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Die Waise von Lowood

Novelle nach dem Englischen von Currer Bell.
Erstes Kapitel.
Die Waise in Hause ihre Tante

Mein Leben ist so reich an merkwürdigen Schicksalen gewesen, so viel Mißgeschick und Glück, so viel Leid und Freude haben darin gewechselt, ich habe so viele Zurücksetzung erduldet und mich so mancher Anerkennung erfreut, ich bin das Opfer so vieler raffinirter Bosheit gewesen, und wenn nur das Grab als Hoffnungsanker mir übrig zu bleiben schien, so hat die Vorsehung wieder mein - Schicksal so merkwürdig gewendet, daß ich wohl voraussetzen darf, durch die Erzählung meiner Lebensschicksale manchem Unglücklichen die Thränen zu trocknen und manchen durch Neid und Mißgeschick. Niedergebeugten aufzurichten. Ihnen, verehrte Freundin, zunächst sei diese Geschichte gewidmet.
Meine Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde früh eine Waise und büßte von diesem Augenblicke an für die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner unglücklichen Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid preiszugeben. Der nähmliche Stolz war auch der Grund, weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene waren wunderschön, mit kindlichen Herzen voll lieblicher Jugendfrische,
Koketterie und Unschuld; dieser, mein abscheulicher Cousin, John Reed,von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon einiges gesagt habe, war der
echte Typus eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig und tyrannisch. Er glaubte seine Bosheit gegen mich um so ungestörter
entwickeln zu können, als er gegen mich den doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer der meinigen weit überlegenen
Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maaße, wo ihn, wie ich glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem
Grunde meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage, jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed, vergebens sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum,
auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir, ohne alles Interesse sind.
Ich befand mich an einem regnerischen Nachmittage in einer tiefen Fensternische verborgen, wo ich auf meinen gekreuzten Beinen saß und in einem großen Buche blätterte, das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte. Es waren die „Vögel Englands von Bowick“. Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen Wolken, die der Wind vor sich hertrieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.

Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte mich auf.
„Hierher, Schläferin!“ rief mein liebenswürdiger Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte.
„Wo Teufel mag sie sich versteckt haben?“ fuhr er fort. „Lizzy!
George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier .
Mama glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige
kleine Hexe.“
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still, indem ich glaubte, Master John,
dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen,
werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf
seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine Spur. Ich konnte nicht mehr zurückweichen, ich schob daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter einem Schein kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor meinem jungen Tyrannen.
„Was willst Du von mir?“ fragte ich ihn in einem Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
„Was willst Du von mir, Master Reed?“ wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend. „So mußt Du mit mir sprechen. Ich will, Du sollst hierher kommen.
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf, winkte er mir ,.näher zu treten und vor ihm stehen zu bleiben.

John war damals ein plumper Bursche von etwa vierzehn Jahren, von zugleich robusten und ungesundem Aussehen, mit bleicher, fahler
Gesichtsfarbe, überhaupt allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine
Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war, konnte ihm gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.

Ich ahnte, daß er mich schlagen würde, aber ich weiß nicht, welche
geheime Kraft mich unbeweglich bleiben ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er diese stumme Sprache, denn er zögerte nicht länger, mir einen so
heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den Füßen zu erhalten.

„Das ist für Dein ungebürliches Benehmen, nicht zu antworten, wenn ich Dich rufe,“ sagte er zu mir, „und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte Spinne.“
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
„Was machtest Du dort? fragte er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so traurige und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
„Ich las.“
„Zeige mir das Buch.“
Ich holte es herbei.
„Ich will Dich lehren.“ fuhr er fort in meinen Bibliotheken
herumzustöbern und meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne.
Geh dorthin, neben den Spiegel . . . nicht so nahe ans Fenster.
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht errathen. Als
ich mich aber an der bezeichneten Stelle befand, wurde mir Alles klar,
denn ich sah, wie er den dicken Band, den ich ihm gebracht hatte,
emporhob und in der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich auf die Seite, aber es war zu spät. John hatte richtig gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand, mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder zurückzog, war sie mit Blut befleckt.

Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte dem Gefühle, das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen mit Nero, Caligula und andern, fast eben so verabscheungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus:
„Du bist ein böser und grausamer Mensch . . . Tu gleichst einem
Mörder . . . einem Sklavenhändler . . . den Kaisern von Rom!“
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen. Sie erbitterteihn auf's Höchste und in rasender Wuth stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige warme Blutstropfen flossen über meinen Hals: mein glühender Kopf, meine iu diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die Nothwendigkeit versetzt, um Hülfe zu rufen. Sobald der Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei und als ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu trennen,, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
„Mutter, sieh nur, wie Jane mich zugerichtet hat“ --- rief John
ihr entgegen --- sie hat mich geschlagen, gekratzt und gebissen, und - -
was meinst Du, weshalb? Weil ich ihr verbot, mir meine Bücher
zu verderben.
„Der Bube hat ohne Veranlassung mich arg gemißhandelt!“ ---
wollte ich entgegnen, aber meine Stimme wurde von der meiner.
Tante übertönt.

„Wie, Du hast Dich unterstanden, Dich an meinen Sohn thätlich zu vergreifen ? Ist das der Respekt, den Du ihm schuldig bist? Ist das der Dank für die Wohlthaten, die wir Dir gewähren?“

Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.
„In die rothe Kammer!“ rief sie, „schließt sie ein und lasst sie dort!“
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem Zimmer, in welchem der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen Stuhl gesetzt
worden war, wollte ich wieder aufspringen und den Kampf mit
meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr,
welchen Heiligen sie anrufen und wie sie die wüthende Katze bändigen
sollten, die ihnen soviel zu schaffen machte. Endlich hatte die Eine
von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie, das einzige Wesen
das mir in diesem fluchwürdigen Hause zuweilen Beweise von einer
Art Freundschaft gegeben hatte.

„Wenn Sie sich noch länger sträuben, Miß,“ sagte sie zu mir,
„so müssen wir Sie binden. Miß Abbot,“ setzte sie hinzu, „leihen
Sie mir doch ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald
zerreißen.“

Miß Abbot wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln
von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr gewaltiger Körper ruhte.
Ich sah einen neuen Schimpf voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine gewisse gezwungene Ruhe gab.

„Bemühen Sie sich nicht, Miß Abbot!“ rief ich aus, „ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu rühren.“
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich wider meinen Willen gesetzt worden war.
Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die beiden Mädchen hielten es nun für angemessen, mir eine lange Predigt zu halten über mein thörichtes Benehmen und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm und schutzlos war, dem Willen derjenigen unterwerfen müsse, die mir Brot gaben. In trotzigem Stillschweigen und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen die Thür.

Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten, habe ich nicht
vergessen. Das rothe Zimmer war ein großes, selten bewohntes Ge mach, denn Besuche waren in Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte, wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahagonyfüßen ein großes Bett, mit Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden. Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über den vor dem Bett stehenden Tisch war ein ähnliches Tuch gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet, auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettenschrank und die Stühle von altem, dunklen Mahagony glänzten in der Dunkelheit, von der besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendendweißen Ueberzügen, und dann ein Krankenlehnstuhl, mit einem gleichen Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen Augenblicke wie ein „bleicher Thron“ erschien.

Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie ein Feuer angezündet wurde. Da es von die Kinderstube und der Küche ziemlich weit entfernt lag, so herrschte fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume, der mir
ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von meinem Sitze auf
ging nach der Thür, die, wie ich wähnte, vielleicht offen geblieben
konnte. Ein kalter Schauder ergriff mich, als ich sah, daß sie wirklich fest verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren, mußte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes erblickt hatte. Mein Blick versenkte sich unwillkürlich in die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Wäschkammer allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab. –

In diesem kleinen mageren und blassem Geschöpf, dessen scheue
Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme sich auf dem dunklen
Hintergrunde abzeichneten und das eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach einiger Zeit . . . die unglückliche Nichte der Mistreß
Reed. Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich mit
dieser seltsamen Transfiguration meiner eigenen Person allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren Bildern, die
an meiner überreizten Phantasie vorüberzogen und welche die heftige
Aufregung meines Kopfes und die so lange unterdrückte Empörung
meines Herzens in mir hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage, von der
Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner kränklichen Häßlicheit, die meinen
Verwandten ein Gräuel war, und von meiner angeborenen Menschenscheu, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach und nach die
spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen,
daß der Himmel noch fortwährend seine Schmerzensthränen vergoß,
daß der Wind traurig in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich
allmälig eine entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen, und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu sterben. Dann war es mir. als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des
Geisterbettes . . . dies war der Gnadenstoß für mich. ----
Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden wurde und
daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Betäubung erwachte, in welche
mich die Angst versetzt hatte. Man mußte den Arzt rufen, ihm die
meiner Ohnmacht voraufgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der
gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles war
keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed zu gewinnen.
Wir geriethen noch mehrere Male in Streit miteinander und bei
jeder solchen Gelegenheit steigerte sich mit meiner Widersetzlichkeit gegen
ihren Willen der Haß, den ich ihr einflößte.

Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder
Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz schwarz gekleideter Mann
von häßlichem Gesicht und schmeichelndem Benehmen. Man rief mich
herbei, um mich ihm besonders vorzustellen, was mich in das höchste
Erstaunen setzte, da es mir noch nie begegnet war. Er fand mich sehr
klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen und ob ich
wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem Tode kämen. Auch wollte
er wissen, ob ich die Bibel gelesen hätte, und schien sehr entrüstet,
als ich ihm unter Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus
nicht interessirten.
„Dies ist ein Beweis,“ sagte er „daß Du ein böses Herz hast.
Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß Gott Dich davon befreit
und Dir ein anderes dafür giebt, ein Herz von Fleisch, anstatt eines
Herzens von Stein.“
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen beschattete
Augen, große Nase und hervorstehende Zähne ich noch vor mir sehe,
hieß Mr. Brocklehurst. Er war der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über meine Aufnahme
in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die Sache kam ohne große
Schwierigkeit zu Stande und am darauf folgenden 19. Januar, einer
der denkwürdigen Tage meines traurigen Lebens verließ ich Gateshead-Hall mit einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet hatte, ihr nie wieder den Namen „Tante“ zu geben, ein Beweis, daß ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben. Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgültigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein vor jeder wirklichen Erniedrigung bewahrt hat.

Zweites Kapitel
Die Waise in Lowood

Hatte mich Haß und Bosheit bei der Familie meines Oheims verfolgt, so waren es nun Entbehrungen aller Art, denen ich entgegen ging. Ich habe S Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Freundin, und ich habe kaum eine schwache Erinnerung von diesen 8 Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen, die nämlich fast durchgängig verdrießlichen und leidenden Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber, die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen lebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig niederholt, daß diese S Jahre meiner Jugend kaum den Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien, der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in meinem Gedächtniß zurückgelassen haben.
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen. Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost, den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein: aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von der puritanischen Einfachheit, welche uns allen die nämliche Kleidung gab: den nämlichen Haarputz ohne Locken, die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an unserem Gürtel hing und als Arbeitsbeutel diente, die nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir, von allen Mitteln entblößt, auch im Aeußeren unsere Armuth bekundeten. Aber warum verweigerte
man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder
Sorgfalt, der soweit ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren,
die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit
zugemessen wurden? Warum ließ man uns im Winter in großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem Mangel der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klima's äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend in der Mitte eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger
ungesund. Aber mit den ersten schönen Tagen drangen die Fieber
und der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten das
mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus in ein großes
Hospital. Diese Krankheiten fanden uns schon geschwächt durch eine
fortdauernde halbe Hungerkur und durch Erkältungen, gegen welche
man nie die geringsten Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der
Blumen war für uns die Zeit der Cypressen.

Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate sind mir
treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige Bewegung als --
das beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher
den Schülerinnen, welche von der Krankheit verschont blieben, den
Garten, und ich habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder den einzigen -
Roman las, welcher in diesem frommen Hause gestattet war: „Rasselas“,
liebe Freundin, ja, „Rassellas, Prinz von Abyssinien!“

Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir , Rasselas-- wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie war es ferner, die mir erklären, was ich noch nicht wußte, daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl

fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht wurde. Ueberhaupt
verdanke ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und
über die Art und Weise, wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt; aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere von den Personen, die unsere Erziehung
leiteten, gegen sie einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeiten und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften können, mit dem man sie ohne Ursache verfolgte.
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht erklären, das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet haben würde, das aber
bei meiner gottesfürchtigen Freundin eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der größten Ruhe,
derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am meisten quälte, die Strafruthe
hatte bringen sehen, wollte ich mir über diese mich in Erstaunen setzende
Resignation Aufklärung verschaffen.
Ich setzt: mich neben Helenen, welche in der leeren Klasse am
Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß sie das Buch.
„Ich wette“ sagte ich ohne Einleitung zu ihr, „daß Du mit dem
Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.“
„Ich?“ erwiderte sie, indem sie mich mit ungeheucheltem Erstaunen
anblickte; „ich bitte Dich, warum denn? Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützen, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?“
„Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja so grausam gegen Dich?“
„Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng. Meine Fehler mißfallen ihr.“
„An Deiner Stelle würde sie mir mißfallen. Ich würde mich ihr
widersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie sie Dich geschlagen hat, würde
ich ihr den Stock aus der Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht
zerschlagen.“

„Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn Du es
thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen werden und darüber
würden sich Deine Verwandte sehr betrüben. Es ist viel besser, einen
Schmerz zu ertragen, der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung
von Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme
schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, das Böse mit Gutem zu
vergelten.“
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack an ihr zu
finden. Was mich besonders wunderte, war de Mangel jedes Grolls
gegen die Person, über welche sich, meiner Ansicht nach, Helene mit
Recht zu beklagen hatte. Ich fühlte jedoch in meinem Herzen, daß
Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt besaß, das
mir noch fehlte.

„Du sagst, Helene,“ fuhr ich fort, „daß Du Fehler hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz tadellos.“
„Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren, nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin, wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich nicht den Regeln der Anstalt, aber es geschieht häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich keiner systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß Scatcherd nicht, denn sie ist im Gegentheil außerordentlich genau, pünktlich, eigen . . .“
„Gehässig und hartherzig!“ setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie schwieg.
„Uebrigens, fuhr ich ohne Ueberlegung fort, , warum bist Du
eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.“
„Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane. Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und ich habe gesehen, wie aufmerkfam Du warst. Während Dir Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen vorlegte, hörtest Du aufmerksam zu, und warst nicht zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatherd mit mir spricht uid ich nur nach ihr hören sollte, daß ich zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr vernehme. Ich versinke in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als befände ich mich in Northumberland und als wäre das Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unseres Hauses vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten, so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten Rauschen des heimathlichen Wassers gelauscht habe, so bin ich auf keine passende Antwort vorbereitet.“

„Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler geantwortet.“

„Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des Unterrichts interessirte. Es war von Karl 1. die Rede, und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter König zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln konnte. Seine Einsicht wurde wahrscheinlich durch seine hohe Stellung getrübt. Wenn er die Vorrechte seiner Krone hätte bei Seite lassen, und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können . . . Doch trotz alledem liebe ich diesen Karl . . . ich hege große Achtung und Theilnahme für den unglücklichen, gemordeten König. Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut, das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie konnten sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?“
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete ohne zu ahnen.
Wir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unseres Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß die Rache nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei, da sie für jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.

„Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt, Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen nehmen, wenn sie gerecht ist.“

„Das ist aber gegen die Lehren der Religion,“ erwiderte Helene ruhig, „welche diese Grundsätze verwirst.“
„Verwirft? Das ist mir unbegreiflich!“

„Und zwar deshalb, weil durch Heftigkeit der Haß nicht entwaffnet
wird und die Rache eine Ungerechtigkeit nicht wieder aufhebt.“

„Auf welch' andere Weise kann denn dies geschehen?“
„Darüber eben geben die Lehren der Religion Auskunft, welche
allein vermögen, Dich dauernd z.u beglücken. In alle menschlichen Verhältnisse tief eingreifend, gebieten sie in diesem Falle: Liebet eure Feinde, segnet, die Euch fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und
verfolgen.“
„Nach diesen Vorschriften,“ rief ich aus, „müßte ich Mistreß Reed auch lieben und dies kann ich nicht; ich müßte ihren Sohn John segnen, und dies ist unmöglich.“

Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war
ihr noch unbekannt. Es war eine ganz natürliche Gelegenheit, sie ihr
zu erzählen, und von diesem Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen, Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß jener Zeit entschwunden,
die uns langsam aber unbewußt verstrich. Ich weiß nur, daß ich mich während eines der schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben
erwähnt habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand,
ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehrere Wochen, ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mir unter diesem unbestimmten Worte einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der Klasse
gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt, daß Miß Temple,
diejenige unserer Lehrerinnen, welche Helene und ich am meisten liebten,
meine Freundin an warmen Nachmittagen in den Garten führte. Man
gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu sprechen
Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht immer mit einem grünen
Schleier verhüllt war.
Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den
man uns spazieren geführt hatte, sah ich im Mondenscheine, vor der Gartenthür, den Poney des Herrn Bates, unseres Arztes, stehen. Eine
von uns bemerkte, daß wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in
der Anstalt sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich
achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen pflanzen wollte, die ich mit
aus dem Walde gebracht hatte, weil sie verwelken könnten, wenn ich
bis Morgen wartete. Die von Thränen des Abends benetzten Blumen
strömten süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach
einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war, der Mond
stieg prachtvoll in dem dunklen Blau des Osten empor, und dies Alles
brachte mich auf den Gedanken, daß es doch recht traurig sei, im Bett
liegen zu müssen und ein so herrliches Schauspiel nicht genießen zu
können. Ich dachte ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde,
diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen zu müssen,
um in eine andere zu gehen, die Niemand kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen zu schöpfen. Es war vergebens; er schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde, der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete, bis er zu Pferde
gestiegen war, und als sie eben das Gitterthor des Hofes verschließen
wollte, eilte ich auf sie zu.
„Wie geht es Helene Burns?“ fragte ich sie.
„Nicht zum Besten,“ war die einzige Antwort, die ich zuerst
erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
„Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihrer geholt worden?“
„Allerdings.“
„Und was sagt er dazu?“
„Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.“
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage,
würden diese Worte nur ihre buchstäbliche Bedeutung für mich gehabt
und ich würde geglaubt haben, Helenens Eltern hätten sie in ihr

geliebtes Northumberland zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit
meinem heutigen Gedanken in Verbindung und erhielt dadurch ein
klares und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welcher meiner
Freundin drohte. Ich sah sie schon hienieden ihre letzten Stunden
zählen und im Begriff, nach dem geheimnißvollen Regionen entführt
zu werden, an die ich so eben gedacht hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und ein tiefer
Schmerz . . . dann fühlte ich ein unwiderstehliches Verlangen, das
liebenswürdige Mädchen noch einmal zu sehen. Die Krankenwärterin
sagte mir wohl, daß Helene in Miß Temple's Zimmer lag; aber mehr
konnte ich nicht von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten
Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal. Es
hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille schließen
konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus meinem Bett,
warf meine weite Blouse über und schlich mich barfuß aus dem
Saale, um das mir bezeichnete Zimmer aufzusuchen. Ich kannte den
Weg und überdies erleuchtete der Mond die langen Corridors hin-reichend, so daß mein Unternehmen nichts weniger als schwierig war; als ich aber an dem Krankensaale vorüber ging, der einen starken Geruch von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich eine entsetzliche Furcht, da ich gedachte, daß bei dem leisesten Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.

Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte. Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel um ein wenig Luft in das Krankenzimmer einzulassen.

Ich zauderte nicht länger, meine Besorgnisse waren verschwunden.
Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu sehen, aber sollte ich sie
lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem Vorhange desselben halb verborgen, traf mein Blick auf ein schmales Lager, unter dessen Decke sich eine menschliche Eestalt abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische stand ein düster brennendes Licht.

Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß sie zu
einer andern Schülerin gerufen worden war, welche phantasirte.
Ich trat näher, und legte die Hand an den Vorhang. Ich fühlte
jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn zurückzog.
„Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre?“ dachte ich. „Helene
bist Du wach?“ fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie von selbst und
ich erblickte ein blasses, eingefallenes, aber vollkommen heiteres Gesicht.
Meine Befürchtungen waren sogleich verschwunden.
„Wie, Jane, Du bist hier?“ fragte mich Helene mit der lieblichen
Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
„Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen Stimme kann
man nicht sterben,“ sagte ich zu mir selbst und beugte mich über das
Bett, um meine Freundin zu umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre
Wange ebenfalls; ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr
Lächeln war noch das nämliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren, daß ihre
Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte nicht einschlafen können,
ohne sie vorher einmal zu sehen.
„Nun wohl,“ entgegnete sie, „Du kommst gerade noch zur rechten
Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.“
„Du reisest also ab. Helene? Du kehrst nach Hause zurück?“
„Ja,“ erwiderte sie, „nach Hause . . . nach Hause für immer.“

Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme versagte
mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein
heftiger Husten, der aber die Wärterin nicht aufweckte, verhinderte
Helenen einige Minuten am Sprechen. Dann sagte sie viel leiser zu mir:
„Deine Füße sind bloß, Janne; lege Dich zu mir und verbirg sie unter der Decke.“
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich an ihre Brust.
„Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Janne,“ fuhr sie nach einer
ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme fort. „Wenn man Dir
sagen wird, daß ich todt bin, so betrübe Dich nicht, es ist nicht der
Mühe werth. Früher oder später muß es doch dahin kommen und
die Krankheit, welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft. Sie verschlimmert sich allmälig, fast ohne daß ich es bemerke, und läßt meine
Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern.
Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird
mich daher nicht sehr vermissen. Indem ich jung sterbe, entgehe ich
vielen Leiden. Ich besitze nicht das, was nöthig ist, um es in der
Welt zu Etwas zu bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln und über mich zu klagen haben.“

„Aber, Helene,“ fragte ich sie ängstlich, weißt Du, wohin Du
gehst?“
„Ich gehe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wird. Gott ist mein Vater und mein Freund.“
„Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?“
„Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns Beide erschaffen hat.“
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich. Ich schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte ich sie zurückhalten.
„Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke!“ hob sie wieder an.
„Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir. Aber es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?

„Nein,“ antwortete ich, „und kein Mensch soll mich jetzt von Dir
trennen.“
„Gute Nacht, Jane!“
„Gute Nacht, Helene!“

Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte; überall herrschte eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete, sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein Bett verlassen hatte; auf alle meine Fragen erhielt ich keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, dass Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich auf Helenens Bett, meinen Kopf an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Nacken geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. Helene war gestorben!

So hatte denn die Vorsehung mich wieder von der einzigen
Freundin getrennt, die mir den Aufenthalt in Lowood einigermaßen
erträglich machte. Denken Sie sich meinen Schmerz! Miß Temple,
diejenige der Lehrerinnen, welche mir und Helenen noch die meiste
Theilnahme bewies, ist fast die einzigste, welche ich mit dankbarer Erinnerung aus meinem traurigen Aufenthalt in Lowood erwähnen
kann. Sechs Jahre blieb ich Schülerin in jener Anstalt und hatte
während dieser Zeit die vorhandenen Mittel zu meiner Ausbildung so
gut benutzt, daß ich die letzten zwei Jahre meines Aufenthaltes zur
Unterlehrerin avaneirte. Ich war selbst eine leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich gewandt des Pinsels, was für
meine späteren Jahre die Quelle mancher Erheiterung geworden ist.
Warum sollte ich Sie, verehrte Freundin, durch Erzählung dessen
ermüden, was mir sonst in Lowood begegnet ist. Ist es mir doch fast
selbst aus dem Gedächtniß entschwunden, so eintönig und einförmig folgte ein Tag dem andern, deshalb erwähne ich nur des Ereignisses, welches zunächst mich zu dem Wunsche veranlaßte, Lowood zu verlassen.
Nachdem ich 8 Jahre daselbst zugebracht, verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, daß mir von diesem Augenblicke an ein unerträglicher
Aufenthalt wurde. Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für
Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation,
für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den
mir die Vorsehung für immer angewiesen zu haben schien, gehalten
hatte, nichts Anderes war, als die Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen Rathschläge Miß Temple's. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen meine frommen Borsätze, zu leben und zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen wie ich,
den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die Trautrigkeit,
von der ich mich ergriffen fühlte, der Sehnsucht nach meiner abwesenden
Freundin zugeschrieben hatte, machte ich eines Tages, ohne mir eigentlich
selbst Rechenschaft darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich
den zu engen Horizont unseres Asyls nicht mehr länger ertragen konnte,
daß ich mich nach einer größeren Welt außerhalb dieses klosterähnlichen
Gefängnisses sehnte. Ich dachte fortwährend an diese Welt, an ihre
gefahrvollen Prüfungen, an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen,

von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben,
und mein Muth steigerte sich bei dem Gedanken, mich hinein zu stürzen,
sollte ich auch darin umkommen. Aber dieser Muth schwand bald
wieder, wenn ich überdachte, daß ich möglicherweise wieder solch einem
Schicksal entgegen gehen könnte, wie ich es im Hause meiner Tante
erfahren hatte. Diese Befürchtung war es, welche meinen Aufenthalt
in Lowood verlängerte.

Als ich einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht einmal den Versuch machen konnte, dieses unwiderstehliche Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stille im Schlafsaale; nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war, erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich die Personification der prosaischen Dienstbarkeit, zu der ich wider meinen Willen verurtheilt war,
und der ich mich durchaus entziehen wollte. Alle meine Gedanken
concentrirten sich jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen,
Lowood zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und
chimärischer war, als der andere, durchkreuzten sich in meinem erhitzten
Kopfe, der sie als unausführbar verwarf, nachdem er sich einen Augen-
blick mit ihnen beschäftigt hatte. Plötzlich tauchte der Gedanke in
mir auf:

„Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich ihr nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige Stellung anzunehmen, als die, welche mir das Schicksal angewiesen hat?“

Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur eines Vorwandes, und deren gab es tausende, um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des Journals ab, welcher das Gesuch einer Gouvernante enthielt, die sich erbot, ein oder mehrere junge Mädchen unter vierzehn Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch, Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter der Adresse: Miß J. E., poste restante Lowton. Dann nahm ich mir vor, alle
acht Tage nachzusehen, ob Jemand geneigt war, auf mich zu reflektiren.

Mein Wunsch ging schneller in Efüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen enthielt:
„Wenn J. E., welche sich am vergangenen Donnerstage in
dem . .. shire Herald als Gouvernante offerirt hat, wirklich
die angeführten Talente besitzt, und wenn sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer früheren Wirksamkeit beibringen kann, so wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen,
in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter 10
Jahren zu leiten hat. Der Gehalt besteht in 8 Pfund Sterling
für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen,
sowie die Namen der Personen, auf deren Empfehlung sie sich
beruft, an die Herren Fairfax in Thornfield bei Millcote in der
Grafschaft * * einsenden.“

Die Handschrift dieses Briefes war schwerfällig, altfränkisch und
zitternd; es war augenscheinlich die einer Frau in vorgerückten Jahren.
Ich konnte mir nichts Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir
sogleich das Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten
Manieren und ganz in schwarzer Seide gekleidet. Thornfield war
ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein Schloß mit kleinen Thürmen
und in Bezug auf Millcote überzeugte ich mich bald durch Nachschlagen
in einem geographischen Lexikon, daß es ein bedeutender Fabrikort war,
der an dem Flusse A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen
vorstellen, daß von betriebsamen Einwohnern bevölkert war, einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler Rauch emporstieg, das Geräusch von Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen und der Schiffer, die sich herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein geringes
Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument
bei der Vorsteherin, wenn sie es sich hätte beikommen lassen, meinem
Abgange hindernd in den Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht
daran und wollte nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person,
welcher die Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.

Meine ehrenwerthe Tante antwortete mir zwei Zeilen, „daß ich
ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie schon seit langer
Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine Angelegenheit zu mischen.“
Ich hatte also nach wenigen Tagen mit meinem Zeugniß meiner guten
und treuen Dienste volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung
mich rief. In der Zwischenzeit hatte ich an Mistreß Fairfax geschrieben,
die sich in ihrer Antwort durch die meinem Briefe beigefügten Zeugnisse
befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn meine wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen Zeit nicht sehr vermehrt.
Eben so bestieg ich an einem Octobermorgen um vier Uhr die durch
Lowton fahrende Diligence und sechzehn Stunden nachher, gegen acht
Uhr Abends, befand ich mich in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor
einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an den Wänden des
„Salons“ ein Portrait von Georg III., ein anderes von dem Prinzen
von Wales und den berühmten Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's
darstellt, bewundern konnte. Dies sei nur erwähnt, um Ihnen zu
zeigen, wie lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß geblieben sind.

Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde betrachtet
hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und zugleich der sehnlichste
Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich klingelte daher und erkundigte
mich nach einem Landsitze mit Namen Thornfield, der in der Nähe
von Millcote liegen sollte.
„Ich kenne diesen Ort nicht, erwiderte der Kellner, aber ich
will nachfragen.“

Nach einigen Augenblicken kam er eiligst zurück und fragte mich:
„Sind Sie vielleicht Miß Eyre?“
„Allerdings.“
„Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.“
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen Wagens, den
ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich.
bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers,
ließ mich in den Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich ihn
fragte, ob Thornfield weit sei:

Ohngefähr sechs Meilen „in höchstens anderthalb Stunden sind wir dort.!“

Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über Mistreß Fairfax
ein wenig herab. Die reiche Wittwe, die ich mir vorgestellt hatte,
sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben.
Ich hatte mich indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben, die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und Liebenswürdigkeit schmückte.
Drittes Kapitel:
Die Waise in Thornfiled-Hall
Fast ganz in der voraus bestimmten Zeit kamen wir bei dichtem
Nebel vor einem Hofthore an, welches der Kutscher öffnete und das
sich hinter uns mit Geräusch wieder schloß. Dann hielt der Wagen
am Fuße eines Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig
dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden Fensters,
hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und
ließ mich aussteigen. Dann führte sie mich durch eine Vorhalle, auf
welche sich vier große Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der
von einem behaglichen Feuer und mehreren Lichtern hell erleuchtet
Hier saß an einem runden Tische in einem großen Lehnstuhle
von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast ganz dem Bilde entsprechend,
das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau
von außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Wittwenhaube, ein schwarzseidenes Kleid und eine weiße Musselinschürze. Zu ihren Füßen schlief eine große Katze und sie strickte mit lobenswerthem Fleiße; mit einem Worte, es konnte mich nichts schneller und besser beruhigen, als das
friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als ich den Thee
angenommen hatte, den meine neue Gebieterin mir mit größerer Artigkeit
anbot, als ich gehofft hätte, fragte ich sie ganz unbefangen:

„Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben, Miß Fairfax zu sehen?“
„Wie sagen Sie, meine Liebe?“ versetzte die gute Dame. „Ich-
höre ein wenig schwer.“
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
„Miß Fairfax? Ah so ... Sie meinen Miß Varens. So heißt Ihr künftiger Zögling.“
„Sie ist also nicht ihre Tochter?“ fragte ich etwas verwundert.

„Nein, ich habe keine Kinder.“

Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugehen, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen der Langeweile und der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen konnte.
Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß Fairfax sich
selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so wenig zu gefallen schien,
fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich
willkommen hieß, zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinem Anzug, denn da ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so wollte ich doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinem Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß, sondern nur
ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus, das vor einigen hundert

Jahren erbaut war und dessen graue Façade sich von dem braunen
Hintergrunde eines Gehölzes abzeichnete, in welchem mehrere hundert
Krähen ihr Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel
zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer großen Wiese nieder, die
zwischen dem Hause und einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken
verkrüppelten Stämmen lag, deren in einander verschlungene Zweige
einen undurchdringlichen Wald bildeten.
„Thornfield,“ dachte ich, „heißt Dornenfeld. Diese Bäume haben
der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen gegeben.“
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
„Gefällt Ihnen Thornfield?“ fragte sie mich dann.

„Außerordentlich!“ erwiderte ich mit dem Ausdrucke der Wahrheit.

„Es ist in der That nicht übel,“ versetzte Mistreß Fairfax. „Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen, wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit lang zu bewohnen oder es wenigstens öfter zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit des Besitzers unerläßlich.“
„Master Rochester?“ rief ich aus; „wen meinen Sie damit?“
„Den Besitzer von Thornfield,“ erwiderte sie mit großer Ruhe.
„Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester heißt?“
„Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehörte Ihnen.“
„Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin blos als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn Sie wollen. Ich bin allerdings, daß heißt, mein Gatte war entfernt mit Rochester verwandt, denn die Mutter des jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine im zweiten Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist. Ich nehme hier nur eine untergeordnete Stellung ein und da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.“
„Und das kleine Mädchen, meine Schülerin? . . . “
„Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt sie übrigens mit ihrer
Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.“

Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegen kam, war ein Kind von sieben bis acht Jahren, von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war. Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre französische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde, nachdem Mistreß Fairfax m ich ihr vorgestellt, hatte sie mir bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen, mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: „Der Rattenbund“ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch, ich weiß nicht was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger Talente ein Ziel setzte.
Nach dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit hat sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus in allen seinen Einzelheiten. Als wir in das Staatszimmer traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit gegossenen Stuckverzierungen, einen marmornen; Kamin und bömischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein, schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.

„Aufrichtig gesagt, Miß Eyre,“ entgegnete sie, „würde ich mir nicht aus eigenem Antriebe die Mühe geben, welche ein solches Arrangement erfordert; aber ich habe bemerkt, daß, wenn Herr Rochester, uns einen seiner seltenen und stets unvermutheten Besuche abstattet, ihn die Unordnung und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzuges unangenehm ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihn diesen kleinen Verdruß zu ersparen.“
„Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?“
„Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und scheint Werth darauf zu legen, daß man sie achtet. Es sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.“
„Ist er allgemein beliebt?“
„Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung. Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.“
„Verzeihen Sie . . . ich verstand meine Frage anders. Lieben
Sie Herrn Rochester?“

„Ich habe durchaus keinen Grund ihn nicht zu lieben. Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.“
„Aber sein Charakter . . .“
„Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber wir haben uns nicht darüber zu beklagen.“
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun als meines Gleichen
betrachtete, mir vor, auf die Dächer des Schlosses zu steigen, wo man,
wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen
Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg, gingen wir durch
eine lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte Temperatur, vergilbtes Meublement und altmodische Tapeten unwillkürlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtigere Ansicht, als ich bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig still, und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts, als mir plötzlich zu meiner höchsten Ueberraschung aus eine dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes Gelächter entgegen schallte.

Es war ein ganz eigenthümliches, kurz abgestoßenes, regelmäßiges
Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte. Zuerst nahm es an
Stärke zu und dann ging es in ein sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
„Mistreß Fairfax!“ rief ich, als ich mich ein wenig von meine
Erstaunen erholt hatte und meine Begleiterin auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. „Haben Sie dieses Lachen gehört?“
„Wahrscheinlich ein Bedienter, entgegnete sie leicht hingeworfen.
„Aber haben Sie es denn gehört?“
„Allerdings, ich höre es oft. . . Es wird Grace Poole sein, die
zuweilen hier oben arbeitet.“
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.

„Grace!“ rief Mistreß Fairfax.

Dieser Name schien nicht im Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich indeß sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und auffallender Häßlichkeit, mit hochrothem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.

„Grace,“ sagte Mistreß Fairfax zu diesem ganz gewöhnlich Geschöpf; „es ist zu geräuschvoll hier, Ihr wißt, was Euch befohlen ist . . .“

Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.
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Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann glücklicher sein können, als ich in Thornfield war. Mein Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüth und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruß. Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Thätigkeit fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswerthes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den anscheinend so demüthigen Frauen, welche man nur dafür tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken, welche sich scheinbar diesem demüthigenden Loose unterworfen haben und die gleichviel bei ihren geistlosen Arbeiten tausend und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.

So vergingen die Monate Oktober, November, Dezember und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen starken Schnupfen hatte, durch Mistreß Fairfax bitten, die Unterrichtsstunden für heute auszusetzen und ich weigerte mich anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner freien Verfügung zu haben. Adele bat dringender und ich gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Mistreß Fairfax eben einen Brief beendigt,
der zur Post geschickt werden mußte. Die Straße war hart gefroren,
der Himmel rein und die Sonne schien klar und hell, so daß mich die
Lust anwandelte, da ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gelesen
hatte, selbst den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden
wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei Stunden bei
dem schönsten Wetter; eine Einsiedlerin wie ich, konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben, um in dem
Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden, welchen die Maler
darin entdecken und den sie allein wiederzugeben im Stande sind.
Wenn ich zu diesen Auserwählten gehörte, wenn ich den magischen
Pinsel eines Constable besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum
mit der Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als die Glocke auf dem Kirchthurme des Dorfes drei Uhr schlug. Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in einer Gegend, die im Sommer ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagedorns und der Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter einen Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin, ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine Cypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume bewegten sich eben so wenig unter seinem Hauche als die weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von einer Art Begeisterung
ergriffen. Ich vergaß die Kälte, den Zweck meines Ausgangs, die
herannahende Dunkelheit, hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte
die Hände tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne
Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte indeß erst die
Hälfte des Weges nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen
wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einen Schleier von
Bäumen, an dem von den Dächern emporsteigenden Rauche und dem
leisen Geräusch erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen
Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield
sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem
Asyle der lärmenden Krähen. Thornfield begrenzte den westlichen
Horizont und ich hörte nicht eher auf, es zu betrachten, als bis die
untergehende Sonne hinter seine hohen Mauern hinabgesunken war.
Jetzt erst dachte ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich
noch einmal dem Rauschen eines entfernten in einer unbekannten
Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich plötzlich, zwar ebenfalls
noch in der Ferne, aber ganz deutlich, den hellen, regelmäßigen metallischen Klang eines Hufschlages, welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren Baches noch übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen Wege getrabt, an dessen Rande ich saß und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit jeder Sekunde
näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei Sagen angefüllt.
So erinnerte ich mich, während ich nach der Richtung blickte, woher
das Pferd kommen mußte, einer Menge von Wundermärchen, in denen
ein im Norden Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter
Geist die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes, eines
Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise die einsamen
Straßen besucht und den verspäteten Reisenden viel zu schaffen macht
und ich selbst hatte mich in diesem Augenblick verspätet.
Während ich über diese phantastische Erscheinung nachsann, hörte
ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch, über das ich heftig
erschrak, und fast in dem nämlichen Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen Zweige einen großen Hund hervorkommen,
dessen schwarz und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde
der Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner Ammenmärchen:
eine Art Löwe mit langem Haar und dickem Kopfe, und ich wunderte
mich, daß er ganz ruhig an mir vorüberging, indem er mich kaum
eines allerdings übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht
mit dem eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt, daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie
begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz, und, was noch schlimmer war, mit einem Reiter auf dem Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei geritten, und da ich mich wieder ganz im Bereiche der Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der unmittelbar darauf folgende Ausruf: „Verwünschte Geschichte!“ veranlaßten, stehen zu
bleiben und mich umzusehen.

Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war auf einer;
hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine,
Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte, um seinen Herrn,
herumlief und mir entgegengesprungen kam, um meinen Beistand an-
zusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien es mir
eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu, während er sich mit großer
Anstrengung von den Steigbügeln und von der Last seines Pferdes
zu befreien suchte. Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so
konnte man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei. Ich
fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe.
Ich hörte seine Antwort nicht deutlich und vermuthete fast, daß
er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen halblauten Fluch
ausstieß.

„Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen?“ fragte ich ihn weiter.
„Sie können mir aus dem Wege gehen,“ erwiderte er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte. Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem Hunde mit einem sehr kräftigen: „Ruhe, Pilot!“ Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären.
Wahrscheinlich aber entdeckte er eine mehr oder minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein Pferd zu besteigen, setzte er sich an die
Barrière, die ich vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein,
denn ich näherte mich ihm von Neuem.
„Wenn Sie verwundet sind, mein Herr, und irgend einer Hülfe
bedürfen, sagte ich zu ihm, ,so könnte ich sie Ihnen von Hay aus
oder von Thornfield-Hall zusenden.“

„Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst aus der
Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen, sondern mir nur
den Fuß verrenkt.“
Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen Sonne geröthet und am östlichen Horizonte glänzte der Mond. Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir, den Fremden deutlich zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur soviel
unterscheiden konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur
war. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und der
Ausdruck seiner Physiognomie ernst und streng. Besonders in diesem
Augenblicke verliehen ihm die zusammengezogenen Brauen und die
noch zornfunkelnden Augen ein wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er noch nicht
das eigentliche reife Alter erreicht hatte: man konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den
zu verlangen der durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je einen
Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, mit einem
dieser Wesen zu sprechen, die mir stets als gefährlich dargestellt worden
waren, empfand ich für dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für
das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt und dabei
schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen, hätte er meine
gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet, so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche
Benehmen und die verdrießliche Laune meines Unbekannten beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink gab, mich zu entfernen,
rief ich aus:
„Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in einer solchen
Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht überzeugt habe, daß Sie
im Stande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.“

Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
„Aber mich dünkt,“ entgegnete er fast sogleich, „daß Sie jetzt zu
Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in der Gegend wohnen.
Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?“
„Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich durchaus
nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich würde gern nach
Hay gehen, um Ihnen Hülfe zu senden; übrigens gehe ich ohnedies
dahin.“
„Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie? Das heißt
also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit den Schießscharten?“
fragte mich der Fremde, indem er nach Thornfield-Hall zeigte, das
der Mond senkrecht beleuchtete.
„Ja, mein Herr.“
„Und wem gehört dieses Haus?“
„Herrn Rochester.“
„Kennen Sie Herrn Rochester?“
„Nein, ich habe ihn nie gesehen.“
„Bewohnt er sein Haus?“
„Nein.“
„Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?“
„Dies weiß ich nicht.“
„Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse; Sie sind ...“
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu betrachten,
der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Castorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben würde. Ich sah, daß er etwas verlegen war.
„Ich bin die Gouvernante,. sagte ich daher, um seiner Ungewißheit ein Ende zu machen.

„Ah so, die Gouvernante,“ versetzte er; auf Ehre, ich dachte nicht
mehr daran.“
Er betrachtete mich von Neuem. Nach einigen Minuten versuchte
er nochmals aufzustehen, aber ein heftiger Schmerz malte sich in seinen
Zügen.
„Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,“ sagte er
endlich, „Beistand für mich herbeizuholen, aber wenn Sie die Güte
haben wollten, könnten Sie selbst mich ein wenig unterstützen. Haben
Sie vielleicht einen Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte?
Nein . . . nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am Zügel zu
nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie Muth genug dazu?“
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben;
aber ich weiß selbst nicht warum, es war mir, als müßte ich diesen
Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf
die Barriere und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr
feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien, sich zu
bäumen und dessen Hufe dicht neben meinen Füßen den Erdboden
stampften, was mir große Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige
Zeit auf den Erfolg meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen.
Dann lachte er laut auf.
„Ich sehe wohl,“ sagte er, „daß das Pferd nicht zu mir kommen
wird, und daß ich also versuchen muß, zu dem Pferde zu gelangen.
Haben Sie die Güte, hierher zu kommen.“
Ich gehorchte ohne den geringsten Einwand.
„Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit,“ fuhr er fort, „aber die
Nothwendigkeit zwingt mich dazu, Sie selbst als Stütze zu benutzen.“
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer
dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte, fast ganz auf einem
Bein hüpfend, bis zu seinem Pferde, das er beim Zügel ergriff.
Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel
zu schwingen. An seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich
wie sehr ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen
hinderlich war.
„Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie liegt dort an
der Hecke.“
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
„Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay, und kommen Sie baldmöglichst zurück.“
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem Pferde die
Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann im Galapp davon
sprengte. Sein Hund flog ihm nach und alle Drei verschwanden in
der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Zufall,
aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich seit länger als vier Monaten
in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens der Antheil war, den ich an
dem Vorfall genommen hatte, so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß ich wohl zum ersten Mal in meinem Leben die wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte mit einem, wenn nicht schönen, so doch ausdrucksvollen Gesicht. Es stand noch vor meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder, als ich auf dem Rückwege an die Barrière kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörichten Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen Hund und den
in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen. Die schwere
bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte, war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete Thür des Speisesaales drang ein helles und rötliches Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbel und die scharlachrothen Vorhänge darin glänzen; am Kamin sah ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen an mein Ohr, unter
denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax. Das Feuer
brannte, aber wider alles Erwarten fand ich weder Licht noch die
gute Dame selbst darin. Dagegen lag mit halbgeschlossenen Augen und
das knisternde Feuer im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer,
schwarz und weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem
Bytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich, daß ich mich
der Illusion völlig hingab.

„Pilot!“ rief ich. Der Hund stand auf und beroch mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein. Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte, um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuches erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
„Wem gehört dieser Hund?“ fragte ich sie.
„Dem Herrn.“
„Welchem Herrn?“
„Herrn Rochester . . . er ist eben hier angekommen.“
„Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?“
„Mistreß Fairfax sowohl als auch Miß Adele, sie sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt hat.“
„Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?“
„Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der
Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.“
„Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.“
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen; Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als gewöhnlich
zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns ihre Freude über die
Ankunft ihres Freundes, Mr. Eduard Fairfax von Rochester“ an den Tag zu legen, und es war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke anzuhören, die er ihr sicher mitbrachte. Er hatte ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme sie eine Schachtel finden sollte, deren Inhalt sie interessiren werde.

„Dies bedeutet,“ sagte sie, „daß auch ein Geschenk für Sie mit darin ist, Mademoiselle. Mr. Rochester hat von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante heißt, und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blasse Person sei. Ich habe ja geantwortet.
Denn nicht wahr, es ist so, Mademoiselle?“
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester
mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette bleiben, und stand
am Nachmittag nur auf, um einen Sachwalter und einige Pächter zu
empfangen. Adele und ich brachten den Vormittag damit zu, die
Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen
konnten und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im
ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerkte übrigens von diesem Morgen an, daß Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war. Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn erinnerte Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend nach dem Diner glaubte ich der armen Adele, deren
Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis dahin nach besten Kräften
zu bekämpfen gesucht hatte, ihre Freiheit geben zu müssen. Ich blieb
allein, und während ich mich damit beschäftigte, in dem Feuer die
Hauptformen eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal
gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat
Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee
mit mir im Salon einzunehmen. Sie forderte mich überdies auf, ein
anderes Kleid anzuziehen, „denn,“ setzte sie hinzu, „ich kleide mich
stets des Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.“
Dies erschien mir etwas ceremoniös; um jedoch dem bestehenden
Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen, dem nee plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar, daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple. Dann folgte ich den Schritten her Mistreß Fairfax ein wenig zaghaft und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.

Viertes Kapitel.
Master Rochester
Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß ruhte auf einem
Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein ganzes Gesicht; Adele kniete
neben Pilot und spielte mit ihren kleinen Händchen in den langen
und dichten Haaren des treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der
Erwähnung, daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine
breite und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen erkannte, wie
seine etwas offene Nase, die seiner ganzen Physiognomie einen gewissen
Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.

Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst nachdem Mistreß
Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte, sagte er im kältesten Tone
und ohne von der Gruppe a aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
„Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.“
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese vollkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich setzte mich, neugierig, was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es nun für ihre
Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu sein. Sie tischte uns eine
Menge nichtssagender Redensarten auf, über das Uebel einer Verletzung
und die Nothwendigkeit, einen kleinen Schmerz geduldig und ruhig zu
ertragen.
„Madame, sagte der Hausherr, als sie geendigt zu haben schien.
„ich wünschte eine Tasse Thee.“
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax mir das Theebrett, damit Mr. Rochester gezwungen wurde, einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hülfe gekommen.

„Nicht wahr, sagte sie zu ihm, „in Ihrem Koffer ist auch
Geschenk für Miß Eyre?“

,.Was schwatzest Du von Geschenken?' entgegnete Mr. Rochester
sogleich und ziemlich unsanft. „Halten Sie Geschenke für zweckmäßig?“
setzte er hinzu, indem er mich mit Augen ansah, in denen ich kein,
besonderes Wohlwollen las.
,.Ich weiß es nicht,' erwiderte ich; „ich bin nicht an dergleichen
Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als
etwas Angenehmes zu betrachten.''
,.Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.“
Um diese keineswegs einfache Frage zu beantworten, bedurfte es
für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke sind allerdings verschieden.“
„Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele hatte mich kaum
kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte Sie etwas von mir. Sie
machen mehr Umstände.“
„Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf Ansprüche, wie auch weniger Vertrauen zu der Erfüllung meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?“
,.Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit,r erwiderte Mr. Rochester. . Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich Mühe mit ihr gegeben haben. Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich sie keine glänzenden Anlagen hat.“
„Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am meisten
gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur einen geringen Werth in
meinen Augen haben.“
„Wirkliche“ versetzte Mr. Rochester und trank seinen Thee, ohne ein Wort weiter zu sagen.

Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte, über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir der Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann einen Ausdruck väterlicher Ironie.
„Spielen Sie Pianoforte?“ fragte er mich zuletzt.
„Ein wenig,“ antwortete ich.
„Das versteht sich von selbst, ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer . . . ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen. Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie also in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie die Thüre offen und spielen Sie etwas.“
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle. Nach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
, Sie spielen allerdings nur mittelmäßig; ohngefähr wie alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber keineswegs gut.“
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen Platz zurück.

„Diesen Morgen,“ fuhr Mr. Rochester fort, „hat mir Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?“
,.Nein gewiß nicht!' rief ich aus.
„Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben Sie Ihr Wort nicht leichtsinnig, denn ich verstehe mich auf Flickwerk.“
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek das verlangte Portefeuille.
„Einen Tisch!“
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
„Nicht so,“ sagte Mr. Rochester. „Nehmen Sie die Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege, ich kann es nicht leiden, daß
Köpfe dem meinigen so nahe sind.
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er rief mich zurück.
„Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?“ fragte mich hierauf; „und ist diese Hand die Ihrige?“
„Ja,“ antwortete ich.
„Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? denn solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch manches Andre . . .“
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden daran gearbeitet,
wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
„Aber woher nahmen sie die Originale dazu?
„Aus meinem Kopfe.“
„Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf ihren Schultern sehe?“
„Allerdings.“
Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?
„Wahrscheinlich . . . vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.“

Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig: aber wenn auch meine Hand meine Idee nicht wiedergegeben hatte, so ist doch so viel gewiß, daß diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.

Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern Partien waren in Dunkel gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Cormoran mit dunklem Gefieder und schaumbespritzten Flügeln saß. Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold und Edelsteinen
das in Folge seines lebhaften Colorits scharf hervortrat. Zwischen
dem Vogel und dem Maste unter einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man einen ertrunkenen Leichnam, von welchem
man nur einen Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den dunklen Gipfel
eines mit Gras bewachsenen Berges, an dessen Fuße der Wind einige
Blätter vor sich her trieb. Jenseits und drüber erhob sich in dem
weiten Himmelsraume von so matten und weichem Colorit, als ich
hatte anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte
über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur wie hinter
einem Nebelschleier verborgen, den das wilde Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Winde flatterndes Haar erinnerte an die Wolken,
welche der Sturm zerreißt oder deren feuchte Bruchstücke durch elektrische
Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markirte den äußeren
Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze eines Eisberges durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkeln Schleier. Vollkommen deutlich unterschied man daher nur eine leblose, knockige, bleiche Stirn, tiefliegende, stiere Augen, ohne einen andern Ausdruck als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen Draperie so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und da mit lebhafteren Farben schattirt war. Ich hatte jenen Schimmer der Königskrone
wiedergeben wollen, die Milton der Form aufsetzt, welche der Form
auf ewig beraubt ist.
„Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?“ fragte mich
Mr. Rochester.
,.Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft glücklich.
Es war für mich einer der schönsten, ich möchte fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken konnte.“
,.Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig gewesen sein; aber während Sie diese eigenthümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer phantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler geschwebt haben. Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des Schönen befriedigt?“
„Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und Werke meiner Hand quälte mich fortwährend. Und diese Ohnmacht das wiederzugeben, was ich gesehen hatte . . .“
„Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie gaben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel, demungeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? ... Welch' ein tiefer Sinn 1iegt in diesem feierlichen Blicke! ... Und wer hat Ihnen das Geheimniß
gelehrt, den Wind zu malen? denn es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen Himmel und über diesen Berg dahinbraust. Wo endlich haben Sie Latmos gesehen? denn dies ist in der That Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.“

Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er auf seine Uhr blickte: ,.Schon neun Uhr vorüber! . .. Woran denken Sie denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen ? Bringen Sie sie sogleich zu Bet!. .. Gute Nacht, meine Damen.“
So endigte unser erster Abend.
Es vergingen mehrere Tage, ohne daß Mr. Rochester uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher Gruß, daß er mich erkannt hatte.

Eines Abends jedoch, als er mehrere Gutsbesitzer aus der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu gehen, äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt sie zu begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich kleidete die schon sehr kokette Adele auf's Beste an und sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Geschenken, welche Adelens Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehreren Tagen angekommen. Ihr Vormund gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und bei jeder neuen Entdeckung machte sie ihren Gefühlen durch laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und bat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen Pariserin ein gefälliges Ohr zu leihen.
„Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt,“ sagte er dann zu mir, „und ich denke mir wohl, daß ich jetzt für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem das meiner Gäste so ziemlich gesichert ist. Miß Eyre, setzte er hinzu, „rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir diesen Zwang auflege.“
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken, wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr streng. Ein freundliches Lächeln belebte hin und wieder seine Züge und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz, zu welchem die Toaste des Mittagsessen sehr wahrscheinlich das Ihrige beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem Vortheile, in dem mit rothen Damast überzogenen Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.

Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete meinen Augen.

,.Sie beobachten mich recht aufmerksam, Miß Eyre,' sagte er in
heiterem Tone, „finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?“

..Ich hätte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes „Nein, mein Herr!“ entschlüpfte
mir ohne meinen Willen.
„Vortrefflich!“ rief er in dem nämlichen Tone. . Sie haben in der That etwas ganz eigenthümliches in Ihrem Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten, deren Hände stets an ihrem Platze und deren Augen immer, das heißt doch nicht immer zu Boden gerichtet sind. Und wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten Sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten Seitenhieb rechnen.
Woher rührt dieser Contrast?“
„Entschuldigen Sie meine allzugroße Freimüthigkeit. Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen muß, dann . . .“
.. Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben so Messerschnitte auf Ihren ersten Nadelstic. Eine offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück haben, Ihnen zu gefallen?
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime Eitelkeit die dunklen und glänzenden Massen seines Haares zurück.
,.Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?“
„Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich beleidgt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug von Philanthropie darauf erblicken soll?“
„Vortrefflich! wieder ein Messerstich. Und dies ohne Zweifel deshalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ,.—er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, --- „daß ich weder die Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte. Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können. In Ihrem Alter war ich so zu sagen ein Gefühlsmensch, der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen, Verlassenen -- und Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen, mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin, wie Kautschuck. Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß
noch einige Hoffnung vorhanden ist?“

„Wa für eine Hoffnnng?“
„Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu sehen.“
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache, wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte, die mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters zu zweifeln.

„Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,“ fuhr er fort, „und obgleich Dame Natur Sie nicht viel reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen, daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat überdies noch den Vortheil, daß Sie Ihre gefährlichen Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs herabzusenken, anstatt meine harmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden. Ich meines Theils fühle mich heute sehr sprachselig und in einer außerordentlich geselligen Stimmung.“
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine kräftige, ebenmäßige Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgiltigkeit selbst herauszuforden. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten nur noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf achten, fuhr er fort:
„Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen angenehmen Abend verlebe. Sie sind mir immer als ein höchst interessantes kleines Räthsel vorgekommen. Es würde mir ein Vergnügen sein, Sie zu errathen, und ich wüßte meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende Last mir weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.“

Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube fast, mein Lächeln verrieth etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.

„Sprechen Sie,“ wiederholte er mit Ungeduld. „Sprechen Sie, wovon Sie wollen und wie es Ihnen beliebt.“
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir sehr an die Unrechte kam. Er errieth das endlich.
„Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn
meine Aufforderung war in einem barschen und fast beleidigenden Tone
gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß Eyre. Es ist nicht im Entferntesten
meine Absicht, Sie als Untergebene zu behandeln und eine andere
Superiorität zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre, welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgehen wird. Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit peinigen.'
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und ich beweis
ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle Fragen zu beantworten,
die er an mich richten würde. Ich hatte meiner Ansicht nach genug
gethan, um zu zeigen, daß ich nicht geneigt war, mich allen Launen
dieses Mannes zu unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling
welche er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie mich
fühlen zu lassen.
Wir gelangten sehr bald dahin, daß wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charakter mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörichten und sinnlosen Zerstreungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht ein peinliches Gefühl, wenn man einen Menschen sieht, der sich von dem unvernünftigen
Strudel der weltlichen Genüsse mit fortreißen läßt, sich sagen zu
müssen, daß man auf gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den
man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen wie
ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist, und als ich mir
erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er„ das Gift des Lebens - nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln, versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dezu fehle. Er wurde nach und nach immer wärmer und bediente sich einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er zu mir, erforderten außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm erschienen, dem er einen
Altar in seinem Herzen errichten wolle, in welchem die Gegenwart
dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe
verbreite. Der Weg, den ich betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.

Diese Reden waren mir völlig unverständlich und die Furcht, daß
er mir das Geheimniß entdecken könnte, auf welches seine Reden anzuspielen schienen, machte es mir wünschenswwerth, dieser Entdeckung durch Aufhebung unserer Unterhaltung vorzubeugen. Ich benutzte die
Gelegenheit, als es neun Uhr schlug und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester
welcher diesmal durchaus keine so große Eile zu haben schien, dass sie
zu Bett gebracht werde, sagte mir, sie habe einen Ballanzug unter
ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen
können, ihn zu versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem Rosakleide
mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen, wie eine raffinirte Komödiantin
,.Steht mir das Kleid gut?“ rief sie, zwischen uns tretend; ,.und die schönen Schuhe ? und die seidenen Strümpfe? Ich glaube ich muß ein Wenig tanzen.“
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Kniee.

„Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte!' sagte sie in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte hinzu: „Machte Mama es nicht auch so?
„Ganz genau so,“ erwiderte Mr. Rochester mit einem erzwungenen Lächeln. „Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,“ sagte er hierauf zu mir; „ich werde Ihnen dies später einmal erzählen.“
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen, verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr. Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem Verhälinisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens, gestanden hatte.

Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der von einer dem Balletcorps der Oper angehörenden, käuflichen Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, dass er hintergangen worden war. Er hatte Adele zu sich genommen, nicht weil er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewissheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem Kinde existirte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten und unschuldigen Wesen gehabt, daß von seiner herzlosen Mutter verlassen wurde.
„Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen, sagte er am Schlusse seiner Erzählung, „um sie auf den gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt.“ fuhr er fort, „Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich nach einer anderen Erzieherin umzusehen. Nicht wahr, ich habe richtig gerathen?“
„Keineswegs,“ erwiderte ich; „Adele ist weder für Ihre Fehler, noch für Ihre Mutter verantwortlich. Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen, jetzt aber, da ich weiß, daß sie eine von ihrer Mutter verlassene und von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie wachen.“
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein Zimmer kam, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung nicht enthalten, über die große Veränderung nachzudenken, die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten war. Hatte er mir nicht einen ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen Wochen eine merkwürdige Umwandlung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen.
Er hatte keine beleidigenden Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes
mehr, die so oft auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren.
Wenn ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen
zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als ich Nutzen daran finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach mein Herz. Meine durch die Erzählungen, welche mir eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier, mein durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und daß ich Jemandem, wenn nicht die Liebe eines Vaters, doch wenigstens die Theilnahne eines wahren Freundes einflößte . . . mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise, um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen, von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte.—

Fünftes Kapitel.
Das Geheimniss von Thornfeld-Hall.

Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche
an diesem Abende auf mich einstürmten. Sie waren viel weniger klar
und bestimmt, als ich sie Ihnen hier wiedergebe; überdies würde Ihnen
der hohe Reiz der ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie
also damit, um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht, und ich weiß selbst nicht recht, ob ich noch völlig munter war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblick viel darum gegeben haben, wenn
ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war ausnehmend dunkel und
ich fühlte mich keineswegs in einer muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend, aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei
ängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand durch den Corridor hinschlich. Ich fragte: Wer ist da? Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche Angst.

Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch, daß Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte mich sogleich, und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes Lachen, das
aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da das Kopfende des
Bettes der Thüre sehr nahe war, so glaubte ich einen Augenblick dieses
entsetzliche Lachen dicht an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte
es von Jemandem her, welcher sich über mich beugte. Die Furcht,
von der ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr
empor und blickte mich entsetzt um, aber ich sah nichts. Nach einigen
Secunden ließ sich das nämliche Gelächter von Neuem hören, und zwar
diesmal ganz deutlich hinter der Thür. Meine erste Bewegung war,
aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: „Wer ist da?“
Ein halbunterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte, welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann war Alles still.
„Sollte es Grace Poole gewesen sein? dachte ich bei mir, „und
sollte sie vom Teufel besessen sein?“
In meinem Zweifel schien es mir nicht unmöglich, auf der Stelle zu Mistreß Fairfay zu gehen. Ich zog daher ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte ich einen durchdringenden Brandgeruch.

Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür. Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten Secunde
befand ich mich in diesem Zimmer. Lange Flammen umzingelten das
Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen. Der Unglückliche schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum
einige verständliche Laute und wendete sich auf die andere Seite
Wenn ich einen Augenblick zögerte, war er verloren. Ich eilte an
seinen Waschtisch, der zum Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen
war. Ich nahm Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem
Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und es gelang mir unter
Gottes Beistand die beginnende Feuersbrunst zu löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckte endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren Mitte er erwachte und die er sich anfangs nicht erklären konnte. Als ich ihm die nötige Aufklärung darüber gab, erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihm habe ertränken wollten; dann bat er mich, ihm ein Licht zu holen.
„Besonders aber,“ setzte er hinzu, „kommen Sie nicht unter zwei
Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß, ob ich ein einziges
trockenes Kleidungsstück finde, das ich überwerfen kann . . . Doch
halt, da ist mein Schlafrock.“
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das
geschwärzte Bett, die ganz durchnäßten Decken und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich. Währenddem hörte er die
Erzählung an, welche ich ihm von dem vernommenen Gelächter, von den
nach der dritten Etage gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen Mittheilungen eher Traurigkeit
als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor, Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
„Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren? versetzte er heftig. „Lassen Sie sie und meine Leute ruhig schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie meinen Mantel um, wenn Sie frieren und nehmen Sie Platz. Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie nicht naß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn ich will Sie einige Minuten allein und im Dunkeln lassen. Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders ganz still und rufen Sie nicht? ich werde bald wieder bei Ihnen sein.“
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der vollständigen Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß noch diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr. Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.

„Es war ganz so wie ich dachte,“ sprach er halblaut, indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
„Wie meinen Sie?“

Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem ziemlich sonderbaren Tone:

„Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben?. . .“
„Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.“
„Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört? . . .
ich dächte, Sie hätten mir früher eine ähnliche Geschichte erzählt.“
„Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Grace Poole, welche ganz
auf diese Art lacht, Sie ist ein wunderliches Geschöpf.“
„Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahndet haben. Sie ist eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nötig, daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück, setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte, werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem Sopha in der Bibliothek ruhen.“

„Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht,“ erwiderte ich, indem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte.

„Wollen Sie mich denn schon verlassen?“ rief er aus, „und auf
solche Art?“
„Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen . . .“
„Aber nicht ohne Abschied zu nehmen . . nicht ohne ein freundliches Wort . . . nicht mit dieser kalten und strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet, haben mich den fürchterlichsten Qualen entrissen, und wir sollten uns trennen wie zwei Freunde?... Geben Sie mir wenigstens ihre Hand.“
Er reichte mir die seinige . . . ich wagte nicht, sie zurückhzuweisen, aber anstatt mir einfach die Hand zu drücken, ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
„Sie haben mir das Leben gerettet,“ sagte er dann tief ergriffen. „Es macht mich glücklich, Ihnen eine so große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemanden in dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hatte verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es etwas Anderes . . . eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.“

Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die meinigen. Es war mir als sähe ich Worte auf seinen Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst zu versagen.
„Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester,“ erwiderte ich ihm.
„Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede sein . . .“
„Ich wußte es,“ unterbrach er mich, „daß Sie mir früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah. . . Ihr freundlicher Blick ließ nicht umsonst . . .“
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
„Nein, fuhr er dann fort, „nicht umsonst hat Ihr freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den innersten Tiefen meines Herzens erweckt . . .“
Dies sagte er auffallend rasch.
„Man spricht von natürlichen Sympathieen, setzte er hinzu, „auch von guten Genien. . . Gute Nacht denn liebes Kind, Sie haben mir das Leben gerettet!'
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie in seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem Blicke.

„Es freut mich,“ fügte er hinzu, „daß ich nicht nur gewöhnlich eingeschlafen war.“
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
„Sie verlassen mich also?“
„Ich friere.“
„Ja es ist wahr und Ihre Füße stehen im Wasser. Gehen Jane, gehen Sie rasch.“
Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich mich auf ein Mittel.
„Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,“ sagte ich plözlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können sich denken,
daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende Ufer, das ich jenseits der Wogen erblickte. Dann warf mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft, bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch' eine Nacht liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters Zimmer,
wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder in Ordnung zu
bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen über die Begebenheiten
dieser Nacht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht wenig überrascht, als ich eine mit dem Nähen eines Vorhanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war, als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen. Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit war? wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Angen, bemerkte mich.
und ohne die geringste Verlegenheit an den Tag zu legen, ohne daß
ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in
ihre Wangen stieg, richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich,
nahm dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.

Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber von meiner innern Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir vor, diese empörende Gleichgiltigkeit auf die Probe zu stellen.
„Guten Morgen, Grace,“ sagte ich zu ihr, „was ist denn dies
Nacht hier vorgefallen?“
„Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur rechten Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.“
„Eine sonderbare Geschichte,“ sagte ich halblaut, indem ich nähe zu ihr trat und sie fest anblickte. „Hat denn Mr. Rochester Niemande geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?“
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem
Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken zu erforschen.
„Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier, wie Sie wissen,“
erwiderte sie dann. „Mistreß Fairfax, deren Zimmer an dieses stöß
hat einen sehr festen Schlaf und hört etwas schwer. Aber wie kommt
es, Miß, daß Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte
wetten, Sie schlafen nur mit einem Auge.“
„Ich habe nichts gehört, antwortete ich noch leiser, „als ein Gelächter, wie es wenige giebt.“
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:
„Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat, während er in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben ohne Zweifel geträumt, Miß.“
„Nein, ich habe nicht geträumt,“ erwiderte ich, indem ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen Fragen entgegensetzte, gleichsam
herausgefordert. Sie blickte mich abermals forschend an und fragte
„Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?“
„Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm
zu sprechen.“
„Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu öffnen, um
nachzusehen, was im Gange geschah?“
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir der Gedanke
bei, daß sie, wenn sie ahnte, was ich wußte, woran ich war, mir
vielleicht auch irgend einen bösen Streich spielen könnte, ich lenkte
daher ein.
„Im Gegentheil,“ erwiderte ich auf ihre letzte Frage. „ich verriegelte meine Thür.“
„Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu Bett gehen?“
„Schändliches Weib!“ dachte ich, „sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.“
Ich unterdrücke indeß meinen Zorn und begnügte mich damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei,
ich es in Zukunft um so mehr sein würde.
„Daran werden Sie sehr wohl thun,“ war ihre ganze Antwort.
Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der Küchenmeister brachte
Grace auf einem Teebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr
Stück Pudding.
„Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole?“ fragte er dann.
„Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts?“
„Und Ihren Sago?“
„Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn vor dem Thee selbst besorgen.“
Nach diesem Zwiegespräch, daß mir im höchsten Grade auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Räthsel.
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermuthungen. Ich fragte mich, ob nicht etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem excentrischen Mr. Rochester ein Band existire, das früher, als Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpe Gestalt, dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor der rohen Häßlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfe.

Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen, welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr. Rochester in mir erweckten.
Jetzt durfte er mir nichts mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf
sein unbegrenztes Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr
als dies.
Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ mich, um zu Bett zu gehen.
Dies war die Zeit, zu welcher im Salon die Glocke ertönte, zum
Zeichen, daß ich entboten werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
„Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter zu kommen.“
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab,den ganzen Tag über, weder die Stimme noch den Schritt Mr. Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der Thee bei Mistreß Fairfax servirt sei.

„Kommen Sie rasch, mein liebes Kind,“ sagte die gute Dame, sobald sie mich erblickte. .“Sie müssen sehr hungrig sein, denn Sie haben, ohne es selbst zu bemerken, bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher . . . wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein . . . Ich denke nicht, es ist ja schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.“
„Ist Mr. Rochester nicht hier?“
„Nein, er ist nach dem Frühstück nach Prés -Clos zu Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.“
„Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?“
„Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viel schöne Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram, und namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester sehr ungern.“


Blanca Ingram wohnte 10 Meilen von Thornfield-Hall. Sie war ein schönes Mädchen, welcher die Natur alle Gaben verliehen hatte, um einen Mann zu fesseln und die von den 40 Jahren des Mr. Rochester wenig erschreckt wurde, da ihr Gelegenheit gegeben war, mit Hülfe seines Vermögens als Staatsdame zu leben. Mistreß Fairfax schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize; ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie erzählte mir, wie Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche schönen Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen. hatten, die beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend nicht auf, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörichten Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über sie! War es denn möglich, dass ich, ein kränkliches häßliches Mädchen ohne Herkunft und ohne Reichthum, deren mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte denken können, an den mein erbärmliches Loos mich durch käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für meine thörichten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor, nicht wieder darauf zurückzukommen und wo möglich Thornfield-Hall zu verlassen, nachdem ich ein anderes Unterkommen gefunden hätte.
Mr. Rochester blieb 14 Tage abwesend. Plötzlich erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der Mistreß Eshton die Rede war und daß Blanca Ingram dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen Preis der Welt verlassen.

Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren, das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mit den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichsten Farben seiner Tapeten, den glänzenden Messingstäben seiner Kamine den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste aufzunehmen.

Sechstes Kapitel.

Blanca Ingram.

Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene Wagen folgten. In diesen sah man nichts als flatternde Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet, an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galoppirte keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.

„Dies ist Miß Ingram,“ sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war, daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen durfte.
„Wenn Mama Besuch hatte,“ sagte sie fast weinend zu mir, und
besonders Damen, so begleitete ich sie überall hin. Oft sah ich die
Kammermädchen ihre Gebieterinnen ankleiden, und das war so unterhaltend . . . man lernt dabei am besten, wie man sich kleiden muß.“
Die Klagen Adelens, so wie die Nothwendigkeit, uns mit dem Diner zu beschäftigen, diente dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns ganz aus den Augen verloren, und ich musste meine Zuflucht zur Speisekammer nehmen, wenn ich mit meinem Zöglinge nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging ohne daß uns die Ehre zu Theil wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen der Erde das Schloß, um einen Ausflug in die Umgegend zu machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich sie wie am vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an. Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren getrennt von der übrigen Gesellschaft und neigten sich gern zu einander, um einige wahrscheinlich sehr vertraute Worte zu wechseln.
„Nun, wie gefällt sie Ihnen?“ fragte mich Mistreß Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es bemerkt hatte.
„Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht gut zu erkennen.“
„Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen. Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß er Sie und Adele nach dem Diner im Salon erwartet. Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt, setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es sein müßte.
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war und es kaum wagte, eine Bewegung machen, aus Furcht, eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haares in Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben nichts laut sprachen.
Nach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlageng und ich vernahm das Geräusch der hin- und hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den Salon und der Vorhang Fiel wieder herab, indem er mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen hakten alle diese stolzen Damen
die nämliche vornehme und ruhige Miene, die nämliche hochmüthige
Ungezwungenheit, die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche
kalte Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen Gruß mit
einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten sich darauf, mich erstaunt
und fast verlegen anzublicken. Zwei junge Mädchen nahmen Adele in
Beschlag und zogen sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches Interesse oder bloße Ziererei zu Grunde liegen, bald in ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem Adele den thätigsten Antheil nahm.

Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person, um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren. Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht an allen Liebreiz. Es drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns war, durch welches ihre rosigen Lippen Aehnlichkeit mit einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung befaß als sie. Dieses Benehmen erschien mir um so herzlose, als das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten Sarcasmen, gar nichts davon bemerkte und dem heimlichen Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
„Ist dies wirklich die Auserwählte Mr. Rochesters?“ dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem, was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, um manchen Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden. Mr. Rochester trat zuletzt
ein, was ich bemerkte ohne die Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich,
welch eine Kluft jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten
Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in der seinigen
haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet, mit bewegter
Stimme zu mir sprach, während sein Herz von der Freude überströmte,
daß er mir das Leben zu verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen, ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen. Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit Gewißheit
annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach einer andren Seite
gerichtet war, um von der Geldbörse, die ich häkelte, aufzusehen und
einen Blick auf ihn zu werfen.

Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender Genuß für
mich, es war der Genuß eines Menschen, der vor Durst verschmachtet
und der sich auf die Gefahr hin, nachher zu sterben, dennoch über die
vergiftete Quelle beugt und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
„Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den man sieht,
sondern in dem Auge, das sie sieht. Ist dies nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse bräunliche Gesicht, diese dicken, schwarzen Brauen,
diese übermäßig breite Stirn, diese tiefliegenden Augen, diese scharf
markirten Züge, dieser strenge Mund, die ganze energische, entschiedene,
einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war nach
den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der That, welche Schönheit würde
mich in einem solchen Grade gefesselt und bezaubert haben? welche
Schönheit würde mich so überwältigt und mit alle Macht entzogen haben,
ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie lieben
wollen; ich hatte mich ernstlich bemüht, auch den letzten Keim der Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er von Neuem die
ganze Herrschaft über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte.
Ohne daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder zu lieben. Wer diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen gelernt hat, der kennt das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram ? Sie sitzt allein an einem Tische, anmuthig
über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie
erwartet Jemanden und sie wird nicht lange zu warten brauchen. Mr.
Rochester hat sich erhoben und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück? Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, geht zu ihm hin und knüpft ein Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß, was darüber gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen, diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle erwecken nur mein Mitleid. Als das Thema erschöpft ist, schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor, etwas mit ihr zu singen und eilt an das Pianoforte. Dies war für mich das Signal, mich zu entfernen. Bei dem ersten Accorde schleiche ich mich aus dem Zimmer, ohne von Jemanden gesehen worden zu sein.

Im Corridor bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber. --
„Wie befinden Sie sich?“ fragte er mich.
„Ganz wohl,“ erwiderte ich.
„Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet?“
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte ich mir nicht herausnehmen.
„Ich fürchtete Sie zu stören.“

„Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?“
„Ich habe mich mit Adele beschäftigt.
„Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben, denn Sie sind blässer als gewöhnlich . . . Sie kommen mir vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male sah. Sie haben sich doch jene Nacht in meinem Schlafzimmer nicht erkältet?“
„Nicht im Entferntesten.“
„Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen uns zu früh.“
,.Ich bin müde.“
,.Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen Sie es mir.
,.Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.“
„Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon in ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine davon hängt schon an Ihren Wimpern. Wenn ich Zeit hätte und nicht fürchten müßte, daß ein Bedienter uns hier findet, so möchte ich den wahren Grund von dem Allen wissen. Für diesen Abend will ich sie entschuldigen, aber ich erwarte . . . oder ich hoffe vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den Salon zu kommen, so lange meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen . . . Gute Nacht, meine . . .“
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte sich rasch.
Der förmliche Befehl des Mr. Rochester, bei seinen Soireen zu erscheinen, war mir eben so auffallend als unerklärlich; ich würde der bloßen Einladung nur dann und wann nachgekommen sein, dem Befehle glaubte ich gehorchen zu müssen. Hatte ich sonst keinen Nutzen davon, so sammelte ich doch einige Erfahrung auf dem Gebiete der Menschenkenntniß und der geselligen Zustände.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach die Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt mich zu betrüben. Nicht
weil sie einen Zweifel an der bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's
mit meinem Gebieter in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir
die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine große
Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er diese Verbindung
beabsichtigie. Es war ganz natürlich, daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte gerade deshalb, weil er sich mit einer Andern vermählen wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht oder doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.

Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln . . . weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt konnte man allerdings nicht den
kleinsten Fehler entdecken; aber ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und
trocken. Nichts, keimte von freien Stücken, aus dieser gänzlich
unproductiven Organisation hervor. Sie befaß weder wahre Herzensgüte noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende Phrasen,
die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten. Es war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse, den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten die Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinlängliches Vertrauen zu Rochesters
Scharfblick, um überzeugt zu sein, daß, wenn er Miß Ingram heiratete,
sei es nun aus Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen zu
sichern, oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften ihm convenirten,
er sich doch keineswegs über die innere Mängel seiner Braut täuschte
Konnte ich mehr verlangen und wünschen?
Diese Erkenntniß trug sehr zu meiner Beruhigung bei. Hätte sich zu der Schönheit der Miß Ingram noch geistige Vorzüge und Liebenswürdigkeit gesellt, so hätte ich bei allen Qualen unerwiderter Liebe doch meine Nebenbuhlerin achten müssen. Miß Blanca schien aber einem Charakter wie Mr. Rochester wohl Bewunderung, weniger aber Achtung oder gar Liebe einflößen zu können.

Wann ich nun Miß Ingrams Anstrengungen, Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich sah, daß ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick auf einen falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen; wenn ich bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewußten Niederlagen eitel war und daß ihr lächerlicher Eigendünkel sie immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzt, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte thun müssen, um Rochester für immer an sich zu ziehen, zu fesseln, zu erobern, . . . so waren diese Beobachtungen eben so interessant für mich, als sie zu meiner Beruhigung beitrugen.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden sie
mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntniß der Sachlage
es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur
aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin
zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung, hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und schwache Seite seines Charakters, ich beobachtete seine Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Zeit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört, die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte, erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem seltenen Gericht, welches durch den Mangel derselben an Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist gebreitet
war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein kühner Plan beschäftigte,
eine entfernte Sorge quälte, dieses Räthsel, das jedem aufmerksamen
Beobachter in die Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber
Rochester stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich
anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Das Geheimniß schien mit einer Gefahr für Rochester verknüpft zu sein und fürchtete ich auch nicht das Wesen der Gefahr zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemanden etwas davon zu sagen, waren die Gäste vonThornfield-Hall in einer ziemlich verdrießlichen Stimmung versammelt; man wußte nicht, wozu man sich entschließen, welchen Zeitvertreib man vornehmen, welche Partie man improvisiren wollte. Plözlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblick war Alles an den Fenstern; ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm stieg aus, sobald geöffnet worden war.

Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß Ingram als die älteste der anwesenden Damen natürlich die Honneurs machte.
„Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,“ sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, „da mein Freund, Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen, fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.“
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen, aber nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ungefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das heißt etwa 40 Jahre; aber welch' ein Unterschied zwischen diesen beiden Physiognomien! Die eine war die eines gewöhnlichen „schönen Mannes,“ ohne Kraft, ohne Feuer, ohne Geist, während die andere von Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen, Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer Kleidungsstücke erkärte, in die er sich an einem schönen Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich, daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war; ich wusste bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, denn nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von weiten Reisen erwähnt.

Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem Feuer zu sehen und
sagte dann Mr. Eshton leise einige Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times stören zu lassen, in verdrießlichem Tone erwiderte:
„Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn sie nicht gutwillig geht.“
„Was giebt es denn?“ fragten sogleich mehrere Stimmen.
„Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier,“ versetzte der ernste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone, welche den Damen wahrsagen will.“
„Nun warum nicht?“ rief Blanca Ingram sogleich, die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter sich hineinmischen wollte, sagte sie zu dieser:
„Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um diesen kleinen
Scherz; er ist nur für uns junge Mädchen.“
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in das Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester und zwei andere junge Damen folgten nacheinander ihrem Beispiele und Jede von ihnen trat mit einer Miene von Staunen und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge gesagt - - unerhörte Dinge! Sie kannte sie Alle und wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier der anwesenden
jungen Männer erregt und sie wollten ebenfalls in die Bibliothek
gehen; aber Sam, der Bediente, welcher das Amt des Huissiers versah,
erklärte, daß die Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein
noch im Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie ihre
Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht durch diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lange, bis sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte und ging, ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten schwarzen Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter dem Kinn zusammengeknüpften Schnupftuches
festgehalten wurde. Sie las oder stellte sich als lese sie in einem kleinen
schwarzen Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können. Sie schloß es, um mir scharf in’s Gesicht zu blicken, wobei sie darauf bedacht war, den Schirm ihres großen Hutes tiefer in die Augen zu drücken.
„Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage,“ fragte sie mich.
„Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt, entgegnete ich.
„Lassen Sie Ihre Hand sehen.“
„Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau, wenn ich, nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er. Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich nicht erschrecken.“
„Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich kann damit nichts anfangen.“
„Ich habe es mir gedacht,“ versetzte ich.
„Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die Augen selbst.“
Es folgten nun eben nicht Prophezeihungen, wie die Wahrsagerinnen dies gewöhnlich thun, sondern eine Reihe Sentenzen wie sie gewöhnlich in den Gesprächen vorkamen, wenn Mr. Rochester sich früher mit mir unterhalten hatte.
Als die Wahrsagerin zu Ende war, gab sie mir ihre Hand, in welcher ich zu meinem Erstaunen einen Ring des Mr. Rochester gewahrte.
„Genug des Scherzes,“ rief jetzt Mr. Rochester, indem er den Hut von sich warf und die Schnur des rothen Mantels zerriß, so dass er herabfiel. „Sie zürnen mir wahrscheinlich, daß ich Ihnen so viele Thorheiten gesagt habe, vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige sagen würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan haben. Ich habe mich dadurch nur noch mehr von Ihrer Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt.“
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß er Recht hatte. Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu wissen warum, eine Verkleidung geahnet.
„Was thun sie im Salon ?“ fragte Mr. Rochester in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklicheit zurück, und ohne sie direct zu beantworten, erwiderte ich:
„Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder hier angekommen ist?“

„Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann es sein, ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder entfernt?“
„Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten.“
„Hat er seinen Namen nicht genannt?“
„Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre, von Spansh-Town auf der Insel Jamaika.“
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln erstarrte auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
„Mason?“ wiederholte er wie ein Automat; „Mason! . . . Jamaika!. . . Jamaika! . . . Jamaika!“
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
„Fühlen Sie sich unwohl?“ fragte ich ihn.
„Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane . . . ein fürchterlicher
Schlag!'
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde umfallen.
„Stützen Sie sich auf mich,“ rief ich aus.
„Ach ja! . . - wie früher . - wie immer, nicht wahr?“
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie zitternd.
„Jane, meine liebe kleine Freundin,“ stammelte er mit bebender
Stimme und starrem Blicke, „ich möchte allein mit Ihnen auf einer
fernen Insel sein, wo ich von allen Sorgen, von allen Gefahren, besonders aber von diesen gräßlichen Erinnerungen befreit wäre.“
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer Seufzer. Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann wieder auf, als schämte er sich, daß er sich von einem unerwarteten Unglück hatte niederbeugen lassen.
„Gehen Sie, Jane,“ sagte er zu mir, „gehen Sie in den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie nichts Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft heiter ist und sich wie immer unterhält, so sagen Sie diesem . . . Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn erwarte . . . führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns dann allein.“
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
„Noch ein Wort, Jane!“ rief mir Rochester nach. „Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer nach dem andern mir in's Gesicht spukte, was würden Sie thun?“
„Was ich thun würde?“ versetzte ich, in der ersten Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
„Ja, was würden Sie thun? wiederholte Rochester.
„Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn ich die Kraft dazu hätte, erwiderte ich, während mir schon die Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
„Wenn ich aber, fuhr er fort, , ihnen entgegenginge und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich nach einander entfernten, was würden Sie dann thun, Jane? würden Sie mich auch verlassen?“
„Ich. ich glaube nicht.“
„Sie würden also bei mir bleiben. um mich zu trösten?“
„Ja, wenn dies in meiner Macht stände.“
„Und wenn sie Sie wegen ihrer Theilnahme an meinem Unglücke
verfluchten?“
„Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht zu Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies kümmern?“
„Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich aussetzen?“
„Ich würde mich demselben für jeden Freund aussetzen, der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente. Und Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran.“
„Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und thun Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe.“
Mein Eintritt in den Speisesaal, wo die Gäste zerstreut umherstanden und sich unterhielten, während Jeder nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich nahm, erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür der Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in mein Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon längst zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen. Sie sprachen sehr laut mit einander und ich vernahm auch Rochesters Stimme unter ihnen.
„Kommen Sie mit mir, Mason,“ sagte er, „Ihr Zimmer ist dort.“ Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter. Er beruhigte mich vollkommen und ich schlief sehr bald ein.

Siebentes Kapitel.
Die geheimnissvolle Verwundung

Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen, und als daher der Mond an dem reinen Nachthimmel emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs war es mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen überdrüssig und stand auf, um den Vorhang zuzuziehen.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich ein gellender
Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen, mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage. Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte sich nicht. Im Grunde konnte es auch nicht anders sein. Der größte Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses, ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: „Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!“
„Kommt denn Niemand?“ setzte die nämliche Stimme bald hinzu. während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen der Möbeln, das Knarren des Fußbodens und die schweren Tritte von zwei Personen vernahm, welche sich fest umschlungen hatten und einander niederzuwerfen suchten.
Endlich hörte ich noch die Worte:
„Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so kommen Sie doch!“
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und ich verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon im Corridor, und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die Thüren und einzelne Köpfe erschienen in denselben. Was giebt es? Ist Jemand verwundet? Ist Feuer im Hause? Sind Diebe eingebrochen? Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten im halbdunkeln Gange, der glücklicherweise hier und da vom Monde erleuchtet wurde. Man lief umher, ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten schon, obgleich sie,
noch gar nicht wußten, was eigentlich geschehen war.

„Wo mag nur Rochester sein?“ rief endlich ein junger Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine Fassung verloren hatte; „ich finde ihn nicht in seinem Bett.“
„Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!“ rief die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen Nachtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
„Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen,“ sagte Rochester in einem heiteren Tone, der mir etwas unnatürlich vorkam.
„Es ist eine reine Mystification, nichts Anderes. Noch einmal, lassen Sie mich los. ich bin ein gefährliches Tier.“
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen schwarzen
Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß er in der That „gefährlich“ war. Aber er unterdrückte gewaltsam seine heftige Aufregung.
„Die ganze Sache ist nichts,“ sprach er weiter, „nichts als eine
nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte. Sie hat im Traume
eine Erscheinung gehabt, die einen neuen Anfall hervorgerufen hat.
Kehren Sie in Ihre Zimmer zurück, ich bitte Sie darum. Es ist
durchaus nöthig, damit ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann.
Meine Herren, gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele
voran . . . und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren.“
So nöthigte er Jedermann halb scherzend, halb unwillig in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte den über mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den Verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als daß ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet und auf Alles gefaßt war, setzte ich mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster und ließ meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche schweifen.

Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf und die Nacht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten mich, vom Fenster zu gehen, in der Absicht, mich angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm ich an meiner Thür ein außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
„Wünscht man etwas von mir ?“ fragte ich.
„Sind Sie aufgestanden?' entgegnete die Stimme Mr. Rochesters,
die ich im Voraus vermuthet hatte.
..Ja, ich bin auf.“
„Und angekleidet?“
„So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich.“
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit einem Lichte im Corridor.
„Ich bedarf Ihres Beistandes,“ sagte er zu mir: „ kommen Sie mit mir. Beeilen Sie sich nicht, wir dürfen vor Allem Niemanden aufwecken.“
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete ihn so bis in das dritte Stockwerk nach dem dunkeln und niedrigen Gange, den ich schon einmal erwähnt habe. Hier blieb er plötzlich stehen.
„Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?“ fragte er mich.
„O ja.“
„Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen Essig?“
„Ich habe etwas in meinem Zimmer.“
„Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen Sie mir diese Gegenstände.“
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in mein Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf. Rochester erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit einem Schlüssel in der Hand. Sobald er mich kommen sah, öffnete er damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen Thüren, welche in die Dachkammer führen mußten. Auf der Schwelle hielt er mich zurück.
„Können Sie den Anblick von Blut ertragen?“
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein dies hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
„Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht.“
„Geben Sie mir Ihre Hand,“ versetzte er. Eine Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein.“
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: „ Es hat keine Gefahrr“, eintreten.
Das Zimmer war mir nicht fremd, denn Mistreß Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte, war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester stellte sein Licht auf einen Tisch, bat mich, einen Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges Wort zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die ich mir nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder zu mir und verschloß die geheime Thür hinter sich.
„Jetzt hierher, Jane.“
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen waren und um welches ich herumging. Hinter demselben in einem großen Lehnstuhl saß ein Mann, den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer seinem Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als Rochester das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen Fremden, Mr. Mason. Ein einziger Blick genügte mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen Seite ganz mit Blut getränkt war.
„Nehmen Sie das Licht, sagte Rochester zu mir, und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte. Dann wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das leichenhafte Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten Malen mein Riechfläschchen unter die Nase. Mason öffnete mit einem leisen Stöhnen die Augen. Rochester entblößte nun den Arm und die Schulter des Verwundeten, wusch beide sorgfältig und verband sie hierauf.
„Ist die Wunde gefährlich?“ fragte der Kranke mit schwacher Stimme.
„Durchaus nicht,“ erwiderte Rochester im Tone leichten Vorwurfs; „eine ganz unbedeutende Schramme. Beruhigen Sie sich also und kommen sie wieder zu sich, ich will sogleich einen Arzt holen. Morgen früh werden Sie hoffentlich abreisen können. Jane,“ setzte er hinzu, „ich muß Sie eine, vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein lassen. Haben Sie die Gefälligkeit, das Blut zu stillen, so oft es nöthig ist. Wenn er ohnmächtig wird, so lassen Sie ihn einen Schluck Wasser trinken und halten Sie ihm Ihr Riecfläschchen unter die Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen sie mit ihm. Und Sie Henry, mache ich ebenfalls darauf aufmerksam, daß Sie sich durch Sprechen der größten Gefahr aussetzen. Wenn Sie nur den Mund öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich nicht für die Folgen.“
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer aus und schien, von diesem Augenblicke an entschlossen zu sein, sich nicht mehr zu bewegen. Es war, als hätte ihm die Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten Schwamm, heftete eine Secunde lang seinen gebieterischen Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes Schweigen anempfohlen hatte, verließ er das Zimmter und verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur durch eine schwache Thür von der Kammer getrennt, in welcher Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie unvermuthet hervorstürzen konnte. . . . Sie werden zugeben, daß es eine harte Probe für meinen jugendlichen Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte, und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte Waschbecken, in welches ich meine zitternde Hand von Zeit zu Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten meine Augen einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo die zwölf Apostel in ganzer Figur mir ihre verwischten Gesichter zuwendeten, die von dem flatternden Scheine des einzigen Lichtes zitterten, welches das düstere Gemälde erleuchtete.
Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht, denn in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie von einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen, das unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde, dessen Name einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, dass sich Mr. Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden Angriffen einer Art von Furie ausgesetzt ? Warum zeigte er sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen Opfer er zu sein schien? Warum legte er eine solche Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum wollte dieser den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne sie mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es erschien eine Hülfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen Pflege wurde Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft, immer schwächer, und gab durch zunehmendes Seufzen seine zunehmende Angst zu erkennen, die sich endlich auch meiner bemächtigte. Ich flehte zu Gott um die Rückkehr meines Herrn oder um das Erscheinen des Tages, und schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während unseres gezwungenen Alleinseins den Geist aufgeben könnte. Durch mein Versprechen gebunden, wagte ich es nicht, ihn nach seinem Befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmälig herabgebrannt
war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte ich aber durch den
dünnen Stoff des Vorhanges den matten Dämmerschein des anbrechenden Morgens, und ich hörte Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen der nahenden Hülfe richteten meine Hoffnung wieder auf und ich wurde nicht getäuscht. Das Geräusch eines Schlüssels an der Thür, das meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang, deutete mir an, daß meine entsetzliche Gefangenschaft zu Ende war. Sie hatte kaum zwei Stunden gedauert, aber manche Woche in meinem Leben ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
„Beeilen Sie sich, Carter,“ sagte er zu ihm, „wir haben keine
Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde, um den Verband
anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte zu bringen.
,,Aber wird es sein Zustand erlauben?“
„Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und wir müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen. Also eilen Sie.“
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und sagte zu ihm:
„Beruhigen Sie sich und blicken Sie uns nicht mit so stieren Augen an. Sagen Sie ihm, Carter, daß nicht die geringste Gefahr vorhanden ist.“
„Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern,“ entgegnete der Arzt, „nur wäre ich gern etwas früher gekommen. Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben, und dies wäre besser gewesen. Aber was ist das?“ setzte er hinzu, indem er den Verwundeten näher betrachtete „das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten, sondern sogar zerrissen. Diese Wunde ist nicht durch ein Messer allein hervorgebracht . . . ich sehe deutlich die Spur von Zähnen
„Sie hat mich in der That gebissen,“ erwiderte der Kranke, „sie
stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als ihr Rochester das Messer entrissen hatte.“

„Sie hätten sich nicht sollen werfen lassen, sondern sie umschlingen und festhalten,“ versetzte Rochester.
„Konnte ich es denn?“ entgegnete Mason in kläglichem Tone. „O, es war gräßlich!“ setzte er schaudernd hinzu. „Und wie hätte ich so etwas erwarten können? sie schien so ruhig zu sein.“
„Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie sich ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben sollen, damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit, mitten in der Nacht allein zu ihr zu gehen.“
„Ich dachte, es würde so gerade am besten sein.“
„Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch ich sehe, dass ich mich von dem Unwillen über Ihre Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner Rathschläge hart genug büßen müssen, daß ich sie Ihnen verzeihen kann. Also genug davon. Aber so eilen Sie doch, Carter! die Sonne geht schon auf, wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen.“
„Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch an einer andern
Stelle verletzt ist . . . ebenfalls ein Biß, wie es scheint.“
„Ja,“ sagte Mason, „sie trank mein Blut, sie wollte mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen.“
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich in seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
„Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen Sie dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie sollten sich gar nicht mehr daran erinnern.
„Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen.“
„Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen, wenn Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie wieder in Spansh-Town sind, werden Sie nur noch wie an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken . . . wenn Sie es überhaupt der Mühe werth halten, noch an sie zu denken.“
„Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht je vergesse!“
„Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann, Henry ? Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie etwas mehr Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie sich für eben so todt wie einen gesalzenen Häring, und jetzt sind Sie wieder munter und redselig, daß es eine Lust ist. Die Hauptsache ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen . . . Jane wird uns dabei behülflich sein.“
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der That nacheinander aus den Schränken und aus seinem Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel gehörte, ohne welchen Mr. Mason als ächter Creole unter unserm nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte
es ihm nicht gelingen, sich auf den Füßen zu erhalten. Aber Rochester
hatte für Alles gesorgt; er goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn Tropfen von einem herzstärkenden Mittel, das ich aus einem Schubfache seines Sekretairs geholt hatte, und dieser Trank brachte eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten hervor, der sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
„Die Sache geht gut,“ sagte Rochester dann, „und nun wollen, wir Sie so geschickt als wir nur können, aus dem Hause eskamotiren; denn es ist sowohl für Sie als für jenes unglückliche Geschöpf besser, das der ganze Vorfall unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe nicht gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten Sie mir . . . Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter . . . öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges und Sie werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder vielmehr vor dem Gitterthore, denn ich habe den Postillon verboten, auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm, daß wir kommen, und wenn Sie etwa Jemanden auf der Treppe begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon zu benachrichtigen. !
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und während die Herren langsam hinabgingen-- denn Mason war noch außerordentlich schwach-- horchte ich aufmerksam und blickte mich überall um. Aber es rührte sich nichts; selbst an den Fenstern der Dienstleute waren die Vorhänge noch verschlossen. Kaum begann hier und da ein Vogel in den blühenden Bäumen zu zwitschern, deren weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das Stampfen der Pferde auf dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesem Geräusch wurde die kühle Stille des Morgens durch nichts gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommen hatte, sagte Rochester:
„Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu feiner vollkommenen Genesung bei sich. Nach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wie ist Ihnen jetzt, Henry?“
„Die frische Luft stärkt mich ein wenig.“
„Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab, Carter, es geht nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl, Dick.“
„Fairfax!“ rief Mason plötzlich.
„Was giebt es noch?“
„Sorgen Sie dafür, daß sie gut gepflegt und mit aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert, damit sie nicht . . .“
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
„Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch ferner thun,“ erwiderte Rochester kurz, indem er den Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um sie zu benutzen,
liebe Freundin, hätte es einer größeren Gelassenheit und Gewandtheit
bedurft, als ich in meinem neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder
eines gleichartigeren Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den ernsten Gefahren zu sprechen; in die uns ihre Anwesenheit auf, dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur, daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe. Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte, das ihm dieser Mason einflößte, über den er eine so große Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern, daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester, dieser Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem er Mason diese oder jene Verhaltungsvorschriften dictirte, aus dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche Einfluß gründete, den er zu einer gewissen Zeit auf das Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine discreten und indiscreten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft sich noch
in Thornfield-Hall befand, nur seltene und sehr kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er machte seiner schönen Braut, Miß Ingram. fortwährend den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre süßen Unterhaltungen zu stören. Meine Rolle war mir vorgeschrieben, und es kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe, sie einzuhalten. Ich nahm die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich voraussah, daß sowohl ich als mein Zögling Thornfield früher oder später würden verlassen müssen, so genoß ich mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche daselbst zu verleben uns noch vergönnt waren.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen Reed benachrichtigte mich von dem Ableben meiner theueren Tante. Indem Eliza und Georgiana mir dieses Ereigniß mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, - als ich wußte, wovon die Rede war. Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung, welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:
„Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse meiner Nichte, Jane Eyre, mizutheilen, und mir zu sagen, in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher für den Rest meines Lebens adoptiren und ihr nach meinem Tode mein Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame u. u.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.“
Unter dem Briefe standen folgende Worte von der Hand der Mistreß Reed:
„Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule zu Lowood am Typus gestorben sei.“
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen die raffinirte Bosheit, welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen, denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe meiner Cousinen ahnte, dass sie von dem unbezähmbaren Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt, mein Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Mann dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte, und den ich Ihnen ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte, sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten. vierzehn Tage des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon. Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antwortete ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden Scherze und einem sardonischen Blicke, „mit dem man nicht wußte, was man machen sollte,“ wie sich Mistreß Fairfax sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereist waren, wunderte ich mich ein wenig. daß ich Mr. Rochester nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram-Park sah. Allerdings lag Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber was kümmert Liebenden die Entfernung? was war es namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester, diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir, welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: das die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters, um auf demselben Anzeichen von Kummer und Verdruß zu entdecken, aber noch zu keiner Zeit war mir dieses Gesicht so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! nie hatte ich ihn so sehr geliebt!


Achtes Kapitel.
Rochester’s Heirathsantrag.

Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den
Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu
suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe gegangen, und als ich überzeugt war,
daß sie schlief, ging ich hinunter in den Garten. Eine Abtheilung desselben bildete einen Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine sehr hohe
Mauer und von dem übrigen Garten durch eine Buchenallee getrennt
war. Am äußersten Ende blickte man über eine Wolfsgrube in's Freie.
Dahin führte eine Art Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte
ein mit Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Es war dies mein Lieblingsplatz und um den schönen Abend zu
genießen, beabsichtigte ich, da eine Weile zu verbleiben. Kaum hatte
ich mich jedoch niedergesetzt, so verspürte ich den Rauch einer Cigarre,
wie Mr. Rochester sie gewöhnlich rauchte. In der That war mein Gebieter mir in den Garten gefolgt und kam gerade auf den Kastanienbaum zugegangen, unter welchem ich saß. -- Er setzte sich neben mich.
„Noch so spät im Garten, Miß Eyre?“
„Ich wollte den schönen Abend genießen.“
,,Dieser Wunsch hat auch mich in's Freie geführt.“
Das Schicklichkeitsgefühl untersagte mir, an der Seite meines
Gebieters noch länger zu verweilen. Nach einigen gewöhnlichenWorten beurlaubte ich mich, Mr. Rochester eine gute Nacht wünschend.
Aber Mr. Rochester hielt mich bei der Hand zurück.
„Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht unrecht, sich an einem
so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände zu vergraben? Jedenfalls wählt man nicht den Augenblick zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem emporsteigenden Mond gegenübersteht. Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen, und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann, aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen so gänzlich fremd, und überdies so ernst und väterlich, daß er vielmehr meine eigene Verlegenheit merken mußte. Das Böse, wenn es überhaupt etwas Böses war, so allein mit ihm zu bleiben, dünkte mich lediglich in meiner Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr ernster Natur.
,,Jane,“ begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, ,,im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?“
„Ganz gewiß.“
„Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben, denn Sie besitzen einen angeborenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was die Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.“
„Sie irren sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.“
„Noch niehr; Sie haben, ohne daß ich weiß warum, eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu Mistreß Fairfax gefaßt?“
„Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich auf verschiedene
Weise.“
„Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn sie sich von ihnen
trennen müßten?“
„Gewiß.“
„Wie schade!' rief er mit einer Art von Seufzer. „Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Ort aufgeschlagen, wo wir die ersehnte Ruhe genießen können, so befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.“
„Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise fortsetzen und Thornfield verlassen muß?“
„Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich glaube sogar, es muß sein.“
„Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur Abreise, er wird mich bereit finden.“
„Treffen Sie Ihre Anstalten so bald als möglich. Den Befehl Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen schon diesen Abend geben.“
„Sie wollen sich also vermählen?“
„So ist's. Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem ersten Schlage Nagel auf den Kopf getroffen.“
„Und ohne Zweifel bald.“
„Sehr bald, meine . . . Miß Eyre, wollte ich sagen. Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die Idee mit mir sprachen, daß ich, ein unwürdiger Hagestolz, in den heiligen Ehestand treten wollte. . . . Aber Sie hören nicht auf mich, Miß Jane: wenden Sie den Kopf vielleicht ab, um einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erste Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir sprachen, machten Sie mich zuerst darauf aufmerksam, daß, sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den wohlwollenden Charakter meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt treten und Sie, Miß
Eyre, werden sich nach einer andern Stelle umsehen.“
„Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung rücken
lassen. Einstweilen denke ich . . .“
„Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah, das meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
„In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe,“ fuhr Rochester fort, „wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle zu verschaffen.
„Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid, daß Sie
sich um meinetwillen bemühen . . .“
„Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen haben, welche in der Grafschaft Connought wohnt. Sie werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten allgemein für sehr brave Leute.“
„Ist es sehr weit von hier?“
„Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.“
„Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung . . . und dann
trennt mich das Meer . . .“
„Wovon, Jane?“
„Von England . . . von Thornfeld.“
„Nun? vollenden Sie!“
„Von Ihnen, Mr. Rochester.“
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester leicht entgehen könnte.
,Es ist in der That warscheinlich,“ versetzte er, „daß wir uns ziemlich selten oder richtiger gesagt nie wieder sehen werden, denn ich für meine Person finde wenig Gefallen an Irland: überdies, Jeane, sind wir immer gute Freunde gewesen, nicht wahr?“
„Ohne allen Zweifel.“
„Wohlan, wenn ein paar Freunde sich bald trennen müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen und ruhig von Ihrer Reise plaudern.“
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten Bank und setzte sich an meine Seite.
„Jane, begann er nun wieder, ,es thut mir leid, daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen sagen, daß es Augenblicke giebt, wo es mir scheint, als stammten wir aus einer Familie, als wären wir ein wenig verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt. Wenn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt, so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden Herzen bluten. . . . Doch,
was sage ich? ... Sie werden mich bald vergessen!“
„Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies . . .“
„Jane,“ unterbrach er mich, „hören Sie in dem fernen Wald den lieblichen Gesang der Nachtigall?“
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stille brach mein lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um den Tag, an welchem ich geboren und den. an welchem ich nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
„Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?“ fragte Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all' mein Widerstand.
„Ja, rief ich aus, „ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier, wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester? . . . nachdem ich Sie kennen gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut machen zu können.
„Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeite?“ fragte er mich plötzlich.
, Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor Augen gelegt.
„Unter welcher Form denn?“
„Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.“
„Meiner Braut? Wie kommen sie darauf? Ich habe keine Braut.“
„Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?“
„Ich will . . . ja . . . ich will! . . . ich will!“
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen und mit einem fast wilden Ausdrucke.
,,Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß; haben Sie es nicht selbst gesagt?“
„Nein . . . Sie sollen bleiben . . . ich schwöre es, und ich werde diesen Schwur halten.“
„Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf ihre Zuneigung? Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose Maschine ohne Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie denn, mein Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie die Ihrigen - und wenn ich bei einiger Schönheit ein Vermögen besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr. Rochester, so würde ich Ihnen die Trennung von mir eben so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein Geist spricht zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab überschritten und ständen völlig gleich am Throne des Herrn, . . . denn dort werden wir es sein, ja wir sind es schon jetzt, ich fühle es.“

„Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,“ wiederholte Rochester, dessen Stimme jetzt mehr als die meinige zitterte. „So kommen Sie denn, Jane, kommen Sie an mein Herz.“
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube, seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn heftig zurück.
„Nein, sagte ich, von dem raschen Strome meiner Rede fortgerissen“ ,nein, wir sind nicht gleich, denn Sie wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes Mädchen heiraten, von dem Sie wissen, daß sie unter Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung einflößt und die Sie nicht aufrichtig lieben können, weil Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch beugen . . . ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich abreisen!“
„Nach Irland, Jane?“
, Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe gesagt was ich auf dem Herzen hatte, und werde gehen wohin man will.“
„Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel, der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.“
„Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem Netze. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen, der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich des Willens, um mich von Ihnen zu trennen.“
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen Armen und
blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
„Es sei denn,“ entgegnete er mir; „Ihr Wille allein mag über Ihr
Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine Hand, mein Herz und
Ihren Antheil an Allem an, was ich auf der Welt besitze.“
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt, meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung die ich Ihnen davon geben könnte.
„Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester und doch . . .“
„Und doch ist nichts ernster, als das,“ fiel er ein. „Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen, welche soeben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen mit gutem Beispiele vorangehen.“
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor sich in dem unendlichen Raume.
Als dieses leise Geräusch erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es
war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz. Als ich es
hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester sah mich mit
ernster Zärtlichkeit weinen.
„Kommen Sie an meine Seite, Jane, sagte er endlich, „dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören. Kommen Sie, was fürchten Sie denn?“
Ach! ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
„Ihre Braut steht zwischen uns,“ sagte ich.
Er stand plötzlich auf und stand mit einem Schritte neben mir.
„Meine Braut ist hier!“ rief er aus, indem er mich von Neuem an sich zog. .Hier ist sie, denn hier habe ich meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin werden?“
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
„Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten, daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Mühe genommen, sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile meines Vermögens verloren hätte. Von diesem Augenblicke an konnte ich um ihre Hand Zanhalten, ohne zu fürchten, daß sie mir gewährt würde. Meine Berechnung bewährte sich als vollkommen richtig. Die Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit, die mir früher von diesen stolzen Damen erwiesen waren, hatten nicht meiner Person, sondern meinem Vermögen gegolten. Als in Folge meiner Andeutungen auf dies letztere nicht mehr zu rechnen war, trat in ihrem Benehmen gegen mich eine Veränderung ein, die sich nur wenig von Beleidigung und Haß unterschied. Die Coquette, welche Sie für meine Braut hielten, schien meine Besuche nur noch zu dulden und auf eine passende Gelegenheit zu warten, um meine Zudringlichkeit zu rügen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und die so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte, meine Hand anzunehmen.“
„Ist dies wirklich wahr?“ rief ich aus, gerade wegen der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit überzeugt; „ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind, . . . ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.“
„Warum?“
„Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.“
„In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein, wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich, denn ich leide Höllenqualen.“
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze seiner Augen.
„O Jane! rief er nach einer kleinen Pause, ,hören Sie auf, mich zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz zerreißt.“
„Sie drücken nichts aus, als eine innige Dankbarkeit, und ich sehe nicht ein . . .“
„Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.“
„Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich ernstlich zur Gattin?“
,,Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines Eides? Nun wohl, ich schwöre es Ihnen!“
„So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin werden will!“
„Dann komm an mein Herz, Jane, meine Geliebte, meine Braut und bald meine Gattin, sei Du der gute Genius, der mich durch's Leben begleitet, verdanke ich Dir doch eigentlich mein Leben, da Du mich vom Feuertode errettetest, das jene Entsetzliche . . .“
„Welches Entsezliche?“ fragte ich.
,,Es ist eine trübe Erinnerung, die sich dann und wann meiner bemächtigt.--- An Deiner Seite, liebe Jane, werden jene trüben Erinnerungen mich nicht mehr beunruhigen. An Deiner Seite, meine Jane, hoffe ich das häusliche Glück zu erringen, nach dem ich bis jetzt gestrebt habe, ohne es zu finden. Mache Du mich so glücklich, wie ich Dich zu machen beabsichtige. Mein ganzes Leben sei diesem Bestreben gewidmet!“
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergegangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum. Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem Drucke des Windes, der das harte Laub der Lorbeerbäume bewegte. Ein Gewitter war im Anzuge und schon fing es an zu regnen.
„Wir müssen in's Haus gehen,“ sagte Rochester, , denn das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!“
„Und ich nicht minder!“ dachte ich. Vielleicht würde ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren. Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es begann in Strömen zu regnen. Er zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden Shawl von den Schultern nahm und sanft meine feuchten Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben zwölf Ühr.
„Lege rasch Deine nassen Kleider ab,“ sagte Rochester zu mir, „und ehe Du gehst, noch einmal gute Nacht, mein Engel!“
Er umarmte mich mehrere Male, während er diese Worte wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich entfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst, indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Nacht hindurch; vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung, vor der Macht der Elemente.
Dreimal im Laufe der Nacht kam Rochester an meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl fühle oder ängstigte.
Dies war ganz geeignet, mir Muth gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte, die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie mit ihrem Mädchen in's Freie geschickt und er selbst empfing mich in unserem Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut mit meinem Glücke, dass ich dieses Entgegenkommen ganz natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes Aussehen gesagt hatte, über meine „Schönheit“ sogar und über den Glanz meiner hübschen braunen Augen, sprach Mr. Rochester sogleich von seinen Plänen. Er sagte, unsere Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen vier Wochen stattfinden und er bewilligte mir keinen Tag mehr. Neberdies habe er bereits nach London geschrieben und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge, denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über ihn selbst lustig zu machen.
„Du vergissest,“ sagte ich zu ihm, „daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt, würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernhelden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der Krause um den Hals und dem Halbmantel auf der Schulter, als mich mit Federn und Edelsteinen in einem Spiegel zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es bist; ich glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelskeit in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.“
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte. Dagegen berührte er eine empfänglichere Seite in mir, indem er von den Reisen sprach, die wir zusammen machen wollten, sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch einmal sehen wollte, . . . konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
„Außerdem will ich,“ setzte er hinzu, „daß Du noch heute Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmärchen. Nur hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich würde es ganz bestimmt versuchen.“
„Nun wohl, sagte ich lachend, mein erster Wunsch ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an die mir ohnehin schmerzliche Ungleichhheit unserer Vermögensumstände erinnern.“
„Jane, Du bist ein böses Kind!“ rief Mr. Rochester, „doch mein Wort bindet mich. die Contreordre soll noch diesen Abend abgehen.“
,Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß meine Neugierde über einen kitzlichen Punkt befriedigt werde . . .“
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn verfinsterte sich.
„Denke an Eva und Psyche,“ sagte er mit einem erzwungenen Lächeln zu mir; „Beide bereuten es, daß sie hatten zu viel wissen wollen.“
„Kann ich wenigstens wissen,“ entgegnete ich, „warum Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du sie nicht liebtest?“
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
„Ich habe nicht geglaubt, meine Jane,“ erwiderte er, „daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären. Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? und weißt Du nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sei wollte?“
Ich hätte auf diese seltsame Erklärung nur eine ihn verletzende Antwort geben können und schwieg daher. Mein dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß Mistreß Fairfag von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat, ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung in Unkenntniß bleibt.“
„Dein Wunsch soll erfüllt werden, liebe Jane.“ -- Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin, um ihr meine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich einen Mann
hatte fesseln können. Der Stolz und der strengste Ordnungsgeist, um
nicht mehr zu sagen, waren in ihren Augen die stereotypen und erblichen Eigenschaften der Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht, selbst in Bezug auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
„So ist Alles vortrefflich,“ sagte sie endlich, „und ich bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gestern Abend empfunden habe, als ich Sie, nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn Rochester um Mitternacht . . .“
„Davon wollen wir nicht mehr sprechen,“ rief ich mit einem Anflug von Ungeduld, „da Sie jetzt wissen, woran Sie sind.“
„Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsch gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, mißtrauen Sie sich selbst eben so sehr, alsihm. Es geschieht nicht alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante seiner Kinder heirathet.“
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele’s Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Mein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr. Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren. Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden, um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich jedes Mal tief gedemüthigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber fünfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte. Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann kehrten wir nach Thornfield zurück.
„Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen, mit mir zu speisen?“ fragte er mich bei unserer Ankunft.
,Nein, dafür muß ich danken.“
„Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?“
„Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben Platz nehmen soll, als bis . . .“
„Nun, willst Du mir wieder etwas verschweigen? Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.“
„Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.“
„Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte, unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen haben, und Du sollst sehen ob ich sie geltend mache.
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindisch erscheinen, aber Sie, meine verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden, bei einem zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung, welcher es sich hingiebt, vor jedem Verdacht und jedem Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte, nun mußte ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob eine seine Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deshalb, und nur deshalb, war meine Armuth mir drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben, um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte, und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichten dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der Mittelperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht mehr frei über sein Vermögen verfügen, Doch gleichviel; schon die, wenn auch noch so ungewisse Hoffnung. meinem Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei dem Gedanken, daß ich in gänzlicher Abhängigkeit von ihm leben mußte.
Ein anderes Bedenken für mich bestand darin, während der langen
vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne, der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen seiner Zärtlichkeit auszuweichen.
Doch in diesem Punkte unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus
dem Tone der Stimne, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Verfügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit. denn wenn ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre es Ihnen, es bedurfte eines Muthes, den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen, der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines Geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder gekränkt, oder spöttelnd, oder zerstreut stellte, um nicht zu hingebend, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß die Hoffnung, von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war mein Ideal geworden.
Die vier Wochen dünkten Rochester eine Ewigkeit. Fast jeden
Abend berechnete er, wie viele Tage noch bis zur Hochzeit übrig
wären. Dann und wann schien eine trübe Ahnung sich seiner zu bemächtigen und wenn ich ihn bat, mir die Befürchtung mitzutheilen,
welche ihn zu quälen schien, so antwortete er durch ein gezwungenes Lächeln; hätte ich in die Zukunft blicken können, so würde ich diese Befürchtung erkannt, und weh!-- sie nur zu sehr getheilt haben.
Neuntes Kapitel.
Die Braut am Traualtar

Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden und der Tag unserer Verbindung war gekommen. Es war Alles für die unmittelbar nachher festgesezte Abreise vorbereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten mein kleines Zimmer. Sie waren noch mit den schon geschriebenen Adressen zu versehen, auf denen ich mit Erstaunen den Namen einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: „Mistreß Jane Rochester in London.“

Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden, und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen Ausbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich den allzu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester erwartete mich mit Sehnsucht, umarmte und küsste mich. „Nun bist Du bald nicht mehr die elternlose Waise? – sagte er --- ,das arme, von den Launen des Schicksals und der Hartherzigkeit der Menschen herumgestoßene Mädchen, nun bist du bald mein, auf ewig meine zärtlich geliebte Gattin, die Lebensbegleiterin eines Mannes, der Deinen hohen Werth vollständig erkannt hat und der es fortan für seine Lebensaufgabe halten wird, Dich zu beglücken.“ Hierauf meinen Anzug musternd, sagte er mir allerlei Schmeichelhaftes, wovon mir unter andern noch die Worte erinnerlich sind: „Du bist schön wie eine Lilie.! Dann verließ er mich auf kurze Zeit, um der Dienerschaft mehrere Befehle zu ertheilen. „Wenn wir aus der Kirche zurückkommen, muß der Wagen in völliger Bereitschaft zur Abreise sein, die Koffer müssen aufgepackt und der Kutscher auf dem Bocke sein,“ hörte ich ihn seinen Dienern sagen.
Dann ließ Rochester ein Frühstück für mich serviren, aber es war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen.
Mistreß Fairfax erwartete uns im Vestibul und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es war mir nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog und da besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine Minute Aufenthalt gestatte, so energisch prägte sich der Wille in denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das Ziel zu erreichen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Athem war.
„Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe?“ sagte er zu mir.
„Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben, Jane, stütze Dich auf
mich.“
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille Kirche und erinnere mich besonders auch zweier Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige halb verwischte Grabschriften unter den Moose zu entziffern. Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zugingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt.
Ich erholte mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene
Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem Messner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt, die beiden Unbekannten waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch hinter mir, mich umzuwenden, und sah einen der beiden Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen sollte; dann trat er näher und
sagte, ein wenig zu Rochester geneigt:
„Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich seinz, in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnten, da Sie die Gewißheit haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist . . .“
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen, welches dieser feierlichen Aufforderung folgt, unterbrochen wird? Vielleicht nicht einmal in
hundert Jahren. Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem Buche erhoben und wollte nach einer kurzen Pause fortfahren.
Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen
sich öffneten um ihn zu fragen: „Erkennst Du dieses Weib als Deine
Gattin an?“ sprach eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
„Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre, daß ein Hinderniß existirt.“
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick, als wäre der Boden unter seinen Füßen gewichen. Allein er faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster Stimme, ohne sich umzusehen:
„Fahren Sie fort!“
Eine Totenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
„Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandtniß hat ohne mich überzeugt zu haben, daß sie von keiner ernsten Bedeutung ist.“
„Die Ceremonie kann nicht stattfinden,“ wiederholte die nämliche Stimme, ,und ich bin in den Stand gesetzt, darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte.“
„Worin besteht das Hinderniß?“ fragte Mr. Wood; „ist es wirklich nicht zu beseitigen?“
„Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der Fremde, indem er einige Schritte näher trat. „Das Hinderniß besteht ganz einfach in der Existenz einer ersten Ehe! Mr. Rochester hat eine Frau, die noch am Leben ist!“
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone gesprochenen Worte.
Ich blickte Rochester an, und dies zwang ihn, mich ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne Maske, seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen. Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen.
„Wer sind Sie?“ fragte er hierauf den Unbekannten.
„Ich heiße Briggs und bin Advokat in London.“
„Und Sie wollen mich mit dem Geschenk einer Frau beehren?“
„Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche anerkannt.“
„Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer sie ist, wie sie heißt, und wo sie wohnt?“
„Allerdings, mein Herr.“
Der Advokat zog ganz gelassen ein Blatt Papier aus seiner Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen halblauten und näselnden Stimme vorlas.
„Ich behaupte und kann es beweisen, daß Eduard Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der Grafschaft *** und von Ferndean-Manor in der Grafschaft *** in England am 20. October 18. . (vor fünfzehn Jahren; mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, Tochter Jonas Masons, Kaufmanns, und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in der Kirche zu Spansh-Town ehelich verbunden worden ist. Die Originalurkunde dieser Ehe existirt in den Registern der genannten Kirche. Gegenwärtig
Unterzeichnet: Richard Mason.“
„Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,“ versetzte Rochester, „so beweist sie höchstens nur, daß ich verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.“
„Vor drei Monaten war sie es noch,“ erwiderte der Advokat sogleich.
„Können Sie das beweisen?“
„Ich habe einen Zeugen dafür, den Sie wohl schwerlich verwerfen werden.“
„So stellen Sie diesen Zeugen oder gehen Sie zum Teufel!“ rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe nicht länger zu behaupten vermochte.
„Gut mein Herr, ich will die Alternative, welche Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu machen. Treten Sie näher, Mr. Mason.“
Dieser Name brachte eine blitzschnelle und zauberhafte Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein bemerkte.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck Alles befürchten ließ. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine gewaltige Hand nach ihm . . . und ich glaubte diesen schon am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief, und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung löschte wie ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn Rochesters, der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur sagte:
„Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?“
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm zu Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
„Sind Sie gewiß,“ fragte er Mason dann in sanftem Tone, „daß die Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?“
„Lassen Sie sich nicht irre machen,“ setzte der Advokat hinzu; „sagen Sie Alles was Sie wissen.“
„Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall,“ sagte Mason mit etwas festerer Stimme. ,,Ich, ihr Bruder, habe sie im vergangenen Monat April gesehen.“
„In Thornfield-Hall?“ rief der Geistliche mit unbeschreiblichem
Erstaunen. „Dies scheint mir unmöglich, denn ich wohne schon sehr
lange in dieser Gegend, habe aber nie gehört, daß in Thornfield-Hall
eine Mistreß Rochester lebt!“
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam eine Art
von verzweifeltem Lächeln. „Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren gut getroffen!’
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn zu stören
wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte, rief er plötzlich:
„Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green (so hieß der Messediener) Sie können sich entfernen, es wird heute keine Trauung stattfinden.“
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und Sorglosigkeit weiter:
„Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber das Schicksal hat meine kluge Berechnungen zerstört und die Vorsehung hat mich, wie Leute sagen werden, am Rande des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren, mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat und sein Client sagen die Wahrheit: ich bin verheirathet mit einer noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen hören, die ich bei mir verborgen halte? Man hat Ihnen wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester oder auch eine verlassene Geliebte? . . . Nein, sie ist meine Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet habe, die Schwester des wackern Mannes, den Sie hier sehen, eine Creolin, die Tochter einer durch den übermäßigen Genuß geistiger Getränke verthierten Mutter und wahnsinnig wie diese, da sie ebenfalls dem Laster des Trunkes ergeben ist. Man hütete sich wohl, mich zu warnen, als von der im Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten Verbindung die Rede war; man hütete sich wohl, mir zu sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei Generationen von der Mutter auf die Tochter fortgeerbt hatte. Urtheilen Sie daher über mein Glück und über die angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich der Gatte Bertha Mason's wurde. Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen gebliebenen Glücke überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger Mr. Wood, und Sie, Herr Advokat Briggs, und auch Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen Sie mit mir in meine Wohnung. Sie sollen mir dann sagen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden zu halten. Was diese junge Dame betrifft, „fuhr er fort, indem er auf mich zeigte, „so wußte sie von dem
Allen ebensowenig etwas, als Sie, mein lieber Wood. Sie war im Begriff in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewissenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Wittwenstandes überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.“
Er verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
,Du kannst wieder ausspannen!“ sagte Rochester ganz ruhig zu dem Kutscher; „ich reise heute nicht ab.“
Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Leah erwarteten uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
„Zurück! zurück!“ rief ihnen Rochester zu. „Ich danke für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr, sie kommen fünfzehn Jahre zu spät.“
Zehntes Kapitel.
Das enthüllte Geheimnis.
Nach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine Hand noch
immer in der seinigen haltend, und winkte den drei Herren, uns zu
folgen. Wir gingen die Treppe hinauf, bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
„Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason?“ fragte Rochester
seinen Schwager in spöttischem Tone. „Hier war es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen wurden.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür des Nebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem Casserol in der Hand saß, um, Gott weiß was zu kochen. Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Art von Höhle ging, gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige, ein Geschöpf, ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab . . . dies war die rechtmäßige Gebieterin des Schlosses.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden, ob dies ein
menschliches Wesen war. Eine verworrene Masse ehedem schwarzer,
jetzt aber fast grauer Haare, verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich. Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten Raubthiere nachzuahmen; kurz es war eine Hyäne in Frauengestalt.
„Nun, Mistreß Poole,“ fragte Mr. Rochester, „wie geht es hier diesen Morgen?“
„Ich danke Ihnen,-- antwortete Grace, indem sie ihren Tiegel behutsam über das Feuer setzte; „sie brummt nur ein wenig, das ist Alles.“
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den heftigsten Zorn verrieth.
„Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester,“ sagte Grace Poole, „bleiben Sie nicht hier.“
„Nur einige Minuten.“
„Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht . . . um des Himmels
willen, seien Sie vorsichtig!“
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat einige Schritte vor.
„Wer weiß?“ entgegnete Grace, ,“sie ist heimtückisch. Jedenfalls sehen sie sich vor. Jetzt!“
„Lassen Sie nur,“ sagte Rochester, indem er sie auf die Seite schob, „sie hat hoffentlich kein Messer und ich bin auf meiner Hut.“
Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faßte ihn bei der Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen. So rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war ein starkgebautes, kräftiges Weib, das einem Manne gewachsen war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage zu Boden werfen können, aber er wollte sie nur bändigen und dies gelang ihm auch.
Als diese Operation beendigt war, wandte er sich an die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
„Dies ist meine Frau dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und hier ist Die,“ setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, ,“deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen reinen Züge mit jenem abschreckendem Gesicht, diese schlanke Gestalt mit jener unförmigen Masse. Ich fordere Sie, Herr Pfarrer, im Namen der Religion, und Sie, Herr Advokat, im Namen des Gesetzes auf, über meine Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß man einst für seinen Urtheilsspruch verantwortlich ist! Jetzt können Sie sich entfernen.“
Wir ließen uns dies nicht zweimal sagen. Rochester blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben. Die Herren entfernten sich und ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben hatte. Schwach und erschöpft sank ich auf einen Stuhl.
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und zu dem kalten Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Was Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen verloren hatte, und daß ich mich von ihm trennen mußte. Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte mich nicht so, wie ich geglaubt hatte.
Von dem Wechsel der Ereignisse dieses Tages niedergeschlagen und ermattet, schlief ich endlich auf meinem Stuhle ein. Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich die Augen wieder und stand auf, um mein Platz zu verändern. Die Nothwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir als eine gebieterische Pflicht.
Ich ging langsam nach der Thür, schob den Riegel zurück und
trat in den Korridor hinaus; aber bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuß an einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen, aber ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der Arm Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines Zimmers sitzend, erwartete.
„Endlich!“ sagte er zu mir; ,ich wartete hier, bis Du aus Deinem Zimmer kommen würdest; und wußte nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn sie noch länger gedauert hätte, so würde ich es nicht länger ertragen und diese verwünschte Thür eingeschlagen haben. Warum hat meine Jane allein weinen wollen? an meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen . . . Wie Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „hast Du nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich? Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen? Wirst Du mir nie vergeben?“
„Wie thöricht bin ich!“ fuhr Rochester fort, als ich nicht sogleich antwortete. „Sie glaubt, ich bin verheirathet . . . muß ich sie nicht zuerst enttäuschen? Wenn sie Alles weiß, was ich weiß, dann wird sie auch denken wie ich. Jane, meine heißgeliebte Jane, laß Deine Hand in der meinigen und schenke mir einige Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit anhören können?“
„Stunden lang, wenn es sein muß.“
„O, ich bedarf nur einige Minuten. So höre denn, meine Jane. Um meinem älteren Bruder alle Familienbesitzungen zu sichern, so daß der Glanz der Rochester durch ihn repräsentirt würde, und um mich möglichst zu entschädigen, waren alle Bestrebungen meines Vaters darauf gerichtet, mich mit einem möglichst reichen Mädchen zu verheirathen. Ein weitläuftiger Bekannter meines Vaters, Mr. Mason auf Jamaika, gab seiner Tochter Bertha fünfzigtausend Pfund Sterling als Mitgabe. Dieser Umstand entschied über mein Schicksal. Als ich die Universität verließ, wurde ich nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, ich werde eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der Colonie. Und dies war keine Uebertreibung. Auch die Eltern der reichen Erbin, denen der Name Rochester ein glücklicher Fund für ihre Tochter zu sein schien, boten Alles auf, um den ihnen zugesendeten jungen Mann zu fesseln. Meine Sinne, mein Stolz und mein jugendlicher Ergeiz wurde zu gleicher Zeit angeregt. Ich sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen umgeben war, wo sie in dem doppelten Glanze des Reichthums und der Schönheit strahlte.
Durch tausend wohlberechnete Kunstgriffe bethört, und von den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die stolze Schönheit überhäuft wurde, heirathete ich sie, ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, welches lebhafte Blut, welche verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man mich von der Existenz meiner Schwiegermutter unterrichtete, die sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden meine Illusionen bald gestört. Wenige Tage waren hinreichend, damit ich zu meinem tiefen Schmerz die gemeinen Neigungen, den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des jungen Mädchens erkannte, die ich zur Gefährtin meines Lebens erwählt hatte. Ich fand in ihr sehr bald ein Gemisch von Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit. Noch traurigere Erfahrungen zeigten mir die Zukunft in der drohendsten Gestalt und meine neue Familie als unwürdig meiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde unter der Last eines solchen nicht wieder gut zu machenden Unglücks erlegen sein. Ich kämpfte vier Jahre lang, indem ich meinen tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen und die zügellosen, entehrenden Neigungen meiner unwürdigen Gattin zu verändern oder wenigstens zu mildern versuchte. Aber ungeachtet aller meiner Anstrengungen entwickelten sich die Laster dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit. Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen und ihr öffentlich beschimpfter Gatte mußte
daran denken, sich von ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und ich Unglücklicher sah mich einem Schicksal preisgegeben, das mir die Habsucht meiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason und meine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
Ich hätte die Wahnsinnige ihrem Schicksal überlassen und von Jamaika fliehen können, aber mein Stolz empörte sich gegen eine so feige Durchhauung des Knotens. Unschlüssig, was ich beginnen sollte, überließ ich mich ganz meinem Kummer, welcher von Verzweiflung nur wenig verschieden war. Meinen Vater hatte ich schon frühe verloren und aus einem um jene Zeit anlangenden schwarz gesiegelten Brief erhielt ich auch noch die Nachricht, daß mein Bruder mit dem Tode abgegangen sei. So fielen denn alle väterlichen Besitzungen mir zu, und dennoch bei allen Reichthümern, deren Besitzer ich nun wurde, wer war unglücklicher als ich?“
Rochester erzählte mir nun weiter, wie er nach Regelung seiner
Erbangelegenheiten den Entschluß faßte, durch weite Reisen den Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub. Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren konnten, dann erst wagte er es, das förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mir zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
„Jane, ich will Dir die Antwort sagen, die ich von Dir erwarte,
sie lautet: Herr Rochester, ich bin die Ihrige!“
„Herr Rochester,“ erwiderte ich, „ich werde nie die Ihrige!“
Es erfolgte eine lange Pause.
„Jane,“ hob er noch einmal an, und seine Stimme war so sanft, daß sie mir das Herz brach, und mich zugleich mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam mir vor, wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen, ,Jane, es kann Dein Wille nicht sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte Wege einschlagen.“
,Allerdings will ich dies.“
„Jane, versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte und mich mit seinen Armen umschlang, „willst Du es auch jetzt noch?“
„Ja.“
„Und jetzt? . . .“ Er bedeckte meine Stirn und meine Wangen mit Küssen.
„Ich will es!“ rief ich noch einmal, indem ich mich mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten Ausdruck an, den ich noch nie an ihm bemerkt hatte. Er richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen, jetzt wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die mir als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken sein, denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.

Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
„Einen Augenblick, Jane! Stelle Dir das Leben vor, welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast. Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du mich dazu verurtheilen, nur für sie zu leben, keine andere Liebe mehr zu haben, als die ihrige?“
„Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst leben werde! auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden werden.“
„Du willst also nicht nachgeben?“
„Nein.“
„Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe und mit Fluch beladen sterbe.“
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fernrollender Donner.
„Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben, und wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben. Ueberdies werden Sie mich vergessen . . .“
„Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich lüge, und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich. Sieh, welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte, die sich durch Deine Neigung zu mir in ihrer Ehre oder in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten . . .“
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
„Du gehst, Jane?“
„Ja, ich gehe.“
„Du willst mich verlassen.“
„Ich muß es.“
„Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht meine Stütze und mein Trost sein?. . . Alle meine Liebe, all' mein verzweifeltes Flehen vermag nichts über Dich? . . .“
Ich will es nicht versuchen, Ihnen den ergreifenden und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in seinem Munde hatten.
Aber Sie werden ermessen können, welches Muthes es bedurfte, um
in festem Tone zu wiederholen: „Ich muß gehen!“
,Jane!“
Ich blieb stehen.
So geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere Dich, daß Du mich hier allein und elend zurücklässest. Geh hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege dort, was ich Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden an Deinem Geiste vorüberziehen . . . denke an mich !“
Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das Sopha, verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit von Schluchzen erstickter Stimme:
„O, Jane, meine Hoffnung . . . meine Liebe . . . meine Leben!“
Dann entschlüpfte seinen Lippen ein tiefer Seufzer.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von den Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte meinen Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend sein schönes Haar.
„Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter, sagte ich zu ihm, „möge er Sie vor jeder Sünde und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und trösten und Ihnen alles Gute vergelten, daß Sie an mir gethan haben.“
„Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn für mich gewesen,“ antwortete er, „ohne diese Liebe bleibt mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut um sie mir versagen . . . ja, ich weiß es, ich besitze diese Liebe schon . . .“
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme aus . . . Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch einen Augenblick zu zögern, verließ ich das Zimmer.
„Lebe wohl!“ rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn so allein zurückließ. Und tausend Stimmen wiederholten in meinem Innern:
„Lebe wohl auf ewig !“
Erster Band.

I.

Es war an jenem Tag rein unmöglich, einen Spaziergang
zu machen. Wir waren in der That des Morgens eine Stunde
lang in dem entblätterten Gesträuch herumgegangen, aber nach
Tische -- Mistreß Reed pflegte sehr zeitlich zu Mittag zu essen,
wenn sie keine Gäste hatte -- brachte der kalte Winterwind so
düstere Wolken, einen so durchdringenden Regen mit sich, daß
von einem weiteren Spazierengehen im Freien nicht die Rede
sein konnte.
Ich war froh, denn ich war nie eine Freundin von weiten
Spaziergängen, am wenigsten an kalten Nachmittagen. Es war
mir immer schrecklich zu Muthe, wenn ich im düsteren Zwielicht
nach Hause kam, die Finger und Zehen starr vor Frost, das
Herz trübe und schwer von Bessie's, des Kindermädchens, unaufhörlichen Gezänken, gedemüthigt durch das Bewußtsein, wie sehr
ich in physischer Beziehung Elisen, John und Georginen Reed
nachstand.
Die erwähnten Kinder, Elisa, John und Georgine, waren
in diesem Augenblicke um ihre Mama im Besuchzimmer versammelt, sie lehnte im Sopha in der Caminecke und sah, im
Kreise ihrer Lieblinge, welche während dieser Zeit weder zankten,
noch schrien, vollkommen heiter und glücklich aus. Meine eigene
kleine Person durfte sich dieser Gruppe nicht anschließen; Mama
sagte, es thäte ihr sehr leid, mich in der Entfernung halten zu
müssen, aber sie könne nicht anders, bis sie sich durch Bessie's Aussagen und durch eigene Anschauung überzeugt hätte, daß ich den

reinsten Willen habe, ein geselligeres und kindlicheres, anmuthigeres,
leichteres, freieres und natürlicheres Betragen anzunehmen; bis
dahin müsse sie mich wirklich von dem Mitgenusse solcher Vortheile ausschließen, welche nur braven und darum auch zufriedenen
und glücklichen Kindern gebührten.
'Was sagt denn Bessie, daß ich verbrochen habe?'
fragte ich.
'Jane, ich kann das Forschen und Fragen nicht leiden.
Uebrigens schickt es sich für ein kleines Mädchen gar nicht, sich
älteren Personen so entgegen zu stellen. Setze Dich irgendwo
nieder und sei so lange still, bis Du wieder artiger sprechen
willst.'
Ein kleines Frühstückzimmer stieß an das Besuchzimmer;
dort hinein schlüpfte ich. Es enthielt einen Bücherschrank; ich
bemächtigte mich sofort eines Buches, natürlich eines Bilderbuches.
Darauf begab ich mich in die Fensterbrüstung, kreuzte die Füße
nach türkischer Manier übereinander und nachdem ich die rothen
Moirevorhänge zugezogen hatte, war ich von beiden Seiten
abgeschlossen.
Rechts zeigten sich mir die malerischen Falten der scharlachrothen Draperie, links die hellen, durchsichtigen Glasscheiben, die
mich vor dem kühlen Novembertage schützten, ohne mir die Aussicht auf die frostige Außenwelt zu benehmen. Von Zeit zu Zeit,
während ich die Blätter des Buches umschlug, stellte ich Betrachtungen über den Anblick dieses Wintertages an. In der
Ferne bot derselbe ein fahles Weiß von Nebeln und Wolken,
in der Nähe eine Scenerie von nassem Grasgrund und sturmgepeitschtem Gesträuch; ein immerwährender Regenschauer floh
vor dem scharfen Athemzuge der Windsbraut über die Fläche hin.
Wieder blickte ich in mein Buch -- Bewick's Naturgeschichte
der Vögel Großbritanniens -- das Gedruckte interessirte mich im
Allgemeinen sehr wenig, indessen konnte ich, so sehr ich auch
Kind war, einige Seiten der Einleitung nicht ganz unbeachtet
überschlagen. Sie handelten von den Aufenthaltsorten der Seevögel, den ,einsamen Felsen und Vorgebirgen', die von ihnen
allein bewohnt sind; von den der Länge nach vom Cap
Lindenäs bis zum Nordcap mit Inseln bekränzten Küsten Norwegens --

,Wo das nord'sche Meer mit wüstem Tosen
Das Felseneiland, schen von Sterblichen gemieden,
Des fernen Thule wild umbraust und die Atlantis
Hinein schäumt in die stürmischen Hebriden. --'
Ebenso wenig konnte ich die Beschreibung der eisigen, schneebedeckten Ufer Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Novaja-Semljas
und Grönlands übergehen, ,jene trostlosen Regionen des ödesten
Raumes, vom arktischen Gürtel umfangen, jener Urbehälter von
Frost und Schnee, wo feste Eisfelder, die Erzeugnisse von Jahrhunderten, zur Höhe der Alpen emporgethürmt, den Pol umgeben und die vielfältigen Schrecknisse der äußersten Kälte gleichsam in einen Mittelpunkt zusammenfassen'. Von diesen in der
Weiße des Todes erglänzenden Landstrichen bildete ich mir nun
eine Idee nach meiner Weise; sie war freilich ein bloßer Schatten,
wie dies bei allen unreifen Vorstellungen der Fall ist, welche
nebelartig die Seele eines Kindes durchziehen, aber sie hinterließ
einen merkwürdigen, dauernden Eindruck. Die Worte dieser Einleitung verbanden sich mit den beigegebenen Bildern und gaben
dem einsamen Felsen in einer stürmischen, wildschäumenden See,
dem zerschellten, an einer trostlosen Küste gestrandeten Boote,
dem kalt und geisterhaft durch finstere Wolken auf ein eben versinkendes Wrack herabscheinenden Monde eine ganz besondere
Bedeutung.
Ich kann's nicht bestimmt sagen, was für ein Gefühl der
einsame Kirchhof in mir erweckte, mit seiner Ueberschrift, seinem
Gitterthor, den beiden Bäumen, dem niedrigen, rings von der
zerfallenen Mauer begrenzten Horizont, dem eben aufgegangenen
Halbmond, welcher die späte Abendzeit verkündete.
Die beiden Schiffe, welche auf träger See stillstanden, hielt
ich für Seegespenster.
Den Gottseibeiuns mit Schweif und Pferdefuß überschlug
ich als einen Gegenstand des Entsetzens, desgleichen das schwarze,
gehörnte Wesen, das von der Spitze eines Felsens eine um einen
Galgen versammelte Menge musterte.
Ein jedes Bild erzählte mir eine Geschichte, oft lautete
dieselbe meinem unentwickelten Verstande und unvollkommenen
Gefühlen sehr geheimnißvoll, aber immer war sie interessant, so
interessant wie die Märchen, welche Bessie an langen Winterabenden zu erzählen pflegte, wenn sie zufällig guter Laune war.
Dann brachte sie wohl das Bügelbrett zum Camine der Kinderstube, erlaubte uns, uns um sie herumzusetzen und während sie
Mistreß Reed's Halskrause herrichtete und die Spitzen ihrer Nachtmütze ausplättete, fütterte sie unsere gierige Aufmerksamkeit mit
Liebesbegebenheiten und Abenteuern aus alten Feenmärchen und
noch älteren Balladen; später entdeckte ich, daß sie ihre Erzählungen Pamela und Heinrich, Grafen von Moreland, entnommen hatte.
Mit Bewick auf dem Schoße fühlte ich mich glücklich, wenigstens glücklich nach meiner Weise. Nichts fürchtete ich als eine
Unterbrechung und die letztere störte mich nur zu bald auf. Die
Thür des Frühstückzimmers öffnete sich.
,Holla! Madame Trotzkopf!' rief die Stimme John Reed's;
dann trat eine Pause ein; der Junge fand die Stube anscheinend leer.
,Wo der Teufel steckt sie!' fuhr er fort. ,Lieschen, Georgy!'
-- seinen Schwestern rufend -- ,Hanne ist nicht hier; geht und
sagt der Mama, daß sie im Regen auf die Straße gelaufen ist,
das garstige Thier.'
, Ein Glück, daß ich den Vorhang zuzog,' dachte ich bei
mir selbst, und vom Grunde meines Herzens betete ich, er möchte
mein Versteck nicht ausfindig machen. In der That wäre auch
John Reed bei der Blödigkeit seiner Augen und seines Verstandes nicht dahinter gekommen; aber im selben Augenblicke
steckte Elise ihren Kopf zur Thür herein und sagte:
, Sie ist in der Fensterbrüstung, ganz gewiß, Jack!'
Sofort trat ich auch heraus, denn ich zitterte bei dem
bloßen Gedanken, vom besagten Jack hervorgezogen zu werden.
,Was willst Du? frug ich mit scheuer Aengstlichkeit.
,Was wünschen Sie, junger Herr Reed, sollst Du sagen,
war die Antwort. ,Ich will, daß Du herkommst. Bei diesen
Worten setzte er sich in einen Armstuhl und bedeutete mir mit
der Hand, näherzutreten und mich vor ihn zu stellen.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren, vier
Jahre älter als ich, denn ich zählte deren bloß zehn; groß
und stämmig für sein Alter, von fahler, ungesunder Gesichtsfarbe, groben Zügen, einem breiten Gesicht; seine Glieder waren
überhaupt massiv, seine Hände und Füße unverhältnißmäßig
groß. Bei Tische pflegte er sich über Gebühr vollzupfropfen, was
sein Temperament gallig, seine Augen blöde und umflort, seine
Wangen schwammig machte. Er hätte dazumal eigentlich in der
Schule sein sollen, aber seine Mama hatte ihn ,seiner schwachen
Gesundheit wegen' auf ein oder zwei Monate nach Hause genommen. Sein Lehrer, Mister Miles, behauptete zwar, John
würde sich recht wohl befinden, wenn er weniger Kuchen und
Süßigkeiten von Hause geschickt bekäme; seiner Mutter Herz
konnte indessen einen so barbarischen Gedanken gar nicht fassen
und so blieb sie bei der ihrer Zärtlichkeit entsprechenderen Idee
stehen, John's ungesunde Gesichtsfarbe sei seinem allzugroßen
Fleiße und vielleicht auch dem Heimweh zuzuschreiben.
John hatte weder für seine Mutter, noch für seine Schwestern
eine große Zuneigung, gegen mich hingegen eine ausgesprochene
Antipathie. Er neckte und schlug mich, nicht etwa zwei- oder
dreimal die Woche oder ein- oder zweimal des Tages, sondern
ohne Unterlaß; jeder Nerv meines Körpers zitterte vor ihm und
jede Muskel zog sich zusammen, wenn er näher kam. Es gab
Augenblicke, wo mir der Schreck, den er mir einflößte, alle Besinnung raubte, da ich gegen seine Drohungen und Bosheiten
weder Schutz noch Rückhalt hatte. Das Gesinde wollte dem
jungen Herrn nicht zu nahe treten, indem es mich vertheidigte,
und Mistreß Reed war in dieser Beziehung taub und blind, sie
sah es nie, wenn er mich schlug und hörte nicht, daß er mich
schmähte, obwohl er sich das eine oder das andere dann und
wann sogar in ihrer Gegenwart erlaubte, wenn es gleich am
häufigsten hinter ihrem Rücken geschah.
John gegenüber an Unterwürfigkeit gewöhnt, stellte ich mich
sofort vor seinen Stuhl; etwa drei Minuten brachte er damit
zu, die Zunge so weit auf mich herauszustrecken, als er dies,
ohne die Zungenwurzel zu beschädigen, füglich thun konnte; ich
sah voraus, daß er alsbald auf mich losschlagen würde, und
während ich dem Schlage entgegenzitterte, konnte ich mich nicht
enthalten, das eklige und häßliche Gesicht meines Henkers näher
ins Auge zu fassen. Wahrscheinlich mochte er meine Gedanken
in meinen Blicken gelesen haben, denn plötzlich und ohne ein
Wort zu verlieren, schlug er nach mir mit aller Kraft. Ich

schwankte und, mein Gleichgewicht wieder gewinnend, trat ich
einen oder zwei Schritte zurück.
,Nimm das für Deine Unverschämtheit, meiner Mama
vor einer Weile so zu antworten, sagte er, ,und für Deinen
heimlichen Rückzug hinter den Vorhang und für den Blick, den
Du mir vor zwei Minuten zuwarfst, Du abscheuliche Ratte, Du!
Ich war John's Schmähungen zu sehr gewöhnt, um irgend
eine Entgegnung versuchen zu wollen; meine nächste Sorge
bestand bloß darin, wie ich den zweiten Schlag ertragen könnte,
welcher der Beschimpfung unausweichlich folgen würde.
,Was thatest Du hinter dem Vorhange? war John's
nächste Frage.
,Ich las.
,Zeig' das Buch her.
Ich ging zum Fenster und holte es.
,Du hast mit unseren Büchern gar nichts zu schaffen. Du
ißt bei uns das Gnadenbrot, wie Mama sagt, Du hast kein
Geld, Dein Vater hinterließ Dir nichts, Du solltest eigentlich
betteln gehen und nicht mit vornehmer Leute Kindern, wie unsereins, zusammenleben, mit uns von denselben Speisen essen und
Kleider tragen, die Dir unsere Mama schaffen muß. Ich will
Dich lehren, in meinen Büchern herumzukramen; denn die Bücher
sind mein und das ganze Haus gehört mir oder wird mir in
wenigen Jahren gehören. Packe Dich und stelle Dich zur Thür,
außer den Bereich der Spiegel und Fenster.
Ich that, wie mir geheißen wurde, ohne im ersten Augenblick die Absicht des Buben zu erfassen; als ich ihn aber das
Buch aufheben und zum Wurfe schwingen sah, fuhr ich instinctmäßig mit einem Angstrufe beiseite; doch nicht zeitig genug,
denn der Band traf mich, ich fiel, schlug mit dem Kopfe gegen
die Thür und zerschellte mir den Schädel. Die Wunde blutete,
der Schmerz war heftig; mein Schrecken hatte die höchste Stufe
überschritten und machte anderen Gefühlen Plat.
,O, Du böser, Du grausamer Bube! rief ich. ,Du
handelst ja wie ein Mörder -- ein Sklaventreiber -- wie die
römischen Kaiser!
Ich hatte vordem Goldsmith's Geschichte Roms gelesen
und mir über Nero und Caligula eine Meinung gebildet, auch,

wie natürlich, im Stillen Vergleiche gezogen, freilich ohne daran
zu denken, sie je in dieser Weise laut werden zu lassen.
,Wie! Was! schrie er auf. ,Zu wem sagt sie das?
Doch nicht zu mir? Elisa, Georgina, habt Ihr es gehört?
Warte, ich will es der Mama sagen! Doch zuvor --
Bei diesen Worten stürzte er wie ein Rasender auf mich
los; ich fühlte, wie er mich bei den Haaren und bei den
Schultern packte; die Verzweiflung gab mir Kraft. Ich sah in
ihm einen Tyrannen, einen Mörder; ich fühlte einige Blutstropfen von meinem Kopfe den Nacken herabrinnen, dies und
ein stechender Schmerz hatten in diesem Momente die Oberhand
über jedwede Furcht und ich empfing den Burschen mit einer
Art entschlossener Raserei. Was ich ihm mit meinen Händen
zufügte, das weiß ich nicht mehr, ich hörte nur, wie er mich
eine böse Ratte nannte und laut aufschrie. Man war ihm bald
zu Hilfe gekommen; Elisa und Georgina hatten Mistreß Reed
geholt, die sofort auf den Schauplatz eilte, gefolgt von Bessie
und Abbot, ihren Kammerzofen. Man trennte uns und ich hörte
die Worte:
,Du lieber Himmel! Welche Bosheit, den jungen Herrn
derart anzufallen!
,Hat man je ein so boshaftes Geschöpf gesehen!
Worauf Mistreß Reed erwiderte:
,Bringt sie ins rothe Zimmer und schließt sie dort ein.
Vier Hände faßten mich zu gleicher Zeit und ich wurde
die Treppe hinauf getragen.

II.

Den ganzen Weg über leistete ich nach Kräften Widerstand,
für mich eine ungewohnte Sache und für Bessie und Jungfer
Abbot ein Anhaltspunkt mehr, die schlechte Meinung, die sie
bereits von mir gefaßt hatten, zu begründen. Der einzige Grund
meines Betragens bestand indessen darin, daß ich ganz außer
mir war; die augenblickliche Auflehnung gegen meine Quäler,
welche natürlicherweise schreckliche Strafen nach sich ziehen mußte,

hatte mich, wie irgend einen meuterischen Sklaven, zu dem Entschlusse gebracht, so weit als möglich zu gehen.
,Halten Sie ihr die Hände, Mamsell Abbot; sie geberdet
sich ja wie eine wüthende Katze.
,Pfui! Schämen Sie sich! rief die Herrenmagd. ,Welch
abscheuliche Aufführung, Miß Eyre, nach einem jungen Gentleman, dem Sohne Ihrer Wohlthäterin, Ihrem jungen Gebieter
zu schlagen!
,Gebieter? Wieso ist er mein Gebieter? Bin ich eine
Dienstmagd?
,Nein! Sie sind noch weniger als eine Dienstmagd, denn
Sie thun nichts für Ihren Unterhalt. Da, setzen Sie sich nieder,
und denken Sie über Ihre Nichtswürdigkeiten nach.
Indessen hatten mich die beiden Mädchen in die bezeichnete
Stube gebracht und dort auf einen Stuhl niedergeworfen.
Mein erster Gedanke war, wie eine Feder emporzuschnellen,
aber zwei Paar Hände brachten mich augenblicklich zum Stillsitzen.
,Wenn Sie nicht sitzen bleiben, so müssen wir Sie anbinden, sagte Bessie. ,Mamsell Abbot, leihen Sie mir einmal
Ihre Strumpfbänder, die meinigen würde sie gleich zerreißen.
Mamsell Abbot machte sich bereit, das geforderte Bindemittel von ihren dicken Beinen abzulösen. Die Bereitung von
Fesseln und der Gedanke an die damit verbundene neue Schmach
benahm mir etwas von meiner Aufregung.
,Lassen Sie sie daran, rief ich. ,Ich will mich nicht
rühren.
Und zur besseren Bekräftigung des Gesagten hielt ich mich
mit beiden Händen am Stuhle fest.
, Ich wollte es Ihnen auch nicht gerathen haben, erwiderte Bessie, indem sie, nach gewonnener Ueberzeugung, daß
ich fest saß, ihre Hände von mir nahm. Darauf stellte sie sich
mit Jungfer Abbot mit unterschlagenen Armen vor mich hin,
und Beide blickten mir düster und forschend ins Antlitz, als
hielten sie mich für verrückt.
Sie war früher nie so, begann nach einer Weile Bessie.
Oh, es hat schon immer in ihr gesteckt. Ich habe der
gnädigen Frau schon öfter meine Meinung über das Kind gesagt, und sie hat mir ganz Recht gegeben. Es ist ein kleiner
Wechselbalg! mein Lebtag habe ich noch kein Mädchen ihres
Alters so heimtückisch gesehen!
Bessie antwortete nicht. Nach einer kurzen Pause wandte sie
sich zu mir.
,Sie sollten am besten wissen, Miß, was Sie Mistreß Reed
zu danken haben; sie allein erhält Sie. Wenn sie Sie verstößt,
so kommen Sie geraden Weges ins Armenhaus.
Auf solche Reden konnte ich nichts erwidern. Sie waren
mir nichts neues; mit den ersten Vorstellungen meines Daseins
hatten sich ähnliche Andeutungen gepaart. Der Vorwurf meiner
Armuth und Abhängigkeit tönte mir in den Ohren, peinlich
zwar und drückend, aber nur halb verständlich. Nun ließ sich
auch Jungfer Abbot vernehmen.
,Und Sie dürfen sich gar nicht einbilden, daß Sie ebenso
viel sind, als die Fräuleins Reed und der junge Herr Reed;
etwa darum, weil Mistreß Reed die Gnade hat, Sie mit ihren
Kindern aufzuziehen? Die haben sehr viel Geld, und Sie haben
gar nichts, daher ziemt Ihnen Demuth, und Sie werden wohl
daran thun, etwas leidlicher zu werden.
,Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten, fügte Bessie
etwas freundlicher hinzu; ,versuchen Sie es mit Dienstfertigkeit
und Zuvorkommenheit, vielleicht haben sie dann eine Heimat
in diesem Hause; aber wenn Sie sie sich roh und leidenschaftlich
betragen, so wird Sie die gnädige Frau ganz gewiß fortschicken.
,Zudem, meinte Miß Abbot, ,wird sie unser Herrgott
strafen, vielleicht schickt er ihr einmal mitten in den Ergüssen
ihrer Bosheit den Tod, und wo soll dann ihre arme Seele hinkommen? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein lassen. Um
alles in der Welt wollte ich nicht ihr Herz haben. Sagen Sie
Ihre Gebete her, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn
Sie keine Reue zeigen, so möchte am Ende irgend ein Gespenst
den Camin herunter kommen und Sie holen.
Beide entfernten sich nun, stießen die Thür zu, und sperrten
sie hinter sich ab.
Das rothe Zimmer war eine unbenutzte Stube, in der
selten, ich möchte beinahe sagen nie, jemand die Nacht zubrachte,

es wäre denn, daß zufällig ein großer Schwarm von Gästen
Gatesheadhall überschwemmte, und es nothwendig machte, alle
Räumlichkeiten des Hauses zu verwenden. Dessen ungeachtet war
die rothe Stube eine der größten und stattlichsten der Wohnung.
Eine auf massiven Säulen von Mahagoni ruhende Bettstatt mit
einem Himmel von dunkelrothem Damast stand, der Bundeslade
ähnlich, in der Mitte; die zwei großen Fenster, die Fensterladen
stets geschlossen, waren von Garnituren und Draperien von derselben Farbe halb verhüllt; über den Fußboden breitete sich ein
rother Teppich; auch den Tisch am Fuße des Bettes deckte ein
carmoisinrothes Tuch; die Wände waren lichtroth, mit einem
zarten Hauche von Feuerroth gemalt, der Kleiderschrank, die
Toilette, die Stühle sämmtlich von dunkel politirtem Mahagoni.
Aus diesen tiefen Schatten ringsum erhoben sich hoch und blüthenweiß die aufeinander geschichteten Matratzen und Federpölster
des Bettes mit einer schneeigen Marseiller Steppdecke überkleidet;
am Kopfe des Bettes ragte, wohl nicht ganz so hoch wie das
erstere, ein weiter, gepolsterter Sorgenstuhl, gleichfalls weiß überzogen und vorne mit einem Fußschemel versehen, empor, der mir
wie ein weißer Thron vorkam.
Die Stube war kalt, weil man sie selten heizte; still, weil
sie von der Kinderstube und der Küche gleich weit entfernt lag;
feierlich und unheimlich, weil man wußte, sie werde selten betreten. Bloß am Sonnabend kam das Stubenmädchen hinein,
um von den Spiegeln und Möbeln den ungestört angesammelten
Staub einer ganzen Woche abzuwischen; Mistreß Reed selbst besuchte die Stube nur in seltenen Zwischenräumen, um eine geheime Schublade im Kleiderkasten zu untersuchen, welche verschiedene Pergamente, ihr Juwelenkästchen und ein Miniaturporträt ihres verstorbenen Mannes enthielt. Ihres verstorbenen
Mannes -- in diesen Worten lag das Geheimniß der rotten
Stube, der Zauberbann, welcher dieselbe trotz ihrer Größe öde
und verlassen erhielt.
Mister Reed war vor neun Jahren gestorben; in der rothen
Stube hatte er seinen Geist ausgehaucht; dort hatte er am
Paradebett gelegen, von dort hatten die Leichenmänner seinen
Sarg abgeholt, und von jenem Tage an hatte eine gewisse
Weihe das Zimmer vor häufigem und längerem Aufenthalte bewahrt.


Der Sitz, auf welchen mich Bessie und die bitterböse
Mamsell Abbot festgebannt hatten, war eine niedrige Ottomane
nächst dem marmornen Caminmantel. Vor mir erhob sich das
Bett, zu meiner Rechten stand der hohe, finstere Kleiderschrank,
in dessen politirten Thüren sich die verschiedenartig gebrochenen
Reflexe abspiegelten; links präsentirten sich die verhüllten Fenster
und ein zwischen den letzteren angebrachter Spiegel gab das unheimlich großartige Bild des Bettes und der ganzen Stube
wieder. Ich wußte nicht ganz gewiß, ob man die Thür zugesperrt hatte; ich nahm mir die Freiheit aufzustehen und sah
nach. Ach, ja! Nie war der Ausgang eines Kerkers besser verwahrt. Zu meinem Sitze zurückkehrend, mußte ich vor dem
Spiegel vorbei; mein Blick fiel, unwillkürlich gefesselt, darauf,
gleichsam um die Tiefe zu ergründen, die das Glas zu decken
schien. Alles sah in dieser eingebildeten Vertiefung frostiger und
finsterer aus als in der Wirklichkeit, und die sonderbare kleine
Gestalt, mit weißem Gesicht und Armen, mit vor Furcht
zwinkernden Augen, welche, sich im düsteren Hintergrunde der
Spiegelfläche abzeichnend, mir in der unbeweglichen Umgebung
zitternd entgegenblickte, gemahnte mich an ein wirkliches Gespenst.
Sie kam mir vor, wie eines jener nebelhaften Phantome, halb
Fee, halb Nixe, von denen uns Bessie in ihren Märchen erzählt hatte, sie stiegen in fernen, dunstigen Sümpfen vor den
Augen verspäteter Wanderer aus der Erde empor. Ich setzte
mich wieder auf meinen alten Platz.
In diesem Augenblicke kam der Aberglaube über mich,
aber noch hatte die Stunde seines vollständigen Sieges nicht
geschlagen. Noch rann mein Blut warm durch die Adern; noch
erhielt mich der trotz der empörten Sklavin in aufrechter Spannung; ich mußte eine wilde Fluth von Gedanken aus der Vergangenheit vorbeiströmen lassen, bevor der Wellenschlag der
Gegenwart an mich gelangen konnte.
Alle Martern und Qualen, die ich von John Reed erduldet, alle die stolze Verachtung seiner Schwestern, die offene
Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit des Gesindes kamen
in meinem wild erregten Gemüthe auf die Oberfläche, wie der
Schlamm in den Fluthen einer aufgetrübten Quelle. Warum
mußte denn gerade ich immer leiden, die Augen traurig zu

Boden senken; warum verklagte, warum verdammte man denn
gerade nur mich? Warum war es mir denn unmöglich zu gefallen, warum nutlos, irgend Jemandes Zuneigung erlangen zu
wollen? Elise, das eigensinnige, selbstsüchtige Mädchen ward
verehrt; Georgine mit ihrem launischen Wesen, ihrer herben
Bissigkeit, ihrem herausfordernden und kecken Betragen war bei
Allen wohlgelitten. Ihre Schönheit, ihre rothen Wangen, ihre
goldenen Locken schienen jedermann zu entzücken und für die
Fehler des Kindes schadlos zu haben. John wurde nicht das
Mindeste in den Weg gelegt, geschweige denn, daß er gestraft
worden wäre, wiewohl er den Tauben den Hals umdrehte, die
kleinen Hühnchen todtschlug, die Hunde auf die Schafe hetzte,
die Trauben aus dem Treibhause stahl, die Knospen der
seltensten Pflanzen im Gewächshause abriß. Seine Mutter
nannte er nicht anders als ,altes Mensch', machte sich zuweilen
über ihre unreine, seiner eigenen ähnliche Gesichtsfarbe lustig.
Ihre Wünsche und Bitten beachtete er nicht im Geringsten; nicht
selten verdarb und zerriß er aus Muthwillen ihre seidenen
Kleider und dennoch war und blieb er ,ihr liebes, theures
Söhnchen. Ich dagegen machte mich keines Fehlers schuldig;
ich bemühte mich, allen meinen Pflichten nachzukommen; und
doch nannte man mich nichtswürdig, eklig, verstockt und heimtückisch von Früh bis Mittag und von Mittag bis in die Nacht.
Mein Kopf schmerzte mich noch immer und die Wunde,
die ich mir im Fallen geschlagen, blutete ohne Unterlaß. Kein
Mensch hatte es John verwiesen, daß er mich ohne Ursache
mißhandelte, und weil ich mich gegen ihn wandte, um weitere
unvernünftige Martern von mir abzulenken, wurde ich von Allen
verdammt und mit Schmach überhäuft.
Das ist Unrecht -- himmelschreiendes Unrecht!' rief mir
mein durch die erlittenen Mißhandlungen frühzeitig, wiewohl
vorübergehend gereifter Verstand zu, und meine gleichfalls unnatürlich gesteigerte Willenskraft trieb mich zu irgend einem
ungewöhnlichen Ausweg, um weiterer Unterdrückung zu entgehen
etwa indem ich davonlief oder weder aß noch trank und
mich so zu Tode hungerte.
Wie groß war meine Bestürzung an jenem düsteren Nachmittage, wie sehr mein Geist aufgeregt und mein Herz empört!

Und inmitten welch finsterer Unwissenheit wurde dieser geistige
Kampf ausgekämpft! Ich war nicht im Stande, auf die unausgesetzte Frage in meinem Innern, ,warum ich denn so viel
erleiden müßte', eine Antwort zu finden. Nun, nach einem
Zeitraume von, ich will nicht sagen, wie vielen Jahren ist mir
alles klar.
Meine Existenz in Gatesheadhall war ein Mißton; mein
Wesen stimmte dort mit niemand überein, weder mit Mistreß Reed
und ihren Kindern, noch mit ihren erkorenen Vasallen. Ich liebte
sie ebenso wenig, als sie mich leiden konnten. Sie fühlten sich
nicht zu einem Wesen hingezogen, das mit ihnen nicht sympathisiren konnte, ein Wesen, das nach Temperament, geistigen Anlagen und Fähigkeiten so himmelweit von ihnen verschieden war;
ein unnützes Geschöpf, welches weder ihren Vortheil fördern,
noch zu ihrem Vergnügen beitragen mochte, welches sogar insofern als schädlich erschien, als es einen beständigen Unwillen
über ihre Behandlung nähren, ihren Blödsinn mitleidig belächeln
mußte. Ich bin überzeugt, daß, wäre ich ein munteres, hübsches,
sorgloses, eigensinniges, ja polterndes -- wenngleich ebenso von
fremden Gnaden abhängiges, freudeloses -- Kind gewesen, Mistreß
Reed meine Gegenwart mit weit mehr gutem Willen ertragen
hätte. Die Kinder selbst wären mir, als Spielkameraden wenigstens,
mehr zugethan gewesen; die Dienstboten würden es nicht gewagt
haben, mich zur Zielscheibe der Neckereien in der Kinderstube zu
machen.
Das Tageslicht begann aus der rothen Stube zu schwinden.
Es schlug vier Uhr und der umwölkte Himmel ließ die schaurige
Dämmerung zeitlich hereinbrechen. Ich hörte den Regen ohne
Unterlaß an die Fenster des Treppenhauses anschlagen und den
Wind durch das Lustwäldchen hinter dem Hause heulen; nach
und nach wurde ich kalt wie Marmor und der Muth sank mir
immer tiefer. Mein gewöhnliches Bewußtsein des eigenen Unwerthes, der Ohnmacht, des Drückenden meiner Lage, fiel gleichsam
feucht auf die glimmenden Kohlen meines verlöschenden Zornes
nieder. ,Alles nennt mich schlecht,' dachte ich, , vielleicht bin ich
es auch in der That. Wie konnte es mir eben einfallen, mich
durch Hunger tödten zu wollen? Das wäre ja eine Sünde!
Und dann, wäre ich denn auch zum Tode vorbereitet? Oder

wäre etwa das Gewölbe unter der Kanzel der Kirche von Gateshead eine so einladende Ruhestätte? Ich wußte, daß Herr
Reed in einer solchen Gruft beigesetzt wurde, und durch diese
Vorstellung auf den Gedanken an ihn selbst gebracht, verweilte
ich bei dieser Idee mit wachsender Furcht. Ich konnte mich seiner
nicht mehr entsinnen; aber ich hatte gehört, er sei mein leiblicher
Onkel, meiner Mutter Bruder gewesen; er habe mich als eine
elternlose Waise zu sich genommen und in seinen letzten Augenblicken sich von Mistreß Reed feierlich versprechen lassen, sie wolle
mich auch ferner wie ihr eigenes Kind halten. Mistreß Reed war
jedenfalls der Ansicht, sie erfülle ihr Versprechen pünktlich; und
die Wahrheit zu sagen, that sie dies auch, so gut als es ihr
Charakter zuließ; aber wie konnte sie denn auch einen Einschübling, der nicht ihres Stammes und nach ihres Gatten Tode
mit ihr in keiner weiteren Verbindung war, irgendwie lieben?
Im Gegentheile mußte es für sie sehr drückend sein, sich durch
ein mit Widerstreben gegebenes Wort verbunden zu wissen, an
einem fremden, ungeliebten Kinde Mutterstelle zu vertreten, einen
fremden Eindringling fortwährend in der Mitte ihrer eigenen
Kinder zu sehen.
Ein sonderbarer Gedanke tauchte in mir auf. Ich zweifelte
nicht und hatte nie daran gezweifelt, daß Mister Reed -- wenn
er am Leben geblieben wäre -- mich gewiß gut behandelt hätte.
Und nun, wie ich so dasaß, die Augen auf das weiße Bett und
die dunklen Wände, gelegenheitlich auch auf den schwach erglänzenden Spiegel gerichtet, erinnerte ich mich an alles, was
ich bisher von Abgeschiedenen gehört hatte, die, weil sie die
Uebertretung ihrer letzten Wünsche aus der letzten Ruhe aufgescheucht, wieder auf der Erde erschienen waren, um die Eids
brüchigen zu strafen und die Unterdrückten zu rächen; auch
Mister Reed's Geist müsse, so dachte ich, über das dem Kinde
seiner Schwester angethane Unrecht empört, seinen Aufenthalt
-- die Gruft in der Kirche, oder die unbekannte Wohnung der
Seligen -- verlassen und mir in diesem Zimmer erscheinen. Ich
trocknete meine Thränen und ließ das Seufzen; denn wie leicht
konnte irgend ein Ausbruch heftigen Schmerzes eine übernatürliche Stimme zu meinem Troste wecken, oder der Finsternis die
Erscheinung eines lichtumflossenen Antlitzes entlocken, das sich

voll himmlischen Mitgefühles über mich herniederneigte. So sehr
auch diese Idee in der Vorstellung Trost einflößte, so sehr fühlte
ich das Grauenhafte einer möglichen Verwirklichung; ich bekämpfte
sie daher mit aller Macht und versuchte es, Muth zu fassen.
Mir die wirren Haare aus dem Gesichte streichend, hob ich den
Kopf in die Höhe und bemühte mich, keck in dem finsteren
Zimmer herumzublicken. In diesem Augenblicke erglänzt ein
Lichtstrahl an der Wand. War es das Mondlicht, das sich durch
eine Ritze des Fensterladens hereinstahl! Unmöglich; das Mondlicht ist unbeweglich und jener Strahl irrte unstet hin und her;
während ich ihn ins Auge faßte, glitt er zur Zimmerdecke hinauf
und zitterte über meinem Haupte. Jetzt kann ich mir freilich
erklären, daß die ganze Erscheinung ihren Ursprung aller Wahrscheinlichkeit nach dem Lichte einer Laterne verdankte, die irgend
jemand über den Grasplatz vor dem Hause trug; aber in jener
Stunde, wo mein Geist für alle Schrecknisse empfänglich war,
meine Nerven in der ungeheuersten Aufregung zuckten, hielt ich
den wandernden Lichtschein für den Vorboten einer kommenden
Vision aus dem fernen Jenseits. Mein Herz pochte hörbar, meine
Stirne brannte wie Feuer; ein Geräusch, welches mir das
Rauschen von Fittichen dünkte, schlug an mein Ohr; irgend
etwas näherte sich; der Athem verging mir, die Angst drückte
mich nieder; ich rannte zur Thür und zog an der Klinke mit
der Kraft der Verzweiflung. Schritte kamen heran, der Schlüssel
drehte sich im Schlosse, Bessie und Abbot traten in die Stube.
Sind Sie krank, Miß Eyre? frug Bessie.
Welch ein schreckliches Geschrei! rief Abbot; ,es ging
mir ordentlich durch Mark und Bein!
,Führt mich fort, bringt mich in die Kinderstube! schrie
ich ohne Unterlaß.
,Weswegen? Haben Sie sich verletzt? Ist Ihnen etwas zu
Gesicht gekommen? frug Bessie wieder.
,Oh! ich sah ein Licht und ich dachte, ein Gespenst werde
kommen.’ Dabei faßte ich Bessie's Hand, welche sie nicht
zurückzog.
,Sie hat absichtlich aufgeschrien, erklärte Abbot, offenbar
sehr übel gelaunt. ,Und was das für ein Lärm war! Hätte sie
große Schmerzen, so könnte man es noch entschuldigen, aber sie
wollte uns nur Alle auf die Beine bringen, ich kenne ihre boshaften Streiche nur zu gut.
,Was soll das alles bedeuten? ließ sich eine andere
Stimme in gebieterischem Tone vernehmen, und Mistreß Reed
kam mit fliegender Haube und flatterndem Gewand den Gang
heraufgerauscht. , Abbot! Bessie! Habe ich nicht befohlen, Jane
soll so lange in der rothen Stube bleiben, bis ich sie selbst
abhole?
, Aber Miß Jane schrie so laut auf, entschuldigte sich
Bessie.
,Lasset sie gehen, war die Antwort. , Lass' Bessie's Hand
los; es wird Dir nicht gelingen, Dich durch solche Mittel frei
zu machen, das kannst Du mir glauben. Ich hasse und verachte
Verstellung, besonders bei Kindern, es ist meine Pflicht, Dir zu
beweisen, daß Kunstgriffe nicht zum Ziele führen. Du wirst
nunmehr eine Stunde länger hier bleiben und nur unter der
Bedingung will ich Dich dann in Freiheit setzen, daß Du Dich
vollkommen unterwürfig zeigst und ganz still verhältst.
,Liebe Tante, haben Sie Mitleid! Vergeben Sie mir. Ich
halte es nicht aus -- strafen Sie mich auf eine andere Weise.
Ich bin des Todes, wenn --
,Stille, sage ich! Diese Heftigkeit ist wirklich anwidernd!
Wie sie sprach, so fühlte sie auch ohne Zweifel. In ihren
Augen erschien ich als eine frühreife Schauspielerin, als ein Ausbund von bösen Leidenschaften, gemeiner Gesinnung und gefährlicher Doppelzüngigkeit.
Nachdem sich Bessie und Abbot zurückgezogen hatten, warf
sich Mistreß Reed, ungeduldig über den erneuerten Ausbruch
meiner Furcht und über mein wildes Gestöhne, ohne alle Umstände und ohne ein Wort zu verlieren in die Stube hinein,
die sie nach mir absperrte. Ich hörte sie hinwegrauschen und
bald nachdem sie abgegangen war, muß ich in eine Art Ohnmacht gefallen sein, denn Bewußtlosigkeit schloß diese Scene.

III.

Der Umstand, auf den ich mich zunächst erinnere, war
mein Erwachen, nachdem, wie es mir vorkam, lange Zeit der
Alp auf mir lag und ein rother Schein hinter einem dicken,
dunklen Gitter meine Augen geblendet hatte. Ich hörte Stimmen,
deren Ton mir ungewöhnlich hohl klang, als hätte ihnen das
Rauschen des Windes und des Wassers ihren Klang benommen.
Aufregung, Unsicherheit und ein alles beherrschendes Gefühl der
Angst verwirrte mir die Sinne. Später wurde ich gewahr, daß
sich jemand mit mir beschäftigte, mich in die Höhe hob und
zum Sitzen brachte, und zwar in weit zarterer Weise, als man
dies je mit mir gethan. Ich legte meinen Kopf bald auf ein
Kissen, bald auf einen Arm und fühlte mich wohl.
Beiläufig fünf Minuten nachher lösten sich die Fesseln der
Bewußtlosigkeit; ich erkannte, daß ich in meinem Bette lag und
der rothe Glanz von dem Caminfeuer der Kinderstube herrührte.
Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem Tische; Bessie stand
am Fuße des Bettes, ein Becken in der Hand, und ein Herr,
in einem Armstuhle nächst meinem Kopfkissen Sitzend, beugte sich
über mich.
Ein unaussprechliches Wohlsein, die beruhigende Ueberzeugung von Schutz und Sicherheit bemächtigten sich meiner, als
ich einen Fremden an meiner Seite sah, eine Person, die nicht
nach Gatesheadhall gehörte und zur Familie Reed in keiner
Beziehung stand. Meine Blicke von Bessie, deren Gegenwart mir
indessen lieber war, als diejenige Abbot's, abwendend, sah ich mir
den Herrn genauer an. Ich kannte ihn; es war Mister Lloyd,
ein Apotheker, den Mistreß Reed zeitweilig holen ließ, wenn den
Dienstboten etwas zustieß; für sich und ihre Kinder nahm sie
einen ordentlichen Arzt.
,Nun, wer bin ich denn? fragte er mich.
Ich nannte seinen Namen und reichte ihm meine Hand.
Er nahm sie in die seinige und sagte freundlich lächelnd: Es
wird nach und nach schon besser werden. Dann legte er mich
zurecht und trug Bessie auf, Acht zu geben, damit ich in der
Nacht nicht gestört würde. Nachdem er noch einige weitere Verhaltungsvorschriften angegeben und versprochen hatte, am nächsten

Morgen wiederzukommen, empfahl er sich. Mit inniger Trauer
sah ich ihn sich entfernen; ich fühlte mich so sicher und so heimlich,
während er an meinem Bette saß, und als er die Thür hinter
sich zuzog, schien sich die Stube zu verfinstern, mein Herz stand
still und tiefe Betrübniß erfüllte meine Seele.
, Glauben Sie wohl, daß Sie schlafen können, Miß? frug
Bessie ungewöhnlich sanft.
Ich wagte es kaum zu antworten; ich fürchtete, ihre nächste
Ansprache müßte rauh ausfallen.
,Ich will sehen, sagte ich.
,Wollen Sie trinken, oder vielleicht etwas essen?
,Nein, liebe Bessie, ich danke.
,Dann will ich zu Bette gehen, denn es ist Mitternacht
vorüber. Sie mögen mich indessen nur rufen, wenn Sie in der
Nacht etwas wünschen.
Eine wunderbare Freundlichkeit, das! Ich faßte Muth, eine
Frage zu stellen.
, Was ist's denn eigentlich mit mir, Bessie? Bin ich krank?
, Es wurde Ihnen in der rothen Stube übel vor lauter
Schreien und Weinen, denke ich. Es wird ohne Zweifel bald
wieder gut werden.
Bessie begab sich fortan in die Dienstmädchenstube. Ich
hörte sie mit einem der Mädchen sprechen.
,Sarah, komm', schlaf mit mir in der Kinderstube; ich
möchte heut' Nacht um alles in der Welt nicht mit dem armen
Kinde allein bleiben. Es könnte am Ende sterben; denn der
Anfall, den Sie hatte, war sonderbar. Sie muß irgend ein
Gesicht gehabt haben und die gnädige Frau verfuhr auch viel
zu hart mit ihr.
Bessie kam in Sarah's Begleitung zurück; die beiden
Mädchen legten sich nieder und flüsterten noch fast eine halbe
Stunde miteinander, bevor sie einschliefen. Ich faßte bloß Bruchstücke ihrer Unterredung auf, die indessen hinlängliches Licht über
den Hauptgegenstand verbreiteten.
, Irgend ein Gespenst erschien ihr, ganz weiß gekleidet,
und verschwand dann wieder ... ein schwarzer Hund lief hinterher -- es pochte dreimal an die Stubenthür -- am Kirchhof
zeigte sich ein Licht über seinem Grabe -- und so weiter.

Endlich waren sie eingeschlafen; das Feuer ging aus, die
Kerze verlosch. Ich selbst brachte die Stunden der Nacht in
träumerischem Halbschlummer zu, Ohren, Augen und Geist gleich
sehr von Furcht gespannt, jener Furcht, deren nur Kinder
empfänglich sind.
Der Unfall im rothen Zimmer zog keine heftige und langwierige körperliche Krankheit nach sich, aber meine Nerven erlitten
eine Erschütterung, deren Nachhalt ich noch bis auf den heutigen
Tag verspüre. Ja, Mistreß Reed, Sie allein haben die Qualen
meines geistigen Siechthums zu verantworten; aber ich vergebe
Ihnen, denn Sie wußten nicht, was Sie thaten; indem Sie mir
das Herz aus dem Leibe rissen, dachten Sie bloß meine bösen
Neigungen mit der Wurzel auszurotten.


Tags darauf, um die Mittagszeit, war ich schon außer
Bett, fast angezogen, in einen Shawl eingewickelt, am Camin.
Ich war zwar körperlich schwach und wie gelähmt, aber mein
größtes Leiden war ein geistiges, ein Gefühl des Elends und Jammers,
das mir immerwährend stille Thränen entlockte; kaum hatte ich
die eine getrocknet, als auch schon wieder die nächste die Wange
herunterrann. Und doch hätte ich mich eigentlich glücklich fühlen
sollen, denn kein Glied der Familie Reed befand sich in meiner
Nähe, sie waren alle mit ihrer Mama ausgefahren, auch Abbot
saß im anderen Zimmer und nähte, Bessie hingegen richtete von
Zeit zu Zeit, während sie Spielsachen an Ort und Stelle legte
und Schubladen in Ordnung brachte, ungewöhnlich freundliche
Worte an mich. Dieser Zustand hätte mir, da ich an ewiges
Schelten, an endlose Zurechtweisungen gewöhnt war, als ein
wahres Paradies der Ruhe erscheinen sollen, doch meine überreizten Nerven waren augenblicklich in einer so krankhaften Verfassung, daß sie weder durch Ruhe besänftigt, noch durch Freude
angenehm erregt werden konnten.
Bessie war in die Küche hinabgegangen und kam mit einer
Torte auf einem wohlbekannten, buntbemalten Porzellanteller
wieder. Der Paradiesvogel auf dem Teller, in einem Kranze
von Winden und Rosenknospen nistend, hatte stets meine enthusiastische Bewunderung erregt, und oft hatte ich es mir als
besondere Gnade erbeten, den Teller in die Hand nehmen und
näher besehen zu dürfen, ohne daß man mich bisher einer solchen

Auszeichnung für würdig erachtet hätte. Eben dieses kostbare
Geschirr lag nun auf meinen Knien und das Backwerk aus
süßem Teig lud fast unwiderstehlich zum Genusse ein. Doch
unbeachtet blieb diese Gunst! Wie so manches andere lang
ersehnte und lang verschobene Glück kam sie zu spät! Ich konnte
das Backwerk nicht essen; das Gefieder des Vogels, der Schmelz
der Blumen, alles schien mir sonderbar verblaßt: ich stellte
Teller und Torte beiseite. Bessie meinte, ob ich vielleicht ein
Buch haben möchte. Das Wort Buch machte auf mich einen,
wenn auch vorübergehenden Eindruck und ich bat sie, mir Gulliver's Reisen zu holen. Ich hatte dieses Werk unendlich oft
und immer wieder mit Vergnügen durchgeblättert, ich hielt es
für eine Erzählung von Thatsachen und sah darin den Quell
eines weit lebhafteren Interesses, als mir Feenmärchen einflößen
konnten; denn, nachdem ich die Elfen umsonst unter den Blättern
und Blumenglocken der Fingerhutpflanze, unter Schwämmen und
zwischen dem an alten Nischen hinaufrankenden Immergrün gesucht
hatte, wurde mir die traurige Wahrheit offenbar, die Feen seien
sammt und sonders aus England in weniger bevölkerte, mildere
und waldreichere Gegenden ausgewandert. Liliput und Brobdignag hingegen dachte ich mir als wirkliche Theile des Erdballes, und somit zweifelte ich keinen Augenblick an der Möglichkeit, eines Tages, bei Gelegenheit einer größeren Reise, mit
eigenen Augen die kleinen Felder, Häuser und Bäume, die
winzigen Bewohner, Kühe, Schafe und Vögel des einen Landes,
sowie die baumhohen Kornfelder, die mächtigen Haushunde, die
ungeheuren Katzen, die thurmhohen Männer und Weiber des anderen
sehen zu können. Und nun, als ich das geliebte Buch in die Hände
bekam, als ich darin blätterte und es versuchte, den Zauber hervorzurufen, den die Bilder sonst auf mich ausgeübt, erschien mir alles trocken
und unbedeutend; die Riesen kamen mir wie ungeschlachte Kobolde,
die Zwerge wie boshafte, furchterregende Gnomen, Gulliver selbst
wie ein langweiliger Wanderer in öden und gefährlichen Gegenden
vor. Ich machte das Buch zu, in welchem ich nicht weiter
zu lesen wagte, und legte es auf den Tisch neben die unberührte Torte.
Bessie war inzwischen mit dem Fegen und Aufräumen der
Stube fertig geworden. Sie wusch ihre Hände, öffnete eine Schublade voll schöner seidener und atlaßener Bänder und machte sich
daran, eine neue Haube für Georginen's Puppe aufzuputzen.
Dazu sang sie ein Lied, welches mit den Worten beginnt:

Da wir noch herumgepilgert
Vor gar langer, langer Zeit.

Ich hatte das Lied vordem sehr oft gehört und immer mit
dem größten Vergnügen, denn Bessie hatte eine sanfte, weiche
Stimme, wenigstens kam es mir so vor. Dazumal aber, wiewohl ihre Stimme ebenso sanft erklang, machte sie auf mich
einen äußerst melancholischen Eindruck. Von Zeit zu Zeit, wenn
sie ihre Arbeit zu sehr in Anspruch nahm, sang sie die Schlußworte gedehnt und leise, daß sie wie der Tonfall einer Leichenhymne ans Ohr schlugen. Dann ging sie zu einem anderen Liede,
einer wahrhaften Elegie über.

Wie schmerzen die Füße, wie brennen die Glieder,
Weit ist der Weg und wild heult der Wind;
Bald steigt die grausige Dämmerung nieder,
Schreckt das verlassene Waisenkind.
Wer stößt hinaus mich ins frostige Leben,
Wo Sümpfe und Felsen im Wege mir sind?
Hartherzige Menschen; doch Engel umschweben
Liebend das einsame Waisenkind.
Von ferne weht sanft mir die Nachtluft entgegen,
Es glänzen die Sterne, das Wetter ist lind;
Gott der Barmherzige schickt seinen Segen,
Tröstung und Stärkung dem Waisenkind!
Und stürzt' unterwegs ich vom wankenden Stege,
Versänke im Sumpfe, es nähme geschwind
Der gütige Vater in himmlische Pflege
Zu sich das verlassene Waisenkind.
Die eine Hoffnung, sie leuchtet von Weiten:
Wenn einsam die letzte Stunde verrinnt,
Englein im Himmel die Ruhstatt bereiten
Dem armen verlassenen Waisenkind.

