken haltend, am Kamin und überschaute majestätisch die
ganze Schule. Plötzlich blinzelte sein Auge, als würde er vor
etwas geblendet oder als ob sich ein plötzliches Entsetzen
seiner bemächtigte. Er wendete sich um und sprach in
rascherem Tone, als er bisher angewendet:
"Miß Temple, Miß Temple, was -- was ist dies für
ein Mädchen mit gelocktem Haar? rothes Haar, gelockt --
über und über gelockt?"
Und er streckte seinen Stock aus und deutete mit zitternder Hand auf den Gegenstand, der ihm solchen Schrecken
verursachte.
"Es ist Julie Severn," versetzte Miß Temple sehr ruhig.
"Julie Severn, Miß!" und warum hat sie oder irgend eine Andere gelocktes Haar? Warum richtet sie sich allen Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses zum Trotz so
offen nach der Welt, daß sie in dieser evangelischen und
milden Anstalt ihr Haar in einer Masse von Locken trägt?
"Juliens Haar lockt sich von Natur," entgegnete Miß Temple noch ruhiger."
"Von Natur? Ja, aber wir sollen uns nicht nach der Natur richten: ich wünsche, daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden: und wozu jene Fülle? Ich habe wiederholt
angedeutet, daß das Haar kurt gehalten und bescheiden
und einfach frisirt werden soll. Miß Temple, das Haar
dieses Mädchens muß ganz abgeschnitten werden; ich will
morgen einen Barbier schicken. Ich sehe auch noch Andere
die zu viel von diesem unnöthigen Schmucke haben -- sagen
Sie doch jenem großen Mädchen, daß sie sich umkehrt.

Lassen Sie die ganze erste Bank aufstehen und ihre Gesichter nach der Wand wenden."
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über ihre Lippen,
als wolle sie das unwillkürliche Lächeln glatten, welches
sie verzog; sie gab indessen den Befehl, und da die erste
Klasse nicht anders konnte, so gehorchte sie. Indem ich mich
auf meiner Bank ein wenig zurücklehnte, konnte ich die
Blicke und Grimassen sehen, womit sie dieses Manöver begleiten.
Es war Schade, daß Herr Brocklehurst es nicht
auch sehen konnte; dann würde er vielleicht gefühlt haben,
was er auch mit der Außenseite thun möge, daß das Innere weiter aus seinem Bereiche liege, als er sich einbildete.
Er beobachtete das Revers dieser lebendigen Medaillen
etwa fünf Minuten und sprach dann das Urtheil aus, welches wie der Spruch des jüngsten Gerichts in alle die jungen Herzen drang:
"Alle diese Flechten müssen abgeschnitten werden."
Miß Temple schien Gegenvorstellungen zu machen.
"Miß," fuhr er fort, ich habe einen Herrn, dem ich
diene, und dessen Reich nicht von dieser Welt ist: meine Aufgabe ist es, die Lust des Fleisches in diesen Mädchen zu ertodten, sie zu lehren, sich mit Schamhaftigkeit und Nüchternheit zu kleiden, und sich nicht mit geflochtenem Haar und
köstlichen Kleidern zu schmücken, jede von diesen jungen Personen vor uns hat einen Theil ihres Haares zu Zöpfen verschlungen, wie sie die Eitelkeit selbst nur hätte flechten
können. Ich wiederhole, diese müssen abgeschnitten werden;
denken Sie an die verlorene Zeit, an --"
Herr Brocklehurst wurde hier unterbrochen: drei Damen traten ins Zimmer, die ebenfalls die Schule besichtigen wollten. Sie hätten ein wenig früher kommen sollen, um seine Vorlesung über die Eitelkeit anzuhören, denn sie waren glänzend in Sammet, Seide und Pelz gekleidet. Die beiden jüngeren von den Dreien -- schöne Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren -- trugen graue Kastorhüte, wie sie damals Mode waren, mit Straußfedern beschattet.
und unter dem Rande dieser anmuthigen Kopfbedeckung zeigte sich eine Fülle zierlich gekräuselter Locken. die ältere Dame war in einen kostbaren Sammetshawl gehüllt, der mit Hermelin besetzt war, und trug einen solchen Scheitel von französischen Locken.
Die Damen wurden von Miß Temple mit vieler Rücksicht als Mistreß und Mistres Brocklehurst empfangen zu, zu Ehrensitzen am obern Ende des Zimmers geführt, schienen mit dem ehrwürdigen Herrn in demselben Wagen gekommen zu sein und in oberen Zimmern ihre Untersuchungen angestellt zu haben, während er mit der Haushalterin gerechnet, die Wäscherin befragt, und der Vorsteherin der Anstalt seine Ermahnungen ertheilt hatte. Sie begannen jetzt, der Miß Smith, welche die Aufsicht über die Wäsche und die Schlafzimmer hatte, verschiedene Bemerkungen zu machen und ihren Tadel auszusprechen: aber ich hatte nicht Zeit, auf das zu achten, was sie sagten, denn andere Gegenstände fesselten meine Aufmerksamkeit.
Bisher, während ich auf die Unterredung des Herrn Brocklehurst mit Miß Temple gehorcht, hatte ich keine Vorsicht versäumt, meine persönliche Sicherheit zu schützen was ich dadurch zu erlangen meinte, daß ich der Beobachtung auswich. Deshalb setzte ich mich weit auf die Bank
zurück und hielt, während ich mit Rechnen beschäftigt schien meine Tafel so, daß sie mein Gesicht verbarg. Ich mochte auch der Beachtung entgangen sein, wäre nicht meine verrätherische Tafel mir aus der Hand geglitten, krachend niedergefallen und hätte sogleich jedes Auge auf mich gerichtet.
Ich wußte, daß jetzt Alles verloren sei, und machte mich auf das Schlimmste gefaßt, während ich mich niederbeugte um die beiden Stücke der Tafel wieder aufzuheben.
"Ein unachtsames Mädchen! -- sagte Herr Brocklehurst und fügte gleich darauf hinzu: "Es ist die neue Schülerin, wie ich sehe." sagte dann, ehe ich Athem schöpfen konnte
"Ich darf nicht vergessen, daß ich Etwas über dieselbe zu sagen habe. Dann setzte er laut, o wie laut! hinzu.
"Lassen Sie das Mädchen, welches ihre Tafel zerbrochen hat, vertreten."
Aus eigenem Antriebe würde ich mich nicht geregt haben, denn ich war wie gelähmt: aber die beiden großen Mädchen, die zu jeder Seite der mir saßen, richteten mich auf und schoben mich zu dem gefürchteten Richter hin während mich Miß Temple unterstützte und mir leise zuflüsterte:
"Fürchte Dich nicht, Johanna, ich sah, daß es ohne Deine Schuld geschah, Du sollst nicht bestraft werden."
Das freundliche Geflüster drang mir wie ein Dolch in's Herz.
"Noch eine Minute und sie wird mich als eine Heuchlerin verabscheuen," dachte ich, und eine heftige Wuth gegen Reed, Brocklehurst und Compagnie glühte bei dieser Ueberzeugung in meinem Herzen. Ich war nicht Helene Burns.
"Holt einen Stuhl herbei," sagte Herr Brocklehurst auf einen sehr hohen Stuhl deutend, von welchem eine Aufseherin eben aufgestanden war. Er wurde herbeigebracht.
"Stellt das Kind hinauf!" Ich wurde hinaufgestellt, von wem, wußte ich nicht. Ich war nicht in der Lage, die Einzelnheiten zu beachten; ich wurde nur gewahr, daß man mich bis zu der Höhe von Herrn Brocklehurst's Nase hinaufgehißt hatte, daß er nur einen Schritt von mir entfernt war, daß sich Pelze von orangefarbiger und purpurrother Seite und eine Wolke von silberfarbigem Gefieder vor mir erstreckte und bewegte.
Herr Brocklehurst räusperte sich.
"Meine Damen," sagte er zu seiner Familie gewendet.
"Miß Temple, Lehrerinnen und Kinder, Sie sehen Alle dieses Mädchen?"
Natürlich sahen sie mich, denn ich fühlte ihre Augen wie glühendes Glas auf meine versengte Haut gerichtet.
"Sie sehen, sie ist noch jung: Sie bemerken, sie besitzt die gewöhnliche Gestalt der Kindheit. Gott hat ihr in seiner Gnade die Gestalt gegeben, die er uns Allen geschenkt; keine besondere Entstellung zeichnet sie als einen gebrandmarkten Charakter aus. Wer sollte denken, daß der Böse schon eine Dienerin und Gehülfin in ihr gefunden hätte?
Doch leider ist es der Fall."
Es trat eine Pause ein, während welcher ich meine erschütterten Nerven zu stählen und zu fühlen begann, dass das Schlimmste überstanden sei, und daß die Prüfung, da ihr nicht auszuweichen war, mit Festigkeit müsse bestanden werden.
[84] "Meine lieben Kinder," fuhr der Geistliche von schwarzem Marmor mit Pathos fort, "dies ist eine traurige, schwermüthige Gelegenheit; denn es wird meine Pflicht Euch zu warnen, daß dieses Mädchen, welches eins von Gottes eigenen Lämmern sein könnte, kein Mitglied der wahren Herde ist, sondern offenbar einer fremden Schaar angehört. Ihr müßt Euch also vor ihr hüten, ihr Beispiel scheuen, und wenn es nöthig ist, ihre Gesellschaft meiden, sie von Euren Spielen und Eurer Unterhaltung ausschließen. Lehrerinnen Sie müssen sie überwachen, ihre Bewegungen beobachten alle ihre Worte abwägen, ihre Handlungen prüfen, ihren Leib bestrafen, und ihre Seele zu retten, wenn in der That nach eine solche Rettung möglich ist, denn -- meine Zunge bebt während ich es ausspreche -- dieses Mädchen, dieses Kind, diese geborne Christin ist schlimmer als manche kleine Heidin, die ihre Gebete an Brahma richtet und vor Juggernaunt niederkniet -- dieses Mädchen ist eine Lügnerin."
Jetzt trat eine Pause von zehn Minuten ein, während welcher ich, die ich jetzt im vollen Besitze meiner Sinne war, bemerkte, wie die weiblichen Brocklehursts ihre Taschentücher hervorgezogen und sie zu ihren Augen erhoben, während die ältliche Dame sich hin und her schaukelte, und die beiden jüngeren flüsterten:
"Wie entsetzlich!"
Herr Brocklehurst fuhr fort:
"Dies erfuhr ich von ihrer Wohlthäterin, von der frommen und christlichen Dame, die sich ihrer verwaisten Lage annahm, sie wie ihre eigenen Tochter erzog, und deren Güte und Großmuth das unglückliche Madchen durch so niedrige und schreckliche Undankbarkeit vergalt, daß ihre vortreffliche Beschützerin sich genöthigt sah, von ihren eigenen Kindern zu trennen, da sie fürchtete, ihr verderbliches Beispiel möchte ihre Reinheit beflecken. Sie schickte sie hieher, um geheilt zu werden, wie die Jude vor Alters ihre Kranken zu dem aufbrausenden Pfuhl von Bethesda schickten. Und, Lehrerinnen und Vorsteherin, ich bitte Sie, nicht zuzugeben, dass das Brausen des Wassers sich um sie lege.“
Nach seinem erhabenen Schlusse knöpfte Herr Brocklehurst den oberen Knopf seines Rockes zu, sagte einige leise Worte zu seiner Familie, welche aufstand, und verneigte sich gegen Miß Temple. Dann segelten die vornehmen Leute stattlich zum Zimmer hinaus. Sich an der Thür umwendend, sagte mein Richter:
"Lassen Sie sie noch eine halbe Stunde länger auf dem Stuhle stehen und während des übrigen Tages Niemand mit ihr reden."
Dort stand ich also auf meiner Erhöhung; ich, die ich gesagt, ich könne die Schande nicht ertragen, auf meinen natürlichen Füßen in der Mitte des Zimmers zu stehen, war allen Blicken auf einem Fußgestell der Schande ausgesetzt.
Welches meine Empfindungen waren, kann keine Sprache ausdrücken; aber gerade als Alle aufstanden, wobei es mir war, als ob mir die Kehle zugeschnürt würde,
kam ein Mädchen vorüber und erhob die Augen zu mir.
Welch ein seltsames Licht sie erhellte! Mit welcher außerordentlichen Empfindung durchdrang mich dieser Strahl!
Wie erhob mich das neue Gefühl! Es war, als wäre ein Märtyrer, ein Heres an einem Sclaven oder an einem Schlachtopfer vorübergegangen, und hätte ihm im Vorübergehen Kräfte mitgetheilt. Ich bemeisterte die Neigung zum Weinen, erhob meinen Kopf und stellte mich fest auf den Stuhl hin. Helen Burns richtete eine unbedeutende Frage wegen ihrer Arbeit an Miß Smith, wurde wegen der unnöthigen Frage gescholten, kehrte zu ihrem Platze zurück,
und lächelte mir zu, als sie wieder an mir vorüberging.
Welch ein Lächeln! Ich erinnere mich desselben noch jetzt und weiß, daß es der Ausfluß des feinen Verstandes und des wahren Muthes war; es erhellte ihre ausdrucksvollen Züge, ihr schmales Gesicht, ihr eingesunkenes graues Auge gleich einem Widerschein der Glorie eines Engels. Doch in dem Augenblick trug Helene Burns ein Zeichen der Schmach an ihrem Arm: denn kaum vor einer Stunde hatte ich gehört, wie Miß Scatcherd sie auf den folgenden
Tag zu einem Mittagessen von Brod und Wasser verurtheilt, weil sie einen Fleck auf eine Vorschrift gemacht, während sie dieselbe nachgeschrieben. So ist die unvollkommene
Natur des Menschen! Solche Flecken sind auf der Scheibe des klarsten Planeten, und Augen, wie die der Miß Scatcherd können nur diese kleinlichen Mängel sehen und sind blind für den vollen Glanz des Kreises.

Achtes Kapitel.

Ehe die halbe Stunde um war, schlug es fünf; die Schülerinnen wurden entlassen und alle gingen in das Refectorium zum Thee. Ich wagte jetzt von dem Stuhle herunter zu steigen: es war fast ganz dunkel: ich zog mich in einen Winkel zurück und setzte mich auf den Boden nieder
Der Zauber, der mich bis dahin unterstützt hatte, begann zu verschwinden; es fand eine Gegenwirkung statt, und bald war der Kummer, der mich ergriff, so heftig, daß ich mit
dem Gesichte auf den Boden niedersank. Nun weinte ich. Helene Burns war nicht da: Niemand hielt mich aufrecht allein gelassen, gab ich mich auf, und meine Thränen benetzten die Dielen. Ich hatte in Lowood so gut sein und soviel thun, mir so viele Freundinnen erwerben, so viel Achtung einernten und Neigung gewinnen wollen. Ich hatte schon sichtbare Fortschritte gemacht: an demselben Morgen war ich die Erste in meiner Klasse geworden: Miß Miller
hatte mich mit Wärme gelobt, Miß Temple hatte mir Billigung zugelächelt: sie hatte versprochen, mich im Zeichnen zu unterrichten und mich im Französischen unterrichten zu
lassen, wenn ich noch zwei Monate fortfahre, ähnliche Fortschritte zu machen: und dann war ich von meinen Mitschülerinnen gut empfangen, von denen meines Alters wie
ihres Gleichen behandelt und von Keiner belästigt worden; und jetzt lag ich wieder da, zu Boden geschmettert und mit Füßen getreten -- und konnte ich mich je wieder erheben?
"Nimmermehr!" dachte ich und hegte den glühenden Wunsch, zu sterben. Während ich diesen Wunsch in gebrochenen Tönen hervorschluchzte, näherte sich mir Jemand: ich
fuhr empor -- Helene Burns war wieder in meiner Näher das erlöschende Feuer zeigte mir, wie sie in dem langen leeren Immer daher kam. Sie brachte mir Kaffee und Brod.
"Komm und ein wenig," sagte sie: aber ich schob Beides von mir weg, und es war mir, als ob ein Tropfen oder eine Krume mich in meiner gegenwärtigen Lage hätte ersticken müssen. Helene sah mich wahrscheinlich mit Ueberraschung als ich konnte jetzt meine Aufregung nicht überwinden, obgleich ich mich sehr bemühte, und fuhr fort, laut zu weinen. Sie setzte sich in meiner Nähe auf den Boden nieder, umfaßte ihre Kniee mit den Armen und ließ ihren Kopf auf ihnen ruhen. In dieser Stellung blieb sie schweigend wie eine Indianerin. Ich sprach zuerst.
"Helene." sagte ich. "warum bleibst Du bei einem Mädchen, welches Jedermann für eine Lügnerin hält?"
"Jedermann, Johanna? Es waren ja nur achtzig Personen da, die Dich so nennen hörten, und die Welt enthält viele hundert Millionen Seelen."
"Aber was habe ich mit den Millionen zu thun? Ich weiß, daß diese achtzig mich verachten."
"Du irrest, Johanna: wahrscheinlich verachtet keine in der ganzen Schule und ich bin gewiß, daß Dich bemitleiden.
"Wie können sie mich bemitleiden nach dem, was Brocklehurst sagte?"
"Herr Brocklehurst ist kein Gott: er ist nicht einmal ein großer und bewunderter Mann: er ist hier wenig beliebt und hat nie Schritte gethan, um sich beliebt zu machen.
Hätte er Dich mit besonderer Gunst behandelt, so würdest Du rings umher erklärte oder versteckte Feindinnen gefunden haben. So wie die Sache steht, würde die größere
Zahl Dir Mitgefühl zeigen, wenn sie es wagten. Die Lehrerinnen und Schülerinnen mögen Dich vielleicht auf einen oder zwei Tage kalt ansehen, aber es sind freundliche Gefühle in ihren Herzen verborgen, und wenn Du fortfährst gut zu handeln, so werden diese Gefühle sich, weil sie jetzt unterdrückt worden, nur um so deutlicher zeigen. Ueberdies, Johanna --"
Sie schwieg. "Nun, Helene?" sagte ich, meine Hand in die ihre legend. Sie rieb meine Finger sanft, um sie zu erwärmen und fuhr dann fort:
"Wenn auch die ganze Welt Dich haßte und Dich für böse hielte, während Dein eigenes Gewissen Dich billigte und Dich von der Schule freispräche, so würdest Du nicht ohne Freunde sein."
"Nein, ich weiß, ich würde gut von mir denken, aber das ist nicht genug; wenn Andere mich nicht lieben, wollte ich lieber sterben als leben. Ich kann es nicht ertragen, einsam zu sein und gehaßt zu werden, Helene. Sieh hier: um wahre Zuneigung von Dir oder Miß Temple oder irgend
einer andern Person zu erlangen, die ich wahrhaft liebe würde ich mir den Arm zerbrechen, mich von einem wilden Stier stoßen oder von einem Pferde schlagen lassen, und sollte der Huf auch meine Brust treffen."
"Still, Johanna! Du hältst zu viel von der Liebe menschlicher Wesen: Du folgst zu sehr den Antrieben Deines Herzens und bist zu heftig. Die mächtige Hand, die Deinen Körper schuf und ihn belebte, hat Dich mit andern Hülfsquellen versehen, als Dein schwaches Ich, oder ohnmächtige Geschöpfe wie Du. Außer dieser Erde und außer dem Menschengeschlecht gibt es eine unsichtbare Welt und ein Königreich der Geister: diese Welt umgibt uns, denn sie ist überall; und diese Geister überwachen uns, denn sie sind beauftragt, uns zu schützen: und wenn wir in Schmerz und Schande sterben, wenn die Verachtung uns von allen Seiten trifft und der Haß uns zu Boden schlägt, so sehen Engel unsere Qualen, erkennen unsere Unschuld -- wenn wir unschuldig sind, wie ich weiß, daß Du an dieser Beschuldigung unschuldig bist, die Herr Brocklehurst auf schwache und pomphafte Weise nach dem Berichte der Mistreß Reed wiederholt hat: denn ich lese eine aufrichtige Natur in Deinen glühenden Augen und auf Deiner klaren Stirn -- und Gott wartet nur auf die Trennung des Geistes vom Fleisch, um uns mit einer vollkommenen Belohnung zu krönen. Warum sollten wir denn je vom Kummer überschüttet danieder sinken, wenn das Leben so bald vorüber und der Tod ein so gewisser Eingang zum Glück und zur Glorie ist?"
Ich schwieg. Helene hatte mich beruhigt: aber in der Ruhe, die sie mir mittheilte, lag eine Beimischung unaussprechlicher Traurigkeit. Ich fühlte den Eindruck des Kummers, als ich mit ihr sprach, konnte aber nicht sagen, woher er kam: und als sie ausgeredet hatte, athmete sie ein wenig rascher und hustete kurz. Ich vergaß augenblicklich mein eigenes Leiden und gab mich ihrerwegen einer unbestimmten Befürchtung hin. Ich umschlang Helenen mit meinen Armem. Sie zog mich an sich, und so ruhten wir schweigend. Wir hatten noch nicht lange so gesessen, als eine andere Person hereinkam.
Einige schwere Wolken wurden vom Winde fortgetrieben und ließen den Mond frei. Sein Licht strömte durch das nahe Fenster herein, schien voll auf uns Beide und auf die sich nähernde Gestalt, die wir sogleich für Miß Temple erkannten.
"Ich komme, um Dich aufzusuchen, Johanna Eyre," sagte sie. "Komm mit in mein Zimmer. und da Helene Burns bei Dir ißt, so kann sie auch mitkommen."
Wir folgten der Vorsteherin und mußten, ehe wir ihr Zimmer erreichten, durch einige verwickelte Gänge gehen und eine Treppe hinaufsteigen. Es enthielt ein gutes Feuer und hatte ein wohnliches Ansehen. Miß Temple sagte zu Helene Burns, sie möge sich auf einen niedrigen Lehnfessel auf der einen Seite des Kamins setzen, und indem sie selber einen andern einnahm, rief sie mich an ihre Seite.
"Ist jetzt Alles vorüber?" fragte sie, auf mein Gesicht niederblickend. "Hast Du Deinen Kummer ausgeweint?"
Ich fürchte, das wird nie geschehen können."
"Warum?"
"Weil ich auf ungerechte Weise beschuldigt worden bin, und Sie, Miß, und alle Andern mich für böse halten werden."
"Wir werden Dich für das halten, als was Du Dich beweisest, mein Kind. Fahre fort, wie ein gutes Mädchen zu handeln, und Du wirst mich zufrieden stellen."
"Werde ich das, Miß Temple?"
"Das wirst Du," sagte se, mich mit ihrem Arme umschlingend.
"Und nun sage mir, wer ist die Dame, die Herr Brocklehurst Deine Wohlthäterin nannte?"
"Mistreß Reed, meines Onkels Frau. Mein Onkel ist todt und überließ mich ihrer Sorge."
"So adoptirte sie Dich also nicht aus eigenem Antriebe?"
"Nein, Miß; es war ihr leid, es thun zu müssen; aber wie ich oft von den Dienern habe sagen hören, nahm ihr mein Onkel, ehe er starb, das Versprechen ab, die sie mich
stets bei sich behalten wolle."
"Nun, Johanna, Du weißt, oder wenn nicht, so will ich es Dir sagen, daß, wenn ein Verbrecher angeklagt wird, es ihm stets erlaubt ist, zu seiner eigenen Vertheidigung zu sprechen. Du bist als Lügnerin angeklagt worden: vertheidige Dich gegen mich, so gut Du kannst. Sage, was Dein
Gedächtnis Dir als wahr mittheilt; aber füge Nichts hinzu und übertreibe Nichts."
Ich beschloss in der Tiefe meines Herzens, sehr gemäßigt und sehr bestimmt zu sein: und nachdem ich einige Minuten nachgedacht, um das im Zusammenhange zu ordnen, was
ich zu sagen hatte, erzählte ich ihr die ganze Geschichte den meiner traurigen Kindheit. Durch Aufregung erschöpft, war meine Sprache gedämpfter, als gewöhnlich, wenn ich jenen
traurigen Gegenstand entwickelte, und an Helenens Warnungen gedenkend, mich nicht dem Nachgefühl hinzugeben, legte ich viel weniger Galle und Bitterkeit in meine Erzählung.
So vereinfacht, klang sie glaublicher, und als ich fortfuhr, fühlte ich, daß Mis Temple mir vollkommenen Glauben schenkte.
Im Verlauf der Erzählung erwähnte ich Herrn Lloyd, der mich in meiner Krankheit besucht; denn ich vergaß nie die für mich so schreckliche Episode des rothen Zimmers, bei deren Mittheilung meine Aufregung beständig die Fesseln brach, und Nichts konnte in meiner Erinnerung den Krampf des Schmerzes mildern, der mein Herz anpackte, als Mistreß
Reed meine dringende Bitte um Verzeihung zurückwies und mich zum zweiten Mal in das dunkle und geisterhafte Zimmer einschloß.
Ich hatte meine Erzählung beendet: Miß Temple sah mich einige Minuten schweigend an und sagte darauf:
"Ich kenne Herrn Lloyd einigermaßen und werde an ihn schreiben: wenn seine Antwort mit Deiner Angabe übereinstimmt, so sollst Du öffentlich von jeder Beschuldigung freigesprochen
werden: für mich bist Du es schon jetzt, Johanna."
Sie küßte mich und behielt mich noch an ihrer Seite, wo ich gern stand, denn ich empfand ein kindliches Vergnügen daran, ihr Gesicht, ihre Kleidung, ihre wenigen Schmucksachen, ihre weiße Stirn, ihre dichten, und schimmerndenLocken und ihre glänzenden schwarzen Augen zu betrachten.
Dann redete sie Helene Burns an:
"Wie befindest Du Dich diesen Abend, Helene? Hast Du heute viel gehustet?"
"Nicht ganz so viel, meine ich, mein Fräulein."
"Und der Schmerz in Deiner Brust?"
"Ist ein wenig besser."
Miß Temple stand auf, faßte ihre Hand und fühlte ihren Puls: dann kehrte sie zu ihrem Sitze zurück, und als sie ihn wieder einnahm, hörte ich sie tief seufzen. Sie war einige Minuten nachdenkend, faßte sich dann wieder und sagte heiter:
"Aber Ihr Beide seid heute Abend meine Gäste, und ich muß Euch als solche bewirthen."
Bei diesen Worten klingelte sie.
"Barbara," sagte sie zu der Dienerin, welche eintrat,
"ich habe noch keinen Thee bekommen, bringe das Theezeug herein und auch Tassen für diese beiden jungen Damen."
Das Theegeschirr wurde bald hereingebracht. Wie hübsch erschienen meinen Augen die chinesischen Tassen und der glänzende Theetopf auf dem kleinen runden Tische am Feuer!
Wie duftend war der Dampf des Getränkes und der Geruch des gerösteten Brodes! wovon ich zu meinem Schrecken -- denn ich begann Hunger zu empfinden -- nur eine sehr
kleine Portion bemerkte. Miß Temple wurde auch darauf aufmerksam.
"Barbara," sagte sie, "kannst Du mir nicht noch ein wenig mehr Brod und Butter bringen? Es ist nicht genug für Drei."
Barbara ging hinaus und kehrte bald zurück mit den Worten:
"Mein Fräulein, Mistreß Harden sagt, sie habe die gewöhnliche Portion hereingeschickt."

Mistreß Harden war die Haushälterin; ein Frauenzimmer, völlig nach Herrn Brocklehurst's Geschmack, zu gleichen Theilen aus Stein und Eisen bestehend.
"O! sehr gut: ich denke, wir müssen uns einrichten, dass es doch geht, Barbara," entgegnete Miß Temple, und als
das Mädchen sich entfernt hatte, fügte sie lächeln hinzu:
"Zum Glück steht es diesmal in meiner Macht, dem Mangel
abzuhelfen."
Nachdem sie Helenen und mich aufgefordert hatte, und
dem Tische zu nähern und jeder eine Tasse Thee mit ein
delikaten, aber sehr dünnen Stücke Zwieback vorgesetzt, stand
sie auf, schloß ein Fach auf, nahm etwas heraus, was in
Papier gewickelt war, und zeigte unsern Augen sogleich
einen Streukuchen von ziemlicher Größe.
"Ich beabsichtigt, Jeder von Euch ein Stück davon
mitzugeben," sagte sie; "aber da so wenig geröstetes Brod
da ist, so müßt Ihr den Kuchen jetzt essen."
Und sie begann mit freigebiger Hand, Stücke herunter
zu schneiden.
Wir schwelgten diesen Abend in Nektar und Ambrosia,
und nicht das kleinste Entzücken bei dieser Bewirthung war
das heitere Lächeln, womit unsere Wirthin uns betrachtete,
als wir andern Appetit an der delikaten Speise stillten, die
sie uns so freigebig vorsetzte. Als der Thee getrunken und
das Geschirr weggenommen war, rief sie uns wieder zum
Feuer: wir setzten uns ihr zu beiden Seiten und jetzt erfolgte
eine Unterhaltung zwischen ihr und Helenen, woran Theil
zu nehmen in der That ein Vorrecht war.
Miß Temple hatte immer etwas heiteres in ihrer Wesen
etwas Stattliches in ihrem Wesen, eine verfeinerte Schicklichkeit
in ihrer Sprache, was jede Abweichung zu dem Glühenden Aufgeregten und Lebhaften ausschloß; etwas. was das
Vergnügen derjenigen, die sie anblickten und ihr zuhörten
durch ein gewisses ehrfurchtsvolles Gefühl milderte. Dies
war jetzt meine Empfindung: aber über Helene Burns mußte
ich mich wundern.
Das erfrischende Mahl, das schimmernde Feuer, die Gegenwart und Freundlichkeit ihrer geliebten Lehrerin oder vielleicht mehr als dies Alles, etwas in ihrem einzigen Geiste
hatte ihre Kräfte in ihr angeregt. Sie erwachten und entzündeten sich: zuerst glühten sie in der hellen Farbe ihrer
Wange, die ich bis zu dieser Stunde nie anders als blaß
und blutlos gesehen: dann schimmerten sie in dem flüssigen
Glanze ihrer Augen, die plötzlich eine noch auffallendere
Schönheit angenommen hatten, als die der Miß Temple --
eine Schönheit, weder der schönen Färbung, noch der langen
Augenwimpern, noch der zierlich gezeichneten Augenbrauen,
sondern die Schönheit der Bedeutung, der Bewegung und
des Glanzes. Dann trat ihre Seele auf ihre Lippen und
die Sprache floß aus einer unbekannten Quelle. Hat ein
Mädchen von vierzehn Jahren ein Herz, groß genug und
kräftig genug, um die übersprudelnde Quelle reiner, voller
und glühender Beredtsamkeit zu fassen? Dies war das
Charakteristische in Helenens Unterhaltung an jenem für
mich so denkwürdigen Abend: ihr Geist schien in einem kurzen Zeitraum so viel erlebt zu haben, als Manche kaum in
einem langen Dasein erleben.
Sie sprachen von Dingen, wovon ich nie gehört hatte:
den vergangenen Zeiten und Nationen: von entfernten Ländern:
von entdeckten oder geahnten Geheimnissen der Natur:
sie sprachen von Büchern -- und wie unendlich viele hatten
sie gelesen! welche Schätze von Kenntnissen besaßen sie!
Dann schienen sie auch mit französischen Namen und französischen
Schriftstellern bekannt: aber mein Erstaunen stieg
aufs Höchste, als Miß Temple Helenen fragte, ob sie bisweilen
einen Augenblick benutze, um sich des Latein zu
erinnern, worin ihr Vater sie unterrichtet. Hierauf nahm
sie ein Buch aus ihrem Bücherschrank und forderte sie auf,
eine Seite im Virgil zu lesen und zu übersetzen. Helene
gehorchte und mein Organ der Verehrung erweiterte sich es
jeder klangvollen Zeile. Kaum war sie damit zu Ende, als
die Glocke die Zeit zum Schlafengehen verkündete. Jetzt
war unsers Bleibens nicht mehr dort: Miß Temple umarmte uns Beide und sagte, indem sie uns an ihr Herz druckte:
"Gott segne Euch, meine Kinder."
Helene hielt sie ein wenig länger umarmt, als mich,
und ließ sie widerstrebend von sich: Helenen folgte ihr Auge bis zur Thür; um sie stieß sie noch einen zweiten traurigen
Seufzer aus, und aus Bekümmerniß für sie trocknete sie eine
Thräne von ihrer Wange.
Als wir das Schlafzimmer erreichten, hörten wir die
Stimme der Miß Scatcherd. Sie untersuchte die Fächer
und war eben mit Helenens Fach beschäftigt. Als wir eintraten, wurde Helene mit einem heftigen Tadel empfangen,
und ihr gesagt, daß ihr am nächsten Morgen zur Strafe
ein Papier an die Schulter geheftet werden solle, worauf ihr
Vergehen bezeichnet sei.
"Meine Sachen waren freilich in schmachvoller Unordnung," flüsterte Helene mir zu; "ich wollte sie ordnen, aber vergaß es."
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit großen
Buchstaben das Wort "Schlumpe" auf ein starkes Papier
und band es, wie einen Denkspruch, um Helenens hohe,
milde, verständige und wohlwollende Stirn. Sie trug es
bis zum Abend geduldig und ohne Zorn, und betrachtete es
als eine verdiente Strafe. Sobald Miß Scatcherd sich nach
der Nachmittagsschule entfernte, lief ich zu Helenen hin, riß
das Papier herunter und warf es ins Feuer; denn die Wuth,
deren sie unfähig war, hatte den ganzen Tag in meiner Seele
gebrannt, und beständig flossen große und heiße Thränen
über meine Wange herunter; denn der Anblick ihrer traurigen Resignation verursachte meinem Herzen eine unerträgliche Pein.
Etwa eine Woche nach diesen Vorfällen erhielt Miß
Temple eine Antwort von Herrn Lloyd, und es schien, als
ob dieselbe meine Aussage bestätigt habe. Nachdem Miß
Temple die ganze Schule versammelt hatte, verkündete sie,
daß sie wegen der gegen Johanna Eyre erhobenen Anklagen
Nachforschungen angestellt habe, und sich glücklich fühle, sie
für völlig frei von jeder Schuld erklären zu können. Die
Lehrerinnen drückten mir die Hände und küßten mich, und
ein freudiges Gemurmel lief durch die Reihen meiner Mitschülerinnen.
So von einer schweren Last befreit, machte ich mich von
der Stunde an frisch an's Werk und beschloß, jede Schwierigkeit zu überwinden; ich arbeitete angestrengt, und der Erfolg war meinen Bemühungen angemessen. Die Uebung
schärfte meinen Verstand; in wenigen Wochen wurde ich in
eine höhere Klasse versetzt, und in weniger alle zwei Monaten erhielt ich die Erlaubniß, das Französische und das
Zeichnen anzufangen. Ich lernte die ersten beiden Tempora
des Zeitworts "être" und zeichnete an demselben Tage meine
erste Hütte, deren Wände, beiläufig gesagt, die schräge Stellung des Thurmes zu Pisa noch übertrafen. Als ich an
jenem Abend zu Bett ging, vergaß ich, mir ein gutes Abendessen von heißen gerösteten Kartoffeln, weißem Brod und
frischer Milch vorzustellen, womit ich mein inneres Bedürfniß zu befriedigen pflegte; jetzt unterhielt ich mich anstatt
dessen mit idealischen Zeichnungen, die ich im Dunkeln sah,
und die alle das Werk meiner Hände waren -- mit frei
gezeichneten Häusern und Bäumen, malerischen Felsen und
Ruinen, niederländischen Gruppen von Rindvieh, lieblich
gemalten Schmetterlingen, die Rosenknospen umschwärmten,
Vögeln, die an reifen Kirschen pickten, Zaunkönigsnestern,
die perlengleiche Eier enthielten und von jungem Epheu
umgeben waren. Ich stellte mir auch in meinen Gedanken
die Möglichkeit vor, ein kleines französisches Geschichtenbuch,
welches Madame Pierrot mir an dem Tage gezeigt,
geläufig übersetzen zu können; auch wurde das Problem
nicht eher zu meiner Zufriedenheit gelöst, als bis ich sanft
einschlief.
Trefflich sagt Salomo: "Besser ist ein Mahl von Kräutern, wo Liebe dabei ist, als ein gemästeter Ochse von Haß begleitet."
Ich würde jetzt Lowood mit allen seinen Entbehrungen
nicht gegen Gateshead und seinen täglichen Luxus vertauscht
haben.

Winterfrost hörte auf: der Schnee war geschmolzen, der
schneidende Wind hatte sich gelegt. Meine angeschwollenen.
und von der scharfen Luft des Januar fast gelahmten Füße
begannen zu heilen, als die sanftere Luft des April zu wehen
begann; die Morgen- und Abendstunden erstarrten durch
ihre nördliche Temperatur nicht mehr das Blut in unsern
Adern: wir konnten jetzt die Spielstunde im Garten zu
bringen; an einem sonnigen Tage war es sogar angenehm
und erheiternd im Freien: die braunen Beete wurden grün
und gewährten die Hoffnung, daß sich bald noch lieblichere.
Spuren der Verjüngung zeigen würden. Blumen brachen
unter den Blättern hervor: Schneeglöckchen, Crocus, purpurne
Aurikeln und goldäugige Stiefmütterchen. An den
Donnerstagnachmittagen, welche halbe Feiertage waren, machten wir jetzt Spaziergänge und fanden noch lieblichere Blumen an den Wegen und unter den Hecken.
Ich entdeckte auch, daß ein großes Vergnügen, ein Genuß, den nur der Horizont begrenzte, außerhalb der hohen
Mauern unsers Gartens lag: dieses Vergnügen bestand in
einer Aussicht auf die Höhen, die ein üppiges und schattiges
Thal umgaben, so wie in einem schimmernden Bache voll
dunkler Steine und schimmernder Wirbel. Wie verschieden
hatte diese Scene sich dargestellt, als ich sie unter ihrer eisernen Winterdecke, von einem trüben Himmel überwölkt, von
Frost erstarrt und mit einem Leichentuche von Schnee überkleidet angeschaut hatte! als Nebel, so kalt wie der Tod,
von den Ostwinden über diese purpurnen Spitzen dahingetrieben wurde, auf Wiese und Sumpf niederrollte, und ich
mit dem kalten Dunste des Baches verschmolz! Dieser Bach
selbst war damals ein trüber, glanzloser Strom, der den
Wald durchbrach und ein dumpfes Geräusch durch die Luft
sendete, die oft von wildem Regen und wirbelnden Schlossen
verdichtet wurde. Der Wald an seinen Ufern zeigte nur
Rehen von Skeletten.
Der April ging in den Mai über; ein herrlicher, heiterer Mai war es, von blauem Himmel, lieblichem Sonnenschein und sanften West- oder Südwinden belebt. Und
nun zeigte ich die Vegetation in ihrer Kraft: der Wald
schüttelte seine Locken und wurde grün und blühend; die
großen Ulmen, Eschen und Eichen nahmen wieder majestätisches Leben an. Waldpflanzen sproßten üppig in den Vertiefungen auf, zahllose Abwechselungen von Moos erfüllten
die Höhlungen, und bildeten mit dem Schatze ihrer milden
Schlüsselblumen einen seltsamen Schimmer am Boden. An
beschatteten Plätzen erschien mir ihr bleicher goldener Schein
gleich einem ausgefäeten lieblichen Glanze. Dies Alles genoß ich frei und unbewacht und fast allein; denn diese ungewohnte Freiheit und dieses Vergnügen hatte einen Grund,
worauf jetzt zurückkommen muß.
Habe ich nicht eine angenehme Lage für eine Wohnung
beschrieben, wenn ich sie als tief zwischen Hügel und Wald
liegend, und sich von dem Rande eines Baches erhebend geschildert?
Gewiß angenehm genug, aber ob gesund oder
nicht, ist eine andere Frage.
Die Waldschlucht, worin Lowood lag, war die Quelle
des Nebels und der aus dem Nebel entstehenden Pestilenz,
die mit dem Frühling ausbrach und um sich griff, sich in
unsere Stiftung einschlich, ihre Ansteckung in unserm Schuld
und Schlafzimmer verbreitete und den Ort, ehe der Mai
kam, aus einer Schule in ein Hospital verwandelte.
Der halbverhungerte Zustand und die vernachlässigten
Erkältungen erleichterten die Ansteckung der meisten Zöglinge
und fünfundvierzig Mädchen von achtzig lagen zugleich
krank. Die Klassen wurden aufgehoben und die strenge
Regel ließ nach. Die wenigen, die gesund blieben, erhielten
fast unbeschränkte Freiheit, weil der Arzt häufige Bewegung
für nothwendig erklärte, um sie gesund zu erhalten; und
wäre dies auch nicht der Fall gewesen, so hätte auch Niemand Zeit gehabt, die Aussicht über sie zu führen. Miß
Temple widmete ihre ganze Aufmerksamkeit den Kranken,
hielt sich beständig im Krankenzimmer auf und verließ es
nur in der Nacht, um auf einige Stunden Ruhe zu suchen.
Die Lehrerinnen waren reichlich mit Einpacken und andern
nöthigen Vorkehrungen zur Abreise derjenigen Mädchen beschäftigt, die glücklich genug waren, Freunde und Verwandle zu haben, die willig und im Stande waren, sie von
dem Orte der Ansteckung zu entfernen. Viele, die schon
den Stoff der Krankheit in sich trugen, kamen nun nach Hause, um dort zu sterben: einige starben in der Schule und wurden rasch und in der Stille begraben, da die Beschaffenheit der Krankheit den Aufschub verbot.
Während die Krankheit Lowood bewohnte und der Tod es häufig besuchte; während Schwermuth und Furcht innerhalb der Mauern herrschte; während es in den Zimmern
und Gängen wie in einem Hospitale roch, und man vergebens bemüht war, durch Mixturen und Pillen die Sterblichkeit zu überwinden, schien jener heitere Mai unbewölkt über die kühnen Hügel und die herrlichen Wälder hin. Auch
der Garten war mit Blumen überkleidet: Rosenpappeln waren hoch wie Bäume aufgeschossen, Lilien hatten sich geöffnet,
Tulpen und Rosen blühten; die Einfassungen der kleinen
Beete waren mit dunklen und hellrothen Seenelken und gefühlten
füllten Maaßlieben übersäet; die Violen verbreiteten
Morgens und Abends ihren Duft, und alle diese Schätze waren
nutzlos für die meisten Bewohnerinnen von Lowood, außer
um von Zeit zu Zeit eine Handvoll Kränker und Blumen
zu liefern, um sie auf einen Sarg zu legen.
Aber ich und die Uebrigen, welche gesund blieben, erfreuten uns der Schönheiten der Scene und der Jahreszeit.
Man ließ uns vom Morgen bis zum Abend wie Zigeunerkinder im Walde umherschweifen; wir thaten, was uns gefiel, gingen, wohin wir wollten, und erhielten auch bessere
Speisen. Herr Brocklehurst und seine Familie kamen jetzt
nie nach Lowood: die Angelegenheiten des Haushalts wurden nicht untersucht; die strenge Haushälterin war fort,
denn die Furcht vor der Ansteckung hatte sie weggerieben,
und ihre Nachfolgerin, die Matrone in der Anstalt zu
Lowton gewesen war, und die Gebräuche ihres neuen Aufenthalts
nicht kannte, handelte mit verhältnißmäßiger Freigebigkeit.
Ueberdies waren weniger Kinder zu speisen und
die Kranken konnten wenig essen; unsere Frühstückstassen
waren besser gefüllt; wenn sie keine Zeit hatte, ein regelmäßiges Mittagsessen zu bereiten, was oft vorkam, so gab
sie uns ein großes Stück kalte Pastete oder eine dicke
Schnitte Brod und Käse, und dies nahmen wir mit uns in
den Wald, wo jede sich den Ort aussuchte, der ihr am
besten gefiel, und heiter das Mittagsmahl verzehrte.

Mein Lieblingssitz war ein glatter und breiter Stein,
der sich weiß und trocken aus der Mitte des Baches erhob,
und nur zu erreichen war, wenn man durch as Wasser
watete, was ich that, nachdem ich Schuhe und Strümpfe
ausgezogen hatte. Der Stein war gerade breit genug, um
mir und einem andern Mädchen, das ich mir zu der Zeit
als Gesellschafterin ausgewählt hatte, bequem als Sitz zu
dienen. Es war Maria Anna Wilson, eine kleine Person
von scharfer Beobachtungsgabe, an deren Gesellschaft ich
besonders Vergnügen empfand, theils weil sie witzig und
originell war, und theils, weil sich gut mit ihr umgehen
ließ. Einige Jahre älter als ich, wußte sie mehr den der
Welt und konnte mir viele Dinge sagen, die ich gern hörte.
Bei ihr fand meine Neugierde Befriedigung; auch gegen
meine Fehler war sie nachsichtig und suchte mich nie zu zügeln
oder zu lenken, wenn ich etwas sagte. Sie hatte Anlage
zur Erzählung, ich zur Prüfung; sie belehrte gern und
ich fragte gern; so lebten wir mit einander und fanden viel
Unterhaltung an unserm gegenseitigen Umgange, wenn wir
auch nicht sehr dadurch gebessert wurden.
Und wo war inzwischen Helene Burns? Warum brachte
ich diese lieblichen Tage der Freiheit nicht mit ihr zu? Hatte
ich sie vergessen? Oder war ich so werthlos, um ihrer reinen
Gesellschaft überdrüßig zu werden? Gewiß stand
Maria Anna Wilson meiner ersten Bekannten nach: sie
konnte mir nur unterhaltende Geschichten erzählen und mein
unbedeutendes Geplauder erwidern, während, wenn ich von Helene die
Wahrheit gesprochen habe, sie befähigt war,
denen, welche sich des Vorrechtes ihrer Unterhaltung erfreuten,
einen Geschmack an höhern Dingen zu gewähren.
Es ist wahr, Leser, auch wußte und fühlte ich dies;
und obgleich ich ein mangelhaftes Geschöpf bin, mit vielen
Fehlern und wenigen aussöhnenden Eigenschaften, so wurde
ich doch der Gesellschaft Helenens niemals müde, und hörte
nie auf, ein so mächtiges, zärtliches und respectvolles Gefühl
für sie zu hegen, wie nur je eins mein Herz belebte.
Wie konnte es auch anders sein, da Helene zu allen Zeiten
und unter allen Umständen für mich eine ruhige und getreue
Freundschaft zeigte, die nie durch üble Laune verbittert oder durch Reizbarkeit getrübt wurde? Aber Helene war jetzt krank, schon seit einigen Wochen war sie mir aus dem
Gesichte gekommen, und ich wußte nicht, in welchem Zimmer
sie sich befand. Man sagte mir, sie sei nicht in dem zum
Hospitale eingerichteten Theile des Hauses bei den Fieberkranken,
denn sie leide an der Auszehrung und nicht am
Typhus; und unter Auszehrung verstand ich in meiner
Unwissenheit etwas Mildes, was durch Zeit und Sorgfalt,
gewiß wieder aufgehoben werden würde.
Ich wurde in dieser Ansicht durch den Umstand bestärkt,
daß sie einigemal an sehr warmen und sonnigen Nachmittagen
herunterkam und von Miß Temple im Garten umhergeführt
wurde. Aber bei diesen Gelegenheiten wurde es
mir nicht gestattet, zu ihr zu gehen und mit ihr zu reden,
ich sah nur ihre Gestalt aus dem Schulfenster und noch
nicht einmal deutlich, denn sie war eingehüllt und saß in
einiger Entfernung unter dem bedeckten Gange.
Eines Abends zu Anfang des Junius war ich mit
Maria Anna sehr spät im Walde geblieben: wir hatten
uns, wie gewöhnlich, von den Andern getrennt und waren
weit umhergewandert, so daß wir uns verirrt hatten und in
einer einsamen Hütte, wo ein Mann und eine Frau wohnten,
die eine halbwilde Schweineherde hüteten, die im
Walde auf die Mast ging, nach dem Wege fragen mußten.
A1s wir zurückkehrten, war der Mond schon aufgegangen
und es stand ein Pferd an der Gartenthür, welches wir als
das des Arztes erkannten. Maria Anna sprach die Vermuthung
aus, es müsse Jemand sehr krank sein, da man
Herrn Bates noch so spät habe rufen lassen. Sie ging ins
Haus und ich blieb noch einige Minuten zurück, um eine
Handvoll Wurzeln in meinen Garten zu pflanzen, die ich
im Walde ausgegraben, und von denen ich fürchtete, daß
sie bis zum Morgen verwelken möchten, wenn ich sie nicht
schon jetzt in die Erde setzte. Als dies geschehen war, verweilte
ich noch ein wenig länger: die Blumen dufteten so
lieblich, als der Thau fiel: es war ein so angenehmer, heiterer
und warmer Abend; der noch glühende Westen verhieß
einen schönen Morgen: der Mond erhob sich mit solcher
Majestät im dunklen Osten. Ich beobachtete diese Dinge und erfreute mich ihrer, wie ein Kind es kann, als mir,
wie oft zuvor, der Gedanke einfiel:
"Wie traurig, jetzt auf dem Krankenlager zu liegen, in
Gefahr und dem Tode nahe zu sein! Diese Welt ist angenehm
-- es muß schrecklich sein, von ihr abgerufen zu
werden und gehen zu müssen, wer weiß wohin?"
Und dann machte mein Geist seine erste ernste Anstrengung,
zu begreifen, was man mir von Himmel und Hölle
gesagt hatte; und zum ersten Male wich er nach einer vergeblichen
Bemühung zurück, und zum ersten Male blickte
er hinter sich, zu jeder Seite hin und vor sich, und Alles
erschien ihm wie ein unergründlicher Schlund: er fühlte den
einzigen Punkt, wo er stand -- die Gegenwart; alles
Uebrige war eine formlose Wolke und eine leere Tiefe, und
er schauderte bei dem Gedanken, in dieses Chaos hinabzustürzen.
Während ich diese neue Idee erwog, hörte ich
die Vorderthür aufgehen; Herr Bates kam von einer Wärterin
begleitet heraus. Als sie ihn das Pferd besteigen und
fortreiten sah, war sie im Begriff, die Thür zu schließen,
doch ich lief zu ihr hin.
"Wie geht es mit Helene Burns?"
"Sehr schlecht," war die Antwort.
"Ist Herr Bates um ihretwillen gekommen?"
"Ja."
"Und was sagt er von ihr?"
"Er sagt, sie werde nicht lange mehr hier sein."
Wäre dieser Ausspruch gestern gethan worden, so würde
ich nur verstanden haben, man werde sie in ihre Heimath
nach Northumberland bringen. Ich würde nicht vermuthet
haben, daß es heißen solle, sie werde sterben; aber jetzt
wußte ich es augenblicklich: es war mir klar, daß Helene
Burns ihre letzten Tage in dieser Welt zähle, und daß sie
im Begriff sei, in die Region der Geister aufgenommen zu
werden, wenn es eine solche Region gäbe. Ich empfand
ein lebhaftes Entsetzen, dann einen tiefen Schmerz dann
den Wunsch -- die Nothwendigkeit, sie zu sehen, und fragte,
in welchem Zimmer sie liege.
"Sie ist in Miß Temple's Zimmer," sagte die Wärterin.
"Darf ich zu ihr gehen und mit ihr reden?"
"O nein, Kind! es ist nicht passend; und jetzt ist es
auch Zeit, daß Du herein kommst: Du wirst das Fieber
bekommen, wenn Du draußen bleibst, während der Thau
fällt.
Die Wärterin machte die Vorderthür zu; ich ging durch
die Seitenthür herein, die zu dem Schulzimmer führe: ich
kam gerade zur rechten Zeit, denn es war neun Uhr, und
Miß Miller rief die Schülerinnen herbei, um zu Bette zu
gehen.
Es mochte etwa zwei Stunden später sein, wahrscheinlich gegen elf Uhr, als ich -- nicht im Stande einzuschlafen, und aus der vollkommenen Stille, die in dem
Schlafsaale herrschte, schließend, daß alle meine Gefährtinnen im tiefen Schlummer lagen -- leise aufstand, meine
Kleid über mein Nachtgewand anzog, ohne Schuhe aus
dem Zimmer schlich und Miß Temple's Gemach aussuchte.
Es befand sich ganz am andern Ende des Hauses; aber ich
wußte den Weg, und das Licht des unbewölkten Mondes,
welches hier und da durch die Fenster des Ganges hereindrang,
setzte mich in den Stand, es ohne Schwierigkeit zu
finden. Ein Geruch von Kampfer und verbrannten Weinessig warnte mich, als ich in die Nähe des Fieberzimmers
kam, und ich ging rasch an der Thür vorüber, denn ich
fürchtete, die Wärterin, die die ganze Nacht dort wachte,
möchte mich hören. Ich fürchtete zurückgeschickt zu werden,
denn ich mußte Helene sehen -- Ich mußte sie umarmen
ehe sie starb -- ich mußte ihr noch einen letzten Kuß geben
und noch ein letztes Wort mit ihr wechseln.
Als ich die Treppe hinuntergestiegen, durch einen Theil
des untern Hauses gegangen war, und zwei Thüren ohne
Geräusch geöffnet und geschlossen hatte, erreichte ich eine
neue Treppe. Diese stieg ich hinauf und gerade vor mir
befand sich Miß Temple's Zimmer. Ein Licht schien durch
das Schlüsselloch und die Spalte unter der Thür: riefe
Stille herrschte. Als ich in die Nähe kam, fand ich die
Thür nur angelehnt, wahrscheinlich um ein wenig frische
Luft in das Krankenzimmer einzulassen. Nicht zum Zaubern
geneigt und voll ungeduldiger Regungen, öffnete ich sie und blickte hinein. Mein Auge suchte Helene und fürchtete, sie todt zu finden.
Dicht neben Miß Temple's Bette und von den weißen
Vorhängen desselben halb bedeckt, stand ein kleineres Bett.
Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, aber
das Gesicht war hinter den Vorhängen verborgen. Die
Wärterin, mit der ich im Garten gesprochen, saß schlafend
in einem Lehnstuhle und ein ungeputztes Licht brannte trübe
auf dem Tische. Miß Temple war nicht zu sehen, und ich
erfuhr später, daß sie zu einer Fieberkranken gegangen war.
Ich trat näher, blieb an der Seite des kleinen Bettes stehen,
meine Hand faßte den Vorhang, aber ich wollte lieber
erst reden sehe ich ihn entfernte. Ich fürchtete immer, eine
Leiche zu sehen.
"Helene!" flüsterte ich leise, "wachst Du?"
Sie regte sich, schob selber den Vorhang zurück, und ich sah ihr bleiches und abgefallenes, aber völlig gefaßtes Gesicht; sie sah so wenig verändert aus, daß meine Furcht sogleich verschwand.
"Ei, bist Du es, Johanna? fragte sie mit ihrer eigenthümlich sanften Stimme.
"O!" dachte ich, "sie wird nicht sterben: man irrt. sie könnte nicht so ruhig reden und aussehen, wenn es der Fall wäre."
Ich neigte mich über ihr Bett und küßte sie: ihre Stirn war kalt und ihre hohle Wange ebenfalls, so wie auch ihre Hand und ihr Handgelenk; aber sie lächelte, wie immer.
"Warum bist Du hierher gekommen, Johanna? Es ist elf Uhr vorbei; ich hörte es vor einigen Minuten schlagen."
"Ich komme, um Dich zu sehen, Helene: ich horte, Du wären sehr krank, und konnte nicht schlaffen, bis ich mit Dir gesprochen."
"Du kamst also, um Abschied von mir zu nehmen: Du kommst wahrscheinlich gerade zur rechten Zeit."
"Wohin gehst denn, Helene? Gehst Du in Deine Heimath?"
"Ja, in meine ewige - meine letzte Heimath."
"Nein, nein, Helene --"
Ich hielt vor Schmerz inne. Während ich meine Thränen zu verschlucken suchte, wurde Helene von einem herzigen Anfall von Huften ergriffen, doch erwachte sie die Wärterin nicht davon; als der Husten vorüber war, lag sie einige Minuten erschöpft da und flüsterte mir dann zu:
"Johanna, Deine kleinen Füße sind bloß; lege Dich nieder und decke Dich mit meiner Decke zu."
Ich that es: sie legte ihren Arm über mich und ich nistelte mich dicht bei ihr ein. Nach langem Schweigen fuhr sie, noch immer flüsternd, fort:
"Ich bin sehr glücklich, Johanna: und wenn Du hörst, daß ich todt bin, so mußt Du ruhig sein und Dich nicht betrüben: es ist keine Ursache zur Betrübniß. Wir Alle müssen einst sterben, und die Krankheit, die mich hinwegnimmt, ist nicht schmerzlich; sie geht sanft und stufenweise vor sich;
mein Gemüth ist ruhig. Ich lasse Niemand zurück, der mir
sehr bedauern wird; Ich habe nur einen Vater, der sich
kürzlich wieder verheirathet hat, und mich nicht vermissen
wird. Dadurch, daß ich jung sterbe, werde ich großem Leiden entgehen. Ich besaß keine Fähigkeiten oder Talente, um mein Glück in der Welt zu machen; ich wäre beständig im
Nachtheil gewesen."
"Aber wohin gehst Du, Helene? Siehst Du es? Weißt Du es?"
"Ich glaube und hege das feste Vertrauen, daß ich zu Gott gehe."
"Wo ist Gott? Was ist Gott?"
"Mein und Dein Schöpfer, der nimmermehr zerstören wird, was er geschaffen hat. Ich verlasse mich unbedingt auf seine Macht und vertraue völlig seiner Güte: ich zähle die Stunden bis zu jenem verhängnißvollen Augenblick, der mich ihm wiedergeben und mir ihn offenbaren wird."
"Bist Du denn gewiß, Helene, daß es einem solchen Ort gibt, wie der Himmel, und daß unsere Seelen hineinkommen können, wenn wir sterben?"
"Ich bin gewiß, daß es einen künftigen Zustand gibt:
ich glaube, Gott ist gut, und ich kann ihm meinen unsterblichen Theil ohne Furcht übergeben. Gott ist mein Vater; Gott ist mein Freund: ich liebe ihn, und glaube, daß er mich liebt."
"Und wenn ich Dich wiedersehen, Helene, wenn ich sterbe?"
"Du wirst in dieselbe Region des Glückes kommen, und von demselben mächtigen und allgemeinen Vater aufgenommen werden, zweifle nicht, liebe Johanna."
Ich fragte wieder, aber diesmal nur in meinen eigenen Gedanken: "Wo ist jene Region? Existirt sie wirklich?
Und ich schloß Helene fester in meine Arme. sie schien mir theurer als je; es war mir, als ob ich sie nicht loslassen könne, und ich lag da und verbarg mein Gesicht an ihrem Halse. Plötzlich sagte sie im lieblichsten Tone:
"Wie angenehm ist mir zu Muthe! Dieser letzte Husten hat mich ein wenig ermüdet und es ist mir, als könne ich schlafen. Aber verlaß mich nicht. Johanna: ich habe Dich gern bei mir."
"Ich will bei Dir bleiben, liebe Helene. Niemand soll mich von Dir wegbringen."
"Bist Du warm, mein Liebling?"
"Ja."
"Gute Nacht, Johanna."
"Gute Nacht, Helene."
Sie küßte mich, ich küßte sie, und wir schliefen bald ein.
Als ich erwachte, war es Tag: eine ungewöhnliche Bewegung erweckte mich; ich blickte auf; ich lag in Jemandes Armen; die Wärterin trug mich durch den Gang in den Schlafsaal zurück. Ich wurde nicht gescholten, weil ich mein Bett verlassen. Man hatte etwas Anderes zu bedenken und
gab keine Antwort auf meine vielfachen Fragen, aber einen oder zwei Tage später erfuhr ich, daß Miß Temple, als sie am Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt, mich in dem kleinen Bette, mein Gesicht an Helenens Schulter, meine Arme um ihren Hals geschlungen, gefunden. Ich schlief und Helene war -- todt.
Ihr Grab befindet sich auf dem Kirchhofe zu Brocklebridge: fünfzehn Jahre lang nach ihrem Tode war es nur mit einem Rasenhügel bedeckt; jetzt aber bezeichnet eine graue Marmorplatte mit ihrem Namen und dem Worte "Auferstehen" die Stelle.

Zehntes Kapitel

Bisher habe ich die einzelnen Umstände meines unbedeutenden Daseins ausführlich erzählt, und den zehn ersten
Jahren meines Lebens fast eben so viel Kapitel gewidmet.
Aber dies soll keine regelmäßige Selbstbiographie sein: ich
bin nur verbunden, das Gedächtniß anzurufen, wo ich weiß,
daß seine Antworten irgend von Interesse sein werden: daher
übergehe ich jetzt einen Zeitraum von acht Jahren fast
mit Schweigen, denn wenige Zeilen sind nur nöthig, die
Verbindungsglieder zu bilden.
Als das Typhusfieber seine Aufgabe der Verwüstung
in Lowood erfüllt hatte, verschwand es fast gänzlich von
dort doch nicht eher, als bis die Wuth der Krankheit und
die Anzahl der Opfer die allgemeine Aufmerksamkeit auf die
Schule gerichtet hatte. Es wurden Nachforschungen nach
dem Ursprunge der Seuche angestellt, und nach und nach
kamen verschiedene Thatsachen zum Vorschein, die den allgemeinen Unwillen im höchsten Grade erregten. Die ungesunde Lage des Ortes; die Quantität und Beschaffenheit der
Speisen der Kinder; das schlechte Wasser, welches bei der
Bereitung derselben angewendet wurde; die elende Kleidung
und Wohnung der Zöglinge: dies Alles wurde entdeckt, und
die Entdeckung brachte einen kränkenden Erfolg für Herrn
Brocklehurst, aber einen wohlthätigen für die Stiftung hervor.
Mehrere reiche und wohlwollende Personen in der Grafschaft subscribirten reichlich für die Errichtung eines bequemeren Gebäudes in einer besseren Lage; es wurde ein neues
Reglement entworfen, Verbesserungen in den Speisen und
in der Kleidung eingeführt und die Fonds der Schule einem
Comité zur Verwaltung anvertraut. Herr Brocklehurst, der
seines Reichtthums und seiner Familienverbindungen wegen
nicht übergangen werden konnte, behielt seinen Posten als
Schatzmeister: aber er wurde in der Ausübung seiner Pflichten von Männern unterstützt, die nicht so engherzig waren und gefühlvolle Seelen hatten: auch sein Amt als Inspector
theilte er mit denen, welche Vernunft mit Strenge, Bequemlichkeit
mit Sparsamkeit, Mitgefühl mit Aufrichtigkeit zu
vereinen wußten. Die so verbesserte Schule wurde zu ihrer
Zeit eine wahrhaft nützliche und edle Anstalt. Ich blieb
nach ihrer Erneuerung noch acht Jahre innerhalb dieser
Mauern: sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin;
und in beider Hinsicht muß ich mein Zeugniß von dem
Werthe und der Vortrefflichkeit derselben ablegen.
Während dieser acht Jahre war mein Leben zwar einförmig
aber nicht unglücklich, denn es war nicht unthätig.
Die Mittel einer vortrefflichen Erziehung waren in meinem
Bereiche, die Neigung zu einigen meiner Studien, und der
Wunsch, mich in andern auszuzeichnen nebst dem lebhaften
Verlangen, meinen Lehrerinnen zu gefallen, besonders denen,
die ich liebte, trieb mich an, und ich benutzte vollkommen die
mir gebotenen Vortheile. In nicht langer Zeit wurde ich
die Erste der ersten Klasse und dann übertrug man mir das
Amt einer Lehrerin, welches ich zwei Jahre lang mit Eifer
verwaltete. Nach Verlauf dieser Zeit trat ich in eine and ehe
Laufbahn ein.
Bei allen Veränderungen war Miß Temple Vorsteherin
der Anstalt geblieben: ihrer Belehrung verdanke ich
den größten Theil meiner erworbenen Fähigkeiten; ihre
Freundschaft und ihre Gesellschaft waren mein beständiger
Trost, sie vertrat bei mir die Stelle der Mutter, so wie der
Erzieherin, und endlich wurde sie meine Freundin. Um
diese Zeit verheirathete sie sich und zog mit ihrem Manne
-- einem Geistlichen, einem vortrefflichen Manne, und fast
einer solchen Gattin würdig -- in eine entfernte Grafschaft
und war folglich für mich verloren.
Von dem Tage an, als sie uns verlies, war ich nicht
mehr dieselbe -- mit ihr war jedes gewohnte Gefüh1, jede
Erinnerung, die Lowood gewissermaßen zu meiner Heimath
machte, dahingeschwunden. Ich hatte etwas von ihrer Natur
und viel von ihren Gewohnheiten eingesogen, harmonischere
Gedanken, besser geordnete Gefühle waren die Bewohner
meines Geistes geworden. Ich hatte mich der Pflicht
und Ordnung geweiht; ich war ruhig, ich glaubte zufrieden
zu sein: für die Augen Anderer und gewöhnlich auch für meine eigenen erschien ich als ein wohldisciplinirter und gemäßigter Charakter.
Aber das Schicksal in Gestalt des hochehrwürdiger
Herrn Nasmyth trat zwischen mich und Miß Temple. Ich
sah sie in ihrem Reiseanzuge, kurz nach der Trauung in
eine Postchaise steigen, ich sah den Wagen den Hügel hinauffahren
und hinter demselben verschwinden; zog mich dann
auf mein Zimmer zurück und brachte dort den größten Theil
des halben Feiertages, den man dieser Gelegenheit zu Ehren
gewährt, in Einsamkeit zu.
Ich ging den größten Theil der Zeit in dem Zimmer
auf und ab. Ich bildete mir ein, ich bedaure nur mein
Loos und denke darauf, es zu verbessern; als aber meine
Betrachtungen geschlossen waren, und ich aufblickte und
fand, daß der Nachmittag vorübergegangen sei un der
Abend heranrücke, da dämmerte eine andere Entdeckung in
mir auf: nämlich daß in der Zwischenzeit ein umwandelnder
Prozeß in mir vorgegangen, daß mein Geist Alles abgelegt
was er von Miß Temple geborgt oder vielmehr, daß sie
die heitere Atmosphäre mitgenommen, die ich in ihrer Nähe
geathmet -- und daß ich jetzt in meinem natürlichen Elemente zurückgeblieben war und die früheren aufregenden Empfindungen wieder zu fühlen begann. Es war nicht, als ob
eine Stütze weggenommen werde, sondern vielmehr als ob
ein Antrieb verschwunden sei: es war nicht die Macht, ruhig
zu sein, die mir fehlte, aber die Veranlassung zur Ruhe war
nicht mehr da. Seit einigen Jahren war meine Welt in
Lowood gewesen: meine Erfahrung hatte sich auf die Regeln
und Systeme der Anstalt beschränkt: jetzt erinnerte ich mich
daß die wirkliche Welt groß sei, und daß ein wechselndes
Feld von Hoffnungen und Befürchtungen, von Empfindungen und Aufregungen derjenigen warte, die Muth haben
den weiten Raum zu betreten, um wahre Kenntnisse des Lebens unter seinen Gefahren zu suchen.
Ich trat an mein Fenster, öffnete es und blickte hinaus.
Da waren die beiden Flügel des Gebäudes: da war der Garten und die Umgebung von Lowood; da war der von Hügeln begrenzte Horizont. Mein Auge schweifte über all:
andern Gegenstände hinweg, um auf jenen entferntesten blauen Spitzen zu ruhen: diese wünschte ich zu übersteigen
-- Alles innerhalb der Umgrenzung der Felsen und der Haide schien mir ein Gefängniß und ein Verbannungsort.
Ich folgte dem weißen Wege, der sich um den Fuß eines Berges zog, und in einer Schlucht zwischen zweien verschwand.
Es verlangte mich, ihn weiter zu verfolgen! Ich erinnerte mich der Zeit, wo ich im Omnibus auf diesem Wege gefahren war: ich erinnerte mich, wie ich in der Dämmerung den Hügel hinuntergefahren war: ein Menschenalter schien seit dem Tage vergangen zu sein, der mich
zuerst nach Lowood gebracht hatte, und ich hatte es seitdem
nicht verlassen. Meine Ferien wurden alle in der Anstalt zugebracht: Mistreß Reed hatte mich nie aus Gateshead abholen lassen: weder sie noch irgend ein Mitglied ihrer Familie hatte mich je besucht. Ich hatte keinen brieflichen oder mündlichen Verkehr mit der äußeren Welt gehabt: Schulordnungen, Schulpflichten, Schulgewohnheiten und Ansichten, Stimmen und Gesichter, Ausdrücke und Kostüme, Vorliebe und Widerwillen: dies war Alles, was ich von dem
Dasein kannte. Und nun fühlte ich, daß es nicht genug war: ich wurde der Gewohnheit von acht Jahren in einem Nachmittag überdrüßig. Ich wünschte Freiheit, verlangte nach Freiheit, betete um Freiheit: doch schien mein Gebet
von dem matt wehenden Winde verweht zu werden. Ich
gab es auf und sprach eine demüthigere Bitte aus: um
Veränderung, um neue Anregung, doch auch diese Bitte
schien in dem weiten Raume zu verhalten.
"Dann," rief ich halb verzweiflungsvoll, "gewähre mir
wenigstens eine neue Knechtschaft."
Die Glocke, die zum Abendessen läutete, rief mich die
Treppe hinunter.
Es war mir nicht möglich, den unterbrochenen Faden
meines Nachdenkens wieder anzuknüpfen, als bis die Zeit
des Schlafengehens kam, und auch da hielt mich eine Lehrerin, die mit mir dasselbe Zimmer bewohnte, durch einen
langen Erguß unbedeutenden Geschwätzes von dem Gegenstande ab, zu dem ich zurückzukehren wünschte. Wie sehr
verlangte es mich, daß der Schlummer sie zum Schweigen
bringen möchte! Es schien mir, wenn ich nur zu der Idee zurückkommen könne, die zuletzt meinen Geist beschäftigt hatte, da ich am Fenster gestanden, als hätte mir ein göttlicher Einfall zu Hülfe kommen müssen.
Endlich schnarchte Miß Gryce. Sie war eine schwerfällige Waliserin, und bisher hatte ich ihre gewohnten Nasaltöne beständig nur als eine Belästigung betrachtet: heute Abend aber begrüßte ich die ersten tiefen Klänge mit Zufriedenheit; ich war von Störung frei, und mein halb erloschener Gedanke belebte sich augenblicklich wieder.
"Eine neue Knechtschaft! Darin liegt etwas Vernünftiges,“ dachte ich bei mir selber, denn ich sprach nicht laut. "Ja, ich weiß es, denn das Wort klingt nicht lieblich; es
gleicht nicht solchen Ausdrücken wie Freiheit, Aufregung
Wonne, welches freilich entzückende Klänge sind; aber nicht
mehr als Klänge für mich, und so hohl und verrauschend,
daß es nur Zeit verschwenden heißt, auf sie zu hören.
Aber Knechtschaft! das muß etwas Wirkliches sein. Jetzt
kann dienen: ich habe hier acht Jahre gedient: Alles, was
ich wünsche, ist jetzt, anderswo zu dienen. Kann ich nicht
so weit meinen eigenen Willen haben? Läßt sich die Sache
nicht leicht ausführen? Ja -- ja -- der Zweck ist nicht sehr
schwierig zu erreichen, wenn nur mein Gehirn thätig genug
wäre, um die Mittel, es zu erreichen, ausfindig zu machen.
Ich setzte mich aufrecht im Bette hin, um dies ermattete
Gehirn aufzuregen: es war eine kalte Nacht; ich bedeckte
meine Schultern mit einem Shawl, und begann darauf wieder
mit aller Macht nachzudenken.
"Was bedarf ich? Eine neue Stellung in einem neuen Hause, unter neuen Gesichtern und neuen Verhältnissen. So will dies, weil es unnütz wäre, etwas Besseres zu wollen?
Wie machen es die Leute, um eine neue Stelle zu bekommen?
Sie wenden sich vermuthlich an Freunde: ich habe
aber keine Freunde. Es gibt viele Andere, die keine Freunde
haben, und die müssen für sich selber sorgen und ihre eignen
Helfer sein; und welches ist ihr Auskunftsmittel?"
Ich konnte es nicht sagen: Nichts antwortete mir, und
ich befahl dann meinem Gehirn, eine Antwort zu finden,
und zwar schnell. Es arbeitete stärker und stärker: ich
fühlte, wie die Pulse in meinem Kopfe und an meinen Schläfen schlugen; aber beinahe eine Stunde lang war er von einem Chaos umgeben und erreichte kein Resultat. Und
fieberhaft von der vergeblichen Anstrengung stand ich auf und ging im Zimmer auf und ab, zog die Vorhänge zurück und beobachtete einige Sterne. Da ich aber vor Kälte zitterte, so kroch ich wieder in mein Bett.
Ohne Zweifel hatte eine gütige Fee in meiner Abwesenheit die geforderte Antwort auf mein Kissen niedersinken lassen: denn als ich mich niederlegte, fiel mir ganz ruhig
und natürlich ein:
"Wer eine Stelle sucht, macht es bekannt; Du mußt es
also im Herold der Grafschaft M. bekannt machen."
"Aber wie? ich weiß nicht, wie man dabei zu Werke gehen muß."
Jetzt stellten sich sogleich bestimmte und geeignete Antworten ein:
"Du mußt die Ankündigung und das Geld dafür einschließen und an den Herausgeber des Herold adressiren;
Du mußt es bei der ersten Gelegenheit zu Lowton auf die
Post geben. Die Antworten sollen unter J. E. an das dortige Postamt adressirt werden; Du kannst ja eine Woche
später nach einem Briefe fragen, wenn einer kommen sollte,
und darnach handeln." Diesen Plan überlegte ich zwei bis
drei Mal: dann war er in meinem Geiste gereift: ich hatte
ihn meiner klaren und praktischen Gestalt, fühlte mich beruhigt und schlief ein.
Mit Anbruch des Tages stand ich auf: ich schrieb meine
Ankündigung, schloß sie ein und überschrieb sie, ehe die
Glocke zum Aufstehen der Schülerinnen läutete; sie lautete
folgendermaßen:
"Eine junge Dame, die im Unterrichten geübt ist, (war
ich nicht zwei Jahre Lehrerin gewesen?) wünscht eine Stellung
in einem Privathause, wo die Kinder unter vierzehn
Jahren sind (ich dachte, da ich selber erst achtzehn wäre, so
würde es nicht gut sein, die Leitung von Schülerinnen zu
übernehmen, die mir an Alter näher ständen). Sie ist befähigt in den gewöhnlichen Gegenständen einer guten englischen Erziehung, so wie auch im Französischen, im Zeichnen und in der Musik zu unterrichten (in jenen Tagen hielt man dies kurze Verzeichnis von Fähigkelten schon für ziemlich umfassend). Briefe unter J. E. werden von dem Postamte zu Lowton befördert."
Dieses Dokument blieb den ganzen Tag in meinem
Schranke verschlossen: nach dem Thee hat ich die neue Vorsteherin,
nach Lowton gehen zu dürfen, um einige kleine
Geschäfte für mich und einige der anderen Lehrerinnen zu
besorgen. Die Erlaubniß wurde mir bereitwillig ertheilt
und ich ging. Es war ein Gang von zwei Meilen und
das Wetter naß, aber die Tage waren noch lang: ich besuchte
einige Läden, schob den Brief in den Briefkasten auf
dem Posthause und kehrte in heftigem Regen mit durchnäßten
Kleidern, aber erleichtertem Herzen zurück.
Die folgende Woche schien mir sehr lang; endlich aber
erreichte sie doch, gleich allen irdischen Dingen, ihr Ende
und wieder sah ich mich gegen Schluß eines angenehme
Herbsttages zu Fuß auf dem Wege nach Lowton. Beiläufig
gesagt, war es ein angenehmer Weg, denn er führte am
Ufer des Baches hin und durch die lieblichsten Krümmungen
des Thales; aber an dem Tage dachte ich mehr an die
Briefe, die meiner vielleicht in der kleinen Stadt warteten
als an die Reize der Felder und des Wassers.
Mein Vorwand bei dieser Gelegenheit war, mit
Paar Schuhe anmessen zu lassen; daher besorgte ich dieses
Geschäft zuerst und ging, als es geschehen war, über die
reinliche und stille kleine Straße vor dem Hause des Schuhmachers zu dem Posthause; eine alte Dame, die eine Hornbrille auf der Nase und schwarze Klapphandschuhe an den
Händen trug, versah dort den Dienst.
"Sind vielleicht Briefe für J. E. angekommen?" fragte ich.
Sie starrte mich über die Brille weg an, öffnete dann
ein Fach und suchte lange unter dem Inhalt desselben; so
lange, daß meine Hoffnung schon zu schwanken begann.
Endlich, nachdem sie ein Dokument beinahe fünf Minuten
vor ihren Brillengläsern gehalten, reichte sie es mir über
den Tisch und begleitete die Handlung mit einem zweiten
forschenden und mißtrauischen Blicke. Es war mit J. E.
überschrieben.
"Ist nur einer da? " fragte ich.
"Es sind nicht mehr da," sagte sie.
"Ich steckte den Brief in die Tasche und wendete mich
heimwärts: ich konnte ihn jetzt nicht öffnen, denn die Regel
nöthigte mich, um acht Uhr zurück zu sein, und es war
schon halb sieben.
Verschiedene Pflichten warteten meiner bei meiner Ankunft: ich mußte die Aufsicht führen, wenn die Mädchen
ihre Lectionen lernten; dann mußte ich ihnen Gebete vorlesen und sie dann zu Bette führen, worauf ich mit den
andern Lehrerinnen zu Abend speiste. Als wir uns endlich
zurückzogen, um zu Bette zu gehen, war die unvermeidliche
Miß Gryce wieder meine Gesellschafterin: wir halten nur
ein kurzes Ende Licht auf unserm Leuchter, und ich fürchtete,
sie möchte so lange reden, bis es ausgebrannt sei;
zum Glück aber hatte das gute Abendessen, welches sie eingenommen,
eine einschläfernde Wirkung, und sie schnarchte
bereits, ehe ich mich ausgekleidet hatte. Es war noch ein
Zoll von dem Lichte übrig: ich zog meinen Brief hervor,
das Siegel enthielt den Anfangsbuchstaben F; ich erbrach
es und las den kurzen Inhalt, welcher so lautete:
"Wenn J. E., die sich im Herold am letzten Donnerstag
empfohlen, die erwähnten Fähigkeiten besitzt und im Stande
ist, genügende Auskunft über ihr Betragen und ihre Befähigung zu geben, so kann ihr eine Stelle angeboten werden, wo nur eine einzige Schülerin, ein kleines Mädchen
unter zehn Jahren ist, und wo das Gehalt dreißig Pfund
jährlich beträgt. J. E. wird gebeten, Zeugnisse, Namen,
Adresse und alle sonstigen Bemerkungen zu senden an
Mistreß Fairfax in Thornfield bei Millcote
in der Grafschaft. N."
Ich sah das Dokument lange an, die Handschrift war
altmodisch und etwas unsicher, gleich der einer alten Dame.
Dieser Umstand war befriedigend für mich; denn es hatte
mich eine Furcht verfolgt, daß ich, für mich selbst nach
meiner eigenen Leitung handelnd, in eine Klemme gerathen könne; und vor allen Dingen wünschte ich, dass das Resultat meiner Bemühungen respectabel und schicklich sein möge. Ich fühlte jetzt, daß eine ältliche Dame in dem Geschäft, welches ich vorhatte, gerade die geeignete Person sei. Mistreß Fairfax! ich sah sie im ***[114] schwarzen Kleide und ihrer Wittwenhaube. kalt vielleicht??? aber nicht unhöflich: das Muster einer ältlichen reichen
Dame. Thornfield! das war ohne Zweifel der Name des
Hauses: ein zierlicher, ordentlicher Ort, davon war ich überzeugt, obgleich es mir nicht gelingen wollte, einen genauen
Plan von der Umgebung zu entwerfen. Millcote in der
Grafschaft N.!" Ich sammelte meine Erinnerungen an die
Karte von England, und sah nicht nur die Grafschaft sondern
auch die Stadt. Die Grafschaft lag siebzig englische
Meilen näher bei London, als die entfernte Grafschaft R., wo
ich jetzt wohnte: das war eine Empfehlung für mich und
verlangte mich, dorthin zu gehen, wo Leben und Bewegung war; Millcote war eine große Fabrikstadt, an den Ufern des Avon; ohne Zweifel ein lebhafter Ort: um so
besser, da war es wenigstens eine vollkommene Veränderung.
Nicht als hätte der Gedanke an hohe Schornsteine und
Rauchwolken meine Phantasie besonders angenehm bestätigt
-- "aber," dachte ich bei mir selber, "Thornfield muss
wahrscheinlich eine gute Strecke von der Stadt entfernt
sein."
Hier sank der Docht des Lichtes um, und die Flame
erlosch.
Am nächsten Tage sollten neue Schritte geschehen, meine
Pläne konnten nicht länger in meiner eigenen Brust verborgen bleiben; ich mußte es mittheilen, um den Erfolg zu sichern. Als ich währen der Mittagserholung eine Audienz bei der Directrice nachgesucht und erhalten, sagte ich ihr, ich hätte die Aussicht, eine neue Stelle zu bekommen, und mir das doppelte Gehalt versprochen werde (denn in Lowood erhielt ich nur fünfzehn Pfund jährlich) und bat sie, das Herrn Brocklehurst oder irgend einem andern Mitgliede des Comité die Sache mitzutheilen und sich zu erkundigen, ob sie es erlauben würden, daß ich mich auf sie beriefe. Sie willigte gern ein, in der Sache als Vermittlerin aufzutreten.
Am nächsten Tage legte sie Herrn Brocklehurst die Sache vor,
welcher sagte, man müsse zuerst an Mistreß Reed schreiben, als deren Mündel ich zu betrachten wäre. Es wurde demnach ein Brief an jene Dame abgeschickt, worauf die Antwort kam, ich möchte thun, wie es mir gefalle: sie habe längst alle Einmischung in meine Angelegenheiten aufgegeben.
Dieser Brief machte die Runde in dem Comité,
und nach einem für mich höchst peinlichen Aufschube wurde
mir die förmliche Erlaubniß ertheilt, meine Lage zu verbessern, wenn ich dazu im Stande sei, und mir die Versicherung erheilt, daß mir, da ich mich in Lowood als Lehrerin und Schülerin stets gut betragen, sogleich von den
Inspectoren der Anstalt ein Zeugniß über Aufführung und Fähigkeiten sollte ausgestellt werden.
Dieses Zeugniß erhielt ich etwa in einer Woche, sendete
eine Abschrift an Mistreß Fairfax ab, erhielt von dieser
Dame die Antwort, daß sie zufrieden sei, und die Bestimmung, daß ich über vierzehn Tage die Stelle als Erzieherin
in ihrem Hause antreten könne.
Ich beschäftigte mich jetzt mit den Vorbereitungen und
die vierzehn Tage gingen rasch vorüber. Ich hatte keine
sehr große Garderobe, obgleich sie meinen Bedürfnissen angemessen war, und der letzte Tag reichte hin, um meinen
Koffer zu packen -- denselben, welchen ich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht.
Der Koffer war zugeschnürt, die Karte aufgenagelt. In einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um ihn nach Lowton zu bringen, wohin ich selbst mich früh am nächsten
Morgen begeben sollte, um den Omnibus zu treffen. Ich
hatte mein schwarzes Reisekleid ausgebürstet, Hut, Handschuhe
und Muff in Bereitschaft, durchsuchte alle meine Fächer, um
Nichts zurückzulassen, und da ich jetzt Nichts weiter zu tun
hatte, setzte ich mich nieder und versuchte auszuruhen. Ich
vermochte es nicht: obgleich ich den ganzen Tag auf den Füßen
gewesen, konnte ich doch jetzt keinen Augenblick ruhen, denn
ich war zu sehr aufgeregt. Diese Nacht schloß eine Phase
meines Lebens, eine neue eröffnete sich morgen: es war unmöglich, in der Zwischenzeit zu schlummern, und ich mußte
fieberhaft wachen, bis der Wechsel vollendet war.
"Miß," sagte eine Dienerin, die mir im Gange begegnete, wo ich gleich einem unruhigen Geiste auf- und abwandelte, "es ist eine Person unten, die Sie zu sprechen wünscht."
"Ohne Zweifel der Bote," dachte ich, und lief, ihn zu fragen, die Treppe hinunter. Ich ging an dem hinteren Sprachzimmer, wo sich die Lehrerinnen am Tage zumeist
aufhielten, vorüber, um in die Küche zu gehen; doch die Thür war halb offen, und es kam Jemand herausgelaufen.
"Das ist sie, dessen bin ich gewiß! -- Ich hätte sie
überall wieder erkannt!" rief die Person, die mir in der
Weg trat und meine Hand faßte.
Ich sah sie an und erblickte ein Frauenzimmer, welches
wie eine wohlgekleidete Dienerin, wie eine verheirathet
Frau, aber doch noch jung aussah; sie war hübsch, hatte
schwarzes Haar und Augen und einen lebhaften Teint.
"Nun," sagte sie mit einer Stimme und einem Lächeln
welches ich halb wieder erkannte; "ich denke, Sie haben mich
doch nicht ganz vergessen, Miß Johanna?"
In der nächsten Secunde umarmte und küßte ich sie mit
Entzücken.
"Bessie! Bessie! Bessie!" war Alles, was ich sagte,
wobei sie halb lachte, halb weinte, und dann gingen wie
Beide in das Sprachzimmer. Am Feuer stand ein kleiner
Knabe von drei Jahren, in karirtem Rock und Hosen.
"Das ist mein kleiner Junge," sagte Bessie sogleich.
"So bist Du also verheirathet, Bessie?"
"Ja, beinahe seit fünf Jahren, an Robert Leaven, den
Kutscher: und außer Bobby hier habe ich noch ein kleines
Mädchen, welches ich Johanna habe taufen lassen."
"Und Du wohnst nicht mehr in Gateshead?"
"Ich wohne im Parkhause, das der alte Pförtner geräumt
hat."
"Nun, und wie geht es denn Allen dort? Erzähle mir
Alles von ihnen, Bessie: aber vorher setzte Dich nieder, und
Du, Bobby, komme und setze Dich auf meinen Schooß.
Aber Bobby zog es vor, zu seinen Mutter hinüberzuwackeln.
"Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Johanna, und
auch nicht sehr stark." fuhr Mistreß Leaven fort.
"Ich denke, man hat Sie nicht allzu gut gehalten in der Schule: Miß Reed ist über einen Kopf größer, als Sie, und Miß Georgine noch einmal so stark."
"Georgine ist vermuthlich sehr schön?"
"Sehr schön. Im letzten Winter ging sie mit ihrer Mutter nach London, und dort bewunderte sie Jeder, und ein junger Lord verliebte sich in sie; aber seine Verwandten
waren der Heirath entgegen. Und was denken Sie, er und
Miß Georgine verabredeten eine Entführung; doch wurden
sie entdeckt und zurückgehalten. Miß Reed war es, die es
entdeckte: ich glaube, sie war neidisch; und jetzt leben sie
und ihre Schwester wie Katze und Hund zusammen und
zanken beständig."
"Und wie geht es John Reed?"
"O, nicht so gut, wie seine Mama es wünschen möchte.
Er ging auf die Universität, doch wurde ihm der Grad wegen
zu geringer Kenntnisse vorenthalten; und dann wollten
seine Oheime, er solle ein Rechtsgelehrter werden und Jura
studiren; doch ist er ein so ausschweifender junger Mann,
das sie nicht viel aus ihm machen werden, denke ich."
"Wie sieht er aus?"
"Er ist sehr groß, und Einige nennen ihn einen hübschen jungen Mann; aber er hat zu dicke Lippen."
"Und Mistreß Reed?"
"Missis sieht im Gesicht ganz wohl und voll aus, aber
ich denke, in ihrem Geiste ist sie nicht ganz ruhig. Herrn
John's Leben gefällt ihr nicht -- er braucht zu viel
Geld."
"Schickte sie Dich hieher, Bessie?"
"O nein: aber ich habe Sie schon lange besuchen wollen,
und als ich hörte, es sei ein Brief von Ihnen gekommen,
und Sie gingen in einen andern Theil des Landes, da
dachte ich, ich wolle Sie doch noch einmal sehen, ehe Sie
ganz aus meinem Bereiche wären."
"Ich fürchte, daß ich Deinen Erwartungen nicht entspreche,
Bessie," sagte ich lachend, als ich bemerkte, daß
Bessie's Blick zwar Achtung, aber durchaus keine Bewunderung
ausdrückte.
"Ei doch, Miß Johanna, Sie sind fein genug, und
Sie sehen ganz wie eine vornehme Dame aus, und es ist, was ich von Ihnen erwartete, denn Sie waren als Kind schon keine Schönheit."
Ich lächelte über Bessie's freimüthige Antwort; ich
fühlte, das sie richtig war, aber ich gestehe, daß mir in
Inhalt nicht ganz gleichgültig sein konnte. Im achtzehnten
Jahre wünschen die meisten Leute zu gefallen, um die
Ueberzeugung, das ihr Aeußeres diesen Wunsch nicht befriedigen
wird, ist keineswegs erfreulich.
"Ich denke aber, Sie sind dafür auch sehr geschickt,"
fuhr Bessie tröstend fort. "Was verstehen Sie? Spielen
Sie Klavier?"
"Ein wenig."
Es war eins im Zimmer; Bessie ging und öffnete
es. Dann bat sie mich, ich möge mich niedersetzen und ihr
ein Stück vorspielen. Ich spielte einige Walzer und sie
war entzückt.
"Miß Reeds spielen nicht so gut!" sagte sie frohlockend.
"Ich sagte immer, Sie würden sie im Lernen übertreffen.
Können Sie auch zeichnen?"
"Das ist eins von meinen Bildern dort über dem Kamin," antwortete ich.
Es war eine Landschaft in Wasserfarben gemalt, die ich
der Vorsteherin zum Dank für ihre gefällige Vermittelung
bei dem Comité geschenkt, und welches sie hatte einrahmen
lassen.
"Nun, das ist schön, Miß Johanna! es ist ein so ich schönes Bild, wie es der Zeichnenmeister der Miß Reed nur
malen könnte, von den jungen Damen gar nicht zu reden,
die kommen noch lange nicht dorthin. Und haben Sie
auch Französisch gelernt?"
"Ja, Bessie, ich lese und spreche es."
"Und können Sie auch auf Mousselin und Cannevas
sticken?"
"Das kann ich."
"O, da find Sie ja eine vollständige Dame, Miß Johanna.
Ich wußte es wohl, und Sie werden in der Welt
fortkommen. Ihre Verwandten mögen nun auf Sie achten
oder nicht. Doch etwas wollte ich Sie fragen -- haben Sie je etwas von den Verwandten Ihres Vaters, de Eyres, gehört?"
"Nie in meinem Leben."
"Nun, Sie wissen doch, daß Missis immer sagte, es
wären arme und niedrige Leute. Arm mögen sie sein, aber
ich glaube, sie sind eben so vornehm, wie die Reeds; denn
eines Tages, jetzt sind es beinahe sieben Jahre her, kam ein
Herr Eyre nach Gateshead und wollte Sie besuchen. Missis
sagte, Sie wären in einer fünfzig Meilen entfernten
Schulanstalt. Es schien ihn sehr zu kränken, denn er
konnte sich nicht aufhalten, da er im Begriff war, eine
Reise in ein fremdes Land anzutreten und das Schiff schon
in einem oder zwei Tagen von London absegelte. Er sah
wie ein seiner Herr aus, und ich glaube es war Ihres
Vaters Bruder."
"Zu welchem fremden Lande wollte er denn gehen,
Bessie?"
"Zu einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist,
wo man Wein macht -- wie der Kellermeister mir sagte.
"Madeira? sagte ich.
"Ja, das ist es - das ist das rechte Wort."
"So reiste er also ab?"
"Ja, er hielt sich nur wenige Minuten im Hause auf.
Missis benahm sich sehr stolz gegen ihn und nannte ihn
später einen lumpigen Handelsmann. Mein Robert glaubt,
er sei ein Weinhändler gewesen."
"Sehr wahrscheinlich," entgegnete ich: "oder vielleicht
Commis oder Agent eines Weinhändlers,
Bessie und ich unterhielten uns noch eine Stunde länger von alten Zeiten, und dann war sie genöthigt, mich zu
verlassen. Ich sah sie am nächsten Morgen in Lowton auf
einige Minuten wieder, während ich auf den Omnibus wartete.
Wir trennten uns endlich an der Thür des Gasthauses,
welches das Wappen der Familie Brocklehurst als
Schild führte: Jede ging ihren besondern Weg; sie nahm
ihren Weg nach dem Lowoodhügel, um das Fuhrwerk zu
treffen, welches sie nach Gateshead zurückbringen sollte, und
ich stieg in den Wagen, der mich zu neuen Pflichten und zu einem neuen Leben in die unbekannte Umgegend von Millcote führte.

Elftes Kapitel.

Ein neues Kapitel in einem Romane gleicht einigermaßen einer neuen Scene in einem Schauspiel: wenn ich
diesmal den Vorhang aufziehe, lieber Leser, so mußt Du
Dir ein Zimmer in George Inn zu Millcote mit so großmustrigen Tapeten, als man sie in den Zimmern der Gasthöfe findet, mit solchen Fußteppichen, solchen Möbeln, solchen Zierrathen an dem Kamin, und solchen Kupferstichen
mit Einschluß eines Bildes Georg des Dritten und eines
andern von dem Prinzen von Wales nebst einer Abbildung
von Wolfe's Tod, vorstellen. Dies Alles ist mir bei dem
Lichte einer Oellampe, die an der Decke hängt, und bei
einem vortrefflichen Feuer sichtbar, vor welchem ich in Mantel
und Hut sitze. Mein Muff und Schirm liegen auf dem
Tische, und ich wärme mich, um die Erstarrung und Kälte
zu vertreiben, die ich mir durch sechzehnstündiges Fahren
an einem rauhen Octobertage zugezogen habe: ich verließ
nämlich Lowton um vier Uhr Morgens, und die Stadtgleich
zu Millcote schlägt jetzt gerade acht.
Leser, obgleich ich hier in einer ganz bequemen Lage zu
sein scheine, so bin ich doch nicht ganz ruhig in meinem
Geiste. Ich dachte, wenn die Kutsche anhielte, würde mich
hier Jemand erwarten; ich sah mich erwartungsvoll um, als
ich den hölzernen Tritt hinunterstieg, den der Hausknecht
zu meiner Bequemlichkeit hinstellte, indem ich erwartete,
werde meinen Namen aussprechen hören, und ein Fuhrwerk
irgend einer Art warten sehen, um mich nach Thornfield zu
bringen. Nichts der Art war sichtbar, und als ich mich
bei dem Kellner erkundigte, ob Jemand da gewesen wäre,
der nach einer Miß Eyre gefragt, erhielt ich eine verneinende
Antwort. Da hatte ich Nichts weiter zu thun, als
mir ein besonderes Zimmer anweisen zu lassen: und hier warte ich, während jede Art von Zweifel und Furcht meine Gedanken verwirrt.
Es ist eine sehr seltsame Empfindung für die unerfahrene
Jugend, sich ganz allein in der Welt zu fühlen, von
aller Verbindung abgeschnitten und ungewiß zu sein, ob der
Hafen zu erreichen ist, in den man einlaufen will, und ob
die Rückkehr in den verlassenen Hafen nicht mit manchen
Hindernissen verbunden ist. Der Reiz des Abenteuerlichen
versüßt freilich diese Empfindung, die Glut des Stolzes erwärmt
sie; aber dann kommt die bebende Furcht, und diese
wurde bei mir vorherrschend, als eine halbe Stunde verging
und ich noch allein war. Es fiel mir ein zu klingeln.
"Ist ein Ort in dieser Gegend, der Thornfield heißt?"
fragte ich den Kellner, welcher eintrat.
"Thornfield? Ich weiß nicht, mein Fräulein. Ich will
an der Schenke fragen."
Er verschwand, kehrte aber sogleich wieder zurück.
"Ist Ihr Name Eyre, Miß? " fragte er.
"Ja."
"Es ist Jemand da, der auf Sie wartet."
Ich sprang auf, nahm meinen Muff und Schirm und
eilte in den Gang des Hauses. Ein Mann stand in der
offenen Thür, und auf der Straße bemerkte ich beim Schimmer der Laternen ein einspänniges Fuhrwerk.
"Dies wird Ihr Gepäck sein?" -- sagte der Mann etwas
kurz, indem er auf meinen Koffer deutete, der im Gange
stand.
"Ja," antwortete ich.
Er hißte ihn auf das Fuhrwerk, und dann stieg ich ein;
aber ehe er die Thür zumachte, fragte ich ihn, wie weit es
nach Thornfield sei.
"Etwa sechs Meilen."
"Und wie lange wird es währen, bis wir dorthin
kommen?"
"Etwa anderthalb Stunden."
Er machte die Thür zu, kletterte auf seinen Sitz, der sich
an der Außenseite befand, und dann ging es vorwärts. Wir
kamen nur gemächlich weiter, so daß ich hinreichend Zeit
zum Nachdenken hatte. Ich war zufrieden, endlich dem Ziele meiner Reise so nahe zu sein: als ich mich in dem bequemen, obgleich nicht eleganten Wagen zurücklehnte, folgte
ich ganz ruhig meinem Gedankengange.
"Nach dem einfach gekleideten Diener und dem Wagen
zu schließen, dachte ich, wird Mistreß Fairfax keine sehr
vornehme und reiche Person sein. Um so besser: ich lebte
einst unter feinen Leuten und befand mich sehr unglücklich
bei ihnen. Es soll mich wundern, ob sie mit diesem kleinen
Mädchen wohl allein lebt; wenn das der Fall und sie
einigermaßen liebenswürdig ist, so werde ich gewiß im
Stande sein, mit ihr durchzukommen: ich will mein Möglichstes thun: nur ist es Schade, daß das nicht immer hilft.
In Lowood faßte ich freilich diesen Entschluß, führte ihn
aus, und es gelang mit, zu gefallen; aber ich erinnere mich
noch sehr wohl, wie Mistreß Reed meine besten Bemühungen mit Verachtung zurückwies. Ich bitte Gott, daß Mistreß
Fairfax keine zweite Mistreß Reed sein möge; aber wenn
sie es ist, so bin ich nicht verbunden, bei ihr zu bleiben
und im schlimmsten Falle kann ich noch einmal die Anzeige
machen. Es soll mich wundern, wie weit wir schon auf
unserm Wege gekommen sind?"
Ich ließ das Fenster herunter und sah hinaus: Millcote
lag hinter uns: nach den vielen Lichtern zu urtheilen, mußte
es ein ansehnlicher Ort und viel größer als Lowton sein.
So weit ich sehen konnte, mußten wir uns jetzt auf einem
Weideplatze befinden, doch waren einzelne Häuser über den
ganzen District verstreut: ich fühlte, daß wir in einer andern
Gegend, als bei Lowood waren: mehr belebt, wenigen
malerisch, mehr bevölkert und weniger romantisch.
Die Wege waren schlecht und die Nacht neblig: mein
Führer ließ sein Pferd den ganzen Weg im Schritt gehen
und ich glaube sicher, daß aus den anderthalb Stunden wenigstens
zwei wurden. Endlich drehte er sich auf seinen
Sitze herum und sagte:
"Jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield."
Ich blickte wieder hinaus: wir kamen an einer Kirche
vorüber; ich sah, wie der niedrige und breite Thurm gegen
den Himmel abstach, und gerade schlug die Glocke ein Viertel,
als ich eine schmale Milchstraße von Lichtern an der Seite des Hügels sah, die ein Dorf oder einen Weiler bezeichnete.
Etwa zehn Minuten später stieg der Kutscher ab
und öffnete ein Thor: wir fuhren durch und es schlug hinter
und wieder zu. Wir fuhren jetzt langsam einen Weg
hinauf and kamen vor der langen Fronte eines Hauses an:
nur aus einem einzigen verhängten Bogenfenster strömte
Licht hervor. Alles Uebrige war dunkel. Der Wagen hielt
vor der Vorderthür an: sie wurde von einer Dienerin geöffnet.
Ich stieg aus und ging hinein.
"Wollen Sie gefälligst hierher kommen, Fräulein,"
sage das Mädchen, und ich folgte ihr über eine viereckige
Vorhalle, die von hohen Thüren umgeben war; dann führte
sie mich in ein Zimmer, dessen doppelte Beleuchtung von
Feuer und Licht mich anfangs vermöge des Gegensatzes der
Dunkelheit, an die sich meine Augen seit zwei Stunden gewöhnt
hatten, blendete: als ich aber sehen konnte, stellte
sich meinen Augen ein gemüthliches und angenehmes
Bild dar.
Ein zierliches kleines Zimmer: ein runder Tisch neben
einem hellen Feuer: ein altmodischer Lehnsessel mit hoher
Lehne, worin die zierlichste kleine ältliche Dame, die man
sich nur denken kann, in einer Wittwenhaube, schwarzseidenem
Kleide und schneeweißer Mousselinschürze saß. Gerade
so hatte ich mir Mistreß Fairfax vorgestellt, doch sah sie
milder aus und ihr Wesen war weniger stattlich. Sie war
mit Stricken beschäftigt: eine große Katze saß ehrbar zu
ihren Füßen: kurz es fehlte Nichts, um das schöne Ideal
der häuslichen Bequemlichkeit zu vollenden. Eine beruhigendere
Einführung für eine neue Erzieherin konnte man sich
zum denken. Ich wurde von keinem stolzen und vornehmen
Wesen in Verlegenheit gesetzt, und als ich eintrat, stand
die alte Dame auf und kam mir sogleich freundlich entgegen.
"Wie ist es Ihnen ergangen. meine Liebe? Ich fürchte,
Sie haben eine langweilige Fahrt gehabt; John fährt so
langsam. Sie müssen Frost empfinden, kommen Sie zum
Feuer."
"Mistreß Fairfax vermuthlich?" sagte ich.
"Ja. Sie haben Recht: setzen Sie sich nieder.'
Sie führte mich zu ihrem eigenen Stuhle und nahm mir Shawl und Hut ab, obgleich ich sie hat, sich nicht so viel Mühe zu machen."
"O es ist keine Mühe: auch müssen Ihre Hände von
der Kälte fast erstarrt sein. Lea, mache ein wenig heißere
Negus und schneide einige Butterschnitte mit Fleisch, hier
ist der Speisekammerschlüssel."
Und sie zog ein sehr haushälterisch aussehendes Schlüsselbund
aus ihrer Tasche und übergab es der Dienerin.
"Nun, setzen Sie sich doch ein wenig näher zum Feuer,"
fuhr sie fort. "Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht, nicht
wahr, meine Liebe?"
"Ja, Madame."
"Ich will es in Ihr Zimmer bringen lassen," sagte sie
und ging rasch hinaus.
"Sie behandelt mich wie einen Gast," dachte ich. "Ich
erwartete eine solche Aufnahme nicht; ich war nur auf
Kälte und Steifheit vorbereitet: dies ist es nicht, was ich
von der Behandlung der Erzieherinnen gehört habe; aber
ich will mich nicht zu bald freuen."
Sie kehrte zurück, räumte mit eigenen Händen ihr
Strickzeug und einige Bücher vom Tische ab, um für du das
Geschirr Platz zu machen, welches Lea jetzt hereinbrachte,
und reichte mir dann eigenhändig die Erfrischungen. Ich
war ein wenig verwirrt, der Gegenstand viel größerer Aufmerksamkeit
zu sein, als je der Fall gewesen, und noch das
zu von meiner Vorgesetzten und Gebieterin; da sie aber
selbst nichts Unpassendes zu thun glaubte, so hielt ich es
für besser, die Höflichkeiten ruhig anzunehmen.
"Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben,
Miß Fairfax zu sehen?" fragte ich, als ich das Angebotene
angenommen.
"Wie sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig
taub," entgegnete die gute Dame, ihr Ohr meinem Munde
nähernd.
Ich wiederholte die Frage deutlicher.
"Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens
ist der Name Ihrer künftigen Schülerin."
"Ei! so ist sie also nicht Ihre Tochter?"
"Nein -- ich habe keine Familie."

Ich hätte meine erste Frage fortsetzten und mich erkundigen sollen, aus welche Weise Miß Varens mit ihr in Verbindung stehe: doch ich erinnerte mich, das es nicht höflich sei, zu viele Fragen zu thun, und überdies mußte ich es gewiß auch bald erfahren.
"Es ist mir so lieb," fuhr sie fort, als sie sich mir gegenüber niedersetzte und die Katze aus den Schooß nahm
"es ist mir so lieb, das Sie gekommen sind; es wird jetzt
ganz angenehm hier sein, wenn ich eine Gesellschafterin habe.
Gewiß ist es hier zu jeder Zeit angenehm, denn Thornfield ist
ein schönes altes Herrenhaus, in den letzteren Jahren vielleicht
etwas vernachlässigt, aber dennoch immer ein respectabler
Ort; doch im Winter, wie Sie wissen, ist es auch in der
besten Wohnung langweilig und unerfreulich, wenn man
ganz allein ist. Ich sage allein - Lea ist freilich ein ganz
ordentliches Mädchen, und John und seine Frau sind auch
sehr verständige Leute, aber sehen Sie, es sind immer nur
Diener, und man kann sich nicht wie mit Seinesgleichen
unterhalten: man muß sie in schicklicher Entfernung halten,
um seine Autorität nicht zu verlieren. Im letzten Winter --
und ein sehr strenger Winter war es, wenn Sie sich
noch darauf besinnen, und wenn es nicht schneite, so regnete
und stürmte es -- kam vom November bis zum Februar
kein menschliches Wesen ins Haus, als der Schlächter und
der Postbote, und ich wurde ganz melancholisch, einen
Abend wie den andern ganz allein sitzen zu müssen. Zuweilen mußte Lea wohl herein kommen und mir vorlesen,
aber ich glaube, das gefiel dem armen Mädchen nicht besonders, es war ihr zu gezwungen. Im Frühling und Sommer geht es schon besser: der Sonnenschein und die
langen Tage machen einen Unterschied: und dann kaum gerade zu Anfang dieses Herbstes die kleine Adele Varens mit ihrer Bonne, ein Kind macht ein Haus gleich lebendig:
und jetzt, da Sie hier sind, werde ich ganz heiter sein."
Mein Herz erwärmte sich in der That für die würdige
Dame, als ich sie reden hörte, und ich zog meinen Stuhl
ein wenig näher zu ihr hin und sprach meinen aufrichtigen
Wunsch aus, daß sie meine Gesellschaft so angenehm finden
möge, wie sie erwartete.

"Aber ich will Sie nicht veranlassen, diesen Abend lange aufzubleiben," sagte sie; "es ist jetzt auf den Schlag zwölf, und Sie sind den ganzen Tag gereist. Sie müssen
sich also ermüdet fühlen. Wenn Sie sich Ihre Füße
erwärmt haben, will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen.
Ich habe das Zimmer, welches dem meinen zunächst ist,
für Sie bereiten lassen; es ist nur ein kleines Zimmer, aber
ich dachte, es würde Ihnen besser gefallen, als eins von den
großen Vorderzimmern; sie sind freilich schöner ausgestattet,
aber öde und einsam, und ich schlafe selber nie darin."
Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da ich
von meiner weiten Reise ermüdet war, erklärte ich mich bereit,
mich zur Ruhe zu begeben. Sie nahm ihr Licht, und
ich folgte ihr aus dem Zimmer. Zuerst ging sie, um zu
sehen, ob die Hausthür auch zu sei, zog den Schlüssel ab
und ging voran die Treppe hinauf. Stufen und Geländer
waren von Eichenholz; das Fenster auf der Treppe war klein
und vergittert, und dieses, so wie die lange Gallerie, zu
welche die Thüren des Schlafzimmers hinausführten, sahen
aus, als ob sie eher einer Kirche, als einem Hause angehörten.
Eine sehr kalte Luft, wie in einem Gewölbe, herrschte auf der Treppe und der Gallerie, was die unerfreuliche Idee ??? [126] von weiten und einsamen Räumen erweckte, und es war mir lieb, als ich endlich in mein Zimmer geführt wurde, es klein und nach dem gewöhnlichen modernen Styl ausmöbliert zu finden.
Als Mistreß Fairfax mir freundlich gute Nacht gewünscht
und ich meine Thür verriegelt hatte, sah ich mich gemächlich
um. Der unerfreuliche Eindruck, den die weite Vorhang,
die dunkle und geräumige Treppe, so wie die lange und
kalte Gallerie auf mich gemacht hatten, wurde durch den
wohnlichern Anblick meines kleinen Zimmers verdrängt, und
ich erinnerte mich, daß ich nach einem Tage körperlicher Anstrengung und ängstlicher Erwartung jetzt endlich sicher im Hafen sei. Die Dankbarkeit schwellte mein Herz; ich kniete neben meinem Bette nieder und brachte meinen Dank dort,
wo ich ihn schuldig war; auch vergaß ich nicht, ehe ich aufstand, mir weitere Hülfe zu erflehen, so wie die Fähigkeit
die Güte zu verdienen, die mir so freigebig angeboten worden,
ehe ich sie verdient hatte. Mein Lager hatte in jener
Nacht keine Dornen; mein einsames Zimmer keine Furcht.
Zugleich ermüdet und zufrieden, schlief ich bald fest ein: als
ich erwachte, war es heller Tag.
Das Zimmer erschien mir wie ein sehr hübscher kleiner
Ort, als die Sonne zwischen den Fenstervorhängen von
blauem Ritz hereinschien und mir die tapezierten Wände und
den mit Teppichen belegten Fußboden zeige, so ungleich den
bloßen Dielen und den angespritzten Kalkwänden zu Lowood,
daß mein Geist bei der Ansicht sich hob. Das Aeußere übt
eine große Wirkung auf die Jugend: es war mir, als beginne ein glänzender Abschnitt meines Lebens- ein Abschnitt, der seine Blumen und seine Freuden, so wie seine
Dornen und seine Mühseligkeiten haben werde. Meine Fähigkeiten erwachten bei dem Wechsel der Scene, das neue
Feld, welches der Hoffnung dargeboten wurde, schien ganz
lebendig. Ich kann nicht genau erklären, was ich erwartete,
aber es war etwas Angenehmes; vielleicht nicht an dem
Tage oder in dem Monat, sondern zu einer unbestimmten
künftigen Zeit.
Ich stand auf und kleidete mich mit Sorgfalt an. Freilich
war ich genöthigt, einfach zu erscheinen, denn ich hatte
kein Kleidungsstück, welches nicht mit der äußersten Einfachheit
gemacht war; doch war ich stets von Natur zur Zierlichkeit
geneigt. Es war nicht meine Gewohnheit, unachtsam
gegen die äußere Erscheinung oder unbekümmert um
den Eindruck zu sein, den ich machte: im Gegentheil wünschte
ich stets so gut auszusehen, wie ich konnte, und so sehr zu
gefallen, als mein Mangel an Schönheit es gestattete. Ich
bedauerte zuweilen, daß ich nicht schöner sei: ich wünschte
zuweilen rosige Wangen, eine griechische Nase und einen kleinen
Kirschenmund zu haben; ich wünschte, meine Gestalt möchte
groß, stattlich und schön entwickelt sein; ich hielt es für ein
Unglück, so klein und so blaß zu sein, und so unregelmäßige
und stark gezeichnete Züge zu haben. Und warum hegte ich
diese Wünsche und dieses Bedauern? Es würde schwer zu
sagen sein: ich konnte es mir selber nicht deutlich sagen;
doch ich hatte auch einen Grund, und zwar einen logischen
und natürlichen Grund. Als ich aber mein Haar glatt gebürstet,
mein schwarzes Kleid angelegt -- welches, quäkergleich wie es war, wenigstens das Verdienst hatte, sehr zierlich zu passen -- und einen reinen weißen Halskragen dann
umgebunden, glaubte ich, anständig genug vor Mistreß Fairfax
erscheinen zu können, und erwartete, daß meine neue
Schülerin wenigstens nicht mit Widerwillen vor mir zurückweichen werde. Nachdem ich das Fenster meines Zimmers
geöffnet und nachgesehen hatte, ob auf meinem Toilettentische auch Alles in zierlicher Ordnung sei, wagte ich mich
hinaus.
Ich ging durch die lange, mit Matten bedeckte Gallerie
stieg die schlüpfrigen Stufen von Eichenholz hinunter, erreichte
dann die Halle, blieb dort eine Minute stehen, sah
einige Bilder an den Wänden an -- wovon eins einen
grimmigen Mann in einem Brustharnisch, und ein anderes
eine Dame mit gepudertem Haar und einem Perlenhalsband
darstellte - eine messingene Lampe, die von der Decke niederhing,
eine große Uhr, deren Kasten von zierlich geschnitztem
Eichenholz war und von der Zeit und vom Polixen des
Farbe des Ebenholzes angenommen hatte. Alles erschien
mir sehr stattlich und imposant; aber damals war ich wenig
an etwas Großartiges gewöhnt. Die Hausthür, in deren
oberen Hälfte sich Glasscheiben befanden, stand offen und ich
überschritt die Schwelle. Es war ein schöner Herbstmorgen,
die frühe Sonne schien heiter auf gebräunte Luftwälder und
noch grüne Felder: dann trat ich auf den Rasenplatz hinaus,
blickte auf und überschaute die Fronte des Gebäudes.
Es war drei Stockwerke hoch, von beträchtlichem Umfange,
obgleich nicht allzu groß: der Landsitz eines Herrn vom niedern
Adel und nicht eines Lords. Die Zinnen, die das
Gebäude umgaben, verlieben demselben ein malerisches Ansehen.
Die graue Fronte stach gegen ein Dohlengeniste ob
dessen krächzende Bewohner jetzt umherflogen, ihren Weg
über den Rasenplatz und den Park nahmen, und sich
einer großen Wiese niederließen, von welcher dieser durch
eine verfallene Einzäunung getrennt war, und wo eine Reihe mächtiger
alter Dornbäume, stark, knotig und breit wie Eichen,
zugleich die Benennung des Herrenhauses erklärten.
In weiterer Entfernung befanden sich Hügel, nicht so hoch wie die, welche Lowood umgaben, nicht so felsig, nicht so
gleich Schranken, die von der lebendigen Welt ausschlossen,
aber doch ganz stille und einsame Hügel, die Thornfield ein
abgesondertes und ruhiges Ansehen verliehen, wie ich es so
nahe bei der lebhaften Stadt Millcote nicht zu finden erwartet hatte. Ein kleiner Weiler, dessen Dächer sich mit
den Bäumen verschmolzen, lag zerstreut an der Seite eines
von diesen Hügeln; die Kirche des Districts stand Thornfield
näher, und die alte Thurmspitze blickte über eine Erhöhung
zwischen dem Hause und dem Thore hinweg.
Ich erfreute mich noch der ruhigen Aussicht und der
angenehmen frischen Luft, horchte noch mit Entzücken auf
das Krächzen der Dohlen, überschaute noch die breite, graue
Fronte des Gebäudes und dachte, welch ein großer Ort es
sei für eine einsame kleine Dame, wie Mistreß Fairfax, als
diese selber in der Thür erschien.
"Wie, schon draußen?" sagte sie. "Ich sehe, Sie stehen
gern früh auf."
Ich ging zu ihr und wurde mit einem freundlichen Kusse
und einem Händedruck empfangen.
"Wie gefällt Ihnen Thornfield?" fragte sie.
Ich sagte ihr, es gefalle mir sehr gut.
"Ja," sagte sie, "es ist ein hübscher Ort; aber ich fürchte,
er wird aus der Ordnung kommen, wenn es Herrn Rochester
nicht einfällt, hierher zu kommen und ihn für immer zu bewohnen,
oder wenigstens öfter zu besuchen; große Häuser
und schönte Besitzungen fordern die Gegenwart des Besitzers.
"Herr Rochester!" rief ich. "Wer ist das?"
"Der Besitzer von Thornfield," antwortete sie ruhig.
"Wußten Sie nicht, daß er Rochester heißt?"
Natürlich nicht -- ich hatte nie vorher von ihm gehört;
aber die alte Dame schien seine Existenz als eine allgemein
bekannte Thatsache anzusehen, womit jeder instinctmäßig bekannt
sein müsse.
"Ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen, fuhr ich fort.
"Mir? welch ein Einfall, mein Kind! mir? Ich bin
nur die Haushälterin -- die Verwalterin. Freilich bin ich
von mütterlicher Seite entfernt mit den Rochesters verwandt,
oder wenigstens mein verstorbener Mann war es, der die

Herr Rochester trug mich in seinen Armen über eine Planke
ans Land, und Sophie kam nach, und wir stiegen Alle in
eine Kutsche, die uns zu einem schönen großen Hause brachte,
schöner und größer, als dies, ein Hotel genannt. Dort
blieben wir beinahe eine Woche: ich und Sophie gingen jeden
Tag auf einem großen grünen Platze spazieren, der mit
Bäumen bepflanzt war und den man den Park nannte; und
da waren außer mir noch viele Kinder, und ein Teich mit
schönen Fischen, die ich mit Brodkrumen fütterte."
"Verstehen Sie sie, wenn sie so schnell spricht?" fragte
Mistreß Fairfax.
Ich verstand sie sehr gut, denn ich hatte mich an die
geläufige Zunge der Madame Pierrot gewöhnt.
"Ich möchte wohl, Sie fragten sie nach ihren Verwandten,"
fuhr die gute Dame fort: " es soll mich wundern, ob
sie sich derselben erinnert."
"Adele," fragte ich, "bei wem warst Du, als Du in
jener hübschen reinlichen Stadt lebtest, von der Du gesprochen?"
"Ich war lange bei Mama; aber sie ist zur heiligen
Jungfrau gegangen. Mama unterrichtete mich im Tanzen
und Singen, und ich mußte Verse hersagen. Eine große
Menge Herren und Damen kamen, Mama zu besuchen, und
dann tanzte ich vor ihnen, oder saß ihnen auf dem Schooß
und sang ihnen Lieder: das gefiel mir. Soll ich Ihnen jetzt
einmal etwas vorsingen?"
Sie hatte ihr Frühstück beendet, und da erlaubte ich
ihr, eine Probe von ihren Geschicklichkeiten zu geben. Sie
stieg von ihrem Stuhl, setzte sich auf mein Knie, faltete
dann ehrbar ihre kleinen Hände vor sich, schüttelte ihre
Locken zurück, erhob ihre Augen zur Decke und begann eine
Stelle aus einer Oper zu singen. Es war der Gesang eines
verlassenen Dame, die, nachdem sie die Treulosigkeit ihres
Geliebten beklagt, den Stolz zu Hülfe ruft, ihrer Dienerin
befiehlt, sie mit den glänzendsten Juwelen und prächtigsten
Gewändern zu bekleiden, und sich entschließt, den Treulosen
an dem Abend auf einem Balle zu treffen und ihm dur
die Heiterkeit ihres Benehmens zu beweisen, wie wenig Eindruck
seine Entfernung auf sie gemacht hat.

Der Gegenstand schien mir für eine kindliche Sängerin
seltsam gewählt; aber ich glaube, der Reiz lag darin, die
Töne der Liebe und Eifersucht in kindlichem Lispeln zu hören;
und ich dachte wenigstens, dies sei ein sehr schlechter
Geschmack.
Adele sang die Arie mit ganz hübscher Stimme und der
Naivetät ihres Alters. Als sie damit zu Ende war, sprang
sie von meinem Knie und sagte:
"Nun, Mademoiselle, will ich Ihnen ein Gedicht vorsagen."
Nachdem sie eine Stellung angenommen, begann sie das
Bündniß der Ratten, eine Fabel von la Fontaine, zu recitiren.
Sie declamirte das kleine Stück mit einer Aufmerksamkeit auf die Interpunction und den Accent, mit einer Biegsamkeit der Stimme und mit so passenden Bewegungen,
die in ihrem Alter sehr ungewöhnlich sind, und bewiesen,
daß man sie sehr sorgfältig unterrichtet habe.
"Hat Deine Mama Dir das Stück gelehrt?" fragte ich.
"Ja, und sie pflegte es gerade auf diese Weise zu sprechen:
"Qu'avez-vous donc? lui dit un de ces rats; parlez!"
Ich mußte meine Hand erheben -- so -- um mich
zu erinnern, daß ich auch meine Stimme bei der Frage erheben müsse. Soll ich Ihnen jetzt etwas vortanzen?"
"Nein, dies ist schon hinreichend. Aber nachdem Deine
Mama zur heiligen Jungfrau gegangen war, wie Du sagst;
bei wem lebtest Du da?"
"Bei Madame Frederic und ihrem Manne; sie trug
Sorge für mich, doch ist sie nicht mit mir verwandt. Ich
glaube, sie ist arm, denn sie hatte kein so schönes Haus,
wie Mama. Ich war nicht lange bei ihr, da fragte mich
Herr Rochester, ob ich mit ihm gehen und in England leben
wolle, und da sagte ich ja; denn ich kannte Herrn Rochester
eher, als ich Madame Frederic kannte, und er war immer
freundlich gegen mich und gab mir hübsche Kleider und
Spielfachen; aber Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten,
denn er hat mich nach England gebracht und ist jetzt selber
zurückgekehrt, und ich sehe ihn nie."
Nach den Frühstück gingen Adele und ich in das Bibliothekzimmer, welches, wie Herr Rochester angeordnet, als Schulzimmer gebraucht werden sollte. Die meisten Bücher waren hinter Glasthüren verschlossen, doch war ein Bücherschrank offen geblieben, der alle nöthigen Elementarwerke, verschiedene Gedichte, Biographien, Reisebeschreibungen und
einige Romane enthielt. Vermuthlich hatte er geglaubt, das sei Alles, was eine Erzieherin zu ihrer Privatlectüre bedürfe: und in der That genügten mir die Bücher auch jetzt vollkommen, und im Vergleich zu der spärlichen Ausbeute, die ich zu Lowood hatte machen können, schienen sie
mir eine reichliche Ernte der Unterhaltung und Belehrung
darzubieten. In diesem Zimmer befand sich auch ein ganz
neues Pianoforte von vortrefflichem Ton, eine Staffelei zum
Malen und Erd- und Himmelsgloben.
Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, doch nicht
zum Fleiße geneigt, denn sie war an keine regelmäßige Beschäftigung
irgend einer Art gewöhnt. Ich sah ein, daß es
nicht vernünftig sein würde, sie gleich anfangs zu sehr zu
beschäftigen; und als ich viel mit ihr gesprochen und sie ein
wenig hatte lernen müssen, erlaubte ich ihr um zwölf Uhr
zu ihrer Bonne zurückzukehren. Dann bereitete ich mich
vor, mich bis zur Mittagszeit damit zu beschäftigen, einige
kleine Skizzen für ihren Gebrauch zu zeichnen.
Als ich die Treppe hinaufging, um meine Zeichenmappe
und Bleistifte zu holen, rief Mistreß Fairfax mir zu:
"Ich vermuthe, Ihre Schulstunden für diesen Morgen
sind beendet?"
Sie befand sich in einem Zimmer, dessen Flügelthüren
offen standen, und ich ging hinein, als sie mich anredete.
Es war ein großes stattliches Zimmer mit purpurfarbigen
Stühlen und Vorhängen und einem türkischen Teppich. Die
Wände waren mit Täfelwerk von Nußholz bekleidet, das breite
Fenster mit schön gemaltem Glase geziert, die Decke hoch und
mit geschmackvollen Gipszierrathen versehen. Mistreß Fairfax
stäubte einige Gefäße von purpurrothem Marienglase ab,
die auf einem Nebentische standen.
"Welch ein schönes Zimmer!" rief ich, als ich mich umsah,
denn ich hatte noch nie ein so imposantes Gemach gesehen.

"Ja, dies ist das Speisezimmer. Ich habe nur das
Fenster geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnenschein hereinzulassen,
denn in Zimmern, die selten bewohnt werden,
wird Alles leicht feucht, und im Gesellschaftszimmer dort
herrscht eine Luft wie in einem Gewölbe.
Sie deutete auf einen weiten Bogen, der dem Fenster
ähnlich und mit einem dunkelrothen, jetzt aufgeschlagenen
Vorhange versehen war. Ich stieg zwei breite Stufen hinauf, sah hinein und glaubte einen Feensitz zu erblicken, so
glänzend erschien meinen unerfahrenen Augen diese Aussicht.
Doch es war nur ein sehr hübsches Gesellschaftszimmer, und
hinter demselben ein Boudoir, beide mit weißen Teppichen
bedeckt, auf welchen glänzende Blumenguirlanden zu liegen
schienen; die Plafonds waren schneeweiß und mit Trauben
und Weinblättern von Gips verziert, unter welchen sich in
lebhaftem Contraste hochrothe Sophas und Ottomanen befanden,
während die Zierrathen des Kamins von parischem
Marmor und rothem böhmischen Glase waren. Die großen
Spiegel zwischen den Fenstern wiederholten die allgemeine
Verschmelzung von Schnee und Feuer.
"In welcher guten Ordnung erhalten Sie diese Zimmer,
Mistreß Fairfax!" sagte ich. "Kein Staub, keine
Decken von Leinwand; und wenn die Luft nicht so kalt
wäre, sollte man denken, sie würden täglich bewohnt."
"Nun, Miß Eyre, obgleich Herrn Rochester's Besuche
selten sind, so sind sie doch stets plötzlich und unerwartet.
Da ich bemerkt habe, daß es ihn in keine gute Stimmung
versetzt, wenn Alles erst nach seiner Ankunft gereinigt und
viel Geräusch gemacht wird, so hielt ich es für das Beste,
die Zimmer stets in Bereitschaft zu halten."
"Ist Herr Rochester ein sehr pünktlicher und viel fordernder
Mann?"
"Das nicht gerade; aber er hat den Geschmack und die
Gewohnheiten eines gebildeten Mannes und erwartet, daß
Alles in Uebereinstimmung mit denselben eingerichtet werde."
"Gefällt er Ihnen? Ist er allgemein beliebt?"
"O ja, die Familie ist hier stets geachtet gewesen. Fast
alles Land in dieser Gegend, so weit Sie sehen können, hat
den Rochesters seit Menschengedenken gehört."

"Nun, wenn wir seine Besitzung aus dem Spiele lassen,
gefällt er Ihnen? Ist er um seiner selbst willen beliebt?"
"Ich habe keine Ursache, daß er mir nicht gefallen sollte,
und ich glaube, er wird von seinen Pächtern als ein gerechter
und liberaler Gutsherr angesehen; doch hat er nicht viel
unter ihnen gelebt."
"Aber hat er keine Eigenthümlichkeiten? Welches ist in der Kürze sein Charakter?"
"O! sein Charakter ist ohne Vorwurf, glaube ich. Vielleicht ist er etwas eigenthümlich: er ist viel gereist und hat einen großen Theil der Welt gesehen, denke ich. Er wird auch talentvoll sein; aber ich habe nie viel Unterredungen mit ihm gehabt."
"In welcher Art ist er eigenthümlich?"
"Ich weis es nicht -- es ist nicht leicht zu beschreiben
nicht auffallend, aber man fühlt es, wenn man mit ihm
redet: man ist nicht immer gewiß, ob er im Scherz oder im
Ernst spricht, ob ihn etwas angenehm oder unangenehm
ist; kurz, man versteht ihn nicht vollkommen -- wenigstens
ich nicht; aber das ist von keiner Bedeutung, denn er ist bei
alle dem ein sehr guter Herr."
Dies war alle Auskunft, die ich von Mistreß Fairfax
über ihren und meinen Herrn zu erhalten vermochte. Es
gibt Leute, die sich nicht darauf verstehen, einen Charakter
zu skizziren, oder hervorstechende Punkte an Personen oder
Dingen zu beobachten und zu beschreiben. Die gute Dame
gehörte offenbar zu dieser Klasse; meine Fragen waren ihr
auffallend, brachten sie aber nicht in Verlegenheit. Herr
Rochester war in ihren Augen Herr Rochester, ein Gentleman, ein Landbesitzer -- nichts weiter: sie fragte und suchte
nicht weiter, und wunderte sich offenbar über meinen Wunsch,
noch eine genauere Kenntniß von ihm zu erlangen.
Als wir das Speisezimmer verließen, machte sie mir den
Vorschlag, mir auch die übrigen Theile des Hauses zu zeigen, und ich folgte ihr mit Bewunderung die Treppe hinauf
und hinunter, denn Alles war schön und wohl angeordnet.
Die großen Vorderzimmer erschienen mir als besonders großartig, und einige Zimmer im dritten Stock, vielleicht dunkel
und niedrig, waren mir wegen ihres alterthümlichen Aussehens interessant. Das Mobiliar der unteren Gemächer
war, als die Mode sich geändert hatte, nach und nach hieher gebracht worden, und das unvollkommene Licht, das durch
die schmalen Fenster hereinfiel, zeigte Bettgestelle, die über
hundert Jahre alt waren, Schränke und Kasten von Eichen-
und Nußholz, die mit ihrem seltsamen Schnitzwerk von Palmzweigen und Cherubimköpfen der jüdischen Bundeslade nachgebildet zu sein schienen; Reihen ehrwürdiger Stühle mit
hohen und schmalen Lehnen; noch ältere Sessel, auf welchen
noch die Spuren einer halbabgeriebenen Stickerei sichtbar
waren, von Fingern gearbeitet, die schon seit zwei Menschenaltern im Grabe ruhten. Alle diese Reliquien verliehen
dem dritten Stock von Thornfield Hall das Ansehen eines
Hauses der Vergangenheit: eines Heiligthums der Erinnerung.
Bei Tage gefiel mir die Stille, die düstere Zierlichkeit dieser Orte; doch würde ich nicht gern eine Nacht in diesen breiten und schweren Betten zugebracht haben, wovon
einige mit eichenen Thüren versehen, und andere mit alten
gewirkten englischen Vorhängen beschattet waren, und die
Bilder seltsamer Blumen, noch seltsamerer Vögel und der
seltsamsten menschlichen Wesen darstellten -- dies Alles hätte
bei dem bleichen Schimmer des Mondes ein geisterhaftes Ansehen
annehmen müssen.
"Schlafen die Diener in diesen Zimmern?" fragte ich.
"Nein, sie bewohnen eine Reihe kleinerer Zimmer nach
hinten hinaus. Hier schläft nie Jemand, und man sollte
fast sagen, wenn ein Geist in Thornfield Hall wäre, so
würde er sich hier aufhalten."
"Das denke ich auch; Sie haben also keinen Geist hier?"
"Keinen, wovon ich je gehört hätte, entgegnete Mistreß
Fairfax lächelnd.
"Auch keine Sage von einen? keine Legenden oder Geistergeschichten?"
"Ich glaube nicht. Freilich sagt man, daß die Rochesters
mehr ein stürmisches, als ein ruhiges Geschlecht zu ihrer Zeit
gewesen; doch ist das vielleicht der Grund, daß sie jetzt still
in ihren Gräbern ruhen."
"Ja, nach dem glühenden Fieber des Lebens schlafen sie

ruhig, flüsterte ich. "Wo gehen Sie jetzt hin, Mistreß
Fairfax?" fragte ich, als sie weiter ging.
"Auf das Bleidach. Wollen Sie mit und die Aussicht
von dort sehen?"
Ich folgte ihr eine sehr schmale Treppe hinauf, die auf
den Boden führte, und von dort vermöge einer Leiter und
durch eine Fallthür auf das Dach des Gebäudes. Ich war
jetzt in gleicher Höhe mit der Dohlencolonie und konnte in
ihre Nester sehen. Indem ich mich über die Zinnen lehnte
und hinunterblickte, sah ich die Gegend wie eine Karte vor
mir: den sammetartigen Rasen, der das graue Fundament
des Hauses umgab, den Park mit seinen alten Bäumen; den
Wald von einem grün überwachsenen Wege getheilt, grüner
von Moos, als die Bäume von dem Laubwerk waren; die
Kirche vor den Thoren, den Weg, die stillen Hügel, in der
Sonne des Herbsttages ruhend, den Horizont von einem
heiteren Himmel begrenzt, und nur hier und da mit perlenhellem
Weiß marmorirt. Nichts war außerordentlich in der
Scene, aber Alles war lieblich. Als ich mich von der Aussicht
abwendete und wieder durch die Fallthür hinunterstieg,
konnte ich kaum meinen Weg die Leiter hinunter finden.
Der Hausboden schien schwarz wie ein Gewölbe im Vergleich
zu dem blauen Himmelsbogen, zu dem ich aufgeblickt,
und zu der sonnigen Scene von Wald und Weiden und
grünen Hügeln, wovon die Halle der Mittelpunkt war, und
über die ich mit Entzücken hingeschaut.
Mistreß Fairfax blieb noch einen Augenblick zurück, um
die Fallthür wieder zu schließen; ich tappte umher, bis ich
den Ausgang wieder fand, und stieg die schmale Treppe hinunter.
Ich verweilte in dem langen Gange, der die Vorderzimmer
von den hintern Zimmern des dritten Stocks
trennte. Er war niedrig, schmal und düster, nur am
äußersten Ende von einem kleinen Fenster erleuchtet, und
glich mit den beiden Reihen kleiner schwarzer Thüren, die
alle verschlossen waren, dem Corridor in dem Schlosse eines
Blaubart.
Während ich langsam weiterging, traf ein Lachen mein
Ohr -- der letzte Ton, den ich in einer so stillen Region zu
hören erwartet hatte. Es war ein seltsames, deutliches,
gemessenes und freudeloses Lachen. Ich blieb stehen: der
Ton verstummte auf einen Augenblick. Dann begann es
wieder lauter, denn zuerst war es nur sehr leise, obgleich
deutlich gewesen. Darauf ging es in ein wildes Geschrei
über, welches in jedem einsamen Zimmer ein Echo zu erwecken
schien, obgleich es nur ans einem hervorkam und ich
die Thür desselben hätte zeigen können.
"Mistreß Fairfax!" rief ich, denn ich hörte sie jetzt die
große Treppe hinuntergehen." Hörten Sie das laute Lachen?
Wer ist es?"
"Wahrscheinlich eine von den Dienerinnen," antwortete
sie;" vielleicht Gratia Poole."
"Hörten Sie es?" fragte ich wieder.
"Ja, ganz deutlich: ich höre sie oft. Sie näht in einem dieser Zimmer. Zuweilen ist Lea bei ihr, und sie machen viel Geräusch zusammen."
Das Lachen wurde in leisem und abgemessenen Tone
wiederholt, und endete mit einem seltsamen Gemurmel.
"Gratia!" rief Mistreß Fairfax.
Ich erwartete in der That nicht, daß eine Grazie antworten
würde, denn das Lachen war so tragisch, so übernatürlich,
wie ich nur je eins hörte. Doch es war Mittag
und das seltsame Lachen von keinem weiteren geisterhaften
Umstande begleitet; weder die Scene, noch die Stunde begünstigte die Furcht, sonst hätte ich wirklich einen abergläubischen Schrecken empfunden. Aber das Ereignis zeigte mir,
daß ich eine Thörin sei, deshalb auch nur Ueberraschung zu empfinden.
Die mir zunächst befindliche Thür öffnete sich und eine Dienerin kam heraus, ein Frauenzimmer zwischen dreißig und, vierzig Jahren. Sie war von untersetzter Gestalt, hatte rothes Haar und ein rauhes und gewöhnliches Gesicht: eine weniger romantische, oder weniger geisterhafte Erscheinung hätte man sich kaum denken können.
"Zu viel Lärm, Gratia, sagte Mistreß Fairfax. "Denke an Deine Befehle!"
Gratia verneigte sich schweigend und ging wieder hinein.
"Es ist eine Person, die wir zum Nähen haben, und die Lea in der Hausarbeit unterstützen muß, fuhr die Wittwe fort;" in einiger Hinsicht ist sie nicht ganz ohne Fehler, doch ist sie zu ihrer Arbeit immer gut genug. --
Nun sagen Sie mir doch auch, wie sind Sie diesen Morgen mit Ihrer neuen Schülerin ausgekommen?"
Hier wendete sich die Unterhaltung zu Adelen, bis wir die untere helle und heitere Region erreichten. Adele kam uns im Vorsaale entgegen gelaufen und rief:
"Meine Damen, es ist servirt. Ich habe großen Hunger!"
Wir fanden das Mittagessen in dem Zimmer der Mistreß Fairfax bereit.



Zwölftes Kapitel.

Die Erwartung eines ruhigen und friedlichen Lebens, welches mir der gemüthliche Empfang in Thornfield Hall zu verheißen schien, wurde bei einer längeren Bekanntschaft
mit dem Orte und den Bewohnern nicht vereitelt. Mistreß Fairfax erwies sich als das, was sie schien, nämlich als eine gutmüthige, freundliche Frau von hinreichender Erziehung
und gutem Verstande. Meine Schülerin war ein lebhaftes und verzogenes Kind, dem man viel nachgesehen; sie war daher oft geneigt, nach ihrem eigenen Kopfe zu handeln.
Da sie aber gänzlich meiner Sorgfalt anvertraut war und kein unverständiges Einmischen von irgend einer Seite her meine Erziehungspläne vereitelte, so vergaß sie bald ihre kleinen Grillen und wurde gehorsam und lernbegierig. Sie besaß keine großen Talente, keine hervortretenden Charakterzüge, keine eigenthümliche Entwickelung des Gefühls oder Geschmacks, was sie nur um einen Zoll über die gewöhnliche Stufe der Kindheit erhob; aber sie hatte auch keine Fehler oder Laster, die sie unter dieselbe stellten. Sie machte ganz erträgliche Fortschritte, hegte für mich eine lebhafte, wenn auch vielleicht nicht sehr tiefe Neigung, und flößte mir
durch ihre Einfachheit, durch ihr heiteres Geplauder und ihre Bemühungen, mir zu gefallen, einen Grad von Anhänglichkeit ein, der genügend war, jede in der Gesellschaft
der andern zufrieden zu machen.

Dies werden diejenigen Personen, welche feierliche Ansichten von der engelgleichen Natur der Kinder und der Pflicht derjenigen hegen, die mit ihrer Erziehung beauftragt sind, eine abgöttische Aufopferung für sie zu empfinden, für eine sehr kalte Sprache halten; aber ich schreibe nicht, um dem väterlichen Egoismus zu schmeicheln, abgedroschene Redensarten zu wiederholen, oder leere, nichtssagende Worte vorzubringen; ich rede nur die Wahrheit. Ich hegte
eine gewissenhafte Besorgniß für Adelens Wohlfahrt und ihre Fortschritte, und eine ruhige Neigung für ihr kleines Selbst; gerade wie ich mich gegen Mistreß Fairfax der
Dankbarkeit für ihre Güte hingab, und ein, der ruhigen Achtung, die sie für mich zeigte, und der Mäßigung ihres Geistes und Charakters angemessenes Vergnügen empfand.
Es mag mich tadeln, wer will, wenn ich weiter hinzufüge, daß ich von Zeit zu Zeit, wenn ich allein in der Umgebung spazieren ging, wenn ich bis zum Thor wanderte
und auf die Landstraße hinblickte, oder, während Adele mit ihrer Bonne spielte, und Mistreß Fairfax in der Speisekammer Früchte auf den Winter einmachte, die drei Stockwerke
hinaufkletterte, die Fallthür des Hausbodens öffnete, auf das Bleidach stieg, und weit über die einsamen Felder und Hügel, so wie über die trübe Linie des Himmels dahinblickte -- daß ich mich dann nach einer Kraft des Gesichts sehnte, die über diese Grenze hinausgehen, die geschäftige Welt, die Städte und die Regionen voll Leben erreichen möchte, wovon ich gehört, die ich aber nie gesehen: daß ich mir dann mehr praktische Erfahrung wünschte, als ich besaß,
mehr Umgang mit meinem Geschlechte und mehr Bekanntschaft mit verschiedenen Charakteren, als hier in meinem Bereiche war. Ich schätzte alles Gute an Mistreß Fairfax und alles Gute an Adelen; aber ich glaubte an das Dasein anderer und lebhafterer Arten der Güte, und woran
ich glaubte, das wünschte ich zu sehen.
Wer tadelt mich? Viele ohne Zweifel, und sie werden mich unzufrieden nennen. Ich konnte nicht helfen: die Ruhelosigkeit lag in meiner Natur, und sie regte mich auf, so daß sie zuweilen schmerzlich wurde. Dann war es meine einzige Erholung, sicher in der Stille und der Einsamkeit
des Ortes, im Corridor des dritten Stocks auf- und abzugehen und dem Auge meines Geistes zu gestatten, bei den glänzenden Visionen zu verweilen, die sich vor mir erhoben.
Und gewiß waren ihrer viele, und sie zeigten sich lebhaft bemüht, mein Herz mit frohlockender Bewegung schlagen zu lassen, die es zwar mit Unruhe, aber mit Leben erfüllte,
und vor allen Dingen mein inneres Ohr einer Erzählung zu öffnen, die nie endete - einer Erzählung, die meine Einbildungskraft erschuf und beständig wiederholte, mich
mit Leben, Feuer und Gefühl erfüllte, welches ich wünschte, aber nicht in meinem wirklichen Dasein besaß.
Es ist vergebens, zu sagen, daß menschliche Wesen mit der Ruhe zufrieden sein sollten; sie müssen Handlung haben, und sie werden sie machen, wenn sie sie nicht finden können.
Millionen sind zu einem stillern Geschick, als das meine verurtheilt,und Millionen sind in schweigender Empörung gegen ihr Loos begriffen. Niemand weiß, wie viele Rebellionen
außer den politischen Rebellionen in den Massen des Lebens gähren, die die Erde bevölkern. Die Frauen hält man gewöhnlich für sehr ruhig; aber die Frauen fühlen gerade so wie die Männer; sie bedürfen der Uebung für ihre Fähigkeiten und ein Feld für ihre Anstrengungen so gut wie
ihre Brüder; sie leiden einen zu strengen Zwang und sind dem völligen Stillstande preisgegeben, gerade so wie es bei den Männern der Fall sein würde; und es ist eine Engherzigkeit von ihren bevorzugten Mitgeschöpfen zu sagen, sie sollten sich darauf beschränken, Puddings zu backen und Strümpfe zu stricken, das Pianoforte zu spielen und Reisetaschen zu nähen. Es ist gedankenlos, sie zu verurtheilen oder über sie zu lachen, wenn sie streben mehr zu thun oder
zu lernen, als die Sitte für ihr Geschlecht für nöthig erachtet hat. Wenn ich so allein war, hörte ich Gratia Poole nicht selten lachen: es war dasselbe leise und langsame "Ha! ha!" welches mich erschüttert, als ich es zuerst gehört. Ich vernahm auch ihr excentrisches Gemurmel, noch seltsamer, als ihr Lachen. Es gab Tage, wo sie ganz still war; zu andern Zeiten aber konnte ich mir die Töne nicht erklären, die sie hervorbrachte. Zuweilen sah ich sie; dann kam sie mit
einer Schlüssel, einem Teller oder einem andern Geschirr in der Hand aus ihrem Zimmer, ging in die Küche und kehrte gewöhnlich bald darauf -- o romantischer Leser, verzeihe mir, wenn ich die einfache Wahrheit sage! -- mit einem Kruge Porter zurück. Ihr Erscheinen dämpfte beständig
die Neugierde, die ihr Lachen und ihr seltsames Gemurmel hervorbrachte: bei ihren strengen und festen Gesichtszügen hatte sie Nichts an sich, woran das Interesse haften konnte.
Ich machte einige Versuche, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln, aber sie schien eine Person von wenig Worten zu sein, und eine einsilbige Antwort schnitt gewöhnlich jedes
Bemühen der Art ab.
Die andern Mitglieder des Haushaltes, nämlich John und seine Frau, das Hausmädchen Lea und Sophie, die französische Bonne, waren anständige Leute, aber keineswegs bemerkenswerth. Mit Sophie sprach ich gewöhnlich französisch und fragte sie zuweilen nach ihrem Vaterlande;
doch schien sie keine Anlage zur Beschreibung oder Erzählung zu haben, und gab gewöhnlich nur geistlose und verwirrte Antworten, die nicht geeignet waren, zum weiteren
Fragen zu ermuthigen.
October, November und December vergingen. An einem Nachmittage im Januar hatte Mistreß Fairfax für Adele einen Feiertag erbeten, weil sie sich erkältet; und da Adele die Bitte mit einer Lebhaftigkeit unterstützte, die mich erinnerte, was für mich in meiner Kindheit gelegentliche Feiertage gewesen waren, so bewilligte ich sie, indem ich es für gut hielt, in dieser Hinsicht Nachgiebigkeit zu zeigen. Es war ein schöner ruhiger Tag, obgleich sehr kalt, und da es
mir überdrüßig geworden, den ganzen langen Morgen im Bibliothekzimmer zu sitzen, und Mistreß Fairfax gerade einen Brief geschrieben hatte, der auf die Post sollte, so legte ich Hut und Mantel an und erbot mich, ihn nach Hay zu tragen. Die Entfernung betrug nur zwei Meilen,
und das war ein angenehmer Spaziergang an einem Winternachmittage.
Als ich Adele bequem in ihrem kleinen Stuhl neben dem Kamin in dem Zimmer der Mistreß Fairfax hatte sitzen sehen und ihr ihre beste Puppe, die ich gewöhnlich, in Silberpapier gehüllt, in einem Fach aufbewahrte, zum Spielen und ein Geschichtenbuch zum Lesen gegeben, um die Unterhaltung abzuwechseln und auf ihr:
"Kommen Sie bald wieder, liebe Mademoiselle Jeanette," mit einem Kuß geantwortet, machte ich mich auf den Weg.
Der Boden war hart, die Luft still und mein Weg langsam; ich ging rasch, bis ich warm wurde und dann langsam, um mich des Vergnügens, welches für mich in der Stunde lag, zu erfreuen und es zu analysiren. Es war drei Uhr; die Kirchenglocke schlug, als ich an dem Thurme
vorüberging: der Reiz der Stunde lag in der herannahenden Dunkelheit, in der niedrig stehenden und blas strahlenden Sonne. Ich war eine Meile von Thornfield entfernt, in einem Heckengange, der sich im Sommer durch seine wilden Rosen und im Herbste durch seine Nüsse und
Brombeeren auszeichnete, und selbst jetzt einige Korallenschätze in Hagebutten und Mehlbeeren besaß, dessen Anziehendes aber im Winter besonders in seiner äußersten Einsamkeit und lautlosen Ruhe bestand. Wenn sich auch ein Lüftchen regte, so brachte es hier kein Geräusch hervor, denn es war kein Holunder oder Immergrün da, welches rauschte, und die ihres Schmuckes beraubten Hagedorn- und Haselbüsche waren eben so still, wie die weißen abgeriebenen Steine, die die Mitte des Weges bedeckten. Weit und breit zu jeder Seite waren nur Felder, wo jetzt kein Rindvieh weidete, und die kleinen braunen Vögel, die sich von Zeit
zu Zeit in der Hecke regten, glichen den einzelnen braunrothen Blättern, die vergessen hatten, abzufallen.
Dieser Weg ging bis Hay beständig aufwärts; und als ich die Mitte erreicht hatte, setzte ich mich auf einen Steg nieder, der dort den Uebergang zu einem Felde bildete. Indem ich meinen Mantel um mich zusammenzog, und meine Hände tief in meinen Muff steckte, fror es mich nicht, obgleich es sehr kalt war, was eine dünne Eisdecke auf dem Wege bezeugte, den ein kleiner, jetzt zugefrorner Bach nach einem, vor einigen Tagen eingetretenen raschen Thauwetter überflutet hatte. Von meinem Sitze konnte ich auf Thornfield niederblicken: die graue, mit Zinnen versehene Halle war der Hauptgegenstand im Thale unter mir; der Wald und das dunkle Dohlengeniste stach gegen den westlichen Himmel ab. Ich verweilte, bis die Sonne hinter
den Bäumen unterging, und dunkelroth und klar am Horizont verschwand. Dann wendete ich mich nach östlicherRichtung.
Auf der Höhe des Hügels über mir zeigte sich der aufgehende Mond, noch bleich wie eine Wolke, aber jeden Augenblick an Helle zunehmend; er überblickte Hay, welches halb unter Bäumen versteckt dalag, und aus seinen wenigen Schornsteinen einen blauen Rauch emporsendete; es war noch eine Meile entfernt, aber bei der vollkommenen Stille konnte ich das leise Gemurmel des lebendigen Verkehrs dort deutlich vernehmen. Mein Ohr hörte auch Bäche fließen, in welchen Thälern und Tiefen konnte ich nicht sagen; aber es waren noch viele Hügel jenseits Hay, und ohne Zweifel rauschten viele Bäche durch ihre Schluchten dahin. Jene
Abendstille verrieth sowohl das Plätschern der nächsten, als das leise Murmeln der entferntesten Wasserläufe.
Ein lautes Geräusch unterbrach das leise Rieseln und Flüstern, welches zugleich so fern und doch so deutlich war: ein Stampfen, ein metallartiges Klirren übertäubte die sanften Wanderungen der Wogen, wie in einem Gemälde die feste Masse eines Felsen oder der rauhe Stamm einer großen Eiche, in dunkeln und starken Zügen in den Vordergrund gestellt, die duftige Ferne des azurblauen Hügels, den sonnigen Horizont und die verschmelzenden Wolken, in denen eine Färbung in die andere übergeht, fast unscheinbar machen.
Das Geräusch war auf der Straße; ein Pferd kam daher
und näherte sich, obgleich die Windungen der Hecke es
noch verbargen. Ich war gerade im Begriff gewesen, den
Steg zu verlassen, doch da der Weg schmal war, so blieb
ich sitzen, um es vorüber zu lassen. In jenen Tagen war
ich jung, und alle Arten von glänzenden und dunklen
Phantasien erfüllten meinen Geist: die Erinnerungen an
Ammenmährchen befanden sich unter anderm Schutt, und
als sie mir wieder einfielen, fügte die reisende Jugend eine
Kraft und Lebhaftigkeit hinzu, die ihnen die Kindheit nicht
zu verleihen vermochte. Als dies Pferd sich näherte und
ich seine Erscheinung in der Dämmerung erwartete, fielen

mir einige von Bessie's Erzählungen ein, worin ein nordenglischer Geist Namens Gytrash figurirte, der in Gestalt
eines Pferdes, eines Maulthiers oder großen Hundes einsame Wege verfolgte, und zuweilen späten Wanderern
erschien.
Es war sehr nahe, aber noch nicht zu sehen, als ich
außer den Hufschlägen ein Rauschen unter der Hecke vernahm, und dicht an den Haselstämmen ein großer Hund
dahinschlüpfte, dessen schwarze und weiße Farbe ihn unter
den Bäumen deutlich sichtbar machte. Er glich genau
Bessie's Gytrash -- es war ein löwenartiges Geschöpf mit
langem Haar und ungeheurem Kopfe; er ging indessen ganz
ruhig an mir vorüber und sah mich nicht mit seltsamen,
geisterhaften Augen an, wie ich erwartet hatte. Das Pferd
folgte -- ein großes Roß, welches auf seinem Rücken einen
Reiter trug. Das menschliche Wesen verbannte sogleich den
Zauber. Der Gytrash trug nie einen Reiter: er war stets
allein; und Kobolde mochten meiner Ansicht nach wohl die
stummen Leichen von Thieren bewohnen, konnten aber in
der menschlichen Gestalt keinen Aufenthalt finden. Es war
also kein Gytrash, sondern ein Reisender, der den kürzern
Weg nach Millcote wählte. Er ritt vorüber und ich ging
weiter. Als ich einige Schritte gethan hatte, wendete ich
mich um, hörte, wie das Pferd ausglitt und der Reiter
rief: "Was zum Henker ist jetzt zu thun?" Dann wurde
meine Aufmerksamkeit von einem klirrenden Falle in Anspruch
genommen. Mann und Pferd lagen am Boden: sie
waren auf der Eisdecke des Weges ausgeglitten. Der Hund
kam zurückgesprungen, und als er seinen Herrn in dieser
Lage sah und das Pferd stöhnen hörte, bellte er, daß die
Hügel den Schall wiederholten, der im Verhältniß zu seiner
Größe sehr tief war. Er umschnüffelte die liegende Gruppe
und kam dann zu mir gelaufen. Es war Alles, was er
thun konnte -- keine andere Hülfe war nahe, die er auffordern konnte. Ich folgte ihm und ging zu dem Reisenden,
der sich jetzt von seinem Pferde zu befreien suchte. Seine
Anstrengungen waren so kräftig, daß ich glaubte, er könne
nicht sehr verletzt sein; doch fragte ich ihn:
"Haben Sie sich beschädigt, mein Herr?"

