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Die Waise von Lowood
Novelle nach dem Englischen von Currer Bell.
Erstes Kapitel.
Die Waise in Hause ihre Tante
Mein Leben ist so reich an merkwürdigen Schicksalen gewesen, so viel Mißgeschick und Glück, so viel Leid und Freude haben darin gewechselt, ich habe so viele Zurücksetzung erduldet und mich so mancher Anerkennung erfreut, ich bin das Opfer so vieler raffinirter Bosheit gewesen, und wenn nur das Grab als Hoffnungsanker mir übrig zu bleiben schien, so hat die Vorsehung wieder mein - Schicksal so merkwürdig gewendet, daß ich wohl voraussetzen darf, durch die Erzählung meiner Lebensschicksale manchem Unglücklichen die Thränen zu trocknen und manchen durch Neid und Mißgeschick. Niedergebeugten aufzurichten. Ihnen, verehrte Freundin, zunächst sei diese Geschichte gewidmet.
Meine Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde früh eine Waise und büßte von diesem Augenblicke an für die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner unglücklichen Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid preiszugeben. Der nähmliche Stolz war auch der Grund, weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene waren wunderschön, mit kindlichen Herzen voll lieblicher Jugendfrische,
Koketterie und Unschuld; dieser, mein abscheulicher Cousin, John Reed,von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon einiges gesagt habe, war der
echte Typus eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig und tyrannisch. Er glaubte seine Bosheit gegen mich um so ungestörter
entwickeln zu können, als er gegen mich den doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer der meinigen weit überlegenen
Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maaße, wo ihn, wie ich glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem
Grunde meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage, jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed, vergebens sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum,
auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir, ohne alles Interesse sind.
Ich befand mich an einem regnerischen Nachmittage in einer tiefen Fensternische verborgen, wo ich auf meinen gekreuzten Beinen saß und in einem großen Buche blätterte, das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte. Es waren die „Vögel Englands von Bowick“. Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen Wolken, die der Wind vor sich hertrieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte mich auf.
„Hierher, Schläferin!“ rief mein liebenswürdiger Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte.
„Wo Teufel mag sie sich versteckt haben?“ fuhr er fort. „Lizzy!
George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier .
Mama glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige
kleine Hexe.“
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still, indem ich glaubte, Master John,
dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen,
werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf
seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine Spur. Ich konnte nicht mehr zurückweichen, ich schob daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter einem Schein kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor meinem jungen Tyrannen.
„Was willst Du von mir?“ fragte ich ihn in einem Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
„Was willst Du von mir, Master Reed?“ wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend. „So mußt Du mit mir sprechen. Ich will, Du sollst hierher kommen.
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf, winkte er mir ,.näher zu treten und vor ihm stehen zu bleiben.
John war damals ein plumper Bursche von etwa vierzehn Jahren, von zugleich robusten und ungesundem Aussehen, mit bleicher, fahler
Gesichtsfarbe, überhaupt allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine
Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war, konnte ihm gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnte, daß er mich schlagen würde, aber ich weiß nicht, welche
geheime Kraft mich unbeweglich bleiben ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er diese stumme Sprache, denn er zögerte nicht länger, mir einen so
heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den Füßen zu erhalten.
„Das ist für Dein ungebürliches Benehmen, nicht zu antworten, wenn ich Dich rufe,“ sagte er zu mir, „und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte Spinne.“
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
„Was machtest Du dort? fragte er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so traurige und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
„Ich las.“
„Zeige mir das Buch.“
Ich holte es herbei.
„Ich will Dich lehren.“ fuhr er fort in meinen Bibliotheken
herumzustöbern und meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne.
Geh dorthin, neben den Spiegel . . . nicht so nahe ans Fenster.
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht errathen. Als
ich mich aber an der bezeichneten Stelle befand, wurde mir Alles klar,
denn ich sah, wie er den dicken Band, den ich ihm gebracht hatte,
emporhob und in der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich auf die Seite, aber es war zu spät. John hatte richtig gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand, mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder zurückzog, war sie mit Blut befleckt.
Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte dem Gefühle, das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen mit Nero, Caligula und andern, fast eben so verabscheungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus:
„Du bist ein böser und grausamer Mensch . . . Tu gleichst einem
Mörder . . . einem Sklavenhändler . . . den Kaisern von Rom!“
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen. Sie erbitterteihn auf's Höchste und in rasender Wuth stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige warme Blutstropfen flossen über meinen Hals: mein glühender Kopf, meine iu diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die Nothwendigkeit versetzt, um Hülfe zu rufen. Sobald der Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei und als ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu trennen,, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
„Mutter, sieh nur, wie Jane mich zugerichtet hat“ --- rief John
ihr entgegen --- sie hat mich geschlagen, gekratzt und gebissen, und - -
was meinst Du, weshalb? Weil ich ihr verbot, mir meine Bücher
zu verderben.
„Der Bube hat ohne Veranlassung mich arg gemißhandelt!“ ---
wollte ich entgegnen, aber meine Stimme wurde von der meiner.
Tante übertönt.
„Wie, Du hast Dich unterstanden, Dich an meinen Sohn thätlich zu vergreifen ? Ist das der Respekt, den Du ihm schuldig bist? Ist das der Dank für die Wohlthaten, die wir Dir gewähren?“
Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.
„In die rothe Kammer!“ rief sie, „schließt sie ein und lasst sie dort!“
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem Zimmer, in welchem der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen Stuhl gesetzt
worden war, wollte ich wieder aufspringen und den Kampf mit
meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr,
welchen Heiligen sie anrufen und wie sie die wüthende Katze bändigen
sollten, die ihnen soviel zu schaffen machte. Endlich hatte die Eine
von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie, das einzige Wesen
das mir in diesem fluchwürdigen Hause zuweilen Beweise von einer
Art Freundschaft gegeben hatte.
„Wenn Sie sich noch länger sträuben, Miß,“ sagte sie zu mir,
„so müssen wir Sie binden. Miß Abbot,“ setzte sie hinzu, „leihen
Sie mir doch ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald
zerreißen.“
Miß Abbot wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln
von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr gewaltiger Körper ruhte.
Ich sah einen neuen Schimpf voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine gewisse gezwungene Ruhe gab.
„Bemühen Sie sich nicht, Miß Abbot!“ rief ich aus, „ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu rühren.“
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich wider meinen Willen gesetzt worden war.
Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die beiden Mädchen hielten es nun für angemessen, mir eine lange Predigt zu halten über mein thörichtes Benehmen und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm und schutzlos war, dem Willen derjenigen unterwerfen müsse, die mir Brot gaben. In trotzigem Stillschweigen und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen die Thür.
Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten, habe ich nicht
vergessen. Das rothe Zimmer war ein großes, selten bewohntes Ge mach, denn Besuche waren in Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte, wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahagonyfüßen ein großes Bett, mit Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden. Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über den vor dem Bett stehenden Tisch war ein ähnliches Tuch gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet, auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettenschrank und die Stühle von altem, dunklen Mahagony glänzten in der Dunkelheit, von der besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendendweißen Ueberzügen, und dann ein Krankenlehnstuhl, mit einem gleichen Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen Augenblicke wie ein „bleicher Thron“ erschien.
Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie ein Feuer angezündet wurde. Da es von die Kinderstube und der Küche ziemlich weit entfernt lag, so herrschte fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume, der mir
ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von meinem Sitze auf
ging nach der Thür, die, wie ich wähnte, vielleicht offen geblieben
konnte. Ein kalter Schauder ergriff mich, als ich sah, daß sie wirklich fest verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren, mußte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes erblickt hatte. Mein Blick versenkte sich unwillkürlich in die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Wäschkammer allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab. –
In diesem kleinen mageren und blassem Geschöpf, dessen scheue
Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme sich auf dem dunklen
Hintergrunde abzeichneten und das eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach einiger Zeit . . . die unglückliche Nichte der Mistreß
Reed. Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich mit
dieser seltsamen Transfiguration meiner eigenen Person allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren Bildern, die
an meiner überreizten Phantasie vorüberzogen und welche die heftige
Aufregung meines Kopfes und die so lange unterdrückte Empörung
meines Herzens in mir hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage, von der
Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner kränklichen Häßlicheit, die meinen
Verwandten ein Gräuel war, und von meiner angeborenen Menschenscheu, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach und nach die
spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen,
daß der Himmel noch fortwährend seine Schmerzensthränen vergoß,
daß der Wind traurig in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich
allmälig eine entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen, und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu sterben. Dann war es mir. als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des
Geisterbettes . . . dies war der Gnadenstoß für mich. ----
Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden wurde und
daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Betäubung erwachte, in welche
mich die Angst versetzt hatte. Man mußte den Arzt rufen, ihm die
meiner Ohnmacht voraufgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der
gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles war
keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed zu gewinnen.
Wir geriethen noch mehrere Male in Streit miteinander und bei
jeder solchen Gelegenheit steigerte sich mit meiner Widersetzlichkeit gegen
ihren Willen der Haß, den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder
Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz schwarz gekleideter Mann
von häßlichem Gesicht und schmeichelndem Benehmen. Man rief mich
herbei, um mich ihm besonders vorzustellen, was mich in das höchste
Erstaunen setzte, da es mir noch nie begegnet war. Er fand mich sehr
klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen und ob ich
wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem Tode kämen. Auch wollte
er wissen, ob ich die Bibel gelesen hätte, und schien sehr entrüstet,
als ich ihm unter Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus
nicht interessirten.
„Dies ist ein Beweis,“ sagte er „daß Du ein böses Herz hast.
Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß Gott Dich davon befreit
und Dir ein anderes dafür giebt, ein Herz von Fleisch, anstatt eines
Herzens von Stein.“
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen beschattete
Augen, große Nase und hervorstehende Zähne ich noch vor mir sehe,
hieß Mr. Brocklehurst. Er war der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über meine Aufnahme
in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die Sache kam ohne große
Schwierigkeit zu Stande und am darauf folgenden 19. Januar, einer
der denkwürdigen Tage meines traurigen Lebens verließ ich Gateshead-Hall mit einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet hatte, ihr nie wieder den Namen „Tante“ zu geben, ein Beweis, daß ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben. Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgültigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein vor jeder wirklichen Erniedrigung bewahrt hat.
Zweites Kapitel
Die Waise in Lowood
Hatte mich Haß und Bosheit bei der Familie meines Oheims verfolgt, so waren es nun Entbehrungen aller Art, denen ich entgegen ging. Ich habe S Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Freundin, und ich habe kaum eine schwache Erinnerung von diesen 8 Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen, die nämlich fast durchgängig verdrießlichen und leidenden Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber, die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen lebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig niederholt, daß diese S Jahre meiner Jugend kaum den Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien, der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in meinem Gedächtniß zurückgelassen haben.
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen. Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost, den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein: aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von der puritanischen Einfachheit, welche uns allen die nämliche Kleidung gab: den nämlichen Haarputz ohne Locken, die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an unserem Gürtel hing und als Arbeitsbeutel diente, die nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir, von allen Mitteln entblößt, auch im Aeußeren unsere Armuth bekundeten. Aber warum verweigerte
man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder
Sorgfalt, der soweit ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren,
die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit
zugemessen wurden? Warum ließ man uns im Winter in großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem Mangel der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klima's äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend in der Mitte eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger
ungesund. Aber mit den ersten schönen Tagen drangen die Fieber
und der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten das
mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus in ein großes
Hospital. Diese Krankheiten fanden uns schon geschwächt durch eine
fortdauernde halbe Hungerkur und durch Erkältungen, gegen welche
man nie die geringsten Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der
Blumen war für uns die Zeit der Cypressen.
Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate sind mir
treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige Bewegung als --
das beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher
den Schülerinnen, welche von der Krankheit verschont blieben, den
Garten, und ich habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder den einzigen -
Roman las, welcher in diesem frommen Hause gestattet war: „Rasselas“,
liebe Freundin, ja, „Rassellas, Prinz von Abyssinien!“
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir , Rasselas-- wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie war es ferner, die mir erklären, was ich noch nicht wußte, daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl
fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht wurde. Ueberhaupt
verdanke ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und
über die Art und Weise, wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt; aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere von den Personen, die unsere Erziehung
leiteten, gegen sie einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeiten und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften können, mit dem man sie ohne Ursache verfolgte.
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht erklären, das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet haben würde, das aber
bei meiner gottesfürchtigen Freundin eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der größten Ruhe,
derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am meisten quälte, die Strafruthe
hatte bringen sehen, wollte ich mir über diese mich in Erstaunen setzende
Resignation Aufklärung verschaffen.
Ich setzt: mich neben Helenen, welche in der leeren Klasse am
Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß sie das Buch.
„Ich wette“ sagte ich ohne Einleitung zu ihr, „daß Du mit dem
Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.“
„Ich?“ erwiderte sie, indem sie mich mit ungeheucheltem Erstaunen
anblickte; „ich bitte Dich, warum denn? Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützen, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?“
„Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja so grausam gegen Dich?“
„Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng. Meine Fehler mißfallen ihr.“
„An Deiner Stelle würde sie mir mißfallen. Ich würde mich ihr
widersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie sie Dich geschlagen hat, würde
ich ihr den Stock aus der Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht
zerschlagen.“
„Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn Du es
thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen werden und darüber
würden sich Deine Verwandte sehr betrüben. Es ist viel besser, einen
Schmerz zu ertragen, der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung
von Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme
schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, das Böse mit Gutem zu
vergelten.“
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack an ihr zu
finden. Was mich besonders wunderte, war de Mangel jedes Grolls
gegen die Person, über welche sich, meiner Ansicht nach, Helene mit
Recht zu beklagen hatte. Ich fühlte jedoch in meinem Herzen, daß
Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt besaß, das
mir noch fehlte.
„Du sagst, Helene,“ fuhr ich fort, „daß Du Fehler hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz tadellos.“
„Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren, nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin, wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich nicht den Regeln der Anstalt, aber es geschieht häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich keiner systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß Scatcherd nicht, denn sie ist im Gegentheil außerordentlich genau, pünktlich, eigen . . .“
„Gehässig und hartherzig!“ setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie schwieg.
„Uebrigens, fuhr ich ohne Ueberlegung fort, , warum bist Du
eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.“
„Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane. Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und ich habe gesehen, wie aufmerkfam Du warst. Während Dir Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen vorlegte, hörtest Du aufmerksam zu, und warst nicht zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatherd mit mir spricht uid ich nur nach ihr hören sollte, daß ich zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr vernehme. Ich versinke in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als befände ich mich in Northumberland und als wäre das Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unseres Hauses vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten, so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten Rauschen des heimathlichen Wassers gelauscht habe, so bin ich auf keine passende Antwort vorbereitet.“
„Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler geantwortet.“
„Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des Unterrichts interessirte. Es war von Karl 1. die Rede, und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter König zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln konnte. Seine Einsicht wurde wahrscheinlich durch seine hohe Stellung getrübt. Wenn er die Vorrechte seiner Krone hätte bei Seite lassen, und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können . . . Doch trotz alledem liebe ich diesen Karl . . . ich hege große Achtung und Theilnahme für den unglücklichen, gemordeten König. Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut, das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie konnten sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?“
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete ohne zu ahnen.
Wir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unseres Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß die Rache nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei, da sie für jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
„Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt, Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen nehmen, wenn sie gerecht ist.“
„Das ist aber gegen die Lehren der Religion,“ erwiderte Helene ruhig, „welche diese Grundsätze verwirst.“
„Verwirft? Das ist mir unbegreiflich!“
„Und zwar deshalb, weil durch Heftigkeit der Haß nicht entwaffnet
wird und die Rache eine Ungerechtigkeit nicht wieder aufhebt.“
„Auf welch' andere Weise kann denn dies geschehen?“
„Darüber eben geben die Lehren der Religion Auskunft, welche
allein vermögen, Dich dauernd z.u beglücken. In alle menschlichen Verhältnisse tief eingreifend, gebieten sie in diesem Falle: Liebet eure Feinde, segnet, die Euch fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und
verfolgen.“
„Nach diesen Vorschriften,“ rief ich aus, „müßte ich Mistreß Reed auch lieben und dies kann ich nicht; ich müßte ihren Sohn John segnen, und dies ist unmöglich.“
Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war
ihr noch unbekannt. Es war eine ganz natürliche Gelegenheit, sie ihr
zu erzählen, und von diesem Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen, Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß jener Zeit entschwunden,
die uns langsam aber unbewußt verstrich. Ich weiß nur, daß ich mich während eines der schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben
erwähnt habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand,
ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehrere Wochen, ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mir unter diesem unbestimmten Worte einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der Klasse
gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt, daß Miß Temple,
diejenige unserer Lehrerinnen, welche Helene und ich am meisten liebten,
meine Freundin an warmen Nachmittagen in den Garten führte. Man
gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu sprechen
Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht immer mit einem grünen
Schleier verhüllt war.
Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den
man uns spazieren geführt hatte, sah ich im Mondenscheine, vor der Gartenthür, den Poney des Herrn Bates, unseres Arztes, stehen. Eine
von uns bemerkte, daß wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in
der Anstalt sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich
achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen pflanzen wollte, die ich mit
aus dem Walde gebracht hatte, weil sie verwelken könnten, wenn ich
bis Morgen wartete. Die von Thränen des Abends benetzten Blumen
strömten süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach
einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war, der Mond
stieg prachtvoll in dem dunklen Blau des Osten empor, und dies Alles
brachte mich auf den Gedanken, daß es doch recht traurig sei, im Bett
liegen zu müssen und ein so herrliches Schauspiel nicht genießen zu
können. Ich dachte ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde,
diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen zu müssen,
um in eine andere zu gehen, die Niemand kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen zu schöpfen. Es war vergebens; er schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde, der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete, bis er zu Pferde
gestiegen war, und als sie eben das Gitterthor des Hofes verschließen
wollte, eilte ich auf sie zu.
„Wie geht es Helene Burns?“ fragte ich sie.
„Nicht zum Besten,“ war die einzige Antwort, die ich zuerst
erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
„Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihrer geholt worden?“
„Allerdings.“
„Und was sagt er dazu?“
„Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.“
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage,
würden diese Worte nur ihre buchstäbliche Bedeutung für mich gehabt
und ich würde geglaubt haben, Helenens Eltern hätten sie in ihr
geliebtes Northumberland zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit
meinem heutigen Gedanken in Verbindung und erhielt dadurch ein
klares und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welcher meiner
Freundin drohte. Ich sah sie schon hienieden ihre letzten Stunden
zählen und im Begriff, nach dem geheimnißvollen Regionen entführt
zu werden, an die ich so eben gedacht hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und ein tiefer
Schmerz . . . dann fühlte ich ein unwiderstehliches Verlangen, das
liebenswürdige Mädchen noch einmal zu sehen. Die Krankenwärterin
sagte mir wohl, daß Helene in Miß Temple's Zimmer lag; aber mehr
konnte ich nicht von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten
Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal. Es
hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille schließen
konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus meinem Bett,
warf meine weite Blouse über und schlich mich barfuß aus dem
Saale, um das mir bezeichnete Zimmer aufzusuchen. Ich kannte den
Weg und überdies erleuchtete der Mond die langen Corridors hin-reichend, so daß mein Unternehmen nichts weniger als schwierig war; als ich aber an dem Krankensaale vorüber ging, der einen starken Geruch von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich eine entsetzliche Furcht, da ich gedachte, daß bei dem leisesten Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.
Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte. Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel um ein wenig Luft in das Krankenzimmer einzulassen.
Ich zauderte nicht länger, meine Besorgnisse waren verschwunden.
Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu sehen, aber sollte ich sie
lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem Vorhange desselben halb verborgen, traf mein Blick auf ein schmales Lager, unter dessen Decke sich eine menschliche Eestalt abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische stand ein düster brennendes Licht.
Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß sie zu
einer andern Schülerin gerufen worden war, welche phantasirte.
Ich trat näher, und legte die Hand an den Vorhang. Ich fühlte
jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn zurückzog.
„Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre?“ dachte ich. „Helene
bist Du wach?“ fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie von selbst und
ich erblickte ein blasses, eingefallenes, aber vollkommen heiteres Gesicht.
Meine Befürchtungen waren sogleich verschwunden.
„Wie, Jane, Du bist hier?“ fragte mich Helene mit der lieblichen
Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
„Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen Stimme kann
man nicht sterben,“ sagte ich zu mir selbst und beugte mich über das
Bett, um meine Freundin zu umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre
Wange ebenfalls; ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr
Lächeln war noch das nämliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren, daß ihre
Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte nicht einschlafen können,
ohne sie vorher einmal zu sehen.
„Nun wohl,“ entgegnete sie, „Du kommst gerade noch zur rechten
Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.“
„Du reisest also ab. Helene? Du kehrst nach Hause zurück?“
„Ja,“ erwiderte sie, „nach Hause . . . nach Hause für immer.“
Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme versagte
mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein
heftiger Husten, der aber die Wärterin nicht aufweckte, verhinderte
Helenen einige Minuten am Sprechen. Dann sagte sie viel leiser zu mir:
„Deine Füße sind bloß, Janne; lege Dich zu mir und verbirg sie unter der Decke.“
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich an ihre Brust.
„Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Janne,“ fuhr sie nach einer
ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme fort. „Wenn man Dir
sagen wird, daß ich todt bin, so betrübe Dich nicht, es ist nicht der
Mühe werth. Früher oder später muß es doch dahin kommen und
die Krankheit, welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft. Sie verschlimmert sich allmälig, fast ohne daß ich es bemerke, und läßt meine
Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern.
Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird
mich daher nicht sehr vermissen. Indem ich jung sterbe, entgehe ich
vielen Leiden. Ich besitze nicht das, was nöthig ist, um es in der
Welt zu Etwas zu bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln und über mich zu klagen haben.“
„Aber, Helene,“ fragte ich sie ängstlich, weißt Du, wohin Du
gehst?“
„Ich gehe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wird. Gott ist mein Vater und mein Freund.“
„Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?“
„Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns Beide erschaffen hat.“
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich. Ich schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte ich sie zurückhalten.
„Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke!“ hob sie wieder an.
„Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir. Aber es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?
„Nein,“ antwortete ich, „und kein Mensch soll mich jetzt von Dir
trennen.“
„Gute Nacht, Jane!“
„Gute Nacht, Helene!“
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte; überall herrschte eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete, sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein Bett verlassen hatte; auf alle meine Fragen erhielt ich keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, dass Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich auf Helenens Bett, meinen Kopf an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Nacken geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. Helene war gestorben!
So hatte denn die Vorsehung mich wieder von der einzigen
Freundin getrennt, die mir den Aufenthalt in Lowood einigermaßen
erträglich machte. Denken Sie sich meinen Schmerz! Miß Temple,
diejenige der Lehrerinnen, welche mir und Helenen noch die meiste
Theilnahme bewies, ist fast die einzigste, welche ich mit dankbarer Erinnerung aus meinem traurigen Aufenthalt in Lowood erwähnen
kann. Sechs Jahre blieb ich Schülerin in jener Anstalt und hatte
während dieser Zeit die vorhandenen Mittel zu meiner Ausbildung so
gut benutzt, daß ich die letzten zwei Jahre meines Aufenthaltes zur
Unterlehrerin avaneirte. Ich war selbst eine leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich gewandt des Pinsels, was für
meine späteren Jahre die Quelle mancher Erheiterung geworden ist.
Warum sollte ich Sie, verehrte Freundin, durch Erzählung dessen
ermüden, was mir sonst in Lowood begegnet ist. Ist es mir doch fast
selbst aus dem Gedächtniß entschwunden, so eintönig und einförmig folgte ein Tag dem andern, deshalb erwähne ich nur des Ereignisses, welches zunächst mich zu dem Wunsche veranlaßte, Lowood zu verlassen.
Nachdem ich 8 Jahre daselbst zugebracht, verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, daß mir von diesem Augenblicke an ein unerträglicher
Aufenthalt wurde. Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für
Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation,
für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den
mir die Vorsehung für immer angewiesen zu haben schien, gehalten
hatte, nichts Anderes war, als die Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen Rathschläge Miß Temple's. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen meine frommen Borsätze, zu leben und zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen wie ich,
den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die Trautrigkeit,
von der ich mich ergriffen fühlte, der Sehnsucht nach meiner abwesenden
Freundin zugeschrieben hatte, machte ich eines Tages, ohne mir eigentlich
selbst Rechenschaft darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich
den zu engen Horizont unseres Asyls nicht mehr länger ertragen konnte,
daß ich mich nach einer größeren Welt außerhalb dieses klosterähnlichen
Gefängnisses sehnte. Ich dachte fortwährend an diese Welt, an ihre
gefahrvollen Prüfungen, an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen,
von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben,
und mein Muth steigerte sich bei dem Gedanken, mich hinein zu stürzen,
sollte ich auch darin umkommen. Aber dieser Muth schwand bald
wieder, wenn ich überdachte, daß ich möglicherweise wieder solch einem
Schicksal entgegen gehen könnte, wie ich es im Hause meiner Tante
erfahren hatte. Diese Befürchtung war es, welche meinen Aufenthalt
in Lowood verlängerte.
Als ich einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht einmal den Versuch machen konnte, dieses unwiderstehliche Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stille im Schlafsaale; nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war, erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich die Personification der prosaischen Dienstbarkeit, zu der ich wider meinen Willen verurtheilt war,
und der ich mich durchaus entziehen wollte. Alle meine Gedanken
concentrirten sich jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen,
Lowood zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und
chimärischer war, als der andere, durchkreuzten sich in meinem erhitzten
Kopfe, der sie als unausführbar verwarf, nachdem er sich einen Augen-
blick mit ihnen beschäftigt hatte. Plötzlich tauchte der Gedanke in
mir auf:
„Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich ihr nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige Stellung anzunehmen, als die, welche mir das Schicksal angewiesen hat?“
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur eines Vorwandes, und deren gab es tausende, um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des Journals ab, welcher das Gesuch einer Gouvernante enthielt, die sich erbot, ein oder mehrere junge Mädchen unter vierzehn Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch, Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter der Adresse: Miß J. E., poste restante Lowton. Dann nahm ich mir vor, alle
acht Tage nachzusehen, ob Jemand geneigt war, auf mich zu reflektiren.
Mein Wunsch ging schneller in Efüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen enthielt:
„Wenn J. E., welche sich am vergangenen Donnerstage in
dem . .. shire Herald als Gouvernante offerirt hat, wirklich
die angeführten Talente besitzt, und wenn sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer früheren Wirksamkeit beibringen kann, so wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen,
in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter 10
Jahren zu leiten hat. Der Gehalt besteht in 8 Pfund Sterling
für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen,
sowie die Namen der Personen, auf deren Empfehlung sie sich
beruft, an die Herren Fairfax in Thornfield bei Millcote in der
Grafschaft * * einsenden.“
Die Handschrift dieses Briefes war schwerfällig, altfränkisch und
zitternd; es war augenscheinlich die einer Frau in vorgerückten Jahren.
Ich konnte mir nichts Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir
sogleich das Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten
Manieren und ganz in schwarzer Seide gekleidet. Thornfield war
ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein Schloß mit kleinen Thürmen
und in Bezug auf Millcote überzeugte ich mich bald durch Nachschlagen
in einem geographischen Lexikon, daß es ein bedeutender Fabrikort war,
der an dem Flusse A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen
vorstellen, daß von betriebsamen Einwohnern bevölkert war, einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler Rauch emporstieg, das Geräusch von Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen und der Schiffer, die sich herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein geringes
Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument
bei der Vorsteherin, wenn sie es sich hätte beikommen lassen, meinem
Abgange hindernd in den Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht
daran und wollte nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person,
welcher die Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.
Meine ehrenwerthe Tante antwortete mir zwei Zeilen, „daß ich
ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie schon seit langer
Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine Angelegenheit zu mischen.“
Ich hatte also nach wenigen Tagen mit meinem Zeugniß meiner guten
und treuen Dienste volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung
mich rief. In der Zwischenzeit hatte ich an Mistreß Fairfax geschrieben,
die sich in ihrer Antwort durch die meinem Briefe beigefügten Zeugnisse
befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn meine wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen Zeit nicht sehr vermehrt.
Eben so bestieg ich an einem Octobermorgen um vier Uhr die durch
Lowton fahrende Diligence und sechzehn Stunden nachher, gegen acht
Uhr Abends, befand ich mich in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor
einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an den Wänden des
„Salons“ ein Portrait von Georg III., ein anderes von dem Prinzen
von Wales und den berühmten Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's
darstellt, bewundern konnte. Dies sei nur erwähnt, um Ihnen zu
zeigen, wie lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß geblieben sind.
Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde betrachtet
hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und zugleich der sehnlichste
Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich klingelte daher und erkundigte
mich nach einem Landsitze mit Namen Thornfield, der in der Nähe
von Millcote liegen sollte.
„Ich kenne diesen Ort nicht, erwiderte der Kellner, aber ich
will nachfragen.“
Nach einigen Augenblicken kam er eiligst zurück und fragte mich:
„Sind Sie vielleicht Miß Eyre?“
„Allerdings.“
„Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.“
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen Wagens, den
ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich.
bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers,
ließ mich in den Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich ihn
fragte, ob Thornfield weit sei:
Ohngefähr sechs Meilen „in höchstens anderthalb Stunden sind wir dort.!“
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über Mistreß Fairfax
ein wenig herab. Die reiche Wittwe, die ich mir vorgestellt hatte,
sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben.
Ich hatte mich indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben, die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und Liebenswürdigkeit schmückte.
Drittes Kapitel:
Die Waise in Thornfiled-Hall
Fast ganz in der voraus bestimmten Zeit kamen wir bei dichtem
Nebel vor einem Hofthore an, welches der Kutscher öffnete und das
sich hinter uns mit Geräusch wieder schloß. Dann hielt der Wagen
am Fuße eines Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig
dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden Fensters,
hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und
ließ mich aussteigen. Dann führte sie mich durch eine Vorhalle, auf
welche sich vier große Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der
von einem behaglichen Feuer und mehreren Lichtern hell erleuchtet
Hier saß an einem runden Tische in einem großen Lehnstuhle
von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast ganz dem Bilde entsprechend,
das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau
von außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Wittwenhaube, ein schwarzseidenes Kleid und eine weiße Musselinschürze. Zu ihren Füßen schlief eine große Katze und sie strickte mit lobenswerthem Fleiße; mit einem Worte, es konnte mich nichts schneller und besser beruhigen, als das
friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als ich den Thee
angenommen hatte, den meine neue Gebieterin mir mit größerer Artigkeit
anbot, als ich gehofft hätte, fragte ich sie ganz unbefangen:
„Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben, Miß Fairfax zu sehen?“
„Wie sagen Sie, meine Liebe?“ versetzte die gute Dame. „Ich-
höre ein wenig schwer.“
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
„Miß Fairfax? Ah so ... Sie meinen Miß Varens. So heißt Ihr künftiger Zögling.“
„Sie ist also nicht ihre Tochter?“ fragte ich etwas verwundert.
„Nein, ich habe keine Kinder.“
Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugehen, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen der Langeweile und der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen konnte.
Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß Fairfax sich
selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so wenig zu gefallen schien,
fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich
willkommen hieß, zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinem Anzug, denn da ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so wollte ich doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinem Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß, sondern nur
ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus, das vor einigen hundert
Jahren erbaut war und dessen graue Façade sich von dem braunen
Hintergrunde eines Gehölzes abzeichnete, in welchem mehrere hundert
Krähen ihr Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel
zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer großen Wiese nieder, die
zwischen dem Hause und einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken
verkrüppelten Stämmen lag, deren in einander verschlungene Zweige
einen undurchdringlichen Wald bildeten.
„Thornfield,“ dachte ich, „heißt Dornenfeld. Diese Bäume haben
der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen gegeben.“
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
„Gefällt Ihnen Thornfield?“ fragte sie mich dann.
„Außerordentlich!“ erwiderte ich mit dem Ausdrucke der Wahrheit.
„Es ist in der That nicht übel,“ versetzte Mistreß Fairfax. „Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen, wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit lang zu bewohnen oder es wenigstens öfter zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit des Besitzers unerläßlich.“
„Master Rochester?“ rief ich aus; „wen meinen Sie damit?“
„Den Besitzer von Thornfield,“ erwiderte sie mit großer Ruhe.
„Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester heißt?“
„Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehörte Ihnen.“
„Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin blos als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn Sie wollen. Ich bin allerdings, daß heißt, mein Gatte war entfernt mit Rochester verwandt, denn die Mutter des jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine im zweiten Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist. Ich nehme hier nur eine untergeordnete Stellung ein und da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.“
„Und das kleine Mädchen, meine Schülerin? . . . “
„Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt sie übrigens mit ihrer
Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.“
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegen kam, war ein Kind von sieben bis acht Jahren, von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war. Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre französische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde, nachdem Mistreß Fairfax m ich ihr vorgestellt, hatte sie mir bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen, mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: „Der Rattenbund“ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch, ich weiß nicht was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger Talente ein Ziel setzte.
Nach dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit hat sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus in allen seinen Einzelheiten. Als wir in das Staatszimmer traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit gegossenen Stuckverzierungen, einen marmornen; Kamin und bömischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein, schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.
„Aufrichtig gesagt, Miß Eyre,“ entgegnete sie, „würde ich mir nicht aus eigenem Antriebe die Mühe geben, welche ein solches Arrangement erfordert; aber ich habe bemerkt, daß, wenn Herr Rochester, uns einen seiner seltenen und stets unvermutheten Besuche abstattet, ihn die Unordnung und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzuges unangenehm ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihn diesen kleinen Verdruß zu ersparen.“
„Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?“
„Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und scheint Werth darauf zu legen, daß man sie achtet. Es sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.“
„Ist er allgemein beliebt?“
„Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung. Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.“
„Verzeihen Sie . . . ich verstand meine Frage anders. Lieben
Sie Herrn Rochester?“
„Ich habe durchaus keinen Grund ihn nicht zu lieben. Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.“
„Aber sein Charakter . . .“
„Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber wir haben uns nicht darüber zu beklagen.“
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun als meines Gleichen
betrachtete, mir vor, auf die Dächer des Schlosses zu steigen, wo man,
wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen
Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg, gingen wir durch
eine lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte Temperatur, vergilbtes Meublement und altmodische Tapeten unwillkürlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtigere Ansicht, als ich bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig still, und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts, als mir plötzlich zu meiner höchsten Ueberraschung aus eine dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes Gelächter entgegen schallte.
Es war ein ganz eigenthümliches, kurz abgestoßenes, regelmäßiges
Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte. Zuerst nahm es an
Stärke zu und dann ging es in ein sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
„Mistreß Fairfax!“ rief ich, als ich mich ein wenig von meine
Erstaunen erholt hatte und meine Begleiterin auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. „Haben Sie dieses Lachen gehört?“
„Wahrscheinlich ein Bedienter, entgegnete sie leicht hingeworfen.
„Aber haben Sie es denn gehört?“
„Allerdings, ich höre es oft. . . Es wird Grace Poole sein, die
zuweilen hier oben arbeitet.“
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
„Grace!“ rief Mistreß Fairfax.
Dieser Name schien nicht im Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich indeß sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und auffallender Häßlichkeit, mit hochrothem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
„Grace,“ sagte Mistreß Fairfax zu diesem ganz gewöhnlich Geschöpf; „es ist zu geräuschvoll hier, Ihr wißt, was Euch befohlen ist . . .“
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.
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Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann glücklicher sein können, als ich in Thornfield war. Mein Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüth und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruß. Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Thätigkeit fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswerthes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den anscheinend so demüthigen Frauen, welche man nur dafür tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken, welche sich scheinbar diesem demüthigenden Loose unterworfen haben und die gleichviel bei ihren geistlosen Arbeiten tausend und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate Oktober, November, Dezember und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen starken Schnupfen hatte, durch Mistreß Fairfax bitten, die Unterrichtsstunden für heute auszusetzen und ich weigerte mich anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner freien Verfügung zu haben. Adele bat dringender und ich gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Mistreß Fairfax eben einen Brief beendigt,
der zur Post geschickt werden mußte. Die Straße war hart gefroren,
der Himmel rein und die Sonne schien klar und hell, so daß mich die
Lust anwandelte, da ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gelesen
hatte, selbst den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden
wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei Stunden bei
dem schönsten Wetter; eine Einsiedlerin wie ich, konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben, um in dem
Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden, welchen die Maler
darin entdecken und den sie allein wiederzugeben im Stande sind.
Wenn ich zu diesen Auserwählten gehörte, wenn ich den magischen
Pinsel eines Constable besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum
mit der Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als die Glocke auf dem Kirchthurme des Dorfes drei Uhr schlug. Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in einer Gegend, die im Sommer ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagedorns und der Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter einen Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin, ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine Cypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume bewegten sich eben so wenig unter seinem Hauche als die weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von einer Art Begeisterung
ergriffen. Ich vergaß die Kälte, den Zweck meines Ausgangs, die
herannahende Dunkelheit, hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte
die Hände tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne
Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte indeß erst die
Hälfte des Weges nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen
wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einen Schleier von
Bäumen, an dem von den Dächern emporsteigenden Rauche und dem
leisen Geräusch erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen
Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield
sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem
Asyle der lärmenden Krähen. Thornfield begrenzte den westlichen
Horizont und ich hörte nicht eher auf, es zu betrachten, als bis die
untergehende Sonne hinter seine hohen Mauern hinabgesunken war.
Jetzt erst dachte ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich
noch einmal dem Rauschen eines entfernten in einer unbekannten
Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich plötzlich, zwar ebenfalls
noch in der Ferne, aber ganz deutlich, den hellen, regelmäßigen metallischen Klang eines Hufschlages, welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren Baches noch übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen Wege getrabt, an dessen Rande ich saß und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit jeder Sekunde
näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei Sagen angefüllt.
So erinnerte ich mich, während ich nach der Richtung blickte, woher
das Pferd kommen mußte, einer Menge von Wundermärchen, in denen
ein im Norden Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter
Geist die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes, eines
Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise die einsamen
Straßen besucht und den verspäteten Reisenden viel zu schaffen macht
und ich selbst hatte mich in diesem Augenblick verspätet.
Während ich über diese phantastische Erscheinung nachsann, hörte
ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch, über das ich heftig
erschrak, und fast in dem nämlichen Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen Zweige einen großen Hund hervorkommen,
dessen schwarz und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde
der Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner Ammenmärchen:
eine Art Löwe mit langem Haar und dickem Kopfe, und ich wunderte
mich, daß er ganz ruhig an mir vorüberging, indem er mich kaum
eines allerdings übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht
mit dem eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt, daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie
begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz, und, was noch schlimmer war, mit einem Reiter auf dem Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei geritten, und da ich mich wieder ganz im Bereiche der Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der unmittelbar darauf folgende Ausruf: „Verwünschte Geschichte!“ veranlaßten, stehen zu
bleiben und mich umzusehen.
Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war auf einer;
hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine,
Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte, um seinen Herrn,
herumlief und mir entgegengesprungen kam, um meinen Beistand an-
zusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien es mir
eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu, während er sich mit großer
Anstrengung von den Steigbügeln und von der Last seines Pferdes
zu befreien suchte. Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so
konnte man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei. Ich
fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe.
Ich hörte seine Antwort nicht deutlich und vermuthete fast, daß
er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen halblauten Fluch
ausstieß.
„Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen?“ fragte ich ihn weiter.
„Sie können mir aus dem Wege gehen,“ erwiderte er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte. Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem Hunde mit einem sehr kräftigen: „Ruhe, Pilot!“ Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären.
Wahrscheinlich aber entdeckte er eine mehr oder minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein Pferd zu besteigen, setzte er sich an die
Barrière, die ich vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein,
denn ich näherte mich ihm von Neuem.
„Wenn Sie verwundet sind, mein Herr, und irgend einer Hülfe
bedürfen, sagte ich zu ihm, ,so könnte ich sie Ihnen von Hay aus
oder von Thornfield-Hall zusenden.“
„Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst aus der
Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen, sondern mir nur
den Fuß verrenkt.“
Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen Sonne geröthet und am östlichen Horizonte glänzte der Mond. Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir, den Fremden deutlich zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur soviel
unterscheiden konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur
war. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und der
Ausdruck seiner Physiognomie ernst und streng. Besonders in diesem
Augenblicke verliehen ihm die zusammengezogenen Brauen und die
noch zornfunkelnden Augen ein wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er noch nicht
das eigentliche reife Alter erreicht hatte: man konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den
zu verlangen der durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je einen
Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, mit einem
dieser Wesen zu sprechen, die mir stets als gefährlich dargestellt worden
waren, empfand ich für dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für
das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt und dabei
schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen, hätte er meine
gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet, so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche
Benehmen und die verdrießliche Laune meines Unbekannten beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink gab, mich zu entfernen,
rief ich aus:
„Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in einer solchen
Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht überzeugt habe, daß Sie
im Stande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.“
Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
„Aber mich dünkt,“ entgegnete er fast sogleich, „daß Sie jetzt zu
Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in der Gegend wohnen.
Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?“
„Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich durchaus
nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich würde gern nach
Hay gehen, um Ihnen Hülfe zu senden; übrigens gehe ich ohnedies
dahin.“
„Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie? Das heißt
also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit den Schießscharten?“
fragte mich der Fremde, indem er nach Thornfield-Hall zeigte, das
der Mond senkrecht beleuchtete.
„Ja, mein Herr.“
„Und wem gehört dieses Haus?“
„Herrn Rochester.“
„Kennen Sie Herrn Rochester?“
„Nein, ich habe ihn nie gesehen.“
„Bewohnt er sein Haus?“
„Nein.“
„Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?“
„Dies weiß ich nicht.“
„Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse; Sie sind ...“
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu betrachten,
der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Castorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben würde. Ich sah, daß er etwas verlegen war.
„Ich bin die Gouvernante,. sagte ich daher, um seiner Ungewißheit ein Ende zu machen.
„Ah so, die Gouvernante,“ versetzte er; auf Ehre, ich dachte nicht
mehr daran.“
Er betrachtete mich von Neuem. Nach einigen Minuten versuchte
er nochmals aufzustehen, aber ein heftiger Schmerz malte sich in seinen
Zügen.
„Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,“ sagte er
endlich, „Beistand für mich herbeizuholen, aber wenn Sie die Güte
haben wollten, könnten Sie selbst mich ein wenig unterstützen. Haben
Sie vielleicht einen Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte?
Nein . . . nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am Zügel zu
nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie Muth genug dazu?“
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben;
aber ich weiß selbst nicht warum, es war mir, als müßte ich diesen
Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf
die Barriere und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr
feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien, sich zu
bäumen und dessen Hufe dicht neben meinen Füßen den Erdboden
stampften, was mir große Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige
Zeit auf den Erfolg meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen.
Dann lachte er laut auf.
„Ich sehe wohl,“ sagte er, „daß das Pferd nicht zu mir kommen
wird, und daß ich also versuchen muß, zu dem Pferde zu gelangen.
Haben Sie die Güte, hierher zu kommen.“
Ich gehorchte ohne den geringsten Einwand.
„Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit,“ fuhr er fort, „aber die
Nothwendigkeit zwingt mich dazu, Sie selbst als Stütze zu benutzen.“
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer
dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte, fast ganz auf einem
Bein hüpfend, bis zu seinem Pferde, das er beim Zügel ergriff.
Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel
zu schwingen. An seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich
wie sehr ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen
hinderlich war.
„Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie liegt dort an
der Hecke.“
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
„Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay, und kommen Sie baldmöglichst zurück.“
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem Pferde die
Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann im Galapp davon
sprengte. Sein Hund flog ihm nach und alle Drei verschwanden in
der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Zufall,
aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich seit länger als vier Monaten
in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens der Antheil war, den ich an
dem Vorfall genommen hatte, so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß ich wohl zum ersten Mal in meinem Leben die wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte mit einem, wenn nicht schönen, so doch ausdrucksvollen Gesicht. Es stand noch vor meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder, als ich auf dem Rückwege an die Barrière kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörichten Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen Hund und den
in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen. Die schwere
bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte, war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete Thür des Speisesaales drang ein helles und rötliches Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbel und die scharlachrothen Vorhänge darin glänzen; am Kamin sah ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen an mein Ohr, unter
denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax. Das Feuer
brannte, aber wider alles Erwarten fand ich weder Licht noch die
gute Dame selbst darin. Dagegen lag mit halbgeschlossenen Augen und
das knisternde Feuer im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer,
schwarz und weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem
Bytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich, daß ich mich
der Illusion völlig hingab.
„Pilot!“ rief ich. Der Hund stand auf und beroch mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein. Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte, um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuches erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
„Wem gehört dieser Hund?“ fragte ich sie.
„Dem Herrn.“
„Welchem Herrn?“
„Herrn Rochester . . . er ist eben hier angekommen.“
„Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?“
„Mistreß Fairfax sowohl als auch Miß Adele, sie sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt hat.“
„Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?“
„Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der
Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.“
„Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.“
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen; Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als gewöhnlich
zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns ihre Freude über die
Ankunft ihres Freundes, Mr. Eduard Fairfax von Rochester“ an den Tag zu legen, und es war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke anzuhören, die er ihr sicher mitbrachte. Er hatte ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme sie eine Schachtel finden sollte, deren Inhalt sie interessiren werde.
„Dies bedeutet,“ sagte sie, „daß auch ein Geschenk für Sie mit darin ist, Mademoiselle. Mr. Rochester hat von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante heißt, und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blasse Person sei. Ich habe ja geantwortet.
Denn nicht wahr, es ist so, Mademoiselle?“
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester
mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette bleiben, und stand
am Nachmittag nur auf, um einen Sachwalter und einige Pächter zu
empfangen. Adele und ich brachten den Vormittag damit zu, die
Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen
konnten und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im
ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerkte übrigens von diesem Morgen an, daß Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war. Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn erinnerte Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend nach dem Diner glaubte ich der armen Adele, deren
Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis dahin nach besten Kräften
zu bekämpfen gesucht hatte, ihre Freiheit geben zu müssen. Ich blieb
allein, und während ich mich damit beschäftigte, in dem Feuer die
Hauptformen eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal
gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat
Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee
mit mir im Salon einzunehmen. Sie forderte mich überdies auf, ein
anderes Kleid anzuziehen, „denn,“ setzte sie hinzu, „ich kleide mich
stets des Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.“
Dies erschien mir etwas ceremoniös; um jedoch dem bestehenden
Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen, dem nee plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar, daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple. Dann folgte ich den Schritten her Mistreß Fairfax ein wenig zaghaft und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.
Viertes Kapitel.
Master Rochester
Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß ruhte auf einem
Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein ganzes Gesicht; Adele kniete
neben Pilot und spielte mit ihren kleinen Händchen in den langen
und dichten Haaren des treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der
Erwähnung, daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine
breite und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen erkannte, wie
seine etwas offene Nase, die seiner ganzen Physiognomie einen gewissen
Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.
Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst nachdem Mistreß
Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte, sagte er im kältesten Tone
und ohne von der Gruppe a aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
„Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.“
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese vollkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich setzte mich, neugierig, was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es nun für ihre
Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu sein. Sie tischte uns eine
Menge nichtssagender Redensarten auf, über das Uebel einer Verletzung
und die Nothwendigkeit, einen kleinen Schmerz geduldig und ruhig zu
ertragen.
„Madame, sagte der Hausherr, als sie geendigt zu haben schien.
„ich wünschte eine Tasse Thee.“
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax mir das Theebrett, damit Mr. Rochester gezwungen wurde, einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hülfe gekommen.
„Nicht wahr, sagte sie zu ihm, „in Ihrem Koffer ist auch
Geschenk für Miß Eyre?“
,.Was schwatzest Du von Geschenken?' entgegnete Mr. Rochester
sogleich und ziemlich unsanft. „Halten Sie Geschenke für zweckmäßig?“
setzte er hinzu, indem er mich mit Augen ansah, in denen ich kein,
besonderes Wohlwollen las.
,.Ich weiß es nicht,' erwiderte ich; „ich bin nicht an dergleichen
Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als
etwas Angenehmes zu betrachten.''
,.Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.“
Um diese keineswegs einfache Frage zu beantworten, bedurfte es
für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke sind allerdings verschieden.“
„Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele hatte mich kaum
kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte Sie etwas von mir. Sie
machen mehr Umstände.“
„Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf Ansprüche, wie auch weniger Vertrauen zu der Erfüllung meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?“
,.Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit,r erwiderte Mr. Rochester. . Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich Mühe mit ihr gegeben haben. Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich sie keine glänzenden Anlagen hat.“
„Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am meisten
gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur einen geringen Werth in
meinen Augen haben.“
„Wirkliche“ versetzte Mr. Rochester und trank seinen Thee, ohne ein Wort weiter zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte, über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir der Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann einen Ausdruck väterlicher Ironie.
„Spielen Sie Pianoforte?“ fragte er mich zuletzt.
„Ein wenig,“ antwortete ich.
„Das versteht sich von selbst, ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer . . . ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen. Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie also in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie die Thüre offen und spielen Sie etwas.“
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle. Nach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
, Sie spielen allerdings nur mittelmäßig; ohngefähr wie alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber keineswegs gut.“
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen Platz zurück.
„Diesen Morgen,“ fuhr Mr. Rochester fort, „hat mir Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?“
,.Nein gewiß nicht!' rief ich aus.
„Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben Sie Ihr Wort nicht leichtsinnig, denn ich verstehe mich auf Flickwerk.“
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek das verlangte Portefeuille.
„Einen Tisch!“
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
„Nicht so,“ sagte Mr. Rochester. „Nehmen Sie die Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege, ich kann es nicht leiden, daß
Köpfe dem meinigen so nahe sind.
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er rief mich zurück.
„Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?“ fragte mich hierauf; „und ist diese Hand die Ihrige?“
„Ja,“ antwortete ich.
„Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? denn solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch manches Andre . . .“
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden daran gearbeitet,
wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
„Aber woher nahmen sie die Originale dazu?
„Aus meinem Kopfe.“
„Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf ihren Schultern sehe?“
„Allerdings.“
Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?
„Wahrscheinlich . . . vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.“
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig: aber wenn auch meine Hand meine Idee nicht wiedergegeben hatte, so ist doch so viel gewiß, daß diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern Partien waren in Dunkel gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Cormoran mit dunklem Gefieder und schaumbespritzten Flügeln saß. Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold und Edelsteinen
das in Folge seines lebhaften Colorits scharf hervortrat. Zwischen
dem Vogel und dem Maste unter einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man einen ertrunkenen Leichnam, von welchem
man nur einen Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den dunklen Gipfel
eines mit Gras bewachsenen Berges, an dessen Fuße der Wind einige
Blätter vor sich her trieb. Jenseits und drüber erhob sich in dem
weiten Himmelsraume von so matten und weichem Colorit, als ich
hatte anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte
über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur wie hinter
einem Nebelschleier verborgen, den das wilde Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Winde flatterndes Haar erinnerte an die Wolken,
welche der Sturm zerreißt oder deren feuchte Bruchstücke durch elektrische
Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markirte den äußeren
Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze eines Eisberges durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkeln Schleier. Vollkommen deutlich unterschied man daher nur eine leblose, knockige, bleiche Stirn, tiefliegende, stiere Augen, ohne einen andern Ausdruck als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen Draperie so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und da mit lebhafteren Farben schattirt war. Ich hatte jenen Schimmer der Königskrone
wiedergeben wollen, die Milton der Form aufsetzt, welche der Form
auf ewig beraubt ist.
„Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?“ fragte mich
Mr. Rochester.
,.Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft glücklich.
Es war für mich einer der schönsten, ich möchte fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken konnte.“
,.Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig gewesen sein; aber während Sie diese eigenthümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer phantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler geschwebt haben. Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des Schönen befriedigt?“
„Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und Werke meiner Hand quälte mich fortwährend. Und diese Ohnmacht das wiederzugeben, was ich gesehen hatte . . .“
„Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie gaben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel, demungeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? ... Welch' ein tiefer Sinn 1iegt in diesem feierlichen Blicke! ... Und wer hat Ihnen das Geheimniß
gelehrt, den Wind zu malen? denn es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen Himmel und über diesen Berg dahinbraust. Wo endlich haben Sie Latmos gesehen? denn dies ist in der That Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.“
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er auf seine Uhr blickte: ,.Schon neun Uhr vorüber! . .. Woran denken Sie denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen ? Bringen Sie sie sogleich zu Bet!. .. Gute Nacht, meine Damen.“
So endigte unser erster Abend.
Es vergingen mehrere Tage, ohne daß Mr. Rochester uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehrere Gutsbesitzer aus der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu gehen, äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt sie zu begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich kleidete die schon sehr kokette Adele auf's Beste an und sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Geschenken, welche Adelens Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehreren Tagen angekommen. Ihr Vormund gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und bei jeder neuen Entdeckung machte sie ihren Gefühlen durch laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und bat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen Pariserin ein gefälliges Ohr zu leihen.
„Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt,“ sagte er dann zu mir, „und ich denke mir wohl, daß ich jetzt für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem das meiner Gäste so ziemlich gesichert ist. Miß Eyre, setzte er hinzu, „rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir diesen Zwang auflege.“
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken, wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr streng. Ein freundliches Lächeln belebte hin und wieder seine Züge und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz, zu welchem die Toaste des Mittagsessen sehr wahrscheinlich das Ihrige beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem Vortheile, in dem mit rothen Damast überzogenen Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete meinen Augen.
,.Sie beobachten mich recht aufmerksam, Miß Eyre,' sagte er in
heiterem Tone, „finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?“
..Ich hätte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes „Nein, mein Herr!“ entschlüpfte
mir ohne meinen Willen.
„Vortrefflich!“ rief er in dem nämlichen Tone. . Sie haben in der That etwas ganz eigenthümliches in Ihrem Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten, deren Hände stets an ihrem Platze und deren Augen immer, das heißt doch nicht immer zu Boden gerichtet sind. Und wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten Sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten Seitenhieb rechnen.
Woher rührt dieser Contrast?“
„Entschuldigen Sie meine allzugroße Freimüthigkeit. Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen muß, dann . . .“
.. Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben so Messerschnitte auf Ihren ersten Nadelstic. Eine offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück haben, Ihnen zu gefallen?
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime Eitelkeit die dunklen und glänzenden Massen seines Haares zurück.
,.Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?“
„Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich beleidgt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug von Philanthropie darauf erblicken soll?“
„Vortrefflich! wieder ein Messerstich. Und dies ohne Zweifel deshalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ,.—er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, --- „daß ich weder die Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte. Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können. In Ihrem Alter war ich so zu sagen ein Gefühlsmensch, der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen, Verlassenen -- und Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen, mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin, wie Kautschuck. Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß
noch einige Hoffnung vorhanden ist?“
„Wa für eine Hoffnnng?“
„Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu sehen.“
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache, wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte, die mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters zu zweifeln.
„Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,“ fuhr er fort, „und obgleich Dame Natur Sie nicht viel reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen, daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat überdies noch den Vortheil, daß Sie Ihre gefährlichen Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs herabzusenken, anstatt meine harmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden. Ich meines Theils fühle mich heute sehr sprachselig und in einer außerordentlich geselligen Stimmung.“
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine kräftige, ebenmäßige Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgiltigkeit selbst herauszuforden. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten nur noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf achten, fuhr er fort:
„Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen angenehmen Abend verlebe. Sie sind mir immer als ein höchst interessantes kleines Räthsel vorgekommen. Es würde mir ein Vergnügen sein, Sie zu errathen, und ich wüßte meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende Last mir weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.“
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube fast, mein Lächeln verrieth etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
„Sprechen Sie,“ wiederholte er mit Ungeduld. „Sprechen Sie, wovon Sie wollen und wie es Ihnen beliebt.“
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir sehr an die Unrechte kam. Er errieth das endlich.
„Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn
meine Aufforderung war in einem barschen und fast beleidigenden Tone
gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß Eyre. Es ist nicht im Entferntesten
meine Absicht, Sie als Untergebene zu behandeln und eine andere
Superiorität zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre, welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgehen wird. Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit peinigen.'
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und ich beweis
ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle Fragen zu beantworten,
die er an mich richten würde. Ich hatte meiner Ansicht nach genug
gethan, um zu zeigen, daß ich nicht geneigt war, mich allen Launen
dieses Mannes zu unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling
welche er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie mich
fühlen zu lassen.
Wir gelangten sehr bald dahin, daß wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charakter mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörichten und sinnlosen Zerstreungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht ein peinliches Gefühl, wenn man einen Menschen sieht, der sich von dem unvernünftigen
Strudel der weltlichen Genüsse mit fortreißen läßt, sich sagen zu
müssen, daß man auf gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den
man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen wie
ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist, und als ich mir
erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er„ das Gift des Lebens - nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln, versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dezu fehle. Er wurde nach und nach immer wärmer und bediente sich einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er zu mir, erforderten außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm erschienen, dem er einen
Altar in seinem Herzen errichten wolle, in welchem die Gegenwart
dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe
verbreite. Der Weg, den ich betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Diese Reden waren mir völlig unverständlich und die Furcht, daß
er mir das Geheimniß entdecken könnte, auf welches seine Reden anzuspielen schienen, machte es mir wünschenswwerth, dieser Entdeckung durch Aufhebung unserer Unterhaltung vorzubeugen. Ich benutzte die
Gelegenheit, als es neun Uhr schlug und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester
welcher diesmal durchaus keine so große Eile zu haben schien, dass sie
zu Bett gebracht werde, sagte mir, sie habe einen Ballanzug unter
ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen
können, ihn zu versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem Rosakleide
mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen, wie eine raffinirte Komödiantin
,.Steht mir das Kleid gut?“ rief sie, zwischen uns tretend; ,.und die schönen Schuhe ? und die seidenen Strümpfe? Ich glaube ich muß ein Wenig tanzen.“
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Kniee.
„Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte!' sagte sie in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte hinzu: „Machte Mama es nicht auch so?
„Ganz genau so,“ erwiderte Mr. Rochester mit einem erzwungenen Lächeln. „Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,“ sagte er hierauf zu mir; „ich werde Ihnen dies später einmal erzählen.“
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen, verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr. Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem Verhälinisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens, gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der von einer dem Balletcorps der Oper angehörenden, käuflichen Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, dass er hintergangen worden war. Er hatte Adele zu sich genommen, nicht weil er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewissheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem Kinde existirte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten und unschuldigen Wesen gehabt, daß von seiner herzlosen Mutter verlassen wurde.
„Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen, sagte er am Schlusse seiner Erzählung, „um sie auf den gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt.“ fuhr er fort, „Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich nach einer anderen Erzieherin umzusehen. Nicht wahr, ich habe richtig gerathen?“
„Keineswegs,“ erwiderte ich; „Adele ist weder für Ihre Fehler, noch für Ihre Mutter verantwortlich. Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen, jetzt aber, da ich weiß, daß sie eine von ihrer Mutter verlassene und von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie wachen.“
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein Zimmer kam, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung nicht enthalten, über die große Veränderung nachzudenken, die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten war. Hatte er mir nicht einen ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen Wochen eine merkwürdige Umwandlung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen.
Er hatte keine beleidigenden Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes
mehr, die so oft auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren.
Wenn ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen
zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als ich Nutzen daran finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach mein Herz. Meine durch die Erzählungen, welche mir eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier, mein durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und daß ich Jemandem, wenn nicht die Liebe eines Vaters, doch wenigstens die Theilnahne eines wahren Freundes einflößte . . . mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise, um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen, von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte.—
Fünftes Kapitel.