,Ei, Miß Jane, weinen Sie doch nicht so, sagte Bessie,
als sie ihr Lied zu Ende gesungen hatte. Ebenso gut hätte sie

dem Feuer gebieten können, ,nicht zu brennen'. Aber wie konnte
sie auch das schwere Leid ahnen, das mich zu Boden drückte?
Im Verlaufe des Morgens erneute Mister Lloyd seinen
Besuch.
,Wie, Sie sind schon auf! rief er, als er ins Zimmer
trat. , Nun, Bessie, wie geht es der Kleinen?
Bessie erwiderte, ich wäre recht wohl.
,Wenn das ist, so sollte sie auch ein munteres Ansehen
haben. Kommen Sie zu mir, Miß Jane; so heißen Sie ja doch,
nicht wahr?
, Jawohl, lieber Herr, Jane Eyre.
,Nun denn, Miß Jane, Sie haben geweint. Können Sie
mir sagen, was diese Thränen bedeuten? Haben Sie irgend
welche Schmerzen?
,Nein, mein Herr!
,Ach, ich glaube sie weinte, weil sie nicht mit der gnädigen
Frau ausfahren konnte, erklärte Bessie.
,O gewiß nicht; sie ist zu groß, um so kindisch zu sein!
So dachte ich auch und da diese Beschuldigung meine Selbstachtung verletzte, so erwiderte ich schnell: ,Wegen einer solchen
Kleinigkeit habe ich noch nie geweint; im Gegentheil es ist mir
unausstehlich, wenn ich spazieren fahren muß. Ich habe bloß
geweint, weil ich mich gar so unglücklich fühle.
,Pfui doch, Miß! schalt Bessie.
Den guten Apotheker schien dieses Zwiegespräch etwas aus
der Fassung zu bringen. Ich stand vor ihm; er heftete seine
Augen unverwandt auf mich. Sie waren klein und grau, hatten
aber, wie mir schien, einen ungemein klugen Ausdruck. Sein
Gesicht sah grobzügig, aber sehr wohlwollend aus. Nachdem er
mich eine Weile betrachtet hatte, sagte er:
, Wovon wurden Sie denn eigentlich gestern krank?
, Sie that einen bösen Fall, nahm Bessie abermals
das Wort.
,Sie that einen bösen Fall! Wie kindisch! Kann sie denn
in ihrem Alter noch nicht gehen? Sie ist ja wenigstens acht bis
neun Jahre alt.
, Ich wurde zu Boden geschlagen, platzte ich heraus, mein
neuerdings angegriffenes Selbstgefühl vertheidigend. Indessen

machte mich das allein nicht krank, setzte ich hinzu, während
Mister Lloyd eine Prise nahm.
Als er seine Dose in die Westentasche steckte, ertönte die
Glocke zum Mittagessen für das Gesinde, er wußte, was es zu
bedeuten hatte. , Das geht Sie an, sagte er zu Bessie; ,Sie
können gehen, ich will dem Fräulein etwas vorlesen, bis Sie
wieder kommen.
Bessie wäre freilich lieber in der Stube geblieben; sie mußte
jedoch gehen, da bei den Mahlzeiten in Gatesheadhall die größte
Pünktlichkeit zur Pflicht gemacht wurde.
,Der Fall hat Sie also nicht krank gemacht? Was war
denn die Ursache Ihres plötzlichen Unwohlseins? fuhr Mister
Lloyd fort, nachdem sich Bessie entfernt hatte.
,Man hatte mich in der Finsterniß in eine Stube eingesperrt,
wo es Gespenster giebt.
Mister Lloyd lächelte und zog die Stirne kraus: ,Ein
Gespenst! Sie sind am Ende doch nur ein albernes Kind. Fürchten
Sie sich denn vor Gespenstern?
,Vor Mister Reed's Geist allerdings: er starb in jenem
Zimmer und war dort auch aufgebahrt. Weder Bessie noch irgend
jemand betritt es zur Nachtzeit, wenn er es anders vermeiden
kann, und es war sehr grausam, mich ganz allein ohne Licht
hineinzusperren, so grausam, daß ich es wohl mein Leben lang
nicht vergessen werde.
, Unsinn! Und das macht Sie so elend? Fürchten Sie sich
auch jetzt bei helllichtem Tage?
, O nein! Aber in wenigen Stunden ist's wieder Nacht.
Uebrigens bin ich unglücklich, höchst unglücklich, auch anderer
Dinge wegen.
, Was sind das für andere Dinge? Können Sie mir welche
davon nennen?
Wie so gerne hätte ich auf diese Frage geantwortet! Wie
schwer war es aber für mich, die gehörigen Worte zu finden!
Kinder können wohl fühlen, aber nicht ihre Gefühle beschreiben,
und ist auch die Beschreibung theilweise in Gedanken vollendet,
so bleibt noch immer die Schwierigkeit, sie in lebendiger Rede
wiederzugeben. Vor Angst, diese erste und einzige Gelegenheit,
meine Leiden durch Mittheilung derselben zu lindern, vorübergehen zu lassen, versuchte ich es inzwischen, nach einer Pause
furchtsamer Zögerung, eine schlichte, jedoch so weit wie möglich
wahre Antwort zu geben.
,Erstlich habe ich weder Vater noch Mutter, weder Brüder
noch Schwestern.'
, Sie haben eine gute Tante und liebe Geschwisterkinder.
Wieder hielt ich inne, dann fuhr ich muthig fort:
, Gerade John Reed war es, der mich zu Boden schlug,
die Tante schloß mich ins rothe Zimmer ein.
Mister Lloyd nahm eine zweite Prise.
,Scheint Ihnen Gatesheadhall kein schönes Haus zu sein und
danken Sie nicht Gott, einen so schönen Aufenthaltsort zu
haben?
,Es ist nicht meine Heimat, Sir, und Abbot sagt, ich
hätte ein geringeres Recht auf einen Platz in diesem Hause als
ein Dienstbote.
,Bah! Sie werden doch nicht so albern sein und eine so
glanzvolle Wohnung verlassen wollen?
,Könnte ich wo anders hingehen, würde ich mich glücklich
schätzen, mich entfernen zu können; aber ich kann nicht früher
von Gatesheadhall wegkommen, bis ich erwachsen bin.
,Vielleicht wäre es früher möglich -- wer kann es wissen?
Haben Sie außer Mistreß Reed noch andere Verwandte?
, Ich denke nicht!
,Auch von väterlicher Seite keine?
, Ich weiß es wirklich nicht; ich befragte einmal Tante
Reed darüber und sie sagte, ich könnte möglicherweise noch einige
arme, geringe Verwandte meines Namens haben, aber bestimmt
könne sie es nicht sagen.
,Nun, und wenn Sie welche hätten, wollten Sie zu ihnen
gehen?
Ich dachte nach. Erwachsenen Leuten erscheint die Armuth
schrecklich; bei Kindern ist dies noch mehr der Fall; sie machen
sich keine Vorstellung von der fleißigen, arbeitsamen, achtenswerthen Armuth, sie können dieses Wort nur mit zerrissenen
Kleidern, schmutziger Nahrung, ungeheizten Stuben, rohen
Manieren und herabwürdigenden Lastern in Verbindung bringen.
Für mich schien Armuth gleichbedeutend mit Verworfenheit.

,Ach nein! Ich möchte nicht armen Leuten angehören,
gab ich zur Antwort.
,Auch nicht, wenn sie Sie freundlich behandelten?
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mir gar nicht denken,
wie noch arme Leute die Mittel haben sollten, mit ihren Kindern
gut und freundlich zu sein, und zudem sollte ich mir wohl ihre
Sprache angewöhnen, ihre Manieren annehmen, ohne Erziehung,
wie die armen Weiber aufwachsen, die ich dann und wann vor
den Hütten unseres Dorfes ihre Kinder warten oder ihre Kleider
waschen sah! Nein, ich war nicht heldenmüthig genug, meine
Freiheit um den Preis des Herabsteigens in eine sogenannte
niedrige Kaste zu erkaufen.
,Sind denn Ihre Verwandten wirklich so sehr arm? Sind
sie Handarbeiter?
, Ich weiß es nicht; Tante Reed sagt, wenn ich noch welche
habe, so müßten sie wohl betteln; ich möchte um alles in der
Welt nicht betteln.
, Möchten Sie wohl in eine Schule gehen?
Ich überlegte von neuem. Ich wußte kaum, was eine
Schule sei. Bessie bezeichnete mit dieser Benennung einen Ort,
wo junge Damen auf Streckstühlen säßen, Schnürleiber trugen
und sehr artig und ordentlich sein müßten; John Reed war
zwar auf seine Schule sehr schlecht zu sprechen und schimpfte
ganz abscheulich über seine Lehrer, indessen war John's Geschmack
kein Muster für den meinigen, und wenn auch Bessie's Erzählungen von Schuldisciplin, die sie in einer Familie, wo sie zuvor
gedient, gesammelt hatte, nicht sehr anziehend lauteten, so wurden
sie doch durch die Beschreibung der Vollkommenheiten, welche
sich junge Fräuleins in solchen Erziehungsanstalten aneigneten,
hinlänglich aufgewogen. Sie erzählte von schönen Blumen und
Landschaften, die sie malten, von Liedern, die sie sängen, von
Musikstücken, die sie spielten, von gehäkelten Geldbörsen, französischen Uebersetzungen und dergleichen, bis ich mich vor lauter
Zuhören zum Wetteifer angespornt fühlte. Zudem dachte ich,
brächte die Schule einen vollständigen Wechsel in mein Leben;
eine lange Reise, eine gänzliche Trennung von Gatesheadhall,
der Eintritt in ein neues Dasein, war mit dem Lebertritt in
eine Erziehungsanstalt nothwendigerweise verbunden.

, Ich möchte in der That gerne in eine Schule gehen,
lautete der hörbare Schluß meiner innerlichen Betrachtungen.
Nun gut; wer weiß, was sich zuträgt, sagte Mister
Lloyd, als er aufstand. ,Das Kind braucht eine Luft- und Ortsveränderung, fügte er halblaut hinzu, ,ihr Nervensystem ist in
einem üblen Zustande.
Bessie trat in die Stube. Zu gleicher Zeit hielt ein Wagen
vor der Thür.
, Ist das die Frau vom Hause, Kindermädchen? frug
Mister Lloyd, ,ich möchte gerne mit ihr sprechen, bevor ich
gehe.
Bessie ersuchte ihn, sich in das Frühstückzimmer zu bemühen.
Aus späteren Bemerkungen schloß ich, daß der Apotheker in dieser
Zusammenkunft darauf hinwies, wie gut es wäre, mich in eine
Erziehungsanstalt zu schicken, welche Idee von Mistreß Reed
zweifelsohne schleunigst aufgefaßt wurde. Denn eines Abends,
als ich schon im Bette lag und anscheinend schlief, sagte Abbot
zu Bessie, während sie in der Kinderstube saßen und nähten,
, die gnädige Frau wäre sehr froh, ein so widerliches, unartiges
Kind vom Halse zu kriegen, das immer aussähe, als überwachte
es Andere und sänne unter der Hand auf böse Streiche. Allem
Anscheine nach muthete mir Abbot die Fähigkeiten einer Art
kindlichen Guy Fawkes zu.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch aus Mamsell Abbot's
Mittheilungen an Bessie zum erstenmale, daß mein Vater ein
armer Geistlicher war; daß ihn meine Mutter gegen den Willen
ihrer Familie geheiratet hatte, welche diese Verbindung als eine
Mißheirat ansah; daß mein Großvater über diesen Ungehorsam
empört, seine Tochter gänzlich enterbte; daß mein Vater nach
einer kaum einjährigen Verbindung mit meiner Mutter dem
Typhus erlag, den er sich beim Krankenbesuche in seinem Sprengel
einer Fabriksstadt, wo gerade diese Epidemie herrschte, geholt
hatte; daß meine Mutter, von ihrem Gatten angesteckt, vier
Wochen darauf gleichfalls das Zeitliche segnete.
,Die arme Miß Jane ist wirklich zu bedauern, Abbot,
sagte Bessie am Ende der Erzählung mit einem tiefen Seufzer.
, Ja wohl, erwiderte Abbot, wenn sie nur ein hübsches,
nettes Kind wäre, dann könnte man sich noch für ihre Verlassenheit interessiren; aber bei einer kleinen Kröte wie die ist's rein
unmöglich.
, Ganz gewiß, stimmte Bessie bei, ,jedenfalls müßte ein
schönes Kind wie Miß Georgine in derselben Lage ungleich mehr
Mitleid erwecken.
,Ach ja,' rief Abbot in Ekstase aus. Ich schwärme für
Miß Georgine. Die liebe theure Seele, mit ihren langen Locken
und veilchenblauen Augen! Was für eine schöne Gesichtsfarbe
das Herzchen hat, just wie gemalt! -- Bessie, ich hätte auf ein
Kaninchen zum Nachtessen Appetit.
,Ich auch -- etwa mit einer gebratenen Zwiebel. Kommen
Sie, wir wollen hinuntergehen.
Sie entfernten sich.

IV.

Aus meinem Gespräche mit Mister Lloyd und aus der eben
angeführten Unterredung zwischen Bessie und Abbot entnahm ich
zur Genüge, daß eine gänzliche Veränderung in meinen Verhältnissen nahe bevorstand. Eine glückliche Erfüllung meiner
Hoffnungen vom Herzensgrunde wünschend, sah ich den kommenden
Ereignissen geduldig entgegen. Die Sache zog sich indessen in
die Länge. Tage und Wochen vergingen, meine Gesundheit hatte
sich inzwischen wieder vollkommen befestigt, aber es wurde nicht
weiter auf jene Angelegenheit angespielt, über die ich Tag und
Nacht brütete. Mistreß Reed sah mich dann und wann forschend
an, verlor jedoch selten ein Wort. Seit meiner Krankheit hatte
sie die Scheidelinie zwischen ihrer Familie und mir enger gezogen; ich mußte in meinem kleinen Kämmerchen allein schlafen,
meine Mahlzeiten allein einnehmen und die ganze Zeit in der
Kinderstube zubringen, während sich die anderen Kinder beständig
im Besuchzimmer aufhielten. Ueber meinen Abgang zur Schule
ließ sie weiter keine Silbe vernehmen; dennoch hatte ich die
instinctmäßige Gewißheit, daß sie mich gar nicht lange mehr
unter ihrem Dache behalten würde, denn ihr Blick zeigte, wenn
er dann und wann auf mich fiel, eine eingewurzeltere und unüberwindlichere Abneigung denn je.


Elisa und Georgine sprachen, wahrscheinlich in Folge
erhaltenen Befehls, nie mit mir; John zog mir eine Fratze,
so oft er mich sah, und versuchte es sogar einmal, mich wieder
zu schlagen; als ich mich aber mit derselben Wuth und verzweifelten Empörung, die mir schon früher Unglück gebracht,
zur Wehre setzte, hielt er es für gerathener, mich in Ruhe zu
lassen und entfernte sich mit Verwünschungen und mit der Betheuerung, ich hätte ihm die Nase wundgeschlagen. Ich hatte
auch in der That jenen hervorragenden Theil seines Gesichtes
mit einem so tüchtigen Schlage bedacht, als es nur immer meine
schwachen Knöchel vermochten; und als ich merkte, daß ihn entweder der Schlag oder mein Blick im Zaume hielten, wollte
ich fast meinen Vortheil weiter verfolgen, aber er war schon zu
seiner Mama gelaufen. Ich hörte, wie er eben mit schluchzender
Stimme seine Anklage gegen , die niederträchtige Jane' begann,
die gleich einer bissigen Kate auf ihn zugesprungen sei, die
Mutter fiel ihm jedoch etwas barsch in die Rede.
Ich will nichts von ihr hören, John. Ich habe Dir
gesagt, Du solltest ihr nicht nahe kommen; sie ist es gar nicht
werth, daß man sie einer Beachtung würdigt. Ich will nun
einmal nicht, daß Du oder Deine Schwester mit ihr umgehen.
Ueber das Treppengebäude gelehnt, rief ich bei diesen
Worten plötzlich und ohne zu überlegen, was ich sagte:
, Im Gegentheil, Ihre Kinder sind es nicht werth, mit
mir umgehen zu dürfen.
Mistreß Reed war eine ziemlich handfeste Frau. Kaum hatte
sie diese ungewohnte, kühne Erklärung gehört, als sie die Treppe
hinauf wie ein Wirbelwind in die Kinderstube sauste, mich auf
den Rand meines Bettchens niederwarf und mit erhobener
Stimme losdonnerte, ,ich solle mich nicht unterstehen, den Tag
über diesen Platz zu verlassen oder auch nur einen Laut weiter
von mir zu geben.
,Was würde mein Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte!
war meine fast unwillkürliche Bemerkung; denn es schien mir,
als spräche meine Zunge Worte, zu denen mein Willensvermögen
meine Zustimmung gegeben hatte; jedenfalls sprach ein unbegreifliches Etwas aus mir, welches ich nicht in meiner Gewalt
hatte.

,Wie? Was? rief Mistreß Reed ganz athemlos. Ihre in
der Regel kalten, ruhigen, grauen Augen schossen verstörte, furchtsame Blicke; sie ließ meinen Arm los und sah mich eine Zeit
lang forschend an, als wüßte sie in der That nicht, ob ich ein
Kind oder der Böse selbst sei. Ich hatte für den Augenblick die
Oberhand.
,Mein Onkel Reed ist nun im Himmel und sieht alles,
was Sie thun und denken; auch mein Papa und meine Mama
sehen es. Sie wissen es, daß Sie mich Tag für Tag eingesperrt
halten und mir den Tod wünschen.
Mistreß Reed hatte alsbald ihren Muth zusammen genommen.
Sie beutelte mich tüchtig durch, gab mir rechts und links eine
Ohrfeige und verließ das Zimmer, ohne weiter ein Wort zu
sprechen. Bessie ergänzte diese Schweigsamkeit durch eine einstündige Strafpredigt, in welcher sie klar bewies, ich wäre das
boshafteste und gottvergessenste Kind auf dem ganzen Erdboden.
Ich schenkte ihr halben Glauben, denn ich fühlte nur Rachegedanken in meinem Inneren emporsteigen.
Die Monate November, December und der halbe Januar
vergingen. Das Weihnachts- und das Neujahrsfest war in
Gatesheadhall mit der gewohnten festlichen Fröhlichkeit gefeiert
worden; man hatte sich wechselseitig beschenkt, Mittagstafeln und
Abendkränzchen abgehalten. Wie natürlich, war ich von jeder
Unterhaltung ausgeschlossen; mein Antheil an den Festlichkeiten
bestand darin, daß ich täglich zusah, wie sich Elisa und Georgine
putten und in feine Musselinröcke und scharlachrothe Leibchen
gekleidet, die Haare künstlich gelockt, ins Besuchzimmer hinabgingen; daß ich dem Klange des Piano und der Harfe von
weitem lauschen konnte, daß ich zuhörte, wie die Lakeien geschäftig
hin und her gingen, oder die Tassen, Gläser klirrten, wenn die
Erfrischungen herumgereicht wurden, oder das dumpfe Gemurmel
der Unterhaltung zu mir drang, wie sich die Thür des Besuchszimmers öffnete und schloß. War ich dieser Beschäftigung überdrüssig, dann zog ich mich vom Treppenabsatze in die stille,
einsame Kinderstube zurück; dort fühlte ich mich, wenngleich
etwas trübe gestimmt, wenigstens nicht unglücklich. Die Wahrheit
zu sagen, sehnte ich mich nie danach, in Gesellschaft zu gehen,
denn in Gesellschaften nahm man selten Notiz von mir, und

wenn Bessie nur etwas freundlicher und zugänglicher gewesen
wäre, hätte ich es für die schönste Unterhaltung angesehen, die
Abende ruhig mit ihr verleben zu können, anstatt sie unter
Mistreß Reed's giftigen Blicken in einem Zimmer voll Herren und
Damen zuzubringen. Aber Bessie pflegte, sobald sie ihre jungen
Fräuleins angekleidet hatte, die lebhafteren Regionen der Küche
und Haushälterswohnung aufzusuchen, wobei sie in der Regel
das Licht mit sich nahm; da saß ich denn mit meiner Puppe
auf dem Schoße, bis das Feuer im Camin ausging, dann und
wann um mich blickend, ob sich nicht etwas Schlimmeres als
ich selbst ins finstere Zimmer geschlichen; und wenn dann die
letzten Funken im Verlöschen waren, zog ich mich schnell aus,
riß an Schlingen und Bändern, wie sehr ich nur konnte, und
suchte Schutz gegen Kälte und Finsterniß in meiner Krippe.
Meine Puppe nahm ich immer mit zu Bette; der Mensch muß
irgend etwas lieb haben und in Ermangelung eines besseren
Gegenstandes meiner Neigung gab ich mir Mühe, eine verblaßte,
abgeschabte, einer Vogelscheuche nicht unähnliche Grabesgestalt zu
lieben und zu herzen. Jetzt muß ich darüber staunen, wenn ich
mich erinnere, mit welch inniger Zuneigung ich an diesem
hölzernen Spielzeug hing, von dem ich damals beinahe glaubte,
es lebe und habe Gefühl. Ich konnte nicht eher einschlafen, bis
ich die Puppe in meinen Schlafrock eingewickelt hatte, und wenn
sie nun warm und sicher aufgehoben war, fühlte ich mich
verhältnißmäßig glücklich, denn ich dachte, auch sie müsse es
nun sein.
Die Stunden, bis der Besuch fortging, und Bessie's Tritte
die Treppe heraufkamen, dauerten mir stets sehr lange. Zuweilen
kam Bessie auch in der Zwischenzeit, ihren Fingerhut und ihre
Scheere zu holen, zuweilen wohl gar, um mir etwas zum Nachtessen zu bringen, einen Pfannkuchen und ein Käsekäulchen; dann
blieb sie bei meinem Bette, bis ich gegessen hatte, wickelte mich
fester ins Deckbett, küßte mich und sprach: ,Gute Nacht, Miß,
Jane! Wenn Bessie so gut und freundlich war, erschien sie mir
als das beste, hübscheste Geschöpf der Welt und ich wünschte
vom Herzensgrunde, sie möchte immer so lieb sein, und mich nie
herumstoßen, auszanken und unvernünftig abkanzeln, wie sie es,
leider! nur zu oft that. Bessie Lee war, wie ich glaube, ein

Mädchen von sehr guten, natürlichen Anlagen, denn sie war in
allem sehr flink und geschickt, und hatte, nach dem Eindrucke
der mir verblieb, zu urtheilen, eine vorzügliche Erzählergabe.
Sie war übrigens, so viel ich mir ihre Gestalt noch vorstellen
kann, sehr hübsch: schlank von Gestalt, schwarzhaarig, schwarzaugig, und hatte eine sehr zarte, durchsichtige Hautfarbe. Ihr
Temperament dagegen war wetterwendisch und heftig, ihre Ansichten über Moralrecht sehr unklar, doch sammt ihren Fehlern
war sie mir unter allen Bewohnern von Gatesheadhall am
liebsten.
Es war am fünfzehnten Januar, beiläufig um neun Uhr
Früh. Bessie saß beim Frühstück, die Kinder waren noch nicht
zur Mama gerufen worden. Elisa hatte ihre Mütze aufgesetzt,
und ihren warmen Gartenrock angethan, um das Geflügel zu
füttern, womit sie sich, zunächst dem Eierverkauf an die Köchin
und dem Einsacken des solchergestalt gelösten Geldes, am liebsten
beschäftigte. Das Mädchen hatte viel Talent zum Handel und
eine ausgesprochene Neigung zum Geldscharren; man sah dies
nicht bloß in dem Eier- und Hühnerverkaufe, sondern auch darin,
daß sie dem Gärtner, der zufolge Auftrages der Mistreß Reed
seiner jungen Gebieterin alle Pflanzensenker, Blumenzwiebeln und
Sämereien, die sie etwa veräußern wollte, abkaufen mußte, völlig
die Haut über die Ohren zeg; gerne hätte sie jedes Haar ihres
Hauptes hingegeben, falls dabei ein gutes Geschäft in Aussicht
stand. Ihr bares Geld versteckte sie anfänglich in Feten oder
Papilloten eingepackt in verschiedene Winkel; als aber eines
Tages das Stubenmädchen einige dieser Schätze entdeckte, entschloß sich Elisa, vor Angst ihr Geld zu verlieren, es ihrer
Mutter gegen wucherische Zinsen, fünfzig bis sechzig Procente,
anzuvertrauen, welche Interessen sie pünktlich alle Vierteljahre
einforderte, und worüber sie in einem kleinen Buche genaue
Rechnung führte.
Georgine saß auf einem hohen Stuhle; sie machte ihre
Haare vor dem Spiegel und schmückte ihre Locken mit künstlichen Blumen und verblaßten Federn, wovon sie einen Vorrath
in einer Schublade des Vorsaales entdeckt hatte. Ich brachte
mein Bett in Ordnung, weil mir Bessie, die mich jetzt als eine
Art Unterstubenmädchen, zum Stubenkehren, Staubabwischen und

so weiter zu verwenden pflegte, strengstens eingeschärft hatte, ich
müsse damit vor ihrer Rückkehr fertig sein. Nachdem ich die
Bettdecke ausgebreitet und meinen Nachtanzug zusammengelegt,
ging ich zum Fenstersitz, einige Bilderbücher und verschiedenes
kleines Puppengeräthe zurecht zu legen. Ein barscher Befehl
Georginen's, der Besitzerin der winzigen Stühle und Spiegel,
der feenartigen Tassen und Näpfe, ihre Spielsachen in Ruhe zu
lassen, unterbrach diese Beschäftigung und da ich gerade nichts
weiter zu thun hatte, so trat ich zum Fenster und hauchte die
Frostblumen von den Fensterscheiben weg, um auf diese Art eine
Aussicht ins Freie zu gewinnen, wo die Natur unter dem versteinernden Einflusse der Kälte starr und steif vor den
Augen lag.
Das Fenster, an dem ich stand, ging auf die Portierswohnung und die Fahrstraße hinaus, und just als ich gerade
genug von dem silberweißen Ueberzuge abgelöst hatte, um hinausblicken zu können, sah ich das Gitterthor öffnen und einen
Wagen in den Hof rollen. Diese Erscheinung hatte für mich
durchaus kein Interesse; wie oft kamen Eauipagen nach Gatesheadhall, aber keine enthielt Gäste, die mich irgendwie angingen.
Der Wagen blieb vor der Hausfronte stehen. Die Thürklingel
ertönte, der neue Ankömmling ward eingelassen. Aber dieses
alles erregte meine Neugierde nicht im geringsten; meine Aufmerksamkeit wurde bald durch ein kleines Rothkehlchen gefesselt,
das vor Hunger zwitschernd auf den entblätterten Zweigen des
Kirschbaumes nahe dem Fenster herumhüpfte. Die Ueberbleibsel
meines Frühstücks, Brot und Milch, standen noch auf dem
Tische; ich zerbröckelte einen Bissen Semmel und zog an dem
Schiebfenster, um die Krümchen auf dem Fenstergesimse auszustreuen, als plötzlich Bessie die Treppe eilig heraufgelaufen
kam und in die Kinderstube trat.
,Miß Jane, legen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie
dort? Haben Sie sich heute Morgen die Hände und das Gesicht
schon gewaschen? Ich zog noch einmal am Schiebfenster, bevor
ich antwortete, denn ich wollte den Vogel vorerst im ungestörten
Besitze seines Futters sehen. Der Schuber gab nach, ich streute
einige Krumen auf das Gesimse, einige auf den Zweig des
Kirschbaumes, schloß das Fenster und antwortete:

,Noch nicht, Bessie; ich bin eben erst mit dem Abstauben
fertig geworden.
,Muthwilliges, nachlässiges Kind! Und was machen Sie
jetzt? Sie sehen ja ganz roth aus, als wären Sie über etwas
Verbotenem ertappt worden. Warum haben Sie das Fenster
geöffnet?
Ich war der Mühe einer Antwort überhoben, denn Bessie
schien zu große Eile zu haben, um meine Aufklärungen anzuhören. Sie zog mich zum Waschtisch, gab meinem Gesichte und meinen
Händen einen unbarmherzigen, glücklicherweise aber ganz kurzen
Rippler mit Wasser, Seife und einem groben Handtuch, ordnete
meine Haare mit einem flüchtigen Brüstenstrich, band mir die
Schürze ab, und gebot mir schleunigst die Treppe hinabzugehen,
da man meiner im Frühstückzimmer bedürfe.
Gerne hätte ich gefragt, wer nach mir verlange, ob
Mistreß Reed oben wäre; aber Bessie war schon aus der Stube
und so ging ich langsam die Treppe hinab. Seit beinahe drei
Monaten war ich nie vor Mistreß Reed beschieden worden; durch
so lange Zeit auf die Kinderstube beschränkt, erschienen mir das
Frühstück-, das Speise- und das Besuchzimmer als unheilvolle
Gegenden, die ich nur mit Widerwillen betrat.
Ich stand nun im leeren Gange vor der Thür des Frühstückzimmers, zitternd vor Furcht, zögerte ich einzutreten. Was
für ein elendes, feiges Ding hatte eine durch ungerechte Züchtigungen erzeugte Angst zu jener Zeit aus mir gemacht! Ich
traute mich nicht in die Kinderstube zurückzugehen, ich fürchtete
mich, das Sprachzimmer zu betreten; zehn Minuten brachte ich
in dieser Ungewißheit zu, das heftige Läuten der Zimmerklingel
bestimmte mich, einzutreten, weil ich mußte.
,Wer mag mir etwas wollen? fragte ich mich selbst,
während ich die etwas streng gehende Thürklinke umdrehte, die
ein oder zwei Minuten meiner Anstrengung widerstand. , Wen
werde ich außer Tante Reed noch in der Stube sehen, einen
Herrn oder eine Frau? Die Klinke gab nach, die Thür ging
auf, ich überschritt die Schwelle, verbeugte mich sehr tief, und
blickte zu -- einer schwarzen Säule empor; wenigstens erschien
mir beim ersten Anblick die lange, hagere, in Pelz gehüllte, auf
dem Teppich aufrecht stehende Gestalt als eine solche: das

häßliche Gesicht am oberen Ende sah einer geschnisten Fratze gleich,
wie man sie am Gipfel eines Säulenschaftes zuweilen statt des
Capitäls anbringt.
Mistreß Reed nahm ihren gewöhnlichen Sitz in der Caminecke
ein. Sie gab mir ein Zeichen näher zu treten; ich that wie mir
geheißen, und wurde von ihr dem steinernen Gaste als das kleine
Mädchen aufgeführt, von welchem sie ihm gesagt habe.
Er, denn die Person gehörte dem männlichen Geschlechts
an, wandte seinen Kopf langsam nach dem Orte, wo ich stand,
und nachdem er mich mit seinen forschenden grauen Augen, die
unter einem Paar buschigen Augenbrauen hervorzwinkerten, aufmerksam gemustert hatte, sprach er feierlichst im tiefsten Baß:
,Sie ist sehr klein, wie alt ist sie?
,Zehn Jahre.
, Schon so alt? lautete die zweifelnde Antwort; und
wieder woß er mich durch einige Miuten. Diesmal mich setbst
anredend, fragte er:
,Wie heißt Du, kleines Mädchen?
, Jane Eyre, mein Herr!'?
Bei diesen Worten blickte ich empor. Der Herr schien mir
sehr groß zu sein, aber ich selbst war damals sehr klein. Seine
Gesichtszüge waren grob und hatten, so wie seine ganze Gestalt,
einen harten, verknöcherten Ausdruck.
,Nun, Jane Eyre, bist Du ein braves Kind?
Darauf konnte ich unmöglich bejahend antworten; die kleine
Welt um mich war der entgegengesetzten Meinung, ich schwieg
also still, Mistreß Reed antwortete statt meiner mit einem sehr
bezeichnenden Kopfschütteln und fügte sofort hinzu:
Je weniger man über diesen Gegenstand spricht, desto
besser, Mister Brocklehurst.
,Thut mir wirklich sehr leid, so etwas hören zu müssen.
Wir wollen miteinander ein Wort reden, und die perpendikuläre
Stellung aufgebend, versorgte er seine Person in einem Arm
stuhle, Mistreß Reed gegenüber. , Komm zu mir her,' gebot er.
Ich überschritt den Teppich; er stellte mich steif und gerade vor sich hin. Ach, wie sah sein Gesicht aus, nun es in gleicher
Linie mit dem meinigen lag! Und diese große Nase, dieser
Mund, diese hervorstehenden Zähne!

, Kein Anblick ist so betrübend, als der eines bösen
Kindes, begann er, ,besonders aber der eines boshaften kleinen
, Mädchens. Weißt Du, wohin die Lasterhaften nach dem Tode
kommen?
, In die Hölle, lautete meine schnelle und rechtgläubige
Antwort.
, Und was ist die Hölle? Kannst Du mir das sagen?
, Eine Höhle voll Feuer.
,Wäre es Dir lieb, in diesen feurigen Pfuhl zu kommen
und dort in Ewigkeit zu braten?
,Nein, mein Herr.
, Was mußt Du thun, um dem zu entgehen?
Ich dachte einen Augenblick nach. Meine Antwort lautete
wider alle Erwartung: ,Ich muß mich gesund erhalten und
nicht sterben.
,Wie kannst Du Dich gesund erhalten? Tagtäglich sterben
noch jüngere Kinder als Du. Erst vor zwei Tagen begrub ich
ein kleines Kind von fünf Jahren, dessen Seele jetzt im Himmel
wohnt. Es steht zu befürchten, daß dies bei Dir nicht der Fall
wäre, wenn Du jetzt abgerufen würdest.
Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu beseitigen,
so senkte ich bloß meine Augen zu seinen ungeheuren Füßen
nieder und stieß einen Seufzer aus, mich innerlich tausend Meilen
weit hinwegwünschend.
, Ich hoffe, dieser Seufzer kommt vom Herzen und Du
bereuest es, Deiner vortrefflichen Wohlthäterin je Anlaß zu
Verdruß gegeben zu haben.
,Meiner Wohlthäterin! dachte ich bei mir selbst. , Jedermann nennt Mistreß Reed meine Wohlthäterin. Wenn es wahr
ist, so ist eine Wohlthäterin ein sehr unangenehmes Wesen.
,Betest Du Früh und Abends? fuhr mein Inquisitor fort.
,Wohl, mein Herr.
,Liesest Du die Bibel?
,Zuweilen.
, Liesest Du sie gerne? Gefallt sie Dir?
,Am liebsten lese ich die Propheten, das Buch Daniel's,
Genesis und das Buch Samueli's und ein kleines Stückchen von

Exodus, auch einige Stücke von den Königen, den Chroniken,
von Hiob und Jonas.
Und die Psalmen? Hoffentlich bist Du darin gut bewandert?
Nein.
Nicht? O, schrecklich! Da habe ich unter Anderen einen
kleinen Knaben, viel jünger als Du, der sechs Psalmen auswendig hersingen kann, und wenn man ihn fragt, was ihm
lieber ist, eine Pfeffernuß oder ein Vers der Psalmen, sagt er:
O! der Vers eines Psalmes! die Engel singen Psalmen und
ich möchte gerne schon hienieden ein kleiner Engel sein. Darauf
bekommt er gewöhnlich zwei Pfeffernüsse zur Belohnung seiner
kindlichen Frömmigkeit.
Die Psalmen sind nicht unterhaltend, bemerkte ich.
Das beweist nur, daß Du ein böses Herz hast; Du mußt
zu Gott flehen, daß er es zum Guten wende, daß er Dir ein
neues und reines verleihe, Dein versteinertes Herz herausnehme
und eines von Fleisch und Blut an die Stelle setzte.
Eben wollte ich fragen, in welcher Weise die Operation
meiner Herzumwandlung vor sich gehen sollte, als Mistreß Reed
mir ins Wort fiel und mich niedersetzen hieß, worauf sie das
Gespräch selbst weiter führte.
Ich glaube Ihnen, mein lieber Mister Brocklehurst, in
meinem letzten Schreiben vor drei Wochen angezeigt zu haben,
daß dieses kleine Mädchen in Bezug auf ihren Charakter und ihre sittlichen Anlagen nicht ganz meinem Wunsche entspricht.
Für den Fall, als Sie sie in die Anstalt zu Lowood aufnehmen, wäre es mir sehr lieb, wenn die Oberin und die
Lehrerinnen das Mädchen genau im Auge behielten, was besonders ihres Hauptfehlers wegen, der Neigung zu Lug und
Trug, sehr noththut. Ich erwähne dieses in Deiner Gegenwart,
Jane, damit Du es nicht versuchen kannst, Mister Brocklehurst zu
hintergehen.
Wohl hatte ich Ursache, Mistreß Reed zu fürchten, zu verabscheuen, es lag in ihrer Wesenheit, mich stets grausam zu verletzten; nie war ich in ihrer Gegenwart glücklich; ich mochte noch
so pünktlich gehorchen, mich noch so sehr bemühen, ihr gefällig
zu sein, immer wurden meine Bemühungen durch Reden wie die

vorstehenden belohnt und zurückgewiesen. Diese neueste Anschuldigung, noch dazu vor einem Fremden geäußert, zerschnitt mir
das Herz; ich sah es ziemlich deutlich, wie sie mir in der neuen
Phase des Daseins, zu dem sie mich bestimmte, schon von vornherein jede Hoffnung abschnitt; ich fühlte es, wenn ich mir darüber selbst nicht ganz klar wurde, wie sie Abneigung und Mißhandlung auf meinen künftigen Lebensweg säete; ich sah mich
unter Mister Brocklehurst's Augen zu einem lügnerischen, boshaften
Kinde gestempelt. Und was konnte ich thun, um dieses Unrecht
abzuwenden?
Nichts, gar nichts, dachte ich, einen Seufzer unterdrückend und rasch einige Thränen, die ohnmächtigen Zeugen
meines Schmerzes, aus den Augen wischend.
Bei einem Kinde ist der Hang zur Lüge in der That ein
trauriger Fehler, sagte Mister Brocklehurst; die Lüge ist mit der
Falschheit verwandt und alle Lügner bekommen alsbald ihren
Antheil an dem brennenden Schwefelpfuhle. Sie soll indessen
überwacht werden, Mistreß Reed, ich werde mit Miß Temple
und den Lehrerinnen sprechen.
Ich möchte sie gern in einer Weise auferzogen haben, die
ihren künftigen Aussichten entspricht, fuhr meine Wohlthäterin
fort; sie muß arbeitsam und demüthig sein. Was die Ferien
anbelangt, so wird sie dieselben, mit Ihrer Erlaubniß, stets zu
Lowood verbringen.
Ihre Anordnungen sind vollkommen vernünftig, Madame,
versetzte Mister Brocklehurst. Die Demuth ist eine christliche
Tugend und bei den Zöglingen von Lowood besonders zu Hause.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man am besten die weltlichen
Gesinnungen des Stolzes ausrotten könnte, und erst neulich hatte
ich die Genugthuung, meine erfolgreichen Bemühungen anerkannt
zu sehen. Meine zweite Tochter Auguste hatte nämlich mit ihrer
Mama die Schule besucht. O lieber Papa, sagte sie beim
Heraustreten, wie ruhig und einfach alle Mädchen in Lowood
aussehen! Mit ihren hinter die Ohren gekämmten Haaren, den
langen Schürzen und den gewissen kleinen holländischen Taschen
auswendig an den Röcken sehen sie Alle wie arme Leute Kinder
aus. Und, setzte sie hinzu, sie blickten meine und Mamas
Kleidung an, als hätten sie noch nie ein seidenes Kleid gesehen.

, Gerade so liebe ich es, erwiderte Mistreß Reed. , Ich
glaube, hätte ich ganz England durchsucht, ich hätte kaum eine
Erziehungsweise gefunden, die besser für Jane Eyre taugt als
diese. Enthaltsamkeit, mein theurer Mister Brocklehurst, Enthaltsamkeit in allen Dingen.
, Enthaltsamkeit, Madame, ist die erste Pflicht des Christen
und es ist in allen Einrichtungen unseres Institutes darauf
Bedacht genommen worden: eine einfache Kost, einfache Kleidung, nur
die nöthigsten Bequemlichkeiten, eine abhärtende und thätige Lebens-
weise, dies ist die Tagesordnung des Hauses und seiner Bewohnerinnen.
, Ganz recht, mein Herr. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Zögling in Lowood aufgenommen
und dort seiner Stellung und seinen Aussichten gemäß erzogen
werden wird?
, Gewiß, Madame! Sie wird in jenes Treibhaus für
ausgesuchte Pflanzen versetzt werden, und ich hoffe, sich für
den unschätzbaren Vortheil ihrer Aufnahme dankbar bezeugen.
, In diesem Falle will ich sie so bald wie möglich wegschicken,
Mister Brocklehurst; denn ich versichere Sie, daß ich kaum den
Augenblick erwarten kann, eine Verantwortlichkeit loszuwerden,
die mir zu drückend ist.
, Ohne Zweifel, ohne Zweifel, Madame; und nun wünsche
ich Ihnen einen guten Morgen. In ein oder zwei Wochen kehre
ich nach Brocklehursthall zurück, da mich mein Freund, der Archidiacon, kaum früher fortlassen wird. Ich werde inzwischen Miß
Temple zu wissen machen, daß sie einen neuen Zögling bekommt,
und so wird ihre Aufnahme weiter keine Schwierigkeiten haben.
Leben Sie wohl!
,Adieu, Mister Brocklehurst; empfehlen Sie mich der
Mistreß und Miß Brocklehurst, auch Augusten und Theodoren
und dem jungen Herrn Broughton Brocklehurst.
, Ich werde nicht ermangeln, Madame. Hier, kleines Mädchen,
ist ein Buch für Dich, betitelt ,der Führer des Kindes'; lies
es mit Andacht, besonders die Erzählung von dem schrecklichen
und plötzlichen Tode der Marthe G., einem bösen, der Falschheit
und Lüge ergebenen Kinde.

Bei diesen Worten händigte mir Mister Brocklehurst eine
kleine Broschüre ein, ließ seinen Wagen vorfahren und verschwand. Mistreß Reed und ich blieben allein zurück; mehrere Mi-
nuten vergingen in lautloser Stille; sie nähte, ich beobachtete
sie. Mistreß Reed mochte zu jener Zeit sechs- bis siebenunddreißig
Jahre zählen; sie war eine starkgebaute, breitschulterige, muskelöse Frau, nicht groß und, obgleich unterseyt, nicht zu fett.
Ihr Gesicht war sehr breit, besonders der Unterkiefer sehr ausgebildet und kräftig; sie hatte eine niedere Stirn, ein starkes,
hervorstehendes Kinn, Mund und Nase ziemlich regelmäßig.
Unter ihren lichten Augenbrauen schimmerte ein gefühlloses Auge
hervor; ihre Haut war dunkel und undurchsichtig, ihr Haar beinahe flachsfarben, ihre Leibesbeschaffenheit gesund, wie die eines
Fisches -- Krankheiten blieben fern von ihr. Sie war eine
genaue und geschickte Hausfrau und hatte das ganze Hauswesen
unter ihrer Leitung; bloß ihre Kinder wagten es, zuweilen ihres
Ansehens zu spotten und sie auszulachen; sie kleidete sich geschmackvoll und wußte durch Haltung und Gang den Glanz ihres
Anzuges hervorzuheben.
Auf einem niederen Stuhle, einige Fuß weit von ihr sitzend,
maß ich ihre Gestalt und zergliederte ihre Gesichtszüge. In der
Hand hielt ich die Abhandlung über den plötzlichen Tod der
Lügnerin, welche man als eine geeignete Warnung meiner Aufmerksamkeit empfohlen hatte. Alles, was sich eben zugetragen,
was Mistreß Reed bezüglich meiner Mister Brocklehurst gesagt
hatte, der ganze Inhalt des Gespräches lag mir frisch, unverdaut,
stechend im Gedächtniß; ich hatte jedes Wort so scharf empfunden,
wie ich es schmucklos vernommen, und der heftigste Zorn kochte
in meinem Busen.
Mistreß Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge blieb
an dem meinigen haften, ihre Finger setzten gleichzeitig in ihrer
flinken Bewegung aus.
,Du verläßt das Zimmer und begiebst Dich sofort in die
Kinderstube zurück, lautete ihr Befehl. Mein Blick oder sonst
etwas an mir mußte sie wohl verletzt haben, denn sie sprach mit
außerordentlicher, wiewohl unterdrückter Aufregung. Ich stand
auf, ging zur Thür, dann wieder zurück in die Stube, zum
Fenster und gerade auf sie los.

Sprechen mußte ich, man hatte mich arg getreten und ich
mußte mich krümmen. Aber wie? Welche Kraft stand mir zu
Gebote, um an meinen Gegnern Rache zu nehmen? Ich raffte
alle meine Thatkraft zusammen und schnellte sie in einem plumpen
Satze von mir.
, Ich bin keine Lügnerin! Wäre ich es, würde ich sagen,
ich liebe Sie; aber ich erkläre Ihnen hiermit offen, daß ich
Sie unter allen Sterblichen-- John Reed ausgenommen --
am wenigsten leiden kann; und dieses Buch über die Lügnerin
mögen Sie ihrer Tochter Georgine geben, denn sie lügt,
nicht ich.
Mistreß Reed's Hände lagen noch immer träge auf ihrer
Arbeit, ihr eiskalter Blick blieb frostig auf dem meinigen
geheftet.
,Was hast Du mir noch weiter zu sagen? fragte sie,
eher in jenem Tone, den man einem erwachsenen Gegner gegenüber anwendet, als in demjenigen, mit welchem man Kinder anzureden pflegt.
Ihr Auge, ihre Stimme riefen jede Abneigung wach. In
unbezähmbarer Aufregung von Kopf zu Fuß erzitternd, fuhr
ich fort:
, Ich bin froh, daß Sie mit mir gar nicht verwandt sind;
nie in meinem Leben will ich sie wieder Tante nennen. Bin
ich einmal erwachsen, komme ich zu Ihnen, und wenn mich
jemand fragt, wie ich Sie leiden kann und wie Sie mich behandelten, werde ich sagen, daß mir beim bloßen Gedanken an
Sie übel wird, und daß Sie mich mit erbärmlicher Grausamkeit
peinigten.
, Wie wagst Du es, so etwas zu behaupten, Jane?
,Wie ich es wage, Mistreß Reed? Wie ich es wage? Weil
es die pure Wahrheit ist. Sie glauben wohl, ich habe kein
Gefühl und kann auch ohne einen Brocken Liebe und Freundlichkeit leben; aber das vermag ich nicht und Sie haben keine
Barmherzigkeit. Ich werde es nie vergessen, wie Sie mich zurückstießen, roh und hestig in die rothe Stube zurückwarfen und
dort einschlossen, an meinem bittersten Leidenstage, und wiewohl
ich fast im Sterben lag und vor Schmerz erstickend, bat: Haben
Sie Erbarmen, haben Sie Erbarmen, Tante Reed! Und jene

Strafe verhängten Sie über mich, weil mich Ihr böser Bube
für nichts und wieder nichts geprügelt, zu Boden geschlagen hatte.
Ich will jedem, der mich fragt, den genauen Verhalt erzählen.
Die Leute halten Sie für eine gute Dame, aber Sie sind böse,
hartherzig. Sie sind eine Lügnerin!
Noch bevor ich mit dieser Erwiderung zu Ende war, fing
mein Herz an sich auszudehnen, in dem nie geahnten Gefühle
der Freiheit, des Triumphes empor zu hüpfen. Es schien mir,
als wäre eine unsichtbare Kette gesprengt, und ich selbst dadurch
in eine unverhoffte Unabhängigkeit versetzt. Dieses Gefühl hatte
in der That seine Ursache; Mistreß Reed war ganz erschrocken,
die Arbeit fiel ihr vom Schoße herab, sie faltete die Hände,
rückte ängstlich hin und her und verhüllte sogar ihr Gesicht, als
wollte sie weinen.
, Jane, Du bist in einem großen Irrthum. Was ist Dir
begegnet? Warum zitterst Du so heftig? Möchtest Du vielleicht
ein Glas Wasser trinken?
,Nein, Mistreß Reed.
, Oder hast Du sonst irgend einen Wunsch, Jane? Ich versichere Dich, ich meine es gut mit Dir.
,Sie gewiß nicht. Sie sagten Mister Brocklehurst, ich
habe eine Neigung zur Falschheit; ich will nun jedermann
in Lowood erzählen, wer Sie sind und was Sie gethan haben.
,Das verstehst Du nicht, Jane, Kinder müssen für ihre
Fehler bestraft werden.
,Lüge ist mein Fehler nicht! rief ich laut in leidenschaftlichem Tone.
, Aber Du bist sehr heftig, Jane, das mußt Du mir doch
zugeben. Geh', mein liebes Kind, begieb Dich in die Kinderstube,
lege Dich einen Augenblick ins Bett.
, Ich bin nicht Ihr liebes Kind; ich kann mich jetzt nicht
niederlegen; thun Sie mich in die Kostschule, Mistreß Reed, denn
ich hasse das Leben in Ihrem Hause.
, Ich werde sie in der That bald fortschicken müssen,
brummte Mistreß Reed in sich hinein; dann packte sie ihre Arbeit
zusammen und verließ rasch das Zimmer.
Ich blieb allein zurück -- im Besitze des Schlachtfeldes.
Es war der härteste Strauß, den ich bestanden, der erste Sieg,

den ich errungen; eine Weile blieb ich auf dem Teppich stehen,
auf welchem früher Mister Brocklehurst gestanden, und freute
mich meiner Einsamkeit als Siegerin. Anfänglich lächelte ich mir
selbst Beifall zu und fühlte mich erhoben, dann aber ließ dieses
wilde Entzücken ebenso schnell nach, als meine Pulse aufhörten,
in fieberhafter Erregung zu schlagen. Ein Kind kann nicht, wie
ich gethan, mit älteren Leuten zanken, den Gefühlen der Leidenschaft freien Lauf lassen, ohne später Reue und eine merkliche
Umstimmung zu empfinden. Ein Stück einer angezündeten, lebhaft
brennenden, alles versengenden Haide hätte ein schwaches Bild
meines Inneren gegeben, als ich Mistreß Reed anklagte und ihr
drohte; derselbe Streifen Haideland, aber schwarz und verbrannt
nach dem Erlöschen der Flamme, konnte meine spätere Gemüthsverfassung vorstellen, nachdem die Stille und das Nachdenken
einer halben Stunde mir die Thorheit meiner Aufführung und
die trostlose Lage gezeigt hatte, in welcher ich mich durch mein
Hassen und Gehaßtwerden befand.
Etwas wie das Gefühl gestillten Rachedurstes hatte ich in
gleich schmeckte es anfänglich süß und feurig, aber der metallische und sauere Nachgeschmack brachte eine Empfindung hervor,
als hätte ich Gift genommen. Gerne wäre ich nun zu Mistreß
Reed gegangen, sie um Vergebung zu bitten; doch wußte ich
theils instinctmäßig, theils aus Erfahrung, daß sie mich dann
mit um so größerer Verachtung zurückgewiesen und dadurch meine
Leidenschaftlichkeit nur umsomehr erregt hätte.
Von dem Wunsche beseelt, meinen Gedanken eine andere
Richtung geben und Nahrung für ein besseres Gefühl als dasjenige des Unwillens finden zu können, nahm ich ein Buch --
ich glaube arabische Erzählungen -- zur Hand, setzte mich nieder
und versuchte zu lesen. Ich konnte den Gegenstand nicht mit
Aufmerksamkeit verfolgen; meine eigenen Gedanken schwammen
zwischen jenen Blättern, die ich sonst so angenehm gefunden.
Ich öffnete eine Glasthür des Sprachzimmers; das Gesträuch
lag noch immer im Winterschlaf, der Frost herrschte unumschränkt,
unbeirrt von Sonnenstrahlen und lauen Lüften über das Gefilde.
Ich zog mein Kleid über Kopf und Arme und ging in dem
abgelegensten Theile des Hausgartens spazieren. Die bereiften

Bäume, die abgefallenen Fichtenzapfen, die gefrorenen Ueberreste
des Herbstes, die dürren, vom Winde haufenweise zusammengewehten, vom Froste erstarrten Blätter konnten mich nicht erfreuen.
Ich lehnte mich an eine Gitterthür und blickte auf ein leeres
Feld, wo keine Schafe weideten, wo das niedere Gras, versengt,
der Kälte erlegen war. Es war ein sehr düsterer Tag; ein
undurchsichtiger Himmel, , sich über dem Schnee wiegend, faßte
die ganze Gegend ein, von Zeit zu Zeit Flocken herabsendend,
die auf dem hartgefrorenen Pfade und dem bereiften Lande
liegen blieben, ohne zu zergehen. So stand ich da, ein bejammernswerthes Kind, und flüsterte wiederholt vor mich hin: Was soll
ich thun -- was soll ich thun?
Mit einemmale hörte ich eine helle Stimme rufen: ,Miß
Jane, wo stecken Sie? Kommen Sie doch zum Imbiß!
Es war Bessie, ich wußte es wohl, aber ich rührte
mich nicht und ließ sie leichten Schrittes den Fußweg herankommen.
, Sie nichtsnutziges kleines Ding! schalt sie. ,Warum
kommen Sie nicht, wenn man Sie ruft?
Im Vergleiche mit dem Gedanken, über welchen ich eben
gebrütet hatte, war Bessie's Gegenwart ein freundliches Ereigniß,
wiewohl sie, wie gewöhnlich, etwas übler Laune war. Nach meinem
Zusammentreffen und meinem Siege über Mistreß Reed war ich,
die Wahrheit zu sagen, nicht Willens, mich an des Kindermädchens vorübergehenden Unwillen zu kehren, vielmehr beschloß
ich, mich in der jugendlichen Frische ihres Gemüthes zu sonnen.
Ich legte meine kleinen Arme um ihren Leib und sagte: Geh'
doch, Bessie, schilt mich nicht!
Diese Bewegung, welche freier und furchtloser ausfiel als
irgend eine, die ich je gewagt, gefiel dem Mädchen.
Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane, versetzte sie
zu mir herabblickend, , Sie kleines, schwärmerisches, scheues Ding.
Sie kommen in eine Kostschule, glaub' ich?
Ich nickte mit dem Kopfe.
,Wird es Ihnen nicht leid thun, von der armen Bessie zu
gehen?
,Was wird sich Bessie daraus machen, sie zankt ja immer
mit mir.

,Weil sie so ein sonderbares, furchtsames, scheues Geschöpf
sind. Sie sollten viel dreister sein.
, Um noch mehr Schläge zu bekommen, nicht wahr?
Ach, Unsinn! Doch es ist wahr, man geht fast zu hart
mit Ihnen um; meine Mutter, als sie vergangene Woche bei
mir zu Besuche war, meinte, sie möchte keines von ihren Kindern
an Ihrer Stelle wissen. -- Kommen Sie herein, ich habe gute
Neuigkeiten für Sie.
,Das glaube ich nicht, Bessie.
, Kind! Was wollen Sie damit sagen? Was für einen
kummervollen Blick werfen Sie mir zu? Nun gut, hören Sie!
Die gnädige Frau, das Fräulein und der junge Herr gehen
heute Abends in eine Theegesellschaft und Sie werden mit mir
Thee trinken. Ich will der Köchin sagen, sie soll Ihnen einen
Kuchen backen und dann werden Sie mir helfen, Ihre Commodefächer zu mustern, denn ich muß schon bald Ihren Koffer packen.
Die gnädige Frau wünscht, daß sie Gatesheadhall in ein bis
zwei Tagen verlassen und von den Spielsachen mitnehmen, was
Ihnen am besten gefällt.
,Bessie, Du mußt mir versprechen, daß Du mich nicht
mehr schelten willst, so lange ich noch hier bin.
, Gut, gut! Aber Sie müssen auch ein braves Kind sein
und sich nicht vor mir fürchten, nicht erschrecken, wenn ich etwas
heftiger spreche; es ist so ärgerlich.
, Ich denke nicht, Bessie, daß ich mich je vor Dir fürchten
könnte, denn ich bin Dich gewöhnt und ich werde bald andere
Lente zu scheuen haben.
,Wenn Sie sie scheuen, werden sie Ihnen gram sein.
, Etwa wie Du mir, Bessie?
, Ich bin nicht böse auf Sie, Miß, ich glaube, daß ich
Sie lieber habe, als alle die Anderen zusammen.
,Du zeigst mir es nicht.
, Ei, Sie kleines, spitziges Ding! Sie haben ja eine ganz
andere Redeweise angenommen. Was macht Sie so muthig und kühn?
,Nun Du weißt ja, daß ich bald von hier fortkomme und
dann -- Ich wollte von dem Vorgange zwischen mir und
Mistreß Reed Erwähnung thun; bei weiterem Nachdenken fand
ich jedoch, daß es besser sei, zu schweigen.

,Sie sind also froh, daß Sie mich verlassen?
, Keineswegs, Bessie; vielmehr thut es mir gerade jetzt fast
leid, weggehen zu müssen.
,Gerade jetzt, und fast! Wie kalt das mein junges Fräulein
ausspricht! Ich glaube, wenn ich Sie jet um einen Kuß bäte,
Sie würden sich fast bedenken.
, Komm', ich will Dich küssen und das von Herzen gerne;
beuge Dich zu mir herunter. Bessie bückte sich, wir umarmten
einander und ich folgte ihr, ganz beglückt, ins Haus. Der Nachmittag verging in Frieden und Eintracht und in den Abendstunden erzählte mir Bessie einige ihrer fesselndsten Geschichten
und sang mir ihre schönsten Lieder. Auch für mich hatte das
Leben sonnige Augenblicke!

V.

Es hatte am Morgen des 19. Januar kaum fünf Uhr
geschlagen, als Bessie ein Licht in meine Kammer stellte und
mich bereits außer dem Bette und halb angekleidet fand. Ich
war eine halbe Stunde zuvor aufgestanden, hatte mich beim
Scheine des untergehenden Mondes angezogen und mir Gesicht
und Hände gewaschen. Ich sollte am selben Tage Gateshead in
einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr Morgens bei unserem
Thor vorbeifuhr. Bessie war unter allen Bewohnern des Schlosses
allein auf, sie hatte in der Kinderstube Feuer gemacht, und
begab sich jetzt dahin, mir das Frühstück zu bereiten. Nur
wenige Kinder können essen, wenn sie der Gedanke an eine
bevorstehende Reise in Anspruch nimmt; ich vermochte es ebenso
wenig. Bessie, die mich umsonst genöthigt hatte, einige Löffel
voll warme Milch mit Brot, die sie mir zugerichtet, zu mir zu
nehmen, wickelte einige Stücke Zwieback in ein Papier und steckte
sie in meine Reisetasche; dann half sie mir einen Pelz und eine
Haube anlegen und nachdem sie mich und sich in einen warmen
Shawl eingewickelt hatte, verließen wir die Kinderstube. Als
wir bei Mistreß Reed's Schlafgemach vorbeikamen, sagte sie:
, Wollen Sie hineingehen und der gnädigen Frau Lebewohl
sagen?

Nein, Bessie; sie kam gestern Abends, als Du beim
Nachtessen warst, zu meinem Bette und meinte, ich hätte nicht
nöthig, sie und die Kinder am Morgen zu wecken; sie wäre
mir immer sehr zugethan gewesen und ich möchte also demgemäß
von ihr sprechen und ihr dankbar sein.
, Und was sagten Sie, Miß?
, Gar nichts; ich deckte mein Gesicht mit dem Federbette
zu und wandte ihr den Rücken.
,Das war nicht schön von Ihnen, Miß Jane!
,Das war ganz recht, Bessie, denn Deine Gebieterin
war mir nie gewogen, sie war von jeher meine größte
Feindin.
O, Miß Jane, sagen Sie das nicht!
,Adieu, Gateshead! rief ich, als wir durch die Vorhalle
kamen und zur Hausthür hinaustraten.
Der Mond war eben untergegangen und es war sehr
finster.- Bessie trug eine Laterne, deren Licht die nassen Fußstapfen und den vom Morgenthau getränkten Kiessand beleuchtete.
Der Wintermorgen war rauh und frostig, meine Zähne klapperten,
als ich die Zufahrt hinabschritt. In der Portierswohnung
brannte ein Licht; als wir hinkamen, machte die Portierin gerade
Feuer an; mein Koffer, den man am Adend zuvor hingebracht
hatte, stand, mit Stricken gebunden, am Thor. Nur noch wenige
Minuten fehlten auf sechs Uhr, und kurz nachdem die Uhr ausgeschlagen hatte, verkündete das entfernte Rasseln der Räder die
Ankunft der Kutsche; ich trat zur Thütr und sah die Wagenlaternen im Dunkel rasch herannahen.
,Geht sie ganz allein? fragte die Portierin.
Ja.
, Und wie weit ist es?
,Fünfzig Meilen.
,Welch weiter Weg! Mich wundert's, daß sich Mistreß
Reed nicht fürchtet, sie so weit allein zu lassen.
Die Kutsche fuhr vor. Da stand sie am Thore mit ihren
vier Pferden und bis zum Dache mit Reisenden beladen; der
Conducteur und der Kutscher baten laut, schnell zu machen;
mein Koffer wurde aufgepackt, man riß mich von Bessie's Halse,
an dem ich mit stummen Küssen hing.

, Geben Sie ja Acht auf sie, rief sie dem Conducteur zu,
der mich ins Innere des Wagens hob.
Ja, ja! war die Antwort; die Kutschenthür wurde
zugeschlagen, eine Stimme rief: , Fertig!' und fort ging es, in
die weite Welt hinaus. So wurde ich von Bessie und Gateshead
losgerissen und unbekannten, meiner damaligen Ansicht nach,
entfernten, geheimnißvollen Gegenden zugeführt.
Ich kann mich nur auf wenige Umstände dieser Reise
erinnern; ich weiß bloß, daß mir der Tag außerordentlich lang
vorkam und daß es mir schien, als reisten wir Hunderte von
Meilen weit. Wir kamen durch verschiedene Städte, in deren
einer, die sehr groß war, die Postkutsche anhielt; man spannte
die Pferde aus und die Reisenden aßen zu Mittag. Ich wurde
in eine Wirthsstube gebracht, wo mich der Conducteur zum
Essen nöthigen wollte; da ich indessen keinen Appetit hatte, so
ließ er mich in einer ungeheueren Stube allein, die an jedem
Ende einen Camin, in der Mitte einen Kronleuchter und an
der Wand eine kleine rothe Galerie hatte, auf welcher musikalische Instrumente herumlagen. Hier ging ich eine geraume
Zeit auf und ab, von den sonderbarsten Gefühlen bestürmt und
voll Furcht, es möchte mich jemand stehlen, denn ich glaubte
an Kinderdiebe, da ihre Thaten in Bessie's Abenderzählungen
häufig eine große Rolle spielten. Endlich ließ sich der Conducteur wieder sehen, man hob mich wieder in den Wagen, mein
Beschützer bestieg seinen Sitz, ließ sein Horn ertönen und fort
rasselten wir über das steinige Pflaster von L--.
Der Nachmittag war naß und neblig; als es zu dämmern
begann, überkam mich das Gefühl, daß wir uns wirklich sehr
weit von Gateshead entfernten. Wir kamen durch keine Städte
mehr; das Land bot einen anderen Anblick, große, graue Hügel
umschlossen den Gesichtskreis, wir fuhren in ein starkverwachsenes
Thal hinab und als die Nacht alle Aussicht benommen, hörte
ich einen scharfen Wind durch die Bäume pfeifen.
Von dem eintönigen Geräusch eingelullt, schlief ich zuletzt
ein; ich hatte nicht lange geschlummert, als mich das plötzliche
Anhalten des Wagens weckte. Der Kutschenschlag ging auf und
eine Person, dem Aussehen nach ein Dienstmädchen, stand am
Tritte; ich unterschied ihr Gesicht und ihren Anzug beim Lampenlichte.

, Ist ein kleines Mädchen, Namens Jane Eyre, mitgekommen? frug sie. Ich antwortete bejahend und wurde darauf
aus dem Wagen gehoben; mein Koffer folgte nach und die
Kutsche rollte augenblicklich weiter.
Ich war ganz steif vom langen Sitzen und von dem Rasseln
und Schütteln ganz wüst im Kopfe; meine Sinne zusammennehmend, blickte ich um mich. Regen, Wind und Finsterniß
erfüllten den Luftkreis; dessenungeachtet bemerkte ich wie im
Nebel eine Mauer vor mir, mit einer geöffneten Thür; durch
diese Thür trat ich mit meiner Begleiterin ein, welche dieselbe
hinter sich zuschlug und verschloß. Ein Haus wurde nun sichtbar,
oder vielmehr mehrere Gebäude, die sich weit hindehnten, viele
Fenster zählten und zum Theile beleuchtet waren. Wir gingen
einen breiten, kothigen und nassen Pfad entlang und wurden an
der Hausthür eingelassen, worauf mich das Dienstmädchen durch
einen langen Gang in ein geheiztes Zimmer führte, in welchem
sie mich allein zurückließ.
Ich wärmte meine starren Finger am Feuer, und sah mich
in der Stube um; es stand kein Licht am Tische, aber der
flackernde Schein des Caminfeuers zeigte mir von Zeit zu Zeit
mit Tapeten überzogene Wände, einen Fußteppich, Vorhänge
und glänzende Mahagonimöbel; es war ein Sprechzimmer, nicht
so geräuMiß und vornehm, wie das Staatszimmer von Gatesheadhall, aber ziemlich bequem eingerichtet. Ich gab mir eben
Mühe, den Gegenstand eines an der Wand hängenden Gemäldes
auszumitteln, als die Thür aufging, und eine Dame, ein Licht
in der Hand, eintrat; ein zweites weibliches Wesen folgte ihr
auf dem Fuße nach.
Die Erstere war eine große Frau mit schwarzen Haaren,
schwarzen Augen und einer hohen weißen Stirne; ein großer
Shawl verhüllte zum großen Theile ihre Gestalt, ihr Gesicht
zeigte einen ernsten Ausdruck, ihre Haltung war gerade und aufrecht.
,Das Kind ist viel zu jung, als daß es hätte allein reisen
sollen, sagte sie, das Licht auf den Tisch stellend. Eine kurze
Zeit land betrachtete sie mich aufmerksam, und fügte dann hinzu:
, Es wäre am Ende am besten, man brächte sie gleich zu
Bette; sie sieht sehr ermüdet aus. Bist Du müde sprach sie
mich an, ihre Hand auf meine Achsel legend.

, Ein wenig, Madame.
, Und hungerig ohne Zweifel; geben Sie ihr ein Nachtessen, ehe sie sich schlafen legt, Miß Miller. Ist es heute
zum erstenmal, daß Du Deine Eltern verlässest und zur Schule
kommst, mein kleines Mädchen?
Ich erklärte ihr, ich hätte keine Eltern mehr. Sie erkundigte
sich, wie lange sie schon todt wären, wie alt ich sei, wie ich
heiße, ob ich lesen, schreiben und etwas rechnen könne; dann
klopfte sie mir sanft auf die Wange, sprach die Hoffnung aus,
ich würde ein gutes Kind bleiben, und hieß mich mit Miß
Miller gehen.
Die Dame, welche mit mir gesprochen, mochte etwa neunundzwanzig Jahre zählen, die mit mir ging, schien einige Jahre
jünger zu sein; die ältere machte durch ihre Stimme, ihren
Blick und ihre Erscheinung einen tiefen Eindruck auf mich. Miß
Miller sah etwas gewöhnlicher aus; ihr Gesicht war roth, wiewohl gram gefurcht, ihr Gang und ihre Handbewegungen überstürzt, wie bei einer Person, die stets vielfältige Geschäfte über
sich hat; ihr ganzes Aeußere entsprach dem, was sie, wie ich
später erfuhr, wirklich war, einer Unterlehrerin. Unter ihrer
Leitung durchschritt ich ein Gemach, einen Gang um den anderen,
bis wir den gänzlich und fast unheimlich stillen Theil des großen
und unregelmäßigen Gebäudes verließen, und dem Gesumme
vieler Stimmen folgend, in eine große lange Stube traten, die
an jedem Ende zwei lange bretterne Tische wies, auf deren jedem
zwei Lichter brannten, und um welche rund herum eine ganze
Mädchensammlung jeden Alters, von zehn bis zwanzig Jahren,
auf hölzernen Bänken saß. Bei dem trüben Scheine der gezogenen
Talglichter gesehen, erschien mir ihre Menge zahllos, wiewohl
ihre Anzahl in der Wirklichkeit kaum achtzig überschritt; sie
waren Alle gleichmäßig in braune Kattunröcke von sonderbarem
Schnitt und lange Schürzen von holländischer Leinwand gekleidet.
Es war die Studienstunde; die Mädchen waren gerade darüber,
ihre morgige Aufgabe auswendig zu lernen, und das Gesumse,
welches ich zuvor gehört, entstand durch das vereinte Resultat
ihrer halblauten Wiederholungen. Miß Miller gab mir ein Zeichen,
auf der Bank nächst der Thür Platz zu nehmen, ging ans andere
Ende des Zimmers hinauf, und rief mit lauter Stimme:

,Aufseherinnen, sammelt die Bücher und legt sie beiseite.
Vier große Mädchen standen von den verschiedenen Tischen
auf, gingen herum, sammelten die Bücher und trugen sie weg.
Wieder ließ sich Miß Miller's befehlende Stimme hören.
,Aufseherinnen, holt die Speisetragen zum Nachtessen.
Die großen Mädchen gingen hinaus und kamen alsbald
zurück, jede mit einer Speisetrage, welche mehrere Portionen von
ich weiß nicht welcher Speise, und in der Mitte einen Krug
Wasser und einen Becher enthielt. Die Portionen wurden herumgereicht; wer Durst hatte, mochte aus dem Becher trinken, welcher
zu gemeinsamer Benutung am Tische stand. Als an mich die
Reihe kam, trank ich wohl, weil ich Durst hatte, allein die
Speise ließ ich unberührt, da mir Aufregung und Müdigkeit
allen Appetit benommen hatten; das Nachtessen, wie ich nun
bemerken konnte, bestand in einem dünnen, in Stücke geschnittenen
Hafermehlkuchen.
Nach dem Essen las Miß Miller Gebete vor, worauf die
Mädchen classen- und paarweise die Treppe hinaufgingen. Von
Müdigkeit überwältigt, bemerkte ich kaum, was für ein Ort das
Schlafzimmer vorstellte, außer daß es, wie das Schulzimmer,
sehr lang war. Für diese Nacht war ich Miß Miller's Schlafgefährtin, sie half mir beim Auskleiden, vom Bette aus warf
ich einen Blick auf die langen Reihen von Bettstellen, deren jede
zwei Mädchen aufnahm; in zehn Minuten wurde das einzige
Licht ausgeblasen, und in tiefer Stille und Finsternis schlief
ich ein.
Die Nacht verging rasch, ich war zu müde, um zu träumen;
nur einmal erwachte ich, hörte den Wind durch die Lüfte rasen,
den Regen in Strömen herabfallen, und bemerkte, daß Miß
Miller mir zur Seite lag. Als ich meine Augen zum zweitenmale öffnete, ertönte laut der Klang einer Glocke. Die Mädchen
waren auf, und zogen sich an, und da es noch nicht Tag war,
brannten ein oder zwei Nachtlichter in der Stube. Auch ich stand,
obwohl ungern, auf; es war grimmig kalt, ich zog mich an, so
gut ich es, vor Frost zitternd, konnte, und wusch mich, sobald
ein Waschbecken frei war, was indessen eine Zeit lang dauerte,
da immer nur auf sechs Mädchen ein Becken kam, welches auf
einem der Waschtische inmitten der Stube stand. Wieder ertönte

bie Glocke; Alle stellten sich zu Zweien in eine lange Reihe auf,
stiegen in derselben Ordnung die Treppe hinab, begaben sich in
das kalte, düster beleuchtete Schulzimmer. Nachdem Miß Miller
einige Gebete verlesen, befahl sie:
,Setzt Euch in Classen.
Ein arger Tumult entstand auf einige Minuten, während
welcher Miß Miller häufig nach , Stiller und ,Ordnung' rief.
Als sich der Lärm gelegt hatte, blickte ich auf und sah sämmtliche Mädchen in vier Halbzirkeln, vier leeren Stühlen gegenüber, mit den Büchern in der Hand an den vier Tischen sitzen;
ein Buch, einer Bibel ähnlich, lag vor jedem der leeren Stühle
auf der Tafel. Eine kurze Pause trat ein, ausgefüllt mit leisem,
unverständlichem Gemurmel, welches Miß Miller, von Classe zu
Classe wandernd, zu beschwichtigen bemüht war.
Eine entfernte Klingel ließ sich hören; sofort traten drei
Damen ins Schulzimmer; eine jede begab sich zu einem der
Tische, wo sie auf dem leeren Stuhle Platz nahm; Miß Miller
setzte sich zum vierten Tische an der Thür, um welchen die
kleinsten Mädchen herumsaßen; zu dieser untersten Classe ward
ich gerufen, und mir daselbst der letzte Platz angewiesen.
Nun ging es an die Arbeit; die Tagescollecte, dann gewisse
Bibelsprüche wurden hergesagt, worauf eine langwierige Vorlesung ganzer Capitel der heiligen Schrift folgte, welche eine
volle Stunde anhielt. Am Schlusse dieser geistlichen Uebung war
es Tag geworden. Die unermüdliche Glocke ertönte zum viertenmal. Die Classen wurden nunmehr in ein anderes Zimmer
zum Frühstück geleitet. Wie erfreute mich die Aussicht, etwas
zu mir nehmen zu können! Es war mir beinahe übel vor
Hunger, da ich Tags zuvor fast nichts gegessen hatte.
Der Speisesaal war ein großes, gewölbtes, niedriges und
düsteres Gemach; auf zwei langen Tischen rauchten Schüsseln
mit irgend einer heißen Substanz gefüllt, die zu meinem größten
Leidwesen einen nichts weniger als Appetit erregenden Duft
emporsandte. Ich bemerkte einen allgemeinen Ausdruck von Unzufriedenheit, als der Dunst des Mahles die Nasenlöcher derjenigen berührte, welche bestimmt waren, es hinunter zu würgen von der Avantgarde der Procession, den großen Mädchen der
ersten Classe, vernahm man die leise geflüsterten Worte:

, Ekelhaft! die Suppe ist wieder angebrannt!
,Muhig! gebot eine Stimme; diesmal nicht diejenige der
Miß Miller, sondern einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen,
schwarzbraunen, nettgekleideten, aber etwas mürrisch aussehenden
Person, die am oberen Ende des einen Tisches Platz genommen
hatte, während eine weit munterere Dame an dem anderen den
Vorsitz führte. Umsonst sah ich mich nach der Dame um, welche
ich am Abend zuvor zuerst gesprochen hatte; sie war nicht sichtbar.
Miß Miller nahm das untere Ende des Tisches ein, an welchem
ich saß, während eine wunderliche, fremd aussehende, ältliche
Dame, die französische Meisterin, wie ich später erfuhr, das
entsprechende andere Ende der Tafel besetzte. Ein langes Dankgebet wurde gesprochen und ein Loblied gesungen, dann brachte
ein Dienstmädchen Thee für die Lehrerinnen und die Mahlzeit
begann. Hungrig wie ein Wolf und fast ganz entkräftet, verschlang
ich ein oder zwei Löffel voll von meiner Brühe, ohne an den
Geschmack zu denken; kaum hatte ich aber den ersten Hunger
gestillt, als ich bemerkte, welch ekles Gericht ich vor mir hatte;
eine angebrannte Suppe ist, nächst verfaulten Kartoffeln, das
schrecklichste Essen, und der Heißhunger selbst schreckt davor zurück.
Die Löffel arbeiteten langsam; ich sah, wie die Mädchen die
Suppe kosteten und hinunter zu schlucken suchten, aber in den
meisten Fällen blieb die Bemühung fruchtlos. Das Frühstück
war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Nachdem wir Dank
gesagt für das, was wir nicht erhalten und ein zweites Loblied
gesungen hatten, wurde der Aufenthalt im Speisesaal mit demjenigen im Schulzimmer vertauscht. Ich ging Eine von den
Letzten hinaus und als ich bei den Tischen vorbei kam, sah ich
eine der Lehrerinnen einen der Näpfe in die Hand nehmen und
die Suppe kosten; sie sah die anderen an, sämmtliche Gesichter
drückten Mißvergnügen aus, und die muntere Dame sagte
halblaut:
,Welch elendes Gebräu! Pfui der Schmach!
Eine Viertelstunde verging, ehe die Lehrstunden ihren Anfang nahmen; in dieser Zwischenzeit zeigte das Schulzimmer eine
glorreiche Unordnung, da es anscheinend gestattet war, laut zu
sprechen und sich frei zu bewegen; und von dieser Erlaubniß
wurde in der That wacker Gebrauch gemacht.

Das Hauptgespräch drehte sich um das Frühstück, über
welches Alle nach Herzenslust loszogen. Die armen Dinger! es
war ihr einziger Trost. Miß Miller befand sich von allen
Lehrerinnen allein im Zimmer; eine Gruppe erwachsener Mädchen
umstand sie und sprach mit ernsten, ja drohenden Geberden.
Ich hörte Mister Brocklehurst's Namen von einigen Lippen
ertönen, worauf Miß Miller, wie mißbilligend, den Kopf
schüttelte; doch machte sie keine großen Anstrengungen, den
allgemeinen Unwillen zu dämpfen, welchen sie zweifelsohne
theilte.
An der Uhr im Schulzimmer schlug es neun; Miß Miller
verließ ihren Zirkel, trat in die Mitte der Stube und rief:
,Stille! An Euere Pläte!
Die Disciplin gewann die Oberhand: in fünf Minuten
war der regellose Haufe auseinander und jedes Mädchen an
seinem Orte und eine verhältnißmäßige Ruhe hatte dem babylonischen Sprachengewirre Platz gemacht. Die Oberlehrerinnen
nahmen wieder Alle ihre Stühle ein, und dennoch schienen Alle
noch auf etwas zu warten. Längs der Zimmerwände auf den
Bänken gereiht, saßen die achtzig Mädchen regungslos aufrecht;
sie bildeten eine merkwürdige Versammlung, mit ihren aus dem
Gesichte nach hinten gekämmten, ungelockten Haaren, den braunen,
hoch hinauf reichenden, oben mit einem schmalen Halsstreifen
versehenen Kleidern, den kleinen, schottischen Beuteln nicht unähnlichen Leinwandsäcken, die, als Arbeitsbeutel dienend, vorne von
ihren Röcken hinunter hingen; alle insgesammt trugen wollene
Strümpfe und am Lande gearbeitete Schuhe mit Messingschnallen.
Etwa zwanzig der in dieser Weise gekleideten Mädchen waren
vollkommen erwachsen, oder vielmehr vollendete Jungfrauen; die
Kleidung stand ihnen schlecht und gab selbst den hübschesten
darunter ein wunderliches Ansehen.
Ich faßte diese Letzteren und zuweilen auch die Lehrerinnen,
von denen mir keine einzige gefiel, ins Auge; die Dicke war ein
wenig ordinär, die Braune nicht wenig barsch, die Ausländerin
verdrießlich und wunderlich und Miß Miller, das arme Wesen,
sah roth, verwittert und erschöpft aus. Da, indes noch mein
Auge von einem Gesichte zum anderen wanderte, stand plötzlich,
wie von einer Feder emporgehoben, die ganze Schule grüßend auf.

Was war die Ursache? Ich hatte nicht gehört, daß ein
Befehl gegeben worden wäre; ich war ganz verwundert. Bevor
ich mich noch zurecht finden konnte, hatte sich Alles wieder gesetzt;
alle Augen blickten nach einer Richtung und als auch die meinigen
folgten, sah ich jene Person, die mich am verwichenen Abend
empfangen hatte. Sie stand am unteren Ende der langen Stube
am Camin - denn es brannte an jedem Ende ein Feuer --
und überblickte die beiden Reihen der Mädchen ernst und
schweigsam. Miß Miller näherte sich ihr mit einer Frage und
rief nach erhaltener Antwort und auf ihren Sitz zurückgekehrt:
,Aufseherinnen der ersten Classe, holen Sie die Globen!
Während dieser Auftrag ausgeführt wurde, kam die eben
befragte Dame langsam durch das Lehrzimmer herauf. Ich muß
ein bedeutendes Organ der Verehrung besitzen, denn noch jetzt
erinnere ich mich des Respectes, mit welchem meine Augen ihren
Schritten folgten. Beim hellen Tageslichte betrachtet, sah sie
schlank, schön und wohlgeformt aus, braune wohlwollend blickende
Augen, von feinen, langen Augenwimpern überschattet, hoben
die alabasterne Weiße ihrer hohen Stirne hervor; an beiden
Schläfen hing ihr dunkelbraunes Haar, nach der damaligen Mode,
wo man weder glatte Flechten, noch lange Locken kannte, in
kurzen, dichten Löckchen beisammen; ihr Kleid war gleichfalls nach
damaligem Geschmack, von purpurrother Farbe mit schwarzem
Sammtaufputz; eine goldene Uhr — Ühren waren damals nicht
so gewöhnlich wie jetzt - erglänzte an ihrem Gürtel. Dazu
denke sich der Leser feine Gesichtszüge, eine blasse, aber durchsichtige Farbe, ein stattliches Aussehen und eine edle Haltung
und er wird, so gut dies Worte vermögen, eine genaue Vorstellung der äußeren Erscheinung Miß Temple's -- Maria
Temple's haben, denn diesen Namen fand ich später in meinem
Gebetbuche, welches man mir zum Nachtragen in die Kirche
anvertraut hatte, eingezeichnet.
Die Oberin der Erziehungsanstalt, denn diese Wurde bekleidete die Dame, nahm vor einem Paar Weltkugeln an einem
der Tische Platz, beschied die erste Classe zu sich und begann
ihre Vorlesung über Geographie; die unteren Classen wurden
von den Lehrerinnen vorgenommen: eine Stunde hindurch war
Geschichte, Sprachlehre u. s. w. an der Reihe, dann folgte

Schreiben und Rechnen und schließlich gab Miß Temple einigen
der älteren Mädchen eine Musikstunde. Die Dauer einer jeden
Lection ward nach der Uhr bemessen, welche endlich zwölf schlug.
Die Oberin stand auf.
, Ich habe den Zöglingen etwas mitzutheilen, sagte sie.
Der nach geendigten Lehrstunden gewöhnlich eintretende
Tumult war bereits losgebrochen; aber er beschwichtigte sich bei
dem Tone ihrer Stimme. Sie fuhr fort:
, Ihr hattet diesen Morgen ein Frühstück, das Ihr nicht
genießen konntet. Ihr müßt hungrig sein -- ich habe angeordnet,
daß Euch Allen ein Imbiß von Brot und Käse verabreicht
wird.
Die Lehrerinnen sahen sie mit einer Art Erstaunen an.
, Es geschieht unter meiner persönlichen Verantwortlichkeit,
fügte sie zur Aufklärung hinzu und verließ alsbald das Schulzimmer.
Brot und Käse wurden schleunigst hereingebracht und zur
großen Befriedigung und Stärkung der ganzen Schule vertheilt.
Die Weisung lautete nun: , In den Garten! Es wurden grobe
Strohhute mit farbigen Bindbändern von Calico aufgesetzt und
graue Friesmäntel umgethan. Ich wurde ebenso ausgestattet, und
dem Strome folgend, gelangte ich in die freie Luft.
Der Garten bestand aus einem geräumigen, mit hohen, jede
Aussicht abschneidenden Mauern umgebenen Stück Landes; ein
bedeckter Säulengang lief an der einen Wand hin und breite
Spalierwege umschlossen ein mittleres, in eine Anzahl Beete abgetheiltes Feld; diese Beete waren den Zöglingen zur Bebauung
überlassen und jedes einzelne hatte seine Eigenthümerin. Wenn
die Blumen in der Blüthe standen, mußte das Beet ohne
Zweifel sehr hübsch aussehen; allein jetzt in der zweiten Hälfte
des Januars sah alles winterlich und zerfallen aus. Ich schauderte, als ich so dastand und um mich sah; es war ein garstiger
Tag zum Spazierengehen, nicht gerade regnerisch, aber durch
einen tröpfelnden gelben Nebel verfinstert; der Boden war zudem
noch durch und durch naß von der gestrigen Regenfluth. Die
kräftigeren Mädchen liefen herum und waren bald in lebhaften
Spielen begriffen; andere blasse und hagere Gestalten drückten
sich, Schutz und Wärme suchend, in dem Säulengange aneinander; und wie der Nebel giftig in ihre fröstelnden Glieder
drang, schlug ein öfteres, hohles Husten an mein Ohr.
Da ich noch mit niemand gesprochen hatte und sich auch
niemand weiter um mich kümmerte, so stand ich natürlich ganz
einsam; dieses Gefühl des Alleinstehens war ich indessen so sehr
gewöhnt, daß es mir nicht sehr wehe that. Ich lehnte an einer
Säule des gedeckten Ganges, zog meinen grauen Mantel fester
zusammen, versuchte es, die Kälte, die mich auswendig starr
machte, und den Hunger, der inwendig an mir zehrte, zu vergessen und überließ mich der Beschäftigung des Zusehens und
Nachdenkens. Meine Betrachtungen waren zu unbestimmt und
zu abgebrochen, um erwähnt zu werden; ich wußte eigentlich
noch nicht recht, wo ich mich befand; Gateshead und mein vergangenes Leben schien weit, weit hinter mir zu liegen; die
Gegenwart war mir unklar und ungewohnt, und hinsichtlich der
Zukunft konnte ich gar keinen Gedanken fassen. Ich blickte in
den klösterlichen Garten, und dann zu dem Hause empor; einem
großen Gebäude, dessen eine Hälfte alt und grau, die andere
ganz neu zu sein schien. Der neugebaute Flügel, welcher das
Schul- und das Schlafzimmer umfaßte, ward durch vergitterte
Fenster erhellt, die ihm ein kirchenähnliches Aussehen verliehen;
eine steinerne Tafel über der Thür trug die nachstehende
Inschrift: Institut von Lowood. -- Dieser Theil wurde wieder
erbaut anno Domini -- -- durch Naomi Brocklehurst von
Brocklehursthall in dieser Grafschaft. Lasset Euer Licht so vor
den Menschen leuchten, daß sie Euere guten Werke sehen und
Eueren Vater im Himmel preisen können. Matth. 16. V.
Wiederholt überlas ich diese Worte: ich empfand es, daß
sie einer Erklärung bedurften, war aber selbst unvermögend,
ihren Sinn genügend zu erfassen. Ich dachte noch über die
Bedeutung des Wortes 'Institut' nach und versuchte es mit
dem nachfolgenden Schrifttexte in Verbindung zu bringen, als
ich über ein Gehuste hinter mir den Kopf wandte. Ich sah ein
Mädchen auf einer rohen Steinbank sitzen, welches aufmerksam
in einem Buche las; von meinem Standpunkte aus konnte ich
den Titel lesen; er lautete ,Raffelas, ein Name, der, als ein
fremdklingender, meine Neugierde reizte. Beim Umblättern sah
die kleine Leserin zufällig empor.

Ist Ihr Buch unterhaltend? frug ich sie, mit der weiteren
Absicht, sie darum auf einige Tage zu ersuchen.
Es gefällt mir, antwortete sie nach einer kurzen Pause,
während welcher sie mich betrachtete.
,Wovon handelt es? fuhr ich fort. Ich weiß wirklich
nicht, woher ich den Muth nahm, in solcher Weise ein Gespräch
mit einer Fremden anzuknüpfen; dieser Schritt war ganz gegen
meine Natur und meine Gewohnheit: wahrscheinlich berührte
ihre Beschäftigung irgend eine verwandte Saite in meinem
Innern, denn auch ich las gerne, wenngleich nur alberne und
kindische Bücher, da ich die ernsten, gehaltvollen Werke weder
verstehen, noch verdauen konnte.
, Sehen Sie sich's an, erwiderte das Mädchen, mir ihr
Buch hinhaltend.
Ich folgte der Einladung; ein flüchtiges Durchblättern
überzeugte mich, der Inhalt sei weniger anziehend, als der
Titel; ,Rasselas erschien meinem kindischen Geschmacke sehr
langweilig; ich sah nichts von Feen, Geistern und so weiter,
keine anmuthige Mannigfaltigkeit herrschte auf den enggedruckten
Blättern. Ich gab das Buch zurück; sie nahm es ruhig und
ohne ein Wort zu sagen wieder zur Hand und wollte eben im
Lesen fortfahren, als ich sie zum zweitenmale zu stören wagte.
, Können Sie mir wohl sagen, was jene Inschrift bedeutet?
Welches ist das Institut zu Lowood?
,Das Haus, in welches Sie eben gebracht wurden.
, Warum nennt man es ein Institut? Ist es denn von den
übrigen Schulen irgendwie verschieden?
,Weil es zum Theil eine Armenschule ist; Sie und ich
und die übrigen Alle sind Armenkinder. Ich denke, Sie sind
eine Waise; haben Sie nicht entweder Vater oder Mutter verloren?
, Beide starben, bevor ich sie kennen lernte.
, Nun gut, alle diese Mädchen haben entweder Vater oder
Mutter oder beide Eltern verloren und das Haus hier nennt
man auch ein Waisenhaus.
,Zahlen wir denn nichts? Behält man uns hier umsonst?
, Wir, oder vielmehr unsere Verwandten zahlen fünfzehn
Pfund des Jahres.

, Warum nennt man uns dann Armenkinder?
,Weil die fünfzehn Pfund für Kost und Unterricht nicht
hinreichen und der Rest durch Subscriptionen gedeckt werden
muß.
,Wer subscribirt denn?
, Verschiedene wohlthätige Herren und Damen in der Nachbarschaft und in London.
,Wer war Naomi Brocklehurst?
,Die Frau, welche den neuen Flügel des Hauses gebaut
hat, wie jene Inschrift besagt, und deren Sohn die Anstalt beaufsichtigt und leitet.
, Und warum gerade der?
,Weil er der Cassier und Verwalter des Institutes ist.
,Also gehört dies Haus nicht der schlanken Dame, die eine
Uhr trägt und uns Brot und Käse geben ließ?
,Miß Temple? Keineswegs! Ich wollte, es wäre der
Fall; sie ist für alles, was sie thut, Mister Brocklehurst verantwortlich. Mister Brocklehurst besorgt unser Essen und unsere
Kleidung.
,Wohnt er auch hier?
,Nein -- zwei Meilen entfernt in einem großen Landhause.
, Ist er ein guter Mann?
,Er ist ein Geistlicher und man sagt, daß er sehr viel
Gutes thut.
, Sagten Sie nicht, die schlanke Dame heiße Miß Temple?
,Allerdings.
, Und wie heißen die anderen Lehrerinnen ?
,Die mit den rothen Backen heißt Miß Smith; sie beaufsichtigt die weiblichen Handarbeiten und schneidet zu, denn
wir machen uns unsere Kleider, Röcke, Mäntel und so weiter
selbst. Die Kleine mit den schwarzen Haaren ist Miß Scatcherd;
sie lehrt die Geschichte und Sprachlehre und hört die zweite Classe
aus; und die Dritte mit dem Shawl und dem Taschentuch, das
sie mit einer gelben Schleife an die Seite geknüpft trägt, ist
Madame Pierrot; sie stammt aus Lisle in Frankreich und trägt
französische Sprache vor.
, Sind Sie den Lehrerinnen zugethan?

, So ziemlich.
,Der kleinen schwarzen Dame auch und Madame --? ich
kann ihre Namen nicht so aussprechen wie Sie.
,Miß Scatcherd ist jähzornig, Sie müssen Acht geben,
daß Sie sie nicht beleidigen; Madame Pierrot ist keine böse
Person.
, Aber Miß Temple ist die beste von Allen, nicht wahr?
,Miß Temple ist sehr gut und sehr gescheit; sie steht weit
über den Anderen, denn sie weiß weit mehr als sie Alle.
,Sind Sie schon lange hier?
,Zwei Jahre.
,Sind Sie eine Waise?
, Ich habe keine Mutter mehr.
, Fühlen Sie sich glücklich in diesem Hause?
, Sie fragen wirklich zu viel auf einmal; ich habe Ihnen
für heute genug geantwortet, nun möchte ich wieder lesen.
Doch gerade in diesem Augenblicke wurde zum Mittagessen
geläutet und Alle gingen ins Haus zurück. Der Geruch, welcher
jetzt den Speisesaal erfüllte, war kaum appetitlicher als jener,
der am Morgen unsere Nasen erfreut hatte. Das Essen war in
zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen, denen ein sehr
nach ranzigem Fett riechender Dampf entströmte. Ich fand, daß
unser Gericht aus unterschiedlichen Kartoffeln und zusammengeklaubten Fetzen alten Fleisches bereitet war. Von diesem Gemisch
erhielt jeder Zögling einen ziemlichen Teller voll; ich aß, so viel
ich konnte, und dachte mir im Stillen, ob wohl die Kost Tag
für Tag dieselbe bliebe.
Gleich nach Tisch begaben wir uns ins Lehrzimmer, die
Lectionen nahmen ihren Anfang und dauerten bis fünf Uhr.
Der einzige bemerkenswerthe Zwischenfall dieses Nachmittages
war der, daß jenes Mädchen, mit welchem ich im Garten
gesprochen, von Miß Scatcherd mit Schimpf aus der Geschichtsstunde fortgeschickt wurde und zur Strafe in der Mitte des
großen Schulzimmers stehen mußte. Diese Strafe schien mir,
besonders für ein so großes Mädchen -- jedenfalls zählte sie
über dreizehn Jahre -- ungemein entehrend. Ich dachte, die
Bestrafte würde große Betrübniß und Scham an den Tag legen;
allein zu meinem größten Erstaunen sah ich sie weder weinen
noch erröthen; gefaßt, wiewohl ernst stand sie da, ein Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. ,Wie mag sie es nur so
ruhig, so standhaft ertragen? so frug ich mich selbst. , Wäre
ich an ihrer Stelle, ich wünschte, die Erde öffnete sich und verschlänge mich. Sie sieht aus, als dächte sie an etwas ganz
anderes als an ihre Strafe -- an etwas, das sich weder um
sie herum, noch vor ihr befindet. Man hat mir von Leuten
erzählt, die am Tage träumten-- ist sie in einem solchen Traume
befangen? Sie hat ihre Augen auf den Boden geheftet, aber ich
wette, sie sieht ihn nicht. Ihr Gesicht ist nach innen gewandt,
nach der Tiefe ihres Herzens; sie blickt wohl in die Erinnerung
zurück, nicht nach der gegenwärtigen Wirklichkeit. Ich möchte
gerne wissen, was für ein Mädchen dies ist, ob ein gutes oder
ein böses?
Bald nach fünf Uhr Nachmittags hielten wir ein neues
Mahl, bestehend in einem Becher Kaffee und einer halben Schnitte
Schwarzbrot. Ich verschlang mein Brot und trank meinen Kaffee
mit Genuß; gerne hätte ich mehr gegessen, denn ich war noch
sehr hungrig. Auf den Kaffee folgte eine Erholung von einer
halben Stunde, dann wurde studirt; dann kam das Glas Wasser
und der Haferkuchen, dann das Abendgebet und endlich gingen
wir zu Bette. So brachte ich den ersten Tag meines Aufenthaltes
in Lowood zu.

VI.

Der folgende Tag begann wie der vorhergehende mit dem
Aufstehen und Ankleiden beim Lichte der Nachtlampe; mit dem
einzigen Unterschiede jedoch, daß wir diesen Morgen die Ceremonie
des Waschens beiseite lassen mußten, da das Wasser in den
Krügen fest gefroren war. Ein Witterungswechsel war in der
Nacht eingetreten und ein scharfer Nordostwind, der die ganze
Nacht durch die Klinsen der Schlafzimmerfenster geblasen, hatte
uns selbst in den Betten schauern gemacht und den Inhalt der
Wasserkrüge in Eis verwandelt.
Fast wäre ich während der anderthalbstündigen Gebete und
Bibelvorträge vor Kälte vergangen. Endlich kam die Frühstückszeit und diesmal war die Suppe nicht angebrannt; die Qualität
war gut, aber die Quantität sehr klein; wie gering kam mir
meine Portion vor, wie gern hätte ich sie verdoppelt gehabt!
Im Verlaufe des Tages wurde ich unter die Schülerinnen
der vierten Classe eingereiht und man wies mir regelmäßige
Aufgaben und Arbeiten zu; bis nun war ich bloß eine Zuschauerin der Vorgänge zu Lowood gewesen, von jetzt an sollte
ich selbst handelnd auftreten. Da ich nur wenig im Auswendiglernen geübt war, schienen mir die Lectionen anfänglich lang
und schwer, auch verwirrte mich der häufige Uebergang von
einem Gegenstand zum anderen, und ich war wirklich froh, als
mir beiläufig um drei Uhr Nachmittags Miß Smith einen etwa
zwei Ellen langen Mousselinbesatz sammt Nadel, Fingerhut und
so weiter in die Hand gab, mich in einen ruhigen Winkel des
Schulzimmers setzten und die Arbeit einsäumen hieß. Zur selben
Stunde waren die meisten Mädchen gleichfalls mit Nähen
beschäftigt; nur eine Classe war noch um Miß Scatcherd's
Stuhl versammelt und im Lesen begriffen. Da ringsum die
größte Stille herrschte, so konnte man sowohl den Gegenstand
der Lectionen als auch die Art und Weise, wie sich die Mädchen
ihrer Aufgabe entledigten und wie ihre Leistungen von Miß
Scatcherd, je nachdem, mit Tadel oder mit Verbesserungen
begleitet wurden, ganz genau vernehmen. Es wurde englische
Geschichte gelesen; unter den vorlesenden Mädchen bemerkte ich
meine Bekanntschaft vom Säulengange; beim Beginne der Lehrstunde stand sie an der Spitze der Classe, aber wegen eines
Fehlers in der Aussprache und einer Nichtbeachtung der Unterscheidungszeichen ward sie plötzlich auf den allerletzten Platz
geschickt. Selbst auf jenem Straforte ließ sie Miß Scatcherd
nicht in Ruhe, beständig richtete sie Reden wie etwa die folgenden
an sie:
, Burns -- so hieß sie wohl; man nannte bei uns die
Mädchen, wie anderwärts die Knaben, bei ihrem Zunamen --
Burns, Du stehst einwärts; thue augenblicklich die Fußspitzen
voneinander. Burns, Du reckst Dein Kinn ganz abscheulich
ßeraus, ziehe es gleich ein. -- Burns, Du hebst sofort den Kopf
in die Höhe, ich will Dich ein- für allemal nicht in dieser Stellung
vor mir sehen, und so weiter.

Nachdem ein Capitel zweimal durchgelesen war, wurden die
Bücher geschlossen und die Mädchen examinirt. Die Lection umfaßte einen Theil der Regierung Karl's I. und wunderbare
Fragen über Wag- und Tonnengebühren wurden vorgelegt,
welche von den meisten Schülerinnen unbeantwortet blieben; sobald aber die Reihe an Burns kam, war auch die kleinste
Schwierigkeit augenblicklich gelöst; ihr Gedächtniß schien den
ganzen Inhalt der Lection aufgefaßt zu haben und überall war
sie mit ihrer Antwort flink bei der Hand. Ich erwartete nichts
anderes, als Miß Scatcherd werde sie nun ihrer Aufmerksamkeit
wegen beloben, aber statt dessen rief die Lehrerin im höchsten Zorne:
,Du schmutziges, ekeliges Ding, schon wieder hast Du Dir
diesen Morgen die Nägel nicht geputzt!
Burns gab keine Antwort, ich erstaunte über ihr Stillschweigen.
,Warum, dachte ich bei mir selbst, ,sagte sie nicht, daß
sie sich heute Morgens weder das Gesicht, noch sonst etwas waschen
konnte, da das Wasser gefroren war?
Meine Aufmerksamkeit war nun von Miß Smith in Anspruch
genommen, die mir einen Strähn Zwirn zu halten gab; während
des Abwickelns sprach sie zeitweilig mit mir, erkundigte sich, ob
ich schon je in einer Schule gewesen, ob ich merken, sticken,
stricken könne und dergleichen; so lange sie mich halten ließ,
konnte ich meine Bemerkungen über Miß Scatcherd nicht fortsetzen. Als ich zu meinem Sitye zurückkehrte, gab die Dame gerade
einen Befehl, dessen Bedeutung mir abging; Burns verließ
hierauf augenblicklich die Classen, ging in ein kleines Seitenzimmer,
das zum Aufbewahren von Büchern diente, und kehrte in einer
halben Minute zurück, einen Bündel zusammengebundenen Reisigs
in der Hand haltend. Dieses unheimliche Werkzeug reichte sie
Miß Scatcherd mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung, machte,
ohne daß man es ihr geheißen, ihr Kleid los und empfing sofort
ein Dutzend scharfer Hiebe auf den Rücken. Keine Thräne entquoll den Augen der Gepeitschten und während ich im Nähen
innehielt, da mir die Hände bei diesem Schauspiele vor nutzlosem und ohnmächtigem Unwillen erzitterten, verlor kein einziger Zug ihres gedankenreichen Antlitzes seinen gewöhnlichen
Ausdruck.

,Verstocktes Mädchen! rief Miß Scatcherd, ,nichts kann
Dich von Deinen schlumpigen Gewohnheiten abbringen; trage die
Ruthe fort.
Burns gehorchte; ich faßte sie genau ins Auge, als sie aus
der Bücherkammer hervorkam; sie steckte gerade ihr Taschentuch
wieder ein und die Spur einer Thräne erglänzte auf ihrer
hageren Wange.
Die Abenderholungsstunde erschien mir in Lowood als der
angenehmste Tagesabschnitt; der Bissen Brot, der Trunk Kaffee,
um fünf Uhr zu sich genommen, gab neue Lebenskraft, wenngleich der Hunger nicht gestillt wurde; das Schulzimmer war
wärmer als am Morgen, da man das Feuer, wahrscheinlich
um Lichter zu ersparen, etwas lebhafter unterhielt, das herzhafte Poltern, das erlaubte Lärmen, das wirre Durcheinander
der vielen Stimmen, gab einem willkommenen Gedanken an
Freiheit Raum.
Am Abend desselben Tages, wo ich Miß Scatcherd ihre
Schülerin Burns prügeln gesehen hatte, wanderte ich, wie gewöhnlich ganz allein, zwischen Bänken und Tischen und lachenden
Gruppen herum, ohne mich indessen verlassen zu fühlen. Bei
einem der Fenster angelangt, öffnete ich von Zeit zu Zeit einen
Ladenflügel und blickte hinaus; es schneite heftig, an den unteren
Scheiben hatte sich schon eine Schneekruste gebildet; mein Ohr
nahe an das Fenster legend, konnte ich mitten im fröhlichen Tumulte
der warmen Stube das trostlose Geheul des Windes im Freien
unterscheiden.
Hätte ich erst kürzlich eine freundliche Heimat und liebende
Eltern verlassen, wäre dies wahrscheinlich derjenige Augenblick
gewesen, wo ich beides am schmerzlichsten vermißte; der Wind
hätte mein Herz betrübt, das finstere Chaos mich aus meiner
Ruhe aufgescheucht. In meinem Verhältnisse hingegen versetzte
mich dies alles in eine wunderbare, rastlose, fieberhafte Aufregung;
ich wünschte, der Wind möchte noch wilder heulen, die Finsterniß noch dichter zur Erde fallen, das Unwetter in laut tobenden
Sturm ausarten.
Ich setzte über Tische und Bänke weg, und bahnte mir den
Weg zu einer Caminecke; mich an dem hohen Gitter von Eisendraht auf dem Boden niederhockend, fand ich Burns in Gedanken

versunken, schweigend, von der ganzen Umgebung durch ein Buch
abgezogen, in welchem sie bei dem düsteren Schein der Feuerbrände las.
,Lesen Sie noch immer im RasselasA bemerkte ich näher
zu ihr rückend.
Ja, sagte sie, ,eben bin ich damit fertig geworden.
Und fünf Minuten darauf schlug sie ihr Buch zu. Ich war
dessen froh.
,Nun, dachte ich, ,kannst Du sie zum Reden bringen.
Ich setzte mich knapp an ihrer Seite auf die Erde.
,Wie heißen Sie sonst noch, außer Burns?
, Helene.
,Sind Sie weit her?
,Ich bin im Norden Englands, hart an der schottischen
Grenze zu Hause.
,Gehen Sie später wieder in die Heimat?
,Ich hoffe es, allein niemand ist seiner Zukunft gewiß.
,Es müßte Ihnen erwünscht sein, Lowood zu verlassen?
,Nein, warum auch? Man sandte mich nach Lowood meiner
Erziehung wegen; und es wäre umsonst, wollte ich früher weggehen, bevor ich mein Ziel erreicht habe.
,Aber Miß Scatcherd geht so unmenschlich mit Ihnen um?
,Unmenschlich? Nicht im Geringsten; sie ist bloß streng und
will meine Fehler nicht dulden.
,Wäre ich an Ihrer Stelle, ich könnte sie nicht ansehen;
ich würde mich zur Wehr stellen und schlüge sie mich mit ihrer
Ruthe, würde ich sie ihr aus der Hand reißen und vor der Nase
zerbrechen.
,Wahrscheinlich würden Sie es bleiben lassen; wenn
nicht, würde Sie Mister Brocklehurst aus der Schule jagen
und das wäre für Ihre Verwandten ein großes Leid. Es ist
weit besser, einen Schlag, den man bloß allein fühlt, geduldig
ertragen, als einen unüberlegten Schritt thun, unter dessen
Folgen Alle jene leiden, die einem zunächst stehen; übrigens
gebietet uns die heilige Schrift-- Böses mit Gutem zu vergelten.
,Aber es ist eine große Schmach geschlagen zu werden und
auf dem Schandplatze stehen zu müssen, und Sie sind noch dazu
ein großes Mädchen; ich bin viel jünger als Sie und könnte
diese Behandlung nicht ertragen.
,Und doch wäre es Ihre Pflicht, wenn Sie es nicht hindern
könnten; es zeigt von Albernheit und Schwäche, zu sagen, man
könne etwas nicht ertragen, wenn man dazu bestimmt ist, es
ertragen zu müssen.
Ich hörte ihr voll Verwunderung zu: ich konnte diese Lehre
der stillen Duldung nicht begreifen, noch weniger konnte ich mich
mit der Versöhnlichkeit zufrieden geben, die sie ihrer Peinigerin
gegenüber an den Tag legte. Ich fühlte, daß Helene Burns die
Ereignisse in einem Lichte betrachtete, welches meinen Augen unsichtbar blieb. Ich vermuthete, sie könnte Recht und ich Unrecht
haben; aber ich wollte nicht tiefer in den Gegenstand eingehen;
wie Felix, versparte ich mir's auf eine andere Zeit.
,Sie sagten, Sie hätten Fehler, Helene; welche sind diese?
Mir wenigstens scheinen Sie sehr gut zu sein.
,Dann mögen Sie bei mir erfahren, wie wenig man dem
Scheine trauen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sich ausdrückt,
schlumpig; ich halte in meinen Sachen keine Ordnung; ich bin
unaufmerksam; ich merke mir keine Regeln; ich lese, statt meine
Aufgabe zu lernen; ich habe keine Methode, und zuweilen sage
ich, wie Sie vorhin, ich könne regelrechte Anordnungen nicht
ertragen. Dies alles empört Miß Scatcherd aufs äußerste, die
von Natur aus nett, pünktlich und eigen ist.
, Und launisch und grausam dazu, fügte ich bei; aber
Helene Burns theilte meine Meinung nicht, sie blieb stille.
,Ist Miß Temple so streng gegen Sie, wie diese Miß
Scatcherd?
Bei Erwähnung von Miß Temple's Namen überflog ein
sanftes Lächeln ihr ernstes Angesicht.
,Miß Temple hat ein gutes Herz; es dauert sie, gegen
jemand, und wäre es auch die Schlechteste der ganzen Schule,
Strenge gebrauchen zu müssen; sie kennt meine Fehler und verweist sie mir im Guten, und wenn ich etwas Lobenswerthes thue,
ist sie mit ihrer Anerkennung sehr freigebig. Der beste Beweis
meiner verderbten Gesinnung ist der, daß nicht einmal ihre milden,
vernünftigen Ermahnungen im Stande sind, mich von meinen
Fehlern zu heilen. Nicht einmal ihr Lob, das mir doch über
alles werth ist, vermag es, mich zur Aufmerksamkeit und Umsicht
anzuspornen.
,Das ist sonderbar, bemerkte ich; ,es ist doch so leicht,
aufmerksam zu sein.
, Für Sie ohne Zweifel. Ich beobachtete Sie diesen Morgen
in Ihrer Classe und sah, wie aufmerksam Sie zuhörten; Ihre
Gedanken schienen keinen Augenblick herumzustreifen, während
Miß Miller ihre Lection erklärte und Sie befragte. Meine
Gedanken hingegen sind immer abwesend; wenn ich Miß Scatcherd
zuhören und mir alles merken sollte, vernehme ich sehr oft nicht,
einmal den Ton ihrer Stimme und verfalle in eine Art Traum.
Zuweilen denke ich, ich sei in Northumberland und halte das
Geräusch um mich herum für das Murmeln eines kleinen
Baches, der in Deepden nahe an meiner Eltern Hause vorbeifließt -- wenn dann die Reihe zu antworten an mich kommt,
muß ich erst geweckt werden, und weil ich, dem eingebildeten
Bache lauschend, das Vorgelesene überhört habe, weiß ich keine
Antwort zu geben.
, Und doch, wie treffend antworteten Sie diesen Nachmittag!'
,Das war reiner Zufall; der Gegenstand, den wir lasen,
hatte mich interessirt. Statt von Deepden zu träumen, wunderte
ich mich, daß ein Mann, wie Karl l., der Recht thun wollte,
zuweilen so ungerecht handeln konnte; ich dachte, welch ein Schade
es war, daß er bei seiner Rechtlichkeit und seiner Gewissenhaftigkeit nicht über die Vorrechte der Krone hinausblicken konnte.
Wäre es ihm möglich gewesen, nur etwas in die Ferne zu sehen
und zu bemerken, wie der sogenannte Zeitgeist mächtig heranbrauste! Und doch liebe, achte und bemitleide ich den armen
gemordeten König! Seine Feinde waren viel schlimmer; sie vergossen Blut, das zu vergießen sie kein Recht hatten. Wie konnten
sie es wagen, ihn zu tödten!
Helene unterhielt sich hier mit sich selbst; sie vergaß ganz.
daß ich sie nicht gut fassen konnte, daß ich den Gegenstand, den
sie behandelte, kaum annähernd kannte. Ich rief sie zu meiner
Sphäre zurück.
, Wenn Sie bei Miß Temple Stunden haben, sind da auch
Ihre Gedanken auf der Reise?

,Nein, gewiß nicht, wenigstens nicht so oft, denn Miß
Temple weiß mir immer etwas zu sagen, was neuer als meine
Gedanken ist; ihre Sprache ist mir außerordentlich angenehm,
und die Aufklärung, die sie mir giebt, enthält stets dasjenige,
was ich zu wissen wünschte.
,Nun wohl, bei Miß Temple führen Sie sich also gut
auf?
Ja, ich lasse mich gehen; ich bedarf keiner Ueberwindung
in Folge der Lockung meiner Neigung. In solcher Aufführung
sehe ich eben nichts Verdienstliches.
, O doch! Sehr viel; Sie sind mit denjenigen gut, die es
mit Ihnen sind. Ich für meinen Theil möchte nie anders sein.
Wenn man gegen diejenigen, die grausam und ungerecht handeln,
immer freundlich und unterwürfig wäre, könnten die bösen Leute
stets nach Gutdünken schalten; sie würden sich nie fürchten, sich
nie ändern, vielmehr immer schlimmer und boshafter werden.
Wenn irgend jemand ohne Ursache geschlagen wird, sollte er
einen tüchtigen Schlag zurückgeben, ganz gewiß, und zwar
einen so derben Schlag, daß derjenige, der ihn zuerst schlug,
die gute Lehre mit nach Hause nimmt, es nie wieder zu
thun.
, Ich hoffe, Sie werden Ihre Gesinnung ändern, wenn Sie
einmal älter geworden sind; bis jetzt sind Sie noch ein kleines,
unerfahrenes Mädchen.
, Und doch fühle ich es, Helene, daß ich diejenigen hassen
muß, die mich, was ich auch immer thun mag, ihnen zu gefallen,
fortwährend von sich stoßen, daß ich mich wehren muß, wenn
ich eine ungerechte Strafe erleiden soll. Es ist ebenso natürlich,
als daß ich diejenigen liebe, die eine Zuneigung zeigen, und mich
einer Strafe geduldig unterwerfe, sobald ich fühle, daß ich sie
verdient habe.
, Heiden und wilde Volkesstämme hegen solche Ansichten,
allein Christen und civilisirte Nationen verwerfen sie.
,Wieso? Das verstehe ich nicht.
, Nicht die Gewalt ist es, die am besten Haß und Abneigung besiegt; nicht die Rache ist es, die am sichersten ein geschehenes Unrecht ausgleicht.
, Was dann?

,Lesen Sie das neue Testament, und merken Sie, was
Christus sagt und wie er handelt. Sein Wort sei Ihre Richtschnur und seine Handlungsweise Ihr Beispiel.
,Was sagt er?
,Liebet Eure Feinde, segnet die, so Euch fluchen, thut
Gutes denen, die Euch hassen und Böses thun.
, In diesem Falle müßte ich Mistreß Reed lieben; was ich
nicht kann; ich müßte ihren Sohn John segnen, was mir rein
unmöglich ist.
Nun war die Reihe an Helene Burns gekommen, eine
nähere Erklärung zu verlangen, welchem Wunsche ich durch die
genaue Erzählung meiner Leiden und die Schilderung meiner
Abneigung sofort entsprach. Ich sprach mit Bitterkeit und Leidenschaftlichkeit, ohne irgend welchen Rückhalt und Schonung.
Helene hörte mich bis ans Ende geduldig an; ich dachte,
sie würde nun eine Bemerkung fallen lassen, abes sie sagte gar
nichts.
,Nun, frug ich ungeduldig, ,ist Mistreß Reed kein hartherziges, böses Weib?
,Sie ging nicht sehr zart mit Ihnen um, weil sie Ihre Gemüthsbeschaffenheit ebenso wenig leiden kann, als Miß Scatcherd
die meinige. Doch wie genau erinnern Sie sich alles dessen,
was sie Ihnen gesagt und gethan! Welch einen wunderbar tiefen
Eindruck scheint ihre Ungerechtigkeit auf Ihr Herz gemacht zu
haben! Meinem Gemüthe kann selbst die schlechteste Behandlung
kein so lebhaftes Merkmal einbrennen. Wären Sie nicht glücklicher, wenn Sie ihre Strenge und die daraus entspringenden
leidenschaftlichen Aufregungen vergäßen? Das Leben ist meiner
Ansicht nach zu kurz, um es zum Aufzeichnen erlittenen Unrechtes
und zum Hegen feindseliger Gefühle zu verwenden. Wir Alle
auf der Erde sind mit Fehlern beladen, aber bald wird die Zeit
kommen, wo wir dieselben mit unserer verderbten Hülle abwerfen,
wo Entartung und Sünde mit diesem lästigen Fleischklumpen
von uns weichen werden, und nur allein der Geist -- der unsichtbare Quell des Daseins und des Denkens -- so rein zurückbleibt, wie ihn der Schöpfer in seine Geschöpfe hineingehaucht
hat. Vielleicht wandert er dann dorthin zurück, woher er gekommen, vielleicht belebt er ein höheres, edleres Wesen, als der

Mensch ist, vielleicht erhebt er sich stufenweise von der dunklen
Menschenseele zum glänzenden Seraph! Denn gewiß wird der
Herr nicht zugeben, daß der menschliche Geist zum Teufel herabsinke; nein, das kann ich mir nicht denken! Vielleicht habe ich
einen anderen Glauben, den mich niemand gelehrt und den ich
selten offen bekenne, der mich jedoch glücklich macht und an den
ich mich fest klammere; denn er dehnt die Hoffnung ins Unendliche aus, schafft die Ewigkeit zur Ruhestätte, zur weiten Heimat um,
nicht zu einem Schreckensorte und einem Abgrunde. Ueberdies
kann ich bei diesem Glauben zwischen dem Verbrecher und dem
Verbrechen genau unterscheiden, und während ich dem Ersteren
vergebe, das Letztere vom Herzensgrunde verabscheuen; bei meinem
Glauben verzehrt mir kein Rachegefühl die Seele, die Demüthigung kann mich nie zu tief niederdrücken, die Ungerechtigkeit nie
zu sehr verletzen; ich lebe ruhig und sehe meinem Ende ohne
Furcht entgegen.
Helenen's Haupt, von Natur aus gesenkt, sank noch tiefer,
als sie ihre Rede beendigt hatte. Ich las in ihren Blicken, daß
sie nicht länger mit mir zu sprechen wünschte, vielmehr mit ihren
Gedanken allein sein wollte. Sie erfreute sich indessen ihrer Einsamkeit nicht sehr lange; eine Aufseherin, ein großes, grobgeformtes Mädchen, kam auf sie los und rief ihr in einem stark
ausgeprägten Cumberlander Accente zu:
, Helene Burns, wenn Sie nicht augenblicklich Ihren Kasten
in Ordnung bringen und Ihre Arbeit zusammenlegen, werde ich
Miß Scatcherd bitten, sich die Bescherung ein wenig anzuschauen.
Helene seufzte, aus ihren Träumen emporgescheucht, laut
auf, erhob sich von ihrem Sitze und folgte der Aufseherin, ohne
ein Wort zu entgegnen, unverzüglich.

VII.

Das erste Vierteljahr meines Aufenthaltes zu Lowood kam
mir wie ein ganzes Zeitalter, doch auf keinen Fall wie das
goldene vor; ich hatte die größten Schwierigkeiten zu bekämpfen,
bevor ich mich in eine neue Lebensweise und ungewohnte Arbeiten schickte. Die Furcht vor Verstößen in diesen beiden Beziehungen griff meinen Körper viel heftiger an, als die physischen
Entbehrungen, die gleichwohl in meiner Lage nicht gering
waren.
Während des Januars, Februars und theilweise auch des
März verhinderte der tiefe Schnee und nachdem dieser geschmolzen
war, die ganz unwegsamen Straßen, weitere Ausflüge über die
Gartenmauer hinaus, mit einziger Ausnahme des Ganges zur
Kirche; innerhalb des Gartens jedoch brachten wir täglich eine
Stunde in der freien Luft zu. Unsere Kleidung war nicht
geeignet, uns vor strenger Kälte zu bewahren; wir hatten keine
Stiefel; das Schneewasser drang uns in die Schuhe, die bloßen
Hände erfroren uns und wir bekamen Frostbeulen an Händen
und Füßen; noch heute erinnere ich mich der schrecklichen Empfindung, die mir jeden Abend meine entzündeten Füße verursachten; nur die Marter, wenn ich des Morgens die steifen,
kalten Zehen in die Schuhe preßte, konnte ihr an die Seite
gestellt werden. Dazu kam noch die wahrhaft trostlose Knickerei
im Essen; bei dem starken Appetite der in Wachsthum begriffenen Kinder bekamen wir kaum so viel zu essen, als der schwache
Magen eines Kranken vertragen konnte. Dieser Mangel an hinreichender Nahrung brachte noch einen anderen Uebelstand hervor, der gar schmerzlich auf den jüngeren Schülerinnen lastete;
so oft nämlich die größeren Mädchen die Gelegenheit ersahen,
bettelten sie den kleineren ihre Portion ab oder nahmen sie ihnen
wohl gar unter Drohungen weg. Wie oft mußte ich den kostbaren Bissen Schwarzbrot, den wir täglich zum Kaffee bekamen,
mit zwei Schmarotzerinnen theilen, und wenn ich dann einer
Dritten die Hälfte meines Kaffees überlassen hatte, schluckte ich
den schwachen Test unter heimlichen Thränen hinunter, die mir
der nagende Hunger entlockte.
Im Winter waren die Sonntage äußerst langweilig, ja
schreckliche Tage. Zwei volle Meilen mußten wir nach Brocklebridge zur Kirche gehen, wo unser Patron den Gottesdienst
abhielt; ganz erfroren verließen wir das Haus, noch erfrorener
kamen wir in der Kirche an, und während des Morgengottesdienstes erstarrten wir förmlich zu Bildsäulen. Es war zu weit
weg, um wieder nach Hause zum Mittagsessen zurückzukehren,
und so wurde denn während der Abtheilungen der Predigt kaltes
Fleisch und Brot, natürlich in demselben spärlichen Verhältniß
wie bei unseren übrigen Mahlzeiten, herumgereicht.
Am Schlusse der Nachmittagsandacht kehrten wir auf einer
allerseits dem Winde preisgegebenen, hügeligen Straße nach
Hause zurück; die scharfe Winterluft, über eine beschneite
Bergkette von Norden herblasend, zeg uns beinahe die Haut
vom Gesichte ab.
Noch heute sehe ich Miß Temple vor mir, wie sie, ihren
im Winde flatternden schottischen Mantel enger zusammenziehend,
an der Spitze der in die Knie sinkenden Mädchen frisch und
leicht dahin schreitend, uns mit Wort und Beispiel aufmunterte,
gutes Muths zu sein und wie , tapfere Soldaten vorwärts zu
marschiren. Die anderen Lehrerinnen, die armen Geschöpfe! waren
selbst zu sehr entkräftet, um an die Ermuthigung Anderer denken
zu können.
Wie sehnten wir uns, im Schulgebäude angelangt, nach
dem Scheine und der Wärme eines helllodernden Feuers! Doch
den kleinen Schülerinnen wenigstens war dieser Genuß versagt;
jeder der Camine des Schulzimmers ward sofort von einer
doppelten Reihe der großen Mädchen umschlossen, und erst hinter
ihnen kauerten gruppenweise die kleinen Mädchen, ihre erstarrten
Aermchen in ihre langen Schürzen hüllend.
Die einzige Theestunde brachte einen kleinen Ersatz in der
Gestalt einer doppelten Brotportion- einer ganzen Schnitte
Brot statt einer halben- mit der köstlichen Zugabe einer
dünnen Schichte Butter: darin bestand unser allwöchentlicher
Festschmaus, auf den wir uns von einem Sonntage zum anderen
freuten. Fast immer war ich so glücklich, die Hälfte dieses
schwelgerischen Mahles für mich behalten zu können, allein den
Ueberrest mußte ich unabänderlich vertheilen.
Den Abend füllte an Sonntagen das Aufsagen des Katechismus, des fünften, sechsten und siebenten Capitels des
Evangeliums Matthäi und eine von Miß Miller vorgelesene lange
Erbauungsrede, deren häufiges Gähnen hinlänglich bewies, wie
sehr sie sich langweilte. Ein nicht seltenes Zwischenspiel bei diesen
Andachtsübungen gab die Darstellung der Rolle des Eutychus
ab, welche von einem halben Dutzend kleiner Mädchen durchgeführt wurde, die zwar nicht vom dritten Stockwerk, wohl aber
von der vierten Bank herunterpurzelten, und sich halb todt
schlugen. Das Heilmittel dagegen bestand darin, daß man sie
in die Mitte des Schulzimmers schuppte, und bis zur Beendigung der Predigt stehen ließ. Zuweilen sanken ihnen die Knie
ein, und sie fielen auf einen Haufen zusammen; dann wurden
sie mit den hohen Stühlen der Aufseherinnen gestützt.
Ich habe bis jetzt noch nicht von Mister Brocklehurst's
Besuchen gesprochen; wirklich war dieser ehrwürdige Herr, wahrscheinlich in Folge der Verlängerung seines Aufenthaltes bei seinem
Freunde, dem Archidiaconus, während des größten Theiles des
ersten Monates nach meiner Ankunft vom Hause entfernt; seine
Abwesenheit war für mich ein wahrer Trost. Ich brauche wohl
nicht erst zu sagen, daß ich meine besonderen Ursachen hatte,
sein Erscheinen zu fürchten; doch endlich ließ er nicht länger auf
sich warten.
Eines Nachmittags -- ich befand mich bereits drei Wochen
in Lowood -- saß ich mit einer Schiefertafel in der Hand im
Schulzimmer, und brütete eben über einer langen, zu dividirenden
Ziffernreihe. Plötlich gewahrte ich während eines Blickes, den
ich zur Abwechslung durchs Fenster warf, eine Gestalt, deren
eckige Umrisse ich sofort erkannte, und als zwei Minuten später
die ganze Schule, die Lehrerinnen mit inbegriffen, in Masse aufstand, hatte ich nicht erst nöthig aufzublicken, und zu wissen,
wem die Begrüßung galt. Ein langer Schritt maß das Schulzimmer, und alsbald stand neben Miß Temple, die sich gleichfalls erhoben hatte, dieselbe schwarze Bildsäule, die mich am
Caminteppich zu Gateshead so finster und bedeutungsvoll angeblickt. Für jetzt sah ich dieses Denkmal der Baukunst bloß von
der Seite an. Richtig, ich hatte mich nicht geirrt, es war Mister
Brocklehurst, bis ans Kinn in einen Winterrock eingeknöpft,
länger, schmäler und steifer aussehend denn je.
Ich hatte meine guten Gründe, über diese Erscheinung aus ,
der Fassung zu kommen, denn nur zu gut erinnerte ich mich der
boshaften Andeutungen, die ihm Mistreß Reed über meine Neigungen mitgetheilt, und des Versprechens, das ihr Mister Brocklehurst hierauf gegeben hatte, Miß Temple und die Lehrerinnen
von meiner lasterhaften Natur in Kenntniß zu setzen. Die ganze
Zeit über hatte ich die Erfüllung dieses Versprechens gefürchtet,
tagtäglich ,den kommenden Mann' erwartet, dessen Nachweisung
über meine Vergangenheit mich für immer zum bösen Kinde
stempeln sollte - jetzt war er da. Er stand an Miß Temple's
Seite, er sagte ihr etwas leise ins Ohr; ich zweifelte keinen
Augenblick, er mache ihr Eröffnungen über meine bodenlose
Schlechtigkeit, und ich beobachtete ihr Auge mit schmerzlicher
Angst, jeden Augenblick erwartend, den dunklen Stern mit einem
Blicke voll Verachtung und Abscheu auf mich gerichtet zu sehen.
Ich gab mir Mühe zu horchen; und da ich zufällig ziemlich
in der Nähe saß, fing ich den größten Theil des Gespräches
auf; der Inhalt befreite mich von augenblicklicher Bangigkeit.
, Ich glaube der Zwirn, den ich in Lowton kaufte, wird
gut sein, Miß Temple; es fiel mir gleich ein, er würde zu den
Calicohemden passen, und ich suchte auch gleich die Nadeln
darnach aus. Sie mögen Miß Smith sagen, daß ich vergaß,
mir der Stopfnadeln wegen ein Merkzeichen zu machen, aber sie
soll dennoch nächste Woche einige Päckchen geschickt bekommen;
doch möchte sie unter keiner Bedingung mehr als eine auf einmal an jede Schülerin vertheilen; wenn sie mehr bekommen,
werden sie sorglos und sind im Stande, sie zu verwerfen. Und
die wollenen Socken, Madame, auf die sollte doch mehr gesehen
werden! Bei meinem letzten Besuche untersuchte ich die Wäsche,
die im Küchengarten zum Trocknen an der Leine hing; eine
Anzahl schwarzer Strümpfe war sehr schlecht ausgebessert; aus
der Größe der Löcher sah ich deutlich, daß man sie nicht von
Zeit zu Zeit zugestopft hatte.
Er machte eine Pause.
, Ihre Anordnungen sollen befolgt werden, Sir, sagte
Miß Temple.
, Und die Wäscherin sagte mir, Madame, fuhr er fort,
a daß mehrere von den Mädchen die Woche zwei Halsstreifen
einschmutzen; das ist zu viel, die Hausordnung gestattet bloß
einen einzigen.
,Diesen Umstand kann ich wohl aufklären, Sir. Agnes und
Katharina Johnstone waren am vergangenen Dienstag von
einigen Freundinnen in Lowton zu Thee gebeten, und ich erlaubte
ihnen, bei dieser Gelegenheit weiße Halsstreifen anzulegen.
Mister Brocklehurst nickte.
,Gut, dies einemal mag es noch hingehen; aber ich bitte
mir's aus, daß dieser Fall nicht zu oft eintritt. Indessen ist da
noch ein anderer Umstand, über den ich höchlich erstaune; ich
finde nämlich in der Küchenrechnung der letzten vierzehn Tage
zweimal einen an die Mädchen verabreichten Imbiß von Brot
und Käse vor. Was soll das? In den Statuten der Anstalt
geschieht keine Erwähnung von Imbissen. Wer hat diese Neuerung eingeführt, und kraft welcher Vollmacht?
, Ich allein bin dafür verantwortlich, Sir, erwiderte Miß
Temple; , das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß es die
Zöglinge unmöglich genießen konnten, und ich traute mich nicht,
sie bis zum Mittagessen fasten zu lassen.
,Madame, erlauben Sie mir einen Augenblick! -- Sie
wissen, daß mein Plan bei Erziehung dieser Mädchen nicht
dahin geht, sie an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen, sondern
vielmehr abzuhärten, in Geduld und Enthaltsamkeit zu üben.
Kommt nun auch zuweilen ein kleiner, den Appetit benehmender
Unfall, wie zum Beispiele das Mißrathen eines Gerichtes, das
Anbrennen und Versalzen einer Schüssel vor, so ist es nicht
an der Zeit, diesen Unfall dadurch auszugleichen, daß man den
entgangenen Genuß durch noch etwas Schmackhafteres ersetzt,
den Magen vollpfropft und solchergestalt den Zweck dieses Institutes zunichte macht, vielmehr sollte ein solcher Umstand zu
dem geistigen Besten der Zöglinge gewendet und dieselben ermuntert werden, die augenblickliche Entbehrung mit Seelenstärke
zu ertragen. Eine kurze Anrede wäre bei solchen Gelegenheiten
sehr ersprießlich, worin eine verständige Erzieherin auf so manches
hinweisen könnte, wie zum Beispiel auf die Leiden der ersten
Christen, auf die Qualen der Märtyrer, auf die Ermahnungen
unseres Heilandes selbst, der da seinen Jüngern ihr Kreuz auf
sich zu nehmen und ihm zu folgen gebeut; auf seine Mahnung,
daß der Mensch nicht allein vom Brote, sondern auch vom
Worte Gottes lebt; auf seine göttliche Tröstung: Glücklich Ihr,
die Ihr meinetwegen Hunger und Durst leidet. O, Madame,
wenn Sie diesen Kindern Brot und Käse anstatt angebrannter
Suppe in den Rachen werfen, mögen Sie wohl ihre morschen
Leiber füttern, aber Sie vergessen, welchen Hunger ihre unsterblichen Seelen leiden.
Vielleicht von seinen Gefühlen übermannt, machte Mister
Brocklehurst abermals eine Pause. Miß Temple hatte beim
Beginn seiner Anrede zu Boden geblickt; in diesem Augenblicke
sah sie gerade vor sich hin und ihr Gesicht, schon von Natur
aus weiß wie Marmor, schien nun auch die Unbeweglichkeit und
Kälte dieses Stoffes angenommen zu haben, ihr Mund besonders
schloß sich, als hätte es des Meißels eines Bildhauers bedurft,
ihn wieder zu öffnen, und ihre Stirne verwandelte sich stufenweise in versteinerten Ernst.
In der Zwischenzeit übersah Mister Brocklehurst, der, die
Hände am Rücken, am Camine stand, majestätischen Blickes das
Schulzimmer. Plötzlich erblitzte sein Auge, als hätte irgend ein
Anblick seine Pupille geblendet oder beleidigt; sich umwendend,
rief er mit größerer Hast, als er bis jetzt beim Sprechen
gezeigt:
,Miß Temple, Miß Temple! Wer -- wer ist jenes
Mädchen mit den gelockten Haaren? Rothe Haare, Madame,
über und über gelockt? Und er wies mit dem Stocke und mit
zitternder Hand nach dem schrecklichen Gegenstande.
, Es ist Julie Severn, versetzte Miß Temple sehr ruhig.
, Julie Severn, Madame! Und warum trägt sie oder
irgend eine Andere gelocktes Haar? Warum wagt sie es sich
allen Vorschriften und Grundsätzen dieser Anstalt zum trotz hier,
in einem evangelischen Hause der Mildthätigkeit, nach der weltlichen Mode zu richten und ihren Kopf mit Locken zu bedecken?
, Julien's Haare ringeln sich von Natur aus, erwiderte
Miß Temple noch weit ruhiger.
,Von Natur aus! Aber wir haben nichts mit der Natur
zu schaffen, ich wünsche, daß aus diesen Mädchen Kinder der
Gnade Gottes werden. Wozu diese Ueppigkeit? Habe ich mich
nicht unzähligemale darüber ausgesprochen, daß ich die Haare
glatt gekämmt, bescheiden und einfach gemacht haben will? Miß
Temple, der Kopfschmuck dieses Mädchens muß gänzlich abgeschoren werden, ich will morgen den Barbier herschicken. Auch
die Anderen haben einen zu großen Ueberfluß von diesem Auswuchse an sich; lassen Sie das große Mädchen dort sich herumdrehen. Lassen Sie überhaupt alle Schülerinnen der ersten Bank
aufstehen und das Gesicht gegen die Wand kehren ...
Miß Temple hielt sich das Taschentuch vor den Mund,
als wollte sie das unwillkürliche Lächeln verbergen, das ihn
umspielte; doch gab sie den verlangten Befehl und nachdem die
erste Classe begriffen hatte, was man verlangte, leistete sie
Gehorsam. Mich ein wenig in meiner Bank zurücklehnend, konnte
ich die Blicke und Fratzen sehen, mit welchen die Mädchen dieses
Manöver begleiteten, und es war jammerschade, daß sie Mister
Brocklehurst nicht auch bemerken konnte; vielleicht hätte er es
begriffen, daß, wenn er auch das Aeußere in seiner Macht
hatte, das Innere seiner Einmischung weit ferner lag, als er
sich es einbilden mochte.
Er betrachtete die Kehrseiten dieser lebenden Medaillen beiläufig durch fünf Minuten mit aller Aufmerksamkeit, dann sprach
er das Urtheil:
,Alle diese Haarflechten müssen abgeschnitten werden.
Diese Worte ertönten wie die Glocke des Todesurtheiles.
Miß Temple schien Einwendungen machen zu wollen.
,Madame, fuhr er fort, ,ich bin der Diener eines Herrn,
dessen Reich nicht von dieser Welt ist; es gehört mit zu meiner
Sendung, in diesen Mädchen die eitle Lust des Fleisches auszurotten, sie zu lehren, sich in Züchtigkeit und Bescheidenheit zu
kleiden, nicht mit geflochtenen Haaren und kostbaren Anzügen zu
schmücken. Eine jede dieser jungen Personen hat ein Büschel
Haare in Zöpfe zusammengedreht, wie sie der Dämon der Eitelkeit selbst nicht besser hätte flechten können; diese Haarschleifen,
ich wiederhole es, müssen herunter. Denken Sie nur an die übel
angewandte Zeit, an die --
Hier wurde Mister Brocklehurst unterbrochen; ein neuer
Besuch, drei Damen, traten in die Stube. Sie hätten etwas
früher kommen sollen, um seine Predigt gegen den Putz mit
anzuhören, denn sie waren sämmtlich aufs kostbarste in Sammt,
Seide und Pelzwerk gekleidet. Die beiden jüngeren Damen des
Kleeblattes -- schöne Mädchen von sechzehn und siebzehn
Jahren -- trugen graue Biberhüte mit wallenden Straußfedern,
wie sie dazumal Mode waren, und unter dem Hutrande quollen
Massen kunstreich gekräuselter Haarbüschel hervor; die ältere
Dame hatte einen kostbaren, mit Hermelin besetzten Sammtshawl
um die Schultern geschlagen und ihren Vorderkopf deckten falsche
Scheitel mit dergleichen französischen Locken.
Die drei Damen wurden als Mistreß und Misses Brocklehurst von Miß Temple ehrfurchtsvoll empfangen und zum
Ehrenplatze, am oberen Ende des Zimmers, geleitet. Sie schienen
mit ihrem würdigen Blutsverwandten in einer Kutsche gekommen
zu sein und eine genaue Durchsuchung der oberen Gemächer vorgenommen zu haben, während der Letztere mit der Haushälterin
Rechnung machte, die Wäscherin ausholte und die Schuloberin
abkanzelte. Nunmehr begannen sie Miß Smith, welche die Aufsicht über die Wäsche und den Schlafsaal führte, verschiedene
Bemerkungen und Ausstellungen zu machen; doch ich hatte keine
Zeit aufzumerken, was sie sagten; andere Dinge nahmen meine
Aufmerksamkeit in Anspruch.
Bis nun, und während ich auf die Unterredung zwischen
Mister Brocklehurst und Miß Temple Acht gab, hatte ich
keinen Augenblick die nöthigen Vorsichtsmaßregeln vergessen, um
meine persönliche Sicherheit zu wahren, welchen Zweck ich am
besten dadurch zu erreichen hoffte, indem ich mich jeder Beachtung
entzog. Zu diesem Behufe hatte ich mich in der Bank ganz
zurückgesetzt, und anscheinend mit meiner Rechnung beschäftigt,
die Schiefertafel so gehalten, daß sie mein Gesicht verbarg; gewiß
wäre ich der Gefahr, bemerkt zu werden, ohne Schwierigkeit entgangen, wäre nicht die verrätherische Schiefertafel irgendwie
meiner Hand entschlüpft und mit einem lauten Krach zu Boden
gefallen, was natürlich sofort Aller Augen auf mich zog. Ich
wußte, daß nun alles verloren sei, und während ich mich bückte,
um die Scherben aufzulesen, bereitete ich mich auf das Schlimmste
vor. Es kam im Sturmschritt heran.
, Ein unvorsichtiges Mädchen! sagte Mister Brocklehurst,
bemerke. Und bevor ich nur aufathmen konnte schloß er: ,Lassen
Sie mich nicht vergessen, daß ich des Kindes wegen ein Wort
sagen habe. Dann rief er laut: -- ach, wie laut tönte es
mir in die Ohren -- ,Das Mädchen, welches die Schiefertafel
zerbrochen hat, trete vor!
Aus eigenem Antriebe hätte ich keinen Schritt vorwärts
thun können, ich war wie vom Schlage gerührt; aber die beiden
Mädchen, zwischen denen ich saß, brachten mich auf die Beine
und schoben mich dem gefürchteten Richter entgegen; Miß Temple
führte mich mit liebevoller Sorgfalt vollends bis zu seinen Füßen,
indem sie mir freundlich zuflüsterte:
, Fürchte Dich nicht, Jane, ich sah es, daß es ein bloßer
Zufall war; Du wirst nicht gestraft werden.
Diese theilnahmsvollen Worte durchbohrten mein Herz wie
ein Dolchstich.
,Noch eine Minute, und sie wird mich als eine Heuchlerin
verdammen, dachte ich, und ein Anfall von Wuth gegen Reed,
Brocklehurst und Compagnie tobte bei dieser Vorstellung durch
meine Adern. Ich war keine Helene Burns.
,Man bringe jenen Stuhl herbei, sagte Mister Brocklehurst, auf einen sehr hohen Sitz deutend, von welchem die eine
Aufseherin eben aufgestanden war. Er wurde herbeigeholt.
,Man setze das Kind darauf.
Und ich wurde hinaufgehoben, von wem? Ich weiß es
nicht; ich war nicht in der Verfassung, auf solche Kleinigkeiten
Acht zu geben; ich bemerkte nur, daß man mich zur Höhe von
Mister Brocklehurst's Nase emporgesetzt hatte, daß er mir bis
auf die Entfernung von einer Elle am Leibe saß und daß sich ein
mit geschossener orange- und purpurfarbener Seide und einer
Wolke wehender Federbüsche erfüllter Raum vor mir ausdehnte.
Mister Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, begann er, zu seiner Familie gewendet,
,Miß Temple, Ihr Lehrerinnen und Kinder, Ihr seht Alle
dieses Mädchen.
Natürlich sahen sie mich, denn ich fühlte es, wie ihre Augen
gleich Brenngläsern auf mein heißglühendes Gesicht gerichtet waren.
, Ihr seht, sie ist noch jung; Ihr bemerkt, daß sie die
gewöhnliche Gestalt eines Kindes besitzt; Gott hat ihr in seiner
Gnade dasjenige Aussehen verliehen, welches er uns Allen gab;
kein besonderer Leibesfehler stempelte sie zu einem gezeichneten
Charakter. Wer sollte denken, daß bereits der Böse seine
Dienerin und sein williges Werkzeug in ihr gefunden? Und
doch, ich spreche es mit innigem Bedauern aus, ist dies der Fall.
Eine Pause folgte, in der ich das krampfhafte Zucken
meiner Nerven zur Ruhe zu bringen und einzusehen anfing, daß

nun die fatale Grenzlinie überschritten und daß das Strafgericht nicht länger zu vermeiden, vielmehr standhaft zu ertragen sei.
,Meine theuren Kinder, fuhr der schwarzmarmorne Geistliche mit Pathos fort, ,es ist dies ein sehr trauriges, niederschlagendes Vorkommniß; denn es ist meine Pflicht, Euch anzukündigen, daß dieses Mädchen, welches eines von den Lämmern
Gottes sein könnte, ein räudiges Schaf, kein Glied der treuen
Heerde, sondern vielmehr ein Mischling, ein Eindringling ist.
Hütet Euch vor ihr, folgt Ihrem Beispiele nicht, meidet ihre
Gesellschaft so viel als möglich, schließt sie von Eueren Spielen
und Eueren Gesprächen aus. Und Ihr, Lehrerinnen, habt ein
sorgsames Auge auf sie, bewacht ihre Bewegungen, wägt ihre
Reden ab, prüfet ihre Handlungen und straft ihren Körper, um
ihre Seele zu retten, wenn noch irgend eine Rettung möglich ist;
denn -- meine Zunge versagt mir den Dienst, während ich es
ausspreche -- dieses Kind, dieses Mädchen, die Eingeborene
eines christlichen Landes ist schlimmer als so manche kleine
Heidin, die ihre Gebete zu Brahma emporsendet und vor
Dschagernaut kniet- dieses Mädchen ist eine Lügnerin!
Ein etwa zehn Minuten langes Stillschweigen trat ein;
zum Gebrauche meiner Sinne gelangt, bemerkte ich, wie sämmtliche weibliche Glieder der Familie Brocklehurst die Taschentücher
hervorholten und an ihre Sehwerkzeuge drückten, worauf die Alte
unmuthig hin und her rückte und die beiden Jungen einander
zuflüsterten: ,Wie abscheulich!
Mister Brocklehurst hob wieder an:
,Ich erfuhr dieses von ihrer Wohlthäterin, von der frommen
wohlthätigen Dame, welche sich ihrer verwaisten Lage angenommen,
sie wie ihre eigene Tochter auferzogen hatte und deren Güte
und' Großmuth das böse Mädchen mit so schwarzem Undank
erwiderte, daß sich ihre vortreffliche Gönnerin genöthigt sah, sie
von ihren eigenen Kindern zu trennen, damit nicht etwa ihr
böses Beispiel deren kindliche Reinheit verdürbe. Sie sandte sie
in diese Anstalt, damit sie hier geheilt werde, gleichwie die alten
Juden ihre Kranken zum Teiche Bethesda sandten. Oberin,
Lehrerin, ich beschwöre Euch, lasset die Wasser um sie nicht zur
stehenden Pfütze werden.
Bei diesem erhebenden Schlusse knöpfte Mister Brocklehurst
den obersten Knopf seines Winterrockes zu, sagte Etwas leise zu
den Seinigen, welche aufstanden und sich vor Miß Temple verneigten, und die sämmtlichen Großen des Reiches segelten in
voller Stattlichkeit zum Zimmer hinaus. Noch in der Thür
wandte sich der gestrenge Richter um und sagte:
,Lassen Sie sie noch eine halbe Stunde auf dem Stuhle
stehen und daß es niemand beikomme, im Verlaufe des heutigen
Tages mit ihr zu sprechen.
Da stand ich nun oben; ich, die ich gesagt hatte, ich
ertrüge es nicht, auf meinen eigenen Füßen inmitten des Schulzimmers zu stehen, war nun dem allgemeinen Geschaue auf
einem schmachvollen Pranger preisgegeben. Was ich damals
empfand, vermöchte keine Sprache zu schildern; doch gerade in
dem Augenblicke als alle meine Gefühle emporstiegen, mir den
Athem benahmen und mich zu ersticken drohten, kam ein Mädchen
heran und bei mir vorüber und während sie vorüberging, sandte
sie mir einen Blick zu. Welch wunderbares Licht entströmte ihren
Augen! Wie fühlte ich mich gestärkt, ja emporgetragen! Es
war als ob eine Märtyrin, eine Heldin bei einer Sklavin, einem
Schlachtopfer vorübergegangen und Muth und Stärke durch
ihren Anblick eingeflößt hätte. Ich bemeisterte den emporsteigenden
Starrkrampf, hob meinen Kopf in die Höhe und nahm eine
feste Stellung auf dem Stuhle. Helene Burns stellte, ihrer
Näherei wegen, einige unbedeutende Fragen an Miß Smith,
wurde ihrer Albernheit wegen gescholten, kehrte auf ihren Platz
zurück und sandte im Vorbeigehen ein Lächeln zu mir empor.
Und was für ein Lächeln! Noch jetzt erinnere ich mich dessen
und weiß nun, daß es der Ausfluß einer schönen Seele, eines
echten Muthes war; es erleuchtete ihre ausgeprägten Züge, ihr
hageres Gesicht, ihre tiefliegenden grauen Augen wie der Wiederschein von dem Anblicke eines Engels. Und doch trug Helene
Burns in diesem Augenblicke das , Schandzeichen wegen Unordentlichkeit? am Arme; kaum eine Stunde zuvor war sie von
Miß Scatcherd für den nächsten Tag zu Wasser und Brot verurtheilt worden, weil sie eine Vorlage beim Abschreiben befleckst
hatte. So unvollkommen ist die menschliche Natur, solche Flecke
sind auf der Lichtscheibe des hellsten Planeten sichtbar; aber nur

Augen wie die von Miß Scatcherd können diese kleinen Gebrechen entdecken und für das helle Licht des Gestirnes
blind sein.

VIII.

Als meine Strafzeit zu Ende war, schlug es gerade fünf
Uhr; der Unterricht wurde geschlossen und Alles begab sich in
den Speisesaal zum Thee. Ich wagte es nun herunterzusteigen;
es war tiefe Dämmerung; ich kroch in einen Winkel und setzte
mich auf die Erde. Der Zauber, der mich bis jetzt aufrecht
erhalten hatte, begann zu schwinden; eine Gefühlsumstimmung
trat ein und der Schmerz, den ich fühlte, war so überwältigend,
daß ich, mit dem Gesichte zu Boden gewendet, der Länge nach
hinsank. Nun weinte ich; Helene Burns war nicht zugegen, ich
hatte keinen Stützpunkt; mir selbst überlassen, gab ich mich selbst
auf und meine Thränenbäche traten aus den Ufern. Ich hatte
die Absicht, so brav und so fleißig in Lowood zu sein, mir
Freundinnen, Achtung und Zuneigung zu erwerben. Schon hatte
ich bedeutende Fortschritte gemacht, noch am selben Morgen war
ich die Erste in meiner Classe gewesen; Miß Miller hatte mich
warm gelobt, Miß Temple mir Zufriedenheit gelächelt und sogar
versprochen, mich Malen und Französisch lernen zu lassen, wenn
ich noch zwei Monate so fortfahre; meine Kameradinnen konnten
mich Alle gut leiden, die Mädchen meines Alters behandelten
mich wie ihres Gleichen, und nun? Hier lag ich darniedergeschmettert und dachte nicht daran, mich je wieder erheben zu
können.
,Alles verloren!' jammerte ich und wünschte sehnlichst zu
sterben. Während ich diesen Wunsch in gebrochenen Lauten
herausschluchzte, kam jemand näher; ich fuhr empor -- Helene
Burns stand neben mir, das eben verlöschende Feuer beleuchtete
ihr Antlitz; sie brachte mir meinen Kaffee und mein Brot.
Kommen Sie, nehmen Sie etwas zu sich, sprach sie,
aber ich schob Beides von mir, in der Ueberzeugung, daß ich
in meiner augenblicklichen Verfassung an einem Tropfen oder
an einer Krume ersticken könnte. Helene sah mich erstaunt an;
wiewohl ich mächtig kämpfte, konnte ich meiner Gefühle nicht
Herr werden und weinte laut. Sie setzte sich zu mir auf den
Boden nieder, umschlang ihre Knie mit ihren Armen und legte
ihren Kopf darauf; in dieser Stellung verharrte sie, schweigsam
wie ein Indianer. Ich brach zuerst das Stillschweigen.
, Helene! wie können Sie sich mit einem Geschöpfe abgeben,
das jedermann für eine Lügnerin hält?
, Jederman, Jane? Wie ist dies möglich? Bloß achtzig
Personen waren zugegen, als man Sie so nannte, und die Erde
zählt Hunderte von Millionen Menschen.
,Was habe ich mit den Millionen zu schaffen? Die achtzig
Wesen, die ich kenne, verachten mich.
, Sie irren, Jane; wahrscheinlich verachtet Sie keine Einzige in der ganzen Schule. Sehr Viele, ich bin dessen gewiß,
bedauern Sie,
,Wie mögen sie mich nur bemitleiden, nach allem, was
Mister Brocklehurst gegen mich vorbrachte?
,Mister Brocklehurst ist kein Gott, nicht einmal ein großer
und bewunderter Mann, man kann ihn hier nicht sehr leiden
und er giebt sich auch nicht die Mühe, für sich einzunehmen.
Hätte er Sie als seinen begünstigten Liebling behandelt, hätten
Sie jetzt Feindinnen, sei es nun heimliche oder erklärte, um sich
herum; wie aber die Sachen stehen, würde Ihnen gewiß der
größte Theil seine Sympathie bezeigen, wenn er es dürfte. Vielleicht werden Sie Lehrerinnen und Zöglinge ein bis zwei Tage
etwas kälter behandeln, aber sie bleiben Ihnen im Herzen zugethan, und wenn Sie fortfahren sich gut aufzuführen, wird
diese Zuneigung, eben weil sie einige Zeit unterdrückt war, nur
um desto lebhafter an den Tag kommen. Uebrigens, Jane --
, Nun, liebe Helene? fragte ich, meine Hand in die ihrige
legend. Sie rieb meine Finger ganz sanft, um sie zu erwärmen,
und fuhr fort:
, Wenn Sie auch die ganze Welt haßt und für schlecht
hält, sind Sie nicht ohne Trost, wenn Ihnen nur Ihr eigenes
Gewissen Beifall zollt und Sie von aller Schuld losspricht.
,Nein, und wenn ich mir auch selbst das beste Zeugniß
geben könnte, es genügte mir nicht; wenn mich meine Umgebung
nicht liebt, möchte ich lieber sterben, als am Leben bleiben; ich
kann nun einmal nicht einsam und ohne Liebe leben, Helene.
Sehen Sie, um Ihre oder Miß Temple's oder jemandes
Anderen aufrichtige Zuneigung zu erlangen, könnte ich mir von
freien Stücken einen Arm brechen, mich von einem wilden Stier
aufspießen lassen oder hinter einem scheuen Pferde stehen, das
ausschlüge und mir mit seinen Hufen die Brust zerschmetterte.
, Stille, Jane! Sie machen sich einen zu hohen Begriff
von der Zuneigung menschlicher Wesen. Sie sind zu hingebend,
zu heftig; die Hand des Schöpfers, die Ihren Körper formte
und belebte, hat Sie mit anderen Hilfsquellen ausgerüstet, als
mit dem Vertrauen auf Ihr schwaches Ich oder auf andere, noch
gebrechlichere Wesen als Sie sind. Außer dieser Erde und über
dem sterblichen Menschengeschlechte giebt es noch eine unsichtbare
Welt, ein Reich der Geister; diese Welt umgiebt uns, denn sie
ist überall, und jene Geister bewachen uns, denn sie haben den
Auftrag und die Sendung, uns zu beschützen; und stürben wir
auch in Schmerz und Schande, und träfe uns von allen Seiten
Verachtung und zerträten uns Haß und Verfolgung, Engel sehen
unsere Qualen, erkennen unsere Unschuld- wenn wir unschuldig
sind, wie dies bei Ihnen gewiß hinsichtlich Mister Brocklehurst's
Beschuldigung der Fall ist; denn ich lese die reinste Aufrichtigkeit
in Ihren treuherzigen Augen und auf Ihrer reinen Stirn --
und Gott erwartet nur die Trennung des Geistes vom Fleische,
um uns aufs herrlichste zu belohnen. Warum sollten wir uns
also je zu Boden drücken lassen, wenn das Leben so bald vorüber und der Tod ein so sicherer Führer zur Glückseligkeit, zur
Verklärung ist?
Ich sprach kein Wort. Helene hatte mich beruhigt; allein
die Beruhigung, die sie mir eingeflößt, hatte einen Beigeschmack
von unbeschreiblicher Traurigkeit. Ein tiefes Weh durchzuckte
mich, während sie so sprach, aber ich wußte nicht, von wannen
es kam; und als sie, nachdem sie zu sprechen aufgehört hatte,
etwas schwerer Athem holte und kurz abgebrochen hustete, vergaß ich für den Augenblick meine eigenen Schmerzen, um einer
unbestimmten Befürchtung für meine Trösterin Raum zu geben.
Meinen Kopf auf Helenen's Schulter gelegt, schlang ich
meine Arme um ihren Leib; sie zog mich an sich und wir überließen uns einem ruhigen Nachdenken. Wir waren noch nicht
lange so gesessen, als eine dritte Person in die Stube trat. Der
Wind hatte einige schwere Wolken von der klaren Mondscheibe
weggefegt und bei dem Lichte des Nachtgestirnes, das durch ein
nahes Fenster in aller Fülle auf uns Beide und die nahende
Gestalt herniederströmte, erkannten wir sofort Miß Temple.
, Ich kam absichtlich, Dich aufzusuchen, Jane Eyre, sagte
sie; ,ich bedarf Deiner auf meiner Stube und da Helene Burns
gerade bei Dir ist, mag sie auch mitkommen.
Wir gingen; der Oberin folgend, mußten wir mehrere ineinander laufende Gänge durchschreiten und eine Treppe erklimmen,
ehe wir in ihr Gemach gelangten, welches ein gutes Feuer enthielt und sehr gemüthlich aussah. Miß Temple hieß Helene sich
auf einen niederen Armstuhl an der einen Seite des Camins
niederlassen, und nachdem sie sich gleichfalls gesetzt hatte, rief sie
mich zu sich.
, Nun, ist es wieder gut? frug sie, mir ins Gesicht
blickend. ,Hast Du Deinen Schmerz ausgeweint?
, Das, denke ich, wird mir wohl nie möglich sein.
, Wieso?
,Weil ich ungerecht beschuldigt worden bin, und Sie,
Madame, und jedermann wird mich fortan für ein böses Kind halten.
, Wir werden Dich für das halten, als was Du Dich uns
zeigst, mein Kind; fahre fort, ein braves Mädchen zu sein und
ich bin mit Dir zufrieden.'
, Gewiß, Miß Temple?
, Und nun sage mir, wer die Dame ist, die Mister Brocklehurst
Deine Wohlthäterin nannte?
,Mistreß Reed, die Frau meines Onkels. Mein Onkel ist
todt und hinterließ mich ihrer Obhut.
, Sie nahm Dich also nicht aus eigenem Antriebe an Kindesstatt an?
,Nein, Madame; vielmehr war es ihr sehr unlieb, daß
sie es thun mußte; aber mein Onkel forderte ihr, wie ich die
Dienerschaft oft erzählen hörte, das feierliche Versprechen ab,
mich stets, auch nach seinem Tode, bei sich behalten zu wollen.
,Nun gut, Jane, Du weißt, oder ich will Dir es wenigstens sagen, daß, wenn ein Verbrecher beschuldigt wird, es ihm
jedesmal frei steht, sich zu vertheidigen. Man hat Dich der
Falschheit und der Lüge beschuldigt, vertheidige Dich bei mir,
so gut Du kannst. Sage alles, was Dir Dein Gedächtniß als
wahr eingiebt, aber füge nichts hinzu und übertreibe nichts.
In der Tiefe meines Herzens beschloß ich mich zu mäßigen
und nur die reine Wahrheit zu sagen und nachdem ich einige
Minuten nachgedacht hatte, um meine Gedanken zu ordnen,
erzählte ich ihr die vollständige Geschichte meiner traurigen Kindheit. Von der vorhergegangenen Aufregung noch erschöpft, war
meine Sprache weit ruhiger denn sonst, wenn ich diesen traurigen
Gegenstand berührte; und Helenen's Warnung, mich nicht so
sehr dem Zorne hinzugeben, eingedenk, brachte ich in meine
Erzählung weit weniger Bitterkeit und Schärfe als gewöhnlich.
Derart geläutert und vereinfacht, lautete meine Erzählung viel
wahrscheinlicher; noch im Verlaufe derselben wurde ich gewahr,
daß mir Miß Temple vollen Glauben schenkte.
Ich that unter anderem Mister Lloyd's Erwähnung als
desjenigen, der mich nach meinem Unfalle besuchte; denn ich
vergaß die für mich so schreckliche Episode des rothen Zimmers
keineswegs, vielmehr ließ mich die Aufregung, die sich meiner
bei Erwähnung dieser Scene bemächtigte, etwas aus der Rolle
fallen, da nichts im Stande war, die lebhafte Erinnerung jenes
Todeskampfes aus meinem Gedächtniß zu verwischen, der mich
am Herzen packte, als Mistreß Reed meine flehentlichen Bitten
um Verzeihung schnöde von sich wies und mich ein zweitesmal
in die finstere Gespensterstube einschloß.
Ich hatte geendigt; Miß Temple sah mich einen Augenblick schweigend an und sagte dann:
Ich kenne diesen Mister Lloyd ein wenig, ich werde ihm
schreiben, und stimmen seine Aussagen mit den Deinigen überein, dann sollst Du öffentlich von jeder Anschuldigung gereinigt
werden; in meinen Augen bist Du es jetzt schon, liebe Jane.
Sie küßte mich und mich noch immer an ihrer Seite behaltend -- wo ich mich glücklich fühlte und aus der Betrachtung
ihres Gesichtes, ihres Anzuges, ihres Schmuckes, ihrer weißen
Stirne, ihrer dichten, glänzenden Locken und feurigen dunklen
Augen ein eigenes, kindliches Vergnügen schöpfte -- wandte sie
sich nun zu Helene Burns.

, Wie geht es Dir heute Abends, Helene? Hast Du den
Tag über viel gehustet?
, Ich denke, nicht so viel, Madame.
, Und Deine Brustschmerzen?
,Haben ein wenig nachgelassen.
Miß Temple stand auf, faßte ihre Hand und fühlte ihr
den Puls; als sie sich wieder setze, hörte ich sie leise seufzen.
Einen Augenblick blieb sie nachdenklich, dann, sich gleichsam selbst
ermuthigend, rief sie fröhlich aus:
,Doch Ihr Beiden seid ja heute Abends meine Gäste und
ich muß Euch als solche bewirthen. Sie zog die Klingel.
, Barbara, sagte sie zum eintretenden Dienstmädchen, ,ich
habe meinen Thee noch nicht bekommen; bring' das Theegeschirr
und nimm zwei Tassen für die beiden Fräuleins mit.
Das Theegeschirr erschien sofort. Wie weideten sich meine
Augen an den porzellanenen Tassen und an den glänzenden Theekannen, die auf dem kleinen runden Tische am Camin standen!
Wie duftete mir der Qualm des Getränkes und der Geruch der
Butterschnitten entgegen! Zu meinem Leidwesen -- denn ich
war sehr hungrig -- bemerkte ich von den letzteren nur eine
sehr kleine Portion; Miß Temple gewahrte es gleichfalls.
,Barbara, sagte sie, ,kannst Du nicht etwas mehr Brot
und Butter bringen? Für drei Personen reicht das nicht hin.
Barbara ging hinaus und kam sogleich wieder zurück.
,Madame, Mistreß Harden sagt, sie habe die übliche Menge
heraufgeschickt.
Mistreß Harden war, im Vorbeigehen gesagt, die Haushälterin, eine Frau nach Mister Brocklehurst's Geschmack, halb
Fischbein, halb Eisen.
O, ganz gut, versetzte Miß Temple, , wir müssen sehen,
daß wir auskommen. Und als das Mädchen zum Zimmer
hinaus war, fügte sie leise hinzu: ,Glücklicherweise liegt es heute
in meiner Macht, diesem Mangel abzuhelfen.
Nachdem sie mich und Helenen zum Tische geführt und
vor jede eine Tasse Thee mit einer einzigen dünnen, aber köstlichen Butterschnitte gestellt hatte, stand sie auf, öffnete eine
Schublade und holte ein in Papier gewickeltes Päckchen hervor,
aus dem sie alsbald einen tüchtigen Streukuchen auspackte.
,Ich wollte einer jeden von Euch zum Abschiede ein Stück
von diesem Kuchen mitgeben, sagte sie; , da wir indessen so
wenig Butterschnitten haben, müßt Ihr ihn wohl jetzt essen.
Und mit freigebiger Hand schnitt sie große Stücke ab.
Wir labten uns an jenem Abende wie an Nektar und
Ambrosia, und das befriedigte Lächeln, mit welchem uns unsere
Wirthin betrachtete, während wir unsere ausgehungerten Mägen
an den großmüthig gespendeten Leckereien zufriedenstellten, spielte
unter den Genüssen des Festmahles keineswegs die letzte Rolle.
Als der Thee genommen und der Tisch abgeräumt war, beschied
sie uns abermals zum Camine, wir setzten uns zu beiden Seiten
neben sie und nun begann eine Unterredung zwischen ihr und
Helene, welches mit anhören zu können wirklich ein Vorrecht
zu nennen war.
Miß Temple war wie immer heiteren Aussehens, voll Anstand
in ihren Bewegungen, und befliß sich einer sehr gewählten Redeweise, die sie hinderte, in allzu große Lebhaftigkeit, Aufregung,
wohl gar Heftigkeit zu gerathen; ein Etwas lag in ihrem Wesen,
welches das Vergnügen, das man empfand, wenn man sie ansah
und ihr zuhörte, durch ein Gefühl von Hochachtung dämpfte,
und eine solche Empfindung beherrschte mich auch in diesem Augenblicke; allein Helenen's Erscheinung machte mich beinahe starr vor
Verwunderung.
Das erfrischende Mahl, das helllodernde Feuer, die Gegenwart und die Freundlichkeit ihrer geliebten Lehrerin, oder vielleicht
noch mehr als dieses alles, ein eigener momentaner Aufschwung
ihres herrlichen Geistes hatte alle ihre Seelenthätigkeiten geweckt.
Sie erwachten, sie entzündeten sich; zuerst erglänzten sie in der
lebhaften Farbe ihrer Wangen, die ich bis zur Stunde nie anders
als blaß und blutleer gesehen hatte; dann leuchteten sie in dem
feuchten Glanze ihrer Augen auf, welche plötzlich eine weit bemerkenswerthere Schönheit als diejenige von Miß Temple's
Augen erlangt hatten- eine Schönheit, weder durch die Farbe
des Augensternes, noch durch lange Wimpern oder durch schön
geformte Brauen hervorgebracht, sondern einzig und allein durch
den Schimmer, die Regsamkeit, die Strahlen des Geistes.
Helenen's Seele thronte auf ihren Lippen, ihre Rede entströmte
einer unbekannten Quelle; oder hat wohl das Herz eines vierzehnjährigen Mädchens Raum und Kraft genug, den Quell
wahrer, volltönender, hinreißender Beredsamkeit einzuschließen?
Denn diese seltene Eigenschaft zeichnete die Reden meiner Freundin
an jenem für mich unvergeßlichen Abende in wunderbarem Maße
aus; es schien, als wolle ihr Geist in einer kurzen Spanne Zeit
gleich viel leben, als der Geist so manches Sterblichen während
eines langen irdischen Daseins.
Sie besprachen sich über Gegenstände, von denen ich nie
ein Wort gehört hatte, von verschollenen Nationen und vergangenen Jahrhunderten, über weit entfernte Gegenden, über
erforschte und geahnte Naturgeheimnisse; dann kam die Rede
auf Bücher und ach, wie viele hatten sie denn gelesen! Französische
Namen und Schriftsteller waren ihnen ungemein bekannt, aber
mein Erstaunen erreichte den Gipfelpunkt, als Miß Temple
Helenen frug, ob sie zuweilen einen Augenblick Zeit hätte, sich
des Lateinischen zu erinnern, welches ihr Vater sie gelehrt; als
sie wirklich ein Buch herbeiholte und Helenen eine Seite aus
Virgil's Werken zu übersetzen und zu erklären gab, als endlich
die Letztere sich ihrer Aufgabe aufs beste entledigte, kannte meine
Hochachtung bei dem letzten wohlklingenden Verse, den sie las, keine
Grenzen. Sie war kaum zu Ende gekommen und schon ertönte
die Glocke zur Nachtruhe; ein weiteres Verweilen ging nicht an;
Miß Temple umarmte uns, drückte uns an sich und entließ uns
mit einem warmen:
, Gott segne Euch, meine Kinder!
Helene hielt sie etwas länger in den Armen; sie trennte
sich weit schwerer von ihr; ihr folgte der Lehrerin Auge bis zur
Thür; ihretwegen seufzte sie ein zweitesmal schmerzlich auf; ihretwegen wischte sie sich eine Thräne von der Wange.
Im Schlafzimmer angelangt, hörten wir Miß Scatcherd's
Stimme; sie war über dem Untersuchen der Schubladen und hatte
eben Helenen's Lade herausgezogen; ein scharfer Verweis und das
Versprechen, ihr am nächsten Morgen ein Dutzend unordentlich
gelegter Sachen auf den Rücken heften zu wollen, empfing die
Aermste beim Eintritte.
,Meine Sachen waren wirklich in einer schändlichen Unordnung, flüsterte mir Helene zu, ich wollte sie wohl in Ordnung
legen, aber ich vergaß darauf.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd auf ein Stück
Pappe mit ellenlangen Buchstaben das Wort ,Schlumpe und
band es als einen Denkzettel um Helenen's breite, helle, freundliche Stirn. Sie trug das Anhängsel geduldig, ohne Unwillen,
als eine ihrer Ueberzeugung nach verdiente Strafe bis zum
Abend. Sobald Miß Scatcherd nach der Nachmittagsschule das
Lehrzimmer verlassen hatte, sprang ich auf Helenen los, riß das
Schandzeichen ab und warf es ins Feuer. Die Wuth, deren sie
unfähig war, hatte den ganzen Tag über in mir gekocht, und
heiße dicke Thränen waren mir ohne Unterlaß die Wange herabgeronnen, denn der Anblick ihrer mit Schwermuth gepaarten
Unterwürfigkeit verursachte mir ein unnennbares Herzeleid.
Beiläufig eine Woche nach den eben erzählten Begebenheiten erhielt Miß Temple, welche an Mister Lloyd geschrieben
hatte, eine Antwort; jedenfalls bestätigte seine Aussage die
meinige, denn Miß Temple versammelte alsbald sämmtliche
Mädchen und erklärte ihnen, sie habe sich bezüglich der gegen
Jane Eyre erhobenen Anschuldigungen genauer erkundigt und
fühle sich nunmehr sehr glücklich, sie hiermit von jeder Schuld
und jedem Verdachte lossprechen zu können. Die Lehrerinnen
drückten mir darauf die Hand und küßten mich und ein Gemurmel
des Beifalles durchlief die Reihen meiner Schulgefährtinnen.
Von der drückenden Last, die auf mir gelegen, befreit,
machte ich mich von dieser Stunde an mit erneuerten Kräften
ans Werk und beschloß bei mir selbst, mir unter allen Umständen,
durch alle Schwierigkeiten hindurch einen Weg zu bahnen. Ich
arbeitete mit großer Anstrengung und meine Erfolge standen im
Verhältniß zur angewandten Mühe; mein von Natur aus nicht
sehr glückliches Gedächtniß kräftigte sich durch Uebung; häufiges
Denken schärfte meinen Geist; in wenigen Wochen trat ich in
eine höhere Classe ein; in weniger als zwei Monaten erhielt
ich die Erlaubniß, Französisch und Zeichnen zu lernen. Am
selben Tage lernte ich bereits die ersten zwei Zeilen des Hilfszeitwortes stre auswendig und skizzirte meine erste Zeichnung, ein
Landhaus, dessen Wande, beiläufig gesagt, ihrer Stellung nach
den schiefen Thurm zu Pisa beschämten. Als ich Abends zu Bette
ging, vergaß ich, mir in der Einbildungskraft das Barmecedische
Nachtessen von frischgerösteten Kartoffeln oder von Weißbrot in
frischer Milch zu bereiten, mit welchem ich sonst meinen nagenden
Hunger zu beschwichtigen pflegte; statt dessen schwelgte ich im
Anblicke idealer Zeichnungen, die ich mir im Finstern vorzauberte;
alles Werke von meiner Arbeit; aus freier Hand gepinselte
Häuser und Bäume, malerische Felsen und Ruinen, Thiergruppen
in Cuyp’s Manier, zarte Zeichnungen von Schmetterlingen auf
halberblühten Rosen, von Vögeln, die an reifen Kirschen pickten, von
Zaunkönignestern mit perlgleichen, in Immergrünsprossen liegenden
Eierchen. Dann dachte ich darüber nach, ob ich wohl je im
Stande sein würde, ein gewisses kleines französisches Märchenbuch zu übersetzen, welches mir Madame Pierrot im Verlaufe
des Tages gezeigt hatte, und noch war ich über die Möglichkeit
einer solchen Vervollkommnung nicht im Klaren, als ich auch
schon sanft und selig entschlief.
Salomon hatte Recht, wenn er sagte: ,Besser ein Mittagessen von Kräutern mit Liebe genossen, als ein Mastochse mit
Haß verzehrt.
Nicht um eine Welt hätte ich nun Lowood mit all seinen
Entbehrungen um Gatesheadhall sammt seinen täglichen Leckermahlen vertauscht!

IX.

Doch die Entbehrungen, oder besser gesagt die Beschwerlichkeiten des Schulaufenthaltes verminderten sich. Der Frühling
war im Anzuge oder vielmehr schon gekommen, die Winterfröste
hatten nachgelassen, der Schnee war geschmolzen, der schneidende
Wind einer gelinderen Luft gewichen. Meine armen, in der
Winteratmosphäre aufgeschwollenen, beinahe lahmen Beine begannen unter dem Einflusse der milden Frühlingszeit zu heilen;
nicht länger machten die Nächte und Morgen durch ihre canadische
Temperatur das Blut in den Adern erstarren, die Spielstunde
im Garten war erträglich, zuweilen, an einem sonnigen Tage
sogar einladend angenehm; die fahlen Beete überzog ein frisches
Grün, das täglich üppiger wurde und den Gedanken hervorrief,
die Hoffnung selbst betrete sie bei Nacht und hinterlasse jeden Morgen
glänzendere Spuren ihrer Tritte. Bunte Blumen, Schneeglöckchen,
Crocusse, purpurfarbige Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen sproßten aus den Blättern empor; an Donnerstagnachmittagen, wo wir halbe Ferien hatten, machten wir nun häufige
Ausflüge und fanden täglich glänzendere und duftendere Blumen
am Wegrande unter den Hecken erschlossen.
Ich entdeckte nun auch, daß ein großer Vergnügungsplatz,
ein solcher, den der Himmel allein einschloß, außerhalb der
hohen, mit Nägeln beschlagenen Gartenwand lag; er bestand in
einer Kette steiler Bergkuppen, die eine grüne, schattige Thalschlucht umschlossen; in einem hellen Bächlein voll dunklen Gesteins
und schäumender Wirbel. Wie ganz anders zeigte sich diese
Gegend, als ich sie unterm eisengrauen Winterhimmel, starr vor
Frost, mit dichtem Schnee überzogen gesehen hatte, wo tödtlich
kalte Nebel, vom Ostwinde getrieben, über die nun purpurgesäumten Gipfel hinzogen und dann jählings zum Bache hinunterrollten, mit dessen gefrorenen Dünsten sie sich vermählten. Der
Bach selbst war damals zu einem wilden trüben Bergstrome
angeschwollen, der Bäume mit sich fortriß und die durch Platzregen und Schneegestöber verfinsterte Luft mit seinem schauerlichen Tosen erfüllte. Der Wald an seinen Ufern bot in
seiner blätterlosen Nacktheit das Bild in Reihen aufgestellter
Skelette.

Dem milden April folgte der blüthenreiche Wonnemonat.
Und was für ein heiterer prachtvoller Mai das war! Tage mit
blauem Himmel, warmem Sonnenschein und sanften West- und
Südwinden bezeichneten seine Dauer. Die Vegetation schoß mit
Macht empor; Lowood schüttelte seine Fesseln ab; es wurde
über und über grün und blumig; die hohen Ulmen, Eschen und
Eichen waren ihrem majestätischen Dasein wiedergegeben; tausende
von Waldpflanzen keimten unter ihrem Schatten in die Höhe;
unzählige Moosarten füllten die Höhlungen aus; der ungeheuere
Reichthum von wilden Primeln deckte den Boden wie ein zweiter
Sonnenschein; oft sah ich ihr blasses Gold, dem anmuthigsten Sonnenlichte ähnlich, an schattigen Orten erglänzen. Alle diese Freuden
der Natur genoß ich ununterbrochen, in vollstem Maße, frei und
unbewacht und beinahe ganz allein; diese ungewöhnliche Ungebundenheit hatte ihre besondere Ursache, die ich nun auseinanderzusetzen
bemüht sein werde.

Habe ich nicht einen herrlichen Wohnplatz beschrieben, wenn
ich von schwellenden Hügeln mit schattigem Gehölz sprach, die,
vom Rande eines Baches in die Höhe stiegen? Ganz gewiß ,
einen sehr anmuthigen Wohnplatz; ob er aber gesund war oder
nicht, das ist eine andere Frage.
Die Waldschlucht, in welcher Lowood lag, war der Sammelplatz giftiger Nebel und pestilenzialischer Ausdünstungen, die,
mit dem erwachenden Lenze an Schädlichkeit zunehmend, in das
Waisenhaus drangen, durch ihren bösen Hauch den Typhus in
die überfüllten Räume brachten, und bevor der Monat Mai
herankam, die Erziehungsanstalt in ein Krankenhaus verwandelten.
Mangel an hinreichender Nahrung und vernachlässigte Erkältungen hatten die meisten Zöglinge für die Ansteckung empfänglich gemacht: von den achtzig Mädchen erlagen auf einmal
fünfundvierzig der Seuche. Die Wenigen, welche gesund blieben,
erfreuten sich einer beinahe schrankenlosen Freiheit, da der Arzt
eine unausgesetzte Bewegung im Freien als das beste Vorbeugungsmittel empfohlen hatte und andererseits auch niemanden
Muße genug blieb, sie zu überwachen. Miß Temple's ganze
Aufmerksamkeit war von den Patientinnen in Anspruch genommen:
sie wohnte sozusagen im Krankenzimmer, das sie nur des
Nachts auf einige Stunden verließ, um etwas Kräfte zu
sammeln. Die Lehrerinnen hatten mit Einpacken und anderen
Vorbereitungen zur Reise vollauf zu thun, da diejenigen Mädchen,
welche glücklich genug waren, Freunde und Verwandte zu besitzen,
die sie aufnehmen konnten und wollten, insgesammt dem Orte
der Ansteckung den Rücken wandten. Viele von ihnen, die schon
den Keim des Todes in sich trugen, starben sofort nach ihrer
Ankunft in der Heimat; noch mehrere starben in der Anstalt
selbst und wurden schnell und ohne Gepränge zur Erde bestattet,
indem die Natur der Krankheit keinen Aufschub zuließ.
Während auf diese Weise eine Epidemie ihren Wohnsitz in
Lowood aufgeschlagen hatte und der unerbittliche Sensenmann
häufige Besuche abstattete; während Trauer und Furcht innerhalb
der Mauern herrschte und der eigenthümliche Spitalgeruch die
Gänge erfüllte, weil weder Essenzen, noch Räucherkerzchen den
Pesthauch des Todes zu vertreiben im Stande waren; erglänzte
außerhalb der schönste, heiterste Frühlingshimmel über den stolzen

Bergen und dem herrlichen Waldlande. Auch der Garten prangte
im schönsten Blüthenschmucke; Pappelrosen waren baumhoch
emporgeschossen, die Lilien hatten ihre Kelche geöffnet, Dahlien
und Rosenstauden in voller Blüthe; die Einfassungen der kleinen
Beete schmückten junge Nelken und carmoisinrothe, gefüllte Gänseblümchen; Morgens und Abends verstreuten die Bartnelken ihren
eigenthümlichen Gewürz- und Aepfelgeruch; allein alle diese
duftenden Schätze wuchsen für die meisten Bewohnerinnen von
Lowood vergebens, ausgenommen, daß sie dann und wann
eine Hand voll Blätter und Bülthen lieferten, einen Sarg auszuschmücken.
Wir Anderen hingegen, nämlich ich und die Mädchen, welche
von der Krankheit verschont blieben, genossen die Schönheiten
der Gegend und der Jahreszeit im vollsten Maße; von Früh
bis in die Nacht durften wir, Zigeunerinnen gleich, in den
Wäldern herumirren; wir thaten, was uns beliebte und gingen
wohin wir wollten. Sogar unsere Kost war viel besser geworden:
weder Mister Brocklehurst noch seine Familie kamen nun Lowood
nahe; niemand beaufsichtigte die Führung des Haushaltes; die
wunderliche Wirthschafterin war aus Furcht vor Ansteckung davon
gegangen und ihre Nachfolgerin, eine ehemalige Hebamme der
Londoner Krankenanstalt, kannte die übliche Hausordnung ihres
neuen Platzes zu wenig, weshalb sie die Küche mit verhältnißmäßiger Freigebigkeit bestellen ließ. Uebrigens war auch die Zahl
der Kostgängerinnen vermindert; die Kranken konnten nur wenig
genießen; unsere Frühstücksnäpfe wurden besser gefüllt und wenn
die Zeit fehlte, ein ordentliches Mittagmahl zu bereiten, was sich
öfter zutrug, erhielten wir ein großes Stück kalte Pastete oder
eine tüchtige Schnitte Brot und Käse. Mit diesen Eßwaaren
liefen wir sofort ins Holz, suchten jede unseren Lieblingsplatz
und schmausten gar herrlich und in Freuden.
Mein Lieblingssitz war ein glatter, breiter Stein, der
sich weiß und trocken inmitten des Waldbächleins erhob und zu
welchem man durchs Wasser waten mußte, was ich stets barfuß
vollführte.
Der Stein hatte gerade die gehörige Breite, um mir und
einem zweiten Mädchen, Namens Marianne Wilson, zur Zeit
meine erkorene Gespielin, zum bequemen Sitze zu dienen.

Marianne war eine pfiffige, mit scharfer Beobachtungsgabe
ausgerüstete Person, an deren Umgange ich sehr viel Geschmack
fand, theils weil sie witzig und originell war, theils weil sie
Manieren hatte, die meinen Verkehr mit ihr erleichterten. Um
einige Jahre älter als ich, kannte sie die Welt weit besser und
konnte mir vieles erzählen, was ich gern hörte; sie befriedigte
meine Neugierde, sie hatte mit meinen Fehlern Nachsicht und
ließ mir in Reden und Handlungen die Zügel schießen. Sie
hatte eine Neigung zum Erzählen, ich zum Zergliedern; sie liebte
es zu unterrichten, ich zu befragen; so gingen wir gleichen
Schrittes miteinander und schöpften aus unseren wechselseitigen
Unterredungen zwar keine große Belehrung, aber um desto mehr
Unterhaltung.
Und wo weilte in der Zwischenzeit Helene Burns? Warum
brachte ich die glücklichen Tage der Freiheit nicht mit ihr zu?
Hatte ich sie vergessen oder war ich sittlich so tief gesunken, daß
mich ihr reiner Umgang langweilte? Ohne Zweifel stand die
eben erwähnte Marianne Wilson tief unter meiner ersten Bekanntschaft, sie konnte mir bloß unterhaltende Geschichten erzählen
oder in einer nach Scherz und Witz haschenden Plauderei, die
ich gerade beliebte, Stand halten; indessen Helene, wie ich der
Wahrheit gemäß bereits erwähnte, geschaffen war, denjenigen, die
das Glück hatten mit ihr umzugehen, für höhere Dinge, für
edlere, geistigere Genüsse Geschmack einzuflößen.
Ganz wahr, lieber Leser! Auch ich wußte und fühlte dieses,
und wiewohl ich ein unvollkommenes Wesen, voll Fehler und
mit wenigen guten Eigenschaften bin, so war ich doch Helenen's
keinen Augenblick überdrüssig geworden, noch hatte ich je aufgehört, für sie ein so starkes Gefühl fester, zärtlicher, achtungsvoller Zuneigung zu hegen, wie nur je eines mein Herz erfüllte.
Wie konnte es auch anders sein, da Helene Burns zu allen
Zeiten und unter allen Umständen für mich eine ruhige, aufrichtige Freundschaft an den Tag legte, welche weder böse Laune
verbitterte, noch unzeitige Empfindlichkeit trübte! Aber die Arme
lag krank darnieder; schon vor Wochen hatte man sie meiner
Nähe entrückt und in ein mir unbekanntes Zimmer eine Treppe
höher gebracht. Wie man mir sagte, befand sie sich nicht in der
allgemeinen Krankenstube, welche die Fieberkranken enthielt, da

sie nicht den Typhus hatte, sondern an der Auszehrung litt.
Unter Auszehrung dachte ich mir nun in meiner Unwissenheit
ein leichtes Unwohlsein, das man mit der Zeit und bei gehöriger
Sorgfalt ganz wohl heben könne.
Der Umstand, daß sie ein- oder zweimal in warmen,
sonnigen Nachmittagen herunter kam und von Miß Temple in
den Garten geführt wurde, bestärkte mich in dieser Meinung,
doch erlaubte man mir auch bei dieser Gelegenheit nicht mit ihr
zu sprechen; ich sah sie bloß von einem Fenster des Schulzimmers aus und das nicht einmal ganz genau, denn sie war in
viele Tücher eingewickelt und saß in einiger Entfernung unter
dem Säulendache.
Eines Abends, zu Anfang des Monats Juni, war ich mit
Marianne ziemlich spät im Walde geblieben; wie gewöhnlich
hatten wir uns von den anderen Mädchen getrennt und unseren
Weg in die Mitte des Holzes eingeschlagen; und wir gingen so
weit vorwärts, daß wir uns verirrten und bei einer einsamen
Hütte, die ein Mann mit seiner Frau bewohnte, welcher im
Walde eine Heerde halbwilder Schweine zur Mast hatte, nach
dem Wege fragen mußten. Als wir nach Hause kamen, war der
Mond bereits aufgegangen; ein Pony, welches wir als dasjenige
unseres Hausarztes erkannten, stand an der Gartenthür. Marianne
bemerkte, es müsse jemand sehr schwer erkrankt sein, da Mister
Bates noch so spät Abends geholt wurde. Sie trat ins Haus;
ich blieb eine Weile zurück, um eine Hand voll im Walde ausgegrabener Wurzeln im Garten in die Erde zu legen, damit sie
nicht bis zum folgenden Tage welk würden. Nachdem ich diese
Arbeit' vollbracht, hielt ich mich noch einen Augenblick auf, die
Blumen dufteten so süß, wie sie der Nachtthau tränkte; der
Abend war so schön, so heiter, so warm; der prachtvolle glühende
Westen prophezeite für den nächsten Tag ein gleich herrliches
Wetter; der Vollmond ging im Osten majestätisch auf. Ich
betrachtete diese Scene und freute mich ihrer nach Kinderweise,
als plötzlich, wie früher nie, trübe Gedanken in mir aufstiegen.
,Wie traurig, gerade nun am Krankenbette zu liegen, und
dem Tode nahe zu sein! dachte ich bei mir. ,Die Welt ist so
schön, es wäre schmerzlich, von hier abgerufen zu werden, und
in unbekannte Räume wandern zu müssen!