Ich glaube er fluchte, aber ich weiß es nicht gewiß.
Indessen sprach er eine Formel aus, die ihn verhinderte,
mir sogleich zu antworten."
"Kann ich etwas für Sie thun?" fragte ich wieder.
"Treten Sie nur auf die Seite," antwortete er, indem
er sich zuerst auf seine Kniee stützte, und sich dann auf die
Füße stellte. Ich that es, und darauf begann ein Stampfen
und Schlagen, von dem Bellen und Heulen des Hundes
begleitet, was mich in der That veranlaßte, einige Schritte
zurückzutreten; aber ich wollte mich nicht eher ganz entfernen,
als bis ich den Erfolg gesehen hatte. Dieser zeigte
sich endlich glücklich; das Pferd wurde wieder aufgerichtet,
und der Hund mit einem: "Still, Pilot!" zur Ruhe gebracht.
Der Reiter beugte sich jetzt nieder und befühlte seinen Fuß
und sein Bein, als wollte er untersuchen, ob beide unverletzt
wären. Offenbar hatte er sich beschädigt, denn er
hinkte zu dem Stege hin, von dem ich eben aufgestanden
war, und setzte sich nieder.
Ich war in der Stimmung, mich nützlich zu machen,
oder wenigstens dienstfertig zu sein, glaube ich, denn ich
näherte mich ihm jetzt wieder.
"Wenn Sie sich beschädigt haben und Hülfe bedürfen,
mein Herr, so kann ich entweder von Thornfield Hall oder
von Hay Jemand herbeiholen."
"Ich danke Ihnen, es wird schon gehen. Ich habe mir
Nichts zerbrochen und nur den Fuß verrenkt."
Er stand wieder auf und versuchte, auf seinen Füßen
zu stehen, doch preßte ihm der Schmerz einen unwillkürlichen
Ausruf aus.
Es war noch ein Schimmer des Tageslichts am Himmel,
und der Mond schien hell. Ich konnte ihn also deutlich
sehen. Seine Gestalt war in einen Reisemantel mit
einem Pelzkragen gehüllt, und vorn mit einem stählernen
Haken befestig. Sein Wuchs war nicht sichtbar, doch bemerkte
ich, daß er von mittler Größe war und eine beträchtlich
breite Brust hatte. Er hatte ein dunkles Gesicht, strenge
Züge und eine schwere Stirn; seine Augen und seine zusammengezogenen
Brauen hatten jetzt einen zornigen und
finstern Ausdruck: er war nicht mehr jung, hatte aber das

mittlere Alter noch nicht erreicht, und mochte etwa im fünfunddreißigsten
Jahre sein. Ich empfand keine Furcht vor
ihm und war nur ein wenig scheu. Wäre er ein schöner,
heroisch aussehender junger Herr gewesen, so würde ich es
nicht gewagt haben, stehen zu bleiben, ihn gegen seinen
Willen zu befragen und ihm unaufgefordert meine Dienste
anzubieten. Kaum hatte ich je einen schönen Jüngling gesehen,
und noch nie in meinem Leben mit einem gesprochen.
Ich empfand eine theoretische Achtung und Verehrung vor
Schönheit, Eleganz, Galanterie und einnehmendem Wesen;
doch hätte ich diese Eigenschaften verkörpert in einer männlichen
Gestalt gefunden, so würde ich instinktmäßig gewußt
haben, das dieselben keine Sympathie mit etwas in mir
hätten noch haben könnten, und würde sie gemieden haben,
wie man das Feuer, den Blitz oder irgend sonst etwas Glänzendes
meidet, wogegen man Antipathie empfindet.
Auch wenn dieser Fremde mir zugelächelt hätte und
freundlich gegen mich gewesen wäre, als ich ihn anredete,
wenn er mein Anerbieten, ihm Hülfe zu leisten, heiter und
mit Dank abgelehnt hätte, so wäre ich meines Weges gegangen,
und hätte keinen Beruf gefühlt, meine Fragen zu
erneuern; aber der finstere Blick und das rauhe Wesen des
Reisenden beruhigten mich. Ich behielt meine Stellung, als
er mir zu gehen winkte, und sagte:
"Ich kann nicht daran denken, mein Herr, Sie in einer
so späten Stunde und auf diesem einsamen Wege zu verlassen,
bis ich sehe, das Sie im Stande sind, Ihr Pferd zu
besteigen."
Er sah mich an, sobald ich dies sagte, denn er hatte
bisher seine Augen noch nicht auf mich gerichtet.
"Ich dächte, Sie sollten jetzt selber zu Hause sein, wenn
Sie in dieser Gegend wohnen," sagte er. "Woher kommen
Sie?"
"Nur von dort unten; und wenn der Mond scheint,
fürchte ich mich durchaus nicht, draußen zu sein. Ich will
mit Vergnügen nach Hay laufen, wenn Sie es wünschen;
ich gehe überdies dorthin, um einen Brief auf die Post zu
bringen."

"Sie wohnen dort unten, sagen Sie? Meinen Sie
jenes Haus mit den Zinnen?"
Und er deutete auf Thornfield Hall, auf welches der
Mond einen grauen Schimmer warf, so daß es deutlich und
blaß gegen den Wald abstach, der vermöge des Gegensatzes
zu dem westlichen Himmel als eine einzige Schattenmasse
erschien.
"Ja, Herr."
"Wessen Haus ist es?"
"Des Herrn Rochester."
"Kennen Sie Herrn Rochester?"
"Nein, ich habe ihn nie gesehen."
"Wohnt er nicht dort?"
"Nein.”
"Können Sie mir sagen, wo er sich aufhält?
"Ich weiß es nicht."
"Sie sind natürlich keine Dienerin in dem Herrenhause?
Sie sind --"
Er hielt inne und überschaute meine Kleidung, die, wie gewöhnlich, sehr einfach war, und in einem Merinomantel und einem schwarzen Kastorhut bestand, Beides lange nicht fein genug für die Kammerjungfer einer Dame. Er schien nicht errathen zu können, was ich sei: ich kam ihm zu
Hülfe.
"Ich bin die Erzieherin."
"Ah! die Erzieherin!" wiederholte er; "zum Henker, das hatte ich vergessen! die Erzieherin!"
Und wieder wurde meine Kleidung betrachtet. Nach zwei Minuten stand er von dem Stege auf und sein Gesicht drückte Schmerz aus, als er sich von der Stelle zu bewegen suchte.
"Ich kann Ihnen nicht auftragen, Hülfe herbeizuholen,"
sagte er; "doch Sie können mir ein wenig helfen, wenn Sie
so gut sein wollen."
"Ja, Herr.--
"Sie haben wohl keinen Regenschirm, auf den ich mich
stützen könnte?"
"Nein."
"Versuchen Sie, den Zügel meines Pferdes zu fassen und es zu mir zu führen. Fürchten Sie sich nicht?"
Wäre ich allein gewesen, so würde ich mich gefürchtet haben, ein Pferd zu berühren; da er es mir aber sagte, so war ich geneigt zu gehorchen. Ich legte meinen Muff auf den Steg nieder und näherte mich dem großen Pferde. Ich versuchte, den Zügel zu erhaschen, aber es war ein muthiges Thier und wollte mich nicht seinem Kopfe nahe kommen lassen. Ich versuchte es wiederholt, aber vergebens, und inzwischen empfand ich eine tödliche Furcht vor seinen stampfenden Vorderfüßen. Der Reisende wartete und beobachtete mich eine Zeitlang; endlich lachte er und sagte:
"Ich sehe wohl, der Berg wird nie zum Mahomet gebracht werden, und Alles, was Sie thun können, ist, Mahomet zu helfen, zum Berge zu gehen. Ich muß Sie bitten,
hierher zu kommen."
Ich ging zu ihm.
"Entschuldigen Sie," fuhr er fort; "aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Ihren Beistand zu benutzen."
Er legte eine schwere Hand auf meine Schulter, stützte sich mit einiger Anstrengung auf mich und hinkte zu seinem Pferde hin.
Als er erst den Zügel gefaßt hatte, bemächtigte er sich
desselben sogleich und schwang sich in den Sattel. Bei der
Anstrengung machte er grimmige Grimassen wegen des
Schmerzes, den sein verrenkter Fuß ihm verursachte.
"Nun," sagte er, indem er seine Lippen öffnete, auf die
er gebissen, "reichen Sie mir meine Peitsche; sie liegt dort
unter der Hecke."
Ich suchte und fand sie.
"Ich danke Ihnen," sagte er; "nun eilen Sie mit dem
Briefe nach Hay, und kehren, so schnell Sie können, zurück."
Bei der Berührung seiner bespornten Fersen erbebte das
Pferd anfangs und bäumte sich, dann aber galoppirte es
weiter, der Hund folgte seinen Spuren, und alle Drei verschwanden:
"Wie Haidekraut auf wilder Höhe
Vom Wirbelwind davongeführt."
Ich nahm meinen Muff auf und ging weiter. Das Ereignis war geschehen und für mich vorüber; freilich war es nichts Wichtiges, nichts Romantisches oder Interessantes; doch bezeichnete es den Wechsel einer einzigen Stunde in einem einförmigen Leben. Es hatte Jemand meiner Hülfe
bedurft, sie in Anspruch genommen und ich hatte sie gewährt.
Es war mir lieb, etwas gethan zu haben; so unbedeutend und vorübergehend die Handlung auch sein mochte, so war es doch eine Thätigkeit gewesen, und ich hatte das ganz passive Dasein satt. Das neue Gesicht glich einem neuen Bilde, das in die Gallerie des Gedächtnisses eingeführt wird, und es war allen andern ungleich, die dort hingen: erstens, weil es männlich, und zweitens, weil es finster, kräftig und strenge war. Es stand mir noch vor Augen, als ich in Hay
eintrat und den Brief auf der Post abgab; ich sah es noch immer, als ich auf dem Heimwege rasch den Hügel hinunterging.
Als ich zu dem Stege kam, blieb ich eine Minute stehen, sah mich um und horchte, denn ich dachte, ich würde wieder die Hufschläge eines Pferdes auf dem Wege hören und einen Reiter im Mantel, und einen Hund gleich dem Gytrash erblicken. Ich sah aber nur die Hecke und eine gekröpfte Weide vor mir, die sich still und gerade im Mondlicht erhob. Ich hörte nur den leisen Wind, der sich unter den Bäumen des eine Meile entfernten Thornfield regte; und als
mein Auge nach der Richtung hinunterblickte, woher das Geflüster kam, und die Fronte der Halle überschaute, bemerkte ich ein Licht in einem Fenster. Dies erinnerte mich,
daß es bereits spät sei, und ich eilte weiter.
Ich trat nicht gern wieder in Thornfield Hall ein. Die Schwelle überschreiten, hieß, in mein einförmiges Leben zurückkehren: durch den stillen Vorsaal gehen, die dunkle Treppe
hinaufsteigen, mein einsames kleines Zimmer aussuchen, dann der ruhigen Mistreß Fairfax begegnen und den langen Winterabend mit ihr und mit ihr allein zubringen, hieß, die
sanfte Aufregung dämpfen, die durch meinen Spaziergang erweckt worden - meinen Fähigkeiten die unerfreulichen Fesseln eines gleichförmigen und zu stillen Daseins wieder anlegen, eines Daseins, dessen Vorrechte der Sicherheit und
Ruhe ich schon nicht mehr zu schätzen wußte. Wie wohlthätig wäre es zu der Zeit für mich gewesen, von den Stürmen eines ungewissen und kämpfenden Lebens umhergeschleudert
zu werden, und durch rauhe und bittere Erfahrung das
Verlangen nach der Ruhe zu lernen, in welcher ich mich
jetzt langweilte! Ja, gerade so wohlthätig, wie es für einen
Mann sein würde, der des Sitzens im gemächlichen Lehnstuhl
müde ist, einen weiten Gang zu thun: und eben so
natürlich ist der Wunsch nach Bewegung in meiner wie in
seiner Lage.
Ich verweilte am Thor und auf dem Rasenplatze; ich
ging auf dem gepflasterten Wege vor dem Hause auf und
ab: die Laden der Glasthür waren geschlossen, ich konnte
nicht in das Innere sehen, und sowohl meine Augen als
mein Geist schien sich von dem düstern Hause abzuwenden
-- von der grauen Höhle mit unerleuchteten Zellen, wie es
mir erschien -- und sich zu dem vor mir ausgespannten
Himmel -- zu der blauen See ohne Wolken zu wenden,
durch die der Mond seinen feierlichen Weg fortsetzte. Seine
Scheibe schien aufzublicken, als er die Gipfel der Hügel verließ,
hinter welchen er zum Vorschein kam, und zum Zenith
aufzustreben, mitternächtlich dunkel in seiner unergründlichen
Tiefe und ungemessenen Entfernung; und jene schwankenden
Sterne, die seinem Laufe folgten, machten mein Herz erbeben
und meine Adern erglühen, als ich sie ansah. Unbedeutende
Umstände erinnern uns an die Erde: die Glocke
schlug in der Vorhalle: dies war genügend: ich wendete
mich von Mond und Sternen ab, öffnete die Seitenthür und
trat ein.
Die Vorhalle war nicht dunkel, auch war sie nicht blos
von der einzigen hoch hängenden Lampe erleuchtet, sondern
ein heller Schein ergoß sich über dieselbe und die untern
Stufen der eichenen Treppe. Dieser röthliche Schimmer
drang aus dem großen Speisezimmer hervor, dessen Flügelthüren
offen standen, ein liebliches Feuer in dem marmornen
Kamine, purpurfarbige Draperien und polirte Möbeln im
angenehmsten Glanze zeigten. Ich entdecke auch eine Gruppe
in der Nähe des Kamins, doch kaum hatte ich sie bemerkt
und ein heiteres Gemisch von Stimmen vernommen, in welchem
ich Adelens Töne zu unterscheiden glaubte, als die
Thür sich schloß.

Ich eilte in das Zimmer der Mistreß Fairfax: auch dort
fand ich ein Feuer, aber kein Licht und keine Mistreß Fairfax.
Anstatt dessen sah ich einen großen schwarz und weisen
langhaarigen Hund, gleich dem Gytrash im Heckengange,
aufrecht auf der Matte dasitzen und ernsthaft in die
Glut blicken. Er war jenem so ähnlich, daß ich auf ihn
zuging und ihn "Pilot" anredete.
Er stand auf, kam auf mich zu und beschnüffelte mich.
Ich liebkoste ihn und er wedelte mit seinem großen Schweife;
doch fürchtete ich mich fast, mit ihm allein zu sein, und ich
konnte nicht sagen, woher er gekommen. Ich klingelte, denn
ich wünschte Licht und Auskunft über diesen seltsamen Gast.
Lea trat ein-
"Was ist dies für ein Hund?
"Er kam mit dem Herrn."
"Mit wem?
"Mit dem Herrn -- Herr Rochester ist eben angekommen."
"Ei! und ist Mistreß Fairfax bei ihm?"
"Ja, und Miß Adele auch; sie sind in dem Speisezimmer und John ist gegangen, um einen Wundarzt zu holen, denn der Herr hat einen Unfall gehabt, ist mit dem Pferde
gestürzt und hat sich den Fuß verrenkt."
"Stürzte das Pferd auf dem Wege nach Hay?"
"Ja, als es den Hügel herunterkam, glitt es auf dem Eise aus."
"Ah! bringe ein Acht, Lea, willst Du?"
Lea brachte es. Mistreß Fairfax folgte ihr, welche die Nachricht wiederholte und hinzufügte, der Wundarzt Carter sei da und befinde sich jetzt bei Herrn Rochester. Dann eilte
sie hinaus, um Befehle zur Bereitung des Thees zu geben, und ich ging die Treppe hinauf, um Mantel und Hut abzulegen.

Dreizehntes Kapitel

Auf Anordnung des Arztes ging Herr Rochester an jenem
Abend früh zu Bette und stand am folgenden Morgen
erst spät auf. Als er herunterkam, geschah es, um einige
Geschäfte zu besorgen, denn sein Verwalter und einige von
seinen Pächtern waren gekommen und warteten, um mit ihm
zu reden.
Adele und ich mußten jetzt das Bibliothekzimmer räumen,
denn es wurde täglich zum Empfange von Leuten gebraucht,
die in Geschäften mit ihm zu reden hatten. In
einem Zimmer im ersten Stock wurde Feuer angebrannt,
und dorthin trug ich unsere Bücher und richtete es zu unserm
künftigen Schulzimmer ein. Im Laufe des Morgens
bemerkte ich, daß Thornfield Hall ein ganz veränderter Ort
geworden: nicht mehr still wie eine Kirche, wurde fast stündlich
an die Thür geklopft oder die Glocke angezogen; oft ertönten
Fußtritte in der Vorhalle, und neue Stimmen sprachen
unten in verschiedenen Tönen: die äußere Welt drang
herein; es hatte einen Herrn, und mir wenigstens gefiel es
so besser.
Adele war an dem Tage nicht zum Lernen geneigt: sie
lief beständig zur Thür hinaus und blickte über das Treppengeländer,
um zu sehen, ob sie Herrn Rochester nicht erblicken
könne; dann erfand sie einen Vorwand, die Treppe
hinunterzugehen, um, wie ich vermuthete, die Bibliothek zu
besuchen, wo man, wie sie wußte, ihrer nicht bedurfte. Als
ich dann ein wenig ärgerlich wurde und sie zum Sitzen
brachte, sprach sie beständig von ihrem Freunde Monsieur
Edouard Fairfax de Rochester, wie sie ihn nannte, und erschöpfte
sich in Muthmaßungen, welche Geschenke er ihr
wohl mitgebracht haben möge; denn er hatte am Abend
vorher gesagt, wenn sein Gepäck von Millcote ankomme,
werde sich eine kleine Schachtel darunter finden, deren Inhalt
ihr interessant sein dürfte.
"Das soll so viel heißen," sagte sie, "daß ein Geschenk
für mich darin ist, und vielleicht auch für Sie, Mademoiselle.

Monsieur hat von Ihnen gesprochen, mich nach dem Namen
meiner Gouvernante gefragt, und ob sie nicht eine kleine,
zierliche und etwas blasse Person sei. Ich habe "Ja" gesagt,
denn es ist so, nicht wahr, Mademoiselle?"
Ich und meine Schülerin speisten, wie gewöhnlich, in
dem Zimmer der Mistreß Fairfax zu Mittag; am Nachmittag
herrschte ein Schneegestöber, und wir brachten ihn im
Schulzimmer zu. Als es dunkel wurde, erlaubte ich Adelen,
ihre Bücher und ihre Arbeit wegzulegen und die Treppe hinunterzulaufen;
denn da es jetzt unten verhältnismäßig still
war, und nicht mehr an der Thür geklingelt wurde, so schloß
ich daraus, daß Herr Rochester jetzt frei sei. Als ich allein
war, ging ich zum Fenster, doch von dort war Nichts zu
sehen: die Dämmerung und die Schneeflocken machten die
Luft so dicht, daß ich nicht einmal die Gesträuche und den
Rasenplatz erkennen konnte. Ich ließ den Vorhang nieder
und kehrte zu den Kamin zurück.
Aus den hellen Kohlen bildete sich mir eine Ansicht,
nicht ungleich einem Gemälde, welches ich einst von dem
Schlosse zu Heidelberg gesehen, als Mistreß Fairfax hereinkam,
und durch ihren Eintritt die feurige Mosaikarbeit unterbrach,
die ich zusammengestellt hatte, und dadurch einige
schwere und unwillkommene Gedanken verbannte, die sich
mir in meiner Einsamkeit aufdrängten.
"Es würde Herrn Rochester lieb sein, wenn Sie und
Ihre Schülerin diesen Abend mit ihm im Gesellschaftszimmer
Thee trinken wollten," sagte sie. "Er ist den ganzen
Tag über so sehr beschäftigt gewesen, daß er Sie noch nicht
früher hat zu sich rufen können."
"Wann ist seine Theezeit?" fragte ich.
"O! um sechs Uhr: auf dem Lande ist Alles früh. Kleiden
Sie sich lieber jetzt um; ich will Ihnen helfen. Hier ist
ein Licht."
"Ist es nöthig, meine Kleidung zu verändern?"
"Ja, es ist besser. Ziehen Sie sich immer zum Abend
wenn Herr Rochester hier ist."
Diese Ceremonie schien mir etwas steif; indessen begab
ich mich in mein Zimmer und vertauschte mein schwarzes
wollenes Kleid mit einem von schwarzer Seide; dies war

mein bestes Kleid mit Ausnahme eines hellgrauen, welches
ich nach meinen von Lowood mitgebrachten Toilettenansichten
für zu schön hielt, um es anders, als bei besonders
feierlichen Gelegenheiten zu tragen.
"Es fehlt noch eine Tuchnadel," sagte Mistreß Fairfax.
Ich hatte eine solche, die mit einer einzigen kleinen Perle
verziert war, und die Miß Temple mir beim Abschiede zum
Andenken gegeben. Ich steckte sie an, und dann gingen wie
die Treppe hinunter. Da ich nicht an Fremde gewöhnt
war, so war es eine schwere Aufgabe für mich, so förmlich
aufgefordert, in Herrn Rochesters Gegenwart zu erscheinen.
Ich ließ Mistreß Fairfax in das Speisezimmer vorangehen
und hielt mich in ihrem Schatten, als wir die Schwelle
überschritten, durch den Bogen gingen, dessen Vorhang jetzt
niedergelassen war, und in das elegante Gemach traten.
Zwei Wachslichte standen angezündet auf den Tischen
und zwei auf dem Kamingesims. Pilot lag im Licht und
in der Wärme eines prächtigen Feuers -- Adele kniete neben ihm. Herr Rochester befand sich in halb liegender Stellung auf einem Sopha, und sein Fuß ruhte auf einem Kissen.
Er sah Adele und den Hund an, und das Feuer schien
ihm voll ins Gesicht. Ich erkannte meinen Reisenden mit
seinen breiten und schwarzen Augenbrauen und seiner eckigen Stirn, die durch die horizontale Richtung seines schwarzen Haares noch eckiger wurde. Ich erkannte seine entschiedene Nase, die sich mehr durch Charakter, als durch Schönheit auszeichnete; seine weiten Nasenlöcher, die Zorn andeuteten, wie ich meinte; seinen grimmigen Mund, Kinn und
Unterkiefer -- ja, alle drei waren sehr grimmig, das konnte
man nicht verkennen. Da er jetzt ohne Mantel war, so bemerkte ich, daß seine übrige Gestalt eben so eckig war, wie
sein Gesicht. Ich vermuthe, es war eine gute athletische
Gestalt mit breiter Brust und schmaler Taille, obgleich weder
groß noch graziös.
Herr Rochester mußte unsern Eintritt bemerkt haben;
doch schien er nicht in der Stimmung zu sein, uns zu beachten, denn er erhob seinen Kopf nicht, als wir uns
näherten.
"Hier ist Miß Eyre, Herr," sagte Mistreß Fairfax auf

ihre ruhige Welse. Er nickte, ohne jedoch seine Augen von
der Gruppe des Hundes und Kindes abzuwenden.
"Lassen Sie Miß Eyre niedersitzen," sagte er, und es
lag etwas in der erzwungenen und steifen Verbeugung, in
dem ungeduldigen, und doch förmlichen Tone, was noch
weiter zu sagen schien: "Was zum Henker liegt mir daran,
ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem Augenblick bin
ich nicht gestimmt, sie anzureden."
Ich setzte mich ganz ohne Verlegenheit nieder. Ein besonders höflicher Empfang würde mich wahrscheinlich verwirrt gemacht haben: ich hätte ihn nicht mit Anmuth und
Eleganz erwidern können, aber die rauhe Laune legte mir keine
Verpflichtung auf; im Gegentheil gab mir bei dieser Grille
ein anständiges Schweigen den Vortheil. Ueberdies war
die Seltsamkeit des Benehmens interessant, und ich war begierig, zu sehen, welchen weiteren Verlauf die Sache nehmen
werde.
Er benahm sich wie eine Statue: das heißt, er sprach
und regte sich nicht. Mistreß Fairfax schien es für nöthig
zu halten, daß sich Jemand freundlich zeige, und begann
zu reden. Freundlich, wie gewöhnlich -- und auch trivial,
wie gewöhnlich - sprach sie ihr Bedauern über den Drang
der Geschäfte an jenem Tage aus -- über die Last, die ihm
derselbe in seiner gegenwärtigen Lage müsse verursacht haben, und rühmte dann seine Geduld und Beharrlichkeit, womit er diese Beschwerde ertragen.
"Madame, ich möchte etwas Thee," war die einzige
Antwort, die sie erhielt. Sie eilte zu klingeln, und als das
Geschirr hereinkam, ordnete sie die Tassen, Löffel u. s. w.
mit geschäftiger Schnelligkeit. Ich und Adele gingen zu
dem Tische hin, aber der Herr verließ sein Sopha nicht.
"Wollen Sie Herrn Rochester die Tasse bringen?" sagte
Mistreß Fairfax zu mir; "Adele möchte sie verschütten."
Ich that, wozu ich aufgefordert wurde. Als er mir die
Tasse abnahm, hielt Adele den Augenblick für günstig, für
mich eine Bitte zu wagen, und rief:
"Nicht wahr, mein Freund, es ist auch ein Geschenk für
Mademoiselle Eyre in Ihrem kleinen Koffer?"
"Wer spricht von Geschenken? sagte er mürrisch. "Erwarteten Sie ein Geschenk, Miß Eyre? Lieben Sie Geschenke?"
Und er prüfte mein Gesicht mit Augen, die dunkel, zornig und durchdringend waren.
"Ich weis es kaum, mein Herr; ich habe wenig Erfahrung darin; aber gewöhnlich hält man sie für angenehm."
"Gewöhnlich! aber wofür halten Sie sie?"
"Es würde mir lieb sein, mein Herr, wenn ich Zeit
hätte, um Ihnen eine genügende Antwort zu geben. Ein,
Geschenk läßt sich aus sehr vielen Gesichtspunkten ansehen,
nicht wahr? Und man sollte vorher Alles bedenken, ehe
man eine Ansicht darüber ausspräche."
"Miß Eyre, Sie sind nicht so unbefangen, wie Adele:
in dem Augenblick, wo sie mich sieht, verlangt sie laut ein
Geschenk; aber Sie schlagen auf den Busch.
"Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten
hege, als Adele: sie kann den Anspruch auf alte Bekanntschaft
und das Recht der Gewohnheit geltend machen; denn
sie sagt, Sie haben ihr stets Spielsachen gebracht; aber
wenn ich einen Grund ausfindig machen sollte, so würde
ich in Verlegenheit kommen, denn ich bin eine Fremde und
habe Nichts gethan, was mich zu der Erwartung eines
Geschenkes berechtigen könnte."
"O! fallen Sie nicht zur übergroßen Bescheidenheit zurück! Ich habe Adele examinirt und finde, das Sie sich
viele Mühe mir ihr gegeben haben: sie hat keine glänzenden
Fähigkeiten, keine Talente, und doch hat sie in kurzer Zeit
viel gelernt."
"Mein Herr, Sie haben mir jetzt mein Geschenk gegeben, und ich bin Ihnen verbunden: das Lob der Fortschritte
ihrer Zöglinge ist das, wonach die Lehrer am meisten
streben."
"Hm!" sagte Herr Rochester und trank schweigend seinen Thee.
"Kommen Sie zum Feuer," sagte der Herr, als das
Theegeschirr weggenommen war und Mistreß Fairfax sich
in eine Ecke gesetzt hatte, um zu stricken, während Adele
mich bei der Hand im Zimmer herumführte, um mir die
schönen Bücher und Zierrathen zu zeigen, die auf den Möbeln und Gesimsen lagen und standen. Wir gehorchten
pflichtmäßig: Adele wollte sich auf meinen Schooß setzen,
doch erhielt sie Befehl, sich mit Pilot zu unterhalten.
"Sie sind erst drei Monate in meinem Hause?"
"Ja, mein Herr."
"Und kommen von?"
"Aus der Schule zu Lowood in der Grafschaft N."
"Ah! eine milde Stiftung. -- Wie lange waren Sie
dort? !
"Acht Jahre."
"Acht Jahre! Da müssen Sie ein zähes Leben haben.
Ich hätte gedacht, die Hälfte der Zeit müßte auch die beste
Constitution zu Grunde richten! Kein Wunder auch, daß
Sie aussehen, als kämen Sie aus der andern Welt. Es
wunderte mich schon, wo Sie diese Art von Gesicht her
hätten. Als Sie gestern Abend auf dem Heckenwege zu
mir kamen, dachte ich unwillkürlich an Feenmährchen und
war halb Willens zu fragen, ob Sie mein Pferd behext
hätten: auch ist mir die Sache jetzt noch nicht klar. Wer
find Ihre Eltern?"
"Ich habe keine."
"Auch nie welche gehabt, vermuthlich. Erinnern Sie
sich ihrer?"
"Nein."
"Ich dachte es mir. Und Sie warteten auf Ihre Leute,
als Sie auf dem Stege saßen?"
"Auf wen, mein Herr?
"Auf die grünen Männer. Es war ein passender
Mondscheinabend für sie. Durchbrach ich einen Ihrer
Kreise, daß Sie jenes verdammte Eis über den Weg ausbreiteten?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Die grünen Männer verließen England schon vor hundert Jahren," sagte ich eben so ernst wie er, "und weder in
Hay Lane noch auf den Feldern umher dürfte sich eine
Spur von ihnen finden. Ich denke, weder im Sommer
noch im Herbst und Winter wird der Mond je mehr zu ihren
Lustbarkeiten scheinen."
Mistreß Fairfax hatte ihr Strickzeug sinken lassen, erhob
ihre Augenbrauen, und schien sich über unser Gespräch
zu wundern.
"Nun," fuhr Herr Rochester fort, "wenn Sie auch
keine Eltern haben, so werden Sie doch irgend eine Art
von Verwandten, Oheime oder Tanten haben?"
"Nein, keine, die ich je gesehen."
"Und ihre Heimath?"
"Ich habe keine."
"Wo wohnen Ihre Brüder und Schwestern?"
"Ich habe keine Brüder oder Schwestern."
"Wer empfahl Sie hierher?"
"Ich machte eine Anzeige in der Zeitung, und Mistreß
Fairfax antwortete auf meine Anzeige."
"Ja," sagte die gute Dame, die jetzt wußte, um was es
sich handelte, "und ich bin täglich dankbar für die Wahl, zu
der die Vorsehung mich führte. Miß Eyre ist eine unschätzbare Gesellschafterin für mich, und eine freundliche und
sorgsame Lehrerin für Adele gewesen."
"Bemühen Sie sich nicht, Ihr Urtheil über sie auszusprechen: Lobsprüche werden mich nicht zu einer Ansicht bestimmen, ich werde selber urtheilen. Sie begann damit, zu
machen, daß mein Pferd stürzte.
"Mein Herr!" sagte Mistreß Fairfax.
"Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken."
Die Wittwe sah ganz verwirrt aus.
"Miß Eyre, haben Sie je in einer Stadt gelebt?"
"Nein, Herr."
"Haben Sie viel Gesellschaft um sich gesehen?"
"Keine, als die Zöglinge und Lehrerinnen zu Lowood,
und jetzt die Hausgenossen in Thornfield."
"Haben Sie viel gelesen?"
"Nur solche Bücher, die mir in die Hand kamen, und
sie waren weder zahlreich noch sehr gelehrt."
"Sie haben das Leben einer Nonne geführt. Ohne
Zweifel sind Sie in allen religiösen Formen bewandert --
Brocklehurst, der, wie ich höre, die Schule zu Lowood dirigirt,
ist ein Geistlicher, nicht wahr?"
"Ja, Herr."

"Und Ihr Mädchen verehrtet ihn, wie ein Kloster voll
Nonnen ihren Beichtvater verehrt?"
"O nein."
"Sie sind sehr kalt! Nein! Wie? eine Novize verehrt
ihren Priester nicht? Das klingt gotteslästerlich."
"Mir mißfiel Herr Brocklehurst, und ich hegte dieses
Gefühl nicht allein. Er ist ein rauher Mann; obgleich
pomphaft, mischt er sich doch in alle Kleinigkeiten. Er ließ
uns das Haar abschneiden, und kaufte uns aus Sparsamkeit schlechte Nadeln und Zwirn, womit wir kaum nähen
konnten."
"Das war eine sehr falsche Sparsamkeit," bemerkte
Mistreß Fairfax, die sich jetzt wieder in das Gespräch
mischte.
"Und war das die ganze Summe seiner Vergehungen?"
fragte Herr Rochester.
"Er ließ uns hungern, als er noch die alleinige Oberaufsicht
über die Beköstigung hatte, ehe das Comité eingesetzt
wurde, und langweilte uns einmal in der Woche mit
stundenlangen Strafpredigten und Abendvorlesungen aus
Büchern, die er selbst herausgegeben, von plötzlichen Todesfällen und Gerichten des Himmels, so daß wir uns fürchteten, zu Bette zu gehen."
"In welchem Alter waren Sie, als Sie nach Lowood
kamen?'
"Im zehnten Jahre."
"Und Sie blieben acht Jahre dort; so sind Sie also
jetzt achtzehn?"
Ich bejahte es.
"Die Rechenkunst ist nützlich, wie Sie sehen, ohne ihre
Hülfe wäre ich kaum im Stande gewesen, Ihr Alter zu errathen. Es ist schwer zu bestimmen, wo das Gesicht und
der Ausdruck so abweichend erscheinen, wie bei Ihnen. Und
nun, was lernten Sie in Lowood? Spielen Sie Klavier?"
"Ein wenig."
"Natürlich, das ist die hergebrachte Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer -- ich meine, wenn es Ihnen
gefällig ist. -- Entschuldigen Sie meinen befehlenden Ton;
ich bin gewohnt zu sagen: Thue dies, und es wird gethan.

Ich kann wegen einer neuen Hausgenossin meine Gewohnheiten
nicht ändern. -- Gehen Sie also in das Bibliothekzimmer;
nehmen Sie ein Licht mit, lassen Sie die Thur
offen, setzen Sie sich an das Clavier und spielen ein
Stück.
Ich ging und gehorchte seiner Anweisung.
"Genug!" rief er nach wenigen Minuten. "Ich höre,
Sie spielen ein wenig, gleich jedem andern englischen Schulmädchen:
vielleicht besser, als Manche, aber nicht gut."
Ich machte das Clavier zu und kehrte zurück. Herr
Rochester fuhr fort:
"Adele zeigte mir diesen Morgen einige Zeichnungen,
die, wie sie sagte, Ihnen gehören. Ich weiß nicht, ob sie
ganz von Ihnen sind, oder ob ein Lehrer Ihnen dabei geholfen.
"O nein!" fiel ich ein.
"Ah! das verwundet den Stolz. Nun, so holen Sie
mir Ihre Zeichenmappe, wenn Sie dafür einstehen können,
daß sie nur Originale enthält; aber geben Sie Ihr Wort
nicht, wenn Sie dessen nicht gewiß sind: ich verstehe Flickwerk zu unterscheiden."
"Da will ich Nichts sagen, und Sie sollen selber urtheilen, mein Herr."
Ich holte die Mappe aus der Bibliothek.
"Ziehen Sie den Tisch heran," sagte er, und ich rollte
ihn vor sein Sopha. Adele und Mistreß Fairfax kamen
auch heran, um die Bilder zu sehen.
"Kein Gedränge," sagte Herr Rochester; "Sie können
die Zeichnungen aus meiner Hand erhalten, wenn ich sie
angesehen habe, sie aber nicht zugleich mit mir betrachten."
Er betrachtete jede Zeichnung und Malerei bedächtig.
Drei hatte er auf die Seite gelegt, und als er die andern
ebenfalls angesehen, warf er sie von sich.
"Nehmen Sie sie zu dem andern Tische hin, Mistreß
Fairfax, sagte er, "und betrachten Sie sie mit Adele. --
"Sie," fuhr er mich anblickend fort, " nehmen Ihren Sitz
wieder ein und beantworten meine Fragen. Ich bemerke,
daß diese Bilder von einer einzigen Hand herrühren: war
es Ihre Hand?"

"Ja."
"Und wann fanden Sie Zeit dazu? Sie müssen Ihnen
viel Zeit und einiges Nachdenken gekostet haben."
"Ich zeichnete und malte sie während der beiden letzten
Ferien, die ich in Lowood zubrachte, als ich keine andere
Beschäftigung hatte."
"Wornach zeichneten Sie Ihre Copieen?"
"Aus dem Kopfe."
"Aus diesem Kopfe, den ich jetzt auf Ihren Schultern
sehe?"
"Ja, Herr."
"Enthält er noch andern Stoff von derselben Art?"
"Ich sollte es denken, und hoffe, noch bessern."
Er breitete die Bilder vor sich aus und betrachtete sie
abwechselnd noch einmal.
Während er so beschäftigt ist, lieber Leser, will ich Dir
sagen, worin sie bestehen, und zuerst muß ich vorausschicken,
daß sie nichts Wunderbares enthalten. Die Gegenstände
hatten sich freilich lebhaft vor meinem Geiste erhoben. Als
ich sie mit meinem geistigen Auge sah, ehe ich sie zu verkörpern wagte, waren sie imposant; aber meine Hand vermochte nicht, meiner Phantasie zu folgen, und jedesmal
brachte sie nur ein bleiches Portrait von dem hervor, was
ich mir vorgestellt hatte.
Diese Bilder waren in Wasserfarben gemalt. Das erste
stellte niedrige und bleifarbige Wolken dar, die über eine
hochwogende See hinrollten: die ganze Ferne war verdunkelt; so auch der Vordergrund oder vielmehr die nächsten Wogen, denn es war kein Land zu sehen. Ein Lichtschimmer zeigte einen halb untergetauchten Mastbaum, auf
dem ein großer schwarzer Seerabe fass, dessen Flügel mit
Schaum bespritzt waren; in seinem Schnabel hielt er ein
goldenes, mit Edelsteinen besetztes Armband, welches ich
mit so glänzenden Farben gemalt, als meine Palette sie
gewährte, und welches ich in so schimmernder Deutlichkeit
hingestellt hatte, als mein Pinsel es vermochte. Unter dem
Vogel und dem Mast schimmerte durch das grüne Wasser
eine ertrunkene Leiche; ein weißer Arm war das einzige

deutlich sichtbare Glied, von welchem das Armband abgespült
oder abgerissen worden.
Das zweite Bild enthielt als Vordergrund nur die düstere
Spitze eines Hügels mit Gras und einigen Blättern, die wie
vom Winde gebogen wurden. Jenseits und oben breitete sich
die Wölbung des Himmels aus, dunkelblau wie beim Zwielicht: am Himmel erhob sich die Büste einer weiblichen Gestalt, die ich mit so matten und luftigen Farben gemalt hatte,
als ich zu mischen vermochte. Die nebelartige Stirn krönte
ein Stern; die Züge des Gesichtes zeigten sich nur durch
einen Nebel; die Augen erschienen dunkel und wild; das
Haar floß schattenartig dahin, gleich einer unbestrahlten
Wolke, vom Sturm oder von electrischer Kraft zerrissen.
Auf dem Halse ruhte ein blasser Widerschein, wie vom
Mond licht; derselbe matte Schimmer berührte die dünnen
Wolkenstreifen, aus welcher sich diese Erscheinung des Abendsternes
erhob.
Das dritte Bild zeigte die Kuppe eines Eisberges, der
den winterlichen Himmel am Nordpol durchbrach: eine Reihe
von Nordlichtern streckte ihre undeutlichen, aber dicht gedrängten
Lanzen am Horizont empor. Dieses Alles in die
Ferne zurückdrängend, erhob sich im Vordergrunde ein Haupt
-- ein kolossales Haupt, welches sich zu dem Eisberge neigte
und an demselben ruhte. Zwei dünne Hände, unter der
Stirn gefaltet und sie stützend, zogen einen schwarzen Schleier
vor die unteren Züge des Gesichts; eine völlig blutloß Stirn,
so weiß wie Elfenbein, und ein hohles und starres Auge, in
dessen gläsernem Ausdruck sich nur Verzweiflung zu erkennen
gab, waren allein sichtbar. Ueber den Schläfen unter schwarzen Turbanfalten, so unbestimmt und undeutlich in ihrem
Charakter, wie eine Wolke, schimmerte ein Ring von weisen
Flammen mit Funken wie mit Edelsteinen besetzt, die eine
dunklere Färbung hatten. Dieser blasse Halbmond war das
Abbild einer Königskrone.
"Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?"
fragte Herr Rochester sogleich.
"Ich war in Gedanken versenkt, mein Herr; ja, und ich
war auch glücklich. Kurz, bei dem Malen derselben empfand
ich ein so lebhaftes Vergnügen, wie nur je in meinem Leben."

"Das ist nicht viel gesagt. Ihrer Freuden waren nach
Ihrem eigenen Berichte sehr wenige; doch ich möchte behaupten, Sie waren in dem Lande künstlerischer Träume, während Sie diese seltsamen Farben mischten und ordneten.
Saßen Sie jeden Tag lange dabei?"
"Ich hatte sonst Nichts zu thun, weil wir Ferien hatten,
und ich saß vom Morgen bis Mittag und vom Mittag
bis Abend dabei, und die langen Sommertage begünstigten
meine Neigung."
"Und Sie waren zufrieden mit dem Erfolge Ihrer anstrengenden
Arbeiten?"
"Weit entfernt. Der Contrast zwischen meiner Idee und
dem Werke meiner Hände quälte mich: in jedem dieser Fälle
hatte ich mir etwas vorgesetzt, was ich zu verwirklichen nicht
im Stande war."
"Es ist Ihnen doch nicht ganz mißlungen -- Sie haben
den Schatten Ihres Gedankens gesichert; aber wahrscheinlich
weiter Nichts. Sie besaßen nicht genug von der Geschicklichkeit
und Wissenschaft des Künstlers, um ihm vollständiges
Dasein zu geben; doch die Zeichnungen sind für ein
Schulmädchen eigenthümlich. Die Gedanken sind feenhaft.
Diese Augen in dem Abendstern müssen Sie in einem Traum
gesehen haben. Wie konnten Sie machen, daß sie klar und
doch durchaus nicht glänzend aussahen? Denn der Planet
drohen dämpft ihre Strahlen. Und welche Bedeutung liegt
in ihrer feierlichen Tiefe! Und wer lehrte Sie, den Wind
zu malen? Da weht ein heftiger Sturm unter diesem Himmel und über jene Hügel dahin. Wo sahen Sie Latmos?
Denn das ist Latmos. Da -- legen Sie die Zeichnungen
weg!"
Kaum hatte ich die Mappe zugebunden, als er nach der
Uhr sah und plötzlich sagte:
"Es ist neun Uhr: was denken Sie, Miß Eyre, daß
Sie Adele so lange aufbleiben lassen? Bringen Sie sie zu
Bette."
Adele kam, ihn zu küssen, ehe sie das Zimmer verlies.
Er duldete ihre Lieblosung, doch schien er sich kaum mehr
daran zu erfreuen, als Pilot würde gethan haben, oder
noch nicht einmal so sehr.

"Ich wünsche Ihnen Allen jetzt eine gute Nacht," sagte
er, eine Bewegung mit der Hand nach der Thür machend,
zum Zeichen, daß er unserer Gesellschaft müde sei und uns
zu entlassen wünsche. Mistreß Fairfax legte ihr Strickzeug
zusammen, ich nahm meine Mappe, wir verneigten uns gegen
ihn, wogegen wir eine kalte Verbeugung von ihm erhielten,
und so entfernten wir uns.
"Sie sagten, Herr Rochester hätte nichts besonders Eigenthümliches an sich, Mistreß Fairfax," sagte ich, nachdem
ich Adele zu Bette gebracht hatte, und wieder in ihr Zimmer
zurückgekehrt war.
"Nun, ist es denn der Fall?"
"Ich denke es: er ist sehr veränderlich und spricht so
abgebrochen."
"Es ist wahr; ohne Zweifel muß er einer Fremden so
erscheinen; doch ich habe mich so an sein Wesen gewöhnt,
daß ich nie daran denke; und dann, wenn er ein eigenthümliches Temperament hat, so muß man ihm etwas zu Gute
halten."
"Warum?"
"Weil es in seiner Natur liegt, und Niemand seine Natur ändern kann; und zum Theil, weil er ohne Zweifel von
schmerzlichen Gedanken gequält wird, die seine Stimmung ungleich machen."
"Weshalb denn?"
"Eines Theils Familiensorgen."
"Aber er hat ja keine Familie."
"Nicht jetzt; aber er hatte sie doch -- oder wenigstens
Verwandte. Er verlor erst vor wenigen Jahren seinen älteren
Bruder."
"Seinen älteren Bruder?"
"Ja. Der gegenwärtige Herr Rochester ist noch nicht
lange im Besitz des Vermögens: erst etwa seit neun Jahren."
"Neun Jahre ist schon eine ziemliche Zeit. Liebte er
denn seinen Bruder so sehr, daß er wegen seines Verlustes
noch immer untröstlich ist?"
"Nun -- vielleicht nicht. Ich glaube, es waren einige
Mißverständnisse zwischen ihnen. Herr Rowland Rochester
war nicht Herr Eduard, und vielleicht wußte er seinen Vater

gegen ihn einzunehmen. Der alte Herr liebte das Geld und
war sehr geneigt, die Familienbesitzung zusammen zu behalten.
Er wollte sein Vermögen nicht durch Theilung verringern,
und wollte doch, daß Herr Eduard auch Reichthum haben
sollte, um den Ruhm des Namens aufrecht zu erhalten; und
bald nachdem er volljährig geworden, that man einige Schritte,
die nicht ganz recht waren und großes Unheil anrichteten.
Der alte Herr Rochester und Herr Rowland vereinten sich,
um Herrn Eduard in eine schmerzliche Lage zu bringen, um
sein Glück zu machen: worin diese Lage eigentlich bestanden,
habe ich nie genau erfahren, aber sein Geist konnte nie überwinden,
was er zu leiden hatte. Er ist nicht sehr versöhnlich,
brach mit seiner Familie und hat jetzt seit vielen Jahren
ein unstetes Leben geführt. Ich glaube nicht, daß er sich je
vierzehn Tage nach einander in Thornfield aufgehalten, seit
sein Bruder ohne Testament gestorben, und er der Besitzer
des Stammgutes geworden ist; auch wundert es mich in der
That nicht, daß er den alten Ort meidet."
"Warum sollte er ihn meiden?"
"Vielleicht hält er ihn für unheimlich."
Die Antwort war ausweichend -- ich hätte eine etwas
klarere Antwort gewünscht; aber Mistreß Fairfax konnte
oder wollte mir keine vollständigere Auskunft über den Ursprung
und die Beschaffenheit der Prüfungen des Herrn
Rochester gewähren. Sie behauptete, es wäre für sie selbst
ein Geheimniß, und was sie wisse, beruhe größtentheils nur
auf Vermuthungen. Es war in der That klar, daß sie
wünschte, ich möge den Gegenstand ruhen lassen, was ich
folglich auch that.

Vierzehntes Kapitel.

In den folgenden Tagen sah ich Herrn Rochester wenig.
In den Morgenstunden schien er Geschäfte zu haben, und
Nachmittags kamen gewöhnlich Herren aus Millcote oder
aus der Nachbarschaft, und blieben zuweilen zur Tafel bei

ihm. Als sein Fuß so weit wieder hergestellt war, daß er
sein Pferd besteigen konnte, ritt er viel aus, wahrscheinlich
um die empfangenen Besuche zu erwidern, und kam gewöhnlich
erst spät in der Nacht zurück.
Während dieser Zwischenzeit wurde selbst Adele selten
zu ihm gefordert, und meine ganze Bekanntschaft mit ihm
beschränkte sich auf eine zufällige Begegnung in der Vorhalle, auf der Treppe, oder in der Gallerie, wo er zuweilen
stolz und kalt an mir vorüberging, und meinen Gruß nur
mit vornehmem Nicken oder kaltem Blicke erwiderte, zuweilen aber sich verneigte und mit cavaliermäßiger Freundlichkeit lächelte. Seine wechselnde Stimmung beleidigte mich
nicht, weil ich sah, daß ich mit diesen Veränderungen Nichts
zu thun habe: die Ebbe und Fluth hing von Ursachen ab,
die durchaus nicht mit mir in Verbindung standen.
Eines Tages hatte er Gesellschaft zum Mittagessen und
lies meine Zeichenmappe holen, ohne Zweifel, um den Inhalt derselben vorzuzeigen. Die Herren gingen früh fort,
um einer öffentlichen Versammlung in Millcote beizuwohnen,
wie Mistreß Fairfax mir sagte; aber da der Abend naß und
unfreundlich war, so begleitete Herr Rochester sie nicht.
Bald nachdem sie fort waren, wurde geklingelt und es kam
die Aufforderung an mich und Adele, herunter zu kommen.
Ich bürstete Adelens Haar und machte es zierlich zurecht,
und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich selber mit
meiner gewöhnlichen quäkerhaften Zierlichkeit gekleidet war,
daß es Nichts mehr zu ordnen gab da Alles glatt und
ordentlich aussah, weil Alles so kurz und einfach war, um
irgend eine Unordnung zuzulassen, das geglättete Haar mit
eingeschlossen -- stiegen wir hinunter, indem Adele die lebhafte Erwartung aussprach, der kleine Koffer werde endlich
angekommen sein; denn vermöge irgend eines Versehens hatte
sich die Ankunft desselben noch immer verzögert. Sie wurde
befriedigt, denn er stand auf dem Tische, als wir in das
Speisezimmer traten. Sie schien ihn instinktmäßig zu erkennen.
"Meine Schachtel, meine Schachtel!" rief sie, indem sie
darauf zueilte.
"Ja -- da ist Deine Schachtel endlich: nimm sie in

einen Winkel, Du ächte Tochter von Paris, und unterhalte
Dich damit, sie auszupacken," sagte die tiefe und etwas sarkastische
Stimme des Herrn Rochester, die aus der Tiefe eines
ungeheuren Lehnstuhls neben dem Kamin hervorkam. "Und
nun mußt Du bedenken," fuhr er fort, " daß Du mich nicht
mit dem anatomischen Processe der Einzelnheiten oder mit
Bemerkungen über die Beschaffenheit des Inhalts belästigen
darfst. Las Deine Operationen in der Stille vorgehen --
verhalte Dich ruhig, mein Kind, verstehst Du?"
Adele schien kaum der Warnung zu bedürfen, denn schon
hatte sie sich mit ihrem Schatze zu einem Sopha zurückgezogen und war beschäftigt, die Schnur aufzulösen, womit der
Heckel zugebunden war. Nachdem sie dieses Hinderniß entfernt,
und einiges Silberpapier aufgehoben hatte, rief sie nur:
"O Himmel! wie schön!" und blieb dann in begeisterte
Betrachtung versunken.
"Ist Miß Eyre da?" fragte jetzt der Herr, halb von
seinem Sitze aufstehend, um sich nach der Thür umzusehen,
in deren Nähe ich stand.
"Ah! gut, kommen Sie näher; setzen Sie sich hier."
Und er zog einen Stuhl nahe zu dem seinigen hin. "Ich
liebe das Geplauder der Kinder nicht," fuhr er fort", denn
als alter Junggesell verbinde ich keine angenehme Erinnerungen
mit ihrem Lispeln. Es würde mir unerträglich sein,
einen ganzen Abend allein mit einem kleinen Balg zuzubringen.
Ziehen Sie Ihren Stuhl nicht weiter weg, Miß
Eyre, sondern setzen Sie sich gerade da nieder, wo ich ihn
hingestellt habe - das heißt, wenn es gefällig ist. Diese
verdammten Höflichkeiten! Ich vergesse sie beständig. Auch
habe ich keine besondere Zuneigung zu alten Damen von
einfachem Verstande. Indessen muß ich die meine herein
kommen lassen; es wäre nicht recht, sie zu vernachlässigen,
sie ist eine Fairfax, oder doch an einen Fairfax verheirathet
gewesen, und Blut wird nicht zu Wasser, sagt man."
Er klingelte und schickte eine Einladung an Mistreß Fairfax
ab, die bald mit ihrem Strickkörbchen in der Hand hereinkam.
"Guten Abend, Madame; ich ließ Sie in einer menschenfreundlichen
Absicht kommen. Ich habe nämlich Adelen verboten,
mir von ihren Geschenken vorzuplaudern, und sie platzt
fast vor Ueberfülle. Haben Sie doch die Güte, ihr als Zuhörerin und Unterrednerin zu dienen; es wird eine der wohlwollendsten Handlungen sein, die Sie je verrichtet haben."
Sobald Adele Mistreß Fairfax erblickte, rief sie sie auch
sogleich zu ihrem Sopha und füllte schnell ihren Schooß
mit dem Inhalt von Porzellan, Elfenbein und Wachs, der
sich in ihrer Schachtel befand, indem sie inzwischen ihr Entzücken
in dem gebrochenen Englisch aussprach, welches ihr
zu Gebote stand.
"Da ich die Rolle eines guten Wirths gespielt," fuhr
Herr Rochester fort, "und meine Gäste in den Stand gesetzt
habe, einander zu unterhalten, so sollte es mir frei stehen,
jetzt für mein eigenes Vergnügen zu sorgen. Miß Eyre,
ziehen Sie Ihren Stuhl noch ein wenig näher: Sie sind
noch zu weit zurück; ich kann Sie nicht sehen, ohne meine
Stellung in diesem bequemen Stuhle zu verändern, wozu
ich nicht die Absicht habe."
Ich that, wie er mir gebot, obgleich ich viel lieber ein
wenig im Schatten geblieben wäre; doch Herr Rochester gab
seine Befehle auf so directe Weise, das man nicht umhin
konnte, ihm sogleich zu gehorchen.
Wir waren, wie gesagt, im Speisezimmer; der Kronleuchter, der zum Mittagessen angezündet worden, erfüllte
das Zimmer mit festlichem Lichtglanze; das große Feuer
war roth und hell; die purpurnen Vorhänge hingen in reichen Falten vor dem hohen Fenster und dem noch höheren
Bogen: Alles war still, außer dem gedämpften Plaudern
Adelens, die nicht laut zu reden wagte, und der an die
Fenster schlagende Winterregen füllte jede Pause aus.
Als Herr Rochester in seinem mit Damast überzogenen
Lehnfessel dasaß, sah er ganz anders aus, als er mir vorher
erschienen war -- nicht ganz so strenge, viel weniger
finster. Es war ein Lächeln um seine Lippen zu bemerken,
und seine Augen funkelten, ich bin nicht gewiß, ob es vom
Wein herrührte, oder nicht; doch halte ich es für sehr wahrscheinlich.
Kurz er war in seiner Nachmittagsstimmung,
heiterer und freundlicher und auch nachgiebiger, als bei der
kalten und strengen Stimmung des Morgens: aber noch

immer sah er sehr grimmig aus, indem er seinen massiven
Kopf an die schwellende Lehne seines Stuhles legte, und das
Licht des Feuers auf seine aus Granit gehauenen Züge und
seine großen dunklen Augen fiel -- denn er hatte sehr große,
dunkle Augen, ja sehr schöne Augen, zuweilen nicht ohne
eine gewisse Veränderung in ihrer Tiefe, die, wenn sie auch
nicht milde war, doch mindestens an Gefühl erinnerte.
Er blickte zwei Minuten lang ins Feuer, und ich sah
ihn eben so lange an, als er sich plötzlich zu mir wendete
und meinen Blick auf sein Gesicht gerichtet sah.
"Sie sehen mich an, Miß Eyre," sagte er: "halten Sie
mich für schön?"
Hätte ich mich gehörig bedacht, so würde ich etwas
herkömmlich Unbestimmtes und Höfliches geantwortet haben;
aber ehe ich es selber noch gewahr wurde, hatte meine Zunge
schon die Worte ausgesprochen:
"Nein, Herr."
"Ah! bei meinem Wort! Sie haben etwas Eigenthümliches an sich," sagte er. "Sie haben das Ansehen einer
kleinen Nonne; zierlich, ruhig, ernst und einfach, wie Sie
mit vor sich gehaltenen Händen dasitzen und Ihre Augen
gewöhnlich auf den Fußteppich richten, außer wenn Sie sie
durchdringend auf mein Gesicht heften, wie jetzt zum Beispiel;
und wenn man eine Frage an Sie richtet, oder eine
Bemerkung macht, worauf Sie zu antworten genöthigt sind,
so bringen Sie eine runde Erweiterung zum Vorschein, die,
wenn auch nicht rauh, doch wenigstens plötzlich ist. Was
meinen Sie damit?"
"Mein Herr, ich bin zu einfach: ich bitte Sie um Verzeihung.
Ich hätte erwidern sollen, es sei nicht leicht, eine
rasche Antwort auf eine Frage über das Aussehen zu geben,
daß der Geschmack verschieden ist, daß auf Schönheit wenig
ankommt, oder dergleichen."
"Sie hätten nicht dergleichen antworten sollen. Auf
Schönheit kommt freilich nicht viel an! Und unter dem
Vorwande, frühere Beleidigungen wieder gut zu machen
und mich zu besänftigen, stechen Sie mir schlau ein Federmesser unter das Ohr! Fahren Sie fort: welchen Fehler
finden Sie an mir, wenn's gefällig ist? Ich denke doch,

meine Glieder und meine Gesichtszüge sind gleich denen eines
jeden andern Mannes."
"Herr Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort
zurückzunehmen: ich wollte nichts Beißendes erwidern, es
war nur ein Versehen."
"Ich glaube es nicht, und Sie sollen dafür verantwortlich sein. Kritisiren Sie mich: gefällt Ihnen meine Stirn
nicht?"
Er erhob die schwarzen Haarwellen, die horizontal über
seiner Stirn lagen, und zeigte eine sehr feste Masse intellectueller Organe, aber einen plötzlichen Mangel, wo das liebliche Zeichen des Wohlwollens hätte erscheinen sollen.
"Nun, mein Fräulein, bin ich ein Thor?"
"Weit entfernt, mein Herr. Aber Sie werden mich
vielleicht für unhöflich halten, wenn ich dagegen frage, ob
Sie ein Menschenfreund sind?"
"Schon wieder! ein neuer Stich mit dem Federmesser,
indem Sie sich stellten, als wenn Sie meinen Kopf streicheln
wollten: und das geschieht, weil ich gesagt, ich liebe die
Gesellschaft von Kindern und (leise gesprochen) von alten
Weibern nicht. Nein, junge Dame, ich bin kein allgemeiner
Menschenfreund; aber ich habe ein Gewissen" -- und
er deutete auf den vorragenden Theil seiner Stirn, von dem
man sagt, daß er diese Fähigkeit andeuten soll, und der
zum Glück für ihn hinreichend sichtbar war und dem oberen
Theile seines Kopfes eine ausgezeichnete Breite verlieh --
"und überdies besaß ich einst eine Art von rauher Zärtlichkeit des Herzens. Als ich so alt war wie Sie, war ich ein
ganz gefühlvoller Junge; parteiisch gegen die Unbekleideten,
Ungenährten und Unglücklichen; aber das Schicksal hat mich
seitdem herumgestoßen, ja, mich mit seinen Knöcheln geknetet,
und jetzt schmeichle ich mir, so hart und zähe zu sein,
wie ein Ball von Federharz mit einem fühlenden Punkte in
der Mitte des Klumpens; und früher sogar machte sich die
Empfindung noch durch eine oder zwei Spalten Luft. Nun,
läßt das Hoffnung für mich übrig?"
"Hoffnung worauf, Herr?"
"Daß ich endlich aus Federharz noch wieder in Fleisch
zurückverwandelt werden könnte?"

"Offenbar hat er zu viel Wein getrunken," dachte ich,
und wußte nicht, was ich auf seine seltsame Frage antworten
sollte. Wie konnte ich sagen, ob er fähig sei, wieder
zurückverwandelt zu werden?
"Sie sehen sehr verlegen aus. Miß Eyre; obgleich Sie
eben so wenig hübsch sind, als ich schön bin, so steht Ihnen
doch eine verlegene Miene gut. Ueberdies ist sie passend,
denn sie hält diese Ihre prüfenden Augen von meiner Physiognomie
fern und beschäftigt sie mit den wollenen Blumen
es Teppichs: sein Sie also nur immer verlegen. Junge
Dame, ich bin geneigt, diesen Abend alltäglich und mittheilend zu sein.
Bei dieser Ankündigung stand er von seinem Stuhle auf
und stützte seinen Arm an den marmornen Kamin. In dieser Stellung sah man seinen Wuchs eben so deutlich, wie
sein Gesicht, und die ungewöhnliche Breite seiner Brust
schien fast im Mißverhältniß zu der Länge seiner Glieder zu
stehen. Ich bin gewiß, die meisten Leute würden ihn für
einen häßlichen Mann gehalten haben; doch lag so viel unbewußter Stolz in seiner Haltung; eine solche vollkommene
Gleichgültigkeit gegen sein äußeres Erscheinen in seinen
Blicke; ein so stolzes Bewußtsein anderer Fähigkeiten, um
den Mangel der persönlichen Reize zu ersetzen, daß man,
wenn man ihn ansah, unvermeidlich die Gleichgültigkeit
theilte, und selbst im blinden, unvollkommenen Sinne dem
Vertrauen Glauben schenkte.
"Ich bin diesen Abend geneigt, alltäglich und mittheilend
zu sein," wiederholte er, "und deshalb ließ ich Sie
rufen. Das Feuer und der Kronleuchter sind keine genügende
Gesellschaft für mich; auch Pilot nicht, denn auch er
kann nicht reden. Adele ist schon einen Grad besser, steht
aber noch immer nicht auf der erforderlichen Höhe -- Mistreß
Fairfax ebenso; Sie passen für mich, wenn Sie wollen, davon
bin ich überzeugt, obgleich Sie mir am ersten Abend,
als ich Sie hieher eingeladen, noch ein Räthsel blieben.
Ich habe Sie seitdem fast vergessen; andere Ideen haben
den Gedanken an Sie aus meinem Kopfe verbannt; aber
diesen Abend habe ich beschlossen, ruhig zu sein, das Lästige
auszuschließen, und nur das Angenehme einzulassen. Es

würde mir jetzt lieb sein, Sie auszuforschen und mehr von
Ihnen zu erfahren -- reden Sie also --"
Anstatt zu reden, lächelte ich; doch war es kein sehr
gefälliges oder unterwürfiges Lächeln.
"Reden Sie," hat er.
"Wovon, mein Herr?"
"Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen gänzlich die
Wahl des Gegenstandes und die Art, ihn zu behandeln."
Ich blieb schweigend sitzen.
"Wenn er erwartet, daß ich bloß reden soll, um zu reden,
damit er mich kennen lerne, so wird er finden, daß er
sich an die unrechte Person gewendet hat," dachte ich.
"Sie sind stumm, Miß Eyre."
Ich war noch immer stumm. Er neigte sein Haupt ein
wenig zu mir, und schien einen hastigen Blick in meine
Augen zu tauchen."
"Widersetzlich und verletzt? " sagte er. "Ah! es ist natürlich.
Ich sprach meine Bitte auf widersinnige und fast
beleidigende Weise aus. Ich bitte um Verzeihung, Miß
Eyre. Ein für alle Mal sei es gesagt, ich wünsche Sie
nicht wie eine Untergebene zu behandeln; das heißt," fügte
er sich verbessernd hinzu, "ich nehme nur eine solche Ueberlegenheit
in Anspruch, als mir der Unterschied von zwanzig
Jahren des Alters und eines Jahrhunderts der Erfahrung
verleihen. Dies ist billig, und ich bestehe darauf. Vermöge
dieses Uebergewichts, und nur allein deshalb, wünsche ich,
daß Sie die Güte haben mögen, jetzt ein wenig mit mir zu
reden, um meine Gedanken zu zerstreuen, die gequält werden,
weil sie immer bei einem Punkte verweilen und sich
wie ein rostiger Nagel verzehren."
Er hatte sich zu einer Erklärung, fast zu einer Entschuldigung
herabgelassen; ich war nicht unempfindlich für
dieses Zugeständniß, und wollte es auch nicht scheinen.
"Ich bin willig und bereit, Sie zu unterhalten, mein
Herr, wenn ich es vermag; aber ich kann mit keinem Gegenstande
beginnen, denn wie soll ich wissen, was Sie interessirt?
Legen Sie mir Fragen vor, und ich will mein
Möglichstes thun, sie zu beantworten."
"Also für's Erste, gestehen Sie mir zu, daß ich ein

Recht habe, ein wenig herrisch und kurz, zuweilen vielleicht
etwas vielfordernd zu sein; und zwar aus den angegebenen
Gründen, weil ich alt genug bin, um Ihr Vater zu sein,
mir unter mancherlei Menschen und Nationen Erfahrung
gesammelt habe und über die Hälfte des Erdballes umhergeschweift
bin, während Sie ruhig mit einer Klasse von
Menschen in einem Hause lebten?"
"Thun Sie, wie es Ihnen beliebt, mein Herr."
"Das ist keine Antwort, oder vielmehr eine sehr ärgerliche,
weil es eine ausweichende ist - antworten Sie klar."
"Ich glaube nicht, mein Herr, das Sie ein Recht haben,
mir zu befehlen, nur weil Sie älter sind, als ich, oder
weil Sie mehr von der Welt gesehen haben -- Ihr Anspruch
auf Ueberlegenheit hängt von der Anwendung ab,
die Sie von Ihrer Zeit und Erfahrung gemacht haben."
"Hm, das war bestimmt gesprochen. Doch ich will es
nicht zugeben, da ich sehe, daß es nicht für meinen Fall
paßt, da ich beide Vortheile unbenutzt gelassen, ja fast schlecht
angewendet habe. Doch wenn wir auch die Ueberlegenheit
aus dem Spiele lassen, müssen Sie immer einwilligen, von
Zeit zu Zeit meine Befehle zu empfangen, ohne sich von
dem gebieterischen Tone verletzt zu fühlen -- wollen Sie
das?"
Ich lächelte und dachte bei mir selber, Herr Rochester sei
sehr eigenthümlich und scheine zu vergessen, daß er mir dreißig
Pfund jährlich zahle, um seine Befehle zu empfangen.
"Das Lächeln ist sehr gut," sagte er, indem er augenblicklich
den vorübergehenden Ausdruck wahrnahm; "aber
reden Sie auch."
"Ich dachte nur, mein Herr, daß sehr wenige Herren
sich die Mühe geben würden, zu fragen, ob ihre bezahlten
Untergebenen durch ihre Befehle verletzt werden oder nicht."
"Ihre bezahlten Untergebenen! sind Sie denn meine bezahlte
Untergebene? Ei ja, ich vergaß das Jahrgehalt.
Nun, wollen Sie also gestatten, daß ich auf diesen Grund
hin bramarbasire?"
"Nein, Herr, nicht deshalb, sondern weil Sie es vergaßen
und fragen, ob eine abhängige Person sich in ihrer
Abhängigkeit wohl fühlt, willige ich von Herzen ein."

"Und wollen Sie mir die Weglassung einer großen
Menge herkömmlicher Formen und Redensarten erlassen, ohne
zu denken, daß die Unterlassung aus Grobheit herrührt?"
"Ich bin gewiß, mein Herr, daß ich nie Formlosigkeit
für Grobheit halten werde: die erstere ist angenehm, und der
andern würde sich auch gegen ein Jahrgehalt ein freigebornes
Wesen nicht unterwerfen."
"Unsinn! Die meisten freigebornen Wesen werden sich
für ein Jahrgehalt Allem unterwerfen; daher halten Sie an
sich und wagen sich nicht über allgemeine Begriffe auszusprechen,
womit Sie völlig unbekannt sind. Indessen drücke
ich Ihnen im Geiste die Hand für Ihre Antwort, so ungenau
sie auch ist. Und was die Art betrifft, wie sie ausgesprochen
wurde, so war sie offen und aufrichtig. Man
sieht nicht oft ein solches Benehmen; nein, im Gegentheil
wird die Aufrichtigkeit gewöhnlich mit Affectation oder Kälte,
mit dummem oder grobsinnigem Mißverständis der Meinung
belohnt. Nicht drei unter dreitausend Erzieherinnen,
die eben die Schule verlassen, würden mir wie Sie geantwortet
haben. Aber ich will Ihnen nicht schmeicheln: wenn
Sie in eine verschiedene Form gegossen sind, als die Mehrzahl,
so ist es nicht Ihr Verdienst: die Natur hat es gethan.
Und am Ende gehe ich auch in meinen Schlüssen zu weit,
denn nach dem, was ich bis jetzt weiß, mögen Sie auch
nicht besser sein, als die Uebrigen; vielleicht haben Sie unerträgliche
Mängel, die Ihre wenigen guten Eigenschaften
wieder aufheben."
"Und Sie mögen sie auch haben," dachte ich. Mein
Auge begegnete dem seinigen, als mir der Gedanke einfiel.
Er schien den Blick zu lesen und beantwortete die Bedeutung
desselben, als wäre sie in Worten ausgesprochen worden.
"Ja, ja, Sie haben Recht," sagte er, ich habe selbst
viele Fehler; ich weiß es und wünsche sie nicht zu beschönigen,
das versichere ich Ihnen. Gott weiß, ich habe nicht
Ursache, zu strenge gegen Andere zu sein, denn ich habe mir
ein früheres Dasein, eine Reihe von Handlungen, eine Färbung
des Lebens vorzuwerfen, welche mir wohl den Spott
und den Tadel meiner Mitmenschen zuziehen dürfte. Ich
betrat im einundzwanzigsten Jahre einen falschen Weg oder

wurde vielmehr auf denselben hingeworfen -- denn gleich
allen andern Uebelthätern lege ich gern die Hälfte der Schuld
dem Unglück oder den ungünstigen Umständen zur Last --
und habe nie seitdem den rechten Weg wiedergefunden; doch
es hätte ganz anders sein, ich hätte ebenso gut wie Sie, ja
weiser und fast fleckenlos sein können. Ich beneide Sie um
Ihren Seelenfrieden, um Ihr reines Gewissen, um Ihre unbefleckte Erinnerung. Kleines Mädchen, eine Erinnerung
ohne Flecken oder Makel muß ein herrlicher Schatz sein --
eine unerschöpfliche Quelle reiner Erfrischung, nicht wahr?"
"Wie war denn Ihre Erinnerung im achtzehnten Jahre,
mein Herr?"
"Damals war Alles klar und heilsam, kein wildes
Wasser hatte die reine Quelle in einen trüben Pfuhl verwandelt.
Im achtzehnten Jahre war ich wie Sie -- ganz
wie Sie. Die Natur hatte mich im Ganzen zu einem guten
Manne bestimmt, Miß Eyre: und Sie sehen, ich bin es
nicht geworden. Sie mögen sagen, Sie sehen es nicht: wenigstens
schmeichle ich mir, es in Ihrem Auge zu lesen --
nehmen Sie sich indessen in Acht, was Sie durch dieses Organ
ausdrücken, denn ich verstehe diese Sprache leicht. Ich
gebe Ihnen mein Wort, ich bin kein Schurke: das dürfen
Sie nicht denken mir keine solche Höhe in der Schlechtigkeit
zuschreiben; aber ich glaube in Wahrheit, ich habe es
mehr den Umständen, als meiner natürlichen Richtung zuzuschreiben,
daß ich ein gewöhnlicher, alltäglicher Sünder
bin, all jener ärmlichen und nichtswürdigen Zerstreuungen
überdrüßig, womit die Reichen und Werthlosen das Leben
hinbringen. Wundern Sie sich, daß ich Ihnen dies gestehe?
Wissen Sie also, das Sie sich im Verlaufe ihres Lebens
noch oft zu der unfreiwilligen Vertrauten der Geheimnisse
Ihrer Bekannten werden auserwählt sehen. Die Leute entdecken
instinktmässig, wie ich, daß es nicht Ihre starke Seite
ist, von sich selber zu reden, sondern zuzuhören, wenn Andere
von sich reden; Jene werden auch fühlen, daß Sie ihren
Mittheilungen nicht mit boshaftem Spotte, sondern mit einer
Art angeborner Sympathie zuhören, die nicht weniger tröstend
und ermuthigend ist, weil sie sich nicht aufdringlich
zeigt."

"Wie können Sie dies Alles wissen und errathen, mein
Herr?"
"Ich weis es genau, und daher fahre ich eben so unbefangen
fort, als ob ich meine Gedanken in ein Tagebuch
schriebe. Sie werden sagen, ich hätte den Umständen überlegen
sein sollen: das hätte ich freilich sollen, aber Sie sehen,
ich war es nicht -- das Schicksal mir Unrecht that, besaß
ich nicht Weisheit, kalt zu bleiben: ich gerieth in Verzweiflung,
und dann entartete ich. Wenn ein lasterhafter
Dummkopf durch seine gemeine Ausschweifung Abscheu erregt,
so kann ich mir nicht schmeicheln, das ich besser bin,
als er: ich bin genöthigt zu bekennen, daß wir Beide auf
einer Linie stehen. Ich wünsche, ich wäre fest geblieben --
weiß Gott, ich wünsche es! Fürchten Sie die Gewissensqual,
wenn Sie in Versuchung gerathen, zu irren, Miß Eyre:
Gewissensqual ist das Gift des Lebens."
"Man sagt, daß Reue das Heilmittel dagegen ist, mein
Herr."
"Das ist sie nicht. Besserung mag das Heilmittel sein;
und ich könnte mich bessern -- ich habe dazu noch die Kraft
-- wenn -- aber wozu ist es nöthig, daran zu denken, verstrickt,
belastet und verflucht, wie ich bin? da mir überdies
das Glück unwiderruflich verweigert ist, so habe ich ein Recht,
die Vergnügungen des Lebens zu genießen, und ich will es,
es koste, was es wolle."
"Dann werden Sie noch mehr entarten, mein Herr."
"Es ist möglich; aber warum sollte ich es, wenn ich
süßes und frisches Vergnügen haben kann? Und ich kann
es so süß und frisch haben, wie den wilden Honig, den die
Biene auf dem Moor sammelt."
"Es wird stechen -- es wird bitter schmecken, mein
Herr."
"Wie wissen Sie das? -- Sie haben es ja nie gekostet.
Wie ernsthaft - wie feierlich sehen Sie aus, und sind doch
so unbekannt mit der Sache, wie dieser geschnittene Stein,
der hier auf dem Kamine legt! Sie haben kein Recht, mir
zu predigen, Sie Neuling, die Sie die Pforte des Lebens
noch nicht überschritten haben, und völlig unbekannt mit den
Geheimnissen desselben sind."

"Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte, mein
Herr, Sie sagten, der Fehler führe Gewissensqual herbei,
und Sie erklärten Gewissensqual für das Gift des Daseins."
"Und wer spricht jetzt von einem Fehler? Ich glaube
kaum, daß der Gedanke, der durch mein Gehirn dahinflatterte,
ein Fehler war. Ich halte ihn vielmehr für eine Inspiration,
als für eine Versuchung: er war sehr lieblich, sehr
besänftigend - das weiß ich. Da kommt er wieder! Es
ist kein Teufel, das versichere ich Ihnen; oder wenn er es
ist, so hat er das Kleid eines Engels des Lichts angelegt.
Ich denke, ich muß einen so schönen Gast einlassen, wenn er
Eingang in mein Herz fordert."
"Mißtrauen Sie ihm, mein Herr; es ist kein wahrer
Engel."
"Noch einmal, wie wissen Sie das? Vermöge welches
Instinkts behaupten Sie, zwischen einem gefallenen Seraph
des Abgrundes und einem Boten von dem ewigen Throne
-- zwischen einem Führer und einem Verführer unterscheiden
zu können?"
"Ich urtheilte nach Ihrem Gesichte, mein Herr, welches
Unruhe ausdrückte, als Sie sagten, der Einfall wäre Ihnen
wiedergekommen. Ich halte mich überzeugt, daß es Ihnen
noch mehr Elend bringen wird, wenn Sie auf diese Stimme
horchen.
"Durchaus nicht - er bringt die gnadenreichste Botschaft
in der Welt; übrigens sind Sie nicht mein Gewissensrath
und dürfen darüber nicht unruhig sein. Hier, komm
herein, lieblicher Wanderer!"
Er sagte dies, als spräche er mit einer Erscheinung, die
nur seinem Auge sichtbar war; dann faltete er seine Arme,
die er halb ausgebreitet hatte, über seine Brust und schien
das unsichtbare Wesen in seine Umarmung einzuschließen.
"Nun," fuhr er mich wieder anredend fort, "habe ich
den Pilger aufgenommen - eine verkleidete Gottheit; wie
ich wahrhaft glaube. Schon hat er mir wohlgethan; mein
Herz glich einem Beinhause, und jetzt wird es ein Heiligthum
sein."
"Die Wahrheit zu reden, mein Herr, ich verstehe Sie
gar nicht: ich kann die Unterhaltung nicht fortsetzen, denn

sie ist mir zu tief. Nur Eins weiß ich, Sie sagten, Sie
wären nicht so gut, wie Sie zu sein wünschten, und bedauerten
Ihre eigene Unvollkommenheit -- nur Eins kann ich
begreifen, Sie deuteten an, eine befleckte Erinnerung sei eine
ewige Qual. Es scheint mir, wenn Sie sich anstrengten,
würden Sie es bald möglich finden, das zu werden, was
Sie zu sein wünschen; und wenn Sie von heute an den
festen Entschluß faßten, Ihre Gedanken und Handlungen zu
bessern, so würden Sie in wenigen Jahren einen neuen und
fleckenlosen Schatz von Erinnerungen gesammelt haben, zu
dem Sie sich mit Vergnügen wenden könnten."
"Richtig gedacht, richtig gesprochen, Miß Eyre; und in
diesem Augenblick pflastere ich die Hölle mit guten Entschlüssen."
"Mein Herr?"
"Ich fasse gute Entschlüsse, die ich für so dauernd halte,
wie Kieselsteine. Gewiß, mein Umgang und mein Streben
soll anderer Art sein, als bisher."
"Und besser?"
"Ja, auch besser -- so viel als das reine Gold besser
ist, als Schlacken. Sie scheinen an mir zu zweifeln; ich
zweifle nicht an mir: ich weiß, welches mein Ziel ist, welches
meine Beweggründe sind: und in diesem Augenblick
gebe ich ein Gesetz, so unveränderlich wie das der Meder
und Perser, daß Beides recht ist."
"Es kann nicht sein, mein Herr, wenn ein neues Statut
nöthig ist, um es für gesetzmäßig erklären."
"Es ist dennoch recht, Miß Eyre, obgleich durchaus ein
neues Statut nöthig ist, ungewöhnliche Verbindungen der
Umstände fordern ungewöhnliche Regeln"
"Das scheint ein gefährlicher Grundsatz zu sein, mein
Herr, denn man sieht sogleich, daß er gemißbraucht werden
kann."
"Sinnreiche Weise! so ist es; aber ich schwöre bei meinen
Hausgöttern, ihn nicht zu mißbrauchen."
"Sie sind menschlich und nicht unfehlbar."
"Das bin ich: Sie auch -- was weiter?"
"Der Mensch sollte sich nicht eine Macht anmaßen, die

nur einem göttlichen und vollkommenen Wesen mit Sicherheit
anvertraut werden kann.
"Welche Macht?"
"Von einer seltsamen und ungeheiligten Handlungsart
zu sagen: dies soll recht sein."
"Dies soll recht sein -- das sind die ausdrücklichen
Worte: Sie haben sie ausgesprochen."
"So mag es denn recht sein, sagte ich und stand auf,
da ich es für unnütz hielt, eine Unterredung fortzusetzen, die
mir völlig dunkel war. Ueberdies vermochte ich den Charakter
dieses Mannes nicht zu durchschauen, wenigstens nicht
weiter, als er sich in der Gegenwart zu erkennen gab, und
ich empfand die Ungewissheit und Unsicherheit, die die Ueberzeugung
von der Unwissenheit begleiten.
"Wohin gehen Sie?"
"Ich will Adele zu Bette bringen: es ist schon über die
Zeit."
"Sie fürchten mich, weil ich wie eine Sphynx rede."
"Ihre Sprache ist räthselhaft, mein Herr; aber wenn
ich gleich verwirrt bin, so fürchte ich doch Nichts."
"Sie fürchten sich - Ihre Selbstliebe fürchtet ein Versehen."
"In dem Sinne bin ich freilich furchtsam -- ich wünsche,
keinen Unsinn zu reden."
"Wenn es geschähe, würde es auf so ernste und ruhige
Weise geschehen, daß ich es für gesunden Verstand halten
würde. Lachen Sie nie, Miß Eyre? Bemühen Sie sich
mit keiner Antwort -- ich sehe, Sie lachen selten; aber Sie
können sehr heiter lachen: glauben Sie mir, Sie sind nicht
von Natur strenge, wie ich nicht von Natur lasterhaft bin.
Der Zwang in Lowood hängt Ihnen noch ein wenig an;
Sie thun Ihren Gesichtszügen Zwang an, dämpfen Ihre
Stimme und halten Ihre Glieder nach der Vorschrift. Sie
fürchten in Gegenwart eines Mannes und Bruders -- eines
Vaters, eines Herrn oder was er sonst sein mag -- zu heiter zu lächeln, zu frei zu reden, oder sich zu rasch zu bewegen; aber mit der Zeit, denke ich, werden Sie lernen, natürlich
gegen mich zu sein, so wie mir es unmöglich ist, die
herkömmlichen Formen gegen Sie anzuwenden, und dann

werden Ihre Blicke und Bewegungen mehr Lebhaftigkeit und
Abwechselung haben, als sie jetzt zu zeigen wagen. Zu
Zeiten sehe ich den Blick eines neugierigen Vogels durch die
dichten Stangen des Käfigs. Ein lebhafter, ruheloser und
entschlossener Gefangener ist dort: wäre er nur frei, er würde
sich hoch zu den Wolken erheben. Sie wollen noch gehen?"
"Es hat neun geschlagen."
"Warten Sie nur noch eine Minute: Adele ist noch nicht
bereit, zu Bette zu gehen. Meine Stellung mit dem Rücken
gegen das Feuer, und mit dem Gesichte gegen das Zimmer
begünstigt die Beobachtung. Während ich mit Ihnen redete,
habe ich von Zeit zu Zeit Adele beobachtet -- ich habe
meine eigenen Gründe, sie mit Interesse zu beobachten, welche Gründe ich Ihnen einst mittheilen kann und werde. Vor
zehn Minuten zog sie ein kleines rothseidenes Kleid aus ihrem Kasten; Entzücken leuchtete in ihrem Gesicht, als sie es
entfaltete. Coquetterie fließt in ihrem Blut und ist mit ihrem
Gehirn, so wie mit dem Mark ihrer Knochen verschmolzen.
"Ich muß es anziehen," rief sie, "und zwar im Augenblick!" und lief aus dem Zimmer. Sie ist jetzt bei Sophie
und mit Ankleiden beschäftigt, in wenigen Minuten wird
sie wieder eintreten, und ich weiß, daß ich ein Miniaturbild von Celine Varens sehen werde, wie sie auf den
Brettern zu erscheinen pflegte beim Aufziehen des -- doch
es liegt Nichts daran. Indessen werden meine empfindlichsten Gefühle berührt werden: dies ist mein Vorgefühl, warten Sie jetzt, um zu sehen, ob es in Erfüllung geht."
Bald hörten wir Adelens kleine Füße durch den Vorsaal
trippeln. Sie trat umgewandelt ein, wie ihr Pflegevater
es vorhergesagt hatte. Ein sehr kurzes Kleid von rosenfarbigem Seidenzeug mit breitem Saum ersetzte den braunen
Rock, den sie vorher getragen; ein Kranz von Rosenknospen
umgab ihre Stirn, ihre Füße waren mit seidenen Strümpfen
und kleinen weißseidenen Sandalen bekleidet.
"Steht mir mein Kleid gut?" rief sie herbeieilend; "und
meine Schuhe? und meine Strümpfe?" Es ist mir, als
müßte ich tanzen!"
Und ihr Kleid ausbreitend, machte sie einige Tanzschritte
durch das Zimmer. Als sie Herrn Rochester erreichte, drehte

sie sich vor ihm leicht auf den Zehen herum, ließ sich dann
zu seinen Füßen auf ein Kniee nieder und rief:
"Mein Herr, ich danke Ihnen tausendmal für Ihre
Güte. Dann stand sie auf und fügte hinzu: "So machte
es Mama, nicht wahr, mein Herr?"
"Genau so!" war die Antwort, "und so lockte sie mir
mein englisches Gold aus meiner britischen Hosentasche. Ich
bin auch jung gewesen, Miß Eyre -- und thöricht dazu.
Mein Frühling ist vorüber, hat mir indeß jenes französisch.
Blümchen in den Händen gelassen, welches ich in manchen
Stimmungen gern los sein möchte. Da ich jetzt die Wurzel
nicht schätze, aus der es aufgesproßt ist, und ausfindig gemacht habe, daß sie nur durch Goldstaub gedieh, so habe ich
nicht mehr die Hälfte der Neigung zu dem Knöspchen, besonders wenn es so gekünstelt aussieht, wie eben jetzt. Ich
behalte und erziehe es mehr nach dem römisch-katholischen
Grundsatze, um zahlreiche große oder kleine Sünden durch
ein gutes Werk abzubüßen. Ich will Ihnen dies Alles einst
erklären. Gute Nacht."

Fünfzehntes Kapitel.

Herr Rochester erklärte diese Umstände bei einer künftigen Gelegenheit.
Es war an einem Nachmittag, als er mir und Adelen
zufällig im Park begegnete, und während sie mit Pilot und
ihrem Federball spielte, bat er mich, in einer langen Buchenallee, von wo man sie sehen konnte, mit ihm auf - und abzugehen.
Dann sagte er, sie sei die Tochter einer französischen
Operntänzerin Namens Celine Varens, für die er einst, wie
er es nannte, eine große Leidenschaft empfunden. Celine
habe sich gestellt, als erwidere sie diese Leidenschaft mit lebhafter Glut. Er habe, so häßlich er sei, geglaubt, daß sie
seinen athletischen Wuchs der Eleganz des Apoll vom Belvedere vorziehe.

"Und so sehr fühlte ich mich durch diesen Vorzug, den
die gallische Sylphide für ihren britischen Gnomen zeigte,
geschmeichelt, daß ich ihr ein Hotel miethete, ihr Wagen
und Dienerschaft hielt, und sie mit kostbaren Shawls,
Diamanten und Spitzen beschenkte. Kurz, ich begann mich
auf hergebrachte Weise, gleich jedem andern Gimpel, zu
Grunde zu richten. Wie es scheint, besaß ich nicht die Originalität, mir einen neuen Weg zur Schande und zum Verderben zu bahnen, sondern betrat den alten Weg mit einfältiger Genauigkeit, ohne um einen Zoll von der Mitte abzuweichen. Wie ich es verdiente, hatte ich das Schicksal jedes
des andern Gimpels. Eines Abends, als Celine mich nicht
erwartete, ging ich zu ihr und fand sie nicht zu Hause; aber
es war ein warmer Abend und ich ermüdet vom Umhergehen in Paris; ich setzte mich also in ihrem Boudoir nieder, glücklich, die erst kürzlich durch ihre Gegenwart geweihte
Luft zu athmen. Nein -- ich übertreibe; ich schrieb ihr nie
eine weihende Tugend zu, und es war vielmehr ein Duft
von Moschus und Ambra, den sie zurückgelassen, als ein
Geruch der Heiligkeit. Ich war nahe daran, von dem Dufte
der Blumen und Essenzen zu ersticken, als es mir einfiel, die
Glasthür zu öffnen und auf den Balkon hinauszugehen.
Es war mondhell, und überdies schienen die Gaslampen,
und Alles war still und heiter. Auf dem Balkon befanden
sich einige Stühle; ich setzte mich nieder und zog eine Cigarre hervor -- wenn Sie entschuldigen, will ich jetzt auch
eine rauchen."
Hier trat eine Pause ein, die mit dem Hervorziehen und
Anbrennen einer Cigarre ausgefüllt wurde. Nachdem er sie
an seine Lippen gebracht und eine Wolke von reinem Havannaduft in die kalte und sonnenlose Luft hinausgeblasen,
fuhr er fort:
"Ich liebte in jenen Tagen auch die Bonbons, Miß
Eyre: aß abwechselnd Chocoladenbonbons und rauchte, indem ich zugleich die Equipagen beobachtete, die durch die
belebte Straße zu dem nahen Opernhause hinrollten, als
ich in einem eleganten geschlossenen Wagen, von zwei schonen englischen Pferden gezogen, dieselbe Equipage erkannte,

die ich Celinen geschenkt. Sie kehrte zurück, und natürlich
schlug mein Herz mit Ungeduld an das Eisengitter, an welches
ich mich lehnte. Der Wagen hielt, wie ich erwartet
hatte, vor dem Hotel an: meine Flamme -- das ist das
rechte Wort für eine Opernliebschaft -- stieg aus, doch war
sie in einen Mantel gehüllt, was mir als eine unnöthige
Last vorkam, da es ein warmer Juniusabend war. Ich
erkannte sie sogleich an ihrem kleinen Fuße, der unter dem
Saum ihres Kleides hervorkam, als sie von dem Wagentritt herunterstieg. Ich neigte mich über die Gallerie und
war eben im Begriff in einem Tone, der natürlich nur dem
Ohr der Liebe hörbar sein sollte: "Mein Engel!"
zu flüstern, als eine ebenfalls in einen Mantel gehüllte
Gestalt nach ihr aus dem Wagen sprang: aber es war eine
bespornte Ferse, die auf dem Pflaster ertönte, und ein mit
einem Männerhute bedeckter Kopf, der jetzt durch die große
Thür des Hotels eintrat. Sie haben nie Eifersucht empfunden, Miß Eyre? Natürlich nicht: ich darf nicht erst
fragen, da Sie nie Liebe empfunden. Beide Gefühle stehen
Ihnen noch bevor: Ihre Seele schlummert noch und sie muß
erst geweckt werden. Sie denken, das ganze Dasein fließt
so ruhig dahin, wie Ihre Jugend bisher dahingeglitten.
Mit geschlossenen Augen und verbundenen Ohren sehen Sie
nie die Felsen, die sich nicht weit von dem Bette des Stromes erheben und hören nicht die Brandung an ihre Grundsätze schlagen. Aber ich sage Ihnen -- und Sie mögen
sich meine Worte merken -- Sie werden einst zu einem felsigen Engpaß des Kanals kommen, wo der ganze Strom
des Lebens in Wirbel und Tumult, in Schaum und Geräusch übergeht: da werden Sie entweder an den Klippen
zerschmettert, oder von einer großen Welle gehoben und in
die ruhigere Strömung getragen werden -- wie jetzt bei
mir der Fall ist. Mir gefällt dieses Wetter, mir gefällt
dieser stählerne Himmel: mir gefällt die Stille der Welt
unter diesem Frost. Ich liebe Thornfield, die alterthümliche
Bauart, die Zurückgezogenheit, die alten Dohlennester und
Dornbäume, die graue Fronte und die Reihen dunkler Fenster, die jenen metallnen Himmel reflectiren: doch, wie
lange habe ich den bloßen Gedanken daran verabscheut und

es gemieden, wie ein großes Pesthaus! wie verabscheue ich
noch jetzt -- "
Er knirschte mit den Zähnen und schwieg: er hielt seinen
Schritt an, und trat mit seinem Absatze fest auf den starren
Boden. Irgend ein verhaßter Gedanke schien ihn in seinen
Klauen zu haben, und ihn so fest zu halten, daß er nicht
weiter konnte.
Wir gingen gerade den Gang herauf, als er still stand.
Die Halle lag vor uns. Seine Augen zu den Zinnen erhebend,
starrte er das Gebäude mit einem Blicke an, wie
ich noch nie vor oder nachher einen gesehen. Schmerz,
Scham, Zorn -- Ungeduld, Ekel und Abscheu -- schienen
in dem Augenblick einen bebenden Kampf in der großen Pupille zu bestehen, die sich unter seinen schwarzen Brauen
erweiterte. Wild war das Ringen um die Obergewalt;
aber ein anderes Gefühl erhob sich und triumphirte: ein
hartes und sarkastisches, trotziges und entschlossenes Gefühl
war es -- es brachte seine Leidenschaft zur Ruhe und versteinerte sein Gesicht.
"Als ich schwieg, Miß Eyre," fuhr er fort, "hatte ich
mit meinem Geschick zu verhandeln. Dort stand sie bei
jenem Buchenstamm -- eine Hexe, wie eine von jenen, die
Macbeth auf der Haide von Fores erschienen. "Du liebst
Thornfield?" sagte sie, ihren Finger erhebend, und dann
schrieb sie ein Zeichen in die Luft, welches in dunkelrothen
Hieroglyphen zwischen der obern und untern Fensterreihe
über die ganze Fronte dahinlief: "Liebe es, wenn Du
kannst! Liebe es, wenn Du darfst!" -- "Ich will es lieben," sagte ich. Ich darf es lieben und will mein Wort
halten," fügte er düster hinzu; "ich will die Hindernisse überwinden, die dem Glück und dem Guten im Wege stehen --
ja, dem Guten. Ich wünsche, ein besserer Mensch zu werden, als ich gewesen und als ich jetzt bin. So wie Hiobs
Leviathan den Speer, den Wurfspieß und den Brustharnisch
zerbrach, will ich Hindernisse, die Andere für Eisen und
Erz halten, nur wie Stroh und vermodertes Holz achten.
In diesem Augenblick kam Adele mit ihrem Federball
herbeigelaufen. "Hinweg!" rief er rauh, "halte Dich in der
Ferne Kind oder geh zu Sophie hinein!" Dann setzte er

seinen Weg schweigend fort, und ich wagte, ihn an die unterbrochene Erzählung zu erinnern.
"Verließen Sie den Ort, mein Herr, als Mademoiselle
Varens eintrat?" fragte ich.
Ich erwartete einen Tadel für diese schwerlich gelegene
Frage; doch im Gegentheil erwachte er aus seiner düstern
Zerstreuung, richtete seine Augen auf mich, und der Schatten schien von seiner Stirn zu verschwinden.
"O! ich hatte Celine vergessen; doch ich will fortfahren.
Als meine Geliebte von einem Cavalier begleitet zurückkehrte, glaubte ich ein Zischen zu hören, und die grüne
Schlange der Eifersucht erhob sich in wellenförmigen Windungen von dem mondbeglänzten Balkon, schlüpfte in meine
Weste und bahnte sich in zwei Minuten ihren Weg in das Innerste meines Herzens. Seltsam rief er plötzlich, wieder von dem Gegenstande abweichend; "seltsam, daß ich Sie zur Vertrauten für dies Alles wähle, junge Dame: äußerst
seltsam, daß Sie mich ruhig anhören, als wäre es das
Gewöhnlichste von der Welt, daß ein Mann, wie ich, einem
artigen und unerfahrenen Mädchen, wie Sie, Geschichten
von seinen Geliebten unter den Opertänzerinnen erzählt!
Aber die letzte Seltsamkeit erklärt die erste, wie ich schon
vorher angedeutet, und Sie bei Ihrem Ernst, Ihrer Ueberlegung und Vorsicht, sind geschaffen, fremde Geheimnisse
anzuhören. Ueberdies weiß ich, welchen Geist ich mit dem
meinen in Verbindung gesetzt habe; ich weiß, daß er nicht
der Ansteckung unterworfen ist, denn es ist ein eigenthümlicher und einziger Geist. Zum Glück beabsichtige ich nicht,
Ihnen Leid zuzufügen, und wenn es auch der Fall wäre,
würden Sie es nicht gestatten. Je mehr wir Beide uns
unterhalten, desto besser, denn während ich Ihnen nicht
schaden kann, find Sie im Stande, mich zu erheitern."
Nach dieser Abschweifung fuhr er fort.
Ich blieb auf dem Balkon. Sie werden ohne Zweifel
in ihr Boudoir gehen, dachte ich; ich will ihnen einen Hinterhalt legen. Ich streckte meine Hand durch das offene
Fenster hinein und zog den Vorhang vor dasselbe, indem
ich nur eine Oeffnung ließ, durch die ich meine Beobachtungen anstellen konnte: dann machte ich das Fenster so weit

zu, daß nur eine kleine Spalte übrig blieb, durch welche die leisen Gelübde der Liebenden dringen konnten, schlich mich dann wieder zu meinem Stuhl zurück, und als ich ihn wieder einnahm, trat das Paar herein. Mein Auge war rasch an der Oeffnung. Celinens Kammermädchen kam herein, zündete eine Lampe an, ließ sie auf dem Tische zurück und entfernte sich. Jetzt zeigte sich mir das liebende Paar deutlich: Beide legten ihre Mäntel ab, und da sah ich die Varens in Seide und Juwelen schimmern, die ich ihr geschenkt
-- und da war ihr Begleiter in einer Officieruniform. Ich
erkannte in ihm einen jungen Wüstling von Vicomte --
einen gehirnlosen, lasterhaften Burschen, den ich zuweilen in
Gesellschaft getroffen und nie daran gedacht, ihn zu hassen,
weil ich ihn zu sehr verabscheute. Sobald ich ihn erkannte, war die Qual der Eifersucht vorüber, denn meine Liebe zu Celinen war erloschen. Ein Weib, welches mich wegen eines solchen Nebenbuhlers verrathen konnte, war nicht der Mühe werth, um sie zu streiten: sie verdiente nur Verachtung, obgleich weniger, als ich, den sie hintergangen hatte.”
“Sie begannen zu reden; ihre Unterhaltung beruhigte mich völlig: frivol, herz- und sinnlos, war sie mehr darauf berechnet, einen Horcher zu ermüden, als in Wuth zu versetzen. Eine Karte von mir lag auf dem Tische; als man dieselbe bemerkte, wurde über meinen Namen verhandelt.
Beide besaßen nicht Kraft oder Witz genug, mich gehörig durchzuhecheln; doch schmälten sie mich auf ihre Weise so roh, wie sie es nur vermochten: ganz besonders Celine, die beinahe geistreich wurde, als sie sich über meine körperlichen Mängel, die sie Mißgestalt nannte, aussprach. Nun pflegte sie sich zuweilen in glühender Bewunderung über meine männliche Schönheit, wie sie es nannte, auszusprechen, worin sie ganz von Ihnen abwich, die Sie mir bei unserer zweiten Unterredung geradezu gesagt haben, daß Sie mich ich für schön halten. Der Gegensatz fiel mir zu jener Zeit auf und --"
Hier kam Adele wieder herbeigelaufen.
"John hat eben gesagt, mein Herr, daß Ihr Verwalter da sei und Sie zu sprechen wünsche."
"Ah! wenn das ist, so muß ich mich kurz fassen. Ich öffnete das Fenster und ging zu ihnen hinein, kündigte Celinen das Aufhören meines Schutzes an, forderte sie auf,
ihr Hotel zu verlassen, bot ihr eine Börse an, um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen, achtete nicht auf
Schreien, Ohnmachten, Bitten, Betheuerungen und Krämpfe,
und forderte den Vicomte zu einem Duell im Walde von
Boulogne. Am nächsten Morgen hatte ich das Vergnügen,
mich mit ihm zu schießen, ließ eine Kugel in einem seiner
dünnen Arme zurück, so schwach wie der Flügel eines jungen
Hühnchens, welches den Pips hat, und glaubte dann
mit dem ganzen Gelichter fertig zu sein. Aber unglücklicher Weise hatte mich die Varens sechs Monate vorher
mit dieser kleinen Adele beschenkt, die, wie sie versicherte,
meine Tochter sei: und vielleicht mag es auch der Fall sein,
obgleich ich keine Beweise von einer so grimmigen Vaterschaft in ihrem Gesichte geschrieben sehe: Pilot ist mir ähnlicher, als sie. Einige Jahre, nachdem ich mit der Mutter
gebrochen hatte, ließ sie ihr Kind zurück, lief mit einem
italienischen Musiker oder Sänger davon und ging nach
Italien. Ich gestand nicht zu, daß Adele irgend einen
natürlichen Anspruch an mich habe und thue es auch noch
nicht, denn ich bin nicht ihr Vater: als ich aber hörte, daß
sie ganz verlassen sei, nahm ich das arme Ding aus dem
Schlamm und Koth von Paris und verpflanzte es hierher,
um auf dem gesunden Boden eines englischen Landgutes
rein aufzuwachsen. Mistreß Fairfax fand Sie, um das
Kind zu erziehen; aber jetzt wissen Sie, das es der ungesetzliche Sprößling eines französischen Opernmädchens ist,
und werden vielleicht anders von Ihrer Stellung und Ihrer
Schutzbefohlenen denken. Sie werden eines Tages kommen, mir zu sagen, daß Sie eine andere Stelle gefunden,
und mich bitten, mich nach einer andern Erzieherin umsehen, nicht war?"
"Nein -- Adele ist nicht für die Fehler ihrer Mutter
noch für die Ihren verantwortlich: ich habe eine Neigung
zu ihr, und nun, da ich weiß, daß sie gewissermaßen
elternlos ist -- von ihrer Mutter verlassen und von Ihnen
verleugnet, so werde ich mich ihr näher anschließen, als je
Wie könnte ich je den verzogenen Sprößling einer reichen

Familie, der seine Gouvernante als eine lästige Person,
hassen würde, einer einsamen kleinen Waise vorziehen, die
sich mir als eine Freundin anschließt?"
"O! also aus dem Gesichtspunkte sehen Sie die Sache
an! Gut, ich muß jetzt hineingehen, und Sie auch, denn
es fängt an dunkel zu werden."
Aber ich blieb noch einige Minuten länger mit Adele
und Pilot draußen -- lief mit ihr um die Wette und spielte
mit dem Federball. Als wir hineingegangen waren und ich
ihr Hut und Mantel abgenommen hatte, setzte ich sie auf
meinen Schooß und erlaubte ihr, eine Stunde lang zu plaudern, wie sie wollte, ohne einige kleine Freiheiten und Trivialitäten zu tadeln, in die sie zu verfallen pflegte. Diese
verriethen eine Oberflächlichkeit des Charakters, die sie von
ihrer Mutter ererbt, und die sich selten bei einem englischen
Kinde findet. Dabei hatte sie auch ihre Verdienste, und ich
war geneigt, alles Gute an ihr aufs Höchste zu schätzen.
Ich suchte in ihrem Gesichte und ihren Zügen eine Aehnlichkeit mit Herrn Rochester, fand aber keine: kein Zug,
kein Wechsel des Ausdrucks deutete auf Verwandtschaft.
Es war Schade: wenn man hätte finden können, daß sie ihm geglichen hätte, so würde er mehr an sie gedacht
haben.
Erst als ich mich Abends auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, dachte ich wieder mit Ruhe an die Geschichte,
die mir Herr Rochester erzählt hatte. Wie er mir gesagt,
lag wahrscheinlich nichts Außerordentliches in der Erzählung selbst. Die Leidenschaft eines reichen Engländers für eine französische Tänzerin, und ihre Verrätherei an ihm war ohne Zweifel ganz alltägliche Dinge in der Gesellschaft; aber es lag etwas höchst Auffallendes in dem Paroxismus der Aufregung, der sich seiner so plötzlich bemächtigt hatte, als er im Begriff gewesen, seine gegenwärtige zufriedene Stimmung und seine neu belebte Freude an der alten Halle und den Umgebungen derselben auszudrücken.
Ich dachte mit Verwunderung über diesen Vorfall nach, gab ihn aber auf, als ich ihn unerklärlich fand, und wendete mich zu der Betrachtung des Benehmens meines Herrn gegen mich. Das Vertrauen, welches er in mich zu setzen für gut gehalten, schien ein Tribut, den er meiner Besonnenheit darbrachte; so sah ich es an und nahm es so auf. Sein Benehmen war seit einigen Wochen gleichförmiger gegen mich, als anfangs. Ich schien ihm nie im
Wege zu sein; er zeigte keine Anfälle von erkältendem Stolz: wenn er mich unerwartet traf, schien ihm die Begegnung willkommen zu sein; er hatte immer ein Wort und
zuweilen ein Lächeln für mich: wenn ich durch eine förmliche Einladung zu ihm gerufen wurde, beehrte er mich mit
einem herzlichen Empfange, der das Gefühl in mir erregte,
daß ich wirklich die Macht besitze, ihn zu unterhalten, und daß er diese Abendunterredungen eben so sehr zu seinem
eigenen Vergnügen, als zu meinem Nutzen veranstalte.
Ich sprach freilich verhältnißmäßig wenig; doch hörte ich ihm mit Ergötzen zu. Es lag in seiner Natur, mittheilend zu sein; er eröffnete einem mit der Welt unbekannten
Geiste gern einen Anblick ihrer Scenen und Wege – ich meine nicht ihrer verdorbenen Scenen und bösen Wege, sondern solcher, deren Interesse in dem großen Maßstabe der
Handlung, in der seltsamen Neuheit lag, wodurch sie sich auszeichneten - und ich fand ein lebhaftes Ergötzen daran,
die neuen Ideen, die er mir anbot, in mich aufzunehmen, mir die neuen Bilder vorzustellen, die er mir vor Augen
brachte, und ihn im Gedanken durch die neuen Regionen zu folgen, die er mir eröffnete, wurde auch nie durch eine
unschickliche Anspielung verletzt oder beunruhigt.
Die Leichtigkeit und Gewandtheit seines Benehmens befreite mich von schmerzlichem Zwange: die freundliche Offenheit, womit er mich behandelte, zog mich zu ihm bin. Es
war mir zuweilen, als sei er mein Verwandter und nicht mein Herr; dennoch war er zu Zeiten gebieterisch, aber ich
beachtete es nicht, denn ich sah, es war so seine Art. Als dies neue Interesse zu meinem Leben hinzugefügt wurde, fühlte ich mich so glücklich und zufrieden, daß mein Verlangen
nach Verwandtschaft verstummte: meine Bestimmung schien sich zu erweitern, die Leere des Daseins wurde ausgefüllt; meine körperliche Gesundheit verbesserte sich, und ich
nahm zu an Fleisch und Stärke.
Und war Herr Rochester jetzt haßlich in meinen Augen?
Nein, Leser: Dankbarkeit und vielfache Ideenverbindungen, die zugleich angenehm und genial waren, machten sein Gesicht zu dem Gegenstande, der mir am Besten gefiel; seine
Gegenwart im Zimmer war erheiternder, als das hellste Feuer. Doch ich hatte seine Fehler nicht vergessen und konnte es auch in der That nicht, denn er brachte sie mirbeständig vor Augen. Er war stolz, sarkastisch und rauh gegen Niedrigkeit jeder Art, und in meinem geheimsten Gedanken hielt ich mich überzeugt, daß seine große Güte gegen
mich durch ungerechte Strenge gegen viele Andere aufgehoben werde. Er war auch ohne sichtbaren Grund mißmuthig, und mehr als einmal, wenn er mich rufen ließ, um ihm vorzulesen, sah ich ihn, seinen Kopf auf seinen über einander geschlagenen Armen ruhend, in seiner Bibliothek sitzen: und wenn er aufblickte, verdunkele ein mürrischer, fast boshafter Blick seine Züge. Aber ich glaubte, daß seine Verstimmung, seine Rauhheit und seine früheren Fehler -- ich sage seine früheren, denn jetzt schien er sie abgelegt zu haben -- ihre Quelle in einem grausamen Schlage des Schicksals gehabt. Ich glaubte, er sei von Natur ein Mann von besserem Streben, höheren Grundsätzen und reinerem Geschmack gewesen, als die Umstände in ihm entwickelt, die Erziehung ihm eingeflößt, oder wozu das Geschick ihn ermuthigt. Ich glaubte, es seien vortreffliche Materialien in ihm, obgleich sie für jetzt ein wenig verdorben und verwirrt waren. Ich kann nicht leugnen, daß ich an seinem Kummer Theil nahm, von welcher Art er auch sein mochte, und viel darum gegeben hätte, ihn zu besänftigen.
Obgleich ich jetzt mein Licht ausgelöscht und mich zu Bette gelegt hatte, konnte ich doch nicht schlafen, weil ich
an seinen Blick dachte, als er in dem Baumange will gestanden und gesagt wie sein Geschick sich vor ihm erhoben
und ihm trotz geboten in Thornfield glücklich zu sein.
“Warum nicht?” fragte ich mich selbst: "was entfremdet ihn seinem Hause? Wird er es bald wieder verlassen?
Mistreß Fairfax sagte, er bleibe zur Zeit selten länger als vierzehn Tage und er ist jetzt schon acht Wochen hier gewesen. Wenn er geht, wird die Veränderung kläglich sein. Wenn er den Frühling, den Sommer und Herbst abwesend wäre, wie freudelos würde die Sonne und die schönen Tage
scheinen!"
Ich weiß nicht, ob ich nach diesem Nachdenken geschlafen habe oder nicht, auf jeden Fall wurde ich durch ein undeutliches, eigenthümliches und schauerliches Gemurmel erweckt,
welches gerade über meinem Kopfe zu entstehen schien.
Ich wünschte, ich hätte mein Licht brennen lassen: die Nacht war sehr dunkel und mein Geist niedergedrückt. Ich richtete mich im Bette auf und horchte. Die Töne verstummten.
"Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz
schlug ängstlich: meine innere Ruhe war gebrochen. Unten in der Vorhalle schlug die Uhr zwei. Gerade in dem Augenblick war es mir, als werde die Thür meines Zimmers berührt, wie wenn Finger darüber hinstreiften und den Weg durch die dunkle Gallerie suchten.
"Wer ist da?” sagte ich, aber es antwortete Nichts, und ich erbebte vor Furcht.
Plötzlich fiel mir ein, es möge Pilot sein, der, wenn die Küchenthür offen geblieben war, nicht selten heraufkam und sich vor Herrn Rochester's Thür legte. Ich hatte ihn selber mehrmals des Morgens dort liegen sehen. Dieser Gedanke verscheuchte meine Furcht ein wenig, und ich legte
mich nieder. Das Schweigen beruhigt die Nerven, und als jetzt eine ununterbrochene Stille im ganzen Hause herrschte, begann ich die Rückkehr des Schlummers zu fühlen. Aber
es war nicht bestimmt, daß ich in dieser Nacht schlafen sollte. Kaum hatte sich ein Traum meinem Ohr genähert, als er erschrocken entfloh, von einem markdurchschaudernden
Ereigniß hinweggescheucht.
Dies war ein dämonisches Lachen -- leise, gedämpft und tief -- wie es schien, dicht am Schlüsselloch meiner Thür ausgestoßen. Das Kopfende meines Bettes war in der Nähe der Thür, und ich glaubte anfangs, das koboldähnliche Lachen geschehe dicht neben meinem Kopfe; aber als ich mich erhob und mich umsah, konnte ich Nichts erblicken. Doch der unnatürliche Ton wurde wiederholt, und ich wußte, daß er von der andern Seite der Thür herkam. Das Erste, was ich that war, aufzustehen und die Thür zu verriegeln.
Dann rief ich: "Wer ist da?"
Draußen ließ sich ein gurgelnder und stöhnender Ton vernehmen, und bald hörte ich Fußtritte, die sich in der
Gallerie entfernten und sich der Treppe zu dem dritten Stock näherten. Erst kürzlich hatte man die Thür zu jener
Treppe schließbar gemacht; ich hörte, wie diese Thür sich öffnete und schloß, und dann war Alles still.
"Was ist es mit dieser Gratia Poole?" dachte ich. "Ist sie vom Teufel besessen?"
"Da ich jetzt nicht länger allein bleiben konnte, so wollte ich zu Mistreß Fairfax gehen. Ich zog rasch mein Kleid
an und hing einen Shawl um; dann öffnete ich den Riegel meiner Thür mit zitternder Hand. Draußen brannte ein
Licht, welches Jemand auf der Matte in der Gallerie hatte stehen lassen. Ich war von diesem Umstande überrascht;
aber noch mehr erstaunte ich, als ich bemerkte, daß die Luft ganz trübe und mit Rauch angefüllt war, und während ich
mich nach allen Seiten umsah, um zu entdecken, woher diese blauen Rauchwirbel kamen, empfand ich einen starken
Geruch, als ob etwas brenne.
Es knisterte etwas: eine Thür war nur angelehnt -- es war Herrn Rochester's Thür, und aus derselben drang
eine Rauchwolke hervor. Ich dachte nicht mehr an Mistreß Fairfax, ich dachte nicht mehr an Gratia Poole und das
Lachen: in einem Augenblick war ich im Zimmer. Die Flammen schlugen am Bette auf: die Vorhänge standen in
Feuer. In der Mitte der Glut und des Rauches lag Herr Rochester bewegungslos in tiefem Schlafe.
"Erwachen Sie! erwachen Sie!" rief ich.
Ich rüttelte ihn, doch er murmelte nur und wendete sich um: der Rauch hatte ihn betäubt. Kein Augenblick war
zu verlieren, denn schon waren die Betttücher angebrannt.
Ich eilte zu seinem Waschtische: zum Glück war der Wasserkrug und die Waschschaale mit Wasser gefüllt und Beide
groß. Ich erhob Beide nach einander und überschüttete das Bett mit dem Inhalt, eilte in mein Zimmer zurück, brachte
auch meinen Wasserkrug herbei, taufte das Lager von Neuem, und mit Gottes Hülfe gelang es mir, die Flammen
auszulöschen.
Das Zischen des erlöschenden Elements, das Zerbrechen des Wasserkruges, der mir aus der Hand gefallen war, als
ich ihn ausgeleert hatte, und vor allen Dingen das Sturzbad, welches ich so reichlich ausgegossen, erweckte Herrn
Rochester endlich. Obgleich es jetzt dunkel war, wußte ich
doch, daß er wachte, weil er seltsame Verwünschungen ausstieß, als er bemerkte, daß er in einem Wasserpfuhle lag.
"Ist denn hier eine Wasserflut?" rief er.
"Nein, Herr," antwortete ich; "aber es ist Feuer gewesen. Stehen Sie auf, Sie sind jetzt gelöscht; ich will
Ihnen ein Licht holen."
"Im Namen aller Elfen in der Christenheit, ist das
Johanna Eyre?" fragte er. "Was haben Sie mit mir gethan, Hexe, Zauberin? Wer ist noch außer Ihnen im Zimmer? Haben Sie sich verschworen, mich zu ersäufen?"
"Ich will Ihnen ein Licht holen, mein Herr; und in des Himmels Namen stehen Sie auf. Es hat Jemand etwas Böses vorgehabt, und Sie können nicht bald genug ausfindig machen, wer und was es ist."
"So -- nun bin ich auf. Aber bedenken Sie, dass Sie auf Ihre Gefahr ein Licht holen. Warten Sie nur zwei Minuten, bis ich trockene Kleider anlege, wenn trockene da find - ja, hier ist mein Schlafrock, nun eilen Sie!"
Ich lief hinaus und brachte das Licht herein, welches noch in der Gallerie stand. Er nahm es mir aus der Hand, hielt es empor und betrachtete das Bett, welches ganz geschwärzt und verbrannt war; die Bettücher waren durchnäßt und der Fußteppich mit Wasser beschüttet.
"Was ist dies? und wer that es?" fragte er.
Ich erzählte ihm kurz, was ich vernommen hatte: das seltsame Lachen, das ich in der Gallerie gehört; die Schritte, die zum dritten Stock hinaufgegangen -- wie der Rauch
und der Geruch des Feuers mich in sein Zimmer geführt, in welchem Zustande ich die Dinge gefunden, und wie es ihn mit al dem Wasser beschüttet, welches ich hatte finden
können.
Er hörte mir sehr ernsthaft zu; sein Gesicht drückte mehr Sorge als Erstaunen aus, indem ich fortfuhr, und er sprach nicht sogleich, als ich meinen Bericht geendet hatte.
"Soll ich Mistreß Fairfax rufen?" fragte ich.
"Mistreß Fairfax? nein. Weshalb, zum Henker, wollten Sie sie rufen? was kann sie thun? Lassen sie sie ruhig schlafen."
"Dann will ich Lea herbeiholen und John und seine Frau wecken."
"Durchaus nicht: sein Sie nur ruhig. Sie haben eine Shawl um, wenn Ihnen nicht warm genug ist, so können Sie noch meinen Mantel dort nehmen, hüllen Sie ihn um sich und setzten sich dort in den Lehnstuhl. Ich will Ihnen helfen. Nun, stellen Sie Ihre Füße auf den Schemel, damit sie aus der Nässe kommen. Ich werde Sie auf einige Minuten verlassen und das Licht mitnehmen. Bleiben Sie, wo Sie sind, bis ich zurückkehre und sein Sie so still, wie eine Maus. Ich muß einen Besuch in diesem zweiten Stock machen. Aber regen Sie sich nicht und rufen Sie auch Niemand."
Er ging, und ich sah, wie das Licht sich entfernte. Er ging sehr leise die Gallerie dahin, öffnete die Thür an der
Treppe so geräuschlos als möglich, machte sie hinter sich zu, und dann verschwand der letzte Strahl. Ich blieb in volliger Dunkelheit zurück. Ich horchte auf ein Geräusch,
hörte aber Nichts. Eine sehr lange Zeit verging. Es fror mich ungeachtet des Mantels, und dann sah ich nicht ein, wozu ich dableiben sollte, da er mir verboten, die Leute
im Hause zu wecken. Ich war eben im Begriff, zu wagen, mir Herrn Rochester's Mißfallen zuzuziehen, indem ich seine Befehle nicht befolgte, als das Licht wieder matt an die
Wand der Gallerie schien und ich seine unbekleideten Füße die Matte betreten hörte.
"Ich hoffe, er ist es," dachte ich, "und nicht etwas Schlimmeres."
Er trat sehr blaß und düster wieder ein.
"Ich habe Alles entdeckt," sagte er, sein Licht auf den Waschtisch niedersetzend; "es ist, wie ich dachte."
"Wie, mein Herr?"
Er antwortete nicht, blieb mit übereinander geschlagenen Armen stehen und blickte auf den Boden. Nach wenigen Minuten fragte er in eigentümlichen Tone:
“Ich vergaß, ob Sie sagten, Sie hätten etwas gesehen, als Sie die Thür Ihres Zimmers geöffnet.”
"Nein, mein Herr, Nichts weiter, als den Leuchter am Boden."
"Aber Sie hörten ein auffallendes Lachen?" Sie hörten dieses Lachen oder etwas dergleichen wahrscheinlich schon
früher?"
"Ja, mein Herr, dort sitzt ein Frauenzimmer und näht,welches Gratia Poole heißt. die lacht auf solche Weise. Sie ist eine seltsame Person."
"So ist es. Gratia Poole. Sie haben es errathen. Sie ist, wie Sie sagen -- sehr seltsam, ich werde über den Gegenstand nachdenken. Inzwischen ist es mir lieb, dass Sie außer mir die einzige Person sind, die mit dem Ereignisse dieser Nacht bekannt ist. Sie sind keine Schwätzerin sagen Sie also Nichts davon. Ich will meine Erklärung über den Zustand dieses Bettes abgeben: und nun kehren sie in Ihr Zimmer zurück. Ich kann die noch übrigen Stunden der Nacht sehr gut auf dem Sopha in der Bibliothek zubringen. Es ist beinahe vier Uhr in zwei Stunden werden die Diener auf sein."
"Gute Nacht also, mein Herr," sagte ich, mich entfernend.
Er schien überrascht, obgleich er mir eben gesagt, ich solle gehen.
"Was!" rief er, "Sie verlassen mich schon? und auf diese Weise?"
"Sie sagten, ich könne gehen, mein Herr.“
"Aber nicht ohne Abschied zu nehmen, nicht ohne meinen Dank angehört zu haben: nicht auf diese kurze und trockene Weise. Sie haben mir ja das Leben gerettet! Mich einem entsetzlichen Martertode entrissen! und Sie geben an mir vorüber, als wenn wir einander ganz fremd wären!
wenigstens reichen Sie mir die Hand!"
Er streckte seine Hand aus: ich gab ihm die meine: er nahm sie zuerst in eine, dann in beide Hände.
"Sie haben mir das Leben gerettet:. es macht mir Vergnügen, Ihnen so unendlich viel schuldig zu sein, mehr kann ich nicht sagen. Keinem andern Wesen in der Welt möchte ich so viel schuldig sein: bei Ihnen aber ist es anders -- Ihre Wohlthaten sind für mich keine Last, Johanna."
Er schwieg und sah mich an: fast sichtbare Worte bebten auf seinen Lippen -- aber seine Stimme blieb stumm.
"Noch einmal gute Nacht, mein Herr. Hier ist von keiner Schuld, von keiner Wohlthat, von keiner Last oder Verpflichtung die Rede."
"Ich wußte, daß Sie mir einst auf irgend eine Weise einen guten Dienst leisten würden," fuhr er fort; "ich sah es in Ihren Augen, als ich Sie zuerst erblickte: ihr Ausdruck und Lächeln"-- er hielt inne und fuhr dann rascher fort -- "erfüllten nicht umsonst mein innerstes Herz mit Wonne. Die Leute reden von natürlichen Sympathieen; ich habe von Schutzgeistern gehört -- es liegt etwas Wahres in dem albernsten Mährchen. Meine liebe Retterin, gute Nacht!"
Seine Stimme hatte eine seltsame Kraft und sein Blick ein seltsames Feuer.
"Es ist mir lieb, daß ich gerade wachte," sagte ich, und wollte dann gehen.
"Wie, Sie wollen gehen?"
"Ich empfinde Frost, mein Herr.
"Frost? ja - - und Sie stehen in einem Wasserpfuhl. So gehen Sie denn, Johanna!"
Aber er hielt meine Hand noch immer fest, und ich konnte sie ihm nicht entziehen: da fiel mir ein Mittel ein.
"Ich glaube, ich höre Mistreß Fairfax sich regen, mein Herr," sagte ich.
"Nun, so verlassen Sie mich," sagte er, ließ meine Hand los, und ich eilte fort.
Ich erreichte mein Lager wieder, dachte aber nicht daran, einzuschlafen. Bis der Morgen dämmerte, wurde ich aus einer hohen und unruhigen See umhergeworfen, wo Wogen des Aufruhrs neben Wogen der Freude rollten. Zuweilen glaubte ich jenseits des wilden Wassers eine Küste zu erblicken, so lieblich wie ein Hügel von Beulah, und von Zeit zu Zeit trug ein erfrischender Wind, von der Hoffnung erweckt, meinen Geist triumphirend zu jenem Ziele hin. Aber ich konnte es in der Phantasie nicht erreichen -- ein ungünstiger Wind wehte mir vom Lande entgegen und trieb mich beständig zurück. Der Verstand widersetzte sich dem Wahn: das Urtheil warnte die Leidenschaft. Zu fieberhaft, um zu ruhen, stand ich auf, sobald der Tag graute.

Ende des ersten Theils.

Erstes Kapitel.
Ich wünschte und fürchtete zugleich, Herrn Rochester an dem Tage zu sehen, der auf diese schlaflose Nacht folgte; ich hätte gern seine Stimme gehört, doch scheute ich mich, seinem Auge zu begegnen. Während der ersten Stunden des Morgens erwartete ich jeden Augenblick seinen Eintritt.
Er kam gewöhnlich nicht häufig in das Schulzimmer, doch erschien er zuweilen auf einige Minuten, und es war mir, als müsse er es an diesem Tage besuchen.
Aber der Morgen verging wie gewöhnlich, es geschah Nichts, was Adelens Studien unterbrach; nur bald nach dem Frühstück hörte ich eine Bewegung in der Nähe den
Herrn Rochester's Thür: die Stimmen der Mistreß Fairfax, Lea's und der Köchin -- dies war nämlich John's Frau -- und auch John's eigene tieferen Töne. Ich vernahm folgende laute Bemerkungen:
"Welch ein Glück, daß der Herr nicht in seinem Bett verbrannt ist!"
"Es ist immer gefährlich, in der Nacht ein Licht brennen zu lassen."
"Welch eine glückliche Fügung der Vorsehung, daß er Geistesgegenwart genug hatte, um an den Wasserkrug zu denken."
"Es wundert mich, daß er Niemand geweckt hat!"
"Hoffentlich wird er sich nicht auf dem Sopha in den Bibliothek erkälten," u. s. w.
Auf dieses Gespräch folgte ein Geräusch, welches durch Scheuern und durch Wegrücken des Bettes hervorgebracht wurde; als ich aber an dem Zimmer vorüberkam und zum Mittagessen gehen wollte, sah ich durch die offene Thür, daß die Ordnung vollständig wieder hergestellt war; nur das Bett war seiner Vorhänge beraubt. Lea stand in der Fenstervertiefung und rieb die vom Rauche getrübten Fensterscheiben ab. Ich war im Begriff sie anzureden, denn ich
wünschte zu wissen, welche Erklärung von der Sache gegeben worden; aber als ich weiter ging, erblickte ich noch eine
zweite Person in dem Gemache, und dies war ein Frauenzimmer, welches neben dem Bette auf einem Stuhle saß und Ringe an neue Vorhänge nähte. Dieses Frauenzimmer war keine andere als Gratia Poole.
Dort saß sie ruhig und schweigend, wie gewöhnlich, in ihrem Kleide von braunem Wollenzeug, ihrer gewürfelten Schürze, weißer Haube und weißem Tuche. Sie schien so sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, als ob dieselbe alle ihren Gedanken in Anspruch nehme. Auf ihrer harten Stirn und in ihren gewöhnlichen Zügen war Nichts von der Blässe over Verzweiflung zu sehen, die man auf dem Gesichte eines Frauenzimmers hätte erwarten sollen, welches einen Mordversuch gemacht, und dessen beabsichtigtes Opfer ihr in der letzten Nacht bis in ihre Höhle gefolgt war, und ihr, wie ich glaubte, das Verbrechen zur Last gelegt, welches sie hatte ausführen wollen. Ich war erstaunt und verlegen. Sie blickte auf, während ich sie noch ansah; kein Stutzen, keine Zu- oder Abnahme der Farbe verrieth Aufregung, Bewußtsein der Schuld oder Furcht vor Entdeckung.
Sie sagte in ihrer gewohnten phlegmatischen und kurzen Weise: „Guten Morgen, Miß,“ nahm einen andern Ring und mehr Zwirn und fuhr zu nähen fort.
„Ich will sie auf die Probe stellen,“ dachte ich: „eine solche Undurchdringlichkeit geht über alle Begriffe.“
„Guten Morgen, Gratia,“ sagte ich. „Ist hier etwas geschehen? Ich meinte, ich hätte vor einer Weile die Dienerinnen zusammen reden hören.“
„Der Herr las in der letzten Nacht im Bette; er ließ das Licht brennen, als er einschlief, und die Vorhänge fingen Feuer; aber zum Glück erwachte er, ehe sich die Decke oder das Holzwerk entzündete, und löschte die Flamme mit dem Wasser in seiner Waschschaale.“
„Eine seltsame Geschichte!“ sagte ich leise, und fuhr fort, indem ich sie fest ansah: „Weckte Herr Rochester Niemand? Hörte Niemand, wie er sich bewegte?“
Sie erhob die Augen wieder zu mir, und diesmal schien sie sich getroffen zu fühlen. Sie beobachtete mich aufmerksam und antwortete dann:
„Die Dienerinnen schlafen so weit entfernt, wie Sie wissen, so daß sie es nicht leicht hören konnten. Das Zimmer von Mistreß Fairfax und das Ihrige sind dem unseres
Herrn am nächsten, Miß; aber Mistreß Fairfax sagt, sie habe Nichts gehört. Wenn die Leute alt werden, haben sie oft einen schweren Schlaf.”
Sie schwieg und fuhr dann mit angenommener Gleichgültigkeit, aber in bedeutungsvollem und markirten Tone fort:
„Aber Sie sind jung, Miß, und haben wahrscheinlich einen leichten Schlaf: vielleicht hörten Sie ein Geräusch?“
„Ja,“ sagte ich, und fügte mit leiserer Stimme hinzu,
so daß Lea, die noch immer an den Fensterscheiben putze,
es nicht hören konnte, „und anfangs glaubte ich, es sei
Pilot: aber Pilot kann nicht lachen, und ich bin gewiß,
daß ich ein Lachen hörte, und zwar ein sehr seltsames.“
Sie nahm ein neue Nadel voll Zwirn, zog ihn sorgfältig durch Wachs, fädelte mit sicherer Hand ihre Nadel
ein, und sagte dann mit vollkommener Fassung:
„Es ist kaum wahrscheinlich, daß der Herr bei einer
solchen Gefahr sollte gelacht haben: Sie haben ohne Zweifel geträumt, Miß.“
„Ich habe nicht geträumt,“ sagte ich mit einiger Wärme,
denn ihre eherne Kälte brachte mich auf. Sie sah mich
wieder mit demselben forschenden und bedeutungsvollen
Blicke an.
„Haben Sie dem Herrn gesagt, daß Sie ein Gelächter
gehört?“ fragte sie.
„Ich habe diesen Morgen noch nicht Gelegenheit gehabt, mit ihm zu reden.“
„Sie dachten also nicht daran, Ihre Thür zu öffnen,
und auf die Gallerie hinauszublicken?“ fragte sie weiter.
Sie schien ein Verhör mit mir anzustellen, und versuchte, was sie zu wissen wünschte, von mir herauszubringen. Da fiel mir plötzlich ein, wenn ich entdecke, daß ich
um ihre Schuld wisse oder sie wenigstens in Verdacht habe,
so möchte sie mir auch einen boshaften Streich spielen; ich
hielt es also für rathsam, auf meiner Hut zu sein.
„Im Gegentheil,“ sagte ich, „ich verriegelte meine
Thür.“
„So haben Sie also nicht die Gewohnheit, jede Nacht
Ihre Thür zu verriegeln, ehe Sie zu Bette gehen?“
„Das böse Weib sucht meine Gewohnheiten zu erfahren,
um ihre Pläne darnach einzurichten,“ dachte ich.
Der Unwille trug wieder den Sieg über die Klugheit
davon und ich entgegnete heftig:
„Bisher habe ich es oft unterlassen, den Riegel zu
schließen: ich hielt es nicht für nöthig, denn ich wußte nicht,
daß irgend eine Gefahr oder Belästigung in Thornfield Hall
zu fürchten sei; aber künftig,“ fügte ich mit Nachdruck hinzu,
„werde ich meine Thür sorgfältig verriegeln, ehe ich mich
niederzulegen wage.“
„Das wird weise sein,“ war ihre Antwort. „Diese
Gegend ist so ruhig, wie nur irgend eine, und ich hörte nie,
daß die Halle von Räubern überfallen worden, seit sie erbaut ist, obgleich ich wohl weiß, daß für viele hundert
Pfund Silberzeug im Silberschrank ist. Und sehen Sie,
für ein so großes Haus sind sehr wenige Diener da, weil
der Herr niemals lange hier gewohnt hat, und wenn er
hierher kommt, so bedarf er als einzelner Herr auch wenig
Aufwartung; aber ich halte es immer für das Beste, lieber
zu viel als zu wenig zu thun. Eine Thür ist bald geschlossen, und es ist immer gut, einen Riegel zwischen sich
und jedem Unheil zu haben, welches einem begegnen kann. Viele Leute verlassen sich allein auf die Vorsehung, aber ich
sage, wir müssen selber handeln, obgleich die Vorsehung
oft unsere Mittel segnet, wenn wir sie klug anwenden.“
Und hier schloß sie ihre Rede, die bei ihrer gewohnten
Einsilbigkeit sehr lang war, und die sie mit der Ernsthaftigkeit einer Quäckerin ausgesprochen.
Ich stand völlig stumm da bei dem, was mir als wunderbare Selbstbeherrschung und unerforschliche Heuchelei vorkam, als die Köchin eintrat.
„Mistreß Poole,“ sagte sie zu Gratia, „das Mittagessen
der Dienerschaft wird bald bereit sein: wollen Sie herunterkommen?“
„Nein, stellen Sie mir mein Nösel Porter mit einem
Stück Pudding auf einen Teller, und ich will es auf mein
Zimmer tragen.“
„Wollen Sie etwas Fleisch?“
„Nur ein Stück und ein wenig Käse, das ist genug.“
„Und der Sago?“
„Lassen Sie ihn jetzt nur; ich will vor der Theezeit
hinunterkommen und ihn selber machen.“
Hier wendete sich die Köchin zu mir, und sagte, Mistreß
Fairfax warte auf mich. Ich ging.
Ich hörte kaum während des Mittagessens den Bericht
der Mistreß Fairfax über das Verbrennen des Vorhanges,
so sehr war mein Kopf mit Nachdenken über den räthselhaften Charakter der Gratia Poole beschäftigt, so wie, welche
Stellung sie eigentlich in Thornfield einnehme, und ich
fragte mich, warum man sie an dem Morgen nicht in Gewahrsam gebracht, oder wenigstens aus dem Dienste entlassen. Er hatte in der letzten Nacht seine Ueberzeugung von
ihrer Strafbarkeit so gut wie ausgesprochen; welche geheimnißvolle Ursache hielt ihn denn zurück, sie anzuklagen?
Warum hatte er auch mir Schweigen auferlegt? Es war
auffallend: ein kühner, rachsüchtiger und stolzer Herr schien
auf irgend eine Weise in der Macht einer der niedrigsten
seiner Untergebenen zu sein — so sehr in ihrer Macht, daß,
selbst, wenn sie ihre Hand gegen sein Leben erhob, er ihr
den Versuch nicht offen zur Last zu legen, und noch viel
weniger sie deshalb zu bestrafen wagte.
Wäre Gratia Poole jung und schön gewesen, so hätte
ich zu dem Gedanken veranlaßt werden können, daß in Betreff ihrer zärtlichere Gefühle, als Klugheit oder Furcht,
auf Herrn Rochester eingewirkt: doch sie sah ältlich aus
und hatte harte Gesichtszüge, es war also nicht daran zu
denken.
„Doch sie ist jung gewesen,“ dachte ich weiter, „und

muß mit ihrem Herrn im gleichen Alter sein. Mistreß
Fairfax sagte mir einst, sie wäre schon seit vielen Jahre
hier. Ich denke nicht, daß sie je hübsch gewesen sein kann;
aber sie mag Originalität und Charakterstärke besitzen, und
dadurch für den Mangel persönlicher Vorzüge entschädigen.
Herr Rochester liebt das Entschiedene und Excentrische:
Gratia ist wenigstens excentrisch. Wie wenn eine frühere
Laune — die bei seiner hastigen und starrsinnigen Natur
nicht unmöglich ist — ihn in ihre Macht gegeben hätte,
und sie jetzt vermöge seiner eigenen Unbesonnenheit einen
geheimen Einfluß auf seine Handlungen ausübte, wovon er
sich nicht befreien kann, und den er nicht zu verachten
wagt?“
„Als ich aber zu dieser Vermuthung gekommen war,
stellte sich mir Mistreß Poole's eckige und plane Gestalt, ihr
unschönes, trockenes und fast plumpes Gesicht so deutlich
vor Augen, daß ich dachte:
„Rein, es ist unmöglich! Meine Annahme kann nicht
richtig sein. Doch,“ sagte eine geheime Stimme in mir,
„Du bist auch nicht schön und vielleicht gefällst Du Herrn
Rochester dennoch: wenigstens ist es Dir oft so vorgekommen; und bedenke nur seine Worte in der letzten Nacht —
seine Stimme!“
Ich dachte an dies Alles: Sprache, Blick und Ton schienen in dem Augenblick lebhaft erneuert zu werden. Ich
war jetzt im Schulzimmer; Adele zeichnete; ich neigte mich
über sie und leitete ihren Bleistift. Sie blickte fast erschrocken auf und fragtet
„Was ist Ihnen, Mademoiselle? Ihre Finger zittern
wie ein Blatt und Ihre Wangen find roth: ja, roth wie
Kirschen.“
„Das Blut ist mir vom Bücken in den Kopf gestiegen,
Adele,“ antwortete ich. Sie fuhr zu zeichnen und ich zu
denken fort.
Ich beeilte mich, den verhaßten Gedanken aus meinem
Geiste zu verbannen, der mir hinsichtlich Gratia Poole's
eingefallen war, denn er ekelte mich an. Ich verglich mich
mit ihr und fand, daß wir sehr verschieden waren. Bessie

Leaven hatte gesagt, ich sei eine vollkommene Dame, und sie
hatte die Wahrheit gesprochen: ich war eine Dame. Und
überdies sah ich jetzt viel besser aus, als da Bessie mich gesehen hate: ich hatte mehr Farbe und mehr Fleisch, mehr Leben und Lebhaftigkeit, weil ich glänzendere Hoffnungen
und höhere Genüße hatte.
„Der Abend naht sich,“ sage ich zu mir selber, als ich
zum Fenster hinblickte. „Ich habe heute weder Herrn Rochester's Stimme noch seinen Schritt im Pause gehört; aber
gewiß werde ich ihn vor der Nacht sehen. Ich fürchtete eine
Begegnung am Morgen; jetzt wünsche ich sie, denn meine
Erwartung ist so lange getäuscht worden, daß ich mich ungeduldig fühle.“
Als die Dämmerung wirklich eintrat und Adele mich
verließ, um mit Sophie in der Kinderstube zu spielen,
wünschte ich die Begegnung lebhaft. Ich horchte auf die
Glocke, die unten läuten sollte; ich horchte auf Lea, die mit
einer Nachricht heraufkommen sollte; zuweilen glaubte ich
Herrn Rochester's eigenen Tritt zu hören, wendete mich zur
Thür und erwartete, daß sie sich öffnen und ihn einlassen
würde. Die Thür blieb geschlossen: es drang nur Dunkelheit durch das Fenster herein. Doch es war noch nicht
spät: er ließ mich oft noch um sieben oder acht Uhr rufen,
und es war erst sechs. Gewiß sollte ich diesen Abend nicht
gänzlich getäuscht werden, da ich ihm so Vieles zu sagen
hatte! Ich wollte das Gespräch wieder auf Gratia Poole
lenken und hören, was er antworten würde; ich wollte ihn
geradezu fragen, ob er wirklich glaube, daß sie es gewesen,
die in ver letzten Nacht einen so teuflischen Versuch gegen
sein Leben gemacht; und wenn es der Fall, warum er ihre
Bosheit verschwiegen halte. Es lag wenig daran, ob meine
Neugierde ihn ärgerte; ich kannte das Vergnügen, ihn abwechselnd zu reizen und wieder zu besänftigen; ich fand
ganz besonderen Geschmack daran, und ein sicherer Instinct
verhinderte mich stets, zu weit zu gehen: über die Grenze
hinaus wagte ich mich nie, versuchte aber meine Geschicklichkeit gern bis zu der äußersten Scheidelinie. Während
ich die kleinste Form des Respects und der Schicklichkeit
beobachtete, die meine Stellung mir vorschrieb, konnte ich

ihm dennoch ohne Furcht oder unruhigen Zwang begegnen:
dies gefiel ihm und mir.
Endlich krachte die Treppe unter einem Fußtritt; Lea
erschien, doch nur um mir anzukündigen, daß der Thee im
Zimmer ver Mistreß Fairfax bereit sei. Dorthin begab ich
mich, wenigstens froh, die Treppe hinuntergehen zu können,
denn ich bildete mir ein, daß mich das dem Herrn Rochester
näher bringe.
„Sie bedürfen Thee,“ sagte die gute Dame, als ich
zu ihr kam, „denn Sie aßen diesen Mittag so wenig. Ich
fürchte, Sie sind heute nicht wohl,“ fuhr sie fort; „Sie sehen roth und fieberhaft aus.“
„O! ganz wohl, ich fühlte mich nie wohler.“
„Dann müssen Sie es durch einen guten Appetit beweisen, wollen Sie den Theetopf füllen, während ich diese Nadel abstricke?“
Als sie ihre Aufgabe erfüllt hatte, stand sie auf, um
das Rouleau niederzulassen, was bisher noch nicht geschehen
war, weil sie vermuthlich das Tageslicht so lange als möglich benutzen wollte, obgleich die Dämmerung jetzt in völlige Dunkelheit überging.
„Es ist diesen Abend schönes Wetter, obgleich nicht sternenhell,“ sagte sie, indem sie durch die Scheiben blickte;
„Herr Rochester hat im Ganzen einen günstigen Tag zu seiner Reise gehabt.“
„Reise! — ist Herr Rochester denn verreist? Ich wußte
gar nicht, daß er aus sei.“
„O! er reiste gleich nach dem Frühstück ab! Er ist nach
Leas gegangen, wo Herr Eshton wohnt, zehn Meilen auf
der andern Seite von Millcote. Ich glaube, es ist dort eine
ziemlich zahlreiche Gesellschaft versammelt: Lord Ingram,
Sir George Lynn, Oberst Dent und Andere.“
„Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?“
„Nein — auch morgen nicht; ich denke, er wird wahrscheinlich eine Woche over länger dort bleiben. Wenn diese
feinen Leute zusammenkommen, sind sie so von Eleganz und
Heiterkeit umgeben, so mit Allem versehen, was ihnen gefallen oder sie unterhalten kann, daß sie sich nicht gern zu
bald trennen. Die Herren besonders sind bei solchen Gelegenheiten oft sehr gesucht, und Herr Rochester ist so talentvoll und so lebhaft in der Gesellschaft, daß er gewiß allgemein und besonders bei den Damen sehr beliebt ist, obgleich
Sie denken werden, daß sein Aeußeres nicht besonders empfehlend ist; aber ich vermuthe, seine Fähigkeiten und Geschicklichkeiten, so wie sein Reichthum und seine gute Herkunft,
machen jeden kleinen Fehler seines Aeußern wieder gut.“
„Befinden sich Damen in Leas?“
„Da sind Mistreß Eshton und ihre drei Töchter — sehr
elegante junge Damen, in der That — und da sind auch
Blanca und Maria Ingram, sehr schöne Frauenzimmer, vermuthe ich, denn Blanca habe ich vor sechs oder sieben Jahren gesehen, als sie ein Märchen von achtzehn Jahren war.
Sie kam zu einem Weihnachtsball hierher, den Herr Rochester gab. Da hätten Sie das Speisezimmer sehen sollen —
wie reich es dekorirt und wie glänzend es erleuchtet war!
Ich glaube fast, es waren fünfzig Damen und Herren da
— Alle aus den ersten Familien der Grafschaft; und Miß
Ingram wurde für die schönste von Allen gehalten.“
„Sie sahen sie also, Mistreß Fairfax? Wie sah sie aus?“
„Ja, ich sah sie. Die Thüren des Speisesaales waren
geöffnet, und da es Weihnachten war, so erhielten die Diener die Erlaubniß, sich in der Vorhalle zu versammeln, um
einige von den Damen singen und spielen zu hören. Herr
Rochester forderte mich auf, hereinzukommen, und ich setzte
mich in einen stillen Winkel und sah zu. Nie habe ich eine
glänzendere Scene gesehen: die Damen waren prächtig angezogen; die meisten von ihnen — wenigstens die meisten
von den jüngeren — schienen mir sehr schön; aber Miß
Ingram war gewiß die Königin.“
„Und wie sah sie aus?“
„Sie war groß, hatte einen schönen Oberkörper und
zierlich abfallende Schultern; einen langen graziösen Hals;
eine dunkle und klare olivenfarbige Haut, edle Züge und
Augen, denen des Herrn Rochester sehr ähnlich, groß und
schwarz und so glänzend wie ihre Juwelen. Und dann hatte
sie so schönes Haar, rabenschwarz und zierlich geordnet, hinten eine Krone von dichten Flechten, und vorne die längsten
und glänzendsten Locken, die ich je gesehen. Sie war ganz

weiß gekleidet und trug nur eine ambrafarbige Schärpe über
Schulter und Brust, die an der Seite zusammengebunden
war, und deren mit Franzen versehene Enden bis über ihr
Knie niederfielen. Sie tug eine ambrafarbige Blume im
Haar, die sehr gut gegen die dunkle Masse ihrer Locken abstach.“
„Sie wurde natürlich sehr bewundert?“
„Ei freilich! und nicht allein ihrer Schönheit, sondern
auch ihrer Talente wegen. Sie war eine von den Damen,
welche sangen; ein Herr begleitete sie auf dem Piano und
sie und Herr Rochester sangen ein Duett.“
„Herr Rochester! ich wußte nicht, daß er singen könne.“
„O! er hat eine schöne Baßstimme und einen vortrefflichen Geschmack für Musik.“
„Und was hatte Miß Ingram für eine Stimme?“
„Eine volle und kräftige: sie sang zum Entzücken: es
war ein Genuß, sie anzuhören — und dann spielte sie auch.
Ich habe kein Urtheil über Musik, aber Herr Rochester;
und ich hörte ihn sagen, daß ihr Vortrag außerordentlich
gut gewesen.“
„Und diese schöne und talentvolle Dame ist noch nicht
verheirathet?“
„Es scheint nicht so: ich glaube, sie und ihre Schwester
haben beide kein großes Vermögen. Die Besitzungen des alten
Lord Ingram waren größtentheils unveräußerlich, und der
älteste Sohn erhielt fast Alles.“
„Aber es wundert mich, daß sich nicht irgend ein reicher
Herr in sie verliebt hat, Herr Rochester zum Beispiel. Er
ist reich, nicht wahr?“
„O ja. Aber sehen Sie, das Alter ist beträchtlich verschieden: Herr Rochester ist beinahe vierzig, und sie erst
fünf und zwanzig.“
„Was thut denn das? Es werden alle Tage noch viel
ungleichere Verbindungen geschlossen.“
„Es ist wahr; doch sollte ich kaum denken, daß Herr
Rochester einen solchen Gedanken hegt. — Aber Sie essen
ja gar nicht zu Ihrem Thee.“
„Nein, ich bin zu durstig, um zu essen. Wollen Sie
mir noch eine Tasse erlauben?“

Ich war im Begriff, zu der Wahrscheinlichkeit einer Verbindung zwischen Herrn Rochester und der schönen Blanca
zurückzukehren; aber Adele kam herein und die Unterhaltung
nahm eine andere Richtung.
Als ich wieder allein war, überdachte ich die erhaltene
Nachricht, blickte in mein Herz, prüfte seine Gedanken und
Gefühle, und war bemüht, die, welche sich in dem unbegrenzten und spurlosen Raume der Phantasie verirrt hatten, mit fester Hand in die sichere Hürde des gesunden Verstandes zurückzuführen.
Von mir selbst als Zeugin aufgefordert, hatte die Erinnerung von Hoffnungen, Wünschen und Empfindungen, die ich seit der letzten Nacht gehegt, so wie von meinem allgemeinen Gemüthszustande seit beinahe vierzehn Tagen Zeugniß abgelegt; die Vernunft war vorgetreten und hatte auf ihre eigenthümliche ruhige Weise in ungeschmücktem Berichte gezeigt, wie ich das Wirkliche zurückgewiesen und begierig nach dem Idealischen gestrebt, und ich sprach folgendes Urtheil aus: daß eine größere Thörin, als Johanna Eyre, nie gelebt; daß eine phantastischere Wahnwitzige sich nie mehr als sie auf süße Lügen verlassen und Gift wie Nectar hinuntergeschluckt.
„Dich sollte Herr Rochester mit günstigen Blicken ansehen?“ sagte ich. „Du solltest mit der Macht begabt sein, ihm zu gefallen? Du solltest ihm in irgend einer Art wichtig sein? Geh! deiner Thorheit ist mir zuwider. Und gelegentliche Zeichen des Vorzuges — zweideutige Zeichen, die
ein Herr von Stande und ein Weltmann einer Untergebenen
und Novize zu erkennen gegeben, haben Dir Vergnügen gewährt? Wie kannst Du das wagen, armes, thörichtes Ding? — Konnte Dich nicht das eigene Interesse weise machen? Du wiederholtest Dir diesen Morgen die kurze Scene
der letzten Nacht? — Verhülle Dein Gesicht und schäme
Dich! Er sagte Nichts zum Lobe Deiner Augen, that er das?
Blinde Puppe! öffne Deine geblendeten Augen. Sieh Deine
eigene verdammte Sinnlosigkeit! Es ist für kein Frauenzimmer gut, wenn ihr Vorgesetzer ihr schmeichelt, da es nicht
zu erwarten steht, daß er die Absicht hat, sie zu heirathen;
und es ist Wahnsinn für alle Frauenzimmer, wenn sie zugeben, daß eine geheime Liebe sich in ihnen entzündet, die,
wenn sie unerwiedert und unbekannt ist, ihr innerstes Leben
verzehren muß, und die, wenn sie erweckt und erwiedert wird,
gleich einem Irrlicht in Wildnisse führen muß, aus welchen kein Ausgang ist.“
„So höre denn Dein Urtheil an, Johanna Eyre: stelle
morgen den Spiegel vor Dich und zeichne getreu Dein eigenes Bild, ohne einen einzigen Mangel zu mildern, ohne
eine harte Linie auszulassen, oder eine unangenehme Unregelmäßigkeit zu glätten, und schreibe darunter: Portrait einer armen und einfachen Erzieherin ohne Verwandte und
Freunde.“
„Dann nimm ein Stück glattes Elfenbein — Du hast ein solches in Deinem Farbenkasten — nimm Deine Palette, mische Deine frischesten, schönsten, klarsten Farben, wähle
Deine zartesten Pinsel und male mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht, welches Du nur erdenken kannst; male es mit den sanftesten Schatten und glänzendsten Farben nach der Beschreibung, die Dir Mistreß Fairfax von Blanca Ingram gegeben: erinnere Dich ihrer dunklen Locken, ihres orientalischen Auges — wie? Du kehrst schon wieder zu Herrn Rochester als einem Modell zurück! Zur Ordnung! keine Umschweife! — keine sentimentale Gedanken — kein Bedauern! nur Verstand und Entschlossenheit ist hier am Platze! Erinnere Dich der erhabenen und doch harmonischen Züge, des griechischen Halses und der Büste: laß den runden und schimmernden Arm sichtbar sein und die zarte Hand; laß nicht den Diamantring noch das goldene Armband aus; stell getreu die Gewandung von luftigem Spitzengewebe und schimmerndem Atlas, die graziöse Schärpe und die goldene Rose dar, und nenne sie Blanca, eine vollendete Dame hohen Ranges.“
„Wenn Du künftig Dir einbilden solltest, Herr Rochester denke gut von Dir, so bringe diese beiden Gemälde zum Vorschein, vergleiche sie mit einander und sage: Herr Rochester könnte die Liebe jener edlen Dame höchst wahrscheinlich gewinnen, wenn er darnach streben wollte — und ist es wahrscheinlich, daß er einen ernsthaften Gedanken an ein dürftiges und unbedeutendes Mädchen bürgerlichen Standes verschwenden sollte?“
„Ich will es thun,“ beschloß ich, und als ich diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde ich ruhig und schlief ein.

Ich hielt mein Wort. Eine oder zwei Stunden reichten hin, mein eigenes Portrait zu skizziren, und in weniger als vierzehn Tagen hatte ich ein Miniaturbild einer eingebildeten Blanca Ingram vollendet. Es war in der That ein liebliches Gesicht, und mit dem mit Bleistift gezeichneten wirklichen Kopfe verglichen, war der Contrast so groß, wie die Selbstdemüthigung ihn nur wünschen konnte. Die Beschäftigung war wohlthätig für mich: sie hatte meinen Kopf und meine Hände in Thätigkeit gesetzt und den neuen Eindrücken, die ich unauslöschlich meinem Herzen einzuprägen wünschte, Kraft und Festigkeit verliehen.
Bald hatte ich Grund, mir zu der heilsamen Disciplin,
zu der ich meine Gefühle genöthigt hatte, Glück zu wünschen; ihr hatte ich es zu danken, daß ich im Stande war, den folgenden Ereignissen mit anständiger Ruhe zu begegnen, die ich, hätten sie mich unvorbereitet gefunden, wahrscheinlich nicht einmal äußerlich aufrecht zu erhalten vermocht hätte.