Das Geheimniss von Thornfeld-Hall.
Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche
an diesem Abende auf mich einstürmten. Sie waren viel weniger klar
und bestimmt, als ich sie Ihnen hier wiedergebe; überdies würde Ihnen
der hohe Reiz der ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie
also damit, um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht, und ich weiß selbst nicht recht, ob ich noch völlig munter war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblick viel darum gegeben haben, wenn
ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war ausnehmend dunkel und
ich fühlte mich keineswegs in einer muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend, aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei
ängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand durch den Corridor hinschlich. Ich fragte: Wer ist da? Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche Angst.
Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch, daß Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte mich sogleich, und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes Lachen, das
aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da das Kopfende des
Bettes der Thüre sehr nahe war, so glaubte ich einen Augenblick dieses
entsetzliche Lachen dicht an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte
es von Jemandem her, welcher sich über mich beugte. Die Furcht,
von der ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr
empor und blickte mich entsetzt um, aber ich sah nichts. Nach einigen
Secunden ließ sich das nämliche Gelächter von Neuem hören, und zwar
diesmal ganz deutlich hinter der Thür. Meine erste Bewegung war,
aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: „Wer ist da?“
Ein halbunterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte, welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann war Alles still.
„Sollte es Grace Poole gewesen sein? dachte ich bei mir, „und
sollte sie vom Teufel besessen sein?“
In meinem Zweifel schien es mir nicht unmöglich, auf der Stelle zu Mistreß Fairfay zu gehen. Ich zog daher ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte ich einen durchdringenden Brandgeruch.
Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür. Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten Secunde
befand ich mich in diesem Zimmer. Lange Flammen umzingelten das
Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen. Der Unglückliche schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum
einige verständliche Laute und wendete sich auf die andere Seite
Wenn ich einen Augenblick zögerte, war er verloren. Ich eilte an
seinen Waschtisch, der zum Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen
war. Ich nahm Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem
Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und es gelang mir unter
Gottes Beistand die beginnende Feuersbrunst zu löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckte endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren Mitte er erwachte und die er sich anfangs nicht erklären konnte. Als ich ihm die nötige Aufklärung darüber gab, erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihm habe ertränken wollten; dann bat er mich, ihm ein Licht zu holen.
„Besonders aber,“ setzte er hinzu, „kommen Sie nicht unter zwei
Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß, ob ich ein einziges
trockenes Kleidungsstück finde, das ich überwerfen kann . . . Doch
halt, da ist mein Schlafrock.“
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das
geschwärzte Bett, die ganz durchnäßten Decken und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich. Währenddem hörte er die
Erzählung an, welche ich ihm von dem vernommenen Gelächter, von den
nach der dritten Etage gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen Mittheilungen eher Traurigkeit
als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor, Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
„Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren? versetzte er heftig. „Lassen Sie sie und meine Leute ruhig schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie meinen Mantel um, wenn Sie frieren und nehmen Sie Platz. Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie nicht naß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn ich will Sie einige Minuten allein und im Dunkeln lassen. Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders ganz still und rufen Sie nicht? ich werde bald wieder bei Ihnen sein.“
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der vollständigen Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß noch diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr. Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
„Es war ganz so wie ich dachte,“ sprach er halblaut, indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
„Wie meinen Sie?“
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem ziemlich sonderbaren Tone:
„Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben?. . .“
„Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.“
„Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört? . . .
ich dächte, Sie hätten mir früher eine ähnliche Geschichte erzählt.“
„Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Grace Poole, welche ganz
auf diese Art lacht, Sie ist ein wunderliches Geschöpf.“
„Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahndet haben. Sie ist eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nötig, daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück, setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte, werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem Sopha in der Bibliothek ruhen.“
„Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht,“ erwiderte ich, indem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte.
„Wollen Sie mich denn schon verlassen?“ rief er aus, „und auf
solche Art?“
„Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen . . .“
„Aber nicht ohne Abschied zu nehmen . . nicht ohne ein freundliches Wort . . . nicht mit dieser kalten und strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet, haben mich den fürchterlichsten Qualen entrissen, und wir sollten uns trennen wie zwei Freunde?... Geben Sie mir wenigstens ihre Hand.“
Er reichte mir die seinige . . . ich wagte nicht, sie zurückhzuweisen, aber anstatt mir einfach die Hand zu drücken, ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
„Sie haben mir das Leben gerettet,“ sagte er dann tief ergriffen. „Es macht mich glücklich, Ihnen eine so große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemanden in dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hatte verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es etwas Anderes . . . eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.“
Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die meinigen. Es war mir als sähe ich Worte auf seinen Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst zu versagen.
„Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester,“ erwiderte ich ihm.
„Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede sein . . .“
„Ich wußte es,“ unterbrach er mich, „daß Sie mir früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah. . . Ihr freundlicher Blick ließ nicht umsonst . . .“
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
„Nein, fuhr er dann fort, „nicht umsonst hat Ihr freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den innersten Tiefen meines Herzens erweckt . . .“
Dies sagte er auffallend rasch.
„Man spricht von natürlichen Sympathieen, setzte er hinzu, „auch von guten Genien. . . Gute Nacht denn liebes Kind, Sie haben mir das Leben gerettet!'
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie in seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem Blicke.
„Es freut mich,“ fügte er hinzu, „daß ich nicht nur gewöhnlich eingeschlafen war.“
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
„Sie verlassen mich also?“
„Ich friere.“
„Ja es ist wahr und Ihre Füße stehen im Wasser. Gehen Jane, gehen Sie rasch.“
Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich mich auf ein Mittel.
„Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,“ sagte ich plözlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können sich denken,
daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende Ufer, das ich jenseits der Wogen erblickte. Dann warf mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft, bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch' eine Nacht liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters Zimmer,
wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder in Ordnung zu
bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen über die Begebenheiten
dieser Nacht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht wenig überrascht, als ich eine mit dem Nähen eines Vorhanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war, als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen. Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit war? wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Angen, bemerkte mich.
und ohne die geringste Verlegenheit an den Tag zu legen, ohne daß
ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in
ihre Wangen stieg, richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich,
nahm dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.
Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber von meiner innern Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir vor, diese empörende Gleichgiltigkeit auf die Probe zu stellen.
„Guten Morgen, Grace,“ sagte ich zu ihr, „was ist denn dies
Nacht hier vorgefallen?“
„Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur rechten Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.“
„Eine sonderbare Geschichte,“ sagte ich halblaut, indem ich nähe zu ihr trat und sie fest anblickte. „Hat denn Mr. Rochester Niemande geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?“
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem
Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken zu erforschen.
„Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier, wie Sie wissen,“
erwiderte sie dann. „Mistreß Fairfax, deren Zimmer an dieses stöß
hat einen sehr festen Schlaf und hört etwas schwer. Aber wie kommt
es, Miß, daß Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte
wetten, Sie schlafen nur mit einem Auge.“
„Ich habe nichts gehört, antwortete ich noch leiser, „als ein Gelächter, wie es wenige giebt.“
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:
„Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat, während er in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben ohne Zweifel geträumt, Miß.“
„Nein, ich habe nicht geträumt,“ erwiderte ich, indem ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen Fragen entgegensetzte, gleichsam
herausgefordert. Sie blickte mich abermals forschend an und fragte
„Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?“
„Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm
zu sprechen.“
„Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu öffnen, um
nachzusehen, was im Gange geschah?“
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir der Gedanke
bei, daß sie, wenn sie ahnte, was ich wußte, woran ich war, mir
vielleicht auch irgend einen bösen Streich spielen könnte, ich lenkte
daher ein.
„Im Gegentheil,“ erwiderte ich auf ihre letzte Frage. „ich verriegelte meine Thür.“
„Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu Bett gehen?“
„Schändliches Weib!“ dachte ich, „sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.“
Ich unterdrücke indeß meinen Zorn und begnügte mich damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei,
ich es in Zukunft um so mehr sein würde.
„Daran werden Sie sehr wohl thun,“ war ihre ganze Antwort.
Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der Küchenmeister brachte
Grace auf einem Teebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr
Stück Pudding.
„Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole?“ fragte er dann.
„Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts?“
„Und Ihren Sago?“
„Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn vor dem Thee selbst besorgen.“
Nach diesem Zwiegespräch, daß mir im höchsten Grade auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Räthsel.
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermuthungen. Ich fragte mich, ob nicht etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem excentrischen Mr. Rochester ein Band existire, das früher, als Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpe Gestalt, dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor der rohen Häßlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfe.
Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen, welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr. Rochester in mir erweckten.
Jetzt durfte er mir nichts mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf
sein unbegrenztes Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr
als dies.
Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ mich, um zu Bett zu gehen.
Dies war die Zeit, zu welcher im Salon die Glocke ertönte, zum
Zeichen, daß ich entboten werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
„Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter zu kommen.“
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab,den ganzen Tag über, weder die Stimme noch den Schritt Mr. Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der Thee bei Mistreß Fairfax servirt sei.
„Kommen Sie rasch, mein liebes Kind,“ sagte die gute Dame, sobald sie mich erblickte. .“Sie müssen sehr hungrig sein, denn Sie haben, ohne es selbst zu bemerken, bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher . . . wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein . . . Ich denke nicht, es ist ja schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.“
„Ist Mr. Rochester nicht hier?“
„Nein, er ist nach dem Frühstück nach Prés -Clos zu Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.“
„Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?“
„Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viel schöne Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram, und namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester sehr ungern.“
Blanca Ingram wohnte 10 Meilen von Thornfield-Hall. Sie war ein schönes Mädchen, welcher die Natur alle Gaben verliehen hatte, um einen Mann zu fesseln und die von den 40 Jahren des Mr. Rochester wenig erschreckt wurde, da ihr Gelegenheit gegeben war, mit Hülfe seines Vermögens als Staatsdame zu leben. Mistreß Fairfax schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize; ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie erzählte mir, wie Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche schönen Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen. hatten, die beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend nicht auf, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörichten Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über sie! War es denn möglich, dass ich, ein kränkliches häßliches Mädchen ohne Herkunft und ohne Reichthum, deren mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte denken können, an den mein erbärmliches Loos mich durch käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für meine thörichten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor, nicht wieder darauf zurückzukommen und wo möglich Thornfield-Hall zu verlassen, nachdem ich ein anderes Unterkommen gefunden hätte.
Mr. Rochester blieb 14 Tage abwesend. Plötzlich erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der Mistreß Eshton die Rede war und daß Blanca Ingram dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen Preis der Welt verlassen.
Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren, das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mit den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichsten Farben seiner Tapeten, den glänzenden Messingstäben seiner Kamine den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste aufzunehmen.
Sechstes Kapitel.
Blanca Ingram.
Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene Wagen folgten. In diesen sah man nichts als flatternde Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet, an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galoppirte keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
„Dies ist Miß Ingram,“ sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war, daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen durfte.
„Wenn Mama Besuch hatte,“ sagte sie fast weinend zu mir, und
besonders Damen, so begleitete ich sie überall hin. Oft sah ich die
Kammermädchen ihre Gebieterinnen ankleiden, und das war so unterhaltend . . . man lernt dabei am besten, wie man sich kleiden muß.“
Die Klagen Adelens, so wie die Nothwendigkeit, uns mit dem Diner zu beschäftigen, diente dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns ganz aus den Augen verloren, und ich musste meine Zuflucht zur Speisekammer nehmen, wenn ich mit meinem Zöglinge nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging ohne daß uns die Ehre zu Theil wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen der Erde das Schloß, um einen Ausflug in die Umgegend zu machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich sie wie am vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an. Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren getrennt von der übrigen Gesellschaft und neigten sich gern zu einander, um einige wahrscheinlich sehr vertraute Worte zu wechseln.
„Nun, wie gefällt sie Ihnen?“ fragte mich Mistreß Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es bemerkt hatte.
„Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht gut zu erkennen.“
„Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen. Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß er Sie und Adele nach dem Diner im Salon erwartet. Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt, setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es sein müßte.
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war und es kaum wagte, eine Bewegung machen, aus Furcht, eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haares in Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben nichts laut sprachen.
Nach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlageng und ich vernahm das Geräusch der hin- und hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den Salon und der Vorhang Fiel wieder herab, indem er mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen hakten alle diese stolzen Damen
die nämliche vornehme und ruhige Miene, die nämliche hochmüthige
Ungezwungenheit, die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche
kalte Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen Gruß mit
einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten sich darauf, mich erstaunt
und fast verlegen anzublicken. Zwei junge Mädchen nahmen Adele in
Beschlag und zogen sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches Interesse oder bloße Ziererei zu Grunde liegen, bald in ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem Adele den thätigsten Antheil nahm.
Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person, um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren. Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht an allen Liebreiz. Es drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns war, durch welches ihre rosigen Lippen Aehnlichkeit mit einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung befaß als sie. Dieses Benehmen erschien mir um so herzlose, als das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten Sarcasmen, gar nichts davon bemerkte und dem heimlichen Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
„Ist dies wirklich die Auserwählte Mr. Rochesters?“ dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem, was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, um manchen Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden. Mr. Rochester trat zuletzt
ein, was ich bemerkte ohne die Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich,
welch eine Kluft jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten
Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in der seinigen
haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet, mit bewegter
Stimme zu mir sprach, während sein Herz von der Freude überströmte,
daß er mir das Leben zu verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen, ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen. Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit Gewißheit
annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach einer andren Seite
gerichtet war, um von der Geldbörse, die ich häkelte, aufzusehen und
einen Blick auf ihn zu werfen.
Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender Genuß für
mich, es war der Genuß eines Menschen, der vor Durst verschmachtet
und der sich auf die Gefahr hin, nachher zu sterben, dennoch über die
vergiftete Quelle beugt und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
„Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den man sieht,
sondern in dem Auge, das sie sieht. Ist dies nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse bräunliche Gesicht, diese dicken, schwarzen Brauen,
diese übermäßig breite Stirn, diese tiefliegenden Augen, diese scharf
markirten Züge, dieser strenge Mund, die ganze energische, entschiedene,
einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war nach
den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der That, welche Schönheit würde
mich in einem solchen Grade gefesselt und bezaubert haben? welche
Schönheit würde mich so überwältigt und mit alle Macht entzogen haben,
ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie lieben
wollen; ich hatte mich ernstlich bemüht, auch den letzten Keim der Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er von Neuem die
ganze Herrschaft über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte.
Ohne daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder zu lieben. Wer diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen gelernt hat, der kennt das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram ? Sie sitzt allein an einem Tische, anmuthig
über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie
erwartet Jemanden und sie wird nicht lange zu warten brauchen. Mr.
Rochester hat sich erhoben und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück? Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, geht zu ihm hin und knüpft ein Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß, was darüber gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen, diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle erwecken nur mein Mitleid. Als das Thema erschöpft ist, schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor, etwas mit ihr zu singen und eilt an das Pianoforte. Dies war für mich das Signal, mich zu entfernen. Bei dem ersten Accorde schleiche ich mich aus dem Zimmer, ohne von Jemanden gesehen worden zu sein.
Im Corridor bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber. --
„Wie befinden Sie sich?“ fragte er mich.
„Ganz wohl,“ erwiderte ich.
„Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet?“
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte ich mir nicht herausnehmen.
„Ich fürchtete Sie zu stören.“
„Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?“
„Ich habe mich mit Adele beschäftigt.
„Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben, denn Sie sind blässer als gewöhnlich . . . Sie kommen mir vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male sah. Sie haben sich doch jene Nacht in meinem Schlafzimmer nicht erkältet?“
„Nicht im Entferntesten.“
„Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen uns zu früh.“
,.Ich bin müde.“
,.Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen Sie es mir.
,.Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.“
„Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon in ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine davon hängt schon an Ihren Wimpern. Wenn ich Zeit hätte und nicht fürchten müßte, daß ein Bedienter uns hier findet, so möchte ich den wahren Grund von dem Allen wissen. Für diesen Abend will ich sie entschuldigen, aber ich erwarte . . . oder ich hoffe vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den Salon zu kommen, so lange meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen . . . Gute Nacht, meine . . .“
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte sich rasch.
Der förmliche Befehl des Mr. Rochester, bei seinen Soireen zu erscheinen, war mir eben so auffallend als unerklärlich; ich würde der bloßen Einladung nur dann und wann nachgekommen sein, dem Befehle glaubte ich gehorchen zu müssen. Hatte ich sonst keinen Nutzen davon, so sammelte ich doch einige Erfahrung auf dem Gebiete der Menschenkenntniß und der geselligen Zustände.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach die Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt mich zu betrüben. Nicht
weil sie einen Zweifel an der bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's
mit meinem Gebieter in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir
die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine große
Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er diese Verbindung
beabsichtigie. Es war ganz natürlich, daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte gerade deshalb, weil er sich mit einer Andern vermählen wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht oder doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln . . . weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt konnte man allerdings nicht den
kleinsten Fehler entdecken; aber ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und
trocken. Nichts, keimte von freien Stücken, aus dieser gänzlich
unproductiven Organisation hervor. Sie befaß weder wahre Herzensgüte noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende Phrasen,
die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten. Es war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse, den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten die Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinlängliches Vertrauen zu Rochesters
Scharfblick, um überzeugt zu sein, daß, wenn er Miß Ingram heiratete,
sei es nun aus Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen zu
sichern, oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften ihm convenirten,
er sich doch keineswegs über die innere Mängel seiner Braut täuschte
Konnte ich mehr verlangen und wünschen?
Diese Erkenntniß trug sehr zu meiner Beruhigung bei. Hätte sich zu der Schönheit der Miß Ingram noch geistige Vorzüge und Liebenswürdigkeit gesellt, so hätte ich bei allen Qualen unerwiderter Liebe doch meine Nebenbuhlerin achten müssen. Miß Blanca schien aber einem Charakter wie Mr. Rochester wohl Bewunderung, weniger aber Achtung oder gar Liebe einflößen zu können.
Wann ich nun Miß Ingrams Anstrengungen, Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich sah, daß ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick auf einen falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen; wenn ich bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewußten Niederlagen eitel war und daß ihr lächerlicher Eigendünkel sie immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzt, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte thun müssen, um Rochester für immer an sich zu ziehen, zu fesseln, zu erobern, . . . so waren diese Beobachtungen eben so interessant für mich, als sie zu meiner Beruhigung beitrugen.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden sie
mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntniß der Sachlage
es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur
aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin
zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung, hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und schwache Seite seines Charakters, ich beobachtete seine Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Zeit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört, die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte, erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem seltenen Gericht, welches durch den Mangel derselben an Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist gebreitet
war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein kühner Plan beschäftigte,
eine entfernte Sorge quälte, dieses Räthsel, das jedem aufmerksamen
Beobachter in die Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber
Rochester stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich
anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Das Geheimniß schien mit einer Gefahr für Rochester verknüpft zu sein und fürchtete ich auch nicht das Wesen der Gefahr zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemanden etwas davon zu sagen, waren die Gäste vonThornfield-Hall in einer ziemlich verdrießlichen Stimmung versammelt; man wußte nicht, wozu man sich entschließen, welchen Zeitvertreib man vornehmen, welche Partie man improvisiren wollte. Plözlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblick war Alles an den Fenstern; ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm stieg aus, sobald geöffnet worden war.
Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß Ingram als die älteste der anwesenden Damen natürlich die Honneurs machte.
„Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,“ sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, „da mein Freund, Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen, fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.“
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen, aber nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ungefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das heißt etwa 40 Jahre; aber welch' ein Unterschied zwischen diesen beiden Physiognomien! Die eine war die eines gewöhnlichen „schönen Mannes,“ ohne Kraft, ohne Feuer, ohne Geist, während die andere von Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen, Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer Kleidungsstücke erkärte, in die er sich an einem schönen Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich, daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war; ich wusste bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, denn nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von weiten Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem Feuer zu sehen und
sagte dann Mr. Eshton leise einige Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times stören zu lassen, in verdrießlichem Tone erwiderte:
„Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn sie nicht gutwillig geht.“
„Was giebt es denn?“ fragten sogleich mehrere Stimmen.
„Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier,“ versetzte der ernste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone, welche den Damen wahrsagen will.“
„Nun warum nicht?“ rief Blanca Ingram sogleich, die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter sich hineinmischen wollte, sagte sie zu dieser:
„Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um diesen kleinen
Scherz; er ist nur für uns junge Mädchen.“
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in das Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester und zwei andere junge Damen folgten nacheinander ihrem Beispiele und Jede von ihnen trat mit einer Miene von Staunen und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge gesagt - - unerhörte Dinge! Sie kannte sie Alle und wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier der anwesenden
jungen Männer erregt und sie wollten ebenfalls in die Bibliothek
gehen; aber Sam, der Bediente, welcher das Amt des Huissiers versah,
erklärte, daß die Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein
noch im Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie ihre
Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht durch diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lange, bis sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte und ging, ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten schwarzen Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter dem Kinn zusammengeknüpften Schnupftuches
festgehalten wurde. Sie las oder stellte sich als lese sie in einem kleinen
schwarzen Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können. Sie schloß es, um mir scharf in’s Gesicht zu blicken, wobei sie darauf bedacht war, den Schirm ihres großen Hutes tiefer in die Augen zu drücken.
„Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage,“ fragte sie mich.
„Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt, entgegnete ich.
„Lassen Sie Ihre Hand sehen.“
„Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau, wenn ich, nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er. Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich nicht erschrecken.“
„Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich kann damit nichts anfangen.“
„Ich habe es mir gedacht,“ versetzte ich.
„Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die Augen selbst.“
Es folgten nun eben nicht Prophezeihungen, wie die Wahrsagerinnen dies gewöhnlich thun, sondern eine Reihe Sentenzen wie sie gewöhnlich in den Gesprächen vorkamen, wenn Mr. Rochester sich früher mit mir unterhalten hatte.
Als die Wahrsagerin zu Ende war, gab sie mir ihre Hand, in welcher ich zu meinem Erstaunen einen Ring des Mr. Rochester gewahrte.
„Genug des Scherzes,“ rief jetzt Mr. Rochester, indem er den Hut von sich warf und die Schnur des rothen Mantels zerriß, so dass er herabfiel. „Sie zürnen mir wahrscheinlich, daß ich Ihnen so viele Thorheiten gesagt habe, vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige sagen würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan haben. Ich habe mich dadurch nur noch mehr von Ihrer Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt.“
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß er Recht hatte. Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu wissen warum, eine Verkleidung geahnet.
„Was thun sie im Salon ?“ fragte Mr. Rochester in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklicheit zurück, und ohne sie direct zu beantworten, erwiderte ich:
„Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder hier angekommen ist?“
„Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann es sein, ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder entfernt?“
„Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten.“
„Hat er seinen Namen nicht genannt?“
„Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre, von Spansh-Town auf der Insel Jamaika.“
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln erstarrte auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
„Mason?“ wiederholte er wie ein Automat; „Mason! . . . Jamaika!. . . Jamaika! . . . Jamaika!“
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
„Fühlen Sie sich unwohl?“ fragte ich ihn.
„Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane . . . ein fürchterlicher
Schlag!'
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde umfallen.
„Stützen Sie sich auf mich,“ rief ich aus.
„Ach ja! . . - wie früher . - wie immer, nicht wahr?“
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie zitternd.
„Jane, meine liebe kleine Freundin,“ stammelte er mit bebender
Stimme und starrem Blicke, „ich möchte allein mit Ihnen auf einer
fernen Insel sein, wo ich von allen Sorgen, von allen Gefahren, besonders aber von diesen gräßlichen Erinnerungen befreit wäre.“
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer Seufzer. Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann wieder auf, als schämte er sich, daß er sich von einem unerwarteten Unglück hatte niederbeugen lassen.
„Gehen Sie, Jane,“ sagte er zu mir, „gehen Sie in den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie nichts Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft heiter ist und sich wie immer unterhält, so sagen Sie diesem . . . Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn erwarte . . . führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns dann allein.“
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
„Noch ein Wort, Jane!“ rief mir Rochester nach. „Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer nach dem andern mir in's Gesicht spukte, was würden Sie thun?“
„Was ich thun würde?“ versetzte ich, in der ersten Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
„Ja, was würden Sie thun? wiederholte Rochester.
„Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn ich die Kraft dazu hätte, erwiderte ich, während mir schon die Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
„Wenn ich aber, fuhr er fort, , ihnen entgegenginge und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich nach einander entfernten, was würden Sie dann thun, Jane? würden Sie mich auch verlassen?“
„Ich. ich glaube nicht.“
„Sie würden also bei mir bleiben. um mich zu trösten?“
„Ja, wenn dies in meiner Macht stände.“
„Und wenn sie Sie wegen ihrer Theilnahme an meinem Unglücke
verfluchten?“
„Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht zu Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies kümmern?“
„Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich aussetzen?“
„Ich würde mich demselben für jeden Freund aussetzen, der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente. Und Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran.“
„Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und thun Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe.“
Mein Eintritt in den Speisesaal, wo die Gäste zerstreut umherstanden und sich unterhielten, während Jeder nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich nahm, erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür der Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in mein Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon längst zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen. Sie sprachen sehr laut mit einander und ich vernahm auch Rochesters Stimme unter ihnen.
„Kommen Sie mit mir, Mason,“ sagte er, „Ihr Zimmer ist dort.“ Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter. Er beruhigte mich vollkommen und ich schlief sehr bald ein.
Siebentes Kapitel.
Die geheimnissvolle Verwundung
Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen, und als daher der Mond an dem reinen Nachthimmel emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs war es mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen überdrüssig und stand auf, um den Vorhang zuzuziehen.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich ein gellender
Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen, mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage. Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte sich nicht. Im Grunde konnte es auch nicht anders sein. Der größte Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses, ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: „Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!“
„Kommt denn Niemand?“ setzte die nämliche Stimme bald hinzu. während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen der Möbeln, das Knarren des Fußbodens und die schweren Tritte von zwei Personen vernahm, welche sich fest umschlungen hatten und einander niederzuwerfen suchten.
Endlich hörte ich noch die Worte:
„Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so kommen Sie doch!“
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und ich verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon im Corridor, und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die Thüren und einzelne Köpfe erschienen in denselben. Was giebt es? Ist Jemand verwundet? Ist Feuer im Hause? Sind Diebe eingebrochen? Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten im halbdunkeln Gange, der glücklicherweise hier und da vom Monde erleuchtet wurde. Man lief umher, ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten schon, obgleich sie,
noch gar nicht wußten, was eigentlich geschehen war.
„Wo mag nur Rochester sein?“ rief endlich ein junger Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine Fassung verloren hatte; „ich finde ihn nicht in seinem Bett.“
„Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!“ rief die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen Nachtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
„Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen,“ sagte Rochester in einem heiteren Tone, der mir etwas unnatürlich vorkam.
„Es ist eine reine Mystification, nichts Anderes. Noch einmal, lassen Sie mich los. ich bin ein gefährliches Tier.“
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen schwarzen
Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß er in der That „gefährlich“ war. Aber er unterdrückte gewaltsam seine heftige Aufregung.
„Die ganze Sache ist nichts,“ sprach er weiter, „nichts als eine
nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte. Sie hat im Traume
eine Erscheinung gehabt, die einen neuen Anfall hervorgerufen hat.
Kehren Sie in Ihre Zimmer zurück, ich bitte Sie darum. Es ist
durchaus nöthig, damit ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann.
Meine Herren, gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele
voran . . . und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren.“
So nöthigte er Jedermann halb scherzend, halb unwillig in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte den über mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den Verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als daß ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet und auf Alles gefaßt war, setzte ich mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster und ließ meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf und die Nacht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten mich, vom Fenster zu gehen, in der Absicht, mich angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm ich an meiner Thür ein außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
„Wünscht man etwas von mir ?“ fragte ich.
„Sind Sie aufgestanden?' entgegnete die Stimme Mr. Rochesters,
die ich im Voraus vermuthet hatte.
..Ja, ich bin auf.“
„Und angekleidet?“
„So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich.“
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit einem Lichte im Corridor.
„Ich bedarf Ihres Beistandes,“ sagte er zu mir: „ kommen Sie mit mir. Beeilen Sie sich nicht, wir dürfen vor Allem Niemanden aufwecken.“
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete ihn so bis in das dritte Stockwerk nach dem dunkeln und niedrigen Gange, den ich schon einmal erwähnt habe. Hier blieb er plötzlich stehen.
„Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?“ fragte er mich.
„O ja.“
„Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen Essig?“
„Ich habe etwas in meinem Zimmer.“
„Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen Sie mir diese Gegenstände.“
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in mein Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf. Rochester erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit einem Schlüssel in der Hand. Sobald er mich kommen sah, öffnete er damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen Thüren, welche in die Dachkammer führen mußten. Auf der Schwelle hielt er mich zurück.
„Können Sie den Anblick von Blut ertragen?“
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein dies hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
„Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht.“
„Geben Sie mir Ihre Hand,“ versetzte er. Eine Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein.“
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: „ Es hat keine Gefahrr“, eintreten.
Das Zimmer war mir nicht fremd, denn Mistreß Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte, war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester stellte sein Licht auf einen Tisch, bat mich, einen Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges Wort zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die ich mir nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder zu mir und verschloß die geheime Thür hinter sich.
„Jetzt hierher, Jane.“
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen waren und um welches ich herumging. Hinter demselben in einem großen Lehnstuhl saß ein Mann, den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer seinem Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als Rochester das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen Fremden, Mr. Mason. Ein einziger Blick genügte mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen Seite ganz mit Blut getränkt war.
„Nehmen Sie das Licht, sagte Rochester zu mir, und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte. Dann wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das leichenhafte Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten Malen mein Riechfläschchen unter die Nase. Mason öffnete mit einem leisen Stöhnen die Augen. Rochester entblößte nun den Arm und die Schulter des Verwundeten, wusch beide sorgfältig und verband sie hierauf.
„Ist die Wunde gefährlich?“ fragte der Kranke mit schwacher Stimme.
„Durchaus nicht,“ erwiderte Rochester im Tone leichten Vorwurfs; „eine ganz unbedeutende Schramme. Beruhigen Sie sich also und kommen sie wieder zu sich, ich will sogleich einen Arzt holen. Morgen früh werden Sie hoffentlich abreisen können. Jane,“ setzte er hinzu, „ich muß Sie eine, vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein lassen. Haben Sie die Gefälligkeit, das Blut zu stillen, so oft es nöthig ist. Wenn er ohnmächtig wird, so lassen Sie ihn einen Schluck Wasser trinken und halten Sie ihm Ihr Riecfläschchen unter die Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen sie mit ihm. Und Sie Henry, mache ich ebenfalls darauf aufmerksam, daß Sie sich durch Sprechen der größten Gefahr aussetzen. Wenn Sie nur den Mund öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich nicht für die Folgen.“
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer aus und schien, von diesem Augenblicke an entschlossen zu sein, sich nicht mehr zu bewegen. Es war, als hätte ihm die Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten Schwamm, heftete eine Secunde lang seinen gebieterischen Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes Schweigen anempfohlen hatte, verließ er das Zimmter und verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur durch eine schwache Thür von der Kammer getrennt, in welcher Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie unvermuthet hervorstürzen konnte. . . . Sie werden zugeben, daß es eine harte Probe für meinen jugendlichen Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte, und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte Waschbecken, in welches ich meine zitternde Hand von Zeit zu Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten meine Augen einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo die zwölf Apostel in ganzer Figur mir ihre verwischten Gesichter zuwendeten, die von dem flatternden Scheine des einzigen Lichtes zitterten, welches das düstere Gemälde erleuchtete.
Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht, denn in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie von einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen, das unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde, dessen Name einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, dass sich Mr. Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden Angriffen einer Art von Furie ausgesetzt ? Warum zeigte er sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen Opfer er zu sein schien? Warum legte er eine solche Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum wollte dieser den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne sie mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es erschien eine Hülfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen Pflege wurde Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft, immer schwächer, und gab durch zunehmendes Seufzen seine zunehmende Angst zu erkennen, die sich endlich auch meiner bemächtigte. Ich flehte zu Gott um die Rückkehr meines Herrn oder um das Erscheinen des Tages, und schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während unseres gezwungenen Alleinseins den Geist aufgeben könnte. Durch mein Versprechen gebunden, wagte ich es nicht, ihn nach seinem Befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmälig herabgebrannt
war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte ich aber durch den
dünnen Stoff des Vorhanges den matten Dämmerschein des anbrechenden Morgens, und ich hörte Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen der nahenden Hülfe richteten meine Hoffnung wieder auf und ich wurde nicht getäuscht. Das Geräusch eines Schlüssels an der Thür, das meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang, deutete mir an, daß meine entsetzliche Gefangenschaft zu Ende war. Sie hatte kaum zwei Stunden gedauert, aber manche Woche in meinem Leben ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
„Beeilen Sie sich, Carter,“ sagte er zu ihm, „wir haben keine
Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde, um den Verband
anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte zu bringen.
,,Aber wird es sein Zustand erlauben?“
„Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und wir müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen. Also eilen Sie.“
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und sagte zu ihm:
„Beruhigen Sie sich und blicken Sie uns nicht mit so stieren Augen an. Sagen Sie ihm, Carter, daß nicht die geringste Gefahr vorhanden ist.“
„Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern,“ entgegnete der Arzt, „nur wäre ich gern etwas früher gekommen. Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben, und dies wäre besser gewesen. Aber was ist das?“ setzte er hinzu, indem er den Verwundeten näher betrachtete „das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten, sondern sogar zerrissen. Diese Wunde ist nicht durch ein Messer allein hervorgebracht . . . ich sehe deutlich die Spur von Zähnen
„Sie hat mich in der That gebissen,“ erwiderte der Kranke, „sie
stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als ihr Rochester das Messer entrissen hatte.“
„Sie hätten sich nicht sollen werfen lassen, sondern sie umschlingen und festhalten,“ versetzte Rochester.
„Konnte ich es denn?“ entgegnete Mason in kläglichem Tone. „O, es war gräßlich!“ setzte er schaudernd hinzu. „Und wie hätte ich so etwas erwarten können? sie schien so ruhig zu sein.“
„Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie sich ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben sollen, damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit, mitten in der Nacht allein zu ihr zu gehen.“
„Ich dachte, es würde so gerade am besten sein.“
„Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch ich sehe, dass ich mich von dem Unwillen über Ihre Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner Rathschläge hart genug büßen müssen, daß ich sie Ihnen verzeihen kann. Also genug davon. Aber so eilen Sie doch, Carter! die Sonne geht schon auf, wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen.“
„Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch an einer andern
Stelle verletzt ist . . . ebenfalls ein Biß, wie es scheint.“
„Ja,“ sagte Mason, „sie trank mein Blut, sie wollte mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen.“
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich in seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
„Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen Sie dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie sollten sich gar nicht mehr daran erinnern.
„Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen.“
„Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen, wenn Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie wieder in Spansh-Town sind, werden Sie nur noch wie an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken . . . wenn Sie es überhaupt der Mühe werth halten, noch an sie zu denken.“
„Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht je vergesse!“
„Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann, Henry ? Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie etwas mehr Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie sich für eben so todt wie einen gesalzenen Häring, und jetzt sind Sie wieder munter und redselig, daß es eine Lust ist. Die Hauptsache ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen . . . Jane wird uns dabei behülflich sein.“
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der That nacheinander aus den Schränken und aus seinem Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel gehörte, ohne welchen Mr. Mason als ächter Creole unter unserm nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte
es ihm nicht gelingen, sich auf den Füßen zu erhalten. Aber Rochester
hatte für Alles gesorgt; er goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn Tropfen von einem herzstärkenden Mittel, das ich aus einem Schubfache seines Sekretairs geholt hatte, und dieser Trank brachte eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten hervor, der sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
„Die Sache geht gut,“ sagte Rochester dann, „und nun wollen, wir Sie so geschickt als wir nur können, aus dem Hause eskamotiren; denn es ist sowohl für Sie als für jenes unglückliche Geschöpf besser, das der ganze Vorfall unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe nicht gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten Sie mir . . . Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter . . . öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges und Sie werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder vielmehr vor dem Gitterthore, denn ich habe den Postillon verboten, auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm, daß wir kommen, und wenn Sie etwa Jemanden auf der Treppe begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon zu benachrichtigen. !
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und während die Herren langsam hinabgingen-- denn Mason war noch außerordentlich schwach-- horchte ich aufmerksam und blickte mich überall um. Aber es rührte sich nichts; selbst an den Fenstern der Dienstleute waren die Vorhänge noch verschlossen. Kaum begann hier und da ein Vogel in den blühenden Bäumen zu zwitschern, deren weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das Stampfen der Pferde auf dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesem Geräusch wurde die kühle Stille des Morgens durch nichts gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommen hatte, sagte Rochester:
„Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu feiner vollkommenen Genesung bei sich. Nach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wie ist Ihnen jetzt, Henry?“
„Die frische Luft stärkt mich ein wenig.“
„Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab, Carter, es geht nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl, Dick.“
„Fairfax!“ rief Mason plötzlich.
„Was giebt es noch?“
„Sorgen Sie dafür, daß sie gut gepflegt und mit aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert, damit sie nicht . . .“
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
„Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch ferner thun,“ erwiderte Rochester kurz, indem er den Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um sie zu benutzen,
liebe Freundin, hätte es einer größeren Gelassenheit und Gewandtheit
bedurft, als ich in meinem neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder
eines gleichartigeren Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den ernsten Gefahren zu sprechen; in die uns ihre Anwesenheit auf, dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur, daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe. Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte, das ihm dieser Mason einflößte, über den er eine so große Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern, daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester, dieser Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem er Mason diese oder jene Verhaltungsvorschriften dictirte, aus dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche Einfluß gründete, den er zu einer gewissen Zeit auf das Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine discreten und indiscreten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft sich noch
in Thornfield-Hall befand, nur seltene und sehr kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er machte seiner schönen Braut, Miß Ingram. fortwährend den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre süßen Unterhaltungen zu stören. Meine Rolle war mir vorgeschrieben, und es kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe, sie einzuhalten. Ich nahm die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich voraussah, daß sowohl ich als mein Zögling Thornfield früher oder später würden verlassen müssen, so genoß ich mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche daselbst zu verleben uns noch vergönnt waren.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen Reed benachrichtigte mich von dem Ableben meiner theueren Tante. Indem Eliza und Georgiana mir dieses Ereigniß mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, - als ich wußte, wovon die Rede war. Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung, welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:
„Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse meiner Nichte, Jane Eyre, mizutheilen, und mir zu sagen, in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher für den Rest meines Lebens adoptiren und ihr nach meinem Tode mein Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame u. u.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.“
Unter dem Briefe standen folgende Worte von der Hand der Mistreß Reed:
„Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule zu Lowood am Typus gestorben sei.“
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen die raffinirte Bosheit, welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen, denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe meiner Cousinen ahnte, dass sie von dem unbezähmbaren Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt, mein Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Mann dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte, und den ich Ihnen ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte, sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten. vierzehn Tage des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon. Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antwortete ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden Scherze und einem sardonischen Blicke, „mit dem man nicht wußte, was man machen sollte,“ wie sich Mistreß Fairfax sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereist waren, wunderte ich mich ein wenig. daß ich Mr. Rochester nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram-Park sah. Allerdings lag Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber was kümmert Liebenden die Entfernung? was war es namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester, diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir, welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: das die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters, um auf demselben Anzeichen von Kummer und Verdruß zu entdecken, aber noch zu keiner Zeit war mir dieses Gesicht so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! nie hatte ich ihn so sehr geliebt!
Achtes Kapitel.
Rochester’s Heirathsantrag.
Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den
Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu
suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe gegangen, und als ich überzeugt war,
daß sie schlief, ging ich hinunter in den Garten. Eine Abtheilung desselben bildete einen Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine sehr hohe
Mauer und von dem übrigen Garten durch eine Buchenallee getrennt
war. Am äußersten Ende blickte man über eine Wolfsgrube in's Freie.
Dahin führte eine Art Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte
ein mit Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Es war dies mein Lieblingsplatz und um den schönen Abend zu
genießen, beabsichtigte ich, da eine Weile zu verbleiben. Kaum hatte
ich mich jedoch niedergesetzt, so verspürte ich den Rauch einer Cigarre,
wie Mr. Rochester sie gewöhnlich rauchte. In der That war mein Gebieter mir in den Garten gefolgt und kam gerade auf den Kastanienbaum zugegangen, unter welchem ich saß. -- Er setzte sich neben mich.
„Noch so spät im Garten, Miß Eyre?“
„Ich wollte den schönen Abend genießen.“
,,Dieser Wunsch hat auch mich in's Freie geführt.“
Das Schicklichkeitsgefühl untersagte mir, an der Seite meines
Gebieters noch länger zu verweilen. Nach einigen gewöhnlichenWorten beurlaubte ich mich, Mr. Rochester eine gute Nacht wünschend.
Aber Mr. Rochester hielt mich bei der Hand zurück.
„Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht unrecht, sich an einem
so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände zu vergraben? Jedenfalls wählt man nicht den Augenblick zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem emporsteigenden Mond gegenübersteht. Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen, und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann, aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen so gänzlich fremd, und überdies so ernst und väterlich, daß er vielmehr meine eigene Verlegenheit merken mußte. Das Böse, wenn es überhaupt etwas Böses war, so allein mit ihm zu bleiben, dünkte mich lediglich in meiner Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr ernster Natur.
,,Jane,“ begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, ,,im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?“
„Ganz gewiß.“
„Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben, denn Sie besitzen einen angeborenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was die Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.“
„Sie irren sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.“
„Noch niehr; Sie haben, ohne daß ich weiß warum, eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu Mistreß Fairfax gefaßt?“
„Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich auf verschiedene
Weise.“
„Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn sie sich von ihnen
trennen müßten?“
„Gewiß.“
„Wie schade!' rief er mit einer Art von Seufzer. „Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Ort aufgeschlagen, wo wir die ersehnte Ruhe genießen können, so befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.“
„Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise fortsetzen und Thornfield verlassen muß?“
„Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich glaube sogar, es muß sein.“
„Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur Abreise, er wird mich bereit finden.“
„Treffen Sie Ihre Anstalten so bald als möglich. Den Befehl Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen schon diesen Abend geben.“
„Sie wollen sich also vermählen?“
„So ist's. Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem ersten Schlage Nagel auf den Kopf getroffen.“
„Und ohne Zweifel bald.“
„Sehr bald, meine . . . Miß Eyre, wollte ich sagen. Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die Idee mit mir sprachen, daß ich, ein unwürdiger Hagestolz, in den heiligen Ehestand treten wollte. . . . Aber Sie hören nicht auf mich, Miß Jane: wenden Sie den Kopf vielleicht ab, um einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erste Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir sprachen, machten Sie mich zuerst darauf aufmerksam, daß, sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den wohlwollenden Charakter meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt treten und Sie, Miß
Eyre, werden sich nach einer andern Stelle umsehen.“
„Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung rücken
lassen. Einstweilen denke ich . . .“
„Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah, das meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
„In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe,“ fuhr Rochester fort, „wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle zu verschaffen.
„Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid, daß Sie
sich um meinetwillen bemühen . . .“
„Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen haben, welche in der Grafschaft Connought wohnt. Sie werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten allgemein für sehr brave Leute.“
„Ist es sehr weit von hier?“
„Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.“
„Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung . . . und dann
trennt mich das Meer . . .“
„Wovon, Jane?“
„Von England . . . von Thornfeld.“
„Nun? vollenden Sie!“
„Von Ihnen, Mr. Rochester.“
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester leicht entgehen könnte.
,Es ist in der That warscheinlich,“ versetzte er, „daß wir uns ziemlich selten oder richtiger gesagt nie wieder sehen werden, denn ich für meine Person finde wenig Gefallen an Irland: überdies, Jeane, sind wir immer gute Freunde gewesen, nicht wahr?“
„Ohne allen Zweifel.“
„Wohlan, wenn ein paar Freunde sich bald trennen müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen und ruhig von Ihrer Reise plaudern.“
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten Bank und setzte sich an meine Seite.
„Jane, begann er nun wieder, ,es thut mir leid, daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen sagen, daß es Augenblicke giebt, wo es mir scheint, als stammten wir aus einer Familie, als wären wir ein wenig verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt. Wenn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt, so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden Herzen bluten. . . . Doch,
was sage ich? ... Sie werden mich bald vergessen!“
„Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies . . .“
„Jane,“ unterbrach er mich, „hören Sie in dem fernen Wald den lieblichen Gesang der Nachtigall?“
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stille brach mein lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um den Tag, an welchem ich geboren und den. an welchem ich nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
„Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?“ fragte Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all' mein Widerstand.
„Ja, rief ich aus, „ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier, wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester? . . . nachdem ich Sie kennen gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut machen zu können.
„Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeite?“ fragte er mich plötzlich.
, Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor Augen gelegt.
„Unter welcher Form denn?“
„Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.“
„Meiner Braut? Wie kommen sie darauf? Ich habe keine Braut.“
„Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?“
„Ich will . . . ja . . . ich will! . . . ich will!“
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen und mit einem fast wilden Ausdrucke.
,,Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß; haben Sie es nicht selbst gesagt?“
„Nein . . . Sie sollen bleiben . . . ich schwöre es, und ich werde diesen Schwur halten.“
„Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf ihre Zuneigung? Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose Maschine ohne Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie denn, mein Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie die Ihrigen - und wenn ich bei einiger Schönheit ein Vermögen besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr. Rochester, so würde ich Ihnen die Trennung von mir eben so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein Geist spricht zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab überschritten und ständen völlig gleich am Throne des Herrn, . . . denn dort werden wir es sein, ja wir sind es schon jetzt, ich fühle es.“
„Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,“ wiederholte Rochester, dessen Stimme jetzt mehr als die meinige zitterte. „So kommen Sie denn, Jane, kommen Sie an mein Herz.“
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube, seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn heftig zurück.
„Nein, sagte ich, von dem raschen Strome meiner Rede fortgerissen“ ,nein, wir sind nicht gleich, denn Sie wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes Mädchen heiraten, von dem Sie wissen, daß sie unter Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung einflößt und die Sie nicht aufrichtig lieben können, weil Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch beugen . . . ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich abreisen!“
„Nach Irland, Jane?“
, Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe gesagt was ich auf dem Herzen hatte, und werde gehen wohin man will.“
„Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel, der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.“
„Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem Netze. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen, der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich des Willens, um mich von Ihnen zu trennen.“
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen Armen und
blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
„Es sei denn,“ entgegnete er mir; „Ihr Wille allein mag über Ihr
Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine Hand, mein Herz und
Ihren Antheil an Allem an, was ich auf der Welt besitze.“
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt, meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung die ich Ihnen davon geben könnte.
„Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester und doch . . .“
„Und doch ist nichts ernster, als das,“ fiel er ein. „Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen, welche soeben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen mit gutem Beispiele vorangehen.“
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor sich in dem unendlichen Raume.
Als dieses leise Geräusch erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es
war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz. Als ich es
hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester sah mich mit
ernster Zärtlichkeit weinen.
„Kommen Sie an meine Seite, Jane, sagte er endlich, „dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören. Kommen Sie, was fürchten Sie denn?“
Ach! ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
„Ihre Braut steht zwischen uns,“ sagte ich.
Er stand plötzlich auf und stand mit einem Schritte neben mir.
„Meine Braut ist hier!“ rief er aus, indem er mich von Neuem an sich zog. .Hier ist sie, denn hier habe ich meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin werden?“
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
„Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten, daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Mühe genommen, sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile meines Vermögens verloren hätte. Von diesem Augenblicke an konnte ich um ihre Hand Zanhalten, ohne zu fürchten, daß sie mir gewährt würde. Meine Berechnung bewährte sich als vollkommen richtig. Die Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit, die mir früher von diesen stolzen Damen erwiesen waren, hatten nicht meiner Person, sondern meinem Vermögen gegolten. Als in Folge meiner Andeutungen auf dies letztere nicht mehr zu rechnen war, trat in ihrem Benehmen gegen mich eine Veränderung ein, die sich nur wenig von Beleidigung und Haß unterschied. Die Coquette, welche Sie für meine Braut hielten, schien meine Besuche nur noch zu dulden und auf eine passende Gelegenheit zu warten, um meine Zudringlichkeit zu rügen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und die so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte, meine Hand anzunehmen.“
„Ist dies wirklich wahr?“ rief ich aus, gerade wegen der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit überzeugt; „ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind, . . . ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.“
„Warum?“
„Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.“
„In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein, wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich, denn ich leide Höllenqualen.“
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze seiner Augen.
„O Jane! rief er nach einer kleinen Pause, ,hören Sie auf, mich zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz zerreißt.“
„Sie drücken nichts aus, als eine innige Dankbarkeit, und ich sehe nicht ein . . .“
„Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.“
„Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich ernstlich zur Gattin?“
,,Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines Eides? Nun wohl, ich schwöre es Ihnen!“
„So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin werden will!“
„Dann komm an mein Herz, Jane, meine Geliebte, meine Braut und bald meine Gattin, sei Du der gute Genius, der mich durch's Leben begleitet, verdanke ich Dir doch eigentlich mein Leben, da Du mich vom Feuertode errettetest, das jene Entsetzliche . . .“
„Welches Entsezliche?“ fragte ich.
,,Es ist eine trübe Erinnerung, die sich dann und wann meiner bemächtigt.--- An Deiner Seite, liebe Jane, werden jene trüben Erinnerungen mich nicht mehr beunruhigen. An Deiner Seite, meine Jane, hoffe ich das häusliche Glück zu erringen, nach dem ich bis jetzt gestrebt habe, ohne es zu finden. Mache Du mich so glücklich, wie ich Dich zu machen beabsichtige. Mein ganzes Leben sei diesem Bestreben gewidmet!“
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergegangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum. Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem Drucke des Windes, der das harte Laub der Lorbeerbäume bewegte. Ein Gewitter war im Anzuge und schon fing es an zu regnen.
„Wir müssen in's Haus gehen,“ sagte Rochester, , denn das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!“
„Und ich nicht minder!“ dachte ich. Vielleicht würde ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren. Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es begann in Strömen zu regnen. Er zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden Shawl von den Schultern nahm und sanft meine feuchten Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben zwölf Ühr.
„Lege rasch Deine nassen Kleider ab,“ sagte Rochester zu mir, „und ehe Du gehst, noch einmal gute Nacht, mein Engel!“
Er umarmte mich mehrere Male, während er diese Worte wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich entfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst, indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Nacht hindurch; vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung, vor der Macht der Elemente.
Dreimal im Laufe der Nacht kam Rochester an meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl fühle oder ängstigte.
Dies war ganz geeignet, mir Muth gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte, die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie mit ihrem Mädchen in's Freie geschickt und er selbst empfing mich in unserem Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut mit meinem Glücke, dass ich dieses Entgegenkommen ganz natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes Aussehen gesagt hatte, über meine „Schönheit“ sogar und über den Glanz meiner hübschen braunen Augen, sprach Mr. Rochester sogleich von seinen Plänen. Er sagte, unsere Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen vier Wochen stattfinden und er bewilligte mir keinen Tag mehr. Neberdies habe er bereits nach London geschrieben und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge, denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über ihn selbst lustig zu machen.
„Du vergissest,“ sagte ich zu ihm, „daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt, würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernhelden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der Krause um den Hals und dem Halbmantel auf der Schulter, als mich mit Federn und Edelsteinen in einem Spiegel zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es bist; ich glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelskeit in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.“
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte. Dagegen berührte er eine empfänglichere Seite in mir, indem er von den Reisen sprach, die wir zusammen machen wollten, sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch einmal sehen wollte, . . . konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
„Außerdem will ich,“ setzte er hinzu, „daß Du noch heute Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmärchen. Nur hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich würde es ganz bestimmt versuchen.“
„Nun wohl, sagte ich lachend, mein erster Wunsch ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an die mir ohnehin schmerzliche Ungleichhheit unserer Vermögensumstände erinnern.“
„Jane, Du bist ein böses Kind!“ rief Mr. Rochester, „doch mein Wort bindet mich. die Contreordre soll noch diesen Abend abgehen.“
,Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß meine Neugierde über einen kitzlichen Punkt befriedigt werde . . .“
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn verfinsterte sich.
„Denke an Eva und Psyche,“ sagte er mit einem erzwungenen Lächeln zu mir; „Beide bereuten es, daß sie hatten zu viel wissen wollen.“
„Kann ich wenigstens wissen,“ entgegnete ich, „warum Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du sie nicht liebtest?“
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
„Ich habe nicht geglaubt, meine Jane,“ erwiderte er, „daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären. Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? und weißt Du nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sei wollte?“
Ich hätte auf diese seltsame Erklärung nur eine ihn verletzende Antwort geben können und schwieg daher. Mein dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß Mistreß Fairfag von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat, ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung in Unkenntniß bleibt.“
„Dein Wunsch soll erfüllt werden, liebe Jane.“ -- Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin, um ihr meine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich einen Mann
hatte fesseln können. Der Stolz und der strengste Ordnungsgeist, um
nicht mehr zu sagen, waren in ihren Augen die stereotypen und erblichen Eigenschaften der Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht, selbst in Bezug auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
„So ist Alles vortrefflich,“ sagte sie endlich, „und ich bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gestern Abend empfunden habe, als ich Sie, nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn Rochester um Mitternacht . . .“
„Davon wollen wir nicht mehr sprechen,“ rief ich mit einem Anflug von Ungeduld, „da Sie jetzt wissen, woran Sie sind.“
„Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsch gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, mißtrauen Sie sich selbst eben so sehr, alsihm. Es geschieht nicht alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante seiner Kinder heirathet.“
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele’s Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Mein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr. Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren. Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden, um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich jedes Mal tief gedemüthigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber fünfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte. Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann kehrten wir nach Thornfield zurück.
„Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen, mit mir zu speisen?“ fragte er mich bei unserer Ankunft.
,Nein, dafür muß ich danken.“
„Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?“
„Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben Platz nehmen soll, als bis . . .“
„Nun, willst Du mir wieder etwas verschweigen? Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.“
„Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.“
„Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte, unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen haben, und Du sollst sehen ob ich sie geltend mache.
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindisch erscheinen, aber Sie, meine verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden, bei einem zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung, welcher es sich hingiebt, vor jedem Verdacht und jedem Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte, nun mußte ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob eine seine Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deshalb, und nur deshalb, war meine Armuth mir drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben, um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte, und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichten dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der Mittelperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht mehr frei über sein Vermögen verfügen, Doch gleichviel; schon die, wenn auch noch so ungewisse Hoffnung. meinem Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei dem Gedanken, daß ich in gänzlicher Abhängigkeit von ihm leben mußte.
Ein anderes Bedenken für mich bestand darin, während der langen
vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne, der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen seiner Zärtlichkeit auszuweichen.
Doch in diesem Punkte unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus
dem Tone der Stimne, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Verfügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit. denn wenn ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre es Ihnen, es bedurfte eines Muthes, den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen, der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines Geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder gekränkt, oder spöttelnd, oder zerstreut stellte, um nicht zu hingebend, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß die Hoffnung, von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war mein Ideal geworden.
Die vier Wochen dünkten Rochester eine Ewigkeit. Fast jeden
Abend berechnete er, wie viele Tage noch bis zur Hochzeit übrig
wären. Dann und wann schien eine trübe Ahnung sich seiner zu bemächtigen und wenn ich ihn bat, mir die Befürchtung mitzutheilen,
welche ihn zu quälen schien, so antwortete er durch ein gezwungenes Lächeln; hätte ich in die Zukunft blicken können, so würde ich diese Befürchtung erkannt, und weh!-- sie nur zu sehr getheilt haben.
Neuntes Kapitel.
Die Braut am Traualtar
Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden und der Tag unserer Verbindung war gekommen. Es war Alles für die unmittelbar nachher festgesezte Abreise vorbereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten mein kleines Zimmer. Sie waren noch mit den schon geschriebenen Adressen zu versehen, auf denen ich mit Erstaunen den Namen einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: „Mistreß Jane Rochester in London.“
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden, und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen Ausbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich den allzu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester erwartete mich mit Sehnsucht, umarmte und küsste mich. „Nun bist Du bald nicht mehr die elternlose Waise? – sagte er --- ,das arme, von den Launen des Schicksals und der Hartherzigkeit der Menschen herumgestoßene Mädchen, nun bist du bald mein, auf ewig meine zärtlich geliebte Gattin, die Lebensbegleiterin eines Mannes, der Deinen hohen Werth vollständig erkannt hat und der es fortan für seine Lebensaufgabe halten wird, Dich zu beglücken.“ Hierauf meinen Anzug musternd, sagte er mir allerlei Schmeichelhaftes, wovon mir unter andern noch die Worte erinnerlich sind: „Du bist schön wie eine Lilie.! Dann verließ er mich auf kurze Zeit, um der Dienerschaft mehrere Befehle zu ertheilen. „Wenn wir aus der Kirche zurückkommen, muß der Wagen in völliger Bereitschaft zur Abreise sein, die Koffer müssen aufgepackt und der Kutscher auf dem Bocke sein,“ hörte ich ihn seinen Dienern sagen.
Dann ließ Rochester ein Frühstück für mich serviren, aber es war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen.
Mistreß Fairfax erwartete uns im Vestibul und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es war mir nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog und da besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine Minute Aufenthalt gestatte, so energisch prägte sich der Wille in denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das Ziel zu erreichen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Athem war.
„Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe?“ sagte er zu mir.
„Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben, Jane, stütze Dich auf
mich.“
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille Kirche und erinnere mich besonders auch zweier Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige halb verwischte Grabschriften unter den Moose zu entziffern. Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zugingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt.
Ich erholte mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene
Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem Messner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt, die beiden Unbekannten waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch hinter mir, mich umzuwenden, und sah einen der beiden Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen sollte; dann trat er näher und
sagte, ein wenig zu Rochester geneigt:
„Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich seinz, in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnten, da Sie die Gewißheit haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist . . .“
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen, welches dieser feierlichen Aufforderung folgt, unterbrochen wird? Vielleicht nicht einmal in
hundert Jahren. Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem Buche erhoben und wollte nach einer kurzen Pause fortfahren.
Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen
sich öffneten um ihn zu fragen: „Erkennst Du dieses Weib als Deine
Gattin an?“ sprach eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
„Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre, daß ein Hinderniß existirt.“
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick, als wäre der Boden unter seinen Füßen gewichen. Allein er faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster Stimme, ohne sich umzusehen:
„Fahren Sie fort!“
Eine Totenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
„Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandtniß hat ohne mich überzeugt zu haben, daß sie von keiner ernsten Bedeutung ist.“
„Die Ceremonie kann nicht stattfinden,“ wiederholte die nämliche Stimme, ,und ich bin in den Stand gesetzt, darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte.“
„Worin besteht das Hinderniß?“ fragte Mr. Wood; „ist es wirklich nicht zu beseitigen?“
„Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der Fremde, indem er einige Schritte näher trat. „Das Hinderniß besteht ganz einfach in der Existenz einer ersten Ehe! Mr. Rochester hat eine Frau, die noch am Leben ist!“
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone gesprochenen Worte.
Ich blickte Rochester an, und dies zwang ihn, mich ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne Maske, seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen. Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen.
„Wer sind Sie?“ fragte er hierauf den Unbekannten.
„Ich heiße Briggs und bin Advokat in London.“
„Und Sie wollen mich mit dem Geschenk einer Frau beehren?“
„Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche anerkannt.“
„Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer sie ist, wie sie heißt, und wo sie wohnt?“
„Allerdings, mein Herr.“
Der Advokat zog ganz gelassen ein Blatt Papier aus seiner Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen halblauten und näselnden Stimme vorlas.