Zum erstenmale strengte ich mich ernstlich an, zu erfassen,
was man mir über Himmel und Hölle beigebracht hatte; zum
erstenmale erzitterte ich vor Schrecken; zum erstenmale sah ich,
hinter und vor mir, und rechts und links ängstliche Blickes
werfend, rund herum einen unermeßlichen Abgrund; nur den
einen Punkt, auf dem ich stand, die Gegenwart, konnte ich
wahrnehmen, alles übrige barg unförmliches Gewölke und unerforschliche Tiefe; ich schauderte vor dem bloßen Gedanken zu
straucheln, und mitten in dieses Chaos hineinzustürzen. Während
ich diesen für mich ganz neuen Ideengang verfolgte, hörte ich
die Thür der Vorderseite öffnen; Mister Bates trat mit einer
Krankenwärterin heraus. Als er sein Pferd bestiegen hatte und
hinweggeritten war, wollte die Letztere eben wieder die Thür
schließen; ich lief auf sie zu.
,Wie geht es Helene Burns?
,Sehr schlecht, war die Antwort.
, Ist Mister Bates ihretwegen hier gewesen?
, Ja.
, Und was sagte er zu ihrem Befinden?
, Er meinte, sie würde nicht mehr lange hier sein.
Gestern gehört, hätte dieser Ausspruch für mich bloß die
Bedeutung gehabt, Helene werde nach Northumberland, ihrer
Heimat, übersiedeln; mit keinem Gedanken hätte ich vermuthet,
daß sie dem Tode nahe. Doch jetzt begriff ich augenblicklich,
um was es sich handle; ich erkannte klar und deutlich, Helenen's
letzte Stunde sei gekommen, und ihre Seele werde ins Reich der
Geister emporsteigen, wenn es ja ein solches gäbe. Zuerst erfaßte
mich Entsetzen, dann durchzuckte mich ein Gefühl des tiefen
Schmerzes; endlich machte sich der Wunsch, die Nothwendigkeit
geltend, meine Freundin noch einmal zu sehen, und ich frug, in
welcher Stube sie läge.
, Sie liegt in Miß Temple's Zimmer, sagte die Wärterin.
, Kann ich zu ihr und mit ihr sprechen?
,Ach nein, liebes Kind, das geht nicht an; und jetzt ist's
Zeit, daß Sie hereinkommen, sonst erwischt Sie das Fieber,
wenn Sie draußen bleiben, während der Thau fällt.
Die Wärterin schloß die Frontthür; ich ging zu einem
Seitenpförtchen hinein, welches ins Schulzimmer führte. Ich

kam gerade recht; es schlug neun Uhr und Miß Miller hieß
die Schülerinnen sich schlafen legen.
Es mochte zwei Stunden später, etwa um elf Uhr
sein, als ich -- es war mir unmöglich gewesen, ein Auge zu
schließen, und aus der im Schlafsaale herrschenden tiefen Stille
schloß ich, daß alle meine Gefährtinnen fest schliefen -- leise
das Bett verließ, meinen Rock über das Nachtkleid anzog, und
in Strümpfen zum Gemache hinauskroch, um Miß Temple's
Stube aufzusuchen. Sie befand sich am entgegengesetzten Ende
des Gebäudes; aber ich wußte den Weg und der wolkenlose,
mondhelle Nachthimmel, der durch die Gangfenster schien, erleichterte mir mein Vorhaben. Ein Geruch von Kampher und verdunstetem Essig warnte mich, als ich zum Fieberzimmer kam;
ich huschte schnell vorüber, aus Furcht, die Wärterin, welche
dort die ganze Nacht wachte, könnte mich hören. Ich hatte
Furcht, entdeckt und zurückgeschickt zu werden, denn ich mußte
Helenen sehen, sie umarmen, bevor sie starb, ihr einen letzten Kuß
auf den Mund drücken, mit ihr noch ein letztes Wort wechseln.
Nachdem ich eine Treppe herabgestiegen war, ein unteres
Stockwerk durchschritten, und zwei Thüren ohne Geräusch auf- und zugemacht hatte, erreichte ich eine zweite Treppe, die ich
hinaufsprang, und dicht vor mir lag Miß Temple's Zimmer.
Ein Lichtstrahl drang durchs Schlüsselloch und unter der Tür
hindurch; die tiefste Stille herrschte in der ganzen Nachbarschaft.
Als ich näher trat, fand ich die Thür ein klein wenig offen,
wahrscheinlich um etwas frische Luft ins Krankenzimmer zu lassen.
Voll Ungeduld, keines langen Zögerns fähig, Herz und Sinne
in schmerzlichen Ahnungen befangen, stieß ich den Thürflügel
auf und blickte hinein. Meine Augen suchten Helenen, und
fürchteten einen Leichnam zu finden.
Knapp an Miß Temple's Bette und halb von dessen Vorhängen eingeschlossen, stand eine kleine Liegerstätte. Ich erkannte
die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht
war durch die Vorhänge verhüllt; die Wärterin, mit welcher ich
Abends gesprochen hatte, saß in einem Armstuhle eingeschlafen;
eine ungeputzte Kerze brannte düster auf einem Tische. Miß
Temple war nicht zu sehen; ich erfuhr später, sie sei zu einer
im Fieberwahn liegenden Patientin gerufen worden. Ich trat
näher und blieb dann vor dem kleinen Bette stehen; meine Hand
erfaßte den Vorhang, doch wollte ich früher sprechen, bevor ich
ihn wegzog. Noch immer befürchtete ich, einen Leichnam zu
Gesichte zu bekommen.
,Helene, flüsterte ich sanft, ,sind Sie wach?
Sie bewegte sich, schob selbst den Vorhang beiseite und
ich sah ihr blasses, abgemagertes, aber ruhiges Gesicht; sie war
so wenig verändert, daß ich augenblicklich alle Furcht fahren ließ.
, Ist's möglich, Jane? Sind Sie es wirklich? frug sie
mit ihrer sanften Stimme.
, Oh! dachte ich bei mir, die stirbt nicht. Die Leute
irren gewaltig; wie könnte sie sonst so sprechen und so ruhig
dareinsehen?
Ich trat vollends an das Bett heran und küßte sie. Ihre
Stirne war kalt, ihre Wange durchsichtig, auch ihre Hände und
Handgelenke fühlten sich kalt an; doch lächelte sie so freundlich
wie ehedem.
, Warum sind Sie hergekommen, Jane? Es ist elf Uhr
vorüber; ich habe es vor einer Weile schlagen hören.
, Ich wollte Sie sehen, liebe Helene; ich hörte, Sie wären
sehr krank und ich konnte nicht schlafen, bevor ich nicht mit
Ihnen gesprochen hatte.
, Sie kommen, mir Lebewohl zu sagen; es ist wohl gerade
noch Zeit.
,Wollen Sie verreisen, Helene? Gehen Sie etwa nach,
Ihrer Heimat?
,Wohl; nach meiner fernen, meiner letzten Heimat.
,Nicht doch, nicht doch, liebe Helene! Und ich hielt mit
vor Schmerz erstickter Stimme inne. Während ich mich bemühte,
meine Thränen zurückzudrängen, hatte die Kranke einen Anfall
von Husten. Doch die Wärterin erwachte nicht und als der
letztere vorüber war, lag sie einige Augenblicke ganz erschöpft da;
dann flüsterte sie:
Jane, Ihre kleinen Füße sind bloß, legen Sie sich zu mir
und decken Sie sich mit meiner Decke zu.
Ich erfüllte ihren Wunsch; sie schlang ihren Arm um mich
und drückte mich fest an sich. Nach einer langen Pause fuhr sie
mit leiser Stimme wieder fort:

, Ich bin sehr glücklich, Jane, und wenn ich todt bin,
müssen Sie sich trösten und nicht etwa jammern; da ist nichts
zu beweinen. Wir Alle müssen einmal sterben, und die Krankheit,
welche mich von hier nimmt, ist gar nicht schmerzlich, vielmehr
kommt sie gelinde und allmählich vorwärts und mein Geist ist
ruhig. Ich hinterlasse niemanden, den mein Tod sehr dauerte;
ich habe nur noch einen Vater und der hat unlängst geheiratet,
wird mich also nicht sehr vermissen; dadurch, daß ich jung
sterbe, gehe ich vielen Leiden aus dem Wege. Meine Eigenschaften, meine Talente waren nicht darnach, mir in dieser Welt
fortzuhelfen; ich wäre immerwährenden Mißgriffen ausgesetzt
gewesen.
,Doch wo gehen Sie hin, Helene? Sehen Sie es, wissen
Sie es?
, Ich glaube, ich vertraue: ich gehe zu Gott.
, Wer ist Gott und wo ist er?
, Er ist mein Schöpfer und der Ihrige, welcher dasjenige,
was er geschaffen, nimmer zerstören will. Ich stütze mich unbedenklich auf seine Macht und vertraue gänzlich auf seine Güte;
ich zähle die Stunden, bis der ereignißvolle Augenblick kommt,
der mich ihm zuführt und ihn mir enthüllt.
, Sie wissen also gewiß, daß es einen Himmel giebt und
daß unsere Seelen hingelangen, wenn wir todt sind?
, Ich glaube mit Zuversicht an ein künftiges Leben; ich
glaube an Gottes Allgüte; ich kann meinen unsterblichen Geist
ohne Bedenken in seine Hände empfehlen. Gott ist mein Vater,
Gott ist mein Freund; ich liebe ihn und ich glaube, daß auch
er mich liebt.
, Und werde ich Sie wiedersehen, wenn ich sterbe?
, Gewiß werden Sie zu denselben glückseligen Räumen emporsteigen und dort vom allmächtigen Schöpfer, unser Aller Vater,
empfangen werden, theure Jane!
Wieder frug ich, aber diesmal bloß mich selbst: ,Wo sind
diese Räume? Ist's keine Täuschung ? Und ich schloß Helenen
fester in meine Arme; sie schien mir werther denn je zu sein;
es kam mir vor, als könnte ich sie gar nicht scheiden lassen. Ich
lag mit meinem Gesichte an ihrem Halse; mit kaum hörbarer
Stimme sagte sie:

, Wie wohl ich mich fühle! Der letzte Anfall meines Hustens ,
hat mich etwas ermüdet; ich denke, ich werde schlafen können, aber
verlassen Sie mich nicht, Jane; ich freue mich so sehr, Sie in
meiner Nähe zu haben.
, Ich bleibe bei Ihnen, Helene, und niemand soll mich
Ihnen entreißen.
,Liegen Sie warm, liebe Seele?
, Jawohl!
, Gute Nacht, liebe Jane!
, Gute Nacht, liebe Helene!
Sie küßte mich, ich küßte sie und bald waren wir beide
sanft entschlummert.
Als ich erwachte, war es Tag; eine ungewöhnliche Bewegung
hatte mich geweckt; ich blickte empor; ich lag in jemandes Armen.
Die Wärterin war es, die mich hielt und mich durch den Gang
ins Schlafzimmer zurücktrug. Ich erhielt keinen Verweis, daß ich
mein Bett verlassen hatte; alles schien mit ganz anderen Dingen
beschäftigt. Niemand gab mir auf meine häufigen Fragen eine
Antwort, allein einen oder zwei Tage darauf erfuhr ich, Miß
Temple habe mich, gegen Morgen in ihrer Stube angelangt, in
dem kleinen Bette gefunden, meinen Kopf auf Helenen's Schulter
gelegt, meine Arme um ihren Hals geschlungen. Ich schlief und
Helene war -- todt.
Sie liegt im Friedhofe von Brocklebridan begraben; durch
volle fünfzehn Jahre deckte ein einfacher Grashügel ihre letzte Ruhestätte; doch jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel den Ort, sie
enthält ihren Namen und das Hoffnungswort: Resurgam.

X.

Bisher habe ich alle Ereignisse meines unbedeutenden
Daseins in ihren Einzelheiten erwähnt, den ersten zehn Jahren
meines Lebens fast ebenso viele Capitel gewidmet. Allein dies
Buch ist keine regelrechte Selbstbiographie; ich darf nur dann
und wann die Erinnerung befragen, wenn ich weiß, daß ihre
Antworten in einem gewissen Grade von Interesse sind; darum

übergehe ich nun einen Zeitraum von acht Jahren mit fast
gänzlichem Stillschweigen. Nur einiger Zeilen bedarf es, um den
verbindenden Faden nicht zu verlieren.
Nachdem der Typhus seine vernichtende Sendung in Lowood
beendigt hatte, zog er sich allmählich wieder zurück, doch nicht,
ohne daß dessen Bösartigkeit und die Zahl der hinweggerafften
Opfer die allgemeine Aufmerksamkeit in einem hohen Grade
erregt hätten. Man forschte den Ursachen der Seuche nach, und
es kamen nach und nach Thatsachen zum Vorschein, welche den
Unwillen des Publicums aufs höchste steigerten. Die ungesunde
Lage der Schule, die geringe Menge und schlechte Beschaffenheit
der Kost, das zum Kochen verwendete salzige und stinkende Wasser,
die elende Kleidung und die geringen Bequemlichkeiten der Zöglinge, alles das kam ans Tageslicht, und die Entdeckung brachte
ein für Mister Brocklehurst sehr unangenehmes, für die Schule
jedoch sehr heilsames Resultat zu Wege.
Mehrere reiche und wohlthätige Einwohner der Grafschaft
subscribirten eine bedeutende Summe zur Errichtung eines entsprechenden Gebäudes in einer gesünderen Gegend, neue Statuten
wurden entworfen, Verbesserungen in Kost und Kleidung eingeführt und die Fonds der Anstalt der Verwaltung eines Ausschusses übergeben. Mister Brocklehurst, der seiner Familienverbindungen und seines Reichthumes wegen nicht gut übergangen
werden konnte, behielt seinen Posten als Cassier; allein zwei
Herren von großmüthigerer und freundlicherer Gemüthsart unterstützten ihn in dieser Function und auch als Inspector der Anstalt
hatte er Männer zur Seite, welche es verstanden, Vernunft mit
Genauigkeit, Bequemlichkeit mit Sparsamkeit, menschliches Gefühl
mit nothwendiger Strenge zu paaren. Die in solcher Weise umgestaltete Schule wurde mit der Zeit ein wahrhaft nüzliches,
edelsinnige Zwecke förderndes Institut. Noch volle acht Jahre
brachte ich nach seiner Wiedergeburt daselbst zu; sechs Jahre
als Zögling und zwei als Lehrerin und in beiden Beziehungen
lernte ich diese Anstalt als eine würdige und wichtige kennen.
Während dieser acht Jahre führte ich ein einförmiges Leben;
doch fühlte ich mich nicht unglücklich, da ich thätig sein konnte.
Die Mittel einer ausgezeichneten Bildung zu erlangen, standen
mir zu Gebote; die Neigung für manche Studienfächer und der
Wunsch, mich in allem auszuzeichnen, und dadurch meine Lehrerinnen
zu erfreuen, besonders diejenigen, die ich liebte, spornten mich
an; ich gebrauchte die mir gebotenen Vortheile im vollsten
Maße. In kurzer Zeit war ich die erste unter den Mädchen
der ersten Classe, dann wurde ich mit dem Amte einer Lehrerin
betraut, welchem ich mit allem Eifer durch zwei Jahre vorstand;
aber am Ende dieses Zeitabschnittes ging in mir eine große Veränderung vor sich.
Miß Temple war, aller Veränderungen ungeachtet, Oberin
der Anstalt geblieben, ihrem Unterrichte verdankte ich den besten
Theil meiner Errungenschaften, ihre Freundschaft und ihr Umgang
waren meine einzige Erholung; sie vertrat bei mir nach und
nach die Stelle einer Mutter, einer Lehrerin und einer Gesellschafterin.
Doch zu der erwähnten Zeit heiratete sie, zog mit ihrem
Gatten, einem vortrefflichen Geistlichen, der eine solche Frau
wirklich verdiente, in eine entfernte Grafschaft und war demnach
für mich verloren.
Von dem Tage an, wo sie abreiste, war ich ganz verändert;
mit ihr war jedes behagliche Gefühl, alles, was mich in etwas
an Lowood fesseln konnte, von mir gewichen. Ich hatte einen
Theil ihres Charakters und viele ihrer Gewohnheiten angenommen,
mir harmonischere Gefühle angeeignet; geordnetere Gedanken
hatten mein Inneres bezogen. Ich war gegen meine Verpflichtungen
und die eingeführte Ordnung fügsam, ruhig und anscheinend zufrieden geworden, in den Augen Anderer und theilweise auch in
den meinigen erschien ich als ein wohlgeschulter, unterwürfiger
Charakter.
Allein das Schicksal trotz in der Gestalt eines ehrwürdigen
Mister Nasmyth zwischen Miß Temple und mich; ich sah sie kurz
nach ihrer Vermählung in Reisekleidern die Postkutsche besteigen,
ich folgte dem Wagen, wie er die Anhöhe hinauffuhr, und bald
darauf im Thale verschwand; dann zog ich mich in meine
Stube zurück und brachte den größten Theil des bei dieser
besonderen Gelegenheit gewährten halben Ferientages in der
Einsamkeit zu.
Die längste Zeit ging ich im Zimmer auf und ab. Ich
bildete mir ein, bloß meinen Verlust zu betrauern und über
dessen möglichen Ersatz nachzudenken; doch als ich meine Betrachtungen endigte und fand, der ganze Nachmittag sei vergangen und der Abend weit vorgerückt, tauchte eine neue Entdeckung in mir auf; nämlich die, daß ich in der Zwischenzeit
einen Umwandlungsproceß erlitten, daß ich alles von Miß
Temple in mein Gemüth aufgenommene abgelegt -- daß sie
die heitere, zufriedene Atmosphäre, die ich in ihrer Nähe einathmete -- mit sich genommen hatte; daß ich mich daher in
meinem natürlichen Elemente befand, meinen alten Affecten überlassen blieb. Es war nicht, als hätte ich eine Stütze verloren,
sondern als wäre mir ein Beweggrund entfallen; es fehlte mir
nicht die Kraft, ruhig zu sein; nur die Ursache eines solchen
Gemüthszustandes blieb aufgehoben. Durch mehrere Jahre hindurch war Lowood meine Welt gewesen, meine Erfahrungen nach
Regeln und dem Systeme der Anstalt bemessen; nun erst wurde es
mir klar, wie groß die wirkliche Welt sei, welch ein weites Gebiet
der Hoffnungen und Befürchtungen, der Empfindungen und
Aufregungen sich demjenigen eröffne, der den Muth besitzt sich
hinauszuwagen, um sich wirkliche Lebenserfahrungen inmitten von
Gefahren zu sammeln.
Ich trat zum Fenster, öffnete es und sah hinaus. Da
lagen die beiden Flügel des Gebäudes, der Garten, der Saum
des Waldes, der hügelbekränzte Gesichtskreis, vor meinen Blicken
ausgebreitet. Mein Auge überging alle anderen Gegenstände und
blieb an den entferntesten Punkten, den blauen Berggipfeln
haften; sie waren es, die ich zu überschreiten wünschte; das
ganze von ihnen umschlossene Gebiet von Felsen- und Haideland
erschien mir als ein Gefängniß, als ein engbegrenztes Exil. Ich
nahm die weiße Straße aus, die sich am Fuße eines Berges
hinschlängelte und dann in einer Thalschlucht verschwand; wie
sehnte ich mich, sie weit in die Ferne zu verfolgen! Ich rief
mir die Zeit ins Gedächtniß zurück, wo ich denselben Weg in
einer Kutsche zurücklegte; ich erinnerte mich, jenen Hügel in der
Dämmerung herabgefahren zu sein; ein Jahrhundert schien mir seit
jenem Tage, der mich nach Lowood brachte, verflossen und nie hatte
ich es seit der Zeit verlassen. Alle meine Ferien hatte ich in der
Schule zugebracht; kein einzigesmal war ich von Mistreß Reed abgeholt oder einem Gliede ihrer Familie besucht worden. Nicht einmal

durch Briefe oder Botschaften stand ich mit der äußeren Welt in Verbindung; Schulregeln, Schulpflichten, Schulgewohnheiten und Ansichten, Stimmen und Gesichter, Redensarten und Costüme, Zuneigungen und Abneigungen; das war alles, was ich vom Leben kennen
gelernt hatte. Und nun begriff ich, daß dies nicht genüge; ich
bekam eine achtjährige Lebensweise in einem Nachmittage satt.
Ich sehnte mich nach Freiheit; nach Freiheit dürstete ich; um
Freiheit sandte ich ein inniges Gebet zum Himmel empor; der
schwache Abendwind schien es in die Ferne zu tragen. Nach einer
Weile ließ ich diesen Wunsch fallen und reichte eine demüthigere
Bitte, um Veränderung, Aufregung ein; auch dieses Gesuch schien
im weiten Raume unbeachtet zu verhallen. ,Nun denn, rief ich
in halber Verzweiflung, ,so will ich wenigstens eine neue
Sklaverei!
Da ertönte die Glocke zum Nachtessen und rief mich eine
Treppe tiefer.
Nicht eher als zur Schlafenszeit konnte ich den abgerissenen
Faden meiner Betrachtungen wieder aufnehmen und selbst dann
wurde ich von einer Lehrerin, die mit mir dasselbe Zimmer
bewohnte, durch eine bedeutungslose Plauderei daran verhindert.
Wie sehr wünschte ich, der Schlaf möchte ihr den Mund schließen!
Der Gedanke drängte sich mir auf, es müsse mir eine glückliche
Eingebung kommen, könnte ich nur die Idee, die ich am Fenster
meiner Stube erfaßte, weiter ausspinnen.
Endlich hörte ich Miß Gryce schnarchen; sie war eine
plumpe Waleserin und bis nun hatte ich ihr gewöhnliches Nasenconcert als eine große Unannehmlichkeit angesehen, diese Nacht
begrüßte ich die ersten Baßtöne mit großer Befriedigung; keine
weitere Unterbrechung befürchtend, belebten sich meine Gedanken
augenblicklich.
,Eine neue Dienstbarkeit! darin liegt etwas, begann
mein stilles Selbstgespräch. ,Es ist gewiß etwas daran; denn
es klingt durchaus nicht angenehm, nicht wie ,Freiheit, ,Erheiterung'; , Vergnügen', herrliche Töne, aber für mich nichts
weiter als Töne, so körperlos, so flüchtig, daß es Zeitverlust
wäre, ihnen zu lauschen. Doch , Dienstbarkeitr, das ist etwas
anderes, es ist greifbare Wirklichkeit. Dienen kann jedes; ich habe
hier acht Jahre gedient und nun ist alles, was ich wünsche, anderwärts dienen zu dürfen. Kann ich dies mit meinen Willen durchsetzen? Ist die Sache thunlich? Wohl -- wohl -- es ist nicht
so schwer; wäre nur mein Gehirn im Stande, die nöthigen
Mittel ausfindig zu machen.
Ich setzte mich im Bette auf, um das besagte Gehirn zu
ermuntern; es war eine kühle Nacht, ich wickelte mich in einen
Shawl und fuhr mit aller Macht fort nachzudenken.
, Was brauche ich? Einen neuen Platz, in einem anderen
Hause, unter anderen Gesichtern und anderen Verhältnissen; ich
wünsche eben nicht mehr, weil es unnütz wäre, einen anderen
Wunsch zu hegen. Was pflegen die Leute zu thun, um eine
neue Stellung zu erlangen? Sie wenden sich an Bekannte, denk'
ich; ich habe keine Bekannten. Aber es giebt noch viele Personen,
die ohne Freunde sind und sich selbst helfen müssen; was thun
nun solche Leute?
Ich konnte es nicht sagen, keine Antwort kam mir in den
Sinn. Ich trug also meinem Gehirn auf, sofort eine solche zu
finden. Es arbeitete gewaltig und immer gewaltiger; ich fühlte
die Pulsadern am Kopfe und an den Schläfen schlagen; doch
fast eine Stunde lang arbeitete es im Chaos und kein günstiger
Erfolg krönte seine Bemühungen. Von der unnützen Anstrengung
fieberhaft aufgeregt, stand ich auf und ging einmal im Zimmer
herum, zog den Fenstervorhang hinweg, bemerkte einen oder
zwei Sterne und kroch, vor Kälte zitternd, wieder in mein Bett
zurück.
Gewiß hatte eine gütige Fee während meiner Entfernung
die gesuchten Unterweisungen auf mein Kopfkissen gelegt, denn
als ich mich niederlegte, kam mir der gute Rath ganz natürlich
und wie von selbst in den Sinn: Diejenigen, welche Stellen
suchen, kündigen es in Zeitungen an; Du mußt also einen
Antrag in den --shire Herold einrücken lassen.
,Aber wie? Ich weiß nicht, wie man das anstellt?
Die Antworten kamen nun schnell und leicht:
,Du schließest Deine Anzeige und die Einrückungsgebühr
in einen Brief an den Herausgeber des Herolds ein, welchen
Du bei erster Gelegenheit in Lowton auf die Post giebst. Die
Antworten lasse Dir unter der Chiffre J. E. durch dieselbe
Post zukommen; beiläufig acht Tage darauf kannst Du wegen
etwa eingelangter Briefe nachfragen und dann Deine Maßregeln
ergreifen.
Diesen Plan überdachte ich mir zwei- bis dreimal und
nachdem ich ihn verdaut und in eine praktische Form gebracht
hatte, schlief ich ruhig und selbstzufrieden ein.
Mit Tagesanbruch war ich auf: ich schrieb, schloß und
adressirte meinen Brief, bevor die Glocke zum Aufstehen geläutet
hatte; er lautete wie folgt:
, Eine junge Dame, im Erziehungsfache bewandert -- ich
war doch durch zwei Jahre Lehrerin gewesen -- sucht eine
Stelle in einer Familie bei Kindern unter vierzehn Jahren. --
Da ich selbst kaum achtzehn Jahre zählte, konnte ich nicht wohl
die Erziehung von Personen meines Alters übernehmen. -- ,Sie
ist geeignet, die gewöhnlichen Gegenstände einer guten, englischen
Erziehung und nebstbei noch französische Sprache, Zeichnen und
Musik zu lehren. -- In jener Zeit, lieber Leser, erschien dieser,
für nun ziemlich beschränkte Kreis von Kenntnissen als ein sehr
umfangreicher. -- Briefe bittet man zu richten an J. E., Postamt Lowton, --shire.
Dieses Document blieb den ganzen Tag über in meinem
Kasten eingeschlossen; nach dem Thee bat ich mir von der neuen
Oberin die Erlaubniß aus, nach Lowton gehen zu dürfen, um
für mich und mehrere Mitlehrerinnen kleine Einkäufe zu besorgen;
meine Bitte wurde mir bereitwilligst gewährt und ich ging. Es
war ein Weg von zwei Meilen und der Abend regnerisch, der
Tag jedoch noch lang genug. Ich ging in ein oder zwei Verkaufsgewölbe, ließ den Brief in den Briefkasten gleiten und kam
im heftigsten Regen, mit triefenden Kleidern, doch mit erleichtertem
Herzen nach Hause.
Die folgende Woche schien mir ungemein lang; sie erreichte
jedoch auch ihr Ende, wie überhaupt alles Irdische, und am
Schlusse eines anmuthigen Herbsttages wanderte ich zum zweitenmal die Straße nach Lowton entlang. Es war ein sehr malerischer Pfad, der sich am Ufer des Waldbaches durch die schönsten
Thalkrümmungen hinzog; an jenem Abende jedoch dachte ich
mehr an die Briefe, die im kleinen Flecken meiner warteten oder
auch nicht eingetroffen sein konnten, als an die Schönheiten des
Wiesenplanes und des Wassers.

Ich hatte vorgeschützt, mir ein Paar Schuhe anmessen lassen
zu wollen und so machte ich dieses Geschäft zuerst ab und als
ich damit fertig war, überschritt ich die kleine saubere und ruhige
Straße vom Schuhmacher zum Postamte. Die Post gehörte einer
alten Frau, die eine Hornbrille auf der Nase und schwarze
Fäustlinge an den Händen trug.
, Sind Briefe unter der Adresse J. E. angelangt?
frug ich.
Sie beguckte mich über die Brille hinweg, öffnete eine
Schublade und kramte in deren Inhalte die längste Zeit herum;
so lange, daß ich fast alle Hoffnung verlor. Endlich, nachdem
sie ein Schreiben etwa fünf Minuten durch ihre Gläser untersucht hatte, reichte sie mir es unter Begleitung eines letzten
fragenden und zweifelnden Blickes über den Zahltisch hin. Es
war an J. E. adressirt.
, Ist nur der eine Brief hier? frug ich.
,Es ist nichts weiter gekommen, sagte die Frau. Ich schob
das Schreiben in die Tasche und zog der Heimat zu. Ich konnte
es nicht sofort öffnen; der Hausordnung nach mußte ich um
acht Uhr zurück sein und es war bereits halb sieben Uhr.
Die Erfüllung verschiedener Pflichten erwartete mich nach
meiner Ankunft: ich mußte die Mädchen während der Studirstunde beaufsichtigen; dann war heute die Reihe an mir; die
Gebete vorzulesen und die Zöglinge zu Bette zu bringen;
schließlich mußte ich mit den anderen Lehrerinnen zu Nacht essen.
Sogar als wir uns endlich schlafen legten, blieb die unvermeidliche Miß Gryce noch immer meine Gesellschafterin. Wir hatten
nur ein kleines Stümpchen Licht im Leuchter und ich fürchtete,
sie möchte so lange plaudern, bis es ausginge; glücklicherweise
übte das schwere Nachtessen eine einschläfernde Wirkung auf sie
aus; sie schnarchte bereits, als ich noch nicht ganz ausgekleidet
war. Es blieb noch ein daumenbreites Stückchen Kerze übrig;
ich nahm den Brief heraus, brach das mit einem F. versehene
Siegel und las den kurzen Inhalt.
, Wenn J. E., welche sich im --shire Herold anbot, die
erwähnten Kenntnisse besitzt und in der Lage ist, bezüglich ihres
Charakters und ihrer Tauglichkeit genügende Nachweisungen zu
geben, kann sie einen Platz bei einem einzigen kleinen Mädchen

unter zehn Jahren erhalten, und zwar mit einem jährlichen Gehalte von dreißig Pfund. J. E. wird gebeten, ihren Namen,
ihre Zeugnisse, ihre Adresse und alles Nähere unter der Adresse:
Mistreß Fairfax, Thornfield, bei Milcote, --shire, einzusenden.
Ich unterzog den Brief einer genauen Untersuchung: die
Handschrift war altmodisch und zitternd, gleich der einer alten
Dame. Dieser Umstand befriedigte mich; eine eigenthümliche
Furcht hatte mich befallen, ich könnte, wenn ich solchergestalt auf
eigene Faust vorging, leicht in irgend eine Falle gerathen, und
vor allen Dingen wünschte ich, das Resultat meiner Bemühungen
möchte ein achtungswürdiges, mir angemessenes, allen Regeln
des Anstandes entsprechendes sein. Ich begriff, daß, nachdem eine
alte Dame die Hand im Spiele hatte, der Platz ein ganz
anständiger sein mußte, Mistreß Fairfax! Ich sah sie ordentlich
in einem schwarzen Rocke und einer Winterhaube; etwas frostig
zwar, aber nicht unhöflich; ein Muster altenglischer Respectabilität! Thornfield! Wahrscheinlich der Name ihrer Besitzung;
die letztere selbst ein netter, wohlanständiger Ort, wie sich's von
selbst verstand; obgleich ich mir von den Vordersätzen meiner
Schlüsse keine Rechenschaft ablegen konnte. Milcote, --shire; ich
frischte meine Erinnerungen an die Landkarte Englands auf; ja,
da sah ich beides, Stadt und Grafschaft! --shire lag siebzig
Meilen näher gegen London zu als die entfernte Grafschaft, die
ich eben bewohnte; in meinen Augen eine besondere Anempfehlung.
Ich sehnte mich nach einem lebens- und geräuschvollen Aufenthalt.
Milcote war eine große Fabriksstadt an den Ufern des A--
ohne Zweifel ein sehr betriebsamer Ort; desto besser, jedenfalls
stand mir eine gänzliche Veränderung meiner Lage bevor. Nicht
etwa, daß die Vorstellung von hohen Schornsteinen und dicken
Rauchwolken meine Phantasie zu fesseln vermochte, ,doch,
dachte ich bei mir selbst, ,Thornfield wird wohl ein gutes Stück
Weges von der Stadt entfernt sein.
In diesem Augenblicke war die Kerze zu Ende gebrannt
und der Docht verlöschte.
Am folgenden Tage hatte ich neue Schritte zu thun; meine
Pläne durften nicht länger in meinem Busen verschlossen bleiben:
ich mußte sie am gehörigen Orte mitheilen, um ihren Erfolg
zu sichern. Nachdem ich während der mittägigen Raststunde eine
Unterredung mit der Oberin nachgesucht und erlangt hatte, theilte
ich ihr mit, ich hätte die Aussicht, eine andere Stelle zu erlangen,
die mir an Gehalt das Doppelte meiner jetzigen Einkünfte brächte
denn in Lowood hatte ich bloß fünfzehn Pfund des Jahres --
und bat sie, Mister Brocklehurst und irgend einem Ausschußmanne die Angelegenheit vorzutragen und nachzufragen, ob ich
mich wohl einer Empfehlung wegen auf einen Herrn berufen
dürfte. Sie sagte mir aufs verbindlichste ihre Vermittlung in
der von mir gewünschten Weise zu. Tags darauf verwendete sie
sich in der That bei Mister Brocklehurst, welcher meinte, es
müßte an Mistreß Reed, als an meine natürliche Vormünderin,
geschrieben werden. Es wurde demzufolge eine schriftliche Anfrage
an sie gestellt, worauf sie erwiderte: ,ich möchte nach eigenem
Gefallen handeln, da sie schon längst allen Einfluß auf meine
Angelegenheiten aufgegeben habe. Der Brief machte die Runde
im Ausschusse und nach einem für mich äußerst lästigen Aufschube erhielt ich die förmliche Erlaubniß, meine Lage, wenn ich
könnte, zu verbessern, nebst der Versicherung, daß mir, nachdem
ich mich, sowohl als Schülerin wie als Lehrerin immer gut
aufgeführt hätte, ein Sitten- und Fähigkeitszeugniß zu meiner
Empfehlung ausgestellt und von den Inspectoren des Institutes
unterzeichnet werden solle.
Dies Zeugniß erhielt ich, wie versprochen, nach beiläufig
acht Tagen, sandte Mistreß Fairfax eine Abschrift davon und
erhielt auch sofort ihre Antwort, in der sie sich zufriedengestellt
erklärte, und mich aufforderte, binnen vierzehn Tagen meinen
Posten als Erzieherin in ihrem Hause anzutreten.
Nun ging es an meine Vorbereitungen zur Reise; die vier-
zehn Tage verschwanden äußerst schnell. Meine Garderobe war
nicht sehr groß, obwohl sie meinen Bedürfnissen genügte, und
der letzte Tag reichte hin, meinen Koffer zu packen, denselben,
den ich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht hatte.
Der Koffer war zugeschnallt, die Karte mit meinem Namen
und Reiseziel aufgeklebt. In einer halben Stunde wollte ihn der
Kärrner holen und nach Lowton bringen, wohin ich mich selbst
zeitlich am nächsten Morgen in einer Kutsche begeben mußte.
Meinen Reiseanzug aus schwarzem Stoffe hatte ich ausgebürstet,
meine Haube, meine Handschuhe, meinen Muff zurecht gelegt,
in allen Schubladen nachgesehen, ob nichts vergessen sei, und da
ich nichts weiter zu thun hatte, versuchte ich es, auszuruhen.
Doch ich konnte nicht, wiewohl ich den ganzen Tag auf den
Beinen gewesen; ich war zu sehr aufgeregt. Eine Phase meines
Daseins schloß mit diesem Abend, eine neue begann mit dem
nächsten Morgen; es war mir unmöglich, in der Zwischenzeit zu
schlafen; ich mußte fieberhaft wachen, indes der Uebergang
stattfand.
,Miß, sagte ein Dienstmädchen, welches im Vorsaale, wo
ich wie ein unruhiges Gespenst herum wandelte, auf mich zukam,
,es ist jemand unten, der Sie zu sprechen wünscht!
,Ohne Zweifel der Kärrner, dachte ich und lief ohne
weiter zu fragen die Treppe hinab. Ich ging beim hinteren
Sprechzimmer, dem Sitzzimmer der Lehrerinnen, dessen Thür
halbgeöffnet war, vorbei, um mich in die Küche zu begeben,
als jemand herausgelaufen kam.
,Sie ist's, gewiß ist sie's! Hab' ich sie doch gleich erkannt!
rief die Person, welche sich mir in den Weg stellte und meine
Hand erfaßte.
Ich blickte empor; eine Frau im Anzuge einer gut gekleideten Dienstmagd, von matronenhaftem, doch noch jungem Aussehen, hübsch, schwarzhaarig und schwarzaugig, von lebhafter
Gesichtsfarbe, stand vor mir.
,Nun, wer bin ich? frug sie mit einer Stimme, die ich
halb und halb erkannte; ,Sie werden mich doch nicht ganz
vergessen haben, Miß Jane?
Eine Secunde später umarmte und küßte ich sie wie wahnsinnig. , Bessie! Bessie! Bessie! war alles, was ich hervorbringen konnte; worauf sie halb lachte und halb weinte und wir
Beide ins Sprechzimmer traten. Am Camine stand ein kleiner
Kerl von drei Jahren in gewürfeltem Röckchen und desgleichen
Höschen.
,Das ist mein kleiner Junge, sagte Bessie unaufgefordert.
,Also bist Du verheiratet, Bessie?
Jawohl; schon beinahe fünf Jahre an den Kutscher, Robert
Leaven, und nebst Bob habe ich noch ein kleines Mädchen, das
ich Jane taufen ließ.

,Du wohnst also nicht in Gatesheadhall?
, Ich wohne in der Portierloge; der alte Portier ist
fort.
,Nun und was machen Alle? Sage mir alles, was Du
weißt, Bessie, aber setze Dich erst nieder und Du, Bobby, komm'
auf meinen Schoß. Willst DuR Doch Bobby zog es vor, sich
an seine Mutter anzuschmiegen.
,Sie sind nicht sehr gewachsen, Miß Jane, und auch nicht
sehr stark geworden, fuhr Mistreß Leaven fort. , Ich denke,
Sie sind in der Schule nicht sehr gut gepflegt worden! Elisa
ist um zwei Köpfe größer als Sie und aus Georginen könnte
man der Breite nach zwei Personen Ihrer Stärke machen.
, Georgine ist schön geworden, nicht wahr, Bessie?
, Sehr. Letzten Winter war sie mit ihrer Mama in London,
wo sie allgemein bewundert wurde; ein junger Lord verliebte
sich in sie; aber seine Verwandten wollten diese Verbindung
nicht zugeben; und was glauben Sie wohl? -- Er und Miß
Georgine liefen auf und davon. Allein, sie wurden eingeholt und
zusammengepackt. Miß Elisa war hinter die Sache gekommen
und hatte sie wahrscheinlich aus Neid verrathen, und nun leben
die beiden Schwestern wie Hund und Katze zusammen; sie
zanken den ganzen Tag.
, Und was macht John Reed?
, O, der hat den Erwartungen seiner Mutter schlecht entsprochen. Er kam in eine Gelehrtenschule und wurde dort gerupft,
wie sie es nennen. Darauf wollten seine Oheime einen Advocaten
aus ihm machen und ihn die Rechte studiren lassen; doch John
ist ein zu ausschweifender Mensch, es wird wohl nicht viel aus
ihm werden, glaube ich.
,Wie sieht er denn aus?
, Er ist sehr groß geworden; viele Leute halten ihn für
einen hübschen jungen Mann: doch dem Kuckuck auch! Er hat
solche dicke Lippen.
, Und Mistreß Reed?
,Die gnädige Frau ist dick und fett von außen, aber in
ihrem Inneren sieht's wohl nicht am besten aus; des jungen
Herrn John Ausführung gefällt ihr nicht; er verthut so viel Geld.
, Hat sie Dich hierher geschickt, Bessie?

,Ach nein! Ich sehnte mich schon lange danach, Sie zu
sehen, und als ich hörte, ein Brief sei von Ihnen gekommen,
und Sie zögen in einen entfernten Theil des Landes, da dachte
ich, es wäre gerade Zeit, mich auf den Weg zu machen, um
Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz aus meiner Nähe
wären.
, Ich fürchte, Du hast Dich in mir getäuscht, Bessie,
sagte ich lachend. Ich bemerkte nämlich, daß Bessie's Blicke,
wiewohl sie Achtung verriethen, nichts weniger als Bewunderung
meines Aeußeren an den Tag legten.
,Nein, Miß Jane, das ist's gerade nicht; Sie sind hübsch
genug. Sie sehen aus wie eine vornehme junge Dame und
mehr erwartete ich nicht von Ihnen; als Kind waren Sie gerade
keine Schönheit.
Bessie's aufrichtige Antwort entlockte mir ein Lächeln; ich
fühlte, daß sie recht hatte. Indessen muß ich gestehen, daß mir
der berührte Gegenstand nicht gleichgiltig war; mit achtzehn
Jahren wünscht wohl jedes Mädchen zu gefallen, und die Ueberzeugung, daß das Aeußere die Erfüllung dieses Wunsches nicht
unterstützt, ist wohl nichts weniger als angenehm.
, Sie sind wohl sehr geschickt, nicht wahr? fuhr Bessie,
um mich zu trösten, fort. ,Was können Sie alles? Spielen
Sie Pianoforte?
, Ein wenig.
Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin, öffnete
es und bat mich, ihr ein Stück vorzuspielen; ich spielte einen
oder zwei Walzer, und sie war entzückt.
, Die Fräuleins Reed spielen nicht so schön! rief sie im
Triumph aus. , Ich sagte es immer, Sie würden sie im Lernen
überflügeln. Können Sie auch malen?
, Dort über dem Camin hängt eine Zeichnung von mir.
Es war eine in Aquarell gemalte Landschaft, die ich der Oberin
aus Dankbarkeit für ihre gütige Verwendung zum Geschenke
gemacht hatte, welche dieselbe unter Glas und Rahmen bringen ließ.
, Ei, das ist ja wunderschön, Miß Jane! Der Zeichnenmeister der Fräuleins Reed hätte es nicht schöner malen können,
der Fräuleins gar nicht zu erwähnen, die an so etwas gar nicht
denken dürfen. Haben Sie auch französisch gelernt?

, Wohl Bessie, ich lese und spreche französisch.
, Können Sie auf Mousseline und Canevas sticken?
,Freilich!
, O, Sie sind eine vollendete Dame, Miß Jane! Ich
dachte mir es doch immer: Sie werden schon vorwärts kommen,
mögen sich Ihre Verwandten um Sie kümmern oder nicht. Doch
ich wollte Sie noch etwas fragen. -- Haben Sie seit der Zeit
von Ihren Verwandten väterlicherseits, den Eyres, nichts gehört?
, Nicht das Mindeste. '
,Nun, Sie wissen ja doch selbst, wie die gnädige Frau
immer behauptete, sie wären Alle arm und gemeines Volk. Arm
mögen sie wohl sein, aber sie gehören wohl ebenso gut als die
Reeds den Honoratioren an; denn eines Tages, es ist nun
sieben Jahre her, kam ein Mister Eyre nach Gateshead und
wollte Sie sehen; die gnädige Frau sagte, Sie wären in einer
Kostschule fünfzig Meilen weit; er schien darüber sehr verdrießlich zu sein, da er sich nicht aufhalten konnte, weil er eine Reise
ins Ausland vorhatte, und sein Schiff in ein oder zwei Tagen
von London abging. Er sah ganz wie ein Gentleman aus, und
ich glaube, es war Ihres Vaters Bruder.
,Nach welchem Lande ging seine Reise, Bessie?
, Nach einer Insel, einige tausend Meilen weit, wo man
guten Wein baut, wie der Kellermeister sagte --
,Nach Madeira? half ich ihrem Gedächtnisse nach.
Ja, ja, das ist's, so heißt die Insel.
, Er reiste also ab?
, Ja, er hielt sich nur wenige Minuten in unserem Hause
auf; Mistreß Reed behandelte ihn sehr hochfahrend und nannte
ihn, wie er fort war, einen , filzigen Krämer. Mein Robert
hielt ihn für einen Weinhändler.
, Wohl möglich, versetzte ich; ,vielleicht ist er ein Commis
oder ein Weinreisender.
So unterhielten wir uns noch eine ganze Stunde über alte
Zeiten, bis Bessie genöthigt war, mich zu verlassen; am nächsten
Morgen sah ich sie in Lowton, wo ich den Wagen erwartete,
noch einmal auf einige Minuten. Endlich schieden wir an der
Thür des Gasthauses zum Brocklehurst-Wappen. Jedes ging
seiner Wege; Bessie begab sich an den Saum des Holzes von
Lowood, um dort die Gelegenheit zur Rückfahrt zu erwarten,
ich bestieg den Wagen, der mich neuen Pflichten und einem
neuen Leben in der unbekannten Gegend von Millcote entgegenführte.

XI.

Ein neues Capitel einer Novelle ist beinahe einer neuen
Scene eines Schauspieles zu vergleichen; und wenn ich nun den
Vorhang in die Höhe ziehe, stelle sich der Leser eine Stube im
Georgs-Wirthshause zu Millcote vor, mit großblumigen Papiertapeten an den Wänden, wie sie in Wirthshäusern gewöhnlich
sind, mit einem solchen Teppich, solchen Möbeln, Verzierungen
am Camingesimse und solchen Kupferstichen, worunter ein Porträt
Georg's Ul., ein anderes des Prinzen von Wales und eine
Darstellung von Wolfe's Tod. Das alles wird mir beim
Scheine einer vom Gewölbe herabhängenden Dellampe und eines
vortrefflichen Feuers sichtbar, an dem ich, in Mantel und Reisemütze gehüllt, Sitze; mein Muff und mein Regenschirm liegen
auf dem Tisch, und ich selbst bemühe mich, den Frost und die
Steifheit zu vertreiben, welche ich mir durch eine sechzehnstündige
Fahrt in der rauhen Octoberluft zugezogen habe; ich verließ
Lowton um vier Uhr Nachmittags, und die Stadtuhr von Millcote schlägt soeben acht Uhr.
Wiewohl ich mir es ganz bequem gemacht habe, lieber
Leser, so sieht es doch in meinem Gemüthe nicht sehr ruhig
aus; als die Kutsche hier ankam, dachte ich, es erwarte mich
jemand; ich blickte ängstlich um mich, während ich die hölzernen
Stufen hinabging, die mir der Hausknecht hinhielt, ich dachte,
meinen Namen rufen zu hören, und irgend ein Fuhrwerk zu
sehen, das mich nach Thornfield bringen sollte. Es war indes
nichts dergleichen sichtbar, und als ich den Kellner frug, ob sich
niemand nach einer Miß Eyre erkundigt habe, verneinte er es.
Es blieb mir also nichts übrig, als mir eine Stube aufsperren zu lassen, und daselbst, von Gefühlen der Furcht und
des Zweifels gequält, zu warten.

Es ist für die unerfahrene Jugend ein eigenthümliches
Gefühl, sich ganz allein in der Welt, von aller Verbindung mit
bekannten Personen abgeschnitten zu wissen; ungewiß, ob sie den
Hafen, dem sie zusteuert, erreicht; ob sie in denjenigen, den sie
verließ, im schlimmsten Falle wieder einlaufen kann. Freilich
wird dieses Gefühl durch den Reiz der Neuheit versüßt, durch
hie Glut des Selbstbewußtseins warm erhalten; aber auch das
bange Erzittern der Furcht tritt störend dazwischen, und bei mir
besonders gewannen Furcht und Angst die Oberhand, nachdem
eine halbe Stunde verflossen, und ich noch immer allein war.
Ich that einen hastigen Zug an der Klingel.
,Giebt es in der Nähe einen Ort, Namens Thornfield?
frug ich den eintretenden Aufwärter.
,Thornfield? Weiß nicht, Madame, will unten fragen.
Er verschwand, kam jedoch sofort wieder zurück.
, Ist Ihr Name Eyre, Miß?
, Ja wohl!
, Jemand erwartet Sie unten.
Ich sprang empor, packte Muff und Regenschirm zusammen
und eilte in den Thorweg hinab; ein Mann stand am offenen
Thor, und in der erleuchteten Straße sah ich dunkel eine einspännige Fahrgelegenheit.
,Das ist wohl Ihr Gepäck, denk' ich? sagte der Mann
etwas kurz angebunden, indem er auf meinen Koffer wies.
,Allerdings. Er schob ihn in den Wagen, eine Art
Karren, worauf ich einstieg. Bevor er den Schlag zumachte,
frug ich ihn, wie weit es wohl nach Thornfield wäre.
, Etwa sechs Meilen.
,Wie lang werden wir unterwegs sein?
,Beiläufig anderthalb Stunden.
Er schloß den Kutschenschlag, erstieg seinen Sitz an der
Außenseite, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Unser Fortschritt war ein sehr gemäßigter und ließ mir hinlängliche Zeit
zum Nachdenken; ich war zufrieden, meinem Reiseziele so nahe
zu sein, und mich in dem bequemen, wiewohl nicht sehr eleganten
Wagen zurücklehnend, überließ ich mich meinen Gedanken.
Nach der Einfachheit des Dieners und des Wagens zu
urtheilen, ist Mistreß Fairfax keine elegante Dame; desto besser;
ich habe nur einmal unter Modeleuten gelebt und mich sehr
unglücklich gefühlt. Ich möchte wissen, ob sie mit ihrem kleinen
Mädchen allein lebt, und wenn dies der Fall und die Dame
nur einigermaßen freundlich ist, will ich schon mit ihr auskommen;
wenigstens will ich mein Bestes thun, nur schade, daß man
damit nicht immer ausreicht. In Lowood faßte ich den gleichen
Entschluß, blieb ihm getreu und erfreute mich eines guten Erfolges; aber bei Mistreß Reed blieben meine eifrigsten Bemühungen
unbeachtet, ja sie wurden sogar mit Verachtung vergolten. Gott
gebe, daß sich Mistreß Fairfax nicht etwa als eine zweite
Mistreß Reed herausstellt, doch wenn auch; ich muß ja nicht
bei ihr bleiben und im schlimmsten Falle lasse ich wieder eine
Ankündigung einrücken. Wie weit mögen wir wohl noch
haben?
Ich ließ das Wagenfenster herunter und sah hinaus; Millcote lag hinter uns; nach der Anzahl der Lichter zu schließen,
schien es eine Stadt von beträchtlicher Ausdehnung und viel
größer als Lowton zu sein. Wir fuhren nun, so viel ich sehen
konnte, über eine Art Haide. Doch standen hin und wieder
Häuser herum; ich bemerkte, daß ich mich in einer anderen,
volkreicheren, aber weniger malerischen, geräuschvolleren, aber
nicht so romantischen Gegend befand, als Lowood war.
Die Straße war uneben, die Nacht neblig; mein Kutscher
ließ seine Pferde den ganzen Weg über im Schritt gehen und
die anderthalb Stunden dehnten sich ganz bestimmt zu zwei
Stunden aus. Endlich drehte er sich auf dem Bocke herum
und sagte:
,Wir sind nun nicht mehr weit von Thornfield. Wieder
blickte ich hinaus und wir fuhren an einer Kirche vorüber, ich
sah ihren niederen breiten Thurm in den Wolken und die Glocke
schlug eben ein Viertel; weiter bemerkte ich am Fuße eines
Hügels eine schmale Lichterreihe, welche die Nähe eines Dorfes
oder eines Weilers anzeigte. Etwa zehn Minuten später stieg
der Rosselenker ab und öffnete zwei Thorflügel; wir fuhren
hindurch und die letzteren klappten hinter uns zu. Nun ging es
langsam die Fahrbahn hinauf und wir kamen bei der langen
Häuserreihe an; aus einem verhängten Bogenfenster schimmerte
das Licht einer Kerze herüber; alles ringsum war in Dunkelheit

gehüllt. Der Wagen hielt an der Frontthür; ein Dienstmädchen
öffnete, ich stieg aus und trat ins Haus hinein.
, Ich bitte hier zu gehen, Madame, sagte das Mädchen
und ich folgte ihr durch eine viereckige Vorhalle mit hohen
Thüren ringsum; sie wies mich in ein Zimmer, dessen doppelte
Beleuchtung von Kerzenlicht und Caminfeuer mich durch ihren
grellen Abstand von der Finsterniß, an die sich meine Augen
durch nahe an zwei Stunden gewöhnt hatten, gar arg blendete.
Als ich sie indes wieder öffnen konnte, bot sich meinen Blicken
ein ebenso gemüthliches, als angenehmes Bild dar.
Eine nette kleine Stube, ein runder Tisch an einem lustig
emporflackernden Feuer; ein altmodischer Armstuhl mit hoher
Lehne, in dem die denkbar sauberste kleine alte Dame in einer
Witwenhaube, einem schwarzseidenen Ueberrock und einer schneeweißen Mousselinschürze saß; gerade so, wie ich mir Mistreß Fairfax vorgestellt hatte, nur nicht so stattlich und von gutmüthigerem Aussehen. Sie hatte einen Strickstrumpf in der
Hand; eine große Kate lag bescheiden zu ihren Füßen, kurz, es
fehlte nichts, um das Ideal häuslicher Gemüthlichkeit und Bequemlichkeit zu vollenden, Man konnte sich nicht leicht eine beruhigendere Einleitung zum Amtsantritte einer angehenden Erzieherin
denken; da war nichts von überwältigender Pracht oder in Verlegenheit setzender Hochnäsigkeit zu sehen; als ich eintrat, stand
die alte Dame auf und ging mir rasch und freundlich
entgegen.
,Wie befinden Sie sich, meine Liebe? Ich fürchte, Sie
hatten einen sehr langweiligen Weg; John fährt immer so langsam;
es muß Ihnen kalt sein, kommen Sie doch zum Feuer.
,Mistreß Fairfax, wie ich vermuthe? sagte ich.
,Die bin ich; bitte, nehmen Sie Platz.
Sie führte mich zum Stuhle, in dem sie gesessen hatte,
und machte sich daran, mir den Shawl abzunehmen und die
Haubenbänder loszubinden; ich bat sie, sich nicht so sehr zu
bemühen.
,Ach, das ist ja keine Muhe! Ihre Hände sind ja ganz
starr vor Kälte. Leah, mache ein wenig heißen Nepus und
richte einige Butterschnitten; hier sind die Schlüssel zur Speisekammer.
Bei diesen Worten zog sie einen sehr hausfrauenmäßigen
Schlüsselbund aus der Tasche und reichte ihn dem Dienstmädchen hin.
,Und nun kommen Sie näher zum Feuer, fuhr sie fort.
,Sie haben doch Gepäck mitgebracht, nicht wahr, meine
Liebe?
,Ja, Madame.
,Ich will sehen, daß es in Ihre Stube geschafft wird,
sagte sie, und ging geschäftigen Schrittes zum Zimmer hinaus.
,Sie behandelt mich ja, als wäre ich ein vornehmer Gast,
dachte ich. ,Einen solchen Empfang habe ich am wenigsten
erwartet. Ich war auf ein frostiges steifes Benehmen gefaßt;
dieses hier ist nicht demjenigen gleich, das man, wie ich hörte,
Erzieherinnen gegenüber beobachtet; doch will ich nicht zu früh
frohlocken.
Die alte Dame kam zurück, räumte ihr Strickzeug und ein
oder zwei Bücher eigenhändig vom Tische, um für das von Leah
gebrachte Geschirr Platz zu machen, und schenkte mir selbst ein.
Es machte mich fast verwirrt, der Gegenstand so vieler, mir
früher noch nie, am allerwenigsten von einer Dienstgeberin und
im Range über mir stehenden Person erwiesenen Aufmerksamkeit
zu sein; da die Dame indessen ihrer eigenen Ansicht nach nichts
Außerordentliches zu thun schien, hielt ich es für angemessener,
ihre Höflichkeiten ruhig hinzunehmen.
, Werde ich noch heute Abend das Vergnügen haben, Miß
Fairfax zu sehen? frug ich, als ich etwas zu mir genommen hatte.
,Was sagten Sie, meine Theure? Ich bin ein wenig
taub, versetzte die gute alte Dame, indem sie ihr Ohr zu meinem
Munde hielt.
Ich wiederholte meine Frage etwas lauter.
,Miß Fairfax? Ach, Sie meinen Miß Varens! Varens
ist der Name Ihres künftigen Zöglings!
,Wirklich! Sie ist also nicht Ihre Tochter?
,Nein -- ich habe keine Familie.
Ich wollte weitere Erkundigungen einziehen, auf welche
Weise Miß Varens mit ihr verwandt sei; allein ich bedachte
beizeiten, daß es nicht von Lebensart zeige, zu viel auf einmal zu fragen; -- übrigens mußte ich es ja später von selbst
erfahren.
, Ich bin so froh, fuhr sie fort, indem sie sich mir gegenübersetzte und die Katze auf ihren Schoß nahm, ,ich bin so
froh, daß Sie hier sind; das Leben wird nun in Ihrer Gesellschaft viel angenehmer sein. Es ist zwar schon an und für sich
zu allen Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein schönes altes
Schloß, vielleicht in den letzten Jahren etwas vernachlässigt,
doch immer noch ein respectabler Wohnort; dennoch hat man,
besonders zur Winterszeit, selbst in der schönsten Wohnung, sobald man allein ist, die abscheulichste Langeweile. Leah ist zwar
ein nettes Mädchen, und John und sein Weib sind sehr anständige
Leute; allein sie gehören doch nun einmal zum Gesinde und
man kann sich mit ihnen nicht auf dem Boden der Gleichheit
abgeben, will man nicht sein Ansehen einbüßen. Im vergangenen
Winter -- er war sehr streng, wie Sie sich erinnern werden,
und wenn es nicht schneite, regnete und stürmte es -- kam vom
November bis zum Februar, den Fleischer und Briefträger ausgenommen, keine Menschenseele zu uns und ich wurde von dem
beständigen Alleinsein an den langen Abenden ganz melancholisch;
zuweilen ließ ich mir wohl von Leah vorlesen, doch dem armen
Mädchen schien diese Beschäftigung nicht sehr zu behagen; sie
kann das Stillsitzen nicht leiden. Im Frühling und im Sommer
ging es etwas besser; schon die langen Tage machen einen
Unterschied und dann kam, gerade zu Anfang dieses Herbstes,
die kleine Adele mit ihrer Bonne; ein Kind bringt, wie Sie
wissen, gleich Leben ins Haus, und nun Sie hier sind, will ich
recht lustig sein.
Die Reden der würdigen Dame erwärmten mir ordentlich
das Herz; ich rückte meinen Stuhl näher zu ihr hin, und drückte
den Wunsch aus, sie möchte meinen Umgang so angenehm finden,
als sie es voraussetze.
,Doch ich will Sie heute Abend nicht so lange aufhalten,
sagte sie; ,es ist nahe an zwölf Uhr und Sie sind den ganzen
Tag gefahren. Sie müssen sehr müde sein. Wenn Ihre Füße
schon warm sind, will ich Sie in Ihr Schlafzimmer geleiten.
Ich habe Ihnen ein Gemach neben dem meinigen einräumen
lassen; es ist nur klein, aber ich dachte, es würde Ihnen lieber

sein als eines von den großen Frontzimmern; sie sind wohl
schöner eingerichtet, aber so unheimlich und verlassen, daß ich
selbst nicht gerne darin schlafe.
Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da mich
meine Reise in der That ermüdet hatte, sprach ich meine Bereitwilligkeit aus, mich zurückzuziehen. Sie nahm den Leuchter zur
Hand und ich folgte ihr zur Stube hinaus. Zuerst sah sie nach,
ob die Thür der Vorhalle geschlossen wäre, und nachdem sie
den Schlüssel abgezogen hatte, führte sie mich die Treppe hinauf.
Die Stufen und Treppengeländer waren von Eichenholz, die
Treppenfenster hoch und vergittert; sowohl das Treppenhaus
als die lange Galerie, auf welche die Thüren der Schlafzimmer
hinausgingen, sahen eher wie Bestandtheile einer Kirche als
eines Wohngebäudes aus. Eine kalte und dunkle Gewölbsluft
durchzog die Treppe und die Gänge und brachte trostlose Ideen
von leerem Raum und Einsamkeit mit sich, und ich war froh,
als ich endlich in meiner Stube angelangt, die Bemerkung
machte, daß sie klein und einfach, aber modern möblirt war.
Nachdem mir Mistreß Fairfax freundlich gute Nacht gesagt
und ich meine Thür zugeriegelt hatte, blickte ich mit Muße um
mich, um den unangenehmen Eindruck der großen Vorhalle, der
finsteren Treppe, des langen, kalten Ganges, durch den lebhaften
Anblick eines kleinen Stübchens zu verwischen. Mit inniger
Freude dachte ich daran, wie ich nun, nach den körperlichen
Mühseligkeiten und der Seelenangst eines ganzen Tages, endlich
im Hafen der Ruhe eingelaufen war; das Gefühl der Dankbarkeit schwellte mir das Herz, und ich kniete an meinem Bette
nieder, demjenigen zu danken, dem mein Dank gebührte; bevor
ich mich erhob, erflehte ich mir seine Hilfe auf meinem weiteren
Lebenswege, und die Kraft, jene Güte und Freundlichkeit wirklich
zu verdienen, die man mir in diesem Hause so freiwillig entgegentrug, ehe ich sie noch durch mein Benehmen hervorrufen
konnte. Keine Dornen drückten mich diese Nacht auf meinem
Lager, keine Furcht beschlich mich in meiner einsamen Kammer.
Müde und zufrieden schlief ich bald und fest ein; als ich erwachte, war es vollkommen Tag.
Wie schmuck und freundlich nahm sich nun mein Stübchen
aus, da die Sonne zwischen den Fenstervorhängen von hellblauem Sitz hereinschien; was für einen ganz anderen Eindruck
machte es mit seinen Tapetenwänden und dem mit Teppichen belegten Fußboden, als die nackten Dielen und die schmutzige
Tünche meiner Schlafstube in Lowood. Aeußerlichkeiten äußern
auf junge Leute eine große Wirkung; ich war überzeugt, ein
schönerer Abschnitt meines Lebens werde nun beginnen, nicht mit
Dornen und Mühseligkeiten besäet, und auch mit Blumen und
Freuden geschmückt. Meine Geisteskräfte, durch die neue Umgebung -- für mich das Feld neuer Hoffnungen -- erweckt,
arbeiteten wirr durcheinander. Ich kann es nicht genau angeben,
was ich alles erwartete; allein es war etwas Angenehmes, nicht
etwa ein Ereigniß des nächsten Tages oder des nächsten Monats,
sondern das einer unbestimmten zukünftigen Zeitepoche.
Ich stand auf und kleidete mich sorgfältig an. Auf eine
einfache Toilette angewiesen, denn die Auswahl meiner Garderobe
zeigte nur sehr einfache Anzüge, hielt ich von Natur aus darauf,
nett angethan zu sein. Es war nicht meine Gewohnheit, mein
Aeußeres zu vernachlässigen, mich über den Eindruck, den ich
hervorbrachte, hinwegzusetzen; im Gegentheil, ich wünschte so
hübsch wie nur möglich auszusehen und so sehr zu gefallen, als
es nur immer mein Mangel an Schönheit zuließ. Zuweilen
that es mir leid, daß ich nicht schöner war; zuweilen wünschte
ich mir rosige Wangen, eine schöngeformte Nase und einen
kleinen kirschrothen Mund; ich wäre gerne schlank, stattlich und
schön geformt gewesen, ich fühlte mich unglücklich, so klein, so
blaß zu sein, so unregelmäßige und markirte Gesichtszüge zu
besitzen. Und warum diese eitlen Wünsche, dieses nutzlose Bedauern? Es wäre schwer zu sagen, ich konnte mir selbst keinen
Grund angeben und doch hatte ich eine natürliche, eine vernünftige Ursache dazu. Nachdem ich inzwischen mein Haar recht
glatt gebürstet, meinen schwarzen, quäkerartigen Ueberrock, der
wenigstens meinen Ansichten von Nettigkeit entsprach, angelegt,
auch meinen frischen, weißen Halskragen zurecht gezupft hatte,
hielt ich mich für gut aussehend genug, um vor Mistreß Fairfax
mit Anstand erscheinen zu können und meinem neuen Zöglinge
wenigstens keine Abneigung einzuflößen. Ich öffnete mein Fenster,
sah, daß alles am Ankleidetische in Ordnung lag, und wagte
mich hinaus.

Den langen, mit Matten bedeckten Gang hinabschreitend,
erreichte ich die glatte Treppe von Eichenholz und endlich die
Vorhalle; dort blieb ich eine Weile stehen, ich musterte einige
an der Wand hängende Gemälde -- das eine stellte einen wild
aussehenden Mann im Brustharnisch, das andere eine Dame mit
gepudertem Haar und einem Halsbande von Perlen vor --
betrachtete eine bronzene Lampe an der Wölbung und eine große
Wanduhr, deren künstlich aus Eichenholz geschnitzter Kasten vom
Alter und dem vielen Scheuern fast schwarz wie Ebenholz
geworden war. Alles kam mir so stattlich und imposant vor;
doch war ich damals nur wenig an Großartigkeit gewohnt. Die
zur Hälfte mit Glasfenstern versehene Thür der Vorhalle stand
offen; ich überschritt die Schwelle. Es war ein schöner Herbstmorgen, die Morgensonne schien heiter über gebräunte Baumgruppen und noch ziemlich grüne Felder; mich dem Grasplatze
nähernd, blickte ich empor und übersah die Vorderseite des Gebäudes. Es war drei Stockwerke hoch, den Raumverhältnissen
nach nicht großartig, aber immerhin ansehnlich, das Herrenhaus
eines Gentlemans, nicht das Schloß eines hohen Adeligen;
rings um die Firste laufende Zinnen gaben ihm ein malerisches
Aussehen. Die graue Fronte des Hauses trat sehr gut aus dem
Hintergrunde einer Krähenzucht hervor, deren krächzende Bewohnerinnen sich eben erhoben, über den Grasplatz und die
Felder hinflogen und sich auf einer großen Wiese niederließen,
welche eine halb durchbrochene Umzäumung von den ersteren
absperrte und wo eine Anzahl mächtiger, knorriger, dicker, Eichen
nicht unähnlicher Kreuzdornbäume auf einmal die Ableitung des
Ortsnamens ,Thornfield' -- Dornfeld -- rechtfertigten. Weit
in der Ferne sah man Berge; keine solchen, so felsigen, wie
die um Lowood herum, aber auch keine solchen, die den Weg
in die Außenwelt abzusperren schienen; eigentlich bloß einige
stille, unbegangene Hügel, welche Thornfield zu einer so tiefen
Einsamkeit machten, wie ich es in der Nähe eines so lebhaften
Ortes wie Millcote kaum erwartet hätte. Ein kleines Dörfchen,
dessen Dächer zwischen Baumgruppen einzeln hervorschielten, zog
sich an der Seite des kleinen Hügels hinan; die Kirche stand
näher gegen Thornfield zu; ihre verwitterte Thurmspitze sah über
einen Erdaufwurf zwischen dem Hause und dem Hofthore herüber.
Noch erfreute ich mich des ruhigen Anblickes und der
frischen Luft, hörte den Krähen zu und übersah die lange graue
Fronte des Herrenhauses, im Stillen bedenkend, was für ein
großer Wohnplatz dies für eine einzelne kleine Frau wie Mistreß
Fairfax sei, als die erwähnte Dame an der Thür sichtbar
wurde.
,Was! Schon im Freien? rief sie. ,Ich sehe, Sie sind
keine Langschläferin. Ich trat auf sie zu, und sie empfing mich
mit einem freundlichen Kusse und Händedruck.
, Wie gefällt Ihnen Thornfield? frug sie. Ich erwiderte,
es gefiele mir ausnehmend.
, Ja, sagte sie, ,es ist ein hübscher Ort; allein ich fürchte,
es wird noch alles zerfallen, wenn Mister Rochester nicht beizeiten daran denkt, hier seinen beständigen Wohnsitz aufzuschlagen, oder doch wenigstens öfter hierher kommt. Große Häuser
und schöne Landgüter verlangen die Gegenwart ihres Eigenthümers.
,Mister Rochester! rief ich aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield, bemerkte sie ganz ruhig.
,Wußten Sie denn das nicht, daß er Rochester heißt?
In der That wußte ich es nicht, ich hatte vordem nie
etwas von ihm gehört; doch die alte Dame schien seine Existenz
als eine allgemein bekannte Thatsache vorauszusetzen, welche
jedermann aus Instinct bekannt sein mußte.
, Ich dachte, Sie wären die Eigenthümerin von Thornfield,
fuhr ich fort.
, Ich? Ei bewahre, liebes Kind! Was für eine Idee! Ich
bin ja nur die Haushälterin, die Wirthschafterin. Wohl bin ich
durch meinen Mann mit den Rochester's weitläufig verwandt;
mein Mann war ein Geistlicher, ein Pfründner von Hay, dem
kleinen Dorfe dort am Hügel, und dies hier war sein Gotteshaus; des jetzigen Mister Rochester's Mutter war eine Fairfax
und ein zweites Geschwisterkind meines verstorbenen Mannes;

aber ich thue mir auf diese Verwandtschaft nichts zugute --
ich kümmere mich wirklich nicht darum; ich betrachte mich als
eine gewöhnliche Haushälterin, mein Dienstherr begegnet mir äußerst
artig, und mehr wünsche ich auch nicht.
, Und das kleine Mädchen, mein Zögling?
, Ist Mister Rochester's Mündel; er gab mir den Auftrag,
für sie eine Erzieherin zu suchen. Ich denke, er will sie in --shire
aufwachsen lassen. Hier kommt sie mit ihrer Bonne, wie sie ihr
Kindermädchen nennt.
Nun war das Räthsel gelöst. Die gesprächige und gutherzige kleine Witwe war also keine vornehme Dame, sondern
eine bedienstete Person, wie ich selbst. Doch darum hatte ich
sie um nichts weniger lieb; im Gegentheil, sie gefiel mir nur
um so besser. Die Gleichheit zwischen ihr und mir war eine
wirkliche, nicht das bloße Resultat einer Herablassung von
ihrer Seite; um so besser, meine Stellung war um desto
zwangloser.
Während ich über die eben gemachte Entdeckung nachdachte,
kam ein kleines Mädchen, von seiner Wärterin gefolgt, über den
Grasplatz herbeigelaufen. Ich sah mir meinen Zögling an, der
mich anfänglich gar nicht zu beachten schien; das Kind war
höchstens sieben bis acht Jahre alt, schwächlich, blassen, fein
geformten Gesichtes und mit einem reichen Haarwuchs gesegnet,
der in langen Locken bis zum Gürtel herunterfiel.
, Guten Morgen, Miß Adela, sagte Mistreß Fairfax.
, Gehen Sie, sprechen Sie mit jener Dame, die sie unterrichten
und ein geschicktes Fräulein aus Ihnen machen soll. Das Kind
näherte sich.
, C'est la ma gouvernante? frug das Mädchen, mit
dem Finger nach mir weisend.
, Mais oui, certainement, lautete die Antwort.
, Sind das Fremde? rief ich voll Verwunderung, die
Beiden französisch sprechen zu hören.
,Das Kindermädchen ist eine Französin, und Adela selbst
wurde auf dem Continente geboren, den sie, wie ich glaube,
erst vor einem halben Jahre verließ. Gleich nachdem sie herkam, konnte sie gar nichts Englisch; jetzt spricht sie es doch schon
zur Noth; ich zwar verstehe sie nicht, denn sie mischt zu viel

Französisch darunter; aber Sie werden schon mit ihr zurechtkommen, denke ich.
Glücklicherweise hatte ich den Vortheil genossen, die französische Sprache von einer Eingeborenen zu lernen, und da ich
jede Gelegenheit benutzt hatte, mit Madame Pierrot zu
sprechen, auch täglich eine Anzahl Wörter auswendig lernte,
wobei ich mir Mühe gab, die Aussprache der Meisterin so genau
als möglich nachzuahmen, so konnte ich mich einer ziemlichen
Geläufigkeit und Reinheit in dieser Sprache rühmen, und mich
mit Mademoiselle Adela ohne Scheu einlassen. Sie kam auf
mich zu und schüttelte mir die Hand, als sie hörte, ich sei ihre
Erzieherin, und indem ich sie zum Frühstück geleitete, sprach ich
sie einigemale in ihrer Muttersprache an; anfänglich gab sie
mir nur kurze Antworten, als wir aber bei Tische saßen, und
nachdem sie mich beiläufig zehn Minuten mit ihren braunen
Augen betrachtet hatte, begann sie plötzlich mit großer Zungenfertigkeit zu plaudern.
,Ah,' sagte sie auf französisch, , Sie sprechen meine Sprache
so gut wie Mister Rochester; ich kann mit Ihnen so sprechen
wie mit ihm und Sophie auch. Es wird sie sehr freuen. Niemand versteht sie hier; Mistreß Fairfax spricht nur englisch.
Sophie ist mein Kindermädchen; sie kam mit mir zur See
herüber mit einem großen Schiffe mit einem Schornstein, der
schrecklich rauchte, und ich war krank, und Sophie auch, und
Mister Rochester auch. Mister Rochester legte sich in einem
schönen Gemache, welches man den Salon nannte, aufs Sofa
und ich und Sophie, wir hatten kleine Betten in einer anderen
Stube. Ich fiel aus dem meinigen beinahe heraus; es sah wie
ein Brett aus. Wie heißen Sie, Mademoiselle?
, Eyre -- Jane Eyre.
, Aire? Bah! Ich kann's nicht aussprechen. Nun gut;
unser Schiff blieb früh, ehe es noch Tag war, an einer ungeheuren Stadt voll finsterer, russiger Häuser stehen; nicht so
wie das nette kleine Städtchen, wo ich her kam. Mister Rochester
trug mich über eine Planke in seinen Armen ans Land, und
Sophie kam hintenher, und wir Alle stiegen in eine Kutsche, die
uns ein großes Gebäude, ein viel schöneres und größeres als
dieses hier, Hotel genannt, brachte. Fast eine Woche wohnten

wir dort; ich und Sophie, wir gingen täglich in einem großen
Garten voll Bäumen, dem Park, spazieren, und da gab es
außer mir noch sehr viele Kinder, und einen schönen Teich mit
prächtigen Fischen, die ich mit Semmelkrumen fütterte.
, Können Sie sie verstehen, wenn sie so schnell spricht?
frug Mistres Fairfax.
Ich verstand das Mädchen ganz gut, denn ich war das
schnelle Sprechen von Madame Pierrot gewohnt.
, Fragen Sie sie einmal über ihre Eltern, fuhr die gute
Dame fort. Ich möchte gerne wissen, ob sie sich ihrer noch erinnert.
,Adele, so begann ich, mit wem lebten Sie in jener
netten, kleinen Stadt, von der Sie vorhin sprachen?
, Vor langer, langer Zeit lebte ich mit Mama, aber sie
ist nun bei der Mutter Gottes. Mama unterrichtete mich im
Tanzen, Singen und Verse hersagen. Einige große Herren und
Damen kamen zu Mama zu Besuch, und ich pflegte ihnen etwas
vorzutanzen, oder ich setzte mich einem der Herren auf den
Schoß und sang etwas; das gefiel mir. Soll ich Ihnen ein Lied
singen?
Sie hatte ihr Frühstück verzehrt; ich erlaubte ihr also, uns
eine Probe ihrer Kunst zum Besten zu geben. Von ihrem Stuhle
heruntersteigend, kam sie auf mich zu und setzte sich mir auf den
Schoß; dann faltete sie die kleinen Händchen, schüttelte sich die
Locken aus dem Gesichte, hob die Augen zur Decke empor und
begann eine Opernarie zu singen. Es war die Romanze einer
verlassenen Dame, die, nachdem sie sich von der Treulosigkeit
des Geliebten überzeugt hat, ihren Stolz zu Hilfe ruft; sie befiehlt ihrer Kammerfrau, sie in ihre reichsten Juwelen und ihren
köstlichsten Anzug zu kleiden, und beschließt, den Falschen noch
diese Nacht auf einem Balle aufzusuchen, um ihm durch ihre
Fröhlichkeit zu beweisen, wie wenig sie seine Untreue berührt.
Der Gegenstand war für eine kleine Sängerin, ein Kind,
sonderbar gewählt; wahrscheinlich sollte der eigentliche Kern
darin liegen, die Töne der Liebe und Eifersucht von der schwachen
Stimme eines Kindes wirken zu hören; eine sehr abgeschmackte
Idee, so dachte ich wenigstens.
Adele sang das Lied schmelzend genug und mit der Naivetät
ihres Alters. Nach Beendigung der Arie sprang sie von meinem

Schoße herunter und rief: ,Nun will ich Ihnen ein Gedicht
hersagen.
Sich in Positur stellend, begann sie: ,La ligne des Rats;
fable de Lafontaine. Sie declamirte das ganze Stück mit
einer Beachtung der Unterscheidungszeichen und des zu gebenden
Nachdruckes, einer Biegsamkeit der Stimme und einer Angemessenheit
der Handbewegungen, wie sie bei einem Kinde ihres Alters
sehr selten sind und woraus hervorging, daß man sich mit ihr
ganz besondere Mühe gegeben haben mußte.
,Hat Sie Ihre Mama dies Stück gelehrt?’ frug ich.
, Ja, und sie pflegte gerade so zu sagen: Qu'avez-vous donc?
lui dit un de ces rats; parlez! wobei sie die Hand so in
die Höhe hob, um mich zu erinnern, ich müsse diese Frage
etwas stärker aussprechen. Nun, soll ich Ihnen noch etwas
vortanzen?
,Nein, für jetzt ist's genug. Aber bei wem wohnten Sie,
als Ihre Mama, wie Sie sagten, zur Mutter Gottes gegangen
war?
, Bei Madame Frederic und ihrem Mann; sie hatte mich
bloß in der Pflege; sie ist nicht verwandt mit mir. Ich denke,
sie ist arm, denn sie hatte kein so schönes Haus wie Mama;
auch war ich nicht lange bei ihr. Mister Rochester frug mich,
ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm wohnen wollte,
und ich sagte ja; denn ich kannte Mister Rochester früher als
Madame Frederic und er war immer sehr gut mit mir und
kaufte mir hübsche Kleider und liebe Spielsachen. Doch Sie
sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England
gebracht, und ist nun selbst wieder zurückgekehrt, und ich bekomme
ihn nie zu sehen.
Nach dem Frühstück begab ich mich mit Adelen in die
Bibliothek, welches Zimmer Mister Rochester zum Schulzimmer
bestimmt zu haben schien. Die Bücher waren in Glasschränken
verschlossen, nur ein Schrank war offen, welcher alle in Bezug auf
den ersten Unterricht nöthigen Werke und mehrere Bände leichterer
Literatur, Gedichte, Biographien, Reisebeschreibungen, einige Romane und dergleichen enthielt. Wahrscheinlich hielt Mister Rochester
diese Bücher zum Privatgebrauche der Erzieherin für hinreichend,
und in der That befriedigten sie mich für den Augenblick vollkommen. Mit der kargen Aehrenlese und der Büchersammlung
von Lowood verglichen, versprachen sie mir eine reichliche Ernte von
Unterhaltung und Belehrung. Weiter standen in dem Gemachs
ein ganz neues Pianino von vorzüglichem Ton, eine Staffelei
und zwei Globen.
Meine Schülerin fand ich ziemlich gelehrig, wiewohl etwas
arbeitscheu; man hatte sie nie an eine regelmäßige Beschäftigung
gewöhnt. Ich hielt es für unvernünftig, sie gleich anfänglich zu
sehr anzustrengen; nachdem ich ihr daher ein gutes Stück vorgesagt und sie dazu gebracht hatte, ein kleines Stückchen zu lernen,
erlaubte ich ihr um die Mittagszeit zu ihrer Wärterin zurückzukehren. Die Zeit bis zum Mittagsessen wollte ich dazu verwenden,
einige kleine Skizzen für Adelen zu zeichnen.
Als ich die Treppe hinaufging, mein Skizzenbuch und meine
Stifte zu holen, rief mich Mistreß Fairfax an: ,Für heute
Morgens sind wohl Eure Lehrstunden beendigt, sagte sie. Sie
befand sich in einem Zimmer, dessen Flügelthüren offen standen;
ich trat hinein, da sie mich angeredet hatte. Es war ein schönes
stattliches Gemach mit purpurrothen Möbeln und Vorhängen,
einem türkischen Fußteppich, mit Nußbaumholz getäfelten Wänden,
einem einzigen, großen Fenster von geschliffenem Glas und einer
hohen, kühn gespannten Wölbung. Mistreß Fairfax staubte eben
einige Vasen von schönem Purpurglas ab, die auf einem Seitentische standen.
,Was für ein schönes Zimmer! rief ich aus, indem ich
mich umsah, denn noch nie hatte ich ein auch nur annähernd so
prachtvolles Gemach gesehen.
, Jawohl, es ist das Speisezimmer. Ich habe eben das
Fenster geöffnet, um etwas Luft und Sonne hereinzulassen, denn
alles wird ordentlich schimmlich in Stuben, die selten bewohnt
werden. Das Besuchzimmer drüben kommt mir wie ein Kellergewölbe vor.
Sie deutete nach einem weiten, dem Fenster entsprechenden
und gleichfalls mit purpurrothen, jet aufgezogenen Vorhängen
geschmückten Bogen. Zwei breite Stufen emporsteigend und
hindurchblickend, glaubte ich einen Feenpalast geschaut zu haben,
so wunderbar schön erschien dieser Anblick meinen Neulingsaugen. Und doch war es nur ein hübsches Besuchszimmer und

weiterhin ein Boudoir, beides mit weißen buntgeblümten Teppichen
belegt, die Wölbung mit schneeweißen Trauben und Weinblättern in erhabener Arbeit geziert, unter denen im schneidendsten Contraste carmoisinrothe Sitze und Ottomanen erglänzten.
Die Zierrathen am Camingesimse waren von leuchtendem
böhmischen Rubinglase und zwischen den Fenstern angebrachte
Spiegel vervielfältigten die allgemeine Färbung von Schneeweiß
und Feuerroth.
,Wie sauber und ordentlich Sie dieZimmer halten, Mistreß
Fairfax! sagte ich. Kein Staub, keine Spinnengewebe; wäre
die kalte Luft nicht, man dächte, die Gemächer wären immer
bewohnt.
Je nun, Miß Eyre, wiewohl Mister Rochester dieses
Haus nur selten heimsucht, so kommt er doch immer plötzlich
und unerwartet; und da bemerkte ich, daß es ihn sehr verdroß,
alles in Unordnung zu finden und bei seiner Ankunft geräuschvolle Vorbereitungen veranlassen zu müssen, hielt ich es fürs
Beste, die Wohnung stets in Bereitschaft zu halten.'
, Ist Mister Rochester ein wunderlicher, anspruchsvoller
Mann?
, Nicht besonders; doch hat er den Geschmack und die
Gewohnheiten eines Gentlemans, und er erwartet, daß man sich
in allen Dingen danach richte.
, Sind Sie ihm zugethan? Ist er im Allgemeinen
beliebt?
, O, gewiß! Seine Familie stand hier immer in größtem
Ansehen. Fast aller Grund in der Nachbarschaft, so weit Sie
nur sehen können, gehört seit undenklichen Zeiten den Rochesters!
,Wohl, wohl! Doch seine Besitzungen beiseite, gefällt er
Ihnen? Ist er um seiner selbst willen beliebt?
, Ich habe keinen Grund, ihn nicht leiden zu können; und
ich glaube, auch seine Pächter halten ihn für einen gerechten und
großmüthigen Gutsherrn, wiewohl er sich nie lange unter ihnen
aufhielt. ?
, Hat er keine Eigenthümlichkeiten, oder kurz gesagt, welches
ist sein Charakter?
O, sein Charakter ist unantastbar, glaube ich. Etwas
sonderbar ist er wohl; er ist viel gereist, und hat einen großen

Theil der Welt gesehen. Er ist wohl sehr gebildet; doch ich selbst
sprach nie viel mit ihm.
, Wienach ist er sonderbar?
, Ich weiß es nicht -- es läßt sich nicht gut beschreiben --
es ist nichts Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit
ihm spricht; man weiß nie recht, spricht er im Scherz oder im
Ernst, ob ihm etwas angenehm ist oder nicht; kurz, man begreift
ihn nicht ganz - wenigstens mir geht es so; aber das thut
nichts, er ist bei allem dem ein sehr braver Herr.
Das war die ganze Beschreibung, die Mistreß Fairfax von
unserem Gebieter lieferte. Es giebt Leute, die offenbar keinen
Begriff davon haben, wie man einen Charakter zeichnet, hervorragende Eigenschaften, sowohl an Sachen als an Personen
beobachtet und beschreibt; die gute Frau gehörte jedenfalls dieser
Glasse an; meine Fragen setzten sie in Verwunderung, brachten
aber nichts aus ihr heraus. Mister Rochester blieb in ihren
Augen Mister Rochester, ein Gentleman, ein Gutsbesitzer, nichts
mehr und nichts weniger; das Weitere ging sie nichts an, und
sie verwunderte sich augenscheinlich über meine Bemühung, eine
genauere Darstellung seines Wesens zu erhalten.
Als wir das Speisezimmer verließen, machte sie mir den
Vorschlag, mir auch die anderen Theile der Wohnung zu zeigen,
und ich folgte ihr Treppe auf, Treppe ab, den ganzen Weg
über bewundernd und preisend, denn alles war schön und in
bester Ordnung. Die geräumigen Vorderstuben schienen mir
besonders großartig, und mehrere Gemächer des dritten Stockwerkes interessirten mich, trotzdem sie finster und niedrig waren,
ihrer Alterthümlichkeit wegen. Die vordem den unteren Stuben
angepaßte Einrichtung war von Zeit zu Zeit, wenn sich die
Mode änderte, hinaufgebracht worden, und das unvollkommene,
durch die schmalen Fenster eindringende Licht zeigte hundertjährige
Bettstellen, Kästen von Eichen- und Nußbaumholz, mit ihrem
Schnitzwerk von Palmen und Engelsköpfen, der jüdischen Bundes-
lade ähnlich, Reihen ehrwürdiger, hochlehniger und schmaler
Sessel, noch ältere Stühle, deren Kissen Spuren halbzerfaserter
Stickerei trugen, von Händen gearbeitet, die wohl schon seit
zwei Menschenaltern Staub und Asche waren. Alle diese Reliquien
gaben dem dritten Stockwerke von Thornfieldhall das Ansehen

einer Heimat der Vergangenheit, eines Opferaltars der Erinnerung. Am Tage gefiel mir die Stille, das Düstere, das Wunderliche dieser Rüstkammern; doch hätte ich um alles in der
Welt in einer der schweren, breiten Bettstellen keine Nacht zubringen mögen, deren einige spanische Wände von Eichenholz
umschlossen, andere alte gestickte englische Vorhänge bedeckten,
mit Abbildungen wunderlicher Blumen, noch wunderlicherer
Vögel und wunderlichster menschlicher Wesen in schwerer Stickerei
geziert. Und wie wunderlich mußte sich erst alles das beim
blassen Schimmer des Mondes ausnehmen!
,Schlafen die Dienstleute in diesen Stuben? bemerkte ich.
,Nein, sie bewohnen eine Reihe kleiner Zimmer im Hintergebäude; hier schläft niemand. Gäbe es ein Gespenst in Thornfieldhall, hier und nirgends anders könnte es hausen.
, Das glaub' ich auch. Sie haben also keine Gespenster?
, Nicht daß ich wüßte, versetzte lächelnd Mistreß Fairfax.
, Auch keine Ueberlieferungen von solchen? Keine Legenden
oder Gespenstergeschichten?
, Ich denke nicht. Und doch sagt man, die Rochesters wären
zu ihrer Zeit ein eher streitlustiger als spießbürgerlicher Stamm
gewesen; vielleicht bleiben sie nun eben darum ruhig in ihren
Gräbern.
, Wohl, nach des Lebens Fieberhitze ruh'n sie sanft, flüsterte
ich. , Wohin gehen Sie jetzt, Mistreß Fairfax? denn sie machte
Miene, mich zu verlassen.
, Auf den Boden; wollen Sie mich begleiten und sich die
Aussicht von oben ansehen? Ich folgte ihr eine schmale Treppe
hinauf in eine Dachkammer und stieg von dort mittelst einer
Leiter durch eine Fallthür auf das Dach. Ich stand nun in
gleicher Linie mit der Krähencolonie und konnte in die Nester
sehen. Ueber die Zinne gelehnt und hinunterblickend, übersah ich
das Gefilde wie auf einer vor mir ausgebreiteten Landkarte; die
frische, grünsammtene Graseinfassung um das graue Gebäude
herum; das weit ausgedehnte, hin und wieder mit altem Gehölz
bewachsene Feld, den gelbbraunen, dürren Wald, durchschnitten
von einem sichtlich verwachsenen Pfade, grüner in seinem Moosüberzuge als die Bäume in ihrem herbstlichen Laubschmuck; die
Kirche an dem Gitterthor, die Straße, die stillen Hügel, alles

von den Strahlen der Herbstsonne beschienen, unter einem
azurnen, hin und wieder mit perlengleichen Wölkchen gesprenkelten
Himmel. Der Anblick bot nichts Besonderes, war aber ungemein
anziehend.
Als ich mich weggewendet hatte und durch die Fallthür wieder hinabgestiegen war, sah ich kaum meinen Weg die
Leiter hinunter; im Vergleiche mit der blauen Himmelswölbung
und der von der Sonne erleuchteten Landschaft kam mir der
Boden wie ein finsterer Keller vor.
Mistreß Fairfax blieb eine Weile zurück, um die Fallthür
zu schließen; im Herumtappen fand ich den Ausgang und stieg
die schmale Bodentreppe hinunter. Im anstoßenden langen Gange
blieb ich stehen; er schied die Frontzimmer des dritten Stockwerkes von den Hinterstuben, war eng, niedrig, dunkel, nur von
einem Fenster am äußersten Ende erhellt, und sah aus wie
irgend ein Corridor in Blaubart's Schlosse.
Während ich langsam weiterschritt, schlug ein Laut, den
ich hier am wenigsten zu hören erwartete, eine laute Lache, an
mein Ohr. Es war ein sonderbares, helles, erzwungenes, nichts
weniger als lustiges Lachen. Ich blieb stehen; nur für einen
Augenblick verstummte der Ton und ließ sich noch einmal, und
zwar viel lauter hören, denn zum erstenmale klang er, wenn
auch deutlich, dennoch ziemlich leise. Ein schallendes Gewieher
machte den Beschluß und schien das Echo in all den einsamen
Stuben zu wecken, wiewohl es nur aus einer einzigen kam,
deren Thür ich hätte ganz genau bezeichnen können.
,Mistreß Fairfax! rief ich; denn ich hörte sie jetzt die
Haupttreppe hinuntergehen. ,Haben Sie das laute Lachen gehört?
Wer mag das sein?
, Wahrscheinlich irgend ein Dienstmädchen, vielleicht Grace
Poole.
,Haben Sie es gehört? frug ich nochmals.
, Ja wohl, ganz genau; ich höre sie oft; sie näht hier in
einem der Zimmer. Zuweilen ist Leah bei ihr; dann machen sie
einen gehörigen Lärm zusammen.
Das Lachen erscholl abermals, leise, eintönig, und endigte
mit einem sonderbaren Gemurmel.
, Grace! rief Mistreß Fairfax.

Ich erwartete wirklich keine Antwort von einem menschlichen Wesen; denn das Lachen klang so tragisch, so übernatürlich,
wie ich noch nie eines gehört hatte, und wäre es nicht am hellen
Mittag gewesen, hätte irgend ein geisterhafter Umstand den
Schall begleitet und wäre nicht sowohl Umgebung als Zeit jeder
Furcht, entgegengestanden, hätte mich wirklich eine abergläubische
Angst befallen. Indessen zeigte der weitere Verfolg, wie albern
selbst meine Verwunderung war.
Die nächste Thür ging auf und eine Dienstmagd kam
heraus, ein Frauenzimmer von dreißig bis vierzig Jahren, breitschulterig, rothhaarig, von groben garstigen Gesichtszügen; es
wäre kaum möglich gewesen, sich eine weniger romantische,
weniger geisterhafte Erscheinung vorzustellen.
,Keinen solchen Lärm, Grace, sagte Mistreß Fairfax.
, Erinnere Dich der Hausordnung. Grace machte eine stille
Verbeugung und ging zurück in die Stube.
,Wir verwenden diese Person zum Nähen und dann hilft
sie auch Leah in ihren Verrichtungen als Hausmädchen, fuhr
die Witwe fort; ,sie hat so manches an sich, was nicht recht
ist, aber im Allgemeinen bin ich mit ihr zufrieden. Apropos!
Wie waren Sie heute mit Ihrer neuen Schülerin zufrieden?
Das Gespräch über Adele dauerte so lange, bis wir die
lichten freundlichen Räume des unteren Stockwerkes erreicht
hatten. Adele kam uns in der Halle mit dem Rufe entgegen:
, Mesdames, vous etes servies! Worauf sie hinzufügte:
, J'ai bien faim, moi!
Das Mittagessen war angerichtet und erwartete uns in
Mistreß Fairfax's Wohnstube.

XII.

Die Erwartung eines angenehmen, gemüthlichen Lebens,
welche der erste Tag meines Aufenthaltes in Thornfieldhall in
mir gemacht, bestätigte sich bei einer längeren Bekanntschaft mit
dem Hause und dessen Bewohnern vollkommen. Mistreß Fairfax
war in der That, was sie zu sein schien, eine herzliche, gutmüthige Frau von entsprechender Erziehung und natürlichem
Verstande. Meine Schülerin war ein lebhaftes, von feiner
früheren Umgebung verdorbenes und vernachlässigtes Kind, und
demnach zuweilen etwas ungezogen; allein da sie meiner Sorgfalt
gänzlich überlassen blieb, und niemand meinen Erziehungsplan
durch eine unzeitige und unvernünftige Einmischung durchkreuzte,
legte sie bald ihre kleinen Unarten ab, wurde gehorsam und
gelehrig. Sie besaß keine besonderen Talente, keinen hervorragenden Charakterzug, keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung, welche sie auch nur einen Zoll hoch über den gewöhnlichen Standpunkt der Kindheit erhoben hätte; doch verunzierte
sie auch kein Fehler, keine Untugend, wodurch sie unterhalb desselben gerathen wäre. Sie machte ziemliche Fortschritte, hatte
für mich eine lebhafte, wenngleich nicht sehr tief gewurzelte
Anhänglichkeit und flößte durch ihre Einfalt, ihr munteres Geplauder und ihre Bemühungen zu gefallen, auch mir eine
genügende Zuneigung zu ihr ein, so daß sich die Eine in der
Anderen Gesellschaft behaglich fühlen konnte.
Viele Leute, die sich zu feierlichen Lehren über die englische
Natur der Kinder und über die Pflichten der Erzieher und
Erzieherinnen, besagte Kinder abgöttisch zu lieben, bekennen,
werden, im Vorbeigehen sei es gesagt, meine Sprache sehr frostig
finden; allein ich schreibe nicht, um elterlicher Eigenliebe zu
schmeicheln, albernes Gefasel nachzuplappern und die Heuchelei
zu unterstützen; ich sage bloß die reine Wahrheit. Ich hatte eine
gewissenhafte Sorgfalt für Adelen's Wohlsein und Fortschritte
und eine ruhige Hinneigung zu ihrer eigenen kleinen Person gerade
so, wie ich für Mistreß Fairfax, ihrer Güte wegen, die innigste
Dankbarkeit hegte und in ihrem Umgange eine Befriedigung
empfand, welche ihrer stillen Achtung für mich und ihrem sich
gleichbleibenden Gemüthe und Charakter entsprach.
Es mag mich tadeln, wer Lust hat, wenn ich noch hinzufüge, daß, wenn ich dann und wann allein spazieren ging oder
zum Gitterthor auf die Straße hinaussah, oder während Adele
mit ihrem Mädchen spielte und Mistreß Fairfax. Früchte einsott,
vom Dache herab bis zum fernen Horizont über einsame Felder
und Hügel blickte, mich die Sehnsucht nach einer Sehergabe
überkam, über den engen Gesichtskreis hinaussehen zu können,

die Sehnsucht nach wirklicher Weltanschauung, nach vielfältigerem
Umgange mit Menschen von größerer Charakterverschiedenheit,
als mir meine Umgebung darbot.
Ich erkannte die guten Eigenschaften Mistreß Fairfax's und
Adelen's; allein ich glaubte an die Existenz einer anderen
lebendigeren Herzensgüte, und was ich glaubte, das wünschte ich
auch mit eigenen Augen zu sehen.
Wer wird mich tadeln? Sehr viele ohne Zweifel, und man
wird mir Unzufriedenheit vorwerfen. Doch ich konnte es nicht
ändern, jene Rastlosigkeit lag nun einmal in meinem Wesen und
peinigte mich zuweilen aufs schmerzlichste. In solchen Augenblicken bestand meine Zerstreuung darin, daß ich den langen
Gang im dritten Stockwerke, mich in der Stille und Einsamkeit
des Ortes sicher fühlend, rastlos auf und ab wandelte und mein
geistiges Auge an hellen Visionen erfreute, wie sie in meinem
Inneren -- und zuweilen hatte ich deren milde und glänzende --
auftauchten; daß ich mein Herz höher schlagen ließ in jubelnder
Bewegung, die es mit neuem Leben erfüllte, während sie es in
süße Verwirrung brachte; daß ich endlich, was mich am glücklichsten machte, mir selbst eine endlose Erzählung vorsagte, die
meine Einbildungskraft schuf und mit all den Zwischenfällen,
dem Leben, dem Feuer, den Gefühlen ausschmückte, wonach ich
mich so sehr sehnte und die ich in meinem wirklichen Dasein so
schmerzlich vermißte.
Es ist umsonst, wenn man sagt, der Mensch solle sich mit
einem ruhigen Leben begnügen; er bedarf der Bewegung und
Aufregung, er wird sie so lange suchen, bis er sie findet. Millionen sind zu einem noch stilleren Lose verurtheilt, als das
meinige war, und diese Millionen sind in innerem Hader mit
ihrem Schicksal. Niemand kann es sagen, wie viele dergleichen
Revolutionen nebst den politischen Aufständen, in jenen Massen
von Leben gähren, welche die Erde bevölkert. Im Allgemeinen
hält man Frauen für sehr ruhig; doch Weiber fühlen ebenso
wie Männer; sie bedürfen einer Uebung ihrer Fähigkeiten und
eines Kampfplatzes für ihre Anstrengungen gleich ihren Brüdern;
unter einem zu harten Zwange, einem zu unbedingten Stillstande leiden sie ebenso gut wie die Männer, und es zeigt von
großer Engherzigkeit ihrer bevorzugteren Mitgeschöpfe, wenn diese

letzteren behaupten, die Frauen hätten sich aufs Puddingkochen,
Stricken, Pianofortespielen und Börsenhäkeln zu beschränken.
Es ist albern, sie zu verdammen oder auszulachen, wenn sie sich
bemühen, mehr zu leisten und mehr zu lernen, als der gewöhnliche Schlendrian ihrem Geschlechte eigenmächtig zumißt.
In meiner Zurückgezogenheit hörte ich häufig Grace Poole's
Gelächter, denselben Laut, dasselbe leise ,ha, ha!' welches mir
beim ersten Hören durch Mark und Bein gegangen war; auch
ihr eigenthümliches Gemurmel hörte ich und verwunderte mich
darüber noch mehr, als über ihr Lachen. An manchen Tagen
war sie ganz still; an anderen hingegen konnte ich die Laute,
die sie ausstieß, kaum zählen. Zuweilen sah ich sie; gewöhnlich
trat sie mit einem Becken, einer Schüssel, einer Speisetrage in
der Hand aus ihrer Stube, ging in die Küche hinunter und
kam bald darauf -- Verzeihung, mein romantischer Leser, daß
ich die Wahrheit sage -- in der Regel mit einem Krug Porterbier zurück. Ihr Aeußeres dämpfte jedesmal die Neugier, welche
ihre sonderbaren Harmonien rege gemacht hatten, ihre groben
Gesichtszüge und ihre Unfreundlichkeit benahmen im Voraus
jedes weitere Interesse. Ich versuchte es mehreremale, ein Gespräch
mit ihr anzuknüpfen; doch schien sie sehr schweigsamer Natur zu
sein, eine einsilbige Antwort vereitelte in der Regel meine diesfällige Anstrengung.
Die anderen Mitglieder des Hauswesens, nämlich John
und sein Weib, Leah, das Stubenmädchen, und Sophie, die
französische Bonne, waren lauter anständige Leute, boten aber
in keiner Beziehung etwas Besonderes; mit Sophien sprach ich
gewöhnlich französisch und frug sie zuweilen über ihr Vaterland
aus; doch sie war weder zu Beschreibungen, noch zu Erzählungen
sehr geneigt und gab in der Regel unbestimmte und verwirrte
Antworten, eher geeignet, weiteren Fragen auszuweichen, als sie
hervorzurufen.
Die Monate October, November und December vergingen
in dieser Weise. Eines Nachmittags, im Monate Januar, hatte
Mistreß Fairfax für Adelen um Befreiung vom Unterrichte
gebeten, weil sie einen Schnupfen hatte, und da Adele die Bitte
mit einem Eifer unterstützte, der mir in Erinnerung brachte, wie
angenehm auch mir in meiner Kindheit gelegentliche Ferientage

gewesen waren, gab ich meine Einwilligung, überzeugt, an meiner
Willigkeit in diesem Punkte ganz recht zu thun. Es war ein
schöner, windstiller, wiewohl sehr kalter Tag; ich war vom
Sitzen in der Bibliothek durch einen ganzen Vormittag müde
geworden. Mistreß Fairfax hatte eben einen Brief geschrieben,
der zur Post kommen sollte, und da ich Bewegung machen
wollte, setzte ich meinen Hut auf, nahm meinen Mantel um,
und erbot mich freiwillig, das Schreiben nach Hay zu tragen;
die zwei Meilen zum Dorfe waren gerade ein angenehmer
Spaziergang für einen Wintertag. Nachdem sich Adele in ihrem
kleinen Stuhle in der Caminecke von Mistreß Fairfax's Wohnung bequem gemacht, und ich ihr die schönste Wachspuppe
-- die ich gewöhnlich in Silberpapier eingewickelt in meiner
Schublade barg -- nebst einem Märchenbuche zur Abwechslung
eingehändigt hatte, erwiderte sie mir: Revenez bientôt, ma
bonne amie, ma chere Mademoiselle Jeannette, mit einem
Kusse, und ich trat meinen Weg an.
Der Boden war gefroren, das Wetter ruhig, mein Pfad
einsam; ich ging schnell, bis mir warm wurde, und dann etwas
langsamer, um das Vergnügen zu genießen und zu zergliedern,
das für mich in der Tageszeit und in der Umgebung lag. Es
war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug eben, als ich beim Thurme
vorüberging; der Reiz des Augenblickes lag in der einbrechenden
Dämmerung, in der dem Untergange zueilenden, blaß scheinenden
Sonne.
Ich befand mich eine Meile von Thornfield auf einem
Fußwege, den im Sommer wilde Rosen, im Herbst Haselnüsse
und Brombeeren schmückten, und der auch jetzt noch einige
Schätze an korallenrothen Mehlbeeren und Hagebutten besaß,
dessen größte Annehmlichkeit jedoch für mich in seiner gänzlichen
Einsamkeit und seiner entblätterten Nacktheit bestand. Erhob sich
auch ein Wind, hier brachte er kein Geräusch hervor; denn da
gab es keine Stechpalmen, kein Immergrün, das der Luftzug
durchrauschen konnte, und die entblätterten Hagedorn- und Haselsträuche waren so ruhig, wie die weißen, abgetretenen Pflastersteine der Wegmitte. Weit und breit, zu beiden Seiten dehnten
sich Felder aus, auf denen zu dieser Zeit kein Vieh weidete, und
die kleinen, braunen Vögelein, die dann und wann durch die

Hecke schwirrten, sahen aus wie einzelne, braunrothe Blätter, die
vergessen hatten abzufallen.
Dieser Pfad ging fortwährend hügelan, bis zum Dorfe
Hay; in der Mitte desselben angelangt, setzte ich mich auf einen
Steg nieder, der dort in eines der Felder führte. Den Mantel enger
um mich ziehend, und meine Hände im Muff bergend, fühlte
ich nichts von der Kälte, obwohl es tüchtig fror, wie an einer
Eisrinde am Pflaster zu sehen war, das ein kleines Bächlein
vor einigen Tagen bei einem raschen Thauwetter überschwemmt
hatte. Von meinem Sitze aus konnte ich nach Thornfield hinabblicken; das graue Gebäude mit seinen Zinnen war der bemerkenswertheste Gegenstand unten im Thale; gegen Westen
erhob sich das Gehölze und die Krähenzucht. Ich wartete, bis
die Sonne hinter den Bäumen verschwand und rein und carmoisinroth unterging. Dann ging ich nach Osten zu.
Oben auf der Spitze des Hügels stand der aufgehende
Mond; noch blaß wie eine Wolke, nahm er doch von Minute
zu Minute an Glanz zu, und sah auf Hay hernieder, das, halb
zwischen Bäumen versteckt, aus feinen Schornsteinen einen bläulichen Rauch emporsandte; noch war ich eine volle Meile entfernt,
und schon konnte ich bei der tiefen rings herrschenden Ruhe die
schwachen Laute der Lebendigkeit in seinen Häusern vernehmen.
Auch das Rauschen von Strömen unterschied ich; in welchen
Thälern und Schluchten, konnte ich wohl nicht sagen; allein es
gab so viele Berge über Hay hinaus, und gewiß flossen viele
Flüßchen durch die Schluchten. Die Ruhe des Abends ließ das
Murmeln des nächsten Baches und das Rauschen des fernsten
Stromes gleich gut ans Ohr gelangen.
Ein nahes Geräusch verdrängte mit einemmale das ferne
und doch so helle Gemurmel, ein massives Getrampel, ein
metallener Schall, welcher das sanfte Geplätscher der Wellen
verwischte; gleichwie auf einem Gemälde eine feste Felsenmasse,
oder die knorrigen Aeste einer starken Eiche, dunkel und stark
im Vordergrund aufgetragen, die blauen Hügel, den sonnigen
Horizont, die glänzenden Wolken der luftigen Entfernung, wo
eine Farbe in die andere verschwimmt, in den Hintergrund treten
lassen. Das Geräusch kam vom Steinwege her, ein Pferd kam
heran, noch verbargen es die Krümmungen des Weges, aber es

näherte sich. Ich wollte eben von meinem Platze fortgehen, da
indessen der Pfad schmal war, blieb ich sitzen, um es vorbei
zu lassen. Damals war ich jung und eine Unzahl düsterer und
freundlicher Phantasiegebilde bevölkerten mein Inneres; auch die
Erinnerungen an Ammenmärchen hatten unter anderen Ruinen
ihren Plat; und wenn sie auf die Oberfläche kamen, gab ihnen
die Reife der Jugend eine weit größere Kraft und Lebendigkeit,
wie sie die Kindheit nie verleihen konnte. Während das Pferdegetrappel näher kam und ich der Ankunft des Reiters im Abenddunkel entgegensah, erinnerte ich mich an einige von Bessie's
Märchen, in welchen ein nordenglisches Gespenst Namens
,Gytrash' eine große Rolle spielte, welches in der Gestalt
eines Pferdes, eines Maulthieres und eines großen Hundes
einsame Wege heimsuchte und zuweilen auf verspätete Reisende zukam, wie eben jetzt das erwartete Pferd auf mich losging.
Es war schon sehr nahe, aber noch immer nicht sichtbar;
auf einmal hörte ich nebst den Hufschlägen ein Rascheln in der
Hecke und unten knapp an den Haselsträuchen glitt ein großer
Hund hin, dessen schwarz und weiß geflecktes Fell sich ganz
genau von den Büschen abzeichnete. Es war in der That eine
von Bessie's Verwandlungen des Gytrash -- ein löwenähnliches
Thier mit langen Mähnen und einem großen Kopfe; es ging
indessen ganz ruhig bei mir vorüber und blieb nicht vor mir
stehen, mich mit unheimlichen, überhündischen Augen anzublicken,
wie ich es halb und halb erwartete. Das Pferd -- ein starker
Hengst -- folgte nach, auf seinem Rücken trug es einen Reiter.
Der Mann, ein menschliches Wesen, machte auf einmal allem
Zauber ein Ende. Das Gespenst ließ ja niemanden aufsitzen;
es war immer allein; und wiewohl Kobolde, meiner Ansicht
nach, allerdings Thierkörper zu bewohnen pflegten, so hatte ich
doch nie gehört, daß sie sich in gewöhnlicher Menschengestalt
sehen ließen. Nein, es war der Gytrash nicht, sondern ein
Reisender, der den Weg nach Millcote abschneiden wollte. Er
ritt vorüber und ich setzte meinen Weg fort; nach wenigen
Schritten blickte ich herum ; ein Kutscher, ein , was der Teufel
ist da zu thun? und ein rasselnder Fall nahmen meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Reiter und Pferd lagen am Boden,
das letztere war am Steinwege auf der Eisdecke ausgerutscht.

Der Hund kam in langen Sätzen zurück und bellte, seinen Herrn
in Gefahr sehend und das Gestöhne des Pferdes hörend, im
Verhältniß zu seiner Größe so übermäßig laut, daß das Echo
in den Bergen wach wurde. Dann beschnupperte er die am
Boden liegende Gruppe und lief auf mich zu; das war alles,
was er thun konnte und keine andere Hilfe in der Nähe. Ich
folgte der Aufforderung und ging auf den Reiter los, der sich
gerade unter seinem Rosse hervorzuwinden suchte. Seine Anstrengungen waren so stark, daß ich glaubte, er könne nicht viel
Schaden genommen haben; dennoch frug ich ihn:
, Sind Sie verletzt, mein Herr?
Ich glaube, er fluchte, wiewohl ich's nicht gewiß sagen kann;
jedenfalls sprach er eine Formel aus, die ihn hinderte, mir augenblicklich zu antworten.
, Kann ich Ihnen helfen? frug ich wieder.
, Gehen Sie nur beiseite, antwortete er, während er sich
zuerst auf die Knie und endlich auf die Beine erhob. Ich folgte;
und nun begann ein Heben, Stampfen, Rasseln, von Gebell und
Gewieher begleitet, daß ich wirklich auf mehrere Schritte zurücktrat, ohne mich jedoch ganz zu entfernen, bevor das Ereigniß
zu Ende gekommen war. Das Resultat war schließlich ein günstiges;
das Pferd wurde wieder auf die Beine und der Hund mit einem
barschen ,Leg! Dich, Pilot!' zum Schweigen gebracht. Der
Reisende hinkte herum und befühlte seine Füße, um zu erfahren,
ob sie noch ganz wären; jedenfalls fehlte ihm etwas, denn er
hinkte zu dem Stege, von dem ich eben aufgestanden war, und
setzte sich nieder.
Ich war nun einmal in der Laune, diensteifrig zu sein,
denn ich näherte mich neuerdings.
, Wenn Sie sich wehe gethan haben und Hilfe bedürfen,
mein Herr, kann ich jemanden zum Beistand entweder von Thornfiedhall oder von Hay holen.
, Ich danke Ihnen; es wird schon gehen; ich habe mir nichts
gebrochen, nur ein wenig den Fuß verstaucht, und wieder erhob
er sich und versuchte es zu gehen, doch die Bewegung entlockte
ihm unwillkürlich ein schmerzliches , Uff!'
Noch war etwas von der Tageshelle übrig und der Mond
glänzte in voller Schönheit; ich konnte den Mann ziemlich ins

Auge fassen. Seine Gestalt war in einen Reitermantel mit Pelzkragen und stählerner Schließe gehüllt; genau konnte ich sie
also nicht sehen, doch schätzte ich sie von mittlerer Größe mit
ziemlich breiter Brust. Sein Gesicht war braun, von starrem Ausdruck und zeigte eine finstere Stirn; seine Augen und zusammengewachsenen Augenbrauen verkündigten eben jetzt Zorn und
Gereiztheit; er war über die jungen Jahre hinaus, jedoch noch
nicht im mittleren Alter angelangt; vermuthlich zählte er fünfunddreißig Jahre. Wäre es ein schöner, romantisch aussehender
junger Herr gewesen, ich hätte mich nicht getraut, ihn trotz seines
Widerwillens zu befragen und ihm meine Dienste aufzudringen.
Ueberhaupt hatte ich eigentlich noch nie einen schönen jungen
Mann gesehen, noch viel weniger gesprochen. Ich hegte eine
theoretische Achtung und Verehrung für Schönheit, Eleganz,
Galanterie und Anmuth; doch hätte ich alle diese Eigenschaften
in der Gestalt eines Mannes verkörpert angetroffen, eine innere
Stimme hätte mir sofort zugerufen, daß weder jene noch dieser
mit mir oder mit irgend etwas an mir sympathisiren könnten
und wie dem Feuer, dem Blitz oder einem anderen glänzenden,
doch gefährlichen Gegenstande wäre ich ausgewichen.
Und selbst wenn dieser Fremdling mir gelächelt, mir gutmüthig geantwortet, mein Anerbieten freundlich und mit Dank
abgelehnt hätte, wäre ich meiner Wege gegangen, ohne meine
Fragen zu erneuern; doch das Stirnrunzeln, die Rauheit des
Reiters gaben mir Muth; ich blieb auf dem Platze stehen, den
er mir angewiesen, als er mich gehen hieß, und fuhr fort:
, Ich kann nicht daran denken, mein Herr, Sie in so
später Stunde allein auf diesem einsamen Pfade zu lassen, bis
ich weiß, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.
Er sah mich an, als ich dies sagte; zuvor hatte er nicht
einmal den Blick nach mir gewendet.
, Ich dächte, Sie sollten eilen selbst nach Hause zu kommen,
wenn Sie hier in der Nähe zu Hause sind, sagte er. , Woher
sind Sie?
, Von dort unten. Uebrigens habe ich durchaus keine Angst,
im Mondlichte spät Abends auszugehen; gerne will ich Ihretwegen nach Hay hinüberlaufen; ich muß ohnedies hin, und einen
Brief auf die Post tragen.

, Dort unten wohnen Sie -- meinen Sie etwa das Gebäude mit den Zinnen? Dabei deutete er auf Thornfieldhall,
welches der Mond mit seinem hellen Schimmer beschien und aus
dem Gehölze hervorhob, das unterm Schatten einer westlichen
Wolke wie eine finstere Masse dalag.
, Ja, mein Herr.
,Wem gehört das Haus?
,Mister Rochester.
, Kennen Sie Mister Rochester?
,Nein, ich habe ihn nie gesehen.
, Er wohnt also nicht dort?
,Nein.
, Können Sie mir sagen, wo er sich aufhält?
, Ich weiß es nicht.
, Sie sind doch keineswegs eine Dienerin des Herrenhauses?
Sie sind --. Er hielt inne und musterte meinen Anzug, der
wie gewöhnlich sehr einfach war und in einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Biberhute bestand; mein ganzes
Aeußere war selbst für eine Herrenmagd lange nicht schön genug.
Er zögerte mit seinem Ausspruche; ich kam ihm zu Hilfe.
, Ich bin die Erzieherin.
, Ah, die Erzieherin! wiederholte er; , der Kuckuck hole
mich, wenn ich mehr daran dachte! Die Erzieherin! und wieder
unterzog er meinen Anzug einer Prüfung. Zwei Minuten später
stand er vom Wege auf; sein Gesicht drückte Schmerz aus, da
er sich fortbewegte.
, Ich kann Sie nicht beauftragen, mir Hilfe zu holen,
sagte er; , doch mögen Sie mich selbst ein wenig stützen, wenn
Sie so gut sein wollen.
, Gerne, mein Herr!
, Sie haben keinen Schirm, den ich als Stock verwenden
könnte?
,Nein.
,Versuchen Sie es, die Zügel meines Pferdes zu fassen und
führen Sie es zu mir. Sie fürchten sich doch nicht?
Ich hätte mich gefürchtet, ein Pferd von freien Stücken zu
berühren, doch that ich es herzhaft, da es mir geheißen wurde.
Ich legte meinen Muff nieder und ging auf das Roß zu; ich

versuchte es, den Zügel zu packen, allein es war ein muthiges
Thier und ließ mich nicht bis zum Kopfe heran; ich machte
eine Anstrengung um die andere, doch umsonst; die ganze Zeit
über fürchtete ich mich vor dem Ausschlagen des Pferdes. Der
Reisende wartete und sah einige Zeit zu; endlich brach er in ein
Gelächter aus.
, Ich sehe, sagte er, ,der Berg wird nie zu Mahomet
gebracht werden, somit ist's am besten, Sie helfen Mahomet zum
Berge hin. Bitte, kommen Sie her.
Ich kam. -- ,Entschuldigen Sie, fuhr er fort, ,daß
mich die Noth zwingt, Sie so zu mißbrauchen. Er legte seinen
schweren Arm auf meine Schulter und indem er sich mit ziemlicher Gewalt auf mich stützte, sprang er ans Pferd hinan.
Nachdem er einmal die Zügel erfaßt hatte, hielt er sie fest und
schwang sich in den Sattel, nicht ohne grimmige Gesichter zu
schneiden, da er sich bei dieser Bewegung den Fuß noch ärger
verstauchte.
,Und nun, sagte er, seine Unterlippe loslassend, in die er
vor Schmerz gebissen hatte, ,wollen Sie mir gefälligst meine
Reitgerte herlangen, sie liegt dort unter der Hecke.
Ich suchte und fand sie.
, Ich danke Ihnen und jetzt eilen Sie zur Post, machen
Sie, daß Sie bald nach Hause kommen.
Er gab seinem Pferde die Sporen, das sich anfänglich bäumte
und dann im Galopp davon sprengte; der Hund lief nach, alle
Drei verschwanden
Wie Haidekraut im öden Land
Vom Wind hinweggeweht.
Ich hob meinen Muff auf und ging meiner Wege; der
Zwischenfall war nun zu Ende; es war ein Ereigniß von
geringer Bedeutung, nicht im mindesten romantisch oder interessant; doch brachte es wenigstens für eine Stunde eine kleine
Abwechslung in mein einförmiges Leben. Meine Hilfe that Noth
und ward in Anspruch genommen, ich hatte sie gewährt; es
freute mich, doch etwas gethan zu haben; so alltäglich und
gewöhnlich auch meine Leistung war, ich hatte doch irgend eine
Thätigkeit entwickelt und längst schon war ich meines durch und

durch passiven Daseins müde. Auch das neue Gesicht war einem neuen,
der Gemäldegalerie meiner Erinnerung eingereihten Bildniß zu
vergleichen; es hatte mit allen anderen Porträts der ersteren
nicht die geringste Aehnlichkeit, erstens da es einen Mann vorstellte, zweitens weil es ein düsteres, kräftiges, starres Gepräge
trug. Ich sah es ohne Unterlaß vor mir, als ich nach Hay kam
und den Brief auf die Post trug; es begleitete mich auf dem
ganzen Heimwege, als ich bergab schnellen Schrittes nach Hause
ging. Bei dem Stege angelangt, hielt ich eine Minute an, sah
um mich und horchte; ich dachte wieder den Hufschlag eines Pferdes
zu hören und einen in einen Mantel gehüllten Reiter mit einem
gespenstischen Neufoundländer zu sehen; doch nur die Hecke und
ein im Mondscheine gerade emporsteigender, beschnittener Weidenbaum zeigten sich meinen Blicken, nur der leise Hauch des Windes
schlug an mein Ohr, wie er eine Weile weiter durch die Bäume
von Thornfield rauschte, und als ich meine Augen nach dem
letzteren Orte richtete, erspähte ich ein Licht in einem der Frontezimmer des Herrenhauses; ich erinnerte mich, daß es spät sei,
und beschleunigte meine Schritte.
Nur mit Widerstreben kehrte ich nach Thornfield zurück;
die Schwelle der Hausthür überschreiten hieß für mich zum
ewigen Stillstande zurückkehren. Wenn ich die stille Halle durchwandelte, die finstere Treppe erklomm, in mein kleines Gemach
trat, und endlich die stille Mistreß Fairfax aufsuchte, um mit ihr und
nur mit ihr den langen Winterabend zuzubringen, verdrängte ich da
nicht mit einemmale die geringe Aufregung, welche der Abendspaziergang in mir hervorgerufen hatte, um mein Gemüth vom neuen
in die endlosen Fesseln eines zu eintönigen, zu stillen Daseins zu
legen, eines Daseins, dessen Sicherheit und Bequemlichkeit ich
nicht zu schätzen vermochte. Wie gut hätte es mir damals gethan,
im Sturme eines unsicheren, kämpfereichen Lebens hin- und hergeschleudert, und durch bittere, schmerzliche Erfahrungen dahin
gebracht zu werden, mich von freien Stücken nach jener Ruhe
zu sehnen, inmitten welcher ich mich nun im Gegentheil so
unglücklich fühlte! -- Ebenso gut wie ein weiter Spaziergang
einem Manne, der des langen Sitzens im zu bequemen Armstuhle müde ist; der Wunsch nach Bewegung war in meinen Verhältnissen wohl ebenso natürlich, wie in den Verhältnissen dieses letzteren.

Ich zögerte am Gitterthore einzutreten, ich zögerte den
Grasplatz zu überschreiten; ich ging am Steinpflaster vor- und
rückwärts; die hölzernen Läden der Glasthür waren geschlossen;
ich konnte nicht hindurch sehen und Augen und Geist schienen
vor dem finsteren Gebäude der düsteren, mit lichtleeren Zellen
gefüllten Höhle, wie mir das Haus vorkam, zurückzuschrecken,
und sich dem blauen, wolkenlosen Horizont über meinem Haupte,
dem majestätisch durch das blaue Himmelsmeer ziehenden Monde
zuzuwenden, dessen Scheibe dem in seiner unergründlichen Tiefe
und unermeßlichen Entfernung mitternächtig dunklen Zenith zusteuerte; und die zitternden Sterne, die seinem Laufe folgten,
machten auch mein Herz erzittern und meine Pulse schlagen, wie
meine Blicke an ihnen hafteten. Kleine Zufälle geben uns dem
irdischen Dasein wieder; die Sanduhr der Vorhalle schlug, das
genügte; ich ließ Mond und Sterne, öffnete ein Seitenpförtchen
und trat ins Haus.
Die Vorhalle war nicht finster, wiewohl die Bronzelampe
an der Decke noch nicht brannte; eine warme helle Glut beschien
sowohl die Halle als die unteren Stufen der eichenen Treppe.
Der rothe Lichtschein kam aus dem Speisesaale, dessen Doppelthür offen stand und ein gemüthliches Feuer im Camine sehen
ließ, welches das marmorene Gesimse und den messingenen Feuerbock beleuchtete und die purpurnen Draperien und glänzenden
Möbel mit seiner anmuthigen Helle aus der Dunkelheit hervorhob. Auch eine Gruppe in der Caminecke war sichtbar; ich hatte
sie kaum ins Auge gefaßt und das fröhliche Gesumme mehrerer
Stimmen, darunter auch diejenige Adelen's vernommen, als sich
die Thür mit einemmale schloß.
Ich eilte in Mistreß Fairfax's Stube; auch dort brannte
ein Feuer; aber weder eine Kerze noch Mistreß Fairfax waren
zu sehen. An ihrer Stelle am Teppich saß ganz allein und ernsthaft in die Feuerglut blickend, ein großer, schwarz und weißgefleckter, langhaariger Hund, dem Hunde des Reiters so ähnlich,
daß ich auf ihn zuging und ihn mit einem lauten ,Pilot!'
anrief; das Thier stand auf, kam auf mich los und beschnupperte
mich. Ich liebkoste es und es wedelte mit seinem langen Schweife;
doch wurde mir unheimlich ganz allein bei dem Hunde, von dem
ich nicht einmal wußte, woher er gekommen war. Ich zog die

Klingel, denn ich wollte Licht und eine Erklärung über den vierbeinigen Gast haben. Leah trat ein.
,Was ist das für ein Hund?
, Er kam mit seinem Herrn.
, Mit wem?
,Mit seinem Herrn -- Mister Rochester -- der soeben
anlangte.
,Wirklich! und ist Mistreß Fairfax bei ihm?
, Jawohl, und Miß Adela auch; sie sind Alle im Speisesaale und John ist um einen Arzt gegangen; denn der Herr ist
vom Pferde gefallen und hat sich den Fuß verrenkt.
, Wohl gar am Wege nach Hay?
, Va, den Hügel herunter; das Pferd rutschte am Eise aus.
,Ah so! Bringen Sie mir ein Licht, Leah!
Leah brachte das Verlangte, hinter ihr kam Mistreß Fairfax,
welche die eben erwähnte Neuigkeit wiederholte und hinzufügte,
Mister Carter, der Arzt, sei gerade gekommen und in diesem Augenblicke bei Mister Rochester. Darauf huschte sie wieder zur Stube
hinaus, um Thee zu bestellen, und ich ging in meine Stube,
Hut und Mantel abzulegen.

XIII.

Auf Anordnung des Arztes legte sich Mister Rochester
zeitlich zu Bette und stand auch am nächsten Morgen eben nicht
sehr früh auf. Als er herunterkam, war es, um Geschäfte abzuthun; sein Verwalter und mehrere Pächter waren gekommen, ihn
zu sprechen.
Adela und ich mußten nun das Bibliothekszimmer räumen,
da es fortan als Empfangszimmer für Besucher dienen sollte.
In einem oberen Gemache wurde Feuer angemacht und dorthin
trug ich unsere Bücher und richtete es zum künftigen Lehrzimmer
ein. Noch im Verlaufe desselben Morgens bemerkte ich, wie sehr
sich Thornfieldhall verändert hatte; nicht länger war das Gebäude still wie eine Kirche, fast alle Stunden ertönte es vom
Klopfen an der Thür und vom Klange der Glocke; Schritte

ließen sich in der Halle vernehmen und fremde Stimmen wurden unten
in den verschiedensten Tonarten laut, mit einem Worte, ein neues
Leben strömte durch die Räume des Hauses; es hatte nun seinen
Herrn wieder und die Wahrheit zu sagen, gefiel es nun auch mir
viel besser.
Mit Adelen's Lehrstunden hieß es an diesem Tage nicht
viel; sie war nichts weniger als fleißig. Alle Augenblicke lief
sie zur Thür oder zum Treppengeländer, um Mister Rochester,
wenn auch nur im Fluge zu sehen; dann ersann sie wieder
einen Vorwand um den anderen, um hinunter ins Bihliothekszimmer gehen zu können, wo sie eigentlich, wie ich wohl wußte,
nichts zu thun hatte; und als ich sie, über ihr Herumlaufen
etwas böse, endlich einmal stillsitzen hieß, sprach sie unaufhörlich
von ihrem 'ami, Monsieur Eduard Fairfax de Rochester',
wie sie ihn nannte-- seinen vollen Titel hatte ich noch nie
gehört -- und erschöpfte sich in Muthmaßungen, was für Geschenke er ihr wohl mitgebracht hätte. Allem Anscheine nach hatte
er am Abend zuvor erwähnt, unter seinem Gepäcke, wenn es
von Millcote käme, befände sich auch eine gewisse kleine Schachtel,
für deren Inhalt sie sich sehr interessirte.
, Und daraus schließe ich, sagte sie französisch, , daß
diese Schachtel ein Geschenk für mich und wahrscheinlich auch
eines fur Sie enthält. Monsieur hat von Ihnen gesprochen; er
hat mich um den Namen meiner Erzieherin gefragt und ob es
nicht eine kleine, hagere, etwas blasse Person wäre. Ich bejahte
es, denn es ist so, nicht wahr Mademoiselle?
Wie gewöhnlich mittagmahlte ich mit meinem Zöglinge in
Mistreß Fairfax' Wohnstube; der Nachmittag war rauh, voll
Schneegestöber und wir brachten ihn im Schulzimmer zu. Als
es finster geworden war, erlaubte ich Adelen, ihre Bücher und
ihre Arbeit beiseite zu legen und hinabzugehen; denn aus der
verhältnißmäßigen Stille im unteren Stockwerke schloß ich, Mister
Rochester sei nun allein und habe Zeit. Nachdem mich das Kind
verlassen hatte, trat ich zum Fenster; doch ich konnte nichts sehen, denn
die eingebrochene Dämmerung und der dichte Schneefall verfinsterten die Luft und machten sogar das Gesträuch des Grasplatzes unsichtbar. Ich ließ den Vorhang herunter und ging zum
Camine zurück.

In die helle Kohlenglut blickend, dachte ich eine Ansicht
des Heidelberger Schlosses zu sehen, wie man es mir einmal
auf einem Bilde gezeigt hatte, als Mistreß Fairfax in die Stube
trat und sowohl die feurige Vision als auch einige trübe Gedanken verscheuchte, die eben in meinem Inneren aufzusteigen
begannen.
,Mister Rochester läßt um das Vergnügen Ihrer und
Adelen's Gegenwart beim Thee im Gesellschaftszimmer bitten,
sagte sie; , er war den ganzen Vormittag so sehr beschäftigt,
daß er Sie nicht früher darum ersuchen konnte.
, Um welche Stunde pflegt er Thee zu nehmen? frug ich.
, Um sechs Uhr; auf dem Lande thut er alle Mahlzeiten
sehr zeitlich ab. Sie werden wohl thun, sich jetzt umzukleiden.
Ich will mit Ihnen gehen und Ihnen das Kleid zumachen. Hier
ist eine Kerze.
, Ist's denn nöthig, ein anderes Kleid anzuziehen?
, Freilich, es ist immer besser; ich wenigstens ziehe mich
für den Abend immer um, wenn Mister Rochester hier ist.
Die überflüssige Ceremonie roch etwas nach Steifheit; doch
ging ich in meine Stube und vertauschte mit Mistreß Fairfax's
Hilfe mein schwarzwollenes Kleid mit einem schwarzseidenen,
nächst einem lichtgrauen Anzuge, der aber nach meinen Lowooder
Toilettebegriffen viel zu schön war, um bei anderen, als den
allerfeierlichsten Gelegenheiten getragen zu werden, das beste
Stück meiner Garderobe.
, Sie müssen eine Broche vorstecken, bemerkte Mistreß
Fairfax. Ich besaß bloß eine kleine mit Perlen besetzte Schnalle,
welche mir Miß Temple beim Scheiden zum Andenken gegeben
hatte; ich befestigte sie ans Kleid und wir gingen die Treppe
hinunter. An den Verkehr mit unbekannten Personen nur wenig
gewöhnt, hielt ich meine förmliche Erscheinung in Mister
Rochester's Gegenwart beinahe für eine Tortur. Ich ließ Mistreß
Fairfax vorausgehen und drückte mich in ihren Schatten, während
wir durch den Speisesaal und weiter durch den Bogen schritten,
dessen Vorhang jeht zugezogen war und die eleganten Räume des
Besuchszimmers verhüllte.
Zwei Wachslichter standen auf dem Tische, zwei andere
auf dem Caminsimse; im Lichte und in der Wärme eines vortrefflichen Feuers lag Pilot, neben welchem Adela am Boden
kniete. Halb auf einem Sopha liegend, den Fuß durch ein
Kissen unterstützt, war Mister Rochester sichtbar, der Glanz des
Feuers beschien sein Antlitz. Sofort erkannte ich den Reisenden
von gestern an seinen schwarzen, buschigen Augenbraunen, an
seinem viereckigen, durch den horizontalen Schnitt der Haare
noch viereckiger erscheinenden Vorderkopfe, auch die markirte,
mehr durch Charakter als durch Schönheit ausgezeichnete Nase,
die weiten cholerischen Nasenlöcher, der verzogene Mund nebst
Kinn und Kinnlade. Alles das sah ich wieder und ein Irrthum
war unmöglich.
Wie ich nun, wo kein Mantel seine Gestalt verhüllte,
bemerken konnte, harmonirte die Viereckigkeit der letzteren
mit seiner Physiognomie auf das Vollkommenste, wohl mochte
seine Figur vom athletischen Standpunkte aus befriedigen, da sie
eine breite Brust und schmale Taille aufwies, allein schlank und
graciös konnte man sie durch aus nicht nennen.
Mister Rochester mußte unser Eintreten bemerkt haben; doch
schien er nicht in der Laune zu sein, von mir und Mistreß
Fairfax Kenntniß zu nehmen, denn er hob nicht einmal den
Kopf in die Höhe, als wir näher kamen.
,Miß Eyre, Sir, sagte Mistreß Fairfax, mich ihm vorstellend, in ruhiger Weise. Er nickte, ohne die Augen von der
Gruppe des Hundes mit dem Kinde zu verwenden.
,Lassen Sie Miß Eyre Platz nehmen, versetzte er; und
in dem förmlichen, steifen Kopfnicken, dem ungeduldigen Tone
lag etwas, das zu sagen schien: , Was zum Kuckuck geht es denn
mich an, ob Miß Eyre hier ist oder nicht? Jetzt bin ich gerade
nicht gelaunt, sie anzureden.
Ich setzte mich nieder, jede Verlegenheit war von mir
gewichen. Ein vollendet höflicher Empfang hätte mich wahrscheinlich verwirrt gemacht; ich hätte ihn meinerseits weder mit
hinreichender Gracie noch mit Eleganz erwidern können; barsche
Laune hingegen befreite mich von aller Verbindlichkeit; vielmehr
gab mir meine von guter Lebensart zeigende bescheidene Ruhe
allen Vortheil in die Hand. Zudem war das Ungewöhnliche in
Mister Rochester's Benehmen wirklich pikant; ich war neugierig,
was nun weiter werden sollte.

Er benahm sich wie eine Bildsäule; das heißt er sprach
nicht und bewegte sich ebenso wenig. Mistreß Fairfax schien es
für nöthig zu erachten, daß irgend jemand Liebenswürdigkeit
entwickle, und begann zu sprechen. Freundlich und hausbacken
wie gewöhnlich, bedauerte sie Mister Rochester wegen der vielen
Geschäfte, die er den ganzen Tag über gehabt; wegen der
Schmerzen, die ihm seine Verrenkung verursachen müsse, und
bewunderte schließlich die Geduld, die er bei allen diesen Anlässen gezeigt hätte.
, Madame, ich möchte Thee haben, war die einzige Antwort, die sie ihm entlockte. Sie beeilte sich zu klingeln und als
das Theegeschirr anlangte, machte sie sich mit den Tassen,
Löffeln u. s. w. zu thun. Ich und Adele setzten uns an den
Tisch; der Herr des Hauses jedoch blieb auf dem Sopha liegen.
, Wollen Sie Mister Rochester seine Tasse hinlangen,
sagte Mistreß Fairfax zu mir; ,Adele möchte den Thee verschütten.
Ich that nach Gebot. Als er mir die Tasse aus der Hand
nahm, hielt Adela den Augenblick für günstig, ein Wort zu
meinen Gunsten einzulegen.
, N est-ce pas, Monsieur, qu'il y a un cadeau pour
Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?
, Wer spricht von Cadeaus, sagte er mürrisch; ,haben
Sie ein Geschenk erwartet, Miß Eyre? Haben Sie es gerne,
wenn man Sie beschenkt? - Dabei ließ er seine schwarzen, galligen, durchbohrenden Augen forschend auf mir ruhen.
, Ich weiß es nicht recht, Sir, ich kann darüber nicht aus
Erfahrung sprechen; im Allgemeinen pflegen Geschenke recht willkommen zu sein.
, Im Allgemeinen! Ich will wissen, was Sie davon
denken?
, Ich müßte mir Zeit nehmen nachzudenken, bevor ich Ihnen
eine Antwort geben könnte, welche würdig wäre, von Ihnen
entgegen genommen zu werden; ein Geschenk kann mannigfache
Bedeutung haben, und man müßte sie alle wohl erwägen, ehe
man ein vernünftiges Urtheil zu fällen im Stande wäre.
, Miß Eyre, Sie sind nicht so offenherzig wie Adela; die
verlangt von mir unter Geschrei und Lärm ein Geschenk, im

Augenblick, wo sie mich sieht, Sie hingegen gehen wie die Katze
um den Brei herum.
,Weil ich in meine Verdienste weniger Vertrauen setze, als
Adela in die ihrigen; für sie spricht das Recht einer älteren
Bekanntschaft, und das Gewohnheitsrecht; denn wie sie selbst
sagt, pflegen Sie ihr stets Spielsachen zu schenken; sollte ich
hingegen meine Ansprüche geltend machen, wäre ich wirklich in
Verlegenheit, da ich Ihnen fremd bin, und durch nichts Ihre
Erkenntlichkeit verdient habe.
, Oh! nur nicht zu bescheiden! Ich habe Adelen geprüft
und gefunden, daß Sie sich sehr viel Mühe genommen haben;
das Mädchen hat keine schnelle Fassungskraft und keine besonderen
Talente, und doch hat sie in der kurzen Zeit große Fortschritte
gemacht.
,Sir, dieser Ausspruch ist das schönste Geschenk, ich danke
Ihnen; es kann für eine Lehrerin nichts Angenehmeres geben,
als die Fortschritte ihres Zöglings anerkannt zu sehen!
,O! rief Mister Rochester und leerte seine Tasse.
, Kommen Sie zum Feuer, fuhr er fort, als der Tisch
abgeräumt war und Mistreß Fairfax sich mit ihrer Stickerei in
eine Ecke zurückgezogen hatte, während mich Adela im Zimmer
herumführte, und die Prachtwerke und allerliebsten Kleinigkeiten auf
den Chiffonieren und Nipptischchen sehen ließ. Wir folgten der
Aufforderung; Adela wollte sich auf meinen Schoß setzten, allein
sie bekam Befehl, sich mit Pilot zu unterhalten.
,Sie sind nun drei Monate in meinem Hause?
,Ja, mein Herr.
,Und Sie kamen von --
,Lowood, einer Erziehungsanstalt in der Grafschaft ***
,Aha! eine Waisenschule. Wie lange waren Sie dort?
,Acht Jahre.
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich war
der Meinung, die Hälfte eines solchen Zeitraumes in einer
solchen Anstalt zugebracht, müßte die kräftigste Natur aufreiben.
Kein Wunder, daß Sie aussehen, als gehörten Sie bereits der
anderen Welt an. Ich wußte nicht recht, wo Sie Ihr Gesicht
her hätten. Als Sie gestern Abends am Wege nach Hay auf
mich zukamen, dachte ich unwillkürlich an Feenmärchen, und
wollte Sie beinahe fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten,
und fast glaube ich's noch jetzt. Wer sind Ihre Eltern?
,Ich habe keine.
,Und hatten auch nie welche, denk' ich. Können Sie sich
ihrer entsinnen?
,Nein.
,Dacht' ich's doch! Sie erwarteten also Ihre Unterthanen,
als Sie auf jenem Stege saßen?
,Meine Unterthanen? Wieso?
,Ei nun, die Elfen und Grasmännchen; der mondhelle
Abend war dazu wie geschaffen. Durchbrach ich einen Ihrer
Elfenringe, daß Sie zur Strafe das Eis unter die Hufe meines
Pferdes zauberten?
Ich schüttelte den Kopf. ,Die Elfen und Grasmännchen
haben England schon seit Hunderten von Jahren verlassen,
sagte ich mit demselben Ernst. ,Nicht einmal in den Feldern
und auf den Wegen ringsum findet man eine Spur von ihnen.
Ich glaube weder im Sommer, noch im Herbst, noch im Winter
wird der Mond je wieder ihre Tänze bescheinen.
Mistreß Fairfax ließ ihre Strickerei fallen und sah uns
voll Verwunderung an, was für ein Gespräch wir wohl
führten.
,Nun denn, hob Mister Rochester wieder an, ,wenn Sie
auch keine Eltern haben, so müssen Sie doch andere Verwandte,
Onkeln und Tanten besitzen?
,Nein, ich habe nie welche gesehen.
,Und wo ist Ihre Heimat?
,Ich habe keine Heimat.
,Wo leben Ihre Geschwister?
,Ich habe keine Geschwister.
,Wer empfahl Sie zu Ihrer jetzigen Stelle?
,Ich gab ein Gesuch in die Zeitung, worauf mich Mistreß
Fairfax kommen ließ.
,Ja wohl, sagte die gute Dame, die nun unser Gespräch
wieder verständlich fand, ,und ich danke Gott täglich für die
gute Wahl, die er mich treffen ließ. Miß Eyre war mir eine
unschätzbare Gesellschafterin, und Adelen eine gütige und sorgsame Lehrerin.
,Geben Sie sich keine Mühe mit Ihrer Anempfehlung,
versetzte Mister Rochester; ,Lobsprüche thun es bei mir nicht,
ich muß erst selbst urtheilen. Bei mir hat sie den Anfang damit
gemacht, daß sie mein Pferd zum Stürzen brachte.
,Wie, bitt' ich? sagte Mistreß Fairfax,
,Ich habe ihr diese Verrenkung zu verdanken.
Die gute Frau sah ganz bestürzt darein.
,Haben Sie je in einer Stadt gelebt, Miß Eyre?
,Nein.
,Sind Sie viel in Gesellschaft gewesen?
,In keiner anderen als derjenigen der Zöglinge und der
Lehrerinnen zu Lowood und jetzt der Bewohner von Thornfield.
,Haben Sie viel gelesen?
,Bloß solche Bücher, die mir gerade in die Hände fielen
und die waren weder zahlreich, noch sehr gelehrt.
,Sie haben ja wie eine Nonne gelebt; ohne Zweifel sind
Sie in religiösen Ceremonien sehr bewandert. Brocklehurst, der
Director von Lowood, ist ein Pfarrer, wie ich gehört habe;
nicht wahr?
,Ja, mein Herr.
,Und Ihr Mädchen verehrtet ihn wahrscheinlich, wie ein
Kloster voll Nonnen seinen geistlichen Schutzherrn verehrt?
, O nein.
,Sie sind sehr frostig! Nein, sagen Sie. Wie, eine Novize
sollte ihren Beichtiger nicht verehren? Das klingt ja wie eine
Gotteslästerung.
, Ich konnte Mister Brocklehurst nicht leiden, und nicht ich
allein hegte dieses Gefühl. Er ist ein harter Mann, ein hochtrabender Mensch und zugleich ein Topfgucker, er ließ uns die
Haare abschneiden und kaufte uns aus lauter Sparsamkeit schlechte
Nadeln und schlechten Zwirn, daß wir kaum nähen konnten.
,Eine übel angewandte Sparsamkeit, bemerkte Mistreß
Fairfax, die nun wieder den Faden unseres Gespräches erfaßt
hatte.
, Und war das seine größte Missethat? fragte Mister
Rochester.
,Er ließ uns Hunger leiden, so lange er allein die Aufsicht über das Hauswesen führte und bevor ein Ausschuß eingesetzt war; und er quälte uns wöchentlich einmal mit langen
Andachtsübungen und mit Abendvorlesungen aus Büchern von
eigener Fabrikation, über plötzliche Todesfälle und Gottesurtheile,
daß wir uns ordentlich fürchteten, zu Bett zu gehen.
, Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
, Beiläufig zehn Jahre.
, Und Sie brachten daselbst acht Jahre zu; Sie sind also
gegenwärtig achtzehn Jahre alt?
Ich bejahte es.
, Die Rechenkunst ist, wie Sie sehen, zu Vielem nütze, ohne
ihre Beihilfe wäre ich kaum im Stande gewesen, Ihr Alter zu
errathen. Es ist sehr schwer zu bestimmen, sobald, wie dies bei
Ihnen der Fall ist, die Züge und der Gesichtsausdruck so sehr
im Unklaren lassen. Und nun, was haben Sie in Lowood gelernt?
Können Sie Pianoforte spielen?
, Ein wenig.
, Richtig; das ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie ins
Bibliothekzimmer, wenn es Ihnen gefällig ist, will ich sagen.
-- Verzeihen Sie meinen befehlenden Ton; ich bin es einmal
gewohnt, und kann meine Gewohnheiten einer neuen Hausbewohnerin wegen nicht ablegen.- Gehen Sie also ins Bibliothekzimmer, nehmen Sie ein Licht mit, lassen Sie die Thür offen,
setzen Sie sich zum Piano und spielen Sie ein Stück.
Ich ging, seinen Befehl zu vollführen.
, Genug! rief er nach wenigen Minuten. , Sie spielen
wirklich ein wenig, wie ich bemerke; wie jedes andere Schulmädchen, vielleicht auch etwas besser, aber nicht gut.
Ich machte das Piano zu und kam zurück. Mister Rochester
fuhr fort:
,Adele zeigte mir diesen Morgen einige Skizzen, wie sie
sagte, von Ihrer Hand. Ich weiß nicht, ob Sie sie ganz allein
gezeichnet haben, wahrscheinlich hat Ihnen ein Meister geholfen.
,Nein, gewiß nicht! wehrte ich ab.
, Ei, verletzte Eigenliebe! Nun gut, bringen Sie Ihr
Skizzenbuch her, wenn Sie sich verbürgen können, daß alles
von Ihrer Hand ist; aber bedenken Sie sich wohl, ehe Sie Ihr
Wort geben; denn ich versichere Sie, daß ich alle Nachbesserungen
erkenne.
,Dann will ich lieber nichts sagen und Sie mögen selbst
urtheilen.
Ich holte mein Skizzenbuch aus dem Bibliothekzimmer.
,Nücken Sie den Tisch näher. Ich rollte ihn zum Sopha.
Adele und Mistreß Fairfax kamen herbei, die Zeichnungen anzusehen.
, Kein Gedränge, sagte Mister Rochester; ,nehmt die
Blätter aus meiner Hand, wenn ich damit fertig bin, aber lehnt
Eure Gesichter nicht an das meine.
Er untersuchte jede Skizze und jede Malerei mit Aufmerksamkeit. Drei Blätter legte er beiseite; die übrigen schob er
von sich.
,Nehmen Sie sie zum anderen Tische hin, Mistreß Fairfax, sagte er, ,und sehen Sie die Blätter mit Adelen durch;
-- Sie -- er blickte mich an -- nehmen wieder Ihren Platz
ein und beantworten mir einige Fragen. Ich sehe, daß diese
Gemälde von einer Hand sind; wohl von der Ihrigen?
Ja.
, Und wann fanden Sie Zeit, dieselben zu vollenden?
Denn sie erforderten viel Zeit und viel Nachdenken.
, Ich malte sie in den beiden letzten Ferien, die ich zu
Lowood zubrachte, wo ich nichts weiter zu thun hatte.
,Woher nahmen Sie die Idee dazu?
,Aus meinem Kopfe.
,Aus demselben Kopfe, den ich da auf Ihren Schultern
sehe?
, Ja, mein Herr.
, Enthält er einen weiteren Vorrath von derlei Dingen?
, Ich sollt' es meinen; ich hoffe noch bessere Sachen.
Er legte die drei Gemälde in eine Reihe vor sich hin und
betrachtete sie neuerdings eines um das andere.
Während er damit beschäftigt ist, will ich dem Leser beschreiben, was die Bilder vorstellten und vor allem die Bemerkung
vorausschicken, daß sie durchaus nichts Wunderbares an sich
hatten. Allerdings war der Gegenstand einer jeden dieser Darstellungen mit großer Lebhaftigkeit in meinem Geiste, in meinem
Inneren aufgestiegen; da ich ihn mit meinem geistigen Auge sah
und ehe ich es versuchte, den Gedanken zu verkörpern, ergriff

er mich mit aller Macht; allein meine Hand hielt nicht gleichen
Schritt mit meiner Phantasie und lieferte in den drei Bildern
nur schwache Umrisse meiner inneren Anschauungen.
Die Bilder waren in Aquarell gemalt. Das erste zeigte
niedrig hängende, schwarzgelbe, über die hohlgehende See dahinrollende Wolkenmassen; den ganzen Hintergrund und auch den
Vordergrund deckte tiefes Dunkel; vom Lande sah man keine
Spur. Ein einziger Lichtstrahl hob einen halbversunkenen Mast
hervor, auf dem ein schwarzer großer Seerabe saß, die Flügel von
den schäumenden Wellen bespritzt; im Schnabel hielt er ein
goldenes, mit Edelsteinen besetztes Armband, dem ich die lebhaftesten Farben meiner Palette, diejenige glänzende Deutlichkeit
gegeben hatte, deren nur immer mein Pinsel fähig war. Unterhalb des Mastes und des Vogels schimmerte ein versinkender
Leichnam durch die grünen Wellen; ein schöner weißer Arm allein
war deutlich sichtbar, von dem die Wellen ohne Zweifel das
Armband weggespült hatten.
Das zweite Gemälde stellte im Vordergrunde bloß den
nebelumflossenen Gipfel eines Berges dar, mit einigen Blättern
und etwas Gras, das aussah, als hätte es ein starker Wind
umgelegt. Jenseits und oberhalb der Bergkuppe dehnte sich ein
tiefblauer Himmel aus, so blau, wie er im Zwielicht zu sein
pflegt; zu den Wolken aufsteigend, bot sich dem Beschauer die
Büste einer Frauengestalt dar, die ich mit den zartesten Farben,
soviel wie möglich nur hingehaucht hatte. Ein Stern schmückte
die halb durchsichtige Stirne; die unteren Gesichtszüge verschwammen wie in Aetherduft; nur die Augen leuchteten finster
und wild und die Haare flatterten dunkel in der Luft, wie eine
vom Sturme und vom Blitz zerzauste finstere Wolke. Den Nacken
umfloß ein schwacher, dem Mondlicht ähnlicher Reflex; derselbe
matte Schimmer lag auf den kleinen Wölkchen, denen diese Vision
des Abendsternes entstieg.
Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines in der Atmosphäre
des Polarwinters emporstarrenden Eisberges; ein Nordlicht faßte
mit seinen eng nebeneinander auffallenden, schimmernden Lanzen
gleichen Strahlen rings den Horizont ein. Diese Gegenstände
zurückdrängend, erhob sich im Vordergrunde ein kolossaler, gegen
den Eisberg geneigter, sich daran lehnender Kopf. Zwei dünne

Hände, unter der Stirne gefaltet, stützten ihn und bedeckten die
unteren Gesichtszüge wie mit einem dunklen Schleier; die Stirne
war blutleer und weiß wie Alabaster, das Auge hohl und starr
und bis auf den gläsernen Ausdruck der Verzweiflung ganz
gedankenlos. Ueber den Schläfen, inmitten einem turbangleichen,
in seiner Unbestimmtheit wohl auch einer Wolke ähnlichen schwarzen
Kopfputze erglänzte in Form eines Diadems eine weiße Flamme,
statt der Edelsteine mit Funken von tieferer Glut besetzt. Der
blasse Flammenring war ,das Bildniß einer Königskrone', und
das, was er schmückte, , die formlose Gestalt.
,Waren Sie glücklich, als sie diese Bilder malten? fuhr
Mister Rochester in seinem Verhöre fort.
,Wohl, ich vertiefte mich hinein und war glücklich. Indem
ich diese Gemälde schuf, empfand ich das lebhafteste Vergnügen,
das je in meinem Inneren Platz gefunden.
,Damit sagen Sie nicht zu viel. Vergnügen mögen Sie,
Ihrer eigenen Erzählung nach, nur sehr wenig genossen haben,
eigentlich lebten Sie, während Sie diese wunderlichen Tinten
zusammenstellten, als Künstlerin in einem Traumlande. Saßen
Sie des Tages lange über Ihrer Arbeit?
,Ich hatte nichts weiter zu thun, da wir Ferien hatten, und
so malte ich den ganzen Tag über; die Länge der Sommertage
unterstützte mich in meinem Fleiße aufs beste!
,Befriedigte Sie der Erfolg Ihrer Bemühung?
,Weit davon entfernt, berührte mich der Unterschied zwischen
der Idee und dem Werke meiner Hand sehr schmerzlich; ich
hatte mir bei jedem der Bilder etwas gedacht, das zu verwirklichen ich außer Stande war.
,Nicht ganz -- Sie haben den Schatten ihrer Gedanken
wiedergegeben, aber auch nichts weiter. Es fehlte Ihnen die
Geschicklichkeit und Gewandtheit des geübten Künstlers, um Ihre
Idee vollkommen zu verkörpern; bei allem dem jedoch sind diese
Gemälde, namentlich von der Hand eines Schulmädchens, sehr
beachtenswerth. Die Gedanken besonders sind elfenartig. Diese
Augen am Abendstern müssen Sie einmal im Traum gesehen
haben. Wie fingen Sie es an, sie so hell und doch so ganz und
gar nicht glänzend zu geben? Denn der Planet dort oben verdunkelt ihre Strahlen. Und welche Gedankenfülle liegt in ihrer
ernsten Tiefe! Und wer lehrte Sie den Wind malen? Der Sturm
weht durch diesen Horizont und über jene Bergkuppe. Wo haben
Sie Latmos gesehen? -- denn dies hier ist Latmos. Hier --
nehmen Sie die Bilder weg.
Ich hatte kaum die Bänder meines Skizzenbuches zugenestelt,
als er mit einem Blicke auf seine Uhr plötzlich ausrief:
,Es ist neun Uhr, was fällt Ihnen ein, Miß Eyre,
Adelen so lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu
Bette.
Adela küßte ihn, bevor sie das Zimmer verließ; er ließ sich
die Liebkosung gefallen, ohne mehr Antheil daran zu nehmen,
als etwa Pilot gethan hätte, vielleicht nicht einmal so viel.
, Ich wünsche Ihnen Allen eine gute Nacht, sagte er mit
einer Handbewegung gegen die Thür, um anzuzeigen, er sei
unserer Gesellschaft müde und wünsche nun allein zu sein.
Mistreß Fairfax legte ihre Stickerei zusammen; ich nahm mein
Skizzenbuch; wir machten unseren Knix, den Mister Rochester
mit einem frostigen Kopfnicken erwiderte, und verließen das
Gesellschaftszimmer.
, Sie sagten, Mister Rochester habe keine besonderen Eigenheiten an sich, Mistreß Fairfax, bemerkte ich, als ich Adelen
zu Bette gebracht und die alte Dame in ihrer Stube wieder
aufgesucht hatte.
,Nun, ist's nicht so?
, Ich dächte nicht; er ist sehr barsch und sehr wetterwendisch.
, Möglich, daß er fremden Leuten so vorkommt, doch ich
bin seine Manieren so gewohnt, daß ich gar nichts Besonderes
bemerke. Und wenn er auch Grillen und Launen hat, ei nun,
so muß man wohl Nachsicht mit ihm haben.
, Wie so?
,Theilweise weil es seine Natur mit sich bringt - und
für seine Natur kann niemand, theilweise darum, weil ihn
wahrscheinlich schmerzliche Gedanken quälen und ihn eben grillig
und launisch machen.
, Worüber sollten ihm schmerzliche Gedanken kommen?
, Einmal über Familienverhältnisse.
,Aber er hat ja keine Familie?

, Jetzt wohl nicht, aber früher hatte er welche -- wenigstens
Verwandte. Er verlor seinen älteren Bruder erst vor einigen
Jahren.
, Seinen älteren Bruder?
, Ja wohl, der jetzige Mister Rochester ist noch nicht lange
im Besitze der Familiengüter, kaum neun Jahre.
,Neun Jahre sind ein ziemlicher Zeitraum. Hatte er denn
seinen Bruder so besonders lieb, daß er über dessen Verlust noch
jetzt trauert?
,Nun, ich denke nicht sehr. Ich glaube, es herrschten sogar
Mißverständnisse zwischen den Beiden. Mister Rowland Rochester
betrug sich gegen Mister Eduard nicht ganz brüderlich; ich glaube
sogar, er hetzte seinen Vater gegen ihn auf. Der alte Herr war
geizig und suchte um jeden Preis das Familienvermögen zusammenzuhalten. Einestheils wollte er nun die Besitzungen nicht
durch Theilung zersplittern, andererseits hätte er gerne gesehen,
daß auch Mister Eduard Vermögen besitze, um seinem Namen
Ehre zu machen, und gleich nachdem er großjährig geworden
war, wurden einige eben nicht sehr ehrenhafte Maßregeln ergriffen, die viel Unheil stifteten. Der alte Mister Rochester und
Mister Rowland brachten Mister Eduard in ein, nach des
letzteren Begriffen sehr peinliches Verhältniß, damit er sein
Glück mache; von welcher besonderen Art dieses Verhältniß war,
habe ich nie erfahren können, doch sein Gemüth konnte es nicht
ertragen, was er darunter zu leiden hatte. Er ist nicht sehr
versöhnlich; er brach mit seiner Familie, und nun führt er seit
Jahren ein unruhiges, unstetes Leben. Ich glaube kaum, daß
er ein einzigesmal nur vierzehn Tage nacheinander in Thornfield
zubrachte, seit ihn der Tod seines Bruders, der ohne Testament
starb, in den Besitz der Familiengüter setzte; und wirklich ist's
kein Wunder, wenn er das alte Haus meidet.
, Warum sollte er es meiden?
, Vielleicht ist's ihm zu düster.
Die Antwort war ausweichend; gerne hätte ich etwas
Bestimmteres erfahren; allein Mistreß Fairfax konnte oder wollte
mir keine nähere Auskunft über Mister Rochester's Prüfungen
geben. Sie versicherte indessen, daß dieselben auch für sie ein
Geheimniß wären und daß das Wenige, was sie wüßte, eben
nur in bloßen Vermuthungen bestünde. Aus allem ging in der
That hervor, daß sie es wünschte, ich möchte den Gegenstand
fallen lassen, was ich denn auch sofort that.

XIV.

Mehrere Tage hintereinander bekam ich Mister Rochester
nur sehr selten zu sehen. Des Morgens schien er mit Geschäften
überhäuft zu sein und Nachmittags kamen gewöhnlich einige
Herren von Millcote und der Umgebung zu Besuche und blieben
auch wohl über Tische. Nachdem seine Verrenkung geheilt war
und er wieder zu Pferde konnte, ritt er sehr viel herum, wahrscheinlich erwiderte er alle diese Besuche, denn er kam gewöhnlich
sehr spät in der Nacht zurück.
Während dieser Zeit ließ er selbst Adelen nur äußerst
selten vor und mein ganzer Umgang mit ihm beschränkte sich
auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle, auf der Treppe
oder auf dem Gange, wo er gewöhnlich hochmüthig und kalt
an mir vorüberging und meine Gegenwart höchstens durch ein
flüchtiges Kopfnicken und einen frostigen Blick begrüßte, zuweilen
jedoch auch eine Verbeugung und ein feines artiges Lächeln zum
Besten gab. Die Ungleichheit seines Benehmens beleidigte mich
nicht, denn ich wußte, daß ich daran keine Schuld trug; diese
Ebbe und Fluth hatten ganz andere Ursachen, die mit mir in gar
keiner Verbindung standen.
Eines Tages, wo er gerade Gäste zu Tische hatte, schickte
er um mein Skizzenbuch, ohne Zweifel um es während des
Essens sehen zu lassen; die Herren entfernten sich schon zeitlich,
um, wie mir Mistreß Fairfax sagte, einer Volksversammlung in
Millcote beizuwohnen. Da der Abend naß und rauh war,
begleitete sie Mister Rochester nicht und sie waren kaum fort,
als er klingelte und mir sagen ließ, ich möchte mit Adelen
hinunter kommen. Ich kämmte Adelen's Haar glatt und machte
sie sauber, und nachdem ich mich versichert hatte, daß auch mein
gewöhnlicher Quäkeranzug, der übrigens, die festgedrehten Locken
mit inbegriffen, zu einfach war, um in Unordnung gerathen zu
können, nichts zu wünschen übrig ließ, eilten wir nun, der Einladung Folge zu leisten; Adela voll der höchsten Hoffnung, der
,petit coffre', dessen Ankunft irgend eine Irrung verzögert
hatte, sei nun endlich angelangt. Sie wurde befriedigt; ein kleines
Pappkästchen stand auf dem Tische des Speisezimmers. Das Kind
schien es aus Instinct zu kennen.
, Ma boite, ma boite! rief sie, darauf losrennend.
, Wohl, da ist endlich Deine ,boite''; nimm sie mit in
einen Winkel, Du echtes Pariser Kind, und unterhalte Dich
damit, sie auszupacken, ließ sich Mister Rochester's tiefe, beinahe sarkastische Stimme aus dem Abgrunde eines ungeheuren
Lehnstuhles vom Camin her vernehmen. ,Und sieh zu, daß Du
mich nicht mit den Einzelnheiten des anatomischen Processes oder
mit Bemerkungen über die Beschaffenheit der Eingeweide belästigst,' schloß er; ,nimm Deine Operation in der Stille vor
tiens-toi tranquille, enfant; comprends-tu?
Adela schien dieser Ermahnung kaum zu bedürfen; schon
hatte sie sich mit ihrem Schate auf ein Sopha zurückgezogen
und war emsig beschäftigt, den Bindfaden loszumachen, der den
Deckel zuhielt. Damit zu Ende gelangt und nach Entfernung des
umgeschlagenen Seidenpapieres war ihr einziger Ausruf:
,Oh, ciel! Que c'est beau!' worauf sie sich im Entzücken des Anschauens verlor.
,Ist Miß Eyre hier? frug Mister Rochester, sich halb
von seinem Sitze erhebend und zur Thür blickend, wo ich stehen
geblieben war.
,Ah, schön! Kommen Sie vor, nehmen Sie hier Platz.
Er zog einen Stuhl neben den seinigen hin. , Ich kann das
Kindergeplauder nicht leiden, fuhr er fort; ,denn in mir altem
Junggesellen erweckt ihr Lallen eben keine angenehmen Gedanken.
Es wäre mir unausstehlich, einen ganzen Abend im tete-a-tete
mit einem kleinen Fratzen zuzubringen. Rücken Sie Ihren Stuhl
nicht zurück, Miß Eyre; setzen Sie sich dort nieder, wo ich ihn
hingestellt habe -- wenn es Ihnen gefällig ist, heißt das. Der
Teufel hole die Höflichkeiten! Ich vergesse immer darauf. Auch
die hausbackenen alten Damen mag ich nicht besonders. Beiläufig gesagt, muß ich die meinige hereinkommen lassen, ich darf
sie nicht vernachlässigen; sie ist eine Fairfax, oder war vielmehr

an einen Mann dieses Namens verheiratet und man sagt, Blut
sei dicker als Wasser.
Er zog an der Glocke und ließ Mistreß Fairfax einladen,
die sofort mit ihrem Strickkörbchen erschien.
, Guten Abend, Madame; ich habe nach Ihnen eines wohlthätigen Zweckes wegen geschickt; ich habe Adelen verboten, mit
mir über die erhaltenen Geschenke zu sprechen und sie ist nahe
daran zu platen. Haben Sie die Güte, sie anzuhören und mit
ihr zu sprechen, es wird dies die wohlthätigste Handlung Ihres
Lebens sein.
Adela hatte auch in der That kaum Mistreß Fairfax ersehen, als sie sie zum Sopha rief und ihr sofort sämmtliches
Porzellan, Elfenbein und die wächsernen Spielsachen aus dem
Pappkästchen in den Schoß warf, wobei sie in gebrochenem
Englisch eine Fluth von Erklärungen und Ausrufungen des Entzückens von sich gab.
,Nun habe ich die Pflichten eines sorgsamen Wirthes erfüllt,
meinte Mister Rochester, , und meinen Gästen den Weg zur
wechselseitigen Unterhaltung gebahnt; es ist Zeit, daß ich an
mein eigenes Vergnügen denke. Miß Eyre, rücken Sie Ihren
Stuhl noch ein wenig vor, Sie sitzen noch immer viel zu weit
zurück; ich kann Ihnen nicht ins Gesicht sehen, ohne meine
bequeme Stellung aufzugeben, was ich keineswegs zu thun gesonnen bin.
Ich that, wie mir geheißen wurde, obgleich ich bei weitem
lieber im Schatten gesessen wäre, allein Mister Rochester hatte
eine Art zu befehlen, die das Gehorchen als eine unausweichliche
Nothwendigkeit erscheinen ließ.
Wir saßen, wie ich bereits erwähnte, im Speisezimmer;
der Kronleuchter, der zum Mittagessen angezündet worden war,
erleuchtete das Gemach mit festlichem Glanze, das große Feuer
brannte hell und roth, die purpurnen Vorhänge fielen in weiten
und reichen Falten am hohen Fenster und dem noch höheren
Schwibbogen nieder; alles war stille, bis auf Adelen's leises
Geflüster, sie wagte es nicht laut zu sprechen, und bis auf die
schweren Regentropfen, die von Zeit zu Zeit an die Fenster
schlugen. Mister Rochester sah, im damastenen Lehnstuhle sitzend,
ganz anders aus, als je zuvor -- nicht so starr, nicht so finster.

Ein Lächeln spielte um seinen Mund und seine Augen leuchteten,
ob von genossenem Weine oder nicht, konnte ich nicht unterscheiden, doch hielt ich das Erstere für sehr wahrscheinlich. Mit
einem Worte, er war in seiner gewöhnlichen Dessertlaune, etwas
aufgeregter und gemüthlicher und darum auch genießbarer, als
in seiner frostigen, sauertöpfischen Morgenstimmung. Dennoch
bot er, seinen massiven Kopf im gepolsterten Stuhle zurückgelegt,
die wie in Granit ausgehauenen Gesichtszüge vom Feuer beschienen,
die großen, schwarzen Augen unter den Brauen hervorleuchtend,
einen wunderbar grimmigen Anblick dar. Seine Augen konnte man
sogar schön nennen und zuweilen zeigten sie in ihrer Tiefe einen
gewissen Schmelz, der, wenn er auch nicht von sanfteren Regungen
zeugte, so doch wenigstens daran mahnte.
Er hatte durch zwei Minuten unverwandt ins Feuer geblickt,
während welcher Zeit ich kein Auge von ihm wegwandte; als er
sich umsah, bemerkte er es.
, Sie sehen mich prüfend an, Miß Eyre, sagte er, , halten
Sie mich für schön?
Hätte ich nachgedacht, wäre mir vielleicht irgend eine der
üblichen höflichen Redensarten über die Lippen gekommen, so aber
entschlüpfte mir die unüberlegte Antwort:
,Nein, mein Herr!
,Ah! Auf Ehre! Ihre ganze Erscheinung ist sehr sonderbar, sagte er, ,Sie sehen ganz aus wie eine kleine Nonne,
geziert, still, ernst und einfach, mit gefalteten Händen sitzen Sie
da, die Augen in der Regel zu Boden geschlagen, wenn Sie sie
nicht -- wie gerade in diesem Augenblicke -- durchbohrend auf
mich heften, und fragt man Sie um etwas, oder macht man
eine Bemerkung, die eine Entgegnung erheischt, fahren Sie mit
einer Antwort heraus, die, wenn auch nicht plump, so doch
barsch klingt. Was wollten Sie vorhin damit sagen?
, Ich war zu offenherzig, mein Herr, ich bitte um Vergebung. Ich hätte erwidern sollen, daß es nicht leicht ist, auf
eine Frage über das Aeußere eines Menschen aus dem Stegreife
zu antworten, daß der Geschmack verschieden, daß auf Schönheit
nicht viel zu geben ist, oder so was dergleichen.
,Nichts von alledem hätten Sie sagen sollen. Auf Schönheit
ist nicht viel zu geben? Warum nicht gar! Unter dem Vorwande,

Ihre frühere Beleidigung zu verwischen, mich zu streicheln und
in Behaglichkeit einzulullen, stechen Sie mich heimlich mit einem
Federmesser hinters Ohr! Heraus damit, was ist Ihnen an meiner
Person nicht recht? Habe ich nicht gerade Glieder und Gesichtszüge wie ein anderer Mann?
, Mister Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort
zurückzunehmen; ich beabsichtigte keine spitze Erwiderung zu geben,
es war ein bloßer Mißgriff!
, So ist's; ich will es glauben, und Sie dafür verantwortlich machen. Nun kritisiren Sie mich: Gefällt Ihnen meine
Stirne nicht?
Er hob die dunklen Haarwellen in die Höhe, welche ihm
in horizontaler Linie ins Gesicht hingen, und wies eine solide
Masse von Organen geistiger Fähigkeiten; nur dort, wo das
Organ des Wohlwollens zu sein pflegt, zeigte sich ein gänzlicher
Mangel.
,Nun, Madame, bin ich ein alberner Mensch?
,Ganz und gar nicht, Sir. Sie werden mich vielleicht für
unartig halten, wenn ich Sie hingegen frage, ob Sie ein Menschenfreund sind?
,Wieder ein Stich, während Sie beabsichtigt, mir den Kopf
zu streicheln, und bloß deswegen, weil ich vorhin sagte, ich
könnte die Gesellschaft von Kindern und alten Weibern -- wir
müssen leise sprechen! nicht vertragen. Nein, junge Dame, ich
bin kein allgemeiner Philanthrop; doch bin ich gewissenhaft.
Hier deutete er auf denjenigen Theil seines Kopfes, der, wie
man sagt, diese Eigenschaft anzeigt, und bei ihm wirklich sehr
entwickelt war, sogar seinem Oberkopfe eine ungewöhnliche Breite verlieh. , Und zudem, fuhr er fort, , besaß ich ehedem auch eine
Art roher Gutherzigkeit. In Ihren Jahren war ich ein ziemlich
gefühlvoller Bursche, den Unmündigen, Nahrungslosen, und
Unglücklichen besonders zugethan; doch das Schicksal hat mich
seitdem herumgeworfen, mich sogar mit seinen harten Knöcheln
breitgeschlagen, und nun schmeichle ich mir, hart und zäh zu sein
wie ein Kautschukball; durch eine oder zwei Ritzen kann man
mir wohl noch beikommen, und just in der Mitte giebt es vielleicht auch noch einen fühlenden Punkt. Bleibt mir da noch einige
Hoffnung?

,Zu was, mein Herr?
,Zu meiner endlichen Wiederverwandlung von Kautschuk
zu Fleisch.
, Jedenfalls hat er zu viel Wein getrunken, dachte ich,
und wußte wirklich nicht, was ich auf seine sonderbare Frage
antworten sollte. Wie konnte ich es wissen, ob eine solche Umwandlung bei ihm möglich war?
, Sie sehen sehr verlegen aus, Miß Eyre; und wiewohl
Sie ebenso wenig hübsch sind, als ich schön bin, so steht Ihnen
die verlegene Miene doch recht gut; zudem hat sie den Vortheil,
daß sie Ihre durchdringenden Augen von meinem Gesichte ab-
und hinunter auf den Teppich lenkt; fahren Sie daher fort verlegen zu sein und die gewirkten Blumen zu betrachten. Meine
Dame, ich bin heute Abend in einer geselligen und mittheilsamen
Stimmung.
Dies verkündend, erhob er sich und stellte sich, den einen
Arm auf den Caminmantel gelehnt, vor mich hin; in dieser
Stellung ließ sich sowohl seine Gestalt, als sein Gesicht ganz
deutlich überblicken; die zu seiner Körperhöhe in keinem Verhältnisse stehende Breite seines Brustkastens trat besonders
hervor. Ich bin dessen gewiß, die Meisten hätten ihn für einen
häßlichen Mann gehalten, und doch lag so viel unbewußter
Stolz in seiner Haltung, eine so große Leichtigkeit in seinen
Bewegungen, sein Blick zeigte eine so vollkommene Gleichgiltigkeit gegen seine äußere Erscheinung, ein so hochmüthiges Vertrauen in seine, für den Mangel an körperlicher Anmuth reichlich entschädigenden geistigen Vorzüge, daß man unwillkürlich seine
Gleichgiltigkeit theilen und blindlings seinem Vertrauen beistimmen mußte.
, Ich bin heute in einer geselligen und mittheilsamen
Stimmung, wiederholte er, ,und eben deshalb habe ich um
Sie geschickt; das Feuer und die Lichter genügten mir nicht,
nicht einmal Pilot, denn sie alle können nicht sprechen. Adela
ist schon in einem Grad besser, doch immer noch weit vom
Ziele; Mistreß Fairfax detto. Von Ihnen hingegen bin ich überzeugt, daß Sie mir genügen können, wenn Sie nur wollen;
schon am ersten Abend, wo ich Sie zu mir lud, brachten Sie
mich in Verlegenheit. Seitdem waren Sie mir ganz aus dem
Sinne gekommen, andere Ideen hatten Sie aus meinem Kopfe
verdrängt, doch heute Abend will ich mir's bequem machen, will
von mir weisen, was mich belästigt und herbeirufen, was mir
Vergnügen macht. jetzt zum Beispiel, würde es mich freuen, Sie
auszuforschen, Sie besser kennen zu lernen. Sprechen Sie also --
Anstatt zu sprechen lächelte ich, doch weder verbindlich noch
unterwürfig.
,Sprechen Sie!' herrschte er.
,Wovon, Sir?
,Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen die Wahl des
Gegenstandes und der Behandlungsweise.
Gerade nun blieb ich ruhig sitzen und sagte gar nichts.
,Wenn er glaubt, ich werde sprechen, nur um zu sprechen und
ihm die Langeweile zu vertreiben, so hat er sich an die unrechte
Person gewendet, dachte ich bei mir.
, Sie sind stumm, Miß Eyre.
Ich blieb stumm. Er bog seinen Kopf etwas zu mir herab
und schien mit einem hastigen Blick mir durch die Augen in die
Seele sehen zu wollen.
,Störrisch, sagte er, ,und verdrießlich? Ach, es ist begreiflich. Ich habe meine Bitte in eine alberne, fast insolente Form
eingekleidet. Miß Eyre, ich bitte um Verzeihung, Sie mögen
es ein- für allemal wissen, daß ich Sie ganz wie meines Gleichen
zu behandeln beabsichtige und mir nur diejenige Ueberlegenheit
vorbehalte, die aus dem nahe an zwanzig Jahre betragenden
Unterschiede zwischen meinem und Ihrem Alter und aus meiner
fast um ein Jahrhundert vorgeschrittenen Lebenserfahrung natürlich hervorgeht. Dazu bin ich berechtigt, et j’y tiens, wie Adela
zu sagen pflegt, und bloß kraft dieser Ueberlegenheit bitte ich
Sie, die Güte zu haben, ein wenig mit mir zu plaudern und
mich zu zerstreuen. Meine Gedanken sind ordentlich wund und
ausgefressen wie ein rostiger Nagel, weil sie immer auf einem
Punkte stehen bleiben'
Er hatte sich zu einer Erklärung, zu einer Entschuldigung
herbeigelassen, ich war für dieses Entgegenkommen nicht unempfindlich und wollte es auch nicht scheinen.
,Gerne will ich Sie unterhalten, wenn ich es im Stande
bin, Sir, sehr gerne will ich es; doch wie soll ich den Gegenstand des Gespräches wählen, da ich nicht weiß, was Sie interessirt? Stellen Sie Fragen an mich und ich will mein Möglichstes thun, sie zu beantworten.
,Nun denn, sind Sie gleich mir der Meinung, daß ich
ein Recht habe, herrisch und barsch, vielleicht auch etwas anspruchsvoll gegen Sie zu sein, weil ich alt genug bin, Ihr Vater zu
heißen und weil ich mich unter allen Nationen herumgeschlagen
und den größten Theil der Erde durchpilgert habe, während Sie
ganz ruhig mit einer Gattung Menschen in einem und demselben
Hause lebten?
, Sie mögen thun, was Ihnen beliebt.
,Das ist keine oder vielmehr eine sehr aufreizende Antwort,
vielmehr eine Ausflucht. Sprechen Sie deutlich.
, Ich glaube, daß Sie nicht schon deshalb ein Recht
haben mir zu gebieten, weil Sie älter und mehr in der Welt
herumgekommen sind, als ich; es kommt noch darauf an, welchen
Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihrer Erfahrung gemacht
haben.
, Hm! Rasch geantwortet. Allein ich gebe es nicht zu, da
es mir nicht paßt, weil ich einen höchst unbedeutenden, um nicht
zu sagen schlechten Gebrauch von meinen beiden Vortheilen gemacht
habe. Aber lassen wir auch meine Ueberlegenheit aus dem Spiele,
so müssen Sie doch dann und wann Befehle von mir annehmen,
ohne mir den herrischen Ton übel zu nehmen und sich beleidigt
zu fühlen. Ist's nicht so?
Ich lächelte. , Mister Rochester ist ein eigener Mensch,
dachte ich bei mir; , er scheint zu vergessen, das er mir dreißig
Pfund jährlich zahlt, um seine Befehle entgegenzunehmen.
,Das Lächeln ist am rechten Ort, sagte er, den vorübergehenden Ausdruck schnell erfassend; , doch Sie müssen auch
sprechen.
,Ich dachte daran, daß sich wohl wenige Herren die Mühe
nehmen würden, Erkundigungen einzuziehen, ob ihre bezahlten
Untergebenen sich durch ihre Befehle verletzt fühlen -- oder nicht.
,Bezahlte Untergebene! Wie, sind Sie eine solche? Ach
ja, ich vergaß den Gehalt! Nun gut denn, wollen Sie mir auf
Grundlage dieser Besoldung erlauben, Sie dann und wann ein
wenig anzufahren?

,Nein, mein Herr, nicht auf dieser Grundlage, wohl aber
darum, weil sie auf diesen Umstand vergaßen und es Ihnen
daran liegt, daß sich diejenigen, die von Ihnen abhängen, in
diesem Verhältnisse wohl fühlen.
,Und wollen Sie mir eine Masse conventioneller Formen
und Redensarten nachsehen, ohne mir die Unterlassung als Ungezogenheit anzurechnen?
,Nie werde ich ein freies Benehmen mit Ungezogenheit verwechseln, das eine liebe ich sogar, das andere würde sich wohl
kein freigeborenes Wesen für alle Besoldungen der Welt gefallen
lassen.
,Albernes Geplauder! Die meisten freigeborenen Leute lassen
sich alles mögliche für Geld gefallen; bleiben Sie daher bei
Ihrer eigenen Person stehen und lassen Sie sich nicht in allgemeine Urtheile ein, von denen Sie gar nichts wissen. Dessenungeachtet reiche ich Ihnen Ihrer Antwort wegen und trotz ihrer
Unrichtigkeit im Geiste die Hand, und zwar ebenso sehr des Inhaltes, als auch der Manier wegen, in welcher Sie Ihren Ausspruch von sich gaben. Die letztere war frei und offen, wie
man sie nicht oft zu Gesichte bekommt; im Gegentheil pflegt
man Ziererei, Kälte oder einem albernen, von geringer Bildung
zeugenden Mißverständniß seiner Meinung zu begegnen. Unter
dreitausend steifen Erzieherinnen hätten nicht drei so geantwortet,
wie Sie es eben thaten. Indessen will ich Ihnen damit keine
Schmeichelei sagen; wenn Sie anderen Geistes sind als die
Mehrzahl, so ist dies nicht Ihr Verdienst, sondern das der
Natur, die Sie schuf. Wenn ich mir's übrigens recht überlege,
so bin ich eigentlich zu voreilig in meinen Schlüssen; wer weiß,
ob Sie viel besser sind als die übrigen; vielleicht haben Sie eine Anzahl unerträglicher Fehler an sich, die Ihre wenigen
guten Eigenschaften mehr als hinlänglich aufwiegen.
, Und so mag es auch bei Ihnen der Fall sein, dachte
ich bei mir. Mein Blick begegnete dem seinigen, als mich dieser
Gedanke durchfuhr; er schien ihn errathen zu haben.
,Wohl, wohl, Sie haben recht, sagte er; ,auch ich habe
eine Menge Fehler an mir, ich weiß es und will sie nicht
bemänteln, ich versichere Sie. Gott sei es geklagt, ich habe nicht
Ursache, meinen Nächsten mit Strenge zu richten, ich selbst habe

eine Vergangenheit, eine Reihe von Handlungen, die Färbung
eines Lebens in meiner eigenen Brust zu betrachten, und wohl
würden meine Spöttereien, meine Anstellungen von meiner Umgebung auf mich selbst zurückprallen. Mit einundzwanzig Jahren
betrat ich, oder wurde vielmehr auf den falschen Weg geworfen
-- wie andere Sünder schiebe ich gern die halbe Schuld den
traurigen Verhältnissen in die Schuhe - und konnte von der
Zeit an nicht wieder den rechten Pfad finden; es hätte aber
auch anders kommen, ich hätte ebenso gut wie Sie, klüger, wenigstens ebenso rein sein können. Ich beneide Sie um Ihre Seelenruhe, Ihr reines Gewissen, Ihre unbefleckte Erinnerung. Junges
Mädchen! Ein Bewußtsein ohne Makel, ohne Flecken, muß
ein unerschöpflicher Quell der reinsten Genüsse sein; -- nicht
wahr?
, Wie war Ihr Bewußtsein beschaffen, als Sie achtzehn
Jahre zählten?
, Ganz in der Ordnung, rein und gesund; noch hatte es
kein Zufluß von faulem Wasser in eine stinkende Pfütze verwandelt. Ich war Ihnen ganz gleich, vollkommen gleich. Die
Natur wolte aus mir im Ganzen einen braven Mann machen,
einen von der besseren Sorte, und wie Sie sehen, ist es ihr
nicht gelungen. Sie wollten eben sagen, es käme Ihnen nicht so
vor; wenigstens schmeichle ich mir, etwas dergleichen in Ihren
Augen gelesen zu haben und ich verstehe mich sehr gut auf die
Augensprache. Nun denn, so nehmen Sie mein Wort zum Pfande
--- ich bin kein Schurke; das dürfen Sie nicht denken, mir keine
so hohe Stellung in der Niederträchtigkeit zumuthen; mehr in
Folge eines unglücklichen Zusammentreffens von Umständen, als
eines natürlichen Hanges bin ich ein ganz gewöhnlicher Alltagssünder, der alle die armseligen, kleinlichen Laster durchgemacht
hat, mit denen die Reichen und Gottlosen ihr Leben auszufüllen
suchen. Wundern Sie sich darüber, daß ich Ihnen dieses Geständniß mache? So wissen Sie denn, daß Sie im weiteren Verlaufe
Ihres Lebens noch oft zur unwillkürlichen Vertrauten der Geheimnisse Ihrer Bekannten erkoren werden; die Leute werden es
so gut wie ich, instinctartig herausfinden, daß Sie mehr dazu
passen, zuzuhören, wie Andere von sich sprechen, als Ihre eigene
Person zum Gegenstande Ihres Gespräches zu machen; sie werden

fühlen, daß Sie ihre Bekenntnisse mit keiner übelwollenden Verachtung ihrer Unbedachtsamkeit aufnehmen, vielmehr mit der
Ihnen angeborenen Gutherzigkeit theilnahmsvoll anhören, die
um so tröstender und ermuthigender ist, als sie sich nicht in
lästigen Aeußerungen kundgiebt.
, Woher wissen, woher vermuthen Sie dies alles,
Sir?
,Ich weiß es ganz bestimmt und eben darum gehe ich
so fessellos zu Werke, als vertraute ich meine Gedanken einem
Tagebuche an. Sie werden mir erwidern, ich hätte mich der
Verhältnisse bemeistern sollen; das hätte ich thun sollen, wirklich,
das hätte ich thun sollen; allein, Sie sehen, es ist nun einmal
nicht geschehen. Als mich des Schicksals Härte traf, besaß ich
nicht Klugheit genug, kaltblütig zu bleiben; ich verzweifelte und
artete dann aus. Wenn mich nun irgend ein verächtlicher Dummkopf durch seine armselige Liederlichkeit anekelt, kann ich mir
durchaus nicht schmeicheln, besser zu sein als er; vielmehr muß
ich zugeben, daß wir auf einer und derselben Stufe stehen. Ich
wollte, ich hätte nie gewankt, Gott weiß es, ich wollt' es!
Denken Sie an die Gewissensbisse, wenn Sie je in Versuchung
kommen zu fehlen, Miß Eyre; Gewissensbisse vergiften das
Leben!
,Neue, sagt man, bringt zur Ruhe.
,Das genügt nicht. Nur wenn man ein neuer Mensch
wird, kann man diesen Krebsschaden loswerden -- und ich hätte
es dahin bringen können -- ich fühle wohl jetzt die Kraft dazu
in mir, wenn, doch was nützt mir's daran zu denken, zu Boden
gedrückt, verstrickt und verflucht wie ich bin? Uebrigens, da mir
nun einmal Glückseligkeit versagt ist, habe ich ein Recht, so viel
Vergnügen wie möglich aus dem Leben herauszuschlagen und
das will ich, koste es was es wolle!
,Dann werden Sie noch tiefer sinken.
,Möglich; doch warum, wenn ich mir immer frische, süße
Vergnügen verschaffe? Und ich kann sie mir so süß und frisch
verschaffen wie wilder Honig, den die Bienen auf der Haide
sammeln.
, Und dennoch werden diese einen herben, bitteren Nachgeschmack zurücklassen.