Zweites Kapitel.
Eine Woche verging und es kam keine Nachricht von
Herrn Rochester: zehn Tage, und es war noch immer keine
da. Mistreß Fairfax sagte, es würde sie nicht wundern,
wenn er von Leas geradezu nach London, und von dort
nach dem Continent gereist wäre, und in einem Jahre sein
Gesicht in Thornfield nicht wieder zeige: er habe den Ort
nicht selten auf eben so plötzliche und unerwartete Weise verlassen. Als ich dies hörte, empfand ich eine seltsame Kälte
und Muthlosigkeit im Herzen. ch gestattete mir wirklich
ein kränkelndes Gefühl fehlgeschlagener Hoffnung: aber
meine Kräfte und Grundsätze sammelnd, ordnete ich sogleich

meine Empfindungen wieder, und es war wunderbar, wie
leicht ich diesen augenblicklichen Fehler überwand — wie ich
den Irrthum verbannte, daß Herrn Rochester's Handlungen
em Gegenstand seien, woran ich ein lebhaftes' Interesse zu
nehmen Ursache habe. Nicht als hätte ich mich durch eine
sclavische Ansicht der Untergebenheit gedemüthigt; im Gegentheil sagte ich nur:
„Du hast Nichts weiter mit dem Herrn von Thornfield
zu thun, als das Gehalt in Empfang zu nehmen, welches
er Dir für den Unterricht und die Erziehung seiner Schutzbefohlenen gibt, und für eine solche respectvolle und freundliche Behandlung dankbar zu sein, die Du, wenn Du Deine
Pflicht thust, von ihm mit Recht erwarten kannst. Halte
Dich überzeugt, daß das das einzige Band ist, welches er im
Ernste zwischen Dir und ihm anerkennt: so mache ihn nicht
zum Gegenstande Deiner schönen Gefühle, Deines Entzückens,
Deiner Schmerzen u. s. w. Er ist nicht von Deinem Stande:
halte Dich zu Deinesgleichen und achte Dich zu sehr, um
die Lebe Deines Herzens und Deiner Seele an einen Mann
zu verschwenden, der einer solchen nicht bedarf und sie mit
Verachtung zurückweisen würde.“
Ich setzte ruhig mein tägliches Geschäft fort; aber von
Zeit zu Zeit fielen mir Gründe ein, Thornfield zu verlassen,
und ich entwarf unwillkürlich Ankündigungen und dachte
an neue Stellen. Diese Gedanken zurückzuweisen, hielt ich
nicht für nöthig: sie mochten Wurzel schlagen und Früchte
tragen, wenn sie wollten.
Herr Rochester war etwa vierzehn Tage abwesend gewesen, als Mistreß Fairfax mit der Post einen Brief erhielt.
„Er ist vom Herrn,“ sagte sie, als sie die Aufschrift ansah. „Jetzt werden wir vermuthlich erfahren, ob wir seine
Rückkehr zu erwarten haben oder nicht.“
Während sie das Siegel erbrach und den Inhalt las,
trank ich meinen Kaffee, denn wir saßen beim Frühstück. Er
war heiß und diesem Umstande schrieb ich die feurige Glut
zu, die sich plötzlich zu meinem Gesichte erhob. Warum
meine Hand zitterte, und warum ich unwillkürlich den halben Inhalt in die Untertasse verschüttete, hielt ich zu überlegen nicht der Mühe werth.
„Nun, zuweilen denke ich, es ist zu still hier, aber jetzt
haben wir zu erwarten, daß wir wenigstens auf eine Weile
genug zu thun haben werden,“ sagte Mistreß Fairfax, den
Brief noch vor ihrer Brille haltend.
Ehe ich mir gestattete, eine Erklärung zu fordern, band
ich Adelens Lätzchen zu, welches aufgegangen war, und nachdem ich ihr noch ein Stück Kuchen gegeben und ihre Tasse
mit Milch gefüllt hatte, sagte ich nachlässig:
„Herr Rochester wird also wohl bald zurückkehren?“
„Freilich — in drei Tagen, sagt er; das heißt, am
nächsten Donnerstag, und auch nicht allein. Ich weiß nicht,
wie viele von den feinen Leuten aus Leas mit ihm kommen
werden. Er sendet den Befehl, pie besten Schlafzimmer in
Bereitschaft zu halten, die Bibliothek und die Gesellschaftszimmer auszuräumen. Ich soll mehr Leute für vie Küche
aus George Inn zu Millcote, und woher ich sonst kann, kommen lassen. Die Damen werden ihre Mädchen und die
Herren ihre Diener mitbringen: so werden wir freilich das
Haus voll haben.“
Und Mistreß Fairfax schluckte ihr Frühstück hinunter
und beeilte sich, ihre Operationen zu beginnen.
Die drei Tage waren, wie sich erwarten ließ, geschäftig
genug. Ich hatte alle Zimmer in Thornfield für wohlgeordnet und sehr reinlich gehalten, aber wie es scheint, hatte ich
mich geirrt. Es wurden drei Frauenzimmer angenommen,
um zu helfen, und solches Scheuren, solches Bürsten, solches
Waschen, solches Aufnageln von Teppichen, solches Herunternehmen und Aufhängen von Bildern, solches Poliren von
Spiegeln und Leuchtern, solches Anzünden von Feuern in
Schlafzimmern, solches Auslüften von Decken und Federbetten an Kaminen sah ich nie vorher oder nachher. Adele
lief ganz wild durch dies Alles hindurch: die Vorbereitungen auf Gesellschaft und die Aussicht auf ihre Ankunft schien
sie in Entzücken zu versetzen. Sophie mußte ihre ganze
Garderobe mustern, alles Abgetragene ausbessern, es auslüften und neu ordnen. Sie selber that Nichts weiter, als
daß sie in den Vorderzimmern herumsprang, auf die Betten

hüpfte und sich auf die Matratzen und Kissen niederlegte,
die vor den ungeheuren Feuern aufgehäuft waren, die man
in den Kaminen angezündet. Von Schulpflichten wurde sie
befreit: Mistreß Fairfax hatte mich in ihren Dienst genommen und ich war den ganzen Tag in der Speisezimmer, wo
ich ihr und der Köchin half oder sie hinderte, Eierkäse, Käsekuchen und französische Pasteten machen, Wildpret bereiten
und Kuchen zum Dessert backen lernte.
Die Gesellschaft wurde am Donnerstag Nachmittag um
sechs Uhr zur Mittagstafel erwartet. Während dieser Zwischenperiode hatte ich nicht Zeit, meinen Träumen nachzuhängen, und ich glaube, ich war so thätig und heiter wie
nur irgend eine Adele ausgenommen.
Von Zeit zu Zeit wurde meine Heiterkeit gedämpft, und
ich wider meinen Willen in die Region der Zweifel, Befürchtungen und dunklen Vermuthungen zurückgeworfen. Dies
geschah, wenn ich die Treppenthür zum dritten Stock, die
in der letzten Zeit immer verschlossen gewesen, sich langsam
öffnen und die Gestalt Gratia Poole's in zierlicher Haube,
weißer Schürze und Tuch erscheinen sah: wenn sie in ihren
Tuchschuhen leise die Gallerie dahinschlich, und ich sie in
das geschäftige Treiben der auf den Kopf gestellten Schlafzimmer blicken sah, um zu den Frauen ein Wort zu sagen, wie man am besten das Kamingitter putzen, ein marmornes
Kamingesims reinigen, oder Flecken von den Tapeten wegbringen könne. Dann ging sie weiter, stieg einmal täglich
in die Küche hinunter, verzehrte ihr Mittagessen, rauchte
eine mäßige Pfeife Taback am Heerde, kehrte zurück und
nahm ihren Porterkrug zu ihrem Privattroste in ihren düstern
Aufenthaltsort mit. Nur eine einzige Stunde von vier
und zwanzig brachte sie mit ihren Dienstgenossen unten zu:
die ganze übrige Zeit hielt sie sich in einem mit Eichenholz
getäfelten Zimmer mit niedriger Decke im zweiten Stock auf:
dort saß sie und nähete so einsam wie ein Gefangener in seinem Kerker, und wahrscheinlich vertrieb sie sich die Zeit mit
Lachen.
Das Seltsamste war, daß außer mir keine Seele im
Hause auf ihre Gewohnheiten achtete oder sich über sie wunderte Niemand sprach von ihrer Lage oder Beschäftigung,

Niemand bemitleidete ihre Einsamkeit oder Verlassenheit.
Einmal freilich hörte ich einen Theil eines Gesprächs zwischen Lea und einer von den Arbeiterinnen, die man angenommen, und Gratia bildete den Gegenstand desselben. Lea
hatte etwas gesagt, was ich nicht gehört, und die Frau antwortete darauf:
„Sie wird einen guten Lobn bekommen, sollte ich denken?“
„Ja,“ sagte Lea, „ich wollte, ich bekäme so viel: nicht
als hätte ich mich über den meinen zu beklagen – denn
man ist nicht karg in Thornfield – aber es ist nicht der
fünfte Theil von dem, was Mistroß Poole erhält. Sie
legt zurück, und geht alle Vierteliahr auf die Bank nach
Millcote. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie sich schon
so viel erspart hätte, um unabhängig leben zu können, wenn
sie gehen wollte; aber ich vermuthe, sie hat sich an den Ort
gewöhnt; und überdies ist sie noch nicht vierzig, stark
und zu allen Arbeiten fähig. Es ist noch zu früh für sie,
sich von den Geschäften zurückzuziehen.“
„Sie ist nicht dumm, vermuthe ich,“ sagte die Frau.
„Ach! sie weiß, was sie zu thun hat, Niemand weiß es
besser,“ versetzte Lea bedeutungsvoll: „doch möchte nicht
Jede in ihre Schuhe treten, um all das Geld, welches sie
bekommt.“
„Gewiß nicht!“ war die Antwort. „Es soll mich wundern, ob der Herr –“
Als die Frau sich weiter aussprechen wollte, wendete sich
Lea um, bemerkte mich und gab ihrer Dienstgenossin einen
Stoß mit dem Ellbogen.
„Weiß sie es nicht?” hörte ich die Frau flüstern. Lea schüttelte den Kopf und die Unterhaltung verstummte
natürlich. Alles, was ich daraus erfahren hatte, war, daß ein Geheimniß in Thornfield herrschte, und daß ich absichtlich von der Theilnahme an demselben ausgeschlossen werde.
Der erwartete Donnerstag kam. Alle Arbeit war am vorhergehenden Abend vollendet worden. Teppiche waren hingelegt, Vorhänge befestigt, glänzend weiße Decken ausgebreitet, die Toilettentische geordnet, die Möbeln abgerieben, die Vasen mit Blumen gefüllt, und Zimmer und Salons sahen so frisch und glänzend aus, wie menschliche Hände sie
nur machen konnten. Auch die Vorhalle war gescheuert und das große geschnitzte Uhrgehäuse, sowie die Stufen und
Geländer der Treppe so glänzend, wie Glas, polirt. Am Speisezimmer strahlte der Seitentisch von Silbergeschirr, und
im Gesellschaftszimmer und Boudoir schimmerten auf allen Seiten Vasen mit ausländischen Blumen.
Der Nachmittag kam: Mistreß Fairfax legte ihr bestes schwarzseidenes Kleid, ihre Sandschuhe und ihre goldene
Uhr an, denn es war ihr Geschäft, die Gesellschaft zu empfangen, die Damen in ihre Zimmer zu führen u. s. w.
Auch Adele wollte angekleidet sein, obgleich ich es nicht für wahrscheinlich hielt, daß sie an dem Tage in die Gesellschaft
werde eingeführt werden. Ihr zu Gefallen erlaubte ich indeß, ihr eins von ihren kurzen und vollen Mousselinkleidern
anzuziehen. Was mich betraf, so war es nicht nöthig, mich umzukleiden, denn es stand nicht zu erwarten, daß man mich
auffordern werde, das Heiligthum meines Schulzimmers zu verlassen, denn ein Heiligthum war es für mich geworden
ein sehr angenehmer Zufluchtsort in einer stürmischen Zeit.
Es war ein milder und heiterer Frühlingstag gewesen: einer von jenen Tagen, die gegen Ende des März oder zu
Anfang des April sich als Vorboten des Sommers über die Erde erheben. Er nahte sich jetzt seinem Ende; aber der
Abend war warm, und ich saß bei offenem Fenster im Schulzimmer bei meiner Arbeit.
„Es wird spät,“ sagte Mistreß Fairfax, in rauschendem Staat eintretend. „Es ist mir lieb, daß ich das Mittagsessen eine Stunde nach der von Herrn Rochester bestimmten
Zeit bestellt habe, denn es ist jetzt schon sechs Uhr. Ich habe John zum Thor hinuntergeschickt, um zu sehen, ob auf dem Wege etwas zu bemerken ist, denn man kann von dort weit nach Millcote hinsehen.
Sie ging zum Fenster. „Da ist er,“ sagte sie, lehnte sich hinaus und rief: „Nun, John, was gibt’s Neues?“
„Sie kommen, Madame,“ war die Antwort. „Sie werden in zehn Minuten hier sein.“
Adele eilte zum Fenster. Ich folgte, stellte mich aber auf die Seite, so daß ich, vom Vorhange geschützt, sehen
konnte, ohne gesehen zu werden.
Die zehn Minuten, die John angegeben, schienen sehr
lang, aber endlich hörte man das Geräusch von Wagenrädern; vier Reiter galoppirten den Weg daher, und nach ihnen kamen zwei offene Wagen. Flatternde Schleier und
wehende Federn füllten diese; zwei von den Reitern waren junge, vornehm aussehende Herren, und der dritte war Herr
Rochester, auf seinem schwarzen Pferde Mesrour. Pilot sprang vor ihm her, und an seiner Seite ritt eine Dame,
mit welcher er den Zug eröffnete. Ihr purpurnes Reitkleid berührte fast den Boden, ihr Schleier flatterte weit dahin,
und mit seinen durchsichtigen Falten vereint, und durch dieselben strahlend, zeigten sich volle schwarze Ringellocken.
„Miß Ingram!“ rief Mistreß Fairfax, und fort eilte sie, um unten ihren Posten einzunehmen.
Die Reiter folgten der Wendung des Weges, und bogen rasch um die Ecke des Hauses, wo ich sie aus den Augen verlor.
Adele bat jetzt, hinuntergehen zu dürfen, aber ich nahm sie auf den Schooß und gab ihr zu verstehen, sie dürfe weder jetzt noch zu anderer Zeit sich den Damen darstellen, wenn
man sie nicht rufen lasse: Herr Rochester würde sehr ärgerlich darüber sein u. s. w. Als ihr dies gesagt wurde, vergoß sie einige natürliche Thränen; doch als ich sehr ernst
auszusehen begann, willigte sie endlich ein, sie abzutrocknen.
Eine freudige Bewegung war jetzt in der Vorhalle hörbar: die tiefen Töne der Herren und die Silberklänge der Damen verschmolzen sich harmonisch, und vor Allen, obgleich
nicht laut, machte sich die volltönende Stimme des Herrn von Thornfield Hall hörbar, der seine schönen und galanten Gäste unter seinem Dache bewillkommte. Dann kamen
leichte Schritte die Treppe herauf und trippelten durch die Gallerie; ich vernahm ein sanftes und heiteres Lachen, dann
wurden Thüren geöffnet und geschlossen, und für den Augenblick war Alles still.
„Sie verändern ihre Toilette,“ sagte Adele, die, aufmerksam horchend, jeder Bewegung folgte.
„Wenn bei Mama Gesellschaft war,“ sagte sie seufzend, „so folgte ich ihnen überall, in den Salon und in ihre Zimmer; oft sah ich zu, wie die Kammerjungfern die Damen frisirten und ankleideten, und das war unterhaltend, und man lernt Manches dabei.“
„Hast Du keinen Hunger, Adele?“
„Ei ja, Mademoiselle: es sind fünf oder sechs Stunden,
daß wir nicht gegessen haben.“
„Nun gut, während die Damen in ihren Zimmern sind,
will ich hinuntergehen und Dir etwas zu essen holen.“
Und mit Vorsicht aus meinem Asyl hervortretend, suchte
ich die Hintertreppe auf, die geradezu in die Küche hinunterführte. In dieser Region war Nichts als Feuer und Bewegung; die Suppe und die Fische waren fast fertig, und
die Köchin bückte sich so weit über ihre Kohlen nieder, daß
es schien, als wolle sie sich freiwillig verbrennen. Im Bedientenzimmer saßen und standen zwei Kutscher und drei
Bedienten um das Feuer; die Abigails waren vermuthlich
bei ihren Damen, und die neuen Diener, die man in Millcote gedungen, waren überall beschäftigt. Durch dieses Chaos gehend, erreichte ich endlich die Speisekammer, setzte
mich in den Besitz eines kalten Hühnchens, eines Brötchens, einiger kleinen Torten, einiger Teller, so wie eines Messers
und einer Gabel, mit welcher Beute ich hastig meinen Rückzug antrat. Ich hatte die Gallerie erreicht, und machte eben
die Hinterthür wieder zu, als ein lauteres Summen mir verkündete, daß die Damen im Begriff seien, aus ihren Zimmern hervorzukommen. Ich konnte nicht zum Schulzimmer
gelangen, ohne an einigen von ihren Thüren vorüberzukommen und in Gefahr zu gerathen, mit meiner Ladung von Lebensmitteln überrascht zu werden. Ich blieb also an diesem Ende stehen, welches dunkel, war, da es kein Fenster hatte, und wo hin jetzt, da die Sonne untergegangen war, kein Strahl drang.
Sogleich gaben die Zimmer ihre schönen Bewohnerinnen
nach einander heraus, und alle kamen heiter und lustig in
einer Kleidung zum Vorschein, die durch die Dämmerung
schimmerte. Einen Augenblick standen sie in Gruppen zusammen am andern Ende der Gallerie, unterhielten sich mit lieblicher und gedämpfter Lebhaftigkeit und stiegen dann, fast
so geräuschlos, wie ein heller Nebel den Hügel hinunterrollt, die Treppe hinab. Ihr vereintes Erscheinen hatte einen Eindruck von vornehmer Eleganz in mir zurückgelassen, wie
ich ihn noch nie empfunden.
Ich fand Adele beschäftigt, durch die Thür des Schulzimmers zu blicken, die sie ein wenig geöffnet hatte.
„Was für schöne Damen!“ rief sie in englischer Sprache.
„O! ich wollte, ich könnte zu ihnen gehen. Glauben Sie nicht, Herr Rochester werde uns nach der Mittagstafel rufen lassen?“
„Nein, das glaube ich in der That nicht; Herr Rochester hat etwas Anderes zu bedenken. Laß die Damen nur für
diesen Abend: vielleicht wirst Du sie morgen sehen: hier ist etwas für Dich zu essen.“
Sie war wirklich hungrig, und das Hühnchen und die Torten dienten eine Zeitlang dazu, ihre Aufmerksamkeit zu
beschäftigen. Es war gut, daß ich mir diese Lebensmittel
zu verschaffen gesucht, sonst würden wir und Sophie, der
ich einen Theil unseres Vorrathes überbrachte, wohl gar
Nichts zu essen bekommen haben, denn unten war Alles zu
sehr beschäftigt, um an uns zu denken. Das Dessert wurde
erst um neun Uhr aufgetragen, und um zehn liefen noch die
Bedienten mit Kaffeetassen hin und her. Ich erlaubte Adelen, viel länger als gewöhnlich aufzubleiben, denn sie erklärte, sie könne nicht schlafen, während die Thüren unten
beständig, auf- und zugemacht würden, und die Leute beständig umherliefen. Ueberdies, fügte sie hinzu, könne möglicherweise eine Einladung von Herrn Rochester kommen, und
wie Schade, wenn sie dann schon ausgekleidet wäre.
Ich erzählte ihr Geschichten, so lange sie zuhören wollte, und nahm sie dann zur Abwechselung in die Gallerie. Die
Lampe in der Vorhalle war jetzt angezündet, und sie unterhielt sich damit, über das Treppengeländer zu blicken und
die Diener hin- und hergehen zu sehen. Als die Nacht schon weit vorgerückt war, hörten wir Musik im Gesellschaftszimmer, wohin man das Pianoforte gebracht hatte. Adele
und ich setzten uns auf die oberste Stufe der Treppe, um
zuzuhören. Augenblicklich vereinte sich eine Stimme mit
den vollen Klängen des Instruments: es war eine Dame,
welche sang, und ihre Töne waren sehr lieblich. Auf das Solo folgte ein Duett, und ein heiteres und freudiges Gemurmel der Unterhaltung füllte die Pausen aus. Ich horchte
lange und entdeckte plötzlich, daß mein Ohr beschäftigt war,
die gemischten Töne zu unterscheiden, und unter der Verwirrung die Stimme des Herrn Rochester zu erkennen. Dies
war bald geschehen, und dann fand es weitere Beschäftigung,
die Töne, die durch die Entfernung undeutlich wurden, in
Worte umzubilden.
Die Uhr schlug elf. Ich sah Adele an, die ihren Kopf
an meine Schulter lehnte; ihre Augen wurden schwer, und
ich trug sie in meinen Armen zu ihrem Bette. Es war fast
ein Uhr, ehe die Herren und Damen in ihre Zimmer gingen.
Der nächste Tag war ebenso schön, wie der vorhergehende, und die Gesellschaft hatte ihn zu einem Ausfluge nach
einem benachbarten Landsitze bestimmt. Sie machten sich
am Vormittag früh auf den Weg. Einige waren zu Pferde und die Uebrigen im Wagen, und ich beobachtete ihre Abfahrt und Rückkehr. Wie vorher war Miß Ingram die einzige Reiterin, und wie vorher galoppirte Herr Rochester an ihrer Seite. Beide hatten sich ein wenig von den Uebrigen
getrennt. Auf diesen Umstand machte ich Mistreß Fairfax
aufmerksam, die mit mir am Fenster stand.
„Sie sagten, es wäre nicht wahrscheinlich, daß sie daran
dächten, sich mit einander zu verheirathen,“ sagte ich; „aber
Sie sehen, wie Herr Rochester sie offenbar den andern Damen vorzieht.“
„Ja, ohne Zweifel bewundert er sie.“
„So wie sie ihn,“ fügte ich hinzu; „sehen Sie nur, wie sie ihren Kopf zu ihm hinneigt, als ob sie sich sehr vertraut
mit ihm unterhielte! Ich wollte, ich könnte ihr Gesicht
sehen; ich habe es bisher nicht beobachten können.“
„Sie werden sie diesen Abend sehen,“ antwortete Mistreß
Fairfax. „Ich machte zufällig gegen Herrn Rochester die Bemerkung, wie sehr Adele wünsche, bei den Damen eingeführt zu werden, und er sagte: O! lassen Sie sie nach der
Tafel in das Gesellschaftszimmer kommen, und bitten Sie Miß Eyre, sie zu begleiten.“
„Ja – er sagte das aus bloßer Höflichkeit; ich bin gewiß, ich sollte nicht gehen,“ antwortete ich.

„O nein; ich sagte ihm, Sie wären nicht an Gesellschaft gewöhnt, und ich dächte, Sie würden nicht gern vor einer so vornehmen Gesellschaft erscheinen, die Ihnen ganz fremd wäre; da antwortete er auf seine rasche Weise: Unsinn! wenn sie Einwendungen macht, so sagen Sie ihr, es wäre mein ausdrücklicher Wunsch, und wenn sie sich widersetze, würde
ich zur Strafe kommen und sie holen.
„Ich will ihm nicht diese Mühe machen,“ antwortete ich.
„Ich will gehen, wenn es nicht anders sein kann, aber es gefällt mir nicht. Werden Sie dort sein, Mistreß Fairfax?“
„Nein, ich entschuldigte mich, und er nahm meine Entschuldigung an. Ich will Ihnen sagen, wie Sie es machen können, um die Verlegenheit eines förmlichen Eintritts zu
vermeiden, was das Unangenehmste bei der ganzen Sache ist.
Sie müssen in das Gesellschaftszimmer gehen, so lange es noch leer ist, und ehe die Damen die Tafel verlassen, wählen
Sie sich Ihren Sitz in einem ruhigen Winkel, der Ihnen gefällt; und wenn Sie nicht wollen, dürfen Sie nicht lange
nach dem Eintritt der Herren da bleiben; machen Sie nur,
daß Herr Rochester sieht, daß Sie da sind, und schleichen
sich dann fort – Niemand wird es beachten.“
„Glauben Sie, daß diese Leute lange bleiben werden?“
„Vielleicht zwei oder drei Wochen, gewiß nicht länger.
Nach den Osterferien muß Sir George Lynn, der kürzlich
zum Parlamentsmitglied für Millcote erwählt ist, in die
Stadt gehen und seinen Sitz einnehmen. Ich denke, Herr
Rochester wird ihn begleiten, denn es wundert mich, daß er
sich schon so lange in Thornfield aufgehalten.
Mit einigem Beben sah ich die Stunde herankommen,
wo ich mit meiner Schülerin im Gesellschaftszimmer erscheinen sollte. Adele war den ganzen Tag über in Entzücken
verloren gewesen, nachdem sie gehört, daß sie am Abend den
Damen solle vorgestellt werden, und erst, als Sophie sie
anzukleiden begann, wurde sie ruhiger. Jetzt machte die
Wichtigkeit dieser Handlung sie sogleich gesetzter, und als
ihre Locken wohlgeordnet und geglättet waren, als sie ihr
rothseidenes Kleid, ihre lange Schärpe und ihre Spitzenhandschuhe anhatte, sah sie so ernsthaft aus, wie ein Richter.
Es war nicht nöthig, sie zu warnen, ihre Kleidung nicht zu verderben, denn als sie angezogen war, setzte sie sich ehrbar
auf ihren kleinen Stuhl, trug Sorge, ihren seidenen Saum aufzuheben, um ihn nicht zu zerdrücken, und beruhigte mich
auf diese Weise, daß sie nicht eher aufstehen werde, als bis ich bereit sei. Dies war schnell geschehen: mein bestes
Kleid – das silbergraue, welches ich mir zu Miß Temple's Hochzeit gekauft und seitdem nicht wieder getragen – war
bald angezogen; mein Haar bald gemacht und mein einziger Schmuck, die Tuchnadel mit der Perle, bald angesteckt. So
gingen wir hinunter.
Zum Glück war noch ein anderer Eingang zu dem Gesellschaftszimmer, als durch den Speisesaal, wo sie Alle bei
der Tafel saßen. Wir fanden das Zimmer leer; ein großes Feuer brannte still in dem marmornen Kamin, und Wachskerzen schimmerten in heller Einsamkeit unter den ausgesuchten Blumen, womit die Tische geschmückt waren. Der karmoisinrothe Vorhang hing vor dem Bogen: so leicht die Scheidewand war, die diese Draperie zwischen der Gesellschaft im anstoßenden Salon bildete, so konnte man doch
von ihrer Unterhaltung Nichts weiter, als ein gedämpftes Gemurmel vernehmen, da sie leise sprachen.
Adele, die noch immer unter dem Einflusse des feierlichsten Eindrucks war, setzte sich, ohne ein Wort zu reden, auf
einen Fußschemel nieder, den ich ihr angewiesen. Ich zog mich in eine Fenstervertiefung zurück, nahm ein Buch von
einem Tische und versuchte zu lesen. Adele rückte ihren Schemel zu meinen Füßen hin und berührte bald darauf mein Knie.
„Was ist, Adele?“
„Darf ich nicht eine von diesen prächtigen Blumen nehmen, Mademoiselle? nur um meine Toilette vollständig zu machen.“
„Du denkst zu viel an Deine Toilette, Adele; aber Du sollst eine Blume haben.“
Und ich nahm eine Rose aus einer Vase und befestigtes sie an ihrem Gürtel. Sie seufzte vor unaussprechlicher
Wonne, als sei der Kelch ihres Glückes jetzt voll. Ich wendete mein Gesicht ab, um ein Lächeln zu verbergen,
welches ich nicht unterdrücken konnte; es lag etwas Lächerliches und zugleich Schmerzliches in dem Ernst und der angeborenen Ehrfurcht, womit die kleine Pariserin die Angelegenheiten der Toilette betrachtete.
Ein leises Geräusch des Aufstehens wurde jetzt hörbar;
der Vorhang des Bogens wurde zurückgeschlagen, durch
welchen, sich das Speisezimmer zeigte, dessen angezündeter
Kronleuchter Licht auf das Silber und Glas eines prächtigen
Dessertservice niedergoß, womit ein langer Tisch bedeckt war.
Eine Gruppe von Damen stand in der Oeffnung; sie traten
ein, und der Vorhang fiel hinter ihnen.
Es waren ihrer nur acht; aber als sie hereintraten, erschien mir ihre Anzahl viel größer. Einige von ihnen waren
sehr groß, die meisten weiß gekleidet, und Alle hatten eine
Fülle von Putz an sich, wodurch ihre Personen vergrößert
wurden, wie ein Nebel den Mond vergrößert. Ich stand
auf und verneigte mich gegen siez Einige nickten mir wieder
zu, die Andern aber starrten mich nur an.
Sie zerstreuten sich im Zimmer, und erinnerten mich
durch die Leichtigkeit und den Schwung ihrer Bewegungen
an eine Schaar weißgefiederter Vögel. Einige warfen sich
in halb liegender Stellung auf die Sophas und Ottomanen,
Einige neigten sich über die Tische und betrachteten die Blumen und Bücher; die Uebrigen sammelten sich in einer
Gruppe um das Feuer, und Alle sprachen in leisem aber
deutlichem Tone, der ihnen zur Gewohnheit geworden zu
sein schien. Ich erfuhr später ihre Namen, und kann sie eben
so gut jetzt gleich erwähnen.
Zuerst will ich Mistreß Eshton mit ihren beiden Töchtern erwähnen. Sie war offenbar ein schönes Frauenzimmer
gewesen und hatte sich noch gut conservirt. Amv, die ältere
von ihren Töchtern, war ziemlich klein, naiv und kindlich
von Gesicht und Benehmen; ihr weißes Mousselinkleid und
ihre blaue Schärpe standen ihr gut. Louise, die zweite, war
von größerer und eleganterer Gestalt, mit einem sehr hübschen Gesicht von jener Classe, welche die Franzosen minois chiffonne nennen. Beide Schwestern waren weis wie Lilien.
Lady Lynn war eine große, rüstige Person von etwa
vierzig Jahren, sehr gerade, sehr stolz aussehend und mit
einem prächtigen changirenden seidenen Kleide angethan. Ihr dunkles Haar schimmerte glänzend unter dem Schatten einer
blauen Feder innerhalb der Umkreisung einer Schnur von
Edelsteinen.
Die Oberstin Dent war weniger scheinend, doch schien
sie mir mehr das Ansehen einer feinen Dame zu haben, als
Alle. Sie hatte eine schlanke Gestalt, ein sanftes Gesicht
und blondes Haar. Ihr schwarzes Atlaßkleid, ihre Schärpe
von kostbaren fremden Spitzen und ihr Perlenschmuck gefiel
mir besser, als die Regenbogenstrahlen der betitelten Dame.
Aber die drei ausgezeichnetsten Personen – zum Theil
vielleicht, weil sie den höchsten Wuchs von der Gruppe
hatten – waren die verwittwete Lady Ingram und ihre
Töchter Blanca und Maria. Alle Drei waren von der höchsten weiblichen Statur. Die Wittwe mochte zwischen vierzig
und fünfzig sein: ihre Gestalt war noch schön: ihr Haar,
wenigstens bei Kerzenlicht, noch schwarz, und auch ihre
Zähne schienen noch vollkommen zu sein. Die meisten Leute
würden sie für das Muster einer Frau ihres Alters gehalten
haben, das war sie auch in, physischer Hinsicht ohne Zweifel;
aber es lag ein Ausdruck unerträglichen Stolzes in ihrem
Wesen und Gesicht. Sie hatte römische Züge und ein
doppeltes Kinn, welches in einen Hals, wie ein Pfeiler,
überging: aber diese Züge schienen mir nicht nur von Stolz
aufgeblasen und verdunkelt, sondern sogar gefurcht, und nach
demselben Grundsatz wurde das Kinn fast übernatürlich
ausrecht getragen. Sie hatte auch ein zorniges und strenges
Auge, welches mich an das der Mistreß Reed erinnerte; sie
sprach mit vollem Munde; ihre Stimme war tief, die Betonung pomphaft und gemessen – kurz, ganz unerträglich.
Sie war mit einer Robe von rothem Sammet und einem
Shawlturban von golddurchwirktem indischen Stoffe, wie
sie ohne Zweifel dachte, mit wahrhaft kaiserlicher Würde
bekleidet.
Blanca und Maria waren von gleicher Statur – gerade und hoch wie Pappeln. Maria war zu schmächtig für ihre
Größe, aber Blanca war wie eine Diana gebildet. Ich betrachtete sie natürlich mit besonderem Interesse. Für's Erste wünschte ich zu sehen, ob ihre Erscheinung mit der Beschreibung der Mistreß Fairfax übereinstimme: zweitens, ob sie einem Bilde gleiche, welches ich in meiner Phantasie von ihr entworfen; und drittens – es muß heraus! – ob sie eine Person sei, sie meiner Ansicht nach dem Geschmacke des Herrn Rochester entsprechen konnte.
Hinsichtlich ihrer Person entsprach sie in jeder Hinsicht meinem Bilde und der Beschreibung der Mistreß Fairfax.
Die edle Büste, die zierlich abfallenden Schultern, der graziöse Hals, die dunklen Augen und schwarzen Ringellocken waren
alle da — aber ihr Gesicht? — ihr Gesicht glich dem ihrer Mutter; dasselbe jugendliche ungefurchte Bild, dieselbe niedrige Stirn, dieselben hinaufgezogenen Gesichtszüge, derselbe
Stolz. Es war indessen kein so finsterer Stolz, denn sie lachte beständig; doch ihr Lachen war satirisch, und dies war der gewohnte Ausdruck ihrer gewölbten und übermüthigen Lippe.
Man sagt, daß das Genie selbstbewußt ist: ich kann
nicht sagen, ob Miß Ingram ein Genie war, aber selbstbewußt — auffallend selbstbewußt war sie in der That. Sie
ließ sich mit der sanften Mistreß Dent in eine Unterredung über Botanik ein. Mistreß Dent schien diese Wissenschaft
nicht studirt zu haben, obgleich sie sagte, sie liebe die Blumen, besonders die wilden; aber Mistreß Ingram hatte hierin
Studien angestellt, und sie durchlief ihr ganzes Wörterverzeichniß mit gelehrter Miene. Ich bemerkte sogleich, daß sie
Mistreß Dent mit ihrer Unwissenheit aufzog: ihr Aufziehen mochte witzig sein, aber es war offenbar nicht gutmühig.
Sie spielte: ihr Vortrag war brillant: sie sang: ihre Stimme war schön; sie sprach allein mit ihrer Mutter französisch.
sie sprach es gut, mit Geläufigkeit und gutem Accent.
Maria hatte ein milderes und offneres Gesicht, als Blanca, auch sanftere Züge und eine etwas weißere Haut
Miß Ingram war dunkel wie eine Spanierin aber es fehlte Marien an Leben: ihr Gesicht entbehrte des Ausdrucks, ihr Auge des Glanzes; sie wußte Nichts zu sprechen,
und wenn sie einmal ihren Sitz eingenommen, hielt sie sich ruhig, wie eine Statue in einer Nische. Beide Schwestern
waren in fleckenloses Weiß gekleidet.
Nur hielt ich jetzt Miß Ingram für eine solche Wahl, wie Herr Rochester sie wahrscheinlich treffen werde? Ich konnte es nicht sagen — ich kannte seinen Geschmack in Betreff weiblicher Schönheit nicht. Wenn er das Majestätische liebte, so war sie das Urbild der Majestät: überdies war sie
talentvoll und geistreich. Ich dachte, die meisten Herren müßten sie bewundern, und davon, daß er sie bewundere,
glaubte ich schon einen Beweis zu haben: um den letzten Schatten des Zweifels zu entfernen, mußte man sie nur noch beisammen sehen.
Du darfst nicht die Vermuthung hegen, lieber Leser,
als sei Adele diese ganze Zeit über bewegungslos auf dem
Schemel zu meinen Füßen sitzen geblieben nein, als die
Damen eintraten, stand sie auf, ging ihnen entgegen, verneigte sich stattlich und sagte mit Ernst:
„Bon jour, mes dames.“
Miß Ingram blickte mit ihrer spöttischen Miene auf sie
nieder und rief:
„O! welch eine kleine Puppe!“
Lady Lynn bemerkte:
„Es ist vermuthlich Herrn Rochester's Mündel — das kleine französische Mädchen, von der er gesprochen.“
Mistreß Dent reichte ihr freundlich die Hand und küßte sie. Amy und Louise Eshton riefen zugleich:
„Welch ein Engel von einem Kind!“
Und dann führten sie sie zu einem Sopha, wo sie jetzt zwischen Beiden saß und abwechselnd französisch und gebrochen englisch plapperte, die Aufmerksamkeit nicht nur der
beiden jungen Damen, sondern auch der Mistreß Eshton
und der Lady Lynn in Anspruch nahm und nach Herzenslust gehätschelt wurde.
Endlich brachte man den Kaffee und rief die Herren herein. Ich sitze im Schatten — wenn in diesem glänzend erleuchteten Zimmer ein Schatten zu finden ist — und der Fenstervorhang verbirgt mich halb. Wieder öffnet sich der Eingang. Das vereinte Eintreten der Herren, gleich dem der Damen, ist sehr imposant: sie sind alle schwarz kostümirt;
die meisten von ihnen sind groß und einige jung. Heinrich und Friedrich Lynn sind sehr feine junge Männer, und
Oberst Dent ist ein schöner, kriegerisch aussehender Mann.
Herr Eshton, das Parlamentsmitglied für die Grafschaft, hat ein vornehmes Wesen: sein Haar ist ganz weiß, seine
Augenbrauen und sein Bart noch schwarz, was ihm das
Ansehen eines guten Familienvaters auf dem Theater verleiht, und Lord Ingram ist gleich seinen Schwestern sehr
groß und schön wie sie, theilt aber das zerstreute und theilnahmlose Wesen seiner Schwester Maria: er scheint mehr
Länge der Glieder, als Lebhaftigkeit des Bluts oder Stärke
des Gehirns zu haben.
Und wo ist Herr Rochester?
Er kommt zuletzt: ich blicke nicht nach dem Bogen, und doch sehe ich ihn eintreten. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf die Stricknadeln und die Maschen der Börse, die ich stricke — ich wünsche nur an die Arbeit zu denken, die ich in Händen habe, nur die Silberperlen und die Seidenfäden zu sehen, die in meinem Schooße liegen, und doch erblicke
ich deutlich seine Gestalt, und erinnere mich unwillkürlich des Augenblicks, wo ich sie zuletzt gesehen, gerade nachdem ich ihm, wie er sagte, einen wesentlichen Dienst geleistet —
wie er meine Hand gehalten, auf mein Gesicht niedergeblickt, und mich mit Augen betrachtet, die ein bis zum Ueberfließen
volles Herz andeuteten, und an dessen Regungen ich Antheil hatte. Wie nahe hatte ich ihm in jenem Augenblicke gestanden! Was war seitdem geschehen, um unsere gegenseitige Stellung zu verändern? Aber jetzt, wie fern und fremd waren wir einander geworden! So entfremdet, daß ich nicht erwartete, er werde zu mir kommen und mich anreden. Ich wunderte mich nicht, als er, ohne mich anzusehen, sich auf
der andern Seite des Zimmers niedersetzte und mit einigen von den Damen sprach.
Sobald ich sah, daß seine Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war, und daß ich ihn unbemerkt ansehen konnte, richteten
sich meine Augen unwillkürlich auf sein Gesicht: ich hatte meine Augenlider nicht mehr in meiner Macht: sie erhoben
sich, und die Pupille wendete sich zu ihm. Ich sah ihn an und empfand ein lebhaftes Vergnügen — ein kostbares und
doch qualvolles Vergnügen, wie reines Gold mit einem stählernen Punkte der Qual: ein Vergnügen, gleich dem, welches
der vor Durst umkommende Mensch empfinden mag, wenn er weiß, daß die Quelle, zu der er hinschleicht, vergiftet ist, sich aber dennoch niederbeugt und das göttliche Getränk einschlürft.
Sehr wahr ist es, daß Schönheit in dem Auge des Beschauers liegt. Das farblose, olivengelbe Gesicht, die eckige,
massive Stirn, die breiten, schwarzen Augenbrauen, die tiefen Augen, die markirten Züge, der feste und trotzige Mund —
Nichts als Energie, Entschiedenheit und fester Wille —
waren der Regel nach nicht schön: aber sie waren mehr als schön für mich: sie waren voll Interesse und hatten einen
Einfluß, der sich meiner völlig bemeisterte — der meinem Gefühle, meiner eigenen Macht entging und sie an die seinigen fesselten. Ich hatte nicht beabsichtigt, ihn zu lieben:
der Leser weiß, ich hatte mich lebhaft angestrengt, in meiner Seele die Keime der Liebe auszurotten, die ich dort entdeck;
und jetzt, bei dem ersten Wiedersehen, schlugen sie wieder aus, wurden grün und stark! Ich mußte ihn lieben, ohne
daß er mich ansah.
Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was war die galante Anmuth der Lynns, die matte Beredtsamkeit des Lord
Ingram — selbst die militairische Auszeichnung des Obersten Dent gegen seinen Blick angeborener Glut und ächter Kraft? Ich fand kein Interesse an ihrer Erscheinung, an ihren Ausdrücken, doch stellte ich mir vor, daß die meisten Beobachter sie anziehend, schön und imposant nennen würden, während
sie Herrn Rochester's Züge für rauh und seinen Ausdruck für melancholisch erklären müßten. Ich sah sie lächeln, heiter lachen — es war Nichts — das Licht der Kerzen hatte
eben so viel Seele, als ihr Lächeln, das Klingeln der Schelle eben so viel Bedeutung, als ihr Lachen. Ich sah Herrn
Rochester lächeln: seine strengen Züge wurden milde, sein Auge glänzend und sanft, und sein Strahl zugleich durchdringend und lieblich. Er sprach in diesem Augenblick mit
Louise und Amy Eshton. Ich wunderte mich, daß sie diesem Blicke mit Ruhe begegneten, der mir so durchdringend
schien. Ich erwartete, daß ihre Augen sich senken und ihre Farbe sich erhöhen werde; doch war es mir lieb, zu sehen, daß sie auf keine Weise bewegt wurden.
„Er ist nicht für sie, was er für mich ist,“ dachte ich
„er ist nicht von ihrer Art. Ich glaube, er ist von meiner Art — ich bin dessen gewiß — ich fühle mich ihm verwandt — ich verstehe die Sprache seines Gefühls und seiner
Bewegungen: obgleich Rang und Reichthum uns weit von einander trennen, so habe ich doch etwas in Kopf und Herzen, in Blut und Nerven, was mich geistig mit ihm vereint.
Sagte ich nicht vor wenigen Tagen, ich habe Nichts weiter mit ihm zu thun, als meinen Gehalt von ihm zu empfangen? Verbot ich mir nicht, ihn in einem andern Lichte anzusehen, denn als meinen Zahlmeister? Lästerung gegen die Natur! jedes gute, wahre und kräftige Gefühl, das ich besitze, sammelt sich instinktmäßig um ihn. Ich weiß, ich muß
meine Empfindungen verbergen: ich muß meine Hoffnung unterdrücken: ich muß mich erinnern, daß er sich nicht viel
um mich kümmern kann. Wenn ich sage, ich bin von seinerArt, so meine ich nicht damit, daß ich seine Macht, Einfluß
zu üben, und seinen Zauber der Anziehungskraft besitze: ich meine nur: daß ich einen gewissen Geschmack und gewisse
Gefühle mit ihm gemein habe. Ich muß also beständig wiederholen, daß wir auf immer getrennt sind — und doch muß ich ihn lieben, so lange ich athme und denke.“
Der Kaffee wird herumgereicht. Seit die Herren eingetreten, fin die Damen lebhaft wie Lerchen geworden: die
Unterhaltung wird heiter und belebt. Oberst Dent und Herr Eshton unterreden sich über Politik, und ihre Frauen hören zu. Beide stolzen Wittwen Lady Lynn und Lady Ingram
besprechen sich miteinander. Sir George, den ich, beiläufig
gesagt, zu beschreiben vergessen, und der ein sehr wohlbeleibter und frisch aussehender Landedelmann ist, steht, die
Kaffeetasse in der Hand, vor ihrem Sopha und mischt von
Zeit zu Zeit ein Wort ein. Herr Frederick Lynn hat neben
Maria Ingram Platz genommen und zeigt ihr die Kupfer
in einem Prachtwerke: sie sieht und lächelt von Zeit zu Zeit,
scheint aber wenig zu sprechen. Der große und phlegmatische Lord Ingram lehnt sich mit gefalteten Armen auf die
Stuhllehne der kleinen und lebhaften Amy Eshton; sie blickt
zu ihm auf und plappert wie ein Zaunkönig: ihr gefällt er
besser als Herr Rochester. Heinrich Lynn hat eine Ottomane zu Louisens Füßen in Besitz genommen; Adele theilt
dieselbe mit ihm: er versucht, französisch mit ihr zu reden und Louise lacht über seine Fehler. Zu wem wird sich
Bianca Ingram gesellen? Sie steht allein am Tisch, graziös über ein Album geneigt. Sie scheint zu warten, bis
man sie aufsucht; doch sie will nicht zu lange warten: sie
sucht sich selber einen Gefährten.
Nachdem Herr Rochester die Eshtons verlassen, steht er
so einsam am Kamin, wie sie am Tische da; sie wendet sich
zu ihm und stellt sich an die andere Seite des Kamins.
„Herr Rochester, ich meinte, Sie wären kein Freund
von Kindern?“
„Das bin ich auch nicht.“
„Was bewog Sie denn, sich jener kleinen Puppe anzunehmen?“ sagte sie, auf Adele deutend. „Wo haben Sie
sie aufgelesen?“
„Ich habe sie nicht aufgelesen, sondern man ließ sie in
meinen Händen.“
„Sie hätten sie in eine Schule schicken sollen.“
„Ich konnte nicht so viel aufwenden; die Kostschulen
sind so theuer.“
„Ei, Sie halten wohl gar eine Erzieherin für sie: ich
sah eben eine Person bei ihr — ist sie fort? O nein, da
sitzt sie hinter dem Fenstervorhange. Sie müssen sie doch
natürlich bezahlen, und das, dächte ich, müßte eben so viel
kosten oder noch mehr, denn Sie müssen Beide noch obendrein erhalten.“
Ich fürchtete oder ich sollte sagen, ich hoffte — daß
diese Anspielung Herrn Rochester bewegen werde, nach mir
hinzublicken, und ich zog mich unwillkürlich weiter in den
Schatten zurück; aber er wendete seine Augen nicht zu mir.
„Ich habe den Gegenstand nicht überlegt,“ sagte er
gleichgültig und gerade vor sich hinsehend.
„Nein — Ihr Männer denkt doch nie an Sparsamkeit
und gesunden Verstand. Sie sollten Mama über das Kapitel der Erzieherinnen reden hören: Maria und ich haben
zu unserer Zeit wenigstens ein Dutzend gehabt; die eine
Hälfte war abscheulich und die andere lächerlich — lauter
Kobolde, nicht wahr, Mama?“
„Sprachst Du mit mir, mein liebes Kind?“ Die junge

Dame, welche die Wittwe als ihr Eigenthum in Anspruch
genommen, wiederholte die Frage mit einer Erklärung.
„Meine Theuerste,“ antwortete die Mutter, „nenne nur
die Erzieherinnen nicht: das Wort macht mich nervös. Ich
habe ein Märtyrerthum ausgestanden bei ihrer Unfähigkeit
und ihren Launen: dem Himmel sei Dank, daß ich jetzt
Nichts mehr mit ihnen zu thun habe!“
Mistreß Dent neigte sich hier zu der menschenfreundlichen Dame hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr: aus
der darauf folgenden Antwort schließe ich, es sei eine Erinnerung gewesen, daß eine von dem verurtheilten Geschlecht
zugegen sei.
„Um so viel schlimmer!“ sagte Ihre Herrlichkeit, „ich
hoffe es wird ihr wohl thun.“
Darauf sagte sie in leiserem Tone, aber noch so laut,
daß ich es hören konnte:
„Ich beobachtete sie: ich verstehe mich auf die Physiognomik, und in ihrem Gesichte sehe ich alle Fehler ihrer
Klasse.“
„Welches sind die, Madame?“ fragte Herr Rochester laut.
„Ich will es Ihnen später allein sagen,“ versetzte sie mit
furchtbarer Bedeutsamkeit mit ihrem Turban nickend.
„Aber meine Neugierde kann nicht so lange warten und
fordert jetzt ihre Nahrung.“
„Fragen Sie Blanca: sie ist Ihnen näher, als ich.“
„O! verweisen Sie ihn nicht an mich, Mama. Ich
habe nur ein Wort über das ganze Gelichter zu sagen: sie
sind langweilig und lästig. Nicht als hätte ich je viel von
ihnen gelitten, denn ich trug Sorge, das Spiel umzukehren.
Welche Streiche spielten Theodor und ich unsern Miß Wilsons, unseren Mistreß Greys und unseren Madame Jouberts! Maria war immer zu schläfrig, um sich mit Geist
auf das Complott einzulassen. Den besten Spaß hatten wir
mit Madame Joubert; Miß Wilson war ein armes kränkliches Ding, weinerlich und von schwachem Geiste: kurz, es
war nicht der Mühe werth, mit ihr zu kämpfen: Mistreß
Grey war zu rauh und unempfindlich, und sie fühlte keinen
Schlag. Aber die arme Madame Joubert! Ich sehe sie noch
immer in ihrer wüthenden Leidenschaft, wenn wir sie auf’s

Aeußerste getrieben, unsern Thee verschüttet, unser Butterbrot verkrümelt, unsere Bücher an die Decke geworfen, und
mit dem Lineal auf dem Tisch und mit der Feuerzange auf
den Feuerböcken eine Katzenmusik hervorgebracht hatten.
Theodor, erinnerst Du Dich noch jener lustigen Tage?“
„Ja gewiß,“ antwortete Lord Ingram in schleppendem
Tone; „der arme alte Stecken pflegte auszurufen: O Ihr
bösen Kinder! — Und dann hielten wir ihr eine Predigt,
daß sie sich herausnähme, uns talentvolle junge Leute unterrichten zu wollen, da sie selber so unwissend sei.“
,,Das thaten wir, und weißt Du noch, Theodor, wie
ich Dir half, Deinen Lehrer mit dem Milchgesicht, den Herrn
Vining, den bleichsüchtigen Pfarrer, wie wir ihn nannten,
zu verfolgen. Er und Miß Wilson nahmen sich die Freiheit, sich in einander zu verlieben — wenigstens dachten es
Theodor und ich. Wir bemerkten verschiedene zärtliche Blicke
und Seufzer, die wir als Zeichen der großen Leidenschaft
erklärten, und ich versichere Ihnen, daß das Publikum bald
den Vortheil von unserer Entdeckung hatte, und wir wendeten sie als Hebel an, um diese Lasten von unserem Hause
zu wälzen. Sobald unsere liebe Mama Wind von der
Sache bekam, machte sie ausfindig, daß es ein unmoralisches Verhältniß sei. War es nicht so, liebe Mutter?“
„Gewiß, meine Beste. Und ich hatte ganz Riecht, darauf
kannst Du Dich verlassen: es gibt tausend Gründe, warum
Verhältnisse zwischen Erzieherinnen und Lehrern in jeden
wohlgeordneten Hause keinen Augenblick geduldet werden
sollten; erstens —“
„Himmel, Mama, ersparen Sie uns die Aufzählung! Uebrigens wissen wir sie alle: die Gefahr des bösen
Beispiels für die Unschuld der Kindheit; Zerstreuung und
folglich Vernachlässigung der Pflicht von Seiten jener Personen, wechselseitiges Schutzbündniß, woraus Zuversicht und
Unverschämtheit und endlich allgemeine Empörung erfolgt.
Habe ich Recht, Baronesse Ingram von Ingram Park?“
„Meine Liebe, Du hast jetzt und immer Recht.“
„Dann ist also weiter Nichts darüber zu sagen: wir
wollen also von etwas Anderm reden.“

Amy Eshton, die diesen Ausspruch nicht hörte oder
beachtete, fiel jetzt mit ihrem sanften, kindlichen Tone ein:
„Louise und ich pflegten unsere Gouvernante auch zu
ärgern: aber sie war ein so gutes Geschöpf, daß sie Alles
ertrug und Nichts sie aus der Fassung brachte. Sie war
nie heftig gegen uns, nicht wahr, Louise?“
„Niemals, wir mochten thun, was wir wollten, ihr
Pult und ihre Arbeitsschachtel ausplündern, und ihre Fächer
umkehren. Sie war so gutmüthig, daß sie uns Alles gab,
was wir forderten.“
„Ich vermuthe,“ sagte Mis Ingram mit sarkastisch verzogener Lippe, „wir werden einen Auszug aus den Memoiren aller Gouvernanten auf der Welt erhalten: um eine
solche Prüfung abzuwenden, schlage ich noch einmal die
Einführung eines neuen Gegenstandes in die Unterhaltung
vor. Herr Rochester, treten Sie meiner Ansicht bei?“
„Mein Fräulein, ich unterstütze Sie hierin, wie in allem Andern.“
„Dann will ich die Last übernehmen, den Vorschlag zu Tage zu bringen. Signor Eduardo, sind Sie diesen Abend
bei Stimme?“
„Wenn Sie befehlen, Donna Bianca, so werde ich es
sein.“
„Da lege ich Ihnen vermöge meiner Oberherrschaft die
Verpflichtung auf, Signor, Ihre Lungen und andern Stimmorgane in Stand zu setzen, da dieselben in meinem königlichen Dienste erforderlich sind.“
„Wer wollte nicht der Nizzio einer so göttlichen Maria
sein?“
„Zum Henker mit dem Rizzio!“ rief sie, ihre Locken
schüttelnd, indem sie zum Piano ging. Meiner Ansicht
nach muß der Geiger David ein einfältiger Kerl gewesen
sein; mir gefällt der schwarze Bothwell besser: nach meiner
Ansicht ist ein Mann Nichts, wenn er nicht ein wenig vom
Teufel an sich hat; die Geschichte mag von James Hepburn
sagen, was sie will, aber ich bin der Ansicht, er war gerade
ein so wilder, grimmiger Banditenheld, dem ich meine Hand
hätte geben können.“

„Hören Sie es, meine Herren? wer von Ihnen gleicht
Bothwell am meisten?“ rief Herr Rochester.
„Ich denke wir müssen Ihnen den Vorzug geben,“ antwortete Oberst Dent.
„Bei meiner Ehre, ich bin Ihnen sehr verbunden,“ war
die Antwort.
Miß Ingram, die sich jetzt mit stolzer Anmuth an das
Piano gesetzt und ihr weites schneeweißes Kleid wie eine
Königin ausgebreitet hatte, begann ein glänzendes Vorspiel,
wobei sie zugleich sprach. Sie schien diesen Abend auf
ihrem hohen Pferde zu sitzen; ihre Worte und ihr Wesen
schienen zu beabsichtigen, nicht nur die Bewunderung, sondern auch das Erstaunen ihrer Zuhörer zu erregen: sie war
offenbar bemüht, ihnen sehr kühn und imposant zu erscheinen.
„O! ich bin der jungen Männer der heutigen Zeit so
überdrüßig!“ rief sie, indem sie auf dem Instrument weiter
rasselte. „Die armen winzigen Dinger, die keinen Schritt
über Papas Parkthore hinauszugehen wagen, und sich
nicht einmal so weit wagen, ohne Mamas Erlaubniß und
Aufsicht! Geschöpfe, die so viel Sorgfalt auf ihre hübschen Gesichter, ihre weißen Hände und kleinen Füße verwenden, als ob ein Mann überhaupt etwas mit der Schönheit zu thun hätte — als wenn Liebenswürdigkeit nicht
das eigenthümliche Vorrecht des Weibes — ihre gesetzliche
Mitgift und Erbschaft wäre! Ich gestehe zu, daß ein
häßliches Weib ein Mal in dem schönen Gesichte der
Schöpfung ist; aber die Herren sollen nur darnach streben,
Stärke und Tapferkeit zu besitzen: ihr Motto seit jagen,
schießen und fechten! Das Uebrige ist keinen Strohhalm
werth. Dies würde mein Wahlspruch sein, wenn ich ein
Mann wäre.“
„Wenn ich je heirathe,“ fuhr sie nach einer Pause fort,
die von Niemand unterbrochen wurde, „so bin ich entschlossen, daß mein Gemahl nicht ein Nebenbuhler, sondern eine
Folie für mich sein soll. Ich will keinen Rivalen in die
Nähe des Thrones lassen; ich werde ungetheilte Huldigung
fordern: seine Neigung soll er nicht zwischen mir und der

Gestalt theilen, die er in seinem Spiegel sieht. Nun, singen Sie, Herr Rochester, ich will Sie begleiten.“
„Ich bin ganz Gehorsam,“ war die Anwort.
„Hier ist ein Seeräuberlied. Sie müssen wissen, daß
ich für Seeräuber schwärme; und aus dem Grunde singen
sie es mit Geist.“
„Befehle von Miß Ingram's Lippen würden einem
Glase mit Milch und Wasser Geist verleihen.“
„So nehmen Sie sich in Acht: wenn Ihr Gesang mir
nicht gefällt, so werde ich Sie beschämen und zeigen, wie
solche Lieder gesungen werden sollten.“
„Das heißt ja, eine Belohnung für die Unfähigkeit anbieten: ich werde jetzt bemüht sein, daß es mir mißlingt.“
„Hüten Sie sich wohl! wenn Sie absichtlich fehlen,
werde ich eine angemessene Strafe erdenken.“
„Miß Ingram sollte milde sein, denn sie hat es in ihrer
Macht, eine Strafe aufzuerlegen, die ein menschliches Wesen nicht zu ertragen vermag.“
„Ha! erklären Sie sich!“ gebot die Dame.
„Verzeihen Sie, mein Fräulein, es ist keine Erklärung
nöthig: Ihr eigener feiner Sinn muß Ihnen sagen, daß
einer Ihrer finstern Blicke gleichbedeutend mit Todesstrafe ist.“
„Singen Sie!“ sagte sie, berührte das Piano wieder,
und begann eine Begleitung in begeistertem Styl.
„Jetzt ist meine Zeit da, mich durchzuschleichen,“ dachte
ich, aber die Töne, die jetzt die Luft durchbebten, fesselten
mich. Mistreß Fairfax hate gesagt, Herr Rochester besitze eine schöne Stimme: ja, er hatte einen klangvollen,
kräftigen Baß, in den er sein eigenes Gefühl und seine
eigene Kraft zu legen wußte; der durch das Ohr den Weg
zum Herzen fand, und dog eine seltsame Empfindung erweckte. Ich wartete, bis der letzte tiefe und volle Ton
verhalt war — bis die Flut ses Gesprächs, einen Augenblick gehemmt, wieder in Fluß gerieht; dann verließ ich
meinen stillen Winkel, und ging durch die Seitenthür hinaus,
die glücklicher Weise in der Nähe war. Von dort führte ein
enger Gang in die Vorhalle: als ich durch dieselbe ging,
bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen war; ich

blieb stehen und kniete auf der Matte am Fuß der Treppe
nieder um es wieder zuzubinden. Da hörte ich die Thür
des Speisezimmers aufgehen, und sah einen Herrn herauskommen. Ich stand hastig auf und sah Herrn Rochester vor mir.
„Wie geht es Ihnen?“ fragte er.
„Mir ist sehr wohl, mein Herr.“
„Warum kamen Sie nicht im Zimmer zu mir und
sprachen mit mir?“
Ich dachte, ich hätte ihm die Frage zurückgeben sollen; aber ich wollte mir diese Freiheit nicht nehmen, und antwortete:
„Ich wollte Sie nicht stören, da Sie beschäftigt zu sein
schienen, mein Herr.“
„Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?“
„Nichts Besonderes — ich habe, wie gewöhnlich, Adele
unterrichtet.“
„Und sind viel blässer geworden, als vorher — wie ich
auf den ersten Blick sah. Was fehlt Ihnen?“
„Durchaus Nichts, mein Herr.“
„Erkälteten Sie sich in jener Nacht, als Sie mich fast
ertränkten?“
„Nicht im Geringsten.“
„Kehren Sie in das Gesellschaftszimmer zurück: Sie
verlassen es zu früh.“
„Ich bin ermüdet, mein Herr.“
Er sah mich eine Minute an.
„Und ein wenig niedergeschlagen,“ setzte er hinzu.
„Weshalb? Sagen Sie es mir.“
„Es ist Nichts, mein Herr. Ich bin nicht niedergeschlagen.“
„Aber ich versichere Ihnen, daß Sie es dennoch sind.
So niedergeschlagen sind Sie, daß noch wenige Worte
Thränen in Ihre Augen locken würden — in der That, da
haben wir es schon, sie schimmern und schwimmen, und da
ist ein Tropfen von den Wimpern auf den Boden gefallen.
Wenn ich nur Zeit hätte und nicht in tödtlicher Furcht
wäre, daß irgend ein geschwätziger Diener vorüberkäme, so

müßte ich wissen, was dies Alles bedeutet. Nun, für heute
Abend sind Sie entschuldigt; aber so lange meine Gäste da
sind, erwarte ich, daß Sie jeden Abend im Gesellschaftszimmer erscheinen: es ist mein Wunsch, versäumen Sie es
nicht. Gehen Sie jetzt und schicken Sophie, daß sie Adele
holt. Gute Nacht, meine —
Er hielt inne, biß sich in die Lippe und verließ mich
plötzlich.

Drittes Kapitel.
Dies waren heitere Tage in Thornfield Hall, und geschäftige Tage auch: wie verschieden von den ersten drei
Monaten der Stille, Einförmigkeit und Einsamkeit, die ich
unter diesem Dache zugebracht! Alle traurigen Gefühle
schienen jetzt aus dem Hause verbannt, alle düsteren Gedanken vergessen zu sein: da war Leben überall, und Bewegung den ganzen langen Tag. Man konnte jetzt nicht
durch die Gallerie gehen, die sonst so still gewesen, noch in
die Vorderzimmer treten, sonst so unbewohnt, ohne einer
zierlichen Kammerjungfer oder einem geputzten Diener zu
begegnen.
Die Küche, das Bedientenzimmer und die Vorhalle waren gleich lebendig, und die Salons wurden nur leer und
still, wenn der blaue Himmel und der ruhige Sonnenschein
des milden Frühlingswetters die Bewohner in den Park
lockte. Auch als dieses schöne Wetter auf einige Tage
durch Regen unterbrochen wurde, schien die Freude nicht gedämpft zu werden; die Unterhaltung im Hause wurde nur
um so lebhafter und abwechselnder in Folge des Aufhörens
der Heiterkeit im Freien.
Ich wunderte mich, was sie am ersten Abend thun würden, als man eine Veränderung der Unterhaltung vorschlug. Sie sprachen davon, Charaden aufzuführen, doch
in meiner Unwissenheit verstand ich den Ausdruck nicht.
Die Diener wurden hereingerufen, die Tische hinausgerollt,

die Lichter anders aufgestellt und die Stühle bildeten dem
Bogen gegenüber einen Halbkreis. Während Herr Rochester und die andern Herren diese Veränderung anordneten,
liefen die Damen auf und ab und klingelten ihren Mädchen. Mistreß Fairfax wurde herbeigerufen, um über die
Vorräthe des Hauses an Shawls, Kleidern und Draperie
jeder Art Auskunft zu ertheilen. Gewisse Schränke im dritten Stock wurden ausgeplündert und ihr Inhalt, der in
brokatnen Reifröcken, seidenen Ueberwürfen, schwarzen Leibchen und großen Spitzenhauben bestand, von den Abigails
heruntergetragen, eine Auswahl angestellt und die ausgewählten Dinge in das Boudoir hinter dem Gesellschaftszimmer getragen.
Inzwischen hatte Herr Rochester die Damen wieder um
sich versammelt und wählte einige von ihnen zu seiner
Partei aus.
„Miß Ingram gehört natürlich mir,“ sagte er, und
nannte darauf die beiden Fräulein Eshton und Mistreß
Dent. Er sah mich an: ich befand mich gerade in seiner
Nähe, denn ich hatte der Mistreß Dent das Armband zugemacht, welches aufgegangen war.
„Wollen Sie mitspielen?“ fragte er. Ich schüttelte den
Kopf. Er bestand nicht weiter darauf, was ich beinahe
fürchtete, und erlaubte mir, ruhig zu meinem gewöhnlichen
Sitze zurückzukehren.
Er und seine Gehülfinnen zogen sich hinter den Vorhang zurück: die andere Gesellschaft, an deren Spitze Oberst
Dent stand, setzte sich auf den Halbmond von Stühlen nieder. Herr Eshton bemerkte mich und schien mich auffordern zu wollen, an dem Spiele Theil zu nehmen; aber
Lady Ingram verhinderte es sogleich.
„Nein,“ hörte ich sie sagen, „sie scheint viel zu dumm
zu einem Spiele der Art zu sein.“
Bald darauf wurde geklingelt und der Vorhang aufgezogen. Innerhalb des Bogens sah man die wohlbeleibte
Gestalt des Sir George Lynn, den Herr Rochester ebenfalls
ausgewählt, in ein weißes Betttuch gehüllt; vor ihm auf
dem Tische lag ein großes offenes Buch, und an seiner
Seite stand Amy Eshton in Herrn Rochester's Mantel, die

auch ein Buch in der Hand. hielt. Es klingelte Jemand,
den man nicht sah, und Adele, die darauf bestanden, der
Gesellschaft ihres Vormundes anzugehören, eilte vor und
streute den Inhalt eines Blumenkorbes, den sie am Arme
trug, am Boden aus. Dann erschien die herrliche Gestalt
der Miß Ingram, in weißem Kleide, einen langen Schleier
über den Kopf gezogen und einen Blumenkranz um die
Stirn. An ihrer Seite ging Herr Rochester, und sie näherten sich zusammen dem Tische. Sie kniete nieder, während
Mistreß Dent und Louise Eshton, die ebenfalls weiß gekleidet waren, ihre Stellung hinter ihnen einnahmen. Eine
pantomimisch dargestellte Ceremonie folgte, die man leicht
als eine Trauung erkannte. Als dieselbe zu Ende war,
beriethen sich Oberst Dent und seine Gesellschaft leise einige
Minuten, und dann rief der Oberst:
„Bride!“ (Braut)
Herr Rochester verneigte sich und der Vorhang fiel.
Eine beträchtliche Zeit verging, ehe er wieder aufgezogen wurde. Die zweite Scene stellte ein sorgfältiger vorbereitetes Schauspiel dar, als die erste. Wie ich schon vorher bemerkt, war das Gesellschaftszimmer um zwei Stufen
höher als das Speisezimmer, und auf der obern Stufe,
ein oder zwei Schritte weiter ins Zimmer zurück, zeigte sich
ein großes marmornes Becken, welches ich für eine Zierrath
aus dem Gewächshause erkannte, wo es gewöhnlich von
ausländischen Pflanzen umgeben stand und von Goldfischen
bewohnt war, und von wo man es wegen seiner Größe und
Schwere nur mit einiger Mühe dorthin konnte gebracht
haben.
Neben dem Becken sah man Herrn Rochester in Shawls
gehüllt, und einen Turban auf dem Kopfe auf dem Teppich
sitzen. Seine dunklen Augen und seine gelbe Gesichtsfarbe
standen sehr gut zu dem Kostüm und er war ein wahres
Modell eines orientalischen Emir. Gleich darauf erschien
Miß Ingram. Auch sie war nach orientalischem Kostüm
gekleidet, trug eine rothe Schärpe um die Taille, ein gesticktes Tuch um die Schläfen geknüpft. Ihre schön gebildeten Arme waren bloß und der eine erhoben, um graziös
einen Wasserkrug auf ihrem Kopfe zu unterstützen. Sowohl ihre Gestalt als ihre Züge, ihre Gesichtsfarbe und ihr
allgemeines Aussehen veranlaßten zu der Idee, daß sie eine
israelitische Prinzessin aus der Zeit der Patriarchen darstelle, und dies war auch ohne Zweifel der Charakter, den
sie erwählt hatte.
Sie näherte sich dem Becken und neigte sich über alles,
so als fülle sie ihren Krug, und hob ihn dann wieder auf den
Kopf. Die Person in der Nähe der Quelle schien sie
zureden und eine Bitte an sie zu richten. Sie beeilte se
nahm ihren Krug herunter, setzte ihn auf ihre Hand und
gab ihm zu trinken. Dann zog er aus dem Busen seines
Gewandes ein Kästchen hervor, öffnete es und zeigte prächtige Armbänder und Ohrringe; sie schien erstaunt und verwundert; niederkniend legte er die Schätze zu ihren Füßen;
Entzücken und Ungläubigkeit drückten sich in ihren Geberden aus; der Fremde befestigte die Armbänder an ihren
Armen und die Ringe an ihren Ohren. Es waren Eliesar
und Rebecca: nur die Kamele fehlten.
Die errathende Abtheilung steckte wieder die Köpfe zusammen, nur konnten sie nicht über das Wort oder die
Sylbe einig werden, welche die Scene darstellen sollte. Ihr
Sprecher, der Oberst Dent, forderte das Tableau des Ganzen und darauf fiel der Vorhang wieder.
Als er sich zum dritten Mal erhob, war nur ein Theil
veg Gesellschaftszimmers zu sehen: das Uebrige wurde des
einem Schirm bedeckt, der mit einer dunklen und großen
Draperie behängt war. Das Marmorbecken war verschwunden, an der Stelle desselben stand ein tannener Tisch
und ein Küchenstuhl: diese Gegenstände waren bei einen
sehr trüben Lichte sichtbar, welches aus einer Hornlaterne
hervordrang, denn die Wachskerzen waren alle ausgelöst.
In dieser unheimlichen Umgebung saß ein Mann, dessen
geballte Fäuste auf seinen Knieen ruhten. und dessen Auges
auf den Boden gerichtet waren. Ich erkannte Herrn Rochester, obgleich sein geschwärztes Gesicht, seine unordentliche
Kleidung — sein Rock hing von dem einen Arm herunter,
als wäre er ihm im Kampfe vom Rücken gerissen —
das verzweiflungsvolle und finstere Gesicht, das rauhe und
sich sträubende Haar ihn wohl unkenntlich machen

können. Als er sich bewegte, klirrte eine Kette: er trug
Fesseln an den Handgelenken.
„Bridewell!“ rief Oberst Dent, und die Charade war
gelöst.
Nachdem die handelnden Personen ihr gewöhnliches
Kostüm wieder angelegt hatten, traten sie in den Speisesaal.
Herr Rochester führte Mis Ingram herein, und sie machte
ihm Complimente wegen seiner Darstellung.
„Wissen Sie wohl,“ sagte sie, „daß Sie mir in der
letzten Rolle am besten gefallen haben? O! wenn Sie nur
wenige Jahre früher gelebt hätten, welch ein tapferer Räuberhauptmann hätten Sie sein können!“
„Ist aller Ruß von meinem Gesichte abgewaschen?“
fragte er, sich zu ihr wendend.
„Ach ja; um so mehr Schade! Nichts steht zu Ihrer
Gesichtsfarbe besser, als jene Räuberschminke.“
„So würde Ihnen also ein Straßenräuber gefallen?“
„Ein englischer Straßenräuber wäre das nächstbeste Geschöpf nach einem italienischen Banditen, und der könnte nur
von einem Seeräuber der Levante übertroffen werden.“
„Nun, was ich auch sein mag, erinnern Sie sich, daß
Sie meine Gattin sind; wir wurden ja vor einer Stunde
vor allen diesen Zeugen getraut.“
Sie kicherte und erröthete.
„Nun, Dent,“ fuhr Herr Rochester fort, „ist die Reihe
an Ihnen.“ Und als die andere Gesellschaft sich entfernte,
nahm er mit seinen Begleitern die leeren Sitze ein. Miß Ingram setzte sich zur Rechten ihre Führers: die Andern nahmen die Stühle zu beiden Seiten ein. Ich beobachtete jetzt
nicht mehr die handelnden Personen: ich erwartete nicht mehr
mit Interesse das Aufgehen des Vorhanges: meine Aufmerksamkeit wurde von den Zuschauern in Anspruch genommen:
meine Augen, die vorher auf den Bogen gerichtet waren,
wurden jetzt unwiderstehlich von dem Halbkreise der Stühle
angezogen. Ich erinnere mich nicht mehr, welche Charade
Oberst Dent und seine Gesellschaft spielten, welches Wort
sie wählten, und wie sie ihre Rollen durchführten; aber ich
sehe noch die Berathung, die jeder Scene folgte: ich sehe
noch, we Herr Rochester sich zu Miß Ingram und Miß Igram sich zu ihm wendet; ich sehe, wie sie ihr Haupt zu ihm
neigt, bis die dunklen Locken fast seine Schulter berühren
und an seiner Wange hinstreifen: ich höre ihr wechselseitiges
Geflüster; ich erinnere mich ihrer ausgetauschten Blicke, und
es kehrt mir in diesem Augenblick sogar etwas von dem Gefühl zurück, welches das Schauspiel in mir erweckte.
Leser, ich habe Dir gestanden, daß ich Herrn Rochester
zu lieben gelernt: ich konnte es jetzt nicht verlernen, nur
weil ich gefunden, daß er aufgehört, mich zu beachten,
weil ich Stunden in seiner Gegenwart zubringen konnte,
ohne daß er seine Augen auf mich richtete — weil ich all
seine Aufmerksamkeit von einer großen Dame in Anspruch
genommen sah, die sich scheute, mich im Vorübergehen mit
dem Saum ihres Gewandes zu berühren, die, wenn je ihr
dunkles und gebieterisches Auge zufällig auf mich fiel, es
augenblicklich zurückzog, wie von einem Gegenstande, zu
niedrig, um Beachtung zu verdienen. Ich konnte nicht
aufhören, ihn zu lieben, weil ich mich überzeugt hielt, daß
er bald eben diese Dame heirathen werde — weil ich täglich
in ihrer stolzen Sicherheit hinsichtlich seiner Absichten gegen
sie eine Bewerbung an ihm beobachtete, die, obgleich nach-
lässig und sorglos, doch eben in ihrem Stolze, sich mehr
aufsuchen zu lassen als aufzusuchen, einnehmend und unwiderstehlich war.
Es lag Nichts in diesen Umständen, was geeignet war,
die Liebe abzukühlen oder zu verbannen, wenn gleich viel,
um Verzweiflung zu erregen. Auch viel, um Eifersucht zu
erzeugen, wirst Du denken, lieber Leser, wenn ein Frauenzimmer in meiner Lage sich herausnehmen konnte, auf eine
Dame, wie Miß Ingram, eifersüchtig zu sein. Aber ich
war nicht eifersüchtig: oder es geschah wenigstens selten,
und der Schmerz, den ich litt, war nicht durch dieses Wort
zu erklären. Miß Ingram stand ein wenig unter der Eifersucht: sie war zu niedrig, um dieses Gefühl zu erregen. Ich
bitte, diesen anscheinenden Widerspruch zu verzeihen: ich
meine, was ich sage. Sie war sehr prunkend, aber nicht
ächt: sie hatte eine schöne Gestalt und manche glänzende
Fertigkeiten: aber ihr Geist war von Natur arm und ihr
Herz unfruchtbar: Nichts blühte freiwillig auf diesem Boden;

keine unerzwungene natürliche Frucht ergötzte durch ihre
Frische. Sie war nicht gut; sie war nicht originell: sie
pflegte hochtönende Phrasen aus Büchern zu wiederholen;
sie hatte nie eine eigene Ansicht. Sie wendete einen hohen
Ton des Gefühls an, doch kannte sie die Empfindungen der
Sympathie und des Mitleids nicht: Zärtlichkeit und Wahrheit lagen nicht in ihr. Nur zu oft verrieth sie dies durch
den ärgerlichen Widerwillen, den sie gegen die kleine Adele
gefaßt hatte. Zuweilen stieß sie sie mit einer verächtlichen
Benennung von sich, wenn sie zufällig in ihre Nähe kam,
zuweilen befahl sie ihr, das Zimmer zu verlassen, und behandelte sie stets mit Kälte und Härte. Noch andere Augen,
als die meinigen, beobachteten diese kleinen Charakterzüge
scharf und genau. Ja, der künftige Bräutigam, Herr Rochester selbst, übte eine unaufhörliche Wachsamkeit über sie
aus, und aus diesem Scharfblicke, aus dieser Beobachtung,
diesem vollkommenen und klaren Bewußtsein von den Fehlern seiner Schönen, aus dieser auffallenden Abwesenheit
der Leidenschaft in seinen Empfindungen für sie ging mein
ewig quälender Schmerz hervor. Ich sah, daß er sie wegen
ihrer Familie, und vielleicht aus politischen Rücksichten heirathen wolle; vielleicht waren ihm ihr Rang und ihre Verbindungen wünschenswerth; ich fühlte, daß er ihr seine Liebe
nicht geschenkt, und daß sie nicht befähigt sei, ihm diesen
Schatz abzugewinnen. Dies war der Punkt, wo der Nerv
schmerzlich berührt — wo das Fieber genährt und unterhalten wurde: sie konnte ihn nicht bezaubern.
Hätte sie sich sogleich des Sieges versichert, und er aufrichtig sein Herz zu ihren Füßen gelegt, so hätte ich mein
Gesicht bedeckt, mich zur Wand gewendet, und wäre im
figürlichen Sinne für sie gestorben. Wäre Miß Ingram ein
gutes und edles Weib gewesen, mit Kraft, Glut, Güte und
Verstand begabt, so hätte ich einen tödtlichen Kampf mit
zwei Tigern — mit der Eifersucht und Verzweiflung zu bestehen gehabt — wäre dann mein Herz herausgerissen und
verschlungen worden, so hätte ich sie bewundert, ihre Vortrefflichkeit anerkannt, und wäre für den Rest meiner Tage
ruhig gewesen - je vollkommener ihre Ueberlegenheit, desto
höher wäre meine Bewunderung, desto tiefer meme Ruhe

gewesen. Aber so wie die Sache stand, Miß Ingram’s Bemühungen, Herrn Rochester zu bezaubern, beständig fehlschlagen zu sehen, obgleich sie sich selbst dessen nicht bewußt
war und ihr Ziel getroffen zu haben glaubte, da ihr Stolz
und ihre Selbstgefälligkeit sie immer weiter von dem entfernten, den sie anzulocken wünschte dies Alles zu beobachten, brachte eine unaufhörliche Aufregung und einen qualvollen Zwang hervor.
Wenn es ihr fehlschlug, sah ich, wie es ihr hätte gelingen können. Die Pfeile, die beständig von Herrn Rochester's Brust abprallten, und ohne ihn zu verwunden, zu
seinen Füßen niederfielen, hätten, das wußte ich wohl, von
einer sicheren Hand abgeschossen, tief in sein stolzes Herz dringen, seinem strengen Auge und seinem sarkastischen Gesicht den Glanz und die Milde der Liebe verleihen, oder es
hätte auch ohne Waffen eine stille Eroberung gewonnen
werden können.
„Warum kann sie nicht mehr Einfluß auf ihn üben,“ da
sie doch das Vorrecht hat, sich ihm so weit zu nähern?“
fragte ich mich. „Sie kann ihn doch gewiß nicht wahrhaft
lieben! wenn das der Fall wäre, so dürfte sie ihr Lächeln nicht so verschwenderisch austheilen, und ihre Blicke nicht
ohne Unterlaß flammen lassen, ein so ausgesuchtes Benehmen und so vielfache Grazie studiren. Ich glaube, wenn sie
ruhig an seiner Seite säße, weniger spräche und weniger
Blicke um sich würfe, könnte sie seinem Herzen näher kommen. Ich habe einen sehr verschiedenen Ausdruck in seinen
Gesicht gesehen, als den, der es jetzt versteinert, während sie ihn so lebhaft anredet; aber da kam er von selber: er wurde nicht durch feile Künste und berechnete Manoeuvers herausgelockt. Man darf ihm nur ohne Prätension antworten, wenn er fragt, und ihn, wenn es nöthig ist, ohne
Grimasse anreden — so wird der Ausdruck freundlicher und
erwärmt Einen, wie ein lieblicher Sonnenstrahl. Wie will sie
ihm gefallen, wenn sie verheirathet sind? Ich denke nicht,
dass es ihr gelingen wird: und doch ließe es sich machen;
und ich glaube in Wahrheit, seine Gattin könnte das glücklichste Weib unter der Sonne sein.“
Ich habe noch nichts Nachtheiliges über Herrn Rochester’s

Project gesagt, aus Interesse und wegen hoher Verbindungen
zu heirathen. Es überraschte mich, als ich zuerst entdecke,
daß dies seine Absicht sei: ich hatte ihn für einen Mann gehalten, den so alltägliche Beweggründe bei der Wahl einer
Gattin nicht bestimmen könnten; aber je länger ich die
Stellung und Erziehung der Personen betrachtete, desto
weniger hielt ich mich gerechtfertigt, ihn oder Miß Ingram
zu tadeln, weil sie in Uebereinstimmung mit Ideen und
Grundsätzen handelten, die ihnen ohne Zweifel von Kindheit
an waren eingeflößt worden. Ihre ganze Klasse hielt diese
Grundsätze fest, und ohne Zweifel hatten sie Gründe, sie
festzuhalten, die mir zu hoch waren. Wenn ich ein Herr
wäre,“ meinte ich, „würde ich mich nur mit einem Frauenzimmer vermählen, welches ich lieben könnte; aber die einleuchtenden Vortheile für das Glück des Gatten, die dieser
Plan gewährte, überzeugten mich, daß Gründe für die allgemeine Annahme derselben vorhanden sein müßten, womit
ich gänzlich unbekannt sei; sonst hielt ich mich überzeugt,
müsse die ganze Welt handeln, wie ich zu handeln wünschte.
In anderer Hinsicht, so wie in dieser, wurde ich sehr
nachsichtig gegen meinen Herrn: ich vergaß alle seine Fehler,
auf die ich sonst ein scharfes Auge gehabt Es war früher
mein Bemühen gewesen, alle Seiten seines Charakters zu
studiren: das Böse wie das Gute abzuwägen, und mir dann
ein gerechtes Urtheil zu bilden. Jetzt sah ich keine Fehler.
Der Sarkasmus, der mich anfangs zurückgeschreckt, die
Härte, die mich empört hatte, glich nur einem ausgesuchten
Gewürz an einem köstlichen Gericht: seine Gegenwart trat
deutlich hervor, aber seine Abwesenheit würde das Ganze
geschmacklos gemacht haben. Und was das unbestimmte
Etwas betrifft — war es ein unheimlicher oder ein sorgenvoller, ein planvoller oder verzweifelnder Ausdruck — der
sich dem sorgfältigen Beobachter von Zeit zu Zeit in seinem
Auge zeigte, und wieder verschwand, ehe man die seltsame,
nur halb erschlossene Tiefe ergründen konnte dieses Etwas, welches bebende Furcht in mir erregte, als wanderte ich
unter vulkanischen Hügeln, als fühlte ich plötzlich den Boden
erbeben, und sähe ihn sich öffnen- dieses Etwas sah ich
noch zu Zeiten mit klopfendem Herzen, aber nicht mit gelähmten Nerven. Anstatt es zu meiden, verlangte es mich
nur, es zu ergründen und ich hielt Miß Ingram für glücklich, weil sie einst im Stande sein werde, nach Muße in
diesen Abgrund zu blicken, seine Geheimnisse zu erforschen
und die Beschaffenheit derselben zu prüfen.
Inzwischen, während ich nur an meinen Herrn und an
seine künftige Gattin dachte nur sie sah, nur ihre Unterredung hörte, und nur ihre Bewegungen für wichtig hielt
war die übrige Gesellschaft mit ihren eigenen besondern Interessen und Vergnügungen beschäftigt. Lady Lynn und
Lady Ingram setzten ihre feierlichen Unterredungen fort,
nickten einander mit ihren Turbanen zu und erhoben ihre
vier Hände, um, gleich einem paar prächtiger Marionetten,
durch ihre Geberden Erstaunen, Geheimniß oder Entsetzen
auszudrücken, je nach dem Gegenstande, über den sich ihre
Unterredung verbreitete. Die milde Mistreß Dent sprach
mit der gutmüthigen Mistreß Eshton, und diese Beiden
richteten zuweilen ein höfliches Wort oder ein freundliches
Lächeln an mich. Sir George Lynn, Oberst Dent und
Herr Eshton verhandelten Angelegenheiten der Politik, der
Verwaltung oder der Justiz. Lord Ingram machte Amy
Eshton den Hof, Louise spielte und sang mit dem einen der
Herren Lynn, und Maria Ingram hörte phlegmatisch die
galanten Reden des andern an. Zuweilen stellten alle, wie
verabredet, ihr Nebenspiel ein, um die Hauptpersonen zu
beobachten und ihnen zuzuhören, denn Herr Rochester und
Miß Ingram waren das Leben und die Seele der Gesellschaft. Wenn er eine Stunde aus dem Zimmer abwesend war, so schien die gute Laune seiner Gäste merklich abzunehmen, und sein Wiedererscheinen gab der Unterhaltung
sogleich einen frischen und lebhaften Impuls.
Dieser Mangel seines belebenden Einflusses machte sie
besonders eines Tages bemerkbar, als ihn ein Geschäft nach
Millcote gerufen, von wo man ihn erst spät zurück erwartete.
Am Nachmittage regnete es, und ein Spaziergang, den sie
die Gesellschaft vorgenommen, um ein Zigeunerlager zu sehen,
welches auf einer Wiese jenseits Hay aufgeschlagen wurde,
mußte folglich aufgeschoben werden. Einige von den Herren
waren in die Pferdeställe gegangen, und die jüngern spielten

mit den jüngern Damen Billard. Die Wittwen Ingram
und Lynn suchten Trost bei einem ruhigen Kartenspiel.
Blanca Ingram wies mit hochmüthiger Schweigsamkeit die
Bemühungen der Mistreß Dent und Mistreß Eshton zurück,
sie in eine Unterhaltung zu ziehen, sang einige sentimentale
Arien zum Piano, holte sich dann einen Roman aus der
Bibliothek, warf sich mit hochmüthiger Nachlässigkeit auf ein
Sopha und bereitete sich vor, durch den Zauber der Dichtung die langweiligen Stunden der Abwesenheit zu täuschen.
In dem Zimmer und im Hause war Alles still: nur von
Zeit zu Zeit hörte man oben die Heiterkeit oder Billardspieler.
Der Tag neigte sich zur Dämmerung und die Uhr hatte
bereits das Zeichen gegeben, daß es Zeit sei, sich zur Tafel
anzukleiden, als die kleine Adele, die neben mir im Fenster
des Gesellschaftszimmers kniete, ausrief:
„Da kommt Herr Rochester zurück!“
Ich sah mich um, und Miß Ingram fuhr von ihrem
Sopha empor. Auch die Andern blickten von ihren Beschäftigungen auf, denn zu gleicher Zeit wurde das Rollen
von Wagenrädern und der spritzende Hufschlag von Pferden
auf dem nassen Kieswege hörbar. Eine Postchaise kam angefahren.
„Was mag ihm einfallen, daß er auf diese Weise nach
Hause kommt?“ sagte Miß Ingram. „Er ritt Mesrour,
als er abreiste, nicht wahr? Und Pilot war bei ihm — was
mag er mit den Thieren angefangen haben?“
Während sie dies sagte, näherte sie sich mit ihrer großen
Person und ihren weiten Kleidern dem Fenster so sehr, daß
ich mich genöthigt sah, mich so weit zurückzulehnen, daß
ich mir fast das Rückgrat brach. Bei ihrer Lebhaftigkeit bemerkte sie mich anfangs nicht, als dies aber geschah,
verzog sie ihre Lippe und ging zu dem andern Fenster. Die
Postchaise hielt an, der Kutscher klingelte und ein Herr in
Reisekleidern stieg aus; aber es war nicht Herr Rochester, es
war ein großer, vornehm aussehender Mann — ein Fremder.
„Entsetzlich! Du widerwärtiger Affe!“ rief Mis Ingram
Adele anredend. „Wer stellte Dich auf's Fenster, um falsche
Nachrichten zu geben?“

Und sie warf mir einen zornigen Blick zu, als ob ich
die Schuld habe.
Man hörte im Vorsaale reden, und bald darauf trat der
Fremde ein. Er verneigte sich gegen Lady Ingram, da er
sie für die älteste der gegenwärtigen Damen hielt.
„Es scheint, ich komme zu ungelegener Zeit, Madame,
sagte er, da mein Freund, Herr Rochester, nicht zu Hause
ist; aber ich komme von einer sehr weiten Reise, und denke,
bei meiner alten und vertrauten Bekanntschaft darf ich
schon wagen, mich hier einzuführen, bis er zurückkehrt.
Sein Benehmen war fein, sein Accent schien mir etwas
ungewöhnlich, nicht ganz englisch, wenn auch nicht der eines
Ausländers; er mochte etwa mit Herrn Rochester in gleichem
Alter sein — zwischen dreißig und vierzig. Seine Gesichtsfarbe war auffallend blaß: sonst war er, besonders auf den
ersten Blick, ein schöner Mann. Bei näherer Beobachtung
entdeckte man etwas in seinem Gesichte, was mißfiel, oder
wenigstens nicht besonders angenehm war. Seine Züge
waren regelmäßig, aber zu matt; sein Auge war groß und wohlgebildet, aber das Leben, welches darin lag, war zahm
und leer — wenigstens kam es mir so vor.
Als zum Ankleiden geklingelt wurde, zerstreute sich die
Gesellschaft, und ich sah ihn erst nach der Tafel wieder.
Jetzt schien er ganz unbefangen zu sein, aber seine Physiognomie gefiel mir noch weniger als vorher, und sie schien
mir zugleich unsicher und unbelebt. Sein Auge wanderte
umher und hatte keine Bedeutung bei seinen Wanderungen:
dies gab ihm einen seltsamen Ausdruck, wie ich nie gesehen
zu haben mich erinnerte. Als ein schöner und nicht unliebenswürdiger Mann erschien er mir außerordentlich abstoßend: es war keine Kraft in jenem glatten Gesicht von
ovaler Form; keine Festigkeit in jener Adlernase und in
jenem kleinen Kirschenmunde; es lag kein Nachdenken auf
der niedrigen ebenen Stirn; kein Befehl in jenem leeren
braunen Auge.
Als ich in meinem gewöhnlichen Winkel saß und ihn
bei dem Lichte der Kerzen auf dem Kam in ansah — denn
er saß in einem Lehnsessel dicht am Feuer und rückte noch
immer näher, als ob er Frost empfinde — verglich ich ihn

mit Herrn Rochester. Ich bitte, den Vergleich zu entschuldigen, aber ich glaube, der Contrast könnte nicht größer sein
zwischen einem glatten Gänserich und einem wilden Falken:
zwischen einem sanften Schafe und dem rauhen Hunde mit
lebhaften Augen, der es hütet.
Er hatte von Herrn Rochester wie von einem alten
Freunde gesprochen. Eine seltsame Freundschaft mußte die
ihrige gewesen sein: ein auffallendes Beispiel von dem alten
Sprichwort, daß die Gegensätze einander berühren.
Zwei oder drei Herren saßen in seiner Nähe, und ich
hörte von Zeit zu Zeit einzelne Sätze von ihrer Unterhaltung. Anfangs konnte ich nicht viel von dem verstehen,
was ich hörte, denn ich wurde durch das Gespräch gestört,
welches Louise Eshton und Maria Ingram mit einander
führten. Diese sprachen von dem Fremden, Beide nannten
ihn einen schönen Mann. Louise sagte, er sei ein liebenswürdiges Geschöpf und sie bete ihn an, und Maria bezeichnete seinen hübschen kleinen Mund und seine zierliche Nase
als ihr Ideal des Reizenden.
„Und welch eine liebliche Stirn er hat!“ rief Louise, „so
glatt und ohne jene düstern Unregelmäßigkeiten, die mir so
sehr mißfallen — und dieses milde Auge und dieses Lächeln.“
Zu meiner großen Beruhigung rief Herr Heinrich Lynn
sie jetzt zu der andern Seite des Zimmers, um etwas wegen
des aufgeschobenen Ausfluges nach der Wiese bei Hay zu
verabreden.
Ich war jetzt im Stande, meine Aufmerksamkeit auf die
Gruppe am Kamin zu richten, und vernahm sogleich, daß
der Fremde Mason heiße, erst eben in England angelangt
sei und aus einem heißen Himmelsstriche komme. Dies war
ohne Zweifel der Grund, daß sein Gesicht so blaß war, daß
er so nahe am Feuer saß und im Hause einen Oberrock trug.
Gleich darauf zeigten die Worte: Jamaika, Kingston und
Spanish Town, daß er sich in Westindien aufgehalten; und mit nicht geringer Ueberraschung erfuhr ich bald, daß er
Herrn Rochester dort zuerst gesehen und mit ihm bekannt
geworden. Er sprach von dem Widerwillen seines Freundes
gegen die glühende Hitze, die Orkane und die Regenzeit in
jener Region. Ich wußte, daß Herr Rochester weit gereist

war: Mistreß Fairfax hatte es gesagt; aber ich glaubte, seine
Wanderungen hätten sich auf das Festland von Europa beschränkt, und bis jetzt hatte ich nie eine Anspielung vernommen, daß er noch entferntere Küsten besucht.
Ich dachte über diese Dinge nach, als ein etwas unerwarteter Umstand meinen Gedankengang unterbrach. Wenn
Jemand die Thür öffnete, so zitterte Herr Mason vor Kälte
und bat, noch mehr Kohlen auf das Feuer zu legen, welche
ausgebrannt war, obgleich die Kohlenglut noch heiß und
roth schimmerte. Der Bediente, der die Kohlen hereinbracht,
beugte sich beim Hinausgehen zu Herrn Eshtons Stuhl nieder und sagte etwas in leisem Tone zu ihm, wovon ich nur
die Worte hörte: „Altes Weib — sehr lästig.“
„Sagt ihr, wir werden sie in den Block legen, wenn sie
sich nicht fort macht,“ versetzte der Richter.
„Nein — halt!“ fiel Oberst Dent ein. „Schicken Sie
sie nicht fort, Eshton, wir könnten den Umstand benutzen
wir wollen erst die Damen fragen.“ Hierauf fuhr er laut
fort: „Meine Damen, Sie sprachen davon, nach Hay
gehen und das Zigeunerlager zu besuchen; Sam sagt, es
ist eine alte Mutter Bunches in diesem Augenblick im Bedientenzimmer und besteht darauf, vor die hohen Herrschaften gelassen zu werden. Wäre es Ihnen vielleicht gefällig,
sie zu sehen?“
„Gewiß, Oberst, werden Sie doch eine so gemeine Betrügerin nicht begünstigen wollen?“ rief Lads Ingram.
„Schicken Sie sie doch auf jeden Fall gleich fort!“
„Aber ich kann sie nicht überreden, fortzugehen, Mp-
lads,“ sagte der Bediente. „Auch vermag es keiner von
den anderen Dienern. Mistreß Fairfax ist jetzt bei ihr, und
bittet sie, fortzugehen; aber sie hat sich in einen Stuhl in
Winkel des Kamins niedergesetzt, und sagt, es soll sie Niemand von der Stelle bringen, ehe sie Erlaubniß erhalten hat, hierher zu kommen.“
„Was will sie denn?“ fragte Mistreß Eshton.
„Den Herrschaften wahrsagen,“ sagt sie, Madame, „und
sie schwört, sie muß und will es.“
„Wie sieht sie aus?“ fragten die Misses Eshton in einem Athem.

„Ein sehr garstiges altes Geschöpfe, fast so
schwarz wie ein Kochtopf.“
„Ei, da ist sie eine wahre Zauberin!“ rief Friedrich
Lynn. „Sie muß natürlich hereinkommen.“
„Gewiß,“ versetzte sein Bruder; „es wäre sehr Schade,
eine so gute Gelegenheit zur Unterhaltung vorüber gehen zu
lassen.“
„Was denkt Ihr, meine lieben Kinder,“ rief Lady Lynn.
„Ich kann zu einem solchen Verfahren unmöglich meine
Zustimmung geben,“ fiel die Wittwe Ingram ein.
„Doch, Mama, Sie können und werden es,“ ließ sich Blanca's hochmüthige Stimme vernehmen, indem sie sich auf dem
Stuhle am Piano umwendete, wo sie bis jetzt schweigend gesessen und, wie es schien, einige Musikalien angesehen hatte.
„Ich bin sehr neugierig, mir wahrsagen zu lassen, darum laßt
die gute Dame hereinkommen, Sam.“
„Liebste Blanca! bedenke doch —“
„Ich bedenke Alles, was Sie einwenden können, und
muß meinen Willen haben, — schnell, Sam!“
„Ja — ja — ja!“ riefen die jungen Herren und Damen. „Laßt sie kommen — es wird einen vortrefflichen Spaß abgeben!“
Der Bediente zauderte noch.
„Sie sieht sehr garstig und roh aus,“ sagte er.
„Geht!“ rief Miß Ingram, und der Mann ging.
Sogleich wurde die ganze Gesellschaft aufgeregt, und es
verbreitete sich ein Lauffeuer von Scherzen, als Sam zurückkehrte.
„Sie will jetzt nicht kommen,“ sagte er. „Sie sagt, es
sei nicht ihre Sache, vor der gemeinen Heerde zu erscheinen,
das sind ihre Worte. Ich müßte sie in ein besonderes Zimmer führen, und die, welche sie befragen wollten, müßten
einzeln zu ihr kommen.“
„Du siehst es jetzt, meine königliche Blanca,“ begann
Lady Ingram, „sie geht über die Grenzen hinaus. Lass
Dir rathen, mein Engelsmädchen — und —“
„Führt sie in die Bibliothek,“ fiel das Engelsmärchen
ein: „es ist auch nicht meine Sache, sie vor der gemeinen

Heerde anzuhören; ich will sie allein für mich haben. Ist
das Bibliothekzimmer geheizt?“
„Ja, mein Fräulein — aber sie sieht wie eine Kesselflickerin aus.“
„Laßt Euer Schwatzen, Dummkopf! und thut, was ich
befehle.“
Sam verschwand wieder, und die geheimnißvolle Aufregung und Erwartung steigerte sich wieder aufs Höchste.
„Sie ist jetzt bereit,“ sagte der Bediente, wieder eintretend. „Sie wünscht zu wissen, wer sie zuerst besuchen
wird.“
„Ich denke, es ist besser, wenn ich sie vorher ansehe,
ehe eine von den Damen zu ihr geht,“ sagte Obert Dent.
„Sagt ihr, Sam, es komme ein Herr.“
Sam ging und kehrte zurück.
„Sie sagt, Herr Oberst, sie will keinen Herrn; Sie dürfen sich nicht bemühen, zu ihr zu kommen, und auch keine
Damen,“ fügte er hinzu, mit Mühe ein Kichern unterdrückend, „mit Ausnahme der jungen und ledigen.“
„Beim Jupiter! sie hat Geschmack,“ rief Heinrich Lynn.
Miß Ingram stand feierlich auf.
„Ich will zuerst gehen,“ sagte sie in einem Tone, der
für einen Anführer gepaßt hätte, der sich in die Bresche seiner Leute stellt.
„O meine Beste! meine Theuerste! verweile — bedenke!“
rief ihre Mutter; doch sie fegte in stattlichem Schweigen an
ihr vorüber, ging durch die Thür, die, Oberst Dent offen
hielt, und wir hörten sie in das Bibliothekzimmer treten.
Eine verhältnißmäßige Stille erfolgte — Lady Ingram
hielt dies für eine genügende Veranlassung, ihre Hände zu
ringen, was sie auch folglich that. Miß Maria erklärte,
sie ihres Theils werde es nie wagen. Amy und Louise
Eshton flüsterten einander zu und sahen ein wenig erschrocken aus.
Die Minuten vergingen sehr langsam, und man zählte
fünfzehn, ehe die Thür der Bibliothek sich wieder öffnete.
Miß Ingram kehrte durch den Bogen zu uns zurück.
Sollte sie wohl lachen? Sollte sie es als einen Scherz
aufnehmen? — Aller Augen waren mit lebhafter Neugierde

auf sie gerichtet, und sie begegnete allen Augen mit zurückweisender Kälte: sie sah weder aufgeregt noch heiter aus,
ging steif zu ihrem Sitze und nahm ihn schweigend ein.
„Nun, Blanca?“ sagte Lord Ingram.
„Was sagte sie, Schwester?“ Fragte Maria.
„Was dachten Sie? Wie war es Ihnen? Ist sie eine
wirkliche Wahrsagerin?“ fragten die Fräulein Eshton.
„Nun, nun, guten Leute,“ entgegnete Mis Ingram,
„dringen Sie nicht so heftig auf mich ein. Ihre Organe
der Verwunderung und Leichtgläubigkeit werden leicht aufgeregt: nach der Wichtigkeit, die Sie Alle — meine gute
Mama mit eingeschlossen — dieser Sache beilegen — scheinen Sie wirklich zu glauben, daß wir eine ächte Here im
Hause haben, die mit dem alten Herrn in naher Verbindung
steht. Ich habe eine herumziehende Zigeunermutter gesehen,
die nach hergebrachter Weise die Wissenschaft des Wahrsagens
aus den Linien der Hand bei mir angewendet, und mir gesagt hat, was solche Leute gewöhnlich Jagen. Meine Laune
ist befriedigt, und nun glaube ich, wird Herr Eshton wohl
thun, die Alte morgen früh in den Block legen zu lassen,
wie er gedroht.
Miß Ingram nahm ein Buch, lehnte sich in ihren Stuhl
zurück, und weigerte sich, weiter zu sprechen. Ich beobachtete
sie beinahe eine halbe Stunde: während dieser Zeit schlug sie
nie ein Blatt um, ihr Gesicht wurde jeden Augenblick düsterer und unzufriedener, und zeigte immer deutlicher den mürrischen Ausdruck einer fehlgeschlagenen Erwartung. Sie hatte
offenbar etwas nicht Vortheilhaftes gehört, und aus ihrer
langen Schweigsamkeit und ihrem düstern Wesen schloß ich,
daß sie ungeachtet ihrer verstellten Gleichgültigkeit eine ungehörige Wichtigkeit auf die erhaltenen Eröffnungen legte.
Inzwischen erklärten Maria Ingram, Amy und Louise
Eshton, sie wagten nicht, allein zu gehen, und doch wünschten sie Alle, die Wahrsagerin zu sehen. Es wurde also
eine Unterhandlung eröffnet und Sam als Gesandter abgeschickt; nach langem Hin- und Hergehen, wobei sich die Füße
des besagten Sam sehr anstrengen mußten, wurde endlich der
halsstarrigen Sybille mit großer Schwierigkeit die Erlaubniß
abgerungen, daß ihr alle Drei zugleich aufwarten dürften.

Ihr Besuch war nicht so still, wie der der Miß Ingram
gewesen war: wir hörten ein hysterisches Lachen, und von
Zeit zu Zeit einen leichten Schrei von der Bibliothek her,
und nach Verlauf von zwanzig Minuten rissen sie die Thür
auf und kamen durch den Vorsaal gelaufen, als hätte sie
den Verstand verloren.
„Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ riefen sie zugleich. „Sie hat uns solche Dinge gesagt! sie weiß Alles
von uns!“
Und sie sanken athemlos auf die Stühle nieder, welche
die Herren eiligst herbeibrachten.
Als man eine weitere Erklärung von, ihnen forderte,
erzählten sie, die Alte hätte ihnen Dinge gesagt, die sie
schon als kleine Kinder gethan und gesprochen, ihnen Bücher
und Schmucksachen beschrieben, die sie zu Hause in ihren
Boudoirs hätten, sowie Taschenbücher, die verschiedene Verwandte ihnen geschenkt. Sie behaupteten auch, sie habe
selbst ihre Gedanken errathen, und Jeder den Namen der
Person ins Ohr geflüstert, die sie am meisten auf der Welt
liebe, und ihnen ihren innigsten Wunsch gesagt.
Hier fielen die Herren mit lebhaften Bitten um weiter
Aufklärung über diese beiden letzten Punkte ein, doch wurde
ihre Zudringlichkeit nur mit Erröthen, Ausrufungen, Zittern und Kichern erwidert. Die Matronen nahmen inzwischen ihre Riechfläschchen zur Hand und wehten mit ihren
Fächern, indem sie wiederholt das Bedauern aussprachen,
daß man ihre Warnung nicht zur rechten Zeit benutzt habe;
die ältern Herren lachten und die jüngern drangen den
aufgeregten Schönen ihre Dienste auf.
In der Mitte des Tumultes, und während meine Auge
und Ohren mit der Scene vor mir beschäftigt waren, hörte
ich Jemand dicht neben mir „hm!“ sagen: ich wendete mich
um und erblickte Sam.
„Entschuldigen Sie, Miß, die Zigeunerin sagt, es sei
noch eine andere ledige junge Dame im Zimmer, die noch
nicht bei ihr gewesen, und sie schwört, sie will nicht eher
gehen, als bis sie Alle gesehen. Ich glaubte, Sie müßten
es sein, denn es ist sonst keine da. Was soll ich ihr sagen?

„O! ich will auf jeden Fall gehen,“ antwortete ich und
war froh über die unerwartete Gelegenheit, meine seht aufgeregte Neugierde zu befriedigen. Ich schlich mich unbeachtet aus dem Zimmer, denn die Gesellschaft hatte sich um
das eben zurückgekehrte zitternde Kleeblatt versammelt
und machte die Thür leise hinter mir zu.
„Wenn Sie wollen, Miß,“ sagte Sam, „so warte ich
im Vorsaale auf Sie, und wenn sie Sie erschreckt, dürfen
Sie nur rufen, und ich komme herein.“
„Nein, Sam, kehren Sie nur in die Küche zurück: ich
fürchte mich nicht im Geringsten.“
So war es auch; aber ich war sehr aufgeregt und empfand ein lebhaftes Interesse.

Viertes Kapitel.
Das Bibliothekzimmer erschien still genug, als ich
eintrat, und die Sybille — wenn es eine Sybille war
— saß gemächlich in einem Lehnsessel in der Ecke des
Kamins. Sie trug einen rothen Mantel und einen schwarzen Zigeunerhut mit breitem Rande, der mit einem gestreiften Tuche unter ihrem Kinn zugebunden war. Ein erloschenes Licht stand auf dem Tische; sie neigte sich über
das Feuer und schien bei dem Schimmer desselben in einem
kleinen schwarzen Buche zu lesen, welches einem Gebetbuche
glich: sie murmelte die Worte bei sich selber, während sie
las, wie die meisten alten Frauen zu thun pflegen. Sie
stellte ihre Beschäftigung noch nicht gleich nach meinem
Eintritte ein, und schien erst einen Satz beenden zu wollen.
Ich stand auf dem Fußteppich und wärmte meine Hände,
die ein wenig kalt geworden waren, da ich im Gesellschafts-
zimmer so weit vom Feuer gesessen. Ich fühlte mich so
ruhig und gefaßt, wie nur je in meinem Leben, und es lag
auch Nichts in dem Aeußern der Zigeunerin, was meine
Ruhe hätte stören können. Sie machte ihr Buch zu und
blickte langsam auf: der Rand ihres Hutes beschattete theilweise ihr Gesicht, doch konnte ich sehen, als sie es erhob,
daß es ein fremdes und seltsames war. Es sah ganz braun
und schwarz aus. Verwirrtes Haar trat borstenähnlich
unter einem weißen Bande hervor, welches sich unter ihrem
Kinn befand, und sich halb über ihre Wangen oder sich
mehr über ihre Kinnbacken erstreckte. Ihr Auge richtete
sich sogleich mit kühnem und geradem Blick auf mich.
„Nun, und ich soll Ihnen wahrsagen?“ sagte sie mit
einer Stimme, ebenso entschieden wie ihr Blick, und ebenso
rauh wie ihre Züge.
„Es liegt mir Nichts daran, Mutter; thut, wie ihr
wollt, aber ich muß Euch vorhersagen, daß ich keinen
Glauben daran habe.“
„Das gleicht Ihrer Kühnheit: ich erwartete es von
Ihnen, und hörte es an Ihrem Schritte, als Sie über die
Schwelle gingen.“
„Wirklich? Da müßt Ihr ein feines Ohr haben.“
„Das habe ich, und ein feines Auge und ein feines
Gehirn dazu.“
„Ihr bedürft Alles dessen bei Euerm Geschäft.“
„Ja, besonders wenn ich mit Personen zu thun habe,
wie Sie sind. Warum zittern Sie nicht?“
„Es friert mich nicht.“
„Warum werden Sie nicht blass?“
„Ich bin nicht krank.“
„Warum befragen Sie nicht meine Kunst?“
„Ich bin nicht thöricht.“
Die Alte verbarg ein Lachen unter ihrem Hut und ihrer
Binde; dann zog sie eine kurze schwarze Pfeife hervor, zündete sie an und begann zu rauchen. Nachdem sie eine Weile
in dieser Stellung geblieben, richtete sie ihren gebeugten
Körper auf, nahm die Pfeife aus ihren Lippen, sah fest
ins Feuer und sagte sehr bedächtig:
„Sie empfinden Frost, Sie sind krank und sind thöricht.“
„Beweiset es,“ entgegnete ich.
„Das will ich in wenigen Worten. Sie empfinden
Frost, weil Sie allein sind und keine Berührung das Feuer
herausschlägt, welches in Ihnen ist. Sie sind krank, weil
die besten Gefühle, die höchsten und süßesten, die dem Menschen gegeben sind, sich von Ihnen fern halten. Sie sind
thöricht, weil Sie, Sie mögen leiden, wie Sie wollen, es
durch Winken nicht bewegen werden, sich zu nähern; auch
wollen Sie ihm um keinen Schritt entgegengehen, wo es
Ihrer wartet.
Sie erhob ihre kurze schwarze Pfeife wieder zu ihren
Lippen und rauchte kräftig.
„Ihr könntet das fast zu einer Jeden sagen, die, wie
Ihr wißt, als einsame Untergebene in einem großen Hause
lebt.“
„Ich könnte es fast zu Jeder sager; doch würde es auch
von Jeder wahr sein?“
„In meiner Lage.“
„Ja, gerade in Ihrer Lage; aber finden Sie mir eine
Andere, die gerade in derselben Lage ist, wie Sie.“
„Es würde leicht sein, Tausende zu finden.“
„Sie würden kaum eine einzige finden. Wenn Sie es
nur wüsten: Sie sind in einer eigenthümlichen Lage, dem
Glück sehr nahe; ja, es liegt in Ihrem Bereich. Die Materialien sind alle vorbereitet; es fehlt nur eine Bewegung,
um sie zu verbinden. Der Zufall legte sie etwas welt auseinander: man lasse sie nur einmal sich nähern, und es
wird Segen daraus erfolgen.“
„Ich verstehe mich nicht auf Räthsel, und konnte in
meinem Leben keins errathen.“
„Wenn Sie wollen, das ich deutlicher reden soll, so
zeigen Sie mir Ihre Hand.“
„Aber ich muss sie mit Silber kreuzen, vermuthe ich.“
„Gewiss.“
Ich gab ihr einen Schilling, und sie schob ihn in einen
alten Strumpfsocken, den sie aus der Tasche zog. Als sie
ihn wieder zugebunden und eingesteckt hatte, sagte sie mir,
ich solle ihr meine Hand reichen. Ich that es. Sie neigte
sich mit ihrem Gesichte über die Hand und betrachtete sie
genau, ohne sie jedoch zu berühren.
„Sie ist zu klein,“ sagte sie. „Ich kann Nichts ans einer
solchen Hand herauslesen, die fast ohne Linien ist. Ur
was ist auch eine Hand? Das Schicksal steht nicht darin
geschrieben.“

„Ich glaube es Euch,“ sagte ich.
„Nein, fuhr sie fort, „es liegt im Gesichte: auf der
Stirn, um die Augen, in den Augen selbst, in den Linien
des Mundes. Knieen Sie nieder und erheben Sie Ihren
Kopf.“
„Ah! jetzt kommt Ihr zur Wirklichkeit,“ sagte ich, indem ich ihr gehorchte.
„Ich will damit beginnen, einigen Glauben in Ihnen
hervorzubringen.“
Ich kniete einen halben Schritt vor ihr nieder. Sie
schürte das Feuer, so daß ein heller Schein von den Kohlen
ausging, der, so wie sie dasaß, ihr Gesicht nur in tiefen
Schatten stellte und das meine beleuchtete.
„Es soll mich wundern, mit welchen Gefühlen Sie diesen Abend zu mir kommen,“ sagte sie, als sie mich ein
Weile geprüft hatte. „Welche Gedanken mögen in Ihrem
Herzen geschäftig sein während all der Stunden, die Sie in
jenem Zimmer zubringen, wo die feinen Leute gleich Gestalten in einer magischen Laterne vor Ihren Augen umherflattern, indem eben so wenig sympathetischer Verkehr zwischen Ihnen und jenen Personen vorgeht, als wenn sie
bloße Schatten menschlicher Gestalten wären und keine
wirkliche Substanz hätten.“
„Ich fühle mich oft ermüdet, zuweilen schläfrig, aber
selten traurig.“
„Dann müssen Sie irgend eine geheime Hoffnung haben, die Sie aufrecht hält, und Ihnen angenehme Erwartungen von der Zukunft zuflüstert?“
„O nein, meine höchste Hoffnung ist, mir von meinem
Gehalt so viel Geld zu ersparen, daß ich einst in einem
kleinen selbstgemietheten Hause eine Schule anlegen kann.“
„Eine spärliche Nahrung für den Geist, um dabei zu
existiren, wenn man in jener Fenstervertiefung sitzt — Sie
leben, ich kenne Ihre Gewohnheiten —“
„Sie haben es von den Dienern gehört?“
„Ah! Sie halten sich für scharfsichtig. Nun gut, vielleicht ist es auch so, und um die Wahrheit zu reden, bin
ich mit einer von den Dienerinnen bekannt — Mistreß
Poole —“

Ich stand auf, als ich den Namen hörte.
„Ihr seid mit ihr bekannt?“ fragte ich, und setzte dann
für mich hinzu: „dann ist doch Teufelei im Werke!“
„Beunruhigen Sie sich nicht,“ fuhr das seltsame Wesen
fort; „Mistreß Poole ist eine zuverlässige Person, ruhig und
verschwiegen, ihr darf Jeder vertrauen. Aber was ich sagen wollte: wenn Sie in jener Fenstervertiefung fitzen, denken Sie an Nichts weiter, als an Ihre künftige Schule?
Haben Sie kein gegenwärtiges Interesse an irgend Jemand
von der Gesellschaft, welche die Sophas und Stühle vor
Ihnen einnimmt? Ist da kein Gesicht, welches Sie studiren? Keine Figur, deren Bewegungen Sie wenigstens mit
Neugierde folgen?“
„Ich beobachte alle Gesichter und alle Figuren.“
„Aber zeichnen Sie nicht eins vor den übrigen aus —
oder vielleicht zwei?“
„Ich thue es häufig; wenn die Geberden oder Blicke
eines Paares besonders sprechend zu sein scheinen, so unter-
hält es mich, sie zu beobachten.“
„Was hören Sie am liebsten?“
„O! ich habe keine große Wahl. Es beschränkt sich fast
Alles auf das Hofmachen, und verheißt mit derselben Katastrophe, mit einer Heirath zu enden.“
„Und gefällt Ihnen dieser einförmige Gegenstand?“
„Nicht besonders: es ist Nichts für mich.“
„Nichts für Sie? wenn eine Dame, jung und voll Leben und Gesundheit, mit Schönheit und den Gaben des
Ranges und Glücks ausgestattet, neben einem Herrn sitzt
und ihm in die Augen lächelt -- so —“
„In wessen?“
„Sie wissen es und vielleicht denken Sie wohl daran.“
„Ich kenne die Herren hier nicht. Ich habe kaum eine
Sylbe mit einem von ihnen gewechselt; und wenn es darauf ankommt, zu sagen, was ich von ihnen halte, so kommen mir einige als respectable und stattliche Männer im
mittlern Alter vor, wogegen Andere kühn, schön und lebhaft sind; aber gewiß steht es Allen frei, sich jedes Lächeln
anzueignen, ohne daß ich den Vorgang als irgend wichtig
für mich betachten sollte.

„Sie kennen die Herren hier nicht? Sie haben keine
Sylbe mit einem von ihnen gewechselt? Können Sie das
auch von dem Herrn des Hauses sagen?“
„Er ist nicht zu Hause.“
„Eine tiefe Bemerkung! Eine sehr sinnreiche Einwendung! Er ging diesen Morgen nach Millcote und wird
diesen Abend oder morgen zurückkehren. Schließt ihn dieser
Umstand von der Liste Ihrer Bekannten — ja gleichsam
vom Dasein aus?“
„Nein; aber ich sehe nicht recht ein, was Herr Rochester
mit dem Gegenstande zu thun hat, wovon wir sprechen.“
„Ich sprach von Damen, die den Herren in die Augen
lächeln, und in der letzten Zeit hat sich so vieles Lächeln
Herrn Rochester's Augen ergossen, daß sie wie zwei bis
über den Rand gefüllte Becher überfließen: haben Sie das
nie bemerkt?“
„Herr Rochester hat ein Recht, sich der Gesellschaft seiner Gäste zu erfreuen.“
„Von dem Recht ist nicht die Rede; aber haben Sie
nie bemerkt, daß man Herrn Rochester am lebhaftesten den
Hof gemacht hat?“
„Die Lebhaftigkeit des Horchers macht die Zunge eines
Erzählers schneller.“
Ich sagte dies mehr zu mir selbst, als zu der Zigeunerin,
deren seltsame Sprache, Stimme und Wesen mich wie in
einen Traum versetzt hatte. Ein unerwartetes Wort nach
dem andern kam von ihren Lippen, bis ich mich in ein
Gewebe der Täuschung verwickelt sah, und mich wunderte,
welcher unsichtbare Geist seit Wochen bei meinem Herzen
gesessen, es beobachtet und jeden Pulsschlag im Gedächtniß
behalten.
„Die Lebhaftigkeit eines Horchers! wiederholte sie; „ja
Herr Rochester hat Stundenlang dagesessen, und sein Ohr
zu den bezaubernden Lippen hingeneigt, die ein solches Entzücken an ihrer eigenen Mittheilung fanden, und Herr Rochester war so bereitwillig und so dankbar für den ihm gewährten Zeitvertreib. Haben Sie dies bemerkt?“
„Dankbar! Ich erinnere mich nicht, Dankbarkeit in
seinem Gesichte entdeckt zu haben.“

„Entdeckt! Sie haben es also geprüft? Und was entdeckten Sie denn, wenn nicht Dankbarkeit?“
Ich schwieg.
„Sie haben Liebe entdeckt, nicht wahr? Und indem
Sie vorwärts blickten, sahen Sie ihn verheirathet, und
seine Gattin glücklich?“
„Hm! das nicht gerade. Euer Herrenverstand irrt zuweilen.“
„Was zum Teufel! haben Sie denn gesehen?“
„Es liegt Nichts daran; ich kam hierher, um zu fragen,
und nicht, um zu beichten. Ist es bekannt, daß Herr
Rochester sich verheirathen will?“
„Ja, mit der schönen Miß Ingram.“
„Bald?“
„Der Schein führt zu dem Schlusse; und ohne Zweifel
werden sie ein sehr glückliches Paar werden, da Sie es doch
wissen wollen, und Ihre Kühnheit bestraft werden soll. Er
muß eine so schöne, edle, witzige und talentvolle Dame lieben, und wahrscheinlich liebt sie auch ihn: wenn nicht seine
Person, doch wenigstens seine Börse. Ich weiß, sie hält
die Besitzung Rochesters für einen großen Beweggrund zu
dieser Verbindung; obgleich — Gott verzeihe mir! ich ihr
vor einer Stunde etwas über diesen Punkt sagte, wobei sie
äußerst ernsthaft wurde und ihre Mundwinkel sich einen
halben Zoll herunterzogen. Ich möchte ihrem schwarzen
Bewerber rathen, sich vorzusehen, denn wenn ein anderer
mit größeren Renten käme, so dürfte er aufgegeben werden.“
„Aber, Mutter, ich kam nicht hierher, um Herrn Rochester's Geschick zu hören, sondern mein eigenes, und Ihr
habt mir noch Nichts davon gesagt.“
„Ihr Geschick ist noch zweifelhaft: als ich Ihr Gesicht
prüfte, widersprach ein Zug dem andern. Der Zufall hat
Ihnen ein Maaß des Glückes bereitet, so viel weiß ich …
Ich wußte es schon, ehe ich diesen Abend hierher kam. Er
hat es sorgfältig für Sie auf die Seite gelegt. Ich sah,
wie er es that. Es hängt nur von Ihnen ab, Ihre Hand
auszustrecken und es aufzuheben: aber ob Sie es thun werden, ist das Räthsel, welches ich studire. Knieen Sie noch
einmal auf den Teppich nieder.“

„Nun nicht zu lange, das Feuer ist mir zu heiß.“
Ich kniete nieder. Sie beugte sich nicht zu mir, sondern
sah mich nur an, indem sie sich auf ihren Stuhl zurücklehnte. Sie begann murmelnd:
„Die Flamme flackert in dem Auge: das Auge schimmert wie Thau: es scheint sanft und voll Gefühl, es lächelt
über mein Kauderwelsch: es ist empfänglich; ein Eindruck
folgt dem andern in seinem klaren Kreise; wenn es aufhört zu lächeln, ist es traurig: eine unbewußte Ermattung
drückt das Augenlid nieder: das deutet auf Melancholie, die
aus Einsamkeit entsteht. Es wendet sich von mir ab: es
wird keine weitere Prüfung dulden: es will mit einem spöttischen Blicke die Wahrheit der Entdeckungen leugnen, die
ich bereits gemacht — um die Beschuldigung des tiefen
Gefühls und der Melancholie zu leugnen: Stolz und Zurückhaltung bestärken mich nur in meiner Ansicht. Das
Auge ist günstig. Der Mund gefällt sich zu Zeiten im
Lachen; er ist geneigt, Alles mitzutheilen, was das Gehirn
erdenkt, obgleich er wahrscheinlich Vieles verschweigen wird,
was das Herz erlebt. Beweglich und ausdrucksvoll, war
er nie bestimmt, in dem ewigen Schweigen der Einsamkeit
zusammengepreßt zu werden; es ist ein Mund, der viel
reden und oft lächeln und menschliche Neigung für den zeigen sollte, mit dem er spricht. Auch dieser Zug ist günstig.
Ich sehe keinen andern Feind für den glücklichen Ausgang,
als auf der Stirn, und diese Stirn will sagen: Ich kann
allein leben, wenn meine Selbstachtung und die Umstände es
von mir fordern. Ich darf nicht meine Seele verkaufen, um
Glück einzuhandeln. Ich habe einen innern Schatz, der mit
mir geboren ist, der mich am Leben erhalten kann, wenn
mir alle äußere Wonne versagt sein oder nur zu einen
Preise angeboten werden sollte, den ich nicht geben kann.
Die Stirn erklärt: die Vernunft sitzt fest und hält die Zügel
und sie wird die Gefühle nicht hervorbrechen und sich von
ihnen zu wilden Abgründen führen lassen. Die Leidenschaften mögen wüthend toben, gleich wahren Heiden, wie
sie sind, und die Wünsche mögen jede Art eitler Dinge ersinnen, aber das Urtheil soll immer das letzte Wort bei
jedem Streite und den Ausschlag bei jeder Entscheidung

haben. Sturm, Erbeben und Feuer werden vorübergehen.
ich will nur der Leitung jener leisen Stimme folgen, die mir
die Vorschriften des Gewissens deutet. — Gut gesprochen,
Stirn; deine Erklärung soll geachtet werden. Ich babe
meine Pläne entworfen — für richtige Pläne halte ich sie
und bei ihnen habe ich die Forderungen des Gewissens
und die Ratschläge der Vernunft berücksichtigt. Ich weiß,
wie bald die Jugend verwelken und die Blüte erbleichen
würde, wenn in dem mir gebotenen Becher des Glückes nur
die geringste Hefe der Schande oder ein bitterer Beigeschmack
der Reue zu entdecken wäre; und ich bedarf nicht des Opfers,
des Kummers, der Auflösung — dies ist nicht nach meinem Geschmack. Ich will nähren, und nicht vernichten —
Dankbarkeit ernten, und keine blutige Thränen auspressen
— nein, auch keine salzige, meine Ernte soll in Lächeln,
Zärtlichkeit und Wonne bestehen. So ist es recht. Ich
glaube, ich schwärme in einem köstlichen Wahn. Ich möchte
diesen Augenblick ins Unendliche verlängern; aber ich darf
es nicht. So weit habe ich mich völlig beherrscht. Ich
habe gehandelt, wie ich mir in meinem Innern handeln zu
wollen geschworen; aber wenn ich fortfahren wollte, möchte
ich zu schwer geprüft werden. Stehen Sie auf, Mis Eyre;
verlassen Sie mich: das Spiel ist ausgespielt.“
Wo war ich? Wachte ich? Hatte ich geträumt? Träumte
ich noch? Die Stimme des alten Weibes hatte sich verändert: ihre Töne, ihre Geberden und Alles war mir so bekannt, wie mein eigenes Gesicht im Spiegel — wie die
Rede meiner eigenen Zunge. Ich stand auf, ging aber
nicht fort. Ich sah die Gestalt an, schürte das Feuer und
sah sie wieder an; aber sie zog Hut und Binde weiter über
ihr Gesicht, und winkte mir wieder, mich zu entfernen. Die
Flamme erleuchtete ihre ausgestreckte Hand; da ich jetzt aufmerksam geworden, so suchte ich meine Entdeckung zu verfolgen, und beobachtete diese Hand. Es war ebenso wenig
das verwelkte Glied des Alters, wie meine eigene Hand: die
Finger waren glatt, zierlich gerundet und voll: an dem kleinen Finger schimmerte ein großer Ring; ich beugte mich
nieder, um ihn anzusehen, und erblickte einen Edelstein, den
ich wohl hundertmal vorher gesehen hatte. Ich sah wieder

das Gesicht an, welches nicht mehr von mir abgewendet
war — im Gegentheil war der Hut und die Binde entfernt und der Kopf zeigte sich in seiner wahren Gestalt.
„Nun, Johanna, kennen Sie mich?“ fragte die bekannte
Stimme.
„Legen Sie nur den rothen Mantel ab, Herr, und
dann —“
„Aber die Schnur ist zugeknüpft — helfen Sie mir.“
„Zerreißen Sie sie, mein Herr.“
„So — fort mit den Lumpen!“
Und Herr Rochester trat aus seiner Verkleidung hervor.
„Ei, Herr, welch eine seltsame Idee!“
„Aber wohl ausgeführt, nicht wahr? Meinen Sie das
nicht?“
„Bei den Damen mag es Ihnen wohl gelungen sein.“
„Aber nicht bei Ihnen?“
„Bei mir spielten Sie nicht die Rolle einer Zigeunerin.“
„Welche Rolle spielte ich denn? meine eigene?“
„Nein, eine unerklärliche. Kurz, ich glaube, Sie haben
versucht, mich auszuforschen oder mich auf's Glatteis zu
führen. Sie haben Unsinn gesprochen, um auch von mir
Unsinn herauszubringen. Das war doch nicht ganz recht,
mein Herr.“
„Verzeihen Sie mir, Johanna?“
„Ich kann es nicht eher sagen, als bis ich Alles bedacht habe. Wenn ich bei gehörigem Nachdenken finde,
daß ich mich zu keiner sehr großen Uebereilung habe verleiten lassen, so will ich versuchen, Ihnen zu verzeihen: aber
es war nicht recht.“
„O! Sie haben sehr richtig, sehr vorsichtig und verständig geantwortet.“
Ich dachte nach und meinte auch, daß es im Ganzen
so gewesen, denn ich hatte mich gleich von Anfang an in
Acht genommen. Ich vermuthete schon etwas von einer
Maskerade. Ich wußte, daß Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen sich nicht so aussprächen, wie dieses verkleidete alte
Weib sich ausgesprochen hatte: überdies hatte ich ihre veränderte Stimme und ihr Bemühen, ihr Gesicht zu verbergen, gemerkt. Doch ich hatte an Gratia Poole, dieses

lebendige Räthsel, dieses Geheimniß aller Geheimnisse, wie
sie mir vorkam, gedacht, und Herr Rochester war mir nicht
eingefallen.
„Nun, worüber denken Sie nach?“ sagte er. „Was
bedeutet dieses ernste Lächeln?“
„Ich wundere mich und wünsche mir selber Glück, mein
Herr. Ich habe vermuthlich Ihre Erlaubniß, mich zu entfernen?“
„Nein, warten Sie noch einen Augenblick und sagen
Sie mir, was die Leute in dem Gesellschaftszimmer thun.“
„Sie sprechen vermuthlich von der Zigeunerin.“
„Setzen Sie sich nieder und lassen Sie mich hören, was
sie von mir gesagt.“
„Es wird besser sein, nicht lange zu bleiben, Herr; es
muß beinahe elf Uhr sein. O! Herr Rochester, Sie wissen
doch, daß in ihrer Abwesenheit ein Fremder gekommen ist?“
„Ein Fremder! — nein. Wer mag es sein? Ich erwartete keinen. Ist er fort?“
„Nein, er sagte, er habe Sie lange gekannt, und würde
sich die Freiheit nehmen, so lange hier zu bleiben, bis Sie
zurückkehrten.“
„Zum Teufel mit ihm! Nannte er seinen Namen?“
„Sein Name ist Mason, Herr; und er kommt aus Westindien — aus Spanish Town in Jamaika, meine ich.“
Herr Rochester stand neben mir und hatte meine Hand
gefaßt, als wollte er mich zu einem Stuhle führen. Als
ich sprach, faßte er mich krampfhaft um den Leib; das
Lächeln auf seiner Lippe erstarb und sein Athem schien zu
stocken.
„Mason! Westindien!“ sagte er in einem Tone, der von
einem redenden Automaten herzurühren schien. „Mason!
— Westindien!“ wiederholte er, sprach die Worte dreimal
aus, wurde während der Zeit blaß wie Asche un schien
kaum zu wissen, was er that.
„Sind Sie krank, Herr?“ fragte ich.
„Johanna, ich habe einen Schlag erhalten — ich habe
einen Schlag erhalten, Johanna!“ stotterte er.
„O! — stützen Sie sich auf mich, mein Herr.“

„Johanna, Sie boten mir schon einmal Ihre Schulter
an; erlauben Sie sie mir auch jetzt.“
„Ja, Herr, ja; und meinen Arm auch.“
Er setzte sich nieder und ich mußte neben ihm Platz
nehmen. Meine Hand in der seinigen haltend, rieb er
sie und sah mich zugleich mit verstörtem und traurigem
Blicke an.
„Meine kleine Freundin,“ sagte er, „ich wollte, ich wäre
auf einer stillen Insel mit Ihnen allein, und Unruhe und
Gefahr und schreckliche Erinnerungen von mir entfernt.“
„Kann ich Ihnen helfen, mein Herr? — Ich würde
mein Leben hingeben, um Ihnen zu dienen.“
„Johanna, wenn ich der Hülfe bedarf, so will ich sie
bei Ihnen suchen: das verspreche ich Ihnen.“
„Ich danke Ihnen, mein Herr. Sagen Sir mir nun,
was ich zu thun habe — ich will' wenigstens versuchen, es
auszuführen.“
„So holen Sie mir jetzt ein Glas Wein aus dem
Speisezimmer, Johanna. Sie werden gerade beim Abendessen sein, und sagen Sie mir, ob Mason bei ihnen ist, und
was er thut.“
Ich ging, fand die ganze Gesellschaft beim Abendessen,
wie Herr Rochester gesagt hatte. Sie saßen nicht am Tische
— das Essen stand auf dem Nebentische, Alle hatten sich
genommen, was sie wollten, standen hie und da in Gruppen beisammen und hielten ihre Teller und Gläser in den
Händen. Alle schienen in sehr heiterer Stimmung zu sein.
Das Lachen und die Unterhaltung waren allgemein und
sehr belebt. Herr Mason stand in der Nähe des Feuers,
sprach mit dem Obersten und dessen Frau, und schien
heiter, wie nur irgend einer von ihnen. Ich füllte ein
Weinglas — ich sah, wie Mis Ingram mich mit finsteren
Blicken beobachtete, denn wahrscheinlich dachte sie, ich nehme
mir eine zu große Freiheit heraus — und kehrte in das
Bibliothekzimmer zurück.
Herrn Rochester's Blässe war verschwunden, und er sah
wieder fest und strenge aus. Er nahm mir da Glas aus
der Hand.
„Auf Ihre Gesundheit, dienender Geist!“ sagte er, trank

den Inhalt aus und gab mir das Glas zurück. „Was
machen sie, Johanna?“
„Sie lachen und schwatzen, mein Herr.“
„Sie sehen also nicht ernsthaft und geheimnißvoll aus,
als wenn sie etwas Seltsames gehört hätten?“
„Durchaus nicht — sie sind voller Scherze und Heiterkeit.“
„Und Mason?“
„Er lachte auch.“
„Wenn alle diese Leute auf einmal kämen und mich anspielen, was würden Sie thun, Johanna?“
„Sie aus dem Zimmer treiben, mein Herr, wenn ich
könnte.“
Er lächelte ein wenig.
„Aber wenn ich zu ihnen ginge und sie mich nur kalt
ansähen, einander spöttisch zuflüsterten, und mich Einer
nach dem Andern verließe, was dann? Würden Sie mit
ihnen gehen?“
„Ich denke nicht, Herr: ich würde mehr Vergnügen
haben, wenn ich bei Ihnen bliebe.“
„Mich zu trösten?“
„Ja, Herr, Sie zu trösten, so gut ich könnte.“
„Und wenn sie Sie in den Bann thäten, weil Sie mir
anhängen?“
„Ich würde wahrscheinlich Nichts von ihrem Bann
wissen; und wenn ich darum wüßte, mich nicht darum
kümmern.“
„So könnten Sie also um meinetwillen dem Tadel
Trotz bieten?“
„Ich könnte es für jeden Freund, der meine Anhänglichkeit verdient, die Sie gewiß verdienen.“
„Kehren Sie jetzt in das Zimmer zurück; gehen Sie
ganz leise zu Mason und flüstern ihm ins Ohr, Rochester
sei gekommen und wünsche mit ihm zu reden. Führen Sie
ihn hier herein und verlassen mich dann.“
„Ja, Herr.“
Ich that, wie er wünschte. Die Gesellschaft starrte mich
an, als ich gerade durch sie hindurchging. Ich suchte
Herrn Mason auf, richtete meinen Auftrag aus, ging ihm

voran, führte ihn in das Bibliothekzimmer und stieg dann
die Treppe hinauf.
Zu einer spätern Stunde, als ich schon eine Zeitlang
im Bette gewesen, hörte ich, wie sich die Gäste in ihre Zimmer begaben. Ich konnte Herrn Rochester's Stimme unterscheiden und hörte ihn sagen: „Hierher, Herr Mason, dies
ist Ihr Zimmer.“
Er sprach heiter: die muntern Töne beruhigten mein
Herz und ich schlief bald ein.

Fünftes Kapitel.
Ich hatte vergessen, den Bettvorhang zuzuziehen, was
ich gewöhnlich that; und auch das Rouleau am Fenster
niederzulassen. Die Folge war, daß der Mond, der in
jener Nacht voll war und glänzend schien, durch die unbedeckten Scheiben seinen glänzenden Blick warf und mich erweckte. Als ich mitten in der Nacht erwachte, öffnete ich
meine Augen und erblickte die silberhelle, kristallreine
Scheibe. Der Anblick war schön aber feierlich: ich richtete
mich halb auf und streckte meinen Arm aus, um den Vorhang zuzuziehen.
Guter Gott, welch ein Schrei!
Die Nacht — die Stille — die Ruhe wurde durch
einen wilden durchdringenden Schrei gestört, der von einen
Ende zum andern durch Thornfield Hall erscholl.
Mein Puls hielt an, mein Herz stand still, mein ausgestreckter Arm war gelähmt. Der Schrei verstummte und
wurde nicht wiederholt. Das Wesen, welches jenen furchtbaren Schrei ausstieß, konnte ihn in der That nicht wiederholen: der größte Adler auf den Anden kann nicht zweimal nach einander ein solches Geschrei aus der Wolke niedersenden, die seine Horst umgibt. Das Geschöpf, welches
diesen wilden Schrei hören ließ, mußte ruhen, ehe es die
Anstrengung wiederholen konnte.
Es kam aus dem dritten Stock, denn es war über meinem Kopfe. Und in dem Zimmer, gerade über dem meinigen, hörte ich jetzt einen Kampf — nach dem Geräusch
schien es ein tödtlicher Kampf zu sein — und eine halberstickte Stimme rief dreimal:
„Hülfe! Hülfe! Hülfe!“
„Will. Niemand kommen?“ rief es, und dann, während
das Stampfen und Taumeln fortdauerte, vernahm ich deutlich die Worte durch die Decke:
„Rochester! Rochester! um Gotteswillen, kommen Sie!“
Die Thür eines Zimmers öffnete sich: es eilte oder
stürzte Jemand durch die Gallerie. Ein neuer Fußtritt
stampfte oben, es fiel etwas, und dann war Alles still.
Ich hatte einige Kleider angelegt, obgleich alle meine
Glieder vor Entsetzen bebten, und trat aus meinem Zimmer
hervor. Die Schläfer waren Alle erwacht: Ausrufungen
und erschrockenes Gemurmel ertönte in jedem Zimmer; eine
Thür nach der andern öffnete sich: Einer blickte nach dem
Andern hinaus, und die Gallerie füllte sich. Herren und
Damen hatten ihre Betten verlassen, und: „O! was ist
es?“ — „Wer ist verletzt? Was ist geschehen?“ — „Holt
ein Licht!“ — „Ist Feuer?“ — „Sind Räuber da?“
„Wohin sollen wir laufen?“ wurde auf allen Seiten durcheinander gefragt. Hätte der Mond nicht geschienen, so
wäre Alles völlig dunkel gewesen. Sie liefen hin und her;
sie drängten sich zusammen: Einige schluchzten, Einige stolperten: die Verwirrung war entsetzlich.
„Wo, zum Teufel, ist Rochester?“ rief Oberst Dent.
„Ich kann ihn nicht in seinem Bette finden.“
„Hier! hier!“ wurde geantwortet. „Beruhigen Sie
sich Alle: ich komme.“
Die Thür am Ende der Gallerie öffnete sich und Herr
Rochester trat mit einem Lichte näher: er war eben von
dem obern Stock heruntergekommen, und eine von den
Damen lief sogleich auf ihn zu und ergriff seinen Arm: es
war Mis Ingram.
„Welches schreckliche Ereignis hat sich zugetragen?“
fragte sie. „Reden Sie! Lassen Sie uns gleich das
Schlimmste wissen.“
„Ziehen Sie mich nur nicht zu Boden und erwürgen

Sie mich nicht,“ versetzte er, denn die Misses Eshton hängten sich jetzt auch an ihn und die beiden Wittwen kamen in
weißen Gewändern auf ihn zu, wie Schiffe mit vollen Segeln.
„Alles ist richtig! — Alles ist richtig!“ rief er. „Es
ist nur eine Probe von „Viel Lärm um Nichts.“ Lassen
Sie mich los, meine Damen, oder ich werde gefährlich.“
Und gefährlich sah er in der That aus, und seines
schwarzen Augen sprühten. Sich mit großer Anstrengung
beruhigend, fügte er hinzu.
„Eine Dienerin hat das Alpdrücken gehabt, das ist
Alles. Sie ist eine reizbare, nervöse Person: sie legte ihren
Traum als eine Erscheinung oder dergleichen aus, und bekam vor Schrecken Krämpfe. Jetzt muß ich Sie Alle bitten, in Ihre Zimmer zurückzukehren, denn ehe das Haus
wieder in Ruhe ist, kann man sich nicht nach ihr umsehen.
Meine Herren, haben Sie die Güte, den Damen ein gutes
Beispiel zu geben. Miß Ingram, ich bin gewiß, Sie werden leicht den eitlen Schrecken überwinden. Amy und
Louise kehren Sie wie ein Paar Tauben in ihre Nester zurück. Meine Damen,“ fuhr er zu den Wittwen gewendet
fort, „Sie werden sich gewiß erkälten, wenn Sie noch länger in dieser kalten Gallerie bleiben.“
Und durch abwechselndes Schmeicheln und Befehlen
brachte er sie wieder in ihre Schlafgemächer zurück. Ich wartete nicht, bis ich den Befehl erhielt, in das meine zurückzukehren, sondern zog mich ebenso unbeachtet wieder zurück, als ich es verlassen hatte.
Freilich nicht, um zu Bette zu geben: im Gegentheil
kleidete ich mich sorgfältig an. Die Töne, die ich nach den Schrei gehört, und die Worte, welche ausgesprochen werden, hatte ich wahrscheinlich nur allein vernommen, denn
sie waren aus dem Zimmer über dem meinigen hergekommen: aber ich hielt mich überzeugt, daß es nicht der Traum
einer Dienerin gewesen, der ein solches Entsetzen durch das
Haus verbreitet hatte, und daß die von Herrn Rochester gegebene Erklärung nur eine Erfindung sei, um seine Gäste
zu beruhigen. Ich kleidete mich also an, um im schlimmsten Falle bereit zu sein. Als ich angekleidet war, saß ich
eine lange Zeit am Fenster und blickte auf den stillen Park

und die silbernen Felder hin, und wartete, ich weiß selbst
nicht, worauf. Es schien mir, als müsse irgend ein Ereigniß auf den seltsamen Schrei, den Kampf und den Ruf
folgen.
Nein, die Stille kehrte zurück: jedes Gemurmel und
jede Bewegung verstummte nach und nach, und in einer
Stunde war Thornfield Hal wieder so still, wie eine Wüste.
Schlaf und Nacht schienen ihre Herrschaft wieder eingenommen zu haben. Inzwischen hatte sich der Mond gesenkt und
war im Begriff unterzugehen. Da ich nicht in der Kälte
und Dunkelheit sitzen mochte, so dachte ich, ich wollte mich
angekleidet, wie ich war, auf mein Bett niederlegen. Ich
verließ das Fenster und ging leise über den Fußteppich; als
ich mich niederbeugte, um meine Schuhe auszuziehen, wurde
leise und vorsichtig an die Thür geklopft.
„Bedarf man meiner?“ fragte ich.
„Sind Sie auf?“ fragte die Stimme, die ich zu hören
erwartete, nämlich die meines Herrn.
„Ja, Herr.“
„Und angekleidet?“
„Ja.“
„So kommen Sie schnell heraus.“
Ich gehorchte. Herr Rochester stand in der Gallerie und
hielt ein Licht in der Hand.
„Ich bedarf Ihrer,“ sagte er; „kommen Sie hierher: nehmen Sie sich Zeit und machen kein Geräusch.“
Meine Schuhe waren leicht: ich konnte also so leise wie
eine Katze über den bedeckten Fußboden gehen. Er schlich
die Gallerie dahin, die Treppe hinauf, und blieb in dem
dunklen und niedrigen Vorsaale des unheilvollen dritten
Stockwerks stehen: ich war ihm gefolgt und stand an seiner
Seite.
„Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimmer?“
fragte er leise.
„Ja. Herr.“
„Haben Sie auch Salz — flüchtiges Salz?“
„Ja.“
„So kehren Sie zurück und holen Beides.“
Ich kehrte zurück, suchte den Schwamm auf meinem

Waschtische, das Salz in meiner Kommode und ging wieder
durch die Gallerie und die Treppe hinauf. Er wartete noch,
hielt einen Schlüssel in der Hand, näherte sich einer von den
kleinen schwarzen Thüren, steckte ihn in das Schloß, hielt
inne und redete mich wieder an.
„Sie werden doch nicht ohnmächtig, wenn Sie Blut
sehen?“
„Ich denke nicht, ich habe es nie versucht.“
Ein Schauder durchbebte mich, als ich ihm antwortete,
doch empfand ich keine Kälte und kein ohnmächtiges Gefühl.
„Reichen Sie mir Ihre Hand,“ sagte er; „eine Ohnmacht
käme uns hier nicht gelegen.“
Ich legte meine Hand in die seinige.
„Warm und ruhig,“ war seine Bemerkung, und dann
drehte er den Schlüssel um und öffnete die Thür.
Ich sah ein Zimmer, welches ich schon früher gesehen zu
haben mich erinnerte, als Mistreß Fairfax mir das Haus
gezeigt. Es war mit gewirkten Tapeten behängt; doch an
einer Stelle waren die Tapeten jetzt zurückgeschlagen, und
es zeigte sich eine Thür, die vorher verborgen gewesen.
Diese Thür war offen, es schien ein Licht aus dem innern
Zimmer hervor, und es kam ein knurrender, halb bellender
Ton aus demselben hervor, fast ähnlich dem eines erzürnten
Hundes. Herr Rochester setzte sein Licht nieder und sagte
zu mir:
„Warten Sie eine Minute.“
Darauf trat er in das innere Zimmer. Ein lautes
Gelächter begrüßte seinen Eintritt; Anfangs war es lärmend und endete dann mit Gratia Poole's eigenthümlichem
koboldähnlichen „ha, ha!“ Sie war also dort. Es machte
irgend eine Anordnung, ohne zu sprechen, obgleich ich eine
leise Stimme mit ihm reden hörte. Dann kam er heraus
und machte die Thür hinter sich zu.
„Hier, Johanna!“ sagte er, und ich ging zu der andern
Seite des großen Bettes herum, welches mit seinen zugezogenen Vorhängen einen beträchtlichen Theil des Zimmers
einnahm. Ein Lehnstuhl stand in der Nähe des Bettes:
ein Mann saß darin, der angekleidet war und nur keinen
Rock an hatte, er war still, hatte seinen Kopf zurückgelehnt

und seine Augen geschlossen. Herr Rochester hielt das Liche
über ihm und ich erkannte in seinem blassen und scheinbar
leblosen Gesichte das des Herrn Mason. Ich sah auch, daß
sein Hemd auf der einen Seite und an einem Aermel ganz
mit Blut benetzt war.
„Halten Sie das Licht,“ sagte Herr Rochester, und ich
nahm es. Er nahm eine Waschschale von dem Waschtische
und sagte wieder: „Halten Sie das.“ Ich gehorchte. Er
nahm den Schwamm, tunkte ihn ein und benetzte das leichenähnliche Gesicht: er forderte mein Riechfläschchen und
hielt es dem Fremden vor die Nase. Bald darauf öffnete
Herr Mason die Augen und stöhnte. Herr Rochester öffnete
das Hemd des Verwundeten, dessen Arm und Schulter verbunden waren, und wusch mit dem Schwamme das Blut
ab, welches schnell heruntertröpfelte.
„Ist Gefahr vorhanden?“ murmelte Herr Mason.
„O nein — er ist nur geritzt. Ermannen Sie sich,
Herr! ich will selber einen Wundarzt für Sie holen ich
hoffe, Sie werden morgen im Stande sein, weggebracht zu
werden. „Johanna,“ fuhr er fort.
„Mein Herr?“
„Ich werde Sie eine oder auch zwei Stunden in diesem
Zimmer mit dem Herrn allein lassen müssen; waschen Sie
das Blut mit dem Schwamme ab, wenn es wieder kommt.
Wenn er ohnmächtig wird, so halten Sie ihm das Glas
Wasser, welches dort auf dem Tische steht, an die Lippen,
und Ihr Riechfläschchen vor die Nase. Sprechen Sie unter
keiner Bedingung mit ihm — und Sie, Richard, wenn Sie
mit ihr reden, so ist Ihr Leben in Gefahr: öffnen Sie Ihre
Lippen — bewegen Sie sichund ich stehe nicht für die
Folgen.“
Wieder stöhnte der arme Mann, und es schien, als ob
er sich nicht zu regen wagte: Furcht vor dem Tode oder vor
irgend sonst etwas schien ihn fast zu lähmen. Herr Rochester gab mir den jetzt blutigen Schwamm in die Hand,
und ich begann ihn anzuwenden, wie er gethan. Er beobachtete mich eine Sekunde und sagte dann: „Vergessen Sie
nicht, daß Sie nicht mit ihm sprechen dürfen.“ Nach diesen Worten verließ er das Zimmer, und es war ein seltsames Gefühl für mich, als der Schlüssel in dem Schloß
sich drehte und ich das Geräusch seiner sich entfernenden
Fußtritte nicht mehr hörte.
Hier war ich also im dritten Stock, in eine von diese
geheimnisßvollen Zellen eingeschlossen, Nacht um mich her,
ein blasses und blutiges Schauspiel vor meinen Augen und
unter meinen Händen; eine Mörderin, nur durch eine einfache Thür von mir getrennt — ja, es war entsetzlich —
das Uebrige konnte ich ertragen, aber ich schauderte bei dem
Gedanken, daß Gratia Poole auf mich losstürzen könnte.
Ich muste indeß auf meinem Posten bleiben. Ich musste
dieses geisterhafte Gesicht ansehen — diese blauen, stillen
Lippen, denen es verboten war, sich zu öffnen — diese bald
geschlossenen, bald geöffneten Augen, die jetzt im Zimmer
umherschweiften, jetzt sich auf mich richteten und stets Entsetzen ausdrückten. Ich mußte meine Hand wiederholt in
das Becken voll Blut und Wasser tauchen, und das niedertröpfelnde Blut abwaschen. Ich mußte das Licht der ungeputzten Kerze bei meiner Beschäftigung dahinschwinden,
den Schatten an der alterthümlichen, gewirkten Tapete und
unter den Vorhängen des ungeheuren Bettes dunkler werden, und seltsam an den Thüren des großen, mir gegenüber
befindlichen Schrankes beben sehen, dessen Vordertheil, in
zwölf Flächen getheilt, in grimmigen Umrissen die Köpfe der
zwölf Apostel enthielt, jeder von einem besondren Rahmen
eingeschlossen, während sich über ihnen ein Kruzifix von
Ebenholz und ein sterbender Christus erhoben.
So wie die Dunkelheit wechselte, oder hier- und dahin en
heller Schimmer fiel, runzelte bald der bärtige Lukas seine
Stirn, bald wogte das lange Haar des Johannes, und bald
trat das teuflische Gesicht des Judas aus seiner Fläche hervor, schien Leben annehmen und in untergeordneter Gestalt
den Erzverräther selber darstellen zu wollen.
Bei dem Allen war ich genöthigt, auf die Bewegungen
des wilden Thieres oder Teufels in jener Nebenzelle zu horchen. Aber seit Herrn Rochester's Besuch schien dort ein
Zauber zu wirken, denn die ganze Nacht hörte ich nur drei
mal in langen Zwischenräumen ein Geräusch: einen krachenden Schritt, eine augenblickliche Erneuerung des hündischen
Knurrens und einen tiefen menschlichen Seufzer.
Dann quälten mich meine eigenen Gedanken. Welches
Verbrechen lebte in diesem abgeschiedenen Hause und konnte
von dem Besitzer weder vertrieben noch gebändigt werden?
Welches Geheimniß, das sich in tiefer Nacht bald in Feuer
und bald in Blut zeigte? — Welches Geschöpf war es, das,
mit dem gewöhnlichen Gesicht und der Gestalt eines Weibes, bald die spottende Stimme eines Dämons und bald den
Schrei eines wilden Raubvogels ausstieß?
Und dieser Mann, über den ich mich neigte — dieser
gewöhnliche, ruhige Fremde — wie war er in das Gewebe
des Entsetzens verwickelt worden? Und warum hatte sich die
Furie auf ihn losgestürzt? Warum suchte er zu dieser ungelegenen Zeit diesen Theil des Hauses auf, da er in seinem
Bette hätte liegen und schlafen sollen? Ich hatte gehört, wie
Herr Rochester ihm unten ein Zimmer angewiesen — was
führte ihn denn hierher? Und warum war er denn jetzt so
zahm bei der Gewaltthätigkeit und Verrätherei, die man
gegen ihn ausgeübt? Warum unterwarf er sich so ruhig
dem Schweigen, welches Herr Rochester ihm auferlegte? Herrn
Rochester's Gast war schwer verletzt worden, sein eigenes Leben
war bei einer frühern Gelegenheit in große Gefahr gerathen, und beide Versuche wurden in Schweigen und Vergessenheit begraben! Endlich sah ich, daß Herr Mason sehr
unterwürfig gegen Herrn Rochester war, daß der ungestüme
Wille des Letztern eine vollkommene Herrschaft über die
Trägheit des Erstern ausübte; davon überzeugten mich die
wenigen Worte, die er zu ihm geredet. Es wurde deutlich,
daß die passive Stimmung bei ihrem frühern Umgange stets
durch den kräftigen Willen des Andern beherrscht worden:
woher war denn Herrn Rochester's Schreck gekommen, als er
von Herrn Mason's Ankunft gehört? Warum war denn der
Name dieser fügsamen Person — die sein bloßes Wort, wie
ein Kind, beherrschte — noch vor wenigen Stunden, wie
ein Donnerkeil eine Eiche trifft, auf ihn gefallen?
O! ich konnte seinen Blick und seine Blässe nicht vergessen, als er flüsterte: „Johanna, ich habe einen Schlag
erhalten — ich habe einen Schlag erhalten, Johanna.“

Ich konnte nicht vergessen, wie der Arm gezittert, den er
auf meine Schulter gestützt, und es konnte keine unbedeutende Sache sein, die den entschlossenen Geist und die kräftige Gestalt Fairfax Rochester's so hart treffen und erbeben
machen konnte.
„Wann wird er kommen? wann wird er kommen?“ rief
ich in meinem Innern, als die Nacht noch immer fortdauerte
— als mein blutender Patient zusammensank, stöhnte und
ohnmächtig wurde, und weder Tag noch Hülfe kam. Ich
hatte wiederholt das Wasser zu Mason's bleichen Lippen erhoben; ich hatte ihm wiederholt das belebende flüchtige Salz
vorgehalten: meine Bemühungen schienen unwirksam. Entweder körperliches oder geistiges Leiden und Blutverlust, oder
alle drei vereint, nahmen so schnell seine Kräfte hinweg. Er
stöhnte so tief, er sah so schwach, wild und erschöpft aus,
daß ich fürchtete, er werde sterben; und ich durfte nicht einmal mit ihm reden!
Endlich brannte das Licht zu Ende und ging völlig aus.
Jetzt bemerkte ich einige graue Lichtstreifen am Rande des
Fenstervorhanges: der Morgen war also da. Gleich darauf
hörte ich Pilot weit unten auf dem Hofe in seiner Hütte
bellen. Die Hoffnung lebte wieder auf. Auch wurde sie
nicht getäuscht, denn nach fünf Minuten drehte sich der
Schlüssel im Schloß, die Thür ging auf, und meine Wache
war beendet. Sie konnte nicht länger als zwei Stunden gewährt haben, aber manche Woche war mir kürzer erschienen.
Herr Rochester trat ein und mit ihm der Wundarzt, den
er herbeigeholt.
„Nun, Carter, gehen Sie rasch ans Werk,“ sagte er zu
diesem, „ich lasse Ihnen nur eine halbe Stunde Zeit, die
Wunde zu verbinden, die Bandagen zu befestigen und den
Patienten in sein Zimmer hinunterzubringen.“
„Aber ist er im Stande von der Stelle bewegt zu werden, mein Herr?“
„Zweifeln Sie nicht daran, es ist nichts Ernsthaftes: er
ist nervös, und seine Lebensgeister müssen gestärkt werden.
Kommen Sie ans Werk.“
Herr Rochester zog den dichten Vorhang zurück, das
Rouleau in die Höhe und ließ das Tageslicht herein. Ich

war überrascht und erfreut, daß es schon so hell war, und
rosige Streifen den Osten beleuchteten. Dann näherte er sich
Mason, mit dem der Wundarzt schon beschäftigt war.
„Nun, mein guter Mann, wie steht es mit Ihnen?“
fragte er.
„Ich fürchte, sie hat mir den Rest gegeben,“ war die
matte Antwort.
„So weit ist es noch nicht — fassen Sie Muth! In
vierzehn Tagen wird es darum nicht schlimmer mit Ihnen
stehen: Sie haben ein wenig Blut verloren, das ist Alles.
Carter, ich versichere Ihnen, es ist keine Gefahr vorhanden.“
„Ich werde thun, was ich kann,“ sagte Carter, der jetzt
die Binden gelöst hatte; „nur wollte ich, ich wäre früher
gekommen: dann würde er nicht so viel geblutet haben.
Aber was ist dies? Das Fleisch an der Schulter ist nicht
nur zerschnitten, sondern auch zerrissen? Diese Wunde ist
nicht mit einem Messer, sondern mit den Zähnen verursacht.“
„Sie biß mich,“ murmelte er. „Sie zerriß mich wie
eine Tigerin, als Rochester ihr das Messer aus den Händen
nahm.“
„Sie hätten nicht nachgeben, sondern gleich mit ihr
ringen sollen,“ sagte Herr Rochester.
„Aber was konnte ich unter solchen Umständen thun?“
entgegnete Mason. „O! es war schrecklich!“ fügte er schaudernd hinzu. „Und ich erwartete es nicht: sie sah anfangs
so ruhig aus.“
„Ich warnte Sie,“ war seines Freundes Antwort; „ich
sagte: Sein Sie auf Ihrer Hut, wenn Sie in ihre Nähe
kommen. Ueberdies hätten Sie bis morgen warten und mich
mitnehmen können: es war Thorheit, in der Nacht und allein
zu ihr zu gehen.“
„Ich dachte, ich könnte etwas Gutes thun.“
„Sie dachten! Sie dachten! Ja, es macht mich ungeduldig, Sie anzuhören; aber Sie haben gelitten und werden
wahrscheinlich noch mehr leiden, weil Sie meinen Rath
nicht befolgten, darum will ich Nichts mehr sagen. Carter —
schnell! schnell! die Sonne wird gleich aufgehen, und er muß
weggebracht werden.“
„Sogleich, Herr; die Schulter ist schon verbunden. Ich

muß jetzt nach der andern Wunde im Arme sehen: sie hat
auch dort ihre Zähne angewendet, glaube ich.“
„Sie sog das Blut aus und sagte, sie wolle mein Herz
austrocknen,“ bemerkte Mason.
Ich sah, wie Herr Rochester schauderte: ein eigenthümlicher Ausdruck des Ekels, Entsetzens und Hasses verzerrte
sein Gesicht; doch sagte er nur:
„Nun schweigen Sie, Richard, und denken Sie nicht
mehr an ihr unsinniges Geschwätz: wiederholen Sie es
nicht.“
„Ich wollte, ich könnte es vergessen,“ war die Anwort.
„Sie werden es, wenn Sie aus dem Lande sind: wenn
Sie Spanisch Town wieder erreicht haben, können Sie denken,
als wäre sie todt und begraben — oder Sie dürfen nur gar
nicht an sie denken.“
„Es ist unmöglich, diese Nacht zu vergessen!“
„Es ist nicht unmöglich: haben Sie nur einigen Muth,
Mann. Vor zwei Stunden meinten Sie noch, Sie wären
so todt wie ein Häring, und jetzt find Sie doch lebendig und
sprechen. So — Carter ist mit dem Verbinden fertig, oder
doch beinahe; wir wollen Sie im Augenblick hinunterbringen.
Johanna,“ sagte er, indem er sich zum erstenmal nach seinem Wiedereintritt zu mir wendete, „nehmen Sie diesen
Schlüssel, treten Sie in mein Schlafzimmer, und geben gerade
weiter in mein Ankleidezimmer; öffnen Sie dort das oberste
Fach in der Kommode, nehmen Sie ein reines Hemd und
ein Halstuch heraus und bringen beides rasch hierher.“
Ich ging, suchte die erwähnte Kommode auf, fand die
bezeichneten Gegenstände, und kehrte mit denselben zurück.
„Nun,“ sagte er, „treten Sie auf die andere Seite des
Bettes, während ich ihn umkleide, aber verlassen Sie das
Zimmer nicht, denn wir werden Ihrer noch bedürfen.“
Ich zog mich zurück, wie er befahl.
„War schon Jemand auf, als Sie unten waren, Jeohanna?“ fragte Herr Rochester sogleich.
„Nein, Herr, Alles war still.“
„Wir wollen Sie so schnell als möglich fortbringen,
Richard: es wird besser sein für Sie und das arme Geschöpf
dort. Ich habe mich lange bemüht, die Entdeckung zu vermeiden, und möchte nicht, daß es dennoch zuletzt an den
Tag käme. Hier, Carter, helfen Sie ihm seine Weste anziehen. Wo ließen Sie Ihren Pelzmantel? Ohne ihn können
Sie in diesem verdammt kalten Klima keine Meile reisen,
das weiß ich wohl. In Ihrem Zimmer? — Johanna, laufen
Sie in Herrn Mason's Zimmer zunächst dem meinigen —
und holen den Mantel, den Sie dort finden werden.“
Wieder lief ich hinunter und kehrte mit einem ungeheuern
mit Pelz besetzten Mantel zurück.
„Jetzt habe ich noch einen andern Auftrag für Sie,“
sagte mein unermüdlicher Herr; „Sie müssen wieder in mein
Zimmer gehen. Wie Schade, daß Sie so leichte Schuhe
tragen, Johanna! — diesmal wäre ein Bote mit schweren
Stiefeln besser — Sie müssen das mittlere Fach in meinem
Toilettentische öffnen und eine kleine Phiole und ein kleines
Glas herausnehmen, welches Sie dort finden werden —
schnell!“
Ich eilte hin uns zurück und brachte die gewünschten
Gegenstände.
„So ist's recht! nun, Doctor, will ich mir die Freiheit
nehmen, ihm selber auf meine eigene Verantwortung eine
Dosis einzugeben. Ich habe dieses Universalmittel in Rom
von einem italienischen Quacksalber gekauft — von einem
Kerl, den Sie mit dem Fuße hinausgestoßen hätten, Carter.
Es ist eine Arznei, die nicht in allen Fällen darf angewendet
werden: aber dies ist ein solcher. Johanna, ein wenig
Wasser.“
Er hielt mir das kleine Glas bin, und ich füllte es zur
Hälfte aus der Wasserflasche auf dem Waschtische.
„So ist's recht — nun benetzen Sie die Oeffnung der
Phiole.“
Ich that es; er zählte zwölf Tropfen von der rothen
Flüssigkeit ab und reichte sie Mason.
„Trinken Sie, Richard: es wird Ihnen auf eine Stunde
oder länger die nöthigen Kräfte gewähren.“
„Aber wird es mir auch schaden? — Es ist zu stack!“
„Trinken Sie — tinken Sie!“
Herr Mason gehorchte, da es durchaus unnütz war, sich
zu widersetzen. Er war jetzt angekleidet, sah noch immer

blaß aus, war aber nicht mehr blutig. Herr Rochester ließ
ihn drei Minuten lang sitzen, nachdem er die Flüssigkeit
hinuntergeschluckt hatte. Dann faßte er seinen Arm und
sagte:
„Jetzt bin ich gewiß, daß Sie auf Ihren Füßen stehen
können — versuchen Sie es.“
Der Patient stand auf.
„Carter, fassen Sie ihn unter den andern Arm. Sein
Sie gutes Muths, Richard; jetzt gehen Sie hinaus — so
ist's recht!“
„Ich fühle mich besser,“ sagte Mason.
„Ich war davon überzeugt. Nun, Johanna, gehen Sie
vor uns her und über die Hintertreppe; riegeln Sie die Seitenthür auf und sagen dem Postillon, den Sie auf dem
Hofplatze oder außerhalb desselben sehen werden, denn ich
sagte ihm, er solle nicht mit seinen rasselnden Rädern über
das Pflaster fahren, sich bereit zu halten. Wir kommen
nach, Johanna, und wenn Jemand in der Nähe ist, so
gehen Sie an den Fuß der Treppe und geben uns durch
Räuspern ein Zeichen.“
Es war jetzt schon halb sechs Uhr und die Sonne gerade
im Begriff aufzugehen; doch fand ich die Küche noch dunkel
und still. Die Seitenthür war verriegelt; ich öffnete sie so
geräuschlos als möglich. Auf dem Hofplatze war Alles still,
aber das Thor stand weit offen, und vor demselben hielt eine
Postchaise; die Pferde waren angeschirrt, und der Postillon
saß auf dem Bock. Ich näherte mich ihm und sagte, die
Herren kämen, er nickte, ich sah mich sorgfältig um und
horchte. Die Stille des frühen Morgens schlummerte überall
die Vorhänge des Bedientenzimmers waren noch zu; kleine
Vögel zwitscherten auf den Obstbäumen, deren Zweige sich
gleich weißen Guirlanden über die Mauer niedersenkten, die die
eine Seite des Hofplatzes einschloß; die Wagenpferde stampften von Zeit zu Zeit in ihren geschlossenen Ställen: sonst
war Alles still.
Die Herren erschienen jetzt. Mason, der von Herrn
Rochester und dem Arzte unterstützt wurde, schien ziemlich
leicht zu gehen. Sie halfen ihm beim Einsteigen und Carter
folgte.

