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Erstes Kapitel.

Jane wird Waise.

Es dürfte nach London kaum mehr eine zweite Stadt in England geben, die geeignet wäre, auf den Fremden einen größeren und bleibenderen Eindruck zu machen, als Manchester, welches die größten Baumwollspinnereien der Welt besitzt und unter den Fabriksstädten des Kontinents den ersten Rang einnimmt. Der Eintritt in eine solche Baumwollspinnerei oder Mühle, wie die englischen Fabriksherren ihre Spinnereien zu nennen pflegen, ist höchst überraschend; denn dort, wo mehrere hundert Menschenhände beschäftiget sein sollen, um die nothwendigen Arbeiten zu verrichten,
findet man kaum den zehnten Theil der erforderlichen Arbeitskräfte, da alle wie immer gearteten Verrichtungen durch Maschinen der bewunderungswürdigsten Einrichtung besorgt werden. Die einzige Arbeit, welche von Menschenhänden
verrichtet werden muß, ist das Anknüpfen der gerissenen Fäden, denn alles Übrige besorgt die Maschine selbst; ja sogar die Dampfmaschine, durch deren Kraft die übrigen Maschinen in dauernder Bewegung erhalten werden, wird durch eine
eigens zu diesem Zwecke angebrachte Vorrichtung mit den erforderlichen Steinkohlen versehen, um ohne Hinzuthun von Menschenhänden eine ununterbrochene Heizung zu unterhalten.
Es war gegen die Mitte des Monats November, wo die kurzen Tage und die langen Nächte in einer englischen Fabriksstadt mehr als anders irgendwo zu einander im
größten Widerspruche stehen, als ein ungemein dichter Nebel sich kurz nach Sonnenaufgang über die Stadt Manchester gelagert hatte, der gegen Mittag an Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit so sehr zunahm, dass man in allen Stockwerken der ausgedehnten Fabriksgebäude seine Zuflucht zur künstlichen Beleuchtung durch Gas nehmen mußte.
Während in Manchester drüben eine rastlose Thätigkeit herrschte, war für die Fabriken der Vorstadt Salford, welche am linken Ufer des schiffbaren Irwell liegt und durch eine schöne eiserne Brücke mit der Stadt in Verbindung steht, bereits die Nachmittagsruhe eingetreten, da sämmtliche Arbeiter einem ihrer geschicktesten und menschenfreundlichsten Ärzte die letzte Ehre erwiesen. James Reed hatte sich bei einer ausgebrochenen Epidemie durch seine rastlose Thätigkeit und wahre Selbstaufopferung den Tod zugezogen, und hinterließ der bekümmerten Wittwe außer dem Rufe eines geschickten Arztes und wahren Menschenfreundes kein Vermögen, da einige hundert Pfund Sterlinge kaum hinreichend waren, den Unterhalt der Mutter und ihrer sechsjährigen Tochter auf ein Jahr zu fristen. Zwar hatte die junge Wittwe in Gateshead einen reichen Schwager, welcher der tiefbetrübten Mutter sammt der armen Waise auf seinen ausgedehnten Besitzungen den nothwendigen Unterhalt hätte sichern können; allein von dieser Seite war wenig oder gar nichts zu hoffen, da Mistreß Reed eine sehr stolze und hochtrabende Frau war, die auf die armen Verwandten ihres Mannes nur mit verächtlichen Blicken herabsah und denselben mit der größten Geringschätzung begegnete. Die Hinterlassenen zogen es nun vor, in Salford zu verbleiben und lieber auf eine kümmerliche Weise ihr Leben zu fristen, als in
Gateshead das Gnadenbrod zu essen.
So war kaum ein Jahr verstrichen, wo manche Thräne das Stück Brod benetzte, das die bekümmerte Mutter ihrem Kinde reichte, als der Gram um den Dahingeschiedenen auch
die Mutter auf das Krankenlager streckte, das sie um jene Zeit, wo der Herbst die Blätter von den Bäumen streicht, mit dem kalten Grabe vertauschte. Nun stand Jane verwaiset in der Welt da, und hätte sich nicht für den ersten Augenblick eine gutmüthige Frau zu Salford um die arme verlassene Waise angenommen und an derselben einstweilen Mutterstelle vertreten, so wäre das vom Schicksale so tief gebeugte Kind sicher an Leib und Seele zu Grunde gegangen.
Jane war zwar arm an zeitlichen Gütern, aber reich an Tugend und Frömmigkeit, wofür Vater und Mutter während ihres kurzen Lebens bestens gesorgt hatten, da beide die Überzeugung im Herzen trugen, dass nur der wahre Glaube und ein festes, unerschütterliches Vertrauen auf Gott den Menschen in Leiden und Widerwärtigkeiten stützen und durch die rauhen Wege des Lebens führen können.
Zu Gateshead wurde ein fröhliches, von Genüssen aller Art begleitetes Leben geführt, und ein Vergnügen verdrängte das andere, ohne von dem Unglücke eine Ahnung zu haben, das die nächsten Verwandten in Salford getroffen hatte. Da erschien eines Tages zu Gateshead ein Bote mit einem Schreiben, in welchem John Reed aufgefordert wurde, für die hinterlassene Waise seines Bruders zu sorgen. John Reed war über die unerwartete Nachricht von dem Tode seines Bruders bis zu Thränen gerührt, während Mistreß Reed sich ganz gleichgiltigzeigte und ihrem Manne mit wenigen, aber um desto eindringlicheren Worten bedeutete, dass sie das Bettelvolk von jeher wenig gekümmert habe. Zu einer andern Zeit hätten diese Worte der Geringschätzung und Verachtung seiner nächsten Verwandten auf John Reed weniger Eindruck gemacht, als eben jetzt, wo sein Gemüt von dem Unglücke tief ergriffen war. Das Schicksal der armen Waise ging ihm sehr zu Herzen, und er hatte fest beschlossen, dieselbe in sein Haus aufzunehmen und in Allem und Jedem seinen Kindern ganz gleich zu halten. Wäre Mistreß Reed von denselben Gesinnungen beseelt gewesen, so hätte Jane an ihrem Onkel wie an ihrer Tante zärtliche Pflegeältern gefunden, durch deren freundliche Behandlung und Sorgfalt das unglückliche Mädchen den Verlust weniger gefühlt, den es durch den Tod seiner geliebten Ältern erlitten hatte. Allein Mistreß Reed widersetzte sich dem Ansinnen ihres Mannes, so lange dies möglich war; und als sie endlich nachzugeben und die verlassene Waise in ihr Haus aufzunehmen gezwungen war, da war auch dem armen Geschöpfe die traurigste Zukunft, die man sich nur für ein älternloses Kind denken kann, beschieden.
Da John Reed die Angelegenheit eine dringende schien, so trat er auch schon nach zwei Tagen die Reise nach Salford an, um seine Nichte abzuholen und nach Gateshead zu bringen. Jane war nicht wenig erstaunt, als sie dem fremden Manne vorgestellt wurde, dem sie nun nach einem ihr ganz unbekannten Orte folgen sollte. Hätte Jane ihrem Willen und ihrem Gefühle folgen dürfen, sie wäre lieber bei ihrer zeitweiligen Pflegemutter in Salford geblieben, die sie bereits sehr lieb gewonnen hatte. Allein die Umstände geboten, und so mußte sich das Mädchen in das unabänderliche Schicksal fügen, das nach dem weisen Walten der göttlichen Vorsehung über dasselbe verfügt worden war.


Ankunft in Gateshead.

John Reed war ein freundlicher und äußerst gemütlicher Mann, zu dem jeder, der ihn auch nur kurze Zeit kannte, Zutrauen fassen mußte. Auch Jane war bald mit dem fremden Onkel bekannt und fühlte sich in dessen Nähe recht heimisch. Onkel John hatte dem Mädchen von den vielen Schönheiten zu Gateshead erzählt, die Liebenswürdigkeit
seiner Töchter Eliza und Georgiana gerühmt, jedoch des wilden John und der gehässigen Tante mit keiner Silbe erwähnt, was der Kleinen bei einigem Nachdenken doch aufgefallen sein mußte. John Reed wusste aber den von dem
Mädchen an ihn gerichteten Fragen sehr geschickt auszuweichen und bemerkte seiner Nichte mit einigen Worten, dass die Tante außerordentlich freundlich und liebenswürdig sei und sich gewiss schon auf ihre Ankunft freue. Leider sei die Tante oft kränklich, bemerkte der Onkel weiter, und dann sei sie in solchen Augenblicken gemeiniglich nicht gut zu sprechen. Onkel Reed ermunterte seine Nichte zum willigen Gehorsam, und dann werde man sie auch im ganzen Hause bald recht lieb gewinnen.

Novembertage haben an und für sich wenig Freundliches
aufzuweisen, da dichte Nebel und feuchtes Wetter überhaupt
die steten Begleiter des vorgeschrittenen Herbstes sind. Heuer schien diese Jahreszeit eine Ausnahme machen zu wollen, denn von Allerheiligen bis zum ersten Adventsonntage hatte man sich im Süden und Westen, wie im Osten und Norden von England des herrlichsten Wetters zu erfreuen, welches die Reise unserer kleinen Gesellschaft um desto angenehmer machte.
Es war schon finstere Nacht, als der Reisewagen vor dem Schlosse zu Gateshead hielt. Onkel Reed bemerkte seiner kleinen Reisegefährtin, dass sie an dem Orte ihrer Bestimmung angekommen seien, und dieses Schloss mit den
vielen Fenstern und Lichtern ihr künftiger Wohnort sein
werde. Kaum hatte Jane vernommen, dass sie am Ziele
ihrer Reise angelangt sei, so ergriff sie mit ungewöhnlicher Hast die Hand ihres Onkels und sprach mit tiefbewegtem Herzen: »Nicht wahr, lieber Onkel! Sie lassen mir hier kein Leid zufügen?«
»Beruhige Dich, mein Kind, ich werde Alles veran-
lassen, um Dir Deinen Aufenthalt auf meinem Schlosse
recht angenehm und vergnügt zu machen.«
Bei diesen Worten war ein Diener des Hauses an den Wagen herangekommen, grüßte seinen Herrn mit den Anzeichen der größten Unterwürfigkeit, hob sodann die Kleine aus dem Wagen und nahm Herrn Reed den großen Pelz ab, dessen er sich auf der Reise bedient hatte, um sich und seine Mündel vor Nässe und Kälte zu schützen.
Mit hochklopfendem Herzen betrat Jane das Stiegenhaus
und folgte dem Onkel ganz instinktmäßig über eine ziemlich
hohe, aber sehr breite Treppe, welche nach dem ersten Stockwerke führte, und wo sich auch das Gesellschaftszimmer von Mistreß Reed befand. Der Onkel wusste genau, dass er hier alle seine Leute beisammen treffen werde, um ihnen seinen kleinen Gast vorzustellen, deshalb begab er sich mit seiner Nichte unverzüglich nach jenen Räumlichkeiten des Schlosses.
Hier wurde Jane ihrer Tante und ihren Cousinen vorgestellt; den muthwilligen und ränkesüchtigen John sollte Jane erst
später kennen lernen, denn er war heute etwas früher als
sonst zu Bette gegangen, da er den ganzen Nachmittag über
heftige Kopfschmerzen klagte.
Mistreß Reed sprach sehr wenig, und die kargen Worte,
die sie an ihre kleine Nichte gerichtet hatte, waren voll Hass und Bitterkeit. Darum nahm John Reed das Wort und empfahl die Kleine der Obhut und Sorgfalt der Kindermuhme Bessie, und wies Jane an, in Allem, was sie benöthigen werde, die Bessie anzugehen, welche stets mit größter Bereitwilligkeit für deren Bedürfnisse sorgen werde. Nach dieser kurzen Ansprache trennte sich die Gesellschaft, und Bessie nahm die Kleine bei der Hand, um sie nach der Kinderstube zu führen; denn hier war für die Unterkunft des neuen Sprösslinges des Hauses Reed bereits Sorge getragen.
Jane fühlte sich in dem Hause ihres Oheims nicht heimisch. Ein unnennbarer Schmerz bemächtigte sich oft ihres gepressten Herzens, dem nur ein Strom heißer Thränen etwas Linderung zu verschaffen im Stande war. Es waren kaum zehn Tage verstrichen, so mußte Jane wol den Unterschied bemerken, den nicht nur Mistreß Reed, sondern auch die Domestiken zwischen ihr und den Kindern des Hauses machten. Eliza und Georgiana benahmen sich zwar anfangs

recht liebenswürdig gegen ihre jüngere Kousine; allein schon nach wenigen Wochen schimpften und schmähten sie auf die Kleine und dichteten derselben allerlei Fehler an, die Mistreß Reed auf das bloße Wort ihrer so wahrheitsliebenden Töchter an der armen Waise mit aller Strenge gestraft haben
würde, wenn Jane nicht an dem Onkel einen mächtigen und in jeder Beziehung gerechten Beschützer gehabt hätte. John Reed mußte dann seine Töchter beschwichtigen und ihnen begreiflich machen, dass jeder Mensch seine Fehler und Schwachheiten besitze. Und eben darum sei es unsere Pflicht, mit den Schwächen und Gebrechen unserer Nebenmenschen Nachsicht zu haben, damit auch wir auf die Nachsicht Anderer wieder Anspruch machen können. Übrigens sei Jane von gutmüthiger Natur, besitze ein äußerst versöhnliches Herz und sei gegen jedermann gefällig, wenn man ihr ebenfalls freundlich und liebevoll entgegenkomme. In Abwesenheit des Onkels nahm Jane ihre Zuflucht zu Bessie und bat sie oft um Schutz gegen die Lästerungen und Verfolgungen der Kinder des Hauses; allein das getäuschte Kind kam alsbald zur Einsicht, dass Bessie auf der Seite Mistreß Recd und ihrer Kinder stehe und genau so spreche, wie es diese gern zu hören gewohnt waren.
Am meisten hatte die Keine von dem zanksüchtigen, äußerst unverträglichen und parteiischen John, ihrem Kousin, zu leiden. John hatte ungefähr das eilfte Jahr erreicht, und war nicht nur faul und träge beim Lernen, sondern auch lässig in der Erfüllung seiner übrigen Pflichten und im Fluchen ein Meister. An ein Morgen- oder Abendgebet war bei dem Jungen nicht zu denken, weil ihn niemand daran erinnerte und zum Beten anhielt; und vor dem Mittagstische

zu beten hielt Mistreß Reed nicht mehr schicklich, denn dazu, meinte sie, sei John schon zu groß. So wuchs der Knabe in einer gänzlichen Wildheit und Rohheit heran, ohne Religion und ohne Grundsätze, ohne Glauben und Gottesvertrauen, blos seinen Leidenschaften und Begierden fröhnend. Durch seinen Übermuth und seine Zügellosigkeit wurde der Junge zur wahren Hausplage für die Dienerschaft, die sich von dem kleinen Wildfang stoßen, beißen, schlagen und alle anderen Unbilden gefallen lassen mußten, wenn Einer oder der Andere seinen Dienst nicht aufgeben wollte. Wie nun unsere arme Jane bei diesem Wildfang wegkam, lässt sich leicht denken.
So verstrichen drei kummervolle Jahre für die Kleine, wo sie unzählige Male zu Gott ihre Hündchen erhob und den
Herrscher des Weltalls im brünstigen Gebete bat, sie wieder
aus diesem Hause zu führen, damit sie von den Qualen und
Leiden, denen sie in dem Hause ihres Onkels täglich und
stündlich ausgesetzt war, endlich befreit werde. Allein das
Maß ihrer Leiden war noch nicht voll. Gott hatte in seiner
unendlichen Weisheit beschlossen, unsere Jane noch größeren und härteren Prüfungen zu unterziehen, damit ihr Herz von den Schlacken des irdischen Lebens vollkommen gereiniget und für ein besseres und freudenreicheres Leben empfänglich
gemacht werde.
Der plötzliche Tod des Onkels gab den häuslichen Verhältnissen zu Gateshead eine ganz andere Wendung, welche auf das künftige Schicksal der Kleinen einen mächtigen Einfluß hatte. Jane hatte durch den Tod ihres Onkels nicht nur einen ihrer nächsten Verwandten verloren, den sie bereits recht lieb gewonnen hatte, sondern das Schicksal war so


grausam, ihr auch den einzigen Beschützer zu Gateshead zu
rauben. Die Lage der Verlassenen war eine höchst beklagenswerte, denn nun sollten für sie die schwersten Tage der Prüfung eintreten. Das Maß ihrer Leiden mußte voll werden, damit auch für sie wieder das Licht des Glückes zu dämmern beginne, und ihr eine bessere Zukunft in Aussicht stelle.

Das rothe Zimmer.

»Es war ein recht freundlicher Septembermorgen, deren man in diesem Jahre wenige aufzuweisen hatte, als auf dem
Schlosse zu Gateshead beschlossen worden war, kurz nach Tische nach den neuen Anlagen hinauszufahren, um sich daselbst in der freien Luft ein wenig zu ergehen. In der Kinderstube herrschte eine rege Thätigkeit. Alle Hände waren beschäftiget, um Eliza und Georgiana auf das Sorgfältigste anzukleiden und deren Toilette in Ordnung zu bringen, da Mistres Reed bei ihren Töchtern die Putzsucht schon ziemlich früh wachgerufen hatte. Den beiden Mädchen war kaum irgend ein Kleid mehr gut und schön genug, selbst wenn es aus den theuersten und gesuchtesten Stoffen angefertigt worden war. Sie wussten über Alles und Jedes eine Ausstellung, und nannten die elegantesten Kleidungsstücke nur Fetzen. Dass der liebe Gott endlich über so hoffärtige und verdorbene Kinder seine Zuchtruthe mit der ganzen Macht ihrer drückenden Last werde niedergehen lassen, war wol leicht vorauszusehen.
Während sich auf dem Schlosse Alles putzte und schmückte, stand Jane in einem zwar einfachen, aber ganz netten Anzuge da und war schon längst zur Fahrt bereit; auch Mistreß Reed war im vollen Putze auf der Kindsstube erschienen, um ihre Töchter zu ermuntern, doch endlich mit ihrem Anzuge in Ordnung zu kommen. Da trat auch der wilde John in die Stube, näherte sich unbemerkt Jane, die eben mit dem Rücken gegen die halbgeöffnete Thür da stand, erfasste das Mädchen ohne die geringste Veranlassung bei der Chemisette, und riss der Kleinen dieselbe entzwei. Jane stieß einen lauten Schrei aus, und die Thränen rollten dem armen tiefgekränkten Mädchen über die Wangen, während John und seine Schwestern in ein höllisches Gelächter ausbrachen. Und was sagte Mistreß Reed zu dem Muthwillen ihres zügellosen Sohnes? — Sie wendete sich zu Jane und
sprach: »Jetzt kannst Du zu Hause bleiben, weil es Dir nicht möglich ist, John in Ruh zu lassen.«
Jane konnte vor Thränen und Schluchzen nicht sprechen. Sie ließ sich in der Fensternische auf einen Stuhl nieder, zog ihr Sacktuch aus dem Kleide, um sich Augen und Wangen abzutrocknen, während die ganze Gesellschaft, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer verließ, um sich zur Pforte des Schlosses zu begeben, wo bereits zwei muthige Rosse mit den Vorderfüßen beständig im Sande scharrten, da sie des langen Wartens schon überdrüssig zu sein schienen. Das Knallen der Peitsche und das Rollen der Räder sagten der tiefbetrübten Jane, dass der Wagen bereits abgefahren sei.
Es kann nicht geleugnet werden, dass Jane über den Muthwillen ihres Kousins höchst entrüstet war; aber es schmerzte das Mädchen auch auf eine unnennbare Weise, durch die Zügellosigkeit und die Bosheit John's um ein Vergnügen gebracht worden zu sein, dem sie schon lange Zeit mit Sehnsucht entgegengesehen hatte. Allein es geht uns und
vielen andern Personen oft um kein Haar anders. Wir grämen uns oft bei einem eingetretenen Unfalle oder bei einem über uns hereingebrochenen Unglücke, ohne zu bedenken, ob eben dieser Unfall oder dieses Unglück uns und unserem ganzen Hause nicht zum Nutzen gereichen könne.« In solchen Fällen die weisen Rathschlüsse Gottes zu erkennen, kommt uns und manchem Anderen nicht in den Sinn.
So mag es auch heute Jane ergangen sein. Sie hielt diesen Unfall für ein großes Unglück und kränkte sich nicht wenig darüber, dass das Schicksal so schonungs- und rücksichtslos mit ihr verfahre. Als aber der Abend heranrückte, ward Jane vom Gegentheile überzeugt, und pries den Augenblick glücklich, wo ihr von dem zügellosen und boshaften John
eine solche Schmach zugefügt worden war, dass sie an der
Vergnügungsfahrt nicht theilnehmen konnte. Ein fremder
Wagen fuhr in den Schlosshof; auch der Kutscher und die
Pferde waren Jane, die eben durch's Fenster nach dem Schlosshofe blickte, ganz fremd. Jane lief zur Bessie, um sie hiervon in Kenntnis zu setzen, dass eine fremde Kutsche an der Pforte gehalten habe, als der alte Doriel ganz athemlos die Treppe heraufkroch, um die Bessie zu rufen.
Welch eine Ueberraschung, als Bessie sich dem Wagen
genähert hatte! Mistreß Reed lag in demselben und ein
Fremder ihr zur Seite, der sie unablässig zu stützen suchte. Die gute Frau hatte den Kopf verbunden und trug den rechten Arm in der Schlinge, welcher gebrochen war. Die
Pferde waren scheu geworden; der Kutscher konnte die muthigen Thiere nimmer bändigen, kam zu nahe an einen Graben und warf um. Die Kinder waren jämmerlich zerschlagen und zerschunden, und Mistreß Reed hatte nebst einem Beinbruch noch mehrere Kopfwunden davongetragen.

Auf Jane hatte das Unglück, welches die Tante getroffen hatte, einen großen Eindruck gemacht; selbst Eliza und Georgiana dauerten sie, nur die Unbilden, welche John erlitten hatte, konnten dem Mädchen nicht das geringste Mitleid abnöthigen. Über ihn, meinte sie, sei die gerechte Strafe gekommen, und was den losen Jungen begegnet, sei für die verruchten Bubenstücke, die er schon in Unzahl verübt hatte, viel zu wenig gewesen.
Wochen waren verstrichen, bis Mistreß Reed von den Lei-
den, die sie sich durch jene Lustfahrt zugezogen hatte, nur einigermassen wieder hergestellt worden war. Sie brachte daher täglich einige Stunden im Gesellschaftszimmer oder auch in der Kinderstube zu, wo ihr Eliza und Georgiana Gesellschaft leisteten; John war wol seltener zugegen, da er auf dem Hühnerhofe, oder beim Taubenhause oder sonst irgendwo zu thun hatte, um die armen Thiere zu peinigen. Fand er aber nirgends Gelegenheit, an den harmlosen Thieren seine höllische Lust zu kühlen, dann begab sich der verwilderte Junge nach der Kinderstube, wo ja noch immer Jane zugegen war, die er nach Herzenslust necken und peinigen konnte.
Es war an einem rauhen Wintertage, wo Mistreß Reed auf einem Sofa nahe beim Kamin lag, und umgeben von ihren Lieblingen, ganz in ihrem Glücke zu sein schien. Eliza und Georgiana saßen zu ihren Füßen, John hatte sich auf einem kleinen Rohrstuhle neben dem Kopfkissen der Mama niedergelassen, die dem wilden Jungen mit der Linken die
Haare aus der Stirne strich, da sie die Rechte noch nicht gebrauchen konnte. In einiger Entfernung stand Jane, die sich dieser geselligen Gruppe nicht anschließen durfte, weil Mistreß Reed schon seit lange her mit der Kleinen gänzlich unzufrieden war. Sie glaubte deshalb eben heute den rechten Augenblick gefunden zu haben, um Jane in Gegenwart ihrer Kinder und der Bessie, die eben ins Zimmer getreten war, einen derben Verweis über ihr Betragen geben zu müssen und sprach: »So lange ich nicht von der Bessie höre oder aus eigener Erfahrung wisse, dass Du Dich ernstlich bestrebst, Dir eine gefälligere, kindlichere und empfindsamere Gemütsart, ein anziehenderes und natürlicheres Wesen anzueignen, muß ich Dich in der That von Vorrechten ausschließen, die man nur besseren, zufriedeneren und dankbareren Kindern zugestehen kann.«
Diese freundliche Ermahnung wäre in der That nicht zur Unzeit gekommen, wenn sie Diejenigen auf sich bezogen haben würden, für die eine solche Rüge von großer Wirksamkeit und gutem Erfolge gewesen sein müßte. Allein Jane, wiewol erst zehn Jahre alt, besaß für ihr Alter einen zu hellen Verstand, um nicht zu erkennen, daß eine solche Rüge nicht sie, sondern diejenigen verdient haben würden, die sich mit all ihren Fehlern, Leidenschaften, Ungezogenheiten und Lastern dennoch Mistreß Reed's Lieblinge nennen durften.
Die Kleine stand mit niedergeschlagenen Augen und hochgerötheten Wangen da. Ein tiefer Seufzer entwand sich ihrer Brust, und indem die reichlichen Thränen der Sprache den Weg gebahnt hatten, sprach sie: »Und was sagt Bessie, dass ich gethan habe?«
»Jane,« nahm Mistreß Reed das Wort, »Kinder, die so gerne widersprechen, wie Du, können weder ich noch die Meinigen in ihrer Nähe dulden. Zudem ist es wahrhaft empörend, ein Kind vor sich zu sehen, das sich erdreistet, an die Frau des Hauses, an ihre freundliche, zärtliche und liebevolle Tante eine solche Frage zu richten. Denkst Du nicht daran, dass Du in meinem Hause nur das Gnadenbrod genießt? -- Ein Bettelkind, wie Du, kann man täglich und stündlich auf die Straße setzen. Geh' mir augenblicklich aus dem Zimmer, und komme mir nicht eher unter die Augen, bis Du von mir oder sonst Jemanden im Hause gerufen wirst.«
Während Mistreß Reed noch sprach, hatte Jane ihr Sacktuch hervorgezogen, um sich die Thränen abzutrocknen, die ihr der Schmerz in reichlicher Anzahl ausgepresst hatte.
Als nun Mistreß Reed mit ihrer Ansprache zu Ende war, verließ die Kleine das Zimmer, um in der Einsamkeit über ihr Unglück nachzudenken.
Neben dem Gesellschaftszimmer befand sich ein kleineres Zimmer, wo in den Wintermonaten das Frühstück eingenommen wurde. Hierher begab sich also das Mädchen, um ungestört ihrem Schmerz nachhängen zu können. In diesem Zimmer befand sich ein Bücherkasten, der nebst manchen andern Werken auch viele interessante Jugendschriften aufzuweisen hatte. Jane näherte sich dem Schranke und nahm Berick's Naturgeschichte heraus, um darin zu lesen. Damit sie aber ungestört sei, trat sie in die Fensternische, schwang sich auf den Fenstersitz, zog den langen Vorhang von rothem Moir ganz zu, damit sie nicht so leicht bemerkt würde, wenn etwa eines von den Kindern Lust hätte, sie hier zu suchen. Jane blätterte längere Zeit in ihrem Lieblingsbuche, sah dann durchs Fenster nach der starren und frostigen Gegend, die schon hie und da mit leichtem Schnee überzogen war, und kam endlich wieder auf ihr Buch zurück.
Die hübschen und ziemlich getreuen Abbildungen hatten

die Fantasie unserer kleinen Leserin alsbald wach gerufen; nicht minder zog die höchst interessante Beschreibung der Polargegenden und der nur in diesem kalten Himmelstriche lebenden Seevögel die Aufmerksamkeit des wissbegierigen Mädchens auf sich. Die Winterlandschaft von Gateshead versetzte Jane ganz in die Polarwelt, wo Frost und Schnee, wo feste Eisfelder, von mehr als tausend Wintern in gebirgartiger Schichtung angehäuft, den Pol umgeben, und alle Schrecken der Natur in sich vereinigen. Das Mädchen konnte nicht begreifen, wie es dennoch Menschen gebe, die ungeachtet der großen und fast unüberwindlichen Gefahren Reisen nach jenen Ländern unternehmen, um theils Pelzthiere zu jagen, theils dem Wallfisch aufzulauern. Trübe und finstere Bilder trieben wirr durch das Gehirn des Kindes. Die hochgehende See und die schäumenden Meereswogen, welche an den wüsten Felsenmassen vielfache Brandungen erlitten, schienen dem Mädchen doch nicht ganz ohne Schönheit und Interesse für den stillen Beobachter und einen denkenden Menschen überhaupt zu sein. Dazu dachte sich Jane die Trümmer der an Klippen zerschellten Schiffe, welche zwischen Eismassen umhergetrieben wurden. Ein Seesturm mag schauderhaft und furchtbar für den Betheiligten sein, sprach Jane halblaut zu sich; allein wer die Gefahr glücklich überstanden hat, dem muß eine Erinnerung bleiben, die er selbst um ein Königreich nicht hingeben würde.

Nicht minder anziehend waren für die Kleine die Beschreibungen der Südregionen, wo weiße Adler, schwarze Schwäne, grüne Turteltauben, blaue und weiße Reiher und andere seltene Vogel ihren Standort haben und das Meer zu gewissen Zeiten wie ein Silberspiegel glänzt und flimmert;

wo ungeheuere Wasserflächen wie entzündeter Schwefel und brennendes Pech leuchten, während die angränzenden Massen einen milchweißen Ton angenommen haben, aber zeitweise von hellglänzenden oder fosforähnlichen Lichtstreifen durchzogen werden.
Jane war in tiefes Nachdenken versunken und schien überglücklich in ihren Träumereien; wenigstens war dies einer jener wenigen Augenblicke, die sie in Ruhe und Frieden und in einem geträumten Glücke in dem Hause ihrer
Tante verlebte. Da öffnete sich plötzlich die Thür. Jane zitterte am ganzen Körper, und der Angstschweiß überzog ihre Stirn, gleich als ob sie ein Verbrechen der größten Art verübt hätte.
»Nicht hier!« rief eine ihr wohlbekannte Stimme, vor welcher das Mädchen zu erbeben allerdings Ursache hatte;
denn es war die Stimme ihres ärgsten Feindes im Hause.
Wahrscheinlich hatte sie John schon im ganzen Hause gesucht, um an dem harmlosen Wesen wieder einmal seinen Übermut zu kühlen.
»Wo mag die kleine Hexe wol sein«, rief John. »Ich habe sie auf dem Korridor und in der Küche gesucht; ich habe alle Gemächer durchstöbert, aber nirgends ist sie zu finden. Aber Du sehe zu«, rief jetzt John im vollsten Zorne und indem er die Faust seiner Rechten zu einem gewaltigen Schlag ballte, »wenn ich Dich in meine Hand bekomme. Ich will Dich lehren, mit mir Verstecken spielen.«
Jane sass gleich einer Marmorbildsäule am Fenstersitze und getraute sich kaum Athem zu holen, während John halb nach dem Zimmer, halb nach außen gewendet seinen Schwestern rief, zu deren Ohren aber sein erster Ruf

nicht dringen wollte, da die Thür der Kinderstube fest verschlossen war.
»Lizzi! Georgi!« rief John jetzt aus vollem Halse.
»Kommt doch und helft mir die Kleine aufsuchen. Gewiss
ist das lose Mädchen in den Regen hinausgegangen, um
im Schnee und Regenwasser ihren Ärger abzukühlen.«
Jane hatte gar nicht bemerkt, dass sich seit einer Stunde ihres Hierseins das Wetter gebrochen und der von Westen hertreibende Sturm Schnee und Regen gebracht habe. Sie war froh, die Draperie der Fensternische so sorgfältig geordnet zu haben, dass es nicht leicht möglich wurde, hinter derselben sein auserlesenes Opfer zu wittern. Dazu wäre John mit seinem schwachen Verstande auch gar nicht geeignet gewesen. Er hätte Jane eher an allen Orten, nur hier nicht vermuthet.
Indessen steckte Eliza den Kopf durch die Thür und fragte den Bruder, was es wol gebe, dass er so eilig und dringend nach den Schwestern verlange.
»Die Kleine suche ich«, entgegnete John, »und kann sie nirgends finden.«
»Die wird so weit nicht sein«, erwiderte hierauf das scharfsinnige Mädchen. »Gewiss sitzt sie auf dem Fenster und sucht ihren Schlupfwinkel durch die Draperie zu verbergen.«
Eliza hatte noch nicht ausgesprochen, so stürzte John gegen den Vorhang, um sein Opfer aus dem Verstecke hervorzuholen. Aber ehe es noch dem Knaben gelang, den Vorhang zu öffnen, trat Jane hervor und fragte mit festem und bestimmten Tone: »Was willst Du von mir? -- Werde ich vor Dir nirgend Ruhe finden?« --
»Hörst! Hörst Du Schwester!« rief jetzt John mit zorniger Stimme, »wie mir das Bettelkind entgegnet. Mir, dem Sohne des Hauses, dem Sohne ihrer Wohlthäterin, dem sie alles zu verdanken hat!«

Bei diesen Worten hatte sich John in einen Armstul geworfen, der jenem verhängnisvollen Fenster gegenüber stand. »Du sollst hieher kommen, und das augenblicklich Ich befehle es Dir!«
Ich sah das Bedenkliche meiner Lage ein, und überdachte in dem Augenblicke, was wol hier am gerathensten sein könnte. Da ich John und seine Natur weit besser als Mistreß Reed und alle Übrigen im Hause kannte, so überlegte ich nicht lange, und näherte mich dem Wildfang auf einige Schritte. Als ich in seiner Nähe war, schnitt er allerlei Gesichter, höhnte und lästerte mich in den gemeinsten Ausdrücken, wozu Eliza aus Herzenslust lachte.
»Kommst Du näher, oder soll ich Dich bis zu dem Stule zerren?« schrie jetzt John, indem er mit der Zehenspitze seines linken Fußes den Punkt bezeichnete, auf den ich mich nach seiner augenblicklichen Laune stellen sollte. Es war ein großes Glück für mich, dass mich meine selige Mutter schon von der frühesten Kindheit an einen unbedingten Gehorsam gewöhnt hatte; daher fiel es mir auf meiner gegenwärtigen Laufbahn nicht schwer, in Allem und Jedem zu gehorchen, so lange nicht das Ansinnen an mich gestellt wurde, gegen Gottes Gebote oder mein Gewissen zu handeln, das ich meines Wissens bis zur gegenwärtigen Stunde noch mit keiner Sünde befleckt hatte.
Ich schien jetzt so zu stehen, wie es John gewünscht hatte, denn er schob sich mit dem Oberleibe etwas vor, daher ich auf meiner Huth zu sein für rathsam hielt. Dass ein Schlag jetzt kommen werde, sah ich voraus; denn John mußte seinem Ärger Luft machen, da sein Gesicht nebst gelb und grün noch manche andere Farben zu spielen schien, wenn mich anders das zweifelhafte Licht des Zimmers nicht getäuscht hatte. Es mag sein, dass John meine instinktmäßige Vorsicht gemerkt hatte; denn bevor ich noch daran dachte, erfolgte ein Schlag mit geballter Faust gegen meinen Kopf, dass ich fast die Besinnung verlor. Ich taumelte einige Schritte zurück, und als mein Blick den Boden traf, überzeugte mich der zertrümmerte Kamm, dessen Splittern im ganzen Zimmer zerstreut herum lagen, dass der Schlag in der That ein gewaltiger gewesen sein mußte, falls mich der Schmerz, den ich empfand, hierüber noch in Ungewissheit gelassen haben würde.
»Das ist für die unverschämte Antwort, die Du jüngst der Mama gegeben hast«, sagte jetzt John. »Der Lohn für die kecke Frage, die Du an mich zu richten wagtest, sowie für die gallsüchtigen Blicke, die Du mir zuwirfst, wird folgen.«
Ich war nun gewiss, dass mir noch eine zweite Züchtigung in Aussicht stehe; worin dieselbe aber bestehen werde, hatte ich für den Augenblick keine Ahnung. Es kam mir in solchen Momenten der gemeinsten und entehrendsten Erniedrigung, die ich von diesem unnatürlichen Knaben ertragen mußte, nie in den Sinn, dagegen Einsprache zu erheben, weil mir genau bekannt war, dass sich selbst unter den günstigsten Verhältnissen das Recht nie auf meine Seite stellen werde.
Darum zog ich es jederzeit vor, zu schweigen und mich der Gewalt dieses rohen Jungen nach Thunlichkeit zu entziehen. Heute wollte mir diese List nicht gelingen. Kaum hatte John mein

Vorhaben gemerkt, so fuhr er gleich einem Rasenden von seinem Sitze empor und schrie mit fast kreischender Stimme:
»Du bleibst, und rührst Dich nicht vom Flecke, sonst -- «.
Was das »Sonst« zu bedeuten hatte, wusste ich wol; daher machte ich zum bösen Spiele eine gute Miene und blieb.
»Was hast Du hinter dem Vorhange gethan?« fragte jetzt John.
»Was ich hinter dem Vorhange that, kannst Du leicht errathen. Ich las!« war meine Antwort.
»In welchem Buche hast Du gelesen?« lautete die zweite Frage, die John an mich richtete.
»Es liegt dort am Fenster«, war meine Antwort.
»Bringe es her, ich will es sehen!« rief der die Rolle des Gebieters mit großer Meisterhaftigkeit spielende Junge.
John hatte diese Worte mit solcher Bedeutung und in einem so herrischen Tone an mich gerichtet, dass ich es nicht wagte, dem Quälgeist der Menschen und Thiere meinen absoluten Widerwillen entgegenzustellen. Ich ging also ganz gelassen an das Fenster und holte das Buch.
Bewick’s Naturgeschichte war wol des Knaben Eigenthum, das könnte ich nicht in Abrede stellen; allein so lange der Onkel lebte, waren sämmtliche, in diesem Schranke aufbewahrten Bücher ein Gemeingut aller Kinder, wovon ich nach John Reed’s ausdrücklichen Worten nicht ausgeschlossen war, und somit an diesem geistigen Vergnügen theilnehmen durfte, so oft es meine freie Zeit erlaubte. Und da mir seit dem Tode des Onkels der Bücherschrank selbst von Mistreß Reed nicht verboten worden war, so konnte ich hierin wol kein Vergehen ersehen; denn ich würde mich vor mir

selbst geschämt haben, dem ausdrücklichen Befehle meiner Wohlthäterin zuwider zu handeln. Da aber Alles, was ich that, in den Augen dieser Menschen unrecht war, so durfte es mich auch nicht so sehr überraschen, dass der herrische Junker hierin ein Verbrechen erblickte, das ihm eine neue Gelegenheit bot, mich dafür ganz nach Gutdünken zu züchtigen.
»Du brauchst unsere Bücher nicht zu nehmen und zu verderben«, sagte jetzt John. »Du bist ein Bettelkind, das uns ganz gegen unseren Willen aufgedrungen wurde; dazu lebst Du von dem, was wir Dir aus Gnade und besonderem Mitleide reichen, wie die Mama erst vor Kurzem ausdrücklich bemerkt hatte. Dein Vater ist arm gestorben und hat Dir nichts hinterlassen, sonst hätte Deine Mutter nicht am
Hungertuche nagen müssen. Übrigens wärest Du gut genug, Dir Dein Brot vor den Thüren anderer Leute zu sammeln, anstatt wie ehrlicher Leute Kinder gehalten zu sein. Du kostest Mama jährlich viel Geld, das uns entzogen wird. Wir wollen uns nun nimmer länger von Dir beeinträchtigen lassen, sondern Dich ehestens vor die Thür hinausstoßen und davonjagen. Nun will ich Dich gleich lehren, ganz ohne mein Wissen und meine Erlaubnis in meinen Bücherschrank zu gehen und Dir ein Buch herauszunehmen. Der Bücherschrank ist mein Eigenthum. Alle Bücher gehören mir und sonst niemanden im Hause; das ganze Haus gehört mir oder wird doch einst in mir den Herrn und Gebieter ersehen. Was mein Vater war, bin auch ich; ich bin -- Gutsbesitzer. Packe Dich jetzt von hier! Doch nein, Du sollst bleiben. Dort stelle Dich hin an die Wand neben der Thür und dem Fenster, doch etwas vom Spiegel entfernt!«

Stumm und in Thränen gebadet stand ich hier, mir kaum meiner Sinne bewusst. Arm war ich, das wusste und fühlte ich nur zu deutlich. Ich hatte mich meiner Armut nicht zu schämen, denn ich war ehrlich, und von meinen Ältern wohl erzogen; ein Kleinod, das ich um alle Schätze der Welt nicht hingegeben haben würde, und wofür ich den Dahingeschiedenen jetzt, wie auch noch in den folgenden Jahren dankte. Ich würde alles leicht unberührt dahin genommen haben, wenn John nur nicht meine Ältern, die kein anderes Verbrechen an sich trugen, als ihre Armut, im Grabe
verschont haben würde. Dass meine Ältern ehrliche und biedere Menschen gewesen sein mußten, das fühlte ich jetzt
mehr, als dies vielleicht zu einer andern Zeit der Fall gewesen wäre, auch hätte ich sonst nicht ihre leibliche Tochter sein können. Ich zitterte an allen Gliedern; ein frostiger Schauer durchzog meinen ganzen Leib, und in demselben Augenblicke fühlte ich meinen Körper von einer Gluthitze ergriffen, die ich mir nicht zu deuten wusste. Meine Wangen mußten hochroth gefärbt gewesen sein, denn sie brannten mich, wie glühende Kohlen nur es zu thun vermögen. Jetzt oder nimmer, dachte ich mir. Die Ehre deiner Ältern ist angegriffen, ihr guter Ruf gebrandmarkt, und ihr tadelloser Wandel selbst noch im Grabe von einem mutwilligen Schulknaben befleckt. John soll, John muß -- das ganze Haus muß es beweisen, dass meine Ältern ehrliche Leute waren. Ich wäre nicht ihr Kind, ihre vielgeliebte Jane, die Vater und Mutter täglich und stündlich mit ihrer Liebe und Zärtlichkeit überhäuften, wenn ich hierzu schweigen könnte. Fluch den Kindern, die ihre Ältern misachten, und deren Ehre von bösen Zungen antasten und verunglimpfen lassen, ohne sich

ihrer anzunehmen, und dieselben zu vertheidigen. Doch plötzlich trat eine gänzliche Änderung meines aufgeregten Gemütes ein. Gleichsam von einer unsichtbaren Macht ergriffen, sah ich im Geiste meine Ältern vor mir, die Friedenspalme zwischen den gefalteten Händen haltend, winkten sie mir freundlich und wohlwollend zu. Mir schwanden die Sinne, ich wusste nicht, wie mir geschah. Ein unnennbar wohlthätiges Gefühl durchzuckte mein Herz. Ich erinnerte mich in demselben Augenblicke an die Worte des Pater Anton, der meinen seligen Vater oft besucht und ihn darauf hingewiesen hatte, daß Selbstbeherrschung eine Kunst sei, die nur wenigen Menschen eigen ist. Ach! wäre dieser fromme Priester noch am Leben, dann stünde es wol anders um mich. Ich bot also meine ganze Kraft auf, um mich zu beherrschen. Die Lehren des Pater Anton waren für meinen Vater von großem Nutzen, sie sollten es nun auch für mich sein. Nie und nimmer wollte ich meinen Ältern nachstehen, -- ihnen wollte ich in Allem und Jedem gleichen. Ich hatte bereits ausgerungen; der Kampf, der sich in meinem Herzen entsponnen hatte, war ein furchtbarer, und dennoch hatte ich denselben durch meine Selbstbeherrschung überwunden. Ich that also, was John von mir verlangte, und stellte mich ohne die geringste Widerrede an den bezeichneten Ort.

Ich hatte keine Ahnung, was der lose Junge jetzt zu thun gesonnen sei. Als er aber die Hand in die Höhe hob und das Buch in der Luft mehrmals schwang, um seines Wurfes sicher zu sein, da suchte ich mich vor einem so kräftigen Schlag zu schützen. In meiner Angst mag ich wol das beste Mittel nicht gewählt haben, denn ich sprang gegen den Spiegel, weil ich am ehesten erwarten konnte, dass John ein

so kostbares Möbel zu zertrümmern, mit seinem Wurfe doch
eher einhalten würde. Ich hatte mich aber diesmal arg getäuscht, denn noch in demselben Augenblicke flog das Buch, welches einen bedeutenden Umfang hatte, gegen mich, verfehlte aber vermöge der natürlichen Schwere und eines minder kräftigen Wurfes das beabsichtigte Ziel, und traf den Spiegel, dessen Trümmer nach allen Richtungen hinflogen. In meiner Angst stieß ich einen entsetzlichen Schrei aus, der auch in den Räumen des oberen Stockwerkes vernommen worden sein musste. Mein Angstgeschrei war aber nicht umsonst, denn ein ziemlich großes Stück der zerschmetterten Spiegelfläche war mir an den Kopf gefahren, und schlug mir eine so tiefe Wunde, dass das Blut stromweise hervorquoll.
Wuth und Verzweiflung bemächtigten sich meiner, und das Lamm ward plötzlich zum Tieger geworden. »Blut,« schrie ich, indem ich mit der Hand gegen jenen Theil des Kopfes
fuhr, der mich infolge der Wunde so sehr schmerzte.
»Blut! Blut!« rief ich jetzt noch lauter« »Du willst also an mir zum Mörder werden, und nachdem du mich und meine braven Ältern um ihre Ehre und ihren guten Ruf gebracht hast, mir auch noch das Leben rauben, das ich nicht dir, sondern meinem Gotte allein zu verdanken habe. Du bist ärger, als die Tirannen des grauen Alterthums. Nero, Caligula und Domizian, und wie alle diese Bluthunde und
Christenverfolger heißen, fänden an dir einen würdigen
Schüler.«
»Wie!« rief jetzt John, dem anfangs die blutige Szene doch etwas unangenehm gewesen sein mag, »du unterstehst dich, solche Lästerungen gegen mich auszustoßen. Habt ihr’s gehört, lieben Schwestern, wiemich dieses Bettelkind beschimpft

hat« Kann ich als der Sohn des Hauses einen solchen Schimpf
wohl ungeahndet hinnehmen ?«
Bei diesen Worten rannte der Bösewicht auf mich zu, packte mich mit aller Kraft mit der einen Hand bei den Schultern, während er mit der andern meinen Zopf fasste, und mich derb schüttelte. Ich war mir nicht mächtig genug, daher mußte ich mit mir geschehen lassen, was ich nicht zu ändern
vermochte. Die Wunde schmerzte mich bis zur Unerträglichkeit, das Blut rann über meine Wangen, und träufelte auf meine weiße Schürze. Da bot ich all meine Kraft auf, um mich den unablässigen Mishandlungen dieses Wütherichs zu entziehen. Ich machte eine rasche Wendung, und fuhr dem Jungen mit beiden Händen ins Gesicht. Wiewohl die Nägel meiner Finger stets einer anständigen und lobenswerten Kürze sich zu erfreuen hatten, so mußte ich dieselben doch zu stark in John’s Wangen eingesenkt haben, wovon mich die Blutspuren, die an meinen Händen und Fingern bemerkbar wurden, nur zu deutlich überzeugten. Die Biene hat ihre spitzigen Stachel, das Lamm seine breite Stirn, das Pferd seinen kräftigen Huf, und der Stier seine gewaltigen Hörner von dem Schöpfer der Welten erhalten, um sich gegen seine Feinde vertheidigen zu können; deshalb mag es auch mir nicht zum Nachtheile ausgelegt werden, dass ich, nur ein schwaches, hilfloses Mädchen, meine Finger demjenigen zur Wehr entgegenstreckte, der mir schon soviele Unbilden zugefügt hatte; und ohne Gewissensbisse und ohne darüber wahre Reue zu empfinden, das Blut eines schuldlosen Wesens fließen sehen konnte. Wer Fliegen und Käfer köpfen, den Hunden und Katzen den Schweif stutzen, oder die Ohren zuschneiden, die harmlosen Vögel blenden, d. i. denselben mittels eines

glühenden Drahtes die Augen ausbrennen, und blinde oder
bresthafte Personen auf allerlei Weise necken, schimpfen und lästern kann; der kann unmöglich ein gefühlvolles Herz besitzen.
Ich war also nicht im geringsten darüber betroffen, dass John von mir ganz gegen meinen Willen so arg zugerichtet worden war. Um desto mehr kränkte sich der Junge darüber und rief seine Schwestern herbei, damit sie ihm beistehen möchten, wozu dieselben auch allsogleich Miene machten.
Dieser ungerechte Kampf, den ich nun mit dreien meiner Feinde bestehen sollte, machte mich förmlich wahnsinnig, und dies mag auch die alleinige Ursache gewesen sein, weshalb ich wenigstens so lange die Oberhand über meine Gegner behielt, als dies eben nothwendig geworden war. Da mir nun von keiner Seite beizukommen war, so liefen Eliza und Georgiana die Treppe hinauf, um Mistreß Reed oder Bessie zu Hilfe zu rufen, während John zu meiner Bewachung zurückgeblieben war. Es währte nicht lange, so kam Mistreß Reed in Begleitung von Bessie und ihrer Kammerzofe.

»Gerechter Himmel!« rief Mistreß Reed aus, als sie die Blutspuren auf den Wangen ihres Lieblings bemerkt hatte. »Wie ist wol dies geschehen! Es hat sich doch dieses widerspänstige Kind nicht so weit vergessen, sich an Dir zu
vergreifen?«
»Und doch ist es so, Mama!« entgegnete hierauf John,
der vernünftig genug war, den Hergang der ganzen
Geschichte so lange zu verschweigen, bis er zur Rechenschaft gezogen würde. Und würde dies auch geschehen sein, so wäre eine findige Lüge hinreichend gewesen, sich in den Augen Aller rein zu waschen und die Schuld auf die arme Waise

zu wälzen, da John an seinen Schwestern gar kräftige Zeugen gefunden haben würde.
»Hat man je einen solchen Zorn und eine solche Katzennatur gesehen! sagte Mistreß Reed weiter.
Doch genug! sie soll mir ihre Schuld büßen. Man bringe sie nach dem rothen Zimmer.«
»Dieser Ausspruch war für mich ein Donnerschlag, dem eine solche schwache Natur, wie die meinige, kaum zu widerstehen vermochte. Niemand auf Erden konnte je eine größere Furcht gehabt haben, als dies in der That bei mir in Hinsicht auf das rothe Zimmer der Fall war. Man packte mich also an Händen und Füßen und traf alle Anstalten, um mich nach dem verhängnisvollen Zimmer zu bringen, das sich im oberen Stockwerke an dem äußersten Ende des langen Ganges befand, der oft in den Wintermonaten am hellen Tage beleuchtet werden mußte, um sich nicht Hals und Beine zu brechen.
Da ich auf dem ganzen Wege und vornehmlich über die Treppe starken Widerstand leistete, so wurden endlich zwei Domestiken herbeigerufen, und diese mußten mich an den Ort meiner Bestimmung schaffen; hintendrein folgte die ganze Schaar meiner Feinde, wovon ich etwa die Abbot (das Kammermädchen) auszunehmen Ursache gehabt hätte, wenn ich später nicht eines Besseren belehrt worden wäre.

Dass ich auf dem Wege zum rothen Zimmer heftigen Widerstand leistete und meine ganze Kraft aufbot, um mich frei zu machen, geschah weder aus Eigensinn noch aus Ungehorsam, wie sowol Mistreß Reed als auch Bessie und Miß Abbot der Meinung waren, sondern lediglich nur aus Furcht vor meinem Exil.

Das rothe Zimmer war ein kleiner Saal, der noch bei Onkel John Reed’s Lebzeiten dazu diente, um größere Gesellschaften zu empfangen und in der Wintersaison einige Konzerte abzuhalten, da er ein Freund von Musik und gutem
Vortrag war. Onkel Reed mag aber nicht ganz Unrecht gehabt haben, wenn er den Grundsatz aufstellte, dass Leute, die an Musik und Blumen kein Vergnügen finden, in der Regel auch kein gutes Herz besitzen. Sollte sich der Onkel in seinen Ansichten und Erfahrungen auch getäuscht haben, so mußte ihm doch in dieser Beziehung seine eigene Familie die nothwendigen Anhaltspunkte geben, da die Kinder weder an Blumen, noch an einem hübschen Gesange, noch an einem Tonstücke von was immer für einer Art eine Freude finden konnten.
Seit der Onkel die Augen geschlossen hatte, wollte sich
niemand von der Familie allein in diesem Zimmer aufhalten; selbst die Domestiken waren nicht leicht zu bereden, bei einbrechender Dämmerung in diesem verrufenen Gemache zu verweilen. Der Grund, weshalb das ganze Haus vor diesem Zimmer einen gewissen Abscheu hatte, lag darin, weil Onkel John Reed’s Leiche hier durch drei Tage aufgebahrt lag, bevor der Verstorbene zur Ruhe bestattet wurde. Schon
wenige Wochen nach dessen Beerdigung lief das Märchen
von Mund zu Mund, dass Onkel John’s Geist hier im rothen Zimmer wie im langen finstern Gange sich zeige. Somit war die Furcht bei den Erwachsenen wol albern; allein einem kleinen unerfahrenen Mädchen, wie Jane war, hätte man eine solche übertriebene Furcht wol nachsehen können.
Im Ganzen war das Zimmer auch jetzt noch prachtvoll
ausgestattet, wiewol seit des Onkels Tod niemand von demselben Gebrauch machte. Die Wände des Zimmers waren mit kostbaren, reich verzierten Tapeten versehen, deren Gold-
und Silberverzierung auf rothem Grunde zu dem aus Mahagoniholz gearbeiteten und mit rothem Sammt tapezierten
Möbeln im vollen Einklang stand. Sonderbarer Weise stand in der Mitte des Zimmers ein von hohen Säulen getragenes und mit Gold und Silber gestickter Draperie versehenes Himmelbett, zu dessen beiden Seiten prachtvolle und mit auserlesenen Stickereien gezierte Teppiche lagen. Zu den Füssen des Bettes stand ein Tisch, welcher mit rothem Seidendamast überdeckt war, die übrigen Möbel, als Kästen, Tische, Stüle waren ebenfalls von Mahagoniholz. An der einen Wand hing ein ziemlich großer Spiegel mit einem breiten, zierlich geschnitzten Goldrahmen, und diesem gegenüber das wohlgetroffene Porträt des Verstorbenen, in dessen Zügen ein gewisser wehmutvoller Ausdruck nicht zu verkennen war.
Dieses Zimmer war kalt, weil darin nie oder doch nur äußerst selten Feuer angemacht wurde; es war still, weil es von der Kinderstube und den übrigen bewohnten Gemächern ziemlich entfernt lag, und niemand eine Ehre darein setzte, in demselben auch nur die nothwendigsten Arbeiten, wozu unmittelbar Lüften und Abstauben der Möbel gerechnet werden mußte, zu verrichten. Selbst Mistreß Reed kam nur äußerst selten hieher. Und wenn dies erfolgte, so geschah es nur, um den Inhalt einer geheimnisvollen Schublade zu erforschen, von dem man sich im Schlosse wie an andern Orten mancherlei erzählte.

Nachdem mich die beiden Bedienten des Hauses in dem verhängnisvollen Zimmer abgesetzt hatten, setzten sich auf das

Geheiß von Mistreß Reed, Miß Abbot und Bessie in volle
Thätigkeit. Man hatte mich hier auf einen kleinen, niedrigen Stul recht unsanft niedergesetzt, von dem ich aber gleich einem Federharzball hoch emporsprang und durch die Kraft meiner Hände mich von beiden loszumachen suchte.
»Halten Sie der Kleinen doch die Hände, Miß Abbot«, rief jetzt Bessie der rathlosen Kammerzofe zu; »sie geberdet sich ja wie eine tolle Katze
»Pfui! schämen Sie sich doch, Jane«, sagte hierauf Abbot zu mir, indem sie mich noch unsanfter als das erstemal auf den kurzbeinigen Stul niederdrückte. »Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, so müssen Sie angebunden werden.«

»Ja! ja!« erwiderte hierauf Bessie, »das wird wol das einzige Mittel sein, um die Kleine zur Besinnung zu
bringen.«
Diese Drohung that ihre Wirkung. Alles konnte ich mit Geduld ertragen, nur nicht binden sollte man mich, denn diese Behandlung schien mir doch zu thierisch und die Menschenrechte zu sehr verletzend. Da nun Bessie wirklich Anstalten traf, um mich an Händen und Füssen zu binden und dann so an dem Stule gleich dem Hunde an der Kette festzumachen, da rief ich ihr mit voller Stimme zu: »Lassen Sie das Binden, ich werde hier ruhig sitzen bleiben.«
Zum Beweise, dass ich mich wirklich ruhig verhalten wolle, klammerte ich mich mit beiden Händen an den Sitz des Stules an. Den Vollstreckerinnen des von Mistreß Reed über mich verhängten Urtheiles schien diese Versicherung zu genügen, hatten doch beide durch mehrere Jahre die volle Ueberzeugung gewonnen, dass eine Lüge mit der Natur meines Karakters im Widerspruche stehe.

Ich ergab mich nun mit Geduld in mein Schicksal und
überließ alles Andere dem Schutze des Himmels.
Indessen hatten sich beide mit verschränkten Armen vor mich hingestellt, und mich durch geraume Zeit ganz stillschweigend betrachtet, bis endlich Abbot das Wort nahm und sprach: »So habe ich die Kleine noch nie gesehen! Es steckt doch viel Bosheit und Eigensinn in diesem kleinen Köpfchen, denn die schelmischen Augen und der anmaßende Blick verrathen schon eine gewisse Dreistigkeit, mit der sie selbst erwachsenen Personen entgegenzutreten sich erkühnt.
Bessie entgegnete für den Augenblick nichts auf diese
Bemerkung, wendete sich aber nach einer kurzen Pause zu mir und sprach: »Sie sollten doch bedenken, meine liebe Jane, dass Sie Mistreß Reed zu Dank verpflichtet sind. Sie ist es ja, die Sie ernährt und für Ihren ganzen Unterhalt sorgt. Wollte sie ihre wohlthätige Hand von Ihnen abziehen, so müßten Sie entweder Ihr Brot auf den Straßen erbetteln oder in irgend einem Armenhause eine Unterkunft suchen.«
Mir schwindelte der Kopf bei dieser Rüge, die doch nur aus dem Munde eines Domestiken und zwar aus dem Munde eines weiblichen Wesens kam, das seine Worte und Ansichten genau so einzurichten gewohnt war, wie es die Umstände erforderten, um ja bei Mistreß Reed nicht in Ungnade zu kommen. Ich hatte also hierauf nichts zu antworten, da mir solche und ähnliche Rügen und Vorwürfe seit dem Tode meines Onkels in diesem Hause nimmer neu waren. Es waren ja schon die ersten Lebenserinnerungen, sowie meine ganze Jugendzeit von solchen spitzigen Doren durchflochten, warum sollte sich nicht auch eine Bonne das Recht herausnehmen,

eine arme verlassene Waise durch den Stachel ihrer Worte nicht nur zu kränken, sondern sogar deren Herz zu verwunden.

Kaum war Bessie mit ihrer Strafpredigt zu Ende, so nahm Miß Abbot das Wort und sprach: »Es ist bedauerlich, dass Sie dem Gedanken im Herzen Raum gegeben haben, mit Misses Reed und Master Reed auf gleicher Höhe zu stehen und dieselben Rechte beanspruchen zu können, wie die Kinder des Hauses. Mistreß Reed hat zwar die Güte, Sie mit ihren Kindern erziehen zu lassen, doch wird hiefür zwischen Ihnen und Misses Reed ein großer Unterschied sein; denn diese werden einst über ein ansehnliches Vermögen zu gebieten haben, während Sie nicht einmal eine Scholle Erde Ihr Eigenthum
nennen können. An Ihnen ist es also, sich zu demütigen und
die Unterwürfige zu spielen, wenn Ihnen auch in der That nicht so ums Herz sein sollte. Suchen Sie sich Mistreß Reed so angenehm als möglich zu machen; trachten Sie, den beleidigten John mit sich zu versöhnen; bitten Sie ihn um Verzeihung, damit er vergesse, was Sie ihm angethan: und ich bürge Ihnen dafür, dass Sie im Hause recht wohl gelitten sein werden. Niemand wird es mehr wagen, Sie als eine Heimatlose zu betrachten, und man wird Ihnen im Hause alle Rechte einer so nahen Verwandten angedeihen lassen.
Beherzigen Sie diese meine Worte, meine liebe Jane, und suchen Sie sich zu überwinden, denn man muß in unseren Tagen mehr zum Schein als der Wirklichkeit nach thun, wenn man in besseren Häusern sein Fortkommen finden will.«
Jane war über die Zumuthung der Kammerzofe in ihrem
Innern höchst empört. Sie konnte nicht begreifen, wie es denn möglich sei, dass ein Mensch so schlechte Grundsätze haben, und

im Verkehr mit andern Menschen gleichsam eine doppelte Gestalt annehmen könne. Sie wollte eben den Mund öffnen und
Miß Abbot sagen, dass sie solche und ähnliche Grundsätze nie zu den ihrigen erheben werde, weil sie sich hierzu viel zu gut und zu wohlerzogen fühle, als beide Miene machten, sich zu entfernen. An der Thüre wurde der Kleinen zum wiederholten Male eingeschärft, sich ruhig zu verhalten, bis man kommen und sie abholen werde, und dann wurde die etwas schwerfällige Thür zugeworfen und fest verschlossen.


So bin ich nun wirklich in dem so sehr gefürchteten rothen Zimmer ganz allein, sprach ich halblaut zu mir selbst. Kein menschliches Wesen ist in meiner Nähe, um mich zu beschützen und zu beschirmen, falls mir irgend ein Unglück begegnen sollte? Wie, sollte es wahr sein, was man sich im
Schlosse erzählt? Doch was regt sich dort in der Nähe des
Fensters? -- Nichts, nichts ist es, Jane, sprach ich leise zu mir selbst, um mich theilweise zu beruhigen und meine fast übertriebene Furcht von mir zu verbannen. Wie das scheue Reh, sobald es den Jäger erblickt, fuhr’ich pfeilschnell von meiner kleinen Ottomane, die sich in der Nähe des marmornen Kamines befand, mit einem Sprunge auf und lief der Thüre zu. Da fiel mir erst bei, dass sie ja verschlossen sei. Um mich nun von der Wahrheit meiner Vermuthung zu überzeugen, machte ich einen Versuch, dieselbe zu öffnen; allein mein Bemühen und Forschen war vergebens, weshalb ich wieder zu meinem früheren Sitze zurückkehrte. Als ich an dem großen Spiegel vorüberkam, traf mein Blick die dunkle Fläche, welche mir nicht nur mein eigenes Bild, sondern auch die übrigen Gegenstände des Zimmers in dunklen und schauerlichen Gestalten vor die Sinne führte. Grauen

und Entsetzen bemächtigten sich meiner; meine Knie fingen an zu schlottern und die Füsse schienen mir plötzlich den Dienst zu versagen. Nur mit Mühe konnte ich die Ottomane erreichen, die mir ursprünglich zum Sitze angewiesen worden
war. Ich fuhr mir mit der flachen Hand über die Stirne,
um den Angstschweiß, der eisigkalt auf derselben haftete, ein wenig zu trocknen. Da vernahm ich in der Richtung vom
hohen Bette her Geräusch. War es Wahrheit oder Täuschung, ich konnte es für den Augenblick nicht ermitteln, da meine aufgeregte Fantasie in dem werdenden Schatten der einbrechenden Dämmerung schon die seltsamsten Gestalten
erblickte. Hier eine Fee mit einem freundlichen, wohlwollenden Blick, der Balsam für mein geängstigtes Herz war; dort eine Gruppe von hässlichen Zwergen, wie sie häufig in den Sagen und Märchen vorkommen, welche Bessie vor Jahren in der Kinderstube erzählt hatte. Gleich wieder regte und streckte es sich in der Ecke, dort, wo jener geheimnisvolle Schrank stand, in einer Weise, dass ich die Fratzenbilder und Schreckensgestalten über den Boden hingleiten sah. Da traf mein Blick das Bildnis des Onkels. In demselben Augenblicke regte sich der Aberglaube in mir.
Ich hatte einmal von den Domestiken erzählen gehört, dass Verstorbene, deren Geist man anrufe, sich dem Flehenden auf irgend eine Weise offenbaren sollen. Ich hatte solch albernes Zeug nie geglaubt und hielt das Ganze für die Erfindung irgend eines müßigen Kopfes, und lachte selbst dann nach Herzenslust, als mich der alte Doriel versicherte, dass er selbst einen Mann gekannt habe, dem einmal ein böser Geist in der Gestalt eines schwarzen Hundes mit funkensprühendem Rachen erschienen sei.

Das wäre entsetzlich, dachte ich bei mir selbst, wenn dir ein ähnliches Gesicht begegnen möchte. Mein Blut war heiß, die Augen glühten infolge der übermäßigen Anstrengung, um die Dinge, die mich nah und fern umgaben, in ihrer wahren
Gestalt zu erkennen, und mein Puls ging heftiger als je.
Jane! Du bist krank, sehr krank, sagte ich zu mir selbst. Und daran ist niemand Schuld, als der herzlose und unmenschliche John und seine stolzen und hoffärtigen Schwestern. Ich fühle die Abneigung, oder besser den Abscheu, den das Benehmen dieser Kinder gegen mich in meinem Herzen hervorgerufen hatte. Mistreß Reed und ihre Domestiken waren voll Parteilichkeit; im ganzen Hause war niemand, dem ich meinen Schmerz und meinen Kummer hätte klagen können: darum rief ich in meiner Angst und in meiner Bedrängnis den Geist meines verblichenen Oheims an, damit
er mir seinen Schutz und seinen Beistand gegen die Verfolgungen seiner Angehörigen angedeihen lassen möge. Es war mir, als hätte sich das Bildnis geneigt und mir stillschweigend die Gewährung meiner Bitte zugestanden. Da fing es plötzlich zu krachen an. Ich stieß einen fürchterlichen Schrei aus und stürzte bewusstlos auf den Boden hin. Was weiter mit mir geschah, vermag ich nicht anzugeben.


Jane kommt in’s Waisenhaus nach Lowood

Als ich wieder zu mir gekommen war und die Gegenstände, die mich umgaben, deutlich erkennen konnte, da überzeugte ich mich, dass ich in meinem Bette liege und einen tiefen Schlaf gethan haben mußte. Im Kamin prasselte die hoch auflodernde Flamme, und meinem Gefühle nach zu urtheilen, war die Kinderstube noch nie so unangenehm erwärmt, wie eben jetzt. Düstere Bilder zogen an mir vorüber und riefen mir die Schrecknisse des verflossenen Abendes in den lebhaftesten Szenen vor die Sinne. Die Erinnerung an die ausgestandenen Qualen und die Todesangst, die mich in meinem prunkvollen Kerker überfallen hatte, pressten mir jetzt noch Thränen aus, und ich fing an zu stöhnen und zu schluchzen. Da fühlte ich mich sanft an der Hand ergriffen. Ich sah auf und bemerkte einen fremden Herrn neben meinem Bette sitzen. Auch die Bessie erkannte ich, ungeachtet der schwache Schein der Nachtlampe das Zimmer nur mäßig erleuchtete. Sie stand zu meinen Füssen, beide Arme auf die Brüstung des Bettes gestützt und schien freundlich auf mich zu lächeln.
Mir war unnennbar wohl; ich verspürte eine Erleichterung, welche die angenehmsten Gefühle in meinem Innern wachgerufen hatte. War es die wohlthuende Überzeugung des persönlichen Schutzes gegen meine Peiniger, war es die Sicherheit, nicht mehr von Geistern, Kobolden, Zwergen und andern Misgestalten belästiget zu werden, oder war es der überaus wohlthätige Eindruck, den nach so vielen überstandenen Mishandlungen und Verunglimpfungen eine menschliche Behandlung auf mich ausübte; -- ich vermochte es nicht zu sagen und wusste nur so viel, dass ich mich für den Augenblick recht glücklich fühlte.
Weder der fremde Herr noch Bessie störten mich in meiner Ruhe und in meinen Betrachtungen, zogen aber ihre Blicke keinen Augenblick von mir ab. Da erinnerte ich mich, dem lieben Gott für seinen Schutz und die Befreiung aus meinem Kerker noch nicht gedankt zu haben; darum faltete ich meine Hände und sprach ein kurzes Gebet, da ich am verflossenen Abende aus höllischer Angst selbst das Beten verlernt hatte.
Endlich plagte mich doch die Neugierde, den Mann kennen zu lernen, der an meinem Bette saß und mir so viele Theilnahme zu zollen schien. Schüchtern wendete ich meinen Kopf nach ihm, konnte aber bei dem schwachen Schein der Lampe dessen Züge nicht recht ausnehmen. So viel stand fest, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, diesen Herrn je auf dem Schlosse zu Gateshead gesehen zu haben. Da fühlte ich einen leisen Druck in der Hand, dem alsbald die Worte folgten: »Kennen Sie mich?« --
Ich hob langsam das Haupt von dem weißen Kissen, da mich meine Wunde noch ziemlich schmerzte, und sah dem Fremden frei ins Angesicht. Jetzt erst hatte ich mich überzeugt, dass kein Fremder, sondern ein mir wohlbekannter Herr an meinem Bette sitze, dessen Nähe mir doppelt angenehm sein mußte. Es war Herr Lloyd, ein Apotheker den Mistreß Reed zuweilen nach dem Schlosse rief, wenn einem von der Dienerschaft unwohl war; für sich und ihre Kinder wurden stets die geschicktesten und renommirtesten Ärzte konsultirt. Ich hatte alle Ursache, diesem Manne mein unbedingtes Vertrauen zu schenken, denn er war stets freundlich und liebevoll gegen mich, und mag vielleicht der einzige Mensch auf Gateshead gewesen sein, der mein Verhältnis hier im Hause richtig auffasste und das Bedauerliche meiner Lage erkannte. Mein freundliches Lächeln mag ihm ein kleiner Beweis gewesen sein, dass ich ihn erkannt hatte, darum stellte er mit eben so freundlichem Tone die zweite Frage an mich und sagte: »Nun, wer bin ich

Ich nannte ihn beim Namen und reichte ihm gleichzeitig die Hand zum Beweis des freundlichen Willkommens. Herr Lloyd ergriff meine Hand und sagte mit lächelnder Miene: »Beruhigen Sie sich, Jane, es wird bald besser werden.«
Mein Zustand mußte für ihn ein befriedigender gewesen sein, denn er machte zu meinem größten Leidwesen Anstalten, mich zu verlassen. Doch ertheilte Herr Lloyd vorerst noch einige Befehle und trug Bessie auf, mich ja in meiner Ruhe nicht zu stören. Lassen Sie die Kleine nicht allein, sprach er weiter, und bleiben Sie hübsch in der Nähe, damit Sie auf jedesmaliges Verlangen bei der Hand sind. Nachdem er versprochen hatte, morgen wieder zu kommen, grüßte er freundlich und verließ sodann das Zimmer.
Der Abschied des Mannes blieb für mich nicht ohne Nachwirkung. Ich hatte mich in seiner Gesellschaft so wohl befunden, meine Sicherheit war durch ihn geborgen, und nun war ich wieder so verlassen, so auf mich selbst beschränkt, wie vor wenigen Stunden. Mir war der Mut abermals gesunken; ein unaussprechlicher Gram bemächtigte sich meiner; der Thränenquell, welcher nur auf kurze Zeit versiegt war, floss vom Neuen, und ich fühlte mich unglücklich, wie noch nie. Da trat Bessie zu meinem Bette heran und sprach:
»Fühlen Sie keinen Schlaf, Miß?«
Diese Worte waren mit so viel Freundlichkeit und Theilnahme gesprochen, dass mich dieser Ton der Milde und Herzlichkeit nicht wenig überraschte.
»Ich will es versuchen«, antwortete ich auf die an mich
gerichtete Frage.
»Nun, so will auch ich mich zur Ruhe begeben«, sagte

hierauf Bessie, »denn es ist bereits Mitternacht vorüber und meine Augen belästigte der Schlaf. Sollte Ihnen Unangenehmes begegnen oder ein schwerer Traum Sie belästigen, so dürfen Sie blos meinen Rahmen rufen, denn ich werde für heute ebenfalls mein Nachtlager in der Kinderstube nehmen.«
Bessie ging hierauf in das angränzende Zimmer, wo Miß Abbot schlief, um sie zu wecken, damit sie gleichzeitig mit ihr den Nachtdienst bei mir versehe. Es währte ziemlich lange, bis beide ihr Nachtlager in meiner unmittelbaren Nähe hergerichtet hatten, dann begaben sie sich zur Ruhe und
schliefen die ganze Nacht hindurch so fest, dass ich sie wahrlich um dieses Glück beneidete, da der wohlthätige Schlaf mich floh, wie der Gesunde den Aussätzigen.
Es war eine schauerliche, lange Nacht, die ich durchwachte; und selbst als der Morgen zu dämmern begann, entzog mir der Schlaf diese für mich so nothwendige Erquickung.
Ich verließ deshalb gegen Mittag das Bett, kleidete mich an und nahm in der Nähe des Kamins Platz. Dass ich körperlich krank sei, fühlte ich, wenigstens sagte mir dies das Fieber, dessen kalter Schauer mich zeitweise so arg rüttelte, dass mir die Zähne klapperten; doch bestand mein größtes Leiden in dem geistigen Zustande, in dem ich mich seit gestern befand. Vielleicht war auch das Fieber eine Folge meiner geistigen Aufregung, die nur meine Thränen theilweise beschwichtigen konnte, aber im nächsten Augenblicke in desto größerem Maße wieder hervortrat.
Außer Bessie war niemand im Zimmer, denn Mistreß Reed war mit ihren Lieblingen ausgefahren und hatte sich um mich gar nicht bekümmert. Ich fühlte diese Zurücksetzung

heute mehr als sonst, darum that mir die besondere Freundlichkeit, mit welcher mir Bessie auch heute begegnete, wirklich wohl. In tiefes Nachdenken über meinen gegenwärtigen Zustand sowie über meine Zukunft versunken, bemerkte ich gar nicht, dass Bessie das Zimmer verlassen hatte. Sie war nach der Küche gegangen, um für mich einen kleinen Imbiss zu holen, wiewol ich weder nach Speise noch nach Trank ein Verlangen hatte. Bei ihrem Wiedererscheinen in der Kinderstube war ich wirklich überrascht, denn Bessie stellte mir einen Teller mit etwas Backwerk hin, um, wie sie meinte, mich ein wenig aufzuheitern. So sehr Backwerk zu einer andern Zeit meinem Gaumen mundete und meinen Lieblingsgerichten beizuzählen war, so ließ ich heute das Stückchen Torte sammt den Bisquiten doch ganz unbeachtet.
Bessie schien anfangs meine Abneigung gegen das mir dargebotene Backwerk gar nicht zu bemerken, und wurde erst durch Miß Abbot, welche indessen in die Kinderstube gekommen war, um sich nach Sara, dem neuangekommenen Stubenmädchen zu erkundigen, aufmerksam gemacht, dass mir doch noch nicht ganz wohl sein müsse, weil ich sonst sicher zugelangt haben würde. Indessen hatte Bessie an ihrem Nähtischchen Platz genommen, denn sie mußte für Eliza’s Puppe ein neues Seidenkleid anfertigen, welcher Auftrag ihr meiner Erinnerung nach wenigstens gestern zu Theil geworden war. Dieser Umstand lenkte ganz unwillkürlich meinen Blick nach der meinem Sitze gegenüber liegenden Ecke, wo meine Puppe in einer gewissen Armseligkeit und Verlassenheit lag.
Zwischen meinem und ihrem Schicksale herrschte die vollste
Übereinstimmung. Die Zurücksetzung, die ich in dem Hause von Mistreß Reed ertragen mußte, rieß die alten Wunden

neuerdings auf, und der Schmerz über mein Unglück und
meine Verlassenheit presste mir neuerdings Thränen aus,
wiewol meine Thränenquelle schon längst hätte versiegt sein
sollen.
»Weinen Sie doch nicht«, sagte Bessie zu mir, die mich
wahrscheinlich durch den Spiegel längere Zeit beobachtet haben mußte. Mein Schmerz war aber so groß, dass ich ihr gar keine Antwort zu geben vermochte. Da gab der dumpfe Schlag der Glocke, welche im Frontspitze des Schlosses hing und mit der Uhr in Verbindung stand, meinen Gedanken plötzlich eine andere Wendung. Der Hammer verkündete die zweite Stunde nach Mittag; um drei Uhr war die Speisestunde, folglich mußte Mistreß Reed mit ihren Kindern bald zurückkehren. Der Gedanke, mit dem abscheulichen John, dem ich meinen so traurigen und erbärmlichen Zustand zu verdanken hatte, neuerdings in Berührung zu kommen, und mich denselben Unannehmlichkeiten und Mishandlungen ausgesetzt zu sehen, wie früher, quälte mich unaussprechlich. Mir wurde heiß und bald darauf wieder kalt, wenn ich an den Gedanken des Zusammentreffens mit John dachte.
Ich hatte von Mistreß Reed seit meiner Ankunft in Gateshead viel zu ertragen, und dennoch war ich der Frau nicht so gram, dass ich derselben etwas Unangenehmes hätte wünschen sollen. Auch Eliza und Georgiana hasste ich nicht, denn auch sie wären vielleicht freundlicher und weniger theilnahmslos gewesen, wenn sie nicht unablässig von dem boshaften und unerträglichen John gegen mich aufgestachelt worden wären. In ihm erkannte ich nun den Urheber meines Unglückes, und darum -- --

»Pfui, Jane!« sagte »ich jetzt zu mir selbst. »Bald würde ein Wort über Deine Lippen gekommen sein, das Deiner unwürdig gewesen wäre. John hat mir unnennbaren Schmerz bereitet; er hat mich gequält, wie nur ein roher und gefühlloser Mensch dem Thiere zu thun vermag; er hat mich verleumdet, verachtet, mishandelt, ja er hätte mich vielleicht an jenem verhängnisvollen Tage selbst todtgeschlagen, wenn es in seiner Macht gelegen wäre; allein hassen darf ihn mein Herz dennoch nicht, denn dies wäre eine dem Christen ganz unwürdige Handlung. Ich will den Menschen von seinen Fehlern und Leidenschaften trennen; sie will ich hassen und verabscheuen; -- ihm habe ich in dieser Stunde verziehen.«

In demselben Augenblicke klopfte jemand an der Thür. Ich fuhr erschreckt von meinem Sitze auf, um zu sehen, wer es sei, ließ mich aber um desto eiliger wieder nieder, da ich meine Neugierde für eine unzeitliche und tadelnswerte hielt. Allein es war schon zu spät; denn in demselben Augenblicke stand Herr Lloyd vor mir und streckte mir die Hand zum Gruß entgegen.
Wie leicht war mir ums Herz, als ich diesen Mann wieder in meiner Nähe wusste. Ich konnte jetzt wieder frei aufathmen und Vertrauen fassen, das ich zu allen Übrigen im Hause bereits verloren hatte.
»Wie, schon auf!« sagte der Apotheker im freundlichen Tone. »Wie steht es um Ihr Befinden, Miß Jane?«
Ich zuckte die Achseln und blieb für den Augenblick
die Antwort schuldig.
»Sehe ich recht, so haben Sie geweint, denn Ihre Augen tragen die Spuren viel verlorner Thränen noch ganz deutlich an sich.«

Ich wusste abermals nichts zu antworten, oder besser gesagt, ich wollte und konnte Herrn Lloyd in Bessie’s Gegenwart die Wahrheit nicht gestehen; und da ich mein Gewissen mit keiner Lüge belasten wollte, so hielt ich Schweigen für rathsamer. Doch für den Augenblick schien mich Bessie zu überheben, denn sie bemerkte dem Apotheker, dass kaum einige Minuten vergehen, wo ich nicht weine. Sie sei selbst begierig, den Grund meiner Traurigkeit und die Ursache eines so reichlich fließenden Thränenquelles zu erfahren, habe aber bisher noch keine Zeit gefunden, der Sache auf den Grund zu kommen.
Herr Lloyd hatte indessen seiner Tasche auf den Grund
gefühlt, um zu seiner reichlich gefüllten Tabaksdose zu ge-
langen, und Bessie verließ auf einige Augenblicke das Zim-
mer, wahrscheinlich, um jene Gegenstände aufzusuchen, die
sie trotz ihres besonderen Eifers in der Kinderstube doch
nicht finden konnte.
Als Bessie die Thür im Rücken hatte, nahm mich der Apotheker bei der Hand und sprach: »Sagen Sie mir doch ganz aufrichtig und wahr, Miß Jane, warum Sie unablässig weinen?«
Diese Frage brannte wie glühende Kohlen auf mein Gewissen. Lügen durfte ich nicht, und ob ich die Wahrheit sagen und diesem Herrn mein Geheimnis anvertrauen sollte, dazu gehörte doch einige Ueberlegung. Ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, und diesem folgte ein Strom von Thränen.
Der Apotheker hatte indessen eine zweite Prise genommen, und so konnte ich Zeit gewinnen, um mich von meinem Schmerz etwas zu erholen.

»Sie drückt ein Kummer«, sagte jetzt Herr Lloyd im Tone der innigsten Theilnahme zu mir. »Fassen Sie Vertrauen zu mir! wenn ich helfen kann, soll es gewiss geschehen.«
In demselben Augenblicke fuhr der Wagen durch's Portal. Mistreß Reed war mit ihren Kindern von der Spazierfahrt zurückgekehrt. Der Zeiger der Uhr neigte sich zum Abschlusse der dritten Stunde, wo gespeist wurde. Mistreß Reed war in dieser Hinsicht sehr genau und hielt auf große
Pünktlichkeit. Ich war also vollkommen überzeugt, dass meine Unterredung mit dem Apotheker durch keine unliebsame Dazwischenkunft gestört werden wird, und darum nahm ich mir
das Herz, Herrn Lloyd mit meinem traurigen Verhältnisse bekannt zu machen.
»Ich fühle mich in diesem Hause äußerst unglücklich,
Herr Lloyd, und will fort!«
»Wie«, sagte hierauf der Apotheker, »Sie fühlen sich in dem Hause Ihrer Tante unglücklich, und wollen fort von hier? Wohin wollen Sie gehen
»Das weiß ich für den Augenblick selbst noch nicht«, antwortete ich dem erstaunten Manne.
»Haben Sie Verwandte?« fiel mir Herr Lloyd in die
Rede.
»Außer Mistreß Reed habe ich niemanden auf dieser
Welt; ich bin eine Waise
»Aber warum wollen Sie fort von hier? Ist Ihnen denn etwas Unangenehmes begegnet, oder -- «
»Ich werde hier schrecklich mishandelt; meine Kopfwunde ist der sprechendste Zeuge meiner Behauptung.«
»Und wer hat Sie so mishandelt?« fragte Herr Lloyd.

»John! der mich wie ein Thier schlägt und quält,«
war meine Antwort.
»Und was sagt Mistreß Reed dazu?«
Ich schwieg und fing neuerdings heftig zu weinen an.

»Beruhigen Sie sich, Miß Jane, und weinen Sie nicht. Sie sind leidend und müssen vorerst gesund werden; das Andere werde ich dann schon veranlassen.«
»Wird Mistreß Reed jetzt wol zu sprechen sein?« fragte nach einer kurzen Pause der Apotheker.
»Jetzt ist die Speisestunde«, antwortete ich, »und da
hat es Mistreß Reed nicht gerne, wenn sie gestört wird.«
»Ich verstehe«, sagte der Apotheker, »doch fällt mir
auf, dass Sie nicht gerufen werden!«
Ich zuckte die Achseln und trocknete die Thränen von der Wange, die mir jene Bemerkung vom Neuen ausgepresst hatte. Da reichte mir der Apotheker die Hand und sprach: ,,Morgen sehe ich Sie wieder, Miß Jane, und hoffe Sie in einer besseren Stimmung zu treffen.«
Ich verneigte mich schweigend und nahm wieder meinen früheren Platz in der Nähe des Kamines ein, um mich ernsten Betrachtungen über meine gegenwärtige Lage hinzugeben, als die Thür ausging und Bessie in die Kinderstube trat. »Mistreß Reed wünscht, dass Sie hier auf dem Zimmer speisen, Jane, darum lasse ich Ihnen hier den Tisch decken«, sagte Bessie. Da Sara wirklich hierzu Anstalt traf, erhob ich mich von meinem Sitze und sprach: »Ich muß
Ihnen für Ihre Mühe herzlich danken, denn ich fühle nicht die geringste Esslust. Mir ist so heiß, auch schmerzt mich meine Wunde bis zur Unerträglichkeit; und darum würde ich Sie ersuchen, dass ich mich zu Bette begeben darf.«

Bessie entgegnete mit keiner Silbe, ließ die Roleaux
(Rollvorhänge) an beiden Fenstern herab, während Sara
beschäftiget war, mir das Lager zu bereiten.
Ich war vielleicht noch nie so schnell ausgekleidet, wie heute, denn ich fühlte, dass ich recht übel daran sei. Bessie ließ sich auf einem Stule neben meinem Bette nieder und sprach mir Trost zu, den ich ihr aber herzlich gerne erlassen hätte, da mir vor Kopfschmerz fast die Sinne vergingen. Ich schloss die Augen und fing zu beten an. Trost und Linderung mußten in mein Herz gedrungen sein, denn ich schlief ein und erwachte erst spät am andern Morgen. Der Schlaf war für mein zerrüttetes Gemüt wie für meinen äußern Schmerz von bester Wirkung, denn ich fühlte mich nicht nur sehr gestärkt, sondern auch merklich heiter.
Da trat Herr Lloyd ins Zimmer und war ganz erstaunt, mich noch im Bette zu treffen. Er erkundigte sich nach meinem Befinden, fühlte mir den Puls und fand, dass sich mein Zustand bedeutend gebessert habe, worüber er auch seine Freude äußerte. Dann wendete sich der Apotheker mit der Bitte an Bessie, ob es nicht möglich sei, Mistreß Reed zu
sprechen. Bessie ging, um ihn bei der Tante anzusagen. In dem kurzen Zeitraume, wo Herr Lloyd mit mir allein war, erklärte mir der menschenfreundliche Mann, dass er gekommen sei, um mit Mistreß Reed über mein ferneres Schicksal Rücksprache zu nehmen und gab mir die Versicherung, dass sich Alles zu meinem Besten gestalten werde.
In demselben Augenblicke trat Bessie ein und erklärte, dass Mistreß Reed bereit sei, Herrn Lloyd zu empfangen. Er reichte mir die Hand zum Abschiede und verließ mit Bessie das Zimmer.

Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, denn ich war schon begierig, was Herr Lloyd bei Mistreß Reed in Beziehung auf meine Person ausrichten werde; allein Tage und Wochen verstrichen, ohne über mein künftiges Schicksal Aufklärung zu erlangen. Ohne allen Einfluss muß die Rücksprache, welche Herr Lloyd mit Mistreß Reed gepflogen hatte, doch nicht gewesen sein, das konnte ich aus den Veränderungen entnehmen, die einige Tage später mit mir vorgingen. Es wurde mir ein kleines, etwas unfreundliches Kabinet angewiesen, wo ich von nun an schlafen und mich auch während des Tages aufhalten sollte.
Mistreß Reed sah ich sehr selten; auch ihre Kinder hielten sich hübsch fern von mir, und so war ich auf mich selbst und auf meine Puppe beschränkt, welche meine einzige Gesellschafterin blieb. Auch durfte ich seit dem Tage meiner gänzlichen Absonderung nicht mehr lernen, was mir den meisten Kummer bereitete, denn ich fühlte nur zu deutlich, dass meine Bildung bis jetzt noch eine äußerst verkümmerte war.
Um desto mehr erwachte jetzt die Lernlust in mir, und ich suchte auf diesem Wege jene Versäumnisse nachzuholen, an denen wahrlich die Schuld nicht bei mir zu suchen war.
Mistreß Reed schien ihren Kindern verboten zu haben, mit mir ferneren Umgang zu pflegen; doch konnte es John nicht unterlassen, bisweilen auf mein Zimmer zu kommen, um mich zu quälen. Ich verhielt mich aber in solchen Augenblicken in der größten Entfernung von ihm und erwiderte kein Wort, selbst wenn der Junge die gröbstenSchimpfnamen gegen mich ausstieß. Da er es aber eines Tages neuerdings wagte, auf mich loszustürzen, um mich für mein Stillschweigen, das er eine unverschämte Bosheit nannte, zu züchtigen,

erhob ich mich mit einem Sprunge von meinem Sitze und streckte ihm dieselben Finger entgegen, die ihn schon einmal so arg zugerichtet hatten, worauf er mein Zimmer unter den größten Verwünschungen und entehrendsten Beschimpfungen verließ.
Als John die Thüre im Rücken hatte, mußte ich über den ganzen Vorfall herzlich lachen. Ich war innerlich froh, ein Mittel gefunden zu haben, um den rohen Burschen von mir fern zu halten; allein der unschuldigen Heiterkeit folgte die Strafe auf dem Fuße. John war zu seiner Mama gelaufen und mußte daselbst die ärgsten Beschuldigungen gegen mich vorgebracht haben, worüber ich natürlich gar nicht vernommen, sondern nur mit einem Fasttage bestraft wurde, wo ich außer einer Schale klarer Suppe und einem durchsichtigen Stückchen Brot nichts zu Essen bekam.
Das Essen hatte nie meine Glückseligkeit ausgemacht, da ich stets mit Wenigem zufrieden war. Diese Strafe schmerzte mich nur deshalb, weil ich sie ganz unverschuldeter Weise ertragen mußte. Ich klagte meiner Puppe mein Leidwesen, weil ich kein lebendes Wesen hatte, vor dem ich meinen Kummer hätte ausschütten können, und unterhiel mich eben auf eine ganz harmlose Weise, als Mistreß Reed ins Zimmer trat; hinter ihr der gallsüchtige John und seine neugierigen und schadenfrohen Schwestern.
»Jane!« rief Mistreß Reed, »daher!«
Ich sprang sogleich auf und legte meine Puppe bei Seite.
»Wie hast Du Dich unterfangen, meinen Sohn neuerdings zu beleidigen?«

Ich wollte sprechen und meine Unschuld darthun, als mir ein donnerndes »Schweig« aus Mistreß Reed’s Munde entgegen fuhr. Dieser Schrei hatte mich so sehr überrascht, dass ich am ganzen Leibe zitterte und in ein heftiges Weinen und Schluchzen ausbrach.

»Seht das boshafte Kind!« sagte Mistreß Reed zu den Ihrigen, »weil es seinen Zorn an niemanden auslassen kann, darum weint und heult der Trotzkopf, als ob man ihr an’s Leben gienge.«
»Nicht doch, Tante!« sagte ich in meinem Schmerz und wollte mich eben über die Beschuldigungen rechtfertigen, als mich Mistreß Reed am Arme erfasste und gegen sich riss. Die Ohrfeigen, die ich jetzt ganz ungezählt erhielt, schienen schon längst reif gewesen zu sein und hätten mich vielleicht weniger geschmerzt, wenn ich nicht in demselben Augenblicke so derbe Stöße auf das Schienbein meines rechten Fußes erhalten haben würde, dass ich mich vor Schmerz nicht länger auf den Füßen halten konnte und zu Boden sank. Diese zweite Mishandlung kam wol nicht von Mistreß Reed, sondern von John, welcher diese Gelegenheit benützt hatte, um seinen Ärger und seinen Übermut wieder an mir zu kühlen. Ich wand und krümmte mich auf dem Boden, wie ein Wurm, der mit den Füßen getreten wird, bis auf das Schellen der Tante Miß Abbot kam und mich vom Boden aufraffte.
»Sind Sie nicht so boshaft, Jane, und stehen Sie doch, wenn man Ihnen schon aufhilft«, sagte Abbot zu mir.
»Ich kann nicht stehen, mein Fuß schmerzt mich so«, entgegnete ich unter Weinen und Schluchzen.

Im Laufe dieser Scene hatte sich Mistreß Reed mit ihren Kindern entfernt und die Bessie geschickt. Durch ihre
Unterstützung ward ich auf mein Zimmer und ins Bett gebracht.
Die Stöße, welche mir John zum Beweise seiner gänzlichen Abneigung zukommen ließ, mußten sehr gewaltig gewesen sein; denn der Fuß war so arg angeschwollen, dass ich den Strumpf gar nicht abnehmen konnte.
Bessie schien jetzt ganz umgewandelt zu sein. Mein Zustand und die unverdiente Züchtigung mußten das Mitleid in ihrem Herzen wach gerufen haben; denn zum erstenmale meines Hierseins auf dem Schlosse zu Gateshead schmähte sie auf John, und nannte ihn einen rohen, zügellosen Menschen, was wohl sehr gewagt war. Da aber dieser Ausspruch ohne Zeugen geschah, so konnte er auch für die Zukunft keine Folgen haben, indem auf meine Verschwiegenheit mit voller Bestimmtheit gerechnet werden konnte.
Bessie hatte sich indessen auf mein Bett gesetzt und mir ernst zugesprochen; ja sie hatte mir sogar die Thränen von den Wangen getrocknet und mich geküsst, -- eine Zärtlichkeit, die ich mir nicht zu erklären wusste. Doch muß ich offen gestehen, dass diese Liebe und Theilnahme, die ich in Bessie nie gesucht hätte, auf mein Gemüt den wohlthätigsten Einfluss übte. Der Augenblick schien mir ein günstiger zu sein, und ich wollte mich eben mit meiner neuen Beschützerin in ein Gespräch einlassen, um über die Bemühungen des Apothekers Aufklärung zu erlangen, als die Abbot ins Zimmer trat und erklärte, dass Mistreß Reed nach Bessie verlange. Durch diesen unliebsamen Zwischenfall war einer meiner schönsten Pläne zu Wasser geworden, was mich in meinem

Innern ganz verstimmte. Wäre mein Gemüt durch die erlittenen Mishandlungen nicht schon aufgeregt gewesen, so würde dies zweifelsohne durch die Reden geschehen sein, die ich jetzt von Miß Abbot vernehmen mußte. Ich schwieg und gab auf keine der gegen mich gerichteten Beschuldigungen eine Antwort, sondern wendete mich mit dem Gesichte gegen die Wand, drückte die Augen fest zu und that, als ob ich schliefe.
Miß Abbot mußte von Mistreß Reed den Auftrag erhalten haben, in Abwesenheit der Bessie bei mir auf dem Zimmer zu bleiben, weil sie dasselbe nicht verließ, ungeachtet ihr durch mein Schweigen die Gewissheit zu Theil geworden war, dass ich schlafe.
Bessie war lange ausgeblieben; es dürfte nach meiner mutmasslichen Berechnung wohl eine gute Stunde gewesen sein, während welcher Zeit sich Abbot nicht wenig gelangweilt haben mußte.
»Aber Sie bleiben entsetzlich lange aus«, sagte Abbot,
als Bessie in das Zimmer trat. »Man könnte hier sterben
vor Langweile und Ueberdruss!«
»Schläft die Kleine?« fragte Bessie ganz leise.
»O, vielleicht schon über eine Stunde!« erwiderte Abbot, die noch immer nicht gut zu sprechen war.
»Da bin ich sehr frohr, sagte Bessie, »dann wird sie
auch bald ruhiger werden«
»Es wäre hohe Zeit, dass Miß Jane überhaupt anders würde«, fiel ihr Abbot in die Rede, »sonst wird Mistreß Reed doch noch sehr ungehalten über das boshafte Mädchen werden.«
»Boshaft ist Jane nicht«, entgegnete Bessie, »da thut
man der Kleinen ganz und gar Unrecht. An ihrem ganzen

Unglücke ist nur die Misstellung Schuld, in welche das arme Kind nach dem Tode unseres seligen Herrn gerathen ist. Übrigens wird sich im Laufe einiger Wochen so Manches ändern, denn Jane wird ohnehin in eine Schule oder ins Waisenhaus nach Lowood kommen.
Hat mich mein Fuß so sehr geschmerzt, oder habe ich vor Freude, über meine Zukunft so unerwartet Aufklärung erlangt zu haben, mit dem gesunden Beine eine solche ungeschickte Bewegung gemacht, dass der Stul, welcher übrigens etwas schief an meinem Bette gestanden sein muß, umfiel, wodurch das Zweigespräch, das für mich von so großem Interesse war, sein Ende gefunden hatte. Ich wusste übrigens genug; auch hatte mir diese Aufklärung hinreichenden Stoff geboten, um darüber nachzudenken.
Indessen hatte sich Bessie meinem Bette genähert.
»Wie ist Ihnen, Jane?« fragte sie im herzlichen Tone.
»Ich danke Ihnen für die Freundlichkeit, sich um meinen Zustand und zugleich um das Befinden einer armen verlassenen Waise zu erkundigen. Mir ist wohl, ganz wohl, nur mein Fuß schmerzt mich von Zeit zu Zeit
»Haben Sie nur Geduld, liebe Jane«, antwortete Bessie, »in einigen Tagen ist Alles wieder gut. Auch hoffe ich, dass sich ein ähnlicher Fall, wie der heutige, während Ihres
Aufenthaltes auf Gateshead nicht mehr ereignen wird.
»Sie sprechen von meinem Aufenthalte auf Gateshead so, als ob ich denselben bald zu verändern hätte«, Miß Bessie«, sagte ich hierauf mit Hast.
»So ist es auch, Miß Jane!«
»Und wohin wird man mich bringen ?« fragte ich jetzt mit noch größerer Hast, indem ich mich ungeachtet meines

wunden Beines im Bette aufrichtete, um von der mir zu ertheilenden Antwort ja kein Wort zu überhören. Allein ich wurde in meinen Erwartungen sehr getäuscht; denn Bessie zuckte die Achseln und bat mich, nicht weiter in sie zu dringen, indem ihr von Mistreß Reed tiefes Stillschweigen aufgetragen worden sei.

Ohne mir eine Lobrede zu halten, so muß ich doch zu meiner Ehre gestehen, dass eine zügellose Neugierde mir nie als ein Fehler angerechnet werden konnte; auch war ich nie unbescheiden und hatte stets wohlerwogen, wie weit die Gränzen der Schicklichkeit reichen. Darum unterließ ich es auch, noch weiter in Bessie zu dringen, da ich ja ohnehin wusste, was in kurzer Zeit mit mir geschehen werde.
Bessie suchte dem ganzen Vorfalle dadurch eine andere
Wendung zu geben, dass sie mich fragte, ob ich nicht von
Hunger gequält werde.
»Wol bin ich hungrig«, entgegnete ich; »Sie kennen aber das Verbot der Tante, und somit lässt sich hierin keine Abänderung treffen.«
Bessie lächelte und winkte mir freundlich zu. Sie verließ sodann das Zimmer und kam recht bald mit einem gefüllten Teller zurück, dessen Inhalt ein Stück kaltes Huhn und ein Kuchen von Bisquitteig ausmachte. Nach Fleisch hatte ich weniger Sehnsucht und würde dasselbe nur gegessen haben, um meinen Heißhunger zu stillen, da ich außer einer Schale Suppe und der durchsichtigen Brotschnitte noch keinen Bissen über meine Lippen gebracht hatte, wiewol der Zeiger der Uhr deutlich nachwies, dass bereits die neunte Stunde eines äußerst unfreundlichen Abendes im Anmarsche begriffen sei. Aber nach dem Kuchen wässerten mir die Zähne,

nicht als ob ich so begierlich, wie hundert andere Kinder gewesen wäre, sondern weil ich Mehlspeisen den Fleischspeisen von den Tagen meiner frühesten Kindheit an vorgezogen hatte.
Mit großer Freundlichkeit richtete nun Bessie das Oberbett zurecht, damit der Teller mit seinem lockenden Inhalte in der gehörigen Stellung bleibe; allein ich wies dieses Ansinnen entschieden zurück, indem ich bemerkte, eher den Hungertod zu erleiden, als gegen Mistreß Reed’s ausdrückliches Verbot zu handeln, indem ich durch diese Uebertretung mein Gewissen mit einer Sünde belasten würde.
Bessie schien über meine Weigerung, noch mehr aber über meinen festen Entschluss etwas betroffen zu sein und sprach mit sichtlicher Verwirrung: »Was ich Ihnen reiche, dürfen Sie ohne Scheu genießen. Sie werden dadurch Ihr Gewissen mit keiner Sünde belasten, weil ich die Verantwortung bei Mistreß Reed übernehmen werde.«
»Nicht doch, liebe Bessie«, erwiderte ich, indem ich den
Teller zurückschob, »Verbot bleibt Verbot, und so lange
dies von Mistreß Reed nicht aufgehoben ist, werde ich keinen Bissen anrühren, so sehr ich auch vom Hunger gequält
werde.«
»Haben Sie wirklich so großen Hunger?« fragte Bessie im Tone der größten Verwunderung.
»Ich bin sehr hungerig, Bessie«, war meine Antwort, »ich kann mich aber selbst in die misslichste Lage fügen, sobald es die Umstände gebieten, und deshalb muß ich Sie bitten, den Teller von mir zu entfernen.«

»Nein!« sagte hierauf Bessie mit einer Feftigkeit, die selbst jedem Manne Ehre gemacht haben würde, »du muß

ich eiligst zu Mistreß Reed, um deren Erlaubnis einzuholen«.
Und in demselben Augenblicke war sie auch aus dem Zimmer, ohne auf meine quälende Lage Rücksicht zu nehmen, indem ich
während ihrer Abwesenheit den Teller vor mir haben mußte,
gleichsam zur Prüfung meiner Standhaftigkeit. Aber bevor ich noch eine Ahnung hatte, war sie wieder zurück und erklärte mir mit sichtlicher Freude, dass Mistreß Reed ihr Verbot nicht bis in den späten Abend ausgedehnt wissen wollte, und ich mich daher schon längst hätte sättigen können.
Ich muß gestehen, dass mir dieser Bescheid der Mistreß
Reed sehr gelegen gekommen ist. Darum griff ich eiligst zu,
verzehrte zuerst das Huhn und dann den Kuchen. Meine Esslust war so groß, dass nichts als die Knochen auf dem Teller zurückblieben. Dann gab ich Bessie eine freundliche gute Nacht, ließ Mistreß Reed für ihre Güte und Nachsicht die Hand küssen und schlief die ganze Nacht so gut, dass ich erst gegen zehn Uhr des andern Tages erwachte.

Jane wird dem Direktor des Waisenhauses zu Lowood vorgestellt.

Mein Zustand mußte sich in der That gebessert haben, weil mich ein sanfter und süßer Schlaf so lange in seinen Armen gehalten hatte. Ich erhob mich rasch und nicht ganz ohne Scham aus dem Bette, weil ich erwartete, man werde mich eine Schlafmütze schelten; machte aber die traurige Bemerkung, dass ich meinen rechten Fuß noch nicht ganz ohne
Schmerzen gebrauchen konnte. Da ich aber um keinen Preis der Welt selbst um eine Stunde länger im Bette zubringen
wollte, so suchte ich so gut als es ging von einem Orte des

Zimmers zu dem andern zu gelangen, ohne den kranken Fuß eben besonders anzustrengen, und blieb den ganzen Tag über hübsch auf meinem Sitze, welche Ruhe zur Besserung meines Zustandes wesentlich beigetragen hatte. Fast den ganzen Tag auf mich selbst beschränkt, hatte ich Zeit genug, über mich und meine Zukunft nachzudenken und mit mir zu Rathe zu gehen.
Der Name »Waisenhaus« war mir unerträglich, ohne den Grund angeben zu können, weshalb ich gegen das Waisenhaus solche Abneigung empfand. Ich glaube, diese unverhohlene und sichtliche Abneigung kam blos daher, weil ich gar nicht wusste, was ein Waisenhaus ist, noch viel weniger mir eine klare Vorstellung von der innern Einrichtung und der Nützlichkeit einer solchen Anstalt machen konnte. In eine
Schule wäre ich gern gegangen, aber ins Waisenhaus gehst du nicht, sagte ich zu mir selbst.
So war der November hinüber gegangen und hatte dem gewiss von allen Kindern mit Sehnsucht erwarteten Christmonat den Platz geräumt. Auf dem Schlosse zu Gateshead wurden die Weihnachtsfeiertage und der Neujahrstag mit großem Aufwande gefeiert. Festessen und Geschenke wollten da kein Jahr ein Ende nehmen, und somit war darauf zu rechnen, dass die in diesem Jahre bevorstehenden, auch nicht minder festlich begangen werden, worin sich auch niemand täuschte, der dieser Ansicht oder Voraussetzung huldigte.
Es war am 8.Dezember, am Tage Maria Empfängnis, als ich gegen Mittag am Korridor stand und die Sperlinge mit den Brosamen jener Krumen fütterte, die ich beim Frühstück oder Mittagsessen erübrigte. Es war ein herrlicher Tag; die Sonne schien so freundlich und einladend, als ob die östliche Halbkugel nicht dem Winter, sondern dem werdenden
Frühlinge entgegeneile, wiewohl die Luft schon merklich frisch und rauh war. Da wurde ich plötzlich durch ein gewaltiges Rauschen in meiner einsamen Betrachtung gestört. Ich wandte mich schnell nach der Richtung, in welcher ich das Geräusch vernommen hatte und bemerkte, dass eben Eliza und Georgiana aus dem obern Stockwerke herabkamen, um sich nach dem Gesellschaftszimmer oder dem Empfangssaal zu begeben. Sie mußten an mir vorüber, und darum wäre auch jeder Versuch, mich ihren Blicken zu entziehen, vergeblich gewesen. Ich blieb also, machte halbe Front, und grüßte nach meiner gewohnten Art; allein mein freundlicher Gruß blieb unerwidert, und beide Mädchen warfen mir einen Blick der Verachtung und Demütigung zu. Ich kränkte mich eben nicht darüber, weil mir diese Behandlung nimmer neu war, und eben deshalb fiel mir das stolze, von der größten Geringschätzung begleitete Benehmen nicht so sehr auf. Was mir aber aufgefallen war, das war der äußerst elegante und geschmackvolle Anzug der Mädchen. Ich müßte ja kein Mädchen gewesen sein, wenn mir eine so auffallende Erscheinung entgangen wäre; auch hätte ich meinem Schönheitssinne und meinem guten Geschmacke eben nicht das beste Zeugnis ausgestellt.
Ist es aber nicht der Neid oder seine Schwester, die
Scheelsucht, diese Dämonen der Eitelkeit und Putzsucht, welche dein Auge an den Prunkgewändern von Mistreß Reed’s Töchtern festhielt, sagte eine innere, geheimnisvolle Stimme ganz leise zu mir. Ich legte die Hand auf’s Herz und konnte mir mit gutem Gewissen sagen, dass diese finstern Unholdsgötter der Erde noch zu keiner Zeit mein Herz beschlichen haben und dasselbe auch nie beschleichen werden«

Dass Mistreß Reed in Beziehung auf Toilette sehr viel Geschmack besaß, das mußten selbst ihre ärgsten Feinde zugeben. Die loisenblauen Seidenkleider, von dem feinsten
Venezianerstoffe angefertiget, waren allerliebst und wurden durch die schwarzen Sammtjoppen, welche nach schottischer Art mit schweren Goldborten verschnürt waren, noch mehr gehoben. Ganz im Einklange mit ihrer Toilette stand die
Frisur, welche durch die halbverschlungenen, vom feinsten
Golddraht geknüpften Netzhäubchen noch um desto mehr gehoben wurde.
Ich wusste zwar nicht, welcher Umstand zu diesem Putze
Veranlassung gegeben haben mochte, da mir der Feiertag allein doch nicht maßgebend genug zu sein schien. Da fiel mir plötzlich ein, dass heute der achte Dezember und somit
Eliza’s Geburtstag sei. Vom Herzen gerne hätte ich meiner Kousine meinen Glückwunsch dargebracht, wenn mich nicht ihr
steifes und rücksichtsloses Benehmen davon abgehalten haben
würde, da vorauszusehen war, dass ich im Gesellschaftszimmer eine ganz sonderbare Figur spielen und von Mistreß Reed oder dem herrischen John vielleicht gar zur Thüre hinausgewiesen werden würde, zu welcher Konfrontazion ich wahrlich keine Lust hatte.
Da rollten zwei Wägen hintereinander über den Kiesweg daher, und somit hatte ich die Ueberzeugung gewonnen,
dass man heute nicht allein, sondern in Gesellschaft speise. Um nicht abermals misliebigen Personen in die Arme zu laufen, zog ich mich auf mein Zimmer zurück und beschloss, dasselbe heute nimmer zu verlassen.
Gegen drei Uhr schien die Gesellschaft an Ausdehnung immer zuzunehmen, da noch mehrere Wägen innerhalb dieser

Zeit durchs Portal gefahren waren. Alsbald vernahm man ein eifriges Hin- und Hereilen der Domestiken, die heute in
ihrem Festanzuge prangten. Die Stimme des Kellermeisters ward mehrmals gehört, und die beiden Köche hatten mit ihren
Küchenjungen noch zu keiner Zeit so herumgemeistert, wie
diesen Nachmittag. Wenn die Thürflügel des Speisesaales
auf- und zugingen, konnte man aus dem Gesumse ganz deutlich vernehmen, dass die Gesellschaft eine zahlreiche sein müße.
Es war schon ziemlich finster in meinem Stübchen geworden, auch das Kohlenfeuer im Kamine war verglommen, und ich hatte heute mein Mittagsessen noch nicht erhalten. An die arme verlasseneWaise dachte außer Bessie sicher niemand, und diese durfte sich aus Mistreß Reed’s Nähe nicht entfernen, sondern mußte immer bei der Hand sein. Da ertönten der Harfe liebliche Klänge, auch das Pianoforte mußte jemand mit Beschlag belegt haben, und somit konnte ich gewiss sein, dass die Tafel bereits aufgehoben war.
Es mag gegen sieben Uhr gewesen sein, als Bessie auf mein Zimmer kam. »Jane!« rief sie, als ihr die starre Finsternis entgegentrat. Ich meldete mich zum Beweise, dass ich
noch lebe und auch heute nicht verhungert sei.
»Um des Himmels willen« , sagte Bessie, »so ganz
allein, und noch obenhin in dieser schauerlichen Finsternis. Warum hat man Ihnen kein Licht gebracht?«
Bei diesen Worten hatte sie das Zimmer verlassen, um ein Licht zu holen. Als sie zurückkam, war ihre erste Frage:
»Sie haben doch zu Mittag gespeist?«
»Ich schüttelte den Kopf und griff nach meiner Puppe, um die Verlegenheit zu verbergen, in die ich durch diese Frage oder durch jene Rücksichtslosigkeit gerathen war.

»Das ist doch unverzeihlich!« sagte Bessie und entfernte sich abermals, um einige Ueberreste von der Tafel für mich zu holen, wurde aber schon von einem Bedienten an allen Ecken und Enden des Schlosses gesucht und konnte somit ihr Vorhaben nicht mehr zur Geltung bringen.
Verstimmt in meinem Innern und bereits die Kälte in den Füßen fühlend, von welcher das Zimmer durchdrungen worden war, suchte ich mein Bett und schlief ein, ohne seit dem Frühstücke eine Brotkrume zu mir genommen zu haben.
Die Kinderstube ist einsam, sagte ich am andern Tage zu mir selbst; dafür hat mein jetziges Schlafgemach die größte Ähnlichkeit mit dem Grabe selbst. Und doch wäre mir der Kreis einer so großen Gesellschaft lästig geworden, falls ich in denselben treten und einen halben Tag und eine halbe
Nacht daselbst hätte zubringen müßen.
In meiner Einsamkeit und Abgeschiedenheit hatte ich mir einen hässlichen Fehler angewöhnt. Ich hatte nämlich täglich meine Puppe mit ins Bett genommen, damit ich nicht so ganz allein war. Es gab Stunden in meiner Jugend, wo dieses todte Spielzeug meine einzige Zerstreuung, Tage lang meine einzige Gesellschafterin war. Dass ich mir in dem
hölzernen Wesen nur zu oft eine lebende Person, eine Schwester oder eine Jugendfreundin dachte und mit derselben die längste Zeit plauderte, wird man einem armen verlassenen, zehnjährigen Mädchen wol verzeihen, auf dem die eiserne Hand des Schicksals schon seit seinem sechsten Jahre schwer lastete.
Ich war eben im Begriffe, meine Puppe aus dem Bette zu holen, und für dieselbe die Morgen-Toilette zu besorgen,
als Miß Abbot ins Zimmer stürzte und mir zurief, die

dunkle Schürze abzunehmen und ihr ins Gesellschaftszimmer zu folgen.
»Was soll ich dort machen?« fragte ich ganz verwundert.
»Ei, fragen Sie nicht erst«, sagte Abbot etwas unwillig, »und kommen Sie schnell, Mistreß Reed wünscht Sie einem fremden Herrn vorzustellen.«
»Kenne ich den Herrn nicht, Miß Abbot?« fragte ich
in meiner Neugierde und Überraschung weiter.
»Ach, mein Gott! wie kann ich das wissen«, war die
Antwort. »Machen Sie lieber, dass Sie fortkommen, sonst
könnte Mistreß Reed des Wartens müde werden und Sie
vielleicht in eigener Person holen.
Dieser Nachdruck that seine gute Wirkung, denn schon in wenigen Minuten stieg ich die Treppe hinan, welche zum
Gesellschaftszimmer führte. An der Thür angekommen, stand
ich einige Zeit unschlüssig und wusste nicht, ob ich den Drücker in die Hand nehmen und öffnen oder eiligst die Treppe wieder hinabsteigen sollte. Da fasste ich mir ein Herz und legte die Hand mit aller Kraft auf den Drücker. Die Thür flog etwas unsanft auf und ich stand nach langer Zeit wieder einmal im Gesellschaftszimmer, das mir nur mehr dem Namen nach bekannt war.
Mistreß Reed saß auf dem grünseidenen Kanapee in einer ganz nachlässigen Stellung; ihr gegenüber ein ziemlich hagerer Mann im schwarzen Anzuge, dessen Blick und Miene eben nicht den wohlthätigsten Eindruck auf mich machten; und dennoch hatte ich später diesen Mann so lieb gewonnen, dass ich ihn wie meinen zweiten Vater ehrte.

Ich neigte mich tief, vorerst gegen den Fremden und dann gegen Mistreß Reed, und war der Dinge gewärtig, die da kommen werden.
Mistreß Reed gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, dass ich näher treten möchte, indem ich gleich bei meinem Eintritte in größter Entfernung von Tisch und Kanapee stehen blieb. Ich trat etwas vor und zwar so weit, dass ich
den fremden Herrn wie die Tante beständig im Gesichte behalten konnte. Sodann nahm Mistreß Reed das Wort und
sprach: »Das ist die Kleine, welche die Veranlassung zu jenem Schreiben gab, das ich vor ungefähr vierzehn Tagen an Sie zu richten die Ehre hatte, Herr Abbe.«
Der Mann im schwarzen Kleide verneigte sich gegen die Tante und sagte dann zu mir: »Wie alt sind Sie, Miß?«
»Zehn Jahre vorüber«, war meine Antwort.
Hierauf betrachtete mich der Abbe von der Zehenspitze
bis zum Wirbel des Kopfes und sagte dann kopfschüttelnd:
»Sie ist etwas klein auf ihr Alter.«

»Wohl!« entgegnete Mistreß Reed, »aber die ist raffinirt. Wer sie nicht näher kennt, kann es gar nicht glauben und muß denken, dass alle Beschwerden, die man gegen sie vorbringt, pure Verleumdungen seien.«
»Das hätte ich nicht gedacht!« erwiderte hierauf der Abbe. »Da hat mich wieder einmal im Leben ein gutmütiges Gesicht arg getäuscht.«
Ich zog die Stirne etwas in Falten, ob aus Ärger oder purer Verlegenheit über die dreiste Lüge der Tante, kann ich jetzt selbst nicht mehr behaupten. Da zog mich der

Abbe aus meiner Verlegenheit, indem er mich ganz freundlich
ersuchte, etwas näher zu treten.
»Wie heißen Sie, mein liebes Kind«, fragte jetzt der Abbe mit der vorigen Freundlichkeit.
»Jane Reed«, war meine Antwort.
»Haben Sie noch Ältern?« fragte der Abbe weiter.
»Nein« sagte ich mit merklicher Beklommenheit, »beide sind schon seit vier Jahren todt.«
»Wer war Ihr Vater?« lautete die fernere Frage des Abbe.
»Fabriksarzt zu Salford und ein grundehrlicher Mann«, war meine Antwort.
»Das will ich meinen«, erwiderte der Abbe, »dieses Zeugnis wird und muß ihm die ganze Welt geben.«
Mistreß Reed schien mit der Unterredung, die der Abbe mit mir bisher gepflogen hatte, nicht ganz zufrieden gewesen zu
sein, weshalb sie jetzt das Wort nahm und sprach: »So viel ich mich erinnern kann, habe ich Ihnen, Herr Direktor, in meinem letzten Briefe eine genaue Schilderung in Betreff des Karakters gemacht, den dieses Mädchen besitzt. Im Herzen verstockt, voll Bosheit und Zanksucht, und im Lügen eine Meisterin, kann ich die Kleine nicht mehr länger in meinem Hause dulden. Sollten Sie nun gesonnen sein, dieselbe in das Waisenhaus zu Lowood aufzunehmen, so würde ich Sie sehr ersuchen, die Oberaufseherin sowie die Lehrerinnen von dem Karakter und den bösen Leidenschaften des Kindes in Kenntnis zu setzen, damit man dasselbe streng überwache, und vor Allem ihren gröbsten Fehlern, nämlich der Verstellung, Hinterlist und Lügenhaftigkeit mit aller Schärfe entgegentrete. Ich sage das in Deiner Gegenwart, Jane, damit

Du Dir nicht etwa beikommen lässst, den Herrn Direktor durch Deine gewohnte Freundlichkeit, die aber nichts als
Heuchelei ist, zu hintergehen.«
Ich hatte Mistreß Reed von jeher gefürchtet, weil ich
wusste, dass sie mir nicht im geringsten gewogen war. Es
lag ferner auch in ihrem ganzen Wesen, mich bei jeder Gelegenheit zu schmähen, ohne eben einen Fehltritt gethan zu haben, mich der Unwahrheit zu strafen, wo ich im augenscheinlichen Rechte war, und allen Leuten zu sagen, dass ich ein Bettelkind sei, dem sie aus purem Mitleid in ihrem Hause auf unbestimmte Zeit einen Unterstand zugesagt habe. Ich war in ihrer Gegenwart nie froh und zufrieden, sondern fühlte mich im Gegentheile stets unheimlich in ihrer Nähe. Mein Gehorsam war zu jeder Zeit ein pünktlicher; ich gab mir alle Mühe, ihre Zufriedenheit zu erlangen, und ärntete dafür nur Misfallen. Die Beschuldigungen, die man gegen mich vorbrachte, nahm ich in den meisten Fällen schweigend hin, um nur keinen Anlass zu neuen Beschwerden zu geben und ertrug mit Geduld, was in meinen Kräften stand. Dass mich aber Mistreß Reed vor einem fremden, vor dem Abbe und Direktor des Waisenhauses zu Lowood, auf eine Weise verunglimpfen würde, die den schamlosesten Verleumdungen gleich kam, hätte ich nie und nimmer gedacht. Mistreß Reed hatte mich durch diese falsche Anklage bis ins Innerste des Herzens verwundet; sie hatte mir den Stachel einer Leidenschaft ins Herz gedrückt, die ich vor diesem verhängnisvollenAugenblicke nicht gekannt hatte; und darum wollte, darum mußte ich mich gegen eine so ungerechte Anschuldigung vertheidigen und die Urheberin derselben Lügen strafen.

Ich wollte sprechen und konnte keine Worte finden, um mich auf eine geziemende Weise auszudrücken; nur ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, und bahnte den Thränen, die ein mächtiger Zeuge meines gekränkten Gemütes waren, den Weg.
»Gleißnerei und Verstellung«, sagte hierauf der Abbe, sind schon an und für sich grobe und hässliche Fehler, welche
Denjenigen, der sie an sich trägt, in den Augen seiner Mitmenschen verächtlich machen. Christus der Herr tadelte die Pharisäer dieser Laster wegen und warnte die Juden vor diesen Wölfen im Schafpelz. Sehen Sie also zu, mein liebes Kind, dass Sie diesen Fehler ablegen, um nicht dem ewigen Gerichte zu verfallen, wo schwere Strafen Ihrer harren würden. Im Übrigen verlassen Sie sich, Mistreß Reed, auf meine Scharfsichtigkeit und eine strenge Überwachung; auch werde ich mit Miß Temple und den Lehrerinnen hierüber besondere Rücksprache nehmen.«
»Mein Wunsch ist«, sagte hierauf Mistreß Reed, »dass die Kleine eine ihren künftigen Verhältnissen angemessene
Erziehung erhalte, da die Bestimmung ihres Lebens da hinausläuft, nach vollendeter Bildung in einem anständigen
Hause eine Unterkunft zu finden, um sich ihr Brot einst selbst verdienen zu können.«
»Ihre Ansichten sind nur zu billigen, Mistreß«, sagte
hierauf der Abbe, »und das Kind kann sich immerhin glücklich preisen, eine solche Wohlthäterin gefunden zu haben.«
»Ich kann mich also verlassen, dass die Kleine im Waisenhause zu Lowood Aufnahme finden werde?« sagte hierauf
Mistreß Reed.
»Sie ist aufgenommen«, erwiderte der Abbe.

»Nun, so kannst Du jetzt gehen; das Übrige werde ich schon veranlassen«, war die Antwort von Mistreß Reed.
Ich verneigte mich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer.
Wie ich in mein kleines Gemach zurückgekommen bin, weiß ich nicht anzugeben, denn ich sah und hörte nicht. Ich war ganz überrascht, Bessie hier zu finden, die an einem Kleide für mich nähte. Wahrscheinlich war ihr von Mistreß Reed aufgetragen worden, meine Sachen in Ordnung zu bringen und ich schloss daraus, dass ich meinem künftigen Asyl bald zugeführt werden würde.
»Was ist Ihnen, Jane, dass Sie so heftig weinen?« redete Bessie mich an.
»Das werden Sie eben so gut wissen, wie ich«, sagte ich etwas gereizt, und wollte an ihr vorüber gehen. Sie ergriff mich an der Hand, zog mich zu sich und sprach: »Trösten Sie sich, Jane, und vertrauen Sie auf Gott, er wird Alles zu Ihrem Besten leiten.«
Bei diesen Worten drückte sie einen Kuss auf meine nassen Wangen und sagte: »Auch ich bin in einem Waisenhause erzogen worden, und kann dem lieben Gott nicht genug danken, daselbst Aufnahme gefunden zu haben; denn sonst wäre ich sicher an Leib und Seele zugrunde gegangen.«
Ich sperrte die Augen weit auf, um Bessie Lee recht betrachten zu können. Ich hatte mir die Menschen, die in einem Waisenhause erzogen werden, ganz anders vorgestellt.
Bessie fing hierauf von ihrer Jugend und ihrem Aufenthalte im Waisenhause zu erzählen an, und entwarf mir ein Bild, welches auf mich den wohlthätigsten Eindruck machte, so

zwar, dass ich den Tag gar nicht mehr erwarten konnte, wo
ich Gateshead sammt seinen Schrecknissen im Rücken haben
werde.


Zweites Kapitel.

Eintritt ins Waisenhaug zu Lowood.

Durch die freimütige Erzählung von Bessie’s Jugend wurde ich ganz umgestimmt. Ich war viel heiterer als sonst, sang, scherzte und lachte mit meiner Puppe, und es schien, als ob nach so vielen trüben und finstern Tagen wieder einige Sonnenblicke in mein düsteres Gemüt gedrungen wären. Ich fragte Bessie mehrmals, wenn ich mit ihr allein auf meinem
Zimmer war, ob wol der Tag meiner Abreise von Gateshead noch fern sei? Doch konnte sie mir hierüber keinen Bescheid
geben und bemerkte, dass außer Mistreß Reed dies auf dem
Schlosse niemand wisse. Indessen sollte mir der letzte Jänner hinlängliche Aufklärung geben.
Es war kaum fünf Uhr Morgens, als Bessie vollständig angekleidet mit einem Licht in der Hand in mein Zimmer
trat und mich weckte. Noch halb im Schlafe, wusste ich nicht, was mit mir vorgehe. Bessie ließ mich aber nicht lange in Ungewissheit und erklärte mir, dass ich schon nach einer Stunde nach Lowood abreisen werde. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette. Noch nie in meinem Leben war ich so schnell angekleidet, wie heute. Bessie hatte einstweilen das Frühstück

herbeigeschafft, das in einer Schale Fleischsuppe bestand;
allein ich war so aufgeregt, dass ich gar nicht essen wollte.
Nachdem aber Bessie unaufhörlich in mich drang und mir
Vorstellungen machte, dass ich bei der großen Winterkälte
leicht krank werden könnte, wenn ich mit nüchternem Magen
den ganzen Tag fahren sollte, so gab ich endlich nach, trank die Suppe und schob das Brötchen in meine Tasche, um auf der Reise versorgt zu sein, falls mich ein Hunger überfallen sollte.
Es war von Mistreß Reed beschlossen worden, dass ich um sechs Uhr Morgen mit dem Gateshead passierenden Eilwagen meine Reise nach Lowood antreten soll. Die Zeit drängte, darum ermahnte mich Bessie zur Eile. Ich langte meinen Mantel vom hohen Schrank herab, setzte meinen runden Hut auf und sagte zu Bessie, die sich eben in ein großes dickes Schafswolltuch hüllte: »Ich bin fertig!«
Bessie nahm meinen Reisesack in die eine Hand und mit der andern ergriff sie meine Rechte, mich ermahnend, vorsichtig über die Stiege zu schreiten, damit ich keine Stufe übersehe und etwa hinabstürze, da von den vielen Laternen auch nicht eine angezündet worden war. Plötzlich blieb ich stehen und erklärte Bessie, dass ich mich weder von
Mistreß Reed noch von Eliza und Georgiana empfohlen
hätte und so unmöglich das Schloss verlassen könne.
»Man hat sich allgemein ihren Besuch verbeten«, sagte
Bessie, »darum lassen Sie uns eilen, damit wir den Wagen
nicht versäumen.«
Dieser Bescheid hatte mich überrascht. Wie, sagte ich
zu mir selbst, niemand will von dir Abschied nehmen, niemand will dich mehr sehen? Verlassener kann doch kein zweites Kind auf Erden sein.
Indessen waren wir in die Vorhalle gekommen, wo uns der matte Schein einer Lampe aus der Portierswohnung entgegen dämmerte. Die gute Frau hatte Feuer im Kamin, daher ich mich gleich in dessen Nähe machte, um den Frost von mir zu verscheuchen, der mich auf dem kurzen Gange überfallen hatte.
»Fährt die Kleine allein?« fragte die Portiersfrau
Bessie.
»Leider hat es Mistreß Reed so angeordnet,« sagte
hierauf Bessie.
Da ward mir bange. Ich stürzte auf Bessie los, hielt
sie mit beiden Händen fest umschlungen, und rief unter
Thränen und Schluchzen: »Nein! Sie dürfen mich nicht
verlassen; Sie müßen mit mir reisen.«
Da vernahm man das Rollen des Postwagens. Ein starker Knall mit der langen Peitsche bestätigte die Annäherung der erwarteten Fahrgelegenheit. Der Portier zog schnell aus der Ecke seines Stübchens einen ziemlich großen Koffer hervor, um denselben an den Fahrweg hinauszuschaffen, und Bessie umschlang meinen Leib und trug mich die wenigen Schritte bis zum Postwagen. Hier übernahm mich der Kondukteur, schob mich in den ziemlich besetzten Wagen hinein und schwang sich wieder auf seinen hohen Sitz hinauf. Da vernahm ich zum Letztenmale Bessie’s Stimme. Sie rief dem Kondukteur zu, auf mich wol Acht zu geben, damit mir kein Unfall begegne. Der Wagen rollte weiter, und das Schloss zu Gateshead war meinen Blicken für immer entschwunden.

Im Eilwagen herrschte eine undurchdringliche Finsternis, da der Mond sein Silberhorn hinter einem dichten Wolkenschleier zu verbergen suchte. Ich konnte also gar nicht unterscheiden, wer meine Reisegesellschaft sei, und konnte ungestört so lange weinen, bis endlich der Morgen zu dämmern begann. Der helle und volle Ton des Posthorns weckte eine mir gegenübersitzende Dame aus dem Schlafe. Sie warf den grünen Schleier zurück, um sich zu überzeugen, ob wir schon an der Stazion seien, was den Reisenden durch die ziemlich unerquicklichen Töne des Posthorns angezeigt wurde.
»Guten Tag, meine liebe, holde Kleine«, sagte die Dame mit besonderer Freundlichkeit und Herablassung zu mir und streichelte dabei meine Wangen; —- eine Liebkosung, die mir
während meines vierjährigen Aufenthaltes zu Gateshead nie zu Theil geworden war. Mir schoss vor Verlegenheit das Blut ins Gesicht, das sagte mir die Gluthitze, welche meine Wangen überzogen hatte.
Während ich in meiner Scham und mit zu Boden gesenkten Blicken da sass, hatte die Dame mit einem prüfenden Blick die Gesellschaft gemustert. Ihr Auge muß außer mir keinen fremden Passagier entdeckt haben, darum fragte sie mich mit sichtlicher Verwunderung: »Reisen Sie allein?«
Ich nickte mit dem Köpfchen und ließ den Zeugen meines Kummers und meines Schmerzens freien Lauf.
»Wohin wollen Sie?« fragte die Dame mit besonderer Theilnahme.
»Nach Lowood ins Waisenhaus!« war meine Antwort.
In demselben Augenblicke hatte der Postillon die Pferde
angehalten, der Kondukteur war von seinem Sitz herabgesprungen, während ein kleiner, dicker Mann auf den Wagen zukam und der ganzen Gesellschaft den Morgengruß seines Herrn überbrachte. Es war das Hotel Viktoria, mit dem gleichzeitig die Postexpedizion in Verbindung gebracht worden war. Der Kondukteur öffnete den Schlag und hob mich aus dem Wagen; mir folgte die fremde Dame und dieser die übrigen Reisegefährten.
Es war ein äußerst unfreundlicher Morgen. Der Wind pfiff mit einer Schärfe von Nordosten her, dass mich das Gesicht wie Feuer brannte, weshalb ein warmes Zimmer der ganzen Gesellschaft willkommen sein mußte.
Indessen hatte mich der Kondukteur von der Gesellschaft
getrennt und in die Gemeindestube geführt, theils um mich zu erwärmen, theils um für uns beide das Frühstück zu besorgen. Ich hatte wenig Esslust und nippte nur ein wenig von der Tasse Thee, die mir vorgesetzt worden war.
»Trinken Sie, Miß«, sagte der Kondukteur; »der wird
Ihnen den Magen erwärmen.«
Ich bedeutete meinem Beschützer, dass ich kein ferneres
Verlangen weder nach dem Thee noch nach dem Rum habe, worauf er sich die ganze Porzion sammt den beigegebenen
Brödchen beilegte und eiligst die Stube verließ, aber noch in derselben Minute wieder zurückkam und mich aufforderte,
ihm zu folgen.
Innerhalb dieser Zeit hatte der Postillon das Zeichen
gegeben, die ganze Gesellschaft traf wieder am Wagen zusammen, und Jedes von uns nahm seinen vorigen Platz ein, worüber ich sehr erfreut war, da ich mich in der Gesellschaft dieser Dame unendlich heimisch fühlte.
Das Frühstück, welches meine Reisegesellschaft im Passagiersaale eingenommen hatte, mußte von dem meinen wesentlich verschieden gewesen sein; denn die Dame war so freundlich, mir einen Honigkuchen, zwei Butterschnitten und einige Stück Backwerk zu präsentiren. Ich langte schüchtern nach den dargereichten Gaben und ließ mir dieselben auf das Beste munden. Für den Mittag ward ich von der Dame zu Gaste geladen, und erhielt während des Tages viele Beweise ihres besonderen Wohlwollens Kurz vor meiner Ankunft in Lowood fragte sie mich um meinen Namen, den sie sodann in ihr kleines Reise-Portefeuille eintrug und überreichte mir ihre Karte mit der Aufforderung, dieselbe ja gut aufzubewahren und sie von Zeit zu Zeit von meinem Befinden in Kenntnis zu setzen.

Da ward es allmälich dunkel geworden; die Straße war steinig und fast unwegsam, weshalb der Wagen oft so hin- und hergeschleudert wurde, dass wir fast mit den Köpfen zusammen fuhren.
»Jetzt sind wir nicht mehr weit von Lowood entfernt,«
sagte die Dame zu mir. »Sie sind am Ziele Ihrer Reise.
Ich wollte, ich wäre es auch.«
Bald darauf rollte der Wagen durch das kleine und finstere Stadtthor. Ich hatte die Augen unablässig nach dem Fenster gerichtet, konnte aber wegen der großen Dunkelheit die Gegenstände von einander nicht unterscheiden, bis endlich der Wagen vor einem großen, schwarzen Hause hielt. Ich zitterte am ganzen Körper und wusste gar nicht, wie mir geschah. Dies mußte die Dame bemerkt haben und richtete einige ermunternde Worte an mich, während der Schlag vom Wagen sich öffnete und eine hagere Gestalt mit einer Handlaterne die Frage an die Gesellschaft richtete: »Ist ein kleines Mädchen, Namens Jane Reed, mit angekommen?«

Die Dame war so gütig, für mich die Antwort zu geben, da ich vor Beklommenheit gar nicht sprechen konnte. Ich wollte meiner Gönnerin die Hand küssen; allein sie zog mich an sich, küsste mich mehrmals und sprach: »Betreten Sie dieses Haus im Vertrauen auf Gott; er wird Ihr fernerer Leiter und Beschützer sein« Hieran wurde ich aus dem Wagen gehoben und einer ziemlich bejahrten Frau übergeben, die mich durch ein düsteres und unfreundliches Portal in das Innere eines ausgedehnten Gebäudes führte, und mir auf meine Frage: »wem dieses Haus gehöre?« den Bescheid gab, dass ich im Waisenhaus zu Lowood sei.

Jane wird Miss Temple vorgestellt.

Von dem langen Sitzen war ich ganz steif geworden, weshalb es mit meinen Füßen gar nichtrecht vorwärts wollte, während die Alte mit rüstigen Schritten vor mir her ging, aber zeitweise sich umwendete, um zu sehen, ob ich nachkomme.
Ohne ein Wort zu sprechen, wurde ich durch mehrere lange, dunkle Gänge geführt, deren gewölbte Bogenfenster an ein Kloster erinnerten. Mir wurde der Athem schwer und eine Beklommenheit hatte sich meiner bemächtiget, als ob mir der Alp durch mehrere Stunden auf der Brust gesessen sei. Plötzlich hielt die Alte ihre Schritte an, und gleich fuhr es mir durch den Sinn, dass wir jetzt das Ziel unserer Wanderung erreicht haben könnten, ich hatte mich aber in meinen Vermutungen arg getäuscht, was ich erst merkte, als ich schon in der unmittelbaren Nähe meiner Führerin stand, welche bereits die Hand auf den eisernen Drücker einer schwarzen, ungemein schwerfällig sich öffnenden Thür aus festem Eichenholz gelegt hatte, und nur meiner harrte, um zu öffnen. Da diese altmodische Thür mit dicken Eisenbändern beschlagen und mit
fast zolldicken Riegeln und Schließen versehen war, so schloss ich daraus, dass sie den Eingang zu einem neuen Gebäude öffnen müße, und so war es auch.
Mir war bereits warm geworden, und ich fing an zu schwitzen, weshalb ich das Hutband lockerte und den Mantel öffnete.
»Was beginnen Sie, Miß,« fuhr mich die Alte mit rauher Stimme an, »verwahren Sie sich wohl, wir kommen ins Freie.«
Ich erwiderte nichts auf diese Rüge und that, wie man
mir gesagt hatte. Kaum war die Thür geöffnet, so blies uns ein eisiger Wind mit aller Heftigkeit entgegen, weshalb ich mich emsiger als zuvor in meinen Mantel hüllte und auch den Hut versorgte, damit mir derselbe nicht etwa durch einen unvermuteten Windstoß entführt werde. Jetzt ging es auf einem gut geebneten Pfade, der nicht im geringsten glitschig, sondern wohl mit Sand oder Asche bestreut war, über einen ziemlich geräumigen Hof, der mit einigen großen Bäumen bepflanzt war, und wo uns von dem gegenüber liegenden Gebäude aus einer großen Anzahl kleiner Fenster eine Menge Lichter entgegenstralten. In mir fing es bereits zu dämmern an, denn jetzt erst befanden wir uns am Ziele unserer Wanderung. Bevor ich noch an die Pforte herangekommen war, hatte die Alte schon die Klinke ergriffen und heftig geschellt.
Der Pförtner, ein großer, breitschulteriger Mann, öffnete und grüßte mich auf das freundlichste. Die Alte lenkte alsbald in einen mit Kreuzgewölben versehenen Gang ein, führte mich in ein von einer einfachen Lampe spärlich erleuchtetes Zimmer, wo die Flamme im Kamin hoch aufloderte, und ließ mich hier stehen.
Ich fand es hier sehr warm, darum legte ich meinen
Mantel ab, um mich nicht zu sehr zu erhitzen, falls die
Wanderung abermals ins Freie gehen sollte. Übrigens war
mir die Wärme nicht ungelegen gekommen, denn ich hatte den Tag über gefroren genug.
Man ließ mich hier geraume Zeit ganz allein; ich hatte
daher Muße genug, meine Neugierde zu befriedigen, falls ich mit den Gegenständen, die mich umgaben, näher vertraut werden wollte. Da kleine Mädchen mehr oder weniger neugierig sind, so that ich auch meinen Augen keine Gewalt an, als diese Lust bekamen, das Zimmer nebst seinem Inhalte zu mustern.

Ich hatte dieses Zimmer anfangs für ein ganz gewöhnliches gehalten, wurde aber alsbald durch die hübschen Tapeten und die karmoisinrothen Draperien, sowie durch den hübschen Teppich und den aus Nussbaumholz geschnitzten und mit verschiedenem Laubwerke verzierten Tisch eines Besseren belehrt. Ich hatte also die Überzeugung gewonnen, dass ich mich im Empfangs- oder Gesellschaftszimmer befinden müße.
Man hatte mir aber nicht mehr viel Zeit gelassen, um den Unterschied zwischen dem einen und dem andern herauszufinden; denn es öffnete sich die Thür und eine schlanke Frau trat herein, der ein Mädchen mit einer Leuchte auf dem Fuße folgte.
Man sagt, der erste Eindruck ist stets der bleibende,
und muß es auch sein, weil ich mich gleich im, ersten Augenblicke zu jener Dame mit dem glänzend schönen Haar, der hohen gewölbten Stirn, den blassen Wangen und dem scharfen, aber dennoch Vertrauen einflössenden Blicke mächtig hingezogen fühlte.
»Das Kind ist doch noch zu jung, um es so allein hieher zu schicken«, sagte sie zu ihrer Begleiterin, welche indessen die Leuchte auf den Tisch gestellt und mir Hut und Mantel abgenommen hatte.
Die Dame, welcher ich durch mich selbst vorgestellt worden war, ist wirklich Miß Temple, die erste Oberlehrerin und provisorische Vorsteherin dieser Anstalt gewesen, wie ich
alsbald zu erfahren Gelegenheit hatte, und der mich der Abbe besonders zu empfehlen versprach.
»Bist Du hungrig, mein Kind?« sprach sie jetzt im freundlichen Tone zu mir.
»Ich fühle etwas Hunger, Madame«, war meine Antwort.
»Lassen Sie ihr, bevor sie zu Bette geht, einen Teller
Gemüse und ein Stück Brot reichen, Miß Miller, sagte sie
jetzt zu ihrer Begleiterin, »und dann soll sie für heute auf Ihrem Zimmer schlafen, Miß.«
Hierauf lud mich Miß Miller, welche als Unterlehrerin
hier angestellt war, ein, ihr zu folgen, während Miß Temple, die Vorsteherin dieser Anstalt, mich streichelte und sprach: »Ich hoffe, dass Sie ein recht gutes, fleißiges und folgsames Kind sein wird, und dann werden wir immer zusammen gute Freundinnen bleiben. Und nun gute Nacht, meine liebe Jane!«
Ich wollte beim Weggehen die Hand küssen, allein Miß
Temple erklärte, dass eine anständige Verbeugung hinreichend sei, um die schuldige Achtung zu bezeigen und beim Weggehen sich zugleich zu empfehlen.
Miß Miller nahm mich bei der Hand und führte mich
nun von Zimmer zu Zimmer. Auch einige Gänge hatten wir bereits durchschritten; und immer noch herrschte eine Grabesstille im ganzen Gebäude. Endlich vernahm ich in einiger Entfernung ein starkes Summen, ähnlich dem in einem Bienenstocke. Meine Führerin machte die Thür auf und ich stand in einem großen Saale, wo der Länge nach weiße, hölzerne Tische aufgestellt und mit drei Talglichtern versehen waren. Auf beiden Seiten saßen Mädchen jeden Alters, aber von durchaus gleichem Anzuge, welcher aus einem braunen Oberrocke von Flanell und einer blauen Leinenschürze mit einem Brustlatz bestand. Die Haare der Mädchen waren zwar einfach, aber sehr nett gekämmt und geflochten. Jene, welche keinen Zopf trugen, hatten die Haare zurückgekämmt und mit einem gezahnten Kautschukreif befestiget. Die Kinder hatten eben Repetizion, und mußten ihre Lekzionen für die morgigen Schulstunden durchgehen und memorieren.
Meine Gegenwart schien eine allgemeine Störung verursacht zu haben, denn mehr als fünfzig Köpfe hatten ihre Augen auf mich gerichtet, und von den mir zunächst Sitzenden wurde ich sogar sehr freundlich gegrüßt. Miß Miller gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, auf einer der Bänke Platz zu nehmen, was die andern Zöglinge bemerkt haben mußten, weil mich noch in demselben Augenblicke mehrere Hände zugleich erfassten und zu sich heranzogen. Sie war nach dem oberen Raume des Saales gegangen und rief, indem sie eine kleine Treppe erstiegen hatte: »Bücher einsammeln!«

Sogleich erhoben sich vier große Mädchen von ihren Plätzen, gingen von Tisch zu Tisch und sammelten sämmtliche Lehrbücher ein. Dann hieß es weiter: »Die Schüsseltragen herbei!« Sogleich paarten sich mehrere Mädchen und brachten auf einem mit zwei Handhaben versehenen Brette eine Menge Teller herbei, wo das Gemüse, welches zum Abendessen bestimmt war, bereits in Porzionen vertheilt war; neben
jedem Teller lag ein Stück Brot und in der Mitte des Brettes stand ein zinnener Krug und ein großer Becher von demselben Metalle, welche beide in die Mitte des Tisches gesetzt wurden. Die Porzionen wurden herumgereicht, allein
die Wenigsten betheiligten sich bei dem Gemüse, sondern nahmen nur das Stück Brod und tranken aus dem gemeinschaftlichen Becher. Auch ich ließ das Gemüse an mir vorübergehen, da Sauerkraut ohnehin nicht zu meinen Lieblingsgerichten gehörte, nahm blos ein Stück Brot und trank aus dem gemeinschaftlichen Becher.
Die Kost ist einfach, sagte ich zu mir, aber dennoch sehen die Mädchen gut aus. Das muß die innere Ruhe und das heitere Gemüt machen, dachte ich; beides wirst vielleicht auch du hier finden.
Während noch einige Zöglinge aßen, die übrigen aber in Gruppen beisammenstanden, bestieg Miß Miller das Katheder, setzte ein Lesepult auf den Tisch und zwei Lichter daneben, und nahm sodann in einem Buche blätternd am Tische Platz. Da ertönte eine Glocke. Wie von einem Zauberschlage gerührt, machten alle Mädchen zugleich gegen den Tisch
Front, und in demselben Augenblicke war eine tiefe Stille eingetreten. Die Unterlehrerin las nun einige Gebete vor, knüpfte an dieselben einige erbauliche Betrachtungen und

hieß die Zöglinge sodann abtreten. Die Mädchen paarten sich und so ging es nun zwei Mann hoch zur Thüre hinaus auf den Gang, und von da über eine breite Treppe nach dem oberen Stockwerke, wo sich die Schlafsäle befanden. Was mich hierbei am meisten befremdete war, dass von der andern Seite eine ähnliche Schaar von Zöglingen herangezogen kam und nach den Schlafsälen drei und vier gingen, während meine Abtheilung eins und zwei hatte.
Schlaf und Müdigkeit hatten mich ganz hinfällig gemacht. Miß Miller führte mich in ein neben dem Schlafsaale befindliches Kabinet, wo für mich bereits ein Lager bereitet war. Bevor ich mich noch völlig ausgekleidet hatte, war im großen Saale auch das letzte Licht ausgelöscht, und die in der Mitte des Saales befindliche Hänglampe angezündet, worauf eine lautlose Stille eintrat. Alle hielt der wohlthätige Schlaf mit seinen gewaltigen Armen fest umschlungen und erwies auch mir bald dieselbe Wohlthat.

Der erste Schulunterricht zu Lowood.

Die Nacht war mir fast zu schnell verstrichen; noch herrschte im Schlafsaale die größte Ruhe, niemand schien
noch Lust zum Aufstehen zu haben. Da ertönte eine Glocke außerhalb des Saales, die mit aller Kraft mußte geschwungen worden sein, da ihr Schall ein durchdringender war. Dieser Ruf war der strenge Befehl für alle Zöglinge, denn im ganzen Schlafsaale herrschte eine Thätigkeit, die selbst die Emsigkeit der geschäftigen Ameisen und der arbeitsamen Bienen beschämt haben würde.

Nun kam die Reihe auch an mich, und ich muß zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich nur mit großem Widerwillen mein Bett verließ. Im Zimmer war es eisig kalt, denn die Schlafsäle wurden nur Abends mäßig geheizt, während die Fenster den ganzen lieben Tag offen standen, damit die frische Luft gehörig durchstreichen konnte. Ich zitterte dermassen vor Kälte, dass mir die Zähne klapperten, weil ich zu Gateshead immer ein warmes Stübchen hatte. Und nun sollte ich mich in dieser Kälte auch noch waschen, und zwar mit kaltem Wasser, während mir im Hause der Mistreß Reed immer laues Wasser gereicht werden mußte. Dieser Gedanke war mir schrecklich, —- ja ich muß sagen fast unerträglich, und ich empfand heute zum ersten Male, dass mir hier so Manches fehle, an dem ich zu Gateshead niemals Mangel leiden durfte. Zu meiner größten Freude war das Wasser in der Kanne so fest gefroren, dass meine Finger die Eisdecke nicht zu durchdringen vermochten, und somit ließ ich das Waschen bleiben. Kaum hatte ich meine Sachen in Ordnung gebracht, so ertönte die Glocke zum wiederholten
Male. Die Mädchen paarten sich und verließen den Saal, ich mit Miß Miller hintendrein. Nun ging es über eine Treppe nach dem untern Stocke, wo sich ein großes Schulzimmer befand, und hier wurde unter der Aufsicht von Miß Miller und zwei Oberlehrerinnen das Morgengebet verrichtet.
Nachdem die vorgeschriebenen Gebete und Andachtsübungen zu Ende waren, wurden wir ins Refektorium geführt, wo uns dampfende Schalen entgegen lachten. Die meisten Mädchen rümpften die Nase, denn das Frühstück bestand aus eingebrannter Suppe mit sparsam gestreuten Semmelschnitten.

Der Geruch war eben nicht empfehlend; die Mädchen sagten, die Suppe sei brandig —- ein Ausdruck, der mir ganz fremd war. Mich trieb theils die Neugierde, theils der Hunger an den Tisch, um diese mir bisher fremdartige Suppe zu kosten. Der Geschmack war keineswegs einladend; doch nahm ich einige Löffel von diesem magern Frühstücke zu mir, um mich ein wenig zu erwärmen. Da die Theilnahmslosigkeit an dem Frühstücke eine allgemeine war, so gab Miß Miller alsbald das Zeichen zum Aufbruch. Zwei der größeren Mädchen machten das erste Paar, und nun gings nach dem Schulzimmer, wo es recht angenehm warm war. Hier war es ziemlich lebhaft, denn nach dem Frühstücke war stets eine halbe Stunde frei und dann folgte der ununterbrochene Unterricht bis zwölf Uhr.
Mir war schon gestern angezeigt worden, dass ich heute meine erste Lekzion haben werde, welche gleichsam die Stelle der Aufnahmsprüfung vertreten sollte. Da traten drei fremde Damen in den Saal; jede ging auf einen Tisch zu und ließ sich daselbst nieder. Es waren die drei Oberlehrerinnen der Anstalt, wie ich später erfuhr. Vergebens suchte mein Blick jene freundliche Dame, die gestern Abends so liebevoll mit mir war, konnte sie aber im ganzen Zimmer nicht entdecken. Da fragte ich ein neben mir stehendes Mädchen: »Welche von den Damen ist Miß Temple?»
»Sie ist noch nicht zugegen«, erwiderte mir die Kleine, wird aber bald erscheinen«.
Da ertönte abermals die Glocke. Die Mädchen gruppirten sich auf den Bänken, die zu beiden Seiten der langen Tische aufgestellt waren. Der Lärm hatte aufgehört und es war mir, als ob die ganze Versammlung noch auf jemanden zu warten schien. Es war auch in der That nicht anders. Eine von den größeren Schülerinnen, sie mochte vielleicht schon siebzehn bis achtzehn Jahre zählen, öffnete die Thür, und nun trat jene Dame ein, die mein Auge schon so sehnlichst gesucht hatte. Die Oberlehrerinnen erhoben sich nebst den Schülerinnen von ihren bereits eingenommenen Plätzen und grüßten die Dame mit den Zeichen der größten Hochachtung,
während diese den Saal durchschritt und nach allen Richtungen die freundlichen Grüße mit eben so vieler Freundlichkeit erwiderte.
Es war Miß Temple, die erste Oberlehrerin, welcher
einstweilen die provisorische Leitung der Anstalt anvertraut war, die aber schon im Laufe des folgenden Monates zur wirklichen Vorsteherin ernannt wurde.
Man hatte mich in die erste Abtheilung geschoben, weil ich noch ziemlich klein war, und so mag man von meiner Größe auf meine Kenntnisse geschlossen haben. Ich habe zwar auf dem Schlosse zu Gateshead nicht viel gelernt, weil man mich ganz vernachlässigte; allein das hatte ich bald weg, dass ich alle Schülerinnen dieser Abtheilung sowol an Verstand als auch an Kenntnissen und Fertigkeiten weit überragte, und konnte demnach sicher darauf rechnen, dass mir die Beförderung in eine höhere Klasse noch an demselben Tage bevorstehe, sobald es zu einem Examen kommen sollte, und dieses ließ auch wirklich nicht lange auf sich warten.
Miß Temple war eine Dame von hoher Gestalt, schlankem Wuchse und einnehmenden Gesichtszügen. Sie trug einen geschmackvoll gemachten Oberrock von braunem Tibet und ein nettes Häubchen mit Rosaschleifen. Außer einer einfachen Busennadel und einer goldenen Uhr sammt Kette bemerkte ich keinen andern Schmuck. Sie blieb vor einem kleinen runden Tischchen stehen und ließ ihre Blicke durch den ganzen Lernsaal gleiten. Hierauf gab sie Miß Miller ein Zeichen und diese rief meinen Namen. Ich schlich langsam und mit gesenktem Blicke durch die Reihen der Zöglinge, bis ich endlich vor Miß Temple stand, die nun mit wenigen Worten bekannt machte, dass ich in der Anstalt bereits Aufnahme gefunden habe, weshalb sie mich der schwesterlichen Liebe der übrigen Mädchen empfahl. Hierauf nahmen alle ihre Plätze ein und der Unterricht hatte begonnen.
Der Gedanke an die erste Lekzion war das Gespenst, welches mich seit gestern ängstigte. Indessen fiel das Examen weit besser aus, als ich gedacht hatte. Miß Temple lobte mich öffentlich und erklärte, dass ich in die dritte Klasse einzureihen sei.
Die vier Schulstunden waren mir ungemein schnell vergangen, denn ehe ich noch eine Ahnung hatte, ertönte die bekannte Glocke; die Bücher wurden geschlossen und eine der Oberlehrerinnen rief: »In den Garten!« Jede von uns setzte einen braunen Strohhut auf und warf einen grauen Mantel um, und nun gings in eiligen Schritten über den Gang nach dem Garten, der zwar ziemlich geräumig, aber mit sehr hohen Mauern umgeben war und somit gar keine Aussicht gewährte. Die Wege waren mit Kiessand belegt und die übrigen Räume in lauter kleine Bettchen getheilt, die von den Mädchen bebaut und bestellt wurden. Im Sommer müßte sich der Garten nicht übel ausnehmen, dachte ich; in der gegenwärtigen Jahreszeit konnte ich demselben leider keine Annehmlichkeit und noch viel weniger einen Reiz abgewinnen.

Mir war kalt, darum suchte ich die sonnigen Stellen auf, um mich etwas zu erwärmen. Hier traf ich ein Mädchen, Namens Helene, das sich ebenfalls sonnte. Von ihr wurde ich während unserer Erholung im Freien über die Verhältnisse des Hauses aufgeklärt und mit den Eigenschaften der Lehrerinnen bekannt gemacht. Eine solche Mittheilung konnte mir nur sehr willkommen sein, um mich vor etwaigen Unannehmlichkeiten oder Strafen zu verwahren; denn Miß Statcherd, eine der Oberlehrerinnen, war nicht nur sehr streng, sondern, wie mir schien, auch launisch.
Neben mir saß ein kleines Mädchen, Namens Karoline,
das wol etwas beweglich, aber sonst recht gutmüthig war.
Aus Versehen hatte die Kleine eine halbe Seite in ihrem
Schreibhefte unbeschrieben gelassen, und doch schon um ein frisches Heft gebeten. Da gab’s bei Miß Statcherd nicht nur einen derben Verweis, sondern der armen Karoline wurde das Heft mittels einer Stecknadel auf dem Rücken befestiget, und so mußte sie bis zum Schluss der Schulstunden in der Mitte des Saales an dem bestimmten Straforte stehen. Wäre mir das geschehen, ich wäre vor Scham in den Boden gesunken und hätte mich schrecklich darüber gekränkt. Aber die Kleine hatte sich die Strafe eben nicht sehr zu Gemüthe genommen, was ich gar nicht begreifen konnte.
Es sollte aber die Reihe auch bald an mich kommen.
Ungefähr vier Wochen nach meiner Aufnahme im Waisenhause zu Lowood saß ich während der Repetizionsstunde am großen Tische und arbeitete an einer langen Division, denn diese sollte der Beweis von der Richtigkeit der Multiplikazion sein, die ich bereits ausgearbeitet hatte. Ich war dreimal mit der Tafel bei Miß Statchert, aber jedesmal zog sie mit dem Griffel einen Strich durch die ganze Rechnung und sagte: »gefehlt!« Unverdrossen ging ich wieder zum Tische, um meine Arbeit vom Neuen zu beginnen; doch wollte mir die richtige Lösung der Aufgabe nicht gelingen, da ich noch zu ungeübt im Rechnen war, um eine Division, wo der Divisor aus fünf Stellen bestand, allein fehlerfrei auszuarbeiten.
Ich saß mit betrübtem Gesichte am Tische und alsbald rollten die Thränen über meine Wangen. Das angestrengte
Rechnen hatte meinen Körper wie meinen Geist ermüdet; mir kam der Schlaf, als der Thränenquell versiegt war, und in demselben Augenblicke lag ich sammt der Schiefertafel unter dem Tische. Hätte mich der Sturz von der Bank nicht aus dem Schlafe aufgerüttelt, so würde dies sicher durch das allgemeine Gelächter geschehen sein, welches den ganzen Saal erfüllte und gar nicht enden wollte. Mir war von diesem Sturze zwar kein Merkmahl geblieben, aber um desto härter war meine Schiefertafel davongekommen, denn diese lag in mehrere Stücke zertrümmert am Boden.
Mir stand eine große Strafe bevor, das wusste ich; auch würde ich derselben nicht entgangen sein, wenn mich mein Schutzgeist, Miß Temple, nicht gerettet hätte. Schon waren einige Donnerworte aus dem Munde Miß Statchert gegen mich geschleudert worden, als Miß Temple ins Zimmer trat. Die allgemeine Aufregung war ihrem Scharfblicke nicht entgangen, und so wurde die bereits über mich verhängte Strafe wieder zurückgenommen.

Das Krankenzimmer.

Ich war zwar der Schande einer öffentlichen Strafe entgangen, mein Gemüt war aber dadurch noch nicht beruhiget, sondern ungemein aufgeregt. Wiewol mir Miß Temple im freundlichsten Tone zugesprochen hatte, mich zu beruhigen, und mich versicherte, dass ich hierdurch in den Augen meiner Mitschülerinnen an Achtung nicht im geringsten verloren hätte, so blieb dennoch ein gewisser Schmerz in meinem Innern zurück, der am andern Tage wieder kehrte, und mein Gemüt in gleicher Weise aufregte. Der heutige Unterricht war für mich fast gänzlich verloren gegangen, da ich in meinem Schmerze eine Zerstreutheit an den Tag legte, die mich zeitweise selbst überraschte. Miß Miller schien dies zu bemerken, und ließ mir eine kleine Rüge zukommen, war aber im Übrigen gegen mich sehr nachsichtig.
Da ertönte der Schall der bekannten Glocke. Der Unterricht wurde geschlossen und in wenigen Augenblicken war der Saal leer, da alle Zöglinge nach dem Garten strömten. Heute war ich in den vordersten Reihen. Ich sehnte mich zwar weniger nach dem Garten und der freien Luft, weil mir die große Kälte lästig war, und dennoch tribe mich’s vorwärts. Es war die Sehnsucht nach einem theilnehmenden Herzen, nach einer Freundin von gleichen Gefühlen und Empfindungen, von gleicher Denkungsweise und Anschauung der Ereignisse im Kinderkreise; und diese hatte ich bereits an Helenen gefunden.
Helene Burns war eine Waise aus Walis. Sie hatte die Mutter schon in einem Alter von fünf Jahren verloren und kam anfangs in eine Bewahranstalt, da ihr Vater reisender Handelsagentwar, und wurde mit zehn Jahren nach Lowood gebracht. Wiewol um zwei Jahre älter als ich, waren wir dennoch von gleichen Gesinnungen beseelt, und hatten wenige Wochen nach meiner Ankunft in Lowood Freundschaft geschlossen. Zwischen mir und Helene Burns war aber eine Scheidewand gezogen; denn ich war in der dritten und Burns schon in der fünften Klasse, und somit waren wir den ganzen Tag von einander getrennt und konnten uns nur in den freien Stunden sehen und sprechen, wiewol unser beiderseitiges Glück darin bestanden hätte, ungetrennt bei einander verweilen zu dürfen. Vielleicht war aber diese Trennung für uns beide von dem besten Erfolge; auch genossen wir die wenigen Augenblicke unseres Zusammenlebens mit weit größerem Glücke, als dies vielleicht sonst der Fall gewesen wäre. Diese Trennung schmerzte mich zwar sehr oft, aber sie hatte auch ihr Gutes.
Wie bemerkt, war Helene um zwei Klassen vor mir. Sie ermunterte mich unablässig zum Fleiße und zur angestrengten Thätigkeit und unterstützte mich in Allem und Jedem; —- Helene wurde in den freien Stunden meine Lehrerin.
Mein Schmerz und mein Kummer waren der guten Seele nicht entgangen. Sie war schon vor mir in den Garten gekommen, und hatte mich bereits gesucht. Kaum wurde sie meiner ansichtig, so ergriff sie mich bei der Hand und zog mich mit sich fort. Sie führte mich nach einer sonnigen Stelle rückwärts im Garten, wo sie bereits zwei Mauersteine für unsere Sitze zurecht gerichtet hatte. Wir ließen uns hier inftinktmäßig nieder, und nun zog Helene ein Blatt Papier und einen Stift aus dem Mantel hervor, und wir fingen zu
rechnen an. Wo ein guter Wille ist, geht auch Alles gut vonstatten, und ehe noch die Glocke zum Mittagsessen rief, war ich Herrin jener mir so schrecklich langweiligen Rechnungen. Ich hatte die mir gegebenen Beispiele nicht nur fehlerfrei, sondern auch mit besonderer Schnelligkeit ausgearbeitet.
Ich war überglücklich, diese Schwierigkeit überwunden zu haben und konnte Helenen für ihre aufopfernde Liebe gar nicht genug danken. Wie groß war aber meine Freude, als wenige Tage später Miß Temple erklärte, dass ich vermöge meines Fleißes und der staunenswerten Fortschritte, die ich in der kurzen Zeit meines Hierseins gemacht habe, in die erste Abtheilung der vierten Klasse aufzunehmen sei.
Zwei Tage später wurde sämmtlichen Zöglingen angekündiget, dass nächsten Sonnabend der Abbe auf Visitazion komme. Diese Ankündigung hatte auf die Schülerinnen einen verschiedenartigen Eindruck gemacht. Die einen waren darüber sehr erfreut, die andern rümpften die Nase. Selbst den Lehrerinnen schien seine Ankunft nicht ganz willkommen zu sein, wenigstens hatte sich die französische Sprachmeisterin über den Herrn Direktor eben nicht günstig geäußert. Ich erkundigte mich hierüber bei Helenen und erfuhr, dass der Abbe ein ungemein strenger, aber äußerst gerechter Mann sei, dem Ordnung und Genauigkeit über Alles gehe. Er nehme von Allen Einsicht, erkundige sich um die Zufriedenheit der Lehrerinnen mit ihren Zöglingen, dringe besonders darauf, dass es diesen an nichts mangle, und sehe auf eine gute und humane Behandlung der Kinder, weshalb denen, die sich schuldig fühlen, sein Erscheinen nicht willkommen sein kann. Für mich waren diese zwei Tage eine Ewigkeit, denn ich freute mich schon auf das Wiedersehen dieses freundlichen Mannes, dessen liebevolle Behandlung zu Gateshead aufmich einen so

wohlthätigen Eindruck ausgeübt hatte. Ich konnte mit Gewissheit darauf rechnen, dass mir sein Beifall zu Theil werden wird, zumal ich an Miß Temple eine gütige Fürsprecherin hatte.
Meine Ahnung hatte mich auch nicht getäuscht, denn ich wurde dem Abbe durch Miß Temple als eine der fleißigsten und sittsamsten Schülerinnen vorgeftellt, und wurde hierauf von dem menschenfreundlichen Herrn Direktor mit Lob überhäuft, während bei vielen anderen Schülerinnen der Tadel in keiner Weise gespart wurde.
Worauf sich alle freuten, das war das Festessen. Der
Nachmittag war ganz frei und konnte bis zur einbrechenden Dämmerung im Garten zugebracht werden. Mein Glück war nun vollkommen. Ich hatte eine Vorsteherin, die mich liebte, einen Direktor und Lehrerinnen, die meinen Verdiensten volle Gerechtigkeit widerfahren ließen; ich hatte an Helenen eine Freundin gefunden, die mir mit wahrhaft schwesterlicher Liebe zugethan war; und somit war mir der Aufenthalt in Lowood zu einem freundlichen und angenehmen Asyle geworden, das ich um keinen Preis der Welt mit Gateshead vertauscht haben würde. Da aber die irdischen Freuden für keinen Menschen ungetrübt bleiben, so sollten sich auch für meinen Freudenkelch alsbald die Wermuthstropfen finden.
Helene war schon durch mehrere Tage unwohl gewesen, hatte aber um meinetwillen ihren Zustand verheimlicht, weil sie sonst aufs Krankenzimmer gekommen und somit von mir getrennt worden wäre. Ich hatte mir einen heftigen Husten
zugezogen, der schon nach wenigen Tagen eine solche Bösartigkeit erlangte, dass Miß Temple es als nothwendig erachtete, mich aufs Krankenzimmer zu geben. An demselben Nachmittage hatte sich auch Helene krank gemeldet und ward ebenfalls aufs Krankenzimmer geschickt. Wir fühlten uns beide glücklich, und unsere kindliche Einfalt ließ uns gar nicht den gefährlichen Zustand erkennen, in dem wir uns befanden, noch viel weniger das Unglück ahnen, das über uns hereingebrochen war. Eine starke Erkältung hatte uns beiden eine schwere Krankheit zugezogen; Helene starb nach einem vierzehntägigen Krankenlager, ich erlangte nach ungefähr drei Monaten meine vorige Gesundheit wieder.
Es war gegen Ende Mai, wo ich schon täglich einige Stunden im Garten zubringen durfte, als Miß Temple zu mir kam, um sich einige Zeit mit mir zu unterhalten, da mich meine Krankheit sowie der Verlust meiner einzigen
Freundin ungemein tiefsinnig gemacht hatte. Sie hielt einen
offenen Brief in der Hand und erklärte mir, dass dieses
Schreiben meine Person betreffe. »Mistreß Fox aus London hat mir geschrieben und sich nach Deinem Befinden erkundiget. Kennst Du diese Dame?«
»Nein!« sagte ich etwas nachdenkend.
»Kannst Du Dich auch nicht erinnern, diesen Namen
je gehört zu haben?« fragte Miß Temple weiter.
»Der Name ist mir wol nicht ganz fremd«, sagte ich
hierauf, »doch kann ich mich nicht erinnern, wo ich denselben gehört habe.«
»Es ist jene Dame, welche auf der Reise von Gateshead
nach Lowood mit Dir Bekanntschaft machte.«
»Ja! Ja!« rief ich, meine Hände nach dem Schreiben
ausstreckend, »das ist Mistreß Fox!«

Miß Temple reichte mir den vier Seiten langen Brief. Aber schon auf der zweiten Seite mußte ich mit dem Lesen inne halten, um mir die Thränen zu trocknen. Dann sprach ich, zu Miß Temple mich wendend: »Ach, die gute Frau! Wo und wann werde ich sie wieder sehen
»Wenn Du den Inhalt des Schreibens weiter verfolgst, kannst Du Dir diese Frage selbst beantworten«, erwiderte Miß Temple.
Sogleich fing ich dort weiter zu lesen an, wo ich aufgehört hatte und fand, dass mich Mistreß Fox auffordere, ihr ehestens zu schreiben, da sie setzt noch längere Zeit in London verweilen und erst gegen den Herbst eine Reise unternehmen werde. Auch wurde mir die Aussicht gestellt, Mistreß Fox um jene Zeit in Lowood zu sehen.
Diese Güte machte mich neuerdings traurig, denn ich war noch nicht in der Lage, zu schreiben, da mir meine Krankheit ein Augenleiden zurückgelassen, das zwar nicht gefährlich war, aber dennoch erforderte, mich jeder Anstrengung zu enthalten. Miß Temple mag dies nicht entgangen sein, darum nahm sie mich bei der Hand und sprach: »Beruhige Dich, mein Kind, diesesmal werde ich für Dich schreiben.«
Ich küsste die Hand, die gegen mich so liebevoll war, und benetzte sie mit meinen Thränen; es waren Thränen der Dankbarkeit, welche Miß Temple mit vollem Rechte verdient hatte.
Der Sommer begünstigte die volle Herstellung meiner Gesundheit, so dass ich ungefähr sechs Wochen später wieder in meine Klasse eintreten und mich den Studien mit dem früheren Eifer hingeben konnte.

Miß Temple war seit dem Tode von Helene Burns gegen mich unendlich liebenswürdig Sie behandelte mich wie ihre Tochter und bevorzugte mich bei jeder Gelegenheit. Dass solche mütterliche Liebe und Zärtlichkeit in meinem Herzen Gegenliebe erwecken mußte, darf wol keinem Zweifel unterliegen. In den freien Stunden war ich meistens auf ihrem Zimmer; und unternahm sie zuweilen einen Spaziergang, so war ich stets unter denjenigen Zöglingen, die sie begleiten durften. Mit Mistreß Fox führte ich durch volle drei Jahre eine ununterbrochene Korrespondenz, ohne das Glück zu haben, sie in Lowood zu sehen. Allmählig blieben auch die Briefe von London aus, und so war ich ausschließend auf Miß Temple beschränkt.

Wie neue Lehrerin zu Lowood.

Meine Krankheit hatte eine gewisse Melancholie zurückgelassen, von der ich mich trotz aller Anstrengung nicht frei machen konnte. Miß Temple ließ mich deshalb nur selten allein und suchte durch allerlei Zerstreuungen diesen bösen Dämon zu verscheuchen, was ihr auch nach und nach wirklich gelang.
Die acht Jahre, welche ich im Waisenhause zu Lowood zubringen sollte, verstrichen auf eine angenehme Weise; allein es mußte auch auf meine Zukunft Bedacht genommen werden, und deshalb nahm Miß Temple mit dem Direktor der
Anstalt Rücksprache, was nach Verlauf des letzten Jahres
mit mir zu geschehen habe. Der Abbe glaubte vorerst, bei
Mistreß Reed, die während dieser Zeit die ganze Pension

für mich bezahlt hatte, anfragen zu müßen, und dann erst könne in dieser Angelegenheit ein Beschluss gefasst werden.
Einige Monate vor Ablauf des Schuljahres wurde mir von Miß Temple mitgetheilt, dass Mistress Reed in ihrem Schreiben an die Direkzion der Anstalt sich dahin ausgesprochen habe, an meinem ferneren Schicksale keinen Antheil zu nehmen, und sie verwahre sich gegen das Ansinnen, für meinen ferneren Unterhalt Sorge zu tragen.
Anfangs hatte mich diese Nachricht nicht im geringsten
überrascht, da mir ja der Karakter und die Denkungsweise
meiner Tante hinlänglich bekannt waren. Und wäre ihr die
Sorge für meinen Unterhalt bis zu meiner Großjährigkeit nicht höheren Ortes aufgetragen worden, so hätte sie auch die Pension zu Lowood für mich nicht gezahlt. Miß Temple’s Scharfblick war es aber nicht entgangen, dass dieses Ereignis neuerdings auf mein Gemüt einen nachtheiligen Einfluss haben werde, und sie suchte daher durch rasches Handeln einen Entschluss zur Reife zu bringen, den ich auch in der Zukunft nie zu bereuen hatte.
Zu Lowood war nämlich die Stelle einer Unterlehrerin frei geworden. Miß Temple wusste mich dafür zu gewinnen, an der Anstalt als Lehrerin zu fungiren, wo ich meine eigene
Bildung erlangt hatte; und seit jenem Tage war ich die
Freundin und Vertraute meiner ehemaligen Erzieherin. Anfangs erhob ich zwar manche Bedenken dagegen, allein Miß
Temple wusste jede Einwendung zu widerlegen; und so kam
es, dass ich jenem Tage mit Sehnsucht entgegensah, wo mir
mein Anstellungsdekret eingehändigt werden sollte. Meine
Installazion war für die Anstalt ein großes Fest, das für die

Zöglinge nicht nur einen Ferialtag, sondern auch einen besonders gewählten Mittagstisch im Gefolge hatte.
Als ich Abends auf mein Zimmer kam, überließ ich mich ernsten Betrachtungen. Für mich war mit dem heutigen Tage ein neues Leben aufgegangen, denn ich erlangte mit meiner Anstellung auch eine gewisse Selbstständigkeit. Ich fühlte nur zu deutlich, dass ich bereits die Kinderschuhe ausgezogen hatte und auf die Leitung Anderer nicht mehr
rechnen dürfe, sondern vielmehr selbst so viel Kraft in mir fühlen müße, die meiner Obhut anvertrauten Zöglinge so zu leiten und zu führen, dass ich einst vor dem Richterstule
Gottes mein Wirken als Lehrerin verantworten könne. Darum
bat ich Gott im Gebete um seine Gnade, damit er mich auf
diesem schweren und dornenvollen Wege leite und führe und
mir mit dem Amte auch den Verstand verleihe, in demselben
nach Recht und Gewissen zu wirken.
Die Würde, die mir von dem Direktor verliehen worden war, und nicht minder der Jahresgehalt -- denn ich bekam 20 Pfund Sterlinge -- waren für mich ein Sporn zu unermüdeter Thätigkeit, und oft mußte mich Miß Temple ermahnen, meine Gesundheit zu schonen, und mich nicht übermäßig anzustrengen. Dass man mit mir vollkommen zufrieden gewesen sein mußte, erhellet schon daraus, weil ich nach Verlauf der ersten Jahresprüfung von Seite der Direkzion eine Remunerazion von zehn Pfund Sterling erhielt. Meine Freude war unnennbar groß, denn ich hatte jetzt die Überzeugung, dass meine Verdienste nicht nur Anerkennung finden, sondern auch belohntwerden. Welch ein großer Trost war dies wohl für mein Herz und für mein Gemüt! So lang ich auf Gateshead verweilte, ward mir nichts als der bitterste Tadel zu

Theil. Ich fand dort nicht einen Menschen, der mir in
Gegenwart von Mistreß Reed wie in ihrer Abwesenheit hätte
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Für mich hatte man kein
freundliches Wort und kein Lob, sondern nur Tadel. Um
wie viel mehr konnte und mußte das Leben für mich an Annehmlichkeiten gewonnen haben, da seit den Tagen meiner
zarten Kindheit die Freude wieder in mein Herz einziehen sollte!
-- Hätte ich damals geahnt, dass neuerdings ein schwerer
Schlag des Schicksals für mich bereit gehalten werde, ich
würde mein Herz auf so kurze Zeit der Freude sicher nicht
geöffnet haben.
Drei Jahre waren seit dem Tage meiner Anstellung
als Lehrerin verstrichen, als mir Miß Temple die Mittheilung machte, dass sie morgen Abends die Anstalt verlasse, indem sie Braut sei. Mir vergingen die Sinne; ich mußte mich an der Ecke des Tisches festhalten, vor welchem ich stand, um meine Füße vor Schwäche und Zittern zu stützen.
Ich weinte und sank an ihre Brust.
Miß Temple begriff meinen Schmerz und suchte mich zu trösten, indem sie mir mit Hand und Mund versprach mir recht oft zu schreiben und dafür zu sorgen, dass ich recht
bald in ihre Nähe komme. Ich wusste nicht, wie ich diese
Rede deuten sollte, und fragte daher Miß Temple, wie dies
möglich sei.
»Hier in der Anstalt für immer zu verbleiben, wäre nicht mein Rath«, sagte hierauf Miß Temple, »weil man nicht leicht in der Lage ist, für seine Zukunft auf genügende Weise zu sorgen. Ich werde aber dafür sorgen, dass Sie
ehestens nach Rochefter kommen, und daselbst in einem besseren Hause als Gouvernante eine Unterkunft finden. Halten

Sie diesen Plan so lange geheim, bis der geeignete Augenblick gekommen ist, ihn auszuführen.«
Der Abschied von Mistreß Temple war für mich ein ungemein schmerzlicher; aber nicht nur ich allein, sondern das ganze Haus fühlte den Schmerz und nicht minder den Verlust, welchen die ganze Anstalt, sowie jedes einzelne Glied durch den Austritt einer so würdigen und liebevollen Leiterin erleide. Alles weinte, kein Auge war trocken geblieben, als Miß Temple am Vorabende eine Abschiedsrede hielt und Miß Stachert als ihre Nachfolgerin bezeichnete.
Seit Miß Temple Lowood verlassen hatte, war mir der Aufenthalt in der Anstalt widerlich geworden, und ich sah dem Augenblicke mit Sehnsucht entgegen, wo ich dieselbe verlassen würde. Miß Stachert und Miß Temple waren von entgegengesetztem Karakter. Während diese durch ihre liebevolle Theilnahme alle Zöglinge für sich gewonnen hatte, waren jener die Herzen der meisten Zöglinge entfremdet, weil ihr Benehmen schroff, launenhaft und unkonsequent war. Auch war Miß Stachert herrisch und anmaßend, während Miß Temple dem ganzen Hause eine Freundin und Rathgeberin war und bei keiner Gelegenheit die Herrin und Gebieterin vorwalten ließ.
Unter solchen Umständen hatte ich wol Ursache mit meiner gegenwärtigen Lage unzufrieden zu sein und eine Änderung derselben zu wünschen; auch stieg in meinem Herzen der Zweifel auf, ob wol die Empfehlung von Miß Temple hinreichend sein werde, mir die Stelle einer Gouvernante in
einem anständigen Hause zu verschaffen? Dieser Zweifel wurde durch ein Schreiben aus Rochester noch an demselben Tage gehoben. Miß Temple zeigte mir darin an,» dass der
Gutsbesitzer zu Thornfield in der Grafschaft Millkote für

seine einzige Tochter, ein Mädchen von ungefähr sechs Jahren, eine Erzieherin suche, welche nicht nur die nöthige
Bildung besitzen, sondern auch bereits in dieser Eigenschaft gedient haben und mit empfehlenden Zeugnissen versehen sein müße. Zugleich werde nebst einer freundlichen Behandlung ein Jahresgehalt von 50 Pfund Sterling zugesichert.
Lange Zeit hielt ich den Brief in der Hand und sah starr vor mich auf den Boden hin, ohne einen Entschluss fassen zu können, was ich auf das freundliche Schreiben antworten soll. Da befreite mich der Ton der Glocke aus der schwebenden Ungewissheit, denn es war die Stunde zum
Abendessen herangekommen, und da durfte keine der Lehrerinnen fehlen, wenn sie nicht triftige Gründe für ein solches Versäumnis entschuldigten. Ich schlug also das Blatt in Eile zusammen und verbarg dasselbe in meinem Oberkleide, bis ich Zeit finden würde, dasselbe nochmals durchzugehen und einen Beschluss zu fassen.
Als sich die Zöglinge zur Ruhe begeben hatten, ging ich auf mein Zimmer, da ich in dieser Woche vom Nachtdienste frei war. Ich fand es in demselben sehr schwül und dunstig, weshalb ich ans Fenster trat und dasselbe öffnete. Da lag die ganze Landschaft von Lowood vor meinen Blicken ausgebreitet, bedeckt von dem Schatten der Nacht, da der Mond nur zeitweise den dunklen Wolkenschleier lichtete und die Gegend durch seinen Silberschein erhellen konnte. Die beiden Flügel des Gebäudes erschienen mir wie die überragenden Wände eines schauerlichen Gefängnisses, wozu der angränzende Wald die geeignete Säumung bot. Mein Athem war nicht frei wie sonst; ich fühlte Beklemmungen in der Brust, und wusste nicht woher sie kämen; ich wollte ins Freie und

war durch die Pflicht und das Gesetz der Schicklichkeit auf
mein Zimmer verwiesen; ich wollte Lowood verlassen und konnte mir nicht im mindesten die Gewissheit verschaffen, dass ich mir meine Lage wirklich verbessern, -- dass ich glücklicher und zufriedener sein werde, als hier. Weder die Welt noch ihre Freuden konnten mich verleiten, meinen gegenwärtigen, ruhigen Aufenthalt zu verlassen, und die Einsamkeit mit einem geränschvollen Leben und der Genusssucht zu vertauschen. Ich war ja zu Lowood glücklich und dankte meinem Schöpfer täglich im Gebete, dass er mich dieses freundliche Asyl hatte finden lassen. Was war also die Ursache, dass ich mich nach einer Veränderung sehnte, dass ich Lowood mit all seinen Erinnerungen schon im Rücken haben wollte? —- Jane! rief mir eine geheimnisvolle Stimme zu, sei auf deiner Hut, damit du nicht auf Abwege geräthst und deinem Verderben entgegeneilst. Hier unter diesem Dache bist du von der Sünde und jeder Gelegenheit dazu geschützt, während in geräuschvollen Städten mehrfache Gelegenheiten sich darbieten, um dich in den Pfuhl des Verderbens zu stürzen.
Diese und ähnliche Gedanken belästigten mich die längste
Zeit, und ich wusste nicht, wie mir geschah. Da beschloss ich, mein Nachtlager zu suchen und die ganze Angelegenheit
morgen in reifliche Erwägung zu ziehen. Es bedurfte wol
längere Zeit, bis mich der Schlaf in seine Arme schloss, doch war ich sehr früh wach und schnell angekleidet. Ich nahm den Brief wieder zur Hand, um mir dessen Inhalt wohl ins Gedächtnis zu rufen und fand, was ich gestern Abends ganz übersehen hatte, dass Mistreß Fairfax zu Thornfield geneigte Anträge entgegenzunehmen habe.

Ein schwerer Kampf entspann sich jetzt in meinem Innern und ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust. Da beschloss ich Lowood zu verlassen und Gouvernante zu werden.

Drittes Kapitel.

Jane als Gouvernante.

Noch an demselben Abende schrieb ich an Miß Temple in Rochester und ein zweites Schreiben ließ ich an Mistreß
Fairfax ergehen, dem ich zugleich meine Zeugnisse beilegte
und erklärte, dass ich gesonnen wäre, diese Stelle anzunehmen. Bevor ich noch eine Ahnung hatte, war auch schon die Antwort zurück. Ich war als Gouvernante in Thornfield aufgenommen und mußte binnen vierzehn Tagen meinen neuen Posten antreten, da Mistreß Fairfax in ihrem freundlichen Schreiben fünf Pfund Sterlinge als Reisegeld beigeschlossen hatte. Mit dem Schreiben in der Hand begab ich mich zu Miß Stachert, der ich meinen Austritt anzeigte und ließ noch an demselben Tage durch sie dem Direktor meine Aufkündung übermitteln. Was ich voraussah, das traf auch so ein. Der freundliche Abbe wollte anfangs in meinen Entschluss nicht einwilligen und machte mir die eindringlichsten Vorstellungen, gab aber später nach, da bei meinem unbeugsamen Willen auf eine Sinnesänderung nicht zu rechnen war. Wiewol meine Garderobe nicht groß war, so hatte ich dennoch die ganze Zeit damit zu thun, um meine Wäsche und meine

Kleider zu ordnen und meine beiden Koffer zu packen, die ich am Vorabende meiner Abreise auf die Post nach Lowton schickte und zugleich einen Platz im Eilwagen für mich bestellen ließ.
Der Abschied zu Lowood war kurz und erfolgte schon am Vorabende meiner Abreise, damit am kommenden Tage im Unterrichte keine Störung eintrete. Die ganze Szene hatte auf mich keinen besondern Eindruck gemacht; doch ein Gang stand mir noch bevor -- eine Abschiedsvisite, die mein Herz mit dem tiefsten Schmerz erfüllte.
Ich konnte Lowood unmöglich verlassen, ohne das Grab meiner lieben Helene zu besuchen. Zu diesem Zwecke hatte ich im Garten Blumen gesammelt und daraus einen Kranz gewunden, mit dem ich das Grab der Theuren schmücken wollte.
Mein Schmerz war unnennbar und mein Gemüt tief erschüttert. Ich heftete den Kranz auf das kleine Kreuz von Eichenholz, kniete sodann auf dem Grabe der geliebten Freundin nieder, betete für das Heil ihrer Seele und gelobte ihrer nie zu vergessen, sondern sie täglich in mein Gebet einzuschließen. Meine Thränen flossen reichlich; waren sie doch dem Andenken meiner besten, ja meiner einzigen Freundin gewidmet! »Helenei« rief ich in meinem Schmerze aus, »warum mußtest Du mich verlassen, nachdem sich unsere
Herzen kaum gefunden hatten? —- Beide haben wir Lowood,
das glückliche Asyl unserer Jugend verlassen; doch wie verschieden sind die Wege, die wir wandeln!«
Da berührte eine Hand meine Schulter. Erschrocken fuhr ich in die Höhe, um nach der Ursache jener unliebsamen Störung zu forschen. Es war der Todtengräber, der mir andeutete, dass bereits die Sperrstunde vorüber sei und der

Kirchhof geschlossen werden müfe, darum möge ich ein anderes Mal wieder kommen.
»Herr!« rief ich im Übermaße meines Schmerzes, indem ich die knöcherige Hand des alten Mannes ergriff, »ich werde vielleicht nie wieder nach Lowood kommen, darum versprecht mir, dieses Grab stets mit frischen Blumen zu versorgen.« Bei diesen Worten öffnete ich meine Börse und reichte dem Greise eine Pfundnote. Dann wendete ich mich noch einmal zu dem Grabe, welches die sterblichen Überreste meiner Freundin barg, und rief unter Weinen und Schluchzen: »Lebe wohl! geliebter Engel, und bereite mir eine Wohnung bei Dir, damit wir auf ewig vereiniget bleiben!«
Am 16. Oktober verließ ich, begleitet von einer Magd des Hauses, die mir meinen Reisesack trug, die Anstalt, um mich nach Lowton auf die Post zu begeben. Ich saß in einer Ecke des Wartsaales und wollte eben meinen Mantel ablegen, weil mir sehr heiß war, als der Portier das Zeichen zur Abfahrt gab. Schnell raffte ich meine Sachen zusammen und eilte zum Wagen hinaus, der sich auf das Zeichen des Kondukteurs auch schon binnen einigen Minuten in Bewegung setzte.
Es war ein unfreundlicher Oktobertag. Ein heftiger
Nordwestwind heulte in den halbbelaubten Wipfeln der Bäume
und wollte selbst die ganze Nacht hindurch seiner Wuth nicht den geringsten Zwang anthun. Ich hüllte mich in meinen Mantel, und verbarg die Hände in meinen Muff von kannadischem Luchs und drückte mich in die Ecke des Wagens, um zu schlafen. Es wollte aber anfangs nicht recht gehen, da meine Füße vor Kälte ganz starr waren. Endlich drückten mir Müdigkeit und Schlaf dennoch die Augen zu, bis ein fürchterlicher Stoß mich weckte. Es war drei Uhr nach Mitternacht. Der Wind trieb fast noch stärker als am Abende unserer Abfahrt von Lowton; der Himmel hatte seine Schleußen geöffnet und die ganze Gegend auf viele Meilen im Umkreise mit einem kalten Regen bedacht. Die schiefe Lage des Wagens hatte uns bereits aufgeklärt, welcher Unfall der ganzen Gesellschaft begegnet sei, als der Kondukteur den Schlag öffnete und uns ersuchte, auszusteigen, da die Achse des Wagen gebrochen sei. Die Zumuthung des Kondukteurs, den
Weg bis zur nächsten Stazion zu Fuß zu machen, wurde von zwei Herren energisch bekämpft, und so mußte der Postillon
ein Pferd ausspannen, um von der nächsten Poststazion einen
Wagen zu holen. Dieser Unfall hatte unsere Reise um sechs
Stunden verzögert, weshalb ich anstatt um ein Uhr Mittags
erst um sieben Uhr Abends nach Thornfield kam. Auf dem
Postamte befanden sich nur einige Personen, und dennoch
wollte mein Auge unter den wenigen niemanden erblicken,
der mich hier zu erwarten schien. Da kam endlich ein kleiner, dickleibiger Mann von mittleren Jahren herangeschlichen, der sich ehrfurchtsvoll vor mir verneigte und mich fragte, ob ich wol jene Dame sei, die man schon zu Mittag in Thornfield erwartet habe, und sich Miß Reed nenne.
»Die bin ich!« sagte ich rasch. »Mistreß Fairfax wird
wol an meinem richtigen Eintreffen gezweifelt haben?«
»Dies eben nicht,« antwortete der Diener, »doch konnten wir nicht begreifen, was an dieser Verzögerung wol Ursache sein könne?«
Hierauf nahm mir der Diener meinen Reisesack ab, ließ die Koffer nach der für mich in Bereitschaft gehaltenen Kutsche
bringen, und nun ging es im raschen Zuge nach dem geräumigen und prachtvollen Schlosse von Thornfield, welches ungefähr eine kleine Wegstunde seitwärts von der Poststazion in einer anmutigen Gegend lag. Das Wetter hatte sich während dieser kurzen Fahrt geändert, einige Sterne kamen am westlichen Himmel zum Vorschein, und selbst der Mond war bemüht, sich seiner Fesseln zu entledigen, die er ganz unfreiwillig den Abend hindurch tragen mußte. Ich öffnete das Wagenfenster, um die Gegend in der Mondbeleuchtung besser betrachten zu können. In geringer Entfernung sah ich einige Lichter schimmern, und ehe ich noch daran dachte, hielt der Wagen an einem hohen, altmodischen Thore. Der Diener sprang ab um dasselbe zu öffnen, und das Ziel meiner Reife war erreicht.«
Mein Gemütszustand war ein ganz eigenthümlicher; Freude und Wehmuth schienen in meinem Herzen um den Rang zu streiten. Ich zitterte, als ich den Fuß auf den Boden setzte und fuhr unwillkürlich zusammen, als mein Auge die grauen unheimlichen Gestalten traf, die hier im Vestibule (Vorhalle) aufgestellt waren. Mit dem Augenblicke, wo der Saum meiner Kleider die fremde Erde berührte, war für mich ein neues Leben aufgegangen Die Vergangenheit lag weit hinter mir. Es war nun der entscheidende Augenblick gekommen, um die Gegenwart ins Auge zu fassen und aus ihr Nutzen für die Zukunft zu schöpfen. Da befreite mich eine Magd, welche ein flammendes Kerzenlicht in der Hand hielt, von der Unbehaglichkeit meines Gefühles und bat mich, ihr zu folgen. Behenden Schrittes stieg sie eine breite Marmortreppe hinan, die Leuchte sorgfältig haltend, damit mir durch einen unsichern Tritt nicht etwa ein Unfall begegne, indem die Stufen ziemlich glatt waren. Ich folgte dem Beispiele meiner kleinen Wegweiserin und verdoppelte meine Schritte, als wir das obere Stockwerk erreicht hatten und links in einen breiten, mit Statuen gezierten Bogengang einlenkten, aber ungefähr in der Mitte desselben abermals eine Treppe hinaufstiegen. Ein starker Luftzug trat uns entgegen, und in demselben Augenblicke standen wir im Finstern. Die Magd entschuldigte sich, ergriff meine Hand und zog mich hinter sich her. Nach einem kurzen aber unsicheren Gange öffnete sie eine Thür, und ich stand in einem geräumigen, äußerst freundlichen Zimmer. Eine ältliche Dame saß auf einem altmodischen Lehnstul vor einem runden Tische, der in der Nähe des Kamines stand, wo die Flamme hoch aufloderte, und mit ihren Wärmestralen bereits das ganze Zimmer erfüllt hatte. Bei meinem Eintritte erhob sich die Dame von ihrem Sitze, indem sie das Strickzeug aus den Tisch legte und die Brille gegen die Stirn schob. »Gott zum Gruß, mein wertes Fräulein!« sagte die Alte, indem sie mir freundlich die Hand entgegenstreckte »Sie werden bei dem argen Wetter viel Ungemach auf der Reise erlitten haben und ganz erstarrt sein« Bei diesen Worten schob sie einen Stul gegen den Kamin vor und hieß mich Platz nehmen.
»Wahrscheinlich Mistreß Fairfax?« fragte ich etwas verlegen.
»Ja, die bin ich. Aber setzen Sie sich doch!«
Bei diesen Worten wollte sie mir Shawl, Mantel und Hut abnehmen, weshalb ich einige Schritte zurücktrat und für diese besondere Aufmerksamkeit mit freundlichen Worten dankte. Nachdem ich abgelegt hatte, ließ ich mich auf den
angebotenen Sitz neben dem Kamin nieder und rieb mir ein wenig die Hände, da meine Finger vor Kälte ganz starr

waren. Mistreß Fairfax gab der Magd den Auftrag, meine
Sachen in das zweite Zimmer daneben zu bringen, und da-
selbst alles zu meiner Bequemlichkeit in Bereitschaft zu
halten.
Die Magd war eben im Begriffe wegzugehen, als ihr Mistreß Fairfax zurief: »Noch eins! liebe Lea! Vor Allem bringe den Thee auf mein Zimmer und vergiss auf die Honigbrödchen nicht, denn Miß Reed wird wol Hunger haben.«
»Nicht sehr!« war meine Antwort.
»Aber eine Schale Thee könnte nach meiner Meinung nicht schaden,« entgegnete hierauf Mistreß Fairfax. »Der Trank wird Sie erwärmen und Ihnen einen sanften Schlaf bereiten.« Mistreß Fairfax rieb sich bei diesen Worten die Hände nahm die Brille gänzlich ab und ließ sich lächelnd auf ihren Stul nieder. Jn demselben Augenblicke vernahm ich ein Geräusch, und zwei funkelnde Augen, die wie der Blitz leuchteten, stralten mir aus der Ecke des Zimmers entgegen. Es war Mistreß Fairfax’s Lieblingskatze, welche, durch mich in ihrer Ruhe gestört, sich von ihrem Lager erhob, die Glieder mächtig reckte und miauend zu ihrer Beschützerin herangeschlichen kam. Diese gab dem Verlangen des Thieres nach, nahm die Katze auf den Schooß und deckte einen Theil der Schürze über deren Kopf, damit das verwöhnte Thier von
der stralenden Glut nicht geblendet werde.
»Sehen Sie, das ist meine einzige Gesellschafterin hier auf dem Schlosse,« nahm jetzt Mistreß Fairfax das Wort.
»Wie!« sagte ich verwundert. »Ist Miß Fairfax nicht zugegen?«

»Sie meinen Miß Varens,« fiel mir Mistreß Fairfax
in die Rede, »Ihren künftigen Zögling?«
»Ja wol ist sie zugegen! Sie bewohnt mit ihrer Banne, einer Schweizerin, die Zimmer im Gange links und hat sich bereits schon zur Ruhe begeben.«
»Ah! so ist Miß Varens nicht Ihre Tochter?« fragte ich hierauf ganz naiv.
»Nein, -- ich habe keine Familie; bin auch nicht die Frau des Hauses, sondern nur die Haushälterin des Herrn Rochester.«
»Wer ist Herr Rochester?« fragte ich hierauf etwas
verlegen.
»Herr Rochester? -- -- Ja, woher sollten Sie das wol wissen,« unterbrach sich jetzt die gute Matrone. »Herr
Rochester ist der Herr dieses Schlosses, der Besitzer der Herrschaft Thornfield, Eigenthümer mehrerer Fabriken in London, -- mit einem Worte -- ein steinreicher Mann.«
»So!« sagte ich hierauf ganz erstaunt. »Und Miß Varens seine Tochter?«
»Ei! wie kann Miß Varens seine Tochter sein? Herr Rochester war nie verehlichet. Miß Adele ist blos seine Mündel, die er hier auf dem Schlosse erziehen lässt.«
»Und hat Herr Rochester noch viele Verwandte hier oder in London?« fragte ich, über meine Neugierde etwas verlegen.
»Ach nein!« sagte hierauf« die geschwätzige Haushälterin.
»Außer Adele keine Seele, weder hier, noch in London.«
»Und werde ich morgen Herrn Rochester meine Aufwartung machen können?« fragte ich weiter.
»Herr Rochester ist nicht zugegen, denn --«

Da trat die Magd mit einer großen Tasse, worauf sich eine silberne Theekanne nebst zwei schönen Porzellanschalen befanden, ins Zimmer, und somit war das Gespräch auf einige Augenblicke unterbrochen worden.
»Aber Lea!« rief Mistreß Fairfax. »Wo sind die Löffel und die Zuckerbüchse geblieben? Auch das Rumfläschchen vermisse ich!«
»Ist sonst ein braves Mädchen, unsere Lea,« sagte hierauf Mistreß Fairfax, aber schrecklich vergessen!«
»Daran mag die Jugend Ursache sein,« sagte ich lächelnd.
»Ei, die liebe Jugend!« sagte die Matrone im sarkastischen Tone. »Ich war auch einmal jung, hatte aber doch den Kopf stets am rechten Flecke.«
Gegen Ende dieser Bemerkung trat Lea ins Zimmer und brachte das Fehlende. »Und wo sind die Brödchen geblieben?« fragte hierauf Mistreß Fairfax etwas unwillig.
»Ei! Ei! Lea, du bereitest mir heute eine Verlegenheit um die andere. Miß Reed muß sich einen hübschen Begriff von der Ordnung machen, die unter meiner Direkzion hier auf dem Schlosse herrscht. Wäre Herr Rochester zugegen, dann --.«
Lea wurde roth bis hinter die Ohren, schlug den Blick zu Boden und entfernte sich, um die Brödchen herbeizuschaffen. Als wir wieder allein waren und jede von uns bereits eine Tasse Thee im Leibe hatte, nahm ich wieder den Faden des Gesprächs dort auf, wo wir denselben durch die Dazwischenkunft der Magd verloren hatten und fragte: »Also ist dieses Schloss nicht der beständige Aufenthalt des Herrn Rochester?«

»Ei behütet« sagte hierauf die Haushalterin, indem sie meine Schale an sich zog, um dieselbe zum zweiten Male zu füllen. Einem guten Thee war ich von jeher nicht abgeneigt, weshalb ich der an mich ergangenen Aufforderung nur Artigkeit halber einigen Widerstand leistete.
»Herr Rochester kommt nur in den Sommermonaten nach Thornfield, bisweilen geschieht es auch im Herbst; dass ihn die Jagd hieher zieht; sonst sind wir stets allein. Außer den täglichen Besuchen des Bäckers, Fleischhauers und Postboten kommt keine Seele aufs Schloss. Ach, wie froh bin ich, dass Sie hier sind, Miß! Ihre Gesellschaft ist mir ganz erwünscht und ich hoffe, dass wir uns recht bald näher kennen lernen werden.«
Ich erklärte hierauf, dass es mir stets Vergnügen bereiten werde, einige meiner freien Stunden in ihrer Gesellschaft zuzubringen, und erbat mir gleichzeitig ihren guten Rath, um den Wünschen meines künftigen Gebieters vollkommen zu entsprechen.
»Sind Sie unbesorgt, Miß Reed,« fiel mir Mistreß Fairfax ins Wort; »dafür werde ich schon Sorge tragen. Übrigens ist Herr Rochester ein äußerst guter und freundlicher Mann, hinter dessen ernstem und finsteren Aussehen das beste Herz von der Welt steckt. Doch eines muß ich bemerken. Bisweilen ist Herr Rochester sehr leidenschaftlich und dann auch weit heftiger, als es eigentlich nothwendig wäre; doch wo ist ein Mensch in der Welt zu finden, der keinen Fehler an sich hätte!«
»Ja der That ist es wirklich so, Mistreß,« erwiderte ich hierauf. »Doch habe ich oftmals die Behauptung vernommen, dass heftige Menschen in der Regel das beste Herz haben sollen.«
»Sie haben ganz recht,« sagte Mistreß Fairfax, »bei unserem Herrn findet dieser Grundsatz wenigstens seine Anwendung.«
Da verkündigten die lauten Hammerschläge der Schlossuhr die zwölfte Stunde. Wir sahen einander verwundert an, worauf sich meine Gesellschafterin die Erlaubnis erbat, mich in mein Zimmer begleiten zu dürfen, das nur wenige Schritte von dem ihrigen entfernt war.
Wiewol Müdigkeit und Schlaf meine Augen quälten, so konnte ich doch die Neugierde nicht unterdrücken, dasselbe noch in
dieser späten Stunde zu mustern. Ich wusste zwar nicht, wem ich die vortrefflichen Anordnungen, die zu meiner Bequemlichkeit getroffen worden waren, zu verdanken hatte, mußte mir aber gestehen, daß Mistreß Fairfax ein ganz besonderes Talent zu einer Haushälterin besitze, falls die Herrichtung dieses Zimmers ihr Geschmack gewesen sein sollte. Die Freundlichkeit dieses Zimmers sowie dessen Comfort hatten auf mich einen wohlthätigen Eindruck gemacht, der zu meinem neuen Glücke nicht wenig beitrug. Wenn Miß Adele anders ein Fräulein von sanftem Karakter und guten Sitten ist, dann hätte ich wol einen guten Tausch gemacht, sagte ich zu mir. Sodann schritt ich auf den Bettschämel zu, faltete die Hände, dankte Gott für die Gnaden, die er mir unverdienter Weise bisher zufließen ließ, und bat den Herrn der Welten mit Inbrunst und Demut, mich durch seine Gnade so zu leiten und zu führen, dass ich stets vor ihm Gnade und Erbarmung finden möge.«
So sanft und süß mußte ich seit den Tagen meiner ersten Kindheit, wo mich die Arme einer zärtlich liebenden

Mutter umschlungen hielten, noch nicht geschlafen haben, denn es war bereits heller Tag, als ich erwachte. Kaum war ich angekleidet, so machte mir Miß Fairfax auch schon einen Besuch, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich konnte es nicht unterlassen, gegen die gute Frau meinen Dank auszusprechen dass sie für mich ein so freundliches und liebliches Zimmer auserkoren hatte, welche Anerkennung ihrem Ehrgeize besonders zu schmeicheln schien. Sodann folgte ich der freundlichen Einladung, das Frühstück mit ihr und meinem neuen Zöglinge einzunehmen. Mistreß Fairfax führte mich nach demselben Zimmer, wo ich bereits eine halbe Nacht mit ihr verplaudert hatte. Hier trafen wir bereits Fräulein Adele mit ihrer Bonne.
Der Anblick des Kindes war für mich ein überraschen-
der, denn ein blonder Lockenkopf mit hellblauen Augen kam
auf mich zu und sprach: »Bonjour Mademoiselle Jeanette!«
»Bonjour Mademoiselle Adele!« erwiderte ich, zog die Kleine an mich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
Nun entspann sich zwischen uns beiden ein lebhaftes Gespräch, woran Mistreß Fairfax große Freude zu haben schien.
Miß Varens war ein Fräulein von vielen geistigen Anlagen und Fähigkeiten, die sie bisher noch wenig benützt zu haben schien. Von dem besten Willen beseelt, begann Adele jede Arbeit mit unendlicher Freude und großer Bereitwilligkeit, hatte aber weder beim Arbeiten noch beim Unterrichte die nothwendige Ausdauer; ja selbst beim Spielen war die Kleine sehr veränderlich, und zeigte weder nach der einen noch nach der andern Richtung die nothwendige Beständigkeit und einen beharrlichen Sinn. Das Herz war unverdorben, doch schien mir der Karakter nicht der edelste; denn

Adele war ungemein vorlaut, und maßte sich über manche Personen ein Urtheil an, das weder Achtung vor älteren Personen noch die geringste Nächstenliebe verrieth. Ich erkannte wol hierin ein Gebrechen unserer Zeit, wo das Sittenverderbnis infolge der modernen Erziehung schon merklich überhand genommen hatte, und nahm mir ernstlich vor, die bereits eingerissenen Misbräuche auszumerzen, die zügellosen Leidenschaften noch einzudämmen, bevor es zu spät wird, und den falschen Grundsätzen mit Entschiedenheit entgegenzutreten und selbe zu bekämpfen, insofern Mittel und Kräfte hier ausreichen.
Was die Erziehung anbelangt, die Adele bisher genossen hatte, so war sie echt französisch und von den reinen Sitten meiner Laudsleute nicht die geringste Spur zu vernehmen. Die Kleine ging ohne Gebet zu Bette, und stand des Morgens auf, ohne Gott für die Erhaltung zu danken, noch viel weniger fiel«es der Kleinen ein, Gott zu bitten, dass er sie am Tage über gesund an Leib und Seele erhalten und vor jedem Unglücke bewahren’und beschützen möge. Ich sprach hierüber mein Misfallen aus und erklärte, dass Adele
jeden Morgen und Abend mit mir gemeinschaftlich ihr Gebet
verrichten müße, worin Mistreß Fairfax mit mir vollkommen
einverstanden war. Bei dem Karakter, der Adelen eigen war,
konnte nur ein fester und mit aller Beharrlichkeit verfolgter Erziehungsplan durchgreifen, weshalb ich es vorzog, meinen Unterricht in den ersten Tagen weniger auf das positive Lernen zu beschränken, sondern mich vielmehr zu bemühen, auf dem Wege der Erfahrung der Kleinen einigen Sinn für einen geregelten Unterricht einzuflößen, was mir nach einigen Wochen auch wirklich gelang. Diese schnelle Umwandlung schien

vornehmlich dadurch wesentlich begünstiget worden zu sein,
dass Adele eine unendliche Liebe und Anhänglichkeit zu mir
zeigte, und sich selbst schon nach einigen Tagen jeder Anordnung willig unterzog, sobald ich drohte, mich diesen Abend auf mein Zimmer zurückzuziehen, und sie mit Mademoiselle Sofie allein zu lassen.
Sehr große Lust und auch eben so große Anlagen zeigte Adele für’s Zeichnen. Da ich von Mistreß Fairfax erfahren hatte, dass Herr Rochester ein großer Kunstkenner sei und in seinen jüngeren Jahren sich viel mit Landschaftszeichnen beschäftiget hatte, so suchte ich diesen Gegenstand bei
Adelen mehr zu kultiviren, als eben nothwendig gewesen wäre, und erzielte schon nach drei Monaten die glänzendsten Resultate.
Ich war eben beschäftiget, für Adelen eine kleine Skizze aus der höchst interessanten Szene der vor mir ausgebreiteten Winterlandschaft zu entwerfen, als ich auf dem Korridor eine starke Bewegung wahrgenommen hatte, wo es doch seit meiner Ankunft in Thornfield stets so still, ja fast lautlos hergegangen war. Da ohnehin bereits die Dämmerung eingetreten war, und meine Augen von dem blendenden Schneelichte stark mitgenommen wurden, so schob ich die Skizze in meine Mappe, legte den kleinen Malerstul zusammen, um sämmtliche Requisiten im Bibliothekzimmer, welches mir für den zu ertheilenden Unterricht angewiesen worden war, aufzubewahren, bis ich dieselben wieder benöthigen würde.
Das Bibliothekzimmer hatte die Hauptfront gegen den großen Park gekehrt und vertrat in den strengen Wintermonaten zugleich das Klavierzimmer, während für die Sommermonate oder während des Karnevals ein eigener Klaviersalon

mit einer prachtvollen Ausstattung bestimmt war. Diesem gegenüber befand sich das große Gesellschaftszimmer, welches nur dann geöffnet wurde, wenn Herr Rochester nach Thornfield kam. Ich mußte an diesem Zimmer vorüber, um nach
meinem Gemach zu gelangen, und war nicht wenig erstaunt,
Mistreß Fairfax hier beschäftiget zu sehen. Die gute Frau war ungemein thätig, da Reinlichkeit und Ordnung bei ihr zum Gesetz geworden waren. Sie hatte eben eine Vase von
Alabaster in der Hand, um dieselbe abzustauben, als ich an
die Thüre kam, während Lea und ein alter Diener bemüht waren, die prachtvollen Ottomanen von hochrothem Sammt
auszuklopfen, damit nicht etwa im nächsten Frühlinge die
Motten ihren Wohnsitz darin aufschlagen.
»Welch ein prachtvolles Zimmer!« rief ich voll Verwunderung aus. »Ist dies etwa schon für Herrn Rochester hergerichtet worden? -- Also hätten wir seine Ankunft zu erwarten?«
»Darüber kann ich Ihnen wol nicht genügenden Aufschluss geben, da weder ich noch irgend jemand in Thornfield mit
Gewissheit sagen kann, wann Herr Rochester kommt. Unser Herr ist aber ein Mann von Ordnung und Pünktlichkeit und
wünscht die Zimmer das ganze Jahr hindurch so erhalte zu
sehen, als ob er sie täglich benützen würde. Nichts ist dem
guten Herrn ärger, als Putzen und Säubern während seiner
Anwesenheit. Weil ich nun weiß, dass ihm dies unangenehm ist, so geschieht es während seiner Abwesenheit.«
»Herr Rochester wird Ihnen auch Dank dafür wissen,« sagte ich in meiner Unschuld.
»Wie man’s nimmt«, entgegnete Mistreß Fairfax. »Herr Rochester ist ein Feind aller Zeremonien, und überrascht seine

Leute mit Geschenken, wie es ihm einfällt. Nie schreibt er einen seinem Hause erwiesenen Dienst in das Buch der Vergessenheit, und kommt mit seinem Danke meistens zur rechten Zeit.«
Da stürzte plötzlich der alte Diener die Treppe herauf und erklärte ganz athemlos, dass eben Pilot durch den Thorweg des Schlosses gesprungen sei, folglich Herr Rochester auch nicht mehr weit sein könne.«
Herr Rochester hatte nämlich die Gewohnheit,stets seinen
Hund vorauszuschicken, um sich durch denselben gleichsam anmelden zu lassen. Auf die Erzählung des Dieners brannte
Mistreß Fairfax der Kopf vor Geschäftigkeit, weshalb ich Abschied nahm und auf mein Zimmer ging.
Auf mich hatte die Nachricht von der Ankunft des Herrn Rochester einen erschütternden Eindruck gemacht; konnte ich doch nicht wissen, ob meine Leistungen seinen Erwartungen
entsprechen und ob überhaupt meine Einfachheit sowie meine
Grundsätze, die ich mir bei der Erziehung seiner Mündel zur
Richtschnur genommen hatte, dessen Genehmigung erlangen werden. Undank war noch in den meisten Fällen das Loos eifriger und gewissenhafter Lehrer und Erzieher. Machen die
Schüler Fortschritte, welche den Ältern genügen, so werden
diese günstigen Resultate dem Fleiße und dem besonderen Talente der Kinder allein zugeschrieben, und der Lehrer oder Erzieher ist hierbei nur Nebensache; bleibt aber der Schüler in Folge seiner Faulheit und Trägheit oder seiner persönlichen Abneigung gegen jeden Unterricht im Lernen zurück, dann wird die Schuld niemand andern, als dem Lehrer oder Erzieher aufgebürdet.

Während ich mich mit diesen und ähnlichen Gedanken beschäftigte und das Los eines Lehrers und Erziehers nichtsdestoweniger als beneidenswert fand, vernahm ich plötzlich das Wiehern eines Pferdes und bald darauf große Geschäftigkeit im unteren Stockwerke. Gerne, recht gerne hätte ich mich von der Ursache jener auffallenden Veränderung überzeugt; allein mir fiel noch früh genug ein, dass die Neugierde nicht nur ein hässlicher Fehler, sondern auch eine sträfliche Leidenschaft sei; und somit suchte ich dieselbe nach Kräften zu zügeln. Dabei war mein Verstand keineswegs so beschränkt und meine Urtheilskraft so schwach, dass ich nicht hätte ahnen können, was vorgefallen sei. Da aber Vermuthungen noch immer keine Gewissheit sind, so mußte ich in dieser peinlichen Ungewissheit so lange verharren, bis mich Mistreß Fairfax zum Thee rufen ließ, den ich jeden Abend in ihrer Gesellschaft und auf ihrem Zimmer zu nehmen pflegte.
Meine Überraschung war keine geringe, als ich in Mistreß Fairfax Zimmer trat Und dasselbe leer fand. Auf dem runden Tische, der sich in der Mitte des Zimmers befand, stand ein einfaches Wachslicht, dessen verkohlter Docht der lebendige Zeuge war, dass man die Kerze schon vor geraumer Zeit müsse angezündet haben. Die rosige Glut im Kamin war bereits gedämpft, da sich keine bereitwillige Hand gefunden hatte, das Feuer öfter anzuschüren. Ohne mich lange zu besinnen, übernahm ich für heute dieses Geschäft, des Sprüchwortes eingedenk, dass Arbeit zu keiner Zeit den Menschen schände.
Während ich noch in voller Thätigkeit begriffen war, trat
Mistreß Fairfax mit den Worten ins Zimmer: »Dem Himmel sei’s gedankt, dass ich mich endlich ein wenig ausschnaufen kann!«

Bei diesen Worten erhob ich mich aus meiner zusammengekauerten Stellung am Kamin, während sich die sichtlich erschöpfte Frau in einen vor dem Tische stehenden Lehnstul geworfen hatte, um sich ein wenig auszuruhen.
»Das freut mich, Sie hier zu treffen,« rief Mistreß Fairfax, und streckte mir die Hand zum freundlichen Willkommen entgegen. »Wissen Sie, dass Herr Rochester vor ungefähr zwei Stunden auf dem Schlosse angekommen ist,« sagte sie jetzt mit dem Ausdrucke der größten Freude.
»Nein!« sagte ich voll Verwunderung »Von diesem freudigen Ereignisse habe ich noch keine Silbe vernommen.«
»Denken Sie sich, welch ein Unfall dem guten Herrn begegnet ist. In der Aue bei Hay strauchelte sein sonst so sicheres Ross, da es schon ziemlich dunkel geworden war, stürzte, und -- «
»Wie! Herrn Rochester ist doch kein Unglück begegnet?«
sagte ich in voller Hast.
»Nun! die Sache hätte wol ärger ausfallen «können, als dies wirklich der Fall ist« Herr Rochester ist mit einer leichten Quetschung am linken Fuße davongekommen. Er liegt auf dem Sosa in seinem Zimmer und erwartet jeden Augenblick den Wundarzt.«
Wir wurden jetzt einige Minuten in unserem Gespräche unterbrochen, indem Lea ins Zimmer trat und die Tasse mit dem Thee auf den Tisch setzte. Gleichzeitig schoben wir unsere Stüle heran, und ließen uns den Trank munden. Da kam
der alte John eilig aufs Zimmer und erklärte, dass Herr
Rochester nach Mistreß Fairfax verlange. Ohne auch nur einige Sekunden zu verweilen, verließ sie das Zimmer, um die Befehle ihres Gebieters entgegenzunehmen. Mit Mistreß

Fairfax war auch der Wundarzt bei Herrn Rochester eingetreten und fand, dass die Quetschung zwar bedeutend aber keineswegs gefährlich sei.
Ich hatte für diesen Abend nicht mehr das Vergnügen, Mistreß Fairsax zu sprechen, darum beeilte ich mich, ihr am
Morgen zu ein-Dr schicklichen Stunde einen Besuch zu machen. War es doch an mir, mich zu erkundigen, ob und wann ich Herrn Rochester mich vorstellen solle. Mistreß Fairfax war der Meinung, dass Herr Rochester den Tag und die Stunde
wol selbst bestimmen werde und es überhaupt nicht gerne sehe, wenn ihm irgendwie ein Zwang angethan werde. Ich nahm
diese Mittheilung dankbar an und begab mich nach dem Klavierzimmer, um daselbst Adele zu erwarten. Die Kleine ließ mich nicht lange allein, kam mit großer Freude auf mich zu und erzählte, dass Herr Rochester sie gestern Abend geprüft habe und mit ihr sehr zufrieden war.
Bei dieser Erzählung spielten die Wände, Fenster und übrigen Gegenstände verschiedene Farben, wusste ich doch, wie wenig man sich auf die Konsequenz seiner Schüler verlassen könne, und dass Prüfungen immer mehr oder weniger von einem glücklichen Zufall abhängen. Der Schluss von Adelens Mittheilung machte mir das Herz wieder leichter, indem durch die ausgesprochene Zufriedenheit meines neuen Gebieters zugleich die Anerkennung meiner Leistungen bedingt war.
Adele und ich waren den ganzen Vormittag sehr fleißig, da Herr Rochefter den Wunsch geäußert hatte, ich möchte der Kleinen den heutigen Nachmittag sreigeben, damit sie ihm
Gesellschaft leisten könne. Zugleich sprach er den ferneren Wunsch aus, mich persönlich kennen zu lernen, weshalb ich morgen durch Mistreß Fairfax vorgeführt werden sollte.

Das war wol für mich ein schwerer Gang; allein ich sah die Nothwendigkeit desselben ein und fügte mich in mein unabänderliches Schicksal. Vor Allem mußte die Garderobe
gemustert werden. Wiewol ich meine Sachen in der größten
Ordnung hatte, so war ich für den Augenblick doch in Verlegenheit, welches Kleid ich anziehen werde, um mir in der Toilette keine Nachlässigkeit zu Schulden kommen zu lassen. Der Grund meiner Verlegenheit war aber weniger in der Eitelkeit und Putzsucht, als in der Ärmlichkeit meiner Garderobe selbst zu suchen. Ich hatte nie ein Verlangen nach eleganten Kleidern; einerseits fehlten mir die Mittel hierzu, anderseits gelangte ich zu der Überzeugung, dass einfache Kleider ein Mädchen, wessen Standes es auch sein möge, am besten zieren, sowie Reinlichkeit und Nettigkeit mir unter allen Umständen der schönste Schmuck zu sein schienen.
Es war bereits eilf Uhr, um welche Stunde Mistreß Fairfax mich abzuholen versprochen hatte. Mit dem Schlage der eilften Stunde nahm ich meine schwarze Schärpe aus dem Schranke, um mich in volle Bereitschaft zu setzen. Sie schien mir zu dem olivengrünen Orleankleide am besten zu passen; und hätte dieselbe auch nicht gepasst, so wäre mir doch keine andere Wahl übrig geblieben, da ein ähnliches Kleidungsstück in meiner Garderobe nicht vorräthig war.
Mistreß Fairfax ließ nicht lange auf sich warten, und hatte mich durch ihr pünktliches Erscheinen von einer peinlichen Ungeduld befreit. Der Empfang, auf den ich mich so sehr gefürchtet hatte, war ein äußerst freundlicher, und machte
mir das Herz merklich leichter. Herr Rochester entschuldigte sich, mich nicht auf eine andere Art empfangen zu können, da dies sein gegenwärtiger Zustand nicht zulasse und bat mich,

Platz zu nehmen. »Es freut mich,« nahm hierauf Herr Rochester das Wort, indem er seinen durchdringenden Blick auf mich gerichtet hatte, »die Erzieherin meiner Mündel persönlich kennen zu lernen. Mistreß Fairfax hat sich zwar äußerst lobenswert über Sie ausgesprochen; doch wollte ich persönlich mit Ihnen über die Art der Erziehung sprechen, die Adele durch Sie erhalten soll, und bin eben in dieser Absicht nach Thornfield gekommen.«
»Adele ist ein gutes Kind,« sagte Herr Rochester weiter, »und berechtigt zu manchen schönen Hoffnungen, so ich mich bisher nicht getäuscht habe; doch hat sie viele Fehler an
sich, die Ihnen sicher nicht entgangen sein werden. Da mein
Aufenthalt in Thornfield nie von Dauer ist, so muß ich Ihnen die ganze Erziehung anvertrauen und bin überzeugt,
dass Sie dieses Vertrauen auch rechtfertigen werden. Sofie
wird dieses Frühjahr mein Haus verlassen, da ich deren Gegenwart für überflüssig halte, und somit übergebe ich die
Kleine Ihrer Obhut mit dem Bemerken, sowol beim Unterrichte wie bei der Erziehung konsequent vorzugehen und Milde mit Liebe und Strenge zu vereinen, da Ihr Ausspruch hierin für die Zukunft allein maßgebend sein soll. Ich habe die Kleine
gestern ein wenig geprüft und gefunden, dass sie in dieser
kurzen Zeit merkliche Fortschritte gemacht hat, was sie nur
Ihren Bemühungen allein zu verdanken hat, und wodurch Sie mich einstweilen zu Ihrem Schuldner gemacht haben.
Besonders hatten mich die hübschen Zeichnungen überrascht,
wiewol ich auf diese besondere Fertigkeit bei einem Mädchen
keinen so großen Wert lege. Mehr ist mir daran gelegen,
dass Adele eine religiös-sittliche Bildung erhalte, worauf
bisher von Sofie wenig Rücksicht genommen worden ist« Es

wird mich freuen, wenn Sie während meines Aufenthaltes auf dem Schlosse den Thee auf meinem Zimmer nehmen werden, doch soll Ihnen hierin nicht der geringste Zwang angethan werden, falls Sie die Abendstunden für sich allein benutzen wollen.«
Ich erklärte hierauf, dass ich es mir stets zur Ehre anrechnen werde, falls ich zur gegenseitigen Unterhaltung beitragen kann, und werde mich ganz den Wünschen und Anforderungen meines Gebieters unterziehen Bei diesen Worten trat Herr Bellini, der Wundarzt, ins Zimmer, weshalb ich für angemessen hielt mich zu entfernen.
Dass ich bei Herrn Rochester eine so freundliche Aufnahme finden, und dass er mich mit so großem Vertrauen beehren werde, hatte ich wol keine Ahnung. Es schien nach so vielen
trüben Tagen nun auch für mich die Stunde gekommen zu sein, wo ich mich einer freundlichen Behandlung zu erfreuen haben werde, und dieser Gedanke hatte mich mit den bisherigen Widerwärtigkeiten des Lebens wieder vollkommen ausgesöhnt.