,Wie können Sie das wissen? Sie haben sie ja nie versucht. Wie ernst, wie feierlich Sie aussehen; und doch sind Sie
in dieser Sache ebenso unwissend, wie diese Camee hier. Er
hob eine solche vom Caminsimse auf. , Sie haben kein Recht,
mir vorzupredigen, Sie Novize, die kaum die Schwelle des
Lebens überschritt, dessen Geheimnisse sie noch gar nicht kennt.
, Ich erinnere Sie bloß an Ihre eigenen Worte, Sir;
Sie sagten, Fehltritte brächten Gewissensbisse mit sich und die
letzteren vergifteten das Leben.
,Wer spricht jetzt von Fehltritten? Ich glaube kaum, daß
die Vorstellung, die eben in meinem Geiste emporstieg, einen
Fehltritt betraf. Ich halte sie eher für eine glückliche Eingebung,
als für eine Versuchung zum Bösen; sie war sehr anmuthig,
sehr tröstend, ich verstehe mich darauf. Da ist sie wieder! Nicht
der Teufel flüstert sie mir zu, ich versichere Sie; und wenn
auch, so hat er die Gestalt eines Engels des Lichtes angenommen.
Ich muß wohl einen so lieben Gast einlassen, wenn er an der
Pforte meines Herzens anklopft.
,Mißtrauen Sie ihm, Sir; es ist kein Gesandter des
Himmels.
, Und wieder frage ich Sie, woher wissen Sie das? Welcher
Instinct läßt Sie einen gefallenen Engel der Finsterniß von
einem Boten des Ewigen, den Führer vom Verführer unterscheiden?
, Ich urtheilte nach dem Ausdrucke Ihres Gesichtes, Sir;
es verdüsterte sich, als, wie Sie sagten, jene Vorstellung in
Ihnen auftauchte. Ich bin überzeugt, Sie werden noch unglücklicher werden, wenn Sie darauf hören.
,Nicht im Geringsten, die Erscheinung brachte mir die
angenehmste Botschaft von der Welt; übrigens sind Sie nicht
mein Gewissensrath und mögen daher ganz ruhig sein. Da,
tritt ein, lieblicher Wanderer!
Er sagte die letzten Worte, als spräche er sie zu einer, nur
seinen Augen sichtbaren Vision, dann kreuzte er seine Arme, die
er halb von sich gestreckt hatte, über der Brust; es schien, als
umschlösse er mit dieser Umarmung ein unsichtbares Wesen.
,Nun, fuhr er, sich wieder zu mir wendend, fort, , habe
ich den Pilgrim aufgenommen, , eine verkleidete Gottheit, wie

ich es fest glaube. Schon hat sie mir gutgethan; mein Herz
war bis nun eine Art Beinhaus, fortan wird es ein Altar sein.
,Die Wahrheit zu sagen, verstehe ich Sie ganz und gar
nicht; ich kann dieses Gespräch nicht weiter verfolgen, da es
weit über meinen Horizont geht. Nur Eines weiß ich; Sie
sagten, Sie wären nicht so gut, als Sie es gerne sein möchten
und Sie bedauerten Ihre sittliche Unvollkommenheit, nur Eines
begreife ich; Sie behaupteten, ein schuldbeladenes Gewissen sei
die ewige Verdammniß auf Erden. Es scheint mir, daß Sie,
wenn Sie nur ernstlich wollten, sehr bald das sein könnten, was
Sie zu sein wünschen; und daß, wenn Sie mit dem heutigen
Tage anfingen, Ihre Denk- und Handlungsweise zu ändern,
Sie nach wenigen Jahren eine Reihe von Erinnerungen besitzen
müßten, die für Sie zum unerschöpflichen Quell des reinsten
Vergnügens würden!
,Richtig gedacht und gut gesagt, Miß Eyre; und gerade
in diesem Augenblicke bekämpfte ich die Hölle mit aller Macht.
,Wie das?
,Ich fasse gute Entschlüsse, die, wie ich glaube, so fest sind
wie Kieselsteine. Fortan will ich eine andere Gesellschaft suchen
und eine andere Lebensweise führen.
,Doch wohl eine bessere?
,Jedenfalls eine um so viel bessere, als reines Gold besser
ist denn schmutzige Schlacken. Sie scheinen zu zweifeln; ich selbst
zweifle nicht im mindesten; ich kenne mein Ziel und meine
Beweggründe, und in diesem Augenblicke erkläre ich durch ein
ebenso unwandelbares Gesetz wie jenes der Meder und Perser,
daß beide recht sind.
,Das können sie nicht sein, Sir, sobald sie erst eines neuen
Statutes bedürfen, welches sie bestätigt.
,Und doch sind sie es, Miß Eyre, wiewohl sie ein ganz
neues Statut erheischen; außerordentliche Umstände machen außerordentliche Maßregeln nothwendig.
,Das ist ein gefährlicher Grundsatz, Sir, dem man es
sofort ansieht, daß er auch zum Mißbrauche führen kann.
,So ist's, Sie sinnspruchreiche Philosophin! Aber ich schwöre
Ihnen bei meinen Hausgöttern, daß ich ihn nicht mißbrauchen
will.
,Sie sind ein Mensch und können fehlen.
,Das bin ich; auch Sie sind's, und was ist's
weiter?
,Der gebrechliche Sterbliche sollte sich jedoch keine Gewalt
anmaßen, die nur die göttliche Vollkommenheit gehörig gebrauchen
kann.
,Welche Gewalt meinen Sie?
,Diejenige, welche irgend einer ungewöhnlichen, von der
Moral nicht sanctionirten Handlungsweise durch ihren Ausspruch:
So ist es recht, Gesetzeskraft ertheilt.
,So ist es recht, Sie haben den Sat ausgesprochen.
, So möge es denn recht sein, sagte ich, indem ich mich
erhob. Es schien mir unnütz, ein Gespräch weiter zu führen,
das ein für mich unauflösbares Räthsel betraf; zudem drückte
mich bei dem unerforschlichen Charakter meines Partners ein
äußerst unangenehmes Gefühl der Ungewißheit und theilweisen
Unwissenheit.
,Wohin gehen Sie?
, Ich will Adelen zu Bette bringen; ihre Zeit ist schon
vorüber.
,Sie fürchten sich vor mir, weil ich gleich einer Sphinx
spreche.
, Ihre Sprache ist wohl räthselhaft, Sir, doch fürchte ich
mich keineswegs, und bin bloß betroffen.
, Sie fürchten dennoch, oder vielmehr Ihre Eigenliebe fürchtet
einen möglichen Mißgriff.
, In diesem Sinne fürchte ich allerdings, ich möchte nicht
gerne Unsinn schwatzen.
, Und thäten Sie es auch, es geschähe in so ruhiger,
ernster Weise, daß ich den Unsinn für baaren Verstand nähme.
Pflegen Sie nie zu lachen, Miß Eyre? Bitte, bemühen Sie sich
nicht zu antworten, ich sehe schon, daß Sie selten lachen; doch
Sie können auch recht munter sein; glauben Sie mir, Sie sind
von Natur aus ebenso wenig sauertöpfisch, als ich fehlerhaft bin.
Der Schulzwang von Lowood hängt Ihnen noch etwas an; er
bewacht Ihr Gesicht, umschleiert Ihre Stimme und hindert die
Bewegungen Ihres Körpers, und Sie fürchten sich, in der
Gegenwart eines Mitmenschen -- sei es nun Ihr Vater, Bruder
oder Gebieter -- zu freundlich zu lachen, zu frei zu sprechen,
sich zu frei zu bewegen. Doch mit der Zeit, glaub' ich, werden
Sie es lernen, gegen mich so natürlich zu sein, wie ich es unmöglich finde, Sie mit trivialer Höflichkeit zu behandeln, und
dann werden auch Ihre Blicke und Ihre Bewegungen eine
größere Lebhaftigkeit und Abwechslung zeigen, als sie es bis jetzt
zu thun wagten. Zuweilen sehe ich einen sonderbaren Vogel
durch die engen Gitter des Käfigs schimmern, der einen lebhaften,
unsteten, entschlossenen Gefangenen zu beherbergen scheint; nur
die Freiheit fehlt ihm, daß er sich hoch in die Lüfte erhebe. --
Sind Sie noch immer entschlossen zu gehen?
,Es hat neun Uhr geschlagen, Sir.
, Hat nichts zu sagen, bleiben Sie noch eine Minute;
Adele hat noch keine Lust, sich schlafen zu legen. Meine Stellung
mit dem Rücken gegen das Feuer, und mit dem Gesichte gegen
die Stube gekehrt, ist meinen Beobachtungen sehr günstig.
Während ich mit Ihnen sprach, ließ ich auch Adelen nicht ganz
aus den Augen -- ich habe meine eigenen Ursachen, sie mit
Aufmerksamkeit zu studiren, welche Ursachen ich Ihnen eines Tages
vielleicht, nein, ganz gewiß, mittheilen werde. -- Vor etwa zehn
Minuten holte sie aus ihrer Pappschachtel ein blaßrothes Seidenkleidchen hervor; Entzücken strahlte aus ihren Augen, da sie es
auseinander legte; die Koketterie liegt in ihrem Blute, in ihrem
Gehirn, im Mark ihrer Knochen. Il faut que je l'essaie! rief
sie, et a l'instant même, und sie stürzte zum Zimmer hinaus.
Sie ist jetzt bei Sophie und kleidet sich um; bald wird sie wieder
hier sein, und ich weiß, was ich zu sehen bekomme: ein Miniaturbild von Celine Varens, wie sie auf den Brettern zu erscheinen
pflegte, nachdem -- doch lassen wir das. Indessen werden nun
meine zärtlichsten Gefühle einen harten Schlag erleiden, ich ahne
es; bleiben Sie, um zu sehen, ob ich recht habe.
Im selben Augenblicke ließ sich Adelen's leichter Tritt in
der Vorhalle hören. Sie trat ins Zimmer, umgekleidet, wie es
ihr Vormund vorhergesagt hatte. Ein kurzes, faltenreiches Kleid
von rosenrothem Atlas ersetzte das braune Röckchen, das sie
vorhin anhatte; ein Kranz von Rosenknospen zierte ihr Haar;
ihre Füße deckten seidene Strümpfe und kleine weiße Atlasschuhe.
,Est-ce que ma robe va bien?' rief sie, vorwärts
springend; et mes souliers? et mes bas? Tenez, je crois
que je vais danser!'
Und ihr Kleidchen an beiden Seiten in die Höhe hebend,
tanzte sie durchs Zimmer; bei Mister Rochester angelangt,
drehte sie sich auf einem Absatze herum, fiel dann vor ihm auf
die Knie und rief aus:
, Monsieur, je vous remercie mille fois de votre bonté;’
und wieder aufstehend fügte sie hinzu: C'est comme cela que
maman faisait, n'est-ce pas, Monsieur?'
, Ganz so, lautete die Antwort, ,und comme cela lockte
sie das englische Gold aus meinen britischen Taschen. Auch ich
war einmal grün, Miß Eyre, grasgrün; der Frühlingshauch,
der Sie schmückt, ist kaum frischer als derjenige, der mich dereinst zierte. Mein Frühling ist indessen vorbei, und hat mir
dies französische Blümlein zurückgelassen, das ich auf irgend eine
Weise gerne los werden möchte. Jetz, wo ich die Wurzel, der
sie entsprang, nicht weiter schätze, weil ich fand, daß sie nur
Goldstaub ernähren konnte, kann ich die Blüthe kaum mehr halb
so gut leiden, besonders wenn sie so gekünstelt aussieht, wie
gerade jetzt. Ich erhalte sie am Ende, einem Grundsatze folgend,
demzufolge man zahlreiche kleine und große Sünden durch Ein
gutes Werk abbüßen kann. Ich will Ihnen einmal das alles
auseinander setzen. Gute Nacht.

XV.

Mister Rochester hielt bei einer nächsten Gelegenheit Wort.
Es war eines Nachmittags, wo er mir und Adelen im
Freien begegnete; und während die Letztere mit Pilot und ihrem
Federballe spielte, bat er mich, mit ihm in einer Birkenallee auf
und ab zu gehen.
Dabei erzählte er mir, Adela sei die Tochter einer französischen Operntänzerin, Namens Celine Varens, für welche er
ehedem eine grande passion gehegt, die von der Dame anscheinend mit noch heißerer Liebe erwidert worden war. Er

glaubte ihr Abgott zu sein und war, bei all seiner Häßlichkeit,
wie er sagte, fest überzeugt, sie ziehe seine ,taille d'athlete'
dem eleganten Wuchse des Apollo vom Belvedere vor.
, Und so sehr schmeichelte mir diese Leidenschaft der gallischen
Sylphide für ihren britischen Gnomen, daß ich ihr ein ganzes
Hotel miethete, eine vollständige Dienerschaft hielt, eine Equipage, Cachemirshawls, Diamanten, Spitzen u. s. w. schenkte.
Kurz, ich verlegte mich, wie der erste Gelbschnabel darauf, mich
in der hergebrachten Weise zugrunde zu richten. Ich hatte
augenscheinlich nicht Originalität genug, mir einen anderen Pfad
zur Schande und zum Untergange vorzuzeichnen, und trabte
somit in dummer Genauigkeit auf dem altgebahnten Wege vorwärts. Mein Schicksal war verdientermaßen dasjenige aller
anderen Einfaltspinsel. Als ich Celinen eines Abends, wo sie
mich nicht erwartete, heimsuchte, war sie ausgegangen; die Nacht
war warm, und da ich es satt hatte, in den Straßen herumzubummeln, setzte ich mich in ihrem Boudoir nieder, glücklich, die
Luft einathmen zu können, die sie erst kürzlich durch ihre Anwesenheit geheiligt hatte. Doch nein, ich übertreibe; ich muthete
ihr wohl keine besonders heiligende Kraft zu; eher hatte sie
einen Duft von Räucherkerzchen, von Moschus und Ambra
zurückgelassen, als einen Geruch der Heiligkeit. Ich war nahe
daran, an den Ausdünstungen der getrockneten Blumen und der
ausgesprengten Essenzen zu ersticken, öffnete beizeiten die Glasthür und trat auf den Balcon hinaus. Der Mond schien und
die Gaslampen brannten; die Nacht war ruhig und heiter. Ein
oder zwei Stühle standen auf dem Balcon; ich setzte mich, nahm
eine Cigarre heraus -- ich will jetzt ein Gleiches thun, wenn
Sie erlauben.
Eine Pause trat ein, während welcher Mister Rochester
eine Cigarre hervorholte und sie anbrannte; nachdem er sie in
den Mund gesteckt und eine Wolke Havanneser Weihrauches in
die frostige sonnenlose Atmosphäre geblasen hatte, fuhr er fort:
, Ich war in jenen Tagen auch ein Liebhaber von Zuckerwerk und so saß ich da, abwechselnd Chocolade kauend und
meine Cigarre rauchend, und betrachtete die vielen Equipagen,
die jene elegante Straße entlang zum benachbarten Opernhause
rollten, als ich an einem prächtigen, von einem Paar schöner

Engländer gezogenen Wagen denjenigen erkannte, den ich Celinen
zum Geschenk gemacht. Sie kam nach Hause; natürlich pochte
mein Herz voll liebender Ungeduld gegen das eiserne Gitter, an
dem ich lehnte. Wie ich es erwartet hatte, hielt der Wagen an
der Einfahrt des Hotels; meine Flamme -- der wahre Ausdruck
für eine Balletliebe -- stieg aus; wiewohl sie in einen Mantel
gehüllt war -- eine unnöthige Vorsicht in einer warmen Juninacht -- erkannte ich sie doch augenblicklich an ihrem kleinen
Fuße, der unter dem Rocke hervorguckte, als sie vom Wagentritte heruntersprang. Mich vom Balcon herunter neigend, wollte
ich eben ein leises, nur dem Ohre der Geliebten hörbares mon
ange hinunter flüstern, als eine zweite, gleichfalls in einen
Mantel gewickelte Gestalt aus dem Wagen sprang; doch hörte
ich nun einen Sporen klirren und ein Männerhut bedeckte den
Kopf dieser zweiten Erscheinung, die über die Schwelle des Einfahrtsthores ins Hotel schritt.
Sie waren wohl nie eifersüchtig, Miß Eyre? Doch die
Frage ist überflüssig; Sie haben ja noch nicht geliebt. Noch sind
Ihnen beide Gefühle fremd, noch schläft Ihr Herz und der
Anstoß, der es wecken soll, muß erst kommen. Sie denken wohl,
ein jeder Lebenslauf fließe in derselben ruhigen Gleichmäßigkeit
hin, in der bis jetzt Ihre Jugend dahin rieselte. Mit verbundenen
Augen und verstopften Ohren fort schwimmend, sehen Sie weder
die im Flußbette aufgethürmten Felsenriffe, noch hören Sie das
Gebrause der daran schlagenden Brandung. Doch wahrlich, ich
sage Ihnen, und Sie mögen sich meine Worte merken, einmal
in Ihrem Leben kommen Sie doch noch zu einer felsigen Stelle
des Canals, wo sich der ganze Lebensstrom in Wirbel und
Getöse, in Schaum und Geräusch auflöst; entweder zerschellen
Sie dann an den Klippen in tausend Atome, oder es hebt
Sie eine der stärksten Wellen in die Höhe und trägt sie in ein
ruhigeres Wasser, ein solches, in dem ich mich jetzt befinde.
Der heutige Tag gefällt mir; ich liebe diesen grauen
Winterhimmel; ich liebe Stille und Starrheit der vom Frost
gebändigten Erde. Mir gefällt Thornfield in seiner Alterthümlichkeit und Einsamkeit; mit den alten Kreuzdornbüschen, der
grauen Facade, den Reihen dunkler, den Metallglanz der Wolken
abspiegelnder Fenster; und doch, wie lange Zeit habe ich dies

Gebäude verabscheut, es wie eine Pesthöhle gemieden! Wie verabscheue ich noch immer --
Er knirschte mit den Zähnen und schwieg; im Gehen inne
haltend, schlug er mit den Absätzen auf den fest gefrorenen
Boden. Irgend ein verhaßter Gedanke schien sich seiner bemächtigt
zu haben und ihn so fest zu halten, daß er nicht vorwärts
konnte.
Wir gingen gerade die Allee hinauf, als er so stehen
blieb; das Herrenhaus lag vor uns. Seine Augen zu den
Zinnen erhebend, ließ er über sie einen so leidenschaftlichen
Blick hingleiten, wie ich noch keinen, weder vorher, noch nachher
gesehen. Schmerz, Scham, Zorn, Ungeduld, Ekel, Abscheu schienen
in diesem Momente in den großen Augensternen zu wetteifern,
die sich unter den rabenschwarzen Augenbrauen gewaltig ausdehnten. Heftig war der Kampf um die Oberherrschaft, doch ein
anderes Gefühl stieg empor und triumphirte, ein Gefühl der
Hartherzigkeit, des Eigenwillens, der Entschlossenheit, das seine
Leidenschaft dämpfte und seinen Gesichtszügen einen cynischen,
versteinerten Ausdruck verlieh; er fuhr fort:
, In diesem Augenblicke eines vorübergehenden Stillschweigens
hatte ich es mit meinem Geschicke zu thun. Dort stand es, an
jenem Birkenstamme, wie eines jener Hexenweiber, die Macbeth
auf der Haide von Foores erschienen. , Dir gefällt Thornfield?
sagte es und hob den Finger empor und schrieb als ein Memento
längs der Fronte des Gebäudes zwischen die obere und die
untere Fensterreihe die Worte: , Finde Gefallen daran, wenn
Du kannst! finde Gefallen daran, wenn Du es wagst!
, Ich will es, sagte ich. Ich wage es; und - setzte er
mürrisch hinzu - ,ich werde Wort halten; ich will die Hindernisse meiner Glückseligkeit, meiner Besserung aus dem Wege
räumen. Ich will ein anderer Mensch werden, als ich es war,
als ich noch bin; gleichwie Hiobs Leviathan den Speer, den
Pfeil und den Brustharnisch zerbrach, werde ich Hindernisse, die
Anderen stark wie Eisen und Messing erscheinen, nicht höher
denn Stroh und faules Holz achten.
Da kam gerade Adela mit ihrem Federballe herbei gesprungen. , Fort! rief er mit barscher Stimme; ,bleibe in der
Ferne, Kind, oder gehe hinein zu Sophien. Ich versuchte es,

das darauf folgende Stillschweigen zu unterbrechen, indem ich
ihm seine plötzlich abgebrochene Erzählung ins Gedächtniß
zurückrief:
,Verließen Sie den Balcon, frug ich, ,als Mademoiselle
Varens ins Haus trat?
Fast erwartete ich ein hartes Wort auf diese etwas unzeitige
Frage zu vernehmen, doch im Gegentheil; aus seinem düsteren
Hinbrüten erwachend, sah er mich an und der düstere Ausdruck
seines Gesichtes schien zu verschwinden.
,Ach, ich hatte ganz auf Celinen vergessen! Als ich meine
Holde in Begleitung eines Cavaliers zurückkommen sah, glaubte
ich ein Zischen zu vernehmen und die grüne Schlange der Eifersucht ringelte sich vom mondhellen Balcone los, glitt mir unter
die Weste und hatte sich in zwei Minuten auch in mein Herz
hineingefressen. Sonderbar! rief er, neuerdigs vom Gegenstande
der Erzählung abspringend, ,sonderbar, daß ich eine junge Dame
wie Sie zu meiner Vertrauten mache; noch sonderbarer, daß
Sie einem Manne ganz ruhig zuhören, der Ihnen, einem wohlerzogenen, unerfahrenen Mädchen, seine Liebschaften mit Operntänzerinnen zum Besten giebt, als wären es die gewöhnlichsten
Geschichten von der Welt! Doch der letztere Umstand erklärt den
ersteren, wie ich schon einmal bemerkte: Sie mit Ihrem unerschütterlichen Ernst, Ihrem gesetzten Wesen, Ihrer Schweigsamkeit
sind wie geschaffen, die Mittheilung von Geheimnissen in sich
aufzunehmen. Uebrigens weiß ich zu gut, mit welchem Gemüthe
ich es zu thun habe; ich weiß, daß es keiner bösen Eindrücke
fähig, zu keiner Ansteckung geneigt, daß es ein besonderes
Gemüth, einzig in seiner Art ist. Glücklicherweise habe ich nicht
die Absicht, ihm Schaden zuzufügen; doch, wenn ich es auch
wollte, der vergiftete Pfeil würde wirkungslos abprallen. Je
mehr wir miteinander umgehen, desto besser; denn während ich
Sie nicht verderben kann, steht es in Ihrer Macht, mein Herz
aufzufrischen. Nach dieser Abschweifung nahm er den Faden
seiner Erzählung wieder auf.
, Ich blieb am Balcone stehen. -- Jedenfalls gehen sie
ins Boudoir, dachte ich; ich will mich in den Hinterhalt legen.
Und meine Hand durchs offene Fenster langend, zog ich den
Vorhang vor, bis auf eine kleine Oeffnung, durch welche ich

hindurch blicken konnte; dann schloß ich den Fensterflügel, doch
so, daß ich das Geflüster der Liebenden hören konnte, und stahl
mich zu meinem Sitze zurück. Wie ich es vorausgesehen, trat
das Pärchen ein und sofort näherte ich mein Auge der Oeffnung.
Celinen's Kammermädchen kam hinterher, zündete eine Lampe
an, stellte sie auf den Tisch und verschwand. Ich konnte nun
alles deutlich sehen. Beide legten die Mäntel ab und da erblickte
ich die Varens glänzend in Seide und Edelsteinen -- meinen
Geschenken natürlich -- und an ihrer Seite einen Mann in
Uniform, einen jungen Vicomte, einen hirnlosen Wüstling, den
ich zuweilen in Gesellschaften traf und nicht einmal hassen konnte,
weil ich ihn gar so sehr verachtete. Als ich ihn erkannte, war
es mit den Schlangenbissen der Eifersucht augenblicklich vorbei,
denn meine Liebe zu Celinen sank sofort unter Null herab. Ein
Weib, das mich um eines solchen Rivalen willen hintergehen
konnte, stand nicht dafür, daß ich mich seinetwegen gekränkt hätte;
nur Verachtung konnte sie treffen; mehr noch vielleicht mich, da
ich dumm genug gewesen war, mich von ihr bei der Nase herumführen zu lassen.
Sie begannen zu sprechen; ihre Unterredung gab mir
vollends meinen Gleichmuth wieder, in ihrer Frivolität, Gemeinheit, Herz- und Geistlosigkeit war sie eher geeignet, den
Zuhörer anzuekeln, als in Wuth zu bringen. Meine Karte lag
auf dem Tische und lenkte das Gespräch natürlich auf meine
Person.
Keines von Beiden besaß Muth oder Wi genug, mich
tüchtig zu verarbeiten; statt dessen überhäuften sie mich mit so
gemeinen Schimpfwörtern, wie sie es nur in ihrer kleinlichen
Denkungsweise im Stande waren; besonders that sich Celine hervor, die in außerordentlich gute Laune kam, als sie die Unregelmäßigkeiten meines Aeußern oder, wie sie sich ausdrückte, meine
körperlichen Gebrechen berührte. Nun war es einer ihrer besonderen Kunstgriffe gewesen, über meine ,beauté male' in
Ekstase zu gerathen, worin sie ganz und gar von Ihnen abwich,
die Sie mir bei unserer zweiten Unterredung gerade heraus
sagten, Sie hielten mich nicht für schön. Der schneidende Contrast
fiel mir auf, und --
Hier kam Adele abermals herbei gelaufen.

,Monsieur, John läßt sagen, daß Ihr Verwalter gekommen
ist und Sie zu sprechen wünscht.
,Ah! wenn das ist, muß ich mich kurz fassen. -- Also,
ich öffnete die Glasthür, trat auf das Paar zu, kündigte
Celinen meine Protection auf, ersuchte sie das Hotel zu räumen,
händigte ihr für den augenblicklichen Bedarf eine Geldbörse ein,
setzte mich über Thränen, Krämpfe, Bitten, Versicherungen und
Nervenzuckungen hinaus und gab dem Vicomte ein Rendezvous
im Gehölze von Boulogne. Am nächsten Morgen hatte ich das
Vergnügen mit ihm zusammenzutreffen, schoß ihm einen seiner
armseligen, dünnen, mit den Flügeln eines pipsigen Hühnchens
vergleichbaren Arme herunter und glaubte nun mit dem ganzen
Pack fertig zu sein. Unglücklicherweise hatte mich die Varens ein
halbes Jahr zuvor mit diesem Mädchen, Adela beschenkt, von
dem sie behauptete, es sei meine Tochter; vielleicht ist es wahr,
obwohl ich in dem Gesichte des Kindes keine Beweise für diese
sonderbare Vaterschaft finden kann; denn gewiß ist mir Pilot
ähnlicher als Adela. Einige Jahre nachdem ich mit der Mutter
gebrochen hatte, ließ die letztere ihr Kind im Stiche und lief
mit einem Sänger oder Musiker nach Italien davon. Ich räumte
dem Kinde kein Recht auf irgend einen Unterhalt von meiner
Seite ein und thue es auch jetzt nicht, da ich nicht ihr Vater
bin; allein als ich hörte, daß es ganz verlassen und hilflos sei,
entriß ich es dem Schlamme und Schmutze von Paris und
verpflanzte das arme Ding hierher, damit es im Boden eines
englischen Landaufenthaltes rein und gesund empor wachse.
Mistreß Fairfax nahm Sie auf, um das Mädchen zu erziehen;
doch jetzt, wo Sie wissen, daß es der uneheliche Sprößling einer
französischen Operntänzerin ist, werden Sie wahrscheinlich von
Ihrem Posten und Ihrem Zöglinge eine andere Meinung haben;
an einem schönen Morgen kommen Sie mir wohl mit der
Nachricht, daß Sie eine andere Stelle gefunden und mich ersuchen, mich nach einer anderen Erzieherin umzusehen, und so
weiter. Nicht wahr?
,Nein -- Adela ist weder an Ihrem noch an ihrer Mutter
Fehltritte Schuld; ich bin ihr zugethan und nun ich weiß, daß
sie gewissermaßen elternlos, von ihrer Mutter verlassen und von
Ihnen nicht anerkannt ist, werde ich sie nur noch fester an mein

Herz drücken. Wie könnte ich auch den verderbten Liebling einer
reichen Familie, der vielleicht seine Erzieherin als eine lästige
Person ansieht, einer verlassenen Waise vorziehen, die sich an
mich wie an eine Freundin anschmiegt?
,Oh! Sehen Sie die Sache in diesem Lichte an? Nun
gut; ich muß indessen jetzt ins Haus gehen und Sie auch, denn
es fängt an dunkel zu werden.
Doch ich blieb noch eine Weile mit Adelen und Pilot
zurück -- lief mit ihr um die Wette und machte eine Partie
Federball mit. Ia Hause angelangt, band ich ihr Hut und
Mantel ab und nahm sie auf meinen Schoß; dort ließ ich sie
eine ganze Stunde sitzen und ganz nach Belieben plaudern, wobei
ich sogar gewisse kleine Freiheiten und Ungezogenheiten übersah,
in die sie zu verfallen pflegte, wenn man sich viel mit ihr zu
schaffen machte und die eine wahrscheinlich von ihrer Mutter
ererbte Oberflächlichkeit des Geistes verriethen, wie sie bei einer
Engländerin kaum zu finden ist. Doch hatte das Mädchen auch
ihre guten Seiten und ich war gerne geneigt, alles Lobenswerthe
an ihr nach der höchsten Währung zu schätzen. Ich suchte in
ihrem Gesichte eine Aehnlichkeit mit Mister Rochester zu entdecken, doch umsonst; da war kein verwandter Zug, kein auch
nur im geringsten ähnlicher Ausdruck zu finden. Es that mir
leid; hätte sie ihm nur in Etwas ähnlich gesehen, er hätte sich
mehr um sie gekümmert.
Erst als ich mich in mein eigenes Schlafzimmer zurückgezogen hatte, konnte ich Mister Rochester's Erzählung einer näheren
Betrachtung unterziehen. So wie er es sagte, lag wahrscheinlich
in dem Gegenstande derselben nichts Außerordentliches, die Leidenschaft eines reichen Engländers für eine französische Tänzerin
und die Treulosigkeit der letzteren mochten wohl in der Gesellschaft als eine alltägliche Geschichte erscheinen; allein in dem
Gefühlsparoxysmus, der Mister Rochester so plötzlich erfaßte,
als er seine jetzige Zufriedenheit und sein wieder auflebendes
Vergnügen an Thornfield und seinen Umgebungen verkündigte,
lag etwas entschieden Sonderbares. Ich fand es für den Augenblick unerklärlich und wandte mich zu der Betrachtung seines
Betragens gegen mich. Das Vertrauen, welches er in mich setzte,
schien ein meiner Verschwiegenheit gezollter Tribut zu sein; ich

sah und nahm es als einen solchen an. Seit einigen Wochen
war sich nun sein Betragen hinsichtlich meiner mehr gleich geblieben, als im Anfange unserer Bekanntschaft.
Ich schien ihm nicht mehr im Wege zu stehen; er hatte
weiter keine Anwandlungen von vornehmer Kälte; wenn er mir
unerwartet begegnete, war es ihm allem Anscheine nach willkommen; immer hatte er ein freundliches Wort oder ein Lächeln
für mich bereit. Lud er mich zu sich ein, so zeigte die herzliche
Aufnahme, mit welcher er mich beehrte, daß ich wirklich die
Macht besaß, ihn zu unterhalten, und daß er in diesen Abendunterhaltungen nicht bloß sein Vergnügen suchte, sondern auch
darauf Rücksicht nahm, daß auch ich mich behaglich fühlte.
Verhältnißmäßig sprach ich selbst nur wenig, hörte ihn
aber mit desto größerem Vergnügen erzählen. Er war von Natur
aus mittheilsam; er liebte es, einem mit dem Treiben der Welt
unbekannten Gemüthe das Dichten und Trachten derselben vorzuführen; nicht etwa in Bildern der Verderbniß und Unsittlichkeit, sondern in solchen Scenen, die durch die Großartigkeit der
verhandelten Interessen oder durch ihre charakteristische Neuheit
und gänzliche Abweichung von der Alltäglichkeit die Aufmerksamkeit fesselten. Es war für mich ein außerordentlicher Genuß,
diese neuen Ideen in mich aufzunehmen, die neuen Gemälde,
die er mir vorzeichnete, zu betrachten, ihm in Gedanken durch
die unbekannten Regionen zu folgen, die er meinem Geiste erschloß, und das alles ohne je durch eine zweideutige Anspielung
verletzt oder in Verlegenheit gebracht zu werden.
Die Ungezwungenheit seines Benehmens befreite auch mich
von jedem lästigen Höflichkeitskram; die ebenso vernünftige als
herzliche Vertraulichkeit, mit der er mich behandelte, zog mich
zu ihm hin. Zuweilen kam es mir vor, als sei er mehr mein
Anverwandter, denn mein Gebieter; doch zeigte er sich zuweilen
noch herrisch, was ich indes nicht beachtete, da ich wußte, daß
es so seine Art sei. Dieses neue, zu meinem Alltagsleben hinzugekommene Interesse machte mich so selbstzufrieden, so glücklich,
daß ich aufhörte, mich nach der Heimat und Familie zu sehnen.
Mein kleinlich angelegtes Schicksal schien sich zu erweitern, die
Leere meines Daseins sich auszufüllen; sogar meine Gesundheit
besserte sich, ich begann kräftiger und stärker zu werden.

Und war Mister Rochester in meinen Augen noch immer
häßlich? Nein, lieber Leser. Dankbarkeit und eine Menge anderer gleich freundschaftlicher Gefühle machten sein Antlitz zu demjenigen Gegenstande, den ich am liebsten sah; seine bloße Gegenwart in der Stube wärmte mich mehr als das hellste Feuer.
Bei alldem übersah ich jedoch seine Fehler nicht; und in der
That wäre es auch unmöglich gewesen, da er sie mir sehr oft
vor Augen führte. Er war stolz, bissig, barsch gegen Leute, die
in was immer für einer Weise unter ihm standen; im Innersten
meines Herzens fühlte ich es nur zu gut, daß eine ungerechte
Strenge gegen viele Andere seine zu große Güte gegen mich bei weitem aufwog. Auch war er sehr launisch, sogar unausstehlich;
mehr als einmal, wo er mich ersuchen ließ, ihm vorzulesen,
fand ich ihn ganz allein im Bibliothekszimmer sitzend, den Kopf
auf seine übereinandergeschlagenen Arme gelehnt, und wenn er
aufblickte, verzerrte ein mürrisches, fast boshaftes Grinsen seine
Gesichtszüge. Doch war ich überzeugt, daß seine verdrießliche
Laune, seine Barschheit, seine früheren sittlichen Gebrechen --
ich sage seine früheren Gebrechen, denn jetzt schien er sie bereits
abgelegt zu haben -- in irgend einem grausamen Schicksalsschlage ihren Ursprung hatten. Ich wußte, daß er von Natur
aus bessere Neigungen und Grundsätze, reinere Gefühle besaß,
als diejenigen, die sich durch Umstände entwickelt und in seine
Erziehung eingeschlichen, die das Geschick in ihm großgezogen
hatte; ich wußte, daß vortreffliches Material in ihm stak, wiewohl es augenblicklich etwas wirr und unordentlich durcheinander lag. Ich kann es nicht leugnen, daß sein Kummer, worin er
immer bestehen mochte, auch mich drückte und daß ich sehr viel
darum gegeben hätte, ihn lindern zu können.
Wiewohl ich nun mein Licht ausgelöscht hatte und im
Bette lag, so konnte ich doch nicht einschlafen, sobald ich nur
an jenen Blick dachte, den er mir zugeworfen, als er im
Baumgang stehen blieb und sagte, sein Schicksal sei ihm erschienen und habe ihm trotz geboten, sich je in Thornfield glücklich
zu fühlen.
, Warum sollte er es nicht? frug ich mich selbst; ,was
wendet ihn von dem Hause ab? Will er es wieder verlassen?
Mistreß Fairfax erwähnte, er halte sich nie länger als vierzehn

Tage auf einmal auf und nun weilt er hier bereits über acht
Wochen. Wenn er geht, ist der Wechsel für mich ein schmerzlicher.
gesetzt, er wäre im Frühling, Sommer und Herbst nicht hier,
wie so freudenlos erschienen mir Sonnenschein und schönes
Wetter!
Ich weiß wirklich nicht, ob ich nach diesem Hin- und Hersinnen einschlief oder nicht; so viel ist gewiß, daß ich über ein
unbestimmtes Geräusch erwachte, das, eigenthümlich und klagend,
wie es mir vorkam, gerade über mir ertönte. Ich wollte, ich
hätte das Licht brennen lassen; die Nacht war stockfinster, mir
sank der Muth. Ich setzte mich im Bette auf und horchte. Die
Laute schwiegen.
Wieder versuchte ich es zu schlafen, allein mein Herz pochte
ängstlich, meine Gemüthsruhe war gewichen. Die Glocke in der
Halle schlug zwei Uhr. Da gerade schien es mir, als hätte
jemand an meiner Stubenthür gerüttelt, als wären die Finger
eines Vorübertappenden über die Thürflügel gefahren. , Wer ist
da? rief ich. Niemand antwortete. Todtenkälte rieselte mir durch
die Gebeine.
Plötzlich fiel mir ein, es könnte Pilot sein, der, wenn die
Küchenthür zufällig offen blieb, nicht selten bis vor die Schwelle
von Mister Rochester's Stube hinauflief. Oft hatte ich ihn selbst
des Morgens dort liegen sehen. Diese Idee beruhigte mich
etwas; ich legte mich wieder nieder. Stille beruhigt die Nerven
und da augenblicklich eine durch nichts gestörte Ruhe im Hause
herrschte, wollte ich eben wieder einschlafen. Doch im Buche des
Schicksals stand es geschrieben, daß ich diese Nacht nicht schlafen
sollte. Kaum hatte sich ein Traumbild auf mich herniedergesenkt,
als es sofort von einem, das Mark in den Beinen erstarren
machenden Zwischenfall entfloh.
Es war dies ein leises, unterdrücktes, tiefes, geisterhaftes
Lachen, das sich, wie es schien, gerade vor dem Schlüsselloche
meiner Thür hören ließ. Der Kopf meines Bettes stand hart
daran und anfänglich glaubte ich, der hohnlachende Dämon
stehe neben meinem Bette oder hocke vielmehr auf meinem Kopfkissen, doch als ich aufstand und herumblickte, sah ich nichts;
kaum verhielt ich mich jedoch wieder ruhig, als auch der unnatürliche Laut, und zwar diesmal ganz bestimmt hinter der

Thür, von neuem ertönte. Mein erster Gedanke war aufzustehen
und den Riegel vorzuschieben, ein zweiter ein wiederholtes ,Wer
da ? zu rufen.
Irgend ein Wesen knurrte und seufzte laut auf. Darauf
zog es sich im Gange gegen die Treppe zum dritten Stockwerk
zurück. Eine Thür war unlängst vor diese Treppe gemacht worden,
die ich nun auf- und zugehen hörte, worauf wieder alles ganz
still wurde.
,War das Grace Poole und ist sie vom Teufel besessen?
dachte ich. Unmöglich konnte ich allein bleiben, ich mußte zu
Mistreß Fairfax gehen. Ich schlüpfte in meinen Rock, band ein
Tuch um, schob den Riegel zurück und öffnete die Thür mit
zitternder Hand. Draußen im Gang sah ich ein Licht auf der
Matte stehen; doch noch mehr überraschte es mich, daß mir
eine dicke, wie mit Rauch gefüllte Luft entgegenkam, und während
ich rechts und links um mich blickte, um die Ursache des
Rauches zu entdecken, fuhr mir ein starker Brandgeruch in
die Nase.
Es krachte etwas, eine Thür flog auf, es war diejenige
von Mister Rochester's Stube, aus welcher Wolken dichten Rauches
herausströmten. Ich dachte nicht weiter an Mistreß Fairfax, an
Grace Poole und ihr Gelächter; in einem Augenblicke war ich in
der brennenden Stube. Flammenzungen umleckten das Bett, die
Vorhänge brannten lichterloh. Mitten in Feuer und Rauch lag
Mister Rochester bewegungslos im tiefsten Schlafe.
, Auf! Auf! schrie ich und rüttelte ihn aus Leibeskräften;
doch er murmelte etwas vor sich hin und drehte sich herum, der
Rauch hatte ihn bereits betäubt. Kein Augenblick war zu verlieren, denn schon hatte sein Betttuch Feuer gefangen. Ich stürzte
zum Waschbecken und Wasserkruge; glücklicherweise war das eine
weit und der andere tief und beide bis an den Rand mit Wasser
gefüllt. Ich nahm die Gefäße auf, übergoß das Bett und den
Schläfer, flog in meine Stube zurück, brachte meinen eigenen
Wasserkrug, leerte ihn ebenfalls aus und mit Gottes Hilfe gelang
es mir, das Feuer zu löschen.
Das Zischen des bewältigenden Elementes, das Zerbrechen
des einen Kruges, den ich, nachdem ich ihn geleert, von mir
geschleudert hatte, und mehr noch als dies alles das plätschernde
Sturzbad, welches ich ihm hatte reichlich angedeihen lassen, weckte
endlich Mister Rochester. Wiewohl es nun finster war, wußte
ich doch, daß er nicht mehr schlief, denn ich hörte ihn ganz
lästerlich fluchen, als er fand, daß er in einer Wasserpfütze lag.
, Ist eine Ueberschwemmung hereingebrochen? rief er.
,Nein, Sir, erwiderte ich; ,aber es hat hier gebrannt;
stehen Sie auf, das Feuer ist nun gelöscht und ich will Ihnen
sogleich ein Licht holen.
,Im Namen aller Elfen der Christenheit, ist das Jane
Eyre? frug er. , Was hatten Sie mit mir vor, Sie Hexe, Sie
Zauberin? Wer ist außer Ihnen noch im Zimmer? Haben Sie
sich verschworen, mich zu ersäufen?
,Ich will Ihnen Licht bringen, Sir; um des Himmelswillen stehen Sie auf. Wohl hat sich irgend jemand gegen Sie
verschworen und Sie können nicht schnell genug ausfindig machen
wer es ist.
,Da -- nun bin ich auf; doch holen Sie die Kerze noch nicht,
warten Sie noch zwei Minuten, bis ich ein trockenes Kleidungsstück umthue, wenn ja eines zu finden ist. Doch ja, hier ist mein
Schlafrock und nun laufen Sie.
Ich rannte hinaus und brachte die Kerze, die noch imm er
am Gange stand. Er nahm sie mir aus der Hand, hielt sie in
die Höhe und besah sich das Bett; alles war schwarz und angebrannt, die Betttücher naß und rund herum am Boden standen
Wasserpfützen.
,Was soll das und wer hat das gethan? frug er.
,Mit kurzen Worten berichtete ich ihm, was sich zugetragen,
das wunderbare Gelächter in der Galerie; die Schritte zur
Treppe des dritten Stockwerkes; den auch, den Brandgeruch,
der mich zu seinem Zimmer brachte; den Zustand, in welchem
ich ihn gefunden und wie ich ihn mit allem vorhandenen
Wasser begossen hatte.
Er hörte sehr ernsthaft zu; sein Gesicht drückte im Verlaufe
meiner Erzählung mehr Angst als Verwunderung aus; er sprach
nicht sogleich, als ich geendigt hatte.
,Soll ich Mistreß Fairfax rufen? frug ich.
,Mistreß Fairfax? Nein -- warum, zum Kuckuck wollen
Sie sie rufen? Was soll sie hier? Lassen Sie sie ruhig schlafen.
,Dann will ich Leah rufen und John und sein Weib wecken.
,Durchaus nicht; sind Sie stille. Sie haben ein Tuch um;
ist Ihnen nicht warm genug, wickeln Sie sich noch in diesen
Mantel ein und setzten Sie sich in jenen Armstuhl; so, ich will
ihn Ihnen umthun helfen. Nun legen Sie Ihre Beine auf den
Stuhl, damit Ihre Füße nicht naß werden. Ich verlasse Sie
auf einige Minuten und nehme die Kerze mit. Bleiben Sie wo
Sie sind, bis ich zurückkomme, und seien Sie mäuschenstill. Ich
muß dem zweiten Stockwerke einen Besuch abstatten. Erinnern
Sie sich deran, daß Sie still sein und niemanden rufen sollen.
Er ging; meine Blicke folgten dem scheidenden Lichte. Er
ging die Galerie ganz leise entlang, öffnete die Treppenthür
so geräuschlos als möglich, zog sie hinter sich zu und der letzte
Lichtstrahl verschwand. Ich blieb in gänzlicher Finsterniß zurück,
und verlegte mich aufs Horchen, ohne etwas zu hören. Eine
geraume Zeit verging. Ich wurde müde; trotz des Mantels war
mir kalt und dann begriff ich nicht, warum ich hier warten
sollte, wenn ich niemanden wecken durfte. Ich war im Begriffe,
Mister Rochester's Ungnade auf mich zu laden, indem ich seinen
Befehlen zuwider handelte, als das Licht wieder am Gange
erschien und die Tritte seiner bloßen Füße auf der Matte hörbar
wurden. , Ich hoffe er ist es und kein böser Geist, dachte ich.
Sehr blaß, mit verstörtem Antlitz trat er in die Stube.
, Ich bin hinter alles gekommen, sagte er, die Kerze auf den
Waschtisch niederstellend; ,es ist so, wie ich mir's dachte.
,Was ist's also?
Er gab keine Antwort, sondern blieb mit verschränkten
Armen, den Blick zu Boden gerichtet, vor mir stehen. Nach
wenigen Minuten hob er in einem sonderbaren Tone an:
,Ich vergaß ganz, Sie zu fragen, ob Sie jemanden sahen,
als Sie Ihre Stubenthür öffneten?
,Nein, bloß den. Leuchter sah ich am Boden stehen.
,Doch Sie hörten ein sonderbares Lachen? Ein Lachen,
das Sie schon früher einmal gehört hatten, wie ich glaube?
, Ja wohl! Hier im Hause ist ein Frauenzimmer, namens
Grace Pool, sie pflegt auf diese Weise zu lachen. Es ist eine
sonderbare Person.
,So ist's, Grace Poole. -- Sie haben es errathen. Sie
ist, wie Sie sagen, eine sonderbare, sogar sehr sonderbare Person.
Wohl, ich will mir die Sache überlegen. Indessen ist es mir
sehr lieb, daß Sie außer mir die Einzige sind, welche von den
Einzelnheiten des Ereignisses dieser Nacht Kenntniß hat. Sie
sind keine alberne Plaudertasche; erwähnen Sie gegen niemand
etwas davon. Diesen Zustand der Dinge -- auf das Bett
weisend -- will ich verantworten, und nun kehren Sie in Ihre
Stube zurück. Ich werde den Rest der Nacht ganz bequem in
der Bibliothek am Sopha zubringen. Es ist bald vier Uhr; in
zwei Stunden ist die Dienerschaft auf.
,Nun denn, gute Nacht, Sir, sagte ich, mich entfernend.
Er schien verwundert, ganz ohne Grund, da er mich doch
gehen geheißen.
,Wie!' rief er, , Sie verlassen mich schon und auf diese
Weise?
,Sie sagten ja, ich möchte gehen.
,Doch nicht ohne Abschied zu nehmen, nicht ohne ein oder
zwei Worte der Erkenntlichkeit, nicht in dieser trockenen, herzlosen
Manier. Wie, Sie haben mir das Leben gerettet, mich einem
schrecklichen, qualvollen Tode entrissen, und nun gehen Sie von
mir, als hätten wir uns nie gekannt? So reichen Sie mir
doch wenigstens die Hand!
Er streckte mir seine Rechte entgegen, ich gab ihm die
meine; er nahm sie zuerst in die eine, dann in seine beiden
Hände.
,Sie haben mir das Leben erhalten, ich schätze mich glücklich,
Ihnen so unendlich viel zu verdanken. Mehr kann ich nicht
sagen. Kein anderes Geschöpf wäre mir als Gläubiger einer so
großen Schuld leidlich; doch bei Ihnen ist es etwas anderes;
Ihre edle Handlung ist für mich keine Last, Jane!
Er hielt inne, sah mich an, Worte, die ich fast lesen
konnte, schwebten auf seinen Lippen, allein seine Stimme stockte.
, Und nun zum zweitenmale, gute Nacht, Sir. Es ist hier
von keiner Schuld, edlen Handlung, Last oder Verbindlichkeit
die Rede.
, Ich wußte es. Sie würden einmal auf irgend eine Art
meine Wohlthäterin werden, ich sah es Ihnen an den Augen
an, als ich Sie zum erstenmale sah; Ihr freundlicher Ausdruck
-- er stockte -- Ihr freundlicher Ausdruck -- fuhr er hastig
fort -- ,rief nicht umsonst ein so unaussprechliches Vergnügen
im Innersten meines Herzens wach. Man spricht von natürlichen
Sympathien; ich habe von guten Genien gehört, selbst die unglaublichste Fabel enthält etwas Wahres. Meine theure Lebensretterin, gute Nacht!
Seine Stimme ertönte in wunderbarer Kraft, seine Augen
erglänzten in ungewohntem Feuer.
, Es ist ein bloßer Zufall, daß ich gerade wach war,
sagte ich und schickte mich an, die Stube zu verlassen.
,Wie! Sie wollen doch gehen!
,Es ist mir kalt, Sir!
, Kalt? Wohl, und Sie stehen im Wasser. Gehen Sie,
Jane, gehen Sie! Aber noch immer hielt er meine Hand fest
und ich konnte mich nicht losmachen. Ein Ausweg fiel mir ein.
,Ich denke, ich höre Mistreß Fairfax kommen, sagte ich.
,Gut denn, verlassen Sie mich! Er ließ meine Hand fahren und ich ging.
Ich suchte mein Lager wieder auf, doch war an Schlaf
nicht zu denken. Bis zum grauen Morgen trieb ich mich auf
hoher und stürmischer See herum, wo düstere Wogen mit freundlichem Wellengekräusel abwechselten. Zuweilen glaubte ich durch
die getheilten Wasser die Küste zu sehen; dann und wann trug
mich ein prächtiger, von freudiger Hoffnung geweckter Wind im
Triumph dem Gestade zu; doch konnte ich es nicht einmal in
der Phantasie erreichen, eine widrige Luftströmung wehte vom
Lande und trieb mich jedesmal vom Ufer ab. Der Verstand
bekämpfte den Fieberwahn und drängte die Leidenschaft zurück.
Zu fieberhaft erregt, um ruhen zu können, erhob ich mich mit
Anbruch des Tages.


Zweiter Band.

I.

Am Tage, der dieser schlaflosen Nacht folgte, wünschte
und fürchtete ich Mister Rochester zu sehen; es war mir Bedürfniß, den Laut seiner Stimme zu hören, allein ich zitterte,
seinen Blicken zu begegnen. In den ersten Morgenstunden sah
ich seinem Erscheinen jeden Augenblick entgegen; es war zwar
nicht seine ausgesprochene Gewohnheit, das Lehrzimmer zu
betreten, allein zuweilen kam er doch auf ein paar Minuten
hinein und gerade an jenem Morgen glaubte ich ihn mit Gewißheit erwarten zu können.
Allein der Morgen verging wie gewöhnlich; nichts unterbrach den ruhigen Verlauf von Adelen's Lehrstunden; nur nach
dem Frühstücke hörte ich einiges Geräusch in der Nähe von
Mister Rochester's Stube; Mister Fairfax's Stimme, diejenige
Leah's, der Köchin -- John's Frau -- und auch John's rauhe
Töne konnte ich unterscheiden. , Was für ein Glück,' hieß es,
,daß der Herr nicht im Bette verbrannte! -- ,Es ist immer
gefährlich, des Nachts in der Schlafstube Licht zu brennen. --
,Welche Fügung des Himmels, daß er noch Geistesgegenwart
genug hatte, an den Wasserkrug zu denken! -- ,Es ist merkwürdig, daß er niemanden weckte. -- ,Wir wollen hoffen,
daß er sich im Bibliothekzimmer am Sopha nicht erkältet hat.
Dem vielen Gerede machte eine gebieterische Stimme ein
Ende, die zur Ruhe und Ordnung mahnte; und als ich, mich
zum Mittagsessen hinunter begebend, bei der Stube vorüberkam, sah ich durch die offene Thür, daß alles wieder hergerichtet war, bis auf die Bettvorhänge, die noch fehlten. Leah
stand im Fenster und wusch die Scheiben, welche der Rauch
ganz geschwärzt hatte. Ich wollte sie anreden, um zu erfahren
was für ein Bericht über das nächtliche Ereigniß im Hause die
Runde machte. Doch als ich vorwärts trat, bemerkte ich eine
zweite Person in der Stube, ein Frauenzimmer, das in einem
Armstuhle an der Bettstelle saß und Ringe an die neuen Vorhänge nähte. Es war niemand Anderer als Grace Poole.
Da saß sie ernst und schweigsam wie gewöhnlich; in ihrem
Kleide aus braunem Stoffe, der gewürfelten Schürze, mit dem
weißen Taschentuche und der weißen Haube. Sie war in ihre
Arbeit vertieft, die ihren ganzen Gedankenkreis in Anspruch zu
nehmen schien; ihre rauhe Stirne, ihre alltäglichen Gesichtszüge
zeigten nichts von der Blässe und Verzweiflung, die man im
Gesichtsausdrucke eines Weibes erwartet hätte, das einen Mord
beabsichtigt, dessen erkorenes Opfer ihr die Nacht zuvor in die
Kammer gefolgt war und sie dort des versuchten Verbrechens
beschuldigt hatte. Ich war erstaunt, verwirrt. Sie blickte auf,
während ich sie ansah; kein Zucken, kein Wechseln der Farbe
verrieth Aufregung, Schuldbewußtsein und die Furcht vor Entdeckung. Sie sagte ihr ,Guten Morgen, Miß, in ihrer gewöhnlichen kurzen und phlegmatischen Manier, nahm einen neuen
Ring und ein neues Stück Band und fuhr fort zu nähen.
, Ich will sie doch einmal auf die Probe stellen, dachte
ich, , eine so gänzliche Verstocktheit übersteigt ja alle Begriffe.
, Guten Morgen, Grace, sagte ich. ,Was hat's denn gegeben?
Ich glaubte das Gesinde vor einer Weile über etwas reden zu hören.
Der Herr hatte in der Nacht im Bette gelesen; darüber
schlief er ein, ließ die Kerze brennen und die Vorhänge fingen
Feuer. Glücklicherweise erwachte er, bevor sich die Betttücher
und das Holzwerk entzündeten, und es gelang ihm die Flammen
mit dem Wasser aus dem Kruge zu löschen.
, Eine wunderliche Geschichte, sagte ich leise, und sie dann
fest anblickend fuhr ich fort: ,Hat Mister Rochester niemanden
geweckt, hat ihn niemand gehen hören?
Wieder sah sie empor und diesmal glaubte ich das Bewußtsein der Schuld in ihren Augen zu lesen. Sie schien mich sorgsam
zu prüfen, dann antwortete sie:

, Die Dienstleute schlafen so weit entfernt, wie Sie wissen,
sie konnten es nicht gut hören. Mistreß Fairfax's Stube und
die Ihrige liegen am nächsten. Doch Mistreß Fairfax sagt, sie
habe nichts gehört; wenn die Leute einmal älter werden, pflegen
sie sehr fest zu schlafen. Sie hielt inne und versetzte dann mit
einer Art angenommener gleichgültigkeit, doch in einem ausdrucksvollen und bezeichnenden Tone: , Doch Sie sind jung, Miß,
und haben, wie ich glaube, einen leisen Schlaf; vielleicht hörten
Sie irgend ein Geräusch?
, So ist's, sagte ich, meine Stimme dämpfend, daß mich
Leah, die noch immer die Fenster putte, nicht hören konnte.
, Anfangs dachte ich, es wäre Pilot, aber Pilot kann nicht
lachen; und ganz gewiß hörte ich ein Lachen und was für ein
merkwürdiges Lachen.
Sie nahm einen neuen Faden, wichste ihn sorgfältig, fädelte
ihre Nadel mit fester Hand ein und bemerkte dann mit vollkommenster Seelenruhe:
, Es ist kaum glaublich, daß der Herr gelacht hätte, da er
in so großer Gefahr war, Miß; Sie müssen geträumt haben.
, Ich habe nicht geträumt, sagte ich mit Wärme, denn
ihre eiserne Keckheit brachte mich auf. Und wieder maß sie mich
mit demselben prüfenden und unsicheren Blicke.
, Sagten Sie es dem Herrn, daß Sie lachen hörten?
fragte sie.
, Ich hatte keine Gelegenheit, ihn diesen Morgen zu sprechen.
, Dachten Sie nicht daran, Ihre Stubenthür zu öffnen
und auf den Gang hinaus zu sehen? fuhr sie fort.
Sie schien mich ausforschen und mir, ohne daß ich es
bemerkte, Geständnisse entlocken zu wollen; sofort kam mir der
Gedanke, sie möchte mir am Ende, wenn sie bemerkte, daß ich
ihre Schuld vermuthete oder darum wüßte, irgend einen bösen
Streich spielen; ich hielt es daher für rathsam, auf meiner Hut
zu sein.
, Im Gegentheile, erwiderte ich, ,ich riegelte mich ein.
, Sie pflegen das also nicht jede Nacht zu thun, bevor Sie
zu Bette gehen?
,O Du Teufel! dachte ich im Stillen. , Sie will meine
Gewohnheiten wissen, um ihren Plan danach einrichten zu

können! Der Unwille siegte über die Klugheit und ich antwortete mit scharfer Betonung: , Bisher vergaß ich häufig den
Riegel vorzuschieben, ich hielt diese Vorsicht für unnöthig. Ich
dachte nicht, daß in Thornfieldhall irgend eine Gefahr oder ein
Anfall zu fürchten sei; doch von nun an- und ich hob diese
Worte besonders hervor-- werde ich nicht ermangeln, alles
sorgfältig zu verschließen, ehe ich mich niederlege.
,Daran werden Sie sehr wohl thun, lautete ihre Antwort. , Die Nachbarschaft ist zwar sicher, so viel ich weiß und
nie, seit ich im Hause bin, hörte ich von irgend einem Raubanfalle;
wiewohl, wie jedermann weiß, Hunderte von Pfunden nur allein
an Silbergeschirr im Silberschranke liegen. Und Sie sehen selbst, wie
gering die Anzahl der Dienstleute für das große Haus ist, eben
weil sich unser Herr nie lange hier aufhielt, und wenn er auch
kommt, so braucht er, als Junggeselle, nur geringe Aufwartung.
Ich für meinen Theil denke, man kann nie sicher genug gehen,
eine Tür ist bald verschlossen und es ist jedenfalls besser, man
schiebt einen Riegel zwischen sich und mögliche Gefahren. Viele
Leute, Miß, verlassen sich ganz und gar auf die Vorsehung;
aber ich sage, die Vorsehung enthebt uns der eigenen Vorsicht
nicht, wiewohl sie dieselbe oft zum Segen und Gedeihen wendet,
wenn man sie mit Klugheit braucht. Sie schloß diese für sie
ungewöhnlich lange, mit der Demuth einer Quäkerin vorgebrachte
Rede. Wie vom Donner gerührt stand ich vor ihr, sprachlos über
diese mir wunderbar scheinende Selbstbeherrschung und unergründliche Verstellung, als die Köchin eintrat.
,Mistreß Poole, begann sie zu Grace gewendet, das
Essen für die Dienstleute wird bald angerichtet sein; wollen Sie
hinunter kommen?
, Nein, stellen Sie nur meine Halbe Porter und
Stückchen Pudding auf einen Träger, ich will mir's schon
holen.
, Wollen Sie Fleisch dazu?
,Bloß einen Bissen und einen Brocken Käse, das ist
alles.
, Und was soll's mit dem Sago?
,Ach, lassen Sie das; ich komme ohnedies noch vor dem
Thee hinab; ich werde mir ihn selbst anrichten.

Die Köchin wandte sich nun zu mir und sagte, daß Mistreß
Fairfax mich erwarte; ich ging.
Bei Tische hörte ich Mistreß Fairfax's Erzählung vom
Zimmerbrande nur mit halben Ohren an, so sehr beschäftigte
mich Grace Poole's unerforschlicher Charakter, noch mehr aber
das Räthselhafte ihrer Stellung in Thornfield und der Umstand,
daß man sie nicht sofort am Morgen gefangen setzte oder doch
wenigstens des Dienstes entließ. Fast mit Bestimmtheit hatte
Mister Rochester in der Nacht seine Überzeugung von ihrer
Schuld erklärt; welche geheimnißvolle Ursache hinderte ihn, sie
anzuklagen? Warum trug er mir ein unverbrüchliches Stillschweigen auf? Man konnte sich nicht leicht etwas Sonderbareres
denken: ein muthiger, rachsüchtiger und stolzer Edelmann schien
irgendwie in die Gewalt seiner letzten Dienstmagd gegeben, und
so ohne alle Waffen, daß sie wagen durfte, ihm nach dem
Leben zu trachten, ohne daß er daran dachte, sie öffentlich anzuklagen, viel weniger der strafenden Hand der Gerechtigkeit zu
überliefern.
Wäre Grace jung und schön gewesen, hätte ich in die Versuchung kommen können zu glauben, Mister Rochester's Handlungsweise sei durch andere Gefühle als Klugheit und Furcht
bestimmt worden; doch bei ihrem unangenehmen Aeußern und
ihrem vorgerückteren Alter konnte eine solche Idee nicht gut platzgreifen. , Und doch, überlegte ich, , war sie einmal jung und
mag jest mit Mister Rochester in gleichem Alter stehen. Mistreß
Fairfax sagte mir, sie wohne schon viele Jahre im Schlosse. Ich
glaube nicht, daß sie jemals hübsch war, doch besitzt sie vielleicht
Originalität und Charakterstärke, die für den Mangel persönlicher Anmuth entschädigen. Mister Rochester ist ein Liebhaber
des Kräftigen und Exzentrischen und das Letztere ist Grace
gewiß in hohem Grade. Wie, wenn eine frühere Liebschaft --
bei einer so wetterwendischen und starrsinnigen Natur wie die
seinige ein sehr möglicher Fall -- ihn in ihre Hände geliefert
hätte, so daß sie nun in Folge seiner Unbesonnenheit auf seine
Handlungen einen geheimen Einfluß ausübt, den er nicht zurückweisen, nicht mißachten darf? Allein bei diesem Theile meiner
Vermuthung angelangt, trat mir Mistreß Poole's untersetzte,
ordinäre Figur, ihr widriges, verwittertes, ja gemeines Gesicht

so deutlich vor die Augen, daß ich zu mir selbst sagte: , Nein
nicht möglich! Meine Vermuthung kann nicht richtig sein. Und
doch,' rief mir die Stimme meines Herzens zu, ,bist auch Du
nichts weniger als schön und vielleicht ist Dir Mister Rochester
demnoch geneigt, wenigstens kam es Dir oft so vor, als wenn
dies der Fall wäre, und die vorige Nacht -- erinnere Dich
seiner Worte, seiner Blicke, des Tones seiner Stimme.
Wohl war mir alles frisch im Gedächtniß: Sprache, Blick
und Stimme schwebten mir lebhaft vor. Ich befand mich gerade
im Lehrzimmer; Adele zeichnete; ich neigte mich über sie und
führte ihr die Bleifeder. Zu mir emporblickend fuhr sie ordentlich
zurück.
, Qu'avez-vous, Mademoiselle?' versetzte sie. ,Vos doigts
tremblent comme la feuille et vos joues sont rouges, mais
rouges comme des cerises.'
,Es ist mir warm vom Niederbücken, liebe Adela !' Sie
fuhr in ihrer Zeichnung, ich in meinem Nachdenken fort.
Ich gab mir alle Mühe, die verhaßte Vorstellung, die ich
wegen Grace Poole gefaßt, zu verjagen, sie machte mich gar
verdrießlich. Ich verglich mich mit ihr und fand, wie verschiedene
wir wären. Bessie Leaven hatte gesagt, ich wäre eine gemachte
Dame und sie hatte recht, ich war es in der That. Und zudem
sah ich jetzt viel besser aus als damals, wo mich Bessie zu
Gesichte bekam; ich hatte eine bessere Farbe und mehr Fleisch,
mehr Leben, mehr Feuer, da sich mir schönere Aussichten eröffneten und mir mehr Unterhaltung zu Gebote stand.
, Der Abend naht, sagte ich, zum Fenster blickend. , Den
ganzen Tag über habe ich weder Mister Rochester's Stimme
noch seine Tritte vernommen, doch gewiß werde ich ihn heute
noch zu sehen bekommen. Heute Morgen sah ich dieser Begegnung
mit Furcht entgegen, nun wünschte ich sie herbei, denn meine
Erwartung wurde so oft getäuscht, daß sie nun ungeduldig ist.
Meine Sehnsucht erreichte den höchsten Grad, nachdem
die Dämmerung wirklich hereingebrochen war, und mich Adela
verlassen hatte, um in der Kinderstube mit Sophien zu spielen.
Ich horchte, ob unten die Klingel ertönte, ob Leah mit einer
Botschaft käme; zuweilen bildete ich mir ein, Mister Rochester's
Schritte zu hören und sah nach der Thür, in der Erwartung,
sie öffnen und ihn eintreten zu sehen. Doch die Thür blieb
geschlossen und nur die nächtliche Finsterniß kam durch's Fenster
herein. Doch war es noch nicht so spät, sehr oft ließ er mich
noch um sieben oder acht Uhr kommen und jetzt war es erst
sechs Uhr. Wie könnte ich heute Abends umsonst gehofft haben,
wo ich ihm so viel zu sagen hatte? Ich wollte vor allem Grace
Poole zum Gegenstande des Gespräches machen und hören, was
er darauf antworten würde; ich hatte die Absicht, ihn geradezu
zu fragen, ob er fest überzeugt wäre, daß sie die Thäterin des
scheußlichen Mordversuches sei, und wenn er es bejahte, warum
er ihr Verbrechen mit dem Schleier des Geheimnisses bedecke?
Es kümmerte mich dann wenig, ob ihn meine Neugierde aufbrachte, es machte mir stets ein besonderes Vergnügen, ihn
abwechselnd ärgern und wieder besänftigen zu können, und ich
wußte darin gut Bescheid; ein sicherer Instinct hinderte mich zu
weit zu gehen, nie wagte ich mich über die Grenze hinaus und
es war meine größte Freude, auf der äußersten Linie angelangt,
meine Geschicklichkeit versuchen zu können. Bei aller achtungsvollen Entfernung, wie sie meine Stellung mit sich brachte,
konnte ich dennoch seine Ansichten ohne Furcht oder Zwang
bekämpfen, was sowohl ihm als auch mir behagte.
Endlich ließen sich Tritte von der Treppe her vernehmen;
Leah erschien, doch nur um mir anzuzeigen, daß mich der Thee
in Mistreß Fairfax's Stube erwarte. Ich begab mich dahin,
froh, doch wenigstens die Treppe hinab gehen zu können, denn
das brachte mich ja, so bildete ich mir ein, Mister Rochester näher.
, Wollen Sie keinen Thee nehmen? rief mir die gute
Dame freundlich entgegen; , Sie aßen heute so wenig zu Mittag.
Ich fürchte ordentlich, daß Sie krank sind, Sie sehen so geröthet
und fieberhaft aus.
, Oh, ich bin ganz gesund! Nie fühlte ich mich wohler.
, Dann beweisen Sie es dadurch, daß Sie einen guten
Appetit an den Tag legen; wollen Sie die Theekanne füllen,
indes ich diese Nadel abstricke? Mit ihrer Aufgabe fertig
geworden, stand sie auf und schloß die Fensterläden, die sie bis
jetzt offen gelassen, wahrscheinlich um das Tageslicht so lange
als möglich zu genießen, wiewohl sich inzwischen die Dämmerung
in nächtliche Finsterniß verwandelt hatte.
,Es ist heute Abend schönes Wetter, sagte sie, durch die
Fensterscheiben blickend,, obgleich nicht sternenhell; Mister Rochester
hatte im Ganzen einen sehr günstigen Tag für seine Reise.
,Seine Reise! -- Ist Mister Rochester verreist? Ich wußte
ja gar nicht, daß er fort wäre!
,O, er fuhr gleich nach dem Frühstück fort. Er ist nach
Leas gefahren, Mister Eshton's Gut, zehn Meilen jenseits Millcote; ich glaube es ist dort eine ganze Gesellschaft beisammen;
Lord Ingram, Sir George Lynn, Oberst Dent und Andere.
, Erwarten Sie ihn heute Nacht zurück?
,Nein -- morgen ebenso wenig; ich glaube, er wird
eine Woche ganz wegbleiben, wenn nicht länger; wenn diese
vornehmen Leute zusammenkommen, ist alles so voll Eleganz
und Fröhlichkeit, so bemüht einander zu gefallen und zu unterhalten, daß kaum ans Fortgehen gedacht wird. Die Herren
namentlich sind bei solchen Gelegenheiten ein sehr gesuchter
Artikel und Mister Rochester ist so begabt, so lebhaft in Gesellschaft, daß er, wie ich glaube, von Allen auf den Händen
getragen wird; die Damen sind ihm besonders gut, wiewohl
Sie dies, seinem Aeußern nach zu schließen, kaum glauben
würden; wahrscheinlich ersetzen seine Talente und Kenntnisse, vielleicht auch sein Reichthum und seine gute Abkunft alle diese
kleinen Mängel.
,Giebt's in Leas auch Damen?
, Wohl; da ist Mistreß Eshton mit ihren drei Töchtern,
sehr eleganten jungen Fräuleins; dann die schönen Ladies Ingram
Blanche und Mary Ingram; die erstere sah ich vor sechs oder
sieben Jahren, wo sie etwa achtzehn Jahre zählte. Sie war zu
Weihnachten hier bei einem Gesellschaftsballe, den Mister Rochester
gab. Sie hätten das Speisezimmer an jenem Tage sehen sollen
-- wie reich es geschmückt, wie glänzend es erleuchtet war! Ich
denke, es waren an fünfzig Herren und Damen zugegen --
sämmtlich den ersten Familien der Grafschaft angehörig; und
Miß Ingram war die Königin des Festes.
,Sie sahen Sie, Mistreß Fairfax? Ist sie in der That so
schön?
,Wohl sah ich sie. Die Flügelthüren des Speisesaales
standen offen; und da es Weihnachtszeit war, erhielten sämmtliche Dienstleute die Erlaubniß, in der Halle zusammenzukommen
und zuzuhören, wie einige Damen sangen und Musik machten.
Mister Rochester lud mich ein, in den Saal zu treten, und ich
setzte mich in einen Winkel, von wo aus ich meine Beobachtungen
anstellte. Nie hatte ich wohl einen glänzenderen Anblick; die
Damen waren prachtvoll gekleidet; die Meisten -- wenigstens
die jüngeren -- waren schön, allein Miß Ingram war doch
sicherlich die Krone von Allen.
, Und wie sah sie aus?
, Schlank, eine schöne Büste, runde Achseln, ein langer
graziöser Hals, die Hautfarbe dunkel, aber rein und durchsichtig,
edle Gesichtszüge, Augen, wie Mister Rochester's seine, groß und
schwarz, ihre Juwelen an Glanz überstrahlend. Und dazu die
schönen rabenschwarzen Haare, geschmackvoll geordnet, hinten eine
Krone von dichten Flechten, vorne die schönsten, glänzendsten
Locken, die ich je zu sehen bekam. Sie war ganz weiß angezogen;
eine bernsteinfarbene Schärpe deckte ihre Schultern, ging über
die Brust herab und fiel, an der Seite geknüpft, in langen,
mit Fransen besetzten Enden über die Knie. Eine einzelne Blume
von gleicher Farbe steckte in ihrem Haar; sie bildete einen
geschmackvollen Contrast mit den dichten, ebenholzschwarzen Locken.
,Natürlich wurde sie sehr bewundert?
,Gewiß, und nicht allein ihrer Schönheit, sondern auch
ihrer Talente wegen. Sie war eine der Damen, welche sangen,
ein Herr begleitete sie auf dem Piano. Zuletzt trug sie mit
Mister Rochester ein Duett vor.
,Mit Mister Rochester? Ich wußte ja gar nicht, daß er
auch singen kann.
, Ei, er hat eine sehr schöne Baßstimme und sehr viel Sinn
für Musik.
,Und was hat Miß Ingram für eine Stimme?
,Eine sehr volle und klangreiche; sie sang köstlich, es war
ein Vergnügen, sie zu hören -- später spielte sie auch Pianoforte. Ich bin keine Kennerin, allein Mister Rochester versteht
sich darauf, und er sagte, sie habe das Instrument vollkommen
in ihrer Macht. '
Ist diese schöne, mit allen Vollkommenheiten ausgerüstete
Dame noch ledig?
,So glaube ich wenigstens. So viel ich weiß, sind die
beiden Schwestern keineswegs reich. Die Güter des alten Lord
Ingram sind meistens Majorate und gelangen daher fast alle an
den ältesten Sohn.
, Es wundert mich aber, daß sich noch kein reicher Edelmann um sie beworben hat, wie zum Beispiel Mister Rochester
Er ist doch reich, nicht wahr?
, Ja freilich! Allein, sehen Sie, der Unterschied im Alte
ist zu groß; Mister Rochester zählt nahe an vierzig, sie erst fünfundzwanzig Jahre.
,Was hat das zu sagen? Tagtäglich werden noch viel
ungleichere Ehen geschlossen.
,Wohl wahr; doch glaube ich kaum, daß Mister Rochester
an eine solche Verbindung denkt.- Aber Sie genießen ja gar
nichts; Sie haben ja kaum einen Bissen gegessen.
, Ich bin zu durstig, um essen zu können. Wollen Sie mir
eine Tasse Thee einschenken?
Ich wollte auf die Wahrscheinlichkeit einer Partie zwischen
der schönen Blanche und Mister Rochester wieder zurückkommen
allein Adela trat in die Stube und das Gespräch nahm ein
andere Wendung.
Als ich endlich spät Abends allein war, musterte ich die
erhaltenen Aufklärungen durch, blickte in mein Herz, prüfte meine
Gedanken und Gefühle und bemühte mich, sie, die im unbegrenzteten
Gebiete der Einbildungskraft herumschweiften, der rechtmäßigen
Herrschaft der gesunden Vernunft wieder zuzuführen.
Vor meinen Richterstuhl geladen, gab die Erinnerung Zeugniß
von den Hoffnungen, Wünschen, Gefühlen, die ich seit der vergangenen Nacht im Busen hegte- von dem Zustande meines
Inneren im Allgemeinen, wie er sich in den letzten zwei Wochen
gestaltet; und als darauf die Vernunft in ihrer ruhigen Weise
den wahren Sachverhalt ungeschminkt aufgeklärt und berichtet
hatte, wie ich die Wirklichkeit so schnöde zurückgewiesen und die
Phantasie an ihrerstatt hatte ungehindert walten lassen, erkannte ich zu Recht, daß nie ein einfältigeres Geschöpf als
Jane Eyre die Luft dieser Welt eingeathmet, daß sich nie eine
phantastischere Thörin mit angenehmeren Lügen gefoppt und
tödtliches Gift so gierig verschluckt habe, als wäre es reiner Nektar.
,Du, sagte ich mir, , Mister Rochester's Liebling? Du
wärest im Stande, ihm zu gefallen? Du liegest ihm irgendwie
am Herzen? Geh', Deine Dummheit flößt mir Ekel ein. Und
Du konntest Vergnügen finden an gelegentlichen Beweisen von
Hinneigung, an zweideutigen Beweisen von einem Adeligen, einem
Weltmanne, Dir, einer Untergebenen, einer unerfahrenen Person
gegeben? Wie konntest Du es nur wagen, arme, alberne Getäuschte? Konnte Dich nicht Dein eigenes Interesse klüger
machen? Noch diesen Morgen gingst Du im Gedächtniß die
kurze Scene der verflossenen Nacht durch; bedecke Dein Gesicht
und schäme Dich! Er sagte einige Worte zum Lobe Deiner
Augen, nicht wahr? Blinde, eitle Närrin! Thue sie auf und
betrachte Deine gänzliche Hirnlosigkeit! Welchem Weibe wäre es
zum Vortheile, wenn ihr der Gebieter Schmeicheleien sagt, der
sie unmöglich heiraten kann, und Thorheit ist es, eine geheime
Leidenschaft zu nähren, die, ungeahnt und unerwidert, das Leben
verzehrt, dem sie ihre Nahrung verdankt und wenn sie erkannt
und getheilt wird, einem Irrlicht gleich in unabsehbare Sümpfe
führen muß, aus denen es keinen Ausweg giebt!
Und nun, Jane Eyre, höre Dein Urtheil: morgen stellst
Du einen Spiegel vor Dich und zeichnest Dein getreues Bildniß
mit der Bleifeder; Du vertuschest keinen Fehler, vergissest keinen
häßlichen Zug, lässest keine unangenehme Unregelmäßigkeit weg
und darunter schreibst Du die Worte: Bildniß einer armen,
häßlichen Erzieherin von niedriger Herkunft.
Dann nimmst Du eine Platte glattes Elfenbein -- Du
hast eine solche unter Deinen Zeichengeräthen -- mischest Deine
frischesten, feinsten, hellsten Farben, suchst den zartesten Kameelhaarpinsel aus, entwirfst mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht,
das Du Dir nur denken kannst, und malst es nach Mistreß
Fairfax's Beschreibung von Blanche Ingram in den zartesten
Abwechslungen von Licht und Schatten; vergiß die Rabenlocken
und das orientalische Auge nicht -- wie, Du willst Mister
Rochester's Auge zum Modell nehmen? Zur Ordnung! Keine
Thränen! -- keine Empfindeleien! -- kein Bedauern! Nur
Vernunft und Entschlossenheit kann ich zugeben. Erinnere dich
der edlen, doch harmonischen Gesichtszüge, des schönen Halses,
der eleganten Büste; lass' den runden, weißen Arm hervortreten,
sowie die zarte Hand; übersieh weder Ringe noch Armspangen
male naturgetreu den Anzug, die luftige Taille, die schimmernde
Seide, die anmuthig umgeworfene Schärpe und die goldene
Rose; die Ueberschrift sei: Blanche, eine vollendete Dame
von Rang.
Sollte Dir dann künftighin wann immer der Gedanke
kommen, Mister Rochester sei Dir gut, dann suche die beiden
Bilder hervor, vergleiche sie und sprich: Mister Rochester kann,
wenn er nur will, um die Liebe dieser edlen Dame werben;
ist es nun wahrscheinlich, daß er für jene arme, unbedeutende
Plebejerin einen ernsten Gedanken zu verlieren hat?
, Ich will es thun, beschloß ich, und nachdem ich diesen
Entschluß gefaßt hatte, wurde ich ruhig und schlief ein.
Ich hielt Wort. Ein oder zwei Stunden genügten, mein
Porträt zu skizziren und in weniger als vierzehn Tagen hatte
ich das Miniaturbild einer eingebildeten Blanche Ingram vollendet. Es sah lieblich genug aus und im Vergleich mit der
Kreidenzeichnung nach der Natur zeigte sich ein so großer Contrast,
als ihn nur immer die Selbstprüfung wünschen konnte. Die
Durchführung dieser Aufgabe war für mich sehr heilsam, sie
hatte meine Hände und meinen Geist beschäftigt und den neuen
Eindrücken, die ich meinem Herzen unausschlöschlich einprägen
wollte, Haltbarkeit und Stärke verliehen.
Nur zu bald hatte ich Ursache, mir zu der heilsamen Umwandlung, der ich meine Gefühle unterzogen hatte, Glück zu
wünschen; nur ihr hatte ich es zu danken, daß ich spätere Ereignisse mit gebührender Seelenruhe hinnehmen konnte, die, hätten
sie mich unvorbereitet getroffen, mich wahrscheinlich nicht bloß
geistig, sondern auch körperlich vernichtet hätten.

II.

Eine Woche verging und Mister Rochester ließ nichts von
sich hören; zehn Tage verflossen und noch immer kam er nicht.
Mistreß Fairfax sagte, es würde sie gar nicht Wunder nehmen,
wenn er am Ende von Leas geradezu nach London gegangen
wäre, um sich von dort aus nach dem Continent zu begeben und
Thornfield wenigstens für ein ganzes Jahr den Rücken zu kehren;
denn schon oft hatte er es ebenso plötzlich und unerwartet verlassen. Als ich dies hörte, war es mir ganz eigen ums Herz
und Frost durchrieselte meine Glieder. Fast hätte ich dem schmerzlichen Gefühle getäuschter Erwartung Raum gegeben; doch nahm
ich beizeiten meine Sinne zusammen, erinnerte mich meines
Entschlusses und brachte sofort meine Empfindungen ins Gleichgewicht; und es war in der That wunderbar, wie ich dieser
augenblicklichen Bewegung Herr wurde und den Gedanken entfernte, als ginge mich Mister Rochester's Thun und Treiben
auch nur im geringsten etwas an. Nicht als hätte ich mich durch
eine sklavische Vorstellung meiner Unterordnung gedemüthigt, nein,
im Gegentheile sagte ich zu mir:
,Du hast mit dem Besitzer von Thornfield nichts weiter
zu thun, als einen Gehalt dafür zu empfangen, daß Du seinen
Schützling erziehst, und ihm für diejenige achtungsvolle und
freundliche Behandlung dankbar zu sein, die Du von seiner
Seite mit Recht beanspruchen kannst, sobald Du Deine Pflicht
erfüllst. Sei versichert, daß dies das einzige Band zwischen Dir
und ihm ist, dessen Bestehen er anerkennt! mache ihn also nicht
zum Gegenstande Deiner zärtlichen Gefühle, Deiner Verzückungen,
Deines Herzeleides und so weiter. Er ist nicht Deinesgleichen,
trete nicht aus Deinem Stande heraus und achte Dich selbst zu
hoch, um Dein Herz, Deine Seele, alle Deine Kräfte in einer
Neigung zu verschwenden, nach der man kein Verlangen trägt,
die man vielleicht verachtet.
Ich verrichtete mein Tagewerk in aller Ruhe; doch dann
und wann beschlichen mich Einflüsterungen von Vernunftgründen,
denen nach ich Thornfield verlassen sollte, und unwillkürlich
setzte ich in Gedanken Zeitungsankündigungen auf und dachte
an die Möglichkeit, eine neue Stelle zu finden; diesen Vorstellungen
nun ließ ich freies Spiel; immerhin konnten sie keimen, wachsen
und wenn möglich Früchte tragen.
Bereits war Mister Rochester vierzehn Tage abwesend, als
eines Morgens ein Brief an Mistreß Fairfax einlangte.
,Von unserem Herrn,'sagte sie mit einem Blicke auf die Adresse.
,Nun werden wir wohl erfahren, ob er zurückkommt oder nicht.
Während sie das Siegel erbrach und das Schreiben durchlas, trank ich meinen Kaffee -- wir waren eben beim
Frühstück -- er war sehr heiß und diesem Umstande schrieb ich
es zu, daß mir eine glühende Röthe ins Gesicht stieg. Warum
jedoch meine Hand zitterte, daß ich die halbe Tasse voll verschüttete, dafür wußte ich keinen Grund anzugeben.
, Je nun -- zuweilen denke ich, es gehe bei uns zu ruhig
her; doch jetzt scheint mir's, sind wir nahe daran, für eine Weile
wenigstens vollauf zu thun zu haben, sagte Mistreß Fairfax,
den Brief von allen Seiten durch ihr Augenglas musternd.
Bevor ich mir die Freiheit nahm, sie um eine nähere Erklärung zu bitten, band ich Adelen's Schürze fest, die gerade
lose war, und nachdem ich ihr ein Stückchen Kuchen gereicht
und auch ihre Schale mit frischer Milch gefüllt hatte, frug ich
so unbefangen als möglich:
, Mister Rochester kommt wohl noch nicht so bald zurück?
, Sogar sehr bald-- in drei Tagen, wie er sagt, das ist
nächsten Donnerstag, und zwar in Gesellschaft. Ich weiß indessen
nicht, wie viele von den vornehmen Leuten von Leas mitkommen;
er trägt mir nur auf, alle Schlafzimmer in Bereitschaft zu
halten, die Bibliothek und die Gesellschaftszimmer zu reinigen
und Köchinnen und Köche von Millcote und von wo immer
herkommen zu lassen; die Damen bringen ihre Mädchen und
die Herren ihre Diener mit; wir werden also wohl das ganze
Haus voll haben. Und Mistreß Fairfax verschlang ihr Frühstück und eilte hinweg, um ihre Maßregeln zu treffen.
Die drei Tage waren, wie sie es vorhergesagt hatte, voll
Arbeit. Ich hatte mir immer vorgestellt, die Zimmer des Herrenhauses wären alle sehr rein und in Ordnung; doch schien ich
mich geirrt zu haben. Drei Weiber wurden zur Aushilfe aufgenommen und nun folgte ein Scheuern, Bürsten, Waschen
Teppichklopfen, Abnehmen und Aufhängen von Gemälden, Putzen
von Spiegeln und Kronleuchtern, ein Feueranmachen in den
Schlafzimmern und Auslüften der Federbetten, wie ich es nie,
weder zuvor, noch nachher gesehen hatte. In Mitte dieses Aufruhrs rannte Adela wie wild herum; die Empfangsvorbereitungen
und die Aussicht auf Gesellschaftsabende schienen sie in Ekstase
zu bringen. Sie veranlaßte Sophien, ihre 'toilettes', wie sie
ihre Kleider nannte, zu mustern, diejenigen, die ,passees'
wären, aufzufrischen, und die neuen zu putzen und zu plätten.
Sie selbst that nichts, als in den Vorderstuben herumrennen,
auf die Bettstellen hinauf und wieder hinunter springen, und
auf den Matratzen und aufgethürmten Kopfpölstern vor den ungeheueren Feuern in den Caminen herumliegen. Vom Lernen
war sie frei, denn Miß Fairfax hatte mich zu ihrem Dienste
gepreßt und ich war den ganzen Tag in der Vorrathskammer,
um ihr und der Köchin zu helfen oder besser gesagt sie zu
hindern, um Pasteten und Käsekuchen und französisches Backwerk
anfertigen, Wildpret anrichten und Dessertschüsseln garniren zu
lernen.
Wir erwarteten die Gesellschaft am Donnerstage Nachmittag
um sechs Uhr zu Tische. Während der Zwischenzeit hatte ich
nicht Muße mir Gedanken zu machen und ich glaube, ich war
so munter und geschäftig wie alle Anderen, Adela ausgenommen.
Nur von Zeit zu Zeit trübte ein unbekanntes Etwas meine
Heiterkeit und drängte mich trotz aller Anstrengung in die Region
der Zweifel, der schlimmen Ahnungen und der traurigen Vermuthungen zurück. Es geschah dies besonders dann, wenn ich
die Thür der Treppe zum dritten Stockwerke -- die in der
letzten Zeit immer verschlossen blieb -- sich langsam öffnen und
Grace Poole in weißer Haube, weißer Schürze und weißem
Halstuch herauskommen sah; wenn ich sie über den Gang
schleichen hörte, die Schritte fast unhörbar gemacht durch ihre
ausgetretenen Schlafschuhe; wenn ich bemerkte, wie sie in die
unaufgeräumten Stuben guckte -- vielleicht dann und wann
einem der Waschweiber über das Reinigen eines Rostes oder
eines marmornen Caminsimses oder über das Wegbringen der
Flecke von den Papiertapeten einige Worte sagte und dann weiter
ging. Einmal des Tages pflegte sie in die Küche zu kommen,
dort ihr Mittagessen zu verzehren, eine mäßig große Pfeife am
Herde zu rauchen und dann mit einem Kruge Porterbier zu
verschwinden, den sie zu ihrem Privatvergnügen in ihren Schlupfwinkel hinauf trug. Von den vierundzwanzig Stunden des Tages
brachte sie nur diese eine unter den übrigen Dienstleuten zu;
die ganze übrige Zeit verlebte sie in einer niedrigen, mit Eichenholz getäfelten Stube des zweiten Stockwerkes; dort saß und
nähte sie -- und lachte wohl auch unheimlich in sich hinein --
so einsam, wie ein Gefangener in seinem Kerker.
Das Wunderbarste jedoch war, daß, mich allein aus
genommen, keine Seele im ganzen Hause ihre sonderbare Lebensweise zu bemerken und sich darüber zu verwundern schien. Niemand sprach über ihre Stellung und Beschäftigung im Haushalte, niemand bedauerte sie wegen ihrer Abgeschiedenheit und Einsamkeit. Eines Tages hörte ich indessen zufällig ein Gespräch zwischen
Leah und einem der Waschweiber, dessen Gegenstand Grace Poole
war. Leah sagte etwas, was ich nicht vernahm, worauf die
Scheuerfrau bemerkte:
, Sie bekommt einen sehr guten Lohn, glaub' ich.
, Und ob! erwiderte Leah; ,ich wollte, der meine wäre
ebenso hoch; nicht daß ich Ursache zu klagen hätte, denn man
ist in Thornfield nichts weniger als filzig, allein mein Lohn
beträgt kaum den fünften Theil desjenigen, den Mistreß Poole
erhält. Und sie legt Geld beiseite, alle Vierteljahre geht sie in
die Bank von Millcote. Ich bin überzeugt, sie hat sich genug
erspart, um unabhängig leben zu können, wenn sie nur von
hier fort wollte; aber ich glaube, sie ist an ihren Platz zu
sehr gewöhnt und dann ist sie noch nicht vierzig Jahre alt und
stark und fähig genug zu jeder Arbeit. Es wäre für sie noch zu
früh, das Geschäft aufzugeben.'
,Sie arbeitet gut, denk' ich, sagte die Waschfrau.
, Ah! - sie versteht ihre Sache wie niemand, erwiderte
Leah in bedeutsamer Weise; ,und ihren Platz könnte nicht
leicht eine Andere ausfüllen, nicht für all das Geld, das sie
bekommt.
,Das ist's nicht!' war die Antwort. , Ich möchte nur
wissen, ob der Herr --
Die Frau wollte fortfahren: doch Leah, die sich umgedreht
und mich bemerkt hatte, gab ihr sofort einen Wink.
,Weiß sie's denn nicht? hörte ich das Waschweib
flüstern.
Leah schüttelte den Kopf und das Gespräch hatte natürlich
ein Ende. Alles, was ich daraus entnommen, beschränkte sich
darauf, daß es ein Geheimniß in Thornfield gab, von dessen
Mitwissenschaft man mich absichtlich ausschloß.

Der Donnerstag war da und alle Arbeit den Abend zuvor fertig geworden; Teppiche deckten den Boden, die Bettvorhänge prangten im schönsten Faltenwurfe, blendend weiße
Bettdecken schmückten die Lagerstätten. Auch die Ankleidetische
waren in Ordnung, die Möbel frisch politirt und Blumen in
den Vasen aufgespeichert; die Stuben und die Salons sahen so
neu und glänzend aus, als sie es nur immer durch Menschenhände werden konnten. Auch die Halle war gescheuert und selbst
die geschnitzte Wanduhr und die Stufen und Geländer der
Treppen glänzten blank wie Spiegel; der Schenktisch im Speisesaale schimmerte von Silbergeschirr und im Besuchszimmer und
dem Boudoir verbreiteten exotische Pflanzen ihren Duft.
Es war Nachmittag. Mistreß Fairfax zog ihr schönstes
schwarzes Seidenkleid und Handschuhe an und hing ihre goldene
Uhr um; denn ihr kam es zu, die Gesellschaft zu empfangen,
die Damen in ihre Gemächer zu geleiten und dergleichen mehr.
Auch Adela wollte sich in Staat werfen, wiewohl sie meiner
Ansicht nach wenig Hoffnung hatte, den Gästen, wenigstens
an diesem Tage, vorgeführt zu werden. Um ihr indessen die
Freude nicht zu verderben, erlaubte ich Sophien, ihr eines ihrer
faltigen Mousselinkleider anzulegen. Was mich selbst anbelangt,
so hatte ich es nicht nöthig Toilette zu machen; jedenfalls brauchte
ich das Allerheiligste des Schulzimmers nicht zu verlassen; denn
ein Tabernakel war es jetzt für mich -- ein trauter Zufluchtsort in trüben Zeiten.
Ein mildes, heiteres Frühlingswetter, wie es gegen Ende
März oder Anfang April als freundlicher Vorbote des Sommers
die Erde zu bescheinen pflegt, hatte den ganzen Tag über geherrscht
und noch jetzt, da die Nacht schon hereinbrach, war es so warm,
daß ich im Lehrzimmer mit meiner Arbeit am offenen Fenster
sitzen konnte.
,Es wird spät, sagte Mistreß Fairfax, im größten Putz
ins Zimmer tretend. ,Es ist mir lieb, daß ich das Essen eine
Stunde später bestellte, als Mister Rochester es anordnete, denn
es ist nun sechs Uhr vorüber. Ich habe John zum Gitterthore
hinuntergeschickt, um nachzusehen, ob jemand die Straße heraufkommt; man kann von dort aus beinahe den ganzen Weg bis
Millcote überblicken. Sie ging zum Fenster. , Da ist er! rief
sie. , Nun, John -- sich hinauslehnend -- , was giebt's
Neues?
,Sie kommen, Madame, war die Antwort, ,in zehn
Minuten sind sie hier.
Adela flog zum Fenster. Ich folgte und trug Sorge, mich
so zu stellen, daß ich, vom Vorhange bedeckt, ganz gut sehen,
doch nicht gesehen werden konnte.
John's zehn Minuten dauerten sehr lange, aber endlich
ließ sich das Rollen der Räder hören; vier Personen zu Pferde
galoppirten der Einfahrt zu, ihnen folgten zwei offene Wagen.
Fliegende Schleier und wehende Federn füllten die Kutschen;
zwei der Reiter waren junge, elegant aussehende Herren, der
dritte war Mister Rochester auf seinem Rappen Mesrur, vor
ihm sprang Pilot einher, ihm zur Seite ritt eine Dame; er und
sie eröffneten den Zug. Ihr purpurrothes Reitkleid fegte beinahe
den Boden, ihr Schleier flatterte in der Abendluft! sich mit dessen
durchsichtigen Wellen vermischend und durch sie hindurchscheinend
erglänzten dichte, rabenschwarze Locken.
,Miß Ingram! rief Mistreß Fairfax und fort eilte sie,
hinunter auf ihren Posten zu kommen.
Die Cavalcade bog, der Wendung des Fahrweges folgend,
rasch um die Ecke und ich verlor sie aus den Augen. Adela
stellte nun die Bitte, hinuntergehen zu dürfen; allein ich nahm
sie auf meinen Schoß und machte ihr begreiflich, daß sie nicht
daran denken dürfe, sich jetzt oder ein andermal vor den Damen
zu zeigen, außer man lasse sie ausdrücklich kommen; Mister
Rochester würde sonst böse werden und so weiter. Sie vergoß,
wie natürlich, einige Thränen; als ich ihr jedoch ein ernstes
Gesicht zu zeigen begann, willigte sie endlich ein, sie zu trocknen.
Nun wurde ein fröhlicher Tumult in der Halle hörbar;
die tiefen Stimmen der Herren wechselten mit den Silbertönen
der Damen ab und sie Alle beherrschend erscholl der klangreiche
Baß des Besitzers von Thornfieldhall, der seine schönen und
edlen Gäste unter seinem Dache willkommen hieß. Dann kamen
leichte Schritte die Treppe herauf und in der Galerie vernahm
man ein Trippeln und Kichern, ein Oeffnen und Zuschlagen
von Thüren, worauf dann für eine kleine Weile gänzliche Stille
eintrat.

, Sie kleiden sich um, sagte Adela, die, aufmerksam horchend,
jeder Bewegung gefolgt war, mit einem tiefen Seufzer.
,Wenn Mama Besuch hatte, fuhr sie fort, , konnte ich
überall herumgehen, im Salon und in den Stuben; zuweilen
sah ich den Kammermädchen zu, wie sie die Damen frisirten
und anzogen. Wie hübsch war das und wieviel konnte ich da
lernen!
,Sind Sie nicht hungrig, liebe Adela?
,Jawohl, Mademoiselle; seit fünf bis sechs Stunden haben
wir ja nichts zu essen bekommen.
,Nun gut, während die Damen in ihren Schlafzimmern
sind, will ich es versuchen hinunter zu gehen und etwas zu holen.
Und aus meinem Zufluchtsorte vorsichtig heraustretend,
suchte ich eine Hintertreppe auf, die gerade zur Küche hinabführte. Dort fand ich alles in größter Aufregung. Suppe und
Fische waren im letzten Stadium ihrer Bereitung, und die
Köchin lag über ihren Schmelztiegeln in einer Körper- und Geistesverfassung, die fast eine Selbstverbrennung fürchten ließ. Im
Dienstbotenzimmer standen und saßen zwei Kutscher und drei
Herren Kammerdiener am Feuer; die Abigails waren wahrscheinlich oben bei ihren Gebieterinnen; die neuaufgenommenen
Dienstleute von Millcote liefen wie verrückt im ganzen Hause
herum. Mir einen Weg durch dieses Chaos bahnend, erreichte
ich endlich die Speisekammer, wo ich ein kaltes Huhn, eine
Semmel, einige Tortelets, zwei Teller, Messer und Gabeln in
Besitz nahm und mit meiner Beute schleunigst den Rückzug antrat. Ich hatte die Galerie erreicht und wollte eben die Thür
der Hintertreppe absperren, als mich ein vielfältiges Gesumme von
Stimmen beizeiten in Kenntniß setzte, daß die Damen ihre Stuben
zu verlassen gedächten. Ich konnte das Lehrzimmer nicht erreichen,
ohne bei ihren Thüren vorbei zu gehen und Gefahr zu laufen,
daß man mich mit meiner Lebensmittelladung bemerkte; ich
blieb also an jenem Ende des Ganges stehen, der dort kein
Fenster hatte, folglich finster war und umsomehr in diesem Augenblicke, wo sich nach Sonnenuntergang bereits die Dämmerung
eingestellt hatte.
Sofort traten die schönen Bewohnerinnen eine nach der
anderen aus ihren Gemächern, munter, mit luftigem Tritt, in

Anzügen, die sogar im Zwielicht erglänzten. Einen Augenblick
blieben sie am anderen Ende der Galerie in einer Gruppe beisammen, sich mit halblauter Stimme äußerst lebhaft unterhaltend;
dann stiegen sie die Treppe hinab, fast so geräuschlos, wie
der Nebel einen Hügel hinunterrollt. Ihre Gesammterscheinung
hinterließ bei mir einen Eindruck hochgeborener Eleganz, wie er
mir vordem noch nie geworden war.
Ich sand Adelen an der Thür des Lehrzimmers durchs
Schlüsselloch guckend. , O, die schönen Damen! rief sie mir
entgegen. , Wie gerne möchte ich zu ihnen! Glauben Sie wohl,
daß uns Mister Rochester nach Tische kommen läßt?
,Das glaube ich nicht! Mister Rochester hat wohl andere
Dinge im Kopfe. Schlagen Sie sich die Damen für heute Abend
aus dem Sinne; vielleicht bekommen Sie sie morgen zu sehen.
Hier ist Ihr Mittagessen.
Sie war wirklich hungrig und die Torte und das Huhn
brachten sie für einen Augenblick auf andere Gedanken. Es war
ein Glück, daß ich diese Eßwaren in Besitz genommen, sonst
hätten weder ich, noch Adela, noch Sophie, der ich einen Theil
unserer Mahlzeit überließ, überhaupt etwas zu essen bekommen;
unten war alles zu sehr beschäftigt, um auch nur einen Augenblick auf uns denken zu können. Erst um neun Uhr wurde das
Dessert aufgetragen, und noch um zehn Uhr liefen die Lakaien
mit Speisetragen und Kaffeetassen herum. Ich gestattete Adelen
länger als gewöhnlich auszubleiben; denn sie behauptete, sie
könnte nicht schlafen, so lange unten die Thüren auf- und zugingen und die Leute Lärm machten. Uebrigens, meinte sie,
könnte ja möglicherweise Mister Rochester noch um sie schicken,
wo sie dann am Ende nicht angekleidet wäre; et alors quel
dommage!'
Ich erzählte ihr so lange Geschichten, als sie nur immer
anhören wollte, und dann nahm ich sie zur Abwechslung mit
auf die Galerie hinaus. Die Lampe der Vorhalle war unangezündet und es machte ihr Vergnügen, über das Treppengeländer hinabzublicken und den emsig ab- und zugehenden Dienstleuten zuzusehen. Als der Abend ziemlich weit vorgerückt war,
ertönte aus dem Besuchszimmer, wohin das Pianoforte gebracht
worden war, Musik; ich setzte mich mit Adelen auf den Treppenabsatz, um zuzuhören. In diesem Augenblick mischte sich eine
klangreiche Stimme in die Töne des Instrumentes; es war eine
Dame, die da sang, und melodisch floß die Sangweise von ihren
Lippen. Auf dies Solo folgte ein Duett und dann ein Allegro;
eine lebhafte Konversation füllte die Pausen zwischen den Musikstücken aus. Ich hörte lange zu; plötzlich machte ich die Bemerkung, daß mein Ohr bemüht war, die verschiedenen Laute
zu untersuchen und unter dem Gewirr von Stimmen diejenige
Mister Rochester's herauszufinden, und als ihm dies gelungen
war, fand es eine neue Aufgabe darin, die fernen unartikulirten
Laute zu verständlichen Worten zusammenzusetzen.
Da schlug es elf Uhr. Ich sah nach Adelen, deren Kopf
auf meiner Schulter lag; ihre Augen begannen sich zu schließen,
und so nahm ich sie in meine Arme und brachte sie zu Bette.
Erst spät nach Mitternacht zogen sich die Herren und Damen
in ihre Gemächer zurück.
Der folgende Tag war ebenso schön wie der vorhergehende;
die Gesellschaft benutzte ihn zu einem kleinen Ausfluge in die
Nachbarschaft. Die Gäste machten sich schon des Morgens auf
den Weg, einige zu Pferde, die übrigen in mehreren Wagen;
ich sah sie abfahren und wieder zurückkommen. Wie früher war
Miß Ingram die einzige Dame zu Pferde und wie zuvor galoppirte Mister Rochester ihr zur Seite; das Paar ritt etwas entfernt vom Neste der Gesellschaft. Ich machte Mistreß Fairfax,
die mit mir am Fenster stand, auf diesen Umstand aufmerksam.
, Sie meinten, es wäre nicht wahrscheinlich, daß die Beiden
ans Heiraten dächten, sagte ich; ,aber Sie sehen doch, daß
Mister Rochester sie allen übrigen Damen vorzieht.
, Wohl, er bewundert sie ohne Zweifel.
, Und sie ihn, fügte ich hinzu, ,sehen Sie nur, wie sie
ihren Kopf zu ihm hinneigt, als wäre er Ihr Vertrauter! Ich
wollte, ich könnte ihr Gesicht sehen; bis jetzt war mir's noch
nicht vergönnt.
, Sie werden sie heute Abend sehen, antwortete Mistreß
Fairfax. , Ich bemerkte Mister Rochester im Vorbeigehen, wie sehr
sich Adela danach sehne, vor der Gesellschaft erscheinen zu
dürfen. --, O, sie mag nach Tische ins Besuchzimmer kommen,
sagte er, , und ersuchen Sie Miß Eyre, sie zu begleiten.
,Das sagte er aus bloßer Artigkeit, versetzte ich, ,und
es ist wohl ebenso gut, wenn ich nicht mitgehe.
,Nun, ich machte ihn aufmerksam, daß Sie bei Ihrer
Befangenheit seiner Einladung kaum folgen würden, besonders
da die Gesellschaft aus lauter Fremden bestehe, worauf er mir
jedoch in seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit zur Antwort gab:
, Unsinn! Wenn sie Einwendungen macht, so sagen Sie ihr, daß
es mein besonderer Wunsch ist und daß ich sie selbst holen
werde, soferne sie nicht freiwillig kommt.
, Ich werde ihm diese Mühe ersparen, antwortete ich.
, Ich werde kommen, wenn es nun einmal nicht anders sein
kann; aber gern thue ich es nicht. Werden Sie auch mit unten
sein, Mistreß Fairfax?
,Nein, ich entschuldigte mich und er nahm meine Entschuldigung an. Ich will Ihnen indessen sagen, wie Sie es
anstellen, um der Verlegenheit eines förmlichen Eintrittes enthoben zu sein, was am Ende das Angenehmste an der Sache
ist. Sie begeben sich ins Besuchzimmer, so lange es noch leer
ist und bevor die Damen vom Tische ausstehen, und nehmen in
irgend einem beliebigen Winkel Platz. Sind einmal die Herren
da, brauchen Sie nicht mehr lange zu bleiben, außer es gefiele
Ihnen; lassen Sie sich nur vor Mister Rochester sehen und verschwinden Sie dann- niemand wird darauf Acht geben.
, Werden diese Leute lange hier bleiben?
, Etwa zwei oder drei Wochen, länger nicht. Sir George
Lynn, der zum Mitgliede von Millcote erwählt wurde, will nach
den Osterferien zur Stadt gehen und seinen Sitz im Parlamente
einnehmen, wahrscheinlich wird ihn Mister Rochester begleiten;
es wundert mich, daß er sich schon so lange in Thornfield aufhält.
Mit einigem Zittern sah ich die Stunde herannahen, wo
ich mich mit meiner Schülerin ins Gesellschaftszimmer begeben
sollte. Adela war den ganzen Tag über im Entzücken, als sie
hörte, daß sie am Abend vor den Damen erscheinen würde, und
erst als Sophie die Operation des Ankleidens begann, wurde
sie etwas nüchterner. Die Wichtigkeit dieses Vorganges machte
sie plötzlich gesetzt, und als sie ihre Locken geordnet, ihr rosenfarbenes Atlaskleid angelegt, ihre Schärpe geknüpft und die
gewirkten Handschuhe angezogen hatte, sah sie so ernst darein
wie ein Criminalrichter. Eine Warnung, ihren Anzug nicht in
Unordnung zu bringen, war überflüssig; vorsichtig setzte sie sich
in ihren kleinen Armstuhl nieder, nachdem sie vorher ihren
Atlasrock, aus Furcht ihn zu zerknittern, in die Höhe gehoben,
und versicherte mich ruhig bleiben zu wollen, bis ich ganz fertig
wäre. Das war denn auch bald der Fall; mein bester Anzug
-- das silbergraue Kleid, welches ich mir zu Miß Temple's
Trauung gekauft und seitdem kein einzigesmal getragen hatte --
war in wenigen Minuten angelegt, mein Haar mit einigen
Bürstenstrichen geordnet und mein einziger Schmuck, die perlenbesetzte Broche, ohne Aufenthalt vorgesteckt. Wir machten uns
auf den Weg.
Glücklicherweise führte noch ein anderer Eingang zum
Gesellschaftszimmer außer demjenigen durch den Salon, wo
sämmtliche Gäste noch bei Tische saßen. Wir fanden das Gemach
leer; ein großes Feuer brannte im marmornen Camin und
Wachslichter erglänzten zwischen den ausgesuchten Blumen, welche
die Tische schmückten. Der carmoisinrothe Vorhang deckte den
Schwibbogen; eine dünne Scheidewand, doch sprach die Gesellschaft im benachbarten Speisesaale so leise, daß man über ein
halblautes Gemurmel hinaus von ihren Gesprächen nichts vernehmen konnte.
Adela, die noch immer unter dem Einflusse der feierlichsten
Gefühle zu stehen schien, setzte sich, ohne ein Wort zu sagen,
auf einen Schemel, den ich ihr anwies. Ich zog mich in eine
Fensterbrüstung zurück und versuchte es in einem Buche zu lesen,
das ich vom Tische aufnahm. Adela brachte ihren Sitz zu
meinen Füßen und ehe wenige Minuten vergingen, zupfte sie
mich am Arme.
,Was ist's, Adela?
, Est-ce que je ne puis pas prendre une seule de
ces fleurs magnifiques, Mademoiselle? Seulement pour
completer ma toiletta.'
, Sie denken zu viel an Ihre Toilette, Adela; doch sollen
Sie eine Blume haben. Und ich nahm eine Rose aus der
Blumenvase und ich steckte sie ihr vor die Brust. Sie stieß
einen Seufzer unaussprechlicher Befriedigung aus, als hätte nun

ihr Glück den höchsten Gipfel erreicht. Ich wandte mein Gesicht
ab, um ein Lächeln zu verbergen, das ich nicht unterdrücken
konnte; der Ernst und die angeborene Verehrung der kleinen
Pariserin für Toilettesachen hatten etwas Lächerliches und zu
gleicher Zeit auch Peinliches an sich.
Ein leises Geräusch ließ vermuthen, daß die Gäste vom
Tische aufstanden; der Vorhang wurde zurückgeschoben und man
sah das Speisezimmer, dessen Kronleuchter auf das Silber- und
Glasgeschirr eines prachtvollen Dessertservice hernieder strahlte,
das einen langen Tisch bedeckte; eine Gruppe geschmückter
Damen stand unter dem Schwibbogen; sie überschritten die
Schwelle und der Vorhang wurde hinter ihnen zugezogen.
Es waren ihrer nur achte; doch als sie hereinschwebten,
machten sie den Eindruck einer viel größeren Anzahl. Einige
darunter waren sehr schlank, viele ganz weiß angezogen und
alle schleppten ihre faltigen, bauschigen Anzüge nach, die ihre
Gestalten zu vergrößern schienen, wie der Nebel den Mond
vergrößert. Ich stand auf und verbeugte mich; eine oder zwei
Damen nickten mit dem Kopfe, die Anderen glotzten mich bloß an.
Sie vertheilten sich im Gemache; durch die Leichtigkeit und
Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen erinnerten sie an eine Heerde
Schwäne. Einige warfen sich in halbliegender Stellung auf die
Sophas und Ottomanen; einige bogen sich über die Tische und
musterten Blumen und Bücher; der Fest umstand in einem
Halbzirkel das Feuer; Alle sprachen mit einer gedämpften, doch
deutlichen Stimme, die ihnen angeboren schien. Ihre Namen
erfuhr ich zwar später, doch mögen sie hier ebenso gut erwähnt
werden.
Da war zuerst eine Mistreß Eshton mit ihren beiden
Töchtern. Augenscheinlich mußte sie ehedem eine schöne Frau
gewesen sein und sah noch jetzt sehr gut aus. Amy, die älteste
Tochter, war etwas klein, naiv und kindlich in Gesicht und
Manieren und ihrem ganzen Aeußern nach pikant; ihr weißes
Musselinkleid und der blaue Gürtel standen ihr gut. Die jüngere
Tochter, Louise, war schlanker und von eleganterer Gestalt; ihr
sehr hübsches Gesicht gehörte derjenigen Gattung an, welche der
Franzose ,minois chiffonné’ nennt; beide Schwestern waren
makellos wie Lilien.
Lady Lynn war eine große dicke Person von beinahe vierzig
Jahren; sie hielt sich sehr gerade, trug die Nase sehr hoch, und
hatte eine reiche Robe von schillerndem Atlas an; ihr dunkles
Haar glänzte unter einer azurblauen Feder und einem mit Edelsteinen besetzten Stirnbande hervor.
Mistreß Dent, Oberst Dent's Gemahlin, sah weniger auffallend, aber wie es mir vorkam, um so nobler aus. Sie hatte
eine schlanke Figur, ein blasses anmuthiges Gesicht und schöne
Haare. Ihr schwarzes Seidenkleid, ihre Schärpe von reichem
ausländischen Spitzengrund gefielen mir beiweitem besser als
die Regenbogenpracht der betitelten Dame.
Doch die hervorragendsten- wohl theilweise weil größten
Gestalten der Versammlung waren die verwitwete Lady Ingram
und ihre Töchter Blanche und Mary. Sie hatten alle drei die
größte Frauenstatur. Die Mutter konnte zwischen vierzig und
fünfzig Jahre zählen; noch immer waren ihre Figur schön, ihre
Haare, bei Kerzenlicht wenigstens, schwarz, ihre Zähne anscheinend vollkommen gut. Die meisten Leute hätten sie, mit
Rücksicht auf ihr Alter, für eine prächtige Frau erklärt, und das
war sie auch ohne Zweifel in physischer Beziehung; allein der
Ausdruck von unerträglichem albernen Hochmuth, der sich in
ihrem Gesichte und in ihrer Körperhaltung aussprach, machte
sie wirklich zu einer unausstehlichen Person. Sie hatte eine
römische Nase und ein doppeltes Kinn, welches sich unterhalb
mit einer Kehle vermählte, die an Steifheit einem Mauerpfeiler
glich. Ihre Gesichtszüge waren nicht nur von Stolz ganz aufgeblasen, sondern auch wie die Gesichter anderer Leute von
Sorgen, von Eigendünkel gefurcht, und dieselbe Ursache erhielt
ihren Nacken in einer fast übernatürlichen Steifheit aufrecht. Sie
hatte ein starres, von Gefühllosigkeit zeigendes Auge, das mir
Mistreß Reed'a Blicke ins Gedächtniß rief; beim Sprechen warf
sie die Worte im Munde herum; ihre Stimme war tief, die
Biegungen derselben feierlich, predigermäßig, mit einem Worte
unleidlich. Ein carmoisinrothes Sammtkleid und ein ostindischer,
goldgewirkter Shawlturban verliehen ihr -- so dachte sie
wenigstens -- einen wahrhaft kaiserlichen Anstand.
Blanche und Mary waren von gleicher Größe -- gerade
und schlank wie Pappeln. Mary war für ihre Größe zu schwach,
doch Blanche hatte die Formen einer Diana. Wie begreiflich,
betrachtete ich sie mit besonderem Interesse. Erstlich wollte ich
sehen, ob ihre Erscheinung mit Mistreß Fairfax's Beschreibung
übereinstimmte; zweitens ob sie meinem Miniatur-Phantasiegemälde ähnlich sah, und drittens -- heraus damit! -- ob sie
möglicherweise Mister Rochester's Geschmack zusagen konnte.
Was die Figur anbelangte, entsprach dieselbe Punkt für
Punkt meinem Porträt und Mistreß Fairfax's Beschreibung. Da
war alles: die schöne Büste, die runden Schultern, der graziöse
Nacken -- und ihr Gesicht? Ihr Gesicht war ganz das ihrer
Mutter, ihr jugendliches ungefurchtes Ebenbild; dieselbe niedere
Stirne, dieselben markirten Züge, derselbe Stolz. Es war indessen kein mürrischer Stolz; sie lachte beständig; ihr Lachen war
Satzirisch, gleichwie der Zug um ihren aufgeworfenen hochmüthigen
Mund. Man sagt, das Genie besitze Selbstgefühl; ich weiß nicht,
ob Miß Ingram ein Genie zu sein das Glück hatte, aber selbstgefällig war sie, und das in einem bemerkenswerth hohen Grade.
Sie ließ sich mit der sanften Mistreß Dent in ein Gespräch
über Botanik ein; die letztere scien diese Wissenschaft nicht
studirt zu haben, wiewohl sie die Blumen im Allgemeinen, und
wie sie sagte, , besonders die wildwachsendenr sehr liebte. Miß
Ingram hatte sich wohl mit Botanik beschäftigt, und sagte ihre
Nomenclatur her, wobei sie sich ein sehr gelehrtes Ansehen gab.
Ich bemerkte sofort, daß sie es darauf anlegte, Mistreß Dent,
wie man zu sagen pflegt, ,aufzuziehen', sie ihrer Unwissenheit
wegen zum Besten zu haben; vielleicht zeigte ihr Benehmen von
Witz, keineswegs jedoch von Gemüth und Herzlichkeit. Sie spielte
Pianoforte; ihre Technik war brillant; sie sang, ihre Stimme
war schön; sie sprach mit ihrer Mama französisch, und sie
sprach es gut, geläufig und mit einem guten Accent.
Mary hatte ein sanfteres, aufrichtigeres Gesicht als Blanche,
und eine weit feinere, zartere Hautfarbe -- Blanche war brünett
wie eine Spanierin -- allein es fehlte ihr die Lebhaftigkeit ihrer
Schwester; ihrem Gesichte mangelte der Ausdruck, ihren Augen
der Glanz. Sie wußte nie etwas zu sagen, und hatte sie sich
einmal niedergesett, blieb sie starr und regungslos wie eine
Bildsäule in ihrer Nische. Das Schwesternpaar war schneeweiß
angezogen.

Und hielt ich nun dafür, daß Miß Ingram Mister Rochester's
Ansprüche befriedigen könne? Ich konnte es nicht sagen -- ich
kannte ja seinen Geschmack in Bezug auf Frauenschönheit nicht.
War er für das Majestätische eingenommen, dann hatte er an ihr
den wahren Typus der Majestät und zudem war sie lebhaften
Temperamentes, und besaß noch andere geistige Vollkommenheiten. Die Mehrzahl der Herren mußte sie bewundern, und
auch er bewunderte sie, wofür ich zahlreiche Belege hatte; um
auch den letzten Schein eines Zweifels fallen zu lassen, brauchte
man nur die Beiden beisammen zu sehen.
Der Leser wird sich wohl nicht einbilden, Adela sei die
ganze Zeit über regungslos auf ihrem Schemel zu meinen
Füßen gesessen; als die Damen eintraten, stand sie auf, ging
ihnen entgegen, machte eine ceremoniöse Verbeugung und sagte
ganz ernsthaft:
, Bon jour, mesdames!'
Miß Ingram blickte mit einem spöttischen Lächeln auf sie
herab. , O, die kleine Puppe! rief sie aus.
,Dies ist wohl Mister Rochester's Mündel, bemerkte
Lady Lynn, ,die kleine Französin, von der er sprach.
Mistreß Dent nahm Adelen freundlich bei der Hand und
küßte sie. Amy und Louise Eshton begegneten sich in dem gleichzeitigen Ausrufe:
,Der liebe kleine Engel! Darauf riefen sie Adelen zum
Sopha, wo sie nun zwischen ihnen saß, und abwechselnd französisch und gebrochen englisch plapperte, und nicht allein die
Aufmerksamkeit der jungen Damen, sondern auch diejenige von
Mistreß Eshton und Lady Lynn in Anspruch nahm, die sie nach
Kräften abherzten.
Endlich wird Kaffee gebracht und die Herren werden herbeigerufen. Ich sitze im Schatten, wenn es überhaupt welchen in
der hellerleuchteten Stube giebt; der Fenstervorhang verbirgt
mich halb und halb. Wieder öffnet sich die Draperie; sie kommen.
Das gleichzeitige Eintreten der Herren ist, wie jenes der Damen,
imposant; sie sind Alle schwarz gekleidet, die meisten schlank,
einige noch jung. Henry und Frederick Lynn sind in der That
glänzende Dandys und Oberst Dent ein feiner Mann von
militärischem Aussehen. Mister Eshton, der Richter des Bezirkes,
ihrer Gattung. Er ist von der meinigen, gewiß ist er's; denn
ich fühle die geistige Verwandtschaft zwischen uns, ich verstehe
die Sprache seiner Gesichtszüge, seiner Bewegungen; wiewohl
uns Rang und Vermögen strenge voneinander scheiden, liegt ein
Etwas in meinem Geiste und Herzen, in meinem Blute und
meinen Nerven, das mich ihm in geistiger Beziehung näher
bringt. Sagte ich nicht vor einigen Tagen, ich hätte sonst nichts
mit ihm zu schaffen, als meinen Gehalt von ihm zu empfangen?
Verbot ich mir nicht selbst anders an ihn zu denken, als an
meinen Zahlmeister? Welche Sünde gegen die Natur! Jedes
kräftige, gute, wahre Gefühl meines Herzens neigt sich aus
eigenem Antriebe zu ihm hin. Ich weiß es, ich muß mich beherrschen; ich muß meine Hoffnungen unterdrücken, mir vor
Augen halten, daß er sich nicht viel um mich bekümmern kann.
Denn, wenn ich auch sage, daß ich von seiner Gattung bin,
meine ich damit nicht, daß ich auch die Macht seines Einflusses,
den Zauber seiner Anziehungskraft besitze; ich will damit nur
bezeichnen, daß ich mit ihm manche Neigungen und Gefühle
gemein habe. Ich muß mir daher fortwährend wiederholen, daß
wir für ewig geschieden sind; und doch, so lange ich athme und
denke, muß ich ihn lieben.
Der Kaffee wird herumgereicht. Die Gegenwart der Herren
hat die Damen munter wie die Lerche gemacht; die Conversation
wird lebhaft und fröhlich. Oberst Dent und Mister Eshton unterhalten sich von Politik, ihre Frauen hören zu. Die zwei stolzen
Witwen Lady Lynn und Lady Ingram haspeln zusammen ein
Alltagsgespräch ab. Sir George -- den ich, im Vorbeigehen
gesagt, zu beschreiben vergaß -- ein sehr dicker und sehr roth
aussehender Landedelmann, steht mit der Kaffeetasse in der Hand
vor ihnen und flickt von Zeit zu Zeit ein Wort mit ein. Mister
Frederick Lynn hat an Mary Ingram's Seite Posto gefaßt und
zeigt ihr die Kupferstiche eines Prachtwerkes; sie schaut, lächelt
dann und wann, spricht aber im Ganzen genommen äußerst
wenig. Der lange, phlegmatische Lord Ingram stütt sich mit
verschränkten Armen auf die Stuhllehne der kleinen lebhaften
Amy Eshton; sie blickt zu ihm empor und plappert wie eine
Elster; er gefällt ihr besser als Mister Rochester. Henry Lynn
hat zu Louisen's Füßen von einer Ottomane Besitz genommen;

Adele theilt sie mit ihm; er versucht es mit ihr französisch zu
reden und Louise lacht über seine Sprachschnitter. Mit wem wird
sich wohl Blanche Ingram unterhalten? Mit Grazie über ein
Album gebeugt, steht sie ganz allein an einem Tische. Sie
scheint darauf zu warten, daß man sie aufsuche; doch will sie
nicht zu lange warten und wählt sich selbst einen Gesellschafter.
Mister Rochester hat die Eshton's verlassen und steht ebenso
einsam am Camine, wie sie am Tische; sie geht auf ihn zu
und stellt sich an die entgegengesetzte Seite des Caminmantels.
,Mister Rochester, ich dachte, Sie könnten die Kinder nicht
leiden?
,So ist's auch in der That.
, Was bestimmte Sie dann, sich jene kleine Zierpuppe
-- auf Adelen zeigend -- auf den Hals zu binden? Wo haben
Sie die aufgelesen?
, Ich habe sie nicht aufgelesen, man hat sie mir angehängt.
,Sie hätten sie sollen in eine Kostschule schicken.
, Ich konnte es nicht erschwingen, die Schulen sind so
theuer.
,Nun, ich denke, Sie halten ihr eine Gouvernante; ich
sah vorhin so eine Person mit ihr -- ist sie fort? O, nein!
Dort sitzt sie noch hinterm Fenstervorhange. Natürlich zahlen
Sie sie; das, sollt' ich meinen, kommt nun ebenso hoch, wenn
nicht höher; denn nun müssen Sie zwei Personen erhalten.
Ich fürchtete -- oder soll ich sagen, ich hoffte? -- diese
Anspielung müsse Mister Rochester's Blicke auf mich lenken und
unwillkürlich drückte ich mich noch tiefer in meine Ecke, allein er
wandte kein Auge nach mir.
,Ich habe mir die Sache nicht überlegt, sagte er gleichgültig und gerade vor sich hinblickend.
,Ei wohl! Die Männer überlegen nie, wo es sich um
Sparsamkeit und vernünftige Einrichtungen handelt. Sie sollten
Mama über das Capitel der Gouvernanten sprechen hören, ich
und Mary, wir hatten ihrer, glaub' ich, nacheinander ein volles
Dutzend; die eine Hälfte davon war unausstehlich, die andere
lächerlich und Alle insgesammt waren sie entsetzliche Druden.
Nicht wahr, Mama?
,Hast Du gesprochen, mein Eigenthum?
Die junge, von ihrer Mutter als besonderes Besitzthum
reclamirte Dame wiederholte ihre Frage mit einer Erklärung.
,Erinnere mich nicht an Gouvernanten, meine Theuerste,
schon das bloße Wort verursacht mir Krämpfe. Ihre Unfähigkeit und ihre Launen haben mir wahre Martern verursacht; ich
danke dem Himmel, daß ich mit ihnen nichts mehr zu schaffen
habe!
Hier bog sich Mistreß Dent zu der frommen Dame herüber
und flüsterte ihr etwas ins Ohr; aus der Antwort schloß ich,
daß es eine Erinnerung an die Gegenwart eines Mitgliedes der
verfluchten Race war.
,Tant pis, sagten Ihre Gnaden, ,ich hoffe, es wird ihr
gut thun. Dann fügte sie etwas leise hinzu, doch noch immer laut
genug, daß ich es hören konnte: , Ich habe sie mit Ausmerksamkeit betrachtet, ich verstehe mich auf Physiognomik und in ihrem
Gesichte sehe ich alle Fehler ihrer Classe vereinigt.
,Und welche sind diese? frug Mister Rochester ganz laut.
,Ich will es Ihnen einmal unter vier Augen sagen,
erwiderte sie, ihren Turban mit geheimnißvoller Wichtigkeit dreimal hin und her schwenkend.
,Aber meine Neugierde wird bis dahin ihren Appetit verloren haben; sie bedarf gerade jetzt der Nahrung.
,Fragen Sie Blanche, sie ist näher bei Ihnen, als ich.
,O, weisen Sie ihn nicht an mich, Mama! Ich habe
über die ganze Zucht nur ein Wort zu sagen: sie sind eine
Landplage. Nicht etwa, daß ich viel von ihnen erduldet hätte;
ich wußte das Blatt beizeiten zu wenden. Was für Streiche
Theodor und ich unseren Miß Wilsons und Mistreß Greys und
Jouberts zu spielen pflegten! Mary war immer viel zu schläfrig,
um sich an unseren Verschwörungen zu betheiligen. Den größten
Spaß hatten wir mit Madame Joubert; Miß Wilson war ein
armseliges kränkliches, weinerliches Geschöpf, bei ihr verlohnte
sich's nicht der Mühe, das Schlachtfeld zu behaupten, und
Mistreß Grey war ordinär und gefühllos, so daß sie kein Streich
in Ausregung versetzen konnte. Doch die arme Madame Joubert!
Ich sehe sie noch vor Wuth schnaubend, wenn wir sie zum
Aeußersten gebracht hatten -- unseren Thee verschütteten, das
Butterbrot zerbrockten, unsere Bücher an die Zimmerdecke warfen
und mit den Linealen und Schreibpulten, dem Camingitter und
der Feuerzange eine Katzenmusik aufführten. Theodor, erinnerst
Du Dich noch dieser fröhlichen Zeiten?
, Ja wo-oh-l! gähnte Lord Ingram; ,und das arme
alte Knochenhaus pflegte zu rufen: , O, Ihr abseulike Kind!
und dann hielten wir ihr eine Predigt über ihre Anmaßung,
so ungeheuer gescheidte Kinder unterrichten zu wollen, da sie selbst
so unwissend sei.
,Richtig! Und weißt Du, Tedo, wie ich Dir den käsigen
Mister Vinng -— den pipsigen Pfarrer, wie wir ihn nannten
-- secciren half? Er und Miß Wilson hatten die Keckheit, sich
ineinander zu verlieben -- so dachten wir wenigstens, Tedo und
ich; wir ertappten sie bei wunderbar zärtlichen Blicken und
Seufzern, die wir als Zeichen einer schönen Leidenschaft an-
sahen, und das Publicum schöpfte alsbald einen Nutzen von
unserer Entdeckung; wir gebrauchten sie als eine Art Hebel, um
unsere Vogelscheuchen aus dem Hause zu schnellen. Die liebe
Mama entdeckte in diesem Verhältnisse eine unmoralische Tendenz.
Ist's nicht so, gnädige Mama?
,Gewiß, meine Beste. Und ich hatte darin ganz Recht,
verlass! Dich darauf; tausend Gründe sprechen dafür, daß in
einem ordentlichen Hause eine Liebschaft zwischen dem Erzieher
und der Erzieherin nicht geduldet werden kann; erstlich --
, O, Himmel, Mama! Verschonen Sie uns mit Ihren Aufzählungen! Au reste kennen wir alle diese Gründe; die Gefahr
eines bösen Beispieles für die unschuldigen Kinder; Zerstreutheit
und daraus entspringende Vernachlässigung der obligaten Pflichten
seitens der Verliebten; wechselseitige Allianz und Unterstützung;
Vertraulichkeit -- Unverschämtheit -- Meuterei und allgemeiner
Umsturz. Habe ich es getroffen, Baronin Ingram von Ingram-
Park?
, Ja, meine Lilie, jetzt wie immer.
,Dann ist weiter nichts darüber zu sagen; sprechen wir
von etwas anderem!
Amy Eshton, die diese Weisung entweder nicht gehört hatte
oder nicht beachten wollte, fiel hier mit ihrer sanften Kinder-
stimme ein: ,Wir pflegten wohl auch unsere Gouvernante zu
hudeln, Louise und ich; aber sie war so ein gutes Geschöpf und

ließ sich alles gefallen, nichts konnte sie in Wuth bringen. Sie
war nie böse auf uns, nicht wahr, Louischen?
, Nein, nie; wir konnten thun was wir wollten, ihr Pult
und ihren Arbeitskorb durchstöbern oder die Schubladen ihres
Kastens verkehrt hineinschieben. Dabei war sie so gutmüthig, daß
sie uns alles gab, um was wir sie baten.
, Ich glaube gar, sagte Miß Ingram mit einem boshaften
Zug um den Mund, ,wir bekommen heute noch einen Auszug
aus den Memoiren aller existirenden Gouvernanten zu hören;
um dieses Unglück abzuwenden, trage ich nochmals darauf an,
einen anderen Gegenstand unserer Unterhaltung einzuführen. Sie
unterstützen mich doch, Mister Rochester?
,Madame, jetzt so gut wie bei jeder anderen Gelegenheit.
, Ich stelle also meinen Antrag. Signor Eduardo, sind Sie
heute Abend bei Stimme?
,Wenn Sie es befehlen, Donna Bianca, will ich es sein.
,Nun denn, Signor, ich mache Euch hiermit meinen souveränen Willen dahin kund, daß Ihr Eure Lunge und andere
Stimmorgane zurechtrichtet, da dieselben alsbald in meinen königlichen Diensten verwendet werden sollen.
,Wer möchte nicht der Rizzio einer so göttlichen Mary
sein?
,Zum Kuckuck mit Rizzio! rief sie ihren Lockenkopf schüttelnd,
während sie zum Pianoforte ging. ,Meiner Meinung nach muß
der Fiedler David ein sehr alberner, abgeschmackter Bursche
gewesen sein, mir für meinen Theil gefällt der schwarze Bothwell besser; in meinen Augen ist ein Mann, der nicht etwas
vom Teufel an sich hat, gar nichts, und die Geschichte mag von
James Hepburn sagen was sie will, ich bin fest überzeugt, daß
es gerade der wilde, feurige Banditenheld war, dem ich hätte
meine Hand reichen mögen.
, Sie hören es, meine Herren! Wer von Ihnen sieht nun
Bothwell am meisten gleich? rief Mister Rochester.
, Ihnen ist wohl dieser Vorzug nicht abzustreiten, antwortete Oberst Dent.
, Ich bin Ihnen sehr verbunden, auf Ehre.
Miß Ingram, die sich inzwischen mit stolzer Anmuth ans
Piano gesetzt, und ihre faltige Robe mit dem Air einer Königin

ausgebreitet hatte, begann ein brillantes Vorspiel, währenddessen
sie fort sprach. Sie schien diesen Abend hoch zu Rosse zu sein
sowohl ihre Reden als ihre Manieren waren augenscheinlich
berechnet, ihre Zuhörer nicht bloß zur Bewunderung hinzureißen,
sondern sie ordentlich zu verdutzen; sie legte es darauf an, so
imponirend und herausfordernd als möglich zu sein.
, O, die jungen Männer unserer Zeit sind wirklich zum
Ekel, rief sie, auf dem Instrumente herumarbeitend, aus. ,Die
armen schwächlichen Dingelchen, die sich kaum über Papa's Park
hinauswagen, nicht einen Schritt ohne Mama's Erlaubniß und
Aufsicht thun! Geschöpfe, deren größte Sorge durch ihre Milchgesichter, ihre weißen Hände und kleinen Füße in Anspruch
genommen wird, als wenn überhaupt ein Mann irgend etwas
mit Schönheit zu thun hätte! Als wäre die Anmuth nicht ein
besonderes Vorrecht des Frauengeschlechtes, sein gesetzliches Eigenthum und unbestreitbares Erbe! Ein häßliches Weib ist ein Fleck
auf dem reinen Antlitz der Schöpfung; was hingegen die Männer
betrifft, so ist es genug, wenn sie Kraft und Muth besitzen; ihre
Beschäftigung sei Jagen, Schießen und Fechten; alles übrige
ist keinen Heller werth. Das wäre meine Devise, wäre ich ein
Mann.
, Wenn ich mich je verheirate, fuhr sie nach einer durch
niemanden unterbrochenen Pause fort, ,nehme ich mir einen
Mann, der mir eine Folie, nicht ein Nebenbuhler ist. Um meinen
Thron dulde ich keinen Mitbewerber, alle Huldigungen sollen
mir unverkürzt zukommen, seine Aufmerksamkeit darf nicht
getheilt sein zwischen mir und der Gestalt, die er in seinem
Spiegel sieht. Mister Rochester, singen Sie, ich will Sie begleiten.
, Ich stehe ganz zu Diensten, war die Antwort.
, Hier ist ein Corsarenlied, Sie müssen wissen, daß ich in
Corsaren ordentlich vernarrt bin; darum singen Sie es auch
con spirito.
, Ein Befehl von Miß Ingram's Lippen müßte in einen
Napf wässeriger Milch Begeisterung bringen.
,Seien Sie also auf Ihrer Hut; wenn Sie mir nicht
gefallen, so beschäme ich Sie, indem ich Ihnen zeige, wie man
sich einer solchen Aufgabe erledigt.

,Auf diese Art bieten Sie der Unfähigkeit eine Belohnung;
ich werde mich sogar bemühen zu fehlen.
, Gardez-vous en bien! Wenn Sie absichtlich fehlen, verhänge ich über Sie eine verhältnißmäßige Strafe.
,Miß Ingram sollte Gnade üben, da es in ihrer Macht
steht, eine Züchtigung aufzuerlegen, die wohl kein Sterblicher
ertragen möchte.
,Ha! Erklären Sie sich deutlicher! befahl die Dame.
,Entschuldigen Sie, Madame, eine nähere Erklärung ist
hier überflüssig; Ihr eigener Scharfsinn muß Ihnen sagen, daß
ein finsterer Blick von Ihnen einer Capitalstrafe gleich ist.
, Singen Sie! sagte sie und wieder die Tasten berührend,
spielte sie eine im lebhaftesten Allegro gehaltene Begleitung.
,Nun ist es Zeit, daß ich mich fortschleiche, dachte ich;
doch die Töne, die nun erschollen, hielten mich zurück. Mistreß
Fairfax hatte Mister Rochester's Stimme gelobt, und das mit
Recht; er besaß einen kräftigen markigen Baß; in seinen Gesang
wußte er seine ursprünglichen naturkräftigen Gefühle zu legen
und damit den Weg durchs Ohr zum Herzen zu finden, wo
sie ein wunderbares Echo wach riefen. Ich wartete, bis der
Nachhall des letzten Tones erstorben war und der Fluß der
allgemeinen Unterredung, der für eine Weile ins Stocken gerieth,
seinen natürlichen Fortlauf genommen hatte, dann verließ ich
den schützenden Winkel und trat zur Seitenthür hinaus, die zum
Glück nicht weit entfernt war. Von dort führte ein schmaler
Gang zur Vorhalle; indem ich die letztere hindurch schritt, bemerkte ich, daß mein Schuhband los war; ich hielt an, um es
zu binden, und kniete zu diesem Behufe auf der Strohmatte an
der Treppe nieder. Ich hörte wie die Thür des Speisesaales
aufging; ein Herr kam heraus; mich plötzlich erhebend, stand ich
ihm mit dem Gesichte gegenüber, es war Mister Rochester.
,Wie geht es Ihnen? frug er.
, Ich bin ganz wohl, Sir.
, Warum kamen Sie im Gesellschaftszimmer nicht auf mich
zu, um mit mir zu sprechen?
Ich dachte, ich hätte ein besseres Recht, diese Frage an
ihn zu richten; allein, ich wollte mir diese Freiheit nicht herausnehmen. Ich erwiderte bloß:

, Ich wollte Sie nicht stören, da ich sah, daß Sie in Anspruch genommen sind.
, Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?
,Nichts Besonderes; ich unterrichtete Adelen wie gewöhnlich.
, Und sind viel blässer geworden, wie ich gleich beim ersten
Anblick bemerkte. Was ist's mit Ihnen?
,Gar nichts, Sir.
,Haben Sie sich etwa in jener Nacht, wo Sie mich halb
ersäuften, erkältet?
, Ganz und gar nicht.
, Gehen Sie ins Gesellschaftszimmer zurück; Sie verlassen
uns zu zeitlich.
, Ich bin müde, Sir.
Er sah mich einen Augenblick an.
, Und ein wenig trübe gestimmt, sagte er. ,Weswegen?
Sagen Sie es.
, Es ist nichts -- nichts. Ich bin nicht trübe gestimmt.
, Doch versichere ich Ihnen, daß Sie es sind, und zwar
in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen fast in die
Augen treten; und in der That, da sind sie schon und eine
Perle fiel eben von den Wimpern auf die Wange herab. Wenn
ich Zeit hätte und nicht in tödtlicher Angst wäre, irgend ein
plaudernder, naseweise Diener möchte am Ende vorbeikommen,
Sie müßten mir beichten, was das alles zu bedeuten hat. Nun
gut, für diesen Abend mag es dabei sein Bewenden haben; wissen
Sie jedoch, daß ich es Ihnen zur Pflicht mache, so lange meine
Gäste hier sind, jeden Abend im Besuchszimmer zu erscheinen;
es ist mein Wunsch, den ich nicht zu übersehen bitte. Jetzt gehen
Sie und lassen Sie Adele von Sophien abholen. Gute Nacht,
meine -- Er hielt inne, biß sich in die Lippen und entfernte
sich mit raschen Schritten.

III.

Welche fröhliche und geschäftige Tage waren das jetzt, wie
so ganz verschieden von den ersten drei Monaten der Stille,
Einförmigkeit und Einsamkeit, die ich unter dem Dache von

Thornfieldhall zugebracht hatte! Alle trüben Gefühle, alle traurigen Gedanken schienen nun das Haus verlassen zu haben;
überall herrschte Leben und Bewegung. Es war unmöglich, die
sonst so verlassene Galerie oder die Vorderzimmer zu betreten,
ohne einer netten Kammerzofe oder einem aufgewichsten Lakai zu
begegnen.
Eine gleiche Rührigkeit herrschte in der Küche, in der
Kellerei, im Gesindezimmer und in der Vorhalle, und die Salons
standen nur dann leer, wenn sonnige Frühlingstage die Gäste
ins Freie riefen. Selbst an unfreundlichen, regnerischen Tagen
trat in den Unterhaltungen kein Stillstand ein, nur daß dann
Zimmerbelustigungen in um so größerer Abwechslung und
Lebendigkeit stattfanden.
Ich wußte nicht recht, was am nächsten Abend beabsichtigt
wurde, als die Gäste zur Abwechslung das ,Charadenspiel'
vorschlugen; in meiner Unerfahrenheit war mir selbst das Wort
unverständlich. Die Diener wurden gerufen, die Tische beiseite
geschoben, die Lichter anders vertheilt, die Stühle dem Schwibbogen gegenüber in einem Halbzirkel aufgestellt. Während Mister
Rochester mit den übrigen Herren diese Veränderungen vornahm,
liefen die Damen Treppe auf, Treppe ab, und klingelten ihren
Mädchen. Mistreß Fairfax wurde aufgefordert, über die Vorräthe des Hauses an Shawls, Anzügen, Draperien jeder Art zu
berichten, worauf die alten Garderoben des dritten Stockwerkes
geplündert wurden und ihren Inhalt an brocatenen und gestickten
Röcken, an schwarzseidenen Staatskleidern, Spitzenkrägen und
atlassenen Mäntelchen etc. abliefern mußten. Die Kleidungsstücke
wurden in Massen von den Zofen heruntergeschafft, und nach
geschehener Auswahl die brauchbaren Stücke im Boudoir des
Gesellschaftszimmers aufgespeichert.
Inzwischen hatte Mister Rochester die Damen um sich
berufen, von denen er einige zu seinen Partnerinnen erwählte.
,Miß Ingram gehört natürlich zu mir, sagte er. Darauf
nannte er die beiden Misses Eshton und Mistreß Dent. Er sah
mich an; ich stand zufällig in seiner Nähe und befestigte Mistreß
Dent's Armband, welches aufgegangen war.
,Wollen Sie spielen? frug er. Ich schüttelte mit dem
Kopfe. Er bestand nicht weiter darauf, was ich beinahe befürchtete, und erlaubte mir, mich hinter meinen Fenstervorhang zurückzuziehen.
Nun trat er mit seiner Partei hinter die Draperie, der
andere Theil der Gesellschaft unter Oberst Dent's Anführung
setzte sich auf die im Halbkreis aufgestellten Stühle. Mister
Eshton, der mich gewahr wurde, schien den Vorschlag zu machen,
mich herbeizurufen; doch Lady Ingram war entschieden dagegen.
,Nein, hörte ich sie sagen, ,sie sieht zu einem solchen
Spiele viel zu dumm aus.
Kurze Zeit darauf ertönte eine Klingel und der Vorhang
ging in die Höhe. Innerhalb des Schwibbogens sah man Sir
George Lynn in ein weißes Betttuch gehüllt. Vor ihm auf einem
Tische lag ein offenes großes Buch, ihm zur Seite stand Amy
Eshton in Mister Rochester's Mantel, ein Buch in der Hand
haltend. In der Ferne hörte man ein fröhliches Glockengeläute;
Adela -- die es sich nicht nehmen ließ, von der Partei ihres
Vormundes zu sein -- kam nun herbeigesprungen und streute
den Inhalt eines Blumenkörbchens auf dem Boden aus. Darauf
erschien Miß Ingram, ganz weiß gekleidet, einen Kranz von
Rosen im Haar, mit ihr Mister Rochester im schwarzen Anzuge.
Das Paar näherte sich dem Tische. Sie knieten nieder, während
sich Mistreß Dent und Louise Eshton hinter ihnen ausstellten.
Eine stumme Ceremonie folgte, in der man mit Leichtigkeit eine
Trauung erkannte. Am Ende der Scene berieth sich der Oberst
dort etwa durch zwei Minuten mit seinen Partnern, worauf er
laut ausrief:
,Braut! Mister Rochester verbeugte sich und der Vorhang fiel.
Eine geraume Weile verging, bevor er wieder aufgezogen
wurde. Als dies geschah, sah man Mister Rochester, ein elegantes
Maroquinkästchen in der Hand, gleichsam in eine Stube treten,
wo ihn Miß Ingram sitzend empfing und ihm mit einer Handbewegung bedeutete, näher zu treten. Mit ehrfurchtsvoller Geberde überreichte er ihr das Etui. Sie öffnete es und nahm
mehrere Ohrgehänge und Armspangen, eine Broche, ein Stirnband, alles auf das Reichste mit Edelsteinen besetzt, heraus.
Eine darauffolgende Pantomime stellte jedenfalls den Abschluß
eines Kaufes vor. Der Vorhang fiel zum zweitenmale. Wahrscheinlich konnte sich Oberst Dent's Partei über die Bedeutung
des Bildes nicht vereinigen, denn der Oberst verlangte , das
Tableau des Ganzen'.
Im dritten Aufzuge erschien nun Miß Ingram in demselben
Anzuge wie im ersten, nur schmückte sie der Inhalt des Maroquinkästchens; von ihrer Stirne funkelte das Diadem, in ihren Ohren
glänzten die prachtvollen Ohrgehänge, am Busen war die kostbare Brilliantbroche.
,Brautschmuck! rief nun Oberst Dent und die Charade
war gelöst.
Eine Pause trat nun ein, während welcher die Darsteller
ihre gewöhnlichen Kleider wieder anlegten; damit zu Ende gekommen, traten sie wieder ins Besuchzimmer. Mister Rochester
hatte Miß Ingram am Arme.
,Nun ist die Reihe an Ihnen, Dent,' mahnte der Erstere,
und als sich die andere Partei zurückgezogen hatte, nahm er
mit seinem Anhange die Sitze ein; Miß Ingram saß ihm zur
Rechten. Nun sah ich nicht mehr nach den Darstellern, nun
erwartete ich nicht länger mit Spannung das Aufgehen des
Vorhanges; meine ganze Aufmerksamkeit war auf die Zuseher
gerichtet, meine Augen auf den Halbkreis von Stühlen wie festgebannt. Welche Charade Oberst Dent's Partei darstellte, welches
Wort sie wählte, wie sie spielte, von allem dem weiß ich nichts
mehr; doch sehe ich noch immer die Berathungen vor mir, welche
jeder Scene folgten; ich sehe Mister Rochester sich zu Miß
Ingram wenden und Miß Ingram zu ihm; ich sehe sie den
Kopf zu ihm neigen, daß die glänzenden Locken beinahe auf seine
Achsel herunterfallen und seine Wange berühren; ich höre ihr
wechselseitiges Flüstern; ich erinnere mich der gewechselten Blicke,
und noch in dieser Stunde kann ich mir das Gefühl ins Gedächtniß zurückrufen, welches dieser Anblick in mir hervorbrachte.
Ich habe dem Leser mitgetheilt, wie meine Liebe zu Mister
Rochester entstanden war. Sollte ich ihn jetzt etwa darum nicht
mehr lieben, weil ich fand, daß er mich nicht beachtete, daß ich
nun ganze Stunden in seiner Nähe zubringen konnte, ohne daß
er mich auch nur ein einzigesmal ansah? Oder darum, weil ich
seine Aufmerksamkeiten für eine vornehme Dame bemerkte, die
mich nicht für würdig genug erachtete, daß mich der Saum

ihres Kleides berührte, die, wenn zufällig ihr dunkles, gebieterisches Auge auf mich fiel, es sofort wegwandte, als wäre
ich ein zu gemeiner Gegenstand, ihrer Blicke gar nicht werth?
Noch liebte ich ihn, wiewohl ich überzeugt war, er werde diese
nämliche Dame ehestens heiraten; wiewohl ich täglich seinen
Bewerbungen beiwohnte, die, unabsichtlich und von Zurückhaltung
zeigend, gerade durch diesen Beweis von Selbstgefühl unwiderstehlich wurden.
Alle diese Umstände konnten meine Liebe weder mindern,
noch viel weniger aus meinem Herzen reißen, obgleich sie mich
zur Verzweiflung brachten. Wohl auch zur Eifersucht, wird der
Leser denken, wenn überhaupt ein Mädchen von meiner Stellung auf ein Fräulein wie Miß Ingram eifersüchtig sein durfte.
Aber ich war es gar nicht, oder doch nur sehr selten; dieses
Wort fand zur Bezeichnung des besonderen Schmerzes, den ich
fühlte, keine Anwendung. Miß Ingram stand zu tief unter mir,
um dieses Gefühl hervorrufen zu können. Man gestatte mir,
diesen anscheinend seltsamen Satz aufzustellen, den ich sofort erklären will. Sie wußte zu blenden, doch nur mit erborgtem
Flitter; sie hatte ein schönes Aeußeres und manche glänzende
Vorzüge, allein ihr Geist war arm, ihr Herz von Natur aus
öde und unfruchtbar; nichts erblühte naturwüchsig auf diesem
Boden, keine süße Frucht lohnte mit ihrer erquickenden Frische.
Sie war weder herzensgut, noch originell; ihre Aussprüche
bestanden in tönenden, aus Büchern entlehnten Phrasen; nie
urtheilte sie aus eigener Ueberzeugung und war in dieser Hinsicht vollkommen unselbstständig. Sie spielte die Gefühlvolle und
kannte weder Mitgefühl noch Mitleid; Zärtlichkeit und Natürlichkeit hätte man bei ihr vergebens gesucht. Nur zu oft verrieth
sie sich, indem sie ihrer schmählichen Antipathie gegen die kleine
Adela freien Lauf ließ, diese mit irgend einem Schimpfworte von
sich stieß, wenn sie ihr nahe kam, oder zuweilen aus dem Zimmer
hinausschaffte, unter allen Umständen aber mit Kälte und
Bissigkeit behandelte. Andere Augen nebst den meinen beobachteten
diese Kundgebungen des Charakters aufs genaueste. Mister
Rochester selbst, der angehende Bräutigam, beaufsichtigte seine
Zukünftige ohne Unterlaß; eben diese beobachtende Kälte, das
daraus entspringende klare Bewußtsein der Fehler seiner Geliebten

und der gänzliche Mangel an Leidenschaft von seiner Seite verursachten meinen unheilbaren Schmerz.
Ich erkannte, daß er sie bloß aus Familien-, vielleicht auch
aus politischen Rücksichten zu heiraten gedachte, weil ihm ihr
Rang und ihre Verbindungen zusagten; ich fühlte es, daß er
sie nicht liebe und daß ihre Eigenschaften nicht danach waren,
ihm den Schatz seiner Zuneigung zu entlocken. Das war die
verwundbare Stelle, wo der Nerv bloß lag und vor Schmerz
zuckte -- wo das Fieber raste und immer neue Nahrung erhielt;
sie konnte ihn nicht beglücken.
Hätte sie ihn mit einemmale besiegt und hätte er sich
unterworfen und ihr sein Herz mit Freuden zu Füßen gelegt,
würde ich mein Gesicht verhüllt und ihm gerne entsagt haben.
Wäre Miß Ingram ein braves, edles, mit Seelenstärke, Herzensgüte und Verstand begabtes Weib gewesen, hätte ich nur Einen
Kampf mit den Dämonen der Eifersucht, der Verzweiflung zu
bestehen gehabt, die mir vielleicht das Herz aus dem Leibe
gerissen und verzehrt hätten; allein ich hätte sie bewundert, ihre
Vortrefflichkeit anerkannt und den Rest meiner Tage in Ruhe
beschlossen. Doch wie die Sachen in der Wirklichkeit standen,
gehörte in der That eine außerordentliche moralische Kraft dazu, mit
Ruhe zuzusehen, wie sich Miß Ingram bemühte, Mister Rochester
an sich zu ziehen, nicht wissend, daß alle ihre Mühe vergebens
sei; wie sie sich in ihrer Eitelkeit einbildete, jeder abgesandte
Pfeil treffe ins Schwarze; wie sie sich mit ihren scheinbaren
Erfolgen brüstete, während gerade ihr Stolz und ihre Einbildung
sie immer mehr und mehr von dem angestrebten Ziele entfernten.
Denn während sie fehlte, wußte ich ganz gut, wie sie hätte
treffen können. Pfeile, die fortwährend von Mister Rochester's
Brust abprallten und ohne Schaden zu verursachen zu seinen
Füßen fielen, mußten, ich war dessen gewiß, von einer sichereren
Hand abgeschossen, sein stolzes Herz treffen, sein ernstes Auge
in Liebe, sein spöttisches Gesicht in Milde erglänzen machen.
Und noch besser mußte eine friedliche Eroberung ohne alle
Waffen gelingen.
,Warum kann sie ihn nicht besser fesseln, da sie doch das
Vorrecht hat, mit ihm beständig umzugehen? frug ich mich selbst.
, Gewiß liebt sie ihn nicht wahrhaft und vom Herzen! Wäre

dies der Fall, hätte sie es nicht nöthig, so kunstvoll zu lächeln,
so geziert zu blicken, anmuthige Geberden und Stellungen zu
fabriziren. Es scheint mir, sie erreichte ihre Absicht besser und
käme seinem Herzen näher, wenn sie ruhig an seiner Seite säße,
wenig spräche und noch weniger herumblickte. Ich habe auf
seinem Gesichte schon einen ganz verschiedenen Ausdruck gesehen
als die regungslose Härte, die gerade jetzt seine Züge versteinert,
wo sie so lebhaft in ihn hinein redet; allein damals kam dieser
Ausdruck von selbst, ohne durch buhlerische Künste und berechnete
Manövers hervorgerufen zu werden und man durfte nur einfach
seine Fragen beantworten, ihn, wenn nöthig, ohne Ziererei ansprechen, um ihn ganz Feuer und Flamme zu sehen und sich in
seinem Scheine zu wärmen. Wie will sie ihn fesseln, wenn sie
erst verheiratet sind? Ich denke, es wird ihr nicht gelingen,
wiewohl es so leicht wäre und sein Weib das glücklichste unter
der Sonne sein könnte.
Ich habe bis jetzt Mister Rochester's auf Interesse beruhendes
Heiratsproject noch mit keinem Worte getadelt. Die Entdeckung
seiner Absichten überraschte mich anfänglich; ich hatte ihn für
einen Mann gehalten, der sich in der Wahl einer Lebensgefährtin
von keinen so alltäglichen Beweggründen würde bestimmen
lassen; doch je mehr ich die gesellschaftliche Stellung, die Erziehung der beiden Brautleute ins Auge faßte, desto ungerechter
erschien es mir, sowohl Mister Rochester als Miß Ingram
wegen einer Handlungsweise zu tadeln, die mit den ihnen von
Jugend auf beigebrachten Ideen und Grundsätzen ganz im
Einklange war. Die ganze Kaste, der sie angehörten, theilte ja
diese Ansichten; es mußten also doch wohl Gründe für ihre
Richtigkeit sprechen; nur daß sie mir unbekannt waren.
In diesem, so wie in allen anderen Punkten hatte ich mit
meinem Gebieter die größte Nachsicht; seine Fehler, für die ich
ehedem ein scharfes Auge gehabt, schien ich alle vergessen zu
haben. Früher hatte ich mir Mühe gegeben, alle Seiten seines
Charakters zu erforschen, das Gute und das Schlechte mit-
zunehmen und mir nach genauer Abwägung des einen und des
anderen ein richtiges Urtheil zu bilden. Jetzt sah ich gar nichts
Fehlerhaftes an ihm. Der Sarkasmus, der mich vordem verletzt ,
die Barschheit, die mich zurückgeschreckt hatte, kamen mir nun

wie eine pikante Würze in einem ausgesuchten Gerichte vor; ihr
Vorhandensein war zwar nicht angenehm, allein ihre Abwesenheit
hätte allen Geschmack vermissen lassen. Und was seinen unbestimmten, ob unheilvollen, ob schmerzlichen, kühnen oder verzweifelnden Ausdruck anbelangte, der sich dann und wann dem
Auge eines sorgsamen Beobachters in Mister Rochester's Blicken
erschloß, aber auch sofort wieder verschwand, ehe man noch seine
wunderbare Tiefe ermessen konnte; jenen Ausdruck, der mich mit
Furcht und Entsetzen erfüllte, als wandelte ich auf vulcanischem
Boden und fühlte die Erde unter mir erbeben -- noch sah ich
ihn von Zeit zu Zeit, doch nur noch mit Herzklopfen, nicht mehr
mit vor Schreck gelähmten Nerven. Statt jenem fürchterlichen
Geheimnisse auszuweichen, wünschte ich vielmehr, es untersuchen,
errathen zu können, und ich beneidete Miß Ingram, daß sie eines
Tages mit Muße würde in den Abgrund blicken, seine Geheimnisse ergründen, seine Beschaffenheit studiren können.
Während ich nur an Mister Rochester und seine Braut
dachte, nur die Beiden sah, nur ihre Unterhaltung hörte und
nur ihre Bewegungen für bemerkenswerth erachtete, beschäftigten
sich die übrigen Gäste mit ihren Privatinteressen und Privatvergnügen. Die Ladies Lynn und Ingram setzten ihre feierlichen Zweigespräche fort, in welchen sie, gleich zwei großen
Puppen, einander mit den beturbanten Köpfen zuwinkten und
ihre vier Hände in wunderbaren Bewegungen verrenkten, je
nachdem das Thema ihrer Unterhaltung ein überraschendes,
geheimnißvolles odert,schauderhaftes war. Die sanfte Mistreß
Dent plauderte mit der herzensguten Mistreß Eshton und die
Beiden richteten zuweilen ein freundliches Wort an mich und
lächelten mir zu. Sir George Lynn, Oberst Dent und Mister
Eshton sprachen über Politik, über Grafschaftsangelegenheiten
und über Rechtsfälle. Lord Ingram kokettirte mit Amy Eshton;
Louise spielte und sang mit einem der Gebrüder Lynn und
Mary Ingram lauschte still schmachtend den galanten Reden
des anderen. Zuweilen hielten Alle, wie von einem Gedanken
geleitet, in ihren Seitengesprächen inne, um die Hauptpersonen
zu beobachten und ihnen zuzuhören; denn nach allem waren
Mister Rochester und -- weil mit ihm in enger Verbindung --
Miß Ingram die Seele der Gesellschaft. War er nur eine

Stunde abwesend, beschlich alle Gäste eine merkliche Langeweile,
und sein Wiedereintritt gab ohne Zweifel der Lebhaftigkeit der
Unterhaltung einen neuen Anstoß.
Der Mangel seiner belebenden Gegenwart machte sich ganz
besonders bemerkbar, da ihn Geschäfte nach Millcote gerufen
hatten, von wo er allem Anscheine nach erst spät zurückkommen
konnte. Der Nachmittag war regnerisch; ein projectirter Spaziergang zu einem Zigeunerlager, das jenseits des Dorfes Han auf
einer Heide aufgeschlagen war, mußte daher unterbleiben. Einige
Herren waren in die Pferdeställe hinab gegangen, die jüngeren
spielten mit den jungen Damen Billard. Die Damen Ingram
und Lynn trösteten sich mit einer gemächlichen Whistpartie. Blanche
Ingram wies einige Versuche von Mistreß Dent und Mistreß
Eshton, sie mit in ihr Gespräch zu verflechten, durch hochmüthiges Stillschweigen zurück, sang dann mit halblauter Stimme
einige sentimentale Lieder und Arien zum Piano und holte sich
endlich einen Roman aus der Bibliothek, mit dem sie sich aufs
Sopha warf, um sich mit dem Zauber der Dichtung die langweiligen Stunden der Abwesenheit zu verkürzen. Im Hause und
in allen Gemächern war es still, nur aus dem Billardzimmer
ertönte dann und wann ein fröhliches Lachen.
Es war schon dunkel und die Glocke hatte bereits die
Stunde des Ankleidens zum Tische angezeigt, als Adela, die bei
mir auf einem Fenstersitze kniete, plötzlich ausrief:
,Voila Monsieur Rochester qui revient!'
Ich wandte mich um, und sah, wie Miß Ingram vom
Sopha emporflog; auch die anderen Gäste blickten von ihren
augenblicklichen Beschäftigungen auf, den in denselbem Momente
vernahm man das Rollen von Rädern und Pferdegetrampel auf
dem nassen Sandwege. Ein Postwagen näherte sich.
,Was fällt ihm denn ein, in diesem Aufzuge nach Hause
zu kommen? bemerkte Miß Ingram. , Er ritt ja seinen Rappen
Mesrur und Pilot war mit ihm, als er heute Morgens Thornfield verließ; was hat er nur mit den Thieren angestellt?
Bei diesen Worten trat sie mit ihrer starken Figur und
ihren weiten, faltigen Kleidern so nahe zum Fenster, daß ich
bei der Bemühung ihr auszuweichen und mich zurückzubiegen,
fast das Rückgrat brach. In ihrem Eifer bemerkte sie mich nicht
sogleich; doch, meiner ansichtig werdend, rümpfte sie die Nase
und suchte ein anderes Fenster auf. Der Postwagen hielt vor
dem Hause; der Kutscher läutete an und ein Herr in Reisekleidern stieg aus; allein es war nicht Mister Rochester, sondern
ein Fremder, ein schlanker, elegant aussehender Mann.
,Wie ärgerlich! rief Miß Ingram. , Sie alberner Affe!
-- Adelen anfahrend -- ,Wer hieß Sie denn sich aufs Fenster
hinaufzuhocken und die Leute zum Narren zu halten? Und sie
warf auch mir einen wüthenden Blick zu, als wäre ich an der
ganzen Sache Schuld.
Man hörte in der Vorhalle reden und sofort trat der neue
Ankömmling ins Besuchzimmer. Er verneigte sich vor Lady
Ingram als der ältesten der anwesenden Damen.
, Ich scheine etwas ungelegen zu kommen, Madame, sagte
er, ,da mein Freund, Mister Rochester, vom Hause abwesend
ist; allein ich lange eben von einer sehr weiten Reise an und
ich darf wohl als ein alter und intimer Freund einstweilen absteigen und seine Zurückkunft abwarten.
Sein Benehmen war artig; sein Accent kam mir etwas
ungewöhnlich -- nicht gerade fremd, aber auch nicht englisch
vor. Dem Alter nach schien er mit Mister Rochester auf derselben Stufe zu stehen und zwischen dreißig bis vierzig Jahre
zu zählen; seine Hautfarbe war merkwürdig blaß; im übrigen
konnte man ihn, besonders beim ersten Anblick, einen sehr hübschen
Mann nennen. Bei näherer Betrachtung jedoch entdeckte man in
seinem Gesichte ein Etwas, das mißfiel, oder vielmehr nicht
gefiel. Seine Gesichtszüge waren regelmäßig, aber zu schlaff;
sein Auge war groß und schön geschnitten, aber das innere Leben,
welches herausblickte, ein leeres, gedankenloses Leben. So dachte
ich wenigstens.
Die Gesellschaft ging auseinander, um sich zur Tafel umzukleiden. Erst nach Tische sah ich den Fremden wieder; er schien
sich ganz heimisch zu fühlen. Doch gefiel mir sein Gesicht wo
möglich noch weniger als früher; es war unruhig und doch
ohne Leben. Seine Blicke irrten herum, sagten aber gar nichts,
was dem Manne ein so sonderbares Aussehen verlieh, wie ich
es noch nie gesehen hatte. Ungeachtet seines hübschen und wohl
auch anmuthigen Aeußeren hatte er für mich etwas sonderbar

Abstoßendes; seinem glatten ovalen Gesichte fehlte der Ausdruck
der Kraft, seiner Adlernase Kühnheit, seinem kirschrothen Munde
männlicher Ernst; seine niedere, ebene Stirne war gedankenlos,
sein stieres braunes Auge ohne Feuer.
Von meiner Nische aus betrachtete ich ihn, wie die Armleuchter des Camins, an dem er fast vor Kälte zitternd in einem
Armstuhl saß, ihn mit ihrem vollen Lichte übergossen, und verglich ihn in Gedanken mit Mister Rochester. Der Contrast konnte
-- mit aller Achtung sei es gesagt -- zwischen einem albernen
Gänserich und einem kühnen Falken, zwischen einem furchtsamen
Schafe und seinem Hüter, dem rauhhaarigen, scharfäugigen Hunde
kaum größer sein.
Er hatte von Mister Rochester als von einem alten Freunde
gesprochen. Ihre Freundschaft muß eine wunderliche gewesen
sein, eine treffliche Illustration des alten Sprichwortes: , Die
Extreme berühren sich.
Zwei oder drei Herren saßen neben ihm und zuweilen
gelangten Bruchstücke ihrer Unterredung an mein Ohr. Anfangs
konnte ich nicht viel Sinn hineinbringen; denn ein Gespräch
zwischen Louise Eshton und Mary Ingram, die mir näher saßen,
trat störend dazwischen. Die beiden Mädchen sprachen über den
Fremden; beide nannten ihn ,einen schönen Mann'. Louise sagte,
, er wäre ein liebenswürdiges Geschöpf, und sie ,bete ihn an;
und Mary entzückt über ,seinen hübschen kleinen Mund und die
schöne Nase', die ihrer Ansicht nach das Ideal aller Schönheit
darstellten.
, Und was für eine schöne Stirne er hat! rief Louise aus.
, Keine jener finsteren Unregelmäßigkeiten, die ich so sehr hasse!
Sehen Sie nur das sanfte Auge und freundliche Lächeln!
Zu meinem größten Vergnügen wurden die beiden Damen
von Mister Henry Lynn ans andere Ende des Zimmers berufen,
um einer Berathung über den verschobenen Ausflug ins Zigeunerlager beizuwohnen.
Nun konnte ich der Gruppe am Feuer ungestört zuhören
und erfuhr sofort, daß der neue Gast Mister Mason heiße und
eben erst aus einem sehr warmen Lande angekommen sei. Wahrscheinlich war dies letztere Ursache, daß er so blaß aussah, sich
so nahe am Feuer hielt und selbst da noch seinen Winterrock

nicht ablegte. Die Worte Jamaica, Kingston, Spanish Town
zeigten an, daß er in West-Indien ansässig sei, und mit nicht
geringem Erstaunen vernahm ich, daß er dort Mister Rochester's
Bekanntschaft gemacht hatte. Er erwähnte seines Freundes Abneigung gegen die dortige brennende Hitze, gegen Orkane und
Winterregen jener Gegend. Mistreß Fairfax hatte mir wohl von
Mister Rochester's Reisen erzählt; doch dachte ich immer, dieselben wären bloß auf Europa beschränkt gewesen, und er selbst
hatte nie eine Anspielung auf seinen Aufenthalt in anderen Welttheilen gemacht.
Ich überlegte mir das eben Gehörte, als plötzlich ein etwas
unerwarteter Zwischenfall den Lauf meiner Gedanken unterbrach.
Mister Mason, der vor Kälte zitterte, sobald nur die Thür aufging, bat, noch mehr Kohlen auf das Feuer zu legen, das wohl
ausgebrannt war, dessen Glut jedoch noch Hitze genug verbreitete.
Der Diener, welcher die Kohlen brachte, blieb an Mister Eshton's
Stuhle stehen und sagte ihm etwas halblaut ins Ohr, von dem
ich bloß die Worte ,altes Weib -- , läßt sich nicht abweisen'
-- auffing.
, Sagen Sie ihr, ich lasse sie in den Bock spannen, wenn
sie sich nicht sogleich fortpackt, erwiderte die Gerichtsperson.
,Halt! fiel Oberst Dent dazwischen. , Schicken Sie sie
nicht fort, Eshton; wir können die Sache zu unserer Unterhaltung
ausbeuten. Fragen wir doch erst bei den Damen an. Und mit
lauter Stimme fuhr er fort: ,Meine Damen, Sie hatten einen
Ausflug nach Hay ins Zigeunerlager vor; nun berichtet hier Sam,
es sei im Bedientenzimmer eine der alten Zauberinnen angelangt,
die durchaus vor die Herrschaften vorgelassen werden will, um
ihnen wahrzusagen. Beliebt es Ihnen sie zu sehen?
,Sie scherzen, lieber Oberst! rief Lady Ingram. , Sie
werden doch die Betrügerin nicht unterstüten wollen? Schicken
Sie sie auf alle Fälle fort, und zwar sogleich.
, Aber, Euer Gnaden, ich kann sie nicht fortbringen, versetzte der Diener, ,und die anderen Leute vermögen es ebenso wenig.
Mistreß Fairfax spricht in diesem Augenblicke mit ihr und ersucht
sie das Haus zu verlassen; doch die Alte hat sich in die Caminecke gesezt und behauptet nicht eher fortgehen zu wollen, bis sie
ihre Absicht erreicht habe.

,Was will sie denn? frug Mistreß Eshton.
, Sie wünscht den Herrschaften wahrzusagen, Madame, und
sie schwört hoch und theuer, sie müsse und werde dies thun.
,Wie sieht sie aus? erkundigten sich die Misses Eshton
in einem Athemzuge.
,Es ist ein fürchterlich häßliches altes Geschöpf, Miß, fast
so schwarz wie eine Krähe.
, Je nun, es ist wohl eine wahrhaftige Hexe! bemerkte
Frederick Lynn. ,Wir lassen sie hereinkommen, das versteht sich.
,Natürlich, bekräftigte sein Bruder; es wäre jammerschade, eine solche Gelegenheit zur Unterhaltung vorübergehen zu
lassen.
,Meine lieben Jungen, was fällt Euch ein? rief Lady
Lynn.
, Ich kann einem so unvernünftigen Vorhaben unmöglich
beipflichten, unterstützte sie die verwitwete Lady Ingram.
,Wirklich, Mama? Ei, Sie können und werden es! ertönte die hochmüthige Stimme Blanche's, die bis dahin ruhig
am Piano gesessen hatte, anscheinend mit der Durchsicht verschiedener Musikalien beschäftigt.
, Ich bin begierig, meine Zukunft zu wissen, lassen Sie
also die edle Dame hereinkommen, Sam!
, Meine theuerste Blanche! denke doch --
, Ich weiß schon -- ich kann mir vorstellen, was Sie mir
sagen wollen; allein ich muß meinen Willen haben -- also vorwärts, Sam!
, Ja! -- ja! -- ja! jubelten die jungen Leute beiderlei
Geschlechtes im Chore. ,Sie soll kommen -- herein mit der
Alten -- das wird ein köstlicher Spaß werden!
Der Diener zögerte. , Sie sieht gar so schrecklich aus,
meinte er.
, Ich sage vorwärts!' herrschte Miß Ingram und der Mann
verschwand.
Eine außerordentliche Aufregung bemächtigte sich alsbald
der ganzen Gesellschaft; ein Lauffeuer von Witz und Scherz
machte die Runde, als Sam zurückkam.
, Sie will nicht hereinkommen, berichtete er. , Sie sagt,
es sei nicht ihre Gewohnheit, vor dem großen Haufen- ihre

eigenen Worte -- zu erscheinen. Ich müßte sie in ein besonderes
Zimmer führen, und dann sollten diejenigen, die sie zu befragen
wünschten, einzeln vor sie treten.
,Du siehst nun, meine königliche Blanche, begann Lady
Inngram, , das Weib wird grob. Lass' Dir rathen, mein Engel
-- und --
, Führen Sie die Alte in die Bibliothek, fiel das Engelskind ihrer Mutter barsch in die Rede. Es ist ebenso wenig
meine Sache, sie vor dem 'großen Haufen' anzuhören; ich will
sie für mich allein haben. Ist das Gemach geheizt?
,Wohl, Madame -- aber das Weib sieht so verdächtig
aus.
,Lassen Sie das Geschwätz, Dummkopf! und thun Sie,
was ich Ihnen befehle.
Wieder verschwand Sam, und geheimnißvolle Aufregung
und Erwartung zeigte sich auf den Gesichtern aller Anwesenden.
, Sie ist bereit, sagte der Diener, nach einer Weile ins
Gemach tretend. , Sie wünscht zu wissen, wer sie zuerst besucht.
, Ich glaube, es wäre besser, ich ginge zuerst hinein, bevor
sich die Damen zu ihr begeben, sagte Oberst Dent. , Sagen
Sie ihr, Sam, daß ein Herr mit ihr sprechen will.
Sam ging und kam wieder.
,Sie sagt, Sir, Sie hätte mit Herren nichts zu schaffen;
ebenso wenig, fügte er mit einem schwer unterdrückten Kichern
hinzu, ,mit Damen, die jungen und ledigen ausgenommen.
, Beim Himmel! Sie hat einen guten Geschmack! rief
Henry Lynn aus.
Miß Ingram stand feierlich auf. , Ich gehe zuerst hinein,
sagte sie mit dem Tone des Anführers eines verlorenen Postens,
der an der Spitzte seiner Mannschaft eine Bresche besteigt.
,Ach meine Beste, meine Theuerste, halt ein -- überlege
Dir's! jammerte die Mama; doch die Tochter schwebte mit
majestätischem Schweigen an ihr vorüber, schritt zur Thür hinaus,
welche Oberst Dent offen hielt, und wir hörten sie ins Bibliothekzimmer treten.
Eine verhältnißmäßige Pause trat ein. Lady Ingram hielt
es für angemessen, die Hände zu ringen, was sie auch nach Kräften
that. Miß Mary erklärte, sie für ihren Theil könne sich nicht

entschließen. Amy und Louise Eshton kicherten halblaut und sahen
ein wenig furchtsam aus.
Die Zeit verging langsam; man konnte an fünfzehn Minuten
zählen, bis sich die Thür des Bibliothekzimmers wieder öffnete.
Miß Ingram kehrte zurück.
Lacht sie? Sieht sie die Sache als einen Scherz an? --
Aller Augen betrachteten sie neugierig! sie begegnete diesen Zeichen
der Theilnahme mit einem zurückweisenden frostigen Blicke. Ihr
Gesicht zeigte weder Aufregung noch Munterkeit; sie schritt in
aller Stille zu einem Stuhle und setzte sich ruhig nieder.
,Nun, Blanche? sagte Lord Ingram.
, Was sagte sie, liebe Schwester? frug Mary,
,Was dachte, was fühlte sie? Sagte Sie Ihnen wirklich
wahr? erkundigten sich die Misses Eshton.
,Nun, nun, lieben Leute, wehrte Miß Ingram ab, ,bestürmt mich doch nicht so! Eure Verwunderung und Leichtgläubigkeit scheint ja aufs höchste gestiegen zu sein. Nach der
Wichtigkeit, die Ihr Alle, Mama mit inbegriffen, dem Ereignisse
beimesset, müßt Ihr wahrlich glauben, wir haben eine echte Hexe
im Hause, die mit dem Gott -- sei -- bei -- uns in directer Verbindung steht. Ich sah eine herumziehende Zigeunerin, weiter
nichts; sie übt die Handwahrsagekunst in der alten Weise und
sagte mir eben das, was Leute ihres Gelichters zu sagen pflegen.
Meine Laune ist nun befriedigt, und Mister Eshton wird wohl
daran thun, sie morgen einsperren zu lassen, wie er es beabsichtigte.
Miß Ingram nahm ein Buch, legte sich in ihrem Stuhle
zurück und wies jedes weitere Gespräch von sich. Ich beobachtete sie beinahe durch eine halbe Stunde, während dieser
ganzen Zeit wendete sie kein Blatt und ihr Antlitz wurde mit
jedem Augenblicke düsterer, verdrießlicher. Jedenfalls hatte sie
nichts Angenehmes erfahren und aus ihrem anhaltenden finsteren
Schweigen schloß ich, daß sie ungeachtet ihrer vorgeblichen Gleichgültigkeit den empfangenen Enthüllungen ein sehr großes Gewicht
beilegte.
Mittlerweile erklärten Mary Ingram, Amy und Louise
Eshton, daß sie sich nicht einzeln zu gehen trauten, aber doch
gerne ihr Glück versuchen möchten. Eine Unterhandlung wurde

durch den Abgesandten Sam eröffnet und nach vielem Hin- und
Hergehen, das dem besagten Sam den Wadenkrampf zugezogen
haben mußte, gab endlich die Sibylle mit großer Schwierigkeit
die Erlaubniß, daß die drei Damen zusammen ihre Aufwartung
machen dürften.
Ihr Besuch lief nicht so ruhig ab, als derjenige Blanche
Ingram's, ein krampfhaftes Lachen und dann und wann ein lauter
Schrei ertönten aus dem Gemache herüber und nach beiläufig
zwanzig Minuten brachen sie ordentlich die Thür ein und kamen
durch die Vorhalle gelaufen, als hätten sie den Verstand verloren.
,Mit der Alten ist's gewiß nicht richtig, riefen sie zu
gleicher Zeit. ,Was die uns für Sachen sagte! Sie weiß alles!
und athemlos sanken sie in die Armstühle, welche ihnen die Herren
entgegengetragen hatten.
Um weitere Auskunft gebeten, erzählten die Mädchen, sie
habe ihnen Dinge geoffenbart, die sie als ganz kleine Kinder
gesagt und gethan hätten, Bücher und Nippsachen beschrieben,
die sich zu Hause in ihren Boudoirs befänden, sowie Andenken,
die sie von verschiedenen Verwandten erhalten. Sie behaupteten,
die Zigeunerin habe sogar ihre Gedanken errathen und einer
Jeden den Namen derjenigen Person, die ihr am theuersten sei,
ins Ohr geflüstert und hinzugefügt, was sie sich am sehnlichsten
wünschten.
Hier traten die Herren mit der angelegentlichen Bitte dazwischen, sie auch bezüglich dieser letzten zwei Punkte eines Näheren
zu belehren; doch ihre Zudringlichkeit brachte nur ein allgemeines
Erröthen, Aufschreien und verlegenes Kichern hervor. Die verheirateten Damen offerirten inzwischen ihre Fächer und Riechfläschchen, und drückten wiederholt ihr Bedauern aus, daß man
ihren Rath nicht beizeiten befolgte. Die älteren Herren lachten
und die jüngeren boten den aufgeregten Schönen ihre Dienste an.
Inmitten der Verwirrung und während meine Augen und
Ohren von dieser Scene in Anspruch genommen waren, hörte
ich ein leistes Husten in meiner Nähe, wandte mich um und erblickte Sam.
, Ich bitte, Miß, die Zigeunerin meint, es wäre noch eine
ledige junge Dame hier, die sie nicht befragt hätte; sie betheuert,
sie wolle nicht früher fortgehen, bis auch diese bei ihr gewesen sei.

Das müssen wohl Sie sein, Miß, denn ich sehe sonst keine junge
Dame hier. Was soll ich der Frau sagen?
,O, ich komme auf jeden Fall,' antwortete ich, froh eine
Gelegenheit zur Befriedigung meiner stark erregten Neugier zu
finden. Von Allen unbemerkt, schlüpfte ich zum Zimmer hinaus
und machte die Thür leise hinter mir zu.
,Wenn es gefällig ist, Miß, sagte Sam, ,will ich auf
Sie in der Halle warten und sollte sie Sie erschrecken, so rufen
Sie nur und ich komme sogleich.
, Ich danke, Sam; gehen Sie nur in die Küche, ich bin
nicht furchtsam. Und das war ich auch nicht, wiewohl meine
Neugier und meine Spannung einen hohen Grad erreicht hatten.

IV.

Die Bibliothek sah aus wie gewöhnlich, und die Sibylle,
wenn es ja eine war, saß ganz gemüthlich in einem Lehnstuhle
am Camin. Sie hatte einen rothen Mantel um und eine schwarze
Mütze auf dem Kopfe oder vielmehr einen breitkrämpigen Zigeunerhut, der mit einem bunten Sacktuche unter dem Kinn zugebunden
war. Eine ausgelöschte Kerze stand auf dem Tische; die Alte
bog sich zum Feuer herab und schien in einem kleinen, schwarzen
Buche beim Scheine der Glut zu lesen; sie sprach die Worte
halblaut vor sich hin, wie es die meisten alten Weiber zu thun
pflegen. Bei meinem Eintritt hielt sie nicht sogleich inne; wahrscheinlich wollte sie erst mit einem Abschnitte fertig werden.
Ich stand am Camingesimse und wärmte meine Hände, die
im Gesellschaftszimmer, wo ich so entfernt vom Feuer saß,
ordentlich kalt geworden waren. Ich war im Ganzen so gefaßt
und ruhig, wie nie in meinem Leben; die Zigeunerin hatte in
der That nichts an sich, was irgend wie beunruhigen konnte.
Endlich schlug sie ihr Buch zu und blickte lange empor. Der
Hutrand bedeckte zum Theile ihr Gesicht, doch konnte ich, als
sie es zu mir wandte, die wunderlichen Züge ziemlich deutlich
unterscheiden. Ihre Gesichtsfarbe war braun, beinahe schwarz;
zerzauste Haarlocken sahen unter einer weißen Binde hervor, die

sie unter dem Kinn zugebunden hatte, und hingen halb über
ihre Wangen herab; sie maß mich mit einem durchbohrenden,
forschenden Blicke.
,Nun, Sie möchten wohl gerne Ihr Schicksal wissen?
sagte sie in einem Tone, der in seiner Barschheit mit dem harten
Ausdrucke ihres Gesichtes harmonirte.
, Ich kümmere mich nicht viel darum, gute Mutter; Ihr
mögt Euer Heil versuchen, aber ich sage Euch im Vorhinein,
daß ich an Eure Kunst nicht glaube.
,Diese Aeußerung war von einer so kecken Person zu er-
warten; ich hörte es gleich an Ihrem Tritte, als Sie die
Schwelle überschritten.
,Wirklich? Ihr müßt ein scharfes Gehör haben.
, Wohl, und auch ein scharfes Auge.
, Ihr braucht das alles bei Euerm Handwerk.
, Natürlich; besonders, wenn ich solche Kunden habe, wie
Sie. Warum zittern Sie nicht?
,Mir ist nicht kalt.
, Warum werden Sie nicht blaß?
, Ich bin nicht krank.
, Warum befragen Sie meine Kunst nicht?
, Ich bin nicht albern genug.
Die alte Hexe kicherte unter ihrer schwarzen Mütze hervor;
darauf zog sie eine kurze schwarze Pfeife heraus, zündete sie an
und begann zu rauchen. Nachdem sie sich eine Weile dem Genusse
dieses Beruhigungsmittels hingegeben hatte, richtete sie ihren
gebückten Körper gerade in die Höhe, nahm die Pfeife aus dem
Munde und während sie unverwandt ins Feuer blickte, sagte sie
mit Entschiedenheit:
, Es ist Ihnen kalt, Sie sind krank, Sie sind albern.
, Beweiset es, erwiderte ich.
, Das will ich mit wenigen Worten. Es ist Ihnen kalt,
denn Sie stehen allein; keine Berührung entlockt das Feuer,
das in Ihnen brennt. Sie sind krank, denn das beste, das
höchste, das süßeste der menschlichen Gefühle ist Ihnen fern.
Sie sind albern, denn bei all Ihren Schmerzen wagen Sie es
nicht, es herbeizurufen oder einen Schritt vorwärts zu thun, um
es dort zu treffen, wo es Ihrer wartet.

Und wieder führte sie ihre kurze schwarze Pfeife zum Mund
und qualmte mit aller Macht.
, Dasselbe könntet Ihr wohl einem jeden Mädchen sagen,
von dem Ihr wißt, daß es in einem vornehmen Hause und in
Abhängigkeit lebt.
,Wohl könnte ich es; doch wäre es auf jedes andere
Mädchen gleich gut anwendbar?
, Sobald sie sich in gleichen Verhältnissen befindet, ja.
, Richtig, in gleichen Verhältnissen; und nun zeigen Sie
mir eine Person, die ganz genau so gestellt ist, wie Sie.
O, tausend für Eine!
, Ich glaube kaum eine einzige wäre zu finden. Ihre
Stellung ist eine ganz eigenthümliche; das Glück steht Ihnen
so nahe, Sie können es mit der Hand erreichen. Ale Bestandtheile sind vorbereitet, nur einer Bewegung bedarf es, um sie
zu verbinden. Der Zufall legte sie etwas abseits; lassen Sie
sie nur näher kommen und der schönste Erfolg soll Sie beglücken.
, Ich verstehe mich nicht auf Räthsel. Nie in meinem Leben
konnte ich welche auflösen.
, Wenn Sie wünschen, daß ich deutlicher spreche, zeigen
Sie mir Ihre Hand.
, Und ich muß sie wohl mit Silber bedecken, nicht wahr?
,Freilich.
Ich gab ihr einen Shilling; sie schob ihn in einen alten
Strumpf, den sie aus der Tasche hervorgeholt hatte. Nachdem
sie dieses Geldbehältniß sorgfältig zugebunden und wieder ein-
gesteckt, gebot sie mir, meine Hand hinzuhalten. Ich that es,
sie näherte ihr Gesicht meiner Handfläche und besah sie, ohne
sie zu berühren.
,Sie ist zu zart, sagte sie. ,Mit einer solchen Hand
kann ich nichts anfangen, sie hat fast gar keine Linien. Uebrigens
was soll auch die Hand? Die Zukunft steht doch nicht darin.
, Ich glaube es selbst, sagte ich.
, Sie steht im Gesichte, fuhr sie fort. ,Auf der Stirn,
um die Augen herum, in den Augen selbst, in den Linien des
Mundes. Knien Sie nieder und halten Sie den Kopf in die
Höhe.

, Ah, nun kommt Ihr zur Wirklichkeit! bemerkte ich, ihrer
Weisung folgend.
, Ich werde damit beginnen, Ihnen einigen Glauben einzuflößen.
Ich kniete etwa eine halbe Elle von ihr entfernt. Sie
schürte das Feuer an, daß ein Lichtschein aus den aufgestörten
Kohlen hervorbrach; so wie sie saß, brachte sie der Schein in
einen noch tieferen Schatten, während er mein Gesicht grell
beleuchtete.
, Ich möchte wissen, mit welchen Gefühlen Sie zu mir
kamen, sagte sie, nachdem sie mich eine kurze Zeit scharf ins
Auge gefaßt hatte. , Ich möchte wissen, welche Gedanken und
Gefühle durch alle die Stunden in Ihnen auftauchen, wo Sie
in jener Stube sitzen, während alle die vornehmen Leute wie die
Gestalten einer Zauberlaterne vor ihren Blicken herumtanzen. Sie
fühlen sich zu den Anderen in der That so wenig hingezogen,
als wären sie nichts Besseres denn menschliche Schattenbilder
ohne alle Wirklichkeit.
, Oft bin ich müde und langweile mich, zuweilen bin ich
schläfrig, doch nur selten traurig.
,Dann haben Sie irgend eine geheime Hoffnung, die Sie
aufheitert und Ihnen eine bessere Zukunft verspricht?
,Nein, alles was ich von der Zukunft erwarte, besteht
darin, daß ich mir von meinem Gehalte so viel Geld erspare,
um eines Tages eine Kostschule für eigene Rechnung eröffnen zu
können.
,Eine spärliche Nahrung für das Herz, um sich damit zu
begnügen! Und wenn Sie in jener Fensterbrüstung sitzen -- Sie
sehen, ich weiß sogar Ihre Gewohnheiten --
,Die konntet Ihr von den Dienstboten erfahren.
, Ei, Sie halten sich fur klug. Möglich, daß Sie recht
haben. Die Wahrheit zu sagen, kenne ich eine Person von der
Dienerschaft -- Mistreß Poole --
Ich erzitterte am ganzen Körper, als ich diesen Namen hörte.
,Wirklich? dachte ich, ,wenn es so ist, dann hat der
Teufel seine Hand im Spiele.
, Erschrecken Sie nicht, fuhr das sonderbare Wesen fort;
,von Mistreß Poole ist nichts zu besorgen, sie ist verschwiegen

und ruhig, jedermann kann sich auf sie verlassen. Doch was
wollte ich sagen? Ja! Wenn Sie in jener Fensterbrüstung sitzen,
denken Sie da auch an Ihre künftige Errichtung einer Kostschule? Interessirt Sie denn von der ganzen Gesellschaft, die
vor Ihnen auf den Sophas und Ottomanen sitzt, durchaus
niemand? Giebt's da kein einziges Gesicht, das Sie besonders
betrachten? Kein Antlit, dessen wechselnden Ausdruck Sie
mindestens aus Neugier verfolgen?
, Ich finde ein Vergnügen daran, alle Gesichter und alle
Gestalten zu studiren.
,Scheiden Sie nie eine einzelne Person -- vielleicht auch
zwei -- von den übrigen aus ?
,Das thue ich oft. Wenn die Bewegungen oder die Blicke
eines Paares eine ganze Geschichte zu erzählen scheinen, freut es
mich, Beobachtungen anstellen zu können.
,Welche Geschichten hören Sie am liebsten?-
,O, ich habe keine große Auswahl! Sie behandeln
gewöhnlich denselben Gegenstand -- Liebesbewerbungen, und
enden voraussichtlich mit derselben Katastrophe -- einer
Heirat.
,Und gefällt Ihnen dieser einförmige Stoff?
,Aufrichtig gesagt, kümmere ich mich nicht viel darum; ich
habe nichts damit zu schaffen.
,Nichts damit zu schaffen? Wenn eine junge Dame voll
Leben und Gesundheit, reich an Reizen und Talenten, mit Rang
und Glücksgütern gesegnet neben einem Herrn sitzt und ihm
zulächelt, den --
,Nun?
,Den Sie kennen und dem Sie vielleicht -- gut
sind.
, Ich kenne alle die Herren nicht. Ich habe kaum ein Wort
mit einem von ihnen gewechselt, und was das Gutsein anbelangt,
so ist ein solches Gefühl fern von mir. Ich achte die einen als
stattliche, achtungswerthe alte Herren und erkenne die Jugend,
Schönheit, Liebenswürdigkeit und glänzende Galanterie der Anderen
auch; allein es steht ihnen allen frei, sich von wem immer zulächeln zu lassen, ohne daß mich dieser Vorgang auch nur im
geringsten angenehm oder unangenehm berührt.

, Sie kennen die Herren nicht? Sie haben noch mit keinem
ein Wort gesprochen? Wollen Sie das von dem Herrn des
Hauses auch behaupten?
, Er ist nicht hier.
,Eine tiefsinnige Bemerkung! Ein äußerst geistreiches Auskunftsmittel! Er ging diesen Morgen nach Millcote und wird
noch heute Abends zurückerwartet; schließt ihn dieser Umstand
von der Liste Ihrer Bekanntschaften aus -- vernichtet er seine
Existenz?
,Nein; aber ich kann nicht einsehen, was Mister Rochester
mit dem Gegenstande unserer Verhandlung gemein hat.
, Ich sprach von Damen, die Herren zulächeln, und in
letzterer Zeit wurde Mister Rochester von einer gewissen Dame
so häufig angelächelt, daß er ordentlich schmelzen muß, wie
Märzschnee in der Frühlingssonne. Haben Sie das nie
bemerkt?
,Mister Rochester hat vollkommen recht, sich an dem Umgange seiner Gäste zu erfreuen.
,Darum handelt es sich hier nicht; allein, haben Sie es
unter den vielen Bewegungen und Blicken, die ganze Geschichten
erzählen, wie Sie sagen, nicht bemerkt, daß Mister Rochester
mit den lebhaftesten und unausgesetztesten Kundgebungen dieser
Art beglückt wurde?
,Die Aufmerksamkeit des Zuhörers beflügelt die Zunge
des Erzählers. Ich sagte dies mehr zu mir selbst als zur
Zigeunerin, deren sonderbares Gespräch, eigenthümliche Stimme
und Manieren mich in eine Art Traum eingewiegt hatten. Eine
unerwartete Rede nach der anderen kam von ihren Lippen, bis
ich in ein ordentliches Netz von Mystificationen verstrickt war
und nachsann, welcher unsichtbare Geist wohl wochenlang an
meinem Herzen gesessen, sein ganzes Treiben überwacht und jeden
Pulsschlag aufgezeichnet hatte.
,Die Aufmerksamkeit des Zuhörers! wiederholte die Zigeunerin; ,wohl; Mister Rochester hat ganze Stunden da gesessen
und sein Ohr den wundervollen Lippen geneigt, die in Erfüllung
ihrer Aufgabe ein so großes Vergnügen zu finden schienen. Und
er hörte so gerne zu und war so dankbar für die ihm bereitete
Unterhaltung! Sie haben es doch bemerkt?