„Tragen Sie Sorge für ihn,“ sagte Herr Rochester zu
dem Letztern, „und behalten Sie ihn in Ihrem Hause, bis
er ganz wieder hergestellt ist: ich werde heute oder morgen
hinüberkommen, um zu sehen, wie er sich befindet. Richard,
wie steht es mit Ihnen?“
„Die frische Luft belebt mich, Fairfax.“
„Lassen Sie das Fenster auf seiner Seite offen, Carter;
es geht kein Wind — leben Sie wohl, Richard.“
„Fairfax —“
„Nun, was ist?“
„Lassen Sie für sie sorgen, lassen Sie sie so zärtlich als
möglich behandeln: lassen Sie —“
Er hielt inne und brach in Thränen aus.
„Ich thue mein Möglichstes, habe es gethan und werde
es thun,“ war die Antwort. Er machte die Thür zu und
der Wagen fuhr fort.
„Wollte Gott, damit wäre Alles zu Ende!“ fügte Herr
Rochester hinzu, als er das schwere Hofthor schloß und verriegelte. Als dies geschehen war, ging er mit langsamen
Schritten und zerstreuter Miene auf die Thür in der Mauer
zu, die den Obstgarten begrenzte. Ich dachte, er bedürfe
meiner nicht mehr, und war im Begriff, in's Haus zurückzukehren; doch ich hörte ihn wieder „Johanna“ rufen. Er
hatte die Pforte geöffnet, stand in derselben und erwartete mich.
„Kommen Sie auf einige Augenblicke hierher, wo frische
Luft weht,“ sagte er; jenes Haus ist wie ein Kerker:
kommt es Ihnen nicht auch so vor?“
„Mir erscheint es als eine glänzende Wohnung, mein
Herr.“
„Sie sehen es mit unerfahrenen Augen an und es
schwimmt wie in einem Zauber: Sie bemerken nicht, daß
die Vergoldung Schlamm, und die seidenen Draperien
Spinneweben sind; daß der Marmor schmutziger Schiefer,
und das polirte Holz vermoderte Baumrinde ist. Hier aber,“
fuhr er fort, auf den blühenden Garten deutend, in den er
eingetreten war, „ist Alles wirklich, lieblich und rein.“
Er ging einen Gang hinunter, der mit Buchsbaum eingefaßt war; auf der einen Seite waren Apfelbäume, Birnbäume und Kirschbäume, und auf der andern befanden sich
Beete mit allen Arten damals bekannter Blumen: Stockrosen, Federnelken, Primeln, Stiefmütterchen, Aberraute,
Feldrosen und verschiedenen andern Kräutern gemischt. Sie
waren jetzt so frisch, wie der Regen und Sonnenschein eines
milden Aprils sie an einem lieblichen Frühlingsmorgen nur
machen konnten: die Sonne trat gerade im gerötheten Osten
hervor, und ihr Licht beleuchtete die blühenden und bethauten
Obstbäume und schien durch die ruhigen Gänge hinunter.
„Johanna, wollen Sie eine Blume?“
Er pflückte eine halbgeöffnete Rose, die erste auf dem
Stock, und bot sie mir an.
„Ich danke Ihnen, mein Herr.“
„Lieben Sie diesen Sonnenaufgang, Johanna? jenen
Himmel mit seinen hohen und lichten Wolken, die gewiß
dahinschmelzen werden, so wie der Tag warm wird — diese
duftige und balsamische Atmosphäre?“
„Ich liebe sie gar sehr.“
„Sie haben eine seltsame Nacht zugebracht, Johanna.“
„Ja, mein Herr.“
„Und sind ganz blaß geworden — fürchteten Sie sich,
als ich Sie mit Mason allein ließ?“
„Ich fürchtete, es möchte Jemand aus dem innern Zimmer hervorkommen.“
„Aber ich hatte die Thür abgeschlossen — ich hatte den
Schlüssel in der Tasche: da wäre ich ein sorgloser Schäfer
gewesen, wenn ich mein Lamm — mein Lieblingslamm —
so ganz in der Nähe der Wolfshöhle gelassen hätte — Sie
waren sicher.“
„Wird Gratia Poole noch hier bleiben, mein Herr?“
„O ja! sein Sie ihretwegen nicht unruhig — befreien
Sie sich von diesem Gedanken.“
„Doch scheint es mir, als sei Ihr Leben nicht sicher, so
lange sie hier ist.“
„Fürchten Sie Nichts — ich will schon für mich Sorge
tragen.“
„Ist die Gefahr, die Sie in der letzten Nacht fürchteten,
jetzt vorüber, mein Herr?“
„Ich kann es nicht eher behaupten, als bis Mason

außerhalb England's ist: und auch dann noch nicht einmal.
Ich stehe auf einer Lavakruste, Johanna, die jeden Tag einstürzen und Feuer speien kann.“
„Aber Herr Mason scheint ein Mann zu sein, der sich
leicht leiten läßt. Ihr Einfluß, mein Herr, ist offenbar
mächtig über ihn: er wird Ihnen nie Trotz bieten oder Ihnen schaden.“
„O nein! Mason wird mir nicht Trotz bieten, und mir
auch nicht absichtlich schaden — doch ohne Absicht könnte er
mich einst durch ein achtloses Wort, wenn nicht des Lebens,
doch auf immer des Glückes berauben.“
„Sagen Sie ihm, daß er vorsichtig ist, mein Herr; setzen
Sie ihn in Kenntniß von dem, was Sie fürchten, und zeigen
Sie ihm, wie er die Gefahr abwenden kann.“
Er lachte sardonisch, nahm hastig meine Hand und ließ
sie eben so hastig wieder los.
„Wenn ich das könnte, unschuldiges Kind, wo wäre da
die Gefahr? vernichtet in einem Augenblick. So lange ich
Mason gekannt, durfte ich nur zu ihm sagen: Thue das,
und es geschah. Aber in diesem Falle kann ich ihm keine
Befehle ertheilen; ich kann nicht sagen: Hüten Sie sich, mir
zu schaden, Richard; denn es muß ihm durchaus unbekannt
bleiben, daß er mir möglicherweise schaden könnte. Nun
sehen Sie verwirrt aus, und ich muß Ihnen noch weitere
Verwirrung bereiten. Sie sind meine kleine Freundin, nicht
wahr?“
„Ich wünsche, Ihnen zu dienen, mein Herr, und gehorche Ihnen in Allem, was recht ist.“
„Richtig, das sehe ich. Ich sehe aufrichtige Zufriedenheit in Ihrem Wesen und Ihrem Blicke, wenn Sie mir helfen
und mir gefallen — für mich und mit mir arbeiten, und
zwar, wie Sie charakteristisch bemerken, in Allem, was recht
ist: denn wenn ich Ihnen etwas beföhle, was Sie für unrecht hielten, so würden Sie nicht leichtfüßig laufen, nicht
lebhaft Ihre Hände bewegen, und ich keinen lieblichen und
freudigen Blick in Ihrem Auge sehen. Meine Freundin
würde sich dann ruhig und blaß zu mir wenden und sagen
„Nein, Herr, das ist unmöglich: ich kann es nicht thun,
denn es ist unrecht,“ und würde unbeweglich werden, wie

ein Fixstern. Nun, auch Sie haben Macht über mich und
können mir schaden: doch wage ich Ihnen nicht zu zeigen,
wo ich verwundbar bin, denn sonst möchten Sie mich, so
getreu und freundlich Sie auch sind, auf der Stelle durchbohren.“
„Wenn Sie nicht mehr von Herrn Mason zu fürchten
haben, als von mir, mein Herr, so find Sie sehr sicher.“
„Gott gebe es! Hier, Johanna, ist eine Laube; setzen
Sie sich nieder.“
Die Laube bestand in einem Bogen in der Mauer, der
mit Epheu bewachsen war und einen einfachen Sitz enthielt.
Herr Rochester setzte sich nieder, ließ aber Platz für mich.
Ich blieb dennoch vor ihm stehen.
„Setzen Sie sich,“ sagte er, „die Bank ist lang genug
für zwei. Sie tragen kein Bedenken, an meiner Seite Platz
zu nehmen, nicht wahr? Ist das unrecht, Johanna?“
Ich antwortete dadurch, daß ich mich niedersetzte, denn
ich fühlte, daß es unweise sein würde, mich zu weigern.
„Nun, meine kleine Freundin, während die Sonne den
Thau auftrinkt — während die Blumen in diesem alten
Garten erwachen und sich öffnen, und die Vögel ihren Jungen
das Frühstück holen, und die frühen Bienen ihre erste Arbeit
verrichten — will ich Ihnen einen Fall vorlegen, den Sie
versuchen müssen, sich als Ihren eigenen vorzustellen. Aber
erst sehen Sie mich an und sagen mir, daß Sie ruhig find,
und nicht fürchten, daß ich unrecht thue, Sie zurückzuhalten,
oder daß Sie unrecht thun, dazubleiben.“
„Nun, Herr, ich bin zufrieden.“
„Gut, Johanna, rufen Sie Ihre Phantasie zu H ülfe:
denken Sie, Sie wären kein wohlerzogenes und geschultes
Märchen, sondern ein wilder Knabe, dem man von Kindheit auf den Willen gelassen; denken Sie sich, Sie wären
in einem entfernten Lande gewesen und hätten dort einen
schweren Fehler begangen, einerlei von welcher Art oder aus
welchen Beweggründen, aber einen Fehler, dessen Folgen
Sie durch's Leben begleiten, und Ihr ganzes Dasein verdüstern müssen. Bedenken Sie, ich sage nicht Verbrechen;
ich rede nicht von Blutvergießen noch von irgend einer andern schuldigen That, die den, der sie begeht, dem Gesetze

unterwirft: mein Wort ist Fehler. Der Erfolg dessen,
was Sie gethan, wird Ihnen mit der Zeit völlig unerträglich: Sie nehmen Maßregeln, sich Erleichterung zu verschaffen - ungewöhnliche, aber weder ungesetzliche noch
strafbare Maßregeln. Dennoch sind Sie elend, denn die
Hoffnung hat Sie an den Grenzen des Lebens verlassen.
Ihre Sonne verdunkelt sich im Mittag, und Sie wissen, daß die Verfinsterung erst beim Untergange derselben enden wird. Bittere und schmerzliche Gedanken sind die einzige
Nahrung Ihres Gedächtnisses geworden: Sie wandern hier und dort hin, suchen Ruhe in der Verbannung, Glück im Vergnügen — ich meine herzloses, sinnliches Vergnügen
das den Verstand umnebelt und das Gefühl abstumpft. An
Herz und Seele matt kehren Sie nach Jahren freiwilliger
Verbannung in Ihre Heimath zurück: Sie machen eine neue
Bekanntschaft — wie oder wo ist einerlei — Sie finden in
dieser Fremden viel von jenen guten und glänzenden Eigenschaften, die Sie seit zwanzig Jahren gesucht und nie vorher gefunden haben; und sie find alle frisch, gesund, ohne
Fleck oder Makel. Diese Gesellschaft belebt Sie neu: Sie
fühlen, wie bessere Tage, höhere Wünsche und reinere Gefühle zurückkehren; Sie wünschen, Ihr Leben wieder zu
gewinnen, und was Ihnen von Ihren Tagen noch übrig,
auf eine Weise hinzubringen, die eines unsterblichen Wesens würdiger ist. Sind Sie nun, um diesen Zweck zu
erreichen, eine Schranke des Herkommens zu überspringen
berechtigt — ein bloß conventionelles Hinderniß, welches
weder Ihr Gewissen heiligt noch Ihr Urtheil billigt?“
Er schwieg und erwartete eine Antwort. Und was sollte
ich sagen? O! hätte mir nur ein guter Geist eine verständige und genügende Antwort eingegeben! Eitles Streben!
der Westwind flüsterte unter dem Epheu, der mich umgab;
aber kein milder Ariel borgte mir seinen Athem zum Reden:
die Vögel sangen auf den Baumwipfeln; aber ihr Gesang
war unartikulirt, wenn gleich lieblich.
Herr Rochester fuhr fort zu fragen:
„Ist der umherwandernde und sündige, aber jetzt ruhesuchende und reuevolle Mann berechtigt, der Meinung der
Welt zu trotzen, um sich auf immer mit dieser sanften, anmuthigen und genialen Freundin zu verbinden, und dadurch
seinen eigenen Seelenfrieden und die Wiedergeburt seines
Lebens zu sichern?“
„Mein Herr,“ antwortete ich, „eines Wanderes Ruhe
oder eines Sünders Besserung sollte nie von einem Mitgeschöpfe abhängig sein. Männer und Frauen sterben;
Philosophen irren in der Weisheit und Christen in der
Tugend: wenn Jemand, den Sie kennen, gelitten und geirrt hat, so mag er zu einem Höhern, als Seinesgleichen
aufblicken, und von ihm Stärke zur Besserung und Trost
in der Heilung erwarten.“
„Aber das Werkzeug — das Werkzeug! Gott, der das
Werk thut, bestimmt das Werkzeug. Ich selber — ich sage
es Ihnen ohne Gleichniß — bin ein weltlicher, ausschweifender und ruheloser Mensch gewesen; und ich glaube, ich
habe das Werkzeug zu meiner Heilung gefunden in —“
Er schwieg: die Vögel fuhren fort zu fingen und die
Blätter, leise zu rauschen. Es wunderte mich fast, daß sie
ihren Gesang und ihr Flüstern nicht einstellten, um die unterbrochene Eröffnung zu erhaschen — doch sie hätten viele Minuten warten müssen — so lange währte das Schweigen. Ich blickte endlich zu dem zögernden Redner auf: er sah
mich lebhaft an.
„Kleine Freundin,“ sagte er in ganz verändertem Tone
— während sein Gesicht sich auch veränderte, seine Milde
und seinen Ernst verlor, und rauh und sarkastisch wurde —
„Sie haben meine zärtliche Neigung zu Miß Ingram bemerkt; denken Sie nicht, daß ich ein ganz anderer und besserer Mensch werden würde, wenn ich sie heirathete?“
Er stand augenblicklich auf, ging ganz nach dem andern Ende des Ganges hin und summte ein Lied, als er zurückkehrte.
„Johanna, Johanna,“ sagte er vor mir stehend, „Sie
sind ganz blaß vom Wachen: fluchen Sie mir nicht, das
ich Ihre Ruhe gestört?“
„Ihnen fluchen? Nein, Herr.“
„So reichen Sie mir die Hand zur Bestätigung Ihre
Wortes. Welche kalte Finger! Sie waren wärmer, als
ich sie in der letzten Nacht an der Thür des geheimnißvollen

Zimmers berührte. Johanna, wann wollen Sie wieder mit
mir wachen?“
„Immer, wenn ich Ihnen nützlich sein kann, mein Herr.“
„Zum Beispiel in der Nacht, ehe ich mich verheirathe?
Gewiß werde ich nicht im Stande sein, zu schlafen. Wollen
Sie mir versprechen, aufzubleiben und mir Gesellschaft zu
leisten? Mit Ihnen kann ich von meiner Schönen reden,
denn jetzt haben Sie sie gesehen und kennen sie.“
„Ja, Herr.“
„Sie ist ein seltenes Kleinod, nicht wahr, Johanna?“
„Ja, Herr.“
„Ein Grenadier — ein wahrer Grenadier, Johanna:
lang, braun und voll, mit solchem Haar, wie die Damen
von Karthago müssen gehabt haben. Zum Henker! da sind
Dent und Lynn schon in den Ställen! Gehen Sie durch
jene Seitenthür hinein.“
Während ich nach der einen Seite ging, wendete er sich
nach der andern, und ich hörte ihn auf dem Hofplatze heiter
sagen:
„Mason hat Ihnen Allen den Vorsprung abgewonnen.
Er ist vor Sonnenaufgang abgereist, und ich stand schon
um vier Uhr auf, um ihn abfahren zu sehen.“

Sechstes Kapitel.
Es ist etwas Seltsames um Ahnungen, Sympathieen
und Vorbedeutungen, und diese drei zusammen bilden ein
Geheimniß, wozu die Menschen noch nicht den Schlüssel
gefunden haben. Ich dachte nie in meinem Leben über
Ahnungen, weil ich selber sehr seltsame Ahnungen gehabt
habe. Ich glaube, es existiren Sympathieen — zum Beispiel zwischen weit entfernten, lange abwesenden und gänzlich entfremdeten Verwandten, die, ungeachtet der Entfremdung, die Einheit der Quelle nachweisen, woraus Jeder
seinen Ursprung herleitet — deren Wirkungen über die
menschlichen Begriffe gehen. Und Vorbedeutungen mögen,

so viel ich weiß, nur die Sympathieen der Natur zu dem
Menschen sein.
Als ich noch ein kleines Mädchen von sechs Jahren war,
hörte ich in einer Nacht Bessie Leaven zu Martha Abbott
sagen, es habe ihr von einem kleinen Kinde geträumt, und
wenn es Jemand von kleinen Kindern träume, so bedeute
dies immer Unheil für ihn selber oder für eins seiner Verwandten. Dieser Ausspruch wäre mir wahrscheinlich entfallen, hätte sich nicht gleich darauf ein Umstand ereignet,
der dazu gedient, ihn unauslöschlich meinem Gedächtnisse
einzuprägen. Am nächsten Tage wurde Bessie in ihre Heimath zu dem Sterbebette ihrer kleinen Schwester gerufen.
In der letzten Zeit hatte ich mich oft dieses Ausspruches
und dieses Ereignisses erinnert; denn während der letzten
Woche war kaum eine Nacht vergangen, die mir nicht im
Traum ein kleines Kind vor Augen geführt, welches ich
zuweilen in meinen Armen zur Ruhe zu bringen suchte, zuweilen auf meinem Knie schaukelte, zuweilen mit Gänseblümchen auf der Wiese spielen, oder mit den Händen in
fließendem Wasser plätschern sah. Bald war es ein weinendes Kind, und dann ein lachendes: bald schlüpfte es
dicht an mich hin, und lief dann wieder von mir weg: aber
welche Stimmung die Erscheinung auch zeigte, und welches
Ansehen sie hatte, so verfehlte sie doch nie, sieben Nächte
nach einander sich mir zu zeigen, sobald ich in das Land
des Schlummers eintrat.
Diese Wiederholung derselben Idee — diese seltsame
Wiederkehr desselben Bildes gefiel mir nicht, und ich empfand einen nervösen Schrecken, wenn die Stunde des
Schlafengehens und der Erscheinung sich näherte. Aus
diesem Traume war ich erweckt worden, als ich in jener
mondhellen Nacht den schauerlichen Schrei gehört, und an
dem darauf folgenden Nachmittage wurde ich mit der Botschaft hinuntergerufen, daß Jemand im Zimmer der Mistreß
Fairfax sei und mich zu sprechen wünsche.
Als ich mich dorthin begab, fand ich einen Mann meiner wartend, der das Aussehen eines Dieners hatte: er war
in tiefe Trauer gekleidet, und der Hut, den er in der Hand
hielt, war mit Flor umwunden.

„Sie werden sich meiner wohl kaum erinnern, Miß,“
sagte er aufstehend, als ich eintrat; „mein Name ist Leaven;
ich war Kutscher bei Mistreß Reed, als Sie sich noch vor
acht oder neun Jahren in Gateshead aufhielten, und ich
bin noch dort.“
„O! Robert, wie geht's Ihnen? Ich erinnere mich
Ihrer sehr wohl, Sie ließen mich zuweilen auf Miß Georginens Pferdchen reiten. Und wie geht es Bessie? Sie
sind ja mit Bessie verheirathet?“
„Ja, Miß; meine Frau ist sehr wohl, ich danke Ihnen.
Sie hat mich vor zwei Monaten noch mit einem Kleinen
beschenkt — wir haben jetzt ihrer drei — und Mutter und
Kind sind wohl.“
„Und ist die Familie im Herrenhause auch wohl, Robert?“
„Es thut mir leid, daß ich Ihnen keine bessere Nachricht von ihnen bringen kann, Miß: sie sind für den Augenblick sehr übel daran und in großer Unruhe“
„Ich hoffe, es wird doch Niemand wort sein,“ sagte ich,
seine schwarze Kleidung ansehend. Auch er blickte auf den
Flor um seinen Hut nieder und erwiederte:
„Herr John starb gestern vor acht Tagen in seiner
Wohnung in London.“
„Herr John?“
„Ja.“
„Und wie ertrug es seine Mutter?“
„Nun, sehen Sie, Miß Eyre, es ist kein gewöhnliches
Mißgeschick: sein Leben war sehr wild; diese letzten drei
Jahre hat er sich einem sehr wüsten Leben hingegeben, und
sein Tod war entsetzlich.“
„Ich hörte schon von Bessie, daß er sich nicht gut aufführe.“
„Gut aufführen! Er konnte es nicht ärger machen: er
richtete seine Gesundheit und sein Vermögen mit den verworfensten Männern und Weibern zu Grunde. Er gerieth
in Schulden und in's Gefängniß: seine Mutter half ihm
zweimal heraus, aber sobald er wieder frei war, kehrte er
zu seinen alten Kameraden und zu seinen alten Gewohnheiten zurück. Sein Verstand war keiner von dem besten,
und die Schurken, mit denen er lebte, plünderten ihn vollständig aus. Er kam vor etwa drei Wochen nach Gateshead und wollte, Missis solle ihm Alles übergeben. Missis
weigerte sich, denn sie ist durch seine Verschwendung schon
jüngst sehr heruntergekommen; er kehrte also wieder zurück,
und die erste Nachricht, die wir erhielten, war, daß er todt
sei, Gott weiß, wie er gestorben sein mag! — Man sagt,
er habe einen Selbstmord begangen.“
Ich schwieg bei dieser schrecklichen Nachricht und Robert
Leaven fuhr fort:
„Missis war selber seit einiger Zeit bei schlechter Gesundheit gewesen: sie war sehr korpulent geworden, aber
dabei nicht stark, und der Verlust des Geldes und die Furcht
vor der Armuth machten sie völlig muthlos. Die Nachricht
von Herrn John's Tode und die Art, wie er geschehen, war
ein heftiger Schlag für sie. Sie lag drei Tage da, ohne
zu sprechen, aber am letzten Dienstag schien sie etwas besser
zu sein, und es war, als ob sie etwas sagen wollte, denn
sie gab meiner Frau Zeichen und murmelte. Erst gestern
Morgen verstand Bessie, daß sie Ihren Namen aussprach,
und endlich vernahm sie die Worte: „Bringt Johanna —
holt Johanna Eyre herbei; ich muß mit ihr reden.““
Bessie war nicht gewiß, ob sie bei rechtem Verstande wäre,
und überhaupt etwas mit den Worten meine; aber sie sagte
es Miß Reed und Miß Georginen und rieth ihnen, Sie
kommen zu lassen. Die jungen Damen wollten es anfangs
nicht zugeben; aber ihre Mutter wurde so unruhig und
sagte so oft: „„Johanna! Johanna!““ daß sie endlich einwilligten. Ich verließ gestern Gateshead, und wenn Sie
sich bis morgen früh bereit halten können, Miß, so möchte
ich Sie mit zurücknehmen.“
„Ja, Robert, ich werde bereit sein: es ist mir, als
müßte ich gehen.“
„Ich denke es auch, Miß,“ und Bessie sagte, „sie wäre
gewiß, Sie würden sich nicht weigern; aber ich denke, Sie
müssen wohl erst um Erlaubniß fragen, ehe Sie gehen
können?“
„Ja, ich will es sogleich thun.“
Nachdem ich ihn in das Bedientenzimmer gewiesen, und

ihn der Fürsorge und Aufmerksamkeit John's und seiner
Frau empfohlen, ging ich, um Herrn Rochester aufzusuchen.
Er war in keinem von den untern Zimmern; er war
nicht auf dem Hofe, in den Ställen oder im Park. Ich
fragte Mistreß Fairfax, ob sie ihn gesehen — ja, sie glaube,
er spiele mit Miß Ingram Billard. Ich eilte zu dem Billardzimmer: das Geräusch der Bälle und das Summen der
Stimmen ertönte von dorther. Herr Rochester, Miß Ingram, die beiden Misses Eshton und ihre Bewunderer
waren mit dem Spiele beschäftigt. Ich bedurfte einiges
Muthes, um eine so interessante Partie zu stören; mein
Anliegen ließ sich aber nicht aufschieben, und ich näherte
mich meinem Herrn, der an Miß Ingram's Seite stand.
Sie wendete sich um, als ich mich näherte, und sah mich
hochmüthig an. Ihre Augen schienen zu fragen: „Was
mag das kriechende Geschöpf jetzt, wollen?“ Und als ich
mit leiser Stimme „Herr Rochester“ sagte, machte sie eine
Bewegung, als gerathe sie in Versuchung, mir den Befehl
zu geben, mich zu entfernen. Ich erinnere mich ihres Aussehens in dem Augenblick — es war sehr imposant und
graziös: sie trug ein Morgengewand von himmelblauem
Krepp und ein azurblauer Gazeschleier war in ihr Haar geschlungen. Sie war von dem Spiele belebt, und der gereizte Stolz dämpfte den Ausdruck ihrer Züge nicht.
„Will diese Person etwas von Ihnen?“ fragte sie Herrn
Rochester. Herr Rochester wendete sich um, zu sehen, wer
diese Person sei. Er machte eine eigenthümliche Grimasse— nahm seinen gewöhnlichen seltsamen und unerklärlichen
Ausdruck an — warf sein Queue nieder und folgte mir aus
dem Zimmer.
„Nun, Johanna?“ sagte er, indem er seinen Rücken an
die Thür des Schulzimmers lehnte, die er zugemacht hatte.
„Wenn Sie erlauben, mein Herr, so möchte ich Sie um
eine oder zwei Wochen Urlaub bitten.“
„Was zu thun? — wohin zu gehen?“
„Eine kranke Dame zu besuchen, die nach mir geschickt
hat.“
„Welche kranke Dame? — wo wohnt sie?“
„In Gateshead, in der Grafschaft N.“

„In der Grafschaft N.? Das ist ja hundert Meilen
weit! Wer mag sie sein, die die Leute so weit zu sich rufen
läßt?“
„Ihr Name ist Reed, Herr — Mistreß Reed.“
„Reed von Gateshead? Es gab einen Reed zu Gateshead, der eine Magistratsperson war.“
„Sie ist dessen Wittwe, mein Herr.“
„Und was haben Sie mit ihr zu thun? Woher kennen
Sie sie?“
„Herr Reed war mein Oheim — meiner Mutter Bruder.“
„Zum Henker! das sagten Sie mir ja noch nie: Sie
sagten immer, Sie hätten keine Verwandte.“
„Keine, die mich anerkennen würden, mein Herr. Herr
Reed ist todt, und seine Frau hat mich verstoßen.“
„Warum?“
„Weil ich arm und ihr zur Last war, und sie einen
Widerwillen gegen mich hatte.“
„Aber Reed hat Kinder hinterlassen? — Sie müssen
Vettern und Cousinen haben? Sir George Lynn sprach
noch gestern von einem Reed von Gateshead, den er als
einen der ausschweifendsten jungen Leute in London schilderte, und Ingram erwähnte einer Georgine Reed aus demselben Orte, die in der letzten oder vorletzten Saison in London als eine große Schönheit bewundert worden.“
„John Reed ist todt, mein Herr; er richtete sich völlig
und seine Familie zum Theil zu Grunde, und man glaubt,
er habe einen Selbstmord begangen. Die Nachricht hat
seine Mutter so erschüttert, daß sie einen Schlaganfall bekommen hat.“
„Und was können Sie ihr nützen? Unsinn, Johanna!
Ich würde nie hundert Meilen weit reisen, um eine alte
Dame zu besuchen, die vielleicht schon todt ist, ehe Sie zu
ihr kommen: und überdies hat sie Sie verstoßen, wie Sie
sagen.“
„Ja, Herr, aber das ist lange her, und damals waren
ihre Umstände noch ganz anders. Ich könnte nicht ruhig
sein, wenn ich jetzt ihre Wünsche vernachlässigte.“
„Wie lange wollen Sie ausbleiben?“
„So kurze Zeit, als möglich, mein Herr.“

„Versprechen Sie mir, nur eine Woche zu bleiben?“
„Es wird besser sein, mein Wort nicht zu geben, denn
ich könnte genöthigt werden, es zu brechen.“
,,Auf jeden Fall werden Sie doch zurückkehren? Sie
werden sich doch unter keinem Vorwande bewegen lassen,
auf die Dauer bei ihr zu bleiben?“
„O nein! ich werde gewiß zurückkehren, wenn Alles
vorüber ist.“
„Und wer geht mit Ihnen? Sie werden doch nicht
hundert Meilen allein reisen wollen?“
„Nein, Herr, sie hat ihren Kutscher geschickt.“
„Ist es ein zuverlässiger Mensch?“
„Ja, Herr, er ist schon zehn Jahre in der Familie.“
Herr Rochester dachte nach. „Wann wünschen Sie zu
gehen?“
„Morgen in aller Frühe, mein Herr.“
„Nun, dann müssen Sie etwas Geld haben; Sie können nicht ohne Geld reisen, und vermuthlich haben Sie
nicht viel und mir fällt ein, ich habe Ihnen noch kein Gehalt gegeben. Wie viel besitzen Sie in der Welt, Johanna?“
fragte er lächelnd.
Ich zog meine spärlich gefüllte Börse hervor.
„Fünf Schillinge, mein Herr.“
Er nahm die Börse, schüttelte den Inhalt in seine Hand
und lächelte, als ob ihm der geringe Geldvorrath Freude
mache. Bald darauf zog er seine Brieftasche hervor.
„Hier,“ sagte er, mir eine Banknote anbietend. Es
waren fünfzig Pfund und ich hatte nur fünfzehn zu fordern. Ich sagte, ich könne ihm nicht herausgeben.
„Das ist auch nicht nöthig,“ sagte er. „Nehmen Sie
nur Ihr Gehalt.“
Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als er mir schuldig sei. Anfangs sah er finster aus; dann aber schien ihm
ein plötzlicher Gedanke einzufallen.
„Richtig!“ sagte er; „es ist auch besser, Ihnen jetzt
nicht Alles zu geben, denn vielleicht würden Sie drei Monate weg bleiben, wenn Sie fünfzig Pfund hätten. Hier
sind zehn: ist es nicht genug?“

„Ja, Herr, aber jetzt sind Sie mir noch fünf schuldig.“
„Kommen Sie wieder, um sich dieselben zu holen: ich
bin Ihr Banquier für vierzig Pfund.“
„Herr Rochester,“ sagte ich, „da ich gerade jetzt die Gelegenheit dazu habe, möchte ich gleich noch eine andere Geschäftsangelegenheit erwähnen.“
„Eine Geschäftsangelegenheit? Ich bin neugierig, sie
zu hören.“
„Sie haben mich so gut als benachrichtigt, mein Herr,
daß Sie sich in Kurzem verheirathen werden.“
„Ja, und was dann?“
„In dem Falle dürfte es besser sein, Adele in eine
Schule zu schicken; ich bin gewiß, Sie werden die Nothwendigkeit einsehen.“
„Sie meiner Frau aus dem Wege zu bringen, die sie
sonst etwas zu hochmüthig behandeln möchte. Dieser Vorschlag hat Grund, daran ist nicht zu zweifeln. Adele muß,
wie Sie sagen, in eine Schule geschickt werden, und Sie
natürlich gerades Weges zum Teufel gehen?“
„Ich hoffe nicht, mein Herr; aber ich muß mir irgendwo anders eine Stelle suchen.“
„Natürlich!“ rief er mit gepreßter Stimme und einer
Verzerrung der Züge, die zugleich phantastisch und lächerlich war. Er sah mich einige Minuten an.
„Und da werden Sie vermuthlich die alte Mistreß Reed
oder die Misses, ihre Töchter, bitten, Ihnen eine Stelle zu
verschaffen?“
„Nein, Herr, ich stehe nicht in solchen Verhältnissen
zu meinen Verwandten, die mich rechtfertigen würden, eine
Gefälligkeit von ihnen zu erwarten — aber ich werde eine
Ankündigung machen.“
‘Sie werden an den Pyramiden von Aegypten hinaufgehen!“ murmelte er. „Auf Ihre Gefahr machen Sie
eine Ankündigung! Ich wollte, ich hätte Ihnen nur ein
Goldstück angeboten anstatt der zehn Pfund. Geben Sie
mir neun Pfund zurück, Johanna; ich bedarf derselben.“
„Und ich auch, Herr,“ erwiederte ich, meine Hände und

meine Börse auf dem Rücken haltend. „Ich kann das
Geld auf keinen Fall entbehren.“
„Kleiner Geizhals!“ sagte er; „Sie verweigern mir eine
Bitte um Geld. Geben Sie mir fünf Pfund, Johanna.“
„Nicht fünf Schillinge, Herr, nicht fünf Pence.“
„Lassen Sie mich das Geld nur ansehen.“
„Nein, Herr, es ist Ihnen nicht zu trauen.“
„Johanna!“
„Mein Herr?“
„Versprechen Sie mir eins.“
„Ich will Ihnen Alles versprechen, mein Herr, was ich
zu erfüllen für möglich halte.“
„Keine Ankündigung zu machen und es mir zu überlassen, eine Stelle für Sie zu suchen. Ich werde zur rechten Zeit eine finden.“
„Es wird mir lieb sein, wenn Sie mir dagegen versprechen, daß ich und Adele außer dem Hause sein sollen,
ehe Ihre Braut in dasselbe eintritt.“
„Sehr gut! sehr gut! Ich gebe Ihnen mein Wort
darauf. Sie reisen also morgen?“
„Ja, Herr, in aller Frühe.“
„Werden Sie nach der Tafel in das Gesellschaftszimmer
hinunterkommen?“
„Nein, Herr, ich muß mich auf die Reise vorbereiten.“
„So müssen wir Beide wohl einander auf eine Weile
Lebewohl sagen?“
„So denke ich, mein Herr.“
„Und wie verrichten die Leute die Ceremonie des Abschiednehmens, Johanna? Unterrichten Sie mich darin, ich
weiß es nicht recht.“
„Sie sagen „Leben Sie wohl“ oder was sie sonst
wollen.“
„So sagen Sie es.“
„Leben Sie wohl für jetzt, Herr Rochester.“
„Was muß ich sagen?“
„Dasselbe, mein Herr, wenn Sie wollen.“
„Leben Sie wohl für jetzt, Miß Eyre. Ist das Alles?“
„Ja.“
„Nach meinen Begriffen scheint es karg, trocken und

unfreundlich. Ich wünschte noch etwas mehr: noch einen
kleinen Zusatz zu der Ceremonie. Wenn man zum Beispiel
einander die Hände drückte; aber nein — das wäre mir
auch nicht genug. So wollen Sie also nicht mehr thun,
als Lebewohl sagen, Johanna?“
„Es ist genug, Herr, in einem herzlichen Wort kann
eben so viel gute Meinung liegen, als in vielen.“
„Sehr wahrscheinlich; aber es ist kahl und kalt — leben Sie wohl.“
„Wie lange wird er noch mit dem Rücken an der Thür
stehen?“ dachte ich bei mir selber; „ich muß anfangen einzupacken.“
Die Glocke läutete zur Mittagstafel, und plötzlich eilte
er, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, fort: ich sah ihn während des Tages nicht wieder, und reiste am folgenden Morgen ab, ehe er aufstand.
Ich erreichte das Parkhäuschen von Gateshead am ersten Mai um fünf Uhr Nachmittags und trat dort ein, ehe
ich in die Halle ging. Es war dort Alles sehr reinlich und
zierlich; die Fenster waren mit kleinen weißen Vorhängen
versehen, der Fußboden ohne Flecken, der Kamin geputzt
und das Feuer brannte hell. Bessie saß am Heerde und
hatte ihr jüngstes Kind auf dem Schooß; der kleine Robert
und seine Schwester spielten in einer Ecke.
„Gott segne Sie! Ich wußte, daß Sie kommen würden,“ rief Mistreß Leaven, als ich eintrat.
„Ja, Bessie,“ sagte ich, nachdem ich sie geküßt, „und
ich hoffe, ich komme nicht zu spät. Wie steht es mit
Mistreß Reed? — Hoffenlich lebt sie noch.“
„Ja, sie lebt noch und ist bei besserem Bewußtsein, als
früher. Der Doctor sagt, sie könne noch vielleicht eine oder
zwei Wochen leben, doch glaubt er schwerlich, daß sie völlig wieder hergestellt werden wird.“
„Hat sie mich kürzlich erwähnt?“
„Sie sprach noch diesen Morgen von Ihnen und wünschte,
Sie möchten kommen: aber sie schläft jetzt, oder wenigstens
vor zehn Minuten, als ich im Herrenhause war. Nachmittags liegt sie gewöhnlich in einer Art von Schlafsucht
und erwacht erst um sechs oder sieben Uhr. Ruhen Sie sich

hier eine Stunde aus, Mis, dann will ich mit Ihnen
gehen.“
Jetzt trat Robert ein; Bessie legte ihr schlafendes Kind
in die Wiege und hieß ihn willkommen; dann bestand sie
darauf, ich solle meinen Hut ablegen, und Thee bei ihr
trinken, denn sie sagte, ich sähe blaß und angegriffen aus.
Ich nahm ihre Gastfreundschaft gern an und ließ mir meine
Reisekleider eben so geduldig abnehmen, wie ich mich als
Kind von ihr hatte auskleiden lassen.
Alte Zeiten drängten sich wieder meinem Gedächtnisse
auf, als ich sie geschäftig umhergehen, ihr bestes Theeservice aufsetzen, Butterbrod schneiden, einen Theekuchen rösten und von Zeit zu Zeit Robert oder Johanna einen kleinen Stoß oder Schlag geben sah, wie sie in früheren Zeiten bei mir zu thun pflegte. Bessie hatte ihr rasches Temperament, so wie ihren leichten Fuß und ihr gutes Aussehen behalten.
Als der Thee fertig war, wollte ich mich dem Tische
nähern, doch sie sagte mir in ihren gewohnten gebieterischen Tönen, ich solle nur sitzen bleiben. Ich müsse am Kamine bedient werden, und stellte einen kleinen runden
Tisch mit meiner Tasse und einem Teller mit Theekuchen
vor mich hin, gerade so wie sie mich mit Leckerbissen auf
einem Stuhle in der Kinderstube zu bewirthen pflegte. Ich
lächelte und gehorchte ihr, wie in früheren Tagen.
Sie wollte wissen, ob ich mich in Thornfield Hall
wohl befinde und was die Dame für eine Frau sei; und
als ich ihr sagte, es sei nur ein Herr da, ob er ein hübscher Mann sei und mir gefalle. Ich sagte, er sei eher
häßlich als schön, aber ein sehr gebildeter Mann, der mich
freundlich behandle, und so sei ich zufrieden. Dann beschrieb ich ihr die vornehme Gesellschaft, die sich seit einiger
Zeit im Hause aufgehalten. Diesen Berichten hörte Bessie
mit Interesse zu, denn dergleichen gefiel ihr besonders.
Bei solcher Unterhaltung war bald eine Stunde vorüber; Bessie gab mir meinen Hut und Mantel zurück, und
begleitete mich dann zum Herrenhause. Ich wurde also
von derselben Person geführt, die vor beinahe neun Jahren mit mir den Weg hinuntergegangen war, den ich jetzt

hinaufging. An einem dunklen nebligen und rauhen Februarmorgen hatte ich mit verzweiflungsvollem und bitteren
Herzen ein feindseliges Dach verlassen, um den kalten und
trostlosen Aufenthaltsort in Lowood, jenes weit entfernte
und unerforschte Ziel, aufzusuchen. Dasselbe feindselige
Dach erhob sich jetzt vor mir: meine Aussichten waren noch
zweifelhaft und mein Herz schmerzte noch. Ich kam mir
noch wie ein Wanderer auf der Oberfläche der Erde vor;
aber ich hegte festeres Vertrauen zu mir selbst und zu meiner eigenen Kraft, und empfand weniger Furcht vor dem
Druck. Die klaffende Wunde meines erlittenen Unrechts
war auch jetzt ganz geheilt, und die Flamme des rachsüchtigen Gefühls erloschen.
„Sie sollen zuerst in das Frühstückzimmer gehen,“
sagte Bessie, als sie mir durch die Halle voranging; „dort
werden Sie die jungen Damen finden.“
In einer Minute befand ich mich in diesem Zimmer.
Ales sah dort noch gerade so aus, wie an dem Morgen,
als ich dem Herrn Brocklehurst vorgestellt wurde. Dieselbe
Fußdecke lag noch am Boden. Als ich die Bücherschränke
ansah, glaubte ich die beiden Bände von Bewick’s Naturgeschichte der britischen Vögel, Gullivers Reisen und Tausend und eine Nacht gerade an demselben Platze, wie früher, zu erblicken. Die leblosen Gegenstände waren nicht verändert, aber die lebenden Wesen waren fast nicht mehr zu
erkennen.
Zwei junge Damen erschienen vor mir. Die eine war
sehr groß — fasst so groß wie Miß Ingram — sehr hager
und hatte ein bleiches Gesicht und eine strenge Miene. Sie hatte etwas Ascetisches in ihrem Blick, was noch durch die äußerste Einfachheit eines schmucklosen Kleides von schwarzem Zeuge, durch einen gestärkten Kragen von Leinwand, durch ihr zurückgekämmtes Haar, so wie durch den nonnenhaften Schmuck einer Schnur schwarzer Kugeln und eines Kruzifixes erhöht wurde. Ich hielt mich überzeugt, daß
dies Elise sei, obgleich ich in dem verlängerten und farblosen Gesichte wenig Aehnlichkit mit ihrer frühern Erscheinung finden konnte.
Die andere war offenbar Georgine: aber nicht die Georgine, deren ich mich als ein schlankes, feenhaftes Mädchen von elf Jahren erinnerte. Dies war eine aufgeblühte,
volle junge Dame, weiß und roth wie eine Wachspuppe, mit schönen und regelmäßigen Zügen, schmachtenden blauen Augen und geringelten gelben Haaren. Auch ihre Kleidung war schwarz, aber der Schnitt so verschieden von dem ihrer Schwester, viel passender und weiter, und sah eben so modisch aus, wie die Kleidung der andern puritanisch.
Jede von den Schwestern hatte einen Zug von der Mutter — aber nur einen. Die hagere und blase ältere Tochter hatte das stechende Auge ihrer Muter, das blühende
und üppige jüngere Mädchen hatte den Umriß ihres Kinns und Unterkiefers — vielleicht ein wenig gemildert, doch theilte derselbe dem sonst vollen und sinnlichen Gesichte eine
unbeschreibliche Härte mit.
Als ich mich näherte, standen beide Damen auf, um
mich zu begrüßen, und redeten mich Miß Eyre an. Elisens Gruß wurde in kurzen und abgebrochenen Worten ohne
Lächeln ausgesprochen: dann setzte sie sich wieder nieder,
richtete ihre Augen auf das Feuer und schien mich zu vergessen. Georgine fügte zu ihrem: „Wie geht es Ihnen?“
mehrere gewöhnliche Redensarten über meine Reise, über
das Wetter u. s. w. hinzu, die sie in schleppendem Tone
aussprach und mit verschiedenen Seitenblicken begleitete, die
mich vom Kopf bis zu den Füßen maßen, bald in die Falten meines braunen Merinomantel drangen, und bald bei
dem einfachen Besatz meines ländlichen Hutes verweilten.
Junge Damen haben immer eine Art, uns zu sagen, daß
sie uns für eine Bäuerin halten, ohne gerade das Wort
auszusprechen. Ein gewisser übermüthiger Blick, ein kaltes
Wesen, ein nachlässiger Ton drücken vollständig ihre Ansichten über diesen Punkt aus, ohne sie durch eine ausdrückliche Unhöflichkeit in Wort oder Handlung zu erkennen zu
geben.
Ei spöttischer Blick, mochte er nun offen oder versteckt
sein, hatte nicht mehr, wie früher, Macht über mich;
und als ich zwischen meinen beiden Cousinnen saß, war ich
überrascht, wie leicht ich mich bei der gänzlichen Vernachlässigung der einen, und bei den halb sarkastischen Aufmerksamkeiten der andern fühlte — Elise kränkte und Georgine verletzte mich nicht. Die Ursache war, ich hatte
über andere Dinge nachzudenken. In den letzten wenigen
Monaten waren viel mächtigere Gefühle in mir angeregt
worden, als sie anzuregen im Stande waren — ich hatte
viel lebhaftere Schmerzen und Freuden empfunden, als mir
aufzuerlegen oder zu gewähren in ihrer Macht stand — so
daß ihr Benehmen weder einen guten noch einen schlimmen
Eindruck auf mich machte.
„Wie befindet sich Mistreß Reed?“ fragte ich bald, indem ich Georgine ansah, der es einfiel, eine verwunderte
Grimasse zu machen, als wäre die direkte Anrede eine unerwartete Freiheit, die ich mir nehme.
„Mistreß Reed? Ah! Sie meinen Mama. Es geht sehr
schlecht mit ihr; ich zweifle, daß Sie sie heute werden sprechen können.“
„Wenn Sie hinaufgehen und ihr sagen wollten, daß ich
da bin,“ sagte ich, „so würde ich Ihnen sehr verbunden sein.“
Georgine erschrak fast und öffnete ihre blauen Augen
verstört und weit.
„Ich weiß, sie hegte den ausdrücklichen Wunsch, mich
zu sehen,“ fügte ich hinzu, „und ich möchte die Erfüllung
ihres Wunsches nicht länger aufschieben, als es durchaus
nöthig ist.“
„Mama läßt sich am Abend nicht gern stören,“ sagte
Elise.
Bald darauf stand ich auf, nahm ruhig und unaufgefordert meinen Hut ab, zog meine Handschuhe aus und
sagte, ich wolle nur zu Bessie hinausgehen, die wahrscheinlich im Bedientenzimmer sei, und sie bitten, sich zu erkundigen, ob Mistreß Reed geneigt sei oder nicht, an dem Abend
noch meinen Besuch anzunehmen. Ich ging, und nachdem
ich Bessie gefunden und abgeschickt, begann ich, weitere
Maßregeln zu nehmen. Bisher war es meine Gewohnheit gewesen, vor dem Hochmuthe zurückzuweichen, und noch
vor einem Jahr würde ich bei einem solchen Empfange, wie
mir heute zu Theil geworden, beschlossen haben, Gateshead
am nächsten Morgen zu verlassen; doch jetzt sah ich sogleich
ein, daß dies ein thörichter Plan sei. Ich hatte eine Reise

von hundert Meilen gemacht, um meine Tante zu besuchen,
und mußte bei ihr bleiben, bis sie wieder hergestellt oder
todt war. Den Stolz oder die Thorheit ihrer Töchter durfte
ich nicht berücksichtigen und mußte mich davon unabhängig
machen. Ich wendete mich also an die Haushälterin, bat
sie, mir ein Zimmer anzuweisen, sagte ihr, ich würde wahrscheinlich eine oder zwei Wochen dableiben, ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen und folgte selbst dorthin. Auf
der Treppe begegnete mir Bessie.
„Missis wacht,“ sagte sie; „ich habe ihr gesagt, daß
Sie da sind: kommen Sie und lassen Sie uns sehen, ob fie
Sie kennen wird.“
Ich bedurfte der Führung nicht zu dem wohlbekannten
Zimmer, zu dem ich in früheren Tagen so oft gerufen worden, um bestraft oder gescholten zu werden. Ich eilte Bessie
voran und öffnete leise die Thür. Ein beschattetes Licht stand
auf dem Tische, denn es war jetzt dunkel. Da war das große
Bett mit den vier Pfosten und den ambrafarbigen Vorhängen, wie in früheren Zeiten; da war der Toilettentisch, der
Lehnsessel und der Fußschemel, auf den ich wohl hundertmal
hatte niederknieen und mir für Vergehungen Verzeihung erbitten müssen, die ich nicht begangen. Ich blickte in eine
gewisse Ecke, wo ich fast die einst so gefürchtete Ruthe zu
erblicken fürchtete, die dort lauerte, um, gleich einem Kobold,
hervorzuspringen und meine bebende Hand oder meinen zitternden Nacken zu verletzen. Ich näherte mich dem Bette;
ich öffnete die Vorhänge und neigte mich über die hohen
Kissen.
Wohl erinnerte ich mich des Gesichts der Mistreß Reed
und war begierig, das bekannte Bild zu sehen. Es ist ein
Glück, daß die Zeit das Verlangen nach Rache dämpft und
die Antriebe der Wuth und Abneigung besänftigt: ich hatte
diese Frau in bitterem Hasse verlassen und kehrte jetzt mit
keiner andern Regung als der des Mitleids wegen ihres
großen Leidens und dem mächtigen Verlangen zurück, alle
Kränkungen zu vergessen und zu verzeihen — mich mit ihr
zu versöhnen und ihr freundschaftlich die Hand zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da: streng und unversöhnlich wie immer — da war das eigenthümliche Auge,

welches Nichts zu mildern vermochte, und die etwas erhobene, gebieterische und despotische Augenbraue. Wie oft
hatte sie sich mit Drohungen und Haß gegen mich zusammengezogen! Und wie belebte sich die Erinnerung an den
Schrecken und das Leiden der Kindheit, als ich die strengen
Linien jetzt wiedersah. Und doch beugte ich mich nieder und
küßte sie.
„Ist dies Johanna Eyre?“ fragte sie, mich anblickend.
„Ja, Tante Reed. Wie geht es Ihnen, liebe Tante?“
Ich hatte einst gelobt, sie nie wieder Tante zu nennen;
aber ich hielt es jetzt für keine Sünde, dieses Gelübde zu
vergessen und zu brechen. Meine Finger drückten ihre Hand,
die auf der Decke lag; hätte sie meine Hand wieder gedrückt,
so würde ich in dem Augenblicke wahres Vergnügen empfunden haben. Aber strenge Naturen sind nicht so leicht zu
besänftigen, und natürlicher Widerwille nicht so leicht auszurotten. Mistreß Reed entzog mir ihre Hand, wendete ihr
Gesicht ein wenig von mir ab und machte die Bemerkung,
daß der Abend warm sei. Sie sah mich wieder, und zwar
so eisig an, daß ich sogleich fühlte, ihre Meinung von mir
und ihre Gefühle gegen mich wären unverändert und unveränderlich. Ich sah es ihrem steinernen Auge ohne Zärtlichkeit und unauflöslich für Thränen an, daß sie entschlossen sei, mich bis zuletzt für böse zu halten, da es ihr kein
wahres Vergnügen, sondern nur Kränkung verursachen
mußte, mich für gut zu halten.
Ich empfand Schmerz, dann Zorn und endlich faßte ich
den Entschluß, sie zu besiegen und ihrer Natur und ihrem
Willen zum Trotz sie zu beherrschen. Meine Thränen flossen wie in meiner Kindheit: ich wies sie zu ihrer Quelle
zurück. Ich stellte einen Stuhl an das Kopfende ihres
Bettes, setzte mich nieder und neigte mich über das Kissen.
„Sie haben nach mir geschickt, und ich bin da,“ sagte
ich. „Jetzt ist es meine Absicht dazubleiben und zu sehen,
wie es mit Ihnen geht.“
„Ei gewiß! Du hast doch meine Töchter gesprochen?“
„Ja.“
„Nun, so kannst Du ihnen sagen, es sei mein Wunsch,
daß Du dableibest, bis ich Gegenstände mit Dir besprochen,

die ich auf dem Herzen habe: diesen Abend ist es zu spät,
und ich kann mich ihrer nur mit Mühe erinnern. Aber
etwas wünschte ich zu sagen – laß mich sehen – “
Der irrende Blick und die veränderte Aussprache sagten
mir, welche Störung in ihrer einst so kräftigen Constitution
vorgegangen. Sie wendete sich unruhig um und zog ihre
Bettdecke nach sich; mein Ellbogen ruhte auf dem Ende der
Decke und hielt dasselbe fest. Gleich war sie ärgerlich.
„Setze Dich aufrecht,“ sagte sie, „und ärgere mich nicht
dadurch, daß Du meine Decke festhältst – bist Du Johanna
Eyre?“
„Ich bin Johanna Eyre.“
„Dieses Kind hat mir mehr Unruhe gemacht, als nur
ein Mensch glauben kann. Daß man mir auch eine solche
Last aufladen mußte, die mich täglich und stündlich mit ihrer
unbegreiflichen Gemüthsart, ihrem unruhigen Temperament
und ihrer beständigen und unnatürlichen Beobachtung quälen mußte. Einmal sprach sie zu mir, als ob sie wahnsinnig oder vom Teufel besessen wäre – kein Kind sprach oder
blickte jemals so: ich war froh, sie aus dem Hause zu bringen. Was that man in Lowood mit ihr? Das Fieber
brach dort aus und Viele von den Schülerinnen starben.
Sie aber starb nicht; aber ich sagte, sie wäre gestorben –
ich wollte, es wäre geschehen!“
„Ein seltsamer Wunsch, Mistreß Reed: warum hassen
Sie sie denn so?“
„Ich hatte immer einen Widerwillen gegen ihre Mutter,
denn sie war meines Mannes einzige Schwester, und er
liebte sie sehr; er widersetzte sich der ganzen Familie, als
man sie wegen ihrer niedrigen Verbindung verleugnete, und
als die Nachricht von ihrem Tode kam, weinte er wie ein
Simpel. Das Kind mußte herbeigebracht werden, obgleich
ich ihn bat, es lieber anderswo auferziehen zu lassen und
für seinen Unterhalt zu zahlen. Ich haßte es von dem
ersten Augenblicke an, wo ich es sah – ein kränkliches,
weinerliches Ding! Es wimmerte die ganze Nacht in der
Wiege – schrie nicht, wie ein anderes Kind, aus voller
Kehle, sondern stöhnte und klagte nur. Reed hatte Mitleid
mit dem Kinde, beschäftigte sich mit ihm, und sorgte dafür,

wie für sein eigenes: ja noch mehr, denn seine eigenen beachtete er in dem Alter gar nicht. Er versuchte, meinen
Kindern freundschaftliche Gefühle gegen die kleine Bettlerin
einzuflößen: aber die lieben Engel vermochten es nicht, und
er war ärgerlich über sie, wenn sie ihren Widerwillen zeigten. In seiner letzten Krankheit ließ er es beständig an sein
Bett bringen, und eine Stunde vor seinem Tode mußte ich
ihm das Versprechen geben, das Geschöpf aufzuerziehen.
Eben so gut hätte er mir einen Balg aus dem Findelhause
aufbürden können; aber er war schwach von Natur. John
gleicht seinem Vater durchaus nicht, und es ist mir lieb:
John gleicht mir und meinen Brüderner gleicht Gibson.
O! ich wollte, er quälte mich nicht mehr mit seinen Briefen,
worin er beständig Geld verlangt! Ich kann ihm kein Geld
mehr geben, denn wir werden arm. Ich muß die Hälfte der
Diener fortschicken und einen Theil des Hauses verschließen
oder vermiethen. Ich kann mich nicht dazu entschließen –
und doch, wie sollen wir uns durchbringen? Zwei Dritttheile meines Einkommens nehmen die Zinsen in Anspruch.
John spielt schrecklich und verliert immerder arme Junge!
er ist von Betrügern umgeben: John ist gesunken und verstorben – sein Blick ist schrecklich – ich schäme mich seiner,
wenn ich ihn sehe.
Sie wurde sehr aufgeregt.
„Ich denke, es ist besser, ich verlasse sie jetzt,“ sagte ich
zu Bessie, die auf der andern Seite des Bettes stand.
„Sie haben wohl Recht, Miß; aber gegen die Nacht
spricht sie oft so – am Morgen ist sie ruhiger.“
Ich stand auf.
„Warte!“ rief Mistreß Reed, „ich möchte noch etwas
sagen. Er droht mir – beständig droht er mir mit seinem
oder meinem Tode, und zuweilen träumt mir, ich sähe ihn
daliegen mit einer großen Wunde im Halse oder mit einem
geschwollenen und geschwärzten Gesichte. Ich sehe mich auf's
Aeußerste getrieben und habe schwere Sorgen. Was ist zu
thun? Wie ist bas Geld anzuschaffen?“
Bessie versuchte sie jetzt zu überreden, einen beruhigenden Trank zu nehmen, was ihr mit Mühe gelang. Bald

darauf wurde Mistreß Reed ruhiger und versank in einen
schlummernden Zustand. Dann verließ ich sie.
Mehr als zehn Tage vergingen, ehe ich wieder eine Unterredung mit ihr hatte. Sie sprach entweder im Fieber
oder war bewußtlos, und der Arzt verbot Alles, was sie
schmerzlich aufregen konnte. Inzwischen vertrug ich mich,
so gut ich konnte, mit Georgine und Elise. Sie waren
freilich Anfangs sehr kalt. Elise saß den halben Tag da
und nähte, las oder schrieb und sprach dann kaum ein Wort
mit mir oder ihrer Schwester. Georgine konnte ihrem Kanarienvogel stundenlang Unsinn vorplaudern und achtete nicht
auf mich. Aber ich war entschlossen, daß es mir nicht an
Beschäftigung oder Unterhaltung fehlen sollte: ich hatte meinen Farbenkasten mitgebracht, und er mußte Beides ersetzen.
Mit Bleistiften und Papier versehen, pflegte ich mich
von ihnen abgesondert an's Fenster zu setzen und Phantasiebilder zu zeichnen, die irgend eine Scene darstellten, die
sich augenblicklich in dem stets wechselnden Kaleidoskop der
Phantasie bildete; zum Beispiel einen Theil der See zwischen
zwei Felsen durch gesehen, den aufgehenden Mond und ein
Schiff, welches unter seiner Scheibe durchfuhr; eine Gruppe
von Rohr und Wasserblumen, den Kopf einer Najade, mit
Lotosblumen bekränzt; eine Sylphide in dem Neste eines
Sperlings unter einem Kranze von Hagedornblüten sitzend.
Eines Morgens begann ich, ein Gesicht zu skizziren: was
es für ein Gesicht werden sollte, darum kümmerte ich mich
nicht. Ich nahm einen weichen, schwarzen Bleistift, gab
ihm eine stumpfe Spitze und zeichnete damit. Bald zeigte
sich auf dem Papier eine breite und vorragende Stirn und
der viereckige Umriß des untern Gesichts: dieser Umriß verursachte mir Vergnügen; meine Finger fuhren fort, ihn mit
Fügen auszufüllen. Stark gezeichnete, horizontale Augenbrauen mußten unter diese Stirn kommen; dann folgte natürlich eine ausdrucksvolle Nase mit geradem Rücken und
weiten Oeffnungen; dann ein biegsam scheinender Mund,
nicht zu schmal; dann ein festes Kinn mit einem deutlich
bezeichneten Spalt in der Mitte: natürlich mußte ein schwarzer Backenbart und etwas schwarzes Haar an den Schläfen
angebracht werden, welches sich wellenförmig über nie Stirn

hinzog. Jetzt kamen die Augen: ich habe sie bis zuletzt
gelassen, weil sie die sorgfältigste Arbeit erforderten. Ich
zeichnete sie groß und gab ihnen eine gute Form; die Augenwimpern zeichnete ich lang und dunkel, die Iris glänzen
und groß.
Gut, aber noch ist nicht Alles gethan, dachte ich, als
ich dis Wirkung überschaute: es muß noch mehr Kraft und
Geist hineingelegt werden. Ich machte die Schatten schwärzet, damit die Lichter glänzender erscheinen möchten einige
glückliche Striche sicherten diesen Erfolg. Da hatte ich das
Gesicht eines Freundes vor mir: und was schadete es jetzt,
wenn die jungen Damen mir den Rücken zuwendeten? Ich
sah es an, ich lächelte über die sprechende Aehnlichkeit, ich
versenkte mich in Gedanken und war zufrieden.
„Ist das das Portrait einer Person, die Sie kennen?
fragte Elise, die sich unbemerkt genähert hatte. Ich entgegnete, es sei nur ein Phantasiekopf, und wollte ihn mit
den andern Blättern zudecken. Natürlich sagte ich die Unwahrheit, denn es war in der That ein sehr getreues Portrait des Herrn Rochester. Aber was lag ihr daran oder
irgend sonst Jemanden außer mir? Georgine näherte sich
auch, um es anzusehen. Die andern Zeichnungen gefielen
ihr sehr, aber dies sei ein häßlicher Mann, sagte sie. Beide
schienen überrascht von meiner Geschicklichkeit. Ich erbot
mich, sie zu portraitiren, und Jede saß mir zu einer Bleistiftzeichnung. Dann brachte Georgine ihr Stammbuch zum
Vorschein. Ich versprach ihr ein Bild in Wasserfarben
darin zu malen, und dies versetzte sie sogleich in gute Laune.
Sie machte mir den Vorschlag zu einem Spaziergange im
Park, und ehe wir noch zwei Stunden aus gewesen waren,
hatte sie mich schon mit ihrem Vertrauen beehrt und mir
den glänzenden Winter beschrieben, den sie vor zwei Jahren
in London zugebracht – die Bewunderung, die sie dort erregt – die Aufmerksamkeit, die ihr zu Theil geworden, und
es wurden sogar Anspielungen gewagt, welche vornehme
Eroberungen sie gemacht.
Im Verlaufe des Nachmittags und Abends wurden diese
Andeutungen noch erweitert, verschiedene zarte Unterhaltungen berichtet und sentimenale Scenen vorgestellt; kurz, ein

Band eines Romans aus dem vornehmen Leben zu meinem
Nutz und Frommen improvisirt. Die Mitheilungen wurden
von Tage zu Tage erneuert: sie behandelten stets dasselbe
Thema – sie selbst, ihre Liebe und ihr Leid. Es war seltsam, daß sie nie davon ablenkte, und von der Krankheit
ihrer Mutter, von dem Tode ihres Bruders oder den gegenwärtigen traurigen Aussichten der Familie sprach. Ihr Geist
schien völlig mit Erinnerungen früherer Heiterkeit und mit
dem Streben nach künftigen Zerstreuungen angefüllt zu sein.
Sie brachte jeden Tag etwa fünf Minuten, und nicht länger, im Krankenzimmer ihrer Mutter zu.
Elise sprach noch immer wenig: sie hatte offenbar keine
Zeit dazu. Ich sah nie eine geschäftigere Person, als sie zu
sein schien, doch war es schwer zu sagen, was sie that, oder
vielmehr irgend einen Erfolg ihres Fleißes zu entdecken. Sie
hatte einen Wecker, um recht früh aufzustehen. Ich weiß
nicht, wie sie sich vor dem Frühstück beschäftigte, aber nach
dieser Mahlzeit theilte sie ihre Zeit in regelmäßige Portionen, und jede Stunde hatte ihre Aufgabe. Dreimal täglich
studirte sie ein kleines Buch, welches, wie ich später fand,
als ich es ansah, das allgemeine Gebetbuch war. Ich fragte
sie einst, was in diesem Buche das Anziehendste für sie sei,
und sie antwortete: das Register. Drei Stunden stickte sie
mit Goldfaden auf den Rand eines viereckigen, karmoisinrothen Tuches, fast groß genug zu einem Teppich. Als ich
nach dem Gebrauche dieses Gegenstande fragte, benachrichtigte sie mich, es sei eine Altardecke für eine kürzlich in der
Nähe von Gateshead erbaute Kirche. Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche, zwei Stunden arbeitete sie selber
im Küchengarten, und eine verwendete sie zur Anordnung
ihrer Rechnungen. Sie schien keiner Gesellschaft und keiner
Unterhaltung zu bedürfen. Ich glaube, sie war auf ihre
Weise glücklich: diese Routine reichte für sie bin, und Nichts
war ihr unangenehmer, als irgend ein Ereigniß, welches sie
nöthigte, ihr regelmäßiges Uhrwerk abzuändern.
Eines Abends sagte sie mir, als sie ungewöhnlich zur
Mittheilung aufgelegt war, John's Betragen und der drohende Untergang der Familie sei eine Quelle tiefer Betrübniß für sie gewesen; aber jetzt, sagte sie, sei ihr Gemüth

gefaßt, und ihr Entschluß bestimmt. Ihr Vermögen habe
sie in Sicherheit gebracht, und wenn ihre Mutter stürbe
und es sei durchaus unwahrscheinlich, daß sie wieder genesen oder ein langes Krankenlager haben werde, bemerkte sie
ruhig – so werde sie einen längst genährten Plan ausführen, einen zurückgezogenen Aufenthaltsort aufsuchen,
wo pünktliche Gewohnheiten dauernd vor Störung gesichert
würden, und sichere Schranken zwischen sich und eine
frivole Welt stellen. Ich fragte, ob Georgine sie begleiten
wolle.
„Natürlich nicht,“ antwortete sie. „Georgine und ich hatten nie Etwas mit einander gemein, und auch jetzt nicht.“
Sie wolle sich ihre Gesellschaft aus keiner Rücksicht aufbürden lassen. Georgine solle ihren eigenen Weg gehen
und Elise wolle auch den ihrigen einschlagen.
Wenn Georgine nicht ihr Herz gegen mich entlud, so
brachte sie den größten Theil ihrer Zeit damit zu, auf dem
Sopha zu liegen, sich über die Langweiligkeit des Landlebens zu beklagen und wiederholt den Wunsch auszusprechen, ihre Tante Gibson möge ihr eine Einladung nach
London senden. Es wäre viel besser, sagte sie, wenn sie
nur auf einen oder zwei Monate aus dem Wege kommen
könnte, bis Alles vorüber sei. Ich fragte nicht, was sie
mit dem „Alles vorüber sein“ meine; aber ich vermuthe, sie
meinte das erwartete Absterben ihrer Mutter und die düstere
Ceremonie des Leichenbegängnisses. Elise achtete gewöhnlich nicht mehr auf die Trägheit und die Klagen ihrer
Schwester, als ob ein solches murrendes und klagendes
Geschöpf gar nicht vorhanden gewesen wäre. Eines Tages aber, während sie ihr Rechnungsbuch weglegte und ihre
Stickerei faltete, redete sie sie plötzlich so an:
„Georgine, ein eitleres und thörichteres Geschöpf, als
Du, hat wohl nie die Erde belasten dürfen. Du hattest
kein Recht, geboren zu werden, denn Du machst keinen Gebrauch vom Leben. Anstatt für Dich, in und mit Dir zu
leben, wie ein vernünftiges Wesen es sollte, suchst Du nur
Deine Schwäche an die Stärke irgend einer andern Person
zu befestigen, und wenn sich Niemand bereit findet, sich mit

einem so fetten, schwachen, aufgeblasenen und unnützen Geschöpfe zu belasten, so schreist Du, daß Du übel behandelt
und vernachlässigt wirst, und folglich elend bist. Auch
dann muß das Dasein für Dich eine Scene beständigen
Wechsels und unaufhörlicher Aufregung sein, sonst ist die
Welt ein Kerker: man muß Dich bewundern, Dir den Hof
machen, Dir schmeicheln- Du verlangst Musik, Tanz und
Gesellschaft-- oder Du schmachtest und stirbst dahin. Hast
Du nicht so viel Verstand, Dir ein System auszudenken,
welches Dich von allen Anstrengungen und von jedem andern Willen, als Deinem eigenen, unabhängig macht? Nimm
Dir einen Tag, theile ihn in Abtheilungen und bestimme
für jede Abtheilung eine Aufgabe: sei keine Viertelstunde,
keine zehn, keine fünf Minuten unbeschäftigt — benutze
Alles, und thue jedes Geschäft nach der Reihe mit Methode
und strenger Regelmäßigkeit. Der Tag wird vorüber sein,
und Du weißt kaum, daß er begonnen hat. So bist Du
Niemand verpflichtet, der Dir helfen muß, Dich eines unbeschäftigten Augenblicks zu entledigen: dann darfst Du Niemandes Gesellschaft oder Unterhaltung, Niemandes Theilnahme oder Duldung in Anspruch nehmen: kurz, Du lebst
wie ein unabhängiges Wesen leben sollte. Nimm diesen
Rath an; es ist der erste und letzte, den ich Dir geben
werde; dann wirst Du weder meiner noch sonst Jemandes
bedürfen, es mag geschehen, was will. Vernachlässige meinen Rath und lebe, wie bisher, fordere, wimmere, sei unthätig und dulde die Erfolge Deiner eigenen Thorheit, wie
übel und unerträglich sie auch sein mögen. Ich sage Dir
dies offen; und beachte wohl, wenn ich auch nicht mehr
wiederholen werde, was ich Dir jetzt zu sagen im Begriff
bin, so werde ich doch mit Festigkeit darnach handeln. Nach
dem Tode meiner Mutter wasche ich meine Hände: denn
von dem Tage an, wo ihr Sarg in die Kirche von Gateshead getragen wird, werden wir Beide so getrennt leben,
als hätten wir einander nie gekannt. Du darfst nicht
denken, weil wir zufällig von denselben Eltern geboren sind,
werde ich mich auch nur von der schwächsten Kette an Dich
binden lassen: ich sage Dir dieswenn von dem ganzen Menschengeschlecht wir Beide allein übrig wären, so würde ich Dir die alte Welt lassen und mich in die neue
Welt begeben.
Sie schloß ihre Lippen.
"Du hättest Dir die Mühe sparen können, diese lange Rede zu halten," antwortete Georgine. "Jedermann weiß, daß Du das eigennützigste, herzloseste Geschöpf auf der Welt bist, und ich kenne Deinen verächtlichen Haß gegen mich: ich habe schon früher eine Probe davon gehabt bei dem Streich, den Du mir in der Sache mit Lord Edwin Vere spieltest: Du konntest es nicht ertragen, daß ich mich über Dich erhob und Anspruch machte, in Zirkel aufgenommen zu werden, wo Du Dein Gesicht nicht zu zeigen wagst, und so handeltest Du als Spion und Angeberin und richtetest meine Aussichten auf immer zu Grunde."
Georgine nahm ihr Taschentuch und schien eine Stunde
lang zu weinen; Elise saß kalt, unzugänglich und unablässig fleißig da.
Manche schätzen wahres und edles Gefühl sehr wenig: aber hier waren zwei Naturen, wovon die eine aus Mangel derselben sehr bitter, und die andere sehr geschmacklos wurde. Gefühl ohne Urtheil ist in der That sehr wässerig; aber das Urtheil, welches nicht vom Gefühl gemildert wird, ist ein zu bitterer und rauher Bissen, als daß ein menschliches Wesen ihn verschlingen könnte.
Es war ein nasser und stürmischer Nachmittag: Georgine war beim Lesen eines Romans auf dem Sopha eingeschlafen;
Elise war in die neue Kirche gegangen, um dem
Gottesdienst an einem Heiligentage beizuwohnen -- denn
in religiösen Angelegenheiten war sie sehr strenge: kein Wetter verhinderte sie je an der pünktlichen Ausübung ihrer Andachtspflichten, wie sie es nannte; sie ging jeden Sonntag dreimal in die Kirche, und in der Woche auch immer, wenn dort Gebete verrichtet wurden, es mochte gutes oder schlechtes Wetter sein.
Es fiel mir ein, die Treppe hinaufzugehen und nachder sterbenden Frau zu sehen, die fast unbeachtet dort lag.
Selbst die Diener weihten ihr nur sehr nachlässige Aufmerksamkeit; die gedungene Krankenwärterin, nach der wenig gesehen wurde, schlich, so oft sie konnte, aus dem Zimmer.

Bessie war zuverlässig; doch hatte sie für ihre eigene Familie zu sorgen, und konnte nur von Zeit zu Zeit in
das Herrenhaus kommen. Ich fand das Krankenzimmer
leer, wie ich erwartet hatte: keine Wärterin war da; die Patientin lag still, und wie es schien, bewußtlos da; ihr bleiches Gesicht war tief in die Kissen gesunken und das Feuer im Kamin fast erloschen. Ich legte neue Feuerung an, ordnete die Kissen wieder und blickte eine Weile die Person an, die mich nicht wieder ansehen konnte, und trat darauf ans Fenster.
Der Regen schlug heftig an die Scheiben, und der
Wind blies stürmisch.
"Hier liegt Eine, die bald über den Kampf der irdischen
Elemente hinaus sein wird, dachte ich." Wo wird dieser Geist, der jetzt bereit ist, seine materielle Wohnung zu verlassen, hingehen, wenn er endlich frei ist?"
Ich überdachte das große Geheimniß: es fiel mir Helene
Burns ein, und ich erinnerte mich ihrer sterbenden Worte -- ihres Glaubens -- ihrer Ansicht von der Gleichheit der vom Körper befreiten Seelen. Ich horchte noch im Gedanken auf ihre wohlbekannten Töne, stellte mir ihr blasses und vergeistigtes Aussehen, ihr abgefallenes Gesicht und ihren erhabenen Blick vor, als sie auf ihrem ruhigen Sterbebette dalag und mir ihr Verlangen zuflüsterte, in den Schooß des göttlichen Vaters aufgenommen zu werden -- als eine matte Stimme von dem Bette her murmelte:
"Wer ist da?"
Ich wußte, daß Mistreß Reed seit mehreren Tagen nicht
gesprochen hatte. Kam sie wieder zu sich? Ich ging zu
ihr hin.
"Ich bin es, Tante Reed."
"Wer -- ich?" war die Antwort. "Wer bist Du?
Und mich mit Ueberraschung und fast mit Unruhe ansehend,
sagte sie, noch immer verwirrt: "Du bist mir gänzlich
fremd -- wo ist Bessie?"
"Sie ist im Parkhäuschen, Tante."
"Tante!" wiederholte sie. "Wer nennt mich Tante?
Du bist keine von den Gibsons, und doch kenne ich Dich --

dies Gesicht, die Augen und die Stirn sind mir so bekannt:
Du gleichst -- ja Du gleichst Johanna Eyre!"
Ich sagte Nichts, denn ich fürchtete einen neuen Ausbruch der Leidenschaft, wenn ich mich zu erkennen gebe.
"Doch ich fürchte, ich irre mich," sagte sie; "meine Gedanken täuschen mich. Ich wünschte, Johanna Eyre zu
sehen, und ich stelle mir eine Aehnlichkeit vor, wo keine vorhanden ist: überdies muß sie sich in acht Jahren sehr verändert haben."
Ich versicherte ihr sanft, daß ich die erwartete und erwünschte Person sei, und als ich sah, daß ich verstanden werde, und daß sie ihre Gedanken gesammelt habe, erklärte ich ihr, daß Bessie ihren Mann abgeschickt, um mich von Thornfield zu holen.
"Ich weiß, ich bin sehr krank," sagte sie bald darauf;
"Ich versuchte vor wenigen Minuten mich umzuwenden,
doch bemerke ich, daß ich kein Glied bewegen kann. Es ist besser, wenn ich mein Gemüth beruhige, ehe ich sterbe: das, woran wir wenig denken, wenn wir gesund sind, wird uns in einer solchen Stunde, wie die gegenwärtige für mich ist, zu einer großen Last. Ist die Wärterin da oder sonst Jemand außer uns?"
Ich versicherte ihr, daß wir allein wären.
"Nun," sagte sie, ich habe Dir zweimal Unrecht gethan, was ich jetzt bereue. Einmal, als ich das meinem
Manne gegebene Versprechen brach, Dich wie mein eigenes
Kind zu erziehen; das andere Mal --"
Sie hielt inne.
"Am Ende ist es vielleicht von keiner großen Wichtigkeit," murmelte sie bei sich selber, "und dann kann ich auch vielleicht wieder besser werden; und es ist schmerzlich, mich so vor ihr zu demüthigen."
Sie versuchte mit Anstrengung, sich umzuwenden, doch
es gelang ihr nicht: ihr Gesicht veränderte sich; sie schien
eine innere Empfindung zu haben -- vielleicht die Ahnung
des letzten Todeskampfes.
"Nun, es muß überwunden werden. Die Ewigkeit ist
vor mir, und es ist besser, ich sage es dir. Geh zu meinem
Toilettentische, öffne ihn, und nimm einen Brief heraus,
den Du dort finden wirst.
Ich gehorchte ihrer Anweisung.
"Lies den Brief" sagte sie.
Er war kurz und in folgenden Ausdrücken abgefaßt:

Madame,
Sie werden die Güte haben, mir die Adresse meiner
Nichte Johanna Eyre zu senden und mir mitzutheilen, wie
es ihr geht, da es meine Absicht ist, bald an sie zu schreiben
und sie aufzufordern, zu mir nach Madeira zu kommen.
Die Vorsehung ist meinem Bemühen günstig gewesen, so
daß ich mir ein gutes Auskommen gesichert habe. Da ich
unverheirathet und kinderlos bin, so wünsche ich sie bei
Lebzeiten zu adoptiren und ihr nach meinem Tode Alles,
was ich besitze, zu hinterlassen.
Ich bin
Ihr
ergebenster
John Eyre.
Madeira.

Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
"Warum hörte ich nie hievon?“ fragte ich.
"Weil ich einen zu großen Widerwillen gegen Dich hatte,
um nur das Geringste zu thun, Dich in Wohlstand zu versehen.
Ich konnte Dein Betragen gegen mich nicht vergessen,
Johanna -- die Wuth, womit Du Dich einst gegen
mich wendetest, den Ton, worin Du erklärtest, Du verabscheuest
mich am meisten von allen Menschen auf der Welt;
den unkindlichen Blick und die Stimme, womit Du mir
versichertest, daß schon der Gedanke an mich Dich krank
mache, und behauptetest, ich habe Dich mit elender Grausamkeit
behandelt. Ich konnte meine eigenen Empfindungen
nicht vergessen, als Du Dich so gegen mich erhobst, und
das Gift Deines Geistes ausschüttetest: ich empfand Furcht,
als hätte ein Thier, welches ich geschlagen oder gestoßen,
mich mit menschlichen Augen angeblickt und mit menschlicher
Stimme verflucht. -- Bringe mir etwas Wasser! O!
beeile Dich!"
"Liebe Mistreß Reed," sagte ich, als ich ihr den geforderten Trank reichte, "denken Sie nicht mehr an dies Alles, verbannen Sie es aus Ihrem Geiste. Verzeihen Sie mir meine leidenschaftliche Sprache; ich war damals ein Kind, und seit jenem Tage sind acht oder neun Jahre vergangen."
Sie beachtete nicht, was ich sagte; aber als sie das
Wasser gekostet und Athem geschöpft, fuhr sie folgendermaßen fort:
"Ich sage Dir, ich konnte es nicht vergessen, und nahm
Rache. Daß Du von Deinem Oheim solltest adoptirt und
in Wohlstand versetzt werden, konnte ich nicht ertragen. Ich schrieb an ihn, ich bedaure, daß er sich in seiner Hoffnung getäuscht, aber Johanna Eyre sei fort: sie sei zu Lowood am Typhusfieber gestorben. Nun handle, wie Du willst: schreibe und widersprich meiner Behauptung – bringe meine Lüge an den Tag, sobald es Dir gefällt. Ich glaube, Du wurdest zu meiner Qual geboren: noch in meiner letzten Stunde werde ich von der Erinnerung an eine That gequält, die ich ohne Dich gewiß nie würde begangen haben."
"Wenn Sie sich nur überreden ließen, nicht mehr daran
zu denken, Tante, und mich mit freundlichen und versöhnlichen Gefühlen zu betrachten --"
"Du hast eine sehr böse Gemüthsart," sagte sie, "die
ich bis heute noch nicht begreifen kann: wie konntest Du neun Jahre lang bei jeder Behandlung geduldig und schweigsam sein, und im zehnten in Feuer und Wuth ausbrechen, das kann ich nimmermehr begreifen."
"Meine Gemüthsart ist nicht so böse, wie Sie denken,
ich bin leidenschaftlich aber nicht rachsüchtig. Oft wäre ich als kleines Kind froh gewesen, wenn ich Sie hätte lieben dürfen, aber Sie wollten es mir nicht gestatten, und jetzt hege ich das lebhafte Verlangen, mit Ihnen versöhnt zu sein: küssen Sie mich, Tante.“
Ich näherte meine Wange ihren Lippen, doch sie wollte
sie nicht berühren. Sie sagte, es werde ihr zu eng, wenn ich mich über ihr Bett lehne, und verlangte wieder Wasser.
Als ich sie niederlegte -- denn ich hatte sie aufgerichtet und mit meinem Arm unterstützt, während sie trank – bedeckte ich ihre eiskalte und feuchte Hand mit der meinen – die schwachen Finger zuckten vor meiner Berührung zurück -- die gläsernen Augen mieden meinen Blick.
"So lieben oder hassen Sie mich, wie Sie wollen,"
sagte ich endlich; "Sie haben meine volle und freie Verzeihung: bitten Sie jetzt Gott um Vergebung, und sein Sie in Frieden."
Armes, leidendes Weib! Es war jetzt zu spät, ihre
gewohnte Gemüthsstimmung zu verändern: im Leben hatte
sie mich stets gehaßt -- sie mußte mich auch noch im Sterben hassen.
Jetzt trat die Wärterin ein, und Bessie folgte ihr. Ich
verweilte noch eine halbe Stunde länger, da ich ein Zeichen der Freundschaft zu sehen hoffte; doch gab sie keins zu erkennen.
Sie versank bald wieder in ihre Erstarrung und ihr Geist sammelte sich nicht wieder. Um zwölf Uhr in der
Nacht starb sie. Ich war nicht zugegen, um ihr die Augen zu schließen, und auch keine ihrer Töchter. Man sagte uns am nächsten Morgen, daß Alles vorüber sei. Sie war jetzt schon eingekleidet. Elise und ich gingen, um sie anzusehen.
Georgine, die in ein lautes Weinen ausbrach, sagte, sie
habe nicht den Muth zu gehen. Da lag Sara Reed's einst
so rüstige und thätige Gestalt starr und still ausgestreckt:
ihr gläsernes Auge war mit dem kalten Augenlide bedeckt,
und ihre Stirn und ihre starken Züge zeigten noch den Ausdruck
ihrer unerbittlichen Seele. Diese Leiche war für mich
ein schrecklicher und feierlicher Gegenstand. Ich sah ihn mit
Schmerz und düsterem Brüten an: er flößte mir nichts
Sanftes, nichts Liebliches, nichts Mitleidiges oder Hoffnungsvolles
ein, nur eine qualvolle Angst wegen ihres
Leidens -- nicht wegen meines Verlustes -- und ein
düsteres, thränenloses Entsetzen bei dem Tode in dieser
Gestalt.
Elise betrachtete ihre Mutter ruhig. Nach einem Schweigen
von einigen Minuten machte sie die Bemerkung:
"Bei ihrer Constitution hätte sie ein hohes Alter erreichen
sollen: ihr Leben wurde durch Sorgen abgekürzt."
Dann wurde ihr Mund auf einen Augenblick von einem
Krampf zusammengezogen; als dies vorüber war, wendete
sie sich um und verließ das Zimmer. Ich folgte ihr, und
keine von uns Beiden hatte eine Thräne vergossen.

Siebentes Kapitel.

Herr Rochester hatte mir nur auf eine Woche Urlaub
gegeben; doch es verging ein Monat, ehe ich Gateshead
verließ. Ich wünschte gleich nach dem Leichenbegängnis zu gehen; aber Georgine hat mich dazubleiben, bis sie nach London gehen könne, wohin sie jetzt endlich von ihrem Oheim, dem Herrn Gibson, eingeladen wurde, der nach Gateshead gekommen war, um das Begräbniß seiner Schwester zu beaufsichtigen und die Familienangelegenheiten zu ordnen. Georgine sagte, sie fürchte, mit Elise allein zu bleiben, denn von ihr könne sie weder Mitgefühl bei ihrer Niedergeschlagenheit, Unterstützung bei ihrer Furcht, noch Hülfe bei ihren Vorbereitungen erhalten; so ertrug ich denn ihre schwachen und selbstsüchtigen Klagen, so gut ich konnte, und that mein Möglichstes, indem ich für sie nähte und ihre Kleider einpackte.
Freilich ging sie müßig, während ich arbeitete, und ich
dachte bei mir selber:
"Wenn wir bestimmt wären, beständig mit einander zu
leben, Cousine, so müßten wir andere Anordnungen treffen.
Ich würde mich nicht so ruhig dazu entschließen, der duldende Theil zu sein, sondern Dir auch Deinen Antheil der Arbeit anweisen und Dich zwingen, ihn zu vollenden, sonst müßte er ungethan bleiben; ich würde auch darauf dringen, daß Du diese übertriebenen und nichtigen Klagen in Deine Brust verschlössest. Nur weil unsere Verbindung sehr kurz ist, und in eine besonders schmerzliche Zeit fällt, willige ich ein, mich so geduldig und nachgiebig zu zeigen.
Endlich sah ich Georgine abreisen; aber jetzt hat mich
Elise, noch eine Woche dazubleiben. Ihre Pläne nähmen
alle ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch, sagte sie.
Sie war im Begriff, zu einem unbekannten Ziel abzureisen, und brachte den Tag bei verschlossener Thür in ihrem Zimmer zu, wo sie Schränke ausleerte, Koffer füllte, Papiere verbrannte, und mit Niemandem verkehrte. Sie hat mich, nach dem Hause zu sehen, Besuche zu empfangen und Condolenzbriefe zu beantworten.
Eines Morgens sagte sie mir, jetzt sei ich frei.
"Ich bin Ihnen für Ihre schätzbaren Dienste und Ihr
kluges Benehmen verbunden," fügte sie hinzu. "Es ist ein
Unterschied, mit einer solchen Person, wie Sie sind, oder
mit Georginen zu leben: Sie verrichten Ihre Aufgabe im
Leben selbst und belästigen Niemand. Morgen reise ich ab,
um auf das Festland zu gehen. Ich werde meinen Aufenthalt
in einem religiösen Hause in der Nähe von Lille
nehmen -- Sie würden es ein Nonnenkloster nennen --
dort werde ich ruhig und unbelästigt sein. Ich werde mich
eine Zeitlang mit der Prüfung der römisch - katholischen
Dogmen, und mit einem sorgfältigen Studium der Wirkungen
dieses Systems beschäftigen; wenn ich finde, wie ich
fast vermuthe, daß dieser Glaube am besten geeignet ist,
Alles anständig und in der Ordnung zu thun, so werde ich
die Lehrsätze Noms annehmen, und wahrscheinlich Nonne
werden."
Ich zeigte kein Erstaunen über diesen Entschluß und
versuchte auch nicht, sie davon abzubringen.
"Der Beruf wird auf ein Haar für Dich passen," dachte
ich, und kann Dir sehr wohlthätig sein!"
Als wir Abschied von einander nahmen, sagte sie:
"Leben Sie wohl, Cousine Johanna Eyre; ich wünsche,
daß es Ihnen wohlgehen möge: Sie sind nicht ohne Verstand."
"Auch Ihnen fehlt es nicht daran, Cousine Elise," entgegnete ich; "aber ich vermuthe, daß Sie über's Jahr
lebendig in einem französischen Kloster eingemauert sein
werden. Indessen ist es nicht meine Sache, und wenn dieses Leben für Sie paßt, so liegt mir nicht viel daran."
"Sie haben Recht," sagte sie, und mich diesen Worten
ging Jede ihren besondern Weg. Da ich nicht Gelegenheit
haben werde, auf sie und ihre Schwester zurückzukommen,
wird es eben so gut sein, hier zu erwähnen, daß Georgine eine vortheilhafte Partie machte, und einen reichen,

aber abgelebten Weltmann heirathete. Elise nahm wirklich
den Schleier, und ist gegenwärtig Superiorin des Klosters,
wo sie ihr Noviziat zubrachte, und dem sie ihr Vermögen
vermachte.
Ich wußte nicht, wie es den Leuten ist, wenn sie nach
einer langen oder kurzen Abwesenheit in ihre Heimath zurückkehren:
ich hatte diese Empfindung nie erfahren. Ich
wußte wohl, was es hieß, als Kind nach einem weiten
Spaziergange nach Gateshead zurückzukehren -- gescholten
zu werden, weil ich kalt und finster aussah; und später,
was es hieß, aus der Kirche nach Lowood mit dem Verlangen nach einer reichlichen Mahlzeit und einem guten Feuer zurückzukehren, ohne jedoch Beides erlangen, zu können.
Eine solche Rückkehr war weder sehr angenehm noch sehr wünschenswerth: kein Magnet zog mich zu einem bestimmten Punkte hin und nahm an Kraft zu, so wie ich mich näherte. Von welcher Art die Rückkehr nach Thornfield sein werde, war noch zu versuchen.
Meine Reise schien langweilig -- sehr langweilig: an
dem einen Tage mußte ich fünfzig Meilen zurücklegen, eine
Nacht im Gasthofe zubringen, und den andern Tag wieder
fünfzig Meilen machen. Während der ersten zwölf Stunden
dachte ich an Mistreß Reed in ihren letzten Augenblicken:
ich sah ihr entstelltes und entfärbtes Gesicht, und hörte
ihre seltsam veränderte Stimme. Ich dachte über den Tag
des Leichenbegängnisses nach, den Sarg, den Leichenwagen,
den schwarzen Zug von Pächtern und Dienern, die geringe
Anzahl der Verwandten, das offene Gewölbe, die stille
Kirche und die feierliche Grabrede. Dann dachte ich an
Elise und Georgine: ich sah die eine als Königin des Ballsaales,
die andere als die Bewohnerin einer Klosterzelle,
und prüfte die Eigenthümlichkeiten der Person und des
Charakters Beider. Die Ankunft in der großen Start M.
am Abend verscheuchte diese Gedanken; die Nacht gab ihnen
eine ganz andere Richtung: ich legte mich zu Bette und
vertauschte die Erinnerung mit der Erwartung.
Ich war auf dem Rückwege nach Thornfield, aber wie
lange konnte ich dort bleiben? Nicht lange, davon hielt ich
mich überzeugt. Ich hatte während meiner Abwesenheit von

Mistreß Fairfax erfahren, daß die Gesellschaft die Halle verlassen, Herr Rochester vor drei Wochen nach London gegangen sei, und erst in vierzehn Tagen zurückerwartet werde.
Mistreß Fairfax vermuthete, er sei dorthin gegangen, um
Anordnungen zu seiner Hochzeit zu treffen, da er davon gesprochen, er wolle einen neuen Wagen kaufen. Der Gedanke, daß er Miß Ingram heirathen wolle, scheine ihr noch
immer seltsam; aber nach dem, was Jeder sage, und was
sie selber gesehen, könne sie nicht länger zweifeln, daß das Ereigniß bald stattfinden werde.
"Man müßte sehr ungläubig sein, wenn man daran
zweifeln wollte," war die Bemerkung, die ich bei mir selber
machte. "Ich zweifle nicht daran."
Die nächste Frage war, wohin ich gehen solle. Es
träumte mir die ganze Nacht von Miß Ingram: in einem
lebhaften Morgentraum sah ich, wie sie die Thore von Thornfield vor mir verschloß und mir einen andern Weg andeutete.
Herr Rochester stand mit übereinandergeschlagenen Arme
da und sah uns Beide, wie es schien, mit sarkastischem
Lächeln an.
Ich hatte Mistreß Fairfax nicht genau den Tag meiner
Rückkehr bestimmt, denn ich wünschte nicht, daß in Millcote
ein Wagen auf mich warten solle. Ich beabsichtigte, den
Weg ganz ruhig allein und zu Fuß zurückzulegen, und nachdem
ich meinen Koffer dem Hausknecht anvertraut, entfernte
ich mich ganz still um sechs Uhr an einem Juniusabend aus
George Inn, und schlug den bekannten Weg nach Thornfield
ein, der größtentheils durch Felder führte und jetzt
wenig besucht war.
Es war kein heiterer oder glänzender Sommerabend,
obgleich milde und still; auf dem ganzen Wege war man
mit dem Heu beschäftigt, und der Himmel, obgleich durchaus
nicht wolkenlos, verhieß für die Folge gutes Wetter: wo das
Blau zu sehen war, zeigte es sich milde und klar, und die
Wolkenschicht war hoch und durchsichtig. Im Westen zeigte
sich kein kalter wässeriger Schimmer -- es schien, als brenne dort ein Feuer, als wäre ein Alter angezündet hinter einem Schirm von marmorirten Dunstwolken, und durch die Oeffnungen schien eine goldene Röthe.

Ich war froh, als der Weg vor mir sich verkürzte: so
froh, daß ich einmal stillstand, um mich zu fragen, was
diese Freude bedeute, und mich zu erinnern, daß ich nicht zu meiner Heimath, nicht zu einem dauernden Aufenthaltsorte,
noch zu einem Platze gehe, wo zärtliche Freunde nach mir
aussahen und meine Ankunft erwarteten.
"Mistreß Fairfax wird Dir beim Willkommen gewiß
ruhig entgegenlächeln," sagte ich, "und die kleine Adele in
die Hände klatschen und Dir entgegenspringen; aber Du weißt
sehr wohl, daß Du an einen Andern denkst, als an sie --
und dieser Andere denkt nicht an Dich."
Doch was ist so halsstarrig, wie die Jugend? Was so
blind, wie die Unerfahrenheit? Diese versicherten mir, daß
es schon Vergnügen genug sei, das Vorrecht zu haben, Herrn
Rochester ansehen zu dürfen, mochte er nun mich ansehen
oder nicht, und sie fügte hinzu:
"Eile! eile! sei bei ihm, so lange Du kannst: in wenigen
Tagen oder höchstens Wochen wirst Du auf immer von
ihm getrennt sein!"
Und dann erstickte ich eine neugeborne Seelenqual -- ein
mißgestaltetes Geschöpf, welches anzuerkennen und aufzuerziehen ich mich nicht überreden konnte -- und eilte weiter.
Auf den Wiesen von Thornfield sind die Arbeiter auch
mit Heumachen beschäftigt, oder vielmehr stellen sie eben ihre Arbeit ein, und kehren, ihre Rechen auf den Schultern,
nach Hause zurück. Ich habe nur noch ein oder zwei Felder
zu überschreiten, und dann werde ich über den Weg gehen,
und die Thore erreichen. Wie voll Rosen die Hecken sind!
Aber ich habe keine Zeit eine zu pflücken; ich muß im Hause
sein. Ich gehe an einem hohen Dornstrauche vorüber, der
seine belaubten und blühenden Zweige über den Weg ausbreitet;
ich sehe den schmalen Steg mit den steinernen Stufen,
und ich sehe Herrn Rochester, ein Buch und einen Bleistift
in der Hand, dasitzen und schreiben.
Nein, es ist nicht sein Geist; doch jeder Nerv an mir ist
abgespannt und auf einen Augenblick habe ich die Herrschaft
über mich verloren. Was soll dies bedeuten? Ich dachte
nicht, daß ich so zittern würde, wenn ich ihn sähe -- oder
meine Stimme und die Kraft, mich zu bewegen, in seiner
Gegenwart verlieren könnte. Ich will zurückkehren, sobald
ich mich regen kann; ich will nicht völlig zur Närrin werden.
Ich weiß noch einen andern Weg zum Hause. Es würde
aber nicht nützen, wenn ich auch zwanzig Wege wüßte, denn
er hat mich gesehen.
"Heda!" ruft er, und steckt Buch und Bleistift ein. "Da
sind Sie ja! Kommen Sie näher, wenn's gefällig ist."
Ich denke, ich nähere mich ihm, doch weiß ich nicht, auf
welche Weise es geschieht, da ich mir kaum meiner Bewegungen bewußt bin, und nur den Wunsch hege, ruhig zu
erscheinen, und vor allen Dingen die arbeitenden Muskeln
meines Gesichts zu beherrschen, die sich, wie ich fühle, auf unverschämte Weise gegen meinen Willen empören und das
auszudrücken streben, was ich zu verbergen beschlossen habe.
Aber ich habe einen Schleier -- so, er ist herunter, und es
ist noch möglich, mich mit anständiger Fassung zu betragen.
"Und dies ist Johanna Eyre? Kommen Sie von Millcote, und zwar zu Fuß? Ja -- das ist einer von Ihren Streichen: nicht nach einem Wagen zu schicken, und wie ein gewöhnlicher Sterblicher über Straßen und Wege dahinzurasseln, sondern sich in die Nähe Ihrer Heimath bei beginnender Dämmerung zu schleichen, als wären Sie, ein Traum oder ein Schatten. Was, zum Henker, haben Sie diesen letzten Monat getrieben?"
"Ich bin bei meiner Tante gewesen, welche gestorben ist,
mein Herr."
"Eine Antwort, wie sie sich von Ihnen erwarten ließ!
Alle guten Engel mögen mich schützen! Sie kommt aus der
andern Welt -- von dem Aufenthaltsorte der Todten, und
sagt es nur, wenn sie mir hier allein in der Dämmerung
begegnet! Wenn ich es wagte, würde ich Sie berühren, um
zu sehen, ob Sie von festem Stoffe sind, oder ein Schatten,
Sie Elfe! -- Aber eben so gut könnte ich ein Irrlicht auf
der sumpfigen Wiese erhaschen wollen. Einen ganzen Monat
von mir entfernt zu bleiben! Und ich wette, Sie haben mich
gänzlich vergessen!"
Ich hatte gewußt, daß es eine Freude sein werde, meinen
Herrn wiederzusehen, auch wenn sie durch die Furcht
unterbrochen wurde, daß er bald aufhören werde, mein Herr zu sein, so wie durch das Bewußtsein, daß ich ihm Nichts
sei; doch lag immer in Herrn Rochester -- wenigstens war
es mir so -- eine so reiche Macht, Glück mitzutheilen, daß
es schon ein köstliches Mahl war, die Krumen zu kosten, die
er einem fremden Vogel hinwarf, wie ich war. Seine letzten
Worte waren Balsam für mich, denn sie schienen anzudeuten,
daß es ihm wichtig sei, ob ich ihn vergesse oder nicht. Und
er hatte von Thornfield wie von meiner Heimath gesprochen -- o! wäre es nur meine Heimath.
Er verließ den Steg nicht, und ich wollte ihn nicht bitten, mich durchzulassen. Gleich darauf fragte ich ihn, ob er nicht in London gewesen.
"Ja, vermuthlich haben Sie das durch Ihr doppeltes
Gesicht herausgebracht."
"Mistreß Fairfax schrieb es mir in einem Briefe."
"Sagte sie Ihnen auch, was ich dort gewollt?"
"Ei ja, Herr! Jedermann weiß Ihr Geschäft."
"Sie müssen den Wagen sehen, Johanna, und mir sagen,
ob Sie nicht glauben, daß er vollkommen für Mistreß Rochester
passen werde, und ob sie nicht wie die Königin Boadicea
aussehen wird, wenn sie sich auf diese purpurnen Kissen
zurücklehnt. Ich wollte, Johanna, mein Aeußeres wäre
etwas besser geeignet, mich mit ihr zu verbinden. Sagen
Sie mir, kleine Fee -- können Sie mir nicht einen Zauber,
einen Trank oder dergleichen geben, um einen schönen Mann
aus mir zu machen?"
"Das geht über die Macht der Zauberei, mein Herr,"
sagte ich, und fügte dann bei mir selber hinzu: "Ein liebendes Auge ist aller Zauber, welcher möglich ist: für ein solches sind Sie schön genug, oder vielmehr hat ihre Strenge eine Macht, die über die Schönheit hinausgeht."
Herr Rochester hatte zuweilen meine unausgesprochenen
Gedanken mit einer unbegreiflichen Schärfe errathen: im gegenwärtigen Falle achtete er nicht auf meine abgebrochene
laute Antwort, sah mich aber mit einem gewissen eigenthümlichen Lächeln an, welches er nur selten anwendete.
Er schien es für gewöhnliche Zwecke für zu gut zu halten:
es war der wahre Sonnenschein des Gefühls, und er goß
es jetzt über mich aus.
"Gehen Sie nun vorüber, Johanna," sagte er zu mir,
indem er mir Platz machte, den Steg zu überschreiten, gehen
Sie nach Hause und ruhen Ihre müden, wandernden kleinen Füße auf der Schwelle eines Freundes aus."
Alles, was ich jetzt zu thun hatte, war, ihm schweigend
zu gehorchen, und es war nicht nöthig für mich, weiter zu
reden. Ich überschritt den Steg, ohne ein Wort zu sagen,
und beabsichtigte, ihn ruhig zu verlassen. Ein Impuls
hielt mich fest -- eine Macht wendete mich um, und ich
sagte -- oder vielmehr etwas in mir sagte ohne meinen
Willen:
"Ich danke Ihnen für Ihre große Güte, Herr Rochester.
Ich bin äußerst froh, zu Ihnen zurückzukehren, und wo
Sie sind, da ist meine Heimath -- meine einzige Heimath."

Ich ging so rasch weiter, daß er mich kaum hätte einholen können, wenn er es auch versucht. Die kleine Adele war fast wild vor Entzücken, als sie mich sah. Mistreß
Fairfax empfing mich mit ihrer gewohnten einfachen Freundlichkeit.
Lea lächelte, und selbst Sophie wünschte mir freudig guten Abend. Dies war sehr angenehm: kein Glück
gleicht dem, von seinen Mitgeschöpfen geliebt zu werden,
und zu fühlen, daß unsere Gegenwart ihr Wohl erhöht.
An dem Abend schloß ich meine Augen absichtlich vor
der Zukunft: ich verstopfte meine Ohren vor der Stimme,
die mich warnte vor der nahen Trennung und dem bevorstehenden
Kummer. Als der Thee vorbei war, und Mistreß
Fairfax ihr Strickzeug genommen, ich einen niedrigen Stuhl
an ihrer Seite eingenommen, und Adele dicht neben mir
auf dem Teppich kniete, und ein Gefühl der gegenseitigen
Zuneigung uns wie mit einem goldenen Friedensringe zu
umgeben schien, sprach ich ein schweigendes Gebet aus, daß
wir nicht bald oder weit getrennt werden möchten. Als
wir so dasaßen, trat Herr Rochester unangemeldet ein, sah
uns an und schien Vergnügen an dem Anblick einer so
freundschaftlichen Gruppe zu finden, und als er sagte, jetzt
werde die alte Dame froh sein, daß sie ihre Adoptivtochter
wieder habe, und hinzufügte, er sehe, Adele sei im Begriff,
ihre kleine englische Mama fast vor Liebe zu erdrücken, da
wagte ich fast zu hoffen, er werde uns auch nach seiner

Verheirathung irgendwo unter dem Schirm seines Schutzes
zusammen lassen, und uns nicht ganz von dem Sonnenschein seiner Gegenwart ausschließen.
Vierzehn Tage zweifelhafter Ruhe folgten auf meine
Rückkehr nach Thornfield Hall. Es wurde Nichts von der
Heirath des Herrn gesprochen, und ich sah keine Vorbereitungen zu diesem Ereigniß. Fast jeden Tag fragte ich Mistreß Fairfax, ob sie schon etwas Bestimmtes gehört habe, doch ihre Antwort war immer verneinend. Einmal habe
sie Herrn Rochester geradezu gefragt, wann er seine Braut
heimführen werde; aber er habe ihr nur mit einem Scherze
und einem seiner seltsamen Blicke geantwortet, so daß sie
nicht wisse, was sie daraus machen solle.
Eins überraschte mich besonders, und zwar, daß keine
wechselseitigen Besuche in Ingram Park und Thornfield
Hall stattfanden; freilich war der Ort zwanzig Meilen entfernt und lag an der Grenze einer andern Grafschaft; aber
was war diese Entfernung für einen glühenden Liebhaber?
Ein geübter und unermüdlicher Reiter, wie Herr Rochester,
hätte die Strecke in einem Vormittag zurücklegen können.
Ich begann, Hoffnungen zu nähren, wozu ich kein Recht
hatte: daß die Verbindung abgebrochen, daß das Gerücht
falsch gewesen; daß einer oder beide Theile ihren Sinn geändert.
Ich sah meines Herrn Gesicht an, um zu beobachten, ob es traurig oder zornig sei; aber ich wußte die Zeit nicht, wo ich es so gleichmäßig frei von Wolken oder zornigen Gefühlen gesehen. Wenn ich in den Augenblicken, die ich mit meiner Schülerin bei ihm zubrachte, niedergeschlagen und muthlos war, wurde er sogar heiter. Noch nie hatte er mich häufiger zu sich gerufen; noch nie war er dann freundlicher gegen mich gewesen -- und ach! nie hatte ich ihn so zärtlich geliebt.

Achtes Kapitel

Ein so glänzender Sommer schien über England: ein so
reiner Himmel und eine so strahlende Sonne begünstigte
selten in so langer Folge unser wogenumgürtetes Land. Es
war, als wäre eine Reihe italienischer Tage aus dem Süden
gekommen, gleich einem Volk prächtiger Zugvögel, um sich auf den Klippen Albions niederzulassen. Das Heu war herein; die Wiesen um Thornfield grün und kurz abgemäht, die Wege weiß und staubig; die Bäume in ihrer dunklen Blätterpracht, Hecke und Wald dicht belaubt, und bildeten einen schönen Gegensatz zu der sonnigen Farbe der zwischen ihnen liegenden Wiesen.
An einem Sommerabend war Adele mit der Sonne zu
Bette gegangen, denn sie hatte den halben Tag in Hay
Lane wilde Erdbeeren gesucht und war von der Anstrengung
ermüdet. Ich blieb bei ihr, bis sie eingeschlafen war, verließ sie dann und ging ins Freie.

Es war jetzt die lieblichste Stunde von den vier und
zwanzig: das glühende Feuer des Tages war erschöpft, und
der kühle Thau fiel auf die dürstende Ebene und den ausgedörrten Hügel. Wo die Sonne in einfacher Pracht --
befreit von dem Pomp der Wolken -- untergegangen war,
breitete sich ein feierlicher Purpurglanz aus, brannte mit
dem Licht eines rothen Juwels und der Flamme des
Schmelzofens an einem Punkte, auf einer Hügelspitze, und
breitete sich hoch und weit, sanft und sanfter über den halben Himmel ans. Der Osten hatte seinen eigenen Reiz in
seinem schönen tiefen Blau und seinen bescheidenen Edelstein in seinem aufgehenden einsamen Stern: bald sollte
auch der Mond kommen; aber noch war er unter dem
Horizont.
Ich ging eine Weile auf dem gepflasterten Wege auf
und ab; aber ein feiner, wohlbekannter Geruch -- der einer
Cigarre -- kam aus einem Fenster. Ich sah das Fenster
des Bibliothekzimmers ein wenig offen; ich wußte, daß ich
von dort beobachtet werden könne, und so ging ich in den
Garten. Kein Theil der Umgebung war mehr geschützt und glich mehr einem Eden; er war mit Bäumen und blühenden Blumen angefüllt: eine sehr hohe Mauer trennte ihn auf der einen Seite von dem Hofplatze; auf der andern schirmte ihn eine Hagebuchenhecke gegen den Rasenplatz.

Im Hintergrunde war ein verfallener Zaun, der ihn allein
von den einsamen Feldern trennte: ein gewundener Weg,
von Lorbeerbäumen eingefaßt und mit einem riesenhaften
wilden Kastanienbaum begrenzt, um dessen Fuß ein Sitz
angebracht war, führte zu dem Zaune hinunter. Hier
konnte man ungesehen wandeln. Während der liebliche
Thau fiel, während Stille herrschte, und die Dämmerung
zunahm, war es mir, als könnte ich ewig in solchem Schatten
verweilen, aber als ich durch die Blumenbeete am oberen Ende der Einzäunung ging, hielt mein Schritt an, bezaubert von dem Lichte, das der jetzt aufgehende Mond auf diese freiere Stelle warf -- noch immer hörte ich keinen Ton und sah nichts Lebendes, doch warnte mich wieder der frühere Duft.
Waldanemone, Jasmin, Levkoje und Rose haben längst ihr Abendopfer des Weihrauchs dargebracht: dieser neue Duft rührt weder von einem Strauch noch von einer Blume her; ich weiß es wohl -- es ist Herrn Rochester's Cigarre.
Ich sehe mich um und horche. Ich sehe Bäume, mit reifenden Früchten beladen. Ich höre eine Nachtigall, eine halbe Meile entfernt, im Walde schlagen, keine Gestalt, die sich bewegt, ist sichtbar, kein kommender Schritt hörbar, aber jener Duft nimmt zu: ich muß fliehen. Ich eile zu dem Pförtchen, welches zu dem Gewächshause führt, und sehe Herrn Rochester eintreten. Ich trete unter den Bogen, den der Epheu bildet; er wird nicht lange bleiben, sondern zurückkehren, woher er gekommen, und wenn ich still sitze, wird er mich nimmermehr sehen.
Aber nein -- der Abend ist für ihn so angenehm, wie für mich, und dieser alterthümliche Garten so anziehend.

Er schlendert umher, hebt bald die Aeste der Stachelbeerstaude auf, um die Früchte, so groß wie Pflaumen, womit er beladen, anzusehen; bald pflückt er eine reife Kirsche von der Mauer; bald neigt er sich zu einer Gruppe von Blumen, entweder um ihren Duft einzuhauchen oder die Thautropfen auf ihren Blättern zu bewundern. Ein großer Nachtfalter summt an mir vorüber und läßt sich auf eine Pflanze zu Herrn Rochester's Füßen nieder; er sieht ihn und beugt sich nieder, um ihn zu beobachten.
"Jetzt hat er den Rücken zu mir gewendet," dachte ich,
"und ist auch beschäftigt; wenn ich leise gehe, kann ich ihm vielleicht unbemerkt entschlüpfen."

Ich betrat den Rasen, damit mich das Krachen des Kiesweges nicht verrathen möchte: er stand unter den Beeten, nur einen oder zwei Schritte von der Stelle, wo ich vorüber mußte. Er schien sich mit dem Nachtfalter zu beschäftigen.
"Ich werde sehr gut vorüberkommen," dachte ich. Als ich seinen Schatten überschritt, den der eben aufgegangene
Mond weit über den Garten warf, sagte er ruhig und ohne
sich umzuwenden:
"Johanna, kommen Sie und sehen diesen Kerl an."
Ich hatte kein Geräusch gemacht: er hatte doch hinten
keine Augen -- konnte denn sein Schatten fühlen? Ich
stutzte Anfangs und näherte mich ihm dann.
"Sehen Sie nur seine Flügel," sagte er, "er erinnert mich an ein westindisches Insekt; man sieht nicht oft einen so großen und bunten Nachtfalter in England. Da fliegt er hin."
Der Nachtfalter summte weiter und ich wollte mich auch
furchtsam zurückziehen, aber Herr Rochester folgte mir und
sagte, als wir das Pförtchen erreichten:
"Kehren Sie um; es ist Schade, an einem so lieblichen
Abend im Hause zu sitzen, und gewiß kann Niemand wünschen,
zu Bette zu gehen, da der Untergang der Sonne und
der Aufgang des Mondes so kurz auf einander folgen."
Es ist einer meiner Fehler, daß ich zu Zeiten keinen
Vorwand finden kann, obgleich meine Zunge zuweilen rasch
mit der Antwort bei der Hand ist, und immer fällt dieser
Fehler in eine Krisis, wo ein leichtes Wort oder ein einleuchtender Vorwand mir besonders nöthig ist, um aus einer schmerzlichen Verlegenheit zu kommen.
Ich wollte zu dieser Stunde nicht gern mit Herrn Rochester allein in dem schattigen Garten gehen, aber ich konnte
keinen Grund finden, ihn zu verlassen. Ich folgte ihm mit
mattem Schritte und war lebhaft bemüht, ein Mittel zu finden, mich von ihm los zu machen; doch er selber sah so
gefaßt und ernst ans, daß ich mich schämte, Verlegenheit zu
empfinden: das Nebel -- wenn ein Nebel vorhanden oder
zu erwarten war -- schien nur in mir zu liegen, denn sein
Geist war unbefangen und ruhig.
"Johanna," begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten und langsam auf den eingesunkenen Zaun und
den Kastanienbaum zu gingen, "Thornfield ist ein angenehmer Ort im Sommer, nicht wahr?"
"Ja, Herr."
"Sie müssen einigermaßen anhänglich an das Haus geworden sein, da Sie ein Auge für Naturschönheiten und viel
von dem Organ der Anhänglichkeit haben."
"Ich bin anhänglich an dasselbe," versetzte ich.
"Und obgleich ich nicht begreife, wie es zugeht, so scheinen Sie auch eine gewisse Neigung zu dem närrischen Kinde, der kleinen Adele, gefaßt zu haben, und selbst zu der simplen Frau Fairfax?"
"Ja, Herr, auf verschiedene Weise bin ich Beiden anhänglich."
Und es wird Ihnen leid sein, sich von ihnen zu trennen?"
"Ja."
"Es ist Schade," sagte er, seufzte und schwieg. "Dies
ist immer der Gang der Ereignisse im Leben," fuhr er sogleich fort", sobald Sie sich an einem angenehmen Orte niedergelassen haben, ruft Ihnen auch schon eine Stimme
zu, aufzustehen und weiterzugehen, denn die Stunde der
Ruhe ist vorüber."
"Muß ich weiter gehen, Herr?" fragte ich. "Muß ich Thornfield verlassen?"
"Ich glaube, Sie müssen es, Johanna. Es thut mir
leid, aber ich glaube in der That, daß Sie es müssen."
Dies war ein schwerer Schlag, doch ließ ich mich nicht
von ihm zu Boden schlagen.
"Nun, Herr, ich werde bereit sein, wenn der Befehl
zum Abmarsch gegeben wird."
"Es ist jetzt Zeit -- ich muß ihn diesen Abend noch
geben.
"So verheirathen Sie sich also, mein Herr?"
"Ganz richtig -- mit Ihrer gewöhnlichen Scharfsicht
haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen."
"Bald, Herr?"
"Sehr bald, meine -- wollte ich sagen Miß Eyre, und Sie werden sich erinnern, Johanna, als ich oder das Gerücht
Ihnen zum ersten Male deutlich zu verstehen gab; daß es
meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken unter das geheiligte Joch zu beugen, in den Stand der heiligen Ehe zu treten -- Miß Ingram an mein Herz zu drücken, kurz
-- sie ist ein tüchtiger Armvoll, doch das thut Nichts, von
einem so vortrefflichen Dinge, wie die schöne Blanca ist,
kann man nie zu viel haben --- nun, was ich sagen wollte
-- hören Sie mich an, Johanna! Sie drehen sich um, als
wollten Sie noch mehr Nachtfalter suchen. Dieser ist heimgeflogen, Kind. Ich wünsche, Sie möchten sich erinnern,
das: Sie es waren, die mir zuerst mit jener Besonnenheit,
die ich an Ihnen achte -- mit jener Vorsicht, Klugheit und
Demuth, welche Eigenschaften zu Ihrer verantwortlichen und
abhängigen Stellung passen -- sagte, daß, wenn ich Miss Ingram
heirathete, es besser wäre, wenn Sie und die kleine
Adele sich sogleich entfernten. Ich übersehe die Beleidigung,
die dadurch meiner Geliebten zugefügt wird; in der That,
Johanna, wenn Sie weit entfernt sind, will ich dieselbe vergessen,
und mich nur der Weisheit des Rathschlages erinnern,
die von der Art ist, daß ich es mir zum Gesetz gemacht
habe, darnach zu handeln. Adele muß in die Schule und
Sie, Miss Eyre, müssen eine neue Stelle haben."
"Ja, Herr, ich will sogleich eine Ankündigung machen;
und inzwischen vermuthe ich --". Ich hielt inne, da ich
fühlte, daß ich keinen langen Satz auszusprechen vermöge,
da ich meine Stimme nicht ganz in meiner Gewalt hatte;
ich wollte sagen, ich werde wohl dableiben können, bis sich
ein anderes Obdach für mich gefunden.
"Etwa in einem Monat hoffe ich Bräutigam zu sein,"
fuhr Herr Rochester fort; "und inzwischen werde ich mich
um Beschäftigung und eine Stelle für Sie bemühen."

"Ich danke Ihnen, mein Herr; es thut mir leid, Ihnen
so viel --"
"O! es ist unnöthig, sich zu entschuldigen! Wenn eine
Untergebene ihre Pflicht so gut gethan, wie Sie die Ihre,
so scheint es mir, als habe sie einen gewissen Anspruch an
den, der sie beschäftigt hat, ihr jeden kleinen Beistand zu
leisten, den er vermag; ich habe in der That bereits von
meiner künftigen Schwiegermutter von einer Stelle gehört,
die ich für passend halte: es handelt sich darum, die Erziehung der fünf Töchter der Mistreß Dionysius O'Gall von
Bitternutt Lodge bei Connaught in Irland zu übernehmen.
Ohne Zweifel lieben Sie Irland: es sind so warmherzige
Leute dort, sagt man."
"Die Entfernung ist sehr weit, mein Herr."
"Thut Nichts -- ein Mädchen von Ihrem Verstande wird
Nichts gegen die Reise oder die Entfernung einwenden --"
"Nichts gegen die Reise, aber gegen die Entfernung --
und dann trennt mich die See --"
"Wovon, Johanna?"
"Von England, von Thornfield und --"
"Nun?"
"Von Ihnen, Herr."
Ich sagte dies fast unwillkürlich, und eben so wenig
freiwillig stürzten meine Thränen hervor. Ich weinte indessen nicht so laut, daß es zu hören war, und vermied das Schluchzen. Der Gedanke an Mistreß O'Gall und Bitternutt Lodge fiel mir kalt auf's Herz; und noch kälter der Gedanke an all das Seewasser und den Schaum, der bestimmt zu sein schien, zwischen mir und dem Herrn hinzurauschen, an dessen Seite ich jetzt ging; und am kältesten die Erinnerung, dass Reichthum, Rang und Herkommen als ein noch größerer Ocean zwischen mir und dem standen, den ich so natürlich und unvermeidlich lieben mußte.
"Es ist ein weiter Weg," sagte ich wieder.
"Freilich," entgegnete er, und wenn Sie nach Bitternutt
Lodge, bei Connaught in Irland, kommen, werde ich Sie
nie wiedersehen, Johanna, das ist so gut wie gewiß. Ich
werde nie nach Irland hinüber gehen, da ich selber das Land
nicht liebe. Wir sind gute Freunde gewesen, nicht wahr?"
"Ja, Herr."
"Und wenn Freunde im Begriff sind, sich zu trennen,
so bringen sie gern die noch übrige wenige Zeit nahe bei
einander zu. Kommen Sie -- wir wollen eine halbe Stunde
oder so ganz ruhig von der Reise und dem Abschied sprechen,
während die Sterne dort am Himmel glänzend hervortreten:
hier ist der Kastanienbaum, und hier die Dank an seiner
alten Wurzel. Kommen Sie, wir wollen uns hier diesen
Abend in Frieden niedersetzen, und sollten wir auch nicht
mehr bestimmt sein, dort bei einander zu sitzen."
Wir setzten uns nieder.
"Es ist ein weiter Weg nach Irland, Hannchen, und es
thut mir leid, meine kleine Freundin auf eine so weite Reise senden zu müssen; aber da es nicht besser zu machen ist, wie kann man helfen? Meinen Sie nicht, Johanna, daß Sie mir auf irgend eine Weise ähnlich sind?"

Ich konnte jetzt keine Antwort wagen, denn mein Herz war voll.

"Zuweilen habe ich ein seltsames Gefühl für Sie,"
sagte er, "besonders wenn Sie in der Nähe sind, wie jetzt:
es ist, als hätte ich unter meinen linken Rippen eine Saite, die fest und unauflöslich mit einer ähnlichen Saite an einer entsprechenden Stelle Ihrer kleinen Gestalt verbunden ist.
Und wenn jener stürmische Kanal und zwei hundert Meilen
Land zwischen uns liegen, so fürchte ich, daß dies Verbindungsband zerreißen möge, und dann fürchte ich das innere Bluten. Sie würden mich freilich bald vergessen."
"Das würde ich nimmer, mein Herr: Sie wissen wohl --"
Es war mir unmöglich fortzufahren.
"Johanna, hören Sie die Nachtigall im Walde singen? --
Horchen Sie!"
Indem ich horchte, schluchtze ich krampfhaft, denn ich
konnte nicht mehr unterdrücken, was ich erduldete; ich war
genöthigt, nachzugeben, und wurde vom Kopf bis zu den
Füßen von tiefem Schmerz geschüttelt. Als ich wieder
sprach, war es nur, einen stürmischen Wunsch auszusprechen,
daß ich nie geboren, oder nie nach Thornfield gekommen sein
möchte.
"Weil es ihnen so leid ist, es verlassen zu müssen?"

Die Heftigkeit der durch Kummer und Liebe in mir angeregten Bewegung forderte die Herrschaft und rang nach derselben, und indem sie dieses Recht behauptete, wollte sie
überwinden, leben, bis zuletzt herrschen und auch reden.

"Es thut mir leid, Thornfield zu verlassen: ich liebe Thornfield -- ich liebe es, weil ich dort ein vollkommenes und freudiges Leben -- wenigstens für den Augenblick, geführt. Man hat mich nicht mit Füßen getreten. Ich bin
nicht versteinert worden. Man hat mich nicht mit untergeordneten Geistern begraben, und mich nicht von jedem
Verkehr mit geistreichen, kräftigen und erhabenen Wesen
ausgeschlossen. Ich habe von Angesicht zu Angesicht mit
dem geredet, was ich verehre, woran ich Freude empfinde --
mit einem originellen, kräftigen und umfassenden Geiste.
Ich habe Sie kennen gelernt, Herr Rochester, und es verursacht mir der Gedanke Schrecken und Qual, daß ich auf
immer von Ihnen gerissen werden soll. Ich sehe die Nothwendigkeit der Abreise ein, und sie gleicht der Nothwendigkeit des Todes."
"Wo sehen Sie die Nothwendigkeit?" fragte er plötzlich.
"Wo? Sie haben mir dieselbe ja vor Augen gestellt,
mein Herr."
"In welcher Gestalt?"
"In der Gestalt der Miß Ingram -- eines edlen und
schönen Frauenzimmers -- ihrer Braut."
"Meiner Braut! Welcher Braut? Ich habe keine Braut!"
"Aber Sie werden eine haben."
"Ja -- ich werde -- ich werde!"
Und er biß seine Zähne zusammen.
"Dann muß ich gehen -- Sie haben es selbst gesagt."
"Nein, Sie müssen bleiben! ich schwöre es -- und der
Eid soll gehalten werden."

"Ich sage Ihnen, ich muß gehen! entgegnete ich, fast
bis zur Leidenschaft aufgeregt. "Denken Sie, ich könne dableiben, um Nichts für Sie zu sein? Glauben Sie, ich sei
ein Automat -- eine Maschine ohne Gefühl -- und könne
es ertragen, wenn mir mein Stück Brod von den Lippen
gerissen, und mein Tropfen lebendigen Wassers aus dem
Becher geschlendert wird? Glauben Sie, weil ich arm, ohne
Verbindungen, einfach und klein bin, das ich darum weder
Seele noch Herz habe? -- Sie denken unrecht! -- Ich habe
so viel Seele, wie Sie und eben so viel Herz! Und wenn
Gott mich mit einiger Schönheit und vielem Reichthum begabt hätte, so sollte es Ihnen eben so schwer werden, mich zu verlassen, wie es mir jetzt wird, Sie zu verlassen. Ich
rede jetzt nicht nach Sitte und Herkommen, noch auch vermöge des menschlichen Fleisches zu Ihnen -- nein, es ist
mein Geist, der Ihren Geist anredet; gerade als wenn wir
Beide schon durch die schwarze Pforte des Grabes gegangen wären, und gleich, wie wir sind, zu Gottes Füßen ständen."

"Wie wir sind!" wiederholte Herr Rochester -- "so," fügte er hinzu, mich in seine Arme schließend, und seine Lippen auf die meinigen drückend, "so, Johanna!"

"Ja, so, Herr," versetzte ich, "und doch nicht so; denn Sie sind ein verheiratheter Mann -- oder doch so gut wie verheirathet, und zwar an eine, die Ihnen untergeordnet ist -- für die Sie keine Sympathie empfinden die Sie nicht wahrhaft lieben, wie ich glaube; denn ich habe gesehen und gehört, wie Sie ihrer spotteten. Ich würde eine solche Verbindung mit Verachtung zurückweisen, darum bin ich besser als Sie -- lassen Sie mich gehen."
"Wohin, Johanna? nach Irland?"
"Ja -- nach Irland. Ich habe meine Gesinnung ausgesprochen, und kann jetzt überall hingehen."
"Sein Sie ruhig, Johanna; kämpfen Sie nicht wie ein wilder, wüthener Vogel, der in seiner Verzweiflung sein eigenes Gefieder zerreist."
"Ich bin kein Vogel, und in keinem Netz gefangen: ich
bin ein freies menschliches Wesen mit unabhängigem Willen,
den ich jetzt anwende, um Sie zu verlassen."
Eine zweite Anstrengung machte mich frei, und ich stand
gerade vor ihm.

"Und Ihr Wille soll Ihr Geschick entscheiden," sagte er.

"Ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz und einen Antheil
an allen meinen Besitzungen an."

"Sie spielen eine Posse, worüber ich nur lachen kann."

"Ich fordere Sie auf, an meiner Seite durch's Leben zu gehen -- mein zweites Ich und meine beste irdische Genossin
zu sein."

"Sie haben bereits Ihre Wahl getroffen und müssen dabei bleiben."

"Johanna, schweigen Sie nur wenige Augenblicke; Sie sind zu sehr aufgeregt: auch ich will schweigen."

Ein Windstoß kam den Lorbeerngang daher und bebte durch die Zweige des Kastanienbaumes, wanderte weiter
und weiter zu unendlicher Ferne und erstarb dann. Der
Gesang der Nachtigall war die einzige Stimme zu jener
Stunde: indem ich darauf horchte, weinte ich wieder. Herr
Rochester saß still da und sah mich milde und ernsthaft an.
Einige Zeit verging, ehe er sprach.
"Kommen Sie an meine Seite, Johanna," sagte er endlich,
"damit wir uns mit einander verständigen."
"Ich will nie wieder an Ihre Seite kommen: ich bin
jetzt hinweggerissen und kann nicht zurückkehren."
"Aber, Johanna, ich fordere Sie als mein Weib: nur
Sie beabsichtige ich zu heirathen."
Ich schwieg und dachte, er spotte meiner.
"Kommen Sie, Johanna -- kommen Sie hierher."
"Ihre Braut steht zwischen uns."
Er stand auf und erreichte mich mit einem Schritt.
"Meine Braut ist hier," sagte er, mich wieder zu sich
ziehend, "sie ist Meinesgleichen und mein Ebenbild. Johanna, wollen Sie mich heirathen?"
Noch immer antwortete ich nicht und suchte mich aus
seinen Händen loszumachen, denn ich war noch immer
ungläubig.
"Zweifeln Sie an mir, Johanna?
"Durchaus."
"Sie haben kein Vertrauen zu mir?"
"Nicht das geringste."
"Bin ich ein Lügner in Ihren Augen? fragte er leidenschaftlich.
"Kleine Zweiflerin, Sie sollen überzeugt werden. Welche Liebe hege ich zu Miß Ingram? Keine -- das wissen Sie wohl. Welche Lebe hegt sie zu mir? Keine, was ich mir die Mühe gegeben habe, zu beweisen. Ich ließ ein Gerücht zu ihr gelangen, daß mein Vermögen nicht den dritten Theil so groß sei, als man vermuthet hatte, und darauf stellte ich mich der Familie dar, um den Erfolg zu sehen, und wurde von ihr und ihrer Mutter mit Kälte empfangen. Ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie -- Sie seltsames -- fast überirdisches Wesen -- liebe ich wie mein eigenes Fleisch. Sie -- arm und verlassen, klein und einfach, wie Sie sind
-- bitte ich, mich als Ihren Gatten anzunehmen."
"Was! mich!" rief ich, denn sein Ernst und besonders
seine Unhöflichkeit machte, daß ich an seine Aufrichtigkeit
glaubte, "mich, die ich keinen Freund in der Welt habe, als
Sie -- wenn Sie mein Freund sind -- keinen Schilling,
als was Sie mir gegeben haben?"
"Ja, Sie, Johanna. Sie müssen die Meine sein --
ganz die Meine. Wollen Sie es? Sagen Sie schnell ja."
"Herr Rochester, lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen:
wenden Sie sich zum Mondlicht."
"Warum?"
"Weil ich in Ihrem Gesichte lesen möchte. Wenden Sie
sich um!"
"Nun; Sie werden es schwerlich lesbarer finden, als ein zerdrücktes und besudeltes Blatt. Lesen Sie: nur müssen Sie eilen, denn ich leide."
Sein Gesicht war sehr aufgeregt und sehr geröthet, seine
Züge arbeiteten heftig, und ein seltsamer Glanz strahlte aus seinen Augen."
"O Johanna, Sie quälen mich!" rief er. "Sie quälen
mich mit diesem forschenden und doch getreuen und edlen
Blicke!"
"Wie kann ich das thun? Wenn Sie die Wahrheit reden
und Ihr Anerbieten ernstlich gemeint ist, so können
meine einzigen Gefühle für Sie nur Dankbarkeit und Hingebung
sein -- ich kann Sie nicht quälen."
"Dankbarkeit!" rief er, und fügte dann mild hinzu,
"Johanna, nimm mich schnell an. Sage, Eduard -- gib
mir meinen Namen -- sage, Eduard, ich will die Deine
sein."
"Reden Sie im Ernst? -- Lieben Sie mich wirklich?
-- Wünschen Sie aufrichtig, daß ich Ihr Weib werde?"

Ja, und wenn ein Eid nöthig ist, um Dich zufrieden
zu stellen, so lege ich ihn jetzt ab."
"Dann, mein Herr, will ich die Ihre sein."
"Eduard heißt es -- meine kleine Braut!"
"Theurer Eduard!"
"Komm zu mir -- komm jetzt ganz zu mir," sagte er
und fügte im leisesten Tone, mir ins Ohr sprechend, hinzu,
indem er seine Wange an die meine legte: "Mache mich
glücklich -- ich will Dich glücklich machen."
"Gott verzeihe mir!" sagte er bald darauf; "und die
Menschen mögen sich nicht um mich kümmern, ich habe sie
und will sie festhalten."
"Es ist Niemand, der sich um uns kümmern sollte, mein
Herr. Ich habe keine Verwandten, die Einspruch thun
könnten."
"Nicht -- das ist das Beste von der Sache," sagte er.
Und wenn ich ihn weniger geliebt hätte, so würde ich seinen Ausdruck und Blick des Frohlockens für wild gehalten
haben; aber als ich neben ihm saß, aus dem schweren
Traume des Scheidens erweckt, und in ein Paradies der
Vereinigung gerufen, dachte ich nur an den Segen, der mir
so reichlich zuströmte. Wiederholt fragte er: "Bist du
glücklich, Johanna?" und wiederholt antwortete ich: "Ja."
Darauf murmelte er: "Dies wird die Sühne sein. Habe
ich sie nicht freundlos, kalt und trostlos gefunden? Will
ich sie nicht schützen, erfreuen und trösten? Ist nicht Liebe
in meinem Herzen und Beständigkeit in meinen Entschlüssen?
Dies wir Alles wieder gut machen vor Gottes Tribunal.
Ich weiß, mein Schöpfer billigt, was ich thue.
Das Urtheil der Welt gilt mir gleich. Der Meinung der
Menschen biete ich Trotz."
Aber was war an diesem Abend geschehen? Der Mond
war noch nicht unter, und wir saßen ganz im Schatten:
kaum konnte ich das Gesicht meines Herrn sehen, so nahe
ich ihm auch war. Und was war es mit dem Kastanienbaume?
Er stöhnte und seine Zweige bogen sich, während
der Wind in dem Lorbeergange rauschte und über uns
dahinfuhr
"Wir müssen hineingehen," sagte Herr Rochester", das

Wetter ändert sich. Ich hätte bis zum Morgen mit Dir
dasitzen können, Johanna."
"Und ich mit Dir," dachte ich. Vielleicht hätte ich es
ausgesprochen, doch es fuhr ein blauer und blendender Blitz
aus einer Wolke, die ich ansah, und dann folgte ein Krachen
und ein rasselnder Schlag, und ich dachte nur daran,
meine geblendeten Augen an Herrn Rochester's Schulter zu
verbergen. Der Regen rauschte nieder. Er eilte mit mir
den Gang hinauf, über den Platz ins Haus; aber wir waren
ganz naß, ehe wir die Schwelle erreichen konnten. Im
Vorsaale nahm er mir den Shawl ab und strich das Wasser
von meinen aufgelösten Haaren, als Mistreß Fairfax aus
ihrem Zimmer hervorkam. Anfangs bemerkte ich sie nicht,
sowie auch Herr Rochester nicht. Die Lampe war angezündet
und die Uhr auf den Schlag zwölf.
"Eile, Deine nassen Kleider abzulegen," sagte er, "und
ehe Du gehst, gute Nacht -- gute Nacht, mein Liebling!"
Er küßte mich wiederholt. Als ich aufblickte und mich
seinen Armen entzog, stand die Wittwe blass, ernsthaft und
erstaunt da. Ich lächelte ihr nur zu und eilte die Treppe
hinauf. Die Erklärung hat Zeit bis auf ein andermal,
dachte ich. Dennoch empfand ich, als ich mein Zimmer
erreichte, ein quälendes Gefühl bei dem Gedanken, das sie
auch nur auf eine kurze Zeit das Gesehene unrecht auslegen
könnte. Aber die Freude verdrängte bald jedes andere Gefühl; und so laut der Wind blies, so nahe und heftig der
Donner krachte, so blendend und heftig die Blitze leuchteten, so gewaltsam der Regen wie ein Wasserfall während des zwei Stunden dauernden Gewitters heruntergoß, empfand ich doch keine Furcht, und wurde nur wenig von der Naturerscheinung ergriffen. Herr Rochester kam während dieser Zeit dreimal an meine Thür, um zu fragen, ob ich wohl und ruhig sei, und das verlieh mir Trost und Stärke für Alles.
Ehe ich am nächsten Morgen mein Bett verließ, kam die kleine Adele hereingelaufen, um mir zu sagen, daß der
große Kastanienbaum am Ende des Gartens in der Nacht vom
Blitze getroffen worden und halb auseinandergespalten sei.

Neuntes Kapitel.