„Ich behaupte und kann es beweisen, daß Eduard Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der Grafschaft *** und von Ferndean-Manor in der Grafschaft *** in England am 20. October 18. . (vor fünfzehn Jahren; mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, Tochter Jonas Masons, Kaufmanns, und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in der Kirche zu Spansh-Town ehelich verbunden worden ist. Die Originalurkunde dieser Ehe existirt in den Registern der genannten Kirche. Gegenwärtig
Unterzeichnet: Richard Mason.“
„Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,“ versetzte Rochester, „so beweist sie höchstens nur, daß ich verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.“
„Vor drei Monaten war sie es noch,“ erwiderte der Advokat sogleich.
„Können Sie das beweisen?“
„Ich habe einen Zeugen dafür, den Sie wohl schwerlich verwerfen werden.“
„So stellen Sie diesen Zeugen oder gehen Sie zum Teufel!“ rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe nicht länger zu behaupten vermochte.
„Gut mein Herr, ich will die Alternative, welche Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu machen. Treten Sie näher, Mr. Mason.“
Dieser Name brachte eine blitzschnelle und zauberhafte Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein bemerkte.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck Alles befürchten ließ. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine gewaltige Hand nach ihm . . . und ich glaubte diesen schon am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief, und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung löschte wie ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn Rochesters, der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur sagte:
„Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?“
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm zu Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
„Sind Sie gewiß,“ fragte er Mason dann in sanftem Tone, „daß die Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?“
„Lassen Sie sich nicht irre machen,“ setzte der Advokat hinzu; „sagen Sie Alles was Sie wissen.“
„Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall,“ sagte Mason mit etwas festerer Stimme. ,,Ich, ihr Bruder, habe sie im vergangenen Monat April gesehen.“
„In Thornfield-Hall?“ rief der Geistliche mit unbeschreiblichem
Erstaunen. „Dies scheint mir unmöglich, denn ich wohne schon sehr
lange in dieser Gegend, habe aber nie gehört, daß in Thornfield-Hall
eine Mistreß Rochester lebt!“
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam eine Art
von verzweifeltem Lächeln. „Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren gut getroffen!’
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn zu stören
wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte, rief er plötzlich:
„Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green (so hieß der Messediener) Sie können sich entfernen, es wird heute keine Trauung stattfinden.“
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und Sorglosigkeit weiter:
„Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber das Schicksal hat meine kluge Berechnungen zerstört und die Vorsehung hat mich, wie Leute sagen werden, am Rande des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren, mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat und sein Client sagen die Wahrheit: ich bin verheirathet mit einer noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen hören, die ich bei mir verborgen halte? Man hat Ihnen wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester oder auch eine verlassene Geliebte? . . . Nein, sie ist meine Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet habe, die Schwester des wackern Mannes, den Sie hier sehen, eine Creolin, die Tochter einer durch den übermäßigen Genuß geistiger Getränke verthierten Mutter und wahnsinnig wie diese, da sie ebenfalls dem Laster des Trunkes ergeben ist. Man hütete sich wohl, mich zu warnen, als von der im Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten Verbindung die Rede war; man hütete sich wohl, mir zu sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei Generationen von der Mutter auf die Tochter fortgeerbt hatte. Urtheilen Sie daher über mein Glück und über die angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich der Gatte Bertha Mason's wurde. Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen gebliebenen Glücke überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger Mr. Wood, und Sie, Herr Advokat Briggs, und auch Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen Sie mit mir in meine Wohnung. Sie sollen mir dann sagen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden zu halten. Was diese junge Dame betrifft, „fuhr er fort, indem er auf mich zeigte, „so wußte sie von dem
Allen ebensowenig etwas, als Sie, mein lieber Wood. Sie war im Begriff in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewissenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Wittwenstandes überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.“
Er verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
,Du kannst wieder ausspannen!“ sagte Rochester ganz ruhig zu dem Kutscher; „ich reise heute nicht ab.“
Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Leah erwarteten uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
„Zurück! zurück!“ rief ihnen Rochester zu. „Ich danke für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr, sie kommen fünfzehn Jahre zu spät.“
Zehntes Kapitel.
Das enthüllte Geheimnis.
Nach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine Hand noch
immer in der seinigen haltend, und winkte den drei Herren, uns zu
folgen. Wir gingen die Treppe hinauf, bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
„Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason?“ fragte Rochester
seinen Schwager in spöttischem Tone. „Hier war es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen wurden.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür des Nebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem Casserol in der Hand saß, um, Gott weiß was zu kochen. Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Art von Höhle ging, gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige, ein Geschöpf, ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab . . . dies war die rechtmäßige Gebieterin des Schlosses.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden, ob dies ein
menschliches Wesen war. Eine verworrene Masse ehedem schwarzer,
jetzt aber fast grauer Haare, verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich. Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten Raubthiere nachzuahmen; kurz es war eine Hyäne in Frauengestalt.
„Nun, Mistreß Poole,“ fragte Mr. Rochester, „wie geht es hier diesen Morgen?“
„Ich danke Ihnen,-- antwortete Grace, indem sie ihren Tiegel behutsam über das Feuer setzte; „sie brummt nur ein wenig, das ist Alles.“
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den heftigsten Zorn verrieth.
„Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester,“ sagte Grace Poole, „bleiben Sie nicht hier.“
„Nur einige Minuten.“
„Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht . . . um des Himmels
willen, seien Sie vorsichtig!“
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat einige Schritte vor.
„Wer weiß?“ entgegnete Grace, ,“sie ist heimtückisch. Jedenfalls sehen sie sich vor. Jetzt!“
„Lassen Sie nur,“ sagte Rochester, indem er sie auf die Seite schob, „sie hat hoffentlich kein Messer und ich bin auf meiner Hut.“
Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faßte ihn bei der Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen. So rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war ein starkgebautes, kräftiges Weib, das einem Manne gewachsen war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage zu Boden werfen können, aber er wollte sie nur bändigen und dies gelang ihm auch.
Als diese Operation beendigt war, wandte er sich an die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
„Dies ist meine Frau dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und hier ist Die,“ setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, ,“deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen reinen Züge mit jenem abschreckendem Gesicht, diese schlanke Gestalt mit jener unförmigen Masse. Ich fordere Sie, Herr Pfarrer, im Namen der Religion, und Sie, Herr Advokat, im Namen des Gesetzes auf, über meine Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß man einst für seinen Urtheilsspruch verantwortlich ist! Jetzt können Sie sich entfernen.“
Wir ließen uns dies nicht zweimal sagen. Rochester blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben. Die Herren entfernten sich und ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben hatte. Schwach und erschöpft sank ich auf einen Stuhl.
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und zu dem kalten Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Was Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen verloren hatte, und daß ich mich von ihm trennen mußte. Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte mich nicht so, wie ich geglaubt hatte.
Von dem Wechsel der Ereignisse dieses Tages niedergeschlagen und ermattet, schlief ich endlich auf meinem Stuhle ein. Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich die Augen wieder und stand auf, um mein Platz zu verändern. Die Nothwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir als eine gebieterische Pflicht.
Ich ging langsam nach der Thür, schob den Riegel zurück und
trat in den Korridor hinaus; aber bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuß an einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen, aber ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der Arm Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines Zimmers sitzend, erwartete.
„Endlich!“ sagte er zu mir; ,ich wartete hier, bis Du aus Deinem Zimmer kommen würdest; und wußte nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn sie noch länger gedauert hätte, so würde ich es nicht länger ertragen und diese verwünschte Thür eingeschlagen haben. Warum hat meine Jane allein weinen wollen? an meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen . . . Wie Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „hast Du nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich? Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen? Wirst Du mir nie vergeben?“
„Wie thöricht bin ich!“ fuhr Rochester fort, als ich nicht sogleich antwortete. „Sie glaubt, ich bin verheirathet . . . muß ich sie nicht zuerst enttäuschen? Wenn sie Alles weiß, was ich weiß, dann wird sie auch denken wie ich. Jane, meine heißgeliebte Jane, laß Deine Hand in der meinigen und schenke mir einige Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit anhören können?“
„Stunden lang, wenn es sein muß.“
„O, ich bedarf nur einige Minuten. So höre denn, meine Jane. Um meinem älteren Bruder alle Familienbesitzungen zu sichern, so daß der Glanz der Rochester durch ihn repräsentirt würde, und um mich möglichst zu entschädigen, waren alle Bestrebungen meines Vaters darauf gerichtet, mich mit einem möglichst reichen Mädchen zu verheirathen. Ein weitläuftiger Bekannter meines Vaters, Mr. Mason auf Jamaika, gab seiner Tochter Bertha fünfzigtausend Pfund Sterling als Mitgabe. Dieser Umstand entschied über mein Schicksal. Als ich die Universität verließ, wurde ich nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, ich werde eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der Colonie. Und dies war keine Uebertreibung. Auch die Eltern der reichen Erbin, denen der Name Rochester ein glücklicher Fund für ihre Tochter zu sein schien, boten Alles auf, um den ihnen zugesendeten jungen Mann zu fesseln. Meine Sinne, mein Stolz und mein jugendlicher Ergeiz wurde zu gleicher Zeit angeregt. Ich sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen umgeben war, wo sie in dem doppelten Glanze des Reichthums und der Schönheit strahlte.
Durch tausend wohlberechnete Kunstgriffe bethört, und von den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die stolze Schönheit überhäuft wurde, heirathete ich sie, ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, welches lebhafte Blut, welche verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man mich von der Existenz meiner Schwiegermutter unterrichtete, die sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden meine Illusionen bald gestört. Wenige Tage waren hinreichend, damit ich zu meinem tiefen Schmerz die gemeinen Neigungen, den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des jungen Mädchens erkannte, die ich zur Gefährtin meines Lebens erwählt hatte. Ich fand in ihr sehr bald ein Gemisch von Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit. Noch traurigere Erfahrungen zeigten mir die Zukunft in der drohendsten Gestalt und meine neue Familie als unwürdig meiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde unter der Last eines solchen nicht wieder gut zu machenden Unglücks erlegen sein. Ich kämpfte vier Jahre lang, indem ich meinen tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen und die zügellosen, entehrenden Neigungen meiner unwürdigen Gattin zu verändern oder wenigstens zu mildern versuchte. Aber ungeachtet aller meiner Anstrengungen entwickelten sich die Laster dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit. Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen und ihr öffentlich beschimpfter Gatte mußte
daran denken, sich von ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und ich Unglücklicher sah mich einem Schicksal preisgegeben, das mir die Habsucht meiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason und meine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
Ich hätte die Wahnsinnige ihrem Schicksal überlassen und von Jamaika fliehen können, aber mein Stolz empörte sich gegen eine so feige Durchhauung des Knotens. Unschlüssig, was ich beginnen sollte, überließ ich mich ganz meinem Kummer, welcher von Verzweiflung nur wenig verschieden war. Meinen Vater hatte ich schon frühe verloren und aus einem um jene Zeit anlangenden schwarz gesiegelten Brief erhielt ich auch noch die Nachricht, daß mein Bruder mit dem Tode abgegangen sei. So fielen denn alle väterlichen Besitzungen mir zu, und dennoch bei allen Reichthümern, deren Besitzer ich nun wurde, wer war unglücklicher als ich?“
Rochester erzählte mir nun weiter, wie er nach Regelung seiner
Erbangelegenheiten den Entschluß faßte, durch weite Reisen den Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub. Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren konnten, dann erst wagte er es, das förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mir zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
„Jane, ich will Dir die Antwort sagen, die ich von Dir erwarte,
sie lautet: Herr Rochester, ich bin die Ihrige!“
„Herr Rochester,“ erwiderte ich, „ich werde nie die Ihrige!“
Es erfolgte eine lange Pause.
„Jane,“ hob er noch einmal an, und seine Stimme war so sanft, daß sie mir das Herz brach, und mich zugleich mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam mir vor, wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen, ,Jane, es kann Dein Wille nicht sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte Wege einschlagen.“
,Allerdings will ich dies.“
„Jane, versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte und mich mit seinen Armen umschlang, „willst Du es auch jetzt noch?“
„Ja.“
„Und jetzt? . . .“ Er bedeckte meine Stirn und meine Wangen mit Küssen.
„Ich will es!“ rief ich noch einmal, indem ich mich mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten Ausdruck an, den ich noch nie an ihm bemerkt hatte. Er richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen, jetzt wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die mir als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken sein, denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
„Einen Augenblick, Jane! Stelle Dir das Leben vor, welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast. Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du mich dazu verurtheilen, nur für sie zu leben, keine andere Liebe mehr zu haben, als die ihrige?“
„Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst leben werde! auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden werden.“
„Du willst also nicht nachgeben?“
„Nein.“
„Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe und mit Fluch beladen sterbe.“
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fernrollender Donner.
„Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben, und wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben. Ueberdies werden Sie mich vergessen . . .“
„Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich lüge, und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich. Sieh, welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte, die sich durch Deine Neigung zu mir in ihrer Ehre oder in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten . . .“
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
„Du gehst, Jane?“
„Ja, ich gehe.“
„Du willst mich verlassen.“
„Ich muß es.“
„Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht meine Stütze und mein Trost sein?. . . Alle meine Liebe, all' mein verzweifeltes Flehen vermag nichts über Dich? . . .“
Ich will es nicht versuchen, Ihnen den ergreifenden und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in seinem Munde hatten.
Aber Sie werden ermessen können, welches Muthes es bedurfte, um
in festem Tone zu wiederholen: „Ich muß gehen!“
,Jane!“
Ich blieb stehen.
So geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere Dich, daß Du mich hier allein und elend zurücklässest. Geh hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege dort, was ich Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden an Deinem Geiste vorüberziehen . . . denke an mich !“
Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das Sopha, verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit von Schluchzen erstickter Stimme:
„O, Jane, meine Hoffnung . . . meine Liebe . . . meine Leben!“
Dann entschlüpfte seinen Lippen ein tiefer Seufzer.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von den Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte meinen Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend sein schönes Haar.
„Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter, sagte ich zu ihm, „möge er Sie vor jeder Sünde und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und trösten und Ihnen alles Gute vergelten, daß Sie an mir gethan haben.“
„Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn für mich gewesen,“ antwortete er, „ohne diese Liebe bleibt mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut um sie mir versagen . . . ja, ich weiß es, ich besitze diese Liebe schon . . .“
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme aus . . . Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch einen Augenblick zu zögern, verließ ich das Zimmer.
„Lebe wohl!“ rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn so allein zurückließ. Und tausend Stimmen wiederholten in meinem Innern:
„Lebe wohl auf ewig !“
Erstes Kapitel.
Es war nicht möglich, an dem Tage einen Spaziergang
zu machen. Zwar waren wir während des Vormittags eine
Stunde lang in der unbelaubten Eingangsallee umhergewandelt;
aber seit dem Mittagessen -- Frau Reed pflegte sehr früh zu
Mittag zu speisen, wenn keine Gesellschaft da war - -- hatte der
kalte, winterliche Wind so düstere Wolken und einen so durchdringenden Regen mit sich gebracht, daß von einem weiteren
Spazierengehen im Freien nicht mehr die Rede sein konnte.
Das war mir recht, denn ich hatte nie weite Spaziergänge
gern, am wenigsten aber an kalten Nachmittagen: es war für
mich etwas Schreckliches, mit halberfrorenen Fingern und Zehen
in der öden Dämmerung nach Hause zu kommen; das Schelten
der Kindermuhme Bessie stimmte da mein Herz noch trauriger,
und ich war durch das Bewußtsein gedemütigt, daß ich Elisa,
John und Georgiana Reed in physischer Beziehung weit nachstand.
Elisa, John und Georgiana hatten sich nun um ihre Mama
im Gesellschaftszimmer geschart: sie lag auf einem Sofa nahe
beim Kamin, und fühlte sich, umgeben von ihren Lieblingen,
--- die für den Augenblick weder weinten, noch sich zankten ---
äußerst behaglich. Ich hatte mich der Gruppe nicht anschließen
dürfen: Frau Reed sagte, sie bedaure, mich in einiger Entfernung
halten zu müssen; so lange sie aber nicht von Bessie höre, und
selber sehe, daß ich mich ernstlich bestrebte, mir eine geselligere
und kindlichere Gemütsart, ein anziehenderes, lebhafteres, leichteres, offneres und natürlicheres Wesen anzueignen, müsse sie
mir entschieden Vorrechte versagen, die bloß zufriedenen und
freundlichen Kindern zukämen,
Was sagt denn Bessie, daß ich getan habe? fragte ich.
Jane, Leute, die immer widersprechen und immer fragen,
mag ich nicht leiden; zudem ist es gräßlich, ein Kind sich so gegen
Erwachsene benehmen zu sehen. Setz' dich irgendwohin, und
schweig, so lange du nicht artig reden kannst.
Ein kleines Zimmer, worin gewöhnlich das Frühstück eingenommen wurde, befand sich neben dem Gesellschaftszimmer,
dort schlich ich mich hinein. Es war darin ein Bücherschrank.
Bald nahm ich mir einen Band heraus, einen mit Bildern. Ich
stieg auf den Fenstersitz, kreuzte die Beine wie ein Türke, zog
die rote Mohrgardine fast ganz zu, und sah mich in doppelter Weise geborgen. Die Falten der scharlachroten Draperie
versteckten mich auf der rechten Seite vor jedem Blicke; auf der
linken waren die hellen Glasscheiben, die mich zwar vor dem
trüben Novembertage schützten, aber nicht davon trennten. Von
Zeit zu Zeit studierte ich den Anblick dieses Winternachmittages,
während ich in meinem Buche blätterte. In der Ferne war es
eine bleiche Wolken- und Nebelmasse; in der Nähe eine Scene
von sturmbewegten Gesträuchen und einem nassen Rasenplatze,
mit nie endendem Regen, der vor lang gehaltenen, klagenden
Windstößen wild daherjagte.
ich kam zu meinem Buche zurück,- zu der Naturgeschichte der britischen Vögel von Bewick. Im allgemeinen kümmerte mich der Text wenig, und doch waren einige als Einleitung dienende Seiten da, die ich, wenn auch noch ein Kind,
nicht ganz übergehen konnte. Es waren die Seiten, die von den
Aufenthaltsorten der Seevögel handeln, von den einsamen Felsen
und Vorgebirgen, die nur sie bewohnen, von der Küste von
Norwegen nebst ihren unzähligen Buchten und Inseln,
Wo des Nordmeers mächt'ge Wirbel
Um der nackten Inseln Felsenwehr ---
Dieses fernste Schule -- sieden,
Wo sich wogend das Atlant'sche Meer
Durchzwängt durch die stürmischen Hebriden.
Ebenso fesselte mich die Beschreibung der unwirklichen
Küsten Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Nowaja-Semljas,
Islands, Grönlands. --- samt dem weiten Kreise der kalten
Zone, und den öden Räumen, wo Eis und Schnee, von vielen
hundert Wintern zu Gebirgen angehäuft, den Pol umgeben und
alle Strenge der äußersten Kälte in sich konzentrieren. Von diesen
weißen Reichen des Todes hatte ich meine eigenen Vorstellungen,
schattenhaft und nebelartig, wie alle halbverstandenen Dinge,
die trübe durch das Gehirn der Kinder treiben, aber einen
merkwürdig tiefen Eindruck machen. Die Worte in diesen einleitenden Bemerkungen verbanden sich mit den nachfolgenden
Bildern und gaben dem in einer See von hochgehenden und
schäumenden Wogen allein stehenden Felsen Bedeutung. sowie
dem zertrümmerten, an öder Küste gestrandeten Boote, dem
kalten und geisterähnlich durch Wolkengitter auf ein eben untersinkendes Wrack hindurchblickenden Monde.
Die zwei auf einer trägen See von einer Windstille überfallenen Schiffe hielt ich für See-Phantome.
Ebenso verhielt es sich mit dem schwarzen gehörnten Dinge,
das hoch auf einem Felsen saß, und eine ferne, einen Galgen
umstehende Menschenmenge überschaute.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte, für meinen unentwickelten Verstand und meine unvollkommenen Gefühle oft geheimnisvoll, aber immer höchst interessant, so interessant, wie
die Märchen, die Bessie bisweilen an Winterabenden erzählte,
wenn sie gerade bei guter Laune war, und nachdem sie ihren
Bügeltisch in die Kinderstube gebracht hatte, uns erlaubte,
uns um denselben herumzusetzen. Bei solchen Gelegenheiten
wurden wir, während sie Frau Reeds Halskrausen und Nachthauben plättete, für unsere gespannte Aufmerksamkeit mit allerlei
Krieg-, See- und Liebesabenteuern belohnt, die aus alten
Feenmärchen und älteren Balladen, oder --- wie ich später entdeckte --- aus Pamela, oder aus Heinrich, Graf von Moreland, geschöpft waren.
Mit Bewick auf meinem Knie war ich nun glücklich: glücklich wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine
Störung, und die kam nur zu bald. Die Tür des Frühstückszimmers ging auf.
He! Jungfer Träumerin! rief die Stimme John Reeds;
dann hielt er einen Augenblick inne: offenbar meinte er, das
Zimmer sei leer.
Wo zum Kuckuck steckt sie denn? fuhr er fort. Lieschen,
Georgy! rief er seinen Schwestern zu, Jane ist nicht hier; sagt
Mama, sie ist in den Regen hinaus, das böse Ding!
Ein wahres Glück, daß ich den Vorhang zugezogen habe,
dachte ich, und wünschte inbrünstig, daß er mein Versteck nicht
entdecken möchte, auch würde es John allein nicht aufgefunden
haben, denn weder sein Auge noch sein Verstand warenscharf. Aber
Elisa hatte kaum ihren Kopf durch die Tür gesteckt, als sie sagte:
Gewiß ist sie auf dem Fenstersitze, John!
Sogleich trat ich hervor, denn ich zitterte bei dem Gedanken,
von besagtem John herausgezogen zu werden.
Was willst du von mir? fragte ich mit linkischer Schüchternheit.
Was wünschen Sie, Herr Reed? heißt es! Du sollst hierher kommen; und, sich in einen Lehnstuhl setzend, gab er durch
eine Geberde zu verstehen, daß ich mich vor ihn hinstellen solle.
John Reed war vierzehn Jahre alt, also vier Jahre älter
als ich, groß und stark für sein Alter, von schmutzig grauer und
ungesunder Gesichtsfarbe, groben Zügen in einem breiten Gesichte, plumpen Händen und Füßen. Gewöhnlich pfropfte er sich
bei Tische zum Platzen voll, was ihm ein galliges Aussehen,
trübe, glasige Augen und schlaffe Wangen zuzog. Er hätte zu
dieser Zeit in der Schule sein sollen; aber seine Mama hatte
ihn auf einen oder zwei Monate wegen Kränklichkeit nach Hause
genommen. Sein Lehrer versicherte allerdings, der Junge könnte
gesund wie ein Fisch sein, wenn man ihm weniger Kuchen und
Konfekt von Hause schicken würde, aber das Mutterherz lehnte sich gegen eine so lieblose Behauptung auf und neigte sich eher
zu der Ansicht hin, daß Johns blasse Gesichtsfarbe von übertriebenem Fleiße und wohl auch von Heimweh herrühre.
John hatte für seine Mutter und Schwestern herzlich wenig
Liebe übrig; mich aber haßte er geradezu. Er quälte und
prügelte mich bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit;
jeder Nerv, jede Faser an mir zitterte, wenn er mir nahe kam.
Es gab Augenblicke, wo der Schrecken, den er mir einflößte,
mich ganz verwirrt machte, denn ich konnte gegen seine Drohungen
oder Tätlichkeiten bei niemand Beschwerde erheben. Die Dienerschaft mochte ihren jungen Herrn nicht beleidigen und Partei
gegen ihn nehmen, und Frau Reed war blind und taub, wenn
er mich in ihrer Gegenwart ausschimpfte oder schlug; noch häufiger allerdings peinigte er mich hinter ihrem Rücken.
Meiner Gewohnheit gemäß, John zu gehorchen, näherte
ich mich seinem Stuhle. Etwa drei Minuten lang streckte er die
Zunge gegen mich so weit herau, als es angehen mochte, ohne
deren Wurzel zu beschädigen. Ich wußte, daß er bald zuschlagen
würde, und dachte, während ich mich zusammenkrümmte, wie
garstig der Bengel doch aussähe. Vielleicht las er diesen Gedanken in meinem Gesichte, denn mit einem Male, und ohne
ein Wort zu sagen, schlug er heftig auf mich los. Ich taumelte
und zog mich, sobald ich mein Gleichgewicht wieder erlangt hatte,
ein bis zwei Schritte von seinem Stuhle zurück.
Das ist für die unverschämte Antwort, die du vor einiger
Zeit Mama gegeben hast, sagte er, und dafür, daß du dich immer
wegschleichst und dich hinter Vorhänge verkriechst, und für den
Blick, den du vor ein paar Minuten in deinem Auge zeigtest,
du falsche Katze!
An John Reeds Schmähungen und Mißhandlungen gewöhnt, kam es mir nie in den Sinn, mich dagegen zu wehren,
meine einzige Sorge war, wie ich die Schläge, die auf die
Schmähung noch folgen würden, ertragen sollte.
Was hast du hinter dem Vorhange getan? fragte er.
ich habe gelesen.
Zeige mir das Buch.
ich ging an das Fenster zurück und brachte es ihm.
Wer erlaubt dir, unsere Bücher zu lesen? Du bekommst
bei uns das Gnadenbrod, sagt Mama; du hast kein Geld, dein
Vater hat dir keins hinterlassen; eigentlich solltest du betteln
gehen, und nicht hier bei vornehmen Kindern, wie wir, wohnen
und dasselbe essen, wie wir, und Kleider tragen, die unsere
Mama bezahlen muß. Nun will ich dich lehren, in meinem
Bücherschrank herumzusuchen, denn die Bücher und der Schrank
gehören mir, das ganze Haus gehört mir, oder wird mir in
einigen Jahren gehören. Geh, und stelle dich an die Tür, vom
Spiegel und von den Fenstern weg.
ich gehorchte, da ich seine Absicht nicht gleich merkte; als
ich ihn aber das Buch in die Höhe heben sah, sprang ich mit
einem Schrei des Schreckens auf die Seite, indessen nicht zeitig
genug. Das Buch flog schon auf mich zu und traf mich, und
ich fiel mit dem Kopfe gegen die Tür. Das Loch, das ich mir
in den Kopf fiel, schmerzte mich heftig, und es floß Blut daraus hervor; mein Schrecken war übermäßig, und nun folgten andere Gefühle.
Böser, grausamer Junge sagte ich. Du bist wie ein Mörder,
wie ein Sklaventreiber, du gleichst den römischen Kaisern
ich hatte Goldsmith's römische Geschichte gelesen, und mir
über Nero, Caligul u.s.w. eine Meinung gebildet. Auch hatte ich im stillen Parallelen gezogen, von denen ich nie glaubte, daß ich sie einst so laut aussprecen würde.
Was, was! rief er. Hat sie das zu mir gesagt? Habt
ihr es gehört, Elisa und Georgiana! Soll ich es nicht Mama
agen? Aber vorerst-- -
Er rannte auf mich zu; ich fühlte, wie er mich bei den
Haaren und den Schultern packte; er hatte sich mit einem verzweifelten Geschöpfe in einen Kampf eingelassen, und ich sah
wirklich in ihm einen Tyrannen, einen Mörder. Ich fühlte
Blutstropfen von meinem Kopfe auf meinen Hals herabträufeln
und verspürte einen stechenden Schmerz. Diese Empfindungen
gewannen für den Augenblick die Oberhand über die Furcht,
und so empfing ich ihn denn wie eine Wahnsinnige. Ich weiß
nicht mehr genau, was ich mit meinen Händen tat, aber er
brüllte laut auf, und bald erhielt er Hilfe. Elisa und Georgiana
waren zu Frau Reed gelaufen, die die Treppe hinaufgegangen
war; nun erschien sie mit Bessie und ihrem Kammermädchen
Abbot auf dem Kampfplatze. Man trennte uns; ich hörte
folgende Worte:
Hilf Himmel, welche Furie, so auf den jungen Herrn loszustürzen!
Hat man je einen solchen Zorn gesehen
Dann fügte Frau Reed hinzu:
Bringt sie in das rote Zimmer und schließt sie ein
Alsbald wurde ich von vier Händen ergriffen und die
Treppe hinaufgetragen.
Zweites Kapitel.
ich leistete auf dem ganzen Wege Widerstand: etwas
Neues bei mir und ein Umstand, welcher die schlimme Meinung
bedeutend verstärkte, die Bessie und Fräulein Abbot von mir
zu hegen geneigt waren. Tatsache ist, daß ich außer mir war:
wußte ich doch, daß ich mich so wie so schweren Strafen ausgesetzt hatte, und wie jeder andere rebellische Sklave, war ich in
meiner Verzweiflung entschlossen, auch vor dem Äußersten nicht
zurück zu weichen.
Halten Sie ihre Arme fest, Fräulein Abbot; sie gebärdet
sich wie eine tolle Katze.
Pfui, pfui! rief die Kammerjungfer. Welch garstige Aufführung, Fräulein Eyre, den jungen Herrn zu schlagen, den
Sohn Ihrer Wohltäterin, Ihren jungen Herrn!
Meinen Herrn! Bin ich denn eine Magd?
Nein, Sie sind weniger als eine Magd, denn Sie tun durch
aus nichts für Ihren Unterhalt. Da setzen Sie sich hin und
denken Sie über Ihre Bosheit nach.
Unterdessen hatte sie mich in das von Frau Reed bezeichnete Zimmer gebracht und mich auf einen niedrigen Stuhl
geworfen; gleich einer Feder wollte ich wieder in die Höhe
schnellen, ihre vier Hände aber hielten mich fest,
Wenn Sie nicht ruhig sitzen bleiben, müssen Sie angebunden werden, sagte Bessie. Fräulein Abbot, leihen Sie mir
Ihre Strumpfbänder; meine würde sie zerreißen.
Die Abbot traf Anstalten, das nötige Band von einem
runden, derben Beine loszumachen. Diese Vorbereitung zu
meiner Fesselung, sowie der Gedanke an die neue Schmach
mäßigten meine Aufregung ein wenig.
Lassen Sie das, rief ich; ich will ruhig sein. Und zum Beweise, daß ich mich ruhig verhalten würde, klammerte ich mich mit den Händen an den Stuhl an.
Rühren Sie sich ja nicht, sagte Bessie; und als sie die
Ueberzeugung gewonnen hatte, daß meine Aufregung sich wirklich gelegt hatte, ließ sie mich los; dann stellte sie sich mit der
Abbot, die Arme übereinander gekreuzt, vor mich hin, und
beide sahen mich mit düsterer Miene an, als ob sie zweifelten:,
ob ich bei Sinnen wäre.
So ist sie noch nie gewesen, sagte Bessie zu der Zofe.
Aber es lag immer in ihr, war die Antwort. Ich habe der
gnädigen Frau oft meine Meinung über das Mädchen gesagt, und die gnädige Frau denkt ebenso. Es ist eine bösartige,
hinterlistige, kleine Kröte.
Bessie gab keine Antwort, bald aber wendete sie sich zu
mir und sagte:
Sie sollten bedenken, Fräulein, daß Sie Frau Reed zu
Dank verpflichtet sind: sie ist es, die Sie ernährt; wollte sie Sie wegjagen, so bliebe Ihnen nichts weiter übrig, als in einem
Armenhause ein Unterkommen zu suchen.
Hierauf hatte ich nichts zu erwidern; solche Redensarten
waren mir nicht neu. Dieser Vorwurf der Abhängigkeit hatte
stets in meinem Ohr geklungen; so schmerzlich und niederdrückend
aber die Sache für mich war, so war sie mir doch nur halb verständlich. Die Abbot fiel ein
Und Sie sollten sich keinen Augenblick den Gedanken beifallen lassen, daß Sie mit dem gnädigen Fräulein und dem
jungen Herrn Reed auf gleichem Fuße stehen, weil die gnädige
Frau in ihrer Güte Sie mit ihnen erziehen läßt. Die werden
mal viel Geld bekommen, und Sie keins. Sie sollten also recht
bescheiden sein und sich bei Ihren Wohltätern beliebt zu machen
suchen.
Was wir Ihnen da sagen, bezweckt ja Ihr Bestes, setzte
Bessie in einem Ton hinzu, der nichts weniger als rauh war.
Sie sollten es versuchen, gefällig und nützlich zu sein, dann
würden Sie vielleicht eher eine Heimat haben, sind Sie aber jähzornig und grob, so wird die gnädige Frau Sie ganz gewiß fortschicken.
Zudem, sagte Fräulein Abbot, wird Gott sie strafen: er
kann sie einmal in ihrem Zorn und ihrer Unart töten, und wo
kommt sie dann hin? Komm, Bessie, wir wollen sie allein lassen:
um nichts in der Welt möchte ich ihr Herz haben. Beten Sie,
Fräulein Eyre, wenn Sie allein und wieder ganz bei Besinnung
sind, denn wenn Sie über Ihr Betragen keine Reue empfinden
so kann etwas den Kamin herunterkommnen und Sie mitnehmen.
Sie entfernten sich und schlossen die Tür zu.
ich war allein in dem kalten und öden roten Zimmer,
vor dem ich mich immer entsetzlich gegrauelt hatte, denn hier,
in jenem pompösen Himmelbett, mit den dunkelroten Damastvorhängen, war vor neun Jahren mein Onkel Reed gestorben,
und seitdem war es so gut wie unbewohnt geblieben.
Aber Augenblicklich empfand ich keine Furcht, denn noch
wallte mein Blut zu heftig, noch tobte in mir die wilde Wut
einer rebellischen Sklavin, und so war meine erste Regung nun
rasch aufzustehen und mich zu vergewissern, ob ich wirklich eine
Gefangene sei. Ja leider ! Kein Kerker konnte besser verschlossen
sein. Als ich von der Tür zurückkam, mußte ich an dem Spiegel
vorüber; aber mein Blick blieb wie bezaubert daran haften und suchte die Tiefe zu ergründen, die sich da vor mir auftat. Alles sah darin noch kälter und düsterer aus, als es in Wirklichkeit war; und die unschöne kleine Gestalt, die mich daraus anschaute, mit dem weißen Gesicht und mit Armen, die sich von der
Dunkelheit scharf abhoben, und mit ihren grellen, verängstigten
Augen, die sich bewegten, wo sonst alles ruhig war, brachte
einen Eindruck hervor, als sähe sie einen Geist, eines jener
Gespenster, die Bessies Abenderzählungen aus einsamen, mit Farnkräutern bewachsenen Sümpfen vor unserm innern Auge heraufzubeschwören pflegten. Ich ging zu meinem Stuhle zurück.
In diesem Augenblicke regte sich der Aberglaube in mir;
war aber die Stunde seines vollständigen Sieges nicht gekommen; mein Blut war noch heiß, noch hatte die Stimmung des empörten Sklaven in mir die Oberhand: ich mußte mich erst vor dem Ansturm der zurückgebliebenen Gedanken entgegenstemmen, bevor ich die traurige Gegenwart recht fühlen konnte.
Alle tyrannischen Handlungen John Reeds, die ganze
stolze Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die ganze Abneigung
seiner Mutter, die ganze Parteilichkeit der Dienerschaft stieg in meinem
verstörten Geiste auf, wie ein trüber Bodensatz in einem
aufgerührten Brunnen. Warum mußte ich stets leiden, warum
stets beschuldigt, verurteilt und eingeschüchtert werden? Warum konnte ich es niemand recht machen ? Elisa, die halsstarrig und selbstsüchtig war, achtete man. Georgiana mit ihrer Tücke, ihrem zänkischen und frechen Wesen sah man stets alles nach. Ihre Schönheit, ihre roten Wangen und goldenen Locken entzückten jedermann und erkauften ihr für jeden Fehler Straflosigkeit. John vollends legte niemand etwas in den Weg, geschweige denn, daß er je bestraft wurde, wenn er den Tauben die Hälfte umdrehte, die Hunde hinter die Schafe hetzte, die Treibhäuser
plünderte; seine Mutter nannte er das alte Kamel; nicht
selten zerriß oder beschmutzte er ihr seidenes Kleid, und doch
war er bei all dem stets ihr Liebling. Ich wagte mir keinen
Fehler zu Schulden kommen zu lassen, ich bestrebte mich, jede
Pflicht zu erfüllen, und man nannte mich unartig, verdrießlich
und niederträchtig, vom frühen Morgen bis zum späten Abend.
Mein Kopf tat mir weh und blutete von dem Schlage
und von dem Falle gegen die Tür. Niemand hatte John deswegen gescholten, daß er mich geschlagen; und weil ich mich
gegen ihn gewehrt hatte, überschüttete mich jedermann mit Vorwürfen.
Wie ungerecht! sagte meine Vernunft, die der so qualvolle Stachel zu früher, wenn auch vorübergehender Energie
antrieb; und der Entschluß, der gleichfalls angespornt ward,
feuerte zu irgend einem außergewöhnlichen Auskunftsmittel an,
um dem unerträglichen Drucke zu entgehen: z. B. davonzulaufen,
oder wenn das nicht anginge, nicht mehr zu essen und zu
trinken, und so den Tod herbeizurufen.
Wie gross war meine Niedergeschlagenheit an jenem unheilvollen Nachmittag! Welche Aufregung tobte in meinem Hirn,
wie war mein ganzes Herz empört! In welcher Dunkelheit, in
welch dichter Unwissenheit indessen wurde der geistige Kampf
ausgefochten! Ich konnte die stets wiederkehrende innerliche
Frage nicht beantworten - warum ich so leiden mußte. Jetzt
sehe ich es klar ein.
In Gateshead-Hall war ich eine Dissonanz, ich glich niemandem, ich hatte nichts, wodurch ich mit Frau Reed oder
ihren Kindern, oder ihrer Dienerschaft harmonierte. Liebten sie
mich nicht, so liebte ich sie ebenso wenig. Es war nicht ihre
Pflicht, ein Wesen, das mit niemand von ihnen sympathisierte,
mit Zuneigung zu betrachten; war dieses Wesen nicht, was
Temperament, Fähigkeiten und Neigungen betrifft, himmelweit
von ihnen verschieden? War es nicht nutzlos und unfähig, einem
Interesse zu dienen oder zu ihrem Vergnügen beizutragen? Ich
weiß, wäre ich ein leichtblütiges, mit glänzenden Eigenschaften
begabtes, nachlässiges, anspruchsvolles, schönes, wildes Kind gewesen - - wenn auch abhängig und aller Freunde bar -- Frau
Reed hätte meine Gegenwart mit mehr Geduld ertragen, ihre
Kinder würden gegen mich freundschaftlicher, und das Gesinde
endlich nicht so geneigt gewesen sein, mich zum Sündenbocke der
Kinderstube zu machen.
Das Tageslicht begann das rote Zimmer zu verlassen;
es war vier Uhr vorüber, und der bewölkte Nachmittag machte
allmählig einer trüben Dämmerung Platz. Ich hörte den Regen
immer noch an das Treppenfenster schlagen und den Wind in
dem Lustwäldchen hinter der Halle pfeifen; nach und nach wurde
ich so kalt wie ein Stein, und nun fing mein Mut zu sinken
an. Meine gewöhnliche demütige Stimmung, der Zweifel an
mir selbst, meine Trostlosigkeit und Niedergeschlagenheit fielen
feucht auf die allmählig verglühende Asche meines Zorns. Jedermann sagte, ich sei boshaft, und vielleicht war es auch so. Wie
hatte ich nur soeben noch den Gedanken fassen können, mich
zu Tode zu hungern? Das war gewiß ein Verbrechen, und war
ich zum Sterben vorbereitet? Oder war das Gewölbe unter
dem Chor in der Kirche zu Gateshead ein so einladendes Ziel?
In einem solchen Gewölbe liege Herr Reed begraben, --- hatte
man mir gesagt; und so auf ihn zurückgeführt, verweilte ich mit
steigendem Schrecken bei diesem Gedanken. Ich konnte mich
seiner nicht mehr erinnern; aber ich wußte, daß er mein Oheim,
daß er meiner Mutter Bruder war, daß er mich als elternloses
Kind in sein Haus aufgenommen, und daß er in seinen letzten
Augenblicken seiner Frau das Versprechen abgenommen hatte,
mich wie eines ihrer eigenen Kinder halten zu wollen.
Frau Reed glaubte wahrscheinlich, sie habe dieses ihr Versprechen erfüllt, und ich kann wohl sagen, sie hatte es auch
getan, so weit ihr Wesen dies zuließ. Wie konnte sie aber
einen Eindringling, der nicht zu ihrer Familie gehörte, und nach
ihres Mannes Tode durch kein Band an sie geknüpft war,
wahrhaft lieben? Höchst lästig und ärgerlich mußte es ihr sein,
sich durch ein mit vieler Mühe erzwungenes Versprechen gebunden
zu finden, an einem fremden Kinde, das sie nicht zu lieben vermochte, Mutterstelle zu vertreten, und eine nicht gleich gestimmte
Fremde beständig in ihrem Familienkreise zu dulden.
Sonderbare Gedanken dämmerten in mir auf. Ich zweifelte nicht, und hatte nie gezweifelt, daß, wenn Herr Reed am
Leben geblieben wäre, er mich gütig behandelt haben würde;
und jetzt, als ich so dasaß und das weiße Bett und die überschatteten Wände ansah, während ich auch dann und wann mein
bezaubertes Auge dem trübe schimmernden Spiegel zukehrte, fing
ich an, mir ins Gedächtnis zurückzurufen, was ich von Toten
gehört, die durch die Nichtbeachtung ihrer Wünsche in ihrer Grabesruhe gestört würden und wieder auf die Erde kämen, um die
Meineidigen zu strafen und die Unterdrückten zu rächen; und
ich dachte, Herrn Reeds Geist könnte, durch das am Kinde seiner
Schwester verübte Unrecht gequält, seinen Aufenthaltsort, sei es
in dem Grabgewölbe der Kirche, oder in der unbekannten Welt
der Abgeschiedenen, verlassen und in diesem Zimmer vor mir
auferstehen. Ich trocknete meine Tränen und unterdrückte mein
Schluchzen, in der Furcht, es möchte irgend ein Zeichen heftigen
Kummers eine übernatürliche Stimme wecken, um mich zu trösten,
oder aus der Dunkelheit ein mit einem schimmernden Scheine
umgebenes Gesicht hervorrufen, das mit seltsamem Mitleid sich
über mich hinbeugte. Diese an und für sich trostreiche Idee
müßte, dachte ich, schrecklich sein, wenn sie verwirklicht würde;
mit aller Macht bemühte ich mich, sie zu unterdrücken. Ich
wollte um jeden Preis standhaft sein. Mein Haar aus den
Augen schüttelnd, hob ich den Kopf in die Höhe und versuchte
es, kühn in dem finstern Zimmer umherzusehen. In diesem Augenblicke schimmerte ein Licht an der Wand. Ist es, fragte ich mich, ein Mondstrahl, der durch eine Oeffnung des Fensterladens bricht? Nein, dachte ich wieder, das Mondlicht ist ruhig, und dieses
bewegt sich. Während ich es so Anblickte, fuhr es an die
Zimmerdecke hinauf und zitterte über meinem Kopfe. Ich
kann mir jetzt leicht denken, daß dieser Lichtstreifen höchst wahrscheinlich von einer Laterne herkam, die jemand über den Rasenplatz trug; aber damals, wo mein Geist auf das schrecklichste
vorbereitet, wo meine Nerven durch die heftige Aufregung erschüttert waren, hielt ich den schnell dahinfahrenden Strahl für den Vorboten einer Erscheinung aus der andern Welt. Mein Herz schlug heftig, mein Kopf brannte; ein Geräusch erfüllte
mein Ohr, das mir wie das Rauschen von Flügeln vorkam.
Etwas schien mir nahe zu sein; ich konnte nicht mehr atmen,
ich erstickte, länger konnte ich es nicht mehr aushalten, und
so stürzte ich auf die Tür zu und rüttelte an dem Schlosse
mit verzweifelter Anstrengung. In dem äußeren Gange ließen
sich eilige Schritte vernehmen; der Schlüssel drehte sich um, und
Bessie trat mit der Abbot herein.
Fräulein Eyre, sind Sie unwohl? fragte Bessie.
Welch schrecklicher Lärm! Es ist mir in alle Glieder gefahren! rief die Abbot aus.
Laßt mich heraus! Laßt mich in die Kinderstube! schrie ich.
Weshalb? Ist Ihnen etwas geschehen? Haben Sie etwas
gesehen? fragte Bessie wiederum.
O! Ich sah ein Licht und dachte, es würde ein Geist kommen.
ich hatte nun Bessies Hand ergriffen, und sie entzog sie
mir nicht.
Sie hat mit Fleiß so geschrieen, erklärte die Abbot mit
einigem Widerwillen. Und was für ein Schrei! Wäre sie in
großer Not gewesen, so hätte man ihn allenfalls hingehen lassen
können; allein ihr einziger Zweck war, uns alle hierher zu
bringen. Ich kenne ihre Unarten.
Was soll das heißen? fragte eine andere gebieterische
Stimme; und Frau Reed kam den Gang daher mit flatternder
Haube und rauschendem Gewande. Abbot und Bessie, ich hatte
doch befohlen, Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen, bis
ich sie selbst holen würde.
Fräulein Jane schrie so laut, gnädige Frau! wandte Bessie
entschuldigend ein.
Lassen Sie sie gehen, war die Antwort. Laß Bessies
Hand fahren, Kind, auf diese Weise kommst du nicht durch.
ich verabscheue alle List, besonders aber bei Kindern; es ist
meine Pflicht, dir zu zeigen, daß Kniffe hier nicht verfangen, nur wenn du dich ganz unterwirfst und dich ruhig verhältst
werde ich dich in Freiheit setzen.
O Tante, haben Sie doch Mitleid vergeben Sie mir! Ich
kann es nicht aushalten; bestrafen Sie mich auf irgend eine
andere Art! Ich komme um, wenn --
Still: Still! Diese Heftigkeit ist ja empörend! Und so kam
es ihr auch ohne Zweifel vor. In ihren Augen war ich eine
frühreife Schauspielerin; in allem Ernste sah sie in mir die
heftigsten Leidenschaften, einen niedrigen Geist und gefährliche
Falschheit vereinigt
Nachdem Bessie und die Abbot sich zurückgezogen hatten,
stieß mich Frau Reed, die meine wahnsinnige Angst und mein
Geschluchze nicht länger ertragen mochte, rasch wieder in das
Zimmer zurück und schloß mich ein, ohne etwas Weiteres zu
sagen. Ich hörte sie davonrauschen; und bald, nachdem sie fortgegangen, umfing mich eine wohltätige Ohnmacht.
Drittes Kapitel.
Als ich erwachte, war mir zu Mute, als hätte ich ein furchtbares Alpdrücken gehabt. Ich sah ein rotes von breiten
schwarzen Streifen durchzogenes Licht immer vor mir und hörte
Stimmen, die, gleichsam durch das Rauschen des Windes oder
des Wassers gedämpft, in hohlem Tone sprachen; die Aufregung, die Ungewißheit und ein alles beherrschendes Gefühl
des Schreckens verwirrte meine Sinne. Es währte nicht lange,
so fühlte ich, daß jemand mich anrührte, mich in die Höhe hob
und mich in einer sitzenden Stellung erhielt, und zwar sanfter,
als ich je zuvor aufgerichtet oder gehalten worden war. Mein
Kopf ruhte auf einem Kissen oder auf einem Arme, und ich
fühlte mich ganz behaglich.
Nach weiteren fünf Minuten schwand die Wolke der Betäubung; ich erkannte, daß ich in meinem Bette lag, und daß
der rote Schein das Kaminfeuer in der Kinderstube war. Es
war Nacht, ein Licht brannte auf dem Tische, Bessie stand am
Fußende des Bettes, mit einem Becken in der Hand, und ein
Herr saß auf einem Stuhle neben meinem Kopfkissen, und
beugte sich über mich hin.
ich verspürte eine wohltuende Ueberzeugung der Sicherheit, als ich sah, daß sich in dem Zimmer jemand befand,
der nicht zu der Familie Reed gehörte. Ich kannte ihn, es
war Herr Lloyd, ein Apotheker, den Frau Reed kommen ließ,
wenn einem von der Dienerschaft etwas fehlte; für sich und
ihre Kinder aber gebrauchte sie stets einen Arzt.
Nun wer bin ich? fragte er.
ich nannte ihn bei seinem Namen und gab ihm die Hand.
Er nahm sie lächelnd und sagte:
Es wird bald besser mit uns werden.
Dann legte er mich auf das Bett nieder und befahl
Bessie, ja dafür zu sorgen, daß ich während der Nacht nicht
gestört würde. Nachdem er noch weiteres angeordnet und bemerkt hatte, er würde am andern Tage wiederkommen, ging er
zu meinem großen Kummer davon. Ich fühlte mich so sicher,
während er auf dem Stuhle neben meinem Kopfkissen saß; als
aber die Tür hinter ihm zuging, verfinsterte sich das ganze
Zimmer, mein Mut sank abermals, und ein unaussprechlicher
Gram drückte mich nieder.
Ist Ihnen, als ob Sie schlafen könnten, Fräulein? fragte
Bessie mit sanfter Stimme.
Kaum wagte ich ihr zu antworten; ich befürchtete, sie möchte
gleich wieder einen rauhen Ton anschlagen.
ich will's versuchen, sagte ich.
Wollen Sie etwas trinken oder essen?
Nein, ich danke Ihnen, Bessie.
Dann will ich mich ins Bett machen, denn es ist zwölf
Uhr vorbei; Sie brauchen mich aber nur zu rufen, wenn Sie in
der Nacht etwas nötig haben.
Fürwahr, eine wunderbare Höflichkeit! sie gab mir Mut,
eine Frage zu tun.
Bessie, wie steht es mit mir? bin ich krank?
ich denke, Ihr vieles Schreien im roten Zimmer hat Sie
krank gemacht; ohne Zweifel wird Ihnen bald wohler sein.
Bessie ging in das naheliegende Zimmer des Stubenmädchens. Ich hörte sie sagen:
Sarah, kommen Sie und schlafen Sie mit mir in der Kinderstube; ich mag diese Nacht ums Leben nicht allein bei dem armen Kinde bleiben; sie könnte sterben; es ist so sonderbar,
daß sie diese Ohnmacht bekam. Ich möchte wohl wissen, ob sie
etwas gesehen hat. Die gnädige Frau war doch etwas zu hart
gegen sie.
Sarah kam mit ihr zurück; sie gingen beide zu Bette, bevor sie aber einschliefen, flüsterten sie wohl noch eine halbe
Stunde zusammen. Nur abgerissene Stücke von ihrer Unterhaltung drangen bis zu meinen Ohren; indessen konnte ich daraus
deutlich erkennen, wovon sie sprachen.
Etwas ist ihr erschienen, schneeweiß gekleidet, und wieder
verschwunden -- Ein großer schwarzer Hund hinter ihm --- Drei
starke Schläge an die Zimmertür -- Ein Licht auf dem Kirchhofe gerade über seinem Grabe u. s. w.
Endlich schliefen beide: Feuer und Licht gingen aus.
Was mich betrifft, so brachte ich die ganze lange Nacht in
schaurigem Wachen zu; Ohr, Auge und Geist waren durch die
Furcht, --- eine Furcht, wie sie nur Kinder empfinden können,---
in gleich außerordentlicher Weise geschärft.
Die Schreckensnacht zog keine schwerere Krankheit nach
sich; aber sie gab meinen Nerven einen Stoß, den ich noch
heute empfinde. Ja, Frau Reed, Ihnen verdanke ich einige
furchtbare Seelenqualen. Aber ich muß es Ihnen vergeben, denn
Sie wußten nicht, was Sie taten.
Den folgenden Mittag war ich auf und angekleidet, und
saß, in einen Shawl gehüllt, in der Kinderstube am Kamin.
Physisch fühlte ich mich recht matt; mein ärgstes Leiden aber
war ein unaussprechliches geistiges Elend, das mir unablässig
stille Tränen auspreßte. Bei alledem dachte ich, ich müsse noch
froh sein, denn keins von den Reeds war da. Sie waren alle
mit ihrer Mutter ausgefahren; auch die Abbot nähte in einem
andern Zimmer, und Bessie richtete, wenn sie ab- und zuging,
Spielsachen aufräumte und in einer Kommode etwas zurecht
legte, von Zeit zu Zeit ein ungewöhnlich freundliches Wort an
mich. Dieser Zustand der Dinge hätte für mich ein Paradies
des Friedens sein sollen, da ich ja nur an steten Tadel und
undankbare Mühe gewöhnt war; leider konnte aber meine aufs
äußerste angegriffenen Nerven keine Ruhe besänftigen, keine
Freude angenehm erregen.
Bessie war in die Küche hinuntergegangen, und hatte
einen Kuchen auf einem prachtvollen Porzellanteller heraufgebracht, worauf ein Paradiesvogel und tropische Blumen abgemalt waren. Diesen Teller hatte ich mir oft ausgebeten,
um ihn genauer zu betrachten, aber bisher war ich stets eines solchen
Vorrechts für unwürdig erachtet worden. Heute hielt ich ihn
un endlich auf meinem Schoß und war freundlich eingeladen, das darauf liegende köstliche Backwerk zu verzehren.
Vergebliche Gunst, die, wie fast alle lange verzögerten und oft
ersehnten Gunstbezeigungen, zu spät kam! Ich hatte keinen Appetit,
fand die Malerei verblichen, und stellte den Teller samt der
Torte bald weg. Bessie fragte mich, ob ich ein Buch wolle.
Das Wort Buch wirkte einen Augenblick wie ein Sporn, und
ich bat sie, sie möchte Galliers Reisen aus dem Bibliothekzimmer holen. Dieses Buch zog ich den schönsten Märchen vor,
denn ich hatte die Elfen und Feen vergebens unter Fingerhutblättern und Glockenblumen, unter Moosrosen und dem alte
Mauerwinkel bekleidenden Efeu gesucht, und war endlich zu
der traurigen Gewißheit gelangt, daß sie nicht mehr auf dieser
Welt weilten. Da nun aber Lilliput und Brobdignag, wie ich
glaubte, feste Teile der Erdoberfläche waren, so zweifelte ich
nicht, daß ich einst auf einer langen Reise mit eigenen Augen
die kleinen Felder, Häuser und Bäume, die winzigen Menschen,
Kühe, Schafe und Vögel des einen Landes, sowie die baumhohen Kornfelder, die gewaltigen Bullenbeißer, die riesigen Katzen, die turmhohen Männer und Weiber des andern zu Gesicht bekommen würde. Als mir nun aber dieses geliebte Buch
in die Hand gegeben wurde --- als ich in seinen wunderbaren
Schilderungen den Zauber suchte, den ich bis dahin stets darin
gefunden hatte --- kam mir alles öde und unerquicklich vor; die
Riesen waren dürre Kobolde, die Pygmäien boshafte Teufelchen,
Gulliver ein unglücklicher hülfloser Wandrer. Ich schlug das
Buch zu und legte es auf den Tisch, neben die unangebrochene
Torte.
Bessie war nun mit Abstäuben und Aufräumen fertig;
sodann wusch sie sich die Hände und machte eine Schublade
auf, die mit schönem Seidenzeug und Atlas angefüllt war, und
begann für Georgianas Puppe einen neuen Hut zu machen;
dabei sang sie folgendes Lied:
Zur Zeit, als wir ein Zigeunerleben
Führten. s ist lange, lange her.
ich hatte das Lied schon oft vorher und zwar immer
mit Entzücken gehört, denn Bessie hatte eine angenehme Stimme,
wenigstens bildete ich's mir ein. Jetzt aber fand ich in der
Melodie eine unbeschreibliche Traurigkeit, wenn auch die Stimme
der Sängerin noch lieblich war. Bisweilen sang sie, mit ihrer
Arbeit beschäftigt, den Schlußreim ganz leise und gedehnt; 's
ist lange, lange her, tönte es wie die traurige Melodie eines
Grabliedes. Bald ging sie zu einer andern Ballade über, und
diese war eine noch schwermütigere:
Die Füße bluten, und die Glieder beuget Müdigkeit,
Der Weg ist noch gar weit, die Berge wild, und Sturmwind dränt
Und mondlos, öde, rings von nächtlichen Schatten sind
Umhüllt die Pfade vor dem armen Waisenkind.
Warum doch hat man einsam mich, so weit mich fortgeschickt!
Dahin, wo Moor an Moor sich reiht, nur grauer Felsen Blickt
Entgegen turmhoch mir? -- - Wie hart die Menschen sind!
Nur güt'ge Engel führen das arme Waisenkind.
Doch fern und sanft weht Nachtwind, und der Sterne heller Schild
Er strahlt mir am entwölkten Himmel, traut und mild,
Und Gott, in dessen Hand Schutz, Trost und Hoffnung sind,
Gibt sie in seiner Gnad dem armen Waisenkind.
Ist morsch der Steg auch, über den ich geh', und falle ich,
Verirrt mein Fuß, von falschem Licht getäuscht, im Sumpfe sich
Mein Vater wird doch halten, wie sein Wort verkünd't,
Getreu an seine Brust das arme Waisenkind.
Und ist auch kein Verwandter mir; ob Obdach mir gebricht; --
mich stärket ein Gedanke, daß doch in des Himmels Licht,
Daß dort doch Heimat, Dach und Ruhestätte sind,
Und Gott als Frend für mich, das arme Waisenkind.
So weinen Sie doch nicht so, Fräulein, sagte Bessie, als
sie zu Ende war. Ebensogut hätte sie zum Feuer sagen können:
Brenne nicht! Wie konnte sie aber das Weh ermessen, das
mich niederdrückte!
Im Laufe des Tages kam Herr Lloyd wieder.
Wie, schon auf? rief er. Nun wie geht's?
Bessie antwortete: Ganz gut
Dann müßte sie aber vergnügter aussehen! Sie haben
geweint: Warum? Tut Ihnen etwas weh?
Nein, Herr Lloyd.
O! Sie weint wahrscheinlich, weil sie mit der gnädigen
Frau nicht hat ausfahren dürfen, fiel Bessie ein.
Nicht möglich! So kindisch ist sie ganz gewiß nicht; dazu
ist sie doch schon zu alt.
Wegen so was habe ich noch nie geweint, antwortete ich
mit beleidigtem Stolze. Ich weinte, weil ich unglücklich bin.
Aber Fräulein sagte Bessie.
Der gute Apotheker schien ratlos; er sah mich lange sehr
scharf an und fragte endlich:
Was hat Sie gestern krank gemacht?
Sie ist gefallen, mischte sich Bessie abermals ein.
Gefallen? Merkwürdig! Sie ist doch schon acht bis neun
Jahre alt und kann sich vorsehen.
Man hat mich zu Boden geschlagen, platzte ich aufs neue
gekränkt heraus; aber davon bin ich nicht krank geworden.
Ehe Herr Lloyd weitere Fragen tun konnte, ließ sich ein
Geläute vernehmen, das die Dienerschaft zum Mittagessen rief.
Das gilt Ihnen, sagte er zu Bessie, Sie können hinuntergehen;
ich will mit Jane sprechen, bis Sie zurückkommen.
Bessie wäre lieber dageblieben; allein sie mußte gehen,
weil pünktliches Erscheinen beim Essen in Gateshead-Hall mit
aller Strenge gefordert wurde.
Vom Falle sind Sie also nicht krank geworden? Was hat
Sie denn aber krank gemacht? fuhr Herr Lloyd fort, als Bessie
weggegangen war.
ich wurde in ein Zimmer eingesperrt, und da ist ein Gespenst gekommen --
ich sah Herrn Lloyd lächeln und zu gleicher Zeit die Stirn
runzeln.