,Dankbar? Ich weiß mich nicht zu erinnern, daß ich je
in seinem Gesichte Dankbarkeit entdeckt hätte.
, Entdeckt! Sie haben es also untersucht. Und was entdeckten Sie denn, wenn keine Dankbarkeit?
Ich sagte nichts.
,Sie haben Liebe bemerkt, nicht wahr? Und weiter in
die Zukunft blickend, sahen Sie ihn vermählt und seine Braut
glücklich?
, Hm! Nicht ganz. Eure Kunst läßt Euch zuweilen im
Stiche.
, Was zum Teufel haben Sie denn gesehen?
, Lassen wir das! Ich kam hierher, um zu fragen, nicht
um zu beichten. Ist es schon allgemein, daß sich Mister Rochester
vermählen wird?
, Ja wohl, mit der schönen Miß Ingram.
,Bald?
, Alle Anzeichen bejahen es, und sie werden ohne Zweifel
-- obwohl Sie die strafbare Kühnheit haben, es in Abrede zu
stellen -- ein äußerst glückliches Paar sein. Er muß so eine
schöne, edle, witzige, vollendete Dame lieben und wahrscheinlich
liebt auch sie ihn, oder wenn auch nicht seine Person, so doch
seinen Geldsack. Ich weiß, daß ihr die Besitzungen der Familie
Rochester sehr wünschenswerth vorkommen, wiewohl ich ihr darüber
-- Gott verzeihe es mir! -- vor einer Stunde Dinge offenbarte, die sie merkwürdig ernst machten; ihre Mundwinkel fielen
um einen guten Zoll. Ich möchte ihrem gemüthlichen Anbeter
rathen, sich vorzusehen, denn wenn ein Anderer mit einer
längeren oder einer weniger belasteten Einkommenliste anrückt,
ist er geliefert --
,Aber Mutter, ich kam ja nicht hierher, um Mister
Rochester's Schicksal zu hören, ich wollte das meinige wissen und
Ihr sagtet mir ja darüber noch kein Sterbenswort.
,Ihre Zukunft ist noch zweifelhaft; als ich Ihr Gesicht
untersuchte, widersprach ein Zug dem anderen. Das Schicksal hat
Ihnen ein Maß Glückseligkeit zugemessen, so viel weiß ich. Ich
wußte es, bevor ich noch heute Abend herkam. Es legte es Ihnen
sorgfältig beiseite. Ich sah ihm dabei zu. Nun hängt es von
Ihnen ab, die Hand danach auszustrecken und es aufzuheben;
ob Sie dies aber werden thun wollen, das ist das Räthsel,
über welches ich nachdenke. Knien Sie wieder auf den Teppich
nieder.
,Lasset mich nicht lange knien, das Feuer röstet mich
ordentlich.
Ich kniete nieder. Sie bückte sich nicht zu mir herunter,
sondern lehnte sich in ihrem Stuhle zurück und sah mich bloß
an. Darauf murmelte sie vor sich hin:
,Die Flamme flackert im Auge, das Auge glänzt wie der
Thau. Es ist sanft und gefühlvoll, es lächelt zu meinem Kauderwelsch; es ist empfänglich; in seinem klaren Kreise folgt ein
Eindruck dem anderen. Wenn es aufhört zu lächeln, ist es trübe;
eine unbewußte Niedergeschlagenheit drückt das Augenlid nieder,
was Melancholie in Folge des Alleinseins bedeutet. Es wendet
sich von mir, es will einer weiteren Untersuchung ausweichen;
es scheint durch einen spöttischen Blick die Entdeckungen zu verneinen, welche ich bereits gemacht habe, die Anwesenheit von
Gefühl und Kummer in Abrede stellen zu wollen; sein Stolz
und sein Leugnen bestärken mich nur noch in meiner Meinung.
Das Auge ist günstig.
Was den Mund anbelangt, so pflegt er zuweilen gerne
zu lachen, er theilt alle Gedanken der Seele mit, wiewohl er
über so manche Regungen des Herzens ganz stille schweigt.
Beweglich und geläufig wie er ist, ist er nicht dazu geschaffen,
in dem ewigen Stillschweigen der Einsamkeit geschlossen zu bleiben,
es ist ein Mund, der viel sprechen und oft lächeln und Liebe
und Zuneigung zum Gegenstande seiner Gespräche machen sollte.
Auch dieser Theil des Gesichtes ist günstig.
Nur in der Stirne sehe ich ein Hinderniß des glücklichen
Ausganges, in der Stirne, welche zu sagen scheint: , Ich kann
allein leben, wenn mich Selbstachtung und Verhältnisse dazu
bestimmen. Ich will meine Seele nicht verkaufen, um dafür Glück
einzuhandeln. Ich besitze in meinem Innern einen Schatz, der
mich aufrecht erhält, und wenn mich auch von außen nichts als
Schmerz und Kummer trifft, wenn mich alle Freude flieht oder
wenn ich sie nur um einen Preis erlangen kann, den ich nicht
gewähren darf. Diese Stirne sagt ferner: ,Die Vernunft sitzt
hier fest und hält die Zügel straff an; sie gestattet den Gefühlen
nicht, ihren freien Lauf zu nehmen und im wilden Taumel Geist
und Herz zu bethören. Mögen die Leidenschaften, wie wahre
Heiden, noch so sehr rasen, mag das Begehrungsvermögen im
Bunde mit der Einbildungskraft noch so glänzende, lockende
Bilder schaffen, der Verstand wird bei jeder Berathung das
letzte Wort haben und den entscheidenden Ausschlag geben.
Sturm, Erdbeben und Feuer mögen vorbei toben, ich werde
stets nur der leisen Stimme folgen, die mir die Entscheidungen
meines Gewissens zuflüstert.
Gut gesprochen, Stirne, Deine Aussage soll berücksichtigt
werden. Ich habe meinen Plan gemacht, den ich für den rechten
halte, und darin den Anforderungen des Gewissens, den Rathschlägen der Vernunft entsprochen. Ich weiß es, wie bald die
Jugend vergehen und die Blüthe abfallen würde, wäre im
gebotenen Kelche der Glückseligkeit auch nur ein Tropfen Schande
und nur der leiseste Vorgeschmack bitterer Reue, und ich wünsche
weder Opfer, noch Schmerz, noch Untergang -- alles das ist
nicht nach meinem Geschmacke. Ich will erhalten, nicht zerstören,
Dankbarkeit hervorrufen, nicht blutige Thränen auspressen; nur
lächelnde Blicke, Liebkosungen, süße Worte mag ich ernten. Wie
herrlich wird das sein! Mir kommt es vor, als lebte ich in
einem schönen Fieberwahne! Wie sehr wünschte ich diesen Augenblick ins Unendliche zu verlängern, doch ich wage es nicht. Insofern beherrsche ich mich durch und durch. Ich habe meine
Rolle gespielt, wie ich mir es innerlich zugeschworen; bei einer
Fortseung könnte mich meine Selbstbeherrschung verlassen.
Stehen Sie auf, Miß Eyre, verlassen Sie mich, das Stück ist
zu Ende.
Wo war ich? Schlief oder wachte ich? Hatte ich geträumt?
Träumte ich noch? Die Stimme des alten Weibes war verändert; ihre Laute, ihre Mienen und Bewegungen kamen mir
so bekannt vor wie mein eigenes Gesicht im Spiegel, wie die
Sprache meiner eigenen Zunge. Ich stand auf, doch ohne mich
zu entfernen. Ich blickte um mich, stierte das Feuer an und
blickte von neuem; doch das Weib zog ihre Mütze und ihre
Binde noch fester zusammen und hieß mich zum zweitenmale
gehen. Die Flamme beleuchtete ihre ausgestreckte Hand; aus
meiner Träumerei erwacht und voll Neugierde, etwas Näheres

zu entdecken, faßte ich diese Hand ins Auge. Es war nicht die
fleischlose vertrocknete Knochenhand eines alten Weibes, sondern
ein rundes, volles Glied mit wohlgebildeten, feingeformten
Fingern; ein großer Siegelring glänzte am kleinen Finger, und
als ich mich nach vorne neigte und ihn ansah, erkannte ich einen
Edelstein, den ich schon viele hundertmal gesehen hatte. Wieder
musterte ich das Gesicht, das nicht länger abgewandt war --
die Mütze hing herunter, die Binde war verschwunden und der
Kopf frei.
,Nun, Jane, kennen Sie mich? frug eine wohlbekannte
Stimme.
, Nehmen Sie nur den rothen Mantel ab und dann --
,Das Band ist verknüpft -- helfen Sie mir.
Zerreißen Sie es.
, So, und nun fort mit dem erborgten Tand! Und Mister
Rochester stand vor mir, wie er leibte und lebte.
,Welch sonderbarer Einfall, Sir!
,Aber gut durchgeführt, nicht wahr?
, Mit den anderen Damen, wohl.
, Mit Ihnen nicht?
, Bei mir spielten Sie keine Zigeunerin.
,Was stellte ich dann vor? Mich selbst?
,Auch nicht; irgend eine unbegreifliche Person. Kurz, ich
glaube, Sie machten einen Versuch, auch mich auszuforschen oder --
zum Besten zu haben; Sie sprachen Unsinn, um mich zu verleiten, Unsinn zu schwatzen. Das ist nicht edel von Ihnen, Sir.
,Sie vergeben mir doch, Jane?
,Ich kann es Ihnen nicht eher versprechen, bis ich mir
alles überdacht habe. Wenn ich finde, daß ich mir keine zu
großen Blößen gegeben, will ich mich bemühen, alles zu vergessen; doch es war auf keinen Falle recht, so zu handeln.
O, Sie waren sehr zurückhaltend, sehr vorsichtig, Sie
haben musterhaft geantwortet.
Ich dachte nach und fand am Ende, daß es wirklich der
Fall sei. Das tröstete mich; ich war in der That vom Anfange
der Scene an sehr auf meiner Hut gewesen. Ich vermuthete
gleich irgend eine Maskerade dahinter. Ich wußte, daß sich
Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen nicht so ausdrückten, wie
dieses seinsollende alte Weib; überdies hatte ich ihre verstellte
Stimme, ihre Bemühung, sich das Gesicht zu bedecken, ganz
gut bemerkt. Aber ich hatte zuerst an Grace Poole gedacht --
an jenes wandelnde Räthsel, jenes Geheimniß der Geheimnisse;
Mister Rochester hätte ich in dieser Verkleidung nie vermuthet.
,Nun, sagte er, , worüber sinnen Sie nach? Was bedeutet
dies ernste Lächeln?
, Verwunderung und Selbstzufriedenheit, Sir. Sie erlauben
mir wohl mich zu entfernen?
,Nein, bleiben Sie noch einen Augenblick, und sagen Sie
mir, was die Leute im Besuchszimmer machen.
,Sie sprechen über die Zigeunerin, denk' ich.
,Setzen Sie sich!- Lassen Sie mich hören, was sie von
mir sagten.
,Es wäre besser, Sir, wenn ich nicht so lange hier bliebe;
es muß nahe um elf Uhr sein O! wissen Sie schon, Mister
Rochester, daß ein Fremder ankam, während Sie fort
waren?
,Ein Fremder? -- Nein. Wer mag das sein? Ich erwarte
niemanden. Ist er wieder fort?
,Nein, er sagte er sei ein alter Bekannter, und dürfe sich
die Freiheit nehmen, Ihre Rückkunft abzuwarten.
,Der Teufel darf er's! Sagte er seinen Namen?
,Er heißt Mason und kommt aus West-Indien, von Spanish-
Town in Jamaica, wie ich glaube.
Mister Rochester stand neben mir; er hatte meine Hand
ergriffen, als wollte er mich zu einem Sitze führen. Während
ich sprach, drückte er sie krampfhaft; das Lächeln um seinen Mund
verschwand, der Athem stockte in seiner Brust.
,Mason! -- West-Indien, rief er in dem Tone einer
Sprachmaschine. , Mason! -- West-Indien! wiederholte er, und
zum drittenmale sprach er die beiden Worte aus, während sein
Gesicht immer blässer und blässer wurde. Er schien fast das
Bewußtsein verloren zu haben.
,Sind Sie unwohl, Sir? frug ich.
, Jane, mich hat ein schrecklicher Schlag getroffen! Ein
schrecklicher Schlag hat mich getroffen, Jane, stammelte er.
,Stützen Sie sich auf mich.
,Jane, Sie boten mir schon einmal Ihren Arm, thun Sie
es wieder.
,Ja, Sir, ja! Hier haben Sie ihn.
Er setzte sich nieder und zog mich an seine Seite. Meine
Hand in der seinigen haltend, streichelte er sie liebevoll, indem
er mich gleichzeitig mit verstörten und unheimlichen Blicken betrachtete.
,Meine kleine Freundin, sagte er, ,ich wollte, ich wäre
mit Ihnen allein auf einer menschenleeren Insel und Sorgen
und Gefahren und schreckliche Erinnerungen wären fern von mir.
,Kann ich Ihnen helfen, Sir? -- Gerne gäbe ich mein
Leben für Sie hin.
,Jane, wenn mir Hilfe noththut, will ich sie bei Ihnen
suchen; ich verspreche es Ihnen.
,Tausend Dank! Sagen Sie mir, was ich thun soll, und
ich will es wenigstens versuchen.
, Für jetzt holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisezimmer; die Gäste werden beim Nachtessen sitzen, sagen Sie mir,
ob Mason bei ihnen ist, und was er thut.
Ich entfernte mich. Die Gäste waren in der That beim
Nachtessen, wie es Mister Rochester vorhergesagt hatte; doch
saßen sie nicht um einen Tisch herum, die Speisen waren auf
den Seitentischen aufgestellt, und jeder nahm sich, was ihm beliebte, und verzehrte es stehend. Alles schien in freudigster Aufregung zu sein; die Unterhaltung und das Gelächter waren
allgemein und sehr lebhaft. Mister Mason stand am Feuer,
sprach mit Oberst Dent und dessen Gemahlin, und schien ebenso
aufgeräumt zu sein, wie alle Uebrigen. Ich füllte ein Weinglas
-- Miß Ingram warf mir einen finsteren Blick zu; sie fand es
unbegreiflich, daß ich so keck sein konnte -- und kehrte ins
Bibliothekzimmer zurück.
Mister Rochester's ungewöhnliche Blässe war verschwunden,
und er sah wieder ruhig und gefaßt aus. Er nahm mir das
Glas aus der Hand.
,Auf Ihre Gesundheit, dienstbarer Geist! sagte er,
schluckte den Inhalt mit einem Zug hinunter und stellte mir
das Trinkgefäß wieder zurück. , Was machen die Leute, Jane?
,Sie sprechen und lachen, Sir.
,Sehen sie nicht ernst und geheimnißvoll darein, als hätten
sie etwas Außergewöhnliches erfahren?
,Ganz und gar nicht -- sie sind voll Scherz und
Munterkeit.
,Und Mason?
,Lacht so gut wie die Anderen.
,Wenn nun all das Volk in einem Haufen hereinkäme,
und mir ins Gesicht spuckte, was würden Sie da thun, Jane?
,Die Leute zum Zimmer hinausschaffen, wenn ich es vermöchte.
Er versuchte es, zu lächeln. ,Doch wenn ich nun unter sie
träte, und sie sähen mich frostig an und flüsterten schadenfroh
miteinander und verließen mich Eines ums Andere. Gingen Sie
mit ihnen?
,Ich glaube kaum, Sir; ich würde wohl lieber bei Ihnen
bleiben.
,Und mich trösten?
,Wohl, so gut ich es könnte.
,Und wenn Sie die Welt mit ihrem Bannfluche belegte,
weil Sie mit mir hielten?
,Ich würde mich jedenfalls um einen solchen Fluch nicht
kümmern, wenn er mir auch zu Ohren käme, was ich indes
kaum glaube.
,Sie könnten also um meinetwillen den Tadel der Menschen
ertragen?
,Ich vermöchte es um jedes Freundes willen, der es verdiente, daß ich ihm anhinge -- wie dies bei Ihnen gewiß der
Fall ist.
,Gehen Sie nun ins Speisezimmer zurück, treten Sie ganz
ruhig zu Mason und sagen Sie ihm leise ins Ohr, Mister Rochester
sei angelangt und wünsche ihn zu sprechen. Führen Sie ihn dann
hier herein und lassen Sie uns allein.
,Wohl, Sir.
Ich that nach seinem Geheiß. Die ganze Gesellschaft glotzte
mich an, als ich gerade mitten hindurchschritt. Ich nahm Mister
Mason beiseite, richtete ihm die Botschaft aus und führte ihn
aus dem Zimmer. Dann wies ich ihm die Bibliothek und begab
mich auf meine Stube.

Sehr spät in der Nacht, nachdem ich schon eine geraume
Zeit im Bette lag, hörte ich die Gäste in ihre Schlafzimmer
gehen. Ich unterschied Mister Rochester's Stimme und vernahm
die Worte: , Hier, Mason, dies ist Ihre Stube!
Seine Stimme klang fröhlich, und die munteren Laute
brachten mein Herz zur Ruhe. Ich schlief bald ein.

V.

Ich hatte diesmal zufällig vergessen, meinen Fenstervorhang
herunter zu lassen und die Läden zu schließen, was ich sonst nie
vergaß. Die Folge davon war, daß, als der Mond in seinem
Laufe meinem Fenster gegenüber kam, mich sein heller Schimmer
weckte. Ich öffnete meine Augen, und blickte gerade in die krystallhelle Silberscheibe des Nachtgestirnes. Die Nacht war schön, doch
ungemein feierlich; ich stand halb auf, und streckte meinen Arm
aus, um den Vorhang zuzuziehen.
Hilf Himmel! Welch ein Schrei schlug an mein Ohr!
Ein scharfer, schriller Laut unterbrach die nächtliche Stille
und durchlief Thornfielhall von einem Ende zum anderen.
Meine Pulse stockten, mein Herz stand still, mein ausgestreckter Arm war wie gelähmt. Der Schrei erstarb und ließ
sich nicht wieder hören. Und in der That, welches Wesen immer
einen solchen Laut von sich gab, es konnte ihn unmöglich sobald
wiederholen; nicht der stärkste Condor der Cordilleren konnte
zweimal hintereinander einen solch furchtbaren Schrei ausstoßen.
Das Geschöpf, welches einen derartigen Laut ausstieß, mußte
ausruhen, um zu einer solchen Anstrengung neue Kräfte zu
sammeln.
Der Schrei kam vom dritten Stockwerke, denn ich hörte
ihn über mir. Und gerade über mir, in der Stube ober meiner
Zimmerdecke vernahm ich nun ein Ringen, einen verzweifelten,
einen Todeskampf nach dem Lärm zu schließen und eine halberstickte Stimme schrie:
,Hilfe! Hilfe! Hilfe! dreimal hintereinander.
,Kommt denn niemand? rief es wieder und das Ringen
und das Stampfen ging von neuem los. Durch die Wölbung
hindurch unterschied ich die Worte:
, Rochester! Rochester! Um Gotteswillen, kommen Sie!
Eine Stubenthür ging nun auf; irgend jemand lief oder
huschte vielmehr über den Gang. Ein Tritt ertönte ober mir,
ein Körper fiel schwer zu Boden und wieder war es ganz still.
Ich hatte hastig ein paar Kleidungsstücke umgeworfen, obwohl ich vor Schrecken an allen Gliedern zitterte, und ging zu
meiner Stube hinaus. Alle Gäste waren auf; Verwunderung und
Schrecken herrschten in allen Zimmern. Eine Thür nach der
anderen öffnete sich und verschlafene, erschreckte Gesichter guckten
heraus; der Gang füllte sich. Sowohl Herren als Damen hatten
ihre Betten verlassen. ,Was giebt's? ,Wer ist verwundet?
-- , Was ist geschehen? -- , Holen Sie Licht! -- , Brennt
es? -- ,Sind Diebe eingebrochen? -- , Wohin sollen wir
laufen? ertönte es von allen Seiten. Bis auf das Mondlicht
war es im ganzen Hause finster. Alles lief hin und her, und
stellte sich dann in einem Haufen zusammen; einige wimmerten,
andere stolperten, kurz, die Verwirrung war unaussprechlich.
,Wo zum Teufel steckt nur Rochester?' rief Oberst Dent.
, Er ist nicht in seinem Bette.
, Hier! Hier! ertönte eine Stimme. , Beruhigen Sie sich;
ich komme schon.
Und die Thür am Ende des Ganges ging auf und Mister
Rochester näherte sich mit einem Lichte; er kam gerade vom oberen
Stockwerke herunter. Eine der Damen lief sofort auf ihn zu und
erfaßte seinen Arm. Es war Miß Ingram.
,Was für ein fürchterliches Ereigniß hat sich zugetragen?
sagte sie. , Sprechen Sie! Lassen Sie uns das Schlimmste auf
einmal wissen.
, Zerreißen und erdrosseln Sie mich nur nicht, antwortete
er. Denn auch die Misses Eshton hatten sich nun an ihn geklammert
und die beiden alten Ladies segelten, in weiße Pudermäntel
gehüllt, zwei schwer beladenen Schiffen gleich, auf ihn los.
, Es ist ja alles in Ordnung, rief er. ,Eine bloße Probe
von , Viel Lärm um nichts. Meine Damen, lassen Sie los,
oder ich werde wüthend.
Er sah in der That wüthend aus; seine schwarzen Augen
schossen Blitze. Seine Aufregung beschwichtigend, fuhr er fort:
, Eine Dienstmagd hatte das Alpdrücken. Sie ist eine erregbare, nervenschwache Person; sie glaubte eine Erscheinung oder
so etwas dergleichen zu sehen und fiel vor Schrecken in Ohnmacht. Und nun machen Sie, daß Sie in Ihre Betten kommen,
denn bevor nicht das ganze Haus ruhig ist, kann man der
Armen nicht zu Hilfe kommen. Meine Herren, gehen Sie den
Damen mit gutem Beispiele voran. Miß Ingrom, ich bin überzeugt, Sie werden sich nicht von eitler Furcht beherrschen lassen.
Anna und Louise, kehren Sie in Ihr Nest zurück, wie ein Paar
Tauben, was Sie auch wirklich sind. Mesdames! -- zu den
alten Damen gewendet -- , Sie werden sich zum Tode erkälten,
wenn Sie noch länger in diesem kalten Gange verweilen.
Und auf diese Weise, halb durch Bitten, halb durch Gewalt
gelang es ihm, alle Gäste in ihre Gemächer zu bringen. Ich
wartete nicht erst, bis ich fortgewiesen wurde, sondern entfernte
mich ebenso unbemerkt, als ich gekommen war.
Doch nicht um zu Bette zu gehen, im Gegentheil, ich zog
mich sorgfältig an. Die Töne, die ich nach dem Schrei gehört
hatte und die Worte, die dabei ausgestoßen worden waren, hatte
wohl außer mir niemand vernommen, denn sie kamen von oben,
von der Stube gerade ober meinem Schlafzimmer. So viel wußte
ich, daß es nicht der Traum eines Dienstmädchens war, der das
ganze Haus in Aufruhr versetzt hatte, und daß Mister Rochester's
Erzählung eine bloße Erfindung sei, um seine Gäste zu beruhigen.
Ich kleidete mich also an, um auf alle Fälle gerüstet zu sein.
Mit meinem Anzuge fertig geworden saß ich eine gute Weile
am Fenster und blickte in die stillen, vom Mond beglänzten
Gefilde hinaus; ich wartete und wußte nicht recht auf was. Es
schien mir, als müsse ein Ereigniß auf den sonderbaren Schrei,
den Kampf und den Hilferuf folgen.
Ich hatte mich geirrt; tiefe Stille herrschte ringsum. Alles
Geräusch und alle Bewegung war nach und nach erstorben und
in etwa einer Stunde war Thornfieldhall wieder der ruhigste
Ort von der Welt. Allem Anscheine nach hatten die Nacht und
der Schlaf wieder ihre Herrschaft angetreten. Mittlerweile neigte
sich der Mond; er war seinem Untergange nahe. Da ich keine
Lust verspürte in der Finsterniß und Kälte aufzubleiben, beschloß
ich mich angekleidet aufs Bett zu legen. Ich verließ das Fenster
und bewegte mich, mit so wenig Geräusch als möglich, über den
Teppich, meinem Lager zu. Als ich mich bückte, um die Schuhe
auszuziehen, klopfte es vorsichtig an der Thür.
, Will jemand etwas von mir? frug ich.
, Sind Sie auf? ließ sich die Stimme vernehmen, die ich
zu hören erwartete, nämlich die des Herrn vom Hause.
, Ja, Sir.
,Sind Sie angekleidet?
, Ja.
,Nun denn, so kommen Sie leise heraus.
Ich folgte. Mister Rochester stand in der Galerie; er hielt
ein Licht in der Hand.
, Ich bedarf Ihrer, sagte er. , Kommen Sie mit mir,
lassen Sie sich Zeit und machen Sie so wenig Lärm als
möglich.
Meine Schuhe hatten ganz dünne Sohlen und auf dem
mit Matten belegten Fußboden konnte ich so sachte wie eine
Katze einherschleichen. Er glitt den Gang entlang, die Treppe
hinauf und blieb in der Galerie des verhängnißvollen dritten
Stockwerkes stehen; ich war ihm gefolgt und befand mich an
seiner Seite.
,Haben Sie einen Schwamm in Ihrer Stube? frug er
ganz leise.
, Ja, Sir.
,Auch etwas Riechsalz?
Ja.
,Gehen Sie zurück und holen Sie Beides.
Ich kehrte um, nahm den Schwamm vom Waschtische, das
Riechsalz aus der Commode und kroch zurück. Er wartete noch
immer und hielt einen Schlüssel bereit. Sich einer der kleinen
schwarzen Thüren nähernd, steckte er ihn ins Schloß. Einige
Augenblicke innehaltend, sagte er:
, Es wird Ihnen doch nicht übel, wenn Sie Blut
sehen?
, Ich denke nicht; doch war ich bis jetzt noch nie in der
Lage, welches sehen zu müssen.
Ein eigenthümliches Gefühl durchzuckte mich, während ich
diese Worte sprach; allein es war weder Frost noch ohnmächtige
Schwäche.
, Ihre Hand her, sagte er. , Eine Ohnmacht können wir
nicht brauchen.
Ich reichte sie ihm hin. , Warm und ruhig, bemerkte er.
Dann drehte er den Schlüssel um und öffnete die Thür.
Ich erinnerte mich dieses Zimmer schon einmal gesehen zu
haben, und zwar an jenem Tage, wo mir Mistreß Fairfax das
ganze Haus gezeigt hatte. Damals war es jedoch ganz mit
Tapeten ausgeschlagen, die nur an einer Seite in die Höhe
gehoben waren und eine Thür sehen ließen, welche ich früher
nicht bemerkt hatte. Diese Thür war offen und ein Lichtschein
drang heraus, zugleich mit einem schnappenden, knurrenden Laute,
der an das halblaute Gebell eines bissigen Hundes erinnerte.
Mister Rochester stellte das Licht auf den Tisch, bat mich eine
Minute zu warten und trat in das Innere des Gemaches. Ein
schallendes Gelächter begrüßte seinen Eintritt; es begann sehr
lärmend und endigte in Grace Poole's bekannten dämonischen
Ha! ha! Sie war also darin. Er traf einige Vorkehrungen,
ohne jedoch zu sprechen, wiewohl ihn jemand mit leiser Stimme
anredete. Darauf kam er heraus und sperrte die Thür hinter
sich ab.
, Hierher, Jane! rief er, und ich ging um eine breite
Bettstelle herum, die mit ihren zugezogenen Vorhängen einen
beträchtlichen Theil der Stube in Anspruch nahm. Ein Armstuhl
stand am Kopfe des Bettes, in welchem ein Mann saß, bis aus
den Rock ganz angekleidet, doch regungslos, mit zurückhängendem
Kopfe und geschlossenen Augen. Mister Rochester hielt das Licht
nahe an sein Gesicht; ich erkannte die blassen und anscheinend
ganz leblosen Züge -- des Fremden, Mister Mason. Auch
bemerkte ich, daß seine Leibwäsche an der einen Seite und an
dem einen Arm von Blut triefte.
, Halten Sie das Licht,' sagte Mister Rochester; er holte
ein Becken mit Wasser vom Waschtische und gab mir auch dieses
zu halten. Dann nahm er den Schwamm, tauchte ihn ins Wasser
und wusch das leichenblasse Gesicht des Leblosen; darauf ver-
langte er ein Riechfläschchen und hielt es ihm unter die Nase.

Nach wenigen Minuten schlug Mister Mason die Augen auf
und seufzte. Mister Rochester riß ihm das Hemd auf und reinigte
seinen bereits verbundenen Arm und die Schulter vom Blute,
das ohne Unterlaß heruntertropfte.
, Geht es ans Leben? murmelte Mister Mason.
,Warum nicht gar! Ein bloßer Krater. Seien Sie nicht
so niedergeschlagen, Mann, fassen Sie Muth! Ich will nun
selbst gehen und Ihnen einen Arzt holen; ich denke, mit Anbruch
des Morgens kann man Sie weiter schaffen. Jane -- fuhr
er fort.
, Sie wünschen?
, Ich werde Sie mit diesem Herrn auf eine oder zwei
Stunden allein lassen; Sie waschen indessen das Blut ab, so
oft es zu fließen beginnt, und wenn er schwach wird, geben Sie
ihm Wasser zu trinken und halten ihm das Riechsalz unter die
Nase. Sie lassen sich mit dem Patienten unter keiner Bedingung
in ein Gespräch ein, und was Sie anbelangt, Richard, so erinnern Sie sich, daß es sich um Ihr Leben handelt. Sobald
Sie sich bewegen und sprechen, stehe ich in der That für nichts.
Wieder seufzte der arme Mann; offenbar wagte er es
nicht, sich zu bewegen; war es die Angst vor dem Tode oder
vor etwas anderem, genug, er war wie vom Schlage gelähmt.
Mister Rochester gab mir den blutigen Schwamm in die Hand
und ich machte mich daran, ihn nach seiner Anleitung zu gebrauchen. Er sah mir einen Augenblick zu und verließ dann mit
den Worten: , Vergessen Sie nicht -- ja keine Unterredung!
die Stube. Ein sonderbares Gefühl überkam mich, als der
Schlüssel im Schlosse knarrte und auch der letzte Nachhall der
Schritte des sich eilig Entfernenden erstarb.
Da war ich nun im dritten Stockwerke, in einer der geheimnißvollen Zellen eingeschlossen, um mich herum nächtliches
Dunkel, vor meinen Augen und unter meinen Händen Blut, eine
Mörderin, kaum durch eine Thür von mir geschieden, in meiner
Nähe. Alles war wohl noch zu ertragen, allein der Gedanke,
Grace Poole könnte am Ende auf mich losstürzen, erfüllte mich
mit Schaudern und Entsetzen.
Indessen mußte ich auf meinem Posten ausharren, dieses
leblose Gesicht, die blauen, starren, zum Schweigen verurtheilten
Lippen, diese bald offenen, bald geschlossenen Augen ansehen, die
nun durchs Zimmer schweiften, und mit dem Ausdrucke des
Entsetzens an der Thür des Nebenzimmers haften blieben. Ich
mußte meine Hand wieder und immer wieder in das mit Blut
gefüllte Becken tauchen und den hervorquellenden Lebensstrom
von den Wunden hinwegwaschen. Ich mußte sehen wie das Licht
der ungeputzten Kerze meine Beschäftigung matt beschien, wie die
Schatten an den gewirkten, alterthümlichen Tapeten immer
dunkler und unter den Vorhängen der ungeheuren Bettstelle ganz
schwarz wurden und unheimlich über der Thür eines großen,
gegenüberliegenden Cabinets erzitterten; welche Thür in zwölf
abgetheilten Feldern und fratzenhaften Abbildungen die Köpfe der
zwölf Apostel schmückten, über welchen sich oben am Thürfutter
ein ebenhölzernes Crucifix mit dem sterbenden Christus erhob.
Je nachdem der flackernde Schein der Kerze hin und her
hüpfte, kam bald der bärtige Arzt St. Lucas, bald Johannes
mit seinen langen Locken zum Vorschein und zuweilen zeigte sich
auch das teuflische Gesicht Judas des Verräthers und schien
Leben zu gewinnen und eine Verkörperung des Satans selbst in
der Gestalt seines Dieners zu sein.
Inmitten dieser Umgebung mußte ich ebenso gut hören
als sehen, hören, ob nicht die wilde Bestie nebenan ihre Höhle
zu verlassen, auf mich loszuspringen versuche. Allein seit Mister
Rochester's Besuche schien sie wie festgebannt zu sein; die ganze
Nacht hindurch hörte ich nur drei Laute in drei langen Zwischenräumen; einen Tritt, eine augenblickliche Erneuerung des knurrenden Hundegebells und einen tiefen Seufzer.
Nun machte ich mir meine eigenen Gedanken. Welches war
das Verbrechen, das verkörpert in diesem sonst stillen Gebäude
herumschlich und von dem Besitzer weder hinausgetrieben, noch
unterdrückt werden konnte? Welches das Geheimniß, das sich
bald in einer Feuersbrunst, bald in einer blutigen That in den
ruhigen Stunden der Nacht offenbarte? Was für ein Geschöpf
war es, das, in die Gestalt eines gewöhnlichen Frauenzimmers
vermummt, bald wie ein böser Geist hohnlachte, bald wie eine
nach Leichnamen suchende Hyäne heulte?
Und der Mann, den ich in meiner Obhut hatte, dieser
ruhige Fremdling von alltäglichem Aussehen -- wie kam der

in dieses geheimnißvolle Gewebe, und warum war die Furie
gerade über ihn hergefallen? Wie kam es, daß er in später
Nachtstunde, statt in seiner Stube zu schlafen, diesen abgelegenen
Theil des Hauses aufgesucht hatte? Ich hatte es gehört, wie
ihm Mister Rochester seine Stube eine Treppe tiefer anwies --
was brachte den Mann in diese Höhle des Schreckens? Warum
blieb er nun so ruhig, troy der ihm zugefügten Gewaltthat?
Weshalb beugte er sich so willig Mister Rochester's Anordnng,
stille zu sein? Und warum stellte überhaupt Mister Rochester
ein solches Verlangen? Sein Gast war angefallen, er selbst bei
einer früheren Gelegenheit am Leben bedroht worden und beide
Schandthaten hüllte er in geheimnißvolles Dunkel und überlieferte sie der Vergessenheit! Weiter fiel Mister Mason's Unterwürfigkeit Mister Rochester gegenüber außerordentlich auf; die
wenigen Worte, die der Letztere in meiner Gegenwart gesprochen,
zeigten mir zur Genüge, welche Herrschaft derselbe über die
Unentschiedenheit des Ersteren ausübte. Es war augenscheinlich,
daß der Einfluß der rastlosen Energie des Einen auf die windelweiche Gemüthsbeschaffenheit des Anderen schon von einem früheren
Umgange herstammen mußte; was war dann die Ursache von
Mister Rochester's Verzweiflung, als ich ihm Mister Mason's
Anwesenheit meldete? Warum hatte ihn der bloße Name dieses
jeden Widerstandes unfähigen Individuums, das er nun wie ein
Kind am Gängelbande führte, am Abend zuvor zu Boden
geworfen, wie der Blitz eine Eiche niederschmettert?
Oh! sein Blick und seine Blösse waren mir frisch im Gedächtniß, als er mir zuflüsterte: , Jane, mich hat ein fürchterlicher Schlag getroffen -- ein fürchterlicher Schlag hat mich
getroffen, Jane. Lebhaft erinnerte ich mich, wie sein Arm
gezittert, als er sich auf mich stützte, und es konnte keine Kleinigkeit
sein, die im Stande war, den entschlossenen Geist und kräftigen
Körper Fairfax-Rochester's zum Erbeben zu bringen.
, Wann wird er nun kommen? Wann wird er kommen?
rief es in meinem Herzen, als die Nacht gar kein Ende nehmen
wollte -- als mein blutender Patient abwechselnd ächzte, seufzte
und ohnmächtig wurde und weder Tag noch Hilfe nahte. Wie
oft hatte ich seitdem das Wasserglas an Mason's blasse Lippen
gehalten, wie oft ihn mit dem Riechsalze zum Leben erweckt;

endlich brachten meine Bemühungen gar keine Wirkung hervor;
körperliche und geistige Schmerzen, der große Blutverlust, alles
vereinigte sich, um die Kräfte des Verwundeten vollends zu
erschöpfen. Er wimmerte so sehr und sah so schwach aus, daß
ich wirklich fürchtete, er möchte nicht einmal den anbrechenden
Tag erleben, und dennoch durfte ich ihn nicht anreden.
Auch das Licht ging zu Ende und erlosch endlich ganz und
gar; doch schon bemerkte ich einen grauen Schein im Osten und
der Morgen dämmerte. Da hörte ich mit einemmale Pilot's
Gebell, der unten im Hofe anschlug; dies belebte mich mit
neuen Hoffnungen. Und nicht umsonst hatte ich frischen Muth
geschöpft; fünf Minuten darauf ging der Schlüssel im Schlosse
und ich wußte, daß ich nun in meinen Wärterdiensten abgelöst
werden sollte. Nicht zwei Stunden länger hätte ich diese Qual
ausgehalten; so manche Woche war mir sonst schneller verflossen.
hatte.
Mister Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt
,Nun, Carter, machen Sie schnell, sagte er zu diesem
Letzteren. , Ich gebe Ihnen bloß eine halbe Stunde Zeit, die
Wunden auszuwaschen, zu verbinden und den Patienten die
Treppe hinab und aus dem Hause zu schaffen.
, Aber kann er sich bewegen, Sir?
, Ohne Zweifel, es ist nichts Gefährliches. Er ist nur sehr
nervös und muß etwas aufgemuntert werden. Frisch ans Werk
denn!
Mister Rochester zog den schweren Bettvorhang zurück,
öffnete die Fensterläden und ließ so viel Tageslicht ein als
möglich; ich war verwundert und erfreut zu sehen, wie weit
die Helle bereits vorgeschritten war, und welche rosigen Streifen
von Osten herüberschimmerten. Inzwischen war er zu Mason
hingetreten, den der Arzt bereits unter den Händen hatte.
,Nun, mein guter Junge, wie geht's? frug er.
,Mit mir ist's wohl vorbei, denk' ich, antwortete Mason
mit schwacher Stimme.
,Nicht daran zu denken. Nur Muth! Heute vierzehn Tage
ist alles wieder gut; Sie haben etwas Blut verloren, das ist
das Ganze. Carter, sagen Sie ihm doch, daß nichts zu befürchten ist.

,Das kann ich mit gutem Gewissen thun, sagte Carter,
der jetzt den Verband abgenommen hatte; , nur wollte ich, ich
wäre früher gekommen, dann hätten Sie nicht so stark geblutet.
Doch, was soll das heißen? Das Fleisch an der Schulter ist
nicht heruntergeschnitten, sondern herausgerissen? Diese Wunde
wurde mit keinem Messer beigebracht; man sieht Spuren von
Zähnen?
,Sie biß mich,' murmelte der Beschädigte, , Sie zerfleischte
mich wie eine Tigerin, nachdem ihr Rochester das Messer entrissen hatte.
, Sie hätten nicht nachgeben, Sie hätten sich ihrer mit
einemmale bemächtigen sollen, sagte Mister Rochester.
,Was konnte ich unter solchen Verhältnissen thun? versetzte Mason. , O, es war fürchterlich! fügte er schaudernd
hinzu. , Und ich war gar nicht darauf gefaßt; sie sah anfänglich
ganz ruhig aus.
, Ich warnte Sie, lautete seines Freundes Antwort.
, Sagte ich nicht: Seien Sie auf Ihrer Hut, wenn Sie ihr nahe
kommen? Uebrigens hätten Sie bis zum nächsten Tag warten
können, bis ich mit Ihnen gegangen wäre. Es war reine Thorheit, heute Nacht und allein eine Unterredung zu suchen.
, Ich dachte etwas Gutes zu thun.
, Sie dachten! Sie dachten! Man könnte vor Ungeduld
aus der Haut fahren, wenn man Ihnen zuhört. Aber Sie haben
dafür gebüßt und werden wahrscheinlich noch eine Weile dafür
leiden, daß Sie meinen Rath nicht befolgten, und so will ich
darüber kein Wort mehr verlieren. Schnell, Carter, schnell! Die
Sonne geht bald auf und ich muß ihn aus dem Hause haben.
, Gleich, Sir, die Schulter ist eben verbunden. Nun muß
ich die andere Wunde am Arme untersuchen, auch hier scheint
sie ihre Zähne gehabt zu haben.
, Sie sog mir das Blut aus den Adern; sie sagte, sie
wollte mein Herzblut austrinken, erwiderte Mason.
Mister Rochester schauderte; ein Ausdruck des tiefsten Ekels,
des innersten Abscheues, des schrecklichsten Hasses verzog sein
Gesicht fast bis zur Fratze; doch sagte er nichts weiter als:
,Seien Sie still, Richard, und kehren Sie sich nicht an
ihr Kauderwelsch oder wiederholen Sie es wenigstens nicht.
, Ich wollte, ich könnte es vergessen.
,Das wird geschehen, wenn Sie aus dem Lande hinaus,
wenn Sie wieder in Spanish-Town angelangt sein werden, dann
mögen Sie sich ihrer als einer Abgeschiedenen und Begrabenen
oder am besten gar nicht erinnern.
, Unmöglich! Die heutige Nacht werde ich nie vergessen
können.
,Warum sollte das nicht gehen; nur Muth gefaßt, Mann.
Vor zwei Stunden glaubten Sie, Sie wären mausetodt und nun
leben Sie und schwatzen wie eine Elster. Siehe da! Carter ist
mit Ihnen fertig oder es fehlt wenigstens nicht viel. Nun will
ich Sie auch in einer Secunde sauber machen. Jane! -- zum
erstenmale seit seiner Rückkunft wandte er sich zu mir -- ,nehmen
Sie diesen Schlüssel, gehen Sie in meine Stube hinunter und
von dort geradezu in mein Ankleidezimmer; öffnen Sie die oberste
Schublade meines Kleiderschrankes, nehmen Sie ein reines Hemd
und ein Halstuch heraus und bringen Sie es her. Aber sputen
Sie sich.
Ich ging, suchte den Kasten, fand die genannten Gegen-
stände und kam damit zurück.
, Und nun treten Sie hinter den Bettvorhang, während ich
seine Toilette in Ordnung bringe. Doch verlassen Sie das
Zimmer nicht, man könnte Ihrer wieder bedürfen.
,War schon jemand auf, Jane, als Sie jetzt unten waren?
fuhr Mister Rochester fort.
,Nein, Sir, es war alles still.
,Wir werden Sie famos fortbringen, Dick, und es wird
sowohl um Ihrer, als auch um jenes armen Geschöpfes willen
besser sein. Ich habe lange gekämpft, um Aufsehen zu vermeiden
und es wäre mir nicht lieb, wenn es endlich doch dazu käme.
Hier, Carter, helfen Sie ihm die Weste anziehen. Wo ließen
Sie Ihren Pelzmantel? Sie können ohne denselben keine Meile
weit in diesem verflucht kalten Klima reisen. In Ihrer Stube?
-- Jane, laufen Sie hinunter in Mister Mason's Stube, die
nächste neben der meinen, und holen Sie den Mantel, den Sie
dort finden werden.
Wieder lief ich hinaus und wieder kam ich zurück, mit einem
ungeheueren, mit Pelz gefütterten und verbrämten Mantel beladen.

,Nun habe ich Ihnen einen anderen Auftrag zu ertheilen,
sagte mein unermüdlicher Gebieter. , Sie müssen wieder auf
meine Stube. Wie gut ist's, daß Sie schnell zu Fuße sind,
Jane! Ein lahmer Bote wäre bei dieser Gelegenheit nichts nutz.
Oeffnen Sie die mittelste Lade meines Ankleidetisches und bringen
Sie mir eine Phiole und ein Glas, die sich dort befinden.
Hurtig!
Ich flog hin und zurück und brachte das Verlangte.
, Recht so! Nun, Doctor, werde ich mir die Freiheit nehmen,
unserem Patienten selbst eine Dosis einzugeben, und zwar unter
meiner eigenen Verantwortlichkeit. Ich erhielt diese Herzstärkung
in Rom von einem italienischen Quacksalber, einem Kerl, den
Sie durchgebläut hätten, Carter. Man darf das Zeug nicht
willkürlich gebrauchen, doch bei gewissen Gelegenheiten ist es gut,
wie zum Beispiel jetzt. Jane, etwas Wasser!
Er hielt mir das kleine Gläschen hin, das ich halb mit
Wasser füllte.
, Genug; nun machen Sie die Mündung der Phiole naß.
Ich that es und er zählte zwölf Tropfen einer carmoisinrothen Flüssigkeit ins Glas hinein, das er dann Mason hinreichte.
,Trinken Sie, Richard; es wird Ihnen für eine Stunde
und noch länger den Muth geben, dessen Sie bedürfen.
,Thut es mir nichts? Ist es nicht erhitzend?
,Trinken Sie! Trinken Sie!
Mister Mason trank, da jeder Widerstand augenscheinlich
nutzlos war. Er war nun angezogen, zwar noch immer sehr
blaß, doch nicht mehr blutig und beschmutzt.
Mister Rochester ließ ihn noch drei Minuten sitzen, nachdem er den Trank genommen hatte, dann faßte er seinen Arm.
,Nun können Sie gewiß gehen, sagte er; ,versuchen
Sie es.
Der Patient erhob sich.
,Carter, fassen Sie seinen anderen Arm. Nur Muth,
Richard; hübsch ausgeschritten, so ist's recht!
, Es ist mir besser, bemerkte Mister Mason.
,Das versteht sich. Nun, Jane, gehen Sie voraus zur
Hintertreppe, öffnen Sie die Ausgangsthür und sagen Sie dem
Kutscher der Postchaise, den Sie im Hofe oder wohl außerhalb
des Hauses sehen werden, weil ich ihm verbot, nicht über das
Pflaster zu fahren, er möge sich bereit halten, wir kommen.
Und wenn sich jemand in der Nähe sehen läßt, so sind Sie so
gut, treten Sie unten an die Treppe hin und husten.
Es war um diese Zeit halb sechs Uhr und die Sonne
nahe daran aufzugehen; aber ich fand die Küche still und öde.
Die hintere Ausgangsthür war verschlossen, ich öffnete sie so
geräuschlos als möglich; auch im Hofe war alles ruhig, nur
das Gitterthor stand angelweit offen und eine Postchaise, ganz
reisefertig, den Kutscher am Bocke, hielt außerhalb des Hofes.
Ich näherte mich dem letzteren und sagte ihm, die Herren kämen;
er nickte, dann sah ich mich sorgfältig um und horchte. Ueber
alles lag die Stille des frühen Morgens ausgebreitet, sogar die
Fenstervorhänge des Gesindezimmers waren noch unten und mit
Ausnahme einiger Vögel, die in den Baumzweigen zwitscherten,
und der Postpferde, die von Zeit zu Zeit stampften, hörte man
nicht das geringste Geräusch.
Die Herren langten an. Mason schien, von Mister Rochester und dem Arzt unterstützt, ziemlich gut gehen zu können;
die Beiden halfen ihm in den Wagen hinein und Carter folgte.
, Geben Sie Acht auf ihn, sagte Mister Rochester zu dem
Arzte gewendet, ,und behalten Sie ihn so lange bei sich, bis er
ganz hergestellt ist; in ein oder zwei Tagen will ich nachsehen,
was er macht. Wie geht's Richard?
Die frische Luft thut mir wohl, Fairfax.
, Lassen Sie das Wagenfenster an seiner Seite offen, Carter;
es ist ohnedem nicht windig. Adieu, Dick.
, Fairfax --
,Nun?
, Sehen Sie, daß sie so gut und freundlich behandelt wird,
als es nur immer angeht; lassen Sie sie -- ein Thränenstrom
erstickte seine Stimme.
, Ich thue mein Bestes und habe es gethan und werde es
thun, war die Antwort. Mister Rochester schlug den Kutschenschlag zu und der Wagen rollte fort.
, Ich wollte, die ganze Geschichte hätte ein Ende! setzte
er hinzu, indem er das schwere Gitterthor schloß. Damit fertig,
schritt er langsam und feierlich einer Thür zu, die in den Obstgarten führte. In der Meinung, er habe mir nichts weiter zu
sagen, wollte ich ins Haus zurückgehen; doch er rief mich zu
sich. Er erwartete mich an der offenen Gartenthür.
, Kommen Sie auf einen Augenblick frische Luft schöpfen,
redete er mich an. , Dieses Haus ist ein wahrer Kerker. Scheint
es Ihnen nicht auch so?
, Ich halte es für einen glänzenden Edelsitz.
, Der Schleier der Unerfahrenheit bedeckt Ihre Augen und
Sie sehen das Gebäude durch ein Zauberglas an. Sie bemerken
nicht, daß die Vergoldungen Schlamm und die seidenen Draperien
Spinnengewebe sind; Sie halten den schmutzigen Schiefer für
Marmor und die schlechten Späne und schäbigen Baumrinden
für edles Holzwerk. Nur hier, er zeigte auf das grüne Baumdach über uns, , nur hier ist alles wirklich, unverfälscht, duftig
und prachtvoll.
Er ging einen mit Buchsbaum eingefaßten Gang entlang;
auf der einen Seite standen Aepfel-, Birn- und Kirschbäume,
auf der anderen ein Beet voll alltäglicher Blumen, Nelken,
Primeln, Dreifaltigkeitsblumen und Bartnelken, untermischt mit
Stabwurz und verschiedenen wohlriechenden Kräutern. Alle
Pflanzen waren nun so frisch, wie sie es nur immer nach einem
Aprilregen an einem sonnigen Frühlingsmorgen sein konnten;
die Sonne erhob sich im Osten und ihre Strahlen vergoldeten
die üppig grünenden, im Morgenthau erglänzenden Obstbäume
und schienen durch sie hindurch auf die Gartenwege.
, Wollen Sie eine Blume, Jane?
Er pflückte eine halbaufgeblühte Rose, die einzige am
Busche, und reichte sie mir dar.
, Ich danke Ihnen, Sir.
,Gefällt Ihnen dieser Sonnenaufgang, Jane? Dieser Horizont mit seinen leichten weißen Wolken, die gewiß mit der wachsenden
Tageshitze verschwinden? -- Diese reine, balsamische Atmosphäre?
,Außerordentlich.
, Sie haben eine sonderbare Nacht verlebt!
,Wohl.
, Und Sie sehen ganz blaß aus. Fürchteten Sie sich denn,
als ich Sie mit Mason allein ließ?

, Bloß vor dem Geschöpfe, das aus der anstoßenden Stube
hervorkommen konnte.
,Ich hatte die Thür verschlossen und den Schlüssel in der
Tasche. Ich müßte ein sorgloser Hirt sein, wollte ich mein Lamm,
mein liebes Lämmchen so nahe einer Wolfshöhle lassen, ohne
es in Sicherheit zu wissen.
,Wird Grace Poole auch ferner hier bleiben, Sir?
,Ja, natürlich! Doch zerbrechen Sie sich nicht weiter den
Kopf darüber, suchen Sie die Geschichte zu vergessen.
,Und doch scheint es mir, als wäre kaum Ihr eigenes
Leben sicher, so lange sie im Hause ist.
,Fürchten Sie nichts, ich werde mich schon in Acht
nehmen.
,Ist die Gefahr, die Sie gestern Abend befürchteten, nunmehr vorüber?
,Nicht eher, bis Mason England verlassen hat, und vielleicht auch dann noch nicht. Mein Leben, Jane, ist dem Aufenthalte auf einem Krater gleich, der jeden Augenblick ausbrechen
und Feuer speien kann.
, Doch Mister Mason scheint sehr gefügig zu sein. Sie
üben auf ihn jedenfalls einen gewaltigen Einfluß aus; er wird
Ihnen wohl nie entgegentreten und Ihnen absichtlich schaden.
,O nein! Weder das eine noch das andere; allein ohne
es zu beabsichtigen, kann er eines Tages durch ein unbedachtes
Wort mir, wenn auch nicht mein Leben, so doch meine Glückseligkeit rauben.
,Mahnen Sie ihn zur Vorsicht; theilen Sie ihm mit, was
Sie befürchten, und zeigen Sie ihm, wie der Gefahr begegnet
werden kann.
Er lachte, ergriff hastig meine Hand, und ließ sie ebenso
hastig wieder los.
,Wenn ich das könnte, albernes Geschöpf, wo wäre dann
noch eine Gefahr? So lange ich Mason kenne, brauchte ich ihm
bloß zu sagen: , Thuen Sie das, und es geschah. Doch in
diesem Falle kann ich nicht sagen: ,Geben Sie Acht, Richard,
daß Sie mich nicht unglücklich machen! Denn ich muß ihn
nothwendigerweise in dem Wahne lassen, als könne er mir gar
nicht schaden. Wie Sie mich verwundert anblicken! Sie sollen es
noch mehr thun! Sind Sie meine kleine Freundin, oder sind Sie
es nicht?
,Es freut mich, Ihnen dienen zu können, und Ihnen zu
gehorchen in allem, was recht ist.
,Nichtig; so ist es. Ich sehe eine aufrichtige Zufriedenheit
in Ihrer Miene und Ihrer Haltung, in Ihrem Auge, in Ihrem
Gesichte, wenn Sie mir helfen, mir Gefälligkeiten erweisen, für
mich und mit mir arbeiten, und zwar, wie Sie ganz gut
bemerkten, in allem, was recht ist. Denn wenn ich Ihnen etwas
auftrüge, das in Ihren Augen unrecht wäre, liefen Sie wohl
nicht so leichtfüßig herum, bewegten sich nicht mit solcher
Schnelligkeit, sähen nicht so fröhlich und munter aus. Meine
Freundin würde sich dann zu mir wenden, mir in aller Ruhe
sagen: , Nein, mein Herr, das ist unmöglich, ich kann es nicht
thun, denn es ist nicht recht, und unbeweglich bleiben wie ein
Fixstern. Wohl, auch Sie üben einen großen Einfluß auf mich
aus, und können mir wehe thun, aber ich wage es ebenso wenig
Ihnen zu sagen, wo ich verwundbar bin, aus Furcht, Sie möchten
mich, bei aller Freundschaft und allem Vertrauen, sofort durchbohren.
,Wenn Sie von Mister Mason nicht mehr zu fürchten
haben, als von mir, dann sind Sie sehr sicher, Sir.
,Gott gäbe, es wäre so! Hier ist eine Laube, Jane, setzen
wir uns.
Es war eine mit Epheu geschmückte Mauernische und enthielt eine roh geschnitzte Bank.
,Nehmen Sie Platz, sagte er; , die Bank ist lang genug
für zwei. Sie nehmen doch keinen Anstand, sich neben mich zu
setzen? Ist das unrecht, Jane?
Ich antwortete ihm dadurch, daß ich mich niederließ; eine
Weigerung wäre unklug gewesen.
,Nun, meine kleine Freundin, während die Sonnenstrahlen
die Thautropfen trinken, während alle Blumen in diesem alten
Garten erwachen und ihren Duft verbreiten, die Vögel für ihre
Jungen aus den Feldern Nahrung holen, und die emsigen Bienen
ihr Tagewerk beginnen -- will ich Ihnen einen Fall vorlegen,
in den Sie sich so hineindenken müssen, als befänden Sie sich
selbst darin. Aber zuerst sehen Sie mich an und sagen Sie mir,
ob Sie sich behaglich fühlen, und ob Sie nicht fürchten, daß
wir Beide fehlen; ich, weil ich Sie zurückhalte, und Sie, weil
Sie bei mir bleiben.
,Nein, Sir; ich bin ruhig.
,Nun gut, Jane; und jetzt rufen Sie Ihre Phantasie zu
Hilfe. Stellen Sie sich vor, Sie wären kein sittsames, wohlerzogenes Mädchen, sondern ein wilder, von Jugend auf sich
selbst überlassener Junge. versetzten Sie sich in der Einbildung
in ein fernes Land, bilden Sie sich ein, daß Sie daselbst einen
großen Fehltritt begehen, gleichgültig was für einen und aus
welchen Beweggründen, doch einen solchen, dessen Folgen Sie
durchs Leben geleiten und Ihr ganzes Dasein vergiften. Bemerken Sie wohl, daß ich nicht sage, , ein Verbrechen; ich
spreche weder von Blutvergießen, noch von irgend einer anderen
Schuld, die den Frevler dem Strafgesetze überliefern müßte;
meine Bezeichnung ist ,Fehltritt. Die Ergebnisse dieses letzteren
werden für Sie mit der Zeit unerträglich; Sie ergreisen Maßregeln, um sich Linderung zu verschaffen, außerordentliche Maßregeln zwar, doch keine ungesetzlichen, keine verbrecherischen, und
doch sind Sie elend, denn die Hoffnung hat Sie beim Beginne
Ihres Lebens verlassen, Ihre Sonne verfinstert sich schon um
Mittag und Sie wissen, daß die Finsterniß bis zum Untergang
anhalten wird. Bittere und schmerzliche Gedanken sind allein der
Inhalt Ihrer Erinnerung; Sie wandern in der Welt herum,
um in der Verbannung Ruhe zu finden; Sie suchen Ihr Glück
in Vergnügungen -- in geistlosen, sinnlichen Freuden -- die
Geist und Herz abstumpfen. Mit leerem Herzen und wüstem
Kopfe kommen Sie, nach Jahren freiwilliger Verbannung, in
die Heimat zurück. Dort machen Sie, gleichgültig auf welche
Weise, eine neue Bekanntschaft, und finden in dieser Person die
meisten jener guten und schönen Eigenschaften, nach denen Sie
zwanzig Jahre lang vergebens herumforschten, und alles ist an
ihr frisch und gesund, ohne Fehler, ohne Makel. Ein solcher
Umgang erfrischt, macht Einen wie neugeboren. Sie fühlen es,
daß bessere Tage zurückkommen- mit ihnen ein geistiges Leben,
reinere Gefühle. Sie hegen den Wunsch, ein neues Leben zu
beginnen und den Rest Ihrer Tage in einer Weise zuzubringen,
die eines unsterblichen Wesens würdiger ist. Würden Sie sich

berechtigt glauben, ein aus einem bloßen Gebrauche entspringendes,
ein rein conventionelles Hinderniß, das weder Ihr Bewußtsein
heiligt, noch Ihr Verstand billigt, zu überspringen, um diesen
hohen Zweck zu erreichen?
Er hielt inne und sah einer Antwort entgegen. Was sollte
ich erwidern? Wo war der gute Geist, der mir eine scharfsinnige und befriedigende Antwort zuflüstern konnte? Eitle Hoffnung!
Der Westwind rauschte durchs Epheulaub, aber kein freundlicher
Ariel blies mir einen Gedanken ins Ohr; die Vögel sangen in
den Baumwipfeln, allein ihr Gesang hatte keine Worte.
Und wieder stellte mir Mister Rochester die Frage:
, Ist der Ruhe suchende und reuige Pilgrim und Sünder
berechtigt, der Meinung der Welt zu trotzen, um sich für immer
den Besitz dieser sanften, anmuthigen, geistreichen Unbekannten zu
sichern und dadurch die Ruhe seiner Seele und die Möglichkeit
eines neuen Lebenswandels zu erlangen?
,Sir, erwiderte ich, , die Ruhe eines Pilgrims und die
Bekehrung eines Sünders sollten n!e von einem Mitgeschöpfe
abhängen. Mann und Weib sind sterblich; Philosophen irren
in ihrer Weisheit und Christen weichen von der Bahn der
Tugend ab; wenn irgend Jemand gefehlt und gelitten hat, mag
er höher emporblicken um Kraft zur Besserung und um Trost
zur Heilung.
,Aber das Werkzeug -- das Werkzeug! Gott, der das
Werk thut, weiset das Werkzeug zu. -- Ich selbst -- ich sage
dies, ohne in Gleichnissen zu sprechen -- war ein weltlicher,
sündiger, ruheloser Mensch und ich glaube das Werkzeug meiner
Bekehrung gefunden zu haben in -- Er schwieg; die Vögel
schmetterten, die Blätter rauschten. Ich wunderte mich beinahe,
daß sie nicht ihren Gesang und ihr Rauschen einstellen, um den
unterbrochenen Enthüllungen zuzuhören; doch sie hätten viele
Minuten warten müssen- so lange dauerte das Stillschweigen.
Endlich sah ich zu dem trägen Sprecher empor; er betrachtete
mich mit prüfenden Blicken.
, Kleine Freundin, hob er in verändertem Tone an,
während auch sein Gesicht einen ganz anderen Ausdruck angenommen
und den früheren sanften und doch ernsten mit einem harten,
spöttischen Ausdrucke vertauscht hatte; , kleine Freundin, Sie

haben meine zärtliche Neigung für Miß Ingram bemerkt; glauben
Sie nicht, daß sie mich, wenn ich sie heirate, einem neuen Leben
der Rache wiedergiebt?
Und er stand plötzlich auf, ging ans andere Ende des
Pfades und als er wieder zurückkam, sang er ein Liedchen.
, Jane, Jane, sagte er, vor mir stehen bleibend, , Sie
sind ganz blaß von lauter Nachtwachen. Fluchen Sie mir nicht,
daß ich so Ihre Ruhe störe?
, Ihnen fluchen? Nein, Sir.
, Geben Sie mir die Hand darauf. Wie kalt Ihre Finger
sind! Als ich sie diese Nacht an der Thür des geheimnißvollen
Zimmers berührte, waren sie wärmer. Jane, wann wollen Sie
wieder mit mir aufbleiben?
, Sobald ich Ihnen wieder nützlich sein kann.
,Zum Beispiele in der Nacht bevor ich heirate? Ich werde
da gewiß nicht schlafen können. Versprechen Sie mir, daß Sie
mir da Gesellschaft leisten wollen? Mit Ihnen kann ich wohl
von meinem Liebchen sprechen, denn Sie haben Sie gesehen und
kennen sie nun.
,Wohl, Sir.
, Es ist ein seltenes Geschöpf, nicht wahr?
,Wohl, Sir.
,Vollblut, echtes Vollblut, Jane; rund, brünett und feurig;
mit Haaren, wie sie die Damen von Karthago gehabt haben
mußten. Verdammt! Dent und Lynn sind im Stalle! Gehen
Sie durchs Gebüsch, dort bei jenem Pförtchen hinaus!
Ich schlug den bezeichneten, er einen anderen Weg ein. Im
Hofe angelangt, hörte ich ihn lustig ausrufen:
,Mason ist diesen Morgen Euch Allen zuvorgekommen und
noch vor Sonnenaufgang abgereist; ich stand schon vor vier Uhr
auf, um von ihm Abschied zu nehmen.

VI.

Es ist eine eigene Sache um Ahnungen, um Sympathien
und um Anzeichen und die drei zusammen genommen bilden ein
Geheimniß, welches die Menschheit bis nun noch nicht ergründet
hat. Ich konnte mich über Ahnungen nie lustig machen, weil ich
deren selbst sehr wunderbare in meinem Leben gehabt hatte.
Auch an das Vorhandensein von Sympathien glaube ich, welche
entfernte, lange Zeit abwesende, ja einander ganz entfremdete
Familienglieder miteinander verbinden und sie, ungeachtet ihres
Getrenntseins, zum Quell ihrer gemeinsamen Abstammung in
einer Art zurückführen, die über alle menschlichen Begriffe geht.
Und die Anzeichen sind am Ende nichts weiter als Ergebnisse
des sympathischen Zusammenhanges der Natur mit dem Menschen.
Als ich noch ein kleines Mädchen von etwa sechs Jahren
war, hörte ich eines Abends Bessie Leaven zu Martha Abbot
sagen, es habe ihr von einem kleinen Kinde geträumt und es
sei dies eine sichere Vorbedeutung von einem kommenden Unglücksfalle in ihrer Familie. Diese Rede wäre meinem Gedächtnisse
entfallen, hätte sich nicht unmittelbar darauf ein Umstand ereignet, der mir dieselbe für alle Zeiten unvergeßlich machte;
Tags darauf wurde nämlich Bessie zum Todtenbette ihrer kleinen
Schwester berufen.
Besonders in der letzten Zeit erinnerte ich mich dieses Zufalles sehr häufig, denn eine ganze Woche hindurch verging keine
Nacht, wo mir nicht ein kleines Kind im Traume erschienen
wäre, das ich entweder im Arme trug oder auf meinen Knien
schaukelte, oder auf einem Grasplatze mit Maiblümchen spielen,
oder endlich sein Händchen in fließendes Wasser halten sah. Die
eine Nacht weinte das Kind, die nächste lachte es; heute klammerte es sich an mich an, morgen riß es vor mir aus; allein
ob in dieser oder jener Stimmung, ob jetzt so, ein anderesmal
anders aussehend, die Erscheinung kam mir regelmäßig in sieben
aufeinander folgenden Nächten gerade in dem Augenblicke, wo
ich in das Land der Träume hinübergeschlummert war.
Diese Wiederholung einer und derselben Idee, diese sonderbare Wiedererscheinung eines und desselben Traumbildes war
mir unheimlich. Ich fürchtete mich ordentlich, wenn es Schlafenszeit wurde und die Stunde der Vision herannahte. Auch in jener
mondhellen Nacht, wo mich der fürchterliche Schrei weckte, hatte
ich dasselbe Traumgesicht gehabt und am darauffolgenden Nachmittage wurde ich zu Mister Fairfax hinuntergerufen, wo mich
jemand erwartete. Ich fand einen Mann im Anzuge eines
Herrendieners, der Trauer trug und auch um den Hut, den er
in der Hand hielt, ein breites, schwarzes Florband gewickelt hatte.
,Sie werden sich meiner wohl kaum mehr entsinnen, Miß,
sagte er, sich vom Stuhle erhebend; ,mein Name ist Leaven,
ich war Kutscher bei Mistreß Reed, als Sie vor etwa acht bis
neun Jahren in Gatesheadhall lebten, wo ich auch noch jetzt in
Diensten stehe.
,Ei, Robert! wie geht's? Ich erinnere mich Eurer sehr
wohl, Ihr ließet mich zuweilen auf Miß Georginen's Ponny
herumreiten. Was macht Bessie? Sie ist ja Eure Frau?
, Wohl, Miß. Meine Frau ist wohl auf, Ihnen aufzuwarten, und vor zwei Monaten beschenkte sie mich wieder mit
einem Kindlein -- wir haben nun in allem drei Stück -- und
Mutter und Kind sind frisch und munter.
, Und wie geht es der Familie Reed, Robert?
, Es thut mir leid Ihnen hierüber nicht viel Tröstliches
berichten zu können. Es sieht jetzt im Herrenhause traurig aus;
sie sind Alle in der größten Bestürzung.
,Es ist doch Niemand gestorben? sagte ich, Robert's
schwarzen Anzug betrachtend. Auch er blickte auf seinen beflorten
Hut und erwiderte:
, Der junge Herr John verschied, gestern vor acht Tagen, in
seiner Wohnung in London.
, John?
,Wohl.
, Und was sagt seine Mutter dazu?
, Je nun, sehen Sie, Miß Eyre, es ist eine ganz außerordentliche Geschichte. Er führte ein wildes Leben und besonders
in den letzten drei Jahren gab er sich allen Ausschweifungen
hin. Sein Ende war schrecklich.
,Bessie erzählte mir, er wollte nicht gut thun.
,Nicht gut thun! Er hätte sich nicht schlechter aufführen
können. Er ruinirte seine Gesundheit und sein Vermögen in

Gesellschaft der liederlichsten Männer und schlechtesten Frauenzimmer, häufte Schulden auf Schulden und kam in den Schuldthurm. Seine Mutter half ihm zweimal heraus, kaum war er
aber frei, als er auch wieder zu seinen alten Cameraden und
früheren Gewohnheiten zurückkehrte. Er war gerade keiner von
den Gescheidtesten, und die Schurken, mit den er umging, plünderten ihn auf die unerhörteste Weise. Etwa vor drei Wochen
kam er nach Gateshead herunter und verlangte von seinen
Schwestern die Abtretung ihres Erbtheiles. Die Fräuleins schlugen
es ihm ab, sie waren durch seine Verschwendung ohnehin schon
in ihrem Vermögen beeinträchtigt worden; er mußte also unverrichteter Sache wieder abziehen und die nächste Nachricht von
ihm lautete, er sei todt. Wie er starb, das weiß Gott! -- Die
Leute sagen, er habe sich selbst das Leben genommen.
Ich war sprachlos; die Neuigkeiten waren zu fürchterlich.
Robert Leaven fuhr fort:
,Die gnädige Frau war ohnedies schon seit längerer Zeit
nicht ganz gesund und bei all ihrer Dicke nichts weniger als
kräftig; die großen Geldverluste und die Furcht vor Armuth
drückten sie vollends nieder. Die Nachricht von Mister John's
Tod und den Umständen, unter welchen er geendet, kam plötzlich,
so daß sie der Schlag rührte. Durch volle drei Tage war sie
sprachlos, doch am letzten Dienstag schien sie etwas besser zu
sein; es war, als wollte sie etwas sagen und sie machte meinem
Weibe in Einem fort Zeichen und lallte ganz unverständlich.
Erst gestern Früh brachte es Bessie heraus, daß sie Ihren Namen
aussprechen wollte, und endlich unterschied sie die Worte: , Bringt
Jane, holt Jane Eyre her, ich muß mit ihr sprechen. Bessie
wußte nicht, ob sie bei Verstand sei oder was sie mit den Worten
sagen wollte, doch theilte sie dieselben den Misses Reed mit und
gab ihnen den Rath, um Sie zu schicken. Die Fräuleins wollten
anfänglich nichts davon hören, aber ihre Mutter wurde so un-
ruhig und rief so oft: , Jane! Jane! daß sie endlich ein-
willigten. Gestern verließ ich Gateshead, und wenn Sie bis
dahin bereit sein können, möchte ich Sie gerne morgen zeitlich
in der Früh mitnehmen.
,Wohl, Robert, ich werde bereit sein; ich denke, es ist
nothwendig, daß ich gehe.
,Das glaub' ich auch, Miß. Bessie war überzeugt, daß
Sie sich nicht weigern würden; doch Sie werden wohl erst um
Urlaub ansuchen müssen?
, Freilich wohl, und ich will es gleich jetzt thun. Und
nachdem ich Robert in die Gesindestube geleitet und daselbst der
Sorgfalt John's und seines Weibes üVergeben hatte, suchte ich
Mister Rochester auf.
Er war weder in den unteren Stuben, noch im Hofe, noch
in den Stallungen, noch in den Ackergründen zu sehen. Ich frug
Mistreß Fairfax, ob sie wüßte, wo er wäre; sie sagte, sie glaube,
er spiele Billard mit Miß Ingram. Ich eilte also ins Billardzimmer, aus dem mir Stimmengewirr und das Klappern der
Bälle entgegenschollen. Mister Rochester, Miß Ingram, die beiden
Misses Eshton und ihre Bewunderer waren sämmtlich im Spiele
begriffen. Es gehörte einiger Muth dazu, eine so interessante
Partie zu stören, mein Anliegen ließ indes keine Verzögerung
zu und ich näherte mich meinem Gebieter, der dicht an Miß
Ingram's Seite stand. Sie wandte sich um, als ich näher kam,
und maß mich mit einem hochmüthigen Blicke, der zu fragen
schien:
Was kann nur dieser elende Wurm wollen? und als
ich mit leiser Stimme ,Mister Rochester' rief, machte sie eine
Bewegung, als fühlte sie sich versucht, mich wegzuweisen. Ich
erinnere mich ihres Aussehens in jenem Augenblicke; es war sehr
graziös und auffallend. Sie trug ein Morgenkleid von himmelblauem Crepp und einen azurblauen Gazeaufputz in ihren Haaren.
Die Bewegung des Spieles hatte ihr Gesicht geröthet und das
Gefühl verletzten Stolzes verlieh ihren Zügen einen äußerst
gebieterischen Ausdruck.
,Hat Ihnen diese Person etwas zu sagen? frug sie. Und
Mister Rochester wandte sich um, um zu sehen, wer diese
Person wäre. Er zog ein sonderbares Gesicht -- eine seiner
wunderlichen, doppeldeutigen Demonstrationen -- warf sein Queue
auf das Brett und folgte mir zum Zimmer hinaus.
,Nun, Jane? sagte er, sich mit dem Rücken an die
Thür des Lehrzimmers lehnend, die er zugeschlagen hatte.
,Ich komme Sie um Urlaub auf eine oder zwei Wochen
zu ersuchen, Sir.
,Wozu? Wohin wollen Sie gehen?
,Eine kranke Frau besuchen, die nach mir geschickt hat.
,Was für eine kranke Frau? -- Wo befindet sie sich?
,In Gateshead, in der Grafschaft ***
,In der Grafschaft ***? Die liegt ja etwa hundert Meilen
von hier? Wer ist die Frau, daß sie die Leute so weit herholen
läßt?
,Sie heißt Reed, Sir, Mistreß Reed.
,Reed von Gateshead? Ich kannte eine Magistratsperson
dieses Namens!
,Die Frau ist seine Witwe.
,Und was geht Sie diese Witwe an? Woher kennen
Sie sie?
,Mister Reed war mein Onkel -- der Bruder meiner
Mutter.
,Den Teufel war er's! Sie sagten mir ja nie etwas
davon; Sie erzählten immer, Sie hätten gar keine Verwandten.
,Keine, die sich meiner annähmen. Mister Reed ist todt
und seine Frau verstieß mich.
,Warum?
,Weil ich arm und ihr zur Last war und weil sie mich
nicht leiden konnte.
,Aber Mister Reed hinterließ Familie? -- Sie müssen
noch Geschwisterkinder haben? Sir George Lynn sprach gestern
von einem Reed von Gateshead, der, wie er sagte, der größte
Lump von London wäre und Ingram erwähnte eine Georgine
Reed, die vor ein oder zwei Wintern ihrer Schönheit wegen in
der Stadt sehr bewundert wurde.
,John Reed ist todt, Sir; er ruinirte sich und zum Theile
auch seine Familie und endigte sein Leben mit einem Selbstmord. Die Nachricht hiervon machte auf seine Mutter einen
solchen Eindruck, daß sie einen Schlaganfall hatte.
,Ja, was können Sie ihr helfen? Es ist reiner Unsinn,
Jane! Ich würde gewiß nie daran denken, eine Reise von
hundert Meilen zu machen, um eine alte Frau zu besuchen, die
vielleicht eher stirbt, als Sie bei ihr ankommen. Uebrigens hat
sie Sie ja, wie Sie selbst sagten, verstoßen.
,Wohl, Sir! Allein das ist schon lange her und unter
ganz anderen Verhältnissen geschehen. Ich hätte nie Ruhe, käme
ich nicht jetzt ihrem Wunsche nach.
,Wie lange werden Sie ausbleiben?’
,So kurze Zeit als möglich, Sir.
,Versprechen Sie mir, daß Sie nicht länger als eine
Woche bleiben wollen.
,Es ist besser, ich verspreche nichts; ich könnte möglicherweise wortbrüchig werden müssen.
,Doch zurückkommen werden Sie auf jeden Fall und lassen
sich durchaus nicht bewegen, für immer in Gateshead zu bleiben,
nicht wahr?
,Gewiß nicht! Ich komme auf jeden Fall wieder, sobald
dort alles in Ordnung ist.
,Wer begleitet Sie? Sie werden doch nicht hundert Meilen
allein reisen wollen.
,Keineswegs; Mistreß Reed's Kutscher ist um mich gekommen.
,Darf man sich auf ihn verlassen?
,Gewiß; er dient schon zehn Jahre im Hause.
Mister Rochester verfiel in Nachdenken.
, Wann wollen Sie abreisen?
,Morgen zeitlich früh.
, Wohl. Sie müssen Geld haben, Sie können nicht so fortgehen und ich glaube, Ihre Baarschaft wird nicht sehr groß
sein; übrigens habe ich Ihnen noch keinen Gehalt gezahlt.
Wie hoch belaufen sich Ihre Kapitalien, Jane? frug er
lächelnd.
Ich holte meine Börse hervor, sie sah sehr schwindsüchtig
aus. , Fünf Schillinge, Sir. Er nahm den Beutel, schüttete
die Münzen auf seine flache Hand aus und lachte darüber, als
freute ihn die Geringfügigkeit meines Vermögens. Dann nahm
er seine Brieftasche heraus. , Hier, sagte er, mir eine Banknote hinhaltend. Es war eine Fünfzigpfundnote und ich hatte
bloß fünfzehn zu fordern. Ich sagte, ich könnte ihm nicht
wechseln.
, Ich brauche nichts gewechselt; ich weiß es schon. Nehmen
Sie nur Ihren Gehalt.
Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als mir gebührte.
Er schalt mich erst aus, dann, als ob ihm plötzlich etwas einfiele, sagte er:
,Wahr, wahr! Besser ich gebe Ihnen nicht alles auf einmal. Sie blieben am Ende drei Monate aus, wenn Sie fünfzig
Pfund hätten. Hier sind zehn, ist das genug?
,Wohl; doch jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.
, Kommen Sie zurück und holen Sie sich sie. Ich bin Ihr
Banquier für vierzig Pfund.
,Mister Rochester, ich möchte am Ende noch eine Geschäftsangelegenheit mit Ihnen ordnen, weil sich gerade die Gelegenheit
dazu darbietet.
, Eine Geschäftsangelegenheit? Bin neugierig, sie zu hören.
, Sie haben mich so gut als benachrichtigt, Sir, daß Sie
sich binnen Kurzem zu vermählen gedenken.
, Nun, und was weiter?
, In diesem Falle müssen Sie Adelen in eine Kostschule
thun. Ich denke, Sie sehen die Nothwendigkeit davon ein.
, Um sie meiner Braut aus dem Wege zu räumen, die sie
sonst etwas zu nachdrücklich treten dürfte. Ihre Bemerkung ist
sehr verständig; Adela muß, wie Sie sagten, in eine Kostschule
und Sie müssen, natürlich, geradenweges zum -- Teufel gehen.
, Ich denke nicht; allein ich muß mir irgend einen anderen
Platz suchen.
,Wirklich! rief er mit einem phantastischen und gutmüthig
spottenden Ausdrucke in Stimme und Geberde. Dabei sah er
mich durch einige Minuten unverwandt an.
,Und die alte Mistreß Reed oder die Misses, ihre Töchter,
werden von Ihnen behufs des Auffindens einer neuen Stelle in
Bewegung gesetzt werden?
,Nein, Sir! Ich stehe mit meinen Verwandten auf keinem
so guten Fuße, um von ihnen Gefälligkeiten verlangen zu können.
Ich will eine Ankündigung in die Zeitung setzen lassen.
,Sie werden die ägyptischen Pyramiden hinaufreiten,
brummte er. , Kündigen Sie nur immer auf Ihre Gefahr hin
an. Ich wollte, ich hätte Ihnen statt zehn Pfund nur ein Pfund
gegeben. -- Geben Sie mir neun Pfund zurück, Jane, ich
brauche sie.

,Ich auch, erwiderte ich, meine Hand und meine Börse
hinter mich haltend. , Ich kann das Geld auf keinen Fall missen.
,Giebt mir meine kleine Schelmin eine abschlägige Antwort,
wenn ich von ihr Geld borgen will! scherzte er. , Leihen Sie
mir fünf Pfund, Jane!
,Nicht fünf Shillinge, Sir, nicht fünf Pence.
,So lassen Sie mich nur wenigstens das Geld sehen.
,Nein, Sire, man kann Ihnen nicht trauen.
,Jane!
,Sie befehlen?
,Versprechen Sie mir nur Eines.
,Ich verspreche Ihnen alles, was ich zu halten im
Stande bin.
,Lassen Sie keine Ankündigung in die Zeitung setzen und
überlassen Sie mir die Ausfindigmachung eines Platzes. Ich will
Ihnen einen solchen zur rechten Zeit besorgen.
, Gerne will ich dies eingehen, Sir, sobald Sie mir ver-
sprechen, daß wir, sowohl ich als Adela, aus dem Hause sind,
bevor es Ihre zukünftige Frau betritt.
,Gut, gut! Ich gebe Ihnen mein Wort zum Pfande. Also
morgen reisen Sie schon?
, Ja und bei Zeiten.
, Kommen Sie heute nach Tische in das Gesellschaftszimmer
hinunter?
,Nein, Sir, ich muß meine Vorbereitungen zur Reise
treffen.
,Wir müssen also einander für eine kurze Zeit Lebewohl
sagen?
,So ist es.
, Und wie pflegen die Leute derlei Abschiedsceremonien
zu begehen, Jane? Lehren Sie mich es, ich verstehe mich nicht
darauf.
,Sie sagen einander: , Leben Sie wohl! oder irgend eine
andere Redensart, die ihnen beliebt,
,Nun, so thun Sie es.
,Leben Sie für jetzt wohl, Mister Rochester!
, Und was habe ich zu sagen?
,Dasselbe, wenn es Ihnen gefällig ist, Sir.
,Leben Sie für jetzt wohl, Miß Eyre. Ist das alles?
, Ja.
, Es kommt mir aber so kalt, so trocken, so unfreundlich
vor. Etwas anderes wäre mir lieber, eine kleine Ausdehnung
der Feierlichkeit könnte nicht schaden. Wie, wenn wir uns die
Hände reichten? Doch nein, auch das würde mich nicht befriedigen! Sie wollen also nichts weiter thun, als , Leben Sie
wohl!' sagen?
, Es genügt, Sir; man kann in wenige Worte ebenso
viel Herzlichkeit legen als in viele.
,Möglich; aber das eine Wort ist gar so mager und
leer.
,Wie lange wird er noch an der Thür stehen bleiben?
dachte ich bei mir. , Ich muß noch meine Sachen einpacken.
Die Glocke ertönte zum Mittagessen und fort stürzte er ohne
weiter ein Wort zu verlieren. Den Tag über bekam ich ihn
nicht mehr zu sehen und am nächsten Morgen hatte ich schon
Thornfield hinter mir, bevor er noch aufgestanden war.
Ich erreichte die Schließerswohnung von Gatesheadhall
am ersten Mai beiläufig um fünf Uhr Nachmittags und machte
dort Halt, ehe ich mich ins Herrenhaus begab. Bessie's Wirthschaft sah ungemein nett und ordentlich aus; schöne weiße Vorhänge zierten die kleinen Fenster, der Fußboden war blank gescheuert, der Rost und der Feuerbock des Camins glänzten von
weitem und das Feuer selbst brannte freundlich und hell. Bessie
saß am Camine und stillte ihr Kleinstes und der kleine Bob
spielte mit seiner Schwester in einem Winkel der Stube.
,Gott segne Sie! -- Sagte ich's doch gleich, Sie würden
kommen!' rief Mistreß Leaven aus, als ich eintrat.
,Wohl, Bessie, sagte ich, nachdem ich sie umarmt hatte,
,und ich hoffe, daß ich nicht zu spät komme. Wie befindet sich
Mistreß Reed? Sie ist doch noch am Leben?
,Sie ist noch am Leben und weicher gestimmt und gefaßter
als zuvor. Der Doctor meint, sie würde sich noch ein oder zwei
Wochen fortfristen, allein schwerlich wieder genesen.
, Hat sie meiner in der letzten Zeit Erwähnung gethan?
, Erst heute früh sprach sie wieder von Ihnen und wünschte,
Sie möchten kommen; aber in diesem Augenblicke schläft sie,
wenigstens war dies vor zehn Minuten der Fall, als ich oben
bei ihr war. Sie liegt in der Regel jeden Nachmittag in einer
Art Bewußtlosigkeit und Schlafsucht, aus der sie erst um sechs
oder halb sieben Uhr erwacht. Wollen Sie bei uns eine Stunde
ausruhen, Miß? Ich will Sie dann zu Mistreß Reed
bringen.
Hier trat Robert ein; Bessie legte ihr schlafendes Kind in
die Wiege und bewillkommte ihren Mann. Dann nöthigte sie
mich, meinen Hut abzulegen und lud mich ein, mit ihr Thee
zu trinken, weil ich gar so blaß aussähe. Ich nahm ihr gastfreundliches Anerbieten gern an und ließ mich aus meinen Reisekleidern ebenso willig aushülfen, wie ich mich von ihr als Kind
auskleiden zu lassen pflegte.
Erinnerungen an vergangene Zeiten stiegen in mir auf, während
ich zusah, wie Bessie geschäftig hin und her lief, ihr bestes Porzellan-Theezeug hervorholte, Butterschnitten schmierte, einen Theekuchen
bähte und dazwischen von Zeit zu Zeit dem kleinen Bob und
der kleinen Jane einen gelegentlichen Klaps oder einen Rippenstoß versetzte, gerade wie sie mir deren in früheren Tagen zu
verabreichen gewohnt war. Bessie hatte nicht allein ihre Leichtfüßigkeit und ihr hübsches Aeußere, sondern auch ihr lebhaftes
Temperament bewahrt.
Als der Thee fertig war, wollte ich mich mit zu Tische
setzen; doch sie gebot mir, ganz in ihrem früheren befehlenden
Tone, sitzen zu bleiben. Sie müsse mir in der Caminecke auftragen, sagte sie, und stellte ein kleines rundes Tischchen mit einer
Tasse und einem Teller voll Butterschnitten vor mich hin, gerade
so wie sie mich ehedem in der Kinderstube auf einen kleinen Stuhl
setzte und mit irgend einer heimlich beiseite geschafften Leckerei
bewirthete. Ich lächelte und gehorchte ihr wie in den Tagen
meiner Kindheit.
Sie wollte nun wissen, ob ich mich in Thornfieldhall glücklich
fühle und was für eine Person die Frau vom Hause sei, und
als ich ihr sagte, es sei ein Herr da, ob er mich gut behandle
und mir gefalle. Ich sagte ihr, der Herr sei fast häßlich zu
nennen, aber ein Mann von Welt; er gehe ganz gut mit mir
um und ich sei zufrieden. Dann beschrieb ich ihr die muntere
Gesellschaft, die sich zuletzt im Hause versammelt hatte, und Bessie
hörte meinen Schilderungen, die ganz nach ihrem Geschmacke
waren, mit andächtiger Aufmerksamkeit zu.
Eine Stunde war auf diese Weise bald verflossen; Bessie
setzte mir wieder den Hut auf und legte mir den Mantel um,
und wir verließen die Schließerwohnung, um uns ins Herrenhaus zu begeben. Etwa vor neun Jahren war ich, eben auch
in ihrer Begleitung, denselben Pfad hinabgewandelt, den ich nun
hiRanging. An einem finsteren, nebligen, kalten Januarmorgen
hatte ich ein feindliches Haus mit Bitterkeit und Verzweiflung
im Herzen -- gleichsam vogelfrei und als ein Auswürfling --
verlassen, um die frostige Herberge von Lowood, diesen weit
entfernten unbekannten Aufenthalt aufzusuchen. Dasselbe feindselige
Haus stand nun vor mir, meine jetzigen Aussichten waren nicht
viel besser und mein Herz blutete aus einer frischen Wunde.
Noch immer stand ich als eine Fremde auf der weiten Erde
da, nur daß ich jetzt mehr Selbstvertrauen, mehr innere Kraft
besaß und unabhängiger dastand, daß jede Erinnerung erlittenen
Unrechtes von mir gewichen und die Flamme meines Zornes
erloschen war.
, Gehen Sie nur erst ins Frühstückzimmer, sagte Bessie,
, die Fräuleins werden wohl darin sein.
Einen Augenblick darauf befand ich mich in dem genannten
Gemache. Die ganze Einrichtung sah noch so aus wie an jenem
Morgen, wo ich zum erstenmale Mister Brocklehurst vorgestellt
worden war; da lag auch noch derselbe Teppich vor dem Camine,
auf welchem er gestanden hatte. Einen Blick in den Bücherschrank
werfend, glaubte ich darin die beiden Bände von Bewick's Naturgeschichte der Vögel Englands auf ihrem alten Platze in der
dritten Reihe zu sehen und über denselben standen Gulliver's
Reisen und die Arabischen Nächte. Die leblosen Gegenstände hatten
sich nicht geändert, allein die lebenden Wesen waren kaum mehr
zu erkennen.
Ich sah zwei junge Damen vor mir; die eine davon sehr
groß, beinahe so groß wie Miß Ingram, doch sehr mageren,
blassen und ernsten Antlitzes. Ihr Aussehen hatte etwas Selbstkasteiendes an sich, das durch ein faltenloses, enges Kleid von
schwarzem Wollstoff, einen schmalen, leinenen, gestärkten Hals-
kragen, durch die aus den Schläfen gekämmten Haare und die
nonnenartige Zierde eines schwarzen Rosenkranzes mit einem
daranhängenden Crucifixe nur noch erhöht wurde. Das war
jedenfalls Elise, wiewohl ich in dem langen, hageren, farblosen Gesichte nur wenige ihrer früheren Züge wiederfinden konnte.
Die andere Dame war ebenso sicher Georgine, doch nicht
die Georgine von vormals, das schmächtige, sylphidenartige, elfjährige Mädchen. Statt dessen sah ich ein voll aufgeblühtes,
dickes Geschöpf, wie aus Wachs gegossen, mit schönen, regelmäßigen Gesichtszügen, schmachtenden blauen Augen und blonden
gelockten Haaren. Auch sie trug ein schwarzes Kleid, doch war
der Schnitt desselben ganz verschieden von demjenigen ihrer
Schwester, viel jugendlicher und kleidsamer und ebenso modisch,
als der Anzug Elisen's eine Verachtung alles Weltlichen an den
Tag legte.
Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der
Mutter, aber auch nur einen einzigen; die magere und blasse
Elise ihr starres, frostiges Auge, die blüthende, üppige Georgine
ihr Kinn, das, wenn auch nicht so sehr markirt, ihrem sonst
sinnlichen und weichen Gesichte eine unbeschreibliche Härte mittheilte.
Beide Damen standen bei meinem Eintritte auf, mich zu
bewillkommnen und beide sprachen mich mit ,Miß Eyre' an.
Elisen's Gruß war kurz und kalt, von keinem freundlichen Blicke
begleitet; sie setzte sich sogleich nieder, sah starr in das Feuer
und schien nicht weiter an mich zu denken. Georgine fügte ihrem:
,Wie befinden Sie sich? verschiedene Gemeinsätze über meine
Reise, das Wetter und so weiter bei, die sie in einem merkwürdig gezogenen Tone von sich gab; dabei maß sie mich mit
unterschiedlichen Seitenblicken vom Kopf zu Fuß, indem sie bald
meinen Merinorock, bald meinen einfach aufgeputzten ländlichen
Strohhut zum Gegenstande ihrer Forschungen machte. Junge
Damen haben ein besonderes Geschick, anderen Mädchen zu verstehen zu geben, daß sie sie für ,Landgänschen’ halten, ohne
sich gerade dieses Ausdruckes zu bedienen. Ein gewisser sanftmüthiger Blick, frostige Manieren und eine Ungezwungenheit des
Tones drücken ihre Ansichten über diesen Punkt vollkommen deutlich
aus, ohne daß sie es nöthig hätten, zu thatsächlichen Grobheiten
ihre Zuflucht zu nehmen.
Ein verächtlicher Blick, ob heimlich ob offen gespendet,
machte auf mich nicht mehr den schmerzlichen Eindruck wie in
früheren Zeiten. Zwischen meinen beiden Cousinen sitzend, wunderte
ich mich ordentlich darüber, wie wenig mich die gänzliche Vernachlässigung der einen und die halb spöttische Aufmerksamkeit
der anderen zu berühren vermochten; Elise konnte mich nicht
ärgern, Georgine nicht aus der Fassung bringen, und die
Wahrheit zu sagen, hatte ich an andere Dinge zu denken; in
den letzten Monaten waren weit mächtigere Gefühle in mir rege
geworden, als die beiden hervorzurufen im Stande waren;
heftigere Schmerzen und ausgesuchtere Freuden hatten mich heimgesucht, als sie mir zufügen oder gewähren konnten. Ihr Betragen machte daher auf mich nicht den geringsten Eindruck.
, Wie befindet sich Mistreß Reed? frug ich, Georginen
ruhig anblickend, die über diese Ansprache, in der sie eine maßlose Keckheit sah, stolz die Nase rümpfte.
,Mistreß Reed? Die Mama meinen Sie? Sie ist sehr
krank; ich zweifle, daß Sie sie noch versetzte ich, , wenn
Sie zu ihr gingen und ihr meine Ankunft meldeten.
Georgine fuhr vor Verwunderung ordentlich in die Höhe
und riß die Augen weit auf.
, Ich weiß, daß ihr sehr daran liegt, mich zu sprechen,
fuhr ich fort, , und ich möchte die Erfüllung ihres Wunsches
nicht gerne länger hinausschieben, als es unumgänglich nothwendig ist.
, Mama sieht es nicht gern, wenn man sie des Abends
stört, bemerkte Elise. Ich stand jedoch sofort auf, legte Hut
und Handschuhe ab, ohne dazu aufgefordert worden zu sein,
und sagte, ich wollte Bessie aufsuchen, die wahrscheinlich in der
Küche sei, um sie zu Mistreß Reed mit dem Auftrage zu senden,
ob es ihr beliebe, mich zu empfangen. Ich ging zur Stube
hinaus und nachdem ich Bessie gefunden und mit meiner Botschaft betraut hatte, ergriff ich weitere Maßregeln. Von jeher
war mir alle Anmaßung verhaßt; wäre ich vor einem Jahre
so wie heute empfangen worden, ich hätte Gateshead am
nächsten Morgen schon wieder verlassen; jetzt verwarf ich einen
solchen Plan sofort als eine Thorheit. Ich war hundert Meilen

hergekommen, meine Tante zu sehen und mußte nun hier bleiben,
bis sie entweder gesund würde oder -- stürbe; was den Stolz
und die Albernheit ihrer Töchter anbelangte, so durfte ich nicht
weiter darauf achten, mich gar nicht daran kehren. Ich wandte
mich daher an die Wirthschafterin, ließ mir ein Zimmer anweisen, eröffnete ihr, daß ich mich wahrscheinlich ein oder zwei Wochen
aufhalten würde, und schaffte meinen Koffer in meine Stube.
Ich traf Bessie auf dem Treppenabatze.
, Die gnädige Frau ist erwacht, sagte sie; ,ich meldete ihr,
daß Sie hier seien. Kommen Sie, wir wollen sehen, ob sie Sie
erkennt.
Man brauchte mich nicht erst in die wohlbekannte Stube
zu geleiten, wohin ich ehedem so ost berufen worden war, um
bestraft oder ausgescholten zu werden. Ich lief vor Bessie her
und öffnete leise die Thür. Ein Licht mit einem Lichtschirm
befand sich auf dem Tische, denn es war bereits finster. Da
stand noch die große Bettstatt mit den bunten Vorhängen, der
Ankleidetisch, der Armstuhl und der Fußschemel, auf dem ich
hatte so oft niederknien und um Verzeihung bitten müssen wegen
Fehltritten, die ich meistens gar nicht begangen. Ich blickte in
einen gewissen Winkel, halb erwartend die schlanke Gestalt der
von mir einst so sehr gefürchteten Ruthe zu sehen, die dort zu
lauern und auf mich loszuspringen pflegte, um meine zitternde
Hand oder meinen gebeugten Rücken zu bestreichen. Ich schob die
Vorhänge beiseite, und bog mich über die hoch aufgethürmten
Kissen.
Wohl hatte ich noch Mistreß Reed's Antlitz im Gedächtniß
und eifrig spähte ich nach den wohlbekannten Zügen. Es ist ein
wahres Glück, daß die Zeit den Durst nach Rache stillt und
Zorn und Abneigung erstickt; Haß und Bitterkeit im Herzen
hatte ich dieses Weib verlassen, und nun kam ich mit keinem
anderen Gefühle zurück, als eine Art Mitleid für die harten
Schicksalsschläge, die sie betroffen, und mit dem ernsten Willen,
zu vergessen und zu vergeben, und zur Versöhnung freundlich
die Hand zu bieten.
Ja, da war es, das wohlbekannte Gesicht, starr und gefühllos wie immer; da war das merkwürdige Auge, dem nichts
einen Schimmer von Sanftmuth zu entlocken vermochte, mit den

etwas in die Höhe gezogenen, hochmüthigen Augenbrauen. Wie
oft hatte es mich drohend und voll Haß angeblickt, wie stiegen
bei seiner Betrachtung Erinnerungen an die Leiden und Schmerzen
meiner Kindheit in mir auf! Und dennoch warf ich mich auf
die Kranke nieder und küßte sie. Sie sah mich an.
, Ist dies Jane Eyre? frug sie.
,Wohl, Tante Reed. Wie geht es Ihnen, theure
Tante?
Ich hatte ihr es einst zugeschworen, daß ich sie nie wieder
Tante nennen wollte; ich hielt es für keine Sünde, diesen
Schwur zu brechen. Meine Finger umspannten ihre Hand, die
außerhalb der Bettdecke lag; hätte sie in diesem Augenblicke die
meinige freundlich gedrückt, ich hätte darüber eine aufrichtige
Freude empfunden. Doch harte Naturen werden nicht so leicht
weich und eingewurzelte Abneigungen lassen sich nicht so schnell
vertilgen. Mistreß Reed zog ihre Hand weg, und wandte beinahe ihr Gesicht von mir, indem sie die Bemerkung machte, die
Nacht sei sehr warm. Wieder blickte sie mich an, doch so eiskalt
war ihr Blick, daß ich begriff, ihre Meinung von mir sei
unverändert, und wohl auch nicht zu ändern. Ihr wahrhaft
steinernes Auge, durch welches keine Zärtlichkeit hindurch schimmern, das nicht in Thränen zerfließen konnte, sagte mir deutlich,
wie fest sie entschlossen sei, mich bis zum letzten Augenblicke für
schlecht zu halten; denn der Glaube an meinen sittlichen Werth
konnte sie, weit entfernt ihr irgend eine Befriedigung zu gewähren, nur mit bitterem Verdruß erfüllen.
Erst überkam mich Schmerz, dann Zorn und endlich beschloß ich sie zu bändigen, sie trotz ihrer Natur und ihres Starrsinnes zu beherrschen. Wie in meinen Kinderjahren waren mir
Thränen in die Augen gekommen, ich hieß sie zu ihrer Quelle
zurückkehren. Ich stellte einen Stuhl zum Bette, setzte mich und
und bog mich über das Kopfkissen.
, Sie haben um mich geschickt, sagte ich, ,und hier bin ich
nun, und will hier so lange bleiben, bis ich sehe, was mit
Ihnen wird.
, Oh, natürlich! Du hast doch schon mit meinen Töchtern
gesprochen?
, Ja.
, Wohl, Du kannst ihnen sagen, es sei mein Wille, daß
Du so lange bleibst, bis ich Dir so Manches mitgetheilt
habe, was mir am Herzen liegt. Heute ist's schon zu spät dazu,
und mein Kopf ist zu schwach. Doch ich wollte ja etwas sagen
-- was war es doch nur gleich --
Der irre Blick und die veränderte Sprache zeigten zur
Genüge, welches Wrack an die Stelle des einst so kräftigen
Körpers getreten war. Sich unruhig hin und her werfend,
wickelte sie sich fester in ihre Bettdecke; mein Ellbogen, den ich
auf einen der Gipfel gestützt hatte, hinderte sie einigermaßen
daran, worüber sie in Wuth gerieth.
,Lasse los!' rief sie, ,und ärgere mich nicht weiter damit,
daß Du meine Decke festhältst. Bist Du wirklich Jane Eyre?
, Freilich wohl!
, Ich habe mich mit diesem Kinde schon so viel geärgert.
wie sich's gar kein Mensch denken kann. So eine Last auf dem
Halse zu haben, und so viel Galle hinunterschlucken zu müssen!
Täglich, ja stündlich machte sie mir Verdruß, bald mit den Ausbrüchen ihrer Leidenschaftlichkeit, bald mit der rastlosen, unnatürlichen Aufmerksamkeit, mit der sie alle meine Bewegungen überwachte! Ja, eines Tages sprach sie vollends mit mir, als wäre
sie wahnsinnig oder vom Teufel besessen; nie hat noch ein Kind
so gesprochen, oder solche Blicke geworfen. Ich war ordentlich
froh, als ich sie aus dem Hause hatte. Was thaten sie nur mit
ihr in Lowood? Das Nervenfieber wüthete in der Schule und
sehr viele von den Zöglingen starben; doch Jane starb nicht,
wiewohl ich vorgab, sie sei todt. Ich wollte, es wäre wahr gewesen!
, Ein ungewöhnlicher Wunsch, Mistreß Reed. Warum hassen
Sie sie nur so?
, Ich konnte schon ihre Mutter nicht leiden. Sie war meines
Mannes einzige Schwester und sein Liebling; er allein widersetzte sich ihrer Enterbung, als sie jene Mißheirat eingegangen
war, und als die Nachricht von ihrem Tode eintraf, weinte er
wie ein Einfaltspinsel. Er wollte durchaus um ihr Kind schicken,
wiewohl ich ihn bat, es lieber irgendwo hin in die Pflege zu
thun und dafür zu zahlen. Ich haßte es vom ersten Augenblicke
an, das kränkliche, weinerliche, plärrende Geschöpf! Die ganze
Nacht weinte es in seiner Wiege; aber es schrie nicht aus voller

Brust wie andere Kinder, es wimmerte und ächzte bloß. Reed
hatte Mitleid mit dem Dinge, er hätschelte und wiegte es, als
wäre es sein eigen, wohl mehr noch als seine eigenen Kinder in
gleichem Alter. Er wollte, seine Kinder sollten mit der kleinen
Bettlerin freundlich sein, allein die theuren Herzenspuppen konnten
sie nicht leiden, und er wurde ordentlich böse, wenn sie ihre
Abneigung an den Tag legten. Während seiner letzten Krankheit
hatte er sie beständig an seinem Bette, und eine Stunde bevor
er verschied, forderte er mir einen Eidschwur ab, das Kind im
Hause behalten zu wollen. Ebenso gerne hätte ich mich eines
Sprößlings aus dem Arbeitshause angenommen, allein Reed war
schwach, von Natur aus schwach. John ist seinem Vater ganz
und gar nicht ähnlich; John ist wie ich und wie meine Brüder,
ein echter Gibson. Oh, ich wollte nur, er plagte mich in seinen
Briefen nicht mehr um Geld. Ich kann ihm nichts mehr geben;
wir sind beinahe arm geworden. Ich muß die Hälfte meiner
Dienstleute verabschieden, und einen Theil des Hauses absperren
und vermiethen. Ich kann mich dazu durchaus nicht entschließen,
und doch muß ich es. Wie wollen wir sonst auskommen? Zwei
Dritttheile meines Einkommens gehen darauf, die Interessen von
Leibrenten zu zahlen. John spielt entsetzlich und verspielt immer.
-- Der arme Junge! Er ist in die Hände von Gaunern gerathen,
er ist sehr tief gesunken -- er sieht schrecklich aus -- ich schäme
mich seiner, wenn ich ihn sehe.
Sie wurde immer aufgeregter. , Ich dächte, es wäre besser,
ich verließe sie jetzt, sagte ich zu Bessie, die mir gegenüber am
Bette stand.
,Vielleicht, Miß; allein sie spricht des Abends immer so --
des Morgens ist sie ruhiger.
Ich stand auf. , Bleib'! rief Mistreß Reed. ,Ich wollte
noch etwas sagen. Er droht mir -- er droht mir immer mit
seinem oder mit meinem Tode, und zuweilen träumt mir, daß
ich ihn öffentlich ausgestellt sehe, mit einer großen Wunde am
Halse, oder mit einem schwarzen, geschwollenen Gesichte. Ich bin
sehr in die Enge getrieben, ich habe schwere Sorgen. Was soll
ich thun? Woher soll ich Geld schaffen?
Bessie versuchte es nun, sie zu bewegen, einen beruhigenden Trank zu nehmen; es gelang ihr nur mit vieler
Mühe. Bald darauf wurde Mistreß Reed ruhiger und versank
in eine Art Bewußtlosigkeit. Ich verließ sie.
Mehr als zehn Tage verflossen, bevor ich mich mit ihr
wieder in eine Unterredung einlassen konnte. Entweder lag sie
in Bewußtlosigkeit oder in Schlafsucht und der Arzt verbot aufs
strengste alles, was sie in Aufregung versetzten konnte. Mittlerweile suchte ich mit Georginen und Elisen so gut wie möglich
auszukommen. Sie waren gegen mich anfänglich sehr kalt. Elise
saß halbe Tage lang mit Nähen, Lesen und Schreiben beschäftigt
und sprach nur selten ein Wort mit mir oder ihrer Schwester.
Georgine plapperte ganze Stunden mit ihrem Canarienvogel,
ohne mich zu beachten. Allein ich war fest entschlossen, keine
Verlegenheit um Beschäftigung oder Unterhaltung blicken zu
lassen; ich hatte mein Zeichengeräth mitgebracht und es war für
beides gesorgt.
Mit einem Kästchen Zeichenstifte und einigen Bogen Papier
versehen, pflegte ich mich abseits von den beiden Schwestern nahe
ans Fenster zu setzen und phantastische Skizzen zu malen, wie
sie in dem immer wechselnden Kaleidoskope meiner Einbildungskraft nach und nach auftauchten; ein Stückchen See zwischen zwei
Felsen, den aufgehenden Mond und ein Schiff, das durch seine
Scheibe hindurch zu segeln schien, ein Rohrgebüsch mit Wasserlilien untermengt, den mit Lotosblumen bekränzten Kopf einer
Wassernixe in der Mitte, eine Else in einem Zaunkönigsneste
unter einem Kranze von wilden Rosen.
Eines Morgens fiel es mir ein, ein Gesicht zu skizziren;
wen es vorstellen sollte, daran dachte, darum kümmerte ich mich
nicht. Ich nahm einen weichen Kreidenstift, stumpfte ihn an der
Spitze ab und fing an zu arbeiten. Bald hatte ich den Umriß
einer breiten hervorragenden Stirn und einen markirten Gesichtsuntertheil gezeichnet. Die Contour gefiel mir und meine Finger
fuhren emsig fort, sie mit Gesichtszügen auszufüllen. Buschige,
geradlinige Augenbrauen kamen zuerst hervor, dann eine kühne
Nase mit einem geraden Nasenbein und weit geöffneten Nasenlöchern, dann ein keineswegs kleiner, ausdrucksfähiger Mund,
und endlich ein hervorragendes Kinn mit einem merklichen Einschnitt in der Mitte. Natürlich durfte ein schwarzer Backenbart
nicht fehlen, ebenso wenig schwarze, an den Schläfen gekräuselte

Haare. Jetzt ging es an die Augen; ich hatte mir sie für zuletzt gelassen, da sie eine besondere Sorgfalt erforderten. Ich
zeichnete sie groß und schön geschnitten, die Augenwimpern lang
und schwarz, die Pupillen weit und glänzend. ,Gut, doch nicht
vollkommen genügend, dachte ich bei mir, indem ich die Gesammtwirkung betrachtete. , Sie müssen mehr Feuer und Lebhaftigkeit haben. Ich zeichnete die Schatten stärker, um die
Lichter mehr hervorzuheben -- ein oder zwei glückliche Striche
brachten vollkommenes Gelingen hervor. Und nun hatte ich ein
wohlbekanntes Gesicht vor mir. Warum drehten mir die jungen
Damen den Rücken zu? Weil ich das Bild ansah, ihm, mich
selbst vergessend, zulächelte. Ich war ganz im Anschauen vertieft
und fühlte mich glücklich.
, Ist dies das Porträt eines Ihrer Bekannten? frug Elise,
die sich mir unbemerkt genähert hatte. Ich antwortete, es sei
ein bloßes Phantasiestück und versteckte das Blatt unter meinen
übrigen Zeichnungen. Ich hatte indessen gelogen, denn die Skizze
war ein sehr gelungenes Bildniß Mister Rochester's. Allein, was
ging das sie oder jemand Anderen außer mir an?
Auch Georgine kam herbei, die Zeichnungen anzusehen. Sie
gefielen ihr alle, bis auf das Porträt, das sie einen , häßlichen
Mann' nannte. Beide Mädchen staunten über meine Geschicklichkeit. Ich machte ihnen das Anerbieten, sie zu porträtiren und
eine jede von ihnen saß mir zu einer Crayonskizze. Dann holte
Georgine ihr Album. Ich versprach ihr eine Aquarellzeichnung,
was sie in eine sehr gute Laune versetzte. Sie lud mich zu einem
Spaziergang in die Felder ein. Bevor wir zwei Stunden im
Freien gewesen waren, hatten wir uns in ein vertrauliches Gespräch verwickelt. Sie beehrte mich mit einer Beschreibung des
glanzvollen Winters, den sie vor zwei Jahren in London zugebracht -- der Bewunderung, die sie dort erregt -- der Aufmerksamkeiten, die man ihr gespendet hatte, und sogar von der
vornehmen Eroberung, die sie gemacht, ließ sie einige Winke
fallen. Nach im Verlaufe desselben Nachmittags theilte sie mir
weitere Einzelheiten, zärtliche Gespräche und gefühlvolle Scenen
mit und in kurzer Zeit hatte sie zu meiner Unterhaltung eine Novelle
aus dem modernen Leben improvisirt. Diese Mittheilungen erneuerte
sie jeden Tag; sie behandelte stets denselben Stoff; sie selbst,
ihre Liebe und ihre Schmerzen. Sonderbarerweise spielte sie nie
weder auf ihrer Mutter Krankheit, noch auf ihres Bruders
schreckliches Ende, noch auf den gegenwärtigen traurigen Zustand
der Familienangelegenheiten an. Ihr Geist schien von Erinnerungen an vergangene Herrlichkeiten und von Sehnsucht nach
kommenden Zerstreuungen ganz in Anspruch genommen zu sein.
Etwa fünf Minuten und nicht länger verweilte sie täglich am
Krankenlager ihrer Mutter.
Elise fuhr in ihrer Schweigsamkeit fort, sie hatte augenscheinlich keine Zeit zu sprechen. Ich sah nie eine geschäftigere
Person, als sie zu sein schien, doch war es schwer zu sagen,
was sie eigentlich that oder vielmehr die Ergebnisse ihrer Thätigkeit zu entdecken. Sie hatte eine Weckuhr, um alle Tage zeitlich
aufzustehen. Ich weiß nicht, womit sie sich vor dem Frühstücke
beschäftigte, aber die Zeit nach diesem Mahle hatte sie in regelmäßige Abschnitte abgetheilt und jede Stunde hatte ihre Bestimmung. Dreimal des Tages las sie in einem kleinen Buche,
einem allgemeinen Gebetbuche, wie ich später fand. Ich frug sie
eines Tages, worin die Anziehungskraft desselben bestände und
sie antwortete: , In der Kirchenordnung. Drei Stunden täglich
stickte sie mit Goldfaden den Rand eines viereckigen rothen Tuches,
beinahe so groß wie ein Fußteppich. Auf meine Erkundigungen
über den Zweck desselben belehrte sie mich, es sei eine Altardecke für eine unlängst bei Gateshead erbaute Kirche. Zwei
Stunden widmete sie der Abfassung ihres Tagebuches, zwei
Stunden arbeitete sie im Küchengarten und eine Stunde hindurch
revidirte sie ihre Rechnungen. Sie schien sich weder nach Gesellschaft noch nach Unterredung zu sehnen. Ich glaube, sie war
glücklich in ihrer Art, diese Regelmäßigkeit behagte ihr und nichts
verdroß sie so sehr, als irgend ein Zwischenfall, der sie in ihrer,
einem Uhrwerk vergleichbaren Pünktlichkeit störte.
Eines Abends, wo sie leutseliger als gewöhnlich war, vertraute sie mir, John's Aufführung und der bevorstehende Ruin
der Familie hätten sie anfänglich mit tiefer Betrübniß erfüllt,
doch sei sie nun beruhigt und habe ihren Entschluß gefaßt. Ihr
eigenes Vermögen habe sie in Sicherheit gebracht, und sobald
ihre Mutter todt wäre -- und die könne weder gesund werden,
noch überhaupt mehr lange leben, bemerkte sie ganz ruhig --
wollte sie einen lange gehegten Lieblingsplan ins Werk setzen;
sich an einen Ort zurückziehen, der ihr für die ruhige Ausübung
ihrer pünktlichen Gewohnheiten Schutz gewähren und sie von der
heillosen, verdorbenen Welt absondern könnte. Ich frug, ob sie
Georgine begleiten würde.
, Auf keinen Fall. Georgine und sie hätten nichts miteinander gemein; sie wolle sich die Last ihrer Gegenwart um
keinen Preis der Welt aufbürden. Georgine möge ihren eigenen
Weg einschlagen, während sie den ihrigen verfolge.
Georginen's Beschäftigung bestand darin, mir ihre Herzensergießungen mitzutheilen oder auf dem Sopha zu liegen, über
das langweilige Leben im Hause zu schimpfen und sich danach
zu sehnen, Tante Gibson möchte sie doch bald wieder mit der
Einladung, nach der Stadt zu kommen, erfreuen. ,Es wäre viel
besser, meinte sie, ,wenn sie auf ein oder zwei Monate fort
könnte, bis alles vorüber wäre. Ich frug sie nicht nach der
Bedeutung der letzteren Worte, allein sie wollte damit jedenfalls
den bevorstehenden Tod ihrer Mutter und die darauffolgenden
Leichenceremonien bezeichnen. Elise beachtete ihrer Schwester
Trägheit und ihr Jammern in der Regel ebenso wenig, als ob
gar keine solche Person vor ihren Augen herumginge. Eines
Tages jedoch, als sie eben ihr Rechenbuch zugeschlagen und
ihre Stickerei zusammengelegt hatte, ließ sie sich wie folgt vernehmen:
, Georgine, ein eitleres und alberneres Thier als Du hat
wohl noch nie die Erde mit seinem Dasein belästigt. Du hast
kein Recht auf Dein Leben, denn Du weißt es nicht anzuwenden.
Anstatt für Dich, in und mit Dir zu leben, wie sich dies für
ein vernünftiges Geschöpf ziemt, suchst Du Deine Schwäche
durch anderer Leute Kraft zu stützen, und wenn sich niemand
findet, der sich mit einem solch faden, geistesschwachen, aufgeblasenen, unnützen Geschöpf befassen will, schreist Du, daß Du
elend bist, daß man Dich schlecht behandelt, vernachlässigt. Das
Leben sollte Deinem Wunsche nach in einer Reihe von Unterhaltungen und Aufregungen bestehen, widrigenfalls Du die Welt
für einen Kerker ansiehst; Du willst bewundert, angebetet, geschmeichelt sein, Du mußt Musik, Tanz und Gesellschaft haben,
oder Du verschmachtest und stirbst ab. Hast Du denn nicht
Verstand genug, Dir eine Lebensweise vorzuzeichnen, die Dich
von allen fremden Einstreuungen und von dem Willen Anderer
unabhängig erhält? Nimm den Tag her, theile ihn in Abschnitte,
deren jeder seine Aufgabe hat; lasse keine Viertelstunde, keine
zehn, keine fünf Minuten ohne bestimmt zugetheilte Beschäftigung
und verrichte diese letzteren methodisch in der angenommenen
Reihenfolge. Der Tag wird zu Ende sein, ehe Du Dich dessen
versiehst und Du bist niemanden dafür Dank schuldig, daß er
Dir die Zeit verbringen half, Du brauchst niemandes Gesellschaft aufzusuchen, seine Sympathie, seine Geduld in Anspruch
zu nehmen; kurz Du hast so gelebt, wie ein vernünftiges, unabhängiges Wesen leben soll. Folge meinem Rathe, dem ersten
und letzten, den ich Dir ertheile und Du bedarfst unter allen
Verhältnissen weder meiner noch fremder Unterstützung. Befolge
ihn nicht, lebe wie bisher, jammere, weine und faulenze und
Du hast Dir die Folgen Deines Blödsinnes, schlimm und unerträglich wie sie sein werden, selbst zuzuschreiben. Ich spreche
ganz offen und nun höre weiter, was ich Dir noch zu sagen
habe; ich werde es kein zweitesmal wiederholen, aber fortan meine
Handlungsweise danach einrichten. Nach meiner Mutter Tode
will ich nichts mehr von Dir wissen; von dem Tage, wo ihr
Sarg in der Gruft von Gateshead beigesetzt ist, sind wir einander so fremd, als hätten wir uns nie gekannt. Du darfst Dir
nicht etwa einbilden, daß, weil wir Kinder derselben Eltern sind,
Du irgend wie an mich Ansprüche machen kannst; ich sage Dir
nur so viel: ginge das ganze Menschengeschlecht bis auf uns beide
zugrunde, so daß wir zwei allein auf der Erde stünden, würde
ich Dich in der alten Welt stehen lassen und mich selbst nach der
neuen begeben.
Sie schwieg.
,Du hättest Dir diese lange Rede ersparen können, gab
ihr Georgine zur Antwort. ,Jedermann weiß es, daß Du das
selbstsüchtigste, herzloseste aller lebenden Geschöpfe bist, und ich
kenne Deinen schmählichen Haß gegen mich nur zu gut. Du hast
mir in dem Streiche, den Du mir wegen Lord Edwin Vere spieltest,
eine hübsche Probe davon gegeben. Es war Dir unerträglich, mich
neben Dir mit einem adeligen Titel geschmückt, in Gesellschaften
eingeführt zu sehen, in denen Du nicht einmal Dein Gesicht
zeigen dürftest. Darum machtest Du die Spionin, die Angeberin
und ruinirtest meine Aussichten für alle Zukunft. Georgine
zog ihr Taschentuch hervor und schneuzte sich durch eine volle
Stunde; Elise saß kalt, unempfindlich, und anhaltend fleißig wie
immer da.
Es giebt Leute, die wahre, edle Gefühle nicht zu schätzen
wissen; doch hier hatte ich zwei besondere Geschöpfe vor mir, das
eine voll unerträglicher Härte, das andere voll verächtlicher Abgeschmacktheit, weil den beiden eben alles Gefühl ganz und gar
abging. Gefühl ohne Verstand ist ein wässeriger Trank; allein
Verstand ohne Gefühl ist ein für die menschliche Verdauung zu
bitteres und trockenes Gericht.
Nachmittags hatten wir Wind und Regen. Georgine war
am Sopha über einer Novelle eingeschlafen, Elise zur Kirche
gegangen, wo man den Festtag eines Heiligen feierte. In religiösen Angelegenheiten war sie eine strenge Formkrämerin, kein
Vetter konnte sie von der Erfüllung dessen abhalten, was sie
für eine fromme Pflicht ansah; ob es schön, ob es unfreundlich
war, sie ging Sonntags dreimal und in der Woche so oft in
die Kirche, als Betstunden abgehalten wurden.
Es fiel mir ein hinaufzugehen und nachzusehen, was die
sterbende Frau mache, die fast unbeachtet in ihrer Stube lag.
Sogar die Dienstleute bedienten sie sehr lässig und auch die
eigens gemiethete Wärterin schlüpfte so oft aus dem Zimmer,
als es nur immer anging. Bessie machte hiervon eine lobenswerthe Ausnahme, aber sie hatte selbst kleine Kinder zu versorgen und konnte daher nur gelegentlich ins Herrenhaus kommen.
Ich fand die Kranke, wie ich es nicht anders erwartet hatte,
ganz allein, auch die Wärterin war verschwunden. Sie verhielt
sich ruhig und lag anscheinend in Bewußtlosigkeit versunken da;
ihr fahles Gesicht stack tief in den Kissen, das Feuer im Camine
war dem Erlöschen nahe. Ich legte Holz zu, brachte die Pölster
in Ordnung und betrachtete die Aermste, die mich nun nicht
sehen konnte, durch eine geraume Zeit. -- Dann trat ich ans
Fenster.
Der Regen schlug an die Scheiben, ein ungestümer Wind
sauste über die Felder hin. , Da liegt Eine, sagte ich still vor
mich hin, , die bald dem Einflusse der irdischen Elemente entrückt sein wird. Wohin wird die Seele, die sich nun von der
morschen Hülle loszuringen sucht, fliehen, sobald sie frei geworden?
Dieses große Geheimniß erwägend, dachte ich an Helene
Burns, an ihre letzten Worte, ihr Gottvertrauen, ihre Lehre von
der Gleichheit der abgeschiedenen Seelen. Noch lauschte ich in
der Einbildung dem wohlbekannten Tone ihrer Stimme, noch
hatte ich ihr blasses, geisterhaftes Antlitz, ihren zum Himmel
erhobenen Blick vor Augen, als sie mir am Todtenbette ihre
Sehnsucht nach dem Schauen des Unendlichen zuflüsterte. Eine
schwache Stimme hinter mir rief: ,Wer ist da?
Mistreß Reed hatte durch mehrere Tage kein Wort gesprochen;
lebte sie wieder auf? Ich ging ans Bett.
, Ich bin es, Tante Reed.
,Wer -- ich? versetzte sie. , Wer sind Sie? mich mit
Verwunderung und theilweiser Furcht anblickend.
, Sie sind mir ganz fremd. Wo ist Bessie?
,Sie ist in ihrer Wohnung, liebe Tante.
, Tante! Wer nennt mich Tante? Sie sind doch keine von
den Gibson's. Und doch kenne ich dieses Gesicht, diese Augen,
diese Stirne. Sie sehen aus wie -- wie -- Jane Eyre.
Ich sagte nichts. Ich hatte Angst, ihr einen neuen Anfall
ihrer Krankheit zu verursachen, wenn ich mich ihr zu erkennen gab.
,Doch fürchte ich, daß ich mich irre, fuhr sie fort. ,Meine
Augen täuschen mich. Ich wünschte Jane Eyre zu sehen und erblicke nun eine Aehnlichkeit, wo keine vorhanden ist. Uebrigens
muß sie sich seit acht Jahren sehr verändert haben.
Ich versicherte sie nun ganz freundlich, ich sei die von ihr
erwartete Person, und als ich sah, daß sie mich verstand, erzählte
ich ihr, Bessie habe mich durch ihren Mann von Thornfield abholen lassen.
, Ich bin sehr krank, ich weiß es, sagte sie nach einer
Weile. ,Vor wenigen Minuten versuchte ich, es mich umzuwenden
und konnte kein Glied rühren. Es ist besser, ich erleichtere mein
Gewissen, bevor ich sterbe. So manches, woran wir im gesunden
Zustande nur selten denken, beschwert uns die Seele in Stunden
wie die gegenwärtige. Ist die Wärterin oder irgend jemand außer
Dir in der Stube?
Ich versicherte ihr, wir wären allein.
,Ich habe Dir zweimal Unrecht gethan, was ich sehr bereue. Einmal, indem ich das meinem verstorbenen Gatten gegebene
Versprechen brach, Dich wie mein eigenes Kind zu halten. Das
anderemal -- sie stockte. ,Am Ende ist's von keiner Bedeutung, murmelte sie für sich, , und ich könnte vielleicht wieder
gesund werden, und mich vor ihr zu demüthigen, ist mir zu
schrecklich.
Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu ändern, doch
vergebens. Ihr Gesicht wechselte die Farbe, sie schien einen innerlichen Schmerz, wohl den Vorläufer ihrer letzten Stunde, zu
empfinden.
, Wohlan, es muß sein. Die Ewigkeit thut sich vor mir
auf und es ist besser, ich sage ihr es. Gehe zu meinem Toiletttischchen, öffne die Lade und nimm den Brief heraus, der darin
liegt.
Ich folgte ihrer Weisung. ,Lies, sagte sie.
Das Schreiben war kurz und lautete wie folgt:

,Madame!
Haben Sie die Güte, mir die Adresse meiner Nichte Jane
Eyre mitzutheilen und mir zu melden, wie es ihr geht. Ich
möchte ihr baldigst schreiben und sie ersuchen, zu mir nach Madeira
zu kommen. Die Vorsehung hat mich mit Vermögen bedacht und
da ich weder vermählt bin, noch Kinder habe, wünsche ich sie an
Kindesstatt anzunehmen und sie zur Erbin meines gesammten
Vermögens einzusetzen.
Ich bin, und so weiter
John Eyre, Madeira.

Der Brief war vor drei Jahren geschrieben worden.
, Warum ließen Sie mich nichts davon wissen? frug ich.
,Weil ich Dich zu glühend haßte, um Dir je die Möglichkeit zu verschaffen, reich zu werden. Ich konnte Dein Betragen
gegen mich nie vergessen, nie die Wuth, mit der Du an jenem
Morgen über mich herfielst, nie den Ton, mit dem Du erklärtest,
Du verabscheuest mich mehr als alles in der Welt, nie jenen
unkindlichen, bösen Blick, der Deine Versicherung begleitete, der
bloße Gedanke an mich mache Dich krank, weil ich Dich mit
erbärmlicher Grausamkeit behandelt hätte. Nie konnte ich meine
eigenen Gefühle vergessen, die mich überkamen, als Du in dieser
Weise auffuhrst und alles Gift Deines Herzens über mich ergossest;
es war mir, als hätte mich ein Thier, welches ich geschlagen
und getreten, mit menschlichen Augen angeblickt und mit menschlicher Stimme verflucht. -- Bringe mir ein Glas Wasser,
aber schnell!
, Theure Mistreß Reed,' sagte ich, indem ich ihr den gewünschten Trunk reichte, , denken Sie nicht weiter daran, verwischen Sie alle diese Erinnerungen. Vergeben Sie mir meine
damalige leidenschaftliche Sprache, ich war ja nur ein Kind.
Acht bis neun Jahre sind seit der Zeit verflossen.
Sie kehrte sich jedoch nicht an meine Reden. Kaum hatte
sie einen Schluck Wasser genommen, hob sie auch schon wieder an:
, Ich sage Dir, ich konnte es nie vergessen und ich rächte
mich. Der Gedanke, Dich von Deinem Onkel an Kindesstatt
angenommen, unabhängig und wohlhabend zu wissen, war mir
unerträglich. Ich schrieb ihm, es thäte mir leid, allein Jane sei
am Typhus in der Schule von Lowood gestorben. Jetzt handle,
wie Du willst; schreibe und widerlege meine Behauptung --
stelle meine Lügenhaftigkeit an den Pranger, sobald es Dir
beliebt. Ich glaube, Du bist mir zur Qual geboren, noch meine
letzte Stunde wird durch die Erinnerung an eine That vergiftet, die ich, wärest Du nicht auf der Welt gewesen, gewiß nie
begangen hätte.
, Ich wollte nur, liebe Tante, Sie vergäßen auf alle diese
Geschichten und sähen mich nur einmal mit einem Blicke der Güte
und Vergebung an.
,Du hast ein sehr böses Gemüth, sagte sie, , und das
Eine kann ich noch zur Stunde nicht begreifen, wie Du durch
alle neun Jahre jede Behandlung ruhig ertragen und im zehnten
mit einemmale Feuer und Flamme speien konntest.
, Mein Gemüth ist nicht so böse, wie Sie denken; ich bin
leidenschaftlich, doch nicht rachsüchtig. Wie sehr hätte es mich in
meiner Kindheit beglückt, Sie lieben zu können und zu dürfen
und noch jetzt sehne ich mich ernstlich danach, mich mit Ihnen
auszusöhnen. Küssen Sie mich, Tante!

Ich näherte meine Wange ihren Lippen, doch sie berührte
sie nicht. Sie meinte, es benähme ihr den Athem, wenn ich mich
so auf sie lege, und verlangte zum zweitenmale Wasser. Als ich
sie wieder in ihre frühere Lage brachte, denn ich hatte sie in
die Höhe gehoben und gestützt, damit sie trinken konnte, nahm
ich ihre eiskalte, feuchte Hand in die meine; die schwachen
Finger suchten sich loszuwinden, das gläserne Auge wich meinen
Blicken aus.
, Lieben oder hassen Sie mich wie Sie wollen, sagte ich
endlich; meine vollkommene und freiwillige Vergebung haben Sie.
Bitten Sie nun auch Gott um die seinige und der Friede sei
mit Ihnen.
Armes gequältes Weib! Es war zu spät für sie, ihre
Gesinnung ändern zu wollen; im Leben hatte sie mich gehaßt
-- noch im Tode mußte sie mich hassen.
Die Wärterin trat nun ein und Bessie folgte ihr. Noch
eine halbe Stunde wartete ich, in der Hoffnung, einen freundlichen Blick zu erhalten, doch umsonst. Sie war in ihre gewöhnliche Bewußtlosigkeit verfallen, aus der sie auch nicht mehr erwachte, denn sie verschied noch in derselben Nacht um zwölf
Uhr. Die Dienstleute meldeten es uns am nächsten Morgen.
Sie lag um diese Zeit bereits am Paradebette. Elise und ich
gingen sie anzusehen; Georgine, die in lautes Schluchzen ausgebrochen war, erklärte, sie könne unmöglich mitgehen. Da lag
nun Sarah Reed's sonst so rüstiger, thätiger Körper still und
steif; die kalten Lider deckten die stieren Augen, die Stirne und
die schroffen Züge trugen noch das Gepräge ihrer unerbittlichen
Seele.
Der Anblick des Leichnams machte in mir sonderbare,
feierliche Gefühle rege. Ich betrachtete ihn mit starrem Trübsinn; doch flößte er mir keine sanfte Regung des Mitleids, der
Hoffnung oder der Demuth ein. Nur eine peinliche Angst um
ihr Seelenheil, nicht der Schmerz um meinen Verlust durchzuckte
mich; und eine düstere thränenlose Scheu vor den Schrecken des
Todes in dieser Gestalt gewann schließlich in meinem Herzen die
Oberhand.
Elise sah ihre Mutter ruhig an. Nach einigen Minuten
bemerkte sie:

,Bei ihrer kräftigen Leibesbeschaffenheit hätte sie sehr alt
werden können, doch Gram und Harm haben sie getödtet. Ein
Krampf schloß ihr für eine Weile den Mund; als er nachgelassen,
wandte sie sich um und verließ die Stube; ich folgte ihr. Keine
von uns hatte auch nur eine Thräne vergossen.

VII.

Mister Rochester hatte mir bloß einen einwöchentlichen
Urlaub ertheilt, allein es verfloß ein Monat, bevor ich von
Gateshead fortkam. Ich wollte nach Mistreß Reed's Beerdigung
sofort abreisen, aber Georgine bat mich so lange zu bleiben,
bis sie nach London ginge, wohin sie endlich ihr Onkel Mister
Gibson einlud, der in den letzten Tagen angelangt war, um
der Beerdigung seiner Schwester beizuwohnen und die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Georgine behauptete,
sie fürchte sich mit Elisen allein zu bleiben, von der sie weder
Mitgefühl mit ihrem Schmerze, noch Trost in ihren Aengsten,
noch eine Hilfeleistung bei ihren Vorbereitungen zur Reise erwarten
konnte; ich half ihr also, ihr albernes Weinen und ihre selbstsüchtigen Wehklagen anhörend, beim Wäschenähen und Einpacken,
so gut ich konnte. Wahr ist es, daß sie, während ich arbeitete,
ganz müßig ging, und ich dachte bei mir selbst: ,Wenn wir miteinander leben müßten, Cousine, würde ich mir die Sache schon
anders einrichten. Ich würde mich dann nicht länger bequemen,
der leidende Theil zu sein; ich würde auch Dir einen Antheil
an der Arbeit zuweisen, den Du vollenden müßtest, widrigenfalls
die ganze Arbeit liegen bliebe; ich würde ferner darauf dringen,
daß Du Dein erzwungenes, widriges Gejammer für Dich behieltest. Nur deshalb, weil unser zufälliges Beisammensein von
so kurzer Dauer ist, und unter so eigenthümlich traurigen
Verhältnissen statthat, will ich meinerseits so geduldig und
fügsam sein.
Endlich erlebte ich Georginen's Abgang. Nun kam aber
auch Elise und bat mich, noch eine Woche zu bleiben. Die Ausführung ihres Planes nehme, so sagte sie, ihre ganze Zeit in

Anspruch. Sie wollte sich in irgend ein mir unbekanntes Asyl
zurückziehen, und den ganzen Tag lang hielt sie sich bei verschlossenen Thüren in ihrer Stube auf, packte Koffer, leerte
Schubläden, verbrannte Papiere und blieb außer aller Verbindung mit den übrigen Hausgenossen. Mich hatte sie mit der
Aufsicht über das Hauswesen, mit dem Empfange von Besuchen
und mit der Beantwortung der Condolenzbriefe beauftragt.
Eines Morgens kündigte sie mir an, ich wäre nun frei.
, Ich bin Ihnen, fügte sie hinzu, , für die uns geleisteten
ersprießlichen Dienste und die bewiesene Theilnahme sehr verbunden. Es ist ein großer Unterschied, ob man mit einer Person
wie Sie oder mit Georginen leben muß. Sie gehen Ihren
Beschäftigungen nach und fallen niemanden lästig. -- Morgen
reise ich nach dem Continent, um mich in ein Kloster in der
Nähe von Lisle zurückzuziehen. Dort werde ich ruhig und unbeirrt leben, mich eine Zeit lang mit der Prüfung des römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses beschäftigen, und wenn es, wie
ich beinahe davon überzeugt bin, geeignet ist, der Regelmäßigkeit
und Ordnung in der Erfüllung sämmtlicher Pflichten Vorschub
zu leisten, will ich zum Katholicismus übertreten und mich einkleiden lassen.
Ich erstaunte weder über diese Mittheilung, noch versuchte
ich es, sie von der Ausführung ihres Entschlusses abzubringen.
, Dieser Beruf paßt für Dich auf ein Haar, dachte ich mir,
,wohl bekomm's!
Als wir voneinander Abschied nahmen, sagte sie: , Leben
Sie wohl, Cousine; ich wünsche, es möge Ihnen gut gehen,
Sie haben einigen Verstand.
,Auch Sie sind nicht ohne Verstand, erwiderte ich ihr;
, allein, was Sie davon besitzen, wir wohl binnen hier und einem
Jahre in den Mauern eines französischen Klosters lebendig
begraben sein. Indessen geht mich das nichts an, und da Ihnen
ein solches Leben behagt, so habe ich mich nicht weiter darum
zu kümmern.
,Recht so, sagte sie und mit diesen Worten trennten
wir uns.
Da ich kaum mehr Gelegenheit haben werde, auf sie oder
auf ihre Schwester wieder zurückzukommen, mag hier der Leser

erfahren, daß Georgine eine vortheilhafte Partie mit einem abgelebten Modemann machte und daß Elise wirklich den Schleier
nahm und gegenwärtig die Oberin desselben Klosters ist, in
welches sie als Novizin eintrat und dem sie ihr ganzes Vermögen vermachte.
Welches Gefühl die Leute beschleicht, wenn sie nach einer
kürzeren oder längeren Abwesenheit wieder nach Hause kommen,
das wußte ich nicht; ich hatte es nie selbst erfahren. Wohl
wußte ich, was es hieß, wenn ich als Kind von einem weiten
Spaziergang nach Gatesheadhall zurückkam und einen Verweis
erhielt, weil ich so erfroren und mürrisch aussah; wohl erinnerte
ich mich, wie ich mir nach einem Lowooder Kirchengange ein
reichliches Mahl und eine warme Stube zu wünschen pflegte,
ohne weder des einen noch der anderen theilhaftig werden zu
können. In keinem der beiden Fälle war meine Rückkehr von
einem angenehmen Gefühle begleitet gewesen, denn der Magnet
fehlte, der in seiner Anziehungskraft zunimmt, je näher man
kommt. Die mit einer Rückkehr nach Thornfield verbundenen
Empfindungen mußte ich erst noch aus Erfahrung kennen lernen.
Meine Reise kam mir langweilig -- sehr langweilig vor.
An dem einen Tage machte ich fünfzig Meilen, brachte dann
eine Nacht im Gasthause zu und legte am nächsten Tage abermals fünfzig Meilen zurück. Während der ersten zwölf Stunden
dachte ich an Mistreß Reed's letzte Augenblicke; ich sah ihr
blasses, entstelltes Gesicht und hörte den Ton ihrer gebrochenen
Stimme. Der Begräbnißtag, der Sarg, die Bahre, der schwarze
Zug von Dienern und Pächtern -- der Verwandten gab es nur
wenige -- die offene Gruft, die stille Kirche, die feierliche Einsegnung, alles stand mir lebhaft vor Augen. Dann stellte ich
mir Elisen und Georginen vor, die Eine als die Bewohnerin
eines Klosters, die Andere als die Zierde eines Ballsaales, und
ich verweilte einige Zeit bei der ausgesprochenen Verschiedenheit
ihrer Personen und Charaktere. Die Ankunft in der großen
Stadt *** verscheuchte diese Gedanken, die Ruhe der Nacht rief
andere Vorstellungen hervor und endlich gewann ich auch Zeit
für Vermuthungen über die Zukunft.
Nun ging ich also nach Thornfield zurück; aber wie lange
würde ich noch dort bleiben? Nur ganz kurze Zeit, dessen war

ich gewiß. Mistreß Fairfax hatte mir während meiner Abwesenheit einmal geschrieben; sämmtliche Gäste waren bereits abgereist
und auch Mister Rochester hatte sich vor drei Wochen nach
London begeben, wurde jedoch schon wieder in vierzehn Tagen
zurück erwartet. Mistreß Fairfax vermuthete, er treffe Vorbereitungen zu seiner Heirat, da er von dem Ankaufe eines neuen
Wagens gesprochen hatte. Sie sagte wohl, die Idee einer Vermählung mit Miß Ingram ginge ihr nicht ein, aber nach allem,
was sie selbst gesehen und was ihr andere Leute gesagt, könne
sie kaum mehr daran zweifeln, daß dieselbe in kurzer Zeit stattfinden werde. ,Sie wären sehr ungläubig, wollten Sie es
bezweifeln, sollte es wohl heißen; ,ich selbst bezweifle es nicht
im geringsten.
Nun drängte sich mir die natürliche Frage auf: , Wohin
soll ich dann gehen? Die ganze Nacht träumte ich von Miß
Ingram; in einem lebhaften Morgentraume sah ich sie das
Gitterthor von Thornfield von mir zuschließen und mir die
Straße weisen und Mister Rochester schaute mit verschränkten
Armen zu und lachte anscheinend spöttisch über mich und über sie.
Ich hatte Mistreß Fairfax den Tag meiner Ankunft nicht
genau angegeben, denn ich wollte nicht, daß ich von Millcote
mit einem Wagen abgeholt würde. Ich beabsichtigte das Stück
Weg bis Thornfield zu Fuße zurückzulegen, und nachdem ich
meinen Koffer der Obhut des Hausknechtes anvertraut hatte,
huschte ich beiläufig um sechs Uhr Abends zum Georgswirthshause
hinaus und schlug den alten Weg nach Thornfield ein, einen
Weg, der größtentheils durch Felder hindurch führte und sehr
wenig begangen war.
Der Abend war nicht sehr heiter, wiewohl angenehm und
warm. Den ganzen Weg entlang waren die Mähder mit Grasmähen beschäftigt, und der Horizont verkündete, trotz seiner
Wolken, für den nächsten Tag schönes Wetter. Es freute mich,
daß der Weg vor mir immer kürzer wurde, und so lebhaft war
meine Freude, daß ich einmal stehen blieb, um mich zu fragen,
was sie zu bedeuten hätte und um mir zu wiederholen, daß ich
weder nach meiner Heimat zu ginge, noch nach einem bleibenden
Aufenthaltsorte, noch lieben Freunden entgegen, die mich mit
offenen Armen erwarteten. ,Mistreß Fairfax wird Dir ganz
ruhig ein freundliches Willkommen entgegen lächeln, sagte ich,
, und die kleine Adela in die Hände schlagen und herumspringen,
weil sie Dich wiedersieht; doch Du denkst an eine andere Person und
weißt doch ganz gut, daß sie sich um Dich durchaus nicht kümmert.
Doch was ist eigensinniger als die Jugend? Was blinder
als Unerfahrenheit? Diese beiden versicherten, das Vergnügen,
Mister Rochester sehen zu können, sei schon an und für sich
groß genug, selbst wenn er mich gar keines Blickes würdigte.
, Eile! eile! setzten sie hinzu, , bleibe bei ihm, so lange Du
kannst; noch wenige Tage und höchstens Wochen und Du hast
ihn für immer verloren! Worauf ich ein neu entstehendes
Gefühl, ein ungeformtes Ding, das ich weder als mein eigen
anerkennen, noch unterstützen mochte, sofort erstickte und schnellen
Schrittes vorwärts ging.
Auch auf den Wiesen von Thornfield wird jetzt Heu gemacht;
vielmehr sind die Arbeiter eben mit ihrem Tagewerke fertig
geworden und kehren nun mit den Rechen auf der Achsel nach
Hause zurück. Noch ein oder zwei Felder habe ich zu durchschreiten, dann gehe ich quer über die Straße und bin am Hofthor. Wie die Hecken so voll Rosen sind! Doch habe ich keine
Zeit, welche zu pflücken, ich muß sehen, daß ich bald ins Haus
komme. Ich gehe bei einem großen Fliederbusche vorbei, der sich
grün und voll Blüthen über den Weg neigt, ich sehe den
schmalen Steg mit den steinernen Stufen vor mir, Ich sehe --
Mister Rochester, der dort, eine Schreibtafel und eine Bleifeder
in der Hand, sitzt und schreibt.
Nun, er ist wohl kein Gespenst, allein ein jeder Nerv
zittert in mir, denn in diesen Augenblicken bin ich meiner nicht
mächtig. Was soll das bedeuten? Ich dachte mir nicht, daß ich
bei seinem Anblicke so zittern, in seiner Gegenwart so sprach- und regungslos werden könnte. Ich will lieber zurückgehen, sobald ich wieder meine Beine bewegen kann, ich will mich doch
nicht gar so sehr bloß geben. Es führt ja noch ein anderer Weg
zum Hause. Aber ach! und wenn es noch zwanzig andere Wege
gäbe, es nützte mir nichts, denn Mister Rochester hat mich
bereits gesehen.
,Hollah! ruft er und wirft Schreibtafel und Bleifeder
von sich. , Da sind Sie! Her zu mir, wenn's beliebt!
Und ich glaube in der That, ich gehe auf ihn los, obwohl
ich nicht weiß, wie mir geschieht und meiner Bewegungen nicht
mehr Herr bin. Mein einziges Bestreben geht dahin, ruhig zu
erscheinen und vor allem die Muskeln meines Gesichtes zu bemeistern, die sich, wie ich es wohl fühle, gegen meinen Willen
auflehnen und das auszudrücken suchen, was ich sehr zu verheimlichen wünsche. Doch ich habe einen Schleier -- herunter
damit, daß ich wenigstens so viel wie möglich den Anstand
wahre.
, Ist das wirklich Jane Eyre? Sie kommen von Millcote
und zu Fuß? Wohl -- auch wieder einer Ihrer Streiche. Sie
wollen keinen Wagen haben und gleich anderen Sterblichen über
Stock und Stein dahergerollt kommen; es gefällt Ihnen besser,
sich mit der einbrechenden Dämmerung wie ein Traum oder ein
Schatten in Ihre Heimat zu stehlen. Was zum Kuckuck haben
Sie denn die ganzen vier Wochen gemacht?
, Ich war bei meiner Tante, Sir, die jetzt nun todt ist,
, Eine Ihrer gewöhnlichen Antworten! Die Engel Gottes
mögen mich behüten! Sie kommt aus der andern Welt, aus der
Wohnung der Seligen und erzählt mir es, während sie mich
hier ganz allein bei einbrechender Nacht trifft. Wenn ich es
wagen dürfte, würde ich Sie berühren, um zu sehen, ob Sie
ein Körper oder ein Schatten sind; doch ich denke, ich könnte
wohl ebenso gut ein Irrlicht in einem Sumpfe erhaschen. --
Landstreicherin! Landstreicherin! fügte er nach einer Pause hinzu.
, Einen ganzen Monat bleibt sie von mir weg und denkt gar
nicht an mich, ich will meinen Kopf darauf wetten.
Wohl hatte ich mir es vorgestellt, wie groß meine Freude
sein würde, meinen Gebieter wieder zu sehen, wenngleich diese
Freude durch die Furcht, ihn so bald wieder verlassen zu müssen
und durch die Überzeugung, ich sei seinem Herzen gleichgültig,
bedeutend gedämpft werden mußte. Doch besaß -- wenigstens
dachte ich so -- Mister Rochester eine so unbegrenzte Macht zu
beglücken, daß es schon ein wahres Festmahl zu nennen war,
wenn man die wenigen Krümmchen, die er fremden und verlassenen
Geschöpfen, wie zum Beispiele mir, hinstreute, auslesen durfte.
Seine letzten Worte waren Balsam für mein Herz; sie zeigten
mir deutlich, daß es ihm doch nicht gleichgültig sei, ob er in

meinem Gedächtniß weile oder nicht. Und er nannte Thornfield
meine Heimat! Wollte Gott es wäre der Fall!
Er verließ den schmalen Weg nicht und ich hatte keine
Lust ihn zu ersuchen, mich vorbei zu lassen. Um etwas zu sagen,
frug ich ihn, ob er in London gewesen sei.
,Wohl! Wahrscheinlich zeigte es Ihnen Ihr zweites
Gesicht?
,Mistreß Fairfax schrieb mir es.
,Theilte Sie Ihnen auch mit, was ich dort zu besorgen
hatte?
,Wohl, Sir, und alle Leute wußten es.
,Sie müssen sich den Wagen ansehen, Jane und mir aufrichtig sagen, ob er fur Mister Rochester gut genug ist, und ob
sie nicht, auf diese purpurrothen Kissen zurückgelehnt, wie die
Königin Boadicea aussehen wird? Ich wollte nur, ich paßte
meinem Aeußeren nach etwas besser zu ihr. Sagen Sie mir,
Sie kleine Fee, können Sie mir vielleicht einen Talisman,
einen Liebestrank oder so etwas dergleichen mittheilen, das mich
schön macht?
,Das ginge über die Macht der Magie hinaus, Sir.
Und in Gedanken vertieft fügte ich hinzu: ,Ein liebendes Auge
ist der beste Talisman, dem erscheinen Sie schön genug; ja, es
macht Ihr ernstes Aussehen einen Eindruck, der mächtiger ist als
das flüchtige Wohlgefallen an einer schönen Gestalt.
Mister Rochester hatte schon oft meine bloßen Gedanken
mit einem mir unerklärlichen Scharfsinn errathen; in dem gegenwärtigen Falle beachtete er meine laute unvollständige Antwort
nicht, sondern sah mich bloß mit seinem eigenthümlichen Lächeln
an, dessen er sich nur bei besonderen Gelegenheiten bediente. Er
hielt es für zu gut, um für gewöhnlich vergeudet zu werden;
es war der wahre Sonnenstrahl des Gefühles -- und mit diesem
erleuchtete er mich in diesem Augenblicke.
,Gehen Sie, Jane, sagte er, indem er, um mir Platz zu
machen, auf die Seite trat, ,gehen Sie nach Hause und lassen
Sie Ihre müden Beine unter dem gastlichen Dache eines Freundes
ausruhen.
Alles was mir nun übrig blieb, war, ihm stillschweigend
zu gehorchen; eines weiteren Zweigespräches bedurfte es nicht.

Ich überschritt den Steg, ohne ein Wort zu sagen, und wollte
ihn ruhig verlassen. Ein Impuls hielt mich fest -- eine unsichtbare Macht zwang mich, mich umzudrehen, und ich sagte --
oder vielmehr ein unbekanntes Etwas sagte an meiner Stelle:
,Dank, tausend Dank fur Ihre große Güte. Es freut mich
ganz außerordentlich, daß ich wieder bei Ihnen bin. Wo Sie
immer sind, dort ist auch meine Heimat, meine einzige Heimat.
Und so raschen Schrittes eilte ich fort, daß nicht einmal
er mich hätte einholen können, hätte er es auch versucht. Die
kleine Adela war ganz außer sich vor Freude, mich wieder zu
sehen. Mistreß Fairfax empfing mich mit ihrer gewohnten einfachen Herzlichkeit. Leah lächelte und auch Sophie sprach ihr
,bon soir' mit besonderer Wärme aus. Mich beglückte das
ungemein; es giebt kein größeres Glück, als das, von seinen
Mitgeschöpfen geliebt zu werden und zu sehen, daß man ihnen
willkommen ist.
Mit vollem Selbstbewußtsein schloß ich den ganzen Abend
hindurch meine Augen vor den Aussichten in die Zukunft, verstopfte meine Ohren gegen die warnende Stimme, die mich an
nahe Trennung und kommendes Leid erinnerte. Als wir mit dem
Theetrinken fertig waren, Mistreß Fairfax ihre Strickerei heraus
genommen hatte und Adela auf dem Fußteppich kniend meine
Beine umklammert hielt und uns Alle ein Gefühl wechselseitiger
Zuneigung wie ein Ring des goldenen Friedens umschloß, schickte
ich ein leises Gebet zum Himmel empor, er möchte uns nicht
sobald voneinander reißen. Als jedoch Mister Rochester, während
wir so da saßen, unangemeldet hereintrat und uns mit besonderem
Wohlgefallen betrachtete, als er bemerkte, die alte Dame sei ganz
glücklich, ihre Ziehtochter wieder bei sich zu haben und Adelen
sähe er es ordentlich an, sie sei prete a croquer sa petite
mamen anglaise' -- da wagte ich es halb und halb zu hoffen,
er würde uns, selbst nach seiner Vermählung, an irgend einem
Orte unter seinem Schutze beisammen lassen und nicht ganz aus
dem Sonnenscheine seiner Gegenwart verbannen.
Zwei Wochen einer zweideutigen Stille folgten meiner Rückkehr nach Thornfieldhall. Der Vermählung des Herrn wurde mit
keinem Worte gedacht und ich bemerkte auch gar keine Vorbereitungen dazu. Fast täglich frug ich Mistreß Fairfax, ob sie
darüber schon etwas Bestimmtes wisse, und jedesmal lautete ihre
Antwort verneinend. Einmal, meinte sie, habe sie Mister Rochester
geradezu gefragt, wann er seine Braut heimzuführen gedächte;
er habe ihr jedoch bloß mit einem Scherzworte und einem seiner
sonderbaren Blicke geantwortet und so wisse sie eigentlich nicht,
was sie von ihm denken solle.
Ueber einen Umstand wunderte ich mich ganz besonders;
daß keine Hin- und Herfahrten zwischen Thornfield und Ingram-Park stattfanden. Allerdings betrug die wechselseitige Entfernung
an zwanzig Meilen, allein was war das für einen feurigen
Liebhaber? Einem so geübten und unermüdlichen Reiter wie
Mister Rochester mußte der Weg ein bloßer Spazierritt sein.
Ich fing an, Hoffnungen zu nähren, zu denen ich keineswegs
berechtigt war: bald dachte ich, die Partie habe sich zerschlagen,
bald wieder, die Leute seien überhaupt falsch berichtet gewesen,
oder der eine oder beide Theile hätten ihren Sinn geändert. Ich
pflegte Mister Rochester's Gesicht zu betrachten, ob es traurig
oder verdrießlich sei; allein ich dachte die Zeit nicht, wo es so
gleichmäßig heiter und sanft gewesen wäre, als gerade jetzt.
Wenn ich zuweilen in denjenigen Augenblicken, die ich mit Adelen
bei ihm zubrachte, muthlos und traurig wurde, schien sogar seine
fröhliche Laune zuzunehmen. Nie hatte er mich übrigens so oft
zu sich berufen, nie war er mit mir liebevoller umgegangen als
in diesen Tagen, und meine Liebe zu ihm nahm, leider! mit
jeder Stunde an Heftigkeit zu.

VIII.

Ein herrlicher Sommer erglänzte über Englands Gefilden;
eine Reihe der heitersten, wolkenlosesten Tage, wie sie in solcher
Anzahl aufeinander folgend in unserem meerumflossenen Eilande
eine große Seltenheit sind. Es war, als ob eine Abtheilung
italienischer Tage wie ein Schwarm Zugvögel vom Süden
heraufgekommen wäre, um auf den Felsenklippen Albions auszurasten. Das Heu war von den Wiesen eingebracht, die Saatfelder um Thornfield wogten wie die wellenschlagende See, alle

Wege und Straßen waren trocken, die Bäume im kräftigsten
Laubschmucke; Hecken und Wälder bildeten mit ihrem üppigen
Grün einen bemerkenswerthen Gegensatz zu den sonnenbeschienenen,
abgemähten Wiesen.
Eines Abends war Adela, vom Erdbeerensuchen in den
Hecken auf dem Wege nach Hay müde geworden, schon mit der
Sonne zu Rüste gegangen. Ich blieb bei ihr, bis sie eingeschlafen
war, und begab mich dann in den Garten.
Es war gerade die schönste der vierundzwanzig Stunden.
Die Last und Hitze des Tages war gewichen, und der Thau
fiel kühlend auf die von den Sonnenstrahlen versengte Erde
herab. Die Sonne war eben im Westen rein und glänzend
untergegangen und ihr letzter Schein malte purpurn Wald und
Hügel und einen Theil des Horizonts. Auch der östliche Himmel
hatte seinen eigenen Reiz in der tiefen Bläue und dem einzelnen,
eben sichtbar werdenden Sterne; bald mußte ihn auch der Mond
schmücken, der sich indessen noch gar nicht blicken ließ.
Eine Weile ging ich in der Nähe des Gebäudes herum,
allein ein feiner, wohlbekannter Geruch, der einer Cigarre, kam
mir aus einem der Fenster entgegen. Ich sah die Fenster des
Bibliothekzimmers offen, ich wußte, daß ich von dort aus beobachtet werden konnte, und begab mich daher in den Obstgarten.
Kein Winkel in der ganzen Gegend herum war wohl so einsam
und paradiesisch; die Bäume glänzten im saftigsten Grün, die
Blumen prangten in ihrem schönsten Farbenschmucke; an der einen
Seite schloß den Garten eine hohe Mauer vom Hofe, an der
anderen eine Birkenallee vom Grasplatze ab. Im Hintergrunde
befand sich eine halb morsche Planke, seine einzige Abgrenzung
gegen die einsamen Felder zu; ein geschlängelter, mit Lorbeerbüschen eingefaßter, unten an einem riesigen Roßkastanienbaum
mit einer runden Bank vorübergehender Pfad führte zu diesem
Bretterzaune. Hier konnte man unbemerkt herumwandeln. Während
der Thau fiel, die tiefste Stille herrschte, und die Dämmerung
hereinbrach, dachte ich an die Möglichkeit, diesen abgeschlossenen
Ort öfter besuchen zu können; als ich jedoch, unter Blumen und
Obstbäumen umherstreifend, an den oberen Theil der Mauer
gelangte, welchen Ort der einstweilen aufgegangene Mond
beschien, blieb ich betroffen stehen. Es war kein Laut, kein
Anblick, der mich erschreckte, sondern wieder nur der wohlbekannte
Geruch.
Die Nachtviolen und die Stabwurz, der Jasmin, die Nelken
und die Rosen hatten bereits ihr Abendopfer an Wohlgeruch
gespendet, dieser Duft kommt weder von einem Gesträuch, noch
von einer Blume her, es ist -- ich weiß es wohl -- Mister
Rochester's Cigarre. Ich blicke um mich und horche. Ich sehe
Bäume, mit reifenden Früchten beladen. Ich höre die Nachtigall
im benachbarten Holze schlagen. Keine nahende Gestalt ist sichtbar,
kein herankommender Tritt hörbar und dennoch nimmt der Geruch
an Stärke zu. Ich muß fliehen. Ich eile zum Pförtchen, das
ins Gebüsch hinausführt und sehe Mister Rochester eintreten.
Ich schleiche mich beiseite in die Epheulaube; wahrscheinlich bleibt
er nicht lange und wenn ich mich still verhalte, bemerkt er mich nicht.
Doch nein -- die Abendzeit gefällt ihm so wohl wie mir,
und dieser alte Garten hat für ihn dieselbe Anziehungskraft. Er
geht auf und ab, bald einen Stachelbeerstrauch und dessen
pflaumengroße Beeren betrachtend, bald eine reife Kirsche von
einem Baume pflückend, bald sich zu einem Blumenstocke hinabbeugend, um den Duft einzuathmen und die Thauperlen an den
Blumenblättern zu bewundern. Ein großer Nachtfalter summt
an mir vorbei; er setzt sich auf eine Pflanze zu Mister Rochester's
Füßen, der ihn sieht und sich zu ihm neigt, ihn näher zu betrachten.
,Nun hat er mir den Rücken zugedreht, dachte ich,
,und beschäftigt ist er auch, ich kann ihm also entschlüpfen, wenn
ich leise auftrete.
Ich setzte den Fuß auf eine Raseneinfassung, um das
Knistern des Sandes auf dem Wege zu vermeiden. Er stand
zwischen den Beeten, etwa eine oder zwei Ellen von der Stelle
entfernt, bei welcher ich vorbei mußte; der Falter nahm seine
Aufmerksamkeit sichtlich in Anspruch. , Ich werde ganz gut fortkommen, sagte ich zu mir selber. Als ich jedoch durch den
Schatten ging, den seine Gestalt im Mondlichte warf, sagte er
ganz ruhig, ohne sich umzudrehen:
, Jane, kommen Sie und sehen Sie dieses Thier an.
Ich hatte doch kein Geräusch gemacht, und er hinten keine
Augen -- besaß denn sein Schatten Gefühl? Ich erschrak anfänglich, und ging dann auf ihn zu.

,Betrachten Sie nur seine Flügel, fuhr er fort, ,er
erinnert mich an die westindischen Insecten. In England sieht
man nur selten einen so großen Nachtfalter. Da, jetzt ist er
davon geflogen!'
Der Falter schwirrte durch die Luft, auch ich wollte mich
bescheiden zurückziehen. Doch Mister Rochester folgte mir, und
als wir beide den Ausgang erreicht hatten, sagte er:
, Kehren Sie um. In einer so wunderbaren Nacht ist es
eine Schande, im Zimmer zu sitzen, und gewiß denkt jetzt
niemand daran, schon zu Bette zu gehen, wo die Sonne eben
erst unter- und der Mond kaum aufgegangen ist.
Es ist einer meiner größten Fehler, daß es, obgleich meine
Zunge sonst sehr schnell mit einer Antwort da ist, doch Zeiten
giebt, wo sie mich abscheulich im Stiche läßt, und zwar stets in
einem kritischen Augenblicke, wenn es einer kleinen Ausflucht
bedarf, mich einer peinlichen Verlegenheit zu entreißen. Ich hatte
keine Lust, zu so später Stunde mit Mister Rochester in den
dunklen Gängen des Obstgartens allein herumzuwandeln, aber
es fiel mir kein Grund ein, den ich dagegen geltend machen
konnte. Ich folgte ihm zögernden Schrittes, und dachte mit aller
Macht über ein Mittel nach, mich aus dieser kitzlichen Lage zu
befreien, doch er selbst sah so ernst und gesetzt aus, daß ich
anfing, mich meiner Verlegenheit zu schämen. Das Nebel, wenn
ja eines vorhanden und zu fürchten war, mußte auf meiner
Seite sein, denn sein Gemüth schien sich dessen unbewußt und
ruhig.
,Jane, hob er an, während wir den geschlängelten Pfad
zum Roßkastanienbaume hinabgingen, ,Thornfield ist ein angenehmer Sommeraufenthalt, nicht wahr?
,Ja, Sir.
,Sie müssen es einigermaßen liebgewonnen haben, die Sie
Sinn für Naturschönheiten und ein so ausgesprochenes Organ
der Anhänglichkeit besitzen.
,So ist es in der That.
,Und auch der kleinen Adela sind Sie, wiewohl ich es nicht
gut begreifen kann, wie es kommt, zugethan, und sogar die einfache Mistreß Fairfax hat einen Platz in Ihrem Herzen.
,Wohl, Sir; ich bin beiden, doch in verschiedener Weise, gut.
,Es würde Ihnen wohl leid thun, sich von ihnen trennen
zu müssen?
,Gewiß.
,Schade! sagte er und seufzte. , So geht es immer in
diesem Leben; kaum hat man sich an irgend einen Ort und seine
Bewohner gewöhnt, als auch schon die Stimme des Schicksals
ertönt, und die Reise fortzusetzen mahnt, weil die Raststunde
verstrichen sei.
,Muß ich fort, Sir? frug ich. , Muß ich Thornfield
verlassen?
, Ich denke wohl, Jane. Es thut mir leid, aber es muß
sein.
Das war ein harter Schlag für mich, doch ließ ich mich
nicht zu Boden drücken.
,Nun gut, ich will bereit sein, sobald ich Marschordre
bekomme.
,Sie bekommen sie jetzt, ich muß sie Ihnen heute Abend
geben.
, Sie werden sich also vermählen, Sir?
,Richtig errathen! Mit Ihrem gewöhnlichen Scharfsinn
haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen.
,Geschieht es bald?
, Sehr bald, meine -- Miß Eyre, will ich sagen. Sie
werden sich erinnern, Jane, daß Sie die Erste waren, die mich,
nachdem Sie erfahren, ich wolle meine Junggesellenwirthschaft
aufgeben und in den heiligen Ehestand treten, mit Einem Worte
Miß Ingram an meinen Busen drücken -- und ein tüchtiges
Stück hat man an ihr, wiewohl man von einer so ausgezeichneten
Waare wie Blanche nie genug haben kann -- daß Sie, sage
ich, die Erste waren, warum hören Sie mir nicht zu, Jane?
Suchen Sie nach anderen Faltern, daß Sie mich, sage ich noch
einmal, mit der Klugheit, Vorsicht und Demuth, die Ihre verantwortliche und abhängige Stellung erheischt, aufmerksam
machten, Sie Beide, nämlich Sie und Adela, müßten nach meiner
Vermählung davontraben. Ich übergehe die Beleidigung, die in
dieser Annahme für meine geliebte Braut liegt, und halte mich
bloß an die Klugheit und Zweckmäßigkeit des Vorschlages, die
mir so einleuchten, daß ich Sie zur Nichtschnur meiner Handlungen gemacht habe. Adela kommt in eine Erziehungsanstalt,
und Sie treten eine neue Stelle an.
, Wohl, Sir! Und ich will gleich morgen meinen Antrag
in die Zeitung setzen lassen und mittlerweile -- Ich wollte hinzufügen: , kann ich wohl so lange hier bleiben, bis ich einen
anderen Aufenthaltsort gefunden haben werde. Allein ich stockte,
denn ich fühlte, daß ich mich meiner zitternden Stimme wegen
nicht an einen langen Satz wagen durfte.
, In beiläufig vier Wochen hoffe ich ein glücklicher Bräutigam zu sein, fuhr Mister Rochester fort; ,und in der Zwischenzeit will ich mich selbst nach einem Asyl und einer Stelle für
Sie umsehen.
, Ich danke Ihnen, Sir; ich bedaure, Sie belästigen --
,Ah! Keine Entschuldigungen, wenn ich bitten darf. Ich
bin der Ansicht, daß, wenn eine bedienstete Person so wie Sie
ihre Pflichten getreulich erfüllt, sie einen gerechten Anspruch auf
ihrer Dienstherren Unterstützung machen darf. In der That hat
mir auch bereits meine angehende Schwiegermama von einer
Stelle erzählt, die Ihnen gewiß behagen wird. Es handelt sich
um die Erziehung der fünf Töchter der Mistreß Dionysius
O'Gall von Bitternut, Lodge Connaught in Irland. Es wird
Ihnen wohl in Irland gefallen, man sagt, die Leute sollen dort
sehr gutherzig sein.
,Aber es ist so weit weg.
,Macht nichts. Ein so verständiges Mädchen wie Sie wird
wohl gegen die Reise und die Entfernung nichts einzuwenden
haben.
,Wohl nichts gegen die Reise, doch gegen die Entfernung,
und dann liegt auch das Meer zwischen --
, Zwischen was, Jane?
,Zwischen dort und England und Thornfield und --
,Nun?
, Und Ihnen, Sir!
Ich sagte dies beinahe unwillkürlich und ganz wider meinen
Willen stürzten mir die Thränen aus den Augen. Ich weinte
indessen nicht laut und vermied es auch, zu schluchzen. Der
Gedanke an Mistreß O'Gall und Bitternut Lodge fuhr mir wie
ein Dolchstich durchs Herz und die Vorstellung der haushohen

Wellen, die sich zwischen mich und meinem Gebieter, an dessen
Seite ich mich jetzt befand, drängen sollten, drückte mich förmlich zu Boden. Doch schrecklicher als alles war mir der Anblick
des gähnenden Abgrundes, den Reichthum, Kastengeist und gesellschaftliche Convenienz zwischen uns gegraben hatten.
,Der Weg ist weit,' sagte ich wieder.
,Das ist wahr, und sobald Sie Ihre neue Stelle angetreten
haben, werde ich Sie wohl nie wiedersehen, das ist gewiß. Ich
selbst komme nie nach Irland hinüber, da mir die dortige Gegend
ganz und gar nicht gefällt. -- Wir waren doch immer gute
Freunde, nicht wahr, Jane?
,Gewiß.
, Und wenn gute Freunde am Vorabend ihrer Trennung
stehen, pflegen sie gewöhnlich die kurze Zeit ihres Beisammenseins in engster Vereinigung zuzubringen. Kommen Sie, wir
wollen uns über die Reise und unsere baldige Trennung ganz
ruhig besprechen, während die Sterne am Himmel heller
erglänzen. Hier ist der Kastanienbaum und hier die alte Bank.
Setzen wir uns gemächlich nieder, vielleicht ist es zum letztenmale,
daß wir nebeneinander sitzen.
Wir nahmen Platz,
, Irland liegt weit von hier, Jane, und es thut mir leid,
meine kleine Freundin auf so unangenehme Reisen schicken zu
müssen. Doch es kann nicht anders sein und da muß man sich
wohl fügen. Glauben Sie, daß wir miteinander verwandt
sind?
Ich konnte nicht antworten, mein Herz war zu voll.
,Denn wenn ich so neben Ihnen site, habe ich zuweilen
eine ganz sonderbare Empfindung. Es ist mir, als hätte ich unter
meiner linken Rippe ein Band, welches an ein gleiches Band in
Ihrem kleinen Körper eng und fest geknüpft zu sein scheint. Und
wenn das stürmische Meer und etwa zweihundert Meilen Land
zwischen uns treten, wird wohl, so fürchte ich, dies Band reißen
und ich werde mich innerlich verbluten. Was Sie anbelangt, so
werden Sie mich wohl vergessen.
,Das wird nie geschehen, Sir; Sie wissen -- ich konnte
unmöglich weitersprechen.
, Jane, hören Sie die Nachtigall im Gebüsche schlagen?

Ich horchte und schluchzte krampfhaft, denn nicht länger
konnte ich meine Gefühle beherrschen. Ich mußte nachgeben und
meinem Schmerz freien Lauf lassen. Als ich wieder im Stande
war einige Laute hervorzubringen, geschah es nur, um den Wunsch
auszusprechen, ich wäre nie geboren worden oder ich hätte Thornfield nie gesehen.
, Weil es Sie schmerzt, es verlassen zu müssen?
Die Heftigkeit meiner Aufregung, durch meinen Schmerz
und meine Liebe noch mehr angefacht, suchte die Oberhand zu
gewinnen und hervorzubrechen. Es gelang ihr endlich, sie beherrschte mein Inneres, meine Nerven und meine Sprache.
,Wohl schmerzt es mich, Thornfield verlassen zu müssen,
denn es ist mir werth und theuer; ich habe hier, wenn auch
nur für Augenblicke, ein glückliches, freudiges Dasein verlebt.
Ich fühlte mich nicht gedrückt, ich brauchte nicht von Holz und
Stein zu scheinen. Ich war nicht mit alltäglichen Menschen
lebendig begraben und von jedem geistigen Umgang abgeschlossen.
Ich konnte mit einem Manne sprechen, den ich verehrte, dessen
kräftiger, origineller, hochgebildeter Geist mich entzückte. Mit
Einem Worte, ich lernte hier Sie kennen und kann nun den
Gedanken nicht ertragen, Sie für immer verlassen zu müssen.
Ich sehe die Nothwendigkeit meiner Entfernung ein, doch nicht
anders, als man die Unvermeidlichkeit des Sterbens begreift.
, Und worin liegt diese Nothwendigkeit? frug er plötzlich.
,Worin? Sie selbst haben mir sie vor Augen gestellt.
, In welcher Gestalt?
, In der Gestalt Miß Ingram's, einer edlen und schönen
Dame, Ihrer Braut.
,Meiner Braut? Was für eine Braut? Ich habe keine
Braut!
,Doch Sie werden eine haben.
, Jawohl, das will ich -- das will ich! Er knirschte mit
den Zähnen.
,Dann muß ich fort von hier; Sie sagten es ja selbst.
,Nein, Sie bleiben! Ich schwöre es Ihnen und werde
meinen Eid halten.
, Und ich sage Ihnen, ich muß gehen!' erwiderte ich mit
einiger Leidenschaftlichkeit. Glauben Sie wohl, ich kann hier

bleiben, wenn ich Ihnen gar nichts mehr bin? Halten Sie mich
für einen Automaten, eine Maschine ohne Gefühl? Denken
Sie, ich kann es ertragen, daß man mir meinen Bissen Brot
vom Munde wegschnappt, den Trunk Quellwasser aus meinem
Becher verschüttet? Glauben Sie, daß ich, weil ich arm, von
geringem Stande, nicht hübsch und unansehnlich bin, weder Herz
noch Seele besitze? -- Sie irren sich! -- Ich habe beides so
gut wie Sie! Und hätte mir Gott ein wenig Schönheit und
viel Reichthum bescheert, ich hätte Ihnen den Abschied von mir
ebenso schwer zu machen gewußt, wie es mir jetzt schmerzlich ist,
Sie verlassen zu müssen. Mit Außerachtlassung der gewöhnlichen
gesellschaftlichen Formen, selbst mit Hintansetzung meiner sterblichen Hülle spreche ich nun zu Ihnen; es ist mein Geist, der
sich an den Ihrigen wendet, gleich als hätten beide unsere Körper
verlassen, und wir stünden nun vor Gottes Thron, einander
gleich, wie wir es in der That auch sind!
,Wie wir es in der That auch sind! wiederholte Mister
Rochester -- ,so, fügte er hinzu, mich umarmend, an seine
Brust ziehend, seine Lippen auf die meinen drückend, ,so ist's
recht, Jane!
, So und auch nicht so, versetzte ich; , denn Sie sind vermählt oder doch so gut wie vermählt, einer Person verlobt, die
tief unter Ihnen steht, an die Sie keine Neigung kettet, die Sie
gewiß nicht wahrhaft lieben, denn ich sah es, wie Sie ihrer
spotteten. Eine solche Verbindung ist mir verächtlich, ich bin besser
wie Sie und darum -- lassen Sie mich gehen.
,Wohin, Jane, nach Irland?
, Wohl -- nach Irland. Ich habe mich ausgesprochen und
kann nun wo immer hingehen.
,Seien Sie ruhig, Jane! Schlagen Sie nicht so um sich
wie ein scheugewordener Vogel, der sich in der Verzweiflung sein
eigenes Gefieder ausrupft.
, Ich bin kein Vogel und kein Käfig hält mich gefangen.
Ich bin ein freies menschliches Wesen mit einem unabhängigen
Willensvermögen, welches sich eben jetzt darin äußert, daß ich
Sie verlasse.
Eine gewaltige Anstrengung meiner Hände entriß mich seiner
Umarmung und ich stand aufrecht vor ihm da.
,Und Ihr Wille soll über Ihr eigenes Schicksal entscheiden,
sagte er. , Ich biete Ihnen meine Hand und mein Herz und
einen Theil meines sämmtlichen Vermögens an.
, Sie spielen Komödie, das macht mich lachen!
, Sie sollen an meiner Seite durchs Leben wandeln, mein
zweites Ich, meine einzige Gefährtin auf dieser Erde sein.
,Sie haben schon Ihre Wahl getroffen und müssen nun
dabei bleiben.
, Verhalten Sie sich eine Weile ruhig, Jane; Sie sind zu
aufgeregt. Auch ich will still sein.
Ein leiser Windhauch wehte durch die Lorbeerbüsche und
die Zweige des Kastanienbaumes, und erstarb in der weiten Ferne.
Der Gesang der Nachtigall tönte allein durch die Stille der
Nacht; den süßen Tönen lauschend, brach ich von neuem in
Thränen aus.
Mister Rochester saß ruhig da und blickte mich sanft und
ernst an. Einige Zeit verging, bevor er wieder seinen Mund
öffnete; dann sagte er:
, Setzen Sie sich neben mich, Jane, wir wollen uns verständigen und ins Klare kommen.
,Nie komme ich wieder an Ihre Seite; ich habe mich von
Ihnen losgerissen und kann nicht wiederkehren.
,Aber ich rufe Sie als meine Braut zu mir, denn nur Sie
will ich heiraten.
Ich sprach kein Wort; ich dachte, er spotte meiner.
, Kommen Sie, Jane, kommen Sie.
, Ihre Braut steht zwischen uns.
Er erhob sich und trat auf mich zu. , Meine Braut ist
hier, sagte er, mich zu sich auf die Bank ziehend, ,denn nur
sie ist mir geistig ebenbürtig, mir gleich. Jane, wollen Sie mich
zum Manne nehmen?
Noch immer antwortete ich nicht, noch immer versuchte
ich es, mich seiner Umarmung zu entwinden, denn ich konnte nicht
glauben, was er mir sagte.
,Zweifeln Sie an mir, Jane?
, Ganz und gar.
,Sie haben kein Vertrauen zu mir?
,Nicht das mindeste.
,Halten Sie mich für einen Lügner? frug er mit Heftigkeit. ,Sie sollen überzeugt werden, kleine Zweiflerin. Welche
Liebe habe ich fur Miß Ingram? Keine, wie Sie selbst wissen.
Welche Zuneigung hat sie für mich? Auch keine, wofür ich
volle Beweise habe. Ich verbreitete nämlich das Gerücht, mein
Vermögen betrage um volle zwei Dritttheile weniger als man
allgemein glaube. Es kam ihr auf meine Veranlassung zu
Ohren, und als ich sie darauf besuchte, um mich selbst von der
Wirkung zu überzeugen, wurde mir von Mutter und Tochter
ein äußerst frostiger Empfang. Ich wollte -- und konnte --
Miß Ingram nicht heiraten. Nur Sie liebe ich, Sie wunderbares, fast überirdisches Wesen, Sie armes, verlassenes, unansehnliches und nichts weniger als schönes Geschöpf, und bitte Sie,
meine Hand anzunehmen.
, Mich lieben Sie? rief ich, aus seinem ernsten Aussehen,
noch mehr aber aus seiner Unhöflichkeit auf die Aufrichtigkeit
seiner Gesinnungen schließend; ,mich, die ich außer Ihnen, wenn
Sie es in der That sind, keinen Freund auf der Welt habe,
außer dem Gehalte, den Sie mir geben, keinen Shilling mein
nenne?
, Ja, Sie, theuere Jane. Ich muß Sie besitzen, Sie ganz
besitzen. Wollen Sie mir angehören? Sagen Sie schnell ja!
,Lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen, Mister Rochester;
wenden Sie es dem Mondlichte zu.
, Warum das?
, Damit ich in Ihren Zügen lesen kann.
, Ihr Wille geschehe; doch werden Sie mein Antlitz
schwerlich besser entziffern können, als ein altes, halb verwischtes
Pergament. Lesen Sie, aber sputen Sie sich, denn ich leide.
Sein Gesicht war sehr geröthet und der Ausdruck desselben
ein sehr bewegter. Die Muskeln zuckten fieberhaft und die Augen
sprühten Funken.
, Jane, Sie martern mich! rief er aus. , Sie quälen mich
mit diesem prüfenden, doch treuherzigen und freundlichen Blicke.
,Wie ist dies möglich? Wenn Sie wahr sprechen und Ihr
Anerbieten ehrlich gemeint ist, können nur Dankbarkeit und Hingebung mein Herz erfüllen, und der Ausdruck dieser Gefühle kann
für Sie wohl kaum peinlich sein.
,'Dankbarkeit! schrie er und setzte in beinahe mildem Tone
hinzu, ,schlagen Sie schnell ein, Jane. Sagen Sie Eduard --
nennen Sie mich bei meinem Vornamen -- Eduard, ich will Sie
heiraten.
,Ist es Ihr voller Ernst? -- Lieben Sie mich wirklich?
-- Wünschen Sie es von ganzem Herzen, daß ich Ihr Weib
werde?
, Gewiß; und wenn es eines Eides bedarf, so schwöre ich
es Ihnen.
, Wenn es so ist, Sir, hier meine Hand darauf, ich will
Sie heiraten.
, Nennen Sie mich Eduard, mein kleines Weibchen.
,Theurer Eduard!
, Kommen Sie zu mir, kommen Sie ganz zu mir her,
sagte er und mit seinem herzlichsten Tone, seine Wange an die
meinige gepreßt, flüsterte er mir ins Ohr: , Machen Sie mich
glücklich, auch ich will Sie beglücken.
, Gott wird mir vergeben, hob er nach einer Pause wieder
an, ,und Menschen dürfen uns nicht trennen; ich habe Sie und
halte Sie fest.
,Es hat niemand etwas darein zu reden, ich habe keine
Verwandten um ihre Einwilligung zu befragen.
, So ist es am besten, meinte er. Hätte ich ihn weniger
geliebt, das zügellose, wilde Frohlocken, welches sich im Tone
seiner Stimme, im Feuer seiner Blicke kundgab, wäre mir gewiß
aufgefallen; doch, neben ihm sitzend und vom Alpdrücken der
Trennungsschmerzen zu den paradiesischen Freuden der gänzlichen
Vereinigung erwacht, dachte ich nur an die grenzenlose Glückseligkeit, die ich nun in vollen Zügen schlürfen konnte. Wieder
und immer wieder frug er: , Sind Sie glücklich, Jane? Und
wieder und immer wieder antwortete ich mit einem freudigen:
, Ja. ! Worauf er dann leise vor sich hinflüsterte: ,Es wird
mir vergeben werden, es wird mir vergeben werden. Habe ich
sie nicht Schutz- und freundlos und ohne Trost gefunden? Will
ich sie nicht beschützen und lieben und trösten? Wohnt nicht
Liebe in meinem Herzen und Beständigkeit in meiner Seele?
Das soll vor Gottes Richterstuhl meine Sühne sein. Ich weiß
es, daß mein Schöpfer meine Handlungsweise billigt. Um das
Urtheil der Welt kümmere ich mich nicht; der öffentlichen Meinung
trote ich.
Doch wo war indessen der heitere Nachthimmel hingekommen?
Noch war der Mond nicht untergegangen und noch saßen wir
in tiefer Finsterniß, daß ich kaum mehr als meines Gebieters
Gesicht sehen konnte. Und was war dem Kastanienbaume geschehen? Er schwankte hin und her und seine Aeste ächzten,
während ein heftiger Sturmwind durch die Lorbeersträuche
herübersauste.
,Wir müssen ins Haus treten, sagte Mister Rochester,
, das Wetter ändert sich. Gerne wäre ich mit Dir bis zum Morgen
sitzen geblieben, Jane!
,Auch ich mit Ihnen,' dachte ich im Stillen. Ich wollte
es eben laut sagen, als ein heftiger Blitzstrahl eine Wolke zertheilte, die ich gerade ansah; ein Donnerschlag folgte und ich
beeilte mich, meine geblendeten Augen hinter Mister Rochester's
Rücken zu schützen. Der Regen floß nun in Strömen. Er zog
mich den Gang entlang rasch ins Haus hinein, doch waren wir
schon fadennaß, ehe wir noch die Schwelle überschritten hatten.
In der Vorhalle nahm er mir meinen Shawl ab und wischte
das Wasser aus meinen fliegenden Haaren, als Mistreß Fairfax
aus einer Stube heraustrat, anfangs weder von mir noch Mister
Rochester bemerkt. Die Lampe brannte, die Wanduhr wies
Mitternacht.
,Machen Sie, daß Sie ihre nassen Kleider herunter bekommen, sagte er, ,und nun gute Nacht -- gute Nacht, meine
süße Seele.
Er küßte mich wiederholt. Als ich aufblickte und mich seinen
Armen entriß, stand die alte Dame blaß, ernst und wie vom
Donner gerührt vor mir. Ich lächelte ihr bloß zu und lief die
Treppe hinauf. , Eine Aufklärung erspare ich mir für eine gelegentlichere Zeit, dachte ich. In meinem Zimmer angelangt, schrak
ich dennoch vor dem Gedanken zurück, die gute Frau möchte das
eben Gesehene, wenn auch nur für eine kurze Weile, falsch auslegen. Allein die Freude meines Herzens überwältigte sofort alle
anderen Gefühle und so nahe auch der Donner krachte, so heftig
und so schnell ein Blitz auf den anderen folgte, so sehr auch der
Regen während des zwei Stunden anhaltenden Ungewitters
herunterströmte, ich empfand weder Furcht noch Angst. Dreimal
kam Mister Rochester an meine Thür, sich nach meinem Befinden zu erkundigen und das stärkte mich und gab mir Muth für
alles.
Bevor ich noch am nächsten Morgen mein Bett verlassen
hatte, kam die kleine Adela in meine Stube gehüpft und erzählte
mir, der Blitz habe in der verwichenen Nacht in den großen
Kastanienbaum im Obstgarten eingeschlagen und den Stamm
zersplittert.

IX.