Als ich aufstand und mich ankleidete, dachte ich über das Geschehene nach, und es war mir, als sei es ein Traum gewesen. Ich konnte mich nicht von der Wirklichkeit überzeugen, bis ich Herrn Rochester wiedergesehen, und die Erneuerung der Worte der Liebe und der Versprechungen gehört.
Während ich mein Haar machte, betrachtete ich mein Gesicht im Spiegel und fühlte, daß es nicht mehr einfach sei: es lag Hoffnung in seinem Ausdruck, Leben in seiner
Farbe; und meine Augen erschienen, als hätten sie die
Quelle des Genusses gesehen und Strahlen von dem glänzenden Geriesel erborgt. Oft hatte ich meinen Herrn nicht gern angesehen, weil ich gefürchtet, es möchte ihm mein
Aussehen nicht gefallen; aber jetzt hielt ich mich überzeugt,
mein Gesicht erheben zu können, ohne durch den Ausdruck
desselben seine Zärtlichkeit abzukühlen. Ich nahm ein reines und leichtes Sommerkleid aus meiner Kommode und legte es an. Es schien mir, als habe mir nie ein Kleid so gut gestanden, weil ich nie eins in so wonnevoller Stimmung getragen.
Ich war nicht überrascht, als ich in den Vorsaal hinunterlief und bemerkte, daß ein glänzender Juliusmorgen
auf das Gewitter der Nacht gefolgt war, und ich durch die
offene Glasthür den frischen Hauch des duftigen Windes
fühlte. Die Natur mußte heiter sein, wenn ich glücklich
war. Eine Bettlerin mit ihrem kleinen Knaben -- beide bleich
und zerlumpt -- kamen den Weg herauf; ich lief ihnen entgegen, und gab ihnen alles Geld, welches ich in meiner
Börse hatte, und welches sich auf drei oder vier Schillinge belief: gut oder schlecht, sie mußten an meiner Wonne Theil
nehmen.
Die Dohlen krächzten, und die kleinen Vögel sangen;
aber Nichts war so heiter und musikalisch, wie mein eigenes
freudiges Herz.
Mistreß Fairfax überraschte mich, sah mit traurigem
Gesichte aus dem Fenster und sagte ernsthaft:
"Miß Eyre, wollen Sie zum Frühstück kommen?"
Während des Mahles war sie ruhig und kalt; aber ich konnte sie jetzt nicht enttäuschen. Ich mußte meinen Herrn erwarten, um mir Erklärungen zu geben, und so lange
mußte sie sich auch beruhigen. Ich aß, so viel ich konnte,
und eilte dann die Treppe hinauf; mir begegnete Adele, die
das Schulzimmer verließ.
"Wohin gehst Du? Es ist Zeit, den Unterricht zu beginnen."
"Herr Rochester hat mich in die Kinderstube geschickt."
"Wo ist er?"
"Da drinnen," antwortete sie, auf das Zimmer deutend,
welches sie verlassen hatte. Ich ging hinein, und da stand
er vor mir.
"Komm und sage mir guten Morgen," sagte er. Ich
eilte freudig auf ihn zu, denn ich erhielt nicht bloß ein kaltes
Wort oder einen Händedruck, sondern eine Umarmung
und einen Kuß. Es schien natürlich, so von ihm geliebt
und geliebkost zu werden.
"Johanna, Du siehst blühend, lächelnd und hübsch
aus," sagte er; "diesen Morgen bist Du wahrhaft schön.
Ist dies meine kleine blasse Elfe? Ist dies mein Senfsaamen?
Dies kleine Mädchen mit dem sonnigen Gesicht, mit dem Grübchen in den Wangen und den rosigen Lippen, dem
nußbraunen Seidenhaar und den nußbraunen glänzenden Augen?"
Ich hatte grünliche Augen, Leser, aber Du mußt den
Irrthum entschuldigen, denn ich glaube, für ihn hatten sie
eine neue Farbe angenommen.
"Es ist Johanna Eyre, mein Herr."
"Und bald Johanna Rochester," fügte er hinzu; "in
vier Wochen, Hannchen; keinen Tag länger: hörst Du
das?"
Ich hörte es und konnte es nicht ganz begreifen, denn
es machte mich schwindlig. Das Gefühl, welches diese
Ankündigung in mir erregte, war stärker, als es sich mit
der Freude vertrug -- es erschütterte und betäubte mich,
und fast empfand ich Furcht.
"Eben noch erröthetest Du, und jetzt bist Du blaß, Johanna:
weshalb?"
"Weil Sie mir einen neuen Namen beilegten: Johanna
Rochester. Es scheint mir so seltsam."
"Ja, Mistreß Rochester," sagte er, "die junge Mistreß
Rochester -- Fairfax Rochester's liebenswürdige Gattin."
"Es kann nimmer sein, mein Herr: es klingt nicht
wahrscheinlich. Menschliche Wesen erfreuen sich in dieser
Welt nie eines vollständigen Glückes. Ich wurde nicht zu
einer andern Bestimmung geboren, als die übrigen meines
Geschlechts; mir ein solches Loos zu denken, ist ein Feenmährchen -- ein Tagestraum."
"Den ich verwirklichen kann und will. Ich werde heute
beginnen. Diesen Morgen schrieb ich an meinen Banquier
in London, mir gewisse Juwelen zu schicken, die er in Verwahrung hat -- Erbstücke für die Damen von Thornfield.
In einem oder zwei Tagen hoffe ich sie in Deinen Schooß
zu schütten, denn jedes Vorrecht, jede Aufmerksamkeit soll
Dir zu Theil werden, die ich der Tochter eines Pairs bewilligen würde, wenn ich sie heirathen wollte."
"O Herr! denken Sie nicht an Juwelen! ich höre nicht
gern davon reden. Juwelen für Johanna Eyre klingt so
unnatürlich, so seltsam, und ich möchte sie lieber nicht
haben."
"Ich will selber die Diamantenschnur um Deinen Hals,
und das Diadem um Deine Stirn legen -- es wird Dir
gut stehen, denn wenigstens hat die Natur ihr Adelspatent
auf Deine Stirn geschrieben, Johanna. Ich will die Armbänder
um diese zarten Handgelenke legen, und diese Feenfinger
mit Ringen beladen."
"Nein, nein, Herr! denken Sie an etwas Anderes und
reden Sie von anderen Dingen und auf andere Weise.
Thun Sie nicht, als wäre ich eine Schönheit: ich bin Ihre
einfache quäkerähnliche Erzieherin."
"Du bist eine Schönheit in meinen Augen, eine Schönheit
gerade nach dem Wunsche meines Herzens -- zart
und ätherisch."
"Schwächlich und unbedeutend, wollen Sie sagen. Sie
träumen, Herr -- oder spotten meiner. Um Gotteswillen,
sein Sie nicht ironisch!"
"Die Welt soll Deine Schönheit auch anerkennen," fuhr
er fort, indem ich wirklich unruhig wurde bei dem Tone,
den er annahm, weil ich fühlte, daß er entweder sich täusche oder mich zu täuschen suche. "Ich will meine Johanna in Seide und Spitzen kleiden, sie soll Rosen im Haar haben, und ich will das Haupt, welches ich am meisten liebe, mit einem kostbaren Schleier bedecken."
"Und dann werden Sie mich nicht kennen, mein Herr,
und ich werde nicht mehr Ihre Johanna Eyre sein, sondern
ein Affe in einer Harlekinsjacke -- eine Elster mit geborgten Federn. Ebenso gern möchte ich Sie, Herr Rochester, in Schauspielertracht sehen, als mich in der Kleidung einer Hofdame. Ich nenne Sie nicht schön, mein Herr, obgleich ich Sie aufs Innigste liebe: viel zu innig, um Ihnen zu schmeicheln. Schmeicheln sie mir also auch nicht." Er setzte indeß diesen Gegenstand fort, ohne auf meine Bitte
zu achten.
"Noch heute will ich Dich im Wagen nach Millcote
mitnehmen, und Du mußt einige Kleider für Dich auswählen.
Ich sagte Dir ja, daß wir uns in vier Wochen verheirathen
wollen. Die Trauung soll dort unten in der
Kirche ganz in der Stille stattfinden, und dann will ich
Dich sogleich nach London mitnehmen. Wenn wir uns eine
kurze Zeit dort aufgehalten, will ich mein Kleinod zu Regionen führen, die der Sonne näher liegen zu französischen Weinbergen und italienischen Ebenen; und Du sollst Alles sehen, was in der alten und neuen Geschichte berühmt ist: Du sollst das Leben in den Städten kennen, und Dich selbst im Vergleich zu Andern schätzen lernen."
"Soll ich reisen? -- Und mit Ihnen, Herr?"
"Du sollst in Paris, in Rom und Neapel, in Florenz,
Venedig und Wien verweilen: Du sollst den Boden betreten,
den ich durchwandert; wo mein schwerer Tritt ertönt,
sollst Du auch Deinen Sylphidenfuß hinsetzen. Vor zehn
Jahren eilte ich halb wahnsinnig durch Europa und hatte
nur Ekel, Haß und Wuth zu Begleitern; jetzt werde ich es
geheilt und gereinigt mit einem wahren Engel, als meinen
Tröster wieder besuchen."
Ich lachte über ihn, als er dies sprach.
"Ich bin kein Engel," behauptete ich, und will auch
keiner sein, bis ich sterbe: ich will Ich selber sein. Herr
Rochester, Sie müssen nichts Himmlisches von mir erwarten
oder fordern -- denn Sie werden es nicht erlangen, eben so
wenig, als ich es von Ihnen erlangen werde; und ich erwarte es auch nicht."
"Und was erwartest Du denn von mir?"
"Eine kurze Weile werden Sie vielleicht sein, wie jetzt --
eine sehr kurze Weile, und dann werden Sie kalt, launenhaft
und strenge werden, und ich werde viel zu thun haben, Ihnen zu gefallen: wenn Sie sich aber völlig an mich gewöhnt haben, werden Sie mich vielleicht wieder leiden können, ich sage nicht lieben. Vermuthlich wird Ihre Liebe in sechs Monaten oder in noch kürzerer Zeit verdampft sein. Ich habe in Büchern, die von Männern geschrieben, diesen Zeitraum als den äußersten angegeben gefunden, bis zu welchem sich die Glut eines Ehemannes erstreckt. Doch als Freundin und Gefährtin hoffe ich meinem theuren Herrn nie ganz zuwider zu werden."
"Zuwider! und ich werde Dich wieder leiden können!
Ich denke, ich werde Dich immer leiden können, und Du
sollst gestehen, daß ich Dich nicht nur leiden kann, sondern Dich auch mit Wahrheit, Glut und Beständigkeit liebe."
"Sind Sie aber nicht launenhaft, mein Herr?"
"Gegen Frauenzimmer, die mir nur vermöge ihrer Gesichter
gefallen, bin ich der wahre Teufel, wenn ich ausfindig
mache, daß sie weder Seelen noch Herzen haben -- wenn
sie mir eine Aussicht auf Flachheit und Trivialität, auf
Schwachsinn, Rohheit und üble Laune eröffnen; aber für
das klare Auge und die beredte Zunge, für die aus Feuer
geschaffene Seele und den Charakter, der sich biegt, aber
nicht bricht -- der zugleich fügsam und fest, nachgiebig und beharrlich ist -- bin ich stets zärtlich und treu.
"Fanden Sie je einen solchen Charakter, mein Herr?
Liebten Sie je einen solchen?"
"Ich liebe ihn jetzt."
"Aber vor mir -- wenn ich je in irgend einer Hinsicht
diesem schwer zu erreichenden Ideal gleichkomme?"
"Ich sah nie eine Deinesgleichen, Johanna: Du gefällst mir und beherrschest mich -- Du scheinst Dich zu unterwerfen. Ich liebe den Begriff der Fügsamkeit, den Du mir mittheilst, und während ich den sanften seidenen Strang
um meinen Finger wickle, durchzuckt er meinen Arm bis zu
meinem Herzen. Ich werde besiegt, und der Sieg, der durch
Zauberei über mich gewonnen wird, ist größer als jeder
Triumph, den ich gewinnen kann. Warum lächelst Du,
Johanna? Was bedeutet dieser unerklärliche und unerforschliche
Ausdruck Deines Gesichts?"
"Sie müssen den unwillkürlichen Gedanken entschuldigen,
mein Herr: ich dachte an Herkules und Simson mit
ihren Geliebten --"
"Daran dachtest Du, kleines feenartiges --"
"Still, mein Herr! Sie reden gerade jetzt nicht sehr
weise; eben so wie jene Herren nicht besonders weise handelten.
Doch wenn sie sich verheirathet hätten, so würden
sie ohne Zweifel durch ihre Strenge als Ehemänner ihre
Milde als Liebhaber wieder gut gemacht haben: und das
werden Sie auch, fürchte ich. Es soll mich wundern, wie
Sie mir über's Jahr antworten werden, wenn ich Sie um
eine Gunst bitte, die sich nicht gerade mit Ihrer Bequemlichkeit oder Ihrem Vergnügen verträgt."
"Bitte mich jetzt um etwas, Johanna -- wenn es auch
die geringfügigste Sache ist -- ich wünsche, um etwas gebeten zu werden --"
"Das will ich in der That, mein Herr; ich habe meine
Bitte schon in Bereitschaft."
"Rede! aber wenn Du mit diesem Gesichte zu mir aufblickst
und lächelst, so werde ich Dir schon die Zustimmung
zuschwören, ehe ich noch weiß, was es ist, und das wird
mich zu einem Thoren machen."
"Durchaus nicht, mein Herr. Ich bitte nur um dies:
lassen Sie nicht die Juwelen kommen und krönen Sie mich
nicht mit Rosen: eben so gut könnten Sie jenes einfache
Taschentuch, welches Sie da haben, mit einer goldenen
Tresse besetzen."
"Eben so gut könnte ich feines Gold vergolden wollen,
ich weiß es. Deine Bitte ist gewährt -- für jetzt. Ich
will den Auftrag zurücknehmen, den ich an meinen Banquier
gesendet. Aber Du hast noch um Nichts gebeten; Du hast
nur gebeten, daß ein Geschenk zurückgenommen werde: versuche es noch einmal."
"Nun, Herr, so haben Sie die Güte, meine Neugierde
hinsichtlich eines Punktes zu befriedigen."
Er sah verstört aus.
"Was? was?" sagte er hastig. "Neugierde ist eine gefährliche Bittstellerin: es ist gut, daß ich kein Gelübde abgelegt habe, jede Bitte zu erfüllen."
"Aber es kann keine Gefahr darin liegen, diese zu bewilligen, mein Herr."
"Sprich sie aus, Johanna; aber ich wollte lieber, Du
fordertest mein halbes Vermögen, anstatt daß Du bloß nach
einem Geheimniß fragst."
"Nun, König Ahasverus! was sollte ich denn mit Ihrem halben Vermögen anfangen? Halten Sie mich denn für einen jüdischen Wucherer, der nach Grundbesitz strebt? Ich möchte lieber Ihr volles Vertrauen haben. Sie wollen mich doch nicht von Ihrem Vertrauen ausschließen, wenn Sie mir Zutritt zu Ihrem Herzen gestatten?"
"Alles Vertrauen, welches der Mühe werth ist, soll Dir zu Theil werden, Johanna; aber um Gotteswillen, wünsche keine nutzlose Last! Hege kein Verlangen nach Gift – werde nicht in meinen Händen zu einer wahren Eva!"
"Warum nicht, mein Herr? Sie haben mir eben gesagt,
wie sehr Sie wünschen, besiegt zu werden, und wie angenehm
die Ueberredung für Sie ist. Halten Sie es nicht für
besser, wenn ich dieses Geständniß benutze und zu schmeicheln und zu bitten beginne -- ja zu weinen und zu maulen, wenn es nöthig ist -- nur um eine Probe von meiner Macht zu haben?"
"Wage nur einen solchen Versuch. Gehe, so weit Du
willst, Du hast das Spiel gewonnen."
"Wirklich, mein Herr? Sie geben bald nach. Wie
strenge Sie jetzt aussehen! Ihre Augenbrauen sind so breit
geworden, wie mein Finger, und Ihre Stirn gleicht einer
dunklen Gewitterwolke, wie ich einst in einem Gedichte gelesen.
So werden Sie vermuthlich als Ehemann aussehen;
nicht wahr, mein Herr?"
"Wenn das Dein Blick als Ehegattin sein wird, so
werde ich als Christ bald den Gedanken aufgeben, mich mit
einem Geiste oder einem Salamander zu verbinden. Aber
was hast Du zu fragen, kleines Ding? -- Heraus damit!"
"Jetzt sind Sie weniger als höflich, und mir gefällt die
Rauhheit viel besser als die Schmeichelei. Ich will lieber
ein kleines Ding als ein Engel genannt werden. Nun, ich
wollte fragen, warum Sie sich so viel Mühe gegeben, mich
zu dem Glauben zu bringen, als wollten Sie Miß Ingram
heirathen?"
"Ist das Alles? Gott sei Dank, daß es nichts Schlimmeres ist!"
Und er glättete seine dunkle Stirn wieder, blickte zu mir
nieder, lächelte mich an und strich mein Haar, als sei er
sehr froh, das eine Gefahr abgewendet worden.
"Ich denke, ich kann es wohl gestehen," fuhr er fort,
"auch wenn ich Dich ein wenig unwillig machen sollte, Johanna -- und ich habe gesehen, welch einen Feuergeist Du
zeigen kannst, wenn Du unwillig bist. Du glühtest gestern
Abend im kühlen Mondlicht, als Du Dich gegen das Schicksal
empörtest und Deinen Mang dem meinigen gleichstellen wolltest. Beiläufig gesagt, warst Du es, Johanna, die mir
den Antrag machte."
"Natürlich that ich es. Aber zur Sache, mein Herr,
wenn's gefällig ist -- Miß Ingram?"
"Nun, ich machte Miß Ingram zum Schein den Hof,
weil ich wünschte, daß Du Dich so wahnsinnig in mich verlieben möchtest, wie ich in Dich verliebt war: und ich wußte, daß die Eifersucht die beste Bundesgenossin sei, die ich zur Förderung dieses Zweckes anwenden könne."
"Vortrefflich! jetzt sind Sie klein -- nicht größer, als
mein kleiner Finger. Es war eine schmähliche Schande, so
zu handeln. Dachten Sie nicht an Miß Ingram's Gefühle,
mein Herr?"
"Ihre Gefühle vereinigen sich im Stolze, und der
mußte gedemüthigt werden. Waren Sie eifersüchtig, Johanna?"
"Es ist einerlei, Herr Rochester; dies zu wissen, kann
für Sie von keinem Interesse sein. Antworten Sir mir
offen: glauben Sie nicht, daß Miß Ingram durch Ihre unredliche Coquetterie leidet? wird sie sich nicht verlassen und trostlos fühlen?"
"Unmöglich! ich sagte Ihnen ja, daß Sie mich im
Gegentheil aufgegeben, und daß der Gedanke an mein unzureichendes Vermögen ihre Flamme in Augenblick abgekühlt oder vielmehr ausgelöscht."
"Sie haben seltsame Pläne in Ihrem Kopfe, Herr Rochester, und ich fürchte, daß ihre Grundsätze in mancher
Hinsicht excentrisch sind.
"Meine Grundsätze sind nie geschult worden, Johanna,
und sie mögen aus Mangel an Aufmerksamkeit wohl ein
wenig wild aufgeschossen sein."
"Noch einmal, und ernsthaft: darf ich mich des großen
Glückes erfreuen, welches mir gewährt worden, ohne zu
fürchten, daß irgend eine Andere den bittern Schmerz empfinde, den ich in der letzten Zeit gefühlt?"
"Das kannst Du, mein gutes kleines Mädchen: es ist kein anderes Wesen in der Welt außer Dir, welches dieselbe reine Liebe zu mir hegt, wie Du -- denn ich gestatte meiner Seele den lieblichen Balsam, Johanna, an Deine Liebe
zu glauben."
Ich wendete meine Lippen zu der Hand, die auf meiner
Schulter ruhte. Ich liebte ihn sehr -- mehr als ich zu
sagen wagte, mehr als Worte es auszudrücken vermochten.
"Bitte mich noch um Etwas," sagte er sogleich;, es ist eine Wonne für mich, gebeten zu werden und es zu gewähren."
Ich war wieder mit einer Bitte bei der Hand.
"Theilen Sie Mistreß Fairfax Ihre Absichten mit, mein Herr. Sie sah uns gestern Abend Beide im Vorsaal und erschrak. Geben Sie ihr eine Erklärung, ehe ich sie wiedersehe. Es schmerzt mich, von einer so guten Frau verkannt zu werden."
"Geh auf Dein Zimmer und setze Deinen Hut auf," entgegnete er. "Du sollst mich diesen Morgen nach Millcote begleiten, und währen Du Dich auf die Reise vorbereitest, will ich den Verstand der guten Dame aufklären. Dachte sie, Johanna, Du hättest die Welt für die Liebe hingegeben, und hielt den Verlust für einen Gewinn?"
"Ich glaube, sie dachte, ich hätte meine Stellung und
die Ihre vergessen, mein Herr."
"Stellung! Stellung! -- Deine Stellung ist in meinem
Herzen und auf dem Nacken derjenigen, die Dich jetzt oder
später beleidigen wollen. -- Geh."
Ich war bald angekleidet, und als ich Herrn Rochester
aus dem Zimmer der Mistreß Fairfax kommen hörte, eilte
ich auch hinunter. Die alte Dame hatte dagesessen und
ihren Abschnitt in der Bibel gelesen: ihre Bibel lag offen
vor ihr und ihre Brille darauf. Als Herr Rochester sich
anmelden lassen, schien sie ihre Beschäftigung eingestellt und jetzt vergessen zu haben: ihre Augen waren auf die gegenüberstehende leere Wand gerichtet, und drückten das Erstaunen eines durch unerwartete Nachrichten aufgeregten ruhigen Geistes aus. Als sie mich sah, faßte sie sich, bemühte sich zu lächeln und einige glückwünschende Worte hervorzubringen; aber das Lächeln erstarb und der Satz blieb unvollendet. Sie legte ihre Brille weg, machte ihre Bibel zu und schob ihren Stuhl vom Tische zurück.
"Ich bin so erstaunt," begann sie, "daß ich kaum weiß,
was ich zu Ihnen sagen soll, Miß Eyre. Ich habe doch
nicht geträumt? Zuweilen versinke ich in einen halben
Schlummer, wenn ich allein sitze, und stelle mir Dinge
vor, die nie geschehen sind. Es ist mir mehr als einmal
vorgekommen, wenn ich in diesem halben Schlummer war,
daß mein lieber Mann, der schon vor fünfzehn Jahren gestorben, hereinkam und sich zu mir setzte, ja mich sogar bei meinem Namen "Elise" nannte, wie er sonst zu thun pflegte. Können Sie mir nun sagen, ob es wirklich wahr ist, dass Herr Rochester Ihnen den Antrag gemacht hat, ihn zu heirathen? Lachen Sie nicht über mich, aber ich glaubte wirklich, er sei vor fünf Minuten hier hereinkommen und habe gesagt, in einem Monat würden Sie seine Frau sein.“
"Er hat mir dasselbe gesagt," versetzte ich.
"Wirklich! Glauben Sie ihm? Haben Sie eingewilligt?"
"Ja."
Sie sah mich verwirrt an.
"Das hätte ich nie gedacht. Er ist ein stolzer Mann:
alle Rochesters waren stolz, und sein Vater wenigstens
liebte das Geld. Auch ihn hat man immer für vorsichtig
gehalten. Er will Sie also heirathen?"
"So sagt er mir."
Sie betrachtete meine ganze Person, und ich las in ihren Augen, daß sie an mir keinen so mächtigen Reiz fand,
um das Räthsel zu lösen.
"Das geht über meinen Verstand!" fuhr sie fort; "aber
ohne Zweifel ist es wahr, da Sie es sagen. Wie die Sache
ausfallen wird, kann ich nicht sagen: das weiß ich in der
That nicht. Gleichheit des Standes und Vermögens ist
oft in solchen Fällen rathsam, und er ist zwanzig Jahre
älter als Sie, er könnte fast Ihr Vater sein."
"Nein, in der That nicht, Mistreß Fairfax," rief ich
verletzt; "er hat Nichts Väterliches an sich! Niemand, der
uns bei einander gesehen, hätte es nur einen Augenblick
vermuthen können Herr Rochester sieht so jung aus, wie
manche Männer von fünf und zwanzig Jahren."
"Will er Sie wirklich aus Lebe heirathen?" fragte sie.
Ich war so verletzt von ihrer Kälte und ihrem Zweifel,
daß mir die Thränen in die Augen traten.
"Es thut mir leid, Sie zu kränken," fuhr die Wittwe
fort; "aber Sie sind noch so jung und so wenig mit den
Männern bekannt, daß ich Sie warnen möchte. Ein altes
Sprichwort sagt: "Es ist nicht Alles Gold, was glänzt,"
und in diesem Falle fürchte ich, wird man etwas anders
finden, als Sie oder ich es erwarten."
"Warum? -- bin ich denn ein Ungeheuer?" sagte ich.
"Ist es unmöglich, daß Herr Rochester eine aufrichtige
Neigung zu mir hegen sollte?"
"Nein, Sie sind ganz hübsch, Ihr Aussehen hat sich in
der letzten Zeit sehr verbessert, und ich glaube auch, daß
Herr Rochester viel auf Sie hält. Ich habe immer bemerkt, daß er sich besonders gern mit Ihnen unterhielt. Zu
Zeiten war ich schon um Ihretwillen wegen dieses unverkennbaren Vorzugs ein wenig unruhig, und wünschte, Sie
zu warnen; doch wollte ich nicht die Möglichkeit eines Unrechts andeuten. Ich wußte, ein solcher Gedanke würde
Sie erschüttern und vielleicht beleidigen; und da ich Sie

immer so verständig, bescheiden und vorsichtig gesehen, so
hoffte ich, Sie würden sich schon selbst schützen. Ich kann
Ihnen nicht sagen, was ich am letzten Abend ausgestanden,
als ich Sie im ganzen Hause gesucht, und Sie nirgends
finden konnte, und den Herrn auch nicht, bis ich Sie endlich
um zwölf Uhr mit ihm allein kommen sah."
"Nun, denken Sie jetzt nicht weiter daran," fiel ich ungeduldig
ein; "es ist genug, daß Alles recht war."
"Ich hoffe, es wird Alles am Ende recht sein," sagte
sie;" aber glauben Sie mir, Sie können nicht zu vorsichtig
sein. Versuchen Sie, Herrn Rochester in einiger Entfernung
zu halten; mißtrauen Sie sich selber, so gut wie ihm.
Herren in seiner Lage pflegen nicht ihre Erzieherinnen zu
heirathen."
Ich wurde wirklich aufgebracht. Zum Glück kam Adele hereingelaufen.
"Lassen Sie mich auch mit nach Millcote!" rief sie.
"Herr Rochester will es nicht zugeben, obgleich in dem
neuen Wagen Platz genug ist. Bitten Sie ihn, Mademoiselle,
daß er mich mitfahren läßt."
"Das will ich thun, Adele," sagte ich und eilte mit ihr
fort, froh, meine finstere Mahnerin zu verlassen. Der Wagen
war bereit: man fuhr ihn vor die Hausthür; mein
Herr ging auf dem gepflasterten Wege auf und ab und
Pilot folgte ihm hin und her.
"Adele darf uns begleiten, nicht wahr, mein Herr?"
"Ich habe es ihr schon abgeschlagen. Ich will keine
Kinder -- ich will nur Sie bei mir haben."
"Lassen Sie sie nicht, Herr Rochester, wenn ich bitten
darf: es wird besser fein."
"Durchaus nicht: sie wird uns nur zur Last sein."
Er war sehr gebieterisch in Blick und Stimme. Ich war
noch von den Mahnungen und Zweifeln der Mistreß Fairfax
erkältet, und meine Hoffnungen erschienen mir ungewiß und
wesenlos. Ich verlor fast das Bewußtsein meiner Macht
über ihn. Schon war ich im Begriff, ihm mechanisch und
ohne weitere Vorstellungen zu gehorchen; aber als er mich
in den Wagen hob, sah er mir in's Gesicht.
"Was ist geschehen?" fragte er; "aller Sonnenschein ist fort. Wünschen Sie wirklich, daß das Mädchen uns begleite?
Wird es Sie kränken, wenn sie zurückbleibt?"
"Ich möchte viel lieber, das sie uns begleitete, mein
Herr."
"Dann fort, hole Deinen Hut und sei wie der Blitz
wieder da!" rief er Adelen zu. Sie gehorchte ihm, so schnell sie konnte.
"Am Ende liegt an der Unterbrechung eines einzigen
Morgens nicht viel," sagte er, "da mir bald Deine Gedanken, Deine Unterhaltung, Deine Gesellschaft und Du selber auf mein Lebenlang gehören werden."
Als Adele in den Wagen gehoben wurde, begann sie
mich zu küssen, um ihre Dankbarkeit wegen meiner Vermittelung
auszudrücken. Sie wurde sogleich in einen Winkel
auf der andern Seite von ihm gesetzt. Dann blickte sie zu
mir herum; ein so strenger Nachbar legte ihr zu großen
Zwang auf, und in seiner gegenwärtigen Gemüthsstimmung
wagte sie mir keine Bemerkung zuzuflüstern oder um irgend
eine Auskunft zu bitten.
"Lassen Sie sie zu mir kommen," bat ich, "sie wird Sie
vielleicht belästigen, mein Herr: es ist viel Raum auf dieser
Seite." Er reichte sie mir herüber, wie einen Schooßhund.
"Ich will sie doch in eine Schule schicke," sagte er;
aber jetzt lächelte er.
Adele hörte es und fragte, ob sie ohne Mademoiselle in
die Schule gehen solle?"
"Ja, versetzte er, "durchaus ohne Mademoiselle, denn
ich werde Mademoiselle auf den Mond bringen; dort werde
ich eine Höhle suchen in einem jener weißen Thäler unter
den vulkanischen Felsen, und dort soll Mademoiselle mit mir
leben, und nur mit mir allein."
"Da wird sie Nichts zu essen haben, und Sie werden sie
verhungern lassen," sagte Adele.
"Ich werde am Morgen und in der Nacht Manna für
sie sammeln, denn die Ebenen und Hügel auf dem Monde
sind ganz weiß von Manna, Adele."
"Sie wird sich aber wärmen wollen, und wo will sie
Feuer bekommen?"
"Aus den Mondgebirgen erhebt sich Feuer; wenn sie

Frost empfindet, trage ich sie einen Berg hinauf und lege sie am Rande eines Kraters nieder."
"O wie unbequem wird sie dort leben! Ihre Kleider
werden auch abnutzen, und wie soll sie neue bekommen?"
Herr Rochester gestand, daß er daran noch nicht gedacht.
"Nun, was würdest Du thun, Adele?" sagte er. "Quäle
Dein Gehirn, um ein Auskunftsmittel zu finden. Meinst
Du nicht, daß eine weiße oder rothe Wolke auch als Kleid
dienen würde? Und könnte man nicht eine ganz hübsche
Schärpe aus einem Regenbogen schneiden?"
"Sie ist viel besser da, wo sie ist, war Adelens Schluß,
nachdem sie eine Zeitlang nachgedacht; "überdies würde es
ihr auch langweilig werden, nur mit Ihnen allein im Mond
zu leben. Wenn ich Mademoiselle wäre, so würde ich nimmer
einwilligen, mit Ihnen zu gehen."
"Sie hat eingewilligt; sie hat ihr Wort gegeben."
"Aber Sie können sie nicht dorthin bringen: es führt
kein Weg zum Mond: es ist Alles Luft, und Sie können
Beide nicht fliegen."
"Sieh jenes Feld an, Adele."
Wir waren jetzt außerhalb der Thore von Thornfield
und rollten leicht auf dem ebenen Wege nach Millcote fort,
wo der Regen der letzten Nacht den Staub gelegt hatte, und
wo die niedrigen Hecken und hohen Bäume zu jeder Seite
grün und frisch schimmerten.
"Auf jenem Feld, Adele, ging ich eines Abends vor
etwa vierzehn Tagen -- an dem Abend des Tages, wo Du
mir auf der Wiese am Garten beim Heumachen halfst, und
da ich vom Zusammenrechen des Heues ermüdet war, so
setzte ich mich auf einen Steg nieder, um mich auszuruhen,
zog ein kleines Buch und einen Bleistift hervor und begann
ein Unglück zu beschreiben, welches mir vor langer Zeit
-- begegnete, und hegte den Wunsch nach künftigen glücklichen
Tagen. Ich schrieb sehr schnell, obgleich es schon dunkel
wurde, als etwas den Weg heraufkam, und auf zwei Schritte
vor mir stehen blieb. Ich sah es an. Es war ein kleines
Geschöpf mit einem Schleier von Fadensommer über dem
Kopf. Ich winkte ihm, mir näher zu kommen, und es stand
bald an meinem Knie. Ich sprach nie in Worten zu ihm,

und es sprach auch nicht zu mir, aber ich las in seinen
Augen, und es las in meinen, und unsere stumme Unterredung
war folgenden Inhalts:
"Es sagte, es sei eine Fee und komme aus dem Elfenland,
und seine Sendung sei, mich glücklich zu machen: ich
müsse mit ihm aus der gemeinen Welt zu einem einsamen
Orte, so wie der Mond zum Beispiel -- gehen, und es
nickte mit dem Kopf zu dem Horn des Mondes hin, der sich
über dem Hügel erhob, und erzählte mir von der Alabasterhöhle und dem Silberthal, wo wir wohnen könnten. Ich sagte, ich möchte wohl gehen, aber ich erinnerte es, eben so wie Du, daß ich keine Flügel habe, um zu fliegen.
"O! entgegnete die Fee, "das thut Nichts! Hier ist ein
Talisman, der alle Schwierigkeiten heben wird," und sie zeigte einen hübschen goldenen Ring. "Stecke ihn an den vierten Finger meiner linken Hand, und ich bin die Deine," sagte sie, "und Du bist der Meine, und wir werden die Erde verlassen und dort unsern Himmel suchen -- sie deutete wieder auf den Mond. Den Ring, Adele, habe ich in Gestalt eines Goldstücks in meiner Tasche, will ihn aber bald wieder in einen Ring verwandeln."
"Aber was hat Mademoiselle damit zu thun? Mir liegt
Nichts an der Fee -- Sie sagten ja, Sie wollten Mademoiselle mit, in den Mond nehmen?"
"Mademoiselle ist eine Fee," sagte er, geheimnisvoll
flüsternd. Darauf sagte ich, sie solle nicht auf sein Geplauder
achten, und sie zeigte einen ächten Schatz von französischem
Skepticismus, indem sie Herrn Rochester als einen
"wahren Lügner" bezeichnete und ihm versicherte, sie glaube
nicht an sein Feenmährchen; übrigens gäbe es keine Feen,
und wenn es auch welche gäbe, so sei sie doch gewiß, daß
sie ihm nicht erscheinen, ihm Ringe geben und sich erbieten
würden, mit ihm im Monde zu leben.
Die Stunde, die wir in Millcote zubrachten, war mir
nicht ganz angenehm. Herr Rochester nöthigte mich, in eine
Seidenhandlung zu gehen, und ein halbes Dutzend Kleider
auszuwählen. Ich haßte das Geschäft und bat, es aufschieben
zu dürfen; aber nein, es sollte jetzt geschehen. Durch
Bitten, die ich in kräftigem Flüstern aussprach, beschränkte

ich das halbe Dutzend auf zwei, aber diese wollte er selber
auswählen. Mit Aengstlichkeit sah ich sein Auge über die
reichen Stoffe dahinschweifen, und er wählte ein kostbares
amethystfarbiges und ein prächtiges blaßrothes Atlaßkleid aus. In einem neuen Geflüster sagte ich ihm, er könne
auch eben so gut ein goldenes Kleid und einen silbernen Hut kaufen: ich würde mich gewiß nie entschließen, die Kleider nach seiner Wahl zu tragen. Mit unendlicher Schwierigkeit, denn er war halsstarrig wie ein Stein, überredete ich ihn,
lieber schwarzen Atlaß und perlengraue Seide zu wählen.
Für jetzt möchte es gehen, sagte er; aber er wolle mich doch
noch so schimmernd wie ein Blumenbeet sehen.
Ich war froh, als ich ihn aus dem Seidenladen und
dann aus dem Juwelenladen gebracht hatte: je mehr er
mir kaufte, desto mehre glühte meine Wange von dem Gefühl
der Erniedrigung und des Widerwillens. Als wir
wieder in den Wagen stiegen und ich fieberhaft und ermüdet
dasaß, fiel mir ein, daß ich im Drange der dunkeln und
glänzenden Ereignisse den Brief von meinem Oheim John
Eyre an Mistreß Reed, und seine Absicht, mich zu seiner
Erbin einzusetzen, gänzlich vergessen habe.
"Es würde in der That eine Beruhigung für mich sein,"
dachte ich, "wenn ich auch nur ein kleines eigenes Vermögen
hätte; ich kann es nimmermehr ertragen, mich von Herrn
Rochester wie eine Puppe kleiden zu lassen, und gleich einer zweiten Danae täglich den Goldregen über mich fallen zu sehen. Sobald ich nach Hause komme, will ich an meinen
Oheim John nach Madeira schreiben, daß ich im Begriff
hin, mich zu verheirathen, und mit wem; wenn ich auch
nur die Aussicht habe, Herrn Rochester einst ein kleines
Vermögen zubringen, so werde ich es besser ertragen können,
jetzt von ihm unterhalten zu werden.
Ein wenig beruhigt durch diesen Gedanken, den ich
nicht verfehlte noch an demselben Tage auszuführen, wagte
ich wieder dem Auge meines Herrn und Geliebten zu begegnen,
welches das meinige beständig aufsuchte, obgleich
ich das Gesicht und den Blick abwendete. Er lächelte, und
ich meine, sein Lächeln gleiche sehr dem eines Sultans,
welches er in einem zärtlichen und heitern Augenblick einer

Sclavin zu Theil werden ließ, die er mit seinem Golde und
seinen Edelsteinen bereichert. Ich drückte kräftig seine Hand,
welche beständig die meine aufsuchte, und schob sie ihm,
roth von dem leidenschaftlichen Druck, zurück.
"Sie dürfen mich nicht so ansehen," sagte ich; "wenn
Sie es thun, will ich Nichts weiter, als meine alten Kleider
tragen, die ich aus Lowood mitgebracht. Ich will mich in
diesem lilafarbigen Ginghamkleide trauen lassen -- Sie
können sich von dem perlenfarbigen Seidenzeug einen Schlafrock
machen lassen, und eine unendliche Menge von Westen
von dem schwarzen Atlaß."
Er lachte und rieb sich die Hände.
"O! es ist köstlich, sie zu sehen und zu hören!" rief er.
"Ist sie originell? Ist sie pikant? Ich möchte dieses eine
kleine englische Mädchen nicht mit dem ganzen Serail des
Großtürken vertauschen, mit Gazellenaugen und Hourigestalten
und dem allen!"
Die orientalische Anspielung verletzte mich wieder.
"Ich will Ihnen nicht im Geringsten anstatt eines Serails
dienen," sagte ich; "wenn Sie mich nicht für eben so
gut halten und eine Neigung zu dergleichen haben, so gehen
Sie zu den Bazars von Stambul und wenden einen Theil
des übrigen Geldes, welches Sie hier nicht anbringen können,
dazu an, um Sclavinnen zu kaufen.
"Und was willst Du thun, Johanna, während ich um
so viele Tonnen Fleisch und eine solche Auswahl von
schwarzen Augen handle?"
"Ich will mich vorbereiten, als Missionair auszuziehen,
um den Sclaven Freiheit zu predigen -- unter diesen auch
den Bewohnerinnen Ihres Harem. Ich will mir dort Zutritt
verschaffen, eine Empörung anstiften; Sie Pascha mir
drei Roßschweifen sollen von unseren Händen gefesselt werden,
und ich werde nicht eher einwilligen, Ihre Banden zu
lösen, bis Sie einen so liberalen Freibrief unterzeichnet haben,
als nur je ein Despot ausgefertigt."
"Ich würde mich Dir auf Gnade oder Ungnade ergeben,
Johanna."
"Ich würde kein Mitleid mit Ihnen haben, Herr Rochester,
wenn Sie mich mit einem solchen Blicke hätten, wie

der da. Wenn Sie so aussähen, würde ich gewiß sein,
welche Zugeständnisse Sie auch gezwungen machten, daß
Sie, sobald Sie frei wären, Ihre Verbindlichkeiten brechen
würden."
"Nun, Johanna, was forderst Du denn? Ich fürchte,
Du willst mich zwingen, noch außer der Trauung am Altar
einen Privatvertrag mit Dir einzugehen. Ich sehe, Du
willst noch besondere Bedingungen festsetzen -- welche mögen das sein?"
"Ich will nur ein leichtes Gemüth haben, mein Herr,
und nicht von zu vielen Verbindlichkeiten niedergedrückt
werden. Erinnern Sie sich, was Sie von Celine Varens
sagten? Von den Diamanten und kostbaren Stoffen, die
Sie ihr gegeben? Ich will nicht Ihre englische Celine
Varens sein. Ich will Adelens Erzieherin bleiben, und
mir dadurch Kost und Wohnung und überdies noch dreißig
Pfund jährlich erwerben. Von dem Gelde will ich mir
meine Garderobe selber anschaffen, und Sie sollen mir weiter
nichts geben, als -- "
"Nun, als was?"
"Ihre Achtung; und wenn ich Ihnen meine Achtung
dafür zurückgebe, so wird diese Schuld ausgeglichen sein."
"Nun, was die kalte angeborne Kühnheit und den reinen angebornen Stolz betrifft, so hast Du nicht Deinesgleichen," sagte er. Wir waren jetzt in die Nähe von
Thornfield gekommen.
"Ist es Dir gefällig, heute mit mir zum Mittag speisen?" fragte er, als wir wieder durch das Thor fuhren.
"Nein, ich danke Ihnen, mein Herr."
"Und warum: nein, ich danke Ihnen? wenn man fragen darf."
"Ich habe noch nie mit Ihnen zu Mittag gespeist, mein Herr, und sehe keinen Grund, warum ich es jetzt sollte, bis --"
"Bis was geschieht? Du liebst die abgebrochenen Reden."
"Bis ich nicht anders kann."
"Glaubst Du, ich esse wie ein Wehrwolf oder ein Vielfraß, daß Du fürchtest, an meiner Mahlzeit Theil zu nehmen?"
"Ich habe darüber noch keine Vermuthungen angestellt, mein Herr; aber ich wünsche, noch einen Monat wie gewöhnlich zu leben."
"Dann wirst Du doch Deine Gouvernantensclaverei aufgeben?"
"Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, das werde ich
nicht. Ich werde gerade wie gewöhnlich leben. Ich werde
Ihnen den ganzen Tag aus dem Wege gehen, wie ich zu
thun gewohnt gewesen; am Abend können Sie mich rufen
lassen, wenn Sie geneigt sind, mich zu sehen, und dann
will ich kommen, aber zu keiner andern Zeit."
"Ich bedarf einer Cigarre, Johanne, oder einer Prise
Schnupftaback, um mich bei dem Allen zu trösten, pour me
donne une contenance, wie Adele sagen würde, und unglücklicherweise habe ich weder mein Cigarrenetui noch meine
Schnupftabaksdose bei mir. Aber höre -- leise gesprochen
-- jetzt ist Deine Zeit, kleine Tyrannin, aber die meine
wird auch bald kommen, und wenn ich mich erst Deiner
bemächtigt habe, so will ich Dich -- figürlich gesprochen --
mit einer Kette binden, wie diese." Und er berührte seine
Uhrkette. "Ja, mein hübsches kleines Ding, ich will Dich
in meinem Busen tragen, damit ich mein Juwel nicht abnutze."
Er sprach dies, während er mir beim Aussteigen aus
dem Wagen half; und als er dann Adele heraushob, trat
ich ins Haus und zog mich auf mein Zimmer zurück.
Er ließ mich am Abend schuldigermaßen zu sich rufen.
Ich hatte an eine Beschäftigung für ihn gedacht, denn ich
hatte beschlossen, nicht den ganzen Abend in einem Zwiegespräch
mit ihm zuzubringen. Ich erinnerte mich seiner
schönen Stimme; ich wußte, daß er gern sang, was gute
Sänger gewöhnlich thun. Ich hatte selber keine Stimme
und ich spielte nach seinem strengen Urtheil auch nicht gut;
aber es machte mir Freude, einem guten Vortrage zuzuhören.
Sobald die Dämmerung, die Stunde der Romantik,
hereinbrach, und ihr blaues und sternenbesätes Banner über
die Fenster niederließ, stand ich auf, öffnete das Piano und bat ihn um des Himmels willen, mir ein Lied vorzusingen.
Er sagte, ich sei eine launenhafte Hexe, und er wolle lieber zu einer andern Zeit singen: aber ich behauptete, keine Zeit sei gleich der gegenwärtigen.
"Gefällt Dir denn meine Stimme? fragte er.
"Gar sehr."
Ich war nicht geneigt, seiner empfindlichen Eitel zu schmeicheln; aber diesmal that ich es aus besonderen Gründen.
"Dann mußt Du die Begleitung spielen, Johanna."
"Sehr gut, mein Herr, ich will es versuchen."
Ich versuchte es, wurde aber sogleich von dem Stuhle heruntergeschoben und für eine kleine Stümperin erklärt.
So ohne Weiteres auf die Seite geworfen zu werden, war gerade, was ich wünschte; er nahm meinen Platz ein und begann selber die Begleitung zu spielen, denn er spielte so
gut wie er sang. Ich verbarg mich in der Fenstervertiefung, und während ich dasaß und auf die stillen Bäume und den dunklen Rasenplatz hinausblickte, wurde folgendes Lied in vollen Tönen zu einer trefflichen Begleitung gesungen:

"Die reinste Lieb", die je die Brust
Mit milder Glut durchflossen,
Hat sich mit hoher Wonnelust
Jetzt in mein Herz ergossen.

Kommt sie, erwacht für mich die Welt,
Ihr Scheiden ist mein Schmerz.
Der Zufall, der sie fern mir hält,
Gießt Eis mir in das Herz.

Mir träumte, sie zu lieben sei
Ein namenloses Glück,
Von ihr geliebt zu werden frei,
Bestimmt mich das Geschick.

Doch weit und pfadlos war der Raum,
Der unser Loos getrennt,
Die Wogen rauschen, daß man kaum
Das ferne Ziel erkennt.

Den rauhen Weg ging ich mit Muth
Durch Wildniß oder Wald,
Denn Macht und Recht und Weh und Wuth
Trennt unsre Geister kalt.

Ich trotze, wo Gefahr mich neckt,
Graun sich mit Angst verbunden,
Was mir auch drohet, warnt, mich schreckt,
Wird stürmisch überwunden.

Mein Regenbogen, schnell wie Licht,
Steht vor mir wie ein Traum,
Und herrlich steigt vor dem Gesicht
Dies Bild auf in dem Raum.

Noch hell auf Wolken, trüb und grau,
Strahlt jener milde Schein:
Steh'n auch Gefahren wild und rauh
Entgegen groß und klein.

In diesem süßen Augenblick
Mag, was ich überwunden,
Zurück mir senden das Geschick,
Ich werd' nicht feig erfunden:

Stellt sich auch Haß mit grimmen Blick,
Das Recht sich mir entgegen,
Nicht vor der Macht weich' ich zurück,
Der Rach' troz' ich verwegen.

Mein Liebchen legt die kleine Hand
Vertrauensvoll in meine,
Und schwöret, daß das Eheband
Auf ewig uns vereine.

Zu sterben, schwur mir Liebchens Kuß,
Mit mir ans reinem Triebe;
Mir endlich ward der Hochgenus
Der Lieb' und Gegenliebe."

Er stand auf, kam zu mir, und ich sah sein Gesicht belebt, sein Falkenauge sprühend, und Zärtlichkeit und Leidenschaft in jedem Zuge. Im ersten Augenblick erbebte ich, faßte mich aber sogleich. Eine zärtliche Scene, einen kühnen Ausbruch der Leidenschaft wollte ich nicht, und ich war in Gefahr, Beides zu erleben. Ich mußte auf eine Vertheidigungswaffe denken, ich wetzte meine Zunge, als er mich erreichte, und fragte rauh, wen er jetzt heirathen wolle?
"Das ist eine seltsame Frage von meiner geliebten Johanna."
"Wirklich! ich halte sie für sehr natürlich und nothwendig, da Sie davon gesprochen, daß Ihre künftige Gattin mit Ihnen sterben solle. Was meinen Sie mit einer
solchen heidnischen Idee? Ich habe nicht die Absicht, mit
Ihnen zu sterben -- darauf können Sie sich verlassen."
"O! Alles, was ich wünsche und warum ich den Himmel bitte, ist, mit Dir leben zu dürfen! Der Tod ist nicht für eine solche, wie Du."
"Ei doch! ich habe ein ebenso gutes Recht zu sterben,
als Sie, wenn meine Zeit kommt, aber ich will diese Zeit
abwarten, und nicht in der Hast hinweggerafft werden."
"Verzeihe mir meine selbstsüchtige Idee und beweise
Deine Verzeihung durch einen versöhnenden Kuß."
"Nein, ich bitte, mich zu entschuldigen."
Hier wurde ich als ein hartes kleines Ding angeredet,
und es wurde hinzugefügt, jedes andere Frauenzimmer
würde geschmolzen sein, wenn sie solche Strophen zu ihrem
Ruhme hätte singen hören.
Ich versicherte ihm, ich sei von Natur hart wie ein
Kiesel, und er werde mich oft so finden; überdies sei ich
entschlossen, ihm noch verschiedene eckige Punkte meines
Charakters zu zeigen, ehe die bestimmten vier Wochen um
wären, und er solle genau erfahren, welchen Handel er gemacht, so lange es noch Zeit sei, ihn zurückgehen zu lassen.
Er fragte, ob ich nicht ruhig sein und vernünftig reden
wolle.
Ich sagte, ich wolle ruhig sein, wenn er es wünsche,
und was das vernünftige Reden anbetreffe, so schmeichle ich
nur, daß ich es jetzt schon thue.
Er wurde ärgerlich und machte Grimassen.
"Sehr gut," dachte ich, "ärgere Dich nur und werde ungeduldig, wie Du willst; aber ich bin gewiß, dies ist der beste Plan, den man bei Dir anwenden kann, dessen bin ich gewiß. Ich liebe Dich mehr, als ich es sagen kann; aber ich will nicht in Sentimentalität versinken, und auch Dich durch meine scharfen Erwiderungen von diesem Abgrunde zurückhalten; überdies suche ich dadurch jene Entfernung zwischen uns aufrecht zu erhalten, die zu unserm gegenseitigen wahren Vortheil gereicht.

Nach und nach versetzte ich ihn in beträchtlichen Aerger, und nachdem er sich im Zorn ganz auf die andere Seite des Zimmers zurückgezogen, stand ich auf, sagte auf meine natürliche und gewohnte respectvolle Weise: "Ich wünsche Ihnen gute Nacht, mein Herr," und schlüpfte zur Seitenthür hinaus.
Dieses System befolgte ich während der ganzen Probezeit, und zwar mit dem besten Erfolge. Er war freilich kurz und trotzig aber im Ganzen sah ich doch, daß es ihn
vortrefflich unterhielt, und daß eine lammfromme Unterwürfigkeit und eine turteltaubenähnliche Empfindsamkeit, die seinen Despotismus noch mehr genährt, seinem Urtheil weniger würde gefallen, seinen Verstand weniger befriedigt und für seinen Geschmack sich weniger geeignet hätte.
In Gegenwart anderer Leute war ich, wie früher, rücksichtvoll und ruhig, und nur in den Abendunterhaltungen
zeigte ich mich so widerspänstig und ärgerte ihn. Er ließ mich beständig pünktlich rufen, sobald die Uhr sieben schlug, obgleich er, wenn ich jetzt vor ihm erschien, keine honigsüßen Ausdrücke von Liebe und Zärtlichkeit auf den Lippen hatte, und die besten Worte, die mir zu Theil wurden, waren widerwärtige Puppe, boshafte Fee, Elfe, Wechselkind u. s. w. Anstatt der Lieblosungen erhielt ich jetzt Grimassen, statt eines Händedrucks kniff er mir in den Arm, anstatt eines Kusses auf die Wange drückte er mir das Ohr. Es war Alles richtig: für jetzt zog ich entschieden diese zornigen Gunstbezeugungen jeder zärtlicheren vor. Ich bemerkte wie Mistreß Fairfax mein Betragen billigte, denn ihre Aengstlichkeit hinsichtlich meiner verschwand, und daran
sah ich, daß ich recht handelte. Inzwischen versicherte Herr Rochester, ich behandle ihn sehr schlecht, und drohte mir mit schrecklicher Rache wegen meines gegenwärtigen
Betragens in einer kurz bevorstehenden Zeit. Ich lachte ins Fäustchen über seine Drohungen.
Ich kann Dich jetzt ganz hübsch im Zaume halten, und zweifle nicht, auch später dazu im Stande zu sein: wenn ein Mittel seine Kraft verliert, muß man ein anderes erdenken.
Doch bei alledem war meine Aufgabe nicht so leicht,und oft hätte ich ihm lieber gefallen, als ihn geärgert. Mein künftiger Gatte sollte für mich meine ganze Welt werden, und mehr als die Welt: fast meine Hoffnung auf den Himmel.
Er stand zwischen mir und jedem religiösen Gedanken, gleich einer Finsterniß zwischen dem Menschen und der hellen Sonne. Ich konnte in jenen Tagen Gott vor seinem Geschöpfe, aus dem ich mein Idol gemacht, nicht sehen.

Zehntes Kapitel.

Der Monat des Brautstandes näherte sich seinem Ende: seine letzten Stunden waren gezählt. Der Hochzeitstag ließ sich nicht aufschieben, und alle Vorbereitungen waren vollendet.
Ich wenigstens hatte Nichts weiter zu thun: da standen
meine Koffer gepackt, verschlossen und zugebunden an der
Wand meines kleinen Zimmers in einer Reihe aufgestellt:
morgen um diese Zeit sollten sie weit weg auf dem Wege
nach London sein, und so auch ich mit Gottes Willen --
oder vielmehr nicht ich, sondern eine gewisse Johanna Rochester, eine Person, die ich noch nicht kannte. Die Karten waren allein noch aufzunageln: die vier kleinen viereckigen Stücken Pappe lagen auf der Kommode. Herr Rochester hatte selber darauf geschrieben: "Mistreß Rochester -- Hotel, London. Ich konnte mich nicht entschließen, sie anzuheften oder anheften zu lassen. Mistreß Rochester! die existirte noch nicht: sie sollte erst morgen nach acht Uhr Vormittags geboren werden, und ich wollte warten, um mich zu überzeugen, ob sie auch lebendig zur Welt kommen werde, ehe ich ihr all ihr Recht einräumte. Es war genug, das in jenem Schranke, meinem Toilettentisch gegenüber, für sie bestimmte Kleider bereits mein schwarzes wollenes Kleid aus Lowood und meinen Strohhut verdrängt hatten, denn mir gehörte nicht jenes Hochzeitsgewand, die perlenfarbige Robe, der nebelartige
Schleier, der an dem angemaßten Haken hing. Ich schloß den Schrank, um den seltsamen, traumartigen Schmuck, den
er enthielt, zu verbergen, der zu dieser Abendstunde, um neun Uhr, gewiß einen sehr geisterhaften Schimmer durch den
Schatten meines Gemaches verbreiten mußte.
"Ich will Dich Dir selber überlassen, weißer Traum,
sagte ich. "Ich bin fieberhaft: ich höre den Wind wehen:
ich will zur Thür hinausgehen und ihn fühlen.
Es war nicht allein die Eile der Vorbereitung, die mich
fieberhaft machte: nicht nur die Erwartung der großen Veränderung -- das neue Leben, welches morgen beginnen sollte; diese beiden Umstände hatten ohne Zweifel ihren Antheil an jener ruhelosen und aufgeregten Stimmung, die mich zu dieser späten Stunde in den dunklen Park hinaustrieb; aber eine dritte Ursache hatte noch größern Einfluß auf mich.
Ein seltsamer und ängstlicher Gedanke war in meinem
Herzen. Es war in der letzten Nacht etwas geschehen, was
ich nicht begreifen konnte, und Niemand wußte darum, oder
hatte das Ereigniß gesehen, als ich. Herr Rochester war
in jener Nacht vom Hause abwesend, auch war er noch nicht
zurückgekehrt: ein Geschäft hatte ihn zu zwei oder drei kleinen
Pachtungen gerufen, die er besaß, und die dreißig Meilen
weit entfernt lagen. Dieses Geschäft mußte er vor seiner
beabsichtigten Abreise aus England persönlich besorgen. Ich
erwartete jetzt seine Rückkehr, begierig, mein Gemüth zu entlasten,
und von ihm die Lösung des Räthsels zu erhalten.
welches mich in Verwirrung setzte. Warte, bis er kommt,
lieber Leser, und wenn ich ihm mein Geheimniß entdeckte,
sollst Du das Vertrauen theilen.
Ich ging in den Garten, um dort Schutz zu suchen vor
dem Winde, der den ganzen Tag stark und voll aus Süden
geblasen, ohne indessen einen Tropfen Regen zu bringen.
Anstatt sich bei Anbruch der Nacht zu legen, schien sich sein Rauschen und Brüllen nur zu vermehren: die Bäume neigten sich nach der einen Seite hin, drehten ihre Aeste nicht, und schienen sich kaum einmal in der Stunde wieder aufzurichten, so anhaltend war die Kraft, die ihre Wirbel nordwärts neigte -- die Wolken wurden den Pol zu Pol getrieben, und eine Masse folge rasch der andern, ohne daß an jenem Julitage etwas von dem blauen Himmel zu sehen war.
Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen lief ich vor
dem Winde her und überließ die Unruhe meines Geistes dem
maßlosen Luststrome, der durch den Raum dahindonnerte.
Den Lorbeergang hinuntergehend, trat ich zu dem Stamme
es Kastanienbaumes; er stand schwarz und zerschmettert da.
der hinuntergespaltene Stamm klaffte auseinander. Die Hälften waren nicht auseinander gebrochen, denn der feste Fuß und die starken Wurzeln hielten sie unten noch zusammen, obgleich die Verbindung gestört war -- der Saft konnte nicht mehr fließen: die großen Aeste zu beiden Seiten waren abgestorben, und die Stürme des nächsten Winters mussten einen oder beide zur Erde werfen: jetzt konnte man noch sagen, daß sie einen Baum bildeten -- eine Ruine, aber eine ganze Ruine.
"Ihr thatet wohl, an einander festzuhalten," sagte ich,
als ob die ungeheuren Splitter Leben hätten und mich verständen.
"Ich denke, so verbrannt und verkohlt ihr auch ausseht, so muß doch noch etwas Leben in euch sein, welches aus jener Anhänglichkeit an die getreuen ehrlichen
Wurzeln hervorgeht: ihr werdet nie mehr grüne Blätter
haben -- nie werden Vögel auf euren Zweigen Nester
bauen und Idyllen singen; die Zeit der Freude und Liebe
ist für euch vorüber; aber ihr seid nicht verlassen: jeder von
euch hat einen Kameraden, der seinen Untergang theilt.
Als ich zu ihnen aufblickte, zeigte sich der Mond auf
einen Augenblick an jenem Theile des Himmels, wo sich die
Wolken trennten; seine Scheibe war blutroth und halb bedeckt: er schien einen irren und schrecklichen Blick auf mich zu werfen, und begrub sich dann augenblicklich wieder in einer dunklen Wolkenschicht. Der Wind schwieg auf eine
Sekunde in der Nähe von Thornfield; aber in weiter Ferne,
über Wald und Wasser, ergoß sich ein wildes melancholisches
Wehklagen: es war traurig anzuhören, und ich lief
wieder fort.
Ich wanderte durch den Obstgarten und hob die Aepfel
auf, womit das Gras um die Baumstämme herum dicht
übersäet war. Ich beschäftigte mich damit, die reifen von
den unreifen auszulesen, trug sie ins Haus und brachte sie
in die Verrathskammer. Dann begab ich mich in das
Bibliothekzimmer, um mich zu überzeugen, ob das Feuer
angezündet sei, denn ich wußte, daß Herr Rochester, wenn
es gleich Sommer war, an einem so unfreundlichen Abend
gern ein heiteres Feuer im Kamine sah, wenn er heimkehrte.
Ja, das Feuer war schon seit einiger Zeit angezündet und
brannte gut. Ich stellte seinen Lehnsessel in die Ecke des
Kamins, ich rollte den Tisch in die Nähe desselben, zog den
Vorhang zu und ließ die Lichter hereinbringen, um gleich
angezündet zu werden. Noch ruheloser, als ich diese Anordnungen vollendet hatte, konnte ich nicht still sitzen, noch auch im Hause bleiben: eine kleine Uhr im Zimmer und die große Uhr in der Vorhalle schlugen zugleich zehn.
"Wie spät es wird! sagte ich. "Ich will zum Thor
hinunterlaufen: der Mond scheint von Zeit zu Zeit, und ich
kann eine gute Strecke auf den Weg hinaussehen. Er kann
jetzt kommen, und wenn ich ihm begegne, erspare ich mir
einige Minuten der ungeduldigen Erwartung."
Der Wind rauschte heftig in den großen Bäumen, die
das Thor umgaben; aber so weit ich zur Rechten und zur
Linken auf den Weg hinaussehen konnte, war Alles still und
einsam: außer den Wolkenschatten, die in Zwischenräumen
über denselben dahinzogen, wenn der Mond hervorblickte,
war es nur eine lange blasse Linie, auf der sich kein Punkt
bewegte.
Eine kindische Thräne trübte mein Auge, während ich
hinausblickte -- eine Thräne der fehlgeschlagenen Hoffnung und Ungeduld: beschämt darüber, trocknete ich sie ab. Ich
verweilte; der Mond schloß sich ganz in seine Kammer ein und zog einen Vorhang den richten Wolken zu: die Nacht
wurde dunkel und der Regen folgte dem Winde.
"Ich wollte, er käme! Ich wollte, er käme!" rief ich
von hypochrondrischer Ahnung ergriffen. Ich hatte seine Ankunft schon vor dem Thee erwartet; jetzt war es dunkel: was konnte ihn zurückhalten? War ihm ein Unfall begegnet?
Das Ereigniß der letzten Nacht fiel mir wieder ein. Ich erklärte es als ein warnendes Mißgeschick. Ich fürchtete
meine Hoffnungen seien zu glänzend, um verwirklicht zu
werden, und ich hatte in der letzten Zeit so viel Segen erfahren, daß ich mir einbildete, mein Glück habe seinen Höhepunkt überschritten, und müsse sich jetzt zum Untergang
neigen.
"Nun, ich kann nicht in's Haus zurückkehren," dachte
ich;" ich kann nicht am Kamin sitzen, während er im ungünstigen
Wetter draußen ist: ich will lieber meine Glieder
ermüden, als die Qualen meines Herzens erdulden; ich will
ihm entgegen gehen.
Ich machte mich auf den Weg; ich ging rasch, aber
nicht weit; ehe ich eine Viertelmeile zurückgelegt hatte, hörte
ich Hufschläge: ein Reiter kam im vollen Galopp angesprengt und ein Hund lief an seiner Seite. Fort mit üblen Vorbedeutungen: er war es -- er war es; er ritt seinen
Mesrour und Pilot folgte ihm. Er sah mich, denn der
Mond hatte ein blaues Feld am Himmel geöffnet, worin er
wässerig hell schimmerte. Er nahm seinen Hut ab und
schwang ihn um den Kopf. Jetzt lief ich ihm entgegen.
"Hier bin ich!" rief er, seine Hand ausstreckend und sich
niederbeugend. "Du kannst nicht ohne mich sein, das ist
klar. Tritt auf meinen Stiefel, gib mir beide Hände, und
nun herauf!"
Ich gehorchte: die Freude machte mich gewandt: ich
sprang vor ihm hinauf. Zum Willkommen erhielt ich einen
herzlichen Kuß, und er triumphirte, was ich so gut ertrug,
als ich konnte. Er mäßigte plötzlich seine Freude und
fragte:
"Aber ist etwas geschehen, Johanna, daß Du mir zu
einer solchen Stunde entgegenkommst? Hat sich ein Unheil
ereignet?"
"Nein; aber ich dachte, Sie würden nimmer kommen.
Ich konnte es nicht ertragen, im Hause auf Sie zu warten
besonders bei diesem Regen und Wind."
"Freilich ist hier draußen nur Regen und Wind! Ja,
und Du triefst wie eine Seejungfer: ziehe meinen Mantel
um Dich zu. Aber ich meine, Du bist fieberhaft, Johanna,
Deine Wange und Deine Hände sind glühend heiß. Ich
frage noch einmal: ist etwas geschehen?"
"Jetzt nichts: ich bin weder furchtsam noch unglücklich."
"So bist Du also Beides gewesen?"
"Freilich: aber ich will es Ihnen drinnen erzählen,
mein Herr, und ich fürchte, Sie werden mich nur obendrein auslachen."

"Ich will Dich herzlich auslachen, wenn der morgende
Tag vorüber ist; bis dahin wage ich es noch nicht; mein
Preis ist noch nicht gesichert. Bist Du es denn, die diesen ganzen Monat so schlüpfrig wie ein Aal und so dornig wie
eine wilde Rose gewesen? Wo ich nur meinen Finger hinlegte, wurde ich gestochen, und jetzt scheint es, als habe ich
ein verirrtes Lamm in meinen Armen: Du wandertest aus
Deiner Hürde, um Deinen Schäfer zu suchen, nicht wahr,
Johanna?"
"Ich bedurfte Ihrer; aber rühmen Sie sich dessen nicht.
Hier sind wir in Thornfield, nun lassen Sie mich hinunter."
Er setzte mich auf das Pflaster nieder. Als John ihm
das Pferd abnahm, und er mir in die Vorhalle folgte,
sagte er, ich möge schnell trockene Kleider anlegen, und dann zu ihm in das Bibliothekzimmer zurückkehren. Als ich auf die Treppe zueilte, hielt er mich noch einmal auf, um mir das Versprechen abzunehmen, daß ich nicht lange ausbleiben wolle. Ich blieb nicht lange: in fünf Minuten kam ich zu ihm und fand ihn beim Abendessen.
"Nimm Platz und leiste mir Gesellschaft, Johanna. So
Gott will, ist dies das verletzte Mahl, welches Du auf
lange Zeit in Thornfield Hall einnehmen wirft.
Ich setzte mich neben ihm nieder, sagte ihm aber, ich
könne nicht essen.
Ist es, weil Du die Aussicht auf eine Reise vor Dir hast, Johanna? Ist es der Gedanke, nach London zu kommen, der Dir den Appetit nimmt?"
"Ich sehe meine Aussichten diesen Abend nicht klar vor
mir, mein Herr. und weiß kaum, welche Gedanken ich in
meinem Kopf habe. Alles im Leben scheint mir der Wirklichkeit zu entbehren."
"Mit Ausnahme meiner: ich bin wesenhaft genug -- berühre mich."

"Sie, mein Herr, find das Wesenloseste von Allem: Sie
sind ein bloßer Traum.
Er streckte lachend seine Hand aus.
„Ist das ein Traum? sagte er, indem er sie meinen Augen näherte.“ Er hatte eine abgerundete, muskulöse und kräftige Hand, so wie einen langen und starken Arm.
"Ja, obgleich ich sie berühre, so ist sie doch ein Traum,"
sagte ich, als er sie von meinem Gesicht entfernte. "Mein
Herr, haben Sie Ihr Abendessen beendet?"
"Ja, Johanna."
Ich klingelte und ließ das Geschirr hinaustragen. Als wir wieder allein waren, schürte ich das Feuer und setzte mich auf einen niedrigen Sessel neben dem Knie meines Herrn.
"Es ist beinahe Mitternacht," sagte ich.
"Ja, aber Du wirst Dich erinnern, Johanna, das Du
mir versprochen, in der Nacht vor meiner Hochzeit mit mir
zu wachen."
"Ich versprach es und will mein Versprechen halten, wenigstens auf eine oder zwei Stunden: ich hege nicht den Wunsch, zu Bette zu gehen."
"Hast Du alle Deine Anordnungen vollendet?"
"Ja, Herr."
"Und ich meinerseits ebenfalls," entgegnete er. "Ich
habe alle Geschäfte abgeschlossen, und wir werden morgen
keine halbe Stunde nach unsrer Rückkehr aus der Kirche
Thornfield verlassen."
"Sehr gut, Herr."
"Mit welchem seltsamen Lächeln sprichst Du dieses sehr
gut aus, Johanna! Welch einen rothen Fleck hast Du auf
jeder Wange! und wie seltsam schimmern Deine Augen! Ist
Dir nicht wohl?
"Ich glaube, ja."
"Du glaubst! Was ist geschehen? -- Sage mir, was
Du fühlst."
"Ich kann es nicht, Herr: keine Worte können Ihnen
sagen, was ich fühle. Ich wollte, diese gegenwärtige Stunde
endete nie: wer weiß, mit welchem Schicksal die nächste beladen sein mag"
Dies ist Hypochondrie, Johanna. Du bist übermäßig
aufgeregt oder zu sehr ermüdet."
Fühlen Sie sich ruhig und glücklich, mein Herr?
Ruhig? -- nein: aber glücklich im innersten Herzen.
Ich blickte zu ihm auf, um die Zeichen des Glücks in seinem Gesichte zu lesen: es war glühend und geröthet.
"Schenke mir Dein Vertrauen, Johanna, sagte er; "befreie Dein Gemüth von jeder Last, die es drückt, indem Du sie mir mittheilst. Was fürchtest Du? -- Daß ich kein guter Ehemann sein werde?"
"Von einer solchen Idee bin ich am weitesten entfernt."
"Fürchtest Du die neue Sphäre, in die Du eintreten -- das neue Leben, zu welchem Du übergehen sollst?"
"Nein."
"Du setzest mich in Erstaunen, Johanna: Dein Blick und Ton schmerzlicher Kühnheit verletzt und verwirrt mich. Ich fordere eine Erklärung."
"Nun, Herr, so hören Sie. Sie waren in der letzten
Nacht vom Hause fern?"
"Das war ich: ich weiß es, und Du erwähntest schon,
daß etwas in meiner Abwesenheit geschehen sei -- wahrscheinlich Nichts von Wichtigkeit; aber es hat Dich gestört. Laß es mich hören. Hat Mistreß Fairfax vielleicht etwas gesagt? oder hast Du das Gespräch der Diener gehört? Ist Deine empfindliche Selbstachtung verletzt worden?"
"Nein, Herr."
Es schlug zwölf -- ich wartete, bis die kleine Uhr ausgeschlagen hatte, und auch bis die tieferen Töne der großen Uhr in der Vorhalle verhallt waren, und dann fuhr
ich fort:
"Gestern war ich den ganzen Tag sehr beschäftigt und
sehr glücklich in meiner unaufhörlichen Geschäftigkeit, denn ich werde nicht von irgend einer Furcht wegen der neuen Sphäre oder dergleichen belästigt: ich halte es für etwas Herrliches, die Hoffnung zu haben, mit Ihnen zu leben, weil ich Sie liebe. Nein, Herr -- keine Liebkosungen jetzt -- lassen Sie mich ungestört reden. Gestern vertraute ich der Vorsehung und glaubte, die Ereignisse wirkten zu Ihrem und meinem Besten zusammen: es war ein schöner Tag, wenn Sie sich dessen noch erinnern - die Ruhe der Luft und des Himmels entfernten die Furcht wegen Ihrer Sicherheit und Ihrer Bequemlichkeit auf der Reise. Ich ging nach dem Thee eine Zeitlang auf dem Steinpflaster vor der Thür auf und ab, dachte an Sie und sah Sie in meiner Phantasie so nahe, daß ich kaum Ihre wirkliche Gegenwart entbehrte. Ich dachte an das Leben, welches vor mir lag -- an Ihr Leben, mein Herr -- ein aufgeregteres und umfassenderes Dasein, als das meine: mit dem Meer zu vergleichen und dem rieselnden Bache, der in dasselbe strömt.
Ich wunderte mich, wie die Moralisten diese Welt eine öde
Wildniß nennen können: für mich blühte sie wie eine Rose.
Bei Sonnenuntergang wurde die Luft kalt und der Himmel
bewölkt: ich ging hinein. Sophie rief mich die Treppe hinauf, um mein Hochzeitkleid anzusehen, welches man gerade
gebracht, und unten in der Schachtel fand ich Ihr Geschenk:
den Schleier, den Sie in Ihrer fürstlichen Verschwendung
von London kommen lassen: vermuthlich entschlossen, da ich keine Juwelen wollte, mich zu bewegen, etwas eben so Kostbares anzunehmen. Ich lächelte, als ich ihn entfaltete, und dachte darüber nach, wie ich Ihnen wegen Ihres aristokratischen Geschmacks und Ihres Bemühens, Ihre bürgerliche Braut in die Attribute der Pairswürde zu
kleiden, einen kleinen Streich spielen wollte. Ich dachte,
ich wolle den viereckigen, ungestickten Blondenschleier, den ich selber zur Bedeckung meines niedriggebornen Hauptes
bestimmt hatte, herunterbringen und Sie fragen, ob derselbe
nicht gut genug sei für ein Frauenzimmer, welches ihrem Gatten weder Schönheit, Vermögen noch hohe Verbindungen zubringe. Ich sah deutlich Ihren Blick, hörte schon Ihre ungestümen republikanischen Antworten und den stolzen Ausspruch, daß es nicht nöthig sei, Ihren Reichthum zu vermehren oder Ihren Rang zu erhöhen, und deshalb nach Geld oder einer Grafenkrone zu heirathen."
"Wie gut hast Du meine Gedanken errathen, kleine Hexe!" fiel Herr Rochester ein; "aber was fandest Du noch, weiter in dem Schleier, als die Stickerei? Fandest Du Gift oder einen Dolch, daß Du jetzt so traurig aussiehst?"
"Nein, nein, Herr, außer dem zarten und köstlichen Gewebe fand ich Nichts als Fairfax Rochester's Stolz, und dieser erschreckte mich nicht, weil ich an den Anblick des Dämons gewöhnt bin. Aber als es dunkel wurde, erhob sich der Wind: er blies gestern Abend nicht wie jetzt, wild und stark, sondern mit einem dumpfen und klagenden Tone, und viel unheimlicher. Ich wünschte, Sie wären zu Hause. Ich ging in dieses Zimmer, und der Anblick des leeren Stuhles und des feuerlosen Kamins erkältete mich. Als ich zu Bett gegangen war, konnte ich eine lange Zeit nicht schlafen -- eine ängstliche Aufregung hatte sich meiner bemächtigt. Der Wind wehte noch stark und schien ein dumpfes klagendes Wimmern zu übertäuben. Ob es im Hause oder draußen war, konnte ich anfangs nicht sagen, aber es wurde zweifelhaft und unheimlich bei jeder Pause des Sturmes wieder hörbar. Endlich glaubte ich zu entdecken, dass es ein Hund sei, der in der Ferne heule. Ich war froh, als der Ton aufhörte. Als ich einschlief setzte sich in meinen Träumen der Gedanke an eine dunkle und stürmische Nacht fort. Ich hegte auch im Traume den Wunsch, bei Ihnen zu sein, und empfand ein seltsames, bedauerndes Bewußtsein, daß eine Schranke uns trenne. Während meines ersten Schlafes folgte ich den Windungen eines unbekannten Weges; völlige Dunkelheit umgab mich: der Regen strömte nieder; ich hatte ein kleines Kind bei mir, ein sehr kleines Geschöpf, zu jung und schwach, um zu gehen, und welches in meinen kalten Armen vor Frost bebte und kläglich in mein Ohr wimmerte. Es kam mir der, als wären Sie eine weite Strecke auf dem Wege vor mir, ich strengte jeden Nerv an, Sie einzuholen, und bemühte mich vergeblich, Ihren Namen auszusprechen und Sie zu bitten, stillzustehen -- aber meine Bewegungen waren gefesselt und
meine Stimme verhallte in unartikulirten Tönen, während
Sie sich jeden Augenblick weiter und weiter entfernten."
"Und diese Träume beschweren jetzt Deinen Geist, während ich in Deiner Nähe bin, Johanna? Kleines nervöses Geschöpf! vergiß das eingebildete Leid und denke nur an das wirkliche Glück! Du sagst, Du liebst mich, Johanna: ja -- das will ich nicht vergessen, und Du kannst es nicht leugnen. Diese Worte erstarben nicht in unartikulirten Tönen auf Deinen Lippen. Ich hörte sie sanft und deutlich -- ein Gedanke, vielleicht zu feierlich, aber lieblich wie Musik: "Ich halte es für etwas Herrliches, die Hoffnung zu haben, mit Ihnen zu leben, Eduard, weil ich Sie liebe." -- Liebst Du mich, Johanna? wiederhole es."
"Ich liebe Sie, Herr -- ich liebe Sie von ganzem Herzen.
"Nun," sagte er nach einem Schweigen von einigen Minuten", es ist seltsam, aber dieser Ausspruch hat meine Brust schmerzlich durchdrungen. Und warum? Ich glaube, weil Du ihn mit so ernster, religiöser Kraft ausgesprochen, und weil Dein Blick, wenn Du ihn zu mir aufschlägst, einen erhabenen Glauben, Wahrheit und Hingebung, einschließt: es ist, als wäre ein Geist in meiner Nähe. Sieh schelmisch aus, Johanna, Du verstehst es ja so gut, nimm ein schlaues, ärgerliches Lächeln an; sage mir, Du hassest mich -- reize und ärgere mich; thue Alles, nur rühre mich nicht: ich möchte lieber zornig, als traurig gestimmt sein."
"Ich will Sie nach Herzenslust reizen und ärgern, wenn ich meine Erzählung beendigt habe: aber erst hören Sie mich zu Ende."
"Ich glaubte, Du hättest mir Alles gesagt, Johanna. Ich glaubte, die Quelle Deiner Schwermuth in einem Traume gefunden zu haben."
Ich schüttelte den Kopf.
"Was hast Du mir noch mehr zu sagen?" fuhr er fort. "Aber ich will nicht glauben, daß es etwas Wichtiges ist. Ich sage Dir vorher, daß ich ungläubig bin. Fahre fort."
Die Unruhe in seinen Mienen, die fast furchtsame Ungeduld seines Benehmens überraschte mich, aber ich fuhr fort.
"Ich hatte noch einen Traum, mein Herr: ich sah
Thornfield Hall als eine öde Ruine, als den Aufenthaltsort
von Fledermäusen und Eulen. Es war, als sei von der
stattlichen Fronte Nichts weiter übrig, als eine hohe, muschelartig und sehr zerbrechlich aussehende Mauer. Ich
wanderte in einer mondhellen Nacht über den innern mit
Gras bewachsenen Raum: hier stolperte ich über einen marmornen Herd und dort über ein zerbrochenes und heruntergefallenes Karnieß. In einen Shawl gehüllt, trug ich noch immer das unbekannte kleine Kind ich konnte es nirgends niederlegen; so ermüdet auch meine Arme waren -- so sehr seine Last mich am Weitergehen hinderte, mußte ich es dennoch behalten. Ich hörte das Galoppiren eines Pferdes auf dem Wege in der Ferne: ich war gewiß, daß Sie
es sein müßten, und Sie reisten auf viele Jahre zu einen fernen Lande ab. Ich klomm die zerbrechliche Mauer mit wahnsinniger Hast hinauf: die Steine rollten unter mein Füßen weg, die Epheuranken, die ich ergriff, gaben nach, das Kind hing sich erschrocken um meinen Hals und erwürgte mich fast: endlich erreichte ich die Höhe. Ich sah Sie auf dem weißen Wege wie einen schwarzen Punkt, der jeden Augenblick kleiner wurde. Der Wind wehte so stark, daß ich nicht stehen konnte. Ich setzte mich auf den schmalen Rand nieder und suchte das erschrockene Kind auf meinem Schooße zum Schweigen zu bringen: Sie bogen um eine Ecke des Weges; ich beugte mich vor, um noch einen letzten Blick zu erhaschen; die Mauer bröckelte zusammen, ich wurde erschüttert, das Kind rollte von meinem Knie, ich verlor das Gleichgewicht, fiel und erwachte."
"Nun, Johanna, das ist doch Alles?"
"Bis jetzt ist es nur noch die Einleitung, mein Herr, die Geschichte kommt noch. Als ich erwachte, wurden meine Augen von einem Lichtschimmer geblendet. Ich dachte: O! es ist Tag! aber ich hatte mich geirrt; es war nur das Licht einer Kerze. Ich vermuthete, Sophie sei hereingekommen.
Es stand ein Licht auf dem Toilettentische, und die Thür des Schrankes, worin ich, ehe ich zu Bette gegangen, mein Hochzeitskleid und meinen Schleier aufgehängt, war offen. Ich hörte ein Rascheln dort und fragte: "Sophie, was machen Sie da?" Niemand antwortete, aber eine Gestalt kam von dem Schranke her, nahm das Licht, hielt es in die Höhe und betrachtete die Kleider, die an den Pflöcken hingen. "Sophie! Sophie!" rief ich wieder, doch Alles war still. Ich richtete mich im Bette auf und beugte mich vor: anfangs ergriff mich Ueberraschung, dann Verwirrung und endlich schlich das Blut kalt durch meine Adern. Herr Rochester, es war nicht Sophie, es war nicht Lea, es war nicht Mistreß Fairfax -- nein, es war auch nicht jenes seltsame Frauenzimmer, Gratia Poole."
"Es muß doch eine von ihnen gewesen sein," fiel mein
Herr ein.
"Nein, Herr, ich versichere Ihnen feierlich das Gegentheil.
Die Gestalt, die vor mir stand, war mir in Thornfield Hall noch nie vor Augen gekommen. Die Größe, der Umriß, Alles war mir neu."
"Beschreibe sie mir, Johanna."
"Es schien ein großes und starkes Weib mit dichtem,
dunklem Haar, welches lang über ihren Rücken niederhing.
Ich weiß nicht, welche Kleidung sie anhatte, aber sie war
weiß und eng; ob es ein Kleid, ein Betttuch oder ein Leichenhemd war, kann ich nicht sagen."
"Sahst Du ihr Gesicht?"
"Anfangs nicht; aber gleich darauf nahm sie meinen Schleier von seinem Platze, hob ihn auf, betrachtete ihn
lange, warf ihn über ihren Kopf und wendete sich zum Spiegel. In diesem Augenblick sah ich das Bild ihres
Gesichts und ihrer Züge ganz deutlich in dem Spiegel."
"Und wie erschien es Dir?
"Furchtbar und gräßlich. -- O, Herr! nie sah ich ein solches Gesicht! Es war ein entfärbtes -- es war ein wildes Gesicht. Ich wollte, ich könnte das Rollen der rothen
Augen und die furchtbar geschwärzten und aufgedunsenen Züge vergessen!"
"Geister sind gewöhnlich blaß, Johanna."
"Dieser war purpurfarbig: die Lippen waren angeschwollen und dunkelroth, die Stirn gefurcht, die schwarzen Augenbrauen hoch über die blutunterlaufenen Augen hinaufgezogen. Soll ich Ihnen sagen, woran die Gestalt mich erinnerte?"
"Sage es."
"An das scheußliche Gespenst in Deutschland -- an den Vampyr."
"Ah! -- Was that es?"
"Es nahm meinen Schleier von seinem gräßlichen Kopfe, zerriß ihn in zwei Stücke, warf sie auf den Boden und stampfte mit den Füßen darauf."
"Und dann?"
"Zog sie den Fenstervorhang auf und blickte hinaus. Vielleicht bemerkte sie, daß der Tag anbrach, denn sie nahm das Licht und näherte sich der Thür. Gerade an meinem
Bette blieb die Gestalt stehen: das feurige Auge starrte mich an -- sie näherte ihr Licht meinem Gesichte und löschte es vor meinen Augen aus. Ich bemerkte, wie ihr wildes Gesicht über dem meinigen flammte, und ich verlor das Bewußtsein: zum zweitenmal in meinem Leben wurde ich vor Schrecken bewußtlos."
"Wer war bei Dir, als Du wieder zu Dir kamst?"
"Niemand, Herr; aber es war heller Tag. Ich stand
auf, benetzte Kopf und Gesicht mit Wasser und trank ein
Glas von dem klaren Getränk. Ich fühlte, daß ich zwar schwach aber nicht krank war, und beschloß, Niemand als Ihnen etwas von dieser Erscheinung zu sagen. Nun sagen Sie mir, mein Herr, wer und was dieses Weib war?"
"Das Geschöpf Deines aufgeregten Gehirns, das ist gewiß. Ich muß vorsichtig mit Dir sein, mein Liebling Nerven, wie die Deinen, vertragen keine rauhe Behandlung."
"Nein, Herr, verlassen Sie sich darauf, meine Nerven waren nicht Schuld; die Erscheinung war wirklich, und die Handlung fand wirklich statt."
"Und Deine frühern Träume: waren die auch wirklich? Ist Thornfield Hall eine Ruine? Bin ich durch unübersteigbare Schranken von Dir getrennt? Verlasse ich Dich ohne eine Thräne -- ohne einen Ruß -- ohne ein Wort?"
"Noch nicht."
"Bin ich im Begriff, es zu thun? -- Der Tag hat schon
begonnen, der uns unauflöslich an einander binden soll, und
wenn wir erst vereint sind, soll dieser eingebildete Schrecken nicht wiederkehren, dafür stehe ich Dir.
"Der eingebildete Schrecken, mein Herr! Ich wollte, ich
könnte ihn als solchen ansehen, ich wünsche es jetzt mehr als je, daß auch Sie mir das Geheimniß dieses gräßlichen Besuches nicht erklären können.“
„Und da ich ihn nicht erklären kann, Johanna, so muß es etwas Wesenloses gewesen sein.“
„Aber Herr, wie ich diesen Morgen aufstand, mich im Zimmer umsah und bei dem heitern Anblick jedes bekannten Gegenstandes im hellen Tageslicht Muth und Trost suchen wollte, da sah ich auf dem Teppich den von oben bis unten in zwei Stücke zerrissenen Schleier, der eine solche Vermuthung Lügen strafte!“
Ich fühlte, wie Herr Rochester mit einem Schauder zusammenfuhr.
Er drückte mich hastig in seine Arme und rief:
"Gott sei Dank, daß nur der Schleier beschädigt wurde; wenn in der letzten Nacht etwas Böses zu Dir kam!"
Er athmete kurz und drückte mich so fest an sich, daß ich fast erstickte. Nach einem Schweigen von einigen Minuten fuhr er fort:
"Nun, Johanna, ich will Dir Alles erklären: es war halb Traum halb Wirklichkeit. Ich zweifle nicht, daß ein Weib in Dein Zimmer getreten ist, und dieses Weib muß Gratia Poole gewesen sein. Du nennst sie selber ein seltsames Wesen, und nach Allem, was Du weißt, hast Du Grund, sie so zu nennen -- wie handelte sie gegen mich und gegen Mason! In einem Zustande zwischen Schlaf und Wachen beobachtetest Du ihren Eintritt und ihre Handlungen: aber da Du in aufgeregtem und fieberhaftem Zustande warst, so legtest Du ihr ein koboldartiges Aussehen bei: das lange aufgelöste Haar, das aufgeschwollene schwarze Gesicht, die ungeheure Gestalt war ein Spiel Deiner Einbildungskraft, die Folge eines schweren Traumes; das boshafte Zerreißen des Schleiers war wirklich und sieht ihr gleich. Ich sehe, Du möchtest fragen, warum ich ein solches Weib im Hause dulde. Wenn wir ein Jahr verheiratet sind, will ich es Dir sagen, aber nicht jetzt. Bist Du zufrieden gestellt, Johanna? Nimmst Du meine Lösung des Geheimnisses an?"
Ich kann noch, und in Wahrheit schien dies die einzig mögliche Erklärung; zufrieden gestellt war ich nicht, aber ihm zu gefallen war ich bemüht, so zu erscheinen. Beruhigter stellte ich mich offenbar, und so antwortete ich ihm mit zufriedenem Lächeln. Als es schon weit über ein Uhr war, so wollte ich ihn jetzt verlassen.
„Schläft nicht Sophie mit Adelen in der Kinderstube?“ fragte er, als ich mein Licht anzündete.
„Ja, Herr.“
„Es wird in Adelens kleinem Bett noch Platz genug für Dich sein. Du musst es für diese Nacht mit ihr theilen, Johanna. Kein Wunder, daß ein solcher Vorfall Deine Nerven erschüttert hat, daher würde es mir lieb sein Du nicht allein schliefest. Versprich mir, in die Kinderstube zu gehn."
"Ich werde es sehr gern thun, mein Herr."
"Und verriegle auch die Thür sicher von Innen. Wecke
Sophie, wenn Du hinaufgehst, unter dem Vorwand, daß
sie Dich morgen bei guter Zeit ruft, denn Du mußt vor acht
Uhr angekleidet sein und das Frühstück beendet haben. Und nun keine düstern Gedanken mehr, Johanna. Hörst Du
nicht, wie der Sturm in ein sanftes Flüstern übergegangen
ist? Der Regen schlägt nicht mehr an die Fensterscheiben
Sieh nur," fügte er hinzu, indem er den Vorhang erhob,
"es ist eine liebliche Nacht!"
So war es. Der halbe Himmel war rein und heiter
die Wolken wurden von dem Winde, der sich nach West
gedreht, hinweggetrieben, und bildeten im Osten silberne
Säulen. Der Mond schien friedlich.
"Nun, Johanna, wie ist Dir jetzt?" sagte Herr Rochester
mir fragend in die Augen blickend.
"Die Nacht ist heiter, mein Herr, und ich bin es auch."
"Und Du willst diese Nacht nicht von Trennung und
Kummer träumen, sondern nur von glücklicher Liebe und
segensreicher Vereinigung?"
Die Erwartung wurde nur halb erfüllt: ich träumte
freilich nicht von Kummer, aber auch eben so wenig den
Freude, denn ich schlief gar nicht. Die kleine Adele in meinen Armen, beobachtete ich den Schlummer der Kindheit -- so ruhig, leidenschaftlos und unschuldig -- und wartete aus den kommenden Tag: all mein Leben war wach und lebendig
in mir. Ich stand mit der Sonne auf. Adele hing an mir,
als ich sie verließ: ich küßte sie, als ich ihre kleinen Hände von meinem Nacken losmachte, weinte in seltsamer Aufregung über sie, und verließ sie, weil ich fürchtete, mein Schluchzen möchte ihren Schlummer stören. Sie schien das Abbild meines frühern Lebens zu sein, und er, dem ich jetzt begegnen wollte, das furchtbare, aber angebetete Abbild meiner unbekannten künftigen Tage.


Elftes Kapitel.

Sophie kam um sieben Uhr, mich anzukleiden; es währte
sehr lange, ehe sie diese Aufgabe vollendet hatte: so lange, daß Herr Rochester, der wahrscheinlich wegen meines Ausbleibens ungeduldig wurde, heraufschickte und fragen ließ, warum ich noch nicht käme. Sie befestigte gerade meinen Schleier -- den einfachen, viereckigen Blondenschleier – mit einer Nadel in meinem Haar, und ich entzog mich ihren Händen, sobald ich konnte.
"Warten Sie!" rief sie in französischer Sprache. "Sehen Sie doch in den Spiegel: Sie haben noch keinen Blick hinein
gethan."
Ich sah mich an der Thür um und erblickte eine geputzte und verschleierte Gestalt, so ungleich meiner gewöhnlichen Erscheinung, daß sie fast das Bild einer Fremden schien.
"Johanna!" rief eine Stimme, und ich eilte hinunter.
Am Fuß der Treppe wurde ich von Herrn Rochester empfangen.
"Du zögerst," sagte er, "und mein Gehirn steht vor Ungeduld in Flammen!"
Er führte mich in das Speisezimmer, sah mich von unten bis oben an und erklärte mich für schön wie eine Lilie, und nicht nur für den Stolz seines Lebens, sondern auch für den Wunsch seiner Augen. Dann sagte er, er könne mir nur zehn Minuten zum Frühstück Zeit lassen und klingelte. Einer von seinen jüngst angenommenen Dienern trat ein.
"Setzt John den Wagen in Stand?"
"Ja, Herr."
"Ist das Gepäck herunter gebracht?"
"Man bringt es gerade jetzt herunter, Herr."
"Geh Du in die Kirche und sieh nach, ob der Prediger
Wood und der Kirchendiener da sind; dann kehre zurück und
sage es mir."
Wie der Leser weiß, lag die Kirche dicht vor dem Thor;
der Diener kehrte bald zurück.
"Herr Wood ist in der Sakristei, mein Herr, und legt
sein Chorhemd an."
"Und der Wagen?"
"Die Pferde werden eben angeschirrt."
"Wir bedürfen desselben nicht, um in die Kirch zu fahren; aber im Augenblick, wenn wir zurückkehren, muß es
bereit, alle Koffer und Schachteln aufgepackt und der Kutscher auf dem Bock sein."
"Ja, Herr."
"Johanna, bist Du bereit?"
Ich stand auf. Da waren keine Brautführer, keine Brautjungfern und keine Verwandten zu erwarten, Niemand, als Herr Rochester und ich. Mistreß Fairfax stand im Vorsaale, als wir vorübergingen. Ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber meine Hand wurde von eisernen Fingern festgehalten und ich so rasch fortgezogen, daß ich kaum
folgen konnte. An Herrn Rochester's Gesicht bemerkte ich daß er unter keinen Umständen eine Sekunde des Aufschubes
dulden werde. Es wundert mich, ob wohl je ein Bräutigam so aussah, wie er -- so auf einen Vorsatz gerichtet, so grimmig entschlossen, und ob sich unter so festen Brauen je
so flammende und sprühende Augen zeigten.
Ich weiß nicht, ob das Wetter gut oder schlecht war als wir den Weg hinuntergingen, sah ich weder Himmel noch Erde an: mein Herz war in meinen Augen, und beide schienen in Rochester's Gestalt übergegangen zu sein. Ich wollte das unsichtbare Wesen sehen, auf welches er, als wir weitergingen, einen zornigen und grimmigen Blick zu richten
schien. Ich wollte die Gedanken fühlen, deren Gewalt er sich zu widersetzen und gegen die er anzukämpfen schien.
Am Kirchhofsthore blieb er stehen und bemerkte, daß ich ganz außer Athem sei.
"Bin ich grausam in meiner Liebe?" sagte er. "Warte einen Augenblick, lehne Dich an mich, Johanna."
Noch jetzt erinnere ich mich, wie das graue, alte Gotteshaus sich ruhig vor mir erhob, wie die Dohlen den Thurm umkreisten und jenseits der röthliche Morgenhimmel strahlte.
Ich erinnere mich auch der grünen Grabhügel, und habe nicht vergessen, wie die Gestalten von zwei Fremden unter ihnen umherwanderten und die Grabschriften auf den wenigen bemoosten Grabsteinen lasen. Sie fielen mir auf, weil ich bemerkte, daß sie hinter die Kirche traten,sobald sie uns sahen, und ich zweifelte nicht, sie würden durch den Seitengang eintreten, um der Ceremonie beizuwohnen. Herr Rochester bemerkte sie nicht; er blickte mir lebhaft in's Gesicht, aus dem sich wahrscheinlich das Blutt auf einen Augenblick zurückgezogen hatte, denn ich fühlte, daß mir der Schweiß vor der Stirn stand, und meine Wangen und Lippen kalt waren. Als ich mich wieder gefaßt hatte, was bald geschah, ging er langsam mit mir auf dem Wege zur Kirchthür hin.
Wir traten in den stillen und demüthigen Tempel; der
Prediger wartete in seinem weißen Chorhemd an dem richtigen
Altar, und der Kirchendiener stand bei ihm. Alles war still: nur zwei Schatten bewegten sich in einem entfernten
Winkel. Meine Vermuthung war richtig gewesen: die Fremden hatten sich vor uns hineingeschlichen und standen jetzt bei dem Grabgewölbe der Familie Rochester, wendeten uns den Rücken, und betrachteten durch das eiserne Gitter
das alte marmorne Grabmal, wo ein knieender Engel den
Staub des zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston Moor
gefallenen Damer von Rochester und seiner Gattin Elisabeth
bewachte.
Wir hatten unsern Platz vor dem Altar eingenommen, als ich leise Fußtritte hinter mir hörte. Ich sah mich um einer von den Fremden -- ein feiner Herr -- kam den Gang herauf. Die Rede begann. Die Erklärung der Bedeutung der Ehe war beendet, und dann trat der Prediger einen Schritt vor, neigte sich ein wenig zu Herrn Rochester hin und fuhr fort:
"Ich fordere Die Beide auf, da Sie es an dem schrecklichen Tage des Gerichts, wo die Geheimnisse aller Herzen
offenbar werden, zu verantworten haben, wenn Einem von
Ihnen ein Hinderniß bekannt ist, warum diese Ehe nicht
gesetzlich; kann vollzogen werden, es jetzt zu bekennen, denn wenn Jemand anders, als Gottes Wort es erlaubt, verkünden wird, so ist er nicht von Gott verbunden, und die Ehe nicht gültig."
Er schwieg, wie es herkömmlich ist. Wann wird die Pause nach diesem Ausspruche je durch eine Antwort unterbrochen? Vielleicht nicht einmal in hundert Jahren. Der Geistliche, der seine Augen nicht von seinem Buche erhoben und nur auf einen Augenblick den Athem angehalten hatte, streckte schon seine Hand gegen Herrn Rochester aus, öffnete seine Lippen und wollte fragen: "Willst Du dieses Weib, Deiner Ehegattin haben?" -- als eine deutliche Stimme in der Nähe sprach:
"Die Trauung kann nicht vor sich gehen: ich erkläre, daß ein Hinderniß vorhanden ist."
Der Geistliche blickte zu dem Redenden auf und stand stumm da; der Kirchendiener that dasselbe. Herr Rochester fuhr zusammen, als rolle ein Erdbeben unter seinen Füßendahin, stellte sich fester hin, wendete weder Kopf noch Augen zur Seite und sagte:
"Fahren Sie fort."
Ein tiefes Schweigen trat ein, als er dieses Wort mit dumpfer und leiser Betonung ausgesprochen. Herr Wood sagte gleich darauf:
"Ich kann nicht fortfahren, ehe eine Untersuchung der Behauptung angestellt ist, und Zeugniß von der Wahrheit oder Falschheit derselben vorgebracht worden."
"Die Ceremonie ist gänzlich abgebrochen," fuhr die Stimme hinter uns fort. "Ich bin im Stande, meine Behauptung zu beweisen, daß dieser Verbindung ein unübersteigliches Hinderniß im Wege steht."
Herr Rochester hörte es, achtete aber nicht weiter darauf, stand starr da und machte keine weitere Bewegung, als dass er meine Hand fest ergriff. Wie heiß waren seine Finger! und wie glich seine blasse, feste und massive Stirn in diesem Augenblick dem behauenen Marmor! Wie still, wachsam und doch wild schimmerten seine Augen unter derselben. Herr Wood schien verlegen.
„Von welcher Art ist dieses Hinderniß?" fragte er.
"Vielleicht kann es beseitigt und wegerklärt werden."
"Wohl schwerlich," war die Antwort; "ich habe es ein unübersteigliches genannt und habe guten Grund dazu."
Der Redner trat vor, lehnte sich über die Einfassung des Altars und sprach jedes folgende Wort deutlich, ruhig, fest, aber nicht laut aus:
"Es besteht ganz einfach in dem Vorhandensein einer früheren Ehe: Herrn Rochesters Frau ist noch am Leben."
Meine Nerven erbebten bei diesen leise gesprochenen Worten, wie der Donner sie nie erschüttert hatte – mein Blut empfand ihre subtile Gewalt, wie es dieselbe nie bei Frost oder Feuer empfunden; doch ich war gefaßt, und nicht in Gefahr, ohnmächtig zu werden. Ich sah Herrn Rochester an und machte, daß er mich ansehen mußte. Sein ganzes Gesicht war ein farbloser Fels; sein Auge zugleich ein Funke und ein Kiesel, Er leugnete nichts: es schien, als wolle er Allem Trotz bieten. Ohne zu reden, ohne zu lächeln, und als ob er kein menschliches Wesen in mir erkenne, umschlang er meine Taille mit seinem Arme und fesselte mich an seine Seite.
"Wer sind Sie?" fragte er den Fremden.
"Mein Name ist Briggs, und ich bin Rechtsanwalt in London."
"Und Sie wollen mir ein Weib aufdringen?"
"Ich will Sie nur an die Existenz Ihrer Gattin erinnern, mein Herr, die das Gesetz anerkennt, wenn Sie es nicht thun."
"Sagen Sie mir etwas Näheres von ihr -- ihren Namen, ihre Verwandtschaft, ihren Aufenthaltsort."
"Gewiß," antwortete Briggs ruhig, indem er ein Papier aus der Tasche zog und Folgendes in officiellem Nasaltone vorlas:"
"Ich behaupte und kann beweisen, daß am zwanzigsten October des Jahres -- jetzt vor fünfzehn Jahren – Eduard Fairfax Rochester von Thornfield Hall in der Grafschaft N. und von Ferndean Manor in der Grafschaft K. in England mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, der Tochter des Kaufmannes Jonas Mason und seiner Frau Antoinette, einer Kreolin, in der Kirche zu Spanish Town auf Jamaica getraut wurde. Die Trauung findet sich in dem Register jener Kirche verzeichnet, und eine Abschrift davon ist gegenwärtig in meinem Besitze. Unterzeichnet: Richard Mason."
"Wenn das Dokument ächt ist, so mag es beweisen, daß ich verheirathet war, doch beweist es nicht, daß das darin als meine Gattin genannte Frauenzimmer noch am Leben ist."
"Sie lebte noch vor drei Monaten," entgegnete der Rechtsgelehrte.
"Wie wissen Sie das?"
"Ich habe einen Zeugen, der die Thatsache bestätigen kann, dessen Zeugniß selbst Sie, mein Herr, schwerlich bestreiten werden."
"So stellen Sie ihn -- oder gehen Sie in die Hölle."
"Ich will ihn erst stellen -- er ist hier. Herr Mason haben Sie die Güte vorzutreten."
Als Herr Rochester den Namen hörte; biß er die Zähne zusammen und empfand ein konvulsivisches Beben. So nahe wie ich ihm war, fühlte ich die krampfhafte Bewegung der Wuth oder Verzweiflung, welche durch seine Gestalt lief. Der zweite Fremde, der sich bisher im Hintergrunde gehalten, näherte sich jetzt; ein blasses Gesicht sah über die Schulter des Anwalts -- ja, es war Mason selber. Herr Rochester wendete sich um und starrte ihn an. Sein Auge war schwarz, wie ich oft gesagt: jetzt war es röthlich, ja ein blutiges Licht schimmerte aus ihm; sein Gesicht röthete sich -- seine olivenfarbige Wange, seine blasse Stirn nahmen eine Glut an, als ob Flammen aus seinem Herzen aufstiegen und sich verbreiteten. Er bewegte sich, erhob seinen starken Arm -- er hätte Mason vielleicht zu Boden geschlagen, und durch den unerbittlichen Schlag das Leben aus seinem Körper verbannt -- aber Mason fuhr zurück und rief mit matter Stimme: "Guter Gott! Verachtung fiel kalt über Herrn Rochester -- die Leidenschaft erlosch in ihm und er fragte nur: "Was haben denn Sie zu sagen?"
Eine unhörbare Antwort entfloh Mason's blassen Lippen.
"Zum Teufel mit Ihnen, wenn Sie nicht deutlich antworten können. Ich frage noch einmal was haben Sie zu sagen?"
"Mein Herr -- mein Herr, fiel der Geistliche ein, "vergessen Sie nicht, daß Sie an einem geheiligten Orte sind."
Dann wendete er sich zu Mason und fragte sanft:
"Können Sie bestimmte Auskunft geben, mein Herr, ob die Frau dieses Herrn noch lebt oder nicht?"
"Muth!" sagte der Rechtsgelehrte zu seinem Clienten; "reden Sie frei heraus."
"Sie lebt jetzt in Thornfield Hall," sagte Mason in deutlicheren Tönen. "Ich sah sie im letzten April; ich bin ihr Bruder."
"In Thornfield Hall!" rief der Geistliche. "unmöglich! ich wohne schon lange in dieser Gegend, mein Herr, und hörte noch nie von einer Mistreß Rochester in Thornfield Hall."
Ich sah, wie ein grimmiges Lächeln Herrn Rochester's Lippe verzog.
"Nein -- bei Gott!" murmelte er. "Ich trug Sorge, daß Niemand unter diesem Namen von ihr hören sollte."
Er sann nach und ging zehn Minuten lang mit sich zu Rathe. Endlich war sein Entschluß gefaßt und er kündigte ihn an:
"Genug -- jetzt soll Alles auf einmal heraus, wie die Kugel aus dem Lauf. -- Wood, machen Sie Ihr Buch zu und lege Sie Ihr Chorhemd ab. John Green," fuhr er zu dem Kirchendiener gewendet fort, "verlassen Sie die Kirche! Es wird heute keine Trauung stattfinden." DerMann gehorchte.
Herr Rochester fuhr rauh und bitter fort:
"Bigamie ist ein häßliches Wort! -- und doch beabsichtigte
ich, dieses Verbrechen zu begehen -- aber das Schicksal hat meine Pläne vereitelt, oder die Vorsehung mich zurückgehalten -- vielleicht ist das Letzte der Fall. Ich bin in diesem Augenblick wenig besser, als ein Teufel, und verdiene, wie mein Pastor dort mir sagen würde, ohne Zweifel das strengste Gericht Gottes -- das Feuer, welches nicht erlischt, und den Wurm, der nicht stirbt. Meine Herren, mein Plan ist vernichtet! -- Was dieser Rechtsgelehrte und sein Client sagen, ist wahr: ich bin verheirathet, und dass Weib, welches ich heirathete, ist am Leben! Sie sagten, Wood, Sie hätten nie von einer Mistreß Rochester dort im Hause gehört; aber ohne Zweifel haben Sie seit langer Zeit ein Gerücht von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen gehört, die man dort bewacht. Einige haben Ihnen zugeflüstert, es sei meine uneheliche Schwester, Andere, meine verstoßene Geliebte -- ich sage Ihnen jetzt, sie ist mein Weib, das ich vor fünfzehn Jahren heirathete – Bertha Mason mit Namen, die Schwester dieses entschlossenen Mannes, dessen bebende Glieder und todtenblassen Wange Ihnen zeigen, welch ein muthiges Herz die Menschen haben
können. Beruhigen Sie sich, Richard, fürchten Sie mich nicht! -- Ich würde eben so gern ein Weib schlagen, als Sie. Bertha Mason ist wahnsinnig; und stammt von einer
wahnsinnigen Familie ab: von Wahnsinnigen und Tollen in drei Generationen! Ihre Mutter, die Kreolin war nicht nur wahnsinnig, sondern liebte auch den Trunk -- was ich erfuhr; nachdem ich die Tochter geheirathet hatte, denn man hatte vorher über Familiengeheimnisse geschwiegen.
Als gehorsames Kind ahmte Bertha ihrer Mutter in beiden Stücken nach. Ich hatte eine reizende Ehehälfte -- keusch, weise und bescheiden: Sie können sich denken, dass ich ein glücklicher Mann war. -- Welche köstliche Scenen erlebte ich nicht! O! meine Erfahrung ist himmlisch, wenn Sie sie nur wüßten! Aber ich bin Ihnen keine weitere Erklärung schuldig. Briggs, Wood, Mason -- ich lade Sie ein, mit in mein Haus zu kommen und Mistreß Poole's Patientin, meine Gattin zu besuchen! -- Sie sollen sehen, welches Wesen man mich zu heirathen durch Betrug verlockt hat, und beurtheilen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, diesen Contract zu brechen, und wenigstens bei einem menschlichen Wesen Sympathie zu suchen. Dieses Mädchen, fuhr er mich ansehend fort, "wußte nicht mehr als Sie, Wood, von dem scheußlichen Geheimniß; sie glaubte, Alles gehe redlich und gesetzlich zu, und ließ sich nie träumen, daß sie zu einer ungültigen Verbindung mit einem betrogenen Elenden verlockt wende, der schon an ein verworfenes, wahnsinniges und viehisches Geschöpf gefunden! Kommen Sie Alle, und folgen mir."
Mich noch festhaltend, verließ er die Kirche, und die drei Herren folgten. An der Hausthür hielt der Wagen.
"Fahre ihn nun wieder in den Schuppen, John," sagte Herr Rochester kalt, "wir bedürfen seiner heute nicht."
Am Eingange kamen uns Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Lea entgegen, um uns Glück zu wünschen.
"Zurück mit Euch Allen!" rief der Herr. "Zum Henkel mit Euren Glückwünschen! wer bedarf ihrer? Ich nicht -- sie kommen fünfzehn Jahre zu spät!"
Er ging vorüber, führte mich noch immer an der Hand, stieg die Treppe hinauf und winkte den Herren, ihm zu folgen, was sie auch thaten. Wir stiegen die erste Treppe hinauf, gingen durch die Gallerie und begaben uns in das dritte Stockwerk. Die niedrige schwarze Thür, die Herrn Rochester's Hauptschlüssel öffnete, führte in das tapezirte Zimmer mit dem großen Bette und dem malerischen Schranke.
"Sie kennen diesen Ort, Mason," sagte unser Führer:
"hier biß und verwundete sie Sie."
Er hob eine Tapete an der Wand auf, wo sich eine zweite Thür zeigte, die er ebenfalls öffnete. In einem Zimmer ohne Fenster brannte ein Feuer, von einem hohen und starken Gitter umgeben, und eine Lampe hing an einer Kette von der Decke nieder. Gratia Poole neigte sich über das Feuer und schien etwas in einer Pfanne zu kochen. Im tiefen Schatten im Hintergrunde des Zimmers lief eine Gestalt auf und ab. Ob es ein Thier oder ein menschliches Wesen war, konnte man auf den ersten Blick nicht erkennen: es schien auf allen Vieren zu gehen und schnappte und kauerte wie ein fremdes wildes Thier; aber es war mit Kleidern angethan, und eine Masse dunkles graues Haar, wild wie eine Mähne, bedeckte den Kopf und das Gesicht.
"Guten Morgen, Mistreß Poole!" sagte Herr Rochester.
"Wie geht's Ihnen, und wie steht's heute mit Ihrer Kranken?"
"Ganz erträglich, Mein Herr, ich danke Ihnen," versetzte
Gratia, ihr siedendes Gefäß sorgfältig vom Feuer hebend, "etwas beißig, aber nicht wüthend."
Ein wildes Geschrei schien den günstigen Bericht Lügen zu strafen; die bekleidete Hyäne erhob sich und stand groß auf ihren Hinterfüßen da.
"Ach Herr, sie sieht Sie! rief Gratia, "bleiben Sie lieber nicht da."
"Nur einige Augenblicke, Gratia; die müssen Sie mir gestatten."
"So nehmen Sie sich in Acht, Herr! -- Um Gotteswillen nehmen Sie sich in Acht!"
Die Wahnsinnige brüllte, schlug ihr struppiges Haar aus dem Gesicht, und sah wild die Besuchenden an. Ich erkannte wohl jenes purpurfarbige Gesicht jene aufgedunsenen Züge. Mistreß Poole trat vor.
"Aus dem Wege," sagte Herr Rochester, sie auf die
Seite schiebend; "sie hat vermuthlich jetzt kein Messer? Und
ich bin auf meiner Hut."
"Man kann nie wissen, was sie hat, Herr, sie ist so
lustig, keine menschliche Klugheit ist im Stande, ihr will
zu ergründen."
"Es ist besser, wir verlassen sie," flüsterte Mason.
"Geh zum Teufel!" war seines Schwagers Rath.
"Jetzt nehmen Sie sich in Acht!" rief Gratia. Die drei
Herren zogen sich zugleich zurück. Herr Rochester schleuderte mich hinter sich; die Wahnsinnige sprang auf ihn zu, umfaßte seinen Hals, wie eine Maschine und setzte ihre Zähne an seine Wange. Sie rangen miteinander. Sie war ein großes Weib, fast von gleicher Größe, wie ihr Mann, und überdies korpulent. Bei dem Kampfe zeigte
sie männliche Kraft -- mehr als einmal hätte sie ihn fast erdrosselt, so stark er war. Er hätte sie mit einem Schlage zu Boden strecken können, aber er schlug nicht, er rang nur mit ihr. Endlich bemächtigte er sich ihrer Arme; Gratia Poole gab ihm eine Schnur, womit er ihr die Hände auf den Rücken band. Eine andere Schnur befestigte sie an einen Stuhl. Die Operation geschah beim wüthensten Schreien und der krampfhaftesten Gegenwehr. Dann wendete sich Herr Rochester zu den Zuschauern und sah sie mit bitterem und trostlosem Lächeln an.
"Das ist mein Weib!" sagte er. "Dies ist die einzige eheliche Umarmung, die mir je zu Theil geworden – dies sind die Liebkosungen, die den Trost meiner Mußestunden ausgemacht haben! Und dies ist die, welche ich zu haben wünschte," fuhr er fort, indem er seine Hand auf meine Schulter legte; "dieses junge Mädchen, welches so ernst und ruhig am Eingange der Hölle steht, und so gefaßt den Luftsprüngen eines Teufels zusieht. Ich wollte sie der Veränderung wegen nach einem so wüthenden Geschöpfe haben.
Wood und Briggs, seht den Unterschied an; vergleicht diese klaren Augen mit jenen rothen Feuerkugeln dort – dieses menschliche Gesicht mit jener Teufelsmaske – diese zierliche Gestalt mit jenem unförmlichen Klumpen; dann richtet mich, Priester des Evangeliums und Mann des Gesetzes, und erinnert Euch, daß man Euch mit demselben Maße, womit Ihr messet, wieder messen wird! Fort mit Euch jetzt. Ich muß mein Kleinod einschließen."
Wie entfernen uns Alle. Herr Rochester blieb noch einen Augenblick zurück, um Gratia Poole noch einige weitere Befehle zu geben. Der Rechtsgelehrte redete mich an, als wir die Treppe hinuntergingen.
"Sie, mein Fräulein, sind frei von aller Schuld," sagte er. "Ihrem Obeim wird es lieb sein, dies zu hören -- wenn er noch am Leben ist, bis Herr Mason nach Madeira
zurückkehrt."
"Mein Oheim! was wissen Sie von ihm? Kennen Sie ihr?"
"Herr Mason kennt ihn: Herr Eyre ist seit einigen Jahren der Correspondent seines Hauses. Als Ihr Oheim Ihren Brief erhielt, worin Sie ihm Ihre beabsichtigte Verbindung mit Herrn Rochester kundthaten, war Herr Mason, der ich auf dem Wege nach Jamaika, um seine Gesundheit wiederherzustellen, aus Madeira aufhielt, gerade bei ihm.
Herr Eyre erwähnte die Nachricht, denn er wußte, dass mein Client mit einem Herrn Namens Rochester bekannt sei. Herr Mason, der, wie Sie denken können, erstaunt
und gekränkt war, entdeckte den wahren Stand der Dinge. Ihr Oheim lieg jetzt leider auf dem Krankenbette, von dem er bei dem Grade, den seine Krankheit, die Auszehrung, erreicht, wohl schwerlich wieder aufkommen dürfte. Er konnte also nicht selber nach England eilen, um Sie aus der Schlinge zu befreien, in die Sie gefallen, doch hat er Herrn Mason, keine Zeit zu verlieren, um die falsche Heirath zu verhindern. Er wies ihn an mich, um ihm Beistand zu leiten. Ich wendete alle Eile an, und bin froh, daß ich nicht zu spät gekommen bin, wie Sie ohne Zweifel auch sein müssen. Wäre ich nicht moralisch überzeugt, daß Ihr Oheim todt sein wird, ehe Sie
Madeira erreichen können, so würde ich Ihnen rathen.
Herrn Mason zurückzubegleiten; so wie die Sache steht, halte ich es aber für besser in England zu bleiben, bis Sie etwas Näheres über Herrn Eyre hören, oder bis er selber von sich Nachricht gibt. Haben wir noch sonst irgend etwas hier auszurichten?" fragte er Herrn Mason.
"Nein, nein -- lassen Sie uns gehen," war die ängstliche Antwort; und ohne zu warten, um von Herrn Rochester Abschied zu nehmen, gingen Beide zur Hausthür hinaus.
Der Geistliche blieb noch ein wenig länger, um einige Worte der Ermahnung oder des Tadels an sein stolzes Beichtkind zu richten. Als er diese Pflicht erfüllt hatte, entfernte er sich auch.
Ich hörte ihn fortgehen, als ich in der halboffenen Thür meines Zimmers stand, wohin ich mich zurückgezogen hatte.
Das Haus war wieder rein, ich schloß mich ein und verriegelte die Thür, damit Niemand sich bei mir eindrängen möchte, und begann -- nicht zu weinen nicht zu trauern, dazu war ich noch zu ruhig, - sondern mechanisch mein Brautkleid abzulegen und mein wollenes Kleid wieder anzuziehen, welches ich gestern, wie ich geglaubt, zum letzten Mal getragen. Dann setzte ich mich nieder und fühlte mich matt und ermüdet. Ich lehnte meine Arme auf einen Tisch und ließ meinen Kopf darauf niedersinken. Und jetzt dachte ich: bis dahin hatte ich nur gehört, gesehen, mich bewegt -- war hinauf- und hinunter gefolgt, wohin man mich geschleppt oder geführt -- hatte ein Ereigniß nach dem andern an mir vorüberrauschen und ein Geheimniß nach dem andern sich lösen sehen -- aber jetzt dachte ich.
Der Morgen war ziemlich ruhig vergangen -- Alles, mit Ausnahme der kurzen Scene mit der Wahnsinnigen -- die Verhandlung in der Kirche war nicht lärmend gewesen.
Es hatte kein Ausbruch der Leidenschaft, kein lauter Zank oder Streit, kein Wortwechsel und keine Forderung, keine Thränen und kein Schluchzen stattgefunden. Es waren nur wenig Worte gesprochen, ein ruhiger Einspruch gegen
eine Trauung geschehen, einige strenge, kurze Fragen von Rochester ausgesprochen, einige Antworten und Erklärungen gegeben und ein Zeuge aufgerufen worden; dann hatte mein Herr die Wahrheit offen eingestanden und den lebenden Beweis gezeigt; die Fremden waren fort und Alles vorüber. Ich war wieder in meinem Zimmer wie gewöhnlich -- ganz ich selber, ohne merkliche Veränderung, Nichts hatte mich getroffen, Nichts mich verbrannt oder verstümmelt. Und doch, wo war die Johanna Eyre von gestern? -- wo war ihr Leben? -- wo waren ihre Aussichten?
Johanna Eyre, die ein glühendes und erwartungsvolles Frauenzimmer -- ja fast eine Gattin gewesen – war wieder ein kaltes einsames Mädchen: ihr Leben war verblichen, ihre Aussichten trostlos. Ein Weihnachtsfrost war mitten im Sommer eingetreten: ein winterliches Schneegestöber wirbelte über den warmen Junius dahin; Eis überglaste die reifen Aepfel, Schneebänke drückten die blühenden Rosen nieder, auf Heu- und Kornfeldern lag ein erstarrendes Leichentuch: Wege, die am letzten Abend noch von blühenden Gesträuchen und Blumen umgeben gewesen, waren jetzt pfadlos von unbetretenem Schnee; und die Wälder, die noch der zwölf Stunden so duftig wehten, wie die Haine in den Tropenländern, breiteten sich jetzt wild, öde und weiß, wie Fichtenwälder im winterlichen Norwegen, aus.
Alle meine Hoffnungen waren erstorben -- von einem tödtlichen Schlage getroffen, gleich dem, der in jener Nacht die ganze Erstgeburt im Lande Aegypten tödtete. Ich sah meine Lieblingswünsche an, die gestern noch so blühend und glühend waren: sie lagen wie starre, kalte und bläuliche Leichen da, die nie wieder aufleben konnten. Ich sah meine Liebe an: jenes Gefühl, welches meinem Herrn gehörte -- welches er geschaffen hatte; sie schauderte in meinem Herzen gleich einem kranken Kinde in einer kalten Wiege; Krankheit und Qual hatten sich ihrer bemächtigt: sie konnte Herrn Rochester's Arme nicht aufsuchen -- sie konnte keine Wärme an seiner Brust finden. O! nie konnte sie sich mehr zu ihm wenden, denn der Glaube war vernichtet – das Vertrauen zerstört! Herr Rochester war nicht mehr für
mich, was er gewesen, denn er war nicht, wofür ich ihn gehalten. Ich wollte ihn keines Lasters beschuldigen; ich wollte nicht sagen, er habe mich betrogen: aber die fleckenlose Wahrheit war aus dem Gedanken an ihn verschwunden; und aus seiner Nähe mußte ich gehen: das sah ich wohl ein. Wann -- wie -- wohin? konnte ich noch nicht unterscheiden; doch ich zweifelte nicht, er selber werde mich aus Thornfield treiben. Wahre Zärtlichkeit, so schien es, konnte er nicht für mich empfinden; es war nur eine kurze, auflodernde Leidenschaft gewesen: der war ein Hinderniß im den Weg getreten, und er bedurfte meiner nicht mehr. Jetzt mußte ich fürchten, ihm in den Weg zu treten: mein Anblick mußte ihm verhaßt sein. O! wie blind waren meine Augen gewesen! wie schwach hatte ich gehandelt! Meine Augen waren bedeckt und geschlossen: wirkliche Finsterniß schien um mich zu schwimmen, und das Nachdenken kam ein eben so schwarzer und stürmischer Tag daher.
Von mir selber verlassen, aufgelöst und kraftlos, schien ich mich in das ausgetrocknete Bett eines großen Flusses gelegt zu haben; ich hörte eine Flut daherrauschen durch die fernen Gebirge, und fühlte, wie der Strom herankam: aufzustehen hatte ich nicht den Willen, zu fliehen, nicht die Kraft. Ich lag matt da und wünschte zu sterben. Nur noch ein Gedanke regte sich in mir -- die Erinnerung an Gott: sie erzeugte ein unausgesprochenes Gebet: diese Worte wanderten auf und nieder in meinem verdunkelten Geiste, als etwas, was ich leise flüstern mußte. Aber es war keine Kraft zu finden, um sie auszusprechen:
"Sei nicht ferne von mir, denn Ungemach ist nahe, und Niemand da, mir zu helfen!"
Es war nahe: und da ich keine Bitte zum Himmel erhob, es abzuwenden - da ich weder meine Hände faltete, meine Kniee beugte, noch meine Lippen bewegte -- so kam es, und in vollem, rauschendem Strome ergoß sich die wilde Flut über mich. Das ganze Bewußtsein meines verschwendeten Lebens, meiner verlorenen Liebe, meiner erloschenen Hoffnung, meines vernichteten Glaubens strömte voll und mächtig über mich dahin in einer finstern Masse. Jene bittere Stunde ist nicht zu beschreiben: in Wahrheit, das Wasser ging mir bis an die Seele; ich sank tief in den Schlamm, ich fühlte keinen festen Grund, ich kam in tiefes Wasser und die Wegen überfluteten mich.

Ende des zweiten Theils.

Erstes Kapitel
Gegen Abend erhob ich mein Haupt, sah um mich, bemerkte den röthlichen Schein der untergehenden Sonne an der Wand und fragte mich:
"Was soll ich thun?"
Aber die Antwort, die mein Geist gab: - “Verlaß Thornfield sogleich!” - war so bestimmt, so schrecklich, daß ich mir die Ohren zuhielt und sagte, ich könne solche Worte jetzt nicht ertragen.
“Daß ich nicht Eduard Rochester's Braut bin, ist der geringste Theil meines Leidens,” sagte ich bei mir selber, "daß ich aus den köstlichsten Träumen erwacht bin und sie alle eitel und leer gefunden habe, ist eine Empfindung des Entsetzens, die ich ertragen und bemeistern könnte, aber daß ich ihn augenblicklich und auf immer verlassen muß, ist unerträglich. Ich vermag es nicht."
Dann aber behauptete eine Kraft in mir, daß ich es könne und sagte mir, ich solle es thun. Ich rang mit meinem Entschlusse: ich hätte schwach sein mögen, um dem schrecklichen Leiden auszuweichen, welches vor mir lag, so wurde das Gewissen ein Tyrann, faßte die Leidenschaft bei der Kehle und sagte drohend zu ihr, sie sei mit ihrem zierlichen Fuße in die Pfütze gerathen, und schwur, sie mit seinem eisernen Arme in unergründliche Tiefen der Qual hinunter zu schleudern.
"So mag ich denn hinweggerissen werden!” rief ich. "so mag mir nur Einer helfen!"
"Nein, Du sollst Dich selbst hinwegreißen; Niemand soll Dir helfen: Du sollst selbst Dein rechtes Auge ausreißen, selbst Deine rechte Hand abhauen: Dein Herz soll das Schlachtopfer sein und Du der Priester, der es durchbohrt.”
Ich erhob mich plötzlich, von Entsetzen erschüttert, als ein so unerbittlicher Richter in der Einsamkeit sich hörbar machte - als das Schweigen von einer ehrfurchtgebietenden Stimme erfüllt wurde. Mein Kopf schwindelte, als ich aufrecht dastand: ich bemerkte, daß ich aus Aufregung und Entkräftung einer Ohnmacht nahe war; weder Speise noch Trank war an dem Tage über meine Lippen gekommen. Jetzt überdachte ich mit seltsamer Angst, daß man, so lange ich hier eingeschlossen gewesen, nicht geschickt hatte, um zu fragen, wie ich mich befinde, noch um mich einzuladen, hinunter zu gehen: nicht einmal die kleine Adele hatte an die Thür geklopft; nicht einmal Mistreß Fairfax hatte mich besucht.
“Stets vergessen die Freunde die, welche das Glück verläßt,” murmelte ich bei mir selber, als ich den Riegel öffnete und hinausging. Ich stolperte über einen Gegenstand; mein Kopf war noch schwindlig, meine Augen trübe und meine Glieder schwach. Ich konnte mich nicht sogleich fassen; ich fiel, aber nicht auf den Boden: ein ausgestreckter Arm hielt mich. Ich blickte auf- Rochester, der dicht vor meiner Thür auf einem Stuhle saß, unterstützte mich.
“Du kommst endlich heraus," sagte er. "Ich habe lange auf Dich gewartet und gehorcht; doch keine Bewegung, kein Schluchzen habe ich gehört: noch fünf Minuten dieser Todtenstille und ich hätte das Schloß erbrochen, wie ein Dieb. So, Du vermeidest mich also? - Du schliefest Dich ein und hängst allein Deinem Kummer nach? Ich wollte lieber, Du wärest gekommen und hättest mich heftig ausgezankt. Du bist leidenschaftlich; ich erwartete eine Scene der Art. Ich war auf den heißen Regen der Thränen vorbereitet; nur hätte ich gewünscht, daß sie an meiner Brust wären vergossen worden: nun hat der gefühllose Fußboden sie aufgenommen oder Dein feuchtes Tuch. Aber ich irre Du hast gar nicht geweint! Ich sehe eine weiße Wange und ein mattes Auge, aber keine Spur von Thränen Dein Herz hat also wohl kein Blut geweint?"
"Nun, Johanna, kein Wort des Vorwurfs? Nichts Bitteres - nichts Stechendes? Nichts, was das Gefühl verletzen oder die Leidenschaft aufstacheln könnte? Du sitzest ruhig da, wo ich Dich hingesetzt habe, und siehst mich mit mattem und leidenden Blicke an."
"Johanna, es war nicht meine Absicht, Dich so zu verwunden. Wenn der Mann, der nur ein einziges kleines Lamm hatte, das ihm theuer war, wie eine Tochter, das von seinem Brode aß, aus seinem Becher trank und in seinem Schooße lag, es aus Versehen geschlachtet hätte, würde er diesen blutigen Fehlgriff nicht schwerer bereut haben, als ich den meinen bereue. Wirst Du mir zu vergeben?”
Leser - ich vergab ihm in dem Augenblicke und auf der Stelle. Es war so tiefe Reue in seinen Augen, so wahres Mitleid in seinem Tone, so männliche Energie in
seinem Wesen; und überdies lag so unveränderliche Liebe in seinem ganzen Ausdrucke und in seiner Miene, daß ich ihm Alles vergab; doch nicht in Worten, nicht äußerlich, nur im Innersten meines Herzens.
"Du weißt, daß ich ein Schurke bin, Johanna?” fragte er nach einer Pause bedeutungsvoll - wahrscheinlich verwundert über mein Schweigen und meine Zahmheit, die mehr aus Schwäche, als aus freiem Willen hervorging.
"Ja, Herr.”
"Dann sage es mir offen und heftig - schone meiner nicht."
"Ich kann es nicht: ich bin matt und krank. Ich bedarf etwas Wasser.”
Er stieß einen schaudernden Seufzer aus, faßte mich in seine Arme und trug mich die Treppe hinunter. Anfangs wußte ich nicht, in welches Zimmer er mich getragen; es schwebte eine Wolke vor meinen gläsernen Augen, sogleich aber empfand ich die belebende Wärme eines Feuers, denn wenn es gleich Sommer war, so war ich doch eisig, kalt in meinem Zimmer geworden. Er hielt mir Wein an die Lippen, ich kostete ihn und erholte mich, dann aß ich etwas, was er mir anbot und war bald wieder völlig, hergestellt.
Ich war im Bibliothekzimmer saß in seinem Sessel — er war ganz nahe.
"Wenn ich jetzt ohne zu große Qual aus dem Leben scheiden könnte, so wäre es gut für mich," dachte ich; “dann würde mir die Anstrengung erspart, die Saiten meines Herzens zu sprengen, indem ich sie aus den seinigen herausreiße. Es scheint, ich muß ihn verlassen. Ich will - ich kann ihn nicht verlassen!”
"Wie ist Dir jetzt. Johanna?”
"Viel besser, Herr, es wird mir bald ganz wohl sein.”
"Koste den Wein noch einmal, Johanna."
Ich gehorchte ihm; dann setzte er das Glas auf den Tisch, stand vor mir und sah mich aufmerksam an. Plötzlich wendete er sich mit einem unartikulirten Ausruf voll leidenschaftlicher Aufregung ab, ging rasch durchs Zimmer, kehrte zurück und neigte sich zu mir nieder, als wollte er mich küssen; doch erinnerte ich mich, daß Liebkosungen jetzt verboten waren. Ich wendete also mein Gesicht ab und schob das seine zurück.
“Was! - wie ist dies?” rief er heftig. "O! ich weiß, Du willst Bertha Mason's Gatten nicht küssen? Du denkst meine Liebkosungen und Umarmungen gehören einer Andern?”
"Auf jeden Fall habe ich keinen Anspruch daran, mein Herr."
"Warum, Johanna? Ich will Dir die Mühe des vielen Sprechens ersparen und für Dich antworten - weil ich schon ein Weib habe, willst Du sagen. - Ist meine Vermuthung richtig?"
“Ja.”
"Wenn Du so denkst, mußt Du eine seltsame Ansicht von mir haben: Du mußt mich als einen ränkevollen Wüstling betrachten - als einen gemeinen und niedrigen Schuft, der uneigennützige Liebe gezeigt hat, um Dich in eine absichtlich gestellte Schlinge zu locken, Dir die Ehre zu rauben und die Selbstachtung zu entziehen. Was sagst Du dazu? Ich sehe, daß Du nichts sagen kannst: für's Erste bist Du noch matt und hast Mühe genug, um Athem zu schöpfen; für's Zweite kannst Du Dich noch nicht gewöhnen, mich anzuklagen und zu schmähen, und überdies sind die Schleusen der Thränen geöffnet, und sie würden hervorstürzen, wenn Du viel sprächest; auch hast Du keine Lust zu schelten und zu schmähen und eine Scene zu machen: Du bedenkst, wie Du handeln sollst — Du siehst an, daß das Reden von keinem Nutzen ist. Ich kenne dich - ich bin auf meiner Hut.”
"Mein Herr, ich wünsche nicht gegen Sie zu handeln,” sagte ich, und meine unsichere Stimme warnte mich, meinen Satz nicht zu vollenden.
"Nicht in Deinem Sinne des Worts - aber in meinem, bist Du beschäftigt, mich zu Grunde zu richten. Du hast es so gut wie ausgesprochen, daß ich ein verheiratheter Mann bin - als einen verheiratheten Mann wirst Du mich meiden, mir aus dem Wege gehen: ja, noch diesen Augenblick hast Du Dich geweigert, mich zu küssen. Du beabsichtigst mir gänzlich fremd zu werden, unter diesem Dache nur als Adelens Gouvernante zu leben: wenn ich je ein freundliches Wort zu Dir sagen, wenn je ein freundliches Gefühl sich wieder zu mir neigt, wirst Du sagen: ““Dieser Mann hätte mich beinahe zu seiner Maitresse gemacht: ich muß wie Eis und Felsen gegen ihn sein.”” — Und Eis und Felsen wirst Du folglich werden.
Ich suchte meine Stimme sicherer zu machen und antwortete:
“Ales um mich her ist verändert, mein Herr: ich muß mich auch verändern — daran ist nicht zu zweifeln: und um das Ueberströmen der Gefühle und beständige Kämpfe mit Erinnerungen und Vorstellungen zu vermeiden, giebt es nur ein Mittel - Adele muß eine neue Gouvernante haben, mein Herr."
"O, Adele wird die Schule besuchen - das habe ich schon bestimmt: auch will ich Dich nicht mit den scheußlichen Vorstellungen und Erinnerungen an Thornfield Hall quälen - an diesen verdammten Ort - dieses Zelt des Achan - dieses schamlose Gewölbe, welches den gräßlichen Anblick des lebendigen Todes dem Lichte des freien Himmels darstellt - an diese enge Hölle von Stein, mit ihrem einen wahren Teufel, der ärger ist, als eine Legion von denen, die wir uns vorstellen. - Johanna, Du sollst nicht hier bleiben, auch wollte ich es nicht. Ich that Unrecht, Dich je nach Thornfield Hall zu bringen, da ich wußte, von welchen Geistern es bewohnt wird. Ehe ich Dich nur sah, beschwor ich sie, Dir jede Kenntniß von dem Fluche dieses Ortes fern zu enthalten; nur weil ich fürchtete, nie eine Gouvernante für Adele zu finden, welche bleiben würde, wenn sie wüßte, mit wem sie unter einem Dache sei, da meine Pläne mir nicht gestatteten, die Wahnsinnige anderswohin zu bringen - obgleich ich ein altes Haus Namens Ferndean Manor besitze, welches sogar noch versteckter und verborgener ist, als dieses, wo ich sie sicher genug hätte unterbringen können, wenn nicht eine Bedenklichkeit wegen der ungesunden Lage mitten im Walde mein Gewissen von dieser Maßregel abgeschreckt hätte. Wahrscheinlich würden mich jene feuchten Wände bald von jener Last befreit haben: aber jeder Bösewicht hat sein eigenes Laster; und ich habe keine Neigung zum indirecten Morde, wenn ich den Gegenstand auch noch so sehr hasse. Die Nähe des wahnsinnigen Weibes vor Dir zu verbergen, war fast ein gleiches Unternehmen, als wollte man ein Kind mit einem Mantel zudecken und es in die Nähe eines Upasbaumes legen: die Nachbarschaft jenes Dämons ist vergiftet, und war es stets. Aber ich will Thornfield Hall verschließen: ich will die Vorderthür zunageln und die untern Fenster mit Brettern verkleiden lassen; ich will Mistreß Poole zweihundert Pfund jährlich geben, um hier mit meiner Gattin zu wohnen, wie Du dieses furchtbare Geschöpf nennst: Gratia wird viel für Geld thun, und ihr Sohn, der Verwalter von Grimsby Retreat, wird ihr Gesellschaft leisten und bei der Hand sein, um ihr beizustehen, wenn meine Gattin ihre Anfälle bekommt und von ihrem bösen Dämon getrieben wird, die Leute Nachts in ihren Betten zu verbrennen, sie zu erstechen, ihnen das Fleisch von den Knochen zu beißen und so ferner.” —
"Mein Herr," unterbrach ich ihn, "Sie sind ohne Mitleid für diese unglückliche Dame: Sie reden mit Haß von ihr - mit rachsüchtigem Widerwillen. Es ist grausam - sie kann nicht dafür, daß sie wahnsinnig ist."
"Johanna, mein kleiner Liebling, (so will ich Dich nennen, denn das bist Du) Du weißt nicht, was Du redest und verkennst mich schon wieder: nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich sie. Wenn Du wahnsinnig wärest, glaubst Du, daß ich Dich hassen würde?"
"Das glaube ich in der That, mein Herr.'
"Da irrst Du und kennst mich nicht, noch auch die Art der Liebe, deren ich fähig bin. Jedes Atom Deines Fleisches ist mir so theuer, wie mein eigenes, in Schmerz und Krankheit würde es mir noch theuer sein. Dein Geist ist mein Kleinod, und wenn er gebrochen wäre, würde er noch
immer mein Kleinod sein. Wenn Du wahnsinnig wärest, würden meine Arme Dich umschließen, und nicht eine Narrenjacke. - Dein Griff, selbst in der Wuth, würde einen Reiz für mich haben: wenn Du so wild auf mich losführest, wie jenes Weib diesen Morgen that, würde ich Dich in einer Umarmung empfangen, die wenigstens ebenso zärtlich als fest sein sollte. Ich würde nicht mit Abscheu vor Dir zurückbeben, wie vor ihr: in Deinen ruhigen Augenblicken
solltest Du keinen Wächter und keinen Krankenwärter haben, als mich. Ich könnte mich mit unermüdlicher Zärtlichkeit über Dich neigen, wenn Du mich auch mit keinem Lächeln erfreutest; und würde nicht ablassen in Deine Augen zu blicken, wenn sie auch keinen Strahl des Erkennens für mich mehr hätten. - Aber warum verfolge ich diesen Ideengang? Ich sprach davon, Dich von Thornfield wegzubringen. Du weißt, es ist Alles zur raschen Abreise bereit: morgen sollst Du gehen. Ich bitte Dich nur noch eine Nacht unter diesem Dache zu verweilen, Johanna; und dann magst Du auf immer dem Elend und Schrecken dieses Ortes Lebewohl sagen! Ich weiß einen Ort, der gleich einem Heiligthume Dich vor verhaßten Erinnerungen, vor unwillkommenem
Eindringen und selbst vor Falschheit und Verleumdung schützen wird.”
"Und nehmen Sie Adele mit sich," fiel ich ein; “sie wird eine passende Gesellschafterin für Sie sein."
"Was willst Du damit sagen, Johanna? Ich sagte Dir ja, ich wolle Adele in die Schule schicken, und was soll ich mit einem Kinde als Gesellschafterin? Und es ist noch nicht einmal mein eigenes Kind - sondern der Bastard einer französischen Tänzerin. Warum belästigst Du mich mit ihr? Ich sage, warum bestimmst Du Adelen zu meiner Gesellschafterin?"
"Sie sprachen von einem zurückgezogenen Aufenthalte, mein Herr; Zurückgezogenheit und Einsamkeit sind langweilig — viel zu langweilig für Sie."
"Einsamkeit! Einsamkeit! wiederholte er aufgeregt. ”Ich sehe, ich muß zu einer Erklärung kommen. Ich weiß nicht, welcher räthselhafte Ausdruck sich in Deinem Gesichte bildet. Du sollst meine Einsamkeit theilen. Verstehst Du mich?"
Ich schüttelte den Kopf: ich bedurfte einigen Muthes, so aufgeregt wie er wurde, selbst dieses stumme Zeichen der abweichenden Ansicht zu wagen. Er war rasch im Zimmer auf- und abgegangen und blieb plötzlich wie eingewurzelt stehen. Er sah mich lange und fest an: ich wendete meine Augen von ihm ab, richtete sie auf das Feuer und versuchte einen ruhigen und gesammelten Ausdruck anzunehmen und zu behaupten.
“Da kommt der Knoten in Johanna's Charakter," sagte er endlich in ruhigerem Tone, als ich bei seinem Blicke erwartet
hatte. "Der Seidenhaspel hat sich bis dahin leicht genug gedreht; doch ich wußte schon immer, daß ein Knoten und ein Anstoß kommen würde: und da haben wir's. Jetzt kommt die Aufregung und Erbitterung und endlose Verwirrung! Bei Gott! es verlangt mich Simson's Stärke anzuwenden und die Fesseln wie Werg zu zerreißen!”
Er setzte seinen Gang fort, hielt aber bald wieder an und blieb diesmal gerade vor mir stehen.
"Johanna! willst Du auf vernünftige Gründe hören?" fragte er, beugte sich nieder und näherte seine Lippen meinem Ohr; “wenn Du es nicht willst, muß ich Gewalt anwenden."
Seine Stimme war ruh; sein Blick der eines Mannes, der gerade im Begriff ist, eine unerträgliche Fessel zu sprengen und sich köpflings in ein lasterhaftes Leben zu stürzen.
Ich sah, daß ich im nächsten Augenblicke, wenn sich die wahnsinnige Wuth noch mehr steigerte, nichts mit ihm würde anfangen können. Die
gegenwärtige, vorübergehende Secunde war Alles, wodurch ich ihn bändigen und zügeln konnte: eine Bewegung des Zurückweisens, der Flucht oder der Furcht hätte mein Geschick und das seine besiegelt. Aber ich fürchtete mich nicht: nicht im Geringsten. Ich empfand eine innere Macht, ich hatte ein Bewußtsein des Einflusses, was mich aufrecht hielt. Die Krisis war gefährlich aber nicht ohne ihren Reiz, wie ihn vielleicht der Indianer empfindet, wenn er in seinem Kano über den raschen Strom dahinschießt. Ich faßte seine geballte Hand; löste die krampfhaft zusammengezogenen Finger und sagte besänftigend zu ihm:
"Setzen Sie sich nieder; ich will so lange mit Ihnen reden, wie Sie wollen, und Alles anhören, was Sie mir zu sagen haben, sei es nun vernünftig oder unvernünftig.”
Er setzte sich nieder, doch konnte er noch nicht sogleich reden. Ich hatte seit einiger Zeit mit Thränen gerungen; ich hatte große Mühe angewendet, sie zu unterdrücken, da ich wußte, daß er mich nicht gern weinen sah. Jetzt aber hielt ich es für gut, sie frei und so lange sie wollten, fließen
zu lassen. Wenn ihm die Thränenflut lästig war, um so besser. Ich gab also nach und weinte aus vollem Herzen.
Bald hörte ich, wie er mich lebhaft bat, mich zu fassen. Ich sagte, ich könne es nicht, so lange er in einer solchen Leidenschaft sei.
"Aber ich bin ja nicht zornig, meine Johanna; ich liebe Dich nur zu sehr; Du hattest Dein kleines bleiches Gesicht mit so entschlossenem und eisigen Blicke gestählt, daß ich es nicht ertragen konnte. Still jetzt, und trockene Deine Augen."
Seine besänftigte Stimme deutete an, daß er überwunden war; da wurde auch ich ruhig. Jetzt bemühte er sich, seinen Kopf auf meiner Schulter ruhen zu lassen, aber ich wollte es ihm nicht gestatten. Dann wollte er mich zu sich ziehen; auch das gestattete ich nicht.
"Johanna! Johanna!” sagte er im Tone so bitterer Traurigkeit, daß es durch alle meine Nerven bebte, "so liebst Du mich also nicht? So war es also nur mein Stand und der Rang meiner Gattin, was Du schätztest? Jetzt, da Du mich für unfähig hältst, Dein Gatte zu werden, weichest Du vor meiner Berührung zurück, als wäre ich eine Kröte oder ein Affe.”
Diese Worte verletzten mich, doch was konnte ich thun oder sagen? Wahrscheinlich hätte ich Nichts thun oder sagen sollen, doch wurde ich so gequält von dem Gefühle der Reue, so seine Gefühle verletzt zu haben, daß ich den Wunsch nicht unterdrücken konnte, Balsam in die von mir geschlagene Wunde zu tröpfeln.
"Ich liebe Sie mehr als je," sagte ich; "aber ich darf das Gefühl nicht zeigen oder ihm nachhängen; und dies ist das letzte Mal, daß ich es ausdrücken darf."
"Das letzte Mal, Johanna! Was! Glaubst Du, Du könnest mit mir leben, mich täglich sehen, und doch, Johanna, wenn Du mich noch liebst, immer kalt und fremd sein?"
"Nein, mein Herr, ich bin gewiß, das könnte ich nicht; und daher sehe ich, es gibt nur ein Mittel; aber Sie werden wüthend werden, wenn ich es nenne."
"O, nenne es! wenn ich zürne, so verstehst Du die Kunst des Weinens. -"
"Herr Rochester, ich muß Sie verlassen."
"Auf wie lange, Johanna? auf wenige Minuten, während Du Dein Haar ordnest, welches ein wenig verstört ist, und Dein Gesicht mit Wasser benetzest - welches fieberhaft aussieht?"
"Ich muß Adele und Thornfield verlassen. Ich muß mich von Ihnen auf mein Lebelang trennen; ich muß ein neues Dasein unter fremden Gesichtern und fremden Scenen beginnen."
"Natürlich: ich sagte Dir ja, daß Du es solltest. Ich übersehe den Wahnsinn, Dich von mir zu trennen. Du meinst, Du mußt ein Theil von mir werden. Was das neue Dasein betrifft, das ist Alles richtig; Du sollst dennoch mein Weib werden, ich bin nicht verheirathet. Du sollst Mistreß Rochester dem Namen und der That nach werden. Wir werden einander gehören nur so lange wir Beide leben. Du sollst an einen Ort gehen, den ich im südlichen Frankreich besitze: zu einer Villa mit weißen Wänden, an der Küste des mittelländischen Meeres. Dort sollst Du ein glückliches, ein sicheres und höchst unschuldiges Leben führen. Fürchte nicht, daß ich wünsche, Dich zu einem Irrthume zu verlocken - Dich zu meiner Maitresse zu machen. Warum
schüttelst Du den Kopf? Johanna, Du mußt vernünftig sein, oder in Wahrheit, ich komme wieder von Sinnen.”
Seine Stimme bebte, seine Hand zitterte, seine Nasenflügel erweiterten sich, sein Auge sprühte Flammen; dennoch wagte ich zu reden.
"Mein Herr, Ihre Gattin lebt: dies ist eine Thatsache, die Sie diesen Morgen selbst anerkannten. Wenn ich mit Ihnen lebte, wie Sie es wünschen, so würde ich Ihre Maitresse sein, wollte man anders davon reden, so müßte man ein Lügner sein."
"Johanna, ich bin kein Mann von sanftem Temperament - das vergissest Du: ich kann nicht lange dulden, ich bin nicht kalt und ohne Leidenschaft. Aus Mitleid für mich und Dich, lege Deinen Finger auf meinen Puls, fühle wie er schlägt, und - hüte Dich!”
Er entblößte sein Handgelenk und reichte es mir hin: das Blut verließ seine Wangen und seine Lippen, sie wurden
todtenblaß: ich sah Unheil auf allen Seiten. Ihn so heftig aufzuregen durch einen Widerstand, den er so sehr
verabscheute, war grausam; von Nachgeben konnte keine Rede sein. Ich that, was menschliche Wesen instinctmäßig thun, wenn sie zum Aeußersten getrieben werden - ich erwartete Hülfe von einem höheren Wesen, und die Worte: “Gott hilf mir!” entflohen unwillkürlich meinen Lippen.
“Ich bin ein Thor!” rief Rochester plötzlich., Ich sage ihr immer, ich bin nicht verheirathet und erkläre ihr nicht, warum. Ich vergesse, daß sie Nichts von dem Charakter jenes Weibes weiß, noch von den Umständen, die meine teuflische Verbindung mit ihr begleiteten. O ich bin gewiß,
Johanna wird in der Ansicht mit mir übereinstimmen, wenn sie Alles weiß, was ich weiß! Lege Deine Hand in die meine, Hannchen — damit ich das Zeugniß der Berührung wie des Anblicks habe, zu beweisen, daß Du mir nahe bist — und ich will Dir in wenigen Worten die wahre Lage der Sache erzählen. Kannst Du mich anhören?”
"Ja, Herr, stundenlang, wenn Sie wollen."
"Ich fordere nur Minuten, Johanna. Hörtest Du je, oder weißt du, daß ich nicht der älteste Sohn meines Hauses war, daß ich einst einen älteren Bruder hatte?”
"Ich erinnere mich, daß Mistreß Fairfax es mir einst sagte.”
“Und hörtest Du je, daß mein Vater ein geiziger, habsüchtiger Mann war?”
"Ich habe etwas davon vernommen."
"Nun, Johanna, da er dies war, so hatte er den Entschluß gefaßt, die Besitzung zusammenzuhalten; er konnte den Gedanken nicht ertragen, seine Besitzung zu theilen und mir ein schönes Erbtheil zu hinterlassen: er beschloß, Alles solle meinem Bruder Russell zufallen. Doch ebenso wenig
konnte er ertragen, daß ein Sohn von ihm ein armer Mann sein sollte. Es mußte für mich durch, eine reiche Heirath gesorgt werden. Er suchte mir bei Zeiten eine Partie aus. Herr Mason, ein westindischer Pflanzer und Kaufmann, war sein alter Bekannter. Er hielt sich überzeugt, das er ungeheuere
Besitzungen habe: er stellte Nachforschungen an. Er fand, das Herr Mason einen Sohn und eine Tochter habe, und erfuhr überdies von ihnen, das er der letzteren ein Vermögen von dreißigtausend Pfund geben könne und wolle: das reichte hin. Als ich die Universität verließ, wurde ich nach Jamaica geschickt, um eine Braut zu heirathen, um die man schon für mich geworben. Mein Vater sagte nichts von ihrem Gelde; aber er sagte mir, Miss Mason
sei in Spanish Town wegen ihrer Schönheit berühmt, und dies war keine Lüge. Ich fand ein Weib, im Styl von Blanche Ingram; groß, dunkel und majestätisch. Ihre Familie wünschte sich meiner zu versichern, weil ich von gutem Geschlechte war; und das that auch sie. Man zeigte sie mir in Gesellschaften, wo sie glänzend gekleidet war. Ich sah sie selten allein und hatte sehr wenig Gelegenheit, besonders mit ihr zu reden. Sie schmeichelte mir und zeigte verschwenderisch ihre Reize und Fähigkeiten, um mir Vergnügen zu machen. Alle Männer in ihrem Kreise schienen
sie zu bewundern und mich zu beneiden. Ich war geblendet und angestachelt, meine Sinne waren aufgeregt; unerfahren und unbekannt mit der Welt und unwissend, glaubte ich sie zu lieben. Es gibt keine so widersinnige Thorheit, wozu die tolle Rivalität der Gesellschaft, die Begierde, die Unbesonnenheit und Blindheit der Jugend einen Mann nicht forttreiben kann. Ihre Verwandten ermuthigten mich; Mitbewerber stachelten mich an; sie lockte mich an sich; die Trauung wurde vollzogen, fast ehe ich wußte, wo ich war.
O! ich habe keine Achtung vor mir selbst, wenn ich an jene Handlung denke — eine Qual innerer Verachtung bemächtigt sich meiner. Ich liebte sie nie, ich achtete sie nicht, ich kannte sie kaum. Ich war nicht einmal überzeugt von dem Vorhandensein einer Tugend in ihr; ich hatte weder
Bescheidenheit, noch Wohlwollen, noch Reinheit, noch Bildung in ihrem Geiste oder ihren Sitten bemerkt — und ich heirathete sie - ich roher, kurzsichtiger, gemeiner Dummkopf, der ich war! Mit weniger Sünde hätte ich - doch ich muß bedenken, mit wem ich rede. - Die Mutter meiner Braut hatte ich nie gesehen: ich hörte, sie sei todt. Die Flitterwochen waren vorüber, und ich erfuhr meinen Irrthum: sie war nur wahnsinnig und in einem Irrenhause untergebracht. Es war noch ein jüngerer Bruder da: ein stummer, vollständiger Wahnwitziger. Der ältere, den ich
gesehen habe und den ich nicht hassen kann, weil er eine Spur von freundlicher Neigung in seinem schwachen Geiste hatte, die er in dem beständigen Anteil an seiner elenden Schwester und auch in der hündischen Anhänglichkeit für mich zeigte; dieser ältere Bruder wird wahrscheinlich auch
einst in denselben Zustand gerathen. Mein Vater und mein Bruder Russell wußten dies Alles; aber sie dachten nur an die dreißigtausend Pfund und ließen sich auf das Komplott gegen mich ein. Dies waren traurige Entdeckungen; aber wäre die Verrätherei der Verheimlichung nicht gewesen, würde
ich sie meinem Weibe nicht zum Vorwurfe gemacht haben, selbst als ich ihre Natur der meinigen gänzlich fremd, ihren Geschmack von mir abgewendet fand, ihr Gemüth gemein, niedrig, engherzig und gänzlich unfähig, sich zu etwas Höherem leiten und sich zu etwas Höherem erheben zu lassen - als ich fand, daß ich keinen einzigen Abend, keine einzige Stunde des Tages mit ihr in gefälligem Austausche zubringen könne, daß keine freundliche Unterhaltung zwischen uns möglich sei, weil, welchen Gegenstand ich auch vorbringen mochte, derselbe sogleich von ihr eine gemeine und abgedroschene, eine verkehrte und schwachsinnige Wendung erhielt — als ich bemerkt, daß ich nie einen ruhigen und geordneten Haushalt haben würde, weil kein Diener die beständigen Ausbrüche ihrer heftigen und unvernünftigen Laune oder die Plackerei ihrer widersinnigen, widersprechenden und gebieterischen Befehle ertragen wollte - selbst da hielt ich noch an mich; ich beschwichtigte das Schelten, ich unterbrach die heftigen Entgegnungen; ich versuchte meine Reue zu verschlucken und meinen Abscheu in mich zu verschließen; ich drängte den tiefen Abscheu zurück, den ich gegen sie empfand. Johanna, ich will Dich nicht mit widerwärtigen Einzelnheiten belästigen; einige starke Worte sollen ausdrücken,
was ich zu sagen habe. Ich lebte mit jenem Weibe vier Jahre lang und ehe diese Zeit um war, hatte sie mich in der That geprüft, ihr Charakter reifte und entwickelte sich mit furchtbarer Schnelligkeit; rasch und wild wuchsen ihre Laster auf: sie waren so mächtig, daß nur Grausamkeit sie hemmen konnte, und Grausamkeit wollte ich nicht anwenden. Welch’ einen kleinen Geist und welche riesenhaften Begierden hatte sie! Wie furchtbar wurden die Flüche jener Begierden an mir heim gesucht! Bertha Mason — die wahre Tochter einer verworfenen Mutter - schleppte
mich durch alle die scheußlichen und entehrenden Qualen, die einem Manne zu Theil werden müssen, der an ein zugleich ungemäßigtes und unkeusches Weib gebunden ist. Inzwischen war mein Bruder gestorben und nach Verlauf dieser vier Jahre starb mein Vater auch. Ich war jetzt reich genug — und doch arm bis zur kläglichen Bedürftigkeit, denn die roheste, unreinste und verworfenste Natur war mit der meinen vereint, und wurde vom Gesetze und von der Gesellschaft ein Theil von mir genannt. Ich konnte mich durch kein gesetzliches Verfahren von ihr befreien, denn die Aerzte entdeckten
jetzt, daß mein Weib wahnsinnig sei - ihre Ausschweifungen hatten frühzeitig die Keime des Wahnsinns entwickelt. — Johanna, Dir gefällt meine Erzählung nicht: Du siehst fast krank aus — soll ich das Uebrige auf einen andern Tag verschieben?"
"Nein, mein Herr; enden Sie jetzt: ich bemitleide Sie — ich bemitleide Sie herzlich."
"Mitleid, Johanna, ist von einigen Leuten eine traurige und beleidigende Art des Tributs, den man gerechtfertigt ist, denen in’s Gesicht zurückzuwerfen, die uns ihn anbieten: aber das ist die Art von Mitleid, die rohen und selbstsüchtigen Herzen eigen ist; es ist ein zweideutiger, egoistischer Schmerz, von Leiden zu hören, mit unbewußter Verachtung verschmolzen für die, welche sie erduldet haben. Aber das
ist nicht Dein Mitleid, Johanna: es ist nicht das Gefühl, wovon Dein ganzes Gesicht in diesem Augenblicke voll ist
— wovon Deine Augen jetzt fast überfließen - wovon Dein Herz sich hebt - wovon Deine Hand in der meinen zittert.
Dein Mitleid, mein Liebling, ist die leidende Mutter der Liebe: ihre Qual ist der ursprüngliche Schmerz der göttlichen
Leidenschaft. Ich nehme es an, Johanna, wohlan! laß die Tochter freien Zutritt haben — meine Arme warten, sie zu empfangen.”
"Nun, mein Herr, fahren Sie fort: was thaten Sie, als Sie fanden, daß sie wahnsinnig sei?”
"Johanna, ich war dem Rande der Verzweiflung nahe: ein Ueberbleibsel der Selbstachtung war Alles, was sich zwischen mich und den Abgrund stellte. Vor den Augen der Welt war ich ohne Zweifel mit schwerer Schande belastet, aber ich beschloß, vor meinen eigenen Augen rein zu
sein - bis zuletzt wies ich die Besteckung von ihren Lastern zurück und rang mich frei von der Verbindung mit ihren geistigen Mängeln. Dennoch vereinte die Gesellschaft meinen Namen und meine Person mit ihr, ich sah und hörte sie noch täglich: etwas von ihrem Athem (pfui!) mischte sich
mit der Luft, die ich athmete; und überdies erinnerte ich mich, einst ihr Gatte gewesen zu sein — diese Erinnerung war mir damals und ist mir noch jetzt unaussprechlich verhaßt; überdies wußte ich, daß ich, während sie lebte, nie der Gatte eines andern und besseren Weibes werden könne,
und obgleich fünf Jahre älter als ich - ihre Familie und mein Vater hatten mich sogar über ihr Alter belogen - konnte sie doch eben so lange leben wie ich, da sie eben so kräftig an Körper als schwach am Geiste war. So war ich im Alter von sechsundzwanzig Jahren hoffnungslos. In einer Nacht wurde ich durch ihr Geschrei erweckt — seit die Aerzte sie für wahnsinnig erklärt hatten, war sie natürlich eingeschlossen — es war eine glühende westindische Nacht; eine der Art, wie sie häufig einem Orkane in jener Zone vorhergehen: da ich nicht schlafen konnte, so stand ich auf
und öffnete das Fenster. Die Luft war wie ein Schwefelstrom-- ich konnte nirgends Erfrischung finden. Mosquitos kamen hereingeflogen und summten durchs Zimmer; die See, die ich von dort hören konnte, brauste dumpf wie ein Erdbeben - schwarze Wolken zogen über derselben auf; der Mond ging groß und roth, gleich einer glühenden Kanonenkugel, in den Wogen unter und warf seinen letzten blutigen Schimmer über eine Welt hin, die von den Gährungsstoffen eines Ungewitters erbebte. Die Atmosphäre und die Scene übten einen physischen Einfluß auf mich und meine Ohren waren von den Flüchen angefüllt, die die Wahnsinnige noch ausstieß und worin sie auf Augenblicke meinen Namen mit einem solchen Tone teuflischen Hasses und mit
einer solchen Sprache mischte, wovon die verworfenste Buhlerin kein so vollständiges Verzeichniß hat wie sie. Obgleich zwei Zimmer weit entfernt, hörte ich doch jedes Wort - die dünnen Scheidewände des westindischen Hauses stellten ihrem Wolfsgeschrei nur ein geringes Hinderniß entgegen.
“”Dieses Leben,”” sagte ich endlich, “”ist eine Hölle! Dies ist die Luft - dies sind die Töne des bodenlosen Abgrundes!
Ich habe ein Recht, mich davon zu befreien, wenn ich kann. Das Leiden dieses irdischen Zustandes wird mich verlassen mit dem schweren Fleische, das jetzt meine Seele belastet. Vor der glühenden Ewigkeit des Wahnsinnigen fürchte ich mich nicht: es giebt keinen künftigen Zustand, der schlimmer ist, als der gegenwärtige — ich will mich losreißen und heimgehen zu Gott!”” — Ich sagte dies, während ich niederkniete und einen Kasten aufschloß, der ein Paar geladene Pistolen enthielt: ich wollte mich erschießen. Ich hegte die Absicht nur einen Augenblick; denn da ich nicht wahnsinnig war, so ging die Krisis der vollendeten Verzweiflung, die den Wunsch und die Absicht der Selbstvernichtung in mir
hervorgerufen hatte, in einer Secunde vorüber. Ein frischer Wind von Europa her blies über den Ocean und rauschte durch das offene Fenster herein: der Sturm brach los, es donnerte und blitzte und die Luft wurde rein. Dann faßte ich einen Entschluss. Während ich unter den triefenden Orangenbäumen in meinem nassen Garten ging und unter den feuchten Granaten und Pinienäpfeln, während das glühende Morgenroth der südlichen Zone mich umleuchtete, dachte ich so bei mir selber, Johanna — und nun höre; denn wahrhafte Weisheit tröstete mich in jener Stunde und zeigte mir den rechten Pfad. Der liebliche Wind von Europa her flüsterte noch in den erfrischten Blättern und das atlantische Meer donnerte in ausgelassener Freiheit: mein seit langer Zeit vertrocknetes und versengtes Herz schwoll auf bei dem Tone und füllte sich mit lebendigem Blute — mein Wesen verlangte nach Erneuerung — meine Seele dürstete nach einem reinen Trunke. Ich sah die Hoffnung sich beleben - und fühlte eine Wiedergeburt möglich. Von einem mit Blumen bewachsenen Bogen im Hintergrunde meines Gartens aus überschaute ich das tiefblaue Meer — blauer als der Himmel: die alte Welt war jenseits und klare Aussichten öffneten sich. Geh, sagte die Hoffnung, und lebe wieder in Europa: dort ist es nicht bekannt, welchen
befleckten Namen Du führst, noch welche gemeine Last Dir aufgebürdet worden. Du kannst die Wahnsinnige mit Dir nach England nehmen, sie unter gehöriger Aufsicht in Thornfield einschließen, dann reisen, in welche Gegend Du willst, und ein neues Band knüpfen, welches Dir gefällt. Jenes Weib, welches Dir so langes Leiden zu gezogen, Deinen Namen befleckt, Deine Ehre verletzt, Deine Jugend verkümmert hat - ist nicht Dein Weib, noch bist Du ihr Gatte. Sieh darauf, das für sie gesorgt wird, wie ihre Lage es erheischt, und Du hast Alles gethan, was Gott und die Menschlichkeit von Dir fordern. Ihre Herkunft und ihre Verbindung mit Dir sei in Vergessenheit begraben: Du bist nicht verbunden, sie irgend einem lebenden Wesen mitzutheilen. Bringe sie in Sicherheit, wo es ihr an Nichts fehlt: umhülle ihre Verworfenheit mit Geheimnis und verlasse sie. Ich handelte ausdrücklich nach diesem Vorsatze. Mein Vater und Bruder hatten meine Heirath ihren Bekannten nicht kund gethan, weil ich in dem ersten Briefe, den ich schrieb, um sie von der Verbindung zu benachrichtigen, da ich in Folge der selben schon den äußersten Widerwillen zu empfinden begann und vermöge des Familiencharakters und der Gemüthsart meines Weibes eine scheußliche Zukunft vor mir geöffnet sah, die dringende Bitte hinzufügte, dieselbe geheim zu halten; und sehr bald war die schmachvolle Aufführung des Weib, welches mein Vater für mich gewählt hatte, von der Art, daß er erröthete, sie als seine Schwiegertochter anzuerkennen. Weit entfernt, die Verbindung bekannt zu machen, wünschte er eben so sehr, wie ich, sie zu verheimlichen. Ich brachte sie also nach England, und eine furchtbare Reise hatte ich mit einem solchen Ungeheuer auf demselben Schiffe. Froh war ich, als ich sie endlich nach Thornfield gebracht und sie sicher in jenem Zimmer im dritten Stocke einquartirt sah, aus dessen geheimen innern Cabinet sie jetzt seit zehn Jahren die Höhle eines wilden Thiers - die Zelle eines Kobolds gemacht hat. Es machte mir einige Mühe, eine Dienerin für sie zu finden, da es nöthig war, eine auszuwählen, auf deren Treue man sich verlassen konnte; denn in ihrem Wahnsinne hätte sie unvermeidlich mein Geheimniß verrathen: überdies hatte sie Tage, wo ihr Verstand klarer war — ja zuweilen Wochen — die sie damit ausfüllte, auf mich zu schimpfen. Endlich habe ich Gratia Poole aus Grimsby Retreat gedungen. Sie und der Wundarzt Carter, der Mason's Wunden verband, als er erstochen und erwürgt wurde, sind die einzigen Beiden, die ich je in mein Geheimniß eingeweiht habe. Mistreß Fairfax mag freilich etwas geargwöhnt haben; doch konnte sie keine bestimmte Nachricht von den Thatsachen erhalten. Gratia hat sich im Ganzen als eine gute Wärterin gezeigt, obgleich vermöge eines eigenen Fehlers, wovon sie Nichts heilen zu können scheint und der von ihrem entsetzlichen Berufe herrührt, ihre Wachsamkeit mehr als einmal getäuscht und eingeschläfert worden. Die Wahnwitzige ist zugleich listig und boshaft; sie hat nie verfehlt, die kurze Bewußtlosigkeit ihrer Wärterin zu benutzen, einmal um das Messer zu nehmen, womit sie ihren Bruder erstochen, und zweimal sich des Schlüssels zu ihrer Zelle zu bemächtigen und bei Nachtzeit aus derselben hervorzugehen. Das erste Mal that sie dies, um mich in meinem Bette zu verbrennen; das zweite Mal machte sie Dir jenen gräßlichen Besuch. Ich danke der Vorsehung, die Dich überwachte, daß sie ihre Wuth nur an Deinem Hochzeitskleide ausließ, welches vielleicht undeutliche Erinnerungen an ihren eigenen Hochzeitstag in ihr erweckte; doch ich kann den Gedanken nicht ertragen, was hätte geschehen können. Wenn ich mir das Geschöpf denke, welches mir diesen Morgen an die Kehle fuhr, wie es sein schwarzes und scharlachrothes Gesicht über das Nest meiner süßen Taube geneigt, so gerinnt mein Blut —“
"Und was thaten Sie, mein Herr," fragte ich, während er schwieg, "was thaten Sie, als Sie sie hier untergebracht hatten? Wohin gingen Sie?"
"Was ich that, Johanna? Ich verwandelte mich in ein Irrlicht. Wohin ich ging? Ich stellte Wanderungen an, so wild und zwecklos, wie die eines irrenden Geistes. Ich besuchte das Festland und durchzog alle Länder desselben. Mein fester Entschluß war, ein gutes und verständiges Weib zu suchen und zu finden, welches ich lieben könnte: einen Gegensatz zu der Furie, die ich in Thornfield zurückgelassen -“
"Aber Sie konnten ja nicht heirathen, mein Herr.”
"Ich hatte beschlossen und war überzeugt, daß ich es könne und dürfe. Es war nicht meine ursprüngliche Absicht zu täuschen, wie ich Dich getäuscht habe. Ich wollte meine Geschichte offen erzählen, offen meine Vorschläge machen: und es erschien mir so durchaus vernünftig, daß man mich für frei halten müsse, zu lieben und geliebt zu werden, daß ich niemals zweifelte, es werde sich ein Weib bereit und fähig finden, die Lage meiner Sache zu verstehen und meinen Antrag anzunehmen trotz dem Fluche, womit ich belastet war."
"Nun, mein Herr?”
"Wenn Du fragst, Johanna, muß ich immer lächeln. Du öffnest Deine Augen wie ein lebhafter Vogel und machst von Zeit zu Zeit eine unruhige Bewegung, als ob die Antworten der mündlichen Rede für Dich nicht schnell genug flössen und Du auf der Tafel meines Herzens lesen müßtest. Aber ehe ich weiter gehe, sage mir, was Du mit Deinem “nun, mein Herr?" meinst. Es ist ein kleiner Satz, den Du sehr häufig anwendest und der mich häufig zu unendlichem Gespräch verleitet hat: ich weiß nicht recht warum.”
"Ich meine, was weiter? Wie handelten Sie? Was erfolgte aus einem solchen Ereigniß?"
“Richtig, und was wünschest Du jetzt zu wissen?”
"Ob Sie eine fanden, die Ihnen gefiel; ob Sie sie baten, Sie zu heirathen, und was sie sagte?”
"Ich kann Dir sagen, ob ich eine fand, die mir gefiel, und ob ich sie bat, mich zu heirathen: aber was sie sagte, das steht noch im Buche des Schicksals. Zehn lange Jahre schweifte ich umher, lebte bald in der einen Hauptstadt bald in der andern; zuweilen in Petersburg, öfter in Paris, zuweilen in Rom, Neapel und Florenz. Mit reichlichem Gelde
und dem Paß eines alten Namens versehen, konnte ich mir meine Gesellschaft wählen und kein Kreis war für mich geschlossen. Ich suchte mein Ideal eines Weibes unter englischen Ladies, franzözische Comtessen, italienischen Signoras und deutschen Gräfinnen. Ich konnte es nicht finden. Zuweilen glaubte ich eine flüchtige Secunde einen Blick zu erhaschen, einen Ton zu hören, eine Gestalt zu sehen, die mir die Verwirklichung meines Traumes verkündete, aber ich wurde sogleich enttäuscht und Du darfst nicht denken. daß ich Vollkommenheit des Geistes oder der Person forderte. Ich wünschte nur, was sich für mich paßte - nur den Gegensatz der Creolin: und ich wünschte vergebens. Unter allen fand ich nicht eine, die ich, wäre ich auch je so frei gewesen - gewarnt, wie ich war, durch die Gefahr, den Abscheu, das Entsetzen unpassender Verbindungen - hätte können auffordert, mich zu heirathen. Die fehlgeschlagene Hoffnung machte mich nachlässig und unstät. Ich gab mich der Zerstreuung - nie der Ausschweifung hin: sie haßte ich und hasse sie stets. Das war das Attribut meiner indianischen Messalina eingewurzelter Abscheu dagegen und gegen sie zügelte mich selbst im Vergnügen. Jeder Genuß, der an Ausschweifung grenzte, schien mich ihr und ihren Lastern nahe zu bringen, und ich mied ihn. Doch konnte ich nicht allein leben und so versuchte ich es mit der Gesellschaft von Geliebten. Die erste, die ich wählte, war Celine Varens - ein anderer von den Schritten, welche machen, daß ein Mann sich verachtet, wenn er sich ihrer erinnert. Du weißt bereits, was sie war und wie meine Verbindung mit ihr endete. Sie hatte zwei Nachfolgerinnen: Eine Italienerin Namens Giacinta und eine Deutsche Namens Clara, die Beide für außerordentlich schön gehalten wurden. Was war ihre Schönheit für mich in wenigen Wochen? Giacinta war heftig und ohne Grundsätze und ich war ihrer in drei Monaten überdrüßig. Clara war redlich und ruhig, aber geistlos, kalt und keiner lebhaften Eindrücke fähig; also durchaus nicht nach meinem Geschmack. Ich gab ihr eine hinreichende Geldsumme, um sie in den Stand zu setzen, ein gutes Geschäft anzufangen, und war froh, sie auf anständige Weise los zu werden. Aber ich sehe es Deinem Gesichte an, Johanna, daß Du in diesem Augenblicke keine sehr günstige
Meinung den mir fassest. Du hältst mich für einen gefühllosen Wüstling von leckeren Grundsätzen, nicht wahr?
"Sie gefallen mir in der That nicht so sehr, wie Sie mir sonst zuweilen gefielen, mein Herr. Schien es Ihnen nicht im Geringsten unrecht, auf diese Weise zuerst mit der
einen und dann mit der andern Geliebten zu leben? Sie reden davon, wie den einer ganz natürlichen Sache.”
"Es war mir auch so, und es gefiel mir nicht. Es war eine gemeine Art des Daseins; ich würde nie wünschen dazu zurückzukehren. Eine Geliebte zu dingen ist die nächste nächste Handlung, die auf das Kaufen eines Sclaven folgt: Beide sind oft von Natur und stets durch ihre Stellung untergeordnet; und mit untergeordneten Wesen zu leben, ist herabwürdigend. Ich hasse jetzt die Erinnerung an die Zeit, wo ich mit Celine, Giacinta und Clara lebte.”
Ich fühlte die Wahrheit dieser Worte und zog die sichere Folgerung daraus, daß, wenn ich mich so weit vergessen sollte und alle die Lehren, die man mir eingeflößt hatte, um
unter irgend einem Vorwande, vermöge irgend einer scheinbaren Berechtigung, oder irgend einer Versuchung, die Nachfolgerin dieser armen Mädchen zu werden, er mich einst mit
demselben Gefühle betrachten werde, welches jetzt ihrer Erinnerung geweiht war. Ich sprach diese Ueberzeugung nicht aus: es war genug, sie zu empfinden. Ich prägte sie tief meinem Herzen ein, um darin zu bleiben und mir in der Zeit der Prüfung als Beistand zu dienen.
"Nun, Johanna, warum sagst Du nicht: “”Nun, mein Herr?”” Ich bin zu Ende. Du siehst ernsthaft aus. Du mißbilligst mich noch immer, wie ich sehe. Aber laß mich zur Sache kommen. Im letzten Januar, von allen Geliebten frei -- in einer rauhen, bittern Gemüthsstimmung, die die Folge eines nutzlosen, umherschweifenden, einsamen Lebens war - zernagt von Täuschungen, übelgestimmt gegen alle Männer und besonders gegen das ganze weibliche Geschlecht (denn ich begann den Gedanken an ein verständiges, treues, liebendes Weib für einen Traum zu haltens kehrte ich, von Geschäften aufgefordert, nach England zurück. An einem kalten Winternachmittage kam ich in die Nähe von Thornfield Hall. Verabscheuter Ort! ich erwartete keinen Frieden - kein Vergnügen dort. Auf einem Stege in Haylane sah ich eine stille kleine Gestalt allein sitzen. Ich ritt so nachlässig daran vorüber, wie an der abgestutzten Weide gegenüber: ich hatte keine Ahnung, was sie für mich sein werde, keine innere Warnung, daß die Schiedsrichterin meines Lebens — mein Genius für das Gute und das Böse - dort in demüthiger Kleidung warte. Ich wußte es nicht, selbst als sie bei Mesrour's Unfall näher kam und mir Hülfe anbot. Ein kindliches und zartgebautes Geschöpf! Es schien mir als sei ein Hänfling zu meinen Füßen hingehüpft und hätte mir angeboten, mich auf seinen schwachen Flügeln zu tragen. Ich war mürrisch, aber das Wesen wollte nicht gehen: es stand mit seltsamer Beharrlichkeit neben mir und blickte und sprach mit einer gewissen Autorität. Es mußte mir geholfen werden, und zwar von jener Hand; und es wurde mir geholfen. Als ich einmal die schwache Schulter gedrückt hatte, schlich sich etwas Neues in meine Gestalt -- ein frischer Saft und Sinn. Es war gut, daß ich erfahren hatte, diese Fee müsse zu mir zurückkehren — sie gehöre zu meinem Hause dort unten - sonst hätte ich sie nicht ohne ein seltsames Bedauern unter meiner Hand weggleiten und hinter der düstern Hecke verschwinden sehen können. Ich hörte, wie Du an jenem Abend heimkamst, Johanna: obgleich Du wahrscheinlich nicht wußtest, daß ich an Dich dachte oder auf Deine Rückkehr wartete. Am nächsten Tage beobachtete ich Dich - selbst ungesehen - eine halbe Stunde lang, während Du mit Adelen in der Gallerie spieltest. Es war ein Schneegestöber, wie ich mich erinnere, und Du konntest nicht aus dem Hause gehen. Ich war in meinem Zimmer; die Thür war nur angelehnt: ich konnte horchen und beobachten. Adele nahm Deine äußere Aufmerksamkeit auf eine Weile in Anspruch; doch ich bildete mir ein, daß Deine Gedanken anderswo waren: aber Du warst sehr geduldig mit ihr, meine kleine Johanna, Du sprachst mit ihr und unterhieltest sie eine lange Zeit. Als sie Dich ehrlich verließ, versankest Du in eine tiefe Träumerei und begannst langsam in der Gallerie auf- und abzugehen. Von Zeit zu Zeit, wenn Du an einem Fenster vorüberkamst, blicktest Du hinaus nach dem dichtfallenden Schnee; Du horchtest auf den seufzenden Wind und gingst dann leise weiter und träumtest. Ich denke, diese Visionen bei Tage waren nicht düster: es war zuweilen ein freudiges Aufleuchten in Deinem Auge zu bemerken, eine sanfte Aufregung in Deinem ganzen Wesen, die kein bitteres, gallichtes, hypochondrisches Brüten verrieth: Dein Blick zeigte vielmehr das süße Sinnen der Jugend, wenn der Geist auf willigen Schwingen dem Fluge der Hoffnung auf zu einem idealen Himmel folgt. Die Stimme der Mistreß Fairfax, die in der Vorhalle mit einer Dienerin sprach, erweckte Dich: und wie eigenthümlich lächeltest Du für Dich und über Dich selbst, Johanna! Es war viel Sinn in Deinem Lächeln: es war sehr schlau und schien über Deine eigene Zerstreutheit zu spötteln. Es schien zu sagen “”Meine schönen Traumbilder sind alle sehr gut, aber ich darf nicht vergessen, daß sie durchaus unwesentlich sind. Ich habe einen rosigen Himmel und ein grünes, blumenreiches Eden in meinem Gehirn; aber draußen, das sehe ich wohl, liegt eine rauhe Fläche, über die ich wandern, und um mich her sammeln sich schwarze Gewitterwolken, denen ich begegnen muß.”” Du eiltest die Treppe hinunter und fordertest eine Beschäftigung von Mistreß Fairfax: die wöchentliche Haushaltungsrechnung zu besorgen oder etwas dergleichen, meine ich. Ich war ärgerlich über Dich, daß Du mir aus dem Gesichte kamst. Ungeduldig erwartete ich den Abend, wo ich Dich zu mir rufen konnte. Ich vermuthete, daß Dein
Charakter ein ungewöhnlicher, für mich völlig neuer sei: ich wünschte ihn näher zu prüfen und besser kennen zu lernen. Du tratest mit zugleich scheuem und unabhängigem Blick und Miene ins Zimmer: Du warst zierlich gekleidet: — fast so wie jetzt. Ich brachte Dich zum Reden: bald fand ich Dich voll seltsamer Widersprüche. Deine Kleidung und Dein Benehmen waren einer gewissen Regel unterworfen; Deine Miene war oft mißtrauisch und durchaus die eines Wesens von höherer Natur, aber nicht an die Gesellschaft gewöhnt, und sehr furchtsam, sich auf unvortheilhafte Weise durch einen Sprachfehler oder irgend ein anderes Versehen bemerkbar zu machen; doch als Du angeredet wurdest, erhobst Du ein lebhaftes, kühnes und glühendes Auge zu dem Gesichte des Anderen: es lag Scharfsinn und Kraft in jedem Deiner Blicke, wenn man genaue und bestimmte Fragen an Dich richtete, fandest Du sogleich passende Antworten. Sehr bald schienst Du Dich an mich zu gewöhnen — ich glaube, Du fühltest das Vorhandensein der Sympathie zwischen Dir und Deinem trotzigen und gebieterischen Herrn, Johanna; denn es war erstaunenswerth zu sehen, wie schnell eine gewisse angenehme Ruhe in Deinem Wesen sich zeigte: ich mochte brummen, wie ich wollte, Du zeigtest keine Ueberraschung, Furcht, Aerger oder Mißfallen über mein mürrisches Wesen; Du beobachtetest mich, Du lächeltest zuweilen über mich mit einer einfachen und doch verständigen Anmuth, die ich nicht beschreiben kann. Ich war zugleich zufrieden mit dem, was ich sah, und wurde davon angereizt: mir gefiel, was ich gesehen, und ich wünschte mehr zu sehen. Doch lange Zeit behandelte ich Dich fremd und suchte nur selten Deine Gesellschaft. Ich war ein verständiger Epikuräer und wünschte den Genuß dieser neuen und reizenden Bekanntschaft zu verlängern: überdies wurde ich von einer Furcht beunruhigt, daß die Blüthe verwelken möchte, wenn ich die Blume zu frei berührte — daß der süße Reiz der Frische sie verlassen könnte. Ich wußte damals nicht, daß es keine vorübergehende Blüthe sei, sondern vielmehr das strahlende Bild eines Gegenstandes in einen unzerstörbaren Edelstein geschnitten. Ueberdies wünschte ich zu sehen, ob Du mich aufsuchen würdest, wenn ich Dich vermiede — aber Du thatest es nicht; Du hieltest Dich in Deinem Schulzimmer so ruhig wie Dein Schreibpult und Deine Staffelei: wenn ich Dir zufällig begegnete, gingst Du so schnell an mir vorüber und mit so geringen Zeichen des Erkennens, als sich nur immer mit dem Respect vertrug. Dein gewöhnlicher Ausdruck in jenen Tagen, Johanna, war ein gedankenvoller Blick; nicht trostlos, denn Du warst nicht kränkelnd; aber auch nicht freudevoll, denn Du hattest wenig Hoffnung und kein wirkliches Vergnügen. Ich war begierig zu wissen, was Du von mir dächtest — oder ob Du überhaupt je an mich dächtest: um dies zu entdecken, beschäftigte ich mich wieder mehr mit Dir. Es lag etwas Frohes in Deinem Blicke, etwas Geniales in Deinem Wesen, wenn Du Dich unterhieltest: ich sah, Du hattest ein geselliges Herz, die stille Schulstube — die Langeweile Deines Lebens stimmte Dich traurig. Ich gestattete mir die Wonne, freundlich gegen Dich zu sein; Freundlichkeit brachte bald eine Bewegung hervor; Dein Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an, Deine Töne wurden milde; ich hörte meinen Namen gern von Deinen Lippen mit dankbarem, frohem Ausdruck ausgesprochen. Ich pflegte zu jener Zeit ein zufälliges Zusammentreffen mit Dir zu veranstalten: es lag ein seltsames Zaudern in Deinem Wesen; Du sahest mich mit leichter
Unruhe, — mit unbewußtem Zweifel an: Du wußtest nicht, welcher Art meine Laune sein möchte — ob ich den Herrn spielen und strenge sein, oder den Freund spielen und wohlwollend sein wollte. Ich war jetzt zu sehr für Dich eingenommen, um oft meiner ersten Grille nachzugeben; und wenn ich vertraulich meine Hand ausstreckte, verbreitete sich ein so rosenfarbiges Licht, eine so beglückte Wonne über Deine jungen geistreichen Züge, daß ich oft sehr an mich halten mußte, um Dich dann nicht an mein Herz zu drücken.”