Die Reise nach Manchester.

Ich hatte mir Herrn Rochester als einen strengen, finsteren und unzugänglichen Mann gedacht, der seine Ansichten und Urtheile allein für maßgebend halte, und wurde hierin zu meiner Freude groß getäuscht. Adelens Vormund hatte zwar ein ernstes Aussehen, doch ließ der freundliche Zug um den lächelnden Mund ans die edle Herzensgüte schließen, die Herrn Rochester eigen war. Dass sich die Stirne bisweilen in Falten legte und der Blick zeitweise ernster als gewöhnlich

wurde, mag von Umständen herrühren, die in der Natur der Sache begründet waren. Schon am zweiten Tage nach seiner Ankunft zu Thornfield herrschte auf dem Schlosse eine rege Thätigkeit. Die Thür des Zimmers, wo Herr Rochester die meiste Zeit des Tages zubrachte, ging von einer Hand in die andere über, und so mag es gekommen sein, dass manche Unannehmlichkeiten seine fast heitere Laune aus einige
Augenblicke verscheuchten.
Acht Tage mußte Herr Rochester das Zimmer hüten, bevor er von dem leidenden Fuße wieder Gebrauch machen konnte. Um ihm die Zeit zu verkürzen, bot ich mich als Vorleserin an, welches Anerbieten mit größter Bereitwilligkeit angenommen wurde. Herr Rochester saß in einem Lehnstul, der mit rothem Damast überzogen war; in der Mitte des runden Tisches stand ein sechsarmiger Kronleuchter, dessen Lichtströme das ganze Zimmer mit einem eigenthümlichen Glanze erfüllt hatten, der durch das hochrothe, in vollster Glut sprühende Kaminfeuer noch merklich erhöht wurde. In der Nähe des Kamines hatte sich Adele auf einem prachtvollen Teppich niedergelassen und spielte mit Pilot, dessen komische Geberden der Kleinen viel Spass zu verursachen schienen; am unteren Ende des Tisches saß Mistreß Fairfax mit ihrer Brille und strickte so fleißig, als ob sie zu einer bestimmten Stunde mit einer gewissen Aufgabe zu Ende sein müßte. Ich hatte meinen Platz zwischen Mistreß Fairfax und Herrn Rochester genommen, der mehrmals meinen hübschen Vortrag und die schöne reine Aussprache lobte und Adele erinnerte, sich an mir ein Vorbild zu nehmen. Da trat der alte John ins Zimmer, der einen Brief in der Hand hielt, welcher von Manchester über Millcote nach Hay und durch

den Postboten hieher gelangt sei. Herr Rochester entschuldigte sich, dass er mich auf einige Augenblicke unterbrechen müße, indem der Inhalt des Briefes von Dringlichkeit sei, was er aus der auf dem Umschlage angebrachten Chiffre entnehme. Ich legte das Buch bei Seite und warf mich in den Stul zurück, während Mistreß Fairfax kein Auge von ihrer Arbeit abzog.
»Dacht ich mir’s doch,« sagte jetzt Herr Rochester.
»Wieder ein Manchesterhaus gefallen, wo ich mit einer starken Summe betheiliget bin.«
Ich und Mistreß Fairfax bedauerten den unangenehmen Vorfall, worauf Herr Rochester erklärte, dass er morgen um vier Uhr früh Thornfield verlassen werde, um nach Manchester zu reisen, indem seine Gegenwart durch das Falliment des Hauses Grannert daselbst nothwendig geworden sei.
John mußte sogleich nach Hay fahren, um für morgen einen Separatwagen zu bestellen, woran Herr Rochester von mir
Abschied nahm und Adelen meiner Obhut und Fürsorge
empfahl.
»So wären wir nun wieder allein!« sagte Mistreß Fairfax, als ich mit der Kleinen an ihr Zimmer kam, um daselbst das Frühstück zu nehmen.
»Also ist Herr Rochester heute Morgens wirklich abgereist?« fragte ich etwas neugierig.
»Das ist gewiss!« sagte Mistreß Fairfax. »Wann hätte Herr Rochester sein Wort nicht gehalten?«
»Ist er also ein Mann von so festem Karakter und so konsequent in seinen Handlungen, dass dem Worte die That auf dem Fuße folgt?« fragte ich weiter.

»So wie Sie sehen, Miß, hat es Herr Rochester eben bewiesen,« war die Antwort von Mistreß Fairfax.
»Ich dächte, sein leidender Zustand würde ihn am Ende doch von dieser Reise abhalten, sobald er denselben in Erwägung ziehen wird.«
»Da kennen Sie unsern Herrn noch viel zu wenig. Da
er es einmal gesagt hat, so hätte er selbst mit einem Beine
die Reise angetreten, sobald es mit zweien eben nicht gegangen wäre.«
Am Schlusse dieser Worte hatte ich mich von meinem Sitze erhoben, nahm Adelen bei der Hand, die meinem Beispiele bereits gefolgt war, und empfahl mich Mistreß Fairfax freundlichem Andenken.
So angenehm der kurze Aufenthalt des Herrn Rochester war, da durch seine Gegenwart doch einiges Leben aufs Schloss gebracht wurde, eben so eintönig verstrichen die Tage,
Wochen und Monate nach seiner Abreise. Während seiner
Abwesenheit war nicht ein Brief weder an mich noch an
Mistreß Fairfax gekommen, und somit war uns sein Aufenthalt gänzlich fremd, falls er Manchester verlassen haben sollte.
Das Wort »Manchester« war für mich ein Magnet von besonderer Zugkraft. Und warum sollte jene Stadt für mich von minderem Interesse, als selbst für jeden Fremden gewesen sein? Wo gäbe es einen Menschen auf Erden, dem seine Vaterstadt sowie sein Vaterland nicht theuer und von größter Wichtigket wäre? -- Auch mir war die Vaterlandsliebe gleich jedem andern getreuen Unterthanen ins Herz geschrieben, und somit dürfte hierin ein Entschuldigungsgrund liegen, wenn das heiße Verlangen, meine Vaterstadt

zu sehen, an die ich nur schwache Erinnerungen zu knüpfen
vermögend war, jetzt mehr als sonst in mir auftauchte.
Ich hatte keine Jugend, da ich mich an Salford, sowie an das Haus meiner Ältern nur schwach erinnern konnte. In dem Hause meines Oheims schien mich eine rosige Jugend zu erwarten; allein Mistreß Reed wusste unter die keimenden Rosen solche Dornen zu mengen, deren Stich für mich in der Folge unerträglich wurde. Nun kam ich nach Lowood, wo mir zwar persönlicher Schutz und die große Wohlthat zu Theil wurde, zu einem Mädchen herangebildet zu werden, das fähig ist, sich sein Fortkommen selbst zu sichern; allein die Jugend, wie sie hundert und tausend andern Kindern gegönnt ist, war von meiner Lebenstafel für immer gestrichen.
Der Mensch ist doch ein sonderlihes Ding, sagte ich eines Abends zu mir, als ich einsam auf meinem Zimmer saß, da Mistreß Fairfo eines heftigen Zahnleidens wegen sich ebenfalls ans ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Er schwärmt und träumt oft die längste Zeit Von Dingen, die für ihn unerreichbar sind, und gibt nicht selten Hoffnungen Raum, die er bei voller Vernunft doch nur als leere Seifenblasen betrachten konnte. Oft liegt wol nur eine Spanne Zeit zwischen ihm und dem ersehnten Ziele, doch in den meisten
Fällen thürmen sich Hindernisse auf, die ein gewöhnlicher
Mensch oft nicht zu bewältigen im Stande ist.
Mit der Veränderung meines Standes und dem Tausche
meines Aufenthaltes sollten sich aber auch die Wechselfälle des Glückes zu meinem Gunsten gestalten. Meine leisen Wünsche und die gehegten Hoffnungen sollten von nun an keine leeren

Seifenblasen sein, dazu bestimmt, harmlosen Kindern für
einige Augenblicke ein Vergnügen zu bereiten, sondern sie
sollten in Erfüllung gehen, ehe ich hiervon noch eine Ahnung hatte.
Das leise Pochen an der Thür störte mich in meinen idealen Betrachtungen. Ich stand auf, um die Thür, die ich bereits zugeschlossen hatte, zu öffnen, und war nicht wenig betroffen, den Postboten von Hay vor mir zu sehen. Mit großer Freundlichkeit überreichte er mir einen zwischen den Fingerspitzen seiner linken Hand haltenden Brief, verneigte sich sodann mit eben so großer Freundlichkeit, worauf ich dem artigen Burschen einen Schilling* in die Hand drückte und damit für seine Bemühung freundlich dankte.
Ein Brief, sagte ich halblaut zu mir, und dazu an mich.
Diese Überraschung ist dir seit deinem Aufenthalte in Thornfield noch nicht zu Theil geworden. Bei diesen Worten brach ich in ein so heftiges Gelächter aus, dass ich mich wahrlich hätte schämen müssen, falls ich von jemanden beobachtet worden wäre.
Indessen hatte ich die Thür wieder sorgfältig zugeschlossen, und war mit dem Briefe an den Tisch gekommen, auf welchem zwei silberne Leuchter mit flammenden Wachskerzen standen. Die Adresse war von einer männlichen Hand geschrieben, denn eine so feste Handschrift wäre selbst von mir nicht zu erwarten gewesen, wiewohl ich zu Lowood stets den ersten Preis im Schreiben erhalten hatte.
*) Der Schilling ist eine englische Münze im Werte von
12 Pence, also 36 Neukreuzer, da man den Pence ungefähr zu
3 Neukreuzer rechnen kann.

Ohne mich lange zu besinnen, erbrach ich das Siegel; doch wer kann sich mein Erstaunen denken, als ich dem Schreiben die Gewissheit entnommen hatte, dass selbes von Herrn Rochester sei. Meine Freude war für den Augenblick eine unaussprechliche, doch wurde dieselbe bald in Traurigkeit verwandelt, da ich in demselben das Mittel sah, wodurch mir Mistreß Fairfax Freundschaft entzogen werden wird. Dies wäre für den gegenwärtigen Augenblick wol noch hingegangen, denn Mistreß Fairfax mußte es ja eben nicht wissen, dass Herr Rochester nicht der Haushälterin allein, sondern auch der Gouvernante geschrieben hat, und somit konnte auch deren Eitelkeit nicht verletzt werden. Allein der Brief enthielt nebst einigen für mich wahrlich unangenehmen Aufträgen auch die gewiss sehr erfreuliche Mittheilung, dass ich mit Adele und Mistreß Fairfax sobald als möglich nach Manchester kommen möge; Sofie soll uns bis dahin begleiten und sodann nicht mehr nach Thornfield zurückkehren.
Das alles wäre wol noch gegangen. Herr Rochester hatte aber seinem Schreiben eine Anweisung auf vierzig Pfund Sterlinge beigeschlossen, die ich auf dem Postamte zu Hay beheben und damit die Reisekosten decken sollte, da er mit der Gebahrung von Mistreß Fairfax nimmer zufrieden und deshalb gesonnen sei, hiefür das Hauswesen meiner Oberleitung anzuvertrauen.
In der That war Mistreß Fairfax eine Frau, die in der Jugend nicht Rechnen gelernt hatte, und sich deshalb auch
in den späteren Tagen auf diese eben so seltene als nothwendige Kunst nicht verstand. Ihr ging es so, wie es hundert anderen Frauen unserer Zeit schon ergangen ist, welche sich durch die Unzulänglichkeit in der Gebahrung des ihnen zur

Besorgung des Haushaltes anvertrauten Geldes die größten
Verlegenheiten bereitet haben. Darum vernehmet meinen Mahnruf, ihr Töchter unserer Zeit: Lernet schon in der Jugend Rechnen und erkennet die Sparsamkeit und Genügsamkeit als jene zwei Tugenden, welche einstens die Grundpfeiler eueres hauslichen Glückes und Wohlstandes bilden sollen.
Diese Anforderung war nun der Berg, den ich übersteigen sollte. Herrn Rochesters Zumuthung, dass mir sein Auftrag eben keine Verlegenheit bereiten werde, war eine ungegründete; denn eine solche Zurücksetzung war wol geeignet, selbst Jugendfreundinnen in die erbittertsten Feindinnen umzuwandeln In meiner gegenwärtigen Lage war wol guter Rath theuer, und ich fühlte jetzt mehr als sonst, wie verlassen derjenige Mensch auf Erden sei, der ohne Ältern, ohne Verwandte, ja selbst ohne Freund in der Welt stehe, und im Glücke wie im Unglücke auf sich selbst beschränkt ist.
Nie in meinem Leben hatte ich jemanden Unangenehmes
gewünscht, selbst nicht einmal dem höllischen John Reed,
meinem Peiniger an Gateshead; und doch muß ich geste-
hen, ohne vor mir selbst als Lügnerin zu erröthen, dass es
mir heute sehr angenehm war, Mistreß Fairfax unwohl zu wissen, ja es schien mir der einzige Ausweg zu sein, durch
ihr eigenes Misgeschick einer nicht geringen Verlegenheit zu entgehen. Der morgige Tag sollte mich vollkommen gerüstet und mit einem Plane versehen treffen, der einem hilflosen Wesen sicher Ehre machen wird. Der neue Tag war zwar gekommen, allein Jane war am Morgen noch eben so rathlos, wie am verflossenen Abende. Da verließ ich mich auf das gute Glück und dachte, der Mensch könne nicht immer

für jedes Ereignis vorbereitet sein; er müsse auch einen Theil seiner Erlebnisse dem Zufall überlassen.
Mir wurde plötzlich heiß, das Blut trat mir auf die
Wangen und das Herz schlug mir, wie es dem Missethäter
nach der verübten bösen That durch sein Pochen und Hämmern unablässig quälen müsse. Ich war unzufrieden mit mir selbst und machte mir bittere Vorwürfe über meinen Leichtsinn und die Oberflächlichkeit, mit welcher ich wichtige Momente des Lebens mit solcher Gleichgiltigkeit übergehe. Da sank ich beschämt vor das Kruzifix hin, faltete die Hände, suchte Trost und Erleuchtung im Gebete, und war so glücklich auch beide zu finden.
Da vernahm ich ein Geräusch vor der Thür und zugleich
einige unverständlich gesprochene Worte, an deren Schalltönen ich augenblicklich Mistreß Fairfax Stimme erkannte. Sie war so freundlich, mir einen Morgenbesuch und bei dieser Gelegenheit die Mittheilung zu machen, dass Miß Varens die heutige Nacht sehr unruhig geschlafen, und vielleicht in Folge dessen etwas unwohl sei, weshalb ich der Kleinen erlauben möge, einige Stunden länger im Bette bleiben zu dürfen.
Diese Nachricht kam mir ganz unerwartet, weil sie meine Pläne fast ganz durchkreuzte. Aber in demselben Augenblicke wurde es licht in mir, und was mir anfangs ungelegen kam, bot mir gleichsam die Handhabe zu einem Mittel, das allein geeignet war, mich aus meiner Verlegenheit zu ziehen, und das frühere gute Einvernehmen zwischen mir und Mistreß Fairfax zu erhalten.
»Thut mir sehr leid um die Kleine,« sagte ich zu Mistreß Fairfax; »doch lassen Sie uns derselben einen Besuch machen, um sie ein wenig zu erheitern.«
Ich fand den Zustand des Kindes keineswegs bedenklich,
und wäre Adele mein eigen gewesen, ich hätte sie ohne Verzug aufstehen lassen. So schien mir etwas Vorsicht umwillen meiner eigenen Sicherheit und Beruhigung nothwendig zu sein, deshalb erklärte ich, dass Adele erst gegen Mittag das Bett verlassen werde.
Nach dem Frühstücke hielt ich mich bei Mistreß Fairfax nur kurze Zeit auf und brachte den ganzen Vormittag bei der
Kleinen zu, benützte aber zugleich diese günstige Gelegenheit, um Herrn Rochester zu schreiben und ihm in Betreff der an mich gerichteten Anforderungen begründete Vorstellungen zu machen. Und wirklich ließ sich der gute Herr durch meine Bitten bewegen, an Mistreß Fairfax zu schreiben, und derselben in Betreff der Reise nach Manchester die diesfälligen Weisungen zu ertheilen.
Es ist, als stünde die gute Frau heute noch wie damals vor mir. Die zurückgeschobene Brille auf der Stirn, den Brief in der Rechten, und mit der Linken nach jener Stelle hinweisend, wo sich Herr Rochester seiner Mündel und auch
zugleich meiner mit einigen freundlichen Worten erinnert.
Ihr zur Seite stand die große Hauskatze, welche die vorgelesenen Worte gleichsam zu sekundiren suchte.
»Das ist doch ein prächtiger Mann, unser lieber Gutsherr,« sagte Mistreß Fairfax, indem sie den Brief zusammenlegte und die Brille wieder in die vorige Lage brachte.
»Was sagen Sie zu dieser Reise, Miß Reed, das wird eine
herrliche Schlittenfahrt geben, begleitet von dem freundlichsten Wetter.«

»Ich bin Ihrer Meinung, Mistreß, darum lassen Sie uns keine Zeit verlieren und unsere Abreise nach Thunlichkeit beschleunigen.«
»Natürlich!« sagte hierauf Mistreß Fairfax. »Wir reisen morgen ab, und mag da kommen, was wolle.«
Es wurden nun die warmen Reisepelze, mit denen man in Thornfield reichlich versehen war, aus der großen Garderobe herausgesucht und alle Anstalten getroffen, um morgen ohne Verzug abreisen zu können. Die Reise ging ohne Unfall vor sich und wir erreichten in einem Tage und in einer halben, aber äußerst frischen Nacht mittels Schlitten Manchester.
Herr Rochester war bei unserer Ankunft sichtlich erfreut und machte uns den Aufenthalt daselbst so angenehm als möglich. Auf mich hatte diese große Fabriksstadt einen mächtigen Eindruck gemacht, nicht nur wegen ihrer großartigen Gebäude und Fabriken, sondern weil sie die Wiege meiner Kindheit, weil sie meine Vaterstadt war.
Wir bewohnten den Crescent, eine im neuen Stadttheile in der Form eines Halbmondes angelegte Häuserreihe, und hatten die Aussicht auf den schiffbaren Irwell. Das Haus, welches Herr Rochester hier besaß, war nicht nur im modernsten Style erbaut, sondern auch auf das Prachtvollste und Geschmackvollste eingerichtet und ich muß gestehen, wir
wohnten hier trotz einer der ersten Herrschaften. Im älteren Theile der Stadt besaß Herr Rochester eine große Fabrik, eine sogenannte Baumwollmühle d. i. Baumwollspinnerei, die zu sehen für mich von großem Interesse war. Wiewol mit Geschäften sehr überhäuft, blieb er doch seinem Versprechen getreu, und begleitete uns nach der Fabrik, um

diese Arbeits- und Wundermaschinen in Augenschein zu
nehmen.
Durch die Erfindungen, die in Bezug auf die Baumwolle gemacht wurden, erscheint der Mensch nun wie mit tausend Händen gewappnet; denn die meisten Spinnräder zählen 5 bis 600 und viele sogar tausend und noch mehr Spindeln. Besonders interessant für mich war die von Withney erfundene Baumwollreinigungsmaschine, durch deren Gebrauch jetzt jede Gattung von Baumwolle zum Spinnen hergerichtet werden kann und die nicht nur in England, sondern auch in den vereinigten Staaten von Nordamerika in großer Verwendung steht.
Herr Rochester sagte mir, dass seine Fabrik manche Vortheile vor andern Fabriken besitze; jedoch sei die besteingerichtete Baumwollspinnerei die Orell’sche zu Stockport in der Nähe von Manchester.
Unser Aufenthalt in Manchester sollte nur so lange dauern, bis Herr Rochester seine Geschäfte geordnet hatte, und dann wollte er für dieses Jahr mehr Ruhe sich gönnen, als er sonst zu thun pflegte, weshalb beschlossen worden war, den ganzen Sommer in Thornfield zuzubringen. Wir verblieben daher bis nach Ostern in Manchester und traten am
25. April unsere Rückkehr nach Thornfield an.

Ein Fest im Paris zu Thornfield.

Als wir nach Thornfield kamen, hatte die ganze Gegend ihr winterliches Kleid abgestreift, und hie und da standen einzelne Büsche und Sträucher bereits in ihrem schönsten

Schmucke vor uns. Die Hügelreihen der Umgebung unseres Schlosses waren eben aus ihrer Unthätigkeit hervorgetreten und bewiesen auf das Nachdrücklichste, dass die ganze Natur in ihrer Neugestaltung begriffen sei. Der geräumige Park, welcher mit Inbegriff der Waldpartie eine Ausdehnung von zwei Meilen hatte, bot einen äußerst interessanten und überraschenden Anblick dar; denn hier war die Natur eben im
Keimen begriffen, weshalb die mannigfaltigen Schattirungen der verschiedenartigen Baumgruppen ein Landschaftsbild von
ganz eigenthümlicher Art darboten. Die lieblichen Sänger der Wälder und Haine hatten fast gleichzeitig mit uns ihre
Rückkehr nach Thornfield angetreten, und fast mit jedem neuen Morgen konnte ein aufmerksamer Beobachter neue
Ankömmlinge unter den befiederten Naturfreunden entdecken.
Seit unserer Rückkehr von Manchester stand Adele unter meiner Aufsicht und Leitung, weshalb ich meine Wohnung ändern und mit einer geräumigeren vertauschen mußte.
Ich und Adele bewohnten jetzt den linken Flügel des zweiten
Stockwerkes, welcher aus vier geräumigen Zimmern nebst einem kleinen Salon bestand, da Herr Rochester beschlossen
hatte, das vorhandene Klavier nach dem zweiten Stocke bringen zu lassen, während der große Salon mit einem ganz neuen Flügel versehen werden sollte. Unsere Wohnung war sehr geschmackvoll hergerichtet worden und zu unserer Bedienung ein eigenes Mädchen aus Manchester mitgebracht, da Adelens Bonne nach ihrer Heimat befördert worden war.
Seit meiner zweiten Ankunft in Thornfield schien auf dem
Schlosse eine ganze Umwälzung vorzugehen. Die Dienerschaft
wurde vermehrt, drei prachtvolle Equipagen nebst mehreren

Pferden waren von London angekommen und acht Tapezierer arbeiteten schon durch volle drei Wochen auf dem Schlosse.
Der vordere Theil des Parkes, welcher ganz nach französischer Art angelegt war, wurde noch merklich verschönert und der große Kiosk ganz im orientalischen Style hergerichtet War die Ursache jener Umgestaltung der Schönheitssinn des Herrn Rochester allein, oder wurde er bei diesem Unternehmen von andern Grundsätzen geleitet? Diese Frage hatte ich mir im Laufe der Zeit mehrmals gestellt, ohne darauf die richtige Antwort zu finden. Mistreß Fairfax hätte mir vielleicht darüber Auskunft geben können; allein die Trennung, welche durch die Wohnungsveränderung herbeigeführt worden war, ließ mich den ganzen Tag hindurch keinen Augenblick finden, der geeignet gewesen wäre, einander unser Anliegen mitzutheilen, da wir uns außer dem Mittagstische nur sehr selten sahen. Das Frühstück wurde uns aufs Zimmer gebracht und den Thee nahmen wir in Gesellschaft des Herrn Rochester.
Selbst in den Park kamen wir nur in den Morgen- und
Abendstunden, da ein ungewöhnlich heißer Sommer jede Bewegung in der freien Luft zu einer andern Tageszeit fast unerträglich machte.
Eines Tages trafen wir in der Morgenstunde Herrn Rochester im Park. Ich hatte eben mit Adelen die große Lindenallee durchschritten, und wollte am chinesischen Lusthause vorüber, um an den großen Teich zu kommen, als uns Herr Rochester den Weg vertrat und fragte, welchen Zweck unser Spaziergang habe. Jch war wol etwas verlegen, da eine solche Frage seit meinem Aufenthalte in Thornfield noch zu keiner Zeit an mich gestellt worden war, und konnte in meiner Verlegenheit für den ersten Augenblick gar keine

Antwort finden, weshalb mich Herr Rochester aus der qualvollen Lage befreite und die an mich gerichtete Frage sich selbst beantwortete, indem er sprach: »Sie wollen wahrscheinlich nach dem großen Teiche gehen, damit Adele unter die Fischlein den Rest ihres Morgenbrodes vertheilen könne?«
»Ja!« sagte ich hierauf; »das ist der Zweck unseres Spazierganges. Weil Adele mich darum gebeten hat, so wollte ich der Kleinen dieses Vergnügen nicht versagen.«
»Ganz wohl!« erwiderte hierauf Herr Rochester. »Ich hätte zu einer andern Zeit nicht die geringste Einwendung gemacht; allein heute muß ich Sie ersuchen, diesen Weg zu
meiden, indem dort viele Menschenhände beschäftiget sind, die Ihre Gegenwart nur stören könnte.«
Wir lenkten also rechts ein, um unsern Rückweg anzutreten, und Herr Rochester begleitete uns eine Strecke durch dieselbe Allee, welche wir vor ungefähr einer Viertelstunde
verlassen hatten.
»Ich werde Sie ersuchen, Miß Reed, morgen mit der Kleinen auf Ihrem Zimmer zu speisen. Wir erwarten einige Gäste hier auf dem Schlosse, und ich sehe es nicht gerne, wenn Kinder sich unter erwachsenen Personen bewegen, wo sie sich nur langweilen und eben dieserwegen den Magen voll pfropfen. Man hat dann beständig an ihnen zu korrigieren, thut denselben somit nichts Gutes und bürdet sich und Andern eine Last auf, die leicht zu beseitigen ist.«
»Ich bin ganz Ihrer Ansicht, Sir,« erwiderte ich hierauf, »und werde bemüht sein, Ihren Wünschen nachzukommen.«
»Für den Nachmittag soll Adele frei haben; gegen Abend können Sie mit ihr den Park in seinem schönsten

Schmucke besichtigen und auch dem Wasserfeuerwerke, welches
auf dem großen Teiche abgebrannt werden wird, beiwohnen.«
Hierauf verließ uns Herr Rochester; ich nahm Adele bei der Hand und führte sie nach unsern Gemächern, da die Zeit zum Unterrichte bereits herangerückt war.
Also morgen ist das große Fest, sagte ich am Abende zu mir, als ich beim Arbeitstische saß und fleißig nähte, während Adele mit ihrer Puppe vollnuf zu thun hatte. Herr Rochester ist plötzlich aus seiner Zurückgezogenheit hervorgetreten und hat die Einsamkeit mit einem prunksüchtigen und geräuschvollen Leben vertauscht. Woher doch diese plötzliche Veränderung kommen mag? -- Was mag den an die Einsamkeit und Ruhe so sehr gewohnten Herrn bewogen haben, ein Fest von solchem Kostenaufwande und solcher Ausstattung
zu veranstalten?
Diese und ähnliche Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, und wirkten selbst lähmend auf meine Arbeit, denn ich hatte bereits die Hände in den Schooß gelegt und ganz gedankenlos nach der untergehenden Sonne gesehen, welche mit ihren glänzenden Stralen bereits die Gipfel der Berge zu bestreichen begann, um nach vollendetem Untergange die ganze Gebirgsränderung in ihren Purpurmantel zu hüllen.
»Ein herrlicher Abend,« sagte ich halblaut zu mir.
»Aber noch herrlicher wird der morgige sein,« sagte
hierauf eine mir wohlbekannte Stimme.
Ich fuhr erschrocken zusammen und sprang pfeilschnell von meinem Sitze auf, während Mistreß Fairfax unter lautem Gelächter hinter meinem Stule hervortrat. Die Thür des Zimmers war nur zugelehnt, und so hatte ich in meiner

Vertiefung gar nicht bemerkt, dass jemand ohne mein Wissen ins Zimmer getreten sei.
»Nur nicht so furchtsam, Miß«, nahm sie hierauf das
Wort, »wir sind ja schon alte Bekannte, wenn wir uns
auch jetzt weniger als sonst sehen.«
»Das ist wol nicht meine Schuld, Mistreß Fairfax«
antwortete ich hierauf. »Ihre und meine Geschäfte heißen
uns beide verschiedene Wege gehen.«
»So ist es,« erwiderte Mistreß Fairfax. »Darum vernehmen Sie schnell die Ursache meines Besuches, denn ich habe für den morgigen Tag noch Manches zu besorgen.«
»Werden die Gäste zahlreich sein, die von Herrn Rochester geladen worden sind?« fragte ich, bemüht, meine Neugierde durch das Ordnen meines Nähtischchens zu bemänteln.
»Es scheint, weil der Tisch für zwanzig Personen gedeckt werden und das Diner bis 5 Uhr bereit sein muß.
Morgen dürfte es überhaupt auf dem Schlosse lustig hergehen,« sagte Mistreß Fairfax weiter, »denn unser Herr feiert morgen den Jahrestag seiner Rettung von dem sicheren
Tode.«
»Wie so?« fragte ich weiter. »War Herr Rochester so schwer krank, dass --«
»Das nicht,« fiel mir Mistreß Fairfax in die Rede.
»Aber Herr Rochester hat vor fünf Jahren eine Reise nach Amerika unternommen, und war auf der ganzen Hinfahrt recht glücklich. Als er aber nach einem dreimonatlichen Aufenthalte in Neu-York mit dem Dampfer »Themse«, welcher das Eigenthum einer Liverpooler Gesellschaft war, auf der Rückreise begriffen war, litt er Schiffbruch. Von 39 Passagieren wurde er allein und von der Schiffsmannschaft außer dem Kapitän, dem Steuermann und dem Koch keine Seele gerettet; Alle fanden in den Wellen des Meeres ihr Grab. Zum Gedächtnisse sowie zum Dank für seine Rettung aus der Todesgefahr hat Herr Rochester die Kreuzkapelle zu Hay gestiftet und der Kirche daselbst einen bedeutenden Geldbetrag zur Erhaltung derselben übergeben.«
Mistreß Fairfax hatte mit ihrer Rede inne gehalten, und dennoch fand ich keine Worte, ihr etwas Entscheidendes zu sagen. Da wurde ich durch sie aus einer Verlegenheit befreit, die vielleicht weniger für mich als für Andere bemerkbar war.
»Doch zur Sache, Miß,« nahm jetzt Mistreß Fairfax das Wort. »Der Schneider aus Millcote ist hier. Er hat für Miß Varnes zwei neue Kleider gebracht, und für Sie --«.
»Und für mich?« fuhr ich der geschwätzigen Haushalterin in die Rede. »Ich habe kein Kleid bestellt; auch ist mir kein Schneider aus Millcote bekannt. Doch lassen Sie den Mann heraufkommen, damit ich mit demselben selbst reden kann.«
Bei diesen Worten rief ich Louise, unser Mädchen, damit sie Mistreß Fairfax begleite und dem Schneider als Wegweiser nach unserem Zimmer diene.
Ich war nicht wenig erstaunt, als Louise mit zwei Männern zurückkehrte, wovon jeder einen Pack trug. Es war der Meister mit seinem Gehilfen, welche den Auftrag hatten, jede gewünschte Veränderung sogleich auf dem Schlosse vorzunehmen.
Meine Ungeduld wuchs fast mit jeder Sekunde, bis

der Schneider das Kleid ausgepackt hatte; denn ich war neugierig, wie dasselbe aussehe, und ob es wirklich für mich bestimmt sei.
Es war ein Seidenkleid von schwerem Stoffe, dessen Wert ich gar nicht zu schätzen wusste, da ich mit Kleidern dieser Art in meinem ganzen Leben nichts zu schaffen gehabt hatte. Der Grund war kornblumenblau und mit Rosen in einem äußerst geschmackvollen Dessin eingearbeitet.
»Wer hat das Kleid bei Ihnen bestellt?« fragte ich
voll Verwunderung.
»Herr Rochester,« entgegnete der Mann, »und noch dazu mit der Bemerkung, dass ich den ganzen Schaden tragen müsse, falls Ihnen dasselbe nicht passen sollte. Darum würde ich bitten, mich aus dieser mislichen Ungewissheit zu befreien.«
Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und rief ganz maschinenmäßig Louise aus dem Nebenzimmer herbei, damit mir das Mädchen beim Ankleiden behilflich sei. Ich zog also das Kleid an, trat vor den Spiegel hin, um die Schönheit meines neuen Anzuges zu bewundern, und war von der Pracht und Eleganz desselben nicht wenig überrascht. Mein einfacher aber geschmackvoller Anzug hatte stets meinen ungetheilten Beifall erhalten; doch muß ich gestehen, bisher von dem noch keine Ahnung gehabt zu haben, welch auffallende Veränderung ein Anzug bei dem Menschen hervorrufen kann; denn ich war nicht mehr die einfache Gouvernante im Leinen- und Schafwollkleide, sondern eine englische Dame stand vor mir, umgeben von den Domestiken des Hauses, die bereit waren, deren Befehle entgegenzunehmen

Hätte ich nicht so feste Grundsätze besessen, so wäre dieser Augenblick vielleicht ganz dazu geeignet gewesen, mich von der Bahn der Demut und Tugend abzubringen und dem
sicheren Verderben entgegenzuführen, wozu Eitelkeit und Putzsucht in den meisten Fällen die Wege bahnen.
»Jane!« sprach ich hierauf zu mir. »Das Kleid ist schön, es ist prachtvoll und macht dir eine unendliche Freude; doch soll deine Freude stets eine kindliche bleiben, wie bisher, und nie sollen Eitelkeit, Hoffart und Stolz sich in dein Herz schleichen, und daselbst ihren Wohnsitz aufschlagen --
davor bewahre mich Gott jetzt und für alle Zeiten.«
In demselben Augenblicke trat Herr Rochester ein. Er hatte mit seiner Mündel einen kleinen Spaziergang nach dem nahen Gehölze unternommen, und dieselbe bei seiner Rückkehr wieder unter meine Obhut gestellt. Beschämt, von demselben in diesem Kleide angetroffen zu werden, schlug ich die Augen zu Boden, und getraute mich kaum aufzublicken.
Herr Rochester, dem meine Verlegenheit nicht entgangen war, nahm hierauf das Wort und sprach: »Ich war so frei, Ihnen dieses Kleid zu bestellen, Miß Reed, und hoffe, Sie hierdurch nicht etwa beleidiget zu haben. Es soll vor der
Hand nur als ein kleiner Beweis gelten, wie sehr ich Ihre
Mühe und Sorgfalt, die Sie auf die Kleine verwenden, zu
würdigen weiß; -- mein Dank wird erst bei einer andern
schicklicheren Gelegenheit folgen. Übrigens mache ich die Bemerkung, dass dieses Kleid, welches für Sie zu dem morgigen Feste bestimmt ist, meinem Hause nur Ehre machen wird, denn es gefällt mir jetzt als Kleid weit besser, als dies anfangs bei dem Stoffe der Fall war.« Herr Rochester
küsste hierauf Adele, und empfahl sich von uns auf ein

freundliches Wiedersehen, nahm aber zugleich den Schneider
mit, um den Mann für seine Arbeit und Pünktlichkeit auf eine würdige und gerechte Weise zu belohnen.
Die aufgehende Sonne verkündigte uns den schönsten und herrlichsten Tag; nur etwas heiß schien es zu werden,
weßhalb erst der Abend eine Erholung in Aussicht stellte.
Wiewol die meisten Arbeiten schon den Abend zuvor verrichtet worden waren, so gab es vom Morgen bis zum Nachmittag doch noch vollauf zu thun; denn es waren auf den
Treppen noch die Teppiche zu legen, die chinesischen Vasen
mit zierlichen und sorgfältig gewählten Blumen zu versehen,
und in den Zimmern und Salons manche Menschenhände
erforderlich, um durch Kunst und Fleiß jeden Eintretenden
zu überraschen. Im Speisesalon blitzte der Nebentisch von
Silbergeschirren jeder Art, und auf dem ganzen Wege bis
zu demselben sah man die seltensten Blumen terrassenartig
aufgestellt, da Herr Rochester für diesen Tag einen eigenen
Salon im Parke herrichten ließ.
Gegen drei Uhr erschien Mistreß Fairfax im vollsten
Putz, denn es war ihr Geschäft, die Gesellschaft zu empfangen und die Damen in die Salons einzuführen. Wir hatten nun keine Zeit mehr zu verlieren, deshalb ermunterte ich Louise, Alles bereit zu halten, um Adelen ankleiden zu können, da ich eben beschäftiget war, deren blonden Lockenkopf in Ordnung zu bringen.
Die Geladenen ließen auf sich warten, und verursachten Mistreß Fairfax durch ihr Ausbleiben einigen Kummer,
wiewol die gute Frau um eine Stunde später angetragen hatte, als es der Wunsch ihres Gebieters war. In ihrer
Ungeduld schickte sie den alten John an die Schlosspforte

hinab, damit er sich ein wenig umsehe und sodann eilig Bericht erstatte, falls er die Kutschen auf der Straße nach Millcote bemerken sollte. Der Diener that, wie ihm befohlen
worden war, kam aber bald mit der Nachricht zurück, dass auf dem ganzen Wege nicht die geringste Spur von Equipagen
bemerkbar sei.
»Das ist höchst unangenehm,« sagte Mistreß Fairfax, »und wird mir und den Köchen manche Unannehmlichkeit zuziehen. Geh’ abermals nach der Straße, stelle Dich etwas links, damit Du die Krümmung des Weges übersehen kannst, denn so weit können sie doch nicht mehr entfernt sein, dass man aus den aufwirbelnden Staubwolken nicht auf deren Ankunft schließen könnte.
John ging und kam nach ungefähr zehn Minuten mit der Nachricht zurück, den ersten Wagen schon gesehen zu haben; auch einige Herrn zu Pferde wollte er bemerkt haben.
»Dein Himmel sei es gedankt,« sagte Miftreß Fairfax, »dass er diese Last der Ungewissheit von meinen Schultern genommen hat.«
Adele lief ans Fenster; -- ich folgte, stellte mich jedoch so, dass ich, durch den großen Vorhang geschützt, sehen
konnte, ohne eben von den Ankommenden bemerkt zu werden.
Unsere Neugierde sollte aber nicht so bald befriediget werden, denn wir harrten über eine Viertelstunde, und noch
immer wollte kein Wagen bemerkbar werden. Da vernahmen wir Hufschläge und bald darauf ein Rollen der Wägen. Vier Reiter kamen dahergesprengt und diesen folgten mehrere
offene Wägen. Flatternde Schleier und schwankende Federn
machten sich alsbald bemerkbar; zwei von den Reitern waren
junge, stattliche Herren; der zur Rechten Herr Rochester,

welcher seinen stolzen Rappen, angeblich einen Araber ritt;
links trabte ein alter Herr mit silberweißem Haar und in der Mitte eine Dame in einem himmelblauen Reitrocke mit
weißem Oberleibe. Sie trug ein weißes Hütchen mit einer
weißen, hochwallenden Feder, den Schleier zurückgeschlagen, und schien sich mit Herrn Rochester auf das Angenehmste zu
unterhalten, der unablässig bemüht war, Pilot von der Seite
zu treiben, da das Pferd der Dame unablässig aufstieg und
sich sogar mehrmals bäumte, -- wahrscheinlich durch das unausgesetzte Anschlagen des Hundes etwas scheu gemacht.
»Das ist Mistreß Ingram!« rief Mistreß Fairfax, und verließ eilends das Zimmer, um sich in den Empfangssaal zu begeben.
Adele war über die Dame im Reitrocke ganz entzückt und meinte, ein solches Reitkleid müsse einst auch sie haben.
Sie wollte hinunter, um die Dame in der Nähe betrachten zu können. Ich zog die Kleine an mich, strich ihr die Locken aus der Stirn und machte derselben begreiflich, dass dies
höchst unschicksam wäre. »Du darfst Dich vor den Damen nicht eher zeigen, bis Du gerufen wirst; Herr Rochester wird dies schon veranlassen, falls er es für nothwendig finden sollte.«
Nun ging es auf dem Schlosse wirr durcheinander. Die
Bedienten hatten vollauf bei ihren Herrschaften zu thun, die Kutscher und Reitknechte waren beschäftiget, ihre Pferde zu versorgen, und in der Küche wie in der Zuckerbäckerei waren bei zwanzig Personen beschäftiget, um Voranstalten zum Auftragen der verschiedenartigsten Gerichte zu treffen, da sich die Herrschaften bereits nach dem Speisesaal in den Park begeben hatten.

Diese Gelegenheit benutzte ich, um die ganze Gesellschaft genauer betrachten zu können, weil dies jetzt um so genauer geschehen konnte, ohne von jemanden bemerkt zu werden.
Herr Rochester eröffnete den Reigen, indem er der verwittweten Lady Ingram den Arm bot. Sie war eine Dame von hohem, schlanken Wuchse, in den Jahren zwischen dreißig und vierzig, und hatte erst auf dem Schlosse Toilette gemacht. Nicht minder liebenswürdig als die Mutter waren ihre beiden Töchter, Else und Mary, wovon die eine sechzehn, die andere siebzehn Sommer zählte. Mary war eine Blondine von ausgezeichnet feinem Teint, trug die Haare kurz gerollt und in ein goldenes Netz gehüllt. Das weiße Kleid mit dem auf blauem Grund gestickten Silbergürtel erhöhte deren schlanken Wuchs und verlieh der niedlichen Gestalt einen besonderen Reiz. Noch interessanter war Elisa. Das glänzend schwarze Haar und die über den blendend weißen Nacken rollenden Locken verliehen der ohnehin reizenden Phisiognomie noch mehr Ausdruck und Anmut. Das Haar war
mit frischen Rosen durchflochten, welche durch zitternde Nadeln von edlem Gestein gehalten wurden, und das himmelblaue Seidenkleid wurde durch einen goldenen Gürtel geziert, der noch überdies mit zwei flatternden Goldschleifen versehen war. Beide erschienen in Begleitung ihres Oheims, Oberst Dent, welcher nebst Herrn Rochester Lady Ingram zu Pferd begleitet hatte. Diesen folgte Frau Obristin Dent am Arm eines Gentleman. Ihr Aussehen war weniger glänzend, doch schien sie eine Dame von besonders feinem Anstande zu sein. Sie war von mittlerer Größe, etwas dickleibig und trug ein schwarzes, mit feinen Spitzen

geputztes Atlaskleid, und ihr Schmuck bestand aus großen
orientalischen Perlen nebst einer Broche von Brillanten. Der Fächer war zwar prachtvoll, doch etwas altmodisch und harmonirte mit jenen der übrigen Damen nicht im geringsten.
Jetzt kam Lady Scrif am Arme ihres Gatten, einst Parlamentsmitglied für Millcote. Sie war eine Dame von etwa
dreißig Jahren und durch ihre Schönheit wie durch ihren Reichthum bekannt, indem nach dem Tode ihres Vaters, der einer der reichsten Fabriksherren zu London gewesen sein soll, ein unermessliches Vermögen auf die einzige Erbin
überging. Das blasse Gesicht und die sanften Züge waren
der Ausdruck ihrer besonderen Freundlichkeit und Herzensgüte. Sie trug ein prächtiges, changirendes Seidenkleid mit breiten Blonden und einer Echarpe von gleichen Spitzen. Das Haar war mit einer Schmetterlingsblume von Brillanten und einer azurblauen Feder geschmückt, und um den Hals trug sie eine einfache Perlenschnur mit einem kleinen Medaillon. Den Zug schlossen nebst mehreren älteren und jüngeren Herren Mistreß Eglie mit ihrer Tochter Amy, die etwa zwanzig Jahre alt sein konnte und nichtsdestoweniger als schön genannt zu werden verdient. Was ihr von der Natur an äußeren Reizen versagt worden war, das ersetzte ihr hervorragender Verstand und die seltene Bildung, die sie genossen hatte. Amy war so wie ihre Mutter am einfachsten gekleidet. Das weißmusselinene Kleid und der hellblaue Gürtel standen ihr gut; weniger passend für sie schien mir das gold- und silbergeknüpfte Netz, worein ihre feuerrothen, kurzgeschnittenen Haare geschlagen waren; denn dazu schien sie mir zu wenig jugendlich, wiewol in England solche Netze selbst von älteren Fräuleins getragen werden. Mistreß Eglin war eine Dame von nahe an vierzig. Ihre Haltung war fest und der Ausdruck ihres Gesichtes trug die Spuren von Leidenschaftlichkeit und Stolz an sich. Für den ersten Augenblick glaubte ich Mistreß Reed zu erblicken, da sie mit dieser Dame sprechende Ähnlichkeit hatte. Ihr Auge war streng und hart, und der mehr nach außen gerichtete Blick schien den Tadel zu beurkunden, mit welchem sie ihr misliebige Personen zu begleiten gewohnt war. Man sagte mir später, dass diese Dame ungemein witzig, ihre Zunge aber sehr scharf und verletzend sein soll, weshalb sie von Manchen gefürchtet wurde.
Die Unterhaltung war nicht nur sehr lebhaft, sondern auch sehr andauernd, denn man erhob sich erst gegen zehn Uhr von der Tafel, um sich nach dem großen Teiche zu begeben, wo das Wasserfeuerwerk abgebrannt werden sollte. Die Gesellschaft mußte den in der Ferne rollenden Donner gar nicht vernommen haben, bis die in langen Schlangenlinien
durch die Luft fahrenden Blitze einige aus der Gesellschaft
darauf aufmerksam machten, dass ein furchtbares Gewitter
nicht erst im Anzuge begriffen sei, sondern sich bereits über dem Haupte der lustigen Gaste entlade.«
Man war unschlüssig, was geschehen soll. Während Einige der Meinung waren, dass in wenigen Minuten ein heftiger Gewitterregen bevorstehend sei, hatten bereits Andere in die auf das Imposanteste beleuchtete Lindenallee eingelenkt, welche zum Feuerwerksplatze führte, kamen aber alsbald in der größten Eile zurück, um vor dem in schweren
Tropfen fallenden Regen im Gartensalon Schutz zu suchen. Der Wind, der anfangs nur mäßig von Westen gegen Osten trieb, hatte binnen wenigen Minuten umgesetzt und sich in

einen Sturm verwandelt, der die gefüllten Ballons niederriss und viele von den hellstralenden Lichtern im Salon ausblies. Schnell mußten die Diener herbeieilen, um die nach Südwest gerichteten Fenster zu schließen, da der Sturm den Regen massenhaft in den Salon warf. Da fuhr ein Tod und Verderben verkündender Feuerstral aus einer schwarzen Gewitterwolke, begleitet von einem solch heftigen Donnerschlage, dass Miß Amy Eglin, die nebst sehr reizbaren Nerven auch große Furcht vor Gewittern haben mußte, in Ohnmacht fiel.
Der Blitz fuhr ungefähr zwanzig Schritte vom Salon in den Boden, und hatte durch sein grelles, blendend weißes Licht den Park wie das ganze Schloss in eine magische Beleuchtung gehüllt, die zwar schauerlich war, aber dennoch imposant genannt werden muß.
Ich war wirklich froh, die Kleine schon bei Zeiten ins Bett gebracht zu haben, da ich voraussah, dass wir heute Abends sicher nicht gerufen werden, um der Gesellschaft vorgestellt zu werden.
Die Damen waren in keiner geringen Verlegenheit, wie sie aus dem Gartensalon nach den Zimmern des Schlosses kommen sollten, da binnen einer Viertelstunde die meisten Wege des Parkes durch die starken Regengüsse in einen See verwandelt waren. Eben so übel waren die Herren mit ihren papiernen Stiefletten und noch ärger diejenigen aus ihnen daran, welche es vorgezogen hatten, ihre festere Fußbekleidung auf dem Schlosse mit Schuh und Strümpfen zu vertauschen. Dazu kam noch der starke Schwefelgeruch, den der niedergegangene Blitz zurückgelassen hatte, und der den Aufenthalt im Salon fast unerträglich machte. Die ganze Katastrofe abzuwarten schien mir von zu untergeordnetem

Interesse, daher schloss ich meine Fenster und begab mich zur Ruhe.
Ich hatte eine äußerst unruhige Nacht gehabt, wiewol ich spät zu Bett gegangen war und der Schlaf mich schon ziemlich gequält hatte. Die aufgeheude Sonne fand mich schon wach und völlig angekleidet, während auf dem Schlosse noch Alles im tiefen Schlaf versunken war. Ich öffnete die Fenster und fand, dass die Luft ungemein mild und stärkend sei, weshalb ich beschloss, einen Spaziergang nach der großen Lindenallee im Park zu unternehmen. Die frische Morgenluft hatte meine Nerven etwas angegriffen. Ich fühlte eine große Müdigkeit und Abgeschlagenheit in allen Gliedern meines Körpers, darum wendete ich mich bei dem neuerrichteten Salon links, trat in die große Laube, welche von Efeu und wilden Weinreben ganz umrankt war, und ließ mich auf einem der hier angebrachten Sitze nieder. Mir war nicht ganz wohl, das fühlte ich, und dennoch wollte mir der Zustand meiner Unbehaglichkeit nicht klar werden. Ich beugte mich gegen den Tisch vor, stützte den Kopf in die rechte Hand und fing an, über mich und über mein ganzes Leben ernstlich nachzudenken Dass jene Gedanken und Empfindungen, die durch mancherlei Erinnerungen in mir wachgerufen worden waren, zur Herstellung eines besseren Zustandes nicht geeignet waren, kann ich meine freundlichen Leser und Leserinnen aufs Wort versichern.
Plötzlich vernahm ich einige Fußtritte und alsbald ein ziemlich starkes Geräusch im Gebüsche. Ich erhob mich von meinem Sitze, um nach der Ursache jener unliebsamen Störung zu sehen, und traf in dem Augenblicke, als ich in die Lindenallee trat, mit Mistreß Fairfax zusammen.

»Ich habe Sie schon im ganzen Schlosse gesucht und konnte Sie nirgend finden,« sagte Mistreß Fairfax, nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten. »Ein Mann aus Gateshead ist hier, der Sie dringend zu sprechen hat.«
Diese Nachricht hatte mich nicht nur überrascht, sondern auch merklich erschüttert. Was konnte wol die Veranlassung
sein, einen Boten von Gateshead abzusenden, um mich aufsuchen zu lassen? Ich bat Mistreß Fairfax, mich nach
dem Schlosse zu begleiten, um den Boten daselbst aufzusuchen. In den Räumen des untern Stockwerkes kam ein Mann auf mich zugeschritten, der mich freundlich grüßte und fragte, ob er die Ehre habe, Miß Reed zu sprechen. Ich erklärte, dass ich so heiße und erkundigte mich, woher er komme und wer ihn hieher geschickt habe.
»Ach, Miß Jane, Sie kennen mich entweder wirklich nicht mehr, oder Sie wollen mich nicht mehr kennen. Ich bin John, der Kutscher von Mistreß Reed.«
»Ich hätte Euch wahrlich nicht mehr erkannt, mein lieber John,« erwiderte ich hierauf. »Doch sagt, was Euch
hieher nach Thornfield führt?«
»Die Sehnsucht einer Sterbenden, die Sie vor ihrem Ende noch einmal zu sehen und zu sprechen wünscht,« sagte John mit beklommener Stimme. »Mistreß Reed ist auf den Tod krank und lässt Sie bitten, eiligst nach Gateshead zu kommen, indem sie ein großes Anliegen auf dem Herzen habe. Ist es möglich ihrer Bitte Folge zu leisten, so habe ich den Auftrag, Sie auf der Reise zu begleiten.
Ich wusste gar nicht, wie mir geschah; doch fasste ich den Entschluss, meiner Tante, die an mir so großes Unrecht begangen hatte, den letzten Trost nicht zu versagen, wenn

anders Herr Rochester zu bewegen wäre, mir auf einige Wochen einen Urlaub zu ertheilen. John hatte mir zugleich die Mittheilung gemacht, dass die Reise keinen Aufschub erleide, falls ich Mistreß Reed noch vor ihrem Ende sehen wolle.
Dass diese Angelegenheit keinen Aufschub erleide, war mir wol einleuchtend; doch mußte ich fürchten, dass meine Bitte Herrn Rochester im gegenwärtigen Augenblicke etwas ungelegen kommen werde. Doch hatte ich mir vorgenommen,
meine ganze Beredsamkeit aufzubieten, um meinen Gebieter von der Dringlichkeit dieser Reise zu überzeugen. Ich führte John in ein Zimmer, rief einen Diener herbei, damit er dem Manne einige Erfrischungen reiche und begab mich sodann nach dem oberen Stocke, um Herrn Rochester aufzusuchen. Die Angst beflügelte meine Schritte. Ich lief über die Gallerie, und wollte eben nach der mittleren Treppe einbiegen, um vorerst nach Adelen zu sehen, als Herr Rochester aus seinem Zimmer trat. Er mußte mich nicht gleich bemerkt haben, denn seine ganze Aufmerksamkeit schien die glühende Zigarre auf sich gezogen zu haben, die irgend einen Fehler haben mußte, dessen Entdeckung den leidenschaftlichen Raucher vollauf beschäftigte. Endlich hatte er mich bemerkt und ging auf mich zu, indem er mir einen freundlichen Morgengruß brachte und sich nach meinem Befinden erkundigte. Ich dankte herzlich für diese freundliche Erinnerung und brachte, da ich keine Zeit verlieren und diese günstige Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen lassen wollte, meine Bitte vor.
»Sir!« sprach ich mit beklommener Stimme, »ich möchte bei Ihnen um die Erlaubnis nachsuchen, mir auf zwei bis drei Wochen einen Urlaub zu bewilligen, um meine

Tante, die auf den Tod krank ist und nach mir verlangt, zu
besuchen.«
»Wie, Sie haben Verwandte? davon haben Sie zu keiner Zeit noch Erwähnung gethan. Wer sind Ihre Verwandten und wo wohnen dieselben? --«.
»Ich habe außer Mistreß Reed zu Gateshead, die meine
Tante ist, keine Verwandten,« sagte ich hierauf, »und eben
diese Tante wünscht mich vor ihrem Tode noch zu sehen.«
»Da müssen Sie auch ihren Wünschen nachkommen,« erwiderte hierauf Herr Rochester. »Doch sagen Sie mir, Miß Jane, warum Sie nicht in dem Hause Ihrer Tante geblieben sind, da sie doch einst so reich war?«
»Sie ist es noch, Sir,« erwiderte ich hierauf etwas hastig. »Und eben ihr großer Reichthum mag die Ursache sein, weshalb sie die armen Verwandten ihres Mannes verachtete und beständig ein Bettelvolk nannte, welche Reden meinen Onkel, der meines Vaters leiblicher Bruder gewesen ist, oft tief verwundet hatten. Als ich Vater und Mutter verloren hatte, zählte ich kaum sechs Jahre. Onkel Reed nahm mich in sein Haus auf, um mich mit seinen Kindern erziehen zu lassen, mußte aber nach dessen Tod die bittersten Kränkungen und selbst die gemeinsten Mishandlungen ertragen, deren Urheber vornehmlich der wilde John, damals
ein Junge von ungefähr eilf Jahren, war. Bald darauf gab mich Mistreß Reed ins Waisenhaus nach Lowood, wo ich erzogen wurde und als Lehrerin so lange verweilte, bis ich in Ihr Haus kam.«
»Jetzt kann ich mich an diese Familie deutlicher erinnern,« sagte Herr Rochefter. »Mistreß Reed hat auch zwei Töchter, wovon die Eine vor zwei Jahren durch ihre Schönheit in London großes Aufsehen erregte. Auch lebte Mistreß Reed damals auf einem sehr großen Fuße, gab außerordentlich große und stark besuchte Gesellschaften, was ihre häuslichen Verhältnisse etwas derangirt haben mag. Vornehmlich mag aber der junge Herr zu der großen Zerrüttung ihrer Vermögensumstände beigetragen haben, denn er führte daselbst ein Haus trotz dem reichsten Lord unseres Landes. Seine Pferdeliebhaberei und die Spielsucht sollen binnen zwei Jahren unermessliche Summen verschlungen haben. Kreditpapiere, die seine Mutter einzulösen nothgedrungen war, soll die Finanzen dieser sonst so angesehenen Familie gänzlich zerrüttet haben.
Und wie mir dieser Tage erzählt wurde, so hat sich der liederliche Sohn durch einen Pistolenschuss entleibt.«
Ich zitterte am ganzen Leibe, und die Füße versagten mir förmlich den Dienst. Als ich mich endlich gesammelt hatte, erklärte ich Herrn Rochester, dass mir von den traurigen Verhältnissen der Tante nichts bekannt sei.
»Sie bemerkten vorerst, dass man Sie in dein Hause Ihrer Tante nicht nur mit Geringschätzung, sondern sogar mit Verachtung behandelt und endlich gleich einer Fremden aus dem Hause gestoßen habe,« sagte hierauf Herr Rochester, »und dennoch wollen Sie jetzt einer Aufforderung Folge leisten, die nicht nur bereits vernarbte Wunden Ihres tiefverletzten Herzens wieder aufreißen, sondern Ihnen auch sogar eine bedeutende Geldauslage verursachen wird, indem eine Reise von hundert Meilen bei aller Sparsamkeit dennoch fünfzig bis sechzig Pfund in Anspruch nehmen wird.«
»Wohl, Sire! Ich habe dies Alles bereits in Erwägung gezogen; allein das Pflichtgefühl und die Menschlichkeit treten mit solch unbezwinglicher Macht zwischen mich und

meine Verwandten, dass ich die mir zugefügten Unbilden für immer vergessen, alles an mir begangene Unrecht verzeihen und einer Sterbenden den letzten Trost nicht versagen will. Ich will an ihr Sterbelager eilen und ihr beweisen, dass ich nie feindlich gegen sie und die Ihrigen gesinnt war; ich will sie pflegen und zur Linderung ihrer Schmerzen nach
meinen schwachen Kräften beitragen; ich will mit ihr beten und durch das Gebet ihr den Trost verschaffen, den unsere heilige Religion dem Gerechten wie dem Sünder gewährt, wenn er mit reumüthigen und demütigen Herzen zu Gott aufblickt;
die arme verlassene und verstossene Waise soll Kindespflicht an einer sterbenden Mutter üben, die von ihren eigenen Kindern verlassen und selbst des Trostes beraubt ist, von denselben betrauert und beweint zu werden.«
Mehr konnte ich nicht sprechen, denn die Thränen erstickten meine Worte. Herr Rochester ergriff meine Hand und sprach mit gerührten Worten: »Gehen Sie nun, Miß Jane, und handeln Sie so, wie Ihnen Ihr Herz und unser Glaube gebietet; für das Übrige werde ich Sorge tragen. Doch ein Umstand liegt mir noch am Herzen. Wer soll Sie auf der Reise begleiten? Ich kann nun Ihrer eigenen Sicherheit willen nicht zugeben, dass Sie eine so weite Reise allein unternehmen.«
»Dafür wäre wol gesorgt, Sir! Der alte John ist verlässlich. Er kennt mich seit dem Tage, wo ich in Mistreß Reed’s Haus kam, und ist der Mann der Kindermuhme Bessie, die mehr als zehn Jahre bei der Tante im Hause war und ihr ganzes Vertrauen genießt.«
»Wenn es so ist,« erwiderte hierauf Herr Rochester, »dann habe ich keine fernere Cinwendung zu machen. Führen Sie den Mann zu mir, damit ich mit demselben Rücksprache nehmen kann, und dann reisen Sie mit Gott und unter seinem allmächtigen Schutz, und ich hoffe, Sie binnen einigen Wochen wieder gesund und wohlerhalten in Thornfield zu sehen.«
»Soll ich von Adelen Abschied nehmen und sie von meiner Reise in Kenntnis setzen, Sire?«
Ich glaube, es wird besser sein, wenn Sie der Kleinen diese bevorstehende Reise verheimlichen, denn Adele wird darüber untröstlich sein und Tage lang weinen.«
Ich befolgte den Rath meines Gebieters und ging auf mein Zimmer, um meine Sachen zu ordnen und meinen Koffer zu packen. Nachdem ich mit meiner Arbeit bereits zu Ende war, trat Herr Rochester ein und überreichte mir eine neue, allerliebste Damenbörse mit dem Bemerken, dass ich darin das nöthige Reisegeld finden werde. Er entfernte sich so schnell, dass ich nicht einmal Zeit hatte, meinen Dank für seine Güte auszusprechen.

Mistreß Reed’s Tod.

Ich bekam Herrn Rochester am Tage meiner Abreise von Thornfield nicht mehr zu Gesichte. Meine Reise nach
Gateshead war ohne alles Interesse und die langweilige
Fahrt ließ mir Zeit genug, über das Schicksal meiner einzigen noch lebenden Verwandten nachzudenken. Dass ich einen reichen Onkel in der Hauptstadt der vereinigten Staaten von Nordamerika besitze, der kinderlos war und mich adoptiren wollte, davon hatte ich keine Ahnung.
Am Morgen des dritten Tages meiner Reise hielt der
Wagen an demselben Parkthore, wo ich vor ungefähr zehn

Jahren unter Thränen und Schluchzen von Bessie Abschied genommen hatte. Ich bat John, mich vorerst zu seiner Frau zu führen, und war in meinem Herzen wahrlich recht froh,
Bessie umarmen zu können. Sie war eben beschäftiget, ihre
Kinder anzukleiden, als ich in das Zimmer trat.
»Gott segne Sie, liebe Jane!« rief sie mir entgegen, schloss mich in ihre Arme und drückte einen Kuss auf meine
Lippen. »Ich wusste es bestimmt, dass Sie kommen und einer mit dem Tode ringenden Verwandten nicht den letzten Trost versagen werden,« sagte hierauf Bessie.
»Ja, Bessie! Sie haben recht; und wie ich hoffe, komme ich nicht zu spät
»Ja, Mistreß Reed ist noch am Leben, Jane, mitunter
theilweise auch mehr bei Sinnen, als vor einigen Tagen. Sie spricht beständig von Ihnen und hat keinen anderen Wunsch, als Sie noch einmal zu sehen und zu sprechen, bevor sie aus dieser Welt scheiden muß.«
»Und ist Mistreß Reed wirklich so schwer krank, dass sie den Tod immer vor Augen hat?« fiel ich Bessie in die Rede.
»Die Ärzte haben sie gänzlich aufgegeben und erklärt, dass der Tod eine unwiderrufliche Folge ihrer unheilbaren und schmerzvollen Krankheit sei, der binnen wenigen Tagen, aber auch erst nach wochenlangen qualvollen Leiden eintreten könne.«
Ich ersuchte Bessie, mich nach dem Schlosse zu begleiten. Sie sagte mir dies zu, doch möge ich vorerst bei ihr eine Schale Thee nehmen, wozu ich mich bereit erklärte. Sie schickte sich nun an, mir meine Reisekleider abzunehmen, und ich ließ dies so geduldig geschehen, wie in den Tagen

meiner Kindheit, wo ich ihrer Pflege und Sorge anvertraut
worden war. Die alten Zeiten drängten sich plötzlich wieder in aller Frische meinem Gedächtnisse auf, als ich sie geschäftig herumgehen und alle zum Frühstücke nothwendigen
Vorbereitungen mit großer Emsigkeit treffen sah. Ich unterhielt mich einstweilen mit ihren größeren Kindern, Robert uud Hannchen, bis der Thee fertig und das Frühstück eingenommen war, mußte aber nebenher auch Auskunft über meine gegenwärtige Stellung in Thornfield und meine ferneren Absichten geben.
Bei einer solchen Unterhaltung war eine Stunde bald verstrichen. Bessie setzte mir wieder meinen Hut auf und
reichte mir meinen Überwurf, den sie sorgfältig auf einem
Kleiderrechen aufgehängt hatte, und so schritt ich in ihrer
Begleitung aus dem Parkhäuschen nach dem Herrenhause, wohin ihr Mann mitterweilen meinen Koffer hatte bringen lassen. Schweigend und mit mir selbst beschäftiget, ging ich neben Bessie einher, die ebenfalls tiefes Schweigen beobachtet hatte. Ruhig war mein Herz nicht geblieben, als wir durch das hohe, finstere Portal schritten; denn durch den Anblick des Schlosses wurde mir die unter diesem Dache verlebte trübe Jugendzeit neuerdings ins Gedächtnis gerufen. Alle schauerlichen Szenen traten in voller Frische vor meine Sinne und riefen eine merkliche Aufwallung in meinem Innern hervor. Trüb war meine Jugendzeit und eben so trüb meine Aussicht in die Zukunft; doch muß ich gestehen, dass ich
selbst bei meinem zweifelhaften Schicksale mich unter keiner Bedingung entschließen konnte, in dieses Haus wieder einzukehren und daselbst eine bleibende Wohnstätte zu suchen, falls dies Mistreß Reed’s Absicht sein sollte.

»Ich glaube, es wird besser sein, wenn Sie sich vorerst nach dem Frühstückzimmer begeben und dort so lange verweilen, bis ich Mistreß Reed auf Ihre Ankunft vorbereitet habe,« sagte Bessie, als wir das Ende der großen Treppe erreicht hatten, die nach dem ersten Stockwerke führte. »Sie werden dort die jungen Damen finden, die sich auf Ihre Ankunft freuen.«
Dieser Bescheid machte mich etwas stutzig. Ich hielt meine Schritte an, während Bessie über die Gallerie nach dem Zimmer eilte, wo sich die Kranke befand. Einen Augenblick war ich unentschlossen, was zu thun sei; dann schritt ich rasch auf das Zimmer zu, fasste den Drücker und einige
Augenblicke später stand ich in dem mir so sehr bekannten
Zimmer, wo ich fast Alles noch in solch unveränderter Weise
fand, wie zu jener Zeit, wo mir der Zutritt in dasselbe gestattet war. Zwei Damen saßen hier, wovon die eine mit
einer Stickerei beschäftiget, die andere in einem Buche vertieft war, dass sie meinen Eintritt gar nicht zu bemerken schien. Die im vorderen Raume des Zimmers sitzende erhob sich von ihrer Arbeit und grüßte mich freundlich, ohne von ihr erkannt zu werden. Sie war zwar sehr groß, doch von blassem Gesichte und hagerer Gestalt. Ihre Züge waren nichtsdestoweniger als einnehmend, und ihr ganzes Wesen verrieth weniger den angebornen Stolz und Hochmut, diese unzertrennlichen Gefährten unserer Geldaristokrazie, als ein zerrüttetes, in sich und mit der Welt zerfallenes Gemüt. Die große Veränderung und die Zeit meiner Abwesenheit von Gateshead ließen mich für einige Augenblicke in Zweifel, ob die vor mir stehende Dame Miß Eliza oder Georgiana sei. Doch ein Blick nach dem hinteren Theile des Zimmers, wo die

zweite Dame in der halben Öffnung der Fensternische saß und den Rücken an den blauen Moirvorhang gelehnt hatte,
erinnerten mich an Herrn Rochesters Bemerkung , daß Miß
Georgiana durch ihre Schönheit und herrische Gestalt in London großes Aufsehen erregt hatte, und somit war mein Zweifel und die Besorgnis über die Verwechslung der beiden
Schwestern gehoben.
»Wahrscheinlich Miß Eliza Reed,« sagte ich, nachdem ich die Dame freundlich gegrüßt hatte.
»So heiße ich,« warf die kalte und trockene Antwort der
Schwärmerin, denn als solche und nichts anderes kam mir Eliza vor.
»Und wie ist Ihr Name?«
»Miß Jane Reed!« erwiderte ich eben so trocken.
»Es freut mich, Dich wieder hier auf dem Schlosse zu sehen, denn Mistreß Reed wünscht mit Dir zu sprechen. Was und worüber ist mir gänzlich unbekannt.«
»Desgleichen auch mir«, war meine Antwort.
»Du bist Gouvernante,« sagte jetzt Eliza im höhnischen Tone, und maß mich mit ihrem fahlen und abgestorbenen Blicke vom Fuß bis zum Kopfe. Muß wahrlich kein beneidenswertes Loos sein, sich mit Kindern herumzubalgen und deren Launen zu studieren, um sie nach Wunsch behandeln zu können.
»Wenn Sie, Miß Eliza, den Wert und die Pflichten einer Gouvernante von diesem Gesichtspunkte auffassen, dann haben Sie nicht so ganz unrecht, und kennen die Erziehungsweise der modernen Welt weit besser, als dies von einer Dame in Ihren Jahren zu erwarten gewesen wäre. Dem Himmel sei es aber gedankt, dass es nebst solchen Familien, wo

Moralität und Sittlichkeit nebst einer einsichtsvollen Kinderzucht dem Hause schon längst den Rücken gekehrt haben, noch Ältern gibt, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, und die, weil sie ihre Kinder wahrhaft lieben, denselben eine solche Bildung und Erziehung geben lassen, die sie einst vor Gott und der Welt verantworten können. In einem solchen Hause wird aber auch den Lehrern und Erziehern die nothwendige Achtung gesichert sein, und sie werden im Vereine mit den Ältern zum Besten ihrer Zöglinge wirken, damit sie einst christliche und zugleich glückliche Menschen werden, denen es weder an Gottesvertranen noch an der nothwendigen Kraft fehlt, den herben Schlagen des Schicksales mit Ruhe und der gehörigen Fassung zu begegnen.«
Ich mußte diese Worte mit großer Aufregung gesprochen haben, weil selbst Georgiana sich von ihrem Sitze erhoben hatte, um sich nach unserem Eifer zu erkundigen und mir mit besonderer Herablassung zu bemerken, dass ihre Schwester oft ganz sonderliche Ansichten über die Welt und ihre Bewohner habe, woran ihr krankes Gemüt und die Überspanntheit ihres Geistes Ursache sein mögen.
Zum Glücke befreite mich Bessie aus dieser höchst unliebsamen Situazion, indem sie erklärte, dass Mistreß Reed auf meinen Besuch vorbereitet sei und mich zu sprechen wünsche. Ich verneigte mich gegen meine stolzen und herrischen Kousinen und verließ das Zimmer, um Bessie zu folgen.
Der Weg nach demselben war mir noch aus den Tagen meiner Kindheit bekannt, darum eilte ich Bessie voraus, öffnete leise die Thür und stand in dem Krankenzimmer meiner Tante. Es war das frühere Empfangszimmer und hatte seit meiner Abwesenheit nur ganz geringe Veränderungen erlitten. Selbst der grüngepolsterte Fußschemmel war noch vorhanden, auf dem ich oft stundenlang knien mußte, um Vergehungen abzubüßen, die ich nie begangen hatte, sondern die mir von Mistreß Reed’s Kindern nur angedichtet und aufgebürdet worden waren. Ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, wahrscheinlich durch die schmerzliche Erinnerung an jene freudenlose Zeit erzeugt und hervorgerufen.
Indessen hatte Bessie die Vorhänge etwas zurückgeschlagen, durch welche das hohe Bett der Kranken zum Theil verschlossen war, und winkte mir sodann, näher zu treten.
Ich fand Mistreß Reed sehr verändert, doch waren die Züge des Hasses und der Bitterkeit von ihrem Gesichte noch nicht
gewichen, wiewol dasselbe fast ganz abgezehrt war und die starken Knochen um desto deutlicher hervortraten. Sie hatte
die Augen geschlossen und schien zu schlummern; allein Bessie hatte mir erklärt, dass sie in diesem Zustande schon zwei Monate hinsieche, aber bisweilen recht lichte Momente habe.
Unser Gespräch, wiewol ganz leise, mußte ihre Aufmerksamkeit erregt haben, denn sie schlug die Augen auf und sah mich mit stieren Blicken an, die mir förmlich den Angstschweiß auf die Stirne trieben. Das Auge schien mir zwar schon halb erstorben, aber dennoch war der Blick der Kranken ganz so streng und hart, wie in den Tagen meiner Kindheit. Ich ergriff ihre Hand, um dieselbe zu küssen; allein sie zog sie schnell von der Decke zurück und sagte ganz leise: »Ist dies nicht Miß Jane?«
»Ja, Tante!« antwortete ich. »Wie geht es Ihnen
Ich sah mich nach Bessie um, die sich vom Bette der Kranken zurückgezogen hatte; mein spähender Blick konnte sie aber im ganzen Zimmer nicht auffinden. Sie hatte dasselbe bereits verlassen, damit Mistreß Reed ihr Herz ohne einen unliebsamen Zeugen vor mir ausschütten könne.
Die Kranke sah mich noch immer unverwandten Blickes an, ohne ein Wort zu sprechen. Bisweilen zuckte ihre Unterlippe und dann verzog sie den Mund für einen Augenblick so sehr, dass ihr Gesicht wahrlich einen ganz lächerlichen Ausdruck annahm. Mir waren diese Bewegungen nicht fremd, daher konnten sie mich auch jetzt nicht überraschen. Ich schob ganz vorsichtig einen Lehnstul gegen das Bett vor, ließ mich auf demselben nieder und sprach: »Sind Sie jetzt beruhiget, dass ich bei Ihnen bin, liebe Tante?«
Das Wort »Tante« muß die Kranke etwas überrascht haben, denn sie lächelte.
Mir schien, als ob sie sich ein wenig aufrichten wollte, und ich unterstützte sie bei dieser Bewegung nach Kräften.
Nachdem ich ihr die Kopfkissen gerichtet und derselben jedmögliche Erleichterung zu verschaffen gesucht hatte, wendete sich Mistreß Reed von mir ab und sprach: »Mir ist jetzt leichter, nachdem ich Dich in meiner Nähe weiß, liebe Jane. Es thut meinem Herzen wohl, wenigstens ein Kind meines Hauses an meinem Sterbelager zu sehen, da meine eigenen Kinder mich in den letzten Stunden des Lebens verlassen.«
»Beruhigen Sie sich, liebe Tante, ich werde Eliza und Georgiana rufen, damit beide an Ihr Bett kommen, falls
Sie dieselben zu sehen wünschen.«
Sie machte hierauf mit der knöcherigen Hand eine Bewegung, die mir deutlich genug sagte, dass sie ihre Töchter nicht sehen wolle.
So weit ist es schon in unseren Tagen gekommen, sagte ich zu mir selbst, dass sterbende Mütter ihre eigenen Kinder

meiden, und diese nicht einmal eine Thräne oder ein tröstendes Wort für diejenige haben, der sie doch die Erhaltung ihres Lebens verdanken! -- Mir wurde bei diesem Gedanken ganz unheimlich, und die im hohlen Tone an mich gerichteten Worte der Kranken waren nicht im entferntesten geeignet, dieses Gefühl des Schmerzes und der Unerquicklichkeit von mir zu verbannen.
»Ich habe nie eine Neigung zu Dir gehabt,« sagte Mistreß Reed mit gebrochener Stimme weiter, und hasste Dich schon, bevor Du noch mein Haus betreten hattest, ohne mir hierüber Rechenschaft geben zu können. Aus diesem Grunde mag Dir manches Unrecht widerfahren sein; doch hoffe ich, dass Du mir nicht zürnen, sondern einer Sterbenden in der letzten Stunde ihres Lebens verzeihen wirst.«
»Ja, liebe Tante!« sagte ich mit gebrochenem Herzen, »ich verzeihe Ihnen jetzt mündlich, wie ich Ihnen im Herzen schon längst verziehen habe.«
Es ist mein Wunsch, dass Du so lange bei mir bleibst, bis sich mein Geist von der irdischen Hülle getrennt hat. Sage
dies meinen Töchtern und gehe denselben mit einem guten Rathe an die Hand, so oft sie dessen bedürfen. Verlass mich
jetzt, denn ich bedarf der Ruhe; morgen habe ich noch mehr
mit Dir zu sprechen.
Ich gehorchte. An der Thür traf ich Bessie, welche beschlossen hatte, die Nachtwache bei der Kranken zu übernehmen, da ich durch die Beschwerden der Reise zu ermüdet war, und somit ließ ich mir eines der freien Zimmer im Schlosse öffnen, gab die nothwendigen Befehle für die Unterkunft meiner Sachen; — kurz ich ergriff die Zügel des

Regimentes, da die Töchter des Hauses dies unter ihrer
Würde fanden.
Am nächsten Morgen war ich bei Zeiten aus, um mich nach dem Zustande der Tante zu erkundigen. Ich fand sie im Verhältnis zum gestrigen Vormittag eben nicht unruhiger
oder schwächer, wie Bessie der Meinung war. Mistreß Reed
verlangte mit mir allein zu bleiben, weshalb sich Bessie entfernte.
»Jane!« sagte nach einigen Augenblicken Mistreß Reed; ich habe zwei Dinge auf dem Herzen, die mein Gewissen belasten und meine Seele wie Feuer brennen.«
»Beruhigen Sie sich, liebe Tante, und vertrauen Sie auf Gott. Er wird Trost in Ihr Herz gießen und Ihrer Seele Kraft und Ausdauer verleihen, damit Sie den großen Kampf des Todes würdig und mit Ergebung in seinen göttlichen Willen bestehen.«
»Ja!« sagte Sie hierauf mit bewegter Stimme; »ja, Du hast Recht, mein Kind! Kraft und Ausdauer und den Seelentrost habe ich vonnöthen, um mein Herz ganz vor Dir auszuschütten und mein Unrecht zu bereuen, das ich an Dir begangen hatte.
Ich bemerkte den großen Kampf, der in ihrem Herzen vorging und dessen sie Meister werden wollte, bevor sie mir das Geheimnis anvertrauen wollte, das ihr Herz und ihr Gewissen belastete. Darum ergriff ich das Wort und sprach:
»Fassen Sie Vertrauen zu mir, liebe Tante. Kann ich Ihnen
noch in den letzten Stunden Ihres Lebens irgendwie behilflich sein, so sprechen Sie; ich bin bereit, für Sie Alles, selbst das größte Opfer zu bringen.«
»Ich zweifle nicht, Jane, dass diese Worte aus Deinem

versöhnlichen und gefühlvollen Herzen gekommen sind, und somit will ich Dich von dem in Kenntnis setzen, was mein Herz belastet und mein Gewissen beruhiget.«
»Als mein Mann in den letzten Zügen lag, versprach ich dem Sterbenden mit Hand und Mund, seinen letzten Willen genau zu vollziehen und in den getroffenen Bestimmungen seine letztwillige Anordnung zu ehren. Hiernach solltest Du in meinem Hause nicht nur erzogen, sondern auch meinen eigenen Kindern gleichgehalten werden. Dein Onkel bedachte Dich in seinem Testamente mit zweitausend Pfund, die ich Dir ganz widerrechtlich entzog. Ich hatte Dich also in meiner Verblendung nicht nur verstoßen, sondern auch um Dein Erbtheil gebracht.
»Beruhigen Sie sich, liebe Tante,« sagte ich im versöhnlichen Tone. »Ja beiden Fällen ist für mich nicht der geringste Nachtheil hervorgegangen Sie hatten es zwar übel mit mir gemeint, allein Gott hat Alles zu meinem Besten gefügt.«
»Ich danke Dir herzlich, Du gute Seele, für Deinen versöhnlichen Sinn,« sagte hierauf Mistreß Reed. »Gott wird das eine Unrecht gut machen, das ich an Dir begangen habe und meiner Seele den letzten Trost nicht versagen. Doch habe ich Dir noch nicht Alles mitgetheilt, was von mir unternommen worden war, um Dich zu vernichten und Dein
Glück hier auf Erden zu untergraben.«
»Zu Johanni waren es drei Jahre, als mir durch das englische Konsulat zu Neu-York ein Schreiben zugestellt worden war, in welchem mich Deiner Mutter Bruder, Thomson Ehre, ausforderte, demselben über Deinen Aufenthalt Aufschluss zu geben, indem er ein großes Vermögen besitze, vor zwei Jahren seine Frau und das einzige Kind durch den Tod verloren habe, und Dich somit als sein eigenes Kind
adoptiren wolle, und somit solltest Du einst die alleinige Erbin seines ganzen und eben nicht unbeträchtlichen Vermögens werden.«
Hier hielt Mistreß Reed einige Sekunden inne, gleichsam, als wollte sie neue Kräfte sammeln und fasste mich scharf ins Auge. »Und was thaten Sie, liebe Tante?« fragte ich voll brennender Neugierde.
»Was ich that?« sagte Mistreß Reed mit gebrochener Stimme; »ich schrieb dem Onkel, dass Du schon vor einigen Jahren gestorben seiest, darum möge er sein Vermögen würdigeren Leuten zuwenden.
»Um des Himmels willen, liebe Tante, halten Sie ein« Das haben -- das konnten Sie nicht gethan haben,« rief ich mit bitterem Schmerz.
»Und doch ist es so!« sagte hierauf Mistreß Reed mit kaum vernehmbarer Stimme. »Darum scheue Dich nicht im geringsten und thue Deinem Herzen keinen Zwang an. Verfluche mich in den tiefsten Abgrund der Hölle; nenne mich eine Rabenmutter, ein Gespenst ans dem Schattenreiche; sage, dass ich eine Bundesgenossin des Teufels und seiner finsteren Mächte bin -- -— sage, was Dir Dein von Hass und Rache erfülltes Herz in den Mund legt; denn der Fluch, den Du gegen mich schleuderst, trifft mich und mein Haus in gerechter Weise.«
Nach diesen Worten, welche Mistreß Reed mit aller Anstrengung gesprochen hatte, trat eine völlige Erschöpfung ein. Mir war, als ob der Todesengel die Schwelle des Gemaches bereits überschritten hätte. Mit einem Sprung war ich am Glockenzuge, doch kein menschliches Wesen kam mir zu Hilfe. Mistreß Reed verschied in meinen Armen, nachdem ich mit ihr einige Minuten gebetet hatte.
»Sie hat ausgerungen!« sagte ich zu mir. »Sie ist aus der Welt gegangen, und keines ihrer Kinder war an ihrem Sterbelager erschienen. So reich und angesehen sie im Leben war, so arm und verlassen war sie im Tode.«
»Ich kniete jetzt am Bette der Verstorbenen nieder, um für das Heil ihrer Seele zu beten. Dann verließ ich das Zimmer, um Eliza und Georgiana sowie Bessie hiervon in Kenntnis zu setzen.
Bessie war über den Tod ihrer Gebieterin sehr bestürzt; minder angegriffen waren Eliza und Georgiana, da beide der Meinung waren, dass der Tod der Mutter ja schon seit Wochen vorauszusehen gewesen wäre. Die irdischen Überreste der Verblichenen wurden nach drei Tagen in der Gruft zu Gateshead neben dem Sarge des Onkels beigesetzt, Georgiana begab sich zu ihrem Onkel Gibson nach London, Eliza kam auf ihren ausdrücklichen Wunsch in ein Nonnenkloster zu Tille in Frankreich, wo sie nach dem überstandenen Probejahre den Schleier nahm, und ich kehrte zehn Tage nach der Begräbnisfeier der Tante wieder nach Thornfield zurück.


Viertes Kapitel.

Der Brand auf dem Schlosse zu Thornfield.

Bei meiner Rückkehr nach Thornfield waren die veranstalteten Festlichkeiten bereits geschlossen und eine Ruhe auf dem Schlosse eingekehrt, gleich jener, wie ich sie bei meinem Eintritt als Gouvernante daselbst gefunden hatte.
Mistreß Fairfax empfing mich zwar auf eine ganz freundliche Weise, doch lag in ihrem Empfange wie in ihrem Gruße eine gewisse Bitterkeit, die meinem Scharfblicke nicht entgangen ist. War die gute Frau wirklich gegen mich eingenommen, so konnte dies nur seinen Grund darin haben, dass ihr Herr Rochester einigermassen sein Vertrauen entzogen und mir vor der Abreise nach Gateshead einige Aufträge ertheilte, die in das Bereich einer Haushälterin einen großen und selbst unbefugten Eingriff machen, falls die Weisung hierzu nicht unmittelbar von dem Herrn Rochester selbst kommen sollte.
Mistreß Fairfax Freundschaft zu verlieren, wäre mir unter allen Umständen unlieb gewesen, denn ich war derselben nicht nur persönlich gewogen, sondern sie war auch das einzige Wesen, mit dem ich in meinen freien Stunden verkehren und mich unterhalten konnte, da Herr Rochester ja die meiste Zeit des Jahres von Thornfield abwesend war. Dass ein gewisser Verdacht von Mistreß Fairfax Seite auf mir ruhe, dessen war ich gewiss; deshalb nahm ich mir vor,
einerseits auf meiner Hut zu sein, anderseits aber kein Mittel unversucht zu lassen, mich in ihren Augen von demselben zu reinigen und der argwöhnischen Frau eine bessere Meinung von mir beizubringen, als sie vielleicht im gegenwärtigen Augenblicke haben mochte.
Von diesem Gedanken den ganzen Weg über die Treppe nach dem zweiten Stockwerke belästiget, erreichte ich endlich mein Zimmer, wo mir Louise, unser Mädchen, freundlich entgegenkam und mir nebst herzlichen Grüßen zum Beweise ihrer besonderen Freude und Anhänglichkeit sogar die Hände küssen wollte, die ich ihr blos zum Willkommen gereicht und noch im ersten Augenblicke zurückgezogen hatte, ehe mir diese Belästigung widerfahren konnte.
»Wo ist Adele,« fragte ich rasch, »und wie war man während meiner Abwesenheit mit ihr zufrieden?«
»Miß Varens ist nicht zugegen,« erwiderte das Mädchen; »sie ist mit Herrn Rochester nach Borning-Hall gegangen und wird erst binnen einigen Tagen wieder hier eintreffen.«
Diese Antwort brachte mich etwas aus der Fassung, denn ich hatte nie diesen Rahmen gehört; selbst Mistreß Fairfax oder sonst jemand aus dem Schlosse hatte denselben genannt, was meine Neugierde um so mehr erregte. Da ich mir vor dem Mädchen keine Blöße geben wollte, so wiederholte ich die Hälfte meiner Frage und sprach: »Und wie war man mit Miß Varens während meiner Abwesenheit zufrieden?«
»Vollkommen! Miß. Herr Rochester war ganz entzückt über das Lob, welches die Gesellschaft und vornehmlich die Damen der Kleinen spendeten. Sie genügte in Allem und Jedem, und erregte vornehmlich durch ihre schönen Vorträge großes Aufsehen an jenem Abende, an welchem Sie Ihre Reise angetreten hatten.«
Durch diese Auskunft war ich beruhiget; doch war es mir nicht möglich, meine Neugierde, wo nicht gänzlich zu
unterdrücken, doch etwas zu zügeln, sondern ich mußte aus dem Munde des redseligen Wesens auch erfahren, wie sich Herr Rochester gegenüber diesen Beifallsbezeugungen benahm,
und welche seine Äußerungen waren.
»Und was sagte Herr Rochester dazU?« fragte ich nach einer kleinen Pause.
»Was Herr Rochester dazu sagte, kann ich wol nicht dienen, Miß; doch muß er von Ihren Leistungen eine besonders günstige Meinung haben, da er gesenkten ist, für Sie ein wertvolles Armband von London kommen zu lassen, um dadurch einen Beweis seiner Anerkennung und Dankbarkeit zu geben.«
Diese Mittheilung überraschte mich, nicht etwa um der Gabe willen, sondern weil ich in der Gabe selbst den sonnenklaren Beweis erkennen wollte, dass in Herrn Rochesters Hause eine Gouvernante nicht nur Anerkennung finde, sondern dass ihren Bemühungen auch der schuldige Dank gezollt werde, der sich nicht allein durch Worte, sondern auch durch Thaten beurkunden müsse.
»Und wie benahm sich Adele in Betreff auf meine Person?« fragte ich weiter, da ich schon einmal im Fragen begriffen und Louise zu Mittheilungen geneigt war.
»Den ersten Abend scheint Miß Varnes ihre Gouvernante nicht vermisst zu haben, denn die Zerstreuung war zu groß, da die Kleine aus einer Hand in die andere ging und erst gegen Mitternacht mir überbracht wurde, um für deren

Bequemlichkeit zu sorgen. Am nächsten Morgen war der Rausch des Vergnügens vorüber. Adele war ausschließend auf meine Gesellschaft beschränkt, weshalb ich von der Kleinen den ganzen Tag mit Fragen belästiget wurde, wo Miß Reed sei und wann sie kommen werde. Ungeschickter Weise vertröstete ich die Kleine auf den Abend. Bald nach Sonnenuntergang verlangte Adele, dass ich mit ihr aus dem Park nach ihrem Zimmer gehe. Anfangs war ich der Meinung, dass Adele die Neugierde nach dem Zimmer treibe, um die Gesellschaft, welche zu Pferd einen kleinen Ausflug nach dem Gehölze unternommen hatte, auf ihrer Rückkehr belauschen zu können. Allein ich hatte mich arg getäuscht. Adele stellte sich ans Fenster und harrte vergebens auf Miß Reed’s Ankunft, von der ich am Morgen mit solcher Gewissheit gesprochen hatte, dass dem guten Kinde die Enttäuschung um so schmerzlicher fallen mußte. Ich hatte Mühe, die Kleine vom Fenster zu bringen; sie weinte und schluchzte so lange, bis ich sie zu
Bette gebracht und der Schlaf ihre Augen geschlossen hatte.«
»Armes Kind!« rief ich am Schlusse der Erzählung aus. »Ich will die diese treue Liebe und Anhänglichkeit vergelten, insoweit es in meinen Kräften steht!« Dann sagte ich zu Louise: »Sei so gut und reiche mir ein Glas Wasser
Nachdem ich meinen Durst gelöscht hatte, legte ich Shal und Überwurf ab, machte Toilette und begab mich dann zu Mistreß Fairfax, um bei ihr über die Ankunft der Kleinen nähere Erkundigungen einzuziehen. Ich traf sie im Empfangszimmuer, wo sie bemüht war, die prachtvollen chinesischen Vasen mit frischen Blumen zu versehen, die sie von dem Schlossgärtner am vorigen Abende zu diesem Zwecke verlangt, aber erst heute Morgens erhalten hatte.

»Mistreß Fairfax ist doch die fleißigste Frau in der ganzen Grafschaft,« sagte ich im Tone der Überzeugung und des sicheren Bewusstseins.
»Nicht doch!« entgegnete Mistreß Fairfax. »Seit Herr Rochester dem Hause den Rücken gekehrt hat, bin ich auf einige Zeit wieder in Ruhestand versetzt.«
»Wird Herr Rochester so lange von Thornfield wegbleiben?« fragte ich ganz naiv und schüchtern.
»Hätte er Adele nicht bei sich, so dachte ich wol, dass wir ihn vor dem Eintritte des Herbstes nicht zu sehen bekommen würden. So aber dürfte sich sein Wegbleiben vom Schlosse kaum mehr auf einige Tage erstrecken.«
»Und wohin ist Herr Rochester mit der Kleinen gegangen?« fragte ich jetzt in meiner scheinbaren Unwissenheit.
Mistreß Fairfax warf einen Blick der Verwunderung auf mich, fing zu lachen an und sagte: »Ja so! Sie waren ja verreiset, und können somit nicht wissen, was sich innerhalb dieser Zeit auf dem Schlosse zugetragen hat.«
»Etwa vierzig Meilen von Thornfield entfernt liegt die Herrschaft Borning-Hall, welche das Eigenthum unseres Herrn ist. Sie ist an der Ostseite von mäßigen Bergen umschlossen und durch eine kleine Hügelreihe gegen die kalten Nordwinde geschützt. Die Bewohner daselbst beschäftigen sich theils mit dem Bergbau, theils mit der Viehzucht, worunter die Schafzucht die Hauptbeschäftigung sein dürfte. Vor mehreren Tagen erhielt Herr Rochester von dem Okonomie-Verwalter daselbst ein Schreiben, dass man gesonnen sei, die Schafschur vorzunehmen. Weil nun Adele durch Ihre Abwesenheit ohnehin Ferien hatte, so entschloss sich Herr
Rochester, die Kleine mitzunehmen, um sich von dieser ländlichen Beschäftigung einen Begriff machen zu können. Und somit können wir mit Gewissheit erwarten, dass Herr Rochester in einigen Tagen wieder zurück sein wird.«
Da vernahm man ganz deutlich das Rollen eines Wagens auf dem Rieswege, und bevor noch einige Minuten verstrichen waren, fuhr Herr Rochester zum Parkthore herein. Wie von einem Gedanken beseelt, liefen wir beide über die Gallerie nach der Haupttreppe, um den Herrn des Hauses geziemend zu empfangen. Herr Rochester grüßte uns freundlich, und Adele hatte eine unnennbare Freude über meine Rückkehr, die auch meinem Gebieter erwünscht gewesen zu sein schien.
Als wir Abends beim Thee saßen, erklärte Herr Rochester, dass er mir noch eine interessante Mittheilung zu machen habe, die von dem Tage meiner Abreise herrühre. Man bemerkte nämlich an jenem Orte in der großen Allee, wo am vorhergehenden Tage der Blitz eingeschlagen hatte, eine ziemlich weite Öffnung in der Form eines Zilinders; auch konnte man deutlich wahrnehmen, dass der ausströmende Schwefeldampf, der am Abende des wunderbaren Ereignisses fast den ganzen Park erfüllt hatte, zum Theile sich noch bemerkbar mache. Da bemerkte einer der Gäste, dass hier ein besonderes Naturereiguis obwalten müsse, dem man wol durch Nachgraben auf die Spur kommen konnte. Anfangs waren zwar die Meinungen getheilt, allein Herr Rochester hatte sich bereits für den Gegenstand interessirt, und somit wurden allsogleich die nothwendigen Anstalten getroffen, um der Sache auf die Spur zu kommen. Kaum hatte man vier Schuh tief in die Erde gegraben, so kam man auf eine Röhre,
die innen ganz verglaset und ungefähr drei Schuh lang war.

Die Glasmasse hatte mit dem unter dem Rahmen Hyalit bekannten vulkanischen Glase die größte Ähnlichkeit. Man nennt solche durch die außerordentlichen Wirkungen des Blitzes geschmolzenen Rohren Blitzröhren. Ich hatte zwar im Waisenhause zu Lowood Fisik studirt, aber von Blitzröhren nie etwas gehört, weshalb der Vorfall für mich ein doppeltes Interesse hatte.
Seit meiner Rückkehr von Gateshead verflossen die Stunden und Tage auf dem Schlosse zu Thornfield in wahrlich angenehmer Weise, denn Herr Rochester war bemüht, uns den Aufenthalt daselbst so angenehm als möglich zu machen.
Es war einige Tage vor Adelens Geburtstag, als ich mit Herrn Rochester in der sogenannten Einsiedelei zusammentraf. Adele suchte mit ihrem Netze einige Schmetterlinge zu erhaschen, während ich bemüht war, für die Kleine ein Paar seidene Strumpfbänder zu häckeln. Ich war eben daran, Herrn Rochester genügenden Aufschluss zu geben, warum Mistreß Reed noch in ihrer letzten Stunde nach mir verlangte.
Als zwei Männer in den besten Jahren an der Einfriedung des Parkes sichtbar wurden, die sich gegen den offenen Feldweg hinzieht. Als sie unser ansichtig wurden, suchten sie sich
hinter dem ausgeschossenen Buschwerke zu verbergen, woraus für Jedermann leicht zu entnehmen war, dass sie in der besten Absicht eben nicht hieher gekommen sein mögen.
Herrn Rochester war das Treiben der Gauner nicht entgangen, darum schickte er Pilot gegen das Gebüsch, damit er sie aus ihrem Versteck aufscheuche. Der Hund kam in voller Hast herangesprungen und hatte ohne Unterlass angeschlagen, wodurch die Männer wirklich genöthiget worden

waren, sich zu erheben. Sie zogen ihre Mützen ab und baten um einen Zehrpfennig, der ihnen aber von Herrn Rochester verweigert wurde. Zugleich erklärte er den Gaunern, sich augenblicklich von der Herrschaft Thornfield zu entfernen
und sich hier nicht mehr blicken zu lassen, sonst würden sie aufgegriffen und angemessen versorgt werden.
Diese ernste Mittheilung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt, doch war ich der Meinung, dass es besser sei, die Leute durch einige Schillinge zu unterstützen, um sie nicht boshaft und rachesüchtig zu machen, weil durch eine humane Behandlung solcher Menschen oft schon großes Unglück verhütet worden sei. Doch Herr Rochester war hierzu nicht zu bewegen und erklärte, dass es besser sei, derlei Gäste ganz zu vertreiben, als sich Diebe und Bettler zu zügeln. Ich war wol mit dem Raisonnement meines Gebieters nicht einverstanden, doch wäre es für mich in keiner Weise schicklich gewesen, zu widersprechen oder mich gar in eine opposizionelle Verhandlung einzulassen, weshalb ich den ganzen Bescheid mit Stillschweigen überging und die Bemerkung machte, dass die Luft schon ziemlich kühl und feucht werde, weshalb ich es für gerathener halte, mit Adele auf das Zimmer zu gehen.
Herr Rochester begleitete uns bis zum Schlosse und ging sodann mit Pilot wieder in den Park zurück.
Adele hatte schon am Morgen über Kopfschmerzen geklagt. Ich dachte, dass sich das Übel durch eine mäßige Bewegung in der freien Luft heben werde, ward aber vom Gegentheile überzeugt und brachte daher das Kind bald zu Bette. In solchen Augenblicken durfte ich die Kleine nicht verlassen, weil sodann gemeiniglich ein gewisser Eigenwille und eine Launenhaftigkeit sich bemerkbar machte, welcher mit

Entschiedenheit entgegengetreten werden mußte, wenn solche
Fehler nicht zu einer Größe sich ausbilden sollten, wo sie
dann in den meisten Fällen unheilbar sind. Ich setzte also
Herrn Rochester in Kenntnis, weshalb ich heute nicht beim
Thee erscheinen könne und blieb auf meinem Zimmer.
Der Himmel war trüber und schien eine finsterere Nacht in Aussicht zu stellen, da weder der Abendstern noch irgend ein anderes Gestirn am Horizonte sichtbar werden wollte. Auch schien man auf dem Schlosse heute keine besondere Lust zu haben, bis gegen Mitternacht zu wachen, wie dies gemeiniglich der Fall war; denn wenige Minuten nach zehn Uhr war es fast in allen Gemächern des Schlosses finster geworden. Ich hatte bis gegen eilf Uhr gelesen, um welche Stunde meine Augen von einem unbezwinglichen Schlaf geschlossen wurden, obschon die Lektüre, die ich gewählt hatte, höchst interessant war. Gegen zwei Uhr Morgens wurde ich durch mehrere aufeinanderfolgende Schläge, die mit aller Kraft gegen die Thür meines Zimmers geführt worden waren, geweckt. Ich sprang mit beiden Füßen aus dem Bette und eilte gegen die Thür, als ich Herrn Rochesters Stimme vernahm, der mir aus voller Brust die Worte zugerufen hatte: »Retten Sie sich und die Kleine, das ganze Schloss steht in hellen Flammen!«
Wer beschreibt meine Angst, als ich die Balken des Fensters öffnete, und die finstere Nacht durch die hohauflodernde Flamme ans eine wahrlich schauerliche Weise erhellet sah!-- --
Ich weckte Louise und sodann die Kleine, versah uns mit den nothwendigsten Kleidungsstücken und wollte die Thür öffnen, um über die Gallerie des ersten Stockwerkes

ins Freie zu gelangen, konnte aber in der Angst und Verwirrung den Schlüssel nicht finden, wodurch unsere Noth
aufs Höchste gesteigert wurde, .da ich mir durch eine Rekognoszirung die Gewissheit verschafft hatte, dass sich die hochgehenden und vom Winde gepeitschten Flammen bereits des zweiten Stockwerkes bemächtiget hatten. Ich rannte wie besessen im Zimmer hin und her, allein nirgends konnten meine Augen den Schlüssel entdecken. Da traf mein Blick das
Buch und unter diesem den Schlüssel, wodurch ich von meiner Todesangst befreit worden war. Kaum hatte ich die Thür aufgeschlossen, so ergriff mich eine neue Angst, da die hellen Flammen bereits durch die Fenster des rückwärtigen Traktes gegen die Gallerie hereinschlugen und alle Gänge mit dichten Rauch erfüllt hatten. Ob ich in meiner Angst und Verwirrung bei all der Ortskenntnis den Weg nach der mittleren Treppe gefunden hätte, vermag ich wol nicht mit Gewissheit zu behaupten, da der Rauch immer dichter von den rückwärtigen Räumen des Schlosses eindrang und uns kaum die
Augen zu öffnen gestattete.
In demselben Augenblicke vernahm ich Herrn Rochesters Stimme. Ich rief um Hilfe, und sie ward uns durch ihn auch wirklich zu Theil; von seiner Hand geleitet, fanden wir mit Adele, die ich ohnmächtig auf meinen Armen hielt und nur mit meinem Leben losgelassen haben würde, den Ausgang nach den untern Räumen. Ganz erschöpft und durch die große Gefahr bis ins Jnnerste erschüttert, sank ich auf den kalten Boden hin, da ich mich nimmer aufrecht zu halten vermochte. Allein Herr Rochester, den ich jetzt als unseren Lebensretter betrachtete, ließ mir keine Zeit, um neue Kräfte zu sammeln, sondern raffte mich und das Kind vom Boden

auf, trug uns beide nach dem hinteren Theile des Parkes, und blieb so lange bei uns, bis wir das volle Bewusstsein unserer Sinne wieder erlangt hatten.
»Sorgen Sie für die Kleine!« rief mir Herr Rochester jetzt zu, und schon im nächsten Augenblicke war er verschwunden.
Bis zur gegenwärtigen Stunde war für die Eindammung und Bewältigung des starken Feuers wenig geschehen, weil vorerst jeder darauf bedacht war, sein Leben und seine Habseligkeiten zu retten, insoweit dies überhaupt möglich wurde. Auch fehlte es an ausreichenden Kräften, dem Umsichgreifen der Flamme Einhalt zu thun, bis endlich von Hay und selbst von Millcote Hilfe kam. Die Arbeiten wurden
nun mit unermüdeter Thätigkeit bis gegen Mittag fortgesetzt, wo der Brand als gelöscht zu betrachten war. Das Feuer hatte fürchterlich gewüthet, denn nebst den Nebengebäuden, Schuppen und Stallungen, war der Dachstul des ganzen Schlosses abgebrannt und die beiden oberen Stockwerke derart beschädiget, dass vor einigen Monaten gar nicht daran gedacht werden konnte, dieselben wieder in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen.

Meine Reise nach London.

Der Anblick der Ruine hatte auf uns Alle einen widerlichen Eindruck gemacht, darum beschloss Herr Rochester, Thornfield so bald als möglich zu verlassen. Ich wusste gar
nicht, welche Richtung unsere Reise nehmen werde, da mein
Gebieter so viele Besitzungen hatte, dass man auf eine bestimmte Wahl gar nicht rechnen konnte.

Bis zu einer definitiven Entscheidung sollten wir nun das erste Stockwerk bewohnen, da Herr Rochester noch keinen völligen Entschluss gefasst hatte. Es war noch unentschieden, ob wir den Winter in Manchester oder in London zubringen werden, wiewol ich Englands Metropole gerne gesehen hätte. Da mir aber in dieser Angelegenheit keine Entscheidung zustand, so suchte ich meinen sehnlichen Wunsch so viel wie möglich geheim zu halten, weil an eine Gewährung desselben ohnehin nicht zu denken war.
Ich war aber nicht das einzige Wesen auf dem Schlosse, dessen Gesundheit durch dieses unerwartete Ereignis merklich gelitten hatte, sondern auch Mistreß Fairfax war durch dasselbe so sehr angegriffen worden, dass sie sich einer längeren Pflege unterziehen mußte. Herrn Rochester schien dieser Umstand höchst unliebsam zu sein, weil eben dadurch unsere Abreise eine Verzögerung erlitt. Ungefähr acht Tage nach dem unglücklichen Brande kam Herr Rochester auf mein Zimmer und erklärte mir, dass er gesonnen sei, den Winter in London zuzubringen. Würde sich mein Zustand wirklich noch nicht gebessert haben, so wäre diese erfreuliche Nachricht sicher das wirksamste Mittel gewesen, in demselben eine merkliche Veränderung hervorzurufen.
»Wie steht es um Ihre Gesundheit?« fragte Herr Rochester.
»Ich fühle mich seit gestern so ziemlich wohl, Sir,« war meine Antwort. »Aber Mistreß Fairfax ist noch sehr leidend, und wird eine so weite Reise unmöglich vertragen.«
»Der Meinung bin ich wol auch,« erwiderte Herr Rochester. »Ich habe daher beschlossen, künftigen Sonnabend von Thornfield abzureisen.«

»Und Mistreß Fairfax?«
»Sie soll in Thornfield zurückbleiben, bis ihre Gesundheit vollkommen hergestellt ist, und dann kann sie ebenfalls nach London kommen.«
»Findet Herr Karner ihren Zustand bedenklich, Sir?«
»Er spricht sich hierüber nicht genau aus und ist der Meinung, dass wol noch einige Wochen verstreichen dürften, bis sie vollkommen hergestellt ist. Darum habe ich die Kranke seiner Obhut empfohlen und bin überzeugt, dass ein Arzt wie er, seine ganze Kunst aufbieten wird, um derselben das Leben zu retten.«
Ich wusste, dass Herr Rochefter keinen Widerspruch duldet, weshalb ich demselben erklärte, für unsere Abreise die nöthige Sorge zu tragen.
Wir hatten einen trüben, unfreundlichen Morgen, die Lust war feucht und kühl und stellte einen zeitlichen Herbst in
Aussicht, worin Mistreß Fairfax einen kleinen Trost finden
mochte; denn die gute Frau war am Vorabende unserer Abreise ziemlich niedergeschlagen, und beklagte sich in bittern Worten über die Härte des Schicksals, das sie getroffen hatte. Ich sprach ihr Trost zu, so gut dies unter den obwaltenden Umständen ging, und gab ihr die Hoffnung, dass wir uns ganz sicher binnen einigen Wochen in London sehen werden.
Die Reise von Thornfield nach London ging ohne Unfall vorüber, und ich hatte aus derselben mehrfach Gelegenheit, Herrn Rochesters Scharfblick, sowie dessen tiefe und gründliche Kenntnisse in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaften zu bewundern, wodurch mir Gelegenheit geboten worden war, meine Kenntnisfe merklich zu erweitern. Von hohem Interesse waren für mich die Mittheilungen über die


neue Welt, da Herr Rochester die Reise dahin innerhalb fünf Jahren dreimal gemacht hatte.
Als Herr Rochester von seinem Schiffbruch erzählte, den er Angesichts der Stadt Neu-York erlitten hatte, wurde mein Herz unruhig; Gedanken der sonderlichsten Art durchflogen mein Gehirn, denn in demselben Augenblicke fiel mir Mistreß Reeds Mittheilung in der Stunde des Todes ein. Bisher stand ich einsam und verlassen in der Welt als eine Waise, die man schon in ihrer Jugend zur Thür hinausgestoßen hatte, um unter fremden Menschen die Bitterkeiten dieses Lebens kennen zu lernen; und jetzt -- jetzt hätte ich einen Onkel gefunden, der mir seine Liebe zugewendet hatte; einen Onkel, der mich zu seinem Kinde annehmen und an mir Vaterstelle vertreten wollte, -- ja der vielleicht geneigt gewesen wäre, sein ganzes Vermögen auf mich übergehen zu lassen: und dieses Glück, diese Freuden wurden durch Mistreß Reed auf immer für mich zerstört.
Ein tiefer Seufzer entwand sich meiner Brust, und ich fühlte, ehe ich’s noch hindern konnte, dass die Thränen bereits meine Wangen benetzten.
Ich hatte mich in keiner Beziehung zu beklagen, und konnte mit meinem Schicksale vollkommen zufrieden sein, denn Herr Rochester behandelte mich nicht wie eine Fremde, sondern wie sein eigenes Kind; und wenn ich aus seinen oftmaligen Bemerkungen über die ungewisse Zukunft so vieler Menschen die richtige Auffassung erlangt haben sollte, so war mein Gebieter selbst geneigt, für meine späteren Tage auf eine ausreichende Weise zu sorgen. Allein welche Kluft liegt
zwischen dem Gefühle der Selbstständigkeit und der Unabhängigkeit und jenem der Botmäßigkeit und eines gewissen

Unterthänigkeitsverhältnisses! -- Durch einen glücklichen
Zufall in die angenehme Lage versetzt, meinen eigenen Herd
zu gründen und nach Kräften Gutes zu stiften, sah ich mich
durch die nnversöhnliche Rachsucht eines Weibes in den Staub zurückgeschleudert und mit den ehernen Fesseln der Unmöglichkeit an ein Schicksal gekettet, dessen Genossen Noth und Entbehrung, Hilflosigkeit, Armut und der Bettelstab sind.
Ich sah mich eben durch die Dazwischenkunft jenes unglücklichen Wesens der ausreichenden Mittel beraubt, um den Gefühlen meines Herzens nach Wunsch folgen zu können, die Armen und Nothleidenden aufzusuchen, um sie zu unterstützen, die Betrübten zu trösten und deren Kummer zu erleichtern; — kurz — ich hätte mich über den Stand eines
gewöhnlichen und alltäglichen Menschen erheben können und
wurde durch die Leidenschaften und Ränkesucht meiner nächsten Verwandten in den Koth gezogen und mit dem Zeichen
der Armut gebrandmarkt.
Herr Rochester hatte eben den letzten Rest seiner Zigarre verschmaucht, als ich in tiefes Nachdenken versunken und mit thränenfeuchten Blicken zum Fenster des Wagens hinaussah und die Leute bewunderte, welche im Schweiße ihres Angesichtes durch ihrer Hände Arbeit mühsam das nackte Leben zu fristen bemüht waren, welcher Anblick mein Herz abermals mit Traurigkeit erfüllte.
»Was hat sie plötzlich so sehr verstimmt, Jane?« fragte Herr Rochester mit besonderer Freundlichkeit.
»Der wirre Knoten meines Lebens, den ich zu lösen vergebens bemüht bin,« war meine Antwort.
»Sie scheinen bewegt und angegriffen zu sein, und darum ersuche ich um genaueren Aufschluss, da ich aus

Ihrer mysteriösen Antwort nicht recht klug werden kann. Ich
wünschte überhaupt mit der Geschichte Jhres Lebens näher vertraut zu werden, um Jhnen mit Rath und That an die Hand gehen zu können. Sie sind mir auch noch die Erklärung schuldig, weshalb Sie Mistreß Reed noch kurz vor ihrem Ende so dringend zu sprechen wünschte, da sie doch so rücksichtslos gegen eine ihrer nächsten Verwandten gehandelt hatte.«
Herr Rochester hatte mir durch diese Aufforderung gleichsam den Weg gebahnt, um ihn mit den harten Schlägen des Schicksals, die mich seit den ersten Tagen meiner Kindheit getroffen hatten, vollkommen vertraut zu machen, weshalb ich demselben die Geschichte meines Lebens von meinen Jugendjahren angefangen, bis zu dem Tode meiner Tante wortgetreu erzählte. Als ich auf meinen Onkel in New-York, der für mich so freundliche und wohlwollende Gesinnungen an den Tag gelegt hatte, zu sprechen kam, schien meine Erzählung für Herrn Rochester von besonderem Interesse zu sein. Er erkundigte sich genau nach dessen Namen und Beschäftigung, worauf ich erklärte, dass ich erst durch Mistreß Reed’s Mittheilung in Kenntnis gesetzt wurde, einen
Onkel zu haben, der meiner Mutter Bruder ist und John Eyre heiße.
»John Eyre ist Ihr Onkel!« sagte hierauf Herr Rochester mit Verwunderung »Den Mann habe ich ja persönlich gekannt und stand mit ihm sogar theilweise in Geschäftsverbindung. Fassen Sie sich, Jane! denn ich habe Ihnen zum Theile eine unangenehme, aber auch zugleich eine angenehme Mittheilung zu machen, falls sich durch die näheren Erkundigungen, die ich hierüber in London einzuziehen gesonnen

bin, herausstellen sollte, dass dieser John Eyre wirklich Ihr Onkel ist. Er ist seit Jahr und Tag todt und hat seiner
Nichte ein Vermögen von einigen hunderttausend Dollar im
Baren nebst sämmtlichen unbeweglichen Gütern in New-York
zurückgelassen Sein Rechtsanwalt und Testaments-Vollstrecker ist Herr Brigth in London, welcher bereits eine Aufforderung in mehreren Zeitungen an die Nichte ergehen ließ.«
Bei dieser Mittheilung wurde mir förmlich unheimlich, denn ich konnte den Gedanken gar nicht fassen, dass aus der armen hilflosen Waise urplötzlich ein reiches englisches
Fräulein werden sollte.
Anfangs konnte ich gar keine Worte finden, um gegen Herrn Rochester meinen Dank auszusprechen, dass er so gefällig sein wolle, sich für meine Angelegenheit zu interessieren.
Dann sprach ich gegen denselben die Befürchtung aus, dass
man mir vielleicht das beträchtliche Erbe streitig machen
könne, da ich gar nicht in der Lage sei, meine Ansprüche
hieraus geltend zu machen.
»Es wäre mir lieb, wenn Sie sich mit diesen und ähnlichen Gedanken gar nicht befassen würden,« sagte hieran Herr Rochester; »denn ich kann dieselben nur als die bösen und unheimlichen Dämonen betrachten, welche Sie bis zur gänzlichen Austragung Ihrer Verhältnisse fortwährend ängstigen würden. Ich werde Ihre Angelegenheiten in die Hand nehmen und dieselben so schnell wie möglich zu Ende führen.«
Während ich Herrn Rochester für seine freundliche Zusage danken wollte, fiel er mir mit einer Hast ins Wort, die mich förmlich erschreckt hatte. »Sehen Sie! sehen Sie, Jane!« rief Herr Rochester, indem er mit der Hand gegen Westen hinwies und sodann schnell das Wagenfenster öffnete.

»Da ist London!« sagte er sodann mit derselben Hast, indem er die Kleine an sich zog und gegen das Fenster vorschob.
Wir hatten nämlich die Anhöhe von Shooters-Hill erreicht, welche ungefähr zwanzig englische Meilen von London entfernt ist und den ersten Anblick der Metropole des stolzen Albion gewährt.
Es war für mich nicht nur eine große Überraschung so ganz wider Vermuthen die an den Ufern der Themse sich hinziehende Weltstadt vor meinen Blicken ausgebreitet zu sehen; sondern der Eindruck, den dieses Panorama auf mich machte, war so mächtig und eindringlich, dass ich gar keine
Worte finden konnte, um meine Freud hierüber an den Tag zu legen.
»Wir wollen aussteigen,« sagte hierauf Herr Rochester, »damit sich Ihr Blick an diesem höchst interessanten Bilde
einige Zeit ergötzen kann.«
»Da lag nun jene Stadt vor meinen Blicken ausgebreitet,« die ich schon längst zu sehen gewünscht, aber hierzu nie Gelegenheit gehabt hatte. Hoch in die Lüfte sahen wir St.
Paulus wunderbaren Dom sich erheben, während unzählige
Wipfeln von Masten und Flaggen uns von Englands königlichem Strome lächelnd zuwinkten. Im Hintergrunde der großen Pauluskirche bemerkten wir den schönen gothischen Doppelthurm der Westminster-Abtei, um die sich mehr als hundert andere Thürme der verschiedenen Kirchen gruppirt hatten. Wir hatten zwar einen schönen heitern Morgen, allein der aus so vielen Schornsteinen ewig aufsteigende Steinkohlendampf ließ uns die Gegenstände nur wie durch einen Flor erblicken.

Nachdem wir uns an dem herrlichen Bilde sattsam geweidet hatten, bestiegen wir unseren Wagen, um die Reise fortzusetzen. Es erging mir wie jedem andern Fremden, der da glaubt, schon lange am Ziele seiner Fahrt zu sein, und
die Stadt doch nie erreichen kann.
Endlich lag die Themse in ihrer mächtigen Ausdehnung vor uns, und schnell rollte der Wagen über die prachtvolle
Black-Friars-Brücke hinüber, und erst jetzt befanden wir
uns in London, in jener weltberühmten Stadt, welche eine
Ausdehnung von sechs Stunden in der Länge und vier Stunden in der Breite hat, und von zwei Millionen siebenmalhunderttausend Menschen bewohnt wird. Betäubt von dem Gewühle um uns her, erreichten wir das unweit der Brücke gelegene York-Hotel, wo wir unser erstes Absteigquartier nahmen. Da in London die Unterkunft in den verschiedenen Hotels auf längere Zeit unendlich kostspielig ist, so unternahmen wir wenige Tage nach unserer Ankunft eine Wanderung durch die Straßen der auf der östlichen Seite gelegenen City, um hier von den verfügbaren Wohnungen
Einsicht zu nehmen. Dieser Theil der Stadt, wo Handel und Wandel gleichsam ihr Wesen treiben, gleicht einem förmlichen Ameisenhaufen, denn es herrscht in allen Theilen der City ein Wühlen und Drängen, wovon sich ein Fremder kein eigentliches Bild entwerfen kann.
Es war nicht Herrn Rochesters Absicht, unseren Aufenthalt in der City zu nehmen, wo die Straßen und Gassen meistens enge und die Häuser klein und mehrentheils beschränkt sind; sondern es war ihm vielmehr darum zu thun, mir ein eindringliches Bild von diesem Theile der Stadt zu Verschaffen Außer der großartigen Pauluskirche, welche mit

einem Kostenaufwande von nahe an zwei Millionen Pfund Sterlingen aufgeführt wurde, und deren kunstvollster Theil die 350 Fuß hohe, in einem Durchmesser von 150 Fuß konstruirte Kuppel ist, fiel mir noch der Palast des Lord
Mayors (sprich Lord Mär, Bürgermeister), das Börse- und
Bankgebäude, sowie die Häuser der ostindischen und anderer
Handelsgesellschaften auf. Einen besonderen Eindruck auf mich machte der Tower (sprich Tauer), ein altes, mit einem
breiten und ziemlich tiefen Wassergruben umgebenes Fort, das nicht nur zur Anfbewahrung wichtiger Archive und der
Reichskleinodien dient, sondern auch als Staatsgefängnis
unter der Regierungsperiode Heinrichs VIII. und der großen
Elisabet eine geschichtliche Merkwürdigkeit erlangt hatte.
Wir begaben uns also am folgenden Tage nach Westminster, dem westlichen Theile der Stadt, wo man größtentheils schöne, breite, mit einem vortrefflichen Trottoir versehene Straßen trifft, die zwischen der arbeitsamen und gewerbereichen City und dem prachtvollen und genußreichen
Theile dieser Stadt so ziemlich die Mitte halten. Nebst den
prachtvollen Verkaufsbuden, wo die schönsten und elegantesten Gegenstände aus jedem wie immer gearteten Komfort aufgestellt sind, fiel mir die besondere Höflichkeit auf, welche die Herren gegen Damen auf den Spaziergängen beobachten. Hier in London ist nämlich die Sitte gebräuchlich, dem Entgegenkommenden immer zur Rechten auszuweichen, wodurch das Gehen in den Straßen und Gassen merklich erleichtert wird, ohne dem immerwährenden Drängen und Stoßen der Gegenströmung ausgesetzt zu sein. Den Damen gebührt stets jene Seite, welche den Häusern zugekehrt ist, um sie dadurch vor jeder Belastigung zu schützen. So oft man eine Straße

durchkreuzt, lässt der Herr den Arm seiner Dame los und tritt hinter ihr weg auf die andere Seite; eine Aufmerksamkeit, die von keinem Gentleman (sprich Dschent’lmän) unterlassen wird.
Von den hervorragenden Gebäuden bemerken wir hier die Westminster-Abtei oder die Kirche zu St. Peter, eines der größten noch vorhandenen Meisterwerke gothischer Bauart, welche zur Begräbnisstätte der Könige und berühmter Männer dient; ferner Westminsterhall, wo die Könige gekrönt werden, steht mit dem Parlamentsgebäude in Verbindung; der St. James-Palast (sprich Dschäms-Palast) oder die königliche Residenz ist ein altes Gebäude ohne wesentliches Ansehen und Geschmack.
Was mich außer den glänzenden Equipagen in Westminster, das zur City im strengsten Kontraste steht, noch interessirte, waren die Möhren, prachtvollen Livreen der Bedienten und Jokeyen nebst den geputzten Herren und Damen, welche auf den Trottoirs in den elegantesten und geschmackvollsten Carossen dahinrollten.
Fast eben so anziehend waren für mich und die Kleine die vielen großen Obstläden, in welchen die Früchte aller Jahreszeiten und Zonen, von der königlichen Ananas bis zum
kleinen sibirischen Staudenapfel, in zierlichen Körben, die noch obendrein mit Blumen geschmückt, ausgestellt waren. Nicht minderes Interesse gewähren für Einheimische und
Fremde die unzähligen Kuchenläden, in welchen es guter Ton ist, am Morgen einzusprechen und einige kleine Törtchen heiß von der Pfanne weg zum Frühstück einzunehmen.
Ganz eigenthümlicher Art in London ist die Lebensweise der eleganten Welt und die innere Einrichtung der

Wohnungen jener Klasse, welche dem reichen Bürgerthume
und der Hante-volee angehören.
London ist fast aus lauter kleinen, schmalen Häusern
zusammengesetzt, was seinen Grund darin hat, dass jeder
Begüterte ein eigenes Haus zu erwerben trachtet, weil mit diesem Besitze große Vorzüge im bürgerlichen Leben verbunden sind. An eine Reihenfolge mehrerer Zimmer ist in bürgerlichen Häusern mit ganz geringen Ausnahmen gar nicht
zu denken. Jedes Stockwerk enthält gewöhnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Straße, eines nach dem oft sehr
engen Hofraume zu. In den großen Palästen ist die Vertheilung der Zimmer natürlich eine andere, doch bleiben sich die Bestimmungen derselben so ziemlich gleich. Die Küchen- und Bedientenwohnungen sind meistens in den Souterrains (Kellergewölbe, welche theils über die Erde hervorragen) angebracht. Die Thüren und Fenster der verschiedenen Gebäude sind auffallend hoch und enge, die Spiegelwände dazwischen dagegen sehr breit. Eine große Vorliebe besitzt man in London für Teppiche, denn man findet bei Kaufleuten und wohlhabenden Handwerkern nicht nur die Fußböden, sondern sogar die Treppen mit schönen Teppichen belegt. Außer den hübschen und eleganten Möbeln von Mahagoniholz bilden noch die Kamine, welche nicht selten mit Marmor- und Stahlarbeiten verziert sind, eine besondere Zierde der Zimmer und Paläste. Schöne Vasen von Wedgewood (sprich Wetschwot) und kristallene Kandelaber zieren den Sims; der stählerne Rost, in welchem das Feuer brennt, Zange, Schaufel und das übrige Metallgerüth sind hell poliert und verbreiten im Zimmer einen eigenthümlichen Glanz.

Die Lebensweise ist in London sehr verschieden. Wer spät zu Bette geht, steht auch spät auf; daher hat das Sprüchwort: »Die Morgenstunde hat Gold im Munde,« nirgends weniger Verehrer, als in der Hauptstadt des stolzen Albion, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird. Für die Bourgeoisie wird es vor neun bis zehn Uhr nie Tag, um welche Zeit sich die Familie in dem zum Frühstücken bestimmten Zimmer einfindet; die Herren in Stiefeln und Schlafröcken, die Damen in einer reizenden Neglige, schneeweiß und mit zierlichen Häubchen.
Es gibt in der Welt nichts Einladenderes, als ein englisches Familienfrühstück. Auf dem hellpolierten stählernen Roste lodert die stille Flamme des Steinkohlenseuers. Das elegante Theegeräth steht in zierlicher Ordnung auf dem schneeweiß bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene, in Wasser schwimmende Butter, schönes weißes Brod, Zwieback, hartgekochte Eier, Honig und Marmelade von Pomeranzen. Ein selten vermisstes Stück des deutschen Frühstücks, die Tabakspfeife, ist in London aus den Kreisen der eleganten Welt verbannt und wird nur bei dem niederen Handwerksstande angetroffen; dafür bemerkt man auf einem Etager die neuesten Zeitungsblätter aus allen Theilen der Welt, deren Inhalt mit besonderer Lesewuth verschlungen wird.
Eine ganz eigenthümliche Ehre sucht jede Hausfrau darin, den Thee mit eigener Hand zu bereiten. Vorerst werden die Tassen mit heißem Wasser ausgewärmt, der Thee wird gehörig abgemessen, das heiße Wasser nach bestimmten Regeln darauf gegossen, und um für alle diese Mühe den gehörigen Ruhm zu ärnten, wird der Reihe nach gefragt, ob der Thee nach Wunsch gerathen sei.

Nach dem Frühstück begeben sich die Herren an ihr Geschäft, aufs Komptoir oder wohin der Beruf sie treibt. Nun ist man beschäftiget, so viel als möglich den Vormittag alle Arbeiten zu vollführen, die für das Haus nothwendig sind, was trotz der späten Morgenstunden doch noch geschehen kann, da man erst um fünf oder sechs Uhr zu Mittag speist.
Die Damen machen zwischen zwölf und vier Uhr ihre Besuche, und dann Toilette für den Mittagstisch, da selbst die Herren den Börsenrock mit dem eleganten Frack vertauschen.
Eine große Rolle spielen in der Zwischenzeit die Kuchenläden, welche frei und offen unten an der Straße liegen, und sowol von Damen wie von Herren besucht werden, da die kleinen Pastetchen und die Schildkrötensuppe als zweites Frühstück sehr beliebt sind.
Nach mancherlei Visiten und Einkäufen fuhren wir schön, aber etwas steif geputzt um sechs Uhr zum Mittagsessen zu Herrn Brom, einem alten Freunde Herrn Rochesters. Im Besuchzimmer fanden wir die ganze Gesellschaft, aus 14 Personen bestehend, bereits versammelt. Nach den gewöhnlichen Begrüßungsformeln nahmen die Damen zu beiden Seiten des Kamines in Lehnstülen Platz, während sich die Herren um das Feuer in mancherlei Stellungen gruppierten und wärmten, da wir einen etwas unfreundlichen Tag hatten. Die Konversazion war ziemlich langweilig, ja ich möchte sagen, sogar schläfrig, da weder die Herren noch die Damen Anstand nahmen, einander im Gähnen den Rang streitig zu
machen. Endlich wurde die Gesellschaft ins Speisezimmer gerufen, welches um eine Treppe höher, als das Besuchszimmer lag. Die Tafel stand fertig und servirt da, bis auf die

Gläser und Servietten. Erstere zieren gemeiniglich den
Schenktisch, und letztere stehen bei dem Engländer auf heimatlichen Boden nicht im Gebrauche, sondern jeder Tischgenosse nimmt das lange, fast bis an den Boden reichende Tischtuch beim Niedersetzen aufs Knie und handhabt dasselbe beim Speisen, sowie der Deutsche seine Serviette.
Mistreß Brom nahm ihren Platz am obern Ende des Tisches in einem Lehnstul, ihr Gemal saß ihr gegenüber unten am Tisch, und die Gäste nahmen zu beiden Seiten in der Ordnung Platz, wie ihnen ihre Sitze von dem Herrn des Hauses angewiesen worden waren.
Ein englisches Mittagsessen hat wahrlich nichts Amüsantes, da von einem interessanten Tischgespräche gar nicht die Rede sein kann, indem die Gäste theils von der Hausfrau oder derjenigen Dame, welche die Honneur macht, theils von dem Hausherrn stets mit Fragen belästiget werden, ob sie dieses oder jenes wünschen. Sehr üblich ist es bei den Engländern, sich gegenseitig zum Trinken aufzufordern, wovon auch die Damen nicht ausgeschlossen sind; denn es würde als ein großer Verstoß gegen die Üblichkeit und den Anstand betrachtet werden, wenn eine Dame unaufgefordert das Glas ergriffe, um ihren Durst zu stillen.
Ich war demnach nicht ungehalten, als die Tafel nach neun Uhr aufgehoben worden war. Die ganze Gesellschaft zog sich in ein anderes Zimmer zurück, wo nach einer kurzen Konversazion der Thee genommen wurde. Gegen zehn Uhr ließ Herr Rochester unsern Wagen vorfahren, und ich war herzlich froh, als ich den Fuß auf die erste Treppe gesetzt hatte, um von all diesem lästigen Zeremoniell sowie von der äußerst langweiligen Gesellschaft befreit zu sein.

Die große Erbschaft

Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück saßen, fragte mich Herr Rochester, wie ich mit der gestrigen Unterhaltung zufrieden war. Da die Unwahrheit zu reden nie meine Sache war, so erklärte ich ganz offen und frei, dass ich mich noch an keinem Abende so gelangweilt habe, wie gestern.
»Das befremdet mich,« entgegnete Herr Rochester. »Ich war vielmehr der Meinung, Sie hätten-sich mit Mistreß Brom sehr amüsirt, da sie doch allgemein für eine sehr geistreiche Dame gehalten wird.«
»Jch bedauere, hierin widersprechen zu müssen«, war meine Antwort; ,,entweder ist mein Verstand zu schwach, um mit Schärfe und Bestimmtheit hierüber ein richtiges Urtheil zu fällen, oder man hat in den geselligen Zirkeln zu London von dem Worte »geistreich« einen ganz andern Begriff. Da
gefällt mir Mistreß Brigth besser. Sie ist nicht nur geistreich, sondern auch sehr gemüthlich. Ihre Reden beurkunden viel Verstand und sind frei von jeder Ziererei und den bereits zur Mode gewordenen Phrasen.«
»Sie haben nicht ganz unrecht, Jane,« erwiderte hieraus
Herr Rochester, den mein Eifer in die heiterste Laune versetzt zu haben schien. »Wenn mir zwischen Mistreß Brom und Mistreß Brigth die Wahl gelassen wäre, so würde ich letztere in Hinsicht auf Konversazion vorziehen. Doch sagen Sie mir, Jane, hat Ihnen Herr Bright keine Mittheilung in Betreff Ihrer Angelegenheit gemacht?«
»Herr Bright wechselte mit mir nur wenige Worte, Sir, und hat meine Angelegenheit mit keiner Silbe berührt. Wissen Sie mir keine näheren Aufschlüsse zu geben, Sir?«

»Ich habe in der That mit Herrn Bright in dieser Beziehung noch keine aussührliche Besprechung gepflogen. So viel ist gewiss, dass die Sachen im Zuge sind, wiewol sich in jüngster Zeit einige Schwierigkeiten in den Weg zu stellen drohen, die sich aber nach meines Freundes Behauptung beseitigen lassen werden.«
»Und von welcher Art sollen diese Schwierigkeiten sein, Sir, wenn es überhaupt zu fragen erlaubt ist?«
»Ich denke, der Fall wird Sie unangenehm berühren, daher dürfte es gerathener sein, die ganze Angelegenheit einstweilen auf sich beruhen zu lassen, da mein Freund ohnehin binnen einigen Tagen Briefe aus Salford und Lowton erwartet, welche den Schleier lüften und zweifelsohne die gewünschten Aufschlüsse geben werden.«
»Hat Herr Bright in Betreff meiner Abkunft nach Salford geschrieben , Sir, dann müsse ihm auch durch die zu verabfolgenden Dokumente die nothwendige Aufklärung werden.«
»Ihr Schluss ist ein ganz richtiger,« erwiderte Herr
Rochester; »allein derselbe bedarf auch noch einiger Erhebungen aus Lowton, weil ohne einige wichtige Dokumente von dort an die Behebung Ihrer Erbschaft nicht zu denken ist.«
»Wer wollte mir dieselbe streitig machen?« sagte ich etwas gereizt. »Mein Onkel hat mich zur Universal-Erbin seines ganzen Vermögens eingesetzt, und somit steht der Ausfolgung desselben kein Hindernis im Wege.«
»Sie irren, Jane, wenn sie diesen Gedanken mit absoluter Beharrlichkeit verfolgen. Es hat sich in neuester Zeit ein gewisser John Marthon aus Lowton gemeldet, welcher nebst seinen beiden Schwestern, Martha und Elisa, Erbausprüche macht, indem er nachweiset, dass seine Mutter eine geborne Ehre, und somit die Schwester Ihres in Amerika verstorbenen Onkels war.«
«Während der ganzen Unterredung war ich in der Nähe des Kamines gestanden, mich mit beiden Armen auf die Lehne eines Fauteuils stützend, von dem ich, wie vom Blitz getroffen, auffuhr, mit der flachen Hand über die Stirne strich, um mein Gehirn etwas abzukühlen, und dann einige
Schritte gegen den Armstul vortrat, wo Herr Rochester in der unmittelbaren Nähe des Feuers Platz genommen hatte.
Mir war heiß, -- ja ich muß sagen, sehr heiß. Hatte Herr Rochester den Kamin so stark heizen lassen, oder haben mir die neuen Erben so heiß gemacht; weder das Eine noch das Andere vermag ich mit Gewissheit zu behaupten. Meine Brust rang nach Luft, denn mein Athem war gepresst und kurz und mein Fuß wankend und unsicher.
»Sir!« sprach ich mit beklommener Stimme, »scherzen Sie, oder soll Ihre Mittheilung zur Wahrheit werden?«
»Leider muß ich Sie auf letzteres verweisen,« sagte hieraus Herr Rochester, »da sich die Erben in der That bereits gemeldet haben und binnen wenigen Tagen in London eintreffen werden, um sich mit Herrn Bright, dem Testamentsvollstrecker Ihres Oheims ins Einvernehmen zu setzen.«
»Und weiß die Familie Marthon, dass ich in London bin?«
»Darüber kann ich Ihnen wol nicht genügenden Aufschluss geben; doch glaube ich, dass bei der ganzen Sache nicht das Geringste zu fürchten ist, da die Familie Marthon nur mit Legaten und nicht mit der Erbschaft bedacht ist,«

sagte Herr Rochester, wahrscheinlich nur, um mich augenblicklich zu beruhigen.
In demselben Augenblicke öffnete ein Diener die Thür und rief: »Herr Advokat Bright!«
Ich schob die Stüle zusammen und wollte mich eben entfernen, als Herr Brigth ins Empfangszimmer trat und die Bitte an mich richtete, kurze Zeit hier zu verweilen, indem meine Anwesenheit unumgänglich nothwendig wäre.
Meine Verwirrung war so groß, dass ich für den Augenblick gar nichts zu antworten wusste. Herr Bright hätte mich sicher nicht in Verlegenheit gebracht, wenn er allein gekommen wäre. In seiner Begleitung befanden sich aber ein junger Mann und zwei Damen, die mit dem ersteren eine so sprechende Ähnlichkeit hatten, dass Bruder und Schwestern nicht zu verkennen war. Es drängte sich meinem Herzen eine Gewissheit auf, die mich auf das Unangenehmste berührte; denn ich erkannte in den Fremden jene Personen, welche sich so urplötzlich zwischen mich und mein Glück drängten.
So lange du arm und verlassen warst, sagte ich zu mir selbst, wollte sich auf der ganzen weiten Erde niemand finden, der mit dir verwandt gewesen wäre; und jetzt, wo das Glück dir zu lächeln scheint, finden sich deren gleich
mehrere.
Indessen hatte Herr Bright die Fremden vorgestellt und den Zweck ihres Besuches erörtert. Ich war freundlich mit meinen neuen Kousinen, ja vielleicht auch herzlich, ohne dass ich es wusste. Hätte ich ihre Bekanntschaft zu einer andern Zeit gemacht, so würde ich vielleicht hocherfreut darüber gewesen sein, so nahe Verwandte gefunden zu haben, von denen weder meine Ältern noch Mistreß Reed je Erwähnung gethan hatten. Allein in dem gegenwärtigen Augenblicke ware mir ein Verwandter ganz und gar ungelegen gekommen, vielweniger deren drei. Martha und Elisa waren bemüht, meine Gunst zu erlangen, während ihr Bruder mit Herrn Rochester eifrig verkehrte; und ich muß gestehen, dass bereits nach einer Stunde Beide einen vollkommenen Sieg über mich errungen hatten. Besonders liebenswürdig und
Zutrauen einflößend war Elisa, die jüngere von den Schwestern. Aus ihrem Munde erfuhr ich, dass sie mit ihrer Mutter, die schon seit vier Jahren Witwe war, erst vor zwei
Jahren aus der neuen Welt nach England übersiedelt und sich zu Lowton niedergelassen hatten. Ihr Vater, der auch ein Bruder meiner Mutter gewesen ist, lebte durch viele Jahre in Filadelfia, und unterhielt mit seinem Bruder eine eifrige Korrespondenz, aus welcher später eine Geschäftsverbindung hervorging, die in Folge irriger Ansichten sich zerschlug und später in solche Feindschaft umsetzte, dass sich die Brüder einander gar nicht mehr kennen wollten, woher es auch gekommen sein mag, dass die Marthon’sche Familie von dem Onkel zu New-York fast ganz übergangen wurde.
Die Schlichtung meiner Angelegenheit forderte die Gegenwart der Marthonischen Familie, weshalb dieselbe vielleicht ganz gegen ihren Willen bei vier Wochen sich aufhalten mußte. Wir besaßen in Westminster eine große und sehr bequeme Wohnung, die von Herrn Rochester bis zum künftigen Sommer gemietet worden war, weshalb er Marthon das Anerbieten machte-, mit seinen Schwestern in unserem Hause so lange zu verweilen, als deren Gegenwart nothwendig sein würde. Man schlug zwar anfangs das freundliche Anerbieten aus, ließ sich aber am Schlusse dennoch dazu bewegen, und ich muß gestehen, dass wir in Gesellschaft meiner Verwandten äusserst fröhliche und vergnügte Tage verlebt hatten.«
Endlich waren durch Herrn Bright meine Geschäfte zu Ende geführt. An mich gingen 200.000 Dollar über, und der Ausfall des übrigen Vermögens wurde auf Herrn Rochesters Vorschläge und mit meiner Zustimmung unter die drei Geschwister der Familie Marthon getheilt, worauf diese wieder nach Lowton zurückkehrten, nachdem sie mir das Versprechen abgenommen hatten, sie auf meiner Reise nach Thornfield zu besuchen.
Es war ein ziemlich unerträglicher Winter, weniger kalt als feucht und empfindlich, so dass wir herzlich froh waren, in Bälde einer besseren Jahreszeit entgegen sehen zu können. Herr Rochester hatte beschlossen, den nächsten Sommer in Thornfield zu verleben, welches bereits wieder vollkommen hergerichtet und weit schöner und prunkvoller ausgestattet worden war, als dies vor dem Brande der Fall war. Mistreß Fairfax überlebte den Umbau des Schlosses nicht mehr, denn sie hatte im Spätherbst ihren Geist aufgegeben. Ich reichte Herrn Rochester noch in demselben Jahre meine Hand und verlebte zu Thornfield in aller Zurückgezogenheit die glücklichsten Stunden an der Seite meines Gatten.



Erstes Capitel.

Es war an jenem Tag rein unmöglich, einen Spazirgang zu machen. Wir waren in der That des Morgens eine Stunde lang in dem entblätterten Gesträuch herumgegangen, aber nach Tische (Mrs. Reed pflegte sehr zeitlich zu Mittag zu essen, wenn sie keine Gäste hatte) brachte der kalte Winterwind so düstere Wolken, einen so durchdringenden Regen mit sich, daß von einem weiteren Spazirengehen im Freien nicht mehr die Rede seyn konnte.
Ich war froh, denn ich war nie eine Freundin von weiten Spazirgängen, am wenigsten an kalten Nachmittagen. Es war mir immer schrecklich zu Muthe, wenn ich im düstern Zwielicht nach Hause kam, die Finger und Zehen starr vor Frost, das Herz trübe und schwer von Bessie's, des Kindermädchens, unaufhörlichen Gezänken, gedemüthigt durch das Bewußtseyn, wie sehr ich in physischer Beziehung Elisen, John und Georginen Reed nachstand.
Die erwähnten Kinder, Elisa, John und Georgine, waren in diesem Augenblicke um ihre Mama im Besuchszimmer versammelt, sie lehnte im Sopha in der Caminecke und sah, im Kreise ihrer Lieblinge, welche während dieser Zeit weder zankten, noch schrieen, vollkommen heiter und
glücklich aus. Meine eigene kleine Person durfte sich dieser Gruppe nicht anschließen; Mama sagte, es thäte ihr sehr leid, mich in der Entfernung halten zu müssen. aber sie könne nicht anders, bis sie sich durch Bessie's Aussagen und durch eigene Anschauung überzeugt hätte, daß ich den reinsten Willen habe, ein geselligeres und kindlicheres, anmuthigeres, leichteres, freieres und natürlicheres Betragen anzunehmen: bis dahin müsse sie mich wirklich von dem Mitgenusse solcher Vortheile ausschließen, welche nur braven und darum auch zufriedenen und glücklichen Kindern gebührten.
Was sagt denn Bessie, daß ich verbrochen habe? fragte ich.
Jane, ich kann das Forschen und Fragen nicht leiden. Uebrigens schickt es sich für ein kleines Mädchen gar nicht, sich älteren Personen so entgegen zu stellen. Setze Dich irgendwo nieder und sey, so lange still, bis Du wieder artiger sprechen willst.
Ein kleines Frühstückzimmer stieß an das Besuchzimmer; dort hinein schlüpfte ich. Es enthielt einen Bücherschrank; ich bemächtigte mich sofort eines Buches, natürlich
eines Bilderbuches. Darauf begab ich mich in die Fensterbrüstung, kreuzte die Füße nach türkischer Manier übereinander und nachdem ich die rothen Moirevorhänge zugezogen
hatte, war ich on beiden Seiten abgeschlossen.
Rechts zeigten sich mir die malerischen Falten der scharlachrothen Draperie, links die hellen, durchsichtigen Glasscheiben, die mich vor dem kühlen Novembertage
schützten, ohne mir die Aussicht auf die frostige Außenwelt zu benehmen. Von Zeit zu Seit, während ich die Blätter des Buches umschlug, stellte ich Betrachtungen über den Anblick dieses Wintergartens an. In der Ferne bot derselbe ein fahles Weiß von Nebel und Wolken, in der Nähe eine Scenerie von nassem Grasgrund und sturmgepeitschtem Gesträuch; ein immerwährender Regenschauer floh vor dem scharfen Athemzuge der kalten Windsbraut über die Fläche hin.
Wieder blickte ich in mein Buch--Bewick's Naturgeschichte der Vögel Großbritanniens--das Gedruckte interessirte mich im Allgemeinen sehr wenig, indessen konnte ich,
so sehr ich auch Kind war, einige Seiten der Einleitung nicht ganz unbeachtet überschlagen. Sie handelten von den Aufenthaltsorten der Seevögel, den „einsamen Felsen und Vorgebirgen,“ die von ihnen allein bewohnt sind; von den, der Länge nach vom Cap Lindenäs bis zum Nordcap, mit Inseln bekränzten Küsten Norwegens --

Wo das nord'sche Meer mit wüstem Tosen
Das Felseneiland, scheu von Sterblichen gemieden,
Des fernen Thule wird umbraust und die Atlantis
Hinein schäumt in die stürmischen Hebriden. --

Ebensowenig konnte ich die Beschreibung der eisigen, schneebedeckten Ufer Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Nova-Zemblas und Grönlands übergehen, „jener trostlosen Regionen des ödesten Raumes, vom arktischen Gürtel umfangen. jener Urbehälter von Frost und Schnee, wo feste Eisfelder, die Erzeugnisse von Jahrhunderten, zur Höhe der Alpen emporgethürmt, den Pol um geben und die vielfältigen Schrecknisse der äußersten Kälte gleichsam in Einen Mittelpunkt zusammen fassen.“ Von diesen in der Weiße des Todes erglänzenden Landstrichen bildete ich mir nun eine Idee nach meiner Weise; sie war freilich ein bloßer Schatten, wie dies bei allen unreifen Vorstellungen der Fall ist, welche nebelartig die Seele eines Kindes durchziehen, aber sie hinterließ einen merkwürdigen, dauernden Eindruck. Die Worte dieser Einleitung verbanden sich mit den beigegebenen Bildern und gaben dem einsamen Felsen in einer stürmischen, wildschäumenden See, dem zerschellten, an einer trostlosen Küste gestrandeten Bote, dem kalt und geisterhaft durch finstere Wolken auf ein eben versinkendes
Wrack herab scheinenden Monde eine ganz besondere Bedeutung.
Ich kann's nicht bestimmt sagen, was für ein Gefühl der einsame Kirchhof in mir erweckte, mit seiner Ueberschrift, seinem Gitterthore, den beiden Bäumen, dem niedrigen, rings von der zerfallenen Mauer begrenzten Horizont, dem
eben aufgegangenen Halbmond, welcher die späte Abendzeit verkündete.
Die beiden Schiffe, welche auf träger See stillstanden, hielt ich für Seegespenster.
Den Gottseybeiuns mit Schweif und Pferdefuß überschlug ich als einen Gegenstand des Entsetzens, desgleichen das schwarze, gehörnte Wesen, das von der Spitze eines Felsens eine um einen Galgen versammelte Menge musterte.
Ein jedes Bild erzählte mir eine Geschichte, oft lautete dieselbe meinem unentwickelten Verstande und unvollkommenen Gefühlen sehr geheimnißvoll, aber immer war sie interessant, so interessant, wie die Märchen, welche Bessie an langen Winterabenden zu erzählen pflegte, wenn sie zufällig guter Laune war. Dann brachte sie wohl das Bügelbrett zum Camine der Kinderstube erlaubte uns, uns um sie herumzusetzen und währen sie Mrs. Reed’s Halskrause herrichtete und die Spitzen ihrer Nachtmütze ausplättete, fütterte sie unsere gierige Aufmerksamkeit mit Liebesbegebenheiten und Abenteuern aus alten Feenmärchen und noch älteren Balladen; später entdeckte ich, daß sie ihre Erzählungen Pamela und Heinrich, Grafen von Moreland, entnommen hatte.
Mit Bewick auf dem Schooße fühlte ich mich glücklich, wenigstens glücklich nach meiner Weise. Nichts fürchtete ich, als eine Unterbrechung und die letztere störte mich nur zu bald auf. Die Thüre des Frühstückzimmers öffnete sich.
Holla! Madame Trotzkopf! rief die Stimme John Reed's; dann trat eine Pause ein: der Junge fand die Stube anscheinend leer.
, Wo der Teufel steckt sie! fuhr er fort. »Lieschen,
Georgy! ( seinen Schwestern rufend) »Hanne ist nicht
hier; geht und sagt der Mama, daß sie im Regen auf die Straße gelaufen ist, das garstige Thier.
Ein Glück, daß ich den Vorhang zuzog, dachte ich bei mir selbst und vom Grunde meines Herzens betete ich, er möchte mein Versteck nicht ausfindig machen. In der
That wäre auch John Reed bei der Blödigkeit seiner Augen und seines Verstandes nicht dahinter gekommen; aber im selben Augenblicke steckte Elise ihren Kopf zur Thüre herein und sagte:
Sie ist in der Fensterbrüstung, ganz gewiß, Jack!
Sofort trat ich auch heraus, denn ich zitterte bei dem bloßen Gedanken, vom besagten Jack hervor gezogen zu werden.
.Was willst Du? frug ich mit scheuer Aengstlichkeit.
- Was wünschen Sie, junger Herr Reed, sollst Du sagen, war die Antwort. Ich will, daß Du herkommst. Bei diesen Worten setzte er sich in einen Armstuhl und bedeutete mir mit der Hand näher zu treten und mich vor ihn zu stellen.

John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren,
vier Jahre älter als ich, denn ich zählte deren blos zehn;
groß und stämmig für sein Alter, von fahler, ungesunder
Gesichtsfarbe, groben Zügen, einem breiten Gesicht; seine
Glieder waren überhaupt massiv, seine Hände und Füße
unverhältnißmäßig groß. Bei Tische pflegte er sich über Gebühr vollzupfropfen, was sein Temperament gallig, seine Augen blöde und umflort, seine Wangen schwammig machte.
Er hätte dazumal eigentlich in der Schule seyn sollen, aber
seine Mama hatte ihn „seiner schwachen Gesundheit wegen“
auf ein oder zwei Monate nach Hause genommen. Sein
Lehrer, Mr. Miles, behauptete zwar, John würde sich recht
wohl befinden, wenn er weniger Kuchen und Süßigkeiten
von Hause geschickt bekäme; seiner Mutter Herz konnte indessen einen so barbarischen Gedanken gar nicht fassen und
so blieb sie bei der ihrer Zärtlichkeit entsprechenderen Idee
stehen, Johns ungesunde Gesichtsfarbe sey einem allzugroßen Fleiße und vielleicht auch dem Heimweh zuzuschreiben.

John hatte weder für sein Mutter, noch für seine Schwestern eine große Zuneigung, gegen mich hingegen eine ausgesprochene Antipathie. Er neckte und schlug mich,
nicht etwa zwei- oder dreimal die Woche oder ein- oder zweimal des Tages, sondern ohne Unterlaß: jeder Nerv meines Körpers zitterte vor ihm und jede Muskel zog sich zusammen, wenn er näher kam. Es gab Augenblicke, wo
mir der Schreck, den er mir einflößte, alle Besinnung
raubte, da ich gegen seine Drohungen und Bosheiten weder
einen Schutz noch einen Rückhalt hatte. Das Gesinde wollte
dem jungen Herrn nicht zu nahe treten, indem es mich vertheidigte, und Mrs. Reed war in dieser Beziehung taub und

blind, sie sah es nie, wenn er mich schlug und hörte nicht,
daß er mich schmähte, obwohl er sich das Eine und das
Andere dann und wann sogar in ihrer Gegenwart erlaubte,
wenn es gleich am häufigsten hinter ihrem Rücken geschah.
John gegenüber an Unterwürfigkeit gewöhnt, stellte
ich mich sofort vor seinen Stuhl; etwa drei Minuten brachte
er damit zu, die Junge so weit auf mich heraus zu strecken,
als er dies, ohne die Zungenwurzel zu beschädigen, füglich
thun konnte; ich sah voraus, daß er alsbald auf mich losschlagen würde, und während ich dem Schlage entgegen zitterte, konnte ich mich nicht enthalten, das eklige und häßliche Gesicht meines Henkers näher ins Auge zu fassen.
, Wahrscheinlich mochte er meine Gedanken in meinen Blicken
gelesen haben, denn plötzlich und ohne ein Wort zu verlieren, schlug er nach mir mit aller Kraft. Ich schwankte und mein Gleichgewicht wieder gewinnend, trat ich einen
oder zwei Schritte zurück.
,Nimm das für deine Unverschämtheit, meiner Mama
vor einer Weile so zu antworten, sagte er, und für deinen heimlichen Rückzug hinter den Vorhang und für den Blick, den Du mir vor zwei Minuten zuwarfst, Du abscheuliche Ratte Du!
Ich war Johns Schmähungen zu sehr gewöhnt, um irgend eine Entgegnung versuchen zu wollen; meine nächste Sorge bestand blos darin, wie ich den zweiten Schlag ertragen könnte, welcher der Beschimpfung unausweichlich
folgen würde.
Was thatest Du hinter dem Vorhange? war Johns nächste Frage.
Ich las.
Zeig das Buch her.

Ich ging zum Fenster und holte es.
Du hast mit unseren Büchern gar nichts zu schaffen.
Du issest bei uns das Gnadenbrot, wie Mama sagt, Du hast
kein Geld, dein Vater hinterließ Dir nichts, Du solltest
eigentlich betteln gehen und nicht mit vornehmer Leute Kindern, wie unsereins, zusammen leben, mit uns von denselben Speisen essen und Kleider tragen, die Dir unsere Mama,
schaffen muß. Ich will Dich lehren, in meinen Büchern
herum zu kramen; denn die Bücher sind mein und das ganze Haus gehört mir oder wird mir in wenigen Jahren gehören. Packe Dich und stelle Dich zur Thür, außer den
Bereich der Spiegel und Fenster.
Ich that wie mir geheißen wurde, ohne im ersten
Augenblick die Absicht des Buben zu erfassen; als ich ihn
aber das Buch aufheben und zum Wurfe schwingen sah, fuhr
ich instinctmäßig mit einem Angstrufe bei Seite; doch nicht
zeitig genug, dann der Band traf mich, ich fiel, schlug mit
dem Kopfe gegen die Thüre und zerschellte mir den Schädel.
Die Wunde blutete, der Schmerz war heftig; mein Schrecken
hatte die höchste Stufe überschritten und machte andern Gefühlen Platz.
.O! Du böser, Du grausamer Bube! rief ich. Du
handelst ja wie ein Mörder-- ein Sclaventreiber-- wie
die römischen Kaiser!
Ich hatte vordem Goldsmith's Geschichte Roms gelesen und mir über Nero und Galigula eine Meinung gebildet,
auch, wie natürlich, im Stillen Vergleiche gezogen, freilich
ohne daran zu denken, sie je in dieser Weise laut werden
zu lassen.
Wie! was! schrie er auf. Zu wem sagt sie das?

Doch nicht zu mir? Elisa, Georgina, habt Ihr es gehört? Warte, ich will es der Mama sagen! doch zuvor --
Bei diesen Worten stürzte er wie ein Rasend er auf
mich los; ich fühlte wie er mich bei den Haaren und bei
den Schultern packte: die Verzweiflung gab mir Kraft. Ich
sah in ihm einen Tyrannen, einen Mörder; ich fühlte einige
Blutstropfen von meinem Kopfe den Nacken herab rinnen,
dies und ein stechender Schmerz hatten in diesem Momente
die Oberhand über jedwede Furcht und ich empfing den
Burschen mit einer Art entschlossener Raserei. Was ich ihm
mit meinen Händen zufügte, das weiß ich nicht mehr, ich
hörte nur, wie er mich eine böse Ratte nannte und laut
aufschrie. Man war ihm bald zu Hilfe gekommen: Elisa
und Georgina hatten Mrs. Reed geholt, die sofort auf den
Schauplatz eilte, gefolgt von Bessie und Abbot, ihren
Kammerzofen. Man trennte uns und ich hörte die Worte:
Du lieber Himmel! welche Bosheit, den jungen
Herrn derart anzufallen!
Hat man je ein so boshaftes Geschöpf gesehen!
Worauf Mrs. Reed erwiederte:
Bringt sie ins rothe Zimmer und schließt sie dort ein.
Vier Hände faßten mich zu gleicher Zeit und ich wurde
die Treppe hinaufgetragen.

Zweites Capitel.

Den ganzen Weg über leistete ich nach Kräften Widerstand, für mich eine ungewohnte Sache und für Bessie und Jungfer Abbot ein Anhaltspunkt mehr, die schlechte Meinung, die sie bereits von mir gefaßt hatten, zu begründen.
Der einzige Grund meines Betragens bestand indessen darin,

daß ich ganz außer mir war: die augenblickliche Auflehnung gegen meine Quäler, welche natürlicher Weise schreckliche Strafen nach sich ziehen mußte, hatte mich, wie irgend einen meuterischen Sclaven, zu dem Entschlusse gebracht, so weit als möglich zu gehen.
Halten Sie ihr die Hände, Mamsell Abbot; sie geberdet sich ja wie eine wüthende Katze.
Pfui! Schämen Sie sich! rief die Herrenmagd.
Welch' abscheuliche Aufführung. Miß Eyre, nach einem
jungen Gentleman, dem Sohne Ihrer Wohlthäterin, Ihrem jungen Gebieter zu schlagen!
Gebieter? Wienach ist er mein Gebieter? Bin ich eine Dienstmagd?
Nein! Sie sind noch weniger als eine Dienstmagd, denn Sie thun nichts für Ihren Unterhalt. Da, setzen Sie sich nieder, und denken Sie über Ihre Nichtswürdigkeit nach.
Indessen hatten mich die beiden Mädchen in die bezeichnete Stube gebracht, und dort auf einen Stuhl niedergeworfen. Mein erster Gedanke war, wie eine Feder emporzuschnellen, aber zwei paar Hände brachten mich augenblicklich zum Stillsitzen.
Wenn Sie nicht sitzen bleiben, so müssen wir Sie anbinden, sagte Bessie, Mamsell Abbot, leihen Sie mir ’mal Ihre Strumpfbänder, die meinigen würde sie gleich
zerreißen.
Mamsell Abbot machte sich bereit, das geforderte Bindemittel von ihren dicken Beinen abzulösen. Die Bereitung von Fesseln und der Gedanke an die damit verbundene neue
Schmach benahm mir etwas von meiner Aufregung.

Lassen Sie sie daran, rief ich. Ich will mich nicht rühren.
Und zur besseren Bekräftigung des Gesagten hielt ich mich mit beiden Händen am Stuhle fest.
Ich wollte es Ihnen auch nicht gerathen haben, erwiederte Bessie, indem sie, nach gewonnener Ueberzeugung, daß ich fest saß, ihre Hände von mir nahm. Darauf stellte
sie sich mit Jungfer Abbot mit unterschlagenen Armen vor mich hin, und beide blickten mir düster und forschend ins Antlitz. als hielten sie mich für verrückt.
Sie war früher nie so, begann nach einer Weile Bessie.
Oh, es hat schon immer in ihr gesteckt. Ich habe der gnädigen Frau schon öfter meine Meinung über das Kind gesagt, und sie hat mir ganz Recht gegeben. Sie ist ein
kleiner Wechselbalg! mein Lebetag habe ich noch kein Mädchen ihres Alters so heimtückisch gesehen.
Bessie antwortete nicht. Nach einer kurzen Pause wandte sie sich zu mir.
Sie sollten am besten wissen Miß, was Sie Mrs. Reed zu danken haben: sie allein erhält Sie. Wenn sie Sie verstößt, so kommen Sie geraden Weges ins Armenhaus.
Auf solche Reden konnte ich nichts erwiedern. Sie waren mir nichts Neues; mit den ersten Vorstellungen meines Daseins hatten sich ähnliche Andeutungen gepaart. Der Vorwurf meiner Armuth und Abhängigkeit tönte mir in den Ohren, peinlich zwar und drückend, aber nur halb verständlich. Nun ließ sich auch Jungfer Abbot vernehmen.
Und Sie dürfen sich gar nicht einbilden, daß Sie eben
so viel sind, als die Fräulein Reed und der junge Herr
Reed; etwa darum, weil Mrs. Reed die Gnade hat, Sie

mit ihren Kindern aufzuziehen? Die haben sehr viel Geld, und Sie haben gar nichts, daher ziemt Ihnen Demuth,
und Sie werden wohl daran thun, etwas leidlicher zu
werden.
Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten, fügte
Bessie etwas freundlicher hinzu, versuchen Sie es mit Dienstfertigkeit und Zuvorkommenheit, vielleicht haben Sie dann
eine Heimat in diesem Hause; aber wenn Sie sich roh und
leidenschaftlich betragen, so wird Sie die gnädige Frau ganz
gewiß fortschicken.
Zudem, meinte Miß Abbot, wird sie unser Herrgott strafen, vielleicht schickt er ihr einmal mitten in den Ergüssen ihrer Bosheit den Tod, und wo soll dann ihre
arme Seele hinkommen? Kommen Sie, Bessie, wir wollen
sie allein lassen. Um alles in der Welt wollte ich nicht
ihr Herz haben. Sagen Sie Ihre Gebete her, Miß Eyre,
wenn Sie allein sind; denn wenn Sie keine Reue zeigen,
so möchte am Ende irgend ein Gespenst den Camin herunter kommen, und Sie holen.
Beide entfernten sich nun, stießen die Thüre zu, und
sperrten sie hinter sich ab.
Das rothe Zimmer war eine unbenützte Stube, in der
selten, ich möchte beinahe sagen nie, Jemand die Nacht zubrachte, es wäre denn, daß zufällig ein großer Schwarm
von Gästen Gatesheadhall überschwemmte, und es nothwendig machte, alle Räumlichkeiten des Hauses zu verwenden. Dessenungeachtet war die rothe Stube eine der größten und stattlichsten der Wohnung. Eine auf massiven Säulen von Mahagony ruhenden Bettstatt mit einem Himmel von dunkelrothem Damast stand, der Bundeslade ähnlich, in
der Mitte; die zwei großen Fenster, die Fensterladen stets

geschlossen, waren von Garnituren und Draperien von derselben Farbe halb verhüllt; über den Fußboden breitete sich
ein rother Teppich; auch den Tisch am Fuße des Bettes
deckte ein carmoisinrothes Tuch; die Wände waren lichtroth,
mit einem zarten Hauche von Feuerroth gemalt, der Kleiderschrank, die Toilette, die Stühle sämmtlich von dunkel
politirtem Mahagony. Aus diesen tiefen Schatten ringsum
erhoben sich hoch und blüthenweiß die aufeinander geschichteten Matratzen und Federpölster des Bettes mit einer
schneeigen Marseiller Steppdecke überkleidet; am Kopfe des
Bettes ragte, wohl nicht ganz so hoch wie das erstere,
ein weiter, gepolsterter Sorgenstuhl, gleichfalls weiß überzogen und vorne mit einem Fußschämel versehen, empor, der
mir wie ein weißer Thron vorkam.
Die Stube war kalt, weil man sie selten heizten
still, weil sie von der Kinderstube und der Küche gleich
weit entfernt lag; feierlich und unheimlich, weil man
wußte, sie werde selten betreten. Blos am Sonnabend
kam das Stubenmädchen herein, um von den Spiegeln
und Möbeln den ungestört angesammelten Staub einer
ganzen Woche abzuwischen; Mrs. Reed selbst besuchte
die Stube nur in seltenen Zwischenräumen, um eine geheime Schublade im Kleiderkasten zu untersuchen, welche
verschiedene Pergamente, ihr Juwelenkästchen und ein Miniaturporträt ihres verstorbenen Mannes enthielt. Ihres verstorbenen Mannes-- --in diesen Worten lag das Geheimniß der rothen Stube, der Zauberbann, welcher dieselbe trotz ihrer Größe öde und verlassen erhielt.
Mr. Reed war vor neun Jahren gestorben; in der
rothen Stube hatte er seinen Geist ausgehaucht; dort hatte
er an Paradebett gelegen, und von dort hatten die Leichenmänner seinen Sarg abgeholt, und von jenem Tage an
hatte eine gewisse Weihe das Zimmer vor häufigen und längerem Aufenthalte bewahrt.
Der Sitz, auf welchem mich Bessie und die bitterböse
Mamsell Abbot festgebannt hatten, war eine niedrige Ottomane nächst dem marmornen Caminmantel. Vor mir erhob sich das Bett, zu meiner Rechten stand der hohe, finstere Kleiderschrank, in dessen politirten Thüren sich die
verschiedenartig gebrochenen Reflexe abspiegelten; links präsentirten sich die verhüllten Fenster und ein zwischen den
letzteren angebrachter Spiegel gab das unheimlich großartige Bild des Bettes und der ganzen Stube wieder. Ich
wußte nicht ganz gewiß, ob man die Thüre zugesperrt
hatte; ich nahm mir die Freiheit aufzustehen und sah nach.
Ach, ja! Nie war der Ausgang eines Kerkers besser verwahrt. Zu meinem Sitze zurückkehrend, mußte ich vor dem
Spiegel vorbei; mein Blick fiel, unwillkürlich gefesselt,
darauf, gleichsam um die Tiefe zu ergründen, die das Glas
zu decken schien. Alles sah in dieser eingebildeten Vertiefung frostiger und finsterer aus, als in der Wirklichkeit
und die sonderbare kleine Gestalt, mit weißem Gesicht und
Armen, mit vor Furcht zwinkernden Augen, welche, sich
im düstern Hintergrunde der Spiegelfläche abzeichnen, mir
in der unbeweglichen Umgebung zitternd entgegen blickte, gemahnte mich an ein wirkliches Gespenst. Sie kam mir
vor wie eines jener nebelhaften Phantome, halb Fee halb
Nixe, von denen uns Bessie in ihren Märchen erzählt
hatte, sie stiegen in fernen, dunstigen Sümpfen vor den
Augen verspäteter Wanderer aus der Erde empor. Ich setzte
mich wieder auf meinen alten Platz.
In diesem Augenblicke kam der Aberglaube über mich,

aber noch hatte die Stunde seines vollständigen Sieges nicht
geschlagen. Noch rann mein Blut warm durch die Adern;
noch erhielt mich der Trotz der empörten Sclavin in aufrechter Spannung: ich mußte eine wilde Flut von Gedanken aus der Vergangenheit vorbeiströmen lassen, bevor der
Wellenschlag der Gegenwart an mich gelangen konnte.
Alle Martern und Qualen, die ich von John Reed
erduldet, alle die stolze Verachtung seiner Schwestern, die
offene Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit des Gesindes kamen in meinem wild erregten Gemüthe auf die
Oberfläche, wie der Schlamm in den Fluten einer aufgetrübten Quelle. Warum mußte denn gerade ich immer leiden, die Augen traurig zu Boden senken; warum verklagte,
warum verdammte man denn gerade nur mich? Warum
war es mir denn unmöglich zu gefallen, warum nutzlos,
irgend Jemandes Zuneigung erlangen zu wollen? Elise,
das eigensinnige, selbstsüchtige Mädchen ward verehrt;
Georgine mit ihrem launischen Wesen, ihrer herben Bissigkeit, ihrem herausfordernden und kecken Betragen war
bei Allen wohlgelitten. Ihre Schönheit, ihre rothen Wangen, ihre goldenen Locken schienen Jedermann zu entzücken
und für die Fehler des Kindes schadlos zu haben. John
wurde nicht das Mindeste in den Weg gelegt, geschweige
denn, daß er gestraft worden wäre, wiewohl er den Tauben
den Hals umdrehte, die kleinen Hühnchen todtschlug, die
Hunde auf die Schafe hetzte, die Trauben aus dem Treibhause stahl, die Knospen der seltensten Pflanzen im Gewächshause abriß. Seine Mutter nannte er nicht anders als „altes Mensch“, machte sich zuweilen über ihre unreine, seiner eigenen ähnliche Gesichtsfarbe lustig. Ihre Wünsche und
Bitten beachtete er nicht im Geringsten; nicht selten verdarb

und zerriß er aus Muthwillen ihre seidenen Kleider und
dennoch war und blieb er «ihr liebes, theures Söhnchen.
Ich dagegen machte mich keines Fehlers schuldig; ich bemühte mich, allen meinen Pflichten nachzukommen: und
doch nannte man mich nichtswürdig, eklig, verstockt und
heimtückisch von Früh bis Mittag und von Mittag bis in
die Nacht.
Mein Kopf schmerzte mich noch immer und die Wunde,
die ich mir im Fallen geschlagen, blutete ohne Unterlaß.
Kein Mensch hatte es John verwiesen, daß er mich ohne
Ursache mißhandelte und weil ich mich gegen ihn wandte,
um weitere unvernünftige Martern von mir abzulenken,
wurde ich von Allen verdammt und mit Schmach überhäuft.
Das ist Unrecht--himmelschreiendes Unrecht!--rief
mir mein durch die erlittenen Mißhandlungen frühzeitig,
wiewohl vorübergehend gereifter Verstand zu, und meine
gleichfalls unnatürlich gesteigerte Willenskraft trieb mich
zu irgend einem ungewöhnlichen Ausweg, um weiterer Unterdrückung zu entgehen--etwa indem ich davon lief oder
weder aß noch trank und mich so zu Tode hungerte.
Wie groß war meine Bestürzung an jenem düsteren
Nachmittage, wie sehr mein Geift aufgeregt und mein
Herz empört! Und inmitten welch' finsterer Unwissenheit
wurde dieser geiftige Kampf ausgekämpft! Ich war nicht
im Stande, auf die unausgesetzte Frage in meinem Innern,
warum ich denn so viel erleiden müßte, eine Antwort zu
finden. Nun, nach einem Zeitraume von, ich will nicht
sagen, wie vielen Jahren ist mir Alles klar.
Meine Existenz in Gatesheadhall war ein Mißton;
mein Wesen stimmte dort mit Niemand überein, weder mit
Mrs. Reed und ihren Kindern, noch mit ihren erkorenen

Vasallen. Ich liebte sie ebensowenig, als sie mich leiden
konnten. Sie fühlten sich nicht zu einem Wesen hingezogen,
das mit ihnen nicht sympathisiren konnte, ein Wesen, das
nach Temperament, geistigen Anlagen und Fähigkeiten so
himmelweit von ihnen verschieden war; ein unnützes Geschöpf, welches weder ihren Vortheil fördern, noch zu ihrem
Vergnügen beitragen mochte, welches sogar insofern als
schädlich erschien, als es einen beständigen Unwillen über
ihre Behandlung nähren, ihren Blödsinn mitleidig belächeln mußte. Ich bin überzeugt, daß, wäre ich ein munteres, hübsches, sorgloses, eigensinniges, ja polterndes--
wenngleich ebenso von fremden Gnaden abhängiges, freudeloses--Kind gewesen, Mrs. Reed meine Gegenwart
gut weit mehr gutem Willen ertragen hätte. Die Kinder
selbst wären mir, als Spielcameraden wenigstens, mehr zugethan gewesen; die Dienstboten würden es nicht gewagt
haben, mich zur Zielscheibe der Neckereien in der Kinderstube zu machen.
Das Tageslicht begann aus der rothen Stube zu
schwinden. Es schlug vier Uhr und der umwölkte Himmel
ließ die schaurige Dämmerung zeitlich herein brechen. Ich
hörte en Regen ohne Unterlaß an die Fenster des Treppenhauses anschlagen und den Wind durch das Lustwäldchen hinterm Hause heulen; nach und nach wurde ich kalt
wie Marmor und der Muth sank mir immer tiefer. Mein
gewöhnliches Bewußtseyn des eigenen Unwerthes, der Ohnmacht, des Drückenden meiner Lage, fiel gleichsam feucht
auf die glimmenden Kohlen meines verlöschenden Zornes
nieder. Alles nennt mich schlecht, dachte ich, vielleicht
bin ich es auch in der That. Wie konnte es mir eben einfallen, mich durch Hunger tödten zu wollen? Das wäre ja
eine Sünde! Und dann, wäre ich denn auch zum Tode vorbereitet? Oder wäre etwa das Gewölbe unter der Kanzel
der Kirche von Gateshead eine so einladende Ruhestätte?
Ich wußte, daß Herr Reed in einer solchen Gruft beigesetzt
wurde und durch diese Vorstellung auf den Gedanken an ihn
selbst gebracht. verweilte ich bei dieser Idee mit wachsender
Furcht. Ich konnte mich seiner nicht mehr entsinnen; aber
ich hatte gehört, er sey mein leiblicher Onkel, m einer Mutter Bruder gewesen; er habe mich als eine elternlose Waise
zu sich genommen und in seinen letzten Augenblicken sich
von Mrs. Reed feierlich versprechen lassen, sie wolle mich
auch ferner wie ihr eigenes Kind halten. Mrs. Reed war
jedenfalls der Ansicht, sie erfülle ihr Versprechen pünktlich;
und die Wahrheit zu sagen, that sie dies auch, so gut als
es ihr Charakter zuließ; aber wie konnte sie denn auch einen
Einschübling, der nicht ihres Stammes und nach ihres
Gatten Tode mit ihr in keiner weiteren Verbindung war,
irgendwie lieben? Im Gegentheile mußte es für sie sehr
drückend seyn, sich durch ein mit Widerstreben gegebenes Wort
verbunden zu wissen, an einem fremden, ungeliebten Kinde
Mutterstelle zu vertreten, einen fremden Eindringling fortwährend in der Mitte ihrer eigenen Kinder zu sehen.
Ein sonderbarer Gedanke tauchte in mir auf. Ich
zweifelte nicht und hatte nie daran gezweifelt, daß Mr. Reed--wenn er am Leben geblieben wäre--mich gewiß gut
behandelt hätte. und nun, wie ich so dasaß, die Augen
auf das weiße Bett und die dunklen Wände, gelegenheitlich auch auf den schwach erglänzenden Spiegel gerichtet, erinnerte ich mich an Alles, was ich bisher von Abgeschiedenen gehört hatte, die, weil sie die Uebertretung ihrer letzten Wünsche aus der letzten Ruhe aufgescheucht, wieder auf der Erde erschienen waren, um die Eidbrüchigen zustrafen und die Unterdrückten zu rächen; auch Mr. Reed's Geist müsse, so dachte ich, über das dem Kinde seiner Schwester
angethane Unrecht empört, seinen Aufenthalt--die Gruft
in der Kirche, oder die unbekannte Wohnung der Seligen--verlassen und mir in diesem Zimmer erscheinen. Ich trocknete meine Thränen und ließ das Seufzen; denn wie leicht
konnte irgend ein Ausbruch heftigen Schmerzes eine übernatürliche Stimme zu meinem Troste wecken, oder der Finsterniß die Erscheinung eines lichtumflossenen Antlitzes entlocken, das sich voll himmlischen Mitgefühls über mich herniederneigte. So sehr auch diese Idee in der Vorstellung Trost einflößte, so sehr fühlte ich das Grauenhafte einer
möglichen Verwirklichung; ich bekämpfte sie daher mit aller
Macht und versuchte es Muth zu fassen. Mir die wirren
Haare aus dem Gesichte streichend, hob ich den Kopf in die
Höhe und bemühte mich, keck in dem finstern Zimmer herumzublicken. In diesem Augenblicke erglänzte ein Lichtstrahl
an der Wand. War es das Mondlicht, das sich durch eine
Ritze des Fensterladens hereinstahl? Unmöglich; das Mondlicht ist unbeweglich und jener Strahl irrte unstät hin und
her; während ich ihn ins Auge faßte, glitt er zur Zimmerdecke hinauf und zitterte über meinem Haupte. Jetzt kann
ich mir freilich erklären, daß die ganze Erscheinung ihren
Ursprung aller Wahrscheinlichkeit nach dem Lichte einer Laterne verdankte, die irgend Jemand über den Grasplatz vor
dem Hause trug; aber in jener Stunde, wo mein Geist
für alle Schrecknisse empfänglich war, meine Nerven in der
ungeheuersten Aufregung zuckten, hielt ich den wandernden
Lichtschein für den Vorboten einer kommenden Vision aus dem fernen Jenseits. Mein Herz pochte hörbar, meine Stirne brannte wie Feuer; ein Geräusch, welches mir das Rauschen von Fittigen dünkte, schlug an mein Ohr: irgend Etwas näherte sich; der Athem verging mir, die Angst drückte mich nieder; ich rannte ur Thüre und zog an der
Klinke mit der Kraft der Verzweiflung. Schritte kamen heran, der Schlüssel drehte sich im Schlosse, Bessie und Abbot
traten in die Stube.
Sind Sie krank, Miß Eyre? frug Bessie.
Welch ein schreckliches Geschrei! rief Abbot; es
ging mir ordentlich durch Mark und Bein.
Führt mich fort, bringt mich in die Kinderstube!
schrie ich ohne Unterlaß.
Weswegen? Haben Sie sich verletzt? Ist Ihnen etwas
zu Gesicht gekommen? frug Bessie wieder.
Oh! ich sah ein Licht und ich dachte ein Gespenst werde
kommen. Dabei faßte ich Bessie's Hand, welche sie nicht
zurückzog.
.Sie hat absichtlich aufgeschrieen , erklärte Abbot,
offenbar sehr übel gelaunt. Und was das für ein Lärm
war! Hätte sie große Schmerzen, so könnte man es noch
entschuldigen, aber sie wollte uns nur Alle auf die Beine
bringen, ich kenne ihre boshaften Streiche nur zu gut.
Was soll das Alles bedeuten? ließ sich eine andere
Stimme in gebieterischem Tone vernehmen, und Mrs.
Reed kam mit fliegender Haube und flatterndem Gewand den
Gang heraufgerauscht. Abbot! Bessie! Habe ich nicht befohlen, Jane soll so lange in der rothen Stube bleiben, bis
ich sie selbst abhole?
Aber Miß Jane schrie so laut auf, entschuldigte
sich Bessie.

Laßt sie gehen, war die Antwort. Laß Bessie's Hand los; es wird Dir nicht gelingen, Dich durch solche Mittel frei zu machen, das kannst Du mir glauben. Ich hasse und verachte Verstellung, besonders bei Kindern, es ist meine Pflicht Dir zu beweisen, daß Kunstgriffe nicht
zum Ziele führen. Du wirst nunmehr eine Stunde länger
hier bleiben und nur unter der Bedingung will ich Dich dann
in Freiheit setzen, daß Du Dich vollkommen unterwürfig
zeigst und ganz still verhältst.
Liebe Tante, haben Sie Mitleid! Vergeben Sie
mir. Ich halte es nicht aus--strafen Sie mich auf eine
andere Weise. Ich bin des Todes, wenn--
Stille, sage ich! Diese Heftigkeit ist wirklich anwidernd.
Wie sie sprach, so fühlte sie auch ohne Zweifel. In ihren Augen erschien ich als eine frühreife Schauspielerin, als
ein Ausbund von bösen Leidenschaften, gemeiner Gesinnung
und gefährlicher Doppelzüngigkeit.
Nachdem sich Bessie und Abbot zurückgezogen hatten,
warf mich Mrs. Reed, ungeduldig über den erneuerten
Ausbruch meiner Furcht und über mein wildes Gestöhne,
ohne alle Umstände und ohne ein Wort zu verlieren in die
Stube hinein, die sie nach mir absperrte. Ich hörte sie hinwegrauschen und bald nachdem sie abgegangen war, muß ich
in eine Art Ohnmacht gefallen seyn, denn Bewußtlosigkeit
schloß die Scene.

Drittes Capitel.

Der Umstand, auf den ich mich zunächst erinnere, war mein Erwachen, nachdem, wie es mir vorkam, lange Zeit der Alp auf mir lag und ein rother Schein hinter einem
dicken, dunklen Gitter meine Augen geblendet hatte. Ich hörte Stimmen, deren Ton mir ungewöhnlich hohl klang, als hätte ihnen das Rauschen des Windes und des Wassers
ihren Klang benommen. Aufregung, Unsicherheit und ein Alles beherrschendes Gefühl der Angst verwirrte mir die Sinne. Später wurde ich gewahr, daß sich Jemand mit mir
beschäftigte, mich in die Höhe hob und zum Sitzen brachte und zwar in weit zarterer Weise, als man dies je mit mir gethan. Ich legte meinen Kopf bald auf ein Kissen
bald auf einen Arm und fühlte mich wohl.
Beiläufig fünf Minuten nachher lösten sich die Fesseln
der Bewußtlosigkeit; ich erkannte, daß ich in meinem Bette
lag und der rothe Glanz von dem Camin feuer der Kinderstube herrührte. Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem
Tische; Bessie stand am Fuße des Bettes, ein Becken in der
Hand, und ein Herr, in einem Armstuhle nächst meinem
Kopfkissen sitzend, beugte sich über mich.
Ein unaussprechliches Wohlseyn, die beruhigende
Ueberzeugung von Schutz und Sicherheit bemächtigten sich
meiner, als ich einen Fremden an meiner Seite sah, eine
Person, die nicht nach Gatesheadhall gehörte und zur Familie
Reed in keiner Beziehung stand. Meine Blicke von Bessie,
deren Gegenwart mir indessen lieber war, als diejenige Abbot's, abwendend, sah ich mir den Herrn genauer an.

Ich kannte ihn; es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den
Mrs. Reed zeitweilig holen ließ, wenn den Dienstboten etwas zustieß; für sich und ihre Kinder nahm sie einen ordentlichen Arzt.
Nun, wer bin ich denn? fragte er mich.
Ich nannte seinen Namen und reichte ihm meine Hand.
Er nahm sie in die seinige und sagte freundlich lächelnd: Es
wird nach und nach schon besser werden. Dann legte er
mich zurecht und trug Bessie auf, Acht zu geben, damit ich
in der Nacht nicht gestört würde. Nachrem er noch einige
weitere Verhaltungsvorschriften angegeben und versprochen
hatte, am nächsten Morgen wieder zu kommen, empfahl er
sich. Mit inniger Trauer sah ich ihn sich entfernen; ich fühlte
mich so sicher und heimlich, während er an meinem Bette
saß, und als er die Thüre hinter sich zuzog, schien sich die
Stube zu verfinstern, mein Herz stand still und tiefe Betrübniß erfüllte mir die Seele.
Glauben Sie wohl, daß Sie schlafen können, Miß?
frug Bessie ungewöhnlich sanft.
Ich wagte es kaum zu antworten; ich fürchtete, ihre
nächste Ansprache müßte rauh ausfallen.
Ich will sehen, sagte ich.
Wollen Sie trinken, oder vielleicht etwas essen?
Nein, liebe Bessie, ich danke.
Dann will ich zu Bette gehen, denn es ist Mitternacht vorüber. Sie mögen mich indessen nur rufen, wenn
Sie in der Nacht etwas wünschen.
Eine wunderbare Freundlichkeit, das! Ich faßte Muth
eine Frage zu stellen.
Was ist's denn eigentlich mit mir, Bessie? bin ich
krank?

Es wurde Ihnen in der rothen Stube übel vor lauter Schreien und Weinen, denke ich. Es wird ohne Zweifel bald wieder gut werden.
Bessie begab sich fortan in die Dienstmädchenstube. Ich
hörte sie mit einem der Mädchen sprechen.
Sarah, komm, schlaf' mit mir in der Kinderstube;
ich möchte heut' Nacht um Alles in der Welt nicht mit dem
armen Kinde allein bleiben. Es könnte am Ende sterben;
denn der Anfall, den sie hatte, war sonderbar. Sie muß
irgend ein Gesicht gehabt haben und die gnädige Frau verfuhr auch viel zu hart mit ihr.
Bessie kam in Sarah's Begleitung zurück; die beiden
Mädchen legten sich nieder und flüsterten noch fast eine halbe.
Stunde mit einander, bevor sie einschliefen. Ich faßte bloße
Bruchstücke ihrer Unterredung auf, die indessen hinlängliches Licht über den Hauptgegenstand verbreiteten.
Irgend ein Gespenst erschien ihr, ganz weiß gekleidet, und verschwand dann wieder ... ein schwarzer Hund ... lief hinterher; es pochte dreimal an die Stubenthür, --
am Kirchhof zeigte sich ein Licht über seinem Grabe? -- u. s. w.
Endlich waren sie eingeschlafen; das Feuer ging aus,
die Kerze verlosch. Ich selbst brachte die Stunden der Nacht
in träumerischem Halbschlummer zu, Ohren, Augen und
Geist gleich sehr von Furcht gespannt, jener Furcht, deren
nur Kinder empfänglich sind.
Der Unfall im rothen Zimmer zog keine heftige und
langwierige körperliche Krankheit nach sich, aber meine
Nerven erlitten eine Erschütterung, deren Nachhalt ich noch
bis auf den heutigen Tag verspüre. Ja, Mrs. Reed, Sie
allein haben die Qualen meines geistigen Siechthums zu

verantworten; aber ich vergebe Ihnen, denn Sie wußten
nicht, was Sie thaten; indem Sie mir das Herz aus dem
Leibe rissen, dachten Sie blos meine bösen Neigungen mit
der Wurzel auszurotten.
Tags darauf, um die Mittagszeit, war ich schon
außer Bett, fast angezogen, in einen Shawl eingewickelt,
am Camin. Ich war zwar körperlich schwach und wie gelähmt, aber mein größtes Leiden war ein geiftiges, ein
Gefühl des Elends und Jammers, das mir immerwährend
stille Thränen entlockte; kaum hatte ich die eine getrocknet,
als auch schon wieder die nächste die Wange herunterrann.
Und doch hätte ich mich eigentlich glücklich fühlen sollen,
denn kein Glied der Familie Reed befand sich in meiner Nähe,
sie waren alle mit ihrer Mama ausgefahren, auch Abbot
saß im andern Zimmer und nähte, Bessie hingegen richtete
von Zeit zu Zeit, während sie Spielsachen an Ort und Stelle
legte und Schubladen in Ordnung brachte, ungewöhnlich
fneundliche Worte an mich. Dieser Zustand hätte mir, da
ich an ewiges Schelten an endlose Zurechtweisungen gewöhnt war, als ein wahres Paradies der Ruhe erscheinen
sollen, doch meine überreizten Nerven waren augenblicklich
in einer so krankhaften Verfassung, daß sie weder durch Ruhe
besänftigt, noch durch Freude angenehm erregt werden
konnten.
Bessie war in die Küche hinabgegangen und kam mit
einer Torte auf einem wohlbekannten, buntbemalten Porzellanteller wieder. Der Paradiesvogel auf dem Teller, in
einem Kranze von Winden und Rosenknospen nistend, hatte
stets meine enthusiastische Bewunderung erregt und oft hatte
ich es mir als eine besondere Gnade erbeten, den Teller in
die Hand nehmen und näher besehen zu dürfen, ohne daß

man mich bisher einer solchen Auszeichnung für würdig erachtet hätte. Eben dieses kostbare Geschirr lag nun auf meinen Knien und die Bretze von süßem Teig lud fast unwiderstehlich zum Genusse ein. Doch unbeachtet blieb diese
Gunst! Wie so manches andere lang ersehnte und lang verschobene Glück kam sie zu spät! Ich konnte das Backwerk
nicht essen; das Gefieder des Vogels, der Schmelz der Blumen, Alles schien mir sonderbar verblaßt: ich stellte Teller
und Torte bei Seite. Bessie meinte, ob ich vielleicht ein Buch
haben möchte. Das Wort Buch machte auf mich einen,
wenn auch vorübergehenden Eindruck und ich bat sie, mir
Gulliver's Reisen zu holen. Ich hatte dieses Werk unendlich oft und immer wieder mit neuem Vergnügen durchgeblättert, ich hielt es für eine Erzählung von Thatsachen und
sah darin den Quell eines weit lebhafteren Interesses, als
mir Feenmärchen einflößen konnten; denn, nachdem ich die
Elfen umsonst unter den Blättern und Blumenglocken der
Fingerhutpflanze, unter Schwämmen und zwischen dem an
alten Nischen hinaufrankenden Immergrün gesucht
hatte, wurde mir die traurige Wahrheit offenbar, die
Feen seyen sammt und sonders aus England in weniger bevölkerte, mildere und waldreichere Gegenden
ausgewandert. Liliput und Brobdignag hingegen dachte
ich mir als wirkliche Theile des Erdballs, und somit
zweifelte ich keinen Augenblick an der Möglichkeit, eines
Tages, bei Gelegenheit einer größeren Reise, mit eigenen
Augen die kleinen Felder, Häuser und Bäume, die winzigen
Bewohner, Kühe, Schafe und Vögel des einen Landes, so wie die baumhohen Kornfelder, die mächtigen
Haushunde, die ungeheuren Katzen, die thurmhohen Männer und Weiber des andern sehen zu können. Und nun, als

ich das geliebte Buch in die Hände bekam, als ich darin
blätterte und es versuchte, den Zauber hervorzurufen, den
die Bilder sonst auf mich ausgeübt, erschien mir Alles trocken und unbedeutend; die Riesen kamen mir wie ungeschlachte Kobolde, die Zwerge wie boshafte, furchterregende Gnomen, Gulliver selbst wie ein langweiliger Wanderer in öden und gefährlichen Gegenden vor. Ich machte das Buch zu, in dem ich nicht weiter zu lesen wagte, und legte es auf den Tisch neben die unberührte Torte.
Bessie war inzwischen mit dem Fegen und Aufräumen
der Stube fertig geworden. Sie wusch ihre Hände, öffnete
eine Schublade voll schöner seidener und atlassener Bänder
und machte sich daran. eine neue Haube für Georginens
Puppe aufzuputzen. Dazu sang sie ein Lied, welches mit den
Worten beginnt.
Da wir noch herumgepilgert
Vor gar langer, langer Zeit.
Ich hatte das Lied vordem sehr oft gehört und immer
mit dem größten Vergnügen, denn Bessie hatte eine sanfte,
weiche Stimme, wenigstens kam es mir so vor. Dazumal
aber, wiewohl ihre Stimme eben so sanft erklang, machte
sie auf mich einen äußerst melancholischen Eindruck. Von
Zeit zu Zeit, wenn sie ihre Arbeit zu sehr in Anspruch
nahm, sang sie die Schlußworte gedehnt und leise, daß sie
wie der Tonfall einer Leichenhymne ans Ohr schlugen. Dann
ng sie zu einem andern Liede, einer wahrhaften Elegie über.
Wie schmerzen die Füße, wie brennen die Glieder.
Weit ist der Weg und wild heult der Wind;
Bald steigt die grausige Dämmerung nieder,
Schreckt das verlassene Waisenkind.

Wer stoßt hinaus mich in's frostige Leben,
Wo Sümpfe und Felsen im Wege mir sind?
Hartherzige Menschen; doch Engel umschweben
Liebend das einsame Waisenkind.
Von ferne weht sanft mir die Nachtluft entgegen;
Es glänzen die Sterne, das Wetter ist lind:
Gott der Barmherzige schickt seinen Segen,
Tröstung und Stärkung dem Waisenkind!
Und stürzt' unterwegs ich vom wankenden Stege,
Versänke im Sumpfe, es nähme geschwind
Der gütige Vater in himmlische Pflege
In sich das verlassene Waisenkind.
Die Eine Hoffnung, sie leuchtet von Weiten:
Wenn einsam die letzte Stunde verrinnt,
Englein im Himmel die Ruhstatt bereiten
Dem armen verlassenen Waisenkind.
Ei, Miß Jane, weinen Sie doch nicht so, sagte
Bessie, als sie ihr Lied zu Ende gesungen hatte. Eben so
gut hätte sie dem Feuer gebieten können nicht zu brennen.
Aber wie konnte sie auch das schwere Leid ahnen, das mich
zu Boden drückte?
Im Verlaufe des Morgens erneuerte Mr. Lloyd seinen Besuch.
Wie, Sie sind schon auf! rief er, als er ins Zimmer
trat. Nun, Bessie, wie geht's der Kleinen?
Bessie erwiederte, ich wäre recht wohl.
Wenn das ist, so sollte sie auch ein munteres Ansehen
haben. Kommen Sie zu mir, Miß Jane; so heißen Sie ja
doch, nicht wahr?
Ja wohl, lieber Herr, Jane Eyre.
Nun denn, Miß Jane, Sie haben geweint. Können

Sie mir sagen, was diese Thränen bedeuten? Haben Sie
irgend welche Schmerzen?
Nein, mein Herr!
Ach, ich glaube sie weinte, weil Sie nicht mit der
gnädigen Frau ausfahren konnte, erklärte Bessie.
O gewiß nicht; sie ist zu groß, um so kindisch zu
seyn!
So dachte ich auch und da diese Beschuldigung meine
Selbstachtung verletzte. so erwiederte ich schnell: Wegen einer solchen Kleinigkeit habe ich noch nie geweint; im
Gegentheil es ist mir unausstehlich, wenn ich spaziren fahren muß. Ich habe blos geweint, weil ich mich gar so unglücklich fühle.
Pfui doch, Miß! schalt Bessie.
Den guten Apotheker schien dieses Zwiegespräch etwas
aus der Fassung zu bringen. Ich stand vor ihm; er heftete
seine Augen unverwandt auf mich. Sie waren klein und
grau, hatten aber, wie mir schien, einen ungemein klugen
Ausdruck. Sein Gesicht sah grobzügig, aber sehr wohlwollend aus. Nachdem er mich eine Weile betrachtet hatte,
sagte er:
Wovon wurden Sie denn eigentlich gestern krank?
Sie that einen bösen Fall, nahm Bessie abermals
das Wort.
Sie that einen bösen Fall! Wie kindisch! Kann sie
denn in ihrem Alter noch nicht gehen? Sie ist ja wenigstens
acht bis neun Jahre alt.
Ich wurde zu Boden geschlagen, platzte ich heraus,
mein neuerdings angegriffenes Selbstgefühl vertheidigend.
Indessen machte mich das allein nicht krank, setzte
ich hinzu, während Mr. Lloyd eine Prise nahm.

Als er seine Dose in die Westentasche steckte, ertönte
die Glocke zum Mittagessen für das Gesinde, er wußte, was
es zu bedeuten hatte. Das geht Sie an, sagte er zu Bessie; Sie können gehen, ich will dem Fräulein etwas vorlesen, bis Sie wieder kommen.
Bessie wäre freilich lieber in der Stube geblieben; sie
mußte jedoch gehen, da bei den Mahlzeiten in Gatesheadhall die größte Pünktlichkeit zur Pflicht gemacht wurde.
Der Fall hat Sie also nicht krank gemacht? Was
war denn die Ursache Ihres plötzlichen Unwohlseyns? fuhr
Mr. Lloyd fort, nachdem sich Bessie entfernt hatte.
Man hatte mich in der Finsterniß in eine Stube eingesperrt, wo es Gespenster gibt.
Mr. Loyd lächelte und zog die Stirne kraus: Ein
Gespenst! Sie sind am Ende doch nur ein albernes Kind.
Fürchten Sie sich denn vor Gespenstern?
Vor Mr. Reed's Geist allerdings: erstarb in jenem
Zimmer und war dort auch ausgestellt. Weder Bessie noch
irgend Jemand betritt es zur Nachtszeit, wenn er es anders vermeiden kann; und es war sehr grausam, mich ganz
allein ohne Licht hineinzusperren, so grausam, daß ich es
wohl mein Lebelang nicht vergessen werde.
Unsinn! und das macht Sie so elend? Fürchten Sie
sich auch jetzt bei helllichtem Tage?
O nein! aber in wenigen Stunden ist's wieder Nacht.
Uebrigens bin ich unglücklich, höchst unglücklich, auch an-
derer Dinge wegen.
Was sind das für andere Dinge? Können Sie mir
welche davon nennen?
Wie so gerne hätte ich auf diese Fragen geantwortet!
Wie schwer war es aber für mich, die gehörigen Worte zu

finden Kinder können wohl fühlen, aber nicht ihre Gefühle beschreiben, und ist auch die Beschreibung theilweise
in Gedanken vollendet, so bleibt noch immer die Schwierigkeit, sie in lebendiger Rede wiederzugeben. Vor Angst,
diese erste und einzige Gelegenheit, meine Leiden durch
Mittheilung derselben zu lindern, vorübergehen zu lassen,
Hersuchte ich es inzwischen, nach einer Pause furchtsamer
Zögerung, eine schlichte. jedoch so weit wie möglich wahre
Antwort zu geben.
Erstlich habe ich weder Vater, noch Mutter, weder
Brüder, noch Schwestern.
Sie haben eine gute Tante und liebe Geschwisterkinder.
Wieder hielt ich inne, dann fuhr ich muthig fort:
Gerade John Reed war es, der mich zu Boden
schlug, und die Tante schloß mich ins rothe Zimmer ein.
Mr. Lloyd nahm eine zweite Prise.
Scheint Ihnen Gatesheadhall kein schönes Haus zu
seyn und danken Sie nicht Gott, einen so schönen Aufenthaltsort zu haben?
Es ist nicht mein e Heimat, Sir, und Abbot
sagt ich hätte ein geringeres Recht auf einen Platz in diesem Hause, als ein Dienstbote.
Bah! Sie werden doch nicht so albern seyn und eine
glanzvolle Wohnung verlassen wollen?
Könnte ich wo anders hingehen, würde ich mich
glücklich schätzen, mich entfernen zu können; aber ich kann
nicht früher von Gatesheadhall wegkommen, bis ich erwachsen bin.
Vielleicht wäre es früher möglich--wer kann es
wissen? Haben Sie außer Mrs. Reed noch andere Verwandte?

Ich denke nicht.
Auch von väterlicher Seite keine?
Ich weiß es wirklich nicht; ich befragte einmal Tante
Reed darüber und sie sagte, ich könnte möglicherweise noch
einige arme, geringe Verwandte meines Namens haben,
aber bestimmt könne sie es nicht sagen.
Nun, und wenn Sie welche hätten, wollten Sie
zu ihnen gehen?
Ich dachte nach. Erwachsenen Leuten erscheint die Armuth schrecklich; bei Kindern ist dies noch mehr der Fall:
sie machen sich keine Vorstellung von der fleißigen, arbeitsamen, achtenswerthen Armuth, sie können dieses Wort
nur mit zerrissenen Kleidern, schmutziger Nahrung, ungeheizten Stuben, rohen Manieren und herabwürdigenden
Lastern in Verbindung bringen. Für mich schien Armuth
gleichbedeutend mit Verworfenheit.
Ach nein! Ich möchte nicht armen Leuten angehören,
gab ich zur Antwort.
Auch nicht, wenn sie Sie freundlich behandelten?
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mir gar nicht denken, wie noch arme Leute die Mittel haben sollten, mit
ihren Kindern gut und freundlich zu seyn; und zudem sollte
ich mir wohl ihre Sprache angewöhnen, ihre Manieren annehmen, ohne Erziehung, wie die armen Weiber aufwachsen, die ich dann und wann vor den Hütten unseres Dorfes
ihre Kinder warten oder ihre Kleider waschen sah! Nein,
ich war nicht heldenmüthig genug, meine Freiheit um den
Preis des Herabsteigens in eine sogenannte niedrige Kaste
zu erkaufen.
Sind denn Ihre Verwandten wirklich so sehr arm?
Sind sie Handarbeiter?

Ich weiß es nicht; Tante Reed sagt, wenn ich noch
welche habe, so müßten sie wohl betteln; ich möchte um
Alles in der Welt nicht betteln.
Möchten Sie wohl in eine Schule gehen?
Ich überlegte von Neuem. Ich wußte kaum, was eine
Schule sey. Bessie bezeichnete mit dieser Benennung einen
Ort, wo junge Damen auf Streckstühlen säßen, Schnürleiber trügen und sehr artig und ordentlich seyn müßten;
John Reed war zwar auf seine Schule sehr schlecht zu sprechen und schimpfte ganz abscheulich über seine Lehrer, indessen war Johns Geschmack kein Muster für den meinigen und
wenn auch Bessie's Erzählungen von Schuldisciplin, die sie
in einer Familie, wo sie zuvor gedient, gesammelt hatte,
nicht sehr anziehend lauteten, so wurden sie doch durch die
Beschreibung der Vollkommenheiten, welche sich junge Fräulein in solchen Erziehungsanstalten aneigneten, hinlänglich
aufgewogen. Sie erzählte von schönen Blumen und Landschaften, die sie malten, von Liedern, die sie sängen, von
Musikstücken, die sie spielten, von gehäkelten Geldbörsen,
französischen Uebersetzungen und dergleichen, bis ich mich vor lauter Zuhören zum Wetteifer angespornt fühlte. Zudem
dachte ich, brächte die Schule einen vollständigen Wechsel in
mein Leben; eine lange Reise, eine gänzliche Trennung
von Gatesheadhall, der Eintritt in ein neues Daseyn, war
mit dem Uebertritt in eine Erziehungsanstalt nothwendigerweise verbunden.
Ich möchte in der That gerne in eine Schule gehen,
lautete der hörbare Schluß meiner innerlichen Betrachtungen.
Nun gut, wer weiß was sich zuträgt, sagte Mr.
Lloyd, als er aufstand. Das Kind braucht eine Luft- und

Ortsveränderung, fügte er halblaut hinzu, ihr Nervensystem ist in einem üblen Zustande.
Bessie trat in die Stube. Zu gleicher Zeit hielt ein Wagen vor der Thür.
Ist das die Frau vom Hause, Kindermädchen? frug Mr. Lloyd, ich möchte gerne mit ihr sprechen, bevor ich gehe.
Bessie ersuchte ihn, sich in das Frühstückzimmer zu bemühen und ging vorne weg. Aus späteren Bemerkungen schloß ich, daß der Apotheker in dieser Zusammenkunft darauf hinwies, wie gut es wäre, mich in eine Erziehungsanstalt zu schicken, welche Idee von Mrs. Reed zweifelsohne
schleunigst aufgefaßt wurde. Denn eines Abends, als ich schon im Bette lag und anscheinend schlief, sagte Abbot zu Bessie, während sie in der Kinderstube aufsaßen und nähten, die gnädige Frau wäre sehr froh, ein so widerliches, unartiges Kind vom Halse zu kriegen, das immer aussähe, als überwachte es Andere und sänne unter der Hand auf
böse Streiche. Allem Anscheine nach muthete mir Abbot
die Fähigkeiten einer Art kindlichen Guy Fawkes zu.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch aus Mamsell Abbot's Mittheilungen an Bessie zum ersten Male, daß mein Vater ein armer Geistlicher war; daß ihn meine Mutter gegen den Willen ihrer Familie geheirathet hatte, welche diese Verbindung als eine Mißheirath ansahen; daß mein Großvater über diesen Ungehorsam empört, seine Tochter
gänzlich enterbte; daß mein Vater nach einer kaum einjährigen Verbindung mit meiner Mutter dem Typhus erlag, den er sich beim Krankenbesuche in seinem Sprengel einer
Fabriksstadt, wo gerade diese Epidemie herrschte, geholt

hatte; daß meine Mutter, von ihrem Gatten angesteckt, vier Wochen darauf gleichfalls das Zeitliche segnete.
Die arme Miß Jane ist wirklich zu bedauern, Abbot, sagte Bessie am Ende der Erzählung mit einem tiefen Seufzer.
Ja wohl, erwiederte Abbot, wenn sie nur ein hübsches, nettes Kind wäre, dann könnte man sich noch für ihre Verlassenheit interessiren; aber bei einer kleinen Kröte
wie die ist's rein unmöglich.
Ganz gewiß , stimmte Bessie bei, jedenfalls müßte
ein schönes Kind wie Miß Georgine in derselben Lage ungleich mehr Mitleid erwecken.
Ach ja , rief Abbot in Extase aus. Ich schwärme für Miß Georgine. Die liebe theure Seele, mit ihren langen Locken und veilchenblauen Augen! Was für eine schöne Gesichtsfarbe das Herzchen hat, just wie gemalt! Bessie,
ich hätte auf ein Kaninchen zum Nachtessen Appetit.
Ich auch--etwa mit einer gebratenen Zwiebel. Kommen Sie, wir wollen hinunter gehen.
Sie entfernten sich.

Viertes Capitel.

Aus meinem Gespräche mit Mr. Lloyd und aus der eben angeführten Unterredung zwischen Bessie und Abbot entnahm ich zur Genüge, daß eine gänzliche Veränderung
in meinen Verhältnissen nahe bevorstand. Eine glückliche Erfüllung meiner Hoffnungen vom Herzensgrunde wünschend sah ich den kommenden Ereignissen geduldig entgegen. Die Sache zog sich indessen in die Länge. Tage und Wochen vergingen, meine Gesundheit hatte sich inzwischen wieder

vollkommen befestigt, aber es wurde nicht weiter auf jene
Angelegenheit angespielt, über die ich Tag und Nacht brütete. Mrs. Reed sah mich dann und wann forschend an,
verlor jedoch selten ein Wort. Seit meiner Krankheit hatte
sie die Scheidelinie zwischen ihrer Familie und mir enger
gezogen; ich mußte in meinem kleinen Kämmerchen allein
schlafen, meine Mahlzeiten allein einnehmen und die ganze
Zeit in der Kinderstube zubringen, währen sich die andern
Kinder beständig im Besuchzimmer aufhielten. Ueber meinen
Abgang zur Schule ließ sie weiter keine Sylbe vernehmen;
dennoch hatte ich die instinctmäßige Gewißheit, daß sie mich
nicht gar lange mehr unter ihrem Dache behalten würde,
denn ihr Blick zeigte. wenn er dann und wann auf mich
fiel, eine eingewurzeltere und unüberwindlichere Abneigung
denn je.
Elisa und Georgine sprachen, wahrscheinlich infolge
erhaltenen Befehles, nie mit mir; John zog mir eine Fratze,
so oft er mich sah, und versuchte es sogar einmal, mich wieder zu schlagen; als ich mich aber mit derselben Wuth und
verzweifelten Empörung, die mir schon früher Unglück gebracht, zur Wehre setzte, hielt er es für gerathener, mich in
Ruhe zu lassen und entfernte sich mit Verwünschungen und
mit der Betheuerung, ich hätte ihm die Nase wundgeschlagen. Ich hatte auch in der That jenen hervorragenden Theil,
seines Gesichtes mit einem so tüchtigen Schlage bedacht, als
es nur immer meine schwachen Knöchel vermochten; und
als ich merkte, daß ihn entweder der Schlag oder mein
Blick im Zaume hielten, wollte ich fast meinen Vortheil
weiter verfolgen, aber er war schon zu seiner Mama gelaufen. Ich hörte, wie er eben mit schluchzender Stimme seine
Anklage gegen „die niederträchtige Jane“ begann, die gleich

einer bissigen Katze auf ihn zugesprungen sev, die Mutter
fiel ihm jedoch etwas barsch in die Rede.
Ich will nichts von ihr hören, John. Ich habe Dir
gesagt, Du solltest ihr nicht nahe kommen; sie ist es gar
nicht werth, daß man sie einer Beachtung würdigt. Ich will
nun einmal nicht, daß Du oder deine Schwestern mit ihr
umgehen.
Ueber das Treppengebäude gelehnt, rief ich bei diesen
Worten plötzlich und ohne zu überlegen, was ich sagte:
Im Gegentheil, Ihre Kinder sind es nicht werth,
mit mir umgehen zu dürfen.
Mrs. Reed war eine ziemlich handfeste Frau. Kaum
hatte sie diese ungewohnte, kühne Erklärung gehört, als
sie die Treppe hinauf wie ein Wirbelwind in die Kinderstube
sauste, mich auf den Rand meines Bettchens niederwarf und
mit erhobener Stimme losdonnerte: ich solle mich nicht
unterstehen, den Tag über diesen Platz zu verlassen oder auch
nur Einen Laut weiter von mir zu geben.
Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte!
war meine fast unwillkürliche Bemerkung; denn es schien
mir, als spräche meine Bunge Worte, zu denen mein Willensvermögen meine Zustimmung gegeben hatte; jedenfalls
sprach in unbegreifliches Etwas aus mir, welches ich nicht
in meiner Gewalt hatte.
Wie? Was? rief Mrs. Reed ganz athemlos, ihre
in der Regel kalten, ruhigen grauen Augen schossen verstörte, furchtsame Blicke; sie ließ meinen Arm los und sah
m ich eine Zeitlang forschend an, als wüßte sie in der That
nicht, ob ich ein Kind oder der Böse selbst sey. Ich hatte
für den Augenblick die Oberhand.
Mein Onkel Reed ist nun im Himmel und sieht Alles,

was Sie thun und denken; auch mein Papa und meine
Mama sehen es. Sie wissen es, daß Sie mich Tag für Tag
eingesperrt halten und mir den Tod wünschen.
Mrs. Reed hatte alsbald ihren Muth zusammen genommen. Sie beutelte mich tüchtig durch, gab mir rechts
und links eine Ohrfeige und verließ das Zimmer, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Bessie ergänzte diese Schweigsamkeit durch eine einstündige Strafpredigt, in welcher sie klar
bewies, ich wäre das boshafteste und gottvergessenste Kind auf
dem ganzen Erdboden. Ich schenkte ihr halben Glauben,
denn ich fühlte nur Rachegedanken in meinem Innern emporsteigen.
Die Monate November, December und der halbe Januar vergingen. Das Weihnachts- und das Neujahrsfest
war in Gatesheahall mit der gewohnten festlichen Fröhlichkeit gefeiert worden; man hatte sich wechselseitig beschenkt,
Mittagstafeln und Abendkränzchen abgehalten. Wie natürlich, war ich von jeder Unterhaltung ausgeschlossen; mein
Antheil an den Festlichkeiten bestand darin, daß ich täglich
zusah, wie sich Elisa und Georgine putzten und in feine
Musselinröcke und scharlachrothe Leibchen gekleidet, die Haare
künstlich gelockt, ins Besuchzimmer hinabgingen; daß ich
dem Klange des Piano und der Harfe von weitem lauschen konnte, daß ich zuhörte, wie die Lakeien geschäftig hin- und hergingen, oder die Tassen, Gläser klirrten, wenn die Erfrischungen herumgereicht wurden, oder das dumpfe Gemurmel der Unterhaltung zu mir drang, wie sich die Thüre des
Besuchzimmers öffnete und schloß. War ich dieser Beschäftigung überdrüssig, dann zog ich mich vom Treppenabsatze
in die stille, einsame Kinderstube zurück; dort fühlte ich
mich. wenn gleich etwas trübe gestimmt, wenigstens nicht

unglücklich. Die Wahrheit zu sagen, sehnte ich mich nie darnach in Gesellschaft zu gehen, denn in Gesellschaften nahm
man selten Notiz von mir, und wenn Bessie nur etwas freundlicher und zugänglicher gewesen wäre, hätte ich es für die
schönste Unterhaltung angesehen, die Abende ruhig mit ihr
verleben zu können, anstatt sie unter Mrs. Reed's giftigen
Blicken in einem Zimmer voll Herren und Damen zuzubringen. Aber Bessie pflegte, sobald sie ihre jungen
Fräulein angekleidet hatte, die lebhafteren Regionen der
Küche und Haushälterswohnung aufzusuchen, wobei sie
in der Regel das Licht mit sich nahm; da saß ich denn mit
meiner Puppe auf dem Schooße, bis das Feuer im Camin
ausging, dann und wann um mich blickend, ob sich nicht
etwas Schlimmeres als ich selbst ins finstere immer geschlichen, und wenn dann die letzten Funken im Verlöschen waren, zog ich mich schnell aus, riß an Schlingen und Bändern, wie sehr ich nur konnte, und suchte Schutz gegen Kälte
und Finsterniß in meiner Krippe. Meine Puppe nahm ich
immer mit zu Bette; der Mensch muß irgend Etwas lieb
haben und in Ermanglung eines besseren Gegenstandes meiner Neigung gab ich mir Mühe eine verblaßte, abgeschabte,
einer Vogelscheuche nicht unähnliche Grabesgestalt zu lieben
und zu herzen. Jetzt muß ich darüber staunen, wenn ich
mich erinnere, mit welch' inniger Zuneigung ich an diesem
hölzernen Spielzeug hing, von dem ich damals beinahe glaubte
es lebe und habe Gefühl. Ich konnte nicht eher einschlafen,
bis ich die Puppe in meinen Schlafrock eingewickelt hatte,
und wenn sie nun warm und sicher aufgehoben war, fühlte
ich mich verhältnißmäßig glücklich, denn ich dachte, auch
sie müsse es nun seyn.
Die Stunden, bis der Besuch fortging, und Bessis's

Tritte die Treppe heraufkamen, dauerten mir stets sehr
bange. Zuweilen kam Bessie auch in der Zwischenzeit, ihren Fingerhut und ihre Scheere zu holen, zuweilen wohl
gar, um mir etwas zum Nachtessen zu bringen, einen
Pfannkuchen und ein Käsekäulchen; dann blieb sie bei meinem Bette, bis ich gegessen hatte, wickelte mich fester ins
Deckbett, küßte mich und sprach: Gute Nacht, Miß
Jane! Wenn Bessie so gut und freundlich war, erschien
sie mir als das beste, hübscheste Geschöpf der Welt , und
ich wünschte vom Herzensgrunde, sie möchte immer so lieb
seyn, und mich nie herumstoßen, auszanken und unvernünftig abkanzeln, wie sie es, leider! nur zu oft that,
Bessie Lee war , wie ich glaube, ein Mädchen von sehr
guten natürlichen Anlagen, denn sie war in allem sehr
flink und geschickt, und hatte, nach dem Eindrucke, der mir
verblieb, zu urtheilen, eine vorzügliche Erzählergabe. Sie
war übrigens, so viel ich mir ihre Gestalt noch vorstellen
kann, sehr hübsch: schlank von Gestalt, schwarzhaarig,
schwarzaugig, und hatte eine sehr zarte, durchsichtige Hautfarbe. Ihr Temperament dagegen war wetterwendisch und
heftig, ihre Ansichten über Moralrecht sehr unklar, doch
sammt ihren Fehlern war sie mir unter allen Bewohnern von Gatesheadhall am liebsten.
Es war am fünfzehnten Januar, beiläufig um neun
Uhr Früh. Bessie saß beim Frühstück, die Kinder waren
noch nicht zur Mama gerufen worden. Elisa hatte ihre
Mütze aufgesetzt und ihren warmen Gartenrock angethan.
um das Geflügel zu füttern. womit sie sich, zunächst dem
Eierverkauf an die Köchin und dem Einsacken des solchergestalt gelösten Geldes, am liebsten beschäftigte. Das Mädchen hatte viel Talent zum Handel, und eine ausgesprochene

Neigung zum Geldscharren; man sah dies nicht blos in
dem Eier- und Hühnerverkaufe, sondern auch darin, daß
sie dem Gärtner, der zufolge Auftrages der Mrs. Reed seiner jungen Gebieterin alle Pflanzensenker, Blumenzwiebeln und Sämereien, die sie etwa veräußern wollte, abkaufen mußte, völlig die Haut über die Ohren zog; gerne
hätte sie jedes Haar ihres Hauptes hingegeben, falls dabei
ein gutes Geschäft in Aussicht stand. Ihr bares Geld versteckte sie anfänglich in Fetzen oder Papilloten eingepackt
in verschiedene Winkel; als aber eines Tages das Stubenmädchen einige dieser Schätze entdeckte, entschloß sich Elisa,
vor Angst ihr Geld zu verlieren, es ihrer Mutter gegen,
wucherische Zinsen, fünfzig bis sechzig Procente, anzuvertrauen, welche Interessen sie pünktlich alle Vierteljahre einforderte, und worüber sie in einem kleinen Buche genaue
Rechnung führte.
Georgine saß auf einem hohen Stuhle; sie machte ihre
Haare vor dem Spiegel, und schmückte ihre Locken mit künstlichen Blumen und verblaßten Federn, wovon sie einen Vorrath in einer Schublade des Vorsaales entdeckt hatte. Ich
brachte mein Bett in Ordnung, weil mir Bessie, die mich jetzt
als eine Art Unterstubenmädchen, zum Stubenkehren, Staubabwischen u. s. w. zu verwenden pflegte, strengstens eingeschärft hatte, ich müsse damit der ihrer Rückkehr fertig
seyn. Nachdem ich die Bettdecke ausgebreitet und meinen
Nachtanzug zusammengelegt, ging ich zum Fenstersitz, einige
Bilderbücher und verschiedenes kleines Puppengeräthe zurecht zu legen. Ein barscher Befehl Georginens, der Besitzerin der winzigen Stühle und Spiegel, der feenartigen Tassen und Näpfe, ihre Spielsachen in Ruhe zu lassen, unterbrach diese Beschäftigung und da ich gerade nichts weiter

zu thun hatte, so trat ich zum Fenster und hauchte die Frostblumen von den Fensterscheiben weg , um auf diese Art eine
Aussicht ins Freie zu gewinnen, wo die Natur unter den
versteinernden Einflusse der Kälte starr und steif vor den
Augen lag.
Das Fenster, an dem ich stand, ging auf die Portierswohnung und die Fahrstraße hinaus, und just als ich gerade genug von dem silberweißen Ueberzuge abgelöst hatte,
um hinausblicken zu können, sah ich das Gitterthor öffnen
und einen Wagen in den Hof rollen. Diese Erscheinung
hatte für mich durchaus kein Interesse; wie oft kamen Equipagen nach Gatesheadhall, aber keine enthielt Gäste, die mich irgendwie angingen. Der Wagen blieb vor der Hausfronte stehen. Die Thürklingel ertönte, der neue Ankömmling ward eingelassen. Aber dieses Alles erregte meine Neugierde nicht im geringsten; meine Aufmerksamkeit wurde
bald durch ein kleines Rothkehlchen gefesselt, das vor Hunger
zwitschernd auf den entblätterten Zweigen des Kirschbaumes nahe dem Fenster herumhüpfte. Die Ueberbleibsel meines
Frühstücks, Brot und Milch, standen noch auf dem Tische;
ich zerbröckelte einen Bissen Semmel, und zog an dem
Schiebfenster, um die Krümchen auf dem Fenstergesimse
auszustreuen, als plötzlich Bessie die Treppe eilig heraufgelaufen kam und in die Kinderstube trat.
Miß Jane, legen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie dort? Haben Sie sich heute Morgen die Hände
und das Gesicht schon gewaschen? Ich zog noch einmal
am Schiebfenster, bevor ich antwortete, denn ich wollte den
Vogel vorerst im ungestörten Besitze seines Futters sehen.
Der Schuber gab nach. ich streute einige Krumen auf das

Gesimse. einige auf den Zweig des Kirschbaumes, schloß
das Fenster und antwortete:
Noch nicht, Bessie; ich bin eben erst mit dem Abstauben
fertig geworden.
Muthwilliges, nachlässiges Kind! und was machen
Sie jetzt? Sie sehen ja ganz roth aus, als wären Sie
über etwas Verbotenem ertappt worden. Warum haben Sie
das Fenster geöffnet?
Ich war der Mühe einer Antwort überhoben, denn
Bessie schien zu große Eile zu haben, um meine Aufklärungen anzuhören. Sie zog mich zum Waschtisch, gab meinem Gesichte und meinen Händen einen unbarmherzigen,
glücklicherweise ganz kurzen Rippler mit Wasser, Seife und
einem groben Handtuch, ordnete meine Haare mit einem
flüchtigen Bürstenstrich, band mir die Schürze ab, und
gebot mir schleunigst die Treppe hinabzugehen, da man
meiner im Frühstückzimmer bedürfe.
Gerne hätte ich gefragt, wer nach mir verlange. ob
Mrs. Reed eben wäre; aber Bessie war schon aus der Stube
und so ging ich langsam die Treppe hinab. Seit beinahe
drei Monaten war ich nie vor Mrs. Reed beschieden worden; durch so lange Zeit auf die Kinderstube beschränkt,
erschienen mir das Frühstück-, das Speise- und das Besuchzimmer als unheilvolle Gegenden, die ich nur mit Widerwillen betrat.
Ich stand nun im leeren Gange vor der Thüre des
Frühstückzimmers, zitternd vor Furcht, zögerte ich einzutreten. Was für ein elend es, feiges Ding hatte eine durch
ungerechte Züchtigungen erzeugte Angst zu jener Zeit aus
mir gemacht! Ich traute mich nicht in die Kinderstube zurückzugehen, ich fürchtete mich, das Sprachzimmer zu betreten; zehn Minuten brachte ich in dieser Ungewißheit zu,
das heftige Läuten der Zimmerklingel bestimmte mich, einzutreten, weil ich mußte.
Wer mag mir etwas wollen? fragte ich mich selbst,
während ich die etwas streng gehende Thürklinke umdrehte,
die ein oder zwei Minuten meiner Anstrengung widerstand.
Wen werde ich außer Tante Reed noch in der Stube sehen, einen Herrn oder eine Frau? Die Klinke gab nach, die Thüre ging auf, ich überschritt die Schwelle, verbeugte
mich sehr tief, und blickte zu--einer schwarzen Säule
empor! wenigstens erschien mir beim ersten Anblick die
lange, hagere, in Pelz gehüllte, auf dem Teppich aufrecht
stehende Gestalt als eine solche: das häßliche Gesicht am
obern Ende sah einer geschnitzten Kratze gleich, wie man
sie am Gipfel eines Säulenschaftes zuweilen statt des Capitäls anbringt.
Mrs. Reed nahm ihren gewöhnlichen Sitz in der
Caminecke ein. Sie gab mir ein Zeichen näher zu treten;
ich that wie mir geheißen, und wurde von ihr dem steinernen Gaste als das kleine Mädchen aufgeführt, von welchem sie ihm gesagt habe.
Er, denn die Person gehörte dem männlichen Geschlechte
an, wandte seinen Kopf langsam nach dem Orte, wo ich
stand, und nachdem er mich mit seinen forschenden grauen
Augen, die unter einem Paar buschigen Augenbrauen hervorzwinkerten, aufmerksam gemustert hatte, sprach er feierlichst im tiefsten Baß: Sie ist sehr klein, wie alt ist sie?
Zehn Jahre.
Schon so alt? lautete die zweifelnde Antwort, und
wieder maß er mich durch einige Minuten. Diesmal mich
selbst anredend, fragte er:

Wie heißt Du, kleines Mädchen?
Jane Eyre, mein Herr!
Bei diesen Worten blickte ich empor. Der Herr schien
sehr groß zu seyn, aber ich selbst war damals sehr klein.
Seine Gesichtszüge waren grob und hatten, so wie seine
ganze Gestalt, einen harten, verknöcherten Ausdruck.
Nun, Jane Eyre, bist Du ein braves Kind?
Darauf konnte ich unmöglich bejahend antworten;
die kleine Welt um mich war der entgegengesetzten Meinung,
ich schwieg also still. Mrs. Reed antwortete statt meiner
mit einem sehr bezeichnenden Kopfschütteln und fügte sofort
hinzu:
Je weniger man über diesen Gegenstand spricht, desto
besser, Mr. Brocklehurst.
Thut mir wirklich sehr leid, so etwas hören zu müssen.
Wir wollen mit einander ein Wort reden, und die
perpendiculäre Stellung aufgebend, versorgte er seine Person in einem Armstuhle, Mrs. Reed gegenüber. Komm
mir her, gebot er.
Ich überschritt den Teppich; er stellte mich steif und
gerade vor sich hin. Ah, wie sah sein Gesicht aus, nun
es in gleicher Linie mit dem meinigen lag! Und diese große
Nase, dieser Mund, diese hervorstehenden Zähne!
Kein Anblick ist so betrübend, als der eines bösen
Kindes, begann er, besonders aber der eines boshaften,
kleinen Mädchens. Weißt Du, wohin die Lasterhaften nach
dem Tode kommen?
In die Hölle, lautete meine schnelle und rechtgläubige
Antwort.
'Und was ist die Hölle? Kannst Du mir das sagen?'
Eine Höhle voll Feuer.