Beim Aufstehen und Ankleiden dachte ich über das Geschehene nach und hielt es beinahe für einen Traum. Ich konnte
nicht eher an die Wirklichkeit des Ereignisses glauben, bis ich
Mister Rochester wieder gesehen und seine Liebesbetheuerungen
und sein Versprechen von neuem gehört hatte.
Während ich mir das Haar machte, besah ich mich im
Spiegel und fand, ich sei nicht mehr häßlich. Die Hoffnung
verschönerte mein Gesicht und die Freude hatte es lebhaft geröthet; meine Augen sahen aus, als hätten sie den Quell des
Genusses betrachtet und sich den Glanz seiner krystallenen Fluthen
erborgt. Sehr oft war es mir sonst unangenehm gewesen, meinen
Gebieter ansehen zu müssen, weil ich fürchtete, mein Anblick
könne ihm unmöglich gefallen; doch jetzt, ich fühle es zu gut,
durfte ich ihm kühn ins Auge sehen, ohne daß es seiner Neigung zu mir Eintrag that. Ich nahm ein einfaches, doch sauberes und leichtes Sommerkleid aus meiner Schublade und legte
es an; es kam mir vor, als hätte mich noch nie ein Anzug so
vortheilhaft gekleidet, wohl, weil ich noch nie einen in solch
freudiger Stimmung getragen.
In die Vorhalle hinunter laufend erstaunte ich durchaus
nicht, daß ein glänzender Junimorgen dem nächtlichen Unwetter
gefolgt war, daß mir durch die offene Glasthür eine frische
würzige Luft entgegen wehte. Auch die Natur mußte freundlich
lächeln, da ich mich selbst so glücklich fühlte. Eine Bettlerin
und ihr kleiner Junge, beide blaß und abgerissen, kamen den
Weg entlang und ich lief ihnen entgegen und gab ihnen alles
Geld, das ich gerade bei mir hatte, etwa drei bis vier Shillinge; wohl oder übel mußten sie meinen Jubel theilen. Die
Krähen krächzten, die Vögel sangen, doch nichts in der Welt
klang fröhlicher und melodischer, als der rasche Schlag meines
übervollen Herzens.
Mistreß Fairfax, die traurig und ernst zu einem der Fenster
heraus blickte, bemerkte mich und rief mir zu, , ob ich nicht zum
Frühstück kommen wollte. Während des Mahles war sie kalt
und gemessen, doch durfte ich ihr noch keine Erklärung geben.
Ich mußte warten, bis es Mister Rochester selbst that. Ich aß
etwas Weniges und eilte dann die Treppe hinauf. Ich begegnete
Adelen, die aus dem Lehrzimmer kam.
,Wohin gehen Sie? Wir müssen unsere Stunde ab-
halten.
, Mister Rochester schickt mich zu Sophien hinunter.
, Wo ist er?
,Dort, auf das Gemach zeigend, welches sie eben verlassen hatte. Ich trat hinein und da stand er auch.
, Kommen Sie und bieten Sie mir einen guten Morgen,
sagte er. Ich hüpfte fröhlich auf ihn zu, denn nun handelte es
sich nicht weiter um kalte Worte oder einen bloßen Händedruck,
sondern um eine Umarmung und um einen Kuß. Es schien
mir ganz natürlich, von ihm geliebt und geliebkost zu werden.
,Sie sehen rosig und lächelnd und hübsch aus, sagte er;
,wirklich hübsch. Ist das noch die kleine blasse Elfe, das Käsegesichtchen von ehedem? Dieses Mädchen hier, mit dem strahlenden
Gesichte, den Wangengrübchen, den rosigen Lippen, den braunen
Haaren, weich und glänzend wie Seide, und den glänzenden
braunen Augen? (Ich hatte grüne Augen, lieber Leser, doch
man muß ihm seinen Irrthum zugute halten, ihm erschienen sie
wahrscheinlich in einem anderen Lichte.)
,Es ist Jane Eyre, Sir.
, Und bald Jane Rochester, versetzte er; ,in vier Wochen,
Jane, nicht einen Tag später. Hören Sie?
Ich hörte es, und konnte es kaum begreifen. Mir schwindelte ordentlich. Das Gefühl, welches mich bei dieser Eröffnung
durchzuckte, war bewältigender, als es sonst die Freude zu sein
pflegt -- es schlug mich so zu sagen zu Boden und machte
mich starr; fast däuchte es mir Furcht zu sein.
, Sie errötheten und nun werden Sie blaß, Jane; was
soll das bedeuten?
,Weil Sie mir einen anderen Namen beilegten -- Jane
Rochester. Es klingt so sonderbar!
,Wohl, Mistreß Rochester,' sagte er, , die junge Mistreß
Rochester, Fairfax-Rochester's Braut.
,Das geht nicht an, Sir; es ist zu unwahrscheinlich. Der
Mensch kann sich hiernieden nie eines vollkommenen Glückes erfreuen, und ich bin am wenigsten zu einem, von der gewöhnlichen Laufbahn der Mädchen meines Standes verschiedenen
Schicksale auserkoren. Der Gedanke, daß mir ein solch beneidenswerthes Los zutheil würde, kommt mir wie ein Feenmärchen,
wie ein Traum vor.
,Den ich verwirklichen kann und verwirklichen will. Ich
werde gleich heute damit beginnen. Diesen Morgen schrieb ich
bereits meinem Londoner Bankier, er möchte mir die Juwelen
schicken, die er zur Aufbewahrung bei sich hat und die ein Erbstück der Ladies von Thornfield sind. Ich hoffe sie Ihnen in ein
oder zwei Tagen in Ihren Schoß schütten zu können, denn
Sie sollen mit derselben Auszeichnung, mit all der Aufmerksamkeit behandelt werden, die ich einer hochadeligen Dame angedeihen ließe, wenn ich im Begriffe wäre, sie zu heiraten.
O, sprechen Sie nicht von Juwelen, Sir! -- Ich kann
nicht einmal davon reden hören. Juwelen für Jane Eyre! das
klingt unheimlich und unnatürlich; es ist mir lieber, ich habe
keine.
,Ich selbst will Ihnen das Halsband von Brillanten anlegen und das Diadem in die Stirne drücken, der es gebührt,
da sie die Natur selbst mit dem Ausdrucke des Geistesadels
schmückte. Ich will die zarten Handgelenke in Armspangen
zwängen und die feinen feenartigen Finger mit Ringen bestecken.
,Nein, nein! Denken Sie an andere Dinge und sprechen
Sie in einem anderen Tone. Reden Sie nicht von mir als wäre
ich eine Schönheit; ich bin ja doch nur Ihre einfache, quäkerhafte Gouvernante.
,In meinen Augen sind Sie eine Schönheit, und eine
Schönheit nach dem Wunsche meines Herzens; zart und luftig.
,Schwächlich und unansehnlich wollen Sie sagen. Sie
träumen oder Sie spotten. Um Gotteswillen, nur keine Ironie!
,Und auch die Welt soll Ihre Schönheit anerkennen,
fuhr er fort, während mir bei seinen Worten wirklich unheimlich wurde, denn ich begriff, daß er entweder sich selbst oder
mich zu täuschen suchte. , Ich will meine Jane in Sammt und
Seide kleiden und ihr Rosen ins Haar stecken und dies Gesicht,
das ich über alles liebe, soll ein unschätzbarer Schleier bedecken.
,Dann werden Sie mich nicht mehr kennen, Sir, und ich
nicht länger Ihre Jane Eyre sein, sondern ein Affe in einer
Narrenjacke -- ein Holzhäher mit erborgten Federn geschmückt.
Ebenso gerne möchte ich Sie in Theaterflitter angeputzt sehen,
als mich in der Kleidung einer Hofdame. Und ich nenne Sie
nicht schön, Sir, obwohl Sie mir unendlich theuer sind, zu
theuer, als daß ich Ihnen Schmeicheleien sagen könnte. Thun
Sie es doch auch nicht.
Indessen verfolgte er dieses Thema, ohne meine Bitten zu
beachten, in der begonnenen Weise. ,Noch heute fahren Sie mit
mir nach Millcote und suchen sich einige Kleider aus. Ich sagte
Ihnen, unsere Vermählung finde in vier Wochen statt. Wir
lassen uns in aller Stille trauen und dann entführe ich Sie
sofort nach der Residenz. Dort halten wir uns kurze Zeit auf,
worauf ich meinen Schatz nach sonnigeren wärmeren Gegenden,
nach den Weingärten Frankreichs und den Ebenen Italiens
bringe; und alles, was es an Alterthümern und an Wundern
der Neuzeit Merkwürdiges giebt, soll mein Herzensweib sehen
und auch das großstädtische Leben kosten, damit sie durch den
Vergleich mit Anderen sich selber schätzen und richtig beurtheilen
lerne.
, Ich soll also reisen, und mit Ihnen, Sir?
,Wir werden uns in Paris, Rom und Neapel, in Florenz,
Venedig und Wien aufhalten. Alle die Länder, die ich schon
einmal durchreiste, werden auch Sie besuchen und alle die Orte,
die mein schwerer Tritt betrat, muß nun auch Ihr Sylphidenfuß betreten. Vor zehn Jahren durchflog ich Europa in halbem
Wahnsinn; Ekel, Haß und Wuth waren meine Begleiter: nun
will ich geheilt und reinen Herzens, mit einem tröstenden Engel
zur Seite, alle diese Gegenden wieder besuchen.
Ueber diese Worte mußte ich lachen. ,Ich bin kein Engel,
sagte ich, ,und will auch keiner sein, so lange ich lebe; ich will
ich selbst bleiben. Sie dürfen etwas Himmlisches weder von mir
erwarten, noch verlangen, Mister Rochester -- Sie würden es
bei mir ebenso wenig finden, als ich bei Ihnen. Indessen mache
ich mir wenigstens keine Rechnung darauf.
,Welche Erwartungen hegen Sie denn von mir?
, Eine kurze Zeit, eine sehr kurzeZeit werden Sie vielleicht
so bleiben, wie Sie jetzt sind, dann werden Sie kälter, dann
grillig und endlich barsch werden, und ich werde mir viele Mühe
geben müssen, Ihnen zu gefallen. Sobald Sie indessen eine
längere Gewohnheit an mich gefesselt haben wird, werden Sie
mir wieder gut sein, verstehen Sie wohl, mir gut sein, nicht
mich lieben. Meiner Meinung nach wird Ihre Liebe in einem
halben Jahre oder noch weit früher verraucht sein. Wenigstens
habe ich noch in allen Büchern gelesen, daß dieses die längste
Dauer sei, auf welche sich die heiße Liebe eines Ehemannes
auszudehnen pflegt. Doch als Freundin und Gesellschafterin
hoffe ich wohl meinem theuren Herrn nie ganz zu mißfallen.
,Sie mir mißfallen; ich Ihnen bloß gut sein! Noch nach
Jahren werden Sie mir das Zeugniß geben, daß ich Ihnen
nicht allein gut bin, sondern daß ich Sie liebe, wahr, innig
und beständig liebe.
,Haben Sie keine Launen?
, Bei Weibern, die mir nur durch ihr Gesicht gefallen,
bin ich ein wahrer Satan, sobald ich ausfindig gemacht habe,
daß sie weder Geist noch Herz besitzen, sobald sie mir die Aussicht auf Flachheit, Alltäglichkeit, vielleicht sogar auf Albernheit,
Gemeinheit und Bosheit eröffnen, allein dem klaren Auge, der
beredten Zunge, der Feuerseele, dem schmiegsamen, doch festen
Charakter bleibe ich stets zärtlich zugethan.
, Kam Ihnen je ein solcher Charakter vor? Liebten Sie
schon einmal ein solches Weib?
, Ich liebe es jetzt.
,Doch vor mir meine ich; wenn Sie denn durchaus glauben,
daß ich diesem Muster der Vollkommenheit entspreche.
,Nie kam mir ein Mädchen wie Sie vor, Jane. Sie gefallen
mir und Sie beherrschen mich; Sie scheinen sich zu fügen, und
ich liebe diese Fügsamkeit, und während ich den Seidenfaden um
den Finger wickle, sendet er gleichsam einen elektrischen Schlag
durch den Arm nach meinem Herzen. Sie haben einen großen
Einfluß auf mich gewonnen, mich erobert, und dieser Einfluß
thut mir so wohl, wie ich es gar nicht sagen kann, und das
Joch, unter welches mich mein weiblicher Eroberer gebracht,
übt einen Zauber auf mich aus, der mir höher gilt als tausend
Triumphe. Warum lächeln Sie, Jane? Was soll der unerklärliche, fast spöttische Ausdruck in Ihrem Gesichte?
, Ich dachte -- Sie verzeihen schon, der Gedanke kam mir
unwillkürlich -- ich dachte an Herkules und Simson und ihre
Huldinnen --
,Wirklich? Sie kleine Fee!
,Still, Sir! Sie sprechen eben jetzt nicht sehr klug, so
wenig als die erwähnten Herren klug handelten. Hätten sie
indessen ihre Geliebten geehelicht, sie hätten durch ihre Strenge
als Ehemänner ihre Nachgiebigkeit als Freier hinlänglich aufgewogen, und ich fürchte, Sie werden ein Gleiches thun. Ich
möchte wissen, welche Antwort Sie mir von heute in einem
Jahre ertheilen werden, wenn ich Sie um eine Gefälligkeit ersuche, die zu erfüllen Sie gerade nicht bei Laune sind.
, Ersuchen Sie mich jetzt um etwas, das Erste, Beste --
ich will mich gerne bitten lassen --
, Gut, Sir; ich habe mein Bittgesuch in Bereitschaft.
, Sprechen Sie! Doch wenn Sie mich anblicken, und mir,
wie gerade jetzt, zulächeln, sage ich Ihnen am Ende im Voraus
Gewährung zu, ohne zu wissen, um was es sich handelt, und
das wäre wohl sehr voreilig von mir.
, Keineswegs, Sir; ich habe nur die Eine Bitte zu stellen:
lassen Sie die Juwelen nicht kommen, und stecken Sie mir keine
Rosen ins Haar. Ebenso gut könnten Sie Ihr einfaches Taschentuch mit goldenen Spitzen einsäumen lassen.
, Ich möchte ebenso gut feines Gold vergolden wollen. Ich
weiß das; Ihre Bitte sei Ihnen gewährt -- doch nur für jetzt.
Ich will den Auftrag, den ich meinem Banquier zugehen ließ,
widerrufen. Aber Sie haben ja noch um nichts gebeten; Sie
Sie eine andere Bitte vor.
,Nun wohl, Sir; haben Sie die Güte, meine Neugierde
zu befriedigen, die in einer Hinsicht sehr gereizt ist.
Er wurde verlegen. , Wie? Was? versetzte er hastig.
,Die Neugier ist eine gefährliche Bittstellerin. Gut, daß ich mich
noch nicht verpflichtet habe, Ihnen eine jede Bitte zu gewähren.
,Doch es kann keine Gefahr dabei sein, diesem einen Ansuchen zu willfahren.
,Wohlan, sprechen Sie es aus, Jane; aber ich wünschte,
es wäre statt von der bloßen Erforschung eines Geheimnisses
von der Schenkung meines halben Vermögens die Rede.
, Ei, König Ahasverus! Was soll ich mit Ihrem halben
Vermögen? Glauben Sie, ich bin ein jüdischer Wucherer, der
nach einer vortheilhaften Belohnung mit Ländereien sucht? Ihr
ganzes Vertrauen wäre mir weit lieber. Sie werden mich doch von
selbem nicht ausschließen wollen, da Sie mir Ihr Herz schenken?
,Mein ganzes, mein ungetheiltes Vertrauen sollen Sie
haben, Jane, so weit es Ihnen wünschenswerth erscheinen kann;
tragen Sie nur um Gottes willen kein Verlangen nach einer
nutzlosen, centnerschweren Bürde! Wollen Sie kein Gift, werden
Sie mir keine zweite Eva!
, Warum nicht, Sir? Sie sagten ja eben, wie angenehm
es Ihnen ist, besiegt zu werden, und wie gerne Sie sich bereden
lassen. Denken Sie nicht, daß es sich der Mühe verlohnt, von
Ihrem Bekenntniß Nutzen zu ziehen, Ihnen zu schmeicheln, Sie
zu bitten - wenn nöthig auch zu weinen und zu schmollen --
bloß um meine Macht zu versuchen?
, Machen Sie einen solchen Versuch. Seien Sie unbescheiden,
anmaßend und wir haben ausgeredet.
, In der That, Sir? Sie sind leicht böse zu machen. Wie
wild Sie nun aussehen! Ihre Kopfadern sind so dick wie mein
Daumen, und auf Ihrer Stirne lagert ein dräuendes Ungewitter.
So werden Sie wohl nach der Trauung aussehen, nicht wahr?
, Wenn Sie nach unserer Vermählung so aussehen wie in
diesem Augenblicke, muß ich als ein guter Christ den Gedanken
aufgeben, mich mit einem solchen Kobold oder einem Salamander
zu verbinden. Doch was wollten Sie von mir wissen? Heraus
damit, neugieriges Geschöpf!
, So, nun sind Sie nichts weniger als artig, und Barschheit ist mir lieber als Schmeicheleien. Ich bin weit eher ein
neugieriges Geschöpf, als ein Engel und wollte Sie nur fragen,
warum Sie sich so viel Mühe gaben, mir glauben zu machen,
als wollten Sie Miß Ingram heiraten?
, Ist das alles? Gott sei Dank, daß es nichts Schlimmeres
ist Und seine Stirne glättete sich und er sah mich lächelnd
an, und er streichelte mir das Haar, als wäre er erfreut, einer
Gefahr entronnen zu sein. , Ich muß wohl beichten, fuhr er
fort, ,selbst auf die Gefahr hin, Sie böse zu machen, liebe
Jane, wiewohl ich es erfahren hatte, wie Sie wettern können,
wenn Sie unmuthig sind. Sie sprühten in jener mondhellen
Nacht wirklich Feuer, als sie sich gegen Ihr Schicksal auflehnten
und erklärten, auf gleicher Stufe mit mir zu stehen. Im Vorbeigehen gesagt, waren Sie es, die um mich warb.
,So ist es. Doch zur Sache, wenn es Ihnen beliebt.
,Nun, ich machte Miß Ingram den Hof, weil ich Sie
ebenso verliebt in mich machen wollte, wie ich es in Sie war,
und weil ich wußte, die Eifersucht sei hierzu das beste
Mittel.
,Vortrefflich! Wie klein Sie nun in meinen Augen erscheinen, nicht größer als mein kleiner Finger. Schmach, daß
Sie so handeln konnten! Dachten Sie denn gar nicht an Miß
Ingram's Gefühle?
, Ihre Gefühle vereinigen sich in einem einzigen -- ihrem
Stolze, und der muß gedemüthigt werden. Waren Sie eifersüchtig, Jane?
,Lassen wir das, es kann Ihnen nun gleichgültig sein.
Beantworten Sie mir lieber noch eine Frage. Glauben Sie,
Miß Ingram werde unter Ihrer unehrenhaften Koketterie nicht
zu leiden haben? Wird sie sich nicht verspottet, verlassen
fühlen?
, Unmöglich! Ich sagte Ihnen ja, daß sie es war, die sich
von mir lossagte. Die Vorstellung meiner Zahlungsunfähigkeit
kühlte oder löschte vielmehr ihre Flammen in einer Minute.
,Sie sind ein sonderbarer Mann, Mister Rochester, und
fast fürchte ich, Ihre Grundsätze weichen in manchen Punkten
zu sehr von der rechten Mitte ab.
,Meine Grundsätze wurden nie gezügelt, Jane; möglich,
daß sie aus Mangel an Pflege etwas schief gerathen sind!
,Noch einmal frage ich Sie in vollem Ernste: Kann ich
mich des Glückes, das Sie mir durch Ihre Liebe bereiten, ruhig
erfreuen, ohne fürchten zu müssen, eine Andere empfinde in diesem
Augenblicke das bittere Weh, das ich selbst noch vor ganz kurzer
Zeit im Herzen trug?
,Sie können ruhig sein, mein theures Mädchen. Kein
anderes Wesen dieser Erde liebt mich so wahr, so treu, wie Sie,
und der Glaube an Ihre Liebe ist meine größte Seligkeit!
Ich drückte meine Lippen auf seine Hand, die auf meiner
Achsel lag. Ich liebte ihn unendlich, mehr als ich mir selbst zu
gestehen wagte, mehr als es Worte sagen konnten.
, Erbitten Sie sich noch etwas, sagte er nach einer Pause;
, es macht mir ein unendliches Vergnügen, um etwas ersucht zu
werden, und gewähren zu können.
Auch mein zweites Ansuchen lag bereit. ,Theilen Sie Ihre
Absichten Mistreß Fairfax mit. Sie sah mich gestern mit Ihnen
in der Vorhalle, und war darüber sichtlich betroffen. Unterrichten
Sie sie über unser Verhältniß, ehe ich sie wieder sehe. Es thut
mir leid, von einer so guten Frau verkannt zu werden.
,Gehen Sie auf Ihre Stube, und setzen Sie Ihren Hut
auf, versetzte er. ,Ich wünsche, daß Sie mich diesen Morgen
nach Millcote begleiten, und während Sie sich anziehen, will ich
der alten Dame ein Licht aufstecken. Dachte sie wohl, daß Sie
eine Welt für Liebe hingaben, und den Handel für Gewinn
ansahen?
,Wahrscheinlich glaubte sie, ich habe meine Stellung und
die Ihrige aus den Augen gelassen!
,Stellung! Stellung! -- Ihre Stellung ist in meinem
Herzen, und auf dem Nacken derjenigen, die es wagen sollten,
Sie jetzt und späterhin zu beleidigen. -- Gehen Sie.
Ich war schnell angekleidet, und als ich Mister Rochester
aus Mistreß Fairfax' Stube heraustreten hörte, lief ich zu ihr
hinunter. Die gute Frau hatte wohl eben ihre Morgenportion
aus der heiligen Schrift -- die Epistel des Tages -- gelesen,
denn die Bibel lag aufgeschlagen vor ihr, und ihre Augengläser
obenauf. Diese durch Mister Rochester's Eintritt unterbrochene
Beschäftigung schien nun ganz vergessen zu sein; ihre Augen
starrten nach der weißen Wand ihr gegenüber, und drückten das
Erstaunen einer einfachen Seele aus, die durch die Mittheilung
außerordentlicher Nachrichten aus ihrer gewohnten Fassung gebracht wurde. Meiner ansichtig werdend, schien sie zu erwachen;
sie bemühte sich zu lächeln und mir mit einigen Worten
Glück zu wünschen, allein ihr Lächeln erstarb zur Hälfte, und
ihre begonnene Rede blieb unvollendet. Sie setzte ihre Augengläser wieder auf, schlug die Bibel zu und schob ihren Stuhl
vom Tische zurück.
,Ich bin so verwundert, begann sie, ,daß ich kaum weiß,
was ich Ihnen sagen soll, Miß Eyre. Ich habe doch nicht geträumt, was glauben Sie? Zuweilen, wenn ich allein sitze, schlafe
ich ein, und träume dann von allerhand Sachen. Mehr als einmal schien es mir in meinem Schlummer, als träte mein guter
Mann, der nun fünfzehn Jahre todt ist, hier in die Stube, setzte
sich zu mir und rief mich bei meinem Namen Alice, wie er es zu
thun pflegte. Nun bitte ich Sie, sagen Sie mir einmal, ist es wirklich wahr, daß Mister Rochester um Ihre Hand angehalten hat?
Lachen Sie mich nicht aus, allein ich glaubte steif und fest, er wäre
vor fünf Minuten bei mir gewesen, und hätte mir eröffnet, Sie
würden in vier Wochen seine Frau.
,Mir sagte er dasselbe, erwiderte ich.
, Gewiß? Glauben Sie es? Haben Sie eingewilligt?
, Ja.
Sie sah mich ganz verwirrt an.
, Ich kann mir es gar nicht denken. Er ist so stolz, wie
es alle Rochester waren, und sein Vater war noch dazu geldsüchtig. Auch er steht im Rufe eines sparsamen Herrn. Er will
Sie also heiraten?
, So versichert er mir.
Sie sah mich vom Kopfe bis zum Fuße an. In ihren Augen
las ich, daß sie keine Reize entdecken konnte, die mächtig genug
gewesen wären, das räthselhafte Ereigniß glaubwürdig erscheinen
zu lassen.
,Das geht über meinen Verstand, fuhr sie fort. ,Allein
es muß ohne Zweifel wahr sein, da Sie es sagen. Wie die
Sache ausfällt, weiß ich nicht. Gleichheit der gesellschaftlichen
Stellung und des Vermögens ist in solchen Fällen wohl zu
beachten und zudem liegen zwanzig Jahre zwischen seinem und
Ihrem Alter. Er könnte ebenso gut Ihr Vater sein.
,O, gewiß nicht, Mistreß Fairfax! rief ich halb ärgerlich; ,er sieht ganz und gar nicht wie mein Vater aus! Niemand,
der uns zusammen sieht, wird sich so etwas einfallen lassen.
Mister Rochester sieht so jung aus und ist so jugendlich, wie
wenige Männer von fünfundzwanzig Jahren.
, Und nimmt er Sie wirklich aus Liebe? frug sie.
Ihre Kälte und Ihre Zweifeln verletzten mich so sehr, daß
mir Thränen in die Augen kamen.
,Es thut mir leid, Ihnen Schmerz zu verursachen, fuhr
die alte Dame fort; ,allein Sie sind so jung und kennen die
Männer so wenig, daß ich Sie gerne zu einiger Vorsicht veranlassen möchte. Ein altes Sprichwort sagt: nicht alles was
glänzt ist Gold, und fast fürchte ich, auch in dem gegenwärtigen
Falle werde das Ergebniß ein für Sie und für mich unerwartetes sein.
, Wieso? Bin ich denn ein Scheusal? sagte ich, ,ist
es denn so ganz unmöglich, daß Mister Rochester für mich eine
wahrhafte Zuneigung hat?
, Keineswegs. Sie sind hübsch und haben besonders in
letzterer Zeit noch gewonnen und auch Mister Rochester liebt
Sie. Ich hatte es übrigens schon lange bemerkt, daß Sie sein
Liebling sind, und zuweilen machte mich diese merkliche Bevorzugung um Ihrer selbst willen unruhig. Oft dachte ich daran,
Sie zur Vorsicht zu ermahnen, aber ich wollte Sie nicht einmal auf die entfernte Möglichkeit böser Absichten aufmerksam
machen. Ich wußte, daß Sie ein solcher Gedanke verletzen mußte,
und da Sie sich immer so durchaus bescheiden und zurückhaltend
betrugen, hegte ich die Hoffnung, Sie könnten sich selbst am
besten beschützen. Sie werden gar nicht glauben, was ich verwichene Nacht für eine Angst ausstand, als ich Sie im ganzen
Hause suchte und nirgends finden konnte, so wenig als unseren
Herrn. Dann, um Mitternacht, traten Sie mit ihm ins Haus.
,Gut, gut, denken Sie nun nicht weiter daran, fiel ich
ihr etwas ungeduldig in die Rede; ,genug, daß nun alles in
Ordnung ist.
, Ich will's hoffen; Ende gut, alles gut, sagte sie; , aber
glauben Sie mir, Sie können nicht vorsichtig genug sein. Halten
Sie Mister Rochester in einer gewissen Entfernung; mißtrauen
Sie sich so gut als ihm. Herren seines Ranges pflegen in der
Regel nicht ihre Gouvernanten zu heiraten.
Ich wollte eben ernstlich böse werden, als zum Glück Adela
in die Stube gelaufen kam.
,Lassen Sie mich mitfahren -- lassen Sie mich nach Millcote mitfahren, rief sie. ,Mister Rochester will mich nicht mithaben, obwohl in dem neuen Wagen Platz genug ist. Bitten Sie
ihn, daß er mich mitnimmt.
,Das will ich, Adela, und ich eilte mit ihr fort, froh
meine schwarzsehende Warnerin los zu sein. Der Wagen stand
bereit und mein Gebieter ging vor dem Hause auf und ab, wobei ihm Pilot auf dem Fuße folgte.
,Adela darf uns begleiten, nicht wahr, Sir?
, Ich habe ihr es schon abgeschlagen. Ich mag den Fratzen
nicht mithaben; ich will mit Ihnen allein sein.
O, lassen Sie sie doch mitfahren, Mister Rochester, es
wird besser sein.
Er schien, nach Blick und Stimme zu urtheilen, unbeugsam
zu sein. Die Warnungen und Zweifel der guten Mistreß Fairfax
hatten in mir ein leises Frösteln zurückgelassen, meine Hoffnungen hatten viel von ihrer freudigen Zuversicht eingebüßt.
Ich vergaß halb und halb, daß ich irgend eine Macht über ihn
hatte. Eben wollte ich ihm, ohne Widerrede, maschinenmäßig
gehorchen; doch als er mich in den Wagen hob, sah er mich an.
,Was soll das frug er? , der ganze Sonnenschein ist
verschwunden. Ist es Ihr ernstlicher Wunsch, daß das Kind
mit uns fährt? Thut es Ihnen leid, wenn es zurückbleiben
muß?
, Es wäre mir sehr lieb, wenn sie mitkäme.
,Fort denn, den Hut geholt, schnell wie der Blitz! rief
er Adelen zu.
Sie lief so schnell sie nur konnte.

,Am Ende hat ein gestörter Morgen nicht viel zu bedeuten,
bemerkte Mister Rochester, , da ich Sie doch in kurzer Zeit --
mit allen Ihren Gedanken, Ihrem Umgange -- für das ganze
Leben mein nennen werde.
Adela begann mich zu küssen, als sie in den Wagen gehoben
worden war, um mir ihre Dankbarkeit zu beweisen; sie wurde
indes sofort in eine Wagenecke neben ihm verwiesen. Von dort
aus guckte sie zu mir herüber; ihr ernster Nachbar schien ihr
nicht zu behagen, ihm durfte sie weder ihre Bemerkungen zu-
flüstern, noch ihn um etwas befragen.
, Lassen Sie sie zu mir, bat ich; , sie wird Sie vielleicht
belästigen; , es ist ja Raum genug an meiner Seite.
Er reichte sie mir herüber, wie einen Schoßhund. , Ich
werde sie doch in eine Schule schicken, sagte er, indes lächelte
er bei diesen Worten.
Adela erkundigte sich, ob sie sans Mademoiselle' dahin
müsse.
, Freilich, versetzte er, ,jedenfalls ohne Mademoiselle, denn
ich nehme Mademoiselle mit zum Monde hinauf. Dort suche ich
mir eine Höhle in einem der weißen Thäler zwischen den feuer-
speienden Bergen aus, wo Mademoiselle mit mir und nur mit
mir allein leben wird.
, Sie wird ja nichts zu essen haben und Hungers sterben,
bemerkte Adele.
, Ich werde für sie Tag und Nacht Manna sammeln; die
Ebenen und Bergabhänge sind dort ganz beschneit mit
Manna.
, Sie wird sich wärmen wollen; wie wird sie Feuer
machen?
,Das Feuer kommt im Monde aus den Bergen heraus;
wenn ihr kalt ist, trage ich sie auf den Gipfel hinauf und lege
sie dort am Rande eines Kraters nieder.
, O, wie schlecht, wie unbequem! Und wenn ihre Kleider
zerreißen, woher wird sie sich neue verschaffen?
Mister Rochester spielte den Verlegenen. , Hm, sagte er.
, Was würdest Du thun, Adela? Zerbrich Dir den Kopf,
vielleicht findest Du einen Ausweg. Wie würde sich eine weiße
und eine feuerfarbene Wolke als Kleiderstoff ausnehmen? Aus
einem Regenbogen ließe sich wohl eine ganz hübsche Schärpe
schneiden.
,Sie befindet sich besser, wo sie jetzt ist, beschloß Adela
nach einigem Nachdenken; , übrigens würde sie sich langweilen,
wenn sie nur mit Ihnen allein im Monde leben sollte. Wenn
ich Mademoiselle wäre, ich willigte nie darein, mit Ihnen zu
gehen.
,Sie hat bereits eingewilligt und ihr Wort verpfändet.
,Aber Sie können sie nicht hinaufschaffen. Es führt doch
keine Straße zum Monde und weder Mademoiselle noch Sie
können fliegen.
,Sieh Dir jenes Feld an, Adela. Wir befanden uns nun
außerhalb Thornfield und rollten auf der Straße nach Millcote
dahin. Der Regen der vergangenen Nacht hatte den Staub gelöscht und die Hecken und die Bäume grünten auf beiden Seiten
um so frischer.
,In jenem Felde ging ich vor vierzehn Tagen spät Abends
spazieren; es war an jenem Tage, wo Du mir im Obstgarten
das Heu zusammenrechen halfst. Die Bewegung hatte mich müde
gemacht und ich setzte mich auf jenem Wege nieder, um ein
Weilchen auszuruhen. Dann nahm ich mein Taschenbuch und
meinen Bleistift heraus und begann einige Zeilen über einen
Unfall niederzuschreiben, der mich vor einiger Zeit betroffen.
Der Wunsch nach künftigen, glücklichen Tagen wurde in mir
rege und ich schrieb rasch nacheinander fort, wiewohl es schon
stark dunkelte. Da hörte ich etwas den Pfad heraufkommen und
zwei Schritte von mir blieb eine Gestalt stehen, ich sah sie an.
Es war ein kleines Geschöpf mit einem Schleier von Sommerfäden auf dem Kopfe. Ich winkte ihr näher zu treten und bald
hatte ich sie zu meinen Füßen. Ich sagte kein Wort zu dem
kleinen Wesen und es sprach keine Silbe mit mir, doch las ich
in seinen Augen, während es in den meinigen las und es ergab
sich das folgende stumme Gespräch:
Sie sagte, sie sei eine Fee und komme aus dem Elfenlande, ihre Sendung sei, mich glücklich zu machen. Zu diesem
Behufe müsse ich mit ihr, der Fee nämlich, diese Alltagswelt
verlassen und nach einem einsamen Orte ziehen, z. B. nach dem
Monde. Sie erzählte mir von Alabasterhöhlen, in denen wir
dort leben könnten, worauf ich erwiderte, ich möchte wohl gerne
mitgehen, aber ich hätte ja keine Flügel.
O, das hat nichts zu sagen, erwiderte die Fee; , dieser
Talisman hier beseitigt alle Schwierigkeiten, und dabei zeigte
sie mir einen schönen goldenen Ring. ,Stecke ihn, fuhr sie
fort, , an den vierten Finger meiner linken Hand und ich gehöre
Dir an und Du mir und wir verlassen die Erde und schaffen
uns dort drüben unseren eigenen Himmel. Dabei wies die Fee
zum zweitenmale nach dem Monde. Dieser Ring, liebe Adele,
befindet sich in meiner Tasche in ein Goldstück verwandelt, das
ich jedoch bald wieder gegen einen ing umzutauschen gedenke.
, Aber was hat Mademoiselle mit allem dem zu schaffen?
Was kümmert mich die Fee? Vorhin sagten Sie doch, Sie wollten
Mademoiselle mit nach dem Monde nehmen?
, Mademoiselle ist eben eine Fee, flüsterte er Adelen geheimnißvoll ins Ohr. Ich sagte ihr jedoch, sie möge den Scherz
nicht weiter beachten und auch sie entwickelte einen Vorrath von
echt französischer Zweifelsucht, indem sie Mister Rochester un
vrai menteur nannte und ihn versicherte, sie schenke seinen Feenmärchen gar keinen Glauben. Uebrigens giebt es gar keine
Feen,' schloß sie, , und gesetzt auch es gäbe welche, so werden
sie Ihnen nicht erscheinen, noch viel weniger Ringe geben und
Sie zu einer Reise nach dem Monde einladen.
Die Stunde, die wir darauf in Millcote zubrachten, war
für mich qualvoll. Mister Rochester schleppte mich in eine Seidenhandlung und beorderte mich, mir ein halbes Dutzend Kleider
auszusuchen. Das Geschäft war mir zuwider und ich bat es aufschieben zu dürfen; doch nein -- es mußte gerade jetzt geschehen.
Meine flehentlichen Bitten brachten es dahin, daß die Zahl der
Kleider auf zwei Stück herabgesetzt wurde, deren Auswahl sich
jedoch Mister Rochester durchaus nicht nehmen ließ. Mein Auge
folgte ihm ängstlich, als er die glänzenden Stoffe durchmusterte;
endlich blieb er bei zwei prachtvollen Atlaskleidern, das eine
amethistfarben, das andere rosenroth, stehen. Ich sagte ihm halblaut ins Ohr, warum er mir nicht lieber gleich ein goldenes
Kleid und einen silbernen Hut kaufe, ich würde ihm gewiß nie
wieder die Wahl überlassen. Mit ungeheurer Schwierigkeit --
denn er war hart wie Stein -- vermochte ich ihn, die beiden

Kleiderstoffe gegen ein bescheidenes schwarzes und ein perlgraues
Kleid umzutauschen. ,Für heute möge es hingehen, sagte er,
, er werde es schon durchsetzen, daß ich wie ein Blumenbeet
prange.
Ich war glücklich, ihn aus der Seidenhandlung und später
aus einem Juweliergewölbe herauszukriegen. Je mehr er mir
kaufte, desto mehr brannte mir die Wange vor Unmuth und
Demüthigung. Als wir wieder in den Wagen gestiegen waren
und ich in fieberhafter Aufregung dasaß, erinnerte ich mich an
etwas, das ich im Taumel meines Glückes gänzlich vergessen
hatte -- an den Brief meines Onkels John Eyre, an seine
Absicht, mich an Kindesstatt anzunehmen und zur Gesammterbin
einzusetzen. , Es wäre mir wirklich tröstlich,' dachte ich bei mir,
, wenn ich irgend ein, obgleich noch so geringes Vermögen besäße. Ich bin nicht im Stande, mich von Mister Rochester einer
Puppe gleich aufputzen zu lassen und wie eine zweite Danae im
Goldregen zu sitzen. Sobald ich nach Hause komme, schreibe ich
nach Madeira und melde meinem Onkel, daß ich mich verheirate, und wenn ich nur die Aussicht habe, Mister Rochester
eines Tages etwas zuzubringen, wird es mir leichter, mich von
ihm jetzt ausstatten zu lassen. Dieser Gedanke, der noch am
selben Tage zur That wurde, erleichterte mir das Herz und ich
wagte es, zu meinem Herrn und Geliebten wieder aufzublicken,
der mit ungemeiner Beharrlichkeit meine Blicke aufsuchte, obwohl
ich mein Gesicht abgewandt hatte. Er lächelte; sein Lächeln kam
mir vor wie dasjenige, mit dem ein Sultan in einem glücklichen
Augenblicke seine Favoritin ansieht, die er eben mit Gold und
Edelsteinen bereicherte; ich drückte seine Hand, welche die meinige
erfassen wollte, krampfhaft zusammen und schleuderte sie, ganz
roth von dem heftigen Drucke von mir.
, Sehen Sie mich nicht so an,- sagte ich, ,sonst trage ich
fürwahr nichts, als meine alten Kleider von Lowood bis ans
Ende meines Lebens. Ich lasse mich in diesem Kattunkleide trauen
und Sie mögen sich aus dem perlgrauen Seidenstoffe einen
Schlafrock und aus dem schwarzen Atlas eine unendliche Reihe
von Westen machen lassen.
Er kicherte und rieb sich die Hände. , O, es ist eine Wonne
Sie zu sehen und zu hören! rief er aus. , Wie originell, wie
pikant sie ist! Ich gebe diese eine kleine Engländerin nicht für das
ganze Serail des Großtürken, trotz Gazellenaugen und Hourisgestalten.
Diese Anspielung verdroß mich abermals. , lch habe nicht
ein Fünkchen Lust, Ihnen ein Serail zu ersetzen, erwiderte ich;
,ich bitte mich also zu betrachten. Steht Ihr Sinn nach derlei
Dingen, dann fort mit Ihnen nach den Bazars von Stambul;
dort mögen Sie Ihr überflüssiges Geld anbringen, das Sie
hier nicht los werden zu können scheinen.
, Und was werden Sie thun, Jane, während ich mir
Tonnen Menschenfleisches und ein Sortiment schwarzer Augen
erhandle?
, Ich werde mich zu einer Missionsreise vorbereiten und
den Sklavinnen, Ihr Harem mit eingeschlossen, Freiheit predigen.
Dann zettle ich in Ihrem Serail eine Empörung an und bald
sollen Sie, wiewohl ein Pascha von drei Roßschweifen, gefesselt
in unseren Händen sein. Und nicht eher lasse ich Sie los, bis
Sie die liberalste Verfassung, die je ein Despot verliehen, unter-
schrieben haben.
,Ich würde mich Ihrer Gnade empfehlen, Jane.
,Und ich würde keine Gnade üben, wenn Sie darum mit
einem solchen Gesichte bäten wie jezt. Ihre Blicke sagen deutlich,
daß es nach erlangter Freiheit Ihr Erstes wäre, die abgedrungene
Charte zu verletzen.
,Was wollen Sie damit sagen? Fast fürchte ich, Sie beabsichtigen mich zu einer häuslichen Trauungsceremonie zu zwingen, bei der Sie mir besondere Bedingungen stellen. Worin
sollen diese bestehen?
,Ich wünsche bloß ein ruhiges Gemüth zu haben, das von
der Last aufeinander gehäufter Verbindlichkeiten srei ist. Erinnern Sie sich dessen, was Sie über Celine Varens sagten?
Ueber die Diamanten, die Cachemirshawls, die Sie ihr gegeben?
Ich möchte keine zweite Celine Varens sein; ich will lieber
Adelen's Erzieherin bleiben, und mir dadurch Kost, Wohnung
und dreißig Pfund jährlich verdienen. Mit dem Gelde kann ich
meine Garderobe bestreiten und Sie brauchen mir nichts weiter
zu schenken, als --
,Nun?
,Als Ihre Achtung und wenn ich Ihnen dafür die meinige
zolle, sind wir auch in dieser Hinsicht guitt.
, Das muß wahr sein, versetzte er; ,was angeborene,
trockene Unverschämtheit und natürlichen Stolz anbelangt, kann
man Ihresgleichen suchen. Wir näherten uns in diesem Augenblicke dem Herrenhause von Thornfield. ,Werden Sie wohl die
Gefälligkeit haben, heute bei mir zu speisen? frug er, als wir
in den Hofraum fuhren.
, Ich danke, nein.
, Und warum nicht, wenn man fragen darf?
, Ich speiste noch nie mit Ihnen und sehe auch nicht ein,
warum ich es jetzt sollte, so lange --
, Sprechen Sie aus, Sie gefallen sich in abgebrochenen
Sätzen.
, So lange ich es vermeiden kann, wollte ich sagen.
, Halten Sie mich denn für einen Menschenfresser, daß Sie
mein Mahl zu theilen fürchten?
, Ich wünschte auch in den nächsten vier Wochen meine
bisherige Lebensweise beizubehalten.
, Sie müssen Ihre Gonvernantensklaverei sofort aufgeben.
, Wirklich! das werde ich nicht thun; sondern vielmehr
meine Pflichten als Erzieherin ganz wie bisher erfüllen. Auch
werde ich mich den ganzen Tag über von Ihnen fern halten
und bloß des Abends mögen Sie mich kommen lassen, wenn
Sie mich zu sprechen wünschen, doch durchaus zu keiner anderen
Zeit.
, Ich möchte rauchen oder eine Prise Tabak nehmen, pour
me donner une contenance,' wie Adela sagen würde. Unglückseligerweise habe ich sowohl meine Cigarrentasche als auch
meine Dose vergessen. Nun ist wohl die Reihe mich zu unterjochen an Ihnen, Sie kleine Tyrannin, es wird aber auch meine
Zeit kommen; und habe ich Sie einmal fest gefaßt, dann hänge
ich Sie an ein solches Ding (seine Uhrkette berührend). Ja, ja,
mein gutes Püppchen, und im Herzen will ich Sie tragen, und
dort soll mein Juwel gut verwahrt sein.
Bei diesen Worten hob er mich aus dem Wagen, und
während er Adelen heraussteigen half, trat ich ins Haus und
eilte die Treppe hinauf.
Wie ich es erwartete, ließ er mich Abends zu sich rufen.
Ich hatte ihm eine Beschäftigung zugedacht, da ich nicht den
ganzen Abend im Alleingespräche mit ihm zubringen wollte. Ich
erinnerte mich seiner Stimme, ich mußte, daß er, wie alle guten
Sänger, gerne sang. Wiewohl ich selbst nicht singen konnte und
seinem unartigen Urtheile nach auch schlecht Piano spielte, so
hörte ich doch der Uebung beider Talente mit außerordentlichem
Vergnügen zu. Kaum war die Dämmerung, diese Zeit der
Schwärmerei und Romantik eingetreten, als ich mich erhob, das
Piano öffnete und ihn ersuchte, mir ein Lied zu singen. Er
meinte, ich wäre eine launenhafte Hexe und er möchte es lieber
ein anderesmal thun; allein ich versicherte ihn, gerade der jetzige
Augenblick sei hierzu der passendste.
, Gefällt Ihnen meine Stimme? frug er.
,Sehr,' erwiderte ich. Ich liebte es nicht, seine ohnedies
leicht erregbare Eitelkeit zu kitzeln; doch diesmal that ich es aus
naheliegenden Gründen und um meine Absicht zu erreichen.
, Sie müssen mich doch auf dem Piano begleiten, Jane!
, Ich will es versuchen, Sir.
Ich begann zu spielen, er schob mich aber sogleich beiseite
und nannte mich eine kleine Pfuscherin. Das wollte ich eben;
denn, nachdem er mich entfernt hatte, nahm er meinen Platz
ein und spielte und sang. Ich aber zog mich in eine Fensterbrüstung zurück und hörte ihn das nachstehende Lied zu einer
sanften Melodie in Koll vortragen:

Die tiefste Liebe, treu und fromm,
Wie sie nur Menschenherzen fühlen,
War es, die meine Brust beklomm,
Und glühend, flammend sie durchströmte.
Ihr Nahen war mir Wonnelust,
Ihr Scheiden schuf mir bitt're Qnalen,
Und ängstlich hob sich meine Brust,
Hielt sie ein Ungefähr zurücke.
Dem Träumen jener Seligkeit,
Geliebt zu werden, wie ich liebte,
Hab viele Nächte ich geweiht,
Mit heller Glut im tiefsten Herzen.

Doch fern, unwegsam war der Pfad,
Der zwischen uns sich weit hin dehnte,
Und trügerisch, wie ans Gestad'
Der Brandung wilde Wogen schlagen.
Unheimlich, gleich des Räubers Schlucht
In dunklen Waldesfinsternissen,
So lag des Mißgeschickes Wucht
Gethürmet zwischen unsern Seelen.
Doch hab' ich's kühnen Sinn's gewagt,
Mich konnt' kein Hinderniß erschrecken,
Und stürmisch, glutvoll, unverzagt,
So jagte ich nach diesem Glücke.
Der Liebe Regenbogenlicht
Stieg auf am dunklen Firmamente:
So Wunderbares sah ich nicht,
Als dieses Kindes Zauberwesen
Nun scheinen durch die finst're Nacht
Der Lebe sanfte, milde Strahlen;
Steigt auch ein Sturm herauf mit Macht,
Mich soll's mit Schrecken nicht erfüllen.
In solchem süßen Augenblick,
Wenn ich in sel'ger Wonne schwelge,
Vergeß ich jedes Mißgeschick,
Das mich verwundend treffen könnte.
Mag übermüth'ger Feinde Macht
Im Kampfe mich zu Boden werfen,
Mag finstrer Haß, zur Wuth entfacht,
Mir unversöhnlich Feindschaft schwören.
Es legte ja die kleine Hand
Die Liebste treugesinnt in meine,
Schlang so ein festes Liebesband
Umkettend enger unsre Seelen.
Es schwört ihr Kuß, ihr süßer Blick:
Mit Dir will leben ich und sterben!
Nun bist Du mein ersehntes Glück:
Zu lieben und geliebt zu werden!

Er stand auf und kam auf mich zu. Sein Gesicht glühte,
sein Falkenauge blitzte und jeder seiner Züge drückte Zärtlichkeit
und Leidenschaftlichkeit aus. Ich erzitterte augenblicklich, faßte
mich jedoch bald wieder. Ich wollte jedem verliebten Auftritte,
jeder leidenschaftlichen Erklärung ausweichen; beiden sah ich mich
ausgesetzt und eine Waffe mußte vorbereitet werden. Ich spitzte
meine Zunge und als er zu mir herantrat, frug ich ihn etwas
barsch, wen er nun zu heiraten gedenke?
, In der That eine sonderbare Frage im Munde meiner
herzlieben Jane.
, Ich halte dieselbe für sehr natürlich und nothwendig.
Sprachen Sie nicht davon, Ihre künftige Frau müsse mit Ihnen
sterben? Was soll's mit dieser heidnischen Idee? Ich habe
durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen zu sterben, verlassen Sie
sich darauf.
,Mein einziger Wunsch, meine größte Sehnsucht geht dahin,
daß Sie mit mir leben. Ueber Sie hat der Tod keine Macht.
,Warum nicht? Auch meine Zeit wird kommen; allein ich
will sie ruhig abwarten und nicht wie eine indische Witwe lebendig
auf dem Scheiterhaufen verbrennen.
, Vergeben Sie mir meine selbstsüchtige Idee und wollen
Sie mir es mit einem Versöhnungskusse beweisen?
,Nein, es ist wohl besser, wir lassen das.
Darauf hörte ich mich ein , hartherziges Geschöpf schelten
und die Behauptung ausstellen, , ein jedes andere Mädchen wäre
über solche ihr zu Ehren gedichtete Verse zerschmolzen.
Ich versicherte ihm, ich wäre von Natur aus hart wie
Stahl; er würde später noch oft Gelegenheit finden, sich davon
zu überzeugen. Auch wollte ich ihm noch andere Unebenheiten
meines Charakters während der nächsten vier Wochen aufdecken,
damit er noch beizeiten zurücktreten könnte.
Er frug mich, ob ich im Stande sei, ruhig und vernünftig
zu sprechen?
,Ich bin ruhig, wenn Sie es wünschen, versetze ich,
,und was das vernünftige Sprechen anbelangt, so schmeichle ich
mir, daß ich dies gerade jetzt thue.
Zischend und sprudelnd vor Aerger fuhr er im Zimmer
umher. , Recht so, dachte ich, , ärgere Dich so viel Du willst.
höre den Wind durch die Lüfte sausen, ich will hinausgehen
und mich in der frischen Luft abkühlen.
Es war nicht bloß die Eile bei meinen Reisevorbereitungen,
nicht nur das Vorgefühl des großen Wechsels -- des neuen
Lebens, das für mich mit dem kommenden Tage beginnen sollte,
was mich so sehr aufregte; wohl trugen beide Umstände viel
dazu bei, mich in jene rathlose Stimmung zu versetzen, die mich
zwang, das Freie zu suchen; allein noch eine dritte Ursache übte
auf mein Gemüth einen beiweitem mächtigeren Einfluß aus.
Ein sonderbarer, ängstlicher Gedanke drückte mich nieder.
Etwas hatte sich die vergangene Nacht zugetragen, das ich nicht
begreifen konnte; niemand wußte von dem Ereignisse und hatte
es gesehen als ich selbst. Mister Rochester war vom Hause
abwesend und noch jetzt nicht zurückgekehrt; eine Geschäftsangelegenheit, die er vor seiner Abreise nach dem festen Lande
persönlich abthun mußte, hatte ihn nach einem kleinen Landgute,
das er dreißig Meilen von Thornfield besaß, abgerufen. Ich sah
nun seiner Ankunft entgegen, voll Begierde, ihm den sonderbaren
Vorfall mitzutheilen und von ihm die Lösung des Räthsels zu
verlangen, das mich verwirrte.
Um dem heftigen Südwinde zu entgehen, der bei all seiner
Stärke und langen Dauer keinen Tropfen Regen mitgebracht
hatte, begab ich mich in den Obstgarten. Anstatt sich bei einbrechender Nacht zu legen, schien der Sturm nur noch wilder
rasen zu wollen, die Bäume krachten und große Wolkenmassen
rollten, vom Winde gejagt, durch den Himmelsraum. Kein einziges blaues Fleckchen war den Tag über am Firmamente sichtbar
gewesen.
Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen lief ich vor dem
Winde her, der, ein Abbild meines sturmgepeitschten Gemüthes,
meine innere Unruhe zu theilen schien. Am Ende des mit Lorbeerbüschen eingefaßten Spazierweges angelangt, erblickte ich den
zersplitterten Stamm des wilden Kastanienbaumes; der gespaltene
Rumpf schimmerte mir geisterhaft entgegen. Die beiden Hälften
wurden noch durch den starken Untertheil und durch die Wurzeln
zusammengehalten, doch war der Kreislauf der Säfte unterbrochen und der Baum abgestorben; die Aeste an beiden Seiten
hingen verdorrt zur Erde und der nächste Sturm mußte das
Werk der Zerstörung vollenden. Bis dahin war der Baum wohl
eine Ruine, aber keine ganze Ruine.
,Ihr hattet recht, fest einander zu halten, sagte ich, als
wären die Riesensplitter lebende Wesen- und könnten mich hören.
,Ich denke, Ihr habt doch noch Leben in Euch, wiewohl Ihr
zerschunden, verwittert und abgestorben ausseht, denn noch hält
Euch die gemeinsame Wurzel zusammen. Wohl wird Euch nie
mehr grünes Laub schmücken, und Vögel werden nie wieder in Eueren
Zweigen singen, aber Ihr seid nicht getrennt und Ihr könnt einander trösten in Euerem Unglücke. Als ich noch einmal nach dem
Baumstumpfe blickte, schien der Mond gerade durch die Spalte
zwischen den zwei Splittern hindurch; er sah blutroth und unrein
aus, schien mir einen trostlosen, düsteren Blick zuzuwerfen und
verschwand sofort wieder hinter den Wolken. Für einen Augenblick
trat um Thornfield herum Windstille ein, aber weit über Wäldern
und Gewässern heulte ein wilder, schauerlicher Windstoß; er erfüllte mich mit Traurigkeit und ich setzte meinen einsamen Spaziergang fort.
Ich streifte im Garten herum und hob die abgefallenen
Aepfel auf, die in Menge auf dem Boden herumlagen; dann
sonderte ich die reifen von den unreifen und trug sie ins Haus
in die Vorrathskammer. Darauf begab ich mich ins Bibliothekzimmer, um zu sehen, ob das Feuer brenne, denn auch im
Sommer liebte es Mister Rochester, besonders an stürmischen
Abenden, bei seiner Nachhausekunft ein lustiges Feuer im Camin
zu finden. Das Feuer war schon längere Zeit angemacht und
brannte ganz hell. Ich stellte seinen Armstuhl in die Caminecke
und rückte den Tisch in die Nähe; auch ließ ich den Vorhang
herunter und stellte die Kerzen bereit. Mit diesen Vorkehrungen
fertig, konnte ich keine Minute ruhig sitzen und rastloser denn
je, war es mir kaum möglich im Hause zu bleiben. Die kleine
Uhr im Zimmer und die große Wanduhr in der Halle schlugen
zehn Uhr.
,Wie spät es schon ist! rief ich. , Ich will zum Hofthor
hinunterlaufen; zuweilen ist es mondhell und ich kann von dort
aus einen Theil der Straße übersehen. Nun kommt er doch wohl
bald und wenn ich ihm entgegen gehe, gewinne ich wenigstens
einige Minuten.
Der Wind strich durch die hohen Wipfel der Bäume am
Gitterthor und der Mond schimmerte wieder auf eine Weile
durch das dunkle Gewölk, aber so weit ich die Straße auf und
ab sehen konnte, war alles öde und still. Eine kindische Thräne
trat mir ins Auge, während ich hinausblickte, eine Thräne der
Ungeduld und getäuschten Hoffnung; ich schämte mich und trocknete
sie ab. Noch immer wartete ich am Thor; der Mond hatte
sich wieder hinter seinen Wolkenvorhang zurückgezogen und tiefe
Finsterniß deckte die Gegend. Mittlerweile hatte es auch zu regnen
angefangen.
, Ich wollte er käme, ich wollte er käme! rief ich von
trüben Ahnungen gequält in die Nacht hinaus. Er hatte versprochen, zur Theezeit wieder zurück zu sein, und nun war es
schon so spät! Was hielt ihn ab? Das Ereigniß der letzten
Nacht trat mir wieder vor die Seele, ich legte es als ein Anzeichen kommenden Unglückes aus. Meine Aussichten schienen mir
zu glänzend, als daß sie sich verwirklichen sollten, und ich war
in der letzten Zeit so glücklich gewesen, daß ich mir einbildete,
mein Glück habe nun seinen höchsten Gipfelpunkt erreicht und
müsse ins Gegentheil umschlagen.
, Ich kann nicht ins Haus zurück, dachte ich im Stillen;
,ich kann nicht beim warmen Feuer sitzen, während er im Ungewitter unterwegs ist. Besser, meine Glieder ermüden, als mein
Herz verblutet; ich will ihm ein Stück Weges entgegen gehen.
Ich schritt aus und lief schnell, aber nicht weit. Kaum
hatte ich eine Viertelmeile zurückgelegt, als ich auch schon den
Hufschlag eines Pferdes hörte; ein Reiter kam in vollem Galopp
angesprengt, ein Hund sprang neben ihm her. Fort waren alle
bösen Ahnungen; er war es, auf seinem Rappen Mesrur, gefolgt
von seinem treuen Pilot. Er sah mich, denn der Mond glänzte
eben wieder durch die Wolken, und schwenkte seinen Hut. Ich
rannte auf ihn zu.
,Da seht einmal! rief er, sich herunterneigend und mir
seine Hand entgegen haltend. ,Sie können nicht ohne mich sein,
das ist klar. Treten Sie auf meine Fußspitze, reichen Sie mir
beide Hände, und nun herauf mit Ihnen.
Ich gehorchte, die Freude machte mich gelenkig und rasch
schwang ich mich aufs Pferd. Ein herzlicher Kuß bewillkommte
mich, nebst einigen Ausdrücken seines Entzückens, die ich so gut
es ging mitnahm. , Doch was ist geschehen, Jane, frug er,
nachdem der erste Freudenrausch zu Ende war, ,was giebt's, daß
Sie mir zu dieser späten Stunde entgegen gelaufen kommen?
Ist irgend etwas vorgefallen?
,Durchaus nichts; allein ich dachte, Sie kämen gar nicht
wieder. Ich konnte es im Hause nicht länger aushalten, besonders
bei diesem Regen und diesem Winde.
,Regen und Wind! Richtig Sie sind ja so naß wie eine
Wassernixe. Wickeln Sie sich in meinen Mantel ein. Aber Sie
scheinen Fieber zu haben, Ihre Wangen und Ihre Hände brennen
ja wie Feuer. Ich frage Sie noch einmal, ist etwas geschehen?
,Nichts, nichts! Ich bin weder ängstlich noch unglücklich.
, Vielleicht waren Sie es?
,Möglich, doch will ich Ihnen das im Vorbeigehen erzählen, und Sie werden mich wohl auslachen, denke ich.
,Wenn der morgige Tag zu Ende ist, will ich vom Herzen
gern lachen; früher wage ich es nicht, ich muß erst meinen
Schatz gehoben haben. Dieser Schatz sind Sie, die Sie den
ganzen Monat hindurch schlüpfrig wie ein Aal und dornig wie
eine Hagerose waren. Ich konnte Sie nirgends anfassen, ohne
mich zu stechen, und nun glaube ich ein verirrtes Lamm in den
Armen zu halten. Sie verließen die Hürde, um Ihren Schäfer
aufzusuchen, nicht wahr, Jane?
, Ich sehnte mich nach Ihnen, aber prahlen Sie nicht damit.
Wir sind angelangt; lassen Sie mich nun hinunter.
Er setzte mich vor dem Hause ab. Während ihm John das
Pferd abnahm, und er mir in die Halle folgte, bat er mich,
mich schnell umzukleiden und zu ihm ins Bibliothekzimmer zu
kommen. Dann hielt er mich an der Treppe noch einmal an,
und erpreßte mir die Betheuerung, ihn nicht lange warten zu
lassen. Ich hielt Wort; fünf Minuten später trat ich in sein
Gemach. Ich fand ihn beim Nachtessen.
, Setzen Sie sich, und leisten Sie mir Gesellschaft. Gott
gebe, daß es das vorletzte Mahl ist, das Sie für eine geraume
Zeit in Thornfield einnehmen.
Ich setzte mich zu ihm, bemerkte jedoch, ich könne nichts
essen.

,Ist es etwa deshalb, weil Sie eine Reise vorhaben? Ist
es der Gedanke an London, der Ihnen den Appetit benimmt?
,Heute Abend kann ich nicht klar in die Zukunft sehen,
Sir, und kaum weiß ich, was ich für Gedanken im Kopfe habe.
Das ganze Leben scheint mir ein Traumbild zu sein.
,Mich ausgenommen, ich bin substantiös genug, greifen
Sie mich an.
,Gerade Sie kommen mir am gespensterhaftesten vor; Sie
sind ein bloßes Schattenbild.
Lachend hielt er mir seine Hand hin. , Ist das ein
Schatten? frug er, mir sie dicht vor die Augen rückend. Seine
Hand war fleischig, musculös und kräftig, sein Arm lang und
sehnig.
,Gewiß ist's ein Schatten, wiewohl ich Ihren Arm berühre,
sagte ich, seine Hand von meinem Gesichte zurückdrängend. , Sind
Sie mit dem Nachtessen fertig, Sir?
Ja, liebe Jane.
Ich klingelte, und ließ den Tisch abdecken. Als wir wieder
allein waren, schürte er das Feuer an, und ich setzte mich auf
einen Schemel zu meines Gebieters Füßen.
Es ist nahe um Mitternacht, sagte ich.
Wohl! Doch erinnern Sie sich, Jane, daß Sie mir
versprachen, die Nacht vor meiner Vermählung mit mir wach
zu bleiben.
, Ich weiß es, und will mein Versprechen wenigstens für
eine oder zwei Stunden halten, da ich keine Lust verspüre, schlafen
zu gehen.
,Sind Sie mit allen Vorbereitungen fertig?
,Mit allen.
,Auch ich bin ganz reisefertig, versetzte er. , Ich habe alles
in Ordnung gebracht, und wir verlassen morgen Thornfield eine
halbe Stunde nach der Trauung.
Ganz wohl, Sir.
Mit welch sonderbarem Lächeln Sie dieses ganz wohl
ausgesprochen, Jane! Und die rothen Flecke, die Sie auf Ihren
Wangen haben! Und wie unheimlich Ihre Augen glänzen! Sind
Sie wohl?
, Ich glaube es.

,Sie glauben es! Was soll das? Sagen Sie mir, was
Sie fühlen.
, Es wäre unmöglich; Worte vermöchten es nicht zu beschreiben. Ich wollte bloß, die jetztige Stunde währte ewig; wer
weiß, was uns die nächste bringt!
,Das ist kindische Schwarzseherei. Entweder sind Sie zu
aufgeregt oder zu sehr ermüdet.
,Sind Sie ruhig und glücklich?
,Ruhig? Nein, aber glücklich, so glücklich als es nur mein
Herz fassen kann.
Ich blickte zu ihm auf, um den Ausdruck des Glückes in
seinen Zügen zu lesen. Dunkle Glut deckte sein Gesicht.
,Schenken Sie mir Ihr Vertrauen, sagte er; , befreien
Sie Ihr Gemüth von jedweder Last, die es drückt, und theilen
Sie mir Ihren Kummer mit. Was fürchten Sie? Glauben Sie
vielleicht, ich werde kein guter Ehemann sein?
, Der Gedanke kommt mir gar nicht in den Sinn.
, Schrecken Sie vor der neuen Sphäre, vor dem neuen
Leben zurück, in das Sie jetzt treten sollen?
,Nein.
,Sie machen mich verwirrt, Jane; Ihr kummervoller Blick,
der schmerzliche Ton Ihrer Stimme brechen mir das Herz. Ich
wünsche eine Aufklärung.
,Nun gut, hören Sie also. Sie waren die vergangene
Nacht vom Hause abwesend.
,Wohl, und vor einer Weile machten Sie eine Anspielung
auf irgend ein Ereigniß, das sich in der Zwischenzeit zutrug.
Es hat gewiß nicht viel zu bedeuten, aber es erschreckte Sie
vielleicht. Lassen Sie hören. Hat Ihnen Mistreß Fairfax etwas
gesagt, oder haben Sie die Dienstleute etwas reden hören, was
Ihr empfindliches Selbstgefühl verletzte?
,Nein, Sir. Es schlug zwölf Uhr; ich wartete den letzten
Schlag ab und fuhr dann fort:
, Den ganzen Tag über war ich gestern geschäftig und
fühlte mich in diesem endlosen Tummel ganz glücklich. Denn ich
fürchte mich nicht, wie Sie es zu glauben scheinen, vor meiner
neuen Sphäre und dergleichen; ich freue mich im Gegentheile
darauf, mit Ihnen leben können, weil ich Sie liebe. Liebkosen

Sie mich nicht, und lassen Sie mich reden. -- Noch gestern
hatte ich volles Vertrauen in die Vorsehung und dachte, es
träfe alles zusammen, um unser beiderseitiges Wohl zu begründen. Es war ein schöner Tag, wie Sie wissen, und Ihre
Reise schien vom besten Wetter begleitet zu werden. Nach der
Theezeit ging ich eine Weile vor dem Hause spazieren und
dachte an Sie und stellte mir Ihre Gestalt so lebhaft vor, daß
ich Ihre Abwesenheit kaum gewahr wurde. Ich dachte an das
Leben, das vor mir lag - an Ihr Leben, Sir -- ein ausgedehntes und stürmischeres Dasein als das meine, um so viel
mehr als die Tiefe der See, in die der Bach fließt, mit dessen
eigenem seichten Wasser verglichen beträgt. Ich konnte nicht
begreifen, warum Sittenprediger diese Welt eine trostlose Wüste
nennen, denn mir kam sie blühend wie ein Rosengarten vor.
Nach Sonnenuntergang wurde es kühl und der Himmel trübte
sich; ich trat ins Haus. Sophie rief mich hinauf, meinen Brautanzug zu besehen, der gerade gebracht worden war, und darunter
fand ich in einer Schachtel, Ihr Geschenk, den Schleier, den Sie
mir in Ihrer fürstlichen Prachtliebe, wahrscheinlich als einen
Ersatz für die verschmähten Juwelen, hatten von London kommen
lassen. Ich lächelte, als ich ihn auseinanderlegte und dachte darüber nach, wie ich Sie wegen Ihres aristokratischen Geschmackes
und Ihrer Bemühung, Ihre plebejische Braut als eine Gräfin
zu maskiren, ausschmählen wollte. Ich dachte daran, wie ich
meinen eigenen einfachen Schleier ohne Spitzenbesetz vorlegen
und Sie fragen wollte, ob nicht ein solcher Kopfputz für ein
Mädchen gut genug sei, das ihrem Gatten weder Vermögen,
noch Schönheit, noch einflußreiche Verbindungen zubringe. Ich
konnte mir im Voraus Ihr Gesicht vorstellen und hörte ordentlich Ihre republikanischen Antworten und Ihre Versicherung,
Sie hätten weder nöthig Ihren Reichthum zu vermehren, noch
Ihre Stellung mit einer höheren zu vertauschen.
,Wie gut Sie mich kennen, Sie kleine Zauberin! unterbrach mich Mister Rochester. ,Doch was fanden Sie sonst noch
nebst der Stickerei in dem Schleier? Fanden Sie Gift oder einen
Dolch, daß Sie jetzt so traurig sind?
,Nein. Außer der kostbaren Arbeit fand ich höchstens noch
Fairfax-Rochester's Stolz darin und das drückte mich nicht nieder,

da ich an den Anblick dieses Dämons schon gewöhnt bin. Aber
als es finster wurde, erhob sich der Wind und blies, nicht wie
jetzt, laut und stürmisch, sondern leise und ächzend, was weit
schauerlicher klang. Ich wünschte, Sie wären zu Hause; ich trat
in dieses Gemach und der Anblick des leeren Armstuhles und
des ungeheizten Camins stimmte mich traurig. Kurze Zeit darauf
ging ich zu Bette, aber ich konnte nicht schlafen; ein ängstliches,
furchtsames Gefühl hielt mich wach. Der Wind schien einen
anderen Laut in den Hintergrund zu drängen; ob dieser letztere
aus dem Hause selbst oder aus der Ferne kam, konnte ich nicht
unterscheiden, aber endlich glaubte ich das ferne Heulen eines
Hundes zu erkennen. Ich war froh, als das Gebelle endlich
nachließ, und schlief ein. Doch auch im Traume verfolgte mich
die Idee einer finsteren, gefahrvollen Nacht und bei dem Wunsche,
mit Ihnen zu sein, bemächtigte sich meiner ein Gefühl, als
trennte uns eine unübersteigliche Scheidewand. Während meines
ersten Schlummers träumte ich von einer geschlängelten, mir
gänzlich unbekannten Straße, die ich in tiefster Finsterniß und
im heftigsten Regen verfolgte. Ein kleines Kind, das weder
gehen noch stehen konnte und vor Kälte zitterte, trug ich in
meinen erstarrten Armen; es weinte unaufhörlich. Es war, als
hätten Sie auf derselben Straße einen sehr großen Vorsprung
vor mir und ich strengte mich aufs äußerste an, Sie einzuholen;
auch wollte ich Sie beim Namen rufen und Sie bitten, auf
mich zu warten, allein ich konnte den Mund nicht aufthun und
ebenso wenig vom Flecke kommen, indes Sie sich immer weiter
und weiter von mir entfernten.
, Und diese Träume lasten noch jetzt auf Ihrem Gemüthe,
Jane, da ich Ihnen ganz nahe bin? Vergessen Sie den geträumten Schmerz und genießen Sie die angenehme Wirklichkeit.
Sie sagen, Sie lieben mich und diese Worte wenigstens können
Sie über die Lippen bringen. Ich hörte sie klar und deutlich,
Sie sagten: ,Sie freuten sich, mit mir leben zu können, weil
Sie mich liebten. Ist das wahr, Jane, lieben Sie mich wirklich? Sagen Sie es noch einmal.
, Ich liebe Sie von ganzem Herzen.
, Es ist sonderbar, sagte er nach einer Pause; ,allein
Ihre Worte fuhren mir wie ein Dolchstich durch die Brust.

Warum? Vielleicht weil Sie sie mit einem so feierlichen Tone
aussprachen und mit einem Blicke voll Wahrheit, Treue und
Innigkeit zu mir empor sahen. Ich dachte einen Geist vor mir
zu haben. Machen Sie ein schlimmes Gesicht, Jane, wie Sie es
so gut verstehen; lächeln Sie schelmisch, schlau und boshaft,
sagen Sie, Sie hassen mich; ärgern und quälen, aber rühren
Sie mich nur nicht. Ich will lieber ärgerlich als traurig sein.
, Ich werde Sie nach Herzenslust quälen, sobald ich mit
meiner Erzählung fertig bin. Hören Sie nun weiter!
, Ich meinte, Sie wären schon zu Ende und der Grund
Ihrer Melancholie sei in jenem Traume zu suchen.
Ich schüttelte den Kopf.
,Also eine Fortsetzung? Hoffentlich wird es nichts Wichtiges
sein. Uebrigens versichere ich Ihnen im Voraus, daß ich sehr
ungläubig bin. Fahren Sie fort.
Die Unruhe in seinem Gesichte, die furchtsame Ungeduld
in seinen Bewegungen überraschten mich, doch entsprach ich seinem
Begehren.
, Ich hatte noch einen zweiten Traum, Sir. Thornfield
war eine Ruine und der Zufluchtsort der Nachteulen und Fledermäuse. Vom ganzen stattlichen Gebäude standen nur noch die
Mauern aufrecht und auch sie hatten Risse. Im Mondscheine
wanderte ich durch den mit Gras bewachsenen Hofraum, stieß
hier auf einen marmornen Caminmantel, dort auf ein Stück
Gesimse. In ein großes Tuch gehüllt, hatte ich noch immer das
unbekannte kleine Kind im Arme; obwohl mich seine Schwere
im Gehen hinderte, mußte ich es dennoch tragen. In weiter
Entfernung hörte ich den Galopp eines Pferdes auf der Fahrstraße. Ich wußte, daß Sie es wären und auf viele Jahre
nach einem fernen Lande verreisten. Mit wahnsinniger Hast suchte
ich die morsche Mauer zu erklettern, um Sie von oben, wenn
auch nur im Fluge, sehen zu können; allein die Steine rollten
unter meinen Füßen weg, die Epheuranken, an denen ich mich
festhielt, gaben nach, das erschreckte Kind umklammerte meinen
Hals, als wollte es mich erwürgen -- endlich hatte ich mein
Ziel erreicht. Ich sah Sie wie einen dunklen Fleck auf dem
weißen Grunde der Fahrstraße; mit jedem Augenblicke wurde
Ihre Gestalt kleiner. Der Wind blies so heftig, daß ich nicht
länger auf der Mauer stehen konnte. Ich setzte mich auf der
schmalen Fläche nieder, brachte das weinende Kind zum Schweigen
und sah Sie hinter einem Hügel verschwinden. Als ich mich
vorwärts bog, um Sie noch ein letztesmal zu sehen, stürzte die
Mauer ein, ich erbebte, verlor das Kind aus den Armen, fiel
zu Boden und -- erwachte.
, Und das ist alles, Jane?
,Die Einleitung, Sir; die eigentliche Erzählung kommt
erst. Als ich erwachte, blendete mich ein heller Schein. , Das
Tageslicht, dachte ich; aber ich irrte, denn es war ein Kerzenlicht. Ich glaubte, Sophie sei in die Stube getreten. Das Licht
stand am Ankleidetisch und das Kämmerchen, welches meinen Brautanzug enthielt, war offen; ich hörte darin rascheln. ,Sophie!
rief ich, ,was machen Sie dort? Niemand antwortete, allein
eine Gestalt trat heraus, faßte das Licht, hielt es in die Höhe
und betrachtete den an der Wand hängenden Anzug. ,Sophie!
Sophie! rief ich wieder und wieder blieb ich ohne Antwort.
Ich war im Bette aufgestanden und sah nun um mich. Ueberraschung und Schrecken bemächtigten sich meiner und das Blut
stockte in meinen Adern. Die Person war weder Sophie, noch
Leah, noch Mistreß Fairfax, noch -- ich sah es zu deutlich und
bin noch jetzt fest davon überzeugt -- noch jenes sonderbare
Weib, Grace Poole.
,Es muß aber doch Eine von ihnen gewesen sein, fiel
mir Mister Rochester in die Rede.
,Nein, Sir! Ich kann es feierlich beschwören. Die Gestalt,
die vor mir stand, war mir innerhalb dieser vier Mauern noch
nie zu Gesicht gekommen, ich sah sie zum erstenmal.
, Können Sie sie beschreiben?
, Es war ein großes starkes Weib mit dichten schwarzen,
über die Schultern herabhängenden Haaren. Ich weiß nicht,
welchen Anzug sie anhatte; er war weiß und ohne Falten, ob
ein Rock, ein Betttuch oder ein Sterbekleid, das kann ich un-
möglich sagen.
, Sahen Sie sie im Gesichte?
,Anfangs nicht. Doch alsbald nahm sie meinen Schleier
herunter, hielt ihn in die Höhe, sah ihn lange an, wickelte ihn
dann um ihr Haupt und beschaute sich im Spiegel. Bei dieser
Gelegenheit bemerkte ich den Reflex ihrer Gesichtszüge ganz
deutlich auf der glatten Glasfläche.
,Wie erschienen sie Ihnen?
, O, fürchterlich und gespenstisch! In meinem Leben sah ich
kein solches Gesicht! Es war wild und entstellt und ich wollte,
ich könnte das Rollen der rothen Augen und den Ausdruck der
schwarzen aufgedunsenen Züge vergessen.
,Die Gespenster pflegen in der Regel weiß zu sein, Jane.
,Das hier war halb schwarz, halb purpurroth. Die Lippen
waren geschwollen, fast blau, die Stirne gerunzelt, die schwarzen
Augenbrauen zogen sich hoch über die mit Blut unterlaufenen
Augen. Soll ich Ihnen sagen, woran mich die Erscheinung
mahnte?
,Nun?
,An das fürchterliche, in Deutschland bekannte Gespenst,
den Vampyr.
, Ha! -- Was that das Ungeheuer?
, Es nahm den Schleier von seinem unförmlichen Kopfe
herab, zerriß ihn in zwei Stücke, warf die Fetten auf den Boden
und trat sie mit Füßen.
, Und dann?
,Dann schob es den Fenstervorhang zurück und blickte
hinaus. Vielleicht bemerkte es, der Tag breche heran, denn es
ergriff das Licht und bewegte sich nach der Thür zu. Hart an
meinem Bett blieb die Gestalt stehen; ihr Feuerauge stierte mich
an, sie hielt mir die Kerze ins Gesicht und löschte sie vor meinen
Augen aus. Ich fühlte, wie sie ihr fürchterliches Antlitz über
mich bog und fiel bewußtlos zurück. Zum zweitenmale in meinem
Leben waren mir vor Entsetzen die Sinne geschwunden.
, Wer war bei Ihnen, als Sie wieder zu sich kamen?
,Niemand, Sir; es war bereits Tag. Ich stand auf, wusch
mir den Kopf und das Gesicht und trank ein großes Glas
Wasser. Ich fühlte mich wohl etwas schwach, doch nicht krank
und beschloß, meine Vision außer Ihnen niemanden mitzutheilen.
Und nun sagen Sie mir, Sir, wer war das Frauenzimmer?
, Die Ausgeburt einer erhitzten Phantasie. Ich muß Acht
auf Sie geben, mein theures Herz; Nerven wie die Ihrigen
wollen zart behandelt sein.
,Verlassen Sie sich darauf, Sir, meine Nerven waren in
bester Verfassung und der Vorfall war kein Traum, sondern
ereignete sich wirklich.
, Und Ihre früheren Träume waren wohl auch Wirklichkeit? Ist Thornfield eine Ruine? Bin ich von Ihnen durch unübersteigliche Hindernisse getrennt? Werde ich Sie ohne einen
Kuß, ohne ein Abschiedswort verlassen?
,Jetzt nicht.
,Vielleicht bald, denken Sie? -- Der Tag, der uns für
immer aneinander ketten soll, hat bereits begonnen und sobald
wir einmal vereint sind, hören alle Schreckgespenster auf, dafür
stehe ich Ihnen.
, Schreckgespenster, Sir! Ich wollte, es wäre so, da Sie
nicht einmal im Stande sind, mir das Geheimniß jenes fürchterlichen Besuches aufzuklären.
, Und eben, weil ich es nicht aufklären kann, besteht es auch
in der Wirklichkeit nicht.
,So dachte ich auch, als ich heute Früh aufstand, aber
am Boden lag der Gegenstand, der all meine Annahmen Lügen
strafte, der Schleier, von oben bis unten in zwei Hälften zerrissen.
Ich sah Mister Rochester blaß werden und schaudern.
Seinen Arm um mich schlingend rief er aus: , Gott sei Dank,
daß nur der Schleier darunter litt. -- O, nur daran zu
denken, was noch hätte geschehen können!
Er athmete tief auf und drückte mich so fest an sich, daß
ich mich kaum bewegen konnte. Nach einem kurzen Stillschweigen
hob er munter an:
,Nun, Jane, will ich Ihnen alles erklären. Die Sache
war halb Traum, halb Wirklichkeit; ein Weib kam ohne Zweifel
in Ihre Stube, und dieses Weib war ganz gewiß -- Grace
Poole. Sie selbst nennen sie eine sonderbare Person und haben
auch nach allem, was Sie von ihr wissen, gerechte Ursache dazu.
Was that sie mir, was Mason? In einem Zustande zwischen
Schlafen und Wachen bemerkten Sie ihr Eintreten und ihre
Bewegungen; doch in Ihrer Aufregung, ich möchte sagen, in
Ihrem Fieberwahne, sahen Sie sie in einer Art Gespensteraufzug;
das lange aufgelöste Haar, das schwarzgeschwollene Gesicht, die
hohe Gestalt fügte Ihre Phantasie hinzu. Das schmähliche Zerreißen des Schleiers war Wirklichkeit und sieht ihr ganz gleich.
Ich sehe, Sie wollen mich fragen, warum ich ein solches Weib
im Hause behalte? Wenn wir Jahr und Tag verheiratet sein
werden, sollen Sie es wissen, doch jetzt nicht. Sind Sie befriedigt. Jane? Nehmen Sie meine Erklärung des Geheimnisses an?
Ich dachte nach und die Wahrheit zu sagen, erschien mir
diese Lösung als die einzig mögliche. Ganz zufriedengestellt war
ich nicht, allein ihm zu Gefallen that ich, als ob ich es wäre,
und da es mir wenigstens leichter ums Herz war, antwortete
ich ihm mit einem zufriedenen Lächeln. Es war indessen ein
Uhr geworden und ich dachte daran, mich zurückzuziehen.
,Schläft nicht Adele mit Sophien in der Kinderstube?
frug er mich, indem er mir ein Licht anzündete.
.Ja.
, Und in Adelen's Bette ist noch Platz genug für Sie.
Sie müssen heute Nacht bei ihr schlafen, Jane; es wäre kein
Wunder, wenn der erzählte Vorfall Ihre Nerven angegriffen
hätte, und da möchte ich lieber, Sie schliefen nicht allein. Versprechen Sie mir, daß Sie in der Kinderstube schlafen wollen?
, Sehr gerne.
Und schließen Sie die Thür von innen zu. Wecken Sie
Sophien, wenn Sie die Treppe hinaufgehen, unter dem Vorwande, Sie ersuchten sie, sie möchte Sie morgen beizeiten rufen,
denn Sie mühssen schon vor acht √úhr angezogen sein und gefrühstückt haben. Und nun keine trüben Gedanken mehr, verscheuchen
Sie jede Sorge, Jane. Hören Sie nicht wie der Wind bis auf
einen leisen Lufthauch verstummt ist und der Regen nicht mehr
an die Fenster schlägt? Sehen Sie doch -- er hob den Vorhang in die Höhe -- , wie lieblich die Nacht ist.
So war es auch. Der halbe Himmel war heiter und
wolkenlos. Der Mond schien friedlich auf die Erde herab.
,Nun, sagte Mister Rochester, mich mit einem fragenden
Blicke ansehend, ,wie befindet sich jetzt meine theure Jane?
,Die Nacht ist heiter, Sir, und auch ich bin es.
Und Sie werden diese Nacht weder von Trennung noch
von Schmerzen träumen, sondern von glücklicher Liebe und von
unserer baldigen Verbindung.

Diese Vorhersagung ging nur halb in Erfüllung; ich hatte
wohl keine düsteren, aber auch keine freundlichen Träume, denn
ich schlief ganz und gar nicht. Die kleine Adela in meinen Armen,
machte ich meine Betrachtungen über den ruhigen, gefunden
Schlaf der Kindheit und sah dem kommenden Tage entgegen;
alle meine Lebensgeister waren in Aufregung und als sich die
Sonne erhob, erhob auch ich mich. Noch erinnere ich mich, wie
fest sich Adela an mich anklammerte, wie ich sie küßte, während
ich ihre kleinen Aermchen von mir losmachte, wie ich in sonderbarer Aufregung weinte und sie endlich verließ, weil ich befürchtete,
mein Schluchzen könnte ihren Schlummer stören. Sie erschien
mir das Spiegelbild meines vergangenen Lebens und er, mit
dem ich mich nun verbinden sollte, als der gefürchtete und dennoch angebetete Lenker meiner unbekannten Zukunft.

XI.

Sophie erschien um sieben Uhr, mich anzukleiden. Sie
machte sehr lange, so lange, daß Mister Rochester, wahrscheinlich
ungeduldig geworden, hinaufschickte, und fragen ließ, warum ich
noch nicht käme. Sie befestigte eben meinen Schleier -- das
einfache viereckige Stück Blonde -- mit einer Broche und ich
entschlüpfte ihren Händen so schnell als ich nur konnte.
,Einen Augenblick, rief sie mir auf französisch zu.
, Sehen Sie sich doch im Spiegel an, Sie vergessen ja ganz
darauf.
Ich wandte mich an der Thür um und sah eine Gestalt
in vollem Staate, die meinem schlichten Selbst so unähnlich
war, daß ich mir ganz fremd vorkam. ,Jane!! rief eine Stimme
und ich eilte hinunter. Mister Rochester empfing mich am Fuße
der Treppe.
,Zauderin! rief er, ,ich brenne vor Ungeduld und Sie
können so lange zögern!
Er führte mich ins Speisezimmer, beaugenscheinigte mich
von Kopf zu Fuß, erklärte, ich sei schön wie eine Lilie und
nicht bloß der Stolz seines Daseins, sondern auch die Wonne

seiner Augen, und gab mir zehn Minuten Zeit, etwas zu frühstücken. Er klingelte; einer seiner neuaufgenommenen Diener
erschien.
,Macht John den Wagen zurecht?
, Ja, Sir.
, Ist das Gepäck unten?
, Eben wird es hinabgetragen.
,Gehen Sie nach der Kirche, sehen Sie, ob Mister Wood
-- der Geistliche -- und der Notar dort sind.
Die Kirche lag, wie sich der Leser erinnern wird, in der
Nähe. Der Lakai kam bald zurück.
,Mister Wood ist in der Sacristei, Sir, und zieht eben
sein Ornat an.
, Und der Wagen?
,Es wird eben eingespannt.
,Zur Kirche brauchen wir ihn wohl nicht, aber sobald wir
zurückkommen, muß alles bereit, die Koffer aufgepackt und der
Kutscher auf dem Bocke sein.
, Ganz wohl.
,Jane, sind Sie fertig?
Ich erhob mich. Weder Brautführer, noch Brautjungfern,
noch Anverwandte begleiteten den Zug, der aus mir und Mister
Rochester bestand. Mistreß Fairfax stand in der Halle, als wir
durchgingen. Gerne hätte ich mit ihr gesprochen, doch ein eiserner
Griff hielt mich fest; Mister Rochester zog mich so rasch mit
sich fort, daß ich ihm kaum folgen konnte und sein Gesicht sagte
deutlich, er dulde keine Minute Aufenthalt. Ich möchte wissen,
ob je andere Bräutigame so aussahen wie er in jenem Augenblicke, ob sie so erpicht, so entschlossen waren und ob ihre Augen
solche Blitze schossen.
Ich weiß wirklich nicht mehr, ob wir an dem Tage schönes
oder garstiges Wetter hatten. Ich sah weder zum Himmel, noch
zur Erde; mein Herz war in meinen Augen und diese schienen
sich in Mister Rochester's Gestalt verkrochen zu haben. Ich
wünschte das unsichtbare Wesen zu sehen, dem er, den Weg
entlang, so wilde und grausame Blicke zuwarf; ich wünschte die
Gedanken zu kennen, gegen die er mit solcher Anstrengung anzukämpfen schien.
Am Kirchhofpförtchen blieb er stehen, da er bemerkte, daß
ich ganz außer Athem war. ,Ich bin wohl grausam in meiner
Liebe? sagte er. , Warten Sie ein Weilchen und stützen Sie
sich auf mich.
Noch jetzt sehe ich das alte Gotteshaus vor mir stehen,
dessen Thurm eine Krähe umkreiste und über dem sich ein unfreundlicher Morgenhimmel wölbte. Auch einiger grünen Grabhügel erinnere ich mich und zwei fremder Männer, die zwischen
ihnen herumgingen und die Aufschriften auf den wenigen Grabsteinen zu lesen schienen. Als sie uns erblickten, bogen sie um
die Kirche herum und ich zweifelte nicht, daß sie die Absicht
hatten, durch eine Seitenthür hineinzutreten und der Feierlichkeit
beizuwohnen. Mister Rochester gewahrte sie nicht; er blickte mir
forschend ins Gesicht, aus dem in diesem Augenblicke alles Blut
gewichen war; meine Stirne wurde feucht und Mund und
Wangen kalt. Als ich mich wieder erholt hatte, was bald der
Fall war, führte er mich langsamen Schrittes dem Haupteingange zu.
Wir traten in den stillen, bescheidenen Tempel. Der Priester
erwartete uns im weißen Chorhemde am niedrigen Altare, der
Notar stand neben ihm. Alles war ruhig; bloß in einem fernen
Winkel bewegten sich zwei dunkle Gestalten. Meine Vermuthung
war richtig gewesen, die Fremden waren vor uns in die Kirche
geschlüpft und standen nun an der Familiengruft der Rochester,
uns den Rücken zukehrend und anscheinend den marmornen
Sarkophag betrachtend, an dem ein kniender Engel die Ueberreste Damer's von Rochester bewachte, der zur Zeit des Bürgerkrieges bei Marston Moor gefallen war und neben seiner Gemahlin
Elisabeth ruhte.
Wir nahmen am Altargeländer Platt. Einen leisen Schritt
hinter mir hörend, sah ich mich um, und bemerkte den einen
der Fremden, der sich zur Kanzel heranschlich. Die Ceremonie
begann. Die Erklärung des Zweckes der Ehe war bald vorüber,
worauf der Geistliche vortrat und sich leise zu Mister Rochester
neigend fortfuhr:
, Ich fordere Euch hiermit Beide auf, mir, wie an jenem
großen Tage des allgemeinen Gerichtes, wo sich die Geheimnisse
aller Herzen erschließen werden, hiermit zu eröffnen, ob Euch
irgend ein bei Euch obwaltendes Ehehinderniß bekannt ist, denn
Ihr könnt versichert sein, daß alle diejenigen, die anders verbunden sind, als es Gottes Wort erlaubt, nicht mit Gottes
Hilfe einander zugetraut sind, und daß ihre Ehe ungültig ist.
Er hielt inne, wie es gebräuchlich ist. Wann geschieht es
wohl, daß diese Pause durch eine Einwendung unterbrochen
wird? Kaum in hundert Jahren einmal, und der Geistliche, der
von seinem Buche nicht aufgeblickt hatte, wollte eben fortfahren.
Auf Mister Rochester zeigend, war er gerade im Begriffe, die
übliche Frage zu stellen: ,Willst Du diese Jungfrau zu Deinem
rechtmäßigen Weibe nehmen? als eine deutliche Stimme ganz
in der Nähe ausrief:
,Die Trauung kann nicht vor sich gehen! Ich erkläre hiermit das Vorhandensein eines Ehehindernisses.
Der Geistliche sah den Sprecher an und verstummte; der
Notar desgleichen. Mister Rochester erzitterte leise, als hätte ein
Erdbeben den Boden unter seinen Füßen zum Wanken gebracht;
doch alsbald faßte er sich, und gebot, ohne sich umzusehen, mit
fester Stimme: ,Fahren Sie fort.
Eine tiefe Stille trat nach diesen Worten ein, worauf sich
der Geistliche, Mister Wood, vernehmen ließ:
, Ich kann nicht fortfahren, ohne die eben ausgesprochene
Behauptung näher zu untersuchen!
,Die Ceremonie hat ein Ende, versetzte dieselbe Stimme
hinter uns. , Ich bin im Stande, das Vorhandensein eines unübersteiglichen Hindernisses darzuthun.
Mister Rochester hörte, aber beachtete diese Rede nicht. Steif
und regungslos stand er da, die einzige Bewegung, die er
machte, bestand darin, daß er meine Hand erfaßte. Wie brannte
sein Händedruck, wie sah seine breite Stirn so alabasterweiß aus!
Wie ruhig, wie forschend und bei alledem wie wild waren
seine Blicke!
Mister Wood war verlegen. , Von welcher Art ist dieses
Hinderniß? frug er. ,Vielleicht läßt es sich beseitigen.
, Kaum, lautete die Antwort; ,ich nannte es unübersteiglich, und ich weiß, was ich sage.
Der Fremde trat vor, lehnte sich ans Altargeländer, und
sagte die nachstehenden Worte mit ruhiger, deutlicher, doch halblauter Stimme:
,Das Hinderniß besteht einfach in dem Vorhandensein
einer früheren Ehe, und Mister Rochester's Gemahlin ist noch
am Leben.
Meine Nerven erzitterten bei diesen leise gesprochenen Worten,
wie sie noch nie bei dem lautesten Donnerschlage gezittert hatten;
mein Blut erstarrte wie noch nie im heftigen Froste; allein ich
war gefaßt, und brauchte keine Ohnmacht zu fürchten. Ich sah
Mister Rochester an, er wandte sein Gesicht zu mir; es war
kalt und regungslos wie Marmor, und sein Auge gläsern. Er
widersprach nicht, er schien allem Trotz bieten zu wollen. Ohne
zu sprechen, ohne eine Miene zu verziehen, augenscheinlich ohne
mich für ein menschliches Wesen anzusehen, umschloß er mich mit
dem einen Arme und drückte mich fester an sich.
,Wer sind Sie? frug er den Eindringling.
,Mein Name ist Briggs, ich bin ein Londoner Sachwalter.
, Und Sie möchten mir gerne ein Weib aufschwatzen?
, Ich wollte Sie bloß an das Vorhandensein Ihrer Gemahlin erinnern, Sir, die das Gesetz anerkennt, wenn auch Sie
es nicht thun.
, Erfreuen Sie mich mit näheren Angaben über ihren Namen,
ihre Verwandten, ihren Aufenthaltsort.
,Mit Vergnügen. Mister Briggs zog ganz ruhig ein Papier
aus der Tasche, dessen Inhalt er mit näselnder Advocatenstimme
verlas:
,Ich behaupte und kann den Beweis führen, daß am
20. October des Jahres *** Eduard Fairfax Rochester von
Thornfieldhall in der Grafschaft und von Ferndean Manor
in ***shire in England, mit meiner Schwester Bertha Antoinette
Mason, Tochter Jonas Mason's, Kaufmanns, und seiner Frau
Antoinette, in der ***kirche zu Spanish-Town in Jamaica vermählt wurde. Der Trauschein ist in jener Kirche hinterlegt
und eine Abschrift hiervon in meinem Besitze. Gezeichnet
Richard Mason.
,Dies mag beweisen, falls die Urkunde echt ist, daß ich
verheiratet war; aber es beweist nicht, daß mein ebengenanntes
Weib noch lebt.
,Sie lebte noch vor drei Monaten, versetzte der Sachwalter.

,Woher wissen Sie es?
,Ich habe einen Zeugen dafür, dessen Zeugniß nicht einmal Sie werden umstoßen können.
,Bringen Sie ihn her und gehen Sie zur Hölle.
, Ich will ihn lieber vorführen, er ist ganz in der Nähe.
Mister Mason, haben Sie die Güte herzukommen.
Bei Erwähnung dieses Namens knirschte Mister Rochester
mit den Zähnen und zitterte convulsivisch; ich fühlte, wie diese
krampfhafte Bewegung der Wuth oder der Verzweiflung durch
seinen Körper lief. Der zweite Fremde, der bis nun im Hintergrunde gelauert hatte, trat näher, ein blasses Gesicht blickte
hinter des Advocaten Rücken hervor -- richtig es war Mister
Mason. Mister Rochester wandte sich um und starrte ihn an.
Sein Auge war, wie gesagt, schwarz, doch nun erglänzte es von
einem blutrothen Schimmer; sein ganzes Gesicht schien Feuer
zu speien und er erhob seinen Arm, als wollte er Mason zerschmettern, ihm durch einen tödtlichen Schlag die Seele aus dem
Leibe treiben. Aber Mason wich mit einem Satze und einem
schwachen Hilferuf aus. Eine tiefe Verachtung folgte Rochester's
Zornesglut, und er frug ganz ruhig: Was haben Sie mir zu
sagen?
Eine unhörbare Antwort kam über Mason's blasse Lippen.
,Der Teufel hole Sie, wenn Sie nicht deutlicher antworten
können. Noch einmal, was haben Sie mir zu sagen?
, Sir -- Sir -- unterbrach ihn der Geistliche, ,vergessen
Sie nicht, daß Sie sich an einem geheiligten Orte befinden.
Sich dann zu Mason wendend, frug er ihn sanft: , Können Sie
sagen, ob die Gemahlin dieses Herrn lebt oder nicht?
,Muth! rief der Sachwalter, ,Sprechen Sie es aus.
, Sie lebt nun in Thornfieldhall, sagte Mason mit etwas
mehr Fassung. , Ich sah sie noch am letzten April daselbst. Ich
bin ihr Bruder.
,In Thornfieldhall! versetzte voll Verwunderung der Geistliche. , Unmöglich! Ich lebe schon eine geraume Zeit in dieser
Gegend, allein ich habe nie von dem Vorhandensein einer Mistreß
Rochester auf Thornfieldhall gehört.
Ein grimmiges Lächeln glitt über Mister Rochester's Gesicht, während er murmelte:
,Das glaube ich; bei Gott! Ich trug Sorge, daß sie
niemand unter diesem Namen kennen lernte. Er dachte nach
und schien durch zehn Minuten mit sich zu Rathe zu gehen.
Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt und begann:
,Genug -- es soll alles auf einmal heraus, wie die
Kugel aus dem Büchsenlauf. -- Machen Sie Ihr Buch zu,
Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab, und Sie, Green (zu
dem Notar gewendet), gehen Sie nach Hause. Es wird heute
keine Trauung stattfinden. Der Notar gehorchte.
Mister Rochester fuhr in der angefangenen Ansprache barsch
und rücksichtslos fort: ,Zweiweiberei ist ein häßliches Wort,
und doch wollte ich das Verbrechen begehen. Allein das Schicksal machte mir einen Strich durch die Rechnung; vielleicht auch
hielt mich die Vorsehung von dieser Sünde ab. Ich bin in
diesem Augenblicke wenig besser als der Teufel selbst und verdiene, wie mir mein Pastor dort sagen wird, die Strafe der
ewigen Verdammniß und des höllischen Feuers. Meine Herren,
mein Plan ich vereitelt, denn was diese beiden Leute behaupten,
ist wahr; ich bin vermählt und das Weib, dem ich angetraut
wurde, lebt noch. Sie sagen, Sie hätten nie von einer Mistreß
Rochester gehört, Wood; aber oft werden Sie der Sage von
der geheimnißvollen Wahnsinnigen gelauscht haben, die in Thornfieldhall unter Schloß und Niegel verwahrt wird. Einige Leute
behaupteten, es sei meine uneheliche Halbschwester, Andere hielten
sie für meine verstoßene Geliebte und ich eröffne Ihnen nun,
daß sie mein Weib ist, die ich vor fünfzehn Jahren ehelichte,
-- Bertha Mason, die Schwester dieser heldenmüthigen Person,
die blaß und am ganzen Körper zitternd hier steht und den Beweis liefert, was für ein Herz zuweilen ein Mann im Leibe
haben kann. Muth gefaßt, Dick! Fürchten Sie sich nicht vor
mir! Ich möchte eher ein Weib schlagen als Sie. Bertha Mason
ist wahnsinnig, sie stammt aus einer wahnsinnigen Familie, die
seit drei Menschenaltern aus Blödsinnigen und Tollhäuslern
besteht. Ihre Mutter, eine Creolin, war wahnsinnig und dem
Trunke ergeben -- wie ich dies erst später erfuhr, nachdem ich
schon mit der Tochter getraut war, denn vorher beobachteten sie
über die Familiengeheimnisse ein kluges Stillschweigen. Bertha
ahmte ihrer Mutter als ein braves Kind in beiden Punkten nach.
Ich hatte eine liebenswürdige, keusche, bescheidene und kluge Gefährtin und Sie können sich vorstellen, was für ein glücklicher
Gatte ich war. -- O, ich erlebte herrliche Auftritte! Ich machte
heimliche Erfahrungen, nur schade, daß Sie sie nicht kennen!
Briggs, Wood, Mason -- ich lade Euch Alle ein, zu mir ins
Haus zu kommen, und Mistreß Poole's Patientin, meinem Weibe,
einen Besuch abzustatten! Ihr werdet sehen, mit was für
einem Wesen man mich zusammen koppelte und mögt beurtheilen,
ob ich nicht ein Recht hatte, die Fesseln brechen und anderwärts
Mitgefühl oder wenigstens Menschlichkeit zu suchen. Dieses Mädchen
(auf mich deutend) wußte um das grause Geheimniß ebenso
wenig als Sie, lieber Wood; sie dachte, es wäre alles in der
Ordnung und es fiel ihr nicht einmal im Traume ein, daß sie
in eine ungesetzliche Verbindung mit einem unglücklichen Betrogenen verflochten werden sollte, der bereits an eine boshafte,
wahnsinnige und verthierte Ehegenossin gefesselt ist! Und nun
kommen Sie Alle mit!
Mich noch immer festhaltend, verließ er die Kirche; die drei
Herren folgten nach. Am Haupteingange des Herrenhauses stand
der Wagen in Bereitschaft.
,Zurück damit in die Wagenremise, John, sagte Mister
Rochester kaltblütig ,wir werden den Wagen heute nicht brauchen.
Beim Eintritte ins Haus kamen uns Mistreß Fairfax,
Sophie, Leah und Adela entgegen, um uns zu begrüßen.
,Rechts um! rief der Gebieter. , Fort mit Euren Glückwünschen! Wer bedarf ihrer? Ich nicht, für mich kommen sie
fünfzehn Jahre zu spät.
Er schritt vorüber, stieg, mich am Arme, die Treppe hinan
und winkte den Herren ihm zu folgen. Sie gehorchten. Wir erstiegen das dritte Stockwerk; Mister Rochester's Hauptschlüssel
öffnete die niedrige schwarze Thür und ließ uns in das mit
Tapeten behangene Gemach mit der großen Bettstatt und dem
Seitencabinete ein.
,Sie kennen diesen Ort, Mason, sagte unser Führer,
,sie zerfleischte Sie hier und stach nach Ihnen mit einem Messer.
Die Tapeten an der einen Wand in die Höhe hebend,
deckte er die geheime Thür auf, die er gleichfalls öffnete. In
einem Gemache ohne Fenster brannte ein großes Feuer hinter

einem hohen starken Gitter und von der Wölbung hing eine
angezündete Lampe an einer starken Kette herab. Grace Poole
stand am Feuer und war augenscheinlich damit beschäftigt,
etwas in einer Pfanne zu kochen. Am äußersten Ende des Zimmers
lief eine Gestalt unruhig auf und nieder. Was es war, ob ein
Thier, ob ein menschliches Wesen, ließ sich beim ersten Anblicke
nicht unterscheiden. Ess kroch auf allen Vieren und bellte und
heulte wie eine wilde Bestie, war aber angekleidet und hatte
am Kopfe eine Menge dunkler, stellenweise ins Graue schillernder
Haare, die zottig wie Mähnen herabwallten und Gesicht und
Brust verhüllten.
, Guten Morgen, Mistreß Poole,' sagte Mister Rochester.
,Wie geht es Ihnen und was macht Ihre Pflegebefohlene?
, Sie führt sich ziemlich gut auf, Sir, erwiderte Grace,
das kochende Gebräu vorsichtig hinter das Eisengitter stellend.
,Sie ist wohl etwas bissig, aber doch nicht toll.
Ein wilder Schrei schien den günstigen Bericht Lügen strafen
zu wollen. Die bekleidete Hyäne erhob sich und stand der ganzen
Länge nach auf den Hinterfüßen.
,Ah, Sir, sie sieht Sie! rief Grace; ,ich dächte, Sie
entfernten sich lieber.
,Nur noch einige Augenblicke, Grace; Sie müssen mich
noch einige Minuten hier lassen.
,Dann seien Sie um Gotteswillen auf Ihrer Hut.
Die Wahnsinnige bellte, strich sich die zerzausten Haarlocken
aus dem Gesichte und sah ihre Gäste wild an. Wohl erkannte
ich dies purpurrothe aufgedunsene Gesicht, diese teuflischen Züge.
Mistreß Poole trat vor.
, Gehen Sie aus dem Wege, sagte Mister Rochester, sie
beiseite schiebend, ,sie hat jetzt kein Messer, denke ich, und ich
bin vorbereitet.
,Man weiß nie, was sie hat, sie ist so pfiffig, daß keine
menschliche Klugheit ihre List zu ergründen im Stande ist.
, Ich dächte, wir gingen, flüsterte Mason.
, Gehen Sie zum Teufel! war seines Schwagers Antwort.
,Acht gegeben! schrie Grace. Die drei Herren sprangen
gleichzeitig zurück. Mister Rochester stieß mich hinter sich, die
Wahnsinnige sprang auf ihn zu, packte ihn bei der Gurgel und
legte ihre Zähne an seine Wange; sie rangen. Die Frau war
stark, fast so groß wie ihr Gatte und sehr beleibt; im Kampfe
legte sie eine nahezu männliche Kraft an den Tag und mehr
als einmal brachte sie ihn, eine so athletische Stärke er auch
besaß, zum Weichen. Wohl hätte er sie mit einem gut angebrachten Schlage zu Boden werfen können, allein er wollte nicht
schlagen, er wollte sie bloß bändigen. Endlich hatte er ihre Arme
erfaßt, Grace Poole gab ihm einen Strick und er band sie ihr
auf den Ricken, mit einem anderen Tauende befestigte er sie an
einem Stuhle. Die Operation wurde unter wildem Geheul und
den fürchterlichsten Kraftanstrengungen von Seite der Wahnsinnigen vollführt. Mister Rochester wandte sich dann zu den
Zuschauern und maß sie mit einem bitteren und trostlosen
Lächeln.
,Das ist mein Weib, sagte er. , Solche Umarmungen
sind die einzigen, deren ich mich erfreuen, solche Liebkosungen
diejenigen, die ich in meinen Mußestunden nachsuchen kann!
Und dies hier -- seine Hand auf meine Achsel legend -- ist,
was ich zu besitzen wünschte; dies junge Mädchen, das nun ernst
und ruhig am Eingange der Hölle steht, das den Muthsprüngen
eines bösen Geistes mit Fassung zusieht. Ich wollte es zur Abwechslung nach diesem gepfefferten Ragout haben. Wood! Briggs!
Bemerken Sie nur den Unterschied! Vergleichen Sie diese klaren
Augen mit jenen rothen Feuerballen, dieses Gesicht mit jener
Fratze, diese Gestalt mit jener Unform und nun urtheilen Sie,
Priester des Evangeliums und Sie Mann des Gesetzes und
erinnern Sie sich daran, daß Sie Gott so richten wird, wie
Sie mich richten! Und nun fort mit Euch, ich muß meinen
Schatz verschließen.
Wir verließen insgesammt das Schreckensgemach. Mister
Rochester blieb noch eine Weile zurück, um Grace Poole einige
Verhaltungsbefehle zu ertheilen. Als wir die Treppe hinunter
gingen, redete mich der Sachwalter an.
, Sie, Madame, sagte er, , stehen ganz tadellos ba. Ihr
Onkel wird sehr erfreut sein, es zu vernehmen, vorausgesetzt, daß
er noch am Leben ist, wenn ihn Mister Mason in Madeira
wieder aufsucht.
,Mein Onkel! Was soll's mit dem? Kennen Sie ihn?
, Ich nicht, doch Mister Mason. Mister Eyre war durch
lange Jahre der Correspondent seines Hauses für Funchal. Als
Ihr Onkel Ihren Brief erhielt, in dem Sie ihm Ihre bevorstehende Verbindung mit Mister ochester anzeigten, befand sich
Mister Mason, seiner Gesundheit wegen, gerade in Madeira bei
Ihrem Onkel. Mister Eyre theilte ihm die Nachricht mit, da er
wußte, Mister Mason sei mit einem Herrn Namens Rochester
bekannt. Voll Verwunderung und Betrübniß enthüllte Mister
Mason die wahre Sachlage. Ihr Onkel liegt nun krank und
wird bei der Beschaffenheit seines Uebels -- der Auszehrung --
und bei dem hohen Grade, den es erreicht hat, kaum wieder
aufkommen. Natürlich konnte er nicht selbst nach England eilen,
um Sie aus der Ihnen gelegten Falle zu befreien; allein er
ersuchte Mister Mason, alles Mögliche anzuwenden, um dieser
ungültigen Ehe vorzubeugen und wies ihn des rechtlichen Beistandes wegen an mich. Ich beeilte mich, so sehr ich konnte und
kam, Gott sei Dank! noch zur rechten Zeit, was gewiß auch
Ihnen sehr erwünscht sein muß. Hätte ich nicht die moralische
Gewißheit, Ihr Onkel werde sterben, bevor Sie noch Madeira
erreichen, wollte ich Ihnen rathen, Mister Mason dahin zu
begleiten, aber wie die Sachen stehen, ist es wohl besser, Sie
bleiben in England und warten fernere Nachrichten ab. Haben
wir noch etwas zu verrichten? frug er Mister Mason.
, Nein, nein -- wir wollen abreisen, gab der ängstliche
Mann zur Antwort, und ohne sich von Mister Rochester zu verabschieden, verschwanden Beide, Sachwalter und Client. Der
Geistliche blieb zurück, um an sein stolzes Pfarrkind einige Worte
des Tadels oder der Ermahnung zu richten, worauf er sich
empfahl.
An der halboffenen Thür meiner Stube stehend, in die
ich mich mittlerweile zurückgezogen hatte, hörte ich ihn fortgehen.
Nachdem das Haus rein war, schloß ich mich ein, schob den
Riegel vor, um jeder Ueberraschung zuvorzukommen und begann
-- nicht etwa zu weinen oder zu jammern, dazu war ich viel
zu ruhig, sondern -- mechanisch meinen Brautanzug abzulegen
und mit dem schwarzen Wollkleide zu vertauschen, das ich noch
gestern, wie ich glaubte, zum letztenmale getragen hatte. Dann
setzte ich mich nieder, denn ich fühlte mich matt und schwach.
Ich stützte meine Arme auf den Tisch und legte meinen Kopf
darauf. Und nun fing ich an zu denken; denn bis jetzt hatte
ich bloß gehört, gesehen, mich bewegt, mich hin und her führen,
und ein Ereigniß nach dem anderen geduldig über mich ergehen
lassen. Ein tiefes Nachdenken trat jetzt an die Stelle.
Der Morgen war, bis auf die Scene mit der Wahnsinnigen,
ziemlich still gewesen. Selbst die Verhandlung in der Kirche war
geräuschlos, ohne leidenschaftliche Ausbrüche, ohne Zank und
Streit, ohne Thränen, ohne eine Herausforderung abgelaufen.
Einige wenige Worte waren gewechselt, eine ruhige Einsprache in
die Vornahme der Trauung gethan worden. Mister Rochester hatte
einige barsche Fragen gestellt, die verlangten Antworten erhalten
und darauf die Wahrheit und Richtigkeit der gemachten Einwendung zugegeben. Zuletzt war uns der lebende Beweis des
Ehehindernisses vorgeführt worden, worauf sich die Eindringlinge
entfernten und das Trauerspiel zu Ende war.
Nun befand ich mich in meiner Stube, wie gewöhnlich, in
meiner früheren Stellung, ohne irgend eine Veränderung erlitten
zu haben. Der schreckliche Zwischenfall hatte mich nicht zu Boden
gedrückt, kaum gelähmt. Und doch, wo weilte die Jane Eyre
von gestern? Wohin waren ihre Aussichten, ihre Zukunft gerathen?
Jane Eyre, die liebende, hoffende Braut, war nun wieder
das arme, verlassene Mädchen, ihr Leben verblaßt, ihre Aussichten trostlos. Ein Winterfrost war mitten im Sommer
gekommen, ein Decembersturm durch die laue Juniluft gesaust;
Eis glänzte an den reifen Aepfeln, der Reif hatte die Blumen
versengt und Wiesen und Felder mit einer weißen Decke überzogen. Die Wege, noch gestern mit blüthenden Hecken eingesäumt,
waren heute vor tiefem Schnee nicht mehr gangbar und die
Wälder, noch vor zwölf Stunden im üppigsten, wahrhaft tropischen Blätterschmucke prangend, starrten nun kahl und traurig
zum Himmel, wie Knieholz in einem lappländischen Winter. Alle
meine Hoffnungen waren zu Grabe gegangen, plötzlich und in
der Stille, wie in einer Nacht alle Erstgeborenen des Landes
Aegypten der Tod ereilte. Ich ging die Wünsche meines Herzens
durch; noch gestern lebten sie frisch und kräftig, heute lagen sie
da, als starre, kalte Leichname, die ich nimmer ins Dasein zurückrufen konnte. Ich sah nach meiner Liebe, der Schöpfung, dem
Eigenthume meines Gebieters; sie zitterte in meinem Herzen, wie
ein krankes Kind in einer kalten, unbedeckten Wiege, denn sie
konnte nicht mehr in Mister Rochester's Arme eilen, sich an
seiner Brust erwärmen. O, nie, nie durfte sie sich ihm wieder
zuwenden, denn der Glaube war gewichen, das Vertrauen zerstört. Mister Rochester war nicht mehr das, was er mir einst
gewesen, denn er war nicht so, wie ich mir ihn gedacht. Ich
schrieb ihm keine böse Absicht zu, ich wollte nicht behaupten, er
habe mich zu hintergehen gesucht; doch der Glaube an seine
unbefleckte Rechtlichkeit war dahin und mit ihm mußte nun auch
ich weit von ihm weg eilen. Wann, wie und wohin ich gehen
sollte, das war mir noch nicht klar, doch war ich überzeugt, daß
auch ihm daran gelegen sein mußte, mich von Thornfield zu
entfernen. Eine wahre, reine Liebe konnte er, nach allem zu
schließen, nie für mich gefühlt haben und es war bloß eine
blinde Leidenschaft, die sich seiner bemächtigt hatte; umsomehr
mußte ich nun jedes Zusammentreffen mit ihm vermeiden, denn
auch ihm mußte mein Anblick verhaßt sein. O, wie blind war
ich gewesen, wie thöricht hatte ich mich betragen!
Meine Augen waren geschlossen und tiefe Finsterniß schien
mich zu umgeben, trübe Gedanken durchzogen meine Seele. Mir
selbst überlassen, ohne Schutz und Hilfe, kam es mir vor, als
läge ich in einem ausgetrockneten Flußbette und als hörte ich
von der Ferne einen Waldstrom heranbrausen und hätte weder
den Willen aufzustehen, noch die Kraft zu entfliehen. Nur die
eine Idee lebte mit aller Kraft in mir -- der Gedanke an Gott.
Ich sagte ein stilles Gebet her, denn ich besaß nicht Kraft genug,
es über meine Lippen zu bringen. , Bleibe bei mir, flehte ich,
, denn das Unglück naht und es ist niemand da, der mich schützte.
Und es war nahe, und da ich in Tagen des Glückes vergessen hatte den Himmel zu bitten, er möge es von mir abwenden, so kam es unaufhaltsam und mit voller Macht über
mich. Mein Selbstbewußtsein war gebrochen, meine Liebe geknickt,
meine Hoffnungen vernichtet, mein Vertrauen untergraben. Jene
bittere Stunde der Wahrheit getreu zu beschreiben wäre unmöglich;
es war als stünde ich im Wasser und versänke im bodenlosen Schlamm
und als schlügen die Wellen über meinem Haupte zusammen.

XII.

Gegen Abend hob ich den Kopf wieder in die Höhe, sah
um mich, erblickte die Sonne, die im Westen ihrem Untergange
zueilte und frug mich, was ich nun thun sollte.
Doch die Antwort, die mir mein Verstand darauf gab,
,Thornfield sofort zu verlassen, lautete so niederschlagend, daß
ich nichts davon hören mochte. , Daß ich nicht mehr Eduard
Rochester's Braut bin, sprach ich zu mir selbst, ,ist mein
geringster Schmerz; daß ich aus den schönsten Träumen erwachte
und die Wirklichkeit mit all ihren Schrecken vor mir sehe, ist
ein Zustand, den ich ertragen konnte; allein der Gedanke, ihn
mit einemmale und für imm er vergessen zu müssen, ist mir
fürchterlicher als alles. Nein, das vermag ich nicht.
Darauf versicherte mich die Stimme der Vernunft, ich
könne und werde es auch thun und ich schwankte hin und her.
Ich wollte schwach sein, um den Leidensgang, der vor mir lag,
vermeiden zu können; doch das Gewissen trat mit Entschiedenheit
auf, entschlossen die Leidenschaft niederzuhalten.
,Nun denn, so mag man mich von hier losreißen, rief
ich, ,und es ein Anderer thun.
, Du selbst mußt Dich losreißen, lautete der Ausspruch
der Vernunft, ,und niemand soll Dir dabei helfen. Du selbst
wirst Dir Dein rechtes Auge ausstechen und Dir die rechte Hand
abhacken, Dein Herz soll das Opfer sein, und Du der Priester,
der es durchbohrt.
Voll Furcht über die mich umgebende Stille und voll
Entsetzen über diese Mahnung meines besseren Selbst sprang ich
auf. Der Kopf drehte sich mir und ich bemerkte jetzt erst, daß
ich vor Aufregung und Hunger unwohl war; weder Speise noch
Trank waren den ganzen Tag über meine Lippen gekommen,
denn ich hatte in der Eile nicht einmal frühstücken können. Dazu
kam der schmerzliche Gedanke, daß sich die ganze Zeit hindurch
keine Menschenseele um mich gekümmert, niemand nach mir
gefragt hatte. Nicht einmal Adela war an die Thür meiner
Stube gekommen, nicht einmal Mistreß Fairfax hatte sich meiner
erinnert. , Wem das Glück den Rücken wendet, der hat keine
Freunde mehr, sprach ich vor mich hin, während ich den
Riegel zurückschob und zum Zimmer hinaustrat. Ich strauchelte
übe etwas; mein Kopf war noch immer eingenommen, meine
Augen getrübt, meine Glieder schwach, aber ich fiel nicht auf
den Boden, ein ausgestreckter Arm fing mich auf. Ich sah empor
-- Mister Rochester hielt mich, der in seinem Stuhle vor der
Thürschwelle gesessen war.
, Endlich kommen Sie heraus, sagte er. , Ich habe lange
auf Sie gewartet und einstweilen gehorcht, aber ich hörte weder
eine Bewegung, noch einen Seufzer; noch fünf Minuten und
ich hätte das Schloß aufgebrochen wie ein Dieb. Also Sie
gehen mir aus dem Wege? Sie sperren sich ein, um allein zu
weinen? Ich wollte, Sie wären lieber voll Wuth und Heftigkeit
auf mich losgefahren. Sie sind leidenschaftlich, ich machte mich
auf einen lärmenden Auftritt gefaßt. Ich war auf einen heißen
Thränenregen vorbereitet und wünschte nur, sie würden an
meinem Herzen vergossen; indessen hat sie der gefühllose Fußboden oder Ihr nasses Taschentuch eingesogen. Doch ich irre
mich, Sie haben gar nicht geweint! Ihre Wange ist blaß und
Ihr Auge verschwommen, allein von Thränen keine Spur.
Wahrscheinlich hat Ihr Herz Blut geweint?
Nun, Jane, haben Sie keinen Vorwurf für mich? Keine
Bitterkeit -- keine herzzerreißenden Reden? Nichts, was das
Gefühl erregt und den Zorn aufstachelt? Sie sitzen ruhig auf
dem Orte, auf den ich Sie niedergesetzt und sehen mich mit
einem matten, ausdruckslosen Blicke an.
Ich hatte nicht die Absicht, Jane, Sie so zu verletzen.
Wenn irgend jemand sein einziges Schäfchen, das er wie sein
Kind liebte, dem er von seinem Brote zu essen, aus seinem
Becher zu trinken gab, das an seinem Busen zu ruhen pflegte,
durch irgend ein Mißverständniß geschlachtet hätte, er könnte
sein blutiges Versehen nicht bitterer bereuen, als ich das meinige.
Werden Sie mir je vergeben?
Ich vergab ihm auf der Stelle. In seinem Blicke lag ein
so tiefes Bedauern, in dem Tone seiner Stimme ein so aufrichtiges Leid, in seiner ganzen Erscheinung ein so unverkennbarer
Ausdruck seiner unwandelbaren Liebe, daß ich ihm alles, wenn
auch nicht laut, so doch im Innersten meines Herzens
verzieh.
,Sie wissen, daß ich ein Schurke bin? frug er neugierig,
sich ohne Zweifel über mein fortgesetztes Stillschweigen und über
meine Sanftmuth wundernd, die beide mehr das Ergebniß
meiner Abspannung als meines Willensvermögens waren.
Ich schwieg.
,Dann sagen Sie mir es rund heraus und schonen Sie
mich nicht.
,Das kann ich nicht, ich bin zu erschlafft und krank. Ich
möchte etwas Wasser haben. Er stieß einen langen, zitternden
Seufzer aus, nahm mich in seine Arme und trug mich die
Treppe hinunter. Anfangs wußte ich nicht, in welches Zimmer
er mich gebracht hatte, denn mein Blick umnachtete sich; bloß
den belebenden Einfluß der Wärme verspürte ich, da ich, trotzdem daß es Sommer war, fürchterlich fror. Er flößte mir etwas
Wein ein; ich schluckte ihn hinunter und kam wieder zu mir;
dann aß ich einige Bissen, die er mir vorschnitt und war alsbald vollkommen gekräftigt. Ich befand mich im Bibliothekzimmer
in seinem Stuhle, er stand neben mir. , Wenn ich jetzt ohne
einen zu großen Kampf aus dem Leben scheiden könnte, wäre
es gut, dachte ich bei mir selbst. , Wenigstens bedürfte es
meiner Anstrengung nicht, die Bande zu zerreißen, mit denen
die Liebe unsere Herzen verbunden. Ich muß ihn verlassen; allein
ich will, ich kann es nicht thun.
,Wie befinden Sie sich, Jane?
,Weit besser, Sir; ich werde bald hergestellt sein.
,Nehmen Sie noch einen Schluck Wein.
Ich gehorchte. Mister Rochester stellte das Glas wieder
auf den Tisch hin und sah mich aufmerksam an. Plötzlich wandte
er sein Gesicht mit einem unverständlichen Ausrufe, ging rasch
im Zimmer auf und ab, bog sich dann zu mir herab und schien
mich küssen zu wollen. Ich erinnerte ihn, Liebkosungen seien nun
nicht mehr erlaubt, drehte den Kopf herum und stieß sein Gesicht
sanft zurück.
,Was! -- Wie? -- rief er hastig aus. , Ach, Sie wollen
Bertha Mason's Gatten nicht küssen? Sie denken, er hat eine
Andere in die Arme zu schließen und zu herzen?
, Jedenfalls kann ich keinen rechtmäßigen Anspruch darauf
machen.

,Warum? -- Ich will Ihnen indessen das viele Reden
ersparen und statt Ihnen antworten. Weil ich schon ein Weib
habe, wollen Sie sagen. Habe ich es errathen?
,Ja.
, Wenn Sie so denken, müssen Sie eine sonderbare Meinung von mir haben. Sie müssen mich für einen lasterhaften
Spitzbuben ansehen, für einen elenden Schurken, der Ihre
uneigennütige Liebe wecken wollte, um Sie damit in eine vorbereitete Falle zu locken, und Ihnen Ihre Ehre und Ihre Selbstachtung zu rauben. Was sagen Sie dazu? Ich sehe, Sie können
nichts darauf erwidern, denn erstens sind Sie schwach und
können kaum Athem holen und sich zweitens noch nicht daran
gewöhnen, mich zu beschuldigen und für schlecht zu halten.
Uebrigens ist der Thränenquell gefüllt und würde überfließen,
wenn Sie zu viel sprächen, und Sie sind nicht geneigt zu zanken,
zu schmähen, Komödie zu spielen. Sie denken darüber nach, wie
Sie handeln sollen, denn Sie glauben, mit dem Reden sei nichts
gethan. Ich kenne Sie und -- bin auf meiner Hut.
, Ich will nichts gegen Sie unternehmen, Sir, sagte ich
mit unsicherer Stimme und im Bewußtsein, nur kurze Sätze aussprechen zu können.
,Nicht in Ihrer Bedeutung des Wortes, sondern in der
meinen wollen Sie mich vernichten. Sie sagten, ich sei ein verheirateter Mann -- als einen solchen werden Sie mich meiden,
mir aus dem Wege gehen, und eben jetzt verweigerten Sie mir
einen Kuß. Sie wollen mir fortan als eine Fremde gegenüberstehen, unter diesem Dache bloß als Adelen's Erzieherin leben,
und wenn ich je ein freundliches Wort zu Ihnen sage, oder in
Ihrer Nähe etwas wärmer werde, wollen Sie sich vor Augen
halten, daß ich Sie fast zu meiner Maitresse gemacht, und Sie
werden mir gegenüber kalt wie Eis und hart wie Stein sein.
Ich suchte meine Stimme zu kräftigen. , Alle meine Verhältnisse haben sich geändert, Sir, folglich muß auch ich mich
ändern, und um alle Gelegenheit zu nutzlosen Aufregungen und
ewigen Kämpfen zu vermeiden, giebt es nur Einen Weg, und
der ist -- daß Adela eine andere Erzieherin bekommt.
, Oh, Adela geht in eine Kostschule -- ich habe das schon
geordnet; auch habe ich nicht die Absicht, Sie mit den fürchterlichen Erinnerungen und schrecklichen Mahnungen von Thornfieldhall zu peinigen -- diesem verfluchten Hause -- diesem
scheußlichen Aufenthalte, der das Gespensterbild -- des lebendigen
Todes Angesichts des lichten Firmamentes birgt -- dieser von
Stein gebauten Hölle mit einem einzigen, doch einer ganzen
Legion anderer Teufel überlegenen Satan.-- Sie sollen nicht
hier bleiben, Jane, und auch ich will mich von hier entfernen.
Ich hatte Unrecht, Sie überhaupt hierher zu bringen, da ich
wußte, wer hier hauset. Noch ehe ich Sie kannte, trug ich meinen
Leuten strenge auf, Ihnen den Fluch, der auf diesem Gebäude
lastet, unter keiner Bedingung zu entdecken, bloß weil ich fürchtete,
es würde keine Erzieherin bei Adelen aushalten, sobald sie wüßte,
was für eine Hausgenossin sie hier habe. Und wohin anderwärts
wollte ich die Wahnsinnige nicht thun, wiewohl ich noch ein
altes, noch weit abgelegeneres Schloß als dieses hier, Ferndean-Manor genannt, besitze. Doch die ungesunde Lage des Gebäudes
ließ mein Gewissen vor einer solchen Anordnung zurückschrecken.
Wahrscheinlich hätten mich jene feuchten Mauern bald von
meiner Last befreit, allein jeder Schurke hat seinen Fehler,
und ich fühle mich nun einmal nicht zu indirectem Morde
geneigt, auch bei demjenigen Geschöpfe nicht, das ich über alles
hasse.
Ihnen die Gegenwart des tollen Weibes verheimlichen,
hieß ein Kind mit einem Mantel zudecken und unter einen Upasbaum legen; die Umgebung dieses Dämons ist vergiftet, und
war es von jeher. Doch ich will Thornfieldhall verschließen, den
Haupteingang zunageln, und die unteren Fenster zumauern lassen,
und Mistreß Poole soll zweihundert Pfund jährlich dafür haben,
daß sie mit meinem Weibe lebt, wie Sie jene scheußliche Hexe
zu nennen belieben. Grace thut viel fürs Geld, und zudem soll
sie noch ihren Sohn, den Schließer von Grimsby-Retreat zu
sich nehmen, daß er ihr Gesellschaft leiste und bei der Hand sei,
wenn es meinem Weibe einfällt, die Leute zu verbrennen, zu
erstechen, zu zerfleischen u. s. w.
, Sie sind gegen die unglückliche Frau zu erbittert, unterbrach ich ihn. , Sie sprechen von ihr mit Haß und Abscheu.
Das ist grausam, denn sie kann nicht dafür, daß sie wahnsinnig ist.

, Jane, mein theueres Herz -- so will ich Sie nennen,
denn Sie sind mir theuer -- Sie wissen nicht, was Sie sagen.
Sie beurtheilen mich wieder ganz falsch; nicht ihres Wahnsinns
wegen hasse ich sie. Glauben Sie, ich würde auch Sie hassen,
wenn Sie dieses Unglück beträfe?
,Das glaube ich in der That.
,Dann irren Sie sehr und kennen mich oder wenigstens
die Liebe nicht, deren ich fähig bin. Jedes Atom Ihres Körpers
ist mir so theuer wie mein Herzblut und erlägen Sie dem
Schmerze und der Krankheit, es änderte nichts an der Sache.
Ihr Geist ist meine Schatzkammer, und wäre er umnebelt, er
bliebe es auch dann noch; ras'ten Sie, meine Arme und nicht
eine Zwangsjacke hielten Sie fest, und Ihre Berührung hätte
selbst in der Wuth einen unnennbaren Zauber für mich; stürzten
Sie sich mit gleicher Raserei, als heute Morgens jenes Weib,
auf mich, ich empfinge Sie mit einer ebenso herzlichen als festen
Umarmung. Vor Ihnen würde ich nicht, wie vor Jener, voll
Ekel zurückschaudern; in Ihren ruhigen Augenblicken sollten Sie
keinen anderen Wärter haben als mich, und ich würde mich mit
unwandelbarer Zärtlichkeit zu Ihnen neigen, wiewohl Sie mir
nie zulächelten, und nicht müde werden, in Ihre Augen zu
schauen, obgleich Sie keinen Blick des Erkennens für mich hätten.
-- Doch was verfolge ich diesen Ideengang? Ich sprach davon,
Sie von Thornfield zu entfernen. Sie wissen, daß alles zur
Abreise bereit ist; morgen sollen Sie dieses Haus verlassen. Ich
bitte Sie, nur noch diese einzige Nacht unter diesem Dache zuzubringen, Jane, um dann für immer seinen Schrecken und seinen
Schauern Lebewohl zu sagen. Ich habe einen Zufluchtsort ausersehen,
der gegen alle verhaßten Erinnerungen, alle unangenehmen Störungen, auch gegen Doppelzüngigkeit und Lästermäuler sicher stellt.
,Nehmen Sie Adelen mit sich, Sir, unterbrach ich ihn;
,sie wird Ihnen eine muntere Gesellschafterin sein.
,Was fällt Ihnen ein? Sagte ich Ihnen nicht, daß sie
in eine Kostschule kommt? Was soll mir ein Kind und noch
dazu ein fremdes, der Bastard einer französischen Tänzerin,
als Gesellschafterin? Was belästigen Sie mich mit solchen
Zumuthungen? Was weisen Sie mir das Kind zur Gesellschaft zu?
,Sie sprachen von einem einsamen Zufluchtsorte und die
Einsamkeit ist langweilig, besonders für Sie.
,Einsamkeit! Einsamkeit! wiederholte er mit Heftigkeit.
,Ich sehe schon, ich muß mich deutlich erklären. Ich begreife
den räthselhaften Ausdruck Ihres Gesichtes durchaus nicht. Sie
sollen meine Einsamkeit theilen. Verstehen Sie mich?
Ich schüttelte mit dem Kopfe. Bei der ungeheuren Aufregung, in der er sich befand, gehörte ein hoher Grad von
Muth dazu, selbst dieses stumme Zeichen der Verneinung zu
wagen. Er war rasch im Zimmer herumgegangen, blieb aber
plötzlich wie eingewurzelt stehen, und sah mich lange und scharf
an. Ich wandte mein Gesicht ab, sah ins Feuer und versuchte
es, ein gefaßtes, ruhiges Aussehen anzunehmen.
,Wieder ein Knoten in Jane's Charakter, sagte er weit
ruhiger als es der bewegte Ausdruck seines Gesichtes erwarten
ließ. , Bis jetzt hatte sich der Knäuel ganz gut abgewunden;
allein ich wußte, es müsse nun ein Knoten und ein Hemmniß
kommen. Hier ist es und mit ihm Verdruß, Aufregung und
endlose Verwirrung! Bei Gott, ich sehne mich nach einem Bruchtheil von Samson's Kraft, um das Hinderniß wie ein schwaches
Stäbchen zu zerbrechen!
Er nahm seinen Spaziergang wieder auf, blieb jedoch in
kurzer Zeit wieder, und diesmal knapp vor mir stehen.
, Wollen Sie vernünftig sein, Jane? sagte er mir ins
Ohr. , Denn wenn Sie es nicht sein wollen, brauche ich Gewalt.
Seine Stimme war heiser, sein Blick derjenige eines Mannes,
der auf dem Sprunge ist, irgend eine unerträgliche Fessel zu
brechen, und sich kopfüber in wilde Zügellosigkeit zu stürzen.
Ich bemerkte das nur zu gut und wußte, daß, wenn seine
Leidenschaft nur noch um einen Grad höher stieg, ich keine
Macht mehr über ihn hatte. Die gegenwärtige -- die nächste
Secunde war die einzige Zeit, während der ich ihn zähmen und zügeln
konnte; eine Bewegung des Widerstrebens oder der Furcht, ein
Versuch zu entfliehen, hätten sein und mein Schicksal besiegelt.
Doch war ich nicht im Geringsten ängstlich. Ich fühlte ein
moralisches Uebergewicht, eine Macht des Einflusses in mir, die
mich aufrecht erhielten. Die Krisis war gefährlich, aber nicht
ohne Reiz, wie ihn etwa ein Indianer empfinden mag, der in
seinem leichten Canoe über eine Stromschnelle dahingleitet. Ich
faßte seine geballte Faust, richtete die krampfhaft gebogenen
Finger gerade und suchte ihn zu besänftigen.
,Seen Sie sich, sagte ich; ,ih will mit Ihnen so lange
sprechen als Sie es wünschen, und alles anhören, was Sie mir
zu sagen haben, sei es vernünftig oder unvernünftig.
Er setzte sich, doch kam er nicht sogleich zum Sprechen.
Schon eine geraume Zeit hindurch hatte ich meine Thränen
zurückgehalten, da ich wußte, er könne mich nicht weinen sehen.
In diesem Augenblicke jedoch hielt ich es für angemessen, ihnen
freien Lauf zu lassen; verdroß ihn mein Schluchzen, um so besser.
Ich weinte also nach Herzenslust.
Sofort drang er ernstlich in mich, ruhig zu sein. Ich sagte,
es wäre mir unmöglich, so lange er in solch einer leidenschaftlichen
Stimmung sei.
, Ich bin ja nicht aufgebracht, Jane; ich liebe Sie nur zu
heftig und Sie hatten Ihr blasses Gesichtchen mit einem so
frostigen und entschlossenen Ausdrucke gestählt, daß ich es nicht
mehr aushalten konnte. Und nun seien Sie still und trocknen Sie
Ihre Thränen.
Der weiche Klang seiner Stimme zeigte an, daß er ruhig
sei und so wurde auch ich es. Er versuchte es nun, seinen
Kopf auf meine Achsel zu legen, allein ich ließ es nicht zu-
Dann wollte er mich zu sich ziehen, auch das gestattete
ich nicht.
, Jane! Jane! rief er in so betrübtem Tone, daß alle
Nerven in mir zitterten. , Sie lieben mich also nicht? Es war
nur meine Stellung und der Rang meiner Gemahlin, wonach
Sie streben? Nun Sie sehen, daß ich nicht Ihr Gatte werden
kann, schrecken Sie vor einer jeden meiner Berührungen zurück,
als wäre ich eine Kröte oder eine Schlange.
Diese Worte durchschnitten mir das Herz. Doch was konnte
ich thun, was sagen? Am besten wäre es gewesen, ganz unthätig
und still zu bleiben, aber es dauerte mich so sehr, seine Gefühle
auf diese Art zu verletzen, daß ich mich nicht enthalten konnte,
ihm einigen Balsam in die Seele zu träufeln.
, Ich liebe Sie noch, sagte ich, ,und mehr als je; aber
ich darf mich diesem Gefühle nicht weiter hingeben, es nicht mehr
zur Schau tragen und es geschieht jetzt zum letztenmal, daß ein
solches Bekenntniß über meine Lippen kommt.
,Zum letztenmal, Jane? Wie, Sie glauben, Sie können
mit mir leben, mich täglich, stündlich sehen und dennoch bei aller
Liebe zu mir kalt und abstoßend bleiben?
,Nein, Sir, das könnte ich gewiß nicht und eben darum
giebt es nur Ein Mittel, diesem Uebel auszuweichen, aber Sie
werden wüthend, wenn ich es erwähne.
, O, erwähnen Sie es nur! Wenn ich tobe, verstehen Sie
es zu weinen.
,Mister Rochester, ich muß Sie verlassen.
, Auf wie lange, Jane? Auf einige Minuten, um Ihr Haar
glatt zu kämmen, das etwas zerrauft ist, und um Ihr Gesicht
zu waschen, das sehr verweint aussieht?
, Ich muß Adelen und Thornfield verlassen. Ich muß mich
von Ihnen für immer trennen, und unter fremden Gesichtern in
einer fremden Gegend ein neues Dasein beginnen.
,Natürlich, das sage ich ja selbst. Die wahnsinnige Idee,
mich verlassen zu wollen, übergehe ich mit Stillschweigen; Sie
meinten wohl damit, Sie müßten ein Theil meines Ichs
werden. Was das neue Dasein anbelangt, so haben Sie da vollkommen recht; Sie sollen trotz allem mein Weib werden, denn
ich bin nicht vermählt. Sie sollen Mistreß Rochester dem Namen
und der Wesenheit nach sein und ich will zu Ihnen halten, so
lange wir beide leben. Ich bringe Sie nach einem Landsitze, den
ich im südlichen Frankreich habe, einer Villa am Ufer des
Mittelländischen Meeres. Dort sollen Sie ein glückliches ungetrübtes Leben führen. Fürchten Sie nicht, daß ich Sie locken,
Sie berücken, zu meiner Maitresse machen will. Warum schütteln
Sie den Kopf? Sie müssen vernünftig sein, Jane, oder ich werde
wieder wüthend.

Dritter Band.

I.

Mister Rochester's Stimme und seine Hand zitterten, seine
Nasenlöcher wurden weit, seine Augen sprühten Feuer. Dennoch
wagte ich es zu sprechen.
, Ihre Gemahlin lebt, dies ist eine von Ihnen selbst zugegebene Tatsache. Wenn ich mit Ihnen lebte, wie Sie es
wünschen, wäre ich Ihre Maitresse, jede andere Auslegung ist
sophistisch, grundfalsch.
,Denken Sie daran, Jane, daß ich kein sanftmüthiger Mann
bin. Ich besitze weder übermäßige Geduld noch Kaltblütigkeit
genug. Aus Erbarmen mit mir und mit sich selbst legen Sie Ihre
Finger auf meinen Puls, fühlen Sie wie er schlägt und -- seien
Sie auf Ihrer Hut.
Er entblößte seine Handwurzel und hielt sie mir hin. Das
Blut wich aus seinen Wangen und er sah ganz gelb aus, der
Muth begann mich zu verlassen. Ihn durch einen so verhaßten
Widerstand noch mehr zu reizen, wäre grausam, ihm nachzugeben jedoch rein unmöglich gewesen. Ich that, was der Mensch
instinctmäßig zu thun pflegt, wenn er aufs äußerste getrieben
ist, ich flehte den Höchsten um Rettung an und die Worte
Gott helfe mir! kamen unwillkürlich über meine Lippen.
,Ich bin ein Narr! rief plötzlich Mister Rochester aus.
, Ich behaupte da in einem fort, ich sei nicht vermählt und erkläre
ihr nicht, wieso das der Fall ist. Ich vergesse darauf, daß sie
nichts über den Charakter jenes Weibes, über die näheren Umstände meiner höllischen Verbindung mit ihr gehört hat. O, Jane wird mir sicherlich beistimmen, sobald sie alles weiß, was ich weiß. Legen Sie doch Ihre Hand in die meine, Jane, damit ich auch durch das Gefühl erkenne, daß Sie mir nahe sind, und ich will Ihnen mit wenigen Worten den wahren Sachverhalt schildern. Können Sie mir zuhören?’
‘Stundenlang, wenn Sie es wünschen.’
‘Ich ersuche Sie nur um einige Minuten. Hat man Ihnen schon gesagt, daß ich nicht der erstgeborene Sohn der Familie bin, und noch einen älteren Bruder hatte?’
‘Misters Fairfax sagte mir es eines Tages.’
‘Sagte sie Ihnen auch, daß mein Vater ein geiziger, habsüchtiger Mann war?’
‘Ich hörte etwas dergleichen.’
‘Gut, Jane. — Es war meines Vaters Wunsch, das Familienvermögen ungeteilt beisammen zu behalten, der Gedanke, es zu teilen und mir einen Anteil daran einzuräumen, war ihm unausstehlich; alles sollte mein älterer Bruder Russell bekommen. Aber ebenso wenig konnte er sich mit dem Gedanken befreunden, daß einer seiner Söhne arm sei und er dachte daran, mich durch eine reiche Heirat zu versorgen. Er hatte beizeiten eine entsprechende Partie ausfindig gemacht. Mister Mason, ein Kaufmann und Pflanzer in West-Indien, ein alter Bekannter, besaß, so viel ihm bekannt, ausgedehnte Besitzungen und ein schönes Vermögen. Mein Vater zog nähere Erkundigungen ein und erfuhr, Mister Mason habe einen Sohn und eine Tochter und gedenke der letzteren ein Heiratsgut von dreißigtausend Pfund mitzugeben. Die Summe genügte ihm. Von der Hochschule zurückkehrt, wurde ich nach Jamaica geschickt, um eine bereits mir versprochene Braut zu heiraten. Mein Vater sagte nichts über ihr Vermögen, bemerkte jedoch, Miß Mason sei die größte Schönheit von Spanish-Town und das war ganz richtig. Ich fand an ihr ein schönes Frauenzimmer nach Miß Ingram’s Art: schlank, brünett, von majestätischem Aussehen. Ihre Angehörigen wünschten mich zu kapern, da ich von guter Familie war, und es gelang ihnen. Man führte sie mir, prächtig gekleidet in Gesellschaften vor; nur selten sah ich sie unter vier Augen und sprach noch weniger mit ihr. Sie schmeichelte mir und wußte mich mit ihren Reizen und Talenten zu fesseln. Alle Männer ihrer Bekanntschaft schienen sie zu bewundern und mich zu beneiden. Ich war geblendet, mein Stolz erregt, meine Sinnlichkeit erwacht und in meiner Unwissenheit und Unerfahrenheit glaubte ich sie zu lieben. Es gibt keine auch noch so augenscheinliche Albernheit, zu deren Begehung ein junger, verblendeter leidenschaftlicher Mann durch blödsinnige Hetzereien, wie sie in der vornehmen Welt üblich sind, nicht getrieben werden könnte. Ihre Anverwandten begünstigten mich, Nebenbuhler stachelten meine Eigenliebe auf, sie selbst wußte mich zu locken und die Vermählung war vorüber, ehe ich mich dessen versah. O! Ich verachte mich selbst, ch könnte mich vernichten, wenn ich an jenen wahnsinnigen Streich denke. Ich liebte sie nicht, ich achtete sie nicht, ja ich kannte sie nicht einmal. Von keiner einzigen Tugend meiner Braut konnte ich mir Rechenschaft geben; ich hatte weder Bescheidenheit, noch Herzensgüte, noch Seelenreinheit, noch wahre geistige oder auch nur äußere Bildung an ihr bemerkt und doch heiratete ich sie, ich unsinniger, vernagelter, stockblinder Dummkopf! Mein Fehltritt wäre geringer gewesen, hätte ich — doch ich muß mir vor Augen halten, zu wem ich spreche.
Die Mutter meiner Braut hatte ich noch nie gesehen; man sagte mir, sie sei todt. Als die Flitterwochen zu Ende waren, erfuhr ich die Wahrheit: sie war bloß wahnsinnig und in einem Tollhaus eingesperrt. Noch ein jüngerer Bruder war da, ein vollkommen blödsinniger Junge. Der ältere Bruder, den Sie kennen, wird wohl auch früher oder später um seinen Verstand kommen. Ihn allein vermag ich nicht zu hassen, während ich die ganze Sippschaft verabscheue; wenigstens hat er ein ziemlich gutes Herz, das sich in der beständigen Teilnahme an Schicksale seiner Schwester und in einer hündischen Anhänglichkeit kundgiebt, die er für meine Person hegt. Mein Vater und mein Bruder Russell wußten dies alles, aber sie dachten bloß an die dreißigtausend Pfund und schlossen sich der Verschwörung gegen mich von ganzem Herzen an.
Das waren traurige Entdeckungen; allein mit Ausnahme der böswilligen und betrügerischen Verheimlichung hätte ich meinem Weibe darüber nie einen Vorwurf gemacht; selbst dann nicht, als ich fand, ihr Wesen sei ganz von dem meinigen verschieden, ihre Neigungen meinen Grundsätzen entgegengesetzt, ihre Gesinnungen gemein, ihr Geist beschränkt und jeder edleren
Regung unfähig. Keinen Abend, keine Stunde konnte ich mit
ihr in gemüthlicher Unterhaltung zubringen, denn ich mochte was
immer für einen Gegenstand zur Sprache bringen, sie gab der Unterredung sofort einen gemeinen albernen Anstrich. An einen geordneten
Haushalt war nicht zu denken, denn kein Dienstbote hielt die
fortwährenden Ausbrüche ihrer bösen Laune und der Pein der
Befolgung ihrer sinnlosen, sich widersprechenden Anordnungen
aus. Und dennoch hielt ich an mich, vermied jeden Zank, ließ
den Gedanken an vernünftige Vorstellungen fallen und versuchte
es, meinen Ekel und meine Neue in mich zu verschließen. Ich
brachte es sogar dahin, meinen Widerwillen zu unterdrücken.
Ich will Sie nicht mit der Aufzählung schrecklicher Einzelnheiten belästigen; einige Kraftworte sollen ausdrücken, was ich
Ihnen zu sagen habe. Ich lebte mit dem Weibe, das Sie diesen
Morgen sahen, durch volle vier Jahre, und sie machte mir in
dieser Zeit wirklich die Hölle heiß. Ihr Charakter reifte und
entwickelte sich mit fürchterlicher Schnelligkeit; ihre Laster sproßten
üppig und kräftig in die Höhe, nur Grausamkeit hätte ihr
Wachsthum unterdrücken können und die wollte ich nicht anwenden. Wie winzig war ihr Verstand und wie riesig ihre
bösen Lüste! Was hatte ich unter dem Fluche zu leiden, der
mich in der Gestalt dieses Geschöpfes verfolgte! Die wohlgerathene Tochter einer elenden Mutter, ließ mich Bertha Mason
all die scheußlichen Auftritte erleben, die nur ein Mann durchmachen kann, der an ein unkeusches, dem Trunke ergebenes Weib
gefesselt ist.
Inzwischen war mein Bruder gestorben und zu Ende des
vierten Jahres meiner Ehe segnete auch mein Vater das Zeitliche. Ich
war nun reich genug, aber auch elender als der ärmste Bettler;
ein schmutzig lasterhaftes, im Schlamme der Gemeinheit versunkenes Wesen war mir an den Hals gebunden und vom Gesetze und der Gesellschaft als mein zweites Ich anerkannt.
Und ich konnte es durch keinen gesetzlichen Schritt los werden,
denn die Aerzte machten nun die Entdeckung, mein Weib sei
wahnsinnig und in der That hatten ihre maßlosen Ausschweifungen
den in ihr schlummernden Keim des Uebels frühzeitig geweckt.
-- Meine Erzählung gefällt Ihnen nicht, liebe Jane; Sie sehen
ganz angegriffen aus. Soll ich das Ende auf einen anderen Tag
ersparen?
,Nein, Sir, fahren Sie nur fort. Ich bedauere Sie, ich
bedauere Sie von ganzem Herzen.
,Im Munde gewisser Leute wird das Bedauern zu einer
Beleidigung und man hat vollkommen recht, es in das Antlitz
des Beleidigers zurückzuschleudern; allein es ist dies jenes Mitleid, das harten, selbstsüchtigen Herzen eigen ist, eine Art kühlen
egoistischen Schmerzes bei Anhörung der Schilderung fremder
Leiden, zu dem sich noch eine gewisse blödsinnige Verachtung
derjenigen hinzugesellt, die solche Schmerzen erlitten haben. Ein
solches Bedauern, Jane, ist Ihnen fremd; das Gefühl, das in
diesem Augenblicke Ihr Herz erfüllt und sich in Ihrem Gesichte
abspiegelt, das Ihre Augen übergehen macht, ist, ich weiß es
wohl, ein ganz anderes. Ihr Mitleid, meine geliebte Seele, ist
die schmerzhafte Mutter der Liebe, sein Weh der Geburtsschmerz
dieser göttlichen Leidenschaft. Ich nehme es an, Jane, und lassen
Sie auch die Tochter frei herankommen; meine Arme sind bereit
sie zu empfangen!
,Um wieder auf Ihre Erzählung zurückzukommen; was
thaten Sie, als Sie entdeckten, Ihre Gattin sei wahnsinnig?
,Ich stand am Rande der Verzweiflung; ein Überrest von Selbstachtung war die einzige Scheidewand, die mich von dem
Abgrunde trennte. In den Augen der Welt erschien ich ohne
Zweifel mit unendlicher Schmach beladen, doch vor mir selbst
wollte ich rein dastehen; ich beschloß daher der ferneren Berührung mit ihren Lastern aus dem Wege zu gehen und jeder
Zusammenkunft mit ihr auszuweichen. Dennoch verband die
Welt meinen Namen und meine Person mit der ihrigen; dennoch
mußte ich sie täglich sehen und hören, dieselbe Luft, die sie mit
ihrem Hauche verpestete, einathmen. Doch mehr als dies alles
drückte mich der Gedanke nieder, daß ich ungeachtet dessen ihr
Gatte blieb, daß ich, so lange sie lebte, nie daran denken durfte,
ein braves edles Weib an mein Herz zu drücken, und obwohl
sie um fünf Jahre älter war -- mein Vater und ihre Angehörigen hatten mich sogar in Betreff Ihres Alters belogen
-- so hatte es doch allen Anschein, daß sie mindestens so lange
als ich leben würde, da ihr Körper ebenso stark als ihr Geist
schwach war. Und so mußte ich, mit sechsundzwanzig Jahren,
auf alle Hoffnungen Verzicht leisten.

In einer Nacht hatte mich ihr Geheul geweckt. Seitdem
sie die Aerzte für wahnsinnig erklärt hatten, war sie natürlich
in einem besonderen Gemache eingeschlossen. Es war eine jener
glühendheißen Nächte, wie sie unter jenem Himmelsstriche den
Orkanen vorauszugehen pflegen. Ich konnte es im Bette nicht
aushalten, stand auf und öffnete das Fenster. Die Luft roch nach
flüssigem Schwefel und an eine Abkühlung war nicht zu denken.
Schwärme von Mosquitos drangen in die Stube und summten
an den Wänden herum. Die See, die ich von meinem Zimmer
aus sehen und hören konnte, rollte wie ein fernes Erdbeben;
schwarze Wolken thürmten sich ringsum auf, der Mond ging,
einer glühenden Bombe vergleichbar, in den Wellen unter und
warf einen letzten blutrothen Schimmer über die im tobenden
Unwetter erzitternde Erde. Der ganze Anblick und die drückende
Luft übten auf meinen Körper einen betäubenden Einfluß aus.
Dazu ertönten von Zeit zu Zeit die Flüche der Wahnsinnigen,
in die sie meinen Namen mit solch teuflischem Hasse, mit solch
herabwürdigenden Beiwörtern verflocht, wie sie keine Metze von
Profession ihren Reden ärger beimengen kann. Wiewohl durch
zwei Zimmer von ihr getrennt, hörte ich doch jedes Wort, da
die dünnen Wände eines westindischen Hauses ihrem Wolfsgeheul
nur eine schwache Abwehr entgegenstellen konnten.
,Dieses Leben, sagte ich zu mir selbst, ,ist die leidige
Hölle; dies die Luft, die man im Pfuhle der Verdammniß einathmet; dies die Laute, die man darin vernimmt. Ich habe das
unzweifelhafte Recht, mich daraus zu befreien, wenn ich es kann;
die Leiden meines irdischen Daseins haben ein Ende, sobald meine
Seele die gebrechliche Hülle verläßt. Vor dem ewigen Feuer des
Frömmlings fürchte ich mich nicht, denn es kann unmöglich einen
ärgeren Zustand geben, als denjenigen, in dem ich gegenwärtig
schmachte. Ich will aufbrechen und zu meinem himmlischen Vater
eingehen!
Bei diesen Worten kniete ich nieder, und schloß einen Kasten
auf, der ein Paar geladene Pistolen enthielt; ich wollte mich
erschießen. Doch gab ich diesen rasch gefaßten Entschluß schnell
wieder auf, und da ich bei gesundem Verstande war, verschwand
diese Krisis einer aufs höchste gestiegenen Verzweiflung in einer
Secunde. Ein frischer Windhauch strich von Europa über den Ocean
daher und drang durch das offene Fenster; der Sturm brach

mit aller Macht los, und die Luft wurde wieder rein. Ich trat
hinaus in meinen Garten, und während ich unter den nassen
Orangen- und Granatapfelbäumen herumging, und der Schimmer
der tropischen Morgenröthe rings am Horizonte erglänzte, stellte
ich die nachfolgenden Betrachtungen an. -- Hören Sie mir aufmerksam zu, Jane, denn es war echte Weisheit, die mich in jener
Stunde tröstete und mir den richtigen Weg zeigte.
Noch immer rauschte jener belebende Hauch von Europa
her durch das erfrischte Laub, und der Atlantische Ocean schäumte
in entfesselter Wildheit. Mein verdorrtes Herz wurde wieder weit,
und zum erstenmale seit langer Zeit strömte das Blut wieder
lebendig in meinen Adern. Ich sah meine Hoffnungen wieder
aufleben, und die Möglichkeit eines neuen Daseins trat mir vor
die Seele. Von einem blühenden Laubengange aus übersah ich
sich mir neue Aussichten eröffneten.
,Gehe, sagte die Hoffnung zu mir, ,und lebe wieder in
Europa. Dort weiß niemand, was für einen befleckten Namen
Du trägst, welche schmutzige Last Dir aufgebürdet ist. Nimm
die Wahnsinnige mit nach England, sperre sie unter gehöriger
Aufsicht und mit der nöthigen Vorsicht in Thornfield ein, reise
dann in der Welt herum, und schaffe Dir ein neues Leben, und
gehe ein neues Bündniß ein. Das Weib, das Deine Geduld
mißbrauchte, Deinen Namen besudelte, Deinen Ruf mit Füßen
trat, das Deine schöne Jugendzeit vergiftete, ist nicht Deine
Gattin, und Du bist nicht ihr Mann. Sieh zu, daß ihr diejenige Pflege wird, die ihr Zustand erheischt, und Du hast alles
gethan, was Gott und die Menschen von Dir verlangen können.
Wer sie ist, welche Bande sie an Dich knüpfen, darüber breite
den Schleier der Vergessenheit aus. Bringe sie in Sicherheit,
sorge dafür, daß ihre Entartung ein Geheimniß bleibt, und
verlasse sie.
Ich handelte genau nach dieser Vorschrift. Mein Vater und
mein Bruder hatten meine Vermählung im Kreise ihrer Freunde
nicht bekannt gemacht, da ich ihnen gleich in dem ersten
Schreiben nach meiner Trauung, wo mir schon in etwas die
Augen aufgegangen waren, aufs strengste empfohlen hatte, meine
Verbindung geheim zu halten. Das darauffolgende Betragen
des mir von ihm erkorenen Weibes war derart, daß auch der

Vater sich seiner Schwiegertochter schämen mußte. Es war also
auch ihm daran gelegen, das tiefste Stillschweigen zu beobachten.
Nach England also brachte ich meine Gemahlin; die Reise
mit einem solchen Ungeheuer war fürchterlich. Wie froh war ich,
als ich sie endlich in Thornfield hatte, und in jenem geheimen
Gemache des dritten Stockwerkes in sicherem Gewahrsam wußte.
Dort lebt sie nun bereits zehn Jahre wie eine wilde Bestie in
ihrer Höhle. Es war sehr schwer, für sie eine passende Wärterin
zu finden, da ich diesen Posten nur einer mein volles Vertrauen
verdienenden Person übergeben konnte, wolte ich nicht mein
Geheimniß durch die Raserei der Kranken verrathen sehen. Zudem hat sie lichte Zwischenräume, die Tage, ja Wochen lang
anhalten und die sie damit ausfüllt, daß sie mit den ärgsten
Schmähungen gegen mich loszieht. Endlich nahm ich Grace
Poole von Grimby Retreat in meinen Sold. Sie und der
Wundarzt Carter -- der an jenem Morgen Mason's Wunde
verband -- waren die einzigen zwei Personen, die um mein
Geheimniß wußten. Mistreß Fairfax mag wohl etwas vermuthet
haben, doch konnte sie unmöglich den wahren Sachverhalt erfahren.
Grace versah ihr Amt im Ganzen sehr gut, nur daß
ihre Vorliebe fürs Trinken, die eine natürliche Folge ihrer schrecklichen Stellung und kaum mehr auszurotten ist, ihre Aufmerksamkeit mehr als einmal einschläferte, was die Wahnsinnige jedesmal zu benuten bedacht war. Einmal bemächtigte sie sich des
Messers, mit dem sie ihren Bruder erstechen wollte, und zweimal brachte sie den Schlüssel ihrer Zelle an sich und verließ
dieselbe zur Nachtzeit. Bei der ersten Gelegenheit versuchte sie
es mich zu verbrennen, bei der zweiten stattete sie Ihnen jenen
nächtlichen Besuch ab. Ich danke der Vorsehung, die über Sie
wachte, so daß die Rasende ihre Wuth bloß an Ihrem Brautanzuge ausließ, der ihr wohl ihren eigenen Hochzeitstag ins
Gedächtniß zurückrief. Doch wenn ich daran denke, was hätte
geschehen können, erstarrt mir noch jetzt das Blut in den Adern
zu Eis, und wenn ich mir vorstelle, daß jenes Geschöpf, das
mich diesen Morgen an der Gurgel packte, sein scheußliches Gesicht auf das Nest meines Täubchens herunterbog, könnte ich
fast rasend werden.

, Und was thaten Sie, Sir, frug ich ihn, indes er in
seiner Erzählung inne hielt, , was thaten Sie, nachdem Sie
Ihre Gemahlin hier untergebracht hatten?
, Je nun, ich wurde ein wahrer Ueberall und Nirgends
und wanderte herum wie der ewige Jude. Ich ging nach dem
Continente und durchreiste aller Herren Länder. Mein einziger
Wunsch war, ein gutes, vernünftiges Weib zu finden, das ich
lieben könnte, einen Contrast zu jener Furie, die ich in Thornfield zurückgelassen.
,Aber Sie konnten ja doch nicht heiraten, Sir.
, Ich war zu dem Beschlusse gekommen, ich könne und
müsse es thun. Anfänglich war es nicht meine Absicht zu hintergehen, so wie ich Sie hinterging. Ich wollte meine Geschichte
rund heraussagen und offen als Freier auftreten, und die Sache
erschien mir so vernünftig, so einleuchtend, daß ich keinen Augenblick daran zweifelte, es würde sich bald ein freundliches Wesen
finden, das meine Lage begriffe und mir gerne die Hand reichte,
trotz des Fluches, der auf mir lastet.
,Nun, Sir?
, Ich muß immer über Sie lächeln, wenn Sie neugierig
sind. Sie öffnen dann Ihre Augen wie ein Raubvogel und
machen von Zeit zu Zeit eine ungeduldige Bewegung, als kämen
Ihnen die Antworten in einem Gespräche nicht schnell genug zu
und als wollten Sie den Leuten im Herzen lesen. Doch bevor
ich fortfahre, müssen Sie mir erst erklären, was Ihr ,Nun,
Sir? zu bedeuten hat. Es ist ein ganz kurzer Sat, den Sie
häufig anwenden und der mich mehr als einmal in ein endloses
Geplauder verwickelte, wiewohl ich nicht recht weiß, wie dies
kam.
, Ich will damit sagen: Was weiter? Was thaten Sie
dann? Was waren die weiteren Folgen dieses Ereignisses?
, Richtig. Und was wollen Sie jetzt wissen?
, Ob Sie irgend ein Wesen fanden, das Sie liebten, ob
Sie ihr einen Heiratsantrag machten und was sie dazu sagte.
, Wohl kann ich Ihnen sagen, ob ich ein Mädchen fand,
das ich liebte, und ob ich ihr einen Heiratsantrag machte, doch
was sie dazu sagte, das steht noch nicht im Buche des Schicksals geschrieben. Durch zehn lange Jahre pilgerte ich herum,
lebte bald in der, bald in jener großen Stadt, zeitweilig in

Petersburg, öfter in Paris, gelegentlich in Rom, Neapel und
Florenz. Mit reichlichen Geldmitteln versehen, im Besitze eines
alten Namens, hatte ich die Wahl meiner Gesellschaft und alle
Zirkel standen mir offen. Ich suchte mein Ideal unter englischen
Ladies, französischen Comtessen, italienischen Signoras und
deutschen Gräfinnen. Ich konnte es nirgends finden. Zuweilen,
doch nur auf Augenblicke kam es mir vor, als sähe ich einen Blick,
hörte eine Stimme, erblickte eine Gestalt, die mir die Verwirklichung meiner Träume verkündigten, doch ich fühlte mich bald
enttäuscht. Sie dürfen indessen ja nicht glauben, daß ich ein an
Körper und Geist vollkommenes Weib beanspruchte. Ich verlangte
nur etwas für mich Passendes, das gerade Gegentheil meiner
Creolin, und suchte vergebens. Unter all den Frauenzimmern,
die ich sah, gab es kein einziges, dem ich, wäre ich noch so frei
gewesen, nach den bitteren Erfahrungen von den Schrecknissen
einer unpassenden Verbindung, hätte meine Hand reichen mögen.
Die Unmöglichkeit, meinen Wunsch befriedigt zu sehen, machte
mich gallig. Ich versuchte es, mich durch Zerstreuungen zu heilen,
vermied jedoch alle Ausschweifung, die ich haßte und noch jetzt
hasse. Sie war das Attribut meiner indischen Messalina; meine
eingewurzelte Abneigung gegen sie und ihre Liederlichkeit hielt
mich, selbst bei erlaubten Vergnügungen, im Zaume. Irgend ein
Genuß, der an Schwelgerei streifte, hätte mich ihr und ihren
Lastern genähert, und ich mied ihn wie das Feuer.
Ganz allein konnte ich jedoch nicht leben, ich hielt mir
also Maitressen. Die erste war Celine Varens -- wieder einer
jener Streiche, die den Menschen in seinen eigenen Augen erniedrigen. Ich habe Ihnen bereits erzählt, wer diese Person war
und wie sich meine Verbindung mit ihr löste. Sie hatte zwei
Nachfolgerinnen: eine Italienerin, Giacinta, und eine Deutsche,
Clara, beide von ausgezeichneter Schönheit. Allein schon nach
wenigen Wochen hatte für mich ihre Schönheit allen Reiz verloren. Giacinta war heftig und leichtsinnig; nach drei Monaten
hatte ich sie satt. Clara war brav und still, aber schwerfällig,
geistlos, unempfindlich, kurz durchaus nicht nach meinem Geschmacke. Ich war froh, sie mit einer Summe Geldes abzufertigen,
die sie in den Stand setzte, ein ordentliches Geschäft zu beginnen.
-- Doch ich sehe es an Ihrem Gesichte, Jane, daß Sie keine
so gute Meinung mehr von mir haben. Sie halten mich wohl
für einen gefühllosen Wüstling ohne alle Grundsätze? Ist's
nicht so?
,Sie gefallen mir in der That nicht mehr so gut wie
ehedem. Hielten Sie es denn für keine Sünde, einen solchen
Lebenswandel zu führen? Sie sprechen von Ihren Maitressen
wie von einer bloßen Gewohnheitssache.
,Weiter war es auch nichts, denn mein Herz fühlte nichts
dabei. Es war ein unruhiges Leben und um keinen Preis möchte
ich es wieder von vorne beginnen. Sich eine Maitresse aushalten,
ist nach dem Ankaufe einer Sklavin das Schrecklichste, und sich
mit Weibern, die auf einer niedrigen Bildungsstufe stehen, abgeben, wahrhaft entwürdigend. Die bloße Erinnerung an die
Zeit, die ich mit Celinen, mit Giacinten und Claren zubrachte,
ist mir verhaßt.
Ich fühlte die Wahrheit dieser Worte und zog daraus den
richtigen Schluß, daß, wenn ich mich je so weit vergessen könnte,
unter was immer für Verhältnissen die Nachfolgerin dieser armen
Mädchen zu werden, er sich eines Tages meiner mit demselben
Gefühle erinnern müßte, mit dem er jetzt das Andenken jener
unglücklichen Geschöpfe verfluchte. Ich sprach diese Ueberzeugung
nicht laut aus; es genügte, daß ich von ihr innerlich durchdrungen war. Fest prägte ich sie meinem Herzen ein, damit sie
mir zur Zeit der Versuchung beistehe.
,Warum sagen Sie nicht wieder ,Nun, Sir? Ich bin
noch nicht zu Ende. Sie sehen sehr ernst aus. Sie sind noch
immer mit mir unzufrieden. Doch zur Sache. Aller meiner
Maitressen ledig, kam ich in einer ärgerlichen Gemüthsstimmung,
voll Bitterkeit, aufgebracht gegen alle Menschen, besonders aber
gegen sämmtliche Frauenzimmer, um einige Geschäfte zu ordnen,
nach England zurück.
An einem kalten Winternachmittage ritt ich Thornfieldhall
wo ich weder Ruhe noch Freude zu finden hoffte. An einem
Stege auf dem Wege von Hay nach Thornfield erblickte ich eine
kleine Gestalt, die einsam und still da saß. Ich ritt ebenso gleichmüthig vorüber, wie vor dem gestutzten Weidenbaume, denn ich
hatte keine Ahnung von der Zukunft und wußte nicht, daß diese
bescheidene Erscheinung meinen guten Engel, die Lenkerin meines
Schicksals barg. Auch dann wurde es mir noch nicht klar, als
das Wesen nach Mesrur's Falle auf mich zukam und mir seine
Hilfe anbot. Das kindische, schwache Geschöpf! Es war als
hüpfte ein Hänfling zu meinen Füßen und machte mir den
Vorschlag, mich auf seinen winzigen Flügeln durch die Luft zu
tragen. Ich wurde ärgerlich, aber das kleine Ding wollte nicht
weiter gehen; es blieb mit einer bewundernswerthen Ausdauer
bei mir stehen und blickte und sprach mit einer eigenen Entschlossenheit. Es mußte mir Hilfe werden, und zwar durch diese
Hand und wirklich, sie ward mir.
Sobald ich die schwache Schulter des Mädchens berührt
hatte, durchzog mich ein ganz neues Gefühl der Frische und
wiedererwachten Lebenskraft. Es war gut, daß ich erfuhr, ich
müsse diese Fee wiedersehen, da sie zu meinem eigenen Haushalte
gehörte, sonst hätte ich sie nicht ohne das innigste Bedauern
hinter der dunklen Hecke verschwinden sehen. Ich hörte Sie am
selben Abend nach Hause kommen, Jane, obwohl Sie kaum
daran dachten, daß ich mich mit Ihnen beschäftigte, Sie beobachte. Tags darauf sah ich Ihnen, ohne selbst bemerkt werden
zu können, durch eine halbe Stunde zu, wie Sie mit Adelen
auf der Galerie spielten. Es schneite den Tag über zu arg und
Sie konnten nicht ausgehen. Ich war auf meiner Stube, die
Thür stand halb offen, und ich konnte Sie sehen und hören.
Adele nahm Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch; dennoch glaubte
ich zu bemerken, daß Ihre Gedanken anderwärts beschäftigt
waren. Dessenungeachtet hatten Sie Geduld mit dem Kinde und
unterhielten es eine gute Weile. Als es endlich davonlief, verfielen Sie plötzlich in ein tiefes Sinnen und gingen die Galerie
langsam auf und nieder. Dann und wann, an einem Fenster
angelangt, sahen Sie nach dem dicht fallenden Schnee hinaus,
lauschten dem Heulen des Windes und setzten dann Ihren Weg
und Ihre Träumerei wieder fort. Ich glaube diese Träume hatten keine
düstere Färbung, denn ein freundliches Licht strahlte aus Ihren
Augen und Ihr Gesicht war sanft geröthet; Ihr Blick zeigte die süße
Schwärmerei eines jugendlichen Gemüthes an, das auf den raschen
Schwingen der Hoffnung zu einem idealen Himmel emporsteigt.
Mistreß Fairfax's Stimme, die mit einem Dienstmädchen sprach,
weckte Sie und ein wunderbares Lächeln, wohl Ihren eigenen Halbträumen geltend, glitt über Ihr Antlitz. Es lag ein tiefer Sinn
in diesem Lächeln; es schien der eigenen Zerstreuung zu spotten
und zu fragen: Meine Träume sind sehr schön, allein ich darf

nicht vergessen, daß sie eben nichts mehr als Träume sind. In
meinem Geiste stellte ich mir einen rosigen Himmel und ein
blumiges Eden vor, doch weiß ich recht gut, daß in der Wirklichkeit ein rauher, dornenvoller Pfad vor mir liegt. Sie liefen
die Treppe hinunter und baten Mistreß Fairfa um irgend eine
Beschäftigung; ich denke es handelte sich um die wöchentliche
Wirtschaftsrechnung oder so etwas dergleichen. Ich war böse
über Sie, daß Sie mir entwischten.
Mit wahrer Ungeduld erwartete ich den Abend, um Sie
zu mir kommen zu lassen. Ich vermuthete, Ihr Charakter müsse
ein ungewöhnlicher, ein für mich ganz neuer sein und der Wunsch
stieg in mir auf, ihn zu studiren und besser kennen zu lernen.
Sie traten mit scheuer und doch von Selbstbewußtsein zeugender
Miene ins Gemach; Sie waren sauber, doch einfach, gerade so
wie jetzt, angezogen. Ich brachte Sie zum Sprechen und bald
erkannte ich in Ihnen das Vorhandensein ungewöhnlicher Gegensätze. Ihre Manieren waren durch eine strenge Schulerziehung
in steife Formen gezwängt worden, Ihr Betragen meist unsicher,
doch zu gleicher Zeit Ihren natürlichen Seelenadel enthüllend;
wenn auch die äußere Politur, wie sie die vornehme Welt verlangt, fehlte. Sie waren augenscheinlich ängstlich bemüht, jedem
nachtheiligen Eindrucke, jedem Mißgriffe vorzubeugen; und doch,
wenn man Sie ansprach, ließen Sie ungescheut den scharfen, kühnen,
strahlenden Blick Ihres Auges auf dem Antlitze des Sprechers
ruhen. Und ein jeder dieser Blicke drang durch Mark und Bein,
und wollte man Sie durch Fragen in die Enge treiben, hatten
Sie jederzeit eine schlagende Erwiderung bereit. Sie schienen
sich sehr bald an mich gewöhnt zu haben -- ich denke, Sie
fühlten das Vorhandensein eines sympathischen Bandes zwischen
sich selbst und Ihrem wunderlichen, brummigen Dienstherrn. Es
war in der That zum Staunen, wie schnell Sie sich in meiner
Gesellschaft heimisch fühlten; ich mochte noch so sehr belfern, Sie
zeigten weder Verwunderung, noch Furcht, noch Unmuth; Sie
sahen mich bloß an und antworteten mir mit einem einfachen,
doch klugen und anmuthigen Lächeln, das ich nicht zu beschreiben
vermag. Das, was ich an Ihnen sah, befriedigte mich und machte
ieh zugleich noch mehr begierig, dennoch behandelte ich Sie
durch eine geraume Zeit mit Kälte und Zurückhaltung und
suchte Ihre Gesellschaft selten auf. Ich war ein geistiger Epikuräer und wünschte die Genüsse dieser neuen, pikanten Bekanntschaft möglichst zu verlängern; zudem fürchtete ich, die Blume
könnte am Ende ihren Duft, ihre Frische verlieren, wenn ich sie
zu oft berührte. Damals wußte ich noch nicht, daß es keine
vergängliche Blüthe sei, sondern ihr strahlendes, in eine unverwüstliche Gemme geschnittenes Ebenbild. Uebrigens wollte ich
auch noch sehen, ob Sie mich nicht selbst aufsuchen würden,
wenn ich Ihnen auswiche-- doch das thaten Sie nicht; Sie
blieben im Lehrzimmer, unbeweglich wie Ihre Staffelei und Ihr
Schreibpult, und wenn ich Ihnen zufällig begegnete, gingen Sie
so rasch, mit so geringen Zeichen des Erkennens vorüber, als
es nur immer Ihre Achtung für mich zuließ. Ihr gewöhnlicher
Gesichtsausdruck war in jenen Tagen ein nachdenklicher, doch
keineswegs ein trauriger, denn Sie waren nicht krankhaft
empfindlich; allein er konnte kein heiterer sein, da Sie keine
freundlichen Aussichten in die Zukunft und gar keine Freuden in
der Gegenwart hatten. Gerne hätte ich gewußt, was Sie von
mir hielten, oder ob Sie überhaupt an mich dachten, und um
dies zu erforschen, überwachte ich Sie mit verdoppelter Aufmerksamkeit. Jedenfalls waren Sie geselliger Natur und Ihr
Trübsinn hatte seinen Grund in der gänzlichen Abgeschlossenheit
Ihrer Stellung, denn sobald man Sie in ein Gespräch verflocht,
erglänzten Ihre Augen in Heiterkeit und alle Ihre Bewegungen
bekamen neues Leben. Ich machte mir das Vergnügen, herzlich
gegen Sie zu sein; meine Herzlichkeit machte Ihre Gefühle rege.
Ihr Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an, der sich auch
Ihrer Stimme mittheilte; ich freute mich, meinen Namen mit
dem Tone der Dankbarkeit und Zufriedenheit von Ihren Lippen
aussprechen zu hören. Oft bereitete ich mir den Genuß eines
scheinbar zufälligen Zusammentreffens; eine eigenthümliche Unsicherheit gab sich dabei in Ihrem Benehmen kund. Sie sahen
mich zweifelhaft an, Sie wußten nicht, ob ich in der Laune sei,
den strengen Gebieter oder den wohlwollenden Freund zu spielen.
Ich hatte Sie schon zu lieb, um noch öfter die erstere Rolle
durchführen zu können, und wenn ich Ihnen mit Herzlichkeit
meine Hand reichte, wurde Ihr junges Gesicht so heiter, so
lächelnd, so strahlend von Seligkeit, daß ich mich mit aller
Gewalt zurückhalten mußte, Sie nicht an mein Herz zu
drücken.

, Sprechen Sie nicht weiter von jenen Zeiten, Sir, fiel
ich ein, mir heimlich einige Thränen aus den Augen wischend.
Seine Reden waren mir unendlich peinlich, denn ich wußte, was
ich thun -- ja bald thun mußte, und alle diese Erinnerungen,
alle diese Erschütterungen seiner Gefühle erschwerten mir den
ohnedies schweren Schritt nur noch mehr.
,Wohl, Jane, versetzte er, ,zu was bei der Vergangenheit
verweilen, wenn die Gegenwart so viel gewisser, die Zukunft so
viel glücklicher ist
Sein Irrwahn erfüllte mich mit bitterem Schmerz.
, Sie wissen nun, wie die Dinge stehen, fuhr er fort.
, Nachdem ich meine Jugend und einen Theil meines Mannesalters in unaussprechlichem Elende verlebte, habe ich nun diejenige gefunden, die ich wahrhaft lieben kann -- ich habe Sie
gefunden. Sie sind mein besseres Selbst, mein guter Engel, an
Sie bin ich für ewig gefesselt. Sie sind gut, geistig begabt und
liebenswürdig und eine glühende Leidenschaft brennt für Sie in
meinem Herzen; sie zieht Sie zum Quell meines Lebens, verbindet mein Dasein mit dem Ihrigen und verschmilzt uns Beide
in Eines.
Und eben weil ich dies wußte und fühlte, beschloß ich
Sie zu heiraten. Es ist ein grausamer Scherz, mir zu erwidern,
ich habe bereits ein Weib, nun Sie wissen, welch ein Scheusal
mir auf dem Halse sitzt. Ich hatte Unrecht, Sie hintergehen zu
wollen; allein ich fürchtete die Ungefügigkeit Ihres Charakters,
die Macht von Vorurtheilen, die man Ihnen ohne Zweifel schon
in zarter Jugend eingeflößt. Erst wollte ich Sie festhalten, bevor
ich Ihnen Eröffnungen machte. Es war eine Niederträchtigkeit,
ich hätte mich an Ihren Edelmuth, Ihre Hochherzigkeit wenden,
ich hätte Ihnen die Schrecknisse meines unbefangenen Lebens
beschreiben, meine Sehnsucht nach einem schöneren, würdigeren
Dasein schildern sollen, wie ich es eben jetzt gethan. Dann
muußte ich Ihnen beweisen, wie ich diejenige zu lieben im
Stande bin, die mit ganzer Seele an mir hängt, und Sie
bitten, mir die Versicherung Ihrer Treue in derselben Weise zu
geben, wie ich Sie Ihnen entgegen trug. Jane, ich bitte Sie
jetzt darum!
Eine Pause trat ein.
Warum schweigen Sie, Jane?

Es war mir, als würde ich einem Gottesurtheil unterzogen, als durchwühlte mir eine Hand von glühendem Eisen
die Eingeweide. O, des schrecklichen Augenblickes, voll des
schmerzlichsten Kampfes, der trostlosesten Verzweiflung! Kein
menschliches Wesen konnte sich wünschen, mehr geliebt zu werden,
als ich geliebt wurde, und ihn, der mich so liebte, betete ich
wahrhaft an, und doch mußte ich meiner Liebe, meinem Idole
entsagen. Und die Erfüllung dieser herzzerreißenden Pflicht
bezeichneten die wenigen, aber schauerlichen Worte: ,Du mußt
fort!
,Sie verstehen nicht, was ich von Ihnen verlange,
Jane? Bloß das Versprechen: Ich will Ihnen angehören, Mister
Rochester.
,Mister Rochester, ich will Ihnen nicht angehören.
Wieder trat eine lange Pause ein.
, Jane, begann er mit einer Sanftmuth, die mich mit !
namenlosem Schmerz und banger Ahnung erfüllte-- denn diese j
leise Stimme war das Athemholen des erwachenden Löwen -= s
, Jane, ist es Ihre Absicht, Ihren eigenen Weg durch die Welt
gehen und mich auf dem meinigen allein zu lassen?
,So ist's.
, Jane! -- sich zu mir neigend und mich umarmend --
, auch jetzt noch?
, Gewiß.
, Und nun? mich sanft auf Stirne und Wange küssend.
, Ich bleibe dabei. Bei diesen Worten entwand ich mich
seiner Umarmung.
, O, das ist bitter, Jane, das ist schlecht! Es wäre keine
Sünde, mich zu lieben.
, Aber es wäre ein Verbrechen, Ihnen zu gehorchen.
Ein wilder Ausdruck überflog sein Gesicht. Er stand auf,
doch hielt er noch an sich. Ich stützte mich auf eine Stuhllehne;
ich zitterte vor Furcht, aber mein Entschluß war gefaßt.
, Einen Augenblick, Jane. Werfen Sie einen Blick auf mein
zukünftiges Leben, wenn Sie fort sind. Mit Ihnen weicht alles
Glück von mir. Was bleibt mir noch? Jene Wahnsinnige dort
oben, und ebenso gut könnten Sie mich an eine Leiche im Kirchhofe weisen. Was soll ich thun, Jane? Wo soll ich eine Gefährtin, wo Trost und Hoffnung suchen?

, Thun Sie wie ich, vertrauen Sie auf Gott und auf Ihre
eigene Kraft. Blicken Sie zum Himmel und hoffen Sie auf ein
baldiges Wiedersehen in einem künftigen Leben.
,Sie sind also unerbittlich?
, Ich bin es.
,Sie verdammen mich dazu, elend zu leben und noch elender
zu sterben? Er sprach diese Worte mit steigender Stimme.
, Ich rathe Ihnen, nun ohne Sünde zu leben und ruhig
zu sterben.
, Und Sie nehmen Liebe und Schuldlosigkeit von mir und
weisen mir die Wollust als Herzensneigung und das Laster als
eine Beschäftigung zu?
, Ich weise Ihnen ein solches Geschick ebenso wenig zu, als
ich selbst danach trachte. Wir Menschen sind zu Kampf und
Entbehrung geboren -- Sie so gut wie ich; handeln Sie
danach. Sie werden mich wohl früher vergessen, als ich
Sie.
,Durch solche Reden stempeln Sie mich zum Lügner und
greifen meine Ehre an. Ich sage Ihnen, ich könnte mich nicht
ändern, und Sie behaupten mir ins Gesicht, es werde in kurzer
Zeit der Fall sein. Und welche Verirrung Ihres Verstandes,
welche Verderbtheit Ihres Gemüthes legen Sie durch Ihre
Handlungsweise an den Tag! Ist es besser, man treibt einen
Mitmenschen zur Verzweiflung, als man übertritt eine bloße
Menschensatzung, wenn durch die Uebertretung niemanden ein
Leid zugefügt wird? Denn Sie haben weder Freunde noch
Anverwandte, die Sie dadurch verletzen könnten, daß Sie mit
mir leben.
Das war richtig und während er sprach, wurden Verstand
und Gewissen zu Verräthern an mir, und warfen mir meinen
Widerstand als ein Verbrechen vor. Sie sprachen fast so laut
als mein Gefühl, welches unbändig tobte. , O, gieb nach,
rief es. , Denke an sein Elend, an die Gefahren, denen er,
wenn allein, preisgegeben ist. Erinnere Dich seiner Heftigkeit, der Tollheiten, die er in seiner Verzweiflung zu begehen
im Stande ist. Rette und liebe ihn, sage ihm, Du wollest sein
werden. Wer in der ganzen weiten Welt kümmert sich um Dich
oder leidet durch diese Handlungsweise auch nur den geringsten
Schaden?

Doch die unausweichliche Antwort lautete: ,Mir selbst
muß an meiner Achtung gelegen sein. Je einsamer, je freund-
und hilfloser ich dastehe, desto mehr muß ich für die Wahrung
meiner Ehre Sorge tragen. Ich will das von Gott gegebene,
von den Menschen heilig gehaltene Gesetz befolgen; ich will fest
an den Grundsätzen halten, die mir eingeflößt wurden, da ich,
noch meine gesunde Vernunft hatte und nicht halb verrückt war,
wie ich es jetzt bin. Gesetze und Grundsätze sind nicht für Zeiten
gegeben und aufgestellt, wo keine Versuchung lockt; gerade für
solche Augenblicke, wie der jetzige ist, passen sie, wo sich Geist
und Körper gegen die Giltigkeit derselben auflehnen. Sie lauten
streng, allein sie dürfen nicht übertreten werden. Wenn ich dies
nach meinem eigenen Belieben thun könnte, welchen Werth hätten
sie denn im Allgemeinen. Und daß sie einen großen Werth
haben, davon war ich stets überzeugt und daß ich in diesem,
Momente daran zweifle, das kommt daher, weil ich kaum meiner
Sinne mächtig bin, weil mir Feuer durch die Adern läuft, und
mein Herz schneller schlägt, als ich die einzelnen Schläge zählen
kann. Frühere Ansichten und Entschlüsse sind alles, was mir in
dieser Stunde der Prüfung zur Seite steht und darauf will ich
mich stützen.
Mein Entschluß war gefaßt. Mister Rochester las ihn von
meinem Gesichte ab. Seine Leidenschaftlichkeit hatte den höchsten
Grad erreicht; er mußte ihr irgend einen Ausbruch gestatten.
Er durchschritt das Gemach, kam auf mich los, ergriff meinen
Arm und faßte mich um den Leib. Er schien mich mit seinen
Flammenblicken verzehren zu wollen; körperlich fühlte ich mich
in dieser Minute so schwach wie ein ohr, das vom Winde
hin und her gepeitscht wird, geistig war ich noch kräftig genug
und meiner endlichen Rettung aus dem Sturme gewiß. Die
Seele besitzt glücklicherweise einen oft unbewußten, doch stets
getreuen Dolmetsch an dem Auge. Ich schlug den Blick zu ihm
empor und während ich ihm in das zornglühende Gesicht schaute,
entfuhr mir ein unwillkürlicher Seufzer. Der Druck seiner Hand
schmerzte mich und meine übermäßig angestrengte Kraft war
erschöpft.
,Nie, sagte er zähneknirschend, ,nie in meinem Leben sah
ich ein so schwaches und doch so unüberwindliches Wesen. Wie
ein Strohhalm fühlt sie sich an! Dabei schüttelte er mich mit
seiner gewaltigen Hand. , Ich könnte sie mit zwei Fingern umbiegen, aber was helfe es mir, wenn ich es thäte, wenn ich sie
zusammenrollte, zerdrückte? Seht einmal das Auge, seht den
wilden, entschlossenen, freien Blick, der mich mit mehr als Muth,
mit der Sicherheit des unausweislichen Sieges herausfordert!
Ich mag mit dem Kerker machen was ich will, den scheuen,
theuren Gefangenen vermag ich nicht zu erlangen. Zerbreche ich
die schwache Hülle, erreiche ich mit meinem Frevel nichts weiter,
als daß mir sein Bewohner entflieht und im Himmel ist, ehe
ich noch sein irdisches Wohnhaus ganz in meinen Händen habe.
Und nur Du bist es, Du kräftige, tugendhafte, keusche Seele,
nach der ich trachte, nicht Dein gebrechliches Gefängniß. Warum
brichst Du nicht von selbst Deine Fesseln und kommst zu mir
und ziehst in mein Herz ein? Gegen Deinen Willen kann ich
Dich nicht fassen, ebenso wenig als einen Wohlgeruch, der verflüchtigt, noch ehe man seinen Duft eingesogen hat. O, komm',
theure Seele, komm'!
Er hatte mich inzwischen losgelassen und blickte mich nur
noch an. Weit schwerer war es, diesem Blicke zu widerstehen,
als jenem wilden, krampfhaften Drucke; allein nur eine Blödsinnige wäre jetzt unterlegen. Ich hatte seiner Wuth getrotzt, sie
gebrochen, seinem Schmerze mußte ich ausweichen. Ich zog mich
zur Thür zurück.
, Sie gehen, Jane
, Ich gehe, Sir.
, Sie verlassen mich?
, Ja.
, Sie bleiben nicht bei mir? Sie wollen nicht meine
Trösterin, meine Erlöserin sein? Meine heiße Liebe, mein wilder
Schmerz, mein Bitten und Flehen -- gilt Ihnen das alles
nichts?
Welche glühende Leidenschaft lag in dem Tone seiner
Stimme! Wie schwer wurde es mir, wiederholt zu erwidern:
Ich gehe.
, Jane!
Mister Rochester!
. Sehen Sie -- ich willige ein -- aber erinnern Sie
sich, daß Sie mich hier in Angst und Qual zurücklassen. Gehen
Sie in Ihre Stube hinauf -- denken Sie an alles, was ich
Ihnen gesagt und -- an meine Leiden. Jane, denken Sie
an mich.
Er wandte sich um und warf sich mit dem Gesichte aufs
Sopha. ,O, Jane! Meine Hoffnung, meine Liebe, mein Leben!
ertönte es schmerzlich von seinen Lippen. Ein tiefer, langgezogener
Seufzer folgte.
Ich hatte bereits den Ausgang erreicht, aber -- ich ging
noch einmal zurück, ebenso festen Schrittes, als ich mich entfernt
hatte. Ich kniete vor ihm nieder, hob seinen Kopf aus den
Kissen empor, küßte seine Wange und strich ihm das Haar glatt.
,Gott segne Sie, mein theurer Herr!' sagte ich. ,Er halte
Schmerz und Gram fern von Ihnen, er geleite und tröste Sie,
er lohne Ihnen alle mir erwiesene Güte!
,Meine beste Belohnung wäre die Liebe meiner kleinen Jane
gewesen, antwortete er, ohne sie stirbt mein Herz ab. Doch
Jane wird mir ihre Liebe schenken, das wird sie in ihrem Edelmuth, ihrer Herzensgüte.
Das Blut stieg ihm ins Gesicht, seine Augen blitzten, er
sprang in die Höhe und breitete die Arme nach mir aus. Aber
ich ging der beabsichtigten Umarmung aus dem Wege und verließ mit einemmale das Zimmer.
,Lebe wohl! rief mein Herz, als ich ihn verließ. Die
Verzweiflung fügte hinzu: , Lebe wohl auf ewig!