Ein Gespenst? Dann sind Sie also doch kindischer als ich
dachte? Sie fürchten sich vor Gespenstern?
Vor Herrn Reeds Geist fürchte ich mich, er starb in jenem
Zimmer und wurde dort in den Sarg gelegt. Niemand
seht da bei Nacht hinein, wenn er nicht muß; es war grausam,
nicht dort allein und noch dazu ohne Licht einzuschließen,- -- so
grausam, daß ich es wohl nie vergessen werde.
Unsinn! Das macht Sie so unglücklich? Sie fürchten sich
bei hellem Tage?
Nein, aber bald wird wieder die Nacht da sein, und zudem bin ich unglücklich, recht unglücklich wegen anderer Dinge.
Wegen welcher andern Dinge? Darf ich's wissen?
Wie gerne hätte ich ihm auf diese Frage eine ausführliche
Antwort gegeben. Aber ich fand nicht die richtigen Worte,
denn Kinder werden sich gewöhnlich nicht klar über die Natur
ihrer Empfindungen. Da ich indessen fürchtete, diese erste und
einzige Gelegenheit, meinen Kummer durch Mitteilung zu lindern,
möchte mir verloren gehen, stieß ich, nach einem verlegenen
Stillschweigen, eine nicht sehr gescheite, aber doch wahre Antwort hervor.
Erstens habe ich weder Eltern noch Geschwister.
Aber wenigstens eine gütige Tante, einen Vetter und
Cousinen.
ich schwieg abermals einen Augenblick; endlich stotterte ich:
Aber John hat mich zu Boden geschlagen und meine Tante
mich in das rote Zimmer eingesperrt.
Hm, hm! Aber sagen Sie mal, lebt es sich nicht sehr angenehm in Gateshead-Hall? Und sind Sie nicht dankbar für
diese Wohltat?
Es ist nicht mein Haus, Herr Lloyd. Alle sagen, ich habe
weniger Recht auf solch ein Obdach, als ein Dienstbote. Wenn
ich bloß wüßte, wo ich sonst unterkommen könnte, ich liefe noch
heute davon!
Haben Sie außer Frau Reed noch andere Verwandte?
Tante Reed sagte einmal, ich habe einige arme Verwandte
sie weiß aber nichts von ihnen.
Möchten Sie bei solchen Verwandten wohnen?
ich dachte über die Sache nach. Die Armut hat für
erwachsene Leute nichts Einladendes, noch weniger aber für
Kinder; mit dem Wort Armut verbinden sie bloß die Vorstellung von zerlumpten. Kleidern, spärlicher Nahrung, öden,
kalten Stuben, rohen und gemeinen Lastern.
Nein, ich möchte nicht bei armen Leuten sein, lautete
meine Antwort.
Auch nicht, wenn diese Leute Sie freundliche behandeln?
ich schüttelte den Kopf; ich konnte nicht einsehen, wie
arme Leute das Vermögen in sich haben sollten, freundlich
zu sein; und dann ihre Sprache! Und ohne Erziehung
bleiben! Aufwachsen, wie eine der armen Frauen, die ich bisweilen im Dorfe Gateshead vor ihren Türen ihre Kinder stillen
oder Windeln waschen gesehen hatte! Nein, ich war nicht
heroisch genug, die Freiheit um einen solchen Preis zu erkaufen.
Sind denn Ihre Verwandten ganz arm? Sind es Arbeiter
oder Tagelöhner?
ich weiß es nicht. Tante Reed sagt, wenn ich Verwandte habe,
könnte es nur Bettlerpack sein; ich möchte nicht betteln gehen.
Wie wär's mit einer Schule, wo Sie zugleich auch wohnen
könnten?
Abermals dachte ich nach. Ich hatte bis dahin nur Privatunterricht genossen, und was ich durch Bessie und John von
der Schuldisciplin gehört hatte, konnte mich nicht reizen. Aber desto
anziehender war für mich die Aussicht, Klavier spielen, malen
und zeichnen, häkeln und fremde Sprachen zu lernen; vor allen
Dingen aber bedeutete die Schule eine vollständige Trennung
von der Familie Reed.
Ja, in eine Schule möchte ich schon kommen, war der
hörbare Schluß meines tiefen Nachdenkens.
Gut, gut; sagte Herr Lloyd, indem er aufstand; vielleicht
läßt sich die Sache machen.
In demselben Augenblick kam Bessie zurück, und gleich
darauf hörte man eine Equipage den Kiesweg daherrollen.
Ist das Ihre gnädige Frau? fragte Herr Lloyd die Bessie;
ich möchte sie gern sprechen, ehe ich weggehe.
Bessie bat ihn, in das Frühstückzimmer zu treten und
ging voran.
Das Resultat der Unterredung erfuhr ich schon an demselben Abend, denn die Abbot sagte zu Bessie, als sie beide
in der Kinderstube nähten und in dem Glauben, ich schliefe
schon, eifrig miteinander plauderten: Die gnädige Frau ist herzlich froh, daß sie die heimtückische, undankbare Göhre los wird,
die stets aussah, als wollte sie jedermann beobachten und
geheimen Pläne schmieden.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch zum ersten Male,
daß mein Vater ein armer Geistlicher gewesen sei. Meine
Mutter habe ihn wider den Willen ihrer Familie, der die
Verbindung nicht standesgemäß schien, geheiratet; mein Großvater Reed sei über ihren Ungehorsam so ungehalten gewesen,
daß er ihr nicht einen Schilling mitgegeben habe; nachdem meine
Mutter und mein Vater ein Jahr verheiratet gewesen, habe
letzterer den Typhus bekommen, als er die Armen einer großen
Fabrikstadt besucht habe, wo er Seelsorger gewesen sei und
diese Krankheit damals geherrscht hätte; meine Mutter habe die
Krankheit von ihm geerbt und sei einen Monat nach ihm
gestorben.
Als Bessie diese Erzählung hörte, seufzte sie laut auf,
und sagte:
Das arme Fräulein Jane tut mir eigentlich leid, Abbot.
Ja, antwortete die Abbot, wäre sie ein nettes, braves
Mädchen, so könnte man sie wegen ihrer Verlassenheit wohl bemitleiden; aber wer fragt nach so einem kleinen, unansehnlichen,
unangenehmen Ding!
Ja freilich, pflichtete die andere ihr bei, eine Schönheit wie
die Georgiana würde in derselben Lage mehr Freunde finden!
Viertes Kapitel.
Die heiß ersehnte Veränderung kam indessen nicht so
bald, wie ich geglaubt hatte.
Tage und Wochen vergingen. Ich hatte meine frühere
Gesundheit wieder erlangt, aber es erfolgte keine neue Anspielung auf das Thema, das meinen Geist unausgesetzt beschäftigte. Frau Reed sah mich zuweilen mit strengen Blicken
an; indessen sprach sie nur selten zu mir. Seit meiner
Krankheit hatte sie eine noch stärkere Trennungslinie als je
zwischen mir und ihren Kindern gezogen, da sie mir eine
kleine Kammer, worin ich allein schlafen mußte, anwies, mich
allein essen ließ und mich ganz und gar in die Kinderstube verbannte, während meine Cousinen und John stets im Gesellschaftszimmer waren. Trotzdem sie aber nie das Wort Schule
aussprach, verspürte ich eine instinktmäßige Gewißheit, daß sie
mich nicht mehr lange unter einem und demselben Dache mit
sich dulden würde; denn ihr Blick drückte jetzt mehr als je,
wenn er auf mich fiel, einen unüberwindlichen, tief eingewurzelten
Abscheu aus.
Elisa und Georgiana, die offenbar so handelten, wie man
sie anwies, sprachen so wenig als möglich mit mir. John schnitt
Gesichter, so oft er mir begegnete, und schlug einmal nach mir,
ich setzte mich aber zur Wehre, und so erachtete er es für geraten, mich in Ruhe zu lassen, und lief schimpfend davon, indem er
behauptete, ich hätte ihm die Nase zerschlagen, und in der Tat
hatte ich ihm auch mit aller Kraft meiner Knöchel einen Schlag
auf seinen unschönen Gesichtserker versetzt, und als ich ihn
erschrocken fliehen sah, fand ich eine Lust daran, meinen Vorteil
so weit wie möglich zu verfolgen, aber schon war er bei seiner
Mama. Ich hörte ihn heulend seine Erzählung damit beginnen,
daß die garstige Jane wie eine wilde Katze auf ihn losgestürzt
sei; seine Mama fiel ihm aber zornig ins Wort:
Dir geschieht ganz recht! Hatte ich dir nicht verboten, sie
auch nur anzusehen? Die abscheuliche Göhre ist nicht wert, daß
ihr sie beachtet.
Hier beugte ich mich über das Treppengeländer, und rief
plötzlich, und ohne meine Worte abzuwägen:
Nein, sie sind nicht wert, daß ich mich mit ihnen einlasse.
Frau Reed war ziemlich wohlbeleibt; als sie aber dies
unerwartete kecke Erklärung hörte, kam sie in raschem Lauf
die Treppe herauf, entführte mich in die Kinderstube und verbot mir, indem sie mich auf den Rand meines Bettchens nieder
drückte, vor Tagesschluß von der Stelle aufzustehen oder eine
Silbe zu sprechen.
Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte? sagte
ich fast unwillkürlich; es sprach etwas aus mir, worüber ich
keine Gewalt mehr hatte.
Was? sagte Frau Reed ungewöhnlich leise; ihr sonst
kaltes, graues Auge nahm einen Ausdruck der Unruhe und
Furcht an; sie ließ meinen Arm los und sah mich an, als wisse
sie nicht, ob sie in mir ein Kind oder einen bösen Dämon erblicken solle. Da ich nun einmal im Zuge war, so sagte ich weiter:
Mein Onkel ist im Himmel und kann alles sehen, was
Sie tun und denken; und ebenso auch Papa und Mama: sie
wissen, daß Sie mich den ganzen Tag einsperren, und daß Sie
wünschen, ich wäre tot.
Frau Reed faßte sich bald wieder. Sie schüttelte mich
tüchtig, ohrfeigte mich rechts und links und ging dann wortlos
davon. Dafür hielt mir aber Bessie eine strenge Strafpredigt, die
nicht weniger als eine Stunde dauerte, und worin sie mir haarklein
auseinandersetzte, daß ich das boshafteste und verworfenste Kind sei,
das je in einem Hause erzogen wurde. Ich glaubte ihr halb und halb,
denn ich fühlte in der Tat nur böse Regungen in meiner Brust.
So vergingen etwa zehn Wochen, und ich dachte nicht mehr an
die Schule, als eines Morgens, es war am 1. Januar, Bessie
in die Kinderstube hereinstürmte.
Fräulein, nehmen Sie Ihre Schürze ab! Was machen Sie
da? Haben Sie sich schon gewaschen?
ich machte langsam das Fenster zu, vor dem ich Brotkrumen für die Vögel hingestreut hatte, und antwortete:
Nein, Bessie; eben erst bin ich mit dem Abstäuben fertig
geworden.
Dann machen Sie rasch; Sie sollen nach dem Frühstückszimmer kommen. Sie zerrte mich zum Waschtische hin, rieb mir
Gesicht und Hände unbarmherzig, wenn auch glücklicherweise
nur kurze Zeit, mit Seife, Wasser und einem groben Handtuch,
brachte mein Haar mit einer harten Bürste in Ordnung, nahm
mir die Schürze ab, führte mich dann im Sturmschritt an die
Treppe, und hieß mich unverweilt hinabgehen.
Als ich nach langem Zögern das Frühstückszimmer betrat,
fiel mein erster Blick auf einen schwarzen -- Pfeiler! denn dafür
hielt ich wenigstens im ersten Augenblick eine dünne, schwarzgekleidete Gestalt, die kerzengerade auf dem Teppich stand. Das
grimme Gesicht am obern Ende glich einer gehauenen oder gemeißelten Maske, die auf dem Schafte als Kapitäl dienen sollte.
Frau Reed saß auf ihrem Lieblingsplatze am Kamine,
sie gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, daß ich mich nähern
solle, worauf sie mich dem steinernen Gaste vorstellte: Dies ist
die Kleine.
Der Angeredete drehte sich nach mir um, betrachtete mich
aufmerksam mit seinen scharfen grauen Augen, die unter einem
Paare buschiger Brauen funkelten, und bemerkte mit feierlicher
Baßstimme:
Sie ist nicht groß, wie alt ist sie?
Zehn Jahre.
Schon zehn Jahre? war die verwunderte Antwort. Dann sah er mich wieder einige Minuten an, ehe er mich anredete:
Wie heißen Sie, Kleine?
Jane Eyre, mein Herr.
Jane Eyre, sind Sie ein artiges Kind?
Wie hätte ich diese Frage bejahen können? War doch
eine ganze Umgebung gerade der entgegengesetzten Ansicht,
und so schwieg ich denn. Frau Reed antwortete für mich mit
einem bedeutsamen Kopfschütteln.
Je weniger man über diesen Gegenstand spricht, desto besser
wird es vielleicht sein, Herr Pfarrer.
Schade, schade! Ich muß einiges mit ihr reden;
seine perpendikuläre Stellung aufgebend, setzte er sich Frau Reed
gegenüber in einen Lehnstuhl.
Kommen Sie zu mir her, sagte er.
ich schritt über den Teppich hin, und er stellte mich ganz
gerade vor sich hin. Was für ein Gesicht hatte er, nun ich es
so dicht vor mir sah! Welch große Nase! Und was für einen
Mund! Und welch große hervorragende Zähne!
Kein Anblick ist so widerwärtig, wie der eines unartigen
Kindes, begann er, insbesonds eines kleinen unartigen Kindes
Wissen Sie, wohin die Bösen nach dem Tode kommen?
In die Hölle, lautet meine rasche und rechtgläubige Antwort
Und was ist die Hölle?
Ein Abgrund voller Feuer.
Und möchten Sie wohl in diesen Abgrund fallen und ewig
darin brennen?
Nein, mein Herr!
Was müssen Sie tun, um das zu vermeiden?
ich dachte einen Augenblick nach, brachte dann aber nichts
Gescheites heraus: ich muß gesund bleiben, und nicht
sterben.
Wie wollen Sie das machen? Es sterben täglich Kinder
die noch jünger sind, als Sie. Erst vor einigen Tagen trug ich
ein kleines, fünf Jahre altes Kind zu Grabe, ---- ein gutes
kleines Kind, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Es steht zu befürchten, daß man von Ihnen nicht das nämliche sagen könnte,
wenn Sie heute von dieser Welt abgerufen würden.
Da ich nicht in der Lage war, seinen Zweifel zu wide:
legen, so richtete ich meine Augen bloß auf die zwei großen
Füße, die ich da auf dem Teppich vor mir sah, und wünschte,
ich wäre weit weg.
Hoffen wir, daß dieser Seufzer aus dem Herzen kommt,
und daß Sie schon jetzt Reue empfinden über den Kummer, den
Sie Ihrer edlen Wohltäterin bereitet haben.
Wohltäterin! Wohltäterin! dachte ich: Sie nennen Frau Reed
meine Wohltäterin! Wenn dies wirklich der Fall sein sollte, so ist
es etwas Trauriges um eine Wohltäterin.
Verrichten Sie auch jeden Morgen und jeden Abend Ihr Gebet? fuhr er fort.
Ja, mein Herr.
Lesen Sie auch in Ihrer Bibel?
Bisweilen.
Gern?
Die Offenbarung, das Buch Daniel, das erste und zweite
Buch Mosis, die Bücher Samuelis, einige Teile der Bücher der
Könige und der Chronika, Hiob und Jonas lese ich am liebsten.
Und die Psalmen doch auch?
Nein, mein Herr!
Nein? O abscheulich! Ich habe einen kleinen Knaben, der
noch jünger ist, als Sie, und sechs Psalmen auswendig kann;
und wenn man ihn fragt, was er lieber wolle, eine Pfeffernuß,
oder einen Vers aus den Psalmen auswendig lernen, so antwortet er jedesmal: O den Vers aus einem Psalm! die Engel
singen ja auch Psalmen, und ich will schon hienieden ein kleiner
Engel sein; dann bekommt er zwei Pfeffernütsse als Lohn für
seine kindliche Frömmigkeit.
Psalmen sind ja aber nicht interessant, bemerkte ich.
Das beweist mir, daß Sie ein böses Herz haben, und Sie
müssen Gott bitten, daß er es umwandle, daß er Ihnen ein
neues und reines Herz schenke, daß er von Ihnen nehme Ihr
steinernes Herz, und gebe Ihnen ein fleischernes.
ich war im Begriffe, ihn zu fragen, wie das anzufangen sei,
als Frau Reed mich sitzen hieß, und das Wort ergriff.
Herr Pfarrer, ich habe Ihnen schon in meinem Briefe bemerkt,
daß diese Kleine nicht so gut geartet ist, wie ich es wünschen
könnte. Ich möchte also bitten, daß die Oberaufseherin, sowie
die Lehrerin ein strenges Auge auf sie haben, und vor allem
ihrem schlimmsten Fehler, der Neigung zur Verstellung und
Hinterlist, ihre Aufmerksamkeit schenken. Ich sage das in deiner
Gegenwart, Jane, damit du dir nicht einfallen läßt, den Herrn
Pfarrer hinters Licht führen zu wollen.
Also nicht nur, daß Frau Reed trot all der Mühe die
ich mir immer gegeben hatte, um es ihr in allen Dingen recht
zu machen, nicht nur, daß sie mir hartnäckig die Vergangenheit
und Gegenwart vergiftet hatte; auch auf meinen künftigen Lebensweg säte sie Argwohn und unfreundliche Gesinnungen! Abe
was konnte ich tun, um das Unheil von mir abzuwenden?
Nichts, nichts, dachte ich, während ich einen tiefen Seufzer
zurückdrängte und rasch einige Tränen, die ohnmächtigen Zeugen
meiner Qual, abwischte.
Verstellung ist in der Tat ein schlimmer Fehler bei einem
Kinde, sagte der Pfarrer; sie ist mit der Falschheit verwandt,
und alle Lügner werden dermaleinst in dem Feuer- und Schwefelpfuhl brennen. Aber seien Sie versichert, gnädige Frau, daß
wir ein scharfes Auge auf sie haben werden.
Ferner wünsche ich, daß sie in einer ihren künftigen Verhältnissen angemessenen Weise erzogen werde, fuhr meine Wohltäterin fort; sie muß also sich nützlich machen lernen und bescheiden sein. Die Ferien soll sie, mit Ihrer Erlaubnis, Herr
Pfarrer, stets zu Lowood zubringen.
Ihre Bestimmungen sind durchaus nur zu billigen, meine
Gnädigste, erwiderte der Pfarrer. Bescheidenheit ist eine christliche Tugend, und ich habe es mir daher stets angelegen sein
lassen, das weltliche Gefühl des Stolzes bei meinen Zöglingen
gründlich zu ertöten. Welche Erfolge ich mit diesem Prinzip erzielt
habe, beweist eine Aeußerung meiner Tochter Auguste: O lieber
Papa, wie ruhig und einfach sehen doch alle Mädchen zu Lowood
aus! Mit ihren hinter die Ohren zurückgekämmten Haaren,
ihren langen Schürzen, und den leinenen Täschchen außen an
ihren Röcken- sehen sie fast aus wie Kinder armer Leute!
Und weißt du, Papa, sie musterten meinen und Mamas
Anzug, als ob sie nie zuvor ein seidenes Kleid gesehen hätten.
Dies System billige ich vollkommen, antwortete Frau Reed;
ich hätte in ganz England keine Erziehungsanstalt finden
können, die für ein Kind, wie Jane Eyre, so vollkommen paßte.
Nur konsequent, mein lieber Herr Pfarrer; in allen Dingen
liebe ich mir die Konsequenz.
Konsequenz, gnädige Frau, ist die erste aller Christenpflichten; konsequent werden alle Anordnungen in der Schule
zu Lowood durchgeführt; konsequent einfache Kost, einfache Kleidung; -- natürlich alles gut, - - Arbeitsamkeit und Fernhaltung
alles weichlichen Wesens --- dies sind unsere Hauptprinzipien.
Sehr wohl, Herr Pfarrer, ich werde sie Ihnen baldmöglichst
zuschicken, denn ich versichere Ihnen, ich kann es kaum erwarten,
eine Verantwortlichkeit los zu werden, die für mich täglich
drückender wird.
Gewiß, gewiß, gnädige Frau, und nun habe ich die Ehre
mich Ihnen zu empfehlen. Ich werde erst im Laufe dieser oder
der nächsten Woche, nach Brocklehurst-Hall zurückkehren; vorher
aber werde ich Fräulein Temple benachrichten, daß sie eine
neue Schülerin zu erwarten hat, so daß es wegen der Aufnahme
der letztern keine Schwierigkeiten geben wird. Leben Sie wohl,
gnädige Frau!
Grüßen Sie die lieben Ihrigen von mir.
ich werde nicht ermangeln, gnädige Frau. Kleine, hier ist
ein Buch, das den Titel hat, "Des Kindes Führer"; lesen Sie
es mit Andacht, insbesondere den Teil, der einen Bericht enthält über den furchtbar schnellen Tod der Martha G -, eines
unartigen Kindes, das sich der Falschheit und Verstellung hingab.
Bei diesen Worten überreichte mir Herr Brocklehurst eine kleine,
Broschüre und fuhr dann in seinem Wagen davon.
Frau Reed und ich waren nun allein; einige Minuten vergingen, ohne daß eine Silbe gesprochen wurde; sie nähte, und
ich folgte allen ihren Bewegungen. Zu jener Zeit mochte Frau
Reed etwa 36 bis 37 Jahr alt gewesen sein; sie war eine stark gebaute,
breitschultrige Frau, nicht groß, und obgleich wohlbeleibt, doch
nicht fett; sie hatte ein etwas breites Gesicht, mit stark entwichkeltem Unterkiefer; die Stirn war niedrig, das Kinn groß und
hervorragend; Mund und Nase ziemlich regelmäßig; unter ihren spärlichen Augenbrauen glänzten Augen, die kein Erbarmen kannten,
ihre Haut war dunkel und undurchsichtig; ihr Haar beinahe von
der Farbe des Flachses; ihre Konstitution so gesund, wie sie es
nur wünschen mochte, denn Krankheit war etwas ihr ganz und
gar Unbekanntes. Sie war eine tüchtige Haushälterin; Hauswesen und Pächter standen gründlich unter ihrer Aufsicht; ihre
Kinder allein boten ihr von Zeit zu Zeit Trotz. Sie kleidete
sich elegant und hatte ein Benehmen und eine berechnete Haltung, die den geschmackvollen Anzug noch mehr hervorhob.
Da ich, nur wenige Schritte von ihrem Lehnsessel entfernt,
auf einem niedrigen Stuhle saß, so konnte ich ihre Gesichtszüge
und ihre ganze Gestalt bequem beobachten. In der Hand hielt
ich das Büchlein, worin der schnelle Tod der Lügnerin berichtet
war, und auf diese Erzählung war ja meine Aufmerksamkeit
hingelenkt worden, als auf eine geeignete Warnung. Was soeben vorgegangen war, was Frau Reed zu dem Pfarrer über
mich gesagt hatte, der ganze Inhalt ihrer Unterredung stand
noch frisch vor meinem Geiste. Ich hatte jedes Wort so tief empfunden, als ich es deutlich vernommen, und nun fing die Leidenschaft der Rache in mir zu gähren an.
Frau Reed sah von ihrer Arbeit auf, ihr Auge fiel auf
meines; ihre Finger hörten zu gleicher Zeit auf, sich so flink
wie bisher zu bewegen.
Geh aus dem Zimmer, geh in die Kinderstube hinauf
herrschte sie mich an. Mein Blick, oder irgend sonst etwas an
mir, mußte ihr nicht gefallen haben, denn sie sprach mit außerordentlicher, obgleich soviel wie möglich unterdrückter Entrüstung. Ich stand auf und ging bis an die Tür; da kehrte ich
aber wieder um, ging auf das Fenster zu und stellte mich dicht
vor sie hin.
mich aussprechen mußte ich einmal, um jeden Preis; der
Wurm war hart getreten worden, und nun mußte er sich krümmen, aber wie? Welche Stärke hatte ich, um meiner Gegnerin
in gleicher Weise zu begegnen, um ihr Gleiches mit Gleichem zu
vergelten? Ich nahm alle meine Kraft zusammen, und platzte
endlich in folgender plumper Weise los:
ich bin nicht hinterlistig und verstelle mich nicht; denn sonst
würde ich sagen, ich liebe Sie; nun aber erkläre ich Ihnen,
daß ich Sie nicht liebe; nach John mag ich Sie am wenigsten
leiden; und dieses Buch, in dem eine Lügnerin beschrieben ist,
können Sie Ihrer Tochter Georgiana geben; die ist eine Lügnerin,
nicht ich!
Frau Reed's Hände lagen noch untätig auf ihrer Arbeit, ihr
eiskaltes Auge ruhte noch immer starr auf dem meinigen.
Was hast du noch weiter zu sagen? fragte sie in einem
Tone, womit man sonst eher einen Gegner von reiferem Alter,
als ein Kind, anzureden pflegt.
Dieses ihr Auge, diese ihre Stimme erregte alle in mir
schlummernde Antipathie auf. Von Kopf bis zu den Füßen
zitternd, von unbezähmbarer Wut durchzuckt, fuhr ich also fort:
Es freut mich nur, daß Sie nicht mit mir verwandt sind.
Nie in meinem Leben mehr werde ich Tante zu Ihnen sagen.
Nie werde ich wieder zu Ihnen kommen, wenn ich erwachsen bin;
und wenn mich jemand fragt, ob ich Sie gern gehabt habe, und
wie Sie mich behandelt haben, so will ich sagen, daß schon der
bloße Gedanke an Sie mich krank macht, und daß Sie mich mit
entsetzlicher Grausamkeit behandelt haben.
Wie darfst du das behaupten, Jane; wie kannst du so
frech sein?
Wie ich so frech sein kann, Frau Reed? Weil es die
Wahrheit ist ! Sie glauben, ich habe kein Gefühl, und ich
kann Liebe und Wohlwollen leicht entbehren; aber ich kann
nicht so leben, und Sie kennen kein Mitleid. Ich werde mich
immer erinnern, wie grausam Sie mich in das rote Zimmer zurückgestoßen, und mich dort eingeschlossen haben, daß ich zu sterben
dachte; obgleich ich in Todesängsten war, obgleich ich, vor Jammer
erstickend, ausrief: Haben Sie Mitleid haben Sie Mitleid, Tante
Reed! Und diese Strafe legten Sie mir auf, weil Ihr böser
Bube mich für nichts und wieder nichts geschlagen hatte. Jedermann, der mich fragt, werde ich diese wahrheitsgetreue Geschichte
erzählen. Die Leute glauben, Sie seien eine gute Frau, aber Sie
sind böse, hartherzig. Ich sage Ihnen, Sie sind diejenige, die sich
verstellt!
Schon während ich noch so tobte, war mir zu Mute, als
wäre eine unsichtbare Kette, an der ich gefangen gelegen, zerrissen, und als hätte ich mir eine Freiheit errungen, die ich nicht
zu hoffen gewagt. Und dieses Gefühl hatte allerdings seine
Berechtigung. Frau Reed sah erschrocken aus; ihre Häkelei war
von ihren Knieen auf den Boden geglitten; sie hob die Hände
in die Höhe und wiegte den Oberkörper hin und her; ja, sie
verzog das Gesicht, als wollte sie weinen.
Jane, du irrst dich; was ist dir? Warum zitterst du so heftig?
willst du etwas Wasser trinken?
Nein, Frau Reed.
Willst du sonst etwas haben, Jane? Ich versichere dir, es
ist mein Verlangen, deine Freundin zu sein.
Das wollen Sie gewiß nicht. Sie haben dem Herrn Pfarrer
gesagt, ich hätte einen schlechten Charakter und Anlage zur
Verstellung; und ich werde zu Lowood jedermann sagen, wer
und was Sie sind, und was Sie getan haben.
Jane, du verstehst das nicht. Kinder muß man wegen ihrer
Fehler strafen.
Verstellung und Hinterlist ist mein Fehler nicht, rief ich wild
und laut aus.
Aber du bist jähzornig, Jane, das mußt du mir zugeben,
und nun geh wieder in die Kinderstube hinauf, und lege dich
ein wenig nieder, - geh und sei ein liebes Kind.
ich bin nicht Ihr liebes Kind, ich kann mich nicht niederlegen. schicken Sie mich ja recht bald in die Schule, Frau Reed
denn das Leben hier ist mir zum Ekel.
Ja, ja, ich werde sie bald in die Schule schicken, murmelte
sie, nahm ihre Häkelei vom Boden auf, und verließ schweigend
das Zimmer.
ich blieb also allein da und hatte das Feld behauptet.
Es war der härteste Kampf, den ich je gefochten, und der erste
Sieg, den ich errungen hatte; ich blieb eine Weile auf dem
Teppich stehen, wo Herr Brocklehurst gestanden hatte, durchbebt
von dem Hochgenusse, mich als Siegerin allein zu sehen. Zuerst lächelte ich bei mir selbst und fühlte mich gehoben; aber
dieses wilde Vergnügen legte sich bei mir so geschwind, wie der
beschleunigte Schlag meines Pulses. Ein Kind kann mit Erwachsenen sich in keinen Streit einlassen, wie ich getan, kann
seinem Mutgefühl keinen so unbedingt freien Spielraum gestatten,
wie es bei mir der Fall gewesen war, ohne darauf sich einer
quälenden Reue und einer eisigen Gegenwirkung auszusetzen. Ein
Haufen brennenden Heidekrauts, glühend, allverzehrend, wäre
ein passendes Sinnbild für meinen Geist gewesen, als ich Frau
Reed anklagte und bedrohte; derselbe Haufen, schwarz und ausgebrannt, nachdem die Flamme erloschen, würde meine darauf folgende Gemütstimmung in passender Weise dargestellt haben,
als ein halbstündiges Stillschweigen und Nachdenken mir das
Wahnsinnige meiner Handlungsweise und die Trostlosigkeit
dieses Hassens und Gehaßtwerdens gezeigt hatte.
Um meine Gedanken auf einen edleren Gegenstand abzulenken, griff ich nach einem Buche, Tausend und eine Nacht,
aber ich verstand nicht, was ich las; meine Gedanken fluteten
hin und her, zwischen mir und dem Buche, das ich sonst so
bezaubernd gefunden hatte. Ich machte eine Glastür in dem
Frühstückszimmer auf, um in dem Garten und dem Parke spazieren
zu gehen, aber ich fand kein Vergnügen an den stillen Bäumen,
an den abgefallenen Tannenzapfen, den übereisten Ueberresten
des Herbstes, an den rötlichen Blättern, die der Wind hier und
dort zusammengeweht hatte. Es dauerte nicht lange, so lehnte
ich mich an ein Tor, starrte über das öde Feld hinaus und
wiederholte innerlich immer nur die Worte: Was soll nun aus
mir werden?
Mit einem Male hörte ich eine helle Stimme rufen:
Fräulein Jane! wo sind Sie? kommen Sie zum zweiten
Frühstück:
Es war Bessie; ich wußte es wohl, aber ich rührte mich
nicht; endlich kam sie den Weg heruntergetrippelt.
Sie unartiges Kind! sagte sie, warum kommen Sie nicht,
wenn man Sie ruft?
Bessies Gegenwart war eine Erholung im Vergleich mit
den Gedanken, über die ich gebrütet hatte, obgleich sie, wie gewöhnlich, etwas übel gelaunt war. Aber was kümmerte mich
der Zorn eines Kindermädchens nach dem großartigen Kampfe,
den ich soeben gekämpft hatte. Ich umschlug sie mit beiden
Armen und sagte:
Seien Sie doch lieb, Bessie, und schelten Sie nicht!
Dieses offene und furchtlose Entgegenkommen schien ihr zu
gefallen.
Sie sind doch ein seltsames Kind, Fräulein, sagte sie, daß
Sie sich immer so gerne allein rumtreiben. Aber damit wird's
nun wohl vorbei sein, Sie kommen in die Schule, nicht wahr?
ich nickte.
Und wird es Ihnen nicht leid sein, von der armen Bessie fort
zu müssen?
Was macht sich Bessie aus mir? sie schilt und schimpft mich
ja immer.
Weil Sie ein so wunderliches, scheues kleines Ding sind. Sie
sollten dreister sein.
Um noch mehr Schläge und Stöße zu bekommen?
Unsinn! aber Sie sind nicht am besten dran, das ist
wahr. Meine Mutter meinte, als sie mich vergangene Woche
besuchte, sie möchte nicht, daß eines von ihren Kindern an Ihrer
Stelle wäre.-- Doch kommen Sie nun herein, ich habe gute
Nachrichten für Sie.
Für mich? das ist doch nicht möglich!
Doch, doch! diesmal brauchen Sie mich nicht so kummervoll ansehen. Die gnädige Frau fährt diesen Nachmittag
mit den jungen Damen und dem jungen Herrn aus, und
Sie sollen mit mir Tee trinken. Die Köchin wird einen Kuchen
für Sie backen, und dann sollen Sie mir Ihre Kommode durchsehen
helfen; denn ich muß nun bald Ihren Koffer packen. Die gnädige
Frau verläßt Gateshead in einem oder zwei Tagen, und Sie
dürfen die Spielsachen auswählen, welche Sie mitnehmen wollen.
Bessie, Sie missen mir versprechen, daß Sie mich nicht mehr
schelten wollen, solange ich noch hier bin.
Na ja, das will ich, aber seien Sie auch ein recht braves Kind
und fürchten Sie sich nicht vor mir.
ich glaube, ich werde mich nie mehr vor Ihnen fürchten,
Bessie, weil ich nun an Sie gewöhnt bin, und bald werde ich
mich vor schlimmeren Leuten zu fürchten haben.
Wenn Sie die fürchten, so werden sie Sie nicht mögen.
Wie Sie mich nicht mögen, Bessie?
ich kann Sie sehr gut leiden, Fräulein; ich glaube, ich habe
Sie lieber, als die andern alle.
Davon merke ich aber nichts!
Sie Schlaukopf! Sie reden ja auf einmal ganz anders. Was
macht Sie denn so dreist?
Nun, ich werde ja bald nicht mehr bei Ihnen sein.
ich wollte ihr etwas von dem erzählen, was zwischen mir
und meiner Tante vorgefallen war, besann mich aber rasch
eines andern.
Sie sind also froh, daß Sie mich los werden?
Ganz und gar nicht, Bessie, gerade jetzt tut es mir fast leid.
Gerade jetzt! Wie kalt sagt das doch meine kleine Dame! Wollte
ich Sie jetzt um einen Kuß bitten, ich wette, Sie würden mir
keinen geben; Sie würden mir vielleicht sagen, Sie möchten
lieber nicht.
Von Herzen gern will ich Sie küssen, neigen Sie nur Ihren
Kopf zu mir herab.
Bessie neigte sich zu mir nieder; wir küßten uns gegenseitig, und ich folgte ihr, vollständig getröstet, in das Haus.
Dieser Nachmittag verging uns in Friede und Eintracht, und
am Abend erzählte mir Bessie einige ihrer spannendsten Geschichten und sang mir einige ihrer lieblichsten Lieder vor. Sogar für mich hatte nun das Leben SonnenBlicke.
Fünftes Kapitel.
Kaum hatte am Morgen des 1. Januar die Uhr fünf geschlagen, als Bessie ein Licht in mein Kämmerchen brachte;
sie fand mich bereits auf und beinahe angekleidet. Ich war eine
halbe Stunde vor ihrem Eintritt aufgestanden, und hatte beim
Lichte des eben untergehenden Halbmondes, dessen Strahlen
durch das enge Fenster neben mein Bettchen fielen, mich gewaschen und angekleidet. Ich sollte nämlich an diesem Tage
Gateshead mit einem Eilwagen verlassen, der um 6 Uhr in der
Frühe am Parktore vorüberkam. Bessie war die Einzige, die
bereits aufgestanden war, sie hatte in der Kinderstube ein Feuer
angemacht und schickte sich nun an, daselbst mein Frühstück zu
bereiten. Gar wenige Kinder können essen, wenn sie durch den
Gedanken an eine Reise aufgeregt sind; auch ich konnte es nicht.
Nachdem Bessie vergebens in mich gedrungen hatte, einige
Löffelvoll von einer gewärmten Milchsuppe zu mir zu nehmen,
packte sie etwas Backwerk in eine Düte und steckte es in meinen
Reisesack; sodann half sie mir meinen Pelz umlegen und meinen
Hut aufsetzen, und nachdem sie selbst sich in einen Shawl gehüllt,
verließ sie mit mir die Kinderstube. Als wir an Frau Reeds
Schlafzimmer vorbeikamen, sagte sie:
Wollen Sie nicht hineingehen und Abschied nehmen?
Nein, Bessie, sie kam gestern abend, als Sie zum Nachtessen hinuntergegangen waren, an mein Bett und sagte, ich
brauchte sie am Morgen nicht zu stören, und meine Cousinen
auch nicht. Ich möchte nie vergessen, daß sie stets meine beste
Freundin gewesen wäre, und solle das auch zu andern sagen.
Was haben Sie geantwortet?
Nichts; ich bedeckte mein Gesicht mit dem Laken und wandte
mich von ihr weg, der Wand zu.
Das war nicht recht, Fräulein!
Doch, Bessie; Ihre gnädige Frau ist nicht meine Freundin gewesen, sondern im Gegenteil meine Feindin.
Aber Fräulein! sprechen Sie doch nicht so.
Lebe wohl, Gateshead! rief ich, als wir durch die Halle
gingen und durch die vordere Tür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen, und es herrschte tiefe
Dunkelheit. Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse
Treppen und einen vom Tau durchfeuchteten Kiesweg fiel
Rauh und frostig war der Wintermorgen; die Zähne klapperten
mir, als ich den Weg hinabeilte. In dem Portierhäuschen
brannte ein Licht; als wir hinkamen, fanden wir die Frau des
Portiers, wie sie eben ihr Feuer anzündete; mein Koffer, der
am Abend zuvor heruntergetragen worden war, stand mit
Strichken umbunden vor der Tür. Es fehlten nur noch wenige
Minuten an 6 Uhr, als ein fernes Rollen von Rädern das
Herannahen des Eilwagens verkündete.
Fährt sie allein? hörte ich die Frau des Portiers hinter
mir fragen.
Ja.
Und wie weit ist es?
Fünfzig Meilen.
Ein weiter Weg! Es wundert mich, daß die gnädige Frau sie
ganz allein so weit reisen läßt.
Der Eilwagen kam heran; da stand er an dem Parktore mit seinen vier Pferden und seinen mit Passagieren besetzten Deck. Der Schaffner und der Kutscher trieben mit lauter
Stimme zur Eile an; mein Koffer wurde hinaufgehißt, und ich
ward von Bessies Hals weggenommen, an dem ich, Küsse
gebend, hing.
Geben Sie ja recht auf sie acht, rief sie dem Schaffner zu,
als er mich in den Wagen hineinhob.
Soll geschehen, Fräulein! war die Antwort; sodann ward
die Tür zugeschlagen, und eine Stimme rief: Abfahren! und
weiter ging's. So wurde ich von Bessie und Gateshead getrennt, so in eine unbekannte, und wie ich damals glaubte, entfernte und geheimnisvolle Welt hinausgeschleudert.
Von der Reise ist mir nicht viel mehr im Gedächtnis
haften geblieben, als daß mir der Tag ungewöhnlich lang vor
kam, daß wir in einer großen Stadt zu Mittag speisten, und
daß ich gegen Abend, eingelullt durch das Brausen des Windes,
in Schlummer versank. Dieser hatte aber noch nicht lange gedauert, als das plötzliche Aufhören der Bewegung mich aufweckte. Die Wagentür war offen, und eine Frau, die eine Dienstbotin zu sein schien, stand davor; beim Laternenscheine sah ich
ihr Gesicht und ihren Anzug.
Ist ein kleines Fräulein Namens Jane Eyre da? fragte
sie. Ich antwortete: Ja; wurde rasch aus dem Wagen herausgehoben; und alsbald kam auch mein Koffer herab.
Ganz steif und noch betäubt durch das Gerassel des
Wagens folgte ich meiner Führerin durch ein Gittertor, dann
einen nassen Kiesweg entlang, in ein großes Haus hinein, bis
wir in einem dunklen Zimmer anlangten, in dem ein Feuer im
Kamin brannte; dort ließ sie mich allein.
Während ich mir hier meine halberstarrten Finger wärmte,
ging die Tür auf, und herein traten zwei Damen, von denen
die eine ein Licht trug.
Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar,
schwarzen Augen und einer blassen und hohen Stirn, ihre Gestalt war zum Teil in einen Shawl gehüllt, der Ausdruck ihres
Gesichtes ernst, ihre Haltung gerade.
Das Kind ist doch noch gar zu jung, um es so allein
herzuschicken, sagte sie, indem sie ihren Leuchter auf den Tisch
stellte. Sie betrachtete mich eine bis zwei Minuten mit vieler
Aufmerksamkeit und setzte sodann hinzu:
Es wäre wohl besser, wenn sie bald zu Bett gebracht würde;
sie sieht müde aus. Bist du müde? fragte sie, ihre Hand
auf meine Schulter legend.
Ein bißchen.
Und wohl auch hungrig. Lassen Sie ihr, bevor sie zu Bette
geht, etwas zu essen geben, Fräulein Miller. Ist es das erste
Mal, daß du deine Eltern verläßt, um in die Schule zu gehen,
arme Kleine?
ich sagte ihr, daß ich keine Eltern hätte. Sie fragte mich
nun, wie alt ich sei, wie ich hieße, ob ich lesen, schreiben und
ein wenig nähen könne. Sodann berührte sie meine Wange
sanft mit dem Zeigefinger, sagte, sie hoffe, daß ich ein artiges
Kind sein würde, und entließ mich mit Fräulein Miller, die
mich durch viele Korridore führte, bis wir in einen langen Saal
mit großen tannenen Tischen eintraten, deren ich an jedem
Ende zwei bemerkte, und auf denen je zwei Lichte brannten.
Auf den Bänken aber saßen etwa achtzig Mädchen jeden Alters,
von neun oder zehn bis zwanzig Jahren, die eine wie die
andere, in braune Zeugröcke von sonderbarem Schnitt und
lange Leinwandschürzen gekleidet. Sie waren damit beschäftigt,
ihre Aufgaben für den nächsten Morgen durchzugehen, und das
Gesumme, das ich gehört hatte, war das vereinigte Resultat
ihres mit flüsternder Stimme vorgenommenen Repetierens.
Fräulein Miller hieß mich mit einem Zeichen auf einer
Bank neben der Tür Platz nehmen; sodann ging sie bis ans
berste Ende des langen Saals und rief laut:
Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein!
Vier große Mädchen erhoben sich von verschiedenen
Tischen, gingen herum, sammelten die Bücher ein und legten sie
auf die Seite. Abermals erscholl ein Kommandowort:
Aufseherinnen, holt das Abendessen herein!
Die großen Mädchen gingen hinaus und brachten jede auf
einem Brett einen dünnen, in Stücke zerteilten Haferkuchen
herein, außerdem stand auf jedem Brett ein großer Wasserkrug nebst einem Becher. Die Portionen wurden herumgereicht;
die Lust hatten, tranken aus dem allen gemeinschaftlichen
Becher. In dem großen Kruge aber war Wasser. Als der
Becher zu mir kam, trank ich, denn ich war durstig, die Speise
jedoch rührte ich nicht an, da Aufregung und Müdigkeit mich
zum Essen ganz und gar unfähig machten.
Als das Abendessen vorüber war, las Fräulein Miller ein
Gebet vor, und nun zogen die Klassen, je zwei Schülerinnen
nebeneinander, ab und die Treppe hinauf. Von Müdigkeit
überwältigt, bemerkte ich in dem Augenblicke kaum, was für
ein Ort der Schlafsaal war; nur so viel sah ich, daß er, gleich
dem Unterrichtssaale, sehr lang war. Für diese Nacht schlief
ich mit Fräulein Miller in einem Bett; sie half mir beim Auskleiden. Als ich mich niedergelegt hatte, warf ich einen Blick auf
die langen Reihen von Betten, von denen jedes schnell zwei
Mädchen aufnahm.
Als ich meine Augen wieder aufschlug, läutete eine Glocke.
Die Mädchen waren auf und kleideten sich schon an; noch war
die der Tageshelle vorangehende Dämmerung nicht da, und
ein oder zwei kleine Talglichter brannten im Saale. Mit Widerstreben stand auch ich auf; es war bitterkalt, und ich kleidete
mich an, so gut es gehen mochte, da ich vor Kälte zitterte.
Sodann wusch ich mich, als ein Waschbecken frei wurde, was
nicht so bald geschah, da auf 6 Mädchen nur eins kam. Abermals ertönte die Glocke. A.e stellten sich zu zweien in einer
Reihe auf, und nun ging es die Treppe hinab und in das
kalte, spärlich erleuchtete Schulzimmer hinein.
Hier las Fräulein Miller e.n Gebet vor, und nun stellten
sich alle in vier Halbkreisen, vor vier Stühlen auf, die an den
vier Tischen standen; alle hatten Bücher in der Hand, und ein
großes Buch, das wie eine Bibel aussah, lag auf jedem Tische
vor dem leeren Sitze.
Nach einer kurzen Pause erscholl dann wieder eine ferne
Glocke, und alsbald traten drei Damen in den Saal, jede ging
auf einen Tisch zu und nahm ihren Sitz ein. Fräulein Miller
aber setzte sich auf den vierten leeren Stuhl, der dicht an der
Tür stand, und um den sich die kleinsten Kinder versammelt
hatten; dieser untersten Klasse wurde ich zugeteilt, und zwar
wurde mir der letzte Platz angewiesen.
Nun ging es an die Arbeit. Das auf den Tag treffende
Gebet ward gelesen; sodann wurden verschiedene Sprüche aus
der heiligen Schrift abgebetet, worauf eine Stunde lang Bibellesen folgte. Als man damit zu Ende war, war es endlich
ganz hell geworden. Die unermüdliche Glocke ließ sich nun zum
vierten Male hören. Die Schülerinnen stellten sich abermals in
Reih und Glied auf und marschierten zum Frühstück in ein
anderes Zimmer ab, worüber ich mich gewaltig freute, denn ich
war nun ganz schwach vor Hunger, da ich am vorhergehenden
Tage so wenig genossen hatte.
Im Speisezimmer rauchten auf zwei langen Tischen Schüsseln
mit etwas Warmem, das aber zu meinem Schrecken einen
nichts weniger als einladenden Geruch verbreitete.
Abscheulich, ekelhaft! Die Suppe ist wieder angebrannt! hörte
ich um mich flüstern.
Nachdem sich nun alle gesetzt hatten, wurde ein langes
Gebet gesprochen und ein Lied gesungen; hierauf brachte eine
Magd Tee für die Lehrerinnen herein, und nun begann endlich
das Essen. Heißhungrig wie ich war, verschlang ich ein paar
Löffel voll, aber mehr konnte ich von dem ekelhaften Zeug nicht
runterbringen, und wie ich, kosteten wohl die andern die
Suppe, legten aber bald die Löffel wieder hin. Nach Verrichtung eines Dankgebetes für das, was wir nicht gegessen, und
nach Absingung eines zweiten Liedes, verließ man das Speisezimmer, um in den Schulsaal zurückzukehren. Ich war eine der
letzten, die hinausgingen, und als ich an den Tischen vorbei
kam, sah ich eine der Lehrerinnen den Inhalt eines Suppentellers kosten; sie sah die anderen an; alle Gesichter drückten
Mißfallen aus, und eine von ihnen flüsterte:
Gräßlich!
Es verging eine Viertelstunde, ehe die Lektionen wieder
begannen, und während dieser Zwischenzeit herrschte in dem
Schulzimmer ein ungeheurer Tumult. Alle Gespräche drehten
sich um das Frühstück, worauf man von allen Seiten weidlich
schimpfte. Fräulein Miller war die einzige Lehrerin in
dem Zimmer; eine Gruppe von großen Mädchen, die sie umstand, sprach mit ernsten und finstern Gebärden. Ich hörte den
Namen Pfarrer Brocklehurst von einigen Lippen fallen, worüber
Fräulein Miller ihren Kopf mißbilligend schüttelte. Allein sie
gab sich keine große Mühe, der allgemeinen Entrüstung Einhalt
zu tun: ohne Zweifel teilte sie diese selber.
Als die Uhr neun schlug, änderte sich das Bild abermals.
Die Oberlehrerinnen nahmen wieder pünktlich ihre Plätze
ein, aber doch schien alles auf etwas zu warten. Die 8 Mädchen saßen bewegungslos und kerzengerade auf den Bänken an
den beiden Längsseiten des Saales; und sie gewährten allerdings einen seltsamen Anblick, mit ihren glatt aus dem Gesichte gekämmten Haaren, woran auch nicht eine Spur von
einer Locke zu sehen war; mit ihren braunen Kleidern, die hoch
hinauf gingen, und oben mit einem schmalen Halsstreifen besetzt waren; mit ihren Geldbeuteln ähnlichen, leinenen Täschchen, die ihnen als Arbeitsbeutel dienten.
Denkt man sich dazu grobe, wollene Strümpfe und bäurische
Schuhe mit messingenen Schnallen, so wird man begreifen,
daß auch die Hübschesten wunderlich und unschön aussahen.
Während ich so meine armen Kameradinnen und die Lehrerinnen, die mir auch nicht gefielen, betrachtete, stand die ganze
Schule mit einem Male auf, wie durch eine Springfeder aufgeschnellt, und aller Augen richteten sich auf einen Punkt hin.
Natürlich folgte mein Blick der allgemeinen Richtung; er fiel
auf die Dame, die mich den Abend zuvor empfangen hatte. Sie
stand am Kamine und überschaute die Mädchen, die sich wieder
gesetzt hatten. Fräulein Miller, die auf sie zutrat, schien sie
etwas zu sagen. Nachdem sie eine Antwort erhalten, ging sie
auf ihren Platz zurück und rief laut:
Aufseherinnen der ersten Klasse, holen Sie den Globus!
Während dieser Befehl ausgeführt wurde, bewegte die um
Rat gefragte Dame sich langsam das Zimmer hinauf. Ich
muß wohl einen bedeutenden Sinn für Verehrung haben, denn
noch war mir nicht die bewundernde Ehrfurcht entschwunden,
womit meine Augen ihren Schritten abends vorher folgten.
Jetzt, bei hellem Tage gesehen, erschien sie groß und stattlich;
braune Augen, die wohlwollend blickten, und dunkle, lange
Wimpern hoben die zarte, weiße Farbe ihrer hohen Stirn noch
hervor; an den Schläfen war ihr dunkelbraunes Haar nach der
Mode jener Zeit, wo man weder glatte Bandeaux, noch lange
Ringeln trug, in runde Locken gesammelt; ihr Anzug, ebenfalls
nach der damaligen Mode, war aus purpurrotem Tuche und
wurde durch eine Art spanischen Besatzes von schwarzem Sammet
hervorgehoben; eine goldene Uhr --- Uhren waren damals nichts
so Gewöhnliches, wie heutzutage --- glänzte an ihrem Gürtel.
Um das Gemälde zu vervollständigen, möge der Leser sich feine
Züge hinzudenken, einen wenn auch blassen, doch klaren Teint,
eine gerade Haltung, und er wird wenigstens so gut, als es
Worte auszudrücken vermögen, einen richtigen Begriff von der
äußeren Erscheinung Fräulein Maria Temples haben.
Die Vorsteherin von Lowood--- denn das war die fragliche Dame ---- setzte sich vor den auf einem Tische aufgestellten
Globus hin, ließ die erste Klasse herbeikommen und fing an,
eine Lektion in der Geographie zu geben. Die untern Klassen versammelten sich um ihre Lehrerinnen, die eine Stunde lang
Unterricht in der Geschichte, Grammatik u.s.f, gaben, sodann
folgte Schreib- und Rechenunterricht, und einige von den älteren
Mädchen musizierten unter Fräulein Temples Leitung, bis es
zwölf Uhr schlug. Nun stand die Vorsteherin auf.
ich habe ein Wort an die Schülerinnen zu richten,
sagte sie.
Schon ließ sich der mit dem Schluß der Lektionen entstehende Tumult vernehmen; sobald aber ihre Stimme gehört
wurde, legte er sich. Sie fuhr also fort:
Ihr hattet diesen Morgen ein Frühstück, das Ihr nicht essen
konntet, Ihr müßt hungrig sein; -- ich habe Befehl gegeben,
einer jeden ein Stück Brot mit Käse zu verabreichen.
Die Lehrerinnen sahen sie mit einer Art Erstaunen an.
Es geschieht auf meine Verantwortung hin, setzte sie erklärend hinzu, und alsbald verließ sie den Saal.
Das Brot und der Käse wurden Augenblicklich hereingebracht und ausgeteilt, zum großen Entzücken der ganzen Schule.
Nun hieß es, in den Garten! Jede setzte einen groben Strohhut mit Bändern von farbigem Kattun auf und warf einen
grauen Friesmantel um. Ich tat desgleichen und ging, dem
Strome folgend, in die freie Luft hinaus.
In dem Garten, dessen hohe Mauern jede Aussicht versperrten, lief eine Veranda an einer Seite hin, und breite Wege
begrenzten einen mittlern Raum, der in viele kleine Beete abgeteilt war. Diese Beete waren den Schülerinnen als Gärten
angewiesen, und jedes Beet hatte eine Eigentümerin. Ohne
Zweifel mußten sie hübsch aussehen, wenn sie voller Blumen
standen, aber jetzt, wo das Ende des Januar herrannahte,
herrschte hier nur winterliche Dedigkeit und schwarze Verwesung. Es schauderte mich, als ich mich umBlickte; das Wetter
war nicht günstig zur Bewegung im Freien. Es fiel zwar kein
Regen, aber ein feuchter, gelber Nebel verdunkelte die Luft;
der Boden war noch ganz durchnäßt von den Regenströmen,
die gestern gefallen waren. Die stärksten unter den Mädchen
sprangen umher und übten sich in Bewegungsspielen, von
denen ihnen warm wurde, aber mehrere, die blaß und schwächlich aussahen, scharten sich zusammen, um unter der Veranda
Schutz zu suchen, und unter diesen hörte ich häufig einen hohlen
Husten, bei dem mir angst und bange wurde ich schloß mich
natürlich diesen Schwächlingen an, aber ohne mich in ein Gespräch einzulassen.
Bis jetzt hatte ich noch mit keiner von meinen Kameradinnen gesprochen, und keine hatte von mir Notiz genommen. Ich
stand also auch jetzt unter der Veranda verlassen genug da,
aber an das Gefühl der Vereinsamung war ich ja gewöhnt.
ich lehnte mich an einen Pfeiler, zog meinen grauen Mantel
dicht an mich, grübelte und beobachtete, während ich die Kälte,
die mich von außen bestürmte, und den ungestillten Hunger,
der im Innern nagte, zu vergessen suchte. Gleichzeitig ließ ich
meine Blicke überall umherschweifen und sah mir nach dem Garten
auch das Haus an, dessen eine Hälfte grau und alt, die andere
aber ganz neu schien. Der neue Teil, der den Schul- und
Schlafsaal enthielt, bekam sein Licht durch vergitterte Fenster,
die ihm ein kirchenartiges Aussehen verliehen, eine steinerne
Tafel über der Tür trug folgende Inschrift:
Lowood - Stift.-- Dieser Teil ist neu erbaut worden
Anno Domini.. .- durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-Hall, in dieser Grafschaft.-- Lasset euer Licht leuchten vor
den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euern Vater
im Himmel preisen.- Ev. Matth., Kap. 16.
Während ich über die Bedeutung des Wortes Stift nachdachte und mich bemühte, zwischen der historischen Notiz und
dem Bibelverse eine Verbindung herzustellen, hörte ich dicht
inter mir jemand husten. Ich wandte mich um und sah ein
Mädchen, das nicht weit von mir auf einer steinernen Bank
saß; sie hielt ein Buch in der Hand. dessen Titel ich von
einem Platze aus lesen konnte; er lautete Rasselas, ein
Name, der mir wunderlich vorkam und daher meine Neugierde
reizte. Sobald sie daher beim Umdrehen eines Blattes zufällig aufsah, fragte ich sie mit einer Dreistigkeit, die mich selber
überraschte, ob das Buch interessant wäre.
Sieh es dir an, antwortete sie.
ich nahm es. Ein flüchtiger Blick überzeugte mich, daß
der Inhalt minder anziehend sei, als der Titel. Rasselas kam
mir sehr langweilig vor, denn es enthielt keine Märchen,
keine Gespenstergeschichten. Ich gab es ihr also zurück, und sie
war im Begriff, wieder in ihre frühere Stimmung zu verfallen und weiter zu lesen, als ich noch einmal sie zu stören
wagte:
Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort über der Tür
bedeutet? Was soll denn Lowood-Stift heißen?
Das Haus, in dem du dich jetzt befindest.
Und warum nennen sie es ein Stift?
Es ist zum Teil eine Armenschule, ein Waisenhaus.
Müssen wir etwas bezahlen? Erhält man uns hier um
sonst?
Wir bezahlen, oder unsere Freunde bezahlen jährlich fünfzehn Pfund für jedes Mädchen; das reicht aber nicht für Kost
und Unterricht, das Fehlende wird von verschiedenen wohltätigen
Damen und Herren in der Nachbarschaft und in London zugeschossen.
Wer war Naomi Brocklehurst?
Die Dame, die den neuen Teil dieses Hauses bauen ließ,
und deren Sohn hier alles überwacht und leitet. Er ist der
Schatzmeister und oberste Direktor des Stifts.
Also gehört dieses Haus nicht der großen Dame, die uns
Brot und Käse hat bringen lassen?
Fräulein Temple? Ach nein! Ich wünschte, es gehörte
ihr, aber sie muß dem Herrn Pfarrer Brocklehurst von allem,
was sie tut, Rechenschaft geben. Der Pfarrer kauft alle unsere
Nahrungsmittel, sowie alle unsere Kleider.
Wohnt er hier?
Nein, zwei Meilen von hier in einem großen Schlosse.
Ist es ein guter Mann?
Man sagt, er tue recht viel Gutes.
Hast du die andern Lehrerinnen auch gern?
Ziemlich gern.
Auch die kleine Schwarze und die Französin?
Miß Scatcherd ist hitzig. Hüte dich ja, sie zu ärgern; Madame
Pierrot ist ganz nett.
Aber Fräulein Temple ist sehr gut und talentvoll; sie ist über
die andern gesetzt, weil sie mehr kann, als sie.
Bist du schon lange hier?
Zwei Jahre.
Fühlst du dich hier glücklich?
Du fragst etwas zu viel. Für jetzt habe ich dir genug geantwortet; ich will nun lesen.
In diesem Augenblicke aber wurde zum Mittagessen geläutet, und alles ging ins Haus zurück. Der Geruch, der jetzt
das Speisezimmer erfüllte, war nicht viel appetitlicher, als der
beim Frühstück unsere Nasen so geärgert hatte. Ich fand, daß
das uns vorgesetzte Essen aus mittelmäßigen Kartoffeln und
Stücken zweifelhaften Fleisches, die miteinander gekocht worden
waren, bestand. Von diesem Mixtum Kompositum wurde jeder
Schülerin ein ziemlich gehäufter Teller voll gegeben. Diesmal
aß ich herzhaft und fragte mich, ob wohl jeder Tag eine gleich
gute Kost bringen würde.