Wäre es Dir lieb, in diesen feurigen Pfuhl zu
kommen und dort in Ewigkeit zu braten?
Nein, mein Herr.
Was mußt Du thun, um dem zu entgehen?
Ich dachte einen Augenblick nach. Meine Antwort lautete wider alle Erwartung: Ich muß mich gesund erhalten
und nicht sterben.
Wie kannst Du Dich gesund erhalten? Tagtäglich
sterben noch jüngere Kinder als Du. Erst vor zwei Tagen
begrub ich ein kleines Kind von fünf Jahren, dessen Seele
jetzt im Himmel wohnt. Es steht zu befürchten, daß dies
bei Dir nicht der Fall wäre, wenn Du jetzt abgerufen
würdest.
Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu beseitigen, so senkte ich blos meine Augen zu seinen ungeheuren Füßen nieder und stieß einen Seufzer aus, mich innerlich tausend Meilen weit hinwegwünschend.
Ich hoffe, dieser Seufzer kömmt vom Herzen und Du
bereuest es, deiner vortrefflichen Wohlthäterin je Anlaß zu
Verdruß gegeben zu haben.
Meiner Wohlthäterin dachte ich bei mir selbst. Jedermann nennt Mrs. Reed meine Wohlthäterin. Wenn es
wahr ist, so ist eine Wohlthäterin ein sehr unangenehmes
Wesen.
Betest Du Früh und Abends? fuhr mein Inquisitor fort.
Wohl, mein Herr.
Liesest Du die Bibel?
Zuweilen.
Liesest Du sie gerne? Gefällt sie Dir?
Am liebsten lese ich die Propheten, das Buch Daniels, Genesis und das Buch Samuels und ein kleines
Stückchen von Exodus, auch einige Stücke von den Königen, den Chroniken, von Hiob und Jonas.
Und die Psalmen? Hoffentlich bist Du darin gut bewandert?
Nein.
Nicht? O, schrecklich! da habe ich unter Anderen
einen kleinen Knaben, viel jünger als Du. der sechs Psalmen auswendig hersingen kann, und wenn man ihn fragt, was ihm lieber ist, eine Pfeffernuß, oder ein Vers der Psalmen, sagt er: O! der Vers eines Psalmens! die Engel singen Psalmen und ich möchte gerne schon hienieden ein kleiner Engel seyn. Darauf bekommt er gewöhnlich zwei Pfeffernüsse zur Belohnung seiner kindlichen Frömmigkeit.
Die Psalmen sind nicht unterhaltend, bemerkte ich.
Das beweist nur, daß Du ein böses Herz hast; Du
mußt zu Gott flehen, daß er es zum Guten wende, daß er Dir ein neues und reines verleibe, dein versteinertes Herz herausnehme und eines von Fleisch und Blut an die Stelle
setze.
Eben wollte ich fragen, in welcher Weise die Operation meiner Herzumwechslung vor sich gehen sollte, als
Mrs. Reed mir ins Wort fiel und mich niedersetzen hieß,
worauf sie das Gespräch selbst weiter führte.
Ich glaube Ihnen, mein lieber Mr. Brocklehurst,
meinem letzten Schreiben vor drei Wochen angezeigt zu
haben, daß dieses kleine Mädchen in Bezug auf ihren Charakter und ihre sittlichen Anlagen nicht ganz meinem Wunsche entspricht. Für den Fall, als Sie sie in die Anstalt zu Lowood aufnehmen, wäre es mir sehr lieb, wenn die Oberin
und die Lehrerinnen das Mädchen genau im Auge behielten,

was besonders ihres Hauptfehlers wegen, der Neigung zu
Lug und Trug, sehr noththut. Ich erwähne dieses in deiner
Gegenwart, Jane, damit Du es nicht versuchen kannst,
Mr. Brocklehurst zu hintergehen.
Wohl hatte ich Ursache, Mrs. Reed zu fürchten, zu
verabscheuen, es lag in ihrer Wesenheit mich stets grausam
zu verletzen: nie war ich in ihrer Gegenwart glücklich; ich
mochte noch so pünktlich gehorchen, mich noch so sehr bemühen,
ihr gefällig zu seyn, immer wurden meine Bemühungen
durch Reden wie die vorstehenden belohnt und zurückgewiesen. Diese neueste Anschuldigung, roch dazu vor einem
Fremden geäußert, zerschnitt mir das Herz; ich sah es
ziemlich deutlich, wie sie mir in der neuen Phase des Daseyns, zu dem sie mich bestimmte, schon von vornherein
jede Hoffnung abschnitt; ich fühlte es, wenn ich mir darüber selbst nicht ganz klar wurde, wie sie Abneigung und
Mißhandlung auf meinen künftigen Lebensweg säete; ich
sah mich unter Mr. Brocklehurst's Augen zu einem lügnerischen, boshaften Kinde gestempelt. Und was konnte ich
thun, um dieses Unrecht abzuwenden?
Nichts, gar nichts, dachte ich, einen Seufzer unterdrückend und rasch einige Thränen, die ohnmächtigen
Zeugen meines Schmerzes, aus den Augen wischend.
Bei einem Kinde ist der Hang zur Lüge in der That
ein trauriger Fehler, sagte Mr. Brocklehurst: die Lüge
ist mit der Falschheit verwandt und alle Lügner bekommen
alsbald ihren Antheil an dem brennenden Schwefelpfuhle.
Sie soll indessen überwacht werden, Mrs. Reed, ich werde
mit Miß Temple und den Lehrerinnen sprechen.
Ich möchte sie gern in einer Weise auferzogen haben,
die ihren künftigen Aussichten entspricht, fuhr meine Wohlthäterin fort; sie muß arbeitsam und demüthig seyn. Was
die Ferien anbelangt, so wird sie dieselben, mit Ihrer
Erlaubniß, stets zu Lowood zubringen.
Ihre Anordnungen sind vollkommen vernünftig, Madame, versetzte Mr. Brocklehurst. Die Demuth ist eine
christliche Tugend und bei den Zöglingen von Lowood besonders zu Hause. Ich habe darüber nachgedacht, wie man am
besten die weltlichen Gesinnungen des Stolzes ausrotten
könnte und erst neulich hatte ich die Genugthuung, meine
erfolgreichen Bemühungen anerkannt zu sehen. Meine zweite
Tochter Auguste hatte nämlich mit ihrer Mama die Schule
besucht. O lieber Papa, sagte sie beim Heraustreten,
wie ruhig und einfach alle Mädchen in Lowood aussehen!
Mit ihren hinter die Ohren gekämmten Haaren, den langen
Schürzen und den gewissen kleinen holländischen Taschen
auswendig an den Röcken sehen sie alle wie armer Leute
Kinder aus. Und, setzte sie hinzu, sie blickten meine und
Mama's Kleidung an, als hätten sie noch nie ein seidenes
Kleid gesehen.
Gerade so liebe ich es, erwiederte Mrs. Reed. Ich
glaube, hätte ich ganz England durchsucht, ich hätte kaum
eine Erziehungsweise gefunden, die besser für Jane Eyre
taugte als diese. Enthaltsamkeit, mein theurer Mr. Brocklehurst, Enthaltsamkeit in allen Dingen.
Enthaltsamkeit, Madame, ist die erste Pflicht des
Christen und es ist in allen Einrichtungen unseres Institutes
darauf Bedacht genommen worden: eine einfache Kost, einfache Kleidung, nur die nöthigsten Bequemlichkeitn, eine
abhärtende und thätige Lebensweise, dies ist die Tagesordnung des Hauses und seiner Bewohnerinnen.

Ganz recht, mein Herr. Ich kann mich also darauf
verlassen, daß dieses Kind als Zögling in Lowood aufgenommen und dort seiner Stellung und seinen Aussichten gemäß erzogen werden wird?
Gewiß, Madame! Sie wird in jenes Treibhaus für
ausgesuchte Pflanzen versetzt werden, und ich hoffe, sich für
den unschätzbaren Vortheil ihrer Aufnahme dankbar bezeugen.
In diesem Falle will ich sie so bald wie möglich
wegschicken, Mr. Brocklehurst; denn ich versichere Sie,
daß ich kaum den Augenblick erwarten kann, einer Verantwortlichkeit los zu werden, die mir zu drücken ist.
Ohne Zweifel, ohne Zweifel, Madame; und nun
wünsche ich Ihnen einen guten Morgen. In ein oder zwei
Wochen kehre ich nach Brocklehursthall zurück, da mich
mein Freund, der Archidiacon, kaum früher fortlassen wird.
Ich werde inzwischen Miß Temple zu wissen machen, daß
sie einen neuen Zögling bekommt und so wird ihre Aufnahme weiter keine Schwierigkeiten haben. Leben Sie
wohl!
Adieu, Mr. Brocklehurst; empfehlen Sie mich der
Mrs. und Miß Brocklehurst, auch Augusten und Theodoren und dem jungen Herrn Broughton Brocklehurst.
Ich werde nicht ermangeln, Madame. Hier, kleines
Mädchen, ist ein Buch für Dich, betitelt „der Führer des
Kindes“; lies es mit Andacht, besonders die Erzählung
von dem schrecklichen und plötzlichen Tode der Marthe G.,
einem bösen, der Falschheit und Lüge ergebenen Kind.
So sagend händigte mir Mr. Brocklehurst eine kleine
Broschure ein, ließ seinen Wagen vorfahren und verschwand.

Mrs. Reed und ich blieben allein zurück; mehre Minuten vergingen in lautloser Stille; sie nähte, ich beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit etwa sechs- bis siebenunddreißig Jahre zählen; sie war eine starkgebaute, breitschulterige. muskulöse Frau, nicht groß und obgleich untersetzt, nicht zu fett. Ihr Gesicht war sehr breit, besonders der Unterkiefer sehr ausgebildet und kräftig; sie hatte eine niedere Stirn, ein starkes hervorstehendes Kinn, Mund und Nase ziemlich regelmäßig. Unter ihren lichten Augen-
brauen schimmerte ein gefühlloses Auge hervor; ihre Haut war dunkel und undurchsichtig, ihr Haar beinahe flachsfarben, ihre Leibesbeschaffenheit gesund, wie die eines Fisches -- Krankheiten blieben fern von ihr. Sie war eine genaue und geschickte Hausfrau und hatte das ganze Hauswesen unter ihrer Leitung; blos ihre Kinder wagten es, zuweilen
ihres Ansehens zu spotten und sie auszulachen; sie kleidete sich geschmackvoll und wußte durch Haltung und Gang den Glanz ihres Anzugs hervorzuheben.
Auf einem niederen Stuhle, einige Fuß weit von ihr
sitzend, maß ich ihre Gestalt und zergliederte ihre Gesichtszüge. In der Hand hielt ich die Abhandlung über den plötzlichen Tod der Lügnerin, welche man als eine geeignete
Warnung meiner Aufmerksamkeit empfohlen hatte. Alles, was sich eben zugetragen, was Mrs. Reed bezüglich meiner
Mr. Brocklehurst gesagt hatte, der ganze Inhalt ihres Gespräches lag mir frisch, unverdaut, stechend im Gedächtniß;
ich hatte jedes Wort so scharf empfunden, wie ich es schmucklos vernommen und der heftigste Zorn kochte in meinem Busen.
Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge

blieb an dem meinigen haften, ihre Finger setzten gleichzeitig in ihrer flinken Bewegung aus.
Du verläßt das Zimmer und begibst Dich sofort in die Kinderstube zurück, lautete ihr Befehl. Mein Blick
oder sonst etwas an mir mußte sie verletzt haben, denn sie sprach mit außerordentlicher, wiewohl unterdrückter Aufregung. Ich stand auf, ging zur Thür, dann wieder zurück
in die Stube, zum Fenster und gerade auf sie los.
Sprechen mußte ich, man hatte mich arg getreten und
ich mußte mich krümmen. Aber wie? welche Kraft stand
mir zu Gebote, um an meinen Gegnern Rache zu nehmen?
Ich raffte alle meine Thatkraft zusammen und schnellte sie in
einem plumpen Satze von mir.
Ich bin keine Lügnerin! wäre ich es, würde ich sagen, ich liebe Sie; aber ich erkläre Ihnen hiermit offen,
daß ich Sie unter allen Sterblichen, John Reed ausgenommen, am wenigsten leiden kann; und dieses Buch über die
Lügnerin mögen Sie Ihrer Tochter Georgine geben, denn
sie lügt, nicht ich.
Mrs. Reer's Hände lagen noch immer träge auf ihrer
Arbeit, ihr eiskalter Blick blieb frostig auf dem meinigen
geheftet.
Was hast Du mir noch weiter zu sagen? fragte sie,
eher in jenem Tone, den man einem erwachsenen Gegner
gegenüber anwendet, als in demjenigen, mit welchem man
Kinder anzureden pflegt.
Ihr Auge, ihre Stimme riefen jene Abneigung wach.
In unbezähmbarer Aufregung von Kopf zu Fuß erzitternd,
fuhr ich fort
Ich bin froh, daß Sie mit mir gar nicht verwandt
sind; nie in meinem Leben will ich Sie wieder Tante nennen.

Bin ich einmal erwachsen, komme ich zu Ihnen, und wenn
mich Jemand fragt, wie ich Sie leiden kann und wie Sie
mich behandelten, werde ich sagen, daß mir beim bloßen
Gedanken an Sie übel wird, und daß Sie mich mit erbärmlicher Grausamkeit peinigten.
Wie wagst Du es, so etwas zu behaupten, Jane?
Wie ich es wage, Mrs. Reed? Wie ich es wage?
Weil es die pure Wahrheit ist. Sie glauben wohl, ich habe
kein Gefühl und kann auch ohne einen Brocken Liebe und
Freundlichkeit leben; aber das vermag ich nicht und Sie haben keine Barmherzigkeit. Ich werde es nie vergessen wie Sie
mich zurückstießen, roh und heftig in die rothe Stube zurückwarfen und dort einschlossen, an meinem bittersten Leidenstage, und wiewohl ich fast im Sterben lag und vor
Schmerz erstickend, bat: Haben Sie Erbarmen, haben Sie
Erbarmen, Tante Reed! Und jene Strafe verhängten Sie
über mich, weil mich Ihr böser Bube für nichts und wieder
nichts geprügelt, zu Boden geschlagen hatte. Ich will Jedem,
der mich frägt, den genauen Verhalt erzählen. Die Leute
halten Sie für eine gute Dame, aber Sie sind böse, hartherzig. Sie sind eine Lügnerin!
Noch bevor ich mit dieser Erwiederung zu Ende war,
fing mein Herz an sich auszudehnen, in dem nie geahnten
Gefühle der Freiheit, des Triumphes empor zu hüpfen. Es
schien mir als wäre eine unsichtbare Kette gesprengt und
ich selbst dadurch in eine unverhoffte Unabhängigkeit verseht.
Dieses Gefühl hatte in der That seine Ursache; Mrs. Reed
war ganz erschrocken, die Arbeit fiel ihr vom Schooße herab,
sie faltete die Hände, rückte ängstlich hin und her und verhüllte sogar ihr Gesicht, als wollte sie weinen.
Jane. Du bist in einem großen Irrthum. Was ist

Dir begegnet? Warum zitterst Du so heftig? Möchtest Du
vielleicht ein Glas Wasser trinken?
Nein, Mrs. Reed.
Oder hast Du sonst irgend einen Wunsch, Jane?
Ich versichere Dich, ich meine es gut mit Dir.
Sie gewiß nicht. Sie sagten Mr. Brocklehurst, ich
habe eine Neigung zur Falschheit; ich will nun Jedermann
von Lowood erzählen, wer Sie sind und was Sie gethan,
haben.
Das verstehst Du nicht, Jane, Kinder müssen für
ihre Fehler bestraft werden.
Lüge ist mein Fehler nicht! rief ich laut in leidenschaftlichem Tone.
Aber Du bist sehr heftig, Jane, das mußt Du mir
doch zugeben. Geh, mein liebes Kind, begib Dich in die
Kinderstube, lege Dich einen Augenblick in's Bett.
Ich bin nicht Ihr liebes Kind; ich kann mich jetzt
nicht niederlegen: thuen Sie mich in die Kostschule, Mrs.
Reed, denn ich hasse das Leben in Ihrem Hause.
Ich werde sie in der That bald fortschicken müssen,
brummte Mrs. Reed in sich hinein; dann packte sie ihre
Arbeit zusammen und verließ rasch das Zimmer.
Ich blieb allein zurück--im Besize des Schlachtfeldes. Es war der härteste Strauß, den ich bestanden, der
erste Sieg, den ich errungen; eine Weile blieb ich auf
dem Teppichstehen, auf welchem früher Mr. Brocklehurst
gestanden, und freute mich meiner Einsamkeit als Siegerin.
Anfänglich lächelte ich mir selbst Beifall zu und fühlte mich
erhoben, dann aber ließ dieses wilde Entzücken eben so
schnell nach, als meine Pulse aufhörten, in fieberhafter Aufregung zu schlagen. Ein Kind kann nicht, wie ich gethan,

mit älteren Leuten zanken, den Gefühlen der Leidenschaft
freien Lauf lassen, ohne später Reue und eine merkliche
Umstimmung zu empfinden. Ein Stück einer angezündeten,
lebhaft brennenden, Alles versengenden Haide hätte ein
schwaches Bild meines Innern gegeben, als ich Mrs. Reed
anklagte und ihr drohte: derselbe Streifen Haideland, aber
schwarz und verbrannt nach dem Erlöschen der Flamme,
konnte meine spätere Gemüthsverfassung vorstellen, nachdem
die Stille und das Nachdenken einer halben Stunde mir
die Thorheit meiner Aufführung und die trostlose Lage gezeigt hatte, in welcher ich mich durch mein Hassen und Gehaßtwerden befand.
Etwas wie das Gefühl gestillten Rachedurstes hatte ich
den ersten Augenblicken empfunden; dem aromatischen
Weine gleich, schmeckte es anfänglich süß und feurig,
aber der metallische und saure Nachgeschmack brachte eine
Empfindung hervor, als hätte ich Gift genommen. Gerne
wäre ich nun zu Mrs. Reed gegangen, sie um Vergebung
zu bitten; doch wußte ich theils instinctmäßig, theils aus
Erfahrung, daß sie mich dann mit um so größerer Verachtung zurückgewiesen und dadurch meine Leidenschaftlichkeit
nur um so mehr erregt hätte.
Von dem Wunsche beseelt, meinen Gedanken eine andere
Richtung geben und Nahrung für ein besseres Gefühl
als dasjenige des Unwillens finden zu können, nahm ich ein Buch--ich glaube Arabische Erzählungen--zur Hand,
setzte mich nieder und versuchte zu lesen. Ich konnte den
Gegenstand nicht mit Aufmerksamkeit verfolgen; meine eigenen Gedanken schwammen zwischen jenen Blättern, die
ich sonst so angenehm gefunden. Ich öffnete eine Glasthüre
des Sprachzimmers: das Gesträuch lag noch immer im

Winterschlaf, der Frost herrschte unumschränkt, unbeirrt
von Sonnenstrahlen und lauen Lüften, über das Gefilde.
Ich zog mein Kleid über Kopf und Arme und ging in dem
abgelegensten Theile des Hausgartens spaziren. Die bereiften Bäume, die abgefallenen Fichtenzapfen, die gefrorenen
Ueberreste des Herbstes, die dürren, vom Winter haufenweise zusammengewehten, vom Frost erstarrten Blätter
konnten mich nicht erfreuen. Ich lehnte mich an eine Gitterthüre und blickte auf ein leeres Feld, wo keine Schafe
weideten, wo das niedere Gras, versengt, der Kälte erlegen war. Es war ein sehr düsterer Tag; ein undurchsichtiger Himmel, -sich über dem Schnee wiegend, faßte die ganze
Gegend ein, von Zeit zu Zeit Flocken herabsendend, die auf
dem hart gefrornen Pfade und dem bereiften Lande liegen
blieben, ohne zu zergehen. So stand ich da, ein bejammernswerthes Kind, und flüsterte wiederholt vor mich hin:
Was soll ich thun--was soll ich thun?
Mit einem Male hörte ich eine helle Stimme rufen:
Miß Jane, wo stecken Sie? Kommen Sie doch zum
Frühstück!
Es war Bessie, ich wußte es wohl, aber ich rührte
mich nicht und ließ sie leichten Schrittes den Fußweg herankommen.
Sie nichtsnutziges kleines Ding! schalt sie. Warum kommen Sie nicht, wenn man Sie ruft?
Im Vergleiche mit dem Gedanken, über welchen ich
eben gebrütet hatte, war Bessie's Gegenwart ein freundliches Ereigniß, wiewohl sie, wie gewöhnlich, etwas übler
Laune war. Nach meinem Zusammentreffen und meinem
Siege über Mrs. Reer war ich, die Wahrheit zu sagen,
nicht Willens, mich an des Kindermädchens vorübergehenden Unwillen zu kehren, vielmehr beschloß ich, mich in der
jugendlichen Frische ihres Gemüthes zu sonnen. Ich legte
meine kleinen Arme um ihren Leib und sagte: Geh doch,
Bessie, schilt mich nicht!
Diese Bewegung, welche freier und furchtloser ausfiel,
als irgend eine, die ich je gewagt, gefiel dem Mädchen.
Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane, versetzte
sie zu mir herabblickend. Sie kleines, schwärmerisches, scheues Ding! Sie kommen in eine Kostschule, glaub ich?
Ich nickte mit dem Kopfe.
Wird es Ihnen nicht leid thun von der armen Bessie
zu gehen?
Was wird sich Bessie daraus machen, sie zankt ja
immer mit mir.
Weil Sie so ein sonderbares, furchtsames, scheues Geschöpf sind. Sie sollten viel dreister seyn.
Um noch mehr Schläge zu bekommen, nicht wahr?
Ach, Unsinn! Doch es ist wahr, man geht fast zu
hart mit Ihnen um; meine Mutter, als sie vergangene
Woche bei mir zu Besuche war, meinte, sie möchte keines
von ihren Kindern an Ihrer Stelle wissen.-- Kommen Sie
herein, ich habe gute Neuigkeiten für Sie.
Das glaube ich nicht, Bessie.
Kind! was wollen Sie damit sagen? Was für einen
kummervollen Blick werfen Sie mir zu? Nun gut, hören
Sie Die gnädige Frau, die Fräulein und der junge Herr
gehen heute Abend in eine Theegesellschaft und Sie werden
mit mir Thee trinken. Ich will der Köchin sagen, sie soll
Ihnen einen Kuchen backen und dann werden Sie mir helfen, Ihre Comodefächer zu mustern, denn ich muß schon
bald Ihren Koffer packen. Die gnädige Frau wünscht, daß

sie Gatesheadhall in ein bis zwei Tag en verlassen und von
den Spielsachen mitnehmen, was Ihnen am besten gefällt.
Bessie, Du mußt mir versprechen, daß Du mich nicht
mehr schelten willst, so lange ich noch hier bin.
Gut, gut! Aber Sie müssen auch ein braves Kind
seyn und sich nicht vor mir fürchten, nicht erschrecken, wenn
ich etwas heftiger spreche; es ist so ärgerlich.
Ich denke nicht, Bessie, aß ich mich je vor Dir
fürchten könnte, denn ich bin Dich gewöhnt und ich werde
bald andere Leute zu scheuen haben.
Wenn Sie sie scheuen, werden sie Ihnen gram
seyn.
Etwa wie Du mir, Bessie?
Ich bin nicht böse auf Sie, Miß, ich glaube, daß
ich Sie lieber habe, als alle die Andern zusammen.
Du zeigst mir es nicht.
Ei, Sie kleines, spitziges Ding Sie haben ja eine
ganz andere Redeweise angenommen. Was macht Sie so
muthig und kühn?
Nun du weißt ja, daß ich bald von hier fortkomme
und dann-- Ich wollte von dem Vorgange zwischen mir
und Mrs. Reed Erwähnung thun, bei weiterem Nachdenken fand ich jedoch, daß es besser sey zu schweigen.
Sie sind also froh, daß Sie mich verlassen?
Keineswegs, Bessie; vielmehr thut es mir gerade jetzt
fast leid, weggehen zu müssen.
Gerade jetzt! und fast! wie kalt das mein junges
Fräulein ausspricht! Ich glaube, wenn ich Sie jetzt um
einen Kuß bäte, Sie würden sich fast bedenken.
Komm! ich will Dich küssen und das vom Herzen
gerne; beuge Dich zu mir herunter. Bessie bückte sich, wir

umarmten einander und ich folgte ihr ganz beglückt, ins
Haus. Der Nachmittag verging in Frieden und Eintracht
und in den Abend stunden erzählte mir Bessie einige ihrer
fesselnsten Geschichten und sang mir ihre schönsten Lieder.
Auch für mich hatte das Leben sonnige Augenblicke!

Fünftes Capitel.

Es hatte am Morgen des neunzehnten Jänner kaum
fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in meine Kammer
stellte und mich bereits außer dem Bette und halb angekleidet fand. Ich war eine halbe Stunde zuvor aufgestanden,
hatte mich beim Scheine des untergehenden Mondes angezogen und mir Gesicht und Hände gewaschen. Ich sollte am
selben Tage Gateshead in einer Postkutsche verlassen, die
um sechs Uhr Morgens bei unserem Thore vorbei fuhr.
Bessie war unter allen Bewohnern des Schlosses allein auf,
sie hatte in der Kinderstube Feuer gemacht, und begab sich
jetzt dahin, mir das Frühstück zu bereiten. Nur wenige
Kinder können essen, wenn sie der Gedanke an eine bevorstehende Reise in Anspruch nimmt; ich vermochte es ebenso
wenig. Bessie, die mich umsonst genöthigt hatte, einige
Löffel voll warme Milch mit Brot, die sie mir zugerichtet, zu mir zu nehmen, wickelte einige Stücke Zwieback in
ein Papier und steckte sie in meine Reisetasche; dann half
sie mir einen Pelz und eine Haube anlegen und nachdem
sie mich und sich in einen warmen Shawl eingewickelt hatte,
verließen wir die Kinderstube. Als wir bei Mrs. Reed's
Schlafgemach vorbeikamen, sagte sie: Wollen Sie hinein
gehen und der gnädigen Frau Lebewohl sagen?

Nein, Bessie! sie kam gestern Abend, als Du beim
Nachtessen warst, zu meinem Bette und meinte, ich hätte
nicht nöthig, sie und die Kinder am Morgen zu wecken;
sie wäre mir immer sehr zugethan gewesen und ich möchte
also demgemäß von ihr sprechen und ihr dankbar seyn.
Und was sagten Sie, Miß?
Gar nichts; ich deckte mein Gesicht mit dem Federbette
zu und wandte ihr den Rücken.
Das war nicht schön von Ihnen, Miß Jane!
Das war ganz recht, Bessie, denn deine Gebieterin
war mir nie gewogen, sie war von jeher meine größte
Feindin.
O! Miß Jane, sagen Sie das nicht!
Adieu, Gateshead! rief ich, als wir durch die Vorhalle kamen und zur Hausthüre hinaustraten.
Der Mond war eben untergegangen und es war sehr
finster. -- Bessie trug eine Laterne, deren Licht die nassen
Fußstapfen und den von Morgenthau getränkten Kiessand beleuchtete. Der Wintermorgen war rauh und frostig, meine
Zähne klapperten, als ich die Zufahrt hinabschritt. In der
Portierswohnung brannte ein Licht; als wir hinkamen,
machte die Portierin gerade Feuer an; mein Koffer, den
man am Abend zuvor hingebracht hatte, stand, mit Stricken gebunden, am Thor. Nur noch wenige Minuten fehlten auf sechs Uhr und kurz nachdem die Uhr ausgeschlagen
hatte, verkündete das entfernte Rasseln der Räder die Ankunft der Kutsche; ich trat zur Thür und sah die Wagenlaternen im Dunkel rasch herannahen.
Geht sie ganz allein? fragte die Portierin.
Ja.
Und wie weit ist es?

Fünfzig Meilen.
Welch' weiter Weg! Mich wundert's, daß sich Mrs.
Reed nicht fürchtet, sie so weit allein zu lassen.
Die Kutsche fuhr vor. Da stand sie am Thore mit
ihren vier Pferden und bis zum Dache mit Reisenden beladen der Conducteur und der Kutscher baten laut, schnell zu machen; mein Koffer wurde aufgepackt, man riß mich
von Bessie's Halse, an dem ich mit stummen Küssen hing.
Geben Sie ja Acht auf sie, rief sie dem Conducteur
zu, der mich ins Innere des Wagens hob.
Ja, ja! war die Antwort; die Kutschenthüre wurde
zugeschlagen, eine Stimme rief: Fertig! und fort ging
zugeführt.
Ich kann mich nur auf wenige Umstände dieser Reise
erinnern: ich weiß blos, daß mir der Tag außerordentlich
lang vorkam und daß es mir schien, als reisten wir Hunderte von Meilen weit. Wir kamen durch verschiedene Städte,
in deren einer, die sehr groß war, die Postkutsche anhielt;
man spannte die Pferde aus und die Reisenden aßen zu Mittag. Ich wurde in eine Wirthsstube gebracht, wo mich der
Conducteur zum Essen nöthigen wollte; da ich indessen keinen Appetit hatte, so ließ er mich in einer ungeheuren
Stube allein, die an jedem Ende einen Camin, in der
Mitte einen Kronleuchter und an der einen Wand eine kleine
rothe Gallerie hatte, auf welcher musikalische Instrumente
herumlagen. Hier ging ich eine geraume Zeit auf und ab,
von den sonderbarsten Gefühlen bestürmt und voll Furcht,
es möchte mich Jemand stehlen, denn ich glaubte an Kinderdiebe, da ihre Thaten in Bessie's Abenderzählungen häufig
eine große Rolle spielten. Endlich ließ sich der Conducteur
wieder sehen, man hob mich wieder in den Wagen, mein
Beschützer bestieg seinen Sitz, ließ sein Horn ertönen und
fortrasselten wir über das steinige Pflaster von L--.
Der Nachmittag war naß und neblig; als es zu dämmern begann, überkam mich das Gefühl, daß wir uns
wirklich sehr weit von Gateshead entfernten. Wir kamen
durch keine Städte mehr; das Land bot einen andern Anblick, große, graue Hügel umschlossen den Gesichtskreis, wir fuhren in ein starkverwachsenes Thal hinab und als die
Nacht alle Aussicht benommen, hörte ich einen scharfen
Wind durch die Bäume pfeifen.
Von dem eintönigen Geräusch eingelullt, schlief ich
zuletzt ein: ich hatte nicht lange geschlummert, als mich das
plötzliche Anhalten des Wagens weckte. Der Kutschenschlag
ging auf und eine Person, dem Aussehen nach ein Dienstmädchen, stand am Tritte; ich unterschied ihr Gesicht und
ihren Anzug beim Lampenlichte.
Ist ein kleines Mädchen, Namens Jane Eyre, mitgekommen? frug sie. Ich antwortete bejahend und wurde
darauf aus dem Wagen gehoben; mein Koffer folgte nach
und die Kutsche rollte augenblicklich weiter.
Ich war ganz steif vom langen Sitzen und von dem
Rasseln und Schütteln ganz wüst im Kopfe; meine Sinne,
zusammennehmend, blickte ich um mich. Regen, Wind und
Finsterniß erfüllten den Luftkreis; dessenungeachtet bemerkte
ich wie im Nebel eine Mauer vor mir, mit einer geöffneten
Thüre; durch diese Thüre trat ich mit meiner Begleiterin
ein, welche dieselbe hinter sich zuschlug und verschloß. Ein
Haus wurde nun sichtbar, oder vielmehr mehre Gebäude,

die sich weit hindehnten, viele Fenster zählten und zum
Theile beleuchtet waren. Wir gingen einen breiten, kothigen und nassen Pfad entlang und wurden an der Hausthüre eingelassen. worauf mich das Dienstmädchen durch
einen langen Gang in ein geheiztes Zimmer führte, in dem
sie mich allein zurückließ.
Ich wärmte meine starren Finger am Feuer, und sah
mich in der Stube um; es stand kein Licht am Tische, aber
der flackernde Schein des Caminfeuers zeigte mir von Zeit
zu Zeit mit Tapeten überzogene Wände, einen Fußteppich,
Vorhänge und glänzende Mahagonymöbel; es war ein
Sprachzimmer, nicht so geräumig und vornehm , wie
das Staatszimmer von Gatesheadhall, aber ziemlich bequem
eingerichtet. Ich gab mir eben Mühe, den Gegenstand eines
an der Wand hängenden Gemäldes auszumitteln, als die
Thüre aufging, und eine Dame, ein Licht in der Hand,
eintrat; ein zweites weibliches Wesen folgte ihr auf dem
Fuße nach.
Die Erstere war eine große Frau mit schwarzen Haaren, schwarzen Augen und einer hohen weißen Stirne; ein
großer Shawl verhüllte zum großen Theile ihre Gestalt,
ihr Gesicht zeigte einen ernsten Ausdruck, ihre Haltung war
gerade und aufrecht.
Das Kind ist viel zu jung, als daß es hätte allein
reisen sollen, sagte sie, das Licht auf den Tisch stellend.
Eine kurze Zeit lang betrachtete sie mich aufmerksam, und
sagte dann hinzu:
Es wäre am Ende am besten, man brächte sie gleich
Bette; sie sieht sehr ermüdet aus. Bist du müde?
sprach sie mich an, ihre Hand auf meine Achsel legend.
Ein wenig, Madame.

Und hungerig ohne Zweifel; geben Sie ihr ein
Nachtessen, ehe sie sich schlafen legt, Miß Miller. Ist
es heute zum ersten Mal, daß du deine Eltern verlässest und
zur Schule kömmst, mein kleines Mädchen?
Ich erklärte ihr, ich hätte keine Eltern mehr. Sie erkundigte sich, wie lange sie schon todt wären, wie alt ich
sey, wie ich heiße, ob ich lesen, schreiben und etwas rechnen könnte; dann klopfte sie mir sanft auf die Wange, sprach
die Hoffnung aus, ich würde ein gutes Kind bleiben, und
hieß mich mit Miß Miller gehen.
Die Dame, welche mit mir gesprochen, mochte etwa
neunundzwanzig Jahre zählen, die andere, die mit mir ging,
schien einige Jahre jünger zu seyn; die ältere machte durch
ihre Stimme, ihren Blick und ihre Erscheinung einen tiefen
Eindruck auf mich. Miß Miller sah etwas gewöhnlicher
aus; ihr Gesicht war roth, wiewohl gramgefurcht, ihr
Gang und ihre Handbewegungen überstürzt, wie bei einer
Person, die stets vielfältige Geschäfte über sich hat; ihr
ganzes Aeußere entsprach dem, was sie, wie ich später erfuhr, wirklich war, einer Unterlehrerin. Unter ihrer Leitung durchschritt ich ein Gemach, einen Gang um den andern, bis wir den gänzlich und fast unheimlich stillen
Theil des großen und unregelmäßigen Gebäudes verließen,
und dem Gesumme vieler Stimmen folgend, in eine große
lange Stube traten, die an jedem Ente zwei lange breterne Tische wies, auf deren jedem zwei Lichter brannten,
und um welche rund herum eine ganze Mädchensammlung
jeden Alters, von zehn bis zwanzig Jahren, auf hölzernen
Bänken saß. Bei dem trüben Scheine der gezogenen Talg-
lichter gesehen, erschien mir ihre Menge zahllos, wiewohl
ihre Anzahl in der Wirklichkeit kaum achtzig überschritt;

sie waren alle gleichmäßig in braune Kattunröcke, von sonderbarem Schnitt und lange Schürzen von holländischer
Leinwand gekleidet. Es war die Studienstunde; die Mädchen waren gerade darüber, ihre morgige Aufgabe aus-
wendig zu lernen, und das Gesumse, welches ich zuvor
gehört, entstand durch das vereinte Resultat ihrer halblauten Wiederholungen.
Miß Miller gab mir ein Zeichen, auf der Bank nächst
der Thüre Platz zu nehmen, ging das andere Ende des
Zimmers hinauf, und rief mit lauter Stimme:
Aufseherinnen, sammelt die Bücher, und legt sie
bei Seite.
Vier große Mädchen standen von den verschiedenen Tischen auf, gingen herum, sammelten die Bücher, und trugen sie weg. Wieder ließ sich Miß Miller's befehlende Stimme
hören.
Aufseherinnen, holt die Speisetragen zum Nachtessen.
Die großen Mädchen gingen hinaus, und kamen alsbald zurück, jede mit einer Speisetrage, welche mehre
Portionen von ich weiß nicht welcher Speise, und in der
Mitte einen Krug Wasser und einen Becher enthielt. Die
Portionen wurden herumgereicht; wer Durst hatte, mochte
aus dem Becher trinken, welcher zu gemeinsamer Benützung am Tische stand. Als an mich die Reihe kam, trank
ich wohl, weil ich Durst hatte, allein die Speise ließ ich
unberührt, da mir Aufregung und Müdigkeit allen Appetit benommen hatten; das Nachtessen, wie ich nun bemerken konnte, bestand in einem dünnen in Stücke geschnittenen Hafermehlkuchen.

Nach dem Essen las Miß Miller Gebete vor, worauf die Mädchen classen- und paarweise die Treppe hinaufgingen. Von Müdigkeit überwältigt, bemerkte ich kaum,
was für ein Ort das Schlafzimmer vorstellte, außer daß
es, wie das Schulzimmer, sehr lang war. Für diese Nacht
war ich Miß Miller's Schlafgefährtin, sie half mir beim
Auskleiden, vom Bette aus warf ich einen Blick auf die
langen Reihen von Bettstellen, deren jede zwei Mädchen
aufnahm; in zehn Minuten wurde das einzige Licht ausgeblasen, und in tiefer Stille und Finsterniß schlief;
ich ein.
Die Nacht verging rasch, ich war zu müde, um zu träumen; nur einmal erwachte ich, hörte den Wind durch die
Lüfte rasen, den Regen in Strömen herabfallen, und bemerkte, daß Miß Miller mir zur Seite lag. Als ich meine
Augen zum zweiten Male öffnete, ertönte laut der Klang.
einer Glocke. Die Mädchen waren auf, und zogen sich an,
und da es noch nicht Tag war, brannten ein oder zwei
Nachtlichter in der Stube. Auch ich stand, obwohl ungern,
auf; es war grimmig kalt, ich zog mich an, so gut ich
es, vor Frost zittern, konnte, und wusch mich, sobald ein
Waschbecken frei war, was indessen eine Zeit lang dauerte,
da immer nur auf sechs Mädchen ein Becken kam, welches,
auf einem der Waschtische inmitten der Stube stand. Wie-
der ertönte die Glocke; Alle stellten sich zu Zweien in eine
lange Reihe auf, stiegen in derselben Ordnung die Treppe
hinab, begaben sich in das kalte, düster beleuchtete Schulzimmer. Nachdem Miß Miller einige Gebete verlesen, befahl sie:
Setzt Euch in Classen.
Ein arger Tumult entstand auf einige Minuten, während welcher Miß Miiler häufig nach Stille und Ordnung rief, Als sich der Lärm gelegt hatte, blickte ich auf,
und sah sämmtliche Mädchen in vier Halbzirkeln, vier leeren Stühlen gegenüber, mit den Büchern in der Hand
an den vier Tischen sitzen; ein Buch, einer Bibel ähnlich,
lag vor jedem der leeren Stühle auf der Tafel. Eine kurze
Pause trat ein. ausgefüllt mit leisem, unverständlichem
Gemurmel, welches Miß Miller, von Classe zu Classe wandernd, zu beschwichtigen bemüht war.
Eine entfernte Klingel ließ sich hören; sofort traten
drei Damen ins Schulzimmer; eine jede begab sich zu
einem der Tische, wo sie auf dem leeren Stuhle Platz nahm;
Miß Miller setzte sich zum vierten Tische an der Thüre, um
welchen die kleinsten Mädchen herumsaßen; zu dieser untersten Classe ward ich gerufen, und mir daselbst der letzte Platz
gewiesen.
Nun ging es an die Arbeit; die Tagscollecte, dann
gewisse Bibelsprüche wurden hergesagt, worauf eine langwierige Vorlesung ganzer Capitel der heiligen Schrift folgte,
welche eine volle Stunde anhielt. Am Schlusse dieser geistlichen Uebung war es Tag geworden. Die unermüdliche
Glocke ertönte zum vierten Mal. Die Glassen wurden nunmehr in ein anderes Zimmer zum Frühstück geleitet. Wie
erfreute mich die Aussicht, Etwas zu mir nehmen zu können. Es war mir beinahe übel vor Hunger, da ich Tags
zuvor fast nichts gegessen hatte.
Der Speisesaal war ein großes, gewölbtes, niedriges und düsteres Gemach; auf zwei langen Tischen rauchten Schüsseln mit irgend einer heißen Substanz gefüllt, die zu
meinem größten Leidwesen einen nichts weniger als Appetit
anregenden Duft emporsandte. Ich bemerkte einen allgemeinen Ausdruck von Unzufriedenheit, als der Dunst des Mahles die Nasenlöcher derjenigen berührte, welche bestimmt
waren, es hinunter zu würgen; von der Avantgarde der
Procession, den großen Mädchen der ersten Classe, vernahm
man die leise geflüsterten Worte:
Ekelhaft! die Suppe ist wieder angebrannt!
Ruhig! gebot eine Stimme; diesmal nicht diejenige
der Miß Miller, sondern einer der Oberlehrerinnen, einer
kleinen, schwarzbraunen, nettgekleideten, aber etwas mürrisch
aussehenden Person, die am obern Ende des einen Tisches
Platz genommen hatte, während eine weit munterere Dame
an dem andern den Vorsitz führte. Umsonst sah ich mich nach
der Dame um, welche ich am Abend zuvor zuerst gesprochen
hatte; sie war nicht sichtbar. Miß Miller nahm das untere
Ende des Tisches ein, an welchem ich saß, während eine
wunderliche, fremd aussehende, ältliche Dame, die französische Meisterin, wie ich später erfuhr, das entsprechende
andere Ende der Tafel besetzte. Ein langes Dankgebet wurde
gesprochen und ein Loblied gesungen, dann brachte ein Dienstmädchen Thee für die Lehrerinnen und die Mahlzeit begann.
Hungrig wie ein Wolf und fast ganz entkräftet, verschlang ich ein oder zwei Löffel voll von meiner Brühe, ohne
an den Geschmack zu denken; kaum hatte ich aber den ersten
Hunger gestillt, als ich bemerkte, welch ekles Gericht ich vor
mir hatte; eine angebrannte Suppe ist, nächst verfaulten
Kartoffeln, das schrecklichste Essen, und der Heißhunger
selbst schreckt davor zurück. Die Löffel arbeiteten langsam
ich sah wie die Mädchen die Suppe kosteten und hinunter
zu schlucken suchten, aber in den meisten Fällen blieb die
Bemühung fruchtlos. Das Frühstück war vorüber und Niemand hatte gefrühstückt. Nachdem wir Dank gesagt für

das was wir nicht erhalten und ein zweites Loblied gesungen hatten, wurde der Aufenthalt im Speisesaal mit demjenigen im Schulzimmer vertauscht. Ich ging Eine von den
Letzten hinaus und als ich bei den Tischen vorbei kam, sah
ich eine der Lehrerinnen einen der Näpfe in die Hand nehmen
und die Suppe kosten; sie sah die andern an, sämmtliche
Gesichter drückten Mißvergnügen aus, und die muntere Dame
sagte halblaut:
Welch elendes Gebräu! Pfui der Schmach!
Eine Viertelstunde verging, ehe die Lehrstunden ihren
Anfang nahmen; in dieser Zwischenzeit zeigte das Schulzimmer eine glorreiche Unordnung, da es anscheinend gestattet war, laut zu sprechen und sich frei zu bewegen; und von
dieser Erlaubniß wurde in der That wacker Gebrauch gemacht.
Das Hauptgespräch drehte sich um das Frühstück, über
welches Alle nach Herzenslust loszogen. Die armen Dinger!
es war ihr einziger Trost. Miß Miller befand sich von allen Lehrerinnen allein im Zimmer; eine Gruppe erwachsener Mädchen umstand sie und sprach mit ernsten, ja drohenden Geberden. Ich hörte Mr. Brocklehurst's Namen von einigen Lippen ertönen, worauf Miß Miller, wie mißbilligend, den Kopf schüttelte; doch machte sie keine großen Anstrengungen den allgemeinen Unwillen zu dämpfen, welchen sie zweifelsohne theilte.
An der Uhr im Schulzimmer schlug es neun; Miß Miller verließ ihren Zirkel, trat in die Mitte der Stube Und rief:
Stille! An euere Plätze!
Die Disciplin gewann die Oberhand: in fünf Minuten war der regellose Haufen auseinander und jedes Mädchen an seinem Orte und eine verhältnißmäßige Ruhe hatte

dem babylonischen Sprachengewirre Platz gemacht. Die Oberlehrerinnen nahmen wieder alle ihre Stühle ein, und dennoch schienen alle noch auf Etwas zu warten. Längs der
Zimmerwände auf den Bänken gereiht, saßen die achtzig
Mädchen regungslos aufrecht; sie bildeten eine merkwürdige
Versammlung, mit ihren aus dem Gesichte nach hinten gekämmten, ungelockten Haaren, den braunen, hoch hinaufreichenden, oben mit einem schmalen Halsstreifen versehenen
Kleidern, den kleinen, schottischen Beuteln nicht unähnlichen
Leinwandsäcken, die als Arbeitsbeutel dienend, vorne von
ihren Röcken hinunter hingen; alle insgesammt trugen wollene Strümpfe und am Lande gearbeitete Schuhe mit Messingschnallen. Etwa zwanzig der in dieser Weise gekleideten
Mädchen waren vollkommen erwachsen, oder vielmehr vollendete Jungfrauen; die Kleidung stand ihnen schlecht und
gab selbst den hübschesten darunter ein wunderliches Ansehen.
Ich faßte diese Letzteren und zuweilen auch die Lehrerinnen, von denen mir keine einzige gefiel, ins Auge; die
Dicke war ein wenig ordinär, die Braune nicht wenig barsch,
die Ausländerin verdrießlich und wunderlich und Miß Miller,
das arme Wesen, sah roth, verwittert und erschöpft aus.
Da, indeß noch mein Auge von einem Gesichte zum andern
wanderte, stand plötzlich, wie von einer Feder emporgehoben,
die ganze Schule grüßend auf.
Was war die Ursache? Ich hatte nicht gehört, daß ein
Befehl gegeben worden wäre: ich war ganz verwundert.
Bevor ich mich noch zurecht finden konnte, hatte sich Alles
wieder gesetzt; alle Augen blickten nach einer Richtung und
als auch die meinigen folgten, sah ich jene Person, die mich
am verwichenen Abend empfangen hatten. Sie stand am untern Ende der langen Stube am Camin (denn es brannte

an jedem Ende ein Feuer und überblickte die beiden Reihen der Mädchen ernst und schweigsam. Miß Miller näherte
sich ihr mit einer Frage und rief nach erhaltener Antwort
und auf ihren Sitz zurückgekehrt:
Aufseherinnen der ersten Classe, holen Sie die Erdkugeln!
Während dieser Auftrag ausgeführt wurde, kam die
eben befragte Dame langsam durch das Lehrzimmer herauf.
Ich muß ein bedeutendes Organ der Verehrung besitzen,
denn noch jetzt erinnere ich mich des Respectes, mit welchem
meine Augen ihren Schritten folgten. Beim hellen Tageslichte betrachtet, sah sie schlank, schön und wohlgeformt
aus, braune wohlwollend blickende Augen, von feinen, langen Augenwimpern überschattet, hoben die alabasterne Weiße
ihrer hohen Stirne hervor; an beiden Schläfen hing ihr
dunkelbraunes Haar, nach der damaligen Mode, wo man
weder glatte Flechten, noch lange Locken kannte, in kurzen.
dichten Löckchen beisammen; ihr Kleid war gleichfalls nach
damaligem Geschmack, von purpurrother Farbe mit schwarzem Sammtaufputz; eine goldene Uhr (Uhren waren damals nicht so gewöhnlich wie jetzt) erglänzte an ihrem Gürtel.
Dazu denke sich der Leser feine Gesichtszüge, eine blasse, aber
durchsichtige Farbe, ein stattliches Aussehen und eine edle
Haltung und er wird, so gut dies Worte vermögen, eine
genaue Vorstellung der äußern Erscheinung Miß Temple's--
Maria Temple's haben, denn diesen Namen fand ich später
meinem Gebetbuche, welches man mir zum Nachtragen
n die Kirche anvertraut hatte, eingezeichnet.
Die Oberin der Erziehungsanstalt, denn diese Würde
bekleidete die Dame, nahm vor einem Paar Weltkugeln an
einem der Tische Platz, beschied die erste Classe zu sich und

begann ihre Vorlesung über Geographie; die unteren Classen wurden von den Lehrerinnen vorgenommen: eine Stunde
hindurch war Geschichte, Sprachlehre u. s. w. an der Reihe,
dann folgte Sch reiben und Rechnen und schließlich gab Miß
Temple einigen der älteren Mädchen eine Musikstunde. Die
Dauer einer jeden Lection ward nach der Uhr bemessen,
welche endlich zwölf schlug. Die Oberin stand auf.
Ich habe den Zöglingen etwas mitzutheilen, sagte sie.
Der nach geendigten Lehrstunden gewöhnlich eintretende
Tumult war bereits losgebrochen; aber er beschwichtigte
sich bei dem Tone ihrer Stimme. Sie fuhr fort:
Ihr hattet diesen Morgen ein Frühstück, das Ihr
nicht genießen konntet. Ihr müßt hungrig seyn--; ich habe
angeordnet, daß Euch Allen ein Imbiß von Brot und Käse
verabreicht wird.
Die Lehrerinnen sahen sie mit einer Art Erstaunen an.
Es geschieht unter meiner persönlichen Verantwortlichkeit, fügte sie zur Aufklärung hinzu und verließ alsbald das Schulzimmer.
Brot und Käse wurden schleunigst hereingebracht und
zur großen Befriedigung und Stärkung der ganzen Schule
vertheilt. Die Weisung lautete nun: In den Garten!
Es wurden grobe Strohhüte mit farbigen Bindbändern von
Galico aufgesetzt und graue Friesmäntel umgethan. Ich wurde
ebenso ausgestattet, und dem Strome folgend, gelangte ich
in die freie Luft.
Der Garten bestand in einem geräumigen, mit hohen,
jede Aussicht abschneidenden Mauern umgebenen Stücken Landes; ein bedeckter Säulengang lief an der einen Wand hin
und breite Spalierwege umschlossen ein mittleres in eine
Anzahl Beete abgetheiltes Feld; diese Beete waren den Zöglingen zur Bebauung überlassen und jedes einzelne hatte seine Eigenthümerin. Wenn die Blumen in der Blüthe standen, mußte das Beet ohne Zweifel sehr hübsch aussehen,
allein jetzt in der zweiten Hälfte des Jänners sah Alles winterlich und zerfallen aus. Ich schauderte, als ich so dastand
und um mich sah; es war ein garstiger Tag zum Spazirengehen, nicht gerade regnerisch, aber durch einen tröpfelnden
gelben Nebel verfinstert; der ganze Boden war zudem noch
durch und durch naß von der gestrigen Regenflut. Die kräftigeren Mädchen liefen herum und waren bald in lebhaften
Spielen begriffen; andere blasse und hagere Gestalten drückten sich, Schutz und Wärme suchend, in dem Säulengange
an einander; und wie der Nebel giftig in ihre fröstelnden
Glierer drang, schlug ein öfteres, hohles Husten an mein Ohr.
Da ich noch mit Niemand gesprochen hatte und sich
auch Niemand weiter um mich kümmerte, so stand ich natürlich ganz einsam; dieses Gefühl des Alleinstehens war ich
indessen so sehr gewöhnt, daß es mir nicht sehr wehe that.
Ich lehnte an einer Säule des gedeckten Ganges, zog meinen grauen Mantel fester zusammen, versuchte es, die Kälte,
die mich auswendig starr machte, und den Hunger, der inwendig an mir zehrte, zu vergessen und überließ mich der
Beschäftigung des Zusehens und Nachdenkens. Meine Beachtungen waren zu unbestimmt und zu abgebrochen, um
erwähnt zu werden: ich wußte eigentlich noch nicht recht,
Do ich mich befand; Gateshead und mein vergangenes Leben schien weit, weit hinter mir zu liegen; die Gegenwart
war mir unklar und ungewohnt, und hinsichtlich der Zukunft konnte ich gar keinen Gedanken fassen. Ich blickte in
den klösterlichen Garten, und dann zu dem Hause empor;
einem großen Gebäude, dessen eine Hälfte alt und grau,

die andere ganz neu zu seyn schien. Der neugebaute Flügel,
welcher das Schul- und das Schlafzimmer umfaßte, ward
durch vergitterte Fenster erhellt, die ihm ein kirchenähnliches
Aussehen verliehen; eine steinerne Tafel über der Thüre
trug die nachstehende Inschrift:
Institut von Lowood.-- Dieser Theil wurde wieder
erbaut anno domini -- -- durch Naomi Brocklehurst von
Brocklehursthall in dieser Grafschaft. Lasset euer Licht so
vor den Menschen leuchten, daß sie euere guten Werke sehen
und euren Vater im Himmel preisen können. - Matth. 16. V.
Wiederholt überlas ich diese Worte: ich empfand es,
daß sie einer Erklärung bedurften, war aber selbst unvermögend, ihren Sinn genügend zu erfassen. Ich dachte noch
über die Bedeutung des Wortes .Institut nach und versuchte es mit dem nachfolgenden Schrifttexte in Verbindung zu bringen, als ich über ein Gehuste hinter mir den
Kopf wandte. Ich sah ein Mädchen auf einer rohen Steinbank sitzen, welches aufmerksam in einem Buche las; von
meinem Standpunkte aus konnte ich den Titel lesen; er
lautete „Rasselas“, ein Name, der, als ein fremdklingender, meine Neugierde reizte. Beim Umblättern sah die kleine
Leserin zufällig empor.
Ist Ihr Buch unterhaltend? frug ich sie, mit der
weiteren Absicht, sie darum auf einige Tage zu ersuchen.
Es gefällt mir, antwortete sie nach einer kurzen
Pause, während welcher sie mich betrachtete.
Wovon handelt es? fuhr ich fort. Ich weiß wirklich nicht, woher ich den Muth nahm, in solcher Weise
ein Gespräch mit einer Fremden anzuknüpfen; dieser Schritt
war ganz gegen meine Natur und meine Gewohnheit: wahrscheinlich berührte ihre Beschäftigung irgend eine verwandte

Saite in meinem Innern, denn auch ich las gerne, wenn
gleich nur alberne und kindische Bücher, da ich die ernsten,
gehaltvollen Werke weder verstehen, noch' verdauen konnte.
Sehen Sie sich's an, erwiederte das Mädchen, mir
ihr Buch hinhaltend.
Ich folgte der Einladung; ein flüchtiges Durchblättern
überzeugte mich, der Inhalt sey weniger anziehend, als der
Titel; „Rasselas“ erschien meinem kindischen Geschmacke
sehr langweilig; ich sah nichts von Feen, Geistern u.s. w.
keine anmuthige Mannigfaltigkeit herrschte auf den enggedruckten Blättern. Ich gab das Buk zurück; sie nahm es
ruhig und ohne ein Wort zu sagen wieder zur Hand und
wollte eben im Lesen fortfahren, als ich sie zum zweiten Mal
zu stören wagte.
Können Sie mir wohl sagen was jene Inschrift bedeutet? Welches ist das Institut zu Lowood?
Das Haus, in welches Sie en gebracht wurden.
Warum nennt man es ein Initut? Ist es denn von
den übrigen Schulen irgendwie verschieden?
Weil es zum Theil eine Armenschule ist; Sie und
ich und die übrigen alle sind Armenkinder. Ich denke, Sie
sind eine Waise; haben Sie nicht entweder Vater oder Mutter verloren?
Beide starben, bevor ich sie kernen lernte.
Nun gut, alle diese Mädchen haben entweder Vater
oder Mutter oder beide Eltern verloren und das Haus hier
nennt man auch ein Waisenhaus.
Zahlen wir denn nichts? Behält man uns hier umsonst?
Wir, oder vielmehr unsere Verwandten zahlen fünfzehn Pfund des Jahres.

Warum nennt man uns dann Armenkinder?
Weil die fünfzehn Pfund für Kost und Unterricht
nicht hinreichen und der Rest durch Subscriptionen gedeckt
werden muß.
Wer subscribirt denn?
Verschiedene wohlthätige Herren und Damen in der
Nachbarschaft und in London.
Wer war Naomi Brocklehurst?
Die Frau, welche den neuen Flügel des Hauses gebaut hat, wie jene Inschrift besagt, und deren Sohn die Anstalt beaufsichtigt und leitet.
Und warum gerade der?
Weil er der Cassier und Verwalter des Institutes ist.
Also gehört dies Haus nicht der schlanken Dame,
die eine Uhr trägt und uns Brot und Käse geben ließ?
Miß Temple? Keineswegs! Ich wollte es wäre der
Fall; sie ist für Alles, was sie thut, Mr. Brocklehurst verantwortlich. Mr. Brocklehurst besorgt unser Essen und unsere Kleidung.
Wohnt er auch hier?
Nein zwei Meilen entfernt in einem großen Landhause.
Ist er ein guter Mann?
Er ist ein Geistlicher und man sagt, daß er sehr viel
Gutes thut.
Sagten Sie nicht, die schlanke Dame heiße Miß Temple?
Allerdings.
Und wie heißen die andern Lehrerinnen?
Die mit den rothen Backen heißt Miß Smith; sie

beaufsichtigt die weiblichen Handarbeiten und schneidet zu,
denn wir machen uns unsere Kleider, Röcke, Mäntel u. s. w.
selbst. Die Kleine mit den schwarzen Haaren ist Miß Scatcherd: sie lehrt die Geschichte und Sprachlehre und hört die
zweite Classe aus; und die Dritte mit dem Shawl und dem
Taschentuch, das sie mit einer gelben Schleife an die Seite
geknüpft trägt, ist Madame Pierrot; sie stammt aus Lisle
in Frankreich und trägt französische Sprache vor.
Sind Sie den Lehrerinnen zugethan?
So ziemlich.
Der kleinen schwarzen Dame auch und Madame --?
ich kann ihre Namen nicht so aussprechen wie Sie.
Miß Scatcherd ist jähzornig, Sie müssen Acht geben, daß Sie sie nicht beleidigen; Madame Pierrot ist keine
böse Person.
Aber Miß Temple ist die beste von Allen, nicht
wahr?
Miß Temple ist sehr gut und sehr gescheidt: sie
steht weit über den Andern, denn sie weiß mehr als sie
Alle.
Sind Sie schon lange hier?
Zwei Jahre.
Sind Sie eine Waise?
Ich habe keine Mutter mehr.
Fühlen Sie sich glücklich in diesem Hause?
Sie fragen wirklich zu viel auf einmal; ich habe
Ihnen für heute genug geantwortet, nun möchte ich wieder
lesen.
Doch gerade in diesem Augenblicke wurde zum Mittagessen geläutet und Alle gingen ins Haus zurück. Der Geruch, welcher jetzt den Speisesaal erfüllte, war kaum appetitlicher als jener, der am Morgen unsere Nasen erfreut
hatte. Das Essen war in zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen. denen ein sehr stark nach ranzigem Fett
riechender Dampf entströmte. Ich fand, daß unser Gericht,
aus unterschiedlichen Kartoffeln und zusammengeklaubten
Fetzen alten Fleisches bereitet war. Von diesem Gemisch
erhielt jeder Iögling einen ziemlichen Teller voll: ich aß,
so viel ich konnte, und dachte mir im Stillen, ob wohl die
Kost Tag für Tag dieselbe bliebe.
Gleich nach Tisch begaben wir uns ins Lehrzimmer,
die Lectionen nahmen ihren Anfang und dauerten bis
fünf Uhr.
Der einzige bemerkenswerthe Zwischenfall dieses Nachmittags war der, daß jenes Mädchen, mit welchem ich im
Garten gesprochen, von Miß Scatcherd mit Schimpf aus
der Geschichtsstunde fortgeschickt wurde und zur Strafe in
der Mitte des großen Schulzimmers stehen mußte. Diese
Strafe schien mir, besonders für ein so großes Mädchen,
--- jedenfalls zählte sie über dreizehn Jahre -- ungemein
entehrend. Ich dachte, die Bestrafte würde große Betrübniß
und Scham an den Tag legen; allein zu meinem größten
Erstaunen sah ich sie weder weinen noch erröthen: gefaßt,
wiewohl ernst, stand sie da, ein Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Wie mag sie es nur so ruhig, so
stand haft ertragen? so frug ich mich selbst. Wäre ich an
ihrer Stelle, ich wünschte, die Erde öffnete sich und verschlänge mich. Sie sieht aus, als dächte sie an etwas ganz
Anderes als an ihre Strafe--an etwas, das sich weder
um sie herum, noch vor ihr befindet. Man hat mir von
Leuten erzählt, die am Tage träumten-- ist sie in einen
solchen Traume befangen? Sie hat ihre Augen auf den Boden geheftet, aber ich wette, sie sieht ihn nicht. Ihr Gesicht
ist nach innen gewandt, nach der Tiefe ihres Herzens; sie
blickt wohl in die Erinnerung zurück, nicht nach der gegenwärtigen Wirklichkeit. Ich möchte gerne wissen, was für
ein Mädchen dies ist, ob ein gutes oder ein böses?
Bald nach fünf Uhr Nachmittags hielten wir ein neues
Mahl, bestehend in einem Becher Kaffeh und einer halben
Schnitte Schwarzbrot. Ich verschlang mein Brot und trank
meinen Kaffeh mit Genuß; gerne hätte ich mehr gegessen,
denn ich war noch sehr hungrig. Auf den Kaffeh folgte eine
Erholung von einer halben Stunde, dann wurde studirt;
dann kam ras Glas Wasser und der Haferkuchen, dann das
Abend gebet und endlich gingen wir zu Bette. So brachte
ich den ersten Tag meines Aufenthaltes in Lowood zu.

Sechstes Capitel.

Der folgende Tag begann wie der vorhergehende, mit dem Aufstehen und Ankleiden beim Lichte der Nachtlampe
mit dem einzigen Unterschiede jedoch, daß wir diesen Morgen die Ceremonie des Waschens bei Seite lassen mußten,
da das Wasser in den Krügen fest gefroren war. Ein Witterungswechsel war in der Nacht eingetreten und ein scharfer Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Klinken
der Schlafzimmerfenster geblasen, hatte uns selbst in den
Betten schauern gemacht und den Inhalt der Wasserkrüge
in Eis verwandelt.
Fast wäre ich während der anderthalbstündigen Gebete
und Bibelvorträge vor Kälte vergangen. Endlich kam die
Frühstückszeit und diesmal war die Suppe nicht angebrannt;

die Qualität war gut, aber die Quantität sehr klein; wie
gering kam mir meine Portion vor, wie gerne hätte ich sie
verdoppelt gehabt!
Im Verlauf des Tages wurde ich unter die Schülerinnen der vierten Classe eingereiht und man wies mir regelmäßige Aufgaben und Arbeiten zu: bis nun war ich blos
eine Zuschauerin der Vorgänge zu Lowood gewesen, von
jetzt an sollte ich selbst handelnd auftreten. Da ich nur wenig im Auswendiglernen geübt war, schienen mir die
Lectionen anfänglich lang und schwer, auch verwirrte mich
der häufige Uebergang von einem Gegenstand zum andern
und ich war wirklich froh, als mir beiläufig um drei Uhr
Nachmittag Miß Smith einen etwa zwei Ellen langen
Mousselinbesatz sammt Nadel, Fingerhut u. s. w. in die
Hand gab, mich in einen ruhigen Winkel des Schulzimmers setzen und die Arbeit einsäumen hieß. Zur selben
Stunde waren die meisten Mädchen gleichfalls mit Nähen
beschäftigt; nur eine Classe war noch um Miß Scatcherd's
Stuhl versammelt und im Lesen begriffen. Da ringsum die
größte Stille herrschte, so konnte man sowohl den Gegenstand der Lectionen. als auch die Art und Weise, wie sich
die Mädchen ihrer Aufgabe entledigten und wie ihre Leistungen von Miß Scatcherd, je nachdem, mit Tadel oder mit
Verbesserungen begleitet wurden, ganz genau vernehmen. Es
wurde englische Geschichte gelesen; unter den vorlesenden
Mädchen bemerkte ich meine Bekanntschaft vom Säulengange; beim Beginne der Lehrstunde stand sie an der Spitze
der Classe, aber wegen eines Fehlers in der Aussprache
und einer Nichtbeachtung der Unterscheidungszeichen ward sie
plötzlich auf den allerletzten Platz geschickt. Selbst auf jenem

Straforte ließ sie Miß Scatcherd nicht in Ruhe, beständig richtete sie Reden wie etwa die folgenden an sie:
Burns (so hieß sie wohl; man nannte bei uns
die Mädchen, wie anderwärts die Knaben, bei ihrem Zunamen, Burns, Du stehst einwärts; thue augenblicklich
die Fußspitzen von einander. -- Burns, Du reckst dein
Kinn ganz abscheulich heraus, zieh es gleich ein. -- Burns,
Du hebst sofort den Kopf in die Höhe, ich will Dich einfür allemal nicht in dieser Stellung vor mir sehen, u. s, w.
Nachdem ein Capitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher geschlossen und die Mädchen examinirt. Die
Lection umfaßte einen Theil der Regierung Carls l. und
wunderbare Fragen über Wag- und Tonnengebühren und
Schiffsgelder wurden vorgelegt, welche von den meisten
Schülerinnen unbeantwortet blieben; sobald aber die Reihe
an Burns kam, war auch die kleinste Schwierigkeit augenblicklich gelöst: ihr Gedächtniß schien den ganzen Inhalt der
Lection aufgefaßt zu haben und überall war sie mit ihrer
Antwort flink bei der Hand. Ich erwartete nichts anderes,
als Miß Scatcherd werde sie nun ihrer Aufmerksamkeit wegen beloben, aber statt dessen rief die Lehrerin im höchsten
Zorne:
Du schmutziges, ekliges Ding, schon wieder hast Du
Dir diesen Morgen die Nägel nicht geputzt!
Burns gab keine Antwort, ich erstaunte über ihr Stillschweigen.
Warum, dachte ich bei mir selbst, »sagt sie nicht,
daß sie sich heute Morgen weder das Gesicht, noch sonst
etwas waschen konnte, da das Wasser gefroren war?
Meine Aufmerksamkeit war nun von Miß Smith in

Anspruch genommen, die mir einen Strähn Zwirn zu halten gab; während des Abwickelns sprach sie zeitweilig mit
mir, erkundigte sich, ob ich schon je in einer Schule gewesen, ob ich merken, sticken, stricken könne u. dgl.; so lange
sie mich halten ließ, konnte ich meine Bemerkungen über -
Miß Scatcherd nicht fortsetzen. Als ich zu meinem Sitze
zurück kehrte, gab die Dame gerade einen Befehl, dessen
Bedeutung mir entging; Burns verließ hierauf augenblicklich die Classe, ging in ein kleines Seitenzimmer, das zum
Aufbewahren der Bücher diente, und kehrte in einer halben
Minute zurück, einen Bündel zusammengeflochtenen Reisigs
in der Hand haltend. Dieses unheimliche Werkzeug reichte
sie Miß Scatcherd mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung
machte, ohne daß man es ihr geheißen, ihr Kleid los und
empfing sofort von der Lehrerin mit dem Ruthenbündel ein
Duttzend scharfer Hiebe auf den Rücken. Keine Thräne entquoll den Augen der Gepeitschten und während ich im Nähen
inne hielt, da mir die Hände bei diesem Schauspiele vor
nutz losem und ohnmächtigem Unwillen erzitterten, verlor kein
einziger Bug ihres gedankenreichen Antlitzes seinen gewöhnlichen Ausdruck.
Verstocktes Mädchen! rief Miß Scatcherd, nichts
kann Dich von deinen schlumpigen Gewohnheiten abbringen
trage die Ruthe fort.
Burns gehorchte; ich faßte sie genau ins Auge, als sie
aus der Bücherkammer hervor kam; sie steckte gerade ihr
Taschentuch wieder ein und die Spur einer Thräne erglänzte;
auf ihrer hageren Wange.
Die Abend-Erholungsstunde erschien mir in Lowood
als der angenehmste Tagesabschnitt; der Bissen Brot, der
Trunk Kaffeh, um fünf Uhr zu sich genommen, gab neue

Lebenskraft, wenngleich der Hunger nicht gestillt wurde; das
Schulzimmer war wärmer als am Morgen, da man das Feuer, wahrscheinlich um Lichter zu ersparen, etwas lebhafter unterhielt, das herzhafte Poltern, das erlaubte Lärmen, das wirre Durcheinander der vielen Stimmen, gab einem willkommenen Gedanken an Freiheit Raum.
Am Abende desselben Tages, wo ich Miß Scatcherd
ihre Schülerin Burns prügeln gesehen hatte, wanderte ich,
wie gewöhnlich ganz allein, zwischen Bänken und Tischen
und lachenden Gruppen herum, ohne mich indessen verlassen
zu fühlen. Bei einem der Fenster angelangt, öffnete ich von
Zeit zu Zeit einen Ladenflügel und blickte hinaus; es schneite
heftig, an den untern Scheiben hatte sich schon eine Schneekruste gebildet; mein Ohr nahe ans Fenster legend, konnte ich mitten im fröhlichen Tumulte der warmen Stube das
trostlose Geheul des Windes im Freien unterscheiden.
Hätte ich erst kürzlich eine freundliche Heimat und liebende Eltern verlassen, wäre dies wahrscheinlich derjenige
Augenblick gewesen, wo ich Beides am schmerzlichsten vermißte; der Wind hätte mein Herz berührt, das finstere
Chaos mich aus meiner Ruhe aufgescheucht. In meinem Verhältnisse hingegen versetzte mich dies Alles in eine wunderbare, rastlose, fieberhafte Aufregung; ich wünschte, der Wind möchte noch wilder heulen, die Finsterniß noch dichter zur Erde fallen, das Unwetter in laut tobenden Sturm
ausarten.
Ich fetzte über Tische und Bänke weg, und bahnte mir Weg
zu einer Caminecke; mich an dem hohen Gitter von Eisendraht auf dem Boden niederhockend, fand ich Burns in Gedanken versunken, schweigend, von der ganzen Umgebung

durch ein Buch abgezogen, in welchem sie bei dem düstern
Scheine der Feuerbrände las.
Lesen Sie noch immer im Rasselas? bemerkte ich
näher zu ihr rückend.
Ja, sagte sie, eben bin ich damit fertig geworden.
Und fünf Minuten darauf schlug sie ihr Buch zu. Ich
war dessen froh.
Nun, dachte ich, kannst du sie zum Reden bringen. Ich setzte mich knapp an ihre Seite auf die Erde.
Wie heißen Sie sonst noch, außer Burns?
Helene.
Sind Sie weit her?
Ich bin im Norden Englands, hart an der schottischen Grenze, zu Hause.
Gehen Sie später wieder in die Heimat?
Ich hoffe es, allein Niemand ist seiner Zukunft
gewiß.
Es müßte Ihnen erwünscht seyn, Lowood zu verlassen?
Nein, warum auch? Man sannte mich nach Lowood
meiner Erziehung wegen; und es wäre umsonst, wollte ich
früher weggehen, bevor ich mein Ziel erreicht habe.
Aber Miß Scatcherd geht so unmenschlich mit Ihnen um?
Unmenschlich? Nicht im geringsten; sie ist blos streng
und will meine Fehler nicht dulden.
Wäre ich an Ihrer Stelle, ich könnte sie nicht ansehen; ich würde mich zur Wehre stellen und schlüge sie mich
mit ihrer Ruthe, würde ich sie ihr aus der Hand reißen
und vor der Nase zerbrechen.

Wahrscheinlich würden Sie es bleiben lassen; wenn
nicht, würde Sie Mr. Brocklehurst aus der Schule jagen
und das wäre für Ihre Verwandten ein großes Leid. Es ist
weit besser, einen Schlag, den man blos allein fühlt, geduldig ertragen, als einen unüberlegten Schritt thun,
unter dessen Folgen alle Jene leiden, die Einem zunächst
stehen; übrigens gebietet uns die heilige Schrift, Böses
mit Gutem zu vergelten.
Aber es ist eine große Schmach geschlagen zu werden und auf dem Schandplatze stehen zu müssen, und Sie sind noch dazu ein großes Mädchen; ich bin viel jünger als Sie
und könnte diese Behandlung nicht ertragen.
Und doch wäre es Ihre Pflicht, wenn Sie es nicht hindern könnten; es zeigt von Albernheit und Schwäche, sagen, man könne Etwas nicht ertragen, wenn man
dazu bestimmt ist, es ertragen zu müssen.
Ich hörte ihr voll Verwunderung zu; ich konnte diese
Lehre der stillen Duldung nicht begreifen, noch weniger
konnte ich mich mit der Versöhnlichkeit zufrieden geben, die
sie ihrer Peinigerin gegenüber an den Tag legte. Ich fühlte,
daß Helene Burns die Ereignisse in einem Lichte betrachtete,
welches meinen Augen unsichtbar blieb. Ich vermuthete, sie
könnte Recht und ich Unrecht haben; aber ich wollte nicht
tiefer in den Gegenstand eingehen; wie Felix versparte ich
mir's auf eine andere Zeit.
Sie sagten, Sie hätten Fehler, Helene; welche sind
diese? Mir wenigstens scheinen Sie sehr gut zu seyn.
Dann mögen Sie bei mir erfahren, wie wenig man
dem Scheine trauen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sich
ausdrückt, schlumpich; ich halte in meinen Sachen keine
Ordnung; ich bin unaufmerksam; ich merke mir keine Regeln; ich lese, statt meine Aufgabe zu lernen; ich habe keine Methode, und zuweilen sage ich, wie Sie vorhin, ich könne
regelrechte Anordnungen nicht ertragen. Das Alles empört
Miß Scatcherd aufs Aeußerste, die von Natur aus nett,
pünktlich und eigen ist.
Und launisch und grausam dazu, fügte ich bei; aber Helene Burns theilte meine Meinung nicht, sie blieb stille.
Ist Miß Temple eben so streng gegen Sie, wie Miß Scatcherd?
Bei Erwähnung von Miß Temple's Namen überflog
ein sanftes Lächeln ihr ernstes Angesicht.
Miß Temple hat ein gutes Herz; es dauert sie, gegen Jemand, und wäre es auch die Schlechteste der ganzen
Schule, Strenge gebrauchen zu müssen; sie kennt meine
Fehler und verweist sie mir im Guten und wenn ich etwa
Lobenswerthes thue, ist sie mit ihrer Anerkennung sehr
freigebig. Der beste Beweis meiner verderbten Gesinnung ist
der, daß nicht einmal ihre milden, vernünftigen Ermahnungen im Stande sind, mich von meinen Fehlern zu heilen.
Nicht einmal ihr Lob, das mir doch über Alles werth ist,
vermag es, mich zur Aufmerksamkeit und Umsicht anzuspornen.
Das ist sonderbar, bemerkte ich; es ist doch so
leicht aufmerksam zu seyn.
Für Sie ohne Zweifel. Ich beobachtete Sie diesen
Morgen in Ihrer Classe und sah wie aufmerksam Sie zuhörten; Ihre Gedanken schienen keinen Augenblick herumzustreifen, während Miß Miller ihre Lection erklärte und
Sie befragte. Meine Gedanken hingegen sind immer abwesend ; wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mir Alles
merken sollte, vernehme ich sehr oft nicht einmal den Ton ihrer Stimme und verfalle in eine Art Traum. Zuweilen

denke ich, ich sey, in Northumberland und halte das Geräusch
um mich herum für das Murmeln eines kleinen Baches, der in
Deepden nahe an meiner Eltern Hause vorbeifließt; -- wenn
dann die Reihe zu antworten an mich kömmt, muß ich erst
geweckt werden, und weil ich, dem eingebildeten Bache
lauschend, das Vorgelesene überhört habe, weiß ich keine Antwort zu geben.
Und doch, wie treffend antworteten Sie diesen Nachmittag?
Das war reiner Zufall; der Gegenstand, den wir
lasen, hatte mich interessirt. Statt von Deepden zu träumen, wunderte ich mich, daß ein Mann, wie Carl l.,
der Recht thun wollte, zuweilen so ungerecht handeln konnte;
ich dachte, welch ein Schade es war, daß er bei seiner
Rechtlichkeit und Gewissenhaftigkeit nicht über die Vorrechte
der Krone hinausblicken konnte. Wäre es ihm möglich gewesen nur etwas in die Ferne zu sehen und zu bemerken, wie
der sogenannte Zeitgeist mächtig heranbrauste! Und doch
liebe, achte und bemitleide ich den armen gemordeten König! Seine Feinde waren viel schlimmer; sie vergossen Blut,
das zu vergießen sie kein Recht hatten. Wie konnten sie es
wagen ihn zu tödten!
Helene unterhielt sich hier mit sich selbst; sie vergaß
ganz, daß ich sie nicht gut fassen konnte, daß ich den Gegenstand, den sie behandelte, kaum vom Weiten kannte.
Ich rief sie zu meiner Sphäre zurück.
Wenn Sie bei Miß Temple Stunde haben, sind da
auch Ihre Gedanken auf der Reise?
Nein, gewiß nicht, wenigstens nicht so oft, denn
Miß Temple weiß mir immer etwas zu sagen, was neuer
als meine eigenen Gedanken ist; ihre Sprache ißt mir außerordentlich angenehm, und die Aufklärung. die sie mir
gibt enthält stets dasjenige, was ich zu wissen wünschte.
Nun wohl, bei Miß Temple führen Sie sich also
gut auf?
Ja, ich lasse mich gehen; ich bedarf keiner Ueberwindung in Folge der Lockung meiner Neigung. In solcher
Aufführung sehe ich eben nichts Verdienstliches.
O doch! Sehr viel; Sie sind mit denjenigen gut,
die es mit Ihnen sind. Ich für meinen Theil möchte nie
anders seyn. Wenn man gegen diejenigen, die grausam und
ungerecht handeln, immer freundlich und unterwürfig wäre,
könnten die bösen Leute stets nach Gutdünken schalten; sie
würden sich nie fürchten, sich nie ändern, vielmehr immer
schlimmer und boshafter werden. Wenn irgend Jemand
ohne Ursache geschlagen wird, sollte er einen tüchtigen
Schlag zurück geben, ganz gewiß, und zwar einen so derben Schlag, daß derjenige, der ihn zuerst schlug, die gute
Lehre mit nach Hause nimmt, es nie wieder zu thun.
Ich hoffe, Sie werden Ihre Gesinnung ändern, wenn
Sie einmal älter geworden sind; bis jetzt sind Sie noch ein
kleines, unerfahrenes Mädchen.
Und doch fühle ich es, Helene, daß ich diejenigen
hassen muß, die mich, was ich auch immer thun mag, ihnen zu
gefallen, fortwähren von sich stoßen, daß ich mich wehren
muß, wenn ich eine ungerechte Strafe erleiden soll. Es ist
eben so natürlich, als daß ich diejenigen liebe, die eine
Zuneigung zeigen, und mich einer Strafe geduldig unterwerfe, sobald ich fühle, daß ich sie verdient habe.
Heiden und wilde Volksstämme hegen solche Ansichten, allein Christen und civilisirte Nationen verwerfen sie.

Wie so? Das verstehe ich nicht.
Nicht die Gewalt ist es, die am besten Haß und
Abneigung besiegt; nicht die Rache ist es, die am sichersten
ein geschehenes Unrecht ausgleicht.
Was dann?
Lesen sie das neue Testament, und bemerken Sie,
was Christus sagt und wie er bandelt. -- Sein Wort sey
Ihre Richtschnur und seine Handlungsweise Ihr Beispiel.
Was sagt er?
Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen,
thut Gutes denen, die Euch hassen und Böses thun.
In diesem Falle müßte ich Mrs. Reed lieben, was
ich nicht kann; ich müßte ihren Sohn John segnen, was
mir rein unmöglich ist.
Nun war die Reihe an Helene Burns gekommen, eine
nähere Erklärung zu verlangen, welchem Wunsche ich durch
die genaue Erzählung meiner Leiden und die Schilderung
meiner Abneigung sofort entsprach. Ich sprach mit Bitterkeit und Leidenschaftlichkeit, ohne irgendwelchen Rückhalt und Schonung.
Helene hörte mich bis ans Ende geduldig an; ich dachte,
sie würde nun eine Bemerkung fallen lassen, aber sie sagte
nichts.
Nun, frug ich ungeduldig, ist Mrs. Reed kein
hartherziges böses Weib?
Sie ging nicht sehr zart mit Ihnen um, weil sie Ihre
Gemüthsbeschaffenheit eben so wenig leiden kann, als Miß
Scatcherd die meinige. Doch wie genau erinnern Sie sich
alles dessen, was sie Ihnen gesagt und gethan! Welch einen
wunderbar tiefen Eindruck scheint ihre Ungerechtigkeit auf
Ihr Herz gemacht zu haben! Meinem Gemüthe kann selbst

die schlechteste Behandlung kein so lebhaftes Merkmal einbrennen. Wären Sie nicht glücklicher, wenn Sie ihre
Strenge und die daraus entspringenden leidenschaftlichen
Aufregungen vergäßen? Das Leben ist meiner Ansicht nach zu
kurz, um es zum Aufzeichnen erlittenen Unrechts und zum
Hegen feindseliger Gefühle zu verwenden. Wir alle auf der
Erde sind mit Fehlern beladen, aber bald wird die Zeit
kommen, wo wir dieselben mit unserer verderbten Hülle abwerfen, wo Entartung und Sünde mit diesem lästigen Fleischklumpen von uns weichen werden, und nur allein der Geist -- der unsichtbare Quell des Daseyns und des Denkens --
so rein zurück bleibt, wie ihn der Schöpfer in seine Geschöpfe
hineingehaucht hat. Vielleicht wandert er dann dorthin zurück, woher er gekommen, vielleicht belebt er ein höheres, edleres Wesen, als der Mensch ist, vielleicht erhebt er sich stufenweise von der dunklen Menschenseele zum glänzenden Seraph! Denn gewiß wird der Herr nicht zugeben, daß der menschliche Geist zum Teufel herabsinke; nein, das kann
ich mir nicht denken ! Vielleicht habe ich einen andern Glauben, den mich Niemand gelehrt und den ich selten offen bekenne, der mich jedoch glücklich macht und an den ich mich
fest klammere; denn er dehnt die Hoffnung ins Unendliche
aus, schafft die Ewigkeit zur Ruhestätte, zur weiten Heimat um, nicht zu einem Schreckens orte und einem Abgrunde.
Ueberdies kann ich bei diesem Glauben zwischen dem Verbrecher und dem Verbrechen genau unterscheiden und während ich dem Erstern vergebe, das Letztere vom Herzensgrunde
verabscheuen; bei meinem Glauben verzehrt mir kein Rachegefühl die Seele, die Demüthigung kann mich nie zu tief niederdrücken, die Ungerechtigkeit nie zu sehr verletzen; ich
lebe ruhig und sehe meinem Ende ohne Furcht entgegen.

Helenens Haupt, von Natur aus gesenkt, sank noch tiefer, als sie ihre Rede beendigt hatte. Ich las in ihren Blicken, daß sie nicht länger mit mir zu sprechen wünschte, vielmehr mit ihren Gedanken allein seyn wollte. Sie erfreute sich indessen ihrer Einsamkeit nicht sehr lange; eine Aufseherin, ein großes, grobgeformtes Mädchen, kam auf sie los und rief ihr in einem stark ausgeprägten Cumberlander Accente zu Helene Burns, wenn Sie nicht augenblicklich Ihren Kasten in Ordnung bringen und Ihre Arbeit zusammenlegen, werde ich Miß Scatcherd bitten, sich die Bescherung ein wenig anzuschauen.
Helene seufzte, aus ihren Träumen emporgescheucht, laut auf, erhob sich von ihrem Sitze und folgte der Aufseherin, ohne ein Wort zu entgegnen, unverzüglich.


Siebentes Capitel.

Das erste Vierteljahr meines Aufenthaltes zu Lowood kam mir wie ein ganzes Zeitalter, doch auf keinen Fall wie das goldene vor; ich hatte die größten Schwierigkeiten zu
bekämpfen, bevor ich mich in eine neue Lebensweise und ungewohnte Arbeiten schickte. Die Furcht vor Verstößen in diesen beiden Beziehungen griff meinen Körper viel heftiger
an, als die physischen Entbehrungen, die gleichwohl in meiner Lage nicht gering waren.
Während des Jänners, Februars und theilweise auch des März verhinderte der tiefe Schnee und nachdem dieser geschmolzen war, die ganz unwegsamen Straßen, weitere
Ausflüge über die Gartenmauer hinaus, mit einziger Ausnahme des Ganges zur Kirche; innerhalb des Gartens jedoch brachten wir täglich eine Stunde in der freien Luft zu.
Unsere Kleidung war nicht geeignet, uns vor strenger Kälte
zu bewahren; wir hatten keine Stiefel; das Schneewasser
drang uns in die Schuhe, die bloßen Hände erfroren uns
und wir bekamen Frostbeulen an Händen und Füßen; noch
heute erinnere ich mich der schrecklichen Empfindung, die
mir jeden Abend meine entzündeten Füße verursachten; nur die Marter, wenn ich des Morgens die steifen, kalten Zehen in die Schuhe preßte, konnte ihr an die Seite gestellt
werden. Dazu kam noch die wahrhaft trostlose Knickerei im
Essen; bei dem starken Appetite der im Wachsthum begriffenen Kinder bekamen wir kaum so viel zu essen, als der
schwache Magen eines Kranken vertragen konnte. Dieser
Mangel an hinreichender Nahrung brachte noch einen andern
Uebelstand hervor, der gar schmerzlich auf den jüngern Schülerinnen lastete; so oft nemlich die größern Mädchen die Gelegenheit ersahen, bettelten sie den kleineren ihre Portion ab oder nahmen sie ihnen wohl gar unter Drohungen weg.
Wie oft mußte ich den kostbaren Bissen Schwarzbrot, den wir täglich zum Kaffeh bekamen, mit zwei Schmarotzerinnen theilen, und wenn ich dann einer Dritten die Hälfte meines Kaffehs überlassen hatte, schluckte ich den schwachen Rest unter heimlichen Thränen hinunter, die mir der nagende Hunger entlockte.
Im Winter waren die Sonntage äußerst langweilig, ja schreckliche Tage. Zwei volle Meilen mußten wir nach Brocklebridge zur Kirche gehen, wo unser Patron den Gottesdienst abhielt; ganz erfroren verließen wir das Haus,
noch erfrorner kamen wir in der Kirche an, und während des Morgengottesdienstes erstarrten wir förmlich zu Bildsäulen. Es war zu weit weg, um wieder nach Hause zum

Mittagsessen zurückzukehren, und so wurde denn während den Abtheilungen der Predigt kaltes Fleisch und Brot, natürlich in demselben spärlichen Verhältniß wie bei unseren übrigen Mahlzeiten, herumgereicht.
Am Schlusse der Nachmittagsandacht kehrten wir auf einer allerseits dem Winde preisgegebenen, hügeligen Straße nach Hause zurück; die scharfe Winterluft, über eine beschneite Bergkette vom Norden herblasend, zog uns beinahe die
Haut vom Gesichte ab.
Noch heute sehe ich Miß Temple vor mir, wie sie, ihren im Winde flatternden schottischen Mantel enger zusammenziehend, an der Spitze der in die Knie sinkenden
Mädchen frisch und leicht dahin schreitend, uns mit Wort und Beispiel aufmunterte, gutes Muths zu seyn, und wie „tapfere Soldaten“ vorwärts zu marschiren. Die anderen
Lehrerinnen, die armen Geschöpfe! waren selbst zu sehr entkräftet, um an die Ermuthigung Anderer denken zu können.
Wie sehnten wir uns, im Schulgebäude angelangt,
nach dem Scheine und der Wärme eines helllodernden
Feuers! Doch den kleinen Schülerinnen wenigstens war dieser Genuß versagt; jeder der Camine des Schulzimmers
ward sofort von einer doppelten Reihe der großen Mädchen
umschlossen, und erst hinter ihnen kauerten gruppenweise die
kleinen Mädchen, ihre erstarrten Aermchen in ihre langen
Schürzen hüllend.
Die einzige Theestunde brachte einen kleinen Erlaß in
der Gestalt einer doppelten Brotportion -- einer ganzen
Schnitte Brot statt einer halben -- mit der köstlichen Zugabe einer dünnen Schichte Butter: darin bestand unser allwochentlicher Festschmaus, auf den wir uns von einem

Sonntage zum andern freuten. Fast immer war ich so glücklich die Hälfte dieses schwelgerischen Mahles für mich behalten zu können, allein den Ueberrest mußte ich unabänderlich vertheilen.
Den Abend füllte an Sonntagen das Aufsagen des
Kirchenkatechismus, des fünften, sechsten und siebenten
Capitels des Evangeliums Matthäi und eine von Miß
Miller vorgelesene lange Erbauungsrede aus, deren häufiges Gähnen hinlänglich bewies. wie sehr sie sich langweilte. Ein nicht seltenes Zwischenspiel bei diesen Andachtsübungen gab die Darstellung der Rolle des Eutychus ab,
welche von einem halben Dutzend kleiner Mädchen durchgeführt wurde, die zwar nicht vom dritten Steckwerk, wohl
aber von der vierten Bank herunterpurzelten, und sich halb
todt schlugen. Das Heilmittel dagegen bestand darin, daß
man sie in die Mitte des Schulzimmers schuppte, und bis
zur Beendigung der Predigt stehen ließ. Zuweilen sanken
ihnen die Kniee ein, und sie fielen auf einen Haufen zusammen: dann wurden sie mit den hohen Stühlen der Aufseherinnen gestützt.
Ich habe bis jetzt noch nicht von Mr. Brocklehurst's
Besuchen gesprochen; wirklich war dieser ehrwürdige Herr,
wahrscheinlich infolge der Verlängerung seines Aufenthaltes bei seinem Freunde, dem Archidiaconus, während des
größten Theiles des ersten Monates nach meiner Ankunft
vom Hause entfernt; seine Abwesenheit war für mich ein
wahrer Trost. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß
ich meine besonderen Ursachen hatte, sein Erscheinen zu
fürchten; doch endlich ließ er nicht länger auf sich warten.
Eines Nachmittags (ich befand mich bereits drei Wochen in Lowood) saß ich mit einer Schiefertafel in der Hand

im Schulzimmer, und brütete eben über einer langen zu
dividirenden Zifferreihe. Plötzlich gewahrte ich während
eines Blickes, den ich zur Abwechslung durch's Fenster
warf, eine Gestalt, deren eckige Umrisse ich sofort erkannte,
und als zwei Minuten später die ganze Schule, die Lehrerinnen mit inbegriffen, in Masse aufstand, hatte ich nicht
erst nöthig aufzublicken, um zu wissen, wem die Begrüßung galt. Ein langer Schritt maß das Schulzimmer,
und alsbald stand neben Miß Temple, die sich gleichfalls
erhoben hatte, dieselbe schwarze Bildsäule, die mich am
Caminteppich zu Gateshead so finster und bedeutungsvoll
angeblickt. Für jetzt sah ich dieses Denkmal der Baukunst
blos von der Seite an. Richtig, ich hatte mich nicht geirrt,
es war Mr. Brocklehurst, bis ans Kinn in einen Winterrock eingeknöpft, länger, schmäler und steifer aussehend
denn je.
Ich hatte meine guten Gründe, über diese Erscheinung aus der Fassung zu kommen, denn nur zu gut erinnerte ich mich der boshaften Andeutungen, die ihm Mrs.
Reed über meine Neigungen mitgetheilt, und des Versprechens, das ihr Mr. Brocklehurst hierauf gegeben hatte,
Miß Temple und die Lehrerinnen von meiner lasterhaften Natur in Kenntniß zu setzen. Die ganze Zeit über hatte
ich die Erfüllung dieses Versprechens gefürchtet, tagtäglich
„den kommenden Mann“ erwartet, dessen Nachweisung über
meine Vergangenheit mich für immer zum bösen Kinde stempeln sollte;-- jetzt war er da. Er stand an Miß Temples
Seite, er sagte ihr etwas leise ins Ohr; ich zweifelte
keinen Augenblick, er mache ihr Eröffnungen über meine
bodenlose Schlechtigkeit, und ich beobachtete ihr Auge mit
schmerzlicher Angst, jeden Augenblick erwartend, den dunklen Stern mit einem Blicke voll Verachtung und Abscheu
auf mich gerichtet zu sehen.
Ich gab mir Mühe zu horchen; und da ich zufällig
ziemlich in der Nähe saß, fing ich den größten Theil des
Gespräches auf; der Inhalt befreite mich von augenblicklicher Bangigkeit.
Ich glaube der Zwirn, den ich in Lowton kaufte, wird
gut seyn, Miß Temple; es fiel mir gleich ein, er würde
zu den Calicohemden passen, und ich suchte auch gleich die
Nadeln darnach aus. Sie mögen Miß Smith sagen, daß
ich vergaß, mir der Stopfnadeln wegen ein Merkzeichen
zu machen, aber sie soll dennoch nächste Woche einige
Päckchen geschickt bekommen; doch möchte sie unter keiner
Bedingung mehr als Eine auf einmal an jede Schülerin
vertheilen; wenn sie mehr bekommen, werden sie sorglos,
und sind im Stande sie zu verwerfen. Und die wollenen
Socken, Madame, auf die sollte doch mehr gesehen werden!
Bei meinem letzten Besuche untersuchte ich die Wäsche, die
im Küchengarten zum Trocknen an der Leine hing: eine
Anzahl schwarzer Strümpfe war sehr schlecht ausgebessert;
aus der Größe er Löcher sah ich deutlich, daß man sie
nicht von Zeit zu Zeit zugestopft hatte.
Er machte eine Pause.
Ihre Anordnungen sollen befolgt werden, Sir ,
sagte Miß Temple.
Und die Wäscherin sagte mir, Madame , fuhr er
fort, daß mehre von den Mädchen die Woche zwei Halsstreifen einschmutzen; das ist zu viel, die Hausordnung gestattet blos einen einzigen.
Diesen Umstand kann ich wohl aufklären, Sir. Agnes und Katharina Johnstone waren am vergangenen Dinstag

von einigen Freundinnen in Lowton zu Thee gebeten, und
ich erlaubte ihnen bei dieser Gelegenheit weiße Halsstreifen
anzulegen.
Mr. Brocklehurst nickte.
Gut, dies einemal mag es noch hingehen; aber
ich bitte mir's aus, daß dieser Fall nicht zu oft eintritt.
Indessen ist da noch ein anderer Umstand, über den ich
höchlich erstaune; ich finde nemlich in der Küchenrechnung
der letzten vierzehn Tage zweimal einen an die Mädchen
verabreichten Imbiß von Brot und Käse vor. Was soll das?
In den Statuten der Anstalt geschieht keine Erwähnung
von Imbissen. Wer hat diese Neuerung eingeführt, und
kraft welcher Vollmacht?
Ich allein bin dafür verantwortlich, Sir, erwiederte
Miß Temple; das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß
es die Zöglinge unmöglich genießen konnten, und ich traute
mich nicht, sie bis zum Mittagessen fasten zu lassen.
Madame, erlauben Sie mir einen Augenblick!
Sie wissen, daß mein Plan bei Erziehung dieser Mädchen
nicht dahin geht, sie an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen,
sondern vielmehr abzuhärten, in Geduld und Enthaltsamkeit zu üben. Kömmt nun auch zuweilen ein kleiner, den
Appetit benehmender Unfall, wie zum Beispiele das Mißrathen eines Gerichtes, das Anbrennen und Versalzen einer
Schüssel, vor, so ist es nicht an der Zeit, diesen Unfall dadurch auszugleichen, daß man den entgangenen Genuß durch
noch etwas Schmackhafteres ersetzt, den Magen vollpfropft
und solchergestalt den Zweck dieses Institutes zu nichte macht,
vielmehr sollte ein solcher Umstand zu dem geistigen Besten
der Zöglinge gewendet und dieselben ermuntert werden, die

augenblickliche Entbehrung mit Seelenstärke zu ertragen.
Eine kurze Anrede wäre bei solchen Gelegenheiten sehr ersprießlich, worin eine verständige Erzieherin auf so Manches hinweisen könnte, wie zum Beispiele auf die Leiden der ersten Christen, auf die Qualen der Märtyrer, auf die
Ermahnungen unseres Heilandes selbst, der da seinen Jüngern ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen gebeut; auf seine Mahnung, daß der Mensch nicht allein vom
Brote, sondern auch vom Worte Gottes lebt; auf seine göttliche Tröstung: Glücklich Ihr, die Ihr meinetwegen ,
Hunger und Durst leidet. Oh, Madame, wenn Sie diesen s
Kindern Brot unn Käse anstatt angebrannter Suppe in s
den Rachen werfen, mögen Sie wohl ihre morschen Leiber s
füttern, aber Sie vergessen, welchen Hunger ihre unsterblichen Seelen leiden.
Vielleicht von seinen Gefühlen übermannt, machte Mr. Brocklehurst abermals eine Pause. Miß Temple hatte beim Beginn seiner Anrede zu Boden geblickt; in diesem Augenblicke sah sie gerade vor sich hin und ihr Gesicht, schon von Natur aus weiß wie Marmor, schien nun auch die Unbeweglichkeit und Kälte dieses Stoffes angenommen zu haben,
ihr Mund besonders schloß sich, als hätte es des Meißels
eines Bildhauers bedurft, ihn wieder zu öffnen, und ihre
Stirne verwandelte sich stufenweise in versteinerten Ernst.
In der Zwischenzeit übersah Mr. Brocklehurst, der,
die Hände auf dem Rücken, am Camine stand majestätischen
Blickes das Schulzimmer. Plötzlich erblitzte sein Auge, als
hätte irgend ein Anblick seine Pupille geblendet oder beleidigt; sich umwendend, rief er mit größerer Hast, als er bis
jetzt beim Sprechen gezeigt:
Miß Temple, Miß Temple! Wer -- wer ist jenes

Mädchen mit den gelockten Haaren? Rothe Haare, Madame, über und über gelockt? Und er wies mit dem Stocke
und mit zitternder Hand nach dem schrecklichen Gegenstande.
Es ist Julie Severn, versetzte Miß Temple sehr ruhig.
Julie Severn, Madame! Und warum trägt sie oder
irgend eine Andere gelocktes Haar? Warum wagt sie es sich
allen Vorschriften und Grundsätzen dieser Anstalt zum Trotz
hier, in einem evangelischen Hause der Mildthätigkeit, nach
der weltlichen Mode zu richten und ihren Kopf mit Locken
zu bedecken?
Juliens Haare ringeln sich von Natur aus, erwiederte Miß Temple noch weit ruhiger.
Von Natur aus! Aber wir haben nichts mit der
Natur zu schaffen: ich wünsche, daß aus diesen Mädchen
Kinder der Gnade Gottes werden. Wozu diese Ueppigkeit?
Habe ich mich nicht unzählige Male darüber ausgesprochen,
daß ich die Haare glatt gekämmt, bescheiden und einfach gemacht haben will? Miß Temple, der Kopfschmuck dieses
Mädchens muß gänzlich abgeschoren werden, ich will morgen den Barbier herschicken. Auch die Andern haben einen
großen Ueberfluß von diesem Auswuchse an sich; lassen
Sie das große Mädchen dort sich herumdrehen. Lassen Sie
überhaupt alle Schülerinnen der ersten Bank aufstehen und
das Gesicht gegen die Wand kehren.
Miß Temple hielt sich das Taschentuch vor den Mund,
als wollte sie das unwillkürliche Lächeln verbergen, das ihn
umspielte; doch gab sie ten verlangten Befehl und nachdem
die erste Classe begriffen hatte, was man verlangte, leistete
sie Gehorsam. Mich ein wenig in meiner Bank zurücklehnend, konnte ich die Blicke und Fratzen sehen, mit welchen die Mädchen diese Manöver begleiteten, und es war Jammerschade, daß sie Mr. Brocklehurst nicht auch bemerken
konnte; vielleicht hätte er es begriffen, daß, wenn er auch
bas Aeußere in seiner Macht hatte, das Innere seiner Einmischung weit ferner lag, als er sich es einbilden mochte.
Er betrachtete die Kehrseiten dieser lebenden Medaillen
beiläufig durch fünf Minuten mit aller Aufmerksamkeit, dann
sprach er das Urtheil:
Alle diese Haarflechten müssen abgeschnitten werden.
Diese Worte ertönten wie die Glocke des Todesurtheils.
Miß Temple schien Einwendungen machen zu wollen.
Madame, fuhr er fort, ich bin der Diener eines
Herrn, dessen Reich nicht von dieser Welt ist; es gehört
mit zu meiner Sendung, in diesen Mädchen die eitle Lust
des Fleisches auszurotten, sie zu lehren, sich in Züchtigkeit und Bescheidenheit zu kleiden, nicht mit geflochtenen
Haaren und kostbaren Anzügen zu schmücken. Eine jede dieser jungen Personen hat ein Büschel Haare in Zöpfe zusammengedreht, wie sie der Dämon der Eitelkeit selbst nicht
besser hätte flechten können; diese Haarschleifen, ich wiederhole es, müssen herunter. Denken Sie nur an die übel angewandte Zeit, an die--
Hier wurde Mr. Brocklehurst unterbrochen: ein neuer
Besuch, drei Damen traten in die Stube. Sie hätten etwas
früher kommen sollen, um seine Predigt gegen den Putz
mit anzuhören, denn sie waren sämmtlich auf's Kostbarste
in Sammt, Seide und Pelzwerk gekleidet. Die beiden jüngern Damen des Kleeblattes (schöne Mädchen von sechszehn
und siebzehn Jahren) trugen graue Biberhüte mit wallenden
Straußfedern, wie sie dazumal Mode waren, und unter dem Hutrande quollen Massen kunstreich aufgetürmter Haarbüschel hervor; die ältere Dame hatte einen kostbaren, mit
Hermelin besetzen Sammtshawl um die Schultern geschlagen und ihren Vorderkopf deckten falsche Scheitel mit dergleichen französischen Locken.
Die drei Damen wurden als Mrs. und Misses Brocklehurst von Miß Temple ehrfurchtsvoll empfangen und zum
Ehrenplatze, am oberen Ende des Zimmers, geleitet. Sie
schienen mit ihrem ehrwürdigen Blutsverwandten in einer
Kutsche gekommen zu seyn und eine genaue Durchsuchung
der oberen Gemächer vorgenommen zu haben, während der
Letztere mit der Haushälterin Rechnung mochte, die Wäscherin ausholte und die Schuloberin abkanzelte. Nunmehr
begannen sie Miß Smith, welche die Aufsicht über die
Wäsche und den Schlafsaal führte, verschiedene Bemerkungen und Ausstellungen zu machen: doch ich hatte keine
Zeit aufzumerken, was sie sagten; andere Dinge nahmen
meine Aufmerksamkeit in Anspruch.
Bis nun, und während ich auf die Unterredung zwischen Mr. Brocklehurst und Miß Temple Acht gab, hatte ich keinen Augenblick die nöthigen Vorsichtsmaßregeln vergessen,
um meine persönliche Sicherheit zu wahren, welchen Zweck
ich am besten dadurch zu erreichen hoffte, daß ich mich jeder Beachtung entzog. Zu diesem Behufe hatte ich mich in der
Bank ganz zurück gesetzt, und anscheinend mit meiner Rechnung beschäftigt, die Schiefertafel so gehalten, daß sie mein
Gesicht verbarg; gewiß wäre ich der Gefahr, bemerkt zu
werden, ohne Schwierigkeit entgangen, wäre nicht die verrätherische Schiefertafel irgend wie meiner Hand entschlüpft und mit einem lauten Krach zu Boden gefallen, was natürlich sofort Aller Augen auf mich zog. Ich wußte, daß
nun Alles verloren sey, und während ich mich bückte, um

die Scherben aufzulesen, bereitete ich mich auf das Schlimmste vor. Es kam im Sturmschritt heran.
Ein unvorsichtiges Mädchen? fagte Mr. Brocklehurst, und gleich darauf: Es ist der neueingetretene
Zögling, wie ich bemerke, und bevor ich nur aufathmen
konnte, schloß er: Lassen Sie mich nicht vergessen, daß
ich des Kindes wegen ein Wort zu sagen habe. Dann
rief er laut (ach, wie laut tönte es mir in die Ohren):
Das Mädchen, welches die Schiefertafel zerbrochen hat,
trete vor!
Aus eigenem Antriebe hätte ich keinen Schritt vorwärts thun können, ich war wie vom Schlage gerührt:
aber die beiden Mädchen, zwischen denen ich saß, brachten
mich auf die Beine und schoben mich dem gefürchteten
Richter entgegen; Miß Temple sührte mich mit liebevoller Sorgfalt vollends bis zu seinen Füßen, indem sie mir
freundlich zuflüsterte:
Fürchte Dich nicht, Jane, ich sah es, daß es ein
bloßer Zufall war; Du wirst nicht gestraft werden.
Diese theilnahmvollen Worte durchbohrten mein
Herz wie ein Dolchstich.
Noch eine Minute, und Sie wird mich als eine
Heuchlerin verdammen, dachte ich, und ein Anfall von
Wuth gegen Reed, Brocklehurst und Comp. tobte bei
dieser Vorstellung durch meine Adern. Ich war keine Helene Burns.
Man bringe jenen Stuhl herbei, sagte Mr, Brocklehurst, auf einen sehr hohen Sitz deutend, von welchem
die eine Aufseherin eben aufgestanden war; er wurde herbeigeholt.
Man setze das Kind darauf.

Und ich wurde hinaufgehoben, von wem? ich weiß
es nicht: ich war nicht in der Verfassung auf solche
Kleinigkeiten Acht zu geben; ich bemerkte nur, daß man
mich zur Höhe von Mr. Brocklehurst's Nase emporgesetzt
hatte, daß er mir bis auf die Entfernung von einer Elle
am Leibe saß und daß sich ein mit geschossener orange-
und purpurfarbener Seide und einer Wolke wehender Federbüsche erfüllter Raum vor mir ausdehnte.
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
Meine Damen, begann er, zu seiner Familie gewendet; Miß Temple, Ihr Lehrerinnen und Kinder, Ihr
Alle seht dieses Mädchen.
Natürlich sahen sie mich, denn ich fühlte es wie ihre
Augen; gleich Brenngläsern auf mein heißglühendes Gesicht
gerichtet waren.
Ihr seht, sie ist noch jung; Ihr bemerkt, daß sie
die gewöhnliche Gestalt eines Kindes besitzt; Gott hat ihr in seiner Gnade dasjenige Aussehen verliehen, welches er uns Allen gab; kein besonderer Leibesfehler stempelt sie
zu einem gezeichneten Charakter. Wer sollte denken, daß
bereits der Böse seine Dienerin und sein williges Werkzeug in ihr gefunden? Und doch, ich spreche es mit innigem Bedauern aus, ist dies der Fall.
Eine Pause folgte, in der ich das krampfhafte Zucken meiner Nerven zur Ruhe zu bringen und einzusehen
anfing, daß nun die fatale Grenzlinie überschritten und
daß has Strafgericht nicht länger zu vermeiden, vielmehr
standhaft zu ertragen sey.
Meine theuren Kinder, fuhr der schwarzmarmorne
Geistliche mit Pathos fort, es ist dies ein sehr trauriges, niederschlagendes Vorkommniß; denn es ist meine Pflicht, Euch

anzukündigen, daß dieses Mädchen, welches eines von den
Lämmern Gottes seyn könnte, ein raudiges Schaf, kein
Glied der treuen Heerde, sondern vielmehr ein Mischling,
ein Eindringling ist. Hütet Euch vor ihr, folgt ihrem
Beispiele nicht, meidet ihre Gesellschaft so viel als möglich, schließt sie von euren Spielen und euren Gespräche
aus. Und Ihr, Lehrerinnen, habt ein sorgsames Auge auf
sie, bewacht ihre Bewegungen, wägt ihre Reden ab,
prüfet ihre Handlungen und straft ihren Körper, um ihre
Seele zu retten, wenn noch irgend eine Rettung möglich
ist; denn (meine Zunge versagt mir den Dienst, während
ich es ausspreche) dieses Kind, dieses Mädchen, die Eingeborene eines christlichen Landes ist schlimmer als so
manche kleine Heidinnen, die ihre Gebete zu Brahma emporsenden und vor Dschagernaut knieen,-- dieses Mädchen ist eine Lügnerin!
Ein etwa zehn Minuten langes Stillschweigen trat
ein; zum Gebrauche meiner Sinne gelangt, bemerkte ich
wie sämmtliche weibliche Glieder der Familie Brocklehurst
die Taschentücher hervor holten und an ihre Sehwerkzeuge
drückten, worauf die Alte unmuthig hin und her rückte
und die beiden Jungen einander zuflüsterten: Wie abscheulich!
Mr. Brocklehurst hob wieder an:
Ich erfuhr dieses von ihrer Wohlthäterin, von der
frommen wohlthätigen Dame, welche sich ihrer verwaisten
Lage angenommen, sie wie ihre eigene Tochter auferzogen hatte und deren Güte und Großmuth das böse Mädchen
mit so schwarzem Undank erwiederte, daß sich ihre vortreffliche Gönnerin endlich genöthigt sah, sie von ihren
eigenen Kindern zu trennen, damit nicht etwa ihr böses

Beispiel deren kindliche Reinheit verdürbe. Sie sandte sie
in diese Anstalt, um hier geheilt zu werden, gleichwie die
alten Juden ihre Kranken zum Teiche Bethesda sandten.
Oberin, Lehrerinnen, ich beschwöre Euch, laßt die Wasser
um sie nicht zur stehenden Pfütze werden.
Bei diesem erhebenden Schlusse knüpfte Mr. Brocklehurst den obersten Knopf seines Winterrockes zu, sagte:
Etwas leise zu den Seinigen, welche aufstanden und sich
vor Miß Temple verneigten, und die sämmtlichen Großen
des Reiches segelten in voller Stattlichkeit zum Zimmer
hinaus. Noch in der Thüre wandte sich der gestrenge Richter um und sagte:
Lassen Sie sie noch eine halbe Stunde auf dem Stuhle stehen und daß es Niemand beikomme, im Verlaufe des heutigen Tages mit ihr zu sprechen.
Da stand ich nun oben; ich, die ich gesagt hatte,
ich ertrüge es nicht, auf meinen eigenen Füßen inmitten
des Schulzimmers zu stehen, war nun dem allgemeinen
Geschaue auf einem schmachvollen Pranger preisgegeben.
Was ich damals empfand, vermöchte keine Sprache zu
schildern; doch gerade in dem Augenblicke als alle meine
Gefühle empor stiegen, mir den Athem benahmen und
mich zu ersticken drohten, kam ein Mädchen heran und bei
mir vorüber und während sie vorüberging, sandte sie mir
einen Blick zu. Welch' wunderbares Licht entströmte ihren Augen! Wie fühlte ich mich gestärkt, ja emporgetragen! Es war als ob eine Märtyrin, eine, Heldin bei einer Sclavin, einem Schlachtopfer vorübergegangen und
Muth und Stärke durch ihren Anblick eingeflößt hätte.
Ich bemeisterte den emporsteigenden Starrkrampf, hob
einen Kopf in die Höhe und nahm eine feste Stellung

auf dem Stuhle. Helene Burns stellte, ihrer Näherei wegen, einige unbedeutende Fragen an Miß Smith, wurde
ihrer Albernheit wegen gescholten, kehrte auf ihren Platz
zurück und sandte im Vorbeigehen ein Lächeln zu mir
empor. Und was für ein Lächeln! Noch jetzt erinnere ich
mich dessen und weiß nun, daß es der Ausfluß einer
schönen Seele, eines echten Muthes war; es erleuchtete
ihre ausgeprägten Züge, ihr hageres Gesicht, ihre tiefliegenden grauen Augen wie der Wiederschein von dem
Anblicke eines Engels. Und doch trug Helene Burns
in diesem Augenblicke das „Schandteichen wegen Unordentlichkeit“ am Arme; kaum eine Stunde zuvor war sie
von Miß Scatcherd für den nächsten Tag zu Wasser und
Brot verurtheit worden, weil sie eine Vorschrift beim
Abschreiben bekleckst hatte. So unvollkommen ist die menschliche Natur, solche Flecke sind auf der Lichtscheibe des
hellsten Planeten sichtbar; aber nur Augen wie Miß
Scatcherd's ihre können diese kleinen Gebrechen entdecken
und für das helle Licht des Gestirnes blind seyn!


Achtes Capitel.

Als meine Strafzeit zu Ende war, schlug es gerade fünf Uhr; der Unterricht wurde geschlossen und Alles begab sich in den Speisesaal zum Thee. Ich wagte es nun herunterzusteigen; es war tiefe Dämmerung; ich kroch in einen
Winkel und setzte mich auf die Erde. Der Zauber, der mich
bis jetzt aufrecht erhalten hatte, begann zu schwinden; eine
Gefühlsumstimmung trat ein und der Schmerz, den ich
Boden gewendet, der Länge nach hinsank. Nun weinte ich;
Helene Burns war nicht zugegen, ich hatte keinen Stützpunkt; mir selbst überlassen gab ich mich selbst auf und
meine Thränenbäche traten aus den Ufern. Ich hatte die
Absicht, so brav und so fleißig in Lowood zu seyn, mir
Freundinnen, Achtung und Zuneigung zu erwerben. Schon
hatte ich bedeutende Fortschritte gemacht, noch am selben
Morgen war ich die Erste in meiner Classe gewesen; Miß
Miller hatte mich warm gelobt, Mig Temple mir Zufriedenheit gelächelt und sogar versprochen, mich Malen und
Französisch lernen zu lassen, wenn ich noch zwei Monate so
fortführe; meine Cameradinnen konnten mich alle gut leiden,
die Mädchen meines Alters behandelten mich wie ihres
Gleichen, und nun? Hier lag ich darniedergeschmettert und
dachte nicht daran, mich je wieder erheben zu können.
Alles verloren! jammerte ich und wünschte sehnlichst
zu sterben. Während ich diesen Wunsch in gebrochenen Lauten herausschluchzte, kam Jemand näher; ich fuhr empor --
Helene Burns stand neben mir, das eben verlöschende Feuer
beleuchtete ihr Antlitz; sie brachte mir meinen Kaffeh und
mein Brot.
Kommen Sie, nehmen Sie etwas zu sich, sprach
sie, aber ich schob Beides von mir, in der Ueberzeugung, daß
ich in meiner augenblicklichen Verfassung an einem Tropfen
oder an einer Krume ersticken könnte. Helene sah mich erstaunt an; wiewohl ich mächtig kämpfte, konnte ich meiner
Gefühle nicht Herr werden und weinte laut. Sie setzte sich
F mir auf den Boden nieder, umschlang ihre Kniee mit
ihren Armen und legte ihren Kopf darauf; in dieser Stellung verharrte sie, schweigsam wie ein Indianer. Ich brach
zuerst das Stillschweigen.
Helene wie können Sie sich mit einem Geschöpfe
begeben, das Jedermann für eine Lügnerin hält?

Jedermann, Jane? Wie ist dies möglich? Blos
achtzig Personen waren zugegen, als man Sie so nannte,
und die Erde zählt Hunderte von Millionen Menschen.
Was habe ich mit den Millionen zu schaffen? die
achtzig Wesen, die ich kenne, verachten mich.
Sie irren, Jane; wahrscheinlich verachtet Sie keine
Einzige in der ganzen Schule, sehr Viele, ich bin dessen
gewiß, bedauern Sie.
Wie mögen sie mich nur bemitleiden, nach Allem,
was Mr. Brocklehurst gegen mich vorbrachte?
Mr. Brocklehurst ist kein Gott, nicht einmal ein großer und bewunderter Mann, man kann ihn hier nicht sehr
leiden und er gibt sich auch nicht die Mühe, für sich einzunehmen. Hätte er Sie als seinen begünstigten Liebling behandelt,
hätten Sie jetzt Feindinnen, sey es nun heimliche oder erklärte, um sich herum; wie aber die Sachen stehen, würde
Ihnen gewiß der größte Theil seine Sympathie bezeigen,
wenn er es dürfte. Vielleicht werden Sie Lehrerinnen und
Zöglinge ein bis zwei Tage etwas kälter behandeln, aber sie
bleiben Ihnen im Herzen zugethan, und wenn Sie fortfahren sich gut aufzuführen, wird diese Zuneigung, eben
weil sie einige Zeit unterdrückt war, nur um desto lebhafter an den Tag kommen. Uebrigens, Jane --
Nun, liebe Helene? fragte ich meine Hand in die
ihrige legend; sie rieb meine Finger ganz sanft, um sie zu
erwärmen, und fuhr fort:
Wenn Sie auch die ganze Welt haßt und für
schlecht hält, sind Sie nicht ohne Trost, wenn Ihnen nur
Ihr eigenes Gewissen Beifall zollt und Sie von aller Schuld
losspricht.
Nein, und wenn ich mir auch selbst das beste Zeugniß geben könnte, es genügte mir nicht; wenn mich meine
Umgebung nicht liebt, möchte ich lieber sterben, als am
Leben bleiben; ich kann nun einmal nicht einsam und ohne
Liebe leben, Helene. Sehen Sie, um Ihre oder Miß
Temple's, oder Jemandes Anderen aufrichtige Zuneigung
zu erlangen, könnte ich mir von freien Stücken einen Arm
brechen, mich von einem wilden Stier aufspießen lassen oder
hinter einem scheuen Pferde stehen, das ausschlüge und mir
mit seinen Hufen die Brust zerschmetterte.
Stille, Jane! Sie machen sich einen zu hohen Begriff von der Zuneigung menschlicher Wesen. Sie sind zu
hingebend, zu heftig: die Hand des Schöpfers, die Ihren
Körper formte und belebte, hat Sie mit anderen Hilfsquellen ausgerüstet, als mit dem Vertrauen auf Ihr schwaches
Ich oder auf andere, noch gebrechlichere Wesen als Sie sind.
Außer dieser Erde und über dem sterblichen Menschengeschlechte gibt es noch eine unsichtbare Welt, ein Reich der
Geister; diese Welt umgibt uns, denn sie ist überall, und
jene Geister bewachen uns, denn sie haben den Auftrag und
die Sendung, uns zu beschützen; und stürben wir auch in
Schmerz und Schande, und träfe uns von allen Seiten Verachtung und zerträten uns Haß und Verfolgung, Engel sehen unsere Qualen, erkennen unsere Unschuld (wenn wir
unschuldig sind, wie dies bei Ihnen gewiß hinsichtlich Mr.
Brocklehurst's Beschuldigung der Fall ist; denn ich lese die
reinste Aufrichtigkeit in Ihren treuherzigen Augen und auf
Ihrer reinen Stirn), und Gott erwartet nur die Trennung
des Geistes vom Fleische, um uns aufs Herrlichste zu belohnen. Warum sollten wir uns also je zu Boden drücken lassen, wenn das Leben so bald vorüber und der Tod ein so
sicherer Führer zur Glückseligkeit, zur Verklärung ist?

Ich sprach kein Wort. Helene hatte mich beruhigt; allein die Beruhigung, die sie mir eingeflößt, hatte einen Beigeschmack von unbeschreiblicher Traurigkeit. Ein tiefes Weh
durchzuckte mich, während sie so sprach, aber ich wußte nicht,
von wannen es kam; und als sie, nachdem sie zu sprechen
aufgehört hatte, etwas schwerer Athem holte und kurz abgebrochen hustete, vergaß ich für den Augenblick meine eigenen Schmerzen, um einer unbestimmten Befürchtung für
meine Trösterin Raum zu geben.
Meinen Kopf auf Helenens Schulter gelegt, schlang
ich meine Arme um ihren Leib; sie zog mich an sich und wir
überließen uns einem ruhigen Nachdenken. Wir waren noch
nicht lange so gesessen, als eine dritte Person in die Stube
trat. Der Winter hatte einige schwere Wolken von der klaren
Mondscheibe weggefegt und bei dem Lichte des Nachtgestirnes, das durch ein nahes Fenster in aller Fülle auf uns
Beide und die nahende Gestalt herniederströmte, erkannten
wir sofort Miß Temple.
Ich kam absichtlich, Dich aufzusuchen, Jane Eyre,
sagte sie; ich bedarf Deiner auf meiner Stube und da Helene Burns gerade bei Dir ist, mag sie auch mitkommen.
Wir gingen; der Oberin folgend mußten wir mehre
in einander laufende Gänge durchschreiten und eine Treppe
erklimmen, ehe wir in ihr Gemach gelangten, welche ein
gutes Feuer enthielt und sehr gemüthlich aussah. Miß Temple hieß Helene sich auf einen niederen Armstuhl an der
einen Seite des Camins niederlassen, und nachdem sie sich
gleichfalls gesetzt hatte, rief sie mich zu sich.
Nun, ist's wieder gut? frug sie, mir ins Gesicht
blickend. Hast Du deinen Schmerz ausgeweint?
Das, denke ich, wird mir wohl nie möglich seyn.

Wie so?
Weil ich ungerecht beschuldigt worden bin, und Sie,
Madame, und Jedermann wird mich fortan für ein böses
Kind halten.
Wir werden Dich für das halten, als was Du Dich uns
zeigst, mein Kind; fahre fort, ein braves Mädchen zu seyn
und ich bin mit Dir zufrieden.
Gewiß, Miß Temple?
Ganz gewiß, sagte sie, mich in ihre Arme schließend.
Und nun sage mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst
deine Wohlthäterin nannte?
Mrs. Reed, die Frau meines Onkels. Mein Onkel
ist todt und hinterließ mich ihrer Obhut.
Sie nahm Dich also nicht aus eigenem Antriebe an
Kindesstatt an?
Nein, Madame; vielmehr war es ihr sehr unlieb,
daß sie es thun mußte: aber mein Onkel forderte ihr, wie
ich die Dienerschaft oft erzählen hörte, das feierliche Versprechen ab, mich stets, auch nach seinem Tode, bei sich behalten zu wollen.
Nun gut, Jane, Du weißt, oder ich will Dir es wenigstens sagen, daß, wenn ein Verbrecher beschuldigt wird,
es ihm jedesmal frei steht, sich zu vertheidigen. Man hat
Dich der Falschheit und der Lüge beschuldigt, vertheidige Dich
bei mir, so gut Du kannst. Sage Alles, was Dir dein Gedächtniß als wahr eingibt, aber füge nichts hinzu und übertreibe nichts.
In der Tiefe meines Herzens beschloß ich mich zu
mäßigen und nur die reine Wahrheit zu sagen und nachdem
ich einige Minuten nachgedacht hatte, um meine Gedanken
zu ordnen, erzählte ich ihr die vollständige Geschichte meiner traurigen Kindheit. Von der vorhergegangenen Aufregung
noch erschöpft war meine Sprache weit ruhiger denn sonst,
wenn ich diesen traurigen Gegenstand berührte; und Helenens Warnung, mich nicht so sehr dem Zorne hinzugeben,
eingedenk, brachte ich in meine Erzählung weit weniger Bitterkeit und Schärfe als gewöhnlich. Derart geläutert und
vereinfacht lautete meine Erzählung viel wahrscheinlicher;
noch im Verlaufe derselben wurde ich gewahr, daß mir Miß
Temple vollen Glauben schenkte.
Ich that unter andern Mr. Lloyd's Erwähnung, als
desjenigen, der mich nach meinem Unfalle besuchte; denn ich
vergaß die für mich so schreckliche Episode des rothen Zimmers keineswegs, vielmehr ließ mich die Aufregung, die sich
meiner bei Erwähnung dieser Scene bemächtigte, etwas aus
der Rolle fallen, da nichts im Stande war, die lebhafte
Erinnerung jenes Todeskrampfes aus meinem Gedächtniß
zu verwischen, der mich am Herzen packte, als Mrs. Reed
meine flehentlichen Bitten um Verzeihung schnöde von sich
wies und mich ein zweites Mal in die finstere Gespensterstube
einschloß.
Ich hatte geendigt; Miß Temple sah mich einen Augenblick schweigend an und sagte dann:
Ich kenne diesen Mr. Lloyd ein wenig. ich werde ihm
schreiben, und stimmen seine Aussagen mit den deinigen
überein, dann sollst Du öffentlich von jeder Anschuldigung
gereinigt werden; in meinen Augen bist Du es nun schon,
liebe Jane.
Sie küßte mich und mich noch immer an ihrer Seite
behaltend (wo ich mich glücklich fühlte und aus der Betrachtung ihres Gesichtes, ihres Anzuges, ihres Schmuckes,
ihrer weißen Stirne, ihrer dichten, glänzenden Locken, und

feurigen dunklen Augen ein eigenes, kindliches Vergnügen
schöpfte) wandte sie sich nun zu Helene Burns.
Wie geht es Dir heute Abend, Helene? Hast Du den
Tag über viel gehustet?
Ich denke, nicht so viel, Madame.
Und deine Brustschmerzen?
Haben ein wenig nachgelassen.
Miß Temple stand auf, faßte ihre Hand und fühlte ihr
den Puls; als sie sich wieder setzte, hörte ich sie leise seufzen. Einen Augenblick blieb sie nachdenklich, dann, sich
gleichsam selbst ermuthigend , rief sie fröhlich aus:
Doch Ihr Beiden seyd ja heute Abend meine Gäste
und ich muß Euch als solche bewirthen. Sie zog die
Klingel.
Barbara, sagte sie zum eintretenden Dienstmädchen,
ich habe meinen Thee noch nicht bekommen; bring das
Theegeschirr und nimm zwei Tassen für die beiden Fräuleins mit.
Das Theegeschirr erschien sofort. Wie weiteten sich
meine Augen an den porzellanenen Tassen und den glänzenden Theekannen, die auf dem kleinen runden Tische am Canin standen! Wie duftete mir der Qualm des Getränkes
und der Geruch der Butterschnitten entgegen! Zu meinem
Leidwesen (denn ich war sehr hungrig) bemerkte ich von den
letzteren nur eine sehr kleine Portion; Miß Temple gewahrte
gleichfalls.
Barbara, sagte sie, kannst Du nicht etwas mehr
Brot und Butter bringen? für drei Personen reicht dies
nicht hin.
Barbara ging hinaus und kam sogleich wieder zurück.

Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die übliche
Menge heraufgeschickt.
Mrs. Harden war, im Vorbeigehen gesagt, die Haushälterin, eine Frau nach Mr. Brocklehurst's Geschmack,
halb Fischbein, halb Eisen.
Oh, ganz gut, versetzte Miß Temple, wir müssen
sehen, daß wir auskommen. Und als das Mädchen zum
Zimmer hinaus war, fügte sie leise hinzu: Glücklicherweise liegt es heute in meiner Macht, diesem Mangel abzuhelfen.
Nachdem sie mich und Helenen zum Tische geführt und
vor jede eine Tasse Thee mit einer einzigen dünnen, aber
köstlichen Butterschnitte gestellt hatte, stand sie auf, öffnete
eine Schublade und holte ein in Papier gewickeltes Päckchen hervor, aus dem sie alsbald einen tüchtigen Streukuchen auspackte.
Ich wollte einer jeden von Euch zum Abschiede ein
Stück von diesem Kuchen mitgeben, sagte sie, da wir
indessen so wenig Butterschnitten haben, müßt Ihr ihn
wohl jetzt essen. Und mit freigebiger Hand schnitt sie
große Stücke ab.
Wir labten uns an jenem Abende wie an Nektar und
Ambrosia, und das befriedigte Lächeln, mit welchem uns
unsere Wirthin betrachtete, während wir unsere ausgehungerten Mägen an den großmüthig gespendeten Leckereien
zufriedenstellten, spielte unter den Genüssen des Festmahles
keineswegs die letzte Rolle. Als der Thee genommen und
der Tisch abgeräumt war, beschied sie uns abermals zum
Camine, wir setzten uns zu beiden Seiten neben sie und
nun begann eine Unterredung zwischen ihr und Helene, welches mit anhören zu können, wirklich ein Vorrecht zu nennen war.
Miß Temple war wie immer heiteren Aussehens, voll
Anstand in ihren Bewegungen, und befliß sch einer sehr
gewählten Redeweise, die sie hinderte, in allzugroße Lebhaftigkeit, Aufregung, wohl gar Heftigkeit zu gerathen;
ein Etwas lag in ihrem Wesen, welches das Vergnügen,
das man empfand, wenn man sie ansah und ihr zuhörte,
durch ein Gefühl von Hochachtung dämpfte, und eine solche
Empfindung beherrschte mich auch in diesem Augenblicke;
allein Helenens Erscheinung machte mich beinahe starr vor
Verwunderung.
Das erfrischende Mahl, das helllodernde Feuer, die
Gegenwart und die Freundlichkeit ihrer geliebten Lehrerin,
oder vielleicht noch mehr als dieses Alles, ein eigener momentaner Aufschwung ihres herrlichen Geistes, hatte alle
ihre Seelenthätigkeiten geweckt. Sie erwachten, sie entzündeten sich; zuerst erglänzten sie in der lebhaften Farbe ihrer
Wangen, die ich bis zur Stunde nie anders als blaß und
blutleer gesehen hatte; dann leuchteten sie in dem feuchten
Glanze ihrer Augen auf, welche plötzlich eine weit bemerkenswerthere Schönheit als diejenige von Miß Temple's
Augen erlangt hatten- eine Schönheit, weder durch eine
schöne Farbe des Augensternes, noch durch lange Wimpern
oder durch schön geformte Brauen hervorgebracht, sondern
einzig und allein durch den Schimmer, die Regsamkeit, die
Strahlen des Geistes. Helenens Seele thronte auf ihren
Lippen, ihre Rede entströmte einer unbekannten Quelle;
oder hat wohl das Herz eines vierzehnjährigen Mädchens
Raum und Kraft genug, den Quell wahrer, volltönender,
hinreißender Beredsamkeit einzuschließen? Denn diese seltene

Eigenschaft zeichnete die Reden meiner Freundin an jenem
für mich unvergeßlichen Abende in wunderbarem Maße aus:
es schien, als wolle ihr Geist in einer kurzen Spanne Zeit
gleich viel leben, als der Geist so manches Sterblichen während eines langen irdischen Daseyns.
Sie besprachen sich über Gegenstände, von denen ich
nie ein Wort gehört hatte; über verschollene Nationen und
vergangene Jahrhunderte, über weit entfernte Gegenden,
über erforschte und geahnte Naturgeheimnisse; dann kam die
Rede auf Bücher und o, wie viele hatten sie denn gelesen!
Französische Namen und Schriftsteller waren ihnen ungemein
bekannt, aber mein Erstaunen erreichte den Gipfelpunkt,
als Miß Temple Helenen frug, ob sie zuweilen einen Augenblick Zeit hätte, sich des Lateinischen zu erinnern, welches
sie ihr Vater gelehrt; als sie wirklich ein Buch herbei holte
und Helenen eine Seite aus Virgil's Werken zu übersetzen
und zu erklären gab, als endlich die Letztere sich ihrer Aufgabe auf's Beste entledigte, kannte meine Hochachtung bei
dem letzten wohlklingenden Verse, den sie las, keine Grenzen. Sie war kaum zu Ende gekommen und schon ertönte
auch die Glocke zur Nachtruhe: ein weiteres Verweilen ging
nicht an; Miß Temple umarmte uns, drückte uns an sich
und entließ uns mit einem warmen:
Gott segne Euch, meine Kinder!
Helene hielt sie etwas länger in ihren Armen; sie trennte sich weit schwerer von ihr; ihr folgte der Lehrerin Auge bis zur Thüre; ihretwegen seufzte sie ein zweites Mal
schmerzlich auf; ihretwegen wischte sie sich eine Thräne von
der Wange.
Im Schlafzimmer angelangt hörten wir Miß Scatcherd's
Stimme; sie war über dem Untersuchen der Schubladen und

hatte eben Helenens Lade herausgezogen; ein scharfer Verweis und das Versprechen ihr am nächsten Morgen ein Duzend unordentlich gelegter Sachen auf den Rücken heften
zu wollen, empfing die Aermste beim Eintritte.
Meine Sachen waren wirklich in einer schändlichen
Unordnung, flüsterte mir Helene zu, ich wollte sie wohl
in Ordnung legen, aber ich vergaß darauf.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd auf ein
Stück Pappe mit ellenlangen Buchstaben das Wort „Schlumpe“ und band es als einen Denkzettel um Helenens breite,
helle, freundliche Stirn. Sie trug das Anhängsel geduldig, ohne Unwillen, als eine ihrer Ueberzeugung nach verdiente Strafe bis zum Abend. Sobald Miß Scatcherd nach
der Nachmittagsschule das Lehrzimmer verlassen hatte, sprang
ich auf Helenen los, riß das Schandzeichen ab und warf es
ins Feuer; die Wuth, deren sie unfähig war, hatte den ganzen Tag über in mir gekocht und heiße dicke Thränen waren
mir ohne Unterlaß die Wangen herabgeronnen, denn der Anblick ihrer mit Schwermuth gepaarten Unterwürfigkeit verursachte mir ein unnennbares Herzleid.
Beiläufig eine Woche nach den eben erzählten Begebenheiten erhielt Miß Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, eine Antwort; jedenfalls bestätigte seine Aussage
die meinige, denn Miß Temple versammelte alsbald sämmtliche Mädchen und erklärte ihnen, sie habe sich bezüglich der
gegen Jane Eyre erhobenen Anschuldigungen genauer erkundigt und fühle sich nunmehr sehr glücklich, sie hiermit von
jeder Schuld und jedem Verdachte lossprechen zu können.
Die Lehrerinnen drückten mir darauf die Hand und küßten
mich, und ein Gemurmel des Beifalls durchlief die Reihen
meiner Schulgefährtinnen.

Von der drückenden Last, die auf mir gelegen, befreit,
machte ich mich von dieser Stunde an mit erneuerten Kräften ans Werk und beschloß bei mir selbst, mir unter allen
Umständen, durch alle Schwierigkeiten hindurch einen Weg
zu bahnen. Ich arbeitete mit großer Anstrengung und meine
Erfolge standen im Verhältniß zur angewandten Mühe;
mein von Natur aus nicht sehr glückliches Gedächtniß kräftigte sich durch Uebung; häufiges Denken schärfte meinen
Geist; in wenigen Wochen trat ich in eine höhere Classe
ein; in weniger als zwei Monaten erhielt ich die Erlaubniß
Französisch und Zeichnen zu lernen. Am selben Tage lernte
ich bereits die zwei ersten Zeiten des Hilfszeitwortes etre
auswendig und skizzirte meine erste Zeichnung, ein Landhaus,
dessen Wände, beiläufig gesagt, ihrer Stellung nach den
schiefen Thurm zu Pisa beschämten. Als ich Abend zu Bette
ging, vergaß ich, mir in der Einbildungskraft das Barmecidische Nachtessen von frischgerösteten Kartoffeln oder von
Weißbrot in frischer Milch zu bereiten, mit welchem ich sonst
meinen nagenden Hunger zu beschwichtigen pflegte; statt
dessen schwelgte ich im Anblicke idealer Zeichnungen, die ich
mir im Finstern vorzauberte; Alles Werke von meiner Arbeit:
aus freier Hand gepinselte Häuser und Bäume, malerische
Felsen und Ruinen, Thiergruppen in Guyps Manier, zarte
Zeichnungen von Schmetterlingen auf halb erblühten Rosen,
von Vögeln, die an reifen Kirschen pickten, von Zaunkönignestern mit perlgleichen in jungen Immergrünsprossen liegenden Eierchen. Dann dachte ich darüber nach, ob ich wohl
je im Stande seyn würde, ein gewisses kleines französisches
Märchenbuch zu übersetzen, welches mir Madame Pierrot
im Verlaufe des Tages gezeigt hatte, und noch war ich über

die Möglichkeit einer solchen Vervollkommnung nicht im Klaren, als ich auch schon sanft und selig entschlief.
Salomon hatte Recht, wenn er sagte: Besser ein
Mittagessen von Kräutern mit Liebe genossen, als ein
Mastochse mit Haß verzehrt.
Nicht um eine Welt hätte ich nun Lowood mit all seinen Entbehrungen um Gatesheadhall sammt seinen täglichen
Leckermahlen vertauscht!

Neuntes Capitel.

Doch die Entbehrungen, oder besser gesagt, die Beschwerlichkeiten des Schulaufenthaltes verminderten sich. Der
Frühling war im Anzuge oder vielmehr schon gekommen,
die Winterfröste hatten nachgelassen, der Schnee war geschmolzen, der schneidende Wind einer gelindern Luft gewichen. Meine armen, in der Winteratmosphäre aufgeschwollenen, beinahe lahmen Beine begannen unter dem Einflusse
der milden Frühlingszeit zu heilen; nicht länger machten
die Nächte und Morgen durch ihre canadische Temperatnr
das Blut in den Adern erstarren, die Spielstunde im Garten war erträglich, zuweilen, an einem sonnigen Tage sogar
einladend angenehm; die fahlen Beete überzog ein frisches
Grün, das täglich üppiger wurde und den Gedanken hervorrief, die Hoffnung selbst betrete sie bei Nacht und hinterlasse jeden Morgen glänzende Spuren ihrer Tritte. Bunte
Blumen, Schneeglöckchen, Crocusse, purpurfarbige Aurikeln
und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen sproßten aus den Blättern empor; an Donnerstagnachmittagen, wo wir halbe
Ferien hatten, machten wir nun häufige Ausflüge und fanden täglich glänzendere und duftendere Blumen am Wegrande unter den Hecken erschlossen.
Ich entdeckte nun auch, daß ein großer Vergnügungsplatz, ein solcher, den der Himmel allein einschloß, außerhalb der hohen mit Nägeln beschlagenen Gartenwand lag;
er bestand in einer Kette steiler Bergkuppen, die eine grüne,
schattige Thalschlucht umschlossen; in einem hellen Bächlein
voll dunklen Gesteins und schäumender Wirbel. Wie ganz
anders zeigte sich diese Gegend, als ich sie unterm eisengrauen
Winterhimmel, starr vor Frost, mit dichtem Schnee überzogen gesehen hatte, wo törtlich kalte Nebel, vom Ostwinde
getrieben, über die nun purpurgesäumten Gipfel hinzogen
und dann jählings zum Bache hinunter rollten, mit dessen
gefrornen Dünsten sie sich vermälten. Der Bach selbst war
damals zu einem wilden trüben Bergstrome angeschwollen,
der Bäume mit sich fortriß und die durch Platzregen und
Schneegestöber verfinsterte Luft mit seinem schauerlichen Tosen erfüllte. Der Wald an seinen Ufern bot in seiner blätterlosen Nacktheit das Bild in Reihen aufgestellter Skelette.
Dem milden April folgte der blüthenreiche Wonnemonat. Und was für ein heiterer prachtvoller Mai das
war! Tage mit blauem Himmel, warmen Sonnenschein und
sanften West- und Südwinden bezeichneten seine Dauer.
Die Vegetation schoß mit Macht empor: Lowood schüttelte
seine Fesseln ab; es wurde über und über grün und blumig; die hohen Ulmen, Eschen und Eichen waren ihren
majestätischen Daseyn wieder gegeben; tausende von Waldpflanzen keimten unter ihrem Schatten in die Höhe; unzählige Moosarten füllten die Höhlungen aus; der ungeheure
Reichthum von wilden Primeln deckte den Boden wie ein
zweiter Sonnenschein; oft sah ich ihr blasses Gold, dem anmuthigsten Sonnenlichte ähnlich, an schattigen Orten erglänzen. Alle diese Freuden der Natur genoß ich ununterbrochen,
im vollsten Maße, frei und unbewacht und beinahe ganz
allein; diese ungewöhnliche Ungebundenheit hatte ihre besondere Ursache, die ich nun auseinander zu setzen bemüht
seyn werde.
Habe ich nicht einen herrlichen Wohnplatz beschrieben,
wenn ich von schwellenden Hügeln mit schattigem Gehölz
sprach, die vom Rande eines Baches in die Höhe stiegen?
Ganz gewiß einen sehr anmuthigen Wohnplatz: ob er aber
gesund war oder nicht, das ist eine andere Frage.
Die Waldschlucht, in welcher Lowood lag, war der
Sammelplatz giftiger Nebel und pestilenzialischer Ausdünstungen, die, mit dem erwachenden Lenze an Schädlichkeit zunehmend, in das Waisenhaus drangen, durch ihren bösen
Hauch den Typhus in die überfüllten Räume brachten, und
bevor der Monat Mai herankam, die Erziehungsanstalt in
ein Krankenhaus verwandelten.
Mangel an hinreichender Nahrung und vernachlässigte
Erkältungen hatten die meisten Zöglinge für die Ansteckung
empfänglich gemacht: von den achtzig Mädchen erlagen auf
einmal fünfundvierzig der Seuche. Die Wenigen, welche
gesund blieben, erfreuten sich einer beinahe schrankenlosen
Freiheit, da der Arzt eine unausgesetzte Bewegung im
Freien als das beste Vorbeugungsmittel empfohlen hatte
und andererseits auch Niemanden Muße genug blieb, sie zu
überwachen. Miß Temple's ganze Aufmerksamkeit war von
den Patientinnen in Anspruch genommen: sie wohnte so
zu sagen im Krankenzimmer, das sie nur des Nachts auf
einige Stunden verließ, um etwas Kräfte zu sammeln. Die
Lehrerinnen hatten mit Einpacken und anderen Vorbereitungen zur Reise vollauf zu thun, da diejenigen Mädchen,
welche glücklich genug waren, Freunde und Verwandte zu
besitzen, die sie aufnehmen konnten und wollten, insgesammt
ihnen, die schon den Keim des Todes in sich trugen, starben sofort nach ihrer Ankunft in der Heimat; noch mehre
starben in der Anstalt selbst und wurden schnell und ohne
Gepränge zur Erde bestattet, indem die Natur der Krankheit keinen Aufschub zuließ.
Während auf diese Weise eine Epidemie ihren Wohnsitz
in Lowood aufgeschlagen hatte und der unerbittliche Sensenmann häufige Besuche abstattete; während Trauer und
Furcht innerhalb der Mauern herrschte und der eigenthümliche Spitalgeruch die Gänge erfüllte, weil weder Essenzen,
noch Räucherkerzchen den Pesthauch des Todes zu vertreiben
im Stande waren, erglänzte außerhalb der schönste, heiterste Frühlingshimmel über den stolzen Bergen und dem herrlichen Waldlande. Auch der Garten prangte im schönsten Blüthenschmucke; Pappelrosen waren baumhoch emporgeschossen, die Lilien hatten ihre Kelche geöffnet, Dahlien
und Rosenstauden in voller Blüthe; die Einfassungen der
kleinen Beete schmückten junge Nelken und carmoisinrothe,
gefüllte Gänseblümchen; Morgens und Abends verstreuten
die Bartnelken ihren eigenthümlichen Gewürz- und Aepfelgeruch: allein alle diese duftenden Schätze wuchsen für die
meisten Bewohnerinnen von Lowood vergebens, ausgenommen, daß sie dann und wann eine Handvoll Blätter und
Blüthen lieferten, einen Sarg auszuschmücken.
Wir andern hingegen, nemlich ich und die Mädchen;
welche von der Krankheit verschont blieben, genossen die
Schönheiten der Gegend und der Jahreszeit im vollsten

Maße: von Früh bis in die Nacht durften wir, Zigeunerinnen gleich, in den Wäldern herumirren; wir thaten was
uns beliebte und gingen wohin wir wollten. Sogar unsere
Kost war viel besser geworden: weder Mr. Brocklehurst
noch seine Familie kamen nun Lowood nahe; Niemand beaufsichtigte die Führung des Haushaltes; die wunderliche
Wirthschafterin war aus Furcht vor Ansteckung davon gegangen und ihre Nachfolgerin, eine ehemalige Hebamme der
Londoner Krankenanstalt, kannte die übliche Hausordnung
ihres neuen Platzes zu wenig, weshalb sie die Küche mit
verhältnißmäßiger Freigebigkeit bestellen ließ. Uebrigens
war auch die Zahl der Kostgängerinnen vermindert: die Kranken konnten nur wenig genießen; unsere Frühstücksnäpfe
wurden besser gefüllt und wenn die Zeit fehlte ein ordentliches Mittagmahl zu bereiten, was sich öfter zutrug, erhielten wir ein großes Stück kalte Pastete oder eine tüchtige
Schnitte Brot und Käse. Mit diesen Eßwaaren liefen wir
sofort ins Holz, suchten jede unseren Lieblingsplatz und
schmausten gar herrlich und in Freuden.
Mein Lieblingssitz war ein glatter, breiter Stein,
der sich weiß und trocken inmitten des Waldbächleins erhob und zu welchem man durchs Wasser waten mußte, was ich stets barfuß vollführte.
Der Stein hatte gerade die gehörige Breite, um mir
und einem zweiten Mädchen, Namens Marianne Wilson,
zur Zeit meiner erkorenen Gespielin, zum bequemen Sitze
zu dienen. Marianne war eine pfiffige, mit scharfer Beobachtungsgabe ausgerüstete Person, an deren Umgange ich sehr viel Geschmack fand, theils weil sie witzig und originell war, theils weil sie Manieren hatte, die meinen Verkehr mit ihr erleichterten. Um einige Jahre älter als ich, kannte

sie die Welt weit besser und konnte mir vieles erzählen, was ich gern hörte; sie befriedigte meine Neugierde, sie hatte mit meinen Fehlern Nachsicht und ließ mir in Reden und Handlungen die Zügel schießen. Sie hatte eine Neigung
zum Erzählen, ich zum Zergliedern; sie liebte es zu unterrichten, ich zu befragen; so gingen wir gleichen Schrittes mit einander und schöpften aus unseren wechselseitigen
Unterredungen zwar keine große Belehrung, aber um desto
mehr Unterhaltung.
Und wo weilte in der Zwischenzeit Helene Burns?
Warum brachte ich die glücklichen Tage der Freiheit nicht
mit ihr zu? Hatte ich sie vergessen oder war ich sittlich so
tief gesunken, daß mich ihr reiner Umgang langweilte?
Ohne Zweifel stand die eben erwähnte Marianne Wilson
tief unter meiner ersten Bekanntschaft, sie konnte mir blos
unterhaltende Geschichten erzählen oder in einer nach
Scherz und Witz haschenden Plauderei, die ich gerade beliebte, Stand halten; indessen Helene, wie ich der
Wahrheit gemäß bereits erwähnte, geschaffen war, denjenigen, die das Glück hatten mit ihr umzugehen, für
höhere Dinge, für edlere, geistigere Genüsse, Geschmack
einzuflößen.
Ganz wahr, lieber Leser! Auch ich wußte und fühlte
dieses, und wiewohl ich ein unvollkommenes Wesen, voll
Fehler und mit wenigen guten Eigenschaften bin, so war
ich doch Helenens keinen Augenblick überdrüssig geworden, noch hatte ich je aufgehört, für sie ein so starkes Gefühl
fester, zärtlicher, achtungsvoller Zuneigung zu hegen, wie
nur je eines mein Herz erfüllte. Wie konnte es auch anders
seyn, da Helene Burns zu allen teiten und unter allen Umständen für mich eine ruhige, aufrichtige Freundschaft an den

Tag legte, welche weder böse Laune verbitterte, noch unzeitige Empfindlichkeit trübte! Aber die Arme lag krank
darnieder; schon vor Wochen hatte man sie meiner Nähe
entrückt und in ein mir unbekanntes Zimmer eine Treppe höher
gebracht. Wie man mir sagte, befand sie sich nicht in der
allgemeinen Krankenstube, welche die Fieberkranken enthielt,
da sie nicht den Typhus hatte, sondern an der Auszehrung
litt. Unter Auszehrung dachte ich mir nun in meiner Unwissenheit ein leichtes Unwohlseyn, das man mit der Zeit
und bei gehöriger Sorgfalt ganz wohl heben könne.
Der Umstand, daß sie ein- oder zweimal in warmen, sonnigen Nachmittagen herunter kam und von Miß Temple in den Garten geführt wurde, bestärkte mich
in dieser Meinung, doch erlaubte man mir auch bei dieser
Gelegenheit nicht mit ihr zu sprechen; ich sah sie blos
von einem Fenster des Schulzimmers aus und das nicht
einmal ganz genau, denn sie war in viele Tücher eingewickelt und saß in einiger Entfernung unter dem Säulendache.
Eines Abends, zu Anfang des Monats Juni, war
ich mit Marianne ziemlich spät im Walde geblieben; wie
gewöhnlich hatten wir uns von den anderen Mädchen getrennt und unsern Weg in die Mitte des Holzes eingeschlagen; und wir gingen so weit vorwärts, daß wir uns verirrten und bei einer einsamen Hütte, die ein Mann mit
seiner Frau bewohnte, welcher im Walde eine Heerde halbwilder Schweine zur Mast hatte, nach dem Wege fragen
mußten. Als wir nach Hause kamen, war der Mond bereits
aufgegangen; ein Pony, welches wir als dasjenige unsers
Hausarztes erkannten, stand an der Gartenthüre. Marianne
bemerkte, es müsse Jemand sehr schwer erkrankt seyn, da
man Mr. Bates noch so spät Abend s geholt habe. Sie

trat ins Haus; ich blieb eine Weile zurück, um eine Handvoll im Walde ausgegrabener Wurzeln im Garten in die
Erde zu legen, damit sie nicht bis zum folgenden Tage
welk würden. Nachrem ich diese Arbeit vollbracht, hielt ich
mich noch einen Augenblick auf, die Blumen dufteten so
süß, wie sie der Nachtthau tränkte; der Abend war so schön,
so heiter, so warm; der prachtvolle glühende Westen prophezeite für den nächsten Tag ein gleich herrliches Wetter; der Vollmond ging im Osten majestätisch auf. Ich betrachtete diese Scene und freute mich ihrer nach Kinderweise, als
plötzlich, wie früher nie, trübe Gedanken in mir aufstiegen.
Wie traurig, gerade nun am Krankenbette zu liegen,
und dem Tode nahe zu seyn! dachte ich bei mir. Die Welt ist so schön, es wäre schmerzlich, von hier abgerufen zu werden und in unbekannte Räume wandern zu müssen!
Zum ersten Male strengte ich mich ernstlich an, zu erfassen was man mir über Himmel und Hölle beigebracht hatte; zum ersten Male erzitterte ich vor Schrecken; zum ersten Male sah ich hinter und vor mir, rechts und links ängstliche Blicke werfend, rund herum einen unermeßlichen Abgrund: nur den Einen Punkt, auf dem ich stand, die Gegenwart konnte ich wahrnehmen, alles Uebrige barg unförmliches Gewölke und unerforschliche Tiefe; ich schauderte vor dem bloßen Gedanken zustraucheln, und mitten in dieses
Chaos hineinzustürzen. Während ich diesen für mich ganz
neuen Ideengang verfolgte, hörte ich die Thüre der Vorderseite öffnen; Mr. Bates trat mit einer Krankenwärterin
heraus. Als er sein Pferd bestiegen hatte und hinweggeritten war, wollte die Letztere eben wieder die Thüre schließen; ich lief auf sie zu.
Wie geht es Helene Burns?

Sehr schlecht, war die Antwort.
Ist Mr. Bates ihretwegen hier gewesen?
Ja.
Und was sagte er zu ihrem Befinden?
Er meinte, sie würde nicht mehr lange hier seyn.
Gestern gehört, hätte dieser Ausspruch für mich blos
die Bedeutung gehabt, Helene werde nach Northumberland,
ihrer Heimat, übersiedeln; mit keinem Gedanken hätte ich
vermuthet, sie sey dem Tode nahe. Doch jetzt begriff ich
augenblicklich, um was es sich handle: ich erkannte klar
und deutlich, Helenens letzte Stunde sey, gekommen, und
ihre Seele werde ins Reich der Geister emporsteigen, wenn
es ja ein solches gäbe. Zuerst erfaßte mich Entsetzen, dann
durchzuckte mich ein Gefühl des tiefsten Schmerzes; endlich
machte sich der Wunsch, die Nothwendigkeit geltend, meine
Freundin noch einmal zu sehen, und ich frug, in welcher
Stube sie läge.
Sie liegt in Miß Temple's Zimmer, sagte die Wärterin.
Kann ich zu ihr, und mit ihr sprechen?
Ach nein, liebes Kind, das geht nicht an; und jetzt ist's Zeit, daß Sie herein kommen, sonst erwischt Sie das Fieber, wenn Sie draußen bleiben, während der Thau fällt.
Die Wärterin schloß die Frontthüre; ich ging zu einem
Seitenpförtchen hinein, welches ins Schulzimmer führte.
Ich kam gerade recht; es schlug neun Uhr, und Miß Miller
hieß die Schülerinnen sich schlafen legen.
Es mochte zwei Stunden später, etwa um elf Uhr seyn,
als ich, -- (es war mir unmöglich gewesen ein Auge zu
schließen, und aus der im Schlafsaale herrschenden tiefen
Stille schloß ich, daß alle meine Gefährtinnen fest schliefen) -- leise das Bett verließ, meinen Rock über's Nachtkleid
anzog, und in Strümpfen zum Gemache hinauskroch, um Miß Temple's Stube aufzusuchen. Sie befand sich am entgegengesetzten Ende des Gebäudes; aber ich wußte den Weg
und der wolkenlose, mondhelle Nachthimmel, der durch die
Gangfenster schien, erleichterte mir mein Vorhaben. Ein
Geruch von Kampfer und verdünstetem Essig warnte mich,
als ich zum Fieberzimmer kam; ich huschte schnell vorüber,
aus Furcht, die Wärterin, welche dort die ganze Nacht
wachte, könnte mich hören. Ich hatte Furcht, entdeckt und
zurückgeschickt zu werden, denn ich mußte Helene sehen,
sie umarm en, bevor sie starb, ihr einen letzten Kuß auf den
Mund drücken, mit ihr noch ein letztes Wort wechseln.
Nachdem ich eine Treppe herabgestiegen war, ein unteres Stockwerk durchschritten, und zwei Thüren ohne Geräusch auf- und zugemacht hatte, erreichte ich eine zweite
Treppe, die ich hinaufsprang. und dicht vor mir lag Miß
Temple's Zimmer. Ein Lichtstrahl drang durch's Schlüsselloch und unter der Thüre hindurch; die tiefste Stille herrschte
in der ganzen Nachbarschaft. Als ich näher trat, fand ich
die Thüre ein klein wenig offen, wahrscheinlich um etwas
frische Luft ins Krankenzimmer zu lassen. Voll Ungeduld,
keines langen Zögerns fähig. Herz und Sinne in schmerzlichen Ahnungen befangen, stieß ich den Thürflügel auf und blickte hinein. Meine Augen suchten Helenen, und fürchteten einen Leichnam zu finden.
Knapp an Miß Temple's Bette und halb von dessen Vorhängen eingeschlossen stand eine kleine Liegerstätte. Ich erkannte die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch
das Gesicht war durch die Vorhänge verhüllt; die Wärterin, mit welcher ich Abends gesprochen hatte, saß in einem

Armstuhle eingeschlafen; eine ungeputzte Kerze brannte düster auf einem Tische. Miß Temple war nicht zu sehen; ich erfuhr später, sie sey zu einer im Fieberwahn liegenden Patientin berufen worden. Ich trat näher und blieb dann vor dem kleinen Bette stehen; meine Hand erfaßte den Vorhang,
roch wollte ich früher sprechen, bevor ich ihn wegzog. Noch immer befürchtete ich, einen Leichnam zu Gesichte zu bekommen.
Helene, flüsterte ich sanft; sind Sie wach?
Sie bewegte sich, schob selbst den Vorhang bei Seite
und ich sah ihr blasses, abgemagertes, aber ruhiges Gesicht, sie war so wenig verändert, daß ich augenblicklich alle Furcht fahren ließ.
Ist's möglich, Jane? Sind Sie es wirklich? frug sie mit ihrer sanften Stimme.
Oh! dachte ich bei mir, die stirbt nicht. Die Leute irren gewaltig: wie könnte sie sonst so sprechen und so ruhig dareinsehen?
Ich trat vollends ans Bett heran und küßte sie. Ihre Stirne war kalt, ihre Wange durchsichtig, auch ihre Hände und Handgelenke fühlten sich kalt an; doch lächelte sie so freundlich wie ehedem.
Warum sind Sie hergekommen, Jane? Es ist eilf Uhr vorüber, ich habe es vor einer Weile schlagen hören.
Ich wollte Sie sehen, liebe Helene; ich hörte, Sie
wären sehr krank und ich konnte nicht schlafen, bevor ich
nicht mit Ihnen gesprochen hatte.
Sie kommen, mir Lebewohl zu sagen; es ist wohl gerade noch Zeit.
Wollen Sie verreisen, Helene? Gehen Sie etwa nach Ihrer Heimat?

Wohl; nach meiner fernen, meiner letzten Heimat.
Nicht doch, nicht doch, liebe Helene! und ich hielt mit vor Schmerz erstickter Stimme inne. Während ich mich bemühte meine Thränen zurück zu drängen, hatte die
Kranke einen Anfall von Husten. Doch die Wärterin erwachte nicht und als der letztere vorüber war, lag sie einige Augenblicke ganz erschöpft da; dann flüsterte sie:
Jane, Ihre kleinen Füße sind bloß, legen Sie sich zu mir und decken Sie sich mit meiner Decke zu.
Ich erfüllte ihren Wunsch; sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich hart an sie an. Nach einer langen Pause fuhr sie mit leiser Stimme wieder fort:
Ich bin sehr glücklich, Jane, und wenn ich todt bin, müssen Sie sich trösten und nicht etwa jammern: da ist nichts zu beweinen. Wir Alle müssen einmal sterben, und die Krankheit,
welche mich von hier nimmt, ist gar nicht schmerzlich, vielmehr kömmt sie gelinde und allmälig vorwärts und mein
Geist ist ruhig. Ich hinterlasse Niemanden, den mein Tod
sehr dauerte: ich habe nur noch einen Vater und der hat
unlängst geheirathet, wird mich also nicht sehr vermissen;
dadurch, daß ich jung sterbe, gehe ich vielen Leiden aus
dem Wege. Meine Eigenschaften, meine Talente waren
nicht darnach, mir in dieser Welt fortzuhelfen: ich wäre immerwährenden Mißgriffen ausgesetzt gewesen.
Doch wo gehen Sie hin, Helene? Sehen Sie es,
wissen Sie es?
Ich glaube, ich vertraue: ich gehe zu Gott.
Wer ist Gott und wo ist er?
Er ist mein Schöpfer und der Ihrige, welcher dasjenige, was er geschaffen, nimmer zerstören will. Ich stütze
mich unbedenklich auf seine Macht und vertraue gänzlich auf

seine Güte; ich zähle die Stunden, bis der ereignißvolle Augenblick kömmt, der mich ihm zuführt und ihn mir enthüllt.
Sie wissen also gewiß, daß es einen Himmel gibt und
daß unsere Seelen hingelangen, wenn wir todt sind?
aIch glaube mit Zuversicht an ein künftiges Leben;
ich glaube an Gottes Allgüte: ich kann meinen unsterblichen
Geist ohne Bedenken in seine Hände empfehlen. Gott ist
mein Vater, Gott ist mein Freund; ich liebe ihn und ich
glaube, daß auch er mich liebt.
Und werde ich Sie wieder sehen, wenn ich sterbe?
Gewiß werden Sie zu denselben glückseligen Räumen
emporsteigen und dort vom allmächtigen Schöpfer, unser
Aller Vater, empfangen werden, theure Jane!
Wieder frug ich, aber diesmal blos mich selbst: Wo
sind diese Räume? Ist's keine Täuschung? Und ich
schloß Helenen fester in meine Arme: sie schien mir werther
denn je zu seyn; es kam mir vor, als könnte ich sie gar
nicht scheiden lassen. Ich lag mit meinem Gesichte an ihrem
Halse; mit kaum hörbarer Stimme sagte sie:
Wie wohl ich mich fühle! Der letzte Anfall meines Husens hat mich etwas ermüdet; ich denke, ich werde schlafen
können, aber verlassen Sie mich nicht, Jane; ich freue
mich so sehr, Sie in meiner Nähe zu haben.
Ich bleibe bei Ihnen, Helene, und Niemand soll
mich Ihnen entreißen.
Liegen Sie warm, liebe Seele?
Ja wohl!
Gute Nacht, liebe Jane!
Gute Nacht, liebe Helene!
Sie küßte mich, ich küßte sie und bald waren wir Beide
sanft entschlummert.

Als ich erwachte, war es Tag; eine ungewöhnliche
Bewegung hatte mich geweckt; ich blickte empor; ich lag in
Jemandes Armen. Die Wärterin war es, die mich hielt und
mich durch den Gang ins Schlafzimmer zurücktrug. Ich erhielt keinen Verweis, daß ich mein Bett verlassen hatte:
Alles schien mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Niemand
gab mir auf meine häufigen Kragen eine Antwort, allein
einen oder zwei Tage darauf erfuhr ich, Miß Temple
habe mich, gegen Morgen in ihrer Stube angelangt, in
dem kleinen Bette gefunden, meinen Kopf auf Helenens
Schulter gelegt, meine Arme um ihren Hals geschlungen.
Ich schlief und Helene war -- todt.
Sie liegt im Friedhofe von Brocklebridan begraben;
durch volle fünfzehn Jahre deckte ein einfacher Grashügel
ihre letzte Ruhestätte; doch jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel den Ort, sie enthält ihren Namen und das Hoffnungswort: Resurgam.

Zehntes Capitel.

Bisher habe ich alle Ereignisse meines unbedeutenden Daseyns in ihren Einzelnheiten erwähnt, den ersten zehn Jahren meines Lebens fast eben so viele Capitel gewidmet.
Allein dies Buch ist keine regelrechte Selbstbiographie, ich
darf nur dann die Erinnerung befragen, wenn ich weiß,
daß ihre Antworten in einem gewissen Grade von Interesse
sind; darum übergehe ich nun einen Zeitraum von acht Jahren fast mit gänzlichem Stillschweigen. Nur einiger Zeilen
bedarf es, um den verbindenden Faden nicht zu verlieren.
Nachdem der Thyphus seine vernichtende Sendung
Lowood beendigt hatte, zog er sich allmälig wieder zurück,

doch nicht ohne daß dessen Bösartigkeit und die Zahl der hinweggerafften Opfer die allgemeine Aufmerksamkeit in einem hohen Grade erregt hätten. Man forschte den Ursachen der Seuche nach, und es kamen nach und nach Thatsachen zum Vorscheine, welche den Unwillen des Publicums auf's Höchste steigerten. Die ungesunde Lage der Schule, die geringe Menge und schlechte Beschaffenheit der Kost, das zum Kochen verwendete salzige und stinkende Wasser, die elende Kleidung und die geringen Bequemlichkeiten der Zöglinge, alles das kam ans Tageslicht, und die Entdeckung brachte ein für Mr. Brocklehurst sehr unangenehmes, für die Schule jedoch höchst heilsames Resultat zu Wege.
Mehre reiche und wohlthätige Einwohner der Grafschaft subscribirten eine bedeutende Summe zur Errichtung eines entsprechenden Gebäudes in einer gesünderen Gegend,
neue Statuten wurden entworfen, Verbesserungen in Kost und Kleidung eingeführt und die Fonds der Anstalt der Verwaltung eines Ausschusses übergeben. Mr. Brocklehurst.
der seiner Familienverbindungen und seines Reichthumes wegen nicht gut übergangen werden konnte, behielt seinen Posten als Cassier; allein zwei Herren von großmüthigerer und freundlicherer Gemüthsart unterstützten ihn in dieser Function und auch als Inspector der Anstalt hatte er Männer zur Seite, welche es verstanden, Vernunft mit Genauigkeit, Bequemlichleit mit Sparsamkeit, menschliches Gefühl mit nothwendiger Strenge zu paaren.
Die in solcher Weise umgestaltete Schule wurde mit der Zeit ein wahrhaft nützliches, edelsinnige Zwecke förderndes Institut. Noch volle acht Jahre brachte ich nach seiner Wiedergeburt daselbst zu: sechs Jahre als Zögling und zwei

als Lehrerin und in beiden Beziehungen lernte ich diese Anstalt als eine würdige und wichtige kennen.
Während dieser acht Jahre führte ich ein einförmiges
Leben; doch fühlte ich mich nicht unglücklich, da ich thätig
seyn kennte. Die Mittel eine ausgezeichnete Bildung zu
erlangen, standen mir zu Gebote; die Neigung für manche
Studienfächer und der Wunsch, mich in allen auszuzeichnen
und dadurch meine Lehrerinnen zu erfreuen, besonders diejenigen, die ich liebte, spornten mich an: ich gebrauchte
die mir gebotenen Vortheile im vollsten Maße. In kurzer
Zeit war ich die Erste unter den Mädchen der ersten Classe, dann wurde ich mit dem Amte einer Lehrerin betraut, welchem ich mit allem Eifer durch zwei Jahre vorstand; aber am Ende dieses Zeitabschnittes ging in mir eine große Veränderung vor sich.
Miß Temple war, aller Veränderungen ungeachtet, Oberin der Anstalt geblieben, ihrem Unterrichte verdankte ich den besten Theil meiner geistigen Errungenschaften, ihre
Freundschaft und ihr Umgang waren meine einzige Erholung; sie vertrat bei mir nach und nach die Stelle einer Mutter, einer Lehrerin und einer Gesellschafterin.
Doch zu der erwähnten Zeit heirathete sie, zog mit
ihrem Gatten, einem vortrefflichen Geistlichen, der eine solche
Frau wirklich verdiente, in eine entfernte Grafschaft und war demnach für mich verloren.
Von dem Tage an, wo sie abreiste, war ich ganz verändert mit ihr war jedes behagliche Gefühl, Alles was mich in etwas an Lowood fesseln konnte, von mir gewichen.
Ich hatte einen Theil ihres Charakters und viele ihrer Gewohnheiten angenommen, mir harmonischere Gefühle angeeignet; geordnetere Gedanken hatten mein Inneres bezogen. Ich war gegen meine Verpflichtungen und die eingeführte Ordnung fügsam, ruhig und anscheinend zufrieden
geworden, in den Augen Anderer und theilweise auch in den
meinigen erschien ich als ein wohlgeschulter, unterwürfiger Charakter.
Allein das Schicksal trat in der Gestalt des ehrwürdigen Mr. Nasmyth zwischen Miß Temple und mich: ich sah sie kurz nach ihrer Vermälung in Reisekleidern die Postkutsche besteigen, ich folgte dem Wagen, wie er die Anhöhe
hinauf fuhr und bald darauf im Thale verschwand; dann zog ich mich in meine Stube zurück und brachte den größten Theil des bei dieser besonderen Gelegenheit gewährten halben Ferientages in der Einsamkeit zu.
Die längste Zeit ging ich im Zimmer auf und ab. Ich
bildete mir ein, blos meinen Verlust zu betrauern und über
dessen möglichen Ersatz nachzudenken; doch als ich meine
Betrachtungen endigte und fand, der ganze Nachmittag sey
vergangen und der Abend weit vorgerückt, tauchte eine neue
Entdeckung in mir auf, nemlich die, daß ich in der Zwischen-
zeit einen Umwandlungsprozeß erlitten, daß ich alles von
Miß Temple in mein Gemüth Aufgenommene abgelegt --
daß sie die heitere, zufriedene Atmosphäre, die ich in ihrer
Nähe einathmete -- mit sich genommen hatte; daß ich mich
daher in meinem natürlichen Elemente befand, meinen alten
Affecten überlassen blieb. Es war nicht, als hätte ich eine
Stütze verloren, sondern als wäre ein Beweggrund entfallen; es fehlte mir nicht die Kraft, ruhig zu seyn, nur die
Ursache eines solchen Gemüthszustandes blieb aufgehoben.
Durch mehre Jahre war Lowood meine Welt gewesen, meine
Erfahrungen nach den Regeln und dem Systeme der Anstalt
bemessen; nun erst wurde es mir klar, wie groß die wirkliche Welt sey, welch' ein weites Gebiet der Hoffnungen
und Befürchtungen, der Empfindungen und Aufregungen
sich demjenigen eröffne, der den Muth besitzt sich hinauszuwagen. um sich wirkliche Lebenserfahrungen inmitten von Gefahren zu sammeln.
Ich trat zum Fenster. öffnete es und sah hinaus. Da
lagen die beiden Flügel des Gebäudes, der Garten, der
Saum des Waldes, der hügelbekränzte Gesichtskreis, vor
meinen Blicken ausgebreitet. Mein Auge überging alle
andern Gegenstände und blieb an den entferntesten Punkten,
von blauen Berggipfeln haften; sie waren es, die ich zu
überschreiten wünschte; das ganze von ihnen umschlossene
Gebiet von Felsen- und Haideland erschien mir als ein Gefängniß, als ein engbegrenztes Exil. Ich nahm die weiße
Straße aus, die sich am Fuße eines Berges hinschlängelte
und dann in einer Thalschlucht verschwand; wie sehnte ich
mich, sie weit in die Ferne zu verfolgen! Ich rief mir die
Zeit ins Gedächtniß zurück, wo ich denselben Weg in einer
Kutsche zurück legte; ich erinnerte mich, jenen Hügel in.
der Dämmerung herabgefahren zu seyn; ein Jahrhundert

schien mir seit jenem Tage, der mich nach Lowood brachte,
verflossen und nie hatte ich es seit der Zeit verlassen. Alle
meine Ferien hatte ich in der Schule zugebracht; kein einziges Mal war ich von Mrs. Reed abgeholt oder von ihr oder einem Gliede ihrer Familie besucht worden. Nicht einmal durch Briefe oder Botschaften stand ich mit der äußeren Welt in Verbindung; Schulregeln, Schulpflichten, Schulgewohnheiten und Ansichten, Stimmen und Gesichter, Redensarten und Costume, Zuneigungen und Abneigungen
das war Alles, was ich vom Leben kennen gelernt hatte.
Und nun begriff ich, daß dies nicht genüge; ich bekam eine

achtjährige Lebensweise in einem Nachmittage satt. Ich
sehnte mich nach Freiheit; nach Freiheit dürstete ich; um
Freiheit sandte ich ein inniges Gebet zum Himmel empor;
der schwache Abendwind schien es in die Ferne zu tragen.
Nach einer Weile ließ ich diesen Wunsch fallen und reichte
eine demüthige Bitte, um Veränderung, Aufregung ein;
auch dieses Gesuch schien im weiten Raume unbeachtet zu
verhallen. Nun denn, rief ich in halber Verzweiflung,
so will ich wenigstens eine neue Sclaverei!
Hier ertönte die Glocke zum Nachtessen und rief mich
eine Treppe tiefer.
Nicht eher als zur Schlafenszeit konnte ich den abgerissenen Faden meiner Betrachtungen wieder aufnehmen und
selbst dann wurde ich von einer Lehrerin, die mit mir dasselbe Zimmer bewohnte, durch eine bedeutungslose Plauderei daran verhindert. Wie sehr wünschte ich, der Schlaf
möchte ihr den Mund schließen! Der Gedanke drängte sich
mir auf, es müsse mir eine glückliche Eingebung kommen,
könnte ich nur die Idee, die ich am Fenster meiner Stube
erfaßte, weiter ausspinnen.
Endlich hörte ich Miß Gryce schnarchen; sie war eine
dumpe Waleserin und bis nun hatte ich ihr gewöhnliches Nasenconcert als eine große Unannehmlichkeit angesehen, diese
Nacht begrüßte ich die ersten Baßnoten mit großer Befriedigung, keine weitere Unterbrechung befürchtend, belebten
sich meine Gedanken augenblicklich.
Eine neue Dienstbarkeit! darin liegt etwas, begann mein stilles Selbstgespräch. Es ist gewiß etwas daran;
denn es klingt durchaus nicht angenehm, nicht wie die
Wörter Freiheit, Erheiterung, Vergnügen, herrliche Töne, aber für mich nichts weiter als Töne, so körperlos, so flüchtig, daß es Zeitverlust wäre, ihnen zu
lauschen. Doch Dienstbarkeit, das ist etwas Anderes, es
ist greifbare Wirklichkeit. Dienen kann Jedes; ich habe hier
acht Jahre gedient und nun ist Alles was ich wünsche, anderwärts dienen zu dürfen. Kann ich dies mit meinem Willen durchsetzen? Ist die Sache thunlich? Wohl -- wohl --
es ist nicht so schwer; wäre nur mein Gehirn im Stande,
die nöthigen Mittel ausfindig zu machen.
Ich setzte mich im Bette auf, um das besagte Gehirn zu
ermuntern: es war eine kühle Nacht, ich wickelte mich in
einen Shawl und fuhr mit aller Macht fort nachzudenken.
Was brauche ich? Einen neuen Platz, in einem andern Hause, unter andern Gesichtern und andern Verhältnissen: ich wünsche eben nicht mehr, weil es unnütz wäre,
einen andern Wunsch zu hegen. Was pflegen die Leute zu
thun, um eine neue Stelle zu erlangen? Sie wenden sich
an Bekannte, denk' ich; ich habe keine Bekannten. Aber es
gibt noch viele Personen, die ohne Freunde sind und sich
selbst helfen müssen: was thun nun solche Leute?
Ich konnte es nicht sagen, keine Antwort kam mir in
den Sinn. Ich trug also meinem Gehirne auf, sofort eine
solche zu finden. Es arbeitete gewaltig und immer gewaltiger: ich fühlte die Pulsadern am Kopfe und an den Schläfen schlagen; doch fast eine Stunde lang arbeitete es im
Chaos und kein günstiger Erfolg krönte seine Bemühungen.
Von der unnützen Anstrengung fieberhaft aufgeregt, stand
ich auf, ging einmal im Zimmer herum; zog den Fenstervorhang hinweg, bemerkte einen oder zwei Sterne und kroch,
der Kälte zitternd, wieder in mein Bett zurück.
Gewiß hatte eine gütige Fee während meiner Entfernung die gesuchte Unterweisung auf mein Kopfkissen gelegt;
denn als ich mich niederlegte, kam mir der gute Rath ganz
natürlich und wie von selbst in den Sinn:-- Diejenigen,
welche Stellen suchen, kündigen es in Zeitungen an; Du
mußt also einen Antrag in den „--shire Herold“ einrücken
lassen.
Aber wie? Ich weiß nicht wie man das anstellt?
Die Antworten kamen nun schnell und leicht:
Du schließest deine Anzeige und die Einrückungsgebühr in einen Brief an den Herausgeber des „Herolds“ ein,
welchen Du bei erster Gelegenheit in Lowton auf die Post
gibst. Die Antworten lasse Dir unter der Chiffre J. E.
durch dieselbe Post zukommen, beiläufig acht Tage darauf
kannst Du wegen etwa eingelangter Briefe nachfragen und
dann deine Maßregeln ergreifen.
Diesen Plan überdachte ich mir zwei- bis dreimal und
nachdem ich ihn verdaut und in eine praktische Form gebracht hatte, schlief ich ruhig und selbstzufrieden ein.
Mit Tagesanbruch war ich auf: ich schrieb, schloß und
adressirte meinen Brief, bevor die Glocke zum Aufstehen geläutet hatte; er lautete wie folgt:
Eine junge Dame, im Erziehungsfache bewandert (ich
war doch durch zwei Jahre Lehrerin gewesen), sucht eine
Stelle in einer Familie bei Kindern unter vierzehn Jahren.
(Da ich selbst kaum achtzehn Jahre zählte, konnte ich nicht
wohl die Erziehung von Personen meines Alters übernehmen.) Sie ist geeignet, die gewöhnlichen Gegenstände einer
guten englischen Erziehung und nebstbei noch französische
Sprache, Zeichnen und Musik zu lehren. (In jener Zeit,
lieber Leser, erschien dieser, für nun ziemlich beschränkte
Kreis von Kenntnissen als ein sehr umfangreicher.) Briefe
bittet man zu richten an J. E. Postamt Lowton, --shire.

Dieses Document blieb den ganzen Tag über in meinem Kasten eingeschlossen; nach dem Thee bat ich mir von
der neuen Oberin die Erlaubniß aus, nach Lowton gehen zu
dürfen. um für mich und mehre Mitlehrerinnen kleine Einkäufe zu besorgen; meine Bitte wurde mir bereitwilligst gewährt und ich ging. Es war ein Weg von zwei Meilen und
der Abend regnerisch, der Tag jedoch noch lang genug. Ich
ging in ein oder zwei Verkaufsgewölbe, ließ den Brief in
den Briefkasten gleiten und kam im heftigsten Regen, mit
triefenden Kleidern, doch mit erleichtertem Herzen nach
Hause.
Die folgende Woche schien mir ungemein lang -- sie
erreichte jedoch auch ihr Ende, wie überhaupt alles Irdische,
und am Schlusse eines anmuthigen Herbsttages wanderte
ich zum zweiten Mal die Straße nach Lowton entlang. Es s
war ein sehr malerischer Pfad. der sich am Ufer des Waldbaches durch die schönsten Thalkrümmungen hinzog: an jenem
Abende jedoch dachte ich mehr an die Briefe, die im kleinen Flecken meiner warteten oder auch nicht eingetroffen seyn
konnten, als an die Schönheiten des Wiesenplanes und des
Wassers.
Ich hatte vorgeschützt, mir ein Paar Schuhe anmessen
lassen zu wollen und so machte ich dieses Geschäft zuerst ab
und als ich damit fertig war, überschritt ich die kleine saubere und ruhige Straße vom Schuhmacher zum Postamte.
Die Post gehörte einer alten Frau, die eine Hornbrille auf
der Nase und schwarze Fäustlinge an den Händen trug.
Sind Briefe unter der Adresse J. E. angelangt?
frug ich.
Sie beguckte mich über die Brille hinweg, öffnete eine
Schublade und kramte in deren Inhalte die längste Zeit

herum; so lange, daß ich fast alle Hoffnung verlor. Endlich,
nachdem sie ein Schreiben etwa fünf Minuten durch ihre
Gläser untersucht hatte, reichte sie mir es unter Begleitung
eines letzten fragenden und zweifelnden Blickes über den
Zahltisch hin. Es war an J. E. adressirt.
Ist nur der eine Brief hier? frug ich.
Es ist nichts weiter gekommen, sagte die Frau. Ich
schob das Schreiben in die Tasche und zog der Heimat zu.
Ich konnte es nicht sofort öffnen: der Hausordnung nach mußte
ich um acht Uhr zurück seyn und es war bereits halb sieben Uhr.
Die Erfüllung verschiedener Pflichten erwartete mich
nach meiner Ankunft: ich mußte die Mädchen während der
Studierstunde beaufsichtigen; dann war heute die Reihe an
mir die Gebete vorzulesen und die Zöglinge zu Bette zu
bringen: schließlich mußte ich mit den anderen Lehrerinnen
zu Nacht essen. Sogar als wir uns endlich schlafen legten,
blieb die unvermeidliche Miß Gryce noch immer meine Gesellschafterin. Wir hatten nur ein kleines Stümpchen Licht
im Leuchter und ich fürchtete, sie möchte so lange plaudern bis es ausginge; glücklicherweise übte das schwere
Nachtessen eine einschläfernde Wirkung auf sie aus: sie
schnarchte bereits, als ich noch nicht ganz ausgezogen war.
Es blieb noch ein daumenbreites Stückchen Kerze übrig:
ich nahm den Brief heraus, brach das mit einem F. versehene Siegel und las den kurzen Inhalt.
Wenn J. E., welche sich im „--shire Herold“ anbot,
die erwähnten Kenntnisse besitzt und in der Lage ist, bezüglich ihres Charakters und ihrer Tauglichkeit genügende Nachweisungen zu geben, kann sie einen Platz bei einem einzigen
kleinen Mädchen unter zehn Jahren erhalten und zwar mit

einem jährlichen Gehalte von dreißig Pfund. J. E. wir
gebeten, ihren Namen, ihre Zeugnisse, ihre Adresse und
alles Nähere unter der Adresse:
Mrs. Fairfax, Thornfield, bei Milcote, „--shire"
einzusenden.
Ich unterzog den Brief einer genauen Untersuchung:
die Handschrift war altmodisch und zitternd, gleich der einer
alten Dame. Dieser Umstand befriedigte mich: eine eigenthümliche Furcht hatte mich befallen, ich könnte, wenn ich
solchergestalt auf eigene Faust vorging, leicht in irgend
eine Falle gerathen, und vor allen Dingen wünschte ich,
das Resultat meiner Bemühungen möchte ein achtungswürdiges, mir angemessenes, allen Regeln des Anstandes entsprechendes seyn. Ich begriff, daß, nachdem eine alte Dame
die Hand im Spiele hatte, der Platz ein ganz anständiger
seyn mußte. Mrs. Fairfax! Ich sah sie ordentlich in einem
schwarzen Rocke und einer Winterhaube; etwas frostig zwar,
aber nicht unhöflich; ein Muster altenglischer Respectabilität. Thornfield! Wahrscheinlich der Name ihrer Besitzung
die letztere selbst ein netter, wohlanständiger Ort, wie sich's
von selbst verstand; obgleich ich mir von den Vordersätzen
meiner Schlüsse keine Rechenschaft ablegen konnte. Milcote,
--shire: ich frischte meine Erinnerungen an die Landkarte
Englands auf; ja, da sah ich beides. Stadt und Grafschaft -- shire lag siebzig Meilen näher gegen London zu, als die entfernte Grafschaft, die ich eben bewohnte: in meinen Augen
eine besondere Anempfehlung. Ich sehnte mich nach einem lebens- und geräuschvollen Aufenthalt. Milcote war eine große Fabriksstadt an den Ufern des A--; ohne Zweifel ein sehr betriebsamer Ort: desto besser, jedenfalls stand mir eine gänzliche Veränderung meiner Lage bevor. Nicht etwa daß

die Vorstellung von hohen Schornsteinen und dicken Rauchwolken meine Fantasie zu fesseln vermochte, doch, dachte
ich bei mir selbst, Thornfield wird wohl ein gutes Stück Weges von der Stadt entfernt seyn.
In diesem Augenblicke war die Kerze zu Ende gebrannt und der Docht verlöschte.
Am folgenden Tage hatte ich neue Schritte zu thun;
meine Pläne durften nicht länger in meinem Busen verschlossen bleiben: ich mußte sie am gehörigen Orte mittheilen, um ihren Erfolg zu sichern. Nachdem ich während der mittägigen Raststunde eine Unterredung mit der Oberin nachgesucht und erlangt hatte, theilte ich ihr mit, ich hätte die Aussicht eine andere Stelle zu erlangen, die mir an Gehalt das Doppelte meiner jetzigen Einkünfte brächte (denn in Lowood hatte ich blos fünfzehn Pfund des Jahres) und bat sie, Mr. Brocklehurst und irgend einem Ausschußmanne die Angelegenheit vorzutragen und nachzufragen, ob ich mich wohl einer Empfehlung wegen auf einen Herrn berufen dürfte.
Sie sagte mir aufs Verbindlichste ihre Vermittlung in der von mir gewünschten Weise zu. Tags darauf verwendete sie sich in der That bei Mr. Brocklehurst, welcher meinte, es
müßte an Mrs. Reed, als an meine natürliche Vormünderin, geschrieben werden. Es wurde demzufolge eine schriftliche Anfrage an sie gestellt, worauf sie erwiederte: ich
möchte nach eigenem Gefallen handeln, da sie schon längst allen
Einfluß auf meine Angelegenheiten aufgegeben habe. Der
Brief machte die Runde im Ausschusse und nach einem für mich
äußerst lästigen Aufschube erhielt ich die förmliche Erlaubniß, meine Lage. wenn ich könnte, zu verbessern, nebst der
Versicherung, daß mir, nachdem ich mich sowohl als Schülerin wie als Lehrerin immer gut aufgeführt hätte, ein Sitten- und Fähigkeitszeugniß zu meiner Empfehlung ausgestellt und von den Inspectoren des Institutes unterzeichnet werden solle.
Dies Zeugniß erhielt ich, wie besprochen, nach beiläufig acht Tagen, sandte Mrs. Fairfax eine Abschrift davon und erhielt auch sofort ihre Antwort, in der sie sich zufrieden gestellt erklärte, und mich aufforderte binnen vierzehn
Tagen meinen Posten als Erzieherin in ihrem Hause anzutreten.
Nun ging es an meine Vorbereitungen zur Reise; die vierzehn Tage verschwanden äußerst schnell. Meine Garderobe war nicht sehr groß, obwohl sie meinen Bedürfnissen genügte.
und der letzte Tag reichte hin, meinen Koffer zu packen, denselben, den ich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht hatte.
Der Koffer war zugeschnallt, die Karte mit meinem
Namen und Reiseziel aufgeklebt. In einer halben Stunde
wollte ihn der Kärrner holen und nach Lowton bringen, wohin
ich mich selbst zeitlich am nächsten Morgen in einer Kutsche
begeben mußte. Meinen schwarzstoffenen Reiseanzug hatte
ich ausgebürstet, meine Haube, meine Handschuhe, meinen
Muff zurecht gelegt, in allen Schubladen nachgesehen, ob
nichts vergessen sey, und da ich nichts weiter zu thun hatte,
versuchte ich es auszuruhen. Doch ich konnte nicht, wiewohl ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war; ich
war zu sehr aufgeregt. Eine Phase meines Daseyns schloß
mit diesem Abend, eine neue begann mit dem nächsten Morgen; es war mir unmöglich in der Zwischenzeit zu schlafen; ich mußte fieberhaft wachen, indeß der Uebergang stattfand.
Miß, sagte ein Dienstmädchen, welches im Vorsaale, wo ich wie ein unruhiges Gespenst herum wandelte, auf

mich zukam, es ist Jemand unten, der Sie zu sprechen
wünscht!
Ohne Zweifel der Kärrner, dachte ich und lief ohne
weiter zu fragen die Treppe hinab. Ich ging beim hinteren
Sprachzimmer, dem Sitzzimmer der Lehrerinnen, dessen Thüre
halbgeöffnet war, vorbei, um mich in die Küche zu begeben, als Jemand herausgelaufen kam.
Sie ist's, gewiß ist sie's! Hab ich sie doch gleich erkannt! rief die Person, welche sich mir in den Weg stellte
und meine hand erfaßte.
Ich blickte empor; eine Frau im Anzuge einer gut
gekleideten Dienstmagd, von matronenhaftem, doch noch jungem Aussehen, hübsch, schwarzhaarig und schwarzaugig-
von lebhafter Gesichtsfarbe, stand vor mir.
Nun wer bin ich? frug sie mit einer Stimme, die
ich halb und halb erkannte; »Sie werden mich doch nicht
ganz vergessen haben, Miß Jane?
Eine Secunde später umarmte und küßte ich sie wie
wahnsinnig. Bessie! Bessie! Bessie! war Alles, was ich
hervorbringen konnte; worauf sie halb lachte und halb weinte
und wir Beide ins Sprachzimmer traten. Am Camine stand
ein kleiner Kerl von drei Jahren in gewürfeltem Röckchen
und desgleichen Höschen.
Das ist mein kleiner Junge, sagte Bessie unaufgefordert.
Also bist Du verheirathet, Bessie?
Ja wohl; schon beinahe fünf Jahre an den Kutscher,
Robert Leaven, und nebst Bob habe ich noch ein kleines
Mädchen, das ich Jane taufen ließ.
Du wohnst also nicht in Gatesheadhall?

Ich wohne in der Portierloge; der alte Portier ist
fort.
Nun und was machen Alle? Sage mir Alles, was
Du weißt, Bessie, aber setze Dich erst nieder und Du, Bobby,
komm auf meinen Schooß. Willst Du? doch Bobby zog es
vor, sich an seine Mutter anzuschmiegen.
Sie sind nicht sehr gewachsen, Miß Jane, und auch
nicht sehr stark geworden, fuhr Mrs. Leaven fort.
Ich denke, Sie sind in der Schule nicht sehr gut gepflegt worden! Elise ist um zwei Köpfe größer als Sie
und aus Georginen könnte man der Breite nach zwei Personen Ihrer Stärke machen.
Georgine ist schön geworden, nicht wahr, Bessie?
Sehr. Letzten Winter war sie mit ihrer Mama in
London, wo sie allgemein bewundert wurde; ein junger
Lord verliebte sich in sie; aber seine Verwandten wollten
diese Verbindung nicht zugeben; und was glauben Sie
wohl? -- er und Miß Georgine liefen auf und davon.
Allein sie wurden eingeholt und zusammengepackt. Miß
Elisa war hinter die Sache gekommen und hatte sie wahrscheinlich aus Neid verrathen, und nun leben die beiden
Schwestern wie Hund und Katze zusammen; sie zanken den
ganzen Tag.
Und was macht John Reed?
Oh, der hat den Erwartungen seiner Mutter schlecht
entsprochen. Er kam in eine Gelehrtenschule und wurde dort
gerupft, wie sie es nennen. Darauf wollten seine Oheime
einen Advocaten aus ihm machen und ihn die Rechte studieren lassen; doch John ist ein zu ausschweifender Mensch,
es wird wohl nicht viel aus ihm werden, glaube ich.
Wie sieht er denn aus?

Er ist sehr groß geworden; viele Leute halten ihn
für einen hübschen jungen Mann; doch den Guckguck auch!
er hat solche dicke Lippen.
Und Mrs. Reed?
Die gnädige Frau ist dick und fett von außen, aber in ihrem Innern sieht's wohl nicht am besten aus; des jungen Herrn John Aufführung gefällt ihr nicht: er verthut
so viel Geld.
Hat sie Dich hieher geschickt, Bessie?
Ach nein! Ich sehnte mich schon lange darnach, Sie zu sehen, und als ich hörte, ein Brief sey, von Ihnen gekommen, und Sie zögen in einen entfernten Theil des Landes, da dachte ich, es wäre gerade Zeit, mich auf den Weg zu machen, um Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz aus meiner Nähe wären.
Ich fürchte, Du hast Dich in mir getäuscht, Bessie,
sagte ich lachend. Ich bemerkte nemlich, daß Bessie's
Blicke, wiewohl sie Achtung verriethen, nichts weniger als
Bewunderung meines Aeußern an den Tag legten.
Nein, Miß Jane, das ist's gerade nicht: Sie sind
hübsch genug. Sie sehen aus, wie eine vornehme junge
Dame und mehr erwartete ich nicht von Ihnen; als Kind
waren Sie gerade keine Schönheit.
Bessie's aufrichtige Antwort entlockte mir ein Lächeln;
ich fühlte, daß sie Recht hatte. Indessen muß ich gestehen,
daß mir der berührte Gegenstand nicht gleichgültig war;
mit achtzehn Jahren wünscht wohl jedes Mädchen zu gefallen, und die Ueberzeugung, daß das Aeußere die Erfüllung dieses Wunsches nicht unterstützt, ist wohl nicht weniger als angenehm.
Sie sind wohl sehr geschickt, nicht wahr? fuhr

Bessie, um mich zu trösten, fort. -Was können Sie Alles?
Spielen Sie Pianoforte?
Ein wenig.
Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin.
öffnete es, und bat mich ihr ein Stück vorzuspielen; ich
spielte einen oder zwei Walzer, und sie war entzückt.
Die Fräulein Reed spielen nicht so schön! rief sie im Triumph aus. Ich sagte es immer, Sie würden sie im Lernen überflügeln. Können Sie auch malen?
Dort überm Camin hängt eine Zeichnung von mir.
Es war eine in Aquarell gemalte Landschaft, die ich der Oberin aus Dankbarkeit für ihre gütige Verwendung zum Geschenke gemacht hatte, welche dieselbe unter Glas und
Rahmen bringen ließ.
Ei, das ist ja wunderschön, Miß Jane! Der Zeichnenmeister der Fräulein Reed hätte es nicht schöner malen können, der Fräulein gar nicht zu erwähnen, die an so etwas
gar nicht denken dürfen. Haben Sie auch französisch gelernt?
Wohl, Bessie, ich kann lesen und sprechen.
Können Sie auf Mousseline und Ganevas sticken?
Freilich.
Oh, Sie sind eine vollendete Dame, Miß Jane!
Ich dachte mir's doch immer: Sie werden schon vorwärts
kommen, mögen sich Ihre Verwandten um Sie kümmern
oder nicht. Doch ich wollte Sie noch Etwas fragen. --
Haben Sie seit der Zeit von Ihren Verwandten väterlicherseits, den Eyres, nichts gehört.
Nicht das Mindeste.
Nun, Sie wissen ja doch selbst, wie die gnädige Frau
immer behauptete, sie wären Alle arm und gemeines Volk.
Arm mögen sie wohl seyn, aber sie gehören wohl eben so

gut als die Reed's den Honoratioren an; denn eines Tages, es ist nun sieben Jahre her, kam ein Mr. Eyre nach Gateshead und wollte Sie sehen; die gnädige rau sagte ihm,
Sie wären in eine Kostschule fünfzig Meilen weit; er schien
darüber sehr verdrießlich zu seyn, da er sich nicht aufhalten konnte, weil er eine Reise ins Ausland vorhatte, und sein Schiff in ein oder zwei Tagen von London abging. Er sah ganz wie ein Gentleman aus, und ich glaube, es war Ihres Vaters Bruder.
Nach welchem Lande ging seine Reise, Bessie?
Nach einer Insel, einige tausend Meilen weit, wo
man guten Wein baut, wie der Kellermeister sagte --.
Nach Madera? half ich ihrem Gedächtnisse nach.
Ja, ja, das ist's, so heißt die Insel.
Er reiste also ab?
Ja, er hielt sich nur wenige Minuten in unserem
Hause auf: Mrs. Reed behandelte ihn sehr hochfahrend,
und nannte ihn, wie er fort war, einen filzigen Krämer. Mein Robert hielt ihn für einen Weinhändler.
Wohl möglich, versetzte ich; vielleicht ist er ein
Commis oder ein Weinreisender.
So unterhielten wir uns noch eine ganze Stunde über
alte Zeiten, bis Bessie genöthigt war mich zu verlassen;
am nächsten Morgen sah ich sie in Lowton, wo ich den
Wagen erwartete, noch einmal auf einige Minuten. Endlich
schieden wir an der Thüre des Gasthauses zum Brocklehurst-
Wappen. Jedes ging seiner Wege; Bessie begab sich an den
Saum des Holzes von Lowood, um dort die Gelegenheit
zur Rückfahrt zu erwarten, ich bestieg den Wagen, der
mich neuen Pflichten und einem neuen Leben in der unbe-
kannten Gegend von Millcote entgegenführte.

Eilftes Capitel.

Ein neues Capitel einer Novelle ist beinahe einer neuen Scene eines Schauspieles zu vergleichen; und wenn ich nun den Vorhang in die Höhe ziehe, stelle sich der Leser eine
Stube im Georgs-Wirthshause zu Millcote vor, mit großblumigen Papiertapeten an den Wänden, wie sie in Wirthshäusern gewöhnlich sind, mit einem solchen Teppich, solchen Möbeln, solchen Verzierungen am Camingesimse und solchen Kupferstichen, worunter ein Porträt Georgs 1., ein anderes des Prinzen von Wales und eine Darstellung von Wolfe's Tode. Das Alles wird mir beim Scheine einer vom Gewölbe herabhängenden Oellampe und eines vortrefflichen Feuers sichtbar, an dem ich in Mantel und Reisemütze gehüllt, sitze; mein Muff und mein Regenschirm liegen auf dem Tische, und ich selbst bemühe mich den Frost
und die Steifheit zu vertreiben, welche ich mir durch eine sechzehnstündige Fahrt in der rauhen Octoberluft zugezogen habe: ich verließ Lowton um vier Uhr Nachmittags, und
die Startuhr von Millcote schlägt soeben acht Uhr.
Wiewohl ich mir's ganz bequem gemacht habe, lieber Leser, so sieht es doch in meinem Gemüthe nicht sehr ruhig aus: als die Kutsche hier ankam , dachte ich, es erwarte -
mich Jemand; ich blickte ängstlich um mich, während ich die hölzernen Stufen hinabging , die mir der Hausknecht hinhielt, ich dachte meinen Namen rufen zu hören, und irgend ein Fuhrwerk zu sehen, das mich nach Thornfield bringen sollte. Es war indeß nichts dergleichen sichtbar, und als ich den Kellner frug, ob sich Niemand nach einer

Miß Eyre erkundigt habe, verneinte er es. Es blieb mir
also nichts weiter übrig, als mir eine Stube aufsperren zu
lassen, und daselbst, von Gefühlen der Furcht und des
Zweifels gequält, zu warten.
Es ist für die unerfahrene Jugend ein eigenthümliches Gefühl, sich ganz allein in der Welt, von aller Verbindung mit bekannten Personen abgeschnitten zu wissen; ungewiß ob sie den Hafen, dem sie zusteuert, erreicht; ob sie in denjenigen, den sie verließ, im schlimmsten Falle wieder einlaufen kann. Freilich wird dieses Gefühl durch den Reiz der Neuheit versüßt, durch die Glut des Selbstbewußtseyns warm erhalten; aber auch das bange Erzittern der Furcht tritt störend dazwischen, und bei mir besonders gewannen Furcht und Angst die Oberhand, nachdem eine halbe Stunde verflossen, und ich noch immer allein war. Ich that einen heftigen Zug an der Klingel.
Gibt es, in der Nähe einen Ort Namens Thornfield?
frug ich den eintretenden Aufwärter
Thornfield? Weiß nicht, Madame, will unten
fragen. Er verschwand, kam jedoch sofort wieder zurück.
Ist Ihr Name Eyre, Miß?
Ja wohl!
Jemand erwartet Sie unten.
Ich sprang empor, packte Muff und Regenschirm zusammen, und eilte in den Thorweg hinab; ein Mann
stand am offenen Thore, und in der erleuchteten Straße sah
ich dunkel eine einspännige Fahrgelegenheit.
Das ist wohl Ihr Gepäcke, denk' ich? sagte der
Mann etwas kurz angebunden, indem er auf meinen Koffer wies.
Allerdings. Er schob ihn in den Wagen, eine

Art Karren, worauf ich einstieg. Bevor er den Schlag
zumachte, frug ich ihn, wie weit es wohl nach Thornfield wäre.
Etwa sechs Meilen.
Wie lang werden wir unterwegs seyn?
Beiläufig anderthalb Stunden.
Er schloß den Kutschenschlag, erstieg seinen Sitz an
der Außenseite, und der Wagen setzte sich in Bewegung.
Unser Fortschritt war ein sehr gemäßigter, und ließ mir
hinlängliche Zeit zum Nachdenken; ich war zufrieden, meinem Reiseziele so nahe zu seyn, und mich in dem bequemen
wiewohl nicht sehr eleganten Wagen zurücklehnend, überließ
ich mich meinen Gedanken.
Nach der Einfachheit des Dieners und des Wagens
zu urtheilen, ist Mrs. Fairfax keine elegante Dame; desto
besser; ich habe nur einmal unter Modeleuten gelebt und
mich sehr unglücklich gefühlt. Ich möchte wissen, ob sie mit
ihrem kleinen Mädchen allein lebt und wenn dies der Fall
und die Dame nur einigermaßen freundlich ist, will ich
schon mit ihr auskommen; wenigstens will ich mein Bestes
thun, nur Schade, daß man damit nicht immer ausreicht.
Zu Lowood faßte ich den gleichen Entschluß, blieb ihm getreu und erfreute mich eines guten Erfolges; aber bei Mrs.
Reed blieben meine eifrigsten Bemühungen unbeachtet, ja
sie wurden sogar mit Verachtung vergolten. Gott gebe, daß
sich Mrs. Fairfax nicht etwa als eine zweite Mrs. Reed
herausstellt, doch wenn auch: ich muß ja nicht bei ihr bleiben und im schlimmsten Falle lasse ich wieder eine Ankündigung einrücken. Wie weit mögen wir wohl noch
haben?
Ich ließ das Wagenfenster herunter und sah hinaus:

Millcote lag hinter uns; nach der Anzahl der Lichter zu
schließen, schien es eine Stadt von beträchtlicher Ausdehnung und viel größer als Lowton zu seyn. Wir fuhren nun,
so viel ich sehen konnte, über eine Art Haide. Doch standen
hin und wieder Häuser herum; ich bemerkte, daß ich mich
in einer anderen, volkreicheren, aber wenig malerischen,
geräuschvolleren, aber nicht so romantischen Gegend befand
als Lowood war.
Die Straße war uneben, die Nacht neblig; mein Kutscher ließ sein Pferd den ganzen Weg über im Schritt
gehen und die anderthalb Stunden dehnten sich ganz bestimmt
zu zwei Stunden aus. Endlich drehte er sich auf dem Bocke
herum und sagte:
Wir sind nun nicht mehr weit von Thornfield.
Wieder blickte ich hinaus und wir fuhren an einer Kirche
vorüber, ich sah ihren niedern breiten Thurm in den Wolken und die Glocke schlug eben ein Viertel; weiter bemerkte
ich am Fuße eines Hügels eine schmale Lichterreihe, welche
die Nähe eines Dorfes oder eines Weilers anzeigte. Etwa
zehn Minuten später stieg der Pferdebändiger ab und öffnete
zwei Thorflügel: wir fuhren hindurch und die letzteren
klappten hinter uns zu. Nun ging es langsam die Fahrbahn hinauf und wir kamen bei der langen Häuserreihe an:
aus einem verhängten Bogenfenster schimmerte das Licht
einer Kerze herüber; alles ringsum war in Dunkelheit gehüllt. Der Wagen hielt an der Frontthüre; ein Dienstmädchen öffnete, ich stieg aus und trat ins Haus hinein.
Ich bitte hier zu gehen, Madame, sagte das Mädchen und ich folgte ihr durch eine viereckige Vorhalle mit
hohen Thüren ringsum; sie wies mich in ein Zimmer, dessen
doppelte Beleuchtung von Kerzenlicht und Caminfeuer mich

durch ihren grellen Abstand von der Finsterniß, an die sich
meine Augen durch nahe an zwei Stunden gewöhnt hatten,
gar arg blendete. Als ich sie indeß wieder öffnen konnte,
bot sich meinen Blicken ein eben so gemüthliches, als angenehmes Bild dar.
Eine nette kleine Stube; ein runder Tisch an einem
luftig emporflackernden Feuer; ein altmodischer Armstuhl
mit hoher Lehne, in dem die denkbar sauberste kleine alte
Dame in einer Witwenhaube einem schwarzseidenen Ueberrock und einer schneeweißen Mousselinschürze saß gerade
so, wie ich mir Mrs. Fairfax vorgestellt hatte, nur nicht
so stattlich und von gutmüthigerem Aussehen. Sie hatte
einen Strickstrumpf in der Hand; eine große Katze lag bescheiden zu ihren Füßen; kurz es fehlte nichts, um das
Ideal häuslicher Gemühlichkeit und Bequemlichkeit zu vollenden. Man konnte sich nicht leicht eine beruhigendere Einleitung zum Amtsantritte einer angehenden Erzieherin denken: da war nichts von überwältigender Pracht oder in
Verlegenheit setzender Hochnäsigkeit zu sehen; als ich eintrat, stand die alte Dame auf und ging mir rasch und freundlich entgegen.
Wie befinden Sie sich, meine Liebe? Ich fürchte,
Sie hatten einen sehr langweiligen Weg: John fährt immer so langsam: es muß Ihnen kalt seyn, kommen Sie doch zum Feuer.
Mrs. Fairfax, wie ich vermuthe? sagte ich.
Die bin ich; bitte, nehmen Sie Platz.
Sie führte mich zum Stuhle, in dem sie gesessen hatte,
und machte sich daran, mir den Shawl abzunehmen und die
Haubenbänder loszubinden: ich bat sie, sich nicht so sehr zu
bemühen.

Ach, das ist ja keine Mühe! Ihre Hände sind ja
ganz starr vor Kälte. Leah, mache ein wenig heißen Nepus,
und schmiere einige Butterschnitten; hier sind die Schlüssel.
zur Speisekammer.
Bei diesen Worten zog sie einen sehr hausfrauenmäßigen
Schlüsselbund aus der Tasche und reichte ihn dem Dienstmädchen hin.
Und nun kommen Sie näher zum Feuer, fuhr sie
fort. Sie haben doch Gepäcke mitgebracht, nicht wahr, meine
Liebe?
Ja, Madame.
Ich will sehen, daß es in Ihre Stube geschafft
wird, sagte sie und ging geschäftigen Schrittes zum Zimmer hinaus.
Sie behandelt mich ja, als wäre ich ein vornehmer
Gast, dachte ich. Einen solchen Empfang habe ich am
wenigsten erwartet. Ich war auf ein frostiges steifes Benehmen gefaßt: dieses hier ist nicht demjenigen gleich, das man,
wie ich hörte, Erzieherinnen gegenüber beobachtet; doch will
ich nicht zu früh frohlocken.
Die alte Dame kam zurück, räumte ihr Strickzeug und
ein oder zwei Bücher eigenhändig vom Tische, um für das
von Leah gebrachte Geschirr Platz zu machen und schenkte
mir selbst ein. Es machte mich fast verwirrt, der Gegenstand so vieler, mir früher noch nie, am allerwenigsten von
einer Dienstgeberin und im Range über mir stehenden Person erwiesenen Aufmerksamkeit zu seyn; da die Dame indessen ihrer eigenen Ansicht nach nichts Außerordentliches zu
thun schien, hielt ich es für angemessener, ihre Höflichkeiten
ruhig hinzunehmen.
Werde ich noch heute Abend das Vergnügen haben,

Miß Fairfax zu sehen? frug ich, als ich etwas zu mir
genommen hatte.
Was sagten Sie, meine Theure? Ich bin ein wenig
taub, versetzte die gute Dame, indem sie ihr Ohr zu meinem Munde hielt.
Ich wiederholte meine Frage etwas lauter.
Miß Fairfax? Ach, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der Name Ihres künftigen Zöglings
Wirklich! Sie ist also nicht Ihre Tochter?
Nein -- ich habe keine Familie.
Ich wollte weitere Erkundigungen einziehen, auf welche
Weise Miß Varens mit ihr verwandt sey; allein ich bedachte bei Zeiten, daß es nicht von Lebensart zeige, zu viel
auf einmal zu fragen: übrigens mußte ich es ja später von
selbst erfahren.
Ich bin so froh, fuhr sie fort, indem sie sich mir
gegenüber setzte und die Katze auf ihren Schooß nahm, ich
bin so froh, daß Sie hier sind; das Leben wird nun in
Ihrer Gesellschaft viel angenehmer seyn. Es ist zwar schon
an und für sich zu allen Zeiten angenehm, denn Thornfield
ist ein schönes altes Schloß, vielleicht in den letzten Jahren
etwas vernachlässigt, doch immer noch ein respectaber Wohnort: dennoch hat man, besonders zur Winterszeit, selbst in
der schönsten Wohnung, sobald man allein ist, die abscheulichste Langeweile. Leah ist zwar ein sehr nettes Mädchen und John und sein Weib sehr anständige Leute; allein sie
gehören doch nun einmal zum Gesinde und man kann sich
mit ihnen nicht auf dem Boden der Gleichheit abgeben, will
man nicht sein Ansehen einbüßen. Im vergangenen Winter
-- er war sehr streng, wie Sie sich erinnern werden, und
wenn es nicht schneite, regnete und stürmte es -- kam vom

November bis zum Februar, den Fleischer und Briefträger
ausgenommen, keine Menschenseele zu uns und ich wurde
von dem beständigen Alleinseyn an den langen Abenden
ganz melancholisch; zuweilen ließ ich mir wohl von Leah
vorlesen, doch dem armen Mädchen schien diese Beschäftigung
nicht sehr zu behagen: sie kann das Stillsitzen nicht leiden.
Im Frühling und Sommer ging es etwas besser; schon die
langen Tage machen einen Unterschied und dann kam, gerade zu Anfang dieses Herbstes, die kleine Adele mit ihrer
Bonne: ein Kind bringt, wie Sie wissen, gleich Leben
ins Haus und nun Sie hier sind, will ich recht lustig
seyn.
Die Reden der würdigen Dame erwärmten mir ordentlich das Herz; ich rückte meinen Stuhl näher zu ihr hin,
und drückte den Wunsch aus, sie möchte meinen Umgang
so angenehm finden, als sie es voraussetze.
Doch ich will Sie heute Abend nicht so lange aufhalten, sagte sie; es ist nahe an zwölf Uhr und Sie sind den
ganzen Tag gefahren. Sie müssen sehr müde seyn. Wenn
Ihre Füße schon warm sind, will ich Sie in Ihr Schlafzimmer geleiten. Ich habe Ihnen ein Gemach neben dem
meinigen einräumen lassen; es ist nur klein, aber ich dachte
es würde Ihnen lieber seyn als eine von den großen Frontzimmern; sie sind wohl schöner eingerichtet, aber so unheimlich und verlassen, daß ich selbst nicht gerne darin
schlafe.
Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da
mich meine Reise in der That ermüdet hatte, sprach ich meine
Bereitwilligkeit aus, mich zurückzuziehen. Sie nahm den
Leuchter zur Hand und ich folgte ihr zur Stube hinaus.
Zuerst sah sie nach, ob die Thüre der Vorhalle geschlossen

wäre, und nachdem sie den Schlüssel abgezogen hatte, führte
sie mich die Treppe hinauf. Die Stufen und Treppengeländer waren von Eichenholz, die Treppenfenster hoch und
vergittert; sowohl das Treppenhaus als die lange Gallerie,
auf welche die Thüren der Schlafzimmer hinausgingen, sahen eher wie Bestandtheile einer Kirche als eines Wohngebäudes aus. Eine kalte und dunkle Gewölbsluft durchzog
die Treppe und die Gänge und brachte trostlose Ideen von
leerem Raum und Einsamkeit mit sich, und ich war froh,
als ich endlich in meiner Stube angelangt, die Bemerkung machte, daß sie klein und einfach, aber modern möblirt war.
Nachdem mir Mrs. Fairfax freundlich gute Nacht gesagt und ich meine Thüre zugeriegelt hatte, blickte ich mit
Muße um mich, um den unangenehmen Eindruck der großen Vorhalle, der finsteren Treppe, des langen, kalten
Ganges, durch den lebhaften Anblick meines kleinen
Stübchens zu verwischen. Mit inniger Freude dachte ich
daran, wie ich nun, nach den körperlichen Mühseligkeiten und der Seelenangst eines ganzen Tages, endlich im
Hafen der Ruhe eingelaufen war; das Gefühl der Dankbarkeit sch wellte mir das Herz, und ich kniete an meinem Bette nieder, demjenigen zu danken, dem mein Dank gebührte; bevor ich mich erhob, erflehte ich mir seine Hilfe auf meinem weiteren Lebenswege, und die Kraft, jene Güte
und Freundlichkeit wirklich zu verdienen, die man mir in
diesem Hause so freiwillig entgegentrug, ehe ich sie noch
durch mein Benehmen hervorrufen konnte. Keine Dornen
drückten mich diese Nacht auf meinem Lager, keine Furcht
beschlich mich in meiner einsamen Kammer. Müde und zufrieden schlief ich bald und fest ein; als ich erwachte, war
es vollkommen Tag.
Wie schmuck und freundlich nahm sich nun mein Stübchen aus, da die Sonne zwischen den Fenstervorhängen von
hellblauem Blitz hereinschien; was für einen ganz anderen
Eindruck machte es mit seinen Tapetenwänden und dem mit
Teppichen belegten Fußboden, als die nackten Dielen und
die schmutzige Tünche meiner Schlafstube in Lowood. Aeußerlichkeiten äußern auf junge Leute eine große Wirkung; ich
war überzeugt, ein schönerer Abschnitt meines Lebens werde
nun beginnen, nicht mit Dornen und Mühseligkeiten besäet, und auch mit Blumen und Freuden geschmückt. Meine
Geisteskräfte, durch die neue Umgebung -- für mich das
Feld neuer Hoffnungen -- erweckt, arbeiteten wirr durcheinander. Ich kann es nicht genau angeben, was ich Alles
erwartete; allein es war etwas Angenehmes, nicht etwa
ein Ereigniß des nächsten Tages oder des nächsten Monats,
sondern das einer unbestimmten zukünftigen Zeitepoche.
Ich stand auf und kleidete mich sorgfältig an. Auf
eine einfache Toilette angewiesen, denn die Auswahl meiner
Garderobe zeigte nur sehr einfache Anzüge, hielt ich von
Natur aus darauf, nett angethan zu seyn. Es war nicht
meine Gewohnheit, mein Aeußeres zu vernachlässigen, mich
über den Eindruck, den ich hervorbrachte, hinwegzusetzen
im Gegentheile, ich wünschte so hübsch wie nur möglich
auszusehen und so sehr zu gefallen, als es nur immer mein
Mangel an Schönheit zuließ. Zuweilen that es mir leid,
daß ich nicht schöner war; zuweilen wünschte ich mir rosige
Wangen, eine schöngeformte Nase und einen kleinen kirsch-
rothen Mund; ich wäre gerne schlank, stattlich und schön
geformt gewesen, ich fühlte mich unglücklich, so klein, so

blaß zu seyn, so unregelmäßige und markirte Gesichtszüge
zu besitzen. Und warum diese eitlen Wünsche, dieses nutzlose
Bedauern? Es wäre schwer zu sagen, ich konnte mir selbst
keinen Grund angeben und doch hatte ich eine natürliche,
eine vernünftige Ursache dazu. Nachdem ich inzwischen mein
Haar recht glatt gebürstet, meinen schwarzen, quäckerartigen Ueberrock, der wenigstens meinen Ansichten von Nettigkeit entsprach, angelegt, auch meinen frischen, weißen Halskragen zurecht gezupft hatte, hielt ich mich für gut aussehend genug, um vor Mrs. Fairfax mit Anstand erscheinen
zu können und meinem neuen Zöglinge wenigstens keine
Abneigung einzuflößen. Ich öffnete mein Fenster, sah daß
Alles am Ankleidetische in Ordnung lag, und wagte mich
hinaus.

Ende des ersten Theiles.

Eilftes Capitel.
(Fortsetzung.)