"Reden Sie nicht mehr von jenen Tagen, mein Herr," fiel ich ein, indem ich verstohlen einige Thränen aus meinen Augen entfernte: diese Sprache war eine Folterqual für mich; denn ich wußte, was ich thun mußte — und zwar bald - und alle diese Erinnerungen und diese Offenbarungen seiner Gefühle machten mein Vorhaben nur um so schwieriger.

"Nein, Johanna," entgegnete er, “wozu ist es nöthig,bei der Vergangenheit zu verweilen, wenn die Gegenwart um so viel sicherer - die Zukunft um so glänzender ist?”

Ich empfand einen Schauder bei dieser bethörten Behauptung.

"Du siehst jetzt, wie die Sache steht - nicht wahr?” fuhr er fort. "Nach einer Jugend und einem Mannesalter, halb in unaussprechlichem Elend und halb in trostloser Einsamkeit zugebracht, habe ich zuerst gefunden, was ich wahrhaft lieben kann — ich habe Dich gefunden. Du bist meine Sympathie — mein besseres Ich — mein guter Engel — ich bin vermöge einer starken Neigung an Dich gebunden. Ich halte Dich für gut, für begabt, für liebenswürdig: eine glühende, feierliche Leidenschaft hat sich in meinem Herzen erzeugt; sie neigt sich zu Dir, zieht Dich in mein Centrum, in die Quelle des Lebens, hüllt mein Dasein um Dich — zündet eine reine mächtige Flamme an und gießt Dich und mich zusammen in Eins. - Weil ich dies fühlte und wußte, war ich entschlossen, Dich zu heirathen. Mir zu sagen, daß ich schon ein Weib habe, ist leerer Spott: Du weißt jetzt, daß ich nur einen scheußlichen Teufel hatte. Es war unrecht von mir, Dich täuschen zu wollen; aber ich fürchtete eine Widersetzlichkeit in Deinem Charakter. Ich fürchtete früh eingepflanzte Vorurtheile: ich wollte Dich sicher haben, ehe ich vertraute Mittheilungen wagte. Dies war feig: ich hätte mich gleich anfangs an den Adel Deiner großen Seele wenden sollen, wie ich jetzt thue - Dir offen mein Leben der Qual darlegen — Dir meinen Hunger und Durst nach
einem höheren und würdigeren Dasein schildern — Dir zeigen sollen, nicht meinen Entschluß, das Wort ist zu schwach, sondern meinen unwiderstehlichen Trieb, treu und wahr lieben, wo ich treu und wahr wieder geliebt werde. Dann hätte ich Dich bitten sollen, das Wort meiner Treue anzunehmen und mir das Deine zurückzugeben: Johanna — gib mir es jetzt.”

Es trat eine Pause ein.

"Warum schweigst Du, Johanna?"
Ich stand einen heftigen Kampf aus: eine Hand, wie glühendes Eisen, griff in mein innerstes Leben, und, schrecklicher Augenblick! Alles war dunkel um mich her und ein wüthender Kampf ging in mir vor! Kein menschliches Wesen, welches je lebte, könnte wünschen, inniger geliebt zu werden, als ich geliebt wurde; und den, der mich so liebte, betete ich im eigentlichsten Sinne des Wortes an: und ich mußte dieser Liebe und diesem Idol entsagen. Ein schreckliches Wort sprach meine unerträgliche Pflicht aus: “Scheide!”
"Johanna, Du mußt verstehen, was ich von Dir verlange? Nur dieses Versprechen: “”Ich will die Ihre sein, Herr Rochester.””
"Herr Rochester, ich will nicht die Ihre sein."
Wieder ein langes Schweigen.
"Johanna!" fuhr er mit einer Milde fort, die mich eiskalt vor unheimlichem Schrecken machte - denn diese leise Stimme war das tiefe Athmen eines Löwen, der sich erbeben wollte — “Johanna, Du meinst Du willst einen Weg in der Welt gehen und ich soll den andern gehen?”
"Ich meine es."
"Johanna," fuhr er fort, sich zu mir neigend und mich umarmend, "meinst Du es noch jetzt?”
"Ich meine es.”
"Und jetzt?” sagte er, meine Stirn und Wange küssend.
"Ich meine es,” rief ich, mich rasch aus seiner Umarmung losmachend.
“O, Johanna, dies ist bitter! Dies - dies ist böse. Es würde nicht unrecht sein, mich zu lieben."
"Es würde unrecht sein, Ihnen zu gehorchen.”
Ein wilder Blick erhob seine Augenbrauen — fuhr über seine Züge hin: er stand auf, hielt aber noch an sich. Ich legte meine Hand auf die Stuhllehne, um mich zu stützen: ich bebte - ich fürchtete — aber ich war entschlossen.
"Noch einen Augenblick, Johanna. Wirf noch einen Blick auf mein schreckliches Leben, wenn Du fort bist. Mit Dir wird Alles Glück von mir gerissen. Was ist mir dann noch übrig? Als Weib habe ich nur eine Wahnsinnige dort oben: ebenso gut könntest Du mich an eine Leiche auf jenem Kirchhofe verweisen. Was soll ich thun, Johanna? Wohin soll ich mich wenden, eine Gefährtin und einige Hoffnung finden?”
“Thun Sie, wie ich. Vertrauen Sie auf Gott und sich selbst. Glauben Sie an den Himmel. Hoffen Sie auf Wiedersehen.”
“So willst du nicht nachgeben?”
“Nein.”
“So verurteilst Du mich, elend zu leben und verflucht zu sterben?”
Seine Stimme erhob sich.
“Ich rathe Ihnen, sündenlos zu leben und wünsche Ihnen, ruhig zu sterben.
“So entreißest Du mir Liebe und Unschuld? Du schlenderst mich zurück in das wüste Leben und ich muß in der Ausschweifung Leidenschaft - im Laster Beschäftigung suchen?”
“Herr Rochester, ich weise Ihnen dieses Schicksal nicht mehr an, als ich es selbst ergreifen werde. Wir wurden geboren zu kämpfen und zu dulden - Sie sowohl als ich: thun Sie es also. Sie werden mich vergessen, ehe ich Sie vergesse."
"Du machst mich zu einem Lügner durch solche Sprache: Du verletzest meine Ehre. Ich erklärte Dir, ich könne mich nicht ändern, und Du sagst mir in's Gesicht, ich werde mich
bald ändern. Und welche Verdrehung in Deinem Urtheile, welche Verkehrtheit in Deinen Ideen beweist sich in Deinem Benehmen! Ist es besser, ein Mitgeschöpf zur Verzweiflung zu treiben, als ein blos menschliches Gesetz zu übertreten, da kein menschliches Wesen durch den Bruch beeinträchtigt wird? denn Du hast weder Verwandte noch Bekannte, die Du zu beleidigen fürchten darfst, wenn Du mit mir lebst."
Dies war die Wahrheit, und während er sprach, wurden Gewissen und Vernunft zu Verräthern an mir und zeigten mir den Widerstand gegen ihn als ein Verbrechen. Sie sprachen fast so laut wie das Gefühl, und dieses rief laut in mir. "O! willige ein," sagte es: “bedenke sein Elend; bedenke seine Gefahr - betrachte seinen Zustand, wenn er allein gelassen ist: bedenke seine stürmische Natur: bedenke seine Heftigkeit, die sich der Verzweiflung hingibt — beruhige ihn, rette ihn, liebe ihn: sage ihm, daß Du ihn liebst und die Seine sein willst. Wer in der Welt kümmert sich denn ums Dich? aber wer wird beleidigt werden durch das, was Du thust?”
Aber immer gab ich die unbeugsame Antwort: “Ich sorge für mich selbst. Je einsamer, je freundloser, je verlassener ich bin, desto mehr will ich mich selbst achten. Ich will das von Gott gegebene und von den Menschen geheiligte Gesetz halten. Ich will bei den Grundsätzen bleiben. die ich als wahr anerkannt, als ich bei gesundem Verstande und nicht wahnsinnig war. wie jetzt. Gesetze und Grundsätze sind nicht für die Zeiten. wo keine Versuchung stattfindet: sie sind für solche Augenblicke wie dieser, wo Leid und Seele sich gegen ihre Strenge empören: bindend sind sie — unverletzlich sollen sie bleiben. Wenn ich sie nach eigener Bequemlichkeit brechen könnte, was würde ihr Werth sein? Sie haben einen Werth — das habe ich stets geglaubt: und wenn ich es jetzt nicht glauben kann, so ist es, weil ich unsinnig bin - völlig unsinnig, da meine Adern mit Feuer angefüllt sind und mein Herz so schnell schlägt, daß ich die Schläge nicht zählen kann. Vorgefaßte Ansichten, frühere Entschlüsse sind Alles, was ich in dieser Stunde als Beistand habe: darauf fuße ich.”
Ich that es. Rochester las in meinem Gesichte und sah meinen Entschluß. Seine Wuth steigerte sich aufs Höchste: er mußte ihr auf einen Augenblick nachgeben, war auch daraus folgen mochte: er trat zu mir, ergriff meine Hand und umfaßte meine Taille. Er schien mich mit seinem flammenden Blicke zu verschlingen: physisch fühlte ich mich in dem Augenblicke so machtlos wie Stoppeln, die der Gluth eines Schmelzofens ausgesetzt sind — geistig besaß ich noch meine Seele und mit ihr die Gewißheit der endlichen Rettung. Zum Glück hat die Seele einen Dollmetscher - oft einen unbewußten, aber immer einen getreuen Dollmetscher — im Auge. Mein Auge erhob sich zu dem seinen, und während ich in sein leidenschaftliches
Gesicht blickte, stieß ich einen unwillkürlichen Seufzer aus: sein Druck war schmerzlich und meine zu sehr angestrengte Kraft fast erschöpft.
“Nie," sagte er, indem er mit den Zähnen knirschte, “nie gab es etwas zugleich so Schwaches und Unbezähmbares. Sie fühlt, daß sie ein Rohr ist in meiner Hand!” Und er schüttelte mich gewaltsam. “Ich könnte sie mit meinen Fingern biegen: und wozu würde es gut sind, wenn ich das Rohr böge, ausrisse und vernichtete? Man sehe nur dieses Auge: betrachte dieses entschlossene, wilde, freie Wesen, welches daraus hervorblickt und mir Trotz bietet mit mehr als Muth — mit entschlossenem Triumphe. Was ich auch mit seinem Käfig anfange, ich kann mich doch nicht des wilden und schönen Geschöpfes bemächtigen! Wenn ich das zierliche Gefängniß zerreiße und zerspalte, so wird meine Gewaltthat nur den Gefangenen freilassen. Das Haus könnte ich erobern; aber der Bewohner würde zum Himmel
entfliehen, ehe ich mich den Besitzer seines irdischen Wohnplatzes nennen könnte. Und Dich will ich, Geist - mit Willen und Kraft, Tugend und Reinheit- nicht allein
Deine zerbrechliche Gestalt. Freiwillig könntest Du kommen in sanftem Fluge und Dich an meinem Herzen einnisteln, wenn Du wolltet: wider Deinen Willen ergriffen wirst Du der Hand ausweichen, wie eine geistige Essenz - Du wirst verschwinden, ehe ich Deinen Duft einhauche. O! komm, Johanna, komm!”
Als er dies sagte, ließ er mich aus seinen Händen los und sah mich nur an. Dem Blicke war weit schwerer zu widerstehen, als dem verzweifelten Drucke; doch nur eine Wahnsinnige hätte jetzt unterlegen. Ich hatte seiner Wuth getrotzt und sie zurückgeschlagen; ich mußte auch seinem Kummer ausweichen und zog mich zur Thür zurück.
"Du gehst, Johanna?”
"Ich gehe, mein Herr.”
"Du verlässest mich?"
“Ja.”
"Du willst nicht kommen? - Du willst nicht meine Trösterin, meine Retterin sein? Meine innige Liebe, mein wildes Weh, meine wahnsinnige Bitte, ist Dir denn Alles Nichts?” —
Welcher unaussprechliche Pathos lag in seiner Stimme! Wie schwer war es, mit Festigkeit zu wiederholen: “Ich gehe."
"Johanna!"
"Herr Rochester."
"Entferne Dich denn — ich willige ein — aber bedenke, daß Du mich hier der Qual überlässest. Geh auf Dein Zimmer und überdenke Alles, was ich gesagt, und, Johanna, wirf einen Blick auf mein Leiden denke an mich.”
Er wendete sich ab und warf sich mit dem Gesichte auf das Sopha. "O Johanna! meine Hoffnung - meine Liebe-- mein Leben!” entfuhr qualvoll seinen Lippen. Dann kam ein tiefes heftiges Schluchzen.
Ich hatte bereits die Thür erreicht: aber, Leser, ich kehrte zurück — kehrte eben so entschlossen zurück, als ich mich entfernt hatte. Ich kniete neben ihm nieder; ich wendete sein Gesicht von dem Kissen zu mir; ich küßte seine Wange; ich glättete sein Haar mit meiner Hand.
"Gott segne Sie, mein lieber Herr," sagte ich. “Gott schütze Sie vor Leid und Unrecht - lenke und tröste Sie — belohne Sie reichlich für ihre frühere Güte gegen mich.”
"Der kleinen Johanna Liebe wäre meine beste Belohnung gewesen," antwortete er, "ohne sie ist mein Herz gebrochen. Aber Johanna will mir ihre Liebe schenken, ja — edel und großmüthig."
Das Blut stieg in sein Gesicht; Feuer flammte aus seinen Augen; er sprang auf: er breitete seine Arme aus; aber ich entschlüpfte der Umarmung und eilte sogleich aus dem Zimmer.
"Lebe wohl!" war der Schrei meines Herzens als ich ihn verließ. Die Verzweiflung fügte hinzu: "Lebe wohl auf ewig!”
In jener Nacht dachte ich nicht schlafen zu können; aber der Schlummer bemächtigte sich meiner, sobald ich mich zu Bette legte. Ich sah mich in Gedanken unter die Scenen meiner Kindheit versetzt: ich träumte, ich läge in dem roten Zimmer in Gateshead; die Nacht war dunkel und mein Geist von seltsamer Furcht befangen. Das Licht, welches mich vor langer Zeit in eine Ohnmacht versetzt hatte, kam mir im Traume vor, schien langsam an der Wand aufzusteigen und bebend im Mittelpuncte der verdunkelten Decke zu verweilen. Ich erhob den Kopf, um zu sehen: die Decke glich hohen und düsteren Wolken, der Schimmer glich dem,
den der Mond den Dünsten mittheilt, die er zu zertheilen im Begriff ist. Ich wartete, daß er hervorkommen sollte — wartete mit mächtiger Ahnung, als müßte ein Urtheilswort auf seiner Scheibe geschrieben stehen. Er brach hervor, wie noch nie der Mond aus den Wolken hervorgebrochen: zuerst streckte sich eine Hand aus den schwarzen Falten hervor und winkte den Wolken sich zu entfernen, dann erschien nicht der Mond, sondern eine weiße menschliche Gestalt in dem Azurblau und neigte die Strahlenstirne erdwärts. Sie blickte und blickte mich an. Sie sprach zu meinem Geiste: und unermeßlich fern war der Ton, und doch flüsterte er so nahe in mein Herz:
"Meine Tochter, fliehe die Versuchung!
“Mutter, ich will es.”
So antwortete ich, als ich aus der Verzückung des Traumes erwacht war. Es war noch Nacht, aber die Julinächte sind kurz: bald nach Mitternacht kommt schon die Dämmerung. “Es kann nicht zu früh sein, die Aufgabe zu beginnen, die ich zu vollführen habe," dachte ich. Ich stand auf: ich war angekleidet, denn ich hatte nur meine Schuhe ausgezogen. Ich wußte, wo ich in meinem Schranke einige Wäsche, eine Haarlocke und einen Ring finden werde. Als ich diese Gegenstände suchte, kam mir das Perlenhalsband in die Hände, welches ich vor wenigen Tagen von Rochester hatte annehmen müssen. Ich ließ es zurück; es war nicht mein: es gehörte der Braut meiner Träume, die in Luft zerflossen war. Die andern Gegenstände packte ich zu einem: Bündel zusammen: meine Börse, die mein ganzes Vermögen enthielt, welches in zwanzig Schillingen bestand, steckte ich in die Tasche, setzte meinen Strohhut auf, steckte meln Tuch fest, nahm das Packet und meine Schuhe, die ich noch nicht anziehen wollte, und schlich mich aus meinem Zimmer.
"Leben Sie wohl, gute Mistreß Fairfax!” flüsterte ich, als ich an ihrer Thür vorüberschlüpfte. “Lebe wohl, Adele, mein Liebling!” sagte ich, als ich die Thür der Kinderstube anblickte. Es war nicht daran zu denken, hineinzugehen und sie zu umarmen Es galt, ein feines Ohr zu täuschen und vielleicht mochte es jetzt horchen.
Ich würde, ohne zu verweilen, an Herrn Rochester’s Zimmer vorübergegangen sein; aber da mein Herz an der Schwelle auf einen Augenblick zu schlagen aufhörte, sah sich mein Fuß genöthigt, auch anzuhalten. Kein Schlummer war dort: der Bewohner ging ruhelos von einer Wand zur andern; und wiederholt seufzte er, während ich horchte. Wenn ich wollte, war in diesem Zimmer ein Himmel — ein zeitlicher Himmel für mich: ich durfte nur
hineingehen und sagen:
"Herr Rochester, ich will Sie lieben und bis in den Tod mit Ihnen leben," und meine Lippen wurden zu einer Quelle des Entzückens. Der Gedanke kam mir in den Sinn. Dieser gütige Herr, der jetzt nicht schlafen konnte, wartete mit Ungeduld auf den Anbruch des Tages. Am Morgen mußte er nach mir schicken: und dann war ich fort. Ich sah ihn, wie er mich vergebens suchte, wie er sich verlassen fühlte und seine Liebe zurückgewiesen sah - wie er litt, vielleicht zur Verzweiflung getrieben wurde. Auch dies fiel mir ein. Meine Hand erhob sich zu dem Schlosse: ich zog sie zurück und schlich weiter.
Gedankenlos ging ich die Treppe hinunter: ich wußte, was ich zu thun hatte, und that es mechanisch. Ich fand den Schlüssel zu der Hinterthür in der Küche, ich suchte auch ein Fläschchen mit Oel und eine Feder und bestrich Schlüssel und Schloß damit. Ich genoß etwas Wasser und Brod, denn vielleicht hatte ich weit zu gehen und meine Kraft, die in der letzten Zeit sehr erschüttert war, durfte nicht schwinden. Dies Alles that ich, ohne Geräusch zu machen. Ich öffnete die Thür, ging hinaus und machte sie leise wieder zu. Die graue Dämmerung schimmerte auf dem Hofe. Das große Thor war verschlossen; aber das Nebenpförtchen war nur eingeklinkt. Durch dieses ging ich; auch dieses wurde wieder zugemacht, und nun war ich außerhalb Thornfield.
Eine Meile entfernt, jenseits der Felder, befand sich ein Weg, der nach der entgegengesetzten Richtung von Millcote führte; auf diesem Wege war ich nie gegangen, hatte ihn aber oft bemerkt und gedacht, wohin er wohl führen möge; dorthin richtete ich meine Schritte. Kein Nachdenken war jetzt erlaubt: kein Blick durfte zurück noch vorwärts geworfen werden. Kein Gedanke durfte der Vergangenheit oder der Zukunft geweiht werden. Die erstere war ein Blau, so himmlisch lieblich - so tödtlich traurig — daß mein Muth dahingeschwunden und meine Kraft gebrochen wäre, hätte ich nur eine Zeile davon lesen wollen. Die letztere war eine schauerliche Einöde gleich der Welt nach der Sündfluth.
Ich ging um Felder, durch Hecken und Gänge, bis nach Sonnenaufgang. Ich glaube, es war ein lieblicher Sommermorgen: meine Schuhe, die ich angezogen, als ich das Haus verlassen, waren bald vom Thau naß. Doch ich sah weder nach der aufgehenden Sonne, nach dem lächelnden Himmel, noch nach der wiedererwachenden Natur. Wer herausgeführt wird, um durch eine schöne Scene zur Schaffot zu gehen, denkt nicht an die Blumen, die lächelnd an seinem Wege stehen, sondern nur an den Block und das Beil; an die Trennung von Knochen und Adern, an das klaffende Grab am Ende: und ich dachte an traurige Flucht und heimathlose Wanderung - o! mit Seelenqual dachte ich an das, was ich verließ! ich konnte es nicht vermeiden. Ich
dachte an ihn jetzt - in seinem Zimmer — wie er den Sonnenaufgang beobachtete, — wie er hoffte, ich würde bald kommen und sagen, ich wolle bei ihm bleiben und die Seine sein. Es verlangte mich, die Seine zu sein; ich sehnte mich nach der Rückkehr; es war nicht zu spät: ich konnte ihm noch den bittern Schmerz der Beraubung ersparen. Noch hielt ich mich überzeugt, daß meine Flucht unentdeckt sei. Ich konnte zurückkehren und seine Trösterin
werden — sein Stolz — seine Retterin vom Elende — vielleicht vom Untergange. O! diese Furcht der seiner in Verlassenheit - weit schlimmer als meine eigene Verlassenheit —
wie quälte sie mich jetzt! Sie war wie ein Pfeil in meiner Brust, der mich noch stärker verwundete, wenn ich ihn herauszuziehen versuchte, und der mich krank machte,, wenn die Erinnerung ihn weiter eindrückte. Die Vögel begannen zu singen in Busch und Wald; die Vögel waren ihren Genossen treu; die Vögel waren Sinnbilder der Liebe. Und was war ich? Mitten in meiner Herzensqual und der wahnsinnigen Anstrengung meiner Grundsätze verabscheute ich mich und die Selbstbilligung gewährte mir keinen Trost: auch die Selbstachtung nicht. Ich hatte meinen Herrn beleidigt - verwundet - verlassen. Ich war mir verhaßt in meinen eigenen Augen. Dennoch konnte ich nicht umkehren und keinen Schritt zurückthun. Gott muß mich weiter geführt haben. Leidenschaftlicher Kummer hatte meinen
Willen mit Füßen getreten und die Stimme des Gewissens erstickt. Ich weinte heftig, als ich auf meinem einsamen Wege weiterging: doch rasch, rasch ging ich weiter, wie im
Fieberwahne. Eine Schwäche, die innerlich begann und sich auf meine Glieder erstreckte, bemächtigte sich meiner und ich fiel hin: ich lag einige Minuten am Boden und drückt mein Gesicht auf den nassen Rasen. Ich hatte einige Furcht - oder Hoffnung - daß ich hier sterben würde, doch ich war bald wieder auf, kroch auf Händen und Füßen weiter, stellte mich dann wieder auf die Füße und war eben so begierig wie entschlossen, die Straße zu erreichen.
Als ich dort ankam, war ich genöthigt, mich niederzusetzen, um mich unter der Hecke auszuruhen. Während ich dort saß, vernahm ich das Geräusch von Wagenrädern und sah eine Kutsche näher kommen. Ich stand auf und erhob den Kopf, der Wagen hielt an. Ich fragte, wohin er gehe: der Kutscher nannte einen entfernten Ort, wo Herr Rochester, wie ich wußte, keine Verbindungen hatte. Ich fragte, was ich zu zahlen habe, wenn er mich mitnähme; er sagte dreißig Schillinge ich antwortete, ich habe nur zwanzig, worauf er sagte, er wolle sehen. Er erlaubte mir, mich in das Innere des Wagens zu setzen, derselbe leer war: ich stieg ein, die Thür wurde zugemacht und der Wagen rollte weiter.
Lieber Leser, mögest Du nie fühlen, was ich damals fühlte! Mögen deine Augen nie so stürmische, so glühende, so herzentpreßte Thränen vergießen, wie aus den meinen
strömten. Mögest Du Dich nie in so hoffnungslosen und qualvollen Gebeten an den Himmel wenden, wie in jener Stunde von meinen Lippen kamen: denn nie mögest Du gleich mir fürchten, für den geliebten Gegenstand das Werkzeug des Uebels zu sein.

Zweites Kapitel

Zwei Tage sind vergangen. Es ist ein Sommerabend: der Kutscher hat mich an einem Orte Namens Whitcroß abgesetzt: er wollte mich nicht für die Summe, die ich ihm
gegeben, weiter mitnehmen, und ich besaß keinen Schilling
mehr in der Welt. Die Kutsche ist jetzt schon eine Meile
weit entfernt und ich bin allein. In diesem Augenblicke
bemerke ich, daß ich vergessen habe, mein Packet aus der
Wagentasche zu nehmen, wo ich es sicher untergebracht:
dort bleibt es und muß es bleiben; und jetzt bin ich von
Allem entblößt.
Whitcroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Weiler, es
ist nur ein steinerner Pfeiler, den man aufgestellt, wo vier
Wege sich kreuzen: weiß angestrichen, vermuthlich um in
der Ferne und in der Dunkelheit gesehen zu werden. Vier
Arme strecken sich oben aus: Die nächste Stadt, wohin sie
deuten, ist der Inschrift zufolge zehn Meilen weit entfernt.
Aus den wohlbekannten Namen dieser Städte erfahre ich,
in welcher Grafschaft ich ausgestiegen bin; eine nördliche
Grafschaft ist es mit düsterem Moorland von Hügeln durchzogen,
das sah ich. Im Hintergrunde und zu beiden Seiten
sind weite öde Flächen; hinter jenem tiefen Thale zu
meinen Füßen erheben sich wellenförmige Berge. Die Bevölkerung
muß hier sehr spärlich sein und ich sehe keine
Wanderer auf den Straßen, die sich weit, breit und einsam
nach Osten, Westen, Norden und Süden erstrecken; sie durchschneiden
alle das Moorland und das Haidekraut wächst
hoch und wild bis an ihren Saum. Doch zufällig könnte
ein Wanderer vorüberkommen, und ich wünsche nicht, daß
mich jetzt ein Auge sähe; Fremde würden sich wundern, daß
ich hier zwecklos und verloren bei diesem Wegweiser verweile. Man könnte mich befragen und ich vermöchte nur

eine Antwort zu geben, die unglaublich scheinen und Verdacht erregen würde. Kein Band fesselt mich in diesem
Augenblick an die menschliche Gesellschaft — kein Zauber, keine Hoffnung ruft mich dahin, wo meine Mitgeschöpfe sind — Niemand, der mich sähe, würde einen freundlichen
Gedanken oder einen guten Wunsch für mich hegen. Ich
habe keine Verwandte, als die allgemeine Mutter Natur:
ich will an ihre Brust eilen und Ruhe suchen.
Ich ging geradezu in das Haidekraut: ich eilte zu einer
Vertiefung, die das braune Moor tief durchzog: ich ging
bis an die Kniee in dem hohen Kraute und fand endlich
eine von Moos geschwärzte Granitklippe in einem verborgenen
Winkel, unter welcher ich mich niedersetzte. Hohe
Ufer umgaben mich; die Klippe beschützte mein Haupt und
über ihr war der Himmel.
Einige Zeit verging, ehe ich mich selbst hier ruhig
fühlte: ich fürchtete, wildes Rindvieh möchte in der Nähe
sein oder ein Jäger oder Wilddieb mich entdecken. Wenn
ein Windstoß über die Einöde dahinfuhr, blickte ich auf und
fürchtete, es komme ein Stier; wenn ein Brachvogel pfiff,
glaubte ich, es sei ein Mann. Als ich aber meine Befürchtungen ungegründet fand und von dem tiefen Schweigen beruhigt wurde, welches bei Anbruch der Nacht
herrschte, faßte ich Vertrauen. Noch hatte ich nicht nachgedacht;
ich hatte nur gehorcht, beobachtet, gefürchtet; jetzt
bekam ich die Fähigkeit des Nachdenkens wieder.
Was sollte ich thun? Wohin sollte ich gehen? O unerträgliche
Fragen, da ich Nichts thun und nirgend hingehen konnte — da ich noch mit meinen ermatteten, zitternden Gliedern einen weiten Weg zurücklegen mußte, ehe
ich eine menschliche Wohnung erreichen konnte — da ich
kaltes Mitleid erflehen mußte, ehe ich ein Obdach erhalten
konnte: da ich widerstrebendes Mitgefühl belästigen, fast
gewisse Weigerung zu erwarten hatte, ehe man meine Erzählung anhören oder eines meiner Bedürfnisse befriedigen
konnte!
Ich berührte das Haidekraut: es war trocken und noch
warm von der Hitze des Sommertages. Ich sah nach dem
Himmel; er war rein ein freundlicher Stern funkelte gerade

über der Schlucht. Der Thau fiel, aber nicht stark; kein
Lüftchen regte sich und die Natur schien mir gütig und
wohlwollend: ich dachte, sie liebe mich, ausgestoßen, wie
ich war; und ich, die ich von den Menschen nur Mißtrauen,
Zurückweisung und Beleidigung erwarten konnte, hing mich;
an sie mit kindlicher Zärtlichkeit. Für diese Nacht wenigstens
wollte ich ihr Gast sein, wie ich ihr Kind war: meine Mutter
nahm mich ohne Geld und ohne Belohnung auf. Ich
hatte noch ein Stück Brod: das Ueberbleibsel von einem
Brödchen, welches ich für meinen letzten Pfennig am Mittage
in einer Stadt gekauft, durch die wir gekommen. Ich
sah hie und da reife Heidelbeeren unter dem Haidekraute
schimmern: ich pflückte eine Handvoll und sie zu dem
Brode. Mein heftiger Hunger wurde durch dieses Klausnermahl,
wenn auch nicht gestillt, doch wenigstens besänftigt.
Ich sprach mein Abendgebet, und wählte dann, als
es beendet war, mein Lager.
Neben der Klippe war das Haidekraut sehr hoch: als
ich mich niederlegte, wurden meine Füße ganz davon bedeckt;
es erhob sich hoch zu beiden Seiten und ließ nur einen
schmalen Raum übrig, durch den die Nachtluft eindringen
konnte. Ich legte mein großes Halstuch doppelt zusammen
und breitete es als eine Decke über mich; eine niedrige mit
Moos bewachsene Erhöhung war mein Kopfkissen. In dieser Lage empfand ich wenigstens zu Anfang der Nacht keinen Frost.
Meine Ruhe hätte stärkend genug sein können, wäre sie
nicht von einem traurigen Herzen unterbrochen worden. Es
klagte über seine tiefen Wunden, sein inneres Bluten, seine
zerrissenen Saiten. Es bebte für Rochester und sein Schicksal:
es beklagte ihn mit bitterem Mitleid: es sehnte sich
nach ihm mit unaufhörlichem Verlangen: und ohnmächtig,
wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, schlug es noch mit
seinen beschädigten Schwingen in eitlem Bemühen, zu ihm zu eilen.
Von dieser Qual der Gedanken belästigt, erhob ich mich
auf die Kniee. Die Nacht war angebrochen und ihre Planeten
aufgegangen: eine sichere, stille Nacht — zu heiter für
die Gesellschaft der Furcht. Wir wissen, daß Gott überall

ist; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am meisten,
wenn seine Werke in größtem Maaßstabe vor uns ausgebreitet
sind: und in dem unbewölkten Nachthimmel, wo seine
Welten auf ihren stillen Bahnen dahinziehen, lesen wir am
klarsten seine Unendlichkeit, seine Allmacht, seine Allgegenwart.
Ich hatte mich auf meine Kniee erhoben, um für
Rochester zu beten. Als ich aufblickte, sah ich mit thränengetrübten
Augen die mächtige Milchstraße. Als ich mich
erinnerte, was sie war — welche zahllose Sonnensysteme
dort nur in einem schwachen Schimmer zu erkennen waren
— da fühlte ich die Macht und Stärke Gottes. Ich war überzeugt von seiner Macht, das zu erhalten, was er geschaffen, ich hielt mich überzeugt, daß weder die Erde untergehen
solle, noch eine von den Seelen, die sie bewohnten.
Meine Bitten verwandelten sich in ein Dankgebet: die Quelle
des Lebens ist auch der Retter der Geister. Rochester war
gerettet: er war Gottes Geschöpf und Gott schützte ihn. Ich
nistelte mich wieder an dem Busen des Hügels ein und vergaß bald im Schlafe den Kummer.
Aber am nächsten Tage kam bleich und entblößt der
Hunger zu mir. Lange nachdem die kleinen Vögel ihre
Nester verlassen hatten; lange nach dem die Bienen beim
ersten lieblichen Blicke des Tages gekommen waren, den
Honig von dem Haidekraute zu sammeln, ehe der Thau
getrocknet war — als die langen Morgenschatten sich schon
verkürzten und die Sonne Erde und Himmel erfüllte —
stand ich auf und blickte um mich.
„Welch ein stiller, warmer, herrlicher Tag! welch eine
goldene Wüste dieses weite Moor! Ueberall Sonnenschein.“
Ich wollte, ich könnte darin und auf ihm leben. Ich sah
eine Eidechse über den Felsen laufen: ich sah eine Biene
unter den süßen Heidelbeeren beschäftigt. Ich wäre gern in
dem Augenblicke eine Biene oder Eidechse geworden, um
passende Nahrung und dauernden Schutz hier zu finden.
Aber ich war ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse
eines menschlichen Wesens: ich durfte nicht verweilen,
wo sich Nichts fand, um sie zu stillen. Ich stand auf und
blickte auf das Bette zurück, welches ich verlassen. Hoffnungslos für die Zukunft, wünschte ich nur, daß mein

Schöpfer in jener Nacht es für gut gehalten hätte, meine
Seele von mir zu fordern, während ich schlief, und daß
diese ermattete Gestalt, durch den Tod von weiterem Kampfe
mit dem Schicksale befreit, nur ruhig sich auflösen und sich
in Frieden mit dem Boden dieser Wildniß hätte mischen
können. Doch das Leben war noch in meinem Besitz mit
allen seinen Forderungen, seinen Leiden und Verantwortlichkeiten. Die Bürde mußte getragen, das Bedürfniß befriedigt, das Leiden erduldet, die Verantwortlichkeit erfüllt
werden, und ich machte mich auf den Weg.
Als ich den Wegweiser wieder erreichte, folgte ich dem
Wege, der von der Sonne abführte, die jetzt hoch und
glühend am Himmel stand. Nach keinem andern Umstande
traf ich meine Wahl. Ich ging eine lange Zeit weiter und
als ich dachte, es wäre fast genug und ich dürfe mich wohl
der Ermattung hingeben, die mich fast überwältigte — ich
könne wohl diese heftige Anstrengung einstellen, mich auf
einen Stein niedersetzen, den ich in der Nähe erblickte und
mich ohne Widerstand der Gefühllosigkeit unterwerfen, die
Herz und Glieder erstarren machte — da hörte ich den
Klang einer Glocke — einer Kirchenglocke.
Ich wendete mich nach der Richtung des Klanges und
dort unter den romantischen Hügeln, auf deren Wechsel und
Aussehen ich seit einer Stunde nicht mehr geachtet, erblickte
ich ein Dörfchen und einen Kirchthurm. Das ganze Thal
zu meiner Rechten war mit Weiden, Kornfeldern und Gehölz
angefüllt, und ein schimmernder Bach floß im Zickzack
durch die wechselnden Schatten den Grün, durch die reifenden
Saaten, das düstere Gehölz und die sonnige Wiese.
Durch das Rollen von Wagenrädern auf der Straße vor
mir von meiner Betrachtung abgelenkt, sah ich einen schwerbeladenen Wagen den Hügel herauf arbeiten, und nicht weit
hinter demselben bemerkte ich einen Mann, der zwei Kühe
trieb. Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren
nahe. Ich mußte weiter streben: streben zu leben, und
mich anstrengen wie die Uebrigen. Um
zwei Uhr Nachmittags trat ich in das Dorf. Am
Ende der einzigen Straße war ein kleiner Laden, vor dessen
Fenster Brod lag. Wie gern hätte ich ein Brod gehabt!

Vermöge dieser Erfrischung hätte ich vielleicht einige Kraft
wieder erlangen können; ohne dieselbe war es schwer, weiter
zu kommen. Der Wunsch, meine Kräfte zu stärken, gab
mir Muth, sobald ich mich wieder unter Mitgeschöpfen sah.
Ich hielt es für entehrend, auf der Straße eines Dorfes vor
Hunger ohnmächtig zu werden. Hatte ich denn nichts bei
mir, was ich für eins dieser Brode anbieten konnte? Ich
dachte nach. Ich hatte ein kleines seidenes Tuch um den
Hals gebunden, ich hatte meine Handschuhe. Ich wußte
nicht, wie man in der äußersten Noth zu handeln pflegt;
ich wußte nicht, ob man einen dieser Gegenstände annehmen würde: wahrscheinlich that man es nicht; aber ich mußte es
versuchen.
Ich tat in den Laden, worin sich eine Frau befand.
Als sie eine anständig gekleidete Person, eine vornehme
Dame, wie sie vermuthete, eintreten sah, kam sie mir höflich
entgegen und fragte, womit sie mir dienen könne? Ich
wurde von Schaam ergriffen: meine Zunge wollte die Bitte
nicht aussprechen, auf die ich mich vorbereitet hatte. Ich
wagte nicht, ihr die halb abgetragenen Handschuhe, das
verblichene Tuch anzubieten: überdies fühlte ich, daß es
lächerlich sei. Ich bat nur um die Erlaubniß, mich einen
Augenblick niedersetzen zu dürfen, da ich ermüdet sei. In
der Erwartung getäuscht, daß ich etwas kaufen wollte, bewilligte sie es mir kalt. Sie deutete auf einen Stuhl und ich sank auf demselben nieder. Ich fühlte mich sehr geneigt zu weinen; da ich aber einsah, wie unpassend dies sein
würde, so that ich mir Gewalt an. Bald darauf fragte ich
sie, ob keine Kleidermacherinnen oder Näherinnen im Dorfe
wären?
"Ja, zwei oder drei. Gerade so viel, als hier Beschäftigung
haben."
Ich dachte nach. Ich war auf’s Aeußerste getrieben und sah die Nothwendigkeit vor mir. Ich war in der Lage einer Person ohne Hülfsmittel, ohne Freunde, ohne Geld. Ich mußte etwas thun. Aber was? Ich mußte mich an Jemand wenden. Aber an wen?
"Wissen Sie einen Ort in der Nähe, wo man einer Magd bedarf?"

"Nein, das könnte ich nicht sagen."
"Welches ist das vorzüglichste Geschäft an diesem Orte?
Womit beschäftigen sich die meisten Leute?"
"Einige sind Ackersleute und eine Anzahl arbeitet in
Herrn Oliver's Nadelfabrik und in der Gießerei."
"Beschäftigt Herr Oliver auch Frauenzimmer?"
"Nein, das ist Arbeit für Männer."
"Und was thun denn die Frauenzimmer?"
"Ich weiß nicht," war die Antwort, "Einige thun
dies, Andere jenes. Arme Leute müssen sich durchbringen,
wie sie können."
Sie schien meiner Fragen müde zu sein: und welches
Recht hatte ich auch, sie zu belästigen? Einige Nachbarinnen
kamen herein; man bedurfte meines Stuhles und ich
nahm Abschied.
Ich ging die Straße hinauf und sah unterwegs nach
allen Häusern zur Rechten und zur Linken, aber ich konnte
keinen Vorwand finden, in eins derselben zu treten. Ich
ging um das ganze Dörfchen, entfernte mich ein wenig von
demselben und kehrte in einer Stunde oder länger zurück.
Sehr erschöpft und von dem Mangel an Nahrung heftig
leidend, betrat ich einen einsamen Weg und setzte mich unter
der Hecke nieder. Nach einigen Minuten war ich wieder auf
den Füßen und suchte etwas — eine Hülfsquelle oder wenigstens
eine Auskunft. Ein hübsches kleines Haus stand am
Ende des Weges, und vor demselben war ein außerordentlich zierlicher und blühender Garten. Ich blieb vor den
selben stehen. Welches Geschäft hatte ich, mich der weißen
Thür zu nahen, oder den glänzenden Klopfer zu berühren?
Wie konnte es in dem Interesse der Bewohner jenes Hauses
legen, mir zu dienen? Doch ich näherte mich und klopfte
an. Ein sanft aussehendes, reinlich gekleidetes junges
Frauenzimmer öffnete die Thür. Mit einer Stimme, wie
man sie von einem hoffnungslosen Herzen und einen ermatteten
Körper erwarten konnte — mit sehr leiser und
bebender Stimme — fragte ich, ob man hier einer Dienerin
bedürfe?
"Nein," sagte sie; "wir halten keine Dienerin."
"Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich Beschäftigung

irgend einer Art erhalten könnte?" fuhr ich fort. "Ich bin
fremd und ohne Bekanntschaft an diesem Orte. Ich wünsche
Arbeit: es ist gleich von welcher Art sie ist."
Aber es war nicht ihre Sache für mich zu denken und
mir eine Stelle zu suchen: wie verdächtig mußte überdies
mein Ruf, meine Lage und meine Erzählung erscheinen. Sie
schüttelte den Kopf: es thue ihr leid, mir keine Auskunft
geben zu können, und die weiße Thür schloß sich ganz leise
und höflich, aber sie schloß mich aus. Wenn sie sie noch ein
wenig länger offen gelassen, so glaube ich, würde ich um
ein Stück Brod gebeten haben; denn es war jetzt sehr weit
mit mir gekommen.
Ich konnte es nicht über mich gewinnen, in das schmutzige
Dorf zurückzukehren, wo sich überdies keine Aussicht
zur Hülfe für mich zeigte. Ich wäre viel lieber in einen
Wald gegangen, den ich in geringer Entfernung bemerkte
und der mir mit seinem dichten Schatten ein einladendes Obdach
darzubieten schien; aber ich war so matt und schwach,
so aufgerieben von den Forderungen der Natur, daß der
Instinct mich trieb, in der Nähe der Wohnungen zu verweilen,
wo es wenigstens möglich war, einige Nahrung zu
erhalten. Die Einsamkeit war keine Einsamkeit — die
Ruhe keine Ruhe — während der Geier des Hungers seine
Krallen und seinen Schnabel in meine Seite drückte.
Ich näherte mich den Häusern; ich verließ sie und kehrte
wieder zurück, um weiter zu wandern: stets zurückgetrieben
von dem Bewußtsein, daß ich kein Recht habe etwas zu
fordern — kein Recht, Theilnahme an meiner trostlosen Lage
zu erwarten. Inzwischen rückte der Abend heran, während
ich so gleich einem verlorenen und halb verhungerten Hunde
umherwanderte. Als ich über ein Feld ging, sah ich den
Kirchthurm vor mir und eilte drauf zu. In der Nähe des
Kirchhofes und in der Mitte eines Gartens stand ein wohlgebautes,
wenn auch kleines Haus, welches die Pfarrwohnung
sein mußte. Ich erinnerte mich, daß Fremde, die in
einen Ort kommen, wo sie keine Freunde haben und Beschäftigung
suchen, sich zuweilen an den Geistlichen wenden,
um ihnen Auskunft und Beistand zu gewähren. Es ist das
Amt des Geistlichen, wenigstens mit Rath denen zu helfen,

welche sich selber zu helfen wünschen. Ich schien etwas
gleich einem Rechte zu haben, hier Rath zu suchen. Indem
ich meinen Muth erneuerte und die schwachen Reste meiner
Kraft sammelte, ging ich darauf zu. Ich erreichte das
Haus und klopfte an die Küchenthür. Eine alte Frau öffnete
und ich fragte, ob dies die Pfarrwohnung sei?
"Ja."
"Ist der Herr Prediger zu Hause?"
"Nein."
"Wird er bald zurückkehren?"
"Nein, er ist aus."
"Weit?"
"Nicht so weit — nur etwa drei Meilen. Er ist durch
den plötzlichen Tod seines Vaters abgerufen worden. Er ist
jetzt in Marsh End und wird sehr wahrscheinlich noch vierzehn
Tage dort bleiben."
"Ist nicht eine Dame im Hause?"
"Nein, außer mir ist Niemand da und ich bin die Haushälterin."
Und sieh, Leser, noch konnte ich nicht um die Befriedigung
des Bedürfnisses bitten, unter dem ich erlag: ich vermochte
noch nicht zu betteln und schwankte wieder weiter.
Wieder nahm ich mein Halstuch ab — wieder dachte
ich an das Brod in dem kleinen Laden. O! wenn man nur
eine Rinde, nur einen Mund voll hätte, um die Qual des
Hungers zu stillen! Instinctmäßig wendete ich mein Gesicht
wieder dem Dorfe zu: ich fand den Laden wieder und
ging hinein; und obgleich noch andere Leute außer der Frau
da waren, wagte ich die Bitte, ob sie mir ein Brödchen für
dieses Halstuch geben wolle?
Sie sah mich mit offenbarem Verdacht an und sagte, sie
habe nie ihre Waare auf solche Weise verkauft.
Fast zur Verzweiflung getrieben, bat ich um ein halbes
Brödchen; doch sie schlug es mir wieder ab und sagte, wie
sie wissen könne, wie ich zu dem Tuche gekommen sei.
Dann fragte ich, ob sie meine Handschuhe dafür annehmen wolle?
Hierauf erwiderte sie, was sie damit machen solle?
Leser, es ist nicht angenehm, bei diesen Einzelheiten zu

verweilen. Man sagt wohl, es läge, ein Vergnügen darin,
auf frühere schmerzliche Erfahrungen zurückzublicken; aber
noch heute kann ich es kaum ertragen, die Zeiten zu beschauen,
von denen ich rede: die moralische Erniedrigung,
vereint mit physischem Leiden, bildet eine zu traurige Erinnerung,
um je absichtlich dabei zu verweilen. Ich tadelte
Niemand von denen, die mich zurückwiesen. Ich fühlte, daß
ich es nicht anders erwarten konnte, und da ein gewöhnlicher
Bettler häufig der Gegenstand des Argwohns ist, so
mußte eine wohlgekleidete Bettlerin es noch um so mehr sein.
Freilich bat ich um Beschäftigung aber wessen Sache war
es denn, für meine Beschäftigung zu sorgen? Gewiss nicht
die Sache der Leute, die mich zum ersten Male sahen und
meinen Ruf nicht kannten. Und auch die Frau hatte Recht,
die mein Halstuch nicht für ihr Brod nehmen wollte, denn
das Anerbieten schien ihr verdächtig und der Tausch nicht
vortheilhaft. Ich muß mich kurz fassen, denn ich bin des
Gegenstandes überdrüßig.
Ein wenig vor Eintritt der Dunkelheit ging ich an einem
Pachthause vorbei, vor dessen offener Thür der Pachter
saß und sein Abendessen verzehrte, welches in Brod und
Käse bestand. Ich blieb stehen und sagte:
"Wollen Sie mir ein Stück Brod geben? Ich bin sehr
hungrig."
Er sah mich erstaunt an; aber ohne zu antworten,
schnitt er ein dickes Stück von seinem Brode ab und gab es
mir. Ich glaube, er hielt mich nicht für eine Bettlerin,
sondern vielleicht für eine romantische Dame, die ein Gelüst
nach seinem Schwarzbrod hatte. Sobald ich außer dem
Bereiche des Hauses war,
setzte ich mich nieder und verzehrte es.
Ich konnte nicht hoffen, Aufnahme unter einem Dache
zu finden und suchte Ruhe in dem vorher erwähnten Walde.
Aber ich brachte eine elende Nacht zu und meine Ruhe
wurde oft unterbrochen: der Boden war feucht, die Luft
kalt: überdies wurde ich mehr als einmal gestört und mußte
wiederholt mein Quartier verändern. Kein Gefühl der
Sicherheit oder Ruhe erfreute mich. Gegen Morgen regnete
es, was den ganzen folgenden Tag fortdauerte. Leser, fordere
keinen genauen Bericht von jenem Tage: wie vorher
suchte ich Arbeit; wie vorher wurde ich zurückgewiesen; wie
vorher hungerte ich: nur einmal kam Speise über meine
Lippen. Vor der Thür einer Hütte sah ich ein kleines
Mädchen im Begriff, eine Schüssel mit kalter Suppe in einen
Schweinetrog zu schütten.
"Willst Du mir das geben?" fragte ich.
Sie starrte mich an.
"Mutter!" rief sie; "da ist ein Frauenzimmer, welches
will, daß ich ihr diese Suppe geben soll."
"Gut, Kind," erwiderte eine Stimme von innen, "gib
sie ihr, wenn sie eine Bettlerin ist. Das Schwein bedarf
dessen nicht."
Das Mädchen leerte die geronnene Speise in meine
Hand und ich verschlang sie begierig.
Als es dunkler wurde, blieb ich auf einem einsamen
Reitwege stehen, auf dem ich länger als eine Stunde fortgegangen
war.
"Meine Kraft entweicht gänzlich," sagte ich bei mir selber.
Ich fühle, ich kann nicht weiter gehen. Soll ich
diese Nacht wieder eine Ausgestoßene sein? Muß ich denn,
während es so regnet, meinen Kopf auf den kalten, nassen
Boden legen? Ich fürchte, ich kann nicht anders, denn wer
sollte mich aufnehmen? Aber es wird sehr schrecklich sein
mit diesem Gefühl des Hungers, dieser Schwäche, diesem
Frost und diesem Bewußtsein der Verlassenheit — dieser
gänzlichen Vernichtung der Hoffnung. Aller Wahrscheinlichkeit
nach muß ich vor dem nächsten Morgen sterben. Und
warum kann ich nicht mit dieser Aussicht auf den Tod mich
aussöhnen? Warum kämpfe ich, ein werthloses Leben zu behalten? Weil ich weiß oder glaube, daß Rochester noch
lebt: und dann ist der Tod aus Mangel und Kälte ein
Schicksal, dem die Natur sich nicht leidend unterwerfen kann.
O Vorsehung! erhalte mich noch ein wenig länger! Hilf
mir! — leite mich!"
Mein trübes Auge wanderte über die düstere und neblige Landschaft dahin. Ich sah, daß ich mich weit von dem
Dorfe entfernt hatte: es war nicht mehr zu sehen. Selbst
die Cultur, die mich sonst umgeben hatte, war verschwunden. Ich hatte mich auf Kreuzwegen und Fußsteigen wieder
dem Moor genähert und jetzt lagen nur noch wenige Felder,
die fast eben so wild und unfruchtbar waren, wie das Moorland,
dem man sie mit Mühe abgewonnen, zwischen mir und
den düsteren Hügeln.
"Nun, ich möchte lieber dort sterben, als auf einer
Straße oder auf einem häufig besuchten Wege," dachte ich
bei mir selbst. "Und viel besser ist es, wenn Krähen und
Raben — wenn es Raben in dieser Gegend gibt — das
Fleisch von meinen Gebeinen picken, als daß sie in einen
von dem Armenhause bezahlten Sarg eingeschlossen werden
und in dem Grabe eines Armen vermodern."
Ich kehrte also zu dem Hügel zurück. Ich erreichte ihn.
Es fehlte nur noch, eine Vertiefung zu finden, wo ich mich
niederlegen konnte, um mich wenigstens verborgen, wenn
auch nicht sicher zu fühlen: aber die ganze Oberfläche der
Einöde schien eben zu sein. Sie zeigte keine Veränderung,
als nur in der Farbe: sie war grün, wo Moos und Binsen
sich verbreitet hatten; schwarz, wo der trockene Boden nur
Haidekraut trug. So dunkel es auch schon war, konnte ich
doch noch diese Veränderungen bemerken, obgleich sie nur
als Wechsel von Licht und Schatten erschienen, denn die
Farbe war mit dem Tageslicht verschwunden.
Mein Auge schweifte noch über die düsteren Erhöhungen
und die Fläche des Moors dahin, welches unter der wildesten
Scene verschwand, als sich an einer dunkeln Stelle zwischen
den Hügeln ein Licht zeigte. "Das ist ein Irrlicht," war
mein erster Gedanke und ich erwartete, daß es bald verschwinden
werde. Aber es brannte ruhig weiter, ohne vor- oder
zurückzugehen. "Dann ist es ein Freudenfeuer, welches
man eben angezündet," dachte ich. Ich beobachtete, ob es
sich ausbreiten werde: aber nein. So wie es nicht abnahm,
nahm es auch nicht zu. "Es wird ein Licht in einem Hause
sein," meinte ich; "aber wenn das auch wäre, könnte ich es
doch nimmer erreichen. Es ist zu weit entfernt: und wäre
es nur einen Schritt von hier, was würde es helfen? Ich
würde nur an die Thür klopfen, um sie mir vor der Nase
wieder zugeschlagen zu sehen.
Und ich sank nieder, wo ich stand, und verbarg mein Gesicht am Boden. Ich lag eine Weile still, der Nachtwind
fuhr über den Hügel und über mich dahin und erstarb seufzend in der Ferne; ein dichter Regen fiel und durchnäßte
mich wieder bis auf die Haut. Hätte ich nur bis zu den stillen Frost — bis zu der freundlichen Betäubung des Todes erstarren können, so hätte es fortregnen mögen: ich würde es nicht gefühlt haben; aber mein noch lebendes Fleisch schauerte bei dem erkältenden Einfluß. Ich stand bald auf.
Das Licht war noch da und schimmerte matt, aber ohne zu wanken, durch den Regen. Ich versuchte wieder weiter
zu gehen: ich schleppte meine erschöpften Glieder langsam
auf dasselbe zu. Es führte mich über die Seite des Hügels
hin durch einen weiten Sumpf, der im Winter unzugänglich
gewesen wäre und selbst jetzt in der Mitte des Sommers schlüpfrig und schwanken: war. Hier fiel ich zweimal nieder, stand aber eben so oft auf und sammelte meine Kräfte. Dieses Licht war meine verlorene Hoffnung ich mußte es
erreichen.
Als ich den Sumpf überschritten, sah ich einen weißen
Streifen auf dem Moor. Ich näherte mich demselben, es
war ein Weg oder eine Spur, die gerate auf das Licht zu
führte, welches jetzt von einer Erhöhung unter einer Baumgruppe herstrahlte, die, soviel ich von ihrer Form unterscheiden
konnte, aus Fichten bestand. Mein Stern verschwand
als ich näher kam: ein Hinderniß war zwischen mich und
ihn getreten. Ich streckte meine Hand aus, um die dunkle
Masse vor mir anzufühlen, und unterschied die rauhen Steine
einer niedrigen Mauer — auf derselben war eine Art von
Palisaden aufgepflanzt und an der inneren Seite befand sich
eine hohe Dornhecke. Ich tappte weiter. Wieder schimmerte
ein weißlicher Gegenstand vor mir: es war ein Thor mit
einem Pförtchen, es drehte sich um seine Angeln, als ich es
berührte. In jeder Seite stand ein schwarzer Busch — ein
Hollunderstrauch oder Taxusbaum.
Als ich durch die Pforte eingetreten und an den Gesträuchen vorüber war, zeigte sich der Umriß eines Hauses, schwarz, niedrig und ziemlich lang; aber das leitende Licht schien nirgends. Alles war dunkel. Hatten sich die Bewohner zur Ruhe begeben? Ich fürchtete es. Indem ich
die Thür suchte, bog ich um eine Ecke: dort zeigte sich der
freundliche Schimmer wieder aus den verschobenen Scheiben
eines sehr kleinen Gitterfensters, nur einen Fuß über dem
Boden, und es wurde noch kleiner durch den Epheu und die
Schlingpflanzen, die sich über die Seite des Hauses verbreitet hatten, worin es sich befand. Die Oeffnung war so geschützt und so eng, daß man einen Vorhang oder Fensterladen nicht für nöthig erachtet hatte, und als ich mich niederbeugte und das Laubwerk auf die Seite schob, konnte ich Alles sehen, was sich darin befand. Ich sah deutlich ein
Zimmer mit rein gescheuertem und mit Sand bestreuten Fußboden; ein Gesims von Nußholz mit zinnernen Schüsseln, die in Reihen aufgestellt waren, und den rothen Schimmer eines Kohlenfeuers zurückstrahlten. Ich konnte eine
Uhr, einen weißen tannenen Tisch und einige Stühle sehen.
Das Licht, welches mich geleitet, brannte auf dem Tische
und bei dem Scheine desselben strickte ein ältliches, etwas
rauh aussehendes Frauenzimmer, welches aber sehr reinlich
war, wie Alles um sie her, an einem Strumpfe.
Ich beobachtete diese Gegenstände nur oberflächlich — es
lag nichts Außerordentliches darin. Eine interessantere
Gruppe zeigte sich in der Nähe des Kamins, die in dem Bereiche
des rosigen Friedens und der Wärme saß, die derselbe
verbreitete. Zwei junge anmuthige Frauenzimmer — unverkennbar
Damen höheren Standes — saßen da, die eine
auf einem niedrigen Rollstuhl, die andere auf einem Schemel;
Beide waren in tiefer Trauer, welche düstere Kleidung
seltsam gegen ihre sehr weißen Hälse und Gesichter abstach:
ein großer Wachtelhund lies seinen schweren Kopf auf dem
Knie des einen Mädchens ruhen — und auf dem Schooße
der andern hatte eine schwarze Katze ihr Lager gesucht.
Diese einfache Küche war ein seltsamer Ort für solche Bewohner! Wer mochten sie sein? Sie konnten nicht die
Töchter der ältlichen Person an dem Tische sein, denn sie glich einer Bauernfrau und sie zeigten viel Zartheit und Bildung.
Ich hatte noch nie solche Gesichter gesehen wie die ihrigen: und doch, als ich sie ansah, schien mir jeder Zug
bekannt. Ich kann sie nicht schön nennen — dazu waren sie zu blaß und ernst: als sie sich Beide über ein Buch neigten, sahen sie gedankenvoll, ja fast strenge aus. Auf einem Lesepulte zwischen ihnen befand sich noch ein zweites Licht
und zwei große Bände, die sie häufig zur Hand nahmen und sie anscheinend mit dem kleineren Buche verglichen, welches sie in den Händen hielten, wie man thut, wenn man
bei einer Uebersetzung ein Wörterbuch zu Rathe zieht. Diese
Scene war so still, als wären die Figuren Schatten und das
vom Feuer beleuchtete Gemach ein Gemälde gewesen: es
war Alles so still, daß ich die ausgebrannten Kohlen von
dem Rost fallen und die Uhr in ihrem dunklen Winkel picken hören konnte; ja ich glaubte sogar das leise Geräusch
der Stricknadeln der Alten zu unterscheiden. Als daher
endlich eine Stimme die seltsame Stille unterbrach, war sie
mir vollkommen hörbar.
"Höre, Diana," sagte eine von den studirenden Mädchen;
"Franz und der alte Daniel sind beisammen zur Nachtzeit und Franz erzählt einen Traum, aus dem er mit Schrecken erwacht — höre!"
Und mit leiser Stimme las sie etwas, wovon mir kein Wort verständlich war, denn es war eine unbekannte Sprache — weder Französisch noch Lateinisch. Ob es Griechisch oder Deutsch war, konnte ich nicht sagen.
"Das ist stark," sagte sie, als sie zu Ende war; "das gefällt mir."Das andere Mädchen, welches den Kopf erhoben hatte, um ihrer Schwester zuzuhören, wiederholte, während sie ins
Feuer blickte, eine Zeile von dem, was die andere ihr vorgelesen.
Später lernte ich die Sprache und das Buch kennen, daher will ich hier die Zeile anführen, obgleich sie mir, als ich sie zuerst hörte, nur wie ein Schlag auf tönendes Erz vorkam und keine Bedeutung für mich hatte:
"‘Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht!’"
"Gut!" rief sie, während ihr dunkles und tiefes
Auge funkelte. "Da ist ein düsterer und mächtiger Erzengel
herrlich vor uns hingestellt! Die Zeile ist mehr werth, als
hundert Seiten von leerem Bombast." "Ich wäge die Gedanken in der Schaale meines Zorns und die Werke mit
dem Gewichte meines Grimms." "Das gefällt mir!"

Beide waren wieder stumm.
"Gibt es ein Land, wo die Leute so reden?" fragte die
Alte, von ihrem Strickstrumpfe aufblickend.
"Ja, Hannahein viel größeres Land als England,
wo sie gar nicht anders reden."
"Wahrhaftig, da weiß ich nicht, wie sie einander verstehen
können: und wenn eine von Ihnen dorthin käme,
würden Sie vermuthlich wissen, was sie sagen?"
"Wir würden wahrscheinlich etwas davon verstehen,
aber nicht Allesdenn wir sind nicht so gelehrt, wie Du
glaubst, Hannah. Wir reden die deutsche Sprache nicht und
können sie nur mit Hülfe eines Wörterbuches lesen."
"Und welchen Nutzen bringt es Ihnen?"
"Wir denken einst darin zu unterrichten — oder wenigstens
in den Anfangsgründen, wie man sagt; und dann
werden wir mehr Geld verdienen, als jetzt."
"Sehr wahrscheinlich — aber geben Sie jetzt das Studiren
auf, es ist für heute Abend genug."
"Ich denke es auch: wenigstens bin ich ermüdet. Du
auch, Maria?"
"Bis zum Sterben; und am Ende ist es eine schwere
Arbeit, sich ohne einen andern Lehrer, als das Wörterbuch,
durch eine Sprache hindurch zu arbeiten."
"Das ist wahr, besonders bei einer solchen Sprache, wie
dieses verzwickte aber herrliche Deutsch. Es soll mich wundern,
wann Saint John nach Hause kommen wird."
"Gewiß wird er jetzt nicht mehr lange ausbleiben: es
ist gerade zehn," antwortete die Andere, indem sie nach einer
kleinen goldenen Uhr sah, die sie aus ihren Gürtel zog.
"Es regnet stark. Hannah, willst Du so gut sein, nach
dem Feuer im Sprachzimmer zu sehen?"
Die Alte stand auf und öffnete eine Thür, durch die ich
in einen Gang sehen konnte: bald hörte ich, wie sie ein
Feuer im innern Zimmer anschürte und dann sogleich wieder
zurückkehrte.

"Ach, Kinder!" sagte sie, "ich fürchte mich fast in jenes
Zimmer zu gehen: es sieht so einsam aus mit dem leeren
Stuhl, der in den Winkel zurückgestellt ist."

Sie trocknete ihre Augen mit der Schürze: die beiden
Mädchen, die vorher ernst gewesen, sahen jetzt traurig aus.

"Aber er ist an einem besseren Orte," fuhr Hannah
fort: "wir sollten nicht wünschen, daß er wieder hier wäre. Und dann kann sich Niemand einen ruhigeren Tod wünschen."

"Du sagst, er habe uns nie erwähnt?" fragte eine von
den Damen.

"Er hatte nicht Zeit dazu, Kind: er war in einer Minute hinüber — Ihr seliger Vater. Er war am Tage zuvor ein wenig leidend, doch schien es Nichts zu bedeuten zu haben; und als Herr Saint John fragte, ob man nicht eine von Ihnen herkommen lassen solle, da lachte er ihn aus.

Am nächsten Tage begann es wieder mit einer Schwere im
Kopf — das sind jetzt vierzehn Tage — und er legte sich
schlafen, um nicht wieder zu erwachen: er war schon fast
steif, als Ihr Bruder in das Zimmer ging und ihn fand.
Ach Kinder! das ist der letzte von dem alten Stamm
denn Sie und Herr Saint John scheinen von anderer Art
zu sein, als der Verstorbene; doch Ihre Mutter war mehr wie
Sie, und fast eben so gelehrt in den Büchern. Sie war
das Ebenbild von Ihnen, Maria; Diana gleicht mehr ihrem
Vater.
Mir schienen sie so ähnlich, daß ich nicht sagen konnte,
wo die alte Dienerin, denn dafür hielt ich sie, den Unterschied
fand. Beide waren von weißer Gesichtsfarbe und
schlank gebaut; Beide besaßen ausgezeichnete und geistreiche
Gesichter. Das Haar der einen war freilich um eine Schattirung
dunkler, als das der andern, und es lag eine Verschiedenheit
in der Art, wie sie es trug. Maria's hellbraune
Locken waren gescheitelt und glatt anliegend; Diana's dunkleres Haar bedeckte ihren Nachen mit dichten Locken. Die Uhr schlug zehn.

"Sie werden Ihr Abendessen wollen," sagte Hannah,

"und Herr Saint John auch, wenn er heimkommt."

Und sie begann das Mahl zu bereiten. Die Damen
standen auf: sie schienen im Begriff, sich in das Sprachzimmer
zurückzuziehen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich sie so aufmerksam beobachtet, denn ihr Erscheinen und ihre Unterhaltung
hatten ein lebhaftes Interesse in mir erregt, daß

ich meine elende Lage fast vergaß. Jetzt fiel sie mir wieder
ein und erschien mir wegen des Gegensatzes noch trostloser
und verzweifelter, als je. Und wie unmöglich schien es, den
Bewohnern dieses Hauses Theilnahme für mich einzuflößen:
sie zu bewegen, die Wahrheit meiner Bedürfnisse und meines
Leidens zu glauben — sie zu bestimmen, mir einen Ruheplatz
für meine Wanderungen zu gewähren! Als ich die
Thür fand und zaudernd anklopfte, fühlte ich, das der letzte
Gedanke ein fast unmöglicher sei. Hannah öffnete.
"Was wollt Ihr?" fragte sie mit überraschtem Ausdruck,
als sie mich bei dem Lichte, welches sie in der Hand hielt,
betrachtete.
"Ich wünsche mit Ihren Damen zu reden," sagte ich.
"Sagt mir lieber, was ich ihnen zu sagen habe. Woher kommt Ihr?"
"Ich bin eine Fremde."
"Was habt Ihr zu dieser Stunde hier zu thun?"
"Ich wünsche ein Nachtlager in einem Nebengebäude
oder wo es sei, und ein Stück Brod zu essen."
Mißtrauen, dasselbe Gefühl, welches ich fürchtete, zeigte
sich in Hannah's Gesicht.
"Ich will Euch ein Stück Brod geben," sagte sie nach
einer Pause; "aber wir können keine Person aufnehmen, die
sich Nachts umhertreibt."
"So lassen Sie mich mit Ihren Damen reden."

"Nein, das thue ich nicht. Was können sie für Euch
thun? Ihr solltet Euch nicht jetzt um hertreiben: das sieht
verdächtig aus."

"Aber wohin soll ich gehen, wenn Sie mich forttreiben,
was soll ich thun?"

"O, ich wette, Ihr wißt, wohin Ihr gehen könnt und
was Ihr zu thun habt. Seht Euch vor, daß Ihr nicht
Unrecht thut, das ist Alles, was ich zu sagen habe. Hier
ist ein Pfennig; nun geht —"
"Einen Pfennig kann ich nicht essen und ich habe keine
Kraft, weiter zu gehen. Schließen Sie die Thür nicht. —
O! um Gotteswillen, thun Sie es nicht!"
"Ich muß; der Regen schlägt herein —"

Sagen Sie es den jungen Damen — lassen Sie mit mit ihnen reden."
"In der That, das will ich nicht. Ihr seid nicht, was
Ihr sein solltet, denn sonst würdet Ihr nicht solchen Lärm
machen. Packt Euch fort!"
"Aber ich muß sterben, wenn Sie mich forttreiben."
"Das denke ich nicht. Ich fürchte, Ihr habt böse Pläne
vor, die Euch zu dieser Nachtzeit vor der Leute Häuser führen.
Wenn Ihr Begleiter bei Euch habt, — Diebe, Räuber
oder dergleichen — so könnt Ihr ihnen nur sagen, das
wir nicht allein im Hause sind: es ist ein Herr da, und
Hunde und Flinten."
Hier schlug die ehrliche aber unerbittliche Dienerin die Thür zu und verriegelte sie von innen.
Dies war das Aeußerste. Eine ausgesuchte Qual —
die Angst der Verzweiflung — schwellte und zerriß mein
Herz. Ich war völlig erschöpft und konnte keinen Schritt
weiter thun. Ich sank auf die nasse Schwelle nieder — ich
stöhnte — ich rang die Hände — ich weinte in äußerster
Qual. O, dieses Gespenst des Todes! O, diese letzte
Stunde, die sich mit solchem Entsetzen näherte! Ach, diese
Verlassenheit — diese Verbannung von dem menschlichen
Geschlechte! Nicht nur der Anker der Hoffnung, sondern
auch der Grund, worauf die Stärke fußen konnte, war für
den Augenblick dahin- aber wenigstens die letztere suchte
ich wieder zu gewinnen.
"Ich kann nur sterben," sagte ich, "und ich glaube an
Gott. Ich will versuchen, seinen Willen schweigend zu erwarten."
Diese Worte dachte ich nicht nur, sondern sprach sie
laut aus; drängte all mein Elend in mein Herz zurück und
suchte es dort einzuschließen, um still und schweigend dort
zu bleiben.
"Alle Menschen müssen sterhen," sagte eine Stimme
ganz in der Nähe, aber nicht alle sind verurtheilt zu einen
zögernden und frühzeitigen Untergange, wie der Ihre sein
würde, wenn Sie hier aus Mangel umkämen.
"Wer redet hier?" fragte ich, erschrocken über den unerwarteten
Ton und unfähig, jetzt ans irgend einem Ereigniß

eine Hoffnung auf Hülfe abzuleiten. Eine Gestalt war nahe
welche Gestalt es war, konnte ich bei meinem schwachen
Gesicht und bei der Dunkelheit der Nacht nicht erkennen.
Der Neuangekommene klopfte stark und lange an die
Thür.
"Sind Sie es, Herr Saint John?" rief Hannah.
"Ja — ja; öffne schnell."
"O, wie naß und kalt müssen Sie sein in einer solchen
Nacht, wie diese! Kommen Sie herein — Ihre Schwestern
sind Ihretwegen schon ganz unruhig und ich glaubte,
es wären böse Leute in der Nähe. Es war ein Bettelweib
da — wahrhaftig, sie ist noch nicht fort! — Sie hat sich
dort niedergelegt! Pfui! steht doch auf! Packt Euch fort,
sage ich!"
"Still, Hannah! ich habe ein Wort mit dem Frauenzimmer
zu reden! Du hast nun Deine Pflicht gethan, sie
auszuschließen, jetzt laß mich die meine thun, sie einzulassen. Ich
war in der Nähe und hörte, was Ihr Beide mit einander
gesprochen. Ich denke es ist ein besonderer Fall —
ich muß ihn wenigstens untersuchen. Junges Frauenzimmer,
stehen Sie auf und gehen vor mir ins Haus."
Mit großer Anstrengung gehorchte ich. Bald stand ich in der zierlichen hellen Küche — befand mich ängstlich und zitternd am Heerde, denn ich wußte, daß mein Aussehen wild und grässlich sein mußte. Die beiden Damen,
ihr Bruder, der Herr Saint John, und die alte Dienerin
sahen mich Alle an.
"Saint John, wer ist es?" hörte ich Eine fragen.
"Ich kann es nicht sagen; ich fand sie vor der Thür,"
war die Antwort.
"Sie sieht todtenblaß aus," sagte Hannah.
"So weiß, wie ein Leintuch," war die Antwort. "Sie
wird hinfallen: laß sie niedersetzen."
Und in der That drehte sich Alles mit mir, ich sank
nieder, aber ein Stuhl nahm mich auf. Ich war noch
meiner Sinne mächtig, obgleich ich noch nicht reden konnte.
"Vielleicht wird ein wenig Wasser sie wieder herstellen.
Hole Wasser, Hannah. Aber sie ist ganz abgezehrt. Ganz
blutlos und wie ein Schatten!"

"Wie ein Gespenst!"

"Ist sie krank oder nur ausgehungert?
"Ausgehungert, denke ich. Hannah, ist das Milch?
Gib sie mir, und ein Stück Brod dazu."

Diana — ich kannte sie an den langen Locken, die zwischen mir und dem Feuer schwebten, als sie sich über mir neigte — Diana brach etwas Brod ab, tunkte es in die
Milch und brachte es an meine Lippen. Ihr Gesicht war
dem meinen nahe: ich sah, es war Mitleid darin, und ich
empfand Sympathie für ihren raschen Athemzug. In ihren
einfachen Worten lag dieselbe balsamische Neigung, als sie
sagte:

"Versuchen Sie zu essen."

"Javersuchen Sie es, wiederholte Maria sanft,
und Maria's Hand nahm mir den durchnäßten Hut ab und
unterstützte meinen Kopf. Ich kostete, was sie mir anboten:
anfangs matt und dann begierig.

"Nicht gleich zu viel — haltet sie zurück," sagte des
Bruder; "sie hat jetzt genug."
Und er nahm die Tasse mit Milch und den Teller mit
dem Brode weg.

"Noch ein wenig mehr, Saint John — sieh nur die Begierde in Ihren Augen."
"Nicht mehr für jetzt, Schwester. Versuche, ob sie jetzt
reden kann — frage sie nach ihrem Namen."

Ich fühlte, daß ich reden konnte, und antwortete:

"Mein Name ist Johanna Elliot."

Da ich die Entdeckung zu vermeiden wünschte, hatte ich
schon vorher beschlossen, einen andern Namen anzunehmen.
"Und wo wohnen Sie? Wo sind Ihre Freunde."
Ich war stumm.
"Können wir zu Jemand schicken, den Sie kennen?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Welche Auskunft können Sie über sich geben? "
Ich weiß nicht, wie es kam, jetzt, da ich die Schwelle
dieses Hauses überschritten und mich den Besitzern desselben
gegenüber befand, war es mir, als sei ich nicht mehr ausgestoßen, umherirrend und verleugnet von der weiten Welt.
Ich wagte die Maske der Bettlerin abzulegen — mein natürliches Wesen und meinen Charakter wieder anzunehmen.
Ich begann mich wiederzuerkennen, und als Herr Saint
John Auskunft über mich verlangte, die ich ihm jetzt wegen
meiner Schwäche nicht geben konnte, sagte ich nach einer
kurzen Pause:

"Mein Herr, ich kann Ihnen diesen Abend nicht die
einzelnen Umstände mittheilen."

"Aber was wollen Sie denn, daß ich für Sie thun
soll?" sagte er.

"Nichts," versetzte ich. Meine Stärke reichte nur zu
kurzen Antworten aus. Diana nahm das Wort.
"Meinen Sie, wir haben Ihnen jetzt den nöthigen Beistand geleistet," fragte sie, "und können Sie wieder entlassen, um in der Regennacht auf dem Moore umherzuwandern?"
Ich blickte sie an. Es war mir als habe sie ein bemerkenswerthes
Gesicht, worin sich zugleich Kraft und Güte
zu erkennen gab. Ich faßte plötzlich Muth, beantwortete
ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln und sagte:
"Ich will Ihnen vertrauen. Ich weiß, wenn ich ein
herrenlos umherlaufender Hund wäre, würden Sie mich
in dieser Nacht nicht von Ihrem Heerde treiben: das fürchte
ich in der That nicht. Thun Sie mit mir und für mich,
was Sie wollen; aber entschuldigen Sie, wenn ich wenig
rede — mein Athem ist kurz — ich bekomme einen Krampf,
wenn ich rede.
Alle drei sahen mich an und schwiegen.
"Hannah," sagte Herr Saint John endlich, "laß sie
für jetzt dort sitzen und lege ihr keine Fragen vor; wenn
zehn Minuten um sind, gib ihr die Milch und das Brod.
Maria und Diana, laßt uns in das Sprachzimmer gehen
und die Sache weiter überlegen."
Sie entfernten sich. Sehr bald kehrte eine von den
Damen zurück ich konnte nicht sagen, welche. Eine angenehme
Erstarrung hatte sich meiner bemächtigt, als ich
an dem wärmenden Feuer saß. Sie ertheilte Hannah in
leisem Tone Befehle. Bald gelang es mir mit Hülfe der
Dienerin eine Treppe hinaufzusteigen, meine triefend ein Kleider wurden abgelegt und dann empfing mich ein warmes trockenes Bett. Ich dankte Gott — empfand bei der unaussprechlichen Erschöpfung einen Schimmer dankbarer Freude — und schlief ein.



Drittes Kapitel

Die Erinnerung an drei folgende Tage und Nächte ist
sehr trübe in meinem Geiste. Ich besinne mich auf einige
Empfindungen, die ich in dem Zeitraume hatte; doch auf
keine Gedanken, die ich bildete, noch auf Handlungen, die
ich verrichtete. Ich wußte, ich sei in einem kleinen Zimmer
und in einem schmalen Bette. Ich schien an dies Bett angewachsen
zu sein: ich lag darauf bewegungslos wie ein
Stein, und hätte man mich von demselben losreißen wollen,
würde man mich vielleicht getödtet haben. Ich achtete nicht
auf den Verlauf der Zeit, ich achtete nicht auf den Uebergang
vom Morgen zum Mittage, vom Mittage zum Abende.
Ich bemerkte, wenn Jemand eintrat oder das Zimmer verließ; ich wußte sogar, wer es war; ich konnte verstehen, was gesprochen wurde, wenn die redende Person mir nahe
stand; aber ich konnte nicht antworten: meine Lippen zu
öffnen oder meine Glieder zu bewegen, war gleich unmöglich.
Die Dienerin Hannah besuchte mich häufig. Ihre
Gegenwart beunruhigte mich. Ich hatte das Gefühl in mir
daß sie mich fort wünsche, daß sie mich und meine Lage
nicht begreife; daß sie ein Vorurtheil gegen mich hege.
Diana und Maria kamen ein oder zwei Mal täglich in
mein Zimmer und flüsterten Sätze neben meinem Bette, wie
diese:

"Es ist sehr gut, daß wir sie hereingenommen.“

"Ja; man würde sie gewiß am Morgen todt vor der
Thür gefunden haben, wäre sie die Nacht draußen geblieben. Ich bin begierig zu erfahren, was sie erlebt hat!“

"Seltsames Mißgeschick, denke ich — der arme, abgemagerte, bleiche Wanderer!“
"Sie ist keine ungebildete Person, nach ihrer Art zu reden: ihr Accent war ganz rein und die Kleider, die sie abgelegt, obgleich beschmutzt und naß, waren wenig abgetragen und fein.“

"Sie hat ein eigenthümliches Gesicht, so fleischlos und
abgefallen, wie es ist: es gefällt mir; und bei guter Gesundheit und belebt, sollte ich denken, müßte die Physiognomie angenehm sein."

Nie hörte ich in ihren Gesprächen eine Sylbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft, die sie gegen mich angewendet, noch von Argwohn oder Abneigung gegen mich.
Dies tröstete mich.
Herr Saint John kam nur einmal herein: er sah mich
an und sagte, mein Zustand der Schlafsucht sei die Folge
von langer und übertriebener Anstrengung. Er erklärte es
für unnöthig, einen Arzt zu rufen: er sei überzeugt, es sei
das Beste, die Natur allein wirken zu lassen, alle Nerven
wären auf irgend eine Weise zu sehr angestrengt und das
ganze System müsse eine Weile regungslos schlummern.
Es sei keine Krankheit vorhanden und er hatte sich überzeugt,
daß meine Genesung rasch genug sein werde, wenn sie einmal
begonnen habe. Diese Ansichten sprach er in wenigen
Worten, mit ruhiger und leiser Stimme aus und fügte nach
einer Pause in dem Tone eines Mannes hinzu, der wenig
an ausführliche Bemerkungen gewöhnt ist:
"Eine etwas ungewöhnliche Physiognomie: gewiß nicht
das Zeichen der Gemeinheit oder Erniedrigung.“

"Ganz im Gegentheile," antwortete Diana. “Um die Wahrheit zu sagen, Saint John, mein Herz erwärmt sich vielmehr für die arme kleine Seele. Ich wollte, wir wären
im Stande, ihr dauernd Wohlthaten zu erweisen.“

"Das ist kaum wahrscheinlich, war die Antwort. Du wirst finden, daß sie eine junge Dame ist, die ein Mißverständniß mit ihren Freunden gehabt und sie wahrscheinlich
auf unüberlegte Weise verlassen hat. Vielleicht wird es
uns gelingen, sie ihnen wieder zuzuführen, wenn sie nicht
halsstarrig ist; doch ich finde Linien in ihrem Gesicht, die
mich zum Zweifel an ihrer Fügsamkeit bewegen.“

Er stand da, und betrachtete mich einige Minuten und
fügte dann hinzu:
"Sie sieht verständig aus, ist aber keineswegs schön."
“Sie ist so krank, Saint John.“
"Krank oder gesund, sie wird immer der Mittelmäßigkeit angehören. Die Grazie und Harmonie der Schönheit fehlen gänzlich in diesen Zügen.“
Am dritten Tage war mir besser; am vierten konnte ich
reden, mich bewegen, mich im Bette aufrichten und mich
umwenden. Hannah hatte mir Griessuppe und geröstetes
Brod um die Mittagsstunde gebracht, wie ich vermuthe. Ich
hatte mit Lust gegessen: die Speise war gut und der fieberhafte Geschmack war verschwunden, der bisher Alles, was ich genossen,
vergiftet hatte. Als sie mich verließ, fühlte
ich mich verhältnismäßig stark und neu belebt; seit kurzer
Zeit wurde ich von dem Ueberdruß der Ruhe und dem Wunsche nach Thätigkeit angeregt. Ich wünschte aufzustehen: aber was sollte ich anziehen? Ich hatte Nichts, als
meine nassen und beschmutzten Kleider, worin ich am Boden
geschlafen und in den Sumpf gefallen war. Ich fühlte
mich beschämt, so gekleidet vor meinen Wohlthätern zu erscheinen. Diese Erniedrigung wurde mir erspart.
Auf einem Stuhle neben dem Bette lagen alle meine
Kleider rein und trocken. Mein schwarzseidenes Kleid hing
an der Wand. Die Spuren von dem Sumpfe waren entfernt; die durch die Nässe hervorgebrachten Falten ausgeglättet
und es sah wieder ganz anständig aus. Meine
Schuhe und Strümpfe waren gereinigt und so wieder hergestellt, daß ich mich damit sehen lassen konnte. Es war
Waschwasser im Zimmer; ein Kamm und eine Bürste, um
mein Haar zu glätten. Mit Mühe, nachdem ich mich alle
fünf Minuten ausgeruht, gelang es mir, mich anzukleiden.
Meine Kleider waren mir zu weit geworden, denn ich war
sehr abgefallen: aber ich bedeckte die Mängel mit meinen
großen Halstuche, und als ich wieder reinlich und anständig
aussah — ohne Schmutz, ohne eine Spur der Unordnung, die ich haßte und die mich herabzuwürdigen schien — schlich ich mit Hülfe des Geländers eine steinerne Treppe
hinunter zu einem schmalen niedrigen Gange und befand
mich sogleich in der Küche.
Sie war von dem Dufte des frischgebackenen Brodes und von der Wärme eines lieblichen Feuers erfüllt.
Hannah war mit Backen beschäftigt. Es ist wohlbekannt,
daß Vorurtheile am schwersten aus den Herzen derjenigen
auszurotten sind, deren Boden nie durch Erziehung gelockert
und befruchtet worden ist: sie wurzeln dort fest wie Unkraut
unter Steinen. Hannah war anfangs kalt und steif
gewesen: in der letzten Zeit begann sie ein wenig nachzulassen;
und als sie mich zierlich und wohlgekleidet sah,
lächelte sie sogar.
"Ei, Sie sind aufgestanden," sagte sie. "Sie sind also
wieder hergestellt. Sie können sich in meinen Stuhl am
Feuerheerde setzen, wenn Sie wollen."
Sie deutete auf den Rollstuhl und ich nahm darin
Platz. Sie beschäftigte sich mit verschiedenen Dingen und
beobachtete mich von Zeit zu Zeit von der Seite. Indem
sie einige Brode aus dem Ofen nahm, wendete sie sich zu
mir und fragte geradezu:
"Bettelten Sie je vorher, ehe Sie hierher kamen?“
Ich war im ersten Augenblick unwillig; doch bedachte
ich sogleich, daß der Aerger nicht am Platze sei, daß ich ihr
in der That wie eine Bettlerin erschienen war, und antwortete
ruhig, aber nicht ohne eine gewisse Festigkeit:
"Sie irren, wenn Sie mich für eine Bettlerin halten.
Ich bin keine Bettlerin, ebenso wenig wie Sie oder Ihre
jungen Damen.“
Nach einer Pause sagte sie:
"Ich verstehe das nicht: Sie haben doch kein Haus und
kein Geld, soviel ich weiß.“
"Der Mangel eines Hauses oder des Geldes macht mich
noch nicht zur Bettlerin in Ihrem Sinne des Worts.“
"Sind Sie gelehrt in den Büchern?“ fragte sie sogleich.
"Ei ja.”
Aber Sie sind doch wohl nie in einer Kostschule gewesen?“

“Acht Jahre lang war ich in einer Kostschule.“
Sie öffnete ihre Augen weit.

"Warum können Sie sich dann nicht selbst ernähren?"
"Ich habe mich selbst ernährt und hoffe es auch ferner
zu können. Was wollen Sie mit diesen Stachelbeeren machen?“ fragte ich, als sie einen Korb voll von diesen Früchten
zum Vorschein brachte.
"Ich will sie in die Kuchen hineinbacken.“
"Geben Sie sie mir, daß ich sie auslese."
"Nein, dazu bedarf ich Ihrer nicht.“
"Aber ich muß etwas thun. Gestatten Sie es mir nur."
Sie willigte ein und brachte mir sogar ein reines Tuch, um
es über mein Kleid zu breiten, damit ich es nicht beschmutze.
"Ich sehe es Ihren Fingern an, daß Sie nicht an grobe
Arbeit gewöhnt sind," bemerkte sie. “Vielleicht sind Sie
eine Kleidermacherin gewesen?“
"Nein, Sie irren. Und nun, beruhigen Sie sich darüber,
was
ich gewesen sein mag: kümmern Sie sich nicht weiter
um mich, sondern sagen Sie mir den Namen des Hauses,
wo wir sind.“

"Einige nennen es Marsh End und Andere Moor House.“
"Und der Herr, der hier wohnt, heißt Herr Saint John?"
"Nein, er wohnt nicht hier: er hält sich hier nur eine
Weile auf. Wenn er zu Hause ist, so ist er in seiner Gemeinde
zu Morton.“
"Das Dorf ist einige Meilen von hier?“
Ja.“
"Und was ist er?“
"Er ist Prediger.“
Ich erinnerte mich der Antwort der alten Haushälterin
im Pfarrhause, als ich nach dem Geistlichen gefragt hatte. “Dies
war also der Wohnort seines Vaters?“
"Ja; der alte Herr Rivers wohnte hier und sein Vater,
Großvater und Urgroßvater vor ihm."

"Der Name jenes Herrn ist also Herr Saint John Rivers?"
"Ja; Saint John ist sein Taufname."
"Und seine Schwestern heißen Diana und Maria Rivers?"
“Ja.“
"Ihr Vater ist todt?"
"Vor drei Wochen am Schlagfluß gestorben."
"Haben sie keine Mutter mehr?"
"Die Dame ist seit mehrern Jahren todt."
"Sind Sie schon lange bei der Familie?"
"Schon dreißig Jahre. Ich habe sie alle drei aufgezogen.“

"Das beweist, daß Sie eine ehrliche und treue Dienerin
gewesen sein müssen. Ich sage das von Ihnen, obgleich
Sie die Unhöflichkeit gehabt haben, mich eine Bettlerin zu
nennen."
Sie sah mich wieder mit Ueberraschung starr an.
"Ich glaube, ich habe mich in meinen Gedanken von
Ihnen gänzlich geirrt," sagte sie; “aber es gehen so viele
Betrügereien vor, daß Sie mir verzeihen müssen."
"Auch wollten Sie mich aus der Thür treiben in einer
Nacht, wo Sie keinen Hund hätten hinaussperren sollen,"
fuhr ich etwas strenge fort.
"Ich gestehe, es war hart: aber was soll man thun?
Ich dachte mehr an die Kinder, als an mich selbst: die armen Dinger! Sie haben Niemand, der für sie sorgt, als mich. So muß ich wohl ein scharfes Auge haben."
Ich behauptete einige Minuten lang ein ernstes Schweigen. "Sie
müssen nicht zu hart von mir denken," sagte sie
wieder.
"Aber ich denke hart von Ihnen," sagte ich, “und ich
will Ihnen sagen, warum — nicht so sehr, weil Sie sich
weigerten, mir Obdach zu gewähren, oder mich für eine
Betrügerin hielten, sondern weil sie es mir eben jetzt zu
einem ganz besonderen Vorwurfe machten, daß ich kein Geld
und kein Haus habe. Einige der besten Leute, die je gelebt,
waren eben so verlassen wie ich; und wenn Sie eine Christin
sind, sollten Sie die Armuth nicht als ein Verbrechen betrachten."

“Das sollte ich freilich nicht," sagte sie; "Herr Saint
John sagt es mir auch immer, und ich sehe, ich hatte Unrecht
— aber ich habe jetzt eine ganz andere Meinung von Ihnen als anfangs. Sie sehen jetzt wie ein ganz anständiges kleines Geschöpf aus.“
"So ist es recht — ich verzeihe Ihnen jetzt. Reichen Sie mir die Hand.“
Sie legte ihre mehlige und harte Hand in die meine; ein
noch herzlicheres Lächeln erhellte ihr rauhes Gesicht und von
diesem Augenblicke an waren wir Freunde.
Es war nicht zu verkennen, daß Hannah gern sprach. Während ich die Beeren auslas und sie den Teig zu dem Kuchen zurechtmachte, theilte sie mir verschiedene Einzelnheiten über ihre verstorbene Herrschaft und die Kinder mit, wie sie die jungen Leute nannte.
Der alte Herr Rivers, sagte sie, sei ein ganz einfacher
Mann gewesen, obgleich ein Edelmann von einer so alten
Familie, wie man sie nur finden könne. Marsh End habe
der Familie Rivers gehört, so lange es gestanden, und es
sei ausgemacht, daß es über zweihundert Jahre alt sei,
obgleich nur ein kleiner und bescheidener Ort, und nicht
zu vergleichen mit der großen Halle, die Herr Oliver in
Morton Vale besitze. Aber sie erinnere sich noch, wie Bill
Oliver's Vater als Arbeiter in der Nadelfabrik beschäftigt
worden, während die Rivers schon in den alten Tagen der
Heinriche Edelleute gewesen, wie Jeder sehen könne, der die
Register der Kirche zu Morton ansehen wolle. Dennoch gab
sie zu, der alte Herr sei ganz wie andere Leute gewesen und
gar nicht übertrieben: sehr auf die Jagd und den Ackerbau
versessen und dergleichen. “Die Frau war schon anders,"
sagte sie. “Sie las und studirte viel und die Kinder haben
sich nach ihr gerichtet. Es war keine ihrer Art in dieser
Gegend, und auch jetzt nicht: sie lernten gern alle Drei fast
von der Zeit an, wo sie sprechen konnten und hatten stets

ihren eigenen Tick. Als Herr Saint John heranwuchs, wollte
er auf die Universität gehen und ein Prediger werden; sobald die Mädchen die Schule verließen, suchten die
Stellen als Erzieherinnen; denn sie sagten, ihr Vater habe

vor einigen Jahren eine große Geldsumme verloren, die er
einem Manne anvertraut, der banquerott geworden; und
da er jetzt nicht reich genug sei, um ihnen ein Vermögen zu,
hinerlassen, so müßten sie für sich selber sorgen. Sie haben
sich seit langer Zeit sehr wenig zu Hause aufgehalten
und sind jetzt nur wegen des Todes ihres Vaters gekommen,
um hier einige Wochen zu verweilen; doch lieben
sie Marsh End und Morton, so wie das Moor und die
Hügel in der Runde gar sehr. Sie sind in London und
in vielen andern großen Städten gewesen; aber sie sagen
immer, kein Ort komme der Heimath gleich und waren immer so friedfertig miteinander und bekamen nie Streit. Ich
habe nie eine solche Familie vereint gesehen.“
Als ich die Stachelbeeren ausgelesen hatte, fragte ich,
wo die beiden Damen und ihr Bruder jetzt wären.
"Sie machen einen Spaziergang nach Morton," sagte
sie; “aber sie werden in einer halben Stunde zum Thee zurück
sein.“
Sie kehrten vor der von Hannah bestimmten Zeit zurück
und traten durch die Küchenthür ein. Als Herr Saint
John mich erblickte, verbeugte er sich nur und ging durch
die Küche weiter; aber die beiden Damen blieben zurück.
Maria drückte in wenigen freundlichen und ruhigen Worten
ihre Freude aus, mich soweit wieder hergestellt zu sehen,
daß ich habe herunterkommen können; Diana faßte meine
Hand und schüttelte den Kopf.
"Sie hätten meine Erlaubniß abwarten sollen, herunterzukommen,"
sagte sie. "Sie sehen noch sehr blaß aus
und so abgefallen! Armes Kindarmes Mädchen!
Diana hatte eine Stimme, die für mein Ohr wie das
Gurren einer Taube klang. Sie hatte Augen, deren Blicken
ich mit Entzücken begegnete. Ihr ganzes Gesicht schien mir
voll Reiz. Maria's Gesicht war eben so geistreich — ihre
Züge eben so hübsch, aber ihr Ausdruck zurückhaltender und
ihr Wesen kälter, obgleich sanft. Diana's Blick und Sprache
hatte eine gewisse Autorität, sie besaß offenbar einen eigenen
Willen. Es lag in meiner Natur, Vergnügen daran zu
finden, einer Autorität nachzugeben, die so unterstützt war,
wie die ihre, und mich einem kräftigen Willen zu beugen,
wo mein Gewissen und meine Selbstachtung es gestatteten.
"Und welches Geschäft haben Sie hier?“ fuhr sie fort.
"Es ist nicht Ihr Platz. Maria und ich sitzen zuweilen in
der Küche, weil wir uns zu Hause gern bis zum Uebermaaß

frei fühlen — aber Sie sind ein Gast und müssen in das
Sprachzimmer gehen.“
“Ich befinde mich hier sehr gut.“
"Durchaus nicht — wo Hannah sich umherbewegt und
Sie mit Mehl bedeckt.“
"Ueberdies ist das Feuer zu heiß für Sie,“ fiel Maria ein.
"Gewiß,"
fügte ihre Schwester hinzu. “Kommen Sie, Sie
müssen gehorsam sein."
Und meine Hand fassend, nöthigte sie mich, aufzustehen
und führte mich in das innere Zimmer. “Setzen
Sie sich dort nieder," sagte sie, mich zu dem
Sopha führend, “während wir unsere Hüte und Tücher
ablegen und den Thee bereiten: es ist ein eigenes Vorrecht, das
wir in unserem kleinen, einsamen Hause ausüben —
unsere Mahlzeiten selbst zu bereiten, wenn wir dazu geneigt
sind, oder wenn Hannah backt, braut, wäscht oder scheuert." Sie machte die Thür zu und ließ mich mit Herrn Saint John allein, der mir gegenüber saß und ein Buch oder eine
Zeitung in der Hand hielt. Ich beobachtete erst das Zimmer
und dann den Bewohner desselben.

Das Zimmer war ziemlich klein und sehr einfach ausmöblirt,
aber bequem, denn es war reinlich und zierlich.
Die altmodischen Stühle waren sehr glänzend und der Tisch
von Nußbaumholz glich einem Spiegel. Einige seltsame alterthümliche Bilder von Männern und Frauen aus früheren
Zeiten schmückten die bemalten Wände; ein Schrank mit
Glasthüren enthielt einige Bücher und alterthümliche Geschirre von chinesischem Porzellan. Es war kein überflüssiger Schmuck im Zimmer — nicht ein einziges modernes
Hausgeräth außer einem Paar Arbeitskästchen und einem
Damenschreibpult von Rosenholz, welches auf einem Seitentische stand: Allesmit Einschluß des Fußteppichs und der Vorhänge — sah wohl erhalten aus.
Herr Saint John, dessen Lippen versiegelt waren —
der so still dasaß, wie eins von den getrübten Bildern an
den Wänden, und seine Augen auf das Blatt richtete, welches er las — war leicht genug zu beobachten. Wäre er eine Statue gewesen, anstatt eines Mannes, so hätte er nicht
ruhiger sein können. Er war jung — vielleicht achtundzwanzig oder dreißig Jahre alt — und groß und schlank;
sein Gesicht fesselte das Auge: es glich dem griechischen
Profil und hatte einen sehr reinen Umriß, eine völlig
gerade, classische Nase, Mund und Kinn gleich einem Athener.
Es ist in der That selten, das ein englisches Gesicht
den antiken Modellen so nahe kommt, wie das seine. Er
mochte wohl ein wenig verletzt sein von der Unregelmäßigkeit
meiner Züge, da die seinigen so harmonisch waren.
Seine Augen waren groß und blau mit braunen Wimpern;
seine hohe Stirn, farblos wie Elfenbein, war theilweise von
nachlässigen blonden Locken bedeckt.
Dies ist eine sanfte Schilderung, nicht wahr, Leser?
Doch der, welcher durch dieselbe dargestellt wird, brachte
Einem nicht den Begriff einer sanften, nachgebenden oder
selbst milden Natur bei. Schweigend, wie er jetzt dasaß,
lag etwas in dem Ausdrucke seiner erweiterten Nase, seines
Mundes und seiner Stirn, was mir auf ruhelose, harte
oder heftige Elemente in seinem Innern zu deuten schien.
Er sprach kein Wort mit mir und richtete auch keinen
Blick auf mich, bis seine Schwestern zurückkehrten. Diana,
die während der Zubereitung des Thees aus und ein ging,
brachte mir einen kleinen Kuchen, der auf dem Ofen gebacken
worden.
"Essen Sie ihn jetzt," sagte sie, "Sie müssen hungrig
sein. Hannah sagt, Sie haben seit dem Frühstücke nur eine
Griessuppe bekommen.“
Ich schlug den Kuchen nicht aus, denn mein Appetit
war gereizt. Herr Rivers machte jetzt sein Buch zu, näherte
sich dem Tische, nahm einen Stuhl und richtete seine blauen,
gemäldeartigen Augen auf mich. Es lag jetzt eine entschiedene
Festigkeit, eine forschende Rücksichtslosigkeit in seinem
Blicke, die mir sagte, daß er ihn bisher aus Absicht und
nicht aus Verlegenheit von der Fremden abgewendet.
"Sie sind sehr hungrig," sagte er.
"Das bin ich, mein Herr.“
Es ist meine Art — es war immer instinctmäßig meine
Art — der Kürze mit Kürze und der Offenheit mit Offenheit
zu begegnen.
"Es ist gut für Sie, daß ein geringes Fieber Sie in

den letzten drei Tagen zur Enthaltsamkeit genöthigt hat; es
wäre gefährlich gewesen, gleich anfangs den Forderungen
Ihres Appetits nachzugeben. Jetzt können Sie essen, obgleich noch nicht unmäßig."
"Ich hoffe, ich werde nicht lange auf Ihre Kosten essen, mein
Herr," war meine plumpe und unhöfliche Antwort.
"Nein," sagte er kalt; wenn Sie uns Ihre Wohnung
und Ihre Freunde genannt haben, können wir an sie
schreiben und Sie in Ihre Heimath zurücksenden."

"Das, muß ich Ihnen offen sagen, steht nicht in meiner
Macht, da ich durchaus ohne Heimath und Freunde bin.“

Alle Drei sahen mich an; aber nicht mißtrauisch. Ich fühlte,
daß kein Argwohn in ihren Blicken lag; es war
mehr Neugierde. Ich rede besonders von den jungen Damen.
Saint John's Augen, obgleich im buchstäblichen Sinne
klar genug, waren im figürlichen Sinne schwer zu ergründen.
Er schien sie mehr als Werkzeuge anzuwenden, um anderer Leute Gedanken zu erforschen, denn als Agenten, um seine eigenen zu erkennen zu geben: diese Verbindung
der Schärfe und Verschlossenheit war mehr geeignet, in
Verlegenheit zu setzen, als zu ermuthigen. "Wollen Sie damit sagen, daß Sie durchaus ohne alle Verwandtschaft sind" fragte er.
"Allerdings. Kein Band fesselt mich an irgend ein
lebendes Wesen: ich habe keinen Anspruch, in irgend ein
Haus in England Zutritt zu erhalten.“
"Eine sehr eigenthümliche Stellung in ihrem Alter.“
Hier sah ich, dass sein Blick sich auf meine Hände richtete,
die gefaltet vor mir auf dem Tische lagen. Es wunderte
mich, was er daran suchen möge, doch seine Worte erklärten
es mir bald.
"Sie sind nicht verheirathet? Sie sind ledig?“
Diana lachte.
"Ei, sie kann ja nicht über siebzehn oder achtzehn
Jahre alt sein, Saint John," sagte sie.
"Ich bin beinahe neunzehn, aber nicht verheiratet.
Nein.“
Ein lebhaftes Erröthen ergoß sich über mein Gesicht;
denn bittere und aufregende Erinnerungen wurden durch die
Anspielung auf Verheirathung in mir erweckt. Alle sahen
die Verlegenheit und Aufregung. Diana und Maria wollten
mich nicht noch mehr in Verlegenheit bringen und
wendeten ihre Blicke von meinem purpurrothen Gesichte ab;
aber der kältere und strengere Bruder fuhr fort, mich anzublicken, bis mir die Unruhe, die er erregt, auch Thränen entlockte.
"Wo hielten Sie sich zuletzt auf?" fragte er jetzt.
"Du fragst auch allzu genau, Saint John,“ flüsterte

Maria in leisem Tone; aber er lehnte sich über den Tisch
und forderte mit einem zweiten festen und durchdringenden
Blicke eine Antwort. "Der Name des Ortes, wo, und der Person, bei welcher
ich mich aufhielt, ist mein Geheimniß," erwiderte ich mit
Bestimmtheit.
"Welches Sie meiner Ansicht nach sowohl vor Saint
John als auch vor jedem andern Frager zu bewahren ein
Recht haben," sagte Diana.
"Doch wenn ich Nichts von Ihnen und Ihrer Geschichte
weiß, kann ich Ihnen nicht helfen," sagte er. "Und Sie
bedürfen der Hülfe, nicht wahr?"
"Ich bedarf derselben und suche sie in der Art, mein
Herr, daß mir ein großer Dienst geschähe, wenn ein wahrer
Menschenfreund mir eine passende Beschäftigung verschaffte,
wodurch ich mir meinen Unterhalt erwerben könnte. Wenn
ich auch nur die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens zu
befriedigen vermöchte.“
"Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund bin,
doch bin ich bereit, Ihnen nach besten Kräften zu der Erfüllung
eines so redlichen Vorsatzes behülflich zu sein. Sagen
Sie mir also zuerst, was sind Sie gewohnt zu thun
und was können Sie thun?"
Ich hatte jetzt meinen Thee getrunken. Ich fühlte mich
sehr erfrischt durch das Getränk; wie ein Riese durch Wein:
es verlieh meinen erschlafften Nerven einen neuen Ton und
setzte mich in den Stand, diesen scharfsichtigen jungen Richter mit Festigkeit anzureden.
“Herr Rivers," sagte ich, mich zu ihm wendend und ihn offen und ohne Mißtrauen anblickend, wie er mich anblickte,

"Sie und Ihre Schwestern haben mir einen großen Dienst
erwiesen — den größten, den ein Mensch seinem Mitgeschöpfe
erweisen kann; Sie haben mich durch Ihre edle Gastfreiheit
vom Tode errettet. Diese mir erwiesene Wohlthat gibt Ihnen einen unbegrenzten Anspruch an meine Dankbarkeit und bis auf einen gewissen Punkt einen Anspruch an mein Vertrauen.
Ich will Ihnen so viel von der Geschichte der umherirrenden Person, die sie aufgenommen, erzählen, als ich
kann, ohne meinen eigenen Seelenfrieden — meine eigene
moralische und physische Sicherheit, so wie die andrer Leute
zu gefährden.“
"Ich bin eine Waise, die Tochter eines Geistlichen. Meine
Eltern starben, ehe ich sie kannte. Ich wurde in abhängigem Verhältniß erzogen und in einer Freischule unterrichtet. Ich
will Ihnen sogar den Namen der Schule nennen, wo
ich sechs Jahre als Schülerin und zwei Jahre als Lehrerin
zubrachte: es ist die Lowood-Stiftung in der Grafschaft R. ; Sie werden davon gehört haben, Herr Rivers? Robert
Brocklehurst ist der Schatzmeister der Anstalt.“
"Ich habe von Brocklehurst gehört und die Schule gesehen."

“Ich verließ Lowood etwa vor einem Jahre, um Gouvernante
in einem Privathause zu werden. Ich erhielt eine
gute Stelle und war glücklich. Ich war genöthigt diese
Stelle vier Tage vorher zu verlassen, ehe ich hierher kam.
Den Grund meiner Abreise kann und darf ich nicht erklären:
es würde nutzlos — gefährlich sein und unglaublich scheinen.
Ich bin nicht zu tadeln und so frei von aller Schuld,
wie nur eins von Ihnen. Elend bin ich und muß es auf
eine Zeitlang sein; denn die Katastrophe, die mich aus einem
Hause trieb, wo ich ein Paradies gefunden, war von
seltsamer und schrecklicher Art. Ich berücksichtigte nur zwei
Punkte, als ich den Plan zu meiner Abreise entwarf —
Eile und Geheimnis. Um diese zu bewahren, mußte ich
Alles zurücklassen, was ich besaß, mit Ausnahme eines kleinen
Packets, welches ich in der Eile und Verwirrung aus
dem Wagen zu nehmen vergaß, der mich bis Whitcroß
brachte. In diese Gegend kam ich also ohne alle Hülfsmittel.
Ich schlief zwei Nächte unter freiem Himmel und wanderte zwei Tage lang umher, ohne die Schwelle eines Hauses
zu überschreiten: nur zweimal brachte ich in dieser Zeit
Speise über meine Lippen und ich war vor Hunger, Erschöpfung
und Verzweiflung dem Tode nahe, als Sie, Herr
Rivers, verhinderten, daß ich aus Mangel vor Ihrer Thür
umkomme, und mich unter Ihr schützendes Dach aufnahmen. Ich
weiß Alles, was Ihre Schwestern seitdem für mich gethan
haben — denn ich war während meiner scheinbaren
Schlafsucht meiner Sinne mächtig — und ich bin ihrem
freiwilligen, edlen und großmüthigen Mitgefühl eben so viel
schuldig, wie Ihrer christlichen Barmherzigkeit.“
"Laß sie jetzt nicht mehr reden, Saint John," sagte
Diana, als ich schwieg. “Sie ist offenbar noch nicht stark
genug, um Aufregung zu ertragen. Kommen Sie jetzt und
setzen Sie sich auf das Sopha, Miß Eliott."
Ich stutzte unwillkürlich, als ich diesen neuen Namen
hörte, den ich vergessen hatte. Herr Rivers, dem Nichts zu
entgehen schien, bemerkte es sogleich.
"Sie sagten, Ihr Name sei Johanna Elliott?" sagte er.
“Ich sagte es, und es ist der Name, bei welchem ich es
jetzt für passend halte, genannt zu werden, aber es ist nicht
mein wahrer Name, und wenn ich ihn höre, klingt er mir
seltsam.“
"Ihren wahren Namen wollen Sie also nicht angeben?"
"Nein, ich fürchte vor allen Dingen die Entdeckung und
vermeide daher jede Eröffnung, die dahin führen könnte."
"Ich bin gewiß, Sie haben völlig Recht," sagte Diana.
“Nun, Bruder, laß sie eine Weile in Ruhe, ich bitte Dich.“
Aber als Saint John einige Minuten nachgedacht hatte,
begann er wieder ebenso unerschütterlich und mit ebenso
vieler Schärfe als je.
"Sie wünschen nicht lange von unserer Gastfreundschaft
abhängig zu sein — ich sehe, Sie wünschen sobald als möglich
des Mitleids meiner Schwestern, und vor allen Dingen
meiner christlichen Barmherzigkeit — ich bemerkte den Unterschied
sehr wohl und bin nicht dadurch verletzt, denn es ist
richtig — entbehren zu können und streben darnach, unabhängig
von uns zu sein?“
“Das thue ich: ich habe es bereits gesagt. Zeigen Sie
mir, wie ich arbeiten kann oder wo ich Beschäftigung finde;
das ist jetzt Alles, um was ich Sie bitte; dann lassen Sie
mich gehen und wäre es zu der niedrigsten Hütte — aber
bis dahin erlauben Sie mir hier zu bleibenich fürchte mich noch einmal dem Entsetzen der heimathlosen Verlassenheit preiszugeben.
"Sie sollen freilich hier bleiben," sagte Diana, ihre
weiße Hand auf meinen Kopf legend. "Das
sollen Sie," wiederholte Maria in dem Tone unwidersprechlicher
Aufrichtigkeit, der ihr natürlich zu sein schien. "Meine
Schwestern finden, wie Sie sehen, ein Vergnügen daran, Sie hier zu behalten," sagte Herr Saint John,
"so wie sie Vergnügen daran finden würden, einen halb erfrornen
Vogel zu hegen und zu pflegen, den der winterliche
Wind in ihr Fenster getrieben. Ich dagegen fühle mich geneigt, Sie in den Stand zu setzen, sich selbst zu erhalten:
und werde versuchen, es zu bewerkstelligen, aber ich muß
bemerken, daß meine Sphäre sehr begrenzt ist. Ich bin nur
ein armer Landprediger: mein Beistand kann also nur von
der demüthigsten Art sein. Und wenn Sie geneigt sind, das
Kleine zu verachten, so suchen Sie sich wirksameren Beistand
als ich Ihnen bieten kann.“

"Sie hat schon gesagt, daß sie bereit ist, alles Redliche
zu thun, was sie vermag," antwortete Diana für mich, "und
Du weißt, Saint John, sie hat keine Wahl unter den Helfern;
sie ist genöthigt, mit so mürrischen Leuten sich zu begnügen,
wie Du bist."
“Ich will Kleidermacherin, ich will Näherin, ich will

Köchin und Kindermädchen sein, wenn ich nichts Besseres
werden kann," antwortete ich.
"Richtig," sagte Herr Saint John ganz kalt. “Wenn
das Ihre Ansicht ist, so verspreche ich Ihnen zu meiner Zeit
und auf meine Weise zu helfen.“

Er nahm jetzt das Buch wieder zur Hand, womit er sich
vor dem Thee beschäftigt hatte. Ich zog mich bald auf mein
Zimmer zurück, denn ich hatte so viel gesprochen und war
so lange auf gewesen, als meine gegenwärtigen Kräfte es
gestatteten.

Viertes Kapitel

Je näher ich die Bewohner von Moor House kennen lernte, desto besser
gefielen sie mir. In wenigen Tagen hatte ich so weit meine Gesundheit wieder erlangt, daß ich den ganzen Tag auf sein und zuweilen ausgehen konnte. Ich konnte Diana und Maria in ihren Beschäftigungen behülflich sein; mich mit ihnen unterhalten, soviel sie es wünschten, und ihnen beistehen, wann und wo sie es mir erlauben wollten. Es lag ein belebendes Vergnügen in diesem Umgange, wie ich es jetzt zum ersten Male kostete — das Vergnügen, welches aus der vollkommenen Uebereinstimmung des Geschmacks, der Gefühle und Grundsätze hervorgeht.

Ich las gern, was sie auch gern lasen: was sie erfreute,
entzückte mich; was sie billigten, verehrte ich. Sie liebten
ihre abgeschiedene heimathliche Wohnung. Auch ich fand in
dem kleinen grauen alterthümlichen Gebäude mit seinem niedrigen
Dache, seinen vergitterten Fenstern, seinen mit Moos
bewachsenen Wänden, seinem Gange von alten Fichten —
die durch den Hügel vor den Winden geschützt wurden —
in dem Garten, worin Taxusbäume und Hollundersträuche
wuchsen und nur solche Blumen blühten, die die rauhe Luft
ertragen konnten — einen mächtigen und dauernden Reiz. Sie liebten das purpurne Moor, wovon ihre Wohnung umgeben war — das hohle Thal, in welches der mit Kieselsteinen übersäete Reitweg von ihrem Thore aus hinunterführte, sich anfangs zwischen Ufern, mit Farrnkraut bewachsen, und dann durch einige von den wildesten kleinen
Weideplätzen fortzog, die je eine Wildniß begrenzten oder eine
Heerde grauer Haideschafe ernährten mit ihren kleinen, wie
mit Moos bewachsenen Lämmern — sie liebten diese Scene,
sage ich, mit dem vollen Enthusiasmns der Anhänglichkeit.
Ich konnte das Gefühl begreifen und die Stärke und Wahrheit desselben theilen. Ich sah den Zauber der Oertlichkeit.

Ich fühlte die Heiligkeit der Einsamkeit: mein Auge weidete sich an dem Umriß der Erhöhungen und Vertiefungen — an der wilden Färbung, die dem Hügel und Thal durch Moos und Haidekraut, durch den mit Blumen besäeten Rasen, den glänzenden Saumfarrn und die röthliche Granitklippe mitgetheilt wurde. Diese Einsamkeit war gerade dasselbe für mich, was sie für sie war: ebenso viele reine und liebliche Quellen des Vergnügens. Der starke
Wind und der sanfte Hauch, die rauhen und die lieblichen Tage; die Stunden des Aufganges und Unterganges der Sonne, das Mondlicht und die bewölkte Nacht entwickelten
in jener Gegend für mich denselben Reiz, wie für sie — umhüllten meine Sinne mit demselben Zauber, der die ihrigen in Entzücken versetzte. Im häuslichen Kreise stimmten wir ebenso gut mit einander überein. Beide besaßen mehr Fertigkeiten und waren belesener, als ich: aber mit Lebhaftigkeit verfolgte ich den Weg der Kenntniß, den sie vor mir betreten. Ich verschlang die Bücher, die sie mir borgten, und dann war es ein Genuß, am Abend mit ihnen zu besprechen, was ich während des Tages gelesen. Der Gedanke entsprach dem Gedanken,
die Ansicht begegnete der Ansicht: kurz, wir stimmten vollkommen überein.
Wenn in unserm Kleeblatt eine höher begabte Führerin war, so war es Diana. In physischer Hinsicht übertraf sie mich weit, denn sie war schön und kräftig. In ihrem animalischen Geiste war ein Ueberfluß von Leben und eine gewisse Glut, die meine Verwunderung erregte und über meine Begriffe ging. Ich konnte eine Weile reden, wenn der Abend begann; aber wenn der erste Fluß der Lebhaftigkeit vorüber war, saß ich gern auf einem niedrigen Schemel zu Diana's Füßen, um meinen Kopf auf ihrem Knie ruhen zu lassen und ihr und Maria abwechselnd zuzuhören, während sie den Gegenstand vollständig erschöpften, den ich nur
flüchtig berührt hatte. Diana erbot sich, mich im Deutschen zu unterrichten. Ich lernte gern von ihr: ich sah, daß die Rolle der Lehrerin ihr gefiel und für sie paßte; die der
Schülerin gefiel und paßte mir nicht weniger. Unsere Naturen verschmolzen sich: wechselseitige Zuneigung der stärksten Art war der Erfolg. Sie entdeckten, daß ich zeichnen könne: ihre Pinsel und Farbenkasten standen sogleich zu meinen Diensten. Meine Geschicklichkeit, die in diesem einenPunkte größer war, als die ihre, überraschte und bezauberte sie. Maria saß da und beobachtete mich stundenlang: dann wollte sie Unterricht bei mir nehmen und ich hatte an ihr eine gelehrige, verständige und fleißige Schülerin. So beschäftigt und uns wechselseitig unterhaltend, vergingen die Tage, die Stunden und die Wochen.
Die Vertraulichkeit, die so natürlich und rasch zwischen
mir und den Schwestern entstanden war, erstreckte sich nicht
auf Herrn Saint John. Ein Grund der Kälte, die noch
zwischen uns bemerkbar war, lag darin, daß er sich selten zu
Hause befand: einen großen Theil seiner Zeit schien er damit
zuzubringen, die Kranken und Armen in der spärlichen Bevölkerung
seiner Gemeinde zu besuchen. Kein Wetter schien
ihn an diesen amtlichen Pflichten zu verhindern: mochte es
regnen oder schönes Wetter sein. Wenn die Stunden seines
Morgenstudiums vorüber waren, nahm er seinen Hut und
ging, von Carlo, dem alten Wachtelhunde seines Vaters,
begleitet, um sein Amt der Liebe und Pflicht zu erfüllen —
ich wußte nicht recht, aus welchem Gesichtspunkte er es betrachtete.
Zuweilen, wenn das Wetter sehr ungünstig war,
machten ihm seine Schwestern Vorstellungen. Dann pflegte
er mit eigenthümlichem, mehr feierlichen als heiteren Lächeln
zu sagen:
"Wenn ich mich durch einen Windstoß oder durch einen
Regenschauer von der Erfüllung dieser leichten Aufgabe
wollte abbringen lassen, wie könnte ich mich durch eine solche
Trägheit auf die Zukunft vorbereiten, die ich mir vorgesetzt
habe?“
Diana's und Maria's gewöhnliche Antwort auf diese Frage war ein Seufzer und ein scheinbar trauriges Nachdenken von einigen Minuten. Aber
außer diesen häufigen Abwesenheiten fand noch
eine andere Schranke für die Freundschaft mit ihm statt: er
schien eine zurückhaltende, zerstreute und selbst brütende Natur
zu sein. Eifrig in seinen amtlichen Arbeiten, tadellos
seinem Leben und seinen Gewohnheiten, schien er sich doch
nicht jener geistigen Heiterkeit, jener inneren Zufriedenheit
erfreuen, die die Belohnung jedes aufrichtigen Christen
und jedes praktischen Philanthropen sein sollte. Oft am

Abend, wenn er am Fenster saß und sein Schreibpult und
seine Papiere vor sich hatte, pflegte er mit Lesen oder Schreiben aufzuhören, sein Kinn auf die Hand zu stützen und sich, ich weiß nicht welchem Gedankengange, zu überlassen; daß derselbe aber stürmisch und aufregend war, konnte man an
dem häufigen Sprühen und an der wechselnden Erweiterung
seines Auges sehen.
Ich denke überdies, daß die Natur kein solcher Schatz der Wonne für ihn war, wie für seine Schwestern. Einmal und nur einmal, daß ich es hörte, sprach er einen mächtigen Sinn für den rauhen Reiz der Hügel und eine angeborne Neigung für das schwarze Dach und die rauhen
Wände aus, die er seine Heimath nannte: aber es lag mehr
Trübsinn als Vergnügen in dem Ton und den Worten, worin er diese Empfindung an den Tag legte, und nie schien
er sich auf dem Moor wegen des besänftigenden Schweigens,
welches dort herrschte, umherzutreiben — nie schien er die
friedliche Wonne, welche es gewähren konnte, aufzusuchen
oder dabei zu verweilen.
Unmittheilend, wie er war, verging einige Zeit, ehe ich
Gelegenheit hatte, sein Gemüth zu ermessen. Zuerst bekam
ich einen Begriff von der Beschaffenheit desselben, als ich
ihn in seiner Kirche zu Morton predigen hörte. Ich wollte
ich könnte jene Predigt beschreiben: aber es geht über meine
Kraft. Ich kann nicht einmal den Eindruck, den sie auf
mich hervorbrachte, getreu wiedergeben.
Sie begann ruhig — und so weit Vortrag und Stimme
gingen, war sie auch bis zu Ende ruhig; doch ein tiefgefühlter, aber mächtig zurückgehaltener Eifer gab sich bald in der
deutlichen Betonung und der kräftigen Rede zu erkennen, die
eine gedrängte, concentrirte und zurückgehaltene Kraft
ausdrückte. Das Herz wurde getroffen, der Geist in Erstaunen
gesetzt durch die Macht des Redners, doch keins
von beiden beruhigt und besänftigt. Durch das Ganze zog
sich eine seltsame Bitterkeit, eine Abwesenheit tröstender
Milde: strenge Anspielungen auf calvinistische Lehren —

auf die Gnadenwahl, die Praedestination und die Verwerfung
waren häufig, und jede Beziehung auf diese Punkte
tönte wie ein Urtheilsspruch des jüngsten Gerichts. Als die

Predigt zu Ende war, empfand ich, anstatt mich besser, ruhiger
und erleuchteter zu fühlen, eine unaussprechliche Traurigkeit;
denn es schien mir — ich weiß nicht, ob es Andern
auch so war — als sei die Beredtsamkeit, der ich gehorcht
hatte, aus einer Tiefe entsprungen, wo trübe Hefen der Täuschung
lagen — wo sich stürmische Triebe unersättlichen
Verlangens, beunruhigenden Strebens regten. Ich war gewiß,
dass Saint John Rivers — so tadellos, gewissenhaft
und eifrig er war — noch nicht jenen Frieden Gottes gefunden
habe, der höher ist als alle Vernunft; er habe ihn noch
nicht mehr gefunden, dachte ich, als ich, mit meinem verborgenen
und quälenden Bedauern für mein zertrümmertes Idol
und mein verlorenes Elysium — welches Bedauern ich in
der letzten Zeit zu erwähnen vermieden, welches sich aber
meiner bemächtigt hatte und mich unerbittlich tyrannisirte.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und
Maria wollten bald Moor House verlassen und zu dem verschiedenen
Berufe zurückkehren, der ihrer als Erzieherinnen
in einer großen und lebhaften Stadt im südlichen England
wartete, wo Beide Stellen in Familien bekleideten, von deren
reichen und stolzen Mitgliedern sie nur als demüthige Untergebene
betrachtet wurden, die keine ihrer angeborenen Eigenschaften
kannten oder aufsuchten und ihre erworbenen Fähigkeiten
nur schätzten, wie sie die Geschicklichkeit ihres Koches
oder den Geschmack ihrer Kammerjungfer schätzten. Herr
Saint John hatte mir noch Nichts von der Beschäftigung
gesagt, die er mir zu verschaffen versprochen, doch es wurde
dringend nöthig, daß ich einen Beruf irgend einer Art erhielt.
Eines Morgens, als ich auf einige Minuten im Sprachzimmer mit ihm allein war, wagte ich mich der Fenstervertiefung zu nähern, die durch seinen Tisch, seinen Stuhl und sein Schreibpult zu einer Art von Studirzimmer geweiht wurde, und war im Begriff zu reden, obgleich ich nicht recht wußte, in welchen Worten ich meine Frage ausdrücken sollte,
denn es ist zu allen Zeiten schwierig, das Eis der Zurückhaltung zu brechen, welches solche Naturen, wie die seine,
überkleidet — als er mir die Mühe ersparte und selbst die
Unterredung begann. Als
ich mich näherte, blickte er auf und sagte:

"Sie haben eine Frage an mich zu thun?“
“Ja, ich wünsche zu wissen, ob Sie von einer Stelle gehört haben, die ich zu übernehmen mich erbieten kann.“
"Ich fand oder erdachte schon vor drei Wochen etwas
der Art für Sie, doch da Sie hier zugleich nützlich und
glücklich zu sein schienen — da meine Schwestern sich an
Sie angeschlossen haben und Ihre Gesellschaft ihnen ungewöhnliches Vergnügen macht — so hielt ich es für unpassend, ihre gegenseitige Zufriedenheit zu unterbrechen, bis
ihre bevorstehende Abreise von Marsh End die Ihrige nöthig
machen würde.
"Und sie wollen in drei Tagen abreisen?“ sagte ich. "Ja;
und wenn sie gehen, werde ich in das Pfarrhaus
zu Morton zurückkehren; Hannah wird mich begleiten und
dieses alte Haus verschlossen werden.“

Ich wartete einige Augenblicke und dachte er würde mit dem zuerst angeregten Gegenstand fortfahren, doch er schien einen andern Gedankengang zu verfolgen: sein Blick deutete
an, daß er mich und mein Geschäft nicht berücksichtigte.
Ich sah mich also genöthigt, ihn auf einen Gegenstand zurückzuführen, der für mich von lebhaftem Interesse sein
mußte.
"Von welcher Art ist die Beschäftigung, die Sie für
mich ausersonnen, Herr Rivers? Ich hoffe, dieser Aufschub hat die Schwierigkeit nicht vermehrt, um mich derselben
zu versichern.“

"O nein, denn es ist eine Stellung, die ich allein zu
vergeben habe, und die Sie nur annehmen dürfen.“
Er schwieg wieder: er schien nur mit Widerstreben fortzufahren.
Ich wurde ungeduldig: einige unruhige Bewegungen und ein lebhafter Blick, den ich auf sein Gesicht
richtete, machten ihn mit dem Gefühl eben so genau
und mit weniger Mühe bekannt, als Worte es vermocht
hätten.
"Es bedarf keiner solchen Eile, um es zu hören," sagte
er; “ich muß offen sagen, daß ich Ihnen nichts sehr
Vortheilhaftes oder Angenehmes vorzuschlagen habe. Ehe
ich mich weiter erkläre, erinnern Sie sich gefälligst meiner
ausgesprochenen Ansicht, wenn ich Ihnen helfen könne, daß

es nur geschehen dürfe, wie der Blinde dem Lahmen helfen
würde. Ich bin arm; denn ich finde, daß, nachdem ich
meines Vaters Schulden bezahlt, mein übriges Erbtheil
nichts weiter sein wird, als dieser verfallene Meierhof und
die Allee von alten Fichten und das Stück Moorland mit
den Taxusbäumen, den Holunderbüschen im Vordergrunde.
Ich bin unbekannt: Rivers ist ein alter Name; aber von
den drei einzigen Nachkömmlingen des Geschlechts ernähren
sich zwei als Untergebene unter Fremden und der Dritte betrachtet
sich in seinem Vaterlande als ein Fremder — nicht
nur im Leben, sondern auch im Tode. Ja, und hält sich,
und ist verbunden, sich für geehrt zu halten durch dieses
Loos, und verlangt nur nach dem Tage, wo das Kreuz der
Trennung von fleischlichen Banden auf seine Schultern gelegt werden soll, und wenn das Oberhaupt der streitenden Kirche, zu deren demüthigsten Mitgliedern er gehört, das Loosungswort geben wird:
Stehe auf und folge mir!“
Saint John sagte diese Worte, wie er seine Predigten
sprach, mit ruhiger tiefer Stimme, mit ungerötheter Wange
und strahlendem Blicke. Er fuhr fort:
"Und da ich selber arm und unbekannt bin, kann ich
Ihnen auch nur einen armen und dürftigen Dienst anbieten.
Sie mögen ihn sogar für entehrend halten — denn
ich sehe jetzt, das ihre Sitten gebildet sind, wie die Welt es
nennt, daß Ihr Geschmack sich zum Idealen neigt, und daß
Sie wenigstens mit unterrichteten Personen umgegangen
sind — aber nach meiner Ansicht ist kein Dienst entehrend, der
unser Geschlecht bessern kann. Ich halte dafür, je dürrer
und uncultivirter der Boden ist, wo dem christlichen
Arbeiter die Aufgabe des Pflügens angewiesen — je spärlicher
die Nahrung, die seine Arbeiten einbringt — desto
höher ist die Ehre. Seine Bestimmung ist unter allen Umständen
die des Schanzgräbers und die ersten Schanzgräber
im Evangelium waren die Apostel — ihr Oberhaupt Jesus,
der Erlöser selbst."
"Nun?“ sagte ich, als er wieder schwieg — "fahren
Sie fort."
Er sah mich an, ehe er fortfuhr: in der That schien er
bedächtig in meinem Gesichte zu lesen, als ob die Züge und

Linien desselben Schriftzüge wären. Die aus dieser Forschung
gezogenen Schlüsse sprach er zum Theil in den folgenden Bemerkungen aus.
"Ich glaube, Sie werden den Posten annehmen, den
Ihnen anbiete," sagte er, "und ihn eine Weile behaupten,
wenn auch nicht auf die Dauer; eben so wenig, als ich den
engen und verengenden — den ruhigen und verborgenen
Beruf eines englischen Landpredigers auf die Dauer behaupten
könnte; denn in Ihrer Natur liegt eine Beimischung
die der Ruhe eben so sehr widerstrebt, wie in der meinen, obgleich
sie von verschiedener Art ist.“
"Erklären Sie sich deutlicher," bat ich, als er wieder
inne hielt.
"Das will ich und Sie sollen hören, wie ärmlich der
Vorschlag ist — wie trivial — wie beschränkt. Jetzt, da
mein Vater todt ist, und ich mein eigener Herr bin, werde
ich nicht lange in Morton bleiben. Ich werde den Ort
wahrscheinlich im Laufe eines Jahres verlassen; aber so
lange ich bleibe, will ich mich nach besten Kräften für die
Verbesserung desselben bemühen. Als ich vor zwei Jahren
nach Morton kam, war keine Schule dort; die Kinder
der Armen waren von jeder Hoffnung des Fortschritts ausgeschlossen.
Ich gründete eine für Knaben und beabsichtige
jetzt eine zweite für Mädchen anzulegen. Ich habe zu dem
Zwecke ein Gebäude gemiethet, neben welchem sich ein kleines
Häuschen mit zwei Zimmern für die Lehrerin befindet. Ihr
Gehalt wirr dreißig Pfund jährlich betragen; ihre
Wohnung ist bereits ausmöblirt, sehr einfach aber genügend
durch die Güte der Miß Oliver, der einzigen Tochter des
alleinigen reichen Mannes in meiner Gemeinde. Herr
Oliver ist der Besitzer einer Nadelfabrik und einer Eisengießerei dort unten im Thale. Eben diese Dame zahlt die
Erziehung und Kleidung einer Waise aus dem Arbeitshause
unter der Bedingung, daß sie für die Lehrerin die gröberen
Hausgeschäfte besorgt, da sie wegen ihrer Beschäftigung in
der Schule nicht Zeit hat, sie persönlich zu verrichten. Wollen
Sie diese Lehrerin sein?“
Er sprach die Frage etwas rasch aus; er schien fast
eine unwillige oder wenigstens verächtliche Zurückweisung

des Anerbietens zu erwarten: da er nicht alle meine Gedanken
und Gefühle kannte, obgleich er einige davon muthmaßte, so konnte er nicht sagen, in welchem Lichte mir das
angebotene Loos erscheinen würde. Freilich war es ein bescheidenes
— aber es gewährte mir Schutz und ich bedurfte
eines sicheren Zufluchtsortes: es war untergeordnet — aber
im Vergleich mit einer Erzieherin in einem reichen Hause
war es unabhängig, und die Furcht vor der Knechtschaft
bei Fremden drang wie glühendes Eisen in meine Seele: es
war nicht unedel — nicht unwürdig — nicht geistig herabwürdigend,
und ich entschied mich sogleich.
"Ich danke Ihnen für Ihren Vorschlag, Herr Rivers,
und nehme ihn von ganzem Herzen an."
"Aber Sie müssen mich verstehen," sagte er, "es ist eine
Dorfschule: ihre Schülerinnen sind nur arme Mädchen —
Tagelöhnerkinder — höchstens Bauertöchter. Stricken, Nähen, Lesen, Schreiben und Rechnen wird Alles sein, was
Sie zu lehren haben. Was wollen Sie mit Ihren erworbenen Fertigkeiten anfangen? Was mit dem größten
Theile Ihres Geistes — Ihres Gefühls und Geschmacks?“
"Sie aufsparen, bis sie anwendbar sind. Sie werden
sich erhalten.“
"So wissen Sie also, was Sie unternehmen?”
"Ich weiß es.”
Er lächelte jetzt, und es war kein bitteres oder trauriges Lächeln, sondern ein wohlgefälliges und befriedigtes Lächeln.
"Und wann wollen Sie die Ausübung Ihres Berufs
beginnen?“
"Ich will morgen in mein Haus gehen und, wenn es
Ihnen recht ist, nächste Woche die Schule eröffnen."
"Sehr gut: so sei es."
Er stand auf und ging durch's Zimmer. Dann blieb er stehen und sah mich wieder an. Er schüttelte den Kopf.
"Was mißbilligen Sie, Herr Rivers?“ fragte ich.
"Sie werden nicht lange in Morton bleiben; nein!"
"Warum? aus welchem Grunde sagen Sie das?"
“Ich lese es in Ihrem Auge: es ist nicht von der Art, um

einen ebenen Gang im Leben zu versprechen."