Nach dem Mittagessen fingen die Lektionen wieder an; sie
dauerten bis fünf Uhr.
Das einzige nennenswerte Ereignis dieses Nachmittags
war, daß ich sah, wie das Mädchen, mit dem ich in der Veranda
gesprochen hatte, von Fräulein Scatcherd heftig gescholten wurde
und sich zur Strafe mitten in das große Schulzimmer hinstellen
mußte. Die Strafe schien mir zu schmachvoll für ein so großes
Mädchen -- sie schien dreizehn Jahr oder darüber zu sein,
und ich erwartete, daß sie große Betrübnis an den Tag legen
würde; zu meinem großen Erstaunen aber weinte sie weder, noch
errötete sie. Gefaßt, obgleich ernst, stand sie da, der Zielpunkt
aller Augen.
Wie kann sie das nur so ruhig, so standhaft hinnehmen?
fragte ich mich. Wäre ich an ihrer Stelle, so würde ich, scheint
es mir, wünschen, es möchte sich die Erde auftun und mich
verschlingen. Sie sieht aus, als dächte sie an etwas, was mit
ihrer Strafe, ihrer Umgebung nichts gemein hat, an etwas, was
nicht in ihrer Nähe, nicht vor ihr ist. Ich habe von Träumen
gehört, die man im Zustande des Wachens träumt, -- hat sie
jetzt etwa einen solchen Traum? Ihre Augen sind auf den
Boden geheftet, aber ich bin gewiß, sie sehen ihn nicht, -- ihr
Auge scheint nach Innen gekehrt zu sein, Dinge zu schauen,
deren sie sich zu entsinnen vermag, nicht das, was in Wirklichkeit vor ihr ist. Ich möchte wohl wissen, was für ein Mädchen
sie ist, --- ob brav oder ein Nichtsnutz.
Bald nach fünf Uhr bekamen wir einen kleinen Becher voll
Kaffee und eine halbe Schnitte Schwarzbrot. Ich verschlang
mein Brot und trank meinen Kaffee mit gutem Appetit; aber
ich hätte gern noch einmal soviel gehabt. Nun folgte eine halbstündige Erholung, dann ging es wieder ans Lernen; darauf
kam das Glas Wasser und ein Stück Haferkuchen, das Gebet
und endlich das Bett. So verging mir der erste Tag zu Lowood.
Sechstes Kapitel.
Der nächste Tag begann wie der vorige: wir standen auf
und kleideten uns beim Scheine eines Nachtlichts an. Diesen
Morgen aber war keine Möglichkeit, die Zeremonie des Waschens
vorzunehmen; das Wasser in den Krügen war gefroren. Am
vorhergehenden Abend hatte das Wetter sich geändert, und ein
scharfer Nordostwind, der durch die Ritzen an den Fenstern die
ganze Nacht hindurch pfiff, hatte uns in unsern Betten vor Kälte
zittern gemacht und den Inhalt der Wasserkannen in Eis verwandelt.
Bis das anderthalb Stunden dauernde Beten und Bibellesen vorüber war, glaubte ich vor Kälte umkommen zu müssen.
Endlich kam die Zeit zum Frühstück, und diesmal war die Suppe
nicht angebrannt; sie widerstand uns nicht, aber wieder gab es
zu wenig.
Im Laufe des Tages wurde ich in die vierte Klasse aufgenommen und mußte wie die andern arbeiten, denn bis dahin war ich bei allem, was in Lowood vorging, bloße Zuschauerin gewesen. Die Aufgaben waren zu schwer für mich, und ich war
froh, als etwa um drei Uhr nachmittags Fräulein Smith mir
einen Streifen Musselin von zwei Ellen Länge, samt Nadel,
Fingerhut u. s. w. in die Hand gab und mich den mir übergebenen Stoff säumen hieß. Um jene Stunde nähten die meisten
andern gleichfalls; aber noch stand eine Klasse lesend um Fräulein Scatcherds Stuhl herum, und da alles ruhig war, so konnte
ich alle Fragen und Antworten deutlich hören. Ich bemerkte bald,
daß die Lehrerin sich viel mit einer Schülerin Namens Burns
beschäftigte, dieselbe, die ich unter der Veranda kennen gelernt
hatte. Sie tadelte und schalt die Arme ohne Unterlaß. Nachdem nun ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die
Bücher zugemacht und an die Mädchen Fragen gestellt. Die
Lektion hatte einen Teil der Regierung Karls I. zum Gegenstand gehabt, und es kamen nun unterschiedliche Fragen über
Tonnengehalt, Tonnengeld, Pfundzoll und Schiffsgeld, welche
die meisten nicht beantworten zu können schienen; indessen wurde
jede kleine Schwierigkeit alsbald gelöst, wenn die Frage an die
Burns kam: der ganze Inhalt der Lektion schien sich ihrem Gedächtnis eingeprägt zu haben, und nie stockte sie in ihren Antworten. Ich dachte, Fräulein Scatcherd würde sie nun doch
wegen ihrer Aufmerksamkeit loben; anstatt dessen aber rief die
Lehrerin plötzlich aus:
Warum hast du Schmutznickel diesen Morgen deine Nägel nicht
gereinigt?
Zu meiner Verwunderung gab die Burns keine Antwort.
Weshalb, dachte ich, sagt sie nicht, daß das Wasser gefroren war?
Meine Aufmerksamkeit wurde nun durch meine Lehrerin
abgelenkt, die mir sagte, ich solle ihr eine Strähne Zwirn halten.
Während sie diesen zu einem Knäuel wickelte, richtete sie von
Zeit zu Zeit Fragen an mich, ob ich schon in einer Schule gewesen, ob ich steppen, stricken könne u. s. w., und währenddem
konnte ich natürlich Fräulein Scatcherd nicht weiter beobachten.
Als ich dann zu meinem Sitze zurückkehrte, hörte ich sie gerade
einen Befehl geben, den ich nicht verstand, aber alsbald verließ
die Burns das Schulzimmer und kehrte nach einer halben Minute
mit einer Rute in der Hand zurück. Dieses ominöse Werkzeug
reichte sie Fräulein Scatcherd mit einer ehrerbietigen Verbeugung hin, band ruhig und ohne daß man es sie geheißen hatte,
ihre Schürze ab, und nun gab ihr die Lehrerin ein Dutzend
tüchtige Rutenstreiche auf den bloßen Nacken. Ich sah auch
nicht eine Träne in dem Auge der Burns glänzen, und keinen
Zug ihres ernsten Gesichts einen veränderten Ausdruck annehmen,
während ich vor Zorn zitterte.
Halsstarriges Mädchen! rief die Lehrerin, vermag dich denn
nichts von deiner Nachlässigkeit abzubringen? Trag die Rute
wieder fort.
Die Burns gehorchte. Ich sah sie scharf an, als sie aus
dem Bücherzimmer wieder herauskam; sie steckte ihr Sacktuch
gerade wieder in die Tasche, und nun sah ich eine Träne auf
ihrer schmalen Wange glänzen.
Die abendliche Spielstunde war für mich der angenehmste
Teil des Tages in Lowood. Das bißchen Brot, der Schluck
Kaffee, den man um fünf Uhr bekam, hatte die Lebenstätigkeit
wieder angeregt, wenn auch der Hunger dadurch nicht gestillt
war; der lange Zwang, der den Tag über geherrscht, ließ nach;
im Schulzimmer war es wärmer, als am Morgen, da man das
Feuer etwas länger unterhielt, gleichsam als Ersatz für die noch
nicht aufgestellten Lichter. Der rötliche Schein der Kaminfeuer,
das Gesumme so vieler Stimmen gab uns das willkommene
Gefühl der Freiheit.
An dem Abende des Tages, an dem ich Fräulein Scatcherd ihrer Schülerin Burns hatte Rutenstreiche geben sehen,
ging ich, wie gewöhnlich, zwischen den Bänken, Tischen und
lachenden Gruppen allein umher; und doch fühlte ich mich nicht
einsam.
Hätte ich eine teure Heimat und liebevolle Eltern verlassen gehabt, so wäre dies ja wohl die Stunde gewesen, wo
ich die Trennung am schmerzlichsten empfunden haben würde.
Der Anblick des Unwetters, das draußen wütete, würde dann
mein Herz traurig gestimmt haben, so aber regte es mich seltsam auf und, unbekümmert um das, was um mich her vorging,
wünschte ich, der Wind möchte noch wilder heulen, die Dunkelheit noch schwärzer werden.
Ueber Bänke steigend und unter Tischen durchschlüpfend,
erreichte ich einen der Kamine: da fand ich die Burns an dem
hohen Drahtgitter kniend, in die Lektüre eines Buches vertieft,
während die Kohlen nur noch einen matten Schein verbreiteten.
Liest du noch an deinem Rasselas? fragte ich.
Ja, sagte sie, aber ich werde gleich damit fertig sein.
Und nach fünf Minuten machte sie das Buch zu. Das war
mir erwünscht.
Nun, dachte ich, kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen.
ich setzte mich auf den Boden zu ihr hin.
Wie heißt du mit deinem Vornamen?
Helene.
Ist deine Heimat weit von hier?
Sie ist weiter im Norden, ganz an der schottischen Grenze.
Gedenkst du einst dahin zurückzukehren?
ich hoffe es; aber niemand ist Herr über die Zukunft.
Du möchtest so bald wie möglich von Lowood fort?
Nein; warum sollte ich das? Ich soll hier eine gute Erziehung erhalten, und es wäre zwecklos, wegzugehen, ehe ich
diese Absicht erreicht habe.
Aber deine Lehrerin ist so grausam gegen dich!
Grausam? ganz und gar nicht! Sie ist strenge, ihr mißfallen
meine Fehler.
Und wäre ich an deiner Stelle, ich würde sie nicht gern
haben, ich würde ihr Widerstand leisten. Wenn sie mich mit der
Rute schlüge, so würde ich sie ihr aus der Hand reißen und sie
ihr vor der Nase zerbrechen.
Das wirst du wohl bleiben lassen; tätest du es aber
dennoch, so würde der Herr Pfarrer dich aus der Schule wegjagen; das würde deinen Verwandten zu großem Kummer gereichen. Es ist weit besser, man erträgt einen Schmerz, den
man nur allein erleidet, als daß man sich zu einer übereilten
Handlung hinreißen läßt, die auch für andre üble Folgen haben
könnte.
Aber es ist doch eine Schmach, Schläge zu bekommen, und
mitten in ein Zimmer voller Leute gestellt zu werden. Ich bin
viel jünger, als du, so was aber ließe ich mir nicht gefallen.
Es zeugt aber von Schwäche und Torheit zu sagen: ich
kann mir dies und jenes nicht gefallen lassen, ich kann nicht ertragen, was das Schicksal mir auferlegt.
Mit Verwunderung hörte ich sie so sprechen. Ich konnte
diese Lehre vom leidenden Gehorsam nicht verstehen, geschweige
denn die Langmut begreifen, die sie gegen ihre Zuchtmeisterin
an den Tag legte. Aber ich hatte wenigstens eine Ahnung,
daß sie recht und ich unrecht haben könnte.
Du sagst, du habest Fehler, Helene, aber mir scheinst du ein
recht braves Mädchen zu sein.
So lerne denn von mir, nicht nach dem Schein zu urteilen. Ich bin, wie Fräulein Scatcherd gesagt hat, nachlässig,
zerstreut, vergeßlich, ich habe nicht die rechte Art zu lernen und
zu arbeiten; und bisweilen sage ich wie du, ich kann etwas
nicht aushalten, ich kann mich nicht in die Schulordnung fügen.
Das alles ärgert meine Lehrerin, die von Natur sauber, pünktlich
und in allem genau ist.
Aber auch launenhaft und hart! entgegnete ich.
Helene schüttelte den Kopf und schwieg.
Gestehe, daß dir Fräulein Temple besser gefällt?
Fräulein Temple ist die Güte selbst: Es schmerzt sie, wenn
sie gegen eine von uns, auch die unartigste, streng sein muß.
Sie sieht meine Fehler und macht mich in ihrer sanften Weise
darauf aufmerksam, und wenn ich etwas tue, was lobenswert
ist, so kargt sie nicht mit ihrem Lobe. Ein großer Beweis
meiner überaus mangelhaften Natur ist, daß sogar ihre so milden
und vernünftigen Vorstellungen nicht so viel Einfluß haben, um
mich von meinen Fehlern zu heilen; und sogar ihr Lob, so hoch
ich es auch anschlage, spornt mich nicht auf die Dauer zu größerer
Ordnungsliebe und Aufmerksamkeit an.
Das ist doch sonderbar, meinte ich; es ist ja so leicht, aufzupassen und ordentlich zu sein.
Für dich wohl. Ich beobachtete dich diesen Morgen und sah,
daß deine Gedanken nie so herumschweiften, wie meine.
Aber wenn Fräulein Temple unterrichtet, schweifen da deine
Gedanken auch umher?
Nein, nicht oft; ich höre von ihr viel Neues, das mich
interessiert; ihre Art zu unterrichten gefällt mir, und da wird
es mir nicht schwer, mich zusammenzunehmen. Ich muß dir aber
lagen, daß es kein Verdienst ist, brav zu sein, wenn man eigentlich bloß seiner Neigung folgt.
Doch, du bist gut gegen diejenigen, die es gegen dich
sind. Das genügt! Wollte man gegen die Bösen stets gut und
gehorsam sein, so würden sie sich nie fürchten und sich nie bessern.
Wenn man uns ohne Grund schlägt, so müssen wir, so derb
wie möglich, wieder schlagen; so derb, daß es den andern nie
wieder in den Sinn kommen kann, es noch einmal zu tun.
Hoffentlich wirst du anders denken, wenn du älter wirst!
Jetzt bist du nur ein unwissendes Kind.
Nein, Helene, ich muß diejenigen hassen, die mich, ungeachtet aller meiner Bemühungen, ihnen zu gefallen, beharrlich
hassen; ich muß denen widerstehen, die mich ungerecht behandeln.
Heiden und Wilde sind dieser Lehre zugetan, aber Christen und gesittete Nationen verwerfen sie. Lies im Neuen Testament, was Christus sagt, und wie er handelt; laß sein Wort
deine Lebensregel sein und nimm ihn dir zum Vorbilde.
Was sagt er denn?
Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut Gutes denen,
die euch hassen und verfolgen.
Da müßte ich ja aber auch Frau Reed lieben und ihren
Sohn John segnen; das kann ich nicht.
Natürlich fragte nun Helene, was das für Leute wären,
und ich erzählte ihr, was ich alles gelitten hätte und wie ingrimmig
ich meine ehemaligen Peiniger noch jetzt haßte.
Kannst du verlangen, endigte ich meinen Bericht, daß man
solche Menschen lieben soll?
Frau Reed, antwortete Helene, ist allerdings unfreundlich
gegen dich gewesen, weil dein Charakter ihr nicht sympathisch
war, aber wie genau erinnerst du dich an alles, was sie getan
und gesagt hat! So nachtragend muß man nicht sein. Du
schadest ja nur dir selber, wenn du dich so abärgerst.
Helene, unterbrach hier die Stimme einer Aufseherin ihre
Rede, wenn du nicht sofort gehst und deine Sachen in Ordnung
bringst, rufe ich Fräulein Scatcherd.
Helene seufzte, stand aber auf und folgte schweigend der
Aufseherin.
Siebentes Kapitel.
Mein erstes Quartal zu Lowood schien mir eine Ewigkeit zu dauern, auch war es weit entfernt, für mich das goldene
Zeitalter zu sein. Bestand es doch in einem ärgerlichen Kampfe
mit Schwierigkeiten aller Art, um mich an neue Regeln und
ungewohnte Aufgaben zu gewöhnen. Die Furcht, dabei zu
unterliegen, peinigte mich mehr, als das physische Ungemach,
obgleich auch dieses keine Kleinigkeit war.
Den Januar, Februar und einen Teil des März hindurch verhinderte uns der tiefe Schnee, und als wärmeres
Wetter eintrat, der abscheuliche Zustand der Wege, unsere
Spaziergänge über die Gartenmauern hinaus auszudehnen. Die
einzige Ausnahme war, daß wir des Sonntags zur Kirche gehen
mußten. Sonst durften wir innerhalb der uns gesteckten Grenzen
jeden Tag eine Stunde in freier Luft zubringen, was wir aber
nicht als eine Wohltat betrachteten. Unsere Kleidung konnte
uns gegen die strenge Kälte nicht schützen; wir hatten keine
Stiefel, der Schnee drang in unsere Schuhe ein und schmolz
da. Unsere unbehandschuhten Hände waren stets starr vor Kälte
und mit Frostbeulen bedeckt, ebenso auch unsere Füße. Ich erinnere
mich noch recht gut der Qualen, die ich jeden Morgen ausstand,
wenn ich meine geschwollenen und steifen Zehen in die Schuhe
zwängen mußte. Zudem brachte uns die Knappheit und schlechte
Beschaffenheit der Kost, die man uns reichte, fast zur Verzweiflung, und schlimmer noch als das physische Elend waren
die moralischen Folgen, die der Hunger zeigte. So entstand u.
a. ein Mißbrauch, unter dem die jüngeren Schülerinnen viel zu
leiden hatten. So oft nämlich die großen Mädchen eine günstige
Gelegenheit abpassen konnten, schmeichelten oder drohten sie den
kleinen so lange, bis sie ihre Portion mit ihnen teilten. Gar
oft habe ich das kostbare Stück Schwarzbrot, das wir zur Teezeit erhielten, an zwei Mädchen verteilt, die mich darum bestürmten; und wenn ich an eine dritte den halben Inhalt meines
Kaffeebechers abgetreten hatte, habe ich oft den Rest unter heimlichen Tränen, die mir der Hunger abpreßte, hinuntergeschluckt.
Die Sonntage waren während dieser Winterzeit traurige
Tage. Wir mußten beinah eine Stunde weit gehen, um nach
Brocklebridge zu kommen, wo unser Schutzherr als Geistlicher
fungierte. Es fror uns, wenn wir uns auf den Weg machten,
und es fror uns noch mehr, wenn wir in der Kirche ankamen;
während des Gottesdienstes waren wir durch die Kälte ganz
gelähmt. Es war zu weit, um zum Mittagessen in unsere Anstalt zurückzugehen, und eine, wie gewöhnlich, sehr spärliche
Portion von kaltem Fleisch und Brot wurde an uns während
des Morgen- und Nachmittagsgottesdienstes ausgeteilt.
War der Nachmittagsgottesdienst zu Ende, so kehrten wir
auf einem offenen Wege zurück, wo der schneidende Wind,
der über eine Reihe Schneehügel im Norden dahin wehte, uns
fast die Haut vom Gesichte riß.
Wie sehnten wir uns nach dem Licht und der Wärme
eines lodernden Feuers, wenn wir zurückkamen! Aber die Kleinen
konnten auch nicht einmal dieses erreichen, jeder Kamin in dem
Schulzimmer war im Nu von einer doppelten Reihe großer
Mädchen belagert, und hinter ihnen hockten die jüngeren, die
abgemagerten Arme in ihre Schürzen gehüllt, gruppenweise
nieder.
Zur Teezeit kam endlich ein kleiner Trost in Gestalt
einer doppelten Ration Brot ---- einer ganzen, anstatt einer
halben Schnitte, mit der angenehmen Beigabe einer dünnen
Lage Butter, ein Schmaus, auf den wir uns von einem Sonntag zum andern freuten.
Der Sonntag Abend wurde damit zugebracht, daß man den
Katechismus, sowie das 5te, 6te und 7te Kapitel des Evangeliums Matthäi hersagte, sowie damit, daß man eine lange Predigt anhörte, die Fräulein Miller unter unüberwindlichem
Gähnen vorlas. Häufig kam es dabei vor, daß etwa ein halbes
Dutzend Mädchen, vom Schlafe überwältigt, von der Bank
fielen und halbtot aufgehoben werden mußten. Um diesem
Unheil vorzubeugen. schob man sie nun in die Mitte des Schulzimmers, und nötigte sie, dort bis zum Ende der Predigt stehend
auszuharren. Bisweilen trugen aber ihre Füße sie nicht mehr, und
dann fielen sie in einen Haufen zusammen, weshalb man sie
mit den hohen Stühlen der Aufseherinnen stützte.
Eines Nachmittags --- ich war seit drei Wochen zu Lowood --- als ich mir, meine Schiefertafel in der Hand, über eine
lange Division den Kopf zerbrach, fiel mein Auge, während
es sich zerstreut auf das Fenster heftete, auf eine mir nur zu gut
bekannte Gestalt, und als zwei Minuten darauf die ganze
Schule samt den Lehrerinnen mit einem Ruck aufstand, wußte
ich, auch ohne daß ich hinsah, wen man so devot begrüßte.
Weite Schritte durchmaßen das Schulzimmer, und alsbald stand
neben Fräulein Temple, die sich gleichfalls erhoben hatte, die
nämliche schwarze Säule, die in Gateshead, von dem Kaminteppiche aus in so unheimlicher Weise auf mich niedergeschaut hatte. Ja ja, ich täuschte mich nicht, es war wirklich
Herr Pfarrer Brocklehurst, in einem von unten bis oben zugeknöpften Überrocke, und länger, hagerer und strenger anzuschauen
als je.
ich zitterte, als ich ihn nun Fräulein Temple etwas ins Ohr
flüstern sah, denn ich zweifelte nicht, daß er im Begriffe war,
ihr meine ganze Niedertracht zu enthüllen, wie sie Frau Reed
ihm geschildert hatte, und beobachtete mit peinlicher Angst ihre
Augen, die sie alsbald mit einem Ausdruck grenzenlosen Abscheues auf mich richten würde.
ich denke, Fräulein Temple, der Zwirn, den ich in Lowton gekauft, ist der richtige, ich sah, daß er gerade von der zu
den Kattunhemden erforderlichen Dualität sein würde, und
danach wählte ich auch die Nadeln aus. Sie können Fräulein
Smith sagen, daß ich vergessen habe, die Stopfnadeln aufzuschreiben; aber sie soll das Verzeichnis nebst einigen andern
Papieren in der nächsten Woche zugeschickt erhalten. Auf keinen Fall
soll sie einer Schülerin mehr als eine Nadel zu gleicher Zeit geben;
haben sie mehr, so werden sie leicht fahrlässig und verlieren sie.
Desgleichen sollte man besser nach den wollenen Strümpfen
sehen!-- Als ich zum letzten Male hier war, ging ich in den
Küchengarten und sah die Kleidungsstücke an, die an der Trockenleine hingen; da waren eine Menge schwarzer Strümpfe in sehr
schlechtem Zustand; aus der Größe der Löcher schloß ich, aß
man sie nicht zur rechten Zeit ausgebessert hatte.
Er hielt inne.
Ihren Anordnungen soll Folge geleistet werden, Herr Pfarrer,
sagte Fräulein Temple.
Ferner sagt mir die Wäscherin, einige von den Mädchen
bekämen jede Woche zwei leinene Halsstreifen. Das ist aber
zu viel, nach der Regel soll jede nur einen bekommen.
Diesen Umstand kann ich, glaube ich, erklären, Herr
Pfarrer. Agnes und Katharine Johnstone waren letzten Donnerstag von einigen Freunden in Lowton zum Tee eingeladen,
und ich erlaubte ihnen bei dieser Gelegenheit, reine Halsstreifen
anzulegen.
Der Herr Pfarrer nickte.
Gut, einmal mag das hingehen; aber lassen Sie es gefälligst nicht zu oft vorkommen. Noch etwas, was mich überrascht hat: Bei der Abrechnung mit der Haushälterin finde ich,
daß in den letzten 14 Tagen den Mädchen zweimal ein aus
Brot und Käse bestehender Imbiß gereicht worden ist. Wie
kommt das? Ich gehe das Reglement durchund finde darin
keines solchen Mahls Erwähnung getan. Wer hat diese Neuerung eingeführt? und auf wessen Autorität hin?
ich muß die Verantwortung dafür übernehmen, erwiederte
Fräulein Temple. Das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß
die Schülerinnen es nicht genießen konnten, und ich hätte es
nicht übers Herz bringen können, sie bis zum Mittagessen fasten
zu lassen.
Erlauben Sie Fräulein! --- Es ist Ihnen nicht unbekannt,
daß es keineswegs meine Absicht ist, die Mädchen an Luxus zu
gewöhnen und sie zu verzärteln, sondern im Gegenteil, sie
abzuhärten und sie Selbstverleugnung und Geduld zu lehren.
Sollte es irgend einmal vorkommen, daß der Appetit nicht so
ganz befriedigt wird, weil eine Speise angebrannt, versalzen oder
zu wenig gesalzen ist, so darf hier nicht damit geholfen werden,
daß man etwas Köstlicheres für das Schlechtere gibt, denn dadurch macht man sich den Bauch zum Abgott und arbeitet dem
Zwecke der Anstalt entgegen. Man muß im Gegenteil den Umstand zur Förderung des geistigen Wohls der Schülerinnen benutzen, indem man sie ermuntert, bei zeitweisen Entbehrungen
christliche Stärke an den Tag zu legen. Eine kurze Anrede bei
solchen Gelegenheiten wäre nicht am unrechten Platze, wobei
auf die Leiden der ersten Christen hinzuweisen wäre; auf die
Qualen der Märtyrer; auf die Ermahnungen unseres teuren
Erlösers, der zu seinen Schülern sprach: Nimm dein Kreuz auf
dich und folge mir! auf die Worte desselben, daß der Mensch
nicht von Brot allein lebt, sondern von jedem Worte, das aus
dem Munde Gottes kommt; auf seine göttlichen Trostesworte,
Selig seid ihr, wenn ihr hungert und dürstet um meinetwillen.
Wenn Sie also, liebes Fräulein, anstatt angebrannter Suppe,
dieser Kinder Mund mit Brot und Käse füllen, so nähren Sie
wohl ihre sterblichen Leiber, allein Sie bedenken nicht, daß
Sie ihre unsterblichen Seelen Hunger leiden lassen.
Herr Brocklehurst hielt abermals inne, vielleicht überwältigt von seinen Gefühlen. Fräulein Temple hatte die Augen
auf den Boden gerichtet, als er zu reden anfing; aber jetzt sah
sie gerade vor sich hin, während ihr Gesicht, das von Natur so
blaß war, wie Marmor, auch die Kälte und Unbeweglichkeit
dieses Steines anzunehmen schien.
Unterdessen überBlickte Herr Brocklehurst, der, mit den
Händen auf dem Rücken, am Kamine stand, die ganze Schule
mit majestätischem Ernst. Plötzlich sah man ihn zusammenfahren,
als ob sein Auge durch irgend etwas geblendet oder beleidigt
worden wäre; sich umdrehend, sprach er rascher, als er bisher
getan.
Fräulein Temple,,, Fräulein Temple, was--- was ist das
für ein Mädchen mit dem gelockten Haar? Rotes, gelocktes ---
durchweg gelocktes Haar!
Und, er zeigte mit seinem Stock, der heftig in seiner Hand
schwankte, auf den Schrecken erregenden Gegenstand hin, wobei seine Hand zitterte.
Das ist Julie Severn, entgegnete Fräulein Temple ruhevoll.
Julie Severn! Und warum trägt sie, oder sonst jemand,
das Haar gelockt? Warum richtet sie sich, jeder Vorschrift und
jedem Grundsatze dieses Hauses zum Trot, so ungescheut nach
der Welt, daß sie in dieser evangelischen Wohltätigkeitsanstalt
ihr Haar in Gestalt einer Masse von Locken trägt?
Juliens Haar lockt sich von Natur, entgegnete Fräulein Temple
in noch ruhevollerem Tone.
Von Natur! Ja, aber wir sollen uns nicht nach der Natur
richten; diese Mädchen sollen Kinder der Gnade sein. Wozu
diese Fülle von Haaren? Ich habe schon zu wiederholten Malen
angedeutet, daß das Haar in bescheidener und einfacher Weise
getragen werden soll. Fräulein Temple, das Haar dieses
Mädchens muß total abgeschnitten werden; morgen werde ich
einen Barbier senden. Und da sehe ich noch andere, die einen
viel zu starken Haarwuchs haben, -- sagen Sie doch dem großen
Mädchen da, sie solle sich umdrehen. Heißen Sie doch die ganze
erste Bank aufstehen und die Gesichter der Wand zuwenden.
Fräulein Temple fuhr mit dem Taschentuch über ihre Lippen,
gleichsam um das unwillkürliche Lächeln, das sich auf denselben
hinzog, wegzuwischen; sie gab indessen den Befehl zum Aufstehen, und so gehorchte denn die erste Klasse. Ich lehnte mich
auf meiner Bank ein wenig zurück und konnte daher die Blicke
und Grimassen sehen, womit sie diese ihre Bewegung begleiteten.
Wie schade war es nur, daß der Herr Pfarrer sie nicht auch
sehen konnte; vielleicht hätte er dann eingesehen, daß bei allen
seinen, das Aeußere betreffenden Anordnungen, das Innere
mehr, als er glaubte, außer seinem Bereiche liege. Er betrachtete die Kehrseite dieser lebenden Medaillen etwa fünf
Minuten lang und sprach sodann sein Urteil aus. Diese Worte
klangen wie die Worte des jüngsten Gerichts:--
Alle diese Flechten müssen abgeschnitten werden.
Fräulein Temple wollte Einwendungen machen.
Fräulein Temple, entgegnete er, ich muß einem Herrn dienen,
dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Meine Pflicht gebietet
mir, die Lüste des Fleisches in diesen Mädchen zu töten, ihnen
zu zeigen, wie man sich sittsam und einfach kleidet und geflochtenem Haare und kostbaren Gewändern entsagt; und jede
der vor uns hier stehenden jungen Personen trägt ihr Haar in
Zöpfen und Flechten, wie nur die Eitelkeit selbst sie geflochten
hätte: diese, ich wiederhole es, müssen abgeschnitten werden;
denken Sie an die Zeit, die verloren geht, wenn - -****
Hier wurde der Herr Pfarrer unterbrochen. Es kamen noch
drei Damen zum Besuche ins Zimmer herein. Sie hätten etwas
früher kommen sollen, damit sie seine Predigt über die Art, sich
zu kleiden, gehört hätten, denn sie waren prächtig in Samt,
Seide und Pelzwerk gekleidet. Die zwei jüngeren von den
dreien, schöne Mädchen von 1- -1? Jahren, trugen graue, mit
Straußenfedern beschattete Kastorhüte, die damals Mode waren;
und unter dieser zierlichen Kopfbedeckung zeigte sich eine Fülle
von Locken, denen man es wohl ansah, daß sie nicht das Werk
eines Augenblicks waren; die älteste Dame war in einen kostbaren samtnen Shawl gehüllt, der einen Besatz von Hermelin
hatte; auch trug sie falsche Locken.
Diese Damen, Frau Brocklehurst und ihre Töchter, wurden
von Fräulein Temple mit vieler Achtung empfangen und zu
den Ehrensitzen am obern Ende des Zimmers geführt. Sie
waren mit Seiner Ehrwürden in ein und derselben Equipage
gekommen und hatten die obern Zimmer besichtigt, während er
mit der Haushälterin rechnete, an die Wäscherin Fragen stellte
und der Vorsteherin den Text las. Sie begannen nun verschiedene Bemerkungen und darunter tadelnde, an Fräulein
Smith zu richten, welche die Wäsche und die Schlafzimmer unter
sich hatte; ich hatte aber keine Zeit, auf das zu hören, was sie
sagten, denn plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit auf ganz
andere Weise in Anspruch genommen.
Während ich nämlich auf die Unterhaltung der Erwachsenen
lauschte, war ich auch auf meine persönliche Sicherheit bedacht
gewesen. Zu dem Ende hatte ich mich weit auf die Bank zurückgesetzt und, anscheinend in meine Rechenarbeit vertieft, hinter
der Schiefertafel mein Gesicht verborgen. Ich wäre wohl auch
der Beachtung entgangen, wäre nicht meine verräterische Schiefertafel mir auf einmal aus der Hand entschlüpft und mit einem
großen Krach zu Boden gefallen, was aller Augen auf mich
zog. Nun wußte ich, daß alles verloren sei, und, mich bückend,
um die zerbrochene Schiefertafel aufzuheben, machte ich mich
aufs schlimmste gefaßt.
Ein nachlässiges und unachtsames Mädchen, bemerkte Brocklehurst, und setzte alsbald hinzu: Aha! die Neue! Und bevor ich
Atem holen konnte, sagte er weiter: ich darf nicht vergessen,
daß ich ein Wort über sie zu sagen habe. Sodann sprach er
noch lauter --- ach! wie laut kam es mir vor!
Das Kind, das seine Schiefertafel zerbrochen, trete vor!
ich war wie gelähmt vor Schrecken und rührte mich
nicht, aber die zwei großen Mädchen, zwischen denen ich saß,
schoben mich zu meinem Richter hin, und dann wurde ich von
Fräulein Temple sanft bis dicht vor ihn hingeführt, wobei sie
mir tröstend zuflüsterte:
Fürchte dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß du's nicht
mit Fleiß getan hast: du sollst nicht bestraft werden.
Diese freundlichen Worte drangen in mein Herz wie
Dolche.
Noch eine Minute, und sie wird mich als Heuchlerin verachten, dachte ich, und grimme Wut gegen Reed, Brocklehurst
und Konsorten durchzuckte mich. Ich war keine Helene Burns.
Bringt den Stuhl da her, sagte der Pfarrer, indem er auf einen sehr hohen Stuhl deutete, von dem eine Aufseherin
soeben aufgestanden war.
So! Nun stellt das Kind da hinauf Und ich wurde hinaufgestellt, von wem weiß ich nicht.
ich war nicht in der Gemütsverfassung solche Nebensachen zu
beachten. Ich merkte bloß, daß sie mich bis zur Höhe von
Brocklehursts Nase hinaufgehißt hatten; daß Se. Ehrwürden
nur einen Schritt weit von mir standen; und daß orangefarbige
Seidenkleider, sowie Wolken von silberfarbigen Federn hinter
mir hin- und herschwankten.
Brocklehurst räusperte sich.
Sie alle, Lehrerinnen und Schülerinnen, sehen diese
Kleine?
Ob sie mich sahen! Ich hatte ein Gefühl, als ob ihre
Augen mir wie Brenngläser die Haut versengten!
Sie ist noch sehr jung, nicht wahr? Sie hat die gewöhnliche Gestalt der Kindheit; Gott hat ihr in seiner unendlichen
Gnade die gewöhnliche menschliche Gestalt verliehen; nichts Entstellendes zeigt uns in ihr einen mit einem Makel behafteten
Charakter. Wer würde glauben, daß der Böse an ihr bereits
ein dienstwilliges Werkzeug gefunden? Und doch ist dies der
Fall, wie ich mit tiefem Schmerze sagen muß.
Ee erfolgte eine Pause, während deren ich meine gelähmten Nerven zu stählen versuchte, um die Prüfung besser
überstehen zu können.
Jawohl, meine lieben Kinder, fuhr der Geistliche mit
vielem Pathos fort, dieses Mädchen, das ein Lamm Gottes
sein könnte, ist eine Verworfene, nicht eine von der wahren
Herde, sondern eine Fremde. Ihr müßt euch vor ihr in acht
nehmen; ihr müßt ihre Gesellschaft meiden, sie von euren Spielen
und eurer Unterhaltung ausschließen. Lehrerinnen, Sie müssen
sie strenge überwachen, alle ihre Bewegungen beobachten, ihre
Handlungen prüfen, ihren Körper strafen, um ihre arme Seele
zu retten, --- wenn überhaupt eine solche Rettung noch möglich ist, denn --- meine Zunge stockt, während ich es aussprece
-- dieses Kind, das in einem christlichen Lande geboren, ist
schlimmer, denn manche kleine Heidin, die zu Brahma betet und
vor Juggernaut kniet-- dieses Mädchen ist --- eine Lügnerin!
Nun folgte abermals eine-- zehn Minuten lange --
Pause, während deren ich die gesamte Brocklehurstsche Weiblichkeit ihre Taschentücher hervorziehen und an ihre holden Sehorgane drücken sah; dabei wackelte die Mama mit dem Oberkörper hin und her; die beiden Töchterchen aber flüsterten:
Abscheulich!
Herr Pfarrer fuhr fort:
Dies habe ich von ihrer Wohltäterin erfahren; von der
frommen und wohltätigen Dame, die sie als Waise an Kindesstatt annahm, sie wie eine eigene Tochter aufzog, und deren
Güte, deren Edelmut diese Unselige mit so grauenvollem Undank vergalt, daß ihre edle Wohltäterin sich schließlich gezwungen sah, sie von ihren eigenen Kindern abzusondern, aus
Furcht, ihr schlechtes Beispiel möchte deren Reinheit beflecken.
Sie hat sie hierher getan, um sie heilen zu lassen, wie einst die
Juden ihre Kranken in den trüben Teich von Bethseda tauchten
--- und Sie, Lehrerinnen, Sie, Vorsteherinnen, sorgen Sie dafür,
daß das Wasser um sie her nicht still stehe.
Bei diesem erhabenen Schlusse seiner Ansprache knöpfte
der Herr Pfarrer den obersten Knopf seines Oberrocks zu,
murmelte einige Worte seiner Familie zu, die sich erhob und
sich gegen Fräulein Temple verneigte; und nun rauschten die
feinen Leute zum Zimmer hinaus. An der Tür sich umwendend,
sagte noch mein Richter:
Man lasse sie noch eine halbe Stunde auf diesem Stuhle
stehen und den ganzen Tag über niemand mit ihr sprechen.
Da stand ich nun, ich, die gesagt hatte, ich würde die
Schande, auf meinen Füßen in der Mitte des Zimmers stehen
zu müssen, nicht ertragen können, ich stand nun auf einem
Schandgestell, aller Blicken ausgesetzt. Welcher Art meine Gefühle waren, vermag keine Sprache auszudrücken; aber eben als
alle aufstanden, und es mir war, als wäre mir die Kehle zugeschnürt und ich müßte nun ersticken, kam ein Mädchen an
mir vorbei und blickte mich an. Welch seltsames Licht leuchtete
doch aus ihren Augen! Welch außerordentliche Empfindung
brachte dieser Strahl, indem er mich durchzuckte, in mir hervor!
Mir war zu Mute, wie einem gekreuzigten Märtyrer, dem ein
verehrter Lehrer mit einem Blick neuen Duldermut eingeflößt
hat. Ich zwang den Weinkrampf nieder, der eben auszubrechen
drohte, hob den Kopf in die Höhe und stellte mich fester auf
dem Stuhl hin. Helene Burns, die wegen einer Kleinigkeit
Fräulein Smith gestört und Schelte bekommen hatte, kehrte jetzt
wieder auf ihren Platz zurück, wobei sie mich abermals anlächelte.
So lächelt nur der Mut, der sich im Besitz der Wahrheit weiß.
Wie unvollkommen ist doch die Natur des Menschen!
Solche Fecken finden sich auf der Scheibe der hellsten Sonnen;
und Augen, wie die der Fräulein Scatcherd, können bloß diese
kleinen Mängel sehen, während sie für den vollen Glanz der
großen Kugel blind sind.
Achtes Kapitel.
Noch ehe die halbe Stunde um war, schlug es fünf Uhr. Der
Unterricht hörte auf, und alle begaben sich zum Tee in den
Speisesaal. Da wagte ich es, von meinem Stuhle herunterzusteigen, machte mich in einen Winkel und setzte mich auf den
Fußboden. Der Zauber, der mir bis dahin Kraft verliehen
batte, begann zu schwinden; eine Reaktion trat ein, und bald
war der Kummer, der mich ergriff, so überwältigend, daß ich
mit dem Gesicht gegen den Boden fiel. Und nun weinte ich.
Helene Burns war nicht da, niemand sprach mir Mut ein,
nichts richtete mich auf. Mir selbst überlassen, ließ ich mich
gehen, und meine Tränen befeuchteten die Dielen. Ich hatte
mir vorgenommen, zu Lowood tüchtig zu arbeiten und mir
recht viel Achtung, recht viel Liebe zu erwerben. Schon hatte
ichsichtbare Fortschritte gemacht; an dem nämlichen Morgen
war ich die Erste in meiner Klasse geworden. Fräulein Miller
hatte mir warmes Lob gespendet, Fräulein Temple hatte mir
Unterricht im Zeichnen versprochen und wollte mich Französisch
lehren lassen, wenn ich noch zwei Monate so fortführe; ferner
war ich bei meinen Mitschülerinnen wohl gelitten, und nun lag
ich wieder im Staube! War es mir denn möglich, mich je wieder
empor zuarbeiten?
Nie, dachte ich, und wünschte inbrünstig, ich möchte
sterben. Während ich in gebrochenen Lauten diesen Wunsch
hervorschluchzte, kam jemand auf mich zu. Ich fuhr auf -- und
erkannte bei dem matten Scheine des Kaminfeuers Helene
Burns; sie brachte mir meinen Kaffee samt Brot.
Da, iß etwas, sagte sie, aber ich schob beides beiseite;
mir war, als ob ein Tropfen oder eine Krume jetzt mich ersticken würde. Helene schaute mich verwundert an, aber ich
weinte nur noch heftiger. Sie setzte sich auf den Boden zu mir
hin, umfaßte ihre Knie mit den Armen und stützte ihren Kopf
darauf; in dieser Stellung verharrte sie schweigsam wie eine
Indianerin. Ich war die erste, die sprach:
Helene, warum redest du mit einem Mädchen, das jedermann für eine Lügnerin hält?
Jedermann, Jane? Es sind doch bloß achtzig Menschen,
die gehört haben, daß man dich so nannte, und die Welt enthält doch Hunderte von Millionen.
Aber was gehen mich die Millionen an? Die Achtzig, die
ich kenne, verachten mich.
Nicht doch! Wahrscheinlich verachtet oder haßt dich nicht
eine in der ganzen Schule, manche, ich weiß es gewiß, haben
Mitleid mit dir.
Wie können sie Mitleid mit mir haben, nach dem, was
der Herr Pfarrer gesagt hat?
Der Pfarrer ist kein Gott, nicht einmal ein großer Mann,
den man bewundert. Man liebt ihn hier nur wenig; er hat es
sich nie angelegen sein lassen, sich beliebt zu machen. Hätte er
dir seine Gunst zugewandt, so würdest du überall erklärte oder
verkappte Feindinnen gefunden haben. Wie aber die Sachen
stehen, möchten die meisten dir ihre Sympathie zu erkennen
geben, wenn sie es nur wagten. Die Lehrerinnen und Schülerinnen mögen dich einige Tage kalt ansehen, aber in ihrem
Herzen sind sie dir freundlich gesinnt; und wenn du fortfährst,
dich gut aufzuführen, so werden sich diese Gefühle sehr bald um
so stärker äußern. Uebrigens, Jane, --- sie hielt inne.
Nun, Helene? sagte ich und legte meine Hand in die
ihrige. Sie rieb sanft meine Finger, um sie zu erwärmen, und
fuhr fort:
Und sollte auch die ganze Welt dich hassen und dich für
böse halten, während dein eigenes Gewissen dich von jeder
Schuld freispräche, so würdest du nicht ohne Freunde sein.
Nein; ich weiß, daß ich von mir selbst gut denken würde;
aber damit allein ist es nicht getan. Wenn andere mich nicht
lieben, so möchte ich lieber sterben als länger leben --- ich kann
es nicht ertragen, mich verlassen und gehaßt zu wissen, Helene.
Siehst du, um von dir oder Fräulein Temple oder sonst jemand,
den ich wahrhaft liebe, wahrhaft geliebt zu werden, ließe ich
mir den Arm zerschlagen, würde ich mich gern den Stößen eines
Stiers oder den Hufschlägen eines Pferdes aussetzen.
Jane, du hast eine zu hohe Meinung von der Liebe der
Menschen. Die allmächtige Hand, die deinen Leib geschaffen und
dir Leben eingehaucht, hat dir andere Hilfsmittel gegeben, als
dein schwaches ich, oder als Geschöpfe, die eben so schwach sind
wie du. Außer dieser Erde und dem Geschlechte der Menschen
gibt es eine unsichtbare Welt, ein Reich der Geister; diese Welt
umgibt uns, und diese Geister wachen über' uns, und sollten
wir auch in Schmerz und Schmach sterben, sollte auch Verachtung und Haß uns zu Boden drücken, so sehen doch Engel
unsere Qualen, und erkennen unsere Unschuld, wenn man uns
fälschlich anklagt; daß du aber unschuldig bist, das sehe ich in
deinen Augen, das steht auf deiner Stirn geschrieben. Mach
dir also nicht so viel Sorgen um das Urteil der Menschen und
hoffe vielmehr auf den Lohn, den Gott in jenem Leben für die
Guten bereit hält.
Helenes Trostrede lenkte meine Gedanken von meinem Elend
ab, aber nur, um sie in einen neuen Kummer zu versenken.
Flößte mir doch der kurze Atem, der trockene Husten, der auf
das Ende ihrer Rede folgte, ernstliche Besorgnis um ihre Gesundheit ein.
Den Kopf an Helenes Schulter gelehnt, hielt ich sie mit
beiden Armen umfaßt; sie zog mich an sich, und so
ruhten wir schweigend aneinander. Wir hatten noch nicht lange
so dagesessen, als in dem Mondlicht, das jetzt durch ein nahes
Fenster hereinströmte, eine Gestalt auf uns zukam, in der wir
alsbald Fräulein Temple erkannten.
ich komme speziell deinetwegen, Jane Eyre, sagte sie. Du
mußt mit mir auf mein Zimmer kommen; und da Helene Burns
bei dir ist, so mag sie uns begleiten.
Hast du dir deinen Kummer ausgeweint? fragte mich die Vorsteherin, als wir drei in ihrem Zimmer vor dem gemütlichen
Kaminfeuer Platz genommen hatten.
ich fürchte, ich werde das nie können, seufzte ich.
Doch, wenn du deine Anklage zu widerlegen verstehst. Man
hat dich der Falschheit beschuldigt, verteidige dich nun zunächst
mir gegenüber, so gut du kannst. Erzähle mir alles, was dir
dein Gedächtnis als wahr eingibt, setze aber nichts hinzu, und
übertreibe nichts!
In der Tiefe meines Herzens beschloß ich, mich streng an die
Wahrheit zu halten; und nachdem ich einige Minuten nachgedacht, um das, was ich zu sagen hatte, gehörig zu ordnen,
erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner traurigen Kindheit.
Erschöpft durch die Gemütsaufregung, sprach ich in einem ruhigeren
Tone als sonst, und beherzigte auch Helenes Ermahnungen, so
daß es mir wirklich gelang, meinen Groll im Zaum zu halten.
Als ich meine Erzählung beendet hatte, sah mich Fräulein
Temple einige Minuten schweigend an und sagte dann:
Herr Lloyd ist mir nicht ganz unbekannt; ich werde an ihn
schreiben, und wenn er deine Angaben bestätigt, so sollst du
öffentlich von allen Anschuldigungen freigesprochen werden, in
meinen Augen bist du es schon jetzt.
Sie küßte mich und wandte sich dann an Helene:
Wie befindest du dich heute abend, Helene? Hast du viel
gehustet?
Nicht ganz so viel wie sonst, Fräulein.
Und die Brustschmerzen?
Damit ist es besser.
Fräulein Temple stand auf, erfaßte ihre Hand und befühlte
ihren Puls; sodann kehrte sie zu ihrem Stuhle zurück, und ich
hörte sie leise seufzen, während sie sich hinsetzte. Sie blieb einige
Minuten in Gedanken versunken, dann raffte sie sich auf und
sagte in heiterem Tone:
Aber ihr beide seid heute abend meine Gäste, und ich muß
euch als solche bewirten.
Sie klingelte.
Barbara, sagte sie zu der eintretenden Magd, man hat mir
noch nicht meinen Tee gebracht; bring das Teeservice und
auch zwei Tassen für die beiden Fräulein mit.
Bald wurde der Tee serviert. Wie schön erschienen in meinen
Augen die Porzellantassen, und der glänzende Teetopf, die man
auf den kleinen runden Tisch neben dem Feuer stellte! Wie
angenehm duftete der aufsteigende Dampf und das geröstete
Brot, wovon ich indessen zu meinem großen Schrecken nur eine
sehr kleine Portion entdeckte. Auch Fräulein Temple sah es.
Barbara, sagte sie, kannst du nicht etwas mehr Butter und
Brot bringen? Es reicht nicht für uns drei.
Barbara entfernte sich, bald kehrte sie zurück.
Frau Harden sagt, sie hat die gewöhnliche Portion raufgeschickt.
O, ich sehe schon, erwiderte Fräulein Temple, wir müssen uns
so einrichten, daß es reicht. Und als das Mädchen sich entfernt hatte, setzte sie lächelnd hinzu:
Glücklicherweise steht es dieses Mal in meiner Macht, das
Fehlende zu ergänzen.
Nachdem sie Helene und mich aufgefordert hatte, uns an
den Tisch zu setzen, stellte sie einer jeden eine Tasse Tee, samt
einem köstlichen, wenn auch dünnen Stück geröstetem Brot hin,
dann stand sie auf, öffnete ein Fach, und nahm etwas heraus,
was mit Papier umwickelt war; es war ein Streukuchen von
ziemlicher Größe.
ich hatte im Sinne, einer jeden ein Stück von diesem
Kuchen mitzugeben, sagte sie; da aber so wenig geröstetes Brot
da ist, so sollt ihr es jetzt bekommen. Und nun schnitt sie mit
freigebiger Hand ein Stück nach dem andern ab.
An jenem Abend schmausten wir wie die Götter. Der Tee
und der Kuchen schmeckten uns wie Nektar und Ambrosia, und
was nicht wenig dazu beitrug, daß wir die Bewirtung entzückend
fanden, war das süße Lächeln, womit unsere Wirtin uns betrachtete, während wir die Delikatessen verputzten, die sie uns
so freigebig reichte. Nachdem der Tee getrunken und das Geschirr weggeräumt war, ließ sie uns an dem Kamin Platz nehmen,
wir saßen zu ihren beiden Seiten, und nun entspann sich ein
Gespräch zwischen ihr und Helene, das mitanhören zu dürfen
kein kleines Vorrecht war.
Fräulein Temple hatte in ihrer Miene stets etwas Heiteres,
in ihrer ganzen Haltung etwas Stattliches, in ihrer Sprache etwas
Verfeinertes und Schickliches, was der Heftigkeit und der Aufregung nie einen Spielraum gestattete, etwas, was dem Vergnügen
derjenigen, die sie ansahen und ihr zuhörten, durch ein unwillkürliches Gefühl der Ehrfurcht eine höhere Weihe gab. Doch daran
war ich gewöhnt, aber Helene kam mir wie umgewandelt vor.
Das reichliche Mahl, die behagliche Zimmerwärme, die
Freundlichkeit ihrer geliebten Lehrerin, und vielleicht mehr, als
alles das, - ihre eigene Gemütsstimmung -- hatte alleKräfte in ihr
geweckt. Ihre sonst so bleichen und blutlosen Wangen glühten;
aus dem flüssigen Glanze ihrer Augen leuchtete eine Schönheit,
die noch bestrichender war, als die Fräulein Temples-- eine
Schönheit, die weder durch eine Nüancierung der Gesichtsfarbe,
noch durch die Länge der Augenwimpern und Augenbrauen
bedingt war, sondern die aus rein geistigen Elementen, - -- Lebhaftigkeit, Freude, Begeisterung -- bestand.
Sie sprachen von Dingen, von denen ich nie etwas gehört
hatte; von Nationen und Zeiten der Vergangenheit, von weit
entfernten Ländern; von entdeckten oder geahnten Naturgeheimnissen; sie sprachen über die vielen, vielen Bücher, die sie gelesen hatten. Auch in der französischen Literatur waren sie bewandert, aber mein Erstaunen erreichte den Höhepunkt, als
Fräulein Temple Helene fragte, ob sie bisweilen Zeit gefunden
habe, sich in der lateinischen Sprache, die sie von ihrem Vater
gelernt, zu vervollkommnen; und sie langte einen Virgil von
einem Bücherbrette herab und hieß sie eine Seite übersetzen.
Kaum war Helene damit zu Ende gekommen, als die Glocke
verkündete, daß es Zeit sei, zu Bette zu gehen. Länger konnten
wir nicht mehr bleiben. Fräulein Temple küßte uns beide und
sagte, uns an ihr Herz drückend:
Der Herr segne euch, liebe Kinder!
Helene hielt sie etwas länger in ihren Armen, als mich; sie
trennte sich von ihr mit mehr Widerstreben; ihr folgte ihr Auge
bis an die Tür; um sie seufzte sie ein zweites Mal; ihr galt
die Träne, die sie von ihrer Wange trocknete.
Als wir in das Schlafzimmer kamen, hörten wir Fräulein
Scatcherds Stimme; sie untersuchte unsere Fächer und war gerade an dem der Helene Burns. Als wir eintraten, war ein
heftiger Tadel ihr Empfang, und sogleich wurde meiner Freundin
gesagt, daß ihr am nächsten Morgen ein halbes Dutzend Zettel
an die Schulter geheftet werden würden.
Meine Sachen waren allerdings in schmählicher Unordnung,
murmelte Helene mir ganz leise zu; ich wollte sie in Ordnung
bringen, habe es aber vergessen.
Am nächsten Morgen schrieb Fräulein Scatcherd mit großen
Buchstaben auf ein Stück Papier das Wort Schlumpe und
band es wie ein Amulett, um Helenes hohe, milde und kluge
Stirn. Sie trug es geduldig bis an den Abend, ohne Rachegefühl, und sah es als eine verdiente Strafe an. In demselben
Augenblicke, wo Fräulein Scatcherd nach Beendigung des Nachmittagsunterrichts sich entfernte, lief ich zu Helene hin, riß
das Papier ab und warf es ins Feuer. Die Wut, der sie nicht
fähig war, hatte den ganzen Tag in meiner Seele gelodert, und
große, heiße Tränen hatten beständig auf meinen Wangen gebrannt, denn das Schauspiel ihrer traurigen Ergebung war für
mich ein unerträglicher Schmerz.
Acht Tage später erhielt Fräulein Temple, die an Herrn Lloyd
geschrieben hatte, eine Antwort, die meine Darstellung der Sache
in allen wesentlichen Punkten bestätigte. Sie versammelte sofort
die ganze Schule, verkündete, daß man die gegen Jane Eyre
vorgebrachten Beschuldigungen näher untersucht habe, und daß
es ihr Freude mache, sie als frei von jeder Schuld erklären zu
können. Nun drückten mir die Lehrerinnen die Hand und
küßten mich, und ein Murmeln der Freude durchlief die
Reihen meiner Mitschülerinnen.
So von einer großen Last befreit, machte ich mich von der
Stunde an mit frischem Mute an die Arbeit, fest entschlossen,
mir durch alle Schwierigkeiten hindurch meinen Weg zu bahnen.
ich arbeitete aus allen Kräften, und meine Fortschritte entsprachen
auch meinen Anstrengungen. Mein Gedächtnis, das von Natur
nicht sehr gut ist, wurde durch viele Uebung immer besser, und
die Uebung schärfte auch meinen Verstand; in wenigen
Wochen wurde ich in eine höhere Klasse versetzt, in noch nicht
zwei Monaten durfte ich das Französische und das Zeichnen
anfangen. Ich lernte die ersten zwei Zeiten des Zeitworts Être
und skizzierte an demselben Tage meine erste Hütte, deren Wände,
beiläufig gesagt, so schief waren, daß der berühmte schiefe Turm
in Pisa ein Waisenkind dagegen war. An jenem Abende vergaß ich auch beim Schlafengehen, mir in der Phantasie jenes
Leckermahl von gerösteten Kartoffeln, oder Weißbrot und frischer
Milch zu bereiten, womit ich meine Gelüste zu täuschen gewohnt
war. Statt dessen labte ich mich nun an idealen Zeichnungen,
die ich in der Dunkelheit entwarf und dachte darüber nach, ob
ich je imstande sein würde, ein gewisses kleines französisches
Geschichtenbuch, das mir Madame Pierrot an dem Tage gezeigt
hatte, geläufig zu übersetzen.
Mit Recht sagt Salomo: Besser ist ein Mahl von Kräutern,
wo Liebe dabei ist, denn ein gemästeter Ochse mit Haß.
Nun hätte ich Lowood mit allen seinen Entbehrungen nicht
um Gateshead mit seinem Luxus hingeben mögen.
Neuntes Kapitel.
Doch verminderten sich auch die Entbehrungen, oder, richtiger gesagt, die Mühseligkeiten in Lowood. Der Frühling nahte, ja
er war eigentlich schon da; der Winterfrost hatte aufgehört, der
Schnee war geschmolzen, die schneidenden Winde waren allmählig
gelinder geworden. Meine armen Füße, die durch die scharfe
Januarluft angeschwollen und mit Wunden bedeckt waren, fingen
an zu heilen, und unter dem Einflusse der sanften Aprilluft
wieder ihre frühere Gestalt anzunehmen; die Nächte und Morgenstunden machten nicht mehr durch ihre kanadische Temperatur
das Blut in unsern Adern erstarren; wir konnten jetzt die Spielstunden ohne Unbequemlichkeit im Garten zubringen; bisweilen
hatten wir auch schon milde sonnige Tage, und es zeigte sich
etwas Grünes auf den schwarzen Beeten, was poetischen Gemütern den Gedanken nahe legte, die Hoffnung habe während
der Nacht darüber hingeschwebt und jeden Morgen lieblichere
Spuren ihrer Anwesenheit zurückgelassen. Blüten prangten unter
den Blättern, Schneeglöckchen, Krokus, purpurne Aurikeln und
goldäugige Dreifaltigkeitsblumen. An den der Erholung gewidmeten Donnerstagnachmittagen gingen wir nun spazieren und
fanden liebliche Blumen unter den Hecken und an den
Wegen.
Auch entdeckte ich, daß ein großer Genuß jenseit der hohen
mit Nägeln gespickten Mauern unsers Gartens lag, nämlich eine
Aussicht, die prächtige Höhen auf ein tiefes, üppig bewachsenes
schattiges Tal, sowie auf einen kleinen Bach voll dunkler Steine
und glitzernder Strudel gewährten. Wie ganz anders war mir
diese Landschaft erschienen, als ich sie zuerst unter dem Eismantel des Winters, und von einem grauen, trüben Himmel
verdüstert, betrachtet hatte; als todeskalte Nebel, von Ostwinden
getrieben, über die purpurnen Bergkuppen hinzogen und auf die
Wiesen und Sümpfe sich hinabwälzten, bis sie sich mit den
eisigen Dünsten des Baches vermischten! Dieser Bach war damals ein ungestümes Wasser, das durch den Wald dahinraste
und einen wilden Lärm verübte, namentlich, wenn ein stürmischer
Regen herabrauschte oder Schlossen durch die Luft wirbelten.
Nicht wahr, unsre Anstalt war schön gelegen, zwischen Bergen,
in einem Walde, am Ufer eines lieblichen Baches? Ob aber
auch gesund, das war eine andere Frage.
Die Waldschlucht, in der Lowood lag, war eine Brutstätte
von Nebeln, die mit dem Frühling in das Waisenstift eindrangen,
die überfüllten Schul- und Schlafzimmer mit ihrem Hauche verpesteten, und, ehe der Mai herbeikam, die Schule in ein großes
Hospital verwandelten.