Den langen, mit Matten bedeckten Gang hinabschreitend, erreichte ich die glatte Treppe von Eichenholz und endlich die Vorhalle; dort blieb ich eine Weile stehen, ich musterte einige an der Wand hängende Gemälde (das eine stellte
einen wild aussehenden Mann im Brustharnisch das andere
eine Dame mit gepudertem Haar und einem Halsbande von
Perlen vor, betrachtete eine bronzene Lampe an der Wölbung und eine große Wanduhr, deren künstlich aus Eichenholz geschnitzter Kasten vom Alter und dem vielen Scheuern
fast schwarz wie Ebenholz geworden war. Alles kam mir so
stattlich und imposant vor: doch war ich damals nur wenig
an Großartigkeit gewohnt. Die zur Hälfte mit Glasfenstern
versehene Thür der Vorhalle stand offen: ich überschritt die
Schwelle. Es war ein schöner Herbstmorgen, die Morgensonne schien heiter über gebräunte Baumgruppen und noch
ziemlich grüne Felder: mich dem Grasplatze nähernd, blickte
ich empor und übersah die Vorderseite des Gebäudes. Es
war drei Stockwerke hoch, den Raumverhältnissen nach nicht
großartig, aber immerhin ansehnlich, das Herrenhaus eines
Gentlemans, nicht das Schloß eines hohen Adeligen: ringsum die Firste laufende Zinnen gaben ihm ein malerisches

Aussehen. Die graue Fronte des Hauses trat sehr gut aus
dem Hintergrunde einer Krähenzucht* hervor, deren krächzende Bewohnerinnen sich eben er hoben, über den Grasplatz und die Felder hinflogen und sich auf einer großen
Wiese niederließen, welche eine halb durchbrochene Umzäunung von den ersten absperrte und wo eine Anzahl mächtiger, knorriger, dicker, Eichen nicht unähnlicher Kreuzdornbäume auf einmal die Ableitung des Ortsnamens „Thornfield“ (Dornfeld) rechtfertigen. Weit in der Ferne sah man
Berge; keine so hohen, so felsigen, wie die um Lowood
herum, aber auch keine solchen, die den Weg in die Außenwelt abzusperren schienen; eigentlich blos einige stille, unbegangene Hügel, welche Thornfield zu einer so tiefen Einsamkeit machten, wie ich es in der Nähe eines so lebhaften
Ortes wie Millcote kaum erwartet hätte. Ein kleines Dörfchen, dessen Dächer zwischen Baumgruppen einzeln hervorschielten, zog sich an der Seite des einen Hügels hinan; die
Kirche stand näher gegen Thornfield zu; ihre verwitterte
Thurmspitze sah über einen Erdaufwurf zwischen dem
Hause und dem Hofthore herüber.
Noch erfreute ich mich des ruhigen Anblickes und der
frischen Luft, hörte den Krähen zu und übersah die lange
graue Fronte des Herrenhauses, im Stillen bedenkend, was
für ein großer Wohnplatz dies für eine einzelne kleine Frau
wie Mrs. Fairfax sey, als die erwähnte Dame an der Thüre
sichtbar wurde.

[*Das Krähenschießen ist eine Lieblingsunterhaltung (sport)
der englischen Edelleute, weshalb diese Thiere auf den Land
sitzen in ordentlichen Gezüchten (rookeries) eigens auferzogen werden.
Anmerk. d. Uebersetzers.]

Was! Schon im Freien? rief sie. Ich sehe, Sie
sind keine Langschläferin. Ich trat auf sie zu, und sie empfing mich mit einem freundlichen Kusse und Händedruck.
Wie gefällt Ihnen Thornfield? frug sie. Ich erwiederte, es gefiele mir ausnehmend.
Ja , sagte sie, es ist ein hübscher Ort; allein ich
fürchte, es wird noch Alles zerfallen. wenn Mr. Rochester
nicht bei Zeiten daran denkt, hier seinen beständigen Wohnsitz aufzuschlagen, oder doch wenigstens öfter hierherkömmt.
Große Häuser und schöne Landgüter verlangen die Gegenwart ihres Eigenthümers.
Mr. Rochester! rief ich aus. Wer ist das?
Der Besitzer von Thornfield, bemerkte sie ganz ruhig. Wußten Sie denn nicht, daß er Rochester heißt?
In der That wußte ich es nicht, ich hatte vordem nie
etwas von ihm gehört; doch die alte Dame schien seine Existenz als eine allgemein bekannte Thatsache vorauszusetzen,
welche Jedermann aus Instinct bekannt seyn mußte.
Ich dachte, Sie wären die Eigenthümerin von Thornfield, fuhr ich fort.
Ich? Ei bewahre, liebes Kind! Was für eine Idee!
Ich bin ja nur die Haushälterin, die Wirthschafterin. Wohl
bin ich durch meinen Mann mit den Rochesters weitläufig verwandt: mein Mann war ein Geistlicher, ein Pfründner von
Hay, dem kleinen Dorfe dort am Hügel, und dies hier war sein
Gotteshaus; des jetzigen Mr. Rochester's Mutter war eine
Fairfax und ein zweites Geschwisterkind meines verstorbenen
Mannes; aber ich thue mir auf diese Verwandtschaft nichts
zu gute -- ich kümmere mich wirklich nicht darum; ich betrachte mich als eine gewöhnliche Haushälterin, mein Dienstherr begegnet mir äußerst artig und mehr wünsche ich
auch nicht.
Und das kleine Mädchen -- mein Zögling?
Ist Mr. Rochester's Mündel; er gab mir den Auftrag, für sie eine Erzieherin zu suchen. Ich denke, er will sie in-- shire aufwachsen lassen. Hier kömmt sie mit ihrer
Bonne, wie sie ihr Kindermädchen nennt.
Nun war das Räthsel gelöst. Die, gesprächige und gutherzige kleine Witwe war also keine vornehme Dame, sondern eine bedienstete Person, wie ich selbst. Doch darum
hatte ich sie um nichts weniger lieb; im Gegentheil, sie gefiel mir nur um so besser. Die Gleichheit zwischen ihr und mir
war eine wirkliche, nicht das bloße Resultat einer Herablassung von ihrer Seite: um so besser, meine Stellung war
um desto zwangloser.
Während ich über die eben gemachte Entdeckung nachdachte, kam ein kleines Mädchen, von seiner Wärterin gefolgt, über den Grasplatz herbeigelaufen. Ich sah mir meinen Zögling an, der mich anfänglich gar nicht zu beachten
schien; das Kind war höchstens sieben bis acht Jahre alt,
schwächlich, blassen, fein geformten Gesichtes und mit einem
reichen Haarwuchse gesegnet, der in langen Locken bis zum
Gürtel herunter fiel.
Guten Morgen, Miß Adela, sagte Mrs. Fairfax.
Gehen Sie, sprechen Sie mit jener Dame, die Sie unterrichten, und ein geschicktes Fräulein aus Ihnen machen soll.
Das Kind näherte sich.
C’est la ma gouvernante? frug das Mädchen,
mit dem Finger nach mir weisend.
Mais oui, certainement, lautete die Antwort.

Sind das Fremde? rief ich voll Verwunderung, die
Beiden französisch sprechen zu hören.
Das Kindermädchen ist eine Französin, und Adela
selbst wurde auf dem Continente geboren, den sie, wie ich
glaube. erst vor einem halben Jahre verließ. Gleich nachdem sie herkam, konnte sie gar nichts Englisch; jetzt spricht sie es doch schon zur Noth; ich zwar verstehe sie nicht, denn
sie mischt zu viel Französisch darunter; aber Sie werden schon
mit ihr zurecht kommen, denke ich. Glücklicherweise hatte ich den Vortheil genossen, die
französische Sprache von einer Eingebornen zu lernen, und
da ich jede Gelegenheit benutzt hatte, mit Madame Pierrot
zu sprechen, auch täglich eine Anzahl Wörter auswendig
lernte, wo bei ich mir Mühe gab, die Aussprache der Meisterin so genau als möglich nachzuahmen, so konnte ich mich
einer ziemlichen Geläufigkeit und Reinheit in dieser Sprache
rühmen, und mich mit Mademoiselle Adela ohne Scheu einlassen. Sie kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand, als sie hörte ich sey ihre Erzieherin, und indem ich sie zum
Frühstück geleitete, sprach ich sie einigemale in ihrer Muttersprache an; anfänglich gab sie mir nur kurze Antworten, als wir aber bei Tische saßen, und nachdem sie mich beiläufig zehn Minuten mit ihren braunen Augen betrachtet hatte, begann sie plötzlich mit großer Zungenfertigkeit zu plaudern.
Ah ! sagte sie auf französisch, Sie sprechen meine Sprache so gut, wie Mr. Rochester; ich kann mit Ihnen sprechen, wie mit ihm und Sophie auch. Es wird sie sehr freuen. Niemand versteht sie hier; Mrs. Fairfax spricht nur englisch. Sophie ist mein Kindermädchen; sie kam mit mir
zur See herüber, in einem großen Schiffe mit einem Schornstein, der schrecklich rauchte, und ich war krank, und Sophie auch, und Mr. Rochester auch. Mr. Rochester legte sich in einem schönen Gemache, welches man den Salon nannte, aufs Sopha und ich und Sophie, wir hatten kleine Betten in einer andern Stube. Ich fiel aus dem meinigen beinahe heraus; es sah wie ein Brett aus. Wie heißen Sie, Mademoiselle?
Eyre -- Jane Eyre.
Aire? Bah! Ich kann's nicht aussprechen. Nun gut: unser Schiff blieb früh, ehe es noch Tag war, an einer ungeheuren Start voll finsterer, russiger Häuser stehen; nicht sowie das nette kleine Städtchen, wo ich her kam. Mr. Rochester trug mich über eine Planke in seinen Armen ans
Land, und Sophie kam hintenher, und wir Alle stiegen in eine Kutsche, die uns in ein großes Gebäude, ein viel schöneres und größeres als dieses hier, Hotel genannt, brachte.
Fast eine Woche wohnten wir dort; ich und Sophie, wir gingen täglich in einem großen Garten voll Bäumen, dem Park, spazieren, und da gab es außer mir noch sehr viele Kinder, und einen schönen Teich mit prächtigen Fischen, die ich mit Semmelkrumen fütterte.
Können Sie sie verstehen, wenn sie so schnell spricht? frug Mrs. Fairfax.
Ich verstand das Mädchen ganz gut. denn ich war das schnelle Sprechen von Madame Pierrot gewohnt.
Fragen Sie sie einmal über ihre Eltern , fuhr die gute Dame fort. Ich möchte gerne wissen, ob sie sich ihrer noch erinnert.
Adele , so begann ich, mit wem lebten Sie in jener netten, kleinen Stadt, von der Sie vorhin sprachen?
Vor langer, langer Zeit lebte ich mit Mama, aber
sie ist nun bei der Mutter Gottes. Mama unterrichtete mich im Tanzen, Singen und Verse hersagen. Eine große Menge Herren und Damen kamen zu Mama zu Besuch, und ich
pflegte ihnen etwas vorzutanzen. oder ich setzte mich einem der Herren auf den Schooß und sang etwas; das gefiel mir. Soll ich Ihnen ein Lied singen?
Sie hatte ihr Frühstück verzehrt; ich erlaubte ihr also,
uns eine Probe ihrer Kunst zum Besten zu geben. Von ihrem Stuhle heruntersteigend, kam sie auf mich zu und setzte sich mir auf den Schooß; dann faltete sie die kleinen Händchen, schüttelte sich die Locken aus dem Gesichte, hob die
Augen zur Decke empor und begann eine Opernarie zu singen.
Es war die Romanze einer verlassenen Dame, die, nachdem sie sich von der Treulosigkeit des Geliebten überzeugt
hat, ihren Stolz zu Hilfe ruft; sie befiehlt ihrer Kammerfrau, sie in ihre reichsten Juwelen und ihren köstlichsten
Anzug zu kleiden, und beschließt, den Falschen noch diese
Nacht auf einem Balle aufzusuchen, um ihm durch ihre
Fröhlichkeit zu beweisen, wie wenig sie seine Untreue
berührt.
Der Gegenstand war für eine kleine Sängerin, ein
Kind, sonderbar gewählt; wahrscheinlich sollte der eigentliche Kern darin liegen, die Töne der Liebe und Eifersucht
von der schwachen Stimme eines Kindes wirbeln zu hören:
eine sehr abgeschmackte Idee, so dachte ich wenigstens.
Adele sang das Lied schmelzend genug und mit der
Naivetät ihres Alters. Nach Beendigung der Arie sprang
sie von meinem Schooße herunter und rief: Nun will ich
Ihnen ein Gedicht hersagen.
Sich in Positur stellend, begann se: La ligue des Rats; fable de-Lafontaine. Sie declamirte das ganze Stück mit einer Beachtung der Unterscheidungszeichen und des zu gebenden Nachdruckes, einer Biegsamkeit der Stimme und einer Angemessenheit der Handbewegungen, wie sie bei einem Kinde ihres Alters sehr selten sind, und woraus hervorging, daß man sich mit ihr ganz besondere Mühe gegeben haben mußte.
Hat Sie Ihre Mama dies Stück gelehrt? frug ich.
Ja, und sie pflegte gerade so zu sagen: Qu’avez--
vous done?** lui dit un de ces rats; parlez! wobei sie
die Hand so in die Höhe hob, um mich zu erinnern, ich smüsse diese Frage etwas stärker aussprechen. Nun, soll ich Ihnen noch etwas vortanzen?
Nein, für jetzt ist's genug. Aber bei wem wohnten Sie, als Ihre Mama, wie Sie sagen, zur Mutter Gottes gegangen war?
Bei Madame Frederic und ihrem Manne: sie hatte mich jedoch blos in der Pflege; sie ist nicht verwandt mit mir. Ich denke, sie ist arm, denn sie hatte kein so schönes
Haus wie Mama; auch war ich nicht lange bei ihr. Mr. Rochester frug mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm wohnen wollte, und ich sagte ja; denn ich kannte Mr. Rochester früher als Madame Frederic und er war immer sehr gut mit mir und kaufte mir hübsche Kleider
und artige Spielsachen. Doch Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, und ist nun selbst wieder zurückgekehrt, und ich bekomme ihn nie zu sehen.
Nach dem Frühstück begab ich mich mit Adelen in die Bibliothek, welches Zimmer Mr. Rochester zum Schulzimmer bestimmt zu haben schien. Die meisten Bücher waren in Glasschränken verschlossen, nur ein Schrank war offen, welcher alle in Bezug auf den ersten Unterricht nöthigen Werke, und mehre Bände leichterer Literatur, Gedichte, Biographien, Reisebeschreibungen, einige Romane u.s. w. enthielt. Wahrscheinlich hielt Mr. Rochester diese Bücher zum Privatgebrauche der Erzieherin für hinreichend, und in der That befriedigten sie mich für den Augenblick vollkommen. Mit der kargen Aehrenlese und der Büchersammlung von Lowood verglichen, versprachen sie mir eine reichliche Ernte von Unterhaltung und Belehrung. Weiter standen in dem Gemache ein ganz neues Querpiano von vorzüglichem Tone, eine Staffelei und zwei Erdkugeln.
Meine Schülerin fand ich ziemlich gelehrig, wiewohl etwas arbeitscheu: man hatte sie nie an irgend eine regelmäßige Beschäftigung gewöhnt. Ich hielt es für unvernünftig. sie gleich anfänglich zu sehr anzustrengen; nachdem ich
ihr daher ein gutes Stück vorgesagt und sie dazu gebracht
hatte ein kleines Stückchen zu lernen, erlaubte ich ihr um
die Mittagszeit zu ihrer Wärterin zurückzukehren. Die Zeit bis zum Mittagsessen wollte ich dazu verwenden, einige kleine Skizzen für Adelen zu zeichnen.
Als ich die Treppe hinaufging, mein Skizzenbuch und meine Stifte zu holen, rief mich Mrs. Fairfax an: Für heute Morgen sind wohl eure Lehrstunden beendigt, sagte sie. Sie befand sich in einem Zimmer, dessen Flügelthüren offen standen: ich trat hinein, da sie mich angeredet hatte.
Es war ein schönes stattliches Gemach mit purpurrothen Möbeln und Vorhängen, einem türkischen Fußteppich, mit Nußbaumholz getäfelten Wänden, einem einzigen, großen
Fenster von geschliffenem Glas und einer hohen, kühngespannten Wölbung. Mrs. Fairfax staubte eben einige Vasen von schönem Purpurglas ab, die auf einem Seitentische standen.

Was für ein schönes Zimmer! rief ich aus. indem
ich mich umsah, denn noch nie hatte ich ein auch nur zur
Hälfte so prachtvolles Gemach gesehen.
Ja wohl, es ist das Speisezimmer. Ich habe eben
das Fenster geöffnet, um etwas Luft und Sonne herein zu
lassen, denn Alles wird ordentlich schimmlich in Stuben,
die selten bewohnt werden. Das Besuchzimmer drüben kömmt
mir wie ein Kellergewölbe vor.
Sie deutete nach einem weiten, dem Fenster entsprechenden und gleichfalls mit purpurrothen, jetzt aufgezogenen Vorhängen geschmückten Bogen Zwei breite Stufen
emporsteigend und hindurchblickend. glaubte ich einen Feenpalast geschaut zu haben, so wunderbar schön erschien dieser
Anblick meinen Neulingsaugen. Und doch war es nur ein
hübsches Besuchzimmer und weiterhin ein Boudoir, beides
mit weißen buntgeblümten Teppichen belegt, die Wölbung
mit schneeweißen Trauben und Weinblättern in erhabener
Arbeit geziert. unter denen im schneidendsten Contraste carmoisinrothe Sitze und Ottomanen erglänzten. Die Zierrathen
am weißen Camingesimse waren von leuchtendem, böhmischen
Rubinglase und zwischen den Fenstern angebrachte Spiegel
vervielfältigten die allgemeine Färbung von Schneeweiß und
Feuerroth.
Wie sauber und ordentlich Sie die Zimmer halten,
Mrs. Fairfax? sagte ich. Kein Staub, keine Spinnengewebe; wäre die kalte Luft nicht, man dächte, die Gemächer wären immer bewohnt.
Je nun, Miß Eyre, wiewohl Mr. Rochester dieses
Haus nur selten heimsucht, so kommt er doch immer plötzlich und unerwartet; und da ich bemerkte, daß es ihn sehr
verdroß, Alles in Unordnung zu finden und bei seiner Ankunft geräuschvolle Vorbereitungen veranlassen zu müssen,
hielt ich es fürs Beste, die Wohnung stets in Bereitschaft
zu halten.
Ist Mr. Rochester ein wunderlicher, anspruchsvoller
Mann?
Nicht besonders; doch hat er den Geschmack und die
Gewohnheiten eines Gentlemans und er erwartet, daß man
sich in allen Dingen darnach richte.
Sind Sie ihm zugethan? Ist er im Allgemeinen
beliebt?
Oh, gewiß! Seine Familie stand hier immer in
größtem Ansehen. Fast aller Grund in der Nachbarschaft,
so weit Sie nur sehen können, gehört seit undenklichen Zeiten den Rochesters!
Wohl, wohl! Doch seine Besitzungen bei Seite, gefällt er Ihnen? Ist er um seiner selbst willen beliebt?
Ich habe keinen Grund, ihn nicht leiden zu können;
und ich glaube auch seine Pächter halten ihn für einen gerechten und großmüthigen Gutsherrn, wiewohl er sich nie
lange unter ihnen aufhielt.
Hat er keine Eigenthümlichkeiten, oder kurz gesagt, welches ist sein Charakter?
Oh, sein Charakter ist unantastbar, glaub' ich. Etwas sonderbar ist er wohl; er ist viel gereist, und hat einen großen Theil der Welt gesehen. Er ist wohl sehr gebildet; doch ich selbst sprach nie viel mit ihm.
Wienach ist er sonderbar?
Ich weiß es nicht -- es läßt sich nicht gut beschreiben -- es ist nichts Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit ihm spricht: man weiß nie recht, spricht er im Scherz oder im Ernst, ob ihm Etwas angenehm ist oder nicht; kurz, man begreift ihn nicht ganz -- wenigstens mir geht es so; aber das thut nichts, er ist bei Allem dem ein sehr braver Herr.
Das war die ganze Beschreibung, die Mrs. Fairfax von unserem Gebieter lieferte. Es gibt Leute, die offenbar keinen Begriff davon haben, wie man einen Charakter zeichnet, hervorragende Eigenschaften, sowohl an Sachen als an Personen beobachtet und beschreibt: die gute Frau gehörte jedenfalls dieser Classe an; meine Fragen setzten sie in Verwunderung: aber brachten nichts aus ihr heraus.
Mr. Rochester blieb in ihren Augen Mr. Rochester; ein Gentleman, ein Gutsbesitzer, nichts mehr und nichts weniger; das Weitere ging sie nichts an, und sie verwunderte sich augenscheinlich über meine Bemühung, eine genauere Darstellung seines Wesens zu erhalten.
Als wir das Speisezimmer verließen, machte sie mir den Vorschlag. mir auch die andern Theile der Wohnung zeigen, und ich folgte ihr Treppe auf, Treppe ab, den ganzen Weg über bewundernd und preisend, denn Alles war schön und in bester Ordnung. Die geräumigen Vorderstuben schienen mir besonders großartig, und mehre Gemächer des dritten Stockwerkes interessirten mich, trotzdem sie
finster und niedrig waren, ihrer Alterthümlichkeit wegen.
Die vordem den untern Stuben angepaßte Einrichtung war
von Zeit zu Zeit, wenn sich die Mode änderte, hinaufgebracht worden, und das unvollkommene durch die schmalen
Fenster eindringende Licht zeigte hundertjährige Bettstellen,
Kasten von Eichen- und Nußbaumholz, mit ihrem Schnitzwerk von Palmen und Engelsköpfen der jüdischen Bundeslade ähnlich, Reihen ehrwürdiger, hochlehniger und schmaler
Sessel, noch ältere Stühle, deren Kissen Spuren halbzerfaserter Stickerei trugen, von Händen gearbeitet, die wohl
schon seit zwei Menschenaltern Staub und Asche waren.
Alle diese Reliquien gaben dem dritten Stockwerke von
Thornfieldhall das Ansehen einer Heimat der Vergangenheit, eines Opferaltars der
Erinnerung. Am Tage gefiel mir die Stille, das Düstere,
das Wunderliche dieser Rüstkammern; doch hätte ich um Alles in der Welt in einer der
schweren, breiten Bettstellen keine Nacht zubringen mögen, deren einige spanische Wände von Eichenholz umschlossen, andere alte gestickte englische Vorhänge bedeckten, mit
Abbildungen wunderlicher Blumen, noch wunderlicherer Vögel und wunderlichster menschlicher Wesen in schwerer Stickerei geziert. und wie wunderlich mußte sich erst Alles das beim blassen Schimmer des Mondes ausnehmen!
Schlafen die Dienstleute in diesen Stuben? bemerkte ich.
Nein, sie bewohnen eine Reihe kleiner Zimmer im
Hntergebäude; hier schläft Niemand. Gäbe es ein Gespenst
in Thornfieldhall, hier und nirgends anders könnte es
hausen.
Das glaub' ich auch. Sie haben also keine Gespenster?
Nicht daß ich wüßte, versetzte lächelnd Mrs. Fairfax.
Auch keine Ueberlieferungen von solchen? Keine Legenden oder Gespenstergeschichten?
Ich denke nicht, und doch sagt man, die Rochesters wären zu ihrer Zeit ein eher streitlustiger als spießbürgerlicher Stamm gewesen: vielleicht bleiben sie nun eben darum ruhig in ihren Gräbern.
Wohl --, nach des Lebens Fieberhitze ruh'n sie****


denn sie machte Miene mich zu verlassen.
Auf den Boden: wollen Sie mich begleiten und sich die Aussicht von oben ansehen? Ich folgte ihr eine schmale Treppe hinauf in eine Dachkammer und stieg von dort mittelst einer Leiter durch eine Fallthüre auf's Dach. Ich stand nun in gleicher Linie mit der Krähencolonie und konnte in die Nester sehen. Ueber die Zinne gelehnt und hinunter blickend, übersah ich das Gefilde wie auf einer vor mir ausgebreiteten Landkarte: die frische, grünsammtene Graseinfassung um das graue Gebäude herum; das weit ausgedehnte, hin und wieder mit altem Gehöl; bewachsene Feld, den gelbbraunen dürren Wald, durchschnitten von einem sichtlich verwachsenen Pfade, grüner in seinem Moosüberzuge als die Bäume in ihrem herbstlichen Laubschmucke; die Kirche am Gitterthore, die Straße, die stillen Hügel, Alles von den Strahlen der Herbstsonne beschienen, unter einem azurnen, hin und wieder mit perlengleichen Wölkchen gesprenkelten Himmel. Der Anblick bot nichts Besonderes, war aber ungemein anziehend. Als ich mich weggewendet hatte und durch die Fallthüre wieder hinabgestiegen war, sah ich kaum meinen Weg die Leiter hinunter; im Vergleiche mit der blauen Himmelswölbung und der von
der Sonne erleuchteten Landschaft kam mir der Boden wie ein finsterer Keller vor.
Mrs. Faifax blieb eine Weile zurück, um die Fallthüre zu schließen; im Herumtappen fand ich den Ausgang und stieg die schmale Bodentreppe hinunter. Im anstoßenden langen Gange blieb ich stehen: er schied die Frontzimmer des dritten Stockwerkes von den Hinterstuben, war eng, niedrig, dunkel, nur von einem Fenster am äußersten Ende erhellt, und sah aus wie irgend ein Corridor in Blaubarts Schlosse.
Während ich langsam weiter schritt, schlug ein Laut, den ich hier am wenigsten zu hören erwartete, eine laute Lache, an mein Ohr. Es war ein sonderbares, helles, erzwungenes, nichts weniger als lustiges Lachen. Ich blieb stehen: nur für einen Augenblick verstummte der Thon und ließ sich noch einmal und zwar viel lauter hören, denn zum ersten Male klang er, wenn auch deutlich, dennoch ziemlich leise. Ein schallendes Gewieher machte den Beschluß und
schien das Echo in all' den einsamen Stuben zu wecken, wiewohl es nur aus einer einzigen kam, deren Thüre ich hätte ganz genau bezeichnen können.
Mrs. Fairfax! rief ich; denn ich hörte sie jetzt die Haupttreppe hinunter gehen. Haben Sie das laute Lachen gehört? Wer mag das seyn?
Wahrscheinlich irgend ein Dienstmädchen, vielleicht Grace Poole.
Haben Sie es gehört? frug ich nochmals.
Ja wohl, ganz genau: ich höre sie oft; sie näht
hier in einem der immer. Zuweilen ist Leah bei ihr:
dann machen sie einen gehörigen Lärm zusammen.
Das Lachen erscholl abermals, leise, eintönig, und
endigte mit einem sonderbaren Gemurmel.
Grace! rief Mrs. Fairfax.
Ich erwartete wirklich keine Antwort von einem menschlichen Wesen; denn das Lachen klang so tragisch, so übernatürlich, wie ich noch nie eines gehört hatte, und wäre es
nicht am hellen Mittage gewesen, hätte irgend ein geisterhafter Umstand den Schall begleitet und wäre nicht sowohl
Umgebung als Zeit jeder Furcht entgegen gestanden, hätte mich wirklich eine abergläubische Angst befallen. Indessen zeigte der weitere Verfolg, wie albern selbst meine Verwunderung war.
Die nächste Thüre ging auf und eine Dienstmagd kam heraus, - ein Frauenzimmer von dreißig bis vierzig Jahren, breitschulterig, rothhaarig, von groben garstigen Gesichtszügen: es wäre kaum möglich gewesen, sich eine weniger romantische, weniger geisterhafte Erscheinung vorzustellen.
Keinen solchen Lärm, Grace, sagte Mrs. Fairfax.
Erinnere Dich der Hausordnung. Grace machte eine stille Verbeugung und ging zurück in die Stube.
Wir verwenden diese Person zum Nähen und dann hilft sie auch Leah in ihren Verrichtungen als Hausmädchen, fuhr die Witwe fort; sie hat so Manches an sich was nicht recht ist, aber im Allgemeinen bin ich mit ihr zufrieden.
Apropos! Wie waren Sie heute mit Ihrer neuen Schülerin zufrieden?
Das Gespräch über Adele dauerte so lange, bis wir die lichten freundlichen Räume des untern Stockwerkes erreicht hatten. Adele kam uns in der Halle mit dem Rufe entgegen!
Mesdames, vous etes servies! worauf sie hinzufügte: J’ai bien faim, moi!
Das Mittagessen war angerichtet und erwartete uns in Mrs. Fairfax's Wohnstube.

Zwölftes Capitel.

Die Erwartung eines angenehmen, gemüthlichen Lebens, welche der erste Tag meines Aufenthaltes in Thornfieldhall in mir gemacht, bestätigte sich bei einer längern
Bekanntschaft mit dem Hause und dessen Bewohnern vollkommen. Mrs. Fairfax war in der That, was sie zu seyn schien, eine herzliche, gutmüthige Frau von entsprechender
Erziehung und natürlichem Verstande. Meine Schülerin war ein lebhaftes, von seiner früheren Umgebung verdorbenes und vernachlässigtes Kind, und demnach zuweilen etwas ungezogen; allein da sie meiner Sorgfalt gänzlich überlassen blieb, und Niemand meinen Erziehungsplan durch eine unzeitige und unvernünftige Einmischung durchkreuzte, legte sie bald ihre kleinen Unarten ab, wurde gehorsam und gelehrig. Sie besaß keine besondern Talente, keinen hervorragenden Charakterzug, keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung. welche sie auch nur einen Zoll hoch über den gewöhnlichen Standpunkt der Kindheit erhoben hätte; doch verunzierte sie auch kein Fehler, keine Untugend, wodurch sie unterhalb desselben gerathen wäre. Sie machte ziemliche Fortschritte, hatte für mich eine lebhafte, wenn gleich nicht sehr tief eingewurzelte Anhänglichkeit und flößte durch ihre Einfalt, ihr munteres Geplauder und ihre Bemühungen zu gefallen, auch mir eine genügende Zuneigung zu ihr ein, so daß sich die Eine in der Andern Gesellschaft behaglich fühlen konnte.
Viele Leute, die sich zu feierlichen Lehren über die englische Natur der Kinder und über die Pflichten der Erzieher und Erzieherinnen, besagte Kinder abgöttisch zu lieben, bekennen, werden, im Vorbeigehen sey es gesagt, meine Sprache
sehr frostig finden; allein ich schreibe nicht, um elterlicher
Eigenliebe zu schmeicheln, albernes Gefasel nachzuplappern,
und die Heuchelei zu unterstützen; ich sage blos die reine
Wahrheit. Ich hatte eine gewissenhafte Sorgfalt für Adelens Wohlseyn und Fortschritte und eine ruhige Hinneigung
zu ihrer eigenen kleinen Person gerade so, wie ich für Mrs.
Fairfax, ihrer Güte wegen, die innigste Dankbarkeit hegte
und in ihrem Umgange eine Befriedigung empfand, welche
ihrer stillen Achtung für mich und ihrem sich gleichbleibenden Gemüthe und Charakter entsprach.
Es mag mich tadeln, wer Lust hat, wenn ich noch
hinzufüge. daß, wenn ich dann und wann allein spaziren
ging oder zum Gitterthor auf die Straße hinaussah, oder
während Adele mit ihrem Mädchen spielte und Mrs. Fairfax Früchte einsott, vom Dache herab bis zum fernen Horizont über einsame Felder und Hügel blickte mich die Sehnsucht nach einer Sehergabe überkam , über den engen Gesichtskreis hinaussehen zu können, die Sehnsucht nach wirklicher Weltanschauung, nach vielfältigerem Umgange mit Menschen von größerer Charakterverschiedenheit, als mir meine Umgebung darbot.
Ich erkannte die guten Eigenschaften Mrs. Fairfax's und Adelens; allein ich glaubte an die Existenz einer anderen lebendigeren Herzensgüte und was ich glaubte, das wünschte ich auch mit eigenen Augen zu sehen.
Wer wird mich tadeln? Sehr viele ohne Zweifel, und
man wird mir Unzufriedenheit vorwerfen. Doch ich konnte es nicht ändern, jene Rastlosigkeit lag nun einmal in meinem Wesen und peinigte mich zuweilen aufs Schmerzlichste.
In solchen Augenblicken bestand meine Zerstreuung darin, daß ich den langen Gang im dritten Stockwerke, mich in der Stille und Einsamkeit des Ortes sicher fühlend, rastlos
auf und ab wandelte und mein geistiges Auge an hellen
Visionen erfreute, wie sie in meinem Innern- und zuweilen hatte ich deren milde und glänzende auftauchten;
daß ich mein Herz höher schlagen ließ in jubelnder Bewegung, die es mit neuem Leben erfüllte, während sie es in
süße Verwirrung brachte; daß ich endlich, was mich
am glücklichsten machte, mir selbst eine endlose Erzählung
vorsagte, die meine Einbildungskraft schuf und mit all den
Zwischenfällen, dem Leben, dem Feuer, den Gefühlen
ausschmückte, wornach ich mich so sehr sehnte und die ich in
meinem wirklichen Daseyn so schmerzlich vermißte.
Es ist umsonst, wenn man sagt, der Mensch solle sich
mit einem ruhigen Leben begnügen; er bedarf der Bewegung und Aufregung ; er wird sie so lange suchen, bis er
sie findet. Millionen sind zu einem noch stilleren Loose verurtheilt, als das meinige war, und diese Millionen sind in
innerem Hader mit ihrem Schicksal. Niemand kann es sagen,
wie viele dergleichen Revolutionen nebst den politischen Aufständen, in jenen Massen von Leben gähren, welche die
Erde bevölkert. Im Allgemeinen hält man Frauen für
sehr ruhig; doch Weiber fühlen ebenso wie Männer; sie
bedürfen einer Uebung ihrer Fähigkeiten und eines Kampfplatzes für ihre Anstrengungen gleich ihren Brüdern; unter einem zu harten Zwange, einem zu unbedingten Stillstande
leiden sie ebenso gut wie die Männer, und es zeigt von
großer Engherzigkeit ihrer bevorzugteren Mitgeschöpfe, wenn
diese letzteren behaupten, die Frauen hätten sich aufs Puddingkochen, Stricken, Pianofortespielen und Börsenhäkeln zu beschränken. Es ist albern, sie zu verdammen oder auszulachen, wenn sie sich bemühen, mehr zu leisten und mehr zu lernen, als der gewöhnliche Schlendrian ihrem Geschlechte eigenmächtig zumißt.
In meiner Zurückgezogenheit hörte ich häufig Grace
Poole's Gelächter; denselben Laut, dasselbe leise „ha, ha“
welches mir beim ersten Male Hören durch Mark und Bein
gegangen war; auch ihr eigenthümliches Gemurmel hörte
ich und verwunderte mich darüber noch mehr, als über ihr
Lachen. An manchen Tagen war sie ganz still; an anderen
hingegen konnte ich die Laute, die sie ausstieß, kaum zählen.
Zuweilen sah ich sie; gewöhnlich trat sie mit einem Becken,
einer Schüssel, einer Speisetrage in der Hand aus ihrer
Stube, ging in die Küche hinunter, und kam bald darauf
(Verzeihung, mein romantischer Leser, daß ich die Wahrheit sage!) in der Regel mit einem Krug Porterbier zurück.
Ihr Aeußeres dämpfte jedesmal die Neugier, welche
ihre sonderbaren Harmonien rege gemacht hatten, ihre groben Gesichtszüge und ihre Unfreundlichkeit benahmen im
Voraus jedes weitere Interesse. Ich versuchte es mehremale,
ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen; doch schien sie sehr schweigsamer Natur zu seyn, eine einsylbige Antwort vereitelte in
der Regel meine diesfällige Anstrengung.
Die anderen Mitglieder des Hauswesens, nemlich
John und sein Weib, Leah, das Stubenmädchen, und
Sophie, die französische Bonne, waren lauter anständige
Leute, boten aber in keiner Beziehung etwas Besonderes;
mit Sophien sprach ich gewöhnlich französisch und frug sie
zuweilen über ihr Vaterland aus; doch sie war weder zu
Beschreibungen, noch zu Erzählungen sehr geneigt und gab
in der Regel unbestimmte und verwirrte Antworten, eher
geeignet weiteren Fragen auszuweichen, als sie hervorzurufen.
Die Monate October, November und December vergingen in dieser Weise. Eines Nachmittags, im Monate Januar, hatte Mrs. Fairfax für Adelen um Befreiung vom
Unterrichte gebeten, weil sie einen Schnupfen hatte, und da Adele die Bitte mit einem Eifer unterstützte, der mir in Erinnerung brachte, wie angenehm auch mir in meiner
Kindheit gelegentliche Ferientage gewesen waren, gab ich meine Einwilligung, überzeugt, an meiner Willigkeit in diesem Punkte ganz recht zu thun. Es war ein schöner, windstiller, wiewohl sehr kalter Tag; ich war vom Sitzen in der Bibliothek durch einen ganzen Vormittag müde geworden. Mrs. Fairfax hatte eben einen Brief geschrieben, der auf die Post kommen sollte, und da ich Bewegung machen wollte, setzte ich meinen Hut auf, nahm meinen Mantel um, und erbot mich freiwillig das Schreiben nach Hay zu tragen; die zwei Meilen zum Dorfe waren gerade ein
angenehmer Spazirgang für einen Wintertag. Nachdem
sich Adele in ihrem kleinen Stuhle in der Caminecke von
Mrs. Fairfax's Wohnung bequem gemacht, und ich ihr die
schönste Wachspuppe (die ich gewöhnlich in Silberpapier
eingewickelt in meiner Schublade barg) nebst einem Märchenbuche zur Abwechslung eingehändigt hatte, erwiederte
sie mir: Revenez bientot, ma bonne amie, ma
chere Mademoiselle Jeannette, mit einem Kusse, und
ich trat meinen Weg an.
Der Boden war gefroren, das Wetter ruhig, mein Pfad einsam, ich ging schnell bis mir warm wurde, und dann etwas langsamer, um das Vergnügen zu genießen

und zu zergliedern, das für mich in der Tageszeit und in der Umgebung lag. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug.
eben, als ich beim Thurme vorüberging; der Reiz des Augenblicks lag in der einbrechenden Dämmerung, in der dem Untergange zueilenden, blaß scheinenden Sonne. Ich befand mich eine Meile von Thornfield auf einem Fußwege, den im Sommer wilde Rosen, im Herbste Haselnüsse und Brombeeren schmückten, und der auch jetzt noch einige Schätze an korallenrothen Mehlbeeren und Hagebutten besaß, dessen größte Annehmlichkeit jedoch für mich in seiner gänzlichen Einsamkeit und seiner entblätterten Nacktheit bestand.
Erhob sich auch ein Wind, hier brachte er kein Geräusch
hervor; denn da gab es keine Stechpalmen, kein Immergrün, das der Luftzug durchrauschen konnte, und die entblätterten Hagedorn- und Haselsträuche waren so ruhig, wie
die weißen, abgetretenen Pflastersteine der Wegmitte. Weit
und breit, zu beiden Seiten dehnten sich Felder aus, auf
denen zu dieser Zeit kein Vieh weidete, und die kleinen,
braunen Vögelein, die dann und wann durch die Hecke
schwirrten, sahen aus wie einzelne, braunrothe Blätter,
die vergessen hatten abzufallen.
Dieser Pfad ging fortwährend hügelan, bis zum Dorfe
Hay; in der Mitte desselben angelangt, setzte ich mich auf
einen Steg nieder, der dort in eines der Felder führte. Den
Mantel enger um mich ziehend, und meine Hände im Muff
bergend, fühlte ich nichts von der Kälte, obwohl es tüchtig fror, wie an einer Eisrinde am Pflaster zu sehen war,
das ein kleines Bächlein vor einigen Tagen bei einem raschen Thauwetter überschwemmt hatte. Von meinem Sitze
aus konnte ich nach Thornfield hinabblicken; das graue Gebäude mit seinen Zinnen war der bemerkenswertheste Gegenstand unten im Thale; gegen Westen erhob sich das Gehölze und die Krähenzucht. Ich wartete bis die Sonne
hinter den Bäumen verschwand, und rein und carmoisinroth
unterging. Dann ging ich nach Osten zu.
Oben auf der Spitze des Hügels stand der aufgehende
Mond noch blaß wie eine Wolke nahm er doch von Minute zu Minute an Glanz zu und sah auf Hay hernieder,
das, halb zwischen Bäumen versteckt, aus seinen Schornsteinen einen bläulichen Rauch emporsandte; noch war ich
eine volle Meile entfernt, und schon konnte ich bei der tiefen rings herrschenden Ruhe die schwachen Laute der Lebendigkeit in seinen Häusern vernehmen. Auch das Rauschen
von Strömen unterschied ich; in welchen Thälern und Schluchten, konnte ich wohl nicht sagen, allein es gab so viele
Berge über Hay hinaus, und gewiß flossen viele Flüßchen
durch die Schluchten. Die Ruhe des Abends ließ das Murmeln des nächsten Baches und das Rauschen des fernsten
Stromes gleich gut ans Ohr gelangen.
Ein nahes Geräusch verdrängte mit einem Male das
ferne und doch so helle Gemurmel, ein massives Getrampel,
ein metallener Schall, welcher das sanfte Geplätscher der
Wellen verwischte, gleich wie auf einem Gemälde eine feste
Felsenmasse, oder die knorrigen Aeste einer starken Eiche,
dunkel und stark im Vordergrund aufgetragen, die blauen
Hügel, den sonnigen Horizont, die glänzenden Wolken der
luftigen Entfernung, wo eine Farbe in die andere verschwimmt, in den Hintergrund treten lassen.
Das Geräusch kam vom Steinwege her, ein Pferd kam
heran, noch verbargen es die Krümmungen des Weges, aber
es näherte sich. Ich wollte eben von meinem Platze fortgehen, da indessen der Pfad schmal war, blieb ich sitzen,

um es vorbei zu lassen. Damals war ich jung und eine
Unzahl düsterer und freundlicher Phantasiegebilde bevölkerten
mein Inneres: auch die Erinnerungen an Ammenmärchen
hatten unter andern Ruinen ihren Platz; und wenn sie auf
die Oberfläche kamen, gab ihnen die Reife der Jugend eine
weit größere Kraft und Lebendigkeit, wie sie die Kindheit
nie verleihen konnte. Während das Pferdegetrappel näher
kam und ich der Ankunft des Reiters im Abend dunkel entgegensah, erinnerte ich mich an einige von Bessie's Märchen,
in welchen ein nordenglisches Gespenst Namens Gytrash
eine große Rolle spielte, welches in der Gestalt eines Pferdes, eines Maulthieres und eines großen Hundes einsame
Wege heimsuchte und zuweilen auf verspätete Reisende zukam, wie eben jetzt das erwartete Pferd auf mich losging.
Es war schon sehr nahe, aber noch immer nicht sichtbar; auf einmal hörte ich nebst den Hufschlägen ein Rascheln in der Hecke und unten knapp an den Haselsträuchen
glitt ein großer Hund hin, dessen schwarz und weiß geflecktes
Fell sich ganz genau von den Büschen abzeichnete. Es war
in der That eine von Bessie's Verwandlungen des Gytrash, --
ein löwenähnliches Thier mit langen Mähnen und einem
großen Kopfe: es ging indessen ganz ruhig hei mir vorüber
und blieb nicht vor mir stehen, mich mit unheimlichen,
überhünischen Augen anzublicken, wie ich es halb und
halb erwartete. Das Pferd -- ein starker Hengst -- folgte
nach, auf seinem Rücken trug es einen Reiter. Der Mann,
ein menschliches Wesen, machte auf einmal allem Zauber
ein Ende. Das Gespenst ließ ja Niemanden aufsitzen: es war
immer allein; und wiewohl Kobolde, meiner Ansicht nach,
allerdings Thierkörper zu bewohnen pflegten, so hatte ich
doch nie gehört, daß sie sich in gewöhnlicher Menschengestalt sehen ließen. Nein, es war der Gytrash nicht, sondern
ein Reisender, der den Weg nach Millcote abschneiden wollte.
Er ritt vorüber und ich setzte meinen Weg fort; nach wenigen Schritten blickte ich herum: ein Rutscher, ein was der
Teufel ist da zu thun? und ein rasselnder Fall nahmen
meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Reiter und Pferd lagen
am Boden, das letztere war am Steinwege auf der Eisdecke
ausgerutscht. Der Hund kam in langen Sätzen zurück und
bellte, seinen Herrn in Gefahr sehend und das Gestöhne
des Pferdes hörend, im Verhältniß zu seiner Größe so übermäßig laut, daß das Echo in den Bergen wach wunde.
Dann beschnupperte er die am Boden liegende Gruppe und
lief auf mich zu; es war Alles, was er thun konnte und
keine andere Hilfe in der Nähe. Ich folgte der Aufforderung
und ging auf den Reiter los, der sich gerade unter seinem
Rosse hervorzuwinden suchte. Seine Anstrengungen waren
so stark, daß ich glaubte, er könne nicht viel Schaden genommen haben; dennoch frug ich ihn:
Sind Sie verletzt, mein Herr?
Ich glaube er fluchte, wiewohl ich's nicht gewiß sagen
kann; jedenfalls sprach er eine Formel aus, die ihn hinderte, mir augenblicklich zu antworten.
Kann ich Ihnen helfen? frug ich wieder.
Gehen Sie nur bei Seite, antwortete er während
er sich zuerst auf die Kniee und endlich auf die Beine erhob.
Ich folgte: und nun begann ein Heben, Stampfen, Rasseln,
von Gebell und Gewieher begleitet, daß ich wirklich auf
mehre Schritte zurücktrat, ohne mich jedoch ganz zu entfernen, bevor das Ereigniß zu Ende gekommen war. Das
Resultat war schließlich ein günstiges; das Pferd wurde wieder auf die Beine und der Hund mit einem barschen Leg

dich, Pilot zum Schweigen gebracht. Der Reisende hinkte
herum und befühlte seine Füße, um zu erfahren, ob sie
noch ganz wären; jedenfalls fehlte ihm etwas, denn er
hinkte zu dem Stege, von dem ich eben aufgestanden
war, und setzte sich nieder.
Ich war nun einmal in der Laune, dienstfertig zu seyn,
denn ich näherte mich ihm neuerdings.
Wenn Sie sich wehe gethan haben und Hilfe bedürfen, mein Herr, kann ich Jemanden zum Beistand entweder
von Thornfieldhall oder von Hay holen.
Ich danke Ihnen; es wird schon gehen: ich habe mir
nichts gebrochen, nur ein wenig den Fuß verstaucht, und
wieder erhob er sich und versuchte es zu gehen, doch die
Bewegung entlockte ihm unwillkürlich ein schmerzliches
Uf!
Noch war Etwas von der Tageshelle übrig und der
Mond glänzte in voller Schönheit; ich konnte den Mann
ziemlich ins Auge fassen. Seine Gestalt war in einen Reitermantel mit Pelzkragen und stählerner Schließe gehüllt;
genau konnte ich sie also nicht sehen, doch schätzte ich sie von
mittlerer Größe mit ziemlich breiter Brust. Sein Gesicht war
braun, von starrem Ausdruck und zeigte eine finstere Stirne;
seine Augen und zusammengewachsenen Augenbrauen verkündigten eben jetzt Zorn und Gereiztheit; er war über die
jungen Jahre hinaus, jedoch noch nicht im mittleren Alter
angelangt; vermuthlich zählte er fünfunddreißig Jahre.
Wäre es ein schöner romantisch aussehender junger Herr
gewesen, ich hätte mich nicht getraut, ihn trotz seines
Widerwillens zu befragen und ihm meine Dienste aufzudringen. Ueberhaupt hatte ich eigentlich noch nie einen
schönen jungen Mann gesehen. noch viel weniger gesprochen. Ich hegte eine theoretische Achtung und Verehrung für Schönheit, Eleganz, Galanterie und Anmuth; doch hätte ich alle diese Eigenschaften in der Gestalt eines Mannes verkörpert angetroffen, eine innere Stimme hätte mir sofort zugerufen, daß weder jene noch dieser mit mir oder
mit irgend Etwas an mir sympathisiren könnten und wie
dem Feuer, dem Blitz oder einem andern glänzenden, doch gefährlichen Gegenstande wäre ich ausgewichen.
Und selbst wenn dieser Fremdling mir gelächelt, mir gutmüthig geantwortet, mein Anerbieten freundlich und mit Dank abgelehnt hätte, wäre ich meiner Wege gegangen,
ohne meine Fragen zu erneuern; doch das Stirnrunzeln,
die Rauheit des Reiters gaben mir Muth: ich blieb auf dem
Platze stehen, den er mir angewiesen, als er mich gehen
hieß, und fuhr fort:
Ich kann nicht daran denken, mein Herr, Sie in so
später Stunde allein auf diesem einsamen Pfade zu lassen,
bis ich weiß, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd wieder
zu besteigen.
Er sah mich an, als ich dies sagte: zuvor hatte er
nicht einmal den Blick nach mir gewendet.
Ich dächte, Sie sollten eilen selbst nach Hause zu
kommen, wenn Sie hier in der Nähe zu Hause sind,
sagte er. Woher sind Sie?
Von dort unten. Uebrigens habe ich durchaus keine
Angst im Mondlichte spät Abends auszugehen; gerne will
ich Ihretwegen nach Hay hinüberlaufen; ich muß ohnedies
hin, und einen Brief auf die Post tragen.
Dort unten wohnen Sie -- meinen Sie etwa das
Gebäude mit den Zinnen? Dabei deutete er auf Thornfieldhall, welches der Mond mit seinem hellen Schimmer

beschien und aus dem Gehölze hervor hob, das unterm Schatten einer westlichen Wolke wie eine finstere Masse dalag.
Ja. mein Herr.
Wem gehört das Haus?
Mr. Rochester.
Kennen Sie Mr. Rochester?
Nein, ich habe ihn nie gesehen.
Er wohnt also nicht dort?
Nein.
Können Sie mir sagen wo er sich aufhält?
Ich weiß es nicht.
Sie sind doch keineswegs eine Dienerin des Herrenhauses? Sie sind--. Er hielt inne und musterte meinen
Anzug, der wie gewöhnlich sehr einfach war und in einem
schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Biberhute
bestand; mein ganzes Aeußere war selbst für eine Herrenmagd lange nicht schön genug. Er zögerte mit seinem Ausspruche: ich kam ihm zu Hilfe.
Ich bin die Erzieherin.
Ah, die Erzieherin wiederholte er; der Guckguck
hole mich, wenn ich mehr daran dachte! Die Erzieherin
und wieder unterzog er meinen Anzug einer Prüfung. Zwei
Minuten später stand er vom Wege auf; sein Gesicht drückte
Schmerz aus, da er sich fortbewegte.
Ich kann Sie nicht beauftragen, mir Hilfe zu holen,
sagte er; doch mögen Sie mich selbst ein wenig stützen,
wenn Sie so gut seyn wollen.
Gerne, mein Herr!
Sie haben keinen Schirm, den ich als Stock verwenden könnte?
Nein.

Versuchen Sie es die Zügel meines Pferdes zu fassen
und führen Sie es zu mir. Sie fürchten sich doch nicht?
Ich hätte mich gefürchtet ein Pferd von freien Stücken zu berühren, doch that ich es herzhaft, da es mir geheißen wurde. Ich legte meinen Muff nieder und ging auf das
Roß zu; ich versuchte es den Zügel zu packen, allein es
war ein muthiges Thier und ließ mich nicht bis zum Kopfe
heran; ich machte eine Anstrengung um die andere, doch umsonst; die ganze Zeit über fürchtete ich mich vor dem Ausschlagen des Pferdes. Der Reisende wartete und sah einige
Zeit zu; endlich brach er in ein Gelächter aus.
Ich sehe, sagte er, der Berg wird nie zu Mahomet gebracht werden, somit ist's am besten, Sie helfen Mahomet zum Berge hin. Bitte, kommen Sie her.
Ich kam --Entschuldigen Sie, fuhr er fort, daß
mich die Noth zwingt, Sie so zu mißbrauchen. Er legte
einen schweren Arm auf meine Schulter und indem er sich
mit ziemlicher Gewalt auf mich stützte, sprang er ans Pferd
hinan. Nachrem er einmal die Zügel erfaßt hatte, hielt er
sie fest und schwang sich in den Sattel, nicht ohne grimmige
Gesichter zu schneiden, da er sich bei dieser Bewegung den
Fuß noch ärger verstauchte.
Und nun, sagte er, seine Unterlippe loslassend, in
die er vor Schmerz gebissen hatte, wollen Sie mir gefälligst meine Reitgerte herlangen, sie liegt dort unter der
Hecke.
Ich suchte und fand sie.
Ich danke Ihnen und jetzt eilen Sie auf die Post,
machen Sie, daß Sie bald nach Hause kommen.
Er gab seinem Pferde die Sporen, das sich anfänglich

bäumte und dann im Galopp davon sprengte; der Hund lief
nach, alle Drei verschwanden
Wie Haidekraut im öden Land
Vom Wind hinweggeweht.
Ich hob meinen Muff auf und ging meiner Wege; der
Zwischenfall war nun zu Ende; es war ein Ereigniß von
geringer Bedeutung, nicht im Mindesten romantisch oder
interessant; doch brachte es wenigstens für eine Stunde eine
kleine Abwechslung in mein einförmiges Leben. Meine Hilfe
that Noth und ward in Anspruch genommen, ich hatte sie
gewährt; es freute mich, doch Etwas gethan zu haben; so
alltäglich und gewöhnlich auch meine Leistung war, ich hatte
doch irgend eine Thätigkeit entwickelt und längst schon war
ich meines durch und durch passiven Daseyns müde. Auch
das neue Gesicht war einem neuen, der Gemäldegallerie
meiner Erinnerung eingereihten Bildniß zu vergleichen; es
hatte mit allen andern Porträts der ersteren nicht die geringste
Aehnlichkeit, erstens da es einen Mann vorstellte, zweitens
weil es ein düsteres, kräftiges, starres Gepräge trug. Ich
sah es ohne Unterlaß vor mir, als ich nach Hay kam und
den Brief auf die Post trug; es begleitete mich auf dem ganzen Heimwege, als ich bergab schnellen Schrittes nach Hause
ging. Bei dem Stege angelangt, hielt ich eine Minute an,
sah um mich und horchte; ich dachte wieder den Hufschlag
eines Pferdes zu hören und einen in einen Mantel gehüllten Reiter mit einem gespenstischen Neufoundländer zu sehen;
doch nur die Hecke und ein im Mondscheine gerade emporsteigender, beschnittener Weidenbaum zeigten sich meinen
Blicken, nur der leise Hauch des Windes schlug an mein
Ohr, wie er eine Meile weiter durch die Bäume von Thornfield rauschte und als ich meine Augen nach dem letzteren

Orte richtete, erspähte ich ein Licht in einem der Frontezimmer des Herrenhauses; ich erinnerte mich, daß es spät sey,
und beschleunigte meine Schritte.
Nur mit Widerstreben kehrte ich nach Thornfield zurück; die Schwelle der Hausthüre überschreiten hieß für mich
zum ewigen Stillstande zurückkehren. Wenn ich die stille
Halle durchwandelte, die finstere Treppe erklomm, in mein
kleines Gemach trat, und endlich die stille Mrs. Fairfax aufsuchte, um mit ihr und nur mit ihr den langen Winterabend zuzubringen, verdrängte ich da nicht mit einem Male
die geringe Aufregung, welche der Abendspazirgang in
mir hervorgerufen hatte, um mein Gemüth vom Neuen in
die endlosen Fesseln eines zu eintönigen, zu stillen Daseyns
zu legen, eines Daseyns, dessen Sicherheit und Bequemlichkeit ich nicht zu schätzen vermochte? Wie gut hätte es mir
damals gethan, im Sturme eines unsicheren, kämpfereichen
Lebens hin- und hergeschleudert, und durch bittere, schmerzliche Erfahrungen dahin gebracht zu werden, mich von freien
Stücken nach jener Ruhe zu sehnen, inmitten welcher ich
mich nun im Gegentheil so unglücklich fühlte! Eben so gut
wie ein weiter Spazirgang einem Manne, der des langen
Sitzens im zu bequemen Armstuhle müde ist; der Wunsch
nach Bewegung war in meinen Verhältnissen wohl eben so
natürlich, wie in den Verhältnissen dieses letzteren.
Ich zögerte am Gitterthore einzutreten, ich zögerte den
Grasplatz zu überschreiten; ich ging am Steinpflaster vor-
und rückwärts; die hölzernen Läden der Glasthüre waren
geschlossen; ich konnte nicht hindurch sehen und Augen und
Geist schienen vor dem finstern Gebäude, der düstern mit
lichtleeren Zellen gefüllten Höhle, wie mir das Haus vorkam, zurückzuschrecken, und sich dem blauen, wolkenlosen

Horiont über meinem Haupte, dem majestätisch durch das
blaue Himmelsmeer ziehenden Monde zuzuwenden, dessen
Scheibe dem in seiner unergründlichen Tiefe und unermeßlichen Entfernung mitternächtig dunklen Zenith zusteuerte;
und die zitternden Sterne, die seinem Laufe folgten, machten
auch mein herz erzittern und meine Pulse schlagen, wie meine
Blicke an ihnen hafteten. Kleine Zufälle geben uns dem
irrischen Daseyn wieder: die Wanduhr der Vorhalle schlug,
das genügte; ich ließ Mond und Sterne, öffnete ein Seitenpförtchen und trat ins Haus.
Die Vorhalle wau nicht finster, wiewohl die Bronzelampe an der Decke noch nicht brannte; eine warme helle
Glut beschien sowohl die Halle als die unteren Stufen der
eichenen Treppe. Der rothe Lichtschein kam aus dem Speisesaale, dessen Doppelthüre offen stand und ein gemüthliches
Feuer im Camine sehen ließ, welches das marmorne Gesimse und den messingenen Feuerbock beleuchtete und die
purpurnen Draperien und glänzenden Möbel mit seiner
anmuthigen Helle aus der Dunkelheit hervorhob. Auch eine
Gruppe in der Caminecke war sichtbar; ich hatte sie kaum
ins Auge gefaßt und das fröhliche Gesumme mehrer Stimmen, darunter auch diejenige Adelens vernommen, als sich
die Thüre mit einemmale schloß.
Ich eilte in Mrs. Fairfax's Stube: auch dort brannte
ein Feuer; aber weder eine Kerze noch Mrs. Fairfax waren
zu sehen. An ihrer Stelle am Teppich saß ganz allein und
ernsthaft in die Feuerglut blickend ein großer, schwarz und
weiß gefleckter, langhaariger Hund, dem Hunde des Reiters
so ähnlich, daß ich auf ihn zuging und ihn mit einem lauten „Pilot“ anrief; das Thier stand auf, kam auf mich
los und beschnupperte mich. Ich liebkoste es und es wedelte

mit seinem langen Schweife; doch wurde mir unheimlich
ganz allein bei dem Hunde, von dem ich nicht einmal wußte,
woher er gekommen war. Ich zog die Klingel, denn ich
wollte ein Licht und eine Erklärung über den vierbeinigen
Gast haben. Leah trat ein.
Was ist das für ein Hund?
Er kam mit seinem Herrn.
Mit wem?
Mit seinem Herrn -- Mr. Rochester -- der soeben
anlangte.
Wirklich! und ist Mrs. Fairfax bei ihm?
Ja wohl, und Miß Adela auch: sie sind alle im
Speisesaale und John ist um einen Arzt gegangen: denn
der Herr ist vom Pferde gefallen und hat sich den Fuß
verrenkt.
Wohl gar am Wege nach Hay?
Ja, den Hügel herunter; das Pferd rutschte auf
Eise aus.
Ah so! Bringen Sie mir ein Licht, Leah!
Leah brachte das Verlangte, hinter ihr kam Mrs.
Fairfax, welche die ebenerwähnte Neuigkeit wiederholte und
hinzufügte, Mr. Carter der Arzt sey gerade gekommen und
in diesem Augenblicke bei Mr. Rochester. Darauf huschte
sie wieder zur Stube hinaus, um Thee zu bestellen, und ich
ging in meine Stube, Hut und Mantel abzulegen.

Dreizehntes Capitel.

Auf Anordnung des Arztes legte sich Mr. Rochester
zeitlich zu Bette und stand auch am nächsten Morgen eben
nicht sehr früh auf. Als er herunter kam, war es, um Geschäfte abzuthun; sein Verwalter und mehre Pächter waren
gekommen, ihn zu sprechen.
Adela und ich mußten nun das Bibliothekzimmer räumen, da es fortan als Empfangszimmer für Besucher dienen sollte. In einem oberen Gemache wurde Feuer angemacht und dorthin trug ich unsere Bücher und richtete es
zum künftigen Lehrzimmer ein. Noch im Verlaufe desselben
Morgens bemerkte ich, wie sehr sich Thornfieldhall verändert hatte: nicht länger war das Gebäude still wie eine
Kirche, fast alle Stunden ertönte es vom Klopfen an der
Thüre und vom Klange der Glocke; Schritte ließen sich in
der Halle vernehmen und fremde Stimmen wurden unten in
den verschiedensten Tonarten laut: mit Einem Worte, ein
neues Leben strömte durch die Räume des Hauses; es hatte
nun seinen Herrn wieder und die Wahrheit zu sagen, gefiel es nun auch mir viel besser.
Mit Adelens Lehrstunden hieß es an diesem Tage nichts
viel; sie war nichts weniger als fleißig: alle Augenblicke
lief sie zur Thüre oder zum Treppengeländer, um Mr.
Rochester, wenn auch nur im Fluge zu sehen; dann ersann
sie wieder einen Vorwand nach dem andern, um hinunter
ins Bibliothekzimmer gehen zu können, wo sie eigentlich,
wie ich wohl wußte, nichts zu thun hatte; und als ich sie
über ihr Herumlaufen etwas böse, endlich einmalstill sitzen
hieß, sprach sie unaufhörlich von Ihrem „ami, Monsieur
Edouard Fairfax de Rochester,“ wie sie ihn nannte
(seinen vollen Titel hatte ich noch nie gehört), und erschöpfte sich in Muthmaßungen, was für Geschenke er ihr
wohl mitgebracht hätte. Allem Anscheine nach hatte er am
Abend zuvor erwähnt, unter seinem Gepäcke, wenn es von

Millcote käme, befände sich auch eine gewisse kleine Schachtel,
für deren Inhalt sie sich sehr interessirte.
Und daraus schließe ich, sagte sie auf französisch,
daß diese Schachtel ein Geschenk für mich und wahrscheinlich auch eines für Sie enthält. Monsieur bat von Ihnen gesprochen: er hat mich um den Namen meiner Erzieherin gefragt und ob es nicht eine kleine, hagere, etwas
blasse Person wäre. Ich bejahte es, denn es ist so, nicht
wahr, Mademoiselle?
Wie gewöhnlich mittagmahlte ich mit meinem Zöglinge
in Mrs. Fairfax Wohnstube; der Nachmittag war rauh,
voll Schneegestöber und wir brachten ihn im Schulzimmer
zu. Als es finster geworden war, erlaubte ich Adelen ihre
Bücher und ihre Arbeit bei Seite zu legen und hinabzugehen; denn aus der verhältnißmäßigen Stille im untern
Stockwerke schloß ich, Mr. Rochester sey nun allein und
habe Zeit. Nachdem mich das Kind verlassen hatte, trat ich
zum Fenster; doch ich konnte nichts sehen, denn die eingebrochene Dämmerung und der dichte Schneefall verfinsterten
die Luft und machten sogar das Gesträuch des Grasplatzes
unsichtbar. Ich ließ den Vorhang herunter und ging zum
Camine zurück.
In die helle Kohlenglut blicken, dachte ich eine Ansicht des Heidelberger Schlosses zu sehen, wie man es mir
einmal auf einem Bilde gezeigt hatte, als Mrs. Fairfax in
die Stube trat und sowohl die feurige Vision als auch einige
trübe Gedanken verscheuchte, die eben in meinem Innern
aufzusteigen begannen.
Mr. Rochester läßt um das Vergnügen Ihrer und
Adelens Gegenwart beim Thee im Gesellschaftszimmer bitten, sagte sie; er war den ganzen Vormittag so sehr
beschäftigt, daß er Sie nicht früher darum ersuchen konnte.
Um welche Stunde pflegt er Thee zu nehmen?
frug ich.
Um sechs Uhr: auf dem Lande thut er alle Mahlzeiten
sehr zeitlich ab. Sie werden wohl thun, sich jetzt umzukleiden. Ich will mit Ihnen gehen und Ihnen das Kleid zumachen. Hier ist eine Kerze.
Ist's denn nöthig ein anderes Kleid anzuziehen?
Freilich, es ist immer besser: ich wenigstens, ich ziehe mich
für den Abend immer um, wen Mr. Rochester hier ist.
Die überflüssige Ceremonie roch etwas nach Steifheit:
doch ging ich auf meine Stube und vertauschte mit Mrs.
Fairfax's Hilfe mein schwarzwollenes Kleid mit einem
schwarzseidenen, nächst einem lichtgrauen Anzuge, der aber
nach meinen Lowooder Toillettebegriffen viel zu schön war,
um bei andern, als den allerfeierlichsten Gelegenheiten getragen zu werden, das beste Stück meiner Garderobe.
Sie müssen eine Broche vorstecken, bemerkte Mrs.
Fairfax. Ich besaß blos eine kleine mit Perlen besetzte
Schnalle, welche mir Miß Temple beim Scheiden zum Andenken gegeben hatte; ich befestigte sie ans Kleid und wir
gingen die Treppe hinunter. An den Verkehr mit unbekannten Personen nur wenig gewöhnt, hielt ich meine förmliche
Erscheinung in Mr. Rochester's Gegenwart beinahe für
eine Tortur. Ich ließ Mrs. Fairfax vorausgehen und drückte
mich in ihren Schatten, während wir durch den Speisesaal
und weiter durch den Bogen schritten, dessen Vorhang jetzt
gezogen war und die eleganten Räume des Besuchszimmers verhüllte.

Zwei Wachslichter standen auf dem Tische, zwei andere auf dem Caminsimse; im Lichte und in der Wärme
eines vortrefflichen Feuers lag Pilot, neben welchem Adela
am Boden kniete. Halb auf einem Sopha liegend, den Fuß
durch ein Kissen unterstützt war Mr. Rochester sichtbar, der
Glanz des Feuers beschien sein Antlitz. Sofort erkannte ich
den Reisenden von gestern an seinen schwarzen, buschigen
Augenbraunen, an seinem viereckigen, durch den horizontalen Schnitt der Haare noch viereckiger erscheinenden Vorderkopfe, auch die markirte, mehr durch Charakter als durch
Schönheit ausgezeichnete Nase, die weiten cholerischen Nasenlöcher, der verzogene Mund nebst Kinn und Kinnlade.
Alles das sah ich wieder und ein Irrthum war unmöglich.
Wie ich nun, da kein Mantel seine Gestalt verhüllte, bemerken konnte, harmonirte die Viereckigkeit der letzteren
mit seiner Physiognomie auf's Vollkommenste, wohl mochte
seine Figur vom athletischen Standpunkte aus befriedigen,
da sie eine breite Brust und schmale Taille aufwies, allein
schlank und graziös konnte man sie durchaus nicht nennen.
Mr. Rochester mußte unser Eintreten bemerkt haben:
doch schien er nicht in der Laune zu seyn, von mir und
Mrs. Fairfax Kenntniß zu nehmen, denn er hob nicht einmal den Kopf in die Höhe, als wir näher kamen.
Miß Eyre, Sir, sagte Mrs. Fairfax, mich ihm
vorstellen in ruhiger Weise. Er nickte, ohne die Augen
von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde zu verwenden.
Lassen Sie Miß Eyre Platz nehmen, versetzte er
und in dem förmlichen, steifen Kopfnicken, dem ungeduldigen Tone lag etwas, das zu sagen schien: Was zum
Guckguck geht es denn mich an, ob Miß Eyre hier ist,

oder nicht? Jetzt bin ich gerade nicht aufgelegt, sie anzureden.
Ich setzte mich nieder; jede Verlegenheit war von mir
gewichen. Ein vollendet höflicher Empfang hätte mich wahrscheinlich verwirrt gemacht; ich hätte ihn meinerseits weder
mit hinreichender Grazie noch mit Eleganz erwiedern können; barsche Laune hingegen befreite mich von aller Verbindlichkeit; vielmehr gab mir meine von guter Lebensart
zeigende bescheidene Ruhe allen Vortheil in die Hand. Zudem war das Ungewöhnliche in Mr. Rochester's Benehmen
wirklich pikant; ich war neugierig, was nun weiter werden sollte.
Er benahm sich wie eine Bildsäule: das heißt er sprach
nicht, und bewegte sich ebenso wenig. Mr. Fairfax schien
es für nöthig zu erachten, daß irgend Jemand Liebenswürdigkeit entwickle, und begann zu sprechen. Freundlich und hausbacken wie gewöhnlich, bedauerte sie Mr. Rochester wegen
der vielen Geschäfte, die er den ganzen Tag über gehabt;
wegen der Schmerzen, die ihm seine Verrenkung verursachen
müsse, und bewunderte schließlich die Geduld, die er bei
allen diesen Anlässen gezeigt hätte.
Madame, ich möchte Thee haben , war die einzige
Antwort die sie ihm entlockte. Sie beeilte sich zu klingeln
und als das Theegeschirr anlangte, machte sie sich mit den
Tassen, Löffeln u. s. w. zu thun. Ich und Adele setzten
uns an den Tisch; der Herr des Hauses jedoch blieb auf
dem Sopha liegen.
Wollen Sie Mr. Rochester seine Tasse hinlangen ,
sagte Mrs. Fairfax zu mir; Adele möchte den Thee verschütten.
Ich that nach Gebot. Als er mir die Tasse aus der

and nahm, hielt Adela den Augenblick für günstig, ein
Wort zu meinen Gunsten einzulegen.
N’est-ce pas, Monsieur, qu’il y a un cadeau
por Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?
Wer spricht von Cadeau's, sagte er mürrisch; haben Sie ein Geschenk erwartet, Miß Eyre? Haben Sie es
gerne, wenn man Sie beschenkt? Dabei ließ er seine schwarzen,
galligen, durchbohrenden Augen forschend auf mir ruhen.
Ich weiß es nicht recht, Sir; ich kann darüber nicht
aus Erfahrung sprechen: im Allgemeinen pflegen Geschenke
recht willkommen zu seyn.
Im Allgemeinen! Ich will wissen, was Sie davon
denken?
Ich müßte mir Zeit nehmen nachzudenken, bevor
ich Ihnen eine Antwort geben könnte, welche würdig wäre,
von Ihnen entgegen genommen zu werden; ein Geschenk
kann mannigfache Bedeutung haben, und man müßte sie
alle wohl erwägen, ehe man ein vernünftiges Urtheil zu
fällen im Stande wäre.
Miß Eyre, Sie sind nicht so offenherzig wie Adela;
die verlangt von mir unter Geschrei und Lärm ein Geschenk,
den Augenblick, wo sie mich sieht, Sie hingegen gehen wie
die Katze um den Brei herum.
Weil ich in meine Verdienste weniger Vertrauen setze,
als Adela in die ihrigen; für sie spricht das Recht einer
älteren Bekanntschaft, und das Gewohnheitsrecht; denn wie
sie selbst sagt pflegen Sie ihr stets Spielsachen zu schenken; sollte ich hingegen meine Ansprüche geltend machen,
wäre ich wirklich in Verlegenheit, da ich Ihnen fremd bin,
und durch nichts Ihre Erkenntlichkeit verdient habe.
Oh! nur nicht zu bescheiden ! Ich habe Adelen geprüft und gefunden, daß Sie sich sehr viel Mühe genommen
haben: das Mädchen hat keine schnelle Fassungskraft und
keine besonderen Talente, und doch hat sie in der kurzen
Zeit große Fortschritte gemacht.
Sir, dieser Ausspruch ist das schönste Geschenk, ich
danke Ihnen; es kann für eine Lehrerin nichts Angenehmeres geben, als die Fortschritte ihres Zöglings anerkannt
zu sehen!
O! rief Mr. Rochester und leerte seine Tasse.
Kommen Sie zum Feuer, fuhr er fort, als der
Tisch abgeräumt war und Mrs. Fairfax sich mit ihrer
Strickerei in eine Ecke zurückgezogen hatte, während mich
Adela im Zimmer herumführte, und die Prachtwerke und allerliebsten Kleinigkeiten auf den Chiffonieren und Nipptischchen sehen ließ. Wir folgten der Aufforderung: Adela
wollte sich auf meinen Schooß setzen, allein sie bekam Befehl sich mit Pilot zu unterhalten.
Sie sind nun drei Monate in meinem Hause?
Ja, mein Herr.
Und Sie kamen von Lowood, einer Erziehungsanstalt in der Grafschaft ***
Aha! eine Waisenschule. Wie lange waren Sie dort?
Acht Jahre.
Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich
war der Meinung, die Hälfte eines solchen Zeitraumes in
einer solchen Anstalt zugebracht, müßte die kräftigste Natur
aufreiben. Kein Wunder, daß Sie aussehen, als gehörten
Sie bereits der andern Welt an. Ich wußte nicht recht,
wo Sie Ihr Gesicht her hätten. Als sie gestern Abends
am Wege nach Hay auf mich zukamen, dachte ich unwillkürlich an Feenmärchen, und wollte Sie beinahe fragen,
ob Sie mein Pferd behext hätten, und fast glaube ich's noch jetzt. Wer sind Ihre Eltern?
Ich habe keine.
Und hatten auch nie welche, denk' ich. Können Sie sich ihrer entsinnen?
Nein.
Dacht' ich's doch! Sie erwarteten also Ihre Unterthanen, als Sie auf jenem Stege saßen?
Meine Unterthanen? Wie so?
Ei nun, die Elfen und Grasmännchen; der mondhelle Abend war dazu wie geschaffen. Durchbrach ich einen
Ihrer Elfenringe, daß Sie zur Strafe das Eis unter die
Hufe meines Pferdes zauberten?
Ich schüttelte den Kopf. Die Elfen und Grasmännchen haben England schon seit Hunderten von Jahren verlassen, sagte ich mit demselben Ernst. Nicht einmal in
den Feldern und auf den Wegen ringsum findet man eine
Spur von ihnen. Ich glaube weder im Sommer, noch im,
Herbst, noch im Winter wird der Mond je wieder ihre
Tänze bescheinen.
Mrs. Fairfax ließ ihre Strickerei fallen und sah uns
voll Verwunderung an, was für ein Gespräch wir wohl
führten.
Nun denn, hob Mr. Rochester wieder an, wenn
Sie auch keine Eltern haben, so müssen Sie doch andere
Verwandte, Onkel und Tanten besitzen?
Nein, ich habe nie welche gesehen.
Und wo ist Ihre Heimat?
Ich habe keine Heimat.
Wo leben Ihre Geschwister?

Ich habe keine Geschwister.
Wer empfahl Sie zu Ihrer jetzigen Stelle?
Ich setzte ein Gesuch in die Zeitung, worauf mich
Mrs. Fairfax kommen ließ.
Ja wohl, sagte die gute Dame, die nun unser Gespräch wieder verständlich fand, »und ich danke Gott täglich
für die gute Wahl, die er mich treffen ließ. Miß Eyre,
war mir eine unschätzbare Gesellschafterin, und Adelen eine gütige und sorgsame Lehrerin.
Geben Sie sich keine Mühe mit Ihrer Anempfehlung, versetzte Mr. Rochester; Lobsprüche thun es bei
mir nicht, ich muß erst selbst urtheilen. Bei mir hat
sie den Anfang damit gemacht, daß sie mein Pferd zum
Stürzen brachte.
Wie, bitt' ich? sagte Mrs. Fairfax.
Ich habe ihr diese Verrenkung zu verdanken.
Die gute Frau sah ganz bestürzt darein.
Haben Sie je in einer Stadt gelebt, Miß Eyre?
Nein.
Sind Sie viel in Gesellschaft gewesen?
In keiner andern als derjenigen der Zöglinge und
der Lehrerinnen zu Lowood und jetzt der Bewohner von
Thornfield.
Haben Sie viel gelesen?
Blos solche Bücher, die mir gerade in die Hände
fielen und die waren weder zah lreich, noch sehr gelehrt.
Sie haben ja wie eine Nonne gelebt: ohne Zweifel
sind Sie in religiösen Ceremonien sehr bewandert. Brocklehurst, der Director von Lowood, ist ein Pfarrer, wie ich
gehört habe; nicht wahr?
Ja, mein Herr.

Und Ihr Mädchen verehrtet ihn wahrscheinlich wie
ein Kloster voll Nonnen seinen geistlichen Schutzherrn
verehrt?
O nein.
Sie sind sehr frostig! Nein, sagen Sie. Wie, eine
Novize sollte ihren Beichtiger nicht verehren? Das klingt ja
wie Gotteslästerung.
Ich konnte Mr. Brocklehurst nicht leiden, und nicht
ich allein hegte dieses Gefühl. Er ist ein harter Mann, ein
hochtrabender Mensch und zugleich ein Topfgucker, er ließ
uns die Haare abschneiden und kaufte uns aus lauter Sparsamkeit schlechte Nadeln und schlechten Zwirn, daß wir
kaum nähen konnten.
Eine übel angewandte Sparsamkeit, bemerkte Mrs.
Fairfax, die nun wieder den Faden unseres Gespräches erfaßt hatte.
Und war das seine größte Missethat? fragte Mr.
Rochester.
Er ließ uns Hunger leiden, so lange er allein die
Aufsicht über das Hauswesen führte und bevor ein Ausschuß
eingesetzt war; und er quälte uns wöchentlich einmal mit
langen Andachtsübungen und mit Abendvorlesungen aus
Büchern von eigener Fabrikation, über plötzliche Todesfälle
und Gottesurtheile, daß wir uns ordentlich fürchteten zu
Bett zu gehen.
Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
Beiläufig zehn Jahre.
Und Sie brachten daselbst acht Jahre zu: Sie sind
so gegenwärtig achtzehn Jahre alt?
Ich bejahte es.

Die Rechenkunst ist, wie Sie sehen, zu Vielem nütze,
ohne ihre Beihilfe wäre ich kaum im Stande gewesen, Ihr
Alter zu errathen. Es ist sehr schwer zu bestimmen, sobald,
wie dies bei Ihnen der Fall ist, die Züge und der Gesichtsausdruck so sehr im Unklaren lassen. Und nun, was haben Sie in Lowood gelernt? Können Sie Pianoforte
spielen?
Ein wenig.
Richtig; das ist die gewöhnliche Antwort. Gehen
Sie ins Bibliothekzimmer -- wenn es Ihnen gefällig ist,
will ich sagen. -- (Verzeihen Sie meinen befehlenden Ton;
ich bin es einmal gewohnt, und kann meine Gewohnheiten
einer neuen Hausbewohnerin wegen nicht ablegen) -- Gehen Sie also ins Bibliothekzimmer, nehmen Sie ein Licht
mit, lassen Sie die Thür offen, setzen Sie sich zum Piano
und spielen Sie ein Stück.
Ich ging seinen Befehl zu vollführen.
Genug! rief er nach wenigen Minuten. Sie spielen wirklich ein wenig, wie ich bemerke; wie jedes andere
Schulmädchen, vielleicht auch etwas besser, aber nicht gut.
Ich machte das Piano zu und kam zurück. Mr. Rochester fuhr fort:
Adele zeigte mir diesen Morgen einige Skizzen, wie
sie sagte, von Ihrer Hand. Ich weiß nicht ob Sie sie ganz
allein gezeichnet haben, wahrscheinlich hat Ihnen ein Meister geholfen.
Nein, gewiß nicht! wehrte ich ab.
Ei, verletzte Eigenliebe! Nun gut, bringen Sie ihr
Skizzenbuch her, wenn Sie sich verbürgen können, daß
Alles von Ihrer Hand ist; aber bedenken Sie sich wohl,

ehe Sie Ihr Wort geben: denn ich versichere Sie, daß ich
alle Nachbesserungen erkenne.
Dann will ich lieber nichts sagen und Sie mögen
selbst urtheilen.
Ich holte mein Skizzenbuch aus dem Bibliothekzimmer.
Rücken Sie den Tisch näher. Ich rollte ihn zum
Sopha. Adele und Mrs. Fairfax kamen herbei, die Zeichnungen anzusehen.
Kein Gedränge, sagte Mr. Rochester; nehmt die
Blätter aus meiner Hand, wenn ich damit fertig bin, aber
lehnt eure Gesichter nicht an das meine.
Er untersuchte jede Skizze und jede Malerei mit Aufmerksamkeit. Drei Blätter legte er bei Seite; die übrigen
schob er von sich.
Nehmen Sie sie zum andern Tische hin, Mrs. Fairfax, sagte er, und sehen Sie die Blätter mit Adelen
durch; -- Sie (er blickte mich an) nehmen wieder Ihren Platz ein und beantworten mir einige ragen. Ich sehe,
daß diese Gemälde von einer Hand sind: wohl von der
Ihrigen?
Ja.
Und wann fanden Sie Zeit, dieselben zu vollenden? Denn sie erforderten viel Zeit und viel Nachdenken.
Ich malte sie in den beiden letzten Ferien, die ich
zu Lowood zubrachte, wo ich nichts weiter zu thun hatte.
Woher nahmen Sie die Idee dazu?
Aus meinem Kopfe.
Aus demselben Kopfe, den ich da auf Ihren Schultern sehe?

Enthält er einen weiteren Vorrath von derlei
Dingen?
Ich sollt' es meinen: ich hoffe noch bessere Sachen.
Er legte die drei Gemälde in einer Reihe vor sich hin
und betrachtete sie neuerdings eines um's andere.
Während er damit beschäftigt ist, will ich dem Leser
beschreiben, was die Bilder vorstellten und vor Allem die
Bemerkung vorausschicken, daß sie durchaus nichts Wunderbares an sich hatten. Allerdings war der Gegenstand einer
jeden dieser Darstellungen mit großer Lebhaftigkeit in meinem Geiste, in meinem Innern aufgestiegen; da ich ihn
mit meinem geistigen Auge sah und ehe ich es versuchte, den
Gedanken zu verkörpern, ergriff er mich mit aller Macht;
allein meine Hand hielt nicht gleichen Schritt mit meiner
Phantasie und lieferte in den drei Bildern nur schwache -
Umrisse meiner innern Anschauungen.
Die Bilder waren in Aquarell gemalt. Das erste zeigte
niedrig hängende schwarz-gelbe, über die hohl gehende See
dahinrollende Wolkenmassen: den ganzen Hintergrund und
auch den Vordergrund deckte tiefes Dunkel; vom Land sah
man keine Spur. Ein einziger Lichtstrahl hob einen halb
versunkenen Mast hervor, auf dem ein schwarzer großer
Seerabe saß, die Flügel von den schäumenden Wellen bespritzt; im Schnabel hielt er ein goldenes, mit Edelsteinen
besetztes Armband, dem ich die lebhaftesten Farben meiner
Palette, diejenige glänzende Deutlichkeit gegeben hatte, deren
nur immer mein Pinsel fähig war. Unterhalb des Mastes
und des Vogels schimmerte ein versinkender Leichnam durch
die grünen Wellen; ein schöner weißer Arm allein war deutlich sichtbar, von dem die Wellen ohne Zweifel das Armband
weggespült hatten.
Das zweite Gemälde stellte im Vordergrunde blos den
nebelumflossenen Gipfel eines Berges dar, mit einigen Blättern und etwas Gras, das aussah, als hätte es ein starker
Wind umgelegt. Jenseits und oberhalb der Bergkuppe dehnte
sich ein tiefblauer Himmel aus, so blau, wie er im Zwielicht zu seyn pflegt; zu den Wolken aufsteigend, bot sich
dem Beschauer die Büste einer Frauengestalt dar, die ich mit
den zartesten Farben, so viel wie möglich nur hingehaucht
hatte. Ein Stern schmückte die halb durchsichtige Stirne;
die untern Gesichtszüge verschwammen wie in Aetherduft,
nur die Augen leuchteten finster und wild und die Haare
flatterten dunkel in der Luft, wie eine vom Sturme und
vom Blitz zerzauste finstere Wolke. Den Nacken umfloß ein
schwacher, dem Mondlicht ähnlicher Reflex; derselbe matte
Schimmer lag auf den kleinen Wölkchen, denen diese Vision
des Abendsternes entstieg.
Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines in der Atmosphäre
des Polarwinters empor starrenden Eisberges: ein Nordlicht
faßte mit seinen eng neben einander auffallenden, schimmernden Lanzen gleichen Strahlen rings den Horizont ein.
Diese Gegenstände zurückdrängend, erhob sich im Vordergrunde ein kolossaler, gegen den Eisberg geneigter, sch
daran lehnender Kopf. Zwei dünne Hände, unter der Stirne
gefaltet, stützten ihn und bedeckten die unteren Gesichtszüge
wie mit einem dunklen Schleier; die Stirne war blutleer
und weiß wie Alabaster, das Auge hohl und starr und bis
auf den gläsernen Ausdruck der Verzweiflung ganz gedankenlos. Ueber den Schläfen, inmitten einem turbangleichen,
in seiner Unbestimmtheit wohl auch einer Wolke ähnlichen

schwarzen Kopfputze erglänzte in Form eines Diadems eine
weiße Flamme, statt der Edelsteine mit Funken von tieferer
Glut besetzt. Der blasse Flammenring war das Bildniß
einer Königskrone, und das, was er schmückte, die formlose Gestalt.
Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?
fuhr Mr. Rochester in seinem Verhöre fort.
Wohl, ich vertiefte mich hinein und war glücklich.
Indem ich diese Gemälde schuf, empfand ich das lebhafteste
Vergnügen, das je in meinem Innern Platz gefunden.
Damit sagen Sie nicht zu viel. Vergnügen mögen
Sie, Ihrer eigenen Erzählung nach, nur sehr wenig genossen haben, eigentlich lebten Sie, während Sie diese wunderlichen Tinten zusammenstellten, als Künstlerin in einem
Traumlande. Saßen Sie des Tages lange über Ihrer
Arbeit?
Ich hatte nichts weiter zu thun, da wir Ferien hatten,
und so malte ich den ganzen Tag über: die Länge der
Sommertage unterstützte mich in meinem Fleiße auf's
Beste!
Befriedigte Sie der Erfolg Ihrer Bemühung?
Weit davon entfernt, berührte mich der Unterschied
zwischen der Idee und dem Werke meiner Hand sehr schmerzlich: ich hatte mir bei jedem der Bilder Etwas gedacht, das
zu verwirklichen ich außer Stande war.
Nicht ganz; -- Sie haben den Schatten Ihrer Gedanken wiedergegeben, aber auch nichts weiter. Es fehlte Ihnen die Geschicklichkeit und Gewandtheit des geübten Künstlers, um Ihre Idee vollkommen zu verkörpern: bei Allem
dem jedoch sind diese Gemälde, namentlich von der Hand eines Schulmädchens, sehr beachtenswerth. Die Gedanken besonders sind elfenartig. Diese Augen am Abendstern müssen Sie einmal im Traum gesehen haben. Wie fingen Sie es an, sie so hell und doch so ganz und gar nicht glänzend zu geben? Denn der Planet dort oben verdunkelt ihre Strahlen.
Und welche Gedankenfülle liegt in ihrer ernsten Tiefe! Und wer lehrte Sie den Wind malen? Der Sturm weht durch diesen Horizont und über jene Bergkuppe. Wo haben Sie
Latmos gesehen? -- denn dies hier ist Latmos. Hier -- nehmen Sie die Bilder weg.
Ich hatte kaum die Bänder meines Skizzenbuches zugenestelt, als er mit einem Blicke auf seine Uhr plötzlich
ausrief:
Es ist neun Uhr, was fällt Ihnen ein, Miß Eyre,
Adelen so lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu
Bette.
Adela küßte ihn, bevor sie das Zimmer verließ; er ließ
sich die Liebkosung gefallen, ohne mehr Antheil daran zu
nehmen, als etwa Pilot gethan hätte, vielleicht nicht einmal
so viel.
Ich wünsche Ihnen Allen eine gute Nacht, sagte er
mit einer Handbewegung gegen die Thüre, um anzuzeigen,
er sey unserer Gesellschaft müde und wünsche nun allein
zu seyn. Mrs. Fairfax legte ihre Stickerei zusammen; ich
nahm mein Skizzenbuch; wir machten unsern Knix, den
Mr. Rochester mit einem frostigen Kopfnicken erwiederte,
und verließen das Gesellschaftszimmer.
Sie sagten Mr. Rochester habe keine besondern Eigenheiten an sich, Mrs. Fairfax, bemerkte ich, als ich Adelen zu Bette gebracht und die alte Dame in ihrer Stube
wieder aufgesucht hatte.

Nun, ist's nicht so?
Ich dächte nicht; er ist sehr barsch und sehr wetterwendisch.
Möglich, daß er fremden Leuten so vorkömmt, doch
ich bin seine Manieren so gewohnt, daß ich gar nichts Besonderes bemerke. Und wenn er auch Grillen und Launen
hat, ei nun, so muß man wohl Nachsicht mit ihm haben.
Wie so?
Theilweise weil es seine Natur mit sich bringt --
und für seine Natur kann Niemand, theilweise darum, weil
ihn wahrscheinlich schmerzliche Gedanken quälen und ihn
eben grillig und launisch machen.
Worüber sollten ihm schmerzliche Gedanken kommen?
Einmal über Familienverhältnisse.
Aber er hat ja keine Familie?
Jetzt wohl nicht, aber früher hatte er welche -- wenigstens Verwandte. Er verlor seinen älteren Bruder erst
vor einigen Jahren.
Seinen älteren Bruder?
Ja wohl, der jetzige Mr. Rochester ist noch nicht
lange im Besitze der Familiengüter, kaum neun Jahre.
Neun Jahre sind ein ziemlicher Zeitraum. Hatte er
denn seinen Bruder so besonders lieb, daß er über dessen
Verlust noch jetzt trauert?
Nun, ich denke nicht sehr. Ich glaube es herrschten
sogar Mißverständnisse zwischen den Beiden. Mr. Rowland
Rochester betrug sich gegen Mr. Eduard nicht ganz brüderlich; ich glaube sogar, er hetzte seinen Vater gegen ihn auf.
Der alte Herr war geizig und suchte um jeden Preis das Familienvermögen zusammenzuhalten. Einestheils wollte er
nun die Besitzungen nicht durch Theilung zersplittern, andererseits hätte er gerne gesehen, daß auch Mr. Eduard
Vermögen besitze, um seinem Namen Ehre zu machen, und
gleich nachdem er großjährig geworden war, wurden einige
eben nicht sehr ehrenhafte Maßregeln ergriffen, die viel
Unheil stifteten Der alte Mr. Rochester und Mr. Rowland
brachten Mr. Eduard in ein, nach des Letzteren Begriffen
sehr peinliches Verhältniß, damit er sein Glück mache; von
welcher besonderen Art dieses Verhältniß war, habe ich nie
erfahren können, doch sein Gemüth konnte es nicht ertragen. was er darunter zu leiden hatte. Er ist nicht sehr
versöhnlich; er brach mit seiner Familie, und nun führt er
seit Jahren ein unruhiges, unstetes Leben. Ich glaube
kaum, daß er ein einziges Mal nur vierzehn Tage nacheinander in Thornfield zubrachte, seit ihn der Tod seines Bruders, der ohne Testament starb, in den Besitz der Familiengüter versetzte; und wirklich ist's kein Wunder, wenn er
das alte Haus meidet.
Warum sollte er es meiden?
Vielleicht ist's ihm zu düster.
Die Antwort war ausweichend; gerne hätte ich etwas
Bestimmteres erfahren; allein Mrs. Fairfax konnte oder
wollte mir keine nähere Auskunft über Mr. Rochester's Prüfungen geben. Sie versicherte indessen, daß dieselben auch für sie ein Geheimniß wären und daß das Wenige, was sie
wüßte, eben nur in bloßen Vermuthungen bestünde. Aus
Allem ging in der That hervor, daß sie es wünschte, ich
möchte den Gegenstand fallen lassen, was ich denn auch sofort that.

Vierzehntes Capitel.

Mehre Tage hinter einander bekam ich Mr. Rochester
nur sehr selten zu sehen. Des Morgens schien er mit Geschäften überhäuft zu seyn und Nachmittags kamen gewöhnlich einige Herren von Millcote und der Umgebung zu Besuche und blieben auch wohl über Tische. Nachdem seine
Verrenkung geheilt war und er wieder zu Pferde konnte,
ritt er sehr viel herum, wahrscheinlich erwiederte er alle
diese Besuche, denn er kam gewöhnlich sehr spät in der
Nacht zurück.
Während dieser Zeit ließ er selbst Adelen nur äußerst
selten vor und mein ganzer Umgang mit ihm beschränkte sich
auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle, auf der
Treppe oder auf dem Gange, wo er gewöhnlich hochmüthig
und kalt an mir vorüberging und meine Gegenwart höchstens durch ein flüchtiges Kopfnicken und einen frostigen
Blick begrüßte, zuweilen jedoch auch eine Verbeugung und
ein feines artiges Lächeln zum Besten gab. Die Ungleichheit
fernes Benehmens beleidigte mich nicht, denn ich wußte,
daß ich daran keine Schuld trug: diese Ebbe und Flut
hatte ganz andere Ursachen. die mit mir in gar keiner Verbindung standen.
Eines Tages, wo er gerade Gäste zu Tische hatte,
schickte er um mein Skizzenbuch, ohne Zweifel um es während des Essens sehen zu lassen: die Herren entfernten
sich schon zeitlich, um, wie mir Mrs. Fairfax sagte, einer
Volksversammlung in Millcote beizuwohnen. Da der Abend

naß und rauh war, begleitete sie Mr. Rochester nicht und
sie waren kaum fort, als er klingelte und mir sagen ließ,
ich möchte mit Adelen hinunter kommen. Ich kämmte Adelens Haar glatt und machte sie sauber, und nachdem ich mich
ersichert hatte, daß auch mein gewöhnlicher Quäkeranzug, der übrigens, die festgedrehten Locken mit inbegriffen, zu
einfach war, um in Unordnung gerathen zu können, nichts
;u wünschen übrig ließ, eilten wir nun der Einladung
Folge zu leisten; Adela voll der höchsten Hoffnung, der
petit coffre, dessen Ankunft irgend eine Irrung verzögert hatte, sey, nun endlich angelangt. Sie wurde befriedigt; ein kleines Pappkästchen stand auf dem Tische des Speisezimmers. Das Kind schien es aus Instinct zu kennen.
Ma boite, ma boite! rief sie, darauf losrennend.
Wohl, da ist endlich deine boite; nimm sie mit
in einen Winkel, Du echtes Pariser Kind, und unterhalte
Dich damit, sie auszupacken, ließ sich Mr. Rochester's
tiefe, beinahe sarkastische Stimme aus dem Abgrunde eines
ungeheuren Lehnstuhles vom Camin her vernehmen. Und
sieh zu, daß Du mich nicht mit den Einzelnheiten des anatomischen Proesses oder mit Bemerkungen über die Beschaffenheit der Eingeweide belästigst, schloß er; nimm deine
Operation in der Stille vor -- tiens-toi tranquille,
enfant; comprends-tu?
Adela schien dieser Ermahnung kaum zu bedürfen;
schon hatte sie sich mit ihrem Schatze auf ein Sopha zurückgezogen und war emsig beschäftigt, den Bindfaden loszumachen, der den Deckel zuhielt. Damit zu Ende gelangt
und nach Entfernung des umgeschlagenen Seidenpapieres
war ihr einziger Ausruf:

Oh, ciel! Que c'est beau! worauf sie sich im
Entzücken des Anschauens verlor.
Ist Miß Eyre hier? frug Mr. Rochester, sich halb
von seinem Sitze erhebend und zur Thüre blickend, wo ich
stehen geblieben war.
Ah, schön! Kommen Sie vor, nehmen Sie hier
Platz. Er zog einen Stuhl neben den seinigen hin. Ich
kann das Kindergeplauder nicht leiden, fuhr er fort;
denn in mir altem Junggesellen erweckt ihr Lallen eben
eine angenehmen Gedanken. Es wäre mir unausstehlich,
einen ganzen Abend im tete-a-tete mit einem kleinen Fratzen zuzubringen. Rücken Sie Ihren Stuhl nicht zurück.
Miß Eyre; setzen Sie sich dort nieder, wo ich ihn hingestellt habe -- wenn es Ihnen gefällig ist, heißt das.
Der Teufel hole die Höflichkeiten! Ich vergesse immer darauf. Auch die hausbackenen alten Damen mag ich nicht besonders. Beiläufig gesagt, muß ich die meinige hereinkommen lassen, ich darf sie nicht vernachlässigen; sie ist eine
Fairfax, oder war vielmehr an einen Mann dieses Namens
verheirathet und man sagt, Blut sey dicker als Wasser.
Er zog an der Glocke und ließ Mrs. Fairfax einladen,
die sofort mit ihrem Strickkörbchen erschien.
Guten Abend, Madame; ich habe nach Ihnen eines
wohlthätigen Zweckes wegen geschickt; ich habe Adelen verboten, mit mir über die erhaltenen Geschenke zu sprechen
und sie ist nahe daran zu platzen. Haben Sie die Güte, sie
anzuhören und mit ihr zu sprechen, es wird dies die wohlthätigste Handlung Ihres Lebens seyn.
Adela hatte auch in der That kaum Mrs. Fairfax ersehen, als sie sie zum Sopha rief und ihr sofort sämmtliches Porzellan, Elfenbein und die wächsernen Spielsachen

aus dem Pappkästchen in den Schooß warf, wobei sie in
gebrochenem Englisch eine Flut von Erklärungen und Ausrufungen des Entzückens von sich gab.
Nun habe ich die Pflichten eines sorgsamen Wirthes
erfüllt, meinte Mr. Rochester, und meinen Gästen den
Weg zur wechselseitigen Unterhaltung gebahnt; es ist Zeit,
daß ich an mein eigenes Vergnügen denke. Miß Eyre, rücken Sie Ihren Stuhl noch ein wenig vor; Sie sitzen noch
immer viel zu weit zurück: ich kann Ihnen nicht ins Gesicht sehen, ohne meine bequeme Stellung aufzugeben, was
ich keineswegs zu thun gesonnen bin.
Ich that, wie mir geheißen wurde, obgleich ich bei
weitem lieber im Schatten gesessen wäre; allein Mr. Rochester hatte eine Art zu befehlen, die das Gehorchen als eine
unausweichliche Nothwendigkeit erscheinen ließ.
Wir saßen, wie ich bereits erwähnte, im Speisezimmer; der Kronleuchter, der zum Mittagessen angezündet
worden war, erleuchtete das Gemach mit festlichem Glanze,
das große Feuer brannte hell und roth, die purpurnen Vorhänge fielen in weiten und reichen Falten am hohen Fenster
und dem noch höheren Schwibbogen nieder; Alles war
stille, bis auf Adelens leises Geflüster, sie wagte es nicht,
laut zu sprechen, und bis auf die schweren Regentropfen, die
von Zeit zu Zeit an die Fenster schlugen.
Mr. Rochester sah, im damastenen Lehnstuhle sitzend.
(ganz anders aus, als je zuvor, -- nicht so starr, nicht so
finster. Ein Lächeln spielte um seinen Mund und seine
Augen leuchteten, ob von genossenem Weine oder nicht
konnte ich nicht unterscheiden, doch hielt ich das Erstere für
sehr wahrscheinlich. Mit einem Worte, er war in seiner
gewöhnlichen Dessertlaune, etwas aufgeregter und gemüthlicher und darum auch genießbarer, als in seiner frostigen,
sauertöpfischen Morgenstimmung. Dennoch bot er, seinen
massiven Kopf im gepolsterten Stuhle zurückgelegt, die wie
in Granit ausgehauenen Gesichtszüge vom Feuer beschienen,
die großen, schwarzen Augen unter den Brauen hervorleuchtend, einen wunderbar grimmigen Anblick dar. Seine
Augen konnte man sogar schön nennen und zuweilen zeigten
sie in ihrer Tiefe einen gewissen Schmelz, der, wenn er
auch nicht von sanfteren Regungen zeugte, so doch wenigstens daran mahnte.
Er hatte durch zwei Minuten unverwandt ins Feuer
geblickt, während welcher Zeit ich kein Auge von ihm wegwandte; als er sich umsah, bemerkte er es.
Sie sehen mich prüfend an, Miß Eyre, sagte er;
halten Sie mich für schön?
Hätte ich nachgedacht, wäre mir vielleicht irgend eine
der üblichen höflichen Redensarten über die Lippen gekommen, so aber entschlüpfte mir die unüberlegte Antwort:
Nein, mein Herr!
Ah! Auf Ehre! Ihre ganze Erscheinung ist sehr
sonderbar, sagte er, Sie sehen ganz aus wie eine kleine
Nonne, geziert, still, ernst und einfach, mit gefalteten;
Händen sitzen Sie da, die Augen in der Regel zu Boden
geschlagen, wenn Sie sie nicht (wie gerade in diesem Augenblicke) durchbohrend auf mich heften, und fragt man Sie
um Etwas, oder macht man eine Bemerkung, die eine
Entgegnung erheischt, fahren Sie mit einer Antwort heraus,
wie, wenn auch nicht plump, so doch barsch klingt. Was
wollten Sie vorhin damit sagen?
Ich war zu offenherzig, mein Herr, ich bitte um
Vergebung. Ich hätte erwiedern sollen, daß es nicht leicht

ist, auf eine Frage über das Aeußere eines Menschen aus
dem Stegreife zu antworten, daß der Geschmack verschieden,
daß auf Schönheit nicht viel zu geben ist, oder so was
vergleichen.
Nichts von Allem dem hätten Sie sagen sollen. Auf
Schönheit nicht viel zu geben?! Warum nicht gar! Unter
dem Vorwande, Ihre frühere Beleidigung zu verwischen,
mich zustreicheln und in Behaglichkeit einzulullen, stechen
Sie mich heimlich mit einem Federmesser hinter's Ohr!
Heraus damit, was ist Ihnen an meiner Person nicht recht?
Habe ich nicht Glieder und Gesichtszüge wie ein anderer Mann?
Mr. Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort zurückzunehmen: ich beabsichtigte keine spitze Erwiederung zu geben, es war ein bloßer Mißgriff!
So ist's; ich will es glauben, und Sie dafür verantwortlich machen. Nun kritisiren Sie mich: gefällt Ihnen meine Stirne nicht?
Er hob die dunklen Haarwellen in die Höhe, welche
ihm in horizontaler Linie ins Gesicht hingen, und wies
eine solide Masse von Organen geistiger Fähigkeiten; nur
dort, wo das Organ des Wohlwollens zu sitzen pflegt,
zeigte sich ein gänzlicher Mangel.
Nun, Madame, bin ich ein alberner Mensch?
Ganz und gar nicht, Sir. Sie werden mich vielleicht
für unartig halten, wenn ich Sie hingegen frage, ob Sie
ein Menschenfreund sind?
Wieder ein Stich, während sie beabsichtigt mir den
Kopf zu streicheln; und das blos deswegen, weil ich vorhin
sagte, ich könnte die Gesellschaft von Kindern und alten
Weibern (wir müssen leise sprechen!) nicht vertragen. Nein,

junge Dame, ich bin kein allgemeiner Philantrop; doch bin
ich gewissenhaft. Hier deutete er auf denjenigen Theil seines
Kopfes, der, wie man sagt, diese Eigenschaft anzeigt, und
bei ihm wirklich sehr entwickelt war. sogar seinem Oberkopfe eine ungewöhnliche Breite verlieh. Und zudem, fuhr
er fort, besaß ich ehedem auch eine Art roher Gutherzigkeit. In Ihren Jahren war ich ein ziemlich gefühlvoller
Bursche, den Unmündigen, Nahrungslosen und Unglücklichen besonders zugethan; doch das Schicksal hat mich seitdem
herum geworfen, mich sogar mit seinen harten Knöcheln
breit geschlagen, und nun schmeichle ich mir, hart und zäh
zu seyn wie ein Kautschukball: durch eine oder zwei Ritzen
kann man mir wohl noch beikommen, und just in der Mitte
gibt es vielleicht auch noch einen fühlenden Punkt. Bleibt
mir da noch einige Hoffnung?
Zu was, mein Herr?
Zu meiner endlichen Wiederverwandlung von Kautschuk
zu Fleisch.
Jedenfalls hat er zu viel Wein getrunken, dachte
ich, und wußte wirklich nicht. was ich auf seine sonderbare
Frage antworten sollte. Wie konnte ich es wissen, ob eine
solche Umwandlung bei ihm möglich war?
Sie sehen sehr verlegen aus, Miß Eyre; und wiewohl
Sie eben so wenig hübsch sind, als ich schön bin, so steht
Ihnen die verlegene Miene doch recht gut; zudem hat sie den
Vortheil, daß sie Ihre durchdringenden Augen von meinem
Gesichte ab- und hinunter auf den Teppich lenkt; fahren Sie
daher fort verlegen zu seyn und die gewirkten Blumen
zu betrachten. Meine Dame, ich bin heute Abend in einer
geselligen und mittheilsamen Stimmung.
Dies verkündend, erhob er sich und stellte sich, den einen

Arm auf den Caminmantel gelehnt, vor mich bin; in dieser
Stellung ließ sich sowohl seine Gestalt, als sein Gesicht ganz
deutlich überblicken: die zu seiner Körperhöhe in keinem Verhältnisse stehende Breite seines Brustkastens trat besonders
hervor. Ich bin dessen gewiß, die Meisten hätten ihn für
einen häßlichen Mann gehalten, und doch lag so viel unbewußter Stolz in seiner Haltung. eine so große Leichtigkeit
in seinen Bewegungen, sein Blick zeigte eine so vollkommene Gleichgültigkeit gegen seine äußere Erscheinung, ein
so hochmüthiges Vertrauen in seine, für den Mangel an
körperlicherAnmuth reichlich entschädigenden geistigenVorzüge,
daß man unwillkürlich seine Gleichgültigkeit theilen und
blindlings seinem Vertrauen beistimmen mußte.
Ich bin heute in einer geselligen und mittheilsamen
Stimmung, wiederholte er, und eben deshalb habe ich
um Sie geschickt; das Feuer und die Lichter genügten mir
nicht, nicht einmal Pilot, denn sie Alle können nicht sprechen. Adela ist schon in einem Grad besser, doch immer
noch weit vom Ziele; Mrs. Fairfax detto. Von Ihnen hingegen bin ich überzeugt, daß sie mir genügen können,
wenn Sie nur wollen: schon am ersten Abend, wo ich Sie
zu mir lud, brachten Sie mich in Verlegenheit. Seitdem
waren Sie mir ganz aus dem Sinne gekommen, andere
Ideen hatten Sie aus meinem Kopfe verdrängt: doch heute
Abend will ich mir's bequem machen, will von mir weisen,
was mich belästigt und herbeirufen, was mir Vergnügen
macht. Jetzt zum Beispiel würde es mich freuen, Sie auszuforschen, Sie besser kennen zu lernen. Sprechen Sie
also --
Anstatt zu sprechen lächelte ich, doch weder verbindlich
noch unterwürfig.

Sprechen Sie, herrschte er.
Wovon, Sir?
Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen die Wahl
des Gegenstandes und der Verhandlungsweise.
Gerade nun blieb ich ruhig sitzen und sagte gar nichts.
Wenn er glaubt, ich werde sprechen, nur um zu sprechen
und ihm die Langeweile zu vertreiben, hat er sich an die
unrechte Person gewendet, dachte ich bei mir.
Sie sind stumm, Miß Eyre.
Ich blieb stumm. Er bog seinen Kopf etwas zu mir
herab und schien mit einem hastigen Blicke mir durch die
Augen in die Seele sehen zu wollen.
Störrisch , sagte er, und verdrießlich? Ach, es
ist begreiflich. Ich habe meine Bitte in eine alberne, fast
insolente Form eingekleidet. Miß Eyre, ich bitte um Verzeihung, Sie mögen es ein für allemal wissen, daß ich
Sie ganz wie meines Gleichen zu behandeln beabsichtige und
mir nur diejenige Ueberlegenheit vorbehalte, die aus dem
nahe an zwanzig Jahre betragenden Unterschiede zwischen;
m einem und Ihrem Alter und aus meiner fast um ein Jahrhundert vorgeschrittenen Lebenserfahrung natürlich hervorgeht. Dazu bin ich berechtigt, et j’y tiens, wie Adela zu
sagen pflegt, und blos kraft dieser Ueberlegenheit bitte ich
Sie, die Güte zu haben, ein wenig mit mir zu plaudern
und mich zu zerstreuen. Meine Gedanken sind ordentlich
wund und ausgefressen wie ein rostiger Nagel, weil sie immer auf einem Punkte stehen bleiben.
Er hatte sich zu einer Erklärung, zu einer Entschuldigung herbeigelassen: ich war für dieses Entgegenkommen
nicht unempfindlich und wollte es auch nicht scheinen.
Gerne will ich Sie unterhalten, wenn ich es im

Stande bin, Sir, sehr gerne will ich es; doch wie soll
ich den Gegenstand des Gespräches wählen, da ich nicht
weiß, was Sie interessirt? Stellen Sie Fragen an mich
und ich will mein Möglichstes thun, sie zu beantworten.
Nun denn, sind Sie gleich mir der Meinung, daß
ich ein Recht habe, herrisch und barsch, vielleicht auch etwas
anspruchsvoll gegen Sie zu seyn, weil ich alt genug bin,
Ihr Vater zu heißen und weil ich mich unter allen Nationen
herumgeschlagen und den größten Theil der Erde durchpilgert habe, während Sie ganz ruhig mit einer Gattung
Menschen in einem und demselben Hause lebten?
Sie mögen thun was Ihnen beliebt.
Das ist keine oder vielmehr eine sehr aufreizende
Antwort, vielmehr eine Ausflucht. Sprechen Sie deutlich.
Ich glaube, daß Sie nicht schon deshalb ein Recht
haben mir zu gebieten, weil Sie älter und mehr in der
Welt herumgekommen sind, als ich: es kommt noch darauf
an, welchen Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihrer Erfahrung gemacht haben.
Hm! Rasch geantwortet. Allein ich gebe es nicht zu,
da es mir nicht paßt, weil ich einen höchst unbedeutenden,
um nicht zu sagen schlechten Gebrauch von beiden Vortheilen gemacht habe. Aber lassen wir auch meine Ueberlegenheit aus dem Spiele, so müssen Sie doch dann und wann
Befehle von mir annehmen, ohne mir den herrischen Ton
übel zu nehmen und sich beleidigt zu fühlen. Ist's nicht so?
Ich lächelte. Mr. Rochester ist ein eigener Mensch,
dachte ich bei mir; er scheint zu vergessen, daß er mir dreißig Pfund jährlich zahlt, um seine Befehle entgegen zu
nehmen.
Das Lächeln ist am rechten Orte, sagte er, den vorübergehenden Ausdruck schnell erfassend; doch Sie müssen
auch sprechen.
Ich dachte daran, daß sich wohl wenige Herren die
Mühe nehmen würden Erkundigungen einzuziehen, ob
ihre bezahlten Untergebenen sich durch ihre Befehle verletzt
fühlen oder nicht.
Bezahlte Untergebene! Wie, sind Sie eine solche?
Ach ja, ich vergaß den Gehalt! Nun gut denn, wollen Sie mir auf Grundlage dieser Besoldung erlauben, Sie dann und wann ein wenig auszufragen?
Nein, mein Herr, nicht auf dieser Grundlage, wohl
aber darum, weil Sie auf diesen Umstand vergaßen und es
Ihnen daran liegt, daß sich diejenigen, die von Ihnen abhängen, in diesem Verhältnisse wohl fühlen.
Und wollen Sie mir eine Masse conventioneller Formen und Redensarten nachsehen, ohne mir die Unterlassung
als Ungezogenheit anzurechnen?
Nie werde ich ein freies Benehmen mit Ungezogenheit
verwechseln, das Eine liebe ich sogar, das Andere würde
sich wohl kein freigebornes Wesen für alle Besoldungen der
Welt gefallen lassen.
Albernes Geplauder! Die meisten freigebornen Leute
lassen sich alles Mögliche für Geld gefallen; bleiben Sie daher bei Ihrer eigenen Person stehen und lassen Sie sich nicht
in allgemeine Urtheile ein, von denen Sie gar nichts wissen. Dessenungeachtet reiche ich Ihnen Ihrer Antwort wegen
und trotz ihrer Unrichtigkeit im Geiste die Hand und zwar
eben so sehr des Inhaltes, als auch der Manier wegen, in
welcher Sie Ihren Ausspruch von sich gaben. Die Letztere
war frei und offen, wie man sie nicht oft zu Gesichte bekommt; im Gegentheil pflegt man Ziererei, Kälte oder

einem albernen, von geringer Bildung zeugenden Mißverständniß seiner Meinung zu begegnen. Unter dreitausend
steifen Erzieherinnen hätten nicht drei so geantwortet, wie
Sie es eben thaten. Indessen will ich Ihnen damit keine
Schmeichelei sagen; wenn Sie andern Geistes sind, als die
Mehrzahl, so ist dies nicht Ihr Verdienst, sondern das der
Natur, die Sie schuf. Wenn ich mir's übrigens recht überlege, so bin ich eigentlich zu voreilig in meinen Schlüssen;
wer weiß ob Sie viel besser sind, als die Uebrigen: vielleicht haben Sie eine Anzahl unerträglicher Fehler an sich, die Ihre wenigen guten Eigenschaften mehr als hinlänglich aufwiegen.
Und so mag es auch bei Ihnen der Fall seyn, dachte
ich bei mir. Mein Blick begegnete dem seinigen als mich
dieser Gedanke durchfuhr: er schien ihn errathen zu haben.
Wohl, wohl, Sie haben Recht, sagte er; auch
ich habe eine Menge Fehler an mir. ich weiß es und will
sie nicht bemänteln, ich versichere Sie. Gott sey es geklagt,
ich habe nicht Ursache meinen Nächsten mit Strenge zu richten, ich selbst habe eine Vergangenheit, eine Reihe von
Handlungen, die Färbung eines Lebens in meiner eigenen
Brust zu betrachten, und wohl würden meine Spöttereien,
meine Ausstellungen von meiner Umgebung auf mich selbst
zurückprallen. Mit einundzwanzig Jahren betrat ich, oder
wurde vielmehr auf einen falschen Weg geworfen (wie andere Sünder schiebe ich gerne die halbe Schuld dem Unglücke
und traurigen Verhältnissen in die Schuhe), und konnte
von der Zeit nicht wieder den rechten Pfad finden; es hätte
aber auch anders kommen, ich hätte eben so gut wie Sie,
klüger, wenigstens eben so rein seyn können. Ich beneide
Sie um Ihre Seelenruhe, Ihr reines Gewissen, Ihre unbefleckte Erinnerung. Junges Mädchen! ein Bewußtseyn ohne
Makel, ohne Flecken, muß ein unerschöpflicher Quell der
reinsten Genüsse seyn; nicht wahr?
Wie war Ihr Bewußtseyn beschaffen, als Sie achtzehn Jahre zählten?
Ganz in der Ordnung, rein und gesund; noch hatte
es kein Zufluß von faulem Wasser in eine stinkende Pfütze
verwandelt. Ich war Ihnen ganz gleich, vollkommen gleich.
Die Natur wollte aus mir im Ganzen einen braven Mann
machen, einen von der bessern Sorte, und wie Sie sehen,
ist es ihr nicht gelungen. Sie wollten eben sagen, es käme
Ihnen nicht so vor: wenigstens schmeichle ich mir, etwas
dergleichen in Ihren Augen gelesen zu haben und ich verstehe
mich sehr gut auf die Augensprache. Nun denn, so nehmen
Sie mein Wort zum Pfande -- ich bin kein Schurke; das
dürfen Sie nicht denken, mir keine so hohe Stellung in der
Niederträchtigkeit zumuthen; mehr in Folge eines unglücklichen Zusammentreffens von Umständen, als eines natürlichen Hanges bin ich ein ganz gewöhnlicher Alltagssünden,
der all die armseligen, kleinlichen Laster durchgemacht hat,
mit denen die Reichen und Gottlosen ihr Leben auszufüllen
suchen. Wundern Sie sich darüber, daß ich Ihnen dieses,
Geständniß mache? So wissen Sie denn, daß Sie im weiteren Verlaufe Ihres Lebens noch oft zur unwillkürlichen
Vertrauten der Geheimnisse Ihrer Bekannten erkoren werden: die Leute werden es, so gut wie ich, instinctartig herausfinden, daß Sie mehr dazu passen zuzuhören, wie Andere
von sich sprechen, als Ihre eigene Person zum Gegenstande
Ihres Gespräches zu machen; sie werden fühlen, daß Sie
ihre Bekenntnisse mit keiner übelwollenden Verachtung ihrer
Unbedachtsamkeit aufnehmen, vielmehr mit der Ihnen angebornen Gutherzigkeit
theilnahmvoll anhören, die um so
tröstender und ermuthigender ist, als sie sich in keinen lästigen Aeußerungen kund gibt.
Woher wissen, woher vermuthen Sie dies Alles,
Sir?
Ich weiß es ganz bestimmt und eben darum gehe ich
so fessellos zu Werke, als vertraute ich meine Gedanken einem
Tagebuche an. Sie werden mir erwiedern, ich hätte mich
der Verhältnisse bemeistern sollen; das hätte ich thun sollen,
wirklich, das hätte ich thun sollen; allein Sie sehen, es
ist nun einmal nicht geschehen. Als mich des Schicksals
Härte traf, besaß ich nicht Klugheit genug, kaltblütig z
bleiben; ich verzweifelte und artete dann aus. Wenn mich
nun irgend ein verächtlicher Dummkopf durch seine armselige
Liederlichkeit anekelt, kann ich mir durchaus nicht schmeicheln, besser zu seyn als er: vielmehr muß ich zugeben,
daß wir auf einer und derselben Stufe stehen. Ich wollte, ich
hätte nie gewankt -- Gott weiß es, ich wollt' es! Denken
Sie an die Gewissensbisse, wenn Sie je in Versuchung kommen zu fehlen, Miß Eyre: Gewissensbisse vergiften das
Leben!
Reue, sagt man, bringt, zur Ruhe.
Das genügt nicht. Nur wenn man ein neuer Mensch
wird, kann man diesen Krebsschaden los werden -- und
ich hätte es dahin bringen können -- ich fühle wohl jetzt
die Kraft dazu in mir, wenn -- doch was nützt mir's
daran zu denken, zu Boden gedrückt, verstrickt und verflucht wie ich bin? Uebrigens, da mir nun einmal Glückseligkeit versagt ist, habe ich ein Recht so viel Vergnügen
wie möglich aus dem Leben herauszuschlagen und das will
ich, koste es was es wolle!

Dann werden Sie noch tiefer sinken.
Möglich; doch warum, wenn ich mir immer frische, süße Vergnügen verschaffe? Und ich kann sie mir so
süß und frisch verschaffen, wie wilder Honig, den die
Bienen auf der Haide sammeln.
Und dennoch werden sie einen herben, bittern Nachgeschmack zurücklassen.
Wie können Sie das wissen? Sie haben sie ja nie
versucht. Wie ernst, wie feierlich Sie aussehen! und doch
sind Sie in dieser Sache eben so unwissend, wie diese
Gamee hier. (Er hob eine solche vom Caminsimse auf.)
Sie haben kein Recht, mir vorzupredigen, Sie Novize,
die kaum die Schwelle des Lebens überschritt, dessen Geheimnisse sie noch gar nicht kennt.
Ich erinnere Sie blos an Ihre eigenen Worte, Sir:
Sie sagten, Fehltritte brächten Gewissensbisse mit sich und
die letzteren vergifteten das Leben.
Wer spricht jetzt von Fehltritten? Ich glaube kaum,
daß die Vorstellung, die eben in meinem Geiste emporstieg, einen Fehltritt betraf. Ich halte sie eher für eine
glückliche Eingebung, als für eine Versuchung zum Bösen:
sie war sehr anmuthig, sehr tröstend -- ich verstehe mich
darauf. Da ist sie wierer! Nicht der Teufel flüstert sie
mir zu, ich versichere Sie: und wenn auch, so hat er
die Gestalt eines Engels des Lichtes angenommen. Ich
muß wohl einen so lieben Gast einlassen, wenn er an
der Pforte meines Herzens anklopft.
Mißtrauen Sie ihm, Sir; es ist kein Gesandter
des Himmels.
Und wieder frage ich Sie: woher wissen Sie das?
Welcher Instinct läßt Sie einen gefallenen Engel der Finsterniß von einem Boten des Ewigen, den Führer vom
Verführer unterscheiden?
Ich urtheilte nach dem Ausdrucke Ihres Gesichtes,
Sir; es verdüsterte sich, als, wie Sie sagten, jene Vorstellung in Ihnen auftauchte. Ich bin überzeugt, Sie werden noch unglücklicher werden, wenn Sie darauf hören.
Nicht im Geringsten -- die Erscheinung brachte mir
die angenehmste Botschaft von der Welt; übrigens sind Sie
nicht mein Gewissensrath und mögen daher ganz ruhig
seyn. Da, tritt ein, lieblicher Wanderer!
Er sagte die letzten Worte, als spräche er sie zu einer,
nur seinen Augen sichtbaren Vision, dann kreuzte er seine
Arme, die er halb von sich gestreckt hatte, über der Brust:
es schien als umschlösse er mit dieser Umarmung ein unsichtbares Wesen.
Nun, fuhr er, sich wieder zu mir wendend, fort,
habe ich den Pilgrim aufgenommen, eine verkleidete
Gottheit, wie ich es fest glaube. Schon hat sie mir gutgethan: mein Herz war bis nun eine Art Beinhaus, fortan
wird es ein Altar seyn.
Die Wahrheit zu sagen, verstehe ich Sie ganz und
gar nicht: ich kann dies Gespräch nicht weiter verfolgen,
da es weit über meinen Horizont geht. Nur Eins weiß ich:
Sie sagten, Sie wären nicht so gut, als Sie es gerne seyn
möchten und Sie bedauerten Ihre sittliche Unvollkommenheit -- nur Eins begreife ich: Sie behaupteten, ein schuldbeladenes Gewissen sey die ewige Verdammniß auf Erden.
Es scheint mir, daß Sie, wenn Sie nur ernstlich wollten,
sehr bald das seyn könnten, was Sie zu seyn wünschen; und
daß, wenn Sie mit dem heutigen Tage anfingen Ihre
Denk- und Handlungsweise zu ändern, Sie nach wenigen

Jahren eine Reihe von Erinnerungen besitzen müßten, die
für Sie zum unerschöpflichen Quell des reinsten Vergnügens
würden!
Richtig gedacht und gut gesagt, Miß Eyre; und gerade in diesem Augenblicke bekämpfte ich die Hölle mit aller
Macht.
Wie das?
Ich fasse gute Entschlüsse, die, wie ich glaube, so fest
sind wie Kieselsteine. Fortan will ich eine andere Gesellschaft suchen und eine andere Lebensweise führen.
Doch wohl eine bessere?
Jedenfalls eine um so viel bessere, als reines Gold
besser ist denn schmutzige Schlacken. Sie scheinen zu zweifeln: ich selbst zweifle nicht im Mindesten; ich kenne mein
Ziel und meine Beweggründe, und in diesem Augenblicke erkläre ich durch ein eben so unwandelbares Gesetz wie jenes
der Meder und Perser, daß beide recht sind.
Das können Sie nicht seyn, Sir, sobald sie erst
eines neuen Statutes bedürfen, welches sie bestätigt.
Und doch sind sie es, Miß Eyre, wiewohl sie ein
ganz neues Statut erheischen: außerordentliche Umstände
machen außerordentliche Maßregeln nothwendig.
Das ist ein gefährlicher Grundsatz, Sir, dem man
es sofort ansieht, daß er auch zum Mißbrauche führen
kann.
So ist's, Sie sinnspruchreiche Philosophin! aber ich
schwöre Ihnen bei meinen Hausgöttern, daß ich ihn nicht
mißbrauchen will.
Sie sind ein Mensch und können fehlen.
Das bin ich; auch Sie sind's, und was ist's weiter?
Der gebrechliche Sterbliche sollte sich jedoch keine Gewalt anmaßen, die nur die göttliche Vollkommenheit gehörig gebrauchen kann.
Welche Gewalt meinen Sie?
Diejenige, welche irgend einer ungewöhnlichen, von
der Moral nicht sanctionirten Handlungsweise durch ihren
Ausspruch: So ist es recht, Gesetzeskraft ertheilt.
So ist es recht, Sie haben den Satz ausgesprochen.
So möge es denn recht seyn, sagte ich, indem ich
mich erhob. Es schien mir unnütz ein Gespräch weiter zu
führen. das ein für mich unauflösbares Räthsel betraf;
zudem drückte mich bei dem unerforschlichen Charakter meines Partners ein äußerst unangenehmes Gefühl der Ungewißheit und theilweisen Unwissenheit.
Wohin gehen Sie?
Ich will Adelen zu Bette bringen; ihre Zeit ist schon
vorüber.
Sie fürchten sich vor mir, weil ich gleich einer Sphinx
spreche.
Ihre Sprache ist wohl räthselhaft, Sir, doch fürchte
ich mich keineswegs, und bin blos betroffen.
Sie fürchten dennoch, oder vielmehr Ihre Eigenliebe
fürchtet einen möglichen Mißgriff.
In diesem Sinne fürchte ich allerdings ich möchte
nicht gerne Unsinn schwatzen.
Und thäten Sie es auch, es geschähe in so ruhiger,
ernster Weise, daß ich den Unsinn für baaren Verstand nähme.
Pflegen Sie nie zu lachen, Miß Eyre? Bitte, bemühen
Sie sich nicht zu antworten -- ich sehe schon, daß Sie
selten lachen; doch Sie können auch recht munter seyn; glauben Sie mir, Sie sind von Natur aus eben so wenig sauertöpfisch, als ich fehlerhaft bin. Der Schulzwang von Lowood hängt Ihnen noch etwas an; er bewacht Ihr Gesicht,
umschleiert Ihre Stimme, und hindert die Bewegungen
Ihres Körpers, und Sie fürchten sich, in der Gegenwart
eines Mitmenschen -- sey es nun Ihr Vater, Bruder oder
Gebieter -- zu freundlich zu lachen. zu frei zu sprechen,
sich zu frei zu bewegen. Doch mit der Zeit, glaub' ich, werden Sie es lernen, gegen mich so natürlich zu seyn, wie
ich es unmöglich finde, Sie mit trivialer Höflichkeit zu behandeln, und dann werden auch Ihre Blicke und Ihre Bewegungen eine größere Lebhaftigkeit und Abwechslung zeigen, als sie es bis jetzt zu thun wagten. Zuweilen sehe ich
einen sonderbaren Vogel durch die engen Gitter des Käfigs
schimmern, der einen lebhaften, unstäten, entschlossenen
Gefangenen zu beherbergen scheint; nur die Freiheit fehlt
ihm, daß er sich hoch in die Lüfte erhebe. Sind Sie
noch immer entschlossen zu gehen?
Es hat neun Uhr geschlagen, Sir.
Hat nichts zu sagen -- bleiben Sie noch eine Minute; Adela hat noch keine Lust sich schlafen zu legen.
Meine Stellung mit dem Rücken gegen das Feuer, und mit
dem Gesichte gegen die Stube gekehrt, ist meinen Beobachtungen sehr günstig. Während ich mit Ihnen sprach, ließ
ich auch Adelen nicht ganz aus den Augen (ich habe meine
eigenen Ursachen, sie mit Aufmerksamkeit zu studieren --
welche Ursachen ich Ihnen eines Tages vielleicht -- nein,
ganz gewiß -- mittheilen werde); vor etwa zehn
Minuten holte sie aus ihrer Pappschachtel ein blaßrothes
Seidenkleidchen hervor; Entzücken strahlte aus ihren Augen,
da sie es auseinander legte; die Coketterie liegt in ihrem
Blute, in ihrem Gehirn, im Mark ihrer Knochen. Il faut

que je l'essaie! rief sie, et a l’instant meme, und
sie stürzte zum Zimmer hinaus. Sie ist jetzt bei Sophie und
überzieht sich; bald wird sie wieder hier seyn, und ich weiß
was ich zu sehen bekomme- ein Miniaturbild von Celine
Varens, wie sie auf den Brettern zu erscheinen pflegte,
nachdem -- doch lassen wir das. Indessen werden nun
meine zärtlichsten Gefühle einen harten Schlag erleiden,
ich ahne es; bleiben Sie, um zu sehen, ob ich Recht habe.
Im selben Augenblicke ließ sich Adelens leichter Tritt
in der Vorhalle hören. Sie trat ins Zimmer, umgekleidet,
wie es ihr Vormund vorhergesagt hatte. Ein kurzes, faltenreiches Kleid von rosenrothem Atlas ersetzte das braune
Röckchen, das sie vorhin anhatte; ein Kranz von Rosen-
knospen zierte ihr Haar; ihre Füße deckten seidene Strümpfe
und kleine weiße Atlasschuhe.
Est-ce que ma robe va bien? rief sie, vorwärts springend; et mes souliers? et mes bas?
Tenez, je crois que je vais danser!
Und ihr Kleidchen an beiden Seiten in die Höhe hebend, tanzte sie durch's Zimmer; bei Mr. Rochester angelangt, drehte sie sich auf einem Absatze herum, fiel dann
vor ihm auf die Knie und rief aus:
Monsieur, je vous remercie mille fois de votre
borte; und wieder aufstehend fügte sie hinzu: C'est
comme cela que maman faisait, n'est-ce pas, Monsieur?
Ganz so, lautete die Antwort, und comme cela
lockte sie das englische Gold aus meinen brittischen Taschen.
Auch ich war einmal grün, Miß Eyre, grasgrün; der
Frühlingshauch, der Sie schmückt, ist kaum frischer als
derjenige, der mich dereinst zierte. Mein Frühling ist indessen vorbei, und hat mir dies französische Blümlein zurückgelassen, das ich auf irgend eine Weise gern los werden möchte. Jetzt, wo ich die Wurzel, der sie entsprang,
nicht weiter schätze, weil ich fand, daß sie nur Goldstaub
ernähren konnte, kann ich die Blüthe kaum mehr halb so
gut leiden, besonders wenn sie so gekünstelt aussieht, wie
gerade jetzt. Ich erhalte sie am Ende, einem Grundsatze der
römisch-katholischen Kirche folgend, demzufolge man zahlreiche kleine und große Sünden durch Ein gutes Werk abbüßen kann. Ich will Ihnen einmal das Alles auseinander setzen.
Gute Nacht.
Wort.

Fünfzehntes Capitel.

Mr. Rochester hielt bei einer nächsten Gelegenheit
Es war eines Nachmittags, wo er mir und Adelen
im Freien begegnete; und während die Letztere mit Pilot
und ihrem Federballe spielte, bat er mich mit ihm in
einer Birkenallee auf- und abzugehen.
Dabei erzählte er mir, Adela sey die Tochter einer
französischen Operntänzerin. Namens Celine Varens, für
welche er ehedem eine grande passion gehegt, die von
der Dame anscheinend mit noch heißerer Liebe erwiedert worden war. Er glaubte ihr Abgott zu seyn und war, bei all
seiner Häßlichkeit, wie er sagte, fest überzeugt, sie ziehe
seine taille d'athlete dem eleganten Wuchse des Apolle
vom Belvedere vor.
Und so sehr schmeichelte mir diese Leidenschaft der
gallischen Sylphide für ihren brittischen Gnomen, daß
ich ihr ein ganzes Hotel miethete, eine vollständige Dienerschaft hielt, eine Equipage. Caschmirshawls, Diamanten,
Spitzen u. s. w. schenkte. Kurz, ich verlegte mich, wie der erste
Gelbschnabel, darauf, mich in der hergebrachten Weise zu
Grunde zu richten. Ich hatte augenscheinlich nicht Originalität genug, mir einen andern Pfad zur Schande und zum
Untergange vorzuzeichnen, und trabte somit in dummer
Genauigkeit auf dem altgebahnten Wege vorwärts. Mein
Schicksal war verdientermaßen dasjenige aller andern Einfaltspinsel. Als ich Celinen eines Abends, wo sie mich nicht
erwartete, heimsuchte, war sie ausgegangen; die Nacht
war warm, und da ich es satt hatte in den Straßen herumzubummeln, setzte ich mich in ihrem Boudoir nieder, glücklich die Luft einathmen zu können, die sie erst kürzlich durch
ihre Anwesenheit geheiligt hatte. Doch nein, ich übertreibe;
ich muthete ihr wohl keine besonders heiligende Kraft zu:
eher hatte sie einen Duft von Räucherkerzchen, von Moschus
und Ambra zurückgelassen, als einen Geruch der Heiligkeit.
Ich war nahe daran an den Ausdünstungen der getrockneten Blumen und der ausgesprengten Essenzen zu ersticken,
öffnete bei Zeiten die Glasthüre und trat auf den Balcon
hinaus. Der Mond schien und die Gaslampen brannten;
die Nacht war ruhig und heiter. Ein oder zwei Stühle standen auf dem Balcon; ich setzte mich, nahm eine Cigarre
heraus -- ich will jetzt ein Gleiches thun, wenn Sie erlauben.
Eine Pause trat ein, während welcher Mr. Rochester
eine Cigarre hervorholte und sie anbrannte; nachdem er sie
in den Mund gesteckt und eine Wolke Havanneser Weihrauches in die frostige sonnenlose Atmosphäre geblasen hatte,
fuhr er fort:
Ich war in jenen Tagen auch ein Liebhaber von Zuckerzeug und so saß ich da, abwechselnd Chocolade kauend und
meine Cigarre rauchend, und betrachtete die vielen Equipagen,
die, jene elegante Straße entlang, zum benachbarten Opernhause rollten, als ich an einem prächtigen, von einem Paar
schöner Engländer gezogenen Wagen denjenigen erkannte,
den ich Celinen zum Geschenk gemacht. Sie kam nach Hause:
natürlich pochte mein Herz voll liebender Ungeduld gegen
das eiserne Gitter, an dem ich lehnte. Wie ich es erwartet
hatte, hielt der Wagen an der Einfahrt des Hotels; meine
Flamme (der wahre Ausdrück für eine Balletliebe) stieg aus:
wiewohl sie in einen Mantel gehüllt war -- eine unnöthige
Vorsicht in einer warmen Juninacht -- erkannte ich sie doch
augenblicklich an ihrem kleinen Fuße, der unterm Rocke
hervor guckte, als sie vom Wagentritte herunter sprang.
Mich vom Balcon herunter neigend, wollte ich eben ein
leises, nur dem Ohre der Geliebten hörbares mon ange
hinunter flüstern, als eine zweite, gleichfalls in einen Mantel gewickelte Gestalt aus dem Wagen sprang: doch hörte
ich nun einen Sporn klirren und ein Männerhut bedeckte
den Kopf dieser zweiten Erscheinung, die über die Schwelle
des Einfahrtsthores ins Hotel schritt.
Sie waren wohl nie eifersüchtig, Miß Eyre? Wohl
nicht, die Frage ist überflüssig; Sie haben ja noch nicht
geliebt. Noch sind Ihnen beide Gefühle fremd, noch schläft
Ihr Herz und der Anstoß, der es wecken soll, muß erst
kommen. Sie denken wohl, ein jeder Lebenslauf fließe in
derselben ruhigen Gleichmäßigkeit hin, in der bis jetzt Ihre
Jugend dahin rieselte. Mit verbundenen Augen und verstopften Ohren fort schwimmend, sehen Sie weder die im
Flußbette aufgethürmten Felsenriffe, noch hören Sie das
Gebrause der daran schlagenden Brandung. Doch wahrlich,

ich sage Ihnen, und Sie mögen sich meine Worte merken,
einmal in Ihrem Leben kommen Sie doch noch zu einer felsigen Stelle des Canals, wo sich der ganze Lebensstrom in
Wirbel und Getöse, in Schaum und Geräusch auflöst; entweder zerschellen Sie dann an den Klippen in tausend Atome,
oder es hebt Sie eine der stärksten Wellen in die Höhe und
trägt sie in ein ruhigeres Wasser. ein solches, in dem ich
mich jetzt befinde.
Der heutige Tag gefällt mir: ich liebe diesen grauen
Winterhimmel; ich liebe Stille und Starrheit der vom Frost
gebändigten Erde. Mir gefällt Thornfield in seiner Alterthümlichkeit und Einsamkeit; mit den alten Kreuzdornbüschen, der grauen Facade, den Reihen dunkler,
den Metallglanz der Wolken abspiegelnder Fenster: und
doch, wie lange Zeit habe ich dies Gebäude verabscheut,
es wie eine Pesthöhle gemieden! Wie verabscheue ich noch
immer --
Er knirschte mit den Zähnen und schwieg; im Gehen
inne halten, schlug er mit den Absätzen auf den fest gefrorenen Boden. Irgend ein verhaßter Gedanke schien sich
seiner bemächtigt zu haben und ihn so fest zu halten, daß
er nicht vorwärts konnte.
Wir gingen gerade die Allee hinauf, als er so stehen blieb; das Herrenhaus lag vor uns. Seine Augen zu den
Binnen erhebend, ließ er über sie einen so leidenschaftlichen Blick hingleiten, wie ich noch keinen, weder vorher, noch nachher gesehen. Schmerz, Scham, Zorn, Ungeduld, Ekel, Abscheu schienen in diesem Momente in den großen Augensternen zu wetteifern, die sich unter den rabenschwarzen Augenbrauen gewaltig ausdehnten. Heftig war der Kampf um die Oberherrschaft, doch ein anderes Gefühl stieg empor

und triumphirte: ein Gefühl der Hartherzigkeit, des Eigenwillens, der Entschlossenheit, das seine Leidenschaft dämpfte
und seinen Gesichtszügen einen cynischen, versteinerten Ausdruck verlieh; er fuhr fort:
In diesem Augenblicke eines vorübergehenden Stillschweigens habe ich es mit meinem Geschicke zu tun. Dort
stand es, an jenem Birkenstamme, wie eines jener Hexenweiber, die Macbeth auf der Haide von Foores erschienen.
Dir gefällt Thornfield? sagte es und hob den Finger
empor und schrieb als ein Memento längs der Fronte des
Gebäudes zwischen die obere und die untere Fensterreihe die
Worte: Finde Gefallen daran, wenn Du kannst! finde
Gefallen daran, wenn Du es wagst!
Ich will es, sagte ich. Ich wage es; und (setzte er
mürrisch hinzu) ich werde Wort halten: ich will die Hindernisse meiner Glückseligkeit, meiner Besserung aus dem Weges
räumen. Ich will ein anderer Mensch werden, als ich es
war, als ich noch bin: gleichwie Hiobs Leviathan den Speer,
den Pfeil und den Brustharnisch zerbrach, werde ich Hindernisse, die Andern stark wie Eisen und Messing erscheinen,
nicht höher denn Stroh und faules Holz achten.
Da kam gerade Adela mit ihrem Federballe herbei gesprungen. Fort! rief er mit barscher Stimme; bleibe
in der Ferne, Kind, oder gehe hinein zu Sophien. Ich
versuchte es das darauf folgende Stillschweigen zu unterbrechen, indem ich ihm seine plötzlich abgebrochene Erzählung
ins Gerächtniß zurück rief:
Verließen Sie den Balcon, frug ich, als Mademoiselle Varens ins Haus trat?
Fast erwartete ich ein hartes Wort auf diese etwas
unzeitige Frage zu vernehmen, doch im Gegentheil; aus

seinem düstern Hinbrüten erwachend, sah er mich an und
der finstere Ausdruck seines Gesichtes schien zu verschwinden.
Ach, ich hatte ganz auf Celinen vergessen! Wohl,
um wieder darauf zurück zu kommen: als ich meine Holde
in Begleitung eines Cavaliers zurückkommen sah, glaubte
ich ein Zischen zu vernehmen und die grüne Schlange der
Eifersucht ringelte sich vom mondhellen Balcone los, glitt
mir unter die Weste und hatte sich in zwei Minuten auch
in mein Herz hinein gefressen. Sonderbar rief er, neuerdings vom Gegenstande der Erzählung abspringend, sonderbar, daß ich eine junge Dame wie Sie zu meiner Vertrauten mache; noch sonderbarer, daß Sie einem Manne
ganz ruhig zuhören, der Ihnen, einem wohlerzogenen, unerfahrnen Mädchen, seine Liebschaften mit Operntänzerinnen
zum Besten gibt, als wären es die gewöhnlichsten Geschichten
von der Welt! Doch der letztere Umstand erklärt den ersteren,
wie ich schon einmal bemerkte: Sie mit Ihrem unerschütterlichen Ernst. Ihrem gesetzten Wesen, Ihrer Schweigsamkeit
sind wie geschaffen, die Mittheilung von Geheimnissen in sich
aufzunehmen. Uebrigens weiß ich zu gut, mit welchem Gemüthe ich es zu thun habe; ich weiß, daß es keiner bösen
Eindrücke fähig, zu keiner Ansteckung geneigt, daß es ein
besonderes Gemüth, einzig in seiner Art ist. Glücklicherweise habe ich nicht die Absicht, ihm Schaden zuzufügen;
doch, wenn ich es auch wollte, der vergiftete Pfeil würde
wirkungslos abprallen. Je mehr wir mit einander umgehen,
desto besser; denn während ich Sie nicht verderben kann,
steht es in Ihrer Macht mein Herz aufzufrischen. Nach
dieser Abschweifung nahm er den Faden seiner Erzählung
wieder auf.
Ich blieb am Balcone stehen. Jedenfalls gehen

sie ins Boudoir, dachte ich; ich will mich in den Hinterhalt legen. Und meine Hand durchs offene Fenster langend, zog ich den Vorhang vor, bis auf eine kleine Oeffnung, durch welche ich hindurch blicken konnte; dann schloß
ich den Fensterflügel, doch so, daß ich das Geflüster der
Liebenden hören konnte, und stahl mich zu meinem Sitze zurück. Wie ich es vorausgesehen, trat das Pärchen ein und
sofort näherte ich mein Auge der Oeffnung. Celinens Kammermädchen kam hinterher, zündete eine Lampe an, stellte
sie auf den Tisch und verschwand. Ich konnte nun Alle
deutlich sehen; Beide legten den Mantel ab und da erblick
ich die Varens glänzend in Seide und Edelsteinen -- meinen Geschenken natürlich -- und an ihrer Seite eine;
Mann in Uniform, einen jungen Vicomte, einen hirnlosen Wüstling, den ich zuweilen in Gesellschaften traf und
nicht einmal hassen konnte, weil ich ihn gar so sehr verachtete. Als ich ihn erkannte, war es mit den Schlangen:
bissen der Eifersucht augenblicklich vorbei, denn meine Lieb'
zu Celinen sank sofort unter Null herab. Ein Weib, das
mich um eines solchen Rivalen willen hintergehen konnte,
nur Verachtung konnte sie treffen; mehr noch vielleicht mich;
stand nicht dafür, daß ich mich ihretwegen gekränkt hätte;
da ich dumm genug gewesen war mich von ihr bei der Nase
herumführen zu lassen.
Sie begannen zu sprechen; ihre Unterredung gab
mir vollends meinen Gleichmuth wieder, in ihrer Frivolität, Gemeinheit. Herz- und Geistlosigkeit war sie eher geeignet, den Zuhörer anzuekeln, als in Wuth zu bringen.
Meine Karte lag am Tische und lenkte das Gespräch natürlich auf meine Person. Keines von Beiden besaß Muth,
oder Witz genug, mich tüchtig zu verarbeiten; statt dessen,

überhäuften sie mich mit so gemeinen Schimpfwörtern, wie
sie es nur in ihrer kleinlichen Denkungsweise im Stande
waren; besonders that sich Celine hervor, die in außerordentlich gute Laune kam, als sie die Unregelmäßigkeiten
meines Aeußern oder, wie sie sich ausdrückte, meine körperlichen Gebrechen berührte. Nun war es einer ihrer besonderen Kunstgriffe gewesen, über meine beaute male
in Extase zu gerathen, worin sie ganz und gar von Ihnen
abwich, die Sie mir bei unserer zweiten Unterredung gerade heraus sagten, Sie hielten mich nicht für schön. Der
schneidende Contrast fiel mir auf, und --
Hier kam Adela abermals herbei gelaufen.
Monsieur, John läßt sagen, daß Ihr Verwalter gekommen ist und Sie zu sprechen wünscht.
Ah! wenn das ist, muß ich mich kurz fassen.
Also, ich öffnete die Glasthüre, trat auf das Paar zu, kündigte Celinen meine Protection auf, ersuchte sie das Hotel
zu räumen, händigte ihr für den augenblicklichen Bedarf
eine Geldbörse ein, setzte mich über Thränen, Krämpfe,
Bitten, Versicherungen und Nervenzuckungen hinaus und
gab dem Vicomte ein Rendezvous im Holze von Boulogne.
Am nächsten Morgen hatte ich das Vergnügen mit ihm zusammenzutreffen, schoß ihm einen seiner armseligen dünnen,
mit den Flügeln eines pipsigen Hühnchens vergleichbaren
Arme herunter und glaubte nun mit dem ganzen Pack
fertig zu seyn. Unglücklicherweise hatte mich die Varens ein
halbes Jahr zuvor mit diesem Mädchen, Adela beschenkt, von
dem sie behauptete, es sey meine Tochter: vielleicht ist es
wahr, obwohl ich in dem Gesichte des Kindes keine Beweise
für diese sonderbare Vaterschaft finden kann; denn gewiß
ist mir Pilot ähnlicher, als Adela. Einige Jahre nachdem

ich mit der Mutter gebrochen hatte, ließ die letztere ihr
Kind im Stiche und lief mit einem Sänger oder Musiker
nach Italien davon. Ich räumte dem Kinde kein Recht auf
irgend einen Unterhalt von meiner Seite ein und thue es
auch jetzt nicht, da ich nicht sein Vater bin; allein als ich
hörte, daß es ganz verlassen und hilflos sey, entriß ich
es dem Schlamme und Schmutze von Paris und verpflanzte
das arme Ding hierher, damit es im Boden eines englischen
Landaufenthaltes rein und gesund empor wachse. Mrs.
Fairfax nahm Sie auf, um das Mädchen zu erziehen; doch
jetzt, wo Sie wissen, daß es der uneheliche Sprößling einer
französischen Operntänzerin ist, werden Sie wahrscheinlich
von Ihrem Posten und Ihrem Zöglinge eine andere Meinung
haben; an einem schönen Morgen kommen Sie mir wohl
mit der Nachricht, daß Sie eine andere Stelle gefunden
und mich ersuchen. mich nach einer anderen Erzieherin
umzusehen, und so weiter. Nicht wahr?
Nein -- Adela ist weder an Ihrem noch an ihrer Mutter Fehltritte Schuld; ich bin ihr zugethan und nun ich weiß, daß sie gewissermaßen elternlos, von ihrer Mutter
verlassen und von Ihnen nicht anerkannt ist, werde ich sie
nur noch fester an mein Herz drücken. Wie könnte ich auch
den verderbten Liebling einer reichen Familie, der vielleicht
seine Erzieherin als eine lästige Person ansieht, einer verlassenen Waise vorziehen, die sich an mich wie an eine Freundin anschmiegt?
Oh! Sehen Sie die Sache in diesem Lichte an? Nun
gut; ich muß indessen jetzt ins Haus gehen und Sie auch,
denn es fängt an dunkel zu werden.
Doch ich blieb noch eine Weile mit Adelen und Pilot
zurück -- lief mit ihr um die Wette und machte eine Partie

Federball mit. Im Hause angelangt band ich ihr Hut und
Mantel ab und nahm sie auf meinen Schooß; dort ließ ich sie
eine ganze Stunde sitzen und ganz nach Belieben plaudern,
wobei ich sogar gewisse kleine Freiheiten und Ungezogenheiten übersah, in die sie zu verfallen pflegte, wenn man sich
diel mit ihr zu schaffen machte und die eine wahrscheinlich
von ihrer Mutter ererbte Oberflächlichkeit des Geistes verriethen, wie sie bei einer Engländerin kaum zu finden ist.
Doch hatte das Mädchen auch ihre guten Seiten und ich war
gerne geneigt, alles Lobenswerthe an ihr nach der höchsten
Währung zu schätzen. Ich suchte in ihrem Gesichte eine
Aehnlichkeit mit Mr. Rochester zu entdecken, doch umsonst;
da war kein verwandter Zug, kein auch nur im geringsten
ähnlicher Ausdruck zu finden. Es that mir leid; hätte sie
ihm nur in Etwas ähnlich gesehen, er hätte sich mehr um
sie gekümmert.
Erst als ich mich in mein eigenes Schlafzimmer zurückgezogen hatte, konnte ich Mr. Rochester's Erzählung einer
näheren Betrachtung unterziehen. So wie er es sagte, lag
wahrscheinlich in dem Gegenstande derselben nichts Außerordentliches, die Leidenschaft eines reichen Engländers für eine
französische Tänzerin und die Treulosigkeit der letzteren mochten wohl in der Gesellschaft als eine alltägliche Geschichte
erscheinen: allein in dem Gefühlsparorysmus, der Mr. Rochester so plötzlich erfaßte, als er seine jetzige Zufriedenheit
und sein wieder auflebendes Vergnügen an Thornfield und
seinen Umgebungen verkündigte, lag etwas entschieden Sonderbares. Ich fand es für den Augenblick unerklärlich und
wandte mich zu der Betrachtung seines Betragen gegen
mich. Das Vertrauen, welches er in mich setzte, schien ein

meiner Verschwiegenheit gezollter Tribut zu seyn; ich sah
und nahm es als einen solchen an. Seit einigen Wochen
war sich nun sein Betragen hinsichtlich meiner mehr gleich
geblieben, als im Anfange unserer Bekanntschaft.
Ich schien ihm nicht mehr im Wege zu stehen; er hatte
weiter keine Anwandlungen von vornehmer Kälte; wenn er
mir unerwartet begegnete, war es ihm allem Anscheine nach
willkommen; immer hatte er ein freundliches Wort oder ein
Lächeln für mich bereit. Lud er mich zu sich ein, so zeigte
die herzliche Aufnahme, mit welcher er mich beehrte, daß ich
wirklich die Macht besaß, ihn zu unterhalten, und daß er
in diesen Abendunterhaltungen nicht blos sein Vergnügen
suchte, sondern auch darauf Rücksicht nahm, daß auch ich
mich behaglich fühlte.
Verhältnißmäßig sprach ich selbst nur wenig, hörte ihn
aber mit desto größerem Vergnügen erzählen. Er war von
Natur aus mittheilsam; er liebte es einem mit dem Treiben der Welt unbekannten Gemüthe das Dichten und Trachten derselben vorzuführen; nicht etwa in Bildern der Verderbniß und Unsittlichkeit, sondern in solchen Scenen, die
durch die Großartigkeit der verhandelten Interessen oder durch
ihre charakteristische Neuheit und gänzliche Abweichung von
der Alltäglichkeit die Aufmerksamkeit fesselten. Es war für
mich ein außerordentlicher Genuß, diese neuen Ideen in mich
aufzunehmen, die neuen Gemälde, die er mir vorzeichnete, zu
betrachten, ihm in Gedanken durch die unbekannten Regionen zu folgen, die er meinem Geiste erschloß, und das Alles
ohne je durch eine zweideutige Anspielung verletzt, oder in
Verlegenheit gebracht zu werden.
Die Ungezwungenheit seines Benehmens befreite auch mich
von jedem lästigen Höflichkeitskram; die eben so vernünftige

als herzliche Vertraulichkeit, mit der er mich behandelte, zog
mich zu ihm hin. Zuweilen kam es mir vor, als sey er mehr
mein Anverwandter, denn mein Gebieter; doch zeigte er
sich zuweilen noch herrisch, was ich indeß nicht beachtete, da
ich wußte, daß es so seine Art sey. Dieses neue, zu meinem
Alltagsleben hinzu gekommene Interesse machte mich so selbstzufrieden, so glücklich, daß ich aufhörte mich nach Heimat
und Familie zu sehnen. Mein kleinlich angelegtes Schicksal
schien sich zu erweitern, die Leere meines Daseyns sich auszufüllen; sogar meine Gesundheit besserte sich, ich begann
kräftiger und stärker zu werden.
Und war Mr. Rochester in meinen Augen noch immer
häßlich? Nein, lieber Leser: Dankbarkeit und eine Menge
anderer gleich freundlicher Gefühle machten sein Antlitz zu
demjenigen Gegenstande, den ich am liebsten sah; seine bloße
Gegenwart in der Stube wärmte mich mehr als das hellste
Feuer. Bei allem dem übersah ich jedoch seine Fehler nicht;
und in der That wäre es auch unmöglich gewesen, da er sie
mir sehr oft vor Augen führte. Er war stolz, bissig, barsch
gegen Leute. die in was immer für einer Weise unter ihm
standen; im Innersten meines Herzens fühlte ich es nur zu
gut, daß eine ungerechte Strenge gegen viele Andere seine
zu große Güte gegen mich bei weitem aufwog. Auch war
er sehr launisch, sogar unausstehlich; mehr als einmal, wo
er mich ersuchen ließ, ihm vorzulesen, fand ich ihn ganz
allein im Bibliothekzimmer sitzend, den Kopf auf seine übereinander geschlagenen Arme gelehnt, und wenn er aufblickte,
verzerrte ein mürrisches, fast boshaftes Grinsen seine Gesichtszüge. Doch war ich überzeugt, daß seine verdrießliche
Laune, seine Barschheit, seine früheren sittlichen Gebrechen
(ich sage seine früheren Gebrechen, denn jetzt schien er

sie bereits abgelegt zu haben) in irgend einem grausamen
Schicksalsschlage ihren Ursprung hatten. Ich wußte, daß er
von Natur aus bessere Neigungen und Grundsätze, reinere
Gefühle besaß, als diejenigen, die sich durch Umstände entwickelt und in seine Erziehung eingeschlichen, die das Ge-
schick in ihm großgezogen hatte; ich wußte, daß vortreffliches Material in ihm stack, wiewohl es augenblicklich etwas
wirr und unordentlich durch einander lag. Ich kann es nicht
läugnen, daß sein Kummer, worin er immer bestehen mochte,
auch mich drückte und daß ich sehr viel darum gegeben hätte,
ihn lindern zu können.
Wiewohl ich nun mein Licht ausgelöscht hatte und im
Bette lag, so konnte ich doch nicht einschlafen, sobald ich
nur an jenen Blick dachte, den er mir zugeworfen, als er
im Baumgang stehen blieb und sagte, sein Schicksal sey ihm
erschienen und habe ihm Trotz geboten, sich je in Thornfield
glücklich zu fühlen.
Warum sollte er es nicht? frug ich mich selbst;
was wendet ihn von dem Hause ab? Will er es bald wieder verlassen? Mrs. Fairfax erwähnte, er halte sich nie länger
als vierzehn Tage auf einmal auf und nun weilt er hier bereits über acht Wochen. Wenn er geht, ist der Wechsel für
mich ein schmerzlicher. Gesetzt, er wäre im Frühling, Sommer und Herbst nicht hier, wie so freudenlos erschienen mir,
Sonnenschein und schönes Wetter!
Ich weiß wirklich nicht, ob ich nach diesem Hin- und
Hersinnen einschlief oder nicht; so viel ist gewiß, daß ich
über ein unbestimmtes Geräusch erwachte, das, eigenthümlich und klagend, wie es mir vorkam, gerade über mir ertönte. Ich wollte, ich hätte das Licht brennen lassen: die

Nacht war stockfinster, mir sank der Muth. Ich setzte mich
im Bette auf und horchte. Die Laute schwiegen.
Wieder versuchte ich es zu schlafen, allein mein Herz
pochte ängstlich, meine Gemüthsruhe war gewichen. Die
Glocke in der Halle schlug zwei Uhr. Da gerade schien es
mir, als hätte Jemand an meiner Stubenthüre gerüttelt, als
wären die Finger eines Vorübertappenden über die Thürflügel gefahren. Wer ist da? rief ich. Niemand antwortete. Todtenkälte rieselte mir durch die Gebeine.
Plötzlich fiel mir ein, es könnte Pilot seyn, der, wenn
die Küchenthüre zufällig offen blieb, nicht selten bis vor
die Schwelle von Mr. Rochester's Stube hinauflief. Oft
hatte ich ihn selbst des Morgens dort liegen sehen. Diese
Idee beruhigte mich in etwas; ich legte mich wieder nieder.
Stille beruhigt die Nerven und da augenblicklich eine durch
nichts gestörte Ruhe im Hause herrschte, wollte ich eben
wieder einschlafen. Doch im Buche des Schicksals stand es
geschrieben, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum
hatte sich ein Traumbild auf mich herniedergesenkt, als es
sofort von einem, das Mark in den Beinen erstarren machenden Zwischenfalle entfloh.
Es war dies ein leises, unterdrücktes, tiefes, geisterhaftes Lachen, das sich, wie es schien, gerade vor dem
Schlüsselloche meiner Thür hören ließ. Der Kopf meines
Bettes stand hart daran und anfänglich glaubte ich, der
hohnlachende Dämon stehe neben meinem Bette oder hocke
vielmehr auf meinem Kopfkissen: doch als ich aufstand und
herumblickte, sah ich nichts; kaum verhielt ich mich jedoch
wieder ruhig, als auch der unnatürliche Laut, und zwar
diesmal ganz bestimmt hinter der Thüre, von neuem ertönte. Mein erster Gedanke war aufzustehen und den Riegel vorzuschieben, mein zweiter ein wiederholtes „Wer da?“
zu rufen.
Irgend ein Wesen knurrte und seufzte laut auf. Darauf zog es sich im Gange gegen die Treppe zum dritten
Stockwerk zurück. Eine Thüre war unlängst vor diese Treppe
gemacht worden, die ich nun auf- und zugehen hörte, worauf wieder Alles ganz still wurde.
War das Grace Poole und ist sie vom Teufel besessen?
dachte ich. Unmöglich konnte ich allein bleiben: ich mußte
zu Mrs. Fairfax gehen. Ich schlüpfte in meinen Rock, band
ein Tuch um, schob den Riegel zurück und öffnete die
Thüre mit zitternder Hand. Draußen im Gange sah ich ein
Licht auf der Matte stehen; doch noch mehr überraschte es
mich, daß mir eine dicke, wie mit Rauch gefüllte Luft entgegenkam, und während ich rechts und links um mich blickte,
um die Ursache des Rauches zu entdecken, fuhr mir ein
starker Brandgeruch in die Nase.
Es krachte etwas, eine Thüre flog auf: es war diejenige von Mr. Rochester's Stube, aus welcher Wolken dichten Rauches herausströmten. Ich dachte nicht weiter an
Mrs. Fairfax, an Grace Poole und ihr Gelächter: in einem Augenblicke war ich in der brennenden Stube. Flammenzungen umleckten das Bett, die Vorhänge brannten lichterloh. Mitten in Feuer und Rauch lag Mr. Rochester bewegungslos im tiefsten Schlafe.
Auf! Auf! schrie ich und rüttelte ihn aus Leibeskräften; doch er murmelte etwas vor sich hin und drehte
sich herum, der Rauch hatte ihn bereits betäubt. Kein Augenblick war zu verlieren, denn schon hatte sein Bettuch
Feuer gefangen. Ich stürzte zum Waschbecken und Wasserkruge; glücklicherweise war das eine weit und der andere

tief und beide bis an den Ran mit Wasser gefüllt. Ich
nahm die Gefäße auf, übergoß das Bett und den Schläfer,
flog in meine Stube zurück, brachte meinen eigenen Wasserkrug, leerte ihn ebenfalls aus und mit Gottes Hilfe gelang es mir das Feuer zu löschen.
Das Zischen des bewältigten Elementes, das Zerbrechen des einen Kruges, den ich, nachdem ich ihn geleert,
von mir geschleudert hatte, und mehr noch als dies Alles
das plätschernde Sturzbad, welche ich ihm hatte reichlich
angedeihen lassen, weckte endlich Mr. Rochester. Wiewohl
es nun finster war, wußte ich doch, daß er nicht mehr schlief,
denn ich hörte ihn ganz lästerlich fluchen, als er fand, daß
er in einer Wasserpfütze lag.
Ist eine Ueberschwemmung hereingebrochen? rief er.
Nein, Sir, erwiederte ich; aber es hat hier gebrannt: stehen Sie auf, das Feuer ist nun gelöscht und ich
will Ihnen sogleich ein Licht holen.
Im Namen aller Elfen der Christenheit, ist das Jane
Eyre? frug er. Was hatten Sie mit mir vor, Sie
Hexe, Sie Zauberin? Wer ist außer Ihnen noch im Zimmer? Haben Sie sich verschworen, mich zu ersäufen?
Ich will Ihnen Acht bringen. Sir; um des Himmels
willen stehen Sie auf. Wohl hat sich irgend Jemand gegen
Sie verschworen und Sie können nicht schnell genug ausfindig machen wer es ist.
Da -- nun bin ich auf; doch holen Sie die Kerze
noch nicht: warten Sie noch zwei Minuten, bis ich ein
trockenes Kleidungsstück umthue, wenn ja eines zu finden
ist. Doch ja, hier ist mein Schlafrock und nun laufen Sie.
Ich rannte hinaus und brachte die Kerze, die noch immer am Gangestand. Er nahm sie mir aus der Hand,

hielt sie in die Höhe und besah sich das Bett; Alles war
schwarz und angebrannt, die Bettücher naß und rund herum am Boden standen Wasserpfützen.
Was soll das und wer hat das gethan? frug er.
Mit kurzen Worten berichtete ich ihm, was sich zugetragen: das wunderbare Gelächter in der Gallerie; die
Schritte zur Treppe des dritten Stockwerkes; den Rauch,
den Brandgeruch, der mich zu seinem Zimmer brachte; den
Zustand, in welchem ich ihn gefunden und wie ich ihn mit
allem vorhandenen Wasser begossen hatte.
Er hörte sehr ernsthaft zu; sein Gesicht drückte im
Verlaufe meiner Erzählung mehr Angst als Verwunderung aus; er sprach nicht sogleich, als ich geendet hatte.
Soll ich Mrs. Fairfax rufen? frug ich.
Mrs. Fairfax? Nein; -- warum, zum Guckguck,
wollen Sie sie rufen? Was soll sie hier? Lassen Sie sie
ruhig schlafen.
Dann will ich Leah rufen und John und sein Weib
wecken.
Durchaus nicht: sind Sie stille. Sie haben ein Tuch
um: ist Ihnen nicht warm genug, wickeln Sie sich noch in
jenen Mantel ein und setzen Sie sich in jenen Armstuhl;
so, ich will ihn Ihnen umthun helfen. Nun legen Sie
Ihre Beine auf den Stuhl, damit Ihre Füße nicht naß
werden. Ich verlasse Sie auf einige Minuten und nehme die
Kerze mit. Bleiben Sie wo Sie sind, bis ich zurückkomme,
und seyen Sie mäuschenstill. Ich muß dem zweiten Stockwerke einen Besuch abstatten. Erinnern Sie sich daran, daß
Sie still seyn und Niemanden rufen sollen
Er ging; meine Blicke folgten dem scheidenden Lichte.
Er ging die Gallerie ganz leise entlang, öffnete die Treppenthüre so geräuschlos als möglich, zog sie hinter sich zu und
der letzte Lichtstrahl verschwant. Ich blieb in gänzlicher Finsterniß zurück, und verlegte mich auf's Horchen, ohne etwas zu
hören. Eine geraume Zeit verging. Ich wurde müde; trotz
des Mantels war mir kalt und dann begriff ich nicht, warum ich hier warten sollte, wenn ich Niemanden wecken
durfte. Ich war im Begriffe, Mr. Rochester's Ungnade auf
mich zu laden, indem ich seinen Befehlen zuwider handelte,
als das Licht wieder auf dem Gange erschien und die Tritte
seiner bloßen Füße auf der Matte hörbar wurden. Ich
hoffe er ist es und kein böser Geist, dachte ich.
Sehr blaß, mit verstörtem Antlitz trat er in die Stube.
Ich bin hinter Alles gekommen, sagte er, die Kerze auf
den Waschtisch niederstellend; es ist so, wie ich mir's
dachte.
Was ist's also?
Er gab keine Antwort, sondern blieb mit verschränkten Armen, den Blick zu Boden gerichtet, vor mir stehen.
Nach wenigen Minuten hob er in einem sonderbaren
Tone an:
Ich vergaß ganz, Sie zu fragen, ob Sie Jemanden
sahen, als Sie Ihre Stubenthüre öffneten?
Nein, blos den Leuchter sah ich am Boden stehen.
Doch Sie hörten ein sonderbares Lachen? Ein Lachen,
das Sie schon früher einmal gehört hatten, wie ich glaube?
Ja wohl! Hier im Hause ist ein Frauenzimmer, Namens Grace Poole -- sie pflegt auf diese Weise zu lachen.
Es ist eine sonderbare Person.
So ist's, Grace Poole. -- Sie haben es errathen.
Sie ist, wie Sie sagen, eine sonderbare, sogar sehr sonderbare Person. Wohl, ich will mir die Sache überlegen. Indessen ist es mir sehr lieb, daß Sie außer mir die Einzige
sind, welche von den Einzelnheiten des Ereignisses dieser
Nacht Kenntniß hat. Sie sind keine alberne Plaudertasche;
erwähnen Sie gegen Niemand etwas davon. Diesen Zustand
der Dinge (auf das Bett weisend) will ich verantworten:
und nun kehren Sie in Ihre Stube zurück. Ich werde den
Rest der Nacht ganz bequem in der Bibliothek am Sopha
zubringen. Es ist bald vier Uhr; -- in zwei Stunden ist
die Dienerschaft auf.
Nun denn, gute Nacht, Sir, sagte ich, mich entfernend.
Er schien verwundert -- ganz ohne Grund, da er mich doch gehen geheißen.
Wie! rief er, Sie verlassen mich schon und auf diese Weise?
Sie sagten ja, ich möchte gehen.
Doch nicht ohne Abschied zu nehmen, nicht ohne ein
oder zwei Worte der Erkenntlichkeit, nicht in dieser trockenen, herzlosen Manier. Wie, Sie haben mir das Leben gerettet, -- mich einem schrecklichen, qualvollen Tode entrissen, -- und nun gehen Sie von mir, als hätten wir
uns nie gekannt? So reichen Sie mir doch wenigstens die
Hand!
Er streckte mir seine Rechte entgegen, ich gab ihm die
meine: er na hm sie zuerst in die eine, dann in seine beiden
Hände.
Sie haben mir das Leben erhalten, ich schätze mich
glücklich, Ihnen so unendlich viel zu verdanken. Mehr kann
ich nicht sagen. Kein anderes Geschöpf wäre mir als Gläubiger einer so großen Schuld leidlich: doch bei Ihnen ist es

was Anderes; Ihre edle Handlung ist für mich keine
Last, Jane!
Er hielt inne, sah mich an, Worte, die ich fast lesen
konnte, schwebten auf seinen Lippen, allein seine Stimme
stockte.
Und nun zum zweiten Male, gute Nacht, Sir. Es ist
hier von keiner Schuld, edlen Handlung, Last oder Verbindlichkeit die Rede.
Ich wußte es, Sie würden einmal auf irgend eine
Art meine Wohlthäterin werden -- ich sah es Ihnen an den Augen an, als ich Sie zum ersten Male sah: ihr freundlicher Ausdruck -- (er stockte) -- ihr freundlicher Ausdruck (hastig fortfahrend) rief nicht umsonst ein so unaussprechliches Vergnügen im Innersten meines Herzens wach.
Man spricht von natürlichen Sympathien; ich habe von
guten Genien gehört -- selbst die unglaublichste Fabel enthält etwas Wahres. Meine theure Lebensretterin, gute
Nacht!
Seine Stimme ertönte in wunderbarer Kraft, seine
Augen erglänzten in ungewohntem Feuer.
Es ist ein bloßer Zufall, daß ich gerade wach war,
sagte ich und schickte mich an, die Stube zu verlassen.
Wie! Sie wollen doch gehen!
Es ist mir kalt, Sir!
Kalt? Wohl, und Sie stehen im Wasser. Gehen
Sie, Jane, gehen Sie! Aber noch immer hielt er meine
Hand fest und ich konnte mich nicht losmachen. Ein Ausweg
fiel mir ein.
Ich denke, ich höre Mrs. Fairfax kommen,
sagte ich.

Gut denn, verlassen Sie mich. Er ließ meine Hand
fahren und ich ging.
Ich suchte mein Lager wieder auf, doch war an Schlaf
nicht zu denken. Bis zum grauen Morgen trieb ich mich auf
hoher und stürmischer See herum, wo düstere Wogen mit
freundlichem Wellengekräusel abwechselten. Zuweilen glaubte
ich durch die getheilten Wasser die Küste zu sehen, schwellend wie die Hügel von Beulah; dann und wann trug mich
ein prächtiger, von freudiger Hoffnung geweckter Wind im
Triumph dem Gestade zu; doch konnte ich es nicht einmal
in der Phantasie erreichen, -- eine widrige Luftströmung
wehte vom Lande und trieb mich jedesmal vom Ufer ab,
Der Verstand bekämpfte den Fieberwahn und drängte die
Leidenschaft zurück. Zu fieberhaft erregt, um ruhen zu können, erhob ich mich mit Anbruch des Tages.

Sechzehntes Capitel.

Am Tage, der dieser schlaflosen Nacht folgte, wünschte:
und fürchtete ich Mr. Rochester zu sehen: es war mir Bedürfniß, den Laut seiner Stimme zu hören, allein ich zitterte seinen Blicken zu begegnen. In den ersten Morgenstunden sah ich seinem Erscheinen jeden Augenblick entgegen
es war zwar nicht seine ausgesprochene Gewohnheit, das
Lehrzimmer zu betreten, allein zuweilen kam er doch auf
ein paar Minuten hinein, und gerade an jenem Morgen
glaubte ich ihn mit Gewißheit erwarten zu können.
Allein der Morgen verging wie gewöhnlich: nichts
unterbrach den ruhigen Verlauf von Adelens Lehrstunden;
nur nach dem Frühstücke hörte ich einiges Geräusch in der
Nähe von Mr. Rochester's Stube; Mrs. Fairfax's Stimme,

diejenige Leah's, der Köchin -- Johns Frau und auch Johns
rauhe Töne konnte ich unterscheiden. Was für ein Glück,
hieß es, daß der Herr nicht im Bette verbrannte! Es
ist immer gefährlich, des Nachts in der Schlafstube Licht zu
brennen. -- Welche Fügung des Himmels, daß er noch Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken! --
Es ist merkwürdig, daß er Niemanden weckte. -- Wir wollen hoffen, daß er sich im Bibliothekzimmer auf dem Sopha nicht erkältet hat.
Dem vielen Gerede machte eine gebieterische Stimme
ein Ende, die zur Ruhe und Ordnung mahnte; und als
ich, mich zum Mittagsessen hinunter begebend, bei der Stube
vorüberkam, sah ich durch die offene Thür, daß Alles wieder hergerichtet war, bis auf die Bettvorhänge, die noch
fehlten. Leah stand im Fenster und wusch die Scheiben,
welche der Rauch ganz geschwärzt hatte. Ich wollte sie anreden, um zu erfahren, was für ein Bericht über das nächtliche Ereigniß im Hause die Runde machte. Doch als ich
vorwärts trat, bemerkte ich eine zweite Person in der Stube --
ein Frauenzimmer, das in einem Armstuhle an der Bettstelle saß und Ringe an die neuen Vorhänge nähte. Es war
Niemand Anderer als Grace Poole.
Da saß sie ernst und schweigsam wie gewöhnlich; in
ihrem braunstoffenen Kleide, der gewürfelten Schürze, mit
dem weißen Taschentuche und der weißen Haube. Sie war
in ihre Arbeit vertieft, die ihren ganzen Gedankenkreis in
Anspruch zu nehmen schien; ihre rauhe Stirne, ihre alltäglichen Gesichtszüge zeigten nichts von der Blässe und Verzweiflung, die man im Gesichtsausdrucke eines Weibes er-
wartet hätte, das einen Mord beabsichtigt, dessen erkorenes
Opfer ihr die Nacht zuvor in die Kammer gefolgt war und

sie dort des versuchten Verbrechens beschuldigt hatte. Ich war
erstaunt, verwirrt. Sie blickte auf, während ich sie ansah:
kein Zucken, kein Wechseln der Farbe verrieth Aufregung,
Schuldbewußtseyn und die Furcht vor Entdeckung. Sie
sagte ihr Guten Morgen, Miß, in ihrer gewöhnlichen
kurzen und phlegmatischen Manier, nahm einen neuen
Ring und ein neues Stück Band und fuhr fort zu nähen.
Ich will sie doch einmal auf die Probe stellen,
dachte ich, eine so gänzliche Verstocktheit übersteigt ja alle
Begriffe.
Guten Morgen, Grace, sagte ich. Was hat's denn
gegeben? ich glaubte das Gesinde vor einer Weile über Etwas reden zu hören.
Der Herr hatte in der Nacht im Bette gelesen; darüber schlief er ein, ließ die Kerze brennen und die Vorhänge
fingen Feuer. Glücklicherweise erwachte er, bevor sich die
Bettücher und das Holzwerk entzündeten, und es gelang
ihm die Flamme mit dem Wasser aus dem Kruge zu löschen.
Eine wunderliche Geschichte! sagte ich leise, und sie
dann fest anblickend, fuhr ich fort: Hat Mr. Rochester Niemanden geweckt, hat ihn Niemand gehen hören?
Wieder sah sie empor und diesmal glaubte ich das Bewußtseyn der Schuld in ihren Augen zu lesen. Sie schien
mich sorgsam zu prüfen, dann antwortete sie:
Die Dienstleute schlafen so weit entfernt, wie Sie
wissen, sie konnten es nicht gut hören. Mrs. Fairfax's
Stube und die Ihrige liegen am nächsten. Doch Mrs. Fairfax sagt, sie habe nichts gehört: wenn die Leute einmal älter werden, pflegen sie sehr fest zu schlafen. Sie hielt inne
und versetzte dann mit einer Art angenommener Gleichgültigkeit, doch in einem ausdrucksvollen und bezeichnenden

Tone: Doch Sie sind jung, Miß, und haben, wie ich
glaube, einen leisen Schlaf; vielleicht hörten Sie irgend ein
Geräusch?
So ist's, sagte ich, meine Stimme dämpfend, daß
mich Leah, die noch immer die Fenster putzte, nicht hören
konnte. Anfangs dachte ich, es wäre Pilot, aber Pilot
kann nicht lachen; und ganz gewiß hörte ich ein Lachen
und was für ein merkwürdiges Lachen!
Sie nahm einen neuen Faden, wichste ihn sorgfältig,
fädelte ihre Nadel mit fester Hand ein und bemerkte dann
mit vollkommenster Seelenruhe:
Es ist kaum glaublich, daß der Herr gelacht hätte,
da er in so großer Gefahr war, Miß; Sie müssen geträumt
haben.
Ich habe nicht geträumt, sagte ich mit Wärme:
denn ihre eiserne Keckheit brachte mich auf. Und wieder
maß sie mich mit demselben prüfenden und unsicheren
Blicke.
Sagten Sie es dem Herrn, daß Sie lachen hörten?
fragte sie.
Ich hatte keine Gelegenheit ihn diesen Morgen zu
sprechen.
Dachten Sie nicht daran, Ihre Stubenthür zu öffnen
und auf den Gang hinaus zu sehen? fuhr sie fort.
Sie schien mich ausforschen und mir, ohne daß ich es
bemerkte, Geständnisse entlocken zu wollen: sofort kam mir
der Gedanke, sie möchte mir am Ende, wenn sie bemerkte,
daß ich ihre Schuld vermuthete, oder darum wüßte, irgend
einen bösen Streich spielen; ich hielt es daher für rathsam
auf meiner Hut zu seyn.

Im Gegentheile, erwiederte ich, ich riegelt
mich ein.
Sie pflegen das also nicht jede Nacht zu thun, bevor
Sie zu Bette gehen?
Du Teufel! dachte ich im Stillen. Sie will
meine Gewohnheiten wissen, um ihren Plan darnach ein
richten zu können! Der Unwille siegte über die Klugheit
und ich antwortete mit scharfer Betonung: Bisher vergaß
ich häufig den Riegel vorzuschieben, ich hielt diese Vorsicht
für unnöthig. Ich dachte nicht, daß in Thornfieldhall irgend
eine Gefahr oder ein Anfall zu fürchten sey, doch von nun
an (und ich hob diese Worte besonders hervor) werde ich
nicht ermangeln, Alles sorgfältig zu verschließen, ehe ich
mich niederlege.
Daran werden Sie sehr wohl thun, lautete ihre
Antwort. Die Nachbarschaft ist zwar sicher, so viel ich
weiß und nie, seit ich im Hause bin, hörte ich von irgend einem
Raubanfalle; wiewohl, wie Jedermann weiß, Hunderte
von Pfunden nur allein an Silbergeschirr im Silberschranke
liegen. und Sie sehen selbst, wie gering die Anzahl der
Dienstleute für das große Haus ist, eben weil sich unser
Herr nie lange hier aufhielt, und wenn er auch kömmt, so
braucht er, als Junggeselle, nur geringe Aufwartung. Ich
für meinen Theil denke, man kann nie sicher genug gehen,
eine Thüre ist bald verschlossen und es ist jedenfalls besser
man schiebt einen Riegel zwischen sich und mögliche Gefahren. Viele Leute, Miß, verlassen sich ganz und gar auf die
Vorsehung; aber ich sage, die Vorsehung enthebt uns der
eigenen Vorsicht nicht, wiewohl sie dieselbe oft zum Segen
und Gedeihen wendet, wenn man sie mit Klugheit braucht.

Sie schloß diese für sie ungewöhnlich lange, mit der Demuth einer Quäkerin vorgebrachte Rede.
Wie vom Donner gerührt stand ich vor ihr, sprachlos
über diese mir wunderbar scheinende Selbstbeherrschung und
unergründliche Verstellung, als die Köchin eintrat.
Mrs. Poole, begann sie zu Grace gewendet, das
Essen für die Dienstleute wird bald angerichtet seyn; wollen
Sie hinunter kommen?
Nein, stellen Sie nur meine Halbe Porter und ein
Stückchen Pudding auf einen Träger, ich will mir's schon
holen.
Wollen Sie Fleisch dazu?
Blos einen Bissen und einen Brocken Käse, das
ist Alles.
Und was soll's mit dem Sago?
Ach, lassen Sie das; ich komme ohnedies noch vor
dem Thee hinab; ich werde mir ihn selbst anrichten.
Die Köchin wandte sich nun zu mir und sagte, Mrs.
Fairfax erwarte mich; ich ging.
Bei Tische hörte ich Mrs. Fairfax's Erzählung vom
Zimmerbrande nur mit halben Ohren an, so sehr beschäftigte mich Grace Poole's unerforschlicher Charakter, noch
mehr aber das Räthselhafte ihrer Stellung in Thornfield
und der Umstand, daß man sie nicht sofort am Morgen gefangen setzte oder doch wenigstens des Dienstes entließ. Fast
mit Bestimmtheit hatte Mr. Rochester in der Nacht seine
Ueberzeugung von ihrer Schuld erklärt; welche geheimnißvolle Ursache hinderte ihn sie anzuklagen? Warum trug er
mir ein unverbrüchliches Stillschweigen auf? Man konnte
sich nicht leicht etwas Sonderbareres denken; ein muthiger,

rachsüchtiger und stolzer Edelmann schien irgendwie in die
Gewalt seiner letzten Dienstmagd gegeben, und so ohne alle
Waffen, daß sie es wagen durfte, ihm nach dem Leben zu
trachten, ohne daß er daran dachte, sie öffentlich anzuklagen, viel weniger der strafenden Hand der Gerechtigkeit
zu überliefern.
Wäre Grace jung und schön gewesen, hätte ich in die
Versuchung kommen können, zu glauben, Mr. Rochester's
Handlungsweise sey -- durch andere Gefühle als Klugheit und
Furcht bestimmt worden; doch bei ihrem unangenehmen
Aeußern und ihrem vorgerückteren Alter konnte eine solche
Idee nicht zu Platz greifen. Und doch, überlegte ich,
war sie einmal jung und mag jetzt mit Mr. Rochester in
gleichem Alter stehen. Mrs. Fairfax sagte mir, sie wohne
schon viele Jahre im Schlosse. Ich glaube nicht, daß sie
jemals hübsch war. doch besitzt sie vielleicht Originalität
und Charakterstärke, die für den Mangel persönlicher Anmuth entschädigen. Mr. Rochester ist ein Liebhaber des
Kräftigen und Excentrischen und das Letztere ist Grace gewiß in hohem Grade. Wie, wenn eine frühere Liebschaft
(bei einer so wetterwendischen und starrsinnigen Natur wie
die seinige ein sehr möglich er Fall) ihn in ihre Hände geliefert hätte, so daß sie nun in Folge seiner Unbesonnenheit
auf seine Handlungen einen geheimen Einfluß ausübt, den
er nicht zurückweisen, nicht mißachten darf? Allein bei
diesem Theile meiner Vermuthung angelangt, trat mir Mrs.
Poole untersetzte, ordinäre Figur, ihr widriges, verwittertes, ja gemeines Gesicht so deutlich vor die Augen, daß
ich zu mir selbst sagte: Nein, nicht möglich! Meine Vermuthung kann nicht richtig seyn. Und doch, rief mir die
Stimme meines Herzens zu: bist auch Du nichts weniger

als schön und vielleicht ist Dir Mr. Rochester dennoch geneigt.
Wenigstens kam es Dir oft so vor, als wenn dies der Fall
wäre, und die vorige Nacht - erinnere Dich seiner Worte,
seiner Blicke, des Tones seiner Stimme.
Wohl war mir Alles frisch im Geächtniß: Sprache,
Blick und Stimme schwebten mir lebhaft vor. Ich befand
mich gerade im Lehrzimmer; Adele zeichnete: ich neigte mich
über sie und führte ihr die Bleifeder. Zu mir emporblickend fuhr sie ordentlich zurück.
Qu'avez -- vous, Mademoiselle? versetzte sie.
Vos doigts tremblent comme la feuille et vos
joues sont rouges, mais rouges comme des cerises.
Es ist mir warm vom Niederbücken, liebe Adela!
Sie fuhr in ihrer Zeichnung, ich in meinem Nachdenken fort.
Ich gab mir alle Mühe, die verhaßte Vorstellung, die
ich wegen Grace Poole gefaßt, zu vertreiben, sie machte mich
gar so verdrießlich. Ich verglich mich mit ihr und fand,
wie verschieden wir wären. Bessie Leaven hatte gesagt, ich
wäre eine gemachte Dame und sie hatte Recht, ich war es
in der That. Und zudem sah ich jetzt viel besser aus, als
damals, wo mich Bessie zu Gesichte bekam: ich hatte eine
bessere Farbe und mehr Fleisch, mehr Leben, mehr Feuer,
da sich mir schönere Aussichten eröffneten und mir mehr Unterhaltung zu Gebote stand.
Der Abend naht, sagte ich, zum Fenster blickend.
Den ganzen Tag über habe ich weder Mr. Rochester's
Stimme noch seine Tritte vernommen, doch gewiß werde
ich ihn heute noch zu sehen bekommen. Heute Morgen sah
ich dieser Begegnung mit Furcht entgegen, nun wünsche ich
sie herbei, denn meine Erwartung wurde so oft getäuscht,
daß sie nun ungeduldig ist.

Meine Sehnsucht erreichte den höchsten Grad, nachdem
die Dämmerung wirklich hereingebrochen war, und mich
Adela verlassen hatte, um in der Kinderstube mit Sophien zu
spielen. Ich horchte ob unten die Klingel ertönte, ob Leah
mit einer Botschaft käme z zuweilen bildete ich mir ein, Mr.
Rochester's Schritte zu hören und sah nach der Thür, in
der Erwartung sie öffnen und ihn eintreten zu sehen. Doch
die Thür blieb geschlossen und nur die nächtliche Finsterniß
kam durch's Fenster herein. Doch war es noch nicht so spät,
sehr oft ließ er mich noch um sieben oder acht Uhr kommen
und jetzt war es erst sechs Uhr. Wie könnte ich heute Abends
umsonst gehofft haben, wo ich ihm so viel zu sagen hatte?
Ich wollte vor Allem Grace Poole zum Gegenstande des
Gespräch es machen und hören, was er darauf antworten
würde; ich hatte die Absicht, ihn geradezu zu fragen, ob
er fest überzeugt wäre, daß sie die Thäterin des scheußlichen
Mordversuches sey, und wenn er es bejahte, warum er ihr
Verbrechen mit dem Schleier des Geheimnisses bedecke? Es
kümmerte mich dann wenig, ob ihn meine Neugierde aufbrachte, es machte mir stets ein besonderes Vergnügen, ihn
abwechselnd ärgern und wieder besänftigen zu können und ich
wußte darin gut Bescheid: ein sicherer Instinct hinderte mich
zu weit zu gehen, nie wagte ich mich über die Grenze hinaus und es war meine größte Freude, auf der äußersten
Linie angelangt, meine Geschicklichkeit versuchen zu können.
Bei aller achtungsvollen Entfernung, wie sie meine Stellung mit sich brachte, konnte ich dennoch seine Ansichten
ohne Furcht oder Zwang bekämpfen, was sowohl ihm als
auch mir behagte.
Endlich ließen sich Tritte von der Treppe her vernehmen; Leah erschien, doch nur um mir anzuzeigen, der

Thee erwartete mich in Mrs. Fairfax's Stube. Ich begab mich
dahin, froh, doch wenigstens die Treppe hinab gehen zu
können, denn das brachte mich ja, so bildete ich mir ein, Mr. Rochester näher.
Wollen Sie keinen Thee nehmen? rief mir die gute
Dame freundlich entgegen; Sie aßen heute so wenig zu
Mittag. Ich fürchte ordentlich, daß Sie krank sind, Sie
sehen so geröthet und fieberhaft aus.
Oh, ich bin ganz gesund! Nie fühlte ich mich wohler.
Dann beweisen Sie es dadurch, daß Sie einen guten
Appetit an den Tag legen; wollen Sie die Theekanne füllen, indeß ich diese Nadel abstricke? Mit ihrer Aufgabe
fertig geworden, stand sie auf und schloß die Fensterläden,
die sie bis jetzt offen gelassen, wahrscheinlich um das Tageslicht
so lange als möglich zu genießen, wiewohl sich inzwischen
die Dämmerung in nächtliche Finsterniß verwandelt hatte.
Es ist heute Abend schönes Wetter, sagte sie, durch
die Fensterscheiben blickend, obgleich nicht sternenhell;
Mr. Rochester hatte im Ganzen einen sehr günstigen Tag
für seine Reise.
Seine Reise! -- Ist Mr. Rochester verreist? Ich
wußte ja gar nicht, daß er weg wäre!
O, er fuhr gleich nach dem Frühstück fort. Er ist
nach Leas gefahren, Mr. Eshton's Gut, zehn Meilen jenseits Millcote; ich glaube es ist dort eine ganze Gesellschaft
beisammen: Lord Ingram, Sir George Lynn, Obrist Dent
und Andere.
Erwarten Sie ihn heute Nacht zurück?
Nein -- morgen eben so wenig; ich glaube er wird
eine Woche ganz wegbleiben, wenn nicht länger; wenn
diese vornehmen Leute zusammenkommen, ist Alles so voll

Eleganz und Fröhlichkeit, so bemüht einander zu gefallen
und zu unterhalten, daß kaum ans Fortgehen gedacht wird.
Die Herren namentlich sind bei solchen Gelegenheiten ein
sehr gesuchter Artikel und Mr. Rochester ist so begabt, so
lebhaft in Gesellschaft, daß er, wie ich glaube, von Allen
auf den Händen getragen wird; die Damen sind ihm besonders gut, wiewohl Sie dies, seinem Aeußern nach zu
schließen, kaum glauben würden; wahrscheinlich ersetzen
seine Talente und Kenntnisse, vielleicht auch sein Reichthum
und gute Abkunft alle diese kleinen Mängel.
Gibt's in Leas auch Damen?
Wohl; da ist Mrs. Eshton mit ihren drei Töchtern,
sehr eleganten jungen Fräulein; dann die schönen Ladies
Ingram, Blanche und Mary Ingram; die erstere sah ich vor
sechs oder sieben Jahren, wo sie etwa achtzehn Jahre zählte.
Sie war zu Weihnachten hier bei einem Gesellschaftsballe,
den Mr. Rochester gab. Sie hätten das Speisezimmer an
jenem Tage sehen sollen -- wie reich es geschmückt, wie glänzend es erleuchtet war! Ich denke es waren an fünfzig
Herren und Damen zugegen -- sämmtlich den ersten Familien
der Grafschaft angehörig; und Miß Ingram war die Königin des Festes.
Sie sahen Sie, Mrs. Fairfax? Ist sie in der That
so schön?
Wohl sah ich sie. Die Flügelthüren des Speisesaales
standen offen; und da es Weihnachtszeit war, erhielten
sämmtliche Dienstleute die Erlaubniß, in der Halle zusammenzukommen und zuzuhören, wie einige Damen sangen
und Musik machten. Mr. Rochester lud mich ein, in den
Saal zu treten, und ich setzte mich in einen Winkel, von
wo aus ich meine Beobachtungen anstellte. Nie hatte ich

wohl einen glänzenderen Anblick; die Damen waren prachtvoll gekleidet; die meisten -- wenigstens die jüngeren -- waren schön, allein Miß Ingram war doch sicherlich die Krone von Allen.
Und wie sah sie aus?
Schlank, eine schöne Büste, runde Achseln, ein
langer graziöser Hals, die Hautfarbe dunkel, aber rein
und durchsichtig, edle Gesichtszüge, Augen, wie Mr. Rochester's seine, groß und schwarz, ihre Juwelen an Glanz
überstrahlend. Und dazu die schönen rabenschwarzen Haare,
geschmackvoll geordnet, hinten einer Krone von dichten Flechten, vorne die schönsten, glänzendsten Locken, die ich je
zu sehen bekam. Sie war ganz weiß angezogen; eine bernsteinfarbene Schärpe deckte ihre Schultern, ging über die
Brust herab und fiel, an der Seite geknüpft, in langen
mit Fransen besetzten Enden über die Kniee. Eine einzelne
Blume von gleicher Farbe steckte in ihrem Haare; sie bildete
einen geschmackvollen Contrast mit den dichten, ebenholzschwarzen Locken.
Natürlich wurde sie sehr bewundert?
Gewiß, und nicht allein ihrer Schönheit, sondern
auch ihrer Talente wegen. Sie war eine der Damen, welche
sangen, ein Herr begleitete sie auf dem Piano. Zuletzt trug
sie mit Mr. Rochester ein Duett vor.
Mit Mr. Rochester? Ich wußte ja gar nicht, daß er
auch singen kann.
Ei, er hat eine sehr schöne Baßstimme und sehr viel
Sinn für Musik.
Und was hat Miß Ingram für eine Stimme?
Eine sehr volle und klangreiche; sie sang köstlich, es
war ein Vergnügen sie zu hören; -- später spielte sie auch

Pianoforte. Ich bin keine Kennerin, allein Mr. Rochester
verseht sich darauf, und er sagte, sie habe das Instrument
vollkommen in ihrer Macht.
Ist diese schöne, mit allen Vollkommenheiten ausgerüstete Dame noch ledig?
So glaube ich wenigstens. So viel ich weiß, sind
die beiden Schwestern keineswegs reich. Die Güter des alten
Lord Ingram sind meistens Majorate und gelangten daher
fast alle an den ältesten Sohn.
Es wundert mich aber, daß sich noch kein reicher
Edelmann um sie beworben hat, wie z. B. Mr. Rochester.
Er ist doch reich, nicht wahr?
Ja freilich! Allein, sehen Sie, der Unterschied in
Alter ist zu groß; Mr. Rochester zählt nahe an vierzig, sie
erst fünfundzwanzig Jahre.
Was hat das zu sagen? Tagtäglich werden noch viele
ungleichere Ehen geschlossen.
Wohl wahr; doch glaube ich kaum, daß Mr. Rochester an eine solche Verbindung denkt. -- Aber Sie genießen ja gar nichts; Sie haben ja kaum einen Bissen gegessen.
Ich bin zu durstig, um essen zu können. Wollen Sie
mir eine Tasse Thee einschenken?
Ich wollte auf die Wahrscheinlichkeit einer Partie,
zwischen der schönen Blanche und Mr. Rochester wieder zurückkommen; allein Adela trat in die Stube und das Gespräch nahm eine andere Wendung.
Als ich endlich spät Abends allein war, musterte ich
die erhaltenen Aufklärungen durch, blickte in mein Herz,
prüfte meine Gedanken und Gefühle und bemühte mich, sie,
die im unbegrenzten Gebiete der Einbildungskraft herum

schweiften, den, rechtmäßigen Herrschaft der gesunden Vernunft wieder zuzuführen.
Vor meinen Richterstuhl geladen, gab die Erinnerung
Beugniß von den Hoffnungen, Wünschen. Gefühlen. die
ich seit der vergangenen Nacht im Busen hegte -- von dem
Bustande meines Innern im Allgemeinen, wie er sich in
den letzten zwei Wochen gestaltet; und als darauf die Vernunft in ihrer ruhigen Weise den wahren Sachverhalt ungeschminkt aufgeklärt und berichtet hatte, wie ich die Wirklichkeit so schnöde zurückgewiesen und die Phantasie an ihrer
Statt hatte ungehindert walten lassen, erkannte ich zu Recht:
daß nie ein einfältigeres Geschöpf als Jane Eyre die
Luft dieser Welt eingeathmet, daß sich nie eine phantastischere
Thörin mit angenehmeren Lügen gefoppt und tödtliches Gift
so gierig verschluckt habe, als wäre es reiner Nektar.
Du, sagte ich mir, Mr. Rochester's Liebling?
Du wärest im Stande ihm zu gefallen? Du liegest ihm irgendwie am Herzen? Geh, deine Dummheit flößt mir Ekel
ein, und Du konntest Vergnügen finden an gelegentlichen
Beweisen von Hinneigung, an zweideutigen Beweisen von
einem Adeligen, einem Weltmanne Dir, einer Untergebenen,
einer unerfahrenen Person gegeben? Wie konntest Du es
nur wagen, arme, alberne Getäuschte? -- Konnte Dich
nicht dein eigenes Interesse klüger machen? Noch diesen
Morgen gingst Du im Gedächtniß die kurze Scene der verflossenen Nacht durch; bedecke dein Gesicht und schäme Dich!
Er sagte einige Worte zum Lobe deiner Augen, nicht wahr?
Blinde, eitle Närrin! Thue sie auf und betrachte deine
gänzliche Hirnlosigkeit! Welchem Weibe wäre es zum Vortheil, wenn ihr der Gebieter Schmeicheleien sagt, der sie
unmöglich heirathen kann, und Thorheit ist es, eine geheime

Leidenschaft zu nähren, die, ungeahnt und unerwiedert,
das Leben verzehrt, dem sie ihre Nahrung verdankt und
wenn sie erkannt und getheilt wird, einem Irrlichte gleich
in unabsehbare Sümpfe führen muß. aus denen es keinen
Ausweg gibt!
Und nun, Jane Eyre, höre dein Urtheil: morgen
stellst Du einen Spiegel der Dich und zeichnest dein getreues
Bildniß mit der Bleifeder; Du vertuschest keinen Fehler,
vergissest keinen häßlichen Zug, lässest keine unangenehme
Unregelmäßigkeit weg und darunter schreibst Du die Worte:
Bildniß einer armen, häßlichen Erzieherin von niedriger
Herkunft.
Dann nimmst Du eine Platte glattes Elfenbein --
Du hast eine solche unter deinen Zeichengeräthen -- mischest
deine frischesten, feinsten, hellsten Farben, suchst den zartesten Kamehlhaarpinsel aus, entwirfst mit Sorgfalt das liebliche Gesicht, das Du Dir nur denken kannst, und malst es nach Mrs. Fairfax’s Beschreibung von Blanche Ingram in den zartesten Abwechslungen von Licht und
Schatten; vergiß die Rabenlocken und das orientalische
Auge nicht; wie, Du willst Mr. Rochester's Auge zum
Modell nehmen? Zur Ordnung! Keine Thränen! -- keine
Empfindeleien! -- kein Bedauern! Nur Vernunft und
Entschlossenheit kann ich zugeben. Erinnere Dich der edlen,
doch harmonischen Gesichtszüge, des schönen Halses, vereleganten Büste; laß den runden, weißen Arm hervortreten, so wie die zarte Hand; übersieh weder Ringe noch Armspangen; male naturgetreu den Anzug, die luftige Taille,
die schimmernde Seide, die anmuthig umgeworfene Schärpe
und die goldene Rose; die Ueberschrift sey: -- Blanche,
eine vollendete Dame von Rang.

Sollte Dir dann künftighin wann immer der Gedanke kommen, Mr. Rochester sey Dir gut, dann suche die
beiden Bilder hervor, vergleiche sie und sprich: Mr. Rochester kann, wenn er nur will, um die Liebe dieser edlen
Dame werben; ist es nun wahrscheinlich, daß er für jene
arme, unbedeutende Plebejerin einen ernsten Gedanken zu
verlieren hat?
Ich will es thun, beschloß ich, und nachdem ich
diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde ich ruhig und schlief ein.
Ich hielt Wort. Ein oder zwei Stunden genügten,
mein Porträt zu skizziren und in weniger als vierzehn Tagen
hatte ich das Miniaturbild einer eingebildeten Blanche Ingram vollendet. Es sah lieblich genug aus und im Vergleich
mit der Kreidenzeichnung nach der Natur zeigte sich ein so großer Contrast, als ihn nur immer die Selbstprüfung wünschen konnte. Die Durchführung dieser Aufgabe war für
mich sehr heilsam: sie hatte meine Hände und meinen Geist
beschäftigt und den neuen Eindrücken, die ich meinem Herzen
unauslöschlich einprägen wollte, Haltbarkeit und Stärke
verliehen.
Nur zu bald hatte ich Ursache mir zu der heilsamen
Umwandlung, der ich meine Gefühle unterzogen hatte, Glück
zu wünschen; nur ihr hatte ich es zu danken, daß ich spätere Ereignisse mit gebührender Seelenruhe hinnehmen konnte,
die, hätten sie mich unvorbereitet getroffen, mich wahrscheinlich nicht blos geistig, sondern auch körperlich vernichtet
hätten.

Siebenzehntes Capitel.

Eine Woche verging und Mr. Rochester ließ nichts von
sich hören; zehn Tage verflossen und noch immer kam er
nicht. Mrs. Fairfax sagte, es würde sie gar nicht Wunder
nehmen, wenn er am Ende von Leas geradezu nach London
gegangen wäre, um sich von dort aus auf den Continent zu
begeben und Thornfield wenigstens für ein ganzes Jahr den
Rücken zu kehren; denn schon oft hatte er es eben so plötzlich und unerwartet verlassen. Als ich dies hörte, war es
mir ganz eigen ums Herz und Frost durchrieselte meine
Glieder. Fast hätte ich dem schmerzlichen Gefühle getäuschten
Erwartung Raum gegeben; doch nahm ich bei Zeiten meine
Sinne zusammen, erinnerte mich meines Entschlusses und
brachte sofort meine Empfindungen ins Gleichgewicht, und
es war in der That wunderbar, wie ich dieser augenblicklichen Bewegung Herr wurde und den Gedanken entfernte,
als ginge mich Mr. Rochester's Thun und Treiben auch nur,
im geringsten etwas an. Nicht als hätte ich mich durch eine
sclavische Vorstellung meiner Unterordnung gedemüthigt,
nein, im Gegentheile sagte ich zu mir:
Du hast mit dem Besitzer von Thornfield weiter nichts
zu thun, als einen Gehalt dafür zu empfangen, daß Du seinen
Schützling erziehst, und ihm für diejenige achtungsvolle und
freundliche Behandlung dankbar zu seyn, die Du von seiner
Seite mit Recht beanspruchen kannst, sobald Du deine Pflicht
erfüllst. Sey versichert, daß dies das einzige Band zwischen
Dir und ihm ist, dessen Bestehen er anerkennt; mache ihn
also nicht zum Gegenstande deiner zärtlichen Gefühle, deiner

Verzückungen, deines Herzeleids u. s. w. Er ist nicht deinesgleichen, tritt nicht aus deinem Stande heraus und achte
Dich selbst zu hoch. um dein Herz, deine Seele, alle deine
Kräfte in einer Neigung zu verschwenden, nach der man
kein Verlangen trägt, die man vielleicht verachtet.
Ich verrichtete mein Tagewerk in aller Ruhe; doch
dann und wann beschlichen mich Einflüsterungen von Vernunftgründen, denen nach ich Thornfield verlassen sollte,
und unwillkürlich setzte ich in Gedanken Zeitungsankündigungen auf und dachte an die Möglichkeit eine neue Stelle
zu finden; diesen Vorstellungen nun ließ ich freies Spiel;
immerhin konnten sie keimen, wachsen und wenn möglich
Früchte tragen.
Bereits war Mr. Rochester vierzehn Tage abwesend,
als eines Morgens ein Brief an Mrs. Fairfax anlangte.
Von unserem Herrn, sagte sie mit einem Blicke
auf die Adresse. Nun werden wir wohl erfahren, ob er
zurück kömmt oder nicht.
Während sie das Siegel erbrach und das Schreiben
durchlas. trank ich meinen Kaffeh (wir waren eben beim
Frühstück), er war sehr heiß und diesem Umstande schrieb ich
es zu, daß mir eine glühende Röthe ins Gesicht stieg. Warum
jedoch meine Hand zitterte, daß ich die halbe Tasse voll verschüttete, dafür wußte ich keinen Grund anzugeben.
Je nun -- zuweilen denke ich, es gehe bei uns zu
ruhig her; doch jetzt scheint mir's sind wir nahe daran für
eine Weile wenigstens vollauf zu thun zu haben, sagte
Ms. Fairfax. den Brief von allen Seiten durch ihr Augenglas musternd.
Bevor ich mir sie Freiheit nahm sie um eine nähere
Erklärung zu bitten, band, ich Adelens Schürze fest, die

gerade lose war, und nachdem ich ihr ein Stückchen Kuchen
gereicht und auch ihre Schale mit frischer Milch gefüllt hatte,
frug ich so unbefangen als möglich:
Mr. Rochester kommt wohl noch nicht so bald zurück?
Sogar sehr bald -- in drei Tagen, wie er sagt, das
ist nächsten Donnerstag und zwar in Gesellschaft. Ich weiß
indessen nicht, wie viele von den vornehmen Leuten von
Leas mitkommen: er trägt mir nur auf, alle Schlafzimmer in Bereitschaft zu halten, die Bibliothek und die Gesellschaftszimmer zu reinigen und Köchinnen und Köche von
Millcote und von wo immer herkommen zu lassen; die
Damen bringen ihre Mädchen und die Herren ihre Diener
mit; wir werden also wohl das ganze Haus voll haben.
Und Mrs. Fairfax verschlang ihr Frühstück und eilte hinweg, um ihre Maßregeln zu treffen.
Die drei Tage waren, wie sie es vorhergesagt hatte,
voll Arbeit. Ich hatte mir immer vorgestellt, die Zimmer
des Herrenhauses wären alle sehr rein und in Ordnung;
doch schien ich mich geirrt zu haben. Drei Weiber wurden
zur Aushilfe aufgenommen und nun folgte ein Scheuern,
Bürsten, Waschen, Teppichklopfen, Abnehmen und Aufhängen von Gemälden, Putzen von Spiegeln und Kronleuchtern, ein Feueranmachen in den Schlafzimmern und
Auslüften der Federbetten, wie ich es nie, weder zuvor,
noch nachher gesehen hatte. In der Mitte dieses Aufruhrs
rannte Adela wie wild herum; die Empfangsvorbereitungen und die Aussicht auf Gesellschaftsabende schienen sie
in Extase zu bringen. Sie veranlaßte Sophien ihre toilettes, wie sie ihre Kleider nannte, zu mustern, diejenigen,
die passees wären, aufzufrischen, und die neuen zu

putzen und zu plätten. Sie selbst that nichts, als in den
Vorderstuben herumrennen, auf die Bettstellen hinauf und
wieder hinunter springen, und auf den Matratzen und aufgethürmten Kopfpölstern vor den ungeheuern Feuern in
den Camin en herum liegen. Vom Lernen war sie frei,
denn Mrs. Fairfax hatte mich zu ihrem Dienste gepreßt
und ich stack den ganzen Tag in der Vorrathskammer, um
ihr und der Köchin zu helfen oder besser gesagt sie zu
hindern, um Pasteten und Käsekuchen und französisches
Backwerk anfertigen, Wildpet anrichten und Dessertschüsseln garniren zu lernen.
Wir erwarteten die Gesellschaft am Donnerstage Nachmittag um sechs Uhr zu Tische. Während der Zwischenzeit hatte ich nicht Muße mir Gedanken zu machen und
ich glaube, ich war so munter und geschäftig wie alle
Anderen, Adela ausgenommen. Nur von Zeit zu Zeit
trübte ein unbekanntes Etwas meine Heiterkeit und drängte
mich trotz aller Anstrengung in die Region der Zweifel,
der schlimmen Ahnungen und der traurigen Vermuthungen
zurück. Es geschah dies besonders dann, wenn ich die Thür
der Treppe zum dritten Stockwerke (die in der letzten Zeit
immer verschlossen blieb) sich langsam öffnen und Grace
Poole in weißer Haube, weißer Schürze und weißem Halstuch herauskommen sah; wenn ich sie über den Gang
schleichen hörte, die Schritte fast unhörbar gemacht durch
ihre ausgetretenen Schlafschuhe; wenn ich bemerkte, wie
sie in die unaufgeräumten Stuben guckte -- vielleicht dann
und wann einem der Waschweiber über das Reinigen eines
Rostes oder eines marmornen Caminsimses oder über das
Wegbringen der Flecke von den Papiertapeten einige Worte
sagte und dann weiter ging. Einmal des Tages pflegte sie

in die Küche zu kommen, dort ihr Mittagsessen zu verzehren, eine mäßig große Pfeife am Herde zu rauchen und
dann mit ihrem Kruge Porterbier zu verschwinden, den sie
zu ihrem Privatvergnügen in ihren Schlupfwinkel hinauf
trug. Von den vierundzwanzig Stunden des Tages brachte
sie nur diese eine unter den übrigen Dienstleuten zu; die
ganze übrige Zeit verlebte sie in einer niedrigen, mit Eichenholz getäfelten Stube des zweiten Stockwerkes: dort saß
und nähte sie -- und lachte wohl auch unheimlich in
sich hinein -- so einsam, wie ein Gefangener in seinem
Kerker.
Das Wunderbarste jedoch war, daß, mich allein ausgenommen, keine Seele im ganzen Hause ihre sonderbare
Lebensweise zu bemerken und sich darüber zu verwundern
schien. Niemand sprach über ihre Stellung und Beschäftigung im Haushalte, Niemand bedauerte sie wegen ihrer
Abgeschiedenheit und Einsamkeit. Eines Tages hörte ich indessen zufällig ein Gespräch zwischen Leah und einem der
Waschweiber, dessen Gegenstand Grace Poole war. Leah
sagte Etwas, was ich nicht vernahm, worauf die Scheuerfrau bemerkte:
Sie bekömmt einen sehr guten Lohn, glaub' ich?
Und ob! erwiederte Leah; ich wollte der meine
wäre eben so hoch: nicht daß ich Ursache zu klagen hätte,
denn man ist in Thornfield nichts weniger als filzig, allein
mein Lohn beträgt kaum den fünften Theil desjenigen, den
Mrs. Poole erhält. und sie legt Geld bei Seite: alle Vierteljahre geht sie in die Bank von Millcote. Ich bin überzeugt,
sie hat sich genug erspart, um unabhängig leben zu können,
wenn sie nur von hier fort wollte; aber ich glaube, sie ist
an ihren Platz zu sehr gewöhnt und dann ist sie noch nicht

vierzig Jahre alt und stark und fähig genug zu jeder Arbeit.
Es wäre für sie noch zu früh, bas Geschäft aufzugeben.
Sie arbeitet gut, denk' ich, sagte die Waschfrau.
Ah! sie versteht ihre Sache, wie Niemand, erwiederte Leah in bedeutsamer Weise; und ihren Platz könnte
nicht leicht eine Andere ausfüllen, nicht für all das Geld,
das sie bekömmt.
Das ist's nicht! war die Antwort. Ich möchte nur
wissen ob der Herr --
Die Frau wollte fortfahren; doch Leah, die sich umgedreht und mich bemerkt hatte, gab ihr sofort einen Wink.
Weiß sie's denn nicht? hörte ich das Waschweib flüstern.
Leah schüttelte den Kopf und das Gespräch hatte natürlich ein Ende. Alles was ich daraus entnommen, beschränkte sich darauf, daß es ein Geheimniß in Thornfield
gab, von dessen Mitwissenschaft man mich absichtlich ausschloß.
Der Donnerstag war da und alle Arbeit den Abend
zuvor fertig geworden; Teppiche deckten den Boden, die
Bettvorhänge prangten im schönsten Faltenwurf, blendendweiße Bettdecken schmückten die Lagerstätten. Auch die Ankleidetische waren in Ordnung, die Möbeln frisch politirt
und Blumen in den Vasen aufgespeichert; die Stuben und
Salons sahen so neu und glänzend aus, als sie es nur immer durch Menschenhände werden konnten Auch die Halle
war gescheuert und selbst die geschnitzte Wanduhr und die
Stufen und Geländer der Treppen glänzten blank wie Spiegel; der Schenktisch im Speisesaale schimmerte von Silbergeschirr und im Besuchszimmer und dem Boudoir verbreiteten erotische Pflanzen ihren Duft.

Es war Nachmittag: Mrs. Fairfax zog ihr schönstes
schwarzes Seidenkleid und Handschuhe an und hing ihre
goldene Uhr um; denn ihr kam es zu, die Gesellschaft zu
empfangen, die Damen in ihre Gemächer zu geleiten und
dergleichen mehr. Auch Adela wollte sich in Staat werfen,
wiewohl sie meiner Ansicht nach wenig Hoffnung hatte, den
Gästen, wenigstens an diesem Tage, vorgeführt zu werden. Um ihr indessen die Freude nicht zu verderben, erlaubte ich Sophien ihr eines ihrer faltigen Mousselinkleider
anzulegen. Was mich selbst anbelangt, so hatte ich es nicht
nöthig Toilette zu machen; jedenfalls brauchte ich das Allerheiligste des Schulzimmers nicht zu verlassen; denn ein
Tabernakel war es jetzt für mich ein trauter Zufluchtsort in trüben Zeiten.
Ein mildes, heiteres Frühlingswetter, wie es gegen
Ende März oder Anfangs April als freundlicher Vorbote
des Sommers die Erde zu verjüngen pflegt, hatte den ganzen Tag über geherrscht und noch jetzt, da die Nacht schon
hereinbrach, war es so warm, daß ich im Lehrzimmer mit
meiner Arbeit am offenen Fenster sitzen konnte.
Es wird spät, sagte Mrs. Fairfax im größten Putz
ins Zimmer tretend. Es ist mir lieb, daß ich das Essen
eine Stunde später bestellte, als Mr. Rochester es anordnete:
denn es ist nun sechs Uhr vorüber. Ich habe John zum Gitterthore hinunter geschickt, um nachzusehen ob Jemand die
Straße heraufkommt; man kann von dort aus beinahe den
ganzen Weg bis Millcote überblicken. Sie ging zum Fenster.
Da ist er, rief sie. Nun John, (sich hinauslehnend)
was gibt's Neues?
Sie kommen, Madame, war die Antwort, in zehn
Minuten sind sie hier.

Adela flog zum Fenster. Ich folgte und trug Sorge,
mich so zu stellen, daß ich, vom Vorhange bedeckt, ganz
gut sehen, doch nicht gesehen werden konnte.
Johns zehn Minuten dauerten sehr lange, aber endlich ließ sich das Rollen von Rädern hören; vier Personen
zu Pferde galoppirten der Einfahrt zu, ihnen folgten zwei
offene Wagen. Fliegende Schleier und wehende Federn füllten die Kutschen; zwei der Reiter waren junge, elegant
aussehende Herren, der dritte war Mr. Rochester auf seinem
Rappen Mesrur, vor ihm sprang Pilot einher, ihm zur Seite
ritt eine Dame; er und sie eröffneten den Bug. Ihr purpurrothes Reitkleid fegte beinahe den Boden. ihr Schleier flatterte in der Abendluft; sich mit dessen durchsichtigen Wellen
vermischend und durch sie hindurch scheinend erglänzten dichte,
rabenschwarze Locken.
Miß Ingram! rief Mrs. Fairfax und fort eilte sie,
hinunter auf ihren Posten zu kommen.
Die Cavalcade bog, der Wendung des Fahrweges folgend, rasch um die Ecke und ich verlor sie aus den Augen.
Adela stellte nun die Bitte, hinunter gehen zu dürfen; allein
ich nahm sie auf meinen Schooß und machte ihr begreiflich,
daß sie nicht daran denken dürfe, sich jetzt oder ein andermal vor den Damen zu zeigen, außer man lasse sie ausdrücklich kommen: Mr. Rochester würde sonst böse werden u. s. w.
Sie vergoß, wie natürlich, einige Thränen; als ich ihr
jedoch ein ernstes Gesicht zu zeigen begann, willigte sie endlich ein sie zu trocknen.
Nun wurde ein fröhlicher Tumult in der Halle hörbar: die tiefen Stimmen der Herren wechselten mit den Silbertönen der Damen ab und sie alle beherrschend erscholl
der klangreiche Baß des Besitzers von Thornfieldhall, der

seine schönen und edlen Gäste unter seinem Dache willkommen hieß. Dann kamen leichte Schritte die Treppe herauf
und in der Gallerie vernahm man ein Trippeln und Kichern,
ein Oeffnen und Zuschlagen von Thüren, worauf dann für
eine kleine Weile gänzliche Stille eintrat.
Sie kleiden sich um, sagte Adela, die, aufmerksam
horchend, jeder Bewegung gefolgt war, mit einem tiefen
Seufzer.
Wenn Mama Besuch hatte, fuhr sie fort, konnte
ich überall herumgehen, im Salon und in den Stuben;
zuweilen sah ich den Kammermädchen zu, wie sie die Damen
frisirten und anzogen. Wie hübsch war das und wie viel
konnte ich da lernen!
Sind Sie nicht hungrig, liebe Adela?
Ja wohl, Mademoiselle; seit fünf bis sechs Stunden haben wir ja nichts zu essen bekommen.
Nun gut, während die Damen in ihren Schlafzimmern
sind, will ich es versuchen hinunterzugehen und etwas zu
holen.
Und aus meinem Zufluchtsorte vorsichtig heraustretend
suchte ich eine Hintertreppe auf, die gerade zur Küche hinabführte. Dort fand ich Alles in größter Aufregung Suppe
und Fische waren im letzten Stadium ihrer Bereitung, und
die Köchin lag über ihren Schmelztiegeln in einer Körper-
und Geistesverfassung, die fast eine Selbstverbrennung fürchten ließ. Im Dienstbotenzimmer standen und saßen zwei
Kutscher und drei Herren Kammerdiener am Feuer; die Abigails waren wahrscheinlich oben bei ihren Gebieterinnen;
die neuaufgenommenen Dienstleute von Millcote liefen wie
verrückt im ganzen Hause herum. Mir einen Weg durch
dieses Chaos bahnend erreichte ich endlich die Speisekammer,

wo ich ein kaltes Huhn, eine Semmel, einige Torten,
zwei Teller, Messer und Gabeln in Besitz nahm und mit
meiner Beute schleunigst den Rückzug antrat. Ich hatte die
Gallerie erreicht und wollte eben die Thüre der Hintertreppe
absperren, als mich ein vielfältiges Gesumme von Stimmen
bei Zeiten in Kenntniß setzte, daß die Damen ihre Stuben
zu verlassen gedächten. Ich konnte das Lehrzimmer nicht erreichen, ohne bei ihren Thüren vorbei zu gehen und Gefahr zu laufen, daß man mich mit meiner Lebensmittelladung bemerkte; ich blieb also an jenem Ende des Ganges
stehen, der dort kein Fenster hatte, folglich finster war und
umsomehr in diesem Augenblicke, wo sich nach Sonnenuntergang bereits die Dämmerung eingestellt hatte.
Sofort traten die schönen Bewohnerinnen eine nach der
andern aus ihren Gemächern, munter, mit luftigem Tritt,
in Anzügen, die sogar im Zwielicht erglänzten. Einen
Augenblick blieben sie am andern Ende der Gallerie in einer
Gruppe beisammen, sich mit halblauter Stimme äußerst lebhaft unterhaltend, dann stiegen sie die Treppe hinab, fast
so geräuschlos, wie der Nebel einen Hügel hinunterrollt.
Ihre Gesammterscheinung hinterließ bei mir einen Einruck
hochgeborner Eleganz, wie er mir vordem noch nie geworden war.
Ich fand Adelen an der Thüre des Lehrzimmers durch's
Schlüsselloch guckend. Oh, die schönen Damen! rief sie
mir entgegen. Wie gerne möchte ich zu ihnen! Glauben Sie
wohl, daß uns Mr. Rochester nach Tische kommen läßt?
Das glaube ich nicht! Mr. Rochester hat wohl andere Dinge im Kopfe. Schlagen Sie sich die Damen für heute
Abend aus dem Sinne; vielleicht bekommen Sie sie morgen
zu sehen. Hier ist Ihr Mittagessen.