"Ich bin nicht ehrgeizig.“

Er stutzte bei dem Worte, “ehrgeizig" und fuhr fort:

"Nein. Wie kamen Sie auf Ehrgeiz? Was heißt es,
ehrgeizig sein? Ich weiß, daß ich es bin: aber wie entdeckten
Sie es?“
"Ich sprach von mir selber.“

"Nun, wenn Sie nicht ehrgeizig sind, so sind Sie —“
Er schwieg. "Was?“
"Ich wollte sagen leidenschaftlich; aber vielleicht würden
Sie das Wort mißverstanden und es mir übel genommen
haben. Ich meine, menschliche Neigungen und Sympathieen haben eine große Macht über Sie. Ich bin gewiß,
Sie können sich nicht lange begnügen, Ihre Zeit in der
Einsamkeit zuzubringen und ihre Arbeitsstunden einer traurigen
Beschäftigung zu weihen, der es gänzlich an jedem

Antriebe fehlt; ebenso wenig als ich zufrieden sein kann,"
fügte er mit Nachdruck hinzu, “hier in einen Moraste begraben
und von Bergen eingeschlossen zu sein — es ist meiner
Natur, die Gott mir gegeben hat, zuwider; meine Fähigkeiten,
die der Himmel mir geschenkt, werden gelähmt und nutzlos. Sie hören jetzt, wie ich mir selbst widerspreche. Ich, der ich Zufriedenheit mit einem bescheidenen Loose predigte und den Beruf der Holzhauer und Wasserschöpfer als einen
Dienst Gottes darstellte — ich, sein geweihter Diener, bin fast wahnsinnig in meiner Ruhelosigkeit. Nun gut, Neigungen
und Grundsätze müssen auf irgend eine Weise ausgesöhnt werden.“
Er verließ das Zimmer. In dieser kurzen Stunde hatte ich mehr von ihm erfahren, als in dem ganzen vorhergehenden Monat: dennoch war er mir ein Räthsel.

Diana und Maria Rivers wurden trauriger und schweigsamer,
als der Tag näher kam, wo sie ihren Bruder und
ihre Heimath verlassen sollten. Beide bemühten sich, wie
gewöhnlich zu erscheinen; aber der Kummer, mit dem sie zu
kämpfen hatten, war ein solcher, der sich nicht ganz überwinden
oder verbergen ließ. Diana sprach es aus, daß
diese Trennung eine ganz andere sein würde, als sie je

vorher gekannt, denn von Saint John mußten sie sich
wahrscheinlich auf Jahre, wenn nicht auf immer, trennen.
“Er wird Alles seinen längst entworfenen Beschlüssen
aufopfern — natürliche Neigung und noch mächtigere Gefühle,“
sagte sie. "Saint John sieht ruhig aus, Johanna,
aber er birgt ein Fieber in seinem Innern. Man könnte
ihn für sanft halten, doch in einigen Dingen ist er unerbittlich
wie der Tod; und das Schlimmste ist, daß mein
Gewissen mir kaum gestatten will, ihm von seiner strengen
Entscheidung abzurathen: gewiß, ich kann ihn keinen Augenblick
deshalb tadeln. Es ist recht, edel und christlich: doch
es bricht mir das Herz.“
Und Thränen strömten aus ihren Augen. Maria neigte
ihren Kopf über ihre Arbeit.
"Wir sind jetzt ohne Vater: bald werden wir auch ohne
Heimath und Bruder sein,“ flüsterte sie.
In diesem Augenblick ereignete sich ein kleiner Vorfall,
der absichtlich vom Schicksal bestimmt zu sein schien, die
Wahrheit des Sprichworts zu beweisen, daß das Unglück
nie allein kommt, und das Leiden dadurch noch zu vermehren,
daß der Becher scherzend von der Lippe hinweggerissen
wurde. Saint John ging, einen Brief lesend, am Fenster
vorüber und trat ein.
"Unser Oheim John ist todt," sagte er.
Beide Schwestern schienen betroffen: nicht ergriffen oder
erschrocken. Die Nachricht erschien ihnen mehr plötzlich als
betrübend.
"Todt?" wiederholte Diana.
Ja.“
Sie heftete, einen forschenden Blick auf das Gesicht ihres
Bruders.
"Und was weiter?“ fragte sie in leisem Tone. "Was
denn — Diana?“ versetzte er, eine marmorne
Unbeweglichkeit der Züge behauptend. "Was weiter? Nunnichts. Lies.“
Er warf ihr den Brief in den Schooß. Sie überblickte
ihn und reichte ihn Maria. Maria las ihn schweigend und
gab ihn ihrem Bruder zurück. Alle Drei sahen einander an

und alle Drei lächelten — es war ein trauriges, sinnendes
Lächeln.
"Amen! Wir können dennoch leben," sagte Diana endlich.
"Auf alle Fälle sind wir nicht schlimmer daran, als vorher," bemerkte Maria.
"Nur drängt es meinem Geiste mächtig das Bild von
dem auf, was hätte geschehen können," sagte Herr Rivers,
“und stellt es dem, was ist, etwas zu lebhaft gegenüber.“
Er faltete den Brief zusammen, schloß ihn in sein Pult
ein und ging wieder hinaus.
Einige Minuten lang sprach Niemand. Diana wendete
sich zu mir.
"Johanna, Sie werden sich über uns und unsere Geheimnisse wundern," sagte sie, "und uns für hartherzige
Geschöpfe halten, daß wir durch den Tod eines so nahen
Verwandten, wie ein Oheim ist, nicht mehr bewegt werden; aber wir haben ihn nie gesehen oder gekannt. Er war
meiner Mutter Bruder. Mein Vater und er hatten vor
langer Zeit einen Streit miteinander. Auf seinen Rath
wagte mein Vater den größten Theil seines Vermögens an
eine Speculation, die ihn zu Grunde richtete. Gegenseitige Beschuldigungen gingen zwischen ihnen vor; sie trennten sich
im Zorn und versöhnen sich nie. Mein Oheim ließ sich
später auf glücklichere Unternehmungen ein, und wie es
scheint, hat er sich ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund
erworben. Er war nie verheirathet und hatte keine nahen
Verwandten, als uns und eine andere Person, die nicht
näher mit ihm verwandt war, als wir. Mein Vater gab
sich immer dem Gedanken hin, daß er seinen Fehler wieder
gut machen und uns sein Vermögen hinterlassen würde. Dieser
Brief benachrichtigt uns, daß er Alles der andern
Verwandten gegeben, mit Ausnahme von dreißig Guineen,
die zwischen Saint John, Diana und Maria Rivers sollen
getheilt werden, um drei Trauerringe dafür zu kaufen. Er hatte natürlich ein Recht, zu handeln, wie er wollte: und
doch wird der Geist bei Empfang solcher Nachrichten niedergedrückt. Maria und ich würden uns für reich gehalten
haben, wenn jede tausend Pfund erhalten hätte; und für
Saint John wäre eine solche Summe sehr schätzbar gewesen
wegen der Wohlthaten, die er damit hätte thun können.“
Nach dieser Erklärung ließ man den Gegenstand fallen
und weder Herr Rivers, noch seine Schwestern erwähnten
ihn weiter. Am folgenden Tage verließ ich Marsh End
und begab mich nach Morton. Den Tag darauf reisten
Diana und Maria nach der entfernten Stadt B. ab. Eine
Woche später zogen Herr Rivers und Hannah in die Pfarrwohnung und der alte Meierhof stand verlassen.


Fünftes Kapitel.

Meine Heimath — da ich endlich eine Heimath gefunden — ist eine Hütte. Das kleine Zimmer mit weiß angestrichenen Wänden und besandetem Fusßboden enthält vier
angestrichene Stühle, einen Tisch, eine Wanduhr, einen
Eckschrank mit zwei oder drei Schüsseln und Tellern und ein
Theezeug von Fayance. Oben befindet sich eine Kammer,
eben so groß wie das Wohnzimmer, mit einem tannenen
Bettgestell und einer Komode, klein, aber doch noch zu groß,
um von meiner spärlichen Garderobe angefüllt zu werden,
obgleich die Güte meiner edlen Freunde dieselbe mit den
nöthigsten Dingen vermehrt hat. Es ist Abend. Ich habe eben die kleine Waise, die mir
als Magd dient, mit dem Geschenk einer Orange entlassen. Ich sitze allein am Kamine. Diesen Morgen ist die Dorfschule eröffnet worden. Ich habe zwanzig Schülerinnen.
Nur Drei von ihnen können lesen: keine von ihnen kann schreiben oder rechnen. Mehrere stricken und Einige nähen ein wenig. Sie reden den breitesten Dialect in dem Districte.
Für jetzt wird es uns noch schwer, einander zu verstehen.
Einige sind eben so unmanierlich, roh und unfügsam, als
unwissend; aber Andere sind gelehrig, haben den Wunsch,
etwas zu lernen und zeigen eine Gemüthsart, die mir gefällt.
Ich darf nicht vergessen, daß die grobgekleideten
kleinen Bauerkinder von demselben Fleisch und Blut sind,

wie die Abkömmlinge der edelsten Stammbäume, und daß
die Keime angeborner Vortrefflichkeit, der Verfeinerung, des
Verstandes und Gefühls wahrscheinlich eben so in ihren
Herzen vorhanden sind, wie in denen von der höchsten Geburt. Meine Pflicht wird es sein, diese Keime zu entwickeln:
gewiß werde ich ein Glück darin finden, dieses Amt zu
füllen. Viel Genuß erwarte ich nicht von dem Leben, welches mir geöffnet ist; doch ohne Zweifel wird es, wenn
auch nicht meinen Geist regeln und meine Fähigkeiten, wie
es sollte, in Anwendung bringen, mir doch so viel gewähren,
um von einem Tage zum andern zu leben.
War ich sehr heiter, gefaßt und zufrieden während der
Stunden, die ich diesen Morgen und Nachmittag in jener
kahlen und demüthigen Schulstube zubrachte? Um mich
nicht zu täuschen, muß ich nein antworten: Ich fühlte mich
gewissermaßen trostlos. Ich fühlte — ja ich war so thöricht — ich fühlte mich erniedrigt. Ich war unschlüssig, ob
ich nicht vielleicht einen Schritt gethan, der mich auf der
Waagschale des gesellschaftlichen Daseins erniedrigt, anstatt mich zu erheben. Ich empfand einen feigen Schrecken vor
der Unwissenheit der Armuth und Roheit alles Dessen, was
ich um mich sah. Aber ich darf mich wegen dieser
Gefühle nicht zu sehr hassen und verachten: ich weiß, daß
sie unrecht sind — dadurch ist schon viel gewonnen — und
werde mich bemühen, sie zu überwinden. Morgen hoffe ich,
sie schon theilweise besiegt zu haben, und in wenigen Wochen
werden sie vielleicht gänzlich verschwunden sein. Es ist möglich, daß die Freude über den Fortschritt und die Veränderung zum
Bessern, die ich an meinen Schülerinnen wahrnehmen
werde, in einigen Monaten den Widerwillen in Genuß verwandelt.
Inzwischen will ich mir eine Frage vorlegen: Was ist
besser, mich der Versuchung hingegeben, auf die Leidenschaft
gehorcht, keine schmerzliche Anstrengung — keinen Kampf
gewagt zu haben — in die seidene Schlinge gefallen, auf
den Blumen, die sie bedeckten, eingeschlummert, in einer
südlichen Zone, unter dem Luxus einer anmuthigen Villa erwacht zu sein, um in Frankreich als Rochester’s Maitresse zu leben, meine halbe Lebenszeit von seiner Lebe berauscht

zu sein — denn er hätte — o ja, er hätte mich eine Weile
innig geliebt. Er liebte mich in der That — Niemand wird
mich je wieder so lieben. Ich werde nie wieder die süße
Huldigung kennen, die man der Schönheit, der Jugend und
Anmuth darbringt — denn Niemand anders wird mich im
Besitze dieser Reize glauben. Er war zärtlich gegen mich
und stolz auf mich — das wird sonst kein Mann wieder
sein. — Aber wohin verirre ich mich und was sage ich:
und vor allen Dingen, was fühle ich? Was ist besser,
frage ich, eine Sclavin zu sein in einem Narrenparadiese
bei Marseille — die eine Stunde durch täuschende Wonne
in Fieberglut versetzt — die nächste von den bittersten Thränen
der Reue und Schaam erstickt — oder eine Dorfschulmeisterin
zu sein, frei und redlich, in einem luftigen Bergwinkel,
in dem gesunden Herzen von England?
Ja, ich fühle jetzt, daß ich Recht hatte, als ich meinen
Grundsätzen und den Gesetzen Gottes anhing und die unsinnigen
Eingebungen eines wahnsinnigen Augenblicks verachtete
und mit Füßen trat. Gott leitete mich zu einer
richtigen Wahl: ich danke seiner Vorsehung für diese Leitung!
Als ich mein Nachdenken beendet hatte, stand ich auf,
trat in die Thür und betrachtete den Sonnenuntergang des
Herbsttages und die ruhigen Felder vor meiner Hütte, die
nebst der Schule eine halbe englische Meile von dem Dorfe
entfernt lag. Die Vögel sangen ihre letzten Lieder.
Die Luft war mild, Balsam der Thau.
Während ich in mich blickte, hielt ich mich für glücklich
und war überrascht, als ich bald darauf weinte — und
warum? Wegen des Schicksals, welches mich von der Anhänglichkeit
an meinen Herrn losgerissen: um ihn, den ich
nicht mehr sehen sollte; wegen des verzweifelten Kummers
und der unheilvollen Wuth — die Folgen meiner Abreise —
die ihn jetzt vielleicht von dem rechten Pfade abziehen mochten,
zu weit, um eine Hoffnung auf endliche Rückkehr übrig
zu lassen. Bei diesem Gedanken wendete ich mein Gesicht
von dem lieblichen Abendhimmel und dem einsamen Thale
von Morton ab — ich sage einsam, denn in dem Theile,
der mir sichtbar war, konnte ich kein anderes Gebäude erkennen,
als die Kirche und die halb unter Bäumen verborgene Pfarrwohnung, und am äußersten Ende das Dach von

Vale Hall, wo der reiche Herr Oliver und seine Tochter
wohnten. Ich bedeckte meine Augen und lehnte meinen
Kopf an die steinerne Einfassung meiner Thür; aber bald
machte ein leises Geräusch in der Nähe des Pförtchens,
welches meinen kleinen Garten von der Wiese trennte, daß
ich aufblickte. Ein Hund — der alte Carlo, der Wachtelhund des Herrn Rivers, wie ich im Augenblicke sah, stieß
mit seiner Nase an die Pforte und Saint John selbst lehnte
sich mit gefalteten Armen über dieselbe; seine Stirn war
gerunzelt, sein Blick ernst, ja fast mit Mißfallen auf mich
gerichtet. Ich bat ihn einzutreten.
"Nein, ich kann nicht verweilen, ich bringe Ihnen nur
ein kleines Packet, welches meine Schwester für Sie zurückgelassen, ich denke, es enthält einen Malkasten, Pinsel und Papier.“
Ich trat ihm näher, um es anzunehmen: eine willkommene Gabe war es. Er prüfte mein Gesicht mit Strenge,
glaubte ich, als ich näher kam; die Spuren von Thränen
waren ohne Zweifel sehr sichtbar.
"Haben Sie Ihre erste Arbeit schwerer gefunden, als Sie erwarteten?“ fragte er.
“O nein, im Gegentheil glaube ich, mit der Zeit sehr
gut mit meinen Schülerinnen zurecht zu kommen." “Aber vielleicht hat die Einrichtung — Ihrer Hütte — Ihr Mobiliar — Ihre Erwartungen getäuscht? Es ist alles freilich ärmlich genug, aber —" “Mein
Häuschen ist reinlich und schützt mich vor dem
Wetter," fiel ich ein; “die Hausgeräthe sind hinreichend und
bequem. Alles, was ich sehe, macht mich dankbar, nicht verzweifelnd. Ich bin keine solche Thörin und nicht so
sinnlich, um die Abwesenheit eines Fußteppichs, eines Sophas und des Silbergeschirrs zu bedauern: überdies besaß
ich vor fünf Wochen noch Nichts — ich war eine ausgestoßene, eine umherirrende Bettlerin; jetzt habe ich Bekanntschaft, eine Heimath und ein Geschäft. Ich bewundere die
Güte Gottes, die Großmuth meiner Freunde und das Glück
meines Looses. Ich klage nicht.“

"Aber Sie fühlen, daß die Einsamkeit eine Last ist?
Das kleine Haus dort hinter Ihnen ist dunkel und leer?“
"Ich habe noch kaum Zeit gehabt, mich der Ruhe zu
erfreuen, noch weniger in der Einsamkeit ungeduldig zu
werden.“
"Sehr gut. Ich hoffe, Sie fühlen die Bedeutung dessen,
was Sie aussprechen: auf jeden Fall wird Ihnen Ihr gesunder
Verstand sagen, daß es noch zu früh ist, sich der
schwankenden Furcht von Lot's Weibe hinzugeben. Was
Sie verlassen haben, ehe ich Sie sah, weiß ich natürlich
nicht; aber ich rathe Ihnen, sich mit Festigkeit jeder Versuchung
zu widersetzen, die Sie bewegen möchte, zurückzublicken:
verfolgen Sie wenigstens auf einige Monate standhaft
Ihre gegenwärtige Laufbahn."
"Das ist es, was ich zu thun beabsichtige," antwortete ich.
"Es ist schwer, die Neigungen zu zügeln und die Richtung
der Natur zu lenken," fuhr Saint John fort; "aber
es kann dennoch geschehen, ich weiß es aus Erfahrung. Gott
hat uns einigermaßen unser Schicksal in unsere Hand
gegeben; und wenn unsere Kräfte einen Wirkungskreis zu
fordern scheinen, den sie nicht erlangen können — wenn
unser Wille auf einen Pfad einlenken will, den wir nicht
verfolgen sollen — so dürfen wir weder aus Unthätigkeit
verhungern, noch in Verzweiflung stillstehen. Wir dürfen
nur eine andere Nahrung für den Geist suchen, so stark wie
die verbotene Speise, nach der er verlangte — und vielleicht
reiner; und einen eben so geraden und breiten Weg, als
den, welchen das Schicksal uns verrammelt hat, für den
wandernden Fuß durchhauen, wenn er auch rauher ist.“
"Noch vor einem Jahre fühlte ich mich selbst sehr unglücklich,
weil ich glaubte, es sei ein Fehler, in den geistlichen
Stand getreten zu sein, da mich die Ausübung seiner
gleichförmigen Pflichten tödtlich langweilte. Ich glühte nach
dem thätigeren Leben der Welt — nach der aufregenderen
Mühe einer literarischen Laufbahn — nach der Bestimmung
eines Künstlers, eines Schriftstellers, eines Redners, nach
allem lieber, als nach der eines Priesters. Ja, das Herz
eines Politikers, eines Kriegers, eines Mannes, der nach
Ruhm und Macht strebt, schlägt unter meinem Priestergewande.
Ich hielt mein Leben für so elend, daß ich es
vertauschen oder sterben müßte. Nach einiger Zeit der
Dunkelheit und des Kampfes brach das Licht herein und
ich fühlte mich beruhigter: mein enges Dasein breitete sich auf
einmal zu einer unbegrenzten Fläche aus — meine
Kräfte hörten einen Ruf vom Himmel, aufzustehen, sich zu
sammeln, ihre Schwingen auszubreiten und sich über die
Gegenwart zu erheben. Gott hatte eine Sendung für mich;
um sie weit zu tragen, um sie gut auszurichten, waren Geschicklichkeit und Stärke, Muth und Beredtsamkeit, die besten
Fähigkeiten des Soldaten, des Staatsmannes und Redners
nöthig; denn dies Alles vereint sich in dem guten Missionair
Ein Missionair beschloß ich zu werden. Von dem Augenblick an veränderte sich mein Gemüthszustand: die Fesseln
lösten sich, fielen von jeder meiner Fähigkeiten ab und ließen
Nichts von der Knechtschaft, als die wundgeriebenen Stellen
zurück, die nur die Zeit heilen kann. Mein Vater widersetzte sich freilich dem Entschlusse; aber seit seinem Tode habe
ich kein gesetzliches Hinderniß zu bekämpfen: es sind nur
noch einige Angelegenheiten zu ordnen, für einen Nachfolger
in Morton zu sorgen, einige Bande des Gefühls zu lösen oder zu zerreißen — ein letzter Kampf mit der menschlichen Schwäche zu bestehen, worin ich weiß, daß ich siegen werde, weil ich gelobt habe, daß ich siegen will — und ich verlasse Europa und ziehe nach dem Orient."

Er sagte dies in seinem eigenthümlichen gedämpften aber
doch nachdrücklichen Tone, und sah, als er zu reden aufhörte, nicht mich, sondern die untergehende Sonne an, auf
die ich auch hinblickte. Er und ich hatten Beide unsere
Rücken nach dem Wege gewendet, der über das Feld zu dem
Pförtchen führte. Wir hatten auf dem grasbewachsenen
Fußsteige keine Schritte gehört; das Wasser des Baches war
das einzige Geräusch in jener Scene; wir mochten also wohl
stutzen, als eine heitere Stimme, so hell wie eine Silberglocke, rief:
"Guten Abend, Herr Rivers. Und guten Abend, alter
Carlo. Ihr Hund erkennt seine Freunde eher als Sie, Herr:
er spitzte seine Ohren und wedelte mit dem Schweife, als ich
noch am Ende des Feldes war und Sie wenden mir noch
den Rücken zu.“
Es war die Wahrheit. Obgleich Herr Rivers anfangs
bei diesen musikalischen Tönen stutzte, als hätte ein Donnerkeil
eine Wolke über seinem Haupte gespalten, so stand er
doch am Schlusse des Satzes noch in derselben Stellung,
worin die Rednerin ihn überrascht hatte: sein Arm ruhte auf
der Pforte und sein Gesicht war nach Westen gewendet.
Endlich drehte er sich mit gemessener Bewegung um. Es
schien mir, als hätte sich ein Gespenst an seiner Seite
erhoben. Nur drei Fuß von ihm entfernt zeigte sich eine
ganz weiß gekleidete Gestalt von jugendlicher und anmuthiger
Form, von vollen und doch schönen Umrissen: und als
sie ihren Kopf erhob, nachdem sie sich niedergebeugt, um
Carlo zu liebkosen, und einen langen Schleier zurückwarf,
zeigte sich ein blühendes und vollkommen schönes Gesicht.
Vollkommene Schönheit ist ein starker Ausdruck, aber ich
nehme ihn nicht zurück und modificire ihn auch nicht. So
liebliche Züge, wie nur je das gemäßigte Klima Albion's
sie gestaltete; so reine Rosen- und Lilienfarben, wie je sein
feuchter Wind und sein nebliger Himmel hervorbrachte und
schirmte, rechtfertigten in diesem Falle den Ausdruck. Kein
Reiz fehlte, kein Fehler war bemerkbar: das junge Mädchen
hatte regelmäßige und zarte Züge; Augen von einer Gestalt
und Farbe, wie wir sie auf lieblichen Gemälden sehen, groß,
dunkel und voll; sie langen und schattigen Augenwimpern,
die ein schönes Auge mit so sanftem Zauber umgeben; die
zierlich gezeichnete Augenbraue, die eine solche Klarheit verleiht; die weiße glatte Stirn, die eine solche Ruhe zu den
lebhafteren Schönheiten der Farbe und des Glanzes hinzufügt; die ovale frische und glatte Wange; die rothen, vollen,
gesunden und lieblich gebildeten Lippen; die gleichmäßigen, blendend weißen Zähne ohne Makel; das kleine Kinn mit
dem Grübchen; die Zierde der reichen, vollen Locken — kurz alle Vortheile, die in ihrer Vereinigung das Ideal der Schönheit verwirklichen, waren ihr eigen. Ich erstaunte, als ich dieses schöne Wesen ansah: ich bewunderte es von ganzem
Herzen. Die Natur hatte es offenbar in parteiischer Stimmung gebildet, ihre gewöhnlichen stiefmütterlichen Gaben vergessen und diesen ihren Liebling mit wahrhaft mütterlicher Güte ausgestattet.
Was mochte Herr Saint John Rivers von diesem irdischen Engel denken?
Ich legte mir natürlich diese Frage vor, als ich sah, wie er sich zu ihr wendete und sie ansah; und eben so natürlich suchte ich die Antwort auf die Frage in seinem Gesicht. Er hatte sein Auge schon von der Peri abgewendet und blickte einige demüthige Gänseblümchen an, die in der Nähe des Pförtchens wuchsen. “Ein lieblicher Abend; aber spät für Sie, allein auszugehen," sagte er, als er die weißen Köpfe der geschlossenen Blumen mit Füßen trat.
"O, ich komme nur von S. hieher," entgegnete sie, indem sie den Namen einer großen Stadt nannte, die einige
zwanzig (englische) Meilen entfernt war. “Papa sagte mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue Lehrerin sei
gekommen. Und so setzte ich meinen Hut auf nach dem Thee und eilte durch das Dorf, um sie zu sehen. Dies ist
sie?“ fügte sie hinzu, indem sie auf mich deutete.
"Sie ist es," sagte Saint John.
"Meinen Sie, daß es Ihnen in Morten gefallen wird?” fragte sie mich mit naiver Einfachheit des Tones und Wesens,
die angenehm und kindlich war.
“Ich hoffe es. Es spricht Vieles dafür.“
“Fanden Sie Ihre Schülerinnen so aufmerksam, wie Sie es erwarteten?”
“Vollkommen.”
“Gefällt Ihnen Ihr Haus?”
"Gar sehr.”
“Habe ich es nett ausstaffirt?”
“Sehr nett, in der That.”
“Und Ihnen in Elise Wood eine gute Dienerin gewählt?”
“Das haben Sie in der That. Sie ist gelehrig und stets zur Hand.”
Dies also, dachte ich, ist Miß Oliver, die Erbin; begünstigt, wie es scheint, durch die Gaben des Glücks wie der Natur. Welche glückliche Vereinigung der Planeten mag bei ihrer Geburt geherrscht haben!
"Ich werde zuweilen herkommen und Ihnen beim Unterrichten helfen," fügte sie hinzu. "Es wird eine Unterhaltung für mich sein, Sie von Zeit zu Zeit zu besuchen: und ich liebe die Veränderung. Herr Rivers, ich bin so froh
gewesen während meines Aufenthalts in S. Am letzten Abend, oder vielmehr diesen Morgen, tanzte ich bis zwei
Uhr. Das zehnte Regiment steht dort seit den Excessen,
und die Officiere sind die angenehmsten Männer von der
Welt: sie machen alle unsere jungen Messer- und Scheerenschleifer zu Schanden."
Es schien mir, als ob Herrn Saint John's Unterlippe
ein wenig vortrat und die Oberlippe sich auf einen Augenblick verzog. Sein Mund drückte sich offenbar zusammen
und der untere Theil seines Gesichts wurde ungewöhnlich
strenge und viereckig, als das lachende Mädchen ihm diese
Nachricht mittheilte. Er erhob seinen Blick von den Gänseblümchen und richtete ihn auf sie. Ein forschender, bedeutungsvoller Blick war es, ohne Lächeln. Sie beantwortete
ihn mit einem zweiten Lachen: und das Lachen stand gut zu
ihrer Jugend, ihren Rosen, ihren Grübchen und ihren glänzenden Augen.
Als er stumm und ernst dastand, begann sie wieder
Carlo zu liebkosen. “Der arme Carlo liebt mich,“ sagte
sie, “er ist nicht strenge und kalt gegen seine Freunde, und
wenn er reden könnte, würde er nicht schweigen.“
Als sie des Hundes Kopf streichelte, der sich mit angeborner Anmuth vor seinem jungen und strengen Herrn
beugte, sah ich, wie das Gesicht dieses Herrn sich röthete.
Ich sah sein feierliches Auge von plötzlichem Feuer erglühen
und in unwiderstehlicher Bewegung auflodern. So erröthend
und belebt, sah er als Mann fast eben so schön aus, wie sie
als Weib. Seine Brust hob sich einmal, als ob sein großes Herz, des despotischen Druckes müde, sich wider seinen Willen
erweitere und eine kräftige Anstrengung mache, die
Freiheit zu erlangen. Aber er bändigte es, glaube ich, wie ein entschlossener Reiter ein sich bäumendes Roß bändigen würde- Er antwortete weder durch Wort noch Bewegung auf die sanften Annäherungen.
“Papa sagt, Sie kommen nie, um uns zu besuchen,“
fuhr Miß Oliver aufblickend fort. “Sie sind ganz fremd geworden in Vale Hall. Er ist diesen Abend allein und nicht ganz wohl: wollen Sie mit mir umkehren und ihn
besuchen?“
"Es ist keine passende Stunde, mich Herrn Oliver aufzudringen," antwortete Saint John.
"Keine passende Stunde! Aber ich behaupte das
Gegentheil. Es ist gerade die Stunde, wo Papa am meisten
Gesellschaft wünscht: wenn die Arbeiten beendet sind und
ihn kein Geschäft in Anspruch nimmt. Nun, Herr Rivers,
wollen Sie nicht kommen? Warum sind Sie so sehr scheu
und düster?“
Sie füllte die Lücke, die sein Schweigen ließ, durch eine
eigene Antwort aus.
"Ich vergaß,“ rief sie, ihren schönen Lockenkopf schüttelnd, als wäre sie über sich selbst erschrocken. “Ich bin so
närrisch und gedankenlos! O, entschuldigen Sie mich! Es
war mir entfallen, dass Sie gute Gründe haben, nicht geneigt
zu sein, in mein Geplauder einzustimmen. Diana
und Maria haben Sie verlassen, Moor House ist geschlossen und Sie sind so einsam. Gewiss, ich habe Mitleid
mit Ihnen. Kommen Sie also und besuchen Papa.“
"Nicht diesen Abend, Miss Rosamunde, nicht diesen
Abend.“
Herr Saint John sprach fast wie ein Automat: nur er
selbst kannte die Anstrengung, die ihm diese Weigerung
kostete.
"Nun, wenn Sie so widersetzlich sind, so will ich¬¬ Sie
verlassen, denn ich wage nicht länger zu bleiben: der Thau
beginnt zu fallen. Guten Abend!"
Sie streckte ihre Hand aus. Er berührte sie kaum. „Guten Abend!“ wiederholte er mit so leiser und hohler Stimme wie ein Echo. Sie wendete sich um, kehrte aber im Augenblick zurück.
“Sind Sie nicht wohl?“ fragte sie. Wohl mochte sie diese Frage thun, denn sein Gesicht war bleich, wie ihr Gewand. “Ganz wohl,“ entgegnete er und verließ die Pforte. Sie ging nach der einen und er nach der andern Seite. Sie wendete sich zweimal um, ihm nachzusehen, als sie feengleich über das Feld dahintrippelte; er, als er fest dahinschritt,
wendete sich gar nicht um. Dieses
Schauspiel von den Leiden und den Opfern eines
Andern lenkten meine Gedanken von der ausschließlichen
Betrachtung meiner eigenen an. Diana Rivers hatte ihren
Bruder unerbittlich wie der Tod genannt. Sie hatte nicht übertrieben.


Sechstes Kapitel

Ich setzte meine Arbeiten in der Dorfschule so thätig und getreu fort, als ich es vermochte. Es war anfangs in der That eine schwere Aufgabe. Einige Zeil verging, ehe ich mit aller Mühe meine Schülerinnen und ihre Natur begreifen konnte. Bei ihren gänzlichen unausgebildeten Fähigkeiten schienen sie mir hoffnungslos, und beim ersten Anblick Alle gleich dumm; doch ich fand bald, daß ich mich geirrt.
Es war ein Unterschied unter ihnen so wie unter den unterrichteten Personen; und als ich sie kennen lernte und sie mich, da entwickelte sich dieser Unterschied bald. Ihr Erstaunen über mich, über meine Sprache, meine Regeln und Anweisungen legte sich bald und dann fand ich, dass einige von diesen dumm aussehenden und gaffenden Bauerkindern zu ganz klugen Mädchen erwachten. Manche zeigten sich auch gefällig und liebenswürdig und ich entdeckte unter ihnen nicht wenige Beispiele von natürlicher Höflichkeit und angeborner Selbstachtung, so wie von vortrefflicher Fähigkeit, wodurch sie sich nicht nur meine Zuneigung, sondern auch meine Bewunderung erwarben. Diese fanden bald Vergnügen daran, ihre Aufgaben gut zu erfüllen, im Aeußeren reinlich zu erscheinen, ihre Lectionen regelmäßig zu lernen und sich ruhige und ordentliche Sitten anzueignen. Ihre raschen Fortschritte waren in einigen Fällen sogar überraschend und ich fand einen redlichen und glücklichen Stolz darin: überdies begann ich, einige von den besten Mädchen
persönlich zu lieben, und sie liebten mich. Ich hatte unter meinen Schülerinnen mehrere Pachtertöchter, die fast schon erwachsene Frauenzimmer waren. Diese konnten bereits lesen, schreiben und nähen. Diese unterrichtete ich in den Anfangsgründen der Sprachlehre, der Geographie, der Geschichte und in den feineren Handarbeiten. Ich fand schätzbare Charaktere unter ihnen — Charaktere, die nach Belehrung strebten und geneigt waren, sich auszubilden — bei ihnen brachte ich manche angenehme Abendstunde in ihren Häusern zu. Ihre Eltern überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten. Es lag ein Genus in ihrer einfachen Freundlichkeit und dieselbe durch Rücksicht zu vergelten — durch eine gewissenhafte Achtung vor ihren Gefühlen — woran sie vielleicht nicht zu allen Zeiten gewöhnt waren und was ihnen einen wohltätigen Reiz gewährte; denn während es sie in ihren eigenen Augen erhob, machte es sie geneigt, die Rücksicht zu verdienen, womit sie behandelt wurden.
Ich fühlte, wie beliebt ich in der Umgegend wurde. Immer, wenn ich ausging, hörte ich von allen Seiten herzliche Grüße und wurde mit freundlichem Lächeln bewillkommt. In allgemeiner Achtung zu leben, und wäre es auch nur die Achtung der arbeitenden Klasse, ist als wenn man ruhig und gemächlich im Sonnenschein sitzt: heiter knospen und blühen innere Gefühle unter diesem Strahl. Zu dieser Periode meines Lebens schwoll mein Herz öfter aus Dankbarkeit, als daß es von Trostlosigkeit niedergedrückt wurde; und doch, Leser, um Dir Alles zu sagen, in der Mitte dieses ruhigen und nützlichen Daseins — nachdem ich den Tag in ehrenvoller Anstrengung unter meinen Schülerinnen und den Abend zufrieden allein mit Zeichnen oder Lesen zugebracht — wurde ich in der Nacht häufig von seltsamen Träumen heimgesucht: von vielfarbigen, aufgeregten, idealischen und stürmischen Träumen — Träumen, wo ich unter ungewöhnlichen Szenen voll seltsamer Abenteuer, voll aufregender Gefahr und romantischen Wechseln immer wieder Herrn Rochester bei einer entscheidenden Krise begegnete; und dann wurde die Scene, wie ich in seinen Armen lag, seine Stimme hörte, in sein Auge blickte, seine Hand und Wange berührte, ihn liebte und von ihm geliebt wurde — die Hoffnung, meine Lebenszeit an seiner Seite zuzubringen, mit aller ersten Kraft und Glut erneuert. Dann erwachte ich. Dann erinnerte ich mich, wo ich war und in welcher Lage ich mich befand. Dann erhob ich mich zitternd und bebend in meinem Bette ohne Vorhänge; und dann war die stille, dunkle Nacht Zeugin der Verzweiflung und hörte den Ausbruch der Leidenschaft. Pünktlich um neun Uhr begann ich am nächsten Morgen die Schule; war ruhig, gefast und vorbereitet auf die ernsten Pflichten des Tages.
Rosamunde Oliver hielt ihr Wort und besuchte mich. Dies geschah gewöhnlich bei ihrem Morgenspazierritt. Sie kam dann auf ihrem kleinen Pferde, von einem berittenen Livreebedienten begleitet, vor die Thür getrabt. Etwas ausgesucht Schöneres, als ihr Erscheinen in ihrem purpurroten Kleide, ihrem schwarzsammtnen Amazonenhut, anmutig auf ihre langen Locken gesetzt, die ihre Wangen küßten und auf ihre Schultern niederflossen, kann man sich schwerlich vorstellen: und so trat sie in das ländliche Gebäude und schlüpfte durch die geblendeten Reihen der Dorfkinder. Sie kam gewöhnlich zur der Stunde, wenn Herr Rivers beschäftigt war, seine tägliche Katechismusstunde zu geben. Ich fürchte, die schöne Dame durchschaute des jungen Predigers Herz. Eine Art von Instinct schien ihn von ihrem Eintritt zu benachrichtigen, selbst wenn er sie noch nicht sah; und wenn sie eintrat und er ganz nach der entgegengesetzten Seite blickte, erglühte seine Wange und seine marmornen Züge, obgleich sie in ihrem strengen Ausdruck nachzulassen sich weigerten, veränderten sich auf unbeschreibliche Weise und drückten selbst in ihrer Ruhe eine zurückgehaltene Glut aus, die stärker war, als die arbeitenden Muskeln oder der sprühende Blick hätten andeuten können.
Natürlich kannte sie ihre Macht; auch verbarg er ihr diesen Einfluß nicht, weil er es nicht konnte. Ungeachtet seines christlichen Stoizismus zitterte seine Hand und sein Auge glühte, wenn sie sich ihm näherte, ihn anredete und ihm heiter, ermutigend und selbst zärtlich in’s Gesicht lächelte. er schien mit seinem traurigen und entschlossenen Blicke zu sagen, wenn seine Lippen es auch nicht aussprachen: Ich liebe Dich und weiß, daß Du mich vorziehst. Es ist nicht Verzweiflung am Erfolge, was mich stumm macht.

Wenn ich Dir mein Herz anböte, glaube ich, würdest Du es annehmen. Aber dieses ist bereits auf den geheiligten Altar gelegt und das Feuer umher angezündet. Es wird bald nichts mehr sein, als ein vollendetes Opfer. Und dann schmollte sie wie ein getauschtes Kind: eine gedankenvolle Wolke dämpfte ihre strahlende Lebhaftigkeit;
sie zog hastig ihre Hand aus der seinigen und wendete sich in vorübergehendem Aerger von seinem zugleich so herrischen und märtyrergleichen Anblick ab. Ohne Zweifel hätte Saint John eine Welt darum gegeben, ihr folgen, sie zurückrufen und zurückhalten zu können, wenn sie ihn auf diese Weise verließ: doch er wollte für das Elysium ihrer Liebe keine einzige Hoffnung auf das wahre und ewige Paradies ausgeben. Ueberdies konnte er nicht Alles, was in seiner Natur lag — den ehrgeizigen Weltmann, den Dichter, den Priester — in die Schranken einer einzigen Leidenschaft binden.
Er konnte und wollte sein wildes Feld kriegerischer Missionen nicht für die Gemächer und den Frieden von Vale Hall aufgeben. Ich erfuhr dies von ihm, als ich einst ungeachtet seiner Zurückhaltung die Kühnheit hatte, einen Einfall in sein Vertrauen zu machen.
Miß Oliver beehrte mich schon häufig mit ihren Besuchen in meiner Hütte. Ich hatte ihren ganzen Charakter kennen gelernt, der ohne Geheimniß oder Verstellung war:
sie war coquett aber nicht herzlos: anspruchsvoll aber nicht
durchaus selbstsüchtig. Man hatte ihr seit ihrer Geburt
Vieles nachgesehen aber sie nicht gänzlich verzogen. Sie
war hastig aber gutmüthig: eitel — sie konnte nicht anders,
da jeder Blick in den Spiegel ihr solche Schätze von Liebenswürdigkeit zeigte — aber nicht affectirt; freigiebig, frei
von Stolz auf Reichthum; ohne Verstellung, verständig,
heiter, lebhaft und gedankenlos: kurz sie war sehr reizend
selbst für einte kalte Beobachterin von ihrem eigenen Geschlecht,
wie ich war; aber sie war nicht durchaus interessant
oder tiefer Eindrücke fähig. Ihr Gemüth war z. B. sehr verschieden von dem der beiden Schwestern des Herrn Saint John. Dennoch liebte ich sie fast eben so sehr wie meine Schülerin Adele: außer daß wir für ein Kind, welches wir überwacht und belehrt haben, eine zärtliche Neigung empfinden, als wir für eine eben so anziehende erwachsene Bekannte empfinden können.
Sie hatte eine lebenswürdige Neigung zu mir. Sie sagte, ich gliche Herrn Rivers, nur gestand sie gewiß zu, sei ich nicht den zehnten Theil so schön; obgleich ich freilich eine ganz niedliche, hübsche, kleine Seele sei, wogegen er ihr als ein Engel erschien. Ich sei indeß gut, geistreich, fest und sicher wie er. Ich sei ein Spiel der Natur, behauptete sie, für eine Dorfschulmeisterin: sie sei gewiß, meine frühere Geschichte,
wenn sie bekannt wäre, würde einen ergötzlichen Roman bilden.
Eines Abends, als sie mit ihrer gewohnten kindlichen Thätigkeit, ihrer gedankenlosen aber unbefangenen Neugierde den Schrank und den Tischauszug in meinem kleinen Wohnzimmer durchsuchte, entdeckte sie zuerst zwei französische Bücher, einen Band von Schiller, eine deutsche Sprachlehre und Wörterbuch, und dann meine Zeichnengeräthe und meinen Malkasten, so wie meine Zeichnungen, die in einem hübschen, kleinen, engelgleichen Mädchen, einer meiner Schülerinnen
und mehreren nach der Natur gezeichneten Ansichten von Morton und den umgebenden Hügeln bestanden. Anfangs verstummte sie vor Ueberraschung und wurde dann vom Entzücken elektrisirt.
“Haben Die diese Bilder gemalt?” fragte sie. “Verstehen Sie Französisch und Deutsch? wie herrlich, wie wunderbar wäre das! Sie zeichnen besser, als mein Lehrer in der ersten Schule zu T. Wollen Sie nicht mein Portrait zeichnen, um es Papa zeigen zu können?”
“Mit Vergnügen," erwiderte ich, und ich empfand ein lebhaftes künstlerisches Entzücken bei dem Gedanken, nach einem vollkommenen und glänzenden Modell zu copiren. Sie trug damals ein dunkelblaues, seidenes Kleid; ihre Arme und ihr Hals waren bloß; ihr einziger Schmuck waren ihre kastanienbraunen Locken, die in natürlicher Anmuth über ihre Schultern niederwallten. Ich nahm ein feines, weißes Kartenblatt und zeichnete sorgfältig den Umriß. Ich versprach mir das Vergnügen, das Portrait zu coloriren; und da es schon spät war, sagte ich ihr, sie müsse wiederkommen und mir an einem andern Tage sitzen.
Sie stattete ihrem Vater einen solchen Bericht ab, daß Herr Oliver sie am nächsten Abend selber begleitete — ein großer, grauköpfiger Mann in mittlern Jahren und mit
massiven Gesichtszügen, an dessen Seite seine liebenswürdige Tochter wie eine glänzende Blume neben einem grauen Thurme aussah. Er schien ein schweigsamer und vielleicht, stolzer Mann zu sein; doch war er sehr freundlich gegen mich. Die Skizze von Rosamundens Portrait gefiel ihm sehr und er sagte, ich müsse sie völlig ausführen. Er bestand auch darauf, daß ich den nächsten Abend in Vale Hall zubringen solle.
Ich ging dorthin. Es war eine große und schöne Wohnung, welche bewies, daß der Besitzer sehr reich war. Rosamunde war voll Heiterkeit und Vergnügen, so lange ich
dablieb. Ihr Vater war freundlich, und als er sich nach dem Thee mit mir in ein Gespräch einließ, sprach er in starken Ausdrücken seine Billigung dessen aus, was ich in der Schule zu Morton bereits geleistet, und sagte, er fürchte nur, nach dem, was er sehe und höre, daß ich zu gut für den Ort sei und ihn bald mit einer passendern Stelle vertauschen werde.
"In der That!" rief Rosamunde, “sie ist talentvoll genug, um Erzieherin in einer vornehmen Familie zu sein, Papa.”
Ich dachte, ich wolle weit lieber bleiben, wo ich war, als in irgend einer vornehmen Familie im Lande sein. Herr Oliver sprach mit großem Respect von Herrn Rivers und
seiner Familie. Er sagte, es sei ein sehr alter Name in der
Gegend; die Vorfahren der Familie wären reich gewesen; ganz Morton habe ihnen einst gehört und er glaube, wenn der Repräsentant des Hauses wolle, könne er selbst jetzt eine
sehr gute Partie machen. Er bemerkte, es sei Schade, dass ein so schöner und talentvoller junger Mann den Plan gefast habe, als Missionair fortzugehen: das beiße ein festbares Leben wegwerfen. Es schien also, als würde der Vater Rosamundens Verbindung mit Saint John kein Hindernis in den Weg legen. Herr Oliver achtete offenbar die gute Geburt, den alten Namen und den geheiligten Beruf des jungen Geistlichen als eine hinreichende Entschädigung
für den Mangel des Vermögens.
Es war am fünften November und ein Feiertag. Meine kleine Dienerin war fortgegangen, nachdem sie mir geholfen, das Haus zu reinigen, wohl zufrieden mit dem Geschenk eines Penny für ihre Mühe. Alles um mich her war fleckenlos und glänzend- der Boden gescheuert, der Kaminrost polirt und die Stühle wohl abgerieben. Ich hatte mich auch zierlich angezogen und konnte jetzt den Nachmittag zubringen, wie ich wollte.
Die Uebersetzung einiger Seiten aus dem Deutschen beschäftigte mich eine Stunde; dann nahm ich Palette und Pinsel und begann die leichtere und daher beruhigendere Beschäftigung, Rosamunde Oliver's Portrait zu vollenden. Der Kopf war schon fertig: nur der Hintergrund war noch zu malen und die Draperie zu schattiren; ein wenig Carmin auf die vollen Lippen zu setzen – hie und da den Locken einen sanfteren Schwung – dem Schatten der Wimpern unter dem Augenlide eine tiefere Färbung zu geben. Ich war in die Ausführung dieser zierlichen Kleinigkeiten versenkt, als nach raschem Klopfen meine Thür aufging und Saint John Rivers eintrat.
"Ich komme zu sehen, wie Sie Ihren Feiertag hinbringen," sagte er. “Ich will nicht hoffen mit Nachdenken?
Nein, das ist gut: während Sie malen, werden Sie sich nicht einsam fühlen. Sie sehen, ich hege noch Mißtrauen gegen Sie, obgleich Sie sich wunderbar gut gehalten haben.
Ich bringe Ihnen ein Buch zu Ihrem Abendtroste."
Und er legte ein ganz neues Buch auf den Tisch — ein Gedicht: eins von jenen originellen Productionen, wie sie dem beglückten Publikum in jenen Tagen — dem goldenen Zeitalter der modernen Literatur — so oft angeboten wurden. Ach! die Leser unserer Zeit sind weniger beglückt. Aber Muth! ich will nicht bei der Anklage oder dem Bedauern verweilen. Ich weiß, daß die Poesie nicht ausgestorben noch auch das Genie untergegangen ist; auch hat Mammon über keins von beiden Macht erlangt, zu binden oder zu tödten: sie werden beide ihr Dasein, ihre Gegenwart, ihre Freiheit und Stärke eines Tages wieder behaupten. Sie sind mächtige Engel im Himmel und lächeln, wenn die schmutzigen Seelen triumphiren und schwache Seelen über ihren Untergang weinen. Die Poesie soll vernichtet, das Genie verbannt sein? Nein! Die Mittelmäßigkeit lasse sich nicht durch Neid zu diesem Gedanken bringe. Nein; sie lebe nicht nur, sondern herrsche und erlöse: und ohne ihren überall verbreiteten göttlichen Einfluß würde die Mittelmäßigkeit in der Hölle sein — in der Hölle ihrer eigenen Wertlosigkeit.
Während ich begierig die schönen Verse von Marmion, denn Marmion war es, überblickte, neigte sich Saint John nieder, um mein Bild zu betrachten. Seine hohe Gestalt richtete sich plötzlich wieder auf und er schwieg. Ich blickte zu ihm auf, doch er mied mein Auge. Ich kannte seine Gedanken wohl und konnte deutlich in seinem Herzen lesen; in dem Augenblick war ich ruhiger und kälter, als er: ich hatte also zur Zeit einen Vortheil über ihn und fühlte mich geneigt, ihm einen Dienst zu erweisen, wenn ich könne.
Bei all seiner Festigkeit und Selbstbeherrschung traut er sich doch zu viel zu, dachte ich: verschließt jedes Gefühl und jede Qual in sich selbst — drückt Nichts aus, bekennt Nichts und theilt Nichts mit. Ich bin gewiß, es würde ihm wohlthun, ein wenig von dieser schönen Rosamunde zu reden, die er nicht heirathen zu dürfen glaubt. Ich will ihn zum Reden bringen.
Zuerst sagte ich: “Nehmen Sie Platz, Herr Rivers.”
Aber er antwortete, wie er immer that, daß er nicht bleiben könne. Sehr gut, antwortete ich bei mir selber, so stehen Sie, wenn Sie wollen: aber Sie sollen jetzt noch nicht fort, das habe ich beschlossen: die Einsamkeit ist wenigstens eben so schlimm für Sie als für mich. Ich will versuchen, ob ich nicht die rege Springfeder Ihres Vertrauens entdecke und eine Oeffnung in dieser marmornen Brust finde, durch die ich einen Tropfen Balsam der Sympathie hineingießen kann.
"Ist dieses Portrait ähnlich?" fragte ich gerade zu.
“Aehnlich! Wem? Ich sah es nicht genau an.”
“Sie thaten es doch, Herr Rivers.”
Er setzte bei meiner plötzlichen und seltsamen Rede und blickte mich erstaunt an.
“O, das ist noch Nichts,” flüsterte ich bei mir selber.
“Ich lasse mich durch ein wenig Kälte von Ihrer Seite nicht zurückschlagen: ich bin bereit, gewiß nicht so bald abzulassen.”
"Sie betrachteten es sorgfältig und genau,” fuhr ich fort: "doch ich habe Nichts dagegen, wenn Sie es noch einmal ansehen."
Hier stand ich auf und gab es ihm in die Hand.
"Ein wohl ausgeführtes Bild,” sagte er; “das Colorit ist sehr sanft und klar; die Zeichnung sehr graziös und correct ."
"Ja, ja, ich weiß das Alles. Aber was sagen Sie von der Aehnlichkeit? Wen stellt es vor?”
"Miß Oliver vermuthlich," antwortete er, indem er ein unwillkürliches Zaudern bemeisterte.
"Natürlich. Und nun, Herr, um Sie für Ihr richtiges Errathen zu belohnen, will ich Ihnen versprechen, Ihnen eine sorgfältige und getreue Copie von diesem Portrait zu
malen, wenn Sie gestehen wollen, das das Geschenk Ihnen angenehm sein würde. Ich will indes meine Zeit und Mühe nicht an ein Geschenk verschwenden, welches Sie für werthlos achten würden."
Er fuhr fort, das Bild anzusehen: Je länger er es ansah, je fester er es hielt, desto mehr schien es seine Bewunderung zu erregen.
"Es ist ähnlich!" murmelte er; “das Auge ist gut behandelt: das Colorit, das Licht, der Ausdruck, Alles ist vollkommen. Es lächelt!”
"Würde es Sie trösten oder Sie verwunden, ein ähnliches Bild zu haben? Sagen Sie mir das. Wenn alle in Madagascar, am Vorgebirge der guten Hoffnung oder in Indien sind, würde es ein Trost für Sie sein, dies Erinnerungszeichen in Ihrem Besitz zu haben: oder würde der Anblick Erinnerungen erregen, die Sie entnervten und
bekümmerten?”
Er hob jetzt verstohlen seine Augen, sah mich unentschlossen und verstört an und betrachtete dann wieder das Bild.
"Das ich es gern haben möchte, ist gewiß ob es vernünftig
oder weise sein würde, ist eine andere Frage.”
Seit ich mich überzeugt hatte, daß Rosamunde ihn wirklich verzog, und daß ihr Vater sich der Verbindung wahrscheinlich nicht widersetzen würde, war ich in meinem Herzen sehr geneigt, ihre Verbindung zu befördern, da meine Ansichten weniger erhaben waren, als die des jungen Geistlichen. Wenn er Besitzer von Herrn Oliver’s großem Vermögen würde, dachte ich, könnte er damit eben so viel
Gutes stiften, als wenn er sein Genie und seine Kraft unter einer tropischen Sonne verwelken und verdorren ließ. In dieser Ueberzeugung antwortete ich jetzt:
“So weit ich sehen kann, würde es weiser und verständiger sein, wenn Sie sich das Original selbst aneignen.”
Jetzt hatte er sich niedergesetzt, das Bild vor sich auf den Tisch gelegt, stützte seine Stirn mit beiden Händen und neigte sich zärtlich darüber. Ich bemerkte, daß er jetzt weder ärgerlich noch beleidigt den meiner Kühnheit war. Ich bemerkte sogar, daß die freie Anrede über einen Gegenstand, den er für unzugänglich gehalten — die freie Behandlung desselben — ihm ein neues Vergnügen — eine ungehoffte
Erleichterung gewährte. Zurückhaltende Leute bedürfen wirklich oft der offenen Verhandlung über ihre Empfindungen und ihren Kummer, mehr noch als die mittheilenden. Der am strengsten scheinende Stoiker ist doch am Ende immer ein Mensch; und mit Kühnheit und gutem Willen in die stille See ihrer Gedanken hineinzubrechen, heißt oft, ihnen die größten Verpflichtungen auferlegen.
"Ich bin gewiß, sie liebt Sie,” sagte ich, als ich hinter seinem Stuhle stand, “und ihr Vater achtet Sie. Ueberdies ist es ein liebes Mädchen — freilich ein wenig gedankenlos, aber Sie würden Nachdenken genug für Sie Beide haben. Sie sollten sie heirathen."
"Liebt sie mich denn?” fragte er.
”Gewiß, mehr als sie sonst irgend Jemand liebt. Sie spricht beständig von Ihnen: kein Gegenstand unterhält sie so sehr und keinen berührt sie öfter.”
"Dies ist in der That sehr angenehm zu hören,” sagte er. " Fahren Sie noch eine Viertelstunde damit fort.”
Und er zog wirklich seine Uhr heraus und lege sie auf den Tisch, um die Zeit abzumessen.
"Aber was nützt es, fortzufahren," fragte ich, “da Sie sich wahrscheinlich auf einen eisernen Schlag des Widerspruches vorbereiten oder eine neue Kette schmieden, um Ihr Herz zu fesseln?”
"Stellen Sie sich nicht so harte Dinge vor. Denken Sie sich, daß ich nachgebend und hinschmelzend bin, wie es der Fall ist — daß die menschliche Liebe, sich erhebend gleich einer frisch geöffneten Quelle in meinem Geiste, das ganze Feld, welches ich so sorgfältig und mit solcher Anstrengung bestellt — so unablässig mit der Saat guter Absichten und aufopfernder Pläne besäet, mit lieblichen Wellen überfließt. Und nun ist es von einer Nektarfluth übergossen — die jungen Keime sind getränkt und fangen köstliches Gift ein: jetzt sehe ich mich auf einer Ottomane in dem Gesellschaftszimmer zu Vale Hall zu den Füßen meiner Braut Rosamunde Oliver ausgestreckt: sie redet mit ihrer lieblichen Stimme zu mir — blickt auf mich nieder mit jenen Augen, die Ihre geschickte Hand so gut kopirt hat, und lächelt mich mit diesen Korallenaugen an. Sie ist mein — ich bin der ihre — dieses gegenwärtige Leben und die vergängliche Welt genügen mir. Still! sagen Sie Nichts — mein Herz ist voll Wonne — meine Sinne sind in Entzücken verloren — lassen Sie die erwähnte Zeit im Frieden vorübergehen."
Ich That ihm seinen Willen — die Uhr pickte weiter — er athmete rasch und tief — er stand schweigend da. Bei dieser Stille verging die Viertelstunde: er steckte die Uhr wieder ein, legte das Bild nieder, fuhr auf und stellte sich an den Kamin.
"Nun," sagte er, “dieser kleine Zeitraum war dem Wahn und der Täuschung geweiht. Ich ließ meine Schläfen an der Brust der Versuchung ruhen und bot meinen
Nacken freiwillig dem Blumenjoche dar; ich kostete ihren Becher. Das Kissen war glühend: es ist eine Natter unter den Blumen, der Wein hat einen bittern Geschmack: Ihre Versprechungen sind hohl — Ihr Anerbieten falsch: ich sehe und weiß dies Alles.”
Ich sah ihn verwundert an.
"Es ist seltsam,” fuhr er fort, “daß ich, während ich Rosamunde Oliver so lebhaft — mit der ganzen Innigkeit der ersten Leidenschaft liebe — während der Gegenstand dieser Leidenschaft ausnehmend schön, anmuthsvoll und bezaubernd ist — zu gleicher Zeit das ruhige unvermeidliche Bewußtsein hege, daß sie keine gute Gattin für mich sein würde; daß sie keine passende Lebensgefährtin für mich ist; daß ich dies innerhalb eines Jahres nach unsrer Verbindung entdecken und daß auf das Entzücken eines Jahres eine Lebenszeit der Reue folgen würde. Dies weiß ich.”
Ich konnte nicht umhin, auszurufen: "Seltsam, in der That.”
"Während etwas in mir sehr empfindlich für ihre Reize ist,” fuhr er fort, "fühlt etwas Anderes ebenso tief ihre Mängel: sie sind von der Art, daß sie für Nichts Theilnahme empfinden könnte, wonach ich strebte — in Nichts mitwirken könnte, was ich unternähme. Rosamunde, eine Dulderin, eine Arbeiterin, ein weiblicher Apostel! Rosamunde.
das Weib eines Missionairs? Nein!”
"Aber Sie dürfen ja nur kein Missionair werden. Sie können den Plan aufgeben."
"Aufgeben! Was — meinen Beruf? mein großes Werk? mein auf der Erde gelegtes Fundament zu einem Gebäude im Himmel? meine Hoffnungen, unter die Zahl derjenigen gezählt zu werden, die all ihren Ehrgeiz in den Einzigen untergetaucht haben, ihr Geschlecht zu bessern — Kenntniß zu tragen in die Reiche der Unwissenheit — Krieg gegen Frieden — Knechtschaft mit Freiheit — Aberglauben mit Religion — die Furcht vor der Hölle gegen die Hoffnung auf den Himmel zu vertauschen? Muß ich das aufgeben? Es ist mir theurer, als das Blut in meinen Adern. Das ist es, was ich zu erwarten, wofür ich zu leben habe.”
Nach einer beträchtlichen Pause sagte ich:
“Und Miß Olivers ist ihre Täuschung und ihr Kummer für Sie von keinem Interesse?”
“Miß Oliver ist stets von Bewerbern und Schmeichlern umgeben: in weniger als einem Monat wird mein Bild in ihrem Herzen erloschen sein. Sie wird mich vergessen und wahrscheinlich Jemand heirathen, der sie wahrscheinlich glücklicher machen wird, als ich es könnte."
"Sie reden kalt genug; aber Sie leiden bei dem Kampfe. Sie verzehren sich."
"Nein. Wenn ich ein wenig abfalle, so kommt es von der ängstlichen Erwartung wegen meiner noch unbestimmten Aussichten — wegen meiner beständig verzögerten Abreise. Erst diesen Morgen erhielt ich die Nachricht, daß der Nachfolger dessen Ankunft ich so lange erwartet habe, noch in drei Wochen nicht bereit sein kann, mein Amt zu übernehmen und vielleicht können die drei Monate zu sechs werden.”
"Sie zittern und erröthen immer, wenn Miß Oliver in die Schulstube tritt.”
Wieder zeigte sich der überraschte Ausdruck in seinem Gesichte. Er hatte sich nicht eingebildet, daß ein Weib so zu einem Manne zu reden wagen würde. Ich empfand eine gewisse Beruhigung bei dieser Art der Unterhaltung. Ich konnte nie mit starken, verständigen und gebildeten Geistern verkehren, mochten es nun männliche oder weibliche sein, bis ich die Außenwerke der conventionellen Zurückhaltung eingenommen, die Schwele des Vertrauens überschritten und
einen Platz in ihrem Herzen gewonnen hatte.
"Sie sind originell und nicht furchtsam," sagte er. “Es ist etwas Tapferes in Ihrem Geiste und etwas Durchdringendes in Ihrem Auge: aber erlauben Sie mir die Versicherung, daß Sie meine Aufregung theilweise unrichtig auslegen. Sie halten sie für tiefer und mächtiger, als sie ist. Sie schreiben mir mehr Sympathie zu, als worauf ich Anspruch habe. Wenn ich vor Miß Oliver erröthe und zittere. so bemitleide ich mich nicht. Ich verachte die Schwäche, ich weiß, daß sie unedel ist: ein bloßes Fieber des Fleisches und nicht ein Krampf der Seele. Diese ist so unerschütterlich wie ein Felsen und steht fest in der Tiefe einer ruhelosen See. Nehmen Sie mich für das, was ich bin — für einen kalten harten Mann.”
Ich lächelte ungläubig.
“Sie haben mein Vertrauen mit Sturm erobert," fuhr er fort, “und jetzt steht es zu Ihrem Dienste. In meinem natürlichen Zustande — unbedeckt von dem Mantel, womit die christliche Lebe menschliche Mißgestalt bekleidet — bin ich ein kalter, harter, ehrgeiziger Mann. Die natürliche Neigung hat von allen Empfindungen allein dauernde Macht über mich. Vernunft und nicht Gefühl ist mein Führer; mein Ehrgeiz ist unbegrenzt, mein Wunsch, höher zu steigen und mehr zu thun als Andere, unersättlich. Ich ehre die Duldung, die Beharrlichkeit, den Kunstfleiß, das Talent;
weil es die Mittel sind, wodurch die Menschen große Zwecke erreichen und zu einer großen Höhe steigen. Ich beobachte Ihre Laufbahn mit Interesse, weil ich Sie als das Beispiel eines fleißigen, ordentlichen und kräftigen Frauenzimmers betrachte: nicht weil ich tiefes Mitgefühl empfinde für das, was Sie erduldet haben und noch erdulden.
"Sie wollen sich als einen blos heidnischen Philosophen schildern," sagte ich.
"Nein. Dieser Unterschied ist zwischen mir und dem dëistischen Philosophen: ich glaube an das Evangelium. Sie verfehlten nur ihren Ausdruck. Ich bin kein Heide,
sondern ein christlicher Philosoph — ein Jünger der Secte Jesu. Als sein Jünger nehme ich seine reinen, gnadenvollen, wohlwollenden Lehren an. Ich vertrete sie; ich bin beeidigt, sie auszubreiten. In der Jugend für die Religion gewonnen, hat sie meine ursprünglichen Anlagen sie ausgebildet: aus dem kleinen Saamenkorn der natürlichen Neigung hat sie den weitschattenden Baum der Philanthropie entwickelt. Aus der wilden, bindenden Wurzel menschlicher Redlichkeit hat sie ein geeignetes Gefühl der göttlichen Gerechtigkeit erhoben. Aus dem Ehrgeiz, Macht und Ruhm für mein elendes Ich zu gewinnen, hat sie den Ehrgeiz gebildet, das Reich meines Herrn auszubreiten, Siege für die Fahne des Kreuzes zu erkämpfen. Soviel hat die Religion für mich gethan; sie hat die ursprünglichen Materialien auf's Beste angewendet: meine Natur gereift und geschult. Aber sie konnte die Natur selbst nicht ausrotten: auch wird sie nicht entwurzelt werden, bis dieses Sterbliche das Unsterbliche anzieht.”
Nachdem er dies gesprochen, nahm er seinen Hut, der neben meiner Palette auf dem Tische lag.
Noch einmal blickte er das Portrait an.
"Sie ist in der That liebenswürdig," flüsterte er. “Sie heißt mit Recht die Rose der Welt!”
"Und darf ich nicht eine Copie davon für Sie malen?”
"Bei welchem Zweck? Nein."
Er legte das dünne Blatt Papier über das Bild, worauf ich meine Hand ruhen zu lassen pflegte, um das Kartenblatt nicht zu beschmutzen. Was er plötzlich auf diesem weißen Papier sehen mochte, konnte ich nicht sagen, aber es war ihm etwas in's Auge gefallen. Er nahm es rasch auf, sah den Rand desselben an, warf mir einen unaussprechlich eigenthümlichen und ganz unbegreiflichen Blick zu — einen Blick, der jeden Punkt an meiner Gestalt, meinem Gesicht und meiner Kleidung zu beobachten schien, denn er durchdrang Alles rasch und scharf, wie der Blitz, seine Lippen öffneten sich, als wollte er reden; aber er hielt die Worte zurück, welcher Art sie auch waren.
"Was ist?” fragte ich.
"Nichts in der Welt,” war die Antwort.
Er legte das Papier wieder hin, nachdem er geschickt einen schmalen Streifen vom Rande abgerissen, den er in seinen Handschuh steckte; sagte mit hastigem Nicken: “Guten Abend," und verschwand.
"Ei,” rief ich, "das geht doch zu weit!”
Ich untersuchte jetzt das Papier, sah aber Nichts daran, als einige Farbeflecken, die ich gemacht hatte, um meinen Pinsel zu probiren. Ich sann einige Minuten über das Geheimniß nach; als ich es aber unauflöslich fand und mich überzeugt hielt, daß es nicht von großer Bedeutung sein könne, dachte ich nicht weiter daran und vergaß es bald.


Siebentes Kapitel.

Als Herr Saint John ging, begann es zu schneien, der wirbelnden Sturm wägte die ganze Nacht und am nächsten Tage führte der scharfe Wind frischen und blendenden Schnee herbei: in der Dämmerung war das Thal zugeweht und fast unzugänglich. Ich hatte meine Fensterladen geschlossen, eine Matte vor die Thür gelegt, damit der Schnee nicht unter derselben hereinwehe, mein Feuer geschürt, und nachdem ich beinahe eine Stunde am Kamin gesessen und der Wuth des Sturmes zugehört, zündete ich Licht an, nahm den Marmion zur Hand und begann zu lesen:

Der Abend sinkt auf Norham's Schloß,
In jenes Stromes dunklen Schooß,
Auf Teviot's Berge groß und klein;
Die hohen Thürme rings umfloß,
Die steilen Mauern übergoß
Der gelbe Abendschein.

Bald vergaß ich den Sturm bei dieser Musik.
Ich hörte ein Geräusch und glaubte, es sei der Wind, der die Thür bewege. Nein, es war Saint John Rivers, der die Thür öffnete, der aus dem kalten Orkan, aus der heulenden Dunkelheit hereinkam und vor mir stand. Der Mantel, der seine hohe Gestalt bedeckte, war weiß wie ein Gletscher. Ich war bestürzt, so wenig hatte ich an dem Abend
einen Gast aus dem zugewehten Thale erwartet.
“Bringen Sie eine schlimme Nachricht?” fragte ich, “Hat sich etwas zugetragen?”
“Nein. Wie leicht empfinden Sie Schrecken!” antwortete er, seinen Mantel ablegend und an die Thür hängend. Dann schob er kalt die Matte wieder vor, die durch seinen Eintritt verschoben war, und stampfte den Schnee von seinen Stiefeln.
“Ich werde Ihren reinen Fußboden beschmutzen,” sagte
er, “aber Sie müssen mich dies Mal entschuldigen.”
Dann näherte er sich dem Feuer.
“Es hat mir Anstrengung gekostet, hierher zu kommen,
das versichere ich Ihnen,” fuhr er fort, indem er seine Hände
über der Flamme wärmte. “Einmal sank ich tief ein, doch
zum Glück ist der Schnee noch ganz locker.”
Aber warum kommen Sie?” konnte ich nicht umhin
zu sagen.
“Das ist eine ziemlich unfreundliche Frage an einen
Gast; aber da Sie sie ausgesprochen haben, will ich Ihnen antworten, daß ich nur ein wenig mit Ihnen reden möchte,
da ich meiner stummen Bücher und leeren Zimmer überdrüßig wurde. Ueberdies habe ich seit gestern die Aufregung
eines Menschen empfunden, dem man eine Geschichte halb
erzählt hat und der ungeduldig ist, das Ende zu hören.”
Er setzte sich nieder. Ich erinnerte mich an sein gestriges seltsames Benehmen und begann wirklich für seinen
Verstand zu fürchten. Wenn er indessen unsinnig war, so
war sein Unsinn sehr kalt und besonnen: ich hatte sein schönes Gesicht nie mehr dem Marmor gleich gesehen, als jetzt.
Als er sein vom Schnee benetztes Haar aus der Stirne strich und das Licht des Feuers frei auf seine weiße Stirn und blasse Wange scheinen ließ, worin ich mit Bedauern
eine Furche entdeckte, die Sorge oder Kummer jetzt so deutlich gezogen. Ich schwieg und erwartete, er würde etwas sagen, was ich wenigstens verstehen könne; aber seine Hand war jetzt an seiner Wange, sein Finger an der Lippe: er sann nach. Es fiel mir auf, daß seine Hand abgemagert war, wie sein Gesicht. Ein vielleicht unpassendes Gefühl
des Mitleids kam in mein Herz und ich ließ mich bewegen zu sagen:
“Ich wollte Diana oder Maria könnte kommen und bei Ihnen wohnen: es ist übel, daß Sie so ganz allein leben; Sie sind zu unbesorgt für Ihre Gesundheit.”
“Durchaus nicht,” sagte er; “ich sorge für mich, wenn es nöthig ist: jetzt ist mir wohl. Was sehen Sie denn Auffallendes an mir?”
Dies wurde mit nachlässiger, zerstreuter Gleichgültigkeit ausgesprochen, die mir zeigte, daß meine Besorgniß wenigstens seiner Meinung nach völlig überflüssig sei. Ich schwieg.
Er bewegte noch langsam seinen Finger über seine Oberlippe und sein Auge richtete sich träumerisch auf das glühende Feuer. Ich hielt es für nöthig, etwas zu sagen und fragte,
ob er keinen Zug von der hinter ihm befindlichen Thür empfinde.
“Nein, nein,” antwortete er kurz und etwas mürrisch.
“Gut,” sagte ich, “wenn Sie nicht reden wollen, so will ich schweigen: ich will Sie jetzt in Ruhe lassen und zu meinem Buche zurückkehren.”

Ich putzte das Licht und fuhr fort, den Marmion zu lesen. Er regte sich bald; mein Auge wurde sogleich von seinen Bewegungen angezogen: er zog nur eine Brieftasche
hervor, nahm einen Brief heraus, las ihn schweigend, faltete
ihn zusammen, legte ihn wieder an seinen Ort und versank
nochmals in Nachdenken. Es war vergebens, bei einer so
starren Gegenwart zu lesen; auch konnte ich bei meiner Ungeduld nicht stumm bleiben: er mochte mich zur Ruhe verweisen, wenn er wollte, aber reden mußte ich.
“Haben Sie kürzlich Nachricht von Diana und Marie?”
“Nicht seit dem Briefe, den ich Ihnen vor einer Woche
zeigte.”
“Ist keine Veränderung in Ihren Anordnungen vorgegangen? werden Sie nicht früher aufgefordert werden, England zu verlassen, als Sie es erwarteten?”
“Ich fürchte mich: ein solches Glück ist zu gut für mich.”
So zurückgewiesen, veränderte ich den Gegenstand und es fiel mir ein, von der Schule und meinen Schülerinnen zu reden.
“Maria Garrett's Mutter ist wieder hergestellt und Maria ist diesen Morgen wieder in die Schule gekommen, und in der nächsten Woche werde ich vier neue Mädchen von der
Gießerei bekommen — sie wären schon heute gekommen, wenn der Schnee sie nicht zurückgehalten hätte.”
“So!”
“Herr Oliver zahlt für zwei.”
“So!”
“Er beabsichtigt, zu Weihnachten die ganze Schule zu bewirthen.”
“Ich weiß es.”
“War es Ihr Vorschlag?”
“Nein.”
“Wessen denn?”
“Seiner Tochter, denke ich.”
“Das sieht ihr gleich: sie ist so gutmüthig.”
“Ja.”
Wieder trat eine Pause ein: die Uhr schlug acht. Er wurde aus seiner Träumerei erweckt, setzte sich gerade hin und wendete sich zu mir.

“Lassen Sie Ihr Buch einen Augenblick und kommen
Sie dem Feuer ein wenig näher,” sagte er.
Mich verwundernd und meiner Verwunderung kein Ende findend, willigte ich ein.
“Vor einer halben Stunde sprach ich von meiner Ungeduld, das Ende einer Geschichte zu hören,” fuhr er fort.
“Bei weiterem Nachdenken finde ich, daß die Sache sich besser machen läßt, wenn ich die Rolle des Erzählers übernehme und Sie in eine Zuhörerin verwandle. Ehe ich beginne, ist es nicht mehr als billig, Sie zu benachrichtigen, daß die Geschichte Ihnen ein wenig abgedroschen erscheinen wird; aber bekannte Ereignisse erlangen oft wieder eine gewisse Frische, wenn sie durch neue Lippen gehen. Uebrigens ist die Geschichte kurz, mag sie nun abgedroschen oder neu sein.”
“Vor zwanzig Jahren verliebte sich ein armer Prediger
— für den Augenblick wollen wir seinen Namen verschweigen — in die Tochter eines reichen Mannes: sie liebte ihn
auch und heirathete ihn gegen den Rath aller ihrer Verwandten, die sie folglich gleich nach der Trauung verstießen.
Ehe zwei Jahre um waren, starben Beide und liegen ruhig
nebeneinander unter einem Leichenstein. Ich habe ihr Grab
gesehen, und es befindet sich auf einem ungeheuren Kirchhofe,
der eine schwarze, alte Kathedrale in einer übervölkerten
Manufactur-Stadt in der Grafschaft N. umgibt. Sie hinterließen eine Tochter, welche schon bei ihrer Geburt von
der Barmherzigkeit in ihren kalten Schooß aufgenommen
wurde — so kalt wie der Schneehaufen, in dem ich diesen
Abend fast stecken blieb. Die Barmherzigkeit brachte das
freundlose Wesen zu dem Hause seiner reichen mütterlichen
Verwandten; es wurde von einer Tante, Namens — jetzt kommen die Namen — Mistreß Reed von Gateshead auferzogen — Sie stutzen. — Hörten Sie ein Geräusch? Ich in dem nahen Schulgebäude umherläuft: es war vorher eine Scheune, ehe ich es ausbessern und herstellen ließ, und Scheunen werden gewöhnlich von Ratten heimgesucht. Doch zur Sache. Mistreß Reed behielt die Waise zehn Jahre bei sich: ob sie sich bei ihr glücklich fühlte, kann ich nicht sagen, da man es mir nicht mitgetheilt hat; doch nach Verlauf dieser Zeit brachte sie sie an einen Ort, den Sie kennen, denn es ist kein anderer, als die Schule zu Lowood, wo Sie sich selber so lange aufhielten. Wie es scheint, war ihre Laufbahn dort sehr ehrenvoll: aus einer Schülerin wurde sie Lehrerin, wie Sie selber — in der That ist es mir auffallend, daß so viel Aehnlichkeit zwischen der Geschichte dieses
Märchens und der Ihrigen herrscht — sie verließ die Schule und wurde Erzieherin: auch darin stimmt Ihr Schicksal überein; sie übernahm die Erziehung der Mündel eines gewissen Herrn Rochester.”
“Herr Rivers!” fiel ich ein.
“Ich errathe Ihre Gefühle,” sagte er; “aber halten Sie
sich noch eine Weile zurück: ich bin gleich zu Ende. Von
dem Charakter dieses Herrn Rochester weiß ich Nichts, als
daß er diesem jungen Mädchen eine ehrenvolle Verbindung
anbot, und daß sie am Altar entdeckte, er habe schon eine
Frau, die noch am Leben sei, obgleich eine Wahnsinnige.
Welches sein folgendes Benehmen und seine Vorschläge waren, ist eine Sache der bloßen Vermuthung; aber als sich
ein Ereigniß zutrug, welches die Nachfrage nach der Erzieherin nöthig machte, fand es sich, daß sie fort war —
Niemand konnte sagen, wann, wo oder wie. Sie hatte
Thornfield Hall in der Nacht verlassen; jede Nachsuchung
war natürlich vergebens gewesen: man hatte das Land nah
und fern durchsucht, aber keine Spur von Nachricht von ihr
erhalten können. Aber jetzt ist es dringend nöthig geworden, sie aufzufinden; in allen Zeitungen sind Aufforderungen
ergangen: ich selber habe einen Brief von einem Rechtsconsulenten Namens Briggs erhalten, der mir die eben mitgetheilte Nachricht kund thut. Ist es nicht eine seltsame Geschichte?”
Sagen Sie mir nur dies Eine,” rief ich, “und da Sie
so viel wissen, können Sie es mir gewiß sagen — wie geht
es Herrn Rochester? Wo ist er? Was thut er? Ist er
wohl?”
“Ich bin mit Allem unbekannt, was Herrn Rochester
betrifft: der Brief erwähnt ihn nur, um seinen betrügerischen
und ungesetzlichen Versuch zu berichten. Sie sollten lieber

nach dem Namen der Erzieherin fragen und nach dem Ereignisse, welches ihr Erscheinen nöthig macht.”
“Es ging also Niemand nach Thornfield Hall und besuchte Herrn Rochester?”
“Ich vermuthe nicht.”
“Aber man schrieb an ihn”
“Natürlich.”
“Und was sagte er? Wer hat seine Briefe?”
“Herr Briggs meldet mir, daß die Antwort auf seine
Anfrage nicht von Herrn Rochester, sondern von einer Dame
gewesen, die sich Elise Fairfax unterzeichnet.”
Ich fühlte mich kalt und erschrocken, meine schlimmste
Furcht bestätigte sich also wahrscheinlich: er hatte ohne
Zweifel England verlassen und eilte, wie früher, in ruheloser Verzweiflung auf dem Continente umher. Und welches
Opium für sein heftiges Leiden, — welchen Gegenstand für
seine mächtigen Leidenschaften mochte er dort gesucht haben?
Ich wagte die Frage nicht zu beantworten. O mein armer
Herr — einst fast mein Gatte — den ich so oft meinen
theuern Eduard genannt hatte!
“Er muß ein böser Mensch gewesen sein,” sagte Herr
Rivers.
“Sie kennen ihn nicht — sprechen Sie auch kein Urtheil
über ihn aus,” sagte ich mit Wärme.
“Sehr gut,” antwortete er rasch; “und in der That ist
mein Kopf anders beschäftigt, als mit ihm: ich muß meine
Erzählung beenden. Da Sie nicht nach dem Namen der
Erzieherin fragen wollen, so muß ich ihn selber nennen —
warten Sie — ich habe ihn wieder — es ist immer befriedigender, wichtige Dinge Schwarz auf Weiß zu sehen.”
Und die Brieftasche wurde wieder bedächtig zum Vorschein gebracht, geöffnet und durchsucht; aus einer Seitentasche wurde ein beschmutztes, hastig abgerissenes Stück Papier hervorgezogen: ich erkannte an dem Wasserzeichen und
den Flecken von Ultramarin, Himmelblau und Carmoisin
den abgerissenen Rand des Papiers, womit ich das Portrait
bedeckt hatte. Er stand auf, hielt es dicht vor meine Augen
und ich las darauf in meiner eigenen Handschrift die Worte:

Johanna Eyre, die ich ohne Zweifel in einem Augenblicke
ver Zerstreuung geschrieben.
“Briggs schrieb mir von einer Johanna Eyre,” sagte
er, “die Aufforderungen nannten eine Johanna Eyre; ich
kannte eine Johanna Elliott. — Ich bekenne, daß ich meinen Verdacht hegte, doch wurde er erst gestern Nachmittag
zur Gewißheit. Sie erkennen den Namen an und legen den
andern ab?”
“Ja — aber wo ist Herr Briggs? Er weiß vielleicht
mehr von Herrn Rochester, als Sie.”
“Briggs ist in London; doch zweifle ich, daß er irgend
etwas von Herrn Rochester weiß, da er sich nicht für Herrn
Rochester interessirt. Inzwischen vergessen Sie wesentliche
Dinge, indem Sie Kleinigkeiten nachforschen: Sie fragen
nicht, warum Herr Briggs Sie aufsucht — was er von
Ihnen will.”
“Nun, was will er denn?”
“Ihnen nur sagen, daß Ihr Oheim, Herr Eyre, in
Madeira gestorben ist, Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen hat und daß Sie jetzt reich sind — nur das — weiter Nichts.”
Ich! reich?”
Ja, Sie, reicheine Erbin.” Es trat ein Schweigen ein.
“Sie müssen natürlich beweisen, daß Sie die erwähnte
Person sind,” fuhr Saint John sogleich fort, “welcher Schritt
Ihnen keine Schwierigkeit machen wird; dann können Sie
sogleich den Besitz antreten. Ihr Vermögen ist in englischen
Fonds angelegt: Briggs hat das Testament und die nöthigen Documente.”
Hier war eine neue Karte aufgeschlagen! Es ist eine
schöne Sache, Leser, in einem Augenblick von der Dürftigkeit zum Reichthum versetzt zu sein — eine sehr schöne
Sache — doch kann man nicht Ales auf einmal begreifen
oder genießen. Und dann gibt es andere Fälle im Leben,
die weit aufregender und entzückender sind: dies ist fest, eine
Sache der wirklichen Welt und hat nichts Idealisches an sich: alle damit verbundenen Gedanken sind sicher und nüchtern. Man hüpft und springt nicht und ruft hurrah! wenn

man hört, daß Einem ein Vermögen zugefallen ist; man
beginnt damit, die Verantwortlichkeiten zu überlegen und
über Geschäfte nachzudenken: auf einer Grundlage sicherer
Befriedigung erheben sich gewiß ernste Sorgen — und wir
fassen uns und brüten mit feierlicher Stirn über unser Glück.
Uebrigens gehen die Worte Vermächtniß und Erbschaft
mit den Worten Tod und Begräbniß Hand in Hand. Ich
hatte gehört, daß mein Oheim, mein einziger Verwandter,
todt sei; seit ich um sein Dasein gewußt, hatte ich die Hoffnung genährt, ihn einst zu sehen: jetzt konnte ich es nicht
mehr. Und dann fiel dieses Geld allein mir zu: nicht mir
und einer erfreuten Familie, sondern nur meinem vereinzelten Ich. Es war ohne Zweifel ein großes Glück; die Unabhängigkeit mußte herrlich seinja, das fühlte ich —
und dieser Gedanke schwellte mein Herz.
“Endlich wird Ihre Stirn wieder heiter,” sagte Herr
Rivers; “ich glaubte, Medusa habe Sie angeblickt und Sie
wären in Stein verwandelt — vielleicht werden Sie jetzt
fragen, wie viel Sie werth sind?”
“Wie viel bin ich werth?”
“O, eine Kleinigkeit! Natürlich nicht der Rede werth
— zwanzigtausend Pfund, meine ich, hieß es — doch was
ist das?”
“Zwanzigtausend Pfund!”
Hier trat ein neues Erstaunen ein ich hatte auf vier-
oder fünftausend gerechnet. Diese Nachricht hielt in der That
auf einen Augenblick meinen Athem zurück, und Herr Saint
John, den ich noch nie vorher hatte lachen hören, lachte jetzt.
Wenn Sie einen Mord begangen hätten,” sagte er,
und ich hätte Ihnen mitgetheilt, daß Ihr Verbrechen entdeckt sei, hätten Sie nicht erschrockener aussehen können.”
Es ist eine große Summe — denken Sie nicht, daß
hier ein Irrthum obwaltet?”
“Nicht der geringste Irrthum.”
“Vielleicht haben Sie sich in den Zahlen versehen — es
mag zweitausend heißen.”
“Es ist mit Buchstaben und nicht mit Ziffern geschrieben
und es heißt zwanzigtausend.”
Ich kam mir wie ein Mensch mit großer Eßlust vor, der

sich allein an eine Tafel setzt, auf welcher Speisen für Hundert
stehen. Herr Rivers stand jetzt auf und legte seinen Mantel an.
“Wenn es nicht eine so sehr wilde Nacht wäre,” sagte er, “so würde ich Hannah hinunterschicken, um Ihnen Gesellschaft zu leisten: Sie sehen zu verzweifelt elend aus, um allein gelassen zu werden. Aber die arme Hannah könnte nicht so gut, wie ich, über die Schneehaufen wegschreiten,
denn ihre Beine sind nicht ganz so lang: so muß ich Sie
also jetzt Ihren Sorgen überlassen. Gute Nacht.”
Er faßte die Klinke an, als mir ein plötzlicher Gedanke
einfiel.
“Warten Sie noch eine Minute!” rief ich.
“Nun?”
“Ich bin begierig, zu erfahren, warum Herr Briggs
Ihnen von mir schrieb; wie er Sie kannte oder vermuthen
konnte, daß Sie, der Sie an einem so abgelegenen Orte
wohnen, zu der Entdeckung behülflich sein könnten.”
“O! ich bin ein Geistlicher,” sagte er, “und der Geistlichkeit werden oft seltsame Dinge vorgebracht.”
Wieder rasselte die Klinke.
Nein, das genügt mir nicht!” rief ich, und es lag in
der That etwas in der hastigen und kurzen Antwort, was
meine Neugierde, anstatt sie zu befriedigen, nur noch mehr
anregte.
“Es ist ein sehr seltsames Geschäft,” fügte ich hinzu,
“und ich muß mehr davon wissen.”
“Ein andermal.”
“Nein, diesen Abend — diesen Abend!” und als er
von der Thür abwendete, stellte ich mich zwischen ihn
und diese. Er sah etwas verlegen aus.
“Sie sollen gewiß nicht gehen, ehe Sie mir Alles gesagt
haben!” sagte ich.
“Ich möchte es lieber nicht gerade jetzt.”
Sie sollenSie müssen!”
Ich wollte lieber, Diana oder Maria benachrichtigten
Sie davon.”
Natürlich steigerten diese Einwendungen meine Lebhaftigkeit noch mehr: befriedigt mußte ich sein und zwar ohne
Verzug, und das sagte ich ihm.
“Aber ich benachrichtigte Sie schon, daß ich ein harter
Mann sei und schwer zu überreden,” sagte er.
Und ich bin ein hartes Weib — unmöglich, los zu
werden.”
“Ferner bin ich auch kalt,” fügte er hinzu: “keine Gluth
hat Einfluß auf mich.”
“Da bin ich heiß, und Feuer schmelzt das Eis. Die
Wärme hat allen Schnee an ihrem Mantel aufgethaut; zu
gleicher Zeit ist das Wasser über meinen Fußboden hingeströmt und hat gemacht, daß es wie eine vielbetretene Straße
aussieht. Wenn Sie je hoffen, daß ich Ihnen das große Verbrechen und die Rücksichtslosigkeit, eine mit Sand bestreute
Wohnstube zu verderben, vergeben werde, so sagen Sie mir,
was ich zu wissen wünsche.”
“Nun gut,” sagte er, “ich gebe nach, wenn auch nicht
Ihren Bitten, doch wenigstens Ihrer Beharrlichkeit, wie ein
Stein durch beständiges Tröpfeln ausgehölt wird. Ueberdies
müssen Sie es doch einst erfahren — eben so gut jetzt, als
später. Ihr Name ist Johanna Eyre.”
“Natürlich, das haben wir ja schon besprochen.”
Sie wissen vielleicht nicht, daß ich den gleichen Namen führe — daß ich unter dem Namen Saint John Eyre Rivers getauft wurde.”
“Nein, in der That nicht! Jetzt erinnere ich mich, den
Buchstaben E. in Ihren Büchern gefunden zu haben, die
Sie mir zu verschiedenen Zeiten geborgt; doch ich fragte
nicht, welchen Namen der Buchstabe bedeute. Aber was
denn? Gewiß —”
Ich hielt inne, ich konnte nicht wagen, den Gedanken
zu hegen, viel weniger noch auszusprechen, der sich mir aufdrängte und sich verkörperte — der in einer Sekunde in
starker und fester Wahrscheinlichkeit vor mir stand. Die
Umstände vereinten und ordneten sich: die Kette, die bisher
als ein formloser Haufen von Ringen dagelegen, wurde
gerade aus gezogen — jeder Ring war vollkommen, die
Verbindung vollständig. Ich wußte instinctmäßig, wie die
Sache stand, ehe Saint John noch ein Wort mehr gesagt

hatte; aber ich kann nicht erwarten, daß der Leser dieselbe
Wahrnehmung habe, daher muß ich seine Erklärung wiederholen.
“Meiner Mutter Name war Eyre: sie hatte zwei Bruder; der eine ein Geistlicher, welcher Miß Johanna Reed von Gateshead heirathete; der andere John Eyre, Esq., der
zuletzt Kaufmann zu Funchal auf Madeira war. Herr
Briggs, der Herrn Eyre's Sachwalter gewesen, schrieb uns
im letzten August und benachrichtigte uns von dem Todt
unsers Oheims. Zugleich theilte er uns mit, daß derselbe
sein Vermögen der verwaisten Tochter seines Bruders, des
Geistlichen, hinterlassen habe, indem er uns in Folge eines
nie vergessenen Streites zwischen ihm und meinem Vater
übergangen. Er schrieb einige Wochen später wieder und
sagte, die Erbin sei nicht zu finden und fragte, ob wir etwas
von ihr wüßten. Ein zufällig auf ein Stück Papier geschriebener Name setzte mich in den Stand, sie aufzufinden.
Sie wissen das Uebrige.”
Hier wollte er wieder gehen, doch ich stemmte meinen
Rücken gegen die Thür.
“Lassen Sie mich reden,” sagte ich; “lassen Sie mir
einen Augenblick Zeit, um Athem zu schöpfen und nachzudenken.” Ich schwieg — er stand mit dem Hut in der
Hand vor mir und sah ganz gefaßt aus. Ich fuhr fort:
Ihre Mutter war meines Vaters Schwester.”
Ja.”
Folglich meine Tante?”
Er nickte.
Mein Oheim John war Ihr Oheim John? Sie,
Diana und Maria sind seine Schwesterkinder, so wie ich
seines Bruders Kind bin?”
“Unleugbar.”
“Sie sind also mein Vetter und Ihre Schwestern meine
Cousinen: die Hälfte unsres Blutes auf jeder Seite ist aus
derselben Quelle?”
Wir sind Geschwisterkinder, ja.”
Ich betrachtete ihn. Es schien mir, als hätte ich einen
Bruder gefunden: einen, auf den ich stolz sein — den ich
lieben konnte, und zwei Schwestern, die mir, als ich sie

zur als Fremde kennen gelernt, wahre Zuneigung und Bewunderung eingeflößt hatten. Die beiden Märchen, die ich,
als ich auf dem feuchten Boden niederkniete und durch das
niedrige vergitterte Fenster des Wohnzimmers zu Moor House
blickte, mit einer so bittern Mischung und Theilnahme und
Verzweiflung ansah, waren meine nahen Verwandten, und
der junge und stattliche Herr, der mich fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden, war mein Blutsverwandter. Eine
herrliche Entdeckung für eine einsame Unglückliche! Es war
in der That Reichthum — Reichthum des Herzens — eine
Mine reiner und edler Neigungen. Dies war ein Segen,
der mich belebte und erheiterte — nicht wie die schwere
Gabe des Goldes: reich und willkommen genug auf ihre
Weise, aber eben wegen ihrer Last nüchterner. Ich klatschte
vor plötzlicher Freude in die Hände — mein Puls schlug
und meine Adern flossen schneller.
“O wie froh bin ich! — wie froh!” rief ich.
Saint John lächelte. “Sagte ich Ihnen nicht, Sie vernachlässigten wesentliche Punkte, um Kleinigkeiten zu verfolgen?” fragte er. “Sie blieben ernsthaft, als ich Ihnen
sagte, Sie hätten ein Vermögen geerbt; und nun sind Sie
aufgeregt wegen einer Sache von keiner Bedeutung.”
“Was können Sie damit meinen? Vielleicht ist es für
Sie von keiner Bedeutung: Sie haben Schwestern und kümmern sich nicht um eine Cousine; doch ich hatte Niemand;
und nun diese drei Verwandten oder zwei, wenn Sie nicht
mitgezählt sein wollen — sind für mich schon erwachsen zur
Welt gekommen. Darüber, sage ich, bin ich froh!”
Ich ging rasch durch's Zimmer: blieb halb erstickt stehen
von den Gedanken, die sich schneller erhoben, als ich sie
fassen, begreifen und ordnen konnte — die Gedanken von
dem, was geschehen könnte und würde, und zwar bald. Ich
sah die weiße Wand an: es schien ein Himmel zu sein, dicht
übersäet mit aufsteigenden Sternen — jeder leuchtete mir zu
einem Zwecke oder einer Freude. Denen, die mir das Leben
gerettet und die ich bis zu dieser Stunde unfruchtbar geliebt,
konnte ich jetzt Wohlthaten erweisen. Sie waren unter einem Joche, ich konnte sie befreien; sie waren getrennt — ich
konnte sie vereinen — die Unabhängigkeit, der Ueberfluß,

der mir zu Theil geworden war, konnte auch der ihrige
werden. Waren wir nicht unser vier? den zwanzigtausend Pfund erhielt Jeder, wenn sie gleich getheilt wurden,
fünftausend — das war genug: so wurde Gerechtigkeit
übt und das gegenseitige Glück gesichert. Jetzt war der
Reichthum keine Last für mich: jetzt war es nicht blos ein
Vermächtniß von Geldmünzen — es war ein Vermächtniß
von Leben, Hoffnung und Genuß.
Wie ich aussah, während diese Gedanken meinen Geist
mit Sturm einnahmen, kann ich nicht sagen; aber ich bemerkte bald, daß Herr Rivers einen Stuhl hinter mich gestellt
hatte und mich sanft zu bewegen suchte, mich darauf niederzusetzen. Er rieth mir auch, mich zu fassen. Ich spottete der
Bemerkung der Hülflosigkeit und Zerstreutheit; machte mich
von seiner Hand frei und begann wieder auf- und abzugehen.
“Schreiben Sie morgen an Diana und Maria,” sagte
ich, “und melden ihnen, daß sie gleich nach Hause kommen:
Diana sagte, sie würden sich Beide mit tausend Pfund für
reich halten; mit fünftausend werden sie also um so mehr
zufrieden sein können.”
Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser verschaffen kann,” sagte Saint John; “Sie müssen sich in
That bemühen, Ihre Gefühle zu beruhigen.”
“Unsinn! und welche Wirkung wird das Vermächtniß
auf Sie hervorbringen? Wird es machen, daß Sie in England bleiben, Sie bewegen, Miß Oliver zu heirathen und
sich wie ein gewöhnlicher Sterblicher niederzulassen?”
“Sie phantasiren: Ihr Kopf wirr verwirrt. Ich habe
Ihnen die Nachricht zu plötzlich mitgetheilt: sie hat Sie
über Ihre Kräfte aufgeregt.”
“Herr Rivers, meine Geduld ist bald zu Ende; ich bin
vernünftig genug; Sie sind es, der mich nicht versteht oder
vielmehr sich stellt, als verstände er mich nicht.”
Vielleicht würde ich Sie besser verstehen, wenn Sie sich
ein wenig deutlicher erklären wollten.”
“Erklären! Was ist hier zu erklären? Sie können
nicht umhin, zu sehen, daß zwanzigtausend Pfund, gleich getheilt unter den Neffen und die drei Nichten Ihres Oheims
für Jeden fünftausend ausmachen? Was ich verlange, ist

daß Sie an Ihre Schwestern schreiben und sie in Kenntniß
setzen, welches Vermögen ihnen zugefallen ist.”
“Ihnen, meinen Sie?”
“Ich habe meine Ansicht von der Sache ausgesprochen:
ich bin unfähig, eine andere Ansicht davon zu bekommen.
Ich bin nicht selbstsüchtig, ungerecht oder undankbar. Ueberdies habe ich mich entschlossen, eine Heimath und Verwandte
haben zu wollen. Mir gefällt Moor House, und ich will
in Moor House wohnen; Diana und Maria gefallen mir,
und ich will mein Lebelang mit Diana und Maria in
freundschaftlichem Umgange stehen. Es würde eine Wohlthat für mich sein, fünftausend Pfund zu haben; doch würde
mich der Besitz von zwanzigtausend quälen und niederdrücken; überdies könnte ich die Summe nie rechtmäßig, wenn
auch gesetzmäßig, besitzen. Ich überlasse Ihnen also, was
mir durchaus überflüssig ist. Setzen Sie mir keinen Widerstand entgegen und führen Sie die Unterredung darüber
nicht weiter fort: wir wollen uns darüber verständigen und
die Sache sogleich entscheiden.”
“Dies heißt, nach ersten Antrieben handeln: Sie müssen
sich einige Tage Zeit nehmen, um eine solche Sache zu überlegen, ehe Ihr Wort als gültig kann betrachtet werden.”
“O! wenn Sie nur an meiner Aufrichtigkeit zweifeln,
so bin ich ruhig. Sie sehen also die Gerechtigkeit der Sache
ein?”
“Ich sehe eine gewisse Gerechtigkeit darin; aber es ist
gegen alle Sitte. Uebrigens gehört Ihnen mit Recht das
ganze Vermögen: mein Oheim gewann es durch seine eigenen Anstrengungen; es stand ihm frei, es zu hinterlassen,
wem er wollte, und so gab er es Ihnen. Die Gerechtigkeit
gestattet Ihnen auch, es zu behalten, und Sie können es
mit reinem Gewissen als Ihr begründetes Eigenthum betrachten.”
Bei mir ist es eben so sehr Sache des Gefühls als des
Gewissens,” sagte ich: “ich muß meinen Gefühlen nachgeben; ich habe so selten Gelegenheit gehabt, es zu thun.
Wollten Sie mit mir streiten, sich widersetzen und mich ein Jahr lang belästigen, so könnte ich das kostbare Vergnügen nicht aufgeben, wovon ich schon einen Schimmer empfunden habe, nämlich einen Theil einer großen Verpflichtung zudem
zuzahlen und mir auf meine Lebenszeit Freunde zu gewinnen.”
So denken Sie jetzt,” versetzte Saint John, “weil sie
nicht wissen, was es heißt, etwas zu besitzen, und verstehen
folglich nicht, den Reichthum anzuwenden: Sie können sich
keinen Begriff davon machen, welche Wichtigkeit zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würden, welchen Platz Sie
dadurch in der Gesellschaft einnehmen, welche Aussichten
sich Ihnen eröffnen würden: Sie können nicht —”
Und Sie können sich das Verlangen nicht vorstellen,
welches ich nach brüderlicher und schwesterlicher Liebe habe,”
fiel ich ein. “Ich hatte nie eine Heimath, ich hatte nie
Brüder oder Schwestern; ich muß und will sie jetzt haben.
Sie haben Nichts dagegen, mich anzuerkennen, nicht wahr?”
“Johanna, ich will Ihr Bruder seinmeine Schwestern werden Ihre Schwestern sein, ohne die Aufopferung
Ihrer Rechte zu fordern.”
“Bruder? Ja, in der Entfernung von einigen tausend Stunden! Schwestern? Ja, welche Sclavendienste die Fremden verrichten! Und ich sollte reich sein und mit dem
Golde überladen, welches ich nicht erworben und nicht verdiene! Und Sie ohne Vermögen! Eine hübsche Gleichheit
und Brüderschaft! Eine sehr feste Verbindung! Eine vertraute Anhänglichkeit!”
“Aber Johanna, Ihr Streben nach Familienverbindungen und häuslichem Glück kann auch auf andere Weise, als
durch die Mittel erfüllt werden, die Sie im Sinne haben:
Sie können sich verheirathen.”
“Wieder Unsinn! Verheirathen! Ich will und werde
mich nie verheirathen.”
“Das ist zu viel gesagt: solche kühne Behauptungen sind
ein Beweis von der Aufregung, worin Sie sich befinden.”
“Es ist nicht zu viel gesagt; ich weiß, was ich fühle
und wie sehr ich dem bloßen Gedanken an Verheirathung
abgeneigt bin. Niemand würde mich aus Liebe nehmen
und ich will nicht als eine bloße Geldspeculation betrachtet
werden. Ich will keinen Fremden, der keine Theilnahme
für mich empfindet und von verschiedenem Charakter ist; ich will nur mit gleichgestimmten Personen umgehen, die wie ich fühlen und denken. Sagen Sie noch einmal, daß
Sie mein Bruder sein wollen; als Sie die Worte aussprachen, war ich zufrieden und glücklich, wiederholen Sie sie, und wenn Sie können, wiederholen Sie sie aufrichtig.”
“Ich denke, ich kann es. Ich weiß, ich habe immer
meine Schwestern geliebt; ich bin mir bewußt, worauf sich
meine Neigung zu ihnen gründet, — auf Achtung ihres Werthes und Bewunderung ihrer Talente. Auch Sie haben Grundsätze und Verstand: Ihr Geschmack und Ihre
Gewohnheiten gleichen denen Diana's und Maria's: Ihre Gegenwart ist mir stets angenehm; in Ihrer Unterhaltung habe ich bereits seit einiger Zeit einen heilsamen Trost gefunden. Ich fühle, ich kann leicht und natürlich einen Platz in meinem Herzen für Sie als meine dritte und jüngste Schwester einräumen.”
“Ich danke Ihnen: das genügt mir für diesen Abend. Nun wird es besser sein, Sie gehen; denn wenn Sie noch länger bleiben, werden Sie mich wieder durch Ihre mißtrauischen Bedenklichkeiten ärgern.”
Und die Schule, Miß Eyre? Die muß vermuthlich jetzt wohl geschlossen werden?”
“Nein. Ich will meinen Posten als Lehrerin behalten,
bis Sie eine Stellvertreterin für mich finden.”
Er lächelte billigend: wir drückten einander die Hände
und er entfernte sich.
Es wird unnöthig sein, von den weiteren Kämpfen zu
reden, die ich zu bestehen hatte, und von den Beweggründen,
die ich anwendete, um die Vertheilung des Vermächtnisses
zu bewerkstelligen, wie ich es wünschte. Meine Aufgabe
war in der That sehr schwer, da ich aber fest entschlossen
war und meine Verwandten sahen, daß ich von meinem
Vorsatze nicht abzubringen sei, und sie in ihrem Herzen
fühlen mußten, daß meine Ansicht richtig sei, und sich überdies bewußt waren, daß sie an meiner Stelle gerade so würden gehandelt haben, wie ich es zu thun wünschte, so gaben
sie endlich so weit nach, daß sie einwilligten, die Sache einem
Schiedsgericht zu übergeben. Die gewählten Richter waren
Herr Oliver und ein erfahrner Rechtsgelehrter: Beide stimmten meiner Ansicht bei und ich erlangte meinen Zweck. Die Uebertragungsache wurde ausgefertigt und Saint John,
Diana, Maria und ich hatten Alle unsern reichlichen Antheil.


Achtes Kapitel.

Das Weihnachtsfest war nahe, als Alles abgeschlossen
war; die Jahreszeit der allgemeinen Festlichkeit stand bevor
Ich schloß jetzt die Schule zu Morton und trug Sorge, daß
die Trennung von meiner Seite nicht leer abging. Das
Glück öffnet auf wunderbare Weise die Hand wie das Herz
und etwas zu geben, wenn wir reichlich empfangen haben,
heißt nur, dem ungewöhnlichen Ueberströmen der Gefühle
nachgeben. Ich hatte lange mit Vergnügen gefühlt, daß
viele von meinen ländlichen Schülerinnen mich liebten, und
als wir uns trennten, bestätigte sich diese Ueberzeugung: sie
zeigten ihre Neigung offen und stark. Innig war meine
Befriedigung, zu finden, daß ich wirklich einen Platz in ihren unverstellten Herzen hatte: ich versprach ihnen, es solle
künftig nie eine Woche vergehen, wo ich sie nicht besuchen
und eine Stunde Unterricht in ihrer Schule geben wolle.
Herr Rivers kam, und nachdem er die Klassen, die jetzt
sechzig Mädchen zählten, vor mir hatte hinausgehen sehen,
schloß ich die Thür. Ich stand, den Schlüssel in der Hand,
da und wechselte einige Worte des besonderen Abschieds mit
einem halben Dutzend meiner besten Schülerinnen, die so
anständige, achtbare, bescheidene und wohlunterrichtete junge
Mädchen waren, wie man sie nur unter dem britischen Landvolk findet. Und das ist viel gesagt, denn am Ende ist das
britische Landvolk das am Besten unterrichtete, das gesitteste
und achtbarste in ganz Europa, was ich seitdem erfahren
habe, wo ich französische und deutsche Bauermädchen gesehen
habe, wovon die besten mir im Vergleich mit meinen Mädchen in Morton unwissend, roh und dumm erschienen.
“Glauben Sie Ihre Belohnung für eine Zeit der Anstrengung erhalten zu haben?“ fragte Herr Rivers, als sie
fort waren. “Verursacht Ihnen nicht das Bewußtsein Vergnügen, Ihrem Geschlechte eine wirkliche Wohlthat erwiesen zu haben?“
“Ohne Zweifel.“
“Und Sie haben nur wenige Monate gearbeitet! Würde
nicht ein Leben wohl angewendet sein, welches der Besserung
und Beglückung Ihres Geschlechts geweiht wäre?“
“Ja,“ sagte ich; “aber ich könnte nicht immer so leben:
ich muß mich meiner eigenen Fähigkeiten erfreuen, so gut
wie die anderer Leute ausbilden. Ich muß mich derselben
jetzt erfreuen: rufen Sie weder meinen Geist noch meinen
Körper in die Schule zurück; ich bin jetzt heraus und zu
einem vollkommenen Feiertag aufgelegt.“
Sein Blick war ernst. “Was ist das jetzt? Welche
plötzliche Lebhaftigkeit zeigen Sie? Was wollen Sie thun?“
“Thätig sein: so thätig, wie ich kann. Und für's Erste
muß ich Sie bitten, Hannah in Freiheit zu setzen und sich
Jemand anders zu Ihrer Aufwartung zu verschaffen.“
“Bedürfen Sie ihrer?“
“Ja, um mit mir nach Moor House zu gehen: Diana
und Maria werden in einer Woche zu Hause sein, und ich
will bis zu ihrer Ankunft Alles in Ordnung bringen.“
“Ich verstehe: ich dachte, Sie wollten einen Ausflug
machen. Es ist besser so: Hannah soll mit Ihnen gehen.“
Sagen Sie ihr also, daß sie sich bis morgen bereit
hält. Hier ist der Schlüssel zu der Schulstube: den Schlüssel zu meinem Häuschen will ich Ihnen morgen geben.“
Er nahm ihn.
“Sie geben ihn sehr freudig ab,“ sage er; “ich verstehe
Ihre Heiterkeit nicht ganz, da ich nicht weiß, welche Beschäftigung Sie anstatt der aufgegebenen zu wählen gedenken. Welchen Vorsatz, welchen Zweck, welchen Ehrgeiz haben Sie jetzt im Leben?“
“Meine erste Absicht ist, Moor House von der Bodenkammer bis zum Keller zu reinigen; meine zweite, es mit
Wachs, Oel und Tüchern abzureiben, bis es wieder glänzt;
meine dritte, jeden Stuhl, Tisch, Bett und Teppich mit mathematischer Genauigkeit zu ordnen. Dann wird es über
Ihre Kohlen und Ihren Torf hergehen, um in jedem Zimmer ein gutes Feuer zu unterhalten, und endlich sollen die
beiden Tage vorher, ehe wir Ihre Schwestern erwarten, von
Hannah und mir dazu angewendet werden, daß wir viele
Eier aufschlagen, Beeren auslesen, Gewürze reiben, Weihnachtskuchen backen, die Erfordernisse zu kleinen Pasteten
zusammenstoßen und alle die andern Küchenceremonien
feiern, wovon Worte einem Uneingeweihten, wie Sie, nur
einen schwachen Begriff beibringen können. Kurz, meine
Absicht ist, Alles vor nächsten Donnerstag für Diana und
Maria in den vollkommensten Zustand der Bereitschaft zu
setzen, und mein Ehrgeiz soll darin bestehen, ihnen ein Ideal von Willkommen darzubringen, wenn sie eintreffen.“
Saint John lächelte ein wenig, und doch war er unzufrieden.
“Es ist Alles sehr gut für jetzt,“ sagte er; “aber im
Ernst, ich hoffe, wenn die erste Glut der Lebhaftigkeit vorüber ist, werden Sie etwas höher blicken und nicht Ihren Ehrgeiz in häusliche Genüsse und Freuden des Haushalts
setzen.“
“Das ist ja das Beste, was die Welt besitzt!“ fiel ich
ein.
“Nein, Johanna, nein: diese Welt ist nicht der Schauplatz des Genusses; versuchen Sie nicht, Sie dazu zu machen:
noch auch der Ruhe; werden Sie nicht träge.“
“Ich beabsichtige im Gegentheil, geschäftig zu sein.“
“Johanna, ich entschuldige Sie für jetzt: zwei Monate
gestatte ich Ihnen zum vollen Genuß Ihrer neuen Stellung
und zu der Freude über diesen so spät erlebten Reiz der
Verwandtschaft; dann aber hoffe ich, werden Sie beginnen,
über Moor House und Morton und schwesterliche Gesellschaft, so wie über die selbstsüchtige Ruhe und den sinnlichen Genuß des civilisirten Ueberflusses hinauszublicken. Ich
hoffe, Ihre innere Kraft wird Sie dann wieder vorwärts
treiben.“
Ich sah ihn mit Ueberraschung an.
“Saint John,“ sagte ich, “ich halte Sie fast für böse,
so zu reden. Ich bin geneigt, zufrieden zu sein, wie eine
Königin, und Sie versuchen, mich zur Ruhelosigkeit anzuspornen! Zu welchem Zweck?“
“Zu dem Zweck, die Talente, die Ihnen Gott anvertraut hat, zum Vortheil anzuwenden, denn er wird gewiß
eines Tages strenge Rechenschaft darüber fordern. Johanna,
ich werde Sie genau und ängstlich beobachten — das sage
ich Ihnen vorher. Und versuchen Sie, die unverhältnißmäßige Glut zu unterdrücken, womit Sie sich in die alltäglichen häuslichen Freuden stürzen. Hängen Sie nicht zu
beharrlich an den Banden des Fleisches; sparen Sie Ihre
Standhaftigkeit und Ihre Glut für eine angemessene Sache:
hüten Sie sich, dieselben an abgedroschene, vorübergehende
Gegenstände zu verschwenden. Hören Sie wohl, Johanna?“
“Ja, gerade als wenn Sie griechisch sprächen. Ich
fühle, ich habe guten Grund, glücklich zu sein, und ich will
mich freuen. Leben Sie wohl!“
Glücklich war ich in Moor House und arbeitete angestrengt; Hannah auch, und sie war entzückt, zu sehen, wie
heiter ich unter der Verwirrung eines umgekehrten Hauses
sein konnte — wie ich zu bürsten, abzustäuben, zu reinigen
und zu kochen verstand. Und in der That war es entzückend, nach einem oder zwei Tagen der ärgsten Verwirrung
nach und nach wieder Ordnung in das Chaos zu bringen,
welches wir selbst veranstaltet hatten. Ich hatte vorher eine
Reise nach S. gemacht, um einige neue Möbeln zu kaufen,
da meine Verwandten mir die Erlaubniß ertheilt hatten,
alle Veränderungen nach meinem Gefallen vorzunehmen, zu
welchem Zwecke wir eine Summe ausgesetzt hatten. Das
gewöhnliche Wohnzimmer und die Schlafzimmer ließ ich fast
ganz so, wie sie waren; denn ich wußte, daß Diana und
Maria mehr Vergnügen daran finden würden, die alten
einfachen Tische, Stühle und Betten wieder zu sehen, als an
dem Schauspiel der zierlichsten Neuerungen. Dennoch war
einige Neuerung nöthig, um dem Ganzen bei ihrer Rückkehr
etwas Pikantes zu geben. Dunkle, schöne und neue Teppiche und Vorhänge, eine zierliche Vertheilung einiger sorgfältig ausgewählten antiken Zierrathen in Porzellan und Bronze, neue Decken, Spiegel und Toilettenkästchen entsprachen diesem Zweck und Alles sah frisch aus, ohne schimmernd zu sein. Ein unbenutztes Sprachzimmer und Schlafzimmer möblirte ich ganz aus mit alten Mahagoni-Möbeln
mit rothen Ueberzügen; ich legte Wachstuch in den Gang
und Teppiche auf die Treppen. Als Alles vollendet war,
hielt ich Moor House für ein so vollständiges Muster glänzender und bescheidener Zierlichkeit im Innern, wie es zu
dieser Jahreszeit von Außen einer winterlichen Einöde glich.
Endlich kam der verhängnisvolle Donnerstag. Sie wurden bei Anbruch der Nacht erwartet und ehe die Dämmerung
eintrat, wurde oben und unten Feuer angebrannt; die Küche
war vollkommen zierlich eingerichtet, Hannah und ich angekleidet und Alles in Bereitschaft.
Saint John kam zuerst an. Ich hatte ihn gebeten, das
Haus nicht zu besuchen, bis Alles in Ordnung sei; und in
der That war schon der Gedanke an das schmutzige und alltägliche Geschäft, welches in seinem Hause vorging, hinreichend, ihn entfernt zu halten. Er fand mich in der Küche,
wo ich mit dem Backen einiger Kuchen zum Thee beschäftigt
war. Indem er sich dem Heerde näherte, fragte er, ob ich
endlich von dem gemeinen Geschäfte der Mägde genug habe?
Ich antwortete, indem ich ihn einlud, eine allgemeine Uebersicht des Gelingens meiner Arbeiten anzustellen. Mit einiger Schwierigkeit bewog ich ihn, den Gang durch das Haus zu machen. Er blickte nur eben in die Thüren, die ich öffnete; und als er hinauf und wieder herunter gewandert war,
sagte er, es müßte mir viel Mühe und Anstrengung verursacht haben, in so kurzer Zeit so beträchtliche Veränderungen
hervorzubringen; doch sprach er keine Silbe, die ein Vergnügen über das verbesserte Aussehen seiner Wohnung ausdrückte.
Dieses Schweigen dämpfte meine Freude. Ich dachte.
die Veränderungen hätten vielleicht einige alte Erinnerungen
gestört, die er schätzte. Ich fragte, ohne Zweifel in etwas
muthlosem Tone, ob dies der Fall sei.
“Durchaus nicht,“ sagte er, “ich habe im Gegentheil
bemerkt, daß Sie sorgfältig jede Erinnerung geschont haben:
ich fürchte freilich, daß Sie mehr Nachdenken auf die Sache
verwendet haben, als sie werth ist. Wie viele Minuten haben Sie z. B. darauf verwendet, die Anordnung dieses
Zimmers zu studiren?“
Hierauf fragte er, ob ich ihm nicht sagen könne, wo ein
Buch sei, welches er nannte.
Ich zeigte ihm den Band auf dem Repositorium: er
nahm ihn herunter, zog sich in seine gewohnte Fenstervertiefung zurück und begann darin zu lesen.
Dies gefiel mir nicht, Leser. Saint John war ein guter
Mann; aber ich begann zu fühlen, daß er die Wahrheit
von sich gesprochen, als er gesagt, er sei hart und kalt. Die
Menschlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens hatten
nichts Anziehendes für ihn — der friedliche Genuß keinen
Reiz. Er lebte im buchstäblichen Sinne nur, um zu streben — freilich nach dem, was gut und groß war; doch er wollte
niemals ruhen und billigte nicht, das Andere um ihn ruheten. Als ich seine hohe Stirn ansah, still und bleich wie
ein weißer Stein — seine schönen Züge, starr und gespannt
beim Studiren — da sah ich sogleich ein, daß er schwerlich
ein guter Ehemann sein würde, und daß es eine schwere
Aufgabe sein müsse, sein Weib zu sein. Ich begriff wie aus
Inspiration die Art seiner Liebe zu Miß Oliver: ich stimmte
mit ihm überein, daß es nur eine Liebe der Sinne sei. Ich
begriff, wie er sich verachten müsse, wegen des fieberhaften
Einflusses, den sie auf ihn ausübte; wie er wünschen müsse,
sie zu ersticken und zu verbannen; wie er zweifeln müsse, daß sie je zu seinem oder ihrem dauernden Glücke führen
könne. Ich sah, daß er von dem Material war, woraus
die Natur ihre christlichen und heidnischen Helden, ihre Gesetzgeber, Staatsmänner und Eroberer bildet: ein festes Bollwerk für große Interessen, aber nur zu oft am häuslichen
Kamin eine kalte, schwere Säule, düster und nicht an ihrem
Platze.
“Dieses Sprachzimmer ist nicht seine Sphäre,“ dachte
ich: “das Himalajagebirge, die Kaffernwüste und selbst die
von der Pest heimgesuchte sumpfige Küste von Guinea würde
besser für ihn passen. Wohl mag er die Ruhe des häuslichen Lebens meiden; es ist nicht sein Element, dort verdumpfen seine Fähigkeiten — sie können sich nicht entwickeln oder sich vortheilhaft zeigen. In Scenen ves Kampfes
und der Gefahr, wo Muth bewiesen, Thätigkeit angewendet
und Tapferkeit geprüft wird — da wird er als Anführer
und Herrscher reden und handeln. An seinem Heerde würde
ein Kind ihm den Vortheil abgewinnen. Er hat Recht, die
Laufbahn eines Missionairs zu wählen — ich sehe es jetzt.“
Sie kommen, sie kommen!“ rief Hannah, die Thür des
Sprachzimmers aufreißend. In demselben Augenblick bellte
der alte Carlo freudig. Ich lief hinaus. Es war dunkel,
aber man hörte Wagenräder rollen. Hannah hatte bald
eine Laterne angezündet. Der Wagen hielt an der Pforte;
der Kutscher öffnete die Thür: zuerst kam eine wohlbekannte
Gestalt heraus und dann die andere. In einer Minute
hatte ich mein Gesicht unter ihren Hüten, kam erst mit
Maria's sanfter Wange und dann mit Diana's fliegenden
Locken in Berührung. Sie lachten — küßten mich — dann
Hannah; streichelten Carlo, der halb wild vor Entzücken
war. Sie fragten lebhaft, ob Alles wohl sei, und als es
bejaht wurde, eilten sie in's Haus.
Sie waren steif von dem Fahren auf den holperigen
Wegen und erstarrt von der kalten Nachtluft; aber ihre
lieblichen Gesichter erheiterten sich bei dem belebenden Kaminfeuer. Während der Kutscher und Hannah die Schachteln
und Koffer hereinbrachten, fragten sie nach Saint John.
In diesem Augenblick kam er aus dem Sprachzimmer.
Beide umarmten ihn zugleich. Er gab Jeder einen ruhigen
Kuß und sprach in leisem Tone einige Worte des Willkommens, blieb eine Weile stehen und ließ mit sich reden, sagte
dann, er vermuthe, sie würden bald zu ihm in das Sprachzimmer kommen und zog sich in dieses Asyl zurück.
Ich hatte ihre Lichter angezündet, um sie auf ihr Zimmer zu führen, doch Diana hatte noch einige gastfreundliche
Befehle hinsichtlich des Kutschers zu ertheilen; als dies geschehen war, folgten mir Beide. Sie waren entzückt von der
Ausschmückung und Verschönerung ihrer Zimmer, von der
neuen Draperie, den frischen Teppichen, den reich bemalten
chinesischen Vasen und sie sprachen in nicht kargen Worten
ihren Beifall aus. Ich hatte die Freude, zu fühlen, daß
meine Anordnungen vollkommen ihren Wünschen entsprachen, und das, was ich gethan, erhöhte den lebhaften Reiz
ihrer freundlichen Rückkehr nach Hause.
Dieser Abend war sehr angenehm. Meine Cousinen
waren voll Heiterkeit und so beredt in ihren Erzählungen
und Bemerkungen, daß ihre Lebhaftigkeit Saint John's
Schweigsamkeit vergessen machte. Er war aufrichtig erfreut, seine Schwestern wiederzusehen; doch konnte er mit
der Glut ihrer Freude nicht sympathisiren. Das Ereigniß
des Tages — das heißt Diana's und Maria's Rückkehr —
war ihm angenehm; doch die begleitenden Umstände dieses
Ereignisses, der freudige Triumph, die geschwätzige Heiterkeit des Empfanges verletzte ihn: ich sah es ihm an, daß er
den ruhigeren Morgen herbeiwünschte. In der Mitte der
heitern Abendunterhaltung, um die Theestunde, wurde an
die Thür geklopft. Hannah trat mit der Nachricht herein,
es sei ein armer Junge zu dieser ungelegenen Zeit gekommen, um Herrn Rivers zu seiner Mutter zu holen, die dem
Tode nahe sei.
“Wo wohnt sie, Hannah?“
“Dort oben in Whitcroß Bow, fast vier Meilen von
hier, und auf dem ganzen Wege nichts als Moor und
Moos.“
“Sage ihm, ich werde kommen.“
“Ich denke es wäre besser, Sie gingen nicht, Herr. Es
ist der schlimmste Weg zu reisen, wenn es dunkel ist, den
man sich nur denken kann: es ist gar keine Bahn über den
Sumpf. Und dann ist es eine so bitterlich kalte Nacht —
und der Wind geht so scharf, wie man ihn nur je gefühlt.
Es wäre besser, Herr, Sie ließen sagen, Sie wollten morgen kommen.“
Aber er war schon im Gange, legte seinen Mantel an
und ging ohne Einwendungen zu machen und ohne zu
murren fort. Es war damals neun Uhr und er kehrte erst
um Mitternacht zurück. Erfroren und ermüdet genug war
er, doch sah er heiterer aus, als da er ging. Er hatte eine
Pflicht erfüllt, eine Anstrengung gemacht, seine eigene Kraft
der Selbstverleugnung gefühlt und war zufriedener mit sich
selber
Ich fürchte, daß die ganze folgende Woche seine Geduld
auf die Probe stellte. Es war die Weihnachtswoche: wir
nahmen kein bestimmtes Geschäft vor, sondern brachten sie
in heiterer häuslicher Unterhaltung hin. Die Luft des
Moors, die Freiheit des jetzigen Lebens, die Morgenröthe
des Glücks — dies Alles wirkte auf Dianens und Mariens
Lebensgeister wie ein belebendes Elixir: sie waren heiter
vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis zur
Nacht. Sie konnten immer sprechen, und ihre Unterhaltung, die stets witzig, lebhaft und originell war, hatte einen
solchen Reiz für mich, daß ich es jeder anderen Beschäftigung vorzog, ihnen zuzuhören und mit einzustimmen.
Saint John tadelte unsere Lebhaftigkeit nicht: doch wich er
ihr aus und war selten zu Hause: da seine Gemeinde
groß und die Bevölkerung sehr zerstreut war, so fand er
täglich Beschäftigung, die Kranken und Armen in den verschiedenen Districten zu besuchen.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana, nachdem sie ihn einige Minuten angesehen, ob seine Pläne noch
immer unverändert seien?
“Unverändert und unveränderlich,“ war die Antwort.
Und er fuhr fort uns zu benachrichtigen, daß seine Abreise
von England jetzt auf das folgende Jahr fest bestimmt sei.
“Und Rosamunde Oliver?“ bemerkte Maria, deren Lippen diese Worte unwillkürlich zu entschlüpfen schienen; denn
sobald sie sie ausgesprochen, machte sie eine Bewegung, als
wollte sie sie zurückrufen. Saint John hatte ein Buch in
der Hand — es war seine ungesellige Gewohnheit, bei den
Mahlzeiten zu lesen — er machte es zu und blickte auf.
“Rosamunde Oliver,“ sagte er, “ist im Begriff, sich
mit Herrn Gramby in S. zu verheirathen; es ist ein sehr
schätzbarer Mann mit den besten Verbindungen, der Enkel
und Erbe des Sir Frederik Gramby. Ich erhielt die Nachricht gestern von ihrem Vater.“
Seine Schwestern sahen einander und dann mich an;
wir alle Drei sahen ihn an: er war so heiter wie Glas.
“Die Sache muß hastig zu Stande gekommen sein.“
sagte Diana; “sie können einander noch nicht lange gekannt
haben.“
“Erst zwei Monate. Sie trafen einander im October
auf dem Deputirtenball zu S. Aber wo einer Verbindung
keine Hindernisse entgegenstehen, wie im gegenwärtigen Falle,
wo die Partie in jeder Hinsicht wünschenswerth ist, da ist
der Aufschub unnöthig: sie werden sich verheirathen, sobald
das Herrenhaus, welches Sir Frederik ihnen gibt, zu ihrer
Aufnahme hergestellt werden kann.“
Das erste Mal, als ich Saint John nach dieser Mittheilung allein traf, fühlte ich mich geneigt, zu fragen, ob
das Ereigniß ihm Kummer verursache: doch er schien so
wenig der Sympathie zu bedürfen, daß, weit entfernt ihm
mehr anzubieten, ich mich bei der Erinnerung schämte, wie
weit ich bereits gegangen. Ueberdies war ich außer Gewohnheit gekommen, mit ihm zu reden: seine Zurückhaltung
war wieder übergefroren und meine Offenheit darunter erstarrt. Er hatte sein Versprechen nicht gehalten, mich wie
seine Schwestern zu behandeln: er machte beständig kleine,
erkältende Unterschiede zwischen uns, die durchaus nicht der
Entwicklung der Herzlichkeit günstig waren: kurz jetzt, da
ich als seine Verwandte anerkannt war und unter demselben Dache mit ihm wohnte, fand ich, daß die Entfernung
zwischen uns viel größer sei, als da er mich als Dorfschulmeisterin besucht hatte. Wenn ich mich erinnerte, wie weit
er mich einst in sein Vertrauen eingeweiht hatte, da konnte
ich seine gegenwärtige Kälte kaum begreifen.
Da dies der Fall war, fühlte ich mich nicht wenig überrascht, als er seinen Kopf plötzlich von dem Schreibpult erhob, über welches er sich neigte, und sagte:
“Sie sehen, Johanna, die Schlacht ist gefochten und der
Sieg gewonnen.“
Bestürzt über diese Anrede, antwortete ich nicht sogleich.
“Aber sind Sie auch gewiß, nicht in der Lage derjenigen Eroberer zu sein, deren Triumphe ihnen zu theuer zu
stehen kommen?“ sagte ich endlich. “Würde nicht noch ein
solcher Sieg Sie zu Grunde richten?“
“Ich denke es nicht; und wenn es der Fall wäre, so
liegt nicht viel daran; ich werde nie aufgefordert werden,
noch einen zweiten solchen Sieg zu erringen. Der Ausgang
des Kampfes ist entscheidend: mein Weg liegt jetzt klar vor
mir; ich danke Gott dafür!“
So redend, kehrte er zu seinen Papieren zurück und versank wieder in sein Schweigen.
Unser wechselseitiges Glück — d.h. Dianens, Mariens
und meins — nahm einen ruhigeren Charakter an; wir
begannen wieder unsere gewöhnlichen Beschäftigungen und
unsere regelmäßigen Studien; Saint John blieb mehr zu
Hause und saß zuweilen Stunden lang bei uns im Zimmer.
Während Maria zeichnete und Diana ihre encyclopädischen
Studien trieb, die sie zu meinem Schrecken und meiner Bewunderung unternommen, und ich mich mit der deutschen Sprache abquälte, beschäftigte er sich mit seinem eigenen
geheimnißvollen Studium, nämlich mit dem Erlernen einer
orientalischen Sprache, deren Kenntniß er für seine Pläne
nothwendig hielt.
So beschäftigt, erschien er, in seinem Winkel sitzend, ruhig und vertieft genug; aber sein blaues Auge pflegte die
fremd aussehende Sprachlehre zu verlassen, zu uns hinzuschweifen und uns, seine Studiengenossen, zuweilen mit auffallender Schärfe der Beobachtung anzusehen. Wenn man
ihn dabei überraschte, zog er seinen Blick sogleich zurück,
richtete ihn aber von Zeit zu Zeit wieder forschend auf unsern Tisch hin. Es wunderte mich, was dieser Blick zu bedeuten habe: ich wunderte mich auch über die pünktliche
Zufriedenheit, die er bei einer Gelegenheit, die mir von geringer Bedeutung schien, niemals zu zeigen unterließ —
nämlich bei meinem wöchentlichen Besuch in der Schule zu
Morton; und noch mehr setzte es mich in Erstaunen, daß
er, wenn das Wetter ungünstig war, wenn es schneite, regnete oder der Wind stark wehte und seine Schwestern mir
zuredeten, nicht zu gehen, stets ihre Besorgniß leicht nahm
und mich ermuthigte, meine Aufgabe ohne Rücksicht auf die
Elemente zu erfüllen.
“Johanna ist kein solcher Weichling, wie Ihr aus ihr
machen möchtet,“ pflegte er zu sagen; “sie kann den kalten
Wind des Gebirges, einen Regenschauer oder einige Flocken
Schnee so gut ertragen, wie nur einer von uns. Ihre
Constitution ist zugleich gesund und elastisch — besser darauf berechnet, den Wechsel des Klima's zu ertragen, als
viele stärkere Personen.“
Und wenn ich zuweilen sehr ermüdet und von Wetter
angegriffen zurückkehrte, wagte ich nicht zu klagen, denn ich
sah, daß mein Murren ihn ärgerlich machte. Bei allen diesen Gelegenheiten gefiel ihm die Standhaftigkeit sehr und
das Gegentheil davon machte einen sehr unangenehmen
Eindruck auf ihn.
Eines Nachmittags aber erhielt ich die Erlaubniß, zu
Hause zu bleiben, weil ich mir wirklich eine Erkältung zugezogen hatte. Seine Schwestern waren anstatt meiner
nach Morton gegangen: ich saß da und las im Schiller,
während er seine verzwickten morgenländischen Schnörkeln
entzifferte. Als ich bei mir das Gelernte wiederholte, sah
ich zufällig nach ihm hin und bemerkte, daß sein stets wachsames blaues Auge auf mich gerichtet war. Wie lange er
mich auf und nieder beobachtet hatte, kann ich nicht sagen,
doch der Blick war so scharf und doch so kalt, daß ich im
ersten Augenblick eine abergläubische Furcht empfand, als
ob ich mich mit einem Wahnsinnigen in demselben Zimmer
befinde.
“Johanna, was thun Sie?“
“Ich lerne Deutsch.“
“Ich wünschte, Sie gäben das Deutsch auf und lernten
Hindostanisch.“
“Sie reden nicht im Ernst?“
“In solchem Ernst, daß es geschehen muß; und ich will
Ihnen sagen, warum.“
Dann erklärte er mir, daß das Hindostanische die Sprache
sei, die er gegenwärtig studire; daß er beim weiteren Fortschreiten leicht die Anfangsgründe vergessen werde und es
ihm daher sehr vortheilhaft sein müsse, eine Schülerin zu
haben, mit welcher er die Elemente wiederholen und sie so
vollkommen seinem Geiste einprägen könne. Seine Wahl
habe eine Zeit lang zwischen mir und seinen Schwestern
geschwankt; doch habe er sich für mich entschieden, weil er
gesehen, daß ich am längsten von den Dreien bei einer Aufgabe sitzen könne. Wenn ich ihm die Gefälligkeit erweisen
wolle, so würde ich dieses Opfer nicht lange zu bringen
haben, da er in drei Monaten abzureisen gedenke.“
Saint John war kein Mann, dem man leicht etwas abschlagen konnte: man fühlte, daß jeder Eindruck des Schmerzes oder Vergnügens, der auf ihn hervorgebracht wurde,
tief und dauernd war. Ich willigte ein. Als Diana und
Maria zurückkehrten, fand die Erstere, daß ihre Schülerin
ihr abtrünnig geworden und zu ihrem Bruder übergegangen
war. Beide lachten und stimmten darin überein, daß
Saint John sie nie zu einem solchen Schritte hätte überreden können.
“Ich wußte es,“ antwortete er ruhig.
Ich fand in ihm einen sehr geduldigen, schonenden und
doch viel fordernden Lehrer; er erwartete, daß ich viel thun
solle, und wenn ich seine Erwartungen erfüllte, bezeugte er
auf seine eigene Weise seine Billigung. Nach und nach erlangte er einen gewissen Einfluß auf mich, der mich der
Freiheit meines Geistes beraubte: sein Lob und sein Tadel
übten eine größere Macht über mich als seine Gleichgültigkeit. Ich konnte nicht mehr frei reden oder lachen, wenn er
dabei war, weil ein lästiger Instinkt mich warnte, daß Lebhaftigkeit ihm wenigstens an mir zuwider sei. Ich war so
vollkommen überzeugt, daß nur ernste Stimmungen und
Beschäftigungen ihm angenehm waren, so daß jede Bemühung vergeblich wurde, in seiner Gegenwart eine andere
zu behaupten oder zu treiben, und ich gerieth in die Macht
eines erstarrenden Zaubers. Wenn er sagte: gehen Sie,
so ging ich; kommen Sie, so kam ich, thun Sie dies, so
that ich es. Aber ich liebte meine Knechtschaft nicht: ich
wünschte oft, er hätte fortgefahren, mich zu vernachlässigen.
Eines Abends, als wir zu Bett gehen wollten, standen
seine Schwestern und ich um ihn und sagten ihm gute
Nacht; er küßte Beide, wie es seine Gewohnheit war, und
reichte mir die Hand, wie er gleichfalls zu thun pflegte,
und Diana, die gerade in sehr lustiger Stimmung war,
denn sie ließ sich nicht schmerzlich von seinem Willen lenken,
denn der ihre war stark und hatte eine andere Richtung genommen, rief plötzlich aus:
“Saint John, Du pflegtest Johanna Deine dritte Schwester zu nennen, Du behandelst sie aber nicht als solche: Du
solltest sie auch küssen.“
Sie schob mich zu ihm hin. Ich hielt Diana für sehr
unüberlegt und fühlte mich sehr verwirrt; doch während ich
so dachte und fühlte, neigte Saint John sein Haupt, sein
griechisches Gesicht kam mit dem meinen in eine Linie, seine
Augen fragten durchdringend meine Augen, und er küßte
mich. Es gibt keine Marmorküsse oder Eisküsse, sonst
würde ich sagen, daß der Kuß meines geistlichen Vetters in
eine dieser Klassen gehöre; aber es kann Experimentalküsse geben, und der seine war ein Experimentalkuß. Als
er ihn gegeben, sah er mich an, um die Wirkung zu beobachten; sie war nicht auffallend; ich bin gewiß, daß ich
nicht erröthete; vielleicht wurde ich ein wenig blaß, denn es
war mir, als sei dieser Kuß ein meinen Fesseln aufgedrücktes Siegel. Er unterließ später die Ceremonie niemals,
und der Ernst und die Ruhe, womit ich mich derselben
unterzog, schien ihm einen gewissen Reiz zu gewähren.
Ich meines Theils wünschte ihm täglich mehr zu gefallen; aber um dies zu thun, fühlte ich täglich mehr und
mehr, daß ich die Hälfte meiner Natur verleugnen, die
Hälfte meiner Fähigkeiten unterdrücken, meinen Geschmack
von seiner ursprünglichen Neigung ablenken und mich zwingen müsse, etwas zu treiben, wozu ich keinen natürlichen
Beruf hatte. Er suchte mich auf eine Höhe zu führen, die
ich nie erreichen konnte: es quälte mich stündlich, nach
der Standarte aufzustreben, die er aufgepflanzt; die Sache
war ebenso unmöglich, als hätte ich meine unregelmäßigen
Züge nach seinem correcten und classischen Muster formen
und meinen veränderlichen grünlichen Augen die meerblaue Färbung und den feierlichen Glanz der seinigen geben wollen.
Doch nicht sein Uebergewicht allein hielt mich gegenwärtig in Knechtschaft gefangen. In der letzten Zeit war es mir leicht genug geworden, traurig auszusehen: ein nagendes Uebel hatte sich meines Herzens bemächtigt und trocknete
die Quelle meines Glückes aus — das Uebel der ungeduldigen Erwartung.
Vielleicht wird der Leser denken, ich habe bei diesen
Wechseln des Orts und des Glücks Herrn Rochester vergessen. Keinen Augenblick. Der Gedanke an ihn war mir
stets gegenwärtig, denn es war kein Dunst, den der Sonnenschein zerstreuen konnte, noch ein in Sand gezeichnetes
Bild, welches die Stürme auslöschen konnten: es war ein
Name, in eine Tafel gegraben, der so lange dauern sollte,
als der Marmor, auf den er geschrieben war. Das Verlangen, zu wissen, was aus ihm geworden sei, verfolgte mich überall: wenn ich in Morton war, trat ich immer
jeden Morgen wieder in meine Hütte, um daran zu denken,
und jeden Abend suchte ich in Moor House mein Schlafzimmer auf, um darüber zu brüten.
Im Verlaufe meiner nothwendigen Correspondenz mit
Herrn Briggs wegen des Testamentes, hatte ich gefragt, ob
er nicht etwas von Herrn Rochester's gegenwärtigem Aufenthalt und Gesundheitszustand wisse; doch wie Saint John
vermuthet hatte, war er mit allen seinen Angelegenheiten
völlig unbekannt. Ich schrieb dann an Mistreß Fairfax
und bat sie um Auskunft über diesen Gegenstand. Ich
hatte mit Sicherheit darauf gerechnet, daß dieser Schritt
meinem Zwecke entsprechen werde: ich hielt mich überzeugt,
daß ich eine baldige Antwort erhalten müsse. Ich war
erstaunt, als vierzehn Tage ohne Antwort vergingen, aber
als zwei Monate vorüber waren, die Post täglich ankam
und Nichts für mich brachte, da wurde ich eine Beute der lebhaftesten Aengstlichkeit.
Ich schrieb noch einmal: mein erster Brief konnte verloren gegangen sein. Erneuerte Hoffnung folgte der erneuerten Bemühung; sie schimmerte gleich der ersteren einige
Wochen und erlosch flackernd gleich ihr: keine Zeile, kein
Wort gelangte an mich. Als ein halbes Jahr in vergeblicher Erwartung vergangen war, erstarb endlich meine Hoffnung, und dann war in der That Alles dunkel um mich her.
Ein schöner Frühling schimmerte um mich; ich konnte
mich seiner nicht erfreuen. Der Sommer näherte sich;
Diana suchte mich zu erheitern: sie sagte, ich sähe krank
aus und wünschte mich an die Seeküste zu begleiten. Dem
widersetzte sich Saint John: er sagte, ich bedürfe nicht der
Zerstreuung, sondern der Beschäftigung: mein gegenwärtiges Leben sei zu zwecklos und ich bedürfe eines höheren
Strebens; und ich glaube, daß er, um diesen Mangel
zu ersetzen, meine Lectionen der hindostanischen Sprache
noch mehr verlängerte und dringender die vollständige
Kenntniß derselben forderte. Ich war thöricht genug, nie
daran zu denken, mich ihm zu widersetzen — ich konnte ihm
nicht widerstehen.
Eines Tages war ich trostloser als je zu meinen Studien gekommen; die Ebbe war durch eine lebhaft empfundene
getäuschte Hoffnung veranlaßt worden: Hannah hatte mir
am Morgen gesagt, es wäre ein Brief an mich gekommen,
und als ich hinunterging, um ihn in Empfang zu nehmen,
da ich mich überzeugt hielt, daß mir endlich die lange erwartete Nachricht gewährt werde, fand ich nur einen unbedeutenden Geschäftsbrief von Herrn Briggs. Die bittere
Täuschung hatte mir einige Thränen entlockt, und jetzt, als
ich mich mit den verzwickten Schriftzügen und den glühenden Bildern eines indischen Schriftstellers beschäftigte, füllten sich meine Augen wieder.
Saint John rief mich an seine Seite, um zu lesen; indem ich dies zu thun versuchte, versagte mir die Stimme
und die Worte gingen in Seufzer über. Ich war mit ihm
allein im Sprachzimmer: Diana musicirte im Gesellschaftszimmer, Maria war im Garten beschäftigt — es war ein sehr schöner Maitag, die Sonne schien hell und der Wind
wehte sanft. Mein Lehrer zeigte keine Ueberraschung bei
dieser Aufregung, befragte mich nicht über die Ursache, und
sagte nur:
“Wir wollen noch einige Minuten warten, Johanna,
bis Sie sich wieder gefaßt haben.“
Während ich den Paroxismus hastig zu unterdrücken
suchte, saß er ruhig und geduldig da, lehnte sich über sein
Pult und glich einem Arzte, der mit dem Auge der Wissenschaft eine erwartete und wohl verstandene Krisis in der
Krankheit eines Patienten beobachtet. Ich unterdrückte mein
Schluchzen, trocknete meine Augen und flüsterte, ich sei nicht
ganz wohl diesen Morgen, begann meine Aufgabe wieder
und es gelang mir, sie zu vollenden. Saint John legte
seine und meine Bücher weg, schloß sein Pult und sagte:
“Nun, Johanna, sollen Sie mit mir einen Spaziergang machen.“
“Ich will Diana und Maria rufen.“
“Rein, ich bedarf diesen Morgen nur einer einzigen Begleiterin und die sollen Sie sein. Legen Sie Hut und Halstuch an, gehen Sie zur Hinterthür hinaus und wählen Sie
den Weg nach Marsh Glen: ich werde Sie im Augenblick
einholen.“
Ich wußte keinen Ausweg: ich habe in meinem Leben
nie einen Ausweg gewußt zwischen unbedingter Unterwerfung und entschlossenem Widerstande, wenn ich mit festen
und unbeugsamen Charakteren zu thun hatte, die dem meinen widerstrebten. Ich habe immer genau beobachtet, wie
das eine zuweilen mit vulkanischer Heftigkeit in das andere
überging, und da weder meine gegenwärtige Lage, noch
meine Stimmung eine Empörung nöthig, oder mich dazu
geneigt machte, so gehorchte ich ohne Weiteres Saint John's
Anordnungen, und zehn Minuten später ging ich neben ihm
auf dem rauhen Wege durch die Schlucht. Der sanfte Wind
kam von Westen her über die Hügel und führte den lieblichen Duft des Haidekrauts und der Sumpfpflanzen mit
sich. Der Himmel war blau und fleckenlos; der Bach, der
von der Höhe herunterfloß, war vom Frühlingsregen angeschwellt, ergoß sich voll und klar und nahm an einigen
Stellen einen goldenen Glanz von der Sonne und eine tief-
blaue Färbung von dem Firmamente an. Als wir weiter
gingen und den Weg verließen, betraten wir einen sanften
Rasen, der mit Moos bedeckt, lebhaft grün und mit kleinen
weißen Blumen und sternengleichen gelben Blüten übersäet
war; jetzt waren wir ganz von Hügeln eingeschlossen, denn
die Schlucht wurde von ihnen begrenzt.
“Lassen Sie uns hier ausruhen,“ sagte Saint John,
als wir die ersten einzelnen Felsen erreichten, die einer
Schlachtreihe angehörten, welche eine Art von Engpaß schützten, in dessen Hintergrunde ein Wasserfall niederrauschte,
und wo ein wenig weiter der Berg keinen Rasen und keine
Blumen, sondern nur Haidekraut trug und ein wildes und
drohendes Ansehen erhielt — die verlorene Hoffnung der
Einsamkeit und eine letzte Zuflucht der Stille.
Ich setzte mich nieder: Saint John stand neben mir.
E blickte den Engpaß hinauf und die Schlucht hinunter
sein Blick wanderte mit dem Bache fort und kehrte um, den
unbewölkten Himmel zu überschauen: er nahm seinen Hut
ab und ließ den Wind sein Haar durchwehen und seine
Stirn küssen. Er schien mit dem Genius des wilden Ortes
zu verkehren und sagte ihm mit seinem Auge Lebewohl.
“Ich werde diesen Ort in Träumen wiedersehen, wenn
ich am Ganges schlummere,“ sagte er laut; “und auch in
einer späteren Stunde — wenn ein anderer Schlummer mich
überfällt — an dem Ufer eines dunkleren Stromes.“
Seltsame Worte einer seltsamen Liebe! Eines strengen
Patrioten Leidenschaft für sein Vaterland! Er setzte sich
nieder und sprach eine halbe Stunde lang nicht: auch ich
redete ihn nicht an, und als dieser Zeitraum vorüber war,
begann er wieder:
“Johanna, ich reise in sechs Wochen ab; ich habe einen
Platz in einem Ostindienfahrer genommen, der am zwanzigsten Junius absegelt.“
“Gott wird Sie beschützen, denn Sie haben sein Werk
unternommen,“ antwortete ich.
“Ja,“ sagte er, “darin liegt mein Ruhm und meine
Freude. Ich bin der Diener eines unfehlbaren Herrn. Ich
ziehe nicht aus unter menschlicher Leitung, den mangelhaften Gesetzen und der irrenden Aufsicht meiner schwachen
Mitwürmer unterworfen: mein König, mein Gesetzgeber,
mein Anführer ist vollkommen. Es scheint mir seltsam,
daß nicht Alles um mich her glüht, sich unter dasselbe Banner zu stellen, sich demselben Unternehmen anzuschließen.“
“Nicht Alle besitzen Ihre Kraft und es würde Thorheit
sein, wenn die Schwachen mit den Starken marschiren
wollten.“
“Ich rede nicht zu den Schwachen oder denke an sie; ich
wende mich nur an solche, die des Werkes würdig sind und
fähig, es zu erfüllen.“
“Deren Anzahl ist klein und sie sind schwer zu entdecken.“
“Sie reden die Wahrheit: aber wenn sie gefunden sind,
ist es recht, sie anzuregen — sie zu der Anstrengung zu
treiben und zu ermahnen — ihnen zu zeigen, welches ihre
Gaben sind und wozu sie sie erhalten — die Botschaft des
Himmels in ihr Ohr zu verkünden — ihnen geradezu von Gott
den Platz in den Reihen seiner Auserwählten anzubieten.“
“Wenn sie wirklich zu der Aufgabe befähigt sind, werden nicht ihre eigenen Herzen sie zuerst davon in Kenntniß
setzen?“
Es war mir, als ob ein ehrfurchtgebietender Zauber
mich umgebe und sich auf mich niedersenke: ich zitterte, ein
Schicksalswort aussprechen zu hören, welches zugleich den
Zauber erklären und fesseln könnte.
“Und was sagt Ihr Herz?“ fragte Saint John.
“Mein Herz ist stumm,“ antwortete ich betroffen.
“Dann muß ich für dasselbe reden,“ fuhr die tiefe, unerbittliche Stimme fort. “Johanna, gehen Sie als Gehülfin
und Mitarbeiterin mit mir nach Indien.“
Die Schlucht und der Himmel drehten sich um mich: die
Hügel hoben sich! es war, als hätte ich eine Aufforderung
vom Himmel gehört — als hätte ein Prophet gesprochen:
Komm herüber und hilf uns! Aber ich war kein Apostel
— ich konnte den Herold nicht sehen — seinen Ruf nicht
vernehmen.
“O! Saint John,“ rief ich, “haben Sie Mitleid!“
Ich wendete mich an einen Mann, der in der Ausübung dessen, was er für seine Pflicht hielt, weder Mitleid
noch Reue kannte.
“Gott und Natur bestimmten Sie zu dem Weibe eines
Missionairs,“ fuhr er fort. “Nicht persönliche, sondern
geistige Gaben haben sie Ihnen verliehen: Sie sind zur
Arbeit, nicht zur Liebe gebildet. Das Weib eines Missionairs müssen und sollen Sie werden. Sie sollen die meine
werden. Ich fordere es nicht zu meinem Vergnügen, sondern zum Dienste meines Herrn.“
“Ich bin nicht tauglich dazu: ich habe keinen Beruf,“
sagte ich.
Er hatte auf die ersten Einwendungen gerechnet und
wurde nicht aufgebracht darüber. Als er sich an den hinter
ihm stehenden Felsen lehnte, die Arme über die Brust faltete
und mich fest ansah, da erkannte ich, daß er auf einen
langen und kräftigen Widerstand vorbereitet sei und sich mit
einem hinlänglichen Vorrath von Geduld versehen habe, um
bis ans Ende auszureichen — entschlossen indeß, daß dieses Ende ihm den Sieg bringen solle.
“Demuth, Johanna, ist die Grundlage der christlichen
Tugenden,“ sagte er; “Sie sagen mit Recht, daß Sie zu
dieser Arbeit nicht tauglich sind. Wer ist dazu tauglich?
oder wer, der je wahrhaft berufen war, hielt sich des Rufes
würdig? Ich, zum Beispiel, bin nur Staub und Asche.
Mit dem Apostel Paulus erkläre ich mich für den größten
der Sünder; doch ich lasse mich durch dieses Bewußtsein
meiner persönlichen Niedrigkeit nicht schrecken. Ich kenne
meinen Führer und weiß, daß er gerecht und mächtig ist;
und wenn er ein schwaches Werkzeug gewählt hat, um die
große Aufgabe zu vollführen, so wird er es aus dem unerschöpflichen Schatze seiner Vorsehung mit den Mitteln zur
Erreichung seines Zweckes versehen. Denken Sie, wie ich,
Johanna — vertrauen Sie, wie ich. Ich fordere Sie auf,
sich auf den Felsen der Jahrhunderte zu stützen: zweifeln
Sie nicht, er wird die Last Ihrer menschlichen Schwäche
tragen.“
“Ich verstehe das Leben eines Missionairs nicht; ich
habe nie die Arbeiten desselben studirt.“
“Darin kann ich Ihnen, so niedrig ich bin, den nöthigen Beistand leisten: ich kann Ihnen Ihre Aufgabe von
Stunde zu Stunde vortragen; Ihnen beständig beistehen;
Ihnen von einem Augenblick zum andern helfen. Dies
kann ich im Anfang thun; aber ich kenne Ihre Kraft und
weiß, daß Sie bald eben so stark und geschickt sein werden,
wie ich, und dann keiner Hülfe mehr bedürfen.“
“Aber wo ist meine Kraft zu diesem Unternehmen? ich
fühle sie nicht. Nichts spricht oder regt sich in mir, während Sie reden. Ich entzünde mich nicht leicht und bin für
keine rathende oder erheiternde Stimme empfänglich. O! ich
wollte, ich könnte Ihnen zeigen, wie sehr mein Gemüth in
diesem Augenblick einem dunklen Körper gleicht, in den kein
Sonnenstrahl fällt, in dessen Tiefen eine bebende Furcht
gefesselt liegt — die Furcht, mich von Ihnen zu einem Unternehmen überreden zu lassen, das ich nicht erfüllen kann.“
“Ich habe eine Antwort für Sie — hören Sie. Ich
habe Sie beobachtet, seit wir uns zuerst sahen: ich habe
Sie seit zehn Monaten studirt. Ich habe Sie während
dieser Zeit auf verschiedene Proben gestellt: und was habe
ich gesehen und herausgebracht? In der Dorfschule fand
ich, daß Sie gut, pünktlich und redlich eine Arbeit zu verrichten im Stande waren, die Ihren Gewohnheiten und
Neigungen unangemessen schien; ich sah, Sie konnten sie
mit Fähigkeit und Takt ausüben: Sie konnten gewinnen,
während Sie zügelten. Die Ruhe, als Sie erfuhren,
daß Sie plötzlich reich geworden, zeigte mir einen Geist,
frei von dem Laster der Habsucht — die Freude am Besitz
hatte keine übermäßige Macht über Sie. In der entschlossenen Bereitwilligkeit, womit Sie Ihren Reichthum in vier
Theile theilten, nur einen für sich behielten, während Sie
die andern drei dem Anspruche der abstracten Gerechtigkeit
auslieferten, erkannte ich eine Seele, die in der Flamme und
Aufregung des Opfers schwelgte. Die Nachgiebigkeit, womit Sie auf meinen Wunsch ein Studium aufgaben, wofür
Sie sich interessirten und ein anderes trieben, welches mich
interessirte — die unermüdliche Beharrlichkeit, womit Sie
dasselbe seitdem fortgesetzt — der unerschütterliche Muth,
womit Sie allen Schwierigkeiten begegneten — zeigte mir
die Fülle der Eigenschaften, die ich suche. Johanna, Sie
sind gelehrig, fleißig, nicht interessirt, treu, beständig und
muthig; sehr sanft und sehr heroisch: hören Sie auf, sich
selber zu mißtrauen — ich kann Ihnen ohne Rückhalt vertrauen. Als Leiterin indischer Schulen und Helferin unter
indischen Weibern wird Ihr Beistand mir unschätzbar sein.“
Ein eiserner Arm umfaßte mich und die Ueberredung
kam mit langsamen sicheren Schritten näher. Ich mochte
meine Augen schließen, wie ich wollte, diese letzten Worte
machten den Weg freier, der mir verrammelt geschienen.
Meine Aufgabe, die mir so unbestimmt, so hoffnungslos
und verwirrt vorkam, nahm unter seiner bildenden Hand
eine bestimmte Form an. Er wartete auf eine Antwort.
Ich forderte eine Viertelstunde Zeit zum Nachdenken, ehe
ich wieder zu antworten wagte.
“Sehr gern,“ versetzte er, stand auf, ging eine Strecke
den Engpaß hinauf, warf sich auf das Haidekraut nieder
und lag dort still.
Ich kann thun, was er von mir verlangt: das muß ich
einsehen und anerkennen, dachte ich, das heißt, wenn ich
das Leben behalte. Aber ich fühle, daß mein Dasein unter
der indischen Sonne nicht von langer Dauer sein wird. —
Was denn? Daran liegt ihm Nichts: wenn meine Zeit zu
sterben käme, würde er mich in aller Heiterkeit und Heiligkeit dem Gott zurückgeben, der mich geschaffen. Die Sache
liegt sehr klar vor mir. Wenn ich England verlasse, verlasse ich ein geliebtes, aber leeres Land. Herr Rochester ist
nicht hier: und wenn er hier wäre, was könnte es mir
nützen? Mein Geschäft ist es, jetzt ohne ihn zu leben:
Nichts ist so thöricht und schwach, als sich von einem Tage
zum andern fortzuschleppen, als ob ich eine unmögliche
Veränderung der Umstände erwartete, die mich mit ihm
vereinen könnte. Natürlich muß ich, wie Saint John einst
sagte, ein anderes Interesse im Leben suchen, um das verlorene zu ersetzen: ist nicht die Beschäftigung, die er mir
jetzt anbietet, in Wahrheit die herrlichste, die der Mensch
nur übernehmen oder Gott anweisen kann? Ist sie nicht
vermöge ihrer edlen Sorgen und erhabenen Erfolge am
Besten geeignet, die Leere auszufüllen, die durch ausgerissene Neigungen und vernichtete Hoffnungen entstanden ist?
Ich glaube, ich muß ja sagen — und doch schaudert mich.
Ach! wenn ich mich Saint John anschließe, gebe ich mein
halbes Ich auf: wenn ich nach Indien gehe, gehe ich dem
frühen Tode entgegen. Und wie wird der Zwischenraum
zwischen der Abreise aus England und der Ankunft in Indien, zwischen der Ankunft in Indien und dem Grabe angefüllt werden! O! ich weiß es wohl! auch das ist mir
sehr klar. Wenn ich mich anstrenge, Saint John zufrieden
zu stellen, bis meine Sehnen zerreißen, so werde ich ihn bis
zu dem feinsten Mittelpunkt und dem weitesten Kreise seiner
Erwartungen zufriedenstellen. Wenn ich mit ihm gehe —
wenn ich das Opfer bringe, welches er fordert, so soll es
vollkommen geschehen: ich will Alles auf den Altar werfen
— Herz und Eingeweide, das ganze Opfer. Er wird mich
nimmer lieben; aber er wird mich billigen; ich will ihm
Kräfte zeigen, die er noch nie gesehen, Hülfsquellen. die er
nie vermuthet hat. Ja, ich kann so schwer arbeiten, wie
er, und dabei eben so wenig murren.
Ich sollte also, wenn möglich, in seine Forderung willigen — wäre nur Eins nicht — ein schrecklicher Umstand.
Er will, daß ich sein Weib werden soll und hat nicht mehr das Herz eines Gatten für mich, als jener drohende Riesenfels, von welchem der Bach sich schäumend in jene Schlucht hinunter ergießt. Er schätzt mich, wie ein Soldat eine gute Waffe schätzt, und das ist Alles. Unverheirathet mit ihm würde mich dies Alles nicht kümmern; aber kann ich denn seine Berechnungen vollenden, kalt seine Pläne in Ausführung bringen lassen, die Hochzeitsceremonie durchmachen? Kann ich von ihm den Brautring empfangen, alle die Förmlichkeiten der Liebe ertragen, die er ohne Zweifel gewissenhaft beobachten würde, und doch wissen, daß der Geist gänzlich abwesend ist? Kann ich das Bewußtsein ertragen, daß jede Liebkosung, die er mir zutheilt, ein auf Grundsätzen beruhendes Opfer ist? Nein, ein solches Martyrerthum wäre entsetzlich. Ich will mich demselben nimmermehr fügen: als seine Schwester könnte ich ihn begleiten — nicht als sein Weib: das will ich ihm sagen.
Ich blickte nach der Erhöhung hin, dort lag er so still,
wie eine ausgestreckte Säule; sein Gesicht wendete sich zu
mir: sein Auge strahlte wachsam und lebhaft. Er sprang
auf und näherte sich mir.
“Ich bin bereit, nach Indien zu gehen, wenn ich frei
dorthin gehen kann.“
“Ihre Antwort macht eine Erklärung nöthig,“ sagte
er; “Sie ist nicht klar“
“Sie sind bisher mein Adoptivbruder gewesen — ich
Ihre Adoptivschwester; lassen Sie uns das bleiben: es wird
besser sein, wenn wir Beide uns nicht miteinander verheirathen.“
Er schüttelte den Kopf.
,,Adoptirte Geschwisterschaft ist in diesem Falle nicht ausreichend. Wenn Sie meine wirkliche Schwester wären, da
wäre die Sache anders: ich würde Sie mitnehmen und kein
Weib suchen. Aber wie die Sache steht, muß unsere Vereinigung entweder geheiligt und durch die Ehe besiegelt werden, oder sie kann nicht existiren; unübersteigliche Hindernisse stellen sich jedem andern Plane in den Weg. Sehen
Sie es ein, Johanna? Denken Sie einen Augenblick nach —
Ihr starker Verstand wird Sie leiten.“
Ich dachte nach und mein Verstand sagte mir wieder,
daß wir einander nicht liebten, wie Mann und Weib einander lieben sollen, und zog daraus die Folgerung, daß wir
einander nicht heirathen müßten. Ich antwortete:
“Saint John, ich betrachte Sie als einen Bruder —
Sie mich als eine Schwester: wir wollen es dabei lassen.“
“Es kann nicht sein — es kann nicht sein,“ antwortete
er mit kurzem und raschen Entschlusse, es würde nimmermehr angehen. Sie haben gesagt, Sie wollen mit mir
nach Indien gehen: erinnern Sie sich, daß Sie das gesagt haben.“
“Natürlich bedingungsweise.“
“Gut — gut. Also zur Hauptsache — gegen die Abreise mit mir aus England, gegen die Theilnahme an meinem künftigen Beruf, haben Sie Nichts einzuwenden. Sie
haben schon fast die Hand an den Pflug gelegt: Sie sind zu
beharrlich, um sie zurückzuziehen. Sie haben nur einen
Zweck im Auge zu behalten — wie das Werk, welches Sie
unternommen, am Besten kann ausgeführt werden. Vereinfachen Sie Ihre verwickelten Interessen, Gefühle, Gedanken, Wünsche, Zwecke; tauchen Sie alle Rücksichten in
dem einen Vorsatz unter: mit Wirksamkeit, und Kraft die
Sendung Ihres großen Herrn zu erfüllen. Um dies zu
thun, müssen Sie einen Gehülfen — nicht einen Bruder
haben; jenes Band ist zu locker: es muß ein Gatte sein.
Auch ich bedarf keiner Schwester: eine Schwester könnte
einst von mir genommen werden. Ich bedarf eines Weibes; sie ist die einzige Gehülfin, auf die ich im Leben wirksamen Einfluß üben und die ich bis zum Tode behalten kann.“ Ich empfand einen Schauder, als er sprach: ich fühlte
seinen Einfluß im innersten Mark — seine Macht an meinen Gliedern.
“Suchen Sie eine Andere als mich, Saint John: suchen Sie eine, die für sie paßt.“
“Die zu meinem Zwecke — zu meinem Berufe paßt,
wollen Sie sagen. Ich wiederhole Ihnen, es ist nicht das
unbedeutende Einzelwesen — der bloße Mensch mit des
Menschen selbstsüchtigem Sinnen — mit dem ich mich verbinden will, sondern der Missionair.“
“Und ich will der Mission meine Kräfte zuwenden —
das ist Alles, was Gott fordert — nicht mich selbst: das
hieße nur, die Hülse und Schaale zu dem Kern hinzufügen.
Deren bedarf er nicht: ich behalte sie.“
“Sie können und dürfen es nicht. Glauben Sie, Gott werde mit einem halben Opfer zufrieden sein? Wird er ein
verstümmeltes Opfer annehmen? Es ist die Sache Gottes,
die ich vertrete: ich stehe unter seiner Fahne. Ich kann in
seinem Namen keine getheilte Verpflichtung annehmen: sie
muß vollständig sein.“
“O! ich will mein Herz Gott weihen,“ sagte ich, “Sie
bedürfen dessen nicht.“
Ich will nicht behaupten, Leser, daß nicht ein wenig
unterdrückter Sarkasmus in dem Tone lag, womit ich diesen Satz aussprach, so wie auch in dem Gefühl, das ihn
begleitete. Ich hatte Saint John bis jetzt im Stillen gefürchtet, weil ich ihn nicht verstand. Er hatte mich durch
Schrecken beherrscht, weil er mich in Zweifel gehalten. Wie
viel heilig und wie viel irdisch an ihm war, konnte ich bisher nicht sagen; aber es wurden Eröffnungen in dieser Unterredung gemacht und die Analyse seiner Natur ging vor
meinen Augen vor. Ich sah und begriff seine Fehlbarkeit.
Ich erkannte, daß ich auf der natürlichen Rasenbank und
jene schöne Gestalt vor mir, zu den Füßen eines Mannes
saß, der irrte, wie ich. Der Schleier fiel von seiner Härte
und seinem Despotismus. Nachdem ich in ihm die Gegenwart dieser Eigenschaften gefühlt, empfand ich seine Unvollkommenheit und faßte Muth. Ich hatte ein Wesen meines
Gleichen vor mir — mit dem ich streiten — dem ich mich
widersetzen konnte, wenn ich es für gut hielt.
Er schwieg, nachdem ich den letzten Satz ausgesprochen,
und ich wagte sogleich, meinen Blick zu seinem Gesicht zu
erheben. Sein auf mich gerichtetes Auge drückte zugleich
lebhafte Ueberraschung und strenge Beobachtung aus.
“Ist sie sarkastisch — sarkastisch gegen mich — schien er
bei sich selber zu sagen. Was hat dies zu bedeuten?“
“Lassen Sie uns nicht vergessen, daß dies eine feierliche
Sache ist,“ sagte er bald, “über die wir nicht ohne Sünde
weder leichtsinnig denken, noch reden können. Ich hoffe,
Johanna, es ist Ihr Ernst, wenn Sie sagen, Sie wollen
Ihr Herz Gott weihen: das ist Alles, was ich verlange.
Reißen Sie Ihr Herz nur von den Menschen los und weihen
es Ihrem Schöpfer, dann wird die Ausbreitung des geistigen Königreiches auf Erden Ihre höchste Wonne und Bemühen sein: Sie werden bereit sein, sogleich Alles zu thun,
was diesen Zweck befördert. Sie werden sehen, welchen Antrieb Ihre und meine Bemühungen durch unsere physische
und geistige Vereinigung in der Ehe erhalten: durch die
einzige Vereinigung, die dem Geschick und den Plänen der
menschlichen Wesen einen Charakter dauernder Gleichförmigkeit verleiht — und alle untergeordneten Launen — alle
trivialen Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten des Gefühls
— alle Scrupeln über den Grad, die Art, die Stärke oder
Zärtlichkeit der blos persönlichen Neigung übersehend, werden
Sie eilen, sogleich auf diese Verbindung einzugehen.“
“Werde ich das?“ fragte ich kurz, und sah seine Züge
an, die schön in ihrer Harmonie, aber sehr schrecklich in
ihrer stillen Strenge waren; seine gebieterische, aber nicht
offene Stirn; sein glänzendes, helles, tiefes und forschendes,
aber nicht sanftes Auge; seine hohe und gebieterische Gestalt,
und dachte mich als sein Weib. O! es konnte nimmer geschehen. Als seine Gehülfin, seine Begleiterin war Alles
recht: in dieser Eigenschaft wollte ich mit ihm Meere überfahren, unter der glühenden Sonne in den asiatischen Wüsten
mit ihm in seinem Berufe arbeiten; seinen Muth bewundern
und nachahmen, sowie seine Ergebenheit und Thatkraft; mich
ruhig an seine Herrschaft gewöhnen; ungestört über seinen
unvertilgbaren Ehrgeiz lächeln; den Christen von dem Menschen unterscheiden; den Einen hochachten und dem Andern
aus freiem Antriebe verzeihen. Auch in dieser Eigenschaft
an ihn gefesselt, hätte ich ohne Zweifel oft leiden müssen:
mein Körper wäre unter ein schweres Joch gekommen, doch
wäre mein Herz und mein Geist frei gewesen. Ich hätte mich
immer noch an mein unverkümmertes Ich wenden können,
so wie an meine natürlichen ungeknechteten Gefühle, und
mit ihnen in Augenblicken der Einsamkeit verkehren. Es blieben Falten in meinem Herzen und Gemüthe übrig, die nur mir gehörten, in die er niemals drang, und wo frisch und wohlbeschirmt Gefühle aufwuchsen, die seine Strenge nimmer vernichten, noch sein gemessener Kriegerschritt niedertreten konnte: aber als sein Weib — stets an seiner Seite und stets gezügelt und gehemmt — gezwungen, das Feuer meiner Natur beständig zu dämpfen, es zu zwingen, innerlich zu brennen und niemals einen Schrei auszustoßen, und wenn die eingekerkerte Flamme auch ein Lebensorgan nach dem anderen verzehrte — dies mußte ganz unerträglich sein.
“Saint John!“ rief ich, als ich so weit in meiner Betrachtung gekommen war.
“Nun?“ antwortete er eiskalt.
“Ich wiederhole es: ich willige aus freien Stücken ein, als Ihr Amtsgehülfe mit Ihnen zu gehen, doch nicht als Ihr Weib: Ich kann Sie nicht heirathen und ein Theil von Ihnen werden.“
“Ein Theil von mir müssen Sie werden,“ antwortete er fest, “sonst ist der ganze Handel nichtig. Wie kann ich als Mann von dreißig Jahren ein Mädchen von neunzehn mit mir nach Indien nehmen, wenn sie nicht mit mir verheirathet ist? Wie können wir unverheirathet immer beisammen sein — zuweilen in der Einsamkeit, zuweilen unter wilden Volksstämmen?“
“Sehr gut,“ sagte ich kurz, “unter solchen Umständen eben so gut, als wenn ich wirklich Ihre Schwester, als wenn ich ein Mann und ein Geistlicher wäre wie Sie.“
“Es ist bekannt, daß Sie nicht meine Schwester sind; ich kann Sie nicht als solche einführen, denn wollte ich es versuchen, so würde ein nachtheiliger Verdacht auf uns Beide fallen. Uebrigens, obgleich Sie den kräftigen Geist eines Mannes haben, besitzen Sie doch ein weibliches Herz — und dies würde nicht angehen.“
“Es würde angehen,“ versicherte ich mit einiger Verachtung, “vollkommen gut. Ich habe ein weibliches Herz; doch nicht in Betreff Ihrer: für Sie empfinde ich nur die Anhänglichkeit eines Kameraden, die Offenheit eines Mitstreiters, die Achtung und den Gehorsam eines Jüngers für
seinen Meister: Nichts weiter — sein Sie unbesorgt.“
“Es ist, was ich bedarf,“ sagte er bei sich selber redend;
“es ist gerade, was ich bedarf. Es stehen Hindernisse im
Wege: sie müssen niedergehauen werden. Johanna, Sie
würden es nicht bereuen, mich zu heirathen, davon können
Sie sich überzeugt halten: wir müssen verheirathet sein.
Ich wiederhole es: es gibt kein anderes Mittel, und ohne
Zweifel würde Liebe genug auf die Verbindung folgen, um
dieselbe selbst in Ihren Augen zu rechtfertigen.“
“Ich verachte Ihren Begriff von Liebe,“ konnte ich nicht
umhin zu sagen, indem ich aufstand, mich vor ihn hinstellte
und meinen Rücken an den Felsen lehnte. “Ich verachte die
nachgemachte Empfindung, die Sie mir anbieten; ja, Saint
John, und ich verachte Sie, wenn Sie sie mir anbieten.“
Er sah mich fest an und preßte seine wohlgebildeten
Lippen zusammen, während er dies that. Ob er erbittert
oder überrascht sein mochte, oder was sonst, war nicht leicht
zu sagen, denn er beherrschte vollkommen sein Gesicht.
“Ich erwartete kaum, diesen Ausdruck von Ihnen zu
hören,“ sagte er; “ich denke, ich habe Nichts gethan und
ausgesprochen, wofür ich Verachtung verdiente.“
Ich war gerührt durch seinen milden Ton und empfand
Ehrfurcht vor seiner erhabenen und ruhigen Miene.
“Verzeihen Sie mir die Worte, Saint John; aber es ist
Ihre eigene Schuld, daß ich veranlaßt worden bin, unüberlegt zu reden. Sie haben einen Gegenstand berührt, worüber
unsere Naturen nicht in Uebereinstimmung sind — einen
Gegenstand, den wir nie verhandeln sollten: schon der Name
der Liebe ist ein Zankapfel zwischen uns — wenn die Wirklichkeit gefordert würde, was sollten wir thun? Wie sollten wir fühlen? Mein lieber Vetter, geben Sie Ihren Heirathsplan auf — vergessen Sie ihn“
“Nein,“ sagte er, “es ist ein lange genährter Gedanke und
der einzige, der meinen großen Plan sichern kann: aber ich
will für jetzt nicht weiter in Sie dringen. Morgen gehe ich
nach Cambridge: ich habe dort viele Freunde, denen ich
gern Lebewohl sagen möchte. Ich werde vierzehn Tage abwesend sein. — Benutzen Sie diese Zeit, um mein Anerbieten zu überlegen, und vergessen Sie nicht, daß Sie, wenn
Sie es ausschlagen, nicht mir etwas verweigern, sondern
Gott. Er wendet mich als Mittel an, Ihnen eine edle
Laufbahn zu eröffnen, nur als mein Weib können Sie dieselbe betreten. Weigern Sie sich, mein Weib zu werden,
und Sie beschränken sich auf immer auf ein Leben selbstsüchtiger Ruhe und unfruchtbarer Ruhelosigkeit. Zittern Sie, dass Sie in dem Falle unter diejenigen gezählt werden, die
den Glauben verleugnet haben und schlimmer sind, als die
Ungläubigen!“
Er hatte ausgeredet, wendete sich von mir und überblickte noch einmal Bach und Hügel. Aber diesmal waren
alle seine Gefühle in seinem Herzen verschlossen: ich war
nicht würdig, sie aussprechen zu hören. Als ich an seiner
Seite heimwärts ging, las ich deutlich in seinem eisernen
Schweigen Alles, was er für mich fühlte: die Täuschung
einer strengen und despotischen Natur, die Widerstand gefunden, wo sie Unterwerfung erwartete — die vereitelte
Hoffnung eines kalten und unbeugsamen Urtheils, das in
einem Andern Gefühle und Ansichten entdeckt hat, womit es
nicht übereinzustimmen vermag: kurz, als Mann hätte er
gewünscht, mich zum Gehorsam zu zwingen: nur als aufrichtiger Christ ertrug er geduldig meine Verkehrtheit und
erlaubte mir eine so lange Pause zum Nachdenken und zur
Reue.
Als er an jenem Abend seine Schwestern geküßt hatte,
hielt er es für gut, zu vergessen, mir auch nur die Hand zu
drücken, und verließ schweigend das Zimmer. Ich, die ich
zwar keine Liebe aber viel Freundschaft für ihn hegte, wurde
durch diese absichtliche Uebergehung verletzt, so daß mir Thränen in die Augen traten.
“Ich sehe, Du und Saint John haben mit einander gezankt, Johanna, während Ihr auf dem Moor spazieren gegangen,“ sagte Diana. “Aber geh ihm nach; er verweilt
jetzt im Gange und erwartet Dich — er will es wieder gut machen.“
Ich empfinde nicht viel Stolz unter solchen Umständen;
ich bin immer lieber heiter als würdevoll, und ich lief ihm
nach und traf ihn am Fuße der Treppe.
“Gute Nacht, Saint John,“ sagte ich.
“Gute Nacht, Johanna,“ versetzte er ruhig.
“So reichen Sie mir die Hand,“ fügte ich hinzu.
Welchen kalten, leichten Druck gab er meinen Fingern!
Er war sehr unzufrieden mit dem, was an jenem Tage geschehen war: Herzlichkeit konnte ihn nicht erwärmen, Thränen ihn nicht rühren. Keine freudige Versöhnung war von
ihm zu erlangen — kein heiteres Lächeln, kein edelmüthiges
Wort: aber dennoch war der Christ geduldig und ruhig;
und als ich ihn fragte, ob er mir verzeihen wolle, da antwortete er, es sei nicht seine Gewohnheit, die Erinnerung an einen Aerger zu bewahren; er habe mir Nichts zu verzeihen, da ich ihn nicht beleidigt.
Und mit dieser Antwort verließ er mich. Ich hätte lieber gesehen, er hätte mich zu Boden geschlagen.