Die Ansteckung griff um so leichter um sich, als unsere Ernährung die denkbar schlechteste war, und die Krankenpflege bei
Erkältungen alles zu wünschen übrig ließ; fünfundvierzig von
achtzig Schülerinnen lagen zu gleicher Zeit krank darnieder. Der
Schulunterricht wurde eingestellt und die Vorschriften des Hauses
nicht mehr so strenge beobachtet. Die Wenigen, die gesund geblieben, genossen nun einer fast unbeschränkten Freiheit, weil
der Arzt erklärte, es sei viele Bewegung im Freien durchaus
notwendig, und wäre das auch nicht gewesen, so hätte doch
niemand Zeit und Muße gehabt, die Zöglinge zu überwachen, oder davon abzuhalten. Fräulein Temple wurde von
den Kranken vollständig in Anspruch genommen, sie kam gar nicht
aus dem Krankenzimmer heraus, es sei denn, um einige Stunden
zu schlafen. Die Lehrerinnen hatten vollauf zu tun, um denjenigen Mädchen, die so glücklich waren, Freunde und Verwandte zu haben, ihre Sachen zur Abreise packen zu helfen.
Viele, die bereits von der Seuche angesteckt waren, gingen nur
nach Hause, um da zu sterben. Einige starben in der Schule
und wurden schnell und in aller Stille begraben, da die Natur
der Krankheit jeden Aufschub verbot.
Während so die Seuche in Lowood eingekehrt und der Tod
ein häufiger Gast geworden war; während eine düstere Stimmung
und Furcht innerhalb dessen Mauern herrschte; während die
Zimmer und Gänge die Gerüche eines Hospitals verbreiteten,
und Mixturen und Pillen die tödlichen Miasmen zu bekämpfen
suchten --- leuchtete draußen jener herrliche Mai unbewölkt über
den stolzen, steilen Höhen und dem herrlichen Walde. Aber auch
der Garten entwickelte einen reichen Blumenflor. Rosenpappeln
waren aufgeschossen, so hoch wie Bäume, Lilien hatten sich entfaltet, die Georginen und Rosen standen in Blüte; die Einfassungen der kleinen Beete waren lustig anzusehen mit ihren
blaßroten Bergnelken und hochroten gefüllten Maßliebchen, die
Weinrosen verbreiteten morgens und abends ihren gewürzigen,
an Aepfel erinnernden Duft; aber alle diese wohlriechenden
Schätze waren für die meisten Bewohnerinnen Lowoods nutzlos,
-- es sei denn, wenn man Blumen brauchte, um sie in einen
Sarg zu legen.
Doch ich und die Uebrigen, die gesund blieben, erfreuten sich
der Schönheiten der Naturszenen und der Jahreszeit in vollem
Maße; man ließ uns, wie Zigeuner, vom Morgen bis zum Abend im Walde herumschweifen; wir taten, was wir wollten,
und gingen, wohin es uns gefiel; auch wurden wir nun besser
genährt. Jetzt kam der Herr Pfarrer mit seiner Familie nicht mehr
nach Lowood, die knauserige Haushälterin hatte das Weite gesucht, und ihre Nachfolgerin kannte nicht die Grundsätze, die sonst
für Lowood maßgebend gewesen waren und verabfolgte daher
verhältnismäßig starke Portionen. Ueberdies hatte man ja nicht
mehr so viele zu ernähren, die Kranken konnten nur wenig essen,
und wenn es an Zeit mangelte, ein regelmäßiges Mittagessen
zu bereiten, --- was oft vorkam, -- pflegte man uns doch ein
großes Stück kalte Pastete, oder ein großes Stück Brot mit Käse
zu geben; damit gingen wir in den Wald, wo jede von uns
den Ort auswählte, der ihr am besten gefiel, und verzehrten da
unser üppiges Mittagsmahl.
Mein Lieblingssitz war ein glatter, breiter Stein, der sich
weiß und trocken aus der Mitte des Baches erhob, und nur
erreicht werden konnte, wenn man durch das Wasser watete
--- was ich denn auch barfuß tat. Der Stein war gerade breit
genug, um mich und ein anderes Mädchen, das damals meine
auserwählte Gesellschafterin war, bequem aufzunehmen. Ihr
Name war Anna Wilson; an dieser scharfen Beobachterin fand
ich besonders Gefallen, teils weil sie witzig und originell war,
teils weil sie eine Art hatte, bei der ich mich ganz ungeniert
fühlte. Einige Jahre älter als ich, wußte sie mehr von der
Welt und konnte mir manches sagen, was ich gern hörte; bei
ihr fand meine Neugierde Befriedigung, und auch gegen meine
Fehler übte sie große Nachsicht. Sie liebte es zu belehren, ich,
zu fragen; so zogen wir aus dem Umgang, den wir miteinander
pflogen, viel Vergnügen, wenn auch nicht viel Nutzen.
Aber wo war unterdessen Helene Burns? Warum verbrachte
ich nicht diese süßen Tage der Freiheit mit ihr? Hatte ich sie
vergessen, oder war ich in meiner Unwürdigkeit den Verkehr
mit dem edlen Wesen schon überdrüssig geworden? sicherlich stand
Anna Wilson geistig nicht so hoch, wie meine erste Freundin,
sie konnte mir bloß unterhaltende Geschichten erzählen und in
das prickelnde Gewitzel einstimmen, worin ich mir damals gefiel,
während Helene befähigt war, denjenigen, welche sich ihres
Umgangs erfreuten, einen Sinn für weit höhere Dinge zu geben.
Nun, obgleich ich neben meinen vielen Fehlern einige gute
Eigenschaften besaß, die mit jenen wieder aussöhnten, so wurde
ich doch den Umgang mit Helene Burns nie überdrüssig, auch
hörte ich nie auf, eine so innige und achtungsvolle Zuneigung zu ihr zu hegen, wie mein Herz nur je eine empfunden
hat. Wie konnte es auch anders sein, da Helene zu allen
Zeiten und unter allen Umständen eine stille und treue Freundschaft für mich an den Tag legte, die keine üble Laune verbitterte,
keine Reizbarkeit störte? Aber Helene war jetzt krank; schon seit
einigen Wochen war sie meinen Augen entrückt, und ich wußte
nicht, in welches Zimmer des obersten Stockwerks sie gebracht
worden war. Man sagte mir, sie liege nicht in dem Teile des Hauses,
der, mit Fieberkranken angefüllt, sich in ein Hospital verwandelt
hatte, denn sie leide nicht am Typhus, sondern an der Auszehrung; und in meiner Unwissenheit verstand ich unter Auszehrung eine milde Krankheit, welche die Zeit und eine sorgfältige
Pflege gewiß wieder heben würde.
In diesem Gedanken wurde ich bestärkt, als ich sie an sehr
warmen und sonnigen Nachmittagen mit Fräulein Temple in
den Garten herabkommen sah, aber bei solchen Gelegenheiten
durfte ich nicht zu ihr hingehen und mit ihr reden; ich sah sie
bloß von dem Fenster des Schulzimmers aus, und dann auch
nur undeutlich, denn sie war dicht in warme Kleider eingehüllt
und saß in einiger Entfernung unter der Veranda.
Eines Abends -- es war zu Anfang Juni - --- war ich mit
Anna bis spät im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten wir
uns von den Lebrigen getrennt und waren weit umhergeschweift,
so weit, daß wir uns verirrten und uns bei Schweinehirten,
denen wir glücklicherweise im Walde begegneten, zurecht fragen
mußten. Als wir zurückkamen, war der Mond schon aufgegangen.
Ein Pony, den wir als dem Arzt gehörend erkannten, stand an
der Gartentür. Anna bemerkte, es müsse jemand sehr krank sein,
da man noch zu dieser späten Stunde nach dem Doktor geschickt
habe. Sie trat in das Haus hinein; ich blieb einige Minuten
zurück, um in meinen Garten eine Hand voll Wurzeln zu pflanzen,
die ich im Walde ausgegraben hatte, und die ich nicht bis zum
andern Morgen liegen lassen wollte. Nachdem dies geschehen
war, blieb ich noch eine kleine Weile; die Luft war so lieblich
milde; das Abendrot, das noch im Westen glühte, versprach
wieder einen schönen Tag; der Mond stieg so majestätisch aus
dem düstern Osten auf! Ich freute mich über dieses Schauspiel
in meiner kindlichen Weise, als mit einem Male, wie noch nie
zuvor, sich mir der Gedanke aufdrängte:
Wie traurig muß es sein, jetzt auf dem Krankenlager zu
liegen und in Todesgefahr zu schweben! Diese Welt ist doch
schön --- wie schrecklich muß es sein, von ihr abgerufen zu werden,
und an einen Ort zu gehen, den niemand kennt!
Und nun strengte mein Geist sich zum erstenmal ernstlich
an, zu begreifen, was man ihm über Himmel und Hölle gesagt
hatte, und zum erstenmal wich er, nach vergeblichen Anstrengungen, zurück; und zum erstenmal sah er, als er hinter sich,
vor sich, nach jeder Seite hinblickte, überall ein Nichts, einen
bodenlosen Abgrund: er fühlte den einzigen Punkt, auf dem er
stand --- die Gegenwart! alles übrige war verschwommenes
Gewölk und leere Tiefe, und er schauderte bei dem Gedanken,
in dieses Chaos hineinzustürzen. Während ich noch so nachsann,
hörte ich die Vordertür aufgehen; Dr. Bates kam heraus, und
mit ihm eine Krankenwärterin. Sie blieb bei dem Doktor stehen,
bis dieser sein Pferd bestiegen und weggeritten war, und eben
wollte sie die Tür zuschließen, als ich plötzlich auf sie zulief:
Wie geht es mit Helene Burns?
Sehr schlecht, lautete die Antwort.
Ist Dr. Bates ihretwegen gerufen worden?
Ja.
Und was sagt er?
Er sagt, sie werde es nicht mehr lange machen.
ich fragte, in welchem Zimmer sie liege.
In Fräulein Temples, antwortete die Krankenwärterin.
Kann ich hinaufgehen und mit ihr sprechen?
Ach nein, mein Kind! das geht nicht an, und jetzt ist es Zeit,
daß du hereinkommst; wenn der Tau fällt, darf man jetzt nicht
im Freien bleiben, sonst bekommt man das Fieber.
Sie schloß die Vordertür ab; ich trat durch die Seitentür ein,
die zu dem Schulzimmer führte, und kam gerade noch zur rechten
Zeit; es war neun Uhr, und Fräulein Miller hieß die Zöglinge
zu Bette gehen. ---
Es mochte elf Uhr sein, als ich aus der tiefen Stille im
Schlafsaale schloß, daß meine Kameradinnen in festem Schlafe
liegen müßten. Da stand ich leise auf, streifte meinen Rock über
mein Nachtkleid, und schlich mich unbeschuht aus dem Zimmer,
um Fräulein Temples Wohnung aufzusuchen. Sie lag am entgegengesetzten Ende des Hauses; aber das Licht des unbewölkten
Sommermondes, das hie und da durch die Fenster in den Gang
hereinfiel, ließ mich den Weg ohne Schwierigkeit finden. Ein
Geruch von Kampher und verbranntem Essig diente mir als
Warnung, als ich an das Zimmer, in dem die Fieberkranken
lagen, kam, und schnell ging ich an der Tür vorüber, aus Furcht,
die Wärterin möchte mich hören. Wenn ich ertappt wurde, hätte
man mich in den Schlafsaal zurückgebracht; aber ich mußte
Helene sehen, mußte sie noch einmal umarmen, ehe sie starb,
- mußte ihr noch einen letzten Kuß geben und mit ihr noch
ein letztes Wort wechseln.
Nachdem ich die Treppe hinabgegangen war, einen Teil des
untern Hauses durchschritten hatte, und es mir geglückt war,
zwei Türen geräuschlos auf- und zuzumachen, kam ich an eine
andere Treppe. Diese ging ich hinauf, und nun befand ich mich
gerade vor Fräulein Temples Schlafzimmer. Ein Licht schien
durch das Schlüsselloch und unter der Tür hervor; tiefe Stille
herrschte ringsumher. Als ich dicht davor stand, fand ich, daß
die Tür bloß angelehnt war, wahrscheinlich um etwas frische Luft
in das schwüle Krankenzimmer einzulassen. Ohne lange zu
zaudern, stieß ich die Tür auf und sah hinein. Mein Auge
suchte Helene und fürchtete, den Tod zu treffen.
Dicht neben Fräulein Temples Bett, und halb bedeckt von
dessen weißen Vorhängen, stand ein kleineres Bett. Ich sah die
Umrisse einer Gestalt unter der Decke, das Gesicht aber war
durch die Vorhänge verborgen, die Krankenwärterin, mit der
ich im Garten gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und war
eingeschlafen; ein ungeputztes Licht brannte trübe auf dem Tische.
Fräulein Temple war nicht zu sehen; später erfuhr ich, daß
sie nach dem Fieberzimmer gerufen worden war. Ich trat näher
und blieb eine Weile neben dem kleinern Bett stehen; denn ich
fürchtete mich noch immer vor der Leiche, die vielleicht hinter
dem Vorhang lag, dann aber flüsterte ich ganz leise:
Helene, wachst du? --- wachst du?
Sie rührte sich, schob selbst den Vorhang zurück, und ich sah
ihr blasses, abgefallenes, aber ruhiges Gesicht; sie schien so wenig
verändert, daß meine Furcht alsbald schwand.
Bist du es wirklich, Jane? sagte sie in dem ihr eigentümlichen sanften Tone.
O! dachte ich, sie stirbt nicht; der Arzt irrt sich. Müßte sie
sterben, so könnte sie nicht so ruhig sprechen, nicht so ruhig
aussehen.
ich setzte mich auf ihr Bett und küßte sie. Ihre Stirn war
kalt, ebenso ihre eingefallenen Wangen, auch ihre Hand und ihr
Handgelenk; aber sie lächelte wie früher.
Warum bist du hierher gekommen, Jane? Es ist elf Uhr
vorüber; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören.
ich bin gekommen, um dich zu sehen, Helene; ich habe gehört, du seiest sehr krank, und ich habe nicht schlafen können,
bis ich mit dir gesprochen.
So bist du also gekommen, um von mir Abschied zu nehmen;
Wohin gehst du, Helene? In deine Heimat?
Jawohl, in meine ewige ---- letzte Heimat.
Nein, nein, Helene, -- ich hielt vor Schmerz inne. Während
ich meine Tränen zu verschlucken suchte, bekam Helene einen
Hustenanfall, der indessen die Krankenwärterin nicht aufweckte:
als er vorbei war, lag sie einige Minuten erschöpft da, dann
flüsterte sie:
Jane, deine Füße sind bloß, lege dich nieder und decke dich
mit meiner Decke zu.
ich tat es; sie legte ihren Arm um mich, und ich schmiegte
mich, so dicht ich konnte, an sie an. Nach einem langen Stillschweigen sprach sie wieder, aber noch im Flüsterton:
ich fühle mich glücklich, Jane; und wenn du hörst, daß ich
gestorben bin, so mußt du dich nicht dem Kummer überlassen;
es ist keine Ursache vorhanden, weshalb du dich betrüben solltest.
Wir alle müssen einmal sterben, und die Krankheit, die mich von
hinnen nimmt, ist keine schmerzhafte, sie hat einen sanften, allmählichen Verlauf, ich bin ruhig und gefaßt. Ich lasse auf
dieser Welt niemand zurück, der mich sehr vermissen wird; ich
habe bloß einen Vater, der hat vor kurzem wieder geheiratet
und wird deshalb die Lücke wenig fühlen. Indem ich jung sterbe,
werde ich vielen und großen Leiden entgehen. Ich besaß keine
Eigenschaften oder Talente, wodurch ich in der Welt hätte mein
Glück machen können und wäre immer auf unüberwindbare
Schwierigkeiten gestoßen. Es ist also besser, ich gehe früh zu
Gott.
So weißt du denn gewiß, Helene, daß es einen Ort gibt,
den man den Himmel nennt, und daß unsere Seelen dahin
kommen können, wenn wir sterben?
ich bin gewiß, daß es ein zukünftiges Leben gibt; ich glaube,
daß Gott ein guter Gott ist, ich kann ihm mein unsterbliches
Teil getrost übergeben. Gott ist mein Vater, Gott ist mein
Freund, ich liebe ihn und glaube, daß er auch mich liebt.
Und werde ich dich wiedersehen, Helene, wenn ich sterbe?
Du kommst ohne Zweifel an den nämlichen glücklichen Ort,
liebe Jane; ohne Zweifel wird dich derselbe allmächtige Allvater
zu sich nehmen.
ich schlang meine Arme fester um Helene, es schien mir, sie
wäre mir teurer als je geworden und als müßte ich sie recht
fest in meinen Armen halten. Nach einer Weile sagte sie zu
mir in liebreichem Tone:
Wie behaglich fühle ich mich! Dieser letzte Anfall von Husten
hat mich etwas ermüdet, es ist mir, als ob ich schlafen könnte;
aber verlasse mich nicht, Jane, ich möchte dich bei mir haben.
ich bleibe bei dir, teure Helene, niemand soll mich von hier
fortbringen.
Ist dir warm, meine Liebe?
Ja.
Gute Nacht, Jane.
Gute Nacht, Helene.
Sie küßte mich und ich sie, und bald schlummerten wir beide.
Als ich erwachte, war es Tag, eine ungewöhnliche Bewegung
weckte mich auf, ich sah auf, ich lag in jemandes Armen, es
war die Krankenwärterin; sie trug mich durch den Korridor zurück in den Schlafsaal. Ich bekam keinen Verweis darüber,
daß ich mein Bett verlassen, die Leute hatten an etwas anderes
zu denken; ich erhielt keine Erklärung auf meine vielen Fragen,
aber einige Tage darauf erfuhr ich, daß, als Fräulein Temple
bei Tagesanbruch in ihr Zimmer zurückkehrte, sie mich in dem
kleinen Bette gefunden hatte, mein Gesicht an Helenens Schulter
gedrückt, die Arme um ihren Hals geschlungen. Ich schlief, und
Helene war --- tot.
Ihr Grab ist auf dem Kirchhofe von Brocklebridge, noc
fünfzehn Jahre nach ihrem Tode bemerkte man darauf bloß
einen Rasenhügel. Nun bezeichnet den Ort eine kleine graue
Marmorplatte, worauf man ihren Namen und das Wort
Resurgam liest.
Zehntes Kapitel.
Der Typhus ließ in dem Waisenhaus zu Lowood, nachdem
er sehr viel Opfer gefordert hatte, allmählich nach; aber nun
war auch schon die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Mißbräuche,
die in der Anstalt herrschten, gelenkt, und es brach ein Sturm
der Entrüstung aus, der die Brocklehurstschen Erziehungsprinzipien
vollständig wegfegte.
Mehrere reiche Leute spendeten bedeutende Summen für Errichtung eines passenderen Gebäudes in besserer Lage; eine neue
Hausordnung wurde entworfen, Verbesserungen in der Kost und
Kleidung eingeführt, und die Gelder der Schule einem Verwaltungscomité übergeben. Der Herr Pfarrer Brocklehurst, der
in Anbetracht seines Reichtums und seiner Familienverbindungen
nicht übergangen werden konnte, blieb zwar noch Schatzmeister
und auch Inspektor, aber es wurden ihm Männer zur Seite
gestellt, die einsichtsvoller und menschlicher zu sein verstanden
als er.
Acht Jahre weilte ich nach der Ummodelung der Schule noch
in ihren Mauern, und während dieser Zeit führte ich ein zwar
einförmiges, aber nicht unglückliches, weil nicht untätiges Leben.
ich wurde seinerzeit die Erste in der ersten Klasse, darauf
wurde mir das Amt einer Lehrerin übertragen, in welcher Eigenschaft ich auch zwei Jahre lang mit vollem Eifer tätig war;
nach Ablauf dieser. Zeit aber nahm ich eine andere Stelle an.
Fräulein Temple war bei allen Veränderungen, die mit der
Anstalt vorgingen, Vorsteherin geblieben; ihrem Unterricht verdankte ich den größten Teil der Kenntnisse und Geschicklichkeiten,
die ich mir erworben hatte; ihre Freundschaft war mein beständiger Trost gewesen, ich hatte die ganze Zeit über zu ihr mehr
wie zu einer Mutter als wie zu einer Lehrerin emporgeBlickt.
Aber dann verheiratete sie sich, zog mit ihrem Gatten-- einem
Geistlichen, einem vortrefflichen Manne, der einer solchen Frau
nahezu würdig war, --- in eine entfernte Grafschaft, und war
daher für mich verloren.
Von dem Tage ab, an dem sie die Anstalt verließ, war ich
nicht mehr die selbe, mit ihr war jedes mir zur Gewohnheit gewordene Gefühl, war jede Ideenverbindung, die Lowood gewissermaßen zu einer Heimat für mich gemacht hatte, durchschnitten.
Feilich in dem Augenblick, als ich von meiner liebsten Freundin,
jetzt Frau Rasmyth, Abschied nahm, ahnte ich noch nicht, was
diese Trennung alles für mich bedeutete. Aber nachdem ich dann
mehrere Stunden in meinem Zimmer nachdenklich auf und abgegangen war, dämmerte die Entdeckung in mir auf, daß ich
während der Zeit einen Umwandlungsprozeß durchgemacht, daß
mein Geist alles abgelegt hatte, was er von Fräulein Temple
entliehen, oder vielmehr, daß sie die heitere Atmosphäre mit sich
genommen hatte, die ich in ihrer Nähe geatmet, -- und daß ich
nun zu meinem natürlichen Elemente zurückgekehrt war, und die
alte Leidenschaftlichkeit sich wieder in mir regte. Ich hatte das
Gefühl nicht, daß eine Stütze mir entzogen wäre, sondern vielmehr, daß ein Beweggrund verschwunden sei; es war nicht die
Kraft, ruhig zu sein, die mich verlassen hatte, sondern es war
nicht mehr die Ursache der Seelenruhe vorhanden.
Meine Welt war seit mehreren Jahren auf Lowood beschränkt
gewesen, meine Erfahrung war nicht über die Vorschriften und
Methoden, die man daselbst befolgte, hinausgegangen; nun erinnerte ich mich, daß die wirkliche Welt groß sei, und daß ein
gar verschiedenartiges, wechselndes Feld von Hoffnungen und
Befürchtungen, von Empfindungen und Aufregungen diejenigen
erwarte, die den Mut hätten, in dasselbe hinauszutreten, und
unter Gefahren jeder Art auf dessen weitem Raume wahre
Lebenswissenschaft zu suchen.
ich ging an mein Fenster, machte es auf und sah hinaus.
Da waren die zwei Flügel des Gebäudes, da lag der Garten,
dort der hügelige Horizont. Mein Blick schweifte über alle
andern Gegenstände hinweg, um auf den entferntesten blauen
Bergspitzen haften zu bleiben, diese wünschte ich zu übersteigen,
über diese sehnte ich mich, hinüberzukommen; alles innerhalb ihrer
Felsen- und Heidegrenze erschien mir jetzt als ein Ort der
Sklaverei und Verbannung. Ich folgte mit den Augen einem
Wege, der sich um den Fuß einer Anhöhe zog und in einer
Schlucht zwischen zwei Bergen verschwand. Da fiel mir die
Zeit wieder ein, wo ich denselben Weg in einem Wagen zurückgelegt hatte; ich erinnerte mich, wie wir in der Dämmerung
jenen Hügel herabkamen; ein Jahrhundert schien seit dem Tage
verflossen zu sein, der mich zuerst nach Lowood brachte; und
seitdem hatte ich den Ort nie verlassen. Alle meine Ferien hatte
ich in der Schule zugebracht; Frau Reed hatte mich nie nach
Gateshead kommen lassen; weder sie, noch irgend ein Mitglied
ihrer Familie hatte mich auch nur einmal besucht. Mit der
Außenwelt hatte ich keinen Verkehr unterhalten; Schulregeln,
Schulpflichten, Schulgewohnheiten und Schulmeinungen, Schulstimmen, Schulgesichter, Schulausdrücke, Schulkostüme, Schulantipathien und deren Gegenteil, das war alles, was ich vom
Leben wußte. Und nun fühlte ich, daß das nicht hinreichte. An
einem Nachmittage wurde ich dessen, was ich acht Jahre lang
getrieben, was mir in acht Jahren zur Gewohnheit geworden
war, überdrüssig. Ich sehnte mich nach Freiheit, nach Freiheit
lechzte ich, um Freiheit betete ich; doch der Wind, der gerade
matt wehte, schien mein Gebet zu verwehen. Ich hörte auf und
formulierte eine demütigere Bitte, eine Bitte um Veränderung,
um Anspornung zum Guten; aber auch diese schien in dem
weiten Raume zu verfliegen. So gib mir denn wenigstens,
rief ich in halber Verzweiflung aus, - - eine neue Knechtschaft
Hier rief mich die Glocke zum Abendessen, und ich eilte die
Treppe hinunter.
ich vermochte nicht, den unterbrochenen Faden meiner Gedanken bis zur Schlafzeit wieder anzuknüpfen, und auch da hielt
mich eine das nämliche Zimmer mit mir bewohnende Lehrerin
von dem Gegenstande, mit dem ich mich zu beschäftigen gedacht
hatte, durch einen langen Erguß unbedeutenden Geschwätzes ab.
Ach, wie wünschte ich, daß der Schlaf sie zum Schweigen bringen
möchte! Schien es mir doch, als müßte mir irgend ein glücklicher Einfall zu Hilfe kommen, sobald es mir nur gelänge, die
Idee wiederzufinden, die sich meinem Geiste zuletzt aufgedrängt
hatte, als ich an dem Fenster stand.
Endlich schlief Fräulein Gryce; sie war eine schwerfällige
Walliserin, und bis dahin hatte ich ihr Geschnarch stets nur als
etwas Lästiges und Unangenehmes betrachtet. An dem Abend
aber begrüßte ich das erste Geraspel mit wahrer Freude; ich
war nicht länger gestört, und mein halbverwischter Gedanke
lebte Augenblicklich wieder auf.
Eine neue Knechtschaft! darin liegt etwas, sprach ich zu mir
selbst. Ja, ich weiß es, und es klingt nicht allzu süß, nicht
wie die Worte: Freiheit, Aufregung, Genuß, Wonne, - jene
in der Tat entzückenden Klänge, die aber für mich nichts weiter
als Klänge sind, und zwar so hohle und flüchtige, daß es bloße
Zeitverschwendung ist, darauf zu hören. Aber eine Knechtschaft,
das muß etwas Tatsächliches, Greifbares sein. Jeder kann
dienen, ich habe hier acht Jahre gedient; alles, was ich nun
brauche, ist, anderswo zu dienen. Kann mir das Schicksal nicht
einmal das gewähren? Ist die Sache nicht ausführbar? Ja,
-- ja, -- es ist nicht so schwer, hätte ich nur ein Gehirn, das
stark genug wäre, ein Mittel zur Erreichung des Zweckes ausfindig zu machen.
ich richtete mich in meinem Bett auf, um besagtes Hirn zur
Tätigkeit anzuspornen. Es war eine frostige Nacht. Ich bedeckte
deshalb meine Schultern mit einem Shawl, und dann fuhr ich
fort, mit allen mir zu Gebot stehenden Kräften weiter nachzudenken.
Was brauche ich? Eine neue Stelle, in einem neuen Hause,
unter neuen Gesichtern, unter neuen Verhältnissen; ich brauche
sie, weil es unnütz ist, etwas Besseres zu wollen. Wie greift
man es an, um eine neue Stelle zu bekommen? Man wendet
sich vermutlich an Freunde; ich habe aber keine. Es gibt manche
anderen, die keine Freunde haben, und sorgen selber für sich:
Wie helfen die sich?
ich konnte es nicht sagen. Nichts antwortete mir; nun befahl
ich meinem Gehirn, eine Antwort zu finden, und zwar geschwind.
Es arbeitete stärker, immer stärker; ich fühlte die Pulse an meinem
Kopfe und an meinen Schläfen schlagen; aber fast eine Stunde
lang arbeitete es chaotisch und resultatlos. Fieberhaft aufgeregt
von der vergeblichen Anstrengung, stand ich auf und ging im
Zimmer auf und ab, zog den Vorhang zurück, sah nach einigen
Sternen hin, zitterte vor Kälte und kroch wieder in mein Bett.
Eine gütige Fee hatte sicherlich in meiner Abwesenheit die
nötige Antwort auf mein Kopfkissen niederfallen lassen, denn
als ich mich wieder hinlegte, bot sie sich ruhig und natürlich
meinem Geiste dar:
Die, welche eine Stelle suchen, machen es in einem Zeitungsblatte bekannt. Du mußt im Herald der Grafschaft -- eine
Annonce inserieren lassen.
Kaum graute der Tag, so war ich bereits auf, ich hatte meine
Annonce geschrieben, unter Kouvert gebracht und adressiert, ehe
noch die Glocke die Schülerinnen aus den Betten rief; konnte
sie aber erst am Abend nach Lowton bringen.
Das Resultat war ein Brief, ein einziger Brief, der folgendermaßen lautete:
Wenn J. E., die im letzten Donnerstags-Herald eine Stelle
sucht, die erwähnten Kenntnisse und Fertigkeiten besitzt, und genügende Auskunft über Charakter und Fähigkeiten zu geben
vermag, -- so kann ihr eine Stelle angeboten werden, wo bloß
eine einzige Schülerin, ein kleines Mädchen unter zehn Jahren,
ist; das jährliche Honorar beträgt 30 Pfund Sterling. J. E.
wird ersucht, Zeugnisse, Namen, Adresse und alles sonst Nötige
einzusenden an:
Frau Fairfax, Thornfield bei Millcote, Grafschaft ---.
ich prüfte das Dokument lange: die Handschrift war eine
altmodische und etwas unsichere, wie die einer alten Dame.
Dieser Umstand war befriedigend, es hatte mich eine Furcht beschlichen, ich möchte, indem ich so auf meine eigene Faust handelte,
in schlechte Hände fallen; und vor allem wünschte ich, in eine
anständige Familie zu kommen. Ich fühlte nun, daß eine ältliche Dame kein schlechtes Ingrediens wäre in dem Geschäfte,
das ich vor hatte. Frau Fairfax! Ich sah sie in einem schwarzen
Kleide und in einer Witwenhaube vor mir, kalt vielleicht, aber
nicht unhöflich; ein Muster ältlicher englischer Ehrbarkeit. Thornfield, das war unzweifelhaft der Name ihres Hauses, doch wohl
etwas Feines und Vornehmes. Millcote, in der Grafschaft ---,
ich suchte mir die verschiedenen Teile der Karte von England
zu vergegenwärtigen; ja, da sah ich es nun, die Grafschaft sowohl, als die Stadt. Die Grafschaft ---- lag näher bei London,
als diejenige, in der ich jetzt wohnte; schon dadurch empfahl sie
sich mir. Ich sehnte mich nach einem Ort, wo Leben und Bewegung herrscht; Millcote war eine große Fabrikstadt an den
Ufern des Flusses A--; also ohne Zweifel voller Verkehr und
Leben; um so besser, weil es wenigstens eine vollständige Veränderung sein würde. Nicht als ob meiner Phantasie die hohen
Schornsteine und Rauchwolken als besonders reizend erschienen
wären, -- aber - - dachte ich weiter, Thornfield ist hoffentlich
eine gute Strecke von der Stadt entfernt.
Hier sank der in dem kleinen Lichtstumpf noch matt brennende
Docht um und verlosch.
Den Tag darauf sollten neue Schritte getan werden. Meine
Pläne konnten nicht mehr in meiner Brust allein verschlossen
bleiben, ich mußte sie jemand mitteilen, um sie zu einem glücklichen Ende zu führen. Ich suchte während der Mittagspause
bei der Vorsteherin um eine Audienz nach, und als ich dieselbe
erhalten, sagte ich ihr, ich hätte Aussicht auf eine neue Stelle,
wo ich doppelt so viel Gehalt bekäme als in Lowood, und zu
gleicher Zeit ersuchte ich sie, mit dem Herrn Pfarrer Brocklehurst oder einem andern Comitémitgliede von der Sache zu
sprechen, und sich zu versichern, ob ich mich auf sie, als meine
Gewährsmänner, berufen dürfte. Sie willigte gern ein, in der
Sache als Vermittlerin aufzutreten. Den Tag darauf sprach
sie mit Brocklehurst davon, und dieser sagte, man müsse vor
allem an Frau Reed schreiben, da diese meine Vormünderin
sei. Demgemäß wurde an diese Dame geschrieben, von der die
Antwort zurückkam, ich könne es halten, wie ich wolle; sie habe
es sich schon längst zur Regel gemacht, sich nicht mehr in meine
Angelegenheiten zu mischen. Dieses Schreiben zirkulierte unter
den Comitémitgliedern, und endlich erhielt ich nach einer Verzögerung, die mir nicht wenig peinlich erschien, die förmliche
Erlaubnis, meine Lage zu verbessern, wenn ich könnte; zu gleicher
Zeit fügte man die Versicherung bei, daß ich alsbald von den
Inspektoren der Anstalt ein Sitten- und Fähigkeitszeugnis
erhalten sollte, da ich sowohl in meiner Eigenschaft als Lehrerin,
wie als Schülerin, mich zu Lowood stets gut aufgeführt hätte.
Dieses Zeugnis bekam ich etwa nach Verfluß einer Woche;
ich sandte eine Abschrift davon an Frau Fairfax und erhielt
von dieser Dame zur Antwort, daß es ihr vollkommen genüge.
Zugleich war darin ausgesprochen, daß ich meine Stelle als
Gouvernante in 1 Tagen antreten könnte.
ich beschäftigte mich nun eifrigst mit den nötigen Vorbereitungen; die 1 Tage verflossen rasch. Meine Garderobe war
nicht sehr groß, obgleich meinen Bedürfnissen angemessen; und
der letzte Tag reichte hin, um meinen Koffer zu packen, --- den
nänzlichen, den ich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht
hatte.
Der Koffer war zugeschnürt und die Adresse aufgenagelt.
In einer halben Stunde sollte der Bote kommen und ihn nach
Lowton bringen, wohin ich selbst am darauffolgenden Morgen
in aller Frühe abgehen mußte, um die Postkutsche zu treffen.
ich hatte mein schwarzes Reisekleid gebürstet, Hut, Handschuhe
und Muff herausgelegt und alle meine Fächer durchsucht, um
nachzusehen, ob ich nichts vergessen; --- und nun, da ich nichts
mehr zu tun hatte, setzte ich mich und versuchte mich auszuruhen.
Es war mir aber unmöglich; obgleich ich den ganzen Tag auf
den Füßen gewesen, konnte ich nun doch nicht einen Augenblick
still sitzen: ich war zu aufgeregt. In dieser Nacht sollte eine
Phase meines Lebens zu Ende gehen, und am andern Tage
eine neue beginnen; es war mir unmöglich, in der Zwischenzeit
zu schlummern, ich mußte fieberhaft wachen, so lange der Wechsel
noch nicht vollzogen war.
Fräulein, sagte eine Dienerin, die mich in dem Vorzimmer
antraf, wo ich wie ein unruhiger Geist hin- und herging, es
will drunten jemand mit Ihnen sprechen.
Es ist wohl der Bote, dachte ich und lief, ohne weiter zu
fragen, die Treppe hinab. Ich ging an dem hintern, für die
Lehrerinnen bestimmten Empfangzimmer, dessen Tür halb offen
stand, vorbei, um in die Küche zu gehen, als plötzlich jemand
herauskam.
Sie ist es, ich weiß es gewiß!-- ich hätte sie wohl überall
erkannt! rief ein weibliches Wesen, das mir in den Weg trat
und meine Hand ergriff.
ich blickte sie an: ich sah vor mir ein Frauenzimmer, angezogen wie eine gutgekleidete Dienstbotin, matronenhaft, aber
doch noch jung, von stattlichem Aussehen, mit schwarzen Augen
und Haaren und von lebhaftem Wesen.
Nun, wer ist es? fragte sie mit einer Stimme und einem
Lächeln, die ich halb und halb wieder erkannte; Sie haben mich
doch wohl noch nicht ganz vergessen, Fräulein Jane?
In der nächsten Sekunde umarmte und küßte ich sie mit
stürmischem Entzücken.
Bessie! Bessie Bessie! war alles, was ich sagte, wozu sie
halb lachte, halb weinte. Wir gingen miteinander in das
Empfangzimmer; da stand am Kamin ein kleines Kerlchen von
drei Jahren mit karriertem Rock und dito Hosen.
Das ist mein kleiner Junge, sagte Bessie.
So, sind Sie denn verheiratet, Bessie?
Ja, seit beinahe fünf Jahren, mit Robert Leaven, dem
Kutscher; und außer Bobby da habe ich noch ein kleines Mädchen, und das habe ich Jane taufen lassen.
Und Sie sind nicht in Gateshead?
ich wohne in dem kleinen Parkhause; der alte Pförtner ist
nicht mehr da.
Nun, und wie geht es allen dort? Aber vor allem setzen Sie
sich und du, Bobby, komm und setz dich auf meinen Schoß!
Bobby aber wackelte lieber zu seiner Mutter hinüber.
Sie sind nicht allzusehr gewachsen, Fräulein Jane, und nicht
besonders stark geworden, fuhr Frau Leaven fort. Man hat
Sie wohl in der Schule nicht allzugut gepflegt? Fräulein Elisa
ist um einen Kopf größer, als Sie, und aus Fräulein Georgiana könnte man wohl zwei, wie Sie machen, was den Umfang
betrifft.
Georgiana ist wohl schön, Bessie?
Sehr schön. Verflossenen Winter ist sie mit ihrer Mutter in
London gewesen, wo sie von jedermann fetiert worden ist; ein
junger Lord verliebte sich in sie, aber seine Verwandten waren
gegen die Heirat; und-- denken Sie sich! --- er und Fräulein
Georgiana kamen überein, daß sie das elterliche Haus verlassen
und sich im geheimen trauen lassen wollten; aber man entdeckte
den Plan und machte ihn zunichte. Es war ihre Schwester,
die der Sache auf die Spur kam; ich glaube, sie war neidisch;
und nun leben sie miteinander wie Katze und Hund, sie zanken
sich immerzu.
Und was macht John?
O, nichts Gescheites. Er ging auf die Universität und
konnte, --- wie man das nennt, -- nicht promovieren; und nun
wollten seine Oheime einen Rechtsgelehrten aus ihm machen;
aber er ist ein so liederlicher junger Mensch, daß sie wohl nie
viel aus ihm werden machen können.
Wie sieht er aus?
Er ist sehr groß; einige Leute heißen ihn einen hübschen
jungen Mann; aber er hat so dicke Lippen.
Und Frau Reed?
Die gnädige Frau sieht ziemlich stark und wohl aus; aber ich
glaube, in ihrem Gemüte ist sie nicht ganz ruhig: Herrn
Johns Lebensweise gefällt ihr nicht -- er verbraucht zu viel
Geld.
Hat sie Sie hergeschickt, Bessie?
Ach nein, schon lange hat es mich aber verlangt, Sie zu
sehen, und als ich hörte, daß ein Brief von Ihnen gekommen,
und daß Sie willens wären, in einen andern Teil des Landes
zu gehen, dachte ich, ich wollte mich auf den Weg machen und
Sie noch einmal sehen, ehe Sie mir ganz entrückt wären.
ich fürchte, Sie finden mich nicht ganz so, wie Sie erwarteten, Bessie.
ich sagte dies lachend und bemerkte, daß Bessies Blick
keineswegs Bewunderung ausdrückte, wenn auch Achtung darin
zu lesen war.
Ach nein, Fräulein Jane: Sie sehen ja fein genug aus, wie
eine Dame von Stande, und das ist nicht mehr und nicht weniger,
als was ich von Ihnen erwartet habe: Sie waren ja schon als
Kind keine Schönheit.
ich lächelte über Bessies freimütige Antwort und fühlte, daß
sie richtig war, gestehe aber, daß sie mich nicht ganz gleichgiltig
ließ. Wenn man achtzehn Jahr alt ist, wünscht man zu gefallen,
und die Leberzeugung, ein Aeußeres zu besitzen, das diesem
Wunsch keine Befriedigung gewährt, ist auf keinen Fall eine
erfreuliche.
Sie sind aber gewiß eine sehr gebildete Dame, fuhr Bessie
fort, gleichsam um mich zu trösten. Können Sie Klavier
spielen?
Ein bißchen.
Es stand ein solches im Zimmer; Bessie ging hin und machte
es auf; dann ersuchte sie mich, ihr etwas vorzuspielen. Ich
spielte einige Walzer, und sie war ganz entzückt.
Die Fräulein Reed können nicht so gut spielen, sagte sie
frohlockend. Ich sagte immer, Sie würden sie im Lernen
übertreffen; können Sie auch zeichnen?
Das Bild dort über dem Kamine ist von mir.
Es war eine Landschaft, in Wasserfarben gemalt, die ich der
Vorsteherin geschenkt hatte für ihre gefällige Vermittlung bei
dem Comitß, und die sie unter Glas und Rahmen hatte bringen
lassen.
Aber, das ist ja wunderschön, Fräulein Jane! so schön, wie
es nur der Zeichenlehrer unserer gnädigen Fräulein malen könnte.
Von den jungen Damen selbst will ich gar nicht reden, die
reichen Ihnen nicht das Wasser. Haben Sie auch Französisch
gelernt?
Ja, Bessie, ich lese und spreche es.
Und können Sie auch auf Musselin und Kanevas sticken?
Ja, freilich.
Ach, da haben Sie ja eine Bildung wie eine ganz vornehme
Dame. Sie werden in der Welt fortkommen, ob von Ihren
Verwandten beachtet und unterstützt, oder nicht. Aber ich habe
Sie etwas fragen wollen. ---- Haben Sie je etwas von Ihres
Vaters Verwandten, den Eyres, gehört?
Nie in meinem Leben.
Gut! Sie wissen, die gnädige Frau sagte immer, die wären
arm und von geringem Stande, und arm mögen sie sein; ich
glaube aber, sie sind ebensosehr und nicht weniger Leute von
Stande, wie die Reeds, denn eines Tages,-- es mögen nun
fast sieben Jahre her sein -- kam ein Herr Eyre nach Gateshead
und wollte Sie sprechen. Die gnädige Frau sagte, Sie wären
in einer Erziehungsanstalt, fünfzig Meilen von da. Es schien
ihm unlieb zu sein, und er konnte sich nicht aufhalten. Er reiste
gerade nach einem fremden Lande ab, und das Schiff sollte in
einem oder zwei Tagen von London absegeln. Er sah sehr anständig aus, und ich glaube, er war Ihres Vaters Bruder.
In was für ein fremdes Land wollte er denn gehen,
Bessie?
Er wollte nach einer Insel gehen, die Tausende von Meilen entfernt ist, wo sie Wein machen - der Kellermeister sagte
mir --
Madeira? fiel ich ein.
Ja, ja, so heißt es.
Und er reiste ab?
Ja, er hielt sich nur einen Augenblick im Hause auf. Die
gnädige Frau behandelte ihn sehr von oben herab; nachher
nannte sie ihn einen lumpigen Krämer. Mein Robert glaubt,
er ist ein Weinhändler gewesen.
Bessie und ich unterhielten uns noch eine ganze Stunde lang
von den alten Zeiten, und dann mußte sie mich verlassen; ich
sah sie am nächsten Morgen zu Lowton, während ich auf die
Postkutsche wartete, auf einige Augenblicke wieder. Dann aber
schieden wir definitiv von einander.
Elftes Kapitel.
Als ich in Millcote aus der Postkutsche stieg, sah ich mich
ängstlich um, in der Erwartung, meinen Namen von jemand
aussprechen zu hören, und ein Fuhrwerk dastehen zu sehen, das
mich nach Thornfield bringen würde. Aber nichts der Art ließ
sich sehen; und als ich mich beim Kellner erkundigte, ob jemand
nach Fräulein Eyre gefragt hätte, erhielt ich eine verneinende
Antwort; somit blieb mir nichts übrig, als mir ein Zimmer
geben zu lassen, und hier wartete ich nun, während Furcht und
Zweifel jeder Art mich bestürmten.
Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl, sich
ganz allein?in der Welt zu wissen, von jeder Verbindung abgeschnitten, ungewiß, ob der Hafen, dem man zusteuert, auch
erreichbar, und ob man nicht verhindert ist, nach dem Hafen,
den man verlassen hat, wieder zurückkehren. Zwar versüßt der
Reiz des Abenteuerlichen und erwärmt die Glut des Stolzes
ein solches Gefühl; aber dann kommt die bange Furcht, und
diese gewann bei mir die Oberherrschaft, als eine halbe Stunde
verstrich und ich noch allein war. Endlich klingelte ich.
Ist hier in der Nähe ein Ort, der Thornfield heißt? fragte
ich den Kellner, der nun erschien.
Thornfield, Fräulein? Ich weiß nicht; ich will mal unten im
Büreau fragen.
Er verschwand, kam aber im Nu zurück.
Heißen Sie Fräulein Jane Eyre?
Ja!
Es is jemand da, der auf Sie wartet.
ich sprang auf, nahm meinen Muff, meinen Schirm, und
eilte nach dem Eingangsflur hinunter. Dort stand ein Mann
an der offenen Haustür, und in der trübe erleuchteten Straße
sah ich ein einspänniges Fuhrwerk.
Das is wohl Ihr Gepäck? fragte der Mann und deutete auf
meinen Koffer, der auf dem Flur stand.
Ja!
Er hißte ihn nun auf seinen Wagen und ich stieg ein. Ehe
er die Tüür zumacte, fragte ich ihn, wie weit es nach Thornfield sei.
So anderthalb Stunden werden wir ganz gut brauchen,
sagte er.
Er machte nun die Tür des Fuhrwerks zu, kletterte auf
seinen auf der Außenseite befindlichen Sitz, und auf und davon
ging es. Wir kamen aber doch nur langsam vorwärts, und so
hatte ich denn Zeit genug zum Nachdenken. Ich war froh,
endlich dem Ziele meiner Reise so nahe zu sein, und während
ich mich in dem bequemen, aber nicht eleganten Fuhrwerk zurücklehnte, konnte ich allein meinen Gedanken nachhangen.
Frau Fairfax, dachte ich, ist wohl, nach der einfachen Kleidung des Dieners und nach dem Fuhrwerk zu urteilen, keine
Dame, die viel Aufsehen zu machen sucht. Um so besser; nur
einmal habe ich unter feinen Leuten gelebt und habe mich bei
ihnen sehr unglücklich befunden. Es soll mich wundern, ob sie
nur das eine kleine Mädchen bei sich hat; ist das der Fall, und
ist sie einigermaßen liebenswürdig, so komme ich gewiß gut mit
ihr aus; ich will mein möglichstes tun; schade nur, daß das
nicht immer genügt. In Lowood reichte ich ja damit aus; aber
bei Frau Reed wurden meine eifrigsten Bemühungen stets mit
Verachtung und Hohn zurückgewiesen. Möchte sich doch Frau
Fairfax nicht als eine zweite Frau Reed herausstellen; habe ich
aber diesmal wieder kein Glück, so bin ich ja nicht gezwungen,
bei ihr zu bleiben, es steht mir dann ja wieder die Zeitung offen.
ich möchte wohl wissen, wie weit wir schon gefahren sind.
ich ließ das Fenster herunter und sah hinaus: Millcote lag
hinter uns. Nach den vielen Lichtern zu urteilen, schien es eine
ziemlich große Stadt zu sein, viel größer als Lowton. Wir befanden uns nun, so viel ich sehen konnte, auf einer Art Gemeinweide; aber über den ganzen Distrikt hin waren Häuser zerstreut. Ich fühlte, daß wir durch eine Gegend fuhren, die
mehr bevölkert und weniger malerisch, mehr belebt und weniger
romantisch, als die Umgebung von Lowood war.
Die Wege waren schwierig, die Nacht neblig, mein Führer
ließ sein Pferd den ganzen Weg im Schritt gehen, und die
anderthalb Stunden dehnten sich zu zwei Stunden aus. Endlich
wandte er sich auf seinem Sitz um und sagte:
Nu is es nich mehr weit!
Abermals blickte ich hinaus, wir kamen eben an einer Kirche
vorüber. Ich sah ihren niedrigen, breiten Turm, der sich gegen
den Himmel abzeichnete, und die Kirchenuhr schlug eben ein
Viertel, auch sah ich eine schmale Milchstraße von Lichtern längs
eines Hügels, die ein Dorf oder einen Weiler bezeichneten.
Ungefähr zehn Minuten darauf stieg der Kutscher ab, um ein
Tor zu öffnen: wir fuhren hindurch, und hinter uns schlug es
wieder zu. Nun fuhren wir langsam einen Weg hinauf und
kamen an der langen Front eines Hauses an; ein Kerzenlicht
schimmerte aus einem mit Vorhängen versehenen Bogenfenster
hervor; alles übrige war in Dunkelheit getaucht. Das Fuhrwerk hielt bei der Vordertür an, die von einem Dienstmädchen
geöffnet wurde, und ich stieg aus und trat hinein.
Wollen Sie hierher kommen, Fräulein? sagte das Mädchen,
und ich folgte ihr durch eine Halle mit hohen Türen rings umher; sie führte mich in ein Zimmer, das, durch das Kaminfeuer
und Kerzenlicht doppelt erleuchtet, mich anfänglich blendete;
sobald sich aber meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten,
bot sich ein ebenso gemütliches, wie hübsches Bild dar.
Ein bequem und still aussehendes kleines Zimmer, ein runder
Tisch neben einem lustig brennenden Feuer, ein altmodischer
Sessel mit hoher Lehne, in dem eine kleine ältliche Dame, so
sauber man sich eine solche nur denken kann, in einer Witwenhaube, in schwarzseidenem Kleide und schneeweißer Musselinschürze saß: gerade so, wie ich mir Frau Fairfax vorgestellt hatte,
nur etwas minder stattlich, und milder aussehend. Sie war mit
einem Strichzeug beschäftigt, eine große Katze saß gravitätisch
zu ihren Füßen, mit einem Worte, es fehlte nichts, um das
schöne Jdeal häuslichen Wohlbehagens zu vervollständigen.
Eine beruhigendere Einführung für eine neue Erzieherin ließ
sich kaum denken: da war kein stolzes und vornehmes Wesen,
um die Eintretende niederzudrücken, und in Verlegenheit zu
setzen; auch stand bei meinem Eintreten die alte Dame auf und
kam mir, mich freundlich begrüßend, alsbald entgegen-
- Wie befinden Sie sich, meine Liebe? Ich fürchte, Sie haben
einen langweiligen Weg gehabt; John fährt so langsam. Es
muß Sie frieren, kommen Sie zum Feuer her.
Vermutlich Frau Fairfax? sagte ich.
Ja, die bin ich, setzen Sie sich doch.
Sie führte mich zu ihrem Stuhle hin und fing dann an,
mir Shawl und Hut abzunehmen. Ich bat sie, sie möchte sich
doch nicht so viel Mühe machen.
Oh, das ist keine Mühe; Ihre Hände sind gewiß vor Kälte
fast erstarrt. Leah, mach ein wenig heiße Limonade und bring
einige Sandwiches; hier hast du den Schlüssel zur Speisekammer.
Sie zog aus ihrer Tasche einen Schlüsselbund hervor, der
jeder Haushälterin Ehre gemacht hätte, und übergab ihn dem
Dienstmädchen.
Setzen Sie sich doch näher an das Feuer heran, fuhr sie fort.
Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht, -- nicht wahr, meine Liebe?
Jawohl, Frau Fairfax!
ich will es in Ihr Zimmer hinaufbringen lassen, sagte sie,
und ging rasch zur Tür hinaus.
Sie behandelt mich wie einen Gast, dachte ich. Das gleicht
nicht dem, was man mir von der Behandlung der Erzieherinnen
gesagt hat; aber ich will mich nicht zu bald freuen.
Sie kam zurück; mit eigenen Händen räumte sie ihr Strichzeug, sowie einige Bücher vom Tische ab, um für das Teebrett
Platz zu machen, das Leah jetzt hereinbrachte, und bediente mich
dann. Ich war etwas verblüfft, mir größere Aufmerksamkeit
geschenkt zu sehen, als je zuvor der Fall gewesen, und zwar von
einer Dame, die meine Herrin war; da sie aber selbst nicht zu
glauben schien, daß sie sich etwas vergebe, so hielt ich es für
besser, ihre Höflichkeit ruhig anzunehmen.
Werde ich das Vergnügen haben, Fräulein Fairfax noch heute
abend zu sehen? fragte ich, als ich von dem mir Angebotenen
genossen hatte.
Was haben Sie gesagt, meine Liebe? Ich bin ein wenig taub,
erwiederte die gute Dame, und näherte ihr Ohr meinem Munde.
ich wiederholte die Frage etwas lauter.
Fräulein Fairfax? O, Sie meinen Fräulein Varens! Varens
heißt Ihr Zögling.
Sie ist also nicht Ihre Tochter?
Nein, - ich habe keine Familie.
ich hätte nun weiter fragen sollen, wie Fräulein Varens
mit ihr verwandt sei; aber ich erinnerte mich, daß es nicht höflich
sei, zu viel zu fragen, zudem mußte ich es ja auch bald so wie
so erfahren.
ich bin so froh,-- fuhr sie fort, während sie, die Katze auf
dem Schoß, mir gegenüber saß; ich bin so froh, daß Sie da
sind; es wird sich hier jetzt mit einer Gesellschafterin ganz angenehm leben lassen. Zwar ist es hier immer angenehm, denn
Thornfield ist ein schönes altes Schloß, das nur in den letzten
Jahren etwas vernachlässigt worden ist, aber Sie wissen ja wohl,
daß es einem im Winter auch in der besten Wohnung etwas
öde vorkommt, wenn man allein ist. Ich sage allein --- Leah
ist sicherlich ein braves, nettes Mädchen, und John mit seiner
Frau sind auch ganz anständige Leute; aber es sind ja nur
Diener, und unsereins kann sich mit ihnen nicht auf den Fuß
der Gleichheit stellen. Man muß sie in der rechten Entfernung
halten, damit man sich nichts vergibt. Gewiß kam im verflossenen
Winter fein sehr strenger, wie Sie sich erinnern werdens, von
November bis Februar kein menschliches Wesen ins Haus, als
der Fleischer und der Postbote; ich wurde wirklich ganz melancholisch, als ich einen Abend wie den andern ganz allein dasitzen
mußte. Zwar mußte Leah bisweilen zu mir hereinkommen und
mir etwas vorlesen; aber ich glaube, dem armen Mädchen gefiel
das ganz und garnicht, sie kam sich dabei wie eine Gefangene
vor. Im Frühling und Sommer ist es schon besser: der Sonnenschein und die langen Tage machen einen großen Unterschied;
und dann kam gerade zu Anfang dieses Herbstes die kleine
Adele Varens mit ihrer Bonne; ein Kind verleiht einem Hause
mit einem Male Leben, und nun Sie hier sind, wird es ganz
lustig hergehen.
Mein Herz erwärmte sich wirklich für die würdige Dame, wie
ich sie so reden hörte. Ich zog meinen Stuhl etwas näher zu ihr
hin und drückte den aufrichtigen Wunsch aus, daß sie in mir
eine so angenehme Gesellschafterin finden möchte, wie sie erwartete.
Aber, sagte sie, ich will Sie diesen Abend nicht lange bei mir
behalten; es ist nun bald zwölf, und Sie sind den ganzen Tag
hindurchgefahren: Sie müssen müde sein. Wenn Sie Ihre Füße
gut gewärmt haben, will ich Sie in Ihr Schlafzimmer führen.
ich habe Ihnen das dem meinen zunächstliegende Zimmer angewiesen; es ist nur klein, aber ich dachte, es würde Ihnen lieber
sein, als eines der großen vorderen Zimmer, denn die sind
zwar schön möbliert, aber recht öde. Ich selbst schlafe nie darin.
ich dankte ihr für ihre verständige Wahl und drückte, da
ich mich von meiner langen Reise wirklich ermüdet fühlte, den
Wunsch aus, mich zur Ruhe begeben zu dürfen. Sie nahm ein
Licht mit, und ich verließ das Zimmer. Zuerst sah sie nach, ob
die Haustür gut verschlossen war, zog den Schlüssel ab und
ging die Treppe hinan, mir voraus. Die Stufen, sowie das
Geländer waren von Eichenholz; das Treppenfenster war hoch
und vergittert; dieses und der lange Korridor, auf den die
Türen der Schlafzimmer hinausgingen, sahen aus, als ob man
sich in einer Kirche, nicht in einem Wohnhause befände. Eine
sehr kalte, wie aus einem Gewölbe kommende Luft durchdrang
Treppe und Korridor und erweckte ungemütliche Vorstellungen
von weiten und einsamen Räumen, so daß ich mich freute, als
ich endlich in mein Zimmer geführt wurde, es klein und in dem
gewöhnlichen modernen Styl möbliert zu finden.
Nachdem Frau Fairfax mir freundlich Gute Nacht gewünscht und ich meine Tür zugeriegelt hatte, sah ich mich
gemächlich um, und es gelang mir einigermaßen, den nichts
weniger als heiteren Eindruck, den die große Halle, die dunkle
Treppe und der lange, kalte Korridor auf mich hervorgebracht
hatten, durchden belebteren Anblick meines Zimmerchens zu
verdrängen. Icherinnerte mich, daß ich nach einem Tage körperlicher Ermüdung und ängstlicher Erwartung nun endlich in einem
sichern Hafen sei. Mein Herz schwoll von Dankbarkeit, und ich
kniete an meinem Bette nieder und brachte Dem meinen
Dank dar, dem Dank gebührt; auch unterließ ich, bevor ich aufstand, nicht, mir seine fernere Hilfe auf meinem Lebenspfade
zu erflehen, sowie die Kraft, die Güte zu verdienen, die man
in so offener Weise gegen mich an den Tag zu legen schien,
noch ehe ich sie verdient hatte. In jener Nacht hatte mein Lager
keine Dornen; in jener Nacht kannte mein einsames Zimmer
keine Furcht. Zugleich müde und vergnügt, schlief ich bald fest
ein; als ich aufwachte, war es schon heller Tag.
Das Zimmer erschien mir als ein so prächtiger kleiner Ort,
als die Sonne zwischen den heitern blauen Fenstervorhängen
hereinschien, und mir tapezierte Wände und einen mit Teppichen
belegten Boden zeigte, so unähnlich den nackten Dielen und
fleckigen Kalkwänden zu Lowood, daß sich bei dem Anblicke
meine Stimmung nicht wenig hob. Alles Aeußere hat eine
grose Wirkung auf den jugendlichen Geist; ich dachte, es beginne
nun ein schöner Abschnitt meines Lebens, - - ein Abschnitt, der
seine Blumen und Freuden so gut haben werde, wie seine
Dornen und Mühen.
ich stand auf und kleidete mich sorgfältig an, denn wenn
ich immer nur äußerst einfache Kleidung trug, so tat ich dies aus
Not, nicht aus eigner Wahl. Ich war in Bezug auf meine
äußere Erscheinung keineswegs gleichgiltig; im Gegenteil, ich
wünschte so hübsch wie irgend möglich auszusehen und so sehr
zu gefallen, als es bei meinem Mangel an Schönheit irgend
anging. Bisweilen bedauerte ich, nicht mit mehr Schönheit
ausgestattet zu sein, bisweilen wünschte ich mir rosige Wangen,
eine griechische Nase, einen kleinen kirschfarbigen Mund, eine
stattliche, schöne Figur, ich hielt es für ein Unglück, daß ich so
klein, so blaß war, und so unregelmäßige und eckige Züge hatte.