Sie war wirklich hungrig und die Torten und das
Huhn brachten sie für einen Augenblick auf andere Gedanken. Es war ein Glück, daß ich diese Eßwaren in Besitz
genommen, sonst hätten weder ich, noch Adela, noch Sophie,
der ich einen Theil unserer Mahlzeit überließ, überhaupt
etwas zu essen bekommen: unten war Alles zu sehr
beschäftigt, um auch nur Einen Augenblick auf uns denken
zu können. Erst um neun Uhr wurde das Dessert aufgetragen, und noch um zehn Uhr liefen die Lakeien mit Speisetragen und Kaffehtassen herum. Ich gestattete Adelen länger,
als gewöhnlich aufzubleiben; denn sie behauptete, sie könnte
nicht schlafen, so lange unten die Thüren auf und zu gingen und die Leute Lärm machten. Uebrigens, meinte sie,
könnte ja möglicherweise Mr. Rochester noch um sie schicken,
wo sie dann am Ende nicht angekleidet wäre; et alors quel dommage!
Ich erzählte ihr so lange Geschichten, als sie nur immer anhören wollte, und dann nahm ich sie zur Abwechslung,
mit auf die Gallerie hinaus. Die Lampe der Vorhalle war
unangezündet und es machte ihr Vergnügen, über das Treppengeländer hinabzublicken und den emsig ab- und zugehenden
Dienstleuten zuzusehen. Als der Abend ziemlich weit
vorgerückt war, ertönte aus dem Besuchzimmer, wohin das
Pianoforte gebracht worden war, Musik; ich setzte mich mit
Adelen auf den Treppenabsatz, um zuzuhören. In diesem
Augenblicke mischte sich eine klangreiche Stimme in die Töne
des Instruments: es war eine Dame, die sang, und melodisch floß die Sangweise von ihren Lippen. Auf dies Solo
folgte ein Duett und dann ein Allegro: eine lebhafte Conversation füllte die Pausen zwischen den Musikstücken aus.
Ich hörte lange zu; plötzlich machte ich die Bemerkung, daß

mein Ohr bemüht war die verschiedenen Laute zu untersuchen und unter dem Gewirr von Stimmen diejenige Mr.
Rochester's herauszufinden, und als ihm das gelungen war,
fand es eine neue Aufgabe darin, die fernen unartikulirten
Laute zu verständlichen Worten zusammenzusetzen.
Da schlug es eilf Uhr. Ich sah nach Adelen, deren
Kopf auf meiner Schulter lag; ihre Augen begannen sich
zu schließen und so nahm ich sie in meine Arme und brachte
sie zu Bette. Erst spät nach Mitternacht zogen sich die Herren und Damen in ihre Gemächer zurück.
Der folgende Tag war eben so schön wie der vorhergehende; die Gesellschaft benutzte ihn zu einem kleinen Auszuge in die Nachbarschaft. Die Gäste machten sich schon des
Morgens auf den Weg, einige zu Pferde, die übrigen in
mehren Wagen; ich sah sie abfahren und wieder zurückkommen. Wie früher war Miß Ingram die einzige Dame
zu Pferde und wie zuvor galoppirte Mr. Rochester ihr zur
Seite; das Paar ritt etwas entfernt vom Reste der Gesellschaft. Ich machte Mrs. Fairfax, die mit mir am Fenster
stand, auf diesen Umstand aufmerksam.
Sie meinten es wäre nicht wahrscheinlich, daß die
Beiden ans Heirathen dächten, sagte ich; aber Sie sehen
doch, daß sie Mr. Rochester allen übrigen Damen vorzieht.
Wohl; er bewundert sie ohne Zweifel.
Und sie ihn, fügte ich hinzu; sehen Sie nur wie
sie ihren Kopf zu ihm hinneigt, als wäre er Ihr Vertrauter! Ich wollte, ich könnte Ihr Gesicht sehen; bis jetzt war mir's noch nicht vergönnt!
Sie werden sie heute Abend sehen, antwortete
Mrs. Fairfax. Ich bemerkte Mr. Rochester im Vorbeigehen, wie sehr sich Adela darnach sehne, vor der Gesellschaft

erscheinen zu dürfen. -- Oh, sie mag nach Tische ins
Besuchzimmer kommen, sagte er, und ersuchen Sie Miß
Eyre sie zu begleiten.
Das sagte er aus bloßer Artigkeit, versetzte ich,
und es ist wohl eben so gut, wenn ich nicht mitgehe.
Nun, ich machte ihn aufmerksam, daß Sie bei Ihrer
Befangenheit seiner Einladung kaum folgen würden, besonders da die Gesellschaft aus lauter Fremden bestehe, worauf
er mir jedoch in seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit zur Antwort gab: Unsinn! Wenn sie Einwendungen macht so
sagen Sie ihr, daß es mein besonderer Wunsch ist und
daß ich Sie selbst holen werde, so ferne sie nicht freiwillig kommt.
Ich werde ihm diese Mühe ersparen, antwortete ich.
Ich werde kommen, wenn es nun einmal nicht anders
seyn kann; aber gerne thue ich es nicht. Werden Sie auch
mit unten seyn, Mrs. Fairfax?
Nein, ich entschuldigte mich und er nahm meine
Entschuldigung an. Ich will Ihnen indessen sagen wie Sie
es anstellen, um der Verlegenheit eines förmlichen Eintrittes enthoben zu seyn, was am Ende das Angenehmste
an der Sache ist. Sie begeben sich ins Besuchzimmer, so
lange es noch leer ist und bevor die Damen vom Tische aufstehen, und nehmen in irgend einem beliebigen Winkel
Platz. Sind einmal die Herren da, brauchen Sie nicht mehr
lange zu bleiben, außer es gefiele Ihnen; lassen Sie sich
nur vor Mr. Rochester sehen und verschwinden Sie dann --
Niemand wird darauf Acht geben.
Werden diese Leute lange hier bleiben?
Etwa zwei oder drei Wochen, länger nicht. Sir
George Lynn, der zum Mitgliede von Millcote erwählt

wurde, will nach den Osterferien zur Stadt gehen und seinen Sitz im Parlamente einnehmen, wahrscheinlich wird
ihn Mr. Rochester begleiten; es wundert mich, daß er sich
schon so lange in Thornfield aufhält.
Mit einigem Jittern sah ich die Stunde herannahen,
wo ich mich mit meiner Schülerin ins Gesellschaftszimmer
begeben sollte. Adela war den ganzen Tag über im Entzücken, als sie hörte, daß sie am Abend vor den Damen erscheinen würde, und erst als Sophie die Operation des Ankleidens begann, wurde sie etwas nüchterner. Die Wichtigkeit dieses Vorganges machte sie plötzlich gesetzt und als sie
ihre Locken geordnet, ihr rosenfarbnes Atlaskleid angelegt,
ihre Schärpe geknüpft und die gewirkten Handschuhe angezogen hatte, sah sie so ernst darein wie ein Eximinalrichter.
Eine Warnung, ihren Anzug nicht in Unordnung zu bringen,
war überflüssig: vorsichtig setzte sie sich in ihren kleinen Armstuhl nieder, nachdem sie vorher ihren Atlasrock, aus Furcht
ihn zu zerknittern, in die Höhe gehoben, und versicherte mich
ruhig bleiben zu wollen, bis ich ganz fertig wäre. Das war
denn auch bald der Fall: mein bester Anzug (das silbergraue
Kleid, welches ich mir zu Miß Temple's Trauung gekauft
und seitdem kein einziges Mal getragen hatte) war in wenigen Minuten angelegt, mein Haar mit einigen Bürstenstrichen geordnet und mein einziger Schmuck, die perlenbesetzte Broche, ohne Aufenthalt vorgesteckt. Wir machten uns
auf den Weg.
Glücklicherweise führte noch ein anderer Eingang zum
Gesellschaftszimmer außer demjenigen durch den Salon, wo
sämmtliche Gäste noch bei Tische saßen. Wir fanden das
Gemach leer; ein großes Feuer brannte im marmornen Camin und Wachslichter erglänzten zwischen den ausgesuchten

Blumen, welche die Tische schmückten. Der carmoisinrothe
Vorhang deckte den Schwibbogen: eine dünne Scheidewand,
doch sprach die Gesellschaft im benachbarten Speisesaale so
leise, daß man über ein halblautes Gemurmel hinaus von
ihren Gesprächen nichts vernehmen konnte.
Adela, die noch immer unter dem Einflusse der feierlichsten Gefühle zu stehen schien, setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, auf einen Schämel, den ich ihr anwies. Ich zog mich
in eine Fensterbrüstung zurück und versuchte es in einem
Buche zu lesen, das ich vom Tische aufnahm. Adela brachte
ihren Sitz zu meinen Füßen und ehe wenige Minuten vergingen, zupfte sie mich am Arme.
Was ist's, Adela?
Est-ce que je ne puis pas prendre une
seule de ces fleurs magnifiques, Mademoiselle? Seulement pour completer ma toilette.
Sie denken zu viel an Ihre Toilette, Adela; doch
sollen Sie eine Blume haben. Und ich nahm eine Rose;
aus der Blumenvase und steckte sie ihr vor die Brust. Sie
stieß einen Seufzer unaussprechlicher Befriedigung aus, als
hätte nun ihr Glück den höchsten Gipfel erreicht. Ich wandte
mein Gesicht ab, um ein Lächeln zu verbergen, das ich nicht
unterdrücken konnte: der Ernst und die angeborne Verehrung der kleinen Pariserin für Toilettesachen hatten etwas
Lächerliches und zu gleicher Zeit auch Peinliches an sich.
Ein leises Geräusch ließ vermuthen, daß die Gäste
vom Tische aufstanden; der Vorhang wurde zurückgeschoben
und man sah das Speisezimmer, dessen Kronleuchter auf das
Silber- und Glasgeschirr eines prachtvollen Dessertservice
hernieder strahlte, das einen langen Tisch bedeckte; eine
Gruppe geschmückter Damen stand unter dem Schwibbogen:

sie überschritten die Schwelle und der Vorhang wurde hinter
ihnen zugezogen.
Es waren ihrer nur achte; doch als sie hereinschwebten, machten sie den Eindruck einer viel größern Anzahl.
Einige darunter waren sehr schlank, viele ganz weiß angezogen und alle schleppten ihre faltigen, bauschigen Anzüge
nach, die ihre Gestalten zu vergrößern schienen, wie
der Nebel den Mond vergrößert. Ich stand auf und verbeugte
mich: eine oder zwei Damen nickten mit dem Kopfe, die
Andern glotzten mich blos an.
Sie vertheilten sich im Gemache: durch die Leichtigkeit und Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen erinnerten sie an
eine Heerde Schwäne. Einige warfen sich in halbliegender
Stellung auf die Sopha's und Ottomanen; einige bogen
sich über die Tische und musterten Blumen und Bücher; der
Rest umstand in einem Halbzirkel das Feuer: Alle sprachen
mit einer gedämpften, doch deutlichen Stimme, die ihnen
angeboren schien. Ihre Namen erfuhr ich zwar später, doch
mögen sie hier eben so gut erwähnt werden.
Da war zuerst eine Mrs. Eshton mit ihren beiden Töchtern. Augenscheinlich mußte sie ehedem eine schöne Frau gewesen seyn und sah noch jetzt sehr gut aus. Amy, die älteste Tochter, war etwas klein, naiv und kindlich in Gesicht
und Manieren und ihrem ganzen Aeußern nach pikant; ihr
weißes Musselinkleid und der blaue Gürtel standen ihr gut.
Die jüngere Tochter. Louise, war schlanker und von eleganterer Gestalt; ihr sehr hübsches Gesicht gehörte derjenigen
Gattung an, welche der Franzose minois chiftonne nennt;
beide Schwestern waren makellos wie Lilien.
Lady Lynn war eine große dicke Person von beinahe
vierzig Jahren; sie hielt sich sehr gerade, trug die Nase sehr

hoch, und hatte eine reiche Robe von schillerndem Atlas an;
ihr dunkles Haar glänzte unter einer azurblauen Feder und
einem mit Edelsteinen besetzten Stirnbande hervor.
Mrs. Dent, Obrist Dent's Gemalin, sah weniger
auffallend, aber wie es mir vorkam um so nobler aus. Sie
hatte eine schlanke Figur, ein blasses anmuthiges Gesicht
und schöne Haare. Ihr schwarzes Seidenkleid, ihre Schärpe
von reichem ausländischen Spitzengrund gefielen mir bei weitem besser als die Regenbogenpracht der betitelten Dame.
Doch die hervorragendsten -- wohl theilweise weil
größten Gestalten der Versammlung waren die verwitwete
Lady Ingram und ihre Töchter Blanche und Mary. Sie
hatten alle drei die größte Frauenstatur. Die Mutter konnte
zwischen vierzig und fünfzig Jahre zählen; noch immer war
ihre Figur schön, ihre Haare, bei Kerzenlicht wenigstens,
schwarz, ihre Zähne anscheinend vollkommen gut. Die meisten Leute hätten sie, mit Rücksicht auf ihr Alter, für eine prächtige Frau erklärt, und das war sie auch ohne Zweifel in physischer Beziehung; allein der Ausdruck von unerträglichem, albernem Hochmuth, der sich in ihrem Gesichte und
in ihrer Körperhaltung aussprach, machte sie wirklich zu
einer unausstehlichen Person. Sie hatte eine römische Nase
und ein doppeltes Kinn, welches sich unterhalb mit einer
Kehle vermälte, die an Steifheit einem Mauerpfeiler glich.
Ihre Gesichtszüge waren nicht nur von Stolz ganz aufgeblasen, sondern auch wie die Gesichter anderer Leute von Sorgen, von Eigendünkel gefurcht, und dieselbe Ursache erhielt
ihren Nacken in einer fast übernatürlichen Steifheit aufrecht.
Sie hatte ein starres, von Gefühllosigkeit zeigendes Auge,
das mir Mrs. Reed's Blicke ins Gedächtniß rief; beim Sprechen warf sie die Worte im Munde herum ; ihre Stimme

war tief, die Biegungen derselben feierlich, predigermäßig,
mit einem Worte unleidlich. Ein carmoisinrothes Sammtkleid und ein ostindischer, goldgewirkter Shawlturban verliehen ihr (so dachte sie wenigstens) einen wahrhaft kaiserlichen Anstand.
Blanche und Mary waren von gleicher Größe, --
gerade und schlank wie Pappeln. Mary war für ihre Größe
zu schwach, doch Blanche hatte die Formen einer Diana.
Wie begreiflich betrachtete ich sie mit besonderem Interesse.
Erstlich wollte ich sehen, ob ihre Erscheinung mit Mrs.
Fairfax's Beschreibung übereinstimmte; zweitens ob sie meinem Miniatur-Phantasiegemälde ähnlich sah, und drittens
-- heraus damit! -- ob sie möglicherweise Mr. Rochester's
Geschmacke zusagen konnte.
Was die Figur anbelangt, entsprach dieselbe Punkt
für Punkt meinem Porträt und Mrs. Fairfax's Beschreibung.
Da war Alles: die schöne Büste, die runden Achseln, der
graziöse Nacken; -- und ihr Gesicht? Ihr Gesicht war ganz
das ihrer Mutter, ihr jugendliches ungefurchtes Ebenbild:
dieselbe niedere Stirne, dieselben markirten Züge, derselbe
Stolz. Es war indessen kein mürrischer Stolz; sie lachte
beständig; ihr Lachen war satyrisch, gleichwie der Zug um
ihren aufgeworfenen, hochmüthigen Mund.
Man jagt, das Genie besitze Selbstgefühl; ich weiß
nicht ob Miß Ingram ein Genie' zu seyn das Glück hatte,
aber selbstgefällig war sie, und das in einem bemerkenswerth
hohen Grade. Sie ließ sich mit der sanften Mrs. Dent in
ein Gespräch über Botanik ein; die letztere schien diese Wissenschaft nicht studiert zu haben, wiewohl sie die Blumen im
Allgemeinen, und wie sie sagte, besonders die wildwachsenden sehr liebte. Miß Ingram hatte sich wohl mit Botanik beschäftigt, und sagte ihre Nomenclatur her, wobei
sie sich ein sehr gelehrtes Ansehen gab. Ich bemerkte sofort,
daß sie es darauf anlegte Mrs. Dent, wie man zu sagen
pflegt, aufzuziehen, sie ihrer Unwissenheit wegen zum Besten zu haben; vielleicht zeugte ihr Benehmen von Witz,
keineswegs jedoch von Gemüth und Herzlichkeit. Sie spielte
Pianoforte; ihre Technik war brillant; sie sang, ihre
Stimme war schön; sie sprach mit ihrer Mama französisch,
und sie sprach es gut, geläufig und mit einem guten
Accent.
Mary hatte ein sanfteres, aufrichtigeres Gesicht als
Blanche, und eine weit feinere, zartere Hautfarbe (Blanche
war brunett wie eine Spanierin), -- allein es fehlte ihr die
Lebhaftigkeit ihrer Schwester; ihrem Gesichte mangelte der
Ausdruck, ihren Augen der Glanz. Sie wußte nie etwas
zu sagen, und hatte sie sich einmal niedergesetzt, blieb sie
starr und regungslos wie eine Bildsäule in ihrer Nische.
Das Schwesternpaar war schneeweiß angezogen.
Und hielt ich nun dafür, daß Miß Ingram Mr. Rochester's Ansprüche befriedigen könne? Ich konnte es nicht sagen -- ich kannte ja seinen Geschmack in Bezug auf Frauenschönheit nicht. War er für das Majestätische eingenommen,
dann hatte er an ihr den wahren Typus der Majestät und
zudem war sie lebhaften Temperamentes, und besaß noch
andere geistige Vollkommenheiten. Die Mehrzahl der Herren mußte sie bewundern, und auch er bewunderte sie, wofür ich zahlreiche Belege hatte; um auch den letzten Schein
eines Zweifels fallen zu lassen, brauchte man nur die Beiden beisammen zu sehen.
Der Leser wird sich wohl nicht einbilden, Adela sey
die ganze Zeit über regungslos auf ihrem Schämel zu meinen Füßen gesessen; als die Damen eintraten, stand sie
auf, ging ihnen entgegen, machte eine ceremoniöse Verbeugung und sagte ganz ernsthaft:
Bon jour, mesdames!
Miß Ingram blickte mit einem spöttischen Lächeln auf
sie herab. O, die kleine Puppe! rief sie aus.
Dies ist wohl Mr. Rochester's Mündel, bemerkte
Lady Lynn, die kleine Französin, von der er sprach.
Mrs. Dent nahm Adelen freundlich bei der Hand
und küßte sie. Amy und Louise Eshton begegneten sich in
dem gleichzeitigen Ausrufe:
Der liebe kleine Engel! Darauf riefen sie Adelen
zum Sopha, wo sie nun zwischen ihnen saß, und abwechselnd französisch und gebrochen englisch plapperte, und
nicht allein die Aufmerksamkeit der jungen Damen, sondern
auch diejenige von Mrs. Eshton und Lady Lynn in Anspruch nahm, die sie nach Kräften abherzten.
Endlich wird der Kaffeh gebracht und die Herren herbei gerufen. Ich sitze im Schatten, wenn es überhaupt welchen in der hellerleuchteten Stube gibt; der Fenstervorhang verbirgt mich halb und halb. Wieder öffnet sich die
Draperie; sie kommen. Das gleichzeitige Eintreten der Herren ist, wie jenes der Damen, imposant; sie sind alle
schwarz gekleidet, die Meisten schlank, Einige noch jung.
Henry und Frederick Lynn sind in der Thut glänzende Dandys und Obrist Dent ein feiner Mann von militärischem
Aussehen. Mr. Eshton, der Richter des Bezirkes, zeigt
auf den ersten Blick den vollendeten Gentleman; sein Haar
ist weiß, seine Augenbrauen und sein Backenbart hingegen ganz schwarz, was ihm einigermaßen das Aussehen
eines noblen Vaters vom Theater verleiht. Lord Ingram

ist gleich seinen Schwestern sehr groß gewachsen, und ein
schöner Mann; doch hat er mit Mary den gläsernen, ausdrucklosen Blick gemein; er scheint mehr Körperkraft als
Lebendigkeit und geistige Fähigkeiten zu besitzen.
Und wo ist Mr. Rochester?
Da kömmt er endlich; wiewohl ich nicht nach dem Eingang blicke, sehe ich ihn doch eintreten. Ich bemühe mich meine Aufmerksamkeit auf meine Häkelnadel, auf die Maschen der Börse zu richten, an der ich in diesem Augenblicke arbeite. -- Gerne möchte ich nur an meine
Arbeit denken, nur den Seidenfaden und die silbernen
Perlen sehen, die auf meinem Schooße liegen; doch nur
zu genau erblicke ich seine Gestalt, und unausweichlich
kömmt mir jener Moment ins Gedächtniß, wo ich ihn zuletzt sah, nachdem ich ihm, seiner Meinung nach, einen
unschätzbaren Dienst erwiesen, und wo er, mich bei der
Hand fassend, mein Gesicht mit Blicken betrachtete, die ein
volles, dem Ueberströmen nahes Herz entschleierten, an
dessen Regungen auch ich meinen Antheil hatte. Wie nahe-
war ich ihm in einem Augenblicke gestanden! Was hatte
sich seit der Zeit ereignet, und unsere wechselseitigen Beziehungen geändert? Und doch wie fern standen, wie entfremdet waren wir nun einander! So sehr, daß ich gar nicht
erwartete, er würde auf mich zukommen und mich anreden. Es wunderte mich gar nicht, als er, ohne mich eines Blickes zu würdigen, am entgegengesetzten Ende des Zimmers Platz nahm und mit einigen Damen zu sprechen begann.
Kaum bemerkte ich, daß seine Aufmerksamkeit von
diesen letzteren in Anspruch genommen war, und ich ohne
eine Entdeckung zu fürchten herumblicken konnte, als
meine Augen unwillkürlich an seinem Gesichte haften

blieben; ich hatte die Augenlider nicht mehr in meiner Gewalt; sie gingen in die Höhe, und die Sterne ließen sich
von ihrer Richtung nicht abbringen. Ich schaute und
fühlte ein eigenes bittersüßes Vergnügen -- ein Vergnügen rein wie Gold, mit einer stählernen, das Herz verletzenden Spitze; ein Vergnügen wie etwa das eines vor Durst
Verschmachtenden, der weiß, daß die Quelle, zu der er sich
mühsam geschleppt, vergiftet ist, aber dennoch die Hand
eintaucht, und einen Göttertrank zu schlürfen scheint.
Es ist sehr wahr, daß die Schönheit im Auge des
Beschauers liegt. Meines Gebieters blasses, olivenfarbiges Gesicht, seine maßlose, viereckige Stirne, seine buschigen schwarzen Augenbrauen, die tiefliegenden Augen und
groben Gesichtszüge, sein harter, verzogener Mund, lauter
Zeichen von Energie, Entschiedenheit, festem Willen, bildeten
zusammengenommen keine regelmäßige Schönheit; für mich
jedoch waren diese Züge mehr als schön -- voll Interesse,
voll eines Einflusses, der mich beherrschte, die Gefühle meiner eigenen Gewalt entriß und der seinigen unterordnete.
Ich hatte es nicht beabsichtigt ihn zu lieben; er Leser weiß
es, welche Mühe ich mir gegeben, selbst die zartesten Keime
einer Zuneigung aus meinem Herzen zu reißen, und nun,
da ich ihn zum ersten Mal wieder sah, schossen sie grün und
kräftig empor. Er machte, daß ich ihn wieder liebte, ohne
daß er mich ansah.
Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was hatte die
galante Grazie der beiden Lynn, die schmachtende Eleganz
Lord Ingram's, sogar der militärische Anstand Obrist
Dent's zu bedeuten, wenn mit seinem Ausdrucke angeborner Tüchtigkeit und urwüchsiger Kraft zusammengestellt?

Ich fühlte mich zu Jenen in keiner Beziehung hingezogen
und doch konnte ich mir denken, daß sie die Mehrzahl
der Beschauer für anziehende, schöne, imposante junge
Männer halten mußte, während Mr. Rochester in ihren
Augen als ein grobgeformter, melancholisch aussehender
Gnome erschien. Ich sah die Anderen lächeln, lachen, --
wie bedeutungsvoll! Das Kerzenlicht hatte eben so viel
Geist in sich als ihr Lächeln; das Läuten der Glocke
eben so viel Bedeutung als ihr Lachen. Ich sah Mr. Rochester lächeln -- seine schroffen Züge wurden anmuthig,
seine Augen glänzend und sanft, ihr Blick forschend und
gutmüthig zu gleicher Zeit. Er sprach eben mit, Louise
und Amy Eshton. Ich wunderte mich, wie sie den mir
so durchdringend scheinenden Blick ruhig aushalten konnten; ich erwartete, sie würden die Augen senken, erröthen;
doch war ich froh, als weder das Eine noch das Andere
geschah. Er ist ihnen nicht das, was er mir ist, dachte
ich, ser ist nicht von ihrer Gattung. Er ist von der meinigen, -- gewiß ist er's; -- denn ich fühle die geistige
Verwandtschaft zwischen uns, ich verstehe die Sprache seiner Gesichtezüge, seiner Bewegungen; wiewohl uns Rang
und Vermögen strenge von einander scheiden, liegt ein Etwas in meinem Geiste und Herzen, in meinem Blute und
meinen Nerven, das mich ihm in geistiger Beziehung näher bringt. Sagte ich nicht vor einigen Tagen, ich hätte sonst nichts mit ihm zu schaffen, als meinen Gehalt von
ihm zu empfangen? Verbot ich mir nicht selbst anders
an ihn zu denken, als an meinen Zahlmeister? Welche
Sünde gegen die Natur! Jedes kräftige, gute, wahre Gefühl meines Herzens neigt sich aus eigenem Antriebe zu ihm hin. Ich weiß es, ich muß mich beherrschen; ich muß

meine Hoffnungen unterdrücken, mir vor Augen halten,
daß er sich nicht viel um mich bekümmern kann. Denn
wenn ich auch sage, daß ich von seiner Gattung bin,
meine ich damit nicht, daß ich auch die Macht seines Einflusses, den Zauber seiner Anziehungskraft besitze: ich will
damit nur bezeichnen, daß ich mit ihm manche Neigungen und Gefühle gemein habe. Ich muß mir daher fortwährend wiederholen, daß wir für ewig geschieden sind:
und doch, so lange ich athme und denke, muß ich ihn
lieben.
Der Kaffeh wird herumgereicht. Die Gegenwart der
Herren hat die Damen munter wie die Lerche gemacht:
die Conversation wird lebhaft und fröhlich. Obrist Dent und
Mr. Eshton unterhalten sich von Politik, ihre Frauen hören zu. Die zwei stolzen Witwen Lady Lynn und Lady Ingram haspeln zusammen ein Alltagsgespräch ab. Sir
George, -- den ich, im Vorbeigehen gesagt, zu beschreiben vergaß, -- ein sehr dicker und sehr roth aussehender Landedelmann, steht mit der Kaffehtasse in der Hand vor ihnen und flickt von Zeit zu Zeit ein Wort mit ein. Mr.
Frederik Lynn hat an Mary Ingram's Seite Posto gefaßt und zeigt ihr die Kupferstiche eines Prachtwerkes;
sie schaut, lächelt dann und wann, spricht aber im Ganzen genommen äußerst wenig. Der lange, phlegmatische
Lord Ingram stützt sich mit verschränkten Armen auf die
Stuhllehne der kleinen lebhaften Amy Eshton; sie blickt
zu ihm empor und plappert wie eine Elster: er gefällt
ihr besser als Mr. Rochester. Henry Lynn hat zu Louisens Füßen von einer Ottomane Besitz genommen; Adela theilte sie mit ihm; er versucht es mit ihr französisch zu reden und Louise lacht über seine Sprachschnitzer. Mit

wem wird sich wohl Blanche Ingram unterhalten? Mit
Grazie über ein Album gebeugt, steht sie ganz allein an
einem Tische. Sie scheint darauf zu warten, daß man sie
aufsuche; doch will sie nicht zu lange warten und wählt
sich selbst einen Gesellschafter.
Mr. Rochester hat die Eshtons verlassen und steht
ebenso einsam am Camine, wie sie am Tische; sie geht
auf ihn zu und stellt sich an die entgegengesetzte Seite
des Caminmantels.
Mr. Rochester, ich dachte Sie könnten die Kinder
nicht leiden?
So ist's auch in der That.
Was bestimmte Sie dann, sich jene kleine Zierpuppe (auf Adelen zeigend) auf den Hals zu binden?
Wo haben Sie, die aufgelesen?
Ich habe sie nicht aufgelesen, man hat sie mir angehängt.
Sie hätten sie sollen in eine Kostschule schicken.
Ich konnte es nicht erschwingen: die Schulen sind
so theuer.
Nun, ich denke, Sie halten ihr eine Gouvernante:
ich sah vorhin so eine Person mit ihr -- ist sie fort?
Oh, nein! dort sitzt sie noch hinterm Fenstervorhange.
Natürlich zahlen Sie sie: das, sollt' ich meinen, kömmt
man eben so hoch, wenn nicht höher; denn nun müssen
Sie zwei Personen erhalten.
Ich fürchtete -- oder soll ich sagen, ich hoffte? --
diese Anspielung müsse Mr. Rochester's Blicke auf mich
lenken und unwillkürlich drückte ich mich noch tiefer in
meine Ecke, allein er wandte kein Auge nach mir.

Ich habe mir die Sache nicht überlegt, sagte er
gleichgültig und gerade vor sich hinblickend.
Ei wohl! die Männer überlegen nie, wo es sich
um Sparsamkeit und vernünftige Einrichtungen handelt.
Sie sollten Mama über das Capitel der Gouvernanten
sprechen hören: ich und Mary, wir hatten ihrer, glaub'
ich, nacheinander ein volles Dutzend: die eine Hälfte davon war unausstehlich, die andere lächerlich und alle insgesammt waren sie entsetzliche Druden. Nicht wahr, Mama?
Hast Du gesprochen, mein Eigenthum?
Die junge, von ihrer Mutter als besonderes Besitzthum reclamirte Dame wiederholte ihre Frage mit einer Erklärung.
Erinnere mich nicht an Gouvernanten, meine Theuerste, schon das bloße Wort verursacht mir Krämpfe. Ihre Unfähigkeit und ihre Launen haben mir wahre Martern verursacht: ich danke dem Himmel, daß ich mit ihnen nichts mehr zu schaffen habe!
Hier bog ich Mrs. Dent zu der frommen Dame
herüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr; aus der Antwort schloß ich, daß es eine Erinnerung an die Gegenwart eines Mitgliedes der verfluchten Race war.
Tant pis, sagten Ihre Gnaden, ich hoffe es wird
ihr gut thun. Dann fügte sie etwas leise hinzu, doch
noch immer laut genug, daß ich es hören konnte: Ich
habe sie mit Aufmerksamkeit betrachtet, ich verstehe mich auf
Physiognomik und in ihrem Gesichte sehe ich alle Fehler
ihrer Classe vereinigt.
Und welche sind diese? frug Mr. Rochester ganz laut.

Ich will es Ihnen einmal unter vier Augen sagen, erwiederte sie, ihren Turban mit geheimnißvoller Wichtigkeit dreimal hin und herschwenkend.
Aber meine Neugierde wird bis dahin ihren Appetit verloren haben: sie bedarf gerade jetzt der Nahrung.
Fragen Sie Blanche, sie ist näher bei Ihnen als ich.
Oh, weisen Sie ihn nicht an mich, Mama! Ich habe über die ganze Zucht nur ein Wort zu sagen: sie sind eine Landplage. Nicht etwa daß ich viel von ihnen erduldet hätte: ich wußte das Blatt bei Zeiten zu wenden. Was für Streiche Theodor und ich unsern Miß Wilsons und Mr. Greys und Jouberts zu spielen pflegten! Mary war immer
viel zu schläfrig, um sich an unseren Verschwörungen zu
betheiligen. Den größten Spaß hatten wir mit Madame
Joubert; Miß Wilson war ein armseliges kränkliches,
weinerliches Geschöpf, bei ihr verlohnte sich's nicht der
Mühe, das Schlachtfeld zu behaupten, und Mrs. Grey
war ordinär und gefühllos, so daß sie kein Streich in Aufregung versetzen konnte. Doch die arme Madame Joubert!
Ich sehe sie noch vor Wuth schnaubend, wenn wir sie zum Aeußersten gebracht hatten -- unsern Thee verschütteten, das Butterbrot zerbrockten, unsere Bücher an die Zimmerdecke warfen und mit den Linealen und Schreibpulten, dem Camingitter und der Feuerzange eine Katzenmusik aufführten. Theodor, erinnerst Du Dich noch dieser fröhlichen Zeiten?
Ja wo-oh-l! gähnte Lord Ingram; und das arme
alte Knochenhaus pflegte zu rufen: Oh Ihr abseulike
Kind! und dann hielten wir ihr eine Predigt über ihre
Anmaßung, so ungeheuer gescheidte Kinder unterrichten zu
wollen, da sie selbst so unwissend sey.

Richtig! Und weißt Du, Tedo, wie ich Dir den käsigen Mr. Vinng -- den pipsigen Pfarrer, wie wir ihn nannten -- sekiren half? Er und Miß Wilson hatten die
Keckheit sich in einander zu verlieben -- so dachten wir wenigstens, Tedo und ich; wir ertappten sie bei wunderbar
zärtlichen Blicken und Seufzern, die wir als Zeichen einer
schönen Leidenschaft ansahen, und das Publicum schöpfte alsbald einen Nutzen von unserer Entdeckung: wir gebrauchten
sie als eine Art Hebel, um unsere Vogelscheuchen aus dem
Hause zu schnellen. Die liebe Mama entdeckte in diesem Verhältnisse eine unmoralische Tendenz. Ist's nicht so, gnädige
Mama?
Gewiß, meine Beste. Und ich hatte darin ganz Recht,
verlaß Dich darauf: tausend Gründe sprechen dafür, daß in
einem ordentlichen Hause eine Liebschaft zwischen dem Erzieher und der Erzieherin nicht geduldet werden kann;
erstlich --
Oh, Himmel, Mama! Verschonen Sie uns mit Ihren Aufzählungen! Au reste kennen wir alle diese Gründe; die Gefahr eines bösen Beispieles für die unschuldigen Kinder; Zerstreutheit und daraus entspringende Vernachlässigung der obliegenden Pflichten seitens der Verliebten; wechselseitige Allianz und Unterstützung; Vertraulichkeit -- Unverschämtheit -- Meuterei und allgemeiner Umsturz.
Habe ich es getroffen, Baronin Ingram von Ingram-Park?
Ja, meine Lilie, jetzt wie immer.
Dann ist weiter nichts darüber zu sagen; sprechen wir von etwas Anderem.
Amy Eshton, die diese Weisung entweder nicht gehört hatte oder nicht beachten wollte, fiel hier mit ihrer sanften Kinderstimme ein: Wir pflegten wohl auch unsere Gouvernante zu hudeln, Louise und ich; aber sie war so ein gutes Geschöpf und ließ sich Alles gefallen, nichts konnte
sie in Wuth bringen. Sie war nie böse auf uns, nicht wahr, Louischen?’
‘Nein, nie; wir konnten thun was wir wollten, ihr Pult und ihren Arbeitskorb durchstöbern oder die Schubladen ihres Kastens verkehrt hineinschieben. Dabei war sie so gutmüthig, daß sie uns Alles gab, um was wir sie baten.’
‘Ich glaube gar,’ sagte Miß Ingram mit einem boshaften Zuge um den Mund, ‘wir bekommen heute noch einen Auszug aus den Memoiren aller existirenden Gouvernanten zu hören; um dieses Unglück abzuwenden, trage ich
nochmals darauf an, einen andern Gegenstand unserer Unterhaltung einzuführen. Sie unterstützen mich doch, Mr.
Rochester?’
‘Madame, jetzt so gut wie bei jeder andern Gelegenheit.’
‘Ich stelle also meinen Antrag. Signor Eduardo, sind
Sie heute Abend bei Stimme?’
‘Wenn Sie es befehlen, Donna Bianca, will ich es
seyn.’
‘Nun denn, Signor, ich mache Euch hiermit meinen
souveränen Willen dahin kund, daß Ihr eure Lunge und
andere Stimmorgane zurecht richtet, da dieselben alsbald in
meinen königlichen Diensten verwendet werden sollen.’
‘Wer möchte nicht der Rizzio einer so göttlichen Mary
seyn?’
‘Zum Guckguck mit Rizzio!’ rief sie ihren Lockenkopf
schüttelnd, während sie zum Pianoforte ging. ‘Meiner Meinung nach muß der Fiedler David ein sehr alberner, abgeschmackter Bursche gewesen seyn, mir für meinen Theil gefällt der schwarze Bothwell besser; in meinen Augen ist ein
Mann, der nicht etwas vom Teufel an sich hat, gar nichts
und die Geschichte mag von James Hepburn sagen was sie
will, ich bin fest überzeugt, daß er gerade der wilde, feurige
Banditenheld war, dem ich hätte meine Hand reichen mögen.’
‘Sie hören es, meine Herren! Wer von Ihnen sieht
nun Bothwell am meisten gleich?’ rief Mr. Rochester.
‘Ihnen ist wohl dieser Vorzug nicht abzustreiten,’ antwortete Obrist Dent.
‘Ich bin Ihnen sehr verbunden, auf Ehre.’
Miß Ingram, die sich inzwischen mit stolzer Anmuth
ans Piano gesetzt, und ihre faltige Robe mit dem Air einer
Königin ausgebreitet hatte, begann ein brillantes Vorspiel,
während dessen sie fortsprach. Sie schien diesen Abend hoch
zu Rosse zu seyn; sowohl ihre Reden als ihre Manieren
waren augenscheinlich berechnet, ihre Zuhörer nicht blos
zur Bewunderung hinzureißen, sondern sie ordentlich zu verdutzen; sie legte es darauf an, so imponirend und herausfordernd als möglich zu seyn.
‘Oh, die jungen Männer unserer Zeit sind mir wirklich zum Ekel,’ rief sie, auf dem Inftrumente herumarbeitend, aus. ‘Die armen schwächlichen Dingelchen, die sich
kaum über Papa's Park hinauswagen, nicht einen Schritt
ohne Mama's Erlaubniß und Aufsicht thun! Geschöpfe, deren
größte Sorge durch ihre Milchgesichter, ihre weißen Hände
und kleinen Füße in Anspruch genommen wird, als wenn
überhaupt ein Mann irgend etwas mit Schönheit zu thun
hätte! Als wäre die Anmuth nicht ein besonderes Vorrecht
des Frauengeschlechtes, sein gesetzliches Eigenthum und unbestreitbares Erbe! Ein häßliches Weib ist ein Fleck auf
dem reinen Antlitz der Schöpfung; was hingegen die Männer betrifft, so ist es genug, wenn sie Kraft und Muth besitzen; ihre Beschäftigung sey: — Jagen, Schießen und
Fechten; alles Uebrige ist keinen Heller werth. Das wäre
meine Devise, wäre ich ein Mann.’
‘Wenn ich mich je verheirathe,’ fuhr sie nach einer
durch Niemanden unterbrochenen Pause fort, ‘nehme ich mir
einen Mann, der mir eine Folie, nicht ein Nebenbuhler ist.
Um meinen Thron dulde ich keinen Mitbewerber, alle Huldigungen sollen mir unverkürzt zukommen, seine Aufmerksamkeit darf nicht getheilt seyn zwischen mir und der Gestalt, die er in seinem Spiegel sieht. Mr. Rochester, singen
Sie, ich will Sie begleiten.’
‘Ich stehe ganz zu Diensten,’ war die Antwort.
‘Hier ist ein Corsarenlied. Sie müssen wissen, daß ich
in Corsaren ordentlich vernarrt bin; drum singen Sie es
auch con spirito.’
‘Ein Befehl von Miß Ingram's Lippen müßte in einen
Napf wässeriger Milch Begeisterung bringen.’
‘Seyen Sie also auf Ihrer Hut; wenn Sie mir nicht
gefallen, so beschäme ich Sie, indem ich Ihnen zeige, wie
man sich einer solchen Aufgabe entledigt.’
‘Auf diese Art bieten Sie der Unfähigkeit eine Belohnung; ich werde mich sogar bemühen zu fehlen.
‘Gardez-vous-en bien! wenn Sie absichtlich fehlen, verhänge ich über Sie eine verhältnißmäßige Strafe.’
‘Miß Ingram sollte Gnade üben, da es in ihrer
Macht steht, eine Züchtigung aufzuerlegen, die wohl kein
Sterblicher ertragen möchte.’
‘Ha! erklären Sie sich deutlicher’, befahl die Dame.
‘Entschuldigen Sie, Madame, eine nähere Erklärung
ist hier überflüssig; Ihr eigener Scharfsinn muß Ihnen sagen, daß ein finsterer Blick von Ihnen einer Capitalstrafe
gleich ist.’
‘Singen Sie!’ sagte sie, und wieder die Tasten berührend spielte sie eine im lebhaftesten Allegro gehaltene
Begleitung.
‘Nun ist es Zeit, daß ich mich fortschleiche,’ dachte
ich; doch die Töne, die nun erschollen, hielten mich zurück.
Mrs. Fairfax hatte Mr. Rochester's Stimme gelobt, und
das mit Recht; er besaß einen kräftigen markigen Baß
in seinen Gesang wußte er seine ursprünglichen naturkräftigen Gefühle zu legen und damit den Weg durch's
Ohr zum Herzen zu finden, wo sie ein wunderbares Echo
wach riefen. Ich wartete bis der Nachhall des letzten Tones erstorben war und der Fluß der allgemeinen Unterredung, der für eine Weile ins Stocken gerieth, seinen natürlichen Fortlauf genommen hatte, dann verließ ich den
schützenden Winkel und trat zur Seitenthüre hinaus, die
zum Glücke nicht weit entfernt war. Von dort führte ein
schmaler Gang zur Vorhalle; indem ich die letztere hindurch
schritt, bemerkte ich, daß mein Schuhband los war; ich
hielt an, um es zu binden, und kniete zu diesem Behufe
auf der Strohmatte an der Treppe nieder. Ich hörte wie
die Thüre des Speisesaales aufging; ein Herr kam heraus;
mich plötzlich erhebend, stand ich ihm mit dem Gesichte gegenüber, es war Mr. Rochester.
Wie geht es Ihnen?’ frug er.
‘Ich bin ganz wohl, Sir.’
‘Warum kamen Sie im Gesellschaftszimmer nicht auf
mich zu, um mit mir zu sprechen?’
Ich dachte, ich hätte ein besseres Recht, diese Frage an

ihn zu richten; aber ich wollte mir diese Freiheit nicht herausnehmen. Ich erwiederte blos:
‘Ich wollte Sie nicht stören, da ich sah, daß Sie in
Anspruch genommen seyen.’
‘Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?’
‘Nichts Besonderes; ich unterrichtete Adelen, wie
gewöhnlich.’
‘Und sind viel blässer geworden, wie ich gleich beim
ersten Anblick bemerkte. Was ist's mit Ihnen?’
‘Gar nichts, Sir.’
‘Haben Sie sich etwa in jener Nacht, wo Sie mich
halb ersäuften, erkältet?’
‘Ganz und gar nicht.’
‘Gehen Sie ins Gesellschaftszimmer zurück; Sie verlassen uns zu zeitlich.’
‘Ich bin müde, Sir.’
Er sah mich einen Augenblick an.
‘Und ein wenig trübe gestimmt,’ sagte er. ‘Weswegen? Sagen Sie an.’
‘Es ist nichts — nichts. Ich bin nicht trübe gestimmt.’
‘Doch versichere ich Ihnen, daß Sie es sind und zwar
in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen fast in die
Augen treten; — und in der That da sind sie schon und
eine Perle fiel eben von den Wimpern auf die Wange herab. ‘Wenn ich Zeit hätte und nicht in tödtlicher Angst wäre,
irgend ein plaudernder, naseweiser Diener möchte am Ende
vorbeikommen, Sie müßten mir beichten, was das Alles
zu bedeuten hat. Nun gut, für diesen Abend mag es dabei sein Bewenden haben; wissen Sie jedoch, daß ich es
Ihnen zur Pflicht mache, so lange meine Gäste hier sind,

jeden Abend im Besuchszimmer zu erscheinen; es ist mein
Wunsch, den ich nicht zu übersehen bitte. Jetzt gehen Sie
und lassen Sie Adelen von Sophien abholen. Gute Nacht,
meine’ — Er hielt inne, biß sich in die Lippen und entfernte sich mit raschen Schritten.

Achtzehntes Capitel.

Welch' fröhliche und geschäftige Tage waren das jetzt,
wie so ganz verschieden von den ersten drei Monaten der
Stille, Einförmigkeit und Einsamkeit, die ich unter dem
Dache von Thornfieldhall zugebracht hatte! Alle trüben Gefühle, alle traurigen Gedanken schienen nun das Haus verlassen zu haben; überall herrschte Leben und Bewegung. Es
war unmöglich die sonst so verlassene Gallerie oder die
Vorderzimmer zu betreten, ohne einer netten Kammerzofe
oder, einem aufgewichsten Lakei zu begegnen.
Eine gleiche Rührigkeit herrschte in der Küche, in der
Kellerei, im Gesindezimmer und in der Vorhalle, und die
Salons standen nur dann leer, wenn sonnige, halcyonische
Frühlingstage die Gäste ins Freie riefen. Selbst an unfreundlichen, regnerischen Tagen trat in den Unterhaltungen kein
Stillstand ein, nur daß dann Zimmerbelustigungen in
um so größerer Abwechslung und Lebendigkeit stattfanden.
Ich wußte nicht recht was am nächsten Abend beabsichtigt wurde, als die Gäste zur Abwechslung das “Charadenspiel” vorschlugen; in meiner Unerfahrenheit war mir
selbst das Wort unverständlich. Die Diener wurden gerufen,
die Tische bei Seite geschoben, die Lichter anders vertheilt,
die Stühle dem Schwibbogen gegenüber in einem Halbzirkel
aufgestellt. Während Mr. Rochester mit den übrigen Herren

diese Veränderungen vornahm, liefen die Damen Treppe
auf, Treppe ab, und klingelten ihren Mädchen. Mrs.
Fairfax wurde aufgefordert, über die Vorräthe des Hauses
an Shawls, Anzügen, Draperien jeder Art zu berichten,
worauf die alten Garderoben des dritten Stockwerkes geplündert wurden und ihren Inhalt an brocatenen und gestickten Röcken, an schwarzseidenen Staatskleidern, Spitzenkrägen [2161-0 und atlassenen Mäntelchen c. abliefern mußten. Die
Kleidungsstücke wurden in Massen von den Zofen herunter
geschafft, und nach geschehener Auswahl die brauchbaren
Stücke im Boudoir des Gesellschaftszimmers aufgespeichert.
Inzwischen hatte Mr. Rochester die Damen um sich
berufen, von denen er einige zu seinen Partnerinnen erwählte. ‘Miß Ingram gehört natürlich zu mir,’ sagte er.
Darauf nannte er die beiden Misses Eshton und Mrs. Dent.
Er sah mich an; ich stand zufällig in seiner Nähe und befestigte Mrs. Dent's Armband, welches aufgegangen war.
‘Wollen Sie spielen?’ frug er. Ich schüttelte mit dem
Kopfe. Er bestand nicht weiter darauf, was ich beinahe befürchtete, und erlaubte mir mich hinter meinen Fenstervorhang zurückzuziehen.
Nun trat er mit seiner Partei hinter die Draperie, der
andere Theil ver Gesellschaft unter Obrist Dent's Anführung setzte sich auf die im Halbkreis aufgestellten Stühle.
Mr. Eshton, der mich gewahr wurde, schien den Vorschlag
zu machen mich herbei zu rufen; doch Lady Ingram war
entschieden dagegen.
‘Nein,’ hörte ich sie sagen, ‘sie sieht zu einem solchen
Spiele viel zu dumm aus.’
Kurze Zeit darauf ertönte eine Klingel und der Vor-
hang ging in die Höhe. Innerhalb des Schwibbogens sah

man Sir George Lynn in ein weißes Bettuch gehüllt. Vor
ihm auf einem Tische lag ein offenes großes Buch, ihm zur
Seite stand Amy Eshton in Mr. Rochester's Mantel, ein
Buch in der Hand haltend. In der Ferne hörte man ein
fröhliches Glockengeläute; Adela (die es sich nicht nehmen
ließ, von der Partei ihres Vormundes zu seyn) kam nun
herbei gesprungen und streute den Inhalt eines Blumenkörbchens auf dem Boden aus. Darauf erschien Miß Ingram,
ganz weiß gekleidet, einen Kranz von Rosen im Haar, mit
ihr Mr. Rochester im schwarzen Anzuge. Das Paar näherte
sich dem Tische. Sie knieten nieder, während sich Mrs. Dent
und Louise Eshton hinter ihnen aufstellten. Eine stumme
Ceremonie folgte, in der man mit Leichtigkeit eine Trauung
erkannte. Am Ende der Scene berieth sich der Obrist dort
etwa durch zwei Minuten mit seinen Partnern, worauf er
laut ausrief:
‘Braut!’ Mr. Rochester verbeugte sich und der Vorhang fiel.
Eine geraume Weile verging, bevor er wieder aufgezogen wurde. Als dies geschah, sah man Mr. Rochester,
ein elegantes Maroquinkästchen in der Hand gleichsam in
eine Stube treten, wo ihn Miß Ingram sitzend empfing und
ihm mit einer Handbewegung bedeutete, näher zu treten.
Mit ehrfurchtsvoller Geberde überreichte er ihr das Etui. Sie
öffnete es und nahm mehre Ohrgehänge und Armspangen,
eine Broche, ein Stirnband, Alles auf's Reichste mit Edelsteinen besetzt, heraus. Eine darauffolgende Pantomime
stellte jedenfalls den Abschluß eines Kaufes vor. Der Vorhang fiel zum zweiten Male. Wahrscheinlich konnte sich
Obrist Dent's Partei über vie Bedeutung des Bildes nicht

vereinigen, denn der Oberst verlangte das Tableau des
Ganzen.
Im dritten Aufzuge erschien nun Miß Ingram in demselben Anzuge wie im ersten, nur schmückte sie der Inhalt des
Maroquinkästchens: von ihrer Stirne funkelte das Diadem,
in ihren Ohren glänzten die prachtvollen Ohrgehänge, am
Busen stack die kostbare Brillantbroche.
‘Brautschmuck!’ rief nun Obrist Dent und die Charade war gelöst.
Eine Pause trat nun ein, während welcher die Darsteller ihre gewöhnlichen Kleider wieder anlegten; damit zu
Ende gekommen, traten sie wieder ins Besuchzimmer. Mr,
Rochester hatte Miß Ingram am Arme.
,Nun ist die Reihe an Ihnen, Dent,’ mahnte der
Erstere, und als sich die andere Partei zurückgezogen hatte,
nahm er mit seinem Anhange die Sitze ein: Miß Ingram
saß ihm zur Rechten. Nun sah ich nicht mehr nach den Darstellern, nun erwartete ich nicht länger mit Spannung das
Aufgehen des Vorhanges; meine ganze Aufmerksamkeit war
auf die Zuseher gerichtet. meine Augen auf den Halbkreis
von Stühlen wie festgebannt. Welche Charade Obrist Dent's
Partei darstellte, welches Wort sie wählte, wie sie spielte,
von Allem dem weiß ich nichts mehr; doch sehe ich noch
immer die Berathungen vor mir, welche jeder Scene folgten ich sehe Mr. Rochester sich zu Miß Ingram wenden
und Miß Ingram zu ihm; ich sehe sie den Kopf zu ihm
neigen, daß die glänzenden Locken beinahe auf seine Achsel
herunter fallen und seine Wange berühren; ich höre ihr
wechselseitiges Flüstern; ich erinnere mich der gewechselten
Blicke, und noch in dieser Stunde kann ich mir das Gefühl

ins Gedächtniß zurückrufen, welches dieser Anblick in mir
hervorbrachte.
Ich habe dem Leser mitgetheilt, wie meine Liebe zu
Mr. Rochester entstanden war. Sollte ich ihn jetzt etwa darum nicht mehr lieben, weil ich fand, daß er mich nicht
beachtete, daß ich nun ganze Stunden in seiner Nähe zubringen konnte, ohne daß er mich auch nur ein einzigesmal
ansah? Oder darum, weil ich seine Aufmerksamkeiten für eine
vornehme Dame bemerkte, die mich nicht für würdig genug
erachtete, daß mich der Saum ihres Kleides berührte, die,
wenn zufällig ihr dunkles, gebieterisches Auge auf mich fiel,
es sofort wegwandte, als wäre ich ein zu gemeiner Gegenstand, ihrer Blicke gar nicht werth? Noch liebte ich ihn,
wiewohl ich überzeugt war, er werde diese nemliche Dame
ehestens heirathen; wiewohl ich täglich seinen Bewerbungen
beiwohnte, die, unabsichtlich und von Zurückhaltung zeigend. gerade durch diesen Beweis von Selbstgefühl unwiderstehlich wurden.
Alle diese Umstände konnten meine Liebe weder mindern, noch viel weniger aus meinem erzen reißen, obgleich sie mich zur Verzweiflung brachten. Wohl auch zur
Eifersucht, wird der Leser denken, wenn überhaupt ein
Märchen von meiner Stellung auf ein Fräulein wie Miß
Ingram eifersüchtig seyn durfte. Aber ich war es gar nicht,
oder doch nur sehr selten; dieses Wort fand zur Bezeichnung des besonderen Schmerzes, den ich fühlte, keine Anwendung. Miß Ingram stand zu tief unter mir, um dieses
Gefühl hervorrufen zu können. Man gestatte mir, diesen
anscheinend seltsamen Satz aufzustellen, den ich sofort erklären will. Sie wußte zu blenden, doch nur mit erborgtem
Flitter: sie hatte ein schönes Aueßeres und manche glänzende Vorzüge, allein ihr Geist war arm, ihr Herz von
Natur aus öde und unfruchtbar; nichts erblühte naturwüchsig auf diesem Boden, keine süße Frucht lohnte mit ihrer
erquickenden Frische. Sie war weder herzensgut, noch originell; ihre Aussprüche bestanden in tönenden, aus Büchern entlehnten Phrasen; nie urtheilte sie aus eigener
Ueberzeugung und war in dieser Hinsicht vollkommen unselbstständig. Sie spielte die Gefühlvolle und kannte weder
Mitgefühl noch Mitleid; Zärtlichkeit und Natürlichkeit
hätte man bei ihr vergebens gesucht. Nur zu oft verrieth
sie sich, indem sie ihrer schmählichen Antipathie gegen die
kleine Adela freien Lauf ließ, diese mit irgend einem Schimpfworte von sich stieß, wenn sie ihr nahe kam, oder zuweilen
aus dem Zimmer hinausschaffte, unter allen Umständen
aber mit Kälte und Bissigkeit behandelte. Andere Augen
nebst den meinen beobachteten diese Kundgebungen des Charakters auf's Genaueste. Mr. Rochester selbst, der angehende Bräutigam, beaufsichtigte seine Zukünftige ohne Unterlaß: eben diese beobachtende Kälte, das daraus entspringende klare Bewußtseyn der Fehler seiner Geliebten und der
gänzliche Mangel an Leidenschaft von seiner Seite verursachten meinen unheilbaren Schmerz.
Ich erkannte, daß er sie blos aus Familien-, vielleicht
auch aus politischen Rücksichten zu heirathen gedachte, weil
ihm ihr Rang und ihre Verbindungen zusagten; ich fühlte
es, daß er sie nicht liebe und daß ihre Eigenschaften nicht
darnach waren, ihm den Schatz seiner Zuneigung zu entlocken. Das war die verwundbare Stelle, wo der Not bloß lag und vor Schmerz zuckte — wo das Fieber raste
und immer neue Nahrung erhielt: sie konnte ihn
nicht beglücken.

Hätte sie ihn mit einem Male besiegt und hätte er sich
unterworfen, und ihr sein Herz mit Freuden zu Küßen gelegt, würde ich mein Gesicht verhüllt und ihm gerne entsagt haben. Wäre Miß Ingram ein braves, edles, mit
Seelenstärke, Herzensgüte und Verstand begabtes Weib gewesen, hätte ich nur Einen Kampf mit den Dämonen der
Eifersucht, der Verzweiflung zu bestehen gehabt, welche
mir vielleicht das Herz aus dem Leibe gerissen und verzehrt
hätten; — allein ich hätte sie bewundert, ihre Vortrefflichkeit anerkannt und den Rest meiner Tage in Ruhe beschlossen. Doch wie die Sachen in der Wirklichkeit standen,
gehörte in der That eine außerordentliche moralischeKraft dazu,
mit Ruhe zuzusehen. wie sich Miß Ingram bemühte, Mr.
Rochester an sich zu ziehen, nicht wissend, daß alle ihre
Mühe vergebens sey; wie sie sich in ihrer Eitelkeit einbildete,
jeder abgesandte Pfeil treffe ins Schwarze; wie sie sich mit
ihren scheinbaren Erfolgen brüstete, während gerade ihr
Stolz und ihre Einbildung sie immer mehr und mehr von
dem angestrebten Ziele entfernten.
Denn während sie fehlte, wußte ich ganz gut, wie
sie hätte treffen können. Pfeile, die fortwährend von Mr.
Rochester's Brust abprallten und ohne Schaden zu verursachen zu seinen Füßen fielen, mußten, ich war dessen gewiß, von einer sicheren Hand abgeschossen, sein stolzes
Herz treffen, sein ernstes Auge in Liebe, sein spöttisches
Gesicht in Milde erglänzen machen. Und noch besser mußte
eine friedliche Eroberung ohne alle Waffe gelingen.
‘Warum kann sie ihn nicht besser fesseln, da sie
doch das Vorrecht hat, mit ihm beständig umzugehen?’
frug ich mich selbst. ‘Gewiß liebt sie ihn nicht wahrhaft

und vom Herzen! Wäre dies der Fall, hätte sie es nichs
nöthig, so kunstvoll zu lächeln, so geziert zu blicken, anmuthige Geberden und Stellungen zu fabriciren. Es scheint
mir, sie erreichte ihre Absicht besser und käme seinem Herzen näher, wenn sie ruhig an seiner Seite säße, wenig
spräche und noch weniger herumblickte. Ich habe auf seinem Gesicht schon einen ganz verschiedenen Ausdruck gesehen, als die regungslose Härte, die gerade jetzt seine
Züge versteinert, wo sie so lebhaft in ihn hinein redet; allein
damals kam dieser Ausdruck von selbst, ohne durch buhlerische
Künste und berechnete Manövers hervorgerufen zu werden und
man durfte nur einfach seine Fragen beantworten, ihn,
wenn nöthig, ohne Ziererei ansprechen, um ihn ganz Feuer
und Flamme zu sehen und sich in seinem Scheine zu wärmen. Wie will sie ihn fesseln, wenn sie erst verheirathet
sind? Ich denke, es wird ihr nicht gelingen, wiewohl es
so leicht wäre und sein Weib das glücklichste unter der
Sonne seyn könnte.’
Ich habe bis jetzt Mr. Rochester's auf Interesse beruhendes Heirathsproject noch mit keinem Worte getadelt.
Die Entdeckung seiner Absichten überraschte mich anfänglich; ich habe ihn für einen Mann gehalten, der sich
der Wahl einer Lebensgefährtin von keinen so alltäglichen
Beweggründen würde bestimmen lassen; doch je mehr ich
die gesellschaftliche Stellung, die Erziehung der beiden
Brautleute ins Auge faßte, desto ungerechter erschien es
mir, sowohl Mr. Rochester als Miß Ingram wegen einer
Handlungsweise zu tadeln, die mit den ihnen von Jugend
auf beigebrachten Ideen und Grundsätzen ganz im Einklange war. Die ganze Kaste, der sie angehörten, theilte
ja diese Ansichten; es mußten also doch wohl Gründe

für ihre Richtigkeit sprechen; nur daß sie mir unbekannt
waren,
In diesem, so wie in allen andern Punkten hatte ich
mit meinem Gebieter die größte Nachsicht; seine Fehler,
für die ich ehedem ein scharfes Auge gehabt, schien ich
alle vergessen zu haben. Früher hatte ich mir Mühe gegeben,
alle Seiten seines Charakters zu erforschen, das Gute und
das Schlechte mitzunehmen und mir nach genauer Abwägung
des Einen und des Andern ein richtiges Urtheil zu bilden.
Jetzt sah ich gar nichts Fehlerhaftes an ihm. Der Sarcasmus. der mich vordem verletzt, die Barschheit, die mich
zurück geschreckt hatte, kamen mir nun wie eine pikante
Würze in einem ausgesuchten Gerichte vor; ihr Vorhandenseyn war zwar nicht angenehm, allein ihre Abwesenheit
hätte allen Geschmack vermissen lassen. Und was seinen unbestimmten, ob unheilvollen, ob schmerzlichen, kühnen oder
verzweifelnden Ausdruck anbelangte, der sich dann und wann
rem Auge eines sorgsamen Beobachters in Mrs. Rochester's
Blicken erschloß, aber auch sofort wieder verschwand, ehe
man noch seine wunderbare Tiefe ermessen konnte; jenen
Ausdruck, der mich mit Furcht und Entsetzen erfüllte, als
wandelte ich auf vulkanischem Boden und fühlte die Erde
unter mir erbeben-- noch sah ich ihn von Zeit zu Zeit,
doch nur noch mit Herzklopfen, nicht mehr mit vor Schreck
gelähmten Nerven. Statt jenem fürchterlichen Geheimnisse
auszuweichen, wünschte ich vielmehr, es untersuchen, errathen zu können und ich beneidete Miß Ingram, daß sie
eines Tages mit Muße würde in den Abgrund blicken, seine
Geheimnisse ergründen, seine Beschaffenheit studiren können.
Während ich nur an Mr. Rochester und seine Braut
dachte, nur die Beiden sah, nur ihre Unterhaltung hörte

und nur ihre Bewegungen für bemerkenswerth erachtete, beschäftigten sich die übrigen Gäste mit ihren Privatinteressen
und Privatvergnügen. Die Ladies Lynn und Ingram setzten
ihre feierlichen Zweigespräche fort, in welchen sie, gleich
zwei großen Puppen, einander mit den beturbanten Köpfen
zuwinkten und ihre vier Hände in wunderbaren Bewegungen
verrenkten, je nachdem das Thema ihrer Unterhaltung ein
überraschendes, geheimnißvolles oder schauderhaftes war.
Die sanfte Mrs. Dent plauderte mit der herzensguten Mrs.
Eshton und die Beiden richteten zuweilen ein freundliches
Wort an mich und lächelten mir zu. Sir George Lynn, Oberst
Dent und Mr. Eshton sprachen über Politik, über Grafschaftsangelegenheiten und über Rechtsfälle. Lord Ingram
cokettirte mit Amy Eshton; Louise spielte und sang mit
einem der Gebrüder Lynn und Mary Ingram lauschte still
schmachtend den galanten Reden des andern. Zuweilen hielten Alle, wie von einem Gedanken geleitet, in ihren Seitengesprächen inne, um die Hauptpersonen zu beobachten
und ihnen zuzuhören; denn nach Allem waren Mr. Rochester
und — weil mit ihm in enger Verbindung — Miß Ingram
die Seele der Gesellschaft. War er nur eine Stunde abwesend, beschlich alle Gäste eine merkliche Langeweile,
sein Wiedereintritt gab ohne Zweifel der Lebhaftigkeit der
Unterhaltung einen neuen Anstoß.
Der Mangel seiner belebenden Gegenwart machte sich
ganz besonders eines Tages bemerkbar, da ihn Geschäfte
nach Millcote gerufen hatten, von wo er allem Anscheine
nach erst spät zurück kommen konnte. Der Nachmittag war
regnerisch; ein projectirter Spazirgang zu seinem Zigeunerlager, das jenseits des Dorfes Hay auf einer Haide aufgeschlagen war, mußte daher unterbleiben. Einige Herren

waren in die Pferdeställe hinab gegangen, die jüngeren
spielten mit den jungen Damen Billard. Die Damen Ingram
und Lynn trösteten sich mit einer gemächlichen Whistpartie.
Blanche Ingram wies einige Versuche von Mrs. Dent und
Miß Eshton, sie mit in ihr Gespräch zu verflechten, durch
hochmüthiges Stillschweigen zurück, sang dann mit halblauter
Stimme einige sentimentale Lieder und Arien zum Piano
und holte sich endlich einen Roman aus der Bibliothek, mit
dem sie sich auf's Sopha warf, um sich mit dem Zauber
der Dichtung die langweiligen Stunden der Abwesenheit zu
verkürzen. Im Hause und in allen Gemächern war es still,
nur aus, dem Billardzimmer ertönte dann und wann ein
fröhliches Lachen.
Es war schon dunkel und die Glocke hatte bereits die
Stunde des Ankleidens zum Tische angezeigt, als Adela,
die bei mir auf einem Fenstersitze kniete, plötzlich ausrief:
‘Voila Monsieur Rochester qui revient!’
Ich wandte mich um, und sah, wie Miß Ingram vom
Sopha emporflog; auch die andern Gäste blickten von ihren
augenblicklichen Beschäftigungen auf, denn in demselben
Momente vernahm man das Rollen von Rädern und Pferdegetrampel auf dem nassen Sandwege. Ein Postwagen näherte sich.
’Was fällt ihm denn ein in diesem Aufzuge nach
Hause zu kommen?’ bemerkte Miß Ingram. ‘Er ritt ja
seinen Rappen Mesrur und Pilot war mit ihm, als er
heute Morgen Thornfield verließ; was hat er nur mit den
Thieren angestellt?’
Bei diesen Worten trat sie mit ihrer starken Figur und
ihren weiten faltigen Kleidern so nahe zum Fenster, daß ich
bei der Bemühung ihr auszuweichen und mich zurück zu

biegen, fast das Rückgrat brach. In ihrem Eifer bemerkte
sie mich nicht sogleich; doch. meiner ansichtig werdend,
rümpfte sie die Nase und suchte ein anderes Fenster auf.
Der Postwagen hielt vor dem Hause; der Kutscher läutete
an und ein Herr in Reisekleidern stieg aus; allein es war
nicht Mr. Rochester, sondern ein Fremder, ein schlanker,
elegant aussehender Mann.
‘Wie ärgerlich!’ rief Miß Ingram. ‘Sie alberner
Affe!’ (Adelen anfahrend) ‘Wer hieß Sie denn sich auf's
Fenster hinauf zu hocken und die Leute zum Narren
halten? Und sie warf auch mir einen wüthenden Blick
zu, als wäre ich an der ganzen Sache Schuld.
Man hörte in der Vorhalle reden und sofort trat der
neue Ankömmling ins Besuchzimmer. Er verneigte sich vor
Lady Ingram als der ältesten der anwesenden Damen.
‘Ich scheine etwas ungelegen zu kommen, Madame,’
sagte er, ‘da mein Freund, Mr. Rochester, vom Hause abwesend ist; allein ich lange eben von einer sehr weiten
Reise an und ich darf wohl als ein alter und intimer
Freund einstweilen absteigen und seine Zurückkunft abwarten.’
Sein Benehmen war artig; sein Accent kam mir etwas
ungewöhnlich — nicht gerade fremd, aber auch nicht englisch
vor. Dem Alter nach schien er mit Mr. Rochester auf derselben Stufe zu stehen und zwischen dreißig bis vierzig Fahre zu
zählen; seine Hautfarbe war merkwürdig blaß: im Uebrigen
konnte man ihn, besonders beim ersten Anblick, einen sehr hübschen Mann nennen. Bei näherer Betrachtung jedoch entdeckte
man in seinem Gesichte ein Etwas, das mißfiel, oder vielmehr nicht gefiel. Seine Gesichtszüge waren regelmäßig,
aber zu schlaff: sein Auge war groß und schön geschnitten,

aber das innere Leben, welches herausblickte, ein leeres, gedankenloses Leben. So dachte ich wenigstens.
Die Gesellschaft ging auseinander, um sich zur Tafel
umzukleiden. Erst nach Tische sah ich den Fremden wieder:
er schien sich ganz heimisch zu fühlen. Doch gefiel mir sein
Gesicht wo möglich noch weniger als früher: es war unruhig und doch ohne Leben. Seine Blicke irrten herum, sagten aber gar nichts, was dem Manne ein so sonderbares
Aussehen verlieh, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ungeachtet seines hübschen und wohl auch anmuthigen Aeußern
hatte er für mich etwas sonderbar Abstoßendes: seinem glatten ovalen Gesichte fehlte der Ausdruck der Kraft, seiner
Adlernase Kühnheit, seinem kirschrothen Munde männlicher
Ernst; seine niedere, ebene Stirne war gedankenlos, sein
stieres braunes Auge ohne Feuer.
Von meiner Nische aus betrachtete ich ihn, wie die
Armleuchter des Gamins, an dem er fast vor Kälte zitternd in einem Armstuhl saß, ihn mit ihrem vollen Lichte
übergossen, und verglich ihn in Gedanken mit Mr. Rochester. Der Contrast konnte — mit aller Achtung sey, es gesagt — zwischen einem albernen Gänserich und einem kühnen Falken, zwischen einem furchtsamen Schafe und seinem
Hüter, dem rauhhaarigen, scharfäugigen Hunde, kaum größer seyn.
Er hatte von Mr. Rochester als von einem alten Freunde
gesprochen. Ihre Freundschaft muß eine wunderliche gewesen seyn, eine treffliche Illustration des alten Sprichwortes:
‘die Extreme berühren sich.’
Zwei oder drei Herren saßen neben ihm und zuweilen
gelangten Bruchstücke ihrer Unterredung an mein Ohr. Anfangs konnte ich nicht viel Sinn hinein bringen; denn ein

Gespräch zwischen Louise Eshton und Mary Ingram, die
mir näher saßen, trat störend dazwischen. Die beiden Märchen sprachen über den Fremden; beide nannten ihn “einen
schönen Mann.” Louise sagte, ‘er wäre ein liebenswürdiges Geschöpf, und sie ‘bete ihn an’; und Mary war entzückt ‘über seinen hübschen kleinen Mund und die schöne
Nase,’ die ihrer Ansicht nach das Ideal aller Schönheit darstellten.
‘Und was für eine schöne Stirne er hat!’ rief Louise
aus. ‘Keine jener finstern Unregelmäßigkeiten, die ich so
sehr hasse! Sehen Sie nur das sanfte Auge und freundliche Lächeln!’
Zu meinem größten Vergnügen wurden die beiden
Damen von Mr. Henry Lynn an andere Ende des Zimmers berufen, um einer Berathung über den verschobenen
Ausflug ins Zigeunerlager beizuwohnen.
Nun konnte ich der Gruppe am Feuer ungestört zuhören und erfuhr sofort, daß der neue Gast Mr. Mason heiße
und eben erst aus einem sehr warmen Lande angekommen
sey. Wahrscheinlich war vies Letztere die Ursache, daß er so
blaß aussah, sich so nahe am Feuer hielt und selbst da noch seinen Winterrock nicht ablegte. Die Worte Jamaica, Kingston, Spanish Town zeigten an, daß er in Westindien ansäßig sey, und mit nicht geringem Erstaunen vernahm ich,
daß er dort Mr. Rochester's Bekanntschaft gemacht hatte. Er
erwähnte seines Freundes Abneigung gegen die dortige brennende Hitze, gegen die Orkane und Winterregen jener Gegend. Mrs. Fairfax hatte mir wohl von Mr. Rochester's
Reisen erzählt; doch dachte ich immer, dieselben wären blos
auf Europa beschränkt gewesen, und er selbst hatte nie eine

Anspielung auf seinen Aufenthalt in anderen Welttheilen
gemacht.
Ich überlegte mir das eben Gehörte, als plötzlich ein
etwas unerwarteter Zwischenfall den Lauf meiner Gedanken
unterbrach. Mr. Mason, der vor Kälte zitterte, sobald nur
vie Thüre aufging, bat, noch mehr Kohlen auf's Feuer zu
legen, das wohl ausgebrannt war, dessen Glut jedoch noch
Hitze genug verbreitete. Der Diener, welcher die Kohlen
brachte, blieb an Mrs. Eshton's Stuhle stehen und sagte
ihm etwas halblaut ins Ohr, von dem ich blos die Worte
‘altes Weib,’ — ‘läßt sich nicht abweisen’ — auffing.
‘Sagen Sie ihr, ich lasse sie in den Bock spannen,
wenn sie sich nicht sogleich fortpackt,’ erwiederte die Gerichtsperson.
‘Halt!’ fiel Obrist Dent dazwischen. ‘Schicken Sie
sie nicht fort, Eshton; wir können die Sache zu unserer
Unterhaltung ausbeuten. Fragen wir doch erst bei den Damen an.’ Und mit lauter Stimme fuhr er fort: ‘Meine Damen, Sie hatten einen Ausflug nach Hay ins Zigeunerlager vor; nun berichtet hier Sam, es sey im Bedientenzimmer eine der alten Zauberinnen angelangt, die durchaus
vor die Herrschaften vorgelassen werden will, um ihnen
wahrzusagen. Beliebt es Ihnen sie zu sehen?’
‘Sie scherzen, lieber Obrist!’ rief Lady Ingram.
‘Sie werden doch die Betrügerin nicht unterstützen wollen?
Schicken Sie sie auf alle Fälle fort und zwar sogleich.’
‘Aber, Ew. Gnaden, ich kann sie nicht fortbringen,’
versetzte der Diener, ‘und die andern Leute vermögen es
eben so wenig. Mrs. Fairfax spricht in diesem Augenblicke
mit ihr und ersucht sie das Haus zu verlasen; doch die

Alte hat sich in die Caminecke gesetzt und behauptet nicht
eher fortgehen zu wollen, bis sie ihre Absicht erreicht habe.’
‘Was will sie denn?’ frug Mrs. Eshton.
‘Sie wünscht den Herrschaften wahrzusagen, Madame,
und sie schwört hoch und theuer, sie müsse und werde dies
thun.’
‘Wie sieht sie aus?’ erkundigten sich die Misses
Eshton in einem Athemzuge.
‘Es ist ein fürchterlich häßliches altes Geschöpf, Mis,
fast so schwarz wie eine Krähe.’
‘Je nun, es ist wohl eine wahrhaftige Hexe! bemerkte Frederick Lynn. ‘Wir lassen sie hereinkommen, das versteht sich.
‘Natürlich,’ bekräftigte sein Bruder; ‘es wäre Jammerschade eine solche Gelegenheit zur Unterhaltung vorübergehen zu lassen.’
‘Meine lieben Jungen, was fällt Euch ein?’ rief Lady Lynn.
‘Ich kann einem so unvernünftigen Vorhaben unmöglich beipflichten,’ unterstützte sie die verwitwete Lady
Ingram.
‘Wirklich, Mama? Ei, Sie können und werden es!’
ertönte die hochmüthige Stimme Blanche's, die bis dahin
ruhig am Piano gesessen hatte, anscheinend mit der Durchsicht verschiedener Musikalien beschäftigt.
‘Ich bin begierig, meine Zukunft zu wissen, lassen
Sie also die edle Dame herein kommen, Sam!’
‘Meine theuerste Blanche! denke doch —
‘Ich weiß schon — ich kann mir vorstellen, was Sie mir sagen wollen; allein ich muß meinen Willen haben — also vorwärts, Sam!’
‘Ja! — ja! — ja!’ jubelten die jungen Leute beiderlei Geschlechtes im Chore. ‘Sie soll kommen, — herein
mit der Alten, — das wird ein köstlicher Spaß werden!’
Der Diener zögerte. ‘Sie sieht gar so schrecklich aus,’
meinte er.

‘Ich sage vorwärts!’ herrschte Miß Ingram und der
Mann verschwand.
Eine außerordentliche Aufregung bemächtigte sich alsbald der ganzen Gesellschaft; ein Lauffeuer von Witz und
Scherz machte die Runde, als Sam zurück kam.
‘Sie will nicht herein kommen,’ berichtete er. ‘Sie
sagt, es sey nicht ihre Gewohnheit, vor dem großen Haufen (ihre eigenen Worte) zu erscheinen. Ich müßte sie in
ein besonderes Zimmer führen, und dann sollten Diejenigen,
die sie zu befragen wünschten, einzeln vor sie treten.’
‘Du siehst nun, meine königliche Blanche,’ begann
Lady Ingram, ‘das Weib wird grob. Laß Dir rathen, mein
Engel — und —
‘Führen Sie die Alte in vie Bibliothek,’ fiel das
Engelskind ihrer Mutter barsch in die Rede. Es ist ebenso
wenig meine Sache, sie vor dem “großen Haufen” anzuhören; ich will sie für mich allein haben. Ist das Gemach
geheizt?
‘Wohl, Madame, aber das Weib sieht so verdächtig
aus.’
‘Lassen Sie das Geschwätz, Dummkopf! und thun Sie was ich Ihnen befehle.’
Wieder verschwand Sam, und geheimnißvolle Aufregung und Erwartung zeigte sich auf den Gesichtern aller
Anwesenden.
‘Sie ist bereit,’ sagte der Diener, nach einer Weile
ins Gemach tretend. ‘Sie wünscht zu wissen, wer sie zuerst
besucht.’
‘Ich glaube, es wäre besser, ich ginge zuerst hinein,
bevor sich die Damen zu ihr begeben,’ sagte Obrist Dent.
‘Sagen Sie ihr, Sam, daß ein Herr mit ihr sprechen will.’
Sam ging und kam wieder.
‘Sie sagt, Sir, Sie hätte mit Herren nichts zu schaffen;
eben so wenig,’ fügte er mit einem schwer unterdrückten Kichern hinzu, ‘mit Damen, die jungen und ledigen ausgenommen.’

‘Beim Himmel! sie hat einen guten Geschmack!’ rief Henry Lynn aus.
Miß Ingram stand feierlich auf. ‘Ich gehe zuerst hinein,’ sagte sie mit dem Tone des Anführers eines verlorenen Postens, der an der Spitze seiner Mannschaft eine Bresche besteigt.
‘Ach meine Beste, meine Theuerste, halt ein, — überlege Dir’s,’ jammerte die Mama; doch die Tochter schwebte
mit majestätischem Schweigen an ihr vorüber, schritt zur
Thüre hinaus, die Obrist Dent offen hielt, und wir hörten sie ins Bibliothekzimmer treten.
Eine verhältnißmäßige Pause trat ein. Lady Ingram
hielt es für angemessen, die Hände zu ringen, was sie auch
nach Kräften that. Miß Mary erklärte, sie für ihren Theil
könne sich nicht entschließen. Amy und Louise Eshton kicherten halblaut und sahen ein wenig furchtsam aus.
Die Zeit verging langsam; man konnte an fünfzehn
Minuten zählen, bis sich die Thüre des Bibliothekzimmers
wieder öffnete. Miß Ingram kehrte zurück.
Lacht sie? Sieht sie die Sache als einen Scherz an?
Aller Augen betrachteten sie neugierig; sie begegnete diesen
Zeichen der Theilnahme mit einem zurückweisenden frostigen
Blicke. Ihr Gesicht zeigte weder Aufregung noch Munterkeit;
sie schritt in aller Stille zu einem Stuhle und setzte sich ruhig
nieder.
‘Nun, Blanche?’ sagte Lord Ingram.
‘Was sagte sie, liebe Schwester?’ frug Mary.
‘Was dachte, was fühlte sie? Sagte sie Ihnen wirklich wahr?’ erkundigten sich die Misses Eshton.
‘Nun, nun, lieben Leute,’ wehrte Miß Ingram ab,
‘bestürmt mich doch nicht so! Eure Verwunderung und
Leichtgläubigkeit scheint ja aufs Höchste gestiegen zu seyn.
Nach der Wichtigkeit, die Ihr Alle, Mama mit inbegriffen,
dem Ereignisse beimesset, müßt Ihr wahrlich glauben, wir
haben eine echte Here im Hause, die mit dem Gott-sey-bei-uns in directer Verbindung steht. Ich sah eine herumziehende Zigeunerin, weiter nichts: sie übt die Handwahrsagekunst in der alten Weise und sagte mir eben das
was Leute ihres Gelichters zu sagen pflegen. Meine Laune
ist nun befriedigt, und Mr. Eshton wird wohl daran
thun, sie morgen einsperren zu lassen, wie er es beabsichtigte.’
Miß Ingram nahm ein Buch, legte sich in ihrem
Stuhle zurück und wies jedes weitere Gespräch von sich.
Ich beobachtete sie beinahe durch eine halbe Stunde, während dieser ganzen Zeit wendete sie kein Blatt und ihr
Antlitz wurde mit jedem Augenblicke düsterer, verdrießlicher.
Jedenfalls hatte sie nichts Angenehmes erfahren und aus
ihrem anhaltenden finsteren Schweigen schloß ich, daß sie,
ungeachtet ihrer vorgeblichen Gleichgültigkeit, den empfangenen Enthüllungen ein sehr großes Gewicht beilegte.
Mittlerweile erklärten Mary Ingram, Amy und Louise
Eshton, daß sie sich nicht einzeln zu gehen trauten, aber
doch gerne ihr Glück versuchen möchten. Eine Unterhandlung wurde durch den Abgesandten Sam eröffnet und nach
vielem Hin- und Hergehen, das dem besagten Sam den
Wadenkrampf zugezogen haben mußte, gab endlich die Sibylle mit großer Schwierigkeit die Erlaubniß, daß die drei
Damen zusammen ihre Aufwartung machen dürften.
Ihr Besuch lief nicht so ruhig ab, als derjenige
Blanche. Ingram's; ein krampfhaftes Lachen und dann und
wann ein lauter Schrei ertönten aus dem Gemache herüber und nach beiläufig zwanzig Minuten brachen sie ordentlich die Thüre ein und kamen durch die Vorhalle gelaufen,
als hätten sie den Verstand verloren.
‘Mit der Alten ist's gewiß nicht richtig,’ riefen sie zu gleicher Zeit. ‘Was die uns für Sachen sagte! Sie weiß Alles!’ und athemlos sanken sie in die Armstühle, die ihnen die Herren entgegen getragen hatten.
Um weitere Auskunft gebeten, erzählten die Mädchen, sie habe ihnen Dinge geoffenbart, die sie als ganz kleine Kinder gesagt und gethan hätten, Bücher und Nippsachen beschrieben, die sich zu Hause in ihren Boudoirs befänden, so wie Andenken, die sie von verschiedenen Verwandten erhalten. Sie behaupteten, die Zigeunerin habe sogar ihre Gedanken errathen und einer Jeden den Namen derjenigen Person, die ihr am theuersten sey, ins Ohr geflüstert und hinzugefügt, was sie sich am sehnlichsten wünschten.
Hier traten die Herren mit der angelegentlichen Bitte dazwischen, sie auch bezüglich dieser letzten zwei Punkte eines Näheren zu belehren; doch ihre Zudringlichkeit brachte
nur ein allgemeines Erröthen, Aufschreien und verlegenes Kichern hervor. Die verheiratheten Damen offerirten inzwischen ihre Fächer und Riechfläschchen, und drückten wiederholt ihr Bedauern aus, daß man ihren Rath nicht bei Zeiten befolgte. Die älteren Herrn lachten und die jüngeren boten den aufgeregten Schönen ihre Dienste an.
Inmitten der Verwirrung und während meine Augen und Ohren von dieser Scene in Anspruch genommen waren, hörte ich ein leises Husten in meiner Nähe, wandte mich um und erblickte Sam.
‘Ich bitte, Miß, die Zigeunerin meint, es wäre noch eine ledige junge Dame hier, die sie nicht befragt hätte; sie betheuert, sie wolle nicht früher fortgehen, bis auch sie bei ihr gewesen sey. Das müssen wohl Sie seyn, Miß, denn ich sehe sonst keine junge Dame hier. Was soll ich
der Frau sagen?’
‘Oh, ich komme auf jeden Fall,’ antwortete ich, froh eine Gelegenheit zur Befriedigung meiner stark erregten Neugier zu finden. Von Allen unbemerkt schlüpfte ich zum Zimmer hinaus und machte die Thüre leise hinter mir zu.
‘Wenn es gefällig ist, Miß,’ sagte Sam, ‘will ich auf Sie in der Halle warten und sollte sie Sie erschrecken, so rufen Sie nur und ich komme sogleich.’
‘Ich danke, Sam; gehen Sie nur in die Küche, ich bin nicht furchtsam.’ Und das war ich auch nicht, wiewohl meine Neugier und meine Spannung einen hohen Grad erreicht hatten.

Ende des zweiten Theiles.

Neunzehntes Capitel

Die Bibliothek sah aus wie gewöhnlich, und die Sibylle, wenn es ja eine war, saß
ganz gemüthlich in einem Lehnstuhle am Camin. Sie hatte einen rothen Mantel um und eine schwarze Mütze auf dem Kopfe oder vielmehr einen
breitkrämpigen Zigeunerhut, der mit einem bunten Sacktuche unterm Kinn zugebunden war. Eine ausgelöschte Kerze stand auf dem Tische; die Alte bog sich zum Feuer herab und schien in einem kleinen, schwarzen Buche beim Scheine der Glut zu lesen: sie sprach die Worte halblaut vor sich hin, wie es die meisten alten Weiber zu thun pflegen. Bei meinem Eintritte hielt sie nicht sogleich inne: wahrscheinlich wollte sie erst mit einem Abschnitte fertig werden.
Ich stand am Camingesimse und wärmte meine Hände, die im Gesellschaftszimmer, wo ich so entfernt vom Feuer saß, ordentlich kalt geworden waren. Ich war im Ganzen so gefaßt und ruhig, wie nie in meinem Leben: die Zigeunerin hatte in der That nichts an sich, was irgend wie beunruhigen konnte. Endlich schlug sie ihr Buch zu und blickte lange empor. Der Hutrand bedeckte zum Theile ihr Gesicht, doch konnte ich, als sie es zu mir wandte, die wunderlichen Züge ziemlich deutlich unterscheiden. Ihre Gesichtsfarbe war braun, beinahe schwarz; zerzauste Haarlocken sahen unter einer weißen Binde hervor, die sie unter dem Kinne zugebunden hatte, und hingen halb über ihre Wangen herab;
sie maß mich mit einem durchbohrenden, forschenden Blicke.
‘Nun, Sie möchten wohl gerne Ihr Schicksal wissen?’ sagte sie in einem Tone, der in seiner Barschheit
mit dem harten Ausdrucke ihres Gesichtes harmonirte.
‘Ich kümmere mich nicht viel darum , gute Mutter: Ihr mögt euer Heil versuchen, aber ich sage Euch im Vorhinein, daß ich an eure Kunst nicht glaube.’
‘Diese Aeußerung war von einer so kecken Person zu erwarten; ich hörte es gleich an Ihrem Tritte, als Sie die Schwelle überschritten.’
‘Wirklich? Ihr müßt ein scharfes Gehör haben.’
‘Wohl, und auch ein scharfes Auge.’
‘Ihr braucht das Alles bei eurem Handwerk.’
‘Natürlich; besonders wenn ich solche Kunden habe, wie Sie. Warum zittern Sie nicht?’
‘Mir ist nicht kalt.’
‘Warum werden Sie nicht blaß?’
‘Ich bin nicht krank.’
‘Warum befragen Sie meine Kunst nicht?’
‘Ich bin nicht albern genug.’
Die alte Hexe kicherte unter ihrer schwarzen Mütze hervor: darauf zog sie eine kurze schwarze Pfeife heraus, zündete sie an und begann zu rauchen. Nachdem sie sich eine
Weile dem Genusse dieses Beruhigungsmittels hingegeben hatte, richtete sie ihren gebückten Körper gerade in die Höhe, nahm die Pfeife aus dem Munde und während sie
unverwandt ins Feuer blickte, sagte sie mit Entschiedenheit:
‚Es ist Ihnen kalt, Sie sind krank, Sie sind albern.’
,Beweiset es,’ erwiederte ich.
Das will ich mit wenigen Worten. Es ist Ihnen kalt, denn Sie stehen allein: keine Berührung entlockt das Feuer, das in Ihnen brennt. Sie sind krank, denn das beste. das
höchste, das süßeste der menschlichen Gefühle ist Ihnen fern. Sie sind albern, denn bei all Ihren Schmerzen wagen Sie es nicht, es herbeizurufen oder einen Schritt vorwärts zu
thun, um es dort zu treffen, wo es Ihrer wartet.’
Und wieder führte sie ihre kurze schwarze Pfeife zum Mund und qualmte mit aller Macht.
‘Dasselbe könntet Ihr wohl einem jeden Mädchen sagen, von dem Ihr wißt, daß es in einem vornehmen Hause und in Abhängigkeit lebt.’
‘Wohl könnte ich es; doch wäre es auf jedes andere Mädchen gleich gut anwendbar?’
‘So bald sie sich in gleichen Verhältnissen befindet, ja.’
‘Richtig, in gleichen Verhältnissen; und nun zeigen Sie mir eine Person, die ganz genau so gestellt ist wie Sie.’
‘Oh, tausend für Eine!’
‘Ich glaube kaum eine einzige wäre zu finden. Ihre Stellung ist eine ganz eigenthümliche: das Glück steht Ihnen so nahe, Sie können es mit der Hand erreichen. Alle
Bestandtheile sind vorbereitet, nur einer Bewegung bedarf es, um sie zu verbinden. Der Zufall legte sie etwas abseits: lassen Sie sie nur näher kommen und der schönste Erfolg
soll Sie beglücken.’

‘Ich verstehe mich nicht auf Räthsel. Nie in meinem Leben konnte ich welche auflösen.’
‘Wenn Sie wünschen, daß ich deutlicher spreche, zeigen Sie mir Ihre Hand.’
‘Und ich muß sie wohl mit Silber bedecken, nicht wahr?’
‘Freilich.’
Ich gab ihr einen Schilling: sie schob ihn in einen alten Strumpf, den sie aus der Tasche hervorgeholt hatte.
Nachdem sie dieses Geldbehältniß sorgfältig zugebunden und wieder eingesteckt, gebot sie mir meine Hand hinzuhalten.
Ich that es, sie näherte ihr Gesicht meiner Handfläche und besah sie, ohne sie zu berühren.
‘Sie ist zu zart,’ sagte sie. ‘Mit einer solchen Hand kann ich nichts anfangen; sie hat fast gar keine Linien Uebrigens was soll auch die Hand? Die Zukunft steht doch nicht darin.’
‘Ich glaube es selbst,’ sagte ich.
‘Sie steht im Gesichte,’ fuhr sie fort, ‘auf der Stirn, um die Augen herum, in den Augen selbst, in den Linien
des Mundes. Knieen Sie nieder und halten Sie den Kopf in die Höhe.’
‘Ah, nun kommt Ihr zur Wirklichkeit!’ bemerkte ich, ihrer Weisung folgen.
‘Ich werde damit beginnen, Ihnen einigen Glauben
einzuflößen.’
Ich kniete etwa eine halbe Elle von ihr entfernt. Sie schürte das Feuer an, daß ein Lichtschein aus den aufgestörten Kohlen hervorbrach; so wie sie saß, brachte sie der
Schein in einen noch tieferen Schatten, während er mein Gesicht grell beleuchtete.

‘Ich möchte wissen, mit welchen Gefühlen Sie zu mir kamen,’ sagte sie, nachdem sie mich eine kurze Zeit scharf ins Auge gefaßt hatte. ‘Ich möchte wissen, welche Gedanken und Gefühle durch alle die Stunden in Ihnen auftauchen, wo Sie in jener Stube sitzen, während alle die vornehmen Leute wie die Gestalten einer Zauberlaterne vor Ihren Blicken herumtanzen. Sie fühlen sich zu den Andern in der That so wenig hingezogen, als wären sie nichts Besseres denn menschliche Schattenbilder ohne alle Wirklichkeit.’
‘Oft bin ich müde und langweile mich, zuweilen bin ich schläfrig, doch nur selten traurig.’
‘Dann haben Sie irgend eine geheime Hoffnung, die Sie aufheitert und Ihnen eine bessere Zukunft verspricht?’
‘Nein, Alles was ich von der Zukunft erwarte, besteht darin, daß ich mir von meinem Gehalte so viel Geld erspare, um eines Tages eine Kostschule für eigene Rechnung eröffnen zu können.’
‘Eine spärliche Nahrung für das Herz, um sich damit zu begnügen! Und wenn Sie in jener Fensterbrüstung sitzen
(Sie sehen, ich weiß sogar Ihre Gewohnheiten) —‘
‘Die konntet Ihr von den Dienstboten erfahren.’
‘Ei, Sie halten sich für klug. Möglich, daß Sie Recht
haben. Die Wahrheit zu sagen, kenne ich eine Person von
der Dienerschaft — Mrs. Poole —‘
Ich erzitterte am ganzen Körper, als ich diesen Namen
hörte.
,Wirklich?’ dachte ich, ‘wenn es so ist, dann hat
der Teufel seine Hand im Spiele.’
‘Erschrecken Sie nicht,’ fuhr das sonderbare Wesen fort; ‘vor Mrs. Poole ist nichts zu besorgen, sie ist verschwiegen und ruhig, jedermann kann sich auf sie verlassen.

Doch was wollte ich sagen? Ja! wenn Sie in jener Fensterbrüstung sitzen, denken Sie da auch an Ihre künftige Errichtung einer Kostschule? Interessirt Sie denn von der ganzen Gesellschaft, die vor Ihnen auf den Sopha's und Ottomanen sitzt, durchaus Niemand? Gibt's da kein einziges Gesicht, daß Sie besonders betrachten? kein Antlitz,
dessen wechselnden Ausdruck Sie mindestens aus Neugier verfolgen?’
‘Ich finde ein Vergnügen daran, alle Gesichter und alle Gestalten zu studieren.’
‘Scheiden Sie nie eine einzelne Person — vielleicht auch zwei — von den übrigen aus?’
‘Das thue ich oft. Wenn die Bewegungen oder die Blicke eines Paares eine ganze Geschichte zu erzählen scheinen, freut es mich, Beobachtungen anstellen zu können.’
‘Welche Geschichten hören Sie am liebsten?’
‘O, ich habe keine große Auswahl! Sie behandeln gewöhnlich denselben Gegenstand — Liebesbewerbungen, und enden voraussichtlich mit derselben Katastrophe — einer Heirath.’
‘Und gefällt Ihnen dieser einförmige Stoff?’
‘Aufrichtig gesagt, kümmere ich mich nicht viel darum; ich habe nichts damit zu schaffen.’
‘Nichts damit zu schaffen? Wenn eine junge Dame voll Leben und Gesundheit, reich an Reizen und Talenten,
mit Rang und Glücksgütern gesegnet, neben einem Herrn sitzt und ihm zulächelt, den —‘
‘Nun?’
‘Den Sie kennen und dem Sie vielleicht — gut sind.’
‘Ich kenne alle die Herren nicht. Ich habe kaum ein Wort mit einem von ihnen gewechselt und was das Gutseyn anbelangt, so ist ein solches Gefühl fern von mir.
Ich achte die einen als stattliche, achtungswerthe alte Herren und erkenne die Jugend, Schönheit, Liebenswürdigkeit und glänzende Galanterie der Andern auch; allein es steht ihnen
allen frei, sich von wem immer zulächeln zu lassen, ohne daß mich dieser Vorgang auch nur im Geringsten, angenehm oder unangenehm, berührt.’
‘Sie kennen die Herren nicht? Sie haben noch mit keinem ein Wort gesprochen? Wollen Sie das von dem Herrn des Hauses auch behaupten?’
‘Er ist nicht hier.’
‘Eine tiefsinnige Bemerkung! Ein äußerst geistreiches Auskunftsmittel! Er ging diesen Morgen nach Millcote
und wird noch heute Abends zurückerwartet; schließt ihn dieser Umstand von der Liste Ihrer Bekanntschaften aus —
vernichtet er seine Existenz?’
‘Nein; aber ich kann nicht einsehen, was Mr. Rochester mit dem Gegenstande unserer Verhandlung gemein hat.’
‘Ich sprach von Damen, die Herren zulächeln, und in letzterer Zeit wurde Mr. Rochester von einer gewissen Dame
so häufig angelächelt, daß er ordentlich schmelzen muß, wie
Märzschnee in der Frühlingssonne. Haben Sie das nie bemerkt?’
‘Mr. Rochester hat vollkommen Recht, sich an dem Umgange seiner Gäste zu erfreuen.’
‘Darum handelt es sich hier nicht; allein haben Sie es unter den vielen Bewegungen und Blicken, die ganze Geschichten erzählen, wie Sie sagen, nicht bemerkt, daß Mr. Rochester mit den lebhaftesten und unausgesetztesten Kundgebungen dieser Art beglückt wurde?’
‘Die Aufmerksamkeit des Zuhörers beflügelt die Zunge

des Erzählers.’ Ich sagte dies mehr zu mir selbst als zur Zigeunerin, deren sonderbares Gespräch, eigenthümliche Stimme und Manieren mich in eine Art Traum eingewiegt hatten. Eine unerwartete Rede nach der andern kam von ihren Lippen, bis ich in ein ordentliches Netz von Mystificationen verstrickt war und nachsann, welcher unsichtbare Geist wohl wochenlang an meinen Herzen gesessen, sein ganzes Treiben überwacht und jeden Pulsschlag aufgezeichnet hatte.
‘Die Aufmerksamkeit des Zuhörers!’ wiederholte die Zigeunerin; ‘wohl; Mr. Rochester hat ganze Stunden da gesessen und sein Ohr den wundervollen Lippen geneigt, die
in Erfüllung ihrer Aufgabe ein so großes Vergnügen zu finden schienen. Und er hörte so gerne zu und war so dankbar für die ihm bereitete Unterhaltung! Sie haben es doch
bemerkt?’
‘Dankbar? Ich weiß mich nicht zu erinnern, daß ich je in seinem Gesichte Dankbarkeit entdeckt hätte.’
‘Entdeckt! Sie haben es also untersucht. Und was entdeckten Sie denn, wenn keine Dankbarkeit?’
Ich sagte nichts.
‘Sie haben Liebe bemerkt, nicht wahr? Und weiter in die Zukunft blickend, sahen Sie ihn vermält und seine Braut glücklich?’
‘Hm! Nicht ganz. Eure Kunst läßt Euch zuweilen im Stiche.’
‘Was zum Teufel haben Sie denn gesehen?’
‘Lassen wir das! Ich kam hierher, um zu fragen, nicht um zu beichten. Ist es schon allgemein, daß sich Mr. Rochester vermälen wird?’
‘Ja wohl, mit der schönen Miß Ingram.’
‘Bald?’

‘Alle Anzeichen bejahen es, und Sie werden ohne Zweifel (obwohl Sie die strafbare Kühnheit haben, es in Abrede zu stellen) ein äußerst glückliches Paar seyn. Er muß
so eine schöne, edle, witzige, vollendete Dame lieben und wahrscheinlich liebt auch sie ihn, oder wenn auch nicht seine Person, so doch seinen Geldsack. Ich weiß, daß ihr die Besitzungen der Familie Rochester sehr wünschenswerth vorkommen, wiewohl ich ihr darüber (Gott verzeihe es mir!) vor einer Stunde Dinge offenbarte, die sie merkwürdig ernst
machten; ihre Mundwinkel fielen um einen guten Zoll. Ich möchte ihrem gemüthlichen Anbeter rathen, sich vorzusehen,
denn wenn ein Anderer mit einer längeren oder einer weniger belasteten Einkommenliste anrückt, ist er geliefert —‘
‘Aber, Mutter, ich kam ja nicht hierher, um Mr. Rochester's Schicksal zu hören, ich wollte das meinige wissen und Ihr sagtet mir ja darüber noch kein Sterbenswort.’
‘Ihre Zukunft ist noch zweifelhaft: als ich Ihr Gesicht untersuchte, widersprach ein Zug dem andern. Das Schicksal hat Ihnen ein Maß Glückseligkeit zugemessen, so
viel weiß ich. Ich wußte es, bevor ich noch heute Abend herkam. Es legte es Ihnen sorgfältig bei Seite. Ich sah ihm dabei zu. Nun hängt es von Ihnen ab, die Hand darnach auszustrecken und es aufzuheben; ob Sie dies aber werden thun wollen, das ist das Räthsel, über welches ich
nachdenke. Knieen Sie wieder auf den Teppich nieder.’
‘Laßt mich nicht lange knieen, das Feuer röstet mich ordentlich.’
Ich kniete nieder. Sie bückte sich nicht zu mir herunter, sondern lehnte sich in ihrem Stuhle zurück und sah mich blos an. Darauf murmelte sie vor sich hin:
‘Die Flamme flackert im Auge, das Auge glänzt wie

der Thau. Es ist sanft und gefühlvoll, es lächelt zu meinem Kauderwelsch; es ist empfänglich: in seinem klaren
Kreise folgt ein Eindruck dem andern. Wenn es aufhört zu lächeln, ist es trübe; eine unbewußte Niedergeschlagenheit drückt das Augenlid nieder, was Melancholie in Folge des
Alleinseyns bedeutet. Es wendet sich von mir, es will einer weiteren Untersuchung ausweichen; es scheint durch einen
spöttischen Blick die Entdeckungen zu verneinen, welche ich bereits gemacht habe, die Anwesenheit von Gefühl und Kummer in Abrede stellen zu wollen; sein Stolz und sein Läugnen bestärken mich nur noch in meiner Meinung. Das Auge ist günstig.’
‘Was den Mund anbelangt, so pflegt er zuweilen gerne zu lachen, er theilt alle Gedanken der Seele mit, wiewohl er über so manche Regungen des Herzens ganz stille
schweigt. Beweglich und geläufig wie er ist, ist er nicht dazu geschaffen, in dem ewigen Stillschweigen der Einsamkeit geschlossen zu bleiben, es ist ein Mund, der viel sprechen und oft lächeln und Liebe und Zuneigung zum Gegenstande seiner Gespräche machen sollte. Auch dieser Theil des Gesichtes ist günstig.
‘Nur in der Stirne sehe ich ein Hinderniß des glücklichen Ausganges, in der Stirne, welche zu sagen scheint: ‘Ich kann allein leben, wenn mich Selbstachtung und Verhältnisse dazu bestimmen. Ich will meine Seele nicht verkaufen, um dafür Glück einzuhandeln. Ich besitze in meinem Innern einen Schatz, der mich aufrecht erhält, und wenn mich auch von Außen nichts als Schmerz und Kummer trifft, wenn mich alle Freude flieht oder wenn ich sie nur um einen Preis erlangen kann, den ich nicht gewähren darf.’ Diese Stirne sagt ferner: ‘Die Vernunft sitzt hier fest und

hält die Zügel straff an; sie gestattet den Gefühlen nicht ihren freien Lauf zu nehmen und im wilden Taumel Geist und Herz zu bethören. Mögen die Leidenschaften, wie wahre Heiden, noch so sehr rasen, mag das Begehrungsvermögen im Bunde mit der Einbildungskraft noch so glänzende, lockende Bilder schaffen, der Verstand wird bei jeder Berathung das letzte Wort haben und den entscheidenden Ausschlag geben. Sturm, Erdbeben und Feuer mögen vorbeitoben, ich werde stets nur der leisen Stimme folgen, die
mir die Entscheidungen meines Gewissens zuflüstert.’
‘Gut gesprochen, Stirne, deine Aussage soll berücksichtigt werden. Ich habe meinen Plan gemacht, den ich für
den rechten halte, und darin den Anforderungen des Gewissens. den Rathschlägen der Vernunft entsprochen. Ich
weiß es, wie bald die Jugend vergehen und die Blüthe abfallen würde, wäre im gebotenen Kelche der Glückseligkeit
auch nur ein Tropfen Schande und nur der leiseste Vorgeschmack bitterer Reue, und ich wünsche weder Opfer, noch
Schmerz, noch Untergang, — Alles das ist nicht nach meinem Geschmacke. Ich will erhalten, nicht zerstören, Dankbarkeit hervorrufen, nicht blutige Thränen auspressen; nur
lächelnde Blicke, Liebkosungen, süße Worte mag ich ernten. Wie herrlich wird das seyn! Mir kömmt es vor, als
lebte ich in einem schönen Fieberwahne! Wie sehr wünschte ich diesen Augenblick ins Unendliche zu verlängern, doch ich wage es nicht. Insofern beherrsche ich mich durch und durch.
Ich habe meine Rolle gespielt, wie ich mir es innerlich zugeschworen; bei einer Fortsetzung könnte mich meine Selbstbeherrschung verlassen. Stehen Sie auf, Miß Eyre, verlassen Sie mich, das Stück ist zu Ende.’
Wo war ich? Schlief oder wachte ich? Hatte ich geträumt? Träumte ich noch? Die Stimme des alten Weibes war verändert; ihre Laute, ihre Mienen und Bewegungen
kamen mir so bekannt vor, wie mein eigenes Gesicht im Spiegel, wie die Sprache meiner eigenen Zunge. Ich stand auf, doch ohne mich zu entfernen. Ich blickte um mich: stierte
das Feuer an und blickte von Neuem: doch das Weib zog ihre Mütze und ihre Binde noch fester zusammen und hieß mich zum zweiten Male gehen. Die Flamme beleuchtete ihre
ausgestreckte Hand; aus meiner Träumerei erwacht und voll Neugierde, etwas Näheres zu entdecken, faßte ich diese Hand ins Auge. Es war nicht die fleischlose vertrocknete Knochenhand
eines alten Weibes, sondern ein rundes volles Glied mit wohlgebildeten feingeformten Fingern; ein großer Siegelring glänzte am kleinen Finger und als ich mich nach vorne
neigte und ihn ansah, erkannte ich einen Edelstein, den ich schon viele hundert Mal gesehen hatte. Wieder musterte ich das Gesicht, das nicht länger abgewandt war — die Mütze
hing herunter, die Binde war verschwunden und der Kopf frei.
‘Nun, Jane, kennen Sie mich?’ frug eine wohlbekannte Stimme.
‘Nehmen Sie nur den rothen Mantel ab und dann —‘
‘Das Band ist verknüpft — helfen Sie mir.’
’Zerreißen Sie es.’
‘So, und nun fort mit dem erborgten Tand!’ Und Mr. Rochester stand vor mir, wie er leibte und lebte.
‘Welch' sonderbarer Einfall, Sir!’
‘Aber gut durchgeführt, nicht wahr?’
‘Mit den andern Damen, wohl.’
‘Mit Ihnen nicht?’
‘Bei mir spielten Sie keine Zigeunerin.’

‘Was stellte ich dann vor? Mich selbst?’
‘Auch nicht; irgend eine unbegreifliche Person. Kurz,
ich glaube, Sie machten einen Versuch mich auszuforschen
oder — zum Besten zu haben; Sie sprachen Unsinn, um auch mich zu verleiten, Unsinn zu schwatzen. Das ist nicht
edel von Ihnen, Sir.’
‘Sie vergeben mir doch, Jane?’
‘Ich kann es Ihnen nicht eher versprechen, bis ich mir Alles überdacht habe. Wenn ich finde, daß ich mir keine
zu großen Blößen gegeben, will ich mich bemühen, Alles zu vergessen; doch es war auf keinen Fall recht, so zu
handeln.’
‘Oh, Sie waren sehr zurückhaltend, sehr vorsichtig,
Sie haben musterhaft geantwortet.’
Ich dachte nach und fand am Ende, daß es wirklich der Fall sey. Das tröstete mich; ich war in der That rom
Anfange der Scene an sehr auf meiner Hut gewesen. Ich vermuthete gleich irgend eine Maskerade dahinter. Ich wußte,
daß sich Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen nicht so ausdrückten, wie dieses seynsollende alte Weib; überdies hatte
ich ihre verstellte Stimme, ihre Bemühung, sich das Gesicht zu verdecken, ganz gut bemerkt. Aber ich hatte zuerst an
Grace Poole gedacht — an jenes wandelnde Räthsel, jenes Geheimniß der Geheimnisse; Mr. Rochester hätte ich in dieser Verkleidung nie vermuthet.’
‘Nun,’ sagte er, ‘worüber sinnen Sie nach? Was bedeutet dies ernste Lächeln?’
‘Verwunderung und Selbstzufriedenheit, Sir. Sie erlauben mir wohl mich zu entfernen?’
‘Nein, bleiben Sie noch einen Augenblick, und sagen Sie mir, was die Leute im Besuchszimmer machen.’

‘Sie sprechen über die Zigeunerin, denk' ich.’
‘Setzen Sie sich — Lassen Sie mich hören, was sie
von mir sagten.’
‘Es wäre besser, Sir, wenn ich nicht so lange hier bliebe; es muß nahe um eilf Uhr seyn. O! wissen Sie
schon, Mr. Rochester, daß ein Fremder ankam, während Sie fort waren?’
‘Ein Fremder! nein. Wer mag das seyn? Ich erwartete Niemanden. Ist er wieder fort?’
‘Nein, er sagte er sey ein alter Bekannter, und dürfe sich die Freiheit nehmen, Ihre Rückkunft abzuwarten.’
‘Der Teufel darf er's! Sagte er seinen Namen?’
‘Er heißt Mason, und kömmt aus Westindien, von Spanish Town in Jamaica, wie ich glaube.’
Mr. Rochester stand neben mir: er hatte meine Hand ergriffen, als wollte er mich zu einem Sitze führen. Während ich sprach, drückte er sie krampfhaft; das Lächeln um
seinen Mund verschwand, der Athem stockte in seiner Brust.
‘Mason! — Westindien!’ rief er, in dem Tone einer Sprachmaschine. ‘Mason! Westindien!’ wiederholte er, und zum dritten Male sprach er die beiden Worte
aus, während sein Gesicht immer blässer und blässer wurde. Er schien fast das Bewußtseyn verloren zu haben.
‘Sie sind unwohl, Sir?’ frug ich.
‘Jane, mich hat ein schrecklicher Schlag getroffen; ein schrecklicher Schlag hat mich getroffen, Jane!’ stammelte er.
‘Stützen Sie sich auf mich.’
‘Jane, Sie boten mir schon einmal Ihren Arm, thun Sie es wieder.’

‘Ja, Sir, ja! Hier haben Sie ihn.’
Er setzte sich nieder, und zog mich an seine Seite.
Meine Hand in der seinigen haltend, streichelte er sie liebevoll, indem er mich gleichzeitig mit verstörten und unheimlichen Blicken betrachtete.
‘Meine kleine Freundin,’ sagte er, ‘ich wollte, ich wäre mit Ihnen allein auf einer menschenleeren Insel und Sorgen und Gefahren und schreckliche Erinnerungen wären
fern von mir.’
‘Kann ich Ihnen helfen, Sir? — Gerne gäbe ich mein Leben für Sie hin.’
‘Jane, wenn mir Hilfe Noth thut, will ich sie bei Ihnen suchen; ich verspreche es Ihnen.’
‘Tausend Dank! Sagen Sie mir, was ich thun soll, und ich will es wenigstens versuchen.’
‘Für jetzt holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisezimmer; die Gäste werden beim Nachtessen sitzen; sagen Sie mir, ob Mason bei ihnen ist, und was er thut.’
Ich entfernte mich. Die Gäste waren in der That beim Nachtessen, wie es Mr. Rochester vorhergesagt hatte; doch saßen sie nicht um einen Tisch herum, die Speisen waren
auf den Seitentischen aufgestellt, und Jeder nahm sich was ihm beliebte, und verzehrte es stehend. Alles schien in freudigster Aufregung zu seyn; die Unterhaltung und das Gelächter waren allgemein und sehr lebhaft. Mr. Mason stand am Feuer, sprach mit Obrist Dent und dessen Gemalin, und schien ebenso aufgeräumt zu seyn, wie alle Uebrigen. Ich füllte ein Weinglas (Miß Ingram warf mir einen finstern Blick zu; sie fand es unbegreiflich, daß ich so keck seyn konnte) und kehrte ins Bibliothekzimmer zurück.
Mr. Rochester's ungewöhnliche Blässe war verschwunden und er sah wieder ruhig und gefaßt aus. Er nahm mir das Glas aus der Hand.
‘Auf Ihre Gesundheit, dienstbarer Geist!’ sagte er, schluckte den Inhalt mit einem Zug hinunter, und stellte mir das Trinkgefäß wieder zurück. ‘Was machen die Leute,
Jane?’
‘Sie sprechen und lachen, Sir.’
‘Sehen sie nicht ernst und geheimnißvoll darein, als hätten sie etwas Außergewöhnliches erfahren?’
‘Ganz und gar nicht; — sie sind voll Scherz und Munterkeit.’
‘Und Mason?’
‘Lacht so gut wie die Andern.’
‘Wenn nun all das Volk in einem Haufen hereinkäme, und mir ins Gesicht spuckte, was würden Sie da thun, Jane?’
‘Die Leute zum Zimmer hinausschaffen, wenn ich es vermöchte.’
Er versuchte es zu lächeln. ‘Doch wenn ich nun unter sie träte, und sie sähen mich frostig an und flüsterten schadenfroh mit einander und verließen mich Eines um’s Andere?
Gingen Sie mit ihnen?’
‘Ich glaube kaum, Sir; ich würde wohl lieber bei Ihnen bleiben.’
‘Und mich trösten?’
‘Wohl, so gut ich es könnte.’
‘Und wenn Sie die Welt mit ihrem Bannfluche belegte, weil Sie mit mir hielten?’
‘Ich würde mich jedenfalls um einen solchen Fluch nicht kümmern, wenn er mir auch zu Ohren käme, was ich indeß kaum glaube.’

Sie könnten also um meinetwillen den Tadel der Menschen ertragen?
‘Ich vermöchte es um jedes Freundes willen, der es verdiente, daß ich ihm anhinge, wie dies bei Ihnen gewiß der Fall ist.’
‘Gehen Sie nun ins Speisezimmer zurück, treten Sie ganz ruhig zu Mason, und sagen Sie ihm leise ins Ohr, Mr. Rochester sey angelangt und wünsche ihn zu
sprechen. Führen Sie ihn dann hier herein und lassen Sie uns allein.’
‘Wohl, Sir.’
Ich that nach seinem Geheiß. Die ganze Gesellschaft glotzte mich an, als ich gerade mitten hindurchschritt. Ich nahm Mr. Mason bei Seite, richtete ihm die Botschaft aus und führte ihn aus dem Zimmer. Dann wies ich ihm die Bibliothek und begab mich auf meine Stube.
Sehr spät in der Nacht, nachdem ich schon eine geraume Zeit im Bette lag, hörte ich die Gäste in ihre Schlafzimmer gehen. Ich unterschied Mr. Rochester's Stimme und vernahm die Worte: ‘Hier, Mason, dies ist Ihre Stube!’
Seine Stimme klang fröhlich, und die muntern Laute brachten mein Herz zur Ruhe. Ich schlief bald ein.

Zwanzigstes Capitel.

Ich hatte diesmal zufällig vergessen meinen Fenstervorhang herunter zu lassen und die Läden zu schließen, was
ich sonst nie vergaß. Die Folge davon war, daß, als der Mond in seinem Laufe meinem Fenster gegenüber kam, mich

sein heller Schimmer weckte. Ich öffnete meine Augen, und blickte gerade in die krystallhelle Silberscheibe des Nachtgestirnes. Die Nacht war schön, doch ungemein feierlich; ich
stand halb auf, und streckte meinen Arm aus, um den Vorhang zuzuziehen.
Hilf Himmel! Welch ein Schrei schlug an mein Ohr!
Ein scharfer, schriller Laut unterbrach die nächtliche Stille und durchlief Thornfieldhall von einem Ende zum andern.
Meine Pulse stockten, mein Herz stand still, mein ausgestreckter Arm war wie gelähmt. Der Schrei erstarb und ließ sich nicht wieder hören. Und in der That, welches Wesen immer einen solchen Laut von sich gab, es konnte ihn unmöglich so bald wiederholen; nicht der stärkste Condor der Cordilleren konnte zweimal hinter einander einen solch' furchtbaren Schrei ausstoßen. Das Geschöpf, welches einen derartigen Laut ausstieß, mußte ausruhen, um zu einer solchen Anstrengung neue Kräfte zu sammeln.
Der Schrei kam vom dritten Stockwerke, denn ich hörte
ihn über mir. Und gerade über mir, in der Stube oder
meiner Zimmerdecke vernahm ich nun ein Ringen, einen verzweifelten, einen Todeskampf nach dem Lärm zu schließen
und eine halberstickte Stimme schrie:
‘Hilfe! Hilfe! Hilfe!’ dreimal hinter einander.
‘Kömmt denn Niemand?’ rief es wieder und das
Ringen und Stampfen ging von Neuem los. Durch die
Wölbung hindurch unterschied ich die Worte:
‘Rochester! Rochester! Um Gottes willen, kommen Sie!’
Eine Stubenthüre ging nun auf: irgend Jemand lief oder
huschte vielmehr über den Gang. Ein Tritt ertönte über mir,

ein Körper fiel schwer zu Boden und wieder war es ganz still.
Ich hatte hastig ein paar Kleidungsstücke umgeworfen,
obwohl ich vor Schrecken an allen Gliedern zitterte, und ging
zu meiner Stube hinaus. Alle Gäste waren auf: Verwunderung und Schrecken herrschten in allen Zimmern. Eine Thüre
nach der andern öffnete sich und verschlafene, erschreckte Gesichter guckten heraus; der Gang füllte sich. Sowohl Herren als Damen hatten ihre Betten verlassen. — Was gibt's?
— Wer ist verwundet? — Was ist geschehen?’ —
‘Holen Sie Licht! — Brennt es? — Sind Diebe
eingebrochen? — ‘Wohin sollen wir laufen?’ ertönte es
von allen Seiten. Bis auf das Mondlicht war es im ganzen
Hause finster. Alles lief hin und her, und stellte sich dann
in einem Haufen zusammen; Einige wimmerten, Andere
stolperten, kurz, die Verwirrung war unaussprechlich.
‘Wo zum Teufel steckt nur Rochester?’ rief Obrist
Dent. ‘Er ist nicht in seinem Bette.’
‘Hier! Hier!’ ertönte eine Stimme. Beruhigen Sie
sich: ich komme schon.
Und die Thüre am Ende des Ganges ging auf und
Mr. Rochester näherte sich mit einem Lichte: er kam gerade
vom obern Stockwerke herunter. Eine der Damen lief sofort
auf ihn zu und erfaßte seinen Arm. Es war Miß Ingram.
‘Was für ein fürchterliches Ereigniß hat sich zugetragen?’ sagte sie. ‘Sprechen Sie! Lassen Sie uns das Schlimmste auf einmal wissen.’
‘Zerreißen und erdrosseln Sie mich nur nicht,’ antwortete er. Denn auch die Misses Eshton hatten sich nun an ihn geklammert und die beiden alten Ladies segelten, in weiße

Pudermäntel gehüllt, zwei schwer beladenen Schiffen gleich, voll auf ihn los.
‘Es ist ja Alles in Ordnung,’ rief er. ‘Eine bloße Probe von ‘Viel Lärm um Nichts.’ Meine Damen, lassen Sie los, oder ich werde wüthend.’
Er sah in der That wüthend aus; seine schwarzen
Augen schossen Blitze. Seine Aufregung beschwichtigend,
fuhr er fort:
‘Eine Dienstmagd hatte das Alpdrücken. Sie ist eine
erregbare, nervenschwache Person: sie glaubte eine Erscheinung oder so etwas dergleichen zu sehen und fiel vor Schrecken in Ohnmacht. Und nun machen Sie, daß Sie in
Ihre Betten kommen, denn bevor nicht das ganze Haus
ruhig ist, kann man der Armen nicht zu Hilfe kommen.
Meine Herren, gehen Sie den Damen mit gutem Beispiele
voran. Miß Ingram, ich bin überzeugt, Sie werden sich
nicht von eitler Furcht beherrschen lassen. Anna und Louise,
kehren Sie in Ihr Nest zurück, wie ein Paar Tauben, was
Sie auch wirklich sind. Mesdames’ (zu den alten Damen
gewendet) ‘Sie werden sich zum Tode erkälten, wenn Sie
noch länger in diesem kalten Gange verweilen.’
Und auf diese Weise, halb durch Bitten, halb durch Gewalt gelang es ihm, alle Gäste in ihre Gemächer zu bringen. Ich wartete nicht erst, bis ich fortgewiesen wurde, sondern entfernte mich ebenso unbemerkt, wie ich gekommen war.
Doch nicht um zu Bette zu gehen, im Gegentheil, ich
zog mich sorgfältig an. Die Töne, die ich nach dem Schrei gehört hatte und die Worte, die dabei ausgestoßen worden
waren, hatte wohl außer mir Niemand vernommen, denn
sie kamen von oben, von der Stube gerade ober meinem
Schlafzimmer. Soviel wußte ich, daß es nicht der Traum

eines Dienstmädchens war, der das ganze Haus in Aufruhr
versetzt hatte, und daß Mr. Rochester's Erzählung eine bloße
Erfindung sey, um seine Gäste zu beruhigen. Ich kleidete
mich also an, um auf alle Fälle gerüstet zu seyn. Mit meinem Anzuge fertig geworden, saß ich eine gute Weile am
Fenster und blickte in die stillen, vom Mond beglänzten
Gefilde hinaus; ich wartete und wußte nicht recht auf was.
Es schien mir als müsse ein Ereigniß auf den sonderbaren Schrei, den Kampf und den Hilferuf folgen.
Ich hatte mich geirrt: tiefe Stille herrschte ringsum.
Alles Geräusch und alle Bewegung war nach und nach erstorben und in etwa einer Stunde war Thornfieldhall wieder der ruhigste Ort von der Welt. Allem Anscheine nach
hatten die Nacht und der Schlaf wieder ihre Herrschaft angetreten. Mittlerweile neigte sich der Mond: er war seinem Untergange nahe. Da ich keine Lust verspürte in der Finsterniß und Kälte auf zu bleiben, beschloß ich mich angekleidet aufs Bett zu legen. Ich verließ das Fenster und bewegte mich, mit so wenig Geräusch als möglich, über den
Teppich, meinem Lager zu. Als ich mich bückte, um die Schuhe auszuziehen, klopfte es vorsichtig an der Thür.
‘Will Jemand etwas von mir?’ frug ich.
‘Sind Sie auf?’ ließ sich die Stimme vernehmen, die ich zu hören erwartete, nemlich die des Herrn vom Hause.
‘Ja, Sir.’
‘Sind Sie angekleidet?’
‘Ja.’
‘Nun denn, so kommen Sie leise heraus.’
Ich folgte. Mr. Rochester stand in der Gallerie: er
hielt ein Licht in der Hand.

‘Ich bedarf Ihrer,’ sagte er. ‘Kommen Sie mit mir,
lassen Sie sich Zeit und machen Sie so wenig Lärm als
möglich.’
Meine Schuhe hatten ganz dünne Sohlen und auf dem
mit Matten belegten Fußboden konnte ich so sachte wie eine
Katze einherschleichen. Er glitt den Gang entlang, die Treppe
hinauf und blieb in der Gallerie des verhängnißvollen dritten Stockwerkes stehen: ich war ihm gefolgt und befand mich
an seiner Seite.
‘Haben Sie einen Schwamm in Ihrer Stube?’ frug
er ganz leise.
‘Ja, Sir.’
‘Auch etwas Riechsalz?’
‘Ja.’
‘Gehen Sie zurück und holen Sie Beides.’
Ich kehrte um, nahm den Schwamm vom Waschtische,
das Riechsalz aus der Commode und kroch zurück. Er wartete noch immer und hielt einen Schlüssel bereit. Sich einer der
kleinen schwarzen Thüren nähernd, steckte er ihn ins Schloß.
Einige Augenblicke innehaltend, sagte er:
‘Es wird Ihnen doch nicht übel, wenn Sie Blut sehen?’
‘Ich denke nicht; doch war ich bis jetzt noch nie in
der Lage, welches sehen zu müssen.’
Ein eigenthümliches Gefühl durchzuckte mich, während
ich diese Worte sprach; allein es war weder Frost noch ohnmächtige Schwäche.
‘Ihre Hand her,’ sagte er. ‘Eine Ohnmacht können
wir nicht brauchen.’
Ich reichte ihm sie hin. ‘Warm und ruhig,’ bemerkte

er. Dann drehte er den Schlüssel um und öffnete die
Thüre.
Ich erinnerte mich dieses Zimmer schon einmal gesehen zu haben und zwar an jenem Tage, wo mir Mrs. Fairfax das ganze Haus gezeigt hatte. Damals war es jedoch
ganz mit Tapeten ausgeschlagen, die nur an einer Seite in die Höhe gehoben waren und eine Thür sehen ließen, welche
ich früher nicht bemerkt hatte. Diese Thür war offen und
ein Lichtschein drang heraus, zugleich mit einem schnappenden, knurrenden Laute, der an das halblaute Gebell eines bissigen Hundes erinnerte. Mr. Rochester stellte das Licht
auf den Tisch, bat mich eine Minute zu warten und trat in das Innere des Gemaches. Ein schallendes Gelächter begrüßte seinen Eintritt; es begann sehr lärmend und endigte
in Grace Poole's bekanntem dämonischen Ha! ha! Sie war
also darin. Er traf einige Vorkehrungen, ohne jedoch zu
sprechen, wiewohl ihn Jemand mit leiser Stimme anredete. Darauf kam er heraus und sperrte die Thüre hinter
sich ab.
‘Hierher, Jane!’ rief er, und ich ging um eine breite
Bettstelle herum, die mit ihren zugezogenen Vorhängen
einen beträchtlichen Theil der Stube in Anspruch nahm. Ein
Armstuhl stand am Kopfe des Bettes, in welchem ein
Mann saß, bis auf ben Rock ganz angekleidet, doch regungslos. mit zurückhängendem Kopfe und geschlossenen
Augen. Mr. Rochester hielt das Licht nahe an sein Gesicht:
ich erkannte die blassen und anscheinend ganz leblosen Züge
— des Fremden, Mr. Mason. Auch bemerkte ich, daß
seine Leibwäsche an der einen Seite und an dem einen Arm
von Blut triefte.
‘Halten Sie das Licht,’ sagte Mr. Rochester; er holte

ein Becken mit Wasser vom Waschtische und gab mir auch
dieses zu halten. Dann nahm er den Schwamm, tauchte
ihn ins Wasser und wusch das leichenblasse Gesicht des Leblosen; darauf verlangte er ein Riechfläschchen und hielt es
ihm unter die Nase. Nach wenigen Minuten schlug Mr.
Mason die Augen auf und seufzte. Mr. Rochester riß jhm
das Hemd auf und reinigte seinen bereits verbundenen Arm
und die Schulter vom Blute, das ohne Unterlaß heruntertropfte.
‘Geht es ans Leben?’ murmelte Mr. Mason.
‘Warum nicht gar! Ein bloßer Kratzer. Seyn Sie
nicht so niedergeschlagen, Mann: fassen Sie Muth! Ich
will nun selbst gehen und Ihnen einen Arzt holen; ich denke
mit Anbruch des Morgens kann man Sie weiter schaffen
Jane —’ fuhr er fort.
‘Sie wünschen?’
‘Ich werde Sie mit diesem Herrn auf eine oder zwei
Stunden allein lassen; Sie waschen indessen das Blut ab,
so oft es zu fließen beginnt, und wenn er schwach wird, geben Sie ihm Wasser zu trinken und halten ihm das Riechsalz unter die Nase. Sie lassen sich mit dem Patienten unter keiner Bedingung in ein Gespräch ein, und was Sie
anbelangt, Richard, so erinnern Sie sich, daß es sich um
Ihr Leben handelt. Sobald Sie sich bewegen und sprechen,
stehe ich in der That für nichts.’
Wieder seufzte der arme Mann: offenbar wagte er es
nicht sich zu bewegen; war es die Angst vor dem Tode
oder vor etwas Anderem, genug, er war wie vom Schlage
gelähmt. Mr. Rochester gab mir den blutigen Schwamm in
die Hand und ich machte mich daran, ihn nach seiner Anleitung zu gebrauchen. Er sah mir einen Augenblick zu und

verließ dann mit den Worten: ‘Vergessen Sie nicht — ja
keine Unterredung!’ die Stube. Ein sonderbares Gefühl
überkam mich, als der Schlüssel im Schlosse knarrte und
auch der letzte Nachhall der Schritte des sich eilig Entfernenden erstarb.
Da war ich nun im dritten Stockwerke, in einer der
geheimnißvollen Zellen eingeschlossen, um mich herum nächtliches Dunkel, vor meinen Augen und unter meinen Händen Blut, eine Mörderin, kaum durch eine Thür von mir
geschieden, in meiner Nähe. Alles war wohl noch zu ertragen, allein der Gedanke, Grace Poole könnte am Ende
auf mich losstürzen, erfüllte mich mit Schaudern und
Entsetzen.
Indessen mußte ich auf meinem Posten ausharren, dieses leblose Gesicht, die blauen, starren, zum Schweigen
verurtheilten Lippen, diese bald offenen bald geschlossenen
Augen ansehen, die nun durchs Zimmer schweiften, nun
mit dem Ausdrucke des Entsetzens an der Thür des Nebenzimmers haften blieben. Ich mußte meine Hand wieder und
immer wieder in das mit Blut gefüllte Becken tauchen und
den hervorquellenden Lebensstrom von den Wunden hinwegwaschen. Ich mußte sehen wie das Licht der ungeputzten
Kerze meine Beschäftigung matt beschien, wie die Schatten
an den gewirkten, alterthümlichen Tapeten immer dunkler
und unter den Vorhängen der ungeheuern Bettstelle ganz
schwarz wurden und unheimlich über der Thür eines großen, gegenüberliegenden Cabinets erzitterten; welche Thür
in zwölf abgetheilten Federn und fratzenhaften Abbildungen die Köpfe der zwölf Apostel schmückten, über welchen
sich oben am Thürfutter ein ebenholzenes Crucifix mit dem
sterbenden Christus erhob.

Jenachdem der flackernde Schein der Kerze hin und
her hüpfte, kam bald der bärtige Arzt St. Lucas, bald
Johannes mit seinen langen Locken zum Vorschein und zuweilen
zeigte sich auch das teufliche Gesicht Judas des Verräthers
und schien Leben zu gewinnen und eine Verkörperung des
Satans selbst in der Gestalt seines Dieners zu seyn.
Inmitten dieser Umgebung mußte ich ebenso gut hören
als sehen, hören, ob nicht die wilde Bestie nebenan ihre
Höhle zu verlassen, auf mich loszuspringen versuche. Allein
seit Mr. Rochester's Besuche schien sie wie fest gebannt zu
seyn; die ganze Nacht hindurch hörte ich nur drei Laute in
drei langen Zwischenräumen; einen Tritt, eine augenblickliche Erneuerung des knurrenden Hundegebells und einen
tiefen Seufzer.
Nun machte ich mir meine eigenen Gedanken. Welches
war das Verbrechen, das verkörpert in diesem sonst stillen
Gebäude herumschlich und von dem Besitzer weder hinausgetrieben, noch unterdrückt werden konnte? Welches das Geheimniß, das sich bald in einer Feuersbrunst, bald in einer
blutigen That in den ruhigen Stunden der Nacht offenbarte?
Was für ein Geschöpf war es, das, in die Gestalt eines
gewöhnlichen Frauenzimmers vermummt, bald wie ein böser Geist hohnlachte, bald wie eine nach Leichnamen suchende
Hyäne heulte?
Und der Mann, den ich in meiner Obhut hatte, dieser ruhige Fremdling von alltäglichem Aussehen, — wie
kam der in dieses geheimnißvolle Gewebe, und warum war die Furie gerade über ihn hergefallen? Wie kam es, daß
er in später Nachtstunde, statt in seiner Stube zu schlafen,
diesen abgelegenen Theil des Hauses aufgesucht hatte? Ich
hatte es gehört, wie ihm Mr. Rochester seine Stube eine

Treppe tiefer anwies, — was brachte den Mann in diese
Höhle des Schreckens? Warum blieb er nun so ruhig, trot
ver ihm zugefügten Gewaltthat? Weshalb beugte er sich so
willig Mr. Rochester's Anordnung, stille zu seyn? Und warum stellte überhaupt Mr. Rochester ein solches Verlangen? Sein
Gast war angefallen, er selbst bei einer frühern Gelegenheit
am Leben bedroht worden und beide Schandthaten hüllte er in
geheimnißvolles Dunkel und überlieferte sie der Vergessenheit! Weiter fiel mir Mr. Mason's Unterwürfigkeit Mr.
Rochester gegenüber außerordentlich auf; die wenigen Worte,
die der Letztere in meiner Gegenwart gesprochen, zeigten
mir zur Genüge, welche Herrschaft derselbe über die Unentschiedenheit des Ersteren ausübte. Es war augenscheinlich, daß
der Einfluß der rastlosen Energie des Einen auf die windelweiche
Gemüthsbeschaffenheit des Andern schon von einem frühern
Umgange herstammen mußte; was war dann die Ursache von
Mr. Rochester's Verzweiflung, als ich ihm Mr. Mason's
Anwesenheit meldete? Warum hatte ihn der bloße Name
dieses jeden Widerstandes unfähigen Individuums, das er
nun wie ein Kind am Gängelbande führte, am Abend zuvor zu Boden geworfen, wie der Blitz eine Eiche niederschmettert?
Oh! sein Blick und seine Blässe waren mir frisch im
Gedächtniß, als er mir zuflüsterte: ‘Jane, mich hat ein
fürchterlicher Schlag getroffen — ein fürchterlicher Schlag
hat mich getroffen, Jane.’ Lebhaft erinnerte ich mich, wie
sein Arm gezittert, als er sich auf mich stützte, und es konnte
keine Kleinigkeit seyn, die im Stande war, den entschlossenen Geist in kräftigen Körper Fairfax-Rochester's zum
Erbeben zu bringen.
‘Wann wird er nun kommen? Wann wird er kommen?’ rief es in meinem Herzen, als die Nacht gar kein
Ende nehmen wollte — als mein blutender Patient abwechselnd ächzte, seufzte und ohnmächtig wurde und weder der
Tag noch Hilfe nahte. Wie oft hatte ich seitdem das Wasserglas an Mason's blasse Lippen gehalten, wie oft ihn
mit dem Riechsalze zum Leben erweckt! endlich brachten
meine Bemühungen gar keine Wirkung hervor: körperliche
und geistige Schmerzen, der große Blutverlust, Alles vereinigte sich, um die Kräfte des Verwundeten vollends zu erschöpfen. Er wimmerte so sehr und sah so schwach aus, daß
ich wirklich fürchtete, er möchte nicht einmal den anbrechenden Tag erleben, und dennoch durfte ich ihn nicht anreden.
Auch das Licht ging zu Ende und erlosch endlich
ganz und gar; doch schon bemerkte ich einen grauen Schein
in Osten und der Morgen dämmerte. Da hörte ich mit einem
Male Pilots Gebell, der unten im Hofe anschlug; dies belebte mich mit neuen Hoffnungen. Und nicht um sonst hatte
ich frischen Muth geschöpft: fünf Minuten darauf ging der
Schlüssel im Schlosse und ich wußte, daß ich nun in meinen Wärterdiensten abgelöst werden sollte. Nicht zwei Stunden länger hätte ich diese Qual ausgehalten; so manche
Woche war mir sonst schneller verflossen.
Mr. Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
‘Nun, Carter, machen Sie schnell, sagte er zu diesem Letzteren. Ich gebe Ihnen blos eine halbe Stunde Zeit, die Wunden auszuwaschen, zu verbinden und den Patienten,
die Treppe hinab und aus dem Hause zu schaffen.’
‘Aber kann er sich bewegen, Sir?’
‘Ohne Zweifel, es ist nichts Gefährliches. Er ist nur

sehr nervös und muß etwas aufgemuntert werden. Frisch
ans Werk denn!’
Mr. Rochester zog den schweren Bettvorhang zurück, öffnete die Fensterläden und ließ so viel Tageslicht ein als
möglich; ich war verwundert und erfreut, zu sehen wie weit die Helle bereits vorgeschritten war, und welche rosigen Streifen von Osten herüber schimmerten. Inzwischen war
er zu Mason hingetreten, den der Arzt bereits unter den Händen hatte.
‘Nun, mein guter Junge, wie geht’s?' frug er.
‘Mit mir ist's wohl vorbei, denk' ich,’ antwortete Mason mit schwacher Stimme.
‘Nicht daran zu denken. Nur Muth! Heute vierzehn
Tage ist Alles wieder gut; Sie haben etwas Blut verloren,
das ist das Ganze. Carter, sagen Sie ihm doch, daß nichts
zu befürchten ist.’
‘Das kann ich mit gutem Gewissen thun,’ sagte Carter, der jetzt den Verband abgenommen hatte; ‘nur wollte
ich, ich wäre früher gekommen, dann hätten Sie nicht so
stark geblutet. Doch, was soll das heißen? Das Fleisch an
der Schulter ist nicht herunter geschnitten, sondern heraus
gerissen? Diese Wunde wurde mit keinem Messer beigebracht; man sieht Spuren von Zähnen?’
‘Sie biß mich,’ murmelte der Beschädigte. ‘Sie zerfleischte mich wie eine Tigerin, nachdem ihr Rochester
das Messer entrissen hatte.’
‘Sie hätten nicht nachgeben, Sie hätten sich ihrer mit einem Male bemächtigen sollen,’ sagte Mr. Rochester.
‘Was konnte ich unter solchen Verhältnissen thun?’
versetzte Mason. ‘Oh, es war fürchterlich,’ fügte er

schaudernd hinzu. ‘Und ich war gar nicht darauf gefaßt;
sie sah anfänglich ganz ruhig aus.’
‘Ich warnte Sie,’ lautete seines Freundes Antwort.
“Sagte ich nicht: Seyen Sie auf Ihrer Hut, wenn Sie ihr nahe kommen? Uebrigens hätten Sie bis zum nächsten Tag
warten können, bis ich mit Ihnen gegangen wäre. Es war reine Thorheit, heute Nacht und allein eine Unterredung
zu suchen.’
‘Ich dachte etwas Gutes zu thun.’
‘Sie dachten! Sie dachten! Man könnte vor Ungeduld aus der Haut fahren, wenn man Ihnen zuhört. Aber
Sie haben dafür gebüßt und werden wahrscheinlich noch
eine Weile dafür leiden, daß Sie meinen Rath nicht befolgten, und so will ich darüber kein Wort mehr verlieren.
Schnell, Carter, schnell! Die Sonne geht bald auf und ich muß ihn aus dem Hause haben.’
‘Gleich, Sir, die Schulter ist eben verbunden. Nun muß ich die andere Wunde am Arme untersuchen; auch hier
scheint sie ihre Zähne gehabt zu haben.’
‘Sie sog mir das Blut aus den Adern; sie sagte, sie wollte mein Herzblut austrinken,’ sagte Mason.
Mr. Rochester schauderte; ein Ausdruck des tiefsten Ekels, des innersten Abscheues, des schrecklichsten Hasses verzog sein Gesicht fast bis zur Fratze; doch sagte er nichts weiter, als:
‘Seyen Sie still, Richard, und kehren Sie sich nicht
an ihr Kauderwelsch oder wiederholen Sie es wenigstens nicht.’
‘Ich wollte, ich könnte es vergessen.’
‘Das wird geschehen, wenn Sie aus dem Lande hinaus, wenn Sie wieder in Spanish-Town angelangt seyn werden, dann mögen Sie sich ihrer als einer Abgeschiedenen
und Begrabenen oder am besten gar nicht erinnern.’
‘Unmöglich! Die heutige Nacht werde ich nie vergessen können.’
‘Warum sollte das nicht gehen; nur Muth gefaßt,
Mann. Vor zwei Stunden glaubten Sie, Sie wären mausetodt und nun leben Sie und schwatzen wie eine Elster.
Siehe da! Carter ist mit Ihnen fertig oder es fehlt wenigstens nicht viel. Nun will ich Sie auch in einer Secunde
sauber machen. Jane’ (zum ersten Male seit seiner Rückkunft
wandte er sich zu mir), ‘nehmen Sie diesen Schlüssel, gehen Sie in meine Stube hinunter und von dort geradezu in
mein Ankleidezimmer; öffnen Sie die oberste Schublade meines Kleiderschrankes, nehmen Sie ein reines Hemde und
ein Halstuch heraus und bringen Sie es her. Aber sputen Sie sich.’
Ich ging, suchte den Kasten, fand die genannten Gegenstände und kam damit zurück.
‘Und nun treten Sie hinter den Bettvorhang, während ich seine Toilette in Ordnung bringe. Doch verlassen
Sie das Zimmer nicht, man könnte Ihrer wieder bedürfen.’
‘War schon Jemand auf, Jane, als Sie jetzt unten
waren?’ fuhr Mr. Rochester fort.
‘Nein, Sir; es war alles still.’
‘Wir werden Sie famos fortbringen, Dick, und es
wird sowohl um Ihrer, als auch um jenes armen Geschöpfes willen besser seyn. Ich habe lange gekämpft, um Auflehen zu vermeiden und es wäre mir nicht lieb, wenn es
endlich doch dazu käme. Hier, Carter, helfen Sie ihm die
Weste anziehen. Wo ließen Sie Ihren Pelzmantel? Sie

können ohne denselben keine Meile weit in diesem verflucht
kalten Klima reisen. In Ihrer Stube? — Jane, laufen ,
Sie hinunter in Mr. Mason's Stube, die nächste neben der
meinen, und holen Sie den Mantel, den Sie dort finden
werden.’
Wieder lief ich hinaus und wieder kam ich zurück, mit
einem ungeheuern, mit Pelz gefütterten und verbrämten
Mantel beladen.
‘Nun habe ich Ihnen einen andern Auftrag zu ertheilen,’ sagte mein unermüdlicher Gebieter. Sie müssen
wieder auf meine Stube. Wie gut ist's, daß Sie schnell zu
Fuße sind, Jane! Ein lahmer Bote wäre bei dieser Gelegenheit nichts nütze. Oeffnen Sie die mittelste Lade meines
Ankleidetisches und bringen Sie mir eine Phiole und ein
Glas, die sich dort befinden. Hurtig!’
Ich flog hin und zurück und brachte das Verlangte.
‘Recht so! Nun, Doctor, werde ich mir die Freiheit
nehmen, unserem Patienten selbst eine Dosis einzugeben
und zwar unter meiner eigenen Verantwortlichkeit. Ich erhielt diese Herzstärkung in Rom von einem italienischen
Quacksalber — einem Kerl, den Sie durchgebläut hätten,
Carter. Man darf das Zeug nicht willkürlich gebrauchen,
doch bei gewissen Gelegenheiten ist es gut, wie zum Beispiele jetzt. Jane, etwas Wasser!’
Er hielt mir das kleine Gläschen hin, das ich halb
mit Wasser füllte.
‘Genug; — nun machen Sie die Mündung der
Phiole naß.’
Ich that es und er zählte zwölf Tropfen einer carmoisinrothen Flüssigkeit in Glas hinein, das er dann Mason
hinreichte.

‘Trinken Sie, Richard; es wird Ihnen für eine
Stunde und noch länger den Muth geben, dessen Sie
bedürfen.’
‘Thut es mir nichts? Ist es nicht erhitzend?’
‘Trinken Sie! Trinken Sie!’
Mr. Mason trank, da jeder Widerstand augenscheinlich
nutzlos war. Er war nun angezogen, zwar noch immer sehr
blaß, doch nicht mehr blutig und beschmutzt.
Mr. Rochester ließ ihn noch drei Minuten sitzen,
nachdem er den Trank genommen hatte, dann faßte er seinen Arm.
‘Nun können Sie gewiß gehen,’ sagte er; ‘versuchen Sie es.’
Der Patient erhob sich.
‘Carter, fassen Sie seinen andern Arm. Nur Muth,
Richard; hübsch ausgeschritten, — so ist's recht!’
‘Es ist mir besser,’ bemerkte Mr. Mason.
‘Das versteht sich. Nun, Jane, gehen Sie voraus zur
Hintertreppe, öffnen Sie die Ausgangsthür und sagen Sie
dem Kutscher der Postchaise, den Sie im Hofe oder wohl
außerhalb des Hauses sehen werden, weil ich ihm verbot,
nicht über's Pflaster zu fahren, er möge sich bereit halten,
wir kommen, und wenn sich Jemand in der Nähe sehen
läßt, so sind Sie so gut, treten Sie unten an die Treppe
hin und husten.’
Es war um diese Zeit halb sechs Uhr und die Sonne
nahe daran aufzugehen; aber ich fand die Küche still und
öde. Die hintere Ausgangsthür war verschlossen, ich öffnete
sie so geräuschlos als möglich; auch im Hofe war Alles
ruhig, nur das Gitterthor stand angelweit offen und eine

Postchaise, ganz reisefertig, den Kutscher am Bocke, hielt
außerhalb des Hofes. Ich näherte mich dem letzteren und
sagte ihm, die Herren kämen; er nickte, dann sah ich mich
sorgfältig um und horchte. Ueber Alles lag die Stille des
frühen Morgens ausgebreitet, sogar die Fenstervorhänge des
Gesindezimmers waren noch unten und mit Ausnahme einiger
Vögel, die in den Baumzweigen zwitscherten, und der Postpferde, die von Zeit zu Zeit stampften, hörte man nicht,
das geringste Geräusch.
Die Herren langten an. Mason schien, von Mr. Rochester und dem Arzt unterstützt, ziemlich gut gehen zu können; die Beiden halfen ihm in den Wagen hinein und
Carter folgte.
‘Geben Sie Acht auf ihn,’ sagte Mr. Rochester zu
dem Arzte gewendet, ‘und behalten Sie ihn so lange bei
sich, bis er ganz hergestellt ist; in ein oder zwei Tagen
will ich nachsehen was er macht. Wie geht's, Richard?’
‘Die frische Luft thut mir wohl, Fairfax.’
‘Lassen Sie das Wagenfenster an seiner Seite offen,
Carter; es ist ohnedem nicht windig. Adieu, Dick.’
‘Fairfax —’
‘Nun?’
‘Sehen Sie, daß sie so gut und freundlich behandelt
wird, als es nur immer angeht; lassen Sie sie —” ein
Thränenstrom erstickte seine Stimme.
‘Ich thue mein Bestes und habe es gethan und werde
es thun,’ war die Antwort. Mr. Rochester schlug den Kutschenschlag zu und der Wagen rollte fort.
‘Ich wollte die ganze Geschichte hätte ein Ende!’
setzte er hinzu, indem er das schwere Gitterthor schloß.
Damit fertig, schritt er langsam und feierlich einer Thür

zu, die in den Obstgarten führte. In der Meinung, er
habe mir nichts weiter zu sagen, wollte ich ins Haus zurück
gehen; doch er rief mich zu sich. Er erwartete mich an der
offenen Gartenthür.
‘Kommen Sie auf einen Augenblick frische Luft schöpfen,’ redete er mich an. ‘Dieses Haus ist ein wahrer Kerker. Scheint es Ihnen nicht auch so?’
‘Ich halte es für einen glänzenden Edelsitz.’
‘Der Schleier der Unerfahrenheit bedeckt Ihre Augen
und Sie sehen das Gebäude durch ein Zauberglas an. Sie
bemerken nicht, daß die Vergoldungen Schlamm und die
seidenen Draperien Spinnengewebe sind; Sie halten den
schmutzigen Schiefer für Marmor und die schlechten Späne
und schäbigen Baumrinden für edles Holzwerk. Nur hier,’
er zeigte auf das grüne Baumdach über uns, ‘nur hier ist
Alles wirklich, unverfälscht, duftig und prachtvoll.’
Er ging einen mit Buchsbaum eingefaßten Gang entlang; auf der einen Seite standen Aepfel-, Birn- und Kirschbäume, auf der andern ein Beet voll alltäglicher Blumen, Nelken, Primeln, Dreifaltigkeitsblumen und Bartnelken, untermischt mit Stabwurz und verschiedenen wohlriechenden Kräutern. Alle Pflanzen waren nun so frisch,
wie sie es nur immer nach einem Aprilregen an einem sonnigen Frühlingsmorgen seyn konnten; die Sonne erhob sich
im Osten und ihre Strahlen vergoldeten die üppig grünenden, im Morgenthau erglänzenden Obstbäume und schienen,
durch sie hindurch, auf die Gartenwege.
‘Wollen Sie eine Blume, Jane?’
Er pflückte eine halbaufgeblühte Rose, die einzige am
Busche, und reichte sie mir dar.
‘Ich danke Ihnen, Sir.’
‘Gefällt Ihnen dieser Sonnenaufgang, Jane? dieser
Horizont mit seinen leichten weißen Wolken, die gewiß mit
der wachsenden Tageshitze verschwinden? diese reine, balsamische Atmosphäre?’
‘Außerordentlich.’
‘Sie haben eine sonderbare Nacht verlebt!’
‘Wohl.’
‘Und Sie sehen ganz blaß aus. Fürchteten Sie sich,
denn, als ich Sie mit Mason allein ließ?’
‘Blos vor dem Geschöpfe, das aus der anstoßenden
Stube hervorkommen konnte.’
‘Ich hatte die Thür verschlossen und den Schlüssel in
der Tasche. Ich müßte ein sorgloser Hirt seyn, wollte ich
mein Lamm, mein liebes Lämmchen so nahe einer Wolfshöhle lassen, ohne es in Sicherheit zu wissen.’
‘Wird Grace Poole auch ferner hier bleiben, Sir?’
‘O, natürlich ! Doch zerbrechen Sie sich nicht weiter den Kopf darüber, suchen Sie die Geschichte zu vergessen.’
‘Und doch scheint es mir, als wäre kaum Ihr eigenes
Leben sicher, so lange sie im Hause ist.’
‘Fürchten Sie nichts, ich werde mich schon in Acht
nehmen.’
‘Ist die Gefahr, die Sie gestern Abend befürchteten,
nunmehr vorüber?’
‘Nicht eher, bis Mason England verlassen hat, und
vielleicht auch dann noch nicht. Mein Leben, Jane, ist
dem Aufenthalte auf einem Krater gleich, der jeden Augenblick ausbrechen und Feuer speien kann.’
‘Doch Mr. Mason scheint sehr gefügig zu seyn. Sie
üben auf ihn jedenfalls einen gewaltigen Einfluß aus; er wird Ihnen wohl nie entgegentreten und Ihnen absichtlich schaden.’
‘Oh nein! weder das Eine noch das Andere; allein
ohne es zu beabsichtigen, kann er eines Tages durch Ein
unbedachtes Wort mir, wenn auch nicht mein Leben, so
doch meine Glückseligkeit rauben.’
‘Mahnen Sie ihn zur Vorsicht; theilen Sie ihm mit,
was Sie befürchten, und zeigen Sie ihm, wie der Gefahr
begegnet werden kann.’
Er lachte, ergriff hastig meine Hand und ließ sie
ebenso hastig wieder los.
‘Wenn ich das könnte, albernes Geschöpf, wo wäre
dann noch eine Gefahr? So lange ich Mason kenne, brauchte
ich ihm blos zu sagen ‘Thuen Sie das,’ und es geschah.
Doch in diesem Falle kann ich nicht sagen: ‘Geben Sie
Acht, Richard, daß Sie mich nicht unglücklich machen!’
Denn ich muß ihn nothwendigerweise in dem Wahne lassen,
als könne er mir gar nicht schaden. Wie Sie mich verwundert anblicken! Sie sollen es noch mehr thun! Sind Sie
meine kleine Freundin, oder sind Sie es nicht?’
‘Es freut mich, Ihnen dienen zu können, und Ihnen
gehorchen in Allem was recht ist.’
‘Richtig; so ist es. Ich sehe eine aufrichtige Zufriedenheit in Ihrer Miene und Ihrer Haltung, in Ihrem
Auge, in Ihrem Gesichte, wenn Sie mir helfen, mir Gefälligkeiten erweisen, für mich und mit mir arbeiten und
zwar, wie Sie ganz gut bemerkten, in Allem was recht
ist. Denn wenn ich Ihnen etwas auftrüge, das in Ihren
Augen unrecht wäre, liefen Sie wohl nicht so leichtfüßig
herum, bewegten sich nicht mit solcher Schnelligkeit, sähen
nicht so fröhlich und munter aus. Meine Freundin würde sich dann zu mir wenden, mir in aller Ruhe sagen: ‘Nein, Herr, das ist unmöglich, ich kann es nicht thun, denn es
ist nicht recht , und unbeweglich bleiben wie ein Fixstern.
Wohl, auch Sie üben einen großen Einfluß auf mich aus,
und können mir wehe thun, aber ich wage es ebensowenig
Ihnen zu sagen, wo ich verwundbar bin, aus Furcht,
Sie möchten mich, bei aller Freundschaft und allem Vertrauen, sofort durchbohren.’
‘Wenn Sie von Mr. Mason nicht mehr zu fürchten
haben, als von mir, dann sind Sie sehr sicher, Sir.’
‘Gott gäbe, es wäre so! Hier ist eine Laube, Jane,
setzen wir uns.’
Es war eine mit Epheu geschmückte Mauernische und
enthielt eine roh geschnitzte Bank.
‘Nehmen Sie Platz,’ sagte er; ‘die Bank ist lang
genug für Zwei. Sie nehmen doch keinen Anstand, sich neben mich zu setzen? Ist das unrecht, Jane?’
Ich antwortete ihm dadurch, daß ich mich niederließ;
eine Weigerung wäre unklug gewesen.
‘Nun, meine kleine Freundin, während die Sonnenstrahlen die Thautropfen trinken, während alle Blumen in
diesem alten Garten erwachen und ihren Duft verbreiten,
die Vögel für ihre Jungen aus den Feldern Nahrung holen,
und die emsigen Bienen ihr Tagewerk beginnen — will ich
Ihnen einen Fall vorlegen, in den Sie sich so hineindenken müssen, als befänden Sie sich selbst darin. Aber zuerst
sehen Sie mich an und sagen Sie mir, ob Sie sich behaglich fühlen, und ob Sie nicht fürchten, daß wir Beide fehlen; ich, weil ich Sie zurückhalte, und Sie, weil Sie bei
mir bleiben.’
‘Nein, Sir; ich bin ruhig.’
‘Nun gut, Jane; und jetzt rufen Sie Ihre Phantasie zu Hilfe. Stellen Sie sich vor, Sie wären kein sittsames,
wohlerzogenes Mädchen, sondern ein wilder, von Jugend auf sich selbst überlassener Junge. Versetzen Sie sich in den
Einbildung in ein fernes Land, bilden Sie sich ein, daß
Sie daselbst einen großen Fehltritt begehen, gleichgiltig war
für einen und aus welchen Beweggründen, doch einen solchen, dessen Folgen Sie durchs Leben geleiten, und Ihr ganzes Daseyn vergiften. Bemerken Sie wohl, daß ich nicht
sage: ‘ein Verbrechen;’ ich spreche weder von Blutvergießen, noch von irgend einer andern Schuld, die den
Frevler dem Strafgesetze überliefern müßte; meine Bezeichnung ist ‘Fehltritt.’ Die Ergebnisse dieses letztern werden für Sie mit der Zeit unerträglich; Sie ergreifen Maßregeln um sich Linderung zu verschaffen, außerordentliche
Maßregeln zwar, doch keine ungesetzlichen, keine verbrecherischen, und doch sind Sie elend; denn die Hoffnung hat
Sie beim Beginne Ihres Lebens verlassen, Ihre Sonne
verfinstert sich schon um Mittag und Sie wissen, daß die
Finsterniß bis zum Untergang anhalten wird. Bittere und
schmerzliche Gedanken sind allein der Inhalt Ihrer Erinnerung; Sie wandern in der Welt herum, um in der Verbannung Ruhe zu finden; Sie suchen Ihr Glück in Vergnügungen — in geistlosen, sinnlichen Freuden — die Geist
und Herz abstumpfen. Mit leerem Herzen und wüstem Kopfe
kommen Sie, nach Jahren freiwilliger Verbannung, in die
Heimat zurück. Dort machen Sie, gleichgiltig auf welche
Weise, eine neue Bekanntschaft, und finden in dieser Person die meisten jener guten und schönen Eigenschaften, nach
denen Sie zwanzig Jahre lang vergebens herumforschten,
und Alles ist an ihr frisch und gesund, ohne Fehler, ohne Makel. Ein solcher Umgang erfrischt, macht Einen wie
neugeboren. Sie fühlen es, daß bessere Tage zurückkommen — mit ihnen ein geistiges Leben, reinere Gefühle. Sie
hegen den Wunsch ein neues Leben zu beginnen, und den
Rest Ihrer Tage in einer Weise zuzubringen, die eines
unsterblichen Wesens würdiger ist. Würden Sie sich berechtigt glauben, ein aus einem bloßen Gebrauche entspringendes, ein rein conventionelles Hinderniß, das weder Ihr
Bewußtseyn heiligt, noch Ihr Verstand billigt, zu überspringen, um diesen hohen Zweck zu erreichen?’
Er hielt inne und sah einer Antwort entgegen. Was
sollte ich erwiedern? Wo war der gute Geist, der mir eine,
scharfsinnige und befriedigende Antwort zuflüstern konnte?
Eitle Hoffnung! der Westwind rauschte durch's Epheulaub,
aber kein freundlicher Ariel blies mir einen Gedanken ins
Ohr; die Vögel sangen in den Baumwipfeln, allein ihr Gesang hatte keine Worte.
Und wieder stellte mir Mr. Rochester die Frage:
‘Ist der Ruhe suchende und reuige Pilgrim und Sünder berechtigt, der Meinung der Welt zu trotzen, um sich
für immer den Besitz dieser sanften, anmuthigen, geistreichen
Unbekannten zu sichern, und dadurch die Ruhe seiner Seele
und die Möglichkeit eines neuen Lebenswandels zu erlangen?’
‘Sir,’ erwiederte ich, ‘die Ruhe eines Pilgrims
und die Bekehrung eines Sünders sollten nie von einem
Mitgeschöpfe abhängen. Mann und Weib sind sterblich;
Philosophen irren in ihrer Weisheit und Christen weichen
von der Bahn der Tugend ab; wenn irgend Jemand gefehlt
und gelitten hat, mag er höher emporblicken um Kraft zur
Besserung und um Trost zur Heilung.’
‘Aber das Werkzeug — das Werkzeug! Gott, der das Werk thut, weiset das Werkzeug zu. Ich selbst, —
ich sage dies, ohne in Gleichnissen zu sprechen — war ein
weltlicher, sündiger, ruheloser Mensch und ich glaube das
Werkzeug meiner Bekehrung gefunden zu haben in —’ Er
schwieg; die Vögel schmetterten, die Blätter rauschten. Ich
wunderte mich beinahe, daß sie nicht ihren Gesang und
ihr Rauschen einstellten, um den unterbrochenen Enthüllungen zuzuhören; doch sie hätten viele Minuten warten müssen — so lange dauerte das Stillschweigen. Endlich sah ich
zu dem trägen Sprecher empor: er betrachtete mich mit prüfenden Blicken.
‘Kleine Freundin,’ hob er in verändertem Tone an,
während auch sein Gesicht einen ganz verschiedenen Ausdruck
angenommen und den frühern sanft-ernsten mit einem
harten, spöttischen Ausdrucke vertauscht hatte; ‘kleine Freundin, Sie haben meine zärtliche Neigung für Miß Ingram
bemerkt: glauben Sie nicht, daß sie mich, wenn ich sie
heirathe, einem neuen Leben der Rache wiedergibt?’
Und er stand plötzlich auf, ging ans andere Ende des
Pfades und als er wieder zurückkam, sang er ein Liedchen.
‘Jane, Jane,’ sagte er, vor mir stehen bleibend, ‘Sie
sind ganz blaß vor lauter Nachtwachen. Fluchen Sie mir
nicht, daß ich so Ihre Ruhe störe?’
‘Ihnen fluchen? Nein, Sir.’
‘Geben Sie mir die Hand darauf. Wie kalt Ihre
Finger sind! Als ich sie diese Nacht an der Thüre des geheimnißvollen Zimmers berührte, waren sie wärmer. Jane,
wann wollen Sie wieder mit mir aufbleiben?’
‘So bald ich Ihnen wieder nützlich sevn kann.’
‘Zum Beispiele in der Nacht bevor ich heirathe? Ich
werde da gewiß nicht schlafen können. Versprechen Sie mir, daß Sie mir da Gesellschaft leisten wollen? Mit Ihnen kann
ich wohl von meinem Liebchen sprechen, denn Sie haben
sie gesehen und kennen sie nun.’
‘Wohl, Sir.’
‘Es ist ein seltenes Geschöpf, nicht wahr?’
‘Wohl, Sir.’
‘Vollblut, echtes Vollblut, Jane: rund, brünett und
feurig; mit Haaren, wie sie die Damen von Karthago gehabt haben mußten. Verdammt! Dent und Lynn sind im
Stalle! Gehen Sie durch's Gebüsch, dort bei jenem Pförtchen hinaus!’
Ich schlug den bezeichneten, er einen andern Weg
ein. Im Hofe angelangt, hörte ich ihn lustig ausrufen:
‘Mason ist diesen Morgen Euch Allen zuvorgekommen
und noch vor Sonnenaufgang abgereist: ich stand schon vor
vier Uhr auf, um von ihm Abschied zu nehmen.’

Einundzwanzigstes Capitel.

Es ist eine eigene Sache um Ahnungen, um Sympathien und um An;eichen und die drei zusammen genommen
bilden ein Geheimniß, welches die Menschheit bis nun noch
nicht ergründet hat. Ich konnte mich über Ahnungen nie
lustig machen, weil ich deren selbst sehr wunderbare in meinem Leben gehabt hatte. Auch an das Vorhandenseyn von
Sympathien glaube ich, welche entfernte, lange Zeit abwesende, ja einander ganz entfremdete Familienglieder mit einander verbinden und sie, ungeachtet ihres Getrenntseyns,
zum Quell ihrer gemeinsamen Abstammung in einer Art
zurückführen, die über alle menschlichen Begriffe gehen. Und
die Anzeichen sind am Ende nichts weiter, als Ergebnisse

des sympathischen Zusammenhanges der Natur mit dem
Menschen.
Als ich noch ein kleines Mädchen von etwa sechs Jahren war, hörte ich eines Abends Bessie Leaven zu Martha
Abbot sagen, es habe ihr von einem kleinen Kinde geträumt und es sey dies eine sichere Vorbedeutung von einem
kommenden Unglücksfalle in ihrer Familie. Diese Rede wäre
meinem Gedächtnisse entfallen, hätte sich nicht unmittelbar
darauf ein Umstand ereignet, der mir dieselbe für alle Zeiten unvergeßlich machte: Tags darauf wurde nemlich Bessie
zum Todtenbette ihrer kleinen Schwester berufen.
Besonders in der letzten Zeit erinnerte ich mich dieses
Zufalles sehr häufig, denn eine ganze Woche hindurch verging keine Nacht, wo mir nicht ein kleines Kind im Traume
erschienen wäre, das ich entweder im Arme trug oder auf
meinen Knieen schaukelte, oder auf einem Grasplatze mit
Maiblümchen spielen oder endlich sein Händchen in fließendes Wasser halten sah. Die eine Nacht weinte das Kind, die
nächste lachte es: heute klammerte es sich an mich an, morgen riß es vor mir aus: allein ob in dieser oder jener
Stimmung, ob jetzt so, ein andermal anders aussehend,
die Erscheinung kam mir regelmäßig in sieben aufeinander
folgend en Nächten gerade in dem Augenblicke, wo ich in
das Land der Träume hinübergeschlummert war.
Diese Wiederholung einer und derselben Idee, diese
sonderbare Wiedererscheinung eines und desselben Traumbildes war mir unheimlich. Ich fürchtete mich ordentlich,
wenn es Schlafenszeit wurde und die Stunde der Vision
herannahte. Auch in jener mondhellen Nacht, wo mich der
fürchterliche Schrei weckte, hatte ich dasselbe Traumgesicht
gehabt und am darauffolgenden Nachmittage wurde ich zu

Mrs. Fairfax hinuntergerufen, wo mich Jemand erwartete.
Ich fand einen Mann im Anzuge eines Herrendieners, der
Trauer trug und auch um den Hut, den er in der Hand hielt,
ein breites schwarzes Florband gewickelt hatte.
‘Sie werden sich meiner wohl kaum mehr entsinnen,
Miß,’ sagte er. sich vom Stuhle erhebend; ‘mein Name
ist Leaven, ich war Kutscher bei Mrs. Reed, als Sie vor
etwa acht bis neun Jahren in Gatesheadhall lebten, wo ich
auch noch jetzt in Diensten stehe.’
‘Ei, Robert! wie geht's? Ich erinnere mich Eurer
sehr wohl, Ihr ließet mich zuweilen auf Miß Georginens
Ponny herumreiten. Was macht Bessie? Sie ist ja eure
Frau?’
‘Wohl, Miß. Meine Frau ist wohl auf, Ihnen aufzuwarten, und vor zwei Monaten beschenkte sie mich wieder
mit einem Kindlein — wir haben nun in Allem drei Stück
— und Mutter und Kind sind frisch und munter.’
‘Und wie geht es der Familie Reed, Robert?’
‘Es thut mir leid Ihnen hierüber nicht viel Tröstliches berichten zu können. Es sieht jetzt im Herrenhause traurig aus; sie sind Alle in der größten Bestürzung.’
‘Es ist doch Niemand gestorben?’ sagte ich, Roberts
schwarzen Anzug betrachtend. Auch er blickte auf seinen beflorten Hut und erwiederte:
‘Der junge Herr John verschied, gestern eine Woche,
in seiner Wohnung in London.’
‘John?’
‘Wohl.’
‘Und was sagt seine Mutter dazu?’
‘Je nun, sehen Sie, Miß Eyre, es ist eine ganz zußerordentliche Geschichte. Er führte ein wildes Leben und besonders in den letzten drei Jahren gab er sich allen Ausschweifungen hin. Sein Ende war schrecklich.’
‘Bessie erzählte mir, er wollte nicht gut thun.’
‘Nicht gut thun! Er hätte sich nicht schlechter aufführen können. Er ruinirte seine Gesundheit und sein Vermögen in Gesellschaft der liederlichten Männer und schlechtesten
Frauenzimmer, häufte Schulden auf Schulden und kam in
den Schuldthurm. Seine Mutter half ihm zweimal heraus,
kaum war er aber frei, als er auch wieder zu seinen alten
Cameraden und früheren Gewohnheiten zurückkehrte. Er
war gerade keiner von den Gescheidesten, und die Schurken,
mit denen er umging, plünderten ihn auf die unerhörteste
Weise. Etwa vor drei Wochen kam er nach Gateshead herunter und verlangte von seinen Schwestern die Abtretung
ihres Erbtheils. Die Fräulein schlugen es ihm ab, sie waren
durch seine Verschwendung ohnehin schon in ihrem Vermögen beeinträchtigt worden; er mußte also unverrichteter Sache
wieder abziehen und die nächste Nachricht von ihm lautete,
er sey todt. Wie er starb, das weiß Gott! — Die Leute
sagen, er habe sich selbst das Leben genommen.’
Ich war sprachlos: die Neuigkeiten waren zu fürchterlich. Robert Leaven fuhr fort:
‘Die gnädige Frau war ohnedies schon seit längerer
Zeit nicht ganz gesund und bei all ihrer Dicke nichts weniger
als kräftig; die großen Geldverluste und die Furcht vor
Armuth und Noth drückten sie vollends nieder. Die Nachricht von Mr. Johns Tode und den Umständen, unter welchen er geendet, kam plötzlich, so daß sie der Schlag rührte.
Durch volle drei Tage war sie sprachlos, doch am letzten
Dienstag schien sie etwas besser zu seyn; es war als wollte
sie etwas sagen und sie machte meinem Weibe in Einem fort

Zeichen und lallte ganz unverständlich. Erst gestern früh
brachte es Bessie heraus, daß sie Ihren Namen aussprechen
wollte, und endlich unterschied sie die Worte: ‘Bringt Jane,
holt Jane Eyre her, ich muß mit ihr sprechen.’ Bessie wußte
nicht, ob sie bei Verstande sey oder was sie mit den Worten sagen wollte, doch theilte sie dieselben den Misses Reed
mit und gab ihnen den Rath, um Sie zu schicken. Die Fräulein wollten anfänglich nichts davon hören, aber ihre Mutter wurde so unruhig und rief so oft: ‘Jane! Jane!’ daß
sie endlich einwilligten. Gestern verließ ich Gateshead, und
wenn Sie bis dahin bereit seyn können, möchte ich Sie
gerne morgen zeitlich in der Früh mitnehmen.’
‘Wohl, Robert, ich werde bereit seyn; ich denke, es
ist nothwendig, daß ich gehe.’
‘Das glaub' ich auch, Miß. Bessie war überzeugt, daß
Sie sich nicht weigern würden; doch Sie werden wohl erst
um Urlaub ansuchen müssen?’
‘Freilich wohl, und ich will es gleich jetzt thun.’ Und
nachdem ich Robert in die Gesindestube geleitet und daselbst
der Sorgfalt Johns und seines Weibes übergeben hatte,
suchte ich Mr. Rochester auf.
Er war weder in den untern Stuben, noch im Hofe,
noch in den Stallungen, noch in den Ackergründen zu sehen.
Ich frug Mrs. Fairfax, ob sie wüßte, wo er wäre; sie
sagte, sie glaube, er spiele Billard mit Miß Ingram. Ich
eilte also ins Billardzimmer, aus dem mir Stimmengewirr
und das Klappern der Bälle entgegenschollen. Mr. Rochester,
Miß Ingram, die beiden Misses Eshton und ihre Bewunderer waren sämmtlich im Spiele begriffen. Es gehörte einiger Muth dazu, eine so interessante Partie zu stören, mein
Anliegen ließ indeß keine Verzögerung zu und ich näherte

mich daher meinem Gebieter, der dicht an Miß Ingram's Seite stand. Sie wandte sich um, als ich näher kam, und
maß mich mit einem hochmüthigen Blicke, der zu fragen schien:
Was kann nur dieser elende Wurm wollen? und
als ich mit leiser Stimme ‘Mr. Rochester!’ rief, machte sie
eine Bewegung, als fühlte sie sich versucht, mich wegzuweisen. Ich erinnere mich ihres Aussehens in jenem Augenblicke: es war sehr graziös und auffallend. Sie trug ein
Morgenkleid von himmelblauem Crepp und einen azurblauen
Gazeaufputz in ihren Haaren. Die Bewegung des Spieles
hatte ihr Gesicht geröthet und das Gefühl verletzten Stolzes
verlieh ihren Zügen einen äußerst gebieterischen Ausdruck.
‘Hat Ihnen diese Person etwas zu sagen?’ frug sie.
Und Mr. Rochester wandte sich um, um zu sehen wer
diese Person wäre. Er zog ein sonderbares Gesicht —
eine seiner wunderlichen, doppeldeutigen Demonstrationen —
warf sein Queue aufs Bret und folgte mir zum Zimmer
hinaus.
‘Nun, Jane?’ sagte er, sich mit dem Rücken an die
Thüre des Lehrzimmers lehnend, die er zugeschlagen hatte.
‘Ich komme Sie um Urlaub auf ein oder zwei Wochen zu ersuchen, Sir.’
‘Wozu? Wohin wollen Sie gehen?’
‘Eine kranke Frau besuchen, die nach mir geschickt hat.’
‘Was für eine kranke Frau? — Wo befindet sie sich?’
‘In Gateshead, in der Grafschaft ***’
‘In der Grafschaft ***? Die liegt ja etwa hundert Meilen von hier! Wer ist die Frau, daß sie die Leute so
weit herholen läßt?’
‘Sie heißt Reed, Sir, — Mrs. Reed.’

‘Reed von Gateshead? ich kannte eine Magistratsperson dieses Namens!’
‘Die Frau ist seine Witwe.’
‘Und was geht Sie diese Witwe an? Woher kennen Sie sie?’
‘Mr. Reed war mein Onkel — der Bruder meiner
Mutter.’
‘Den Teufel war er's! Sie sagten mir ja nie etwas davon: Sie erzählten immer, Sie hätten gar keine Verwandten.’
‘Keine, die sich meiner annähmen. Mr. Reed ist todt und seine Frau verstieß mich.’
‘Warum?’
‘Weil ich arm und ihr zur Last war und weil sie mich nicht leiden konnte.’
‘Aber Mr. Reed hinterließ Familie? — Sie müssen
noch Geschwisterkinder haben? Sir George Lynn sprach gestern von einem Reed von Gateshead, der, wie er sagte, der
größte Lump von London wäre, und Ingram erwähnte eine
Georgine Reed, die vor ein oder zwei Wintern ihrer Schönheit wegen in der Stadt sehr bewundert wurde.’
‘John Reed ist todt, Sir; er ruinirte sich und zum
Theile auch seine Familie und endigte sein Leben mit einem
Selbstmord. Die Nachricht hiervon machte auf seine Mutter einen solchen Eindruck, daß sie einen Schlaganfall hatte.’
‘Ja was können Sie ihr helfen? Es ist reiner Unsinn, Jane! Ich würde gewiß nie daran denken, eine Reise von hundert Meilen zu machen, um eine alte Frau zu besuchen, die vielleicht eher stirbt, als Sie bei ihr ankommen.
Uebrigens hat sie Sie ja. wie Sie selbst sagten, verstoßen.’

‘Wohl, Sir! Allein das ist schon lange her und unten ganz andern Verhältnissen geschehen. Ich hätte nie
Ruhe, käme ich nicht jetzt ihrem Wunsche nach.’
‘Wie lange werden Sie ausbleiben?’
‘So kurze Zeit als möglich, Sir.’
‘Versprechen Sie mir, daß Sie nicht länger als eine
Woche bleiben wollen.’
‘Es ist besser, ich verspreche nichts; ich könnte möglicher Weise wortbrüchig werden müssen.’
‘Doch zurückkommen werden Sie auf jeden Fall und
lassen sich durchaus nicht bewegen, für immer in Gateshead
zu bleiben, nicht wahr?’
‘Gewiß nicht! Ich komme auf jeden Fall wieder, sobald
dort Alles in Ordnung ist.’
‘Wer begleitet Sie? Sie werden doch nicht hundert
Meilen allein reisen wollen?’
‘Keineswegs; Mrs. Reed's Kutscher ist um mich gekommen.’
‘Darf man sich auf ihn verlassen?’
‘Gewiß; er dient schon zehn Jahre im Hause.’
Mr. Rochester verfiel in Nachdenken.
‘Wann wollen Sie abreisen?’
‘Morgen zeitlich früh.’
‘Wohl. Sie müssen Geld haben, Sie können nicht
so fortgehen und ich glaube, Ihre Baarschaft wird nicht
sehr groß seyn; übrigens habe ich Ihnen noch keinen Gehalt gezahlt. Wie hoch belaufen sich Ihre Capitalien, Jane?’
frug er lächelnd.
Ich holte meine Börse hervor, sie sah sehr schwindsüchtig aus. ‘Fünf Schillinge, Sir.’ Er nahm den Beutel, schüttete die Münzen auf seine flache Hand aus und
lachte darüber, als freute ihn die Geringfügigkeit meines
Vermögens. Dann nahm er seine Brieftasche heraus. ‘Hier,’
sagte er, mir eine Banknote hinhaltend. Es war eine Fünfzigpfundnote und ich hatte blos fünfzehn zu fordern. Ich
sagte, ich könnte ihm nicht wechseln.
‘Ich brauche nichts gewechselt; ich weiß es schon.
Nehmen Sie nur Ihren Gehalt.’
Ich weigerte mich mehr anzunehmen als mir gebührte.
Er schalt mich erst aus, dann, als ob ihm plötzlich etwas
einfiele, sagte er:
‘Wahr, wahr! Besser ich gebe Ihnen nicht Alles
auf einmal. Sie blieben am Ende drei Monate aus, wenn
Sie fünfzig Pfund hätten. Hier sind zehn, ist das genug?’
‘Wohl; doch jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund
schuldig.’
‘Kommen Sie zurück und holen Sie sich sie. Ich bin
Ihr Bankier für vierzig Pfund.’
‘Mr. Rochester, ich möchte am Ende noch eine Geschäftsangelegenheit mit Ihnen ordnen, weil sich gerade die
Gelegenheit dazu darbietet.’
‘Eine Geschäftsangelegenheit? Bin neugierig sie zu
hören.’
‘Sie haben mich so gut als benachrichtigt, Sir, daß Sie
sich binnen Kurzem zu vermälen gedenken.’
‘Nun, und was weiter?’
‘In diesem Falle müssen Sie Adelen in eine Kostschule thun. Ich denke. Sie sehen die Nothwendigkeit davon ein.’
‘Um sie meiner Braut aus dem Wege zu räumen, die
sie sonst etwas zu nachdrücklich treten würde. Ihre Bemerkung ist sehr verständig; Adela muß, wie Sie sagen, in eine
Kostschule und Sie müssen, natürlich, geraden Weges zum
— Teufel gehen.’
‘Ich denke nicht; allein ich muß mir irgend einen andern Platz suchen.’
‘Wirklich!’ rief er mit einem phantastischen und gutmüthig spottenden Ausdrucke in Stimme und Geberde. Dabei sah er mich durch einige Minuten unverwandt an.
Und die alte Mrs. Reed, oder die Misses, ihre Töchter, werden von Ihnen behufs des Auffindens einer neuen
Stelle in Bewegung gesetzt werden?’
‘Nein, Sir! Ich stehe mit meinen Verwandten auf
keinem so guten Fuße, um von ihnen Gefälligkeiten verlangen zu können. Ich will eine Ankündigung in die Zeitung setzen lassen.’
‘Sie werden die egyptischen Pyramiden hinauf reiten,’
brummte er. ‘Kündigen Sie nur immer auf Ihre Gefahr
hin an. Ich wollte ich hätte Ihnen statt zehn Pfund nur
Ein Pfund gegeben. Geben Sie mir neun Pfund zurück,
Jane, ich brauche sie.’
‘Ich auch,’ erwiederte ich, meine Hand und meine
Börse hinter mich haltend. ‘Ich kann das Geld auf keinen
Fall missen.’
‘Gibt mir die kleine Schelmin eine abschlägige Antwort, wenn ich von ihr Geld borgen will!’ scherzte er.
‘Leihen Sie mir fünf Pfund, Jane!’
‘Nicht fünf Schillinge, Sir, nicht fünf Pence.’
‘So lassen Sie mich nur wenigstens das Geld sehen.’
‘Nein, Sir, man kann Ihnen nicht trauen.’
‘Jane!’
‘Sie befehlen?’

‘Versprechen Sie mir nur Eines.’
‘Ich verspreche Ihnen Alles, was ich zu halten im
Stande bin.’
‘Lassen Sie keine Ankündigung in die Zeitung setzen
und überlassen Sue mir die Ausfindigmachung eines Platzes.
Ich will Ihnen einen solchen zur rechten Zeit besorgen.’
‘Gerne will ich dies eingehen, Sir, sobald auch Sie
mir versprechen, daß wir, sowohl ich als Adela, aus dem
Hause sind, bevor es Ihre zukünftige Frau betritt.’
‘Gut, gut! Ich gebe Ihnen mein Wort zum Pfande.
Also morgen reisen Sie schon?’
‘Ja und bei Zeiten.’
‘Kommen Sie heut nach Tische ins Gesellschaftszimmer hinunter?’
‘Nein, Sir, ich muß meine Vorbereitungen zur Reise
treffen.’
‘Wir müssen also einander für eine kurze Zeit Lebewohl sagen?’
‘So ist es.’
‘Und wie pflegen die Leute derlei Abschiedsceremonien zu begehen, Jane? Lehren Sie mich es, ich verstehe
mich nicht darauf.’
‘Sie sagen einander: ‘Leben Sie wohl!’ oder irgend
eine andere Redensart, die ihnen beliebt.’
‘Nun so thun Sie es.’
‘Leben Sie für jetzt wohl, Mr. Rochester!’
‘Und was habe ich zu sagen?’
‘Dasselbe, wenn es Ihnen gefällig ist, Sir.’
‘Leben Sie für jetzt wohl, Miß Eyre. Ist das
Alles?’
‘Ja.’

‘Es kommt mir aber so kalt, so trocken, so unfreundlich vor. Etwas Anderes wäre mir lieber, eine kleine Ausdehnung der Feierlichkeit könnte nicht schaden. Wie, wenn
wir uns die Hände reichten? Doch nein, auch das würde
mich nicht befriedigen! Sie wollen also nichts weiter thun,
als ‘Leben Sie wohl!’ sagen?’
‘Es genügt, Sir; man kann in wenige Worte eben
so viel Herzlichkeit legen als in viele.’
‘Möglich; aber das Eine Wort ist gar so mager und
leer.’
‘Wie lange wird er noch an der Thür stehen bleiben?’
dachte ich bei mir. ‘Ich muß noch meine Sachen einpacken.’
Die Glocke ertönte zum Mittagessen und fort stürzte er, ohne
weiter ein Wort zu verlieren. Den Tag über bekam ich ihn
nicht mehr zu sehen und am nächsten Morgen hatte ich schon
Thornfield hinter mir, bevor er noch aufgestanden war.
Ich erreichte die Schließerswohnung von Gatesheadhall am ersten Mai beiläufig um fünf Uhr Nachmittag und
machte dort Halt, ehe ich mich ins Herrenhaus begab. Bessie's Wirthschaft sah ungemein nett und ordentlich aus; schöne
weiße Vorhänge zierten die kleinen Fenster, der Fußboden
war blank gescheuert, der Rost und der Feuerbock des Camins glänzten von weitem und das Feuer selbst brannte
freundlich und hell. Bessie saß am Camine und stillte ihr
Kleinstes und der kleine Bob spielte mit seiner Schwester in
einem Winkel der Stube.
‘Gott segne Sie! — Sagt' ichs doch gleich, Sie würden kommen!’ — rief Mrs. Leaven aus, als ich eintrat.
‘Wohl, Bessie,’ sagte ich, nachdem ich sie umarmt
hatte, ‘und ich hoffe, daß ich nicht zu spät komme. Wie

befindet sch Mrs. Reed? — Sie ist doch noch am
Leben?’
‘Sie ist noch am Leben und weicher gestimmt und gefaßter als zuvor. Der Doctor meint, sie würde sich noch
ein oder zwei Wochen fortfristen, allein schwerlich wieder
genesen.’
‘Hat sie meiner in der letzten Zeit Erwähnung gethan?’
‘Erst heute früh sprach sie wieder von Ihnen und
wünschte, Sie möchten kommen; aber in diesem Augenblicke schläft sie, wenigstens war dies vor zehn Minuten der Fall,
als ich oben bei ihr war. Sie liegt in der Regel jeden Nachmittag in einer Art Bewußtlosigkeit und Schlafsucht, aus
der sie erst um sechs oder halb sieben Uhr erwacht. Wollen
Sie bei uns eine Stunde ausruhen, Miß? Ich will Sie
dann zu Mrs. Reed bringen.’
Hier trat Robert ein; Bessie legte ihr schlafendes Kind
in die Wiege und bewillkommte ihren Mann. Dann nöthigte
sie mich meinen Hut abzulegen und lud mich ein, mit ihr
Thee zu trinken, weil ich gar so blaß aussähe. Ich nahm
ihr gastfreundliches Anerbieten gern an und ließ mich aus
meinen Reisekleidern eben so willig aushülsen, wie ich mich
von ihr als Kind auskleiden zu lassen pflegte.
Erinnerungen an vergangene Zeiten stiegen in mir auf,
währen ich zusah wie Bessie geschäftig hin- und herlief, ihr
bestes Porzellan-Theezeug hervorholte, Butterschnitten
schmierte, einen Theekuchen bähte und dazwischen von Zeit zu
Zeit dem kleinen Bob und der kleinen Jane einen gelegentlichen Klaps oder einen Rippenstoß versetzte, gerade wie sie
mir deren in früheren Tagen zu verabreichen gewöhnt war.
Bessie hatte nicht allein ihre Leichtfüßigkeit und ihr hübsches

Aeußere, sondern auch ihr lebhaftes Temperament bewahrt.
Als der Thee fertig war, wollte ich mich mit zu Tische setzen; doch sie gebot mir, ganz in ihrem frühern befehlenden Tone, sitzen zu bleiben. Sie müsse mir in der Caminecke auftragen, sagte sie, und stellte ein kleines rundes Tischchen mit einer Tasse und einem Teller voll Butterschnitten
vor mich hin, geradeso wie sie mich ehedem in der Kinderstube auf einen kleinen Stuhl setzte und mit irgend einer
heimlich bei Seite geschafften Leckerei bewirthete. Ich lächelte
und gehorchte ihr, wie in den Tagen meiner Kindheit.
Sie wollte nun wissen, ob ich mich in Thornfieldhall
glücklich fühle und was für eine Person die Frau vom Hause
sey, und als ich ihr sagte, es sey ein Herr da, ob er mich
gut behandle und mir gefalle. Ich sagte ihr, der Herr sey
fast häßlich zu nennen, aber ein Mann von Welt; er gehe
ganz gut mit mir um und ich sey zufrieden. Dann beschrieb
ich ihr die muntere Gesellschaft, die sich zuletzt im Hause
versammelt hatte, und Bessie hörte meinen Schilderungen,
die ganz nach ihrem Geschmacke waren, mit andächtiger Aufmerksamkeit zu.
Eine Stunde war auf diese Weise bald verflossen; Bessie setzte mir wieder den Hut auf und legte mir den Mantel
um, und wir verließen die Schließerwohnung, um uns ins Herrenhaus zu begeben. Etwa vor neun Jahren war ich,
eben auch in ihrer Begleitung, denselben Pfad hinabgewandelt, den ich nun hinanging. An einem finstern, nebligen,
kalten Januarmorgen hatte ich ein feindliches Haus mit Bitterkeit und Verzweiflung im Herzen — gleichsam vogelfrei
und als ein Auswürfling — verlassen, um die frostige Herberge von Lowood, diesen weit entfernten unbekannten

Aufenthalt, aufzusuchen. Dasselbe feindselige Haus stand nun vor mir, meine jetzigen Aussichten waren nicht viel besser
und mein Herz blutete aus einer frischen Wunde. Noch im immer stand ich als eine Fremde auf der weiten Erde da, nur
daß ich jetzt mehr Selbstvertrauen, mehr innere Kraft besaß
und unabhängiger da stand, daß jede Erinnerung erlittenen
Unrechts von mir gewichen und die Flamme meines Zornes
erloschen war.
‘Gehen Sie nur erst ins Frühstückzimmer,’ sagte Bessie, ‘die Fräulein werden wohl darin seyn.’
Einen Augenblick darauf befand ich mich in dem genannten Gemache. Die ganze Einrichtung sah noch ganz so
aus wie an jenem Morgen, wo ich zum ersten Male Mr.
Brocklehurst vorgestellt worden war; da lag auch noch derselbe Teppich vor dem Camine, auf welchem er gestanden
hatte. Einen Blick in den Bücherschrank werfend, glaubte
ich darin die beiden Bände von Bewick's Naturgeschichte der
Vögel Englands auf ihrem alten Platze in der dritten Reihe
zu sehen und über denselben standen Gulliver's Reisen und
die Arabischen Nächte. Die leblosen Gegenstände hatten sich
nicht geändert, allein die lebenden Wesen waren kaum mehr zu erkennen.
Ich sah zwei junge Damen vor mir; die eine davon
sehr groß. beinahe so groß wie Miß Ingram, doch sehr
magern, blassen und ernsten Antlitzes. Ihr Aussehen hatte
etwas Selbstkasteiendes an sich, das durch ein faltenloses,
enges Kleid von schwarzem Wollstoff, einen schmalen, leinenen, gestärkten Halskragen, durch die aus den Schläfen gekämmten Haare und die nonnenartige Zierde eines schwarzen Rosenkranzes mit einem daranhängenden Crucifixe nur
noch erhöht wurde. Das war jedenfalls Elise, wiewohl ich

in dem langen, hagern, farblosen Gesichte nur wenige ihrer früheren Züge wieder finden konnte.
Die andere Dame war eben so sicher Georgine, doch
nicht die Georgine von vormals, das schmächtige, sylphenartige eilfjährige Mädchen. Statt dessen sah ich ein voll
aufgeblühtes, dickes Geschöpf, wie aus Wachs gegossen,
mit schönen, regelmäßigen Gesichtszügen, schmachtenden
blauen Augen und blonden gelockten Haaren. Auch sie trug
ein schwarzes Kleid, doch war der Schnitt desselben ganz
verschieden von demjenigen ihrer Schwester, viel jugendlicher unkleidsamer und eben so modisch, als der Anzug
Elisens eine Verachtung alles Weltlichen an den Tag legte.
Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der
Mutter, aber auch nur einen einzigen; die magere und
blasse Elise ihr starres, frostiges Auge, die blühende, üppige Georgine ihr Kinn, das, wenn auch nicht so sehr
markirt, ihrem sonst sinnlichen und weichen Gesichte eine
unbeschreibliche Härte mittheilte.
Beide Damen standen bei meinem Eintritte auf, mich
zu bewillkommnen und beide sprachen mich mit ‘Miß Eyre’
an. Elisens Gruß war kurz und kalt, von keinem freundlichen Blicke begleitet; sie setzte sich sogleich nieder, sah starr
ins Feuer und schien nicht weiter an mich zu denken. Georgine fügte ihrem: ‘Wie befinden Sie sich?’ verschiedene
Gemeinplätze über meine Reise, das Wetter u. s. w. bei,
die sie in einem merkwürdig gezogenen Tone von sich gab;
dabei maß sie mich mit unterschiedlichen Seitenblicken vom
Kopf zu Fuß, indem sie bald meinen Merinorock, bald
meinen einfach aufgeputzten ländlichen Strohhut zum Gegenstande ihrer Forschungen machte. Junge Damen haben
ein besonderes Geschick, anderen Mädchen zu verstehen zu geben, daß sie sie für ‘Landgänschen’ halten, ohne sich gerade dieses Ausdruckes zu bedienen. Ein gewisser sanftmüthiger Blick, frostige Manieren und eine Ungezwungenheit
des Tones drücken ihre Ansichten über diesen Punkt vollkommen deutlich aus, ohne daß sie es nöthig hätten, zu
thatsächlichen Grobheiten ihre Zuflucht zu nehmen.
Ein verächtlicher Blick, ob heimlich ob offen gespendet, machte auf mich nicht mehr den schmerzlichen Eindruck wie
in früheren Zeiten. Zwischen meinen beiden Cousinen sitzend,
wunderte ich mich ordentlich darüber, wie wenig mich die
gänzliche Vernachlässigung der einen und die halb spöttische
Aufmerksamkeit der andern zu berühren vermochten; Elise
konnte mich nicht ärgern, Georgine nicht aus der Fassung
bringen, und die Wahrheit zu sagen, hatte ich an andere
Dinge zu denken: in den letzten Monaten waren weit mächtigere Gefühle in mir rege geworden, als die Beiden hervorzurufen im Stande waren; heftigere Schmerzen und
ausgesuchtere Freuden hatten mich heimgesucht, als sie
mir zufügen oder gewähren konnten. Ihr Betragen machte
daher auf mich nicht den geringsten Eindruck.
‘Wie befindet sich Mrs. Reed?’ frug ich, Georginen
ruhig anblickend, die über diese Ansprache, in der sie eine
maßlose Keckheit sah, stolz die Nase rümpfte.
‘Mrs. Reed? Die Mama meinen Sie? Sie ist sehr
krank; ich zweifle, daß Sie sie noch heute sehen können.’
‘Sie würden mich sehr verbinden,’ versetzte ich, ‘wenn Sie zu ihr gingen und ihr meine Ankunft meldeten.’
Georgine fuhr vor Verwunderung ordentlich in die
Höhe und riß die Augen weit auf.
‘Ich weiß, daß ihr sehr daran liegt mich zu sprechen,’
fuhr ich fort, ‘und ich möchte die Erfüllung ihres Wunsches nicht gerne länger hinausschieben, als es unumgänglich nothwendig ist.’
‘Mama sieht es nicht gern, wenn man sie des Abends
stört,’ bemerkte Elise. Ich stand jedoch sofort auf, legte
Hut und Handschuhe ab, ohne dazu aufgefordert worden zu
seyn, und sagte, ich wollte Bessie aufsuchen, die wahrscheinlich in der Küche sey. um sie zu Mrs. Reed mit der
Anfrage zu senden, ob es ihr beliebe, mich zu empfangen.
Ich ging zur Stube hinaus und nachdem ich Bessie gefunden und mit meiner Botschaft betraut hatte, ergriff ich weitere Maßregeln. Von jeher war mir alle Anmaßung verhaßt;
wäre ich vor einem Jahre so wie heute empfangen worden,
ich hätte Gateshead am nächsten Morgen schon wieder verlassen; jetzt verwarf ich einen solchen Plan sofort als eine
Thorheit. Ich war hundert Meilen hergekommen, meine
Tante zu sehen und mußte nun hier bleiben, bis sie entweder gesund würde oder — stürbe; was den Stolz und die
Albernheit ihrer Töchter anbelangte, so durfte ich nicht weiter darauf achten, mich gar nicht daran kehren. Ich wandte
mich daher an die Wirthschafterin, ließ mir ein Zimmer
anweisen, eröffnete ihr, daß ich mich wahrscheinlich ein
oder zwei Wochen aufhalten würde, und schaffte meinen
Koffer in meine Stube. Ich traf Bessie auf dem Treppenabsatze.
‘Die gnädige Frau ist erwacht,’ sagte sie; ‘ich meldete ihr, daß Sie hier seyen. Kommen Sie, wir wollen
sehen, ob Sie sie erkennt.’
Man brauchte mich nicht erst in die wohl bekannte Stube
zu geleiten, wohin ich ehedem so oft berufen worden war, um
bestraft oder ausgescholten zu werden. Ich lief vor Bessie
her, und öffnete leise die Thüre. Ein Licht mit einem Lichtschirm befand sich auf dem Tische, denn es war bereits finster. Da stand noch die große Bettstatt mit den bunten Vorhängen, der Ankleidetisch, der Armstuhl und der Fußschämel, auf dem ich hatte so oft niederknien und um Verzeihung bitten müssen, wegen Fehltritten, die ich meistens
gar nicht begangen. Ich blickte in einen gewissen Winkel,
halb erwartend die schlanke Gestalt der von mir einst so gefürchteten Ruthe zu sehen, die dort zu lauern und auf
mich loszuspringen pflegte, um meine zitternde Hand oder
meinen gebeugten Rücken zu bestreichen. Ich schob die Vorhänge bei Seite, und bog mich über die hoch aufgethürmten Kissen.
Wohl hatte ich noch Mrs. Reed's Antlitz im Gedächtniß und eifrig spähte ich nach den wohlbekannten Zügen.
Es ist ein wahres Glück, daß die Zeit den Durst nach Rache
stillt und Zorn und Abneigung erstickt; Haß und Bitterkeit
im Herzen hatte ich dieses Weib verlassen, und nun kam
ich mit keinem andern Gefühle zurück, als einer Art Mitleid für die harten Schicksalsschläge, die sie betroffen, und
mit dem ernsten Willen, zu vergessen und zu vergeben,
und zur Versöhnung freundlich die Hand zu bieten.
Ja, da war es, das wohlbekannte Gesicht, starr und
gefühllos wie immer; da war das merkwürdige Auge, dem
nichts einen Schimmer von Sanftmuth zu entlocken vermochte, mit den etwas in die Höhe gezogenen, hochmüthigen Augenbrauen. Wie oft hatte es mich drohend und voll
Haß angeblickt, wie stiegen bei seiner Betrachtung Erinnerungen an die Leiden und Schmerzen meiner Kindheit in
mir auf! Und dennoch warf ich mich auf die Kranke nieder
und küßte sie. Sie sah mich an.
‘Ist dies Jane Eyre?’ frug sie.

‘Wohl, Tante Reed. Wie geht es Ihnen, theure
Tante?’
Ich hatte ihr es einst zugeschworen, daß ich sie nie
wieder Tante nennen wollte; ich hielt es für keine Sünde,
diesen Schwur zu brechen. Meine Finger umspannten ihre
Hand, die außerhalb der Bettdecke lag; hätte sie in diesem
Augenblicke die meinige freundlich gedrückt, ich hätte darüber eine aufrichtige Freude empfunden. Doch harte Naturen werden nicht so leicht weich und eingewurzelte Abneigungen lassen sich nicht so schnell vertilgen. Mrs. Reed zog ihre
Hand weg, und wandte beinahe ihr Gesicht von mir, indem
sie die Bemerkung machte, die Nacht sey sehr warm. Wieder blickte sie mich an, doch so eiskalt war ihr Blick, daß
ich begriff, ihre Meinung von mir sey unverändert, und
wohl auch nicht zu ändern. Ihr wahrhaft steinernes Auge,
durch welches keine Zärtlichkeit hindurch schimmern, das nicht
in Thränen zerfließen konnte, sagte mir deutlich, wie fest
sie entschlossen sey, mich bis zum letzten Augenblicke für
schlecht zu halten; denn der Glaube an meinen sittlichen
Werth konnte sie, weit entfernt ihr irgend eine Befriedigung
zu gewähren, nur mit bitterem Verdruß erfüllen.
Erst überkam mich Schmerz, dann Zorn und endlich
beschloß ich sie zu bändigen, sie trotz ihrer Natur und
ihres Starrsinnes zu beherrschen. Wie in meinen Kinderjahren waren mir Thränen in die Augen gekommen, ich
hieß sie zu ihrer Quelle zurückkehren. Ich stellte einen
Stuhl zum Bette, setzte mich und bog mich über das Kopfkissen.
‘Sie haben um mich geschickt,’ sagte ich, ‘und hier
bin ich nun, und will hier so lange bleiben, bis ich sehe,
was mit Ihnen wird.’

‘Ob, natürlich! Du hast doch schon mit meinen Töchtern gesprochen?’
‘Ja.’
‘Wohl, Du kannst ihnen sagen, es sey mein Wille,
daß Du so lange bleibst, bis ich Dir so Manches mitgetheilt
habe, was mir am Herzen liegt. Heute ist's schon zu spät
dazu, und mein Kopf ist zu schwach. Doch ich wollte ja
etwas sagen — was war es doch nur gleich —’
Der irre Blick und die veränderte Sprache zeigten zur
Genüge, welches Wrack an die Stelle des einst so kräftigen
Körpers getreten war. Sich unruhig hin und her werfend,
wickelte sie sich fester in ihre Bettecke; mein Ellbogen, den
ich auf einen der Zipfel gestützt hatte, hinderte sie einigermaßen daran, worüber sie in Wuth gerieth.
‘Laß los!’ rief sie, ‘und ärgere mich nicht weiter
damit, daß Du meine Decke fest hältst. Bist Du wirklich
Jane Eyre?’
‘Freilich wohl!’
‘Ich habe mich mit diesem Kinde schon so viel geärgert, wie sich's gar kein Mensch denken kann. So eine Last
auf dem Halse zu haben, und so viele Galle hinunterschlucken
zu müssen! Täglich, ja stündlich machte sie mir Verdruß,
bald mit den Ausbrüchen ihrer Leidenschaftlichkeit, bald mit
der rastlosen, unnatürlichen Aufmerksamkeit, mit der sie
alle meine Bewegungen überwachte! Ja, eines Tages sprach
sie vollends mit mir, als wäre sie wahnsinnig, oder vom
Teufel besessen; nie hat noch ein Kind so gesprochen, oder
solche Blicke geworfen. Ich war ordentlich froh, als ich sie
aus dem Hause hatte. Was thaten sie nur mit ihr in Lowood? Das Nervenfieber wüthete in der Schule und sehr
viele von den Zöglingen starben; doch Jane starb nicht,

wiewohl ich vorgab, sie sey todt. Ich wollte es wäre wahr
gewesen!’
‘Ein ungewöhnlicher Wunsch, Mrs. Reed. Warum hassen Sie sie nur so?’
‘Ich konnte schon ihre Mutter nicht leiden. Sie war meines Mannes einzige Schwester, und sein Liebling; er
allein widersetzte sich ihrer Enterbung, als sie jene Mißheirath eingegangen war, und als die Nachricht von ihrem
Tode eintraf, weinte er wie ein Einfaltspinsel. Er wollte
durchaus um ihr Kind schicken, wiewohl ich ihn bat, es lieber irgendwo hin in die Pflege zu thun, und dafür zu zahlen. Ich haßte es vom ersten Augenblicke an, das kränkliche,
weinerliche, plärrende Geschöpf! Die ganze Nacht weinte
es in seiner Wiege; aber es schrie nicht aus voller Brust wie
andere Kinder, es wimmerte und ächzte blos. Reed hatte
Mitleid mit dem Dinge, er hätschelte und wiegte es, als
wäre es sein eigen, wohl mehr noch als seine eigenen Kinder in gleichem Alter. Er wollte, seine Kinder sollten mit
der kleinen Bettlerin freundlich seyn, allein die theuern Herzenspuppen konnten sie nicht leiden, und er wurde ordentlich böse, wenn sie ihre Abneigung an den Tag legten.
Während seiner letzten Krankheit hatte er sie beständig an
seinem Bette, und eine Stunde bevor er verschied, forderte
er mir einen Eidschwur ab, das Kind im Hause behalten zu
wollen. Eben so gerne hätte ich mich eines Sprößlings aus
dem Arbeitshause angenommen, allein Reed war schwach,
von Natur aus schwach. John ist seinem Vater ganz und
gar nicht ähnlich; John ist wie ich und wie meine Brüter,
ein echter Gibson. Oh, ich wollte nur, er plagte mich in
seinen Briefen nicht mehr um Geld. Ich kann ihm nichts mehr geben; wir sind beinahe arm geworden. Ich muß die

Hälfte meiner Dienstleute verabschieden, und einen Theil des
Hauses absperren und vermiethen. Ich kann mich dazu durchaus nicht entschließen, und doch muß ich es. Wie wollen
wir sonst auskommen? Zwei Drittheile meines Einkommens
gehen darauf, die Interessen von Leibrenten zu zahlen.
John spielt entsetzlich und verspielt immer. — Der arme
Junge! Er ist in die Hände von Gaunern gerathen, er ist
sehr tief gesunken — er sieht schrecklich aus — ich schäme
mich seiner, wenn ich ihn sehe.’
Sie wurde immer aufgeregter. ‘Ich dächte, es wäre
besser, ich verließe sie jetzt,’ sagte ich zu Bessie, die mir
gegenüber am Bette stand.
‘Vielleicht, Miß; allein sie spricht des Abends immer
so — des Morgens ist sie ruhiger.
Ich stand auf. ‘Bleib!’ rief Mrs. Reed. ‘Ich wollte noch etwas sagen. Er droht mir — er droht mir immer
mit seinem oder mit meinem Tode, und zuweilen träumt
mir, daß ich ihn öffentlich ausgestellt sehe, mit einer großen Wunde am Halse, oder mit einem schwarzen geschwollenen Gesichte. Ich bin sehr in die Enge getrieben, ich habe
schwere Sorgen. Was soll ich thun? Woher soll ich Geld
schaffen?’
Bessie versuchte es nun sie zu bewegen , einen niederschlagenden Trank zu nehmen; es gelang ihr nur mit
vieler Mühe. Bald darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und versank in eine Art Bewußtlosigkeit. Ich verließ sie.
Mehr als zehn Tage verflossen, bevor ich mich mit ihr wieder in eine Unterredung einlassen konnte. Entweder
lag sie in Bewußtlosigkeit oder in Schlafsucht und der Arzt
verbot aufs Strengste Alles, was sie in Aufregung versetzen konnte. Mittlerweile suchte ich mit Georginen und

Elisen so gut wie möglich auszukommen. Sie waren gegen mich anfänglich sehr kalt. Elise saß halbe Tage lang mit
Nähen, Lesen und Schreiben beschäftigt und sprach nur selten ein Wort mit mir oder ihrer Schwester. Georgine
plapperte ganze Stunden mit ihrem Canarienvogel, ohne mich zu beachten. Allein ich war fest entschlossen, keine
Verlegenheit um Beschäftigung oder Unterhaltung blicken zu lassen; ich hatte mein Zeichengeräth mitgebracht und es
war für beides gesorgt.
Mit einem Kästchen Zeichenstifte und einigen Bogen
Papier versehen, pflegte ich mich abseits von den beiden
Schwestern nahe ans Fenster zu setzen und phantastische
Skizzen zu malen, wie sie in dem immer wechselnden Kaleidoskope meiner Einbildungskraft nach und nach auftauchten; ein Stückchen See zwischen zwei Felsen, den aufgehenden Mond und ein Schiff, das durch seine Scheibe hindurch
zu segeln schien, ein Rohrgebüsch mit Wasserlilien untermengt, den mit Lotosblumen bekränzten Kopf einer Wassernixe in der Mitte, eine Elfe in einem Zaunkönigsneste unter einem Kranze von wilden Rosen.
Eines Morgens fiel es mir ein ein Gesicht zu skizziren;
wen es vorstellen sollte, daran dachte, darum kümmerte ich
mich nicht. Ich nahm einen weichen Kreidenstift, stumpfte
ihn an der Spitze ab und fing an zu arbeiten. Bald hatte
ich den Umriß einer breiten hervorrägenden Stirn und einen
markirten Gesichtsuntertheil gezeichnet. Die Contur gefiel
mir und meine Finger fuhren emsig fort, sie mit Gesichtszügen auszufüllen. Buschige, geradlinige Augenbrauen kamen
zuerst hervor, dann eine kühne Nase mit einem geraden
Nasenbein und weit geöffneten Nasenlöchern, dann ein keineswegs kleiner, ausdrucksfähiger Mund, und endlich ein
hervorragendes Kinn mit einem merklichen Einschnitt in der
Mitte. Natürlich durfte ein schwarzer Backenbart nicht fehlen, eben so wenig schwarze an den Schläfen gekräuselte
Haare. Jetzt ging es an die Augen; ich hatte mir sie auf
die letzt gelassen, da sie eine besondere Sorgfalt erforderten.
Ich zeichnete sie groß und schön geschnitten, die Augenwimpern lang und schwarz, die Pupillen weit und glänzend.
‘Gut, doch nicht vollkommen genügend,’ dachte ich bei
mir, indem ich die Gesammtwirkung betrachtete. ‘Sie müssen
mehr Feuer und Lebhaftigkeit haben. Ich zeichnete die Schatten stärker, um die Lichter mehr hervorzuheben — ein oder
zwei glückliche Striche brachten vollkommenes Gelingen hervor. Und nun hatte ich ein wohlbekanntes Gesicht vor mir.’
Warum drehten mir die jungen Damen den Rücken zu?
Weil ich das Bild ansah, ihm, mich selbst vergessend, zulächelte. Ich war ganz im Anschauen vertieft und fühlte
mich glücklich.
‘Ist dies das Porträt eines Ihrer Bekannten?’ frug
Elise, die sich mir unbemerkt genähert hatte. Ich antwortete, es sey ein bloßes Phantasiestück und versteckte das
Blatt unter meinen übrigen Zeichnungen. Ich hatte indessen
gelogen, denn die Skizze war ein sehr gelungenes Bildnis
Mr, Rochester's. Allein was ging das sie oder jemand Anderen außer mir an?
Auch Georgine kam herbei, die Zeichnungen anzusehen.
Sie gefielen ihr alle, bis auf das Porträt, das sie einen
‘häßlichen Mann’ nannte. Beide Mädchen staunten über
meine Geschicklichkeit. Ich machte ihnen das Anerbieten, sie
porträtiren und eine jede von ihnen saß mir zu einer
Crayonskizze. Dann holte Georgine ihr Album. Ich versprach ihr eine Aquarellzeichnung, was sie in eine sehr gute
Laune versetzte. Sie lud mich zu einem Spazirgang in die
Felder ein. Bevor wir zwei Stund en im Freien gewesen
waren, hatten wir uns in ein vertrauliches Gespräch verwickelt.
Sie beehrte mich mit einer Beschreibung des glanzvollen Winters, den sie vor zwei Jahren in London zugebracht — der Bewunderung , die sie dort erregt — der
Aufmerksamkeiten, die man ihr gespendet hatte, und sogar
von der vornehmen Eroberung, die sie gemacht, ließ sie einige
Winke fallen. Noch im Verlaufe desselben Nachmittags
theilte sie mir weitere Einzelnheiten, zärtliche Gespräche und
gefühlvolle Scenen mit und in kurzer Zeit hatte sie zu meiner Unterhaltung eine Novelle aus dem modernen Leben improvisirt. Diese Mittheilungen erneuerte sie jeden Tag; sie
behandelte stets denselben Stoff: sich selbst, ihre Liebe und
ihre Schmerzen. Sonderbarerweise spielte sie nie weder auf
ihrer Mutter Krankheit, noch auf ihres Bruders schreckliches
Ende, noch auf den gegenwärtigen traurigen Zustand der
Familienangelegenheiten an. Ihr Geist schien von Erinnerungen an vergangene Herrlichkeiten und von Sehnsucht
nach kommenden Zerstreuungen ganz in Anspruch genommen
zu seyn. Etwa fünf Minuten und nicht länger verweilte sie
täglich am Krankenlager ihrer Mutter.
Elise fuhr in ihrer Schweigsamkeit fort, sie hatte augenscheinlich keine Zeit zu sprechen. Ich sah nie eine geschäftigere
Person, als sie zu seyn schien, doch war es schwer zu sagen, was sie eigentlich that, oder vielmehr die Ergebnisse
ihrer Thätigkeit zu entdecken. Sie hatte eine Weckuhr, um alle Tage zeitlich aufzustehen. Ich weiß nicht, womit sie sich
vor dem Frühstücke beschäftigte, aber die Zeit nach diesem
Mahle hatte sie in regelmäßige Abschnitte abgetheilt und

jede Stunde hatte ihre Bestimmung. Dreimal des Tages
las sie in einem kleinen Buche, einem allgemeinen Gebetbuche, wie ich später fand. Ich frug sie eines Tages, worin
die Anziehungskraft desselben bestände und sie antwortete: ‘In der Kirchenordnung.’ Drei Stunden täglich stickte sie
mit Goldfaden den Rand eines viereckigen rothen Tuches,
beinahe so groß wie ein Fußteppich. Auf meine Erkundigungen über den Zweck desselben belehrte sie mich, es sey eine
Altarrecke für eine unlängst bei Gateshead erbaute Kirche.
Zwei Stunden widmete sie der Abfassung ihres Tagebuches,
zwei Stunden arbeitete sie im Küchengarten und eine Stunde
hindurch revidirte sie ihre Rechnungen. Sie schien sich weder
nach Gesellschaft noch nach Unterredung zu sehnen. Ich
glaube, sie war glücklich in ihrer Art, diese Regelmäßigkeit
behagte ihr und nichts verdroß sie so sehr, als irgend ein
Zwischenfall, der sie in ihrer, einem Uhrwerk vergleichbaren
Pünktlichkeit störte.
Eines Abends, wo sie leutseliger als gewöhnlich war,
vertraute sie mir, Johns Aufführung und der bevorstehende
Ruin der Familie hätten sie anfänglich mit tiefer Betrübniß
erfüllt, doch nun sey sie beruhigt und habe ihren Entschluß
gefaßt. Ihr eigenes Vermögen habe sie in Sicherheit gebracht und sobald ihre Mutter todt wäre (und die könne
weder gesund werden, noch es überhaupt mehr lange machen,
bemerkte sie ganz ruhig), wollte sie einen lange gehegten
Lieblingsplan ins Werk setzen: sich an einen Ort zurückziehen, der ihr für die ruhige Ausübung ihrer pünktlichen
Gewohnheiten Schutz gewähren und sie von der heillosen,
verdorbenen Welt absondern könnte. Ich frug, ob sie Georgine begleiten würde.
‘Auf keinen Fall. Georgine und sie hätten nichts miteinander gemein; sie wolle sich die Last ihrer Gegenwart
um keinen Preis der Welt aufbürden. Georgine möge ihren eigenen Weg einschlagen, währen sie den ihrigen verfolge.’
Georginens Beschäftigung bestand darin, mir ihre Herzensergießungen mitzutheilen oder auf dem Sopha zu liegen,
über das langweilige Leben im Hause zu schimpfen und sich
darnach zu sehnen, Tante Gibson möchte sie doch bald wieder mit der Einladung nach der Stadt zu kommen erfreuen.
‘Es wäre viel besser,’ meinte sie, ‘wenn sie auf ein oder
zwei Monate fort könnte, bis Alles vorüber wäre.’ Ich
frug sie nicht nach der Bedeutung der letztern Worte, allein
sie wollte damit jedenfalls den bevorstehenden Tod ihrer
Mutter und die darauffolgenden Leichenceremonien bezeichnen.
Elise beachtete ihrer Schwester Trägheit und ihr Jammern
in der Regel eben so wenig, als ob gar keine solche Person vor ihren Augen herum ginge. Eines Tages jedoch, als
sie eben ihr Rechenbuch zugeschlagen und ihre Stickerei zusammengelegt hatte, ließ sie sich wie folgt vernehmen: —
‘Georgine, ein eitleres und alberneres Thier als Du
hat wohl noch nie die Erde mit seinem Daseyn belästigt.
Du hast kein Recht auf dein Leben, denn Du weißt es nicht
anzuwenden. Anstatt für Dich, in und mit Dir zu leben,
wie sich dies für ein vernünftiges Geschöpf ziemt, suchst Du
deine Schwäche durch anderer Leute Kraft zu stützen und wenn
sich Niemand findet, der sich mit einem solch faden, geistesschwachen, aufgeblasenen, unnützen Geschöpf befassen
will, schreist Du, daß du elend bist, daß man Dich schlecht
behandelt, vernachlässigt. Das Leben sollte deinem Wunsche
nach in einer Reihe von Unterhaltungen und Aufregungen
bestehen, widrigenfalls Du die Welt für einen Kerker ansiehst; Du willst bewundert, angebetet, geschmeichelt seyn,
Du mußt Musik, Tanz und Gesellschaft haben, or er
Du verschmachtest und stirbst ab. Hast Du denn nicht
Verstand genug, Dir eine Lebensweise vorzuzeichnen, die
Dich von allen fremden Einstreuungen und von dem Willen Anderer unabhängig erhält? Nimm den Tag her,
theile ihn in Abschnitte, deren jeder seine Aufgabe hat;
lasse keine Viertelstunde, keine zehn, keine fünf Minuten ohne bestimmt zugetheilte Beschäftigung, und verrichte diese letztern methodisch in der angenommenen Reihenfolge. Der Tag wird zu Ende seyn, ehe Du Dich dessen
versiehst und Du bist Niemanden dafür Dank schuldig, daß
er Dir die Zeit verbringen half, Du brauchst Niemandes
Gesellschaft aufzusuchen, seine Sympathie, seine Geduld
in Anspruch zu nehmen; kurz Du hast so gelebt, wie ein
vernünftiges, unabhängiges Wesen leben soll. Folge meinem Rathe, dem ersten und letzten, den ich Dir ertheile, und
Du bedarfst unter allen Verhältnissen weder meiner noch
fremder Unterstützung. Befolge ihn nicht, lebe wie bisher,
jammere, weine und faullenze, und Du hast Dir die
Folgen deines Blödsinnes, schlimm und unerträglich, wie
sie seyn werden, selbst zuzuschreiben. Ich spreche ganz offen
und nun höre weiter, was ich Dir noch zu sagen habe;
ich werde es kein zweites Mal wiederholen, aber fortan meine
Handlungsweise darnach einrichten. Nach meiner Mutter
Tode will ich nichts mehr von Dir wissen; von dem Tage,
wo ihr Sarg in der Gruft von Gateshead beigesetzt ist, sind
wir einander so fremd, als hätten wir uns nie gekannt. Du
darfst Dir nicht etwa einbilden, daß, weil wir Kind er derselben Eltern sind, Du irgend wie an mich Ansprüche machen kannst; ich sage Dir nur so viel: ginge das ganze

Menschengeschlecht bis auf uns Beide zu Grunde, so daß
wir zwei allein auf der Erde stünden, würde ich Dich in
der alten Welt stehen lassen und mich selbst nach der neuen
begeben.’
Sie schwieg.
‘Du hättest Dir diese lange Rede ersparen können,’
gab ihr Georgine zur Antwort. ‘Jedermann weiß es, daß
Du das selbstsüchtigste, herzloseste aller lebenden Geschöpfe
bist und ich kenne deinen schmählichen Haß gegen mich nur
gut. Du hast mir in dem Streiche, den Du mir wegen
Lord Edwin Vere spieltest, eine hübsche Probe davon gegeben. Es war Dir unerträglich, mich neben Dir mit einem
adeligen Titel geschmückt, in Gesellschaften eingeführt zu
sehen, in denen Du nicht einmal dein Gesicht zeigen dürftest.
Darum machtest Du die Spionin, die Angeberin und ruinirtest meine Aussichten für alle Zukunft.’ Georgine zog ihr
Taschentuch hervor und schneuzte sich durch eine volle Stunde;
Elise saß kalt, unempfindlich und anhaltend fleißig wie
immer da.
Es gibt Leute, die wahre, edle Gefühle nicht zu schätzen wissen; doch hier hatte ich zwei besondere Geschöpfe vor
mir, das eine voll unerträglicher Härte, das andere voll
verächtlicher Abgeschmacktheit, weil den beiden eben alles
Gefühl ganz und gar abging. Gefühl ohne Verstand ist ein
wässeriger Trank; allein Verstand ohne Gefühl ist ein für
die menschliche Verdauung zu bitteres und trockenes Gericht.
Nachmittags hatten wir Wind und Regen. Georgine war
am Sopha über einer Novelle eingeschlafen, Elise zur Kirche
gegangen, wo man den Festtag eines Heiligen feierte. In
religiösen Angelegenheiten war sie eine strenge Formkrämerin, kein Wetter konnte sie von der Erfüllung dessen abhalten, was sie für eine fromme Pflicht ansah; ob es schön,
ob es unfreundlich war, sie ging Sonntags dreimal und in
der Woche so oft in die Kirche, als Betstunden abgehalten
wurden.
Es fiel mir ein, hinaufzugehen und nachzusehen, was
die sterbende Frau mache, die fast unbeachtet in ihrer Stube
lag. Sogar die Dienstleute bedienten sie sehr lässig und auch
die eigens gemiethete Wärterin schlüpfte so oft aus dem
Zimmer, als es nur immer anging. Bessie machte hievon
eine lobenswerthe Ausnahme, aber sie hatte selbst kleine Kinder zu versorgen und konnte daher nur gelegentlich ins
Herrenhaus kommen. Ich fand die Kranke, wie ich es nicht
anders erwartet hatte, ganz allein, auch die Wärterin war
verschwunden. Sie verhielt sich ruhig und lag anscheinend
in Bewußtlosigkeit versunken da; ihr fahles Gesicht stack
tief in den Kissen, das Feuer im Camine war dem Erlöschen
nahe. Ich legte Holz zu, brachte die Pölster in Ordnung und
betrachtete die Aermste, die mich nun nicht sehen konnte,
durch eine geraume Zeit. Dann trat ich ans Fenster.
Der Regen schlug an die Scheiben, ein ungestümer
Wind sauste über die Felder hin. ‘Da liegt Eine,’ sagte
ich still vor mich hin, ‘die bald dem Einflusse der irdischen
Elemente entrückt seyn wird. Wohin wird die Seele, die
sich nun von der morschen Hülle loszuringen sucht, fliehen,
sobald sie frei geworden?’
Dieses große Geheimniß erwägend, dachte ich an Helene Burns, an ihre letzten Worte, ihr Gottvertrauen, ihre
Lehre von der Gleichheit der abgeschiedenen Seelen. Noch
lauschte ich in der Einbildung dem wohlbekannten Tone ihrer
Stimme, noch hatte ich ihr blasses. geisterhaftes Antlitz,
ihren zum Himmel erhobenen Blick vor Augen, als sie mir

am Todtenbette ihre Sehnsucht nach dem Schauen des Unendlichen zuflüsterte. Eine schwache Stimme hinter mir rief:
‘Wer ist da?’
Mrs. Reed hatte durch mehre Tage kein Wort gesprochen; lebte sie wieder auf? Ich ging ans Bett.
‘Ich bin es, Tante Reed.’
‘Wer — ich?’ versetzte sie. ‘Wer sind Sie?’ mich
mit Verwunderung und theilweiser Furcht anblickend.
‘Sie sind mir ganz fremd. Wo ist Bessie?’
‘Sie ist in ihrer Wohnung, liebe Tante.’
‘Tante! Wer nennt mich Tante? Sie sind doch keine
von den Gibsons, und doch kenne ich dieses Gesicht, diese
Augen, diese Stirne. Sie sehen aus wie — wie — Jane
Eyre.’
Ich sagte nichts. Ich hatte Angst ihr einen neuen Anfall ihrer Krankheit zu verursachen, wenn ich mich ihr zu
erkennen gab.
‘Doch fürchte ich, daß ich mich irre,’ fuhr sie fort.
‘Meine Augen täuschen mich. Ich wünschte Jane Eyre zu
sehen und erblicke nun eine Aehnlichkeit, wo keine vorhanden
ist. Uebrigens muß sie sich seit acht Jahren sehr verändert
haben.’
Ich versicherte sie nun ganz freundlich, ich sey die von
ihr erwartete Person und als ich sah, daß sie mich verstand,
erzählte ich ihr, Bessie habe mich durch ihren Mann von
Thornfield abholen lassen.
‘Ich bin sehr krank, ich weiß es,’ sagte sie nach einer
Weile. ‘Vor wenigen Minuten versuchte ich es mich umzuwenden und konnte kein Glied rühren. Es ist besser, ich
erleichtere mein Gewissen, bevor ich sterbe. So Manches,
woran wir im gesunden Zustande nur selten denken, beschwert uns die Seele in Stunden wie die gegenwärtige. Ist
die Wärterin oder irgend Jemand außer Dir in der Stube?’
Ich versicherte ihr, wir wären allein.
‘Ich habe Dir zweimal Unrecht gethan, was ich jetzt
sehr bereue. Einmal, indem ich das meinem verstorbenen
Gatten gegebene Versprechen brach, Dich wie mein eigenes
Kind zu halten. Das andere Mal —’ sie stockte. ‘Am
Ende ist's von keiner Bedeutung,’ murmelte sie für sich,
‘und ich könnte vielleicht wieder gesund werden, und
mich vor ihr zu demüthigen, ist mir zu schrecklich.’
Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu ändern,
doch vergebens. Ihr Gesicht wechselte die Farbe, sie schien
einen innerlichen Schmerz, wohl den Vorläufer ihrer letzten Stunde, zu empfinden.
‘Wohlan, es muß seyn. Die Ewigkeit thut sich vor
mir auf und es ist besser, ich sage ihr es. Gehe zu meinen
Toilettetischchen, öffne die Lade und nimm den Brief heraus,
der darin liegt.’
Ich folgte ihrer Weisung. ‘Lies,’ sagte sie.
Das Schreiben war kurz und lautete wie folgt:
‘Madame,
‘Haben Sie die Güte, mir die Adresse meiner Nichte
Jane Eyre mitzutheilen und mir zu melden, wie es ihr
geht. Ich möchte ihr baldigst schreiben und sie ersuchen, zu
mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mich
mit Vermögen bedacht und da ich weder vermält bin
noch Kinder habe, wünsche ich sie an Kindesstatt anzunehmen und sie zur Erbin meines gesammten Vermögens
einzusetzen.
‘Ich bin u. s. w.
‘John Eyre, Madeira.