Neuntes Kapitel.

Er reiste am nächsten Tage nicht nach Cambridge ab, wie er gesagt. Er verschob seine Abreise noch eine ganze Woche, und während dieser Zeit mußte ich die schwere Strafe
fühlen, die ein guter aber strenger, ein gewissenhafter aber unerbittlicher Mann einer Person auferlegen kann, die ihn beleidigt hat. Ohne eine offene Handlung der Feindseligkeit, ohne ein tadelndes Wort gelang es ihm, mir augenblicklich die Ueberzeugung aufzudringen, daß ich die Grenze seiner Gunst überschritten habe. Nicht als hätte Saint John einen Geist unchristlicher Rachsucht gehegt -- nicht als würde er mir ein Haar auf meinem Haupte verletzt haben, auch wenn es völlig in seiner Macht gestanden. Sowohl von Natur als aus Grundsätzen war er erhaben über die gemeine Befriedigung der Rache: er hatte mir verziehen, daß ich gesagt, ich verachte ihn und seine Liebe; aber er hatte die Worte nicht vergessen und konnte sie nicht vergessen, so lange wir Beide lebten. Ich sah es seinem Blicke an, wenn er auf mich gerichtet war, daß sie immer in der Luft zwischen mir und ihm geschrieben standen: immer wenn ich sprach, tönten sie ihm vermöge meiner Stimme in’s Ohr, und ihr Echo klang aus jeder Antwort, die er mir gab.
Er vermied es nicht, sich mit mir zu unterreden: er rief mich sogar wie gewöhnlich jeden Morgen an sein Pult; und ich fürchte, der verdorbene Mensch in ihm fand Vergnügen, welches der reine Christ nicht theilte, zu zeigen, mit welcher Geschicklichkeit er, während er dem Anschein nach wie gewöhnlich handelte und sprach, aus jeder Handlung und jeder Phrase den Geist des Interesse und der Billigung zu entfernen vermöge, der früher seiner Sprache und seinem Wesen einen gewissen strengen Reiz mitgetheilt hatte. Für mich war er in Wahrheit nicht mehr Fleisch, sondern Marmor: sein Auge war ein kalter, glänzender, blauer Edelstein; seine Zunge ein redendes Instrument – Nichts weiter.
Dies Alles war eine lange und raffinirte Folterqual für mich. Es unterhielt ein langsames Feuer des Unwillens und eine bebende Unruhe des Kummers, die mich erschütterte
und gänzlich darnieder drückte. Ich fühlte -- wenn ich sein Weib wäre, wie dieser gute Mann, so rein, wie die tiefe, sonnenlose Quelle, mich bald tödten würde, ohne einen
Blutstropfen aus meinen Adern zu ziehen und ohne den schwächsten Flecken eines Verbrechens auf sein krystallreines Gewissen zu bekommen. Besonders fühlte ich dies, wenn ich ihn zu versöhnen suchte. Keine Reue begegnete meine Reue. Die Entfremdung verursachte ihm kein Leiden -- kein Verlangen nach Aussöhnung; und obgleich mehr als
einmal meine Thränen anhaltend auf das Buch fielen, über welches wir uns Beide neigten, so brachten sie doch nicht mehr Wirkung auf ihn hervor, als wenn sein Herz wirklich von Stein oder Metall gewesen wäre. Gegen seine Schwestern war er inzwischen etwas freundlicher, als gewöhnlich: als fürchte er, bloße Kälte werde nicht hinreichend sein, mich hinlänglich zu überzeugen, wie vollkommen ich verbannt und verstoßen sei, fügte er die Macht eines Contrastes hinzu, und ich bin gewiß, daß er dies nicht aus Bosheit, sondern aus Grundsatz that.
Als ich ihn am Abend zuvor, ehe er seine Heimath verließ, zur Zeit des Sonnenuntergangs im Garten auf- und abgehen sah, ihn anblickte, und mich erinnerte, wie dieser Mann, der mir so entfremdet war, mir einst das Leben gerettet, und daß wir nahe Verwandte waren, ließ ich mich bewegen, einen letzten Versuch zu machen, seine Freundschaft wieder zu erlangen. Ich ging hinaus und näherte mich ihm, als er sich gerade über die kleine Pforte lehnte. Ich kam gleich zur Sache und sagte:
“Saint John, es macht mich unglücklich, daß Sie noch immer zornig auf mich sind. Lassen Sie uns Freunde sein.”
“Ich hoffe, wir sind Freunde,” war seine unbewegte Antwort, während er fortfuhr, den Aufgang des Mondes zu beobachten.
“Nein, Saint John, wir sind nicht Freunde, wie wir es waren, das wissen Sie wohl.”
“Sind wir es nicht? Das ist unrecht. Ich meines Theils wünsche Ihnen nichts Böses, sondern alles Gute.”
“Ich glaube es Ihnen, Saint John; denn ich bin überzeugt, Sie sind unfähig, irgend Jemandem etwas Böses zu wünschen; aber als Ihre Verwandte verlange ich etwas
mehr Zuneigung als jene allgemeine Menschenliebe, die Sie auch über Fremde erstrecken.”
“Natürlich,” sagte er. “Ihr Wunsch ist vernünftig, und ich bin weit entfernt, Sie als eine Fremde zu betrachten.”
Diese Worte, die in kaltem und ruhigem Tone gesprochen wurden, waren kränkend und zurückweisend genug. Hätte ich mich den Eingebungen des Stolzes und Zornes
hingeben wollen, so würde ich ihn sogleich verlassen haben: aber etwas wirkte stärker in mir, als diese Gefühle es konnten. Ich verehrte aufrichtig meines Vetters Talente und
Grundsätze. Seine Freundschaft war mir von Werth: sie zu verlieren, war eine schwere Probe für mich. Ich wollte das Bemühen nicht sobald aufgeben, sie wieder zu erlangen.
“Müssen wir uns auf diese Weise trennen, Saint John? Und wenn Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich verlassen, ohne ein freundlicheres Wort, als Sie jetzt zu mir gesprochen haben?”
Er wendete sich ganz von dem Monde ab und sah mich an.
“Verlasse ich Sie, Johanna, wenn ich nach Indien gehe? Wie! Gehen Sie nicht nach Indien?”
“Sie sagten, ich könne es nicht anders, als wenn ich mit Ihnen verheirathet wäre.”
“Und Sie wollen mich nicht heirathen? Sie bleiben bei Ihrem Entschlusse?”
Weißt Du, Leser, wie ich, welchen Schrecken jene kalten Leute in das Eis ihrer Fragen legen können? Wie sehr ihr Zorn dem Fall der Schneelawine, dem Aufbrechen der
zugefrornen See gleicht?
“Nein, Saint John, ich will Sie nicht heirathen. Ich bleibe bei meinem Entschlusse.”
Die Schneelawine hatte sich bewegt und war ein wenig vorwärts gerollt, doch stürzte sie noch nicht nieder.
“Noch einmal, warum dieser Entschluß?” fragte er.
“Früher antwortete ich, weil Sie mich nicht liebten: jetzt antworte ich, weil Sie mich fast hassen. Wenn ich Sie heirathete, würden Sie mich tödten. Sie tödten mich schon jetzt.
Seine Lippen und Wangen wurden weiß wie Marmor
,.Ich sollte Sie tödten - ich tödte Sie jetzt? Ihre Waffen sind von der Art, wie sie nicht angewendet werden sollten: heftig, unweiblich und unwahr. Sie verrathen einen unglücklichen Gemüthszustand: Sie verdienen strengen Tadel; Sie würden unverzeihlich erscheinen, doch es ist die Pflicht des Menschen, seinem Bruder siebenzigmal
siebenmal zu verzeihen.
Ich hatte jetzt das Geschäft vollendet. Während ich lebhaft wünschte, die Spur meines frühern Vergehens aus seinem Geiste zu entfernen, hatte ich auf jene beharrliche
Oberfläche noch einen neuen und weit tiefern Eindruck gemacht: ja ich hatte ihn eingebrannt.
Jetzt werden Sie mich in der That hassen,' sagte ich.
“Es ist unnütz, Sie versöhnen zu wollen: ich sehe, ich habe einen ewigen Feind aus Ihnen gemacht.”
Die Worte waren ein neues Vergehen: um so schlimmer, weil sie die Wahrheit berührten. Jene blutlose Lippe bebte im augenblicklichen Krampfe. Ich kannte den stählernen Zorn, den ich geweckt. Mein Herz war verwundet.
“Sie mißverstehen gänzlich meine Worte,' sagte ich, sogleich seine Hand ergreifend: ,ich habe nicht die Absicht, Sie zu kränken oder Ihnen Schmerz zu verursachen -- in
der That nicht. “
Sehr bitter lächelte er -- sehr entschieden zog er seine Hand aus der meinen. “Und nun nehmen Sie Ihr Versprechen zurück und wollen vermuthlich gar nicht mit nach Indien gehen?” fragte er nach einer beträchtlichen Pause.
“Ich will es als Ihre Gehülfin,” antwortete ich.
Ein sehr langes Schweigen folgte. Welcher Kampf zwischen der Natur und der Großmuth in diesem Zeitraum in ihm vorging, kann ich nicht sagen: nur seltsame Strahlen funkelten in seinen Augen und auffallende Schatten zogen über sein Gesicht. Endlich sprach er.
“Ich habe Ihnen schon vorher die Widersinnigkeit bewiesen, wenn ein einzelnes Frauenzimmer von Ihrem Alter beabsichtigt, einen einzelnen Mann in meinen Jahren auf
einer so weiten Reise zu begleiten. Ich bewies es Ihnen in solchen Ausdrücken, von denen ich geglaubt hätte, sie würden Sie verhindert haben, je wieder einen solchen Plan
zu erwähnen. Daß Sie es dennoch gethan, bedaure ich um Ihretwillen.”
Ich unterbrach ihn. Alles, was einem fühlbaren Vorwurfe glich, gab mir sogleich Muth
“Bleiben Sie beim gesunden Verstande stehen, Saint John; Sie neigen sich zum Unsinn. Sie behaupten, durch das, was ich gesagt, verletzt zu sein. Sie sind nicht wirklich verletzt; denn bei Ihrem überlegenen Geiste können Sie nicht so kurzsichtig oder so eingebildet sein, um meine Meinung zu verkennen. Ich sage noch einmal, ich will Ihre Amtsgehülfin sein, wenn Sie es wollen, aber nimmermehr Ihr Weib.”
Er wurde wieder todtenblaß, aber mäßigte wieder, wie vorhin, seine Leidenschaft vollkommen. Er antwortete mit Nachdruck aber ruhig:
“Eine Amtsgehülfin, die nicht mein Weib ist, kann mir nichts nützen. So scheint es also, Sie können nicht mit mir gehen: wenn Ihr Anerbieten aber aufrichtig gemeint ist, so will ich in London mit einem verheiratheten Missionair sprechen, dessen Gattin einer Gehülfin bedarf. Ihr eigenes Vermögen wird Sie unabhängig von dem Beistand
der Missionsgesellschaft machen; und so kann Ihnen noch die Schande erspart werden, Ihr Wort zu brechen und die Schaar zu verlassen, der Sie sich anzuschließen verbindlich
gemacht. “
Nun hatte ich aber, wie der Leser weiß, niemals ein ausdrückliches Versprechen gegeben, oder hatte mich auf irgend eine Verbindlichkeit eingelassen, und seine Sprache war viel
zu hart und viel zu despotisch für diese Gelegenheit. Ich erwiderte:
“Hier kann von keiner Schande, von keinem Wortbruch, von keinem Verlassen einer Sache die Rede sein. Ich habe nicht die geringste Verpflichtung, nach Indien zu gehen: besonders nicht mit Fremden. Mit Ihnen würde ich viel gewagt haben, weil ich Sie bewundere, Ihnen vertraue und Sie wie eine Schwester liebe: aber ich bin überzeugt, wenn und mit wem ich auch ginge, daß ich in jener Zone nicht lange leben würde.”
“Ah! Sie haben Furcht,” sagte er mit spöttisch verzogener Lippe.
“Es ist wahr,” entgegnete ich. ,”Gott gab mir mein Leben nicht, um es wegzuwerfen; und würde ich thun, was Sie wünschen, so müßte ich es fast für einen Selbstmord halten. Ueberdies muß ich wissen, ehe ich England verlasse, ob ich nicht von größerem Nutzen sein kann, wenn ich da bleibe, als wenn ich es verlasse.”
“Was meinen Sie damit?”
“Es würde fruchtlos sein, mich erklären zu wollen; aber über einen Punkt habe ich seit langer Zeit Zweifel gehegt, und ich kann nirgends hingehen, bis dieser Zweifel auf irgend eine Weise entfernt ist.”
“Ich weiß, wohin Ihr Herz gewendet ist und woran es hängt. Das Interesse, welches Sie hegen, ist gesetzlos und ungeweiht. Schon längst hätten Sie es unterdrücken und jetzt erröthen sollen, darauf anzuspielen. Sie denken an Herrn Rochester?”
So war es, ich gestand es durch mein Schweigen zu.
“Wollen Sie Herrn Rochester aufsuchen?”
“Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist.”
“Da bleibt mir nichts weiter übrig,” sagte er, “als Sie in meine Gebete einzuschließen und Gott allen Ernstes für Sie zu bitten, daß Sie nicht in der That auf einen Abweg gerathen mögen. Ich glaubte in Ihnen eine der Auserwählten zu erkennen. Aber Gott sieht nicht, wie die Menschen sehen: sein Wille geschehe.
Er öffnete die Pforte, trat hinaus und ging in das Thal hinunter. Bald war er mir aus dem Gesichte.
Als ich wieder in das Sprach immer trat, fand ich Diana, die am Fenster stand und sehr gedankenvoll aussah. Diana war viel größer als ich: sie legte ihre Hand auf meine Schulter, beugte sich nieder und prüfte mein Gesicht.
“Johanna,” sagte sie,”Du bist jetzt immer aufgeregt und blaß. Ich bin gewiß, es geht etwas mit Dir vor. Sage mir, was Saint John mit Dir beabsichtigt. Ich habe Euch seit einer halben Stunde am Fenster beobachtet: Du mußt mir verzeihen, daß ich spionire, aber seit langer Zeit weiß ich nicht, was ich denken soll. Saint John ist ein seltsames Wesen.”
Sie hielt inne - ich sprach auch nicht, und bald fuhr sie fort:
Ich bin gewiß, daß mein Bruder ganz eigenthümliche Absichten mit Dir hat: er hat Dich längst durch eine Beachtung und ein Interesse ausgezeichnet, wie er es nie für irgend eine andere Person gezeigt -- zu welchem Zweck? Ich wünsche, er liebt Dich -- ist es so, Johanna?” Ich erhob ihre kühle Hand zu meiner heißen Stirn und sagte:
“Nein Diana, nicht im Geringsten.”
“Warum folgt er Dir denn so mit den Augen, ist so häufig mit Dir allein und hält Dich beständig an seiner Seite? Marie und ich sind zu dem Schlusse gekommen, er wünsche Dich zu heirathen.”
“So ist es - er hat mich aufgefordert, sein Weib zu werden.'”
Diana klatschte in die Hände.
“Das ist es, was wir dachten und hofften!'” rief sie.
“Und Du wirst ihn heirathen, Johanna, nicht wahr? Und dann wird er in England bleiben.”
“Weit entfernt, Diana; sein einziger Zweck bei diesem Vorschlage ist, sich eine passende Amtsgehülfin bei seinen Missionsgeschäften in Indien zu verschaffen.”
“Was! er will, Du sollst nach Indien gehen?”
“Ja.”
“Unsinn!'' rief sie. “Ich bin gewiß, Du würdest dort nicht drei Monate leben. Du sollst nimmermehr gehen: Du hast nicht eingewilligt -- nicht wahr, Johanna?”
“Ich habe mich geweigert, ihn zu heirathen – “
“Und hast Dir folglich sein Mißfallen zugezogen?” sagte sie.
“Gewiß; ich fürchte, er wird mir nimmer verzeihen; doch erbot ich mich, ihn als seine Schwester zu begleiten. “
“Das ist Wahnsinn, Johanna! Bedenke, welche Aufgabe Du übernahmst -- eine Aufgabe unablässiger Anstrengung, wo die Anstrengung selbst die Starken tödtet; und Du bist schwach. Saint John -- Du kennst ihn -- würde Dich zu Unmöglichkeiten antreiben; bei ihm würdest Du nicht die Erlaubniß haben, während der heißen Stunden zu ruhen, und unglücklicherweise habe ich bemerkt, daß Du Dich zwingst, auszuführen, was er fordert. Ich erstaune, daß Du Muth gefunden, ihm Deine Hand zu verweigern. Du liebst ihn also nicht, Johanna?”
“Nicht als Gatten.”

Aber er ist ein hübscher Junge.!

“Und ich bin so gewöhnlich, wie Du siehst, Diana. Wir würden nimmer zu einander passen.”

“Gewöhnlich! Du? Durchaus nicht. Du bist viel zu hübsch und viel zu gut, um in Calcutta lebendig gebraten zu werden.”

Und noch einmal beschwor sie mich ernstlich, jeden Gedanken aufzugeben, mit ihrem Bruder zu gehen.

“Ich muß es in der That,” sagte ich; “denn als ich eben mein Anerbieten wiederholte, ihm als Amtsgehülfin zu dienen, zeigte er sich empört über meinen Mangel an
Schicklichkeitsgefühl. Er schien zu denken, ich habe eine Unschicklichkeit begangen, ihm den Vorschlag zu machen, ihn unverheirathet zu begleiten, als wenn ich nicht von Anfang an gehofft, in ihm einen Bruder zu finden, und mich gewöhnt, ihn als solchen zu betrachten.”

“Wie kommst Du auf die Vermuthung, daß er Dich nicht liebt, Johanna?”

“Du solltest ihn selbst darüber reden hören. Er hat mir wiederholt erklärt, daß er nicht für sich, sondern für sein Amt eine Genossin wünscht. Er hat mir gesagt, ich sei zur Arbeit geschaffen -- nicht zur Liebe, was ohne Zweifel wahr ist. Aber wenn ich nicht zur Liebe geschaffen bin, so folgt meiner Meinung nach daraus, daß ich auch nicht für die Ehe geschaffen bin. Würde es nicht seltsam sein, Diana, auf Lebenszeit an einen Mann gefesselt zu sein, der mich nur als ein nützliches Werkzeug betrachtet?”

“Unerträglich - unnatürlich -- es kann nicht davon die Rede sein!”

“Und dann,” fuhr ich fort; “obgleich ich jetzt nur schwesterliche Neigung für ihn empfinde, kann ich mir doch die Möglichkeit denken, daß ich, wenn ich gezwungen würde, sein Weib zu werden, eine unvermeidliche, seltsame, quälende Art von Liebe für ihn empfinden würde, weil er so talentvoll ist und oft eine gewisse heroische Größe in seinem Blicke, seinem Wesen und seiner Unterhaltung liegt. In diesem Falle würde mein Loos unaussprechlich elend werden; er würde nicht wollen, daß ich ihn liebe, und wenn ich das Gefühl zeigte, mir zu verstehen geben, daß es etwas Ueberflüssiges sei, was er nicht fordere und sich für mich nicht schicke. Ich weiß, das würde er thun.”
“Und doch ist Saint John ein guter Mann,” sagte Diana.

“Er ist ein guter und großer Mann; aber er vergißt ohne Mitleid die Gefühle und Ansprüche kleiner Menschen, indem er seine eigenen großartigen Pläne verfolgt. Es ist daher besser für die Unbedeutenden, sich fern von ihm zu halten, damit er sie auf seinem Wege nicht zu Boden trete. Hier kommt er! Ich will dich verlassen, Diana.”
Und ich eilte die Treppe hinauf, als ich ihn in den Garten treten sah.
Aber ich war genöthigt, ihn beim Abendessen wieder zu treffen. Während dieser. Mahlzeit erschien er eben so gefaßt, wie gewöhnlich. Ich hatte gedacht, er würde kaum mit mir reden und ich war gewiß, das er die Verfolgung seines Heirathsplanes aufgegeben: die Folge zeigte, daß ich mich in beiden Fällen geirrt. Er redete mich durchaus auf seine gewöhnliche Weise an, oder wenigstens auf die Weise, die ihm in der letzten Zeit zur Gewohnheit geworden war, nämlich mit scrupulöser Höflichkeit. Ohne Zweifel hatte er die Hülfe des heiligen Geistes angerufen, um den Zorn zu überwinden, den ich in ihm erregt, und glaubte mir jetzt wieder verziehen zu haben.
Zu der Abendvorlesung vor den Gebeten wählte er das einundzwanzigste Kapitel der Offenbarung. Es war zu allen Zeiten angenehm zu hören, wenn die Worte der Schrift von seinen Lippen fielen: nie klang seine schöne Stimme zugleich so lieblich und voll - nie wurde sein Wesen so ausdrucksvoll in seiner edlen Einfachheit, als wenn er die Orakel Gottes verkündete; und an diesem Abend nahm diese Stimme einen noch feierlicheren Ton — dieses Wesen eine noch eindringlichere Bedeutung an - als er in der Mitte seines häuslichen Kreises saß - während der Mond durch das unverhängte Fenster hereinschien und das Licht auf dem Tische fast unnöthig machte - als er da saß, sich über die große alte Bibel neigte und nach ihren Aussprüchen den neuen Himmel und die neue Erde beschrieb — sagte, wie Gott kommen werde, unter den Menschen zu wohnen, wie er alle Thränen aus ihren Augen trocknen werde, und verhieß, es solle kein Tod mehr sein, noch Leid noch Geschrei und Schmerz, weil die früheren Dinge vergangen seien.
Die folgenden Worte drangen auf seltsame Weise in mein Herz, so wie er sie aussprach, besonders da ich an der leichten und unbeschreiblichen Veränderung des Tones bemerkte, das sein Auge dabei auf mich gerichtet war.
"Wer überwindet, soll mein Erbe sein, und ich will sein Gott sein, und er soll mein Sohn sein. Aber," wurde langsam und deutlich hinzugefügt, “die Furchtsamen, die Ungläubigen sollen in den Pfuhl gestürzt werden, wo Feuer und Schwefel brennt und welcher ist der zweite Tod.”
Von jetzt an wußte ich, welches Schicksal Saint John für mich fürchtete.
Ein ruhiger gedämpfter Triumph, verschmolzen mit verlangendem Ernst, bezeichnete die Aussprache der letzten herrlichen Verse des Kapitels. Der Leser glaubte, sein Name
sei schon geschrieben in das Lebensbuch des Lammes, und er sehnte sich nach der Stunde, die ihn einlassen sollte in die Stadt, wohin die Könige der Erde ihren Ruhm und ihre Ehre mitbringen; die der Sonne und des Mondes nicht bedarf, um darin zu scheinen, weil die Glorie Gottes sie erleuchtet und das Lamm ihr Licht ist.
In dem Gebete, welches auf die Vorlesung des Kapitels folgte, sammelte sich alle seine Kraft — all sein strenger Eifer erwachte: er rang in tiefem Ernst mit Gott, und war entschlossen zu siegen. Er bat um Stärke für die Schwachherzigen; um Leitung der Wanderer, die sich von dem rechten Wege verirrten; um Rückkehr selbst in der elften Stunde für die, welche die Versuchungen der Welt und des Fleisches von dem schmalen Pfade verlockten. Er bat, er flehte um die Gabe eines Feuerbrandes aus der Glut gerissen. Die Inbrunst ist stets sehr feierlich: als ich diesem Gebet zuhörte,
wunderte ich mich Anfangs darüber; doch im Verlaufe wurde ich davon gerührt und endlich von Ehrfurcht ergriffen. Er fühlte die Güte und Größe seines Vorsatzes so lebhaft — seine Zuhörer konnten nicht umhin, auch so zu fühlen.
Als das Gebet vorüber war, nahmen wir Abschied von ihm, denn er wollte am folgenden Morgen sehr früh abreisen. Als Diana und Maria ihn geküßt hatten, verließen sie das Zimmer - ohne Zweifel in Folge eines leisen Winkes von ihm. Ich reichte ihm meine Hand hin und wünscht ihm eine glückliche Reise.
"Ich danke ihnen, Johanna. Wie ich schon sagte, werde ich in vierzehn Tagen von Cambridge zurückkehren: so viel Zeit haben Sie also noch zur Ueberlegung. Wenn ich dem menschlichen Stolze Gehör geben wollte, so würde ich Ihnen kein Wort mehr von Verheirathung mit mir sagen; aber ich horche auf das Wort meiner Pflicht und behalte mein erstes Ziel fest im Auge - Alles zum Ruhm
Gottes zu thun. Mein Herr und Meister war langmüthig: ich will es auch sein. Ich kann Sie nicht dem Verderben preisgeben als ein Gefäß des Zornes: bereuen Sie - entschließen Sie sich, so lange es noch Zeit ist. Bedenken Sie, daß uns geboten wird, zu arbeiten, so lange es noch Tag ist - daß wir gewarnt werden, daß die Nacht kommt, wo Niemand wirken kann. Bedenken Sie das Schicksal des
Reichen, der sein Gutes in diesem Leben genossen. Gott gebe Ihnen Stärke, jenen bessern Theil zu erwählen, der nicht von Ihnen genommen werden kann!”
Er legte seine Hand auf mein Haupt, als er die letzten Worte aussprach. Er hatte ernst aber milde gesprochen: sein Blick war in der That nicht der eines Liebhabers, der seine Geliebte sieht; sondern der des Hirten, der sein verirrtes Schaf zurückruft- oder vielmehr eines Schutzengels, der die Seele überwacht, für die er verantwortlich ist. Alle
Männer von Talent, mögen sie nun Gefühl haben, oder nicht; mögen sie Zeloten, Aspiranten oder Despoten sein - wenn sie nur aufrichtig sind, - haben ihre erhabenen Augenblicke.
wo sie überwinden und herrschen. Ich empfand Verehrung für Saint John - so hohe Verehrung, daß der Antrieb derselben mich sogleich zu dem Punkte brachte, den ich so lange vermieden hatte. Ich gerieth in Versuchung, den Kampf mit ihm aufzugeben - in dem Strome seines Willens mit hinabzurauschen in den Abgrund seines Daseins und dort mit ihm unterzugehen. Ich wurde fast eben so
schwer geprüft von ihm, wie einst auf verschiedene Weise von einem Andern. In beiden Fällen war ich eine Thörin. Damals nachgegeben zu haben, wäre ein Fehler der Grundsätze gewesen: jetzt nachzugeben, wäre ein Fehler des Urtheils gewesen. So denke ich zu dieser Stunde, wo ich durch das ruhige Medium der Zeit auf jene Krisis zuzückblicke; ich war mir in dem Augenblicke keiner Torheit bewußt.
Ich stand bewegungslos unter der Berührung meines Hierophanten. Meine Weigerung war vergessen - meine Furcht überwunden - meine Anstrengung gelähmt. Das Unmögliche - nämlich meine Verheirathung mit Saint John - wurde fast möglich. Alles veränderte sich gänzlich mit einem plötzlichen Schwunge. Die Religion rief - die Engel winkten - Gott gebot- das Leben wurde wie Pergament zusammengerollt — des Todes Pforten öffneten sich und zeigten jenseits die Ewigkeit: es schien, als könne hier in einer Sekunde Alles aufgeopfert werden, um dort Segen und Seligkeit zu erlangen. Das düstere Zimmer erfüllte sich mit Visionen.
"Könnten Sie sich jetzt entscheiden?" fragte der Missionair. Die Frage wurde in milden Tönen ausgesprochen: er zog mich sanft zu sich bin. O, diese Milde! wie viel mächtiger ist sie, als Gewalt! Ich konnte Saint John's Wuth widerstehen: doch wurde ich biegsam, wie ein Rohr bei seiner Freundlichkeit. Doch wußte ich die ganze Zeit, wenn ich jetzt nachgebe, daß ich eines Tages nicht weniger meine frühere Rebellion werde bereuen müssen. Seine Natur war nicht verändert durch eine Stunde feierlichen Gebets - sie war nur gehoben.
"Ich könnte mich entscheiden," antwortete ich, "wenn ich nur gewiß, wenn ich nur überzeugt wäre, daß es Gottes Wille ist, daß ich Sie heirathen soll; ich könnte jetzt hier geloben, Sie zu heirathen - es möchte auch später daraus werden, was da wollte!”
"Mein Gebet ist erhört!" rief Saint John. Er drückte seine Hand fester auf meinen Kopf, als ob er mich beim Wort nehmen wolle: er umschlang mich mit seinem Arme, fast als ob er mich liebte - ich sage fast, denn ich kannte den Unterschied, ich hatte gefühlt, was es heißt geliebt zu werden: aber gleich ihm ließ ich die Liebe ganz aus dem Spiel und dachte nur an die Pflicht - ich rang mit meinem trüben innern Gesicht, welches von Wolken um zogen war. Ich hegte das aufrichtige und glühende Verlangen zu thun, was recht war, und nur das. “Zeige mir - zeige mir den rechten Weg " flehte ich zum Himmel. Ich war aufgeregter als je, und ob das, was erfolgte, die Wirkung der Aufregung war, mag der Leser beurtheilen.
Das ganze Haus war still, denn ich glaube außer mir und Saint John hatten sich Alle zur Ruhe begeben. Das einzige Licht war dem Erlöschen nahe: das Zimmer vom Mondlicht erfüllt. Mein Herz schlug rasch und stark: ich hörte sein Klopfen. Plötzlich stand es bei einem unaussprechlichen Gefühle still, welches es durchzuckte und sich zugleich meines Kopfes und meiner Glieder bemächtigte. Das Gefühl war kein electrischer Schlag: doch war es eben so heftig und erschütternd: es wirkte auf meine Sinne, als wäre ihre äußerste Thätigkeit bisher nur eine Erstarrung gewesen, woraus sie jetzt erweckt und zum Wachen gezwungen waren. Auge und Ohr waren gespannt, während das Fleisch auf meinen Knochen zitterte.
"Was haben Sie gehört? Was sahen Sie?” fragte Saint John.
Ich sah Nichts; aber ich hörte eine Stimme irgendwo rufen:
"Johanna! Johanna! Johanna!”
Weiter Nichts.
"O, Gott! was ist das?” brachte ich mit Mühe heraus. Ich hätte fragen sollen: "Wo ist das?” denn es schien nicht im Zimmer - nicht im Hause - nicht im Garten zu sein; es kam nicht aus der Luft - nicht aus der Erde - nicht von oben herab. Ich hatte es gehört - wo es war und woher es kam, war mir auf immer unmöglich zu erfahren! Und es war die Stimme eines menschlichen Wesens - eine
wohlbekannte und geliebte Stimme — Eduard Fairfax Rochester's Stimme; und sie sprach in Schmerz und Leid — wild, auffordernd und dringend.
“Ich komme " rief ich. “Warten Sie! O, ich will kommen!”
Ich eilte zur Thür und blickte in den Gang: er war dunkel. Ich lief in den Garten hinaus: er war leer.
"Wo sind Sie?” rief ich,
Die Hügel jenseits Marsh Glen gaben matt die Antwort zurück: “Wo sind Sie!" ich horchte. Der Wind seufzte leise unter den Fichten, ich war von der Einsamkeit des Moorlandes und der Stille der Mitternacht umgeben.
"Fort mit Dir, Aberglaube!” sagte ich bei mir selber, als jenes Gespenst sich schwarz bei dem schwarzen Taxusbaume an der Pforte erhob. "Dies ist nicht Deine Täuschung noch Deine Zauberei: es ist das Werk der Natur. Sie war aufgeregt - und war es ein Wunder, daß sie ihr Möglichstes that?”
Ich riß mich von Saint John los, der mir gefolgt war und mich zurückhalten wollte. Jetzt war ich an der Reihe, das Uebergewicht zu gewinnen. Meine Kräfte wirkten. Ich sagte ihm, er möge jede Frage oder Bemerkung zurückhalten, ich bat ihn, mich zu verlassen, ich müsse und wolle allein sein. Er gehorchte sogleich. Wo Kraft ist, mit Nachdruck zu befehlen, da fehlt der Gehorsam nie. Ich ging auf mein Zimmer, schloß mich ein, sank auf meine Kniee und betete auf meine Art — auf andere Art, als Saint John, aber wirksam auf meine Weise. Ich schien ganz nahe zu
einem mächtigen Geiste zu dringen, und meine Seele stürzte sich in Dankbarkeit zu seinen Füßen. Ich erhob mich von dem Dankgebet — faßte einen Entschluß — legte mich unerschrocken und erleuchtet nieder und erwartete nur das Tageslicht.


Zehntes Kapitel.

Das Tageslicht kam. Ich stand in der Dämmerung auf. Ich beschäftigte mich eine oder zwei Stunden damit, meine Sachen in meinem Zimmer, in den Komoden und in der Garderobe in die Ordnung zu bringen, worin ich sie während meiner kurzen Abwesenheit zu lassen wünschte. Inzwischen hörte ich, wie Saint John sein Zimmer verließ. Er blieb vor meiner Thür stehen; ich fürchtete, er würde
anklopfen - doch nein, er steckte nur einen Papierstreifen unter der Thür herein. Ich nahm ihn auf. Er enthielt folgende Worte:

"Sie verließen mich gestern Abend zu plötzlich. Wären Sie nur noch ein wenig länger geblieben, so hätten Sie Ihre Hand auf des Christen Kreuz und des Engels Krone gelegt. Ich werde Ihre unumwundene Entscheidung erwarten, wenn ich über vierzehn Tage zurückkehre. Inzwischen wachen und beten Sie, daß Sie nicht in Anfechtung fallen; ich hoffe, der Geist ist willig, aber ich sehe das Fleisch ist schwach. Ich werde stündlich für Sie beten. - Der Ihrige, Saint John.”

Mein Geist ist willig, zu thun, was recht ist, antwortete ich bei mir selber; und ich hoffe, mein Fleisch ist stark genug, den Willen des Himmels zu erfüllen, wenn dieser Wille mir erst deutlich bekannt ist. Auf jeden Fall wird es stark genug sein, nach einem Auswege zu suchen und zu forschen, aus dieser Wolke des Zweifels zu kommen und den hellen Tag der Gewißheit zu finden.
Wir hatten den ersten Junius, doch das Wetter war trübe und kalt und der Regen schlug heftig an mein Fenster.
Ich hörte, wie die Hausthür sich öffnete und Saint John hinausging. Als ich durch's Fenster blickte, sah ich ihn durch den Garten gehen. Er nahm seinen Weg über das neblige Moor nach der Richtung von Whitcroß zu - dort wollte er den Omnibus treffen.
"In wenigen Stunden werde ich Dir auf jenem Wege folgen, Vetter,” dachte ich; ,.auch ich muß eine Kutsche bei Whitcroß erwarten. Auch ich habe Jemand in England zu besuchen oder ihm nachzufragen, ehe ich auf immer abreise.
Es fehlten noch zwei Stunden bis zur Frühstückszeit. Ich füllte den Zwischenraum damit aus, leise in meinem Zimmer auf und ab zu gehen und die Erscheinung zu überdenken, die meinen Plänen ihre gegenwärtige Richtung gegeben. Ich erinnerte mich an jene innere Empfindung, die ich erfahren; denn ich konnte sie mir mit all ihrer unaussprechlichen Seltsamkeit vorstellen. Ich erinnerte mich der Stimme, die ich gehört und fragte auch jetzt vergebens, woher sie gekommen; sie schien in mir und nicht in der äußern Welt gewesen zu sein. Ich fragte, ob es ein bloß nervöser Eindruck - eine Täuschung gewesen? Ich konnte es nicht begreifen oder glauben: das Ganze glich mehr einer Inspiration. Die wunderbare Erschütterung des Gefühls war gleich dem Erdbeben gekommen, welches das Fundament des Gefängnisses erschütterte, worin sich Paulus und Silas befanden: sie hatte die Thür der Zelle meiner Seele geöffnet und ihre Banden gelöst - sie hatte sie aus ihrem Schlafe erweckt, woraus sie zitternd und bebend, horchend und erschrocken auffuhr; dann berührte ein dreifacher Ruf mein stutzendes Ohr und bebte durch mein zitterndes Herz und meinen Geist, der sich weder fürchtete noch erschüttert war, sondern freudig über das Gelingen einer Anstrengung zu frohlocken schien, die er, unabhängig von der lästigen Körpergestalt, zu machen berechtigt gewesen.
Ehe viele Tage um sind, sagte ich, mein Nachdenken beendend, werde ich etwas von dem erfahren, dessen Stimme mich am letzten Abend zu rufen schien. Briefe sind vergeblich gewesen - persönliche Nachforschungen müssen sie ersetzen.
Beim Frühstück kündigte ich Diana und Maria an, daß ich eine Reise antreten und wenigstens vier Tage abwesend sein werde.
"Allein, Johanna?” fragten sie.
"Ja, es geschieht, um einen Freund zu besuchen oder Nachrichten von ihm zu erhalten, wegen dessen ich seit einiger Zeit unruhig gewesen bin.”
Sie hätten sagen können, wie sie auch ohne Zweifel dachten, sie hätten geglaubt, ich sei außer ihnen ohne Freunde, denn in der That hatte ich es oft gesagt; aber vermöge ihrer wahren und natürlichen Delikatesse enthielten sie sich aller Bemerkungen, und Diana fragte mich nur, ob ich auch gewiß wohl genug sei, die Reise aushalten zu können, wobei sie bemerkte, daß ich sehr blaß aussehe. Ich erwiderte, es fehle mir Nichts als Unruhe des Geistes, die ich bald zu beseitigen hoffe.
Meine weiteren Anordnungen waren leicht zu machen, denn ich wurde mit keinen Fragen oder Vermuthunaen belästigt. Als ich ihnen einmal erklärt hatte, daß ich mich jetzt nicht über meine Pläne aussprechen könne, ließen sie freundlich und weise mein Schweigen zu, und gestatteten mir das Vorrecht der freien Handlung, welches ich ihnen unter ähnlichen Umständen auch würde zugestanden haben.
Ich verließ Moor House um drei Uhr Nachmittags, stand bald nach vier Uhr am Fuße des Wegweisers Whitcroß und erwartete die Ankunft des Omnibus, der mich nach dem entfernten Thornfield bringen sollte. Bei dem Schweigen, welches auf jenen einsamen Wegen und verlassenen Hügeln herrschte, hörte ich den Wagen schon aus weiter Ferne. Es war derselbe Wagen, aus dem ich vor einem Jahre an einem Sommerabend an eben dieser Stelle so verlassen, so hoffnungs - und zwecklos ausgestiegen war! Er hielt an, als ich winkte. Ich stieg ein und war jetzt nicht genöthigt, mein ganzes Vermögen für die Mitnahme hinzugeben. Als ich einmal auf dem Wege nach Thornfield war, kam ich mir vor wie die Brieftaube, die nach Hause fliegt.
Es war eine Reise von sechsunddreißig Stunden. Ich war am Dienstag Nachmittag von Whitcroß abgefahren und früh am folgenden Donnerstag Morgen hielt der Wagen, um die Pferde zu tränken, vor einem Gasthause am Wege an, welches unter einer Scenerie von grünen Hecken, großen Feldern und niedrigen begrasten Hügeln lag - welche milde Umrisse und grüne Farbe im Vergleich zu dem strengen nördlichen Moorland in der Umgebung von Morton - meinen Augen wie die Züge eines einst bekannten Gesichts erschienen. Ja, ich kannte den Charakter dieser Landschaft: ich war gewiß, daß ich meinem Ziele nahe sein mußte.
"Wie weit ist Thornfield Hall von hier?” fragte ich den Hausknecht.
"Gerade über die Felder zwei Meilen, mein Fräulein."
Meine Reise ist zu Ende, dachte ich bei mir selber. Ich stieg aus dem Wagen, gab die Schachtel, die ich bei mir hatte, dem Hausknecht aufzubewahren, bis sie würde abgeholt werden, bezahlte mein Fuhrgeld, gab dem Kutscher sein Trinkgeld, und während die Sonnenstrahlen auf dem Wirthshausschilde schimmerten, las ich in vergoldeten Buchstaben: Zum Wappen Rochester. Mein Herz schlug lebhaft: ich war bereits auf dem Gebiete meines Herrn. Aber mein Muth sank wieder, als mir der Gedanke einfiel:
"Dein Herr mag vielleicht jenseits des Kanals sein; und wenn er auch in Thornfield Hall ist, wohin Du eilst, wen hat er bei sich? Sein wahnsinniges Weib. Du hast Nichts mit ihm zu thun: Du darfst nicht mit ihm reden oder in seine Nähe kommen. Deine Mühe ist umsonst — es ist besser, Du gehst nicht weiter," sagte die mahnende Stimme in meinem Herzen. ,Frage die Leute im Gasthause; sie können Dir alle nöthigen Nachrichten geben und Deine Zweifel sogleich beseitigen. Geh zu jenem Manne und frage, ob Herr Rochester zu Hause ist."
Der Einfall war vernünftig und doch konnte ich mich nicht entschließen, darnach zu handeln, denn ich fürchtete so sehr eine Antwort, die mich mit Verzweiflung erfüllen könne. Den Zweifel verlängern, hieß die Hoffnung aufschieben. Ich konnte die Halle noch einmal unter dem Strahle ihres Sternes sehen. Es war ein Fussteig vor mir — dieselben Felder, die ich blind, taub und gedankenlos, von einer rachsüchtigen Furie verfolgt und fortgetrieben, an jenem Morgen betreten hatte, als ich aus Thornfield floh. Ehe ich noch recht wußte, wozu ich mich entschlossen hatte, war ich schon in ihrer Mitte. Wie rasch ging ich! wie lief ich zuweilen! wie lebhaft blickte ich vorwärts, die erste Ansicht der wohlbekannten Gehölze zu erhaschen! mit welchen Gefühlen begrüßte ich die einzelnen Bäume, die ich kannte, und den Schimmer der oft betretenen Wiesen und Hügel zwischen ihnen!
Endlich erhob sich das Gehölz; Dollennester zeigten sich in dunklen Gruppen, ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Morgens. Eine seltsame Wonne flößte es mir ein: ich eilte weiter. Ich überschritt noch ein Feld - betrat einen Baumgang - und dort waren die Mauern des Hofesdie Wirthschaftsgebäude: das Haus selbst war noch hinter dem Gebüsch verborgen, worin die Dohlen nisteten.
Ich will zuerst die Fronte sehen, beschloß ich, wo die alten Zimmer einen edlen Anblick gewähren und wo ich sie gleich das Zimmer meines Herrn unterscheiden kann: vielleicht
steht er an demselben - er pflegt früh aufzustehen — vielleicht geht er jetzt im Garten oder auf dem Platze vor dem Hause auf und ab. Könnte ich ihn nur sehen! -- Aber noch einen Augenblick! wenn das wäre, würde ich doch hoffentlich nicht so wahnsinnig sein, auf ihn zuzulaufen? Ich kann es nicht sagen - ich bin dessen nicht gewiß. Und wenn ich es thäte — was schadete es den? Gott segne ihn! Was denn? Wer würde dadurch verletzt werden, wenn ich noch einmal das Leben kostete, welches sein Blick mir gewähren kann? - Ich schwärme: vielleicht beobachtet er in diesem Augenblick, wie die Sonne über den Pyrenäen oder dem wogenlosen Meere des Südens aufgeht.
Ich war an der niedrigen Gartenmauer fortgegangen und bog um die Ecke: dort war eine Pforte zwischen zwei steinernen Pfeilern, von steinernen Kugeln gekrönt, die auf die Wiese führte. Hinter einem Pfeiler hervor konnte ich ruhig die ganze Fronte des Hauses übersehen. Ich streckte vorsichtng meinen Kopf hinter dem Pfeiler hervor und wünschte mich zu überzeugen, ob die Vorhänge des Schlafzimmers schon aufgezogen waren: die Zimmer, die Fenster, die lange Fronte — Alles war mir von meinem Verstecke aus sichtbar.
Die Krähen flogen über meinem Kopfe hin und beobachteten mich vielleicht bei diesem Ueberblick. Was sie wohl gedacht haben mögen: sie müssen mich Anfangs für sehr vorsichtig und furchtsam, und dann für sehr kühn und unbekümmert gehalten haben. Ein kurzer Blick und dann ein minutenlanges Starren. Ich trat aus meinem Versteck hervor, ging über die Wiese und blieb plötzlich gerade vor dem großen Gebäude stehen und richtete einen langen, kühnen Blick auf dasselbe. Welche affectirte Schüchternheit war dies zuerst, mögen sie gefragt haben, und welche thörichte Rücksichtslosigkeit ist es jetzt?
Der Leser wolle eine Erklärung hören.
Der Liebende findet seine Geliebte auf einem moosbewachsenen Ufer schlummern; er wünscht einen Blick auf ihr schönes Gesicht zu thun, ohne sie zu erwecken. Er schleicht leise über das Gras, vorsichtig, um kein Geräusch zu machen; er bleibt stehen - bildet sich ein, daß sie sich geregt hat - er zieht sich zurück - nicht um die Welt möchte er gesehen werden. Alles ist still: er nähert sich wieder: er neigt sich über sie: ein leichter Schleier ruht auf ihren Zügen: er erhebt ihn und neigt sich tiefer; jetzt erwarten seine Augen den Anblick der Schönheit — warm, glühend und lieblich in der Ruhe. Wie eilig war der erste Blick! aber wie starrt sein Auge! wie fährt er zurück! wie plötzlich und heftig drückt er die Gestalt in seine Arme, die er noch vor einem
Augenblick nicht mit den Fingern zu berühren wagte! wie laut ruft er einen Namen, wirft seine Bürde ab und blickt sie wild an! So umfaßt er sie, schreit und starrt sie an, da er nicht länger fürchtet, sie durch einen Ton, den er ausstoßen - durch eine Bewegung, die er machen kann, zu erwecken. Er glaubte, seine Geliebte liege in sanftem Schlummer und er findet sie todt.

Ich blickte mit furchtsamer Freude auf ein stattliches Haus hin und sah eine geschwärzte Ruine.
Da war es freilich nicht nöthig, mich hinter dem Thorpfeiler zu bergen — zu den Fenstern aufzublicken und zu fürchten, Jemand hinter denselben zu erwecken! Unnöthig zu horchen, ob sich Thüren öffnen würden oder ob ich Fußtritte auf dem Steinpflaster oder dem Kieswege vernehmen würde! Der Rasenplatz war niedergetreten und verwüstet: der Eingang offen und öde. Die Fronte war, wie ich sie einst im Traum gesehen, nur eine muschelartige Mauer, sehr hoch und sehr zerbrechlich aussehend, worin sich scheibenlose Fenster befanden: kein Dach, keine Zinnen, kein Schornstein, Alles war zusammengestürzt.

Und rings umher herrschte das Schweigen des Todes: die Stille einer einsamen Wildniß. Kein Wunder, daß ich auf Briefe, die ich hieher geschrieben, keine Antwort erhalten: ebenso gut hätte ich Briefe an ein Todtengewölbe absenden können. Die Schwärze der Steine sagte mir, daß die Halle durch eine Feuersbrunst zerstört worden war: aber wie mochte sie entstanden sein? Welche Geschichte mochte mit diesem Unheil in Verbindung stehen? Welcher Verlust außer dem Mörtel, den Steinen und dem Holzwerk es begleitet haben? War ein Leben untergegangen wie ein Besitzthum? Und wessen Leben? Schreckliche Frage: es war Niemand da, um sie zu beantworten - nicht einmal ein stummes Zeichen.
Als ich um die zerstörten Mauern und durch das verwüstete Innere wanderte, bemerkte ich, daß das Unheil nicht erst kürzlich geschehen sei. Es kam mir vor, als hätte Winterschnee durch jenen leeren Bogen geweht, als hätte Winterregen an jene hohlen Fenster geschlagen; denn auf den durchnäßten Schutthaufen hatte der Frühling eine Vegetation hervorgebracht: Gras und Unkraut waren hie und da zwischen den Steinen und den hingefallenen Balken aufgeschossen. O! wo möchte inzwischen der unglückliche Besitzer dieser Ruine gewesen sein? In welchem Lande? Unter welchen Umständen? Mein Auge wanderte unwillkürlich zu dem grauen Kirchthurme in der Nähe der Pforte, und ich fragte:
"Sollte er bei Damer von Rochester sein und das Obdach seines engen Hauses theilen?”
Ich mußte eine Antwort auf diese Fragen haben. Ich konnte sie nur in dem Gasthofe finden und dorthin kehrte ich bald zurück. Der Wirth brachte mir mein Frühstück in das Gastzimmer. Ich bat ihn, die Thüre zuzumachen und sich niederzusetzen, denn ich habe ihm einige Fragen vorzulegen. Als er aber einwilligte, wußte ich kaum, wie ich beginnen sollte, so fürchtete ich die möglichen Antworten; und doch bereitete mich das Schauspiel der Verwüstung, welches ich eben verlassen, einigermaßen auf einen unheilvollen Bericht vor. Der Wirth war ein anständig aussehender Mann im mittleren Alter.
"Thornfield Hall wird Ihnen bekannt sein?" sagte ich endlich.
“Ja, mein Fräulein; ich hielt mich einst dort auf.”
“Ei? — nicht zu meiner Zeit," dachte ich, " Sie sind mir fremd.”
"Ich war Kellermeister bei dem verstorbenen Herrn Rochester,” fügte er hinzu"
Bei dem verstorbenen ! es war als hätte ich mit voller
Kraft den Schlag erhalten, dem ich auszuweichen suchte.
“Bei dem verstorbenen!! brachte ich mit Mühe hervor. "Ist er todt?”
"Ich meine den Vater des gegenwärtigen Herrn Eduard,” fügte er hinzu.
Ich athmete wieder: mein Blut setzte seinen Lauf fort.
Durch diese Worte vollkommen beruhigt, daß Herr Eduard — mein Rochester - Gott segne ihn, wo er auch weilen möge! - noch lebe, glaubte ich alles Folgende - welche Mitheilungen er mir auch machen möge - mit verhältnißmäßiger Ruhe anhören zu können. Da er nicht im Grabe war, glaubte ich, erfahren zu können, daß er bei den Antipoden sei.
"Wohnt Herr Rochester jetzt in Thornfield Hall?” fragte ich, obgleich ich natürlich wußte, welche Antwort ich erhalten würde; doch wünschte ich, die bestimmte Frage zu verzögern, wo er sich aufhalte.
"Nein, mein Fräulein - o nein! Niemand wohnt dort. Sie müssen in dieser Gegend fremd sein, sonst würden Sie gehört haben, was im letzten Herbste dort geschehen ist. Thornfield Hall ist ein Schutthaufen: es brannte gerade zur Herbstzeit ab. Ein schreckliches Unglück! daß eine solche Menge kostbarer Sachen verbrannt ist! Man konnte fast Nichts von den Möbeln retten. Das Feuer brach mitten in der Nacht aus und ehe die Spritzen von Millcote kamen, stand das ganze Gebäude in Flammen es war ein schreckliches Schauspiel - ich war selber zugegen."
"Mitten in der Nacht!" flüsterte ich. “Ja, das war immer die Unglücksstunde in Thornfield. “Ist es bekannt geworden, wie das Feuer ausgekommen?” fragte ich.
"Man hatte seine Vermuthungen, mein Fräulein. Und in der That halte ich es für unzweifelhaft. Sie wissen vielleicht nicht," fuhr er fort, indem er seinen Stuhl ein wenig näher zum Tische rückte und leise sprach, “daß sich eine Dame - eine Wahnsinnige im Hause aufhielt?”
"Ich habe etwas davon gehört."
"Sie wurde sehr streng bewacht, mein Fräulein, und man wußte sogar einige Jahre lang Nichts von ihrem Dasein. Niemand sah sie: es ging nur das Gerücht, daß eine solche Person in der Halle sei; und wer oder was sie war, ist schwer zu errathen. Man sagte, Herr Eduard habe sie aus der Fremde mitgebracht; und Einige glaubten, sie sei seine Maitresse. Aber vor einem Jahre ereignete sich ein sehr seltsamer Vorfall —.”
Ich fürchtete, meine eigene Geschichte zu hören und versuchte, ihn zu der Hauptsache zurückzuführen.
"Und diese Dame?”
"Es zeigte sich, daß diese Dame Herrn Rochesters Frau war,” antwortete er. "Die Entdeckung geschah auf die seltsamste Weise. Es war eine junge Dame als Erzieherin in der Halle, in die sich Herr Rochester —“
"Aber das Feuer?” fiel ich ein.
"Ich komme auch dahin, mein Fräulein - in die sich Herr Eduard verliebte. Die Diener sagen, sie haben nie Jemand so verliebt gesehen: er ging ihr beständig nach. Sie beobachteten ihn, wie Diener zu thun pflegen, und er schätzte sie über Alles: doch außer ihm hielt sie Niemand für so sehr schön. Man sagt, sie war ein kleines winziges Geschöpf, fast wie ein Kind. Ich sah sie selber nicht, doch hörte ich das Hausmädcben Lea von ihr reden. Lea hielt viel von ihr. Herr Rochester war fast vierzig Jahre alt und seine Erzieherin noch nicht zwanzig; und sehen Sie, wenn sich Herren seines Alters in junge Mädchen verlieben, so sind sie oft wie behext. Gut, er wollte sie also heirathen.”
“Sie sollen mir diesen Theil der Geschichte ein anderes Mal erzählen,” sagte ich; "aber jetzt habe ich einen besondern Grund, alle Umstände in Betreff des Brandes zu hören. Hegte man die Vermuthung. daß die wahnsinnige Mißtreß Rochester Theil daran hatte?"
"Sie haben es getroffen, Fräulein: es ist ganz gewiß, daß sie und Niemand anders das Schloß in Brand gesteckt. Sie hatte eine Wärterin, Namens Mistreß Poole - ein kluges Weib auf ihre Art und sehr zuverlässig; doch hatte sie einen Fehler, der manchen Wärterinnen und alten Frauen eigen ist — sie hatte immer eine Schnapsflasche bei sich und nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck daraus. Es ist wohl zu entschuldigen, denn sie hatte ein schweres Leben; aber dennoch war es gefährlich, denn wenn Mistreß Poole etwas zu viel getrunken hatte und fest eingeschlafen war, nahm ihr die wahnsinnige Dame, die so listig war wie eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche, verließ ihr Zimmer, ging im Hause umher und richtete allerlei Unheil an. Man sagt, sie hätte einst ihren Mann beinahe im Bette verbrannt, aber davon weiß ich Nichts. In jener Nacht aber zündete sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann in den untern Stock und begab sich in das Zimmer, wo die Erzieherin gewohnt hatte — es war als ob sie wüßte, was vorgegangen sei, und als hätte sie einen Groll gegen sie - und zündete dort das Bett an: aber zum Glück schlief Niemand darin. Die Erzieherin war zwei Monate vorher weggelaufen, und so sehr Herr Rochester sie auch suchte, als wäre sie das Kostbarste gewesen, was er je besessen, so konnte er doch kein Wort von ihr erfahren und wurde wild vor Unruhe und getäuschter Erwartung. Er war nie ein wilder Mann, aber er wurde gefährlich, nachdem er sie verloren hatte. Er wollte auch immer allein sein. Er schickte Mißtreß Fairfax, die Haushälterin, zu ihren entfernt wohnenden Verwandten fort: doch that er es auf anständige Weise, denn er setzte ihr auf Lebenszeit ein Jahrgeld aus: und sie verdiente es - sie war eine sehr gute Frau. Seine Mündel, Miß Adele, wurde in die Schule gethan. Er brach allen Umgang mit den benachbarten Gutsherren ab und schloß sich wie ein Eremit in die Halle ein.
"Wie? er verließ England nicht?”
"England verlassen? o nein! er wollte nicht einmal die Schwelle seines Hauses überschreiten, außer bei Nacht, wo er wie ein Geist auf dem Rasenplatze und im Garten umherwanderte, als wäre er von Sinnen — was auch wohl der Fall sein mochte; denn einen geistreicheren, kühneren und gewandteren Herrn fand man in der Welt nicht, ehe diese Mücke von Erzieherin ihm in den Weg kam. Er war nicht dem Wein, den Karten oder den Wettrennen ergeben, wie Andere, und war nicht sehr schön: aber er besaß Muth und eigenen Willen, wie nur irgend ein Mann. Sie sehen, ich kannte ihn von seinen Knabenjahren an, und ich meines Theils habe oft gewünscht, diese Miß Eyre wäre in die See gesunken, ehe sie nach Thornfield Hall gekommen.”
"Es war also Herr Rochester zu Hause, als das Feuer ausbrach?”
“Freilich war er zu Hause, und ging auf die Dachstuben, als Alles über und unter ihm brannte, brachte die Diener aus ihren Betten und half ihnen herunter - dann kehrte er nochmals zurück, um sein wahnsinniges Weib aus ihrer Zelle zu holen. Da riefen sie ihm zu, sie sei auf dem Dache. Da stand sie auf den Zinnen, bewegte ihre Arme und schrie, so daß man es eine Meile weit hören konnte. Ich sah und hörte sie selber. Sie war ein großes Weib und hatte langes schwarzes Haar: wir konnten sehen, wie es gegen die Flammen abstach, wo sie stand. Ich und mehrere Andere sahen Herrn Rochester auf das Dach steigen und hörten, wie er Bertha rief. Wir sahen, wie er sich ihr näherte, und dann schrie sie laut auf, that einen Sprung und lag in der nächsten Minute zerschmettert auf dem Steinpflaster.
"Todt?”
"Ja, todt wie die Steine, über die ihr Gehirn und Blut hinspritzte.”
"Guter Gott!”
"Das dürfen Sie wohl sagen: es war schrecklich!”
Er schauderte.
"Und dann?” fragte ich weiter.
"Nun dann, Fräulein, brannte das Haus bis auf den Grund nieder und jetzt stehen nur noch wenige Mauern.
"Kamen noch Andere dabei um?”
"Nein - vielleicht wäre es besser gewesen, wenn es geschehen wäre.”
"Was meinen Sie damit?"
"Der arme Herr Eduard!" rief er. "Ich hätte nie gedacht, daß ich das erleben würde! Einige sagen, es sei eine gerechte Strafe gewesen, weil er seine erste Ehe verläugnet
und ein zweites Weib habe nehmen wollen, während die erste noch am Leben war; aber ich meines Theils habe Mitleid mit ihm."
"Sie sagten ja, er lebe?” rief ich.
"Ja, ja, er lebt; aber Viele meinen, es wäre besser gewesen, wenn er gestorben wäre.“
"Warum? wie?"
Mein Blut erstarrte wieder.
“Wo ist er?” fragte ich. “Ist er in England?”
"Ja - ja - er ist in England; ich denke, er kann England nicht verlassen - er ist nur ein Schatten jetzt.”
Welch eine Qual! und der Mann schien entschlossen, sie zu verlängern.
"Er ist stockblind,” sagte er endlich. “Ja — Herr Eduard ist stockblind.”
Ich hatte etwas Schlimmeres gefürchtet. Ich hatte gefürchtet, er sei wahnsinnig. Ich sammelte meine Kräfte, um zu fragen, was dieses Unglück herbeigeführt habe.
"Sein eigener Muth, und man kann wohl sagen, seine Herzensgüte war Schuld daran, mein Fräulein. Er wollte das Haus nicht eher verlassen, als bis Alle vor ihm hinaus
waren. Als er endlich die große Treppe herunterkam, nachdem Mistreß Rochester sich von den Zinnen heruntergestürzt hatte, hörte man ein heftiges Krachen, und Alles stürzte
zusammen. Er wurde lebendig, aber schwer verletzt unter den Trümmern hervorgezogen. Ein Balken war so gefallen, daß er ihn zum Theil beschützt hatte; aber das eine Auge war herausgeschlagen und die eine Hand so zerschmettert, daß der Wundarzt sie sogleich abnehmen mußte. Das andere Auge war entzündet, und er sah auch damit nicht. Jetzt ist er hülflos, blind und ein Krüppel.”
“Wo ist er? wo wohnt er?”
“Zu Ferndean in einem Herrenhause, welches ihm gehört; es ist ein ganz verlassener Ort, und etwa dreißig Meilen von hier.”
"Wer ist bei ihm? “
"Der alte John und seine Frau: er wollte sonst Niemand bei sich haben. Man sagt, es stehe sehr schlecht mit ihm.”
"Haben Sie irgend ein Fuhrwerk?”
"Ich habe eine Chaise, Fräulein, eine sehr hübsche Chaise.”
"Lassen Sie sogleich anspannen; und wenn Ihr Postillon mich heute vor Anbruch der Nacht nach Ferndean bringt, so will ich Ihnen und ihm das Doppelte zahlen, was Sie gewöhnlich erhalten."


Elftes Kapitel

Das Herrenhaus zu Ferndean war ein Gebäude von beträchtlichem Alter, mäßiger Größe, ohne Ansprüche auf architectonische Schönheit und lag tief im Walde. Ich hatte schon früher davon gehört. Herr Rochester sprach oft davon und ging zuweilen dorthin. Sein Vater hatte das Gut wegen der Jagd gekauft. Er würde das Haus vermiethet haben, doch konnte er wegen der unpassenden und ungesunden Lage keinen Miether finden. Ferndean blieb also unbewohnt und unmöblirt, mit ausnahme von zwei oder drei Zimmern, die für den Besitzer eingerichtet waren, wenn er zur Jagdzeit dorthin kam.

Dieses Haus erreichte ich gerade vor Anbruch der Nacht an einem Abend, der sich durch bewölkten Himmel, kalten Wind und beständigen, durchdringenden Regen carakterisirte.
Die letzte Meile m achte ich zu Fuß, nachdem ich den Postillon mit dem Wagen entlassen und ihm das Doppelte gegeben, was ich ihm versprochen. Selbst in geringer Entfernung von dem Herrenhause konnte ich noch Nichts davon sehen, so dicht und dunkel waren die Bäume des finstern Waldes, der es umgab. Ein eisernes Thor zwischen granitnen Pfeilern zeigte mir, wo ich eintreten mußte, und als ich durch dasselbe ging, befand ich mich sogleich in dem Zwielicht dichtstehender Bäume. Ein mit Gras bewachsener Weg führte zwischen rauhen und knotigen Stämmen und weit verzweigten Aesten fort. Ich verfolgte ihn und erwartete bald, die Wohnung zu erreichen; aber der Weg erstreckte sich immer weiter und weiter: es war keine Spur von einer Wohnung oder einer Anlage sichtbar.
Ich dachte schon, ich hätte eine falsche Richtung eingeschlagen und meinen Weg verloren. Die durch den Wald vermehrte Dunkelheit umgab mich und ich sah mich nach einem anderen Wege um. Es war keiner da: Nichts als dichtverwachsene Gesträuche und hohe Stämme in ihrem Sommerlaub - nirgends eine Oeffnung — ich ging weiter: endlich öffnete sich mein Weg, die Bäume lichteten sich
ein wenig; zuerst sah ich eine Einfassung und dann ein Haus bei dem trüben Lichte kaum zu unterscheiden, so grün und bemoost waren die hinfälligen Mauern. Durch ein Thor eintretend, welches nur eingeklinkt war, stand ich auf einem eingeschlossenen Rasenplatze, der im Halbkreise von dem Walde umgeben war. Da zeigten sich keine Blumen, keine Gartenbeete; nur ein breiter Kiesweg zog sich um einen Grasplatz, der von den schweren Zweigen des Waldes eingefaßt war. Die Fronte des Hauses zeigte zwei spitze Giebel, die Fenster waren schmal und vergittert: die Vorderthür war ebenfalls eng, und es führte eine einzige Stufe derselben hinauf. Das Ganze erschien, wie der Wirth mir gesagt, als ein ganz verlassener Ort. Es war so still wie eine Kirche am Werktage: das Plätschern des Regens auf das Land des Waldes war das einzige vernehmbare Geräusch in der Nähe.
"Kann hier Leben sein?” fragte ich.
Ja, Leben irgend einer Art war da, denn ich hörte eine Bewegung - die schmale Vorderthür öffnete sich, und eine Gestalt war im Begriff, aus dem Gebäude zu treten.
Sie öffnete sich langsam: eine Gestalt trat in die Dämmerung hinaus und blieb auf der Stufe stehen, ein Mann ohne Hut streckte die Hand aus, um zu fühlen, ob es noch
regnete. So dunkel es war, erkannte ich ihn doch — es war mein Herr, Eduard Fairfax Rochester, und kein anderer.
Ich hielt meinen Schritt und fast meinen Athem an, ich blieb stehen, ihn zu beobachten - zu betrachten — selbst ihn zu sehen und ach! ihm unsichtbar. Es war ein plötzliches Wiedersehen, und zwar ein solches, wo das Entzücken durch den Schmerz im Zaum gehalten wurde. Es wurde mir schwer, meine Stimme von einem Ausruf und meinen Schritt vom hastigen Vortreten zurückzuhalten.
Seine Gestalt hatte denselben starken und kräftigen Umriß, wie immer: seine Haltung war noch gerade, - sein Haar noch rabenschwarz; auch waren seine Züge nicht verändert oder abgefallen: diese athletische Stärke hatte im Laufe eines Jahres durch keinen Kummer gebrechen, diese kräftige Blüte nicht verwüstet werden können, aber in seinem Gesichte bemerkte ich eine Veränderung: es erschien verzweiflungsvoll und brütend - es erinnerte mich an ein beleidigtes und gefesseltes wildes Thier oder einen Raubvogel, dem man sich nur mit Gefahr in seinem düstern Schmerze nahet. Der eingekerkerte Adler, dessen goldumrandete Augen die Grausamkeit geblendet hat, mochte aussehen, wie jener blinde Simson.
Und glaubst Du, Leser, daß ich ihn in seiner blinden Wildheit fürchtete? - Wenn Du es glaubst, so kennst Du mich wenig. Eine sanfte Hoffnung verschmolz sich mit meinem Kummer, daß ich bald wagen würde, einen Kuß auf die fest geschlossenen Augenlider zu drücken: aber noch nicht. Ich wollte ihn noch nicht anreden.
Er kam die Stufe herunter und ging langsam tappend auf den Rasenplatz zu. Wo war jetzt sein kühner Schritt? Dann blieb er stehen, als wisse er nicht, wohin er sich wenden sollte. Er erhob die Hand und öffnete seine Augenlider; richtete seine Augen mit leerer Anstrengung auf den Himmel und zu dem Amphitheater der Bäume: man sah, daß für ihn Alles leere Dunkelheit war. Er streckte seine rechte Hand aus — den verstümmelten linken Arm hielt er in seinem Busen verborgen: er schieden durch Berührung einen Begriff von dem erlangen zu wollen, was ihn umgab. Er begegnete noch einem leeren Raume, denn die Bäume waren einige Schritte von der Stelle entfernt, wo er stand. Er gab das Bemühen auf, schlug seine Arme über einander und stand ruhig und still im Regen, der dicht auf sein unbedecktes Haupt fiel. In diesem Augenblick kam John herbei.
"Wollen Sie nicht meinen Arm fassen, Herr?" sagte er; "es kommt ein schwerer Riegen und es ist besser, wenn Sie hineingehen."
"Laß mich in Ruhe," war die Antwort.
John entfernte sich, ohne mich bemerkt zu haben: Herr Rochester versuchte jetzt umher zu gehen, aber Alles war unsicher. Er fand den Weg zum Hause wieder, trat ein und machte die Thür zu.
Jetzt näherte ich mich und klopfte an: John’s Frau öffnete mir.
“Maria,” sagte ich, “wie geht es Ihnen?”
Sie fuhr zurück, als hätte sie einen Geist gesehen, doch ich beruhigte sie.
“Sind Sie es wirklich, Miß, und kommen in dieser späten Stunde zu diesem einsamen Orte?” fragte sie hastig.
Ich faßte ihre Hand statt der Antwort und folgte ihr in das Wohnzimmer, wo John jetzt vor einem guten Feuer saß. Ich erklärte ihnen in wenigen Worten, daß ich Alles gehört, was geschehen sei, seit ich Thornfield verlassen, und daß ich gekommen sei, um Herrn Rochester zu besuchen. Ich bat John, zu dem Chausseehause zu gehen, wo ich den Wagen zurückgeschickt, und meinen Koffer zu holen, den ich dort gelassen; und dann, während ich meinen Hut und mein Tuch abnahm, fragte ich, ob man mich die Nacht im Hause behalten könne. Ich erfuhr, daß Anordnungen der Art zwar schwierig aber nicht unmöglich sein würden, und benachrichtigte sie, daß ich da bleiben wollte. Gerade in dem Augenblicke wurde im Sprachzimmer geklingelt.
"Wenn Sie hineingehen," sagte ich, “so sagen Sie Ihrem Herrn, es sei Jemand da, der ihn zu sprechen wünsche; nennen Sie aber meinen Namen nicht."
Ich glaube nicht, daß er sie vorlassen wird," antwortete sie; “er weist Ihnen zurück.”
Als sie wiederkam, fragte ich, was er gesagt habe.
"Sie sollen ihm Ihren Namen und Ihr Anliegen sagen lassen,” erwiderte sie. Dann füllte sie ein Glas mit Wasser, stellte es auf einen Teller und nahm auch zwei Leuchter.
“Klingelte er deshalb?” fragte ich.
“Ja; er läßt immer Licht hereinbringen, wenn es dunkel wird, obgleich er blind ist.”
"Geben Sie mir den Teller, ich will ihn hineintragen.”
Ich nahm ihr ihn aus der Hand und sie zeigte nur die Thür zu dem Sprachzimmer. Der Teller zitterte in meiner Hand, das Wasser wurde über den Teller verschüttet und mein Herz schlug laut und rasch an meine Lippen. Maria öffnete mir die Thür und machte sie hinter mir zu.
Dieses Sprachzimmer sah düster und und unwohnlich aus: ein vernachlässigtes Feuer glomm in dem Kamin, und über dasselbe gelehnt, den Kopf an das hohe, altmodische Kamingesims gestützt, saß der blinde Bewohner des Zimmers da. Sein alter Hund Pilot lag auf der einen Seite und hielt sich etwas fern, um nicht aus Versehen getreten zu werden. Pilot spitzte die Ohren, als ich hereinkam, richtete sich dann belfernd und wimmernd auf und sprang auf mich zu, so daß mir fast der Teller aus der Hand fiel. Als ich den Teller auf den Tisch gesetzt hatte, streichelte ich den Hund
und sagte leise: "Sei ruhig!” Herr Rochester wendete sich mechanisch um, als wollte er sehen, wodurch diese Bewegung hervorgebracht werde: aber er sah Nichts, drehte sich wieder zum Feuer und seufzte.
"Gib mir das Wasser, Maria," sagte er.
Ich näherte mich ihm mit dem jetzt nur noch halb gefüllten Glase. Pilot folgte mir noch immer aufgeregt.
“Was gibts?” fragte er.
“Ruhig, Pilot!" sagte ich wieder. Er hielt das Glas auf dem Wege zu seinen Lippen still und schien zu horchen: er trank und setzte das Glas nieder.
"Du bist es doch, Maria?" fragte er.
"Maria ist in der Küche," antwortete ich.
Er streckte mit einer raschen Bewegung seine Hand aus, da er aber nicht sah, wo ich stand, so berührte er mich nicht.
"Wer ist dies? wer ist dies?” fragte er, indem es schien, als wollte er mit seinen blinden Augen sehen - ein vergeblicher und trauriger Versuch! "Antworte mir - rede noch einmal!” befahl er gebieterisch und laut.
"Wollen Sie noch etwas mehr Wasser, Herr? Ich habe die Hälfte aus dem Glase verschüttet," sagte ich.
"Wer ist es? Was geht hier vor? Wer spricht hier?”
"Pilot kennt mich und John und Maria kennen mich auch," antwortete ich; "ich kam erst diesen Abend.”
“Großer Gott! - Welche Verblendung ist über mich gekommen? Welcher liebliche Wahnsinn hat mich ergriffen?”
“Keine Verblendung- kein Wahnsinn: Ihr Geist, mein Herr, ist zu stark für die Verblendung - Ihre Gesundheit zu fest für den Wahnsinn.”
"Und wer ist die Person, die hier redet? Ist es nur eine Stimme? O! ich kann nicht sehen, aber ich muß fühlen, oder mein Herz wird still stehen und mein Kopf zerspringen. Wer und was Du auch bist — werde erkennbar für die Berührung oder ich kann nicht leben!”
Er tappte um sich; ich ergriff seine wandernde Hand und hielt sie in der meinen.
"Ihre eigenen Finger!" rief er; “ihre kleinen schlanken Finger! Wenn das ist, so muß auch noch mehr von ihr
da sein."
Die muskulöse Hand riß sich von ihrer Gefangenschaft los; mein Arm wurde ergriffen, meine Schulter - mein
Nacken - meine Taille berührt- ich fühlte mich von ihm umschlungen und zu ihm hingezogen.
“Ist es Johanna? Was ist es? Dies ist ihre Gestalt - dies ist ihre Größe -“
"Und dies ist ihre Stimme," fügte ich hinzu. “Sie ist ganz hier: ihr Herz auch. Gott segne Sie, Herr! Ich bin froh, Ihnen wieder so nahe zu sein."
"Johanna Eyre! - Johanna Eyre!" war Alles, was er sagte.
"Mein theurer Herr," antwortete ich, “Ich bin Johanna Eyre: ich habe Sie aufgefunden - ich bin zu Ihnen zurückgekehrt."
"In Wahrheit? - In Fleisch und Blut? Meine lebendige Johanna?"
"Sie berühren mich, Herr - Sie halten mich, und zwar fest genug: ich bin nicht kalt wie eine Leiche noch leer wie die Luft - bin ich es?"
"Mein lebendiger Liebling! Dies sind gewiß ihre Glieder und dies ihre Züge: aber ich kann nicht so beglückt sein nach all meinem Elend. Es ist ein Traum: ein Traum, wie ich ihn oft in der Nacht, wenn ich sie wieder an mein Herz zu drücken glaubte, wie jetzt, und sie küßte, wie jetzt, fühlte, daß sie mich liebte und hoffte, sie würde mich nicht verlassen.”
"Und das will ich auch nicht, Herr, von heute an.”
“Die Erscheinung sagt, sie will mich nicht verlassen? Aber ich erwachte stets und fand, daß es ein leerer Spott war; ich fühlte mich trostlos und verlassen - mein Leben düster, einsam und hoffnungslos - meine Seele dürstete und es war ihr der Trunk verboten - mein Herz hungerte und durfte sich nimmer sättigen. Ein sanfter, milder Traum nistelt sich jetzt in meine Arme ein, doch auch er wird entfliehen, wie seine Brüder vor ihm entflohen sind: aber küsse mich, ehe Du gehst - umarme mich, Johanna.”
“So Herr - und so!"
Ich drückte meine Lippen auf seine einst so glänzenden und jetzt glanzlosen Augen - ich strich ihm das Haar aus der Stirn und küßte sie auch. Er schien plötzlich zu erwachen:
die Ueberzeugung von der Wirklichkeit bemächtigte sich seiner.
“Bist Du es - Du, Johanna? Du bis also zu mir zurückgekehrt.”
"Ja, das bin ich."
"Und Du liegst nicht todt in einem Grabe, am Boden eines Flusses? Und Du bist keine trauernde Ausgestoßenen unter Fremden?”
"Nein, Herr, ich bin jetzt ein unabhängiges Frauenzimmer."
“Unabhängig! Was meinst Du damit, Johanna?"
"Mein Oheim in Madeira ist gestorben, und hat mir fünftausend Pfund hinerlassen.”
"Ach! das ist praktisch - das ist wirklich!” rief er. "Ueberdies höre ich Ihre eigenthümliche Stimme so lebhaft, so pikant und doch so sanft: sie erheitert mein verwelktes Herz!
Wie, Johanna! Du bist ein unabhängiges Frauenzimmer, ein reiches Frauenzimmer?"
"Sehr reich, Herr. Wenn Sie nicht zugeben wollen, daß ich bei Ihnen wohnen soll, so kann ich mir selbst ein Haus dicht vor Ihrer Thür bauen lassen und Sie können kommen und in meinem Sprachzimmer sitzen, wenn Sie Abends Gesellschaft wünschen.”
"Aber da Du reich bist, Johanna, so hast Du jetzt ohne Zweifel Freunde, die sich um Dich bekümmern und nicht zugeben werden, daß Du Dich eines blinden Krüppels annimmst, wie ich bin?”

"Ich sagte Ihnen ja, daß ich unabhängig und reich sei, mein Herr, so bin ich auch meine eigene Herrin.”

“Und Du willst bei mir bleiben?"

"Gewiß - wenn Sie Nichts dagegen haben. Ich will Ihre Nachbarin, Ihre Wärterin, Ihre Haushälterin sein. Ich finde Sie einsam: ich will Ihnen Gesellschaft leisten - Ihnen vorlesen, mit Ihnen ausgehen, bei Ihnen sitzen, Ihnen aufwarten, Augen und Hände für Sie sein. Sehen Sie nicht mehr so schwermüthig aus, mein lieber Herr; sie sollen nicht verlassen sein, so lange ich lebe."
Er antwortete nicht: er schien ernsthaft - zerstreut und seufzte; er öffnete seine Lippen ein wenig, als wollte er reden, und schloß sie dann wieder. Ich fühlte mich ein wenig verlegen. Vielleicht war ich zu dienstfertig in meinem Anerbieten gewesen, ihm Gesellschaft und Beistand zu leisten, vielleicht hatte ich zu rasch die Schranke des herkömmlichen Anstandes übersprungen und er sah, gleich Saint John, Unschicklichkeit in meiner Unbedachtsamkeit. Ich hatte freilich meinen Vorschlag unter der Voraussetzung gemacht, daß er mich zu seiner Gattin wünschen werde: eine Erwartung, die nicht weniger gewiß war, weil sie nicht ausgesprochen wurde, hatte mich belebt, daß er mich sogleich als die Seine in Anspruch nehmen wurde. Aber keine Anspielung der Art sprach er aus, und da sein Gesicht sich immer mehr verfinsterte, so erinnerte ich mich plötzlich, dass ich vielleicht ganz unrecht gethan habe und unwissend eine Thorheit begehe. Ich begann, mich leise aus seinen Armen loszumachen, doch er ergriff mich lebhaft und hielt mich noch fester.
"Nein - nein - Johanna, Du darfst nicht gehen. Nein — ich habe Dich angerührt, Deine Stimme gehört, das Glück Deiner Gegenwart — die Süßigkeit Deines Trostes gefühlt: ich kann diese Freude nicht aufgeben. Es ist mir wenig übrig geblieben — ich muß Dich haben, die Welt mag lachen — mich töricht und selbstsüchtig nennen — aber es liegt Nichts daran. Meine innerste Seele fordert Dich, sie wird zufrieden sein oder tödliche Rache an ihrer sterblichen Hülle nehmen.”
"Nun gut, Herr, ich will bei Ihnen bleiben: ich habe es gesagt.”
"Ja - aber wenn Du sagst; Du willst bei mir bleiben, so verstehst Du etwas Anderes darunter, als ich. Du könntest Dich vielleicht entschließen, meiner Hand und meinem Sessel nahe zu sein - mir zu dienen, wie eine freundliche kleine Wärterin - denn Du hast ein zärtliches Herz und einen edlen Geist, die Dich bestimmen, denen Opfer darzubringen, die Du bemitleidest - und das sollte mir ohne Zweifel genügen. Ich sollte jetzt keine andern als väterliche Gefühle für Dich hegen: denkst Du so? komm — sage es mir."
"Ich will denken, wie Sie es wünschen, Herr: ich bin zufrieden, nur Ihre Wärterin zu sein, wenn Sie es für besser halten.”
"Aber Du kannst nicht immer meine Wärterin sein, Johanna: Du bist jung- Du mußt Dich einst verheirathen."
“Es liegt mir Nichts am Heirathen."
"Es sollte Dir aber daran liegen, Johanna: wenn ich noch wäre, was ich einst war, so wollte ich schon machen, daß Dir daran liegen sollte - aber ein blinder Klotz!"
Er versank wieder in seine Schwermuth. Ich im Gegentheil wurde heiterer und faßte frischen Muth. Diese letzten Worte zeigten mir, wo die Schwierigkeit lag, und da dieselbe nicht auf meiner Seite war, so fühlte ich mich gänzlich von meiner frühern Verlegenheit befreit. Ich setzte die Unterhaltung in lebhafterem Tone fort.
"Es ist Zeit, daß Jemand die Arbeit übernimmt, Ihnen wieder ein menschliches Aussehen zu geben,” sagte ich, seine dichten und unbeschnittenen Locken von einander theilend: denn wie ich sehe, sind Sie in einen Löwen oder dergleichen verwandelt. Sie sehen aus, wie Nebukadnezar auf den Feldern, das ist gewiß; Ihr Haar erinnert mich an Adlerfedern; ob ihre Nägel auch wie Vogelkrallen gewachsen sind, oder nicht, habe ich noch nicht bemerkt.”
"An diesem Arm habe ich weder Hand noch Nägel,” saate er, das verstümmelte Glied aus seinem Busen hervorziehend und es mir zeigend. "Es ist ein bloßer Stumpf — ein grässlicher Anblick! meinst Du nicht auch, Johanna?”
“Es ist traurig anzusehen, und auch Ihre Augen — und die Narbe von dem Feuer an Ihrer Stirn: und das Schlimmste ist, daß man in Gefahr kommt, Sie deshalb nur um so mehr zu leben, und Sie zu hoch zu schätzen.”
"Ich dachte, Du würdest einen Widerwillen empfinden, Johanna, wenn Du meinen Arm und mein vernarbtes Gesicht sähest.”
"Dachten Sie das? Sagen Sie mir das nicht, sonst möchte ich etwas Nachtheiliges über Ihr Urtheil sagen. Jetzt muß ich Sie auf einen Augenblick verlassen, um ein besseres Feuer anmachen, und den Heerd abkehren zu lassen. Sehen Sie, wenn ein gutes Feuer brennt?”
"Ja, mit dem rechten Auge sehe ich einen Schimmer - wie einen röthlichen Nebel.”
"Und Sie sehen die Lichter?”
"Sehr trübe - jedes wie eine lichte Wolke.”
"Sehen Sie mich?"
"Nein, meine Fee: aber ich bin nur zu dankbar, Dich zu hören und zu fühlen."
"Wann speisen Sie zu Abend?”
“Ich speise nie zu Abend."
"Aber Sie müssen heute zu Abend speisen. Ich bin hungrig, und ich denke Sie auch, Sie vergessen es nur.”
Ich rief Maria herein und hatte bald eine bessere Ordnung im Zimmer hergestellt; auch bereitete ich ihm eine gute Mahlzeit. Mein Geist war aufgeregt, und mit Vergnügen und Ruhe sprach ich während des Abendessens mit ihm, und noch eine lange Zeit nachher. Da war kein kalter Zwang, kein Unterdrücken der Heiterkeit und Lebhaftigkeit in seiner Nähe, bei ihm war ich vollkommen unbefangen, denn ich wußte, daß es ihm gefiel, und Alles was ich sagte oder that, schien ihn zu trösten oder zu beleben. Entzückendes Bewußtsein! Ich brachte meine ganze Natur zum Leben und an's Licht: in seiner Gegenwart lebte ich völlig auf und er in der meinen. Blind wie er war. spielte ein Lächeln um sein Gesicht, Freude dämmerte auf seiner Stirn: seine Züge milderten und erwärmten sich.
Nach dem Abendessen begann er, mir manche Fragen vorzulegen, wo ich gewesen, was ich gethan und wie ich ihn aufgefunden; doch gab ich ihm nur sehr kurze Antworten, denn es war zu spät, um an dem Abend noch Alles ausführlich zu erzählen. Ueberdies wünschte ich keine zu schmerzliche Saite zu berühren - keine frische Quelle der Aufregung in seinem Herzen zu öffnen: mein einziger gegenwärtiger Zweck war, ihn zu erheitern. Er wurde auch erheitert, doch nur plötzlich und auf Augenblicke. Wenn die Unterhaltung durch ein kurzes Schweigen unterbrochen wurde, wendete er sich unruhig um, berührte mich und sagte:
"Johanna, Du bist doch wirklich ein menschliches Wesen? Du bist doch dessen gewiß?”
"Ich glaube es fest,” Herr Rochester."
"Aber wie konntest Du an diesem dunklen und traurigen Abend Dich so plötzlich an meinem einsamen Heerde erheben? Ich streckte meine Hand aus, um ein Glas Wasser von meiner Dienerin zu nehmen, und es wurde mir von Dir gegeben: ich that eine Frage, und erwartete, daß John's Frau mir antworten würde, und Deine Stimme tönte in
mein Ohr."
"Weil ich anstatt Mariens mit dem Teller hereingekommen war."
"Und eben diese Stunde, wo ich mit Dir rede, hat etwas Zauberhaftes an sich. Wer kann sich denken, welches düstere, traurige und hoffnungslose Leben ich seit Monaten führte? Nichts that, Nichts erwartete, Tag und Nacht verwechselte und nur die Empfindung der Kälte hatte, wenn ich das Feuer ausgehen ließ, des Hungers, wenn ich zu essen vergaß, und dann zu Zeiten ein wahnsinniges Verlangen, meine Johanna wiederzusehen. Ja, sie wieder zu haben, verlangte mich weit mehr, als nach meinem verlornen Gesicht. Wie kann es sein, daß Johanna bei mir ist und sagt, daß sie mich liebt? Wird sie nicht eben so plötzlich wieder fort sein, als sie kam? Morgen, fürchte ich, werde ich sie nicht mehr finden."
Eine gewöhnliche praktische Antwort aus der Reihe seiner verstörten Gedanken war bei seinem Gemüthszustande gewiß das Beste und Beruhigendste. Ich fuhr mit meinem Finger über seine Augenbrauen, bemerkte, daß sie versengt waren und sagte, ich wolle etwas anwenden, wonach sie wieder eben so stark und schwarz werden würden, als immer.
"Wozu nützt es, mir auf irgend eine Art einen Dienst zu erweisen, wohlthätiger Geist, wenn Du mich in irgend einem unheilvollen Augenblick verlassen - gleich einem Schatten dahinschwinden willst, ohne daß ich weiß, wohin Du gehst oder wo Du weilst, und für mich später immer unerreichbar bleibst."
"Haben Sie einen Taschenkamm bei sich, mein Herr?”
"Wozu, Johanna?"
"Nur um diese struppige schwarze Mähne auszukämmen. Ich finde Sie in der That fürchterlich, wenn ich Sie in der Nähe ansehe: Sie sagen, ich sei eine Fee; aber ich bin gewiß, Sie gleichen mehr einem Kobold.”
"Bin ich denn so garstig, Johanna?”
"Sehr garstig, Herr; Sie wissen wohl, Sie waren es immer."
"Hm! die Bosheit hast Du nicht verlernt, wo Du Dich auch aufgehalten."
"Ich bin bei guten Leuten gewesen, viel besser, als Sie: hundertmal besser, bei Leuten, die Gedanken und Ansichten
hegten, die Ihnen im Leben nicht eingefallen: viel verfeinerter und erhabener."
"Bei wem, zum Henker, bist Du denn gewesen?"
"Wenn Sie sich so drehen, werde ich Ihnen das Haar aus dem Kopfe reißen, und dann werden Sie doch aufhören, an meiner wirklichen Gegenwart zu zweifeln."
"Bei wem bist Du gewesen, Johanna?"
"Sie sollen es nicht von mir herausbringen, Herr; Sie müssen bis morgen warten: daß ich meine Geschichte nur halb erzähle, möge für Sie eine Art von Unterpfand sein,
daß ich an Ihrem Frühstücktische erscheinen werde, um sie zu beenden. Beiläufig gesagt, darf ich dann nicht wieder nur mit einem Glase Wasser an Ihrem Kamin erscheinen:
ich muß wenigstens ein Ei bringen, um Nichts von gesottenem Schinken zu sagen."
"Du spottendes Wechselkind - von einer Fee geboren und menschlich erzogen! Du bringst Gefühle in mir hervor, die ich seit einem Jahre nicht empfunden. Wenn Saul Dich als seinen David gehabt hätte, so hätte der böse Geist ohne die Hülfe der Harfe verbannt werden können."
“So Herr, nun sind Sie aufgeputzt und sehen anständig aus, und nun will ich Sie verlassen: ich bin in den letzten drei Tagen weit gereist und glaube, ich bin ermüdet. Gute Nacht!”
“Noch ein Wort, Johanna: waren nur Damen in dem Hause, wo du gewesen?”
Ich lachte und entfloh, und lachte noch, als ich die Treppe hinaufeilte.
“Ein guter Einfall!" dachte ich freudig. Ich sehe, ich habe das Mittel gefunden, ihn auf einige Zeit von seiner Schwermuth abzubringen.
Sehr früh am nächsten Morgen hörte ich ihn schon im Hause sich regen und von einem Zimmer zum andern gehen. Sobald Maria herunterkam, hörte ich die Frage:
"Ist Miß Eyre hier? Welches Zimmer hast Du ihr angewiesen? War es auch nicht feucht? Ist sie schon auf? Geh und frage sie, ob sie etwas bedarf, und wann sie herunterkommen will."
Ich ging hinunter, sobald ich glaubte, es sei die Aussicht da, Frühstück zu bekommen. Indem ich sehr leise ins Zimmer trat, konnte ich ihn betrachten, ehe er meine Gegenwart bemerkte. Es war in der That traurig, diesen kräftigen Geist der körperlichen Schwäche unterliegen zu sehen. Er saß still in seinem Stuhle, schien aber keine Ruhe zu haben und war offenbar in lebhafter Erwartung. Die Linien seiner jetzt gewohnten Traurigkeit bezeichneten seine starken Züge. Sein Gesicht erinnerte an eine erloschene Lampe, welche wartete, bis man sie wieder anzünden werde —
und ach! er selbst konnte jetzt nicht den Glanz des belebten Ausdrucks anzünden: er mußte diesen Dienst von einem Andern erwarten! Ich hatte heiter und sorglos sein
wollen. aber die Kraftlosigkeit des starken Mannes rührte tief mein Herz. Dennoch redete ich ihn so lebhaft an, als ich konnte.

"Es ist ein heiterer sonniger Morgen, mein Herr, sagte ich. “Der Regen ist vorüber, die Sonne scheint müde und Sie sollen bald einen Spaziergang machen.”
Ich hatte die Glut angefacht: seine Züge strahlten. “O, bist Du wirklich da, meine Himmelslerche; komm zu mir. Du bist nicht fort: nicht verschwunden? Ich hörte vor einer Stunde eine Deiner Art hoch über dem Walde singen: aber ihr Lied hatte keine Musik für mich, eben so wenig, wie die aufgehende Sonne Strahlen hatte. Alle Melodie auf Erden liegt für mein Ohr in der Zunge meiner Johanna — es ist mir lieb, daß sie keine schweigsame ist - und aller Sonnenschein, den ich fühlen kann, liegt in ihrer Gegenwart.”
Das Wasser trat mir in die Augen, als ich dieses Geständniß seiner Abhängigkeit hörte: gerade als wenn ein auf eine Stange gefesselter königlicher Adler genöthigt wäre, einen Sperling zu bitten, sein Versorger zu sein. Aber ich wollte mich nicht den Thränen hingeben: ich trocknete die salzigen Tropfen und beschäftigte mich mit der Bereitung des Frühstücks.
Der größte Theil des Morgens wurde in der freien Luft zugebracht. Ich führte ihn aus dem nassen und wilden Walde auf heitere Felder: ich beschrieb ihm, wie glänzend grün sie wären; wie erfrischt die Blumen und Hecken aussähen: wie schimmernd blau der Himmel wäre. Ich suchte einen Sitz für ihn an einer verborgenen und lieblichen Stelle auf einem trockenen Baumstamm. Auch weigerte ich mich nicht, mich vor ihm, als er saß, auf sein Knie setzen zu lassen, warum sollte ich es auch, da wir Beide glücklicher waren, wenn wir einander nahe, als getrennt waren? Pilot lag neben uns; Alles war ruhig. Plötzlich brach er aus, während er mich in seine Armen drückte:
"O! wie grausam war es, mich zu verlassen O Johanna, was fühlte ich, als ich entdeckte, da Du von Thornfield entflohen seiest und ich Dich nirgends finden konnte; als ich Dein Zimmer durchsuchte und fand, daß Sie kein Geld mitgenommen, und Nichts, was Dir als solches dienen konnte! Das Perlenhalsband, welches ich dir gegeben, lag unberührt in seinem kleinen Kästchen; Deine Koffer hattest Du verschlossen zurückgelassen, wie sie zu der beabsichtigten Reise nach der Hochzeit gepackt waren. Was kann mein Liebling anfangen, fragte ich, da er von Allem verlassen und ohne Geld ist? Und was thatest Du? Laß mich jetzt hören.”
So aufgefordert, begann ich die Erzählungen meiner Erfahrungen des letzten Jahres. Ich milderte meinen Bericht über die drei Tage des Umherwanderns und Hungerns sehr, weil ich ihm nur unnöthigen Schmerz verursacht hätte, wenn ich ihm Alles erzählt, und schon das Wenige, was ich sagte, verwundete sein treues Herz tiefer, als ich es wünschte. Ich hätte ihn nicht so verlassen sollen, sagte er, ohne Mittel zum Fortkommen zu haben: ich hätte ihm meine Absicht sagen sollen. Ich hätte ihm vertrauen sollen: er würde mich nimmermehr gezwungen haben, seine Maitresse zu werden. So heftig er auch in seiner Verzweiflung geschienen, habe er mich doch in Wahrheit zu innig und zärtlich geliebt, um mein Tyrann zu werden: er hätte mir sein halbes Vermögen gegeben, ohne auch nur einen Kuß dafür zu verlangen, lieber, als daß ich mich freundlos in die weite Welt gestürzt hätte. Er sei gewiß, ich habe viel mehr gelitten, als ich ihm bekennen wolle.
“Nun gut,” antwortete ich, “welches auch mein Leiden sein mochte, es war wenigstens sehr kurz.”
Hierauf erzählte ich ihm, wie ich in Moor-House aufgenommen worden, wie ich die Stelle als Schullehrerin erhalten u. s. w. Die Erbschaft und die Entdeckung meiner Verwandten folgte in gehöriger Ordnung. Natürlich kam der Name meines Vetters Saint John Rivers häufig in meiner Erzählung vor. Als ich zu Ende war, wurde dieser Name sogleich aufgegriffen.
"Dieser Saint John ist also Dein Vetter?”
"Du hast oft von ihm gesprochen: gefiel er Dir denn?"
Er ist ein sehr guter Mann, Herr; er mußte mir wohl gefallen.”
“Ein guter Mann? Meinst Du damit einen respectablen, achtungswerthen Mann von funfzig Jahren, oder was meinst Du?”
“Saint John ist erst neunundzwanzig, Herr.”

"Also noch jung. Ist er ein Mann von kleiner Statur,
phlegmatisch und gewöhnlich? Ein Mann, dessen Güte mehr in seiner Reinheit vom Laster, als in seiner Geneigtheit zur Tugend besteht?”

“Er ist unermüdlich thätig. Große und erhabene Thaten sind es, die er zu vollführen wünscht.”
"Aber sein Geist ist wahrscheinlich unbedeutend? Er meint es gut, aber Du zuckst die Achseln, wenn er spricht?”
“Er spricht wenig, Herr, aber was er spricht, ist stets richtig. Sein Geist gehört der höchsten Classe an, denke
ich: er ist nur wenig äußerer Eindrücke fähig, aber kräftig.”
"Ist er ein talentvoller Mann?"
"Sehr talentvoll.”
"Ein vollkommen unterrichteter Mann?"
"Saint John ist ein begabter und tiefer Gelehrter.”
"Ich meine, Du sagtest, sein Benehmen sei nicht nach Deinem Geschmack zudringlich — und predigend?”
"Ich erwähnte sein Benehmen nicht; aber wenn ich auch einen sehr schlechten Geschmack hätte, müßte es mir doch gefallen, denn es ist gebildet, ruhig und vornehm.”
“Sein Aeußeres - ich vergaß, welche Beschreibung Du nur von seinem Aeußeren machtest — ein unbeholfener Landpfarrer, halb erwürgt von seinem weißen Halstuch und schwerfällig in seinen dickbesohlten Stiefeln gehend, nicht wahr?”
“Saint John ist immer wohlgekleidet. Er ist ein schöner Mann: groß und blond, mit blauen Augen und einem griechischen Profil.”
“Zum Henker mit ihm," sagte er bei sich selber. “Gefiel er Dir, Johanna?” fügte er laut hinzu.
"Ja, Herr Rochester, er gefiel mir, aber Sie haben schon einmal gefragt.”
Ich bemerkte die Gedankenrichtung meines Geliebten. Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt und quälte ihn; aber die Qual war heilsam, denn sie gab ihm Ruhe vor dem nagenden Zahne der Schwermuth. Ich wollte daher den Schlangenbiß nicht sogleich heilen.
"Vielleicht sitzen Sie nicht gern länger auf meinem Knie, Miß Eyre?" war die nächste, etwas unerwartete Bemerkung.
"Warum nicht, Herr Rochester?”
"Die Schilderung, die Sie eben entworfen, bildet einen etwas zu starken Contrast. Ihre Worte haben sehr hübsch einen anmuthigen Apollo geschildert: er ist Ihrer Einbildungskraft gegenwärtig - groß, blond, blauäugig und mit griechischem Profil. Ihre Augen ruhen auf einem Vulkan — einem wahren Grobschmied, braun, breitschulterig und blind und verstümmelt dazu.”
"Ich dachte noch nie vorher daran; aber Sie gleichen in der That dem Vulkan, mein Herr."
"Gut — Sie können mich verlassen, Fräulein; aber ehe Sie gehen - und er hielt mich fester als je — werden Sie so gut sein, mir eine oder zwei Fragen zu beantworten."
Er schwieg.
"Welche Fragen, Herr Rochester?"
Hierauf erfolgte sein Gegenverhör.
"Saint John machte Sie zur Schullehrerin in Morton, ehe er wußte, daß Sie seine Cousine waren?”
"Ja."
"Sie sahen ihn oft? Er besuchte die Schule zuweilen?"
"Täglich."
"Er billigte Ihre Methode, Johanna? -- Ich weiß, daß sie gut sein mußte, denn Sie sind ein talentvolles Geschöpf."
"Er billigte sie — ja."
"Er entdeckte Vieles in Ihnen, was er nicht zu finden erwartet? Einige von Ihren Talenten sind nicht gewöhnlich."
"Ich weiß Nichts davon."
"Sie bewohnten ein kleines Haus neben der Schule, sagen Sie: besuchte er Sie jemals dort?”
"Zuweilen."
"Im Abend?"
"Ein oder zweimal?"
Hier trat eine Pause ein.
"Wie lange hielten Sie sich bei ihm und seinen Schwestern auf, nachdem die Verwandtschaft entdeckt war?"
"Fünf Monate."
"Brachte Rivers viel Zeit bei den Damen seiner Familie zu?"
"Ja, das Sprachzimmer war zugleich sein und unser Studirzimmer: er saß am Fenster und wir am Tische."
“Studirte er viel?”
“Sehr viel."
“Was?”
"Die hindostanische Sprache."
"Und was thaten Sie indessen?”
"Ich lernte Anfangs die deutsche Sprache."
"Unterrichtete er Sie darin?"
"Er verstand nicht Deutsch."
"Unterrichtete er Sie denn in Nichts?"
"Ein wenig in der hindostanischen Sprache."
"Rivers unterrichtete Sie in der hindostanischen Sprache?"
"Ja, mein Herr"
"Und seine Schwestern auch?"
"Nein."
"Nur Sie?"
"Nur mich."
"Wünschten Sie diese Sprache zu lernen?
"Nein."
"Er wünschte Sie also darin zu unterrichten?"

Eine zweite Pause.

"Warum wünschte er es? Was sollte Ihnen das Hindostanische nützen?"
"Er wollte, daß ich mit ihm nach Indien gehen sollte.”
"Ah! da haben wir die Wurzel von der Sache. Er wollte, Sie sollten ihn heirathen?”

"Er forderte mich auf, ihn zu heirathen."

"Das ist eine Erdichtung - eine unverschämte Erfindung, mich zu ärgern."

"Ich bitte um Verzeihung, es ist die buchstäbliche Wahrheit: er machte mir mehr als einmal den Antrag und war in dieser Hinsicht so dringend, wie Sie es nur je sein konnten."

“Miß Eyre, ich wiederhole es, Sie können mich verlassen. Wie oft soll ich dasselbe wiederholen? Warum bleiben Sie so beharrlich auf meinem Knie sitzen, da ich Ihnen doch schon gesagt habe, daß Sie es verlassen können?”

"Weil es mir hier bequem ist.”

"Nein, Johanna, es ist Dir nicht bequem hier, weil Dein Herz nicht bei mir ist, sondern bei diesem Vetter — diesem Saint John. O! bis zu diesem Augenblick glaubte ich, meine kleine Johanna wäre ganz mein! Ich glaubte, sie liebte mich noch, selbst als sie mich verließ: das war ein Atom von Süßigkeit in meinem bittern Kelch. So lange wir auch getrennt gewesen, so heiße Thränen ich auch über unsere Trennung geweint, dachte ich doch nie, daß Sie, während ich Sie betrauerte, einen Andern lieben! Aber der Kummer ist unnütz! Verlassen Sie mich, Johanna: gehen Sie und heirathen Rivers."
"Schütteln Sie mich ab - stoßen Sie mich fort, denn ich will Sie nicht mit freiem Willen verlassen.”
"Johanna, ich liebe immer den Ton Deiner Stimme, er erneuert meine Hoffnung und klingt so wahr. Wenn ich ihn höre, versetzt er mich ein Jahr zurück. Ich vergesse, das Du ein neues Band geschlossen. Aber ich bin kein
Thor — geh —“
"Wohin soll ich gehen, Herr?”

"Ihren eigenen Weg - mit dem Gemahl, den Sie gewählt.”

"Wer ist das?”
"Sie wissen es ja - dieser Saint John Rivers.”

"Er ist nicht mein Gatte und wird es auch nie werden. Er liebt mich nicht, und ich liebe ihn nicht. Er liebt, so sehr er lieben kann, und das ist nicht, wie Sie lieben, eine schöne junge Dame, Namens Rosamunde. Er wollte mich nur heirathen, weil er glaubte, ich würde zu der Gattin eines Missionairs passen, was sie nicht würde gethan haben. Er ist gut und groß, aber streng und kalt wie ein Eisberg für mich. Er ist nicht wie Sie, Herr; ich bin nicht glücklich an seiner Seite oder in seiner Nähe. Er hat keine Nachsicht mit mir - keine Zärtlichkeit für mich. Er sieht
nichts Anziehendes in mir, als einige nützliche geistige Fähigkeiten. Muß ich Sie also verlassen, Herr, um mit ihm zu gehen?”

Ich empfand einen unwillkürlichen Schauder und hing mich instinktmäßig fester an meinen blinden aber geliebten Herrn. Er lächelte.

"Wie, Johanna! ist dies wahr? Steht die Sache wirklich so zwischen dir und Rivers?“
“Vollkommen, Herr. u Sie dürfen nicht eifersüchtig sein! Ich wollte Sie nur ein wenig reizen, um Sie weniger traurig zu machen: ich dachte, der Zorn würde besser sein, als der Kummer. Aber wenn Sie wünschen, daß ich Sie liebe, und wenn Sie nur sehen könnten, wie sehr ich Sie liebe, so würden Sie stolz und zufrieden sein. Mein ganzes Herz gehört Ihnen, Herr, und bei Ihnen würde es bleiben, auch wenn das Schicksal mich auf immer aus Ihrer Nähe verbannte."

Als er mich küßte, wurde sein Gesicht wieder von schmerzlichen Gedanken verdunkelt.

"Mein verblendetes Gesicht! mein verkrüppelter Arm!" murmelte er traurig.
Ich liebkoste ihn, um ihn zu beruhigen. Ich wußte, woran er dachte, und wünschte für ihn zu reden, doch ich wagte es nicht. Als er sein Gesicht auf eine Minute abwendete, sah ich eine Thräne unter dem geschlossenen Augenlid hervordringen und über seine männliche Wange niederrollen.
Mein Herz schwoll.

"Ich bin nicht besser, als der alte vom Blitz getroffene Kastanienbaum im Garten zu Thornfield ," sagte er endlich.

"Und welches Recht würde dieser Stumpf haben, eine blühende Waldwinde zu bitten, seinen Verfall mit ihrer Frische zu bekleiden?”
"Sie sind kein Stumpf, Herr, — kein vom Blitz getroffener Baum: Sie sind grün und prächtig. Pflanzen werden um Ihre Wurzeln aufwachsen, Sie mögen sie nun wollen oder nicht, weil Sie an ihrem milden Schatten Gefallen
finden: und indem sie wachsen, werden sie sich zu Ihnen neigen und sich um Sie winden, weil ihre Kraft ihnen eine sichere Stütze gewährt."
Er lächelte wieder: ich hatte ihm Trost gewährt.
“Du redest von Freunden, Johanna?” fragte er.
“Ja, von Freunden," antwortete ich zaudernd, denn ich wußte, daß ich mehr meinte, als Freunde, doch vermochte ich kein anderes Wort anzuwenden. Es kam mir zur Hülfe.”
“Ach, Johanna, aber ich bedarf ein Weib.”
"Wirklich, Herr?”
“Ja; ist Dir das neu?”
“Gewiß, denn Sie sagten vorher nichts davon.”
“Ist es eine unwillkommene Nachricht?”
"Das hängt von Umständen ab, Herr — von Ihrer Wahl.”
"Welche Wahl würdest Du für mich treffen, Johanna. Ich will es auf Deine Entscheidung ankommen lassen.”
"So wählen Sie die, welche Sie am meisten liebt."
"Ich will wenigstens die wählen, die ich am meisten liebe. Johanna, willst Du mich heirathen?”
"Ja, Herr."
"Einen armen blinden Mann, den Du bei der Hand umherführen mußt?”
"Ja, Herr."
"Einen verkrüppelten Mann, der zwanzig Jahre älter ist, als Du, und dessen Wärterin Du sein mußt?"
"Ja, Herr."
"Ist es Dein Ernst, Johanna?”
"Mein voller Ernst, Herr."
“O! mein Liebling! Gott segne und belohne Dich!"
"Herr Rochester, wenn ich je eine gute Handlung im Leben that - wenn ich je einen guten Gedanken dachte - wenn ich je ein aufrichtiges und tadelloses Gebet verrichtete -— wenn ich je einen gerechten Wunsch hegte - so bin ich jetzt belohnt. Ihre Gattin zu werden, heißt für mich so glücklich sein, als ich es auf Erden nur sein kann."
"Weil Du Vergnügen an einem Opfer empfindest?"
“Opfer! was opfere ich denn auf? Hunger für Speise, Erwartung für Zufriedenheit. Das Vorrecht zu haben, meine Arme um das zu schlingen, was ich schätze - meine Lippen auf das zu drücken, was ich liebe — auf dem zu
ruhen, dem ich vertraue: heißt das ein Opfer bringen? Wenn das ißt, so finde ich gewiß Vergnügen am Opfer.”
“Und meine Schwächen zu nagen; meine Mängel zu übersehen."
“Welche Nichts für mich sind, Herr. Ich liebe Sie jetzt mehr, da ich Ihnen wahrhaft nützlich bin, als in Ihrem Zustande stolzer Unabhängigkeit, wo Sie jede andere Rolle als die des Gebers und Beschützers verachteten.”
“Bisher habe ich es gehaßt, mir helfen und mich führen zu lassen. Jetzt fühle ich, daß ich es nicht mehr hassen werde.”
Ich legte meine Hand nicht gern in die eines Dieners, aber es ist angenehm, sie von Johanna's kleinen Fingern umschlossen zu fühlen. Ich zog die äußerste Einsamkeit der
beständigen Gegenwart der Diener vor: aber Johanna's beständige Wartung wird eine ununterbrochene Freude sein. Johanna ist mir angemessen: bin ich ihr auch angemessen?”
"Bis zur feinsten Fiber meiner Natur, Herr.“
"Da die Sache so steht, so haben wir auf Nichts in der Welt zu warten: wir müssen augenblicklich getraut werden."
Lebhaftigkeit zeigte sich in seinem Ausdruck und in seinen Worten: sein früherer Ungestüm war zurückgekehrt.
"Wir müssen ohne Aufschub ein Fleisch werden, Johanna: wir haben nur um die Dispensation nachzusuchen und dann verheirathen wir uns "
"Herr Rochester, ich habe eben entdeckt, daß die Sonne schon weit von ihrem Höhenpunkte niedergesunken ist, und Pilot hat schon den Rückweg angetreten, um zu seinem Mittagsessen zu gehen. Lassen Sie mich nach Ihrer Uhr sehen."
"Befestige Sie an Deinem Gürtel, Hannchen, und behalte sie von jetzt an: ich bedarf ihrer nicht."
"Es ist beinahe vier Uhr Nachmittags, Herr. Empfinden Sie keinen Hunger?"
"Der dritte Tag von heute an muß unser Hochzeitstag sein, Johanna. Denke jetzt nicht an schöne Kleider und Zuweilen: das Alles ist keinen Strohhalm werth.”
"Die Sonne hat alle Regentropfen aufgetrocknet. Der Wind hat sich gelegt und es ist sehr warm."
"Denke nur, Johanna, ich habe Dein kleines Perlenhalsband in diesem Augenblick um meinen braunen Hals unter meinem Halstuch! Ich habe es immer getragen seit dem Tag, wo ich meinen einzigen Schatz verlor, als Andenken an Dich.”
“Wir wollen durch den Wald heimgehen: das wird der schattige Weg sein.”
Er setzte seine eigenen Gedanken fort, ohne auf mich zu achten.
“Johanna, ich denke, Du hältst mich für einen Kerl ohne Religion: aber mein Herz schwillt gerade jetzt von Dankbarkeit für den gütigen Gott. Er steht nicht wie Menschen sehen, sondern viel klarer: urtheilt nicht wie Menschen urtheilen, sondern viel weiser. Ich hatte Unrecht: ich wollte meine unschuldige Blume beflecken - ihre Reinheit mit
Schuld belasten: der Allmächtige entriß sie mir. In meiner halsstarrigen Widersetzlichkeit verfluchte ich fast die Fügung: anstatt mich dem Beschlusse zu beugen, trotzte ich ihm. Die
göttliche Gerechtigkeit verfolgte ihren Weg; das Mißgeschick drängte sich dicht um mich: ich war genöthigt, durch das Thal der Schatten des Todes zu gehen. Seine Züchtigungen sind mächtig, und eine traf und demüthigte mich auf immer. Du weißt, ich war stolz auf meine Stärke: aber was ist sie jetzt, wenn ich sie fremder Leitung überlassen muß, wie das Kind seine Schwäche? In der letzten Zeit, Johanna, — erst in der letzten Zeit — begann ich die Hand Gottes in meinem Unglück zu sehen und anzuerkennen; ich empfand Reue und hegte den Wunsch der Aussöhnung mit
meinem Schöpfer. Ich fing zuweilen an zu beten: sehr kurze Gebete waren es, aber sehr aufrichtig. Erst vor einigen Tagen: — ja ich kann sie zählen, es sind vier — es war in der Nacht am letzten Montag — befiel mich eine seltsame Stimmung, wo der Wahnsinn durch Kummer ersetzt wurde. Ich hatte lange den Gedanken gehabt, wenn ich Dich nirgends finden könnte, müßtest Du todt sein. Spät
an jenem Abend — vielleicht zwischen elf und zwölf Uhr — flehte ich, ehe ich mich zu meiner unerfreulichen Ruhe begab, inbrünstig zu Gott, wenn es ihm gut scheine, so möge er mich bald aus diesem Leben nehmen und in jene künftige Welt versehen, wo ich die einzige Hoffnung hegte, Johanna wiederzusehen. Ich war in meinem Zimmer und saß am Fenster, welches offen war: es beruhigte mich, die balsamische Nachtluft zu fühlen, obgleich ich keine Sterne sehen kennte, und nur die Gegenwart des Mondes wie einen undeutlichen leuchtenden Nebel wahrnahm. Ich sehnte mich nach
Dir, Johanna! ich sehnte mich nach Dir mit Seele und Fleisch! Ich fragte Gott in Qual und Demut, ob ich noch nicht lange genug verlassen, trostlos und gequält gewesen und nicht bald wieder Segen und Frieden kosten dürfe. Ich gestand ein, daß ich Alles verdiene, was ich erduldet habe — ich schützte vor, daß ich kaum mehr erdulden könne; und der Anfang und das Ende der Wünsche meines Herzens kam unwillkürlich von meinen Lippen in den Worten: Johanna! Johanna! Johanna !"
"Sprachen Sie diese Worte laut?”
"Ich that es, Johanna. Wenn mich Jemand gehört hätte, würde er mich für verrückt gehalten haben, mit so wahnsinniger Kraft sprach ich sie aus."
"Und es war am letzten Montag Abend, nicht lange vor Mitternacht?"
“Ja, aber die Zeit ist von keiner Bedeutung: was darauf folgte, ist das Seltsame. Du wirst mich für abergläubisch halten - einigen Aberglauben habe ich in meinem Blut und
hatte ihn stets; dennoch ist dies wahr- wahr wenigstens ist es, daß ich hörte, was ich jetzt erzähle. — Als ich Johanna! Johanna! Johanna! rief, da antwortete mir eine Stimme - ich kann nicht sagen, woher sie kam, aber ich wußte, wessen Stimme es war: Ich komme: warten Sie! und im nächsten Augenblick trug der Wind flüsternd die Worte zu mir herüber: wo sind Sie? — Ich will Dir, wenn ich es vermag, die Idee und das Bild schildern, welche diese Worte meinem Geiste eröffneten; doch ist es schwierig auszudrücken, was ich auszudrücken habe. Ferndean liegt, wie Du siehst, tief im Walde begraben, wo der Schall gedämpft wird und ohne Echo dahinstirbt. Wo sind Sie? schien unter Bergen gesprochen zu werden; denn ich hörte das Echo der Hügel die Worte wiederholen. Kälter und
frischer schien in dem Augenblick der Wind meine Stirn zu berühren: ich hätte glauben sollen, ich und Johanna hätten uns in einer wilden, einsamen Scene getroffen. Im Geiste, glaube ich, müssen wir einander begegnet sein. Du, Johanna, lagst ohne Zweifel in unbewußtem Schlafe: vielleicht wanderte Deine Seele aus ihrer Zelle, um die meine zu trösten; denn es waren Deine Töne — so wahr ich lebe, es war Deine Stimme!

Leser, es war am Montag Abend kurz, vor Mitternacht, als auch ich die geheimnisvolle Aufforderung erhielt; es waren dieselben Worte, womit ich sie beantwortet. Ich horchte auf Rochesters Erzählung, machte ihm aber keine Mittheilung. Das Zusammentreffen erschien mir zu erhaben und unerklärlich, um mitgetheilt oder besprochen zu werden. Wenn ich etwas gesagt, so hätte meine Erzählung nothwendig einen tiefen Eindruck auf das Gemüth meines Zuhörers hervorbringen müssen: und da dieses Gemüth wegen seines Leidens schon zur Düsterkeit geneigt war, so bedurfte es des tiefern Schattens des Uebernatürlichen nicht. Ich behielt diese Dinge also für mich und erwog sie in meinem Herzen.
“Du kannst Dich also jetzt nicht wundern," fuhr mein Herr fort, daß ich, als Du mir in der letzten Nacht so unerwartet erschienst, nur mit Schwierigkeit glauben konnte, das Du etwas Anderes seiest, als eine bloße Stimme und eine Erscheinung: als etwas, was in Schweigen und Vernichtung dahinschmelzen werde, wie das mitternächtliche Geflüster und das Echo des Gebirges früher dahingeschmolzen war. Gott sei Dank! ich weiß jetzt, daß es anders ist. Ja, Gott sei Dank!"
Er hob mich von seinem Knie, stand auf, nahm andächtig seinen Hut ab, neigte seine geblendeten Augen zur Erde und stand in stummer Anbetung da. Nur die letzten Worte seiner Anrede an Gott waren hörbar.
“Ich danke Dir, mein Schöpfer, daß Du mir mitten in Deinem Zorn Gnade gesendet. Ich flehe demüthig meinen Erlöser an, mir Stärke zu geben, hinfort ein reineres Leben zu führen, als ich bisher gethan!"
Dann streckte er seine Hand aus, um sich führen zu lassen. Ich faßte diese theure Hand, erhob sie auf einen Augenblick zu meinen Lippen und ließ sie dann meine Schulter umschlingen, denn da ich so viel kleiner war als er, diente ich ihm zugleich als Stütze und Führerin. Wir traten in den Wald und gingen heimwärts.

Zwölftes Kapitel.
Schluß.

Leser, ich heirathete ihn. Eine stille Trauung hatten wir: er und ich, der Prediger und der Kirchendiener waren
allein gegenwärtig. Als wir aus der Kirche zurückkehrten,
trat ich in die Küche des Herrenhauses, wo Maria das
Mittagsmahl bereitete und John Messer putzte, und sagte:
"Maria, ich bin diesen Morgen mit Herrn Rochester
getraut worden.“
Die Haushälterin und ihr Mann gehörten Beide jener anständigen, phlegmatischen Menschenklasse an, denen man
zu jeder Zeit mit Sicherheit eine auffallende Nachricht mittheilen kann, ohne in Gefahr zu gerathen, einen durchdringenden Schrei zu hören und dann von einem Wortstrom
der Verwunderung betäubt zu werden. Maria blickte auf und starrte mich an: der Löffel, womit sie ein Paar junge
Hühner umkehrte, die sie eben über dem Feuer briet, blieb etwa drei Minuten in der Luft schweben: und fast eben so lange hatten John's Messer vor dem Putzen Ruhe;
dann aber neigte sich Maria wieder über ihren Braten und sagte nur:
"Ei wirklich, Miß? Nun, das ist gut!”
Bald darauf fuhr sie fort:
"Ich sah Sie mit dem Herrn fortgehen, wußte aber nicht, daß Sie zur Trauung in die Kirche gingen."
Und sie setzte ihr Geschäft fort. Als ich mich zu John wendete, sah ich, wie er von einem Ohr zum andern lächelte.
“Ich sagte Maria, wie es kommen würde," bemerkte er;
"ich wußte, was Herr Eduard“ — John war ein alter Diener
und hatte seinen Herrn noch als jüngern Sohn des
Hauses gekannt, daher legte er ihm oft seinen Taufnamen
bei — “ich wußte, was Herr Eduard thun würde, und war
auch gewiß, daß er nicht lange damit warten würde: und
er hat Recht gethan, so viel weiß ich. Ich wünsche Ihnen
Glück, Miß!”
Und er zog höflich seine Mütze herunter.

"Ich danke Ihnen, John. Herr Rochester sagte mir, ich sollte Ihnen und Maria dies geben.”
Ich legte eine Fünfpfundnote in seine Hand. Ohne mehr hören zu wollen, verließ ich die Küche.
Als ich einige Zeit später an der Thür dieses Heiligthums vorüber ging, vernahm ich die Worte:
"Sie wird besser für ihn passen, als irgend eine von den großen Damen.“ Und dann die Antwort: “Sie ist keine von den Schönsten, aber ohne Fehl und sehr gutmüthig;
und in seinen Augen ist sie sehr schön, das sieht man wohl.”

Ich schrieb sogleich nach Moor House und Cambridge, berichtete, was ich gethan und erklärte auch ausführlich, warum ich so gehandelt. Diana und Maria billigten ohne
Rückhalt meinen Schritt. Diana meldete mir, sie wolle nur erst die Flitterwochen vorüber gehen lassen und mich dann besuchen.
"Es wäre besser, sie wartete nicht so lange, Johanna,”
sagte Rochester, als ich ihm ihren Brief vorlas; "wenn sie
so lange warten will, wird sie zu spät kommen, denn unsere
Flitterwochen werden so lange währen, wie unser Leben und
erst mit unserm Tode enden."
Wie Saint John die Nachricht aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht, worin ich ihm meine Verheirathung mittheilte: sechs Monate später aber
schrieb er an mich, doch ohne Rochester's Namen zu nennen oder meine Verbindung zu erwähnen. Sein Brief war ruhig und freundlich, doch sehr ernst. Wir haben seitdem eine
regelmäßige obgleich nicht häufige Correspondence geführt: er hofft, ich sei glücklich und hegt das Vertrauen, ich sei keine von denen, die ohne Gott in der Welt leben und sich
nur um irdische Dinge kümmern.
Du wirst doch die kleine Adele nicht ganz vergessen haben, lieber Leser? Ich hatte sie nicht vergessen und erbat und erhielt bald die Erlaubnis von Rochester, sie in dem Institut zu besuchen, wo er sie untergebracht. Ihre wahnsinnige Freude, mich wieder zu sehen, rührte mich sehr. Sie sah blaß und abgemagert aus und sagte, sie sei nicht glücklich.
Ich fand die Ordnung in dem Institut zu strenge und die
Forderungen für ein Kind ihres Alters zu schwer und nahm
sie mit nach Hause. Ich wollte wieder ihre Erzieherin werden;
doch fand ich, daß sich dies nicht thun ließ, da meine
Zeit und meine Sorge von einem Andern in Anspruch genommen
wurden — mein Gatte bedurfte ihrer. So suchte
ich denn ein Institut von milderem System aus, nahe genug,
um sie oft besuchen und sie zuweilen nach Hause bringen
zu können. Ich trug Sorge, daß es ihr nie an etwas fehlte,
was zu ihrer Zufriedenheit beitragen konnte: sie befand sich
an ihrem neuen Aufenthaltsorte wohl und machte gute Fortschritte.
Als sie heranwuchs, verbesserte eine gesunde englische
Erziehung in hohem Grade ihre französischen Mängel,
und als sie die Schule verließ, fand ich in ihr eine angenehme
und gefällige Gesellschafterin: gelehrig, gutmüthig
und von trefflichen Grundsätzen. Durch ihre dankbare Aufmerksamkeit
für mich und die Meinigen hat sie mir längst
jede kleine Gefälligkeit vergolten, die ich je die Macht hatte
ihr zu gewähren.

Meine Erzählung nähert sich ihrem Ende: nur noch ein Wort über meine Erfahrung in der Ehe und einen kurzen Blick auf das Geschick derjenigen, deren Namen am häufigsten in dieser Erzählung vorkommen, und ich bin zu Ende.
Ich bin jetzt zehn Jahre verheirathet. Ich weiß, was es heißt, gänzlich für den und mit dem zu leben, den ich am meisten auf Erden liebe. Ich halte mich für äußerst beglückt — mehr als es die Sprache ausdrücken kann, weil ich
eben so sehr meines Gatten Leben bin, wie er das meine ist.
Kein Weib stand je ihrem Ehegenossen näher als ich: keine war je so ganz Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch. Ich werde der Gesellschaft meines Eduard nicht
müde: er nicht der meinigen, eben so wenig wie wir des
Klopfens unserer Herzen müde werden, folglich sind wir
immer beisammen. Dadurch sind wir zugleich so frei, wie
in der Einsamkeit und so heiter, wie in der Gesellschaft.
Ich glaube, wir sprechen den ganzen lieben Tag: denn mit einander zu sprechen, ist nur ein belebteres und hörbares Denken. All mein Vertrauen ist auf ihn gesetzt; all sein
Vertrauen ist mir geweiht: unsere Charaktere stimmen genau überein, und vollkommene Eintracht ist der Erfolg.
Rochester blieb die ersten beiden Jahre unserer Ehe blind; vielleicht war es dieser Umstand, der uns einander so nahe brachte und uns so unauflöslich verband, denn ich
war damals sein Gesicht, wie ich jetzt seine rechte Hand
bin. Im buchstäblichen Sinne war ich, wie er mich oft
nannte, der Apfel seines Auges. Er sah die Natur —
er sah die Bücher durch mich, und nie wurde ich müde, für
ihn zu sehen und den Eindruck der Felder und Bäume, der
Stadt und des Flusses, der Wolke und des Sonnenstrahls,
der Landschaft vor uns und des Wetters um uns her in
Worte zu kleiden und durch den Klang seinem Ohr mitzutheilen,
was das Licht seinem Auge nicht näher einprägen
konnte. Nie wurde ich müde ihm vorzulesen; nie wurde
ich müde ihn zu führen, wohin er zu gehen wünschte: zu
thun, was er gethan wünschte. Und es lag ein überschäumendes,
ein entzückendes, wenn gleich trauriges Vergnügen
in meinen Diensten, weil er dieselben ohne schmerzliche Scham oder dämpfende Erniedrigung forderte. Er liebte
mich so wahr, daß er kein Widerstreben kannte, sich meiner
Hülfe zu bedienen: er fühlte, ich liebe ihn so zärtlich, daß
er meine liebsten Wünsche erfüllte, wenn er meinen Beistand
annahm.
Eines Morgens, nach Verlauf von zwei Jahren, als
ich einen Brief nach seinem Dictat schrieb, kam er, neigte
sich über mich und sagte:
"Johanna, hast Du nicht einen schimmernden Schmuck
um den Hals?"
Ich trug eine goldene Uhrkette und antwortete: "Ja."
"Und hast ein blaßblaues Kleid an?"
So war es. Er sagte mir darauf, daß es ihm seit
einiger Zeit vorkomme, als ob die Dunkelheit, die sein
Auge umwölke, weniger dicht werde; und jetzt sei er dessen
gewiß.
Wir gingen Beide nach London. Er zog einen berühmten
Augenarzt zu Rathe und das eine Auge erlangte
wirklich seine Sehkraft wieder. Er sieht noch jetzt nicht
sehr deutlich: er kann nicht viel lesen oder schreiben; doch
findet er seinen Weg, ohne bei der Hand geführt zu werden:
der Himmel ist nicht mehr ein leerer Raum, die Erde
nicht mehr eine Einöde für ihn. Als man ihm seinen Erstgeborenen in die Arme legte, konnte er sehen, daß der Knabe seine Augen geerbt, wie sie einst gewesen — groß, glänzend und schwarz. Bei dieser Gelegenheit erkannte er wieder mit vollem Herzen an, daß Gott ein strenges Gericht durch Gnade gemildert habe.
Mein Eduard und ich sind also glücklich um so mehr, da die, welche wir am meisten lieben, gleichfalls glücklich
sind. Diana und Maria Rivers haben sich Beide ein Jahr nach einander verheirathet, besuchen uns oft und wir sie.
Dianas Gatte ist Capitain in der Marine, ein tapferer Officier und ein guter Mensch. Maria's Gatte ist Geistlicher; ein Universitätsfreund ihres Bruders und vermöge
seiner Bestrebungen und seiner Grundsätze dieser Verbindung würdig. Capitain Fitzjames und Herr Wharton lieben ihre Frauen und werden von ihnen geliebt.
Saint John Rivers verließ England und ging nach Indien. Er betrat den Pfad, den er sich vorgezeichnet, und
verfolgt ihn noch. Ein unermüdlicherer und thätigerer
Schanzgräber arbeitete nie unter Felsen und Gefahren. Fest, getreu und begeistert, voll Eifer, Kraft und Wahrheit
arbeitet er für sein Geschlecht: bahnt den mühsamen Weg zur Besserung und fällt, gleich einem Riesen, die Vorurtheile des Kastengeistes und Glaubens nieder, die ihm hinderlich sind. Er mag noch jetzt strenge, vielfordernd
und ehrgeizig sein: aber seine Strenge ist die des Kriegers, der den Pilgerzug vor dem Angriff des Würgengels schützt.
Seine Forderung ist die des Apostels, der für Christus spricht, wenn er sagt: "Wer mir angehören will, verleugne
sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Sein Ehrgeiz ist der des erhabenen Geistes, dessen Streben dahin geht, einen Platz einzunehmen in der ersten Reihe Derjenigen, die das Irdische abgeschüttelt und ohne Fehl vor dem Throne Gottes stehen, die die letzten mächtigen Siege des Lammes theilen, die berufen und auserwählt und
treu erfunden sind.
Saint John ist unvermählt geblieben und wird jetzt auch nicht mehr heirathen. Er allein ist bisher zu seiner Anstrengung genügend gewesen, und die Anstrengung nähert sich ihrem Ende: seine glänzende Sonne eilt ihrem Untergange zu. Der letzte Brief, den ich von ihm erhielt, entlockte meinen Augen menschliche Thränen und erfüllte doch mein Herz mit himmlischer Freude. Er sieht seiner sichern Belohnung, seiner unvergänglichen Krone entgegen.
Ich weiß, daß mir zunächst eine fremde Hand schreiben und mir die Nachricht ertheilen wird, daß der gute und getreue
Diener endlich zu der Freude seines Herrn berufen worden.
Und warum sollte ich deshalb weinen? Keine Furcht vor dem Tode wird Saint John's letzte Stunde trüben: sein Geist wird unbewölkt, sein Herz unerschrocken, seine Hoffnung gewiß, sein Glaube unerschütterlich sein. Seine eigenen Worte bieten ein Pfand dafür.
"Mein Meister warnt mich vorher," heißt es in dem Briefe. “Täglich verkündet er mir deutlicher: Gewiß, ich komme bald! und stündlich antworte ich inbrünstiger: Amen! so komm denn, Herr Jesus!"