Und woher diese Sehnsucht, dieses Bedauern? Das konnte ich
mir damals selbst nicht genau erklären; und doch hatte ich einen
Grund, und zwar einen logischen, natürlichen Grund. Als ich
mein Haar recht glatt gebürstet, meinen schwarzen Rock übergestreift, -- der altmodisch, wie er war, doch wenigstens das Verdienst hatte, mir ganz genau zu passen, und meinen sauberen
weißen Halskragen angelegt hatte, dachte ich, für die alte Dame
sähe ich anständig genug aus, und meine neue Schülerin würde
wenigstens keine Antipathie gegen mich empfinden. Nachdem
ich das Fenster meines Zimmers geöffnet und gesehen hatte,
daß auf dem Toilettentische alles in guter Ordnung war, wagte
ich mich hinaus.
ich durchschritt den langen, mit Matten bedeckten Korridor
und stieg die glatten eichenen Stufen hinab. In der Halle
blieb ich eine Minute lang stehen, sah mir einige Bilder an
den Wänden an -- eines derselben stellte, so viel ich mich
erinnere, einen grimmigen Mann im Harnisch, und ein anderes
dar, --- sowie eine von der Decke herabhängende bronzene Lampe
und eine große Uhr, deren fein geschnitztes, eichenes Gehäuse
durch die Länge der Zeit und vieles Polieren so schwarz wie
Ebenholz geworden war. Alles kam mir sehr prunkvoll und
imposant vor; freilich war ich damals auch an Herrlichkeit und
Pracht wenig gewöhnt. Die Eingangstür der Halle, die halb
aus Glas bestand, war offen; ich trat über die Schwelle. Es
war ein schöner Herbstmorgen, die Sonne schien heiter auf belaubte Wäldchen und noch grüne Felder. Auf den Rasenplatz
vor dem Schlosse zugehend, blickte ich auf und betrachtete die
Vorderseite des Gebäudes. Es war drei Stockwerke hoch, und
wenn auch nicht sehr groß, so doch von ansehnlicher Ausdehnung;
das Landhaus eines vornehmen Mannes, der aber nicht zum
Hochadel gehörte. Zinnen ganz oben an dem Gebäude gaben
ihm ein malerisches Aussehen. Seine graue Fassade stach vorteilhaft gegen den Hintergrund eines Dohlengenistes ab, dessen
krächzende Bewohner rings umherflogen. Sie nahmen ihren Weg
über den Rasenplatz und den Park hin, um sich auf einer großen
Wiese niederzulassen, die vom Park durch einen Zaun getrennt
war. In weiterer Entfernung sah man Hügel, nicht so hoch,
wie die um Lowood herum, auch nicht so felsig, und sie bildeten
keine so hohe Schranke gegen die Außenwelt, wie die Berge
von Lowood, aber sie genügten doch Thornfield weltabgelegen
erscheinen zu lassen. Ein kleiner Weiler zog sich an einem dieser
Hügel hinauf; die Kirche des Distrikts stand näher bei Thornfield, und ihre alte TurmspitZe sah über eine Erhöhung zwischen
dem Gebäude und dem Parktor hinweg.
ich ergötzte mich noch an der ruhigen Aussicht und der angenehmen frischen Luft, horchte noch mit großem Vergnügen auf
das Gekrächze der Dohlen, betrachtete noch die ausgedehnte graue
Vorderseite des Schlosses, und dachte bei mir, wie groß es für
eine alleinstehende, kleine Dame wie Frau Fairfax sei, als
diese selbst an der Tür sich zeigte.
Wie! schon draußen? sagte sie. Ich sehe, Sie stehen früh auf.
ich ging auf sie zu und wurde von ihr mit einem freundlichen
Kusse und Händedruck empfangen.
Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie.
ich sagte ihr, es gefalle mir sehr gut.
Ja ja, sagte sie, es ist hübsch; aber ich befürchte, es wird
in Verfall geraten, wenn Herr Rochester sich nicht entschließt,
für immer hier zu bleiben oder wenigstens öfters herzukommen.
Große Häuser und schöne Landgüter erheischen die Anwesenheit
des Besitzers.
Herr Rochester! rief ich aus. Wer ist das?
Der Eigentümer von Thornfield, antwortete sie ruhig. Wußten
Sie nicht, daß er Rochester heißt?
Natürlich wußte ich es nicht, denn ich hatte noch nie etwas
von ihm gehört; aber die alte Dame schien seine Existenz als
eine allgemein bekannte Tatsache, die jedermann instinktmäßig
wissen müsse, anzusehen.
- ich dachte, fuhr ich fort, Thornfield gehöre Ihnen.
Mir- Wie kommen Sie auf den Gedanken, liebes Kind ! Mir-
ich bin nur die Haushälterin, -- die Verwalterin. Zwar bin
ich von mütterlicher Seite mit den Rochesters entfernt verwandt,
oder wenigstens war es mein Mann, der ehemalige Pfarrer von
Hay ---- dem kleinen Dorfe dort auf dem Hügel.-- Die Mutter
unsers Herrn Rochester war eine geborene Fairfax und ein
Brudergeschwisterkind meines Mannes; allein ich mache diese
Verwandtschaft nie geltend und betrachte mich ganz wie eine
gewöhnliche Haushälterin. Mein Herr ist stets höflich gegen mich,
und weiter verlange ich nichts.
Und das kleine Mädchen - mein Zögling?
Ist Herrn Rochesters Mündel, er gab mir den Auftrag, eine
Erzieherin für sie zu suchen. Er hat, wie ich glaube, die Absicht,
sie in der Grafschaft aufziehen zu lassen. Da kommt sie mit
ihrer Bonne.
Nun war mir das Rätsel gelöst: diese prächtige, liebevolle
kleine Witwe war keine vornehme Dame, sondern eine Untergebene, wie ich. Sie war mir deshalb nicht weniger lieb; im
Gegenteil, dieses Verhältnis gefiel mir besser. Die Gleichheit
zwischen ihr und mir war eine wirkliche, nicht das bloße Ergebnis einer Herablassung von ihrer Seite. Um so besser -- meine
Stellung war dadurch nur eine um so freiere.
Während ich über diese Entdeckung nachdachte, kam ein kleines
Mädchen, von einer Dienstperson begleitet, den Rasenplatz heraufgelaufen. Ich sah mir meine Schülerin an, die mich anfänglich
nicht zu bemerken schien: sie war noch ein Kind, etwa sieben
bis acht Jahre alt, von schmächtigem Körperbau, mit einem
blassen Gesicht und feinen Zügen, sowie einer Fülle von Haaren,
die in Locken auf ihre Taille herabfielen.
Guten Morgen, Adele, sagte Frau Fairfax. Komm und sprich
mit dem Fräulein, das dich erziehen und eine gebildete Dame
aus dir machen soll.
Adele näherte sich.
C'est là ma gouvernante! sagte sie, auf mich deutend, zu ihrer
Bonne, die darauf antwortete:
Mais oui, certainement.
Sind sie Ausländerinnen? fragte ich, erstaunt, französisch
sprechen zu hören.
Die Bonne ist eine Ausländerin, und Adele ist auf dem
Kontinent geboren, und hat ihn erst seit dem letzten halben
Jahre verlassen. Als sie zum erstenmale hierher kam, konnte
sie gar nicht englisch sprechen; jetzt geht es schon ein bißchen
ich verstehe sie aber nicht immer, sie mischt so viel Französisch
darein, aber Sie werden sich wohl mit ihr verständigen können.
Glücklicherweise hatte ich mein Französisch bei einer Französin
erlernt; und weil ich es mir stets zur Aufgabe gemacht hatte,
mit Madame Pierrot, so oft ich nur konnte, zu sprechen und
während der letzten sieben Jahre jeden Tag etwas Französisches
auswendig gelernt hatte, -- wobei ich mir auch mit der Aussprache Mühe gab, -- so hatte ich mir eine gewisse Fertigkeit
und Korrektheit angeeignet, und durfte somit wohl hoffen, mit
Mademoiselle Adele fertig zu werden. Sie kam zu mir heran
und gab mir die Hand, und während ich sie zum Frühstück
hereinführte, richtete ich einige Worte in ihrer Sprache an sie.
Anfänglich antwortete sie mir nur kurz; als wir aber bei Tische
saßen und sie mich wohl zehn Minuten mit ihren großen, hellbraunen Augen gemustert hatte, fing sie plötzlich an, gesprächig
zu werden.
Ach! rief sie in französischer Sprache, Sie sprechen ja meine
Muttersprache so gut wie Herr Rochester, ich kann mit Ihnen
sprechen, wie mit ihm, und Sophie auch. Sie wird sich freuen;
niemand versteht sie hier: Frau Fairfax versteht nur Englisch.
Sophie ist meine Bonne; sie ist mit mir über das Meer
herübergekommen in einem großen Schiffe, mit einem Schornstein, der rauchte - - nein, wie der rauchte! -- und ich bin krank
gewesen, und Sophie, und Herr Rochester. Herr Rochester legte
sich auf ein Sopha in einem schönen Zimmer, das man den
Salon hieß, und Sophie und ich hatten kleine Betten in einem
andern Zimmer. Fast bin ich aus meinem Bett herausgefallen;
es war ein kleines Bett, so schmal wie ein Bücherregal.
Also gut: Unser Schiff hielt am Morgen --- es war noch
nicht ganz hell-- bei einer großen, großen Stadt an, mit lauter
schwarz geräucherten Häusern, ganz und gar nicht, wie die
hübsche und reinliche Stadt, von der ich kam; und Herr Rochester
trug mich in seinen Armen über eine Planke ans Land, und
Sophie folgte nach, und wir alle stiegen in eine Kutsche, die
uns in ein schönes großes Haus führte, größer als dieses, und
schöner, -- man nannte es ein Hotel. Da blieben wir fast eine
Woche. Ich und Sophie gingen alle Tage in einem großen Park
spazieren; und da waren noch viele Finder außer mir, und ein
Teich mit schönen Fischen, denen ich Brot zu fressen gab.
Bei wem bist du gewesen, Adele, unterbrach ich sie, als du
dich in der hübschen, sauberen Stadt aufhieltest, von der du soeben sprachst?
ich war vor langer Zeit bei Mama; aber sie ist zu der
heiligen Jungfrau gegangen. Mama lehrte mich tanzen und
singen und deklamieren. Viele Herren und Damen kamen zu
Mama, und ich pflegte vor ihnen zu tanzen oder mich ihnen
auf den Schoß zu setzen und ihnen etwas vorzusingen. Ich tat
das gern. Soll ich Ihnen einmal etwas vorsingen?
Sie hatte ihr Frühstück beendigt, und so erlaubte ich ihr denn,
uns eine Probe ihrer Fertigkeiten zu geben. Von ihrem Stuhle
herabsteigend, kam sie zu mir her und setzte sich auf meinen Schoß;
sodann faltete sie ihre Händchen in ernst sittsamer Weise vor
sich, schüttelte ihre Locken zurück, erhob die Augen zur Zimmerdecke und fing an, eine kleine Arie aus einer Oper zu singen.
Es war das Lied einer von ihrem Geliebten verlassenen Dame,
die seine Treulosigkeit beklagt, dann ihren Stolz zu Hülfe ruft,
sich von ihrer Dienerin mit den glänzendsten Juwelen und den
prächtigsten Kleidern schmücken läßt, um den Treulosen am
Abend auf einem Balle aufzusuchen und ihm durch ihr lustiges
Wesen zu beweisen, wie wenig sie sich daraus macht, daß er sie
verlassen hat.
Der Gegenstand schien für eine so kleine Sängerin seltsam
gewählt; aber am sonderbarsten berührte es, die Zunge eines
so kleinen Kindes die Töne der Liebe und Eifersucht trillern
zu hören. Ich, mit meinen Begriffen von Moral und Anstand,
hatte kein Verständnis für solch eine Erziehung.
Adele sang ihr Liedchen mit ziemlich melodischer Stimme und
der ihrem Alter zukommenden Naivität. Kaum war sie damit
zu Ende, so hüpfte sie von meinem Schoß herab und sagte: - -
Jetzt, Mademoiselle, will ich Ihnen einige Gedichte vordeklamieren.
Sie nahm eine theatralische Pose an und begann La ligue
des rats, fable de La Fontaine. Sodann deklamierte sie das
Gedicht mit einer Aufmerksamkeit auf Interpunktion und Betonung, einer Biegsamkeit der Stimme und Angemessenheit der
Gebärden, die in ihrem Alter ganz außergewöhnlich sind, und
bewiesen, daß man sie mit besonderer Sorgfalt geschult hatte.
Hat dir deine Mutter dieses Gedicht eingeübt? fragte ich.
Ja, und sie sprach es ganz auf diese Weise: Qu'avez-vous
donc? lui dit un de ces rats; parlez! Ich mußte meine Hand
in die Höhe heben, --- so -- um mich zu erinnern, daß ich bei
der Frage auch meine Stimme erheben müsse. Soll ich nun
auch tanzen?
Nein, das ist genug, als aber deine Mama, wie du sagst,
zur heiligen Jungfrau gegangen ist, bei wem bist du dann gewesen?
Bei Madame Frederich und ihrem Manne, sie sorgte für mich,
aber sie ist nicht mit mir verwandt. Ich glaube, sie ist arm,
denn sie hat kein so schönes Haus, wie Mama. Ich blieb nicht
lange dort; Herr Rochester fragte mich, ob ich mit ihm nach
England gehen und bei ihm wohnen wolle, und ich sagte ja;
denn ich kannte Herrn Rochester vor Frau Frederich, und er
war immer freundlich und gütig gegen mich und schenkte mir
schöne Kleider und Spielsachen, aber Sie sehen, er hat nicht
Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht und
ist nun selbst fortgegangen, und ich sehe ihn nie.
Nach dem Frühstück zog ich mich mit Adele in das Bibliothekzimtmer zurück, das uns Herr Rochester als Unterrichtszimmer
angewiesen hatte, Die meisten Bücher waren hinter Glastüren
verschlossen; nur ein Bücherschrank war offen gelassen worden,
und der enthielt so viele Elementarbücher, als voraussichtlich
nötig waren, sowie verschiedene Bände aus der sogenannten
leichten Literatur, Gedichte, Lebensbeschreibungen, Reisewerke,
Romane u. s. f. Wahrscheinlich hatte er geglaubt, eine Erzieherin würde zu ihrer Privatlektüre nicht mehr brauchen, und
in der Tat genügte mir dies vorläufig; im Vergleich mit der
spärlichen Ausbeute, die mir von Zeit zu Zeit zu Lowood zu
machen vergönnt war, schienen sie mir eine überreiche Masse
von Belehrung und Unterhaltung darzubieten. Auch befand
sich in diesem Zimmer ein neues Klavier, das einen vortrefflichen Ton hatte; ebenso auch eine Malerstaffelei und ein
Globus.
ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, aber nicht sehr
fleißig, sie war an keine regelmäßige Beschäftigung irgend
welcher Art gewöhnt worden. Ich hielt es nicht für geraten,
sie gleich anfangs zu sehr mit Lernen in Anspruch zu nehmen,
daher gab ich ihr, nachdem ich viel mit ihr geplaudert, und sie
ein wenig hatte lernen lassen, gegen zwölf Uhr die Erlaubnis,
wieder zu ihrer Bonne zu gehen. Dann nahm ich mir vor, mich
bis zur Mittagszeit mit Anfertigung einiger kleinen Skizzen für
sie zu beschäftigen.
Gerade als ich die Treppe hinaufging, um meine Zeichenmappe zu holen, rief Frau Fairfax mir zu Ihre Schulstunden
sind für diesen Morgen wohl vorüber? Sie war in einem
Zimmer, dessen Flügeltüren offen standen; ich ging hinein, als
sie mich anredete. Es war ein großes stattliches Zimmer mit
purpurfarbenen Stühlen und Vorhängen, einem türkischen Teppich, Wänden, die mit Wallnußholz getäfelt waren, einem großen
Fenster von gemaltem Glase und einer hohen Decke, die mit
prächtigen Gipszieraten versehen war. Frau Fairfax stäubte
einige Vasen von schönem, purpurfarbenem Marienglase ab, die
auf einem Nebentische standen.
Welch prachtvolles Zimmer! rief ich aus, als ich mich umsah;
denn noch nie hatte ich ein Gemach gesehen, das auch nur halb
so imposant gewesen wäre.
Ja, das ist das Speisezimmer. Ich habe bloß das Fenster
aufgemacht, um ein wenig Luft und Sonnenschein hereinzulassen;
denn alles wird so feucht in Zimmern, die selten bewohnt sind;
im Gesellschaftszimmer dort ist es wie in einem Kellergewölbe.
Sie deutete auf einen Schwibbogen, der mit dem Fenster
harmonierte und wie dieses einen purpurroten Vorhang hatte,
der jetzt zurückgeschlagen war. Ich stieg zwei breite Stufen
hinan, und als ich hindurchsah, glaubte ich ein Feenschloß vor
mir zu haben, so glänzend erschien meinem unerfahrenen Auge
das, was ich jenseits erblickte. Und doch war es bloß ein
sehr hübsches Gesellschaftszimmer und ein Boudoir, beide mit
weißen Teppichen bedeckt, worauf prächtige Blumenguirlanden
gelegt zu sein schienen: beide hatten an ihren Plafonds schneeweiße Gipszieraten, die gegen die karmesinroten Sofas und
Ottomanen wirkungsvoll abstachen, während die Zieraten an
dem aus parischem Marmor gearbeiteten Kamin aus funkelndem, rubinrotem böhmischem Glase waren; und zwischen den
Fenstern wiederholten große Spiegel die allgemeine Verschmelzung von Feuer und Schnee.
Wie gut Sie diese Zimmer in Ordnung halten, Frau Fairfax!
sagte ich. Kein Staub, keine Ueberzüge! Wäre es hier nicht so
kalt, so könnte man denken, sie wären nie unbewohnt.
Obgleich, mein liebes Fräulein Eyre, die Besuche des Herrn
Rochester selten sind, so kommen sie doch immer plötzlich und
unerwartet; und da ich bemerkt habe, daß es ihm nicht gefällt,
wenn er hier bei seiner Ankunft alles eingehüllt findet, und
daß er auch das mit der Anordnung und Reinigung verbundene
Geräusch nicht gern hat, so habe ich es fürs beste erachtet, die
Zimmer stets parat zu halten.
Herr Rochester ist wohl sehr anspruchsvoll?
Das gerade nicht, aber er hat einen feinen Geschmack und
vornehme Gewohnheiten.
Haben Sie ihn gern? Ist er allgemein beliebt?
O ja; die Familie ist hier stets geactet gewesen. Fast alles
Land hier herum, soweit Sie sehen können, gehört seit unvordenklichen Zeiten den Rochesters.
Gut; aber haben Sie ihn gern, ganz abgesehen von seinem
Reichtum? Hat man ihn um seiner selbst willen gern?
ich habe keinen Grund, ihn nicht gern zu haben; und ich
glaube, seine Pächter sehen ihn als einen gerechten Gutsherrn
an, dem jede Knichkerei fremd ist. Indessen hat er nie viel unter
ihnen gelebt.
Aber hat er keine Besonderheiten? Wie ist, mit einem Worte,
sein Charakter?
Gegen seinen Charakter ist nichts einzuwenden. Er hat ja
seine Eigenheiten, vielleicht weil er in der Welt viel herumge
kommen ist. Ich halte ihn für einen gescheiten Mann; doch
habe ich nie viel mit ihm gesprochen.
Was für Eigenheiten meinen Sie?
ich kann es nicht gut in Worten ausdrücken; er hat nichts
Auffallendes, aber man fühlt es, wenn er mit einem spricht: man
weiß nicht immer, ob er im Scherz oder Ernst redet, ob ihm
etwas gefällt, oder nicht; man kann ihn, mit einem Worte, nicht
gunz verstehen - ich wenigstens nicht; aber das ist Nebensache,
er ist ein sehr guter Herr.
Dies war alles, was ich von Frau Fairfax über meinen und
ihren Herrn erfahren konnte. Es gibt Leute, denen das Talent
ganz abzugehen scheint, einen Charakter zu skizzieren, oder an
Personen und Dingen in die Augen springende Punkte zu beobachten und zu beschreiben. Offenbar gehörte die gute Dame
zu dieser Klasse; meine Fragen brachten sie in Verlegenheit,
konnten aber nichts aus ihr herausbringen. Herr Rochester war
in ihren Augen Herr Rochester, ein vornehmer Herr und großer
Gutsbesitzer, nichts weiter, und sie wunderte sich augenscheinlich
über mein Verlangen, mehr über ihn zu erfahren. Als wir das
Speisezimmer verließen, wollte sie mir auch die übrigen Teile
des Hauses zeigen, und ich folgte ihr die Treppe hinauf und
die Treppe hinab. Zu bewundern fand ich genug, denn alles
war wohlgeordnet und schön. Insbesondere kamen mir die
Vorderzimmer großartig vor, und einige Gemächer im dritten
Stocke waren wegen ihres altertümlichen Aussehens interessant,
wenn sie auch dunkel und niedrig waren. Die einst für die
untern Zimmer bestimmten Möbel waren von Zeit zu Zeit hierhergebracht worden, wenn die Mode sich geändert hatte; und
das unvollkommene, durch ihre schmalen Fenster hereinfallende
Licht zeigte Bettstellen, die wohl ein Jahrhundert alt waren;
Schränke aus Eichen- oder Wallnußholz, die mit ihrem seltsamen
Schnitzwerk von Palmzweigen und Cherubsköpfen der jüdischen
Bundeslade entlehnt zu sein schienen; Reihen ehrwürdiger
Stühle mit hohen und schmalen Lehnen; noch ältere und niedrigere Sessel, deren mit Kissen versehenen Oberteile noch Spuren
halbverblaßter Stickereien aufwiesen. Alle diese Altertümer
verliehen dem dritten Stockwerke von Thornfield Hall das Ansehen eines Hauses der Vergangenheit, eines der Erinnerung
geweihten Heiligtums. Bei Tage gefiel mir die StiLe, die
Düsterheit, die wunderliche Ausstattung dieser Räume; aber ich
hätte nie eine Nacht in einem dieser breiten und schweren Betten
zubringen mögen, von denen einige mit eichenen Türen versehen,
andere mit alten englischen Vorhängen behangen waren, voll
schwerer Stickereien, welche Bilder seltsamer Blumen, noch seltsamerer Vögel, und der seltsamsten menschlichen Wesen dar-
stellten--- was alles bei dem bleichen Schimmer des Mondes
in der Tat seltsam genug ausgesehen haben würde.
Schläft die Dienerschaft in diesen Zimmern? fragte ich.
Nein; sie bewohnt eine Reihe kleinerer Zimmer nach hinten
hinaus; hier schläft nie jemand; man könnte fast sagen, wenn
es einen Geist in Thornfield Hall gäbe, so würde er hier umgehen.
Das meine ich auch; Sie haben also hier keinen Geist?
Nicht, daß ich wüßte, entgegnete Frau Fairfax lächelnd.
Aber ein Familiengespenst gehört doch. zum Inventar jedes
einigermaßen anständigen Schlosses?
Wir haben hier keines. Und doch sagt man, die Rochesters
seien zu ihrer Zeit eher gewalttätige, als friedliche Leute gewesen. Das mag der Grund sein, warum sie jetzt in ihren Gräbern
so ruhig schlafen.
Ja-- nach des Lebens wildem Fieber schlafen sie ruhig,
zitierte ich. Wo gehen Sie hin, Frau Fairfax? sagte ich laut,
als ich sie weitergehen sah.
Auf das Bleidach; wollen Sie mit mir gehen und von dort
die Umgegend überBlicken?
ich folgte ihr abermals eine ganz schmale, nach der Attika
führende Treppe hinauf, und von da auf einer Leiter und durch
eine Falltür hindurch auf das Dach des Schlosses. Ich befand
mich nun in gleicher Höhe mit der Dohlenkolonie und konnte
in ihre Nester sehen. Ueber die Zinne gelehnt, sah ich die Umgegend wie eine Landkarte vor mir liegen; den glänzenden und
samtnen Rasenplatz, der das graue Fundament des Schlosses
dicht umgürtete; das Feld, weit wie ein Park, mit alten Bäumen
bestanden; das Gehölz, dunkelbraun und dürr, durch einen mit
Moos bewachsenen Weg geteilt, die Kirche vor dem Parktor;
den Weg, die stillen Hügel, alles von dem goldigen Glanz der
Herbstsonne umflossen; den Horizont und den azurblauen, mit
perlenähnlichem Weiß marmorierten Himmel. Nirgends etwas
Außerordentliches, aber alles lieblich. Als ich mich wieder umwandte und durch die Falltür hinabstieg, konnte ich kaum meinen
Weg die Leiter hinabfinden; die Attika schien schwarz, wie ein
Gewölbe, im Vergleich mit dem blauen Himmelsbogen, den ich
eben betrachtet hatte, und im Vergleich mit der sonnigen Landschaft, deren Mittelpunkt das Schloß bildete.
Frau Fairfax blieb einen Augenblick zurück, um die Falltür
wieder zuzumachen; ich tappte mich nach dem Ausgang hin und
stieg die schmale Dachtreppe hinab. In dem langen Korridor,
auf den diese führte, und der die vordern und hintern Zimmer
des dritten Stockwerks voneinander trennte, verweilte ich ein
wenig. Er war schmal, niedrig und dunkel, hatte bloß ein kleines
Fenster an dem andern Ende und sah mit seinen zwei Reihen
kleiner, schwarzer, verschlossener Türen ganz wie ein Korridor
in dem Schlosse eines Blaubart aus.
Während ich langsam meines Wegs ging, traf ein Ton, den
ich an einem so stillen Orte am wenigsten erwartet hätte--- ein
Lachen, mein Ohr. Es war ein sonderbares Lachen, das deutlich, gemessen, freudlos klang. Ich blieb stehen, der Laut hörte
auf, aber bloß einen Augenblick, abermals ließ er sich hören,
lauter, denn zuerst war er, obgleich deutlich, doch sehr leise gewesen. Nun ging er in einen wilden Schall über, der in jedem
einsamen Zimmer ein Echo zu erwecken schien, obgleich er nur
aus einem hervorkam, und ich die Tür hätte angeben können,
aus der die Töne hervorkamen.
Frau Fairfax! rief ich aus, denn ich hörte sie nun die große
Treppe hinabgehen. Haben Sie das laute Gelächter gehört?
Wer war das?
Wahrscheinlich irgend ein Dienstmädchen, antwortete sie, vielleicht Grace Poole.
Haben Sie es gehört? fragte ich abermals.
Ja, ganz deutlich, ich höre sie oft; sie näht in einem dieser
Zimmer. Bisweilen ist Leah bei ihr, sie machen oft viel Lärm
miteinander.
Das Lachen wiederholte sich in dem leisen, abgemessenen Tone
und endete in ein seltsames Gemurmel.
Grace! rief Frau Fairfax,
Es kam mir sonderbar vor, daß ein Dienstmädchen so tragisch,
so unnatürlich lachen sollte; wäre es nicht heller Mittag gewesen,
hätte nicht das Tageslicht jede Furcht unmöglich gemacht, so
würde ich eine abergläubische Angst empfunden haben.
Die mir zunächst befindliche Tür ging auf, und eine Dienstfrau kam heraus, -- ein Frauenzimmer zwischen dreißig und
vierzig; eine untersetzte, vierschrötige Gestalt, rothaarig und mit
einem harten, unschönen Gesicht. Eine weniger romantische,
weniger geisterhafte Erscheinung ließ sich kaum denken.
Zu viel Lärm, Grace! schalt Frau Fairfax. Denke an das,
was man dir befohlen! Grace verbeugte sich schweigend und
ging wieder hinein.
Ein Frauenzimmer, das wir uns zum Nähen und zur Unterstützung der Leah bei ihrer Hausarbeit halten, fuhr die Witwe
fort, in einigen Punkten nicht ganz fehlerfrei, aber sie macht
ihre Arbeit ganz gut. Wie sind Sie denn diesen Morgen mit
Ihrer neuen Schülerin zufrieden gewesen?
Die Unterhaltung, die so auf Adele abgeleitet wurde, ging
fort, bis wir die helle und heitere Region unten im Hause erreichten. Adele kam uns im Vorsaale entgegen gelaufen und
rief:
Mesdames, vous êtes servies !- Dann setzte sie hinzu: J'ai
bien faim, moi!
Wir fanden das Mittagsmahl in Frau Fairfax' Zimmer
serviert.
Zwölftes Kapitel.
Hatte ich bei meinem ersten Eintritt in Thornfield Hall nach
dem gemütlichen Empfang erwarten dürfen, daß ich es hier sehr
gut haben würde, so strafte eine längere Bekanntschaft mit dem
Schlosse und dessen Bewohnern diese Erwartung nicht Lügen.
Frau Fairfax erwies sich in Wahrheit als das, was sie zu sein
geschienen hatte, als eine gutmütige, freundliche, liebevolle Frau
von hinreichender Erziehung und mittlerem Verstande. Meine
Schülerin war ein lebhaftes Kind, das verzogen und daher etwas
eigensinnig war; da aber keine unverständige Einmischung von
irgend einer Seite meinen Erziehungsplänen in den Weg trat, so legte
sie ihre kleinen Ungezogenheiten bald ab. Sie hatte keine großen
Talente, keine ausgezeichneten, stark ausgeprägten Charakterzüge,
keine besondere Entwicklung des Gefühls oder Geschmacks, wodurch sie sich auch nur um einen Zoll über das gewöhnliche
Niveau der Kindheit erhoben hätte, und ebenso hatte sie auch
keine Laster, wodurch sie unter den Durchschnitt herabgedrückt
worden wäre. Sie machte ganz gute Fortschritte, hatte zu mir
eine lebhafte, wenn auch vielleicht nicht sehr tiefe Zuneigung
und flößte mir dagegen durch ihr einfaches Wesen, ihr heiteres
Geplauder und ihre Bemühungen, mir zu gefallen, einen Grad
von Anhänglichkeit ein, der hinreichte, jede an der Gesellschaft
der andern Vergnügen finden zu lassen.
Dies wird, beiläufig gesagt, für eine kalte Sprache gehalten
werden von den Leuten, die feierliche Ansichten hegen von der
engelgleichen Natur der Kinder, und der Pflicht derjenigen, denen
ihre Erziehung obliegt, ihnen eine abgöttische Aufopferung zu
weihen, aber ich schreibe nicht, um dem elterlichen Egoismus
zu schmeicheln, hergebrachte Redensarten wiederzukäuen oder
Heuchlern zu gefallen; ich sage bloß die Wahrheit. Ich ließ
mir Adeles Wohl und Fortschritte ernstlich angelegen sein, auch
hegte ich eine leidenschaftslose Neigung für ihr kleines Persönchen; ebenso, wie ich gegenüber Frau Fairfax von einem Gefühle des Danks für all ihre Güte durchdrungen war und Vergnügen an ihrer Gesellschaft fand.
Mag mich tadeln, wer da will, aber wenn ich in dem Park
allein spazieren ging, wenn ich bis zum Tor hinab lustwandelte
und dann auf die Straße hinaussah; oder wenn ich, während
Adele mit ihrer Bonne spielte, die drei Stockwerke hinaufkletterte, die Falltür der Attika öffnete, und von dem Bleidach
weithin schaute über die einsamen Felder und Hügel, --- daß
ich mir dann eine Sehkraft wünschte, die weit über diese Grenze
hinausgehen, die geschäftige Welt, die lebhaften Städte und
Gegenden erreichen könnte, wovon ich zwar oft gehört, die ich
aber nie gesehen hatte; daß ich dann mir mehr praktische Erfahrung, mehr Verkehr mit meinesgleichen, mehr Bekanntschaft mit
verschiedenartigen Charakteren wünschte, als hier in meinem Bereiche war. Möge man mich also immerhin eine Nörglerin schelten.
Die Ruhelosigkeit lag nun einmal in meiner Natur, und bisweilen steigerte sie sich bis zu physischer Pein. Da war es denn
meine einzige Linderung, in der Stille und Einsamkeit des
Korridors im dritten Stock auf- und abzugehen und mein
geistiges Auge bei glänzenden Visionen verweilen zu lassen, ein
wechselvolles, mannigfach bewegtes Leben in Gedanken zu durchleben, wie es mir die idyllische Ruhe meines gegenwärtigen
Daseins nicht gewähren konnte.
Vergebens predigt man, menschliche Wesen sollten mit der
Ruhe zufrieden sein; sie müssen Handlung haben, und wenn sie
sie nicht finden können, so werden sie sie machen. Millionen sind
zu einem stilleren Lose verurteilt, als das meine ist, und Millionen sind unzufrieden mit ihrem Lose. Wer weiß, wie viele
Empörungen, außer den politischen, in den Massen von Leben
gären, welche die Erde bevölkern! Die Frauen gelten im allgemeinen für sehr ruhig; aber die Gefühle der Frauen sind derselben Art wie die der Männer; sie bedürfen der Uebung für ihre
Fähigkeiten, sie brauchen ein Feld für ihre Bestrebungen, so gut
wie ihre Brüder; sie leiden unter einem zu strengen Zwange,
unter einem allzu unbedingten Stillstand, wie es auch bei den
Männern der Fall sein würde; und es zeugt von Engherzigkeit
seitens ihrer mehr bevorzugten Mitgeschöpfe, wenn sie sagen,
die Frauen sollten sich darauf beschränken, Puddings zu machen,
Strümpfe zu stricken, Klavier zu spielen und Taschentücher zu sticken.
Es ist eine Gedankenlosigkeit, sie zu verdammen oder sie auszulachen, wenn sie mehr zu tun oder zu lernen suchen, als Sitte
und Gewohnheit für ihr Geschlecht als passend oder nötig
erachten.
Wenn ich so allein war, hörte ich Grace Poole nicht
selten lachen; es war derselbe Laut, dasselbe leise, langsame
Ha! Ha! das mich, als ich es zuerst hörte, erschütterte;
auch vernahm ich ihr Gemurmel, das sich noch sonderbarer
anhörte, als ihr Lachen. Es gab Tage, wo sie sich ganz still
und ruhig verhielt; aber es gab auch andere, wo ich mir die
Töne, die sie von sich gab, nicht erklären konnte. Bisweilen
sah ich sie; gewöhnlich kam sie mit einem Waschbecken oder einem
Teller oder einem Speisebrett in der Hand, aus ihrem Zimmer
heraus, ging in die Küche hinab und kehrte alsbald mit einem
höchst prosaischen Kruge Bier wieder zurück. Ihre Erscheinung
wirkte stets dämpfend auf die Neugierde, die ihr Lachen und
Gemurmel erregt hatte, aber trotzdem machte ich einige Versuche,
mit ihr eine Unterhaltung anzuknüpfen. Eine einsilbige Antwort
machte stets alle meine Diplomatenkünste sofort zu nichte. Die
andern Mitglieder des Haushalts, nämlich John und seine
Frau, Leah, das Hausmädchen, und Sophie, die französische
Bonne, waren anständige Leute, allein in keiner Hinsicht
bemerkenswert. Mit Sophie sprach ich in der Regel französisch
und fragte sie bisweilen über ihr Heimatland aus; allein sie
gehörte nicht zu jener Klasse von Menschen, die durch ihre
Talente als Beschreiber oder Erzähler glänzen, und gewöhnlich
gab sie so schale und verworrene Antworten, daß man eher
versucht war, der Neugierde Einhalt zu gebieten, als ihr freien
Lauf zu lassen.
Oktober, November und Dezember vergingen. Eines Nachmittags --- es war im Januar -- erbat Frau Fairfax für Adele
einen Vakanztag, weil letztere sich erkältet hatte; und da
Adele die Bitte mit einer Lebhaftigkeit unterstützte, die mir
ins Gedächtnis zurückrief, wie überaus angenehm gelegentliche
Vakanztage für mich in meiner eigenen Kindheit gewesen, so
bewilligte ich sie recht gern. Es war schönes, windstilles, obgleich sehr kaltes Wetter; ich war des Stillsitzens in dem Bibliothekzimmer, wo ich den ganzen Vormittag gelesen hatte,
überdrüssig, und da Frau Fairfax eben einen Brief geschrieben
hatte, der uuf die Post gebracht werden sollte, so erbot ich mich,
ihn nach Hay zu tragen, indem ich meinen Mantel anlegte und
meinen Hut aufsetzte. Ich dachte, die nur kurze Entfernung
wütrde sich zu einem angenehmen Winternachmittagsspaziergange
eignen. Nachdem ich Adele sich auf ihr Stühlchen neben dem
Kamine in Frau Fairfax' Zimmer hatte ganz behaglich seten
lassen, und nachdem ich ihr ihre beste Wachspuppe, die ich in
einer Schublade aufbewahrte, zum Spielen, und zur Abwechslung ein Geschichtenbuch gegeben, auch auf ihr Revenez bien tôt,
ma bonne amie, ma chère Mademoiselle Jeannette mit einem
Kusse geantwortet hatte, machte ich mich auf den Weg. Der
Boden war hart gefroren, die Luft ruhig, ich ging geschwind,
bis mir warm wurde, und dann langsam, um jene Art des
Vergnügens gründlich auszukosten, die zur Stunde in meiner
Augenblicklichen Gemütsstimmung lag.
Als ich den Weg zur Hälfte zurückgelegt hatte, setzte ich mich
auf eine Stiege nieder, die von da in ein Feld führte. Ich
zog meinen Mantel um mich zusammen und hielt die Hände in
meinem Muffe versteckt, weshalb ich die Kälte nicht spürte, obgleich es sehr kalt war, wie die Eisdecke auf dem Wege an
einer Stelle bezeugte, wo das nach einem raschen Auftauen
ausgetretene Wasser eines kleinen Baches gefroren war. Von
meinem Sitze aus konnte ich nach Thornfield hinabsehen und
genoß den schönen Anblick des Sonnenuntergangs, als ich
plötzlich Getrappel und Gestampf vernahm. Ein Pferd kam
heran; noch verbargen es die Windungen des Heckenwegs, aber
es näherte sich rasch. Gerade wollte ich die Stiege verlassen;
doch da der Weg schmal war, blieb ich sitzen, um es vorbeizulassen. In jenen Tagen war ich jung, und alle Arten von
Phantasiegebilden, heitere und graulige, erfüllten meinen
Geist: die Erinnerungen an Kindermärchen befanden sich darin
neben anderem Unsinn; und wenn sie wiederkehrten, verlieh
ihnen die reifende Jugend eine Kraft und Lebhaftigkeit, wie
die Kindheit es nicht vermocht hatte. Während das Pferd näher
kam und ich hinsah, bis es aus der Dämmerung heraustreten
würde, fielen mir einige von Bessies Erzählungen ein, worin
ein Geist aus Nordengland, Namens Gytrash, eine Rolle
spielte; -- ein Geist, der in Gestalt eines Pferdes, eines Maultieres oder eines großen Hundes auf einsamen Wegen spukte
und verspäteten Wanderern erschien, gerade wie nun auch dieses
Pferd auf mich zukam.
Es war sehr nahe, aber doch noch nicht sichtbar, als ich, außer
dem Getrappel unter der Hecke etwas rauschen hörte, und dicht
an den Haselstämmen ein großer Hund vorbeischlüpfte, dessen
schwarze und weiße Farbe gegen die Bäume stark abstach. Es
war genau eine Erscheinung, wie Bessies Gytrash, ein löwenartiges Tier mit langem Haar und ungeheurem Kopfe. Doch
eilte er ruhig an mir vorüber, ohne mich mit seinen überhündischen, geisterhaften Augen anzusehen, wie ich halb und
halb erwartet hatte. Das Pferd folgte, -- ein hohes Roß, und
auf seinem Rücken ein Reiter. Der Mann, das menschliche
Wesen machte dem Zauber mit einem Male ein Ende. Auf dem
Gytrash ritt nie etwas; er war stets allein; und Kobolde mochten
wohl nach meiner Einbildung in keiner gewöhnlichen Menschengestalt wohnen, wenn sie auch in den stummen Gerippen toter
Tiere hausten. Das war also kein Gytrash, -- sondern bloß
ein Reisender, der auf dem nähern Wege nach Millcote ging.
Er ritt vorüber, und ich ging meines Wegs; kaum hatte ich
aber einige Schritte gemacht, so kehrte ich mich um. Meine Aufmerksamkeit war in Anspruch genommen durch ein Geräusch,
wie wenn ein Tier ausgleitet, durch den Ruf: Was zum Henker
mace ich nun? und endlich durch einen mit Geklirr verbundenen
Fall. Mann und Pferd lagen am Boden; sie waren auf der
Eisdecke, die den Weg schlüpfrig machte, ausgeglitten. Der
Hund sprang alsbald zurück und bellte, als er seinen Herrn in
dieser fatalen Lage sah, daß die Hügel den Schall wiederholten.
Bald aber kam er zu mir gelaufen; es war alles, was er tun
konnte, -- - eine andere Hülfe konnte er nicht aufbieten, ich folgte
ihm und ging zu dem Reiter hin, der jetzt mit aller Kraft sich
von seinem Rosse loszumachen suchte. Seine Anstrengungen
waren so kräftige, daß ich dachte, er könne nicht sehr stark verletzt sein, doch fragte ich ihn:
Haben Sie sich Schaden getan, mein Herr?
ich glaubte, er fluchte etwas, doch weiß ich's nicht gewiß. Jedenfalls brummte er irgend etwas, was ihn verhinderte, mir sogleich
zu antworten.
Kann ich etwas für Sie tun? fragte ich abermals.
Sie müssen auf diese Seite gehen, antwortete er, indem er
sich zuerst auf seine Knie stützte und sich dann ganz erhob. Ich
tat es, worauf ein Keuchen, Stampfen und Schlagen, begleitet
vom Bellen des Hundes, begann, das mich in der Tat einige
Schritte auf die Seite trieb; aber ich wollte mich nicht ganz
entfernen, solange ich nicht den Ausgang der Sache gesehen.
Dieser stellte sich endlich als ein glücklicher heraus, das Pferd
wurde wieder auf die Beine und der Hund mit einem Ruhig,
Pilot! zum Schweigen gebracht. Nun bückte sich der Reiter und
befühlte seinen Fuß und ein Bein, gleichsam um zu untersuchen, ob sie unverletzt wären; offenbar aber hatten sie Schaden
genommen, denn er hinkte nach der Stiege hin, von der ich soeben aufgestanden war, und setzte sich.
ich war in der Stimmung, mich nützlich zu machen und näherte
mich ihm nun wieder.
Wenn Sie sich verletzt haben und hülfsbedütrftig sind, mein
Herr, so kann ich Ihnen jemand herbeiholen, sei es von Thornfield oder aus Hay,
Danke Ihnen; es wird schon gehen; ein Bein habe ich mir
nicht gebrochen, - nur den Fuß habe ich mir verrenkt.
Und er stand wieder auf und versuchte, sich auf den Füßen
zu halten, doch der Versuch preßte ihm ein unwillkürliches
Uh! aus.
Noch war das Tageslicht nicht ganz und gar erloschen; ein
schwacher Schimmer war noch geblieben, und der Mond fing
an, heller zu leuchten, ich konnte daher den Reiter deutlich sehen.
Seine Gestalt war eingehüllt in einen Mantel mit Pelzkragen
und stählernem Schlosse. Die meisten Einzelheiten waren nicht
sichtbar, doch konnte man erkennen, daß es ein Mann von
mittlerer Größe und sehr breiter Brust war. Er hatte ein
dunkles Gesicht mit strengen Zügen und massiger Stirn; seine
Augen und seine zusammengezogenen Brauen sahen in dem
Augenblicke zornig und finster aus ; er war über das Jugendalter hinaus, hatte aber das mittlere Alter noch nicht erreicht
und mochte etwa fünfunddreißig sein. Ich empfand keine Furcht
vor ihm und nur wenig Scheu. Wäre er ein schöner, heroisch
aussehender, junger Herr gewesen, ich hätte es nicht gewagt, so
stehen zu bleiben, ihn wider seinen Willen zu fragen, und ihm
unaufgefordert meine Dienste anzubieten. Kaum hatte ich noch
einen hübschen Jüngling gesehen, noch nie in meinem Leben
aber hatte ich mit einem solchen gesprochen. Ich empfand eine
theoretische Hochachtung und Verehrung für Schönheit, Eleganz,
Galanterie und Liebenswürdigkeit; aber hätte ich diese Eigenschaften in einer männlichen Gestalt verkörpert gefunden, so
würde ich instinktmäßig gewußt haben, daß sie mit nichts in mir
sympathisierten, noch zu sympathisieren vermochten, und ich hätte
sie gemieden, wie man das Feuer, den Blitz oder sonst etwas
Glänzendes, aber Antipathisches meidet.
Hätte auch dieser Fremde gelächelt und wäre er mir freundlich und gemütlich entgegenkommen, als ich ihn anredete; hätte
er mein Anerbieten, ihm Hülfe zu leisten, in heiterem Tone
und mit Dank abgelehnt, so würde ich meines Wegs gegangen
sein und keinen Beruf in mir verspürt haben, meine Fragen
zu wiederholen, aber der finstere Blick, verbunden mit dem rauhen
Wesen des Reisenden, beruhigte mich; ich blieb stehen, als er
mir zu gehen winkte, und sagte:
Es kann mir nicht einfallen, mein Herr, Siezu einer so späten
Stunde in diesem einsamen Heckenwege allein zu lassen, solange
ich nicht sehe, daß Sie im stande sind, Ihr Pferd zu besteigen.
Er schaute mich an, als ich dies sagte; gleichwohl hatte er
kaum seine Augen nach mir hingerichtet.
ich dächte, Sie sollten zu dieser nachtschlafenden Zeit selber
zu Hause sein, sagte er, wenn Sie hier in der Nähe wohnen.
Wo kommen Sie her?
Nur von dort unten; und ich fürchte mich ganz und gar
nicht, noch zu später Stunde draußen zu sein, wo der Mond
scheint. Mit Vergnügen laufe ich für Sie nach Hay, wenn Sie
es wünschen; auch gehe ich ja ohnedies dahin, um meinen Brief
auf die Post zu tun.
Sie wohnen da unten--- meinen Sie jenes Haus mit den
Zinnen?
Und er deutete auf Thornfield Hall, auf das der Mond einen
Schimmer warf, wodurch es deutlich und blaß gegen das Gehölz
hervortrat, das, mit dem abendlichen Himmel kontrastierend,
jetzt eine große Schattenmasse schien.
Ja, mein Herr! entgegnete ich.
Wem gehört das Haus?
Herrn Rochester.
Kennen Sie Herrn Rochester?
Nein, ich habe ihn nie gesehen.
Er wohnt nicht dort?
Nein.
Können Sie mir sagen, wo er ist?
ich weiß es nicht.
Natürlich sind Sie keine Dienstbotin vom Schlosse? Sie
sind ---
Hier hielt er plötzlich inne, ließ seine Augen über meine
Kleidung flüchtig hinlaufen, die, wie gewöhnlich, eine ganz einfache war, und in einem schwarzen Merinomantel und in einem
dito Kastorhut bestand, beide noch lange nicht fein genug für
eine ordentliche Kammerjungfer. Er schien nicht herausbringen
zu können, was ich sei, und so half ich ihm denn.
ich bin die Gouvernante.
Ach, die Gouvernante! wiederholte er; der Henker hole mich,
wenn ich das nicht vergessen hatte! Die Gouvernante!
Und abermals mußte sich meine Kleidung einer Prüfung
unterwerfen. Nach ein paar Minuten stand er von der Treppe
auf, sein Gesicht drückte Schmerz aus, als er zu gehen versuchte.
ich kann Ihnen nicht den Auftrag geben, Hilfe herbeizuholen,
sagte er, aber Sie können mir selbst ein wenig helfen, wenn
Sie die Güte haben wollen.
Recht gern.
Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als Stock benutzen könnte?
Nein.
Versuchen Sie doch, den Zügel meines Pferdes zu fassen,
und führen Sie's zu mir her! Sie fürchten sich doch nicht?
ich würde mich gefürchtet haben, ein Pferd anzurühren, wenn
ich allein gewesen wäre. Als man mir aber sagte, ich solle es
tun, war ich geneigt zu gehorchen. Ich legte meinen Muff auf
die Treppe und ging auf das große Pferd zu. Ich bemühte
mich, den Zügel in die Hand zu bekommen, aber es war ein
mutiges, kluges Tier und wollte mich seinem Kopfe nicht nahe
kommen lassen. Ich versuchte es immer wieder von neuem,
aber vergebens; inzwischen hatte ich Todesangst vor seinen
stampfenden Vorderfüßen. Der Reisende wartete und sah eine
Zeitlang zu, endlich lachte er.
ich sehe, sagte er, der Berg kommt nicht zu Mohammed her,
somit bleibt nichts übrig, als zu helfen, damit Mohammed zu ihm
gelange. Ich muß Sie bitten, hierher zu kommen.
ich ging zu ihm hin.
Entschuldigen Sie, fuhr er fort, ich sehe schon, die Notwendigkeit zwingt mich, Ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Er legte eine schwere Hand auf meine Schulter und hinkte,
indem er sich etwas stark auf mich stützte, zu seinem Pferde hin.
Nachdem er einmal den Zügel erfaßt hatte, wurde er alsbald des
Tieres Herr und schwang sich in den Sattel. Dabei machte
er arge Grimassen, denn sein verrenkter Fuß wurde stark in
Mitleidenschaft gezogen.
Nun, sagte er, indem er aufhörte, auf seine Unterlippe zu
beißen, geben Sie mir meine Peitsche! Dort liegt sie unter der
Hecke.
ich suchte und fand sie.
Danke Ihnen! Nun eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay
und kommen Sie, so geschwind Sie können, zurück.
Eine Berührung mit der gespornten Ferse bewirkte, daß sein
Pferd zuerst sich bäumte; dann galoppierte es davon, der Hund
folgte nach, und alle drei verschwanden.
Wie Heidekraut, vom wilden Wind
Entführet in der Wildnis dort.
ich nahm meinen Muff wieder und ging meines Wegs.
Das Abenteuer war für mich zu Ende; und war es auch kein
wichtiges, kein romantisches und kein besonders interessantes
Ereignis, so brachte es doch in eine einzige Stunde eines einförmigen Lebens Abwechslung. Mein Beistand war in Anspruchgenommen worden, und ich hatte ihn nicht versagt; es
freute mich, etwas getan zu haben. War auch das, was ich
getan, unbedeutend und auch bloß vorübergehend, so war es
doch Tätigkeit, und ich war eines ganz und gar passiven Daseins satt. Außerdem glich das neue Gesicht einem neuen Gemälde, das ich in der Galerie des Schlosses gesehen hatte,
und es war unähnlich allen andern, die dort hingen, zum ersten, weil es ein männliches, und zum zweiten, weil es streng
und ein brünettes, energisches und grimmiges Gesicht war.
ich sah es noch vor mir, als ich den Brief in die Brieflade
auf dem Postbureau zu Hay gleiten ließ, und ich sah es, als
ich die schräge Landstraße hinuntereilte. Als ich wieder bei der
Treppe anlangte, blieb ich eine Minute stehen, sah mich um und
horchte, indem ich mir einbildete, es könnten sich abermals die
Hufschläge eines Pferdes auf dem Wege hören lassen, und es
könnte abermals ein Reiter im Mantel und ein Gytrash ähnlicher Neufundländer sich zeigen. Aber ich sah bloß die
Hecke und einen gekappten Weidenbaum vor mir, der sich still
und gerade erhob, um sich von den Mondstrahlen küssen zu lassen.
ich hörte nur den leisen Wind, der unter den Bäumen um
Thornfield herum, durch das Laub bald mehr, bald minder stark
rauschte; und als dann mein Auge über die Front des Schlosses
hinirrte, traf es auf ein Licht, das in einem Fenster brannte.
ich sah daraus, daß ich mich verspätet hatte, und eilte weiter.
Es machte mir keine Freude, wieder nach Thornfield Hall zu
kommen. Die Schwelle des Schlosses überschreiten, hieß in
mein träges, passives Leben zurückkehren, durch die stille Halle
gehen, die finstere Treppe hinaufsteigen, in mein einsames
Stübchen treten, dann die ruhige Frau Fairfax aufsuchen
und den langen, langen Winterabend mit ihr allein zubringen,
hieß die durch meinen Spaziergang erweckte, sanfte Erregung
dämpfen oder ganz ersticken, --- meine Fähigkeiten abermals in
die unsichtbaren Fesseln eines einförmigen und allzu stillen Daseins schmieden, eines Daseins, dessen Sicherheit und Ruhe ich
bereits nicht mehr zu schätzen wußte. Wie wohltätig würde es
da für mich gewesen sein, in den Stürmen eines ungewissen,
kämpfenden Lebens umhergeschleudert zu werden und durch
rauhe und bittere Erfahrung mich nach der Ruhe sehnen zu
lernen, die mir jetzt zuwider war, über die ich jetzt murrte! Ja,
nicht minder wohltätig wäre es für mich gewesen, als es für
einen des Sitzens in einem gemächlichen Lehnstuhle überdrüssigen
Mann ist, einen großen Spaziergang zu machen, und ebenso
natürlich, wie bei letzterem, war auch bei mir der Wunsch, mich
bewegen zu können.
ich blieb am Tore --- ich blieb auf dem Rasenplatze stehen;
ich ging auf dem gepflasterten Platze vor dem Hause auf
und ab. Die Läden der Glastüren waren geschlossen! Ich konnte
nicht ins Innere sehen, und sowohl mein Auge, als mein Geist
schien von dem düstern Hause hinweggezogen zu werden, -- von
der grauen Höhle voll finsterer Zellen, wie es mir vorkam - -
zu dem vor mir ausgespannten Himmel, einem blauen,
wolkenlosen Meere, in dem der Mond mit feierlichem Schritte
emporstieg. Seine Scheibe schien aufzublicken, als er die Gipfel
der Hügel verließ, hinter denen er allmählich zum Vorschein gekommen war, und die er immer tiefer und tiefer unter sich zurückließ, -- und strebte mitternächtlich zu dem dunkeln, unergründlichen
Zenith empor. Jene blinkenden Sterne aber, die ihre Bahn
wandelten, machten mein Herz erbeben, meine Adern erglühen.
Unbedeutende Dinge rufen uns zur Erde zurück; die Glocke
schlug in der Halle. Dies reichte hin, ich wandte mich von
dem Mond und den Sternen ab, öffnete eine Seitentür und
ging hinein.
Die Halle war nicht dunkel, auch nicht bloß durch die hochhängende bronzene Lampe erleuchtet; ein helles Licht ergoß
sich sowohl über den weiten Raum, als über die untern Stufen
der eichenen Treppe. Dieser rötliche Schein kam aus dem großen
Speisezimmer hervor, dessen Flügeltür offen stand und ein
lustiges Feuer in dem marmornen Kamin und daneben
purpurrote Draperien und polierte Möbel in ihrem prächtigsten
Glanze sehen ließ. Auch erblickte ichmehrere Personen, die
vor dem Kamin standen; indessen hatte ich sie kaum bemerkt
und zugleich ein frohes Gemisch von Stimmen, unter denen ich
Adeles Laute zu unterscheiden glaubte, kaum vernommen, als
die Tür zuging.
ich eilte in Frau Fairfax' Zimmer; auch da war ein Feuer,
aber kein Licht und keine Frau Fairfax. Anstatt ihrer sah ich
einen großen, langhaarigen, schwarzweißen Hund, ganz ähnlich
dem Gytrash im Heckenwege, ganz allein und aufrecht auf der
Kaminvorlage sitzen und ernsthaft in das Feuer Blicken. Er
hatte eine so große Aehnlichkeit mit ersterem, daß ich auf ihn zuging und ihn rief:
Pilot! Da stand das Vieh auf, kam auf mich zu und beschnüffelte mich. Ich tätschelte ihn, und er wedelte mit seinem
großen Schwanze; doch sah er zu unheimlich aus, als daß ich
mit ihm hätte allein sein mögen. Ich klingelte, denn ich brauchte
ein Licht und wollte auch wissen, wie dieser Gast hierhergekommen war.
Leah trat ein.
Was ist das für ein Hund?
Er ist mit seinem Herrn gekommen.
Mit wem?
Mit Herrn -- - Herrn Rochester - -- er ist eben angekommen.
Wirklich? Und ist Frau Fairfax bei ihm?
Ja, und Fräulein Adele auch. Sie sind im Speisezimmer, und
John holt einen Chirurgen; denn dem Herrn ist ein kleines
Unglück passiert; sein Pferd ist gestürzt, und er hat sich den Fuß
verrenkt.
Ist das Pferd auf dem nach Hay führenden Wege gestürzt?
Ja, als es den Hügel herabging; es ist auf dem Eise ausgeglitten.
Ah bring mir ein Licht, Leah, ja?
Leah brachte es, mit ihr kam Frau Fairfax, die das, was das
Hausmädchen gesagt hatte, bestätigte und hinzusetzte, der Wundarzt Carter sei bereits da und befinde sich bei Herrn Rochester.
Dann eilte sie hinaus, um wagen des Tees das Nötige anzuordnen, und ich ging die Treppe hinauf, um Hut, Mantel
u.s.w. abzulegen.
Dreizehntes Kapitel.
Herr Rochester ging nach der Anordnung des Wundarztes an
jenem Abende bald zu Bette; auch stand er am folgenden
Morgen nicht früh auf. Als er die Treppe herabkam, geschah
es, um Geschäfte zu besorgen, denn sein Verwalter und einige
seiner Pächter waren gekommen und warteten auf ihn.
Adele und ich mußten nun das Bibliothekzimmer räumen, da
es täglich als Empfangszimmer für Leute, die mit Herrn Rochester geschäftlich zu verhandeln hatten, dienen sollte. Es wurde
in einem Zimmer des ersten Stockwerks Feuer gemacht; ich trug
unsere Bücher dahin und richtete es zu unserm künftigen
Schulzimmer ein. Im Laufe des Morgens hatte ich reichlich
Gelegenheit zu bemerken, daß mit Thornfield Hall eine gänzliche Veränderung vorgegangen; es herrschte keine feierliche
Stille mehr, wie in einer Kirche, denn es verging fast keine
Stunde, wo nicht an die Tür geklopft oder geläutet wurde;
oft hörte man auch Schritte in der Halle, und neue Stimmen
sprachen unten in höherem oder tieferen Tone; ein Bächlein
strömte von der Außenwelt herein; das Schloß hatte einen
Herrn, und was mich betrifft, so gefiel es mir so besser.
Adele war an dem Tage nicht leicht zum Lernen zu bringen;
sie war zerstreut. Bald lief sie zur Tür hinaus und blickte
über das Treppengeländer, in der Hoffnung, Herrn Rochester
zu sehen; bald erfand sie diesen oder jenen Vorwand, die Treppe
hinabzugehen, um, wie ichvermutete, das Bibliothekzimmer
aufzusuchen, wo man sie doch ganz und gar nicht brauchen konnte.
Wurde ich dann böse und zwang sie, still zu sitzen, so sprach
sie unaufhörlich von ihrem ami Monsieur Eduard Fairfax de
Rochester, wie sie ihn nannte - ich hatte seine Vornamen noch
nie gehört --, und stellte Vermutungen über die Geschenke an,
die er ihr wohl mitgebracht hätte; denn er hatte den Abend
zuvor einen Wink fallen lassen, wenn sein Gepäck von Millcote
käme, würde sich darin ein Schächtelchen finden, dessen Inhalt
ihr nicht unerwünscht sein dürfte.
Et cela doit signifier, sagte sie, qu'il y aura là dedans un
cadeau pour moi et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle.