Der Brief war vor drei Jahren geschrieben worden.
‘Warum ließen Sie mich nichts davon wissen?’
frug ich.
‘Weil ich Dich zu glühend haßte, um Dir je die Möglichkeit zu verschaffen, reich zu werden. Ich konnte dein
Betragen gegen mich nie vergessen, nie die Wuth, mit der
Du an jenem Morgen über mich herfielst, nie den Ton, mit
dem Du erklärtest, Du verabscheutest mich mehr als Alles
in der Welt, nie jenen unkindlichen, bösen Blick, der deine
Versicherung begleitete, der bloße Gedanke an mich mache
Dich krank, weil ich Dich mit erbärmlicher Grausamkeit
behandelt hätte. Nie konnte ich meine eigenen Gefühle
vergessen, die mich überkamen, als Du in dieser Weise auffuhrst und alles Gift deines Herzens über mich ergossest:
es war mir als hätte mich ein Thier, welches ich geschlagen und getreten, mit menschlichen Augen angeblickt und
mit menschlicher Stimme verflucht. — Bringe mir ein Glas
Wasser, aber schnell!’
‘Theure Mrs. Reed,’ sagte ich, indem ich ihr den
gewünschten Trunk reichte, ‘denken Sie nicht weiter daran,
verwischen Sie alle diese Erinnerungen. Vergeben Sie mir
meine damalige leidenschaftliche Sprache, ich war ja nur
ein Kind. Acht bis neun Jahre sind seit der Zeit verflossen.’
Sie kehrte sich jedoch nicht an meine Reden. Kaum
hatte sie einen Schluck Wasser genommen, hob sie auch schon
wieder an!
‘Ich sage Dir, ich konnte es nie vergessen und ich
rächte mich. Der Gedanke, Dich von deinem Onkel an
Kindesstatt angenommen, unabhängig und wohlhabend zu
wissen, war mir unerträglich. Ich schrieb ihm, es thäte
mir leid, allein Jane sey am Typhus in der Schule von

Lowood gestorben. Jetzt handle wie Du willst; schreibe und
widerlege meine Behauptung — stelle meine Lügenhaftigkeit
an den Pranger, sobald es Dir beliebt. Ich glaube, Du bist
mir zur Qual geboren, noch meine letzte Stunde wird durch
die Erinnerung an eine That vergiftet, die ich, wärest Du
nicht auf der Welt gewesen, gewiß nie begangen hätte.’
‘Ich wollte nur, liebe Tante, Sie vergäßen auf alle
diese Geschichten und sähen mich nur einmal mit einem
Blicke der Güte und Vergebung an.’
‘Du hast ein sehr böses Gemüth,’ sagte sie, ‘und
das Eine kann ich noch zur Stunde nicht begreifen, wie Du
durch alle neun Jahre jede Behandlung ruhig ertragen und
im zehnten mit einemmale Feuer und Flamme speien
konntest.’
‘Mein Gemüth ist nicht so böse, wie Sie denken: ich
bin leidenschaftlich, doch nicht rachsüchtig. Wie sehr hätte
es mich in meiner Kindheit beglückt, Sie lieben zu können
und zu dürfen, und noch jetzt sehne ich mich ernstlich darnach,
mich mit Ihnen auszusöhnen. Küssen Sie mich, Tante!’
Ich näherte meine Wange ihren Lippen, doch sie berührte sie nicht. Sie meinte, es benähme ihr den Athem,
wenn ich mich so auf sie lege, und verlangte zum zweiten
Male Wasser. Als ich sie wieder in ihre frühere Lage brachte,
denn ich hatte sie in die Höhe gehoben und gestützt, damit
sie trinken konnte, nahm ich ihre eiskalte, feuchte Hand in
die meine; die schwachen Finger suchten sich loszuwinden, das gläserne Auge wich meinen Blicken aus.
‘Lieben oder hassen Sie mich wie Sie wollen,’ sagte
ich endlich; ‘meine vollkommene und freiwillige Vergebung

haben Sie. Bitten Sie nun auch Gott um die seinige und
der Friede sey mit Ihnen.’
Armes gequältes Weib! Es war zu spät für sie, ihre
Gesinnung ändern zu wollen; im Leben hatte sie mich gehaßt — noch im Tode mußte sie mich hassen.
Die Wärterin trat nun ein und Bessie folgte ihr. Noch
eine halbe Stunde wartete ich, in der Hoffnung , einen
freundlichen Blick zu erhalten, doch umsonst. Sie war in
ihre gewöhnliche Bewußtlosigkeit verfallen, aus der sie auch
nicht mehr erwachte, denn sie verschied noch in derselben
Nacht um zwölf Uhr. Die Dienstleute meldeten es uns am
nächsten Morgen. Sie lag um diese Zeit bereits am Paradebette. Elise und ich gingen sie anzusehen; Georgine,
die in lautes Schluchzen ausgebrochen war, erklärte sie
könnte unmöglich mit gehen. Da lag nun Sarah Reed's
sonst so rüstiger, thätiger Körper still und steif: die
kalten Lider deckten die stieren Augen, die Stirne und die
schroffen Züge trugen noch das Gepräge ihrer unerbittlichen Seele. Der Anblick des Leichnams machte in mir sonderbare, feierliche Gefühle rege. Ich betrachtete ihn mit
starrem Trübsinn; doch flößte er mir keine sanfte Regung
des Mitleids, der Hoffnung oder der Demuth ein. Nur eine
peinliche Angft um ihr Seelenheil, nicht der Schmerz um
meinen Verlust durchzuckte mich; und eine düstere thränenlose Scheu vor den Schrecken des Todes in dieser Gestalt
gewann schließlich in meinem Herzen die Oberhand.
Elise sah ihre Mutter ruhig an. Nach einigen Minuten bemerkte sie:
‘Bei ihrer kräftigen Leibesbeschaffenheit hätte sie sehr
alt werden können, doch Gram und Harm haben sie getödtet.’
Ein Krampf schloß ihr für eine Weile den Mund: als er

nachgelassen, wandte sie sich um und verließ die Stube;
ich folgte ihr. Keine von uns hatte auch nur Eine Thräne
vergossen.

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Mr. Rochester hatte mir blos einen einwöchentlichen
Urlaub ertheilt, allein es verfloß ein Monat, bevor ich von
Gateshead fortkam. Ich wollte nach Mrs. Reed's Beerdigung sofort abreisen, aber Georgine bat mich so lange zu
bleiben, bis sie nach London ginge, wohin sie endlich ihr
Onkel Mr. Gibson einlud, der in den letzten Tagen angelangt war, um der Beerdigung seiner Schwester beizuwohnen und die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Georgine behauptete, sie fürchte sich mit Elisen allein
zu bleiben, von der sie weder Mitgefühl mit ihrem
Schmerze, noch Trost in ihren Aengsten, noch eine Hilfeleistung bei ihren Vorbereitungen zur Reise erwarten konnte;
ich half ihr also, ihr albernes Weinen und ihre selbstsüchtigen Weheklagen anhörend, beim Wäschenähen und Einpacken so gut ich konnte. Wahr ist es, daß sie, während ich
arbeitete, ganz müßig ging und ich dachte bei mir selbst:
Wenn wir mit einander leben müßten, Cousine, würde ich
mir die Sache schon anders einrichten. Ich würde mich dann
nicht länger bequemen, der leidende Theil zu seyn; ich würde
auch Dir einen Antheil an der Arbeit zuweisen, den Du
vollenden müßtest, widrigenfalls die ganze Arbeit liegen
bliebe; ich würde ferner darauf dringen, daß Du dein erzwungenes, widriges Gejammer für Dich behieltest. Nur
deshalb, weil unser zufälliges Beisammenseyn von so
kurzer Dauer ist, und unter so eigenthümlich traurigen

Verhältnissen statt hat, will ich meinerseits so geduldig und
fügsam seyn.’
Endlich erlebte ich Georginens Abgang. Nun kam
aber auch Elise und bat mich, noch eine Woche zu bleiben.
Die Ausführung ihres Planes nehme, so sagte sie, ihre
ganze Zeit in Anspruch. Sie wollte sich in irgend ein mir
unbekanntes Asyl zurück ziehen, und den ganzen Tag lang
hielt sie sich bei verschlossenen Thüren in ihrer Stube auf,
packte Koffer, leerte Schubläden, verbrannte Papiere und
blieb außer aller Verbindung mit den übrigen Hausgenossen.
Mich hatte sie mit der Aufsicht über das Hauswesen, mit
dem Empfange von Besuchen und mit der Beantwortung
der Condolenzbriefe beauftragt.
Eines Morgens kündigte sie mir an, ich wäre nun frei. ‘Ich bin Ihnen,’ fügte sie hinzu, ‘für die uns geleisteten ersprießlichen Dienste und die bewiesene Theilnahme
sehr verbunden. Es ist ein großer Unterschied, ob man mit
einer Person wie Sie oder mit Georginen leben muß. Sie
gehen Ihren Beschäftigungen nach und fallen Niemanden
lästig. — Morgen reise ich nach dem Continent, um mich
in ein Kloster in der Nähe von Lisle zurückzuziehen. Dort
werde ich ruhig und unbeirrt leben, mich eine Zeit lang mit
der Prüfung des römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses
beschäftigen, und wenn es, wie ich beinahe davon überzeugt bin, geeignet ist, der Regelmäßigkeit und Ordnung
in der Erfüllung sämmtlicher Pflichten Vorschub zu leisten,
will ich zum Katholicismus übertreten und mich einkleiden lassen.’
Ich erstaunte weder über diese Mittheilung noch versuchte ich es, sie von der Ausführung ihres Entschlusses

abzubringen. ‘Dieser Beruf paßt für Dich auf ein Haar,’
dachte ich mir, ‘wohl bekomm’s!'
Als wir von einander Abschied nahmen, sagte sie:
‘Leben Sie wohl, Cousine; ich wünsche, es möge Ihnen
gut gehen, Sie haben einigen Verstand.’
‘Auch Sie sind nicht ohne Verstand,’ erwiederte ich
ihr; ‘allein was Sie davon besitzen, wird wohl binnen hier
und einem Jahre in den Mauern eines französischen Klosters
lebendig begraben seyn. Indessen geht mich das nichts an
und da Ihnen ein solches Leben behagt, so habe ich mich
nicht weiter darum zu kümmern.’
‘Recht so,’ sagte sie und mit diesen Worten trennten wir uns.
Da ich kaum mehr Gelegenheit haben werde, auf sie
oder auf ihre Schwester wieder zurückzukommen, mag hier
der Leser erfahren, daß Georgine eine vortheilhafte Partie
mit einem abgelebten Modemann machte, und daß Elise wirklich den Schleier nahm und gegenwärtig die Oberin desselben Klosters ist, in welchem sie als Novizin eintrat und
dem sie ihr ganzes Vermögen vermachte.
Welches Gefühl die Leute beschleicht, wenn sie nach einer
kürzern oder längern Abwesenheit wieder nach Hause kommen, das wußte ich nicht; ich hatte es nie selbst erfahren.
Wohl wußte ich, was es hieß, wenn ich als Kind von
einem weiten Spazirgang nach Gatesheahall zurück kam
und einen Verweis erhielt, weil ich so erfroren und mürrisch aussah; wohl erinnerte ich mich, wie ich mir nach
einem Lowooder Kirchengange ein reichliches Mahl und eine
arme Stube zu wünschen pflegte, ohne weder des einen
noch der andern theilhaftig werden zu können. In keinem der beiden Fälle war meine Rückkehr von einem angenehmen Gefühle begleitet gewesen, denn der Magnet fehlte, der
seiner Anziehungskraft zunimmt, je näher man kömmt.
Die mit einer Rückkehr nach Thornfield verbundenen Empfindungen mußte ich erst noch aus Erfahrung kennen lernen.
Meine Reise kam mir langweilig — sehr langweilig vor.
An dem einen Tage machte ich fünfzig Meilen, brachte dann
eine Nacht im Gasthause zu und legte am nächsten Tage
abermals fünfzig Meilen zurück. Während der ersten zwölf
Stunden dachte ich am Mrs. Reed's letzte Augenblicke: ich
sah ihr blasses, entstelltes Gesicht und hörte den Ton ihrer
gebrochenen Stimme. Der Begräbnißtag, der Sarg, die
Bahre, der schwarze Zug von Dienern und Pächtern —
der Verwandten gab es nur wenige — die offene Gruft,
die stille Kirche, die feierliche Einsegnung, Alles stand mir
lebhaft vor Augen. Dann stellte ich mir Elisen und Georginen vor, die Eine als die Bewohnerin eines Klosters, die
Andere als die Zierde eines Ballsaales, und ich verweilte
einige Zeit bei der ausgesprochenen Verschiedenheit ihrer Personen und Charaktere. Die Ankunft in der großen Stadt ***
verscheuchte diese Gedanken, die Ruhe der Nacht rief andere
Vorstellungen hervor und endlich gewann ich auch Zeit für
Vermuthungen über die Zukunft.
Nun ging ich also nach Thornfield zurück; aber wie
lange würde ich noch dort bleiben? Nur ganz kurze Zeit,
dessen war ich gewiß. Mrs. Fairfax hatte mir während meiner Abwesenheit einmal geschrieben; sämmtliche Gäste waren bereits abgereist und auch Mr. Rochester hatte sich vor
drei Wochen nach London begeben, wurde jedoch schon wieder in vierzehn Tagen zurück erwartet. Mrs. Fairfax vermuthete, er treffe Vorbereitungen zu seiner Heirath, da er

von dem Ankaufe eines neuen Wagens gesprochen hätte.
Sie sagte wohl, die Idee einer Vermälung mit Miß Ingram ginge ihr nicht ein, aber nach allem, was sie selbst
gesehen und was ihr andere Leute gesagt, könne sie kaum
mehr daran zweifeln, daß dieselbe in kurzer Zeit stattfinden
werde. ‘Sie wären sehr ungläubig, wollten Sie es bezweifeln,’ sollte es wohl heißen; ‘ich selbst bezweifle es nicht
im Geringsten.’
Nun drängte sich mir die natürliche Frage auf: ‘Wohin soll ich dann gehen?’ Die ganze Nacht träumte ich von
Miß Ingram; in einem lebhaften Morgentraume sah ich sie
das Gitterthor von Thornfield vor mir zuschließen und mir
die Straße weisen und Mr. Rochester schaute mit verschränkten Armen zu und lachte anscheinend spöttisch über mich
und über sie.
Ich hatte Mrs. Fairfax den Tag meiner Ankunft nicht
genau angegeben, denn ich wollte nicht, daß ich von Millcote mit einem Wagen abgeholt würde. Ich beabsichtigte das
Stück Weg bis Thornfield zu Fuße zurückzulegen, und nachdem ich meinen Koffer der Obhut des Hausknechtes anvertraut hatte, huschte ich beiläufig um sechs Uhr Abends zum
Georgswirthshause hinaus und schlug den alten Weg nach
Thornfield ein, einen Weg, der größtentheils durch Felder
hindurch führte und sehr wenig begangen war.
Der Abend war nicht sehr heiter, wiewohl angenehm
und warm. Den ganzen Weg entlang waren die Mähder
mit Grasmähen beschäftigt und der Horizont verkündete, trotz
seiner Wolken, für den nächsten Tag schönes Wetter. Es
freute mich, daß der Weg vor mir immer kürzen wurde und
so lebhaft war meine Freude, daß ich einmal stehen blieb,
um mich zu fragen, was sie zu bedeuten hätte und um mir

zu wiederholen, daß ich weder nach meiner Heimat zuginge,
noch nach einem bleibenden Aufenthaltsorte, noch lieben
Freunden entgegen, die mich mit offnen Armen erwarteten.
‘Mrs. Fairfax wird Dir ganz ruhig ein freundliches Willkommen entgegen lächeln,’ sagte ich, ‘und die kleine Adela
in die Hände schlagen und herumspringen, weil sie Dich
wiedersieht; doch Du denkst an eine andere Person und
weißt doch ganz gut, daß sie sich um Dich durchaus nicht
kümmert.’
Doch was ist eigensinniger als die Jugend? Was blinder als Unerfahrenheit? Diese beiden versicherten, das Vergnügen, Mr. Rochester sehen zu können, sey schon an und
für sich groß genug, selbst wenn er mich gar keines Blickes
würdigte. ‘Eile! eile!’ setzten sie hinzu, ‘bleibe bei ihm,
so lange Du kannst: noch wenige Tage und höchstens Wochen und Du hast ihn für immer verloren!’ Worauf ich
ein neu entstehendes Gefühl, ein ungeformtes Ding, das
ich weder als mein eigen anerkennen, noch unterstützen
mochte, sofort erstickte und schnellen Schrittes vorwärts ging.
Auch auf den Wiesen von Thornfield wird jetzt Heu
gemacht; vielmehr sind die Arbeiter eben mit ihrem Tagewerke fertig geworden und kehren nun mit den Rechen aus
der Achsel nach Hause zurück. Noch ein oder zwei Felder
habe ich zu durchschreiten, dann gehe ich quer über die
Straße und bin am Hofthore. Wie die Hecken so voll Rosen
sind! Doch habe ich keine Seit welche zu pflücken, ich muß
sehen, daß ich bald ins Haus komme. Ich gehe bei einem großen Fliederbusche vorbei, der sich grün oder voll Blüthen über
den Weg neigt, ich sehe den schmalen Steg mit den steinernen Stufen vor mir, ich sehe — Mr. Rochester, der

dort, eine Schreibtafel und eine Bleifeder in der Hand, sitzt
und schreibt.
Nun, er ist wohl kein Gespenst, allein ein jeder Nerv zittert in mir, denn in diesen Augenblicken bin ich meiner
nicht mächtig. Was soll das bereuten? Ich dachte mir nicht,
daß ich bei seinem Anblicke so zittern, in seiner Gegenwart
so sprach- und regungslos werden könnte. Ich will lieber
zurückgehen, sobald ich wieder meine Beine bewegen kann,
ich will mich doch nicht gar so sehr bloß geben. Es führt ja
noch ein anderer Weg zum Hause. Aber ach! und wenn es
noch zwanzig andere Wege gäbe, es nützte mir nichts, denn
Mr. Rochester hat mich bereits gesehen.
‘Holla!’ ruft er und wirft Schreibtafel und Bleifeder von sich. ‘Da sind Sie! Her zu mir, wenn's beliebt!’
Und ich glaube in der That, ich gehe auf ihn los,
obwohl ich nicht weiß, wie mir geschieht uno meiner Bewegungen nicht mehr Herr bin. Mein einziges Bestreben geht
dahin, ruhig zu erscheinen und vor Allem die Muskeln meines Gesichtes zu bemeistern, die sich, wie ich es wohl fühle,
gegen meinen Willen auflehnen und das auszudrücken suchen, was ich sehr zu verheimlichen wünsche. Doch ich habe
einen Schleier — herunter damit, daß ich wenigstens se
viel wie möglich den Anstand wahre.
‘Ist das wirklich Jane Eyre? Sie kommen von Millcote und zu Fuß? Wohl — auch wieder einer Ihrer Streiche. Sie wollen keinen Wagen haben und gleich anderen
Sterblichen über Stock und Stein dahergerollt kommen; es
gefällt Ihnen besser, sich mit der einbrechenden Dämmerung
wie ein Traum oder ein Schatten in Ihre Heimat zu stehlen. Was zum Guckguck haben Sie denn die ganzen vier
Wochen gemacht?’
Ich war bei meiner Tante, Sir, die nun mehr
todt ist.
‘Eine Ihrer gewöhnlichen Antworten! Die Engel
Gottes mögen mich behüten! Sie kömmt aus der andern
Welt, aus der Wohnung der Seligen und erzählt mir es,
während sie mich hier ganz allein bei einbrechender Nacht
trifft. Wenn ich es wagen dürfte, würde ich Sie berühren,
um zu sehen, ob Sie ein Körper oder ein Schatten sind; doch
ich denke, ich könnte wohl eben so gut ein Irrlicht in einem
Sumpfe erhaschen. — Landstreicherin! Landstreicherin!’
fügte er nach einer Pause hinzu. ‘Einen ganzen Monat
bleibt sie von mir weg und denkt gar nicht an mich, ich
will meinen Kopf darauf wetten.’
Wohl hatte ich mir es vorgestellt, wie groß meine
Freude seyn würde, meinen Gebieter wieder zu sehen, wenn
gleich diese Freude durch die Furcht, ihn so bald wieder
verlassen zu müssen und durch die Ueberzeugung, ich sey
seinem Herzen gleichgiltig, bedeutend gedämpft werden mußte.
Doch besaß (wenigstens dachte ich so) Mr. Rochester
eine so unbegrenzte Macht zu beglücken, daß es schon ein
wahres Festmahl zu nennen war, wenn man die wenigen
Krümchen, die er fremden und verlassenen Geschöpfen, wie
zum Beispiele mir, hinstreute, auflesen durfte. Seine letzten
Worte waren Balsam für mein Herz: sie zeigten mir deutlich, daß es ihm nicht gleichgiltig sey, ob er in meinem
Gedächtniß weile oder nicht. Und er nannte Thornfield meine
Heimat! Wollte Gott es wäre der Fall!
Er verließ den schmalen Weg nicht und ich hatte keine

Lust ihn zu ersuchen, mich vorbei zu lassen. Um etwas zu
sagen, frug ich ihn, ob er in London gewesen sey.
‘Wohl! Wahrscheinlich zeigte es Ihnen Ihr zweites
Gesicht?’
‘Mrs. Fairfax schrieb mir es.’
‘Theilte Sie Ihnen auch mit, was ich dort zu besorgen hatte?’
‘Wohl, Sir, und alle Leute wußten es.’
‘Sie müssen sich den Wagen ansehen, Jane, und mir
aufrichtig sagen, ob er für Mrs. Rochester gut genug ist,
und ob sie nicht, auf diese purpurrothen Kissen zurückgelehnt, wie die Königin Boadicea aussehen wird? Ich wollte
nur, ich paßte meinem Aeußeren nach etwas besser zu ihr.
Sagen Sie mir, Sie kleine Fee, können Sie mir vielleicht
einen Talisman, einen Liebestrank oder so etwas dergleichen mittheilen, das mich schön macht?’
‘Das ginge über die Macht der Magie hinaus, Sir.’
Und in Gedanken vertieft fügte ich hinzu: ‘Ein liebendes
Auge ist der beste Talisman, dem erscheinen Sie schön genug; ja, es macht Ihr ernstes Aussehen einen Eindruck, der
mächtiger ist als das flüchtige Wohlgefallen an einer schönen Gestalt.’
Mr. Rochester hatte schon oft meine bloßen Gedanken
mit einem mir unerklärlichen Scharfsinn errathen; in dem
gegenwärtigen Falle beachtete er meine laute unvollständige
Antwort nicht, sondern sah mich blos mit seinem eigenthümlichen Lächeln an, dessen er sich nur bei besondern Gelegenheiten bediente. Er hielt es für zu gut, um für gewöhnlich vergeudet zu werden; es war der wahre Sonnenstrahl des Gefühles — und mit diesem erleuchtete er mich in
diesem Augenblicke.

‘Gehen Sie, Jane,’ sagte er, indem er, um mir
Platz zu machen, auf die Seite trat, ‘gehen Sie nach Hause
und lassen Sie Ihre müden Beine unter dem gastlichen Dache
eines Freundes ausruhen.’
Alles was mir nun übrig blieb, war, ihm stillschweigend zu gehorchen: eines weiteren Zweigesprächs bedurfte es
nicht. Ich überschritt den Steg, ohne ein Wort zu sagen,
und wollte ihn ruhig verlassen. Ein Impuls hielt mich
fest, — eine unsichtbare Macht zwang mich, mich umzudrehen, und ich sagte — oder vielmehr ein unbekanntes
Etnwas sagte an meiner Stelle:
‘Dank, tausend Dank für Ihre große Güte. Es
freut mich ganz außerordentlich, daß ich wieder bei Ihnen
bin. Wo Sie immer sind, dort ist auch meine Heimat,
meine einzige Heimat.’
Und so raschen Schrittes eilte ich fort, daß nicht einmal er mich hätte einholen können, hätte er es auch versucht. Die kleine Adela war ganz außer sich vor Freude,
mich wieder zu sehen. Mrs. Fairfax empfing mich mit ihrer
gewohnten einfachen Herzlichkeit. Leah lächelte und auch
Sophie sprach ihr ‘bon soir’ mit besonderer Wärme aus.
Mich beglückte das ungemein: es gibt kein größeres Glück, als das, von seinen Mitgeschöpfen geliebt zu werden und zu
sehe, daß man ihnen willkommen ist.
Mit vollem Selbstbewußtsein schloß ich den ganzen
Abend hindurch meine Augen vor den Aussichten in die Zukunft verstopfte meine Ohren gegen die warnende Stimme,
die mich an nahe Trennung und kommendes Leid erinnerte.
Als sie mit Theetrinken fertig waren, Mrs. Fairfax ihre Strickerei heraus genommen hatte und Adela auf dem Fußteppich knieend meine Beine umklammert hielt und uns Alle

ein Gefühl wechselseitiger Zuneigung wie ein Ring des
goldenen Friedens umschloß, schickte ich ein leises Gebet zum Himmel empor, er möchte uns nicht sobald von einander
reißen. Als jedoch Mr. Rochester, während wir so da saßen, unangemeldet hereintrat und uns mit besonderem
Wohlgefallen betrachtete, als er bemerkte, die alte Dame
sey ganz glücklich, ihre Ziehtochter wieder bei sich zu haben
und Adelen sähe er es ordentlich an sie sey ‘prete a croquer sa petite maman anglaise’ — da wagte ich es
halb und halb zu hoffen, er würde uns, selbst nach seiner
Vermälung, an irgend einem Orte unter seinem Schutze
beisammen lassen und nicht ganz aus dem Sonnenscheine seiner
Gegenwart verbannen.
Zwei Wochen einer zweideutigen Stille folgten meiner Rückkehr nach Thornfieldhall. Der Vermälung des Herrn
wurde mit keinem Worte gedacht und ich bemerkte auch gar
keine Vorbereitungen dazu fast täglich frug ich Mrs. Fairfax, ob sie darüber schon etwas Bestimmtes wisse, und jedesmal lautete ihre Antwort verneinend. Einmal, meinte
fie. habe sie Mr. Rochester geradezu gefragt, wann er seine
Braut heimzuführen gedächte; er habe ihr jedoch blos mit
einem Scherzworte und einem seiner sonderbaren Blick geantwortet und so wisse sie eigentlich nicht, was sie von
ihm denken solle.
Ueber einen Umstand wunderte ich mich ganz besonders,
daß keine Hin- und Herfahrten zwischen Thornfield und
IngramPark stattfanden. Allerdings betrug die wechselseitige Entfernung an zwanzig Meilen, allein was war das
für einen feurigen Liebhaber? Einem so geübten und unermüdlicher Reiter wie Mr. Rochester mußte der Weg ein
bloßer Spazirritt seyn. Ich fing an Hoffnungen zu nähren,

zu denen ich keineswegs berechtigt war; bald dachte ich, die
Partie habe sich zerschlagen, bald wieder die Leute seyen
überhaupt falsch berichtet gewesen, oder der eine oder beide
Theile hätten ihren Sinn geändert. Ich pflege Mr. Rochester's Gesicht zu betrachten, ob es traurig oder verdrießlich
sey; allein ich dachte die Zeit nicht, wo es so gleichmäßig
heiter und sanft gewesen wäre, als gerade jetzt. Wenn ich
zuweilen in denjenigen Augenblicken, die ich mit Adelen bei
ihm zubrachte, muthlos und traurig wurde, schien sogar
seine fröhliche Laune zuzunehmen Nie hatte er mich übrigens so oft zu sich berufen, nie war er mit mir liebevoller
umgegangen als in diesen Tagen und meine Liebe zu ihm
nahm, leider! mit jeder Stunde an Heftigkeit zu.

Dreiundzwanzigstes Capitel.

Ein herrlicher Sommer erglänzte über Englands Gefilden; eine Reihe der heitersten, wolkenlosesten Tage, wie
sie in solcher Anzahl aufeinander folgend in unserem
meerumflossenen Eilande eine große Seltenheit sind. Es
war, als ob eine Abtheilung italienischer Tage wie ein
Schwarm Bugvögel vom Süden heraufgekommen wäre, um
auf den Felsenklippen Albions auszurasten. Das Heu war
von den Wiesen eingebracht, die Saatfelder um Thornfield
wogten wie die wellenschlagende See, alle Wege und Straßen waren trocken, die Bäume im kräftigsten Laubschmucke; Hecken und Wälder bildeten mit ihrem üppigen Grün
einen bemerkenswerthen Gegensatz zu den sonnenbeschienenen,
abgemähten Wiesen.
Eines Abends war Adela, von Erdbeerensuchen in
den Hecken auf dem Wege nach Hay müde geworden, schon

mit der Sonne zu Rüste gegangen. Ich blieb bei ihr, bis
sie eingeschlafen war, und begab mich dann in den Garten.
Es war gerade die schönste der vierundzwanzig Stunden. Die Last und Hitze des Tages war gewichen, und der
Thau fiel kühlend auf die von den Sonnenstrahlen versengte
Erde herab. Die Sonne war gerade im Westen rein und
glänzend untergegangen und ihr letzter Schein malte purpurn Wald und Hügel und einen Theil des Horizonts. Auch
der östliche Himmel hatte seinen eigenen Reiz in der tiefen
Bläue und dem einzelnen, eben sichtbar werdenden Sterne;
bald mußte ihn auch der Mond schmücken, der sich indessen
noch gar nicht blicken ließ.
Eine Weile ging ich in der Nähe des Gebäudes herum,
allein ein feiner, wohlbekannter Geruch, der einer Cigarre,
kam mir aus einem der Fenster entgegen. Ich sah die Fen-
ster des Bibliothekzimmers offen, ich wußte, daß ich von
dort aus beobachtet werden konnte, und begab mich daher in
den Obstgarten. Kein Winkel in der ganzen Gegend herum
war wohl so einsam und paradiesisch: die Bäume glänzten
im saftigsten Grün, die Blumen prangten in ihrem schönsten Farbenschmucke; an der einen Seite schloß den Garten
eine hohe Mauer vom Hofe, an der andern eine Birkenallee vom Grasplatze ab. Im Hintergrunde befand sich eine
halb morsche Planke, seine einzige Abgrenzung gegen die
einsamen Felder zu; ein geschlängelter, mit Lorbeerbüschen
eingefaßter, unten an einem riesigen Roßkastanienbaum mit
einer runden Bank vorübergehender Pfad führte zu diesem
Breterzaune. Hier konnte man unbemerkt herumwandeln.
Während der Thau fiel, die tiefste Stille herrschte, und die
Dämmerung hereinbrach, dachte ich an die Möglichkeit,
diesen abgeschlossenen Ort öfter besuchen zu können; als ich

jedoch unter Blumen und Obstbäumen umherstreifend, an den obern Theil der Mauer gelangte, welchen Ort der einstweilen aufgegangene Mond beschien, blieb ich betroffen stehen. Es war kein Laut, kein Anblick, der mich erschreckte,
sondern wieder nur der wohlbekannte Geruch.
Die Nachtviolen und die Stabwurz, der Jasmin, die
Nelken und die Rosen hatten bereits ihr Abendopfer an
Wohlgeruch gespendet, dieser Duft kömmt weder von einem Gesträuch, noch von einer Blume her, es ist — ich
weiß es wohl — Mr. Rochester's Cigarre. Ich blicke um
mich und horche. Ich sehe Bäume mit reifenden Früchten
beladen. Ich höre die Nachtigall im benachbarten Holze schlagen. Keine nahende Gestalt ist sichtbar, kein herankommender Tritt hörbar und dennoch nimmt der Geruch an Stärke
zu. Ich muß fliehen. Ich eile zum Pförtchen, das ins Gebüsch hinausführt, und sehe Mr. Rochester eintreten. Ich
schleiche mich beiseits in die Epheulaube; wahrscheinlich
bleibt er nicht lange und wenn ich mich still verhalte, bemerkt er mich nicht.
Doch nein — die Abendzeit gefällt ihm so wohl wie
mir und dieser alte Garten hat für ihn dieselbe Anziehungskraft. Er geht auf und ab, bald einen Stachelbeerstrauch
und dessen pflaumengroße Beeren betrachtend, bald eine
reife Kirsche von der Mauer pflückend, bald sich zu einem
Blumenstocke hinabbeugend, um den Duft einzuathmen und
die Thauperlen an den Blumenblättern zu bewundern. Ein
großer Nachtfalter summt an mir vorbei; er setzt sich auf
eine Pflanze zu Mr. Rochester's Füßen, der ihn sieht und
sich zu ihm neigt, ihn näher zu betrachten.
‘Nun hat er mir den Rücken zugedreht,’ dachte ich,
‘und beschäftigt ist er auch, ich kann ihm also entschlüpfen,
wenn ich leise auftrete.’
Ich setzte den Fuß auf eine Raseneinfassung, um das
Knistern des Sandes auf dem Wege zu vermeiden. Er stand
zwischen den Beeten, etwa eine oder zwei Ellen von der
Stelle entfernt, bei welcher ich vorbei mußte: der Falter
nahm seine Aufmerksamkeit sichtlich in Anspruch. ‘Ich werde
ganz gut fortkommen,’ sagte ich zu mir selber. Als ich jedoch durch den Schatten ging, den seine Gestalt im Mondlichte warf, sagte er ganz ruhig, ohne sich umzudrehen:
‘Jane, kommen Sie und sehen Sie dieses Thier an.’
Ich hatte doch kein Geräusch gemacht, und er hinten
keine Augen — besaß denn sein Schatten Gefühl? Ich erschrak anfänglich, und ging dann auf ihn zu.
‘Betrachten Sie nur seine Flügel,’ fuhr er fort, ‘er
erinnert mich an die westindischen Insecten. In England
sieht man nur selten einen so großen Nachtvogel. Da, jetzt
ist er davon geflogen!’
Der Falter schwirrte durch die Luft, auch ich wollte
mich bescheiden zurückziehen. Doch Mr, Rochester folgte mir,
und als wir beide den Ausgang erreicht hatten, sagte er:
‘Kehren Sie um. In einer so wunderbaren Nacht ist
es eine Schande im immer zu sitzen, und gewiß denkt jetzt
Niemand daran, schon zu Bette zu gehen, wo die Sonne
eben erst unter- und der Mond kaum aufgegangen ist.’
Es ist einer meiner größten Fehler, daß es, obgleich
meine Junge sonst sehr schnell mit einer Antwort da ist,
doch Zeiten gibt, wo sie mich abscheulich im Stiche läßt,
und zwar stets in einem kritischen Augenblicke, wenn es
einer kleinen Ausflucht bedarf, mich einer peinlichen Verlegenheit zu entreißen. Ich hatte keine Lust zu so später

Stunde mit Mr Rochester in den dunklen Gängen des Obstgartens allein herumzuwandeln, aber es fiel mir kein Grund
ein, den ich dagegen geltend machen konnte. Ich folgte ihm
zögernden Schrittes, und dachte mit aller Macht über ein
Mittel nach, mich aus dieser fitzlichen Lage zu befreien,
doch er selbst sah so ernst und gesetzt aus, daß ich anfing
mich meiner Verlegenheit zu schämen. Das Uebel, wenn
ja eines vorhanden und zu fürchten war, mußte auf meiner
Seite seyn, denn sein Gemüth schien sich dessen unbewußt
und ruhig.
‘Jane,’ hob er an, während wir den geschlängelten
Pfad zum Roßkastanienbaume hinabgingen. ‘Thornfield
ist ein angenehmer Sommeraufenthalt, nicht wahr?’
‘Ja, Sir.’
‘Sie müssen es einigermaßen lieb gewonnen haben,
Sie, die Sie Sinn für Naturschönheiten und ein so ausgesprochenes Organ der Anhänglichkeit besitzen.’
‘So ist es, in der That.’
‘Und auch der kleinen Adela sind Sie, wiewohl ich
es nicht gut begreifen kann, wie es kömmt, zugethan,
und sogar die einfache Mrs. Fairfax hat einen Platz in
Ihrem Herzen.’
‘Wohl. Sir; ich bin beiden, noch in verschiedener
Weise, gut.’
‘Es würde Ihnen wohl leid thun, sich von ihnen
trennen zu müssen?’
‘Gewiß.’
‘Schade!’ sagte er und seufzte. ‘So geht es immer in diesem Leben; kaum hat man sich an irgend einen
Ort und seine Bewohner gewöhnt, als auch schon die

Stimme des Schicksals ertönt, und die Reise fortzusetzen
mahnt, weil die Raststunde verstrichen sey.
‘Muß ich fort, Sir?’ frug ich. ‘Muß ich Thornfield verlassen?’
‘Ich denke wohl, Jane. Es thut mir leid, aber es
muß seyn.’
Das war ein harter Schlag für mich, doch ließ ich
mich nicht zu Boden drücken.
‘Nun gut, ich will bereit sevn, sobald ich Marschordre bekomme.’
‘Sie bekommen Sie jetzt, ich muß sie Ihnen heute
Abend geben.’
‘Sie werden sich also vermälen, Sir?’
‘Richtig errathen! Mit Ihrem gewöhnlichen Scharfsinn haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen.’
‘Geschieht es bald?’
‘Sehr bald, meine — Miß Eyre, will ich sagen.
Sie werden sich erinnern, Jane, daß Sie die Erste waren, die mich, nachdem Sie erfahren, ich wolle meine
Junggesellenwirthschaft aufgeben und in den heiligen Ehestand treten, mit Einem Worte Miß Ingram an meinen
Busen drücken (und ein tüchtiges Stück hat man an ihr,
wiewohl man von einer so ausgezeichneten Waare wie
Blanche nie genug haben kann), — daß Sie, sage ich,
die Erste waren, — warum hören Sie mir nicht zu,
Jane? Suchen Sie nach andern Faltern?— daß Sie mich,
sage ich noch einmal, mit der Klugheit, Vorsicht und Demuth, die Ihre verantwortliche und abhängige Stellung erheischt, aufmerksam machten, Sie Beide, nemlich Sie und
Adela, wüßten nach meiner Vermälung davon traben.
Ich übergehe die Beleidigung ; die in dieser Annahme für

meine geliebte Braut liegt, und halte mich blos an die
Klugheit und Zweckmäßigkeit des Vorschlages, die mir so
einleuchten, daß ich sie zur Richtschnur meiner Handlungen gemacht habe. Adela kömmt in eine Erziehungsanstalt,
und Sie treten eine neue Stelle an.
Wohl, Sir! Und ich will gleich morgen meinen Antrag in die Zeitung setzen lassen und mittlerweile —’ Ich wollte hinzufügen: ‘kann ich wohl so lange hier bleiben,
bis ich einen andern Aufenthaltsort gefunden haben werde.’
Allein ich stockte, denn ich fühlte, daß ich mich meiner zitternden Stimme wegen nicht an einen langen Satz wagen
durfte.
‘In beiläufig vier Wochen hoffe ich ein glücklicher
Bräutigam zu seyn,’ fuhr Mr. Rochester fort; ‘und in der
Zwischenzeit will ich mich selbst nach einem Asyl und einer
Stelle für Sie umsehen.’
‘Ich danke Ihnen, Sir; ich bedaure, Sie belästigen —‘
‘Ah! Keine Entschuldigungen, wenn ich bitten darf.
Ich bin der Ansicht, daß, wenn eine bedienstete Person so
wie Sie ihre Pflichten getreulich erfüllt, sie einen gerechten
Anspruch auf ihrer Dienstherren Unterstützung machen darf.
In der That hat mir auch bereits meine angehende Schwiegermama von einer Stelle erzählt, die Ihnen gewiß behagen wird. Es handelt sich um die Erziehung der fünf Töchter der Mrs. Dionysius O’Gall von Bitternut, Lodge
Connaught in Irland. Es wird Ihnen wohl in Irland gefallen, man sagt, die Leute sollen dort sehr gutherzig seyn.’
‘Aber es ist so weit weg.’
‘Macht nichts. Ein so verständiges Mädchen wie Sie
wird wohl gegen die Reise und die Entfernung nichts einzuwenden haben.’

‘Wohl nichts gegen die Reise, doch gegen die Entfernung, und dann liegt auch das Meer zwischen —‘
‘Zwischen was, Jane?’
‘Zwischen dort und England und Thornfield und —‘
‘Nun?’
‘Und Ihnen, Sir!’
Ich sagte dies beinahe unwillkürlich und ganz wider
meinen Willen stürzten mir die Thränen aus den Augen.
Ich weinte indessen nicht laut und vermied es auch, zu
schluchzen. Der Gedanke an Mrs. O’Gall und Bitternut
Lodge fuhr mir wie ein Dolchstich durchs Herz und die
Vorstellung der haushohen Wellen, die sich zwischen mich und
meinen Gebieter, an dessen Seite ich mich jetzt befand, drängen sollten, drückte mich förmlich zu Boden. Doch schrecklicher als Alles war mir der Anblick des gähnenden Abgrundes, den Reichthum, Kastengeist und gesellschaftliche Convenienz zwischen uns gegraben hatten.
‘Der Weg ist weit,' sagte ich wieder.
‘Das ist wahr, und sobald Sie Ihre neue Stelle angetreten haben, werde ich Sie wohl nie wiedersehen, das ist gewiß. Ich selbst komme nie nach Irland hinüber, da
mir die dortige Gegend ganz und gar nicht gefällt. — Wir
waren doch immer gute Freunde, nicht wahr, Jane?’
‘Gewiß.’
‘Und wenn gute Freunde am Vorabende ihrer Trennung stehen, pflegen sie gewöhnlich die kurze Zeit ihres
Beisammenseins in engster Vereinigung zuzubringen. Kommen Sie, wir wollen uns über die Reise und unsere baldige Trennung ganz ruhig besprechen, während die Sterne
am Himmel heller erglänzen. Hier ist der Kastanienbaum

und hier die alte Bank. Setzen wir uns gemächlich nieder, vielleicht ist es zum letzten Male, daß wir neben einander sitzen.’
Wir nahmen Platz.
‘Irland liegt weit von hier, Jane, und es thut mir
leid, meine kleine Freundin auf so unangenehme Reisen
schicken zu müssen. Doch es kann nicht anders seyn und da
muß man sich wohl fügen. Glauben Sie, daß wir mit
einander verwandt sind?’
Ich konnte nicht antworten, mein Herz war zu voll.
‘Denn wenn ich so neben Ihnen sitze, habe ich zuweilen
eine ganz sonderbare Empfindung. Es ist mir als hätte
ich unter meiner linken Rippe ein Band, welches an ein
gleiches Band in Ihrem kleinen Körper eng und fest geknüpft
zu seyn scheint. Und wenn das stürmische Meer und etwa
zweihundert Meilen Land zwischen uns treten, wird wohl,
so fürchte ich, dies Band reißen und ich mich innerlich verbluten. Was Sie anbelangt, so werden Sie mich wohl
vergessen!’
‘Das wird nie geschehen, Sir; Sie wissen —‘ Ich
konnte unmöglich weiter sprechen.
‘Jane, hören Sie die Nachtigall im Gebüsche schlagen?’
Ich horchte und schluchzte krampfhaft, denn nicht länger konnte ich meine Gefühle beherrschen. Ich mußte nachgeben und meinem Schmerz freien Lauf lassen. Als ich wieder im Stande war einige Laute hervorzubringen, geschah
es nur, um den Wunsch auszusprechen, ich wäre nie geboren worden, oder ich hätte Thornfield nie gesehen.
‘Weil es Sie schmerzt, es verlassen zu müssen?’
Die Heftigkeit meiner Aufregung, durch meinen Schmerz
und meine Liebe noch mehr angefacht, suchte die Oberhand

zu gewinnen und hervorzubrechen. Es gelang ihr endlich,
sie beherrschte mein Inneres, meine Nerven und meine
Sprache.
‘Wohl schmerzt es mich, Thornfield verlassen zu müssen,
denn es ist mir werth und theuer; ich habe hier, wenn
auch nur für Augenblicke, ein glückliches, freudiges Daseyn
verlebt. Ich fühlte mich nicht gedrückt, ich brauchte nicht
von Holz und Stein zu scheinen. Ich war nicht mit alltäglichen Menschen lebendig begraben und von jedem geistigen
Umgang abgeschlossen. Ich konnte mit einem Manne sprechen, den ich verehrte, dessen kräftiger, origineller, hochgebildeter Geist mich entzückte. Mit Einem Worte, ich lernte
hier Sie kennen und kann nun den Gedanken nicht ertragen,
Sie für immer verlassen zu müssen. Ich sehe die Nothwendigkeit meiner Entfernung ein, doch, nicht anders, als man
die Unvermeidlichkeit des Sterbens begreift.’
‘Und worin liegt diese Nothwendigkeit?’ frug er
plötzlich.
‘Worin? Sie selbst haben mir sie vor Augen gestellt.’
In welcher Gestalt?’
‘In der Gestalt Miß Ingram's, einer edlen und schönen Dame, Ihrer Braut.’
‘Meiner Braut? Was für eine Braut? Ich habe keine Braut.’
‘Doch Sie werden eine haben.’
‘Ja wohl, das will ich, — das will ich!’ Er knirschte
mit den Zähnen.
‘Dann muß ich fort von hier; — Sie sagten es ja s
selbst.’
‘Nein, Sie bleiben! Ich schwöre es Ihnen und werde
meinen Eid halten.’

‘Und ich sage Ihnen, ich muß gehen!’ erwiederte ich
mit einiger Leidenschaftlichkeit. ‘Glauben Sie wohl, ich kann
hier bleiben, wenn ich Ihnen gar nichts mehr bin? Halten Sie
mich für einen Automaten, eine Maschine ohne Gefühl?
Denken Sie, ich kann es ertragen, daß man mir meinen
Bissen Brot vom Munde wegschnappt, den Trunk Quellwasser aus meinem Becher verschüttet? Glauben Sie, daß
ich, weil ich arm, von geringem Stande, nicht hübsch und
unansehnlich bin, weder Herz noch Seele besitze? — Sie
irren sich! — Ich habe beides so gut wie Sie! Und hätte
mir Gott ein wenig Schönheit und viel Reichthum beschert,
ich hätte Ihnen den Abschied von mir ebenso schwer zu machen gewußt, wie es mir jetzt schmerzlich ist, Sie verlassen
zu müssen. Mit Außerachtlassung der gewöhnlichen gesellschaftlichen Formen, selbst mit Hintansetzung meiner sterblichen Hülle spreche ich nun zu Ihnen: es ist mein Geist,
der sich an den Ihrigen wendet, gleich als hätten Beide unsere Körper verlassen, und wir stünden nun vor Gottes Throne,
einander gleich, wie wir es in der That auch sind!’
‘Wie wir es in der That auch sind!’ wiederholte
Mr. Rochester; — ‘so,’ fügte er hinzu, mich umarmend,
an seine Brust ziehend, seine Lippen auf die meinen drückend, ‘so ist's recht, Jane!’
‘So und auch nicht so,’ versetzte ich; ‘denn Sie sind
vermält oder doch so gut wie vermält, — einer Person verlobt, die tief unter Ihnen steht, an die Sie keine Neigung
kettet, die Sie gewiß nicht wahrhaft lieben, denn ich sah
es, wie Sie ihrer spotteten. Eine solche Verbindung ist
mir verächtlich, ich bin besser wie Sie und darum — lassen
Sie mich gehen.’
‘Wohin, Jane, nach Irland?’

‘Wohl — nach Irland. Ich habe mich ausgesprochen
und kann nun wo immer hin gehen.
‘Seyen Sie ruhig, Jane! Schlagen Sie nicht so um
sich, wie ein scheu gewordener Vogel der sich in der Verzweiflung sein eigenes Gefieder ausrupft.’
‘Ich bin kein Vogel und kein Käfig hält mich gefangen. Ich bin ein freies menschliches Wesen mit einem unabhängigen Willensvermögen, welches sich eben jetzt darin
äußert, daß ich Sie verlasse.’
Eine gewaltige Anstrengung meiner Hände entriß mich
seiner Umarmung und ich stand aufrecht vor ihm da.
‘Und Ihr Wille soll über Ihr eigenes Schicksal entscheiden,’ sagte er. ‘Ich biete Ihnen meine Hand und mein,
Herz und einen Theil meines sämmtlichen Vermögens an.’
‘Sie spielen Komödie, das macht mich lachen!’
‘Sie sollen an meiner Seite durch's Leben wandeln,
mein zweites Ich, meine einzige Gefährtin auf dieser
Erde seyn.’
‘In dieser Beziehung haben Sie schon Ihre Wahl getroffen und müssen nun dabei bleiben.’
‘Verhalten Sie sich eine Weile ruhig, Jane; Sie
sind zu aufgeregt. Auch ich will still seyn.’
Ein leiser Windhauch wehte durch die Lorbeerbüsche
und die Zweige des Kastanienbaumes, und erstarb in der weiten Ferne. Der Gesang der Nachtigall tönte allein durch
die Stille der Nacht; den süßen Tönen lauschend, brach
ich von Neuem in Thränen aus. Mr. Rochester saß ruhig
da und blickte mich sanft und ernst an. Einige Zeit verging,
bevor er wieder seinen Mund öffnete; dann sagte er:
‘Setzen Sie sich neben mich, Jane, wir wollen uns
verständigen und ins Klare kommen.’

‘Nie komme ich wieder an Ihre Seite; ich habe mich
von Ihnen losgerißen und kann nicht wiederkehren.’
‘Aber ich rufe Sie als meine Braut zu mir, denn
nur Sie will ich heirathen.’
Ich sprach kein Wort; ich dachte er spotte meiner.
‘Kommen Sie, Jane, kommen Sie.’
‘Ihre Braut steht zwischen uns.’
Er erhob sich und trat auf mich zu. ‘Meine Braut ist
hier, sagte er, mich zu sich auf die Bank ziehend, ‘denn
nur sie ist mir geistig ebenbürtig, mir gleich. Jane, wollen Sie mich zum Manne nehmen?’
Noch immer antwortete ich nicht, noch immer versuchte ich es, mich seiner Umarmung zu entwinden, denn
ich konnte nicht glauben, was er mir sagte.
‘Zweifeln Sie an mir, Jane?’
‘Ganz und gar.’
‘Sie haben kein Vertrauen zu mir?’
‘Nicht das mindeste.’
‘Halten Sie mich für einen Lügner?’ frug er mit
Heftigkeit. ‘Sie sollen überzeugt werden, kleine Zweiflerin. Welche Liebe habe ich für Miß Ingram? Keine, wie
Sie selbst wissen. Welche Zuneigung hat sie für mich? Auch
keine, wofür ich volle Beweise habe. Ich verbreitete nemlich das Gerücht, mein Vermögen betrage um volle zwei
Drittheile weniger, als man allgemein glaube. Es kam ihr
auf meine Veranlassung zu Ohren, und als ich sie darauf
besuchte, um mich selbst von der Wirkung zu überzeugen,
wurde mir von Mutter und Tochter ein äußerst frostiger
Empfang. Ich wollteund konnte — Miß Ingram nicht
heirathen. Nur Sie liebe ich, Sie wunderbares, fast überirdisches Wesen, Sie armes, verlassenes, unansehnliches

und nichts weniger als schönes Geschöpf, und bitte Sie,
meine Hand anzunehmen.
‘Mich lieben Sie?? rief ich, aus seinem ernsten Aussehen, noch mehr aber aus seiner Unhöflichkeit auf die
Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen schließend; ‘mich, die
ich außer Ihnen, wenn Sie es in der That sind, keinen
Freund auf der Welt habe, außer dem Gehalte, den Sie
mir geben, keinen Schilling mein nenne?’
‘Ja, Sie, theure Jane. Ich muß Sie besitzen. Sie
ganz besitzen. Wollen Sie mir angehören? Sagen Sie
schnell ja!’
‘Lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen, Mr. Rochester;
wenden Sie es dem Mondlichte zu.’
‘Warum das?’
‘Damit ich in Ihren Zügen lesen kann.
Ihr Wille geschehe; doch werden Sie mein Antlitz
schwerlich besser entziffern können, als ein altes, halb verwischtes Pergament. Lesen Sie, aber sputen Sie sich, denn
ich leide.’
Sein Gesicht war sehr geröthet und der Ausdruck desselben ein sehr bewegter. Die Muskeln zuckten fieberhaft und
die Augen sprühten Funken.
‘Jane, Sie martern mich!’ rief er aus. ‘Sie quälen
mich mit diesem prüfenden, doch treuherzigen und freundlichen Blicke.’
‘Wie ist dies möglich? Wenn Sie wahr sprechen und
Ihr Anerbieten ehrlich gemeint ist, können nur Dankbarkeit und Hingebung mein Herz erfüllen, und der Ausdruck dieser Gefühle kann für Sie wohl kaum peinlich seyn.’
‘Dankbarkeit!’ schrie er und setzte in beinahe mildem

Tone hinzu, ‘schlagen Sie schnell ein, Jane. Sagen Sie:
Eduard — nennen Sie mich bei meinem Vornamen —
Eduard, ich will Sie heirathen.’
‘Ist es Ihr voller Ernst? — Lieben Sie mich wirklich? — Wünschen Sie es von ganzem Herzen, daß ich Ihr Weib werde?’
‘Gewiß; und wenn es eines Eides bedarf, so schwöre
ich es Ihnen.’
Wenn es so ist, Sir, hier meine Hand darauf, ich will Sie heirathen.’
‘Nennen Sie mich Eduard, mein kleines Weibchen.’
‘Theurer Eduard!’
‘Kommen Sie zu mir, kommen Sie ganz zu mir
her,' sagte er und mit seinem herzlichsten Tone, seine
Wange an die meinige gepreßt, flüsterte er mir ins Ohr:
‘Machen Sie mich glücklich, auch ich will Sie beglücken.’
‘Gott wird mir vergeben,’ hob er nach einer Pause
wieder an, ‘und Menschen dürfen uns nicht trennen: ich
habe Sie und halte Sie fest.’
‘Es hat Niemand etwas darein zu reden, ich habe keine Verwandten um ihre Einwilligung zu befragen.’
‘So ist es am besten,’ meinte er.
Hätte ich ihn weniger geliebt, das zügellose, wilde Frohlocken, welches sich im Tone seiner Stimme, im Feuer seiner Blicke kundgab,
wäre mir gewiß aufgefallen; doch, neben ihm sitzend und vom Alpdrücken der Trennungsschmerzen zu den paradiesischen
Freuden der gänzlichen Vereinigung erwacht, dachte ich nur
an die grenzenlose Glückseligkeit, die ich nun in vollen Zügen schlürfen konnte. Wieder und immer wieder frug er:
‘Sind Sie glücklich, Jane?’ Und wieder und immer wieder antwortete ich mit einem freudigen: ‘Ja.’ Worauf er

dann leise vor sich hinflüsterte: 'Es wird mit vergeben werden, — es wir mir vergeben werden. Habe ich sie nicht
schuld- und freundlos und ohne Trost gefunden? Will ich
sie nicht beschützen und lieben und trösten? Wohnt nichts
Liebe in meinem Herzen und Beständigkeit in meiner Seele?
Das soll vor Gottes Richterstuhle meine Sühne seyn. Ich
weiß es, daß mein Schöpfer meine Handlungsweise billigt.
Um das Urtheil der Welt kümmere ich mich nicht: der öffentlichen Meinung trotze ich.’
Doch wo war indessen der heitere Nachthimmel hingekommen? Noch war der Mond nicht untergegangen und doch
saßen wir in tiefer Finsterniß, daß ich kaum mehr meines
Gebieters Gesicht sehen konnte. Und was war dem Kastanienbaume geschehen? Er schwankte hin und her und seine
Aefte ächzten, während ein heftiger Sturmwind durch die
Lorbeersträuche herübersauste.
‘Wir müssen ins Haus treten,’ sagte Mr. Rochester, ‘das Wetter ändert sich. Gerne wäre ich mit Dir bis zum
Morgen sitzen geblieben, Jane!’
‘Auch ich mit Ihnen,’ dachte ich im Stillen. Ich
wollte es eben laut sagen, als ein heftiger Blitzstrahl eine
Wolke zertheilte, die ich gerade ansah; ein Donnerschlag
folgte und ich beeilte mich meine geblendeten Augen hinter
Mr. Rochester's Rücken zu schützen. Der Regen floß nun
in Strömen. Er zog mich den Gang entlang rasch ins Haus
hinein, doch waren wir schon fadennaß, ehe wir noch die
Schwelle überschritten hatten. In der Vorhalle na hm er
meinen Shawl ab und wischte das Wasser aus meinen fliegenden Haaren, als Mrs. Fairfax aus einer Stube heraus
trat. Anfangs bemerkte sie weder ich noch Mr. Rochester.
Die Lampe brannte, die Wanduhr wies Mitternacht.

‘Machen Sie, daß Sie Ihre nassen Kleider herunter
bekommen,’ sagte er, ‘und nun gute Nacht — gute Nacht,
meine süße Seele!’
Er küßte mich wiederholt. Als ich aufblickte und mich
seinen Armen entriß, stand die alte Dame blaß, ernst und
wie vom Donner gerührt vor mir. Ich lächelte ihr blos zu und
lief die Treppe hinauf. ‘Eine Aufklärung verspare ich mir für
eine gelegentlichere Zeit,’ dachte ich. In meinem Zimmer
angelangt schrak ich dennoch vor dem Gedanken zurück, die gute
Frau möchte das eben Gesehene, wenn auch nur für eine kurze
Weile, falsch auslegen. Allein die Freude meines Herzens
überwältigte sofort alle andern Gefühle und so nahe auch
der Donner krachte, so heftig und so schnell ein Blitz auf
den andern folgte, so sehr auch der Regen während des zwei
Stunden anhaltenden Ungewitters herunterströmte, ich empfand weder Furcht noch Angst. Dreimal kam Mr. Rochester an meine Thür, sich nach meinem Befinden zu erkundigen und das stärkte mich und gab mir Muth für Alles.
Bevor ich noch am nächsten Morgen mein Bett verlassen hatte, kam die kleine Adela in meine Stube gehüpft
und erzählte mir, der Blitz habe in der verwichenen Nacht
in den großen Kastanienbaum im Obstgarten eingeschlagen und den Stamm zersplittert.

Vierundzwanzigstes Capitel.

Beim Aufstehen und Ankleiden dachte ich über das Geschehene nach und hielt es beinahe für einen Traum. Ich
konnte nicht eher an die Wirklichkeit des Ereignisses glauben, bis ich Mr. Rochester wieder gesehen und seine Liebesbetheuerungen und sein Versprechen von Neuem gehört hatte.

Während ich mir das Haar machte, besah ich mich im Spiegel und fand, ich sey nicht mehr häßlich. Die Hoffnung verschönerte mein Gesicht und die Freude hatte es lebhaft geröthet: meine Augen sahen aus, als hätten sie den
Quell des Genusses betrachtet und sich ben Glanz seiner krystallenen Fluten erborgt. Sehr oft war es mir sonst unangenehm gewesen, meinen Gebieter ansehen zu müssen, weil
ich fürchtete, mein Anblick könne ihm unmöglich gefallen;
doch jetzt, ich fühlte es zu gut, durfte ich ihm kühn ins
Auge sehen, ohne daß es seiner Neigung zu mir Eintrag
that. Ich nahm ein einfaches, doch sauberes und leichtes
Sommerkleid aus meiner Schublade und legte es an; es
kam mir vor als hätte mich noch nie ein Anzug so vortheilhaft gekleidet, wohl, weil ich noch nie einen in solch
freudiger Stimmung angehabt.
In der Vorhalle hinunterlaufend erstaunte ich durchaus
nicht, daß ein glänzender Junimorgen dem nächtlichen Unwetter gefolgt war, daß mir durch die offene Glasthür eine
frische würzige Luft entgegen wehte. Auch die Natur mußte
freundlich lächeln, da ich mich selbst so glücklich fühlte.
Eine Bettlerin und ihr kleiner Junge, beide blaß und abgerissen, kamen den Weg entlang und ich lief ihnen entgegen
und gab ihnen alles Geld, das ich gerade bei mir hatte,
etwa drei bis vier Schillinge; wohl oder übel mußten sie
meinen Jubel theilen. Die Krähen krächzten, die Singvögel sangen, doch nichts in der Welt klang fröhlicher
und melodischer, als der rasche Schlag meines übervollen
Herzens.
Mrs. Fairfax, die traurig und ernst zu einem der
Fenster heraus blickte, bemerkte mich und rief mir zu, ‘ob
ich nicht zum Frühstück kommen wollte.’ Während des

Mahles war sie kalt und gemessen, doch durfte ich ihr noch
keine Erklärung geben. Ich mußte warten bis es Mr. Rochester selbst that. Ich aß etwas Weniges und eilte dann die Treppe hinauf. Ich begegnete Adelen, die aus dem Lehrzimmer kam.
‘Wohin gehen Sie? Wir müssen unsere Stunde abhalten.’
‘Mr. Rochester schickt mich zu Sophien hinunter.’
‘Wo ist er?’
‘Dort,’ auf das Gemach zeigend, welches sie eben
verlassen hatte. Ich trat hinein und da stand er auch.
‘Kommen Sie und bieten Sie mir einen guten Morgen,’ sagte er. Ich hüpfte fröhlich auf ihn zu, denn nun
handelte es sich nicht weiter um kalte Worte oder einen bloßen Händedruck, sondern um eine Umarmung und um einen
Kuß. Es schien mir ganz natürlich, von ihm geliebt und
geliebkost zu werden.
‘Sie sehen rosig und lächelnd und hübsch aus,’ sagte
er; ‘wirklich hübsch. Ist das noch die kleine blasse Elfe,
das Käsegesichtchen von ehedem? Dieses Mädchen hier, mit
dem strahlenden Gesichte, den Wangengrübchen, den rosigen
Lippen, den braunen Haaren, weich und glänzend wie
Seide, und den glänzenden braunen Augen?’ (Ich hatte
grüne Augen. lieber Leser, doch man muß ihm seinen
Irrthum zu Gute halten, ihm erschienen sie wahrscheinlich
in einem andern Lichte.)
‘Es ist Jane Eyre, Sir.’
‘Und bald Jane Rochester,’ versetzte er; ‘in vier
Wochen, Jane, nicht einen Tag später. Hören Sie?’
Ich hörte es, und konnte es kaum begreifen. Mir
schwindelte ordentlich. Das Gefühl, welches mich bei dieser

Eröffnung durchzuckte, war bewältigender, als es sonst die
Freude zu seyn pflegt, — es schlug mich so zu sagen zu
Boden und machte mich starr: fast däuchte es mir Furcht
zu seyn.
‘Sie erröthen und nun werden Sie blaß, Jane;
was soll das bedeuten?’
‘Weil Sie mir einen andern Namen beilegten Jane
Rochester. Es klingt so sonderbar!’
‘Wohl, Mrs. Rochester,’ sagte er, ‘die junge Mrs.
Rochester, Fairfax-Rochester's Braut.’
‘Das geht nicht an, Sir; es ist zu unwahrscheinlich.
Der Mensch kann sich hiernieden nie eines vollkommenen
Glückes erfreuen, und ich bin am wenigsten zu einem, von
der gewöhnlichen Laufbahn der Mädchen meines Standes
verschiedenen Schicksale auserkoren. Der Gedanke, daß mir
ein solch beneidenswerthes Loos zu Theil würde, kömmt
mir wie ein ein Märchen, wie ein Traum vor.’
‘Den ich verwirklichen kann und verwirklichen will.
Ich werde gleich heute damit beginnen. Diesen Morgen
schrieb ich bereits meinem Londoner Bankier, er möchte mir
die Juwelen schicken, die er zur Aufbewahrung bei sich hat
und die ein Erbstück der Ladies von Thornfield sind. Ich
hoffe sie Ihnen in ein oder zwei Tagen in Ihren Schooß
schütten zu können, denn Sie sollen mit derselben Auszeichnung, mit all der Aufmerksamkeit behandelt werden, die ich
einer hochadeligen Dame angedeihen ließe, wenn ich im Begriffe wäre zu heirathen.’
‘O, sprechen Sie nicht von Juwelen. Sir! — Ich
kann nicht einmal davon reden hören. Juwelen für Jane
Eyre! das klingt unheimlich und unnatürlich: es ist mir
lieber ich habe keine.’

‘Ich selbst will Ihnen das Halsband von Brillanten
anlegen und das Diadem in die Stirne drücken, der es gebührt, da sie die Natur selbst mit dem Ausdrucke des Geistesadels schmückte. Ich will die zarten Handgelenke in Armspangen zwängen und die feinen feenartigen Finger mit
Ringen bestecken.’
‘Nein, Nein! Denken Sie an andere Dinge und sprechen Sie in einem andern Tone. Reden Sie nicht von mir
als wäre ich eine Schönheit; ich bin ja doch nur Ihre einfache, quäkerhafte Gouvernante.’
‘In meinen Augen sind Sie eine Schönheit, und eine Schönheit nach dem Wunsche meines Herzens: zart und luftig.’
‘Schwächlich und unansehnlich, wollen Sie sagen. Sie träumen oder Sie spotten. Um Gottes willen, nur keine
Ironie!’
‘Und auch die Welt soll Ihre Schönheit anerkennen,’
fuhr er fort, während mir bei seinen Worten wirklich unheimlich wurde, denn ich begriff, daß er entweder sich selbst
oder mich zu täuschen suchte. ‘Ich will meine Jane in Sammt
und Seide kleiden und ihr Rosen ins Haar stecken, und dies
Gesicht, das ich über Alles liebe, soll ein unschätzbaren
Schleier bedecken.’
‘Dann werden Sie mich nicht mehr kennen, Sir, und
ich nicht länger Ihre Jane Eyre seyn, sondern ein Affe in
einer Narrenjacke, — ein Holzhäher mit erborgten Federn
geschmückt. Ebenso gerne möchte ich Sie in Theaterflitter
angeputzt sehen, als mich in der Kleidung einer Hofdame.
Und ich nenne Sie nicht schön, Sir, obwohl Sie mir unendlich theuer sind, zu theuer, als daß ich Ihnen Schmeicheleien sagen könnte. Thuen Sie es doch auch nicht.’

Indessen verfolgte er dieses Thema, ohne meine Bitten zu beachten, in der begonnenen Weise. ‘Noch heute fahren
Sie mit mir nach Millcote und suchen sich einige Kleider
aus. Ich sagte Ihnen, unsere Vermälung finde in vier Wochen statt. Wir lassen uns in aller Stille trauen und dann entführe ich Sie sofort nach der Residenz. Dort halten
wir uns eine kurze Zeit auf, worauf ich meinen Schatz nach
sonnigeren wärmeren Gegenden, nach den Weingärten Frankreichs und den Ebenen Italiens bringe; und Alles was es
an Alterthümern und an Wundern der Neuzeit Merkwürdiges gibt, soll mein Herzensweib sehen und auch das großstädtische Leben kosten, damit sie durch den Vergleich mit
Andern sich selber schätzen und richtig beurtheilen lerne.’
‘Ich soll also reisen, und mit Ihnen, Sir?’
‘Wir werden uns in Paris, Rom und Neapel, in
Florenz, Venedig und Wien aufhalten. Alle die Länder,
die ich schon einmal durchreite, werden auch Sie besuchen,
und alle die Orte, die mein schwerer Tritt betrat, muß nun
auch Ihr Sylphidenfuß betreten. Vor zehn Jahren durchflog
ich Europa in halbem Wahnsinn; Ekel, Haß und Wuth
waren meine Begleiter: nun will ich geheilt und reinen
Herzens, mit einem tröstenden Engel zur Seite, alle diese
Gegenden wieder besuchen.’
Ueber diese Worte mußte ich lachen. ‘Ich bin kein Engel,’ sagte ich, ‘und will auch keiner seyn, so lange ich
lebe; ich will ich selbst bleiben. Sie dürfen etwas Himmlisches weder von mir erwarten, noch verlangen, Mr. Rochester — Sie würden es bei mir eben so wenig finden, als
ich bei Ihnen. Indessen mache ich mir wenigstens keine Rechnung darauf.’
‘Welche Erwartungen hegen Sie denn von mir?’

‘Eine kurze Zeit, eine sehr kurze Zeit werden Sie vielleicht so bleiben, wie Sie jetzt sind, dann werden Sie
kälter, dann grillig und endlich barsch werden, und ich
werde mir viele Mühe geben müssen, Ihnen zu gefallen.
Sobald Sie indessen eine längere Gewohnheit an mich gefesselt haben wird, werden Sie mir wieder gut seyn —
verstehen Sie wohl, mir gut seyn, nicht, mich lieben. Meiner Meinung nach wird Ihre Liebe in einem halben Jahre oder noch weit früher verraucht seyn. Wenigstens
habe ich noch in allen Büchern gelesen, daß dieses die längste
Dauer sey, auf welche sich die heiße Liebe eines Ehemannes auszudehnen pflegt. Doch als Freundin und Gesellschafterin hoffe ich wohl meinem theuren Herrn nie ganz zu
mißfallen.’
‘Sie mir mißfallen! ich Ihnen blos gut seyn! Noch
nach Jahren werden Sie mir das Zeugniß geben, daß ich
Ihnen nicht allein gut bin, sondern daß ich Sie liebe —
wahr, innig und beständig liebe.’
‘Haben Sie keine Launen?’
‘Bei Weibern, die mir nur durch ihr Gesicht gefallen,
bin ich ein wahrer Satan, sobald ich ausfindig gemacht
habe, daß sie weder Geist noch Herz besitzen — sobald sie
mir die Aussicht auf Flachheit, Alltäglichkeit, vielleicht
sogar auf Albernheit, Gemeinheit und Bosheit eröffnen,
allein dem klaren Auge, der beredten Junge, der Feuerseele, dem schmiegsamen, doch festen Charakter bleibe ich
stets zärtlich zugethan.’
‘Kam Ihnen je ein solcher Charakter vor? Liebten
Sie schon einmal ein solches Weib?’
‘Ich liebe es jetzt.’
‘Doch vor mir, meine ich: wenn Sie denn durchaus

glauben, daß ich diesem Muster der Vollkommenheit entspreche.’
‘Nie kam mir ein Mädchen wie Sie vor, Jane.
Sie gefallen mir, und Sie beherrschen mich; Sie scheinen
sich zu fügen, und ich liebe diese Fügsamkeit, und während ich den Seidenfaden um den Finger wickle, sendet er
gleichsam einen elektrischen Schlag durch den Arm nach meinem Herzen. Sie haben einen großen Einfluß auf mich gewonnen, mich erobert; und dieser Einfluß thut mir so wohl,
wie ich es gar nicht sagen kann, und das Joch, unter welches mich mein weiblicher Eroberer gebracht, übt einen
Zauber auf mich aus, der mir höher gilt als tausend
Triumphe. Warum lächeln Sie, Jane? Was soll der unerklärliche, fast spöttische Ausdruck in Ihrem Gesichte?’
‘Ich dachte — Sie verzeihen schon, der Gedanke kam mir unwillkürlich — ich dachte an Herkules und Simson und ihre Huldinnen —‘
‘Wirklich? Sie kleine Fee!’
‘Still, Sir! Sie sprechen eben jetzt nicht sehr klug,
so wenig als die erwähnten Herren klug handelten. Hätten
sie indessen ihre Geliebten geehelicht, sie hätten durch ihre
Strenge als Ehemänner ihre Nachgiebigkeit als Freier hinlänglich aufgewogen, und ich fürchte, Sie werden ein Gleiches thun. Ich möchte wissen, welche Antwort Sie mir von
heute in einem Jahre ertheilen werden, wenn ich Sie um
eine Gefälligkeit ersuche, die zu erfüllen Sie gerade nicht
bei Laune sind.’
‘Ersuchen Sie mich jetzt um Etwas, das Erste, Beste
— ich will mich gerne bitten lassen —‘
‘Gut, Sir; ich habe mein Bittgesuch in Bereitschaft.’

‘Sprechen Sie! Doch wenn Sie mich anblicken, und
mir, wie gerade jetzt, zulächeln, sage ich Ihnen am Ende
im Voraus Gewährung zu, ohne zu wissen, um was
es sich handelt, und das wäre wohl sehr voreilig von mir.’
‘Keineswegs, Sir; ich habe nur die Eine Bitte zu stellen: lassen Sie die Juwelen nicht kommen, und stecken
Sie mir keine Rose ins Haar. Ebenso gut könnten Sie Ihr
einfaches Taschentuch mit goldenen Spitzen einsäumen
lassen.'
‘Ich möchte ebenso gut feines Gold vergolden wollen.
Ich weiß das: Ihre Bitte sey Ihnen gewährt — doch nur
für jetzt. Ich will den Auftrag, den ich meinem Bankier
zugehen ließ, widerrufen. Aber Sie haben ja noch um nichts
gebeten; Sie haben mich blos ersucht, ein Geschenk zurückzunehmen. Bringen Sie eine andere Bitte vor.’
‘Nun wohl, Sir; haben Sie die Güte meine Neugierde zu befriedigen, die in einer Hinsicht sehr gereizt ist.’
Er wurde verlegen. ‘Wie? was?’ versetzte er hastig.
‘Die Neugier ist eine gefährliche Bittstellerin. Gut daß
ich mich noch nicht verpflichtet habe, Ihnen eine jede Bitte
zu gewähren.’
‘Doch es kann keine Gefahr dabei seyn, diesem einen
Ansuchen zu willfahren.’
‘Wohlan, sprechen Sie es aus, Jane: aber ich
wünschte, es wäre statt von der bloßen Erforschung eines
Geheimnisses, von der Schenkung meines halben Vermögens die Rede.'
‘Ei, König Ahasverus! Was soll ich mit Ihrem
halben Vermögen? Glauben Sie ich bin ein jüdischer

Wucherer, der nach einer vortheilhaften Belohnung mit
Ländereien sucht? Ihr ganzes Vertrauen wäre mir weit lieber. Sie werden mich doch von selbem nicht ausschließen
wollen, da Sie mir Ihr Herz schenken?’
‘Mein ganzes, mein ungetheiltes Vertrauen sollen
Sie haben, Jane, soweit es Ihnen wünschenswerth erscheinen kann; tragen Sie nur um Gottes willen kein Verlangen
nach einer nutzlosen, zentnerschweren Bürde! Wollen Sie Fein Gift, werden Sie mir keine zweite Eva!’
‘Warum nicht, Sir? Sie sagten ja eben wie angenehm es Ihnen ist, besiegt zu werden, und wie gerne Sie
sich bereden lassen. Denken Sie nicht, daß es sich der Mühe
verlohnt, von Ihrem Bekenntniß Nutzen zu ziehen, Ihnen
zu schmeicheln, Sie zu bitten — wenn nöthig auch zu weinen und zu schmollen — blos um meine Macht zu versuchen?’
‘Machen Sie einen solchen Versuch. Seyen Sie unbescheiden, anmaßend und wir haben ausgeredet.’
‘In der That, Sir? Sie sind leicht böse zu machen.
Wie wild Sie nun aussehen! Ihre Kopfadern sind so dick
wie mein Daumen, und auf Ihrer Stirne lagert ein dräuendes Ungewitter. So werden Sie wohl nach der Trauung
aussehen, nicht wahr?’
‘Wenn Sie nach unserer Vermälung so aussehen wie in diesem Augenblicke, muß ich als ein guter Christ
den Gedanken aufgeben, mich mit einem solchen Kobold
oder einem Salamander zu verbinden. Doch was wollten Sie
von mir wissen? Heraus damit, neugieriges Geschöpf!’
‘So, nun sind Sie nichts weniger als artig, und Barschheit ist mir lieber als Schmeicheleien. Ich bin weit
eher ein neugieriges Geschöpf, als ein Engel und wollte
Sie nur fragen, warum Sie sich so viel Mühe gaben, mir

glauben zu machen, als wollten Sie Miß Ingram heirathen?’
‘Ist das Alles? Gott sey Dank, daß es nichts Schlimmeres ist!’ Und seine Stirne glättete sich und er sah mich
lächelnd an, und streichelte mir das Haar, als wäre er erfreut einer Gefahr entronnen zu seyn. ‘Ich muß wohl
beichten,’ fuhr er fort, ‘selbst auf die Gefahr hin, Sie
böse zu machen, liebe Jane — wiewohl ich es erfahren hatte
wie Sie wettern können, wenn Sie unmuthig sind. Sie
sprühten in jener mondhellen Nacht wirklich Feuer, als Sie
sich gegen Ihr Schicksal auflehnten und erklärten, auf gleicher Stufe mit mir zu stehen. Im Vorbeigehen gesagt waren Sie es, die um mich warb.’
‘So ist es. Doch zur Sache, wenn es Ihnen beliebt.’
‘Nun, ich machte Miß Ingram den Hof, weil ich
Sie ebenso verliebt in mich machen wollte, wie ich es in Sie war, und weil ich wußte, die Eifersucht sey hiezu das beste Mittel.’
‘Vortrefflich! Wie klein Sie nun in meinen Augen erscheinen, nicht größer als mein kleiner Finger. Schmach
und Schande über Sie, daß Sie so handeln konnten! Dachten Sie denn gar nicht an Miß Ingram's Gefühle?’
‘Ihre Gefühle vereinigen sich in einem einzigen —
ihrem Stolze , und der muß gedemüthigt werden. Waren Sie eifersüchtig, Jane?’
‘Lassen wir das, es kann Ihnen nun gleichgiltig
seyn. Beantworten Sie mir lieber noch eine Frage. Glauben
Sie, Miß Ingram werde unter Ihrer unehrenhaften Coketterie nicht zu leiden haben? Wird sie sich nicht verspottet,
verlassen fühlen?’

‘Unmöglich Ich sagte Ihnen ja, daß sie es war,
die sich von mir lossagte. Die Vorstellung meiner Zahlungsunfähigkeit kühlte oder löschte vielmehr ihre Flammen in
einer Minute.’
‘Sie sind ein sonderbarer Mann, Mr Rochester, und
fast fürchte ich, Ihre Grundsätze weichen in manchen Punkten zu sehr von der rechten Mitte ab.’
‘Meine Grundsätze wurden nie gezügelt, Jane; möglich, daß sie aus Mangel an Pflege etwas schief geraten
sind!’
‘Noch einmal frage ich Sie in vollem Ernste: Kann
ich mich des Glückes, das Sie mir durch Ihre Liebe bereiten, ruhig erfreuen, ohne fürchten zu müssen, eine Andere
empfinde in diesem Augenblicke das bittere Weh, das ich
selbst noch vor ganz kurzer Zeit im Herzen trug?’
‘Sie können ruhig seyn, mein theures Märchen. Kein
anderes Wesen dieser Erde liebt mich so wahr, so treu,
wie Sie, — und der Glaube an Ihre Liebe ist meine größte
Seligkeit!’
Ich drückte meine Lippen auf seine Hand, die auf meiner Achsel lag. Ich liebte ihn unendlich, mehr als ich mir
selbst zu gestehen wagte, mehr, als es Worte sagen konnten.
‘Erbitten Sie sich noch etwas,’ sagte er nach einer
Pause; ‘es macht mir ein unendliches Vergnügen, um etwas ersucht zu werden, und es gewähren zu können.’
Auch mein zweites Ansuchen lag bereit. ‘Theilen Sie
Ihre Absichten Mrs. Fairfax mit. Sie sah mich gestern mit
Ihnen in der Vorhalle, und war darüber sichtlich betroffen.
Unterrichten Se sie über unser Verhältniß, ehe ich sie wieder sehe. Es thut mir leid, von einer so guten Frau verkannt zu werden.’

‘Gehen Sie auf Ihre Stube, und setzen Sie Ihren
Hut auf,’ versetzte er. ‘Ich wünsche, daß Sie mich diesen
Morgen nach Millcote begleiten, und während Sie sich anziehen, will ich der alten Dame ein Licht aufstecken. Dachte
sie wohl, daß Sie eine Welt für Liebe hingaben, und den
Handel für Gewinn ansahen?’
‘Wahrscheinlich glaubte sie, ich habe meine Stellung
und die Ihrige aus den Augen gelassen!’
‘Stellung! Stellung! — Ihre Stellung ist in meinem
Herzen, und auf dem Nacken derjenigen, die es wagen
sollten, Sie jetzt und späterhin zu beleidigen. — Gehen
Sie.’ —
Ich war schnell angekleidet, und als ich Mr. Rochester
aus Mrs. Fairfax's Stube heraustreten hörte, lief ich zu
ihr hinunter. Die gute Frau hatte wohl eben ihre Morgenportion aus der heil. Schrift — die Epistel des Tages —
gelesen, denn die Bibel lag aufgeschlagen vor ihr, und ihre
Augengläser obenauf. Diese durch Mr. Rochester's Eintritt
unterbrochene Beschäftigung schien nun ganz vergessen zu
seyn: ihre Augen starrten nach der weißen Wand ihr gegenüber, und drückten das Erstaunen einer einfachen Seele aus,
die durch die Mittheilung außerordentlicher Nachrichten aus
ihrer gewohnten Fassung gebracht wurde. Meiner ansichtig
werdend, schien sie zu erwachen; sie bemühte sich zu lächeln,
und mir mit einigen Worten Glück zu wünschen, allein ihr
Lächeln erstarb zur Hälfte, und ihre begonnene Reve blieb
unvollendet. Sie setzte ihre Augengläser wieder auf, schlug
die Bibel zu und schob ihren Stuhl vom Tische zurück.
‘Ich bin so verwundert,’ begann sie, ‘daß ich kaum
weiß, was ich Ihnen sagen soll, Miß Eyre. Ich habe doch
nicht geträumt, was glauben Sie? Zuweilen, wenn ich

allein sitze, schlafe ich ein und träume dann von allerhand
Sachen. Mehr als einmal schien es mir in meinem Schlummer, als trete mein guter Mann, der nun fünfzehn Jahre
todt ist, hier in die Stube, setzte sich zu mir und rief mich
bei meinem Namen Alice, wie er es zu thun pflegte. Nun
bitte ich Sie, sagen Sie mir einmal, ist es wirklich wahr,
daß Mr. Rochester um Ihre Hand angehalten hat? Lachen Sie mich nicht aus, allein ich glaubte steif und fest, er
wäre vor fünf Minnten bei mir gewesen, und hätte mir
eröffnet, Sie würden in vier Wochen seine Frau.’
‘Mir sagte er dasselbe,’ erwiederte ich.
‘Gewiß? Glauben Sie es? Haben Sie eingewilligt?’
‘Ja.’
Sie sah mich ganz verwirrt an.
‘Ich kann mir es gar nicht denken. Er ist so stolz,
wie es alle Rochester waren, und sein Vater war noch dazu
geldsüchtig. Auch er steht im Rufe eines sparsamen Herrn.
Er will Sie also heirathen?’
‘So versichert er mir.’
Sie sah mich vom Kopfe bis zum Fuße an. In ihren
Augen las ich, daß sie keine Reize entdecken konnte, die
mächtig genug gewesen wären. das räthselhafte Ereigniß
glaubwürdig erscheinen zu lassen.
Das geht über meinen Verstand, fuhr sie fort.
‘Allein es muß ohne Zweifel wahr seyn, da Sie es sagen.
Wie die Sache ausfällt, weiß ich nicht. Gleichheit der gesellschaftlichen Stellung und des Vermögens ist in solchen
Fällen wohl zu beachten und zudem liegen zwanzig Jahre
zwischen seinem und Ihrem Alter. Er könnte eben so gut
Ihr Vater sehn.'
‘Oh, gewiß nicht, Mrs. Fairfax,’ rief ich halb ärgerlich; ‘er sieht ganz und gar nicht wie mein Vater aus?
Niemand, der uns zusammen sieht, wird sich so etwas einfallen lassen. Mr. Rochester sieht so jung aus und ist so
jugendlich, wie wenige Männer mit fünfundzwanzig Jahren.’
‘Und nimmt er Sie wirklich aus Liebe?’ frug sie.
Ihre Kälte und ihre Zweifel verletzten mich so sehr, daß mir Thränen in die Augen kamen.
‘Es thut mir leid Ihnen Schmerz zu verursachen,’
fuhr die alte Dame fort; ‘allein Sie sind so jung und kennen, die Männer so wenig, daß ich Sie gerne zu einiger
Vorsicht veranlassen möchte. Ein altes Sprichwort sagt:
‘Nicht Alles was glänzt ist Gold,’ und fast fürchte ich, auch
in dem, gegenwärtigen Falle werde das Ergebniß ein für
Sie und für mich unerwartetes seyn.’
‘Wie so? — Bin ich denn ein Scheusal?’ sagte ich,
‘ist es denn so ganz unmöglich, daß Mr. Rochester für
mich seine wahrhafte Zuneigung hat?’
‘Keineswegs. Sie sind hübsch und haben besonders in
letztrer Zeit noch gewonnen und auch Mr. Rochester liebt
Sie. Ich hatte es übrigens schon lange bemerkt, daß Sie
sein Liebling sind und zuweilen machte mich diese merkliche
Bevorzugung um Ihrer selbst willen unruhig. Oft dachte ich
daran, Sie zur Vorsicht zu ermahnen, aber ich wollte Sie
nicht einmal auf die entfernte Möglichkeit böser Absichten
aufmerksam machen. Ich wußte, daß Sie ein solcher Gedanke verletzen mußte, und da Sie sich immer so durchaus
bescheiden und zurückhaltend betrugen. hegte ich die Hoffnung, Sie könnten sich selbst am besten beschützen. Sie
werden gar nicht glauben, was ich verwichene Nacht für
eine Angst ausstand, als ich Sie im ganzen Hause suchte

und nirgends finden konnte, so wenig als unsern Herrn.
Dann, um Mitternacht, traten Sie mit ihm ins Haus.’
‘Gut, gut, denken Sie nun nicht weiter daran,’
fiel ich ihr etwas ungeduldig in die Rede; ‘genug, daß
nun Alles in Ordnung ist.’
‘Ich will's hoffen; Ende gut, Alles gut,’ sagte sie;
‘aber glauben Sie mir, Sie können nicht vorsichtig
genug seyn. Halten Sie Mr. Rochester in einer gewissen
Entfernung; mißtrauen Sie sich so gut als ihm. Herren
seines Ranges pflegen in der Regel nicht ihre Gouvernanten zu heirathen.’
Ich wollte eben ernstlich böse werden, als zum Glücke
Adela in die Stube gelaufen kam.
‘Lassen Sie mich mitfahren — lassen Sie mich nach
Millcote mitfahren,’ rief sie. ‘Mr. Rochester will mich
nicht mit haben, obwohl in dem neuen Wagen Platz genug ist. Bitten Sie ihn, daß er mich mitnimmt.’
‘Das will ich, Adela,’ und ich eilte mit ihr fort,
froh meine schwarzsehende Warnerin los zu seyn. Der Wagen stand bereit und mein Gebieter ging vor dem Hause auf
und ab, wobei ihm Pilot auf dem Fuße folgte.
‘Adela darf uns begleiten, nicht wahr, Sir?’
‘Ich habe ihr es schon abgeschlagen. Ich mag den
Fratzen nicht mit haben; ich will mit Ihnen allein seyn.’
‘O, lassen Sie sie doch mitfahren, Mr. Rochester,
es wird besser seyn.’
Er schien, nach Blick und Stimme zu urtheilen, unbeugsam zu seyn. Die Warnungen und Zweifel der guten
Mrs. Fairfax hatten in mir ein leises Frösteln zurück gelassen, meine Hoffnungen hatten viel von ihrer freudigen
Zuversicht eingebüßt. Ich vergaß halb und halb, daß ich

irgend eine Macht über ihn hatte. Eben wollte ich ihm, ohne
Widerrede, maschinenmäßig gehorchen; doch als er mich in
den Wagen hob, sah er mich an.
‘Was soll das?’ frug er; ‘der ganze Sonnenschein
ist verschwunden. Ist es Ihr ernstlicher Wunsch, daß das
Kind mit uns führt? Thut es Ihnen leid, wenn es zurück
bleiben muß?’
‘Es wäre mir sehr lieb, wenn sie mitkäme.’
‘Fort denn, den Hut geholt, schnell wie der Blitz,; rief
er Adelen zu.
Sie lief so schnell sie nur konnte.
‘Am Ende hat ein gestörter Morgen nicht viel zu bedeuten,’ bemerkte Mr. Rochester, ‘da ich Sie doch in kurzer Zeitmit allen Ihren Gedanken, Ihrem Umgange,
— für das ganze Leben mein nennen werde.’
Adela begann mich zu küssen, als sie in den Wagen
gehoben worden war, um mir ihre Dankbarkeit zu beweisen; sie wurde indeß sofort in eine Wagenecke neben ihm
verwiesen. Von dort aus guckte sie zu mir herüber ; ihr
ernster Nachbar schien ihr nicht zu behagen, ihm durfte sie
weder ihre Bemerkungen zuflüstern, noch ihn um etwas
befragen.
‘Lassen Sie sie zu mir,’ bat ich; ‘sie wird Sie vielleicht belästigen; ‘es ist ja Raum genug an meiner Seite.’
Er reichte sie wir herüber wie einen Schooßhund.
‘Ich werde sie doch in eine Schule schicken,’ sagte er, indeß
lächelte er bei diesen Worten.
Adela erkundigte sich, ob sie ‘sans Mademoiselle’
dahin müsse
‘Freilich,’ versetzte er, ‘jedenfalls ohne Mademoiselle, denn ich nehme Mademoiselle mit zum Monde hinauf.

Dort suche ich mir eine Höhle in einem der weißen Thäler
zwischen den feuerspeienden Bergen aus, wo Mademoiselle
mit mir und nur mit mir allein leben wird.
‘Sie wird ja nichts zu essen haben und Hungers sterben,’ bemerkte Adela.
‘Ich werde für sie Tag und Nacht Manna sammeln;
die Ebenen und Bergabhänge sind dort ganz beschneit mit
Manna.’
‘Sie wird sich wärmen wollen; wie wird sie Feuer
machen?’
‘Das Feuer kommt im Monde aus den Bergen heraus: wenn ihr kalt ist, trage ich sie auf den Gipfel hinauf und lege sie dort am Rande eines Kraters nieder.’
‘O, wie schlecht, wie unbequem! Und wenn ihre
Kleider zerreißen, woher wird sie sich neue verschaffen?’
Mr. Rochester spielte den Verlegenen. ‘Hm,’ sagte
er. ‘Was würdest Du thun, Adela? Zerbrich Dir den
Kopf, vielleicht findest Du einen Ausweg. Wie würde sich
eine weiße und eine feuerfarbne Wolke als Kleiderstoff ausnehmen? Aus einem Regenbogen ließe sich wohl eine ganz
hübsche Schärpe schneiden.’
‘Sie befindet sich besser, wo sie jetzt ist,’ beschloß
Adela nach einigem Nachdenken; ‘übrigens würde sie sich
langweilen, wenn sie nur mit Ihnen allein im Monte leben sollte. Wenn ich Mademoiselle wäre, ich willigte nie ,
darein, mit Ihnen zu gehen.’
‘Sie hat bereits eingewilligt und ihr Wort verpfändet.’
‘Aber Sie können sie nicht hinaufschaffen. Es führt
doch keine Straße zum Monde und weder Mademoiselle noch
Sie können fliegen.’

‘Sieh Dir jenes Feld an, Adela.’ Wir befanden uns
nun außerhalb Thornfield und rollten auf der Straße nach
Millcote dahin. Der Regen der vergangenen Nacht hatte
den Staub gelöscht und die Hecken und die Bäume grünten
auf beiden Seiten um so frischer.
‘In jenem Felde ging ich vor vierzehn Tagen spät
Abends spazieren; es war an jenem Tage, wo Du mir
im Obstgarten das Heu zusammenrechen halfst. Die Bewegung hatte mich müde gemacht und ich setzte mich auf jenem Wege nieder, um ein Weilchen auszuruhen. Dann
nahm ich mein Taschenbuch und meinen Bleistift heraus und
begann einige Zeilen über einen Unfall niederzuschreiben,
der mich vor einiger Zeit betroffen. Der Wunsch nach künftigen, glücklichen Tagen wurde in mir rege und ich schrieb
rasch nacheinander fort, wiewohl es schon stark dunkelte.
Da hörte ich etwas den Pfad heraufkommen und zwei
Schritte von mir blieb eine Gestalt stehen. Ich sah sie an.
Es war ein kleines Geschöpf mit einem Schleier von Sommerfäden auf dem Kopfe. Ich winkte ihr näher zu treten
und bald hatte ich sie zu meinen Füßen. Ich sagte kein Wort
zu dem kleinen Wesen und es sprach keine Sylbe mit mir,
doch las ich in seinen Augen, während es in den meinigen
las, und es ergab sich das folgende stumme Gespräch:
Sie sagte, sie sey eine Fee und komme aus dem Elfenlande, ihre Sendung sey, mich glücklich zu machen. Zu
diesem Behufe müsse ich mit ihr, der Fee nemlich, diese
Alltagswelt verlassen und nach einem einsamen Orte ziehen,
z. B. nach dem Monde. Sie erzählte mir von Alabasterhöhlen, in denen wir dort leben könnten, worauf ich erwiederte,
ich möchte wohl gerne mitgehen, aber ich hätte ja keine
Flügel.

‘Oh, das hat nichts zu sagen,’ erwiederte die Fee;
‘dieser Talisman hier beseitigt alle Schwierigkeiten,’ und
dabei zeigte sie mir einen schönen goldenen Ring. ‘Stecke
ihn,’ fuhr sie fort, ‘an den vierten Finger meiner linken
Hand, und ich gehöre Dir an und Du mir und wir verlassen die Erde und schaffen uns dort drüben unsern eigenen
Himmel.’ Dabei wies die Fee zum zweiten Male nach dem
Monde. ‘Dieser Ring, liebe Adela, befindet sich in meiner
Tasche in ein Goldstück verwandelt, das ich jedoch bald wieder gegen einen Ring umzutauschen gedenke.’
‘Aber was hat Mademoiselle mit Allem dem zu schaffen? Was kümmert mich die Fee? Vorhin sagten Sie doch,
Sie wollten Mademoiselle mit nach dem Monde nehmen?’
‘Mademoiselle ist eben eine Fee,’ flüsterte er Adelen
geheimnißvoll ins Ohr. Ich sagte ihr jedoch, sie möge den
Scherz nicht weiter beachten und auch sie entwickelte einen
Vorrath von echt französischer Zweifelsucht, indem sie Mr.
Rochester ‘un vrai menteur’ nannte und ihn versicherte,
sie schenke seinen Feenmärchen gar keinen Glauben. ‘Uebrigens gibt es gar keine Feen,’ schloß sie, ‘und gesetzt auch
es gäbe welche, so werden sie Ihnen nicht erscheinen, noch
viel weniger Ringe geben und Sie zu einer Reise nach dem
Monde einladen.’
Die Stunde, die wir darauf in Millcote zubrachten,
war für mich qualvoll. Mr. Rochester schleppte mich in eine
Seidenhandlung und beorderte mich, mir ein halbes Dutzend Kleider auszusuchen. Das Geschäft war mir zuwider
und ich bat es aufschieben zu dürfen: doch nein — es
mußte gerade jetzt geschehen. Meine flehentlichen Bitten
brachten es dahin, daß die Zahl der Kleider auf zwei Stück
herabgesetzt wurde, deren Auswahl sich jedoch Mr. Rochester

durchaus nicht nehmen ließ. Mein Auge folgte ihm ängstlich,
als er die glänzenden Stoffe durchmusterte; endlich blieb er
bei zwei prachtvollen Atlaskleidern, das eine amethystfarben, das andere rosenroth, stehen. Ich sagte ihm halblaut
ins Ohr, warum er mir nicht lieber gleich ein goldenes
Kleid und einen silbernen Hut kaufe, ich würde ihm gewiß
nie wieder die Wahl überlassen. Mit ungeheurer Schwierigkeit (denn er war hart wie Stein) vermochte ich ihn, die
beiden Kleiderstoffe gegen ein bescheidenes schwarzes und ein
perlgraues Kleid umzutauschen. ‘Für heute möge es hingehen,’ sagte er, ‘er werde es schon durchsetzen, daß ich wie
ein Blumenbeet prange.’
Ich war glücklich, ihn aus der Seidenhandlung und
später aus einem Juweliergewölbe herauszuhaben. Je mehr
er mir kaufte, desto mehr brannte mir die.Wange vor Unmuth und Demüthigung. Als wir wieder in den Wagen
gestiegen waren und ich in fieberhafter Aufregung dasaß,
erinnerte ich mich an etwas, das ich im Taumel meines
Glückes gänzlich vergessen hatte,— an den Brief meines
Onkels John Eyre, an seine Absicht, mich an Kindesstatt
anzunehmen und zur Gesammterbin einzusetzen. ‘Es wäre
mir wirklich tröstlich,’ dachte ich bei mir, ‘wenn ich irgend
ein, obgleich noch so geringes Vermögen besäße. Ich bin
nicht im Stande, mich von Mr. Rochester einer Puppe
gleich aufputzen zu lassen und wie eine zweite Danae im
Goldregen zu sitzen. Sobald ich nach Hause komme, schreibe
ich nach Madeira und melde meinem Onkel, daß ich mich
verheirathe, und wenn ich nur die Aussicht habe, Mr. Rochester eines Tages etwas zuzubringen, wird es mir leichter, mich
von ihm jetzt ausstatten zu lassen.’ Dieser Gedanke, der
noch am selben Tage zur That wurde, erleichterte mir das

Herz und ich wagte es, zu meinem Herrn und Geliebten
wieder aufzublicken, der mit ungemeiner Beharrlichkeit meine
Blicke aufsuchte, obwohl ich mein Gesicht abgewandt hatte.
Er lächelte; sein Lächeln kam mir vor wie dasjenige, mit
dem ein Sultan in einem glücklichen Augenblicke seine Favoritin ansieht, die er eben mit Gold und Edelsteinen bereicherte; ich drückte seine Hand, welche die meinige erfassen
wollte, krampfhaft zusammen und schleuderte sie, ganz roth
von dem heftigen Drucke, von mir.
‘Sehen Sie mich nicht so an,’ sagte ich, ‘sonst trage
ich fürwahr nichts, als meine alten Kleider von Lowood
bis ans Ende meines Lebens. Ich lasse mich in diesem
Kattunkleide trauen und Sie mögen sich aus dem perlgrauen
Seidenstoffe einen Schlafrock und aus dem schwarzen Atlas
eine unendliche Reihe von Westen machen lassen.’
Er kicherte und rieb sich die Hände. ‘Oh, es ist eine
Wonne, sie zu sehen und zu hören!’ rief er aus. ‘Wie
originell, wie pikant sie ist! Ich gebe diese eine kleine Engländerin nicht für das ganze Serail des Großtürken, trotz
Gazellenaugen und Hourisgestalten.’
Diese Anspielung verdroß mich abermals. ‘Ich habe
nicht ein Fünkchen Lust, Ihnen ein Serail zu ersetzen,’ erwiederte ich; ‘ich bitte mich also zu betrachten. Steht Ihr
Sinn nach derlei Dingen, dann fort mit Ihnen nach den
Bazars von Stambul; dort mögen Sie Ihr überflüssiges
Geld anbringen, das Sie hier nicht los werden zu können
scheinen.’
‘Und was werden Sie thun, Jane, während ich mir
Tonnen Menschenfleisches und ein Sortiment schwarzer
Augen erhandle?’

‘Ich werde mich zu einer Missionsreise vorbereiten und
den Sclavinnen, Ihr Harem mit eingeschlossen, Freiheit
predigen. Dann zettle ich in Ihrem Serail eine Empörung
an und bald sollen Sie, wiewohl ein Paschah von drei
Roßschweifen, gefesselt in unsern Händen seyn. Und nicht eher
lasse ich Sie los, bis Sie die liberalste Verfassung, die je
ein Despot verliehen, unterschrieben haben.’
‘Ich würde mich Ihrer Gnade empfehlen, Jane.’
‘Und ich würde keine Gnade üben, wenn Sie darum
mit einem solchen Gesichte bäten, wie jetzt. Ihre Blicke sagen deutlich, daß es nach erlangter Freiheit Ihr Erstes wäre,
die abgedrungene Charte zu verletzen.’
‘Was wollen Sie damit sagen? fast fürchte ich, Sie
beabsichtigen mich zu einer häuslichen Trauungsceremonie
zu zwingen, bei der Sie mir besondere Bedingungen stellen.’
‘Worin sollen diese bestehen?’
‘Ich wünsche blos ein ruhiges Gemüth zu haben, das
von der Last auf einander gehäufter Verbindlichkeiten frei
ist. Erinnern Sie sich dessen. was Sie über Celine Varens
sagten? — Ueber die Diamenten, die Caschemirshawls, die Sie ihr gegeben? Ich möchte keine zweite Celine Varens
seyn; ich will lieber Adelens Erzieherin bleiben, und mir dadurch Kost, Wohnung und dreißig Pfund jährlich verdienen. Mit dem Gelde kann ich meine Garderobe bestreiten
und Sie brauchen mir nichts weiter zu schenken, als —‘
‘Nun?’
‘Als Ihre Achtung und wenn ich Ihnen dafür die
meinige zolle, sind wir auch in dieser Hinsicht quitt.’
‘Das muß wahr seyn,’ versetzte er; ‘was angeborne,
trockene Unverschämtheit und natürlichen Stolz anbelangt,
kann man Ihresgleichen suchen.’ Wir näherten uns in diesem Augenblicke dem Herrenhause von Thornfield. ‘Werden
Sie wohl die Gefälligkeit haben heute bei mir zu speisen?’
frug er, als wir in den Hofraum fuhren.
‘Ich danke, nein.’
‘Und warum nicht, wenn man fragen darf?’
‘Ich speiste noch nie mit Ihnen und sehe auch nicht
ein, warum ich es jetzt sollte, so lange —‘
‘Sprechen Sie aus, Sie gefallen sich in abgebrochenen Sätzen.’
‘So lange ich es vermeiden kann, wollte ich sagen.’
‘Halten Sie mich denn für einen Menschenfresser, daß Sie mein Mahl zu theilen fürchten?’
‘Ich habe nichts Besonderes darunter, ich wünschte nur auch in den nächsten vier Wochen meine bisherige Lebensweise beizubehalten.’
‘Sie müssen Ihre Gouvernantensclaverei sofort aufgeben.’
‘Wirklich! das werde ich nicht thun, sondern vielmehr
meine Pflichten als Erzieherin ganz wie bisher erfüllen. Auch
werde ich mich den ganzen Tag über von Ihnen fern halten
und blos des Abends mögen Sie mich kommen lassen, wenn
Sie mich zu sprechen wünschen, doch durchaus zu keiner
andern Zeit.’
‘Ich möchte rauchen oder eine Prise Tabak nehmen,
pour me donner une contenance,’ wie Adela sagen
würde. ‘Unglückseliger Weise habe ich sowohl meine Cigarrentasche als auch meine Dose vergessen. Nun ist wohl die
Reihe mich zu unterjochen an Ihnen, Sie kleine Tyrannin,
es wirr aber auch meine Zeit kommen; und habe ich Sie
einmal fest gefaßt, dann hänge ich Sie an ein solches Ding
(seine Uhrkette berührend). Ja, ja, mein gutes Püppchen,

und im Herzen will ich Sie tragen, und dort soll mein
Juwel gut verwahrt seyn.’
Bei diesen Worten hob er mich aus dem Wagen und
während er Adelen heraussteigen half, trat ich ins Haus
und eilte die Treppe hinauf.
Wie ich es erwartete, ließ er mich Abends zu sich rufen. Ich hatte ihm eine Beschäftigung zugedacht, da ich nicht den ganzen Abend im Alleingespräche mit ihm zubringen wollte. Ich erinnerte mich seiner Stimme, ich wußte,
daß er, wie alle guten Sänger, gerne sang. Wiewohl ich
selbst nicht singen konnte und seinem unartigen Urtheile
nach auch schlecht Piano spielte, so hörte ich doch der Uebung
beider Talente mit außerordentlichem Vergnügen zu. Kaum
war die Dämmerung, diese Zeit der Schwärmerei und Romantik eingetreten, als ich mich erhob, das Piano öffnete
und ihn um des Himmels willen ersuchte, mir ein Lied zu singen.
Er meinte, ich wäre eine launenhafte Here und er möchte
es lieber ein anderes Mal thun; allein ich versicherte ihn, gerade
der jetzige Augenblick sey hiezu der passendste.
‘Gefällt Ihnen meine Stimme?’ frug er.
‘Sehr,’ erwiederte ich. Ich liebte es nicht seine ohnedies leicht erregte Eitelkeit zu kitzeln; doch diesmal that
ich es aus nahe liegenden Gründen und um meine Absicht
zu erreichen.
‘Sie müssen mich doch auf dem Piano begleiten,
Jane!’
Ich will es versuchen, Sir.’
Ich begann zu spielen, er schob mich aber sogleich bei
Seite und nannte mich eine kleine Pfuscherin. Das wollte
mich entfernt hatte, nahm er

meinen Platz ein und spielte und sang. Ich aber zog mich
in eine Fensterbrüstung zurück und hörte ihn das nachstehende
Lied zu einer sanften Melodie in Moll vortragen:

Die tiefste Liebe, treu und fromm,
Wie sie nur Menschenherzen fühlen,
War es, die meine Brust beklomm,
Und glühend, flammend sie durchströmte.

Ihr Nahen war mir Wonnelust,
Ihr Scheiden schuf mir bitt're Qualen,
Und ängstlich hob sich meine Brust,
Hielt sie ein Ungefähr zurücke.

Dem Träumen jener Seligkeit,
Geliebt zu werden, wie ich liebte,
Hab' viele Nächte ich geweiht,
Mit heller Glut im tiefsten Herzen.

Doch fern, unwegsam war der Pfad,
Der zwischen uns sich weit hin dehnte,
Und trügerisch, wie ans Gestad'
Der Brandung wilde Wogen schlagen.

Unheimlich, gleich des Räubers Schlucht
In dunklen Waldesfinsternissen,
So lag des Mißgeschickes Wucht
Gethürmet zwischen unsern Seelen.

Doch hab' ich's kühnen Sinn's gewagt,
Mich konnt' kein Hinderniß erschrecken,
Und stürmisch, glutvoll, unverzagt,
So jagte ich nach diesem Glücke.

Der Liebe Regenbogenlicht
Stieg auf am dunklen Firmamente:
So Wunderbares sah ich nicht,
Als dieses Kindes Zauberwesen.

Nun scheinen durch die finst're Nacht
Der Liebe sanfte, milde Strahlen;
Steigt auch ein Sturm herauf mit Macht,
Mich soll's mit Schrecken nicht erfüllen.

In solchem süßen Augenblick,
Wenn ich in sel'ger Wonne schwelge,
Vergeß ich jedes Mißgeschick,
Das mich verwundend treffen könnte.

Mag übermüth'ger Feinde Macht
Im Kampfe mich zu Boden werfen,
Mag finstrer Haß, zur Wuth entfacht,
Mir unversöhnlich Feindschaft schwören.

Es legte ja die kleine Hand
Die Liebste treugesinnt in, meine,
Schlang so ein festes Liebesband
Umkettend enger unsre Seelen.

Es schwört ihr Kuß, ihr süßer Blick:
Mit Dir will leben ich und sterben! —
Nun bist Dn mein ersehntes Glück:
Zu lieben und geliebt zu werden!

Er stand auf und kam auf mich zu. Sein Gesicht glühte,
sein Falkenauge blitzte und jeder seiner Züge drückte
Zärtlichkeit und Leidenschaftlichkeit aus. Ich erzitterte augenblicklich, faßte mich jedoch bald wieder. Ich wollte jedem
verliebten Auftritte, jeder leidenschaftlichen Erklärung ausweichen; beiden sah ich mich ausgesetzt und eine Waffe mußte
vorbereitet werden. Ich spitzte meine Junge und als er zu
mir heran trat, frug ich ihn etwas barsch, wen er nun zu
heirathen gedenke?
‘In der That eine sonderbare Frage im Munde meiner
herzlieben Jane.’
‘Ich halte dieselbe für sehr natürlich und nothwendig.
Sprachen Sie nicht davon, Ihre künftige Frau müsse mit
Ihnen sterben? Was soll's mit dieser heidnischen Idee? Ich
habe durchaus nicht die Absicht mit Ihnen zu sterben, ver-
lassen Sie sich darauf.’
‘Mein einziger Wunsch, meine größte Sehnsucht geht
dahin, daß Sie mit mir leben. Ueber Sie hat der Tod keine
Macht.’
‘Warum nicht? Auch meine Zeit wird kommen;
allein ich will sie ruhig abwarten und nicht wie eine indische Witwe lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrennen.’
‘Vergeben Sie mir meine selbstsüchtige Idee und wollen Sie mir es mit einem Versöhnungskusse beweisen?’
‘Nein, es ist wohl besser, wir lassen das.’
Darauf hörte ich mich ein ‘hartherziges Geschöpf’
schelten und die Behauptung aufstellen, ‘ein jedes andere
Märchen wäre über solche ihr zu Ehren gedichtete Verse
zerschmolzen.’
Ich versicherte ihm, ich wäre von Natur aus hart wie
Stahl; er würde später noch oft Gelegenheit finden sich
davon zu überzeugen. Auch wollte ich ihm noch andere Unebenheiten meines Charakters während der nächsten vier

Wochen aufdecken, damit er noch bei Zeiten zurücktreten
könnte.
Er frug mich, ob ich im Stande sey, ruhig und vernünftig zu sprechen?
‘Ich bin ruhig, wenn Sie es wünschen,’ versetzte
ich, ‘und was das vernünftige Sprechen anbelangt, so
schmeichle ich mir, daß ich dies gerade jetzt thue.’
Zischend und sprudelnd vor Aerger fuhr er im Zimmer umher. ‘Recht so,’ dachte ich, ‘ärgere Dich so viel
Du willst. Es bleibt dies doch der beste Plan Dir gegenüber. Ich liebe Dich unaussprechlich, allein ich will nicht
in langweilige Empfindsamkeit verfallen. Mit meinen geharnischten Antworten halte ich Dich überdies vom Rande
des Abgrundes entfernt, der am Ende unser beiderseitiges
Glück verschlingen könnte.’
Nach und nach brachte ich ihn in eine beträchtliche
Wuth, und als er sich in seinem Ingrimm an das entgegengesetzte Ende der Stube zurückgezogen hatte, stand ich
auf, sagte ihm in meiner gewöhnlichen respectvollen Weise
eine ‘Gute Nacht, Sir!’ und schlüpfte bei einer Seitenthüre hinaus.
Dieses System befolgte ich durch die ganze Probezeit
und zwar mit dem besten Erfolge. Mr. Rochester war zwar
boshaft und barsch; doch ich sah, daß er sich im Ganzen
genommen sehr gut unterhielt, und wußte, daß eine lammfromme Unterwürfigkeit und eine taubengleiche Empfindsamkeit seinem Verstande, seinem Geschmacke weit weniger
zugesagt hätten.
In anderer Leute Gegenwart war ich wie früher unterwürfig und schweigsam, da ein jedes andere Betragen

nicht am Platze gewesen wäre. Nur in unseren allabendlichen Zusammenkünften erlaubte ich mir ihn zu quälen und
zu necken. Alle Tage, ohne Ausnahme, ließ er mich Punkt
sieben Uhr rufen; doch hatte er zu meiner Bewillkommnung
nicht wie früher die süßen Worte ‘Herzchen,’ ‘theuere
Seele’ auf den Lippen: seine freundlichsten Benennungen
waren ‘häßliche Puppe,’ ‘boshafte Fee,’ ‘Gespenst,’
‘Wechselbalg’ u. s. w. Statt mich zu liebkosen zog er mir
Gesichter, statt mir die Hand zu drücken kneipte er mich in
den Arm, statt mich zu küssen zwickte er mich ins Ohr.
Mir war das recht; für den Augenblick zog ich diese zweideutigen Gunstbezeigungen auf jeden Fall seinen Zärtlichkeiten vor. Mrs. Fairfax schien mit mir zufrieden zu seyn
und ihre Aengstlichkeit rücksichtlich meiner verschwand;
daraus sah ich, daß mein Betragen das richtige war. Inzwischen behauptete Mr. Rochester, ich ärgere ihn zu einem
Gerippe herunter und schwor mir die schrecklichste Rache.
Ich lachte mir bei seinen Drohungen ins Fäustchen. ‘Kann
ich Dich jett gehörig in Schach halten,’ dachte ich mir,
‘und wird es mir späterhin auch noch möglich seyn? Hilft
das eine Mittel nicht mehr, macht man ein anderes ausfindig.’
Trotzdem war aber meine Aufgabe keine leichte: weit
öfter fühlte ich mich geneigt ihn an mich zu ziehen, statt
von mir abzustoßen. Mein künftiger Gemal war nun meine
Welt, mein Himmel auf Erden. Er stand zwischen mir
un einem jeden religiösen Gedanken, wie eine Finsterniß
zwischen Sonne und Erde tritt. In jenen Tagen sah ich vor
dem Geschöpfe, das ich wie einen Götzen anbetete, Gott,
seinen Schöpfer, nicht.

Fünfundzwanzigstes Capitel.

Die Zeit meines Brautstandes hatte ihr Ende erreicht,
und ihre letzten Stunden waren gezählt. An ein Hinausschieben des Trauungstages war nicht mehr zu denken und
alle Vorbereitungen bereits getroffen. Ich wenigstens hatte
nichts mehr zu thun: meine Koffer waren gepackt, verschlossen und in einer Reihe aufgestellt. Morgen um diese
Zeit waren sie schon weit auf dem Wege nach London und
ich desgleichen, oder vielmehr nicht ich, sondern eine gewisse Jane Rochester, eine mir unbekannte Person. Nur
die Adressen hatte ich noch aufzukleben; sie lagen in vier
Exemplaren auf meiner Commode. Mr. Rochester hatte
selbst die Worte: ‘Mrs. Rochester, *** Hotel London,’
darauf geschrieben, allein ich konnte mich nicht entschließen
sie auf die Koffer zu befestigen. Mrs. Rochester! Eine solche
gab es ja gar nicht; die sollte erst morgen nach acht Uhr
Früh auf die Welt kommen und ich wollte erst ihre wirkliche Ankunft erleben, bevor ich sie in den Besitz ihres Eigenthums einsetzte. Genug daran, daß in jenem Closett, gegenüber von meinem Ankleidetische, Kleider, die, wie man behauptete, ihr gehörten, meinen schwarzen Rock und meinen
Lowooder Strohhut verdrängt hatten; denn jener Brautanzug, das perlgraue Seidenkleid, der kostbare Schleier waren nicht mein Eigenthum. Ich schloß das Closett, um das
unheimliche Gewand aus den Augen zu bekommen; welches in der späten Abendstunde — es war neun Uhr — gespenstisch in meine Stube herüberschimmerte. ‘Ich will dich

mit dir allein lassen, blasser Traum,’ sagte ich. ‘Ich bin
fieberhaft erregt, ich höre den Wind durch die Lüfte
sausen, ich will hinausgehen und mich in der frischen Luft
abkühlen.’
Es war nicht blos die Eile bei meinen Reisevorbereitungen, nicht nur das Vorgefühl des großen Wechsels —
des neuen Lebens, das für mich mit dem kommenden Tage
beginnen sollte, was mich so sehr aufregte: wohl trugen
beide Umstände viel dazu bei, mich in jene rathlose Stimmung zu versetzen, die mich zwang das Freie zu suchen;
allein noch eine dritte Ursache übte auf mein Gemüth einen
bei weitem mächtigeren Einfluß aus.
Ein sonderbarer, ängstlicher Gedanke drückte mich nieder. Etwas hatte sich die vergangene Nacht zugetragen, das
ich nicht begreifen konnte; Niemand wußte von dem Ereignisse und hatte es gesehen, als ich selbst. Mr. Rochester
war vom Hause abwesend und noch jetzt nicht zurückgekehrt;
eine Geschäftsangelegenheit, die er vor seiner Abreise nach
dem festen Lande persönlich abthun mußte, hatte ihn nach
einem kleinen Landgute, das er dreißig Meilen von Thornfield besaß, abgerufen. Ich sah nun seiner Ankunft entgegen, voll Begierde, ihm den sonderbaren Vorfall mitzutheilen und von ihm die Lösung des Räthsels zu verlangen,
das mich verwirrte.
Um dem heftigen Südwinde zu entgehen, der bei all
seiner Stärke und langen Dauer keinen Tropfen Regen mitgebracht hatte, begab ich mich in den Obstgarten. Anstatt
sich bei einbrechender Nacht zu legen, schien der Sturm nur
noch wilder rasen zu wollen, die Bäume krachten und große
Wolkenmassen rollten, vom Winde gejagt, durch den Himmelsraum. Kein einziges blaues Fleckchen war den Tag über
am Firmamente sichtbar gewesen.
Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen lief ich vor
dem Winde her, der, ein Abbild meines sturmgepeitschten
Gemüthes, meine innere Unruhe zu theilen schien. Am Ende
des mit Lorbeerbüschen eingefaßten Spazirweges angelangt,
erblickte ich den zersplitterten Stamm des wilden Kastanienbaumes; der gespaltene Rumpf schimmerte mir geisterhaft
entgegen. Die beiden Hälften wurden noch durch den starken Untertheil und durch die Wurzeln zusammengehalten,
doch war der Kreislauf der Säfte unterbrochen und der Baum
abgestorben; die Aeste an beiden Seiten hingen verdorrt zur
Erde und der nächste Sturm mußte das Werk der Zerstörung vollenden. Bis dahin war der Baum wohl eine Ruine,
aber keine ganze Ruine.
‘Ihr hattet Recht, fest an einander zu halten,’ sagte ich,
als wären die Riesensplitter lebende Wesen und könnten mich
hören. ‘Ich denke, ihr habt doch noch Leben in euch, wiewohl ihr zerschunden, verwittert und abgestorben ausseht,
denn noch hält Euch die gemeinsame Wurzel zusammen.
Wohl wird euch nie mehr grünes Laub schmücken, und die Vögeln nie wieder in euren Zweigen singen, aber ihr seyd nicht
getrennt und ihr könnt einander trösten in eurem Unglücke.
Als ich noch einmal nach dem Baumstumpfe blickte, schien der
Mond gerade durch die Spalte zwischen den zwei Splittern hindurch: er sah blutroth und unrein aus, schien mir einen
trostlosen, düsteren Blick zuzuwerfen und verschwand sofort
wieder hinter den Wolken. Für einen Augenblick trat um
Thornfield herum Windstille ein, aber weit über Wäldern
und Gewässern heulte ein wilder schauerlicher Windstoß; er

erfüllte mich mit Traurigkeit und ich setzte meinen einsamen Spazirgang fort.
Ich streifte im Garten herum und hob die abgefallenen
sonderte ich die reifen von den unreifen und trug sie ins
Aepfel auf, die in Menge auf dem Boden herumlagen; dann
Haus in die Vorrathskammer. Darauf begab ich mich ins
Bibliothekzimmer, um zu sehen ob das Feuer brenne,
denn auch im Sommer liebte es Mr. Rochester, besonders
an stürmischen Abenden, bei seiner Nachhausekunft ein lustiges Feuer im Camine zu finden. Das Feuer war schon
längere Zeit angemacht und brannte ganz hell. Ich stellte
seinen Armstuhl in die Caminecke und rückte den Tisch in
die Nähe; auch ließ ich den Vorhang herunter und stellte
die Kerzen bereit. Mit diesen Vorkehrungen fertig, konnte
ich keine Minute ruhig sitzen und rastloser denn je, war es
mir kaum möglich im Hause zu bleiben. Die kleine Uhr
im Zimmer und die große Wanduhr in der Halle schlugen
zehn Uhr.
‘Wie spät es schon ist!’ rief ich. ‘Ich will zum Hofthor hinunter laufen; zuweilen ist es mondhell und ich kann
von dort aus einen Theil der Straße übersehen. Nun kommt
er doch wohl bald und wenn ich ihm entgegen gehe, gewinne ich wenigstens einige Minuten.’
Der Wind strich durch die hohen Wipfel der Bäume
am Gitterthore und der Mond schimmerte wieder auf eine
Weile durch das dunkle Gewölk, aber so weit ich die Straße
auf und ab sehen konnte, war Alles öde und still. Eine
kindische Thräne trat mir ins Auge, während ich hinausblickte, eine Thräne der Ungeduld und getäuschten Hoffnung;
ich schämte mich und trocknete sie ab. Noch immer wartete

ich am Thore; der Mond hatte sich wieder hinter seinen Wolkenvorhang zurückgezogen und tiefe Finsterniß decke die Gegend. Mittlerweile hatte es auch zu regnen angefangen.
‘Ich wollte er käme, ich wollte er käme!’ rief ich
von trüben Ahnungen gequält in die Nacht hinaus. Er
hatte versprochen zur Theezeit wieder zurück zu seyn, und
nun war es schon so spät! Was hielt ihn ab? Das Ereigniß der letzten Nacht trat mir wieder vor die Seele, ich
legte es als ein Anzeichen kommenden Unglückes aus. Meine,
Aussichten schienen mir zu glänzend, als daß sie sich verwirklichen sollten, und ich war in der letzten Zeit so glücklich gewesen, daß ich mir einbildete, mein Glück habe
nun seinen höchsten Gipfelpunkt erreicht und müsse ins Gegentheil umschlagen.
‘Ich kann nicht ins Haus zurück,’ dachte ich im Stillen; ‘ich kann nicht beim warmen Feuer sitzen, während
er im Ungewitter unterwegs ist. Besser, meine Glieder ermüden, als mein Herz verblutet. ich will ihm ein Stück
Weges entgegen gehen.’
Ich schritt aus und lief schnell, aber nicht weit.
Kaum hatte ich eine Viertelmeile zurückgelegt, als ich auch
schon den Hufschlag eines Pferdes hörte; ein Reiter kam in
vollem Galopp angesprengt, ein Hund sprang neben ihm
her. Fort waren alle bösen Ahnungen; er war es, auf
seinem Rappen Mesrur, gefolgt von seinem treuen Pilot.
Er sah mich, denn der Mond glänzte eben wieder durch die
Wolken, und schwenkte seinen Hut. Ich rannte auf ihn zu.
‘Da seht einmal!’ rief er, sich herunterneigend und
mir seine Hand entgegenhaltend. ‘Sie können nicht ohne

mich seyn, das ist klar. Treten Sie auf meine Fußspitze,
reichen Sie mir beide Hände, und nun herauf mit Ihnen.’
Ich gehorchte, die Freue machte mich gelenkig und
rasch schwang ich mich auf's Pferd. Ein herzlicher Kuß bewillkommte mich, nebst einigen Ausdrücken seines Entzückens,
die ich so gut es ging mitnahm. ‘Doch was ist geschehen,
Jane,’ frug er, nachdem der erste Freudenrausch zu Ende
war, ‘was gibt's, daß Sie mir zu dieser späten Stunde
entgegen gelaufen kommen? Ist denn irgend etwas vorgefallen?’
‘Durchaus nichts; allein ich dachte Sie kämen gar
nicht wieder. Ich konnte es im Hause nicht länger aushalten, besonders bei diesem Regen und diesem Winde.’
‘Regen und Wind ! Richtig, Sie sind ja so naß wie
eine Wassernixe. Wickeln Sie sich in meinen Mantel ein.
Aber Sie scheinen Fieber zu haben, Ihre Wangen und Ihre
Hände brennen ja wie Feuer. Ich frage Sie noch einmal,
ist etwas geschehen?’
‘Nichts, nichts! Ich bin weder ängstlich noch unglücklich.’
‘Vielleicht waren Sie es?’
‘Möglich, doch will ich Ihnen das im Vorbeigehen erzählen, und Sie werden mich wohl auslachen,
denke ich.’
‘Wenn der morgige Tag zu Ende ist, will ich vom
Herzen gerne lachen; früher wage ich es nicht, ich muß erst
meinen Schatz gehoben haben. Dieser Schatz sind Sie, die Sie den ganzen Monat hindurch schlüpfrig wie ein Aal
und dornig wie eine Hagerose waren. Ich konnte Sie nirgends anfassen, ohne mich zu stechen, und nun glaube ich

ein verirrtes Lamm in den Armen zu halten. Sie verließen
die Hürde, um Ihren Schäfer aufzusuchen, nicht wahr,
Jane?’
‘Ich sehnte mich nach Ihnen, aber prahlen Sie nicht
damit. Wir sind angelangt; lassen Sie mich nun hinunter.’
Er setzte mich vor dem Hause ab. Während ihm John
das Pferd abnahm, und er mir in die Halle folgte, bat er
mich, mich schnell umzukleiden und zu ihm ins Bibliothekzimmer zu kommen. Dann hielt er mich an der Treppe
noch einmal an, und erpreßte mir die Betheurung, ihn
nicht lange warten zu lassen. Ich hielt Wort; fünf Minuten später trat ich in sein Gemach. Ich fand ihn beim
Nachtessen.
‘Setzen Sie sich und leisten Sie mir Gesellschaft.
Gott gebe, dßz es das vorletzte Mahl ist, das Sie für eine
geraume Zeit in Thornfield einnehmen.’
Ich setzte mich zu ihm, bemerkte jedoch, ich könne
nichts essen.
‘Ist es etwa deshalb, weil Sie eine Reise vorhaben?
Ist es der Gedanke an London, der Ihnen den Appetit
benimmt?’
‘Heute Abend kann ich nicht klar in die Zukunft sehen, Sir, und kaum weiß ich, was ich für Gedanken im
Kopfe habe. Das ganze Leben scheint mir ein Traumbild
zu seyn.’
‘Mich ausgenommen, ich bin substantiös genug,—
greifen Sie mich an.’
‘Gerade Sie kommen mir am gespensterhaftesten vor;
Sie sind ein bloßes Schattenbild.’

Lachend hielt er mir seine Hand hin. ‘Ist das ein
Schatten?’ frug er, mir sie dicht vor die Augen rückend.
Seine Hand war fleischig, musculös und kräftig, sein Arm
land und sehnig.
‘Gewiß ist’s ein Schatten, wiewohl ich Ihren Arm
berühre,’ sagte ich, seine Hand von meinem Gesichte zurückdrängend. ‘Sind Sie mit dem Nachtessen fertig, Sir?’
‘Ja, liebe Jane.’
Ich klingelte und ließ den Tisch abdecken. Als wir
wieder allein waren, stierte er das Feuer auf, und ich setzte
mich auf einen Schemmel, zu meines Gebieters Füßen.
‘Es ist nahe um Mitternacht,’ sagte ich.
‘Wohl! doch erinnern Sie sich, Jane, daß Sie mir
versprachen, die Nacht vor meiner Vermälung mit mir wach
zu bleiben.’
‘Ich weiß es, und will mein Versprechen wenigstens
für eine oder zwei Stunden halten, da ich keine Lust verspüre schlafen zu gehen.’
‘Sind Sie mit allen Ihren Vorbereitungen fertig?’
‘Mit allen.’
‘Auch ich bin ganz reisefertig,’ versetzte er. ‘Ich habe
Alles in Ordnung gebracht, und wir verlassen morgen
Thornfield eine halbe Stunde nach der Trauung.’
‘Mit welch’ sonderbarem Lächeln Sie dieses ‘ganz
wohl’ ausgesprochen, Jane! Und die rothen Flecke, die Sie
auf Ihren Wangen haben! Und wie unheimlich Ihre Augen
glänzen! Sind Sie wohl?’
‘Ich glaube es.’

‘Sie glauben es! Was soll das? — Sagen Sie mir
was Sie fühlen.’
‘Es wäre mir unmöglich; Worte vermöchten es nicht
zu beschreiben. Ich wollte blos, die jetzige Stunde währte
ewig; wer weiß was uns die nächste bringt!’
‘Das ist kindische Schwarzseherei. Entweder sind Sie
zu aufgeregt oder zu sehr ermüdet.’
‘Sind Sie ruhig und glücklich?’
‘Ruhig? — nein, aber glücklich, so glücklich als
es nur mein Herz fassen kann.’
Ich blickte zu ihm auf, um den Ausdruck des Glückes in seinen Zügen zu lesen. Dunkle Glut deckte sein
Gesicht.
‘Schenken Sie mir Ihr Vertrauen,’ sagte er; ‘befreien Sie Ihr Gemüth von jedweder Last, die es drückt,
und theilen Sie mir Ihren Kummer mit. Was fürchten
Sie? — Glauben Sie vielleicht ich werde sein guter Ehemann seyn?’
‘Der Gedanke kömmt mir gar nicht in den Sinn.’
‘Schrecken Sie vor der neuen Sphäre, vor dem
neuen Leben zurück, in das Sie jetzt treten sollen?’
‘Nein.’
‘Sie machen mich verwirrt, Jane; Ihr kummervoller
Blick, der schmerzliche Ton Ihrer Stimme brechen mir das
Herz. Ich wünsche eine Aufklärung.’
‘Nun gut, hören Sie also. Sie waren die vergangene
Nacht vom Hause abwesend.’
‘Wohl, und vor einer Weile machten Sie eine Anspielung auf irgend ein Ereigniß, das sich in der Zwischenzeit
zutrug. Es hat gewiß nicht viel zu bedeuten, aber es erschreckte Sie vielleicht. Lassen Sie hören. Hat Ihnen Mrs.
Fairfax etwas gesagt, oder haben Sie die Dienstleute etwas
reden hören, was Ihr empfindliches Selbstgefühl verletzte?’
‘Nein, Sir.’ Es schlug zwölf Uhr; ich wartete den
letzten Schlag ab und fuhr dann fort.
Den ganzen Tag über war ich gestern geschäftig und
fühlte mich in diesem endlosen Tummel ganz glücklich. Denn
ich fürchte mich nicht, wie Sie es zu glauben scheinen, vor
meiner neuen Sphäre und dergleichen; ich freue mich im
Gegentheile darauf mit Ihnen leben zu können, weil ich
Sie liebe. Liebkosen Sie mich nicht, und lassen Sie mich
reden. — Noch gestern hatte ich volles Vertrauen in die
Vorsehung und dachte, es träfe Alles zusammen, um unser
beiderseitiges Wohl zu begründen. Es war ein schöner Tag,
wie Sie wissen, und Ihre Reise schien vom besten Wetter begleitet zu werden. Nach der Theezeit ging ich eine Weile
vor dem Hause spazieren und dachte an Sie und stellte mir
Ihre Gestalt so lebhaft vor, daß ich Ihre Abwesenheit
kaum gewahr wurde. Ich dachte an das Leben, das vor
mir lag — an Ihr Leben, Sir — ein ausgedehntes und
stürmischeres Daseyn als das meine, um so viel mehr, als
die Tiefe der See, in die der Bach fließt, mit dessen eigenem seichten Wasser verglichen beträgt. Ich konnte nicht begreifen, warum Sittenprediger diese Welt eine trostlose Wüste nennen, denn mir kam sie blühend wie ein Rosengarten vor. Nach Sonnenuntergang wurde es kühl und der
Himmel trübte sich; ich trat ins Haus. Sophie rief mich hinauf, meinen Brautanzug zu besehen, der gerade gebracht
worden war, und darunter fand ich in einer Schachtel, Ihr

Geschenk, den Schleier, den Sie mir in Ihrer fürstlichen
Prachtliebe, wahrscheinlich als einen Ersatz für die verschmähten Juwelen, hatten von London kommen lassen. Ich lächelte,
als ich ihn auseinanderlegte, und dachte darüber nach, wie
ich Sie wegen Ihres aristokratischen Geschmackes und Ihrer
Bemühung, Ihre plebejische Braut als eine Gräfin zu maskiren, ausschmählen wollte. Ich dachte daran, wie ich Ihnen
meinen eigenen einfachen Schleier ohne Spitzenbesetz vorlegen und Sie fragen wollte, ob nicht ein solcher Kopfputz
für ein Mädchen gut genug sey, das ihrem Gatten weder Vermögen, noch Schönheit, noch einflußreiche Verbindungen
zubringe. Ich konnte mir im Voraus Ihr Gesicht vorstellen und hörte ordentlich Ihre republikanischen Antworten und
Ihre Versicherung, Sie hätten weder nöthig Ihren Reichthum zu vermehren, noch Ihre Stellung mit einer höheren
zu vertauschen.’
‘Wie gut Sie mich kennen, Sie kleine Zauberin!’
unterbrach mich Mr. Rochester. ‘Doch was fanden Sie
sonst noch nebst der Stickerei in dem Schleier? fanden Sie
Gift oder einen Dolch, daß Sie jetzt so traurig sind?’
‘Nein. Außer der kostbaren Arbeit fand ich höchstens
noch Fairfax-Rochester's Stolz darin und das drückte mich
nicht nieder, da ich an den Anblick dieses Dämons schon
gewöhnt bin. Aber als es finster wurde. erhob sich der
Wind und blies, nicht wie jetzt, laut und stürmisch, sondern
leise und ächzend, was weit schauerlicher klang. Ich wünschte
Sie wären zu Hause; ich trat in dieses Gemach und der
Anblick des leeren Armstuhls und des ungeheizten Camins
stimmte mich traurig. Kurze Zeit darauf ging ich zu Bette,
aber ich konnte nicht schlafen; ein ängstliches, fürchtsames

Gefühl hielt mich wach. Der Wind schien einen andern
Laut in den Hintergrund zu drängen; ob dieser letztere aus
dem Hause selbst oder aus der Ferne kam, konnte ich nicht
unterscheiden, aber endlich glaubte ich das ferne Heulen eines
Hundes zu erkennen. Ich war froh, als das Gebelle endlich
nachließ, und schlief ein. Doch auch im Traume verfolgte
mich die Idee einer finstern, gefahrvollen Nacht und bei dem
Wunsche, mit Ihnen zu seyn, bemächtigte sich meiner ein
Gefühl, als trennte uns eine unübersteigliche Scheidewand.
Während meines ersten Schlummers träumte ich von einer
geschlängelten, mir gänzlich unbekannten Straße, die ich in
tiefster Finsterniß und im heftigsten Regen verfolgte. Ein
kleines Kind, das weder gehen noch stehen konnte und vor
Kälte zitterte, trug ich in meinen erstarrten Armen; es
weinte unaufhörlich. Es war als hätten Sie auf derselben
Straße einen sehr großen Vorsprung vor mir und ich strengte
mich aufs Aeußerste an, Sie einzuholen; auch wollte ich Sie
beim Namen rufen und Sie bitten, auf mich zu warten,
allein ich konnte den Mund nicht aufthun und ebenso wenig
vom Flecke kommen, indeß Sie sich immer weiter und weiter
von mir entfernten.’
‘Und diese Träume lasten noch jetzt auf Ihrem Gemüte,
Jane, da ich Ihnen ganz nahe bin ? Vergessen Sie den geträumten Schmerz und genießen Sie die angenehme Wirklichkeit. Sie sagen, Sie lieben mich und diese Worte wenigstens können Sie über die Lippen bringen. Ich hörte sie klar und deutlich, Sie sagten: ‘Sie freuten sich, mit mir leben
zu können, weil Sie mich liebten.’ Ist das wahr, Jane,
lieben Sie mich wirklich? Sagen Sie es noch einmal.’
‘Ich liebe Sie von ganzem Herzen.’
‘Es ist sonderbar,’ sagte er nach einer Pause, ‘allein Ihre Worte fuhren mir wir ein Dolchstich durch die Brust.
Warum? Vielleicht weil Sie sie mit einem so feierlichen
Tone aussprachen und mit einem Blicke voll Wahrheit, Treue
und Innigkeit zu mir empor sahen. Ich dachte einen Geist
vor mir zu haben. Machen Sie ein schlimmes Gesicht, Jane,
nie Sie es so gut verstehen; lächeln Sie schelmisch, schlau

und boshaft, sagen Sie, Sie hassen mich; ärgern und quälen, aber rühren Sie mich nur nicht.’
Ich will lieber ärgerlich als traurig seyn.
‘Ich werde Sie nach Herzenslust quälen, sobald ich
mit meiner Erzählung fertig bin. Hören Sie nun weiter!’
‘Ich meinte, Sie wären schon zu Ende und der Grund
Ihrer Melancholie sey in jenem Traume zu suchen.’
Ich schüttelte den Kopf.
‘Also eine Fortsetzung? Hoffentlich wird es nichts
Wichtiges seyn. Uebrigens versichere ich Ihnen im Voraus,
daß ich sehr ungläubig bin. Fahren Sie fort.’
Die Unruhe in seinem Gesichte, die furchtsame Ungeduld in seinen Bewegungen überraschten mich, doch entsprach
ich seinem Begehren.
‘Ich hatte noch einen zweiten Traum, Sir: Thornfield
war eine Ruine und der Zufluchtsort der Nachteulen und
Fledermäuse. Vom ganzen stattlichen Gebäude standen nur
noch die Mauern aufrecht und auch sie hatten Risse. Im
Mondscheine wanderte ich durch den mit Gras bewachsenen
Hofraum, stieß hier auf einen marmornen Caminmantel,
dort auf ein Stück Gesimse. In ein großes Tuch gehüllt,
hatte ich noch immer das unbekannte kleine Kind im Arme;
obwohl mich seine Schwere im Gehen hinderte, mußte ich
es dennoch tragen. In weiter Entfernung hörte ich den
Galopp eines Pferdes auf der Fahrstraße. Ich wußte, daß
Sie es wären und auf viele Jahre nach einem fernen
Lande verreisten. Mit wahnsinniger Hast suchte ich die morsche Mauer zu erklettern, um Sie von oben, wenn auch
nur im Fluge, sehen zu können; allein die Steine rollten unter meinen Füßen weg, die Epheuranken, an denen ich
mich fest hielt, gaben nach, das erschreckte Kind umklammerte meinen Hals, als wollte es mich erwürgen — endlich hatte ich mein Ziel erreicht. Ich sah Sie wie einen
dunklen Fleck auf dem weißen Grunde der Fahrstraße;
mit jedem Augenblicke wurde Ihre Gestalt kleiner. Der
Wind blies so heftig, daß ich nicht länger auf der Mauer
stehen konnte. Ich setzte mich auf der schmalen Fläche nieder, brachte das weinende Kind zum Schweigen und sah
Sie hinter einem Hügel verschwinden. Als ich mich vorwärts bog, um Sie noch ein letztes Mal zu sehen, stürzte
die Mauer ein, ich erbebte, verlor das Kind aus den Armen, fiel zu Boden und — erwachte.’
‘Und das ist Alles, Jane?’
‘Die Einleitung, Sir; die eigentliche Erzählung kommt erst. Als ich erwachte, blendete mich ein heller Schein.
‘Das Tageslicht,’ dachte ich; aber ich irrte, denn es war
ein Kerzenlicht. Ich glaubte, Sophie sey in die Stube
getreten. Das Licht stand am Ankleidetisch und das Gloset,
welches meinen Brautanzug enthielt, war offen: ich hörte
darin rascheln. ‘Sophie!’ rief ich, ‘was machen Sie
dort?’ Niemand antwortete, allein eine Gestalt trat heraus, faßte das Licht, hielt es in die Höhe und betrachtete
den an der Wand hängenden Anzug. ‘Sophie! Sophie!’
rief ich wieder und wieder blieb ich ohne Antwort. Ich
war im Bette aufgestanden und sah nun um mich. Ueberraschung und Schrecken bemächtigten sich meiner und das
Blut stockte in meinen Adern. Die Person war weder Sophie, noch Leah, noch Mrs. Fairfax, noch — ich sah
es zu deutlich und bin noch jetzt fest davon überzeugt —
noch jenes sonderbare Weib, Grace Poole.
Es muß aber doch Eine von ihnen gewesen seyn,’
fiel mir Mr. Rochester in die Rede.
‘Nein, Sir! Ich kann es feierlich beschwören. Die
Gestalt, die vor mir stand, war mir innerhalb dieser vier
Mauern noch nie zu Gesicht gekommen, ich sah sie zum
ersten Mal.’
‘Können Sie sie beschreiben?’
Es war ein großes starkes Weib mit dichten schwarzen, über die Schultern herabhängenden Haaren. Ich weiß
nicht welchen Anzug sie anhatte; er war weiß und ohne
Falten, ob ein Rock, ein Bettuch oder ein Sterbekleid,
das kann ich unmöglich sagen.’
‘Sahen Sie sie im Gesichte?’
‘Anfangs nicht. Doch alsbald nahm sie meinen Schleier

herunter, hielt ihn in die Höhe, sah ihn lange an, wickelte ihn dann um ihr Haupt und beschaute sich im Spiegel. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich den Reflex ihrer
Gesichtszüge ganz deutlich auf der glatten Glasfläche.’
‘Wie erschienen sie Ihnen?’
‘O, fürchterlich und gespenstisch! In meinem Leben sah ich kein solches Gesicht! Es war wild und entstellt
und ich wollte, ich könnte das Rollen der rothen Augen und den Ausdruck der schwarzen aufgedunsenen Züge vergessen.’
‘Die Gespenster pflegen in der Regel weiß zu seyn, Jane.’
‘Das hier war halb schwarz, halb purpurroth. Die Lippen waren geschwollen, fast blau, die Stirne gerunzelt,
die schwarzen Augenbrauen zogen sich hoch über die mit Blut unterlaufenen Augen. Soll ich Ihnen sagen, woran
mich die Erscheinung mahnte?’
‘Nun?’
‘An das fürchterliche, in Deutschland bekannte Gespenst — den Vampyr.’
‘Ha! — Was that das Ungeheuer?’
‘Es nahm den Schleier von seinem unförmlichen
Kopfe herab, zerriß ihn in zwei Stücke, warf die Fetzen auf den Boden und trat sie mit Füßen.’
‘Und dann?’
‘Dann schob es den Fenstervorhang zurück und blickte hinaus. Vielleicht bemerkte es, der Tag breche heran, denn
es ergriff das Licht und bewegte sich nach der Thür zu.
Hart an meinem Bett blieb die Gestalt stehen: ihr Feuerauge stierte mich an, sie hielt mir die Kerze ins Gesicht
und löschte sie vor meinen Augen aus. Ich fühlte wie sie
ihr fürchterliches Antlitz über mich bog und fiel bewußtlos zurück. Zum zweiten Male in meinem Leben waren
mir vor Entsetzen die Sinne geschwunden.’
‘Wer war bei Ihnen, als Sie wieder zu sich kamen?’
‘Niemand, Sir; es war bereits Tag. Ich stand auf, wusch mir den Kopf und das Gesicht und trank ein großes Glas Wasser. Ich fühlte mich wohl etwas schwach,
doch nicht krank und beschloß, meine Vision außer Ihnen Niemanden mitzutheilen. Und nun sagen Sie mir, Sir, wer war das Frauenzimmer?’
‘Die Ausgeburt einer erhitzten Phantasie. Ich muß Acht auf Sie geben, mein theures Herz; Nerven wie die
Ihrigen wollen zart behandelt seyn.’
‘Verlassen Sie sich darauf, Sir, meine Nerven waren in bester Verfassung und der Vorfall war kein Traum, sondern ereignete sich wirklich.’
‘Und Ihre frühern Träume waren wohl auch Wirklichkeit? Ist Thornfield eine Ruine? Bin ich von Ihnen
durch unübersteigliche Hindernisse getrennt? Werde ich Sie ohne einen Kuß, ohne ein Abschiedswort verlassen?’
‘Jetzt nicht.’
‘Vielleicht bald, denken Sie? — Der Tag, der uns für immer an einander ketten soll, hat bereits begonnen
und sobald wir einmal vereint sind, hören alle Schreckgespenster auf, dafür stehe ich Ihnen.’
‘Schreckgespenster, Sir! Ich wollte es wäre so, da Sie nicht einmal im Stande sind, mir das Geheimniß jenes fürchterlichen Besuches aufzuklären.’
‘Und eben weil ich es nicht aufklären kann, besteht es auch in der Wirklichkeit nicht.’
‘So dachte ich auch, als ich heute früh aufstand.
aber am Boden lag der Gegenstand, der all' meine Annahmen Lügen strafte, — der Schleier, von oben bis
unten in zwei Hälften zerrissen.’
Ich sah Mr. Rochester blaß werden und schaudern.
Seinen Arm um mich schlingend rief er aus: ‘Gott sey Dank, daß nur der Schleier darunter litt. — Oh, nur
daran zu denken, was noch hätte geschehen können!’
Er athmete tief auf und drückte mich so fest an sich, daß ich mich kaum bewegen konnte. Nach einem kurzen
Stillschweigen hob er munter an:
‘Nun, Jane, will ich Ihnen Alles erklären. Die
Sache war halb Traum, halb Wirklichkeit; ein Weib kam

ohne Zweifel in Ihre Stube, und dieses Weib war ganz gewiß — Grace Poole. Sie selbst nennen sie eine sonderbare Person und haben auch, nach Allem was Sie von
ihr wissen, gerechte Ursache dazu. Was that sie mir, was
Mason? In einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen
bemerkten Sie ihr Eintreten und ihre Bewegungen; doch
in Ihrer Aufregung, ich möchte sagen in Ihrem Fieberwahne, sahen Sie sie in einer Art Gespensteraufzug: das
lange aufgelöste Haar, das schwarz geschwollene Gesicht,
die hohe Gestalt fügte Ihre Phantasie hinzu. Das schmähliche Zerreißen des Schleiers war Wirklichkeit und sieht
ihr ganz gleich. Ich sehe, Sie wollen mich fragen, warum ich ein solches Weib im Hause behalte? Wenn wir Jahr
und Tag verheirathet seyn werden, sollen Sie es wissen,
doch jetzt nicht. Sind Sie befriedigt, Jane? Nehmen Sie
meine Erklärung des Geheimnisses an?’
Ich dachte nach, und die Wahrheit zu sagen, erschien
mir diese Lösung als die einzig mögliche. Ganz zufrieden
gestellt war ich nicht, allein ihm zu Gefallen that ich, als
ob ich es wäre, und da es mir wenigstens leichter ums
Herz war, antwortete ich ihm mit einem zufriedenen Lächeln. Es war indessen ein Uhr geworden und ich dachte
daran mich zurückzuziehen.
‘Schläft nicht Adele mit Sophien in der Kinderstube?’ frug er mich, indem er mir ein Licht anzündete.
‘Ja.’
‘Und in Adelens Bette ist noch Platz genug für Sie.
Sie müssen heute Nacht bei ihr schlafen, Jane; es wäre
kein Wunder, wenn der erzählte Vorfall Ihre Nerven angegriffen hätte, und da möchte ich lieber, Sie schliefen nicht
allein. Versprechen Sie mir, daß Sie in der Kinderstube schlafen wollen?’
‘Sehr gerne.’
‘Und schließen Sie die Thüre von innen zu. Wecken Sie Sophien, wenn Sie die Treppe hinaufgehen, unter
dem Vorwande, Sie ersuchten sie, sie möchte Sie morgen
bei Zeiten rufen, denn Sie müssen schon vor acht Uhr angezogen seyn und gefrühstückt haben. Und nun keine trüben
Gedanken mehr, verscheuchen Sie jede Sorge, Jane. Höre:
Sie nicht wie der Wind bis auf einen leisen Lufthauch
verstummt ist und der Regen nicht mehr an die Fenster
schlägt? Sehen Sie doch (er hob den Vorhang in diechöhes
wie lieblich die Nacht ist.’
So war es auch. Der halbe Himmel war heiter und
wolkenlos. Der Mond schien friedlich auf die Erde herab.
‘Nun,’ sagte Mr. Rochester, mich mit einem fragenden
Blicke ansehend, ‘wie befindet sich jetzt meine theure Jane?’
‘Die Nacht ist heiter, Sir, und auch ich bin es.’
‘Und Sie werden diese Nacht weder von Trennung
noch von Schmerzen träumen, sondern von glücklicher Liebe
und von unserer baldigen Verbindung.’
Diese Vorhersagung ging nur halb in Erfüllung; ich
hatte wohl keine düsteren, aber auch keine freundlichen
Träume, denn ich schlief ganz und gar nicht. Die kleine
Adela in meinen Armen machte ich meine Betrachtungen über
den ruhigen, gesunden Schlaf der Kindheit und sah dem
kommenden Tage entgegen: alle meine Lebensgeister waren
in Aufregung und als sich die Sonne erhob, erhob auch ich
mich. Noch erinnerte ich mich, wie fest sich Adela an mich
anklammerte, wie ich sie küßte, während ich ihre kleinen
Aermchen von mir losmachte, wie ich in sonderbarer Aufregung
weinte und sie endlich verließ, weil ich befürchtete, mein
Schluchzen könnte ihren Schlummer stören. Sie erschien
mir das Spiegelbild meines vergangenen Lebens und er,
mit dem ich mich nun verbinden sollte, als der gefürchtete
und dennoch angebetete Lenker meiner unbekannten Zukunft.

Ende des dritten Theiles.

Sechsundzwanzigstes Capitel.

Sophie erschien um sieben Uhr, mich anzukleiden. Sie
machte sehr lange, so lange, daß Mr. Rochester, wahrscheinlich ungeduldig geworden, hinaufschickte und fragen
ließ, warum ich noch nicht käme. Sie befestigte eben meinen Schleier (das einfache viereckige Stück Blonde) mit
einer Broche und ich entschlüpfte ihren Händen so schnell als
ich nur konnte.
‘Einen Augenblick!’ rief sie mir auf französisch zu.
‘Sehen Sie sich doch im Spiegel an, Sie vergessen ja ganz
darauf.’
Ich wandte mich an der Thüre um und sah eine Gestalt in vollem Staate, die meinem schlichten Selbst so unähnlich war, daß ich mir ganz fremd vorkam. ‘Jane!’ rief
eine Stimme und ich eilte hinunter. Mr. Rochester empfing mich am Fuße der Treppe.
‘Zauderin!’ rief er, sich brenne vor Ungeduld und
Sie können so lange zögern!’
Er führte mich ins Speisezimmer, beaugenscheinigte
mich von Kopf zu Fuß, erklärte, ich sey, schön wie eine
Lilie und nicht blos der Stolz seines Daseyns, sondern auch
die Wonne seiner Augen, und gab mir zehn Minuten Zeit,

etwas zu frühstücken. Er klingelte — einer seiner neu aufgenommenen Diener erschien.
‘Macht John den Wagen zurecht?’
‘Ja, Sir.’
‘Ist das Gepäcke unten?’
‘Eben wird es heruntergetragen.’
‘Gehen Sie nach der Kirche, sehen Sie, ob Mr. Wood
(der Geistliche) und der Notar dort sind.’
Die Kirche lag, wie sich der Leser erinnern wird, in
der Nähe. Der Lakei kam bald wieder zurück.
‘Mr. Wood ist in der Sacristei, Sir, und zieht eben
seinen Ornat an.’
‘Und der Wagen?’
‘Es wird eben eingespannt.’
‘Zur Kirche brauchen wir ihn wohl nicht, aber sobald wir zurückkommen, muß Alles bereit, die Koffer aufgepackt und der Kutscher auf dem Bocke seyn.’
‘Ganz wohl.’
‘Jane, sind Sie fertig?’
Ich erhob mich. Weder Brautführer, noch Brautjungfern noch Anverwandte begleiteten den Zug, der aus mir
und Mr. Rochester bestand. Mrs. Fairfax stand in der Halle,
als wir durchgingen. Gerne hätte ich mit ihr gesprochen,
doch ein eiserner Griff hielt mich fest; Mr. Rochester zog
mich so rasch mit sich fort, daß ich ihm kaum folgen konnte
und sein Gesicht sagte deutlich, er dulde keine Minute
Aufenthalt. Ich möchte wissen, ob je andere Bräutigame
so aussahen wie er in jenem Augenblicke, ob sie so erpicht,
so entschlossen waren und ob ihre Augen solche Blitze
schossen.
Ich weiß wirklich nicht mehr, ob wir an dem Tage

schönes oder garstiges Wetter hatten. Ich sah weder zum
Himmel, noch zur Erde; mein Herz war in meinen Augen
und die schienen sich in Mr. Rochester's Gestalt verkrochen
zu haben. Ich wünschte das unsichtbare Wesen zu sehen,
dem er, den Weg entlang, so wilde und grause Blicke
zuwarf; ich wünschte die Gedanken zu wissen, gegen die er
mit solcher Anstrengung anzukämpfen schien.
Am Kirchhofpförtchen blieb er stehen, da er bemerkte,
daß ich ganz außer Athem war. ‘Ich bin wohl grausam
in meiner Liebe?’ sagte er. ‘Warten Sie ein Weilchen und
stützen Sie sich auf mich.’
Noch jetzt sehe ich das alte Gotteshaus vor mir stehen,
dessen Thurm eine Krähe umkreiste und über dem sich ein
unfreundlicher Morgenhimmel wölbte. Auch einiger grünen
Grabhügel erinnere ich mich und zwei fremder Männer,
die zwischen ihnen herumgingen und die Aufschriften auf
den wenigen Grabsteinen zu lesen schienen. Als sie uns erblickten, bogen sie um die Kirche herum und ich zweifelte
nicht, daß sie die Absicht hatten, durch eine Seitenthüre
hineinzutreten und der Feierlichkeit beizuwohnen. Mr. Rochester gewahrte sie nicht; er blickte mir forschend ins Gesicht, aus dem in diesem Augenblicke alles Blut gewichen
war; meine Stirne wurde feucht und Mund und Wangen
kalt. Als ich mich wieder erholt hatte, was bald der Fall
war, führte er mich langsamen Schrittes dem Haupteingange zu.
Wir traten in den stillen, bescheidenen Tempel. Der
Priester erwartete uns im weißen Chorhemde am niedrigen
Altare, der Notar stand neben ihm. Alles war ruhig; blos
in einem fernen Winkel bewegten sich zwei dunkle Gestalten.
Meine Vermuthung war richtig gewesen, die Fremden waren vor uns in die Kirche geschlüpft und standen nun an
der Familiengruft der Rochester, uns den Rücken zukehrend
und anscheinend den marmornen Sarkophag betrachtend, an
dem ein knieender Engel die Ueberreste Damer's von Rochester bewachte, der zur Zeit des Bürgerkrieges bei Marston
Moor gefallen war und neben seiner Gemalin Elisabeth
ruhte.
Wir nahmen am Atargeländer Platz. Einen leisen
Schritt hinter mir hörend, sah ich mich um, und bemerkte
den einen der Fremden, der sich zur Kanzel heranschlich.
Die Ceremonie begann. Die Erklärung des Zweckes der Ehe
war bald vorüber, worauf der Geistliche vortrat und sich
leise zu Mr. Rochester neigend fortfuhr:
‘Ich fordere Euch hiermit Beide auf, mir, wie an
jenem großen Tage des allgemeinen Gerichtes, wo sich die
Geheimnisse aller Herzen erschließen werden, hiermit zu eröffnen, ob Euch irgend ein bei Euch obwaltendes Ehehinderniß bekannt ist, denn Ihr könnt versichert seyn, daß
Alle diejenigen, die anders verbunden, als es Gottes
Wort erlaubt, nicht mit Gottes Hilfe einander zugetraut
sind, und daß ihre Ehe ungiltig ist.’
Er hielt inne, wie es gebräuchlich ist. Wann geschieht
es wohl, daß diese Pause durch eine Einwendung unterbrochen wird? Kaum in hundert Jahren einmal, und
der Geistliche, der von seinem Buche nicht aufgeblickt hatte,
wollte eben fortfahren. Auf Mr. Rochester zeigend, war er
gerade im Begriffe die übliche Frage zu stellen: ‘Willst Du
diese Jungfrau zu deinem rechtmäßigen Weibe nehmen?’ —
als eine deutliche Stimme ganz in der Nähe ausrief:
‘Die Trauung kann nicht vor sich gehen! ich erkläre
hiermit das Vorhandenseyn eines Ehehindernisses.’

Der Geistliche sah den Sprecher an und verstummte;
der Notar desgleichen. Mr. Rochester erzitterte leise, als
hätte ein Erdbeben den Boden unter seinen Füßen zum Wanken gebracht; doch alsbald faßte er sich, und gebot, ohne
sich umzusehen, mit fester Stimme: ‘Fahren Sie fort.’
Eine tiefe Stille trat nach diesen Worten ein, worauf
sich der Geistliche, Mr. Wood, vernehmen ließ:
‘Ich kann nicht fortfahren, ohne die eben ausgesprochene Behauptung näher zu untersuchen!’
‘Die Ceremonie hat ein Ende,’ versetzte dieselbe Stimme
hinter uns. ‘Ich bin im Stande, das Vorhandenseyn eines
unübersteiglichen Hindernisses darzuthun.’
Mr. Rochester hörte, aber beachtete diese Rede nicht.
Steif und regungslos stand er da die einzige Bewegung,
die er machte, bestand darin, daß er meine Hand erfaßte.
Wie brannte sein Händedruck, wie sah seine breite Stirn so
alabasterweiß aus! Wie ruhig, wie forschend und bei Allem dem wie wild waren seine Blicke!
Mr. Wood war verlegen. ‘Von welcher Art ist dieses
Hinderniß?’ frug er. ‘Vielleicht läßt es sich beseitigen.’
‘Kaum,’ lautete die Antwort: ‘ich nannte es unübersteiglich, und ich weiß was ich sage.’
Der Fremde trat vor, lehnte sich ans Altargeländer,
und sagte die nachstehenden Worte mit ruhiger, deutlicher,
doch halblauter Stimme:
‘Das Hinderniß besteht einfach in dem Vorhandenseyn
einer früheren Ehe, und Mr. Rochester's Gemalin ist noch
am Leben.’
Meine Nerven erzitterten bei diesen leise gesprochenen
Worten, wie sie noch nie bei dem lautesten Donnerschlage
gezittert hatten; mein Blut erstarrte wie noch nie im heftigsten Froste; allein ich war gefaßt, und brauchte keine
Ohnmacht zu fürchten. Ich sah Mr. Rochester an, er wandte
sein Gesicht zu mir; es war kalt und regungslos wie Marmor, und sein Auge gläsern. Er widersprach nicht, er schien
Allem trotzbieten zu wollen. Ohne zu sprechen, ohne eine
Miene zu verziehen, augenscheinlich ohne mich für ein menschliches Wesen anzusehen, umschloß er mich mit dem einen
Arme
und drücke mich fester an sich.
‘Wer sind Sie?’ frug er den Eindringling.
‘Mein Name ist Briggs, ich bin ein Londoner Sachwalter.’
‘Und Sie möchten mir gerne ein Weib aufschwatzen?’
‘Ich wollte Sie blos an das Vorhandenseyn Ihrer
Gemalin erinnern, Sir, die das Gesetz anerkennt, wenn
auch Sie es nicht thun.’
‘Erfreuen Sie mich mit näheren Angaben über ihren
Namen, ihre Verwandten, ihren Aufenthaltsort.’
‘Mit Vergnügen.’ Mr. Briggs zog ganz ruhig ein
Papier aus der Tasche, dessen Inhalt er mit einer näselnden Advocatenstimme verlas:
‘Ich behaupte und kann den Beweis führen, daß am
20. October des Jahres *** Eduard Fairfax-Rochester von
Thornfieldhall in der Grafschaft *** und von Ferndean Manor in ***shire in England, mit meiner Schwester Bertha
Antoinette Mason, Tochter Jonas Mason's, Kaufmanns,
und seiner Frau Antoinette, in der ***kirche zu Spanishtown in Jamaica vermält wurde. Der Trauschein ist in jener
Kirche hinterlegt und eine Abschrift hiervon in meinem Besitze. Gez. Richard Mason.’
‘Dies mag beweisen, falls die Urkunde echt ist, daß

ich verheirathet war; aber es beweist nicht, daß mein ebengenanntes Weib noch lebt.’
‘Sie lebte noch vor drei Monaten,’ versetzte der Sachwalter.
‘Woher wissen Sie es?’
‘Ich habe einen Zeugen dafür, dessen Zeugniß nicht
einmal Sie werden umstoßen können.’
‘Bringen Sie ihn her und gehen Sie zur Hölle.’
‘Ich will ihn lieber vorführen, er ist ganz in der
Nähe. Mr. Mason, haben Sie die Güte herzukommen.’
Bei Erwähnung dieses Namens knirschte Mr. Rochester mit den Zähnen und zitterte conculsivisch; ich fühlte
wie diese krampfhafte Bewegung der Wuth oder der Verzweiflung durch seinen Körper lief. Der zweite Fremde, der
bis nun im Hintergrunde gelauert hatte, trat näher, ein
blasses Gesicht blickte hinter des Arvocaten Rücken hervor —
richtig. es war Mr. Mason. Mr. Rochester wandte sich um
und starrte ihn an. Sein Auge war, wie gesagt, schwarz,
doch nun erglänzte es von einem blutrothen Schimmer;
sein ganzes Gesicht schien Feuer zu speien und er erhob seinen
Arm, als wollte er Mason zerschmettern, ihm durch einen
tödtlichen Schlag die Seele aus dem Leibe treiben. Aber
Mason wich mit einem Satze und einem schwachen Hilferuf
antworten können. Noch einmal, was haben Sie mir zu
aus. Eine tiefe Verachtung folgte Rochester's Zornesglut,
und er frug ganz ruhig: ‘Was haben Sie mir zu sagen?’
Eine unhörbare Antwort kam über Mason's blasse
Lippen.
‘Der Teufel hole Sie, wenn Sie nicht deutlicher antworten können. Noch einmal, was haben Sie mir zu
sagen?’
‘Sir — Sir —’ unterbrach ihn der Geistliche, ‘vergessen Sie nicht, daß Sie sich an einem geheiligten Orte
befinden.’ Sich dann zu Mason wendend, frug er ihn
sanft: ‘Können Sie sagen, ob die Gemalin dieses Herrn
lebt oder nicht?’
‘Muth!’ rief der Sachwalter, ‘sprechen Sie es aus.’
‘Sie lebt nun in Thornfie!dhall,’ sagte Maion mit
etwas mehr Fassung. ‘Ich sah sie noch am letzten April daselbst. Ich bin ihr Bruder.’
‘In Thornfieldhall!’ versetzte voll Verwunderung der
Geistliche. ‘Unmöglich! Ich lebe schon eine geraume Zeit
in dieser Gegend, allein ich habe nie von dem Vorhandenseyn einer Mrs. Rochester auf Thornfieldhall gehört.’
Ein grimmiges Lächeln glitt über Mr. Rochester's Gesicht, während er murmelte:
‘Das glaube ich; bei Gott! ich trug Sorge, daß
sie Niemand unter diesem Namen kennen lernte.’ Er dachte
nach und schien durch zehn Minuten mit sich zu Rathe zu
gehen. Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt und begann:
‘Genug, — es soll Alles auf einmal heraus, wie
die Kugel aus dem Büchsenlauf. — Machen Sie Ihr Buch
zu, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab, und Sie,
Green (zu dem Notar gewendet), gehen Sie nach Hause.
Es wird heute keine Trauung stattfinden.’ Der Notar
gehorchte.
Mr. Rochester fuhr in der angefangenen Ansprache
barsch und rücksichtslos fort: ‘Zweiweiberei ist ein häßliches
Wort, und doch wollte ich das Verbrechen begehen. Allein
das Schicksal machte mir einen Strich durch die Rechnung
vielleicht auch hielt mich die Vorsehung von dieser Sünde
ab. Ich bin in diesem Augenblicke wenig besser, als der
Teufel selbst und verdiene, wie mir mein Pastor dort sagen

wird, die Strafe der ewigen Verdammniß und des höllischen
Feuers. Meine Herren, mein Plan ist vereitelt, denn was
diese beiden Leute behaupten, ist wahr: ich bin vermält und
das Weib, dem ich angetraut wurde, lebt noch. Sie sagen,
Sie hätten nie von einer Mrs. Rochester gehört, Wood;
aber oft werden Sie der Sage von der geheimnißvollen
Wahnsinnigen gelauscht haben, die in Thornfieldhall unter
Schloß und Riegel verwahrt wird. Einige Leute behaupteten,
es sey meine uneheliche Halbschwester, Andere hielten sie
für meine verstoßene Geliebte und ich eröffne Ihnen nun,
daß sie mein Weib ist, die ich vor fünfzehn Jahren ehelichte.
— Bertha Mason, die Schwester dieser heldenmüthigen
Versen, die blaß und am ganzen Körper zitternd hier steht
und den Beweis liefert, was für ein Herz zuweilen ein Mann
im Leibe haben kann. Muth gefaßt, Dick! Fürchten Sie
sich nicht vor mir! Ich möchte eher ein Weib schlagen als
Sie. Bertha Mason ist wa hnsinnig , sie stammt aus einer
wahnsinnigen Familie, die seit drei Menschenaltern aus
Blödsinnigen und Tollhäuslern besteht. Ihre Mutter, eine
Creolin, war wahnsinnig und dem Trunke ergeben, —
wie ich dies erst später erfuhr, nachdem ich schon mit der
Tochter getraut war, denn vorher beobachteten sie über die
Familiengeheimnisse ein kluges Stillschweigen. Bertha ahmte
ihrer Mutter als ein braves Kind in beiden Punkten nach.
Ich hatte eine liebenswürdige, keusche, bescheidene und kluge
Gefährtin und Sie können sich vorstellen, was für ein glücklicher Gatte ich war. — Oh, ich erlebte herrliche Auftritte
Ich machte heimliche Erfahrungen. nur Schade, daß Sie
sie nicht kennen! Briggs, Wood, Mason — ich lade Euch
Alle ein, zu mir ins Haus zu kommen, und Mrs. Pool's Patientin, meinem Weibe, einen Besuch abzustatten!

— Ihr werdet sehen, mit was für einem Wesen man mich
zusammen koppelte und mögt beurtheilen, ob ich nicht ein
Recht hatte, die Fesseln brechen und anderwärts Mitgefühl
oder wenigstens Menschlichkeit zu suchen. Dieses Märchen
auf mich deutends wußte um das grause Geheimniß eben
so wenig als Sie, lieber Wood; Sie dachte, es wäre Alles
in der Ordnung und es fiel ihr nicht einmal im Traume
ein, daß sie in eine ungesetzliche Verbindung mit einem unglücklichen Betrogenen verflochten werden sollte, der bereits
an eine boshafte, wahnsinnige und verthierte Ehegenossin
gefesselt ist! Und nun kommen Sie Alle mit!’
Mich noch immer festhaltend verließ er die Kirche; die
drei Herren folgten nach. Am Haupteingange des Herrenhauses stand der Wagen in Bereitschaft.
‘Zurück damit in die Wagenremise, John,’ sagte Mr.
Rochester kaltblütig, ‘wir werden den Wagen heute nicht
brauchen.’
Beim Eintritte ins Haus kamen uns Mrs. Fairfax, Sophie, Leah und Adela entgegen, um uns zu
begrüßen.
‘Rechts um!’ rief der Gebieter. ‘Fort mit euren
Glückwünschen! Wer bedarf ihrer? Ich nicht, für mich
kommen sie fünfzehn Jahre zu spät.’
Er schritt vorüber, stieg, mich an Arme, die Treppe
hinan und winkte den Herren ihm zu folgen. Sie gehorchten. Wir erstiegen das dritte Stockwerk; Mr. Rochester's
Hauptschlüssel öffnete die niedrige schwarze Thür und ließ
uns in das mit Tapeten behangene Gemach mit der großen
Bettstatt und dem Seitencabinete ein.
‘Sie kennen diesen Ort, Mason,’ sagte unser Führer, ‘sie zerfleischte Sie hier und stach nach Ihnen mit einem
Messer.’
Die Tapeten an der einen Wand in die Höhe hebend,
deckte er die geheime Thür auf, die er gleichfalls öffnete.
In einem Gemache ohne Fenster brannte ein großes Feuer
hinter einem hohen starken Gitter und von der Wölbung
hing eine angezündete Lampe an einer starken Kette herab.
Grace Poole stand am Feuer und war augenscheinlich damit
beschäftigt. etwas in einer Pfanne zu kochen. Am äußersten
Ende des Zimmers lief eine Gestalt unruhig auf und nieder.
Was es war, ob ein Thier, ob ein menschliches Wesen,
ließ sich beim ersten Anblicke nicht unterscheiden. Es kroch
auf allen Vieren und bellte und heulte wie eine wilde Bestie, war aber angekleidet und hatte am Kopfe eine Menge
dunkler, stellenweise ins Graue schillernder Haare, die zottig wie Mähnen herabwallten und Gesicht und Brust verhüllten.
‘Guten Morgen, Mrs. Poole,’ sagte Mr. Rochester.
Wie geht es Ihnen und was macht Ihre Pflegebefohlene?’
‘Sie führt sich ziemlich gut auf, Sir,’ erwiederte
Grace, das kochende Gebräu vorsichtig hinter das Eisengitter stellend. ‘Sie ist wohl etwas bissig, aber doch
nicht toll.’
Ein wilder Schrei schien den günstigen Bericht Lügen
strafen zu wollen. Die bekleidete Hyäne erhob sich und stand
der ganze Länge nach auf den Hinterfüßen.
‘Ah, Sir, sie sieht Sie!’ rief Grace; ‘ich dächte,
Sie entfernten sich lieber.’
‘Nur noch einige Augenblicke, Grace; Sie müssen
mich noch einige Minuten hier lassen.’
‘Dann seyen Sie um Gottes willen auf Ihrer Hut.’

Die Wahnsinnige bellte, strich sich die zerzausten Haarlocken aus dem Gesichte und sah ihre Gäste wild an. Wohl
erkannte ich dies purpurrothe aufgedunsene Gesicht, diese
teuflischen Züge. Mrs. Poole trat vor.
‘Gehen Sie aus dem Wege,’ sagte Mr. Rochester,
sie bei Seite schiebend, ‘sie hat jetzt kein Messer, denke ich,
und ich bin vorbereitet.’
‘Man weiß nie was sie hat, sie ist so pfiffig, daß
keine menschliche Klugheit ihre List zu ergründen im
Stande ist.’
‘Ich dächte, wir gingen,’ flüsterte Mason. ‘Gehen Sie zum Teufel!’ war seines Schwagers
Antwort.
‘Acht gegeben!’ schrie Grace. Die drei Herren sprangen gleichzeitig zurück. Mr. Rochester stieß wich hinter sich,
die Wahnsinnige sprang auf ihn zu, packte ihn bei der Gurgel und legte ihre Zähne an seine Wange; sie rangen. Die
Frau war stark, fast so groß wie ihr Gatte und sehr beleibt; im Kampfe legte sie eine nahezu männliche Kraft an
den Tag und mehr als einmal brachte sie ihn, eine so athletische Stärke er auch besaß, zum Weichen. Wohl hätte er
sie mit einem gut angebrachten Schlage zu Boden werfen
können, allein er wollte nicht schlagen, er wollte sie blos
bändigen. Endlich hatte er ihre Arme erfaßt, Grace Poole
gab ihm einen Strick und er band sie ihr auf den Rücken,
mit einem andern Tauende befestigte er sie an einem Stuhle.
Die Operation wurde unter wildem Geheul und den fürchterlichsten Kraftanstrengungen von Seite der Wahnsinnigen
vollführt. Mr. Rochester wandte sich dann zu den Zuschauern und maß sie mit einem bittern und trostlosen Lächeln.
‘Das ist mein Weib,’ sagte er. ‘Solche Umarmungen sind die einzigen, deren ich mich erfreuen, solche
Liebkosungen diejenigen, die ich in meinen Mußestunden
nachsuchen kann! Und dies hier (seine Hand auf meine Achsel legend) ist, was ich zu besitzen wünschte; dies junge
Mädchen, das nun ernst und ruhig am Eingange der Hölle
steht, das den Wuthsprüngen eines bösen Geistes mit Fassung zusieht. Ich wollte es zur Abwechslung nach diesem
gepfefferten Ragout haben. Wood! Briggs! bemerken Sie
nur den Unterschied! Vergleichen Sie diese klaren Augen
mit jenen rothen Feuerballen, dieses Gesicht mit jener ratze,
diese Gestalt mit jener Unform und nun urtheilen Sie,
Priester des Evangeliums und Sie, Mann des Gesetzes, und
erinnern Sie sich daran, daß Sie Gott so richten wird,
wie Sie mich richten! Und nun fort mit Euch, ich muß
meinen Schatz verschließen.
Wir verließen insgesammt das Schreckensgemach. Mr.
Rochester blieb noch eine Weile zurück, um Grace Poole
einige Verhaltungsbefehle zu ertheilen. Als wir die Treppe
hinunter gingen, redete mich der Sachwalter an.
‘Sie, Madame,’ sagte er, ‘stehen ganz tadellos da.
Ihr Onkel wird sehr erfreut seyn es zu vernehmen, vorausgesetzt, daß er noch am Leben ist, wenn ihn Mr. Mason in Madeira wieder aufsucht.’
‘Mein Onkel! Was soll's mit dem? Kennen Sie ihn?’
‘Ich nicht, doch Mr. Mason. Mr. Eyre war durch
lange Jahre der Correspondent seines Hauses für Funchal.
Als Ihr Onkel Ihren Brief erhielt, in dem Sie ihm Ihre
bevorstehende Verbindung mit Mr. Rochester anzeigten, befand sich Mr, Mason, seiner Gesundheit wegen, gerade in
Madeira bei Ihrem Onkel. Mr. Eyre theilte ihm die Nachricht mit; da er wußte, Mr. Mason sey mit einem Herrn

Namens Rochester bekannt. Voll Verwunderung und Betrübniß enthüllte Mr. Mason die wahre Sachlage. Ihr Onkel liegt nun krank und wird bei er Beschaffenheit seines
Nebels — der Auszehrung — und bei dem hohen Grade,
den es erreicht hat, kaum wieder aufkommen. Natürlich
konnte er nicht selbst nach England eilen, um Sie aus der
Ihnen gelegten Falle zu befreien; allein er ersuchte Mr.
Mason, alles Mögliche anzuwenden, um dieser ungiltigen
Ehe vorzubeugen und wies ihn des rechtlichen Beistandes
wegen an mich. Ich beeilte mich so sehr ich konnte und kam,
Gott sey Dank! noch zur rechten Zeit, was gewiß auch
Ihnen sehr erwünscht seyn muß. Hätte ich nicht die moraliche Gewißheit, Ihr Onkel werde sterben, bevor Sie noch
Madeira erreichen, wollte ich Ihnen rathen, Mr. Mason
dahin zu begleiten; aber wie die Sachen stehen, ist es wohl
besser, Sie bleiben in England und warten fernere Nachrichten ab. Haben wir noch etwas zu verrichten?’ frug er
Mr. Mason.
‘Nein, nein wir wollen abreisen,’ gab der ängstliche Mann zur Antwort und ohne sich von Mr. Rochester
zu verabschieden, verschwanden Beide, Sachwalter und
Client. Der Geistliche blieb zurück, um an sein stolzes
Pfarrkind einige Worte des Tadels oder der Ermahnung zu
richten, worauf er sich empfahl.
An der halboffenen Thüre meiner Stube stehend, in
die ich mich mittlerweile zurückgezogen hatte, hörte ich ihn
fortgehen. Nachdem das Haus rein war, schloß ich mich
ein, schob den Riegel vor, um jeder Ueberraschung zuvorzukommen und begann — nicht etwa zu weinen oder zu
Zimmern, dazu war ich viel zu ruhig, sondern — mechanisch meinen Brautanzug abzulegen und mit dem schwarzen

Wollkleide zu vertauschen, das ich noch gestern, wie ich
glaubte, zum letzten Male getragen hatte. Dann setzte ich
mich nieder, denn ich fühlte mich matt und schwach. Ich
stützte meine Arme auf den Tisch und legte meinen Kopf
darauf. Und nun fing ich an zu denken; denn bis jetzt hatte
ich blos gehört, gesehen, mich bewegt, mich hin und her führen, und ein Ereigniß nach dem andern geduldig über mich
ergehen lassen. Ein tiefes Nachdenken trat jetzt an die Stelle.
Der Morgen war, bis auf die Scene mit der Wahnsinnigen, ziemlich still gewesen. Selbst die Verhandlung in
der Kirche war geräuschlos, ohne leidenschaftliche Ausbrüche,
ohne Zank und Streit, ohne Thränen, ohne eine Herausforderung abgelaufen. Einige wenige Worte waren gewechselt, eine ruhige Einsprache in die Vornahme der Trauung
gethan worden, Mr. Rochester hatte einige barsche Fragen
gestellt, die verlangten Antworten erhalten und darauf die
Wahrheit und Richtigkeit der gemachten Einwendung gegeben. Zuletzt war uns der lebende Beweis des Ehehindernisses vorgeführt worden, worauf sich die Eindringlinge
entfernten und das Trauerspiel zu Ende war.
Nun befand ich mich in meiner Stube, wie gewöhnlich, in meiner früheren Stellung, ohne irgend eine Veränderung erlitten zu haben. Der schreckliche Zwischenfall
hatte mich nicht zu Boden gedrückt, kaum gelähmt. Und
doch, wo weilt Jane Eyre von gestern? Wohin waren
ihre Aussichten, ihre Zukunft gerathen?
Jane Eyre, die liebende, hoffende Braut, war nun
wieder das arme, verlassene Mädchen, ihr Leben verblaßt,
ihre Aussichten trostlos. Ein Winterfrost war mitten im
Sommer gekommen, ein Decembersturm durch die laue
Junilust gesaust: Eis glänzte an den reifen Aepfeln, der

Reif hatte die Blumen versengt und Wiesen und Felder mit
einer weißen Decke überzogen. Die Wege, noch gestern mit
blühenden Hecken eingesäumt, waren heute vor tiefem Schnee
nicht mehr gangbar und die Wälder, noch vor zwölf Stunden im üppigsten, wahrhaft tropischen Blätterschmucke
prangend, starrten nun kahl und traurig zum Himmel,
wie Knieholz in einem lappländischen Winter. Alle meine
Hoffnungen waren zu Grabe gegangen, plötzlich und in der
Stille, wie in einer Nacht alle Erstgebornen des Landes
Egypten der Tod ereilte. Ich ging die Wünsche meines
Herzens durch; noch gestern lebten sie frisch und kräftig,
heute lagen sie da, als starre, kalte Leichname. die ich nimmer ins Daseyn zurückrufen konnte. Ich sah nach meiner
Liebe, der Schöpfung, dem Eigenthume meines Gebieters;
sie zitterte in meinem Herzen, wie ein krankes Kind in einer
kalten, unbedeckten Wiege, denn sie konnte nicht mehr in
Mr. Rochester's Arme eilen, sich an seiner Brust erwärmen.
O, nie, nie durfte sie sich ihm wieder zuwenden, denn
der Glaube war gewichen, das Vertrauen zerstört. Mr.
Rochester war mir nicht mehr das , was er mir einst gewesen, denn er war nicht so, wie ich mir ihn gedacht. Ich
schrieb ihm keine böse Absicht zu, ich wollte nicht behaupten, er habe mich zu hintergehen gesucht; doch der Glaube
an seine unbefleckte Rechtlichkeit war dahin und mit ihm
mußte nun auch ich weit von ihm weg eilen. Wann, wie
und wohin ich gehen sollte, das war mir noch nicht klar,
doch war ich überzeugt, daß auch ihm daran gelegen seyn
mußte, mich von Thornfield zu entfernen. Eine wahre,
reine Liebe konnte er, nach Allem zu schließen, nie für
mich gefühlt haben und es war blos eine blinde Leidenschaft,
die sich seiner bemächtigt hatte; umsomehr mußte ich nun

jedes Zusammentreffen mit ihm vermeiden, denn auch ihm
mußte mein Anblick verhaßt seyn. O, wie blind war ich
gewesen, wie thöricht hatte ich mich betragen!
Meine Augen waren geschlossen und tiefe Finsterniß
schien mich zu umgeben, trübe Gedanken durchzogen meine
Seele. Mir selbst überlassen, ohne Schutz und Hilfe, kam
es mir vor, als läge ich in einem ausgetrockneten Flußbette
und als hörte ich von der Ferne einen Waldstrom heranbrausen und hätte weder den Willen aufzustehen, noch die Kraft
zu entfliehen. Nur die eine Idee lebte mit aller Kraft in mir
— der Gedanke an Gott. Ich sagte ein stilles Gebet her,
denn ich besaß nicht Kraft genug es über meine Lippen zu
bringen. ‘Bleibe bei mir,’ flehte ich, ‘denn das Unglück
naht und es ist Niemand da, der mich schützte.’
Und es war nahe, und da ich in Tagen des Glücks
vergessen hatte den Himmel zu bitten, er möge es von
mir abwenden, so kam es unaufhaltsam und mit voller
Macht über mich. Mein Selbstbewußtseyn war gebrochen,
meine Liebe geknickt, meine Hoffnungen vernichtet, mein
Vertrauen untergraben. Jene bittere Stunde der Wahrheit
getreu zu beschreiben wäre unmöglich; es war als stände
ich im Wasser und versänke im bodenlosen Schlamm und
als schlügen sie Wellen über meinem Haupte zusammen.

Siebenundzwanzigstes Capitel.

Gegen Abend hob ich den Kopf wieder in die Höhe,
sah um mich, erblickte die Sonne, die im Westen ihrem
Untergange zueilte, und fnug mich was ich nun thun sollte.
Doch die Antwort, die mir mein Verstand darauf gab,

Thornfield sofort zu verlassen, lautete so niederschlagend,
daß ich nichts davon hören mochte. ‘Daß ich nicht mehr
Eduard Rochester's Braut bin,’ sprach ich zu mir selbst,
‘ist mein geringster Schmerz; daß ich aus den schossten
Träumen erwachte und die Wirklichkeit mit all' ihren Schrecken vor mir sehe, ist ein Zustand, den ich ertragen konnte,
allein der Gedanke, ihn mit einem Male und für immer
vergessen zu müssen, ist mir fürchterlicher als Alles. Nein,
das vermag ich nicht.’
Darauf versicherte mich die Stimme der Vernunft, ich
könne und werde es auch thun und ich schwankte hin und her.
Ich wollte schwach seyn, um den Leidensgang, der vor mir
lag, vermeiden zu können; doch das Gewissen trat mit Entschiedenheit auf, entschlossen die Leidenschaft niederzuhalten.
‘Nun denn, so mag unan mich von hier losreißen,’
rief ich, ‘und es ein Anderer thun.’
‘Du selbst mußt Dich losreißen,’ lautete der Ausspruch der Vernunft, ‘und Niemand soll Dir dabei helfen.
Du selbst wirst Dir dein rechtes Auge ausstechen und Dir
die rechte hand abhacken, dein Herz soll das Opfer seyn,
und Du der Priester, der es durchbohrt.’
Voll Furcht über die mich umgebende Stille und voll
Entsetzen über diese Mahnung meines bessern Selbst sprang
ich auf. Der Kopf drehte sich mir und ich bemerkte jetzt erst,
daß ich vor Aufregung und Hunger unwohl war; weder
Speise noch Trank waren den ganzen Tag über meine Lippen gekommen, denn ich hatte in der Eile nicht einmal frühstücken können. Dazu kam der schmerzliche Gedanke, daß
sich die ganze Zeit hindurch keine Menschenseele um mich
gekümmert, Niemand nach mir gefragt hatte. Nicht einmal
Adela war an die Thüre meiner Stube gekommen, nicht

einmal Mrs. Fairfax hatte sich meiner erinnert. ‘Wem das
Glück den Rücken wendet, der hat keine Freunde mehr,’
sprach ich vor mich hin, während ich den Riegel zurückschob
und zum Zimmer hinaus trat. Ich strauchelte über etwas;
mein Kopf war noch immer eingenommen, meine Augen getrübt, meine Glieder schwach, aber ich fiel nicht auf den
Boden, ein ausgestreckter Arm fing mich auf. Ich sah empor — Mr. Rochester hielt mich, der in seinem Stuhle
der der Thürschwelle gesessen war.
‘Endlich kommen Sie heraus,’ sagte er. ‘Ich habe
lange auf Sie gewartet und einstweilen gehorcht, aber ich
hörte weder eine Bewegung, noch einen Seufzer; noch fünf
Minuten und ich hätte das Schloß aufgebrochen wie ein
Dieb. Also Sie gehen mir aus dem Wege? Sie sperren
sich ein, um allein zu weinen? Ich wollte Sie wären lieber voll Wuth und Heftigkeit auf mich losgefahren. Sie
sind leidenschaftlich, ich machte mich auf einen lärmenden
Auftritt gefaßt. Ich war auf einen heißen Thränenregen
vorbereitet und wünschte nur, sie würden an meinem Herzen
vergossen; indessen hat sie der gefühllose Fußboden oder Ihr
nasses Taschentuch eingesogen. Doch ich irre mich, Sie haben
gar nicht geweint! Ihre Wange ist blaß und Ihr Auge
verschwommen, allein von Thränen keine Spur. Wahrscheinlich hat Ihr Herz Blut geweint?’
‘Nun, Jane, haben Sie leinen Vorwurf für mich?
Keine Bitterkeit — keine herzzerreißenden Reden? Nichts,
was das Gefühl erregt und den Zorn aufstachelt? Sie sitzen
ruhig auf dem Orte, auf den ich Sie niedergesetzt und sehen
mich mit einem matten, ausdruckslosen Blicke an.
‘Ich hatte nicht die Absicht, Jane, Sie so zu verletzen.
Wenn irgend Jemand sein einziges Schäfchen, das er wie

sein Kind liebte, dem er von seinem Brote zu essen, aus
seinem Becher zu trinken gab, das an seinem Busen zu ruhen pflegte, durch irgend ein Mißverständniß geschlachtet
hätte, er könnte sein blutiges Versehen nicht bitterer bereuen,
als ich das meinige. Werden Sie mir je vergeben?’
Ich vergab ihm auf der Stelle. In seinem Blicke lag
ein so tiefes Bedauern, in dem Tone seiner Stimme ein so
aufrichtiges Leid, in seiner ganzen Erscheinung ein so unverkennbarer Ausdruck seiner unwandelbaren Liebe, daß ich ihm
Alles, wenn auch nicht laut, so doch im Innersten meines
Herzens verzieh.
‘Sie wissen, daß ich ein Schurke bin, Jane?’ frug
er neugierig, mich ohne Zweifel über mein fortgesetztes Stillschweigen und über meine Sanftmuth wundernd, die beide
mehr das Ergebniß meiner Abspannung als meines Willensvermögens waren.
Ich schwieg.
‘Dann sagen Sie mir es rund heraus und schonen Sie
mich nicht.’
‘Das kann ich nicht, ich bin zu erschlafft und krank.
Ich möchte etwas Wasser haben.’ Er stieß einen langen,
zitternden Seufzer aus, nahm mich in seine Arme und trug mich die Treppe hinunter. Anfangs wußte ich nicht,
in welches Zimmer er mich gebracht hatte, denn mein Blick
umnachtete sich; blos den belebenden Einfluß der Wärme
verspürte ich, da ich, trotzdem daß es Sommer war, fürchterlich fror. Er flößte mir etwas Wein ein: ich schluckte
ihn hinunter und kam wieder zu mir; dann aß ich einige
Bissen, die er mir vorschnitt, und war alsbald vollkommen gekräftigt. Ich befand mich im Bibliothekzimmer in
seinem Stuhle, er stand neben mir. ‘Wenn ich jetzt ohne

einen zu großen Kampf aus dem Leben scheiden könnte,
wäre es gut,’ dachte ich bei mir selbst. ‘Wenigstens bedürfte es meiner Anstrengung nicht, die Bande zu zerreißen, mit denen die Liebe unsere Herzen verbunden. Ich
muß ihn verlassen; allein ich will, ich kann es nicht
thun.’
‘Wie befinden Sie sich, Jane?’
‘Weit besser, Sir; ich werde bald hergestellt seyn.’
‘Nehmen Sie noch einen Schluck Wein.’
Ich gehorchte. Mr. Rochester stellte das Glas wieder auf den Tisch hin und sah mich aufmerksam an. Plötzlich wandte er sein Gesicht mit einem unverständlichen Ausrufe, ging rasch im Zimmer auf und ab, bog sich dann
zu mir herab und schien mich küssen zu wollen. Ich erinnerte ihn, Liebkosungen seyen nun nicht mehr erlaubt,
drehte den Kopf herum und stieß sein Gesicht sanft zurück.
‘Was? — Wie?’ rief er hastig aus. ‘Ach, Sie
wollen Bertha Mason's Gatten nicht küssen? Sie denken,
er hat eine Andere in die Arme zu schließen und zu herzen?’
‘Jedenfalls kann ich keinen rechtmäßigen Anspruch
darauf machen.’
‘Warum? — Ich will Ihnen indessen das viele Reden ersparen und statt Ihnen antworten. Weil ich schon
ein Weib habe, wollen Sie sagen. Habe ich es errathen?’
‘Ja.’
‘Wenn Sie so denken, müssen Sie eine sonderbare
Meinung von mir haben. Sie müssen mich für einen lasterhaften Spitzbuben ansehen, für einen elenden Schurken,
der Ihre uneigennützige Liebe wecken wollte, um Sie damit in eine vorbereitete Falle zu locken. und Ihnen Ihre
Ehre und Ihre Selbstachtung zu rauben. Was sagen Sie

dazu? Ich sehe, Sie können nichts darauf erwiedern, denn
erstens sind Sie zu schwach und können kaum Athem holen
und sich zweitens noch nicht daran gewöhnen, mich zu beschuldigen und für schlecht zu halten. Uebrigens ist der
Thränenquell gefüllt und würde überfließen, wenn Sie zu
viel sprächen, und Sie sind nicht geneigt zu zanken, zu
schmähen, Komödie zu spielen. Sie denken darüber nach,
wie Sie handeln sollen, denn Sie glauben, mit dem
bloßen Reden sey nichts gethan. Ich kenne Sie und —
bin auf meiner Hut.’
‘Ich will nichts gegen Sie unternehmen, Sir,’ sagte
ich mit unsicherer Stimme und im Bewußtseyn nur kurze
Sätze aussprechen zu können.
‘Nicht in Ihrer Bedeutung des Wortes, sondern in
der meinen wollen Sie mich vernichten. Sie sagten, ich
sey ein verheiratheter Mann — als einen solchen werden Sie
mich meiden, mir aus dem Wege gehen, und eben jetzt verweigerten Sie mir einen Kuß. Sie wollen mir fortan als
eine Fremde gegenüberstehen, unter diesem Dache blos als
Adelens Erzieherin leben, und wenn ich je ein freundliches
Wort zu Ihnen sage, oder in Ihrer Nähe etwas wärmer
werde, wollen Sie sich vor Augen halten, daß ich Sie fast zu
meiner Maitresse gemacht, und Sie werden mir gegenüber
kalt wie Eis und hart wie Stein seyn.’
Ich suchte meine Stimme zu kräftigen. ‘Alle meine
Verhältnisse haben sich geändert, Sir, folglich muß auch
ich mich ändern, und um alle Gelegenheit zu nutzlosen Aufregungen und ewigen Kämpfen zu vermeiden, gibt es nur
Einen Weg, und der ist — daß Adela eine andere Erzieherin bekömmt.’
‘Oh, Adela geht in eine Kostschule — ich habe das

schon geordnet; auch habe ich nicht die Absicht, Sie mit den
fürchterlichen Erinnerungen und schrecklichen Mahnungen
von Thornfieldhall zu peinigen — diesem verfluchten Hause
— diesem scheußlichen Aufenthalte, der das Gespensterbild
des lebendigen Todes Angesichts des lichten Firmamentes
birgt — dieser von Stein gebauten Hölle mit einem einzigen, doch einer ganzen Legion anderer Teufel überlegenen,
Satan. Sie sollen nicht hier bleiben, Jane, und auch
ich will mich von hier entfernen. Ich hatte Unrecht, Sie
überhaupt hieher zu bringen, da ich wußte, wer hier hau-
set. Noch ehe ich Sie kannte, trug ich meinen Leuten strenge
auf, Ihnen den Fluch, der auf diesem Gebäude lastet, un-
ter keiner Bedingung zu entdecken, blos weil ich fürchtete,
es würde keine Erzieherin bei Adelen aushalten, sobald sie
wüßte, was für eine Hausgenossin sie hier habe. Und wohin anderwärts wollte ich die Wahnsinnige nicht thun, wiewohl ich noch ein altes, noch weit abgelegeneres Schloß
als dieses hier, Ferndean-Manor genannt, besitze. Doch
die ungesunde Lage des Gebäudes ließ mein Gewissen vor
einer solchen Anoronung zurückschrecken. Wahrscheinlich hätten mich jene feuchten Mauern bald von meiner Last befreit,
allein jeder Schurke hat seine Fehler, und ich fühle mich
nun einmal nicht zu indirectem Morde geneigt, auch bei
demjenigen Geschöpfe nicht, das ich über Alles hasse.’
‘Ihnen die Gegenwart des tollen Weibes verheimlichen, hieß ein Kind mit einem Mantel zudecken und unter
einen Upasbaum legen; die Umgebung dieses Dämons ist
vergiftet, und war es von jeher. Doch ich will Thornfieldhall verschließen, den Haupteingang zunageln, und die
untern Fenster zumauern lassen, und Mrs. Poole soll zweihundert Pfund jährlich dafür haben, daß sie mit meinem

Weibe lebt, wie Sie jene scheußliche Hexe zu nennen belieben. Grace thut viel für's Geld, und zudem soll sie noch
ihren Sohn, den Schließer von Grimsby-Retreat, zu sich
nehmen, daß er ihr Gesellschaft leiste und bei der Hand sey. wenn es meinem Weibe einfällt, die Leute zu
verbrennen, zu erstechen, zu zerfleischen u. s. w.’
‘Sie sind gegen die unglückliche Frau zu erbittert,
unterbrach ich ihn. Sie sprechen von ihr mit Haß und
Abscheu. Das ist grausam, denn sie kann nicht dafür, daß
sie wahnsinnig ist.’
‘Jane, mein theueres Herz (so will ich Sie nennen,
denn Sie sind mir theuer), Sie wissen nicht was Sie sagen. Sie beurtheilen mich wieder ganz falsch; nicht ihres
Wahnsinns wegen hasse ich sie. Glauben Sie, ich würde
auch Sie hassen, wenn Sie dieses Unglück beträfe?’
‘Das glaube ich in der That.’
‘Dann irren Sie sehr und kennen mich oder wenigstens die Liebe nicht, deren ich fähig bin. Jedes Atom Ihres Körpers ist mir so theuer wie mein Herzblut und erlägen Sie dem Schmerze und der Krankheit, es änderte nichts
an der Sache. Ihr Geist ist meine Schatzkammer, und wäre
er umnebelt, er bliebe es auch dann noch; ras’ ten Sie, meine
Arme und nicht eine Zwangsjacke hielten Sie fest, und Ihre
Berührung hätte selbst in der Wuth einen unnennbaren
Zauber für mich; stürzten Sie sich mit gleicher Raserei, wie
heute Morgens jenes Weib, auf mich, ich empfinge Sie mit
einer ebenso herzlichen als festen Umarmung. Vor Ihnen
würde ich nicht, wie vor Jener, voll Ekel zurückschaudern;
in Ihren ruhigen Augenblicken sollten Sie keinen andern
Wärter haben als mich, und ich würde mich mit unwandelbarer Zärtlichkeit zu Ihnen neigen, wiewohl Sie mir

nie zulächelten, und nicht müde werden, in Ihre Augen
zu schauen, obgleich sie keinen Blick des Erkennens für mich
hätten. — Doch was verfolge ich diesen Ideengang? Ich
sprach davon, Sie von Thornfield zu entfernen. Sie wissen,
daß Alles zur Abreise bereit ist; morgen sollen Sie dieses
Haus verlassen. Ich bitte Sie, nur noch diese einzige Nacht
unter diesem Dache zuzubringen, Jane, um dann für immer
seinen Schrecken und seinen Schauern Lebewohl zu sagen.
Ich habe einen Zufluchtsort ausersehen, der gegen alle verhaßten Erinnerungen, alle unangenehmen Störungen,
auch gegen Doppelzüngigkeit und Lästermäuler sicher stellt.’
‘Nehmen Sie Adelen mit sich, Sir,’ unterbrach
ich ihn; ‘sie wird Ihnen eine muntere Gesellschafterin
seyn.’
‘Was fällt Ihnen ein? Sagte ich Ihnen nicht, daß
sie in eine Kostschule kömmt? Was soll mir ein Kind und
noch dazu ein fremdes, der Bastard einer französischen Tänzerin, als Gesellschafterin? Was belästigen Sie mich mit solchen Zumuthungen? Was weisen Sie mir das Kind zur
Gesellschaft zu?’
‘Sie sprachen von einem einsamen Zufluchtsorte und
die Einsamkeit ist langweilig, besonders für Sie.’
‘Einsamkeit, Einsamkeit!’ wiederholte er mit Heftigkeit. ‘Ich sehe schon, ich muß mich deutlich erklären. Ich
begreife den räthselhaften Ausdruck Ihres Gesichtes durchaus
nicht. Sie sollen meine Einsamkeit theilen. Verstehen
Sie mich?’
Ich schüttelte mit dem Kopfe. Bei der ungeheuren Aufregung, in der er sich befand, gehörte ein hoher Grad von
Muth dazu, selbst dieses stumme Zeichen der Verneinung
zu wagen. Er war rasch im Zimmer herumgegangen, blieb

aber plötzlich wie eingewurzelt stehen, und sah mich lange
und scharf an. Ich wandte mein Gesicht ab, sah ins Feuer
und versuchte es ein gefaßtes, ruhiges Aussehen anzunehmen.
‘Wieder ein Knoten in Jane's Charakter,’ sagte er
weit ruhiger, als es der bewegte Ausdruck seines Gesichtes
erwarten ließ. ‘Bis jetzt hatte sich der Knäuel ganz gut abgewunden; allein ich wußte, es müsse nun ein Knoten und
ein Hemmniß kommen. Hier ist es und mit ihm Verdruß,
Aufregung und endlose Verwirrung! Bei Gott, ich sehne
mich nach einem Bruchtheil von Samsons Kraft, um das
Hinderniß wie ein schwaches Stäbchen zu zerbrechen!’
Er nahm seinen Spazirgang wieder auf, blieb jedoch
in kurzer Zeit wieder, und diesmal knapp vor mir stehen.
‘Wollen Sie vernünftig seyn, Jane?’ sagte er mir
ins Ohr. ‘Denn wenn Sie es nicht sevn wollen, brauche
ich Gewalt.’ Seine Stimme war heiser, sein Blick derjenige eines Mannes, der auf dem Sprunge ist irgend eine
unerträgliche Fessel zu brechen, und sich kopfüber in wilde
Zügellosigkeit zu stürzen. Ich bemerkte das nur zu gut und
wußte, daß, wenn seine Leidenschaft nur noch um einen
Grad höher stieg, ich keine Macht mehr über ihn hatte.
Die gegenwärtige — die nächste Secunde war die einzige
Zeit, während der ich ihn zähmen und zügeln konnte; eine
Bewegung des Widerstrebens oder der Furcht, ein Versuch
zu entfliehen, hätten sein und mein Schicksal besiegelt. Doch
war ich nicht im Geringsten ängstlich. Ich fühlte ein moralisches Uebergewicht, eine Macht des Einflusses in mir, die
mich aufrecht erhielten. Die Krisis war gefährlich Es, aber
nicht ohne Reiz, wie ihn etwa ein Indianer empfinden mag, der in seinem leichten Canoe über eine Stromschnelle

dahingleitet. Ich faßte seine geballte Faust, richtete die krampfhaft gebogenen Finger gerade und suchte ihn zu besänftigen.
‘Setzen Sie sich,’ sagte ich; ‘ich will mit Ihnen so
lange sprechen, als Sie es wünschen, und Alles anhören,
was Sie mir zu sagen haben, sey, es vernünftig oder unvernünftig.’
Er setzte sich, doch kam er nicht sogleich zum Sprechen.
Schon eine geraume Zeit hindurch hatte ich meine Thränen
zurück gehalten, da ich wußte, er könne mich nicht weinen
sehen. In diesem Augenblicke jedoch hielt ich es für angemessen, ihnen freien Lauf zu lassen; verdroß ihn mein
Schluchzen, um so besser. Ich weinte also nach Herzenslust.
Sofort drang er ernstlich in mich, ruhig zu seyn. Ich
sagte, es wäre mir unmöglich, so lange er in selch einer
leidenschaftlichen Stimmung sey.
‘Ich bin ja nicht aufgebracht, Jane; ich liebe Sie
nur zu heftig und Sie hatten Ihr blasses Gesichtchen mit
einem so frostigen entschlossenen Ausdrucke gestählt, daß ich
es nicht mehr aus halten konnte. Und nun seyen Sie still
und trocknen Sie Ihre Thränen.’
Der weiche Klang seiner Stimme zeigte an, daß er
ruhig sey und so wurde auch ich es. Er versuchte es nun
seinen Kopf auf meine Achsel zu legen, allein ich ließ es
nicht zu. Dann wollte er mich zu sich ziehen, auch das
gestattete ich nicht.
‘Jane! Jane!’ rief er in so betrübtem Tone, daß
alle Nerven in mir erzitterten. ‘Sie lieben mich also nicht?
Es war nur meine Stellung und der Rang meiner Gemalin, wornach Sie strebten? Nun Sie sehen, daß ich nicht

Ihr Gatte werden kann, schrecken Sie vor einer jeden meiner Berührungen zurück, als wäre ich eine Kröte oder eine
Schlange.’
Diese Worte durchschnitten mir das Herz. Doch was
konnte ich thun, was sagen? Am besten wäre es gewesen,
ganz unthätig und still zu bleiben, aber es dauerte mich so
sehr, seine Gefühle auf diese Art zu verletzen, daß ich mich
nicht enthalten konnte, ihm einigen Balsam in die Seele zu
träufeln.
‘Ich liebe Sie noch,’ sagte ich, ‘und mehr als je;
aber ich darf mich diesem Gefühle nicht weiter hingeben, es
nicht mehr zur Schau tragen und es geschieht jetzt zum letzten Mal, daß ein solches Bekenntniß über meine Lippen
kömmt.’
‘Zum letzten Mal, Jane? Wie, Sie glauben, Sie
können mit mir leben, mich täglich, stündlich sehen und
dennoch bei aller Liebe zu mir kalt und abstoßend bleiben?’
‘Nein, Sir, das könnte ich gewiß nicht und eben
darum gibt es nur Ein Mittel, diesem Uebel auszuweichen,
aber Sie werden wüthend, wenn ich es erwähne.’
‘O, erwähnen Sie es nur! wenn ich tobe, verstehen
Sie es zu weinen.’
‘Mr. Rochester, ich muß Sie verlassen.’
‘Auf wie lange, Jane? Auf einige Minuten, um Ihr
Haar glatt zu kämmen, das etwas zerrauft ist, und um Ihr
Gesicht zu waschen, das sehr verweint aussieht?’
‘Ich muß Adelen und Thornfield verlassen. Ich muß
mich von Ihnen für immer trennen, und unter fremden
Gesichtern in einer fremden Gegend ein neues Daseyn beginnen.’

‘Natürlich, das sage ich ja selbst. Die wahnsinnige
Idee, mich verlassen zu wollen, übergehe ich mit Stillschweigen; Sie meinten wohl damit, Sie müßten ein Theil meines Ich's werden. Was das neue Daseyn anbelangt, so
haben Sie da vollkommen recht; Sie sollen trotz Allem
mein Weib werden, denn ich bin nicht vermält. Sie sollen
Mrs. Rochester dem Namen und der Wesenheit nach seyn,
und ich will zu Ihnen halten, so lange wir beide leben.
Ich bringe Sie nach einem Landsitze, den ich im südlichen
Frankreich habe, einer Villa am Ufer des mittelländischen
Meeres. Dort sollen Sie ein glückliches ungetrübtes Leben
führen. Fürchten Sie nicht, daß ich Sie locken, Sie berücken, zu meiner Maitresse machen will. Warum schütteln
Sie den Kopf? Sie müssen vernünftig seyn, Jane, oder ich
werde wieder wüthend’
Seine Stimme und seine Hand zitterten, seine Nasenlöcher wurden weit, seine Augen sprühten Feuer. Dennoch
wagte ich es zu sprechen.
‘Ihre Gemalin lebt, dies ist eine von Ihnen selbst
zugegebene Thatsache. Wenn ich mit Ihnen lebte, wie Sie
es wünschen, wäre ich Ihre Maitresse, jede andere Auslegung ist sophistisch, grundfalsch.’
‘Denken Sie daran, Jane, daß ich kein sanftmüthiger
Mann bin. Ich besitze weder übermäßige Geduld noch Kaltblütigkeit genug. Aus Erbarmen mit mir und mit sich selbst
legen Sie Ihre Finger auf meinen Puls, fühlen Sie nie
er schlägt und — seyen Sie auf Ihrer Hut.’
Er entblößte seine Handwurzel und hielt sie mir hin.
Das Blut wich aus seinen Wangen und er sah ganz gelb
aus, der Muth begann mich zu verlassen. Ihn durch einen
ihm so verhaßten Widerstand noch mehr zu reizen, wäre

grausam, ihm nachzugeben jedoch rein unmöglich gewesen.
Ich that was der Mensch instinctmäßig zu thun pflegt,
wenn er auf's Aeußerste getrieben ist, ich flehte den Höchsten
um Rettung an und die Worte ‘Gott helfe mir’ kamen
unwillkürlich über meine Lippen.
‘Ich bin ein Narr!’ rief plötzlich Mr. Rochester aus.
‘Ich behaupte da in einem fort, ich sey nicht vermält und
erkläre ihr nicht, wie so das der Fall ist. Ich vergesse
darauf, daß sie nichts über den Charakter jenes Weibes,
über die näheren Umstände meiner höllischen Verbindung
mit ihr gehört hat. O, Jane wirr mir sicherlich beistimmen,
sobald sie Alles weiß, was ich weiß. Legen Sie doch Ihre
Hand in die meine, Jane, damit ich auch durch das Ge-
fühl erkenne, daß Sie mir nahe sind, und ich will Ihnen
mit wenigen Worten den wahren Sachverhalt schildern.
Können Sie mir zuhören?’
‘Stunden lang, wenn Sie es wünschen.’
‘Ich ersuche Sie nur um einige Minuten. Hat man
Ihnen schon gesagt, daß ich nicht der erstgeborne Sohn
der Familie bin, und noch einen älteren Bruder hatte?’
‘Mrs. Fairfax sagte mir es eines Tages.’
‘Sagte sie Ihnen auch, daß mein Vater ein geiziger,
habsüchtiger Mann war?’
‘Ich hörte etwas dergleichen.’
‘Gut, Jane,. — Es war meines Vaters Wunsch, das
Familienvermögen ungetheilt beisammen zu behalten, der
Gedanke, es zu theilen und mir einen Antheil daran einzuräumen, war ihm unausstehlich: Alles sollte mein älterer
Bruder Russell bekommen. Aber eben so wenig konnte er sich mit dem Gedanken befreunden, daß einer seiner Söhne
arm sey und er dachte daran, mich durch eine reiche Heirath

zu versorgen. Er hatte bei Zeiten eine entsprechende Partie
ausfindig gemacht. Mr. Mason, ein Kaufmann und Pflanzer
in Westindien, ein alter Bekannter, besaß, so viel ihm bekannt, ausgedehnte Besitzungen und ein schönes Vermögen.
Mein Vater zog nähere Erkundigungen ein und erfuhr,
Mr. Mason habe einen Sohn und eine Tochter und gedenke
der letzteren ein Heirathsgut von dreißigtausend Pfund mitzugeben. Die Summe genügte ihm. Von der Hochschule
zurückgekehrt, wurde ich nach Jamaica geschickt, um eine bereits mit mir versprochene Braut zu heirathen. Mein
Vater sagte nichts über ihr Vermögen, bemerkte jedoch, Miß Mason sey die größte Schönheit von Spanish-Town
und das war ganz richtig. Ich fand an ihr ein schönes Frauenzimmer nach Miß Ingram's Art: schlank, brünett,
von majestätischem Aussehen. Ihre Angehörigen wünschten
mich zu kapern, da ich von guter Familie war, und es gelang ihnen. Man führte sie mir, prächtig gekleidet, in
Gesellschaften vor; nur selten sah ich sie unter vier Augen
und sprach noch weniger mit ihr. Sie schmeichelte mir und
wußte mich mit ihren reizenden Talenten zu fesseln. Alle Männer ihrer Bekanntschaft schienen sie zu bewundern und
mich zu beneiden. Ich war geblendet, mein Stolz erregt meine Sinnlichkeit erwacht und in meiner Unwissenheit und
Unerfahrenheit glaubte ich sie zu lieben. Es gibt keine auch
noch so augenscheinliche Albernheit, zu deren Begehung ein
junger verblendeter, leidenschaftlicher Mann durch blödsinnige Hetzereien, wie sie in der vornehmen Welt üblich sind,
nicht getrieben werden könnte. Ihre Anverwandten begünstigten mich, Nebenbuhler stachelten meine Eigenliebe auf,
sie selbst wußte mich zu locken und die Vermälung war vorüber, ehe ich mich dessen versah. Oh! ich verachte mich

selbst, ich könnte mich vernichten, wenn ich an jenen wahnsinnigen Streich denke. Ich liebte sie nicht, ich achtete sie
nicht, ja ich kannte sie nicht einmal. Von keiner einzigen
Tugend meiner Braut konnte ich mir Rechenschaft geben:
ich hatte weder Bescheidenheit, noch Herzensgüte, noch
Seelenreinheit, noch wahre geistige oder auch nur äußere
Bildung an ihr bemerkt und doch heirathete ich sie, ich unsinniger, vernagelter, stockblinder Dummkopf! Mein Fehltritt wäre geringer gewesen, hätte ich — doch ich muß mir
vor Augen halten, zu wem ich spreche.
‘Die Mutter meiner Braut hatte ich nie gesehen: man sagte mir, sie sey todt. Als die Flitterwochen zu Ende waren, erfuhr ich die Wahrheit: sie war blos wahnsinnig und in einem Tollhause eingesperrt. Noch ein jüngerer Bruder war da, ein vollkommen blödsinniger Junge. Der ältere
Bruder, den Sie kennen, wird wohl auch früher oder später um seinen Verstand kommen. Ihn allein vermag ich nicht
zu hassen, während ich die ganze Sippschaft verabscheue; wenigstens hat er ein ziemlich gutes Herz, das sich in der
beständigen Theilnahme am Schicksale seiner elenden Schwester und in einer hündischen Anhänglichkeit kund gibt, die
er für meine Person hegt. Mein Vater und mein Bruder Russell wußten dies Alles, aber sie dachten blos an die dreißigtausend Pfund und schlossen sich der Verschwörung gegen
mich von ganzem Herzen an.
‘Das waren traurige Entdeckungen; allein mit Ausnahme der böswilligen und betrügerischen Verheimlichung
hätte ich meinem Weibe darüber nie einen Vorwurf gemacht; selbst dann nicht, als ich fand, ihr Wesen sey, ganz
von dem meinigen verschieden, ihre Neigungen meinen Grundsätzen entgegengesetzt, ihre Gesinnungen gemein, ihr Geist
beschränkt und jeder edleren Regung unfähig. Keinen Abend, keine Stunde konnte ich mit ihr in gemüthlicher Unterhaltung zubringen, denn ich mochte was immer für einen Gegenstand zur Sprache bringen, sie gab der Unterredung sofort einen gemeinen albernen Anstrich. An einen geordneten Haushalt war nicht zu denken, denn kein Dienstbote hielt
die fortwährenden Ausbrüche ihrer bösen Laune und der Pein der Befolgung ihrer sinnlosen, sich widersprechenden
Anordnungen aus. und dennoch hielt ich an mich, vermied
jeden Zank, ließ den Gedanken an vernünftige Vorstellungen fallen und versuchte es, meinen Ekel und meine Reue
in mich zu verschließen. Ich brachte es sogar dahin, meinen Widerwillen zu unterdrücken.
Ich will Sie nicht mit der Aufzählung schrecklicher
Einzelnheiten belästigen: einige Kraftworte sollen ausdrücken, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich lebte mit dem
Weibe, das Sie diesen Morgen sahen, durch volle vier
Jahre, und sie machte mir in dieser Zeit wirklich die Hölle
heiß. Ihr Charakter reifte und entwickelte sich mit fürchterlicher Schnelligkeit; ihre Laster sproßten üppig und kräftig
die Höhe, nur Grausamkeit hätte ihr Wachsthum unterdrücken können und die wollte ich nicht anwenden. Wie
winzig war ihr Verstand, wie riesig ihre bösen Lüste!
Was hatte ich unter dem Fluche zu leiten, der mich in der
Gestalt dieses Geschöpfes verfolgte! Die wohlgerathene Tochter einer elenden Mutter, ließ mich Bertha Mason all' die
scheußlichen Auftritte erleben, die nur ein Mann durchmachen kann, der an ein unkeusches, dem Trunke ergebenes
Weib gefesselt ist.