Ich dachte gar nicht, daß ich die Nacht würde schlafen
können; aber kaum hatte ich mich ins Bett gelegt, als auch
schon der Schlummer meine Augen schloß. Ein lebhafter Traum
versetzte mich in die Tage meiner Kindheit zurück. Ich träumte,
ich liege in der rothen Stube zu Gateshead, die Nacht sei
finster und mein Gemüth unter dem Einflusse einer sonderbaren
Furcht. Jener Lichtschein, der mich vor Jahren bewußtlos gemacht, erschien mir in meinem Traumgesichte; ich sah ihn die
Wand hinangleiten und inmitten der Zimmerdecke zitternd Halt
machen. Ich hob meinen Kopf empor, um die Erscheinung zu
besichtigen; die Zimmerwölbung löste sich in schwere, düstere
Wolken auf und der Schimmer war demjenigen des Mondes

zu vergleichen, wenn er im Begriffe ist, durch den Nebel zu
brechen. Ich sah seiner Ankunft mit eigenthümlicher Bangigkeit
entgegen, als sollte seine Scheibe die Worte eines Schicksalsspruches enthalten. Endlich zertheilten sich die Wolken, aber es
war nicht der Mond, der sichtbar wurde, sondern eine weiße
menschliche Gestalt, die ihr strahlendes Antlitz zur Erde neigte.
Sie sah mich an. Sie flüsterte meinem Herzen die aus unendlicher Ferne herübertönenden, doch ganz deutlich vernehmbaren
Worte zu:
, Fliehe die Versuchung, meine Tochter!
, Ich will es, theure Mutter, antwortete ich, aus diesem
bedeutungsvollen Traume erwachend. Es war noch Nacht, aber
eine kurze Julinacht, wo sich bald nach Mitternacht die Morgendämmerung einstellt. Es ist nicht zu früh, mit der Ausführung
meines Vorsatzes zu beginnen, dachte ich. Ich erhob mich. Ich
war angezogen, denn ich hatte bloß meine Schuhe abgelegt.
Ich wußte, wo ich in meiner Commode etwas Wäsche, ein Armband und einen Ring zu suchen hatte. Bei dieser Gelegenheit
kam mir ein Halsband von Perlen in die Hände, welches mir
Mister Rochester vor einigen Tagen aufgedrungen hatte. Ich
ließ es zurück; es war nicht mein Eigenthum, es hatte der
Traumgestalt von einer Braut gehört, die nun in Nebel zer-
flossen war. Die anderen Gegenstände band ich in ein Packet
zusammen, meine Börse mit zwanzig Shillingen, meinem ganzen
Vermögen, steckte ich zu mir. Ich setzte meinen Strohhut auf,
nahm meinen Shawl um, erfaßte das Päckchen und die Schuhe,
die ich erst im Freien anziehen wollte, und stahl mich zur
Stube hinaus.
, Adieu, gute Mistreß Faitfax,' flüsterte ich bei ihrer Thür
vorübergleitend. ,Adieu, meine theure Adela, sagte ich mit einem
Blicke nach der Kinderstube. Ich konnte nicht hineintreten und
sie ein letztesmal in meine Arme schließen; ich hatte ein feines
Gehör zu täuschen, das vielleicht gerade in diesem Augenblicke
aufpaßte.
Ich wollte bei Mister Rochester's Stube rasch vorüber
schreiten; doch mein Herz stand still, als ich seiner Schwelle
nahe kam und auch mein Fuß blieb zögernd stehen. Weder
Schlaf noch Ruhe herrschte in dem Gemache, dessen Bewohner
rastlos auf und ab ging und seufzte. Ein Himmel, ein irdischer

Himmel war für mich darin bereit, ich durfte nur hineingehen
und sagen:
, Mister Rochester, ich will Sie lieben und bei Ihnen bis
zu meinem Tode ausharren, und ein nie geahntes Paradies
eröffnete sich mir. Ich dachte daran.
Mein theurer Gebieter, der nun nicht schlafen konnte, sah
dem Tage ungeduldig entgegen. Ich wußte, er werde gleich des
Morgens nach mir schicken und mich nicht mehr finden, er werde
überall nach mir suchen, doch umsonst. ,Er wird sich verlassen
und elend fühlen, stellte ich mir vor; ,Gerzweiflung wird dem
Schmerze über verschmähte Liebe folgen. Meine Hand wollte
nach der Thürklinke greifen, ich zog sie hastig zurück und eilte
rasch weiter.
Wie im Traume ging ich die Treppe hinab; ich wußte,
was ich zu thun hatte und that es mechanisch. In der Küche
suchte ich den Schlüssel zur Hinterthür; etwas Oel und eine
Feder, den Schlüssel und das Schloß einzuölen. Ich trank etwas
Wasser und nahm ein Stück Brot zu mir; vielleicht mußte ich
weit gehen und meine in der letzten Zeit so sehr zerrütteten
Kräfte konnten mich leicht verlassen. Alles das vollführte ich
ganz geräuschlos. Dann öffnete ich die Thür, schlich mich hinaus
und schloß sachte hinter mir zu. Es dämmerte bereits. Das
Hauptthor der Hofmauer war geschlossen, ein Seitenpförtchen
dagegen bloß zugeriegelt. Durch dieses letztere trat ich hinaus
und befand mich nun außerhalb Thornfield.
Eine Meile davon, jenseits der Felder, lag eine Straße,
die sich in der entgegengesetzten Richtung von Millcote ausdehnte, eine Straße, die ich nie gereist war, aber oft betrachtet
hatte, voll Neugierde, wo sie hinführte. Dorthin lenkte ich meine
Schritte. Es war keine Zeit zu überlegen oder einen Blick
zurückzuwerfen. Ich konnte weder der Vergangenheit noch der
Zukunft einen Gedanken widmen. Die erstere füllte ein so wunderliebliches und doch so trauriges Blatt meiner Lebensgeschichte,
daß eine einzige Zeile davon meinen Muth schwächen, meine
Kraft brechen mußte. Die letztere zeigte eine unheimliche Leere,
wie sie etwa nach der Ueberschwemmung der Welt vorhanden war.
Ich schritt über die Felder, Hecken und Fußwege entlang,
bis die Sonne aufging. Ich glaube, es war ein lieblicher
Sommermorgen; meine Schuhe waren binnen kurzer Zeit ganz
durchnäßt vom Thau. Aber ich sah weder nach der aufgehenden
Sonne, noch nach dem heiteren Himmelsraume, noch nach der
erwachenden Natur. Derjenige, der zum Schaffot hinausgeführt
wird, denkt nicht an die bunten Blumen am Wege, sondern an
den Holzblock und an die Schärfe des Beiles; ich dachte an meine
trostlose Flucht und mein heimatloses Herumirren und -- an das
Theuerste, was ich zurückließ. Ich konnte nicht anders. Ich stellte
mir ihn in seinem Zimmer vor, wie er die aufgehende Sonne
betrachtet, voll Erwartung, ich werde nun kommen und ihm sagen,
ich wolle nun bleiben und ihm angehören. Ich sehnte mich danach, sein zu sein, wieder zurückzukehren, ihm den bitteren Schmerz
meines Verlustes zu ersparen. Noch war meine Flucht gewiß
nicht entdeckt worden, noch konnte ich umkehren, ihn trösten,
beglücken, vom Elend, vielleicht vom Untergange erretten. Wie
drückte mir die Angst vor seiner Verzweiflung, die jedenfalls
noch die meinige überbot, das Herz ab! Die Vögel sangen in
Wäldern und Feldern; die Vögel tauschten Liebe um Liebe, sie
erschienen mir als die Sinnbilder dieses himmlischen Gefühles.
Und was that ich? Mitten in meiner Herzenspein und in meinem
Ringen nach Pflichterfüllung kam mir der Abscheu vor mir
selber. Nicht einmal den Trost der Selbstzufriedenheit hatte ich,
nicht denjenigen der Selbstachtung. Ich hatte meinen Gebieter
beleidigt -- tödtlich verletzt -- verlassen. Ich verachtete mich
selbst. Doch ich konnte nicht umkehren, keinen Schritt nach rückwärts thun. Gott selbst wies mir meinen Weg in die Ferne;
leidenschaftlicher Schmerz hatte meinen Willen gelähmt, die
Stimme meiner Vernunft übertäubt. Unter heftigem Schluchzen
setzte ich meinen einsamen Weg fort; schneller, immer schneller
rannte ich wie im Fieberwahn vorwärts. Endlich erlag ich der
Mattigkeit, die seit dem vorhergehenden Tage in meinen Gliedern
lag, und ich sank zu Boden. Einige Minuten blieb ich liegen
und drückte meine brennenden Wangen auf den nassen Rasen.
Ich fürchtete oder hoffte vielmehr, der Tod werde mich hier
ereilen; doch bald faßte ich wieder Muth und kroch auf Händen
und Füßen weiter, mehr denn je entschlossen, die Fahrstraße zu
erreichen.
Dort angelangt, sah ich mich genöthigt, eine Weile unter
einer Hecke auszuruhen. Ich hörte das Rollen eines Wagens
und sah eine Kutsche herankommen. Ich stand auf und winkte;

sie hielt an. Ich frug, wohin sie ginge; der Kutscher nannte
mir einen weit entfernten Ort, wo Mister Rochester, wie ich
ganz gewiß wußte, keine Bekannten hatte. Ich erkundigte mich
nach dem Fahrpreise; er verlangte dreißig Shillinge. Ich antwortete, ich hätte nur zwanzig; er meinte, er wolle sehen, daß
es genüge. Er erlaubte mir ferner, mich in das Innere zu
setzen, da der Wagen leer war. Ich stieg hinein und er
rollte fort.
Mögest Du, liebe Leserin, nie fühlen, was ich fühlte.
Mögen Deine Augen nie so heiße, so blutige Thränen vergießen, als sie den meinen entströmten. Mögest Du nie so hoffnungslose Gebete zum Himmel emporsenden, als in jener bitteren
Stunde über meine Lippen kamen. Mögest Du endlich nie, wie
ich, zittern müssen, daß Du demjenigen, den Du liebst, den
Todesstoß versetztest!

II.

Zwei Tage sind verflossen. Es ist ein Sommerabend; der
Kutscher hat mich an einem Orte Namens Whitcroß abgesetzt.
Er konnte mich für das erhaltene Fahrgeld nicht weiter mitnehmen, und ich besaß keinen rothen Heller mehr. In diesem
Augenblicke ist die Kutsche über eine Meile entfernt; ich bin
allein. Nun erst bemerke ich, daß ich mein kleines Packet aus
der Wagentasche herauszunehmen vergaß, wohin ich es der
Sicherheit wegen gesteckt hatte. Dort steckt es, holen kann ich es
nicht mehr, und ich bin nun ganz arm.
Whitcroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Weiler, sondern
bloß eine steinerne Säule an einem Kreuzwege, weiß angestrichen,
um von der Ferne besser sichtbar zu sein. Vier Arme weisen
nach den vier verschiedenen Richtungen der Straßen. Die Aufschrift,
zeigt, daß der nächste Ort zehn, der weitest entfernte zwanzig
Meilen von hier liegt. Die wohlbekannten Namen der beiden
Städte lassen mich erkennen, in welcher Grafschaft ich mich
befinde. Es ist ein unfruchtbares Sumpfland, theilweise gebirgig,
wie ich sehe. Große Moräste liegen hinter mir und zu beiden
Seiten; jenseits jenes tiefen Thales steigen Berge in die Höhe.
Die Bevölkerung muß hier sehr dünn gesät sein, und ich bemerke
keine Reisenden auf den vier Straßen, die sich nach allen
Himmelsgegenden ausdehnen und sämmtlich durch Sumpfboden
führen. Doch konnte der Zufall einen einsamen Wanderer in die
Nähe bringen, und ich möchte nicht, daß mich ein Menschenauge
erblickte; die Leute würden sich wundern, was ich hier am Fuße
des Wegweisers zu suchen habe, Fragen an mich stellen, die ich
nicht beantworten könnte, und Zweifel und Verdacht müßten in
ihnen rege werden. Kein Band fesselt mich in diesem Augenblicke
an die menschliche Gesellschaft, keine Hoffnung ruft mich zu den
Wohnungen meiner Mitmenschen, und kein Sterblicher, der mich
sieht, wird einen guten Gedanken und einen freundlichen Wunsch
für mich bereit haben. Ich habe keinen anderen Anverwandten,
als die Allmutter Natur; an ihre Brust will ich mich legen und
Ruhe suchen. Ich ging geraden Weges auf die Haide los, hielt mich
längs eines Abhanges, der sich am dunkeln Sumpfe hinzog,
watete bis an die Knie in dem dichten Haidekraute und fand
endlich einen bemoosten Granitstein, unter dem ich mich niedersetzte. Die hervorragende Steinplatte schützte mein Haupt, rings
um mich sah ich nur Himmel und Haideland.
Eine geraume Zeit verging, bevor ich mich, selbst in diesem
abgelegenen Winkel der Erde, sicher fühlte; eine leise Furcht
befiel mich, es möchte wildes Vieh in der Nähe sein, ein Jäger
oder ein Wilddieb herankommen und meiner ansichtig werden.
Wenn der Wind über die Einöde strich, sah ich empor, ob es
nicht das Schnauben eines Stieres oder Pferdes sei; wenn ein
Kibitz pfiff, dachte ich, es sei ein Mensch. Meine Befürchtungen
unbegründet findend und durch die in der ganzen Gegend herrschende tiefe Stille beruhigt, faßte ich Muth und Vertrauen.
Bis nun hatte ich vor lauter Horchen keine Zeit zum Nachdenken gefunden; jetzt war der Augenblick gekommen, wo ich mich
meinen Gedanken überlassen konnte.
Was sollte ich nun beginnen? Wohin sollte ich gehen?
Beides qualvolle Fragen, da ich nichts thun, nirgends hingehen
konnte, da noch ein unermeßlicher Weg von meinen schwachen
Füßen durchschritten werden mußte, bevor ich zu einer menschlichen Wohnung kam! Und dann mußte ich erst eine Unterkunft
erbetteln, mich zudringlich schelten, hundertmal abweisen lassen,
ehe ich eine gutmüthige Seele fand, die meiner Erzählung
Glauben schenkte, mir unter die Arme griff.

Ich legte mich auf das Haidekraut nieder, es war trocken
und noch warm von der Sonnenhitze. Ich blickte zum Himmel
empor, er war heiter und ein freundlicher Stern erglänzte gerade
über mir. Der Thau fiel, doch weder stark, noch kalt; kein
Lüftchen regte sich. Die Natur schien mir wohl zu wollen und
geneigt zu sein und ich, die ich mich von Seite der Menschen
nur auf Mißtrauen, Zurückweisungen und üble Behandlung
gefaßt machen konnte, schmiegte mich mit kindlicher Zärtlichkeit
an sie. Diese Nacht wenigstens wollte ich ihr Gast sein -- wie
ich schon ihr Kind war; meine Mutter beherbergte mich umsonst,
ohne Anspruch auf Gewinn. Noch besaß ich einen Bissen Brot,
den Ueberrest eines kleinen Laibes, den ich mir für einen zufällig
in meiner Tasche gefundenen Penny. unterwegs gekauft hatte.
Dieses Mahl stillte wohl meinen Hunger nicht ganz, doch war
es besser als nichts. Mit dem Essen zu Ende gekommen, sagte
ich mein Abendgebet her und legte mich dann schlafen.
Ich faltete meinen Shawl doppelt zusammen und breitete
ihn über mich statt einer Decke aus; ein niedriger mit Moos
bewachsener Stein war mein Kopfkissen. Auf diese Weise konnte
mir, wenigstens nicht gleich anfangs, die Kühle der Nacht etwas
anhaben.
Mein Schlaf wäre ein ruhiger gewesen, hätten mich die
klaffenden Wunden meines Herzens nicht so sehr geschmerzt. Es
zitterte für Mister Rochester und seine Zukunft, es beweinte sein
trauriges Schicksal mit blutigen Thränen, es schlug ihm mit
sehnsüchtigem Verlangen entgegen, und ohnmächtig wie ein
Vogel, dessen Flügel gebrochen, bewegte es noch immer seine
zerschmetterten Schwingen zu nutzlosen Versuchen, dem Geliebten
entgegen zu fliegen.
In meinem Inneren von solch qualvollen Gedanken zerfleischt, stand ich bald von meinem Lager auf. Es war Nacht
und Mond und Gestirne erglänzten am Firmamente, der Himmel
war zu heiter, um Angst und Furcht zuzulassen. Wohl wissen
wir, daß Gott überall ist, doch empfinden wir seine Nähe am
lebhaftesten, wenn die großartigen Werke seiner Schöpfung vor
uns liegen, und am wolkenlosen, heiteren Nachthimmel, wo seine
Welten ihren stillen Lauf verfolgen, lesen wir am deutlichsten
seine Unendlichkeit, Allmacht und Allgegenwart. Ich kniete nieder,
um für Mister Rochester zu beten. Zum Himmel emporsehend,
erblickten meine in Thränen schwimmenden Augen die mächtige
Milchstraße. Mich daran erinnernd, woraus sie besteht, welch
zahllose Planetensysteme diesen schwachen Lichtstreif bilden, fühlte
ich mich von Gottes Größe und Allmacht durchdrungen. Ich
war von seinem Willen, die Werke seiner Hand zu erhalten,
überzeugt, ich wußte, daß weder die Erde, noch irgend eine
Menschenseele zugrunde gehen könne. Mein Gebet war ein Dankgebet; der Urquell des Lebens ist jg auch der Behüter der
Seelen. Mister Rochester war sicher, als Gottes Geschöpf stand
auch er unter Gottes Schutz. Wieder legte ich mich nieder, und
in kurzer Zeit hatte der Schlaf meinen Schmerz und meine
Sorgen zur Ruhe gebracht.
Doch am nächsten Tage schon stellte sich nackt und hohläugig der Mangel ein. Lange, nachdem die Vögel ihre Nester
verlassen hatten, die Bienen im frischen Morgenthau auf das
Haidekraut hernieder geflogen waren, den süßen Honig zu
sammeln, als der Schatten schon kürzer geworden, und die Sonne
mit der Fülle ihrer Strahlen Himmel und Erde beschien, erwachte ich und blickte um mich herum.
Welch heiterer, warmer, köstlicher Tag! Wie golden und
glänzend sah das Sumpfland aus! Allüberall Sonnenschein!
Ich wünschte hier bleiben, hier leben zu können. Eine Eidechse
lief über den bemoosten Stein, eine Biene summte geschäftig
unter den süßen Heidelbeeren. Gern wäre ich in diesem Augenblicke eine Biene oder eine Eidechse gewesen, um hier Nahrung
und Wohnung zu finden. Allein ich war ein menschliches Wesen
und hatte menschliche Bedürfnisse; ich durfte nicht an einem
Orte bleiben, wo ich keine Aussicht hatte, dieselben befriedigen
zu können. Ich erhob mich, und warf einen Blick nach dem Lager
zurück, von dem ich aufgestanden war. Ohne Aussichten in die
Zukunft, ohne Hoffnungen, konnte ich den Wunsch nicht unter-
drücken, mein himmlischer Vater hätte mich diese Nacht, während
ich schlief, zu sich genommen, und mir weitere Kämpfe und
Leiden erspart. Doch lebte ich nun einmal, und fühlte alle die
Schmerzen und Bedürfnisse des menschlichen Daseins; ich mußte
also die Last ertragen, für meine Bedürfnisse sorgen, die Leiden
Geduldig hinnehmen. Ich machte mich auf den Weg.
Am Meilenzeiger angelangt, wählte ich diejenige Straße,
die am meisten vor der Sonnenhitze geschützt schien. Kein anderer

Umstand entschied meine Wahl. Ich ging eine geraume Zeit
fort, und als ich dachte, eine genug weite Strecke zurückgelegt
zu haben, und meine müden Glieder auf einer nahen Steinbank
ausruhen zu dürfen, hörte ich ein Geläute, das Läuten einer
Kirchenglocke.
Ich wandte meine Blicke nach der Richtung des Schalles
und bemerkte zwischen den romantischen Hügeln, die ich noch vor
einer Stunde betrachtet hatte, ein Dörfchen und einen Kirchthurm.
Das Thal zu meiner Rechten bestand aus Weideland, Getreidefeldern und Gehölz; ein klarer Strom durchschlängelte es seiner
ganzen Richtung nach. Das Gerassel eines Wagens lenkte meine
Aufmerksamkeit auf die Fahrstraße und ich sah einen schwerbeladenen Wagen mühsam bergan fahren; nicht weit von mir
weidete ein Mann seine beiden Kühe. Menschliche Lebendigkeit,
menschliche Thätigkeit waren nahe. Auch ich mußte mich abmühen, für meinen Unterhalt sorgen und arbeiten, gleich meinen
übrigen Mitmenschen.
Beiläufig um zwei Uhr Nachmittags langte ich im Dorfe
an. Am Ende der einen Straße befand sich ein kleiner Laden
mit Kuchen im Auslagekasten. Ich empfand eine lebhafte Sehnsucht nach einem derselben. Eine derlei Erfrischung konnte mir
neue Kräfte geben, denn ohne etwas zu genießen, war es mir
fast unmöglich, weiter zu gehen. Der Wunsch nach Kraft und
Stärke wurde in mir mit demselben Augenblicke lebendig,
wo ich mich wieder unter Menschen befand. Ich fühlte, wie
demüthigend es wäre, in der Straße eines Dorfes vor Hunger
umzusinken. Hatte ich denn gar nichts bei mir, um es gegen
eine Semmel auszutauschen? Ich dachte nach. Wohl besaß ich
ein kleines seidenes Halstuch und Handschuhe. Ich hatte es nie
selbst erfahren, was man in solchen äußersten Fällen zu thun
pflegt; ich wußte nicht einmal, ob man einen dieser Gegenstände
annehmbar finden würde. Vielleicht scheiterte mein Versuch, allein
ich mußte ihn wagen.
Ich trat in den Laden; eine Frau saß darin. Eine anständig
gekleidete Person, ihrer Meinung nach eine vornehme Dame
erblickend, kam sie mir ganz artig entgegen. Sie frug mich, was
mir zu Diensten stände? Ich schämte mich und konnte die vorbereitete Bitte nicht über die Zunge bringen. Ich wagte es nicht,
ihr meine getragenen Handschuhe, mein zerknittertes Halstuch
anzubieten; die Zumuthung eines Tauschhandels kam mir nun
selbst albern vor. Ich bat nur um Erlaubniß, mich einen Augenblick setzen zu dürfen, da ich sehr müde wäre. Sich in der Erwartung, eine Kundschaft an mir zu bekommen, getäuscht sehend,
gewährte sie mir mein Ansuchen mit frostiger Miene und wies
mir einen Stuhl an. Ich sank darauf hin und wollte fast weinen.
Bald erinnerte ich mich jedoch, wie unzeitig eine solche Kundgebung meiner Gefühle wäre, und hielt meine Thränen zurück.
Dann frug ich, ob es im Dorfe keine Putzmacherin oder Weißnäherin gebe?
, Ja wohl, zwei oder drei. Gerade genug für den kleinen
Ort.
Ich überlegte. Ich war nun zum Aeußersten gebracht und
meine Noth fürchterlich. Ohne eine Hilfsquelle, ohne Freunde,
ohne Geld mußte ich Schritte für die Erhaltung meines Lebens
thun. Auf welche Weise? Ich mußte mir einen Dienst suchen.
Aber wo?
, Ist Ihnen kein Haus in der Nachbarschaft bekannt, frug
ich, , wo man ein Dienstmädchen brauchen könnte?
, Ich weiß keines.
, Welches ist die Hauptbeschäftigung des Ortes
, Viele Leute treiben Ackerbau, die anderen arbeiten in
Mister Oliver's Nadelfabrik und in der Gießerei.
, Verwendet Mister Oliver auch Frauenzimmer?
, Nein, bloß Männer.
, Und womit beschäftigen sich die Weiber?
, Mit dem und jenem. Arme Leute müssen sehen, wie sie
fortkommen.
Meine Fragen schienen der Frau lästig zu werden. Und
was hatte ich auch für ein Recht, sie zu belästigen? Einige Nachbarinnen traten in den Laden, mein Stuhl wurde allem Anscheine
nach benöthigt. Ich empfahl mich.
Ich ging die Straße entlang und sah mir alle Häuser
rechts und links an. Allein es fiel mir kein Vorwand bei, unter
welchem ich in irgend eines hätte treten können. Eine ganze
Stunde wanderte ich auf diese Weise im Dorfe herum. Ganz
erschöpft und den Qualen des nagendsten Hungers preisgegeben,
bog ich einen Seitenweg ein und ließ mich unter einer Hecke
nieder. Doch schon nach wenigen Minuten war ich wieder in

der Höhe und setzte meine Forschungen fort, um irgend eine
Hilfsquelle zu entdecken oder doch wenigstens Erkundigungen
einzuziehen. Ein kleines hübsches Haus mit einem netten Blumengärtchen stand am Ende des Weges. Ich blieb vor demselben
stehen. Aus welcher Ursache konnte ich mich der weißen Thür
nähern, den blanken Pocher berühren? Was konnte die Bewohner
veranlassen, mir zu helfen? Dennoch trat ich ans Thor und
pochte. Ein sanft aussehendes, sauber gekleidetes Mädchen machte
auf. Mit halb erstickter, gebrochener Stimme erkundigte ich mich,
ob man hier ein Dienstmädchen brauchen könne.
,Nein,’ lautete die Antwort; , wir halten gar keine
Dienstboten.
, Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich irgend eine wie
immer geartete Beschäftigung finden kann? fuhr ich fort. , Ich
bin hier fremd und möchte gern arbeiten.
Allein es war nicht die Sache des jungen Frauenzimmers,
sich viel um mich zu kümmern oder mir einen Dienst zu suchen;
wie zweifelhaft mußte ihr übrigens mein Charakter, wie unwahrscheinlich meine Erzählung vorkommen! Sie schüttelte den
Kopf, versicherte, es thäte ihr sehr leid, mir keine näheren Andeutungen geben zu können und schloß dann die Thür. Hätte
sie noch eine kleine Weile offen gelassen, ich würde sie wahrlich
um ein Stück Brot gebeten haben, denn der fürchterlichste Hunger
wühlte in meinen Eingeweiden.
Der Gedanke, in das schmutzige Dorf zurückzukehren, war
mir unerträglich; zudem war dort gar keine Aussicht auf Rettung
vorhanden. Ich wollte lieber nach einem nahen Gehölze einbiegen, das mir in seinem dichten Schatten einen freundlichen
Zufluchtsort anzubieten schien; doch ich war so krank, so schwach,
so heißhungrig, daß mich der Instinct in der Nähe menschlicher
Wohnungen festhielt.
Ich kroch zu Häusern, schlich mich wieder fort, kam
wieder zurück, um wieder weiter zu wandern. Immer trieb mich
der Gedanke hinweg, daß ich kein Recht habe, eine Unterstützung
zu beanspruchen. Während ich so einem herrenlosen, hungerigen
Hunde gleich herumzog, kam der Abend immer näher. Ein Feld
durchschreitend, sah ich den Kirchthurm vor mir und ging geraden
Weges darauf los. Nahe am Kirchhofe, mitten in einem Garten
stand ein kleines Haus von hübschem Aussehen, ohne Zweifel
das Pfarrhaus. Ich erinnerte mich, daß sich fremde Personen,
die an irgend einem Orte keine Bekannten haben, wegen Beschäftigung und Unterstützung an den Ortsgeistlichen zu wenden
pflegen. Es ist auch in der That die Pflicht eines jeden Gottesmannes, dem Hilflosen wenigstens mit einem guten Rathe beizustehen, und ich dachte irgend ein Recht zu haben, in diesem
Hause eine freundliche Auskunft zu erlangen. Den Rest meiner
nahezu erschöpften Kraft zusammennehmend, erreichte ich das
Gebäude. Ich pochte, ein altes Weib öffnete die Thür.
,Ist dies das Pfarrhaus? frug ich.
,Ja.
,Ist der geistliche Herr zu Hause?
,Nein.
,Kommt er bald zurück?
,Kaum; er ist verreist.
,Weit von hier?
,Nicht gar weit, etwa drei Meilen. Der plötzliche Tod
seines Vaters rief ihn ab; er ist jetzt in Marsh-End und wird
wohl noch vierzehn Tage ausbleiben.
,Ist keine Frau im Hause?
,Nein, ich bin allein hier. Ich bin die Haushälterin.
Es war mir unmöglich, die Frau um etwas zum Essen
anzugehen -- zu betteln. Halb todt kroch ich weiter.
Wieder nahm ich mein seidenes Halstuch ab, wieder dachte
ich an die Semmeln und Kuchen in jenem kleinen Laden. Instinctmäßig wandte ich meine Schritte dem Dorfe zu, hatte den
Laden bald wiedergefunden und trat hinein. Wiewohl noch andere Leute außer der Verkäuferin darin standen, frug ich die
letztere, ob sie mir für das Halstuch eine Semmel geben wollte.
Sie sah mich mit augenscheinlichem Mißtrauen an.
Ich pflege meine Waare nicht auf diese Weise zu verkaufen, sagte sie.
Fast zur Verzweiflung getrieben, verlangte ich einen halben
Kuchen. Sie verweigerte mir auch diesen. , Wer weiß, woher Sie
das Tuch haben, bemerkte die Frau.
, Wollen Sie meine Handschuhe nehmen?
, Nein; was sollte ich damit?
Es ist nicht angenehm, lieber Leser, lange bei diesen Einzelnheiten zu verweilen. Gewisse Leute behaupten, es sei ein Genuß,
nach vergangenen traurigen Zeiten zurückzublicken; doch noch heute
ist es mir unmöglich, an jene Zeit der fürchterlichsten physischen
und moralischen Leiden ohne Schaudern zu denken. -- Es war
eingetroffen, was ich vorhergesehen hatte; ein gewöhnlicher Bettler
wird sehr oft, ein gut gekleideter stets mit Mißtrauen angesehen.
Wohl bettelte ich nur um Arbeit, doch wer hatte die Verpflichtung,
mir welche zu verschaffen? Gewiß am allerwenigsten diejenigen,
die mich zum erstenmale sahen und mich durchaus nicht näher
kannten. Doch genug von diesem Gegenstande; die bloße Erinnerung daran ist mir widerlich.
Eine Weile bevor es dunkel wurde, kam ich bei einer
Pächterswohnung vorüber. An der offenen Thür saß der Pächter
und verzehrte sein Nachtessen, bestehend in Brot und Käse. Ich
blieb stehen.
,Wollen Sie mir ein Stück Brot geben? bat ich, ,ich
bin sehr hungrig. Er sah mich verwundert an; aber ohne ein
Wort zu verlieren, schnitt er ein tüchtiges Stück von seinem
Laibe ab und gab es mir. Ich denke, er hielt mich kaum für
eine Bettlerin, sondern für eine wunderliche Dame, die zufällig
einen Appetit auf sein Schwarzbrot bekommen hatte. Sobald ich
aus dem Bereiche seiner Blicke heraus war, setzte ich mich nieder
und aß. Ich hielt es nicht für möglich, in irgend einem Haufe ein
Nachtlager zu finden und suchte daher in dem besagten Gehölze
eine Unterkunft. Doch brachte ich die Nacht elend zu und meine
Ruhe wurde mehr als einmal durch Vorübergehende unterbrochen,
so daß ich mein Lager einigemal wechseln mußte. Ueberdies war
der Boden feucht, die Nachtluft kalt und gegen Morgen regnete
es ziemlich stark. Der ganze darauffolgende Tag war regnerisch.
Er verging wie der vorhergehende; ich suchte Arbeit und wurde
abgewiesen, ich hungerte und nur ein einzigesmal kam Nahrung über meine Lippen. An der Thür einer Hütte sah ich ein
kleines Mädchen, das gerade im Begriffe stand, eine Schüssel kalten
Breies in einen Schweinetrog zu schütten. , Willst Du mir das
geben? frug ich.
Das Kind starrte mich an. , Mutter! rief es, , ein
Frauenzimmer ist hier und will von mir diesen Brei haben.
,Wohl, Kind, antwortete eine Stimme in der Stube,
,gieb ihr ihn, wenn es eine Bettlerin ist. Die Schweinchen
brauchen ihn so nicht.

Das Mädchen leerte den dick und zäh gewordenen Inhalt
der Schüssel in meine Hände aus, und ich verschlang ihn mit
Heißhunger.
Beim Herannahen der Dämmerung hielt ich auf einem
einsamen Fußpfade an, den ich bereits über eine Stunde verfolgte.
,Meine Kräfte sind erschöpft,' sagte ich zu mir selbst. , Ich
fühle es, daß ich nicht mehr weiter kann. Soll ich diese Nacht
wieder im Freien zubringen, mich im strömenden Regen auf den
nassen Boden legen? Ich muß wohl, denn wer wird mich beherbergen? Es wird eine qualvolle Nacht werden, und wohl bin
ich, noch ehe der Morgen graut, todt. Aber warum kann ich
mich mit dem Gedanken an einen baldigen Tod nicht aussöhnen?
Warum strenge ich mich an, ein werthloses Leben zu verlängern,
zu erhalten? Wohl nur darum, weil ich weiß oder vielmehr
glaube, auch Mister Rochester sei noch unter den Lebenden, und
weil die Natur des Menschen vor der Möglichkeit zurückschreckt,
durch Hunger und Kälte zugrunde zu gehen. Gütiger Himmel!
erhalte mich noch eine Zeit lang, unterstütze -- führe mich!
Mein gläserner Blick glitt über die feuchte neblige Landschaft hin. Ich sah, daß ich mich vom Dorfe weit enfernt hatte;
es war unsichtbar geworden und selbst von den dazu gehörigen
Feldern war nur wenig zu bemerken. Auf verschiedenen Seitenwegen war ich dem Sumpfland nahe gekommen.
,Lieber will ich da unten sterben, dachte ich, ,als in der
Gasse des Dorfes oder auf einer besuchten Straße. Besser, die
Raben verzehren meinen Leichnam, als daß er in einen Sarg
aus dem Arbeitshause gezwängt wird und in einem Armengrabe
vermodert.
Ich ging auf den Hügel zu, der sich hinter dem Sumpflande erhob. Ich erreichte ihn und durfte nur noch eine Höhlung
suchen, wo ich, wenn auch nicht sicher, so doch verborgen war;
aber die ganze Gegend ringsum war eben wie ein Tisch. Mein
Auge schweifte noch über dem wüsten Haidelande hin und her,
als plötzlich auf einem der dunkelsten Punkte, ganz in der Ferne
ein Lichtschein sichtbar wurde. ,Ein Irrlicht, war mein erster
Gedanke und ich erwartete den Schein verschwinden zu sehen.
Doch er hielt an und glänzte ruhig fort, ohne auch nur im
geringsten seinen Standpunkt zu verändern. , Ist es vielleicht ein
Freudenfeuer? frug ich mich selbst. Doch es wurde nicht größer
und verlöschte auch nach langer Zeit nicht. , Das Licht eines
Hauses, schloß ich. Doch wenn auch, so kann ich es nicht
erreichen. Es ist zu weit entfernt, und läge es auch gerade vor
mir, ich könnte eben nur anklopfen, um wieder abgewiesen zu
werden.
Und ich sank auf derselben Stelle nieder, auf der ich stand.
Einige Augenblicke blieb ich ruhig liegen; die Nachtluft zog kalt
über mich hinweg, der Regen fiel in Strömen und durchnäßte
mich bis auf die Haut. Noch lebte ich, noch hatte mich nicht
alles Gefühl verlassen; vor Kälte zitternd stand ich auf. Noch
immer war das Licht zu sehen, zwar matt, doch ohne Unterlaß
durch die feuchte Nachtluft herüberschimmernd. Ich versuchte es
zu gehen, meine müden Glieder nach jener Gegend hinzuschleppen.
Ich überschritt den Hügel und kam dann durch einen weit ausgedehnten Sumpf, der im Winter unwegsam gewesen wäre, und
selbst jetzt, mitten im Sommer, nicht ganz trocken war. Zweimal fiel ich um, stand aber stets wieder auf und spannte meine
Kräfte aufs höchste. Das Licht war meine letzte Hoffnung; ich
mußte es erreichen.
Am Ende des Sumpfes angelangt, bemerkte ich einen
weißen Streif. Darauf zugehend sah ich, daß es eine Straße
war, die gerade nach dem Lichtscheine führte, der, wie ich nun
unterscheiden konnte, aus einer Baumgruppe herüberstrahlte.
Augenscheinlich waren es, so viel ich im Dunkeln erkennen konnte,
Fichtenbäume. Mein Leitstern verschwand, als ich mich näherte;
irgend ein Gegenstand verdunkelte ihn. Ich streckte die Hand
nach der undurchsichtigen Masse vor mir aus und fühlte, daß
es eine niedrige Mauer war. Längs derselben hintappend gewahrte ich etwas Weißes -- eine Thür, die sich aufthat, als
ich sie berührte. Zu beiden Seiten derselben standen dunkle
Gebüsche, Stechpalmen oder Eiben. Nachdem ich die Thürschwelle überschritten hatte und in den Hofraum getreten war,
zeigten sich mir die Umrisse eines schwarzen, niederen, langen
Gebäudes, doch das Licht, das mich geleitet, war nirgends zu
sehen. Dichte Finsterniß schien in allen Räumen des Hauses zu
herrschen. Hatten sich die Bewohner schon zur Ruhe begeben?
Fast fürchtete ich, es möchte der Fall sein. Nach der Eingangsthür suchend, bog ich um die Ecke und der freundliche Schimmer
strahlte mir durch die rautenförmigen Scheiben eines kleinen
Gitterfensters entgegen, das durch die Einfassung von Epheu
oder irgend einer anderen Schlingpflanze noch viel kleiner erschien.
Die Oeffnung war so schmal und so verdeckt, daß man das
Anbringen von Vorhängen oder Fensterläden für überflüssig zu
halten schien, und als ich mich bückte -- das Fenster erhob sich
kaum einen Fuß hoch über den Boden -- konnte ich das Innere
der Stube genau sehen. Der Fußboden war blank gescheuert und
mit Sand bestreut; ein Geschirrkasten von Nußbaumholz zeigte
Reihen von Zinntellern, in denen sich die rothe Glut eines
Torffeuers abspiegelte. Die weitere Zimmereinrichtung bestand in
einer weißen Tafel und einigen Stühlen. Die Kerze, deren
Schein mein Wegweiser gewesen war, stand auf dem Tische und
eine ältliche Frau von etwas rauhem Aussehen, doch von gleicher
Sauberkeit wie ihre ganze Umgebung, strickte bei dem Lichte.
Diese Gegenstände nahmen meine Aufmerksamkeit nur in
einem geringen Grade in Anspruch. Weit mehr interessirte mich
eine Gruppe, die, vom hellen Scheine des Feuers umflossen, in
der Nähe des Herdes saß. Es waren zwei junge, anmuthige
Frauengestalten, jedenfalls den höheren Ständen angehörig, die
eine in einem Schlafsessel, die andere auf einem niedrigen Stuhle
sitzend, beide in tiefster Trauer. Die schwarze Kleidung hob die
schönen Nacken und reizenden Gesichter äußerst vortheilhaft hervor; ein alter Wachhund stützte seinen Kopf auf die Knie des
einen Mädchens, im Schoße des anderen ruhte eine große,
schwarze Katze.
Die bescheidene Küche war ein wunderlicher Aufenthaltsort
für solche Damen. Wer waren sie? Auf keinen Fall die Töchter
der ältlichen Frau dort am Tische, die wie eine Bäuerin aussah,
während die jungen Mädchen in ihrem Aeußeren die feinste
Bildung verrichten. Noch nirgends hatte ich solche Gesichter
gesehen und dennoch kam mir jeder Zug bekannt vor. Sie waren
nicht regelmäßig schön -- viel zu blaß und zu ernst, und wie
sie so über einem Buche in Gedanken versunken dasaßen, kam
mir der Ausdruck ihrer Mienen beinahe finster vor. Ein kleines
Tischchen zwischen ihren Sitzen trug eine zweite Kerze und zwei
große Bücher, in denen sie beständig nachschlugen und sie anscheinend mit zwei kleineren Bänden verglichen, wie Leute, die
bei einer Uebersetzung ein Worterbuch zu Rathe ziehen. Die
ganze Scene ging so still, so geräuschlos vor sich, als wären
alle diese Gestalten Schatten und die geheizte Stube bloß ein
Bild gewesen. Ich konnte fast die Asche durch den Rost fallen,
die Uhr dort im Winkel picken hören und beinahe dachte ich auch
das Klappern der aneinander schlagenden Stricknadeln zu vernehmen. Als endlich eine Stimme das tiefe Stillschweigen brach,
schlug jedes Wort deutlich an mein Ohr.
, Höre, Diana, sagte die eine der schweigsamen Leserinnen;
, Franz und der alte Daniel sind in der Nacht beisammen und
Franz erzählte einen Traum, aus dem er eben voll Entsetzen
erwachte. Und mit halblauter Stimme las sie etwas vor,
wovon ich kein einziges Wort verstand; es war in einer
fremden Sprache abgefaßt, doch weder französisch noch lateinisch.
Ob es griechisch oder deutsch war, konnte ich nicht unterscheiden.
,Das ist kräftig, sagte die junge Dame, mit ihrer Lectüre
zu Ende gekommen; ,so etwas entzückt mich. Das andere
Mädchen, welches seinen Kopf erhoben hatte, um ihrer Schwester
zuzuhören, wiederholte, ins Feuer blickend, eine Zeile des Gelesenen. In späteren Tagen lernte ich die Sprache und das Buch
kennen und will hier diese Zeilen anführen.
, Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht.
Gut, sehr gut! rief sie aus, indes ihre dunkeln Augen Feuer
sprühten. , Das nenne ich ein richtiges Bild eines mächtigen
Erzengels! Diese einzige Zeile ist mehr werth, als hundert
Seiten albernen Gefasels. Ich wäge die Gedanken in der
Schale meines Zornes und die Werke mit dem Gewichte meines
Grimmes. Wie schön ist das!
Und wieder schwiegen die Beiden.
, Giebt's ein Land, wo die Leute so sprechen? frug die
alte Frau, von ihrer Strickerei aufblickend.
, Wohl, Hannah -- ein weit größeres Land als England,
wo man keine andere Sprache spricht, als diese.
,Nun, aufrichtig gesagt, begreife ich nicht, wie da die
Menschen einander verstehen können. Und wenn irgend eine von
Euch hinkäme, würde sie wohl verstehen, was sie hört?
,Etwas wohl, doch nicht alles. Wir sind nicht so geschickt,
als Du glaubst. Wir können nicht deutsch sprechen und nur mit
Hilfe eines Wörterbuches lesen.
, Und was nützt Euch das?

, Wir wollen eines Tages in dieser Sprache oder wenigstens
in ihren Anfangsgründen Unterricht ertheilen und werden damit
mehr Geld verdienen als jetzt.
,Möglich. Doch für heute habt Ihr genug studirt und
könnt nun aufhören.
,Du hast recht; ich wenigstens bin müde. Und Du, Mary?
, Sterbensmatt! Im Ganzen genommen, ist's eine harte
Arbeit, eine Sprache ohne einen anderen Lehrer als ein Wörterbuch zu lernen.
, Gewiß, besonders bei diesem verzwickten, aber herrlichen
Deutsch. Ich möchte wissen, wann St. John nach Hause kommt.
, Er wird wohl nicht mehr lange ausbleiben: es ist gerade
zehn. Sie sah nach einer kleinen goldenen Uhr, die sie aus
ihrem Gürtel zeg. , Es regnet fürchterlich. Willst Du so gut
sein, Hannah, nach dem Feuer im Sprachzimmer zu sehen?
Die Alte stand auf; sie öffnete eine Thür, durch die ich
ein klein wenig hindurch sehen konnte, und bald hörte ich sie
in einem Nebenzimmer das Feuer anschüren. In kurzer Zeit
kam sie zurück.
,Ach, Kinder! sagte sie, ,es ist mir ordentlich unheimlich,
in jenes Zimmer zu gehen. Es sieht so öde aus, seit der Lehnstuhl leer im Winkel steht.
Sie wischte sich die Augen mit der Schürze ab; die beiden
Mädchen wurden traurig.
,Aber er ist gut aufgehoben, fuhr Hannah fort; ,wir
sollten uns ihn nicht wieder in unsere Mitte zurück wünschen.
Zudem hatte niemand einen so leichten Tod als er.
, Er machte von uns keine Erwähnung, sagtest Du? frug
die eine der jungen Damen.
, Er hatte keine Zeit, Kind! Er war in einer Minute weg,
Euer guter Vater. Am Tage zuvor war er ein bißchen unwohl
gewesen, aber es hatte nichts zu sagen, und als ihn Mister
St. John frug, ob er um Euch schicken solle, lachte er ihm ins
Gesicht. Tags darauf -- es ist nun vierzehn Tage her -- fühlte
er wieder eine gewisse Schwere im Kopfe und legte sich nieder,
Um niemals wieder zu erwachen. Er war schon kalt und steif,
als Euer Bruder in die Stube trat. Ach, Kinder, das war der
letzte Zweig des alten Stammes -- denn Ihr und Mister
St. John seid von einer ganz verschiedenen Sorte. Eure Mutter
war gerade so wie Ihr und auch fast so gelehrt. Mary ist ganz
ihr Abbild; Diana sieht dem Vater mehr ähnlich.
Die beiden Schwestern kamen mir einander so ähnlich vor,
daß ich den Unterschied, den die alte Magd -- für eine solche
hielt ich sie -- zu finden vorgab, nicht bemerkte. Beide waren
schwach und schmächtig, beide besaßen ausdrucksvolle geistreiche
Züge. Wohl war das Haar der einen nur einen Gedanken
dunkler und jedes der beiden Mädchen trug einen anderen Kopfputz. Mary's lichtbraune Haare, getheilt und glatt gekämmt,
Diana's dunklere Locken bedeckten den Nacken mit dichten Ringeln.
Die Wanduhr schlug zehn.
, Ihr werdet Euer Nachtessen haben wollen, bemerkte
Hannah, ,und Mister St. John auch, wenn er nach Hause
kommt.
Und sie schickte sich an, die Mahlzeit zu bereiten. Die
Damen standen auf, anscheinend in der Absicht, sich ins Sprachzimmer zu begeben. Bis nun war ich mit ihrem Aussehen, ihrem
Gespräche so sehr beschäftigt gewesen, daß ich darüber mein
eigenes Elend vergaß; jetzt kam es mir wieder ins Gedächtniß
zurück und erschien mir im Vergleiche mit dem Stillleben vor
mir um so drückender, um so trostloser. Wie unwahrscheinlich
schien es mir, die Bewohnerinnen des Hauses für mich gewinnen,
sie veranlassen zu können, meinen Worten Glauben zu schenken
und mir ein Nachtlager zu gewähren! Als ich die Eingangsthür
erreicht hatte und anklopfte, kam mir der letztere Gedanke wie
eine Chimäre vor. Hannah öffnete mir.
,Was wollen Sie? frug sie, mich mit nicht geringer Verwunderung vom Kopf bis zum Fuß beim Scheine der Kerze,
die sie in der Hand hielt, beaugenscheinigend.
, Kann ich mit Ihren Gebieterinnen sprechen? sagte ich.
,Es ist besser, Sie theilen mir erst mit, was Sie denen
zu sagen haben. Woher kommen Sie?
, Ich bin eine Fremde.
, Was haben Sie hier zu dieser Stunde zu thun?
, Ich bitte um ein Nachtlager in irgend einem Winkel und
um einen Bissen Brot.
Ein augenscheinliches Mißtrauen machte sich, wie ich es
befürchtete, in Hannah's Innerem geltend. ,Ich will Ihnen ein
Stück Brot geben, sagte sie nach einer Pause; ,aber wir

können eine Landstreicherin nicht beherbergen. Fällt uns nicht
ein!
,Lassen Sie mich mit Ihren Herrinnen sprechen.
,Nein! Was können die für Sie thun? Sie sollten jet
nicht hier herumschleichen, es sieht verdächtig aus.
,Doch wohin soll ich gehen, wenn Sie mich fortweisen?
Was soll ich thun?
, O, ich wette, Sie wissen, wohin Sie zu gehen und was
Sie zu thun haben. Thun Sie nur nichts Böses, das rathe ich
Ihnen. Hier ist ein Penny und nun gehen Sie!
,Ein Penny kann meinen Hunger nicht stillen und ich kann
vor Kraftlosigkeit nicht weiter kommen. Schließen Sie die Thür
nicht, o, thun Sie es um Gotteswillen nicht!
,Ich muß, es regnet sonst herein.
,Rufen Sie die jungen Damen. -- Lassen Sie mich zu
Ihnen.
,Unter keiner Bedingung. Mit Ihnen ist's nicht richtig,
sonst würden Sie keinen solchen Lärm machen. Fort!
,Aber ich gehe zugrunde, wenn Sie mich verstoßen.
,Sie sicher nicht. Ich fürchte, Sie haben irgend einen
schlimmen Plan im Sinne, der Sie zu dieser Stunde vor
anderer Leute Häuser bringt. Wenn Sie noch einige Diebe oder
so was dergleichen in Ihrem Gefolge haben, so sagen Sie ihnen,
daß wir nicht allein sind. Ein Herr ist hier und der hat große
Hunde und Schießgewehre. Bei diesem Worte schloß und verriegelte die ehrliche, aber hartherzige Magd die Thür.
Das war der letzte Schlag. Ein namenloses Weh, die
tiefste Verzweiflung zerfleischten mein Herz. Meine Kraft war
gebrochen, einen Schritt weiter zu thun ganz unmöglich. Ich
sank auf der nassen Thürschwelle nieder, ich ächzte, ich rang die
Hände. Ich weinte blutige Thränen. Da war sie nun die fürchterliche
letzte Stunde! Und so verlassen, so ganz verstoßen von meinen
Mitmenschen sollte ich meine Tage beschließen, und nicht allein
die Hoffnung, sondern auch meine Seelenstärke hatte mich verlassen, doch bemühte ich mich die letztere nach Möglichkeit wieder
zu erlangen.
,Ich muß sterben, sagte ich, ,aber ich glaube an Gott.
Ich will es versuchen, mich seinem weisen Rathschlusse in stiller
Ergebenheit zu fügen.

Diese Worte dachte ich nicht bloß, sondern sprach sie auch
laut aus, und wollte nun, meinen ganzen Jammer in mein Herz
verschließend, dem Tode ruhig entgegen sehen.
,Alle Menschen müssen sterben, versetzte eine Stimme
dicht hinter mir; , doch nicht Alle sind dazu verdammt eines so
langsamen und frühzeitigen Todes zu sterben, wie es bei Ihnen
der Fall wäre, wenn Sie hier verhungerten.
,Wer oder was spricht daA? frug ich, durch die unerwarteten Laute erschreckt. Eine Gestalt stand in der Nähe, was für
eine Gestalt es war, konnte ich in der pechfinsteren Nacht und
bei meinem geschwächten Sehvermögen nicht erkennen. Der
neue Ankömmling pochte wiederholt und laut an das
Thor.
,Sind Sie es, Mister St. John? frug Hannah.
,Wohl, wohl! Mach' schnell auf!
,Ei, wie naß und erfroren müssen Sie sein! Treten Sie
ein -- Ihre Schwestern waren schon Ihretwegen sehr unruhig;
ich denke, es giebt hier herum böse Leute. Eine Bettlerin war
hier -- bei Gott, da liegt sie noch! Stehen Sie auf und
schämen Se sich! Packen Sie sich fort, sag' ich!
,Still, Hannah! Ich habe mit dem Frauenzimmer ein
Wort zu sprechen. Du hast Deine Pflicht gethan, indem Du sie
fortwiesest, lass' mich nun die meinige thun, indem ich sie mit
ins Haus nehme. Ich stand nahe und hörte Euer Gespräch mit
an; der Fall scheint ein besonderer zu sein und ich muß ihn
wenigstens untersuchen. Stehen Sie auf, junge Person, und
kommen Sie herein.
Ich folgte ihm mit Schwierigkeit. Einen Augenblick später
stand ich in der hellen, reinlichen Küche, zitternd und in die
Knie sinkend, im Bewußtsein eines gespensterhaften, verwilderten und verwitterten Aussehens. Die beiden Damen,
Mister St. John und die alte Magd, sahen mich Alle voll
Verwunderung an.
, Wer ist die Person, St. John? hörte ich fragen.
, Ich weiß es nicht, ich fand sie an der Thürschwelle,
lautete die Antwort.
,Sie sieht ganz weiß aus, sagte Hannah.
,Weiß wie Kreide oder wie der Tod, wurde erwidert.
, Setzt sie nieder, sonst sinkt sie um.
Und wirklich drehte sich mir der Kopf und ich fiel, aber
ein Armstuhl fing mich auf. Wiewohl ich nicht sprechen konnte,
war ich doch meiner Sinne mächtig.
, Vielleicht bringt sie etwas Wasser zu sich. Hole welches,
Hannah. Sie ist ganz abgezehrt, ganz hager und durchsichtig.
, Ein bloßer Schatten.
, Ist sie krank oder bloß ausgehungert?
, Wohl das Letztere, denke ich. Ist dies Milch, Hannah?
Reiche mir den Topf her und gieb mir ein Stückchen Brot.
Diana -- ich erkannte sie an ihrem dichten, geringelten
Haar -- brach einen Bissen Brot ab, tunkte ihn in Milch und
hielt ihn dann an meine Lippen. , Versuchen Sie zu essen,
sagte sie freundlich.
, Ja -- versuchen Sie es, wiederholte Mary mit sanfter
Stimme, worauf sie mir den nassen Hut abnahm und meinen
Kopf unterstützte. Ich kostete das dargereichte Brot; erst aß ich
ganz wenig, dann außerordentlich gierig.
,Nicht zu viel auf einmal, warnte der Bruder, ,sie hat
nun genug. Und er schob den Milchtopf und den Teller mit
Brot beiseite.
,Nur noch einen Bissen, St. John! Sieh' nur, wie gierig
sie ißt.
,Nichts mehr für den Augenblick. Sieh', ob sie sprechen
kann; frage sie um ihren Namen.
Ich fühlte, daß ich wieder reden konnte, und antwortete:
, Ich heiße Jane Elliott. Einer Entdeckung zuvorzukommen,
hatte ich schon längst beschlossen, meinen Namen zu verändern.
, Wo wohnen Sie Wo befinden sich Ihre Angehörigen?
Ich schwieg still.
, Können wir nach jemanden schicken, den Sie kennen?
Ich schüttelte den Kopf.
, Welche Nachweisungen können Sie uns über Ihre Person
geben?
Nun ich die Schwelle dieses Hauses überschritten hatte und
mich in Gegenwart seiner Bewohner befand, fühlte ich mich nicht
länger einsam, verlassen, von der weiten Welt verstoßen. Ich
wagte es, meine demüthige Bettlerrolle aufzugeben und meinen
natürlichen Charakter, meine angeborenen Manieren wieder an-
zunehmen. Ich war zum vollsten Bewußtsein zurückgekehrt, und
als Mister St. John von mir Nachweisungen verlangte -- die
zu ertheilen ich augenblicklich viel zu schwach war -- sagte ich
nach einer kurzen Pause:
,Sir, ich kann Ihnen heute keine weiteren Eröffnungen
machen.
,Was wollen Sie also, daß ich für Sie thue?
,Nichts, erwiderte ich. Meine Schwäche erlaubte mir nur
kurze Antworten.
Diana nahm das Wort.
,Glauben Sie wohl, daß wir nun genug für Sie gethan
haben, daß wir Sie wieder in die regnerische Nacht, ins Sumpfland hinausweisen können?
Ich blickte sie an. Ihr Gesicht hatte ein eigenthümliches
Gepräge; es trug gleichzeitig den Ausdruck geistiger Kraft und
außerordentlicher Herzensgüte. Ich faßte Muth. Ihren mitleidigen
Blick mit einem dankbaren Lächeln erwidernd hob ich an: ,Ich
lege mein Schicksal in Ihre Hände. Wäre ich auch nur ein
herrenloser Hund, Sie würden mich sicher nicht von Ihrem Herde
wegweisen; als menschliches Wesen darf ich dies also umsoweniger befürchten. Thuen Sie mit mir und für mich, was
Ihnen beliebt, allein erlassen Sie mir für heute alle langwierigen Erklärungen -- mein Athem ist kurz -- und ich fühle
eine Art Krampf, wenn ich spreche. Die drei Personen blickten
mich schweigend an.
,Hannah, sagte endlich Mister St. John, , lasse sie ruhig
sitzen und stelle keine Fragen an sie. Nach zehn Minuten gieb
ihr das übrige Brot und die Milch. Mary, Diana, kommt
mit mir ins Sprachzimmer, wo wir das Weitere verhandeln
können.
Sie entfernten sich. Bald kam eine der Damen zurück --
ich konnte nicht unterscheiden, welche es war. Eine angenehme
Bewußtlosigkeit hatte sich meiner bemächtigt, während ich an
dem köstlichen Feuer saß. Mit halblauter Stimme gab sie Hannah
einen Auftrag, die mich kurze Zeit darauf die Treppe hinaufgeleitete, mir die nassen Kleider vom Leibe zeg, und in ein
warmes, trockenes Bett half. Ich dankte Gott, empfand trot
meiner unaussprechlichen Erschöpfung eine lebhafte Freude und
-- schlief ein.

III.

Der nachfolgenden drei Tage und Nächte kann ich mich
nur dunkel erinnern. Nur so viel weiß ich, daß ich mich in
einer kleinen Stube und in einem schmalen Bette befand, an
welches ich angewachsen zu sein schien. Bewegungslos wie ein
Stück Holz lag ich darauf, und der bloße Versuch, mich meinem
Lager zu entreißen, hätte mich gewiß getödtet. Der Wechsel der
Tageszeiten ging spurlos an mir vorüber; ich bemerkte keinen
Unterschied zwischen Vor- und Nachmittag, zwischen Morgen
und Abend. Wohl sah ich es, wenn jemand in meine Stube
trat oder sie verließ; ich erkannte sogar die verschiedenen Personen und verstand auch, was sie sagten, doch hätte ich um keinen
Preis meine Lippen öffnen und selbst sprechen können. Am
häufigsten besuchte mich Hannah. Ihre Gegenwart war mir unangenehm, denn ein eigenthümliches Gefühl sagte mir, daß sie
mich hinwegwünschte, daß sie meine traurige Lage, meine Verhältnisse nicht begriff und gegen mich eingenommen war. Diana
und Mary kamen ein- oder zweimal in meine Stube. Ihr gewöhnliches Gespräch lautete:
, Es ist ein Glück, daß wir sie aufnahmen.
,Wohl; man hätte sie gewiß am nächsten Morgen vor
unserer Thürschwelle todt gefunden. Was mag die Arme alles
ausgestanden haben!
,Sie hat wohl viele Widerwärtigkeiten erduldet, die arme,
blasse, hagere Pilgerin.
, Nach ihrer Sprache zu urtheilen scheint sie nicht ohne
Bildung zu sein. Auch ihre Kleidung war, wiewohl mit Koth
bespritzt und vom Regen durchnäßt, nichts weniger als abgetragen
und von modernem Schnitt.
, Sie hat ein eigenthümliches Gesicht, daß mir trotz seiner
Blässe und Hagerkeit sehr gefällt; wenn sie gesund und guter
Laune ist, muß ihre Physiognomie sehr angenehm sein.
Nie mischte sich in ihr Zwiegespräch auch nur eine Silbe
des Bedauerns über die mir erwiesene Gastfreundschaft, nie ein
Wort des Mißtrauens oder der Abneigung gegen mich selbst.
Das tröstete mich.
Mister St. John besuchte mich bloß ein einzigesmal. Er
sah mich an und sagte, mein lethargischer Zustand wäre die
Folge außerordentlicher und anhaltender Anstrengungen und Entbehrungen. Er meinte, ärztliche Hilfe thäte hier nicht noth, die
Natur werde sich selbst am besten helfen und meine Genesung,
wenn sie einmal begonnen, einen sehr raschen Fortgang nehmen.
Alle diese Aussprüche gab er in kurzgefaßten Sätzen, mit leiser
Stimme von sich. , Eine ungewöhnliche Physiognomie, schloß
er, , die weder Gemeinheit noch Gesunkenheit anzeigt.
,Ganz im Gegentheil, erwiderte Diana. , Die Wahrheit
zu sagen, hängt mein Herz an dem armen kleinen Geschöpfe.
Ich wollte wir wären im Stande, sie für immer bei uns zu
behalten.
,Das ist kaum möglich, versetzte St. John. , Sie ist
gewiß irgend eine junge Dame, die in Folge eines Mißverständnisses ihrer Familie davonging. Vielleicht gelingt es, uns sie der
letzteren wiederzugeben, falls sie nicht stützig ist; allein der Ausdruck ihrer Gesichtszüge zeigt sehr viel Charakterstärke an, was
mich an ihrer Fügsamkeit einigermaßen zweifeln läßt. Er betrachtete mich durch einige Minuten und fügte dann hinzu: , Sie
sieht sehr geistreich, doch nichts weniger als schön aus.
,Sie ist ja krank, St. John!'
,Alles eins, krank oder gesund, kann sie doch nie hübsch
sein. Die Grazie und die Harmonie der Schönheit gehen diesem
Gesichte gänzlich ab.
Am dritten Tage befand ich mich besser, am vierten konnte
ich sprechen, mich bewegen, im Bette aufstehen. Hannah brachte
mir, wohl um die Mittagszeit, etwas Hafergrütze und geröstetes
Brot. Ich aß mit Appetit, nicht mit jenem krankhaften Heißhunger, und fühlte mich so kräftig, daß der Trieb nach Bewegung
und Thätigkeit in mir rege wurde. Gerne wäre ich aufgestanden;
doch was sollte ich anziehen? Meine Kleider waren in einem
Zustande, der es mir unmöglich machte, in denselben vor
meinen Wohlthätern zu erscheinen. Diese Demüthigung wurde
mir erspart.
Auf einem Stuhle neben meinem Bette lagen meine sämmtlichen Kleidungsstücke, sauber und trocken, die Schuhe blank
gewichst, das schwarze Seidenkleid gewaschen und geplättet. Ein
Waschtisch nebenan enthielt alles Nöthige zum Waschen und
Frisiren. Nicht ohne Schwierigkeit und nicht ohne von Zeit zu
Zeit abzusetzen, gelang es mir mich anzukleiden. Mit Hilfe des
Geländers kroch ich dann eine steinerne Treppe hinab, schritt
durch einen schmalen niedrigen Gang und befand mich alsbald
in der Küche.
Sie roch nach frischem Brote und gewährte mir die Wohlthat eines freundlichen Feuers. Hannah war mit Brotbacken beschäftigt. Vorurtheile sind aus dem Herzen ungebildeter Leute
sehr schwer auszurotten; sie wuchern wie Unkraut zwischen Gestein
üppig in die Höhe. Hannah war anfänglich kalt und steif gegen
mich gewesen; in letzter Zeit hatte sie mir etwas mehr Freundlichkeit gezeigt, und als ich nun sauber und gut gekleidet in die
Küche trat, lächelte sie mir sogar entgegen.
, Wie, Sie sind schon aufgestanden! sagte sie. , Sie sind
also gesund. Setzen Sie sich auf meinen Stuhl am Herde nieder.
Sie zeigte nach dem Schlafsessel; ich nahm darauf Platz.
Die alte Magd wirthschaftete emsig herum und sah mich dabei
von Zeit zu Zeit von der Seite an. Einige Brotlaibe aus dem
Backofen herausnehmend, wandte sie sich plötzlich zu mir und
frug mich barsch:
, Gingen Sie schon früher einmal betteln, bevor Sie zu
uns kamen?
Ich wurde böse; doch erinnerte ich mich noch beizeiten,
daß hier von Unwillen keine Rede sein könne und daß ich vor
ihr in der That als Bettlerin erschienen war. Ich antwortete
daher ganz ruhig, doch nicht ohne scharfe Betonung:
, Sie haben Unrecht, mich für eine Bettlerin zu halten. Ich
bin keine Bettlerin, ebenso wenig als Sie selbst, oder Ihre jungen
Gebieterinnen.
Nach einer Pause versetzte sie:
,Das versteh' ich nicht. Sie scheinen ja weder eine Heimat
noch Batzen zu haben.
,Der Mangel einer Heimat oder der Batzen -- was wahrscheinlich Geld heißen soll -- macht noch keinen Bettler in Ihrer
Bedeutung des Wortes aus.
,Sind Sie gelehrt? frug sie weiter.
,So ziemlich.
,Aber Sie waren nie in einer Kostschule?’
,Ich war volle acht Jahre in einer Erziehungsanstalt.
Sie machte große Augen. ,Wie kommt's dann, daß Sie
Ich nicht selbst forthelfen können?

,Ich habe mir bis jetzt selbst fortgeholfen und werde es
hoffentlich bald wieder im Stande sein. Was wollen Sie mit
den Stachelbeeren thun? frug ich, als sie einen Korb voll dieser
Frucht auf den Tisch stellte.
,Ich fülle sie in Pasteten.
,Geben Sie mir sie, ich will sie auslesen.
,Nein, Sie brauchen nichts zu thun.
,Aber ich muß etwas thun. Nur her damit.
Sie willigte endlich ein und brachte mir ein reines Handtuch, um es über mein Kleid zu breiten, , damit ich mich nicht
beschmiere, wie sie sagte.
,Sie sind nicht an harte Arbeit gewöhnt, bemerkte sie;
,man sieht's an ihren Händen. Sie waren wohl eine Putzmacherin?
,Nein, Sie irren sich. Doch zerbrechen Sie sich nicht weiter
den Kopf über meinen früheren Stand und sagen Sie mir lieber
wie das Haus hier heißt!
,Einige nennen es Marsh-End und Andere das Moorhaus.
,Und der Herr, der hier wohnt, heißt Mister St. John?
,Nein, der wohnt nicht hier, der ist nur zeitweilig auf
Besuch hier. Er ist in seinem eigenen Pfarrsprengel in Morton
zu Hause.
,In dem Dorfe jenseits des Sumpfes?
,Ja wohl.
,Und was ist er?
,Ein Pfarrer.
Ich erinnerte mich an die Antwort der alten Haushälterin in der Pfarrei von Morton. ,Also wohnte wenigstens
sein Vater hier?
,Wohl, der alte Mister Rivers wohnte hier und sein Vater
und sein Großvater und sein Urgroßvater.
,Also ist der Name dieses Herrn eigentlich Mister St.
John Rivers?
,Richtig! St. John ist so eine Art Taufname.
,Seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?
,Ja.
,Ihr Vater ist todt?
,Er starb vor drei Wochen an einem Schlaganfalle.
,Die Kinder haben keine Mutter?
,O, die Frau ist schon vor vielen Jahren gestorben.
,Sind Sie schon lange in der Familie?
,Ueber dreißig Jahre. Alle drei Kinder habe ich aufgezogen.
,Das beweist, daß Sie ein ehrlicher und treuer Dienstbote
sind, was ich gerne anerkenne, wiewohl Sie so unartig waren,
mich eine Bettlerin zu nennen.
Sie sah mich erstaunt an. , Ich mag mich wohl geirrt
haben, sagte sie; ,aber es geht so vielerlei Gesindel herum,
daß Sie mir meinen Mißgriff vergeben müssen.
,Wiewohl, fuhr ich in strengem Tone fort, , Sie mich in
einer Nacht, wo man keinen Hund hinausgejagt hätte, vor die
Thür wiesen.
, Es war wohl hart, aber was kann der Mensch thun?
Ich dachte mehr an die Kinder als an mich. Die armen Dinger
haben sonst niemanden, der sich ihrer annimmt und da muß ich
wohl etwas scharf aufpassen.
Ich bewahrte durch einige Minuten ein ernstes Stillschweigen.
,Sie dürfen mich nicht für böse halten, bemerkte sie.
,Aber ich thue es doch, versetzte ich, ,und ich will Ihnen
sagen warum. Nicht so sehr deswegen, weil Sie mir ein Nachtlager versagten und mich für eine Betrügerin ansahen, sondern
deshalb, weil Sie mir erst vor einer Weile vorwarfen, ich hätte
weder eine Heimat, noch Batzen. Die edelsten besten Menschen,
die je gelebt, waren ebenso dürftig als ich es bin, und wenn
Sie eine Christin sind, wie können Sie jemanden seine Armuth
zum Verbrechen anrechnen?
,Das sollte ich wohl nicht, sagte sie; , Mister St. John
meint dasselbe. Ich sehe, daß ich im Unrecht bin, aber ich habe
eine ganz andere Meinung von Ihnen als vordem. Ich halte
Sie für eine sehr anständige kleine Person.
,Das mag gehen. Ich vergebe Ihnen. Reichen Sie mir
Ihre Hand.
Sie legte ihre mit Mehl bestaubte schwielige Rechte in die
einige, ein herzliches freundliches Lächeln glitt über ihr rauhes
Antlitz, und von dem Augenblicke an waren wir die besten
Freundinnen.
Hannah schwatzte gern. Während ich das Obst ausklaubte,
und sie den Teig zu den Pasteten anmachte, erzählte sie mir alle
möglichen Einzelnheiten über ihre verstorbene Herrschaft und
über die , Kinder', wie sie die beiden Damen und ihren Bruder
nannte. Der alte Mister Rivers war, ihrer Erzählung nach, ein
einfacher Herr, doch ein Gentleman aus einer der ältesten Familien, ein leidenschaftlicher Väger und guter Landwirth; die verstorbene Frau dagegen sehr belesen und gelehrt, und die Kinder
ganz ihr Ebenbild. In Hannah's Augen waren die letzteren das
Muster aller Vollkommenheiten, und nie hatten nach ihrer Meinung
noch junge Leute schon in frühester Jugend eine solche Freude
am Lernen gehabt. , Mister St. John, fuhr sie in ihrer Erzählung fort, ,bezog später die Universität und bereitete sich
für die Seelsorge vor, und die beiden Fräuleins beschlossen,
kaum aus der Kostschule zurückgekommen, Gouvernantenstellen
anzunehmen, da ihr Vater in einem Bankrott den größten Theil
seines Vermögens eingebüßt hatte, und nun nicht mehr reich
genug war, ihnen eine Mitgift geben zu können. Die beiden
Mädchen sind schon seit geraumer Zeit aus dem Hause und
erst seit Kurzem wieder hier angekommen, um nach des Vaters
Tode die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Es
gefällt ihnen jedoch in Marsh-End sehr gut, wiewohl sie bis
jetzt in London und anderen großen Städten gelebt hatten. Schon
früher pflegten sie immer zu sagen: ,Ueberall gut, zu Hause am
besten, und was mich am meisten freut, die Geschwister sind
so einig und haben einander so lieb, wie dies kaum in einer
anderen Familie der Fall ist.
Mit dem Auslesen der Stachelbeeren fertig geworden, erkundigte ich mich, wo sich in diesem Augenblicke die jungen
Damen mit ihrem Bruder befänden.
,Sie sind hinüber nach Morton spazieren gegangen, aber
sie werden längstens in einer halben Stunde zum Thee wieder
zurück sein.
Die drei Geschwister traten nach der erwähnten Zeit in
die Küche. Mister St. John machte bloß eine Verbeugung und
ging durch; Mary drückte in einigen freundlichen Worten ihr
Vergnügen aus, mich wieder außer Bett zu sehen; Diana faßte
mich bei der Hand, und schüttelte den Kopf zum Zeichen ihrer
Unzufriedenheit.
,Sie hätten mich erst um Erlaubniß fragen sollen, bevor
Sie das Bett verließen, sagte sie, , Sie sehen noch immer sehr
blaß, sehr abgezehrt aus, Sie armes Kind!
Diana's Stimme kam mir wie das Girren einer Taube
vor. Ihrem Blicke begegnete ich gar so gerne, ihr ganzes Gesicht
hatte für mich einen eigenthümlichen Neiz. Mary's Antlitz war
wohl ebenso geistreich und ebenso hübsch, doch nicht so einnehmend, und ihre Manieren, wiewohl freundlich, weit gemessener.
Diana hatte eine gewisse Autorität in Blick und Sprache, und
besaß jedenfalls einen festen Willen. Es machte mir ein besonderes Vergnügen, mich einer Ueberlegenheit, die wie die
ihrige das Maß des Schicklichen nie überschritt, unterzuordnen,
und von Natur aus pflegte ich gerne nachzugeben, insofern dadurch mein Selbstbewußtsein und meine Selbstachtung nicht verletzt wurden.
,Und was haben Sie hier eigentlich zu thun? fuhr sie
fort. ,Dieser Ort paßt nicht für Sie. Mary und ich sitzen
zuweilen in der Küche, da wir uns zu Hause die ungebundenste
Freiheit gestatten -- doch Sie als Gast gehören ins Besuchzimmer.
,Zudem ist es auch am Feuer zu warm für Sie, bemerkte Mary,
, Ganz gewiß, versetzte ihre Schwester. , Kommen Sie
und seien Sie folgsam. Mich bei der Hand fassend, zwang
sie mich zum Aufstehen und führte mich in das anstoßende
Gemach.
,Setzen Sie sich aufs Sopha, sagte sie, , während wir
uns auskleiden und den Thee bereiten. Wieder eine der Freiheiten, welche wir uns im Moorhause nehmen, die nämlich,
daß wir uns unsere Mahlzeiten selbst bereiten, wenn es uns
gerade einfällt, oder wenn Hannah bäckt, wäscht und plättet.
Sie verließ die Stube, schloß die Thutr hinter sich zu und
ließ mich mit Mister St. John allein, der mir gegenüber saß
und ein Buch oder eineZeitung in der Hand hielt. Ich betrachtete
zuerst das Zimmer und dann den jungen Mann.
Das Sprachzimmer war ein nicht sehr großes, einfach, doch
beguem, sauber und nett möblirtes Gemach. Die altmodischen
Stühle und der Tisch von Nußbaumholz glänzten wie Spiegelglas. Einige alterthümliche Porträts von Männern und Frauen
aus früheren Jahrhunderten hingen an den übertünchten Wänden;
ein Glasschrank enthielt einige Bücher und etwas Porzellangeschirr. In der ganzen Stube war kein überflüssiger Zierrath,
kein modernes Einrichtungsstück zu sehen, mit Ausnahme zweier
Arbeitskästchen und eines Damenpultes von Rosenholz, welche
auf einem Seitentischchen standen. Die gesammte Zimmereinrichtung, Teppiche und Vorhänge mit inbegriffen, trug das
Gepräge der gewissenhaftesten Ordnung und der sorgfältigsten
Reinlichkeit.
Mister St. John saß regungslos da wie eines der alten
Porträts an der Wand. Seine Augen hafteten auf der Seite,
die er gerade las und seine Lippen waren geschlossen, ich hatte
also Gelegenheit, ihn ungestört und unbemerkt zu betrachten, als
wäre er eine Bildsäule gewesen. Er mochte etwa achtundzwanzig
bis dreißig Jahre zählen; seine Gestalt war groß und schlank,
sein Gesicht -- ein griechisches, wahrhaft classisches Profil --
ungemein anziehend. Nur selten mochte das Antlitz eines Engländers dem antiken Modell so genau entsprechen, als das seinige
und wohl durfte ihm, der sich eines so harmonischen Gesichtsausdruckes erfreute, die Unregelmäßigkeit meiner Züge unangenehm auffallen. Sein Auge war blau und groß, von dunklen
Wimpern beschattet, seine hohe Stirne weiß und makellos wie
Alabaster und von natürlichen, schönen Locken anmuthig umwallt.
Dennoch machte er auf den Beschauer nicht den angenehmen
Eindruck eines sanften, empfänglichen, ja nicht einmal den eines
heiteren Gemüthes. Wie er so ruhig da saß, glaubte ich um
seine Nase, um seinen Mund, auf seiner Stirne die Anzeichen
eines unruhigen, unbeugsamen Charakters zu entdecken. Weder
sprach er ein Wort zu mir, noch blickte er mich an, so lange
seine Schwestern abwesend waren. Diana, die während des Zurichtens des Thees durch die Stube kam, brachte mir einen kleinen,
auf dem Ofen gebackenen Kuchen.
, Essen Sie das einstweilen,' sagte sie. ,Sie müssen sehr
hungrig sein. Hannah sagte, Sie hätten, außer etwas Grütze,
seit dem Frühstück nichts zu sich genommen.
Ich nahm das Gebotene dankbar an, denn mein Appetit
war sehr groß. Mister Rivers schloß nunmehr sein Buch, näherte
sich dem Tisch und heftete, sich auf einem Stuhl niederlassend,
den Blick seiner schwärmerischen blauen Augen auf mich. Die
unartige Starrheit, die forschende Entschiedenheit dieses Blickes
zeigte zur Genüge, Mister Rivers habe es bisher absichtlich, nicht
aus Bescheidenheit vermieden, die fremde Pilgerin einer genauen
Betrachtung zu würdigen.
,Sie sind sehr hungrig, sagte er.
,Das bin ich, Sir.
,Es ist ein Glück, daß Sie eine Art Fieber in den letzten
drei Tagen abhielt, Ihrem Heißhunger nachzugeben, es wäre in
der That gefährlich gewesen. jetzt können Sie schon essen, doch
nicht zu viel.
, Ich hoffe, daß ich nicht mehr lange auf Ihre Kosten
zehren werde, Sir, lautete meine unartige, beinahe grobe
Antwort.
,Natürlich, versetzte er kaltblütig, ,sobald Sie uns den
Wohnort Ihrer Angehörigen angezeigt haben werden, können wir
den letzteren schreiben, und Sie selbst wieder nach ihrer Heimat
gelangen.
,Das ist, aufrichtig gesagt, unmöglich, da ich weder Angehörige, noch eine Heimat habe.
Die drei Geschwister sahen mich verwundert, doch ohne alle
Beimischung von Mißtrauen an. Aus ihren Blicken, namentlich
aus denjenigen der beiden Schwestern, sprach die bloße Neugierde. St. John's Augen waren, wiewohl, buchstäblich genommen,
von seltener Klarheit, im figürlichen Sinne sehr undurchdringlich
und schwer zu ergründen. Er schien sich derselben mehr zu bedienen, um anderer Leute Gedanken zu erforschen, als um seine
eigenen Gefühle zu enthüllen; die daraus entspringende Bereinigung von durchdringender Schärfe und kluger Zurückhaltung brachte diejenige Person, die mit ihm sprach, natürlich
mehr in Verlegenheit, als sie dieselbe ermuthigte.
, Sie wollen damit sagen,' versetzte er, , daß Sie ohne
irgend welche Anverwandte oder Freunde sind und ganz allein
in der Welt stehen?
, So ist es. Kein Band fesselt mich an irgend ein lebendes
Wesen, ich habe nicht den geringsten Anspruch auf den Aufenthalt unter irgend einem Dache in ganz England.
, In Ihrem Alter eine ganz besondere Lage!
Bei diesen Worten richteten sich seine Blicke nach meinen
Händen, die vor mir auf dem Tisch lagen. Ich wußte nicht,
was er damit beabsichtigte, doch gaben mir seine Worte sehr
bald die nöthige Aufklärung.
, Sie sind nicht verheiratet? Sie sind ledig?
Diana lachte. ,Was fallt Dir ein? Sie ist ja kaum siebzehn oder achtzehn Jahre alt, sagte sie.
, Ich werde bald neunzehn Jahre zählen, aber ich bin nicht
vermählt.
Eine brennende Röthe stieg mir ins Gesicht, denn St. John's
Frage rief in meinem Herzen trübe und qualvolle Erinnerungen
wach. Alle drei bemerkten meine Aufregung und Verlegenheit.
Diana und Mary wandten, um mich der letzteren zu entreißen,
ihre Augen von meinem purpurrothen Gesichte ab; allein ihr
kälterer und strengerer Bruder sah mich so lange fest an, bis
mir meine Verwirrung nicht nur alles Blut ins Gesicht trieb,
sondern auch heiße Thränen erpreßte.
,Wo hielten Sie sich zuletzt auf? frug er.
,Du frägst zu viel, St. John, versetzte Mary mit leiser
Stimme. Aber er ließ sich nicht irre machen, bog sich über den
Tisch und heischte mit einem festen, durchdringenden Blicke eine
Antwort.
,Der Name des Ortes wo, und der Personen, mit welchen
ich lebte, ist mein Geheimniß, erwiderte ich ganz kurz.
, Und meiner Meinung nach haben Sie das Recht, es
St. John und jedem anderen Frager gegenüber zu bewahren,'
bemerkte Diana.
,Aber wenn ich nichts Näheres über Sie und Ihr früheres
Leben weiß, sagte St. John, ,so kann ich Ihnen unmöglich
helfen. Und Sie bedürfen doch der Hilfe, nicht wahr?
,Ich bedarf ihrer und suche sie insofern, als mir ein
wahrer Menschenfreund eine Arbeit verschaffen mag, der ich
gewachsen bin und deren Erträgniß mich wenigstens vor Mangel
schützt.
,Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund bin;
allein ich bin gesonnen, Sie in Ihrem redlichen Streben nach
besten Kräften zu unterstützen. Sagen Sie mir also erstens,
womit Sie sich bis jetzt beschäftigten, und zweitens, was Sie
zu leisten im Stande sind.
Ich war inzwischen mit meinem Thee fertig geworden und
fühlte neue Kräfte in mir. Das Getränk hatte meine Lebensgeister erweckt und mich auch geistig insoweit gestärkt, daß ich
meinem strengen Sittenrichter kühn die Spitze bieten konnte.
,Mister Rivers, begann ich, mich zu ihm wendend und
ihm mit derselben Festigkeit ins Auge blickend, mit der er mich
ansah; , Sie und Ihre Schwestern haben mir einen großen
Dienst erwiesen, den größten, den ein Mensch dem anderen
erweisen kann; Sie entrissen mich durch Ihre großmüthige Unterstützung und Pflege dem sicheren Hungertode. Dies giebt Ihnen
ein unbestreitbares Recht auf meine Dankbarkeit und theilweise
auch auf mein Vertrauen. Sie sollen daher von der Lebensgeschichte der armen Verlassenen, deren Sie sich erbarmten, so
viel erfahren, als ich, ohne meine Seelenruhe, meine Sicherheit
und die Sicherheit Anderer einer Gefahr auszusetzen, füglich mittheilen kann.
Ich bin eine Waise, die Tochter eines Geistlichen. Meine
Eltern starben, noch ehe ich sie kannte. Fremde Wohlthätigkeit
nahm sich meiner an und ich wurde in einem Waisenhause erzogen. Ich will Ihnen sogar den Namen der Anstalt nennen,
in welcher ich volle sechs Jahre als Zögling und zwei Jahre
als Lehrerin zubrachte; es ist das Waisenhaus von Lowood, von
dem Sie wohl schon gehört haben werden; der ehrwürdige
Robert Brocklehurst steht dem Institute als Schatzmeister vor.
, Ich habe die Anstalt besucht und von Mister Brocklehurst
gehört.
, Vor ungefähr einem halben Jahre verließ ich Lowood,
um als Erzieherin in ein Privathaus einzutreten. Meine Stellung
in dem letzteren war angenehm und ich selbst ganz glücklich.
Vor vier Tagen sah ich mich genöthigt, meinen bisherigen Aufenthaltsort zu verlassen; die Gründe, die mich dazu zwangen,
kann und darf ich nicht veröffentlichen; es wäre nutzlos, gefährlich
und würde Ihnen unglaublich vorkommen. Doch trifft mich keine
Schuld und ich stehe so rein da wie Sie und Ihre Schwestern.
Aber ich bin nun unglücklich und werde es auch noch eine
geraume Zeit hindurch sein, denn die Katastrophe, die mich aus
einem Hause vertrieb, welches mir als ein irdisches Paradies
erschien, war eine ganz besondere, in ihren Folgen unselige.
Nur zwei Punkte hatte ich bei dem Plane meiner Flucht vor
Augen: Schnelligkeit und Heimlichkeit; diesen Zweck zu erreichen,
mußte ich meine ganze Habe bis auf ein kleines Päckchen zurücklassen und auch dies letztere vergaß ich aus dem Wagen, der
mich nach Whitcroß führte, mitzunehmen, so daß ich nun ganz
entblößt dastehe. Zwei Nächte brachte ich im Freien zu und
wanderte zwei Tage umher, ohne eine Schwelle zu betreten; nur
zweimal kam während dieser Zeit etwas Nahrung über meine
Lippen und als ich ganz erschöpft, und verzweifelnd nahe daran
war, meinen Geist an Ihrer Hausthür aufzugeben, waren Sie
es, Mister St. John, der sich meiner annahm und mir Einlaß
unter sein Dach gewährte. Ich weiß alles, was Ihre Schwestern
seitdem an mir gethan denn ich war während meiner scheinbaren Erstarrung nicht ganz bewußtlos -- und ich bin Ihrem
edlen, natürlichen, herzlichen Mitgefühl ebenso verpflichtet, als
Ihrer evangelischen Barmherzigkeit.
,Lass' sie nicht weiter sprechen, St. John, sagte Diana,
während ich innehielt; ,sie ist jedenfalls noch nicht im Stande,
Aufregungen zu ertragen. Kommen Sie zum Sopha und nehmen
Sie Platz, Miß Eliott.
Bei Erwähnung meines angenommenen Namens blickte ich
unwillkürlich halb verwundert in die Höhe; ich hatte ganz darauf
vergessen. Mister Rivers, dessen Scharfblick nichts zu entgehen
schien, bemerkte es sofort.
, Sie sagten, Ihr Name wäre Jane Elliott?
,So sagte ich und es ist dies der Name, den ich
mir jetzt beizulegen für zweckmäßig erachte; allein es ist nicht
mein rechter Name und wenn ich ihn höre, klingt er mir
fremd.
,Sie wollen Ihren wahren Namen nicht sagen?
,Nein! Ich fürchte vor allem entdeckt zu werden und muß
daher auf meiner Hut sein.
,Sie haben ganz recht, bemerkte Diana. , Und nun, lieber
Bruder, magst Du sie eine Weile im Frieden lassen.
Doch kaum war St. John einige Augenblicke stille gesessen,
als er sein Verhör mit demselben Gleichmuthe und derselben
Schärfe wieder aufnahm.
, Sie wünschen nicht weiter von unserer Gastfreundschaft
abzuhängen und so schnell wie möglich das Mitgefühl meiner
Schwestern und besonders meine Barmherzigkeit -- Sie sehen,
ich weiß Ihre feine Unterscheidung zu würdigen -- unnöthig zu
machen?
,So ist es und so sagte ich. Weisen Sie mir eine Arbeit
zu und sagen Sie mir, wo ich welche finden kann; mehr verlange ich nicht und will mich dann gern selbst in die niedrigste
Hütte begeben. Bis dahin aber erlauben Sie mir, daß ich hier
bleibe; ich möchte die Schrecken einer gänzlichen Entblößung von
den nothwendigsten Bedürfnissen um alles in der Welt nicht ein
zweitesmal durchmachen.
,Sie sollen hier bleiben, sagte Diana, ihre weiße Hand
auf meinen Kopf legend. ,la, das sollen Sie, wiederholte
Mary mit dem Tone aufrichtigster Herzlichkeit.
,Meine Schwestern freut es, wie Sie sehen, Sie hier zu
behalten, sagte Mister St. John, ,ebenso sehr, als ob Sie
ein halberfrorener Vogel wären, den der Frost in ihr offenes
Fenster getrieben hätte. Was mich anbelangt, so fühle ich mich
weit mehr bestimmt, Sie dahin zu bringen, daß Sie selbst für
Ihren Unterhalt sorgen können; doch muß ich die Bemerkung
vorausschicken, daß mein Wirkungskreis ein sehr bescheidener, eng
abgegrenzter ist. Ich bin der Seelsorger einer armen Dorfgemeinde
und es kann sich darum auch meine Unterstützung nicht sehr
hoch versteigen; für den Fall also, wo Ihnen eine bescheidene,
untergeordnete Stellung nicht zusagen sollte, müßten Sie sich
an jemanden anderen wenden.
,Sie hat ja schon erklärt, daß Sie eine jede Beschäftigung
übernimmt, der sie gewachsen ist, antwortete Diana statt meiner;
,und Du weißt am besten, St. John, daß sie keine große Auswahl an Helfern hat und sich wohl mit einem so mürrischen
Menschen, wie Du bist, begnügen muß.
, Ich will Putz machen, Wäsche nähen, als Dienstmagd oder
als Kindermädchen dienen, wenn es sein muß.
, Ganz recht, sagte Mister St. John mit einiger Kälte.
, Wenn das in der That Ihr fester Wille ist, dann verspreche
ich Ihnen baldige Hilfe, wie solche im Bereiche meiner Möglichkeit liegt.
Bei diesen Worten nahm er das Buch, in welchem er vorher gelesen hatte, wieder zur Hand. Ich zog mich bald zurück,
denn ich hatte für das gegenwärtige Maß meiner Kräfte genug
gesprochen und war hinlänglich lange aufgeblieben.

IV.

Je näher ich die Bewohner des Moorhauses kennen lernte,
desto besser gefielen sie mir. In wenigen Tagen hatte sich der
Zustand meiner Gesundheit so sehr gebessert, daß ich den ganzen
Tag außerhalb des Bettes zubringen und zuweilen einen Spaziergang unternehmen konnte. Ich war nun im Stande, Diana und
Mary in allen ihren Arbeiten zu unterstützen und mit ihnen so
viel und so lange zu plaudern, als sie es nur wünschten. Ein
eigenthümliches, von mir zum erstenmale empfundenes Behagen
war die nächste Folge unseres beständigen Beisammenseins, das
Behagen, welches aus einer vollkommenen Uebereinstimmung
der Neigungen, der Gefühle und Grundsätze entspringt.
Was sie gerne lasen, gefiel auch mir, was ihnen Vergnügen machte, freute auch mich, und was ihre Billigung erlangt
hatte, war auch meiner Zustimmung gewiß. Sie hingen mit
Liebe an ihrer einsamen Wohnung; der Reiz, den das graue,
alterthümliche Haus mit den Gitterfenstern und der Garten
mit seinen düsteren Stechpalmen und Eibenbäumen für mich
hatten, war gleich mächtig und anhaltend. Das unfruchtbare
Sumpfland um ihre Heimat herum, der Hohlweg mit dem mit
Kies bestreuten Reitstege, der von der Hausthür aus dahin
führte, die Weideplätze mit den grauen Schafen und ihren kleinen
Lämmchen -- die ganze Scene zusammengenommen war für sie
ein Gegenstand des lebhaftesten Entzückens. Ich konnte dieses
Gefühl ganz gut begreifen und dasselbe sowohl seiner Innigkeit
als seiner Stärke nach theilen; ich erkannte das Anziehende der
Oertlichkeit, das Feierliche der stillen Einsamkeit, und gerne
weilte mein Blick auf dem wilden Colorit, welches die ganze
Gegend, Anhöhen wie Vertiefungen, durch die Vegetation des
Mooses und des Haidekrautes und durch die hin und wieder
vertheilten Granitfelsen erhielt. Alle diese Einzelnheiten waren
für mich wie für die beiden Schwestern ebenso viele Veranlassungen
des reinsten Vergnügens. Bannte uns das schlechte Wetter an
die Stube fest, unterhielten wir uns ebenso gut. Die beiden
Mädchen waren in ihrer geistigen Bildung weit mehr vorgeschritten und weit belesener als ich, und mit emsiger Hast
folgte ich ihnen auf dem Pfade der Erkenntniß nach, den sie
zum größeren Theile schon vor mir zurückgelegt hatten. Ich verschlang die Bücher, die sie mir liehen, und kannte dann keinen
größeren Genuß, als mit ihnen am Abende über dasjenige
zu sprechen, was ich am Tage hindurch gelesen hatte. Unsere
Gedanken, unsere Meinungen begegneten sich auf halbem Wege;
wir harmonirten vollkommen und in jeder Beziehung.
Wenn in unserem Kleeblatte überhaupt irgend Eine höher
stand und das Wort führte, so war es unstreitig Diana. In
physischer Beziehung namentlich übertraf sie mich beiweitem; sie
war schön, sie war kräftig. Ihre Lebensgeister waren von einer
Frische, einer Schnellkraft, die mich in Verwunderung versetzten
und über meine Begriffe gingen. Ich konnte des Abends wohl
eine Weile plaudern, aber wenn der erste Anflug von Lebhaftigkeit vorüber war, wurde ich still und setzte mich gerne zu
Diana's Füßen auf einen Schemel und legte meinen Kopf in
ihren Schoß; allein Diana ruhte nicht eher, bis sie mit Mary
den Gegenstand, den ich bloß berührte, gesprächsweise ganz
erschöpft hatte. Eines Tages machte sie mir den Vorschlag, mich
deutsch zu lehren. Ich ließ mich mit Vergnügen von ihr unterrichten; ich sah, daß ihr die Rolle der Lehrerin behagte, während
auch mir diejenige einer Schülerin nicht minder zusagte. Unsere
Naturen vermählten sich, eine wechselseitige unerschütterliche Zuneigung war der Sprößling dieser Verbindung. Die Schwestern
machten die Entdeckung, ich könne malen; sofort stellten sie mir
ihr sämmtliches Malergeräthe zur Verfügung. Meine Geschicklichkeit, die in diesem einzigen Punkte die ihrige übertraf, versetzte sie in Erstaunen und entzückte sie. Mary pflegte sich neben
mich zu setzen und mir stundenlang zuzusehen; später nahm sie
Stunden bei mir und gab eine gelehrige und fleißige Schülerin
ab. So beschäftigten und unterhielten wir uns abwechselnd, Tage
vergingen wie Stunden und Wochen wie Tage.
Was Mister St. John anbelangt, so erstreckte sich jene
Vertraulichkeit, die so schnell und so natürlich zwischen mir und
seinen Schwestern entstanden war, nicht bis auf ihn. Einen
Grund gab es hiefür: seine häufige Abwesenheit vom Hause,
denn einen großen Theil seiner Zeit schien er dazu zu verwenden,
die Armen und die Kranken unter der zerstreuten Bevölkerung
feines Kirchsprengels heimzusuchen.
Kein Wetter hinderte ihn an der Ausübung dieser Berufspflicht; es mochte schön sein oder regnen, tagtäglich nach Beendigung seiner Morgenstudien machte er sich mit seines Vaters
altem Wachtelhunde Carlo auf den Weg zur Erfüllung seiner
Sendung der Nächstenliebe oder Christenpflicht -- ich weiß nicht,
in welchem Lichte er dieselbe ansah. Zuweilen, wenn das Wetter
gar zu rauh war, machten seine Schwestern Einwendungen. Er
pflegte ihnen dann mit einem eigenthümlichen, mehr ernsten denn
freundlichen Lächeln zur Antwort zu geben:
, Und wenn ich mich jetzt durch einen Windstoß oder einige
Regentropfen von der Erfüllung meiner leichten Berufspflichten
abhalten lasse, was soll das für eine Vorbereitung zu meiner
künftigen Bestimmung sein
Dianen's und Mary's einzige Erwiderung bestand in
einem Seufzer und einem schmerzlichen Sinnen, das einige
Minuten anhielt.
Doch nebst seiner häufigen Abwesenheit gab es noch eine
andere Scheidewand zwischen mir und ihm, die jedes freundschaftliche Verhältniß unmöglich machte; er war nämlich von
Natur aus zurückhaltend, in sich selbst versunken und tiefsinnig.
Eifrig in der Vollführung seiner Berufsarbeiten, tadellos in
seinem häuslichen Leben und in seinen Gewohnheiten, schien er
sich doch nicht jener Heiterkeit des Geistes, jener inneren Zufriedenheit zu erfreuen, die der Antheil jedes wahren Christen
und thätigen Menschenfreundes sein sollten. Sehr oft, wenn er
des Abends an seinem Pulte saß, um zu lesen oder zu schreiben,
hielt er in der einen oder in der anderen Beschäftigung mitten
inne, stützte sein Kinn auf seine Hand und überließ sich irgend
einem mir unbekannten Gedankenlaufe. Doch erkannte ich an
dem häufigen Leuchten seiner Augen und dem Wechsel seiner
Gesichtszüge, daß sein Geist stürmisch bewegt, in vollem Aufruhr war. Die Natur, denke ich, erschien ihm auch nicht wie seinen
Schwestern als eine Quelle reiner Freuden. Ein einzigesmal
ließ er sich in meiner Gegenwart vernehmen, die Umgegend sei
romantisch und er habe eine angeborene Zuneigung zu dem
finsteren, alterthümlichen Gebäude, das er seine Heimat nannte;
aber der Ton, mit dem er diese Worte aussprach, war mehr
düster als freudig, und nie suchte er das Sumpfland um seiner
eigenen wilden Schönheit wegen auf.
Bei seinem gänzlichen Mangel an Mittheilsamkeit verging
eine geraume Zeit, bevor ich Gelegenheit fand, sein Gemüth zu
ergründen. Ich konnte dies zuerst bei einer Predigt thun, die
er in seiner Kirche zu Morton hielt. Ich wollte, ich könnte diese
Erbauungsrede beschreiben; allein es überstiege meine Kräfte und
kaum bin ich im Stande, ein getreues Bild des Eindruckes zu
geben, den dieselbe auf mich hervorbrachte.
Der Anfang derselben war ruhig gehalten und sie blieb es
auch, was den Vortrag und den Ton der Stimme anbelangt,
bis ans Ende; ein tiefgefühlter, doch knapp im Zaum gehaltener,
religiöser Eifer athmete durch die deutlich gesprochenen Sätze und
schien dem Prediger alle die kräftigen Worte einzuflößen. Die
Sprache wurde stärker, doch gedämpft und unter Aufsicht gestellt,
überschritt sie nicht das richtige Maß. Die geistige Ueberlegenheit
des Redners erschütterte das Herz, zwang den Geist zur Verwunderung, doch wurde weder das eine noch der andere gerührt,
milder gestimmt. Eine sonderbare Bitterkeit durchwehte die ganze
Rede und der gänzliche Mangel an tröstender, versöhnender
Sanftmuth, sowie die häufigen Anspielungen auf calvinistische
Lehrsätze mußten auffallen; eine jede Hinweisung auf diese letzteren
ertönte wie ein Urtheilsspruch. Als die Predigt zu Ende war,
fühlte ich mich, statt besser, ruhiger, aufgeklärter zu sein, unendlich
trübe gestimmt, denn es kam mir -- vielleicht auch nur mir --
so vor, als wäre die ganze Beredtsamkeit einem durch vereitelte
Wünsche, ungestillte Begierden und unruhige Bestrebungen erbitterten und erregten Gemüthe entsprungen. Gewiß hatte St.
John Rivers trotz seines tadellosen Lebenswandels und seiner
gewissenhaften, eifrigen Pflichterfüllung den Frieden Gottes ebenso
wenig gefunden als ich, die ich durch den Verlust meines
Ideals, meines Paradieses eine Beute des nagendsten Schmerzes
geworden war, der mich noch immer mitleidslos quälte, wiewohl
ich seiner in der letzten Zeit weniger Erwähnung that.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und Mary
sollten in kurzer Zeit das väterliche Haus verlassen und auf
ihre Posten als Erzieherinnen in einer großen Stadt Süd-Englands zurückkehren, wo sie in zwei verschiedenen sehr reichen
und sehr angesehenen Familien dienten, die sie in ihrer Hochnäsigkeit eben nur als Dienstboten ansahen, und ihre Talente
und Kenntnisse gerade so schätzen, wie man etwa die Geschicklichkeit einer Köchin und den Geschmack einer Kammerzofe anerkennt. Mister St. John hatte noch mit keinem Worte angedeutet, daß er für mich eine Beschäftigung gesunden habe, und
doch war es nun höchste Zeit für mich, irgend einen Beruf
anzutreten. Eines Morgens, wo ich mit ihm eine kurze Zeit
allein blieb, unternahm ich es, ihn in seiner Arbeit zu stören,
und dieser Angelegenheit wegen anzusprechen. Noch wußte ich
nicht recht, in welche Worte ich meine Anrede einkleiden sollte,
als er mich selbst dieser Verlegenheit überhob und mich zuerst
anredete.
,Sie wollen mich um etwas fragen? hob er von seinem
Pulte aufblickend an.
,Wohl; ich möchte wissen, ob Ihnen bereits irgend ein
Dienstposten bekannt ist, den ich bald antreten könnte.
, Vor drei Wochen wußte ich etwas dergleichen; doch da
Sie sich hier so glücklich zu fühlen schienen und so nützlich zu
machen wußten und da meine Schwestern ein so ungewöhnliches
Vergnügen in Ihrer Gesellschaft fanden, so hielt ich es für
unzeitig, dieses glückliche Verhältniß früher zu zerstören, als es
durch die Abreise der beiden Mädchen nach ihrem Bestimmungsorte nothwendig würde.
,Diana und Mary reisen in drei Tagen ab? frug ich.
, Va; und ich kehre nach meiner Pfarre zurück. Hannah
wird mich begleiten und das alte Haus hier wird geschlossen.
Ich wartete einige Augenblicke, in der Hoffnung, er würde
den ursprünglichen Gegenstand unserer Unterredung wieder aufnehmen; aber er schien, seinem Blicke nach zu urtheilen, an ganz
andere Dinge zu denken, als an mich und meine Angelegenheit.
Ich mußte ihm also ein Thema ins Gedächtniß zurückrufen, das
für mich von größter Wichtigkeit war.
,Welches war die Beschäftigung, die Sie damals für mich
gefunden hatten, Mister Rivers? Ich hoffe, der Verzug hat das
Inswerksetzen Ihres Planes nicht unmöglich gemacht.
O, gewiß nicht, da es eine Anstellung ist, deren Verleihung von mir, deren Annahme von Ihnen abhängt.
Wieder hielt er inne, als sei es ihm unangenehm fortzufahren. Ich wurde ungeduldig und machte ihm diese Empfindung durch eine unruhige Bewegung und einen fragenden
Blick bemerkbar.
, Sie dürfen keine solche Eile haben, das Nähere zu hören,
sagte er; ,aufrichtig gesagt, kann ich Ihnen weder etwas sehr
Angenehmes noch etwas Nutzbringendes anbieten. Doch bevor ich
mich näher erkläre, wollen Sie sich meiner neulichen, klar und
deutlich abgefaßten Bemerkung erinnern, daß ich Ihnen nämlich
kaum anders helfen kann, als der Blinde dem Lahmen. Ich bin
arm, denn wenn ich meines Vaters Schulden gezahlt haben
werde, bleibt mir nichts als diese halbverfallene Hütte, die paar
Tannenbäume hinter und das Stück Sumpfland vor derselben.
Ich bin ein geringer Mann; wohl ist Rivers ein alter Name,
allein von den drei letzten Sprößlingen desselben arbeiten zwei
um des täglichen Brotes willen als Lohndienerinnen in der
Fremde und der dritte betrachtet sich nicht bloß im Leben,
sondern auch im Tode als einen Fremdling im eigenen Heimatlande. Ja, und er schätzt sich glücklich, daß ihm ein solches Los zuteil wurde und sehnt sich nach dem Herannahen des Augenblickes, wo er das Kreuz der Duldung und Entsagung
von fleischlichen Banden wird auf seine Achsel nehmen, und den
Worten des Oberhauptes jener streitenden Kirche, unter deren
niedrigste Diener er sich zählt, gehorsamen können, das da rufen
wird: ,Stehe auf und folge mir nach!
St. John sprach diese Worte in derselben Weise, wie er
seine Predigten vortrug, in einem ruhigen Tone, mit tiefer
Stimme, marmorblassen Wangen und funkelnden Augen.
,Und da ich selbst arm und gering bin, fuhr er fort,
,kann ich Ihnen auch nur einen ärmlichen und geringfügigen
Dienstplatz verschaffen. Vielleicht werden Sie ihn für einen Ihrer
Person und Ihrer Kenntnisse unwürdigen Posten halten, denn
so viel ich gesehen, gehören Sie Ihren Gewohnheiten nach der
guten Gesellschaft an; allein ich bin der Meinung, daß keine
Beschäftigung herabwürdigt, die dazu dient, unsere Mitmenschen
zu bessern, daß die Ehre desto größer ist, je rauher der Boden,
den der christliche Ackersmann zu bebauen bekommt, je geringer
die Frucht seiner mühsamen Arbeit. Er erscheint unter solchen
Verhältnissen als ein Vorkämpfer des Glaubens und die ersten
Vorkämpfer des Evangeliums waren die Apostel und ihr Anführer Jesus Christus, unser Heiland.
Er sah mich eine Weile forschend an, als wollte er in
meinem Gesichte lesen.
, Ich denke, Sie werden den Posten annehmen, den ich
Ihnen anbieten will, und auch eine Zeit lang auf demselben
ausharren. Für immer möchte er Ihnen wohl ebenso wenig
genügen, als mir das bescheidene, verborgene Amt eines Landgeistlichen für die Dauer anstehen kann; denn Ihrem Gemüthe
ist gleich dem meinen ein Zusatz beigemischt, der Sie so wenig
wie mich den inneren Frieden erlangen läßt, wiewohl der Grund
ein ganz verschiedener ist.
, Sprechen Sie deutlicher, drang ich in ihn, als er abermals innehielt.
,Das will ich und Sie sollen sehen, wie ärmlich, wie
alltäglich, wie anstrengend die Beschäftigung ist, die ich Ihnen
zugedacht. Nun mein Vater todt ist und ich mein eigener Herr
bin, bleibe ich nicht mehr lange in Morton und verlasse diesen
Ort wahrscheinlich schon im Verlaufe dieses Jahres, allein so
lange ich hier bleibe, will ich alles Mögliche aufbieten, um die
nöthigen Verbesserungen in meiner Gemeinde einzuführen. Als
ich vor zwei Jahren nach Morton kam, hatte das Dorf noch
keine Schule und die Kinder der Armen waren von jeder Aussicht auf Unterricht ausgeschlossen. Ich errichtete sofort eine
Knabenschule und beabsichtige nun auch eine Mädchenschule zu
gründen. Ein Gebäude, sowie ein kleines Häuschen mit zwei
Stuben für die Lehrerin habe ich bereits zu diesem Zwecke
gemiethet. Die letztere erhält dreißig Pfund jährlich und findet
ihre Wohnung durch die Güte einer jungen Dame, Miß Oliver,
die Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde,
des Eigenthümers einer Nadelfabrik und Eisengießerei, zwar sehr
einfach, doch anständig eingerichtet. Dieselbe Dame zahlt auch
für den Unterricht und die Kleidung eines Waisenmädchens aus
dem Armenhause, wofür dieselbe der Lehrerin in Arbeiten zur
Seite stehen soll, welche die Erstere aus Mangel anZeit nicht selbst
verrichten kann. Wollen Sie die Stelle der Lehrerin annehmen?
Er brachte die letzten Worte nicht ohne einige Befangenheit heraus, als erwarte er halb und halb seinen Antrag mit
Unwillen und mit Verachtung zurückgewiesen zu sehen. Die angebotene Stelle war eine mehr als bescheidene, aber sie gewährte
mir einen sicheren Zufluchtsort; sie war mit großer Anstrengung
verbunden, allein sie hatte, im Vergleiche mit dem Posten einer
Erzieherin in einem großen Hause, den Vortheil der Unabhängigkeit für sich. Die Furcht vor der Dienstbarkeit in einer fremden
Familie entschied mich für die Annahme.
, Ich nehme Ihr Anerbieten mit Dank und vom Herzen
gerne an, Mister Rivers.
, Sie haben mich doch verstanden? versetzte er. ,Es ist
von einer Dorfschule die Rede. Ihre künftigen Schülerinnen sind
Kinder der Hüttenbewohner, im besten Falle Pächterskinder, und
alles, was Sie sie zu lehren haben, beschränkt sich auf Stricken,
Nähen, Lesen, Schreiben und Rechnen. Was wollen Sie mit dem
besseren Theile Ihres Geistes, Ihren Gefühlen und Neigungen
anfangen?
, Ich werde sie insolange aufbewahren, bis ich ihrer bedarf.
Sie werden nicht zugrunde gehen.
,Sie wissen also, was Sie unternehmen?
,Ganz genau.
Er lächelte; doch war sein Lächeln kein herbes oder trübes,
sondern ein freundliches und vollkommen zufriedenes.
, Wann wollen Sie Ihr Amt antreten?
,Morgen will ich meine Wohnung beziehen, und wenn
es Ihnen angenehm ist, den Unterricht schon nächste Woche
beginnen.
,Sehr gut, dabei soll es bleiben.
Er stand auf, ging durchs Zimmer, blieb dann stehen und
sah mich kopfschüttelnd an.
,Was haben Sie auszusetzen, Mister Rivers? frug ich ihn.
,Sie sollten es lange in Morton aushalten?! Nein und
abermals nein!
, Warum? Was berechtigt Sie zu dieser Annahme?
, Ich sehe es Ihren Augen an; sie versprechen durchaus
keine Zufriedenheit mit einem ruhigen, einförmigen Leben.
, Ich bin nicht ehrgeizig.
Bei dem Worte ,ehrgeizig' fuhr er in die Höhe.
,Das glaube ich selbst. Wer brachte Sie dazu, an Ehrgeiz
zu denken? Wer ist ehrgeizig? Ich weiß wohl, daß ich es bin,
aber woraus erkannten Sie das?
, Ich sprach von mir selbst.
,Nun, wenn Sie auch nicht ehrgeizig sind, so sind Sie
doch -- Er stockte.
, Was bin ich?
, Leidenschaftlich, wollte ich sagen; aber vielleicht hätten
Sie das Wort falsch ausgelegt und wären böse geworden. Ich
meine damit, daß menschliche Zuneigung und menschliche Affecte
in Ihrer Seele tiefe Wurzel gefaßt haben. Es ist meine feste
Ueberzeugung, daß Sie es nicht lange ertragen werden, Ihre
Mußestunden in der Einsamkeit und Ihre Arbeitsstunden mit
einer eintönigen, reizlosen Beschäftigung zuzubringen, gleichwie es auch mir unmöglich wäre, fügte er mit besonderer
Betonung hinzu, ,meinen Geist, die mir vom Himmel verliehenen
Gaben hier in diesem von Bergen eingeschlossenen Moraste nutzlos zu begraben. Sie hören nun, wie ich mir selbst widerspreche,
ich, der ich das bescheidene Los und den Beruf der geringsten
Arbeiter im Weinberge des Herrn glücklich pries, ich, sein verordneter Diener, verzehre mich beinahe in Unzufriedenheit und
Ruhelosigkeit. Nun wohl, Neigungen und Grundsätze müssen
durch irgend ein Mittel in Einklang gebracht werden.
Er verließ die Stube. In dieser einen Stunde hatte ich
ihn besser kennen gelernt, als im ganzen vergangenen Monat;
dennoch konnte ich ihn noch immer nicht ganz begreifen.
Diana und Mary wurden immer stiller und immer trauriger,
je näher die Stunde der Trennung von ihrem Bruder und dem
Vaterhause herannahte. Wohl versuchten sie es, in ihrer gewöhnlichen Laune zu erscheinen, doch der Schmerz, gegen den sie
ankämpften, war viel zu groß, um besiegt oder unterdrückt werden
zu können. Diana erklärte, es würde die schmerzlichste Trennung
werden, die sie noch je erlebt und mit Bezug auf St. John
eine Trennung auf lange Jahre, vielleicht eine auf ewig sein.
, Er wird seinem lang genährten Vorhaben alles opfern,
sagte sie, ,die heiligsten Gefühle, wie die natürlichsten Regungen
des Herzens. St. John sieht ruhig aus, Jane, doch in seinem
Inneren brennt ein verzehrendes Feuer. Sie würden ihn für
sanft halten und doch ist er in manchen Dingen hartherzig und
unerbittlich wie der Tod, und das Schlimmste an der Sache ist,
daß mir mein Gewissen nicht erlaubt, ihn von seinem Entschlusse
abzubringen, der ein edler, christlicher ist, mir aber das Herz
bricht. Thränen erstickten ihre Stimme und auch Mary ließ
den Kopf auf ihre Arbeit sinken.
,Wir sind nun ohne Vater, bald werden wir auch keinen
Bruder und keine Heimat mehr haben, flüsterte sie.
In diesem Augenblicke trat ein kleines Ereigniß dazwischen,
das wie vom Schicksal auserkoren schien, die Wahrheit des Sprichwortes zu beweisen, daß ein Unglück selten allein kommt. St. John
trat, einen Brief lesend, in das Zimmer.
,Unser Onkel Tom ist gestorben, sagte er.
Diese Mittheilung schien auf die beiden Schwestern einen
tiefen, doch weder einen schmerzlichen noch erschütternden Eindruck
zu machen. Die Nachricht interessirte sie offenbar mehr, als sie
sie betrübte.
,Gestorben? wiederholte Diana.
,Ja.
Sie richtete einen fragenden Blick auf ihres Bruders Antlitz.
,Und was ist's weiter? frug sie.
,Was weiter, Diana? erwiderte er, während seine Gesichtszüge ihren unbeweglichen Ausdruck beibehielten. , Was weiter?
Ja nun, nichts. Lies selbst.
Er warf ihr den Brief auf den Schoß. Sie durchlas ihn
flüchtig und reichte ihn ihrer Schwester hin. Mary that desgleichen und stellte das Schreiben ihrem Bruder wieder zurück.
Alle drei sahen einander an und alle drei lächelten; es war ein
trostloses, nachdenkliches Lächeln.
,Amen! Leben können wir ja noch! sagte endlich Diana.
,Jedenfalls steht es mit uns nicht schlimmer als früher,
bemerkte Mary.
,Mit der einzigen Ausnahme, daß man nun unwillkürlich
Vergleiche anstellt zwischen dem was ist und was hätte sein
können, versetzte Mister Rivers.
Er legte den Brief zusammen, schloß ihn in seinem Pulte
ein und ging wieder zur Stube hinaus.
Durch einige Minuten sprach niemand. Diana brach zuerst
das Stillschweigen.
, Sie werden sich über uns und unsere Geheimnisse wundern,
liebe Jane, sagte sie, ,und uns für hartherzige und gefühllose
Leute halten, weil uns der Tod eines so nahen Anverwandten
so wenig rührt; allein wir haben ihn weder gesehen, noch je
gekannt. Er war der Bruder unserer Mutter und lag mit unserem
Vater lange im Streite; sein Rath war es, der den letzteren
veranlaßte, sein Vermögen in seinen Speculationen aufs Spiel
setzen, die ihn zugrunde richteten. Wechselseitige Vorwürfe
waren die nächste Folge davon, sie trennten sich voll Unwillen
und versöhnten sich nie wieder. Mein Onkel betheiligte sich später
bei glücklicheren Unternehmungen, und wie es scheint, ersparte
er ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund Sterling. Er war
nie verheiratet und hatte außer uns und noch einer Person, die
ihm nicht näher steht als wir, keine Anverwandten. Der Onkel
trug sich immer mit dem Gedanken herum, er würde seinen
Fehler dadurch gut machen, daß er uns seine sämmtlichen
Besitzungen hinterließe, aber eben dieser Brief belehrt uns, daß
er alles bis auf einen Pfennig den anderen Anverwandten vermachte, mit Ausnahme von dreißig Guineen, die uns drei
Geschwistern zur Anschaffung von Traueranzügen ausbezahlt
werden sollen. Allerdings besaß er das unbestreitbare Recht, nach
seinem Willen vorzugehen, aber dennoch drückt uns diese Nachricht, wenigstens für den ersten Augenblick nieder. Mary und
ich hätten uns eine jede mit tausend Pfund für reich gehalten
und auch St. John wäre eine gleiche Summe zur Unterstützung
seines Vorhabens erwünscht gewesen.
Nach dieser Erklärung wurde der ganze Gegenstand fallen
gelassen und weder Mister St. John noch eine seiner beiden
Schwestern kamen je wieder darauf zurück. Tags darauf verließ
ich Marsh-End und begab mich nach Morton und einen Tag
später reisten Diana und Mary nach dem entfernten B***, Nach
einer Woche übersiedelte Mister Rivers mit Hannah nach seiner
Pfarrwohnung und das alte Moorhaus war ganz verlassen.

V.

Meine Heimat, nachdem ich endlich eine solche gefunden,
ist eine Hütte, bestehend aus einer kleinen Stube mit geweißten
Wänden, vier Stühlen und einem Tische, einer Wanduhr, einem
Geschirrkasten mit einigen Tellern und Schüsseln und einem
Theegeschirr von Töpferthon, und aus einem Schlafzimmer eine
Treppe höher, das eine Bettstatt von weichem Holz und einen
desgleichen Kasten mit Schubladen enthält, der meine dürftige
Garderobe aufnehmen soll, die, wiewohl mich meine großmüthigen
Freundinnen mit dem Nöthigsten versehen hatten, dennoch keinen
großen Raum in Anspruch nimmt.

Es ist Abend. Ich habe das Waisenmädchen, das mich
bedient, mit einem Apfel als Belohnung entlassen und sitze ganz
allein am Camine. Am selben Morgen eröffnete ich meine Schule
und zählte zwanzig Schülerinnen; nur drei davon können lesen,
keine einzige schreiben oder rechnen. Mehrere Mädchen stricken
schon, doch nur wenige haben einen Begriff vom Nähen. Ihre
Sprache ist der ungebildetste Dialekt der ganzen Gegend und
wir verstehen einander nicht ohne Schwierigkeit. Wiewohl einige
dieser Kinder ziemlich artig und gelehrig sind, so ist doch natürlicherweise die Mehrzahl noch ganz roh und ungefügig. Ich darf
indessen nicht vergessen, daß diese kleinen Bäuerinnen von demselben Fleische und Blute sind, wie die Abkömmlinge adeliger
Familien, und daß die Keime angeborener Herzensgüte und
geistiger Vollkommenheiten sich auch bei ihnen vorfinden. Es
wird meine Pflicht sein, diese Keime zur Entwickelung zu bringen
und ich werde mich in Erfüllung derselben gewiß glücklich fühlen.
Sehr viel Vergnügen erwarte ich zwar von meinem künftigen
Leben nicht; indessen wird es mich, falls ich mich füge und
meine Gewohnheiten den Verhältnissen anpasse, jedenfalls befriedigen.
War ich fröhlich, zufrieden, ruhig während der Stunden,
die ich diesen Morgen und diesen Nachmittag in jenem ärmlichen, kahlen Schulzimmer zubrachte? Die Wahrheit zu sagen,
nein; vielmehr fühle ich mich unheimlich und -- wie albern ich
doch bin! sogar gedemüthigt. Es kam mir vor, als hätte
ich einen Schritt gethan, der statt mich im gesellschaftlichen Leben
zu heben, mich vielmehr noch tiefer stellte; die Unwissenheit, die
Rohheit, die Armuth meiner ganzen Umgebung erfüllten mich
beinahe mit Widerwillen. Aber ich will mich dieser Gefühle
wegen nicht allzu stark tadeln; es ist ein großer Schritt zur
Besserung, daß ich mein Unrecht einsehe, und ich will mich
bestreben, diese Vorurtheile ganz auszurotten. Schon morgen
werde ich ganz anders denken und in wenigen Wochen alle vorgefaßten Meinungen abgelegt haben. Möglich, daß mich sogar
einigen Monaten die Fortschritte und die gesteigerte sittliche
Bildung meiner Zöglinge beglücken und für mich der Quell so
mancher Freude, manches Genusses sind.
Inzwischen will ich mich nur das Eine fragen: Was ist
besser? -- Der Versuchung erlegen zu sein, der Leidenschaft
ohne Kampf, ohne eine Kraftanstrengung die Oberhand gelassen
zu haben und nun in Frankreich als Mister Rochester's Maitresse zu leben, oder nun als Lehrerin einer Dorfschule in einem
Winkel Englands ein armseliges, aber ehrliches Dasein zu
fristen? -- Ja, ich fühle nun, daß ich recht hatte, meinen
Grundsätzen und Geboten der Sittlichkeit Gehör zu geben und
die tollen Einflüsterungen eines schwachen Augenblickes von mir
zu weisen. Gott ließ mich den Weg des Rechtes finden und ich
danke seiner Vorsehung für die gewährte Unterstützung.
Bei diesem Punkte meiner Abendgedanken angelangt, erhob
ich mich, ging zur Thür und sah mir den Sonnenuntergang
an. Tiefe Ruhe deckte die Gefilde, die Vögel sangen ihr letztes
Lied, die Luft war mild und balsamisch fiel der Thau auf die
lechzende Pflanzenwelt hernieder. Während ich um mich blickte,
hielt ich mich für glücklich und war erstaunt, mich plötzlich beim
Weinen zu ertappen. Und warum das? Wegen des harten
Schicksalsspruches, der mich von meinem theueren Gebieter gerissen, wegen des schrecklichen Schmerzes und der entsetzlichen
Wuth, die sich seiner nach meiner Flucht bemächtigt haben
mußten und ihn vielleicht eben jetzt allen bösen Leidenschaften in
die Arme werfen. Bei diesem Gedanken wandte ich mein Gesicht
vom lieblichen Abendhimmel und von dem einsamen Thale von
Morton ab, das außer der in einer Baumgruppe versteckten
Kirche und Pfarrwohnung und außer Mister Oliver's Hause
am fernen Ende kein Gebäude enthielt und vom Dorfe selbst
eine halbe Meile entfernt lag. Ich schloß die Augen und lehnte
den Kopf an das steinerne Thürfutter meiner Hütte; aber alsbald machte mich ein Geräusch in der Nähe meines winzigen
Gärtchens aufblicken. Ein Hund -- der alte Carlo, Mister
River's Wachtelhund -- stieß die Gitterthür des Gartens mit
der Schnauze auf und St. John selbst stand mit verschränkten
Armen und gefurchter Stirne, mich mit einem ernsten, fast widerlichen Blicke ansehend, hinter ihm. Ich bat ihn einzutreten.
, Ich kann mich nicht aufhalten; ich bringe Ihnen bloß
ein kleines Päckchen, das meine Schwestern für Sie zurückließen.
Es enthält ein Farbenkästchen, Pinsel und Papier.
Ich näherte mich ihm, es in Empfang zu nehmen; es
war mir ein höchst willkommenes Geschenk. St. John musterte
mich, als ich vor ihm stand, mit strengen Blicken; noch waren
die Spuren vergossener Thränen auf meinem Gesichte zu
sehen.
,Haben Sie den Beginn Ihres Tagewerkes über Erwartung
schwer und anstrengend gefunden? frug er.
,O nein! Im Gegentheile; ich denke, daß ich es mit
meinen Schülerinnen in einiger Zeit weit gebracht haben
werde.
,Vielleicht hat Ihnen Ihre Wohnung oder die Einrichtung
derselben nicht entsprochen? Es ist in der That alles ärmlich
genug, allein --
,Meine Hütte ist sauber und schützt mich gegen die Unbilden der Witterung, unterbrach ich ihn; , und auch die Einrichtung enthält alles Nöthige und ist bequem genug. Alles das
hat mich zur Dankbarkeit, nicht zum Trübsinn gestimmt und ich
bin keine jener Thörinnen, die den Mangel eines Sophas, eines
Teppichs oder des Silbergeräthes schmerzlich empfinden. Noch
vor wenigen Wochen hatte ich übrigens gar nichts und pilgerte
als Bettlerin und Heimatlose herum; nun habe ich Verdienst,
eine Wohnung und gute Freunde und fühle mich der Güte
Gottes und der Großmuth der letzteren zum innigsten Danke
verpflichtet. Ich denke nicht daran, mein Los zu beklagen.
,Aber die Einsamkeit ist für Sie eine Last und Ihr kleines
Häuschen ist finster und leer.
,Ich habe wirklich noch nicht Zeit gefunden, über meine
Lage ruhig nachzudenken, am wenigsten aber, mich meines Alleinseins wegen unglücklich zu fühlen.
,Ganz gut. Ich hoffe, daß Sie die Zufriedenheit, die Sie
zu erkennen geben, auch wirklich fühlen. Was Sie zurückließen,
bevor Sie zu uns kamen, das weiß ich nicht; allein ich rathe
Ihnen freundschaftlich, durchaus nicht in die Vergangenheit zu
blicken und Ihre gegenwärtige Laufbahn wenigstens durch einige
Monate festen Schrittes zu verfolgen. Es ist eine harte Arbeit,
fuhr St. John fort, ,seine Neigungen im Zaume zu halten
und den natürlichen Anlagen eine entgegengesetzte Richtung zu
geben; aber daß es möglich ist, weiß ich aus eigener Erfahrung.
Gott hat uns in einem gewissen Maße die Macht ertheilt, uns
unser Schicksal selbst zu bestimmen, und wenn uns unsere Kräfte
verlassen, wenn unser Wille den Versuch macht, einen anderen
Pfad einzuschlagen als denjenigen, den wir zu gehen beschlossen,
dürfen wir weder ohnmächtig zusammenbrechen, noch in unzeitiger
Verzweiflung stehen bleiben.
Noch vor einem Jahre fühlte ich mich unaussprechlich
elend, weil ich durch die Wahl des geistlichen Standes einen
Mißgriff gethan zu haben dachte. Die Erfüllung der einförmigen
Pflichten eines Seelsorgers langweilten mich unaussprechlich und
ich sehnte mich nach dem thätigeren Treiben der Welt, nach den
aufregenderen Arbeiten der literarischen Laufbahn, nach dem
Berufe eines Künstlers, Schriftstellers oder Redners, kurz nach
allem anderen, als dem bescheidenen Wirken eines Priesters, und
mein Leben kam mir so trostlos vor, daß ich es entweder ändern
mußte oder den sicheren Tod vor Augen sah. Nach einem Zeitraume der Finsterniß und des Kampfes brach das Licht hervor
und die Hilfe nahte; mein Geist vernahm einen Ruf vom
Himmel, sich zu erheben, seine gesammte Kraft zusammenzuraffen, seine Schwingen auszuspannen und zur Unendlichkeit empor
zu steigen. Gott hatte eine Sendung für mich bereit, zu deren
Vollführung Geschicklichkeit und Kraft, Muth und Beredtsamkeit
erforderlich sind -- die Sendung eines Missionärs.
Und ein solcher beschloß ich zu werden. Von diesem
Augenblicke an änderte sich der Zustand meiner Seele, die Fesseln
fielen von allen Kräften meines Geistes ab und hinterließen kein
anderes Zeichen der Knechtschaft, als jene Wundmale, die nur
die Zeit heilen kann. Noch habe ich einige Geschäfte zu ordnen,
für meinen Posten einen Nachfolger zu finden, vielleicht mit dem
oder jenem Gefühle einen Kampf zu bestehen, aus dem ich, ich
bin dessen gewiß, als Sieger hervorgehe, weil ich es mir zugeschworen, daß ich siegen will -- und ich verlasse sofort
Europa, um nach dem Osten zu wandern.
Er sagte dieses in seiner eigenthümlichen Redeweise mit
leiser, doch erregter Stimme und sah, mit seiner Rede zu Ende
gekommen, nicht nach mir, sondern ach der untergehenden
Sonne, nach der auch ich blickte. Wir wandten beide dem Pfade
der vom Felde zur Gartenthür führte, den Rücken. Wir vernahmen keine Tritte auf dem weichen Grasboden und waren
daher mit Recht nicht wenig überrascht, als wir eine muntere,
sanft klingende Stimme sprechen hörten:
,Guten Abend, Mister Rivers; guten Abend, alter Carlo.
Ihr Hund erkennt gute Freunde schneller als Sie, Sir; er
spitzte die Ohren und wedelte mit dem Schweife, als ich noch
am anderen Ende des Feldes war, und Sie kehren mir noch
immer den Rücken.
Wiewohl Mister Rivers bei den ersten Lauten zusammengefahren war, als hätte ihn der Blitz getroffen, so stand er doch
noch am Schlusse der Anrede in derselben Stellung da, die Arme
auf den Gartenzaun gestützt. Endlich drehte er sich gemessen und
langsam herum. Eine zauberische Erscheinung war neben ihm
wie aus der Erde emporgestiegen; eine jugendliche, anmuthige,
weißgekleidete Gestalt, die Umrisse voll, doch zart, und als sie
von dem Hunde, der sie geliebkost hatte, emporsah und ihren
langen Schleier zurückschlug, leuchtete mir ein Gesicht von vollkommener Schönheit entgegen. Vollkommene Schönheit ist ein
starker Ausdruck, aber ich nehme ihn nicht zurück und ändere
ihn kein Haar breit; das zarteste, rosigste Gesicht, makellos wie
eine Lilie, welches je unter dem gemäßigten Himmel Albions
erblühte, rechtfertigte in diesem Falle die gebrauchte Bezeichnung
auf das glänzendste. Das Mädchen hatte feine, regelmäßige
Züge, ein großes dunkles Auge, lange Wimpern, feingezeichnete
Brauen, eine glatte, weiße Stirne, die lebhaften gefärbten Schönheiten so wohl ansteht. Frische, volle Wangen, kirschrothe Lippen,
schöne, weiße Zähne, ein reizend geformtes Kinn mit einem
Grübchen, ein üppiger Haarwuchs vollendeten das herrliche
Meisterstück. Ich war sprachlos vor Verwunderung über das
liebliche Geschöpf; die Natur mußte es in einer ganz besonders
guten Laune geformt haben, da sie ihren Liebling mit der
großmüthigsten Freigebigkeit bedacht hatte.
Was mochte wohl St. John Rivers von diesem irdischen
Engel halten? So frug ich mich, während er sich zu dem
Mädchen wandte und suchte, wie natürlich, die Antwort auf
seinem Gesichte zu lesen. Allein er hatte seinen Blick bereits
wieder von der Peri weggewandt und betrachtete einen Busch
Maiblümchen am Gartenzaune.
,Ein lieblicher Abend; doch viel zu spät für Sie, um allein
auszugehen, sagte er, die Blümchen mit dem Fuße zertretend.
O, ich kam erst diesen Nachmittag von S*** -- sie
nannte eine zwanzig Meilen entlegene große Stadt -- zurück.
Papa sagte mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue
Lehrerin wäre auch schon da, und so setzte ich nach dem Thee
meinen Hut auf und lief hierher, um sie zu sehen. Ist's die
hier?' auf mich zeigend.
,Ja, erwiderte St. John.
,Glauben Sie wohl, daß es Ihnen auf die Länge in
Morton gefallen wird? frug sie mich mit naiver Einfalt, die,
wenn natürlich, so sehr gefällt.
,Ich hoffe es, und es sprechen viele Gründe dafür.
,Fanden Sie Ihre Schülerinnen so aufmerksam wie Sie
es erwarteten?
,Vollkommen.
,Gefallt Ihnen Ihre Wohnung?
,Sehr.
,Habe ich sie nicht nett eingerichtet?
,Sehr nett, in der That.
,War ich in der Wahl Alice Wood's, Ihres Mädchens,
glücklich?
,Ganz gewiß. Sie ist gelehrig und geschickt. Also das ist
Miß Oliver, die Erbin, dachte ich bei mir. Das Glück und die
Natur scheinen sie gleich sehr begünstigt zu haben!
,Zuweilen will ich herüberkommen und Ihnen im Unterrichtgeben beistehen, fügte sie hinzu. ,Es wird mir eine angenehme
Abwechslung gewähren, Sie dann und wann zu besuchen, und
ich liebe die Abwechslung. Mister Rivers, ich war während
meines Aufenthaltes in S ganz außerordentlich lustig. Die
vergangene Nacht, oder vielmehr diesen Morgen tanzte ich bis
zwei Uhr. Das zehnte Regiment liegt seit den letzten Unruhen
dort und die Officiere sind die angenehmsten Leute von der
Welt. Sie beschämen alle unsere Scheerenschleifer und Messerhändler.
Es schien mir, als hätte sich Mister St. John's Gesicht
für einen Augenblick verdüstert, als ihm das lustige Mädchen
diese Eröffnung machte. Er blickte von den Blumen auf und
sah ihr ins Antlitz. Sein Blick war forschend, bedeutungsvoll;
sie beantwortete ihn mit einem zweiten Lacher und das Lachen
stand ihrem jugendlichen Gesichte ganz besonders gut.
Während er stumm und ernst dastand, bog sie sich wieder
zu Carlo herab und herzte ihn. , Der arme Carlo liebt mich,
sagte sie, Er ist nicht ernst und gemessen mit seinen Freunden
und könnte er sprechen, er schwiege nicht still.
Eine brennende Röthe überflog bei diesen Worten St. John's
Gesicht und er sah in seiner Aufregung als Mann ebenso schön
aus, wie Miß Oliver als Mädchen. Seine Brust hob sich, als
wollte sich sein volles Herz der tyrannischen Fesseln entledigen
und sich in angeborener Freiheit ausdehnen; aber er bändigte
es, wie ein guter Reiter sein Pferd bändigt, und erwiderte das
freundliche Entgegenkommen des Mädchens weder mit einem
Worte, noch mit einem Blicke.
,Papa meint, Sie besuchten uns jetzt gar nicht mehr,
fuhr Miß Oliver fort. ,Sie sind unserem Hause beinahe entfremdet. Er ist diesen Abend allein und etwas unwohl; wollen
Sie mich zurückgeleiten und ihm bei dieser Gelegenheit einen
Besuch abstatten?
, Es ist zu spät, um Mister Oliver noch zu belästigen.
Zu spät! Wo denken Sie hin? Es ist gerade jetzt die
Zeit, wo sich Papa am meisten nach Gesellschaft sehnt, denn
die Arbeitsstunden sind zu Ende und er hat nichts weiter zu
thun. Wohlan, Mister Rivers, kommen Sie. Warum sind Sie
so scheu und so düster?
, Ich vergesse ganz, fuhr sie fort, als er keine Antwort
geben zu wollen schien, , daß Sie wohl Ursache haben, traurig
zu sein. Verzeihen Sie mir. Ich dachte nicht daran, daß Diana
und Mary fort und Sie nun ganz verlassen sind. Ich bedaure
Sie von ganzem Herzen, aber kommen Sie mit zu Papa.
,Heute Abend nicht, Miß Rosamond, heute nicht.
St. John sprach beinahe wie ein Automat und nur er
allein wußte, welche Ueberwindung es ihm kostete, die Einladung
auszuschlagen.
,Nun gut, wenn Sie so eigensinnig sind, so muß ich wohl
gehen; ich darf nicht länger ausbleiben, denn der Thau fällt.
Gute Nacht.
Sie reichte ihm die Hand hin, er berührte sie ganz leicht.
, Gute Nacht! wiederholte er leise und dumpf wie ein
Echo. Sie ging, kehrte aber sogleich wieder um.
, Sind Sie wohl? frug sie. Und die Frage war am
rechten Orte, denn sein Gesicht sah so weiß aus wie ihr Kleid.
, Ganz wohl, versetzte er und verließ mit einer Verbeugung
den Gartenzaun. Sie ging dahin, er dorthin, sie sah sich zweimal nach ihm um, als sie elfenartig durch die Felder schwebte,
er ging festen Schrittes dem Pfarrhause zu und wandte sich kein
einzigesmal.
Dieses Schauspiel fremder Leiden und Aufopferung zog meine
Gedanken vom eigenen Kummer ab. Diana hatte behauptet, ihr
Bruder wäre, unerbittlich wie der Tod. Diese Bezeichnung war
keine Uebertreibung.

VI.

Ich setzte meinen Unterricht in der Dorfschule mit möglichster Thätigkeit und Gewissenhaftigkeit fort. Anfangs war es
mir eine sauere Arbeit, und eine geraume Zeit verging, bevor
ich es mit all meinen Anstrengungen dahin brachte, meine
Schülerinnen und ihre natürlichen Anlagen kennen zu lernen.
Bei ihrer gänzlichen Unwissenheit und dem Stocken aller geistigen
Thätigkeit schienen sie mir alle gleich talentlos zu sein; aber
schon nach einigen Wochen fand ich, daß ich mich geirrt hatte.
Auch unter den Bauernkindern gab es, wie unter den Kindern
gebildeter Stände, einen Unterschied, und als ich mit ihnen und
sie mit mir vertraut geworden waren, machte sich diese Verschiedenheit rasch bemerkbar. Sobald nur einmal ihre Verwunderung über meine Sprache, meine Manieren und Gewohnheiten zu Ende war, bildeten sich sehr viele von den schwerfällig
aussehenden Landdirnen gar schnell zu ganz gescheidten und
geschickten Mädchen heran. Sehr viele darunter wurden sogar
zuvorkommend, artig und liebenswürdig, und gar manche zeigten
ganz außerordentliche geistige Anlagen. Diese letzteren zeichneten
sich sehr bald durch Fleiß, gute Sitten und Nettigkeit in ihrer
äußeren Erscheinung aus. Die bewundernswerthen Fortschritte
von einigen derselben gaben mir zu gerechtem Stolze Veranlassung
und nicht wenige gewann ich sogar in gleichem Maße lieb, als
auch sie mir ihre Zuneigung bewiesen. Unter meinen Schülerinnen
befanden sich auch einige beinahe erwachsene Pächterstöchter, die
schon schreiben, lesen und nähen konnten und nun bei mir Sprachlehre, Geographie, Geschichte und feine weibliche Arbeiten lernten.
Ich fand darunter schätzbare Charaktere, gleich lernbegierig wie
für sittliche Vervollkommung empfänglich, mit denen ich in den
Wohnungen ihrer Eltern manchen angenehmen Abend verbrachte
und wobei mich die letzteren mit Aufmerksamkeiten aller Art
überhäuften.
Im Allgemeinen war mir die ganze Nachbarschaft freundlich zugethan. So oft ich nur meine Wohnung verließ, schallten
mir herzliche Grüße von allen Seiten entgegen und hießen mich
freundliche Blicke willkommen. Die Achtung und Werthschätzung
und sei es auch nur diejenige von Landleuten, wärmt wie milder
Sonnenschein, und der freudigen Aufregungen gab es in jener
Periode meines Lebens gar manche. Aber dennoch pflegten mich
nach einem freudig, wenn auch mühsam verlebten Tag und
nach einem mit Zeichnen und Lesen zugebrachten Abend gar
sonderbare Träume zu beschleichen, die mir mitten in stürmischen
Scenen wieder und immer wieder Mister Rochester, seine Blicke,
den Ton seiner Stimme, die Hoffnung, mit ihm durch das
Leben zu gehen, vormalten. Ich erwachte dann, erinnerte mich,
wo und in welcher Lage ich mich befand und setzte mich vor
Aufregung zitternd in meinem Bette auf. Die dunkle Nacht war
Zeuge der Ausbrüche meiner Verzweiflung, meiner Leidenschaft,
aber schon um neun Uhr des Morgens eröffnete ich die Schule,
ruhig, gefaßt, keine Spur der schmerzlich durchwachten Nacht im
Gesichte. Rosamond Oliver hielt ihr Versprechen, mich zeitweilig
besuchen zu wollen. Gewöhnlich pflegte sie bei mir des Morgens
bei Gelegenheit ihres Spazierrittes einzusprechen; ein Diener in
Livree begleitete sie. Man konnte nicht leicht eine schönere Erscheinung sehen als das reizende Mädchen in ihrem purpurnen
Reitkleide und dem schwarzsammtenen, graciös in die dichten
Locken gedrückten Amazonenkäppchen. In diesem Aufzuge schritt
sie durch die Reihen der geblendeten Bauernmädchen hindurch
und bei Mister St. John vorüber, der um diese Zeit den
Religionsunterricht zu ertheilen pflegte. Wie ein zweischneidiger
Dolch durchbohrten die Augen der schönen Besucherin des jungen
Predigers Herz. Eine Art Instinct schien ihm von dem Nahen
in Kenntniß zu setzen, und wenn er auch vom Eingange, an
dem sie erschien, wegsah, brannten ihn doch die Wangen und
seine anscheinend versteinerten Gesichtszüge nahmen einen veränderten Ausdruck an, der in seiner scheinbaren Ruhe mehr
innere Aufregung verrieth, als es das Zucken aller Muskeln
vermocht hätte.
Jedenfalls kannte sie ihre Macht, denn er verbarg ihr die
Wirkung derselben nicht, weil er es nicht konnte. Trotz seines
christlichen Stoicismus zitterte seine Hand und leuchteten seine
Augen, wenn sie auf ihn zukam, ihm freundlich, ja ermuthigend
zulächelte. Seine traurigen, doch entschlossenen Blicke schienen zu
sagen: , Ich liebe Sie und ich weiß, Sie zeichnen mich aus.
Nicht die Verzweiflung am Erfolge macht mich stumm, denn
wenn ich Ihnen mein Herz anböte, würden Sie es, glaub' ich,
annehmen. Aber dieses Herz ist schon auf einen geheiligten Altar
gelegt und das Feuer rundherum angezündet. Bald wird das
Opfer vollbracht sein.
Miß Oliver schmollte dann wie ein in seinen Erwartungen
getäuschtes Kind und eine düstere Wolke verdunkelte ihre glänzende Lebhaftigkeit. Sie zog die Hand zurück und schien den
ferneren Anblick des heldenmüthigen Märtyrers zu meiden.
St. John hätte wohl die ganze Welt darum gegeben, ihr folgen,
sie zurückrufen zu können; doch er mochte auch nicht ein Stückchen
seines Himmels opfern oder eine Hoffnung des wahren, ewigen
Paradieses hingeben. Zudem konnte er auch nicht alle seine
Eigenschaften, die Schwärmerei, den Ehrgeiz, die Romantik,
seine Religiosität in dieser einen Leidenschaft vereinigen. Er
sagte mir das alles eines Tages, wo ich ihn trotz seiner gewöhnlichen Zurückhaltung zu vertraulichen Eröffnungen gebracht hatte.
Die reiche Erbin beehrte mich nun auch mit häufigen
Besuchen in meiner Wohnung und ich lernte ihren Charakter
kennen, der übrigens ganz offen vor Augen lag. Sie war gefallsüchtig, doch nicht herzlos; sie machte Ansprüche, doch ohne eine
unwürdige Selbstsucht zu verrathen. Man hatte ihr von Jugend
auf ihren Willen gelassen, aber sie war darum nicht verdorben.
Sie war heftig, aber dabei gutmüthig, und eitel, aber nicht
affectirt, freigebig ohne Geldstolz, naiv, ziemlich verständig,
munter, lebhaft und rasch, mit einem Worte selbst für einen
kalten Beobachter reizend; allein sie konnte kein tieferes Interesse
erwecken, und keinen nachhaltigen Eindruck machen. Wie ganz
verschieden war sie zum Beispiel in geistiger Beziehung von
St. John's Schwestern! Aber dennoch war ich ihr gut, wie
etwa Adelen, meiner früheren Schülerin, nur daß die Zuneigung
zu einem Zöglinge weit inniger ist als diejenige, die man für
eine gleich anmuthige, jedoch erwachsenere Person empfindet.
Auch sie war mir sehr geneigt. Sie sagte, ich wäre Mister
Rivers ähnlich, aber natürlich nicht den zehnten Theil so schön;
ich wäre zwar auch eine allerliebst kleine Seele, doch Mister
St. John dagegen ein wahrer Engel. Ihrer Ansicht nach war
ich indessen so gut, so geschickt, so gesetzt und so charakterfest als
er und als Dorfschullehrerin ein wahres Naturwunder. Meine
Lebensgeschichte, meinte sie, müßte einen sehr interessanten Roman
abgeben.
Eines Abends, wo sie mit ihrer angeborenen Neugierde den
Geschirrkasten und die Tischlade meiner kleinen Küche durchstöberte, entdeckte sie zwei französische Bücher, einen Band von
Schiller's Werken, eine deutsche Sprachlehre und ein Wörterbuch,
meine Zeichenrequisiten und einige Skizzen, bestehend aus dem
Porträt einer meiner kleinen Schülerinnen und aus verschiedenen
Ansichten des Thales von Morton und des umliegenden Haidelandes. Erst sprachlos vor Verwunderung, machte sie alsbald
den Gefühlen des lebhaftesten Vergnügens Luft.
,Haben Sie das gemalt? Können Sie französisch und
deutsch? Sie liebes Wundermädchen! Sie zeichnen und malen
ja besser als mein Meister in S***, Möchten Sie wohl so
gut sein, mein Bildniß zu skizziren, um es Papa zu
zeigen?
,Mit dem größten Vergnügen,' erwiderte ich, und freute
mich in der That auf den Kunstgenuß, ein so vollkommenes
Modell copiren zu können. Sie hatte an jenem Tage ein dunkelblaues Seidenkleid an; die Arme und der Nacken waren bloß
und ihr einziger Schmuck bestand aus den kastanienbraunen
Locken, die mit der eigentlich wilden Grazie natürlicher Ringel
auf ihre Schultern herabwallten. Ich nahm ein Blatt feines
Papier und zeichnete die Umrisse; da es aber schon spät war,
so bat ich sie, mir zur Vollendung des Bildnisses ein andermal
zu sitzen.
Sie machte ihrem Vater eine solche Beschreibung von mir,
daß er, ein großer, starker, grauköpfiger Mann von mittlerem
Alter, neben dem sich seine Tochter wie eine liebliche Blume
an einer beschneiten Ruine ausnahm, die letztere gleich am nächsten
Abend zu mir begleitete. Er schien sehr schweigsam und sehr
stolz zu sein, doch behandelte er mich mit besonderer Güte. Die
Skizze von Rosamonden's Porträt gefiel ihm außerordentlich und

er bat mich, sie vollends auszuarbeiten. Auch bestand er darauf,
ich müsse den nächsten Abend in seinem Hause zubringen.
Ich folgte der Einladung und sah ein großes, schönes
Gebäude, das in allen seinen Räumen den Reichthum seines
Besitzers zur Schau trug. Rosamond war voll der herzlichsten
Freude und ihr Vater selbst ungemein freundlich. Nach dem
Thee ließ er sich mit mir in ein längeres Gespräch ein und
drückte seine besondere Zufriedenheit mit meinen Leistungen in
der Mädchenschule aus; nur meinte er, ich sei nach allem, was
er gehört und gesehen, zu gebildet und zu begabt für eine derlei
Stellung; er müsse also befürchten, ich würde sie bald mit einem
angemesseneren Posten vertauschen wollen.
,Gewiß! rief Rosamond. ,Sie ist hinlänglich geschickt,
um als Gouvernante in eine vornehme Familie einzutreten.
Ich bemerkte, ich wolle lieber in meiner jetzigen Stellung
verharren, als irgend einer vornehmen Familie meine Dienste zu
widmen. Mister Oliver sprach von Mister Rivers und der ganzen
Familie überhaupt mit besonderer Hochachtung. Der Name sei
sehr alt, sagte er; die Rivers seien ehemals sehr reich gewesen;
ganz Morton habe ihnen gehört und noch jetzt könne der letzte
Sprößling ohne Scheu eine Verbindung mit einem der besten
Häuser nachsuchen. Er bedauerte, daß ein so hübscher und so
reich begabter junger Mann den Entschluß fassen konnte, als
Missionär in die weite Welt hinaus zu gehen und sein kostbares
Leben in die Schanze zu schlagen. Aus allem war zu ersehen,
daß Mister Oliver gegen eine Verbindung seiner Tochter mit
Mister Rivers nichts einzuwenden gehabt hätte, dessen alter Name
und heiliger Beruf ihm ein hinreichender Ersatz für den Mangel
an Vermögen zu sein schienen.
Es war der 5. November und ein Feiertag. Mein kleines
Dienstmädchen hatte mir geholfen, die Wohnung zu reinigen und
war bereits wieder, mit einem Penny für ihre Bemühung beschenkt, heimgegangen. Alles um mich herum war blank geputzt
und auch ich hatte mich sauber angezogen, um den Nachmittag
nach meinem besten Ermessen zuzubringen.
Die Lebersetzung einiger Seiten aus dem Deutschen nahm
eine Stunde weg; dann ergriff ich meine Palette und meine
Pinsel und machte mich daran, Rosamond Oliver's Miniaturbildniß zu vollenden. Der Kopf war bereits fertig, nur der
Hintergrund und die Draperie war zu malen und hin und
wieder etwas nachzubessern. Noch war ich in voller Arbeit, als
jemand an meine Thür klopfte und einen Augenblick später
John Rivers in die Stube trat.
, Ich komme nachzusehen, wie Sie den Feiertag verbringen,
sagte er. , Doch nicht mit trübem Hinbrüten? Nein! Das ist
gut; wenn Sie malen, fühlen Sie sich wohl nicht einsam. Sie
sehen, daß ich Ihnen noch immer nicht recht traue, wiewohl
Sie sich bis jest ganz musterhaft betrugen. Ich habe Ihnen ein
Buch zur Abendlectüre mitgebracht, und er legte ein neues
Werk auf den Tisch, eine jener herrlichen Dichtungen, womit
das damalige, in dieser Beziehung beneidenswerthe Publicum so
oft erfreut wurde. Während ich das Buch hastig durchblätterte
-- es war Marmion -- bückte sich St. John, um meine
Malerei zu besehen. Seine schlanke Gestalt sprang wie eine
Feder sogleich wieder empor, doch sagte er nichts. Ich sah ihn
an, er wich meinem Blicke aus. Wohl kannte ich seine Gedanken
und konnte in seinem Herzen lesen, denn ich war in diesem
Augenblicke ruhiger und kaltblütiger als er. Insoferne stand ich
über ihm und fühlte die Neigung in mir, diesen Moment zu
seinem Besten zu benutzen.
Bei all seiner Festigkeit und Selbstüberwindung, dachte ich
bei mir, strengt er sich zu sehr an, verschließt jedes Gefühl,
jeden Schmerz in sich und verräth sich durch keine Silbe. Ich
bin überzeugt, es wäre ihm angenehm, von der hübschen Rosamond plaudern zu können und will ihn zum Sprechen bringen.
,Setzen Sie sich, Mister Rivers, begann ich. Allein er
erwiderte, wie immer, er könne nicht bleiben. Gut, sagte ich zu
mir selbst, bleibe stehen, wenn Du willst, aber gehen darfst Du
noch nicht, denn die Einsamkeit ist für Dich wenigstens ebenso
schädlich wie für mich. Ich will es versuchen, die geheime
Springfeder Deines Vertrauens und eine Oeffnung in Deiner
Felsenbrust aufzufinden, durch die ich Dir lindernden Balsam in
Dein Herz träufeln kann.
,Finden Sie dieses Porträt ähnlich? frug ich ihn
geradezu.
,Aehnlich! Wem soll es ähnlich sein? Ich habe es nicht
genau angesehen.
,Sie haben es angesehen, Mister Rivers.
Er schrak ordentlich über meine trockene Bemerkung zusammen
und sah mich verwundert an. Es fällt mir nicht ein, dachte ich
im Stillen, mich durch Dein steifes Betragen beirren zu lassen.
Ich bin auf alle Fälle vorbereitet. -- ,Sie sahen es ganz genau
an, fuhr ich laut fort; , aber ich habe nichts einzuwenden,
wenn Sie es noch einmal betrachten, und ich stand auf und
gab ihm das Porträt in die Hand.
,Ein sehr gut ausgeführtes Bild, sagte er; ,das Colorit
äußerst zart, die Zeichnung sehr correct.
,Wohl, wohl, ich weiß das. Aber wie steht es mit der
Aehnlichkeit? Wem sieht es gleich?
Einige Aufregung unterdrückend erwiderte er: , Miß Oliver,
wie ich glaube.
, Freilich wohl. Und um Sie sur Ihr richtiges Errathen
zu belohnen, verspreche ich Ihnen eine getreue Copie dieses
Bildes anzufertigen, vorausgesetzt, daß Sie mir die Versicherung
geben, des Geschenk sei Ihnen angenehm. Ich möchte nicht gerne
meine Zeit an eine Arbeit wenden, die dann vielleicht in Ihren
Augen keinen Werth hätte.
Er fuhr fort, das Gemälde zu betrachten; je länger er es
ansah, desto fester hielt er es, desto mehr schien es ihn zu fesseln.
, Es ist ähnlich, murmelte er, , das Auge, der ganze Ausdruck
ist vollkommen gut. Es lächelt.
, Würde es Sie trösten oder Ihnen Schmerz bereiten, wenn
Sie ein ähnliches Bildniß besäßen? Sagen Sie mir das. Denken
Sie sich, Sie wären in Madagaskar, im Caplande oder in
Indien; wäre es für Sie ein Trost, dieses Angedenken zu besitzen,
oder würde vielmehr der Anblick desselben traurige, schmerzliche
Erinnerungen in Ihnen wachrufen?
Er sah mich verstohlen an; er schien unentschlossen, verstört
zu sein. Dann blickte er wieder auf das Bildniß.
,Daß ich es gerne besitzen möchte, ist gewiß, ob es aber
vernünftig oder klug wäre, das ist eine andere Frage.
Seitdem ich wußte, daß ihm Rosamond geneigt sei und
auch ihr Vater nichts wider die Partie habe, war ich in meinem
Herzen, da meine Ansichten nicht so überspannt waren als diejenigen St. John's, für diese Verbindung äußerst günstig
gestimmt. Ich dachte, daß er, im einstigen Besitze von Mister
Oliver's großem Vermögen, ebenso viel Gutes wirken könnte,
als wenn er seinen Geist und seinen Körper unter der Sonnenglut der Tropenländer aufriebe. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, gab ich ihm zur Antwort:
,So weit ich die Angelegenheit kenne, wäre es vernünftiger
und klüger, wenn Sie gleich das Original in Besitz nähmen.
Er hatte sich unterdessen niedergesetzt, das Bild auf den
Tisch vor sich hingelegt und sah, den Kopf mit beiden Händen
unterstützt, ununterbrochen darauf hinunter. Ich bemerkte, daß
ihn meine Zudringlichkeit weder verdroß, noch viel weniger in
Zorn brachte; vielmehr schien ihm dieses Gespräch über einen
Gegenstand, den er bisher für unnahbar gehalten hatte, ein nie
empfundenes Vergnügen, einen ungehofften Trost zu gewähren.
Zurückhaltende Leute haben es weit öfter als die mittheilsamen
nöthig, daß man ihre Gefühle, ihre Schmerzen frei und offen
mit ihnen bespricht. Der ernsteste Stoiker ist am Ende auch ein
Mensch, dem man einen Gefallen erweist, wenn man zuerst in
das , stille Meer seiner Seele hinabtaucht.
,Sie ist Ihnen gut, das weiß ich gewiß, sagte ich, ,und
ihr Vater achtet Sie hoch. Zudem ist sie ein sehr sanftes,
vielleicht etwas gedankenloses Geschöpf; aber dafür haben Sie
mehr als hinreichend genug Gedanken für zwei. Sie sollten sie
heiraten.
,Ist sie mir wirklich gut? frug er.
Gewiß, mehr als irgend jemanden auf der Welt. Sie
spricht beständig von Ihnen, sonst nichts sreut sie so sehr und
wird von ihr so oft berührt.
,Es ist sehr angenehm, so etwas zu hören, versetzte er;
,sprechen Sie noch eine Viertelstunde so fort. Und er zog in
der That seine Uhr aus der Tasche und legte sie auf den Tisch
vor sich hin, um die Zeit zu bemessen.
,Aber was soll das nützen, wandte ich ein, ,wenn Sie
wahrscheinlich irgend eine unumstößliche Erwiderung gleich einem
zerschmetternden Keulenschlage vorbereiten, und Ihr Herz in neue
Fesseln schmieden?
,Bilden Sie sich solche böse Sachen nicht ein. Halten Sie
mich lieber für sanft und nachgiebig, wie ich es wirklich bin,
denn die Liebe steigt wie ein Springbrunnen frisch und munter
n meinem Herzen in die Höhe, und übergießt mit ihren klaren
Fluthen all das Gefilde, das ich so mühsam bearbeitet, so sorgfältig mit der Saat guter Entschlüsse und selbstverleugnender
Pläne bestellt hatte. Und nun haben die Nektarwellen die jungen
Schößlinge weggeschwemmt, und köstliches Gift tödtet ihre
Wurzeln. Ich sehe mich an der Seite meiner Braut Rosamond
Dliver in ihrem Hause auf einer Ottomane des Besuchzimmers
hingestreckt; sie spricht zu mir mit ihrer süßen Stimme, blickt
mich mit diesen herrlichen Augen an, die Ihre kunstvolle Hand
so natürlich auf dieses Papier hinzauberte, sie lächelt mir mit
diesen Corallenlippen zu. Sie ist mein -- ich gehöre ihr an --
dies Erdenleben, diese vergängliche Welt genügen mir. Aber
stille! Mein Herz ist übervoll -- meine Sinne umdüstert --
lassen wir die Zeit, die ich mir bestimmt, ruhig ablaufen!
Ich widersprach ihm nicht; die Uhr pickte eintönig fort,
er athmete schnell und tief. Inmitten dieser stillen Pause ging
die anberaumte Viertelstunde zu Ende. Er steckte die Uhr
wieder ein, legte das Bild nieder, stand auf und trat zum
Camin.
, Dieser kleine Zeitraum, sagte er, ,war dem Wahne und
der Selbsttäuschung gewidmet. Ich ließ mein Haupt an der
Brust der Versuchung ausruhen, beugte meinen Nacken mit
Willen unter ihr blumiges Joch, und nippte von dem berauschenden Tranke ihres Bechers. Das Kissen brannte, die Blumen
bargen eine Natter, der Wein hatte einen bitteren Nachgeschmack.
Alle ihre Versprechen sind leer, ihre Anträge bethörend, ich
weiß das.
Ich sah ihn voll Verwunderung an.
, Es ist wunderbar,' fuhr er fort, ,daß während ich Rosamond Oliver mit aller Macht der ersten Zuneigung liebte, ich
doch in meinem Inneren die ruhige, feste Ueberzeugung habe, sie
sei kein Weib für mich, sie passe nicht zu mir, und ich müsse
dies längstens in einem Jahre nach der Vermählung erkennen.
Ein Leben voll bitterer Reue wäre durch ein zwölfmonatliches
Entzücken zu theuer erkauft!
, Wirklich sonderbar! rief ich unwillkürlich aus.
, Während ein Theil meines Herzens durch ihre Reize
bezaubert ist, hat der andere das volle Bewußtsein ihrer Fehler.
Ihrer ganzen Wesenheit nach könnte sie mit mir unmöglich
sympathisiren, mir in meinem Wirken, Vorhaben, unmöglich zur
Seite stehen. Rosamond sollte dulden, arbeiten, ein weiblicher
Apostel werden? -- Rosamond das Weib eines Missionärs?
Nimmermehr!
,Aber Sie müssen ja diesen Beruf nicht ergreifen. Sie
können Ihr Vorhaben aufgeben.
,Ich mein Vorhaben aufgeben? Mein großes Werk unvollendet lassen? Was soll aus dem Grundstock werden, den ich
hiernieden für meine dereinstige Wohnung im Himmel legen
will? Was aus meiner Hoffnung, den Männern beigezählt zu
werden, die alle irdischen Vortheile freudig zum Opfer brachten,
um das Licht der Erkenntniß in die Wohnungen der Finsterniß
und des Aberglaubens zu tragen, um an die Stelle des Krieges
den Frieden, an die Stelle der Sklaverei die Freiheit, an die
Stelle der Furcht vor der Hölle die Hoffnung auf ein ewiges
Leben zu setzen? Das alles sollte ich beiseite legen? Diese
Zukunft ist mir theurer als mein Herzblut und ich kann durchaus
nicht von ihr lassen!
, Und Miß Oliver? bemerkte ich nach einer Weile.
,Achten Sie ihren Schmerz, ihre getäuschten Hoffnungen für
gar nichts?
,Miß Oliver wird auch ferner Anbeter und Schmeichler
genug um sich versammeln; in weniger als einem Monat ist
mein Andenken aus ihrem Herzen verschwunden. Sie wird mich
vergessen und einen Anderen heiraten, der sie jedenfalls glücklicher machen wird, als ich es gekonnt hätte.
,Sie sprechen frostig genug, aber Sie leiden unendlich.
Sie zehren sich auf.
,Keineswegs. Wenn ich ein wenig abnehme, so geschieht
dies nur aus ängstlicher Sorgfalt für die Ausführung meines
Planes, die leider immer wieder verschoben wird. Erst diesen
Morgen erhielt ich wieder einen Brief, der mich benachrichtigt,
daß mein Nachfolger, dessen Ankunft ich seit so langer Zeit
entgegensehe, erst in drei, vielleicht in sechs Monaten eintreffen
kann.
,Sie zittern und werden roth, so oft Miß Oliver ins
Schulzimmer tritt.
Der Ausdruck des lebhaftesten Erstaunens machte sich auf
leinem Gesichte bemerkbar. Er hatte sich nie gedacht, daß ein
Weib so zu einem Manne sprechen könnte. Ich für meinen Theil
fühlte mich in dieser Gesprächsweise ganz heimisch. Es war mir
von jeher unmöglich gewesen, auf die Länge mit einem starken
gebildeten Geiste umzugehen, ohne bei günstiger Gelegenheit den
Versuch zu machen, die Außenwerke einer conventionellen Zurückhaltung mit Gewalt zu nehmen, die Schwelle des Zutrauens
zu überschreiten und im Innersten des Herzens ein Plätzchen zu
erobern.
,Sie sind ein originelles Mädchen, und keineswegs verzagt, bemerkte er. , In Ihrer Seele wohnt Entschlossenheit und
Ihr Auge ist durchdringend; allein Sie müssen mir die Bemerkung
erlauben, daß Sie meine Aufregung ganz falsch auslegen. Sie
halten sie für tiefer liegend und weit mächtiger, als ich mit
gutem Gewissen zugeben kann. Wenn ich erröthe und in Miß
Oliver's Gegenwart zittere, so habe ich selbst kein Mitleid mit
mir. Ich verachte diese unedle Schwäche, ich weiß, daß sie ein
bloßes Fieber des Fleisches, keine Krankheit der Seele ist, die
fest und unerschüttert dasteht wie ein Felsenriff in der Tiefe
der wogenden See. Halten Sie mich für das, was ich bin, für
einen kalten, hartherzigen Menschen.
Ich lächelte ungläubig.
,Sie haben mein Zutrauen im Sturm genommen, fuhr
er fort, ,und Sie sollen mich nun ganz kennen lernen.
Ich bin in meinem natürlichen Zustande, ohne jenes blutgebleichte
Staatskleid, mit welchem die Christenheit die menschliche Fehlerhaftigkeit bedeckt, wie gesagt ein kalter, hartherziger, ehrgeiziger
Mensch. Von allen Gefühlen hat bloß die natürliche Zuneigung
eine immerwährende Macht über mich. Sonst ist der Verstand
und nicht das Gefühl mein Führer; mein Ehrgeiz ist unbegrenzt,
mein Wunsch, höher zu steigen, mehr als Andere zu thun, unersättlich. Ich ehre den Fleiß, die Ausdauer, das Talent, weil
dies die Mittel sind, mit welchen die Menschen große Zwecke
erreichen und sich zu schwindelnder Höhe erheben können. Ich
verfolge Ihren Lebenslauf mit Interesse, da ich in Ihnen das
Musterbild eines fleißigen, ordnungsliebenden, energischen Weibes
erkannt habe, und nicht etwa deshalb, weil ich Sie Ihrer Leiden
wegen bemitleide.
, Sie möchten sich gerne für einen heidnischen Philosophen
ausgeben, sagte ich.
, Keineswegs. Zwischen mir und jenen Philosophen besteht
der Unterschied, daß ich glaube, und zwar an das Evangelium
glaube. Sie wandten ein unrechtes Beiwort an. Ich bin kein
heidnischer, sondern ein christlicher Philosoph, ein Nachfolger der
Secte Jesu. Als sein Schüler befolge ich seine reinen Lehren
der Barmherzigkeit, des Wohlwollens; ich vertheidige sie und
habe geschworen, sie zu verbreiten. Von Jugend der Religion
anhänglich, hat sie meine natürliche Eigenschaft folgendermaßen
ausgebildet. Den zarten Keim natürlicher Zuneigung zog sie
zum alles überschattenden Baume allgemeiner Menschenliebe
heran. Aus der wildwachsenden, zähen Wurzel menschlichen Rechtsgefühles entwickelte sie eine richtige Ansicht von der göttlichen
Gerechtigkeit. Den Ehrgeiz, Macht und Ruhm für mein gebrechliches Selbst zu erlangen, verwandelte sie in das unermeßliche
Streben, das eich meines Meisters und Herrn zu erweitern
und das Zeichen des Kreuzes zum Siege zu führen. Das hat
die Religion für mich gethan, indem sie den vorhandenen Stoff
zu meinem Besten verwendete, meine Anlagen beschnitt und
zügelte. Allein ganz ausrotten konnte sie diese letzteren nicht und
es wird dies auch nicht eher möglich sein, bis diese sterbliche
Hülle fällt, und die Seele dem Reiche der Geister wiedergegeben
wird.
Mit seiner Rede zu Ende gekommen, nahm er seinen Hut,
der auf dem Tisch neben der Palette lag.
,Sie ist ein liebliches Geschöpf, flüsterte er leise
vor sich hin, , und verdient wohl den Namen der Rose der
Welt.
, Soll ich Ihnen ihr Ebenbild malen?
,Wozu? Nein.
Er bedeckte das Porträt mit dem dünnen Blatte Papier,
worauf ich beim Malen meine Hand zu legen pflegte, um die
Zeichnung nicht zu verwischen. Was er mit einemmale auf diesem
weißen Blatt erblickte, das konnte ich mir unmöglich denken;
allein irgend etwas mußte ihm aufgefallen sein. Denn er hob
es rasch empor, besah sich den Rand und warf mir einen ganz
eigenthümlichen, unbegreiflichen Blick zu; einen Blick, der meine
Inze Gestalt, mein Gesicht, meine Kleidung schnell wie der
Blitz zu mustern schien. Seine Lippen öffneten sich wie zum
Sprechen; aber er unterdrückte die Worte, die eben hervorbrechen
wolten.
.Was ist's? frug ich ihn.
,Ganz und gar nichts, gab er zur Antwort, und ich sah,
wie er beim Niederlegen des Papieres sehr geschickt ein kleines
Stückchen vom Rande abriß und in seinen Handschuh gleiten
ließ. Mit einem hastigen Kopfnicken und einem raschgesprochenen
,Guten Abend! verließ er mich.
Wahrlich, das geht doch über alle Begriffe! rief ich aus
und sah nun meinerseits das Papier ganz genau von allen Seiten
an. Aber außer einigen Farbenklecksen und Pinselstrichen konnte
ich nichts entdecken und nachdem ich mir durch einige Minuten
über das Geheimniß den Kopf zerbrochen, ohne dahinter kommen
zu können, ließ ich die ganze Sache fallen und verlor sie auch
bald aus dem Gedächtniß.

VII.

Nach Mister St. John's Entfernung begann es zu schneien
und das Gestöber hielt die ganze Nacht an. Auch der nächste
Tag brachte einen bedeutenden Schneefall und gegen Abend war
das Thal ganz verschneit und beinahe unwegsam. Ich hatte meinen
Fensterladen geschlossen, eine Matte vor die Thür gelegt, um
das Hereindringen des Schnees zwischen derselben und der
Schwelle zu verhindern, zündete dann ein gutes Feuer und eine
Kerze an, und nachdem ich eine Stunde lang dem tosenden
Sturme zugehört, nahm ich Marmion hervor, und fing an zu
lesen und vergaß alsbald über der Musik der Verse das Heulen
des Windes.
Ich hörte ein Geräusch und dachte, der Luftzug hätte an
der Thür gerüttelt. Doch nein, es war St. John Rivers, der
in pechfinsterer Nacht, im schrecklichsten Unwetter zu mir kam;
eine dichte Eiskruste deckte seinen Mantel. Ich war ganz bestürzt,
so wenig hatte ich in diesem bösen Wetter das Eintreten eines
Besuchers erwartet.
,Schlimme Nachrichten? frug ich. , Ist ein Unglück geschehen?
,Nein. Wie leicht Sie in Furcht zu setzen sind! antwortete
er, seinen Mantel ablegend und an die Thür hängend und sich
den Schnee von den Stiefeln streifend.
,Ich beflecke die Reinheit Ihres Fußbodens, sagte er,
,aber Sie müssen mir für diesmal verzeihen. Dann näherte
er sich dem Feuer. Es war eine harte Arbeit, bis zu Ihnen zu
gelangen. In eine der Gruben fiel ich bis zum Gürtel; glücklicherweise ist der Schnee noch ganz locker.
,Aber warum sind Sie gekommen? konnte ich mich nicht
enthalten zu fragen.
,Eine sehr ungastliche Frage; doch da Sie mir dieselbe
nun einmal stellen, so muß ich Ihnen wohl auch antworten;
bloß um ein wenig mit Ihnen zu plaudern, da ich meiner Bücher
und meiner einsamen Stube für heute schon überdrüssig bin.
Uebrigens empfinde ich seit gestern die Aufregung einer Person,
der man eine Geschichte halb enzählte und die nun begierig ist,
die Fortsetzung zu erfahren.
Er setzte sich, stützte den Kopf auf die Hand und überließ
sich seinen Gedanken. Es fiel mir auf, daß sein Gesicht, gleichwie seine Hand, ganz abgezehrt aussah. Ein vielleicht ungebetenes
Mitgefühl entströmte meinem Herzen und drängte mich zu der
Bemerkung:
, Ich wollte, Diana oder Mary kämen her und lebten bei
Ihnen; es ist eine böse Sache, daß Sie so ganz allein sind,
besonders da Sie auf Ihre Gesundheit so wenig Acht geben.
,Nicht nothwendig, versetzte er; ,ich gebe schon selbst
genug Acht auf mich.
Noch immer hatte er die Hand am Kinn, noch immer
blickte sein Auge träumerisch in die Feuerglut; ich hielt es für
nothwendig, irgend etwas zu sagen, und frug ihn, ob er keinen
kalten Luftzug von der Thür verspüre, der er den Rücken zuwandte.
,Nein, erwiderte er ganz kurz und gewissermaßen eigensinnig.
Wohl, dachte ich; wenn Du nicht reden willst, so magst
Du schweigen; ich lasse Dich mit Deinen Gedanken allein und
kehre zu meinem Buche zurück.
Ich putzte also das Licht und fuhr in meiner Lectüre fort.
Nach einer Weile bewegte er sich, ich blickte nach ihm; er zg
eine Brieftasche von Maroquin aus dem Rocke, nahm einen
Brief daraus hervor, las ihn, legte ihn wieder zusammen und
in die Brieftasche hinein, und verfiel wieder in sein voriges
Hinbrüten. Es schien mir unmöglich, mit einem so unergründlichen, unbeweglichen Hausmöbel vor Augen weiter zu lesen;
übrigens war ich zu neugierig, um schweigen zu können und
beschloß daher, ihn, auf die Gefahr hin zurückgewiesen zu werden,
anzureden.
,Haben Sie in letzter Zeit von Diana und Mary Nachricht erhalten?
,Keine seit jenem Briefe, den ich Ihnen vor einer Woche
zu lesen gab.
,Ist in Ihren eigenen Verhältnissen irgend eine Veränderung eingetreten? Sollen Sie etwa England früher verlassen,
als Sie es erwarteten?
,Das fürchte ich nicht; ein solches Glück wäre zu groß, als
daß es mir zutheil werden könnte.
Auf diesem Punkte zurückgeschlagen, glaubte ich das Thema
des Gespräches ändern zu müssen und beschloß, über meine
Schule und meine Schülerinnen zu sprechen.
,Mary Garett's Mutter befindet sich etwas besser und
Mary selbst kam diesen Morgen wieder in die Schule und
nächste Woche soll ich vier neue Schülerinnen aus der Gießerei
bekommen, sie wären schon heute hier gewesen, wenn sie der
Schnee nicht daran verhindert hätte.
,Wirklich?
,Mister Oliver zahlt für zwei dieser Mädchen.
,Thut er das?
,Er will sogar die sämmtlichen Schülerinnen am Weihnachtsabend bewirthen.
,Ich weiß es.
,Kommt die Idee von Ihnen?
,Nein.
,Von wem denn?
,Von seiner Tochter, wie ich glaube.
,Es sieht ihr gleich; sie hat ein so gutes Herz.
,Ja wohl!
Wieder trat eine Pause ein und die Wanduhr schlug acht.
Dies brachte ihn zu sich; er richtete sich auf seinem Stuhle in
die Höhe und wandte sich zu mir.
,Legen Sie Ihr Buch auf eine Weile weg und kommen
Sie zum Feuer, sagte er.
Aus einem Erstaunen in das andere verfallend, gehorchte ich.
, Vor einer halben Stunde, hob er an, ,sprach ich von
meiner Ungeduld, die Fortsetzung einer gewissen Erzählung zu
hören; bei reiflicher Erwägung sand ich es indessen für besser,
selbst die Rolle des Erzählers zu übernehmen und Ihnen diejenige meiner Zuhörerin zuzuweisen. Bevor ich beginne, muß ich
Ihnen bemerken, daß Ihnen die Geschichte etwas abgedroschen
vorkommen wird; allein die bekanntesten Einzelnheiten erhalten
sehr oft dadurch ein neues Interesse, daß man sie aus einem
anderen Munde vernimmt. Uebrigens ist die Erzählung ganz kurz.
Vor etwa zwanzig Jahren verliebte sich ein armer Prediger
-- sein Name thut hier nichts zu Sache -- in die Tochter
eines reichen Mannes; sie liebte und heiratete ihn gegen den
Willen ihrer Familie, die sie auch demzufolge sofort nach der
Trauung verstieß. Ehe zwei Jahre vergingen, starben Beide und
wurden unter Einem Grabhügel beerdigt. Sie hinterließen eine
Tochter, die gleich nach ihrer Geburt fremde Mildthätigkeit in
ihren eisigen Schoß aufnahm und in das Haus eines reichen
Verwandten von mütterlicher Seite trug, wo das arme Kind
von einer Stieftante, Mister Reeds von Gateshead -- ich will
nun auch die Namen nennen -- auferzogetn wurde. -- Sie
erschrecken -- Sie hörten wohl irgend ein Geräusch? Es wird
nur eine Maus sein, die im Sparrenwerk des Schulzimmers
herumläuft. Das Gebäude war, ehe ich es herrichten ließ, eine
Scheune und in solchen pflegen sich gewöhnlich Mäuse aufzuhalten.
Doch fahren wir in unserer Erzählung fort. Mistreß Reed behielt
die Waise zehn Jahre bei sich; ob sich diese letztere bei ihr
glücklich fühlte oder nicht, das kann ich nicht sagen; allein am
Ende dieses Zeitraumes schickte sie das Mädchen in die Schule
von Lowood, wo Sie selbst so lange Zeit lebten. Sie scheint
sich dort sehr brav aufgeführt zu haben und stieg von einer
Schülerin zu dem Amte einer Lehrerin empor, ganz so wie Sie
-- die Aehnlichkeit zwischen Ihrer Lebensgeschichte und derjenigen
des armen Waisenmädchens fällt mir jetzt wirklich auf -- und
verließ die Schule, um gleich Ihnen als Erzieherin einzutreten,
und zwar bei der Pflegebefohlenen eines gewissen Mister Rochester.
,Mister Rivers! unterbrach ich ihn.
,Ich errathe Ihre Gefühle,' versetzte er, ,bitte Sie jedoch,
dieselben für eine Weile im Zaume zu halten und mich bis ans
Ende, das nicht mehr fern ist, ruhig anzuhören. Neber Mister
Rochester's Charakter weiß ich nichts zu sagen; nur die eine
Thatsache ist mir bekannt, daß er um die Hand des Mädchens
in allem Ernste anhielt und daß sie am Altare die Entdeckung
machte, er sei bereits vermählt und seine Frau, wiewohl wahnsinnig, noch am Leben. Sein weiteres Betragen und die weiteren
Anträge, die er dem Mädchen stellte, lassen sich bloß vermuthen;
als jedoch ein Ereigniß eintrat, welches es nothwendig machte,
über diese Erzieherin Erkundigungen einzuziehen, zeigte es sich,
daß sie davon gegangen war, niemand wußte wie, wann und
wohin. Ale Nachforschungen waren vergebens und keine Spur
von ihr aufzufinden, wiewohl es von der höchsten Wichtigkeit
erschien und sie durch alle Zeitungen um Nachricht von ihrem
Aufenthalte ersucht wurde. Ich selbst habe von einem Advocaten,
Mister Briggs, einen Brief erhalten, der mir alle diese Einzelnheiten mitgetheilt. Ist das nicht eine wunderbare Geschichte?
,Sagen Sie mir nur, versetzte ich, ,und da Sie so viel
wissen, können Sie mir gewiß auch das sagen, was ist's mit
Mister Rochester? Wie geht es ihm und wo befindet er sich?
Was macht er? Ist er wohl?
,Ich kann Ihnen von Mister Rochester durchaus nichts
sagen; der Brief erwähnt seiner bloß wegen des betrügerischen
Versuches, eine ungesetzliche Verbindung einzugehen. Fragen Sie
doch lieber nach dem Namen der Erzieherin und nach der Beschaffenheit des Ereignisses, welches ihre Gegenwart nothwendig
macht.
,Ging denn niemand nach Thornfieldhall, Mister Rochester
zu besuchen?
,Ich glaube nicht.
,Aber man schrieb ihm doch?
,Freilich.
,Und was sagte er? Wo sind seine Briefe?
,Mister Briggs erwähnt, die Antwort auf seine Anfrage
sei nicht von Mister Rochester, sondern von einer Dame ,Alice
Fairfax' unterzeichnet gewesen.
Der fürchterlichste Schmerz erfüllte meine Seele, meine
Furcht war also nicht unbegründet gewesen. Mister Rochester
hatte aller Wahrscheinlichkeit nach England verlassen und irgend
einen seiner früheren Aufenthaltsorte am Continent aufgesucht,
um sich in den Strudel der Zerstreuung zu stürzen. O, mein
armer Gebieter -- nahezu mein Gatte, den ich so oft meinen
theueren Eduard genannt, wo weilte er wohl in diesem Augenblicke?
,Er muß ein schlechter Mensch sein,' bemerkte Mister Rivers.
,Sie kennen ihn nicht und sind nicht im Stande, ihn zu
beurtheilen, erwiderte ich mit Wärme.
,Meinetwegen, antwortete er ganz ruhig; ,zudem habe
ich auch noch ganz andere Dinge im Kopfe und muß vor allem
meine Erzählung vollenden. Da Sie mich nicht um den Namen
jener Gouvernante fragen wollen, muß ich Ihnen denselben schon
von freien Stücken mittheilen. Doch warten Sie -- ich habe
ihn hier -- es ist immer besser, man sieht wichtige Punkte
schwarz auf weiß vor sich.
Und wieder zog er bedachtsam seine Brieftasche heraus und
brachte einen schmutzigen Papierstreifen zum Vorschein, den ich
sofort als denjenigen erkannte, welchen er von der Porträtdecke
abgerissen hatte. Er stand auf, hielt mir das Papier ganz dicht
vor die Augen und ich las mit Tusch von meiner eigenen Hand
geschrieben die Worte: , Jane Eyre, jedenfalls das Werk eines
Augenblickes der Gedankenlosigkeit und der Zerstreuung.
,Briggs schrieb mir von einer gewissen Jane Eyre, sagte
er; ,die öffentlichen Kundmachungen verlangten Nachrichten über
eine Jane Eyre; ich kannte nur eine Jane Elliott. Ich muß
gestehen, daß ich gleich anfangs Verdacht schöpfte, aber erst gestern
Nachmittags erlangte ich die vollste Gewißheit. Bekennen Sie sich
zu diesem rechten Namen und leisten Sie auf Ihren angenommenen Verzicht?
,Ja, ja, aber wo ist Mister Briggs? Vielleicht weiß er
über Mister Rochester mehr zu berichten als Sie?
, Briggs ist in London; ich zweifle, ob er überhaupt etwas
von diesem Herrn weiß, denn es ist nicht Mister Rochester, um
den er sich interessirt. Indessen übersehen Sie in der Berücksichtigung von Kleinigkeiten die wichtigsten Dinge; Sie fragen
gar nicht, weshalb Sie Mister Briggs suchte, und was er von
Ihnen wollte.
,Nun, und was hatte er mir zu sagen?
,Weiter nichts, als daß Ihr Onkel Mister Eyre in Madeira mit dem Tode abgegangen ist und Ihnen sein ganzes
Vermögen hinterlassen hat und daß Sie nun reich sind. Das
ist alles.
,Ich reich?
,Ja wohl, eine reiche Erbin.
Eine Pause trat ein.
, Sie müssen natürlich die Identität Ihrer Person beweisen,
fuhr St. John fort, , was Ihnen indessen nicht schwer fallen
wird, und können dann sofort den Besitz Ihres Vermögens antreten, das in englischen Fonds angelegt ist und worüber Briggs
bereits alles Nöthige veranlaßt hat.
Wie hatte sich doch das Blatt gewendet! Es ist ein schönes
Ding, lieber Leser, in einem Augenblicke von der bittersten Armuth
zum behäbigen Wohlstand zu gelangen, aber keineswegs eine
Sache, die man mit einemmale begreift und schätzen lernt.
Ueberdies gehen die Worte , Legat, Erbschaft Hand in
Hand mit den Worten , Tod, Begräbniß'. Mein Onkel, mein
einziger Anverwandter, war also todt; seitdem ich von seiner
Existenz gehört hatte, hegte ich immer im Stillen die Hoffnung,
ihn eines Tages sehen zu können, und nun war dieselbe für ewige
Zeiten vernichtet. Ferner kam dieses Geld nur mir und keiner
sich glücklich fühlenden Familie zugute; nur mir allein! Aber
es macht mich unabhängig, und es ist eine schöne Sache um die
Unabhängigkeit! Dieser Gedanke hob meine Brust im stolzen
Selbstgefühl.
,Endlich glättet sich Ihre Stirne, sagte Mister Rivers;
,ich dachte -- Medusa hätte Sie angesehen und versteinert.
Vielleicht fällt es Ihnen ein, zu fragen, wie schwer Sie jetzt
sind?
,Nun, wir schwer wiege ich?
O, eine Kleinigkeit! Wirklich kaum der Rede werth!
Zwanzigtausend Pfund, aber was ist das?
,Zwanzigtausend Pfund!
Neue Ursache des Erstaunens! Ich hatte auf vier- oder
fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht benahm mir in der
That für einige Augenblicke den Athem. Mister St. John, den
ich noch nie lachen gehört, lachte von ganzem Herzen.
,Wohlan, sagte er, , wenn Sie einen Mord begangen
und wenn ich Ihnen eröffnet hätte, Ihr Verbrechen sei entdeckt,
könnten Sie kaum mehr erschrocken sein.
,Die Summe ist zu groß, denken Sie nicht, es sei ein Irrthum unterlaufen?
,Keineswegs.
,Vielleicht haben Sie die Ziffern nicht gut angesehen und
es heißt zweitausend statt zwanzigtausend?
,Die Summe ist in Buchstaben, nicht in Ziffern ausgeschrieben
und es heißt ganz zuverlässig zwanzigtausend.
Ein Gefühl überkam mich, gleich demjenigen eines Individuums von ganz schwacher Verdauung, das sich urplötzlich ganz
allein an einer Tafel sieht, auf welcher für hundert Personen
aufgetragen wird. Mister Rivers stand nun auf und nahm seinen
Mantel um.
,Wenn die Nacht nicht gar so kalt wäre, bemerkte er,
,würde ich Ihnen Hannah herschicken, daß Sie Ihnen Gesellschaft leiste; Sie sehen so verzweiselt unglücklich aus, daß ich
Sie nicht gerne allein lasse. Aber die arme Hannah könnte die
Schneewehen nicht so gut durchschreiten als ich; ihre Beine sind
nicht ganz so lang und ich muß Sie daher schon mit Ihren
Schmerzen allein lassen. Gute Nacht!
,Warten Sie noch eine Weile, rief ich. ,Es wundert
mich, wie Mister Briggs dazu kam, Ihnen meinetwegen zu
schreiben oder wie es ihm einfallen konnte, daß Sie ihn in
diesem entlegenen Winkel in seinen Nachforschungen unterstützen
würden.
,O, ich bin ein Geistlicher, sagte er, , und an die Geistlichkeit wendet man sich oft in sonderbaren Angelegenheiten.
Und wieder erfaßte er die Thürklinke.
,Das genügt mir nicht! Es ist eine sonderbare Angelegenheit, fügte ich hinzu; ,ich möchte gerne etwas mehr darüber
wissen.
,Ein anderesmal.
,Nein; noch heute, noch diesen Abend! und als er zur
Thür ging, stellte ich mich davor. ,Sie kommen nicht eher hinaus,
bis Sie mir alles gesagt haben! enklärte ich.
,Ich möchte es nicht gerne, gerade jetzt nicht.
,Sie müssen bekennen!
,Ich wollte lieber, Diana oder Mary unterrichteten Sie
davon.
Diese Einwürfe spannten meine Neugierde aufs höchste;
befriedigt mußte sie werden, und zwar ohne Verzug. Ich sagte
es ihm.
,Aber ich eröffnete Ihnen, ich sei ein hartherziger Mann
und nicht leicht zu überreden, meinte er.
,Und ich bin ein hartherziges Weib, und unter keiner
Bedingung abzuweisen.
,Uebrigens bin ich zu kalt, fuhr er fort, ,und keine Glut
kann mir etwas anhaben.
,Ich bin dagegen heißblütig und Feuer bringt das Eis
zum Schmelzen. Die Flamme hat all den Schnee von Ihrem
Mantel weggeleckt und in Gestalt von Wasserströmen auf meinem
Fußboden ausgegossen, der nun aussieht wie eine zusammengetretene Straße. Wenn Sie je einer Verzeihung für das Verbrechen, die frischgescheuerte Stube verunreinigt zu haben, entgegensehen, so theilen Sie mir mit, was ich zu wissen wünsche.
,Nun wohl, sagte er, ,ich weiche Ihrer Ausdauer. Zudem
müssen Sie die Wahrheit ohnedies früher oder später erfahren.
Sie heißen Jane Eyre? Sie haben wohl noch nicht bemerkt,
daß ich Ihr Namensvetter bin und mich St. John Eyre Rivers
nenne?
,Nein!
, Meine Mutter war eine geborene Eyre, unterbrach er
mich; , sie hatte zwei Brüder, der eine war Geistlicher und
heiratete Miß Jane Reed von Gateshead, der andere war der
verstorbene John Eyre, Weinhändler zu Funchal in Madeira.
Als Testamentsvollstrecker dieses letzteren schrieb uns Mister
Briggs im verwichenen August, um uns von dem Tode unseres
Oheims zu benachrichtigen und uns mitzutheilen, daß er sein
ganzes Vermögen der Tochter seines Bruders, des Geistlichen,
hinterlassen habe. Vor wenigen Wochen wandte er sich wieder
an uns und zeigte uns an, die Erbin sei verschwunden, wobei
er zugleich frug, ob wir nichts von ihr wüßten. Ein zufällig
auf dies Fetzchen Papier geschriebener Name hat mich in den
Stand gesetzt, sie ausfindig zu machen; das Uebrige wissen
Sie. Zum drittenmale machte er eine Bewegung gegen die
Thür zu, aber ich rückte zwischen ihn und den Ausgang.
,Lassen Sie mich ein Wort sprechen, sagte ich; , geben
Sie mir einen Augenblick Zeit, um Athem zu holen und nachzudenken. Ich schwieg still, er stand vor mir, den Hut in der
Hand und sah ganz gefaßt aus.
,Ihre Mutter war meines Vaters Schwester? hob ich an.
,Ja.
,Und folglich meine Tante?
Er nickte mit dem Kopfe.
,Mein Onkel John war also auch Ihr Onkel? Sie, Diana
und Mary sind die Kinder seiner Schwester, sowie ich das Kind
seines Bruders bin?
,Ohne Zweifel.
,Ihr drei seid also meine Geschwisterkinder und die Hälfte
unseres Blutes ist derselben Quelle entsprungen?
Ich sah ihn an. Es schien mir, als hätte ich einen Bruder
gefunden, auf den ich stolz sein, den ich lieben konnte, und zwei
Schwestern, an denen ich schon damals mit ganzer Seele hing,
als ich sie noch wie fremde Personen betrachtete. Die zwei
Mädchen, die ich an jenem schrecklichen Abende durch das Gitterfenster mit einem bitteren Gemisch von Interesse und Verzweiflung beobachtet hatte, waren also meine nahen Verwandten,
und der junge stattliche Herr, der mich fast sterbend an der
Thürschwelle gefunden, mein Blutsfreund. Welch herrliche Entdeckung für eine einsame Unglückliche! Auch das konnte man
Reichthum, Reichthum des Herzens nennen, eine Goldmine reiner
natürlicher Zuneigung war es, die mich mit mehr innerem
Vergnügen erfüllte, als das nüchterne Gold. Ich schlug vor
Freuden in die Hände -- meine Pulse flogen, meine Nerven
zitterten.
,O, das freut mich, das freut mich! rief ich aus.
St. John lächelte. , Sagte ich's nicht, daß Sie wichtige
Sachen übersehen, indem Sie Kleinigkeiten nachjagen? Sie
sahen ganz ernst darein, als ich Ihnen mittheilte, Sie seien
reich und nun gerathen Sie über eine unbedeutende Sache in
Ekstase!
,Was wollen Sie damit sagen? Es mag wohl für Sie
eine unbedeutende Sache sein! Sie haben Schwestern und kehren
sich nicht weiter um Cousinen; aber ich hatte niemanden und
zähle nun drei Anverwandte, oder zwei, falls Sie es nicht der
Mühe werth halten, darunter gerechnet zu werden. Noch einmal
sage ich es, ich freue mich von ganzem Herzen.
Ich schritt schnell im Zimmer auf und ab; ich blieb stehen,
fast an den Gedanken erstickend, die nun in meinem Inneren
rasch in die Höhe stiegen und dasjenige betrafen, was nun
geschehen konnte, geschehen würde und geschehen sollte. Ich sah
nach der leeren Wand; sie kam mir, wie das Firmament, dicht
mit Sternen besäet vor, deren jeder irgend einen Zweck oder
eine Freude in mir beleuchtete. Diejenigen, die mir das Leben
gerettet, die mich bis jetzt erhalten, konnte ich nun dafür belohnen, konnte ihnen die Liebe, die ich für sie fühlte, nun auch
werkthätig beweisen. Sie schmachteten im Joch der Abhängigkeit,
ich konnte sie davon befreien; sie waren getrennt voneinander,
ich konnte sie vereinigen; sie mußten meine Unabhängigkeit, meinen
Ueberfluß theilen. Wir waren vier Personen; zwanzigtausend
Pfund in gleiche Theile getheilt geben für jedes von uns fünftausend Pfund; das war mehr als genug und unser aller Glück
begründet. Nun drückte mich der Reichthum nicht mehr nieder;
nun erschien er mir als kein kalter Mammon mehr, sondern als
ein Vermächtniß an Leben, Hoffnungen und Herzenslust.
Was ich für ein Gesicht machte, während mich diese Gedanken beschäftigten, kann ich nicht sagen, aber ich bemerkte alsbald, daß Mister Rivers einen Stuhl hinter mich stellte und
freundlich bemüht war, mich zum Sitzen zu bringen. Er bat
mich, meine Fassung zu bewahren; diese Zumuthung der Rathlosigkeit und des Verlustes meines geistigen Gleichgewichtes berührte mich unangenehm; ich stieß seine Hand zurück und begann
wieder auf und ab zu gehen.
,Schreiben Sie morgen an Diana und Mary, sagte ich,
,und ersuchen Sie sie, sofort nach Hause zu kommen. Diana
meinte, sie würden sich beide mit tausend Pfund für reich halten,
sie werden daher mit fünftausend ganz gut langen.
,Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser verschaffen
kann, versetzte St. John; , Sie müssen wirklich alles anwenden,
um Ihre Aufregung zu beschwichtigen.
, Unsinn! Welche Wirkung wird die Erbschaft auf Sie
ausüben? Werden Sie in England bleiben -- Miß Oliver heiraten
und sich gleich einem gewöhnlichen Sterblichen niederlassen?
,Sie phantasiren; Ihre Ideen verwirren sich. Ich habe
Ihnen die glückliche Nachricht zu plötzlich mitgetheilt und sie hat
Sie über Ihre Kräfte aufgeregt.
,Mister Rivers, Sie erschöpfen meine Geduld! Ich bin
ganz vernünftig und nur Sie scheinen mich nicht verstehen zu
wollen.
, Wenn Sie sich etwas deutlicher erklärten, würde ich Sie
vielleicht besser begreifen.'
, Was giebt's da weiter zu erklären? Sie werden doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund zu gleichen Theilen unter den
Neffen und drei Nichten getheilt fünftausend Pfund für die
Person geben? Was ich von Ihnen verlange, besteht einfach
darin, daß Sie Ihren Schwestern schreiben und sie von dem
Vermögen, das ihnen zugefallen, in Kenntniß setzen.
,Welches Ihnen zugefallen, wollen Sie sagen.
, Ich habe meine Ansichten über diese Angelegenheit klar
und deutlich ausgedrückt und ändere meinen Entschluß auf keine
Weise. Ich bin weder einer brutalen Selbstsucht, noch einer
schreienden Ungerechtigkeit, noch eines schwarzen Undankes fähig
und überdies fest entschlossen, mir eine Heimat und freundschaftliche Verbindungen zu begründen. Das Moorhaus gefällt mir
und ich wünsche in demselben zu wohnen; ich liebe Diana und
Mary, und ich will sie mein ganzes Leben hindurch an meiner
Seite haben. Der Besitz von fünftausend Pfund macht mich
glücklich und reich; der Besitz von zwanzigtausend wäre mir unerträglich und qualvoll, besonders da ich diese Summe, wenn
auch nach dem Buchstaben des Gesetzes, so doch keineswegs nach
Recht und Gerechtigkeit mein nennen könnte. Ich überlasse Ihnen
also nicht mehr als dasjenige, was mir gänzlich überflüssig
ist. Lassen Sie daher jede Widerrede und jede langwierige Verhandlung beiseite und uns diesen Gegenstand mit einemmale
abthun.
,Sie folgen Ihren ersten Eindrücken; es gehören Tage
dazu um solch wichtige Angelegenheiten reiflich zu erwägen und
bis dahin kann Ihr Entschluß nicht als giltig und verbindlich
angesehen werden.
,O, wenn Sie an nichts weiter, als an der Ernsthaftigkeit meiner Absichten zweifeln, dann bin ich ruhig. Wenigstens
erkennen Sie die Richtigkeit und Gerechtigkeit meiner Anschauungsweise?
,Es ist etwas von Gerechtigkeit dabei, allein ganz wider
alles Herkommen. Unter allen Verhältnissen haben Sie ein unbestreitbares Anrecht auf das Vermögen; unser Onkel erwarb
es sich durch seine Thätigkeit und Sparsamkeit und hatte daher
jedenfalls das vollste Recht, es nach seinem Tode wem immer
zu hinterlassen und Sie können dasselbe mit ruhigem Gewissen
als Ihr Eigenthum ansehen.
,Bei mir, versetzte ich, , handelt es sich ebenso sehr um
meine Gefühle als um mein Gewissen und ich muß den ersteren
umsomehr Rechnung tragen, als sich die Gelegenheit dazu
gar so selten ergiebt. Ich könnte mir nicht das köstliche Vergnügen versagen, von dem ich schon jetzt einen Vorgeschmack
habe -- das Vergnügen, meine Verpflichtungen wenigstens
theilweise abzutragen und mir Freunde für das ganze Leben zu
erwerben.
, In diesem Augenblicke denken Sie so, versetzte St. John,
,weil Sie nicht wissen, was es heißt ein Vermögen zu besitzen
und sich der daraus hervorgehenden Genüsse zu erfreuen. Sie
können sich von dem Ansehen, mit welchem Sie der Besitz von
zwanzigtausend Pfund umgeben wird, ebenso wenig einen Begriff
machen, als von der Stellung, die Sie dadurch in der Gesellschaft erlangen, den Aussichten, die sich Ihnen eröffnen; Sie
können --
,Und Sie, unterbrach ich ihn, , können sich die unendliche
Sehnsucht nicht vorstellen, die ich nach brüderlicher und schwesterlicher Zuneigung empfinde. Ich hatte nie eine Heimat, weder
Brüder noch Schwestern und muß und will das alles jetzt besitzen; Sie haben doch gegen meinen Eintritt in den Kreis Ihrer
Familie nichts einzuwenden?
,Jane, ich will Ihr Bruder sein und meine Schwestern
sollen Ihre Schwestern sein; allein dazu bedarf es der großen
Opfer nicht, die Sie mir bringen wollen.
,Mein Bruder wollen Sie sein? Wohl! Auf eine Entfernung von tausend Meilen? Ihre Schwestern meine Schwestern?
Natürlich, während sie in der Fremde Sklavendienste verrichten.
Indessen ich reich bin, mich im Golde wälze, das ich weder
durch meine Arbeit noch sonst wie verdient habe, besitzen Sie
keinen Pfennig. Eine schöne Gleichheit und Brüderlichkeit! Eine
liebliche Vereinigung! Eine innige Zuneigung!
,Aber Ihre Sehnsucht nach Familienbanden und häuslicher Glückseligkeit lassen sich auf eine andere Weise verwirklichen, als auf die von Ihnen beabsichtigte; Sie können sich
vermählen.
,Ich brauche nicht zu heiraten und ich will nicht heiraten.
,Damit behaupten Sie zu viel und diese gewagten Behauptungen sind der beste Beweis, daß Sie sich in einem Zustande der heftigsten Aufregung befinden.
,Ich behaupte nicht zu viel; ich kenne mein Inneres und
weiß, wie mein Herz vor dem bloßen Gedanken an eine solche
Verbindung zurückschreckt. Niemand würde mich aus Liebe heiraten,
und ich will nicht als der Gegenstand einer bloßen Geldspeculation
angesehen werden. Ich brauche keinen fremden Mann, der mit
mir nicht übereinstimmt, mir vielleicht geradezu gegenüber steht;
nach meinen Blutsverwandten trage ich Verlangen, die mir in
geistiger Beziehung vollkommen gleich sind. Sagen Sie noch
einmal, daß Sie mein Bruder sein wollen; als Sie vorhin
diese Worte aussprachen, war ich glücklich; wiederholen Sie dieselben, wenn Sie können, wenn Sie Ihnen vom Herzen kommen.
,Mit gutem Gewissen kann ich sie wiederholen. Ich habe
meine Schwestern von jeher geliebt und ich weiß, worauf sich
diese Zuneigung gründet, auf die Hochachtung für ihren sittlichen
Werth und auf die Anerkennung ihrer geistigen Vollkommenheiten.
Auch Sie haben gute Grundsätze und besitzen geistige Bildung
in einem hohen Grade; Ihre Neigungen und Gewohnheiten sind
denjenigen meiner Schwestern ganz ähnlich. Ihre Gegenwart ist
mir jederzeit angenehm und Ihr Umgang hat mir schon mehr
als einmal heilsamen Trost eingeflößt. Ich fühle es deutlich,
daß es mir leicht wird, Ihnen in meinem Herzen als meiner
dritten und jüngsten Schwester einen Plat einzuräumen.
,Ich danke Ihnen; das stellt mich für diesen Abend zufrieden. Und nun möchten Sie sich lieber auf den Weg machen,
denn wenn Sie noch länger hier bleiben, verwunden Sie mich
am Ende durch irgend ein frisches Zeichen des Mißtrauens
aufs neue.
,Und die Schule wird nun geschlossen, Miß Eyre? Nicht
wahr?
,Nein. Ich werde meine Stelle als Lehrerin so lange be-
halten, bis Sie eine Stellvertreterin gefunden haben.
Er antwortete mit einem zufriedenen Lächeln. Wir reichten
uns die Hände und trennten uns.
Ich brauche wohl meine weiteren Kämpfe und meine anhaltenden Bemühungen, die Erbschaftsangelegenheit meinem
Wunsche gemäß in Ordnung zu bringen, nicht auseinanderzusetzen. Meine Aufgabe war eine ungemein schwierige, allein da
ich mich in meinem Entschlusse durch nichts wankend machen
ließ, und da meine Geschwisterkinder endlich einsahen, daß ich
von meinem Plane durchaus nicht abzubringen war, so fügten sie
sich endlich insoweit, die Angelegenheit einem schiedsrichterlichen
Ausspruche anheim zu stellen. Die erwählten Richter waren
Mister Oliver und ein geschickter Advocat, welche beide meine
Meinung theilten, so daß ich denn doch den Sieg davon trug.
Die Abtretungsurkunden wurden ausgestellt und ein jedes von
uns befand sich nun im Besitze eines hinreichenden Auskommens.