Inzwischen war mein Bruder gestorben und zu Ende
des vierten Jahres meiner Ehe segnete auch mein Vater das zeitliche. Ich war nun reich genug, aber auch elender als
der ärmste Bettler; ein schmutzig lasterhaftes, im Schlamme der Gemeinheit versunkenes Wesen war mir an den Hals
gebunden und vom Gesetze und der Gesellschaft als mein zweites Ich anerkannt. und ich konnte es durch keinen gesetzlichen Schritt los werden, denn die Aerzte machten nun die Entdeckung, mein Weib sey wahnsinnig und in der That
hatten ihre maßlosen Ausschweifungen den in ihr schlummernden Keim des Uebels frühzeitig geweckt. — Meine
Erzählung gefällt Ihnen nicht, liebe Jane; Sie sehen ganz
angegriffen aus. Soll ich das Ende auf einen andern Tag ersparen?’
‘Nein, Sir, — fahren Sie nur fort. — Ich bedauere Sie — ich bedauere Sie von ganzem Herzen.’
‘Im Munde gewisser Leute wird das Bedauern zu
einer Beleidigung und man hat vollkommen Recht, es in
das Antlitz des Beleidigers zurückzuschleudern; allein es ist
dies jenes Mitleid, das harten, selbstsüchtigen Herzen eigen
ist, eine Art kühlen egoistischen Schmerzes bei Anhörung
der Schilderung fremder Leiden, zu dem sich noch eine gewisse blödsinnige Verachtung derjenigen hinzugesellt, die
solche Schmerzen erlitten haben. Ein solches Bedauerns
Jane, ist Ihnen fremd; das Gefühl, das in diesem Augenblicke Ihr Herz erfüllt und sich in Ihrem Gesichte abspiegelt,
das Ihre Augen übergehen macht, ist, ich weiß es wohl,
ein ganz anderes. Ihr Mitleid, m eine geliebte Seele, ist
die schmerzhafte Mutter der Liebe, sein Weh der Geburtsschmerz dieser göttlichen Leidenschaft. Ich nehme es an,

Jane, und lassen Sie auch die Tochter frei herankommen:
meine Arme sind bereit sie zu empfangen!’
‘Um wieder auf Ihre Erzählung zurückzukommen:
was thaten Sie, als Sie entdeckten, Ihre Gattin sey
wahnsinnig?’
‘Ich stand am Rande der Verzweiflung; ein Ueberrest von Selbstachtung war die einzige Scheidewand,
die mich von dem Abgrunde trennte. In den Augen der
Welt erschien ich ohne Zweifel mit unendlicher Schmach
beladen, doch vor mir selbst wollte ich rein da stehen: ich
beschloß daher der ferneren Berührung mit ihren Lastern
aus dem Wege zu gehen und jeder Zusammenkunft mit ihr
auszuweichen. Dennoch verband die Welt meinen Namen und
meine Person mit der ihrigen; dennoch mußte ich sie täglich
sehen und hören, dieselbe Luft, die sie mit ihrem Hauche
verpestete, einathmen. Doch mehr als Alles drückte mich der
Gedanke nieder, daß ich ungeachtet dessen ihr Gatte blieb,
daß ich, so lange sie lebte, nie daran denken durfte, ein
braves edles Weib an mein Herz zu drücken und obwohl sie
um fünf Jahre älter war — mein Vater und ihre Angehörigen hatten mich sogar in Betreff ihres Alters belogen,
— so hatte es doch allen Anschein, daß sie mindestens so
lange als ich leben würde, da ihr Körper eben so stark als
ihr Geist schwach war. Und so mußte ich, mit sechsundzwanzig Jahren, auf alle Hoffnungen Verzicht leisten.
‘In einer Nacht hatte mich ihr Geheul geweckt. Seitdem sie die Aerzte für wahnsinnig erklärt hatten, war sie
natürlich in einem besonderen Gemache eingeschlossen. Es war
eine jener glühend heißen Nächte, wie sie unter jenem Himmelsstriche den Orkanen vorauszugehen pflegen. Ich konnte
es im Bette nicht aushalten, stand auf und öffnete das Fenster. Die Luft roch nach flüssigem Schwefel und an eine
Abkühlung war nicht zu denken. Schwärme von Mosquitos
drangen in die Stube und summten an den Wänden herum.
Die See, die ich von meinem Zimmer aus sehen und hören
konnte, rollte wie ein fernes Erdbeben; schwarze Wolken
thürmten sich ringsum auf, der Mond ging, einer glühenden Bombe vergleichbar, in den Wellen unter und warf
einen letzten blutrothen Schimmer über die im tobenden Ungewitter erzitternde Erde. Der ganze Anblick und die drückende Luft übten auf meinen Körper einen betäubenden Einfluß aus. Dazu ertönten von Zeit zu Zeit die Flüche der
Wahnsinnigen, in die sie meinen Namen mit solch' teuflischem Hasse, mit solch' herabwürdigenden Beiwörtern verflocht, wie sie keine Metze von Profession ihren Reden ärger
beimengen kann. Wiewohl durch zwei Zimmer von ihr getrennt, hörte ich doch jedes Wort, da die dünnen Wände
eines westindischen Hauses ihrem Wolfsgeheul nur eine
schwache Abwehr entgegenstellen konnten.’
‘Dieses Leben,’ sagte ich zu mir selbst, ist die leidige
Hölle; dies die Luft, die man im Pfuhle der Verdammniß
einathmet; dies die Laute, die man darin vernimmt. Ich
habe das unzweifelhafte Recht, mich daraus zu befreien,
wenn ich es kann; die Leiden meines irdischen Daseyns haben ein Ende, sobald meine Seele die gebrechliche Hülle verläßt. Vor dem ewigen Feuer des Frömmlings fürchte ich
mich nicht, denn es kann unmöglich einen ärgern Zustand
geben, als denjenigen, indem ich gegenwärtig schmachte.
Ich will aufbrechen und zu meinem himmlischen Vater eingehen!’
Bei diesen Worten kniete ich nieder, und schloß einen
Kasten auf, der ein Paar geladene Pistolen enthielt; ich

wollte mich erschießen. Doch gab ich diesen rasch gefaßten
Entschluß schnell wieder auf, und da ich bei gesundem Verstande war, verschwand diese Krisis einer aufs Höchste gestiegenen Verzweiflung in einer Secunde.
‘Ein frischer Windhauch strich von Europa über den
Ocean daher, und drang durch das offene Fenster; der
Sturm brach mit aller Macht los, und die Luft wurde wieder
rein. Ich trat hinaus in meinen Garten, und während ich
unter den nassen Orangen- und Granatapfelbäumen herumging, und der Schimmer der tropischen Morgenröthe rings
am Horizonte erglänzte, stellte ich die nachfolgenden Betrachtungen an. — Hören Sie mir aufmerksam zu, Jane,
denn es war echte Weisheit, die mich in jener Stunde tröstete und mir den richtigen Weg zeigte.
‘Noch immer rauschte jener belebende Hauch von Europa her durch das erfrischte Laub, und der atlantische Ocean
schäumte in entfesselter Wildheit. Mein verdorrtes Herz wurde
wieder weit, und zum ersten Male seit langer Zeit strömte
das Blut wieder lebendig in meinen Adern. Ich sah meine
Hoffnung wieder aufleben, und die Möglichkeit eines neuen
Daseyns trat mir vor die Seele. Von einem blühenden Laubengange aus übersah ich das blaue Meer; jenseits desselben lag die alte Welt, in der sich mir neue Aussichten eröffneten.
‘Gehe,’ sagte die Hoffnung zu mir, ‘und lebe wieder in Europa. Dort weiß Niemand was für einen beflecken Namen Du trägst, welche schmutzige Last Dir aufgebürdet ist. Nimm die Wahnsinnige mit nach England, sperre
sie unter gehöriger Aufsicht und mit der nöthigen Vorsicht
in Thornfield ein, reise dann in der Welt herum, und
schaffe Dir ein neues Le ben, und gehe ein neues Bündniß

ein. Das Weib, das deine Geduld mißbrauchte, deinen
Namen besudelte, deinen Ruf mit Füßen trat, das deine
schöne Jugendzeit vergiftete, ist nicht deine Gattin, und Du
bist nicht ihr Mann. Sieh zu, daß ihr diejenige Pflege wird,
die ihr Zustand erheischt und Du hast Alles gethan, was
Gott und die Menschen von Dir verlangen können. Wer sie ist,
welche Bande sie an Dich knüpfen, darüber breite den Schleier
der Vergessenheit aus. Bringe sie in Sicherheit, sorge dafür, daß ihre Entartung ein Geheimniß bleibt, und verlasse sie.
‘Ich handelte genau nach dieser Vorschrift. Mein Vater
und mein Bruder hatten meine Vermälung im Kreise ihrer
Freunde nicht bekannt gemacht, da ich ihnen gleich in dem ersten
Schreiben nach m einer Trauung, wo mir schon in etwas die
Augen aufgegangen waren, auf's Strengste empfohlen hatte,
meine Verbindung geheim zu halten. Das darauffolgende
Betragen des mir von ihm erkorenen Weibes war derart,
daß auch mein Vater sich seiner Schwiegertochter schämen
mußte. Es war also auch ihm daran gelegen, das tiefste
Stillschweigen zu beobachten.
‘Nach England also brachte ich meine Gemalin; die
Reise mit einem solchen Ungeheuer war fürchterlich. Wie
froh war ich, als ich sie endlich in Thornfield hatte, und
in jenem geheimen Gemache des dritten Stockwerkes in sicherem Gewahrsam wußte. Dort lebt sie nun bereits zehn Jahre
wie eine wilde Bestie in ihrer Höhle. Es war sehr schwer,
für sie eine passende Wärterin zu finden, da ich diesen Posten
nur einer mein volles Vertrauen verdienenden Person über-
geben konnte, wollte ich nicht mein Geheimniß durch die
Raserei der Kranken verrathen sehen. Zudem hat sie lichte
Zwischenräume, die Tage, ja Wochen lang anhalten und

die sie damit ausfüllt, daß sie mit den ärgsten Schmähungen gegen mich loszieht. Endlich nahm ich Grace Poole von
Grimby Retreat in meinen Sold. Sie und der Wundarzt
Carter (der an jenem Morgen Mason's Wune verband)
waren die einzigen zwei Personen, die um mein Geheimniß
wußten. Mrs. Fairfax mag wohl etwas vermuthet haben,
doch konnte sie unmöglich den wahren Sachverhalt erfahren.
Grace versah ihr Amt im Ganzen sehr gut, nur daß ihre
Vorliebe fürs Trinken, die eine natürliche Folge ihrer schrecklichen Stellung und kaum mehr auszurotten ist, ihre Aufmerksamkeit mehr als einmal einschläferte, was die Wahnsinnige jedesmal zu benützen bedacht war. Einmal bemächtigte sie sich des Messers, mit dem sie ihren Bruder erstechen wollte, und zweimal brachte sie den Schlüssel ihrer Zelle
an sich und verließ dieselbe zur Nachtszeit. Bei der ersten
Gelegenheit versuchte sie es mich zu verbrennen, bei der
zweiten stattete sie Ihnen jenen nächtlichen Besuch ab. Ich
danke der Vorsehung, die über Sie wachte, so daß die
Rasende Ihre Wuth blos an Ihrem Brautanzuge ausließ,
der ihr wohl ihren eigenen Hochzeittag ins Gedächtniß zurückrief. Doch wenn ich daran denke, was hätte geschehen
können, erstarrt mir noch jetzt das Blut in den Adern zu
Eis, und wenn ich mir vorstelle, daß jenes Geschöpf, das
mich diesen Morgen an der Gurgel packte, sein scheußliches
Gesicht auf das Nest meines Täubchens herunterbog, könnte
ich selbst rasend werden.’
Und was thaten Sie, Sir?’ frug ich ihn, indeß
er in seiner Erzählung inne hielt, ‘was thaten Sie, nachdem Sie Ihre Gemalin hier untergebracht hatten?’
‘Je nun, ich wurde ein wahrer Ueberall und Nirgends
und wanderte herum wie der ewige Jude. Ich ging nach

dem Continente und durchreiste aller Herren Länder. Mein
einziger Wunsch war, ein gutes, vernünftiges Weib zu
finden, das ich lieben könnte, einen Contrast zu jener Furie, die ich in Thornfield zurückgelassen.’
‘Aber Sie konnten ja doch nicht heirathen, Sir.’
‘Ich war zu dem Beschlusse gekommen, ich könne und
müsse es thun. Anfänglich war es nicht meine Absicht, zu
hintergehen, so wie ich Sie hinterging. Ich wollte meine
Geschichte rund heraus sagen und offen als Freier auftreten,
und die Sache erschien mir so vernünftig, so einleuchtend,
daß ich keinen Augenblick daran zweifelte, es würde sich
bald ein freundliches Wesen finden, das meine Lage begriffe und mir gerne die Hand reichte, trotz des Fluches,
der auf mir lastet.’
‘Nun, Sir?’
‘Ich muß immer über Sie lächeln, wenn Sie neugierig sind. Sie öffnen dann Ihre Augen wie ein Raubvogel
und machen von Zeit zu Zeit eine ungeduldige Bewegung
als kämen Ihnen die Antworten in einem Gespräche nicht
schnell genug zu und als wollten Sie den Leuten im Herzen lesen. Doch bevor ich fortfahre, müssen Sie mir erst erklären, was Ihr ‘Nun, Sir?’ zu bedeuten hat. Es ist ein
ganz kurzer Satz, den Sie häufig anwenden und der mich
mehr als einmal in ein endloses Geplauder verwickelte, wiewohl ich nicht recht weiß wie dies kam.’
‘Ich will damit sagen: Was weiter? Was thaten Sie
dann? Was waren die weiteren Folgen dieses Ereignisses?’
‘Richtig. Und was wollen Sie jetzt wissen?’
‘Ob Sie irgend ein Wesen fanden, das Sie liebten,
ob Sie ihr einen Heirathsantrag machten und was sie dazu
sagte.’

‘Wohl kann ich Ihnen sagen, ob ich ein Mädchen
fand, das ich liebte, und ob ich ihr einen Heirathsantrag
machte, — doch was sie dazu sagte, das steht noch nicht im
Buche des Schicksals geschrieben. Durch zehn lange Jahre
pilgerte ich herum, lebte bald in der, bald in jener großen
Stadt, zeitweilig in Petersburg, öfter in Paris. gelegentlich in Rom, Neapel und Florenz. Mit reichlichen Geldmitteln versehen, im Besitze eines alten Namens hatte ich die
Wahl meiner Gesellschaft und alle Zirkel standen mir
offen. Ich suchte mein Ideal unter englischen Ladies, französischen Comtessen, italienischen Signoras und deutschen
Gräfinnen. Ich konnte es nirgends finden. Zuweilen, doch
nur auf Augenblicke kam es mir vor, als sähe ich einen
Blick, hörte eine Stimme, erblickte eine Gestalt, die mir
die Verwirklichung meiner Träume verkündigten, doch ich
fühlte mich bald enttäuscht. Sie dürfen indessen ja nicht
glauben, daß ich ein an Körper und Geist vollkommenes
Weib beanspruchte. Ich verlangte nur etwas für mich Passendes, das gerade Gegentheil meiner Creolin, und suchte
vergebens. Unter all' den Frauenzimmern, die ich sah, gab
es kein einziges, dem ich, wäre ich noch so frei gewesen,
nach den bitteren Erfahrungen von den Schrecknissen einer
anpassenden Verbindung, hätte meine Hand reichen mögen.
Die Unmöglichkeit, meinen Wunsch befriedigt zu sehen,
machte mich gallig. Ich versuchte es mich durch Zerstreuungen zu heilen, vermied jedoch alle Ausschweifung, die ich
haßte und noch jetzt hasse. Sie war das Attribut meiner
indischen Messalina: meine eingewurzelte Abneigung gegen
sie und ihre Liederlichkeit hielt mich, selbst bei erlaubten
Vergnügungen, im Jaume. Irgend ein Genuß, der an

Schwelgerei streifte, hätte mich ihr und ihren Lastern genähert, und ich mied ihn wie das Feuer.
‘Ganz allein konnte ich jedoch nicht leben, ich hielt
mir also Maitressen aus. Die erste war Celine Varens —
wieder einer jener Streiche, die den Menschen in seinen eigenen Augen erniedrigen. Ich habe Ihnen bereits erzählt, wer
diese Person war und wie sich meine Verbindung mit ihr
löste. Sie hatte zwei Nachfolgerinnen: eine Italienerin,
Giacinta, und eine Deutsche, Clara, beide von ausgezeichneter Schönheit. Allein schon nach wenigen Wochen hatte
für mich ihre Schönheit allen Reiz verloren. Giacinta war
heftig und leichtsinnig: nach drei Monaten hatte ich sie satt.
Clara war brav und still, aber schwerfällig, geistlos, unempfindlich, kurz durchaus nicht nach meinem Geschmacke. Ich
war froh, sie mit einer Summe Geldes abzufertigen, die sie in den Stand setzte ein ordentliches Geschäft zu beginnen.
— Doch ich sehe es an Ihrem Gesichte, Jane, daß Sie keine
so gute Meinung mehr von mir haben. Sie halten mich
wohl für einen gefühllosen Wüstling ohne alle Grundsätze? Ist's nicht so?’
‘Sie gefallen mir in der That nicht mehr so gut wie
ehedem. Hielten Sie es denn für keine Sünde, einen solchen
Lebenswandel zu führen? Sie sprechen von Ihren Maitressen wie von einer bloßen Gewohnheitssache.’
‘Weiter war es auch nichts, denn mein Herz fühlte nichts dabei. Es war ein unruhiges Leben und um keinen
Preis möchte ich es wieder von vorne beginnen. Sich eine
Maitresse aushalten ist nach dem Ankaufe einer Sclavin das
Schrecklichste und sich mit Weibern, die auf einer niedrigen
Bildungsstufe stehen, abgeben, wahrhaft entwürdigend.

Die bloße Erinnerung an die Zeit, die ich mit Celinen,
mit Giacinten und Claren zubrachte, ist mir verhaßt.
Ich fühlte die Wahrheit dieser Worte und zog daraus
den richtigen Schluß, daß, wenn ich mich je so weit vergessen
könnte, unter was immer für Verhältnissen die Nachfolgerin dieser armen Märchen zu werden, er sich eines Tages
meiner mit demselben Gefühle erinnern müßte, mit dem er
jetzt das Andenken jener unglücklichen Geschöpfe verfluchte.
Ich sprach diese Ueberzeugung nicht laut aus; es genügte
daß ich von ihr innerlich durchdrungen war. Fest prägte ich
sie meinem Herzen ein, damit sie mir zur Zeit der Versuchung beistehe.
‘Warum sagen Sie nicht wieder ‘Nun, Sir?’ Ich
bin noch nicht zu Ende. Sie sehen sehr ernst aus. Sie
sind noch immer mit mir unzufrieden. Doch zur Sache. Aller
meiner Maitressen ledig, kam ich in einer ärgerlichen Gemüthsstimmung — voll Bitterkeit, aufgebracht gegen alle
Menschen, besonders aber gegen sämmtliche Frauenzimmer,
um einige Geschäfte zu ordnen, nach England zurück.
‘An einem kalten Winternachmittage ritt ich Thornfield zu, wo ich weder Ruhe noch Freude zu finden
hoffte. An einem Stege auf dem Wege von Hay nach
Thornfield erblickte ich eine kleine Gestalt, die einsam und
still da saß. Ich ritt ebenso gleichmüthig vorüber, wie vor
dem gestutzten Weidenbaume, denn ich hatte keine Ahnung
von der Zukunft und wußte nicht, daß diese bescheidene Er-
scheinung meinen guten Engel, die Lenkerin meines Schick
sals barg. Auch dann wurde es mir noch nicht klar, als das
Wesen nach Mesrur's Falle auf mich zukam und mir seine
Hilfe anbot. Das kindische, schwache Geschöpf! Es war
als hüpfte ein Hänfling zu meinen Füßen und machte mir

den Vorschlag, mich auf seinen winzigen Flügeln durch
die Luft zu tragen. Ich wurde ärgerlich, aber das kleine
Ding wollte nicht weiter gehen; es blieb mit einer bewundernswerthen Ausdauer bei mir stehen und blickte und sprach
mit einer eigenen Entschlossenheit. Es mußte mir Hilfe
werden und zwar durch diese Hand und wirklich, sie
ward mir.
Sobald ich die schwache Schulter des Märchens berührt hatte, durchzog mich ein ganz neues Gefühl der Frische
und wiedererwachten Lebenskraft. Es war gut, daß ich erfuhr, ich müsse diese Fee wiedersehen, da sie zu meinem eigenen Haushalte gehörte, sonst hätte ich sie nicht ohne das
innigste Bedauern hinter der dunklen Hecke verschwinden
sehen. Ich hörte Sie am selben Abend nach Hause kommen,
Vane, obwohl Sie kaum daran dachten, daß ich mich mit
Ihnen beschäftige, Sie beobachte. Tags darauf sah ich Ihnen, ohne selbst bemerkt werden zu können, durch eine halbe
Stunde zu, wie Sie mit Adelen auf der Gallerie spielten.
Es schneite den Tag über zu arg und Sie konnten nicht ausgehen. Ich war auf meiner Stube, die Thüre stand halb
offen, und ich konnte Sie sehen und hören. Adele nahm
Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch; dennoch glaubte ich zu
bemerken, daß Ihre Gedanken anderwärts beschäftigt waren.
Dessenungeachtet hatten Sie Geduld mit dem Kinde und
unterhielten es eine gute Weile. Als es endlich davonlief,
verfielen Sie plötzlich in ein tiefes Sinnen und gingen
die Gallerie langsam auf und nieder. Dann und wann, an
einem Fenster angelangt, sahen Sie nach dem dicht fallenden Schnee hinaus, lauschten dem Heulen des Windes und
setzten dann Ihren Weg und Ihre Träumerei wieder fort.
Ich glaube, diese Träume hatten keine düstere Färbung,

denn ein freundliches Licht strahlte aus Ihren Augen und
Ihr Gesicht war sanft geröthet; Ihr Blick zeigte die süße
Schwärmerei eines jugendlichen Gemüthes an, das auf den
raschen Schwingen der Hoffnung zu einem idealen Himmel
emporsteigt. Mrs. Fairfax's Stimme, die mit einem Dienstmädchen sprach, weckte Sie und ein wunderbares Lächeln,
wohl Ihren eigenen Halbträumen geltend, glitt über ihr
Antlitz. Es lag ein tiefer Sinn in diesem Lächeln; es schien
der eigenen Zerstreuung zu spotten und zu sagen: ‘Meine
Träume sind sehr schön, allein ich darf nicht vergessen, daß
sie eben nichts mehr als Träume sind. In meinem Geiste
stellte ich mir einen rosigen Himmel und ein blumiges Eden
vor, doch weiß ich recht gut, daß in der Wirklichkeit ein
rauher, dornenvoller Pfad vor mir liegt.’ Sie liefen die
Treppe hinunter, und baten Mrs. Fairfax um irgend eine
Beschäftigung; ich denke es handelte sich um die wöchentliche Wirthschaftsrechnung oder so etwas dergleichen. Ich war
böse über Sie, daß Sie mir entwischten.
‘Mit wahrer Ungeduld erwartete ich den Abend, um Sie zu mir kommen zu lassen. Ich vermuthete, Ihr Charakter müsse ein ungewöhnlicher, ein für mich ganz neuer
seyn und der Wunsch stieg in mir auf, ihn zu studieren und
besser kennen zu lernen. Sie traten mit scheuer und doch von
Selbstbewußtseyn zeugender Miene ins Gemach; Sie waren
sauber, doch einfach, gerade so wie jetzt, angezogen. Ich
brachte Sie zum Sprechen und bald erkannte ich in Ihnen das Vorhandenseyn ungewöhnlicher Gegensätze. Ihre
Manieren waren durch eine strenge Schulerziehung in steife
Formen gezwängt worden, Ihr Betragen meist unsicher,
doch zu gleicher Zeit Ihren natürlichen Seelenadel enthüllend wenn auch die äußere Politur, wie sie die vornehme

Welt verlangt, fehlte. Sie waren augenscheinlich ängstlich
bemüht, jedem nachtheiligen Eindrucke, jedem Mißgriffe
vorzubeugen; und doch, wenn man Sie ansprach, ließen
Sie ungescheut den scharfen, kühnen, strahlenden Blick
Ihres Auges auf dem Antlitze des Sprechers ruhen. Und
ein jeder dieser Blicke drang durch Mark und Bein, und wollte
man Sie durch Fragen in die Enge treiben, hatten Sie jederzeit eine schlagende Erwiederung bereit. Sie schienen sich
sehr bald an mich gewöhnt zu haben — ich denke, Sie
fühlten das Vorhandenseyn eines sympathischen Bandes
zwischen sich selbst und Ihrem wunderlichen brummigen
Dienstherrn. Es war in der That zum Staunen, wie schnell
Sie sich in meiner Gesellschaft heimisch fühlten; ich mochte
noch so sehr belfern, Sie zeigten weder Verwunderung,
noch Furcht, noch Unmuth; Sie sahen mich blos an und
antworteten mir mit einem einfachen, doch klugen und anmuthigen Lächeln, das ich nicht zu beschreiben vermag. Das
was ich an Ihnen sah, befriedigte mich und machte mich zugleich noch mehr begierig, dennoch behandelte ich Sie durch
eine geraume Zeit mit Kälte und Zurückhaltung und suchte
Ihre Gesellschaft selten auf. Ich war ein geistiger Epikuräer
und wünschte die Genüsse dieser neuen, pikanten Bekanntschaft möglichst zu verlängern; zudem fürchtete ich, die
Blume könnte am Ende ihren Duft, ihre Frische verlieren,
wenn ich sie zu oft berührte. Damals wußte ich noch nicht
daß es keine vergängliche Blüthe sey, sondern ihr strahlendes, in eine unverwüstliche Gemme geschnittenes Ebenbild.
Uebrigens wollte ich auch noch sehen, ob Sie mich nicht
selbst aufsuchen würden, wenn ich Ihnen auswiche;
doch das thaten Sie nicht: Sie blieben im Lehrzimmer,
unbeweglich wie Ihre Staffelei und Ihr Schreibpult, und

wenn ich Ihnen zufällig begegnete, gingen Sie so rasch, mit
so geringen Zeichen des Erkennens vorüber, als es nur
immer Ihre Achtung für mich zuließ. Ihr gewöhnlicher Gesichtsausdruck war in jenen Tagen ein nachdenklicher, doch
keineswegs ein trauriger, denn Sie waren nicht krankhaft
empfindlich; allein er konnte kein heiterer seyn, da Sie
keine freundlichen Aussichten in die Zukunft und gar keine
Freuden in der Gegenwart hatten. Gerne hätte ich gewußt,
was Sie von mir hielten, oder ob Sie überhaupt an mich
dachten, und um dies zu erforschen, überwachte ich Sie mit
verdoppelter Aufmerksamkeit. Jedenfalls waren Sie geselliger Natur und ihr Trübsinn hatte seinen Grund in der
gänzlichen Abgeschlossenheit Ihrer Stellung, denn sobald
man Sie in ein Gespräch verflocht, erglänzten Ihre Augen
in Heiterkeit und alle Ihre Bewegungen bekamen neues Leben.
Ich machte mir das Vergnügen, herzlich gegen Sie zu seyn;
meine Herzlichkeit machte Ihre Gefühle rege. Ihr Gesicht
nahm einen sanften Ausdruck an, der sich auch Ihrer Stimme
mittheilte; ich freute mich, meinen Namen mit dem Tone
der Dankbarkeit und Zufriedenheit von Ihren Lippen aussprechen zu hören. Oft bereitete ich mir den Genuß eines
scheinbar zufälligen Zusammentreffens; eine eigenthümliche
Unsicherheit gab sich dabei in Ihrem Benehmen kund. Sie
sahen mich zweifelhaft an, Sie wußten nicht ob ich in der
Laune sey den strengen Gebieter oder den wohlwollenden
Freund zu spielen. Ich hatte Sie schon zu lieb, um noch
öfter die erstere Rolle durchführen zu können, und wenn ich
Ihnen mit Herzlichkeit meine Hand reichte, wurde Ihr junges Gesicht so heiter, so lächelnd, so strahlend von Seligkeit, daß ich mich mit aller Gewalt zurückhalten mußte,
Sie nicht an mein Herz zu drücken.’

‘Sprechen Sie nicht weiter von jenen Zeiten, Sir,’
fiel ich ein, mir heimlich einige Thränen aus den Augen
wischend. Seine Reden waren mir unendlich peinlich, denn
ich wußte was ich thun — ja bald thun mußte, und alle
diese Erinnerungen, alle diese Erschütterungen seiner Gefühle erschwerten mir den ohnedies schweren Schritt nur
noch mehr.’
‘Wohl, Jane,’ versetzte er, ‘zu was bei der Vergangenheit verweilen, wenn die Gegenwart so viel gewisser, die Zukunft so viel glücklicher ist?’
Sein Irrwahn erfüllte mich mit bitterem Schmerz.
‘Sie wissen nun wie die Dinge stehen,’ fuhr er
fort. ‘Nachdem ich meine Jugend und einen Theil meines
Mannesalters in unaussprechlichem Elende verlebte, habe
ich nun diejenige gefunden, die ich wahrhaft lieben kann
ich habe Sie gefunden. Sie sind mein besseres Selbst,
mein guter Engel, an Sie bin ich für ewig gefesselt. Sie
sind gut, geistig begabt und liebenswürdig und eine glühende Leidenschaft brennt für Sie in meinem Herzen; sie
zieht Sie zum Quell meines Lebens, verbindet mein Daseyn mit dem Ihrigen und verschmilzt uns Beide in Eines.
‘Und eben weil ich dies wußte und fühlte, beschloß
ich Sie zu heirathen. Es ist ein grausamer Scherz, mir
zu erwiedern, ich habe bereits ein Weib, nun Sie wissen,
welch ein Scheusal mir auf dem Halse sitzt. Ich hatte Unrecht, Sie hintergehen zu wollen; allein ich fürchtete die
Ungefügigkeit Ihres Charakters, die Macht von Vorurtheilen, die man Ihnen ohne Zweifel schon in zarter Jugend
eingeflößt. Erst wollte ich Sie festhalten, bevor ich Ihnen
Eröffnungen machte. Es war eine Niederträchtigkeit, ich
hätte mich an Ihren Edelmuth, Ihre Hochherzigkeit wenden, ich hätte Ihnen die Schrecknisse meines unbefangenen
Lebens beschreiben, meine Sehnsucht nach einem schöneren,
würdigeren Dasevn schildern sollen, wie ich es eben jetzt
gethan. Dann mußte ich Ihnen beweisen, wie ich diejenige
zu lieben im Stande bin, die mit ganzer Seele an mir
hängt, und Sie bitten, mir die Versicherung Ihrer Treue
in derselben Weise zu geben, wie ich Sie Ihnen entgegen
trug. Jane, ich bitte Sie jetzt darum!’
Eine Pause trat ein.
‘Warum schweigen Sie, Jane?’
Es war mir als würde ich einem Gottesurtheil unterzogen, als durchwühlte mir eine Hand von glühendem
Eisen die Eingeweide. Oh, des schrecklichen Augenblickes,
voll des schmerzlichsten Kampfes, der trostlosesten Verzweiflung! Kein menschliches Wesen konnte sich wünschen, mehr
geliebt zu werden, als ich geliebt wurde, und ihn, der
mich so liebte, betete ich wahrhaft an, und doch mußte ich
meiner Liebe, meinem Idole entsagen. Und die Erfüllung
dieser herzzerreißenden Pflicht bezeichneten die wenigen, aber
schauerlichen Worte: ‘Du mußt fort!’
‘Sie verstehen nicht, was ich von Ihnen verlange.
Jane? Blos das Versprechen: Ich will Ihnen angehören,
Mr. Rochester.’
‘Mr. Rochester, ich will Ihnen nicht angehören.’
Wieder trat eine lange Pause ein.
‘Ja, begann er mit einer Sanftmuth, die mich
mit namenlosem Schmerz und banger Ahnung erfüllte —
denn diese leise Stimme war das Athem holen des erwachenden Löwen — ‘Jane, ist es Ihre Absicht, Ihren eigenen

Weg durch die Welt zu gehen und mich auf dem meinigen
allein zu lassen?’
‘So ist’s.'
‘Jane,’ (sich zu mir neigend und mich umarmend),
‘auch jetzt noch?’
‘Gewiß.’
‘Und nun?’ mich sanft auf Stirne und Wange küssend.
‘Ich bleibe dabei.’ Bei diesen Worten entwand ich
mich seiner Umarmung.
‘Oh, das ist bitter, Jane, das ist schlecht! Es wäre
keine Sünde, mich zu lieben.’
‘Aber es wäre ein Verbrechen, Ihnen zu gehorchen.’
Ein wilder Ausdruck überflog sein Gesicht. Er stand
auf, doch hielt er noch an sich. Ich stützte mich auf eine
Stuhllehne; ich zitterte vor Furcht, aber mein Entschluß
war gefaßt.
‘Einen Augenblick, Jane. Werfen Sie einen Blick auf
mein künftiges Leben, wenn Sie fort sind. Mit Ihnen
weicht alles Glück von mir. Was bleibt mir noch? Jene
Wahnsinnige dort oben, und eben so gut könnten Sie mich
an eine Leiche im Kirchhofe weisen. Was soll ich thun,
Jane? Wo soll ich eine Gefährtin, wo Trost und Hoffnung
suchen?’
‘Thun Sie wie ich, ventrauen Sie auf Gott und auf
Ihre eigene Kraft. Blicken Sie zum Himmel und hoffen Sie
auf ein baldiges Wiedersehen in einem künftigen Leben.’
‘Sie sind also unerbittlich?’
‘Ich bin es.’
‘Sie verdammen mich dazu, elend zu leben und noch
elender zu sterben?’ Er sprach diese Worte mit steigender
Stimme.

‘Ich rathe Ihnen, nun ohne Sünde zu leben und
ruhig zu sterben.’
‘Und Sie nehmen Liebe und Schuldlosigkeit von mir
und weisen mir die Wollust als Herzensneigung und das
Laster als eine Beschäftigung zu?’
‘Ich weise Ihnen ein solches Geschick eben so wenig
zu, als ich selbst darnach trachte. Wir Menschen sind zu
Kampf und Entbehrung geboren — Sie so gut wie ich:
handeln Sie darnach. Sie werden mich wohl früher vergessen, als ich Sie.’
‘Durch solche Reden stempeln Sie mich zum Lügner
und greifen meine Ehre an. Ich sagte Ihnen, ich könnte
mich nicht ändern, und Sie behaupten mir ins Gesicht,
es werde in kurzer Zeit der Fall seyn. und welche Verirrung Ihres Verstandes. welche Verderbtheit Ihres Gemüthes legen Sie durch Ihre Handlungsweise an den Tag!
Ist es besser, man treibt einen Mitmenschen zur Verzweiflung, als man übertritt eine bloße Menschensatzung, wenn
durch die Uebertretung Niemanden ein Leid zugefügt wird?
Denn Sie haben weder Freunde noch Anverwandte, die
Sie dadurch verletzen könnten, daß Sie mit mir leben.’
Das war richtig und während er sprach, wurden
Verstand und Gewissen zu Verräthern an mir, und warfen mir meinen Widerstand als ein Verbrechen vor. Sie
sprachen fast so laut, als mein Gefühl, welches unbändig
tobte. ‘Oh, gib nach,’ rief es. ‘Denke an sein Elend,
an die Gefahren, denen er, wenn allein, preisgegeben ist.
Erinnere Dich seiner Heftigkeit, der Tollheiten, die er in
seiner Verzweiflung zu begeben im Stande ist. Rette und liebe ihn; sage ihm, Du wollest sein werden. Wer in der

ganzen weiten Welt kümmert sich um Dich oder leidet durch
diese Handlungsweise auch nur den geringsten Schaden?’
Doch die unausweichliche Antwort lautete: ‘Mir selbst
muß an meiner Achtung gelegen seyn. Je einsamer, je
freund- und hilfloser ich dastehe, desto mehr muß ich für
die Wahrung meiner Ehre Sorge tragen. Ich will das
von Gott gegebene, von den Menschen heilig gehaltene
Gesetz befolgen; ich will fest an den Grundsätzen halten,
die mir eingeflößt wurden, da ich noch meine gesunde
Vernunft hatte und nicht halb verrückt war, wie ich es
jetzt bin. Gesetze und Grundsätze sind nicht für Zeiten gegeben und aufgestellt, wo keine Versuchung lockt; gerade
für solche Augenblicke, wie der jetzige ist, passen sie, wo
sich Geist und Körper gegen die Giltigkeit derselben auflehnen. Sie lauten streng, allein sie dürfen nicht übertreten werden. Wenn ich dies nach meinem eigenen Belieben thun könnte, welchen Werth hätten sie denn im Allgemeinen. Und daß sie einen großen Werth haben, davon
war ich stets überzeugt und daß ich in diesem Momente
daran zweifle, das kömmt daher, weil ich kaum meiner
Sinne mächtig bin, weil mir Feuer durch die Adern läuft
und mein Herz schneller schlägt, als ich die einzelnen
Schläge zählen kann. Frühere Ansichten und Entschlüsse
sind Alles, was mir in dieser Stunde der Prüfung zur
Seite steht und darauf will ich mich stützen.’
Mein Entschluß war gefaßt. Mr. Rochester las ihn
von meinem Gesichte ab. Seine Leidenschaftlichkeit hatte
den höchsten Grad erreicht; er mußte ihr irgend einen
Ausbruch gestatten. Er durchschritt das Gemach, kam auf
mich los, ergriff meinen Arm und faßte mich um den Leib.
Er schien mich mit seinen Flammenblicken verzehren zu

wollen: körperlich fühlte ich mich in dieser Minute so
schwach wie ein Rohr, das vom Winde hin und her gepeitscht wird, geistig war ich noch kräftig genug und meiner
endlichen Rettung aus dem Sturme gewiß. Die Seele besitzt glücklicherweise einen oft unbewußten, doch stets getreuen Dolmetsch an dem Auge. Ich schlug den Blick zu
ihm empor und während ich ihm in das zornglühende Gesicht schaute, entfuhr mir ein unwillkürlicher Seufzer. Der
Druck seiner Hand schmerzte mich und meine übermäßig angestrengte Kraft war erschöpft.
‘Nie,’ sagte er zähneknirschend, ‘nie in meinem Leben sah ich ein so schwaches und doch so unüberwindliches
Wesen. Wie ein Strohhalm fühlt sie sich an!’ Dabei schüttelte er mich mit seiner gewaltigen Hand. ‘Ich könnte sie
mit zwei Fingern umbiegen, aber was hälfe es mir, wenn
ich es thäte, wenn ich sie zusammenrollte, zerdrückte? Seht
einmal das Auge, seht den wilden, entschlossenen, freien
Blick, der mich mit mehr als Muth, mit der Sicherheit des
unausweichlichen Sieges herausfordert! Ich mag mit dem
Kerker machen was ich will, den scheuen, theuren Gefangenen vermag ich nicht zu erlangen. Zerbreche ich die schwache
Hülle, erreiche ich mit meinem Frevel nichts weiter, als
daß mir sein Bewohner entflieht und im Himmel ist, ehe
ich noch sein irdisches Wohnhaus ganz in meinen Händen
habe. Und nur Du bist es, Du kräftige, tugendhafte, keusche
Seele nach der ich trachte, nicht dein gebrechliches Gefängniß. Warum brichst Du nicht von selbst reine Fesseln und
kömmst zu mir und ziehst in mein Herz ein? Gegen deinen
Willen kann ich Dich nicht fassen, eben so wenig als einen
Wohlgeruch, der verflüchtigt, noch ehe man seinen Duft eingesogen hat. Oh, komm, theure Seele, komm!’

Er hatte mich inzwischen losgelassen und blickte mich
nur noch an. Weit schwerer war es diesem Blicke zu widerstehen, als jenem wilden, krampfhaften Drucke; allein nur
eine Blödsinnige wäre jetzt unterlegen. Ich hatte seiner Wuth
getrotzt, sie gebrochen, seinem Schmerze mußte ich ausweichen. Ich zog mich zur Thüre zurück.
‘Sie gehen, Jane?’
‘Ich gehe, Sir.’
‘Sie verlassen mich?’
‘Ja.’
‘Sie bleiben nicht bei mir? Sie wollen nicht meine
Trösterin, meine Erlöserin seyn? Meine heiße Liebe, mein
wilder Schmerz, mein Bitten und Flehen — gilt Ihnen
das Alles nichts?’
Welche glühende Leidenschaft lag in dem Tone seiner
Stimme! Wie schwer wurde es mir, wiederholt zu erwiedern: ‘Ich gehe.’
‘Jane!’
‘Mr. Rochester!’
‘Sehen Sie — ich willige ein — aber erinnern Sie
sich, daß Sie mich hier in Angst und Qual zurücklassen.
Gehen Sie in Ihre Stube hinauf, denken Sie an Alles,
was ich Ihnen gesagt und — an meine Leiden. Jane, denken Sie an mich.
Er wandte sich um und warf sich mit dem Gesichte
aufs Sopha. ‘Oh, Jane! — meine Hoffnung — meine
Liebe — mein Leben!’ ertönte es schmerzlich von seinen
Lippen. Ein tiefer, langgezogener Seufzer folgte.
Ich hatte bereits den Ausgang erreicht, aber — ich
ging noch einmal zurück, ebenso festen Schrittes, als ich
mich entfernt hatte. Ich kniete vor ihm nieder, hob seinen

Kopf aus den Kissen empor, küßte seine Wange und strich
ihm das Haar glatt.
‘Gott segne Sie, mein theurer Herr!’ sagte ich. ‘Er
halte Schmerz und Gram fern von Ihnen, er geleite und
tröste Sie, er lohne Ihnen alle mir erwiesene Güte.’
‘Meine beste Belohnung wäre die Liebe meiner kleinen
Jane gewesen,’ antwortete er; ‘ohne sie stirbt mein Herz
ab. Doch Jane wird mir ihre Liebe schenken, das wird sie
in ihrem Edelmuth, ihrer Herzensgüte.’
Das Blut stieg ihm ins Gesicht, seine Augen blitzten,
er sprang in die Höhe und breitete die Arme nach mir aus.
Aber ich ging der beabsichtigten Umarmung aus dem Wege
und verließ mit einem Male das Zimmer.
‘Lebe wohl!’ rief mein Herz, als ich ihn verließ.
Die Verzweiflung fügte hinzu: ‘Lebe wohl auf ewig!’

Ich dachte gar nicht, daß ich die Nacht würde schlafen
können; aber kaum hatte ich mich ins Bett gelegt, als
auch schon der Schlummer meine Augen schloß. Ein lebhafter Traum versetzte mich in die Tage meiner Kindheit zurück. Ich träumte, ich liege in der rothen Stube zu Gateshead, die Nacht sey finster und mein Gemüth unter dem
Einflusse einer sonderbaren Furcht. Jener Lichtschein, der
mich vor Jahren bewußtlos gemacht, erschien mir in meinem Traumgesichte; ich sah ihn die Wand hinan gleiten
und inmitten der Zimmerdecke zitternd Halt machen. Ich hob
meinen Kopf empor, um die Erscheinung zu besichtigen;
die Zimmerwölbung löste sich in schwere, düstere Wolken
auf und der Schimmer war demjenigen des Mondes zu vergleichen, wenn er im Begriffe ist durch den Nebel zu brechen. Ich sah seiner Ankunft mit eigenthümlicher Bangigkeit entgegen, als sollte seine Scheibe die Worte eines Schicksalsspruches enthalten. Endlich zertheilten sich die Wolken,
aber es war nicht der Mond, der sichtbar wurde, sondern
eine weiße menschliche Gestalt, die ihr strahlendes Antlitz
zur Erde neigte. Sie sah mich an. Sie flüsterte meinem
Herzen die aus unendlicher Ferne herübertönenden, doch
ganz deutlich vernehmbaren Worte zu:
‘Fliehe die Versuchung, meine Tochter!’
‘Ich will es, theure Mutter,’ antwortete ich, aus
diesem bedeutungsvollen Traume erwachend. Es war noch
Nacht, aber eine kurze Julinacht, wo sich bald nach Mitternacht die Morgendämmerung einstellt. ‘Es ist nicht zu
früh, mit der Ausführung meines Vorsatzes zu beginnen,’
dachte ich. Ich erhob mich. Ich war angezogen, denn ich
hatte blos meine Schuhe abgelegt. Ich wußte wo ich in
meiner Commode etwas Wäsche, ein Armband und einen
Ring zu suchen hatte. Bei dieser Gelegenheit kam mir ein
Halsband von Perlen in die Hände, welches mir Mr. Rochester vor einigen Tagen aufgedrungen hatte. Ich ließ es
zurück; es war nicht mein Eigenthum, es hatte der Traumgestalt von einer Braut gehört, die nun in Nebel zerflossen
war. Die andern Gegenstände band ich in ein Packet zusammen, meine Börse mit zwanzig Schillingen, meinem
ganzen Vermögen, steckte ich zu mir. Ich setzte meinen Strohhut auf, nahm meinen Shawl um, erfaßte das Päckchen
und die Schuhe, die ich erst im Freien anziehen wollte, und
stahl mich zur Stube hinaus.
‘Adieu, gute Mrs. Fairfax,’ flüsterte ich bei ihrer
Thüre vorüber gleitend. ‘Adieu, meine theure Adela,’

sagte ich mit einem Blicke nach der Kinderstube. Ich konnte
nicht hineintreten und sie ein letztes Mal in meine Arme
schließen; ich hatte ein feines Gehör zu täuschen, das vielleicht gerade in diesem Augenblicke aufpaßte.
Ich wollte bei Mr. Rochester's Stube rasch vorüber
schreiten; doch mein Herz stand still, als ich seiner Schwelle
nahe kam und auch mein Fuß blieb zögernd stehen. Weder
Schlaf noch Ruhe herrschte in dem Gemache, dessen Bewohner rastlos auf- und abging und seufzte. Ein Himmel,
ein irdischer Himmel war für mich darin bereit, ich durfte
nur hineingehen und sagen:
‘Mr. Rochester, ich will Sie lieben und bei Ihnen bis
zu meinem Tode ausharren,’ und ein nie geahntes Paradies
eröffnete sich mir. Ich dachte daran.
Mein theurer Gebieter, der nun nicht schlafen konnte,
sah dem Tage ungeduldig entgegen. Ich wußte, er werde
gleich des Morgens nach mir schicken und mich nicht mehr
finden; er werde überall nach mir suchen, doch umsonst.
‘Er wird sich verlassen und elend fühlen,’ stellte ich mir
vor; ‘Verzweiflung wird dem Schmerze über verschmähte
Liebe folgen.’ Meine Hand wollte nach der Thürklinke
greifen, ich zog sie hastig zurück und eilte rasch weiter.
Wie im Traume ging ich die Treppe hinab; ich wußte
was ich zu thun hatte und that es mechanisch. In der Küche suchte ich den Schlüssel zur Hinterthüre; etwas Oel und
eine Feder, den Schlüssel und das Schloß einzuölen. Ich
trank etwas Wasser und nahm ein Stück Brot zu mir; vielleicht mußte ich weit gehen und meine in der letzten Zeit so
sehr gerütteten Kräfte konnten mich leicht verlassen. Alles
das verführte ich ganz geräuschlos. Dann öffnete ich die
Thür, schlich mich hinaus und schloß sachte hinter mir zu.

Es dämmerte bereits. Das Hauptthor der Hofmauer war
geschlossen, ein Seitenpförtchen dagegen blos zugeriegelt.
Durch dieses letztere trat ich hinaus und befand mich nun
außerhalb Thornfield.
Eine Meile davon, jenseits der Felder, lag eine Straße,
die sich in der entgegengesetzten Richtung von Millcote ausdehnte, eine Straße, die ich nie gereist war, aber oft betrachtet hatte, voll Neugierde, wo sie hinführte. Dorthin
lenkte ich meine Schritte. Es war keine Zeit zu überlegen
oder einen Blick zurückzuwerfen. Ich konnte weder der Vergangenheit noch der Zukunft einen Gedanken widmen. Die
erstere füllte ein so wunderliebliches und doch so trauriges
Blatt meiner Lebensgeschichte, daß eine einzige Zeile davon
meinen Muth schwächen, meine Kraft brechen mußte. Die letztere zeigte eine unheimliche Leere, wie sie etwa nach der
Ueberschwemmung der Welt vorhanden war.
Ich schritt über die Felder, Hecken und Fußwege entlang, bis die Sonne aufging. Ich glaube es war ein lieblicher Sommermorgen; meine Schuhe waren binnen kurzer
Zeit ganz durchnäßt von Thau. Aber ich sah weder nach der
aufgehenden Sonne, noch nach dem heitern Himmelsraume,
noch nach der erwachenden Natur. Derjenige, der zum Schaffot hinausgeführt wird, denkt nicht an die bunten Blumen
am Wege, sondern an den Holzblock und an die Schärfe
des Beils; ich dachte an meine trostlose Flucht und mein heimatloses Herumirren und — an das Theuerste was ich zurückließ. Ich konnte nicht anders. Ich stellte mir ihn in
seinem Zimmer vor, wie er die aufgehende Sonne betrachtet, voll Erwartung, ich werde nun kommen und ihm sagen, ich wollte nun bleiben und ihm angehören. Ich sehnte
mich darnach sein zu seyn, wieder zurückzukehren, ihm den

bittern Schmerz meines Verlustes zu ersparen. Noch war
meine Flucht gewiß nicht entdeckt worden, noch konnte ich
umkehren, ihn trösten, beglücken vom Elende, vielleicht
vom Untergange erretten. Wie drückte mir die Angst vor
seiner Verzweiflung, die jedenfalls noch die meinige überbot, das Herz ab. Die Vögel sangen in Wäldern und Feldern; die Vögel tauschten Liebe um Liebe, sie erschienen
mir als die Sinnbilder dieses himmlischen Gefühls. und was
that ich? Mitten in meiner Herzenspein und in meinem
Ringen nach Pflichterfüllung kam mir der Abscheu vor mir
selber. Nicht einmal den Trost der Selbstzufriedenheit hatte
ich, nicht denjenigen der Selbstachtung. Ich hatte meinen
Gebieter beleidigt — tödtlich verletzt — verlassen. Ich verachtete mich selbst. Doch ich konnte nicht umkehren, keinen
Schritt nach rückwärts thun. Gott selbst wies mir meinen
Weg in die Ferne; leidenschaftlicher Schmerz hatte meinen
Willen gelähmt, die Stimme meiner Vernunft übertäubt.
Unter heftigem Schluchzen setzte ich meinen einsamen Weg fort;
schneller, immer schneller rannte ich wie im Fieberwahn vorwärts. Endlich erlag ich der Mattigkeit, die seit dem vorhergehenden Tage in meinen Gliedern lag, und ich sank zu Boden. Einige Minuten blieb ich liegen und drückte meine
brennenden Wangen auf den nassen Rasen. Ich fürchtete
oder hoffte vielmehr, der Tod werde mich hier ereilen; doch
bald faßte ich wieder Muth und kroch auf Händen und
Küßen weiter, mehr denn je entschlossen die Fahrstraße zu
erreichen.
Dort angelangt sah ich mich genöthigt, eine Weile
unter einer Hecke auszuruhen. Ich hörte das Rollen eines
Wagens und sah eine Kutsche herankommen. Ich stand auf
und winkte; sie hielt an. Ich frug, wohin sie ginge; der Kutscher nannte mir einen weit entfernten Ort, wo Mr. Rochester, wie ich ganz gewiß wußte, keine Bekannte hatte. Ich
erkundigte mich nach dem Fahrpreise; er verlangte dreißig
Schillinge. Ich antwortete, ich hätte nur zwanzig; er meinte,
er wolle sehen, daß es genüge. Er erlaubte mir ferner,
mich in das Innere zu setzen, da der Wagen leer war. Ich
stieg hinein und er rollte fort.
Mögest Du, liebe Leserin, nie das fühlen, was ich
fühlte. Mögen deine Augen nie so heiße, so blutige Thränen
vergießen, als sie den meinen entströmten. Mögest Du nie
so hoffnungslose Gebete zum Himmel emporsenden, als
in jener bittern Stunde über meine Lippen kamen! Mögest
Du endlich nie, wie ich, zittern müssen, daß Du demjenigen, den Du liebst, den Todesstoß versetztest!

Achtundzwanzigstes Capitel.

Zwei Tage sind verflossen. Es ist ein Sommerabend; der Kutscher hat mich an einem Orte Namens Whitcroß abgesetzt. Er konnte mich für das erhaltene Fahrgeld nicht
weiter mitnehmen, und ich besaß keinen rothen Heller mehr.
In diesem Augenblicke ist die Kutsche über eine Meile entfernt; ich bin allein. Nun erst bemerke ich, daß ich mein
kleines Packet aus der Wagentasche herauszunehmen vergaß
wohin ich es der Sicherheit wegen gesteckt hatte. Dort
steckt es, holen kann ich es nicht mehr, und ich bin nun
ganz arm.
Whiteroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Weiler,
sondern blos eine steinerne Säule an einem Kreuzwege;
weiß angestrichen, um von der Ferne besser sichtbar zu seyn.
Vier Arme weisen nach den vier verschiedenen Richtungen

der Straßen. Die Aufschrift zeigt, daß der nächste Ort zehn,
der weitest entfernte zwanzig Meilen von hier liegt. Die
wohlbekannten Namen der beiden Städte lassen mich erkennen, in welcher Grafschaft ich mich befinde. Es ist ein unfruchtbares Sumpfland, theilweise gebirgig, wie ich sehe.
Große Moräste liegen hinter mir und zu beiden Seiten
jenseits jenes tiefen Thales steigen Berge in die Höhe. Die
Bevöllerung muß hier sehr dünn gesät seyn, und ich bemerkte keine Reisenden auf den vier Straßen, die sich nach
allen Himmelsgegenden ausdehnen und sämmtlich durch
Sumpfboden führen. Doch konnte der Zufall einen einsamen Wanderer in die Nähe bringen, und ich möchte nicht,
daß mich ein Menschenauge erblickte; die Leute würden sich
wundern, was ich hier am Fuße des Wegweisers zu suchen
habe, Fragen an mich stellen, die ich nicht beantworten
könnte, und Zweifel und Verdacht müßten in ihnen rege
werden. Kein Band fesselt mich in diesem Augenblicke an
die menschliche Gesellschaft, keine Hoffnung ruft mich zu
den Wohnungen meiner Mitmenschen, und kein Sterblicher
der mich sieht, wird einen guten Gedanken und einen freundlichen Wunsch für mich bereit haben. Ich habe keinen andern Anverwandten, als die Allmutter Natur; an ihre
Brust will ich mich legen und Ruhe suchen.
Ich ging geraden Weges auf die Haide los, hielt mich
längs eines Abhanges, der sich am dunkeln Sumpfe hinzog,
watete bis an die Knie in dem dichten Haidekraute und fand
endlich einen bemoosten Granitstein, unter dem ich mich
niedersetzte. Die hervorragende Steinplatta schützte mein
Haupt, rings um mich sah ich nur Himmel und Haideland.
Eine geraume Zeit verging, bevor ich mich, selbst in
diesem abgelegenen Winkel der Erde, sicher fühlte; eine leise

Furcht befiel mich, es möchte wildes Vieh in der Nähe
seyn, ein Jäger oder ein Wilddieb herankommen und meiner ansichtig werden. Wenn der Wind über die Einöde
strich, sah ich empor, ob es nicht das Schnauben eines
Stieres oder Pferdes sey; wenn ein Kibitz pfiff, dachte ich,
es sey ein Mensch. Meine Befürchtungen unbegründet findend und durch die in der ganzen Gegend herrschende tiefe
Stille beruhigt, faßte ich Muth und Vertrauen. Bis nun
hatte ich vor lauter Horchen keine Zeit zum Nachdenken
gefunden; jetzt war der Augenblick gekommen, wo ich mich
meinen Gedanken überlassen konnte.
Was sollte ich nun beginnen? Wohin sollte ich gehen?
Beides qualvolle Fragen, da ich nichts thun, nirgends hingehen konnte, da noch ein unermeßlicher Weg von meinen
schwachen Füßen durchschritten werden mußte, bevor ich zu
einer menschlichen Wohnung kam! Und dann mußte ich erst
eine Unterkunft erbetteln, mich zudringlich schelten, hundertmal abweisen lassen, ehe ich eine gutmüthige Seele fand,
die meiner Erzählung Glauben schenkte, mir unter die
Arme griff.
Ich legte mich auf das Haidekraut nieder, es war trocken und noch warm von der Sonnenhitze. Ich blickte zum
Himmel empor, er war heiter und ein freundlicher Stern
erglänzte gerade über mir. Der Thau fiel, doch weder stark,
noch kalt; kein Lüftchen regte sich. Die Natur schien mir
wohlzuwollen und geneigt zu seyn und ich, die ich mich von
Seite der Menschen nur auf Mißtrauen, Zurückweisungen
und üble Behandlung gefaßt machen konnte, schmiegte mich
mit kindlicher Zärtlichkeit an sie. Diese Nacht wenigstens
wollte ich ihr Gast seyn — wie ich schon ihr Kind wars
meine Mutter beherbergte mich umsonst, ohne Anspruch

auf Gewinn. Noch besaß ich einen Bissen Brot, den Ueberrest eines kleinen Laibes, den ich mir für einen zufällig
in meiner Tasche gefundenen Penny unterwegs gekauft hatte.
Dieses Mahl stillte wohl meinen Hunger nicht ganz — doch
war es besser als nichts. Mit dem Essen zu Ende gekommen sagte ich mein Abendgebet her und legte mich dann
schlafen.
Ich faltete meinen Shawl doppelt zusammen und breitete ihn über mich statt einer Decke aus; ein niedriger mit
Moos bewachsener Stein war mein Kopfkissen. Auf diese
Weise konnte mir, wenigstens nicht gleich anfangs, die Kühle
der Nacht etwas anhaben.
Mein Schlaf wäre ein ruhiger gewesen, hätten mich
die klaffenden Wunden meines Herzens nicht so sehr geschmerzt. Es zitterte für Mr. Rochester und seine Zukunft,
es beweinte sein trauriges Schicksal mit blutigen Thränen,
es schlug ihm mit sehnsüchtigem Verlangen entgegen, und
ohnmächtig wie ein Vogel, dessen Flügel gebrochen, bewegte es noch immer seine zerschmetterten Schwingen zu nutzlosen Versuchen, dem Geliebten entgegen zu fliegen.
In meinem Innern von solch qualvollen Gedanken zerfleischt, stand ich bald von meinem Lager auf. Es war Nacht
und Mond und Gestirne erglänzten am Firmamente, der
Himmel war zu heiter, um Angst und Furcht zuzulassen.
Wohl wissen wir, daß Gott überall ist, doch empfinden
wir seine Nähe am lebhaftesten. wenn die großartigen Werke
seiner Schöpfung vor uns liegen, und am wolkenlosen, heiteren Nachthimmel, wo seine Welten ihren stillen Lauf verfolgen, lesen wir am deutlichsten seine Unehrlichkeit, Allmacht und Allgegenwart. Ich kniete nieder, um für Mr. Rochester zu beten. Zum Himmel emporsehend, erblickten

meine in Thränen schwimmenden Augen die mächtige Milchstraße. Mich daran erinnernd, woraus sie besteht, welch’
zahllose Planetensysteme diesen schwachen Lichtstreif bilden, fühlte ich mich von Gottes Größe und Allmacht durchdrungen. Ich war von seinem Willen, die Werke seiner Hand
zu erhalten, überzeugt, ich wußte, daß weder die Erde,
noch irgend eine Menschenseele zu Grunde gehen könne.
Mein Gebet war ein Dankgebet; der Urquell des Lebens ist
ja auch der Behüter der Seelen. Mr. Rochester war sicher,
als Gottes Geschöpf stand auch er unter Gottes Schutz. Wieder legte ich mich nieder, und in kurzer Zeit hatte der Schlaf
meinen Schmerz und meine Sorge zur Ruhe gebracht.
Doch am nächsten Tage schon stellte sich nackt und hohläugig der Mangel ein. Lange nachdem die Vögel ihre Nester verlassen hatten, die Bienen im frischen Morgenthau
auf das Haidekraut hernieder geflogen waren, den süßen
Honig zu sammeln, als der Schatten schon kürzer geworden,
und die Sonne mit der Fülle ihrer Strahlen Himmel und
Erde beschien, erwachte ich und blickte um mich herum.
Welch' heiterer, warmer, köstlicher Tag! Wie golden
und glänzend sah das Sumpfland aus! Allüberall Sonnenschein! Ich wünschte hier bleiben, hier leben zu können.
Eine Eidechse lief über den bemoosten Stein, eine Biene summte geschäftig unter den süßen Heidelbeeren. Gern wäre
ich in diesem Augenblicke eine Biene over eine Eidechse gewesen, um hier Nahrung und Wohnung zu finden. Allein
ich war ein menschliches Wesen, und hatte menschliche Bedürfnisse; ich durfte nicht an einem Orte bleiben, wo ich
keine Aussicht hatte, dieselben befriedigen zu können. Ich
erhob mich, und warf einen Blick nach dem Lager zurück, von dem ich aufgestanden war. Ohne Aussichten in

die Zukunft ohne Hoffnungen, konnte ich den Wunsch nicht unterdrücken mein himmlischer Vater hätte mich diese Nacht,
währen ich schlief, zu sich genommen, und mir weitere Kämpfe und Leiden erspart. Doch lebte ich nun einmal, und
fühlte all' die Schmerzen und Bedürfnisse des menschlichen
Daseyns; ich mußte also die Last ertragen, für meine Bedürfnisse sorgen, die Leiden geduldig hinnehmen. Ich machte
mich auf den Weg.
Am Meilenzeiger angelangt, wählte ich diejenige Straße, die am meisten vor der Sonnenhitze geschützt schien. Kein
anderer Umstand entschied meine Wahl. Ich ging eine geraume Zeit fort, und als ich dachte, eine genug weite Strecke
zurückgelegt zu haben, und meine müden Glieder auf einer
nahen Steinbank ausruhen zu dürfen, hörte ich ein Geläute, das Läuten einer Kirchenglocke.
Ich wandte meine Blicke nach der Richtung des Schales und bemerkte zwischen den romantischen Hügeln, die
ich noch vor einer Stunde betrachtet hatte, ein Dörfchen und einen Kirchthurm. Das Thal zu meiner Rechten bestand aus Weideland, Getreidefeldern und Gehölz; ein klarer Strom
durchschlängelte es seiner ganzen Richtung nach. Das Gerassel eines Wagens lenkte meine Aufmerksamkeit auf die
Fahrstraße und ich sah einen schwerbeladenen Wagen mühsam bergan fahren; nicht weit von mir weidete ein Mann
eine beiden Kühe. Menschliche Lebendigkeit, menschliche
Thätigkeit waren nahe. Auch ich mußte mich abmühen, für
meinen Unterhalt sorgen und arbeiten, gleich meinen übrigen Mitmenschen.
Beiläufig um zwei Uhr Nachmittags langte ich im
Dorfe an. Am Ende der einen Straße befand sich ein kleiner Laden mit Kuchen im Auslagekasten. Ich empfand eine
lebhafte Sehnsucht nach einem derselben. Eine derlei Erfrischung konnte mir neue Kräfte geben, denn ohne etwas
zu genießen war es mir fast unmöglich weiter zu gehen.
Der Wunsch nach Kraft und Stärke wurde in mir mit demselben Augenblicke lebendig, wo ich mich wieder unter
Menschen befand. Ich fühlte wie demüthigend es wäre,
in der Straße eines Dorfes vor Hunger umzusinken. Hatte
ich denn gar nichts bei mir, um es gegen eine Semmel auszutauschen? Ich dachte nach. Wohl besaß ich ein kleines seidenes Halstuch und Handschuhe. Ich hatte es nie selbst erfahren, was man in solchen äußersten Fällen zu thun pflegt;
ich wußte nicht einmal ob man einen dieser Gegenstände annehmbar finden würde. Vielleicht scheiterte mein Versuch,
allein ich mußte ihn wagen.
Ich trat in den Laden; eine Frau saß darin. Eine anständig gekleidete Person, ihrer Meinung nach eine vornehme Dame erblickend, kam sie mir ganz artig entgegen.
Sie frug mich was mir zu Diensten stände? Ich schämte mich und konnte die vorbereitete Bitte nicht über die Junge
bringen. Ich wagte es nicht ihr meine getragenen Handschuhe, mein zerknittertes Halstuch anzubieten; die Zumuthung eines Tauschhandels kam mir nun selbst albern von.
Ich bat nur um Erlaubniß, mich einen Augenblick setzen
zu dürfen, da ich se hr müde wäre. Sich in der Erwartung, eine Kundschaft an mir zu bekommen, getäuscht sehend, gewährte sie mir mein Ansuchen mit frostiger Miene
und wies mir einen Stuhl an. Ich sank darauf hin und
wollte fast weinen. Bald erinnerte ich mich jedoch, wie unzeitig eine solche Kundgebung meiner Gefühle wäre und hielt

meine Thräne zurück. Dann frug ich, ob es im Dorfe
keine Putzmacherin oder Weißnäherin gebe?
‘Ja wohl, zwei oder drei. Gerade genug für den kleinen Ort.’
Ich überlegte. Ich war nun zum Aeußersten gebracht
und meine Noth fürchterlich. Ohne eine Hilfsquelle, ohne
Freunde, ohne Geld mußte ich Schritte für die Erhaltung
meines Lebens thun. Auf welche Weise? Ich mußte mir
einen Dienst suchen. Aber wo?
‘Ist Ihnen kein Haus in der Nachbarschaft bekannt,’
frug ich , ‘wo man ein Dienstmädchen brauchen
könnte?’
‘Ich weiß keines.’
‘Welches ist die Hauptbeschäftigung des Ortes?’
‘Viele Leute treiben Ackerbau, die andern arbeiten in
Mr. Oliver's Nadelfabrik und in der Gießerei.’
‘Verwendet Mr. Oliver Frauenzimmer?
‘Nein, blos Männer.’
‘Und womit beschäftigen sich die Weiber?’
‘Mit dem und jenem. Arne Leute müssen sehen wie
sie fortkommen.’
Meine Fragen schienen der Frau lästig zu werden. Und
was hatte ich auch für ein Recht sie zu belästigen? Einige
Nachbarinnen traten in den Laden, mein Stuhl wurde allem
Anscheine nach benöthigt. Ich empfahl mich.
Ich ging die Straße entlang und sah mir alle Häuser
rechts und links an. Allein es fiel mir kein Vorwand bei,
unter welchem ich in irgend eines hätte treten können. Eine
ganze Stunde wanderte ich auf diese Weise im Dorfe herum.
Ganz erschöpft und den Qualen des nagendsten Hungers
preisgegeben, bog ich in einen Seitenweg ein und ließ mich

unter einer Hecke nieder. Doch schon nach wenigen Minuten
war ich wieder in der Höhe und setzte meine Forschungen
fort, um irgend eine Hilfsquelle zu entdecken oder doch wenigstens Erkundigungen einzuziehen. Ein kleines hübsches
Haus mit einem netten Blumengärtchen stand am Ende des
Weges Ich blieb vor demselben stehen. Aus welcher Ursache konnte ich mich der weißen Thüre nähern, den blanken Pocher berühren? Was konnte die Bewohner veranlassen mir zu helfen? Dennoch trat ich ans Thor und pochte.
Ein sanft aussehendes, sauber gekleidetes Märchen machte
auf. Mit halb erstickter, gebrochener Stimme erkundigte ich
mich, ob man hier ein Dienstmärchen brauchen könne?
‘Nein,’ lautete die Antwort; ‘wir halten gar keine
Dienstboten.’
‘Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich irgend eine
wie immer geartete Beschäftigung finden kann?’ fuhr ich
fort. ‘Ich bin hier fremd und möchte gerne arbeiten.’
Allein es war nicht die Sache des jungen Frauenzimmers. sich viel um mich zu kümmern oder mir einen Dienst
zu suchen; wie zweifelhaft mußte ihr übrigens mein Charakter, wie unwahrscheinlich meine Erzählung vorkommen!
Sie schüttelte den Kopf, versicherte, es thäte ihr sehr leid,
mir keine näheren Andeutungen geben zu können und schloß dann die Thüre. Hätte sie noch eine kleine Weile offen gelassen, ich würde sie wahrlich um ein Stück Brot gebeten
haben, denn der fürchterlichste Hunger wühlte in meinen Eingeweiden.
Der Gedanke, in das schmutzige Dorf zurückzukehren.
war mir unerträglich; zudem war dort gar keine Aussicht auf Rettung vorhanden. Ich wollte lieber nach einem nahen
Gehölze einbiegen, das mir in seinem dichten Schatten einen

freundlichen Zufluchtsort anzubieten schien; doch ich war so
krank, so schwach, so heißhungrig, daß mich der Instinct
in der Nähe menschlicher Wohnungen festhielt.
Ich kroch zu Häusern, schlich mich wieder fort, kam
wieder zurück, um wieder weiter zu wandern. Immer trieb
mich der Gedanke hinweg, daß ich kein Recht habe, eine
Unterstützung zu beanspruchen. Während ich so einem herrenlosen, hungerigen Hunde gleich herumzog, kam der Abend
immer näher. Ein Feld durchschreitend sah ich den Kirchthurm vor mir und ging geraden Weges darauf los. Nahe
am Kirchhofe, mitten in einem Garten stand ein kleines
Haus von hübschem Aussehen, ohne Zweifel das Pfarrhaus.
Ich erinnerte mich, daß sich fremde Personen, die an irgend
einem Orte keine Bekannten haben, wegen Beschäftigung
und Unterstützung an den Ortsgeistlichen zu wenden pflegen.
Es ist auch in der That die Pflicht eines jeden Gottesmannes
dem Hilflosen wenigstens mit einem guten Rathe beizustehen, und ich dachte irgend ein Recht zu haben, in diesem
Hause eine freundliche Auskunft zu erlangen. Den Rest meiner nahezu erschöpften Kraft zusammennehmend erreichte ich
das Gebäude. Ich pochte, ein altes Weib öffnete die
Thüre.
‘Ist dies das Pfarrhaus?’ frug ich.
‘Ja.’
‘Ist der geistliche Herr zu Hause?’
‘Nein.’
‘Kömmt er bald zurück?’
‘Kaum; er ist verreist.’
‘Weit von hier?’
‘Nicht gar weit, etwa drei Meilen. Der plötzliche

Tod seines Vaters rief ihn ab, er ist jetzt in Marschend
und wird wohl noch vierzehn Tage ausbleiben.’
‘Ist keine Frau im Hause?’
‘Nein, ich bin allein hier. Ich bin die Haushälterin.’
Es war mir unmöglich die Frau um etwas zum
Essen anzugehen — zu betteln. Halb todt kroch ich
weiter.
Wieder nahm ich mein seidenes Halstuch ab, wieder
dachte ich an die Semmeln und Kuchen in jenem kleinen Laden. Instinctmäßig wandte ich meine Schritte dem Dorfe
zu, hatte den Laden bald wiedergefunden und trat hinein.
Wiewohl noch and ere Leute außer der Verkäuferin darin
standen. frug ich die letztere, ob sie doch mir für das
Halstuch eine Semmel geben wollte?
Sie sah mich mit augenscheinlichem Mißtrauen an.
‘Ich pflege meine Waare nicht auf diese Weise zu verkaufen,’ sagte sie.
Fast zur Verzweiflung getrieben, verlangte ich einen
halben Kuchen. Sie verweigerte mir auch diesen. ‘Wer weiß woher Sie das Tuch haben,’ bemerkte die Frau.
‘Wollen Sie meine Handschuhe nehmen?’
‘Nein; was sollte ich damit?’
Es ist nicht angenehm, lieber Leser, bei diesen Einzelnheiten zu verweilen. Gewisse Leute behaupten, es sey ein
Genuß, nach vergangenen traurigen Zeiten zurückzublicken;
doch noch heute ist es mir unmöglich, an jene Zeit der fürchterlichsten physischen und moralischen Leiden ohne Schaudern
zu denken. — Es war eingetroffen, was ich vorhergesehen
hatte; ein gewöhnlicher Bettler wird sehr oft, ein gut gekleideter stets mit Mißtrauen angesehen. Wohl bettelte ich

nur um Arbeit, doch wer hatte die Verpflichtung, mir
welche zu verschaffen? Gewiß am allerwenigsten diejenigen,
die mich zum ersten Male sahen und mich durchaus nicht näher kannten. Was die Frau anbelangte, die mein Tuch nicht
gegen Brot eintauschen wollte, so hatte auch sie vollkommen
Recht, sobald ihr mein Anerbieten verdächtig oder nicht
nutzbringend vorkam. Doch genug von diesem Gegenstande;
die bloße Erinnerung daran ist mir widerlich.
Eine Weile bevor es dunkel wurde, kam ich bei einer Pachterswohnung vorüber. An der offenen Thüre saß der
Pachter und verzehrte sein Nachtessen, bestehend in Brot und
Käse. Ich blieb stehen.
‘Wollen Sie mir ein Stück Brot geben?’ bat ich,
‘ich bin sehr hungrig.’ Er sah mich verwundert an; aber
ohne ein Wort zu verlieren schnitt er ein tüchtiges Stück
von seinem Laibe ab und gab es mir. Ich denke, er hielt
mich kaum für eine Bettlerin, sondern für eine wunderliche
Dame, die zufällig einen Appetit auf sein Schwarzbrot bekommen hatte. Sobald ich aus dem Bereiche seiner Blicke
heraus war, setzte ich mich nieder und aß.
Ich hielt es nicht für möglich. in irgend einem hause
ein Nachtlager zu finden und suchte daher in dem besagten
Gehölze eine Unterkunft. Doch brachte ich die Nacht elend
zu und meine Ruhe wurde mehr als einmal durch Vorübergehende unterbrochen, so daß ich mein Lager einigemal wechseln mußte. Ueberdies war der Boden feucht, die Nachtluft
kalt und gegen Morgen regnete es ziemlich stark. Der ganze
darauffolgende Tag war regnerisch. Er verging wie der
vorhergehende; ich suchte Arbeit und wurde abgewiesen, ich
hungerte und nur ein einziges Mal kam Nahrung über
meine Lippen. An der Thüre einer Hütte sah ich ein kleines

Mädchen, das gerade im Begriffe stand eine Schüssel kalten
Breies in einen Schweinetrog zu schütten. ‘Willst Du mir
das geben?’ frug ich.
Das Kind starrte mich an. ‘Mutter!’ rief es, ‘ein
Frauenzimmer ist hier und will von mir diesen Brei haben.’
‘Wohl, Kind,’ antwortete eine Stimme in der Stube, ‘gib ihr ihn, wenn es eine Bettlerin ist. Die
Schweinchen brauchen ihn so nicht.’
Das Mädchen leerte den dick und zäh gewordenen Inhalt der Schüssel in meine Hände aus, und ich verschlang
ihn mit Heißhunger.
Beim Herannahen der Dämmerung hielt ich auf einem
einsamen Fußpfade an, den ich bereits über eine Stunde
verfolgte.
‘Meine Kräfte sind erschöpft,’ sagte ich zu mir selbst.
‘Ich fühle es, daß ich nicht mehr weiter kann. Soll ich diese
Nacht wieder im Freien zubringen, mich im strömenden Regen auf den nassen Boden legen? Ich muß wohl, denn wer
wird mich beherbergen? Es wird eine qualvolle Nacht werden, und wohl bin ich, noch ehe der Morgen graut, todt.
Aber warum kann ich mich mit dem Gedanken an einen baldigen Tor nicht aussöhnen? Warum strenge ich mich an,
ein werthloses Leben zu verlängern, zu erhalten? Wohl
nur darum, weil ich weiß oder vielmehr glaube, auch Mr.
Rochester sey noch unter den Lebenden, und weil die
Natur des Menschen vor der Möglichkeit zurückschreckt, durch
Hunger und Kälte zu Grunde zu gehen. Gütiger Himmel
erhalte mich noch eine Zeit lang, unterstütze — führe mich!’
Mein gläserner Blick glitt über die feuchte neblige
Landschaft hin. Ich sah, daß ich mich vom Dorfe weit entfernt hatte; es war unsichtbar geworden und selbst von den

dazu gehörigen Feldern war nur wenig zu bemerken. Auf verschiedenen Seitenwegen war ich dem Sumpflande nahe gekommen.
‘Lieber will ich da unten sterben,’ dachte ich, ‘als in
der Gasse des Dorfes oder auf einer besuchten Straße. Besser, die Raben verzehren meinen Leichnam, als daß er in
einen Sarg aus dem Arbeitshause gezwängt wird und in
einem Armengrabe vermodert.’
Ich ging auf den Hügel zu, der sich hinter dem Sumpflande erhob. Ich erreichte ihn und durfte nur noch eine Höhlung suchen, wo ich, wenn auch nicht sicher, so doch
verborgen war; aber die ganze Gegend ringsum war eben
wie ein Tisch. Mein Auge schweifte noch über dem wüsten
Haidelande hin und her, als plötzlich auf einem der dunkelsten Punkte, ganz in der Ferne, ein Lichtschein sichtbar wurde.
‘Ein Irrlicht,’ war mein erster Gedanke und ich erwartete
den Schein verschwinden zu sehen. Doch er hielt an und
glänzte ruhig fort, ohne auch nur im geringsten seinen
Standpunkt zu verändern. ‘Ist es vielleicht ein Freudenfeuer?’ frug ich mich selbst. ‘Doch es wurde nicht größer und
verlöschte auch nach langer Zeit nicht. ‘Das Licht eines Hauses,’ schloß ich. Doch wenn auch, so kann ich es nicht erreichen. Es ist zu weit entfernt, und läge es auch gerade vor
mir, ich könnte eben nur anklopfen, um wieder abgewiesen zu werden.’
Und ich sank auf derselben Stelle nieder, auf der ich
stand. Einige Augenblicke blieb ich ruhig liegen; die Nachtluft zog kalt über mich hinweg, der Regen fiel in Strömen und durchnäßte mich bis auf die Haut. Nech lebte ich,
noch hatte mich nicht alles Gefühl verlassen; vor Kälte zitternd stand ich auf. Noch immer war das Licht zu sehen,

zwar matt, doch ohne Unterlaß durch die feuchte Nachtluft herüberschimmernd. Ich versuchte es zu gehen, meine müden
Glieder nach jener Gegend hinzuschleppen. Ich überschritt
den Hügel und kam dann durch einen weit ausgedehnten
Sumpf, der im Winter unwegsam gewesen wäre, und selbst
jetzt, mitten im Sommer, nicht ganz trocken war. Zweimal
fiel ich um, stand aber stets wieder auf und spannte meine
Kräfte auf's Höchste. Das Licht war meine letzte Hoffnung;
ich mußte es erreichen.
Am Ende des Sumpfes angelangt, bemerkte ich einen
weißen Streif. Darauf zugehend sah ich, daß es eine Straße
war, die gerade nach dem Lichtscheine führte, der, wie ich
nun unterscheiden konnte, aus einer Baumgruppe herüberstrahlte. Augenscheinlich waren es, so viel ich im Dunkeln
erkennen konnte, Fichtenbäume. Mein Leitstern verschwand,
als ich mich näherte; irgend ein Gegenstand verdunkelte ihn.
Ich streckte die Hand nach der undurchsichtigen Masse der
mir aus und fühlte, daß es eine niedrige Mauer war. Längs
derselben hintappend gewahrte ich etwas Weißes — eine
Thüre, die sich aufthat, als ich sie berührte. Zu beiden Seiten derselben standen dunkle Gebüsche, Stechpalmen oder
Eiben. Nachdem ich die Thürschwelle überschritten hatte und
in den Hofraum getreten war, zeigten sich mir die Umrisse
eines schwarzen, niederen, langen Gebäudes, doch das Licht,
das mich geleitet, war nirgends zu sehen. Dichte Finsterniß
schien in allen Räumen des Hauses zu herrschen. Hatten sich
die Bewohner schon zu Ruhe begeben? Fast fürchtete ich,
es möchte der Fall seyn. Nach der Eingangsthüre suchend
bog ich um eine Ecke und der freundliche Schimmer strahlte
mir durch die rautenförmigen Scheiben eines kleinen Gitterfensters entgegen, das durch die Einfassung von Epheu oder

irgend einer andern Schlingpflanze noch viel keiner erschien.
Die Oeffnung war so schmal und so verdeckt, daß man das
Anbringen von Vorhängen oder Fensterläden für überflüssig
zu halten schien, und als ich mich bückte (das Fenster erhob
sich kaum einen Fuß hoch über den Boden), konnte ich das
Innere der Stube genau sehen. Der Fußboden war blank
gescheuert und mit Sand bestreut; ein Geschirrkasten von
Nußbaumholz zeigte Reihen von Zinntellern, in denen sich
die rothe Glut eines Torffeuers abspiegelte. Die weitere
Zimmereinrichtung bestand in einer weißen Tafel und einigen
Stühlen. Die Kerze, deren Schein mein Wegweiser gewesen
war, stand auf dem Tische und eine ältliche Frau von etwas rauhem Aussehen, doch von gleicher Sauberkeit wie
ihre ganze Umgebung, strickte bei dem Lichte.
Diese Gegenstände nahmen meine Aufmerksamkeit nur
in einem geringen Grade in Anspruch. Weit mehr interessirte
mich eine Gruppe, die, vom hellen Scheine des Feuers umflossen, in der Nähe des Herdes saß. Es waren zwei junge,
anmuthige Frauengestalten, jedenfalls den höheren Ständen
angehörig, die eine in einem Schlafsessel, die andere auf
einem niedrigen Stuhle sitzend, beide in tiefster Trauer. Die
schwarze Kleidung hob die schönen Nacken und reizenden Gesichter äußerst vertheilhaft hervor; ein alter Wachtelhund
stützte seinen Kopf auf die Kniee des einen Mädchens, im
Schooße des andern ruhte eine große schwarze Katze.
Die bescheidene Küche war ein wunderlicher Aufenthaltsort für solche Damen. Wer waren sie? Auf keinen Fall die
Töchter der ältlichen Frau dort am Tische, die wie eine
Bäuerin aussah, während die jungen Mädchen in ihrem
Aeußeren die feinste Bildung verriethen. Noch nirgends hatte
ich solche Gesichter gesehen und dennoch kam mir jeder Zug

bekannt vor. Sie waren nicht regelmäßig schön — viel zu
blaß und zu ernst und wie sie so über einem Buche in Gedanken versunken dasaßen, kam mir der Ausdruck ihrer
Mienen beinahe finster vor. Ein kleines Tischchen zwischen
ihren Sitzen trug eine zweite Kerze und zwei große Bücher,
in denen sie beständig nachschlugen und sie anscheinend mit
zwei kleineren Bänden verglichen, wie Leute, die bei einer
Uebersetzung ein Wörterbuch zu Rathe ziehen. Die ganze
Scene ging so still, so geräuschlos vor sich, als wären alle
diese Gestalten Schatten und die geheizte Stube blos ein
Bild gewesen. Ich konnte fast die Asche durch den Rost fallen, die Uhr dort im Winkel picken hören und beinahe dachte
ich auch das Klappern der aneinander schlagenden Stricknadeln zu vernehmen. Als endlich eine Stimme das tiefe Stillschweigen brach, schlug jedes Wort deutlich an mein Ohr.
‘Höre, Diana,’ sagte die eine der schweigsamen Leserinnen; ‘Franz und der alte Daniel sind in der Nacht beisammen und Franz erzählt einen Traum, aus dem er eben voll
Entsetzen erwachte.’ Und mit halblauter Stimme las sie
etwas vor, wovon ich kein einziges Wort verstand; es war
in einer fremden Sprache abgefaßt, doch weder französisch
noch lateinisch. Ob es griechisch oder deutsch war, konnte ich nicht
unterscheiden.
‘Das ist kräftig,’ sagte die junge Dame mit ihrer
Lectüre zu Ende gekommen; ‘so etwas entzückt mich.’ Das
andere Märchen, welches seinen Kopf erhoben hatte, um
ihrer Schwester zuzuhören, wiederholte, ins Feuer blickend,
eine Zeile des Gelesenen. In späteren Tagen lernte ich die
Sprache und das Buch kennen und will hier diese Zeilen anführen.
‘Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht. ‘Gut, sehr gut!’ rief sie aus, indeß ihre dunkeln
Augen Feuer sprühten. ‘Das nenne ich ein richtiges Bild
eines mächtigen Erzengels! Diese einzige Zeile ist mehr
werth, als hundert Seiten albernen Gefasels. ‘Ich wäge
die Gedanken in der Schale meines Zornes und die Werke
mit dem Gewichte meines Grimmes. Wie schön ist das!’
Und wieder schwiegen die Beiden.
‘Gibt's ein Land, wo die Leute so sprechen?’ frug die
alte Frau, von ihrer Strickerei aufblickend.
‘Wohl, Hannah — ein weit größeres Land als England, wo man keine andere Sprache spricht, als diese.’
‘Nun, aufrichtig gesagt, begreife ich nicht, wie da die
Menschen einander verstehen können. Und wenn irgend eine
von Euch hinkäme, würde sie wohl verstehen, was sie
hört?’
‘Etwas wohl, doch nicht Alles. Wir sind nicht so
geschickt als Du glaubst. Wir können nicht deutsch sprechen
und nur mit Hilfe eines Wörterbuches lesen.’
‘Und was nützt Euch das?’
‘Wir wollen eines Tages in dieser Sprache oder wenigstens in ihren Anfangsgründen Unterricht ertheilen und
werden damit mehr Geld verdienen als jetzt.’
‘Möglich. Doch für heute habt Ihr genug studiert und
könnt nun aufhören.’
‘Du hast Recht; ich wenigstens bin müde. Und Du,
Mary?’
‘Sterbensmatt! Im Ganzen genommen ist's eine harte
Arbeit, eine Sprache ohne einen andern Lehrer als ein Wörterbuch zu lernen.’
‘Gewiß, besonders bei diesem verzwickten, aber herrlichen Deutsch. Ich möchte wissen, wann St. John nach
Hause kömmt.’
‘Er wird wohl nicht mehr lang ausbleiben; es ist
gerade zehn.’ Sie sah nach einer kleinen goldenen Uhr,
die se aus ihrem Gürtel zog. ‘Es regnet fürchterlich. Willst
Du so gut seyn, Hannah, nach dem Feuer im Sprachzimmer zu sehen?’
Die Alte stand auf; sie öffnete eine Thüre, durch die
ich ein klein wenig hindurch sehen konnte, und bald hörte
ich sie in einem Nebenzimmer das Feuer anschüren. In kurzer Seit kam sie zurück.
‘Ach, Kinder!’ sagte sie, ‘es ist mir ordentlich unheimlich, in jenes Zimmer zu gehen. Es sieht so öde aus,
seit der Lehnstuhl leer in Winkel steht.’
Sie wischte sich die Augen mit der Schürze ab; die
beiden Märchen wurden traurig.
‘Aber er ist gut aufgehoben,’ fuhr Hannah fort; ‘wir
sollten uns ihn nicht wieder in unsere Mitte zurück wünschen. Zudem hatte Niemand einen so leichten Tod als er.’
‘Er machte von uns keine Erwähnung, sagtest Du?’
frug die eine der jungen Damen.
‘Er hatte keine Zeit, Kind! Er war in einer Minute
weg, euer guter Vater. Am Tage zuvor war er ein bischen
unwohl gewesen, aber es hatte nichts zu sagen, und als ihn
Mr. St. John frug, ob er um Euch schicken solle, lachte er
ihm ins Gesicht. Tags darauf — es ist nun vierzehn Tage
her — fühlte er wieder eine gewisse Schwere im Kopfe und
legte sich nieder, um niemals wieder zu erwachen. Er war
schon kalt und steif, als euer Bruder in die Stube trat.
Ach, Kinder! Das war der letzte Zweig des alten Stammes — denn Ihr und Mr, St. John seyd von einer ganz

verschiedenen Sorte. Eure Mutter war gerade so wie Ihr
und auch fast so gelehrt. Mary ist ganz ihr Abbild; Diana
sieht dem Vater mehr ähnlich.’
Die beiden Schwestern kamen mir einander so ähnlich
vor, daß ich den Unterschied, den die alte Magd (für eine
solche hielt ich sie) zu finden vorgab, nicht bemerkte. Beide
waren schwach und schmächtig, beide besaßen ausdrucksvolle
geistreiche Züge. Wohl war das Haar der einen nur einen
Gedanken dunkler und jedes der beiden Märchen trug einen
andern Kopfputz. Mary's lichtbraune Haare, getheilt und
glatt gekämmt, Diana's dunklere Locken bedeckten den Nacken
mit dichten Ringeln. Die Wanduhr schlug zehn.
‘Ihr werdet euer Nachtessen haben wollen,’ bemerkte
Hannah, ‘und Mr, St. John auch, wenn er nach Hause
kömmt.’
Und sie schickte sich an die Mahlzeit zu bereiten. Die
Damen standen auf, anscheinend in der Absicht sich ins
Sprachzimmer zu begeben. Bis nun war ich mit ihrem Aussehen, ihrem Gespräche so sehr beschäftigt gewesen, daß ich
darüber mein eigenes Elend vergaß; jetzt kam es mir wieder ins Gedächtniß zurück und erschien mir im Vergleiche
mit dem Stillleben vor mir um so drückender, um so trostloser. Wie unwahrscheinlich schien es mir, die Bewohnerinnen
des Hauses für mich gewinnen, sie veranlassen zu können,
meinen Worten Glauben zu schenken und mir ein Nachtlager zu gewähren! Als ich die Eingangsthüre erreicht hatte
und anklopfte, kam mir der letztere Gedanke wie eine Chimäre vor. Hannah öffnete mir.
‘Was wollen Sie?’ frug sie mich mit nicht geringer
Verwunderung vom Kopf bis zum Fuße beim Scheine der
Kerze, die sie in der Hand hielt, beaugenscheinigend.

‘Kann ich mit Ihren Gebieterinnen sprechen?’ sagte ich.
‘Es ist besser, Sie theilen mir erst mit, was Sie
denen zu sagen haben. Woher kommen Sie?’
‘Ich bin eine Fremde.’
‘Was haben Sie hier zu dieser Stunde zu thun?
‘Ich bitte um ein Nachtlager in irgend einem Winkes
und um einen Bissen Brot.’
Ein augenscheinliches Mißtrauen machte sich, wie ich
es befürchtete. in Hannah's Innerem geltend. ‘Ich will
Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer Pause;
aber wir können eine Landstreicherin nicht beherbergen.
Fällt uns nicht ein!’
‘Lassen Sie mich mit Ihren Herrinnen sprechen.’
‘Nein! Was können die für Sie thun? Sie sollten
jetzt nicht hier herumschleichen, es sieht verdächtig aus.’
‘Doch wohin soll ich gehen, wenn Sie mich fortweisen?
Was sell ich thun?’
‘Oh, ich wette, Sie wissen wohin Sie zu gehen und
was Sie zu thun haben. Thun Sie nur nichts Böses, das
rathe ich Ihnen. Hier ist ein Penny und nun gehen Sie!’
‘Ein Penny kann meinen Hunger nicht stillen und ich
kann vor Kraftlosigkeit nicht weiter kommen. Schließen Sie
die Thüre nicht, oh, thun Sie es um Gottes willen nicht!’
‘Ich muß, es regnet sonst herein.’
‘Rufen Sie die jungen Damen. — Lassen Sie mich
zu Ihnen.’
‘Unter keiner Bedingung. Mit Ihnen ist's nicht richtig,
sonst würden Sie keinen solchen Lärm machen. Fort!’
‘Aber ich gehe zu Grunde, wenn Sie mich verstoßen.’
‘Sie sicher nicht. Ich fürchte Sie haben irgend einen
schlimmen Plan im Sinne, der Sie zu dieser Stunde vor

anderer Leute Häuser bringt. Wenn Sie noch einige Diebe
oder so was dergleichen in Ihrem Gefolge haben, so sagen
Sie ihnen, daß wir nicht allein sind. Ein Herr ist hier und
der hat große Hunde und Schießgewehre.’ Bei diesem Worte
schloß und verriegelte die ehrliche, aber hartherzige Magd
die Thüre.
Das war der letzte Schlag. Ein namenloses Weh, die
tiefste Verzweiflung zerfleischten mein Herz. Meine Kraft
war gebrochen, einen Schritt weiter zu thun ganz unmöglich. Ich sank auf der nassen Thürschwelle nieder, ich ächzte,
ich rang die Hände. Ich weinte blutige Thränen. Da war
sie nun die fürchterliche letzte Stunde! Und so verlassen, so
ganz verstoßen von meinen Mitmenschen sollte ich meine
Tage beschließen, und nicht allein die Hoffnung sondern
auch meine Seelenstärke hatte mich verlassen, doch bemühte
ich mich die letztere nach Möglichkeit wieder zu erlangen.
‘Ich muß sterben,’ sagte ich, ‘aber ich glaube an
Gott. Ich will es versuchen, mich seinem weisen Rathschlusse
in stiller Ergebenheit zu fügen.’
Diese Worte dachte ich nicht blos, sondern sprach sie
auch laut aus, und wollte nun, meinen ganzen Jammer in
mein Herz verschließend, dem Tode ruhig entgegensehen.
‘Alle Menschen müssen sterben,’ versetzte eine Stimme
dicht hinter mir; ‘doch nicht alle sind dazu verdammt, eines
so langsamen und frühzeitigen Todes zu sterben, wie es bei
Ihnen der Fall wäre, wenn Sie hier verhungerten.’
‘Wer oder was spricht da?’ frug ich, durch die unerwarteten Laute erschreckt. Eine Gestalt stand in der Nähe,
was für eine Gestalt es war, konnte ich in der pechfinstern
Nacht und bei meinem geschwächten Sehvermögen nicht

erkennen. Der neue Ankömmling pochte wiederholt und laut
ans Thor.
‘Sind Sie es Mr. St. John?’ frug Hannah.
‘Wohl, wohl! Mach schnell auf!’
‘Ei, wie naß und erfroren müssen Sie seyn! Treten
Sie ein — Ihre Schwestern waren schon Ihretwegen sehr
unruhig; ich denke, es gibt hier herum böse Leute. Eine
Bettlerin war hier — bei Gott! da liegt sie noch! Stehen
Sie auf und schämen Sie sich! Packen Sie sich fort, sag' ich!’
‘Still, Hannah! Ich habe mit dem Frauenzimmer
ein Wort zu sprechen. Du hast deine Pflicht gethan, indem
Du sie fortwiesest, laß mich nun die meinige thun, indem
ich sie mit ins Haus nehme. Ich stand nahe und hörte euer
Gespräch mit an; der Fall scheint ein besonderer zu seyn und
ich muß ihn wenigstens untersuchen. Stehen Sie auf, junge
Person, und kommen Sie herein.’
Ich folgte ihm mit Schwierigkeit. Einen Augenblick
später stand ich in der hellen, reinlichen Küche, zitternd und
in die Kniee sinken, im Bewußtseyn eines gespensterhaften
verwilderten und verwitterten Aussehens. Die beiden Damen,
Mr. St. John, die alte Magd, sahen mich alle voll Verwunderung an.
‘Wer ist die Person, St. John?’ hörte ich fragen.
‘Ich weiß es nicht, ich fand Sie an der Thürschwelle,’
lautete die Antwort.
‘Sie sieht ganz weiß aus,’ sagte Hannah.
‘Weiß wie Kreide oder wie der Tod,’ wurde erwiedert. ‘Setzt sie nieder, sonst sinkt sie um.’
Und wirklich drehte sich mir der Kopf und ich fiel, aber
ein Armstuhl fing mich auf. Wiewohl ich nicht sprechen
konnte, war ich doch meiner Sinne mächtig.

‘Vielleicht bringt sie etwas Wasser zu sich. Hole welches. Hannah. Sie ist ganz abgezehrt, ganz hager und
durchsichtig.’
‘Ein bloßer Schatten.’
‘Ist sie krank oder blos ausgehungert?’
‘Wohl das Letztere, denke ich. Ist dies Milch, Hannah?
Reiche mir den Topf her und gib mir ein Stückchen Brot.’
Diana (ich erkannte sie an ihrem dichten, geringelten
Haar) brach einen Bissen Brot ab, tunkte ihn in Milch
und hielt ihn dann an meine Lippen. ‘Versuchen Sie zu
essen,’ sagte sie freundlich.
‘Ja — versuchen Sie es,’ wiederholte Mary mit
sanfter Stimme, worauf sie mir den nassen Hut abnahm
und meinen Kopf unterstützte. Ich kostete das dargereichte
Brot; erst aß ich ganz wenig. dann außerordentlich gierig.
‘Nicht zu viel auf einmal,’ warnte der Bruder, ‘sie
hat nun genug.’ Und er schob den Milchtopf und den Teller mit Brot bei Seite.
‘Nur noch einen Bissen, St. John! Sieh nur wie
gierig sie ißt.’
‘Nichts mehr für den Augenblick. Sieh, ob sie sprechen kann; frage sie um ihren Namen.
Ich fühlte, daß ich wieder reden konnte, und antwortete: ‘Ich heiße Jane Elliott.’ Keiner Entdeckung zuvorzukommen hatte ich schon längst beschlossen, meinen Namen
zu verändern.
‘Wo wohnen Sie? Wo befinden sich Ihre Angehörigen?’
Ich schwieg still.
‘Können wir nach Jemanden schicken, den Sie
kennen?’

Ich schüttelte den Kopf.
‘Welche Nachweisungen können Sie uns über Ihre
Person geben?’
Nun ich die Schwelle dieses Hauses überschritten hatte
und mich in Gegenwart seiner Bewohner befand, fühlte
ich mich nicht länger einsam, verlassen, von der weiten
Welt verstoßen. Ich wagte es meine demüthige Bettlerrolle
aufzugeben und meinen natürlichen Charakter, meine angebornen Manieren wieder anzunehmen. Ich war zum vollsten Bewußtseyn zurückgekehrt und als Mr. St. John von
mir Nachweisungen verlangte, — die zu ertheilen ich
augenblicklich viel zu schwach war — sagte ich nach einer
kurzen Pause:
‘Sir, ich kann Ihnen heute keine weiteren Eröffnungen machen.’
‘Was wollen Sie also, daß ich für Sie thue?’
‘Nichts,’ erwiederte ich. ‘Meine Schwäche erlaubte
mir nur kurze Antworten.’
Diana nahm das Wort.
‘Glauben Sie wohl, daß wir nun genug für Sie gethan haben, daß wir Sie wieder in die regnerische Nacht,
ins Sumpfland hinausweisen können?’
Ich blickte fie an. Ihr Gesicht hatte ein eigenthümliches Gepräge; es trug gleichzeitig den Ausdruck geistigen
Kraft und außerordentlicher Herzensgüte. Ich faßte Muth.
Ihren mitleitigen Blick mit einem dankbaren Lächeln erwiedernd hob ich an: ‘Ich lege mein Schicksal in Ihre
Hände. Wäre ich auch nur ein herrenloser Hund, Sie würden mich sicher nicht von Ihrem Herde wegweisen; als
menschliches Wesen darf ich dies also umso weniger befürchten. Thuen Sie mit mir und für mich was Ihnen beliebt,

allein erlassen Sie mir für heute alle langwierigen Erklärungen — mein Athem ist kurz — und ich fühle eine Art
Krampf, wenn ich spreche.’ Die drei Personen blickten mich
schweigend an.
‘Hannah,’ sagte endlich Mr. St. John, ‘lasse sie
ruhig sitzen und stelle keine Fragen an sie. Nach zehn Minuten gib ihr das übrige Brot und die Milch. Mary,
Diana, kommt mit mir ins Sprachzimmer, wo wir das
Weitere verhandeln können.’
Sie entfernten sich. Bald kam eine der Damen zurück — ich konnte nicht unterscheiden, welche es war.
Eine angenehme Bewußtlosigkeit hatte sich meiner bemächtigt, während ich an dem köstlichen Feuer saß. Mit halblauter Stimme gab sie Hannah einen Auftrag, die mich kurze
Zeit darauf eine Treppe hinaufgeleitete, mir die nassen
Kleider vom Leibe zog, und in ein warmes, trockenes Bett
half. Ich dankte Gott, empfand trotz meiner unaussprechlichen Erschöpfung eine lebhafte Freude und — schlief ein.

Neunundzwanzigstes Capitel.

Der nachfolgenden drei Tage und Nächte kann ich
mich nur dunkel erinnern. Nur so viel weiß ich, daß ich
mich in einer kleinen Stube und einem schmalen Bette
befand, an welches ich angewachsen zu seyn schien. Bewegungslos wie ein Stück Holz lag ich darauf, und der
bloße Versuch, mich meinem Lager zu entreißen, hätte
mich gewiß getödtet. Der Wechsel der Tageszeiten ging
spurlos an mir vorüber; ich bemerkte keinen Unterschied
zwischen Vor- und Nachmittag, zwischen Morgen und
Abend. Wohl sah ich es, wenn Jemand in meine Stube

trat oder Sie verließ; ich erkannte sogar die verschiedenen
Personen und verstand auch was sie sagten, doch hätte
ich um keinen Preis meine Lippen öffnen und selbst sprechen können. Am häufigsten besuchte mich Hannah. Ihre
Gegenwart war mir unangenehm, denn ein eigenthümliches Gefühl sagte mir, daß sie mich hinwegwünschte, daß
sie meine traurige Lage, meine Verhältnisse nicht begriff
und gegen mich eingenommen war. Diana und Mary
kamen ein- oder zweimal in meine Stube. Ihr gewöhnliches Gespräch lautete:
‘Es ist ein Glück, daß wir sie aufnahmen.’
‘Wohl; man hätte sie gewiß am nächsten Morgen
vor unserer Thürschwelle todt gefunden. Was mag die
Arme Alles ausgestanden haben!’
‘Sie hat wohl viele Widerwärtigkeiten erduldet,
die arme, blasse, hagere Pilgerin!’
‘Nach ihrer Sprache zu urtheilen scheint sie nicht
ohne Bildung zu seyn. Auch ihre Kleidung war, wiewohl
mit Koth bespritzt und vom Regen durchnäßt, nichts weniger als abgetragen und von modernem Schnitt.’
‘Sie hat ein eigenthümliches Gesicht, das mir trotz
seiner Blässe und Hagerkeit sehr gefällt; wenn sie gesund und guter Laune ist, muß ihre Physiognomie sehr
angenehm seyn.’
Nie mischte sich in ihr Zwiegespräch auch nur eine
Sylbe des Bedauerns über die mir erwiesene Gastfreundschaft, nie ein Wort des Mißtrauens oder der Abneigung
gegen mich selbst. Das tröstete mich.
Mr. St. John besuchte mich blos ein einziges Mal.
Er sah mich an und sagte, mein lethargischer Zustand
wäre die Folge außerordentlicher und anhaltender Anstrengungen und Entbehrungen. Er meinte, ärztliche Hilfe
thäte hier nicht Noth, die Natur werde sich selbst um
besten helfen und meine Genesung, wenn sie einmal begonnen, einen sehr raschen Fortgang nehmen. Alle diese
Aussprüche gab er in kurzgefaßten Sätzen, mit leiser
Stimme von sich. ‘Eine ungewöhnliche Physiognomie,’
schloß er, ‘die weder Gemeinheit noch Gesunkenheit anzeigt.’
‘Ganz im Gegentheil,’ erwiederte Diana. ‘Die Wahrheit zu sagen hängt mein Herz an dem armen kleinen Geschöpfe. Ich wollte wir wären im Stande, sie für immer
bei uns zu behalten.’
‘Das ist kaum möglich,’ versetzte St. John. ‘Sie ist
gewiß irgend eine junge Dame, die in Folge eines Mißverständnisses ihrer Familie davon ging. Vielleicht gelingt es
uns sie der letzteren wieder zu geben. falls sie nicht stützig ist; allein der Ausdruck ihrer Gesichtszüge zeigt sehr viel
Charakterstärke an, was mich an ihre Fügsamkeit einigermaßen zweifeln läßt.’ Er betrachtete mich durch einige Minuten und fügte dann hinzu: ‘Sie sieht sehr geistreich, doch nichts weniger als schön aus.’
‘Sie ist ja krank, St. John!’
‘Alles eins, krank oder gesund, kann sie doch nie hübsch seyn. Die Grazie und die Harmonie der Schönheit
gehen diesem Gesichte gänzlich ab.’
Am dritten Tage befand ich mich besser, am vierten konnte ich sprechen, mich bewegen, im Bette aufstehen.
Hannah brachte mir, wohl um die Mittagszeit, etwas Hafergrütze und geröstetes Brot. Ich aß mit Appetit, nicht
mehr mit jenem krankhaften Heißhunger, und fühlte mich
so kräftig, daß der Trieb nach Bewegung und Thätigkeit

in mir rege wurde. Gerne wäre ich aufgestanden; doch was
sollte ich anziehen? Meine Kleider waren in einem Zustande, der es mir unmöglich machte, in denselben vor
meinen Wohlthätern zu erscheinen. Diese Demüthigung wurde mir erspart.
Auf einem Stuhle neben meinem Bette lagen meine sämmtlichen Kleidungsstücke, sauber und trocken, die Schuhe
blank gewichst, das schwarze Seidenkleid gewaschen und geplättet. Ein Waschtisch nebenan enthielt alles Nöthige zum
Waschen und Frisiren. Nicht ohne Schwierigkeit und nicht
ohne von Zeit zu Zeit abzusetzen, gelang es mir mich anzukleiden. Mit Hilfe des Geländers kroch ich dann eine steinerne Treppe hinab, schritt durch einen schmalen niedrigen
Gang und befand mich alsbald in der Küche.
Sie roch nach frischem Brote und gewährte mir die
Wohlthat eines freundlichen Feuers. Hannah war mit
Brotbacken beschäftigt. Vorurtheile sind aus dem Herzen
ungebildeter Leute sehr schwer auszurotten; sie wuchern wie
Unkraut zwischen Gestein üppig in die Höhe. Hannah war
anfänglich kalt und steif gegen mich gewesen; in letzter Zeit
hatte sie mir etwas mehr Freundlichkeit gezeigt und als ich
nun sauber und gut gekleidet in die Küche trat, lächelte sie
mir sogar entgegen.
‘Wie, Sie sind schon aufgestanden!’ sagte sie. ‘Sie
sind also gesund. Setzen Sie sich auf meinen Stuhl am Herde
nieder.’
Sie zeigte nach dem Schlafsessel; ich nahm darauf Platz. Die alte Magd wirthschaftete emsig herum und sah
mich dabei von Zeit zu Zeit von der Seite an. Einige Brotlaibe aus dem Backofen herausnehmend, wandte sie sich
plötzlich zu mir und frug mich barsch:

‘Gingen Sie schon früher einmal betteln, bevor Sie
zu uns kamen?’
Ich wurde böse; doch erinnerte ich mich noch bei Zeiten, daß hier von Unwillen keine Reue seyn könne und daß
ich vor ihr in der That als Bettlerin erschienen war. Ich
antwortete daher ganz ruhig, doch nicht ohne scharfe Betonung!
‘Sie haben Unrecht, mich für eine Bettlerin zu halten.
Ich bin keine Bettlerin, eben so wenig als Sie selbst over
Ihre jungen Gebieterinnen.’
Nach einer Pause versetzte sie:
‘Das versteh' ich nicht. Sie scheinen ja weder eine
Heimat noch Batzen zu haben.’
‘Der Mangel einer Heimat oder der Batzen (was
wahrscheinlich Geld heißen soll) macht noch keinen Bettler
in Ihrer Bedeutung des Wortes aus.’
‘Sind Sie gelehrt?’ frug sie weiter.
‘So ziemlich.’
‘Aber Sie waren nie in einer Kostschule?’
‘Ich war acht volle Jahre in einer Erziehungsanstalt.’
Sie machte große Augen. ‘Wie kömmt's dann, daß
Sie sich nicht selbst forthelfen können?’
‘Ich habe mir bis jetzt selbst fortgeholfen und werde
es hoffentlich bald wieder im Stande seyn. Was wollen Sie
mit den Stachelbeeren thun?’ frug ich, als sie einen Korb
voll dieser Frucht auf den Tisch stellte.
‘Ich fülle sie in Pasteten.’
Geben Sie mir sie, ich will sie auslesen.’
‘Ne, Sie brauchen nichts zu thun.’
‘Aber ich muß etwas thun. Nur her damit.’

Sie willigte endlich ein und brachte mir ein reines
Handtuch, um es über mein Kleid zu breiten, ‘damit ich
mich nicht beschmiere,’ wie sie sagte.
‘Sie sind nicht an harte Arbeit gewöhnt,’ bemerkte
sie; ‘man sieht's an Ihren Händen. Sie waren wohl eine
Putzmacherin?’
‘Nein, Sie irren sich. Doch zerbrechen Sie sich nicht
weiter den Kopf über meinen früheren Stand und sagen
Sie mir lieber wie das Haus hier heißt!’
‘Einige nennen es Marsh-End und Andere das Moorhaus.
‘Und der Herr, der hier wohnt, heißt Mr. St.
John?’
‘Nein, der wohnt nicht hier, der ist nur zeitweilig auf Besuch hier. Er ist in seinem eigenen Pfarrsprengel in
Morton zu Hause.’
‘In dem Dorfe jenseits des Sumpfes?’
‘Ja wohl.’
‘Und was ist er?’
‘Ein Pfarrer.’
Ich erinnerte mich an die Antwort der alten Haushälterin in der Pfarrei von Morton. ‘Also wohnte wenigstens
sein Vater hier?’
‘Wohl; der alte Mr. Rivers wohnte hier und sein Vater und sein Großvater und sein Urgroßvater.’
‘Also ist der Name dieses Herrn eigentlich Mr. St. John Rivers?’
‘Richtig! St. John ist so ‘ne Art Taufnamen.’
‘Seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?’
‘Ja.’
‘Ihr Vater ist todt?’
‘Er starb vor drei Wochen an einem Schlaganfalle.’
‘Die Kinder haben keine Mutter?’
‘Oh, die Frau ist schon vor vielen Jahren gestorben.’
‘Sind Sie schon lange in der Familie?’
‘Ueber dreißig Jahre. Alle drei Kinder habe ich aufgezogen.’
‘Das beweist, daß Sie ein ehrlicher und treuer Dienstbote sind, was ich gern anerkenne, wiewohl Sie so unartig waren, mich eine Bettlerin zu nennen.’
Sie sah mich erstaunt an. ‘Ich mag mich wohl geirrt
haben,’ sagte sie; ‘aber es geht so vielerlei Gesindel
herum, daß Sie mir meinen Mißgriff vergeben müssen.’
‘Wiewohl,’ fuhr ich in strengem Tone fort, ‘Sie
mich in einer Nacht, wo man keinen Hund hinaus gejagt
hätte, vor die Thür wiesen.’
‘Es war wohl hart, aber was kann der Mensch thun?
Ich dachte mehr an die Kinder als an mich. Die armen
Dinger haben sonst Niemanden, der sich ihrer annimmt und
da muß ich wohl etwas scharf aufpassen.’
Ich bewahrte durch einige Minuten ein ernstes Stillschweigen
Sie dürfen mich nicht für böse halten,’ bemerkte sie.
‘Aber ich thue es doch,’ versetzte ich, ‘und ich will
Ihnen sagen warum. Nicht so sehr deswegen, weil Sie mir
ein Nachtlager versagten und mich für eine Betrügerin ansahen, sondern deshalb, weil Sie mir erst vor einer Weile
vorwarfen, ich hätte weder eine Heimat noch ‘Batzen.’
Die edelsten besten Menschen die je gelebt, waren eben so
dürftig als ich es bin. und wenn Sie eine Christin sind,

wie können Sie Jemanden seine Armuth zum Verbrechen
anrechnen?’
‘Das sollte ich wohl nicht,’ sagte sie; ‘Mr. St. John meinte dasselbe. Ich sehe, daß ich im Unrecht bin,
aber ich habe eine ganz andere Meinung von Ihnen als vordem. Ich halte Sie für eine sehr anständige kleine Person.’
‘Das mag gehen, — ich vergebe Ihnen. Reichen Sie mir Ihre Hand.’
Sie legte ihre mit Mehl bestaubte schwielige Rechte in
die meinige, ein herzliches freundliches Lächeln glitt über
ihr rauhes Antlitz, und von dem Augenblicke an waren wir
die besten Freundinnen.
Hannah schwatzte gern. Während ich das Obst ausklaubte, und sie den Teig zu den Pasteten anmachte, erzählte Sie mir alle möglichen Einzelnheiten über ihre verstorbene Herrschaft, und über die ‘Kinder,’ wie sie die
beiden Damen und ihren Bruder nannte.
Der alte Mr. Rivers war, ihrer Erzählung nach, ein
einfacher Herr, doch ein Gentleman aus einer der ältesten Familien, Marsh-End seit undenklichen Zeiten im Besitze der
Rivers, und das Gebäue selbst schon weit über zweihundert
Jahre alt, obwohl es im Vergleiche mit Mr. Oliver's Herrenhause in Marton-Vale als ein kleines, unansehnliches
Häuschen erschien. Doch denke sie noch recht gut die Zeit,
wo Bill Oliver's Vater als Tagarbeiter in einer Nadelfabrik
beschäftigt war. während die Rivers schon zu Zeiten der
Heinriche von England zum Landadel gehörten, wie man
aus den Büchern der Pfarrkirche von Morton ersehen könne.
Indessen war selbst ihrer Ansicht nach der alte Herr von
Indern Leuten nicht sehr verschieden, ein leidenschaftlicher
Jäger und guter Landwirth; die verstorbene Frau dagegen

sehr belesen und gelehrt, und die Kinder ganz ihn Ebenbild.
In Hannah's Augen waren die letzteren das Muster aller
Vollkommenheiten, und nie hatten nach ihrer Meinung
noch junge Leute schon in frühester Jugend eine solche Freude
am Lernen gehabt. ‘Mr. St. John,’ fuhr sie in ihrer Erzählung fort, ‘bezog später die Universität und bereitete
sich für die Seelsorge vor, und die beiden Fräulein beschlossen, kaum aus der Kostschule zurückgekommen, Gouvernantenstellen anzunehmen, da ihr Vater in einem Bankrott
den größten Theil seines Vermögens eingebüßt hatte, und
man nicht mehr reich genug war, ihnen eine Mitgift geben zu können. Die beiden Mädchen sind schon seit geraumer
Zeit aus dem Hause, und erst seit Kurzem wieder hier angekommen, um nach des Vaters Tode die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Es gefällt ihnen jedoch
in Marsh-End sehr gut, wiewohl sie bis jetzt in London und
andern großen Städten gelebt hatten. Schon früher pflegten sie immer zu sagen: ‘Ueberall gut, zu Hause am besten,’
und was mich am meisten freut, die Geschwister sind so
einig, und haben einander so lieb, wie dies kaum in einer andern Familie der Fall ist.’
Mit dem Auslesen der Stachelbeeren fertig geworden,
erkundigte ich mich, wo sich in diesem Augenblicke die jungen Damen mit ihrem Bruder befänden.
‘Sie sind hinüber nach Morton spaziren gegangen,
aber sie werden längstens in einer halben Stunde zum Thee
wieder zurück seyn.’
Die drei Geschwister traten nach der erwähnten Zeit in
die Küche. Mr. St. John machte blos eine Verbeugung,
und ging durch; Mary drückte in einigen freundlichen Worten ihr Vergnügen aus, mich wieder außer Bett zu sehen;

Diana faßte mich bei der Hand, und schüttelte den Kopf
zum Zeichen ihrer Unzufriedenheit.
‘Sie hätten mich erst um Erlaubniß fragen sollen, bevor Sie das Bett verließen,’ sagte sie, ‘Sie sehen noch
immer sehr blaß, sehr abgezehrt aus, Sie armes Kind!’
Diana's Stimme kam mir wie das Girren einer Taube
vor. Ihrem Blicke begegnete ich gar so gerne, ihr ganzes
Gesicht hatte für mich einen eigenthümlichen Reiz. Mary's
Antlitz war wohl eben so geistreich, und eben so hübsch,
doch nicht so einnehmend, und ihre Manieren, wiewohl
freundlich, weit gemessener. Diana hatte eine gewisse Autorität in Blick und Sprache, und besaß jedenfalls einen festen Willen. Es machte mir ein besonderes Vergnügen, mich
einer Ueberlegenheit, die wie die ihrige das Maß des Schicklichen nie überschritt, unterzuordnen, und von Natur aus
pflegte ich gerne nachzugeben, insofern dadurch mein Selbstbewußtseyn und meine Selbstachtung nicht verletzt wurden.
‘Und was haben Sie hier eigentlich zu thun?’ fuhr sie fort. ‘Dieser Ort paßt nicht für Sie. Mary und ich
sitzen zuweilen in der Küche, da wir uns zu Hause die ungebundenste Freiheit gestatten, doch Sie als Gast gehören ins Besuchzimmer.’
‘Ich befinde mich hier ganz wohl.’
‘Keineswegs, wenn Hannah hier herumwirthschaftet
und Sie mit Mehl bestaubt.’
‘Zudem ist es auch am Feuer zu warm für Sie,’ bemerkte Mary.
‘Ganz gewiß,’ versetzte ihre Schwester. ‘Kommen
Sie und seyen Sie folgsam.’ Mich bei der and fassend,
zwang sie mich zum Aufstehen und führte mich in das anstoßende Gemach.

‘Setzen Sie sich auf's Sopha,’ sagte sie, ‘während
wir uns auskleiden und den Thee bereiten. Wieder eine der
Freiheiten, welche wir uns im Moorhause nehmen, die
nemlich, daß wir uns unsere Mahlzeiten selbst bereiten,
wenn es uns gerade einfällt, oder wenn Hannah bäckt,
wäscht und plättet.’
Sie verließ die Stube, schloß die Thür hinter sich zu
und ließ mich mit Mr. St. John allein, der mir gegenüber
saß und ein Buch oder eine Zeitung in der Hand hielt. Ich
betrachtete zuerst das Zimmer und dann den jungen Mann.
Das Sprachzimmer war ein nicht sehr großes, einfach doch bequem, sauber und nett möblirtes Gemach. Die altmodischen Stühle und der Tisch von Nußbaumholz glänzten
wie Spiegelglas. Einige alterthümliche Porträts von Männern und Frauen aus früheren Jahrhunderten hingen an
den übertünchten Wänden; ein Glasschrank enthielt einige
Bücher und etwas Porzellangeschirr. In der ganzen Stube war kein überflüssiger Zierrath, kein modernes Einrichtungsstück zu sehen, mit Ausnahme zweier Arbeitskästchen und
eines Damenpultes von Rosenholz, welche auf einem Seitentischchen standen. Die gesammte Zimmereinrichtung, Teppiche und Vorhänge mit inbegriffen, trug das Gepräge der
gewissenhaftesten Ordnung und der sorgfältigsten Reinlichkeit.
Mr. St. John saß regungslos da, wie eines der
alten Porträts an der Want. Seine Augen hafteten auf
der Seite, die er gerade las und seine Lippen waren geschlossen — ich hatte also Gelegenheit, ihn ungestört und
unbemerkt zu betrachten, als wäre er eine Bildsäule
gewesen. Er mochte etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre zählen; seine Gestalt war groß und schlank, sein Gesicht — ein griechisches, wahrhaft classisches Profil — ungemein anziehen. Nur selten mochte das Antlitz eines Engländers dem antiken Modell so genau entsprechen, als das seinige und wohl durfte ihm, der sich eines so harmonischen Gesichtsausdruckes erfreute, die Unregelmäßigkeit meiner Züge unangenehm auffallen. Sein Auge war blau und
groß von dunklen Wimpern beschattet, seine hohe Stirne
weiß und makellos wie Alabaster und von natürlichen,
schönen Locken anmuthig umwallt.
Eine schöne Zeichnung — nicht wahr, lieber Leser?
Dennoch machte der Gegenstand derselben auf den Beschauer
nicht den angenehmen Eindruck eines sanften, empfänglichen, ja nicht einmal den eines heiteren Gemüthes. Wie er
so ruhig da saß, glaubte ich um seine Nase, um seinen
Mund, auf seiner Stirne die An;eichen eines unruhigen,
unbeugsamen Charakters zu entdecken. Weder sprach er ein
Wort zu mir, noch blickte er mich an, so lange seine
Schwestern abwesend waren. Diana, die während des Zurichtens des Thees durch die Stube kam, brachte mir einen
kleinen auf dem Ofen gebackenen Kuchen.
‘Essen Sie das einstweilen,’ sagte sie. ‘Sie müssen
sehr hungerig seyn. Hannah sagte, Sie hätten, außer etwas Grütze, seit dem Frühstücke nichts zu sich genommen.’
Ich nahm das Gebotene dankbar an, denn mein Appetit war sehr groß. Mr. Rivers schloß nunmehr sein Buch,
näherte sich dem Tische und heftete, sich auf einem Stuhle
niederlassend, den Blick seiner schwärmerischen blauen Augen
auf mich. Die unartige Starrheit, die forschende Entschiedenheit dieses Blickes zeigte zur Genüge, Mr. Rivers habe
es bisher absichtlich. nicht aus Bescheidenheit, vermieden,
die fremde Pilgerin einer genauen Betrachtung zu würdigen.
‘Sie sin sehr hungrig,’ sagte er.

‘Das bin ich, Sir.’ Es war von jeher und ist noch
immer meine Art, den Kutzangebundenen kurze, den Gradsinnigen ungeschminkte Antworten zu geben.
‘Es ist ein Glück, daß Sie eine Art Fieber in den
letzten drei Tagen abhielt, Ihrem Heißhunger nachzugeben,
es wäre in der That gefährlich gewesen. Jetzt können Sie
schon essen. doch nicht zu viel.’
‘Ich hoffe, daß ich nicht mehr lange auf Ihre Kosten
zehren werde, Sir,’ lautete meine unartige, beinahe grobe
Antwort.
‘Natürlich,’ versetzte er kaltblütig, ‘sobald Sie uns
den Wohnort Ihrer Angehörigen angezeigt haben werden,
können wir den Letzteren schreiben, und Sie selbst wieder
nach Ihrer Heimat gelangen.’
‘Das ist, aufrichtig gesagt, unmöglich, da ich weder Angehörige, noch eine Heimat habe.’
Die drei Geschwister sahen mich verwundert, doch ohne
alle Beimischung von Mißtrauen an. Aus ihren Blicken,
namentlich aus denjenigen der beiden Schwestern, sprach die
bloße Neugierde. St. Johns Augen waren, wiewohl buchstäblich genommen, von seltener Klarheit, im figürlichen
Sinne sehr undurchdringlich und schwer zu ergründen. Er
schien sich derselben m ehr zu bedienen, um anderer Leute
Gedanken zu erforschen, als um seine eigenen Gefühle zu
enthüllen; die daraus entspringende Vereinigung von durchdringender Schärfe und kluger Zurückhaltung brachte diejenige Person, die mit ihm sprach, natürlich mehr in Verlegenheit, als sie dieselbe ermuthigte.
‘Sie wollen damit sagen,’ versetzte er, ‘daß Sie

ohne irgend welche Anverwandte oder Freunde sind und
ganz allein in der Welt stehen?’
‘So ist es. Kein Band fesselt mich an irgend ein lebendes Wesen, ich habe nicht den geringsten Anspruch auf
den Aufenthalt unter irgend einem Dache in ganz England.’
‘In Ihrem Alter eine ganz besondere Lage!’
Bei diesen Worten richteten sich seine Blicke nach meinen Händen, die vor mir auf dem Tische lagen. Ich wußte
nicht, was er damit beabsichtigte, doch gaben mir seine
Worte sehr bald die nöthige Aufklärung.
‘Sie sind nicht verheirathet? Sie sind ledig?’
Diana lachte. ‘Was fällt Dir ein? Sie ist ja kaum
siebenzehn oder achtzehn Jahre alt,’ sagte sie.
‘Ich werde bald neunzehn Jahre zählen, aber ich bin
nicht vermält.’
Eine brennende Röthe stieg mir ins Gesicht, denn St. Johns Frage rief in meinem Herzen trübe und qualvolle Erinnerungen wach. Alle Drei bemerkten meine Aufregung
und Verlegenheit. Diana und Mary wandten, um mich der letztern zu entreißen, ihre Augen von meinem purpurrothen Gesichte ab; allein ihr kälterer und strengerer Bruder sah mich so lange fest an, bis mir meine Verwirrung nicht nur alles Blut ins Gesicht trieb, sondern auch heiß Thränen erpreßte.
‘Wo hielten Sie sich zuletzt auf?’ frug er.
‘Du frägst zu viel, St. John,’ versetzte Mary mit leiser Stimme. Aber er ließ sich nicht irre machen, bog sich
über den Tisch und heischte mit einem festen, durchdringen?
den Blicke eine Antwort.
‘Der Name des Ortes wo, und der Personen, mit

welchen ich lebte, ist mein Geheimniß,’ erwiederte ich ganz kurz.
‘Und meiner Meinung nach haben Sie das Recht, es
St. John und jedem andern Frager gegenüber zu bewahren,’ bemerkte Diana.
‘Aber wenn ich nichts Näheres über Sie und Ihr früheres Leben weiß,’ sagte St. John, ‘so kann ich Ihnen
unmöglich helfen. Und Sie bedürfen doch der Hilfe, nicht wahr?’
‘Ich bedarf ihrer und suche sie insofern, als mir ein wahrer Menschenfreund eine Arbeit verschaffen mag, der ich
gewachsen bin und deren Erträgniß mich wenigstens vor
Mangel schützt.’
‘Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund
bin; allein ich bin gesonnen Sie in Ihrem redlichen Streben nach besten Kräften zu unterstützen. Sagen Sie mir
also erstens, womit Sie sich bis jetzt beschäftigten, und zweitens was Sie zu leisten im Stande sind.’
Ich war inzwischen mit meinem Thee fertig geworden und fühlte neue Kräfte in mir. Das Getränke hatte
meine Lebensgeister erweckt und mich auch geistig insoweit
gestärkt, daß ich meinem strengen Sittenrichter kühn die
Spitze bieten konnte.
‘Mr, Rivers,’ begann ich, mich zu ihm wendend
und ihm mit derselben Festigkeit ins Auge blickend, mit der
er mich ansah, ‘Sie und Ihre Schwestern haben mir einen
großen Dienst erwiesen, den größten, den ein Mensch dem
andern erweisen kann; Sie entrissen mich durch Ihre großmüthige Unterstützung und Pflege dem sichern Hungertode.
Dies gibt Ihnen ein unbestreitbares Recht auf meine Dankbarkeit und theilweise auch auf mein Vertrauen. Sie sollen

daher von der Lebensgeschichte der armen Verlassenen, deren Sie sich erbarmten, so viel erfahren, als ich, ohne
meine Seelenruhe, meine Sicherheit und die Sicherheit Anderer einer Gefahr auszusetzen, füglich mittheilen kann.
Ich bin eine Waise, die Tochter eines Geistlichen.
Meine Eltern starben. noch ehe ich sie kannte. Fremde
Wohlthätigkeit nahm sich meiner an und ich wurde in einem
Waisenhause erzogen. Ich will Ihnen sogar den Namen der
Anstalt nennen, in welcher ich volle sechs Jahre als Zögling und zwei Jahre als Lehrerin zubrachte; es ist das
Waisenhaus von Lowood, von dem Sie wohl schon gehört
haben werden; der ehrwürdige Robert Brocklehurst steht
dem Institute als Schatzmeister vor.’
‘Ich habe die Anstalt besucht und von Mr. Brocklehurst gehört.’
‘Vor ungefähr einem halben Jahre verließ ich Lowood,
um als Erzieherin in ein Privathaus einzutreten. Meine
Stellung in dem letzteren war angenehm und ich selbst ganz
glücklich. Vor vier Tagen sah ich mich genöthigt, meinen bisherigen Aufenthaltsort zu verlassen; die Gründe,
die mich dazu zwangen, kann und darf ich nicht veröffentlichen; es wäre nutzlos — gefährlich und würde
Ihnen unglaublich vorkommen. Doch trifft mich keine Schuld
und ich stehe so rein da, wie Sie und Ihre Schwestern. Aber ich bin nun unglücklich und werde es auch noch
eine geraume Zeit hindurch seyn, denn die Katastrophe, die
mich aus einem Hause vertrieb, welches mir als ein irisches Paradies erschien, war eine ganz besondere, in ihren
Folgen unselige. Nur zwei Punkte hatte ich bei dem Plane
meiner Flucht vor Augen: Schnelligkeit und Heimlichkeit;

diesen Zweck zu erreichen, mußte ich meine ganze Habe bis
auf ein kleines Päckchen zurücklassen und auch dies letztere
vergaß ich aus dem Wagen, der mich nach Whitcroß führte,
mitzunehmen, so daß ich nun ganz entblößt dastehe. Zwei
Nächte brachte ich im Freien zu und wanderte zwei Tage
umher, ohne eine Schwelle zu betreten; nur zweimal kam
während dieser Zeit etwas Nahrung über meine Lippen und
als ich ganz erschöpft und verzweifelnd, nahe daran war
meinen Geist an Ihrer Hausthüre aufzugeben, waren Sie
es, Mr. St. John, der sich meiner annahm und mir Einlaß unter sein Dach gewährte. Ich weiß Alles, was Ihre
Schwestern seitdem an mir gethan — denn ich war während meiner scheinbaren Erstarrung nicht ganz bewußtlos —
und ich bin ihrem edlen, natürlichen, herzlichen Mitgefühl
ebenso verpflichtet, als Ihrer evangelischen Barmherzigkeit.’
‘Lass' sie nicht weiter sprechen, St. John,’ sagte
Diana während ich innehielt; ‘sie ist jedenfalls noch nicht
im Stande Aufregungen zu ertragen. Kommen Sie zum
Sopha und nehmen Sie Platz, Miß Elliott.’
Bei Erwähnung meines angenommenen Namens
blickte ich unwillkürlich halb verwundert in die Höhe; ich
hatte ganz darauf vergessen. Mr. Rivers, dessen Scharfblick nichts zu entgehen schien, bemerkte es sofort.
‘Sie sagten Ihr Name wäre Jane Elliott?’ versetzte er.
‘So sagte ich und es ist dies der Name, den ich mir
jetzt beizulegen für zweckmäßig erachte; allein es ist nicht
mein rechter Name und wenn ich ihn höre, klingt er
mir fremd.’
‘Sie wollen Ihren wahren Namen nicht sagen?’

‘Nein! Ich fürchte vor Allem entdeckt zu werden und
muß daher auf meiner Hut seyn.’
Sie haben ganz Recht,’ bemerkte Diana. ‘Und nun,
lieber Bruder, magst Du sie eine Weile im Frieden lassen.’
Doch kaum war St. John einige Augenblicke stille
gesessen, als er sein Verhör mit demselben Gleichmuthe und
derselben Schärfe wieder aufnahm.
‘Sie wünschen nicht weiter von unserer Gastfreundschaft abzuhängen und so schnell wie möglich das Mitgefühl meiner Schwestern und besonders meine Barmherzigkeit — Sie sehen, ich weiß Ihre feine Unterscheidung
zu würdigen — unnöthig zu machen?’
‘So ist es und so sagte ich. Weisen Sie mir eine Arbeit zu und sagen Sie mir, wo ich welche finden kann; mehr
verlange ich nicht und will mich dann gern selbst in die
niedrigste Hütte begeben. Bis dahin aber erlauben Sie mir,
daß ich hier bleibe; ich möchte die Schrecken einer gänzlichen Entblößung von den nothwendigsten Bedürfnissen um
Alles in der Welt nicht ein zweites Mal durchmachen.’
‘Sie sollen hier bleiben,’ sagte Diana, ihre weiße
Hand auf meinen Kopf legend. ‘Ja, das sollen Sie,’
wiederholte Mary mit dem Tone aufrichtigster Herzlichkeit.
‘Meine Schwestern freut es, wie Sie sehen, Sie hier
zu behalten,’ sagte Mr. St. John, ‘eben so sehr, als ob Sie
ein halberfrorner Vogel wären, den der Frost in ihr offenes Fenster getrieben hätte. Was mich anbelangt, so fühle
ich mich weit mehr bestimmt, Sie dahin zu bringen, daß
Sie selbst für Ihren Unterhalt sorgen können; doch muß ich
die Bemerkung vorausschicken, daß mein Wirkungskreis ein
sehr bescheidener, eng abgegrenzter ist. Ich bin der Seelsorger einer armen Dorfgemeinde und es kann sich darum

auch meine Unterstützung nicht sehr hoch versteigen; für den
Fall also, wo Ihnen eine bescheidene, untergeordnete Stellung nicht zusagen sollte, müßten Sie sich an Jemanden
andern wenden.’
‘Sie hat ja schon erklärt, daß Sie eine jede Beschäftigung übernimmt, der sie gewachsen ist,’ antwortete Diana
statt meiner; ‘und Du weißt am besten, St. John, daß
sie keine große Auswahl an Helfern hat und sich wohl mit
einem so mürrischen Menschen, wie Du einer bist, begnügen muß.’
‘Ich will Putz machen, Wäsche nähen, als Dienstmagd oder als Kindermädchen dienen, wenn es seyn muß,’
setzte ich hinzu.
‘Ganz recht,’ sagte Mr. St. John mit einiger Kälte.
‘Wenn das in der That Ihr fester Wille ist, dann verspreche ich Ihnen baldige Hilfe, wie solche im Bereiche meiner Möglichkeit liegt.’
Bei diesen Worten nahm er das Buch, in welchem er
vorher gelesen hatte, wieder zur Hand. Ich zog mich bald
zurück, denn ich hatte für das gegenwärtige Maß meiner
Kräfte genug gesprochen und war hinlänglich lange aufgeblieben.

Dreißigstes Capitel.

Je näher ich die Bewohner des Moorhauses kennen
lernte, desto besser gefielen sie mir. In wenigen Tagen
hatte sich der Zustand meiner Gesundheit so sehr gebessert,
daß ich den ganzen Tag außerhalb es Bettes zubringen
und zuweilen einen Spazirgang unternehmen konnte. Ich
war nun im Stande Diana und Mary in all' ihren Arbeiten zu unterstützen und mit ihnen so viel und so lange zu
plaudern, als sie es nur wünschten. Ein eigenthümliches,
von mir zum ersten Male empfundenes Behagen war die
nächste Folge unsers beständigen Beisammenseyns — das,
Behagen, welches aus einer vollkommenen Uebereinstimmung der Neigungen, der Gefühle und Grundsätze entspringt.
Was sie gerne lasen, gefiel auch mir, was ihnen Vergnügen machte, freute auch mich und was ihre Billigung
erlangt hatte, war auch meiner Zustimmung gewiß. Sie
hingen mit Liebe an ihrer einsamen Wohnung; der Reiz,
den das graue alterthümliche Haus mit den Gitterfenstern
und der Garten mit seinen düstern Stechpalmen und Eibenbäumen für mich hatten, war gleich mächtig und anhaltend.
Das unfruchtbare Sumpfland um ihre Heimat herum, der
Hohlweg mit dem mit Kies bestreuten Reitstege, der von der
Hausthüre aus dahin führte, die Weideplätze mit den grauen
Schafen und ihren kleinen Lämmchen, — die ganze Scene
zusammengenommen war für sie ein Gegenstand des lebhaftesten Entzückens. Ich konnte dieses Gefühl ganz gut begreifen und dasselbe sowohl seiner Innigkeit als seiner Stärke
nach theilen; ich erkannte das Anziehende der Oertlichkeit,
das Feierliche der stillen Einsamkeit und gerne weilte mein
Blick auf dem wilden Colorit, welches die ganze Gegend,
Anhöhen wie Vertiefungen, durch die Vegetation des Mooses
und des Heidekrautes, und durch die hin und wieder vertheilten Granitfelsen erhielt. Alle diese Einzelnheiten waren
für mich, wie für die beiden Schwestern eben so viele Veranlassungen des reinsten Vergnügens. Bannte uns das
schlechte Wetter an die Stube fest, unterhielten wir uns eben
so gut. Die beiden Mädchen waren in ihrer geistigen Bildung

weit mehr vorgeschritten und weit belesener als ich, und mit
emsiger Hast folgte ich ihnen auf dem Pfade der Erkenntniß
nach, den sie zum größeren Theile schon vor mir zurückgelegt
hatten. Ich verschlang die Bücher, die sie mir liehen, und
kannte dann keinen größeren Genuß, als mit ihnen am
Abende über dasjenige zu sprechen, was ich am Tage hindurch gelesen hatte. Unsere Gedanken, unsere Meinungen
begegneten sich auf halbem Wege: wir harmonirten vollkommen und in jeder Beziehung.
Wenn in unserem Kleeblatte überhaupt irgend Eine
höher stand und das Wort führte, so war es unstreitig Diana.
In physischer Beziehung namentlich übertraf sie mich bei weitem; sie war schön, sie war kräftig. Ihre Lebensgeister waren von einer Frische, einer Schnellkraft, die mich in Verwunderung versetzten und über meine Begriffe gingen. Ich
konnte des Abends wohl eine Weile plaudern, aber wenn
der erste Anflug von Lebhaftigkeit vorüber war, wurde ich
still und setzte mich gerne zu Diana's Füßen auf einen Schämel und legte meinen Kopf in ihren Schooß; allein Diana
ruhte nicht eher, bis sie mit Mary den Gegenstand, den ich
blos berührte, gesprächsweise ganz erschöpft hatte. Eines
Tages machte sie mir den Vorschlag, mich deutsch zu lehren.
Ich ließ mich mit Vergnügen von ihr unterrichten; ich sah, daß
ihr die Rolle der Lehrerin behagte, während auch mir diejenige einer Schülerin nicht minder zusagte. Unsere Naturen
vermälten sich, eine wechselseitige unerschütterliche Zuneigung war der Sprößling dieser Verbindung. Die Schwestern
machten die Entdeckung, ich könne malen; sofort stellten sie
mir ihr sämmtliches Malergeräthe zur Verfügung. Meine
Geschicklichkeit, die in diesem einzigen Punkte die ihrige
übertraf, versetzte sie in Erstaunen und entzückte sie. Mary

pflegte sich neben mich zu setzen und mir stundenlang zuzusehen; später nahm sie Stunden bei mir und gab eine gelehrige
und fleißige Schülerin ab. So beschäftigten und unterhielten
wir uns abwechselnd, Tage vergingen wie Stunden und
Wochen wie Tage.
Was Mr. St. John anbelangt, so erstreckte sich jene
Vertraulichkeit, die so schnell und so natürlich zwischen mir
und seinen Schwestern entstanden war, nicht bis auf ihn.
Einen Grund gab es hierfür: seine häufige Abwesenheit vom
Hause, denn einen großen Theil seiner Zeit schien er dazu
zu verwenden, die Armen und die Kranken unter der zerstreuten Bevölkerung seines Kirchsprengels heimzusuchen.
Kein Wetter hinderte ihn an der Ausübung dieser Berufspflicht; es mochte schön seyn oder regnen, tagtäglich
nach Beendigung seiner Morgenstudien machte er sich mit seines Vaters altem Wachtelhunde, Carlo, auf den Weg zur
Erfüllung seiner Sendung der Nächstenliebe oder Christenpflicht — ich weiß nicht in welchem Lichte er dieselbe ansah. Zuweilen wenn das Wetter gar zu rauh war, machten
seine Schwestern Einwendungen. Er pflegte ihnen dann mit
einem eigenthümlichen, mehr ernsten denn freundlichen Lächeln zur Antwort zu geben:
‘Und wenn ich mich jetzt durch einen Windstoß oder
einige Regentropfen von der Erfüllung meiner leichten Berufspflichten abhalten lasse, was soll das für eine Vorbereitung zu meiner künftigen Bestimmung seyn?’
Dianens und Mary's einzige Erwiederung bestand in
einem Seufzer und einem schmerzlichen Sinnen, das einige
Minuten anhielt.
Doch nebst seiner häufigen Abwesenheit gab es noch
eine andere Scheidewand zwischen mir und ihm, die jedes

freundschaftliche Verhältniß unmöglich machte: er war nemlich von Natur aus zurückhaltend, in sich selbst versunken
und tiefsinnig. Eifrig in der Vollführung seiner Berufsarbeiten, tadellos in seinem häuslichen Leben und in seinen
Gewohnheiten, schien er sich doch nicht jener Heiterkeit des
Geistes, jener innern Zufriedenheit zu erfreuen, die der Antheil jedes wahren Christen und thätigen Menschenfreundes
seyn sollten. Sehr oft, wenn er des Abends an seinem Pulte
saß, um zu lesen oder zu schreiben, hielt er in der einen
oder in der andern Beschäftigung mitten inne, stützte sein
Kinn auf seine Hand und überließ sich irgend einem mir
unbekannten Gedankenlaufe. Doch erkannte ich an dem häufigen Leuchten seiner Augen und dem Wechsel seiner Gesichtszüge, daß sein Geist stürmisch bewegt, in vollem Aufruhr war.
Die Natur, denke ich, erschien ihm auch nicht wie seinen Schwestern als eine Quelle reiner Freuden. Ein einziges Mal ließ er sich in meiner Gegenwart vernehmen, die
Umgegend sey romantisch und er habe eine angeborne Zuneigung zu dem finstern, alterthümlichen Gebäude, das er
seine Heimat nannte; aber der Ton, mit dem er diese Wortaussprach, war mehr düster als freudig und nie suchte er
das Sumpfland um seiner eigenen wilden Schönheit wegen auf.
Bei seinem gänzlichen Mangel an Mittheilsamkeit verging eine geraume Zeit, bevor ich Gelegenheit fand, sein
Gemüth zu ergründen. Ich konnte dies zuerst bei einer Predigt thun, die er in seiner Kirche zu Morton hielt. Ich
wollte, ich könnte diese Erbauungsrede beschreiben; allein
es überstieg meine Kräfte und kaum bin ich im Stande ein

getreues Bild des Eindruckes zu geben, den dieselbe auf mich
hervorbrachte.
Der Anfang derselben war ruhig gehalten und sie blieb
es auch, was den Vortrag und den Ton der Stimme anbelangt, bis ans Ende; ein tiefgefühlter, doch knapp im
Baum gehaltener, religiöser Eifer athmete durch die deutlich
gesprochenen Sätze und schien dem Prediger alle die kräftigen Worte einzuflößen. Die Sprache wurde stärker, doch gedämpft und unter Aufsicht gestellt, überschritt sie nicht das
richtige Maß. Die geistige Ueberlegenheit des Redners erschütterte das Herz, zwang den Geist zur Verwunderung,
doch wurde weder das eine noch der andere gerührt, milder
gestimmt. Eine sonderbare Bitterkeit durchwehte die ganze
Rede und der gänzliche Mangel an tröstender, versöhnender
Sanftmuth, so wie die häufigen Anspielungen auf calvinistische Lehrsätze mußten auffallen; eine jede Hinweisung auf
diese letzteren ertönte wie ein Urtheilsspruch. Als die Predigt zu Ende war, fühlte ich mich, statt besser, ruhiger, aufgeklärter zu seyn, unendlich trübe gestimmt, denn es kam
mir vielleicht auch nur mir so vor, als wäre die ganze
Beredsamkeit einem durch vereitelte Wünsche, ungestillte Begierden und unruhige Bestrebungen erbitterten und erregten
Gemüthe entsprungen. Gewiß hatte St. John Rivers trotz
seines tadellosen Lebenswandels und seiner gewissenhaften,
eifrigen Pflichterfüllung den Frieden Gottes ebensowenig
gefunden, als ich, die ich durch den Verlust meines Ideals,
meines Paradieses eine Beute des nagendsten Schmerzes geworden war, der mich noch immer mitleidslos quälte, wiewohl ich seiner in der letzten Zeit weniger Erwähnung that.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und
Mary sollten in kurzer Zeit das väterliche Haus verlassen und auf ihre Posten als Erzieherinnen in einer großen
Stadt Süd-Englands zurückkehren, wo sie in zwei verschiedenen sehr reichen und sehr angesehenen Familien dienten,
die sie in ihrer Hochnäsigkeit eben nur als Dienstboten ansahen, und ihre Talente und Kenntnisse gerade so schätzten,
wie man etwa die Geschicklichkeit einer Köchin und den Geschmack einer Kammerzofe anerkennt. Mr. St. John hatte
noch mit keinem Worte angedeutet, daß er für mich eine Beschäftigung gefunden habe, und doch war es nun höchste
Zeit für mich, irgend einen Beruf anzutreten. Eines Morgens, wo ich mit ihm eine kurze Zeit allein blieb, unternahm ich es, ihn in seiner Arbeit zu stören, und dieser Angelegenheit wegen anzusprechen. Noch wußte ich nicht recht,
in welche Worte ich meine Anrede einkleiden sollte, als er
mich selbst dieser Verlegenheit überhob und mich zuerst anredete.
‘Sie wollen mich um etwas fragen?’ hob er von seinem Pulte aufblickend an.
‘Wohl; ich möchte wissen, ob Ihnen bereits irgend
ein Dienstposten bekannt worden ist, den ich bald antreten
könnte.’
‘Vor drei Wochen wußte ich etwas dergleichen; doch
da Sie sich hier so glücklich zu fühlen schienen und so nützlich zu machen wußten und da meine Schwestern ein so ungewöhnliches Vergnügen in Ihrer Gesellschaft fanden, so
hielt ich es für unzeitig, dieses glückliche Verhältniß früher
zu zerstören, als es durch die Abreise der beiden Mädchen
nach ihrem Bestimmungsorte nothwendig würde.’
Diana und Mary reisen in drei Tagen ab?’ frug ich.
‘Ja; und ich kehre nach meiner Pfarre zurück. Hannah wird mich begleiten und das alte Haus hier geschlossen.’
Ich wartete einige Augenblicke, in der Hoffnung er
würde den ursprünglichen Gegenstand unserer Unterredung
wieder aufnehmen; aber er schien, seinem Blicke nach zu urtheilen, an ganz andere Dinge zu denken, als an mich und
meine Angelegenheit. Ich mußte ihm also ein Thema ins
Gedächtniß zurückrufen, das für mich von größter Wichtigkeit war.
‘Welches war die Beschäftigung, die Sie damals für
mich gefunden hatten, Mr. Rivers? Ich hoffe der Verzug
hat das Inswerksetzen Ihres Planes nicht unmöglich gemacht.’
‘Oh, gewiß nicht, da es eine Anstellung ist, deren Verleihung von mir, deren Annahme von Ihnen abhängt.’
Wieder hielt er inne, als sey es ihm unangenehm
fortzufahren. Ich wurde ungeduldig und machte ihm diese
Empfindung durch eine unruhige Bewegung und einen fragenden Blick bemerkbar.
‘Sie dürfen keine solche Eile haben, das Nähere zu
hören,’ sagte er; ‘aufrichtig gesagt kann ich Ihnen weder
etwas sehr Angenehmes noch etwas Nutzbringendes anbieten. Doch bevor ich mich näher erkläre, wollen Sie sich
meiner neulichen, klar und deutlich abgefaßten Bemerkung
erinnern, daß ich Ihnen nemlich kaum anders helfen kann,
als der Blinde dem Lahmen. Ich bin arm, denn wenn ich
meines Vaters Schulden gezahlt haben werde, bleibt mir
nichts als diese halbverfallene Hütte, die paar Tannenbäume
hinter und das Stück Sumpfland vor derselben. Ich bin ein

geringer Mann; wohl ist Rivers ein alter Name, allein
von den drei letzten Sprößlingen desselben arbeiten zwei
um des täglichen Brotes willen als Lohndienerinnen in der
Fremde und der dritte betrachtet sich nicht blos im Leben,
sondern auch im Tode als einen Fremd ling im eigenen Heimatlande. Ja, und er schätzt sich glücklich, daß ihm ein
solches Los zu Theil wurde und sehnt sich nach dem Herannahen des Augenblickes, wo er das Kreuz der Duldung und
Entsagung von fleischlichen Banden wird auf seine Achsel
nehmen, und den Worten des Oberhauptes jener streitenden Kirche, unter deren niedrigste Diener er sich zählt, gehorsamen können, das da rufen wird: ‘Stehe auf und folge
mir nach!’
St. John sprach diese Worte in derselben Weise, wie
er seine Predigten vortrug, in einem ruhigen Tone, mit
tiefer Stimme, marmorblassen Wangen und funkelnd en
Augen.
‘Und da ich selbst arm und gering bin,’ fuhr er fort,
‘kann ich Ihnen auch nur einen ärmlichen und geringfügigen Dienstplatz verschaffen. Vielleicht werden Sie ihn für
einen Ihrer Person und Ihrer Kenntnisse unwürdigen Posten halten, denn so viel ich gesehen, gehören Sie Ihren
Gewohnheiten nach der guten Gesellschaft an; allein ich bin
der Meinung, daß keine Beschäftigung herabwürdigt, die
dazu dient, unsere Mitmenschen zu bessern, daß die Ehre
desto größer ist, je rauher der Boden, den der christliche
Ackersmann zu bebauen bekömmt, je geringer die Frucht
seiner mühsamen Arbeit. Er erscheint unter solchen Verhältnissen als ein Vorkämpfer des Glaubens und die ersten
Vorkämpfer des Evangeliums waren die Apostel und ihr
Anführer Jesus Christus, unser Heiland.’

‘Nun?’ sagte ich, als er wieder schwieg, ‘fahren
Sie fort.’
Bevor er dies that, sah er mich eine Weile forschend
an, als wollte er in meinem Gesichte lesen, als wäre das
letztere das Blatt eines Buches und die Gesichtszüge Buchstaben.
‘Ich denke, Sie werden den Posten annehmen, den
ich Ihnen anbieten will, und auch eine Zeit lang auf demselben ausharren. Für immer möchte er Ihnen wohl ebenso
wenig genügen, als mir das bescheidene, verborgene Amt
eines Landgeistlichen für die Dauer anstehen kann; denn
Ihrem Gemüthe ist gleich dem meinen ein Zusatz beigemischt,
der Sie so wenig wie mich den innern Frieden erlangen
läßt, wiewohl der Grund ein ganz verschiedener ist.’
‘Sprechen Sie deutlicher,’ drang ich in ihn, als er
abermals innehielt.
‘Das will ich und Sie sollen sehen, wie ärmlich,
wie alltäglich. wie anstrengend die Beschäftigung ist, die
ich Ihnen zugedacht. Nun mein Vater todt ist und ich mein
eigener Herr bin, bleibe ich nicht mehr lange in Morton und
verlasse diesen Ort wahrscheinlich schon im Verlaufe dieses
Jahres, allein so lange ich hier bleibe, will ich alles Mögliche aufbieten, um die nöthigen Verbesserungen in meiner
Gemeinde einzuführen. Als ich vor zwei Jahren nach Morton kam, hatte das Dorf noch keine Schule und die Kinder
der Armen waren von jeder Aussicht auf Unterricht ausgeschlossen. Ich errichtete sofort eine Knabenschule und beabsichtige nun auch eine Mädchenschule zu gründen. Ein Gebäude sowie ein kleines Häuschen mit zwei Stuben für die Lehrerin habe ich bereits zu diesem Zwecke gemiethet. Die letztere erhält dreißig Pfund jährlich und findet ihre Wohnung durch

die Güte einer jungen Dame, Miß Oliver, der Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde, des Eigenthümers einer Nadelfabrik und Eisengießerei, zwar sehr
einfach, doch anständig eingerichtet. Dieselbe Dame zahlt
auch für den Unterricht und die Kleidung eines Waisenmädchens aus dem Armenhause, wofür dieselbe der Lehrerin in
Arbeiten zur Seite stehen soll, welche die Erstere aus Mangel an Zeit nicht selbst verrichten kann. Wollen Sie die
Stelle der Lehrerin annehmen?’
Er brachte die letzten Worte nicht ohne einige Befangenheit heraus, als erwarte er halb und halb seinen Antrag mit Unwillen und mit Verachtung zurückgewiesen zu
sehen. Die angebotene Stelle war eine mehr als bescheidene;
aber sie gewährte mir einen sicheren Zufluchtsort; sie war
mit großer Anstrengung verbunden, allein sie hatte, im
Vergleiche mit dem Posten einer Erzieherin in einem großen Hause, den Vortheil der Unabhängigkeit für sich. Die
Furcht vor der Dienstbarkeit in einer fremden Familie entschied mich für die Annahme.
‘Ich nehme Ihr Anerbieten mit Dank und vom Herzen gerne an, Mr. Rivers.’
‘Sie haben mich doch verstanden?’ versetzte er. ‘Es
ist von einer Dorfschule die Rede. Ihre künftigen Schülerinnen sind Kinder der Hüttenbewohner, im besten Falle
Pächterskinder, und Alles was Sie sie zu lehren haben, beschränkt sich auf Stricken, Nähen, Lesen, Schreiben und
Rechnen. Was wollen Sie mit Ihren anderweitigen Kenntnissen, was mit dem besseren Theile Ihres Geistes, Ihren
Gefühlen und Neigungen anfangen?’
‘Ich werde sie in so lange aufbewahren, bis ich ihrer
bedarf. Sie werden nicht zu Grunde gehen.’

‘Sie wissen also was Sie unternehmen?’
‘Ganz genau.’
Er lächelte; doch war sein Lächeln kein herbes oder
trübes, sondern ein freundliches und vollkommen zufriedenes.
‘Wann wollen Sie Ihr Amt antreten?’
‘Morgen will ich meine Wohnung beziehen, und wenn
es Ihnen angenehm ist, den Unterricht schon nächste Woche
beginnen.’
‘Sehr gut, dabei soll es bleiben.’
Er stand auf, ging durch's Zimmer, blieb dann stehen und sah mich kopfschüttelnd an.
‘Was haben Sie auszusetzen, Mr. Rivers?’ frug
ich ihn.
‘Sie sollten es lange in Morton aushalten?! Nein
und abermals nein!’
‘Warum? Was berechtigt Sie zu dieser Annahme?’
‘Ich sehe es Ihren Augen an; sie versprechen durchaus
keine Zufriedenheit mit einem ruhigen, einförmigen Leben.’
‘Ich bin nicht ehrgeizig.’
Bei dem Worte ‘ehrgeizig’ fuhr er in die Höhe.
‘Das glaube ich selbst. Wer brachte Sie dazu, an
Ehrgeiz zu denken? Wer ist ehrgeizig? Ich weiß wohl, daß
ich es bin, aber woraus erkannten Sie das?’
‘Ich sprach von mir selbst.’
‘Nun, wenn Sie auch nicht ehrgeizig sind, so sind
Sie doch —’ Er stockte.
‘Was bin ich?’
‘Leidenschaftlich, wollte ich sagen; aber vielleicht hätten Sie das Wort falsch ausgelegt und wären böse geworden. Ich meine damit, daß menschliche Zuneigung und
menschliche Affecte in Ihrer Seele tiefe Wurzel gefaßt haben. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß Sie es nicht
lange ertragen werden, Ihre Mußestunden in der Einsamkeit und Ihre Arbeitsstunden mit einer eintönigen, reizlosen Beschäftigung zuzubringen, gleichwie es auch mir unmöglich wäre,’ fügte er mit besonderer Betonung hinzu,
‘meinen Geist, die mir vom Himmel verliehenen Gaben hier
in diesem von Bergen eingeschlossenen Moraste nutzlos zu
begraben. Sie hören nun, wie ich mir selbst widerspreche,
ich, der ich das bescheidene Loos und den Beruf der geringsten Arbeiter im Weinberge des Herrn glücklich pries, —
ich, sein verordneter Diener, verzehre mich beinahe in Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit. Nun wohl, Neigungen
und Grundsätze müssen durch irgend ein Mittel in Einklang
gebracht werden.’
Er verließ die Stube. In dieser Einen Stunde hatte
ich ihn besser kennen gelernt, als im ganzen vergangenen Monat; dennoch konnte ich ihn noch immer nicht ganz
begreifen.
Diana und Mary wurden immer stiller und immer trauriger, je näher die Stunde der Trennung von ihrem Bruder und dem Vaterhause herannahte. Wohl versuchten sie
es, in ihrer gewöhnlichen Laune zu erscheinen, doch der
Schmerz, gegen den sie ankämpften, war viel zu groß, um
besiegt oder unterdrückt werden zu können. Diana erklärte,
es würde die schmerzlichste Trennung werden, die sie noch je
erlebt und mit Bezug auf St. John eine Trennung auf
lange Jahre, vielleicht eine auf ewig seyn.
‘Er wird seinem lang genährten Vorhaben Alles
opfern,’ sagte sie, ‘die heiligsten Gefühle, wie die natürlichsten Regungen des Herzens. St. John sieht ruhig aus,
Jane, doch in seinem Innern brennt ein verzehrendes Feuer.

Sie würden ihn für sanft halten und doch ist er in manchen Dingen hartherzig und unerbittlich wie der Tod, und
das Schlimmste an der Sache ist der Umstand, daß mir mein
Gewissen nicht erlaubt, ihn von seinem Entschlusse abzubringen , der ein edler, christlicher ist, mir aber das
Herz bricht.’ Thränen erstickten ihre Stimme und auch Mary
ließ den Kopf auf ihre Arbeit sinken.
‘Wir sind nun ohne Vater, bald werden wir auch
keinen Bruder und keine Heimat mehr haben,’ flüsterte sie.
In diesem Augenblicke trat ein kleines Ereigniß dazwischen, das wie vom Schicksal auserkoren schien, die Wahrheit des Sprichwortes zu beweisen, daß ein Unglück selten
allein kömmt. St. John trat, einen Brief lesend, in das Zimmer.
‘Unser Onkel Tom ist gestorben,’ sagte er.
Diese Mittheilung schien auf die beiden Schwestern
einen riesen, doch weder einen schmerzlichen noch erschütternden Eindruck zu machen. Die Nachricht interessirte sie offenbar mehr, als sie sie betrübte.
‘Gestorben?’ wiederholte Diana.
‘Ja.’
Sie richtete einen fragenden Blick auf ihres Bruders
Antlitz. ‘Und was ist's weiter?’ frug sie.
‘Was weiter, Diana?’ erwiederte er, während seine
Gesichtszüge ihren unbeweglichen Ausdruck beibehielten. ‘Was
weiter? Je nun nichts. Lies selbst.’
Er warf ihr den Brief in den Schooß. Sie durchlas
ihn flüchtig und reichte ihn ihrer Schwester hin. Mary that
desgleichen und stellte das Schreiben ihrem Bruder wieder

zurück. Alle drei sahen einander an und alle drei lächelten;
— es war ein trostloses, nachdenkliches Lächeln.
‘Amen! Leben können wir ja noch!’ sagte endlich
Diana.
‘Jedenfalls steht es mit uns nicht schlimmer als früher,’
bemerkte Mary.
‘Mit der einzigen Ausnahme, daß man nun unwillkürlich Vergleiche anstellt zwischen dem was ist und was
hätte seyn können,’ versetzte Mr. Rivers.
Er legte den Brief zusammen, schloß ihn in seinem
Pulte ein und ging wieder zur Stube hinaus.
Durch einige Minuten sprach Niemand. Diana brach
zuerst das Stillschweigen.
‘Sie werden sich über uns und unsere Geheimnisse wundern, liebe Jane,’ sagte sie, ‘und uns für hartherzige, gefühllose Leute halten, weil uns der Tod eines so nahen Anverwandten so wenig rührt; allein wir haben ihn weder gesehen, noch je gekannt. Er war der Bruder unserer Mutter und lag mit unserm Vater lange im Streite; sein Rath war es,
der den letztern veranlaßte, sein Vermögen in seinen Speculationen aufs Spiel zu setzen, die ihn zu Grunde richteten. Wechselseitige Vorwürfe waren die nächste Folge davon,
sie trennten sich voll Unwillen und versöhnten sich nie wieder. Mein Onkel betheiligte sich später bei glücklicheren Unternehmungen, und wie es scheint, ersparte er ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund Sterling. Er war nie verheirathet und
hatte außer uns und noch einer Person, die ihm nicht näher steht
als wir, keine Verwandten. Der Vater trug sich immer
mit dem Gedanken herum, er würde seinen Fehler dadurch
gut machen, daß er uns seine sämmtlichen Besitzungen hinterließe, aber eben dieser Brief belehrt uns, daß er Alles

bis auf einen Pfennig dem andern Anverwandten vermachte,
mit Ausnahme von dreißig Guineen, die uns drei Geschwistern zur Anschaffung von Traueranzügen ausbezahlt werden sollen. Allerdings besaß er das unbestreitbare Recht, nach
seinem Willen vorzugehen, aber dennoch drückt uns diese
Nachricht, wenigstens für den ersten Augenblick, nieder.
Mary und ich hätten uns eine jede mit tausend Pfund für
reich gehalten und auch St. John wäre eine gleiche Summe
zur Unterstützung seines Vorhabens erwünscht gewesen.’
Nach dieser Erklärung wurde der ganze Gegenstand
fallen gelassen und weder Mr. St. John noch eine seiner
beiden Schwestern kamen je wieder darauf zurück. Tags
darauf verließ ich Marsh-End und begab mich nach Morton
und einen Tag später reisten Diana und Mary nach dem
entfernten V***. Nach einer Woche übersiedelte Mr. Rivers
mit Hannah nach seiner Pfarrwohnung und das alte Moorhaus war solchergestalt ganz verlassen.

Einunddreißigstes Capitel.

Meine Heimat, nachdem ich endlich eine solche gefunden, ist eine Hütte, bestehend aus einer kleinen Stube mit
geweißten Wänden, vier Stühlen und einem Tische, einer Wanduhr, einem Geschirrkasten mit einigen Tellern und
Schüsseln und einem Theegeschirr von Töpferthon, und aus einem Schlafzimmer eine Treppe höher, das eine Bettstatt
von weichem Holze und einen desgleichen Kasten mit Schubladen enthält, der meine dürftige Garderebe aufnehmen soll;
die wiewohl mich meine großmüthigen Freundinnen mit dem Nöthigsten versehen hatten, dennoch keinen großen Raum
in Anspruch nimmt.

Es ist Abend. Ich habe das Waisenmädchen, das
mich bedient, mit einem Apfel als Belohnung entlassen und
sitze ganz allein am Camine. Am selben Morgen eröffnete
ich meine Schule und zählte zwanzig Schülerinnen; nur drei
davon können lesen, keine einzige schreiben oder rechnen.
Mehre Märchen stricken schon, doch nur wenige haben einen
Begriff vom Nähen. Ihre Sprache ist der ungebildetste Dialekt
der ganzen Gegend und wir verstehen einander nicht ohne
Schwierigkeit. Wiewohl einige dieser Kinder ziemlich artig
und gelehrig sind, so ist doch natürlicherweise die Mehrzahl
noch ganz roh und ungefügig. Ich darf indessen nicht vergessen, daß diese kleinen Bäuerinnen von demselben Fleische
und Blute sind, wie die Abkömmlinge adeliger Familien,
und daß die Keime angeborner Herzensgüte und geistiger
Vollkommenheiten sich auch bei ihnen vorfinden. Es wird
meine Pflicht seyn, diese Keime zur Entwicklung zu bringen
und ich werde mich in Erfüllung derselben gewiß glücklich
fühlen. Sehr viel Vergnügen erwarte ich zwar von meinem
künftigen Leben nicht; indessen wird es mich, falls ich mich
füge und meine Gewohnheiten den Verhältnissen anpasse,
jedenfalls befriedigen.
War ich fröhlich, zufrieden, ruhig während der Stunden, die ich diesen Morgen und diesen Nachmittag in jenem
ärmlichen, kahlen Schulzimmer zubrachte? Die Wahrheit zu
sagen, nein; vielmehr ich fühle mich unheimlich und —
wie albern ich doch bin! — sogar gedemüthigt. Es kam
mir vor, als hätte ich einen Schritt gethan, der statt mich
im gesellschaftlichen Leben zu heben, mich vielmehr noch
tiefer stellte; die Unwissenheit, die Roheit, die Armuth
meiner ganzen Umgebung erfüllten mich beinahe mit Widerwillen. Aber ich will mich dieser Gefühle wegen nicht allzu

stark tadeln; es ist ein großer Schritt zur Besserung, daß
ich mein Unrecht einsehe, und ich will mich bestreben diese Vorurtheile ganz auszurotten. Schon morgen werde ich
ganz anders denken und in wenigen Wochen alle vorgefaßten
Meinungen abgelegt haben. Möglich, daß mich sogar in
einigen Monaten die Fortschritte und die gesteigerte sittliche
Bildung meiner Zöglinge beglücken und für mich der Quell
so mancher Freude, manches Genusses sin.
Inzwischen will ich mich nur das Eine fragen: Was
ist besser? — Der Versuchung erlegen zu seyn, der Leidenschaft ohne Kampf, ohne eine Kraftanstrengung die Oberhand
gelassen zu haben und nun in Frankreich als Mr. Rochester's
Maitresse zu leben, oder nun als Lehrerin einer Dorfschule
in einem Winkel Englands ein armseliges, aber ehrliches
Daseyn zu fristen? — Ja, ich fühle nun, daß ich Recht
hatte, meinen Grundsätzen und Geboten der Sittlichkeit Gehör zu geben und die tollen Einflüsterungen eines schwachen
Augenblickes von mir zu weisen. Gott ließ mich den Weg
des Rechtes finden und ich danke seiner Vorsehung für die
gewährte Unterstützung.
Bei diesem Punkte meiner Abendgedanken angelangt,
erhob ich mich, ging zur Thüre und sah mir den Sonnenuntergang an. Tiefe Ruhe deckte die Gefilde, die Vögel
sangen ihr letztes Lied, die Luft war mild und balsamisch
fiel der Thau auf die lechzende Pflanzenwelt hernieder. Während ich um mich blickte, hielt ich mich für glücklich und war
erstaunt, mich plötzlich beim Weinen zu ertappen. Und warum
das? Wegen des harten Schicksalsspruches, der mich von
meinem theueren Gebieter gerissen. wegen des schrecklichen
Schmerzes und der entsetzlichen Wuth, die sich seiner nach
meiner Flucht bemächtigt haben mußten und ihn vielleicht

eben jetzt allen bösen Leidenschaften in die Arme werfen.
Bei diesem Gedanken wandte ich mein Gesicht vom lieblichen
Abendhimmel und von dem einsamen Thale von Morton
ab, das außer der in einer Baumgruppe versteckten Kirche
und Pfarrwohnung und außer Mr. Oliver's Hause am
fernen Ende kein Gebäude enthielt und vom Dorfe selbst
eine halbe Meile entfernt lag. Ich schloß die Augen und
lehnte den Kopf an das steinerne Thürfutter meiner Hütte;
aber alsbald machte mich ein Geräusch in der Nähe meines
winzigen Gärtchens aufblicken. Ein Hund — der alte Carlo,
Mr. River's Wachtelhund — stieß die Gitterthüre des Gartens mit der Schnauze auf und St. John selbst stand mit
verschränkten Armen und gefurchter Stirne, mich mit einem
ernsten, fast widerlichen Blicke ansehend, hinter ihm. Ich
bat ihn einzutreten.
‘Ich kann mich nicht aufhalten; ich bringe Ihnen blos
ein kleines Päckchen, das meine Schwestern für Sie zurückließen. Ich glaube es enthält ein Farbenkästchen, Pinsel und
Papier.’
Ich näherte mich ihm, es in Empfang zu nehmen; es
war mir ein höchst willkommenes Geschenk. St. John musterte mich, als ich vor ihm stand mit strengen Blicken;
noch waren die Sputen vergossener Thränen auf meinem
Gesichte zu sehen.
‘Haben Sie den Beginn Ihres Tagewerkes über Erwartung schwer und anstrengend gefunden?’ frug er.
‘Oh, nein! im Gegentheile; ich denke, daß ich es
mit meinen Schülerinnen in einiger Zeit weit gebracht haben
werde.’
‘Vielleicht hat Ihnen Ihre Wohnung, oder die Einrichtung derselben nicht entsprochen? Es ist in der That,
Alles ärmlich genug, allein —’
‘Meine Hütte ist sauber und schützt mich gegen die Unbilden der Witterung,’ unterbrach ich ihn; ‘und auch die
Einrichtung enthält alles Nöthige und ist bequem genug.
Alles das hat mich zur Dankbarkeit, nicht zum Trübsinn gestimmt und ich bin keine jener Thörinnen, die den Mangel
eines Sophas, eines Teppichs oder des Silbergeräthes schmerzlich empfinden. Noch vor wenigen Wochen hatte ich übrigens
gar nichts und pilgerte als Bettlerin und Heimatlose herum; nun habe ich einen Verdienst, eine Wohnung und gute
Freunde und fühle mich der Güte Gottes und der Großmuth der letzteren zum innigsten Danke verpflichtet. Ich
denke nicht daran mein Loos zu beklagen.’
‘Aber die Einsamkeit ist für Sie eine Last und Ihr
kleines Häuschen ist finster und leer.’
‘Ich habe wirklich noch nicht Zeit gefunden, über
meine Lage ruhig nachzudenken, am wenigsten aber, mich
meines Alleinseyns wegen unglücklich zu fühlen.’
‘Ganz gut. Ich hoffe, daß Sie die Zufriedenheit, die
Sie zu erkennen geben, auch wirklich fühlen. Jedenfalls wird
Ihnen Ihr Verstand sagen, daß es noch lange nicht Zeit
ist, die Befürchtungen von Loth's Weibe zu hegen. Was
Sie zurückließen, bevor Sie zu uns kamen, das weiß ich
nicht; allein ich rathe Ihnen freundschaftlich, durchaus
nicht in die Vergangenheit zu blicken und Ihre gegenwärtige
Laufbahn wenigstens durch einige Monate festen Schrittes zu
verfolgen.’
‘Auch ich bin dieser Ansicht,’ versetzte ich.
‘Es ist eine harte Arbeit,’ fuhr St. John fort, ‘seine
Neigungen im Jaume zu halten und den natürlichen Anlagen eine entgegengesetzte Richtung zu geben; aber daß es
möglich ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Gott hat uns
in einem gewissen Maße die Macht ertheilt, uns unser
Schicksal selbst zu bestimmen, und wenn uns unsere Kräfte
verlassen, wenn unser Wille den Versuch macht, einen anderen Pfad einzuschlagen, als denjenigen, den wir zu gehen beschlossen, dürfen wir weder ohnmächtig zusammenbrechen, noch in unzeitiger Verzweiflung stehen bleiben. Wir
müssen dann eine ebenso kräftige und gesündere Nahrung
für den Geist suchen, als die verbotene ist, nach der er
verlangt und dem zögernden Fuße einen ebenso breiten und
geraden Weg aushauen, als derjenige ist, den das Schicksal abgesperrt hat.
‘Noch vor einem Jahre fühlte ich mich unaussprechlich
elend, weil ich durch die Wahl des geistlichen Standes einen
Mißgriff gethan zu haben dachte. Die Erfüllung der einförmigen Pflichten eines Seelsorgers langweilte mich unaussprechlich und ich sehnte mich nach dem thätigeren Treiben
der Welt, nach den aufregenderen Arbeiten der literarischen
Laufbahn, nach dem Berufe eines Künstlers, Schriftstellers
oder Redners, kurz nach allem Andern, als dem bescheidenen Wirken eines Priesters. Das Herz eines Politikers,
eines Soldaten, eines Dieners des Ruhmes, eines Vasallen der Ehre schlug unter dem schlichten Gewande eines Landpfarrers und mein Leben kam mir so trostlos vor, daß ich
es entweder ändern mußte oder den sicheren Tod vor Augen
sah. Nach einem Zeitraume der Finsterniß und des Kampfes
brach das Licht hervor und die Hilfe nahte; mein verkrüppeltes Daseyn breitete sich vor mir gleich einer unabsehbaren
Ebene aus und mein Geist vernahm einen Ruf vom Himmel,
sich zu erheben, seine gesammte Kraft zusammen zu raffen,

seine Schwingen auszuspannen und zur Unendlichkeit empor zu steigen. Gott hatte eine Sendung für mich bereit, zu
deren Vollführung die vereinten Eigenschaften des Soldaten, des Staatsmannes und des Redners, Geschicklichkeit
und Kraft, Muth und Beredsamkeit erforderlich sind — die
Sendung eines Missionärs.
‘Und ein solcher beschloß ich zu werden. Von diesem
Augenblicke an änderte sich der Zustand meiner Seele, die
Fesseln fielen von allen Kräften meines Geistes ab und hinterließen kein anderes Zeichen der Knechtschaft, als jene
Wundmale, die nur die Zeit heilen kann. Mein Vater war
wohl meinem Entschlusse entgegen, doch seit er todt ist, steht
mir kein beachtenswerthes Hinderniß im Wege. Noch habe ich
einige Geschäfte zu ordnen, für meinen Posten einen Nachfolger zu finden, vielleicht mit dem oder jenem Gefühle einen
Kampf zu bestehen, aus dem ich, ich bin dessen gewiß, als
Sieger hervor gehe, weil ich es mir zugeschworen, daß ich
siegen will und ich verlasse sofort Europa, um nach dem
Osten zu wandern.’
Er sagte dieses in seiner eigenthümlichen Redeweise mit
leiser, doch erregter Stimme und sah, mit seiner Rede zu
Ende gekommen, nicht nach mir, sondern nach der untergehenden Sonne. nach der auch ich blickte. Wir wandten
beide dem Pfade, der vom Felde zur Gartenthür führte, den
Rücken. Wir vernahmen keine Tritte auf dem weichen Grasboden und waren daher mit Recht nicht wenig überrascht,
als wir eine muntere. sanft klingende Stimme sprechen
hörten:
‘Guten Abend. Mr. Rivers; guten Abend, alter
Carlo. Ihr Hund erkennt gute Freunde schneller, als Sie,
Sir; er spitzte die Ohren und wedelte mit dem Schweife,

als ich noch am andern Ende des Feldes war, und Sie kehren mir noch immer den Rücken.’
Es war wirklich der Fall. Wiewohl Mr. Rivers bei
den ersten Lauten zusammen gefahren war, als hätte ihn
der Blitz getroffen, so stand er doch noch am Schlusse der
Anrede in derselben Stellung da, die Arme auf den Gartenzaun gestützt, das Gesicht gegen Westen gewandt. Endlich drehte er sich gemessen und langsam herum. Eine zauberische Erscheinung war neben ihm wie aus der Erde empor gestiegen; eine jugendliche, anmuthige, weißgekleidete
Gestalt, die Umrisse voll, doch zart, und als sie von dem
Hunde, der sie geliebkost hatte, emporsah und ihren langen
Schleier zurückschlug , leuchtete mir ein Gesicht von vollkommener Schönheit entgegen. Vollkommene Schönheit ist
ein starker Ausdruck, aber ich nehme ihn nicht zurück und
ändere ihn kein Haar breit; das zarteste, rosigste Gesicht,
makellos wie eine Lilie, welches je unter dem gemäßigten
Himmel Albions erblühte, rechtfertigte in diesem Falle die
gebrauchte Bezeichnung auf's Glänzendste. Das Mädchen
hatte feine, regelmäßige Züge, ein großes dunkles Auge,
lange Wimpern, feingezeichnete Brauen, eine glatte, weiße
Stirne, welche lebhaften gefärbten Schönheiten so wohl ansteht. Frische, volle Wangen, kirschrothe Lippen, schöne
weiße Zähne, ein reizend geformtes Kinn mit einem Grübchen, ein üppiger Haarwuchs vollendeten das herrliche Meisterstück. Ich war sprachlos vor Verwunderung über das
liebliche Geschöpf; die Natur mußte es in einer ganz besonders guten Laune geformt haben, da sie bei demselben
ihre gewöhnliche Stiefmütterlichkeit bei Seite gesetzt und ihren Liebling mit der großmüthigsten Freigebigkeit bedacht hatte.

‘Was mochte wohl St. John Rivers von diesem irdischen Engel halten?’ So frug ich mich. während er sich zu
dem Märchen wandte und suchte, wie natürlich, die Antwort auf seinem Gesichte zu lesen. Allein er hatte seinen Blick
bereits wieder von der Peri weggewandt und betrachtete einen Busch Maiblümchen am Gartenzaune.
Ein lieblicher Abend; doch viel zu spät für Sie, um allein auszugehen , ? sagte er, die Blümchen mit dem Fuße
zertretend.
‘Oh, ich kam erst diesen Nachmittag von S*** (sie
nannte eine zwanzig Meilen entlegene große Stadt) zurück.
Papa sagte mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue Lehrerin wäre auch schon da, und so setzte ich nach
dem Thee meinen Hut auf und lief hierher, um sie zu sehen. Ist's die hier?’ auf mich zeigend.
‘Ja,’ erwiederte St. John.
‘Glauben Sie wohl, daß es Ihnen auf die Länge in Morton gefallen wird?’ frug sie mich mit naiver Einfalt,
die, wenn natürlich, so sehr gefällt.
‘Ich hoffe es, und es sprechen viele Gründe dafür.’
‘Fanden Sie Ihre Schülerinnen so aufmerksam, wie Sie es erwarteten?’
‘Vollkommen.’
‘Gefällt Ihnen Ihre Wohnung?’
‘Sehr.’
‘Habe ich sie nicht nett eingerichtet?’
‘Sehr nett, in der That.’
War ich in der Wahl Alice Wood’s, Ihres Mädchens, glücklich?’
‘Ganz gewiß. Sie ist gelehrig und geschickt.’ Also
das ist Miß Oliver, die Erbin, dachte ich bei mir. Das

Glück und die Natur scheinen sie gleich sehr begünstigt zu
haben! Welch' glückliche Constellation mag wohl bei ihrer
Geburt wirksam gewesen seyn?
Zuweilen will ich herüber kommen und Ihnen im
Unterrichtgeben beistehen,’ fügte sie hinzu. ‘Es wird mir
eine angenehme Abwechslung gewähren, Sie dann und
wann zu besuchen, und ich liebe die Abwechslung. Mr. Rivers, ich war während meines Aufenthaltes in S*** ganz
außerordentlich lustig. Die vergangene Nacht, oder vielmehr diesen Morgen tanzte ich bis zwei Uhr. Das zehnte
Regiment liegt seit den letzten Unruhen dort und die Offiziere sind die angenehmsten Leute von der Welt. Sie beschämen alle unsere Scheerenschleifer und Messerhändler.’
Es schien mir als hätte sich Mr. St. John's Gesicht
für einen Augenblick verdüstert, als ihm das lustige Mädchen diese Eröffnung machte. Er blickte von den Blumen
auf und sah ihr ins Antlitz. Sein Blick war forschend, bedeutungsvoll; sie beantwortete ihn mit einem zweiten Lacher und das Lachen stand ihrem jugendlichen Gesichte ganz
besonders gut.
Während er stumm und ernst dastand, bog sie sich wieder zu Carlo herab und herzte ihn. ‘Der arme Carlo liebt
mich,’ sagte sie. ‘Er ist nicht ernst und gemessen mit seinen
Freunden und könnte er sprechen, er schwiege nicht still.’
Eine brennende Röthe überflog bei diesen Worten St.
John's Gesicht und er sah in seiner Aufregung als Mann
eben so schön aus, wie Miß Oliver als Märchen. Seine
Brust hob sich, als wollte sich sein volles Herz der tyrannischen Fesseln entledigen und sich in angeborner Freiheit
ausdehnen; aber er bändigte es, wie ein guter Reiter sein
Pferd bändigt, und erwiederte das freundliche Entgegenkommen des Mädchens weder mit
einem Blicke.
‘Papa meint, Sie besuchten uns jetzt gar nicht mehr,’
fuhr Miß Oliver fort. ‘Sie sind unserem Hause beinahe
entfremdet. Er ist diesen Abend allein und etwas unwohl;
wollen Sie mich zurück geleiten und ihm bei dieser Gelegenheit einen Besuch abstatten?’
‘Es ist zu spät, um Mr. Oliver noch belästigen zu
können,’ antwortete St. John.
‘Zu spät! Wo denken Sie hin? Es ist gerade jetzt
die Zeit, wo sich Papa am meisten nach Gesellschaft sehnt,
denn die Arbeitsstunden sind zu Ende und er hat nichts
weiter zu thun. Wohlan, Mr. Rivers, kommen Sie. Warum
sind Sie so scheu und so düster?’
‘Ich vergesse ganz,’ fuhr sie fort, als er keine Antwort geben zu wollen schien, ‘ich vergesse ganz, daß Sie
wohl Ursache haben, traurig zu seyn. Verzeihen Sie mir.
Ich dachte nicht daran, daß Diana und Mary fort und Sie
nun ganz verlassen sin. Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, aber kommen Sie mit zu Papa.’
‘Heute Abend nicht, Miß Rosamond, heute nicht.’
St. John sprach beinahe wie ein Automat und nur
er allein wußte, welche Ueberwindung es ihm kostete, die
Einladung auszuschlagen.
‘Nun gut, wenn Sie so eigensinnig sind, so muß ich
wohl gehen; ich darf nicht länger ausbleiben, denn der
Thau fällt. Gute Nacht.’
Sie reichte ihm die Hand hin, er berührte sie ganz leicht.
‘Gute Nacht!’ wiederholte er leise und dumpf wie
ein Echo. Sie ging, kehrte aber sogleich wieder um.

‘Sind Sie wohl?’ frug sie. Und die Frage war am
rechten Orte, denn sein Gesicht sah so weiß aus wie ihr
Kleid.
‘Ganz wohl,’ versetzte er und verließ mit einer Verbeugung den Gartenzaun. Sie ging dahin, er dorthin; sie
sah sich zweimal nach ihm um, als sie elfenartig durch die
Felder schwebte; er ging festen Schrittes dem Pfarrhause zu
und wandte sich kein einziges Mal.
Dieses Schauspiel fremder Leiden und Aufopferung
zog meine Gedanken vom eigenen Kummer ab. Diana hatte
behauptet, ihr Bruder wäre ‘unerbittlich’ wie der Tod.
Diese Bezeichnung war keine Uebertreibung.

Zweiunddreißigstes Capitel.

Ich setzte meinen Unterricht in der Dorfschule mit möglichster Thätigkeit und Gewissenhaftigkeit fort. Anfangs war
es mir eine sauere Arbeit und eine geraume Zeit verging,
bevor ich es mit all' meinen Anstrengungen dahin brachte,
meine Schülerinnen und ihre natürlichen Anlagen kennen
zu lernen. Bei ihrer gänzlichen Unwissenheit und dem Stocken
aller geistigen Thätigkeit schienen sie mir alle gleich talentlos
zu seyn; aber schon nach einigen Wochen fand ich, daß ich
mich geirrt hatte. Auch unter den Bauernkindern gab es, wie
unter den Kindern gebildeter Stände, einen Unterschied,
und als ich mit ihnen und sie mit mir vertraut geworden
waren, machte sich diese Verschiedenheit rasch bemerkbar.
Sobald nur einmal ihre Verwunderung über meine Sprache,
meine Manieren und Gewohnheiten zu Ende war, bildeten
sich sehr viele von den schwerfällig aus sehenden, Maulaffen

feil haltenden Landdirnen gar schnell zu ganz gescheiden und
geschickten Mädchen heran. Sehr viele darunter wurden sogar zuvorkommend, artig und liebenswürdig und gar manche
zeigten ganz außerordentliche geistige Anlagen. Diese letzteren zeichneten sich sehr bald durch Fleiß, gute Sitten und
Nettigkeit in ihrer äußern Erscheinung aus. Die bewundernswerthen Fortschritte von einigen derselben gaben mir zu gerechtem Stolze Veranlassung und nicht wenige gewann ich
sogar in gleichem Maße lieb, als auch sie mir ihre Zuneigung bewiesen. Unter meinen Schülerinnen befanden sich
auch einige beinahe erwachsene Pachterstöchter, die schon
schreiben, lesen und nähen konnten und nun bei mir Sprachlehre, Geographie, Geschichte und feine weibliche Arbeiten
lernten. Ich fand darunter schätzbare Charaktere, gleich lernbegierig, wie für sittliche Vervollkommnung empfänglich, mit
denen ich in den Wohnungen ihrer Eltern manchen angenehmen Abend verbrachte und wobei mich die letzteren mit
Aufmerksamkeiten aller Art überhäuften.
Im Allgemeinen war mir die ganze Nachbarschaft
freundlich zugethan. So oft ich nur meine Wohnung verließ, schallten mir herzliche Grüße von allen Seiten entgegen und hießen mich freundliche Blicke willkommen. Die
Achtung und Werthschätzung und sey es auch nur diejenige
von Landleuten, wärmt wie milder Sonnenschein, und den
freudigen Aufregungen gab es in jener Periode meines Lebens gar manche. Aber dennoch pflegten mich nach einen
freudig, wenn auch mühsam verlebten Tage und nach einen
mit Zeichnen und Lesen zugebrachten Abende gar sonderbare
Träume zu beschleichen, die mir mitten in stürmischen Scenen
wieder und immer wieder Mr. Rochester, seine Blicke, den

Ton seiner Stimme, die Hoffnung, mit ihm durchs Leben
zu gehen, vormalten. Ich erwachte dann; ich erinnerte mich,
wo und in welcher Lage ich mich befand und setzte mich vor
Aufregung zitternd in meinem Bette auf. Die dunkle Nacht
war Zeuge der Ausbrüche meiner Verzweiflung, meiner Leidenschaft; aber schon um neun Uhr des Morgens eröffnete
ich die Schule, ruhig, gefaßt, keine Spur der schmerzlich
durchwachten Nacht im Gesichte.
Rosamond Oliver hielt ihr Versprechen, mich zeitweilig besuchen zu wollen.
Gewöhnlich pflegte sie bei mir des
Morgens bei Gelegenheit ihres Spazirrittes einzusprechen;
ein Diener in Livree begleitete sie. Man konnte nicht leicht
eine schönere Erscheinung sehen als das reizende Mädchen in
ihrem purpurnen Reitkleide und dem schwarzsammtnen, graziös in die dichten Locken gedrückten Amazonenkäppchen. In
diesem Aufzuge schritt sie durch die Reihen der geblendeten
Bauernmädchen hindurch und bei Mr. St. John vorüber,
der um diese Zeit den Religionsunterricht zu ertheilen pflegte.
Wie ein zweischneidiger Dolch durchbohrten die Augen der
schönen Besucherin des jungen Predigers Herz. Eine Art Instinct schien ihn von dem Nahen in Kenntniß zu setzen, und
wenn er auch vom Eingange, an dem sie erschien, wegsah,
brannten ihm doch die Wangen und seine anscheinend versteinerten Gesichtszüge nahmen einen veränderten Ausdruck
an, der in seiner scheinbaren Ruhe mehr innere Aufregung
verrieth, als es das Jucken aller Muskeln vermocht hätte.
Jedenfalls kannte sie ihre Macht, denn er verbarg ihr die Wirkung derselben nicht, weil er es nicht konnte. Trotz eines christlichen Stoicismus zitterte seine Hand und leuchteten seine Augen, wenn sie auf ihn zukam, ihm freundlich, ja ermuthigend zulächelte. Seine traurigen, doch entschlossenen Blicke schienen zu sagen: ‘Ich liebe Sie und ich weiß, Sie zeichnen mich aus. Nicht die Verzweiflung um Erfolge macht mich stumm, denn wenn ich Ihnen mein
Herz anböte, würden Sie es, glaub' ich, annehmen. Aber dieses Herz ist schon auf einen geheiligten Altar gelegt und
das Feuer rund herum angezündet. Bald wird das Opfer
vollbracht seyn.’
Miß Oliver schmollte dann wie ein in seinen Erwartungen getäuschtes Kind und eine düstere Wolke verdunkelte
ihre glänzente Lebhaftigkeit. Sie zog die Hand zurück und
schien den fernern Anblick des heldenmüthigen Märtyrers
zu meiden. St. John hätte wohl die ganze Welt darum gegeben, ihr folgen, sie zurückrufen zu können; doch er mochte
auch nicht Ein Stückchen seines Himmels opfern, oder für
das Elysium ihrer Liebe Eine Hoffnung des wahren, ewigen
Paradieses hingeben. Zudem konnte er auch nicht alle seine
Eigenschaften — die Schwärmerei, den Ehrgeiz, die Romantik, seine Religiosität in dieser Einen Leidenschaft vereinigen, nicht das wilde Schlachtfeld seines bevorstehenden
geistlichen Kriegszuges mit den Salons und der stillen Ruhe
von Mr. Oliver's Hause vertauschen. Er sagte mir das
Alles eines Tages, wo ich ihn trotz seiner gewöhnlichen Zurückhaltung zu vertraulichen Eröffnungen gebracht
hatte.
Die reiche Erbin beehrte mich nun auch mit häufigen
Besuchen in meiner Wohnung und ich lernte ihren Charakter kennen, der übrigens ganz offen vor Augen lag. Sie
war gefallsüchtig, doch nicht herzlos; sie machte Ansprüche,
doch ohne eine unwürdige Selbstsucht zu verrathen. Man

hatte ihr von Jugend auf ihren Willen gelassen, aber sie
war darum nicht ganz verdorben. Sie war heftig, aber dabei gutmüthig und eitel, aber nicht affectirt, freigebig, ohne
Geldstolz, naiv, ziemlich verständig, munter, lebhaft und
rasch, mit Einem Worte selbst für einen kalten Beobachter
reizend; allein sie konnte kein tieferes Interesse erwecken,
und keinen nachhaltigen Eindruck machen. Wie ganz verschieden war sie zum Beispiel in geistiger Beziehung von
St. John's Schwestern! Aber dennoch war ich ihr gut, wie
etwa Adelen, meiner früheren Schülerin, nur daß die Zuneigung zu einem Zöglinge weit inniger ist als diejenige, die
man für eine gleich anmuthige, jedoch erwachsenere Person empfindet.
Auch sie war mir sehr geneigt. Sie sagte, ich wäre
Mr. Rivers ähnlich, aber natürlich nicht den zehnten Theil
so schön; ich wäre zwar auch eine allerliebst kleine Seele,
doch Mr. St. John dagegen ein wahrer Engel. Ihrer Ansicht nach war ich indessen so gut, so geschickt, so gesetzt und
so charakterfest als er und als eine Dorfschullehrerin ein
wahres Naturwunder. Meine Lebensgeschichte, meinte sie,
müßte einen sehr interessanten Roman abgeben.
Eines Abends, wo sie mit ihrer angebornen Neugierde
den Geschirrkasten und die Tischlade meiner kleinen Küche
durchstöberte, entdeckte sie zwei französische Bücher, einen
Band von Schiller's Werken, eine deutsche Sprachlehre und
ein Wörterbuch, meine Zeichenrequisiten und einige Skizzen,
bestehend aus dem Porträte einer meiner kleinen Schülerinnen und aus verschiedenen Ansichten des Thales von Morton und des um liegenden Heidelandes. Erst sprachlos vor

Verwunderung, machte sie alsbald den Gefühlen des lebhaftesten Vergnügens Luft.
‘Haben Sie das gemalt? Können Sie französisch und
deutsch? Sie liebes Wundermädchen! Sie zeichnen und malen ja besser, als mein Meister in S***. Möchten Sie
wohl so gut seyn, mein Bildniß zu skizziren, um es Papa zu zeigen?’
‘Mit dem größten Vergnügen,’ erwiederte ich, und
freute mich in der That auf den Kunstgenuß, ein so vollkommenes Modell copiren zu können. Sie hatte an jenem
Tage ein dunkelblaues Seidenkleid an; die Arme und der
Nacken waren bloß und ihr einziger Schmuck bestand aus
den kastanienbraunen Locken, die mit der eigentlich wilden
Grazie natürlicher Ringel auf ihre Schultern herabwallten. Ich nahm ein Blatt feines Papier und zeichnete die Umrisse; da es aber schon spät war, so bat ich sie, mir, zur
Vollendung des Bildnisses ein andermal zu sitzen.
Sie machte ihrem Vater eine solche Beschreibung von
mir, daß er, ein großer, starker, grauköpfiger Mann von
mittlerem Alter, neben dem sich seine Tochter wie eine liebliche Blume an einer beschneiten Ruine ausnahm, die letztere gleich am nächsten Abende zu mir begleitete. Er schien
sehr schweigsam und sehr stolz zu seyn, doch behandelte er
mich mit besonderer Güte. Die Skizze von Rosamundens
Porträt gefiel ihm außerordentlich und er bat mich, sie
vollends auszuarbeiten. Auch bestand er darauf, ich müsse
den nächsten Abend in seinem Hause zubringen.
Ich folgte der Einladung und sah ein großes, schönes
Gebäude, das in allen seinen Räumen den Reichthum seines Besitzers zur Schau trug. Rosamond war die ganze

Zeit, die ich mich dort aufhielt, voll der herzlichsten Freude
und ihr Vater selbst ungemein freundlich. Nach dem Thee
ließ er sich mit mir in ein längeres Gespräch ein und drückte
seine besondere Zufriedenheit mit meinen Leistungen in der
Mädchenschule aus; nur meinte er, ich sey nach Allem,
was er gehört und gesehen, zu gebildet und zu begabt für
eine derlei Stellung; er müsse also befürchten, ich würde
sie bald mit einem angemesseneren Posten vertauschen
wollen.’
‘Gewiß!’ rief Rosamunde. ‘Sie ist hinlänglich geschickt, um als Gouvernante in eine vornehme Familie einzutreten.’
Ich bemerkte, ich wolle lieber in meiner jetzigen Stellung verharren, als irgend einer vornehmen Familie meine
Dienste zu widmen. Mr. Oliver sprach von Mr. Rivers
und der ganzen Familie überhaupt mit besonderer Hochachtung. Der Name sey sehr alt, sagte er; die Rivers seyen
ehemals sehr reich gewesen: ganz Morton habe ihnen gehört, und noch jetzt könne der letzte Sprößling ohne Scheu
eine Verbindung mit einem der besten Häuser nachsuchen.
Er bedauerte, daß ein so hübscher und so reich begabter
junger Mann den Entschluß fassen konnte, als Missionär
in die weite Welt hinaus zu gehen und sein kostbares Leben
in die Schanze zu schlagen. Aus Allem war zu ersehen, daß
Mr. Oliver gegen eine Verbindung seiner Tochter mit Mr.
Rivers nichts einzuwenden gehabt hätte, dessen alter Name
und heiliger Beruf ihm ein hinreichender Ersatz für den
Mangel an Vermögen zu seyn schienen.
Es war der fünfte November und ein Feiertag. Mein
kleines Dienstmärchen hatte mir geholfen, die Wohnung zu

reinigen und war bereits wieder, mit einem Penny für
ihre Bemühung beschenkt, heimgegangen. Alles um mich
herum war blank geputzt und auch ich hatte mich sauber angezogen, um den Nachmittag nach meinem besten Ermessen
zuzubringen.
Die Uebersetzung einiger Seiten aus dem Deutschen
nahm eine Stunde weg; dann ergriff ich meine Palette
und meine Pinsel und machte mich daran, Rosamond Oliver's Miniaturbildniß zu vollenden. Der Kopf war bereits
fertig, nur der Hintergrund und die Draperie war zu malen und hin und wieder etwas nachzubessern. Noch
war ich in voller Arbeit, als Jemand an meine Thüre
klopfte und einen Augenblick später John Rivers in die
Stube trat.
‘Ich komme nachzusehen, wie Sie den Feiertag verbringen,’ sagte er. ‘Doch nicht mit trübem Hinbrüten?’
Nein! Das ist gut: wenn Sie malen, fühlen Sie sich
wohl nicht einsam. Sie sehen, daß ich Ihnen noch immer
nicht recht traue, wiewohl Sie sich bis jetzt ganz musterhaft betrugen. Ich habe Ihnen ein Buch zur Abendlecture
mitgebracht,’ und er legte ein neues Werk auf den Tisch,
eine jener herrlichen Dichtungen, womit das damalige, in
dieser Beziehung beneidenswerthe Publicum so oft erfreut
wurde. Während ich das Buch hastig durchblätterte — es
war Marmion — bückte sich St. John, um meine Malerei
zu besehen. Seine schlanke Gestalt sprang wie eine Feder
sogleich wieder empor, doch sagte er nichts. Ich sah ihn an,
er wich meinem Blicke aus. Wohl kannte ich seine Gedanken
und konnte in seinem Herzen lesen, denn ich war in diesem Augenblicke ruhiger und kaltblütiger als er. Insoferne

stand ich über ihm und fühlte die Neigung in mir, diesen
Moment zu seinem Besten zu benützen.
Bei all' seiner Festigkeit und Selbstüberwindung,
dachte ich bei mir, strengt er sich zu sehr an, verschließt
jedes Gefühl, jeden Schmerz in sich und verräth sich durch
keine Sylbe. Ich bin überzeugt, es wäre ihm angenehm von
der hübschen Rosamunde plaudern zu können und will ihn
zum Sprechen bringen.
‘Setzen Sie sich, Mr. Rivers,’ begann ich. Allein
er erwiederte, wie immer, er könne nicht bleiben. Gut,
sagte ich zu mir selbst, bleibe stehen, wenn Du willst, aber
gehen darfst Du noch nicht, denn die Einsamkeit ist für
Dich wenigstens ebenso schädlich wie für mich. Ich will es
versuchen, die geheime Springfeder deines Vertrauens und
eine Oeffnung in deiner Felsenbrust aufzufinden, durch die
ich Dir lindernden Balsam in dein Herz träufeln kann.
‘Finden Sie dieses Porträt ähnlich?’ frug ich ihn
geradezu.
‘Aehnlich! Wem soll es ähnlich seyn? Ich habe es
nicht genau angesehen.’
Sie haben es angesehen, Mr. Rivers.
Er schrak ordentlich über meine trockenen Bemerkungen zusammen und sah mich verwundert an. Oh, damit
ist's nichts, dachte ich im Stillen. Es fällt mir nicht ein,
mich durch dein steifes Betragen beirren zu lassen. Ich bin
auf alle Fälle vorbereitet. — ‘Sie sahen es ganz genau
an,’ fuhr ich laut fort; ‘aber ich habe nichts einzuwenden,
wenn Sie es noch einmal betrachten,’ und ich stand auf
und gab ihm das Porträt in die Hand.

‘Ein sehr gut ausgeführtes Bild,’ sagte er; ‘das
Colorit äußerst zart, die Zeichnung sehr correct.’
‘Wohl, wohl, ich weiß das. Aber wie steht es mit
der Aehnlichkeit? Wem sieht es gleich?’
Einige Aufregung unterdrückend erwiederte er: ‘Miß
Oliver, wie ich glaube.’
‘Freilich wohl, und um Sie für Ihr richtiges Errathen zu belohnen, verspreche ich Ihnen eine getreue
Copie dieses Bildes anzufertigen, vorausgesetzt daß Sie mir
die Versicherung geben, das Geschenk sey Ihnen angenehm.
Ich möchte nicht gerne meine Zeit an eine Arbeit wenden,
die dann vielleicht in Ihren Augen keinen Werth hätte.’
Er fuhr fort das Gemälde zu betrachten; je länger
er es ansah, desto fester hielt er es, desto mehr schien es
ihn zu fesseln. ‘Es ist ähnlich,’ murmelte er, ‘das Auge,
der ganze Ausdruck ist vollkommen gut. Es lächelt.’
‘Würde es Sie trösten oder Ihnen Schmerz bereiten,
wenn Sie ein ähnliches Bildniß besäßen? Sagen Sie mir das. Denken Sie sich, Sie wären in Madagaskar, im Caplande oder in Indien: wäre es für Sie ein Trost dieses
Angedenken zu besitzen, oder würde vielmehr der Anblick
desselben traurige, schmerzliche Erinnerungen in Ihnen wachrufen?’
Er sah mich verstohlen an; er schien unentschlossen,
verstört zu seyn. Dann blickte er wieder auf das Bildniß.
‘Daß ich es gerne besitzen möchte ist gewiß, ob es
aber vernünftig oder klug wäre, das ist eine andere Frage.’
Seitdem ich wußte, daß ihm Rosamunde geneigt sey
und auch ihr Vater nichts wider die Partie habe, war ich

in meinem Herzen, da meine Ansichten nicht so überspannt
waren als diejenigen St. Johns, für diese Verbindung
äußerst günstig gestimmt. Ich dachte daß er, im einstigen
Besitze von Mr. Oliver's großem Vermögen, eben so viel
Gutes wirken könnte, als wenn er seinen Geist und seinen
Körper unter der Sonnenglut der Tropenländer aufriebe.
Von dieser Ueberzeugung durchdrungen gab ich ihm zur
Antwort:
‘Soweit ich die Angelegenheit kenne, wäre es vernünftiger und klüger, wenn Sie gleich auf einmal das
Original in Besitz nähmen.’
Er hatte sich unterdessen niedergesetzt, das Bild auf den
Tisch vor sich hingelegt und sah, den Kopf mit beiden Händen unterstützt, ununterbrochen darauf hinunter.
Ich bemerkte, daß ihn meine Zudringlichkeit weder verdroß,
noch viel weniger in Zorn brachte; vielmehr schien ihm dieses Gespräch, über einen Gegenstand, den er bisher für unnahbar gehalten hatte, ein nie empfundenes Vergnügen,
einen ungehofften Trost zu gewähren. Zurückhaltende Leute haben es weit öfter als die mittheilsamen nöthig, daß man ihre Gefühle, ihre Schmerzen frei und offen mit ihnen bespricht. Der ernsteste Stoiker ist am Ende auch ein Mensch, dem man einen Gefallen erweist, wenn man zuerst in das
‘stille Meer’ seiner Seele hinabtaucht.
‘Sie ist Ihnen gut, das weiß ich gewiß,’ sagte ich,
‘und ihr Vater achtet Sie hoch. Zudem ist sie ein sehr
sanftes, vielleicht etwas gedankenloses Geschöpf; aber dafür haben Sie mehr als hinreichend genug Gedanken für
zwei. Sie sollten sie heirathen.’
‘Ist sie mir wirklich gut?’ frug er.

‘Gewiß, mehr als irgend jemanden auf der Welt,
Sie spricht beständig von Ihnen, kein anderer Gegenstand
freut sie so sehr und wird von ihr so oft berührt.’
‘Es ist sehr angenehm, so etwas zu hören,’ versetzte
er; ‘sprechen Sie noch eine Viertelstunde so fort.’ Und er
zog in der That seine Uhr aus der Tasche und legte sie auf
den Tisch vor sich hin, um die Zeit zu messen.
‘Aber was soll das nützen,’ wandte ich ein, ‘wenn
Sie wahrscheinlich irgend eine unumstößliche Erwiederung
gleich einem zerschmetternden Keulenschlage vorbereiten, und
Ihr Herz in neue Fesseln schmieden?’
‘Bilden Sie sich solch' böse Sachen nicht ein. Halten
Sie mich lieber für sanft und nachgiebig, wie ich es wirklich bin, denn die Liebe steigt wie ein Springbrunnen frisch
und munter in meinem Herzen in die Höhe, und übergießt
mit ihren klaren Fluten all' das Gefilde, das ich so mühsam bearbeitet, so sorgfältig mit der Saat guter Entschlüsse
und selbstverläugnender Pläne bestellt hatte. Und nun haben
die Nektarwellen die jungen Schößlinge weggeschwemmt,
und köstliches Gift tödtet ihre Wurzeln. Ich sehe mich an
der Seite meiner Braut Rosamond Oliver in ihrem Hause
auf einer Ottomane des Besuchzimmers hingestreckt; sie spricht
zu mir mit ihrer süßen Stimme, blickt mich mit diesen herrlichen Augen an, die Ihre kunstvolle Hand so natürlich auf
dieses Papier hinzauberte, sie lächelt mir mit diesen Korallenlippen zu. Sie ist mein — ich gehöre ihr an — dies
Erdenleben, diese vergängliche Welt genügen mir. Aber stille!
Mein Herz ist übervoll — meine Sinne umdüstert — lassen wir die Zeit, die ich mir bestimmt, ruhig ablaufen.’
Ich widersprach ihm nicht; die Uhr pickte eintönig fort,

er athmete schnell und tief. Inmitten dieser stillen Pause ging
die anberaumte Viertelstunde zu Ende. Er steckte die Uhr wieder ein, legte das Bild nieder, stand auf und trat zum
Camine.
‘Dieser kleine Zeitraum,’ sagte er, ‘war dem Wahne
und der Selbsttäuschung gewidmet. Ich ließ mein Haupt
an der Brust der Versuchung ausruhen, beugte meinen Nacken mit Willen unter ihr blumiges Joch, und nippte von
dem berauschenden Tranke ihres Bechers. Das Kissen brannte,
die Blumen bargen eine Natter, der Wein hatte einen bittern Nachgeschmack. Alle ihre Versprechen sind leer, ihre
Anträge bethörend, ich weiß das.’
Ich sah ihn voll Verwunderung an.
‘Es ist wunderbar,’ fuhr er fort, ‘daß während ich
Rosamond Oliver mit aller Macht der ersten Zuneigung liebe,
ich doch in meinem Innern die ruhige, feste Ueberzeugung
habe, sie sen kein Weib für mich, sie passe nicht zu mir,
und ich müsse dies längstens in einem Jahre nach der Vermälung erkennen. Ein Leben voll bitterer Reue wäre durch
ein zwölfmonatliches Entzücken zu theuer erkauft!’
‘Wirklich sonderbar!’ rief ich unwillkürlich aus.
‘Während ein Theil meines Herzens durch ihre Reize
bezaubert ist, hat der andere das volle Bewußtseyn ihrer
Fehler. Ihrer ganzen Wesenheit nach könnte sie mit mir unmöglich sympathisiren, mir in meinem Wirken, Vorhaben
unmöglich zur Seite stehen. Rosamond sollte dulden, arbeiten, ein weiblicher Apostel werden? Rosamond das Weib
eines Missionärs? Nimmermehr!’
‘Aber Sie müssen ja diesen Beruf nicht ergreifen. Sie
können Ihr Vorhaben aufgeben.’

Ich mein Vorhaben aufgeben? Mein großes Werk
unvollendet lassen? Was soll aus dem Grundsteine werden,
den ich hiernieden für meine dereinstige Wohnung im Himmel legen will? was aus meiner Hoffnung, den Männern
beigezählt zu werden, die alle irdischen Vortheile freudig
zum Opfer brachten, um das Licht der Erkenntniß in die
Wohnungen der Finsterniß und des Aberglaubens zu tragen, um an die Stelle des Krieges den Frieden, an die
Stelle der Sclaverei die Freiheit, an die Stelle der Furcht
vor der Hölle die Hoffnung auf ein ewiges Leben zu setzen?
Das Alles sollte ich bei Seite legen? Diese Zukunft ist mir
theurer als mein Herzblut und ich kann durchaus nicht von
ihr lassen!’
‘Und Miß Oliver?’ bemerkte ich nach einer Weile.
‘Achten Sie ihren Schmerz, ihre getäuschten Hoffnungen
für gar nichts?’
‘Miß Oliver wird auch ferner Anbeter und Schmeichler
genug um sich versammeln; in weniger als einem Monat
ist mein Andenken aus ihrem Herzen verschwunden. Sie wird
mich vergessen und einen andern heirathen, der sie jedenfalls glücklicher machen wird, als ich es gekonnt hätte.’
‘Sie sprechen frostig genug, aber Sie leiden unendlich.
Sie zehren sich ganz auf.’
‘Keineswegs. Wenn ich ein wenig abnehme, so geschieht dies nur aus ängstlicher Sorgfalt für die Ausführung
meines Planes, die, leider! immer wieder verschoben wird.
Erst diesen Morgen erhielt ich wieder einen Brief, der mich
benachrichtigt, daß mein Nachfolger, dessen Ankunft ich
feit so langer Zeit entgegensehe, erst in drei, vielleicht sechs
Monaten eintreffen kann.’

‘Sie zittern und werden roth, so oft Miß Oliver ins
Schulzimmer tritt.’
Der Ausdruck des lebhaftesten Erstaunens machte sich
auf seinem Gesichte bemerkbar. Er hatte sich nie gedacht,
daß ein Weib so zu einem Manne sprechen könnte. Ich für
meinen Theil fühlte mich in dieser Gesprächsweise ganz heimisch. Es war mir von jeher unmöglich gewesen, auf die
Länge mit einem starken gebildeten Geiste umzugehen, ohne
bei günstiger Gelegenheit den Versuch zu machen, die Außenwerke einer conventionellen Zurückhaltung mit Gewalt zu
nehmen, die Schwelle des Zutrauens zu überschreiten und
im Innersten des Herzens ein Plätzchen zu erobern.
‘Sie sind ein originelles Mädchen, und keineswegs
verzagt,’ bemerkte er. ‘In Ihrer Seele wohnt Entschlossenheit und Ihr Auge ist durchdringend; allein Sie müssen
mir die Bemerkung erlauben, daß Sie meine Aufregung
ganz falsch auslegen. Sie halten sie für tiefer liegend und
weit mächtiger, als ich mit gutem Gewissen zugeben kann.
Wenn ich erröthe und in Miß Oliver's Gegenwart zittere,
so habe ich selbst kein Mitleid mit mir. Ich verachte diese
unedle Schwäche, ich weiß, daß sie ein bloßes Fieber des
Fleisches, keine Krankheit der Seele ist, die fest und unerschüttert dasteht, wie ein Felsenriff in der Tiefe der wogenden See. Halten Sie mich für das was ich bin — für einen
kalten, hartherzigen Menschen.’
Ich lächelte ungläubig.
‘Sie haben mein Zutrauen im Sturm genommen,’
fuhr er fort, ‘und Sie sollen mich nun ganz kennen lernen. Ich bin in meinem natürlichen Zustande, ohne jenes
blutgebleichte Staatskleid, mit welchem die Christenheit die

menschliche Fehlerhaftigkeit bedeckt, wie gesagt, ein kalter,
hartherziger, ehrgeiziger Mensch. Von allen Gefühlen hat
blos die natürliche Zuneigung eine immerwährende Macht
über mich. Sonst ist der Verstand und nicht das Gefühl
mein Führer; mein Ehrgeiz ist unbegrenzt, mein Wunsch,
höher zu steigen, mehr als Andere zu thun, unersättlich. Ich
ehre den Fleiß, die Ausdauer, das Talent, weil dies die
Mittel sind, mit welchen die Menschen große Zwecke erreichen und sich zu schwindelnder Höhe erheben können. Ich
verfolge Ihren Lebenslauf mit Interesse. da ich in Ihnen
das Musterbild eines fleißigen, ordnungsliebenden, energischen
Weibes erkannt habe, und nicht etwa deshalb, weil ich
Sie Ihrer Leiden wegen bemitleide.’
‘Sie möchten sich gerne für einen heidnischen Philosophen ausgeben,’ sagte ich.
‘Keineswegs. Zwischen mir und jenen Philosophen
besteht der Unterschied, daß ich glaube, und zwar an das
Evangelium glaube Sie wandten ein unrechtes Beiwort
an. Ich bin kein heidnischer, sondern ein christlicher Philosoph, ein Nachfolger der Secte Jesu. Als sein Schüler befolge ich seine reinen Lehren der Barmherzigkeit, des Wohlwollens; ich vertheidige sie und habe geschworen, sie zu verbreiten. Von Jugend der Religion anhänglich, hat sie meine
natürliche Eigenschaft folgendermaßen ausgebildet. Den
zarten Keim natürlicher Zuneigung zog sie zum Alles überschattenden Baume allgemeiner Menschenliebe heran. Aus
der wildwachsenden, zähen Wurzel menschlichen Rechtsgefühles entwickelte sie eine richtige Ansicht von der göttlichen
Gerechtigkeit. Den Ehrgeiz. Macht und Ruhm für mein
gebrechliches Selbst zu erlangen, verwandelte sie in das unermeßliche Streben, das Reich meines Meisters und Herrn
zu erweitern und das Zeichen des Kreuzes zum Siege zu führen. Das hat die Religion für mich gethan, indem sie den
vorhandenen Stoff zu meinem Besten verwendete, meine
natürlichen Anlagen beschnitt und zügelte. Allein ganz ausrotten konnte sie diese letzteren nicht und es wird dies auch
nicht eher möglich seyn, bis diese sterbliche Hülle füllt,
und die Seele dem Reiche der Geister wiedergegeben wird.
Mit seiner Rede zu Ende gekommen, nahm er seinen
Hut, der auf dem Tische neben der Palette lag.
‘Sie ist ein liebliches Geschöpf,’ flüsterte er leise
vor sich hin, ‘und verdient wohl den Namen der Rose der
Welt.’
‘Soll ich Ihnen Ihr Ebenbild malen?’
‘Zu was? Nein.’
Er bedeckte das Porträt mit dem dünnen Blatte Papier, worauf ich beim Malen meine Hand zu legen pflegte,
um die Zeichnung nicht zu verwischen. Was er mit einem
Male auf diesem weißen Blatte erblickte, das konnte ich mir
unmöglich denken; allein irgend etwas mußte ihm aufgefallen seyn. Denn er hob es rasch empor, besah sich den
Rand und warf mir einen ganz eigenthümlichen, unbegreiflichen Blick zu; einen Blick, der meine ganze Gestalt, mein
Gesicht, meine Kleidung schnell wie der Blitz zu mustern
schien. Seine Lippen öffneten sich, wie zum Sprechen;
aber er unterdrückte die Worte, die eben hervorbrechen wollten.
‘Was ist’s?' frug ich ihn.
‘Ganz und gar nichts,’ gab er zur Antwort und
ich sah, wie er beim Niederlegen des Papieres sehr geschickt

ein kleines Stückchen vom Rande abriß und in seinen
Handschuh gleiten ließ. Mit einem hastigen Kopfnicken und
einem raschgesprochenen ‘Guten Abend!’ verließ er mich.
‘Wahrlich, das geht doch über alle Begriffe!’ rief
ich aus und sah nun meinerseits das Papier ganz genau
von allen Seiten an. Aber außer einigen Farbenklecksen
und Pinselstrichen konnte ich nichts entdecken und nachdem
ich mir durch einige Minuten über das Geheimniß den Kopf
zerbrochen, ohne dahinter kommen zu können, ließ ich die
ganze Sache fallen und verlor sie auch bald aus dem Gedächtniß.

Ende des vierten Theiles.

Dreiunddreißigstes Capitel.

Nach Mr. St. Johns Entfernung begann es zu schneien
und das Gestöber hielt die ganze Nacht an. Auch der nächste
Tag brachte einen bedeutenden Schneefall und gegen Abend
war das Thal ganz verschneit und beinahe unwegsam. Ich
hatte meinen Fensterladen geschlossen, eine Matte vor die
Thüre gelegt, um das Hereindringen des Schnees zwischen
derselben und der Schwelle zu verhindern, zündete dann
ein gutes Feuer und eine Kerze an, und nachdem ich eine
Stunde lang dem tosenden Sturme zugehört, nahm ich
Marmion hervor, und fing an zu lesen und vergaß alsbald
über der Musiker Verse das Heulen des Windes.
Ich hörte ein Geräusch und dachte der Luftzug hätte
an der Thüre gerüttelt. Doch nein, es war St. John Rivers, der in pechfinsterer Nacht, im schrecklichsten Unwetter
zu mir kam; eine dichte Eiskruste deckte seinen Mantel. Ich
war ganz bestürzt, so wenig hatte ich in diesem bösen Wetter das Eintreten eines Besuchers erwartet.
‘Schlimme Nachrichten?’ frug ich. ‘Ist ein Unglück
geschehen?’

‘Nein. Wie leicht Sie in Furcht zu setzen sind,’ antwortete er, seinen Mantel ablegend und an die Thüre hängend und sich den Schnee von den Stiefeln streifend.
‘Ich beflecke die Reinheit Ihres Fußbodens,’ sagte er,
‘aber Sie müssen mir für diesmal verzeihen.’ Dann näherte
er sich dem Feuer. ‘Es war eine harte Arbeit, bis zu Ihnen
zu gelangen, Sie können mir es glauben,’ bemerkte er,
sich die Hände an der wohlthätigen Flamme wärmend. ‘In
eine der Gruben fiel ich bis zum Gürtel; glücklicherweise ist
der Schnee noch ganz locker.’
‘Aber warum sind Sie gekommen?’ konnte ich mich
nicht enthalten zu fragen.
‘Eine sehr ungastliche Frage; doch da Sie mir dieselbe
nun einmal stellen, so muß ich Ihnen wohl auch antworten: blos um ein wenig mit ihnen zu plaudern, da ich
meiner Bücher und meiner einsamen Stube für heute schon
überdrüssig bin. Uebrigens empfinde ich seit gestern die Aufregung einer Person, der man eine Geschichte halb erzählte
und die nun begierig ist die Fortsetzung zu erfahren.’
Er setzte sich. Sein sonderbares Benehmen von gestern
kam mir ins Gedächtniß zurück und in der That fürchtete
ich fast, er habe den Verstand verloren. War er indessen
wirklich wahnsinnig, so erschien seine Geisteskrankheit jedenfalls in ihren Aeußerungen als sehr ruhig und gemäßigt:
denn nie sah wohl sein schönes ausdrucksvolles Gesicht ruhiger und gefaßter aus, als in dem gegenwärtigen Augenblicke, wo er sich das nasse Haar aus der Stirne strich. Ich
wartete, in der Hoffnung, er werde nun wenigstens etwas
Verständliches sagen, aber er stützte den Kopf auf die Hand
und überließ sich seinen Gedanken. Es fiel mir auf, daß
sein Gesicht, gleichwie seine Hand, ganz abgezehrt aussah.

Ein vielleicht ungebetenes Mitgefühl entströmte meinem Herzen und drängte mich zu der Bemerkung:
‘Ich wollte, Diana oder Mary kämen her und lebten
bei Ihnen; es ist eine böse Sache, daß Sie so ganz allein
sind, besonders da Sie auf Ihre Gesundheit so wenig Acht
geben.’
‘Nicht nothwendig,’ versetzte er; ‘ich gebe schon
selbst genug Acht auf mich. Was sehen Sie Krankhaftes
an mir?’
Er sagte diese Worte mit einem Tone der Zerstreutheit
und Sorglosigkeit, der deutlich bewies, daß meine Besorgniß, wenigstens seiner Meinung nach, überflüssig war.
Noch immer hatte er die Hand am Kinn, noch immer
blickte sein Auge träumerisch in die Feuerglut; ich hielt
es für nothwendig, irgend etwas zu sagen, und frug ihn,
ob er keinen kalten Luftzug von der Thüre verspüre,
der er den Rücken zuwandte.
‘Nein,’ erwiederte er ganz kurz und gewissermaßen
eigensinnig.
Wohl, dachte ich; wenn du nicht reden willst, so
magst Du schweigen; ich lasse Dich mit deinen Gedanken
allein und kehre zu meinem Buche zurück.
Ich putzte also das Licht und fuhr in meiner Lectüre
fort. Nach einer Weile bewegte er sich, ich blickte nach ihm;
er zog eine Brieftasche von Maroquin aus dem Rocke, nahm
einen Brief daraus hervor, las ihn, legte ihn wieder zusammen und in die Brieftasche hinein, und verfiel wieder
in sein voriges Hinbrüten. Es schien mir unmöglich, mit
einem so unergründlichen, unbeweglichen Hausmöbel vor
Augen, weiter zu lesen; übrigens war ich zu neugierig,

um schweigen zu können und beschloß daher, ihn, auf die
Gefahr hin zurückgewiesen zu werden, anzureden.
‘Haben Sie in letzter Zeit von Diana und Mary
Nachricht erhalten?’
‘Keine seit jenem Briefe, den ich Ihnen vor einer
Woche zu lesen gab.’
‘Ist in Ihren eigenen Verhältnissen irgend eine Veränderung eingetreten? Sollen Sie etwa England früher
verlassen, als Sie es erwarteten?’
‘Das fürchte ich nicht; ein solches Glück wäre zu
groß, als daß es mir zu Theil werden könnte.’
Auf diesem Punkte zurückgeschlagen, glaubte ich den
Gegenstand des Gespräches ändern zu müssen und beschloß,
über meine Schule und meine Schülerinnen zu sprechen.
‘Mary Garrett's Mutter befindet sich etwas besser und
Mary selbst kam diesen Morgen wieder in die Schule und
nächste Woche soll ich vier neue Schülerinnen aus der Gießerei bekommen — sie wären schon heute hier gewesen,
wenn sie der Schnee nicht daran verhindert hätte.’
‘Wirklich?’
‘Mr. Oliver zahlt für zwei dieser Mädchen.’
‘Thut er das?’
‘Er will sogar die sämmtlichen Schülerinnen am Weihnachtsabend bewirthen.’
‘Ich weiß es.’
‘Kömmt die Idee von Ihnen?’
‘Nein.’
‘Von wem denn?’
‘Von seiner Tochter, wie ich glaube.’
‘Es sieht ihr gleich; sie hat ein so gutes Herz.’
‘Ja wohl!’