VIII.

Die Erbschaftsverhandlungen erreichten um die Weihnachtszeit ihr Ende; die fröhlichen Feiertage kamen raschen Schrittes
heran. Ich schloß meine Schule und trug Sorge, daß ich mich
nicht mit leeren Händen von meinen Schülerinnen trennte. Ein
ungeahntes Glück pflegt Herz und Hand auf eine wunderbare
Weise zu öffnen; und wenn wir geben, wo wir selbst reichlich
empfingen, thun wir nichts weiter, als der ungewöhnlichen
Steigerung der Gefühle einen wohlthuenden Ausweg zu gewähren. Schon lange hatte ich es mit dem größten Vergnügen
wahrgenommen, daß mir die meisten meiner Schülerinnen aufs
herzlichste zugethan waren; bei Gelegenheit meines Abganges
legten sie diese Empfindung auf eine ebenso schmucklose als überzeugende Weise an den Tag. Meine Freude darüber, daß ich
in diesen unverdorbenen Gemüthern einen solchen Platz einnahm,
war ungemein groß und ich versprach den Mädchen, fortan keine
Woche vorübergehen zu lassen, ohne sie zu besuchen und ihnen
eine Stunde zu geben.
Mister Rivers kam dazu, als ich die sämmtlichen aus sechzig
Schülerinnen bestehenden Classen zur Schule hinaus an mir
vorüberziehen ließ und mich dann mit dem Thürschlüssel in der
Hand von einigen meiner besten Schülerinnen noch besonders
verabschiedete. Es waren so züchtige, achtungswerthe, bescheidene
und wohlunterrichtete junge Bäuerinnen, als man sie nur immer
finden konnte.
,Halten Sie sich für hinreichend belohnt für alle Ihre
Mühe und Ihre Entbehrungen? frug mich Mister Rivers, als
sich die Kinder entfernt hatten. , Macht Ihnen das Bewußtsein,
Ihrem Geschlechte genützt, ihm Gutes gethan zu haben, einiges
Vergnügen?
,Ohne Zweifel.
,Und Sie haben nur wenige Monate gearbeitet. Glauben
Sie nicht, daß ein ganzes Leben, welches der geistigen Wiedergeburt des Menschengeschlechtes gewidmet wird, wohl angewendet ist?
,Wohl, versetzte ich; ,aber ich könnte es nicht sehr lange
so forttreiben; ich fühle das Bedürfniß in mir, meine geistigen
Anlagen in gleichem Maße zu gebrauchen, als ich diejenigen
meiner Nebenmenschen ausbilde. Gerade in diesem Augenblicke
sehne ich mich danach und bin ganz festtäglich gestimmt; erinnern
Sie also weder meinen Körper noch meinen Geist an Schulangelegenheiten.
Er zog seine Stirn in Falten. , Was soll das? Was bedeutet diese plötzliche Hast? Was haben Sie vor?
,Ich will thätig sein, so thätig als nur möglich. Und vor
allem muß ich Sie bitten, Hannah einen Urlaub zu ertheilen
und sich einstweilen jemanden anderen zu Ihrer Bedienung zu
nehmen. Sie muß mit mir nach dem Moorhause. Diana und
Mary. werden in einer Woche hier sein, und ich möchte gerne
bis zu ihrer Ankunft alles in Ordnung haben.
,Ich verstehe; ich dachte anfänglich, Sie wären im Begriffe,
irgend einen Ausflug zu unternehmen. So ist es besser; Hannah
soll mit Ihnen gehen.
, Sagen Sie ihr also, sie möchte morgen bereit sein. Hier
ist der Schlüssel zum Schulzimmer, den Schlüssel zu meiner
Wohnung gebe ich Ihnen morgen.
Er nahm ihn. ,Sie geben ihn mit wahrer Wonne aus
der Hand, sagte er, ,ich begreife Ihre Fröhlichkeit nicht, da
ich nicht weiß, welcher Beschäftigung Sie sich nunmehr statt der
bisherigen zuzuwenden gedenken. Welches Ziel, welchen Zweck
haben Sie sich fur Ihr Leben vorgesetzt?
,Meine erste Absicht ist, das Moorhaus vom Boden bis
zum Keller durchzuscheuern, Sie begreifen doch die volle Bedeutung
dieses Ausdruckes? Meine zweite, es mit Wachs, Del und einer
Unzahl Lappen zu bohnen, bis es glänzt wie die Sonne am
Himmel. Meine dritte, Tische, Stühle und alles Hausgeräthe
mit mathematischer Genauigkeit in Ordnung zu bringen. Dann
richte ich Sie mit Torf und Kohlen zu Grunde, um in sämmtlichen Zimmern ein ausgiebiges Feuer zu unterhalten, und die
zwei letzten Tage vor der Ankunft Ihrer Schwestern sollen von
mir und Hannah mit Zusammensetzen von Weihnachtskuchen und
Pasteten ausgefüllt werden, wie es sich ein Uneingeweihter gleich
Ihnen nicht einmal im Traume vorstellen kann. Mit Einem
Worte, ich beabsichtige nächsten Donnerstag für Diana's und
Mary's Empfang alles in Bereitschaft zu haben, und setzte eine
Ehre darein, ihnen das Ideal eines herzlichen Willkommens vorzuführen!
Ein leises Lächeln glitt über St. John's Gesicht, doch schien
er noch immer nicht zufriedengestellt.
,Das ist für den Augenblick ganz gut,' versetzte er; ,aber
ich erwarte im vollsten Ernste, daß Sie nach dem ersten Freudenrausche Ihre Blicke nach etwas Höherem als nach häuslichen
Angelegenheiten und Familienfesten richten werden.
,Giebt es etwas Besseres auf Erden, als die gemüthlichen
Freuden im Schoße der Familie unterbrach ich ihn.
,Diese Welt, Jane, ist nicht zum Genießen, zum Ruhen
bestimmt; werden Sie nicht genußsüchtig und träge.
,Im Gegentheile, ich gedenke sehr geschäftig zu sein.
,Ich entschuldige Sie für jetzt, liebe Cousine, gebe Ihnen
volle zwei Monate Zeit, die Freuden Ihrer neuen Stellung zu
genießen; dann aber werden Sie hoffentlich Ihre Blicke über
das Moorhaus, über Morton und die Gesellschaft der neugefundenen Schwestern nach etwas Edlerem und Geistigerem zu
lenken gesonnen sein.
Ich sah ihn ganz enstaunt an. ,Ich fühle mich glücklich und
zufrieden wie eine Königin, und Sie versuchen es, meine Unruhe
aufzustacheln! Zu was das?
‘Um die Talente, mit denen Sie Gott ausgerüstet, und
über die er von Ihnen dereinst Rechenschaft fordern wird, zum
Besten der Menschheit in Thätigkeit zu versetzen. Ich werde Sie
genau und ängstlich überwachen, Jane; verlassen Sie sich darauf.
Versuchen Sie es, die Leidenschaftlichkeit zu mäßigen, mit der
Sie sich hausbackenen Freuden in die Arme werfen, und halten
Sie keine so große Stücke auf die Bande des Fleisches. Versparen Sie Ihre geistige Kraft und Ausdauer für eine würdigere
Sache, und hlten Sie sich, dieselbe in Kleinigkeiten zu versplittern. Hören Sie, Jane?
,Wohl; gerade so als ob Sie griechisch sprächen. Ich
fühle, daß ich ein Recht darauf habe, glücklich zu sein, und
folglich will ich es auch sein. Leben Sie wohl! --
Ich fühlte mich in der That im Moorhause ganz glücklich
und arbeitete aus Leibeskräften; Hannah desgleichen, die sich
nicht wenig freute, den Glanz des alten Gebäudes wieder auferstehen zu sehen. Mit einer Art innerer Befriedigung gewahrte
sie, wie ich inmitten einer Verwirrung, die das Oberste zu
unterst kehrte, bürsten und abstauben, reinigen und kochen konnte.
Und in der That gewährte es ein eigenes Vergnügen, zu sehen,
wie sich aus dem Chaos eines wirren Durcheinander nach und
nach Harmonie und Ordnung entwickelte. Ich hatte vor einiger
Zeit eine Reise unternommen, um neue Möbeln einzukaufen,
wozu mir meine Cousinen unumschränkte Vollmacht ertheilten.
Das Sitzzimmer und die Schlafstuben ließ ich beinahe unverändert, da ich wußte, Diana und Mary würden sich glücklicher
schätzen, daselbst die alten Einrichtungsstücke wieder zu finden,
als moderne Möbeln an deren Stelle zu sehen. Indessen waren
doch einige Neuerungen nothwendig, sollte ihre Rückkehr ins
Vaterhaus diejenigen Ueberraschungen zur Folge haben, die ich
den beiden Schwestern zu bereiten gedachte. Neue, schöne Teppiche und Vorhänge von dunkler Farbe, einige sorgfältig ausgewählte Zierrathen im alterthümlichen Styl aus Porzellan und
Bronze, neue Tischdecken und Spiegel und Toiletten entsprachen
diesem Zwecke; sie sahen neu aus, ohne jedoch von der ganzen
Einrichtung grell abzustechen. Ein Besuchzimmer und eine Schlafstube richtete ich jedoch mit rothgepolsterten Mahagonimöbeln
ganz neu ein, bedeckte die Fußböden der Durchgänge mit Matten
und die Treppen mit Teppichen. Nachdem alles fertig war,
erschien mir das Moorhaus ebenso als das vollendetste Muster
von Nettigkeit und Bequemlichkeit im Inneren, als es von außen,
namentlich in dieser Jahreszeit, ein Sinnbild des Verfalles und
der unheimlichsten Verlassenheit abgab.
Der ereignißvolle Donnerstag erschien endlich. Die Gäste
sollten bei Einbruch der Nacht ankommen und noch vor Eintritt
der Dämmerung waren alle Räume des Hauses aufs beste
geheizt, das Küchenzimmer in größter Parade, Hannah und ich
vollkommen angekleidet und alles in Bereitschaft.
St. John langte zuerst an. Ich hatte ihn ersucht, das
Moorhaus nicht früher zu betreten, bis ich mit allen Anordnungen zu Ende wäre. Er fand mich in der Küche mit dem
Backen von Theebrot beschäftigt. Sich dem Herde nähernd, frug
er mich, , ob ich denn die Arbeiten eines Stubenmädchens und
einer Haushälterin noch nicht satt hätte? Ich antwortete ihm
mit einer Aufforderung, mich bei einer Rundschau der Resultate
meiner Wirksamkeit zu begleiten. Es gelang mir nicht ohne
Schwierigkeit, ihn zu einem Gange durchs ganze Haus zu bewegen. Ich mußte mich damit begnügen, daß er einen flüchtigen
Blick in die Gemächer warf und die trockene Bemerkung machte,
alle diese in so kurzer Zeit bewirkten Veränderungen müßten mir
sehr viele Mühe verursacht haben; aber mit keiner Silbe legte
er irgend ein Vergnügen über die Ausschmückung des Vaterhauses
an den Tag.
Diese Kälte und Schweigsamkeit drückten mich nieder. Ich
dachte, meine Veränderungen hätten am Ende alte, ihm liebgewordene Erinnerungen zerstört und erkundigte mich in einem
kleinlauten Ton, ob dies etwa der Fall sei.
,Keineswegs! lautete seine Antwort. , Vielmehr habe ich
bemerkt, daß Sie mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit zu Werke
gingen, und fast befürchte ich, daß Sie dieser Angelegenheit mehr
Nachdenken widmeten, als sie es ihrer Natur nach verdient. Wie
viele Minuten verwendeten Sie z. B. zum Studium der Einrichtung dieses Zimmers? Können Sie mir vielleicht im Vorbeigehen sagen, wo sich ein gewisses Buch -- hier nannte er den
Titel -- befindet?
Ich wies nach dem Bücherbrette, er holte das Buch herunter,
zog sich wie gewöhnlich in die Fensternische zurück und begann
zu lesen.
Das gefiel mir nun durchaus nicht. St. John war ein
guter Mann, aber ich fühlte, daß er die Wahrheit sprach, als
er sich selbst kalt und gefühllos nannte. Die Annehmlichkeiten des
Lebens hatten keinen Werth, die friedlichen Genüsse desselben
keinen Reiz für ihn. Buchstäblich lebte er nur einem Streben --
nach etwas Erhabenem und Gutem, ohne Zweifel; aber er
gönnte sich keine Ruhe und konnte es auch nicht ansehen, wenn
seine Umgebung sich einem gemüthlichen Stillleben hingab. Als
ich seine hohe, weiße, wie in Marmor gehauene Stirne betrachtete,
begriff ich, er könne nie einen guten Ehemann abgeben und seine
Frau würde keine beneidenswerthe Stellung haben. Wie durch
Eingebung erkannte ich die Natur seiner Gefühle für Miß Oliver
und war mit ihm der gleichen Meinung, es sei dies bloß eine
sinnliche Liebe. Ich fand seine Verachtung des fieberhaften Zustandes, den die letztere bei ihm hervorbrachte, sein Bestreben,
dieselbe auszurotten, seine Ueberzeugung, eine solche Verbindung
könne weder zu seinem, noch zu Miß Oliver's Glücke führen,
vollkommen gerechtfertigt. Jedenfalls war St. John aus dem
Stoffe, aus welchem die Natur ihre Helden, ihre Gesetzgeber,
Staatsmänner und Eroberer bildet; ein festes Bollwerk zum
Schute gewichtiger Interessen; in der Caminecke indessen nichts
weiter als eine kalte, verwitterte, am unrechten Orte angebrachte
Steinsäule.
,Diese Stube ist nicht sein Platz, dachte ich bei mir;
, aber wohl ist es das Himalaya-Gebirge, das Land der Kaffern,
und selbst die verpestete, sumpfige Küste von Guinea würde
besser für ihn passen. Er hat recht, der Ruhe des häuslichen
Lebens aus dem Wege zu gehen, es ist nicht sein Element; seine
Geisteskräfte würden ins Stocken gerathen, anstatt sich entwickeln.
Nur im Kampfe und in Gefahren, wo es gilt Entschlossenheit,
Muth und Kraft zu zeigen, ist er am rechten Orte und gewiß
der Erste an der Spitze. An diesem Herde würde ihn ein
munteres Kind verdunkeln. Er hatte recht, die Laufbahn eines
Missionärs zu wählen; ich erkenne es nun ganz genau.
,Sie kommen! Sie kommen! rief Hannah, die Stubenthür öffnend. In demselben Augenblicke begann der alte Carlo
ganz lustig zu bellen. Ich rannte hinaus. Es war schon finster,
aber man konnte das Rollen eines Wagens vernehmen. Hannah
zündete sofort eine Laterne an. Das Fuhrwerk war am Hofpförtchen stehen geblieben, der Kutscher öffnete den Schlag; eine
bekannte Gestalt, dann eine zweite sprangen heraus. In einem
Nu hatte ich meinen Kopf unter ihren Hüten begraben und kam
bald mit Mary's sanften Wangen, bald mit Diana's fliegenden
Locken in Berührung. Sie lachten und küßten erst mich, dann
Hannah, streichelten Carlo, der vor Freuden ganz wild geworden
war, und frugen hastig, ob alles wohl auf sei. Nachdem sie eine
bejahende Antwort erhalten, stürzten sie ins Haus.
Sie waren noch ganz steif von ihrer Fahrt von Whitcroß
herüber und von der kalten Nachtluft halb erfroren, aber bald
erholten sie sich an der wohlthätigen Stubenwärme. Während
der Kutscher mit Hannah die Koffer hereinbrachte, frugen die
beiden Mädchen nach St. John. Im selben Augenblicke trat
er aus dem Besuchzimmer herein. Seine Schwestern flogen auf
ihn zu und herzten und drückten ihn. Er hingegen gab einer
jeden einen frostigen Kuß, sprach einige bewillkommnende Worte
im ruhigsten Tone von der Welt und zog sich, mit dem Wunsche,
sie bald bei sich im Besuchzimmer zu sehen, in dieses letztere
wie in einen Zufluchtsort zurück.
Ich zündete die Kerzen an und wollte die lieben Bäschen
die Treppe hinauf geleiten; allein Diana hatte noch dem Kutscher
Einiges zu sagen und erst als sie damit fertig geworden, kamen
die Mädchen mit mir. Die Ausschmückung und neue Anordnung
in den Zimmern erfüllte sie mit Bewunderung und Entzücken
und sie machten ihren Gefühlen in häufigen Ausrufen Luft. Ich
hatte das Vergnügen zu sehen, daß meine Vorbereitungen nicht
wenig dazu beigetragen, ihnen die Ankunft im Vaterhause angenehm
zu machen. Der Abend war schön. Meine Cousinen waren so munter,
daß vor ihrer Gesprächigkeit St. John's Schweigsamkeit in
den Hintergrund trat. Es freute ihn zwar herzlich, seine
Schwestern wiederzusehen, allein in ihre außerordentliche Heiterkeit, in die Kundgebungen ihres Entzückens konnte er nicht mit
einstimmen. Das Ereigniß des Tages -- Diana's und Mary's
Ankunft -- erfüllte ihn mit Vergnügen, aber die Nebenumstände,
von denen es begleitet war, der fröhliche Tumult, das gemüthliche Geplauder, berührten ihn unangenehm; ich sah es ihm
an, daß er sich nach der Ruhe des nächsten Tages sehnte.
Beiläufig eine Stunde nachdem wir unseren Thee genommen,
trat Hannah in die Stube und berichtete, ,ein armer Schlucker
sei gekommen und lasse Mister Rivers bitten, seine Mutter zu
besuchen, die im Sterben liege.
,Wo wohnt sie, Hannah?
,Hinter Whitcroß, wenigstens vier Meilen von hier. Der
Weg führt durch lauter Sumpf und Morast.
,Sage ihm, ich würde kommen.
,Es wäre besser, Sie gingen nicht, Sir. Es ist der schlechteste Weg, den man im Finstern gehen kann, denn es führt kein
erkennbarer Pfad über den Moor. Zudem ist es schneidend kalt
und so wäre es rathsamer, Sie ließen sagen, Sie kämen
morgen früh.
Aber er war schon im Vorzimmer, nahm seinen Mantel
um und ging, ohne zu murren, ohne ein Wort zu verlieren.
Es war um neun Uhr, als er das Haus verließ und er kam
erst nach Mitternacht wieder zurück. Er war wohl müde und
erschöpft genug, sah aber viel glücklicher aus, als bei seinem
Weggehen. Er hatte seine Pflicht erfüllt, sich angestrengt, und
war dabei seine Kraft zu handeln und zu entsagen inne geworden,
mithin zufriedener mit sich selbst als vordem.
Das Leben der ganzen nachfolgenden Woche stellte seine
Geduld auf eine harte Probe. Es war die Weihnachtswoche, in
der wir jede ordentliche Beschäftigung beiseite setzten und uns
häuslichen Lustbarkeiten aller Art überließen. Die Heimatluft,
der Aufenthalt im Vaterhause wirkten auf Diana und Mary
wie ein die Lebensthätigkeiten erhöhendes Elixir; sie schwatzten
in Einem fort und ihr originelles, witziges Geplauder hatte einen
solchen Reiz für mich, daß ich gar nicht daran dachte, etwas
anderes zu thun, als Ihnen zuzuhören. St. John grollte uns
zwar ob unserer Lebhaftigkeit nicht, aber er wich uns aus, blieb
selten zu Hause und machte sich tagtäglich mit den Kranken und
Armen seines großen Kirchsprengels zu schaffen.
Eines Morgens, beim Frühstück, frug ihn Diana mit
einem ernsten Blick, ob er seinen Plan noch nicht aufgegeben
hätte?
,Nein, und ich werde es auch nun und nimmermehr thun,
gab er zur Antwort.
, Und Rosamond Oliver? bemerkte Mary in einem Tone,
als wären ihr diese Worte unwillkürlich entschlüpft. St. John
hielt ein Buch in der Hand -- es war seine nichts weniger
als artige Gewohnheit beim Essen zu lesen -- er schlug es zu
und sah empor
,Rosamond Oliver, sagte er, , wird nächstens Mister
Granby, einen der schätzbarsten Bürger von S***, den Enkel
und Erben Sir Frederik Granby's heiraten; ihr Vater theilte
mir diese Nachricht erst gestern mit.
Die beiden Schwester sah einander und dann mich an und
endlich betrachteten wir ihn alle Drei; er sah so ruhig und heiter
aus wie ein Maimorgen.
,Die Partie muß schnell zu Stande gekommen sein, sagte
Diana; ,die jungen Leute können einander noch nicht sehr lange
kennen gelernt haben.
,Erst zwei Monate; sie kamen im Dctober am Grafschaftsballe in S zusammen. Aber wo es keine Hindernisse zu beseitigen giebt, wie in dem vorliegenden Falle, wo eine Verbindung
unter allen Verhältnissen wünschenswerth erscheint, da ist jeder
Aufschub unnöthig. Die Vermählung wird stattfinden, sobald der
Landsitz, den Sir Frederik den Neuvermählten verschreiben will,
zu ihrer Aufnahme hergerichtet ist.
Das erstemal, wo ich St. John nach dieser Eröffnung
allein fand, fühlte ich mich versucht ihn zu fragen, ob ihn dieses
Ereigniß betrübe; er schien aber des Mitgefühles so wenig zu
bedürfen, daß ich, weit entfernt ihm Trost bieten zu wollen,
mich ordentlich der Erinnerung an das schämte, was ich in dieser
Sache bereits unternommen hatte. Uebrigens hatte die Eiskruste der
Zurückhaltung von neuem sein Gemüth überzogen und auch meine Aufrichtigkeit und Geradheit war zugefroren. Er hielt sein Versprechen
nicht, mich gleich seinen Schwestern behandeln zu wollen; seitdem ich als Blutsverwandte mit ihm unter Einem Dache lebte,
war der Abstand zwischen uns weit größer denn früher, wo er
mich bloß als die Lehrerin der Dorfschule kannte. Ich konnte
seine gegenwärtige Frostigkeit kaum begreifen.
Unter solchen Umständen war ich nicht wenig erstaunt,
als er plötzlich von seinem Lesepulte zu mir aufsah und
sagte:
,Sie sehen, Jane, daß die Schlacht geschlagen und der
Sieg erfochten ist.
,Sind Sie aber dessen gewiß, sagte ich nach einer Pause,
,daß Sie sich nicht in der Lage jener Sieger befinden, denen
ihre Erfolge zu theuer zu stehen kamen? Wäre nicht vielleicht
noch ein solcher Sieg Ihr Untergang?
,Ich glaube nicht, und wäre es auch der Fall, es hätte
nichts zu sagen, denn ich werde wohl nie dazu kommen, einen
zweiten Sieg erkämpfen zu müssen. Der Ausgang des Kampfes
ist entscheidend; meine Straße ist nun gesäubert und ich danke
Gott dafür! Nach diesen Worten vertiefte er sich wieder in
sein Buch und sein Stillschweigen.
Als wir, nämlich Diana, Mary und ich, wieder ein geregeltes Leben angefangen und unsere Studien wieder aufgenommen
hatten, blieb St. John mehr zu Hause und saß zuweilen ganze
Stunden lang bei uns in derselben Stube. Während Mary
zeichnete, Diana ihr encyklopädisches Studium, das sie zu meiner
großen Verwunderung begonnen, verfolgte und ich mich mit einer
Uebersetzung aus dem Deutschen plagte, überließ er sich seinem
eigenthümlichen mystischen Gedankengange oder er arbeitete in
irgend einer asiatischen Sprache, deren Kenntniß ihm zur Erreichung
seines Zweckes nothwendig schien.
Auf diese Art in Anspruch genommen, ruhig und nachdenklich
in seinem Winkel sitzend, mochte er einem oberflächlichen Beobachter unbeweglich wie eine steinerne Bildsäule erscheinen; allein
sein blaues Auge pflegte auf eine ganz eigene Weise von dem
Buche aufzusehen und den Blick herumschweifen zu lassen, bis er
ihn endlich mit durchdringender Schärfe auf uns, seine Gefährtinnen im Studium, haften ließ, aber sofort wieder wegwandte,
sobald er sich bemerkt sah. Gern hätte ich gewußt, was dieser
Blick bedeuten sollte, konnte mir ihn aber ebenso wenig erklären,
als die sichtliche Befriedigung, die er bei meinen wöchentlichen
Besuchen in der Mädchenschule von Morton an den Tag legte
und die um so größer zu sein schien, wenn das Wetter ungünstig
war, wenn es recht schneite und stürmte. Baten mich dann die
Schwestern zu Hause zu bleiben und meine Gesundheit zu schonen,
pflegte er jedesmal ihrer Sorgfalt zu spotten und mich zu ermuthigen, mein Vorhaben, den Elementen zum Trotz, auszuführen.
,Jane ist kein solcher Schwächling, wie Ihr glaubt, sagte
er ,sie kann die scharfe Winterluft, einen Regenschauer oder ein
paar Schneeflocken ebenso gut ertragen wie wir. Ihre Körperbeschaffenheit ist zu gleicher Zeit gesund und elastisch und besser
geeignet, klimatischen Einflüssen zu trotzen, als diejenige irgend
einer beiweitem stärker gebauten Person.
Und wenn ich ziemlich müde und nicht weniger erfroren
oder durchnäßt zurückkam, wagte ich es nie, mich zu beklagen,
weil ich bemerkt hatte, wie sehr ihn mein Murren verdroß.
Seelenstärke gefiel ihm unter allen Umständen; das Gegentheil
konnte er durchaus nicht vertragen.
Eines Nachmittags jedoch erhielt ich die Erlaubniß, zu Hause
bleiben zu dürfen, weil ich wirklich einen Schnupfen hatte. Die
beiden Schwestern waren statt meiner nach Morton gegangen;
ich las in einem Bande von Schiller's Werken, St. John entzifferte seine orientalischen Hieroglyphen. Beim Umschlagen eines
Blattes sah ich zufällig nach ihm und bemerkte, wie der Blick
seines großen durchdringenden Auges beobachtend auf mir ruhte,
so scharf, so durchbohrend, daß mich beinahe eine abergläubische
Furcht überkam, als hätte ich mich mit einer gespenstischen Erscheinung allein in der Stube befunden.
,Was machen Sie, Jane?
,Ich lerne deutsch.
,Es wäre mir lieber, Sie gäben das Deutsche auf und
lernten hindustanisch.
,Es ist doch nicht Ihr Ernst?
,Mein voller Ernst, so zwar, daß ich davon unter keiner
Bedingung ablasse. Ich will Ihnen sagen warum.
Er setzte mir darauf auseinander, das Hindustanische sei
für jetzt der Gegenstand seines Studiums, er vergesse jedoch beinahe die Anfangsgründe, indem er weiter fortschreite und es sei
wünschenswerth und würde ihm eine große Erleichterung gewähren,
irgend jemand unterrichten und mit ihm wiederholt die Elemente
der Sprache durchmachen zu können. Anfänglich habe er in seiner
Wahl zwischen seinen Schwestern und mir geschwankt, sich aber
endlich für mich entschieden, da er gesehen, ich halte am längsten
bei einer Arbeit aus.
,Wollen Sie mir den Gefallen erweisen, meine Schülerin
zu werden? schloß er. , Ich werde Sie nicht zu lange plagen,
da nur noch drei Monate bis zu meiner Abreise fehlen.
St. John war nicht der Mann, dem man etwas leicht
abschlagen konnte. Ich willigte also ein. Als Diana mit Mary
zurückkam, fand sie ihre vormalige Schülerin in den Händen
ihres Bruders; sie lachte und sowohl sie, wie Mary gestanden
offen, er hätte sie nie zu einem solchen Schritte bewegen können.
,Ich wußte es, gab er ruhig zur Antwort.
Ich fand an ihm einen geduldigen, nachsichtigen, andererseits aber auch anspruchsvollen Lehrer; er erwartete von mir,
daß ich sehr viel leistete; entsprach ich jedoch diesen Erwartungen,
dann unterließ er es auch nicht, mir seine Zufriedenheit auf seine
Weise bekannt zu geben. Nach und nach erlangte er einen gewissen
Einfluß auf meinen Geist, der mir alle Selbstständigkeit benahm;
sein Lob und seine Beachtung hielten mich mehr in Schranken
als seine Gleichgiltigkeit. Es war mir nicht mehr möglich, in
seiner Gegenwart zu plaudern und zu lachen, weil mir ein
gewisses drückendes Gefhl sagte, Munterkeit und Lebhaftigkeit
kämen ihm, wenigstens an mir, albern und ekelhaft vor. So
sehr war ich davon überzeugt, nur ein gesetztes Betragen und
ernste Studien könnten ihm genügen, daß jeder Versuch, mich in
feiner Gegenwart anders zu benehmen oder zu beschäftigen,
erfolglos blieb. Ich lebte wie unter dem Einflusse eines Zauberbannes. Wenn er sagte: ,Gehen Sier, so ging ich; ,kommen
Sie, so kam ich; ,thun Sie dies, so that ich es. Aber meine
Sklaverei gefiel mir nicht; mehr als einmal sehnte ich mich
danach, er möchte sich gar nicht mehr um mich kümmern.
Eines Abends, als wir vor dem Schlafengehen um ihn
herumstanden und ihm gute Nacht sagten, küßte er wie gewöhnlich
seine Schwestern und drückte mir gleichfalls, nach seiner Gewohnheit, die Hand. Diana, die gerade guter Laune war, rief
plötzlich aus:
,Saint John, Du pflegtest Jane Deine dritte Schwester
zu nennen, aber Du behandelst sie nicht als eine solche; Du
solltest ihr doch auch einen Kuß geben.
Sie schob mich zu ihm hin. Ich ärgerte mich nicht wenig
über Diana und war in keiner geringen Verlegenheit. Während
ich noch über diesen unzeitigen Scherz hin und her dachte, bog
sich St. John zu mir herab, sah mich mit einem durchdringenden Blicke an und -- küßte mich. Es giebt wohl weder
Küsse von Marmor, noch von Eis, sonst würde ich behaupten,
die Liebkosung meines geistlichen Vetters habe zu einer dieser
beiden Classen gehört; aber es mag Untersuchungsküsse geben,
und ein solcher war der seinige jedenfalls. Denn als er mir
denselben beigebracht hatte, musterte er mich, gleichsam um den
Erfolg kennen zu lernen, der indessen kein besonders sichtbarer
gewesen sein mag. Wenigstens weiß ich so viel, daß ich nicht
erröthete und eher etwas erblaßte, da mir dieser Kuß wie die
Besiegelung meiner Sklavenbande vorkam. Von diesem Tage an
wiederholte er diese Ceremonie jeden Abend und der Ernst und
die Ruhe, mit der ich dieselbe über mich ergehen ließ, schienen
ihm besondere Freude zu machen.
Was mich anbelangte, so wünschte ich von Tag zu Tag
immer mehr, ihm alles zu Gefallen zu thun, fühlte aber gleich-
zeitig recht gut, daß ich zu diesem Behufe zun großen Theile
meine Natur verleugnen, meine Anlagen zur Hälfte unterdrücken,
meinen Neigungen sehr oft eine entgegengesetzte Richtung geben
mußte, um mich zu Arbeiten, zu einer Thätigkeit zu zwingen,
zu denen ich keinen Beruf in mir fühlte. Er wollte mich zu
einer geistigen Höhe emporziehen, die ich nie erreichen konnte,
und umsonst mühte ich mich ab, dem von ihm aufgestellten
Muster nachzukommen. Die Sache war eine ebenso unmögliche,
als wenn er es unternommen hätte, meine unregelmäßigen Gesichtszüge nach seinem classischen Profil umzumodeln und meinen
grünen Augen das Ultramarinblau und den ernsten Glanz der
seinigen zu verleihen.
Aber nicht sein Einfluß allein drückte mich zu jener Zeit
nieder; ein nagender Kummer saß mir im Herzen und verzehrte
mein Glück, meine Zufriedenheit im Keime.
Der Leser denkt vielleicht, ich habe bei all den Orts- und
Glücksveränderungen Mister Rochester ganz und gar vergessen.
Keineswegs. Sein Bild war keinen Augenblick von mir gewichen,
denn es war kein Nebelgebilde, das der Sonnenschein zerstören,
noch ein in den Sand gegrabenes Erinnerungszeichen, das der
Wind verwehen konnte. Wie in Erz war sein Name in die
Gedächtnißtafel meines Herzens eingegraben und die Inschrift
mußte wohl ebenso lange bleiben, als das letztere zu schlagen
anhielt. Die Sehnsucht, sein Schicksal zu wissen, verfolgte mich
überall; als ich noch in Morton Schule hielt, guälte ich mich
jede Nacht mit diesem Gedanken, nun ich im Moorhause wohnte,
ließ mich derselbe ebenso wenig schlafen.
Im Verlaufe meiner nothwendigen Correspondenz mit Mister
Briggs stellte ich an ihn die Anfrage, ob er etwas von Mister
Rochester's gegenwärtigem Aufenthalte und von seinem Befinden
wisse; allein wie es St. John richtig vermuthet hatte, konnte
er mir in dieser Hinsicht nicht das Geringste mittheilen. Ich
schrieb darauf an Mistreß Fairfax und bat sie um Nachricht
über ihren Herrn. Mit Sicherheit hatte ich darauf gerechnet, eine
baldige Antwort zu erhalten; ich war daher nicht wenig erstaunt,
als vierzehn Tage vorübergingen und kein Brief ankam, und
als endlich nach zwei vollen Monaten Mistreß Fairfax noch
nichts von sich hören ließ, erreichte meine Angst den Gipfelpunkt.
Ich schrieb noch einmal, denn es konnte ja möglicherweise
mein erster Brief in Verlust gerathen sein. Neue Hoffnungen
folgten dieser neuerlichen Bemühung, die wie beim erstenmale
einige Wochen anhielten und dann, nachdem ein halbes Jahr
ohne irgend eine Nachricht verflossen war, gänzlich erstarben. Ich
fühlte, daß es nun mit meinem Hoffen und Harren vorbei sei.
Ein herrlicher Frühling war ins Land hernieder gestiegen,
allein ich konnte mich seiner Genüsse nicht erfreuen. Der Sommer
kam; Diana versuchte es mich aufzuheitern und meinte, ich solle
mit ihr in ein Seebad reisen, da ich so krank aussehe. Aber
St. John widersetzte sich diesem Vorhaben; er behauptete, ich
sei nicht krank; es fehle mir nur an einer ordentlichen Beschäftigung und mein Leben sei zu zwecklos. Wahrscheinlich um allen
diesen Mängeln abzuhelfen, verlängerte er meine Lectionen im
Hindustanischen und strengte mich noch mehr an, und ich war
thöricht genug, nie an einen Widerstand zu denken, vielleicht
darum, weil ich ihm nicht widerstehen konnte.
Eines Tages kam ich weit trüber als gewöhnlich gestimmt
in die Lehrstunde. Eine bitter empfundene Täuschung war die
Ursache dieses Seelenzustandes. Hannah hatte mir gesagt, es sei
ein Brief für mich angelangt und als ich hinunterkam, ihn in
Empfang zu nehmen, fand ich, daß es ein unbedeutendes Geschäftsschreiben von Mister Briggs sei. Einige Thränen waren
mir über meine so schmerzlich getäuschten Hoffnungen in die
Augen getreten und während ich über den seltsam gestalteten
Buchstaben einer indischen Schrift brütete, wurden meine Augen
abermals naß.
St. John rief mich zu sich, um ihm vorzulesen; meine
Stimme zitterte, als ich sein Begehren erfüllte, und mein
Schluchzen erStückte ganze Worte. Wir waren allein im Sprachzimmer. Diana musicirte im Sitzzimmer, Mary arbeitete in ihrem
kleinen Gärtchen, denn es war ein wunderherrlicher warmer

Maitag. Mein Lehrer bezeigte durchaus keine Verwunderung
über meine Aufregung und erkundigte sich auch nicht um ihre
Ursache.
,Wir wollen eine Weile warten, Jane, bis Sie sich wieder
gefaßt haben, war alles was er sagte. Und während ich meine
Bewegung mit aller Gewalt zu unterdrücken suchte, saß er kalt
und ruhig da, wie ein Arzt, der im Interesse der Wissenschaft
die längst erwartete Krisis einer Krankheit beobachtet. Nachdem
ich mir die Augen getrocknet, mein Schluchzen zur Ruhe gebracht
und leise vor mich hin geflüstert hatte, ich sei diesen Morgen
nicht ganz wohl, machte ich mich wieder an meine Arbeit und
kam glücklich damit zu Stande. St. John legte die Bücher
beiseite, schlug sein Pult zu und sagte:
, Nun wollen wir spazieren gehen, Jane.
, Ich will sogleich Diana und Mary rufen.
, Lassen Sie das. Ich bedarf heute nur einer Begleiterin
und das sollen Sie sein. Ziehen Sie sich an, gehen Sie durch
die Küche hinaus und schlagen Sie den Weg nach dem Moorthale ein, ich bin in einem Augenblicke bei Ihnen.
Ich kenne keine Mittelstraße und kannte in meinem ganzen
Leben keine, sobald ich es mit positiven, hartnäckigen, mir ganz
entgegengesetzten Charakteren zu thun hatte; entweder ich lehnte
mich auf, oder ich gehorchte unbedingt. Das letztere that ich stets
auf das getreulichste bis zu dem Augenblicke, wo ich mit nahezu
vulcanischer Heftigkeit die Fahne des Aufruhrs aufpflanzte, und
da ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen weder Ursache noch
Lust hatte zu revoltiren, so befolgte ich St. John's Weisungen
ohne Widerrede, und ging zehn Minuten später an seiner Seite
den Thalweg entlang.
Ein lauer Westwind wehte von den Hügeln und brachte
den Duft des Farnkrautes mit herüber; ein blauer, wolken-
loser Himmel wölbte sich über uns, die Sonne erglänzte in
goldener Pracht und als wir den Fußweg verließen und den
Rasen betraten, schimmerte uns der Farbenschmelz unzähliger
zarter Blumen entgegen.
,Hier wollen wir ausruhen, sagte St. John, als wir
einen Felsen, den Vorposten einer ganzen Reihe erreicht hatten,
die eine Art Engpaß zu bewachen schienen. Ich setzte mich; St.
John blieb vor mir stehen und ließ seine Blicke über die Landschaft schweifen. Dann nahm er den Hut ab, daß ihm der laue
Windhauch Stirne und Wangen küßte, und schien mit dem
Schutzgeiste der Gegend zu verkehren, der letzteren mit den Augen
Lebewohl zu sagen.
, Ich werde Dich wiedersehen, sagte er mit lauter Stimme,
,wiedersehen in meinen Träumen, wenn ich am Ganges schlafe;
und auch später noch, wenn mir dereinst der lange Schlummer
die Augen zudrückt und ich am Ufer eines noch düsteren Stromes
ruhe.
Sonderbarer Ausdruck einer sonderbaren Zuneigung! Eines
rauhen Patrioten Liebe für sein Vaterland! Er setzte sich, und
durch eine halbe Stunde sprach keines von uns Beiden ein
Wort.
, Jane, hob er wieder an, ,ich reise in sechs Wochen ab.
Ich habe mir schon einen Platz am Bord eines Ostindienfahrers
gemiethet, der am 20. Juni absegelt.
, Gott wird Sie schützen, denn Sie unternehmen die Verherrlichung seines Werkes, versetzte ich.
,Wohl, sagte er, ,und eben das macht meinen Stolz
und meine Freude aus. Nicht unter menschlicher Anführung,
unabhängig von den Vorschriften und der Gewalt meiner gebrechlichen Mitwürmer gehe ich hinaus, denn mein Anführer ist
der Allmächtige, der Unendliche. Es kommt mir sonderbar vor,
daß meine Nächsten nicht vor Begierde brennen, sich unter die
gleiche Fahne einreihen zu lassen, am gleichen Unternehmen theilzunehmen.
,Nicht Alle besitzen Ihre Kraft und es wäre Wahnsinn,
wollte sich der Schwache anmaßen, mit dem Starken gleichen
Schritt zu halten!
, Ich spreche nicht von den Schwachen und denke nicht an
sie; ich wende mich nur an diejenigen, die des großen Werkes
würdig und im Stande sind, es zu vollführen.
sein.
, Ihre Zahl wird gering und sie selbst schwer zu finden
,Sie sprechen wahr; aber hat man sie einmal gefunden, so
hat man auch das Recht, sie aufzurufen, sie zur Thätigkeit zu
ermahnen, ihnen zu beweisen, welche Gaben sie besitzen und die
Botschaft des Himmels zu verkünden, damit sie einen Platz in
der Reihe seiner Auserwählten annehmen.
,Wenn Sie sich der Aufgabe wirklich gewachsen fühlen,
wird da nicht die Stimme Ihres eigenen Herzens zuerst zu
Ihnen sprechen?
Es war mir als ob mich irgend ein unsichtbarer Zauber
immer fester und fester umstrickte, und fast fürchtete ich das fatale
Wort zu vernehmen, das mich mit einemmale verwünschte.
, Und was sagt Ihr Herz? frug St. John.
,Mein Herz ist stumm, ganz stumm, rief ich voll
Schrecken aus.
,Dann muß ich an seiner Stelle sprechen, fuhr er mit
tiefer Stimme unnachsichtlich fort. ,Kommen Sie mit mir nach
Indien, Jane, werden Sie meine Gefährtin und Mitarbeiterin.
Das Thal und das Firmament schienen zusammenzufallen,
die Berge zu wanken! Es war als ob mich der Himmel gerufen,
als ob einer seiner unsichtbaren Sendlinge, gleich dem Macedonier zu mir gesprochen hätte: ,Komm herüber und hilf uns!
Aber ich war kein Apostel -- ich konnte den Herold nicht sehen
-- seine Botschaft nicht annehmen.
,O, St. John,' bat ich, , seien Sie barmherzig!
Aber ich wandte mich an einen Mann, der in der Erfüllung dessen, was er für seine Pflicht hielt, weder Barmherzigkeit noch Mitleid kannte.
,Gott und die Natur, fuhr er fort, ,bestimmten Sie
zum Weibe eines Missionärs. Sie gaben Ihnen keine persönlichen, sondern geistige Vorzüge und Sie sind somit zur Arbeit
und nicht zur Liebe geschaffen. Das Weib eines Missionärs
müssen -- sollen Sie werden. Ich muß Sie besitzen, ich beanspruche Sie, nicht der eitlen Lust wegen, sondern zum Dienste
meines Herrn und Königs.
, Ich tauge nicht dazu, ich fühle keinen Beruf in mir.
Er war auf meinen Widerspruch vorbereitet und ließ sich
durch denselben nicht irre machen. Sich mit dem Rücken an den
Felsen lehnend, seine Arme kreuzend und das Gesicht in ernste
Falten legend, sah er aus wie Einer, der auf ein heftiges Widerstreben gefaßt und mit einem hinreichenden Vorrathe von Geduld versehen ist, fest entschlossen, den Sieg um jeden Preis zu
erkämpfen.
,Demuth ist der Grundpfeiler des Christenthums, sagte
er, ,und Sie haben recht, wenn Sie behaupten, Sie seien zu
dem Werke nicht tauglich. Und wer ist es auch überhaupt? Oder
wer, der da berufen wurde, hielt sich für würdig, dem Rufe zu
folgen? Ich zum Beispiel bin nichts als Staub und Asche. Mit
Saint Paul erkläre ich mich den ersten der Sünder, aber ich lasse
mich durch dieses Gefühl der eigenen Unwürdigkeit nicht niederdrücken. Ich kenne meinen Lenker, ich weiß, daß er ebenso gerecht
als mächtig ist, und da er zur Vollführung seines Werkes ein
so schwaches Werkzeug auserkor, so wird er demselben auch die
nöthigen Mittel an die Hand geben, es endlich zu vollführen.
Denken Sie wie ich, hoffen, vertrauen Sie gleich mir. Auf
den Herrn der Heerschaaren mögen Sie sich stützen und keinen
Augenblick zweifeln, daß er die Last Ihrer menschlichen Schwachheiten erleichtern wird.
, Ich verstehe nichts von dem Leben und Wirken eines
Missionärs, da ich nie die nöthigen Vorbereitungsstudien gemacht habe.
,Darin kann ich Sie hinreichend unterstützen. Ich kann
Ihnen Ihre Arbeit Stunde für Stunde vorzeichnen, Ihnen zur
Seite stehen, Ihnen helfen. So viel genügt für den Anfang und
bald werden Sie -- ich kenne Ihre geistigen Anlagen -- so
stark, so fähig wie ich sein und meiner Hilfe nicht weiter
bedürfen.
,Doch wo habe ich die nöthige Kraft zu dem Unternehmen?
Ich verspüre nichts davon in mir. Nichts wird in meinem
Inneren laut, nichts regt sich, indem Sie zu mir sprechen. Kein
Licht hat sich entzündet, keine Stimme spricht zu mir, um mir
zu rathen, mich aufzumuntern. O, ich wollte, Sie könnten in
das Innere meiner Seele blicken, das in diesem Augenblicke
einem finsteren Kerker gleicht, von nichts als von der Furcht
bewohnt, ich könne mich von Ihnen bereden lassen, etwas zu
unternehmen, was ich nicht auszuführen vermag.
,Darauf kann ich Ihnen ganz gut antworten -- hören
Sie mich an. Ich habe Sie beobachtet, seitdem ich Sie kenne;
Sie waren durch zehn Monate der Gegenstand meines Studiums.
Ich habe Sie während dieser Zeit einigemale auf die Probe
gestellt, und was war das Ergebniß meiner Beobachtungen? In
der Dorfschule benahmen Sie sich musterhaft, waren pünktlich,
gerecht, vollbrachten Arbeiten, die Ihren Gewohnheiten und
Neigungen nicht im mindesten entsprachen; bei allem dem zeigten
Sie bedeutende Fähigkeiten und einen gewissen Takt; trotz aller
Strenge wußten Sie sich die Herzen Ihrer Schülerinnen zu
gewinnen. Die Ruhe, mit der Sie die Nachricht Ihres plötzlichen Reichthums vernahmen, ließ mich erkennen, daß Ihnen
Gewinnsucht fremd sei; die entschlossene Schnelligkeit, mit welcher
Sie das ererbte Vermögen sofort in vier gleiche Theile theilten
und drei Theile davon, Ihrem Zartsinne folgend, an Ihre Anverwandten verschenkten, zeigte mir die Opferfreudigkeit Ihrer
Seele im schönsten Lichte. Die Lenksamkeit, die Sie ein Lieblingsstudium aufgeben ließ, um ein anderes zu beginnen, weil
es mich interessirte, der unermüdliche Fleiß, den Sie seitdem bei
eben diesem Studium an den Tag legten, die ungewöhnliche
Kraftfülle, mit der Sie alle Schwierigkeiten überwältigten --
das alles lieferte mir den deutlichsten Beweis, daß sich alle von
mir längst gesuchten Eigenschaften bei Ihnen vereint vorfanden.
Sie sind gelehrig, fleißig, uneigennützig, treu, beständig und
muthig, sanft und dabei doch heldenmüthig; hören Sie also auf,
sich zu mißtrauen, da ich in Sie und Ihre Fähigkeit ein unbedingtes Vertrauen sete. Als Oberleiterin indischer Schulen
und als Mitarbeiterin unter den Indierinnen wird mir Ihr
Beistand unschätzbar sein.
Die Fesseln schlangen sich immer enger um mich; die
Ueberredung näherte sich langsamen, aber sicheren Schrittes.
Mochte ich auch meine Augen schließen, seine letzten Worte
zeigten mir den Weg, den ich zu gehen hatte. Mein Antheil an
dem Werke, der mir so unbestimmt, so gehaltlos erschienen war,
nahm unter seiner bildenden Hand eine bestimmte Gestalt an.
Er wartete auf eine Antwort. Ich bat mir eine Viertelstunde
Bedenkzeit aus.
,Sehr gern, versetzte er, stand auf, ging einige Schritte
abseits, warf sich auf den schwellenden Nasen nieder und blieb
ruhig liegen.
,Ich kann das vollbringen, was er von mir verlangt,
dachte ich bei mir, ,vorausgesetzt, daß ich am Leben bleibe. Aber
mein Körper, ich fühle es, ist nicht im Stande, den Einflüssen
des tropischen Klimas lange zu widerstehen. Was dann? Er
kümmert sich wenig darum und käme meine letzte Stunde, er
würde mich in aller Heiterkeit meinem Schöpfer empfehlen. Ich
sehe den Fall ganz deutlich vor mir. Wenn ich England verlasse, gehe ich aus einem mir theuren Lande, das aber, seit sich
Mister Rochester nicht mehr darin befindet, für mich keine Anziehungskraft mehr besitzt. Aber selbst wenn dies der Fall wäre,
was habe ich weiter mit ihm zu schaffen, in welches Verhältniß
kann ich noch ferner zu ihm treten? Ich muß also jedenfalls
-- wie dies einst Saint John behauptete -- ein anderes Interesse
an die Stelle des verlorenen setzen, und ist nicht die Beschäftigung, die er mir anbietet, die ruhmvollste, herrlichste, die Gott
einer Sterblichen zuweisen kann? Ist sie nicht mehr als eine
jede andere im Stande, die Lehre, welche gebrochene Liebe und
vernichtete Hoffnungen zurückließen, auszufüllen? Ich glaube, ich
muß ja sagen -- und doch schaudere ich zurück! Wenn ich
Saint John folge, gebe ich meine Persönlichkeit zur Hälfte auf,
wenn ich nach Indien gehe, gehe ich einem frühzeitigen Tode
entgegen. Und welche Ereignisse werden die Zwischenzeit meiner
Reise von hier nach Indien und von Indien ins Grab bezeichnen?
O, auch das ist mir klar. Wenn ich mich aufs äußerste anstrenge, um Saint John zufriedenzustellen, wird es mir auch
gelingen. Wenn ich mit ihm gehe, wenn ich ihm dies Opfer
bringe, so thue ich es in der umfassendsten Bedeutung des
Wortes und lege alles, mein Herz, mein ganzes Leben auf den
Altar. Er wird mich nie lieben, aber er wird mich achten und
ich werde ihm Kraftäußerungen, Eigenschaften und Fähigkeiten
vor Augen führen, von denen er sich nichts träumen läßt.
Wohl! Ich kann ebenso tüchtig, ebenso unverdrossen arbeiten
wie er.
Es ist also möglich, daß ich ihm willfahre, wäre nur
eine einzige, aber schreckliche Bedingung nicht. Er will, ich soll
ihn heiraten und hat ebenso wenig Liebe für mich, als jener
riesige Felsblock dort in der Thalschlucht, an dem sich der
schäumende Gießbach bricht. Er schätzt mich, wie etwa ein Soldat
eine gute Waffe schätzt, aber das ist auch alles. Wenn ich mit
ihm nicht vermählt bin, mache ich mir nichts daraus; allein, darf ich
ihn seine Berechnungen zu Ende führen, seine Pläne kaltblütig
ins Werk setzen und mit der Trauungsfeierlichkeit beschließen lassen?
Kann ich von ihm den Trauring annehmen, zusehen, wie er alle
Aeußerlichkeiten eines Bündnisses der Liebe und Zuneigung genau
beobachtet, und das Bewußtsein ertragen, daß sein Herz nichts
dabei zu thun hat? Nein! Die Marter wäre gräßlich, ich kann
Despotismus erschienen mir in ihrer ursprünglichen Nacktheit
und brachten mich zum Bewußtsein seiner Unvollkommenheit.
Der Gedanke an die letzteren flößte mir Muth ein; ich sah,
daß ich es mit meines Gleichen zu thun hatte, daß ich ihn mit
Gründen bekämpfen, mich ihm widersetzen konnte.
Meine letzte Rede hatte ihm anscheinend den Mund verschlossen. Ich wagte es nach ihm zu sehen; er maß mich mit
einem Blicke, der zu sagen schien: , Ist sie wirklich sarkastisch
und ist sie gegen mich? Was soll das bedeuten?
,Wir wollen nicht vergessen, daß diese Angelegenheit eine
feierliche, ernste ist, hob er nach einer Weile wieder an, ,eine
solche, über die man nicht scherzen darf, ohne sich einer Sünde
schuldig zu machen. Ich hoffe, es ist Ihr voller Ernst, Jane,
wenn Sie sagen, daß Sie Ihr Herz Gott zum Opfer bringen
wollen, und das genügt mir vollkommen. Haben Sie sich nur
erst von allem Irdischen losgemacht und Ihrem Schöpfer zugewendet, dann wird es von selbst Ihre größte Freude und
liebste Beschäftigung sein, an der Erweiterung des geistigen
Reiches Ihres Meisters zu arbeiten und Sie werden sich über
alle jene kleinlichen, aus übertriebener Empfindsamkeit und alltäglichen Lebensansichten entspringenden Bedenklichkeiten über den
Grad, die Gattung, die Stärke wechselseitiger Zuneigung leicht
hinwegsetzen.
, Glauben Sie das ? lautete meine kurze Erwiderung,
und ich sah nach seinem schönen, aber durch seine Strenge und
Härte abstoßenden Gesichte, nach seiner gebietenden, aber keineswegs offenen Stirn, nach seinen klaren, durchdringenden, nichts
weniger als sanften Augen, nach seiner schlanken, hohen
Gestalt, und dachte mich als sein Weib. O, es war unmöglich!
Seine Begleiterin, seine Gesellschafterin, seine Helferin, das alles
wollte ich von ganzem Herzen vorstellen, mit ihm den Ocean
durchschiffen, Wüsten durchschreiten, unter der glühenden Sonne
des Orients arbeiten, mich seinem Willen fügen, über seinen
Ehrgeiz lächeln, den Christen vom Menschen unterscheiden und
den ersteren achten, während ich dem letzteren vergab. Ohne
Zweifel warteten meiner die größten Leiden, mein Körper kam
unter ein hartes Joch, aber mein Herz und mein Geist blieben
frei, und ich hatte mir mein besseres Selbst gerettet, mit dem
ich dann ungestört in der Einsamkeit verkehren, indem ich Gefühle
bewahren konnte, auf die sich seine Strenge nicht erstreckte, die
er nicht zu zertreten im Stande war. Allein, als sein Weib
immer und ewig um ihn zu sein, mich ohne Unterlaß zu beherrschen und meine Natur im Zaume zu halten, mein inneres
Feuer zu unterdrücken, bis es ein Stück meines inneren Lebens nach
dem anderen verzehrte -- das zu ertragen war für mich eine
reine Unmöglichkeit.
,Saint John! rief ich aus, als ich in meinen Betrachtungen bei diesem Punkte angelangt war.
,Nun? frug er mit eisiger Kälte.
, Ich wiederhole es noch einmal, ich bin gesonnen, Sie
von freien Stücken auf Ihrer Missionsreise zu begleiten und
Ihr Werk nach Kräften zu fördern, aber nicht als Ihre Gattin,
denn ich kann Sie nicht heiraten -- nicht Ihre andere Hälfte
werden.
, Und Sie müssen meine eheliche Hälfte werden, versetzte
er hartnäckig, ,sonst ist der ganze Vertrag null und nichtig.
Wie kann ich, ein Mann von nicht ganz dreißig Jahren, ein
Mädchen von neunzehn, das nicht mit mir getraut ist, mit nach
Ost-Indien nehmen? Wie könnten wir zusammen in Einöden,
unter wilden Stämmen leben, ohne vermählt zu sein? Es ist
bekannt, daß Sie nicht meine Schwester sind, ich kann Sie
nirgends dafür ausgeben, und würde ich es auch versuchen, so
wären wir doch beide dem kränkendsten Verdachte ausgesetzt. Sie
haben wohl den kräftigen Geist eines Mannes, aber auch das
gefühlvolle Herz eines Weibes und -- dies Verhältniß würde
nicht gut thun.
,Es würde ganz gut thun, versetzte ich mit einigem Unwillen, ,vollkommen gut. Ich besitze das Herz eines Weibes,
aber nicht fur Sie; Ihnen weihe ich bloß die Anhänglichkeit,
die Treue, die Brüderlichkeit eines Kriegsgefährten, wenn es
Ihnen recht ist, vielleicht auch die Unterwürfigkeit eines Neubekehrten für seinen Hierophanten, nichts mehr und nichts
weniger, und Ihre Befürchtungen sind ganz überflüssig.
,So will ich es auch haben, sagte er, anscheinend zu
sich selbst sprechend, ,gerade so will ich es haben. Sie sollen
keine Ursachen haben es zu bereuen, daß Sie mich geheiratet
haben, verlassen Sie sich darauf, und Sie müssen mich heiraten,
das ist klar. Ich wiederhole es Ihnen, es giebt keinen anderen
Ausweg und ohne Zweifel wird der Heirat ein hinreichender
Vorrath von Liebe folgen, der eine solche Verbindung auch in
Ihren Augen rechtfertigen wird.
, Ich verachte Ihre Ansichten von der Liebe, rief ich,
meiner Gefühle nicht mehr mächtig, aus, während ich mich
erhob und vor ihn hinstellte. ,Ich verachte das erheuchelte
Gefühl, das Sie mir anbieten, und ich verachte Sie, wenn Sie
es thun.
Er blickte mich starr an und biß sich in die Lippen. Ob
er wüthend oder erstaunt war, konnte ich nicht leicht unterscheiden, da er seine Gesichtszüge zu sehr in seiner Gewalt
hatte.
, Ich war wirklich nicht darauf gefaßt, einen solchen Ausdruck von Ihnen zu vernehmen, sagte er, ,und ich glaube kaum,
etwas gethan oder gesagt zu haben, was Ihre Verachtung
verdient.
Sein sanfter Ton rührte mich, die ruhige Hoheit seines
Wesens zwang mir Achtung ab.
, Bergeben Sie mir meine Worte, Saint John, allein es ist
Ihre eigene Schuld, daß ich mich so weit vergaß. Sie haben
einen Gegenstand zur Sprache gebracht, über den wir ganz verschiedener Ansicht sind, und den wir füglich nie berühren sollten.
Selbst das Wort Liebe ist bei uns ein Apfel der Zwietracht,
was wäre es erst mit dem Gefühle selbst? Geben Sie Ihre
Heiratsgedanken auf, mein theurer Vetter, und denken Sie nicht
weiter daran.
,Durchaus nicht, sagte er; ,es ist ein langgehegter Plan
und der einzige, der mich meinem erhabenen Ziele zuführen
kann, aber ich will Sie für diesen Augenblick wenigstens nicht
weiter damit belästigen. Morgen gehe ich nach Cambridge; ich
habe dort Freunde, denen ich noch gerne Lebewohl sagen möchte.
Meine Abwesenheit wird etwa vierzehn Tage währen; benutzen
Sie diese Zeit, meinen Antrag in Erwägung zu ziehen und
vergessen Sie nicht, daß Sie, wenn Sie ihn zurückweisen, nicht
wider mich, sondern wider Gott selbst sind. Er weist Ihnen
durch mich eine herrliche Laufbahn an, aber nur als mein Weib
können Sie dieselbe betreten. Zittern Sie vor der Möglichkeit,
denjenigen beigezählt zu werden, die ihrem Glauben untreu
geworden und schlimmer sind als die Ungläubigen selbst.
Sich von mir abwendend, sah er noch einmal nach Strom
und Hügel, barg aber diesmal alle seine Gefühle in seiner
Brust. Als ich an seiner Seite heimwärts ging, entnahm ich
aus seinem ehernen Stillschweigen alles, was er gegen mich
fühlte: den Unmuth einer starren despotischen Natur, die auf
Widerstand gestoßen war, wo sie Unterwürfigkeit zu finden hoffte,
die Mißbilligung eines kalten, unbeugsamen Verstandesmenschen,
der bei seinem Nächsten Gefühle und Ansichten entdeckt hatte,
die er nicht theilen konnte. Als Mann wäre es sein Wunsch
gewesen, mich zum Gehorsam zu zwingen, allein als guter Christ
trug er meine Verachtung in Geduld und wies mir einen so
langen Zeitraum zur Neue und Besserung an.
Am selben Abend unterließ er es sogar, mir auch nur die
Hand zu drücken, nachdem er seine Schwestern geküßt hatte, und
ging stillschweigend zur Stube hinaus. Wenn ich keine Liebe für
ihn fühlte, so war ich ihm doch so freundschaftlich zugethan.
daß mich diese Zurücksetzung verletzte und mir Thränen in die
Augen traten.
, Ich sehe es, Ihr habt miteinander gestritten, sagte Diana;
, wahrscheinlich während Eures Spazierganges im Moore. Gehen
Sie ihm nach, Jane, er wartet auf Sie im Vorzimmer, er will.
wieder gut werden.
Ich pflege bei solchen Gelegenheiten keinen unzeitigen Stolz
zu zeigen, und ich ziehe es vor, mit allen Menschen in Freundschaft zu leben als danach zu sehen, ob ich mir nichts vergebe. Ich lief ihm also nach, er stand am Fuße der Treppe.
,Gute Nacht, Saint John, sagte ich.
,Gute Nacht, Jane, erwiderte er ganz ruhig.
,Reichen Sie mir Ihre Hand, setzte ich hinzu.
Wie kalt, wie leise berührte er meine Finger! Der Vorfall
des Tages hatte ihn tief verletzt, weder meine Herzlichkeit noch
meine Thränen vermochten ihn zu rühren. Eine Versöhnung, ein
freundliches Lächeln, ein Wort der Vergebung, das alles war
von ihm nicht zu erwarten, wiewohl er als Christ noch immer
Sanftmuth und Geduld zur Schau trug.

IX.

St. John reiste nicht, wie er es gesagt hatte, am nächsten
Tage nach Cambridge ab. Er verschob seine Abreise durch eine
ganze Woche und ließ mich dieser Zeit schmerzlich empfinden,
wie strenge ein guter, doch harter, ein gewissenhafter, doch unerbittlicher Mann jemanden bestrafen kann, der ihn beleidigte.
Ohne irgend einen Act offener Feindseligkeit, ohne ein verweisendes
Wort wußte er mich zur Ueberzeugung zu bringen, daß ich nicht
länger in seiner Gunst stand.
Er vermied es durchaus nicht mit mir zu sprechen, vielmehr rief er mich jeden Morgen wie gewöhnlich zu seinem
Pult, und fast fürchte ich, daß der sündige Mensch in ihm ein
besonderes, von dem guten Christen nicht getheiltes Vergnügen
empfand, zu bemerken, mit welcher Geschicklichkeit er mir,
ungeachtet er ganz wie gewöhnlich zu sprechen und zu handeln
schien, in jeder Rede und in jeder Bewegung zu beweisen wußte,
daß er keinen Antheil an mir nehme, mit mir nicht mehr zufrieden
sei. In meinen Augen erschien er fortan wirklich nicht mehr als
ein Mensch von Fleisch und Bein, sondern als eine Bildsäule
von Marmor; seine Augen als glänzende, durchsichtige Edelsteine,
seine Zunge als eine Sprachmaschine.
Sein Benehmen war mir qualvoll- eine raffinirte langsame Tortur. Es nährte ein glimmendes Feuer des Unwillens,
einen stillnagenden Schmerz in mir, die mich in ewiger Aufregung erhielten und mich nach und nach aufzehrten. Ich fühlte
es, wie mich dieser gute Mann, rein wie der tiefe, von der
Sonne nie beschienene Quell, falls ich sein Weib wäre, tödten
könnte, ohne einen einzigen Blutstropfen meiner Adern zu vergießen und sein eigenes krystallhelles Gewissen mit dem leisesten
Makel zu beflecken. Ich fühlte dies besonders in solchen Augenblicken, wo ich es versuchte, mich mit ihm auszusöhnen. Aber er
hatte kein Mitleid mit meiner Sehnsucht nach Wiederherstellung
unserer früheren Herzlichkeit, denn ihm verursachte unsere wechselseitige Entfremdung nicht das geringste Leiden, und wiewohl ich
sehr oft die Seite, auf der ich las, mit meinen Thränen befeuchtete, so brachten auch diese auf ihn keine andere Wirkung hervor,
als wäre sein Herz in der That von Stein oder von Erz gewesen.
Mit seinen Schwestern war er indessen etwas freundlicher und
gemüthlicher als gewöhnlich; gleichsam als ob seine bloße Kälte
nicht hinreiche, mich von dem Verluste seiner Gunst zu überzeugen, stellte er auch noch diesen Gegensatz auf, nicht etwa aus
Bosheit, sondern wie ich fest überzeugt war, aus Grundsatz.
Den Abend vor seiner Abreise sah ich ihn zufällig nach
Sonnenuntergang im Garten spazieren gehen. Sein Anblick rief
mir ins Gedächtniß zurück, daß mir dieser Mann, so schroff er
mir nun auch gegenüberstand, dereinst das Leben gerettet hatte,
daß er mein Blutsverwandter sei, und ich fand mich bewogen,
einen letzten Versuch zur Wiedererlangung seiner Zuneigung zu
machen. Ich ging auf ihn zu und sprach ihn ohne Umschweife an.
,Ich fühle mich unglücklich, Saint John, weil Sie mir
noch immer gram sind. Lassen Sie uns Freunde sein.
wort.
,Ich denke, wir sind es schon, gab er kaltblütig zur Antwort.
,Nein, Saint John, wir sind nicht mehr so gut miteinander
wie wir es waren. Sie wissen das recht wohl.
,Sie glauben? Das wäre nicht recht. Ich für meinen
Theil wünsche Ihnen nichts Böses, sondern vielmehr alles Gute.
,Dessen bin ich gewiß, Saint John, denn ich weiß, daß
Sie nicht im Stande sind, jemanden etwas Böses zu wünschen;
aber da ich Ihre nahe Anverwandte bin, so habe ich auf etwas
mehr Zuneigung Anspruch als auf jene allgemeine Menschenfreundlichkeit, die am Ende auch alle Fremden umfaßt.'
,Natürlich, sagte er, , Ihr Wunsch ist ganz billig und
ich bin auch weit davon entfernt, Sie als eine Fremde anzusehen.'
Diese Worte in einem kalten, ruhigen Tone gesprochen,
waren kränkend und abschreckend genug. Hätte ich den Einflüsterungen des Stolzes und des Zornes Gehör gegeben, wäre ich
sofort weiter geganngen; allein ein gewisses Etwas hatte in meinem
Inneren über jene Gefühle die Oberhand. Ich hatte eine aufrichtige, innige Verehrung für die Talente und Grundsätze meines
Vetters. Seine Freundschaft war mir äußerst schätzbar, und es
hätte mich mit Schmerz erfüllt, sie gänzlich zu verlieren. Ich
wollte daher den Versuch, sie wieder zu erlangen, nicht sofort
aufgeben.
,Sollen wir uns auf diese Weise trennen, Saint John?
Und wenn Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich so kalt,
mit keinem freundlicheren Worte verlassen, als diejenigen waren,
die Sie eben ausgesprochen ?
Er wandte sich nun ganz vom Monde ab und sah mir
gerade ins Gesicht.
, Verlasse ich Sie denn, wenn ich nach Indien gehe?
Wollen Sie nicht mitgehen?
, Sie sagten ja, es wäre nicht möglich -- außer ich
heirate Sie.
,Und das wollen Sie nicht? Beharren Sie auf Ihrem
Entschlusse?
Hast Du es je erfahren, lieber Leser, welchen Schrecken
kalte, herzlose Leute durch ihre eisigen Fragen einflößen können?
Wie ihr Unwillen einer Lawine gleich heranwallt, ihr Mißvergnügen dem Aufbrechen der zugefrorenen See gleicht?
, Ich will Sie nicht heiraten, Saint John, und ändere
meinen Entschluß durchaus nicht.
Die Lawine war erschüttert und bewegte sich nach vorwärts,
aber noch rollte sie nicht den Abhang hinunter.
, Ich frage Sie noch einmal, warum weigern Sie
sich?
,Anfangs weigerte ich mich deshalb, weil Sie mich nicht
liebten und in diesem Augenblick weise ich Ihren Antrag zurück,
weil Sie mich nahezu hassen. Wenn ich Sie zum Manne nähme,
würden Sie mich tödten. Denn schon jetzt bringen Sie mich
langsam um.
Seine Lippen, seine Wangen wurden weiß -- schneeweiß.
,Ich würde Sie tödten, ich bringe Sie um? Sie gebrauchen Ausdrücke, die nicht für Sie passen, weil sie unweiblich, leidenschaftlich und unwahr sind. Ihre Reden verrathen
einen bedauernswerthen Gemüthszustand und verdienen eine strenge
Ahndung. Fast sind Sie nicht zu entschuldigen, allein es ist eine
heilige Pflicht, seinem Nächsten zu vergeben und wäre es auch
zum siebenundsiebzigstenmale.
Ich war nun fertig. Während ich den ernstlichen Wunsch
hegte, das Andenken an eine frühere Beleidigung aus seinem
Gedächtniß zu verwischen, hatte ich dem hartnäckigen Gemüthe
eine neue, noch weit empfindlichere Unbill zugefügt, die ihm tief
in die Seele brannte.
,Nun hassen Sie mich ganz gewiß, sagte ich. , Es ist
nutzlos einen weiteren Versuch zur Versöhnung zu wagen; ich
sehe, daß ich Sie mir auf ewig zu Feinde gemacht habe.
Diese Worte brachten ihm eine neue und um so empfindlichere Wunde bei, als sie der Wahrheit nahe kamen. Die blassen
Lippen erzitterten in einem augenblicklichen Krampfe; ich kannte
die Stärke der Leidenschaftlichkeit, die ich geweckt hatte, und
bitteres Leid erfüllte mein Herz.
, Sie legen meine Worte ganz falsch aus, sagte ich, seine
Hand erfassend; ,ich habe durchaus nicht die Absicht, Sie zu
verletzen, Ihnen wehe zu thun -- gewiß nicht!
Er lächelte bitter und entzog mir seine Hand. ,Und Sie
nehmen nun Ihr Wort zurück und gehen ganz und gar nicht
nach Indien mit? sagte er nach einer beträchtlichen Pause.
, Als Ihre Gehilfin will ich Sie gern begleiten.
Ein langes Stillschweigen trat ein. Welcher Kampf indessen zwischen seiner angeborenen Gemüthsbeschaffenheit und
seinem edleren Selbst stattfand, weiß ich nicht zu sagen. Nur so
viel sah ich, daß seine Augen wunderbare Strahlen schossen und
daß düstere Schatten über sein Gesicht hinzogen. Endlich begann
er zu sprechen.
, Ich bewies Ihnen schon einmal, wie unsinnig es wäre,
wenn sich ein lediger Mann meines Alters von einem jungen
Mädchen Ihres Alters in einem fremden Welttheil begleiten
ließe. Ich bewies es Ihnen in einer Art, die Ihnen meiner
Ansicht nach die Lust zu einer jeden ferneren Anspielung auf
einen solchen Plan benehmen mußte. Daß Sie es trotzdem noch
einmal versuchen, thut mir um Ihretwillen sehr leid. Eine
Gehilfin, die nicht mein Weib ist, kann ich nicht brauchen. Es
scheint also, daß Sie mich nicht begleiten können; allein wenn
es Ihnen mit Ihrem Anerbieten ernst ist, so will ich in der
Stadt mit einem verehelichten Missionär sprechen, dessen Weib
einer Gehilfin bedarf. Ihr Vermögen wird Sie von der Unterstützung der Missionsgesellschaft unabhängig erhalten, und Ihnen
durch dieses Auskunftsmittel die Schande erspart, Ihr Wort zu
brechen und die heilige Schaar, der Sie sich anzuschließen versprachen, schmählich zu verlassen.
Nun hatte ich, wie sich der Leser zu erinnern weiß, kein
förmliches Versprechen gegeben und durchaus keinen Vertrag abgeschlossen. Seine Redeweise war also viel zu hart und despotisch
für diese Sachlage. Ich erwiderte:
, Es kann hier weder von Schande noch von Wortbruch
die Rede sein. Ich bin nicht die geringste Verbindlichkeit eingegangen, nach Indien zu reisen und am allerwenigsten mit
Fremden. Mit Ihnen hätte ich alles gewagt, alles ertragen,
weil ich Sie bewundere, auf Sie vertraue, und Ihnen mit
schwesterlicher Liebe zugethan bin; aber ich bin fest überzeugt,
daß ich, mag ich mit wem immer hingehen, auf keinen Fall die
Beschwerden dieses Klimas lange ertragen kann.
,Ah, Sie fürchten für Ihr Leben, sagte er, seine Lippen
leicht aufwerfend.
,So ist es. Gott hat mir es nicht gegeben, damit ich es
wegwerfe, und wenn ich Ihrem Willen unbedingt folge, so begehe
ich sozusagen einen Selbstmord. Uebrigens möchte ich, bevor
ich mein Vaterland für immer verlasse, die Gewißheit haben, ob
ich nicht mehr Nutzen stifte, wenn ich hier bleibe, als wenn ich
in die weite Welt gehe.
,Was wollen Sie damit sagen?
,Es wäre unnütz, eine weitere Auseinandersetzung zu versuchen; nur so viel mögen Sie wissen, daß mich über einen
gewissen Punkt die schmerzlichsten Zweifel quälen und daß ich
nirgends hingehen kann, bevor ich auf eine oder die andere
Weise diese Zweifel beseitigt habe.
, Ich weiß, wohin sich Ihr Herz wendet und an was es
hängt. Die Neigung, die Sie in Ihrem Inneren hegen, ist eine
sündige und strafbare. Schon längst hätten Sie dieselbe ausrotten
sollen und bei dem bloßen Gedanken daran erröthen. Sie denken
an Mister Rochester? -- Wollen Sie Mister Rochester aufsuchen?
, Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist,
, Es bleibt mir also nichts weiter übrig, versetzte er, ,als
Sie in mein Gebet einzuschließen und Gott in allem Ernst anzuflehen, daß er Sie nicht zugrunde gehen lasse.
Er öffnete die Gartenthür, trat hinaus und ging dem
Thalgrunde zu. Bald hatte ich ihn aus dem Gesichte verloren.
Ins Besuchszimmer tretend, fand ich Diana gedankenvoll
am Fenster stehend. Sie legte ihre Hand auf meine Achsel, bog
sich zu mir herunter und musterte mein Gesicht.
,Jane, sagte sie, , Sie sind die ganze Zeit über aufgeregt und sehen jetzt sehr blaß aus. Es hat gewiß etwas gegeben. Sagen Sie mir, was Sie mit Saint John haben. Ich habe Euch beide durch eine halbe Stunde von hier aus beobachtet;
Sie müssen mir verzeihen, daß ich mich auf die Lauer legte,
aber durch eine geraume Zeit machte ich mir sehr sonderbare
Gedanken. Saint John ist ein eigenthümlicher Mensch. -- Mein
Bruder hat jedenfalls ganz besondere Absichten mit Ihnen, denn
er studirt Sie seit Monaten mit einem Interesse und einer
Genauigkeit, die mir ungemein auffielen. Zu was? Ich wollte,
er liebte Sie, Jane. Ist das vielleicht der Fall?
Ich legte ihre kalte Hand an meine glühende Stirne. ,Nein,
Diana, nicht im mindesten.
, Warum verfolgt er Sie mit seinen Blicken, sucht mit
Ihnen allein zu sein und Sie beständig in seiner Nähe zu
haben? Mary war ebenso wie ich der Meinung, er wolle Sie
heiraten.
, So ist es auch, er hielt um meine Hand an.
Diana schlug in die Hände. , Also haben wir es doch
errathen! Und Sie sagen ja, Jane, nicht wahr? Und er bleibt
dann mit Ihnen in England?
,Weit davon entfernt, Diana. Seine einzige Absicht war
dabei, sich eine brauchbare Gehilfin zu seiner Missionsreise zu
verschaffen.'
,Wie! Sie sollen mit ihm nach Indien gehen? Unsinn!
rief sie aus. , Sie bleiben keine drei Monate am Leben, dessen bin
ich gewiß. Aber Sie dürfen nicht gehen; Sie haben doch nicht
eingewilligt?
, Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten.
, Und ihn dadurch böse gemacht. Ist's nicht so?
, Sehr. Er wird es mir wohl nie vergeben, obgleich ich
ihm den Vorschlag machte, ihn als seine Schwester begleiten
zu wollen.
,, Es wäre purer Wahnsinn, Jane. Denken Sie an die
Aufgabe, an die ungeheuren Anstrengungen, die Ihrer warten,
die für den Stärksten zu groß, Ihren schwachen Kräften durchaus
nicht angemessen sind. Sie kennen Saint John, Sie wissen, daß er
kein Erbarmen hat, daß er das Unmöglichste von Ihnen verlangen,
Ihnen weder Rast noch Ruhe gönnen wird und unglücklicherweise
habe ich die Bemerkung gemacht, daß Sie sich alle Mühe geben, einer
jeden seiner Aufforderungen zu genügen. Ich wundere mich wirklich,
wo Sie den Muth hernahmen, seine Hand auszuschlagen. Sie
lieben ihn also nicht, Jane?
,Nicht wie man einen Gatten liebt.
,Aber er ist doch ein schöner Mann.
,Und ich häßlich, wie Sie sehen. Wir würden also nicht
zusammen passen.
,Sie häßlich? Keineswegs. Sie sind viel zu hübsch und
zu gut, um unter der Sonne Indiens lebendig geröstet zu werden.
Und neuerdings beschwor sie mich, den Gedanken, ihren Bruder
zu begleiten, ganz fahren zu lassen.
,Das muß ich auch, erwiderte ich; , denn als ich ihm jetzt
meinen Vorschlag wiederholte, erklärte er, mein Mangel an
Schicklichkeitsgefühl berühre ihn sehr unangenehm. Seiner Meinung
nach beging ich dadurch eine Unschicklichkeit, daß ich ihm das
Anerbieten machte, ihn unverheiratet begleiten zu wollen; als
hätte ich nicht von Anbeginn an geglaubt, in ihm einen Bruder
zu finden und ihn als solchen behandelt!
, Was bringt Sie auf den Gedanken -- daß er Sie
nicht liebt?
,Sie sollten ihn selbst über diesen Gegenstand sprechen
hören. Er erklärte mir wiederholt, nicht er selbst, sondern seine
Sendung bedürfe einer Gehilfin; er sagte, ich sei zur Arbeit,
nicht zur Liebe geschaffen, was ohne Zweifel wahr ist. Allein,
wenn ich nicht zur Liebe geschaffen bin, so geht daraus nothwendig hervor, daß ich auch nicht zur Ehe tauge. Wäre es nicht
etwas Ungewöhnliches, Diana, für sein ganzes Leben an einen
Mann gekettet zu sein, der Einen bloß für ein nützliches Werkzeug
ansieht?
, Es wäre unnatürlich, undenkbar.
,Und wenn ich auch für den Augenblick nur die Zuneigung
einer Schwester für ihn fühle, so wäre es denn doch möglich,
daß ich als sein Weib ein unausweichliches, eigenthümliches,
qualvolles Gefühl der Liebe zu ihm fassen könnte, schon seiner
geistigen Vorzüge und seines interessanten Aeußeren wegen. Wie
unaussprechlich elend ich in einem solchen Falle wäre, liegt klar
auf der Hand. Er würde meine Liebe für überflüssig halten, für
ein Gefühl, das meiner und seiner nicht werth ist. Er ist ein
guter und ein großer Mann, aber er vergißt über seinen eigenen
großartigen Plänen die kleinen Ansprüche unbedeutender Leute.
Es ist also besser, die unbedeutenden Leute gehen ihm aus dem
Wege, widrigens er sie bei seinem siegreichen Fortschreiten
zertritt. Hier kommt er! Ich will mich entfernen. Und ich lief
die Treppe hinauf, da ich ihn in den Garten treten sah.
Aber beim Nachtessen mußte ich gezwungenerweise wieder
mit ihm zusammenkommen. Während der Mahlzeit war er so
ruhig und so ernst wie gewöhnlich. Ich dachte, er würde kaum
mit mir sprechen und habe seine Heiratsgedanken ganz aufgegeben; der weitere Verfolg zeigte mir, daß ich mich in beiden
Annahmen geirrt hatte. Er redete mich in seiner üblichen Manier,
das heißt in derjenigen an, die er mir gegenüber in letzterer
Zeit beobachtet hatte, er war ausgesucht höflich. Ohne Zweifel
hatte er, um seinen Aerger über meine Auflehnung zu unterdrücken, die Hilfe des heiligen Geistes in Anspruch genommen
und war nun der Meinung, er habe mir abermals vergeben.
Zur Abendandacht wählte er das einundzwanzigste Capitel
der Offenbarungen und schloß: ,Gott werde zu den Menschen
herabkommen, um ihre Thränen zu trocknen und sie von den
Fesseln des Todes zu befreien, und das Weinen und der Schmerz
werde ein Ende haben, nachdem alles Frühere vernichtet sein
würde. Und derjenige, der übrig bleibt, soll alles erben und
ich werde sein Gott und er mein Sohn sein. Aber die Furchtsamen und die Ungläubigen sollen ihren Antheil an dem brennenden Schwefelpfuhle haben, welcher der zweite Tod ist.
In dem Gebete, welches diesem Capitel folgte, machte sich
all seine Kraft, all sein ernster Eifer Luft; er schien mit Gott
zu ringen und entschlossen zu siegen. Er bat um Kraft für die
Schwachen, um Befreiung des Pilgers aus dem Irrsal, um
Erleuchtung derjenigen, die den Lockungen der Welt und den
fleischlichen Lüsten folgend, von dem schmalenPfade abgewichen waren.
Nach der Abendandacht nahmen wir Abschied von ihm, da
er zeitlich am nächsten Morgen abzureisen gedachte. Diana und
Mary küßten ihn und entfernten sich wahrscheinlich in Folge
eines erhaltenen Winkes; ich reichte ihm die Hand und wünschte
ihm glückliche Reise.
, Ich danke Ihnen, Jane. Wie ich Ihnen schon einmal
sagte, komme ich in vierzehn Tagen von Cambridge zurück, dieser
Zeitraum bleibt Ihnen noch zu reiflicher Erwägung. Wenn ich
den Eingebungen menschlichen Stolzes folgte, würde ich der
Heirat mit keinem Worte mehr erwähnen; aber ich folge bloß
meinem Pflichtgefühle und habe mein Ziel: ,Alles zur größeren
Ehre Gottes zu thun! auch ferner vor Augen. Mein Meister
mußte lange leiden und auch ich will alles gerne ertragen.
Ich kann Sie nicht als ein Gefäß des Zornes, der Verderbniß
überlassen; bereuen- beschließen Sie, so lange es noch Zeit
ist. Bedenken Sie, daß wir aufgefordert werden bei Tage zu
arbeiten, ,weil eine Nacht darauf folgt, in der niemand arbeiten
wird. Gott gebe Ihnen Kraft, den besseren Theil zu erwählen,
den Ihnen niemand nehmen kann.
Bei diesen letzten Worten legte er seine Hand auf mein
Haupt. Er hatte mit Ernst, mit Milde gesprochen; sein Blick
war derjenige eines Hirten, der sein verirrtes Schäflein zurückruft. Alle begabten Männer, seien sie nun gefühlvoll oder nicht,
seien sie blinde Eiferer, Despoten oder ehrgeizige Ruhmesjäger,
haben, vorausgesetzt, daß sie aufrichtig sind, ihre erhabenen
Momente, wo sie Andere bemeistern, sich unterwerfen. Ich fühlte
nun eine so große Verehrung für St. John, daß mich dieselbe
mit einemmale demjenigen Punkte zutrieb, den ich so lange
vermieden hatte. Ich kam in die Versuchung, allen Widerstand
aufzugeben, mich auf der Stromschnelle seines Willens zum Golfe
seiner Existenz hinabtragen zu lassen, um darin mein eigenes
Dasein zu begraben.
Ich war für den Augenblick ebenso in seine Hände geliefert, wie ich es vordem in diejenigen eines Anderen gewesen
war, und jetzt eine ebenso große Thörin wie damals. Hätte ich
dazumal nachgegeben, so hätte ich wider meine Grundsätze
gehandelt; es im vorliegenden Falle zu thun, hieß den gesunden
Menschenverstand verleugnen. So denke ich in dieser Stunde,
wo ich in ruhiger Behaglichkeit nach jenen gewaltigen Wendepunkten zurückblicke; allein zu jener Zeit war ich mir des
Thörichten unbewußt.
Die Berührung meines Hierophanten machte mich regungslos.
Mein Widerstreben war vergessen, meine Befürchtungen beschwichtigt, meine Kämpfe paralysirt, das Unmögliche -- meine
Vermählung mit St. John -- nahe daran, eine Möglichkeit zu
werden. Alles hatte sich wie mit Einem Schlage verändert. Die
Religion rief -- Engel winkten-- Gott ließ mir seinen Befehl
zukommen -- das Leben fiel wie ein Kartenhaus zusammen --
die Pforten des Todes öffneten sich und ließen mich einen Blick
in die Ewigkeit thun; es war mir klar, daß man für die Freude
und die Glückseligkeit der letzteren alles opfern müsse. Traumbilder aller Art erfüllten das düstere Zimmer.
, Könnten Sie vielleicht schon jetzt einen Entschluß fassen?
frug der Missionär. Er stellte diese Frage mit sanfter Stimme
und zog mich ebenso sanft zu sich. O, um wie viel mächtiger
war diese Sanftmuth als seine unbeugsame Kraft. St. John's
Zorn konnte ich widerstehen, seine Güte, sein Wohlwollen
machten mich schmiegsam wie ein Rohr. Und bei allem dem
wußte ich, ich würde, wenn ich auch jetzt nachgab, doch noch
eines Tages für meine frühere Widersetzlichkeit büßen müssen.
Sein Gemüth war durch ein einstündiges Gebet nicht geändert,
sondern einzig und allein erhoben.
, Ich könnte mich schon jetzt entschließen, Sie zu heiraten,
sagte ich, , möge was immer darauf folgen, wüßte ich nur, daß
ich damit den Willen Gottes erfülle.
,Mein Gebet ist erhört! rief St. John im Triumph aus.
Er drückte seine Hand fester auf mein Haupt, als nähme er mich
in Beschlag; er umschlang mich mit seinen Armen, beinahe so
als liebte er mich -- ich sage beinahe, denn ich kannte den
Unterschied aus Erfahrung -- aber ich hatte meinen inneren
Kampf noch nicht beendigt und noch war es in meiner Seele
nicht licht geworden. Ich wünschte sehnlichst nur das Rechte zu
thun, und flehte ängstlich zum Himmel empor, er möge mir den
richtigsten Weg weisen. Ich war so sehr aufgeregt, wie noch nie
in meinem Leben.
Die tiefste Stille herrschte im ganzen Hause, denn außer
mir und St. John hatten sich wohl schon Alle zur Ruhe begeben.
Die Kerze am Tische war dem Verlöschen nahe; der Mond
schien hell in die Stube herein. Mein Herz klopfte hörbar;
plötzlich brachte es ein unbeschreibliches Gefühl, das sich sofort
dem Kopfe und den Gliedmaßen mittheilte, zum Stillstehen. Das
Gefühl war keineswegs einem elektrischen Schlage zu vergleichen,
wiewohl es ganz dessen Eigenthümlichkeiten besaß; es wirkte auf
meine Sinne, als wäre ihre bisherige übermäßige Thätigkeit eine
bloße Starrsucht gewesen, aus der ich nun mit aller Gewalt
geweckt wurde. Meine Sinneswerkzeuge waren aufs höchste
gespannt, während ich am ganzen Körper zitterte.
,Wohl, haben Sie gehört? Was sehen Sie? frug
St. John. Ich sah nichts, aber ich hörte eine Stimme von
weitem rufen:
,Jane! Jane! Jane! dann war es wieder ganz still.
,O Gott, was ist das? schrie ich.
Ich hätte fragen können: , Wo ist das? denn es war
nicht in der Stube, nicht im Hause, nicht im Garten erklungen;
die Stimme kam weder vom Himmel herab, noch aus dem
Inneren der Erde herauf. Aber es war die Stimme eines menschlichen Wesens und noch dazu eine wohlbekannte Stimme --
diejenige Eduard Fairfax-Rochester's, die sich schmerzlich flehend
hören ließ.
, Ich komme!' rief ich. ,Warten Sie auf mich! Ich komme
gleich! Ich flog zur Thür und sah ins Vorzimmer; es war
finster. Ich lief in den Garten hinaus; er war leer.
, Wo sind Sie? lautete mein Ruf.
Das Echo der Berge sandte mir meine Frage zurück, sonst
war ringsum alles in mitternächtlicher Ruhe begraben.
, Fort mit Dir, Aberglauben! rief ich innerlich, als dieses
Gespenst am Eibenbaume neben der Gartenthür schwarz vor
meinen Augen emporzusteigen schien. , Dies ist nicht das Werk
Deiner Täuschung oder Deiner Zauberkraft, sondern ein Ausfluß
meines Inneren. Es war erregt und bewirkte, wenn auch kein
Wunder, so doch eine Rückkehr zu mir selbst.
Ich riß mich von St. John los, der mir gefolgt war und
mich zurückhalten wollte. Nun war die Reihe an mir, meinen
Einfluß geltend zu machen. Meine Kräfte hatten jetzt freien
Spielraum. Ich bedeutete ihm, mich mit Fragen oder Bemerkungen zu verschonen, ich gebot ihm, mich zu verlassen; ich
mußte und wollte allein sein. Er erfüllte mein Begehren augenblicklich. Wo die Energie zu befehlen genügend vorhanden ist,
da fehlt es auch nie an Gehorsam. Ich begab mich auf meine
Stube, schloß mich ein, fiel auf die Knie nieder und betete nach
meiner Weise, zwar anders als St. John, aber gewiß mit eben
demselben Erfolge. Dann legte ich mich gestärkt und getröstet zu
Bette und sah dem kommenden Tage mit Sehnsucht entgegen.
Mit Tagesanbruch stand ich auf und beschäftigte mich
damit, die Einrichtung meines Zimmers in diejenige Ordnung
zu bringen, in welcher sie während einer kurzen Abwesenheit
verbleiben sollte. Mittlerweile hörte ich wie St. John seine
Stube verließ und an meiner Thür stehen blieb. Ich fürchtete,
er würde anklopfen, statt dessen schob er ein Stückchen Papier
unter der Thür hindurch. Ich hob es auf, es enthielt die nachstehenden Zeilen:
, Sie verließen mich gestern Abends zu plötzlich. Wären
Sie nur noch eine kleine Weile länger geblieben, Sie hätten
das Kreuz der Duldung auf sich genommen und damit auch die
Himmelskrone errungen. Von heute in vierzehn Tagen erwarte
ich Ihre bestimmte Entscheidung zu hören. Inzwischen wachen
und beten Sie, auf daß Sie nicht in Versuchung fallen. Ich
werde stündlich für Sie beten.
Der Ihrige
St. John.
Es war der erste Juni, der Morgen aber trotzdem kalt
und düster und der Regen floß in Strömen. Ich hörte, wie sich
die Hausthür öffnete und St. John hinaustrat. Ich sah ihn
durch den Garten schreiten und nach dem Thalgrunde einbiegen.
Er ging nach Whitcroß zu, um dort die Postkutsche zu besteigen.
,In einigen Stunden gehe ich denselben Weg, dachte ich;
,auch ich treffe dort meine Reisegelegenheit und habe noch
jemanden aufzusuchen, ehe ich England verlasse.
Es fehlten noch zwei Stunden zur Frühstückszeit. Ich füllte
sie damit aus, daß ich in der Stube herumging, mir die Ereignisse des vergangenen Tages ins Gedächtniß zurückrief und
an jenes unbeschreibliche Gefühl, jene Stimme dachte, die mich
noch zur rechten Zeit von einem vielleicht übereilten Entschlusse
abgehalten hatten.
,Binnen wenigen Tagen, schloß ich meine Betrachtungen,
, werde ich etwas von ihm wissen, dessen Stimme mich gestern
zu sich rief. Was Briefe nicht vermochten, das wird meine persönliche Gegenwart bewirken.
Beim Kaffee kündigte ich Dianen und Mary an, daß ich
eine kleine Reise beabsichtige, und mindestens vier Tage abwesend
sein würde. Ich will über einen Verwandten, von dem ich schon
lange nichts hörte, Erkundigungen einziehen.
Zwar hätten mir meine Cousinen ihre Verwunderung zu
erkennen geben können, woher ich so plötzlich noch andere Verwandte außer ihnen hergenommen; allein ihr natürliches Zartgefühl erlaubte ihnen nicht, mich durch neugierige Fragen zu
belästigen. Sie bemerkten bloß, ich sähe sehr blaß aus, worauf
ich erwiderte, ich wäre ganz wohl.
Meine Reisevorbereitungen waren bald gemacht, da mir
niemand im Wege stand. Ich verließ das Moorhaus um drei
Uhr Nachmittag, und schon um vier Uhr stand ich am Wegweiser von Whitcroß. Die Kutsche, die mich nach Thornfield
bringen sollte, kam nach kurzem Harren herangerollt. Es war
derselbe Wagen, mit dem ich vor beiläufig einem Jahre unter
den traurigsten Aussichten von der Welt in diese Gegend
gekommen war. Mit ganz verschiedenen Gefühlen bestieg ich ihn
nun. Ich hatte das Gefühl einer heimwärts fliegenden Brieftaube.
Nach einer Reise von sechsunddreißig Stunden war ich an
Ort und Stelle. Der Kutscher hielt bei einem Gasthause an der
Straße an, um die Pferde zu tränken. Meine Blicke schweiften
indessen über die Fluren, die mich wie die Züge eines wohlbekannten Gesichtes anlächelten.
Wie weit ist Thornfieldhall von hier? frug ich den
Stallknecht.
,Gerade zwei Meilen, Madame, wenn man den Feldweg
einschlägt.
,Meine Reise ist zu Ende, dachte ich bei mir. Ich stieg
aus, gab dem Hausknecht mein Gepäck zur Aufbewahrung,
zahlte mein Fahrgeld und machte mich auf den Weg. Der helle
Sonnenschein spiegelte sich in dem Aushängeschild des Wirthshauses, und ich las in goldenen Buchstaben die Bezeichnung
zur Familie Rochester'. Mein Herz hüpfte vor Freude, ich
befand mich bereits auf dem Grund und Boden meines theuren
Gebieters. Aber bald sank mir der Muth wieder, denn der
Gedanke dämpfte ihn nieder: , Vielleicht ist er in weiter Ferne,
und wenn er sich auch in Thornfieldhall befindet, ist er allein?
Ist nicht sein wahnsinniges Weib, die Scheidewand zwischen ihm
und mir, in seiner Nähe? Deine Mühe ist umsonst; es ist besser,
Du kehrst gleich wieder um, mahnte eine warnende Stimme.
, Frage gleich hier im Wirthshause an, und Du bist aller Ungewißheit los.
Der Rath war gut, allein ich konnte mich nicht entschließen,
ihn zu befolgen, so sehr fürchtete ich eine Antwort zu erhalten,
die mich mit einemmale vernichtete. Es schien mir jedenfalls
besser zu sein, ich suchte das Herrenhaus selbst auf. Da lag der
Weg vor mir, die Felder, die ich durchwandelte, als ich an jenem
trüben Morgen, die Verzweiflung im Herzen, blind und taub, ohne zu
wissen wohin, von Thornfieldhall entfloh. Ehe ich mich noch
besinnen konnte, was am besten zu thun sei, befand ich mich in
der Mitte derselben. Wie ich lief, wie ich meinen Kopf in die
Höhe hielt, um eine Ansicht des wohlbekannten Gehölzes zu
erspähen! Mit welchen Gefühlen bewillkommte ich einzelne
Bäume, die mir bekannt schienen, einzelne Felder und Wiesengründe, die mir Scenen aus der Vergangenheit ins Gedächtniß
zurückriefen!
Endlich lag das Gehölze und die Krähenzucht vor mir,
und ein lautes Gekrächze unterbrach die Stille des Morgens.
Ein wunderbares Entzücken bemächtigte sich meiner; ich rannte
vorwärts.
Noch ein Feld hatte ich zu durchschreiten, einen Fußweg zu verfolgen, und dann lagen die Mauern des Hofraumes,
die Hintergebäude vor mir, indes das Herrenhaus selbst noch
nicht zu sehen war.
, Ich will mir es von der Fronte ansehen, beschloß ich,
,wo mir die Zimmer majestätisch entgegen blicken, und ich das
Fenster von meines Gebieters Stube unterscheiden kann. Vielleicht
steht er an demselben, denn er pflegt zeitlich aufzustehen, vielleicht geht er im Garten oder auf dem Grasplatze vor dem
Hause spazieren. Könnte ich ihn nur sehen, nur auf einen Augen
blick! Ich werde in diesem Falle doch nicht so albern sein, auf
ihn zuzulaufen? Ich weiß es nicht gewiß. -- Wie aber, wenn
ich es doch thue, was dann? Und wem wird es wohl Nachtheil
bringen, wenn ich noch einmal das Leben verkoste, das mir sein
Blick einzuflößen vermag? -- Aber ich bin im Fieberwahn;
vielleicht sieht er in diesem Augenblicke die Sonne in den Pyrenäen
aufgehen, oder an den Ufern des Mittelmeeres.

Ich war längs der Mauer des Obstgartens hingegangen
und bog nun um die Ecke; dort mußte sich zwischen zwei steinernen
Pfeilern ein Thor befinden, das auf die Wiese hinausführte.
Hinter dem einen Pfeiler konnte ich ganz ruhig nach der Vorderseite des Hauses blicken. Ich neigte meinen Kopf vorsichtig nach
vorne, um zu sehen, ob schon die Fensterläden des einen oder
des anderen Schlafzimmers geöffnet seien; nun mußte ich auch
die Zinnen, die lange Fronte, die Fenster, mit Einem Worte
das ganze Gebäude erschauen.
Aber nur einen Blick warf ich nach der Ansicht, die sich
mir enthüllte; dann sprang ich aus meinem Verstecke hervor,
lief mitten in die Wiese hinein und blieb dort wie versteinert
stehen. Warum das? wird mich der Leser fragen. Hier eine
Erläuterung.
Ein Geliebter findet seine Geliebte auf einer Moosbank
sanft entschlummert; er möchte gerne den Anblick ihres anmuthigen Gesichtes genießen, ohne sie zu wecken. Er stiehlt sich
leise zu ihr hin; er hält an, weil er glaubt sie rührt sich; er
zieht sich zurück, denn nicht um alle Schätze der Welt möchte
er bemerkt werden. Aber alles ist still; er rückt wieder vor, er
neigt sich über sie. Ein leichter Schleier deckt ihr Gesicht; er
schlägt ihn zurück; seine Augen schwellen im Vorgenusse der lieblichen Reize. Doch wie verstört ist sein Blick! Wie sind sie plötzlich
so starr geworden! Wie er zurückschreckt und die Gestalt, die er noch
vor einer Weile kaum zu berühren wagte, heftig in seine Arme
schließt! Wie laut er ihren Namen ruft, die süße Last fahren
läßt und sie verzweiflungsvoll ansieht! Nur darum erfaßt er
sie, nur darum ruft er und sieht sie an, weil er nicht mehr zu
fürchten braucht, daß sie über sein Geräusch, seine Berührungen
erwache. Er glaubte, sie schlummere bloß und findet nun, sie
sei todt.
Mit furchtsamer Freude hatte ich meine spähenden Blicke
nach einem stattlichen Hause ausgesandt und gewahrte -- eine
rauchgeschwärzte Ruine.
Nun hatte ich es nicht nöthig, hinter einem Thorpfeiler
nach offenen Fenstern zu spähen, dem Zuschlagen der Thüren
oder dem Knistern der Schritte auf dem Kiessande des Fußweges zu lauschen. Der Grasplat, die Wiesen, alles war öde
und verlassen, das Hauptthor gähnte mir offen entge gen. Statt
der Hausfronte erblickte ich, wie einst im Traume, eine hohe,
geborstene Mauer; das Dach, die Zinnen, die Rauchfänge waren
sämmtlich eingestürzt.
Todtenstille herrschte ringsum, die Ruhe einer unbetretenen
Wildniß. Nun begriff ich, warum ich auf meine hierher gerichteten
Briefe nie eine Antwort erhalten hatte. Die russigen Ruinen
erzählten übrigens ganz deutlich, durch welchen Schicksalsschlag
Thornfieldhall zugrunde gegangen war. Aber welche näheren
Umstände begleiteten diesen Unglücksfall? Welcher Verlust war
dabei außer Mörtel und Marmor noch zu beklagen gewesen?
War vielleicht auch ein Menschenleben als Opfer gefallen und,
wenn es sich so verhielt, wessen Leben? Und niemand in der
Nähe, der mir die schrecklichen Fragen beantworten konnte!
Indem ich die Mauertrümmer einigemale umkreiste, erlangte
ich die Gewißheit, das Ereigniß könne sich unmöglich erst in
jüngster Zeit zugetragen haben. Winterstürme mußten schon
darüber hinweggesaust sein und der Regen das Mauerwerk
befeuchtet haben, denn eine üppige Vegetation von Gräsern aller
Art wucherte in demselben üppig empor. Und wo befand sich
mittlerweile der hilflose Eigenthümer dieses Schutthaufens? In
welchem Lande? Unter welchen Verhältnissen? Meine Blicke
fielen unwillkürlich nach dem grauen Kirchthurm und ich frug
mich: , Ist er vielleicht bei Damer von Rochester, dessen enges
Marmorhaus theilend?
Eine Antwort auf alle diese Fragen mußte mir werden.
Jedenfalls erlangte ich sie am schnellsten und sichersten in jenem
Gasthause, nach welchem ich auch sofort zurückkehrte. Der Wirth
selbst brachte mir das Frühstück. Ich bat ihn die Thür zu
schließen und sich zu mir zu setzen. Fast wußte ich nicht, ob
ich beginnen sollte, so sehr fürchtete ich die Schrecknisse einer
Aufklärung, wiewohl mich der Anblick, den ich eben gehabt, auf
das Traurigste vorbereitet hatte.
, Sie kennen doch Thornfieldhall? frug ich endlich.
,Wohl, Ma'am; ich wohnte sogar einmal daselbst.
,Wirklich Nicht zu meiner Zeit, dachte ich, denn ich kenne
den Mann nicht.
,Ich war beim seligen Mister Rochester Kellermeister.
Der Schlag, dem ich auszuweichen bemüht war, schien mit
voller Kraft auf mich gefallen zu sein.
,Beim seligen Mister Rochester! rief ich aus. , Ist er
todt?
,Ich meine des gegenwärtigen Besitzers Mister Eduard's
Vater, erklärte der Mann. Ich athmete wieder auf und das
Blut floß mir ungehindert durch die Adern. Diese Worte gaben
mir die volle Gewißheit, daß Mister Eduard- mein Eduard
-- wenigstens noch am Leben war. Nun konnte ich den übrigen
Theil der Erzählung ruhig anhören, selbst wenn sie mich
belehrte, Mister Rochester befinde sich bei den Gegenfüßlern.
,Lebt Mister Rochester in diesem Augenblicke in Thornfieldhall? frug ich. Die Antwort konnte ich mir im Voraus
denken, aber noch wollte ich eine directe Erkundigung nach seinem
gegenwärtigen Aufenthaltsorte vermeiden.
,Nein, Ma'am, nein! Dort wohnt für jetzt gar niemand.
Sie scheinen in dieser Gegend fremd zu sein, sonst müßten Sie
wissen, was sich im verwichenen Herbste zutrug -- Thornfieldhall
ist ein Schutthaufen -- es brannte im vorigen Jahre, gerade
nach der Ernte, ab. Ein fürchterliches Unglück! Eine ungeheure
Menge werthvollen Eigenthums ging zugrunde, kaum konnte
man Einiges von den Einrichtungsstücken retten. Das Feuer
brach um Mitternacht aus und ehe die Spritzen von Millcote
anlangten, war das Herrenhaus bis auf den Grund niedergebrannt. Es war ein schreckliches Schauspiel, ich sah es mit
meinen eigenen Augen.
, Um Mitternacht!' sagte ich leise vor mich hin. Das war
von jeher die Unglücksstunde von Thornfieldhall. , Weiß man
nicht, wie das Feuer entstand? frug ich.
,Man vermuthete so manches, Ma'am, und fast könnte
ich behaupten, die eine Annahme unterliege keinem Zweifel. Es
ist Ihnen vielleicht nicht bekannt, fuhr er, seinen Stuhl näher
zu mir rückend, fort, ,daß sich im Schlosse eine Dame befand
-- eine Wahnsinnige, die man eingesperrt hielt?
,Ich habe so etwas gehört.
,Sie wurde sehr strenge bewacht und die Leute wußten
durch einige Jahre nicht einmal um ihr Dasein. Niemand bekam
sie zu Gesichte und erst nach langer Zeit ging das Gerücht, es
befinde sich eine geheimnißvolle Person im Herrenhause; doch
war es unmöglich mit Gewißheit anzugeben, wer sie war, was
sie dort zu thun hatte. Nur so viel erfuhr man, Mister Eduard
habe sie von der Ferne mitgebracht, woraus Einige schlossen, es
sei eine ehemalige Geliebte. Aber vor beiläufig einem halben
Jahre trug sich eine sonderbare Geschichte zu.
Ich fürchtete nun meine eigene Geschichte zu hören und
versuchte es, ihn an die Hauptsache zu erinnern.
, Und diese Dame?
,Diese Dame war, wie es sich später herausstellte, Mister
Rochester's Gemahlin. Man machte diese Entdeckung unter äußerst
sonderbaren Umständen. Es befand sich nämlich ein junges
Frauenzimmer, eine Erzieherin, mit im Schlosse, in die sich
Mister Rochester verliebte --
, Und der Brand des Schlosses? schaltete ich ein.
,Wir werden schon dazu kommen, Ma'am -- eine Erzieherin, in die sich Mister Rochester verliebte. Die Dienstleute
behaupten, sie hätten noch niemanden gesehen, der so vernarrt
gewesen wäre als er; er war beständig um das Mädchen herum.
Sie pflegten ihm aufzupassen -- Dienstleute thun das immer --
und bemerkten, daß er sie über alles in der Welt theuer und
werth hielt, obwohl sie nur ihm selbst schön vorkommen mochte.
Sie soll ein kleines, schwaches Ding, noch fast ein Kind gewesen
sein. Ich selbst habe sie nie gesehen, allein Leah, das Stubenmädchen, sagte mir es. Leah war ihr sehr zugethan. Mister
Rochester zählte nahe an vierzig, die Gouvernante kaum zwanzig
Jahre, und Sie wissen, wenn sich Herren seines Alters verlieben, so sind sie ordentlich wie verzaubert. Mit Einem Worte,
er wollte sie heiraten.
, Sie können mir das ein anderesmal erzählen, sagte
ich, ,für jetzt möchte ich aus besonderen Gründen nur die Nebenumstände des Brandes wissen. Vermuthete man vielleicht, die
wahnsinnige Mistreß Rochester habe irgendwie die Hand im
Spiele gehabt?
, Sie haben es errathen, Ma'am; es ist eine ausgemachte
Sache, daß sie selbst und niemand Anderer das Feuer anlegte.
Sie hatte eine Frau zur Bewachung bei sich, Mistreß Poole --
ein ganz brauchbares und verläßliches Frauenzimmer, das bloß
mit anderen Wärterinnen den Fehler gemein hatte, daß es gerne
ein Schnäpschen trank und zuweilen zu tief ins Glas guckte.
Bei ihrem beschwerlichen Dienste war diese üble Gewohnheit zu
entschuldigen, aber sie hatte nichtsdestoweniger die bösesten Folgen.
Denn wenn Mistreß Poole fest eingeschlafen war, nahm ihr die
Wahnsinnige die Schlüssel aus der Tasche, raste im ganzen Hause
herum und richtete allerlei Unheil an. Einmal soll sie ihren
Gemahl beinahe lebendig verbrannt haben; doch davon weiß ich
nichts zu sagen. In jener Unglücksnacht setzte sie jedoch abermals
zuerst die Bettvorhänge eines Zimmers dicht an dem ihrigen,
dann das Bett in der Stube der Gouvernante -- sie schien
ordentlich den ganzen Sachverhalt zu ahnen und auf das Mädchen
einen ganz besonderen Groll zu haben- in Brand. Glücklicherweise lag in dem letzteren niemand, da die Erzieherin zwei
Monate zuvor davongegangen war. Wiewohl sie Mister Rochester
allüberall suchen ließ, als wäre sie der kostbarste Schatz gewesen,
so konnte er doch kein Sterbenswörtchen von ihrem Aufenthalte
erfahren, und wurde zuletzt -- obgleich er sonst ein guter Mann
war -- so wild, daß es in der That gefährlich war, sich ihm
z nähern. Er wollte ganz allein sein und schickte Mistreß
Fairfax, die Haushälterin, zu ihren Anverwandten, doch nicht
ohne sie mit einer anständigen Leibrente bedacht zu haben, was
sie auch vollkommen verdiente, denn sie war eine sehr brave
Frau. Miß Adele, seine Pflegetochter, brachte er in eine Kostschule und brach alle Verbindungen mit dem Adel der Umgegend
ab, um sich zuletzt gleich einem Einsiedler in Thornfieldhall einzuschließen.
, Wie? Er hat also England nicht verlassen?
, Er, England verlassen? Warum nicht gar! Er kam, die
Nacht ausgenommen, wo er wie ein Gespenst in den Feldern
und im Garten umging, nicht einmal vor die Hausthür hinaus.
In der Finsterniß hingegen lief er wie wahnsinnig herum, was
er auch meiner Meinung nach gewesen sein muß. Wenn ich mir
denke, was für ein kluger, gesetzter, ernster Herr er war, ehe
ihm diese Mücke von einer Gouvernante in den Weg kam. Er
trank weder, noch spielte er wie so manche Herren seines Standes,
aber er hatte seinen eigenen Kopf wie kein zweiter Mann. Ich
kannte ihn von Kindheit an.
,Mister Rochester war also zu Hause, als das Feuer ausbrach?
, Freilich wohl! Und er lief die Treppen hinan, als alles
oben und unten im Feuer stand, und zog die Dienstleute aus
den Betten und half ihnen zum Hause hinaus. Dann ging er
noch einmal zurück, um seine wahnsinnige Gattin aus ihrer
Zelle zu holen; die Leute riefen ihm jedoch zu, sie stehe oben
am Dache, wo sie sich auch wirklich befand, mit den Armen um
sich herumschlug und jauchzte, daß man es eine Meile weit hören
konnte. Ich selbst sah und hörte sie; sie war ein starkes Weib
mit schwarzen fliegenden Haaren, die in die Flammen hinabwallten. Wir bemerkten, wie Mister Rochester den Versuch machte,
durch die helle Lohe zum Dache emporzusteigen; wir hörten,
wie er sie bei ihrem Namen, Bertha, rief. Schon war er ihr
nahe, da stieß sie plötzlich einen gellenden Schrei aus, that
einen gewaltigen Sat und lag einen Augenblick darauf zerschmettert im Hofraum.
,Und war todt?
,Natürlich; unbeweglich wie die Pflastersteine, die sie mit
ihrem Gehirn und ihrem Blute bespritzte.
,Guter Gott!
,Wohl, Madame! Es war ein gräßlicher Anblick! Der
Mann schauderte.
,Und was geschah weiter?
,Je nun, das Gebäude brannte bis auf den Grund ab;
nur einige Stücke Mauerwerk sind noch übrig!
,Ging noch ein Menschenleben verloren?
,Nein -- wiewohl es vielleicht -- besser gewesen
wäre!
,Was wollen Sie damit sagen?
,Der arme Mister Eduard! rief er aus; ,ich hätte mir
es nie gedacht, daß ich so etwas erleben würde! Manche Leute
sagen, es wäre eine gerechte Strafe des Himmels, dafür, daß
er eine ungiltige Heirat wider Gottes Gebot schließen wollte,
aber ich für meinen Theil bedauere ihn.
,Sie sagten doch, er lebe noch? rief ich.
,Wohl, wohl; allein viele Leute meinen, es wäre besser
gewesen, er hätte das Leben eingebüßt.
,Wieso? Warun? Und meine Pulse stockten. , Wo ist
er? frug ich. , Ist er in England?
,Gewiß; er kann ja gar nicht fort, denke ich -- er ist
jetzt an Ort und Stelle gebannt.
Welche Todesangst stand ich aus! Und der Mann schien
willens, sie zu verlängern.
,Er ist stockblind,' sagte er endlich, ,stockblind ist er, der
arme Mister Eduard.
Ich hatte etwas Schlimmeres befürchtet. Ich glaubte, er
wäre wahnsinnig geworden. Meine Kräfte zusammenraffend,
erkundigte ich mich nach der Ursache seines Unglückes.
,Sein Muth und seine Herzensgüte waren schuld daran;
er wollte das brennende Haus nicht eher verlassen, bis jede
lebende Seele in Sicherheit war. Als er die große Treppe
herabging, nachdem sich Mistreß Rochester von der Zinne des
Hauses herabgestürzt hatte, ertönte ein schreckliches Krachen und der
ganze Dachstuhl fiel ein. Nach einigen Stunden zog man ihn
unter den Trümmern zwar lebendig, aber schwer verwundet
hervor. Ein Balken war so gefallen, daß er ihn theilweise
beschütte, allein das eine Auge war verloren und die eine Hand
so zerschmettert, daß sie der Arzt Mister Carter sofort abnehmen
mußte. Später entzündete sich auch das andere Auge und er ist
nun auf beiden Augen blind und noch obendrein ein Krüppel.
,Wo ist er? Wo hält er sich jetzt auf?
,In Ferndean, einem kleinen Edelsitze oder vielmehr einem
Meierhofe, dreißig Meilen von hier in einer trostlosen Gegend.
,Wer ist bei ihm?
,Der alte John und sein Weib. Er wollte sonst niemanden
um sich haben. Er soll ganz darnieder sein.
,Haben Sie irgend ein Fuhrwerk?
,Eine Postchaise, Ma'am, eine sehr schöne Chaise.
,Lassen Sie sofort einspannen und wenn mich Ihr Kutscher
noch vor Dunkelwerden nach Ferndean bringt, zahle ich ihm und
Ihnen das Doppelte des gewöhnlichen Preises.

X.

Der Edelsitz von Ferndean war ein ziemlich altes, nicht
sehr großes, ganz schmuckloses, in der Tiefe eines Waldes begrabenes Gebäude. Ich hatte schon früher davon gehört; Mister
Rochester erwähnte desselben öfter. Sein Vater hatte die Besitzung
der umliegenden Jagdgründe wegen gekauft und oft daran
gedacht, sie zu verpachten, jedoch bei der ungesunden Lage des
Ortes keinen Pächter finden können. Ferndean blieb also unbe-
wohnt und uneingerichtet, bis auf zwei oder drei Zimmer, die
den Grundherrn zur Jagdzeit aufzunehmen bestimmt waren.
Gerade vor Einbruch der Dämmerung, an einem unfreundlichen regnerischen Abend, langte ich vor diesem Gebäude an.
Die letzte Meile Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt. Wiewohl
ganz nahe am Hause angekommen, sah ich doch vor lauter
Bäumen nichts als ein Gitterthor, durch welches ich eintrat.
Ein mit Gras bewachsener, gewundener Pfad, dicht von Bäumen
überschattet, lag vor mir. In der Erwartung, er werde mich
zum Ziele führen, schlug ich ihn ein, ging aber eine geraume
Zeit vorwärts, ohne weder das Jagdschloß, noch irgend welche
Spuren von menschlichen Wohnungen zu finden.
Ich dachte mich verirrt zu haben. Die nächtliche und die
Waldfinsterniß wurden immer dichter. Ich sah mich nach einem
anderen Wege um, allein ich fand keinen, nichts als Baumstämme,
Holzklötze und dichtes Laub starrte mir entgegen und nirgends
war eine Oeffnung, ein Durchgang zu erblicken.
Doch schritt ich rüstig weiter und endlich wurde der Wald
lichter, eine Umzäunung und zulett ein Gebäude sichtbar, wiewohl das letztere mit seinen grünen, moosbewachsenen, halbzerfallenen Mauern vom Laube der Bäume kaum zu unterscheiden
war. Ich trat durch ein zweites Gitterthor ein und befand mich
auf einem offenen, durch einen mit Kiessand bestreuten Fußweg
durchschnittenen Grasplatze, den weder Blumen noch Sträucher
schmückten. Das Haus zeigte in der Front zwei spitze Giebel;
die Fenster waren klein und vergittert, der Haupteingang gleich-
falls klein und eine steinerne Stufe führte zu demselben hinan.
Das Ganze sah, wie der Wirth zur ,Familie Rochester' sehr
richtig bemerkt hatte, trostlos aus. Die Gegend war so still wie
eine Kirche an einem Wochentage und das Fallen der Regentropfen der einzige hörbare Laut.
,Kann hier eine lebende Seele wohnen? frug ich mich.
Wohl mußte dies der Fall sein, denn ich vernahm alsbald
ein Geräusch -- die Hauptthür ging auf und eine Gestalt, ein
Mann ohne Hut auf dem Kopfe, trat auf die steinerne Stufe
heraus. Er streckte die Hand aus, gleichsam um zu fühlen, ob
es noch regne. So dunkel es auch war, ich hatte ihn erkannt --
es war mein theurer Gebieter, Eduard Rochester.
Ich blieb stehen, um ihn ungestört, ungesehen und für ihn,
leider, unsichtbar beobachten zu können. Es war ein unvermuthetes Zusammentreffen, ein solches, bei welchem ein lebhafter
Schmerz das Entzücken niederhielt. Es wurde mir nicht schwer,
mich eines Ausrufes zu enthalten, meine Schritte zu mäßigen.
Seine Gestalt zeigte noch dieselben kräftigen Umrisse, seine
Haltung war aufrecht, sein Haar von derselben tiefen Schwärze.
Auch seine Gesichtszüge waren weder verändert noch eingesunken;
der Zeitraum eines Jahres konnte mit all seinen Sorgen seine
Riesenkraft nicht beugen. Nur im Ausdrucke seines Gesichtes
bemerkte ich eine Veränderung; es zeigte Spuren von Verzweiflung und Tiefsinn, wie man sie an einem eingekerkerten wilden
Thiere zu bemerken pflegt, dem man sich in seinem tiefen Weh
nicht ohne Gefahr nähern kann. So mag der gefesselte Adler,
dem eine grausame Hand die goldgeränderten Augen ausgestochen
hat, dem Beschauer erscheinen, wie sich dieser blinde Samson
meinen Blicken darbot. Noch wollte ich ihn nicht ansprechen.
Er stieg die Stufe herunter und näherte sich langsam und
mit den Händen herumtappend, dem Grasplatze. Wo war sein
sonst so kräftiger Gang? Dann blieb er stehen, als wüßte er
nicht, welchen Weg er einzuschlagen habe. Seinen verstümmelten
linken Arm hatte er im Rocke stecken, mt dem rechten langte er
furchtsam um sich, daß man sah, tiefe Nacht bedeckte seine Augen.
John trat in diesem Augenblicke aus dem Hause und ging auf
ihn zu.
, Wollen Sie meinen Arm nehmen, Sir? sagte er. , Ein
heftiger Regenguß ist im Anzuge; wäre es nicht besser, Sie
gingen ins Haus zurück?
,Lass' mich gehen, erhielt er zur Antwort.
John zog sich zurück, ohne mich bemerkt zu haben. Mister
Rochester versuchte es nun herumzugehen, doch umsonst; sein Tritt
war zu unsicher. Er tappte dem Hause zu, trat hinein und schloß
die Thür.
Nun näherte ich mich der letzteren und klopfte an. John's
Weib öffnete mir. , Wie geht's, Mary? frug ich sie.
Sie fuhr zurück, als wäre ich ein Gespenst; ich beruhigte
sie, nahm sie bei der Hand und folgte ihr in die Küche, wo
bereits John am Feuer saß. Ich erklärte den beiden mit wenigen
Worten, daß ich bereits alles über den Untergang von Thornfield
wisse und nun gekommen sei, Mister Rochester zu besuchen. Ich
bat John zum Mauthause hinunter zu gehen, wo ich meinen Koffer
zurückgelassen hatte und indem ich meinen Shawl und meinen
Hut abnahm, erkundigte ich mich bei seinem Weibe, ob ich die
Nacht im Hause zubringen könnte. Da ich von ihm erfuhr, daß
es zwar schwer, doch nicht unmöglich sei, beschloß ich zu bleiben
und theilte Mary eben meinen Entschluß mit, als die Klingel
des Sprachzimmers ertönte.
,Wenn Sie hineingehen, sagte ich, ,so benachrichtigen Sie
Ihren Gebieter, daß ihn jemand zu sprechen wünscht, doch nennen
Sie mich ja nicht.
,Ich glaube kaum, daß er Sie vorläßt, erwiderte sie; ,er
weist jedermann ab.
Als sie wieder zurückkam, frug ich sie, was er gesagt habe.
,Sie sollen ihm Ihren Namen und Ihr Anliegen sagen
lassen, versetzte sie. Sie füllte dann ein Glas mit Wasser, und
stellte es auf einen Credenzteller nebst zwei Kerzen.
,Ist das dasjenige, was er verlangt? frug ich.
,Ja; er läßt sich jeden Abend Licht bringen, obgleich er
blind ist.
,Geben Sie mir den Teller her, ich will ihn hineintragen.
Sie reichte mir ihn und wies mir die Thür zum Sprachzimmer. Die Hände zitterten mir und das Wasser floß über,
mein Herz pochte laut. Mary öffnete mir die Thür und schloß
sie hinter mir.
Die Stube sah düster aus; ein schwaches Feuer brannte
im Camin, an welchem, seinen Kopf in die eine Hand gestützt,
der blinde Gebieter des Hauses stand. Sein alter Hund, Pilot,
lag neben ihm zusammengekauert, als fürchte er von seinem
Herrn, wenn auch unabsichtlich, getreten zu werden. Er spitzte
die Ohren, als ich eintrat, sprang dann mit lautem Gebell in
die Höhe und gerade auf mich los, so daß er mir beinahe den
Credenzteller aus der Hand schlug. Ich stellte den letzteren auf
den Tisch, klopfte den Hund leise auf den Kopf und sagte: , Leg
Dich!
Mister Rochester wandte sich mechanisch um, wie um zu
sehen was es gebe, aber da er nichts sah, so drehte er sich
wieder herum und seufzte.
,Gieb mir das Wasser, Mary, sagte er.
Ich näherte mich ihm mit dem nur halbgefüllten Glase;
Pilot folgte mir überall nach.
,Was giebt's? frug Mister Rochester.
,Nieder, Pilot! rief ich dem Hunde zum zweitenmale zu.
Er setzte das Glas ab und schien zu horchen; dann trank er
und stellte das Trinkgefäß nieder. , Du bist's doch, Mary,
nicht wahr?
,Mary ist in der Küche, antwortete ich.
Er streckte die Hand rasch nach mir aus; allein da er mich
nicht sehen konnte, so erfaßte er mich nicht. , Wer ist das?
Wer ist das? rief er, augenscheinlich die größten Anstrengungen
machend, seine geblendeten Augen zum Sehen zu bringen. , Antworten Sie, sprechen Sie noch einmal! herrschte er mit lauter
Stimme.
,Wollen Sie noch etwas Wasser, Sir? Ich habe die Hälfte
davon vergossen, sagte ich.
,Wer ist das? Was ist das? Wer spricht hier?
,Pilot kennt mich und John und Mary wissen, daß ich
hier bin; ich kam erst diesen Abend an.
,Großer Gott! rief er aus. , Von welcher Täuschung bin
ich befallen, welch schöner Wahn bethört mich!
,Es ist keine Täuschung, kein Wahn, Sir; Ihr Geist ist
zu kräftig, Ihr Körper zu gesund, um Täuschung und Wahn
zuzulassen.
,Wo ist die Sprecherin? Ist es bloß ein Schall? O, ich
kann nicht sehen, aber ich muß fühlen, sonst bricht mir das Herz
und der Kopf zerspringt mir. Wer Sie auch sein mögen, lassen
Sie sich berühren oder ich sterbe!
Er tappte herum; ich ergriff seine Hand und schloß sie in
die meinige.
,Das sind ihre Finger, rief er, ,ihre kleinen, zarten
Finger! Wenn es so ist, muß auch noch der übrige Körper
hier sein.
Seine kräftige Hand entwand sich meinem Drucke, ergriff
meinen Arm, meine Schulter, meinen Hals, umschlang meinen
Leib und zog mich zu sich.
,Ist das nicht Jane? Wer könnte es sonst sein? Dies ist
ihre Gestalt, ihre Größe --
,Und ihre Stimme, fügte ich hinzu. , Sie ist ganz hier,
sammt ihrem Herzen. Gott segne Sie, lieber Herr! Ich fühle
mich glücklich, Ihnen wieder so nahe zu sein.
, Jane Eyre! Jane Eyre! war alles was er hervorbringen,
konnte.
,Mein theurer Gebieter, versetzte ich, , ich bin in der That
Jane Eyre, die Sie endlich ausgeforscht hat und zu Ihnen zurückgekehrt ist.
,Wirklich? Meine Jane, wie sie leibt und lebt?
,Sie berühren mich ja, Sir, und halten mich fest genug.
Ich bin doch nicht kalt wie eine Leiche oder ungreifbar wie
die Luft?
Mein theures Herz! Wohl ist dies ihr Körper und ihre
Stimme, allein es ist nicht möglich, daß mir nach all meinem
Elend so viel Glück zutheil werden könnte. Es ist ein bloßer
Traum -- einer jener Träume, wie sie mich oft des Nachts
beglückten, wo ich sie wie jetzt umschloß, und drückte und
herzte, und empfand, sie liebe mich und werde mich nie verlassen.
,Das wird sie auch nicht, vom heutigen Tage an.
, Sie wird es nicht, spricht die Traumgestalt? Allein ich
erwachte jedesmal, und fand, daß es nur eine Aefferei war, daß
ich mich wieder inmitten meines trüben, einsamen, hoffnungslosen Daseins befand. Auch Du, süßer, sanfter Traum, der Du
nun in meinen Armen weilst, wirst entfliehen, gleich allen Deinen
Vorgängern; aber küssen Sie mich noch zuvor, umarmen Sie
mich, theure Jane!'
, So, Sir-- und so!
Ich drückte meine Lippen auf seine ehedem glänzenden,
nun strahlenlosen Augen -- ich strich ihm das Haar aus
dem Gesichte, und küßte ihn auf den Mund. Er schien plötzlich zu erwachen, und die Wirklichkeit alles Geschehenen zu
erfassen.
,Sie sind es, Jane, nicht wahr? Sie sind mir wieder
gegeben?
,Ich bin es.
, Und Sie sind in keinem Wasser ertrunken, in keinem Abgrund begraben? Sie irren nicht elend und verlassen in der
Fremde herum?
,Nein, Sir! Ich habe jetzt sogar mein eigenes Vermögen.
, Ihr eigenes Vermögen? Wieso?
, Mein Onkel in Madeira ist gestorben, und hat mir fünftausend Pfund Sterling hinterlassen.
,Ah, das ist praktisch, das ist greifbare Wirklichkeit! rief
er aus. , So etwas pflegte ich nie zu träumen. Uebrigens ist
dies ganz ihre eigenthümliche, sanfte, doch lebhafte Stimme, die
mein verwittertes Herz auffrischt, neu belebt. Also Sie haben
Vermögen, Jane? Sie sind wohl gar reich?
, Das bin ich, Sir. Und wenn Sie mir nicht gestatten,
mit Ihnen zu leben, so lasse ich mir knapp neben dem Ihrigen
ein Haus bauen, und Sie können den Abend bei mir zubringen,
wenn Sie sich nach Gesellschaft sehnen.
,Aber da Sie nun reich sind, Jane, so werden Sie auch
Freunde haben, die es nicht zugeben werden, daß Sie Ihr junges
Leben einem blinden Klagebruder, wie ich einer bin, zum Opfer
bringen?
,Ich bin ebenso unabhängig, als ich reich bin; ich habe
allein über meine Person zu verfügen.
,Und Sie wollen bei mir bleiben?
,Gewiß, außer Sie sind dagegen. Ich will Ihre Nachbarin, Ihre Wärterin, Ihre Haushälterin sein. Ich sehe, Sie
sind einsam, und ich will Ihnen Gesellschaft leisten, Ihnen vorlesen, mit Ihnen spazieren gehen, mit Ihnen die Abende zubringen,
mit Einem Worte, Ihnen Augen und Hand ersetzen. Blicken Sie
nicht mehr so trübe, Sie sollen nicht ohne Trost sein, so lange
ich lebe.'
Er erwiderte nichts. Er schien ernst, in Gedanken versunken; er öffnete seine Lippen zur Hälfte, gleichsam als wollte
er sprechen, schloß sie jedoch sofort wieder. Ich war in einiger
Verlegenheit. Vielleicht war ich mit meinem Anerbieten zu zudringlich; vielleicht hatte ich die Convenienz irgendwie verletzt,
und wie St. John, sah er vielleicht in meiner Unüberlegtheit
eine Unschicklichkeit. Und ich hatte doch nur beabsichtigt, ihm eine
Veranlassung zu geben, um meine Hand anzuhalten; und die
Gewißheit, er würde es thun, hatte mich etwas lebhafter gestimmt. Allein, er deutete seine Bereitwilligkeit, in meine Absichten einzugehen, mit keinem Worte, keinem Winke an, und da
der Ausdruck seines Gesichtes immer düsterer wurde, so kam mir
unwillkürlich der Gedanke, ich habe mich am Ende ganz und
gar in meinen Voraussetzungen geirrt, und ich entzog mich
sachte seiner Umarmung. Allein, er drückte mich nur noch fester
an sich.
, Nein, nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir. Nun ich
Sie befühlt, gehört, das Gluck Ihrer Nähe empfunden, kann
ich all diese Freuden nie wieder entbehren. Von mir selbst ist
nur noch wenig übrig -- ich muß Sie besitzen. Die Welt
mag lachen, mich albern, selbstisch nennen, aber das kümmert
mich nicht. Mein Geist verlangt nach Ihnen, er muß zufriedengestellt werden, oder er wird sich am Körper tödtlich rächen.
,Nun wohl, Sir, ich will bei Ihnen bleiben; ich habe es
ja bereits gesagt.
, Ma, aber Sie verstehen darunter etwas ganz anderes als
ich. Sie werden sich vielleicht entschließen können, als meine
liebe, kleine Wärterin um mich zu sein, denn ich kenne Ihr gutes,
edles Herz, das Sie für diejenigen, die Sie bemitleiden, jedes
Opfer bringen läßt. Damit soll ich mich dann natürlich begnügen,
und für Sie fortan nur väterliche Gefühle hegen. Sagen Sie
an, ist's nicht so?
,Es ist so wie es Ihnen beliebt, Sir; ich bin damit zufrieden, Ihre Wärterin zu sein, wenn Sie es so besser finden.
,Aber Sie können doch nicht für immer meine Wärterin
sein, Jane; Sie sind jung und werden eines Tages heiraten.
,Ich denke nicht ans Heiraten.
,Sie sollten aber daran denken, Jane; wäre ich noch jetzt
derjenige, der ich früher war, ich wollte es versuchen, Sie
auf Heiratsgedanken zu bringen -- aber nun, als blinder
Krüppel --
Und er verfiel neuerdings in seinen Trübsinn. Ich hingegen
wurde immer fröhlicher und faßte frischen Muth, denn seine
letzten Worte zeigten mir, wo das Hinderniß lag, und da es in
meinen Augen keineswegs als solches galt, so fühlte ich mich
ganz leicht und glücklich und gab dem Gespräch eine lebhaftere
Wendung.
,Es wäre an der Zeit, daß es jemand unternähme, Sie
wieder menschlich zu machen, sagte ich, sein dichtes, langgewachsenes Haar zurückstreichend. , Wie ich sehe, sind Sie nahe
daran, in einen Löwen oder so etwas dergleichen umgewandelt
zu werden. Sie sehen beiläufig wie Nebukadnezar im Felde aus.
Ihre Haare erinnern mich an Adlersfedern; ob auch Ihre
Nägel den Krallen eines Raubvogels gleichen, habe ich noch
nicht untersucht.
,An diesem Arme habe ich weder eine Hand noch Nägel,
sagte er, seine verstümmelte Linke hervorziehend und sie mir hin-
weisend. ,Es ist ein bloßer Stummel und ein schrecklicher Anblick.
Denken Sie nicht auch, Jane?
,Es jammert Einen, diesen Arm, diese Augen, diese
Schramme auf der Stirne zu sehen, und das Schlimmste
dabei ist, daß man Gefahr läuft, Sie nur noch mehr zu
lieben.
,Ich glaubte, Sie würden zurückschrecken, wenn Sie meinen
Arm und mein narbiges Gesicht sähen.
,Wirklich? Sagen Sie das nicht noch einmal, sonst mache
ich über Ihren Verstand irgend eine unhöfliche Bemerkung. Und
nun gewähren Sie mir nur einen Augenblick Zeit, um ein besseres
Feuer anzumachen und den Camin abzukehren. Erkennen Sie es,
wenn das Feuer hell brennt?
,Wohl, mit dem rechten Auge sehe ich einen hellen Schimmer,
einen glutrothen Punkt.
,Sehen Sie das Kerzenlicht?
, Sehr dunkel, ein jedes Licht kommt mir wie eine
Wolke vor.
, Können Sie mich sehen?
,Nein, meine gute Fee, aber ich danke Gott, daß ich Sie
wenigstens hören und fühlen kann.
,Wann essen Sie zu Nacht?
, Ich nehme nie ein Nachtmahl ein.
, Aber heute müssen Sie etwas essen. Ich bin hungrig und
Sie sind es gewiß auch, nur daß Sie darauf vergessen.
Mit Mary's Hilfe hatte ich das Zimmer bald in Ordnung gebracht und eine tüchtige Mahlzeit angerichtet. Ich war
guter Laune und unterhielt ihn während des Essens nach besten
Kräften. Bei ihm brauchte ich mir keinen Zwang anzuthun,
denn ich wußte, daß ich ihm gefiel, und daß daher alles, was
ich sagte, ihn entweder tröstete oder erheiterte, und ein freundliches Lächeln glitt über das Antlitz des armen Blinden, und
die Freude fing an, auf seiner Stirne zu dämmern.
Nach eingenommenem Mahle stellte er eine Unzahl Fragen
an mich; wo ich gewesen, was ich gemacht, wie ich ihn aufgefunden; aber ich gab ihm nur kurze Antworten, da es schon
zu spät war, in Einzelnheiten einzugehen. Uebrigens hatte ich
nicht die Absicht, die kaum vernarbten Wunden seines Herzens
aufzureißen; mein einziger Zweck war, ihn aufzuheitern. Wohl
war er fröhlich genug, doch nur auf Augenblicke. Wenn das
Gespräch eine Weile stockte, streckte er sich unruhig hin und her,
faßte mich an und rief mich beim Namen.
,Sie sind doch ein menschliches Wesen, Jane? Sie sind
dessen gewiß?
, Ich kann es Ihnen mit gutem Gewissen betheuern, Mister
Rochester.
,Wie konnten Sie jedoch an diesem trüben Abend so plötzlich in meine Stube treten? Ich streckte meine Hand aus, um
ein Glas Wasser von einem Diener zu empfangen; Sie reichten
mir es; ich stellte eine Frage in der Erwartung, John's Weib
werde mir antworten, und es war Ihre Stimme, die an mein
Ohr schlug.
,Weil ich an Mary's Stelle mit dem Teller hereingekommen war.
, Und selbst die Stunde, die ich jetzt mit Ihnen zubringe,
kommt mir wie die Wirkung einer Zauberei vor. Wer vermöchte
es zu sagen, was für ein elendes hoffnungsloses Leben ich seit
Monaten herumschleppte. Ich that nichts, ich erwartete nichts,
ich unterschied Tag und Nacht nicht, fühlte bloß, daß es kalt
war, wenn das Feuer ausging, und daß ich hungrig war, wenn
ich zufällig aufs Essen vergessen hatte und bei allem dem quälte
mich eine namenlose Sehnsucht nach meiner lieben Jane. --
Ja, ich sehnte mich mehr nach ihr, als nach der Wiedererlangung meines verlorenen Augenlichtes. Wie ist es möglich,
daß sie nun mit einemmale bei mir sitzt und mich ihrer Liebe
versichert? Wird sie nicht vielleicht ebenso schnell wieder verschwinden, als sie kam? Ich fürchte, ich finde sie schon morgen
nicht mehr.
Eine ganz gewöhnliche, alltägliche Antwort paßte meiner
Ansicht nach am besten für seinen gegenwärtigen Gemüthszustand.
Ich befühlte seine Augenbrauen, bemerkte, sie seien ganz zerschunden und versprach ein Mittel anzuwenden, nach welchem
sie wieder so schwarz und so dicht wie früher wachsen
würden.
,Was kann mir das alles nützen, mein lieber, wohlthätiger
Geist, wenn Sie mich vielleicht alsbald wieder böswillig verlassen
wollen, wie ein Schatten verschwinden, ohne daß man weiß,
wie und wohin?
,Haben Sie einen Taschenkamm bei sich, Sir?
,Wozu das, Jane?
,Bloß um Ihre zerzauste Mähne durchzukämmen. Sie
kommen mir, wenn ich Sie lange ansehe, ordentlich unheimlich
vor. Sie nennen mich eine Fee, aber ich könnte Sie mit größerem
Rechte für einen Waldgeist halten.
,Bin ich denn so häßlich, Jane?
,Sehr; Sie waren es von jeher, wie Sie selbst am besten
wissen.
,Hm! Die Bosheit hat man Ihnen nicht ausgetrieben,
wo Sie auch immer weilten.
,Und doch war ich bei guten Leuten, bei weit besseren als
Sie, die Ideen und Ansichten hatten, welche Ihnen zeitlebens
fremd waren.
,Wo zum Kuckuck waren Sie denn?
,Wenn Sie beständig zucken, so rupfe ich Ihnen
noch das ganze Haar aus und dann werden Sie wohl
aufhören, an der Wirklichkeit meines irdischen Daseins zu
zweifeln.
,Bei wem waren Sie, liebe Jane?
,Heute Abends bekommen Sie es nicht mehr aus mir
heraus; Sie müssen sich schon bis morgen Früh gedulden. Wenn
ich Ihnen meine Geschichte nur halb erzähle, so giebt Ihnen
das wenigstens die Gewißheit, daß ich bei Ihrem Frühstückstische
erscheine, um dieselbe zu beendigen. Beiläufig gesagt, darf ich
Ihnen dann nicht bloß mit einem Glas Wasser, sondern wenigstens mit einem Ei vor die Augen kommen, des gebackenen
Schinkens gar nicht zu gedenken.
,Sie spöttisches Ding, Sie von Feen Geborene und von
Menschen Erzogene! Sie erwecken Gefühle in mir, wie sie seit
einem Jahre in meiner Seele nicht rege wurden. Hätte Sie
Saul statt seines David haben können, der böse Geist wäre ja
auch ohne Harfe ausgetrieben worden.
,So, Sir, nun sind Sie frisirt und sehen wieder vernünftig
aus. Nun will ich Sie verlassen; ich bin durch volle drei Tage
herumgefahren und daher, wie natürlich, müde. Gute Nacht.
,Nur noch ein Wort, Jane; gab es in dem Hause, wo
sie lebten, nur Damen?
Ich lachte und lief davon und betrat kichernd meine Schlafstube. , Ein guter Gedanke, dachte ich bei mir; ,ich sehe, daß
ich die Mittel in Händen habe, ihm die Melancholie auf eine
geraume Zeit zu vertreiben.
Am nächsten Morgen hörte ich ihn schon zeitlich ausstehen
und in den Gemächern herumwandern. Sobald Mary, hinunter
kam, vernahm ich die Frage: , Ist Miß Eyre hier? Dann
fügte er hinzu: , Welche Stube hast Du ihr angewiesen? War
sie nicht feucht? Ist sie schon auf? Geh' und frage sie, ob sie
nichts braucht und wann sie herunterkommen will?
Ich erschien, sobald ich wußte, es sei Aussicht auf ein
Frühstück vorhanden, und da ich ganz leise ins Zimmer trat,
so sah ich ihn früher als er meine Gegenwart bemerken konnte.
Es war in der That betrübend zu sehen, wie dieser kräftige
Geist dem Gewichte eines körperlichen Gebrechens erlag. Er
saß regungslos, doch nicht ruhig in seinem Stuhle und wartete;
sein Anblick erinnerte an den einer verlöschten Lampe, die dem
Augenblicke entgegensieht, wo sie wieder angezündet werden soll.
Ich wollte lustig und sorglos sein; allein die Ohnmacht des
starken Mannes durchbohrte mir das Herz. Dennoch suchte ich
so lebhaft als möglich zu erscheinen.
, Es ist ein schöner, heiterer Sommermorgen, Sir, sagte
ich, , der Regen ist vorüber und das Wetter nun um so angenehmer. Wir wollen dann spazieren gehen.
Ich hatte das Feuer entzündet; sein Gesicht leuchtete.
, Da ist sie ja, meine Himmelslerche! Kommen Sie zu
mir. Sie sind also nicht vergangen, nicht in Rauch zerflossen?
Vor einer Stunde hörte ich eine Ihrer Schwestern in den Lüften
wirbeln, aber ihr Gesang hatte ebenso wenig Reiz für mich
als die aufgehende Sonne. Meine schönste Melodie auf Erden
ist nur die Stimme meiner theueren Jane und mein einziger
Sonnenschein hiernieden ihre Gegenwart.
Das Wasser trat mir in die Angen, als ich dieses Bekenntniß seiner Abhängigkeit vernahm; es war als sähe sich ein gefesselter Königsadler gezwungen, einen Sperling anzuflehen, er
möge sein Versorger werden. Ich wischte die salzigen Tropfen
aus den Augen und machte mich daran, das Frühstück zu
bereiten.
Den größten Theil des Morgens brachten wir im Freien
zu. Ich führte ihn durch den Wald hindurch in die Felder hinaus,
beschrieb ihm ihr Grün, das herrliche Blau des Firmamentes,
den Glanz der Sonnenstrahlen. Dann suchte ich ihm einen anmuthigen Platz zum Sitzen aus, einen trockenen Baumstumpf,
und weigerte mich nicht, mich von ihm auf seine Knie heben zu
lassen. Warum sollte ich auch, da wir, je näher beisammen, desto
glücklicher waren? Pilot lag neben uns und ringsum herrschte
die tiefste Ruhe.
,Grausamer, böser Flüchtling! rief er aus, indem er
mich fest an sein klopfendes Herz drückte. , Welche Qualen,
welche Schmerzen fühlte ich, als ich die Entdeckung machte, daß
Sie Thornfield verlassen, und ich Sie nirgends in der ganzen
Gegend finden konnte! Das Perlenhalsband, das ich Ihnen
geschenkt, lag unberührt in seinem Gehäuse, Ihre Koffer standen
ganz reisefertig an der Wand. Was konnte mein Herzensliebling
ohne Geld, ohne die nöthige Kleidung in der weiten Welt
beginnen? Lassen Sie mich nun hören, wie es Ihnen wirklich
erging.
Ich erzählte ihm die Geschichte meiner Leiden. Die Beschreibung der drei ersten Tage nach meiner Flucht aus dem
Herrenhause malte ich so gelind als möglich aus, um ihm nicht
durch die wahre Schilderung meiner Entbehrungen einen unnützen Schmerz zu bereiten; schon das Wenige, was ich ihm
mittheilte, reichte hin, sein treues Herz zu zerfleischen.
Ich hätte ihn nicht so ganz entblößt, von allem verlassen,
ich hätte ihm vertrauen sollen, meinte er. Er würde mich nie
dazu gezwungen haben, seine Maitresse zu werden, und so heftig
und leidenschaftlich er auch damals ausgesehen habe, so wäre
ja auch seine Liebe zu mir viel zu groß gewesen, als daß er
daran gedacht hätte, sich zu meinem Tyrannen aufwerfen zu
wollen.
Lieber würde er mir sein halbes Vermögen geschenkt
haben, ohne dafür auch nur einen Kuß zu verlangen, ehe er es
zugegeben hätte, daß ich mich freund- und hilflos in die weite
Welt hinaus stürzte. Gewiß waren meine Leiden viel größer
gewesen, als ich gestehen wollte.
,Wohl, antwortete ich, , mögen meine Leiden wie immer
geartet gewesen sein, sie waren jedenfalls von kurzer Dauer.
Dann beschrieb ich ihm meine Aufnahme im Moorhause, meine
Anstellung als Schulmeisterin und so weiter. Die Erbschaft, die
Entdeckung meiner Verwandtschaft mit der Familie Rivers kamen
dann an die Reihe. Natürlich mußte ich St. John Rivers im
Verlaufe meiner Erzählung häufig erwähnen. Als ich geendigt
hatte, faßte er diesen Namen sofort auf.
,Dieser Saint John ist also Ihr Vetter?
,Ja.
,Sie haben seinen Namen oft genannt; liebten Sie ihn?
,Er war ein sehr guter Mann, Sir, und ich konnte ihm
natürlich nicht gram sein.
,Ein guter Mann? Soll das einen achtungswerthen, gesetzten Fünfziger bedeuten?
,Saint John war erst neunundzwanzig Jahre alt.
,Jeune encore, wie die Franzosen sagen. Ist er klein,
häßlich und schläfrigen Temperamentes? Eine Person, deren Güte
mehr in dem Abgange von Lastern, als in dem Vorhandensein
von Tugenden besteht?
,Er ist unablässig wirksam und lebt nur der Vollführung
großer, hochstrebender Thaten.
,Aber sein Geist ist etwas schwach? Er meint es wohl gut,
aber Sie zucken die Achseln, wenn er spricht?
,Er spricht wenig, Sir; allein was er spricht, ist stets
treffend. Sein Geist ist meiner Meinung nach außerordentlich,
nicht empfänglich, aber ungemein stark.
,Er ist also ein geschickter Mann?
,Im wahren Sinne des Wortes.
,Durch und durch gebildet?
,Saint John ist ein vollendeter Gelehrter.
,Seine Manieren behagten Ihnen nicht, wie ich glaube?
sie waren etwas pfäffisch und frömmelnd ?
,So viel ich weiß, erwähnte ich seiner Manieren nicht.
Ich müßte aber einen sehr schlechten Geschmack haben, wenn sie
mir nicht behagten; sie sind artig, ruhig, ganz die eines Mannes
von Welt.
,Sein Aeußeres, ich vergaß ganz, wie Sie ihn beschrieben;
jedenfalls ein ungeschlachter Dorfpfarrer, der in seinem weißen
Halstuche halb erStückt und in seinen dickbesohlten Kappenstiefeln
wie auf Stelzen einhergeht. Nicht wahr?
,Saint John kleidet sich geschmackvoll. Er ist ein schöner
schlanker Mann mit einem griechischen Profil.
,Waren Sie ihm gut?
,Wohl, Mister Rochester. Sie stellten mir schon einmal
dieselbe Frage.
Wohl verstand ich, wohin Mister Rochester mit seinen Reden
zielte. Die Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt und stachelte
ihn auf; aber diese Cur war ihm sehr heilsam, sie vertrieb ihm
die drückende Melancholie. Ich wollte daher der Schlange nicht
sogleich den Kopf zertreten.
,Vielleicht beliebt es Ihnen nicht mehr auf meinem Schoße
zu sitzen, Miß Eyre? lautete seine nächste, etwas unerwartete
Bemerkung.
,Warum nicht, Mister Rochester?
,Das Porträt, das Sie mir eben entwarfen, bildet einen
zu großen Contrast mit meiner Person. Sie gaben die Beschreibung eines Apollo und nun haben Sie einen Vulcan, einen
wahren Grobschmied vor sich, der noch dazu blind und einarmig ist.
,Ich dachte früher nicht daran, allein jetzt sehe ich, daß
Sie wirklich einem Vulcan gleichen.
,Sie können gehen, Miß Eyre, doch ehe Sie mich verlassen
--- und er hielt mich noch viel fester umschlungen -- ,werden
Sie die Güte haben, mir eine oder zwei Fragen zu beantworten.
Er hielt inne.
,Was für Fragen, Mister Rochester?
Worauf er das nachstehende Verhör vornahm:
,Saint John stellte Sie als Lehrerin zu Morton an,
bevor er wußte, Sie seien seine Cousine!
,Ja.
,Sie sahen ihn oft und er besuchte zuweilen die Schule?
,Alle Tage.
,Er war mit Ihrem Lehrplan zufrieden? Er mußte es
jedenfalls sein, denn ich kenne Ihre Talente.
,Er war damit zufrieden.
,Er entdeckte so manches an Ihnen, was er nicht
erwartet hatte? Einige Ihrer Vorzüge sind nicht gewöhnlicher
Art.
,Davon weiß ich nichts.
Sie hatten ein kleines Häuschen neben der Schule, wie
Sie sagen; besuchte er Sie auch in Ihrer Wohnung?
,Dann und wann.
,Des Abends?
,Ein- oder zweimal.
Eine Pause trat ein.
,Wie lange wohnten Sie noch mit ihm und mit seinen
Schwestern, nachdem schon Ihre Verwandtschaft mit demselben
bekannt war?
,Fünf Monate.
,Pflegte Rivers oft in Ihrer Gesellschaft zu sein?
,Ja, die Hinterstube war unser gemeinschaftliches Studirzimmer; er saß am Fenster und wir am Tische.
,Studirte er viel?
,Gehörig.
,Was zum Beispiel?
,Die hindustanische Sprache.
,Und was thaten Sie inzwischen?
,Ich lernte deutsch.
,Gab er Ihnen Stunden?
,Ja, im Hindustanischen.
,Wie, Rivers lehrte Sie hindustanisch?
,Ja, Sir.
,Und seine Schwestern auch?
,Nein.
,Also bloß Sie?
,Bloß mich.
,Wollten Sie es selbst lernen?
,Nein.
,Es war also sein Wunsch?
,Ja.
Neue Pause.
,Warum wünschte er es? Was konnte Ihnen diese Sprache
nützen?
,Er wollte, ich sollte ihn nach Indien begleiten.
,Ah, nun komme ich der Sache auf den Grund. Er wollte
Sie also heiraten?
,Er hielt um meine Hand an.
,Das ist eine Lüge -- eine unverschämte Erfindung, mich
zu ärgern.
,Ich bitte um Verzeihung, es ist die reine Wahrheit. Er
machte mir sogar mehr als einmal den Vorschlag und war
auf die Erfüllung seines Wunsches ebenso versessen, als Sie
es zu Ihrer Zeit waren.
,Sie mögen gehen, Miß Eyre, ich wiederhole es. Wie
oft soll ich es noch sagen? Warum bleiben Sie so hartnäckig
sitzen, wenn ich Sie bitte, mich zu verlassen?
,Weil ich mich hier am behaglichsten fühle.
,Nein, Jane, Sie fühlen sich nicht behaglich, denn Ihr
Herz ist nicht bei mir, es ist bei Ihrem Vetter Saint John. O,
bis zu diesem Augenblicke dachte ich, meine kleine Jane gehöre
nur mir an. Auch dann noch, als sie mich verließ, glaubte ich
an ihre Liebe, und dieser Gedanke schwamm als Atom der Süße
in dem Meer von Bitterkeit. Während unserer langen Trennung
stellte ich mir nie die Möglichkeit vor, sie könne einen Anderen
lieben! Aber alles Klagen wäre unnütz. Verlassen Sie mich,
gehen Sie hin und heiraten Sie Rivers.
,Nun denn, so schütteln Sie mich ab, stoßen Sie
mich von sich; denn von freien Stücken gehe ich nicht
fort.
,Ich liebe den Ton Ihrer Stimme, Jane, er macht mir
immer wieder Hoffnung, er klingt so zutraulich. So oft ich ihn
höre, denke ich mich ein Jahr zurück. Ich vergesse, daß Sie ein
neues Band geknüpft haben. Aber ich bin kein Thor -- gehen
Sie.
,Wohin soll ich gehen, Sir?
,Ihren eigenen Weg entlang mit dem Gatten, den Sie
sich erwählten.
,Wer ist das?
,Sie wissen es am besten, Saint John Rivers.
,Er ist nicht mein Gatte und wird es auch nie werden.
Er liebt mich nicht, ich liebe ihn nicht. Er liebt, so wie es ihm
nur immer möglich ist -- und noch lange nicht mit Ihrem
Feuer -- eine schöne Dame, Namens Rosamond. Er wollte
mich bloß heiraten, um eine brauchbare Gefährtin bei seinen
Missionsreisen zu haben, wozu jene nicht taugte. Er ist gut und
großherzig, aber streng und kalt wie ein Eisberg. Er ist nicht
so wie Sie, Sir, und ich fühlte mich an seiner Seite, in seiner
Nähe nicht glücklich. Nichts zog ihn zu mir, nicht einmal meine
Jugend, bloß einiger nützlicher Eigenschaften, die er an mir
entdeckt hatte, bedurfte er zu seinen Plänen. Und nun, Sir,
sind Sie noch immer der Meinung, daß ich Sie verlassen muß,
um zu ihm zu gehen?
Ich erzitterte unwillkürlich und drückte mich fester an
meinen blinden Gebieter. Er lächelte.
,Wie, Jane, sollte das wahr sein? Stehen die Sachen
wirklich so?
,Gerade so. O, Sie dürfen nicht eifersüchtig sein! Ich
wollte Sie bloß ein wenig reizen, um Sie dadurch zu zerstreuen;
ich dachte, Aerger sei besser als Kummer. Wenn es aber Ihr
Wunsch ist, daß ich Sie liebe, so wollte ich, Sie wüßten, wie
sehr dies bereits der Fall ist; Sie wären gewiß damit zufrieden.
Mein Herz gehört Ihnen ganz und gar und würde auch dann
bei Ihnen bleiben, wenn mich selbst das Schicksal von Ihnen
losrisse.
Während er mich küßte, schienen neuerdings trübe Gedanken
in ihm aufzutauchen.
,Meine geblendeten Augen! Mein verkrüppelter Arm! jammerte er leise vor sich hin.
Ich liebkoste ihn und suchte ihn zu beruhigen. Ich wußte,
woran er dachte und hätte gerne statt seiner gesprochen, allein,
ich traute mich nicht. Als er sich wegwendete, sah ich eine
Thräne unter seinem geschlossenen Augenlide hervorquellen und
über seine männlich gebräunte Wange herabrollen. Das Herz
wurde mir schwer.
, Ich bin jetzt nicht mehr werth als der alte zersplitterte
Kastanienbaum im Obstgarten von Thornfield, bemerkte er nach
einer Pause. Und welches Recht hätte dieser Baumstrunk zu verlangen, daß ein knospendes Gaisblatt seine Ruine mit frischem
Grün schmücke?
, Sie sind keine Ruine, Sir, kein vom Blitze zerschmetterter
Baum; Sie sind noch grün und kräftig. Pflanzen werden dennoch
um Ihren Stamm wachsen, Sie mögen es wollen oder nicht, und
wie sie emporschießen, werden sie sich auch um Sie ranken, da
ihnen Ihre Stärke eine so feste Stütze bietet.
Er lächelte wieder; ich hatte ihm Trost eingeflößt.
,Sie meinen damit Freunde, Jane?
,Wohl, antwortete ich zdgernd, denn ich hatte etwas anderes darunter gemeint, doch ohne es aussprechen zu können.
Er half mir aus der Verlegenheit.
,Aber ich brauche ein Weib.
,Wirklich, Sir?
,Ja wohl; Ist Ihnen das etwas Neues?
,Gewiß, denn Sie sprachen ja noch gar nicht davon.
,Ist Ihnen diese Eröffnung willkommen?
,Das hängt von Umständen, von Ihrer Wahl ab.
,Sie sollen sie an meiner Stelle treffen und ich will mich
Ihrer Entscheidung unterwerfen.
,So wählen Sie denn diejenige -- die Sie am innigsten
liebt.
,Wenigstens will ich diejenge nehmen, die ich am innigsten
liebe. Jane, wollen Sie heiraten?
,Ja, Sir.
,Mich armen blinden Mann, den Sie werden bei der Hand
herumführen müssen?
,Ja, Sir.
, Einen Krüppel, der zwanzig Jahre älter ist als Sie, den
Sie zu pflegen haben werden?
,Ja, Sir.
Ist's Ihr Ernst, Jane?
,Mein voller Ernst, Sir.
O, mein theures Herz! Gott segne und belohne
Sie!
,Wenn ich je in meinem Leben etwas Gutes that, wenn
ich je einen frommen Gedanken hatte, wenn ich je ein herzliches
Gebet verrichtete, so bin ich jetzt dafür belohnt. Ihr Weib zu
sein ist für mich das größte Glück auf Erden.
, Weil Sie so gerne Opfer bringen.
Opfer? Was opfere ich? Den Heißhunger der Sättigung,
die Erwartung der Befriedigung. Ist es ein Opfer, wenn ich
das Recht erlange, mein höchstes Glück in meine Arme zu
schließen, den Gegenstand meiner innigsten Neigung zu liebkosen,
mich auf denjenigen zu stützen, dem ich ganz vertraue? Ist dies
der Fall, dann bringe ich freilich gerne Opfer.
,Aber Sie müssen auch mit meinen Schwächen Nachsicht
haben, meine Fehler übersehen.
,Weder die einen noch die anderen erscheinen mir als
solche. Nun ich Ihnen wirklich nützen kann, liebe ich Sie noch
mehr als zuvor in Ihrer stolzen Unabhängigkeit, wo Sie keine
andere Rolle annehmen wollten, als diejenige eines Gebers und
Gönners.
,Bis nun war es mir verhaßt, Hilfe und Unterstützung
zu empfangen, doch jetzt ist es etwas anderes. Ich vermochte es
nicht, meinen Arm einem Miethling zu reichen; allein wenn ihn
Jane's kleine Finger umspannen, macht es mich glücklich. Ich zog
das gänzliche Alleinsein der Gegenwart von Dienstleuten vor;
aber Jane's zarte Pflege wird mich stets beglücken. Jane paßt
zu mir, passe auch ich zu ihr?
,Ganz genau, Sir.
,Wenn es so ist, so haben wir auf weiter nichts zu warten
und können uns sofort trauen lassen.
Er sprach mit regem Eifer; seine alte Heftigkeit war
erwacht.
,Wir müssen ohne Verzug Eines werden; bloß des Aufgebotes bedarf es, dann --
,Ich habe eben bemerkt, daß die Sonne bereits unter
der Mittagshöhe steht und Pilot ist in der That schon nach
Hause zum Essen gegangen. Lassen Sie mich auf Ihre Uhr
sehen.
,Da nehmen Sie sie und tragen Sie sie fortan; ich kann
sie nicht weiter brauchen.
,Es ist beinahe vier Uhr, Sir. Sind Sie nicht
hungrig?
,Von heute in drei Tagen findet unsere Vermählung statt.
Schöne Kleider und Juwelen wollen wir diesmal beiseite lassen;
alles das ist keinen Heller werth.
,Die Sonne hat alle Feuchtigkeit ausgetrocknet, Sir. Es
weht kein Lüftchen und die Hitze ist groß.
,Wissen Sie, daß ich Ihr Perlenhalsband unter meinem
Halstuche trage? Ich habe es seit jenem Tage um, wo mir mein
einziger Schatz verloren ging.
,Wir wollen unseren Rückweg durch den Wald nehmen,
denn es ist wirklich zu heiß.
Er verfolgte den Gang seiner Gedanken, ohne sich an mich
zu kehren.
,Sie halten mich für einen gottlosen Menschen, Jane;
aber ich muß gestehen, daß mich in diesem Augenblicke die
innigste Dankbarkeit gegen meinen gütigen Schöpfer erfüllt. Er
ist höchst gerecht und höchst weise. Ich hatte gefehlt; ich wollte
meiner Verderbtheit vergiften, aber der Allmächtige entriß sie
eine unschuldige Blume beflecken, ihre Reinheit mit dem Hauche
meinen Händen. In meiner Kurzsichtigkeit fluchte ich der Vorsehung, statt mich willig ihrem Beschlusse zu fügen. Die göttliche Gerechtigkeit nahm ihren Verlauf und ein Unglück nach
dem anderen traf mich; ich kam dem Tode nahe. Gottes Strafgericht war streng und demüthigte mich besonders in einer Hinsicht. Sie wissen, wie sehr ich auf meine Kraft pochte; aber
wo ist sie nun hin, da ich mich, ein schwaches Kind, fremder
Leitung überlassen muß? Erst in letzter Zeit, Jane, begann ich
die rächende Hand Gottes zu erkennen, Gewissensbisse und Reue
zu fühlen und mich nach Aussöhnung mit meinem himmlischen
Vater zu sehnen. Von Zeit zu Zeit betete ich, zwar wenige, aber
herzliche Worte.
Vor vier Tagen, am verwichenen Montag, kam eine sonderbare Stimmung über mich; Schmerz trat an die Stelle der
Wuth, Kummer an die der Verzweiflung. Schon lange hatte
ich die Ueberzeugung gewonnen, Sie müßten todt sein, da ich
Sie nirgends finden konnte. Etwa zwischen elf und zwölf Uhr
in der darauffolgenden Nacht, ehe ich mich zur Ruhe begab,
flehte ich zu Gott, er möchte mich, wenn es in seinem Rathe
beschlossen sei, zu sich nehmen, da ich doch wenigstens in jener
Welt die Hoffnung hätte, meiner lieben Jane wieder zu begegnen.
Ich befand mich in meinem Zimmer und saß am offenen
Fenster; die balsamische Nachtluft that mir wohl und obgleich
ich die Sterne nicht sehen konnte, so hatte ich doch einen unbestimmten Schein vom Monde. Ich sehnte mich nach Dir,
meine Jane, ich frug den himmlischen Vater zerknirscht und
demüthig, ob ich noch nicht lange genug gelitten hätte und würdig
wäre, mein Glück und meinen Frieden wieder zu erlangen.
Ich bekannte, daß ich meine Strafe verdiente, aber ich klagte
auch, daß ich die Qual nicht länger etragen könne, und der
Anfang und das Ende meiner Herzenswünsche machte sich unwillkurlich Luft , Jane! Jane! Jane! rief ich in die Nacht
hinaus.
, Sprachen Sie meinen Namen laut aus?
,Wohl! Wenn mich irgend jemand gehört hätte, er müßte
mich für wahnsinnig gehalten haben; so laut schrie ich.
, Und es war am vergangenen Montag, etwa gegen
Mitternacht?
, Ja; aber der Zeitpunkt ist nicht wichtig, das Sonderbare
liegt in dem, was unmittelbar darauf folgte. Sie werden mich
für abergläubisch halten, doch was ich Ihnen hier erzähle, ist
wahr.
Nachdem ich Ihren Namen gerufen, antwortete mir eine
Stimme -- ich wußte nicht woher, allein ich erkannte, daß es
Ihre Stimme war -- , Ich komme! Warten Sie auf mich!
und einen Augenblick später hörte ich rufen: ,Wo sind Sie?
Ich will versuchen, Ihnen zu beschreiben, welche Gedanken
ich mir über dieses Ereigniß machte, wiewohl es schwer ist, dafür
Worte zu finden. Ferndean liegt, wie Sie wissen, tief im Walde,
wo der Schall matt auffällt und ohne Echo erstirbt. Die Worte:
,Wo sind Sie? schienen zwischen Bergen gesprochen worden zu
sein, denn ich hörte sie im Wiederhalle nachtönen. Der Luftzug
erfrischte mich und kühlte meine heißen Wangen ab; ich hatte
mir jedenfalls eingebildet, Sie seien mir irgendwo in der Ferne
begegnet, und unsere Vereinigung hatte sicherlich im Geiste stattgefunden. Gewiß hatte, während Sie schliefen, Ihre Seele den
Körper verlassen und war in meine Nähe geeilt, denn es war,
so gewiß als ich lebe, Ihre Stimme, die ich gehört hatte.
Gerade am Montag -- nahe um Mitternacht -- war auch
mir jene geheimnißvolle Mahnung erklungen. Ich lauschte Mister
Rochester's Erzählung, machte ihm aber meinerseits keine Enthüllungen. Das Zusammentreffen der wunderbaren Töne erschien
mir als zu feierlich, zu unerklärlich, um es zum Gegenstande
eines Gespräches zu machen. Ich wollte auch andererseits sein
ohnehin erregtes, in letzter Zeit so empfänglich gewordenes
Gemüth nicht durch eine Erzählung des übernatürlichen Vorfalles, die nicht verfehlen konnte, auf ihn einen tiefen Eindruck
zu machen, noch mehr in Aufregung versetzen, behielt also dieses
Ereigniß in meinem Herzen und machte darüber im Stillen
meine Betrachtungen.
,Sie dürfen sich daher nicht wundern, fuhr Mister Rochester
fort, ,daß ich, als Sie gestern Abend so plötzlich in meine
Stube getreten waren, nur schwer von dem Glauben abzubringen
war, es sei Ihr Geist, eine bloße Stimme, die ebenso schnell
verschwinden mußte, wie jene Töne um Mitternacht. Nun danke
ich Gott, daß es anders ist und danke ihm vom Grunde meines
Herzens.
Er nahm mich von seinem Schoße herunter, stand auf,
zog ehrerbietig seinen Hut vom Kopf und blieb, sein Antlitz
zur Erde gesenkt, eine Weile in stiller Andacht stehen. Nur die
letzten Worte seines Gebetes sprach er mit lauter Stimme.
,Meinem Schöpfer sei es gedankt, sagte er, ,daß er
nach seinem Strafurtheile Barmherzigkeit walten ließ. Meinem
Erlöser aber bitte ich in Demuth, er möge mir Kraft verleihen, fortan ein besserer Mensch zu werden, als ich es bis
jetzt war.
Dann streckte er mir seinen Arm entgegen. Ich ergriff seine
Hand, drückte sie an meine Lippen, legte sie auf meine Achsel
und diente ihm so als Stütze und als Führerin. Wir traten ins
Holz und gingen dem Hause zu.

Schluß.

Wir wurden vermählt. Die Handlung ging in aller Stille
vor sich, bloß der Geistliche und der Notar waren außer uns
zugegen. Aus der Kirche zurückgekommen, trat ich in die Küche,
wo Mary kochte und John die Messer putzte.
, Ich bin diesen Morgen mit Mister Rochester getraut
worden, Mary, sagte ich. Die Haushälterin und ihr Mann
waren sehr phlegmatische Leute und Ausrufe der Verwunderung
nicht zu erwarten. Mary sah empor, der Kochlöffel, mit dem
sie auf ein Paar am Spieße bratender Hühner Brühe goß,
blieb einen Augenblick in der Luft und ebenso lange hielt John
mit dem Abreiben der Messer inne. Allein bald wendete Mary
ihre Aufmerksamkeit wieder dem Braten zu und sagte ganz
ruhig:
,Ist's wahr, Miß? Ei, wer hätte das gedacht!
,Ich sah Sie mit dem Herrn ausgehen, fügte sie nach
einer kurzen Pause hinzu, ,aber ich wußte nicht, was es zu
bedeuten hatte.
,Ich sagte es meinem Weibe, daß es so kommen würde,
versetzte John; ,ich kannte Mister Eduard's Absicht? -- als alter
Diener nannte er seinen Herrn oft bei seinen Taufnamen --
,und wußte, er würde nicht lange herumziehen. Nun, er hat
recht gethan und ich wünsche Ihnen viel Glück und Segen.
,Danke, John, Mister Rochester bat mich, Euch Beiden
dieses hier zu geben, und ich legte eine Fünfpfundnote in seine
Hand und eilte hinaus.
,Sie wird besser für ihn taugen als irgend eine von den
Vornehmen, hörte ich den alten Diener sagen. ,Wenn sie auch
nicht hübsch ist, so ist sie doch gutmüthig und brav und das
ist besser als Schönheit.
Ich schrieb sofort nach dem Moorhause und nach Cambridge. Diana und Mary billigten meinen Schritt vollkommen.
Diana meinte, sie würde mich nach den Flitterwochen sofort
besuchen.
,Sie möchte am Ende zu lange warten müssen, sagte
Mister Rochester, als er diesen Entschluß vernahm. , Denn
unsere Flitterwochen werden wohl so lange dauern, als wir
leben.
Mit welchen Gefühlen St. John die Vermählungsanzeige
aufnahm, weiß ich nicht. Nach sechs Monaten schrieb er mir
einen freundlichen Brief, ohne jedoch in demselben Mister
Rochester's zu erwähnen. Seitdem schreibt er mir regelmäßig,
hofft, ich sei glücklich und gehöre nicht zu denjenigen Weltkindern, die über die Dinge dieser Erde Gott und das ewige
Leben vergessen.
Der Leser erinnert sich doch noch der kleinen Adele? Ich
besuchte sie in der Schule; sie war entzückt, mich zu sehen, sah
aber sehr blaß und krank aus. Ich fand die Schuldisciplin
jener Anstalt zu streng und nahm sie zu mir. Da ich jedoch
erkannte, meine Zeit sei durch die Pflege meines Gatten zu sehr
in Anspruch genommen, that ich sie in eine andere Schule, wo
es nicht so streng zuging. Ich besuchte sie oft, ließ es ihr an
nichts fehlen und nahm sie in den Ferien mit nach Hause. Eine
gute englische Erziehung hat die Fehler ihres französischen
Temperaments ausgerottet und sie ist mir nun eine liebe Gesellschafterin, die mir durch ihre Aufmerksamkeiten die wenige Güte,
die ich ihr erwiesen, hinlänglich vergilt.
Meine Erzählung nähert sich ihrem Ende; noch ein Wort
über meine Ehe und über einige Personen, die im Verlaufe
derselben handelnd auftraten.
Ich bin nun schon zehn Jahre verheiratet und weiß, was
es heißt, nur für dasjenige Wesen zu leben, das Einem hier auf
Erden das Theuerste ist. Nie war wohl ein Weib so glücklich
wie ich, nie lebte es so angenehm, denn ich bin der Gesellschaft
meines Eduard noch keine Minute überdrüssig geworden, ebenso
wenig als er der meinigen; Mister Rochester blieb nur die
ersten zwei Jahre unserer Ehe blind; vielleicht war es gerade
der Umstand, der uns so sehr aneinander fesselte, denn ich war
sein Auge, wie ich noch jetzt seine rechte Hand bin. Durch meine
Augen sah er die Natur, und nie wurde ich es müde, für ihn
zu schauen, ihm Landschaften, Bäume und Blumen zu beschreiben.
Eines Morgens, am Ende der zwei Jahre, als ich einen
Brief schrieb, den er mir dictirte, bog er sich zu mir und
sagte:
,Hast Du nicht einen glänzenden Schmuck am Halse, liebe
Jane?
Ich hatte eine goldene Uhrkette umhängen und bejahte seine
Frage.
,Hast Du nicht ein blaßblaues Kleid an?
Es war wirklich der Fall. Er erklärte mir dann, seit einiger
Zeit komme es ihm vor, als schwinde der Nebel von seinen
Augen und nun sei er dessen gewiß.
Ist reiste mit ihm nach London, wo er unter den Händen
eines geschickten Augenarztes wenigstens auf dem einen Auge die
Sehkraft wieder erlangte. Er kann wohl noch immer nicht ganz
deutlich sehen, auch nicht viel lesen und schreiben, aber der
Anblick der Natur ist ihm doch gestattet und er kann ohne fremde
Hilfe herumgehen, und als ihm sein Erstgeborener in die Arme
gelegt wurde, unterschied er, daß er dieselben schwarzen, glänzenden Augen besitze, die einst den Vater zierten. Auch bei dieser
Gelegenheit dankte er Gott für seine Güte und Barmherzigkeit.
Mein Eduard und ich sind um so glücklicher, da auch unsere
Lieben es im vollsten Maße sind. Diana und Mary Rivers
sind Beide vermählt und besuchen uns abwechselnd. Diana's Mann
ist Capitän in der Flotte, ein tapferer Officier und ein guter
Mensch; Mary ist die Frau eines Geistlichen, eines Schulfreundes
ihres Bruders, und seinen Grundsätzen und Gemüthsbeschaffenheit
nach eines solchen Weibes würdig. Sowohl Capitän Fitzjames
als Mister Wharton lieben ihre Weiber und werden von ihnen
geliebt.
Was St. John anbelangt, so ging er in der That nach
Indien, wo er die sich selbst vorgezeichnete Bahn mit allem Eifer
verfolgt.
Mit Kraft und Gottesfurcht und Selbstverleugnung
arbeitet er an der Bekehrung seines Nächsten und bekämpft alle
Hindernisse des Glaubens und des Kastengeistes mit riesiger
Anstrengung. Er mag noch immer rauh, noch immer ehrgeizig
sein, aber seine Rauheit ist diejenige des Kriegers. Was er von
seinem Mitmenschen beansprucht, ist in den Worten Jesu zusammengefaßt, der da sagt: ,Wer immer einer von meinen Jüngern
sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Sein Ehrgeiz strebt nach einem Plate unter denjenigen, die sich
von der Erde losgesagt haben und in erster Reihe vor dem
Throne Gottes stehen unter den Berufenen, den Getreuen und
Auserwählten.
St. John ist unvermählt und wird es auch bleiben. Bis
jetzt war er allein seiner Arbeit gewachsen und die nähert sich
ihrem Ende; die glänzende Sonne neigte sich dem Untergange.
Der letzte Brief, den er mir schrieb, entlockte mir menschliche
Thränen und erfüllte mein Herz dennoch mit göttlicher Freude;
er sah schon im Geiste seine Belohnung, die unvergängliche
Himmelskrone vor sich. Ich weiß, daß mir demnächst eine fremde
Hand schreiben, mich benachrichtigen wird, der gute und treue
Diener sei endlich zu seinem Herrn berufen worden. Allein warum
sollte ich deshalb weinen? Furcht vor dem Tode wird St. John's

letzte Stunde nicht verbittern; sein Geist wird frei, sein Herz
stark wie immer, seine Hoffnung, sein Glaube werden unerschüttert
sein. Seine eigenen Worte sprechen dafür:
,Mein Meister, sagte er, , hat mir einen Wink gegeben.
Täglich verkündigt er mir deutlicher: Gewiß, ich komme bald!
und stündlich antworte ich ihm mit größerer Sehnsucht: ,So
komm', denn mein Herr Jesus, Amen!