Wieder trat die Leere einer Pause ein und die Wanduhr schlug acht. Dies brachte ihn zu sich; er richtete sich
auf seinem Stuhle in die Höhe, und wandte sich zu mir.
‘Legen Sie Ihr Buch auf eine Weile weg und kommen
Sie zum Feuer,’ sagte er.
Aus einem Erstaunen in das andere verfallend gehorchte ich.
‘Vor einer halben Stunde,’ hob er an, ‘sprach ich
von meiner Ungeduld, die Fortsetzung einer gewissen Erzählung zu hören: bei reiflicher Erwägung fand ich es indessen für besser, selbst die Rolle des Erzählers zu übernehmen und Ihnen diejenige meiner Zuhörerin zuzuweisen.
Bevor ich beginne, muß ich Ihnen bemerken, daß Ihnen die Geschichte etwas abgedroschen vorkommen wird; allein
die bekanntesten Einzelnheiten erhalten sehr oft dadurch ein neues Interesse, daß man sie aus einem andern Munde
vernimmt. Uebrigens ist die Erzählung. ob neu, ob bekannt, ganz kurz.
‘Vor etwa zwanzig Jahren verliebte sich ein armer
Prediger — sein Name thut hier nichts zur Sache — in
die Tochter eines reichen Mannes; auch sie liebte und heirathete ihn gegen den Willen ihrer Familie, die sie auch
demzufolge sofort nach der Trauung verstieß. Ehe zwei Jahre
vergingen, starben Beide und wurden unter Einem Grabhügel beerdigt. (Ich habe ihr Grab gesehen: es bildete einen
Theil des Pflasters im Kirchhofe der alten rußigen Kathedrale der übervölkerten Fabriksstadt M***.) Sie hinterließen eine Tochter, die gleich nach ihrer Geburt fremde Mildthätigkeit in ihren eisigen Schooß aufnahm und in das Haus
eines reichen Verwandten von mütterlicher Seite trug, wo
das arme Kind von einer Stieftante, Mrs. Reed von Gateshead — ich will nun auch die Namen nennen — auferzogen wurde. — Sie erschrecken — Sie hörten wohl irgend
ein Geräusch? Es wird nur eine Maus seyn, die im Sparrenwerk des Schulzimmers herumläuft. Das Gebäude war,
ehe ich es herrichten ließ, eine Scheune und in solchen pflegen sich gewöhnlich Mäuse aufzuhalten. — Doch fahren
wir in unserer Erzählung fort. Mrs. Reed behielt die Waise zehn Jahre bei sich; ob sich diese letztere bei ihr glücklich fühlte oder nicht, das kann ich nicht sagen; allein am
Ende dieses Zeitraumes schickte sie das Mädchen in die Schule von Lowood, wo Sie selbst so lange Zeit lebten.
Sie scheint sich dort sehr brav aufgeführt zu haben und stieg
von einer Schülerin zu dem Amte einer Lehrerin empor, ganz
so wie Sie — die Aehnlichkeit zwischen Ihrer Lebensgeschichte und derjenigen des armen Waisenmädchens fällt mir
jetzt wirklich auf — und verließ die Schule, um gleich
Ihnen als Erzieherin einzutreten und zwar bei der Pflegebefohlenen eines gewissen Mr. Rochester.
‘Mr. Rivers!’ unterbrach ich ihn.
‘Ich errathe Ihre Gefühle,’ versetzte er, ‘bitte Sie
jedoch, dieselben für eine Weile im Zaume zu halten und
mich bis ans Ende, das nicht mehr fern ist, ruhig anzuhören. Ueber Mr. Rochester's Charakter weiß ich nichts zu
sagen: nur die Eine Thatsache ist mir bekannt, daß er um die Hand des Mädchens in allem Ernste anhielt und daß
sie am Altare die Entdeckung machte, er sey bereits vermält und seine Frau, wiewohl wahnsinnig, noch am Leben. Sein weiteres Betragen und die weiteren Anträge, die
er dem Mädchen stellte, lassen sich blos vermuthen; als jedoch ein Ereigniß eintrat, welches es nothwendig machte
über diese Erzieherin Erkundigungen einzuziehen, zeigte es

sich, daß sie davon gegangen war, Niemand wußte wie,
wann und wohin. Alle Nachforschungen waren vergebens
und keine Spur von ihr aufzufinden, wiewohl es von der
höchsten Wichtigkeit erschien und sie durch alle Zeitungen
um Nachricht von ihrem Aufenthalte ersucht wurde. Ich selbst
habe von einem Advocaten, Mr. Briggs, einen Brief erhalten, der mir alle diese Einzelnheiten mitgetheilt. — Ist
has nicht eine wunderbare Geschichte?’
‘Sagen Sie mir nur,’ versetzte ich, ‘und da Sie so viel
wissen, können Sie mir gewiß auch das sagen — was
ist mit Mr. Rochester? Wie geht es ihm und wo befindet
er sich? Was macht er? Ist er wohl?’
‘Ich kann Ihnen von Mr. Rochester durchaus nichts
sagen; der Brief erwähnt seiner blos wegen des betrügerischen Versuches eine ungesetzliche Verbindung einzugehen.
Frägen Sie doch lieber nach dem Namen der Erzieherin und
nach der Beschaffenheit des Ereignisses, welches ihre Gegenwart nothwendig macht.’
‘Ging denn Niemand nach Thornfieldhall, Mr. Rochester zu besuchen?’
‘Ich glaube nicht.’
‘Aber man schrieb ihm doch?’
‘Freilich.’
‘Und was sagt er? Wo sind seine Briefe?’
‘Mr. Briggs erwähnt, die Antwort auf seine Anfrage sey nicht von Mr. Rochester, sondern von einer Dame
‘Allie Fairfax’ unterzeichnet gewesen.’
Der fürchterlichste Schmerz erfüllte meine Seele, meine
Furcht war also nicht ungegründet gewesen. Mr. Rochester
hatte aller Wahrscheinlichkeit nach England verlassen und
irgend einen seiner früheren Aufenthaltsorte am Continente

aufgesucht, um sich in den Strudel der Zerstreuungen zu
stürzen. Welches Besänftigungsmittel seine Leiden, welchen
Gegenstand seiner riesigen Leidenschaften mochte er dort gefunden haben? Ich wagte es kaum mir diese Frage zu beantworten. Oh, mein armer Gebieter nahezu mein Gatte,
den ich so oft meinen theueren Eduard genannt, wo weilte
er wohl in diesem Augenblicke?
‘Er muß ein schlechter Mensch seyn,’ bemerkte Mr.
Rivers.
‘Sie kennen ihn nicht und sind nicht im Stande ihn
zu beurtheilen,’ erwiederte ich mit Wärme. ‘Meinetwegen,’
antwortete er ganz ruhig, ‘zudem habe ich auch noch
ganz andere Dinge im Kopfe und muß vor Allem meine
Erzählung vollenden. Da Sie mich nicht um den Namen
jener Gouvernante fragen wollen, muß ich Ihnen denselben schon von freien Stücken mittheilen — Doch warten
Sie — ich habe ihn hier — es ist immer besser, man sieht wichtige Punkte schwarz auf weiß vor sich.’
Und wieder zog er bedachtsam seine Brieftasche heraus
und brachte einen schmutzigen Papierstreifen zum Vorschein,
den ich sofort als denjenigen erkannte, welchen er von der
Porträtrecke abgerissen hatte. Er stand auf, hielt mir das
Papier ganz dicht vor die Augen und ich las mit Tusch von
meiner eigenen Hand geschrieben die Worte: ‘Jane Eyre,’
jedenfalls das Werk eines Augenblickes der Gedankenlosigkeit und der Zerstreuung.
‘Briggs schrieb mir von einer gewissen Jane Eyre,’
sagte er; ‘die öffentlichen Kundmachungen verlangtes Nachrichten über eine Jane Eyre; ich kannte nur eine Jane Elljott.
Ich muß gestehen, daß ich gleich anfangs Verdacht schöpfte,
aber erst gestern Nachmittag erlangte ich die vollste Gewißheit. Bekennen Sie sich zu diesem rechten Namen und leisten
Sie auf Ihren angenommenen Verzicht?
‘Ja — ja — aber wo ist Mr, Briggs? Vielleicht
weiß er über Mr. Rochester mehr zu berichten als Sie?’
‘Briggs ist in London; ich zweifle, ob er überhaupt
etwas von diesem Herrn weiß, denn es ist nicht Mr, Rochester, um den er sich interessirt.’ ‘Indessen übersehen Sie in
der Berücksichtigung von Kleinigkeiten die wichtigsten Dinge;
Sie fragen gar nicht, weshalb Sie Mr. Briggs suchte, und
was er von Ihnen wollte.’
‘Nun, und was hatte er mir zu sagen?’
‘Weiter nichts, als daß Ihr Onkel Mr. Eyre in Madeira mit Tode abgegangen ist und Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen hat und daß Sie nun reich sind. Das
ist Alles.’
‘Ich reich?’
‘Ja wohl — eine reiche Erbin.’
Eine Pause trat ein.
‘Sie müssen natürlich die Identität Ihrer Person beweisen,’ fuhr St. John fort, ‘was Ihnen indessen nicht
schwer fallen wird und können dann sofort den Besitz Ihres
Vermögens antreten, das in englischen Fonds angelegt ist
und worüber Briggs bereits alles Nöthige veranlaßt hat.’
Wie hatte sich doch das Blatt gewendet! Es ist ein
schönes Ding, lieber Leser, in einem Augenblicke von der
bittersten Armuth zum behäbigen Wohlstante zu gelangen,
aber keineswegs eine Sache, die man mit einem Male begreift und schätzen lernt. Uebrigens gibt es noch andere
entzückende Momente im Leben, die nicht so solider, nüchterner Natur sind, als dieser, bei dem man also eben deswegen weder springen, noch tanzen, noch Hurrah! rufen

mag, vielmehr die geschäftliche Seite der Angelegenheit ins
Auge faßt und eine Verantwortlichkeit zu erwägen beginnt.
Auf Grundlage der empfundenen Genugthuung erheben sich
verschiedene nicht unbedeutende Sorgen und man denkt über
das Glück, das Einem zu Theil geworden, mit gefurchter
Stirne nach.
Ueberdies gehen die Worte ‘Legat, Erbschaft’ Hand
in Hand mit den Worten: ‘Tod, Begräbniß.’ Mein Onkel, mein einziger Verwandter, war also todt; seitdem ich
von seiner Existenz gehört hatte, hegte ich immer im Stillen
die Hoffnung, ihn eines Tages sehen zu können und nun
war dieselbe für ewige Zeiten vernichtet. Ferner kam dieses
Geld nur mir und keiner sich glücklich fühlenden Familie
zu Gute; nur mir allein! Aber es machte mich unabhängig
und um die Unabhängigkeit ist es eine so schöne Sache!
Dieser Gedanke, ich fühlte es, hob meine Brust im stolzen
Selbstgefühl.
‘Endlich glättet sich Ihre Stirne,’ sagte Mr. Rivers;
‘ich dachte, Medusa hätte Sie angesehen und versteinert.
Vielleicht fällt es Ihnen ein zu fragen, wie schwer Sie
jetzt sind?’
‘Nun, wie schwer wiege ich?’
‘Oh, eine Kleinigkeit! Wirklich kaum der Rede werth!
zwanzigtausend Pfund, aber was ist das?’
‘Zwanzigtausend Pfund!’
Neue Ursache des Erstaunens! Ich hatte auf vier- oder
fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht benahm mir
in der That für einige Augenblicke den Athem. Mr. St.
John, den ich nie lachen gehört, lachte von ganzem Herzen.
‘Wohlan,’ sagte er, ‘wenn Sie einen Mord begangen und wenn ich Ihnen eröffnet hätte, Ihr Verbrechen sey
entdeckt, könnten Sie kaum mehr erschrocken seyn.’
‘Die Summe ist zu groß — denken Sie nicht, es sey
ein Irrthum unterlaufen?’
‘Keineswegs.’
‘Vielleicht haben Sie die Ziffer nicht gut angesehen
und es heißt zweitausend statt zwanzigtausend?’
‘Die Summe ist in Buchstaben, nicht in Ziffern ausgeschrieben und es heißt ganz zuverlässig zwanzigtausend.’
Ein Gefühl überkam mich, gleich demjenigen eines
Individuums von ganz schwacher Verdauung, das sich urplötzlich ganz allein an einer Tafel sieht, auf welcher für
hundert Personen aufgetragen wird. Mr. Rivers stand nun
auf und nahm seinen Mantel um.
‘Wenn die Nacht nicht gar so kalt wäre,’ bemerkte
er, ‘würde ich Ihnen Hannah herschicken, daß Sie Ihnen
Gesellschaft leiste: Sie sehen so verzweifelt unglücklich aus,
daß ich Sie nicht gerne allein lasse. Aber die arme Hannah
könnte die Schneewehen nicht so gut durchschreiten als ich;
ihre Beine sind nicht ganz so lang und ich muß Sie daher
schon mit Ihren Schmerzen allein lassen. Gute Nacht!’
Er wollte die Hand an die Thürklinke legen; ein Gedanke fuhr mir plötzlich durch den Kopf.
‘Warten Sie noch eine Weile,’ rief ich.
‘Nun?’
‘Es wundert mich, wie Mr. Briggs dazu kam, Ihnen
meinetwegen zu schreiben oder wie es ihm einfallen konnte,
daß Sie ihn in diesem entlegenen Winkel in seinen Nachforschungen unterstützen würden.’
‘O, ich bin ein Geistlicher,’ sagte er, ‘und an die

Geistlichkeit wendet man sich oft in sonderbaren Angelegenheiten.’ Und wieder erfaßte er die Thürklinke.
‘Das genügt mir nicht!’ rief ich aus, und in der
hastigen und ausweichenden Antwort lag in der That etwas,
was meine Neugierde nur noch mehr reizte.
‘Es ist eine sonderbare Angelegenheit,’ fügte ich
hinzu; ‘ich möchte gerne etwas mehr darüber wissen.’
‘Ein anderes Mal.’
‘Nein; noch heute — noch diesen Abend!’ und als
er zur Thüre ging, stellte ich mich davor. Er sah ganz verlegen aus.
‘Sie kommen nicht eher hinaus, bis Sie mir Alles
gesagt haben!’ erklärte ich.
‘Ich möchte es nicht gerne. gerade jetzt nicht.’
‘Sie müssen bekennen!’
‘Ich wollte lieber, Diana oder Mary unterrichteten
Sie davon.’
Diese Einwürfe spannten meine Neugierde aufs Höchste; befriedigt mußte sie werden und zwar ohne Verzug.
Ich sagte es ihm.
‘Aber ich eröffnete Ihnen, ich sey ein hartherziger
Mann und nicht leicht zu überreden,’ meinte er.
‘Und ich bin ein hartherziges Weib, und unter keiner
Bedingung abzuweisen.’
‘Uebrigens bin ich zu kalt,’ fuhr er fort, ‘und keine
Glut kann mir etwas anhaben.’
‘Ich bin dagegen heißblütig und Feuer bringt das
Eis zum Schmelzen. Die Flamme hat all' den Schnee von
Ihrem Mantel weggeleckt und in Gestalt von Wasserströmen auf meinem Fußboden ausgegossen, der nun aussieht,

wie eine zusammengetretene Straße. Wenn Sie je einer
Verzeihung für das Verbrechen, die frisch gescheuerte Stube
verunreinigt zu haben, entgegensehen, so theilen Sie mir
mit, was ich zu wissen wünsche.’
‘Nun wohl,’ sagte er, ‘ich weiche Ihrer Ausdauer,
wie auch ein Stein durch einen Tropfen Wasser, der beständig darauf fällt, ausgehöhlt wird. Zudem müssen Sie die
Wahrheit ohnedies früher oder später erfahren. Sie heißen
Jane Eyre?’
‘Natürlich; darüber sind wir ja schon einig.’
‘Sie haben wohl noch nicht bemerkt, daß ich Ihr
Namensvetter bin und mich St. John Eyre Rivers nenne?’
‘Nein! ich erinnere mich indessen, in Ihren Büchern
unter Ihren Anfangsbuchstaben auch den Buchstaben E gesehen zu haben. Sie sind doch nicht —’
‘Meine Mutter war eine geborene Eyre,’ unterbrach
er mich; ‘sie hatte zwei Brüder, der eine war ein Geistlicher und heirathete Miß Jane Reed von Gateshead, der
andere war der verstorbene John Eyre, Weinhändler zu
Funchal in Madeira. Als Testamentsvollstrecker dieses letzteren schrieb uns Mr. Briggs im verwichenen August, um
uns von dem Tode unseres Oheims zu benachrichtigen und
uns mitzutheilen, daß er sein ganzes Vermögen der Tochter seines Brurers, des Geistlichen, hinterlassen habe. Vor
wenigen Wochen wandte er sich wieder an uns und zeigte
uns an, die Erbin sey verschwunden, wobei er zugleich
frug, ob wir nichts von ihr wüßten. Ein zufällig auf dies
Fetzchen Papier geschriebener Name hat mich in den Stand
gesetzt, Sie ausfindig zu machen; das Uebrige wissen Sie.’
Zum dritten Male machte er eine Bewegung gegen die Thüre
zu, aber ich rückte zwischen ihn und den Ausgang.

‘Lassen Sie mich ein Wort sprechen,’ sagte ich; ‘geben Sie mir einen Augenblick Zeit, um Athem zu holen
und nachzudenken.’ Ich schwieg still — er stand vor mir,
den Hut in der Hand und sah ganz gefaßt aus.
‘Ihre Mutter war meines Vaters Schwester?’ hob
ich an.
‘Ja.’
‘Und folglich meine Tante?’
Er nickte mit dem Kopfe.
‘Mein Onkel John war also auch Ihr Onkel? Sie,
Diana und Mary sind die Kinder seiner Schwester, so wie
ich das Kind seines Bruders bin?’
‘Ohne Zweifel.’
‘Ihr Drei seyr also meine Geschwisterkinder und die
Hälfte unseres Blutes ist derselben Quelle entsprungen?’
Ich sah ihn an. Es schien mir als hätte ich einen
Bruder gefunden, auf den ich stolz seyn, den ich lieben
konnte, und zwei Schwestern, an denen ich schon damals mit
ganzer Seele hing, als ich sie noch wie fremde Personen betrachtete. Die zwei Mädchen, die ich an jenem schrecklichen
Abende durch das Gitterfenster mit einem bittern Gemisch
von Interesse und Verzweiflung beobachtet hatte, waren also
meine nahen Verwandten und der junge stattliche Herr, der
mich fast sterbend an der Thürschwelle gefunden, mein
Blutsfreund. Welch' herrliche Entdeckung für eine einsame
Unglückliche! Auch das konnte man Reichthum, Reichthum
des Herzens nennen, eine Goldmine reiner natürlicher Zuneigung war es, die mich mit mehr innerem Vergnügen
erfüllte, als das nüchterne Gold. Ich schlug vor Freuden
in die Hände — meine Pulse flogen , meine Nerven
zitterten.

‘Oh, das freut mich — das freut mich!’ rief
ich aus.
St. John lächelte. ‘Sagte ich's nicht, daß Sie wichtige Sachen übersehen, indem Sie Kleinigkeiten nachjagen?
Sie sahen ganz ernst darein, als ich Ihnen mittheilte, Sie
seyen reich und nun gerathen Sie über eine unbedeutende
Sache in Extase!’
‘Was wollen Sie damit sagen? Es mag wohl für
Sie eine unbedeutende Sache seyn! Sie haben Schwestern
und kehren sich nicht weiter an Cousinen; aber ich hatte
Niemanden und zähle nun drei Anverwandte- oder zwei,
falls Sie es nicht der Mühe werth halten darunten gerechnet zu werden. Noch einmal sage ich es, ich freue mich von
ganzem Herzen.’
Ich schritt schnell im Zimmer auf und ab: ich blieb
stehen, fast an den Gedanken erstickend, die nun in meinem
Innern rasch in die Höhe stiegen und dasjenige betrafen,
was nun geschehen könnte, geschehen würde und geschehen
sollte. Ich sah nach der leeren Wand sie kam mir, wie das
Firmament, dicht mit Sternen besäet vor, deren jeder
irgend einen Zweck oder eine Freude in mir beleuchtete. Diejenigen, die mir das Leben gerettet, die mich bis jetzt erhalten, konnte ich nun dafür belohnen, konnte ihnen die
Liebe, die ich für sie fühlte, nun auch werkthätig beweisen.
Sie schmachteten im Joche der Abhängigkeit — ich konnte
sie davon befreien; sie waren getrennt von einander — ich
konnte sie vereinigen: sie mußten meine Unabhängigkeit,
meinen Ueberfluß theilen. Wir waren vier Personen; zwanzigtausend Pfund in gleiche Theile getheilt geben für Jedes
von uns fünftausend Pfund; das war mehr als genug und unser Aller Glück begründet. Nun drückte mich der Reichthum nicht mehr nieder; nun erschien es mir als kein kalter
Mammon mehr, sondern als ein Vermächtniß an Leben,
Hoffnungen und Herzenslust.
Was ich für ein Gesicht machte, während mich diese
Gedanken beschäftigten, kann ich nicht sagen, aber ich bemerkte alsbald, daß Mr. Rivers einen Stuhl hinter mich
stellte und freundlich bemüht war, mich zum Sitzen zu
bringen. Er bat mich, meine Fassung zu bewahren; diese
Zumuthung der Rathlosigkeit und des Verlustes meines
geistigen Gleichgewichtes berührte mich unangenehm: ich
stieß seine Hand zurück und begann wieder auf- und abzugehen.
‘Schreiben Sie morgen an Diana und Mary,’ sagte ich, ‘und ersuchen Sie sie, sofort nach Hause zu kommen.
Diana meinte, sie würden sich Beide mit tausend Pfund für reich halten, sie werden daher mit fünftausend ganz gut langen.’
‘Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser verschaffen kann,’ versetzte St. John; ‘Sie müssen wirklich
Alles anwenden, um Ihre Aufregung zu beschwichtigen.’
‘Unsinn! Welche Wirkung wirr die Erbschaft auf Sie
ausüben? Werden Sie in England bleiben, Miß Oliver
heirathen und sich gleich einem gewöhnlichen Sterblichen niederlassen?’
‘Sie phantasiren; Ihre Ideen verwirren sich. Ich
habe Ihnen die glückliche Nachricht zu plötzlich mitgetheilt
und sie hat Sie über Ihre Kräfte aufgeregt.’
‘Mr. Rivers, Sie erschöpfen meine Geduld! Ich
bin ganz vernünftig und nur Sie scheinen mich nicht verstehen zu wollen.’

‘Wenn Sie sich etwas deutlicher erklärten, würde ich
Sie vielleicht besser begreifen.’
‘Mich erklären! Was gibt's da weiter zu erklären?
Sie werden doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund zu
gleichen Theilen unter den Neffen und drei Nichten getheilt
fünftausend Pfund für die Person geben? Was ich von Ihnen verlange, besteht einfach darin, daß Sie Ihren Schwestern schreiben und sie von dem Vermögen, das ihnen zugefallen, in Kenntniß setzen.’
‘Welches Ihnen zugefallen, wollen Sie sagen.’
‘Ich habe weine Ansichten über diese Angelegenheit
klar und deutlich ausgedrückt und ändere meinen Entschluß
auf keine Weise. Ich bin weder einer brutalen Selbstsucht,
noch einer schreienden Ungerechtigkeit, noch eines schwarzen
Undankes fähig und überdies fest entschlossen, mir eine
Heimat und freundschaftliche Verbindungen zu begründen.
Das Moorhaus gefällt mir und ich wünsche in demselben
zu wohnen; ich liebe Diana und Mary und ich will sie
mein ganzes Leben hindurch an meiner Seite haben. Der
Besitz von fünftausend Pfund macht mich glücklich und reich:
der Besitz von zwanzigtausend wäre mir unerträglich und
qualvoll, besonders da ich diese Summe, wenn auch nach
dem Buchstaben des Gesetzes, so doch keineswegs nach Recht
und Gerechtigkeit mein nennen könnte. Ich überlasse Ihnen
also nicht mehr, als Dasjenige, was mir gänzlich überflüssig ist. Lassen Sie daher jede Widerrede und jede langwierige Verhandlung bei Seite und uns diesen Gegenstand
mit einem Male abthun.’
‘Sie folgen Ihren ersten Eindrücken: es gehören Tage
dazu um solch' wichtige Angelegenheiten reiflich zu erwägen und

bis dahin kann Ihr Entschluß nicht als giltig und verbindlich angesehen werden.’
‘Oh, wenn Sie an nichts weiter, als an der Ernsthaftigkeit meiner Absichten zweifeln, dann bin ich ruhig. Wenigstens erkennen Sie die Richtigkeit und Gerechtigkeit meiner Anschauungsweise?’
‘Es ist etwas von Gerechtigkeit dabei, allein ganz
wider alles Herkommen. Unter allen Verhältnissen haben
Sie ein unbestreitbares Anrecht auf das Vermögen: unser
Onkel erwarb es sich durch seine Thätigkeit und Sparsamkeit und hatte daher jedenfalls das vollste Recht, es nach
seinem Tode wem immer zu hinterlassen. Nach Allem erlaubt
Ihnen auch die strengste Gerechtigkeit das Vermögen zu behalten und Sie können dasselbe mit ruhigem Gewissen als
Ihr Eigenthum ansehen.’
‘Bei mir,’ versetzte ich, ‘handelt es sich eben so sehr
um meine Gefühle, als um mein Gewissen und ich
muß den erstern um so mehr Rechnung tragen, als sich die
Gelegenheit dazu gar so selten ergibt. Und widersprächen
Sie mir und langweilten Sie mich auf ein ganzes Jahr mit
der Herzählung Ihrer Scheingründe, ich könnte mir doch
nicht das köstliche Vergnügen versagen, von dem ich schon
jetzt einen Vorgeschmack habe — das Vergnügen, mein
Verpflichtungen wenigstens theilweise abzutragen und mir
Freunde für das ganze Leben zu erwerben.’
‘In diesem Augenblicke denken Sie so,’ versetzte St.
John, ‘weil Sie nicht wissen, was es heißt ein Vermögen
zu besitzen und sich der daraus hervorgehenden Genüsse zu
erfreuen. Sie können sich von dem Ansehen, mit welchem Sie
der Besitz von zwanzigtausend Pfund umgeben wird, eben
so wenig einen Begriff machen, als von der Stellung, die

Sie dadurch in der Gesellschaft erlangen, den Aussichten, die
sich Ihnen eröffnen; Sie können —’
‘Und Sie,’ unterbrach ich ihn, ‘können sich die
unendliche Sehnsucht nicht vorstellen, die ich nach brüderlicher und schwesterlicher Zuneigung empfinde. Ich hatte
nie eine Heimat, weder Brüder noch Schwester und muß
und will das Alles jetzt besitzen: Sie haben doch gegen
meinen Eintritt in den Kreis Ihrer Familie nichts einzuwenden?’
‘Jane, ich will Ihr Bruder seyn und meine Schwestern sollen Ihre Schwestern seyn; allein dazu bedarf es
der großen Opfer nicht, die Sie mir bringen wollen.’
‘Mein Bruder wollen Sie seyn? Wohl! auf eine
Entfernung von tausend Meilen? — Ihre Schwestern meine
Schwestern? Natürlich, während sie in der Fremde Sclavendienste verrichten. Indessen ich reich bin, mich im Golde
wälze. das ich weder durch meine Arbeit noch sonstwie
verdient habe, besitzen sie keinen Pfennig. Eine schöne
Gleichheit und Brüderlichkeit! Eine liebliche Vereinigung!
— Eine innige Zuneigung!’
‘Aber Ihre Sehnsucht nach Familienbanden und häuslicher Glückseligkeit lassen sich auf eine andere Weise verwirklichen, als auf die von Ihnen beabsichtigte: Sie können sich vermälen.’
‘Neuer Unsinn! Ich mich vermälen! Ich brauche nicht
zu heirathen und will nicht heirathen.’
‘Damit behaupten Sie zu viel und diese gewagten Behauptungen sind der beste Beweis, daß Sie sich in einem
Zustande der heftigsten Aufregung befinden.’
‘Ich behaupte nicht zu viel; ich kenne mein Inneres
und weiß, wie mein Herz vor dem bloßen Gedanken an

eine solche Verbindung zurückschreckt. Niemand würde mich
aus Liebe heirathen, und ich will nicht als der Gegenstand
einer bloßen Geldspeculation angesehen werden. Ich brauche
keinen fremden Mann, der mit mir nicht übereinstimmt,
mir vielleicht geradezu gegenüber steht; nach meinen Blutsverwandten trage ich Verlangen, die mir in geistiger Beziehung vollkommen gleich sind. Sagen Sie noch einmal,
daß Sie mein Bruder seyn wollen; als Sie vorhin diese
Worte aussprachen, war ich glücklich: wiederholen Sie dieselben, wenn Sie können, wenn sie Ihnen vom Herzen
kommen.’
‘Mit gutem Gewissen kann ich sie wiederholen. Ich
habe meine Schwestern von jeher geliebt und ich weiß, worauf
sich diese Zuneigung gründet, — auf die Hochachtung für
ihren sittlichen Werth und auf die Anerkennung ihrer geistigen Vollkommenheiten. Auch Sie haben gute Grundsätze und besitzen geistige Bildung in einem hohen Grade
Ihre Neigungen und Gewohnheiten sind denjenigen meiner
Schwestern ganz ähnlich. Ihre Gegenwart ist mir jederzeit sehr angenehm und Ihr Umgang hat mir schon mehr
als einmal heilsamen Trost eingeflößt. Ich fühle es deutlich, daß es mir leicht wird, Ihnen in meinem Herzen
als meiner dritten und jüngsten Schwester einen Platz einzuräumen.’
‘Ich danke Ihnen; das stellt mich für diesen Abend
zufrieden. Und nun möchten Sie sich lieber auf den Weg
machen, denn wenn Sie noch länger hier bleiben, verwunden Sie mich am Ende durch irgend ein frisches Zeichen des Mißtrauens auf's Neue.’
‘Und die Schule wird nun geschlossen, Miß
Eyre? Nicht wahr?’

‘Nein. Ich werde meine Stelle als Lehrerin so lange
behalten, bis Sie eine Stellvertreterin gefunden haben.’
Er antwortete mit einem zufriedenen Lächeln. Wir
reichten uns die Hände und trennten uns.
Ich brauche wohl meine weiteren Kämpfe und meine
anhaltenden Bemühungen, die Erbschaftsangelegenheit meinem Wunsche gemäß in Ordnung zu bringen, nicht auseinander zu setzen. Meine Aufgabe war eine ungemein
schwierige, allein da ich mich in meinem Entschlusse durch
nichts wankend machen ließ, und da meine Geschwisterkinder endlich einsahen, daß ich von meinem Plane, die Erbschaft nach den Grundsätzen der Billigkeit zu vertheilen,
durchaus nicht abzubringen war, so fügten sie sich endlich
in so weit, die Angelegenheit einem schiedsrichterlichen Ausspruche anheim zu stellen. Die erwählten Richter waren Mr.
Oliver und ein geschickter Advocat, welche Beide meine Meinung theilten, so daß ich denn doch den Sieg davon
trug. Die Abtretungsurkunden wurden ausgestellt und ein
Jedes von uns befand sich nun im Besitze eines hinreichenden Auskommens.

Vierunddreißigstes Capitel.

Die Erbschaftsverhandlungen erreichten um die Weihnachtszeit ihr Ende: die fröhlichen Feiertage kamen raschen
Schrittes heran. Ich schloß meine Schule und trug Sorge,
daß ich mich nicht mit leeren Händen von meinen Schülerinnen trennte. Ein ungeahntes Glück pflegt Herz und
Hand auf eine wunderbare Weise zu öffnen; und wenn
wir geben, wo wir selbst reichlich empfingen, thun wir
nichts weiter, als der ungewöhnlichen Steigerung der Gefühle einen wohlthuenden Ausweg zu gewähren. Schon
lange hatte ich es mit dem größten Vergnügen wahrgenommen, daß mir die meisten meiner Schülerinnen aufs
Herzlichste zugethan waren: bei Gelegenheit meines Abganges legten sie diese Empfindung auf eine ebenso schmucklose als überzeugende Weise an den Tag. Meine Freude
darüber, daß ich in diesen unverdorbenen Gemüthern einen
solchen Platz einnahm, war ungemein groß und ich versprach den Mädchen, fortan keine Woche vorübergehen zu
lassen, ohne sie zu besuchen und ihnen eine Stunde
zu geben.
Mr. Rivers kam dazu, als ich die sämmtlichen aus
sechzig Schülerinnen bestehenden Classen zur Schule hinaus an mir vorüberziehen ließ und mich mit dem Thürschlüssel in der Hand von einigen meiner besten Schülerinnen noch besonders verabschiedete. Es waren so züchtige, achtungswerthe, bescheidene und wohlunterrichtete
junge Bäuerinnen, als man sie nur immer im britischen
Reiche finden konnte, und das will viel sagen, denn Alles in Allem genommen ist der englische Bauernstand der
manierlichste und unterrichtetste in Europa. Seitdem lernte
ich französische und deutsche Bäuerinnen kennen und fand
sie im Vergleiche mit den Mortoner Mädchen unwissend,
gemein und unartig.
‘Halten Sie sich für hinreichend belohnt für alle
Ihre Mühe und Ihre Entbehrungen?’ frug mich Mr.
Rivers, als sich die Kinder entfernt hatten. ‘Macht Ihnen das Bewußtseyn, Ihrem Geschlechte genützt, ihm Gutes gethan zu haben, einiges Vergnügen?’
‘Ohne Zweifel.’
‘Und Sie haben nur wenige Monate gearbeitet.

Glauben Sie nicht, daß ein ganzes Leben, welches der
geistigen Wiedergeburt des Menschengeschlechtes gewidmet
wird, wohl angewendet ist?’
‘Wohl,’ versetzte ich; ‘aber ich könnte es nicht
sehr lange so forttreiben; ich fühle bas Bedürfniß in mir,
meine geistigen Anlagen in gleichem Maße zu gebrauchen,
als ich diejenigen meiner Nebenmenschen ausbilde. Gerade
in diesem Augenblicke sehne ich mich darnach und bin
ganz festtäglich gestimmt: erinnern Sie also weder meinen
Körper noch meinen Geist an Schulangelegenheiten.’
Er zog seine Stirne in Falten. ‘Was soll das?
Was bedeutet diese plötzliche Hast? Was haben Sie vor?’
‘Ich will thätig seyn, so thätig als nur möglich.
Und vor Allem muß ich Sie bitten Hannah einen Urlaub zu ertheilen und sich einstweilen Jemanden Andern
zu ihrer Bedienung zu nehmen?’
‘Bedürfen Sie ihrer?’
‘Wohl; sie muß mit mir nach dem Moorhause. Diana
und Mary werden in einer Woche hier seyn, und ich möchte
gerne bis zu ihrer Ankunft Alles in Ordnung haben.’
‘Ich verstehe; ich dachte anfänglich, Sie wären im
Begriffe, irgend einen Ausfiug zu unternehmen. So ist es
besser; Hannah soll mit Ihnen gehen.’
‘Sagen Sie ihr also, sie möchte morgen bereit seyn.
Hier ist der Schlüssel zum Schulzimmer, den Schlüssel zu
meiner Wohnung gebe ich Ihnen morgen.’
Er nahm ihn. ‘Sie geben ihn mit wahrer Wonne aus
der Hand,’ sagte er, ‘ich begreife Ihre Fröhlichkeit nicht,
da ich nicht weiß, welcher Beschäftigung Sie sich nunmehr
statt der bisherigen zuzuwenden gedenken. Welches Ziel,
welchen Zweck haben Sie sich für Ihr Leben vorgesetzt?’

‘Meine erste Absicht ist, das Moorhaus vom Boden
bis zum Keller durchzuscheuern, Sie begreifen doch die volle
Bedeutung dieses Ausdruckes? Meine zweite, es mit Wachs,
Oel und einer Unzahl Lappen zu bohnen, bis es glänzt
wie die Sonne am Himmel. Meine dritte, Tische, Stühle
und alles Hausgeräthe mit mathematischer Genauigkeit in
Ordnung zu bringen. Dann richte ich sie mit Torf und Kohlen zu Grunde, um in sämmtlichen Zimmern ein ausgiebiges Feuer zu unterhalten, und die zwei letzten Tage vor der
Ankunft Ihrer Schwestern, sollen von mir und Hannah
mit einem Gequirl, Rosinen lesen, Gewürze stoßen und
Zusammensetzen von Weihnachtskuchen und Pasteten ausgefüllt werden, wie es sich ein Uneingeweihter gleich Ihnen
nicht einmal im Traume vorstellen kann. Mit Einem Worte,
ich beabsichtige vor nächstem Donnerstage für Diana's und
Mary's Empfang Alles in Bereitschaft haben, und setzte
eine Ehre darein, ihnen das Ideal eines herzlichen Willkommens vorzuführen!’
Ein leises Lächeln glitt über St. John's Gesicht, doch
schien er noch immer nicht zufriedengestellt.
‘Das ist für den Augenblick ganz gut,’ versetzte er;
‘aber ich erwarte im vollsten Ernste, daß Sie nach dem ersten Freudenrausche Ihre Blicke nach etwas Höherem, als nach häuslichen Angelegenheiten und Familienfesten richten
werden.’
‘Gibt es etwas Besseres auf Erden, als die gemüthlichen Freuden im Schooße der Familie?’ unterbrach
ich ihn.
‘Diese Welt, Jane, ist nicht zum Genießen, zum Ruhen bestimmt; werden Sie nicht genußsüchtig und träge.’

‘Im Gegentheile, ich gedenke sehr geschäftig zu seyn.’
‘Ich entschuldige Sie für jetzt, liebe Cousine, und
gebe Ihnen volle zwei Monate Zeit, die Freuden Ihrer neuen
Stellung zu genießen; dann aber werden Sie hoffentlich
Ihre Blicke über das Moorhaus, über Morton und die
Gesellschaft der neugefundenen Schwestern nach etwas Edlerem und Geistigerem zu lenken gesonnen seyn.’
Ich sah ihn ganz erstaunt an. ‘Es ist schlecht von Ihnen, St. John, daß Sie so zu mir sprachen. Ich fühle mich
glücklich und zufrieden wie eine Königin, und Sie versuchen
es meine Unruhe aufzustacheln! Zu was das?’
‘Um die Talente, mit denen Sie Gott ausgerüstet,
und über die er von Ihnen dereinst Rechenschaft fordern wird,
zum Besten der Menschheit in Thätigkeit zu versetzen. Ich
werde Sie genau und ängstlich überwachen, Jane; verlassen Sie sich darauf. Versuchen Sie es, die Leidenschaftlichkeit zu mäßigen, mit der Sie sich hausbackenen Freunden in
die Arme werfen, und halten Sie keine so große Stücke auf
die Bande des Fleisches. Versparen Sie Ihre geistige Kraft und
Ausdauer für eine würdigere Sache, und hüten Sie sich,
dieselbe in Kleinigkeiten zu versplittern. Hören Sie, Jane?’
‘Wohl; gerade so als ob Sie griechisch sprächen. Ich
fühle, daß ich ein Recht darauf habe, glücklich zu seyn,
und folglich will ich es auch seyn. Leben Sie wohl!’
Ich fühlte mich in der That im Moorhause ganz glücklich, und arbeitete aus Leibeskräften; Hannah des gleichen,
die sich nicht wenig freute, den Glanz des alten Gebäudes
wieder auferstehen zu sehen. Mit einer Art innerer Befriedigung gewahrte sie, wie ich inmitten einer Verwirrung, die
das Oberste zu unterst kehrte, bürsten und abstauben, reinigen und kochen konnte. Und in der That gewährte es ein

eigenes Vergnügen zu sehen, wie sich aus dem Chaos eines
wirren Durcheinander nach und nach Harmonie und Ordnung entwickelte. Ich hatte vor einiger Zeit eine Reise nach
S*** unternommen, um neue Möbeln einzukaufen, wozu
mir meine Cousinen unumschränkte Vollmacht ertheilten.
Das Sitzzimmer und die Schlafstuben ließ ich beinahe unverändert, da ich wußte, Diana und Mary würden sich glücklicher schätzen, daselbst die alten Einrichtungsstücke wieder
zu finden, als moderne Möbeln an deren Stelle zu sehen.
Indessen waren doch einige Neuerungen nothwendig, sollte
ihre Rückkehr ins Vaterhaus diejenigen Ueberraschungen zur
Folge haben, die ich den beiden Schwestern zu bereiten gedachte. Neue, schöne Teppiche und Vorhänge von dunkler
Farbe, einige sorgfältig ausgewählte Zierrathen im alterthümlichen Styl aus Porzellan und Bronze, neue Tischdecken und Spiegel und Toiletten entsprachen diesem Zwecke;
sie sah en neu aus, ohne jedoch von der ganzen Einrichtung
grell abzustechen. Ein Besuchzimmer und eine Schlafstube
richtete ich jedoch mit rothgepolsterten Mahagonymöbeln
ganz neu ein, bedeckte die Fußböden der Durchgänge mit
Matten und die Treppen mit Teppichen. Nachdem Alles fertig war, erschien mir das Moorhaus eben so als das vollendetste Muster von Nettigkeit und Bequemlichkeit im Innern, als es von außen, namentlich in dieser Jahreszeit,
ein Sinnbild des Verfalles und der unheimlichsten Verlassenheit abgab.
Der ereignißvolle Donnerstag erschien endlich. Die
Gäste sollten bei Einbruch der Nacht ankommen und noch
vor Eintritt der Dämmerung waren alle Räume des Hauses aufs Beste geheizt, das Küchenzimmer in größter Parade,

Hannah und ich vollkommen angekleidet und Alles in Bereitschaft.
St. John langte zuerst an. Ich hatte ihn ersucht, das
Moorhaus nicht früher zu betreten, bis ich mit allen Anordnungen zu Ende wäre; allein schon der bloße Gedanke an
die alltäglichen Vorkehrungen, die im Innern desselben stattfanden, reichte hin, ihn in respectvoller Entfernung zu erhalten. Er fand mich in der Küche mit dem Backen von
Theebrot beschäftigt. Sich dem Herde nähernd, frug er mich,
‘ob ich denn die Arbeiten eines Stubenmädchens und einer
Haushälterin noch nicht satt hätte?’ Ich antwortete ihm
mit einer Aufforderung, mich bei einer Rundschau der Resultate meiner Wirksamkeit zu begleiten. Es gelang mir nicht
ohne Schwierigkeit, ihn zu einem Gange durchs ganze Haus
zu bewegen. Ich wußte mich damit begnügen, daß er einen
flüchtigen Blick in die Gemächer warf und die trockene Bemerkung machte, alle diese in so kurzer Zeit bewirkten Veränderungen müßten mir sehr viele Mühe verursacht haben;
aber mit keiner Sylbe legte er irgend ein Vergnügen über
die Ausschmückung des Vaterhauses an den Tag.
Diese Kälte und Schweigsamkeit drückten mich nieder.
Ich dachte meine Veränderungen hätten am Ende alte, ihm
liebgewordene Erinnerungen zerstört und erkundigte mich in
einem kleinlauten Ton, ob dies etwa der Fall sey.
‘Keineswegs!’ lautete seine Antwort. ‘Vielmehr
habe ich bemerkt, daß Sie mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit zu Werke gingen, und fast befürchte ich, daß Sie dieser Angelegenheit mehr Nachdenken widmeten, als sie es
ihrer Natur nach verdient. Wie viel Minuten verwendeten
Sie z. B. zum Studium der Einrichtung dieses Zimmers?’

‘Können Sie mir vielleicht im Vorbeigehen sagen, wo sich
ein gewisses Buch (hier nannte er den Titel) befindet?’
Ich wies nach dem Bücherbrete, er holte das Buch
herunter, zog sich wie gewöhnlich in die Fensternische zurück und begann zu lesen.
Das gefiel mir nun durchaus nicht. St. John war
ein guter Mann, aber ich fühlte, daß er die Wahrheit sprach,
als er sich selbst kalt und gefühllos nannte. Die Annehmlichkeiten des Lebens hatten keinen Werth, die friedlichen
Genüsse desselben keinen Reiz für ihn. Buchstäblich lebte er
nur einem Streben — nach etwas Erhabenem und Gutem,
ohne Zweifel; aber er gönnte sich keine Ruhe und konnte
es auch nicht ansehen, wenn seine Umgebung sich einem
gemüthlichen Stillleben hingab. Als ich seine hohe, weiße,
wie in Marmor gehauene Stirne betrachtete, begriff ich, er
könne nie einen guten Ehemann abgeben und seine Frau
würde keine beneidenswerthe Stellung baben. Wie durch
Eingebung erkannte ich die Natur seiner Gefühle für Miß
Oliver und war mit ihm der gleichen Meinung, es sey dies
blos eine sinnliche Liebe. Ich fand seine Verachtung des fieberhaften Zustandes, den die letztere bei ihm hervorbrachte,
sein Betreben, dieselbe auszurotten, seine Ueberzeugung,
Oliver's Glücke führen, vollkommen gerechtfertigt. Jedenfalls war St. John aus dem Stoffe, aus welchem die Natur ihre Helden, ihre Gesetzgeber, Staatsmänner und Eroberer bildet; ein festes Bollwerk zum Schutze gewichtiger
Interessen; in der Caminecke indessen nichts weiter als eine
kalte, verwitterte, am unrechten Orte angebrachte Steinsäule.
‘Diese Stube ist nicht sein Platz,’ dachte ich bei mir;
‘aber wohl ist es das Himalaya-Gebirge, das Land der

Kaffern, und selbst die verpestete, sumpfige Küste von Guinea
würde besser für ihn passen. Er hat Recht, der Ruhe des
häuslichen Lebens aus dem Wege zu gehen, es ist nicht sein
Element; seine Geisteskräfte würden ins Stocken gerathen,
anstatt sich entwickeln, im vortheilhaften Lichte zeigen zu
können. Nur im Kampfe und in Gefahren, wo es gilt Entschlossenheit, Muth und Kraft zu zeigen, ist er am rechten
Orte und gewiß der Erste an der Spitze. An diesem Herde
würde ihn ein munteres Kind verdunkeln und aus dem Felde
schlagen. Er hatte Recht, die Laufbahn eines Missionärs
zu wählen: ich erkenne es nun ganz genau.’
‘Sie kommen! Sie kommen!’ rief Hannah, die Stubenthüre öffnend. In demselben Augenblicke begann der alte
Carlo ganz lustig zu bellen. Ich rannte hinaus. Es war
schon finster, aber man konnte das Rollen eines Wagens
vernehmen. Hannah zündete sofort eine Laterne an. Das
Fuhrwerk war am Hofpförtchen stehen geblieben, der Kutscher öffnete den Schlag; eine bekannte Gestalt, dann eine
zweite sprangen heraus. In einem Nu hatte ich meinen Kopf
unter ihren Hüten begraben und kam bald mit Mary's sanften Wangen, bald mit Diana's fliegenden Locken in Berührung. Sie lachten und küßten erst mich, dann Hannah,
streichelten Carlo, der vor Freuden ganz wild geworden war,
und frugen hastig, ob Alles wohl auf sey. Nachdem sie
eine bejahende Antwort erhalten, stürzten sie ins Haus.
Sie waren noch ganz steif von ihrer Fahrt von Whitcroß herüber und von der kalten Nachtluft halb erfroren,
aber bald erholten sie sich an der wohlthätigen Stubenwärme. Während der Kutscher mit Hannah die Koffer
hereinbrachte, frugen die beiden Mädchen nach St. John,
Im selben Augenblicke trat er aus dem Besuchzimmer herein.

Seine Schwestern flogen auf ihn zu und herzten und drückten ihn. Er hingegen gab einer jeden einen frostigen Kuß,
sprach einige bewillkommnende Worte im ruhigsten Tone
von der Welt und zog sich, mit dem Wunsche, sie bald bei
sich im Besuchzimmer zu sehen, in dieses letztere wie in einen Zufluchtsort zurück.
Ich zündete die Kerzen an und wollte die lieben Bäschen die Treppe hinauf geleiten; allein Diana hatte noch
dem Kutscher Einiges zu sagen und erst als sie damit fertig
geworden, kamen die Mädchen mit mir. Die Ausschmückung
und neue Anordnung in den Zimmern erfüllte sie mit Bewunderung und Entzücken und sie machten ihren Gefühlen
in häufigen Ausrufungen Luft. Ich hatte das Vergnügen
zu sehen, daß meine Vorbereitungen nicht wenig dazu beigetragen hatten, ihnen die Ankunft im Vaterhause angenehm
zu machen.
Der Abend war schön. Meine Cousinen waren so munter, daß vor ihrer Gesprächigkeit St. John's Schweigsamkeit in den Hintergrund trat. Es freute ihn zwar herzlich,
seine Schwestern wiederzusehen, allein in ihre außerordentliche Heiterkeit, in die Kundgebungen ihres Entzückens
konnte er nicht mit einstimmen. Das Ereigniß des Tages
— Diana's und Mary's Ankunft — erfüllte ihn mit Vergnügen, aber die Nebenumstände, von denen es begleite
war, der fröhliche Tumult, das gemüthliche Geplauder,
berührten ihn unangenehm; ich sah es ihm an, daß er sich
nach der Ruhe des nächsten Tages sehnte. Beiläufig eine
Stunde nachdem wir unsern Thee genommen, trat Hannah
in die Stube und berichtete, ‘ein armer Schlucker sey gekommen und lasse Mr. Rivers bitten, seine Mutter zu besuchen, die im Sterben liege.’

‘Wo wohnt sie, Hannah?’
‘Hinter Whitcroß, wenigstens vier Meilen von hier.
Der Weg führt durch lauter Sumpf und Morast.’
‘Sage ihm, ich würde kommen.’
‘Es wäre besser, Sie gingen nicht, Sir. Es ist der schlechteste Weg, den man im Finstern gehen kann, denn es
führt kein erkennbarer Pfad über den Moor. Zudem ist es
schneidend kalt und so wäre es rathsamer, Sie ließen sagen,
Sie kämen morgen früh.’
Aber er war schon im Vorzimmer, nahm seinen Mantel um und ging, ohne zu murren, ohne ein Wort zu verlieren. Es war um neun Uhr, als er das Haus verließ und
er kam erst nach Mitternacht wieder zurück. Er war wohl
müde und erschöpft genug — sah aber viel glücklicher aus,
als bei seinem Weggehen. Er hatte eine Pflicht erfüllt,
sich angestrengt, und war dabei seine Kraft zu handeln und
zu entsagen inne geworden, mithin zufriedener mit sich selbst
als vordem.
Das Leben der ganzen nachfolgenden Woche stellte
seine Geduld auf eine harte Probe. Es war die Weihnachtswoche, in der wir jede ordentliche Beschäftigung bei Seite
setzten und uns häuslichen Lustbarkeiten aller Art überließen.
Die Heimatluft, der Aufenthalt im Vaterhause wirkten auf
Diana und Mary wie ein, die Lebensthätigkeiten erhöhendes Elixir; sie schwatzten in Einem fort und ihr originelles,
witziges Geplauder hatte einen solchen Reiz für mich, daß
ich gar nicht daran dachte, etwas Anderes zu thun, als ihnen zuzuhören. St. John grollte uns zwar ob unserer Lebhaftigkeit nicht, aber er wich uns aus, blieb selten zu Hause
und machte sich tagtäglich mit den Kranken und Armen seines großes Kirchsprengels zu schaffen.

Eines Morgens, beim Frühstück, frug ihn Diana mit
einem ernsten Blick, ob er seinen Plan noch nicht aufgegeben hätte?
‘Nein, und ich werde es auch nun und immermehr
thun,’ gab er zur Antwort, und er benachrichtigte uns sofort,
seine Abreise nach dem Osten sey nun ganz bestimmt auf's
nächste Jahr festgesetzt.
‘Und Rosamond Oliver?’ bemerkte Mary in einem
Tone, als wären ihr diese Worte unwillkürlich entschlüpft.
St. John hielt ein Buch in der Hand — es war seine nichts
weniger als artige Gewohnheit beim Essen zu lesen — er
schlug es zu und sah empor.
‘Rosamond Oliver,’ sagte er, ‘wird nächstens Mr.
Granby, einen der schätzbarsten Bürger von S***, den Enkel und Erben Sir Frederik Granby's, heirathen; ihr Vater theilte mir diese Nachricht erst gestern mit.’
Die beiden Schwestern sahen einander und dann mich
an und endlich betrachteten wir ihn alle Drei; er sah so ruhig und heiter aus wie ein Maimorgen.
‘Die Partie muß schnell zu Stande gekommen seyn,’
sagte Diana; ‘die jungen Leuten können einander noch nicht
sehr lange kennen gelernt haben.’
‘Erst zwei Monate; sie kamen im October am Grafschaftsballe in S*** zusammen. Aber wo es keine Hindernisse zu beseitigen gibt, wie in dem vorliegenden Falle, wo
eine Verbindung unter allen Verhältnissen wünschenswerth
erscheint, da ist ein jeder Aufschub unnöthig. Die Vermälung wird stattfinden, sobald der Landsitz, den Sir Frederik den Neuvermälten verschreiben will, zu ihrer Aufnahme
hergerichtet ist.’

Das erste Mal, wo ich St. John nach dieser Eröffnung allein fand, fühlte ich mich versucht ihn zu fragen,
ob ihn dieses Ereigniß betrübe; er schien aber des Mitgefühls so wenig zu bedürfen, daß ich, weit entfernt ihm
Trost bieten zu wollen, mich ordentlich der Erinnerung an
das schämte, was ich in dieser Sache bereits unternommen
hatte. Uebrigens war ich ganz aus der Uebung , mit ihm
zu sprechen, herausgekommen, die Eiskruste der Zurückhaltung hatte von neuem sein Gemüth überzogen und auch
meine Aufrichtigkeit und Geradheit war zugefroren. Er hielt
sein Versprechen nicht, mich gleich seinen Schwestern behandeln zu wollen; beständig machte er kleine, doch fühlbare
Unterscheidungen zwischen uns, die keineswegs geeignet waren, ein herzliches Einvernehmen zu begründen; mit Einem
Worte, seitdem ich als Blutsverwandte mit ihm unter
Einem Dache lebte, war der Abstand zwischen uns weit
größer denn früher, wo er mich blos als die Lehrerin der
Dorfschule kannte. Wenn ich mir vorstellte, wie weit ich
schon in seinem Vertrauen gekommen war. konnte ich seine
gegenwärtige Frostigkeit kaum begreifen.
Unter solchen Umständen war ich nicht wenig erstaunt, als er plötzlich von seinem Lesepulte zu mir aufsah
und sagte:
‘Sie sehen, Jane, daß die Schlacht geschlagen und
der Sieg erfochten ist.’
Ueber diese unerwartete Anrede aus der Fassung gekommen, konnte ich nicht sogleich antworten.
‘Sind Sie aber dessen gewiß,’ sagte ich nach einer
Pause, ‘daß Sie sich nicht in der Lage jener Sieger befinden, denen ihre Erfolge zu theuer zu stehen kamen? Wäre
nicht vielleicht ein solcher Sieg Ihr Untergang?’
‘Ich glaube nicht und wäre es auch der Fall, es hätte
nichts zu sagen, denn ich werde wohl nie dazu kommen
einen zweiten Sieg erkämpfen zu müssen. Der Ausgang des
Kampfes ist entscheidend; meine Straße ist nun gesäubert
und ich danke Gott dafür!’ Nach diesen Worten vertiefte
er sich wieder in sein Buch und sein Stillschweigen.
Als wir, nemlich Diana, Marie und ich, wieder ein
geregeltes Leben angefangen und unsere Studien wieder aufgenommen hatten, blieb St. John mehr zu Hause und saß
zuweilen ganze Stunden lang bei uns in derselben Stube.
Während Mary zeichnete, Diana ihr encyclopädisches Studium, daß sie zu meiner groß en Verwunderung begonnen,
verfolgte und ich mich mit einer Uebersetzung aus dem Deutschen plagte, überließ er sich seinem eigenthümlichen mystischen Gedankengange, oder er arbeitete in irgend einer asiatischen Sprache, deren Kenntniß ihm zur Erreichung seines
Zweckes nothwendig schien.
Auf diese Art in Anspruch genommen, ruhig und nachdenkend in seinem Winkel sitzend, mochte er einem oberflächlichen Beobachter unbeweglich wie eine steinerne Bildsäule
erscheinen: allein sein blaues Auge pflegte auf eine ganz
eigene Weise von dem Buche aufzusehen und den Blick herumschweifen zu lassen, bis er ihn endlich mit durchdringender Schärfe auf uns, seinen Gefährtinnen im Studium,
haften ließ, aber sofort wieder wegwandte, sobald er sich
bemerkt sah. Gern hätte ich gewußt, was dieser Blick bedeuten sollte, konnte mir ihn aber ebenso wenig erklären.
als die sichtliche Befriedigung, die er bei meinen wöchentlichen Besuchen in der Mädchenschule von Morton an den Tag

legte und die um so größer zu seyn schien, wenn das Wetter
ungünstig war, wenn es recht schneite und stürmte. Baten
mich dann die Schwestern zu Hause zu bleiben und meine
Gesundheit zu schonen, pflegte er jedesmal ihrer Sorgfalt
zu spotten und mich zu ermuthigen, mein Vorhaben, den
Elementen zum Trotz, auszuführen.
‘Jane ist kein solcher Schwächling, wie Ihr glaubt,’
sagte er; ‘sie kann die scharfe Winterluft, einen Regenschauer oder ein paar Schneeflocken eben so gut ertragen
wie wir. Ihre Körperbeschaffenheit ist zu gleicher Zeit gesund und elastisch und besser geeignet, klimatischen Einflüssen
zu trotzen, als diejenige irgend einer bei weitem stärker gebauten Person.’
Und wenn ich ziemlich müde und nicht weniger erfroren oder durchnäßt zurück kam, wagte ich es nie, mich zu
beklagen, weil ich bemerkt hatte, wie sehr ihn mein Murren
verdroß. Seelenstärke gefiel ihm unter allen Umständen: das
Gegentheil konnte er durchaus nicht vertragen.
Eines Nachmittags jedoch erhielt ich die Erlaubniß,
zu Hause bleiben zu dürfen, weil ich wirklich einen Schnupfen hatte. Die beiden Schwestern waren statt meiner nach
Morton gegangen; ich las in einem Bande von Schiller's
Werken, St. John entzifferte seine orientalischen Hieroglyphen. Beim Umschlagen eines Blattes sah ich zufällig nach
ihm und bemerkte wie der Blick seines großen durchdringenden Auges beobachtend auf mir ruhte, so scharf, so durchbohrend, daß mich beinahe eine abergläubische Furcht überkam, als hätte ich mich mit einer gespenstischen Erscheinung
allein in der Stube befunden.
‘Was machen Sie, Jane?’
‘Ich lerne deutsch.’

‘Es wäre mir lieber, Sie gäben das Deutsche auf und lernten hindostanisch.’
‘Es ist doch nicht Ihr Ernst?’
‘Mein voller Ernst, so zwar, daß ich davon unter
keiner Bedingung ablasse. Ich will. Ihnen sagen warum.’
Er setzte mir darauf auseinander, das Hindostanische
sey für jetzt der Gegenstand seines Studiums, er vergesse
jedoch beinahe die Anfangsgründe, indem er weiter fortschreite und es sey ihm wünschenswerth und würde ihm eine
große Erleichterung gewähren, irgend Jemand unterrichten
und mit ihm wiederholt die Elemente der Sprache durchmachen zu können. Anfänglich habe er in seiner Wahl zwischen seinen Schwestern und mir geschwankt, sich aber endlich für mich entschieden, da er gesehen, ich halte am längsten bei einer Arbeit aus.
‘Wollen Sie mir den Gefallen erweisen, meine Schülerin zu werden?’ schloß er. ‘Ich werde Sie nicht zu lange plagen, da nur noch drei Monate bis zu meiner Abreise
fehlen.’
St. John war nicht der Mann, dem man etwas leicht
abschlagen konnte; man wußte, daß sich ein jeder, ob angenehmer ob unangenehmer Eindruck, seinem Geist tief einprägte. Ich willigte also ein. Als Diana mit Mary zurück
kam, fand sie ihre vormalige Schülerin in den Händen ihres
Bruders; sie lachte und sowohl sie, wie Mary gestanden
offen, er hätte sie nie zu einem solchen Schritte bewegen
können.
‘Ich wußte es,’ gab er ruhig zur Antwort.
Ich fand an ihm einen geduldigen, nachsichtigen, andererseits aber auch anspruchsvollen Lehrer: er erwartete
von mir, daß ich sehr viel leistete; entsprach ich jedoch diesen Erwartungen, dann unterließ er es auch nicht, mir seine
Zufriedenheit auf seine Weise bekannt zu geben. Nach und
nach erlangte er einen gewissen Einfluß auf meinen Geist,
der mir alle Selbstständigkeit benahm: sein Lob und seine
Beachtung hielten mich mehr in Schranken als seine Gleichgiltigkeit. Es war mir nicht mehr möglich, in seiner Gegenwart zu plaudern und zu lachen, weil mir ein gewisses
drückendes Gefühl sagte, Munterkeit und Lebhaftigkeit kämen
ihm, wenigstens an mir, albern und ekelhaft vor. So sehr
war ich davon überzeugt, nur ein gesetztes Betragen und
ernste Studien könnten ihm genügen, daß ein jeder Versuch,
mich in seiner Gegenwart anders zu benehmen oder zu beschäftigen, erfolglos blieb. Ich lebte wie unter dem Einflusse
eines Zauberbannes. Wenn er sagte: ‘gehen Sie,’ so
ging ich; ‘kommen Sie,’ so kam ich; ‘thun Sie dies,’
so that ich es. Aber meine Sclaverei gefiel mir nicht: mehr
als einmal sehnte ich mich darnach, er möchte sich gar nicht
mehr um mich kümmern.
Eines Abends als wir vor dem Schlafengehen um ihn
herumstanden und ihm gute Nacht sagten, küßte er wie gewöhnlich seine Schwestern und drückte mir gleichfalls, nach
seiner Gewohnheit, die Hand. Diana, die gerade guter
Laune war, — auf ihr lastete sein eiserner Wille nicht,
da sie ihm den ihrigen, wohl ebenso unbeugsamen, entgegen
setzen konnte — rief plötzlich aus:
‘St. John, Du pflegtest Jane deine dritte Schwester
zu nennen, aber Du behandelst sie nicht als eine solche:
Du solltest ihr doch auch einen Kuß geben.’
Sie schob mich zu ihm hin. Ich ärgerte mich nicht
wenig über Diana und war in keiner geringen Verlegenheit. Während ich noch über diesen unzeitigen Scherz hin

und her dachte, bog sich St. John zu mir herab, sah
mich mit einem durchdringenden Blicke an und — küßte
mich. Es gibt wohl weder Küsse von Marmor, noch von
Eis, fast würde ich behaupten, die Liebkosung meines
geistlichen Vetters habe zu einer dieser beiden Classen gehört; aber es mag Untersuchungsküsse geben, und ein solcher war der seinige jedenfalls. Denn als er mir denselben beigebracht hatte, musterte er mich, gleichsam um den
Erfolg kennen zu lernen, der indessen kein besonders sichtbarer gewesen seyn mag. Wenigstens weiß ich so viel, daß
ich nicht erröthete und eher etwas erblaßte, da mir dieser
Kuß wie die Besieglung meiner Sclavenbande vorkam.
Von diesem Tage an wiederholte er diese Ceremonie jeden
Abend und der Ernst und die Ruhe, mit der ich dieselbe
über mich ergehen ließ, schienen ihm besondere Freude zu
machen.
Was mich anbelangte, so wünschte ich von Tag zu
Tag immer mehr, ihm Alles zu Gefallen zu thun, fühlte
aber gleichzeitig recht gut, daß ich zu diesem Behufe zum
großen Theile meine Natur verläugnen, meine Anlagen
zur Hälfte unterdrücken, meinen Neigungen sehr oft eine entgegengesetzte Richtung geben mußte, um mich zu Arbeiten, zu einer Thätigkeit zu zwingen, zu denen ich keinen
Beruf in mir fühlte. Er wollte mich zu einer geistigen
Höhe emporziehen, die ich nie erreichen konnte, und umsonst mühte ich mich ab, dem von ihm aufgestellten Muster
nachzukommen. Die Sache war eine eben so unmögliche,
als wenn er es unternommen hätte, meine unregelmäßigen
Gesichtszüge nach seinem classischen Profil umzumodeln und
meinen grünen Augen das Ultramarinblau und den ernsten Glanz der seinigen zu verleihen.

Aber nicht sein Einfluß allein drückte mich zu jener
Zeit nieder und es war mir leicht genug gewesen, ernst
auszusehen: ein nagender Kummer, ein fressender Krebsschaden saß mir im Herzen und verzehrte mein Glück,
meine Zufriedenheit im Keime.
Der Leser denkt vielleicht, ich habe bei all' den Orts-
und Glücksveränderungen Mr. Rochester ganz und gar vergessen. Keineswegs. Sein Bild war keinen Augenblick von
mir gewichen, denn es war kein Uebelgebilde, das der Sonnenschein zerstören, noch ein in Sand gegrabenes Erinnerungsteichen, das der Wind verwehen konnte. Wie in
Erz war sein Name in die Gedächtnißtafel meines Herzens eingegraben und die Inschrift mußte wohl eben so lange
bleiben, als das letztere zu schlagen anhielt. Die Sehnsucht, sein Schicksal zu wissen, verfolgte mich überall;
als ich noch in Morton Schule hielt, quälte ich mich jede Naht mit diesem Gedanken, nun ich im Moorhause wohnte,
ließ mich derselbe eben so wenig schlafen.
Im Verlaufe meiner nothwendigen Correspondenz mit
Mr. Briggs stellte ich an ihn die Anfrage, ob er etwas von
Mr. Rochester's gegenwärtigem Aufenthalte und von seinem
Befinden wisse; allein wie es St. John richtig vermuthet
hatte, konnte er mir in dieser Hinsicht nicht das Geringste
mittheilen. Ich schrieb darauf an Mrs. Fairfax und bat sie
um Nachricht über ihren Herrn. Mit Sicherheit hatte ich
darauf gerechnet, eine baldige Antwort zu erhalten; ich
war daher nicht wenig erstaunt, als vierzehn Tage vorübergingen und kein Brief ankam, und als endlich nach zwei
vollen Monaten Mrs. Fairfax noch nichts von sich hören ließ, erreichte meine Angst den Gipfelpunkt.
Ich schrieb noch einmal, denn es konnte ja möglicherweise mein erster Brief in Verlust gerathen seyn. Neue Hoffnungen folgten dieser neuerlichen Bemühung, die wie beim
ersten Male einige Wochen anhielten und dann. nachdem
ein halbes Jahr ohne irgend eine Nachricht verflossen war,
gänzlich erstarben. Ich fühlte, daß es nun mit meinem
Hoffen und Harren vorbei sey.
Ein herrlicher Frühling war ins Land hernieder gestiegen, allein ich konnte mich seiner Genüsse nicht erfreuen.
Der Sommer kam; Diana versuchte es mich aufzuheitern
und meinte, ich solle mit ihr in ein Seebad reisen, da ich
so krank aussehe. Aber St. John widersetzte sich diesem
Vorhaben; er behauptete, ich sey nicht krank: es fehle mir nur an einer ordentlichen Beschäftigung und mein Leben sey zu zwecklos. Wahrscheinlich um allen diesen Mängeln
abzuhelfen, verlängerte er meine Lectionen im Hindostasischen und strengte mich noch mehr an, und ich war thöricht genug, nie an einen Widerstand zu denken, vielleicht darum, weil ich ihm nicht widerstehen konnte.
Eines Tages kam ich weit trüber als gewöhnlich
gestimmt in die Lehrstunde. Eine bitter empfundene
Täuschung war die Ursache dieses Seelenzustandes. Hannah hatte mir gesagt, es sey ein Brief für mich angelangt;
und als ich hinunterkam, ihn in Empfang zu nehmen,
fand ich, daß es ein unbedeutendes Geschäftsschreibenden
Mr. Briggs sey, Einige Thränen waren mir über meine
so schmerzlich getäuschten Hoffnungen in die Augen getreten
und während ich über den seltsam gestalteten Buchstaben
einer indischen Schrift brütete, wurden meine Augen abermals naß.
St. John rief mich zu sich, um ihm vorzulesen; meine
Stimme zitterte, als ich sein Begehren erfüllte, und mein

Schluchzen erstickte ganze Worte. Wir waren allein im
Sprachzimmer. Diana musicirte im Sitzzimmer, Mary arbeitete in ihrem kleinen Gärtchen, denn es war ein wunderherrlicher warmer Maitag. Mein Lehrer bezeigte durchaus
keine Verwunderung über meine Aufregung und erkundigte
sich auch nicht um ihre Ursache.
‘Wir wollen eine Weile warten, Jane, bis Sie sich wieder gefaßt haben,’ war Alles was er sagte. Und während ich meine Bewegung mit aller Gewalt zu unterdrücken
suchte, saß er kalt und ruhig da, wie ein Arzt, der im Interesse der Wissenschaft die längst erwartete Krisis einer
Krankheit beobachtet. Nachdem ich mir die Augen getrocknet,
mein Schluchzen zur Ruhe gebracht und leise vor mich hin
geflüstert hatte, ich sey diesen Morgen nicht ganz wohl,
machte ich mich wieder an meine Arbeit und kam glücklich
damit zu Stande. St. John legte die Bücher bei Seite,
schlug sein Pult zu und sagte:
‘Nun wollen wir spaziren gehen, Jane.’
‘Ich will sogleich Diana und Mary rufen.’
‘Lassen Sie das. Ich bedarf heute nur einer Begleiterin und das sollen Sie seyn. Ziehen Sie sich an, gehen
Sie durch die Küche hinaus und schlagen Sie den Weg nach
dem Moorthale ein, ich bin in einem Augenblicke bei Ihnen.
Ich kenne keine Mittelstraße und kannte in meinem
ganzen Leben keine, sobald ich es mit positiven, hartnäckigen, mir ganz entgegengesetzten Charakteren zu thun
hatte: entweder ich lehnte mich auf, oder ich gehorchte unbedingt. Das letztere that ich stets auf das Getreulichste
bis zu dem Augenblicke, wo ich mit nahezu vulkanischer
Heftigkeit die Fahne des Aufruhrs aufpflanzte, und da ich
unter den gegenwärtigen Verhältnissen weder Ursache noch

Lust hatte zu revoltiren, so befolgte ich St. John's Weisungen ohne Widerrede, und ging zehn Minuten später
an seiner Seite den Thalweg entlang.
Ein lauer Westwind wehte von den Hügeln und brachte den Duft des Farrenkrautes mit herüber; ein blauer, wolkenloser Himmel wölbte sich über uns, die Sonne erglänzte:
in goldener Pracht und als wir den Fußweg verließen und den Rasen betraten, schimmerte uns der Farbenschmelz unzähliger zarter Blumen entgegen.
‘Hier wollen wir ausruhen,’ sagte St. John, als
wir einen Felsen, den Vorposten einer ganzen Reihe, erreicht hatten, die eine Art Engpaß zu bewachen schienen. Ich
setzte mich; St. John blieb vor mir stehen und ließ seine
Blicke über die Landschaft schweifen. Dann nahm er den Hut ab, daß ihm der laue Windhauch Stirne und Wangen küßte, und schien mit dem Schutzgeiste der Gegend zu verkehren, der letzteren mit den Augen Lebewohl zu sagen.
‘Ich werde dich wiedersehen,’ sagte er mit lauter
Stimme, ‘wiedersehen in meinen Träumen, wenn ich am
Ganges schlafe; und auch später noch, wenn mir dereinst
der lange Schlummer die Augen zudrückt und ich am Ufer
eines noch düsteren Stromes ruhe.’
Sonderbarer Ausdruck einer sonderbaren Zuneigung!
Eines rauhen Patrioten Liebe für sein Vaterland! Er setzte
sich, und durch eine halbe Stunde sprach Keines von uns
Beiden ein Wort.
‘Jane,’ hob er wieder an, ‘ich reise in sechs Wochen ab. Ich habe mir schon einen Platz am Bord eines
Ostindienfahrers gemiethet, der am zwanzigsten Juni absegelt.’

‘Gott wird Sie schützen, denn Sie unternehmen die
Verherrlichung seines Werkes,’ versetzte ich.
‘Wohl,’ sagte er, ‘und eben das macht meinen Stolz
und meine Freude aus. Nicht unter menschlicher Anführung, unabhängig von den Vorschriften und der Gewalt
meiner gebrechlichen Mitwürmer gehe ich hinaus, denn mein
Anführer ist der Allmächtige, der Unendliche. Es kömmt
mir sonderbar vor, daß meine Nächsten nicht vor Begierde
brennen, sich unter die gleiche Fahne einreihen zu lassen, am
gleichen Unternehmen theilzunehmen.’
‘Nicht Alle besitzen Ihre Kraft und es wäre Wahnsinn, wollte sich der Schwache anmaßen, mit dem Starken
gleichen Schritt zu halten!’
‘Ich spreche nicht von den Schwachen und denke nicht
an sie; ich wende mich nur an diejenigen, die des großen
Werkes würdig und im Stande sind, es zu vollführen.’
‘Ihre Zahl wird gering und sie selbst schwer zu finden seyn.’
‘Sie sprechen wahr: aber hat man sie einmal gefunden, so hat man auch das Recht, sie aufzurufen, sie zur
Thätigkeit zu ermahnen, ihnen zu beweisen, welche Gaben
sie besitzen und die Botschaft des Himmels zu verkünden,
damit sie einen Platz in der Reihe seiner Auserwählten annehmen.’
‘Wenn Sie sich der Aufgabe wirklich gewachsen fühlen,
wird da nicht die Stimme Ihres eigenen Herzens zuerst zu
Ihnen sprechen?’
Es war mir als ob mich irgend ein unsichtbarer Zauber immer fester und fester umstrickte und fast fürchtete ich
das fatale Wort zu vernehmen. das mich mit einem Male
verwünschte.

‘Und was sagt Ihr Herz?’ frug St. John.
‘Mein Herz ist stumm, ganz stumm,’ rief ich voll Schrecken aus.
‘Dann muß ich an seiner Stelle sprechen,’ fuhr er
mit tiefer Stimme unnachsichtlich fort. ‘Kommen Sie mit
mir nach Indien, Jane, werden Sie meine Gefährtin und
Mitarbeiterin.’
Das Thal und das Firmament schienen zusammenzufallen, die Berge zu wanken! Es war als ob mich der
Himmel gerufen, als ob einer seiner unsichtbaren Sendlinge, gleich dem Macedonier, zu mir gesprochen hätte:
‘Komm herüber und hilf uns!’ Aber ich war kein Apostel
— ich konnte den Herold nicht sehen — seine Botschaft
nicht annehmen.
‘Oh, St. John,’ bat ich, ‘seyen Sie barmherzig!’
Aber ich wandte mich an einen Mann, der in der
Erfüllung dessen, was er für seine Pflicht hielt, weder
Barmherzigkeit noch Mitleid kannte.
‘Gott und die Natur,’ fuhr er fort, ‘bestimmten
Sie zum Weibe eines Missionärs. Sie gaben Ihnen keine
persönlichen, sondern geistige Vorzüge und Sie sind somit
zur Arbeit und nicht zur Liebe geschaffen. Das Weib eines Missionärs müssen -- sollen Sie werden. Ich muß Sie besitzen, ich beanspruche Sie, nicht der eitlen Lust wegen.
sondern zum Dienste meines Herrn und Königs.’
‘Ich tauge nicht dazu, ich fühle keinen Beruf in mir,’
wandte ich ein.
Er war auf meinen Widerspruch vorbereitet und ließ
sich durch denselben nicht irre machen. Sich mit dem Rücken
an den Felsen lehnend, seine Arme kreuzend und das Gesicht in ernste Falten legend, sah er aus wie Einer, der
auf ein heftiges Widerstreben gefaßt und mit einem hinreichenden Vorrathe von Geduld versehen ist, fest entschlossen,
den Sieg um jeden Preis zu erkämpfen.
‘Demuth ist der Grundpfeiler des Christenthums,’
sagte er, ‘und Sie haben Recht, wenn Sie behaupten, Sie seyen zu dem Werke nicht tauglich. und wer ist
es auch überhaupt? Oder wer, der da berufen wurde,
hielt sich für würdig dem Rufe zu folgen? Ich zum Beispiel bin nichts als Staub und Asche. Mit St. Paul erkläre ich mich den ersten der Sünder, aber ich lasse mich
durch dieses Gefühl der eigenen Unwürdigkeit nicht niederdrücken. Ich kenne meinen Lenker, ich weiß, daß er ebenso
gerecht als mächtig ist und da er zur Vollführung seines
Werkes ein so schwaches Werkzeug auserkor, so wirr er
demselben auch die nöthigen Mittel an die Hand geben, es
endlich zu vollführen. Denken Sie wie ich. hoffen, vertrauen Sie gleich mir. Auf den Herrn der Heerschaaren mögen Sie sich stützen und keinen Augenblick zweifeln, daß
er die Last Ihrer menschlichen Schwachheiten erleichtern
wird.’
‘Ich verstehe nichts von dem Leben und Wirken eines Missionärs, da ich nie die nöthigen Vorbereitungsstudien
gemacht habe.’
‘Darin kann ich Sie, so geringfügig ich auch bin,
hinreichend unterstützen. Ich kann Ihnen Ihre Arbeit Stunde für Stunde vorzeichnen, Ihnen zur Seite stehen. Ihnen
helfen. Soviel genügt für den Anfang und bald werden Sie ich kenne Ihre geistigen Anlagen — so stark, so fähig
wie ich seyn und meiner Hilfe nicht weiter bedürfen.’
‘Doch wo habe ich die nöthige Kraft zu dem Unternehmen? Ich verspüre nichts davon in mir. Nichts wird in
meinem Adern laut, nichts regt sich, indem Sie zu mir
sprechen. Kein Licht hat sich entzündet, keine Stimme spricht
zu mir, um mir zu rathen, mich aufzumuntern. O, ich
wollte, Sie könnten in das Innere meiner Seele blicken,
das in diesem Augenblicke einem finstern Kerker gleicht, von
nichts als von der Furcht bewohnt, ich könne mich von
Ihnen bereden lassen, etwas zu unternehmen, was ich nicht
auszuführen vermag.’
‘Darauf kann ich Ihnen ganz gut antworten — hören
Sie mich an. Ich habe Sie beobachtet, seitdem ich Sie kenne;
Sie waren durch zehn Monate der Gegenstand meines Studiums. Ich habe Sie während dieser Zeit einigemal auf die
Probe gestellt und was war das Ergebniß meiner Beobachtungen? In der Dorfschule benahmen Sie sich musterhaft,
waren pünktlich, gerecht. vollbrachten Arbeiten, die Ihren
Gewohnheiten und Neigungen nicht im Mindesten entsprachen; bei allem dem zeigten Sie bedeutende Fähigkeiten und
einen gewissen Tact; trotz aller Strenge wußten Sie sich die
Herzen Ihrer Schülerinnen zu gewinnen. Die Ruhe, mit der
Sie die Nachricht Ihres plötzlichen Reichthums vernahmen,
ließ mich erkennen, daß Ihnen Gewinnsucht fremd sey; die
entschlossene Schnelligkeit, mit welcher Sie das ererbte Vermögen sofort in vier gleiche Theile theilten und drei Theile
davon Ihrem Zartsinne folgend an Ihre Anverwandten verschenkten, zeigte mir die Opferfreudigkeit Ihrer Seele im
schönsten Lichte. Die Lenksamkeit, die Sie ein Lieblingsstudium aufgeben ließ , um ein anderes zu beginnen, weil
es mich interessirte, der unermüdliche Fleiß, den Sie seitdem bei eben diesem Studium an den Tag legten, die ungewöhnliche Kraftfülle, mit der Sie alle Schwierigkeiten überwältigten — das Alles lieferte mir den deutlichsten Beweis,
daß sich alle von mir längst gesuchten Eigenschaften bei Ihnen vereint vorfanden. Sie sind gelehrig, fleißig, uneigennützig, treu, beständig und muthig, sanft und dabei doch
Heldenmüthig; hören Sie also auf, sich zu mißtrauen, da
ich in Sie und Ihre Fähigkeit ein unbedingtes Vertrauen
setze. Als Oberleiterin indischer Schulen und als Mitarbeiterin unter den Indierinnen wird mir Ihr Beistand unschätzbar seyn.’
Die Fesseln schlangen sich immer enger um mich; die
Ueberredung näherte sich langsamen aber sicheren Schrittes.
Mochte ich auch meine Augen schließen, seine letzten Worte
zeigten mir den Weg, den ich zu gehen hatte. Mein Antheil
an dem Werke, der mir so unbestimmt, so gehaltlos erschienen war, nahm unter seiner bildenden Hand eine bestimmte
Gestalt an. Er wartete auf eine Antwort Ich bat mir eine Viertelstunde Bedenkzeit aus.
‘Sehr gern,’ versetzte er, stand auf, ging einige Schritte abseits, warf sich auf den schwellenden Rasen nieder und blieb ruhig liegen.
‘Ich kann das vollbringen, was er von mir verlangt,’
dachte ich bei mir, vorausgesetzt jedoch, daß ich am Leben
bleibe. Aber mein Körper, ich fühle es, ist nicht im Stande,
den Einflüssen des tropischen Klima's lange zu widerstehen.
— Was dann? Er kümmert sich wenig darum und käme
meine letzte Stunde, er würde mich in aller Heiterkeit meinem Schöpfer empfehlen. Ich sehe den Fall ganz deutlich
vor mir. Wenn ich England verlasse, gehe ich aus einem
mir theuren Lande, das aber, seit sich Mr. Rochester nicht
mehr darin befindet, für mich keine Anziehungskraft mehr
besitzt. Aber selbst wenn dies der Fall wäre, was habe ich

weiter mit ihm zu schaffen, in welches Verhältniß kann ich
noch ferner zu ihm treten? Ich muß also jedenfalls — wie
dies einst St. John behauptete — ein anderes Interesse an
die Stelle des verlorenen setzen, und ist nicht die Beschäftigung, die er mir anbietet, die ruhmvollste, herrlichste, die
Gott einer Sterblichen zuweisen kann? Ist sie nicht mehr
als eine jede andere im Stande, die Lehre, welche gebrochene Liebe und vernichtete Hoffnungen zurückließen, auszufüllen? Ich glaube, ich muß ja sagen — und doch schaudere ich zurück! Wenn ich St. John folge, gebe ich meine Persönlichkeit zur Hälfte auf, wenn ich nach Indien gehe,
gehe ich einem frühzeitigen Tode entgegen. Und welche
Ereignisse werden die Zwischenzeit meiner Reise von hier
nach Indien und von Indien ins Grab bezeichnen? Oh,
auch das ist mir klar. Wenn ich mich auf's Aeußerste anstrenge, um St. John zufrieden zu stellen, wird es mir
auch gelingen. Wenn ich mit ihm gehe, wenn ich ihm dies
Opfer bringe, so thue ich es in der umfassendsten Bedeutung des Wortes und lege Alles, mein Herz, mein ganzes
Leben auf den Altar. Er wird mich nie lieben, aber er
wird mich achten und ich werde ihm Kraftäußerungen.
Eigenschaften und Fähigkeiten vor Augen führen, von denen er sich nichts träumen läßt. Wohl! ich kann ebenso
tüchtig, eben so unverdrossen arbeiten, wie er.
‘Es ist also möglich, daß ich ihm willfahre, wäre
nur eine einzige, aber schreckliche Bedingung nicht. Er will,
ich soll ihn heirathen und hat ebensowenig Liebe für mich,
als jener riesige Felsblock dort in der Thalschlucht, an dem
sich der schäumende Gießbach bricht. Er schätzt mich, wie
etwa ein Soldat eine gute Waffe schätzt, aber das ist auch
Alles. Wenn ich mit ihm nicht vermält bin, mache ich

mir nichts daraus; allein darf ich ihn seine Berechnungen
zu Ende führen. seine Pläne kaltblütig ins Werk setzen
und mit der Trauungsfeierlichkeit beschließen lassen? Kann ich von ihm den Trauring annehmen, zusehen, wie er alle Aeußerlichkeiten eines Bündnisses der Liebe und Zuneigung
genau beobachtet, und das Bewußtseyn ertragen, daß sein Herz nichts dabei zu thun hat? Nein! Die Marter wäre
gräßlich, ich kann sie nicht über mich ergehen lassen. Als eine Schwester will ich ihm folgen, aber nicht als sein
Weib. Er soll es wissen.’
Ich sah nach dem Rasen. Dort lag er- regungslos wie eine umgestürzte Bildsäule, sein Gesicht gegen mich gewendet, mich mit leuchtenden, durchdringenden Blicken beobachtend. Er sprang auf und näherte sich mir.
‘Ich bin bereit mit Ihnen nach Indien zu gehen, wenn ich frei bleiben kann.’
‘Ihre Antwort bedarf einer Erklärung,’ bemerkte er:
‘sie ist nicht deutlich genug.’
‘Sie waren bis jetzt mein angenommener Bruder, ich
Ihre angenommene Schwester; wir wollen es auch fernerhin bleiben und das Heirathen ganz außer dem Spiele
lassen.’
Er schüttelte den Kopf. ‘Da wirr es in dem vorliegenden Falle nicht gut thun. Wären Sie meine leibliche
Schwester, dann möchte es gehen: ich nähme Sie mit und
suchte mir weiter kein Weib. Allein wie die Sachen stehen,
muß unsere Verbindung entweder durch die Ehe geweiht,
besiegelt werden, oder sie ist ganz und gar unmöglich, da
sich praktische Schwierigkeiten einem jeden andern Plane entgegenstellen. Begreifen Sie das, Jane? denken Sie einen
Augenblick nach — Ihr heller Verstand wird Sie erleuchten.’
Ich dachte nach, aber mein Verstand wies immer wieder darauf hin, daß wir für einander nicht diejenige Liebe
fühlten, die Mann und Weib verbinden soll. ‘St. John,’
erwiederte ich, ‘ich sehe Sie als meinen Bruder, Sie
mich als Ihre Schwester an und dabei soll es auch sein Bewenden haben.’
‘Unmöglich, unmöglich!’ rief er mit scharfer bestimmter Betonung aus. ‘Sie sagten, Sie wollten mich nach
Indien begleiten, vergessen Sie nicht darauf.’
‘Ich stellte eine Bedingung.’
‘Wohl, wohl! Gegen den Hauptpunkt, mich zu begleiten und meine Arbeiten zu theilen, haben Sie somit
nichts einzuwenden. Sie haben also Ihre Hand schon so
gut wie an den Pflug gelegt und Sie sind zu beständig, um
sie wieder zurückzuziehen. Sie müssen nur den Einen Punkt
vor Augen haben, wie das große Werk, das Sie unternommen, am leichtesten vollendet werden kann. Vereinfachen Sie
Ihre widerstrebenden Interessen, Gefühle, Gedanken,
dem Einen Zwecke untergehen: die Sendung Ihres Meisters mit Kraft, mit Erfolg zu vollbringen. Dazu bedürfen
Wünsche und Pläne, lassen Sie alle Ihre Rücksichten in
Sie eines Gehilfen — nicht eines Bruders, das Band ist
zu locker — sondern eines Gatten. Auch mir genügt eine
Schwester nicht, die mir jeden Tag genommen wenden kann:
ich muß ein Weib haben, die einzige Gehilfin, über die

ich unbeschränkt verfügen, die ich bis zum Tode behalten
kann.’
Ich schauderte bei seinen Worten und das Blut erstarrte mir in den Adern. Ich fühlte ordentlich, wie er
mich fester, immer fester packte.
‘Suchen Sie sich eine andere Gefährtin, St. John,
eine andere, die besser für Sie paßt!’
‘Sie meinen eine solche, die zu meinen Plänen taugt,
denn ich sage Ihnen noch einmal, daß es mir auf das einfache Individuum nicht ankömmt, daß ich nur eine Gefährtin und Mitarbeiterin für meinen Missionsberuf suche.’
‘Und zu diesem Zwecke will ich Ihnen alle meine
Kräfte zu Gebote stellen, nur mich selbst nicht, und mehr
brauchen Sie ja nicht. Alles Andere wäre eben nur die
Schale oder die Hülse des Kernes, die Ihnen zu nichts
frommt und die ich daher für mich behalte.’
‘Das können, das dürfen Sie nicht thun. Glauben
Sie wohl, Gott werde sich mit einem halben Opfer begnügen? und in seinem Namen spreche ich zu Ihnen, in
seinem Namen werbe ich Sie an. Als sein Stellvertreter darf ich diese Theilung, diesen Vorbehalt nicht gestatten
und nehme Sie ganz in Anspruch.’
‘Wohl! Ich will mein Herz Gott zum Opfer bringen,’ sagte ich, ‘denn Sie bedürfen dessen doch nicht.’
Ich weiß nicht, wieviel halbunterdrückte Ironie sowohl in dem Tone, als in den Worten lag, die ich soeben ausgesprochen. Ich hatte bis nun St. John im Stillen gefürchtet, weil ich ihn nicht begriff. Wie weit bei ihm der Mensch

ging — wo der Heilige anfing, ich kennte es nicht sagen
allein in der gegenwärtigen Unterredung gab er sich mir
zu erkennen und die Analyse seines Gemüthes ging unter
meinen Augen vor sich. Ich erkannte seine Schwäche und
fand sie erklärlich. Ich kam zu der Erkenntniß, daß ich
einen Sterblichen vor mir hatte, der gleich mir mit Fehlern
behaftet war. Seine Härte, sein Despotismus erschienen
mir in ihrer ursprünglichen Nacktheit und brachten mich zum
Bewußtsein seiner Unvollkommenheit. Der Gedanke an die
letzteren flößte mir Muth ein: ich sah, daß ich es mit meines Gleichen zu thun hatte, daß ich ihn mit Gründen bekämpfen, mich ihm widersetzen konnte.
Meine letzte Rede hatte ihm anscheinend den Mund
verschlossen. Ich wagte es nach ihm zu sehen; er maß
mich mit einem Blicke, der zu sagen schien: ‘Ist sie wirklich sarkastisch und ist sie es gegen mich? Was soll das bedeuten?’
‘Wir wollen nicht vergessen, daß diese Angelegenheit
eine feierliche, ernste ist,’ hob er nach einer Weile wieder an, ‘eine solche, über die m an nicht scherzen darf,
ohne sich einer Sünde schuldig zu machen. Ich hoffe, es
ist Ihr voller Ernst, Jane. wenn Sie sagen, daß
Sie Ihr Herz Gott zum Opfer bringen wollen, und das
genügt mir vollkommen. Haben Sie sich nur erst von allem
Irdischen losgemacht und Ihrem Schöpfer zugewendet,
dann wirr es von selbst Ihre größte Freude und liebste Beschäftigung seyn, an der Erweiterung des geistigen Reiches Ihres Meisters zu arbeiten und Sie werden gerne nach
Allem greifen, was diesen Zweck zu fördern vermag. Sie

werden einsehen, welchen Aufschwung unsere Bemühungen
durch die Vereinigung unserer physischen und geistigen Kräfte
in der Ehe erlangen müssen und sich über alle jene kleinlichen aus übertriebener Empfindsamkeit und alltäglichen
Lebensansichten entspringenden Bedenklichkeiten über den
Grad, die Gattung, die Stärke wechselseitiger Zuneigung
leicht hinwegsetzen.’
‘Glauben Sie das?’ lautete meine kurze Erwiederung, und ich sah nach seinem schönen, aber durch seine
Strenge und Härte abstoßenden Gesichte, nach seiner gebietenden, aber keineswegs offenen Stirne, nach seinen klaren, durch dringenden, nichts weniger als sanften Augen,
nach seiner schlanken, hohen Gestalt, und dachte mich als
sein Weib. Oh, es wan unmöglich Seine Begleiterin,
feine Gesellschafterin, seine Helferin, das Alles wollte ich
von ganzem Herzen vorstellen, mit ihm den Ocean durchschiffen, Wüsten durchschreiten, unter der glühenden Sonne des Orients arbeiten, mich seinem Willen fügen, über seinen Ehrgeiz lächeln, den Christen vom Menschen unterscheiden und den ersteren achten, während ich dem letzteren
vergab. Ohne Zweifel warteten meiner die größten Leiden,
mein Körper kam unter ein hartes Joch, aber mein Herz
und mein Geist blieben frei, und ich hatte mir mein besseres Selbst gerettet, mit dem ich dann ungestört in der
Einsamkeit verkehren, in dem ich Gefühle bewahren konnte,
auf die sich seine Strenge nicht erstreckte, die er nicht
zu zertreten im Stande war. Allein als sein Weih immer und ewig um ihn zu seyn, mich ohne Unterlaß zu
beherrschen und meine Natur im Zaume zu halten, mein
inneres Feuer zu unterdrücken, bis es ein Stück meines innern Lebens nach dem andern verzehrte — das zu ertragen war für mich eine reine Unmöglichkeit.
’St. John!’ rief ich aus, als ich in meinen Betrachtungen bei diesem Punkte angelangt war.
‘Nun?’ frug er mit eisiger Kälte.
‘Ich wiederhole es noch einmal, ich bin gesonnen,
Sie von freien Stücken auf Ihrer Missionsreise zu begleiten und Ihr Werk nach Kräften zu fördern, aber nicht
als Ihre Gattin, denn ich kann Sie nicht heirathen, nicht
Ihre andere Hälfte werden.’
‘Und Sie müssen meine eheliche Hälfte werden,’ versetzte er hartnäckig, ‘sonst ist der ganze Vertrag null
und nichtig. Wie kann ich, ein Mann von nicht ganz
dreißig Jahren, ein Mädchen von neunzehn, das nicht
mit mir getraut ist, mit nach Ostindien nehmen? Wie können wir zusammen in Einöden, unter wilden Stämmen leben, ohne vermält zu seyn?’
‘Ganz gut,’ sagte ich kurz abgebrochen, ‘eben so gut, als wäre ich Ihre wirkliche Schwester, oder gleich
Ihnen ein Mann und ein Geistlicher.’
‘Es ist bekannt, daß Sie nicht meine Schwester
sind, ich kann Sie nirgends dafür ausgeben, und würde
ich es auch versuchen, so wären wir doch Beide dem kränkendsten Verdachte ausgesetzt. Uebrigens haben Sie wohl
den kräftigen Geist eines Mannes, aber auch das gefühlvolle Herz eines Weibes und — dies Verhältniß würde
nicht gut thun.’
‘Es würde ganz gut thun,’ versetzte ich mit einigem Unwillen, ‘vollkommen gut. Ich besitze das Herz
eines Weibes, aber nicht für Sie; Ihnen weihe ich blos
die Anhänglichkeit, die Treue, die Brüderlichkeit eines
Kriegsgefährten, wenn es Ihnen recht ist, vielleicht auch
die Unterwürfigkeit eines Neubekehrten für seinen Hierophanten, nichts mehr und nichts weniger, und Ihre Befürchtungen sind ganz überflüssig.’
‘So will ich es auch haben,’ sagte er, anscheinend
zu sich selbst sprechend, ‘gerade so will ich es haben.’
Und liegen Hindernisse im Wege, so müssen sie hinweggeräumt werden. Sie sollen keine Ursachen haben es zu
bereuen, daß Sie mich geheirathet haben, verlassen Sie
sich darauf, und Sie müssen mich heirathen, das ist klar.
‘Ich wiederhole es Ihnen, es gibt keinen andern Ausweg
und ohne Zweifel wirr der Heirath ein hinreichender Vorrath von Liebe folgen, der eine solche Verbindung auch in
Ihren Augen rechtfertigen wird.’
‘Ich verachte Ihre Ansichten von der Liebe,’ rief ich,
‘meiner Gefühle nicht mehr mächtig, aus, während ich
mich erhob und vor ihn hinstellte. ‘Ich verachte das erheuchelte Gefühl, das Sie mir anbieten, und ich verachte Sie,
wenn Sie es thun.’
Er blickte mich starr an und biß sich in die Lippen.
Ob er wüthend oder erstaunt war, konnte ich nicht leicht
unterscheiden, da er seine Gesichtszüge zu sehr in seiner Gewalt hatte.
‘Ich war wirklich nicht darauf gefaßt, einen solchen
Ausdruck von Ihnen zu vernehmen,’ sagte er, ‘und ich

glaube kaum, etwas gethan oder gesagt zu haben, was
Ihre Verachtung verdient.’
Sein sanfter Ton rührte mich, die ruhige Hoheit seines Wesens zwang mir Achtung ab.
‘Vergeben Sie mir meine Werte, St. John, allein
es ist Ihre eigene Schuld, daß ich mich so weit vergaß.
Sie haben einen Gegenstand zur Sprache gebracht, über
den wir ganz verschiedener Ansicht sind, und den wir füglich
nie berühren sollten. Selbst das Wort Liebe ist bei uns
ein Apfel der Zwietracht, was wäre es erst mit dem Gefühle selbst? Geben Sie Ihre Heirathsgedanken auf, mein
theurer Vetter, und denken Sie nicht weiter daran.’
‘Durchaus nicht,’ sagte er; ‘es ist ein langgehegter Plan und der einzige, der mich meinem erhabenen
Ziele zuführen kann, aber ich will Sie für diesen Augenblick wenigstens nicht weiter damit belästigen. Morgen
gehe ich nach Cambridge; ich habe dort so manche Freunde,
denen ich noch gerne Lebewohl sagen möchte. Meine Abwesenheit wird etwa vierzehn Tage währen; benützen Sie
diese Zeit, meinen Antrag in Erwägung zu ziehen und
vergessen Sie nicht, daß Sie, wenn Sie ihn zurückweisen, nicht wider mich, sondern wider Gott selbst sind. Er
weiset Ihnen durch mich eine herrliche Laufbahn an aber ja
nur als mein Weib können Sie dieselbe betreten. Weigern
Sie sich meine Gattin zu werden und Sie beschränken sich
für ewige Zeiten auf ein Alltagsleben voll selbstsüchtiger
Bequemlichkeit und ruhmloser Dunkelheit. Zittern Sie vor
der Möglichkeit, denjenigen beigezählt zu werden, die
ihrem Glauben untreu geworden und schlimmer sind als
die Ungläubigen selbst.’

Er hatte ausgesprochen. Sich von mir abwendend,
sah er noch einmal nach Strom und Hügel, barg aber
diesmal alle seine Gefühle in seiner Brust: ich war nicht
würdig ihre laute Mittheilung zu empfangen. Als ich an
seiner Seite heimwärts ging. entnahm ich aus seinem
ehernen Stillschweigen Alles was er gegen mich fühlte:
den Unmuth einer starren despotischen Natur, die auf Widerstand gestoßen war wo sie Unterwürfigkeit zu finden
hoffte, — die Mißbilligung eines kalten, unbeugsamen
Verstandesmenschen, der bei seinem Nächsten Gefühle und
Ansichten entdeckt hatte, die er nicht theilen konnte. Als
Mann wäre es sein Wunsch gewesen, mich zum Gehorsam
zu zwingen, allein als guter Christ trug er meine Verruchtheit in Geduld und wies mir einen so langen Zeitraum
zur Reue und Besserung an.
Am selben Abend unterließ er es sogar mir auch nur
die Hand zu drücken, nachdem er seine Schwestern geküßt
hatte, und ging stillschweigend zur Stube hinaus. Wenn
ich keine Liebe für ihn fühlte, so war ich ihm doch so
freundschaftlich zugethan, daß mich diese Zurücksetzung verletzte und mir Thränen in die Augen traten.
‘Ich sehe es, Ihr habt mit einander gestritten,’
sagte Diana; ‘wahrscheinlich während eures Spazirganges in Moore. Gehen Sie ihm nach, Jane, er wartet auf
Sie im Vorzimmer — er will wieder gut werden.’
Ich pflege bei solchen Gelegenheiten keinen unzeitigen
Stolz zu zeigen. und ich ziehe es vor mit allen Menschen in Freundschaft zu leben, als darnach zu sehen,

ob ich mir nichts vergebe. Ich lief ihm also nach — er stand am Fuße der Treppe.
‘Gute Nacht, St. John,’ sagte ich.
‘Gute Nacht, Jane,’ erwiederte er ganz ruhig.
Reichen Sie mir Ihre Hand,’ setzte ich hinzu.
Wie kalt, wie leise berührte er meine Finger! Der
Vorfall des Tages hatte ihn tief verletzt, weder meine
Herzlichkeit noch meine Thränen vermochten ihn zu rühren.
Eine Versöhnung — ein freundliches Lächeln, ein Wort der
Vergebung — das Alles war von ihm nicht zu erwarten,
wiewohl er als Christ noch immer Sanftmuth und Geduld
zur Schau trug. Denn als ich ihn frug, ob er mir vergeben habe, meinte er, es sey, nicht seine Gewohnheit,
die Erinnerung an erlittenes Unrecht lange im Herzen zu
hegen und übrigens habe er mir nichts zu verzeihen, da
ich ihn ja nicht beleidigt hätte.
Und mit dieser Antwort verließ er mich. Es wäre
mir viel lieber gewesen, er hätte mich zu Boden geschlagen.

Fünfunddreißigstes Capitel.

St. John reiste nicht, wie er es gesagt hatte, am
nächsten Tage nach Cambridge ab. Er verschob seine Abreise durch eine ganze Woche und ließ mich während dieser Zeit schmerzlich empfinden, wie strenge ein guter, doch
harter, ein gewissenhafter, doch unerbittlicher Mann Jemanden bestrafen kann, der ihn beleidigte. Ohne irgend
einen Act offener Feindseligkeit, ohne ein verweisendes
Wort wußte er mich zur Ueberzeugung zu bringen, daß
ich nicht länger in seiner Gunst stand.
Nicht etwa, daß St. John eine unchristliche Rachsucht hegte, nicht daß er die Absicht hatte ein Haar meines Hauptes zu krümmen, selbst wenn es in seiner Macht
gelegen hätte es zu thun. Sowohl von Natur aus, als
in Folge seiner Grundsätze war er über jedes gemeine
Rachegefühl erhaben und hatte mir die Behauptung ‘ich
verachte ihn und seine Liebe’ sicherlich vergeben; aber die
Worte hatte er nicht vergessen und konnte sie gewiß nicht
vergessen, so lange wir beide lebten. Sein Blick sagte
mir er sähe dieselbe zwischen mir und ihn in der Luft
geschrieben; so oft ich sprach, tönten sie ihm in meiner
Stimme entgegen, und ihr Echo ließ sich in jeder Antwort hören, die er mir ertheilte.
Er vermied es durchaus nicht mit mir zu sprechen,

vielmehr rief er mich jeden Morgen wie gewöhnlich zu
seinem Pulte und fast fürchte ich, daß der sündige Mensch
in ihm ein besonderes, von dem guten Chriften nicht getheiltes Vergnügen empfand, zu bemerken, mit welcher
Geschicklichkeit er mir, ungeachtet er ganz wie gewöhnlich
zu sprechen und zu handeln schien, in jeder Rede und in
jeder Bewegung zu beweisen wußte, daß er keinen Antheil an
mir nehme, mit mir nicht mehr zufrieden sey. In meinen
Augen erschien er fortan wirklich nicht mehr als ein Mensch
von Fleisch und Bein, sondern als eine Bildsäule von
Marmor; seine Augen als glänzende, durchsichtige Edelsteine, seine Junge als eine Sprachmaschine.
Sein Benehmen war mir qualvoll — eine raffinirte
langsame Tortur. Es nährte ein glimmendes Feuer des
Unwillens, einen stillnagenden Schmerz in mir, die mich
in ewiger Aufregung erhielten und mich nach und nach
aufzehrten. Ich fühlte es wie mich dieser gute Mann,
rein wie der tiefe, von der Sonne nie beschienene Quell,
falls ich sein Weib wäre, tödten könnte, ohne einen einzigen Blutstropfen meiner Adern zu vergießen und sein
eigenes krystallhelles Gewissen mit dem leisesten Makel zu
beflecken. Ich fühlte dies besonders in solchen Augenblicken,
wo ich es versuchte mich mit ihm auszusöhnen. Aber er
hatte kein Mittel mit meiner Sehnsucht nach Wiederherstellung unserer früheren Herzlichkeit, denn ihm verursachte
unsere wechselseitige Entfremdung nicht das geringste Leiden, und wiewohl ich sehr oft die Seite, auf der ich las,
mit meinen Thränen befeuchtete, so brachten auch diese
auf ihn keine an ere Wirkung hervor, als wäre sein Herz
in der That von Stein oder von Erz gewesen. Mit seinen

Schwestern war er indessen etwas freundlicher und gemüthlicher als gewöhnlich: gleichsam als ob seine bloße
Kälte nicht hinreiche, mich von dem Verluste seiner Gunst
zu überzeugen, stellte er auch noch diesen Gegensatz auf,
nicht etwa aus Bosheit, sondern wie ich fest überzeugt
war aus Grundsatz.
Den Abend vor seiner Abreise sah ich ihn zufällig
nach Sonnenuntergang im Garten spaziren gehen. Sein
Anblick rief mir ins Gedächtniß zurück, daß mir dieser
Mann, so schroff er mir nun auch gegenüber stand, dereinst
das Leben gerettet hatte, daß er mein Blutsverwandter
sey, und ich fand mich bewogen, einen letzten Versuch
zur Wiedererlangung seiner Zuneigung zu machen. Ich
ging auf ihn zu und sprach ihn ohne Umschweife an.
‘Ich fühle mich unglücklich, St. John, weil Sie
mir noch immer gram sind. Lassen Sie uns Freunde seyn.’
‘Ich denke, wir sind es schon,’ gab er kaltblütig
zur Antwort, während er fortfuhr den Aufgang des Mondes zu betrachten, der seine Blicke schon vordem in Anspruch genommen hatte.
‘Nein, St. John, wir sind nicht mehr so gut mir
einander, wie wir es waren. Sie wissen das recht wohl.’
‘Sie glauben? Das wäre nicht recht. Ich für meinen Theil wünsche Ihnen nichts Böses, sondern vielmehr
alles Gute.’
‘Deß bin ich gewiß, St. John, denn ich weiß, daß
Sie nicht im Stande sind Jemanden etwas Böses zu
wünschen; aber da ich Ihre nahe Anverwandte bin, so
habe ich auf etwas mehr Zuneigung Anspruch als auf

jene allgemeine Menschenfreundlichkeit, die am Ende auch
alle Fremden umfaßt.’
‘Natürlich,’ sagte er. ‘Ihr Wunsch ist ganz billig und ich bin auch weit davon entfernt, Sie als eine
Fremde anzusehen.’
Diese Worte in einem kalten, ruhigen Tone gesprochen, waren kränkend und abschreckend genug. Hätte ich
den Einflüsterungen des Stolzes und des Zornes Gehör gegeben, wäre ich sofort weiter gegangen; allein ein gewisses
Etwas hatte in meinem Innern über jene Gefühle die
Oberhand. Ich hatte eine aufrichtige, innige Verehrung
für die Talente und Grundsätze meines Vetters. Seine
Freundschaft war mir äußerst schätzbar und es hätte mich
mit Schmerz erfüllt sie gänzlich zu verlieren. Ich wollte
daher den Versuch, sie wieder zu erlangen, nicht sofort
aufgeben.
‘Sollen wir uns auf diese Weise trennen, St. John?
Und wenn Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich so
kalt, mit keinem freundlicheren Worte verlassen, als diejenigen waren, die Sie eben ausgesprochen?’
Er wandte sich nun ganz vom Monde ab und sah
mir gerade ins Gesicht.
‘Verlasse ich Sie denn, wenn ich nach Indien gehe?
Wollen Sie nicht mitgehen?’
‘Sie sagten ja, es wäre nicht möglich, außer ich
heirathe Sie.’
‘Und das wollen Sie nicht. Beharren Sie auf Ihrem Entschlusse?’
Hast Du es je erfahren, lieber Leser, welchen Schrecken kalte, herzlose Leute durch ihre eisigen Fragen einflößen können? Wie ihr Unwillen einer Lawine gleich
heranwallt, ihr Mißvergnügen dem Aufbrechen der zugefrornen See gleicht?
‘Ich will Sie nicht heirathen, St. John, und ändere
meinen Entschluß durchaus nicht.’
Die Lawine war erschüttert und bewegte sich nach vorwärts, aber noch rollte sie nicht den Abhang hinunter.
‘Ich frage Sie noch einmal, warum weigern Sie sich?’
‘Anfangs weigerte ich mich deshalb, weil Sie mich
nicht liebten, und in diesem Augenblicke weise ich Ihren
Antrag zurück, weil Sie mich nahezu hassen. Wenn ich
Sie zum Manne nähme, würden Sie mich töten. Denn
schon jetzt bringen Sie mich langsam um.
Seine Lippen, seine Wangen wurden weiß — schneeweiß.
‘Ich würde Sie tödten — ich bringe Sie um? Sie
gebrauchen Ausdrücke, die nicht für Sie passen, weil sie
unweiblich, leidenschaftlich und unwahr sind. Ihre Reden
verrath einen bedauernswerthen Gemüthszustand und
verdienen eine strenge Ahndung. Fast sind Sie nicht zu
entschuldigen. allein es ist eine heilige Pflicht, seinem
Nächsten zu vergeben und wäre es auch zum siebenundsiebzigsten Male.’
Ich war nun fertig. Während ich den ernstlichen Wunsch
hegte, das Andenken an eine frühere Beleidigung aus seinem Gedächtniß zu verwischen, hatte ich dem hartnäckigen

Gemüth eine neue, noch weit empfindlichere Unbill zugefügt, die ihm tief in die Seele brannte.
‘Nun hassen Sie mich ganz gewiß,’ sagte ich. ‘Es
ist nutzlos, einen weiteren Versuch zur Versöhnung zu wagen: ich sehe, daß ich Sie mir auf ewig zum Feinde gemacht habe.’
Diese Worte brachten ihm eine neue und um so empfindlichere Wunde bei, als sie der Wahrheit nahe kamen. Die
blassen Lippen erzitterten in einem augenblicklichen Kampfe:
ich kannte die Stärke der Leidenschaftlichkeit, die ich geweckt
hatte, und bitteres Leid erfüllte mein Herz.
‘Sie legen meine Worte ganz falsch aus,’ sagte ich,
seine Hand erfassend; ‘ich habe durchaus nicht die Absicht,
Sie zu verletzen, Ihnen wehe zu thun — gewiß nicht!’
Er lächelte bitter und entzog mir seine Hand. ‘Und
Sie nehmen nun Ihr Wort zurück und gehen ganz und gar
nicht nach Indien mit?’ sagte er nach einer beträchtlichen Pause.
‘Als Ihre Gehilfin will ich Sie gern begleiten.’
Ein langes Stillschweigen trat ein. Welcher Kampf
indessen zwischen seiner angeborenen Gemüthsbeschaffenheit
und seinem edleren Selbst stattfand, weiß ich nicht zu sagen.
Nur so viel sah ich, daß seine Augen wunderbare Strahlen
schossen und daß düstere Schatten über sein Gesicht hinzogen.
Endlich begann er zu sprechen.
‘Ich bewies Ihnen schon einmal, wie unsinnig es
wäre, wenn sich ein lediger Mann meines Alters von einem
jungen Mädchen Ihres Alters in einen fremden Welttheil
begleiten ließe. Ich bewies es Ihnen in einer Art, die Ihnen meiner Ansicht nach die Lust zu einer jeden ferneren Anspielung auf einen solchen Plan benehmen mußte. Daß Sie
es trotzdem noch einmal versuchen, thut mir um Ihretwillen
sehr leid.
Ich unterbrach ihn. Dieser Vorwurf gab mir mit einem
Male all' meinen Muth wieder. ‘Bleiben Sie bei Verstande. St. John, denn Sie fangen an Unsinn zu schwatzen.
Sie geben vor, daß Sie meine Reden verletzten. Dies ist
nicht leicht möglich, denn Sie sind weder so unvernünftig,
noch so eitel, um meine Worte falsch auszulegen. Ich wiederhole es noch einmal: ich will Ihre Gehilfin, doch nie Ihr
Weib werden.’
Neuerdings überzog Leichenblässe sein Antlitz, aber
wie vordem wußte er sich zu beherrschen. Er versetzte mit
Nachdruck, doch ganz ruhig:
‘Eine Gehilfin, die nicht mein Weib ist, kann ich
nicht brauchen. Es scheint also, daß Sie mich nicht begleiten können; allein wenn es Ihnen mit Ihrem Anerbieten
Ernst ist, so will ich in der Stadt mit einem verehelichten
Missionär sprechen, dessen Weib einer Gehilfin bedarf. Ihr
Vermögen wird Sie von der Unterstützung der Missionsgesellschaft unabhängig erhalten, und Ihnen durch dieses Auskunftsmittel die Schande erspart, Ihr Wort zu brechen und
die heilige Schaar, der Sie sich anzuschließen versprachen,
schmählich zu verlassen.’
Nun hatte ich, wie sich der Leser zu erinnern weiß,
kein förmliches Versprechen gegeben und durchaus keinen
Vertrag abgeschlossen. Seine Redeweise war also viel zu
hart und zu despotisch für die Sachlage. Ich erwiederte:

‘Es kann hier weder von Schande noch von Wortbruch die Rede seyn. Ich bin nicht die geringste Verbindlichkeit eingegangen nach Indien zu reisen und am allerwenigsten mit Fremden. Mit Ihnen hätte ich Alles gewagt, Alles
ertragen, weil ich Sie bewundere, auf Sie vertraue, und
Ihnen mit schwesterlicher Liebe zugethan bin; aber ich
bin fest überzeugt, daß ich, mag ich mit wem immer hingehen, auf keinen Fall die Beschwerden dieses Klima's lange
ertragen kann.’
‘Ah, Sie fürchten für Ihr Leben,’ sagte er, seine
Lippen leicht aufwerfend.
‘So ist es. Gott hat mir es nicht gegeben, damit ich es
wegwerfe und wenn ich Ihrem Willen unbedingt folge, so
begehe ich so zu sagen einen Selbstmord. Uebrigens möchte
ich, bevor ich mein Vaterland für immer verlasse, die Gewißheit haben, ob ich nicht mehr Nutzen stifte, wenn ich
hier bleibe, als wenn ich in die weite Welt gehe.’
‘Was wollen Sie damit sagen?’
‘Es wäre unnütz, eine weitere Auseinandersetzung zu
versuchen; nur so viel mögen Sie wissen, daß mich über
einen gewissen Punkt die schmerzlichsten Zweifel quälen und
daß ich nirgends hingehen kann, bevor ich auf eine oder die
andere Weise die Zweifel beseitigt habe.’
‘Ich weiß, wohin sich Ihr Herz wendet und an was
es hängt. Die Neigung, die Sie in Ihrem Innern hegen,
ist eine sündige und strafbare. Schon längst hätten Sie dieselbe ausrotten sollen und bei dem bloßen Gedanken daran
erröthen. Sie denken an Mr. Rochester?’

So war es und ich bekräftigte die Wahrheit seiner Annahme durch mein Stillschweigen.
‘Wollen Sie Mr. Rochester aufsuchen?’
‘Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist.’
‘Es bleibt mir also nichts weiter übrig,’ versetzte er,
‘als Sie in mein Gebet einzuschließen und Gott in allem
Ernst anzuflehen, daß er Sie nicht zu Grunde gehen lasse.
Ich glaubte in Ihnen eine seiner Erwählten zu erkennen;
aber Gott sieht besser als der blöde Sterbliche und sein
Wille geschehe.’
Er öffnete die Gartenthüre, trat hinaus und ging dem
Thalgrunde zu. Bald hatte ich ihn aus dem Gesichte verloren.
Ins Besuchzimmer tretend fand ich Diana gedankenvoll am Fenster stehend. Diana war viel größer als ich;
sie legte ihre Hand auf meine Achsel, bog sich zu mir herunter und musterte mein Gesicht.
‘Jane,’ sagte sie, ‘Sie sind die ganze Zeit über aufgeregt und sehen jetzt sehr blaß aus. Es hat gewiß etwas
gegeben. Sagen Sie mir, was Sie mit St. John haben.
Ich habe Euch Beide durch eine halbe Stunde von hier aus
beobachtet; Sie müssen mir verzeihen, daß ich mich auf die
Lauer legte, aber durch eine geraume Zeit machte ich mir sehr
sonderbare Gedanken. St. John ist ein eigenthümlicher
Mensch —’
Sie hielt inne — ich war still; sie hob sofort wieder an:
‘Mein Bruder hat jedenfalls ganz besondere Absichten
mit Ihnen, denn er studiert Sie seit Monaten mit einem

Interesse und einer Genauigkeit, die mir ungemein auffielen.
Zu was? Ich wollte, er liebte Sie, Jane. Ist das vielleicht
der Fall?’
Ich legte ihre kalte Hand an meine glühende Stirne.
‘Nein, Diana, nicht im Mindesten.’
‘Warum verfolgt er Sie mit seinen Blicken, sucht
mit Ihnen allein zu seyn und Sie beständig in seiner Nähe
zu haben? Mary war ebenso wie ich der Meinung, er wolle
Sie heirathen.’
So ist es auch — er hielt um meine Hand an.’
Diana schlug in die Hände. ‘Also haben wir es doch
errathen! und Sie sagen ja, Jane, nicht wahr? und er
bleibt dann mit Ihnen in England?’
‘Weit davon entfernt, Diana. Seine einzige Absicht
war dabei, sich eine brauchbare Gehilfin zu seiner Missionsreise zu verschaffen.’
‘Wie! Sie sollen mit ihm nach Indien gehen?’
‘Freilich.’
‘Unsinn!’ rief sie aus. ‘Sie bleiben keine drei Monate am Leben, deß bin ich gewiß. Aber Sie dürfen nicht
gehen; Sie haben doch nicht eingewilligt?’
‘Ich habe mich geweigert, ihn zu heirathen.’
‘Und ihn dadurch böse gemacht. Ist's nicht so?’
‘Sehr. Er wird mir es wohl nie vergeben, obgleich
ich ihm den Vorschlag machte, ihn als seine Schwester begleiten zu wollen.’
‘Es war purer Wahnsinn. Jane! denken Sie an die
Aufgabe, die Sie sich gestellt — an die ungeheuren Anstrengungen, die Ihrer warten, die für den Stärksten zu

groß, Ihren schwachen Kräften durchaus nicht angemessen sind.
Sie kennen St. John, Sie wissen, daß er kein Erbarmen hat,
daß er das Unmöglichste von Ihnen verlangen, Ihnen weder
Rast noch Ruhe gönnen wird, und unglücklicherweise habe
ich die Bemerkung gemacht, daß Sie sich alle Mühe geben,
einer jeden seiner Aufforderungen zu genügen. Ich wundere
mich wirklich, wo Sie den Muth hernahmen, seine Hand
auszuschlagen. Sie lieben ihn also nicht, Jane?’
‘Nicht wie man einen Gatten liebt.’
‘Aber er ist doch ein schöner Mann.’
‘Und ich häßlich, wie Sie sehen. Wir würden also
nicht zusammen passen.’
‘Sie häßlich? Keineswegs. Sie sind viel zu hübsch
und zu gut, um unter der Sonne Indiens lebendig geröstet
zu werden. Und neuerdings beschwor sie mich, den Gedanken, ihren Bruder zu begleiten, ganz fahren zu lassen.’
‘Das muß ich auch,’ erwiederte ich; ‘denn als ich
ihm jetzt meinen Vorschlag wiederholte, erklärte er, mein
Mangel an Schicklichkeitsgefühl berühre ihn sehr unangenehm. Seiner Meinung nach beging ich dadurch eine Unschicklichkeit, daß ich ihm das Anerbieten machte, ihn unverheirathet begleiten zu wollen; als hätte ich nicht von
Anbeginn an geglaubt in ihm einen Bruder zu finden und
ihn als solchen behandelt!’
‘Was bringt Sie auf den Gedanken, daß er Sie nicht
liebt?’
‘Sie sollten ihn selbst über diesen Gegenstand sprechen
hören. Er erklärte mir wiederholt, nicht er selbst, sondern
seine Sendung bedürfe einer Gehilfin; er sagte ich sey zur

Arbeit, nicht zur Liebe geschaffen, was ohne Zweifel wahr
ist. Allein wenn ich nicht zur Liebe geschaffen bin, so geht
daraus nothwendig hervor, daß ich auch nicht zur Ehe tauge.
Wäre es nicht etwas Ungewöhnliches, Diana, für sein ganzes Leben an einen Mann gekettet zu seyn, der einen blos
für ein nützliches Werkzeug ansieht?’
‘Es wäre unnatürlich — undenkbar.’
‘Und wenn ich auch für den Augenblick nur die Zuneigung einer Schwester für ihn fühle, so wäre es denn
doch möglich, daß ich als sein Weib ein unausweichliches
eigenthümliches, qualvolles Gefühl der Liebe zu ihm fassen
könnte, schon seiner geistigen Vorzüge und seines interessanten Aeußern wegen. Wie unaussprechlich elend ich in einem
solchen Falle wäre, liegt klar auf der Hand. Er würde meine
Liebe für überflüssig halten, für ein Gefühl, das meiner und
seiner nicht werth ist.’
‘Und doch ist St. John ein guter Mensch,’ sagte
Diana.
‘Er ist ein guter und ein großer Mann, aber er vergißt über seinen eigenen großartigen Planen die kleinlichen
Ansprüche unbedeutender Leute. Es ist also besser die unbedeutenden Leute gehen ihm aus dem Wege, widrigens er sie
bei seinem siegreichen Fortschreiten zertritt. Hier kömmt er!
Ich will mich entfernen.’ Und ich lief die Treppe hinauf,
da ich ihn in den Garten treten sah.
Aber beim Nachtessen mußte ich gezwungener Weise
wieder mit ihm zusammenkommen. Während der Mahlzeit
war er so ruhig und so ernst wie gewöhnlich. Ich dachte,
er würde kaum mit mir sprechen und habe seine Heirathsgedanken ganz aufgegeben; der weitere Verfolg zeigte mir,
daß ich mich in beiden Annahmen geirrt hatte. Er redete
mich in seiner üblichen Manier, d. h. in derjenigen an,
die er mir gegenüber in letzterer Zeit beobachtet hatte, er
war ausgesucht höflich. Ohne Zweifel hatte er, um seinen
Aerger über meine Auflehnung zu unterdrücken, die Hilfe
des heiligen Geistes in Anspruch genommen und war nun
der Meinung. er habe mir abermals vergeben.
Bur Abendandacht wählte er das einundzwanzigste Capitel der Offenbarungen. Es war zu allen Zeiten sehr angenehm zu hören, wenn die Worte der heiligen Schrift
über seine Lippen kamen: denn nie erklang seine schöne
Stimme so sanft und so voll, nie waren seine Manieren so
edel in ihrer Einfachheit, als wenn er Gottes Wort verkündete. An jenem Abend war jedoch der Ton seiner Stimme
noch viel feierlicher, seine Manieren viel bedeutungsvoller,
während er in der Mitte seines Haushaltes da saß, sich über
das große alterthümliche Buch neigte und von dessen Blättern die Beschreibung des neuen Himmels und der neuen
Erde ablas und prophezeite, Gott werde zu den Menschen
herabkommen, um ihre Thränen zu trocknen und sie von den
Fesseln dee Todes zu befreien, und das Weinen und der
Schmerz werde ein Ende haben, nachdem alles Frühere vernichtet seyn würde.
Die nachfolgenden Worte berührten mich wunderbar;
besonders da ich an dem veränderten Tone seiner Stimme
bemerkte, er habe sein Auge nach mir gewendet.
‘Und derjenige, der übrig bleibt, soll Alles erben
und ich werde sein Gott und er mein Sohn seyn. Aber die

Furchtsamen und die Ungläubigen sollen ihren Antheil an
dem brennenden Schwefelpfuhle haben, welcher der zweite
Tod ist.’
Nun wußte ich, welches Los meiner nach St. John's
Befürchtung im anderen Leben harrte.
Ein ruhiger, halb unterdrückter Triumph machte sich
im Tone seiner Stimme bemerkbar, während er die letzten
Verse dieses herrlichen Capitels las. Er glaubte seinen Namen schon im Lebensbuche des Lammes eingetragen zu sehen
und er sehnte sich nach der Stunde, welche ihn in jene
Stadt bringen sollte, in welcher die Könige der Erde ihren
Ruhm und ihre Ehre hinterlegen würden. — In dem Gebete, welches diesem Gapitel folgte, machte sich all' seine
Kraft, all' sein ernster Eifer Luft; er schien mit Gott zu
ringen und entschlossen zu siegen. Er bat um Kraft für die
Schwachen, um Befreiung des Pilgers aus dem Irrsal,
um Erleuchtung derjenigen, die, den Lockungen der Welt
und den fleischlichen Lüsten folgend, von dem schmalen
Pfade abgewichen waren. Wahrer, tiefer Ernst macht stets
einen feierlichen Eindruck; anfänglich staunte ich über dieses
Gebet, dann als es immer höher stieg, rührte es mich
und erfüllte mich zuletzt mit ehrfurchtsvoller Scheu.
Nach der Abendandacht nahmen wir Abschied von ihm,
da er zeitlich am nächsten Morgen abzureisen gedachte.
Diana und Mary küßten ihn und entfernten sich wahrscheinlich in Folge eines erhaltenen Winkes; ich reichte ihm die Hand und wünschte ihm glückliche Reise.
‘Ich danke Ihnen, Jane. Wie ich Ihnen schon einmal sagte, komme ich in vierzehn Tagen von Cambridge

zurück, dieser Zeitraum bleibt Ihnen noch zu reiflicher Erwägung. Wenn ich den Eingebungen menschlichen Stolzes
folgte, würde ich der Heirath mit keinem Worte mehr erwähnen; aber ich folge blos meinem Pflichtgefühle und habe
mein Ziel. Alles zur größeren Ehre Gottes zu thun!’
auch ferner vor Augen. Mein Meister mußte lange leiden
und auch ich will alles gerne ertrag en. Ich kann Sie nicht
als ein Gefäß des Zornes, der Verderbniß überlassen; bereuen — beschließen Sie, so lange es noch Zeit ist. Bedenken Sie, daß wir aufgefordert werden bei Tage zu arbeiten, ‘weil eine Nacht darauf folgt, in der Niemand
arbeiten wird. Denken Sie an Dives' Schicksal, der hienieden alles vollauf hatte. Gott gebe Ihnen Kraft den besseren Theil zu erwählen, den Ihnen Niemand nehmen
kann.’
Bei diesen letzten Worten legte er seine Hand auf mein Haupt. Er hatte mit Ernst, mit Milde gesprochen; sein
Blick war derjenige eines Hirten, der sein verirrtes Schäflein zurückruft, oder noch besser, der eines Schutzengels.
welcher eine Seele bewacht, für die er verantwortlich ist.
Alle begabten Männer, seyen sie nun gefühlvoll oder nicht,
seyen sie blinde Eiferer, Despoten oder ehrgeizige Ruhmesjäger, haben, vorausgesetzt, daß sie aufrichtig sind, ihre
erhabenen Momente, wo sie Andere bemeistern, sich unterwerfen. Ich fühlte nun eine so große Verehrung für St.
John, daß mich dieselbe mit einem Male demjenigen Punkte
zutrieb, den ich so lange vermieden hatte. Ich kam in die
Versuchung, allen Widerstand aufzugeben, mich auf der
Stromschnelle seines Willens zum Golfe seiner Existenz
hinabtragen zu lassen, um darin mein eigenes Daseyn zu
begraben.

Ich war für den Augenblick ebenso in seine Hände geliefert,
wie ich es vordem in diejenigen eines Andern gewesen war,
und jetzt eine ebenso große Thörin wie damals. Hätte ich
dazumal nachgegeben, so hätte ich wider meine Grundsätze
gehandelt; es im vorliegenden Falle zu thun, hieß den gesunden Menschenverstand verläugnen. So denke ich in dieser Stunde, wo ich in ruhiger Behaglichkeit nach jenen gewaltigen Wendepunkten zurückblicke; allein zu jener Zeit
war ich mir des Thörichten unbewußt.
Die Berührung meines Hierophanten machte mich regungslos. Mein Widerstreben war vergessen, meine Befürchtungen beschwichtigt, meine Kämpfe paralysirt, das Unmögliche — meine Vermälung mit St. John — nahe daran
eine Möglichkeit zu werden. Alles hatte sich wie mit Einem
Schlage verändert. Die Religion rief — Engel winkten —
Gott ließ mir seinen Befehl zukommen — das Leben fiel
wie ein Kartenhaus zusammen — die Pforten des Todes
öffneten sich und ließen mich einen Blick in die Ewigkeit thun: es war mir klar, daß man für die Freunde und
die Glückseligkeit der letzteren Alles opfern müsse. Traumbilder aller Art erfüllten das düstere Zimmer.
‘Könnten Sie vielleicht schon jetzt einen Entschluß
fassen?’ frug der Missionär. Er stellte diese Frage mit
sanfter Stimme und zog mich ebenso sanft zu sich. Oh, um
wie viel mächtiger war diese Sanftmuth, als seine unbeugsame Kraft! St. John's Zorne konnte ich widerstehen, seine
Güte, sein Wohlwollen machten mich schmiegsam wie ein
Rohr. Und bei allem dem wußte ich, ich würde, wenn ich
auch jetzt nachgab. doch noch eines Tages für meine frühere
Widersetzlichkeit büßen müssen. Sein Gemüth war durch

ein einstündiges Gebet nicht geändert, sondern einzig und
allein erhoben.
‘Ich könnte mich schon jetzt entschließen, Sie zu heirathen,’ sagte ich, ‘möge was immer darauf folgen, wüßte
ich nur, daß ich damit den Willen Gottes erfülle.’
‘Mein Gebet ist erhört!’ rief St. John im Triumph
aus. Er drückte seine Hand fester auf mein Haupt, als nähme
er mich in Beschlag: er umschlang mich mit seinen Armen
beinahe so als liebte er mich — ich sage beinahe,
denn ich kannte den Unterschied aus Erfahrung — aber
ich hatte meinen innern Kampf noch nicht beendigt und
noch war es in meiner Seele nicht licht geworden. Ich
wünschte sehnlichst nur das Rechte zu thun, und flehte
ängstlich zum Himmel empor, er möge mir den richtigsten
Weg weisen. Ich war so sehr aufgeregt, wie noch nie in
meinem Leben, und der Leser mag beurtheilen, ob das
darauffolgende Ereigniß eine Wirkung dieser Aufregung
außer mir und St. John hatten sich wohl schon Alle zur Ruhe begeben. Die Kerze am Tische war dem Verlöschen
war oder nicht.
Die tiefste Stille herrschte im ganzen Hause, denn
nahe; der Mond schien hell in die Stube herein. Mein Herz
klopfte hörbar; plötzlich brachte es ein unbeschreibliches Gefühl, das sich sofort dem Kopfe und den Gliedmaßen
mittheilte, zum Stillstehen. Das Gefühl war keineswegs
einem elektrischen Schlage zu vergleichen, wiewohl es ganz
dessen Eigenthümlichkeiten besaß; es wirkte auf meine
Sinne, als wäre ihre bisherige übermäßige Thätigkeit eine
bloße Starrsucht gewesen, aus der ich nun mit aller Gewalt geweckt wurde. Meine Sinneswerkzeuge waren auf's
Höchste gespannt, während ich am ganzen Körper zitterte.
‘Wohl, haben Sie gehört? Was sehen Sie?’ frug
St. John. Ich sah nichts, aber ich hörte eine Stimme von
Weitem rufen:
‘Jane! Jane! Jane!’ dann war es wieder ganz still.
‘O Gott, was ist das?’ schrie ich.
Ich hätte fragen können: ‘Wo ist das?’ denn es war
nicht in der Stube, nicht im Hause, nicht im Garten erklungen; die Stimme kam weder vom Himmel herab, noch aus
dem Innern der Erde herauf. Aber es war die Stimme
eines menschlichen Wesens und noch dazu eine wohlbekannte
Stimme — diejenige Eduard Fairfax-Rochester's, die sich
schmerzlich flehend hören ließ.
‘Ich komme!’ rief ich. ‘Warten Sie auf mich! Ich
komme gleich!’ Ich flog zur Thüre und sah ins Vorzimmer: es war finster. Ich lief in den Garten hinaus: er
war leer.
‘Wo sind sie?’ lautete mein Ruf.
Das Echo der Berge sandte mir meine Krage zurück,
sonst war ringsum Alles in mitternächtlicher Ruhe begraben.
‘Fort mit dir, Aberglauben!’ rief ich innerlich, als dieses Gespenst am Eibenbaume neben der Gartenthüre
schwarz vor meinen Augen emporzusteigen schien. ‘Dies ist
nicht das Werk deiner Täuschung oder deiner Zauberkraft,
sondern ein Ausfluß meines Innern.’ Es war erregt und
bewirkte, wenn auch kein Wunder, so doch eine Rückkehr
zu mir selbst.
Ich riß mich von St. John los, der mir gefolgt war

und mich zurückhalten wollte. Nun war die Reihe an mir
meinen Einfluß geltend zu machen. Meine Kräfte hatten
jetzt freien Spielraum. Ich bedeutete ihm, mich mit Fragen oder Bemerkungen zu verschonen, ich gebot ihm, mich zu verlassen; ich mußte und wollte allein seyn. Er erfüllte
mein Begehren augenblicklich. Wo die Energie zu befehlen
genügsam vorhanden ist, da fehlt es auch nie an Gehorsam. Ich begab mich auf meine Stube, schloß mich ein,
fiel auf die Kniee nieder und betete nach meiner Weise, zwar
anders als St. John, aber gewiß mit eben demselben Erfolge. Dann legte ich mich gestärkt und getröstet zu Bette
und sah dem kommenden Tage mit Sehnsucht entgegen.

Sechsunddreißigstes Capitel.

Mit Tagesanbruch stand ich auf und beschäftigte mich
damit die Einrichtung meines Zimmers in diejenige Ordnung zu bringen, in welcher sie während einer kurzen Abwesenheit verbleiben sollte. Mittlerweile hörte ich wie St.
John seine Stube verließ und an meiner Thüre stehen blieb.
Ich fürchtete, er würde anklopfen — statt dessen schob er
ein Stückchen Papier unter der Thüre hindurch. Ich hob
es auf, es enthielt die nachstehenden Zeilen:
‘Sie verließen mich gestern Abends zu plötzlich. Waren Sie nur noch eine kleine Weile länger geblieben, Sie
hätten das Kreuz der Duldung auf sich genommen und damit auch die Himmelskrone errungen. Von heute in vierzehn Tagen erwarte ich Ihre bestimmte Entscheidung zu

hören. Inzwischen wachen und beten Sie, auf daß Sie
nicht in Versuchung fallen; der Geist ist wohl stark, aber
das Fleisch ist schwach. Ich werde stündlich für Sie beten.
Der Ihrige
St. John.’
‘Mein Geist,’ erwiederte ich im Stillen, ‘ist bereit
Alles zu thun, was recht ist, und mein Fleisch ist hoffentlich stark genug, den Willen des Himmels zu erfüllen, sobald ich denselben genau erkannt haben werde. Jedenfalls
wird es die nöthige Kraft besitzen, einen Ausweg aus diesem Labyrinthe der Zweifel und der Ungewißheit zu finden.’
Es war der erste Juni, der Morgen aber trotzdem
kalt und düster und der Regen floß in Strömen herunter.
Ich hörte wie sich die Hausthüre öffnete und St. John
hinaustrat. Ich sah ihn durch den Garten schreiten und
nach dem Thalgrunde einbiegen. Er ging nach Whitcroß
zu, um dort die Postkutsche zu besteigen.
‘In einigen Stunden gehe ich denselben Weg,’ dachte
ich; ‘auch ich treffe dort meine Reisegelegenheit und habe
noch Jemanden aufzusuchen, ehe ich England verlasse.
Es fehlten noch zwei Stunden zur Frühstückszeit. Ich
füllte sie damit aus, daß ich in der Stube herumging, mir
die Ereignisse des vergangenen Tages ins Gedächtniß zurückrief und an jenes unbeschreibliche Gefühl, jene Stimme

dachte, die mich noch zur rechten Zeit von einem vielleicht
übereilten Entschlusse abgehalten hatten.
‘Binnen wenigen Tagen,’ schloß ich meine Betrachtungen, ‘werde ich etwas von ihm wissen, dessen Stimme
mich gestern zu sich rief. Was Briefe nicht vermochten,
das wird meine persönliche Gegenwart bewirken.’
Beim Kaffeh kündigte ich Dianen und Mary an, daß
ich eine kleine Reise beabsichtige, und mindestens vier Tage
abwesend seyn würde.
‘Sie gehen ganz allein?’ frugen die Mädchen.
‘Wohl; ich will über einen Verwandten, von dem ich
schon lange nichts hörte, Erkundigungen einziehen.’
Zwar hätten mir meine Cousinen ihre Verwunderung
zu erkennen geben können, woher ich so plötzlich noch andere Verwandte außer ihnen hergenommen; allein ihr natürliches Zartgefühl erlaubte ihnen nicht, mich durch neugierige Fragen zu belästigen. Sie bemerkten blos, ich
sähe sehr blaß aus, worauf ich erwiederte, ich wäre ganz
wohl.
Meine Reisevorbereitungen waren bald gemacht, da
mir Niemand im Wege stand. Ich verließ das Moorhaus
um drei Uhr Nachmittag, und schon um vier Uhr stand ich
am Wegweise von Whitcroß. Die Kutsche, die mich nach dem fernen Thornfield bringen sollte, kam nach kurzem harren herangerollt. Es war derselbe Wagen, mit dem ich vor
beiläufig einem Jahre unter den traurigsten Aussichten von
der Welt in diese Gegend gekommen war. Mit ganz verschiedenen Gefühlen bestieg ich ihn nun, und mich auf der
Straße von Thornfield wissend, hatte ich das Gefühl einer heimwärts fliegenden Brieftaube.
Nach einer Reise von sechsunddreißig Stunden war
ich an Ort und Stelle. Der Kutscher hielt bei einem Gasthause an der Straße an, um die Pferde zu tränken. Meine

Blicke schweiften indessen über die Fluren, die mich wie die
Züge eines wohlbekannten Gesichtes anlächelten.
‘Wie weit ist Thornfieldhall von hier?’ frug ich den Stallknecht.
‘Gerade zwei Meilen, Madame, wenn man den Feldweg einschlägt.’
‘Meine Reise ist zu Ende,’ dachte ich bei mir. Ich
stieg aus, gab dem Hausknecht mein Gepäck zur Aufbewahrung, zahlte mein Fahrgeld und machte mich auf den Weg.
Der helle Sonnenschein spiegelte sich in dem Aushängschilde
des Wirthshauses, und ich las in goldenen Buchstaben die
Bezeichnung — zur Familie Rochester. Mein Herz hüpfte
vor Freude, ich befand mich bereits auf dem Grund und Boden meines theuren Gebieters. Aber bald sank mir der Muth
wieder, denn der Gedanke dämpfte ihn wieder: ‘Vielleicht
ist er in weiter Ferne, und wenn er sich auch in Thornfieldhall befindet, ist er allein? Ist nicht sein wahnsinniges Weib,
die Scheidewand zwischen ihm und mir, in seiner Nähe?
Deine Mühe ist umsonst; es ist besser, Du kehrst gleich
wieder um,’ mahnte eine warnende Stimme. “Frage
gleich hier im Wirthshause an, und Du bist aller Ungewißheit los.’
Der Rath war gut, allein ich konnte mich nicht entschließen, ihn zu befolgen, so sehr fürchtete ich eine Antwort zu erhalten, die mich mit Einem Male vernichtete.
Die Verlängerung meiner Zweifel war auch zugleich die Verlängerung meiner Hoffnungen. Es schien mir jedenfalls besser zu seyn, ich suchte das Herrenhaus selbst auf. Da lag
der Weg vor mir, die Felder, die ich durchwandelte, als

ich an jenem trüben Morgen, die Verzweiflung im Herzen,
blind und taub, ohne zu wissen wohin, von Thornfieldhall
entfloh. Ehe ich mich noch besinnen konnte, was am besten
zu thun sey, befand ich mich in der Mitte derselben. Wie
ich lief, wie ich meinen Kopf in die Höhe hielt, um eine
Ansicht des wohlbekannten Gehölzes zu erspähen! Mit welchen Gefühlen bewillkommte ich einzelne Bäume, die mir
bekannt schienen, einzelne Felder und Wiesengründe, die
mir Scenen aus der Vergangenheit ins Gedächtniß zurückriefen!
Endlich lag das Gehölze und die Krähenzucht vor mir,
un ein lautes Gekrächze unterbrach die Stille des Morgens.
Ein wunderbares Entzücken bemächtigte sich meiner; ich
rannte vorwärts. Noch ein Feld hatte ich zu durchschreiten,
einen Fußweg zu verfolgen, und dann lagen die Mauern
des Hofraumes, die Hintergebäude vor mir, indeß das Herrenhaus selbst noch nicht zu sehen war.
‘Ich will mir es von der Fronte ansehen,’ beschloß
ich, ‘wo mir die Zimmer majestätisch entgegen blicken, und
ich das Fenster von meines Gebieters Stube unterscheiden
kann. Vielleicht steht er an demselben — denn er pflegt zeitlich aufzustehen, vielleicht geht er im Garten oder auf dem
Grasplatze vor dem Hause spaziren. Könnte ich ihn nur sehen, nur auf einen Augenblick! — Ich werde in diesem
Falle doch nicht so albern seyn, auf ihn zuzulaufen? Ich
weiß es nicht gewiß. — Wie aber wenn ich es doch thue,
was dann? Und wem wird es wohl Nachtheil bringen,
wenn ich noch einmal das Leben verkoste, das mir sein
Blick einzuflößen vermag ? — — Aber ich bin im Fieberwahn: vielleicht sieht er in diesem Augenblicke die Sonne in
den Pyrenäen aufgehen, oder an den Ufern des Mittelmeeres.
Ich war längs der Mauer des Obstgartens hingegangen und bog nun um die Ecke: dort mußte sich zwischen
zwei steinernen Pfeilern ein Thor befinden, das auf die
Wiese hinausführte. Hinter dem einen Pfeiler konnte ich
ganz ruhig nach der Vorderseite des Hauses blicken. Ich
neigte meinen Kopf vorsichtig nach vorne, um zu sehen,
ob schon die Fensterläden des einen oder des andern Schlafzimmers geöffnet seyen; nun mußte ich auch die Zinnen,
die lange Fronte, die Fenster, mit Einem Worte das ganze
Gebäude erschauen.
Aber nur einen Blick warf ich nach der Ansicht, die
sich mir enthüllte; dann sprang ich aus meinem Verstecke
hervor, lief mitten in die Wiese hinein und blieb dort wie
versteinert stehen. Warum das? wird mich der Leser fragen.
Hier eine Erläuterung
Ein Geliebter findet seine Geliebte auf einer Moosbank
sanft entschlummert; er möchte gerne den Anblick ihres anmuthigen Gesichtes genießen, ohne sie zu wecken. Er stiehlt
sich leise zu ihr hin; er hält an, weil er glaubt sie rührt
sich; er zieht sich zurück, denn nicht um alle Schätze der
Welt möchte er bemerkt werden. Aber Alles ist still; er
rückt wieder vor, er neigt sich über sie. Ein leichter Schleier
deckt ihr Gesicht; er schlägt ihn zurück; seine Augen schwelgen im Vorgenusse der lieblichen Reize. Doch wie verstört
ist sein Blick! Wie sind sie plötzlich so starr geworden!
Wie er zurückschreckt und die Gestalt, die er noch vor einer
Weile kaum zu berühren wagte, heftig in seine Arme

schließt! Wie laut er ihren Namen ruft, die süße Last fahren
läßt und sie verzweiflungsvoll ansieht! Nur darum erfaßt
er sie, nur darum ruft er und sieht sie an, weil er nicht
mehr zu fürchten braucht, daß sie über sein Geräusch, seine
Berührungen erwache. Er glaubte, sie schlummere blos und
findet nun, sie sey todt.
Mit furchtsamer Freude hatte ich meine spähenden Blicke
nach einem stattlichen Hause ausgesandt und gewahrte —
eine rauchgeschwärzte Ruine.
Nun hatte ich es nicht nöthig, hinter einem Thorpfeiler nach offenen Fenstern zu spähen, dem Zuschlagen der
Thüren oder dem Knistern der Schritte auf dem Kiessande
des Fußweges zu lauschen. Der Grasplatz, die Wiesen,
Alles war öde und verlassen, das Hauptthor gähnte mir
offen entgegen. Statt der Hausfronte erblickte ich, wie einst
im Traume, eine hohe geborstene Mauer: das Dach, die
Zinnen, die Rauchfänge waren sämmtlich eingestürzt.
Todtenstille herrschte ringsum, die Ruhe einer unbetretenen Wildniß. Nun begriff ich, warum ich auf meine hierher gerichteten Briefe nie eine Antwort erhalten hatte. Die
rußigen Ruinen erzählten übrigens ganz deutlich, durch welchen Schicksalsschlag Thornfieldhall zu Grunde gegangen
war. Aber welche näheren Umstände begleiteten diesen Unglücksfall? Welcher Verlust war dabei außer Mörtel und
Marmor noch zu beklagen gewesen? War vielleicht auch ein
Menschenleben als Opfer gefallen und wenn es sich so verhielt, wessen Leben? und Niemand in der Nähe, der mir
die schrecklichen Fragen beantworten konnte!
Indem ich die Mauertrümmer einigemal umkreiste,
erlangte ich die Gewißheit, das Ereigniß könne sich unmöglich erst in jüngster Zeit zugetragen haben. Winterstürme
mußten schon darüber hinweggesaust seyn und der Regen
das Mauerwerk befeuchtet haben, denn eine üppige Vegetation von Gräsern aller Art wucherte in demselben üppig
empor. Und wo befand sich mittlerweile der hilflose Eigenthümer dieses Schutthaufens? In welchem Lande? Unter
welchen Verhältnissen? Meine Blicke fielen unwillkürlich
nach dem grauen Kirchthurm und ich frug mich: ‘Ist er
vielleicht bei Damer von Rochester, dessen enges Marmorhaus theilend?’
Eine Antwort auf alle diese Fragen mußte mir werden. Jedenfalls erlangte ich sie am schnellsten und sichersten
in jenem Gasthause, nach welchem ich auch sofort zurückkehrte. Der Wirth selbst brachte mir das Frühstück. Ich bat
ihn die Thüre zu schließen und sich zu mir zu setzen. Fast
wußte ich nicht, ob ich beginnen sollte, so sehr fürchtete ich
die Schrecknisse einer Aufklärung , wiewohl mich der Anblick, den ich eben gehabt. auf das Traurigste vorbereitet hatte.
‘Sie kennen doch Thornfieldhall?’ frug ich endlich.
‘Wohl, Ma’ am; ich wohnte sogar einmal daselbst.’
‘Wirklich?’ Nicht zu meiner Zeit, dachte ich, denn
ich kenne den Mann nicht.
‘Ich war beim seligen Mr. Rochester Kellermeister.’
Der Schlag, dem ich auszuweichen bemüht war, schien
mit voller Kraft auf mich gefallen zu seyn.
‘Beim seligen Mr. Rochester!’ rief ich aus. ‘Ist er
todt?’
‘Ich meine des gegenwärtigen Besitzers Mr. Eduards

Vater,’ erklärte der Mann. Ich athmete wieder auf und
das Blut floß mir ungehindert durch die Adern. Diese Worte
gaben mir die volle Gewißheit, daß Mr. Eduard — mein
Eduard — wenigstens noch am Leben war. Nun konnte ich
den übrigen Theil der Erzählung ruhig anhören, selbst wenn
sie mich belehrte, Mr. Rochester befinde sich bei den Gegenfüßlern.
‘Lebt Mr. Rochester in diesem Augenblicke in Thornfieldhall?’ frug ich. Die Antwort konnte ich mir im Voraus denken, aber noch wollte ich eine directe Erkundigung
nach seinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte vermeiden.
‘Nein, Ma' am, nein! Dort wohnt für jetzt gar
Niemand. Sie scheinen in dieser Gegend fremd zu sevn,
sonst müßten Sie wissen, was sich im verwichenen Herbste
zutrug — Thornfieldhall ist ein Schutthaufen — es brannte
im vorigen Jahre, gerade nach der Ernte, ab. Ein fürchterliches Unglück! Eine ungeheure Menge werthvollen Eigenthumes ging zu Grunde, kaum konnte man Einiges von den
Einrichtungsstücken retten. Das Feuer brach um Mitternacht
aus und ehe die Spritzen von Millcote anlangten, war das
Herrenhaus bis auf den Grund niedergebrannt. Es war ein
schreckliches Schauspiel: ich sah es mit meinen eigenen
Augen.’
‘Um Mitternacht,’ sagte ich leise vor mich hin. Das
war von jeher die Unglücksstunde von Thornfieldhall.
‘Weiß man nicht wie das Feuer entstand?’ frug ich.
‘Man vermuthete so Manches, Ma' am, und fast
könnte ich behaupten, die eine Annahme unterliege keinem
Zweifel. Es ist Ihnen vielleicht nicht bekannt,’ fuhr er,

seinen Stuhl näher zu mir rückend, fort, ‘daß sich im Schlosse
eine Dame befand — eine Wahnsinnige, die man eingesperrt
hielt?’
‘Ich habe so etwas gehört.’
‘Sie wurde sehr strenge bewacht und die Leute wußten
durch einige Jahre nicht einmal um ihr Daseyn. Niemand
bekam sie zu Gesichte und erst nach langer Zeit ging das Gerücht, es befinde sich eine geheimnißvolle Person im Herrenhause; doch war es unmöglich mit Gewißheit anzugeben
wer sie war, was sie dort zu thun hatte. Nur so viel erfuhr man, Mr, Eduard habe sie von der Ferne mitgebracht,
woraus Einige schlossen, es sey eine ehemalige Geliebte.
Aber vor beiläufig einem halben Jahre trug sich eine sonderbare Geschichte zu.’
Ich fürchtete nun meine eigene Geschichte zu hören und versuchte es ihn an die Hauptsache zu erinnern.
‘Und diese Dame?’
‘Diese Dame war, wie es sich später herausstellte, Mr, Rochester's Gemalin. Man machte diese Entdeckung
unter äußerst sonderbaren Umständen. Es befand sich nemlich ein junges Frauenzimmer, eine Erzieherin, mit im
Schlosse, in die sich Mr. Rochester verliebte —’
‘Und der Brand des Schlosses?’ schaltete ich ein.
‘Wir werden schon dazu kommen, Ma’am — eine
Erzieherin, in die sich Mr. Rochester verliebte. Die Dienstleute behaupten, sie hätten noch Niemanden gesehen, der
so vernarrt gewesen wäre als er; er war beständig um das
Mädchen herum. Sie pflegten ihm aufzupassen — Dienstleute thun das immer — und bemerkten, daß er sie über

Alles in der Welt theuer und werth hielt, obwohl sie nur
ihm selbst schön vorkommen mochte. Sie soll ein kleines, schwaches Ding, noch fast ein Kind gewesen seyn.
Ich selbst habe sie nie gesehen, allein Leah, das Stubenmädchen, sagte mir es. Leah war ihr sehr zugethan. Mr.
Rochester zählte nahe an vierzig, die Gouvernante kaum
zwanzig Jahre, und Sie wissen, wenn sich Herren seines
Alters verlieben, so sind sie ordentlich wie verzaubert. Mit
Einem Worte, er wollte sie heirathen.’
‘Sie können mir das ein anderes Mal erzählen,’ sagte
ich, ‘für jetzt möchte ich aus besonderen Gründen nur die
Nebenumstände des Brandes wissen. Vermuthete man vielleicht, die wahnsinnige Mrs. Rochester habe irgendwie die
Hand im Spiele gehabt?’
‘Sie haben es errathen, Ma'am: es ist eine ausgemachte Sache, daß sie selbst und Niemand Anderer das
Feuer anlegte. Sie hatte eine Frau zur Bewachung bei sich,
Mrs. Poole — ein ganz brauchbares und verläßliches
Frauenzimmer, das blos mit andern Wärterinnen den Fehler gemein hatte, daß es gerne sein Schnäpschen trank und
zuweilen zu tief ins Glas guckte. Bei ihrem beschwerlichen
Dienste war diese üble Gewohnheit zu entschuldigen, aber
sie hatte nichtsdestoweniger die bösesten Folgen. Denn wenn
Mrs. Poole fest eingeschlafen war, nahm ihr die Wahnsinnige die Schlüssel aus der Tasche, raste im ganzen Hause
herum und richtete allerlei Unheil an. Einmal soll sie ihren Gemal beinahe lebendig verbrannt haben: doch davon
weiß ich nichts zu sagen. In jener Unglücksnacht setzte sie
jedoch abermals zuerst die Bettvorhänge eines Zimmers dicht

an dem ihrigen, dann das Bett in der Stube der Gouvernante (sie schien ordentlich den ganzen Sachverhalt zu ahnen und auf das Märchen einen ganz besondern Groll zu
haben) in Brand. Glücklicherweise lag in dem letzteren Niemand, da die Erzieherin zwei Monate zuvor davon gegangen war. Wiewohl sie Mr. Rochester allüberall suchen lies,
als wäre sie der kostbarste Schatz gewesen, so konnte er
doch kein Sterbenswörtchen von ihrem Aufenthalte erfahren, und wurde zuletzt — obgleich er sonst ein guter Mann —
war — so wild, daß es in der That gefährlich war sich —
ihm zu nähern. Er wollte ganz allein seyn und schickte
Mrs. Fairfax, die Haushälterin, zu ihren Anverwandten,
doch nicht ohne sie mit einer anständigen Leibrente bedacht
zu haben, was sie auch vollkommen verdiente, denn sie war
eine sehr brave Frau. Miß Adele, seine Pflegetochter, brachte
er in eine Kostschule und brach alle Verbindungen mit dem
Adel der Umgegend ab, um sich zuletzt gleich einem Einsiedler in Thornfieldhall einzuschließen.’
‘Wie? Er hat also England nicht verlassen?’
‘Er, England verlassen? warum nicht gar! Er kam,
die Nacht ausgenommen, wo er wie ein Gespenst in den
Feldern und im Garten umging, nicht einmal vor die
Hausthüre hinaus. In der Finsterniß hingegen lief er wie
wahnsinnig herum, was er auch meiner Meinung nach gewesen seyn muß, wenn ich mir denke, was für ein kluger,
gesetzter, ernster Herr er war, ehe ihm diese Mücke von einer Gouvernante in den Weg kam. Er trank weder, noch
spielte er wie so manche Herren seines Standes, aber er hatte seinen eigenen Kopf, wie kein zweiter Mann. Ich
kannte ihn von Kindheit an und wünschte gar oft, jene

Miß möchte im Meere ertrunken seyn, bevor sie nach
Thornfieldhall kam.’
‘Mr. Rochester war also zu Hause, als das Feuer
ausbrach?’
‘Freilich wohl! und er lief die Treppen hinan, als
Alles oben und unten in Feuer stand, und zog die Dienstleute aus den Betten und half ihnen zum Hause hinaus.
Dann ging er noch einmal zurück, um seine wahnsinnige
Gattin aus ihrer Zelle zu holen; die Leute riefen ihm
jedoch zu, sie stehe oben am Dache, wo sie sich auch wirklich befand. mit den Armen um sich herumschlug und
jauchzte, daß man es eine Meile weit hören konnte. Ich
selbst sah und hörte sie: sie war ein starkes Weib mit
schwarzen fliegenden Haaren, die in die Flammen hinabwallten. Wir bemerkten wie Mr. Rochester den Versuch
machte, durch die helle Lohe zum Dache emporzusteigen;
wir hörten wie er sie bei ihrem Namen, Bertha, rief.
Schon war er ihr nahe, da stieß sie plötzlich einen gellenden Schrei aus, that einen gewaltigen Satz und lag
einen Augenblick darauf zerschmettert im Hofraum.’
‘Und war todt?’
‘Natürlich! unbeweglich wie die Pflastersteine, die
sie mit ihrem Gehirn und ihrem Blute bespritzte.’
‘Guter Gott!’
‘Wohl, Madame! Es war ein gräßlicher Anblick!’
Der Mann schauderte.
‘Und was geschah weiter?’
‘Je nun, Ma' am, das Gebäude brannte bis auf den

Grund ab; nur einige Stücke Mauerwerk sind noch
übrig.’
‘Ging noch ein Menschenleben verloren?’
‘Nein, — wiewohl es vielleicht besser gewesen
wäre.’
‘Was wollen Sie damit sagen?’
‘Der arme Mr. Eduard!’ rief er aus; ‘ich hätte
mir es nie gedacht, daß ich so etwas erleben würde! Manche
Leute sagen, es wäre eine gerechte Strafe des Himmels,
dafür, daß er eine ungiltige Heirath wider Gottes Gebot
schließen wollte, aber ich für meinen Theil bedaure ihn.’
‘Sie sagten doch, er lebe noch?’ rief ich.
Wohl, wohl! allein viele Leute meinen, es wäre
besser gewesen, er hätte das Leben eingebüßt.’
‘Wie so? Warum?’ Und meine Pulse stockten. ‘Wo
ist er?’ frug ich. ‘Ist er in England?’
‘Gewiß; er kann ja gar nicht fort, denke ich — er
ist jetzt an Ort und Stelle gebannt.’
Welche Todesangst stand ich aus! Und der Mann
schien willens sie zu verlängern.
‘Er ist stockblind,’ sagte er endlich, ‘stockblind ist
er, der arme Mr. Eduard.’
Ich hatte etwas Schlimmeres befürchtet. Ich glaubte,
er wäre wahnsinnig geworden. Meine Kräfte zusammenraffend, erkundigte ich mich nach der Ursache seines Unglückes.
‘Sein Muth und seine Herzensgüte waren Schuld
daran: er wollte das brennende Haus nicht eher verlassen,

bis jede lebende Seele in Sicherheit war. Als er die
große Treppe herabging, nachdem sich Mrs. Rochester von
der Zinne des Hauses herabgestürzt hatte, geschah ein
lauter Kracher und der ganze Dachstuhl fiel ein. Nach
einigen Stunden zog man ihn unter den Trümmern zwar
lebendig, aber schwer verwundet hervor. Ein Balken war
so gefallen, daß er ihn theilweise beschützte, allein das
eine Auge war verloren und die eine Hand so zerschmettert, daß sie der Arzt Mr. Carter sofort abnehmen mußte.
Später entzündete sich auch das andere Auge und er ist
nun auf beiden blind und noch obendrein ein Krüppel.’
‘Wo ist er? Wo hält er sich jetzt auf?’
‘In Ferndean, einem kleinen Edelsitze oder vielmehr
einem Meierhofe, dreißig Meilen von hier in einer trostlosen Gegend.’
‘Wer ist bei ihm?’
‘Der alte John und sein Weib. Er wollte sonst Niemanden um sich haben. Er soll ganz darnieder seyn.’
‘Haben Sie irgend ein Fuhrwerk?’
‘Eine Postchaise, Ma' am — eine sehr schöne
Chaise.’
‘Lassen Sie sofort einspannen und wenn mich Ihr
Kutscher noch vor Dunkelwerden nach Ferndean bringt,
zahle ich ihm und Ihnen das Doppelte des gewöhnlichen
Preises.’

Siebenunddreißigstes Capitel.

Der Edelsitz von Ferndean war ein ziemlich altes, nicht
sehr großes, ganz schmuckloses, in der Tiefe eines Waldes
begrabenes Gebäude. Ich hatte schon früher davon gehört;
Mr. Rochester erwähnte desselben öfter. Sein Vater hatte
die Besitzung der umliegenden Jagdgründe wegen gekauft
und oft daran gedacht, sie zu verpachten, jedoch bei der ungesunden Lage des Ortes keinen Pächter finden können.
Ferndean blieb also unbewohnt und uneingerichtet, bis
auf zwei oder drei Zimmer, die den Grundherrn zur Jagdzeit aufzunehmen bestimmt waren.
Gerade vor Einbruch der Dämmerung, an einem unfreundlichen regnerischen Abend, langte ich vor diesem Gebäude an. Die letzte Meile Weges hatte ich zu Fuße zurückgelegt. Wiewohl ganz nahe am Hause angekommen, sah
ich doch vor lauter Bäumen nichts als ein Gitterthor,
durch welches ich eintrat. Ein mit Gras bewachsener, gewundener Pfad, dicht von Bäumen überschattet, lag vor mir.
In der Erwartung er werde mich zum Ziele führen, schlug
ich ihn ein, ging aber eine geraume Zeit vorwärts, ohne
weder das Jagdschloß noch irgend welche Spuren von menschlichen Wohnungen zu finden.
Ich dachte mich verirrt zu haben. Die nächtliche und
die Waldesfinsterniß wurden immer dichter. Ich sah mich
nach einem andern Wege um, allein ich fand keinen; nichts als

Baumstämme. Holzklötze und dichtes Laub starrte mir entgegen und nirgends war eine Oeffnung, ein Durchgang zu
erblicken.
Doch schritt ich rüstig weiter und endlich wurde der
Wald lichter, eine Umzäunung und zuletzt ein Gebäude
sichtbar, wiewohl das letztere mit seinen grünen, moosbewachsenen, halberfallenen Mauern vom Laube der Bäume
kaum zu unterscheiden war. Ich trat durch ein zweites Gitterthor ein und befand mich auf einem offenen, durch einen
mit Kiessand bestreuten Fußweg durchschnittenen Grasplatze,
den weder Blumen noch Sträucher schmückten. Das Haus
zeigte in der Fronte zwei spitze Giebel; die Fenster waren
klein und vergittert, der Haupteingang gleichfalls klein
und eine steinerne Stufe führte zu demselben hinan. Das
Ganze sah, wie der Wirth zur Familie Rochester sehr
richtig bemerkt hatte, trostlos aus. Die Gegend war so still
wie eine Kirche an einem Wochentage und das Fallen der
Regentropfen der einzige hörbare Laut.
‘Kann hier eine lebende Seele wohnen?’ frug ich
mich.
Wohl mußte dies der Fall seyn, denn ich vernahm
alsbald eine Geräusch — die Hauptthüre ging auf und
eine Gestalt, ein Mann ohne Hut auf dem Kopfe, trat
auf die steinerne Stufe heraus. Er streckte die Hand aus,
gleichsam um zu fühlen, ob es noch regne. So dunkel es
auch war, ich hatte ihn erkannt — es war mein theurer
Gebieter, Eduard Rochester.
Ich blieb stehen, ihn ungestört, ungesehen und für
ihn, leider! unsichtbar beobachten zu können. Es war ein

unvermuthetes Zusammentreffen, ein solches, bei welchem
ein lebhafter Schmerz das Entzücken niederhielt. Es wurde
mir nicht schwer mich eines Ausrufes zu enthalten, meine
Schritte zu mäßigen.
Seine Gestalt zeigte noch dieselben kräftigen Umrisse,
seine Haltung war aufrecht, sein Haar von derselben tiefen
Schwärze. Auch seine Gesichtszüge waren weder verändert
noch eingesunken: der Zeitraum eines Jahres konnte mit all seinen Sorgen seine Riesenkraft nicht beugen. Nur im Ausdrucke seines Gesichtes bemerkte ich eine Veränderung: es
zeigte Spuren von Verzweiflung und Tiefsinn, wie man sie
an einem eingekerkerten wilden Thiere zu bemerken pflegt,
dem man sich in seinem tiefen Weh nicht ohne Gefahr nähern
Hand die goldgeränderten Augen ausgestochen hat, dem Beschauer erscheinen, wie sich dieser blinde Samson meinen
kann. So mag der gefesselte Adler, dem eine grausame
Blicken darbot. Noch wollte ich ihn nicht ansprechen.
Er stieg die Stufe herunter und näherte sich langsam
und mit den Händen herum tappend, dem GrasPlatze. Wo
war sein sonst so kräftiger Gang? Dann blieb er stehen, als
wüßte er nicht welchen Weg er einzuschlagen habe. Seinen
verstümmelten linken Arm hatte er im Rocke stecken, mit
dem rechten langte er furchtsam um sich, daß man sah, tiefe
Nacht bedecke seine Augen. John trat in diesem Augenblicke
aus dem Hause und ging auf ihn zu.
‘Wollen Sie meinen Arm nehmen, Sir?’ sagte er.
‘Ein heftiger Regenguß ist im Anzuge; wäre es nicht besser, Sie gingen ins Haus zurück?’
‘Laß mich gehen,’ erhielt er zur Antwort.

John zog sich zurück, ohne mich bemerkt zu haben.
Mr. Rochester versuchte es nun herumzugehen, doch umsonst:
sein Tritt war zu unsicher. Er tappte dem Hause zu, trat
hinein und schloß die Thüre.
Nun näherte ich mich der letzteren und klopfte an;
John's Weib öffnete mir. ‘Wie geht's, Mary?’ frug
ich sie.
Sie fuhr zurück, als wäre ich ein Gespenst; ich beruhigte sie, nahm sie bei der Hand und folgte ihr in die
Küche, wo bereits John am Feuer saß. Ich erklärte den
Beiden mit wenigen Worten, daß ich bereits Alles über
den Untergang von Thornfield wisse und nun gekommen sey,
Mr. Rochester zu besuchen. Ich bat John zum Mauthhause
hinunter zu gehen, wo ich meinen Koffer zurückgelassen hatte,
und indem ich meinen Shawl und meinen Hut abnahm,
erkundigte ich mich bei seinem Weibe, ob ich die Nacht im
Hause zubringen könnte. In Erfahrung bringend, daß es
zwar schwer, doch nicht unmöglich sey, beschloß ich zu bleiben und theilte Mary eben meinen Entschluß mit, als die
Klingel des Sprachzimmers ertönte.
‘Wenn Sie hineingehen,’ sagte ich, ‘so benachrichtigen Sie Ihren Gebieter, daß ihn Jemand zu sprechen
wünscht, doch nennen Sie mich ja nicht.
‘Ich glaube kaum, daß er Sie vorläßt,’ erwiederte
sie; ‘er weist Jedermann ab.’
Als sie wieder zurückkam, frug ich sie, was er gesagt habe.
‘Sie sollen ihm Ihren Namen und Ihr Anliegen
sagen lassen,’ versetzte sie. Sie füllte dann ein Glas mit

Wasser, und stellte es auf einen Credenzteller nebst zwei
Kerzen.
‘Ist dies dasjenige, was er verlangt?’ frug ich.
‘Ja; er läßt sich jeden Abend Licht bringen, obgleich
er blind ist.’
‘Geben Sie mir den Teller her, ich will ihn hineintragen.’
Sie reichte mir ihn und wies mir die Thüre zum
Sprachzimmer. Die Hände zitterten mir und das Wasser
floß über, mein Herz pochte laut. Mary öffnete mir die
Thüre und schloß sie hinter mir.
Die Stube sah düster aus; ein schwaches Feuer
brannte im Camine, an welchem, seinen Kopf in die eine
Hand gestützt, der blinde Gebieter des Hauses stand. Sein
alter Hund, Pilot, lag neben ihm zusammengekauert, als
fürchte er von seinem Herrn, wenn auch unabsichtlich, getreten zu werden. Er spitzte die Ohren, als ich eintrat,
sprang dann mit lautem Ge bell in die Höhe und gerade
auf mich los, so daß er mir beinahe den Credenzteller
aus der Hand schlug. Ich stellte den letztern auf den Tisch,
klopfte den Hund leise auf den Kopf und sagte: ‘Leg dich!’
Mr. Rochester wandte sich mechanisch um, um zu sehen was
es gebe, aber da er nichts sah, so drehte er sich wieder herum und seufzte.
‘Gib mir das Wasser, Mary,’ sagte er.
Ich näherte mich ihm mit dem nur halbgefüllten Glase;
Pilot folgte mir überall nach.
‘Was gibt’s?' frug Mr. Rochester.
‘Nieder, Pilot!’ rief ich dem Hunde zum zweiten
Mal zu. Er setzte das Glas ab und schien zu horchen;

dann trank er und stellte das Trinkgefäß nieder. ‘Du
bist's doch, Mary, nicht wahr?’
‘Mary ist in der Küche,’ antwortete ich.
Er streckte die Hand rasch nach mir aus, allein da
er mich nicht sehen konnte, so erfaßte er mich nicht.
‘Wer ist das? Wer ist das?’ rief er, augenscheinlich die
größten Anstrengungen machend, seine geblendeten Augen
zum Sehen zu bringen. ‘Antworten Sie — sprechen Sie!’
noch einmal herrschte er mit lauter Stimme.
‘Wollen Sie noch etwas Wasser, Sir? Ich habe die
Hälfte davon vergossen,’ sagte ich.
‘Wer ist das? Was ist das? Wer spricht hier?’
‘Pilot kennt mich und John und Mary wissen, daß ich
hier bin; ich kam erst diesen Abend an.’
‘Großer Gott!’ rief er aus. ‘Von welcher Täuschung bin ich befallen, welch' schöner Wahn bethört
mich!’
‘Es ist keine Täuschung — kein Wahn, Sir; Ihr Geist ist zu kräftig, Ihr Körper zu gesund, um Täuschung
und Wahn zuzulassen.’
‘Wo ist die Sprecherin? Ist es blos ein Schall? Oh, ich kann nicht sehen, aber ich muß fühlen, sonst bricht mir
das Herz und der Kopf zerspringt mir. Wer Sie auch seyn
mögen, lassen Sie sich berühren oder ich sterbe!’
Er tappte herum: ich ergriff seine Hand und schloß sie in die meinige.
‘Das sind ihre Finger,’ rief er, ‘ihre kleinen zarten Finger! Wenn es so ist, muß auch noch der übrige Körper
hier seyn.’

Seine kräftige Hand entwand sich meinem Drucke,
ergriff meinen Arm, meine Achsel, meinen Hals, umschlang
meinen Leib und zog mich zu sich.
‘Ist das nicht Jane? Wer könnte es sonst seyn? Dies
ist ihre Gestalt, ihre Größe —’
‘Und ihre Stimme,’ fügte ich hinzu. ‘Sie ist ganz
hier, sammt ihrem Herzen. Gott segne Sie, lieber Herr!
Ich fühle mich glücklich, Ihnen wieder so nahe zu seyn.’
‘Jane Eyre! — Jane Eyre!’ war Alles, was er
hervorbringen konnte.
‘Mein theurer Gebieter,’ versetzte ich, ‘ich bin in
der That Jane Eyre, die Sie endlich ausgeforscht hat und
zu Ihnen zurück gekehrt ist.
‘Wirklich? Meine Jane, wie sie leibt und lebt?’
‘Sie berühren mich ja, Sir, und halten mich fest
genug. Ich bin doch nicht kalt wie eine Leiche oder ungreifbar wie die Luft?’
‘Mein theures Herz! Wohl ist dies ihr Körper und
ihre Stimme, allein es ist nicht möglich, daß mir nach all
meinem Elend so viel Glück zu Theil werden könnte. Es ist
ein bloßer Traum — einer jener Träume, wie sie mich
oft des Nachts beglückten, wo ich sie wie jetzt umschloß,
und drückte und herzte, und empfand sie liebe mich und
werde mich nie verlassen.’
‘Das wird sie auch nicht, vom heutigen Tage an.’
‘Sie wird es nicht, spricht die Traumgestalt? Allein
ich erwachte jedesmal, und fand, daß es nur eine Aefferei
war, daß ich mich wieder inmitten meines trüben, einsamen, hoffnungslosen Daseyns befand. Auch du süßer, sanfter

Traum, der du nun in meinen Armen weilst, wirst entfliehen, gleich allen deinen Vorgängern; aber küssen Sie mich
noch zuvor, umarmen Sie mich, theure Jane!’
‘So, Sir — und so!’
Ich drückte meine Lippen auf seine ehedem glänzenden,
nun strahlenlosen Augen — ich strich ihm das Haar aus dem Gesichte, und küßte ihn auf den Mund. Er schien plötzlich zu erwachen, und die Wirklichkeit alles Geschehenen zu
erfassen.
‘Sie sind es, Jane, nicht wahr? Sie sind mir wieder gegeben?’
‘Ich bin es.’
‘Und Sie sind in keinem Wasser ertrunken, in keinem
Abgrund begraben? Sie irren nicht elend und verlassen in der Fremde herum?’
‘Nein, Sir! Ich habe jetzt sogar mein eigenes Vermögen.’
‘Ihr eigenes Vermögen? Wie so?’
‘Mein Onkel in Madeira ist gestorben, und hat mir
fünftausend Pfund Sterling hinterlassen.’
‘Ah, das ist praktisch, das ist greifbare Wirklichkeit!’
rief er aus. ‘So etwas pflegte ich nie zu träumen. Uebrigens ist dies ganz ihre eigenthümliche, sanfte, doch lebhafte Stimme, die mein verwittertes Herz auffrischt, neu
belebt. Also Sie haben Vermögen, Jane? Sie sind wohl
gar reich?’
‘Das bin ich, Sir. Und wenn Sie mir nicht gestatten, mit Ihnen zu leben, so lasse ich mir knapp neben
dem Ihrigen ein Haus bauen, und Sie können den

Abend bei mir zubringen, wenn Sie sich nach Gesellschaft
sehnen.’
‘Aber da Sie nun reich sind, Jane, so werden Sie
auch Freunde haben, die es nicht zugeben werden, daß
Sie Ihr junges Leben einem blinden Klagebruder, wie ich
einer bin, zum Opfer bringen?’
‘Ich bin eben so unabhängig, als ich reich bin; ich
habe allein über meine Person zu verfügen.’
‘Und Sie wollen bei mir bleiben?’
‘Gewiß, außer Sie sind dagegen. Ich will Ihre Nachbarin, Ihre Wärterin, Ihre Haushälterin seyn. Ich sehe,
Sie sind einsam, und will Ihnen Gesellschaft leisten, Ihnen vorlesen, mit Ihnen spaziren gehen, mit Ihnen die
Abende zubringen, mit Einem Worte, Ihnen Augen und
Hand ersetzen. Blicken Sie nicht mehr so Trübe, Sie sollen
nicht ohne Trost seyn, so lange ich lebe.’
Er erwiederte nichts. Er schien ernst, in Gedanken versunken; er öffnete seine Lippen zur Hälfte, gleichsam als
wollte er sprechen, schloß sie jedoch sofort wieder. Ich war in einiger Verlegenheit. Vielleicht war ich mit meinem
Anerbieten zu zudringlich; vielleicht hatte ich die Convenienz
irgendwie verletzt, und wie St. John, sah er vielleicht in
meiner Unüberlegtheit eine Unschicklichkeit, und ich hatte
doch nur beabsichtigt, ihm eine Veranlassung zu geben, um
meine Hand anzuhalten; und die Gewißheit, er würde es
thun, hatte mich etwas lebhafter gestimmt. Allein er deutete seine Bereitwilligkeit, in meine Absichten einzugehen,
mit keinem Worte, keinem Winke an, und da der Ausdruck seines Gesichtes immer düsterer wurde, so kam mir

unwillkürlich der Gedanke, ich habe mich am Ende ganz
und gar in meinen Voraussetzungen geirrt, und ich entzog
mich sachte seiner Umarmung. Allein er drückte mich nur
noch fester an sich.
‘Nein, nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir. Nun
ich Sie befühlt, gehört, das Glück Ihrer Nähe empfunden, kann ich all' diese Freuden nie wieder entbehren. Von
mir selbst ist nur noch wenig übrig — ich muß Sie besitzen. Die Welt mag lachen, mich albern, selbstisch nennen,
aber das kümmert mich nicht. Mein Geist verlangt nach Ihnen, er muß zufriedengestellt werden, oder er wird sich am
Körper tödtlich rächen.’
‘Nun wohl, Sir, ich will bei Ihnen bleiben; ich
habe es ja bereits gesagt.’
‘Ja, aber Sie verstehen darunter etwas ganz Anderes
als ich. Sie werden sich vielleicht entschließen können, als
meine liebe, kleine Wärterin um mich zu seyn, denn ich
kenne Ihr gutes edles Herz, das Sie für diejenigen, die
Sie bemitleiden, jedes Opfer bringen läßt. Damit soll ich
mich dann natürlich begnügen, und für Sie fortan nur väterliche Gefühle hegen. Sagen Sie an, ist's nicht so?’
‘Es ist so wie es Ihnen beliebt, Sir; ich bin damit
zufrieden, Ihre Wärterin zu seyn, wenn Sie es so besser
finden.’
‘Aber Sie können doch nicht für immer meine Wärterin seyn, Jane; Sie sind jung und werden eines Tages
heirathen.’
‘Ich denke nicht ans Heirathen.’
‘Sie sollten aber daran denken, Jane; wäre ich noch

jetzt derjenige, der ich früher war, ich wollte es versuchen,
Sie auf Heirathsgedanken zu bringen, — aber nun, als
blinder Krüppel —’
Und er verfiel neuerdings in seinen Trübsinn. Ich
hingegen wurde immer fröhlicher und faßte frischen Muth,
denn seine letzten Worte zeigten mir, wo das Hinderniß
lag, und da es in meinen Augen keineswegs als solches galt,
so fühlte ich mich ganz leicht und glücklich und gab dem
Gespräch eine lebhaftere Wendung.
‘Es wäre an der Zeit, daß es Jemand unternähme,
Sie wieder menschlich zu machen,’ sagte ich, sein dichtes,
langgewachsenes Haar zurückstreichend. ‘Wie ich sehe, sind
Sie nahe daran, in einen Löwen oder so etwas dergleichen
umgewandelt zu werden. Sie sehen beiläufig wie Nebukadnezar im Felde aus. Ihre Haare erinnern mich an Adlersfedern; ob auch Ihre Nägel den Krallen eines Raubvogels
gleichen, habe ich noch nicht untersucht.’
An diesem Arme habe ich weder eine Hand noch Nagel,’ sagte er, seine verstümmelte Linke hervorziehend und
sie mir hinreichend. ‘Es ist ein bloßer Stummel und ein
schrecklicher Anblick. Denken Sie nicht auch, Jane?’
‘Es jammert Einen, diesen Arm, diese Augen, diese
Schramme auf der Stirne zu sehen, und das Schlimmste
dabei ist, daß man Gefahr läuft, Sie nur noch mehr
zu lieben.’
‘Ich glaubte Sie würden zurückschrecken, wenn Sie
meinen Arm und mein narbiges Gesicht sähen.’
‘Wirklich? Sagen Sie das nicht noch einmal, sonst
mache ich über Ihren Verstand irgend eine unhöfliche Bemerkung. Und nun gewähren Sie mir nur einen Augenblick Zeit, um ein besseres Feuer anzumachen und den Camin abzukehren. Erkennen Sie es, wenn das Feuer hell
brennt?’
‘Wohl, mit dem rechten Auge sehe ich einen hellen
Schimmer, einen glutrothen Punkt.’
‘Sehen Sie das Kerzenlicht?’
‘Sehr dunkel, ein jedes Licht kommt mir wie eine
Wolke vor.’
‘Können Sie mich sehen?’
‘Nein, meine gute Fee, aber ich danke Gott, daß
ich Sie wenigstens hören und fühlen kann.’
‘Wann essen Sie zu Nacht?’
‘Ich nehme nie ein Nachtmahl ein.’
‘Aber heute müssen Sie etwas essen. Ich bin hungrig
und Sie sind es gewiß auch, nur daß Sie darauf vergessen.’
Mit Mary's Hilfe hatte ich das Zimmer bald in Ordnung gebracht und eine tüchtige Mahlzeit angerichtet. Ich
war gut aufgelegt und unterhielt ihn während des Essens
nach, besten Kräften. Bei ihm brauchte ich mir keinen Zwang
anzuthun, denn ich wußte, daß ich ihm gefiel, und daß
aber Allles was ich sagte, ihn entweder tröstete oder erheitert, und ein freundliches Lächeln glitt über as Antlitz des armen Blinden, und die Freude fing an auf seiner
Stirne zu dämmern.
Nach eingenommenem Mahle stellte er eine Unzahl
Fragen ch mich: wo ich gewesen, was ich gemacht, wie ich ihn aufgefunden; aber ich gab ihm nur kurze Antworten, da es schon zu spät war in Einzelnheiten einzugehen.
Uebrigens hatte ich nicht die Absicht, die kaum vernarbten
Wunden seines Herzens aufzureißen: mein einziger Zwecks
war, ihn aufzuheitern. Wohl war er fröhlich genug, doch
nur auf Augenblicke. Wenn das Gespräch eine Weile
stockte, streckte er sich unruhig hin und her, faßte mich an
und rief mich beim Namen.
‘Sie sind doch ein menschliches Wesen, Jane? Sie
sind dessen gewiß?’
‘Ich kann es Ihnen mit gutem Gewissen betheuern
Mr. Rochester.’
Wie konnten Sie jedoch an diesem trüben Abende so
plötzlich in meine Stube treten? Ich streckte meine Hand
aus, um ein Glas Wasser von einem Miethlinge zu empfangen: Sie reichten mir es; ich stellte eine Frage in der
Erwartung, John's Weib werde mir antworten, und es
war Ihre Stimme, die an mein Ohr schlug.
‘Weil ich an Mary's Stelle mit dem Credenzteller
hereingekommen war.
‘Und selbst die Stunde, die ich jetzt mit Ihnen zubringe, kömmt mir wie die Wirkung einer Zauberei vor.
Wer vermöchte es zu sagen, was für ein elendes, hoffnungsloses Leben ich seit Monaten herumschleppte! Ich
that nichts, ich erwartete nichts, ich unterschied Tag und
Nacht nicht, fühlte blos daß es kalt war, wenn das
Feuer ausging, und daß ich hungrig war, wenn ich zufällig auf's Essen vergessen hatte, und bei allem dem quälte mich
eine namenlose Sehnsucht nach meiner lieben Jane. Ja,
ich sehnte mich mehr nach ihr, als nach der Wiedererlangung meines verlornen Gesichtes. Wie ist es möglich, daß
sie nun mit einem Male bei mir sitzt und mich ihrer Liebe
versichert! Wird sie nicht vielleicht eben so schnell wieder
verschwinden als sie kam? Ich fürchte. ich finde sie schon
morgen nicht mehr.
Eine ganz gewöhnliche, alltägliche Antwort paßte
meiner Ansicht nach am besten für seinen gegenwärtigen
Gemüthszustand. Ich befühlte seine Augenbrauen, bemerkte, sie seyen ganz zerschunden und versprach ein Mittel anzuwenden, nach welchem sie wieder so schwarz und
so dicht wie früher wachsen würden.
‘Was kann mir das Alles nützen, mein lieber wohlthätiger Geist, wenn Sie mich vielleicht alsbald wieder
böswillig verlassen wollen, wie ein Schatten verschwinden,
ohne daß man weiß wie und wohin?’
‘Haben Sie einen Taschenkamm bei sich, Sir?’
‘Wozu das, Jane?’
‘Blos um Ihre zerzauste Mähne durchzukämmen.
Sie kommen mir, wenn ich Sie lange ansehe, ordentlich
unheimlich vor. Sie nennen mich eine Fee, aber ich könnte
Sie mit größerem Rechte für einen Waldgeist halten.’
‘Bin ich denn so häßlich, Jane?’
‘Sehr; Sie waren es von jeher, wie Sie selbst am
besten wissen.’
‘Hm! Die Bosheit hat man Ihnen nicht ausgetrieben, wo Sie auch immer weilten.’
‘Und doch war ich bei guten Leuten, bei weit bessern als Sie, die Ideen und Ansichten hatten, welche
Ihnen zeitlebens fremd waren.’

‘Wo zum Guckguck waren Sie denn?’
‘Wenn Sie beständig zucken, so rupfe ich Ihnen
noch das ganze Haar aus und dann werden Sie wohl
aufhören an der Wirklichkeit meines irdischen Daseyns zu
zweifeln.’
‘Bei wem waren Sie, liebe Jane?’
‘Heute Abends bekommen Sie es nicht mehr aus
mir heraus; Sie müssen sich schon bis morgen früh gedulden. Wenn ich Ihnen meine Geschichte nur halb erzähle, so gibt Ihnen das wenigstens die Gewißheit, daß
ich bei Ihrem Frühstücktische erscheine, um dieselbe zu beendigen. Beiläufig gesagt, darf ich Ihnen dann nicht blos
mit einem Glas Wasser, sondern wenigstens mit einem
Ei vor die Augen kommen, des gebackenen Schinkens gar
nicht zu gedenken.’
‘Sie spöttisches Ding, Sie von Feen Geborne und
von Menschen Erzogene! Sie erwecken Gefühle in mir,
wie sie seit einem Jahre in meiner Seele nicht rege wurden. Hätte Sie Saul statt seines David haben können,
der böse Geist wäre ja auch ohne Harfe ausgetrieben
worden.’
‘So, Sir, nun sind Sie frisirt und sehen wieder
vernünftig aus. Nun will ich Sie verlassen: ich bin durch
volle drei Tage herumgefahren und daher. wie natürlich,
müde. Gute Nacht!’
‘Nur noch ein Wort, Jane; gab es in dem Hause,
wo Sie lebten, nur Damen?’
Ich lachte und lief davon und betrat kichernd meine
Schlafstube. ‘Ein guter Gedanke,’ dachte ich bei mir;

‘ich sehe daß ich die Mittel in Händen habe, ihm die
Melancholie auf eine geraume Zeit zu vertreiben.’
Am nächsten Morgen hörte ich ihn schon zeitlich aufstehen und in den Gemächern herumwandern. Sobald
Mary hinunter kam, vernahm ich die Frage: ‘Ist Miß
Eyre hier?’ Dann fügte er hinzu: ‘Welche Stube hast
Du ihr angewiesen? War sie nicht feucht? — Ist sie schon
auf? Geh und frage sie, ob sie nichts brauche und wann
sie herunter kommen will?’
Ich erschien, so bald ich wußte, es sey Aussicht auf
ein Frühstück vorhanden und da ich ganz leise ins Zimmer trat, so sah ich ihn früher als er meine Gegenwart
bemerken konnte. Es war in der That betrübend zu sehen — wie dieser kräftige Geist dem Gewicht eines körperlichen Gebrechens erlag. Er saß regungslos, doch nicht
ruhig in seinem Stuhle und wartete; sein Anblick erinnerte an denjenigen einer verlöschenden Lampe, die dem Augenblicke entgegen sieht, wo sie wieder angezündet werden
soll. Ich wollte lustig und sorglos seyn, allein die Ohnmacht des starken Mannes durchbohrte mir das Herz. Dennoch suchte ich so lebhaft als möglich zu erscheinen.
‘Es ist ein schöner heiterer Sommermorgen. Sir,’
sagte ich, ‘der Morgen ist vorüber und das Wetter nun um
so angenehmer. Wir wollen dann spaziren gehen.
Ich hatte das Feuer entzündet; sein Gesicht leuchtete.
‘Da ist sie ja, meine Himmelslerche! Kommen Sie
zu mir. Sie sind also nicht vergangen, nicht in Rauch zerflossen! Vor einer Stunde hörte ich eine Ihrer Schwestern
in den Lüften wirbeln, aber ihr Gesang hatte ebenso wenig

Reiz für mich, als die aufgehende Sonne. Meine schönste
Melodie auf Erden ist nur die Stimme m einer theuern
Jane und mein einziger Sonnenschein hienieden uhre Gegenwart.’
Das Wasser trat mir in die Augen. als ich dieses Bekenntniß seiner Abhängigkeit vernahm; es war als sähe sich
ein gefesselter Königsadler gezwungen, einen Sperling anzuflehen, er möge sein Versorger werden. Doch ich wollte
nicht weinerlich seyn, wischte daher die salzigen Tropfen
aus den Augen und machte mich daran, das Frühstück zu
bereiten.
Den größten Theil des Morgens brachten wir im
Freien zu. Ich führte ihn durch den Wald hindurch in die
Felder hinaus, beschrieb ihm ihr Grün, das herrliche Blau
des Firmamentes, den Glanz der Sonnenstrahlen. Dann
suchte ich ihm einen anmuthigen Platz zum Sitzen aus,
einen trockenen Baumstumpf und weigerte mich nicht, mich
von ihm auf seine Kniee heben zu lassen. Warum sollte
ich auch, da wir, je näher beisammen, desto glücklicher
waren? Pilot lag neben uns und ringsum herrschte die
tiefste Ruhe.
‘Grausamer, böser Flüchtling!’ rief er aus, indem
er mich fest an sein klopfendes Herz drückte. ‘Welche Qualen, welche Schmerzen fühlte ich, als ich die Entdeckung
machte, Sie hätten Thornfield verlassen, und ich Sie nirgends
in der ganzen Gegend finden konnte! Das Perlenhalsband,
das ich Ihnen geschenkt, lag unberührt in seinem Gehäuse,
Ihre Koffer standen ganz reisefertig an derWand. Was
konnte mein Herzensliebling ohne Geld, ohne die nöthige

Kleidung in der weiten Welt beginnen? Lassen Sie mich
nun hören, wie es ihr wirklich erging.’
Dieser Aufforderung zu entsprechen, erzählte ich ihm
die Geschichte meiner Leiden. Die Beschreibung der drei ersten Tage nach meiner Flucht aus dem Herrenhause malte
ich so gelind als möglich aus, um ihm nicht durch die
wahre Schilderung meiner Entbehrung einen unnützen
Schmerz zu bereiten; schon das Wenige was ich ihm mittheilte reichte hin, sein treues Herz zu zerfleischen.
Ich hätte ihn nicht so ganz entblößt den Allem verlassen, ich hätte ihm vertrauen sollen, meinte er. Er würde
mich nie dazu gezwungen haben seine Maitresse zu werden
und so heftig und leidenschaftlich er auch damals ausgesehen
habe, so wäre ja auch seine Liebe zu mir viel zu groß gewesen, als daß er daran gedacht hätte, sich zu meinem Tyrannen aufwerfen zu wollen. Lieber würde er mir sein halbes Vermögen geschenkt haben, ohne dafür auch nur einen
Kuß zu verlangen, ehe er es zugegeben hätte, daß ich mich
freund- und hilflos in die weite Welt hinaus stürzte. Gewiß waren meine Leiden viel größer gewesen, als ich es
Wort haben wollte.
‘Wohl,’ antwortete ich, ‘mögen nun meine Leiden
wie immer geartet gewesen seyn, sie waren jedenfalls von
kurzer Dauer.’ Dann beschrieb ich ihm meine Aufnahme
im Moorhause, meine Anstellung als Schulmeisterin u. s w.
‘Die Erbschaft, die Entdeckung meiner Verwandtschaft
mit der Familie Rivers kamen dann an die Reihe. Natürlich mußte ich St. John Rivers im Verlaufe meiner Erzählung häufig erwähnen. Als ich geendigt hatte, faßte er diesen Namen sofort auf.

‘Dieser St. John ist also Ihr Vetter?’
‘Ja.’
‘Sie haben seinen Namen oft genannt; liebten Sie
ihn?’
‘Er war ein sehr guter Mann, Sir, und ich konnte
ihm natürlich nicht gram seyn.’
‘Ein guter Mann ? Soll das einen achtungswerthen
gesetzten Fünfziger bereuten?’
‘St. John war erst neunundzwanzig Jahre alt.’
‘Jeune encore, wie die Franzosen sagen. Ist er klein,
häßlich und schläfrigen Temperaments? Eine Person, deren Güte mehr in dem Abgange von Lastern, als in dem
Vorhandenseyn von Tugenden besteht?’
‘Er ist unablässig wirksam und lebt nur der Vollführung großer, hochstrebend er Thaten.’
‘Aber sein Geist ist etwas schwach? Er meint es wohl gut, aber Sie zucken die Achseln, wenn er spricht?’
‘Er spricht wenig. Sir; allein was er spricht, ist
stets treffend. Sein Geist ist meiner Meinung nach außerordentlich, nicht empfänglich, aber ungemein stark.’
‘Er ist also ein geschickter Mann?’
‘Im wahren Sinne des Wortes.’
‘Durch und durch gebildet?’
‘St. John ist ein vollendeter Gelehrter.’
‘Seine Manieren behagten Ihnen nicht, wie ich glaube?
sie waren etwas pfäffisch und frömmelnd?’
‘So viel ich weiß, erwähnte ich seiner Manieren nicht.
Ich müßte aber einen sehr schlechten Geschmack haben, wenn

sie mir nicht behagten; sie sind artig, ruhig, ganz die eines
Mannes von Welt.
‘Sein Aeußeres, ich vergaß ganz, wie Sie ihn beschrieben; jedenfalls ein ungeschlachter Dorfpfarrer, der in
seinem weißen Halstuche halb erstickt und in seinen dickbesohlten Kappenstiefeln wie auf Stelzen einhergeht. Nicht
wahr?
‘St. John kleidet sich geschmackvoll. Er ist ein schöner
sch lanker Mann mit eineu griechischen Profil.’
(Beiseite.) ‘Der Teufel hole ihn!’ (Zu mir gewendet.) ‘Waren Sie ihm gut?’
‘Wohl, Mr. Rochester. Sie stellten mir schon einmal
dieselbe Frage.’
Wohl verstand ich wohin Mr. Rochester mit seinen
Reden zielte. Die Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt und
stachelte ihn auf; aber diese Cur war ihm sehr heilsam, sie
vertrieb ihm die drückende Melancholie. Ich wollte daher
der Schlange nicht sogleich den Kopf zertreten.
‘Vielleicht beliebt es Ihnen nicht mehr auf meinem
Schooße zu sitzen, Miß Eyre?’ lautete seine nächste etwas
unerwartete Bemerkung.
‘Warum nicht, Mr. Rochester?’
‘Das Porträt, das Sie mir eben vormalten, bildet
einen zu großen Contrast mit meiner Person. Sie gaben
die Beschreibung eines Apollo und nun haben Sie einen
Vulkan, einen wahren Grobschmied der sich, der noch
dazu blind und einarmig ist.’
‘Ich dachte früher nicht daran allein jetzt sehe ich,
daß Sie wirklich einem Vulkan gleichen.’

‘Sie können gehen, Madame, doch ehe Sie mich
werden Sie die Güte haben, mir eine oder zwei Fragen
verlassen (und er hielt mich noch viel fester umschlungen),
zu beantworten.’ Er hielt inne.
‘Was für Fragen, Mr. Rochester?’
Worauf er das nachstehende Verhör vornahm:
‘St. John stellte Sie als Lehrerin zu Morton an, bevor er wußte, Sie seyen seine Cousine?’
‘Ja.’
‘Sie sahen ihn oft und er besuchte zuweilen die Schule?
‘Alle Tage.’
‘Er war mit Ihrem Lehrplane zufrieden? Er mußte es jedenfalls seyn, denn ich kenne Ihre Talente.’
‘Er war damit zufrieden.’
‘Er entdeckte so Manches an Ihnen, was er nicht erwartet hatte? Einige Ihrer Vorzüge sind nicht gewöhnlicher Art.’
‘Davon weiß ich nichts.’
‘Sie hatten ein kleines Häuschen neben der Schule, wie Sie sagen; besuchte er Sie auch in Ihrer Wohnung?’
‘Dann und wann.’
‘Des Abends?’
‘Ein- oder zweimal.’
Eine Pause trat ein.
,Wie lange wohnten Sie noch mit ihm und mit seinen
Schwestern, nachdem schon Ihre Verwandtschaft mit demselben bekannt war?
‘Fünf Monate.’
‘Pflegte Rivers oft in Ihrer Gesellschaft zu seyn?’

‘Ja; die Hinterstube war unser gemeinschaftliches Studierzimmer; er saß am Fenster und wir am Tische.’
‘Studierte er viel?’
‘Gehörig.’
‘Was zum Beispiel?’
‘Die hindostanische Sprache.’
Und was thaten Sie inzwischen?’
‘Ich lernte deutsch.’
‘Gab er Ihnen Stunden?’
‘Ja, im Hindostanischen.’
‘Wie, Rivers lehrte Sie Hindostanisch?’
‘Ja, Sir.’
‘Und seine Schwestern auch?’
‘Nein.’
‘Also blos Sie?’
‘Blos mich.’
‘Wollten Sie es selbst lernen?’
‘Nein.’
‘Es war also sein Wunsch?’
‘Ja.’
Neue Pause.
‘Warum wünschte er es? Was konnte Ihnen diese
Sprache nützen?’
‘Er wollte, ich sollte ihn nach Indien begleiten.?
‘Ah, nun komme ich der Sache auf den Grund. Er
wollte Sie also heirathen?’
‘Er hielt um meine Hand an.’
‘Das ist eine Lüge — eine unverschämte Erfindung, mich zu ärgern.’

‘Ich bitte um Verzeihung, es ist die reine Wahrheit. Er machte mir sogar mehr als einmal den Vorschlug und
war auf die Erfüllung seines Wunsches ebenso versessen, als Sie es zu Ihrer Zeit waren.’
‘Sie mögen gehen, Miß Eyre, ich wiederhole es. Wie
oft soll ich es noch sagen? Warum bleiben Sie so hartnäckig
auf mir sitzen, wenn ich Sie bitte, mich zu verlassen?’
‘Weil ich mich hier am behaglichsten fühle.’
‘Nein, Jane, Sie fühlen sich nicht behaglich, denn
Ihr Herz ist nicht bei mir, es ist bei Ihrem Vetter St. John.
Oh, bis zu diesem Augenblicke dachte ich, meine kleine Jane
gehöre nur mir an. Auch dann noch, als sie mich verließ,
glaubte ich an ihre Liebe und dieser Gedanke schwamm als
Atom der Süße in dem Meer von Bitterkeit. Während unserer langen Trennung stellte ich mir nie die Möglichkeit
vor, sie könne einen Andern lieben! Aber alles Klagen
wäre unnütz. Verlassen Sie mich, gehen Sie hin und heirathen Sie Rivers.’
‘Nun denn, so schütteln Sie mich ab, stoßen Sie mich von sich; denn von freien Stücken gehe ich nicht fort.’
‘Ich liebe den Ton Ihrer Stimme, Jane, er macht
mir immer wieder Hoffnung, er klingt so zutraulich. So oft ich ihn höre, denke ich mich ein Jahr zurück. Ich vergesse, daß Sie ein neues Band geknüpft haben. Aber ich
bin kein Thor — gehen Sie.’
‘Wohin soll ich gehen, Sir?’
‘Ihren eigenen Weg entlang ,mit dem Gatten, den Sie sich erwählten.’
‘Wer ist das?’

‘Sie wissen es am besten, St. John Rivers.’
‘Er ist nicht mein Gatte und wird es auch nie werden. Er liebt mich nicht, ich liebe ihn nicht. Er liebt so wie
es ihm nur immer möglich ist (und noch lange nicht mit Ihrem Feuer) eine schöne Dame Namens Rosamunde. Er wollte mich blos heirathen, um eine brauchbare Gefährtin
bei seinen Missionsreisen zu haben, wozu jene nicht taugte.
Er ist gut und großherzig , aber streng und kalt wie ein Eisberg. Er ist nicht so wie Sie, Sir, und ich fühlte mich
an seiner Seite, in seiner Nähe nicht glücklich. Nichts zog ihn zu mir, nicht einmal meine Zugend, blos einiger nützlicher Eigenschaften, die er an mir entdeckt hatte, bedurfte
er zu seinen Plänen. Und nun, Sir, sind Sie noch immer der Meinung, daß ich Sie verlassen muß, um zu ihm zu gehen?’
Ich erzitterte unwillkürlich und drückte mich fester an meinen blinden Gebieter Er lächelte.
‘Wie, Jane, sollte das wahr seyn? Stehen die Sachen wirklich so?’
‘Gerade so. Oh, Sie dürfen nicht eifersüchtig seyn!
Ich wollte Sie blos ein wenig reizen, um Sie dadurch zu
zerstreuen; ich dachte: Aerger sey besser als Kummer. Wenn
es aber Ihr Wunsch ist, daß ich Sie liebe, so wollte ich Sie
wüßten, wie sehr dies bereits der Fall ist: Sie wären gewiß damit zufrieden. Mein Herz gehört Ihnen ganz und
gar und würde auch dann bei Ihnen bleiben, wenn mich
selbst das Schicksal von Ihnen losrisse.’
Während er mich küßte, schienen neuerdings trübe Gedanken in ihm aufzutauchen.

‘Meine geblendeten Augen! Mein verkrüppelter Arm!’
jammerte er leise vor sich hin.
Ich liebkoste ihn und suchte ihn zu beruhigen. Ich wußte woran er dachte und hätte gerne statt seiner gesprochen, allein ich traute mich nicht. Als er sich wegwendete,
sah ich eine Thräne unter seinem geschlossenen Augenlide hervorquellen und seine männlich gebräunte Wange herabrollen. Das Herz wurde mir schwer.
‘Ich bin jetzt nicht mehr werth, als der alte zersplitterte Kastanienbaum im Obstgarten von Thornfield,’ bemerkte er nach einer Pause.
‘Und welches Recht hätte dieser Baumstrunk zu verlangen, daß ein knospendes Geisblatt seine Ruine mit frischem Grün schmücke?’
‘Sie sind keine Ruine, Sir, kein vom Blitze zerschmetterter Baum! Sie sind noch grün und kräftig. Pflanzen
werden dennoch um Ihren Stamm wachsen, Sie mögen es wollen oder nicht, und wie sie emporschießen, werden sie
sich auch um Sie ranken, da ihnen Ihre Stärke eine so feste Stütze beut.’
Er lächelte wieder: ich hatte ihm Trost eingeflößt.
‘Sie meinen damit Freunde, Jane?’
‘Wohl,’ antwortete ich zögernd, denn ich hatte etwas
Anderes darunter gemeint, doch ohne es aussprechen zu
können. Er half mir aus der Verlegenheit.
‘Aber ich brauche ein Weib.’
‘Wirklich, Sir?’
‘Ja wohl; ist Ihnen das etwas Neues?’
‘Gewiß, denn Sie sprachen ja noch gar nicht davon.’

‘Ist Ihnen diese Eröffnung willkommen?’
‘Das hängt von Umständen — von Ihrer Wahl ab.’
‘Sie sollen sie an meiner Stelle treffen und ich will
mich Ihrer Entscheidung unterwerfen.’
‘So wählen Sie denn diejenige — die Sie am
innigsten liebt.’
‘Wenigstens will ich diejenige nehmen — die ich
am innigsten liebe. Jane, wollen Sie heirathen?’
‘Ja, Sir.’
‘Mich armen blinden Mann, den Sie werden bei der
Hand herumführen müssen?’
‘Ja, Sir.’
‘Einen Krüppel, der zwanzig Jahre älter ist als Sie,
den Sie zu pflegen haben werden?’
‘Ja, Sir.’
‘Ist's Ihr Ernst, Jane?’
‘Mein voller Ernst, Sir.’
‘Oh, mein theures Herz! Gott segne und belohne
Sie!’
‘ Wenn ich je in meinem Leben etwas Gutes that,
wenn ich je einen frommen Gedanken hatte, wenn ich je ein herzliches Gebet verrichtete, so bin ich jetzt dafür belohnt, Ihr Weib zu seyn ist für mich das größte Glück auf
Erden.’
‘Weil Sie so gerne Opfer bringen.’
‘Opfer? Was opfere ich? Den Heißhunger der Sättigung, die Erwartung der Befriedigung. Ist es ein
Opfer, wenn ich das Recht erlange, mein höchstes Glück in meine Arme zu schließen, den Gegenstand meiner innigsten Neigung zu liebkosen, mich auf denjenigen zu stützen,
dem ich ganz vertraue? Ist dies der Fall, dann bringe ich
freilich gerne Opfer.’
‘Aber Sie müssen auch mit meinen Schwächen Nachsicht haben, meine Fehler übersehen.’
‘Weder die einen noch die andern erscheinen mir als solche. Nun ich Ihnen wirklich nützen kann, liebe ich Sie
noch mehr als zuvor in Ihrer stolzen Unabhängigkeit, wo Sie keine andere Rolle annehmen wollten, als diejenige des
Gebers und Gönners.’
‘Bis nun war es mir verhaßt, Hilfe und Unterstützung zu empfangen, doch jetzt ist es etwas Anderes. Ich
vermochte es nicht, meinen Arm einem Miethlinge zu reichen: allein wenn ihn Jane's kleine Finger umspannen,
machte es mich glücklich. Ich zog das gänzliche Alleinseyn der
Gegenwart von Dienstleuten vor: aber Jane's zarte Pflege
wird mich stets beglücken. Jane paßt zu mir, passe auch
ich zu ihr?’
‘Ganz genau, Sir.’
Wenn es so ist, so haben wir auf nichts weiter zu
warten und können uns sofort trauen lassen.’
Er sprach mit regem Eifer; seine alte Heftigkeit war
erwacht.
Wir müssen ohne Verzug Ein Leib werden: blos des
Aufgebotes bedarf es, dann —’
‘Ich habe eben bemerkt, daß die Sonne bereits unter
der Mittagshöhe steht und Pilot ist in der That schon nach
Hause zum Essen gegangen. Lassen Sie mich auf Ihre Uhr
sehen.’

‘Da, nehmen Sie sie und tragen Sie sie fortan: ich
kann sie nicht weiter brauchen.’
‘Es ist beinahe vier Uhr, Sir. Sind Sie nicht
hungrig?’
‘Von heute in drei Tagen findet unsere Vermälung
statt. Schöne Kleider und Juwelen wollen wir diesmal bei
Seite lassen; alles das ist keinen Heller werth.’
‘Die Sonne hat alle Feuchtigkeit ausgetrocknet, Sir.
Es weht kein Lüftchen und die Hitze ist groß.’
‘Wissen Sie, daß ich Ihr Perlenhalsband unter meinem Halstuche trage? Ich habe es seit jenem Tage um, wo
mir mein einziger Schatz verloren ging.’
‘Wir wollen unsern Rückweg durch den Wald nehmen, denn es ist wirklich zu heiß.’
Er verfolgte den Gang seiner Gedanken, ohne sich an
mich zu kehren.
‘Sie halten mich für einen gottlosen Menschen, Jane;
aber ich muß gestehen, daß mich in diesem Augenblicke die
innigste Dankbarkeit gegen meinen gütigen Schöpfer erfüllt.
Er ist höchst gerecht und höchst weise. Ich hatte gefehlt: ich
wollte eine unschuldige Blume beflecken, ihre Reinheit
mit dem Hauche m einer Verderbtheit vergiften, aber der Allmächtige entriß sie meinen Händen. In meiner Kurzsichtigkeit fluchte ich der Vorsehung, statt mich willig ihrem Beschlusse zu fügen. Die göttliche Gerechtigkeit nahm ihren
Verlauf und ein Unglück nach dem andern traf mich: ich
kam dem Tode nahe. Gottes Strafgericht war streng und
demüthigte mich besonders in einer Hinsicht. Sie wissen
wie sehr ich auf meine Kraft pochte; aber wo ist sie nun

hin, da ich mich, ein schwaches Kind, fremder Leitung überlassen muß? Erst in letzter Zeit, Jane, begann ich die rächende Hand Gottes zu erkennen, Gewissensbisse und Reue
zu fühlen und mich nach Aussöhnung mit meinem himmlischen Vater zu sehnen. Von Zeit zu Zeit betete ich, zwar
wenige, aber herzliche Worte.
‘Vor vier Tagen, am verwichenen Montag, kam eines sonderbare Stimmung über mich; Schmerz trat an die
Stelle der Wuth, Kummer an die der Verzweiflung. Schon
lange hatte ich die Ueberzeugung gewonnen, Sie müßten
todt seyn, da ich Sie nirgends finden konnte. Etwa
zwischen eilf und zwölf Uhr in der darauffolgenden Nacht,
ehe ich mich zur Ruhe begab, flehte ich zu Gott, er möchte
mich, wenn es in seinem Rathe beschlossen sey, zu sich nehmen, da ich doch wenigstens in jener Welt die Hoffnung hätte, meiner lieben Jane wieder zu begegnen.
‘Ich befand mich in meinem Zimmer und saß am offenen Fenster: die balsamische Nachtluft that mir wohl und
obgleich ich keine Sterne sehen konnte, so hatte ich doch
einen unbestimmten Schein vom Monde. Ich sehnte mich
nach Dir, meine Jane, ich frug den himmlischen
Vater zerknirscht und demüthig, ob ich noch nicht lange
genug gelitten hätte und würdig wäre mein Glück und
meinen Frieden wieder zu erlangen. Ich bekannte, daß ich
meine Strafe verdiente, aber ich klagte auch, daß ich die
Qual nicht länger ertragen könne, und der Anfang und das
Ende meiner Herzenswünsche machte sich unwillkürlich Luft.
‘Jane! Jane! Jane!’ rief ich in die Nacht hinaus.
‘Sprachen Sie meinen Namen laut aus?’
‘Wohl! Wenn mich irgend Jemand gehört hätte, er

müßte mich für wahnsinnig gehalten haben: so laut
schrie ich.’
‘Und es war am vergangenen Montag, etwa gegen
Mitternacht?’
‘Ja, aber der Zeitpunkt ist nicht wichtig, das Sonderbare liegt in dem was unmittelbar darauf folgte. Sie
werden mich für abergläubisch halten, doch was ich Ihnen
hier erzähle, ist wahr.’
‘Nachem ich Ihren Namen gerufen, antwortete mir
eine Stimme — ich wußte nicht woher, allein ich erkannte, daß es Ihre Stimme war: — ‘Ich komme!
Warten Sie auf mich!’ und einen Augenblick später
hörte ich rufen: ‘Wo sind Sie?’
‘Ich will versuchen, Ihnen zu beschreiben, welche
Gedanken ich mir über dieses Ereigniß machte, wiewohl
es schwer ist, dafür Worte zu finden. Ferndean liegt, wie
Sie wissen, tief im Walde, wo der Schall matt auffällt
und ohne Echo erstirbt. Die Worte: ‘Wo sind Sie?’
schienen zwischen Bergen gesprochen worden zu seyn, denn
ich hörte sie im Wiederhalle nachtönen. Der Luftzug erfrischte mich und kühlte meine heißen Wangen ab: ich
hatte mir jedenfalls eingebildet, Sie seven mir irgendwo
in der Ferne begegnet, und unsere Vereinigung hatte sicherlich im Geiste stattgefunden. Gewiß hatte, während Sie
schliefen, Ihre Seele den Körper verlassen und war in
meine Nähe geeilt: denn es war, so gewiß als ich lebe,
Ithre Stimme, die ich gehört hatte.’
Gerade am Montag — nahe um Mitternacht —
war auch mir jene geheimnißvolle Mahnung erklungen.

Ich lauschte Mr. Rochester's Erzählung, machte ihm aber
meinerseits keine Enthüllungen. Das Zusammentreffen der
wunderbaren Töne erschien mir als zu feierlich, zu unerklärlich, um es zum Gegenstande eines Gespräches zu machen; dann wollte ich auch andererseits sein ohnehin erregtes, in letzter Zeit so empfänglich gewordenes Gemüth
nicht durch eine Erzählung des übernatürlichen Vorfalles, die nicht verfehlen konnte auf ihn einen tiefen Eindruck zu machen, noch mehr in Aufregung versetzen. Ich
behielt also dieses Ereigniß in meinem Herzen und machte
darüber im Stillen meine Betrachtungen.
‘Sie dürfen sich daher nicht wundern,’ fuhr Mr.
Rochester fort, ‘daß ich, als Sie gestern Abend so plötzlich in meine Stube getreten waren, nur schwer von dem
Glauben abzubringen war, es sey Ihr Geist, eine bloße
Stimme, die eben so schnell verschwinden mußte, wie
jene Töne um Mitternacht. Nun danke ich Gott, daß es
anders ist und danke ihm vom Grunde meines Herzens.’
Er nahm mich von seinem Schooße herunter, stand auf, zog ehrerbietig seinen Hut vom Kopfe und blieb, sein
Antlitz zur Erde gesenkt, eine Weile in stiller Andacht
stehen. Nur die letzten Worte seines Gebetes sprach er
mit lauter Stimme.
‘Meinem Schöpfer sey es gedankt,’ sagte er, ‘daß er nach seinem Strafurtheile Barmherzigkeit walten ließ. Meinen Erlöser aber bitte ich in Demuth, er möge mir
Kraft verleihen, fortan ein besserer Mensch zu werden, als ich es bis jetzt war.’

Dann streckte er mir seinen Arm entgegen. Ich ergriff seine Hand, drückte sie an meine Lippen, legte sie auf meine Achsel und diente ihm so als Stütze und
als Führerin. Wir traten ins Hol; und gingen den Hause zu.

Achtunddreißigstes Capitel.
Schluß.

Wir wurden vermält. Die Handlung ging in aller Stille
vor sich, blos der Geistliche und der Notar waren außer
uns zugegen. Aus der Kirche zurückgekommen, trat ich in
die Küche, wo Mary kochte und John die Messer putzte.
‘Ich bin diesen Morgen mit Mr. Rochester getraut
worden, Mary,’ sagte ich. Die Haushälterin und ihr Mann
waren sehr phlegmatische Leute und Ausrufe der Verwunderung nicht zu erwarten. Mary sah empor, der Kochlöffel,
mit dem sie auf ein Paar am Spieße bratender Hühner Brühe
goß, blieb einen Augenblick in der Luft und ebenso lange
hielt John mit dem Abreiben der Messer inne. Allein bald
wendete Mary ihre Aufmerksamkeit wieder dem Braten zu
und sagte ganz ruhig:
‘Ist’s wahr, Miß? Ei, wer hätte das gedacht!’
‘Ich sah Sie mit dem Herrn ausgehen,’ fügte sie
nach einer kurzen Pause hinzu; ‘aber ich wußte nicht, was
es zu bedeuten hatte.’
‘ch sagte es meinem Weibe, daß es so kommen würde,’

versetzte John: ‘ich kannte Mr. Eduards Absicht (als alter Diener nannte er seinen Herrn oft bei seinem Taufnamen)
und wußte, er würde nicht lange herumziehen. Nun, er
hat recht gethan, und ich wünsche Ihnen viel Glück und
Segen.’
‘Danke, John, Mr. Rochester bat mich, Euch Beiden dieses hier zu geben,’ und ich legte eine Fünfpfundnote
in seine Hand und eilte hinaus.
‘Sie wird besser für ihn taugen, als irgend eine von
den Vornehmen,’ hörte ich den alten Diener sagen. ‘Wenn
sie auch nicht hübsch ist, so ist sie doch gutmüthig und brav
und das ist besser als Schönheit.’
Ich schrieb sofort nach dem Moorhause und nach Cambridge. Diana und Mary billigten meinen Schritt vollkommen. Diana meinte, sie würde mich nach den Flitterwochen sofort besuchen.
‘Sie möchte am Ende zu lange warten müssen,’ sagte
Mr. Rochester, als er diesen Entschluß vernahm. ‘Denn
unsere Flitterwochen werden wohl so lange dauern als
wir leben.’
Mit welchen Gefühlen St. John die Vermälungsanzeige aufnahm, weiß ich nicht. Nach sechs Monaten schrieb er mir einen freundlichen Brief, ohne jedoch in demselben
Mr. Rochester's zu erwähnen. Seitdem schreibt er mir regelmäßig, hofft, ich sey glücklich und gehöre nicht zu denjenigen Weltkindern, die über die Dinge dieser Erde Gott und das ewige Leben vergessen.
Der Leser erinnert sich doch noch der kleinen Adele? Ich besuchte sie in der Schule; sie war entzückt mich zu sehen, sah aber sehr blaß und krank aus. Ich sah die Schuldisciplin jener Anstalt zu streng und nahm sie zu mir. Da ich
jedoch erkannte, meine Zeit sey durch die Pflege meines Gatten zu sehr in Anspruch genommen, that ich sie in eine andere Schule, wo es nicht so streng zuging. Ich besuchte sie oft. ließ es ihr an nichts fehlen und nahm sie in den
Ferien mit nach Hause. Eine gute englische Erziehung hat die Fehler ihres französischen Temperaments ausgerottet und sie ist mir nun eine liebe Gesellschafterin, die mir durch ihre Aufmerksamkeiten die wenige Güte, die ich ihr erwiesen, hinlänglich vergilt.
Meine Erzählung nähert sich ihrem Ende: noch ein Wort über meine Ehe, und über einige Personen, die im Verlaufe derselben handelnd auftraten.
Ich bin nun schon zehn Jahre verheirathet und weiß, was es heißt nur für dasjenige Wesen zu leben, das Einem hier auf Erden das Theuerste ist. Nie war wohl ein Weib so glücklich, wie ich, nie lebte es so angenehm, denn ich
bin der Gesellschaft meines Eduard noch keine Minute überdrüssig geworden, eben so wenig, als er der meinigen; Mr.
Rochester blieb nur die ersten zwei Jahre unserer Ehe blind: vielleicht war es gerade der Umstand, der uns so sehr an
einander fesselte, denn ich war sein Auge, wie ich noch jetzt seine rechte Hand bin. Durch meine Augen sah er die Natur, und nie wurde ich es müde für ihn zu schauen, ihm
Landschaften, Bäume und Blumen zu beschreiben.
Eines Morgens. am Ende der zwei Jahre, als ich einen Brief schrieb, den er mir dictirte, bog er sich zu mir
und sagte:
‘Hast Du nicht einen glänzenden Schmuck am Halse, liebe Jane?’
Ich hatte eine goldene Uhrkette umhängen und bejahte seine Frage.
‘Hast Du nicht ein blaßblaues Kleid an?’
Es war wirklich der Fall. Er erklärte mir dann, seit einiger Zeit komme es ihm vor, als schwinde der Nebel
vor seinen Augen und nun sey er dessen gewiß.
Ich reiste mit ihm nach London, wo er unter den Händen eines geschickten Augenarztes wenigstens auf dem
einen Auge sein Gesicht wieder erlangte. Er kann wohl
noch immer nicht ganz deutlich sehen, auch nicht viel lesen und schreiben, aber der Anblick der Natur ist ihm
doch gestattet und er kann ohne fremde Hilfe herumgehen, und als ihm sein Erstgeborner in die Arme gelegt wurde,
unterschied er, daß er dieselben schwarzen, glänzenden Augen besitze, die einst den Vater zierten. Auch bei
dieser Gelegenheit dankte er Gott für seine Güte und Barmherzigkeit.
Mein Eduard und ich sind um so glücklicher, da auch
unsere Lieben es im vollsten Maße sind. Diana und Mary
Rivers sind beide vermält und besuchen uns abwechselnd.
Diana's Mann ist Capitän in der Flotte, ein tapferer
Offizier und ein guter Mann; Mary ist die Frau eines
Geistlichen, eines Schulfreundes ihrer Bruders und seinen
Grundsätzen wie seiner Gemüthsbeschaffenheit nach eines solchen Weibes würdig. Sowohl Capitän Fitzjames als Mr. Wharton lieben ihre Weiber und werden von ihnen geliebt.

Was St. John anbelangt, so ging er in der That Indien, wo er die sich selbst vorgezeichnete Bahn allem Eifer verfolgt. Mit Kraft und Gottesfurcht Selbstverläugnung arbeitet er an der Bekehrung seiner Nächsten und bekämpft alle Hindernisse des Glaubens des Kastengeistes mit riesiger Anstrengung. Er mag noch immer rauh, noch immer ehrgeizig seyn, aber seine Rauheit ist diejenige des Kriegers. Was er von seinem Mitmenschen beansprucht ist in den Worten Jesu zusammengefaßt, der da sagt: ‘Wer immer einer von meinen Jüngern seyn will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.’ Sein Ehrgeiz strebt nach einem Platze unter denjenigen, die sich von der Erde losgesagt haben, und in erster Reihe vor dem Throne Gottes stehen unter den Berufenen, den Getreuen und Auserwählten.
St. John ist unvermält und wird es auch bleiben.
Bis jetzt war er allein seiner Arbeit gewachsen und die nähert sich ihrem Ende: die glänzende Sonne neigte sich dem Untergange zu. Der letzte Brief, den er mir schrieb, entlockte mir menschliche Thränen und erfüllte mein Herz dennoch mit göttlicher Freude; er sah schon im Geiste seine Belohnung, die unvergängliche Himmelskrone vor sich. Ich weiß, daß mir demnächst eine fremde Hand schreiben, mich benachrichtigen wird, der gute und treue Diener sey endlich zu seinem Herrn berufen worden. Allein warum sollte ich deshalb weinen? Keine Furcht vor dem Tode wird St. Johns letzte Stunde verbittern sein Geist wird frei, sein Herz stark wie immer, seine Hoffnung, sein Glaube unerschüttert seyn. Seine eigenen Worte sprechen dafür:

‘Mein Meister,’ sagte er, ‘hat mir einen Wink gegeben. Täglich verkündigt er mir deutlicher: ‘Gewiß, ich komme bald!’ und stündlich antworte ich ihm, mit
größerer Sehnsucht: ‘So komm denn, mein Herr Jesus, Amen!’

Ende.