Monsieur a parlé de vous, il m'a demandé le nom de ma
gouvernante, et si elle n'etait pas une petite personne, assez mince
et un peu pâle. J'ai dit que oui: car c'est vrai, n'est-ce pas,
Mademoiselle?
ich speiste mit meiner Schülerin wie gewöhnlich in Frau
Fairfax' Zimmer zu Mittag; da der Nachmittag stürmisch war
und das Schneegestöber jeden Spaziergang unmöglich machte,
so blieben wir in dem Schulzimmer. Mit einbrechender Dunkelheit gab ich Adele die Erlaubnis, Bücher und Arbeit weg-
zulegen und die Treppe hinabzugehen; denn aus der verhältnismäßigen Stille, die unten eingetreten war, sowie daraus, daß
die große Klingel an der Haustür sich nicht mehr hören ließ,
schloß ich, daß Herr Rochester nun frei sei. Als ich allein war,
ging ich an das Fenster, aber von dort aus ließ sich schlechterdings nichts sehen, die Dämmerung und die Schneeflocken ver-
dichteten die Luft und ließen nicht einmal die Gesträuche auf
dem Rasenplatze mehr erkennen. Ich ließ den Vorhang herab
und ging an den Kamin zurück.
In den hellen, glühenden Kohlen stellte sich meinem Auge eine
Ansicht dar, nicht unähnlich einem Gemälde von dem Heidelberger Schloß am Neckar, das ich mich erinnerte gesehen zu
haben, --- als Frau Fairfax hereinkam und durch ihren Eintritt
die feurige Mosaikarbeit unterbrach, die ich mir zusammensetzte,
und zugleich einige allzu schwere, unwillkommene Gedanken zerstreute, die sich mir in meiner Einsamkeit aufzudrängen begannen.
Es wäre Herrn Rochester lieb, wenn Sie und Ihre Schülerin
diesen Abend den Tee im Gesellschaftszimmer mit ihm trinken
wollten, sagte sie. Er ist den ganzen Tag so sehr beschäftigt
gewesen, daß er Sie noch nicht früher hat zu sich bitten lassen
können.
Wann trinkt er seinen Tee? fragte ich.
O, um sechs Uhr, auf dem Lande steht er früh auf und geht
früh zu Bette. Kleiden Sie sich jetzt also rasch um, ich will
Ihnen dabei behilflich sein.
Muß ich ein anderes Kleid anziehen?
Ja, Sie werden gut daran tun; ich kleide mich für den Abend
stets besser an, wenn Herr Rochester hier ist.
Dieses Zeremoniell kam mir etwas steif vor, indessen begab
ich mich in mein Zimmer und vertauschte mit Frau Fairfax'
Hilfe mein schwarzes Zeugkleid mit einem andern von schwarzer
Seide, dem besten und einzigen, das ich noch hatte, neben einem
hellgrauen, das mir nach meinen von Lowood mitgebrachten
Ansichten als zu schön und fein vorkam, um bei andern, als
besonders feierlichen Gelegenheiten getragen zu werden.
Sie brauchen noch eine Brosche, sagte Frau Fairfax. Ich
hatte eine mit einer einzigen kleinen Perle verzierte, die mir
Fräulein Temple beim Abschied zum Andenken gegeben hatte.
Diese steckte ich an, und dann gingen wir die Treppe hinunter.
Wenig gewöhnt an Fremde, war es für mich keine kleine
Aufgabe, vor Herrn Rochester nach einer so förmlichen Aufforderung zu erscheinen. Frau Fairfax mußte zuerst in das
Speisezimmer hineingehen; als wir durch dieses Zimmer ginget
und durch den Schwibbogen, dessen Vorhang jetzt niedergelassen
war, hindurch in das elegante, jenseits gelegene Gemach traten,
hielt ich mich in ihrem Schatten.
Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf
dem Kaminsimse; in dem Lichte und der Wärme eines prächtigen
Feuers lag Pilot, -- Adele kniete neben ihm. In halbliegender
Stellung zeigte sich Herr Rochester auf dem Sofa, mit einem auf
dem Kissen ruhendem Fuße; er sah Adele und den Hund an,
und das Feuer schien ihm voll ins Gesicht. Ich erkannte meinen
Reiter mit seinen breiten kohlschwarzen Augenbrauen, seiner
viereckigen Stirn, noch eckiger gemacht durch die horizontale
Richtung seines schwarzen Haares. Ich erkannte die energische
Nase, die mehr durch ihren Charakter, als Schönheit bemerkenswert war; die weiten Nasenlöcher, die, wie ich glaubte, ein
jähzorniges Temperament andeuteten; seinen grimmigen Mund,
sein grimmiges Kinn und seinen grimmigen Unterkiefer -- ja,
alle drei waren sehr grimmig - - es war keine Täuschung möglich. Seine Gestalt, jetzt von keinem Mantel verdeckt, erschien
mir nicht minder eckig, als sein Gesicht. Ich gebe zu, daß sie sich
gut präsentierte, im athletischen Sinne des Worts -- die
Brust breit und die Taille schmal - - aber weder groß, noch
graziös.
Herr Rochester mußte bemerkt haben, daß Frau Fairfax und
ich eingetreten waren, allein er war nicht un der Stimmung,
von uns Notiz zu nehmen, denn er erhob seinen Kopf nicht,
als wir uns näherten.
Gnädiger Herr, sagte Frau Fairfax in ihrer ruhigen Weise.
Er nickte mit dem Kopf, ohne indessen sein Auge von dem
Hunde und dem Kinde abzuwenden.
Fräulein Eyre mag Platz nehmen, sagte er. Und es lag in
der gezwungenen, steifen Verbeugung, in dem ungeduldigen und
doch gezierten Tone etwas, was noch weiter zu sagen schien:
Was zum Henker liegt mir daran, ob Fräulein Eyre da ist oder
nicht? In diesem Augenblicke bin ich nicht in der Stimmung,
sie anzuhören.
Ohne alle Verlegenheit setzte ich mich. Wahrscheinlich hätte
ein ausgesucht höflicher Empfang mich verwirrt, denn ich hätte
Grazie und Eleganz nicht wieder mit Grazie und Eleganz erwidern
können. Aber die rauhe Laune enthob mich aller Verpflichtung,
und sobald ich nur ein anständiges Schweigen beobachtete, hatte
ich den Vorteil ganz auf meiner Seite. Auch war die Exzentrizität
des Verfahrens pikant genug, es verlangte mich zu sehen,
wie er sich weiter benehmen würde.
Er benahm sich aber wie eine Bildsäule, das heißt, er sprach
weder ein Wort, noch rührte er sich. Frau Fairfax; schien es
für geboten zu halten, daß doch wenigstens jemand einige
Liebenswürdigkeit an den Tag lege, und so hob sie denn zu
reden an. Freundlich und etwas trivial --- wie gewöhnlich,
--- sprach sie ihr Bedauern darüber aus, daß er den Tag
über so viel zu tun gehabt, über die Last, die ihm bei seiner
schmerzlichen Fußverrenkung das Geschäft verursacht haben müsse,
und lobte dann die Geduld und Beharrlichkeit, die er dabei
bewiesen.
ich möchte meinen Tee haben, war die ganze Antwort, die
sie erhielt.
Frau Fairfax klingelte eilig, und als das Teebrett hereinkam,
ordnete sie Tassen, Löffel u. s. w. mit geschäftiger Schnelligkeit.
ich und Adele gingen an den Tisch hin, der Herr aber verließ
sein Sofa nicht.
Wollen Sie Herrn Rochester seine Tasse reichen? sagte Frau
Fairfax zu mir. Adele möchte den Tee verschütten.
ich tat, wie ich gebeten worden. Als er mir die Tasse aus
der Hand nahm, rief Adele, die den Augenblick für passend
hielt, um für mich um eine Gunst anzuhalten:
N'est-ce pas, Monsieur, qu'il y un cadeau pour Mademoiselle Eyre, dans votre petit coffre?
Ach was Geschenk! knurrte er. Haben Sie ein Geschenk
erwartet, Fräulein Eyre? Haben Sie Geschenke gern?
Und er prüfte mein Gesicht mit seinen, wie ich sah, dunkeln,
durchdringenden und grimmigen Augen.
ich weiß es nicht recht Herr Rochester, ich verstehe mich
wenig darauf, habe wenig Erfahrung in der Sache; indessen
hält man Geschenke gewöhnlich für etwas Angenehmes.
Man hält sie gewöhnlich für etwas Angenehmes! Wie denken
Sie selbst aber darüber?
Es wäre mir lieb, Herr Rochester, wenn Sie mir einige Zeit
gönnten, um Ihnen eine genügende Antwort auf Ihre Frage
geben zu können. Ein Geschenk läßt sich von gar vielen Gesichtspunkten auffassen, nicht wahr? Und man sollte vorher alles betrachten, ehe man eine Meinung über die Natur desselben
ausspricht.
Fräulein Eyre, Sie sind nicht so unbefangen, Sie rücken mit
der Sprache nicht so ohne alle Hintergedanken heraus, wie
Adele, die verlangt von mir laut ein Geschenk, sobald sie mich
nur erblickt; Sie aber gehen um die Frage wie die Katze um
den Brei herum.
Weil ich zu meinen Verdiensten weniger Vertrauen habe, als
Adele. Sie kann ihre alte Bekanntschaft mit Ihnen, sowie auch
das Recht der Gewohnheit geltend machen, denn sie sagt, Sie
hätten ihr beständig Spielsachen geschenkt. Hätte ich aber einen
Grund anzugeben, so wäre ich in Verlegenheit, da ich eine
Fremde bin und nichts getan habe, um ein Geschenk erwarten
zu können.
O, nur keine übertriebene Bescheidenheit! Ich habe Adele
geprüft und finde, daß Sie sich mit ihr viel Mühe gegeben
haben. Sie hat keine glänzenden Anlagen, und doch hat sie in
kurzer Zeit recht viel gelernt.
Herr Rochester, Sie haben mir nun mein Geschenk gegeben;
ich bin Ihnen zu Dank verbunden. Der Lohn, wonach Lehrer
am eifrigsten streben müssen, ist, daß man sie wegen der Fortschritte ihrer Schüler lobt.
Hm! sagte Herr Rochester und trank seinen Tee stillschweigend.
Kommen Sie zum Feuer her, sagte er, als das Teegeschirr
weggeräumt war, und Frau Fairfax mit ihrem Strickzeug sich
in eine Ecke gesetzt hatte, während Adele mich bei der Hand
im Zimmer herumführte und mir die scönen Bücher und Zieraten auf den Wandgestellen und Eckbrettchen zeigte.
Wir gehorchten, wie wir verpflichtet waren. Adele wollte sich
auf meinen Schoß setzen, erhielt aber den Befehl, sich mit Pilot
zu tun zu machen.
Sie sind nun seit drei Monaten in meinem Hause?
Jawohl, Herr Rochester.
Und Sie kommen aus-- ?
Aus der Schule zu Lowood, in der Grafschaft - -
Ah, eine Wohltätigkeitsanstalt.-- Wie lange sind Sie dort gewesen.
Acht Jahre.
Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich dächte,
die halbe Zeit, in einem solchen Orte zugebracht, müßte auch
die beste Körperkonstitution aufreiben! Kein Wunder, daß Sie
aussehen, als kämen Sie eher aus einer andern, als dieser Welt.
Als Sie gestern abend auf dem Heckenwege mir so unerwartet
aufstießen, dachte ich umwillkürlich an Feenmärchen und war
versucht, Sie zu fragen, ob Sie mein Pferd nicht behext hätten,
und noch jetzt bin ich meiner Sache nicht ganz sicher. Wer
sind Ihre Eltern?
ich habe keine.
Vermute, Sie haben auch nie welche gehab; erinnern Sie
sich ihrer?
Nein.
Konnt' ich mir denken. Und Sie haben also auf Ihre Leute
gewartet, als Sie auf jener Treppe saßen?
Auf wen?
Auf die grün gekleideten Männer, es war ein passender Mondscheinabend für Sie. Habe ich einen Ihrer Kreise durchbrochen,
daß Sie das verdammte Eis über die Straße breiteten?
ich schüttelte den Kopf.
Die Grünröcke haben England nun schon seit hundert Jahren
verlassen, sagte ich, in ebenso ernstem Tone, wie er zuvor. Und
nicht einmal in Hay Lane, oder auf den Feldern umher ließe
sich eine Spur von ihnen finden. Ich denke, weder der Sommer-,
noch der Herbst-, noch der Wintermond wird je wieder ihre
Lustbarkeiten bescheinen.
Frau Fairfax hatte ihr Strickzeug auf ihren Schoß fallen
lassen und schien mit erhobenen Augenbrauen sich verwundert
zu fragen, was denn das für ein Gespräch sei.
Nun fing Herr Rochester wieder an. Wenn Sie gar keine
Eltern haben wollen, so müssen Sie doch wohl Verwandte irgend
einer Art, Oheime oder Tanten, haben?
Nein, keine, die ich je gekannt hätte.
Und Ihre Heimat?
ich habe keine.
Wo wohnen Ihre Geschwister?
ich habe keine Geschwister.
Wer hat Sie hierher empfohlen?
ich habe eine Annonce in die Zeitung rücken lassen, und Frau
Fairfax hat mir darauf geantwortet.
Ja, sagte die gute Dame, die jetzt wußte, auf welchem Boden
wir uns befanden, und ich danke täglich der Vorsehung, daß
sie mich diese Wahl hat treffen lassen. Fräulein Eyre ist für
mich eine unschätzbare Gesellschafterin und für Adele eine freundliche, sorgsame Lehrerin.
Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugnis auszustellen, entgegnete Herr Rochester. Lobsprüche werden auf mein Urteil
nie einen Einfluß haben, ich urteile nach meinen eigenen Eindrücken. Sie hat damit begonnen, daß sie mein Pferd zu Fall
brachte.
Was? sagte Frau Fairfax.
Diese Verstauchung verdanke ich ihr.
Die Witwe wußte offenbar nicht, was sie denken sollte.
Fräulein Eyre, haben Sie auch schon in einer Stadt gelebt?
Nein, Herr Rochester.
Haben Sie schon viel gesellschaftlichen Verkehr gehabt?
Keinen, als mit den Schülerinnen und Lehrerinnen zu Lowood
und nun mit den Bewohnern von Thornfield.
Haben Sie viel gelesen?
Nur solche Bücher, die mir zufällig in die Hand kamen; und
die sind weder zahlreich noch gelehrt gewesen.
Sie haben wie eine Nonne gelebt, ohne Zweifel haben Sie
die religiösen Gebräuche und Formen tüchtig los; -- Brocklehurst, der, wie ich höre, Direktor der Schule zu Lowood ist, ist
Pfarrer, nicht wahr?
Ja, Herr Rochester.
Und Ihr Mädchen habt ihn wahrscheinlich verehrt, wie ein
Kloster voller Nonnen ihren Beichtvater.
O nein!
Sie sind sehr kühl! Nein! Was? Eine Novize verehrt ihren
Priester nicht? Das klingt ja ganz gotteslästerlich.
ich habe Herrn Brocklehurst nie leiden mögen, auch war ich
nicht die einzige, die dieses Gefühl hegte. Er ist ein harter
und dabei eitler Mann gewesen, der sich in alles mischte. Er
hat uns das Haar abschneiden lassen und hat uns aus Sparsamkeit schlechte Nadeln und schlechten Faden gekauft, womit
wir kaum zu nähen imstande waren.
Das war eine sehr übel angebrachte Sparsamkeit, bemerkte
Frau Fairfax, die nun wieder wußte, wovon man eigentlich
sprach.
Und war das alles, wodurch er sich gegen euch vergangen
hat? fragte Herr Rochester.
Er ließ uns Hunger leiden, als er vor Einsetzung des Komitees,
allein die Oberaufsicht über alles, was die Beköstigung betraf,
führte. Auch langweilte er uns jede Woche einmal mit langen
Predigten und Abendvorlesungen aus seinen Schriften, worin
von jähem Tode und vom jüngsten Gericht geschrieben stand, ---
weshalb wir uns fürchteten, zu Bette zu gehen.
Wie alt sind Sie gewesen, als Sie nach Lowood kamen?
Etwa zehn Jahr.
Und Sie sind acht Jahre dort geblieben, mithin sind Sie jetzt
achtzehn?
ich bejahte es.
Die Rechenkunst ist, wie Sie sehen, ein nützliches Ding, ohne
deren Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen, Ihr Alter zu
erraten. Das ist überhaupt etwas Schweres, wo Ausdruck und
Gesichtszüge so wenig harmonieren, wie bei Ihnen. Und nun,
was haben Sie in Lowood gelernt? Spielen Sie Klavier?
Ein wenig.
Natürlich, das ist die Antwort, die man immer zu hören be-
kommt. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer -- ich meine, wenn
Sie die Güte haben wollen.--- Entschuldigen Sie den befehlen-
den Ton, in dem ich zu Ihnen spreche; ich bin gewohnt zu sagen:
Tue dies, und es geschieht. Ich kann um einer neuen Hausgenossin willen meine alten Gewohnheiten nicht ändern. ---- Gehen
Sie also in das Bibliothekzimmer, nehmen Sie ein Licht mit,
lassen Sie die Tür offen, setzen Sie sich an das Klavier und
spielen Sie mir etwas vor!
ich ging und tat, wie er mir gesagt.
Genug! rief er nach einigen Minuten. Wie ich sehe, spielen
Sie ein wenig, wie jedes andere englische Mädchen, das die
Schule besucht hat, vielleicht etwas besser, als diese oder jene,
aber nicht gut.
ich machte das Klavier zu und kam zurück. Herr Rochester
fuhr fort:
Adele hat mir diesen Morgen einige Skizzen gezeigt, die Sie
gemacht haben sollen. Ich weiß nun nicht, ob sie ganz von
Ihnen sind; wahrscheinlich hat ein Zeichenlehrer Ihnen geholfen?
Nein, wirklich nicht! rief ich.
Ah, das verletzt Ihren Stolz. Nun gut, so holen Sie mir
Ihre Mappe, wenn Sie dafür einzustehen vermögen, daß ihrem
Inhalt der Name von Originalen zukommt. Geben Sie Ihr
Wort aber ja nicht, wenn Sie Ihrer Sache nicht gewiß sind;
ich kann zusammengeflicktes Zeug wohl unterscheiden.
In dem Falle sage ich nichts; Sie sollen selbst urteilen, Herr
Rochester.
ich brachte die Mappe aus der Bibliothek herbei.
Schieben Sie den Tisch etwas näher, sagte er, und ich rollte
denselben vor sein Sofa hin. Adele und Frau Fairfax kamen
auch herbei, um die Gemälde zu sehen.
Kein Gedränge! sagte Herr Rochester; nehmen Sie die Zeichnung aus meiner Hand, wenn ich damit fertig bin; strecken Sie
aber nicht das Gesicht zu meinem her.
Er betrachtete jede Skizze und jedes gemalte Bild mit vieler
Bedächtigkeit. Drei legte er beiseite; die andern schob er
von sich, als er sie angesehen hatte.
Nehmen Sie sie weg und legen Sie sie auf den andern Tisch,
Frau Fairfax, sagte er, und sehen Sie sie mit Adele an; - -
Sie aber -- mit einem Blick auf mich ---- setzen sich wieder, und
antworten Sie mir auf meine Fragen. Ich sehe, diese Bilder
sind von einer einzigen Hand gemalt, der Ihren.
Ja.
Und wann haben Sie die Zeit dazu gefunden? Sie haben
viel Zeit und auch einiges Nachdenken gekostet.
ich habe sie während der zwei letzten Ferien gemacht, die
ich zu Lowood zubrachte, wenn ich nichts anderes zu tun hatte.
Wo haben Sie die Originale her?
Aus meinem Kopfe.
Aus dem Kopfe, den ich da auf Ihren Schultern sehe?
Demselben, Herr Rochester!
Ist der noch mit andern derartigen Dingen ausstaffiert?
Das wollt' ich meinen Ja, ich hoffe -- mit noch besseren.
Er breitete die Bilder vor sich hin und betrachtete sie nach
der Reihe noch einmal.
Meine Malereien waren natürlich keine außerordentlichen
künstlerischen Leistungen, hatten aber wenigstens den Vorzug,
daß sie einer lebhaft angeregten Phantasie entsprungen waren.
Als ich die Vorbilder mit dem Auge meines Geistes sah, ehe
ich es versuchte, sie zu verkörpern, hatten sie etwas Eigenartiges,
Imposantes, aber meine Hand blieb hinter meiner Phantasie
zurück und brachte nur ein sehr abgeblaßtes Bild von dem her-
vor, was meiner Phantasie vorgeschwebt hatte.
Diese Bilder waren in Wasserfarben gemalt. Das erste stellte
niedrige, bleifarbige, über eine hochgehende See dahinrollende
Wolken dar. Der ganze ferne Hintergrund war in Dunkel ge-
hüllt und ebenso auch der Vordergrund, oder, richtiger gesprochen,
die nächsten Wogen; denn Land war nicht da. Ein Lichtschimmer
hob einen halb untergetauchten Mast hervor, auf dem ein
schwarzer und großer Seerabe mit schaumbesprizten Flügeln
saß, im Schnabel hielt er ein goldenes, mit Edelsteinen besetztes
Armband, dem ich so glänzende Farben gegeben hatte, als meine
Palette nur zuließ. Unter den Vogel und den Mast hinab-
sinkend, sah ein Leichnam aus dem grünen Wasser hervor; ein
weißer Frauenarm war das einzige Glied, das man deutlich
sah; von diesem war das Armband abgespült oder abgerissen
worden.
Das zweite Bild enthielt als Vordergrund nichts, als den
äußeren Gipfel eines Hügels, mit Gras und einigen Blättern,
die wie durch einen sanften Wind seitwärts gewendet waren.
Jenseits und über demselben dehnte sich das Himmelsgewölbe
aus, dunkelblau, wie beim Zwielicht; zum Himmel aufsteigen
sah man die Büste einer weiblichen Gestalt, die ich mit möglichst
dämmerigen und weichen Farben gemalt hatte. Die nebelumschwommene Stirn krönte ein Stern, die Züge des Gesichtes
sahen wie aus einem Dunst hervor, die Augen funkelten düster
und wild, das Haar flog wie ein Schatten dahin, wie eine vom
Sturm oder durch elektrische Kraft zerrissene glanzlose Wolke.
Am Halse bemerkte man einen blassen Abglanz des Mondlichts,
und der nämliche matte Glanz streifte die dünne Wolke, aus der
diese Vision des Abendsterns emporstieg und sich herniederneigte.
Das dritte zeigte die Kuppe eines Eisbergs, die durch den
Winterhimmel am Nordpol hindurchragt, ein Heer von Nordlichtern hielt am Horizont seine dicht gedrängten Lanzen empor.
Alles dies trat in den Hintergrund vor einem riesigen Haupte,
das sich vorn gegen den Eisberg neigte und darauf ruhte. Zwei
schmale Hände, unter der Stirn gefaltet und diese stützend,
warfen auf den untern Teil des Gesichtes einen schwarzen
Schatten, eine blutlose Stirn, weiß wie Elfenbein, und ein
hohles starres Auge, in dem nichts zu lesen war, als der gläserne
Ausdruck der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Ueber den
Schläfen, unter gewundenen Turbanfalten von schwarzer Draperie, funkelte ein Ring von weißen Flammen, mit Funken von
düsterer Färbung, wie mit Edelsteinen besetzt. Dieser blasse
Halbmond war das Abbild einer Königskrone; das, worum
es sich als Diadem wand, war die Gestalt, die keine Gestalt
hatte.
Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten? fragte
Herr Rochester einen Augenblick darauf.
ich war ganz in Gedanken vertieft, Herr Rochester. Jawohl,
ich war glücklich! Mit einem Worte, ich malte sie mit einem
Vergnügen, wie ich nie in meinem Leben ein größeres empfunden
habe.
Das will nicht viel sagen. Ihre Freuden, Ihre Vergnügungen
sind, wie Sie ja selbst sagen, nur gering an Zahl gewesen;
doch Sie mußten wohl, während Sie diese seltsamen Farben
mischten und ordneten, in einer Art künstlerischen Traumlandes
sein. Saßen Sie immer lange dabei?
ich hatte sonst nichts zu tun, da es Ferienzeit war, und ich
saß dabei vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis
zum Abend; die langen Sommertage um Johannis begünstigten
meine Neigung, so fleißig wie möglich zu sein.
Und Sie waren innerlich zufrieden mit dem Ergebnisse Ihres
beharrlichen Fleißes?
Keineswegs. Der große Abstand zwischen meiner Idee
und meiner Hände Arbeit quälte mich; immer hatte ich mir
etwas gedacht, was ich ganz und gar unvermögend war auszuführen.
Nicht so ganz! - - Sie haben den Schatten Ihres Gedankens
hingeworfen, wahrscheinlich aber nichts weiter. Es gebrach
Ihnen an dem künstlerischen Können und Wissen, um ihn vollständig wiederzugeben; indessen sind die Zeichnungen für ein
Schuldmädchen eigentümlich genug. Was die Gedanken betrifft,
so sind sie geisterhaft. Diese Augen in dem Abendstern müssen
Sie in einem Traum gesehen haben. Wie haben Sie es angegriffen, um sie hell und dennoch grell beleuchtet darzustellen?
Denn der Planet darüber dämpft ihre Strahlen. Und welche
Bedeutung liegt nicht in ihrer ernsten Tiefe! Und wer hat
Sie gelehrt, den Wind zu malen? Unter dem Himmel da weht
ein heftiger Sturm und ebenso hier über diesem Hügel. Wo
haben Sie Latmos gesehen? -- denn das ist Latmos. Da, -
nehmen Sie die Zeichnungen weg!
ich hatte meine Mappe kaum zugebunden, als er, auf seine
Uhr blickend, mit einem Male sagte:
Es ist neun Uhr. Wo denken Sie hin, Fräulein Eyre, daß
Sie Adele so lange aufbleiben lassen? Bringen Sie sie zu Bett!
Adele ging zu ihm hin, um ihn zu küssen, ehe sie das Zimmer
verließ. Er duldete diese ihre Liebkosung, schien aber kaum mehr
Vergnügen daran zu empfinden, als Pilot empfunden haben
würde, oder vielleicht nicht einmal so viel.
Nun wünsche ich euch allen guten Abend, sagte er, mit einer
Handbewegung nach der Tür hin, zum Zeichen, daß er unsere
Gesellscaft nicht länger wünsche. Frau Fairfax kramte ihr
Strickzeug zusammen, ich nahm meine Mappe; wir verneigten
uns gegen ihn, erhielten dafür von ihm eine kalte Verbeugung
und nahmen so Abschied von ihm.
Sie sagten, Herr Rochester hätte keine besonderen Eigentümlichkeiten, Frau Fairfax, bemerkte ich, als ich sie wieder in ihrem
Zimmer antraf, nachdem ich Adele zu Bette gebracht hatte.
Nun, hat er denn welche?
ich glaube ja. Er ist sehr launisch, auch spricht er so ab-
gebrochen.
Das ist wahr. Ohne Zweifel mag er Fremden so scheinen,
aber ich bin an seine Art schon so gewöhnt, daß sie mir nicht
mehr auffällt. Und dann, wenn er etwas Besonderes in
seinem Temperamente hat, so darf man ihm wohl etwas zu
gute halten.
Warum?
Zum Teil, weil es so seine Natur mit sich bringt und
niemand kann ja dagegen etwas; zum Teil quälen ihn gewiß
auch trübe Gedanken.
Was für trübe Gedanken?
Familiensorgen, zum Teil.
Aber er hat ja keine Familie?
Nicht mehr; aber er hat doch eine gehaubt- oder wenigstens
Verwandte. Erst vor wenigen Jahren hat er seinen älteren
Bruder verloren.
Seinen älteren Bruder?
Ja. Der gegenwärtige Herr Rochester ist noch nicht lange
im Besitze des Vermögens, es sind erst etwa neun Jahre.
Neun Jahre sind eine schöne Zeit. Hatte er denn seinen
Bruder so gern, daß er wegen seines Todes immer noch untröstlich ist?
Nein - vielleicht nicht. Ich glaube, es walteten zwischen
ihnen einige Misverständnisse ob***. Herr Rowland Rochester war
nicht ganz gerecht gegen Herrn Eduard, und vielleicht nahm er
seinen Vater gegen ihn ein. Der alte Herr liebte das Geld gar
sehr und wollte das Familiengut beisammen behalten. Er mochte
das Vermögen nicht durch Teilung verringern, und doch sollte
Herr Eduard auch reich sein, um den Glanz des Familiennamens
aufrecht zu erhalten; und sobald er volljährig war, wurden
einige Schritte getan, die nicht ganz ehrlich waren und viel
Unheil anrichteten. Der alte Herr Rochester und Herr Rowland
vereinigten sich, um Herrn Eduard in eine Lage zu bringen,
die er als eine peinliche ansah, --- einzig und allein, damit er
sein Glück machen solle. Welcher Art eigentlich diese Lage war,
habe ich nie genau erfahren; aber sein Stolz konnte nicht ertragen, was er dabei zu leiden hatte. Er ist nicht sehr versöhnlich, und so brach er mit seiner Familie und hat nun seit vielen
Jahren ein unstetes Leben geführt. Ich denke nicht, daß er
sich in Thornfield je vierzehn Tage hintereinander aufgehalten hat, seitdem er infolge des Todes seines ohne
Testament gestorbenen Bruders Herr des Stammgutes geworden
ist, und es ist in der Tat kein Wunder, wenn er den alten
Ort meidet.
Welche Ursache hat er aber, ihn zu meiden?
Vielleicht hält er ihn für gar zu traurig, für unheimlich.
Die Antwort war eine ausweichende-- ich hätte eine klarere
gewünscht; aber Frau Fairfax konnte entweder oder wollte mir
nicht ausführlicher Auskunft über den Ursprung und die Beschaffenheit der Prüfungen, die Herr Rochester durchgemacht,
geben. Sie behauptete, sie wären für sie selbst ein Geheimnis,
und was sie wisse, gründe sich hauptsächlich nur auf Vermutungen. Augenscheinlich wünschte sie, daß ich den Gegenstand
ruhen lassen möchte, was ich daher auch tat.
Vierzehntes Kapitel.
Mehrere Tage lang sah ich nun Herrn Rochester nur selten.
In den Morgenstunden schien er viel zu tun zu haben, und
nachmtittags kamen Herren von Millcote oder aus der Nachbarschaft und blieben bisweilen bei ihm zu Tische. Als sein
verrenkter Fuß wieder so weit kuriert war, daß er zu Pferde
steigen konnte, ritt er viel aus, wahrscheinlich, um diese Besuche
zu erwidern, denn er kam gewöhnlich erst spät in der Nacht
zurück.
Während dieser Zeit durfte selbst Adele nur selten vor ihm
erscheinen, und der ganze Verkehr zwischen ihm und mir beschränkte sich auf eine zufällige Begegnung in der Halle, auf
der Treppe, oder in dem Korridor; da ging er bisweilen stolz
und kalt an mir vorüber, ohne mich auf andere Weise zu grüßen,
als durch eine fast unmerkliche Bewegung des Kopfes oder durch
einen kalten Blick. Bisweilen aber lächelte er und verneigte sich
mit der einem Kavalier zukommenden Höflichkeit. Seine
gleiche Stimmung beleidigte mich aber nicht, weil ich sah,
ich daran keine Schuld
Eines Tags hatte er Gesellschaft zum Mittagessen und lief
mich um meine Mappe bitten, ohne Zweifel, um deren Inhalt
zu zeigen. Die Herren entfernten sich bald, um zu einer öffentlichen Versammlung in Millcote zu gehen, wie Frau Fairfax mir sagte. Da aber die Nacht naß und unfreundlich war, so begleitete Herr Rochester sie nicht. Bald nach ihrer Entfernung
klingelte er; es kam eine Botschaft, des Inhalts, daß ich mit
Adele hinunterkommen solle. Ich bürstete Adeles Haar und
machte sie so adrett wie möglich, und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich selbst auf meine gewöhnliche simple Weise
herausgeputzt war, so daß es nichts mehr zu verbessern gab --- alles,
das geflochtene Haar mit einbegriffen, war zu einfach, zu dicht
anliegend, als daß es wieder aus der Ordnung hätte kommen
können - gingen wir hinab. Adele war begierig, zu sehen,
ob der kleine Koffer endlich angekommen sei; denn durch irgend
ein Versehen war seine Ankunft bis jetzt verzögert worden.
Ihr Verlangen wurde befriedigt; da stand er --- eine kleine
Schachtel --- auf dem Tische, als wir in das Speisezimmer
traten. Sie schien es instinktmäßig zu wissen.
Ma boîte! ma boîte! rief sie, darauf zueilend.
Ja --- da ist endlich deine boîte; nimm sie in einen Winkel,
du echtes Pariserkind, und genehmige dir das Vergnügen, sie zu
entleeren, sagte die tiefe und etwas sarkastische Stimme des
Herrn Rochester, die aus der Tiefe eines ungeheuren, neben
dem Kamin stehenden Lehnstuhls hervorkam. Und merke dir,
fuhr er fort, du darfst mich nicht mit den Einzelheiten des
Zergliederungsprozesses, noch auch mit Bemerkungen über die
Beschaffenheit des Inhalts belästigen, deine Operation muß
in aller Stille vor sich gehen --- tiens-toi tranquille, enfant;
comprends-tu?
Adele schien dieser Aufforderung kaum zu bedürfen; schon hatte
sie sich mit ihrem Schatze zu einem Sofa hingemacht und war
damit beschäftigt, die Schnur, womit der Deckel befestigt war,
aufzuknüpfen. Als sie dieses Hindernis entfernt und einige
Umschläge aus Silberpapier emporgehoben hatte, rief sie bloß:
O Ciel! Que c'est beau! und blieb dann in freudige Betrachtung versunken.
Ist Fräulein Eyre da? fragte Herr Rochester, bald von seinem
Sitze aufstehend, und nach der Tür hin zu blicken, in deren Nähe
ich noch stand.
Gut! Kommen Sie her, nehmen Sie hier Platz! Und er zog
einen Stuhl zu dem seinigen hin. Ich habe das Kindergeplauder
nicht gern, fuhr er fort, denn als alter Junggesell verbinde ich
mit ihrem Gelispel keine angenehmen Erinnerungen. Es wäre
mir unerträglich, einen ganzen Abend tête-à-tête mit so einem
kleinen Balg zuzubringen. Ziehen Sie den Stuhl da nicht
weiter weg, Fräulein Eyre; sondern bleiben Sie da sitzen, wo
ich ihn hingestellt habe --- d. h. wenn Sie wollen. Der Henker
hole diese höflichen Redensarten! Stets vergesse ich sie. Auch
habe ich keine absonderliche Vorliebe für simple alte Damen.
Beiläufig gesagt, muß ich mir doch eine aufhalsen, es geht nicht
an, sie zu vernachlässigen. Sie ist eine Fairfax, oder doch an
einen Fairfax verheiratet gewesen; und Blut, sagt man, ist
dicker denn Wasser.
Er klingelte und ließ Frau Fairfax einladen, die auch bald
mit dem Strickkörbchen in der Hand herunterkam.
Guten Abend, Frau Fairfax. Ich habe in einer menschenfreundlichen Absicht nach Ihnen geschickt. Habe nämlich Adele
verboten, mir von ihren Geschenken zu schwatzen, und sie ist in
Gefahr, vor Ueberfülle zu bersten. Haben Sie die Güte, ihr als
Zuhörerin zu dienen, und unterhalten Sie sich ein bißchen mit ihr.
Es wird eine der wohltätigsten Handlungen sein, die Sie je
verrichtet haben.
In der Tat hatte Adele kaum Frau Fairfax erblickt, so mußte
letztere auch zu dem Sofa herankommen. Sofort ergoß sich
der porzellanene, elfenbeinerne und wächserne Schatz der Schachtel
in den Schoß der guten Dame, während Adele in dem gebrochenen
Englisch, das ihr zu Gebot stand, gegen sie ihr Entzücken ausdrückte und ihr alles zu erklären suchte.
Nachdem ich nun als guter Wirt meine Gäste in den Stand
gesetzt habe, einander zu unterhalten, fuhr Herr Rochester fort,
muß ich meinem eigenen Vergnügen nachgehen dürfen. Fräulein
Eyre, rücken Sie Ihren Stuhl noch etwas näher zu mir her!
Sie sind noch zu weit weg, ich kann Sie nicht sehen, ohne mir
in diesem bequemen Stuhle Unbequemlichkeiten zu verursachen,
wozu ich keine Lust habe.
ich tat, wie er mir geheißen, obgleich ich lieber etwas im
Schatten geblieben wäre, aber Herr Rochester hatte eine Art
zu befehlen, bei der sich der Gehorsam sozusagen von selbst
verstand.
Wie gesagt, wir waren in dem Speisezimmer. Der Kronleuchter, der zum Mittagessen angezündet war, ergoß festliche
Lichtströme durch das Zimmer, das große Feuer im Kamin
strahlte, die purpurnen Vorhänge hingen in reichen Falten von
dem hohen Fenster und dem noch höheren Schwibbogen herab;
alles war still, und man hörte außer dem gedämpften Geplauder
Adeles - - sie wagte nicht, laut zu sprechen - -- nur noch den
gegen die Fensterscheiben schlagenden Winterregen, ein Geräusch,
das jede Pause ausfüllte.
Herr Rochester, wie er in seinem mit Damast überzogenen
Lehnsessel so dasaß, erschien mir als ein anderer Mann, als
bisher, --- er sah nicht ganz so streng aus und bei weitem
nicht so finster. Es lag ein Lächeln auf seinen Lippen, und
seine Augen glänzten, ob vom Wein, kann ich nicht sagen, doch
hielt ich es für sehr wahrscheinlich. Kurz, er war in der
Stimmung, in der man ihn gewöhnlich nach dem Diner sah,
heiterer, gesprächiger, freundlicher und auch selbstzufriedener, als
des Morgens, wo die kalte, strenge Stimmung vorherrschte.
Doch sah er immer noch grimmig genug aus, sowie er seinen
massiven Kopf auf die schwellende Lehne seines Stuhles zurückgelegt hielt und das Licht des Feuers auf seine aus Granit
gehauenen Züge und seine großen, schwarzen Augen fiel --- denn
er hatte große, schwarze und dazu sehr schöne Augen, in ihrer
Tiefe zuweilen nicht ohne einen gewissen Ausdruck, der, wenn
er auch nicht Sanftmut war, doch wenigstens an dieses Gefühl
erinnerte.
Er hatte zwei Minuten lang in das Feuer geschaut und ich
ihn ebenso lange angesehen, als er sich plötzlich umwandte und
meinen auf sein Gesicht gerichteten Blick gewahrte.
Sie sehen mich an, Fräulein Eyre, sagte er. Halten Sie mich
für einen schönen Mann?
Hätte ich mich etwas besonnen, so würde ich auf diese Frage
mit einigen allgemeinen und höflichen Redensarten geantwortet
haben; aber, ich weiß nicht, wie es kam, noch ehe ich es selbst
gewahr wurde, entschlüpften meiner Zunge die Worte:
Nein, Herr Rochester!
Auf Ehre, Sie sind ein merkwürdiges Wesen! sagte er. Sie
sehen wie ein Nönnchen aus, ruhig, ernst und simpel, wie Sie
so dasitzen, mit Händen, die Sie vor sich hinhalten, und Augen,
die Sie gewöhnlich auf den Fußteppich heften, ausgenommen,
beiläufig gesagt, wenn sie mit durchbohrender Schärfe, wie z.B.
eben jetzt, auf meinem Gesicht ruhen, und wenn man Sie etwas
fragt oder eine Bemerkung macht, worauf Sie antworten müssen,
so springt eine Erwiderung heraus, die, wenn auch nicht grob,
so doch recht kurz angebunden ist. Was meinen Sie mit
Ihrem Nein?
Herr Rochester, ich habe meine Meinung etwas schroff ausgedrückt, ich bitte Sie sehr um Verzeihung. Ich hätte antworten
sollen, es sei nicht leicht, aus dem Stegreif auf eine Frage
über das Aussehen zu antworten, daß der Geschmack verschieden sei, daß auf Schönheit wenig ankomme oder etwas
der Art.
Nein, nein, Sie hätten nichts derartiges antworten sollen.
Also, auf Schönheit käme wenig an! Sie piken mich unter dem
Vorwande, der früheren Beleidigung ihren Stachel zu nehmen
und mich zu besänftigen, hinterlistig mit einem feinen Messerchen in den Rücken. Was haben Sie an mir auszusetzen, wenn's
gefällig ist? Ich denke doch, meine Gliedmaßen und Gesichtszüge sehen denen eines jeden andern Mannes ähnlich?
Herr Rochester, erlauben Sie mir, daß ich meine erste Antwort zurücknehme; ich beabsichtigte keinen witzigen Ausfall, es
war eine bloße Gedankenlosigkeit.
Weiß schon, aber Sie sollen dafür Rede und Antwort stehen.
Kritisieren Sie mich! Gefällt Ihnen etwa meine Stirn nicht?
Er hob die schwarzen Haarwellen empor, die horizontal über
seiner Stirn lagen, und ließ so ein bedeutendes intellektuelles
Organ sehen, jedoch war da, wo die holde Erhabenheit des Wohlwollens hätte hervorragen sollen, eine auffällige Vertiefung zu
bemerken.
Nun, bin ich ein Dummkopf?
Ganz und gar nicht, Herr Rochester! Sie würden mich vielleicht
für grob halten, wenn ich Sie fragen wollte, ob Sie Menschenfreund seien.
Da haben wir es schon wieder! Ein neuer Stich in den Rücken,
während sie sich stellt, als wollte sie mich streicheln. Und bloß,
weil ich gesagt habe, ich liebe die Gesellschaft von Kindern und
alten Weibern -- sagen wir das leise! -- nicht. Nein, meine junge
Dame, ich bin kein Menschenfreund, aber ich habe ein Gewissen!
Und er deutete auf denjenigen Teil seiner Stirn, der dieser
Tugend entsprechen soll; und zudem besaß ich einst eine Art
rauher Weichherzigkeit. In Ihrem Alter war ich ein gefühlvoller Junge, eingenommen für alle Bedürftigen, Unglücklichen,
aber das Schicksal hat seitdem mit seinen Fäusten so unbarmherzig auf mich losgeschlagen, daß ich so hart und zähe wie ein
Kautschukball geworden bin, jedoch immer noch durchlässig an
einigen Stellen und mit einem fühlenden Punkt in der Mitte
des Klumpens. Läßt das noch Hoffnung für mich übrig?
Hoffnung, auf was?
Daß ich aus Kautschuk doch noch einmal wieder in Fleisch
und Blut umgewandelt werden könnte?
Offenbar hat er der Weinflasche allzu sehr zugesprochen, dachte
ich, und wußte nicht, was ich auf seine sonderbare Frage
antworten sollte.
Sie sehen verlegen aus, Fräulein Eyre; und obgleich Sie
ebenso wenig sagen können, daß Sie hübsch seien, als ich, daß
ich ein schöner Mann bin, so steht Ihnen doch eine verlegene
Miene gut. Zudem ist sie am Platze, denn sie hält Ihre prüfenden Augen von meinem Gesichte ab und beschäftigt sie mit
den wollenen Blumen der Kaminvorlage; so mögen Sie also
immerhin verlegen sein. Mein Fräulein, ich bin diesen Abend
zur Geselligkeit und Mitteilsamkeit aufgelegt.
Bei diesen Worten erhob er sich von seinem Stuhle und
stellte sich, den Arm auf den marmornen Kaminsims gestützt,
vor mich hin. In dieser Stellung sah man seine ganze Gestalt
ebenso deutlich wie sein Gesicht und die ungewöhnliche Breite seiner
Brust, die mit seiner Körpergröße fast im Misverhältnis stand.
Gewiß würden ihn die meisten für einen häßlichen Mann erklärt haben, und doch lag so viel unbewußter Stolz in seiner
Haltung, solch eine vornehme Ungezwungenheit in seinem Benehmen, ein solcher Blick vollkommener Gleichgültigkeit gegen
seine äußere Erscheinung, eine so stolze Zuversicht auf die Macht
anderer, wirklicher oder zufälliger Vorzüge, --- daß man seine
Gleichgültigkeit teilen und sein Selbstvertrauen in gewissem
Grade für berechtigt halten mußte.
ich bin diesen Abend gesellig und gesprächig aufgelegt, wiederholte er, und deswegen habe ich Sie rufen lassen; ein Kamin
und der Kronleuchter waren keine genügende Gesellschaft für
mich, auch Pilot nicht, denn auch der ist stumm. Adele ist um
einen Grad besser, steht aber immer noch zu tief; Frau Fairfax
ditto! Sie, glaub' ich, passen für mich, wenn Sie wollen! Sie
haben mich schon am ersten Abend, wo ich Sie zu mir have
einladen lassen, verblüfft. Seitdem hatte ich Sie beinahe vergessen; andere Gedanken haben den Gedanken an Sie aus
meinem Kopfe verbannt. Diesen Abend aber habe ich beschlossen,
in behaglicher Ruhe zuzubringen, alles Lästige zu verbannen
und meinen Geist nur mit Angenehmen zu beschäftigen. Es
würde mir nun Spaß machen, Sie auszuholen, mehr von Ihnen
zu erfahren. --- Deshalb reden Sie ---
Anstatt zu reden, lächelte ich, und es war dies weder ein sehr
liebenswürdiges noch unterwürfiges Lächeln.
Reden Sie, sagte er abermals dringender.
Worüber, Herr Rochester?
Worüber Sie wollen. Ich überlasse sowohl die Wahl des
Gegenstandes, als die Art und Weise, ihn zu behandeln, ganz
und gar Ihnen selbst.
Natürlich blieb ich ruhig sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Wenn
er von mir erwartet, daß ich bloß rede, um zu reden und ihm
Gelegenheit zu bieten, meine Gefühle und Gesinnungen kennen
zu lernen, so soll er finden, daß er an die unrechte Tür geklopft
hat, dachte ich.
Sie sind ja ganz stumm, Fräulein Eyre!
ich blieb immer noch stumm. Er neigte sich ein wenig vor,
zu mir hin und schien mit einem einzigen schnellen Blicke in
meine Augen zu tauchen.
Eigensinnig? sagte er, und unangenehm berührt? Ja nun,
das ist natürlich. Ich habe meine Bitte auf eine widersinnige,
fast beleidigende Art ausgesprochen. Fräulein Eyre, ich bitte
Sie um Verzeihung. Faktum ist, -- ich sage es Ihnen ein- für
allemal --- daß ich Sie nicht wie eine Untergebene behandeln
möchte; das heißt, ich nehme einzig und allein die Ueberlegenheit für mich in Anspruch, die ein Altersunterschied von zwanzig
Jahren und eine ein Jahrhundert alte Erfahrung mir geben
müssen. Das ist billig, und ich bestehe darauf, und vermöge
dieser Ueberlegenheit und einzig und allein deshalb wünsche
ich, daß Sie die Güte haben möchten, mit mir jetzt ein bißchen
zu plaudern und meinen Gedanken, die von dem steten Verweilen bei einem Punkte so mürbe geworden sind wie ein
rostiger Nagel, eine andere Richtung zu geben.
Er hatte sich herabgelassen, eine Erklärung zu geben, die fast
einer Entschuldigung gleich kam; ich war dafür nicht unempfänglich und wollte es auch nicht scheinen.
ich bin bereit, Sie zu unterhalten, Herr Rochester, wenn ich
es kann, aber ich möchte keinen bestimmten Gegenstand aufs
Tapet bringen, denn wie soll ich wissen, was Sie interessiert?
Stellen Sie Fragen an mich, und ich will versuchen, sie zu beantworten.
Nun gut. Sind Sie fürs erste mit mir einverstanden,
daß ich ein Recht habe, etwas herrisch, kurz angebunden, vielleicht bisweilen, aus den angegebenen Gründen, etwas anspruchs-
voll zu sein? Meine Gründe sind, wie Sie wissen, triftig
genug, ich bin so alt, daß ich Ihr Vater sein könnte, ich habe
mich mit mancherlei Menschen von verschiedenen Nationen herumschlagen müssen und bin über die Hälfte des Erdballs her-
umgeschweift, während Sie mit einem und demselben Schlage
von Menschen ruhig in einem Hause gelebt haben. Glauben
Sie nun nicht, daß ich mir mannigfache Erfahrungen gesammelt
habe?
Tun Sie, wie Ihnen beliebt, Herr Rochester.
Das ist keine Antwort, oder vielmehr es ist eine sehr ärgerliche, weil ausweichende -- drücken Sie sich klar aus.
Herr Rochester, ich glaube nicht, daß Sie ein Recht haben,
mir zu befehlen, einzig und allein darum, weil Sie älter sind
als ich, oder weil Sie in der Welt mehr herumgekommen sind.
-- Ihr Anspruch auf Ueberlegenheit hängt von dem Gebrauche
ab, den Sie von Ihrer Zeit und Ihrer Erfahrung gemacht
haben.
Hm! Gut pariert. Aber wenn wir nun auch die Ueberlegenheit aus dem Spiele lassen, so müssen Sie es sich immerhin gefallen lassen, dann und wann meine Befehle hinzunehmen, ohne
durch den gebieterischen Ton, den ich gebrauche, sich beirren zu
lassen oder verletzt zu fühlen -- wollen Sie das?
ich lächelte und dachte bei mir selbst: Herr Rochester ist doch
ein sonderbarer Mann ---- er scheint ja zu vergessen, daß er mir
jährlich dreißig Pfund dafür zahlt, daß ich seine Befehle hinnehme.
Das Lächeln ist recht gut, sagte er, aber reden Sie auch!
ich dachte, daß sehr wenige Dienstherren sich die Mühe geben
dürften, zu fragen, ob ihre bezahlten Untergebenen durch ihre
Befehle verletzt werden oder nicht.
Bezahlte Untergebene Wie, sind Sie meine bezahlte Untergebene, sind Sie das? Ja richtig, ich hatte das Jahrgehalt vergessen! Wohlan denn, wollen Sie mir von diesem Söldnerstandpunkt aus erlauben, daß ich Sie ein wenig anmaßend behandle und tyrannisiere?
Nein, Herr Rochester, nicht deshalb, sondern weil Sie das
vergessen haben, und weil Sie sich darum bekümmern, ob eine
Untergebene sich in ihrer Abhängigkeit wohl oder nicht wohl
fühlt, deshalb willige ich von ganzem Herzen ein.
Und wollen Sie mir eine Menge herkömmlicher Formen und
Redensarten erlassen, ohne zu denken, die Unterlassung habe
ihren Grund in Grobheit?
Formlosigkeit ist für mich keine Grobheit, erstere ist mir eher angenehm, und was die andere anbetrifft, so möchte kein freigeborener
Mensch, selbst gegen ein Jahrgehalt, sie sich gefallen lassen.
Larifari! Die meisten freigeborenen Menschen lassen sich für
ein Jahrgehalt alles gefallen; beschränken Sie also Ihr
Urteil auf Ihre Sphäre, und lassen Sie die Allgemeinheiten,
von denen Sie nichts verstehen. Indessen drücke ich Ihnen im
Geiste die Hand für Ihre Antwort, trotzdem es nicht die richtige
war und zwar sowohl für die Art und Weise, wie Sie gesprochen
haben, als wegen des Inhalts. Die Art und Weise zeugte von
Offenheit und Aufrichtigkeit. Man erlebt nicht oft so etwas; vielmehr sind Verstellung, Kälte, dummes und grobes Mißverständnis
der Meinung, die man ausspricht, der gewöhnliche Lohn
der Aufrichtigkeit. Nicht drei unter dreitausend unerfahrenen
Gouvernanten einer Mädchenerziehungsanstalt hätten mir geantwortet, wie Sie soeben getan haben. Aber ich beabsichtige nicht,
Ihnen zu schmeicheln; wenn Sie in eine andere Form gegossen
sind, als die große Mehrheit Ihres Geschlechts, so ist das nicht
Ihr Verdienst, sondern die Natur hat es getan. Und dann
gehe ich am Ende auch in meinen Schlüssen zu weit; denn ich
kenne Sie bis jetzt zu wenig und habe noch keine Gewißheit
dafür, daß Sie besser sind, als die übrigen; Sie können ja
unausstehliche Fehler haben, wodurch Ihre wenigen guten Eigenschaften wieder aufgewogen werden.
Und auch Sie können solche haben, dachte ich. Mein Auge
begegnete dem seinen, als dieser Gedanke in meinem Geiste aufstieg, er schien ihn zu erraten, denn er gab eine Antwort, gleich
als hätte ich ihn in Worten ausgedrückt:
Ja, ja, Sie haben recht, sagte er, ich habe Fehler genug,
ich weiß es und will sie nicht bemänteln, das versichere ich Ihnen.
Gott weiß, ich darf gegen andere nicht allzu strenge sein; ich habe
eine Vergangenheit hinter mir liegen, habe über eine Reihe
von Handlungen Betrachtungen bei mir selbst anzustellen,
die wohl geeignet wären, meinen Spott und meinen Tadel von
meinen Mitmenschen auf mich selbst abzulenken. In einem
Alter von einundzwanzig Jahren betrat ich eine falsche Bahn
oder wurde vielmehr hineingestoßen --- denn gleichandern Missetätern beliebt es mir, die Hälfte der Schuld meinem Unstern
und ungünstigen Umständen zur Last zu legen --- und seitdem
habe ich nie wieder den rechten Weg gefunden. Indessen hätte
ich ganz anders, hätte ebenso gut wie Sie, -- weiser, --- fast
fleckenlos bleiben können. Ich beneide Sie um Ihre Gemütsruhe und Ihr reines Gewissen. Es muß eine schöne Sache
sein, wenn man nicht an Schlechtigkeiten zurückzudenken, nichts
zu bereuen braucht, nicht wahr?
Aber als Sie achtzehn Jahr alt waren, Herr Rochester?
Damals war alles richtig, klar, gesund; kein wild eingedrungenes, schmutziges Wasser hatte noch die reine Quelle meiner
Erinnerungen in einen widerwärtigen Pfuhl verwandelt. Im
achtzehnten Jahre glich ich Ihnen. Die Natur hatte mich, im
ganzen genommen, zu einem guten Menschen bestimmt, zu einem
der besseren wenigstens, und nun sehen Sie, ich bin es nicht
geworden. Sie mögen sagen, daß Sie, das nicht sehen, wenigstens schmeichle ich mir, so etwas in Ihrem Auge zu lesen --
beiläufig gesagt, nehmen Sie sich in acht in Betreff dessen, was
Sie mit diesem Organ ausdrücken, ich weiß die Sprache leicht
zu deuten.--- So genüge Ihnen denn mein Wort --- ich bin
kein Schurke, Sie dürfen das nicht denken, dürfen mir keine
solche Virtuosität in der Schlechtigkeit zutrauen, aber ich bin
--- mehr --- mehr vermöge der Umstände, als meiner natürlichen
Anlage --- ein gewöhnlicher, alltäglicher Sünder, zum Ueberdrusse bekannt mit allen jenen erbärmlichen, gemeinen Zerstreuungen, womit reiche Nichtsnutze ihre Zeit totzuschlagen suchen.
Sie wundern sich vielleicht, daß ich Ihnen das gestehe? So
wissen Sie denn, daß Sie im Laufe Ihres künftigen Lebens
sich noch oft zur unfreiwilligen Vertrauten der Geheimnisse
Ihrer Bekannten werden auserkoren sehen. Die Leute werden
instinktmäßig, wie ich, herauszufinden, daß Ihre starke Seite
nicht darin besteht, von Ihnen selbst zu reden, sondern zuzuhören, während andere von sich sprechen. Man wird auch fühlen,
daß Sie nicht mit boshafter Verachtung jeder Indiskretion,
sondern mit einer Art angeborener Sympathie zuhören, die
darum nicht weniger tröstlich und ermutigend wirkt, weil sie bei
ihren Kundgebungen sich ganz und gar nicht aufdringlich zeigt.
Woher wissen Sie das? --- Wie können Sie alles dies erraten, Herr Rochester?
ich weiß es; deswegen rede ich so offenherzig, als ob ich
meine Gedanken in ein Tagebuch niederschriebe. Sie werden
mir vielleicht sagen, ich hätte die Verhältnisse überwinden, mich
ihnen überlegen zeigen sollen, ja das hätte ich freilich sollen;
aber Sie sehen, ich habe es nicht getan. Als das Schicksal mir
unrecht tat, hatte ich nicht Weisheit genug, besonnen zu bleiben,
ich geriet in Verzweiflung, und da ging ich unter. Wenn nun
irgend ein lasterhafter Dummkopf mit seinem unflätigen Ge-
schwätz und seinen gemeinen Ausschweifungen meinen Ekel er-
regt, so kann ich mir nicht schmeicheln, daß ich besser sei als er,
ich muß zugeben, daß ich mit ihm auf gleichem Niveau stehe.
ich wollte, ich wäre fest geblieben --- Gott weiß, wie sehr ich
es wünsche! Fürchten Sie die Gewissensbisse, wenn Sie je
versucht sind, etwas Unrechtes zu tun, Fräulein Eyre! Gewissens-
bisse sind das Gift des Lebens.
Reue ist, sagt man, das Heilmittel dagegen!
Nein! Besserung mag das Heilmittel dagegen sein, und ich
könnte mich bessern --- ich habe noch die Kraft dazu --- wenn --
aber es sage mir jemand, wozu es dienen soll, daß ich so etwas
versuche, verstrickt, belastet und verflucht, wie ich bin? Zudem
habe ich, da mir nun das Glück unwiderruflich verweigert ist,
ein Recht, dem Leben so viele Vergnügungen abzuringen, als
ich kann, und das will ich, koste es, was es wolle.
In diesem Falle werden Sie noch tiefer sinken.
Möglich, doch warum sollte ich, wenn ich es süßes, frisches
Vergnügen haben kann? Und ich kann es so süß und frisch
haben, wie der wilde Honig ist, den die Biene auf dem Moore
sammelt.
Die Bienen stechen, und der Honig wird bitter.
Woher wissen Sie das? --- Sie haben es ja nie versucht.
Wie ernst, wie feierlich sehen Sie doch aus, und doch kennen
Sie die Sache so wenig, wie diese Kamee, --- hier nahm er
eine von dem Kaminsims herunter --- Sie haben kein Recht, mir
Moral zu predigen, Sie Neuling, die Sie die Pforte des Lebens noch nicht überschritten haben und in seine Geheimnisse nicht
eingeweiht sind.
ich erinnere Sie bloß an Ihre eigenen Worte, Herr Rochester.
Sie haben gesagt, ein Vergehen, ein Unrecht ziehe Gewissensqualen nach sich, und Gewissensqualen haben Sie für das Gift
des Lebens erklärt.
Wer spricht denn von einem Vergehen? Ich glaube kaum,
daß der Gedanke, der durch mein Gehirn hindurchfuhr, ein
solches war. Ich glaube eher eine Inspiration, als eine Versuchung. Er hatte etwas sehr Liebliches, Besänftigendes --- ich
weiß das. Da kommt er wieder! Es ist kein Teufel, versichere
ich Ihnen; oder wenn es einer ist, so hat er sich in das Kleid
eines Engels gehüllt. Ich denke, ich kann einen so lieblichen
Gast nicht abweisen, wenn er Eingang in mein Herz fordert.
Trauen Sie ihm nicht, es ist kein echter Engel.
Noch einmal, woher wissen Sie das? Vermöge welches Instinkts wollen Sie zwischen einem gefallenen Seraph des Abgrundes und einem von dem ewigen Throne gesandten Boten,
zwischen einem Führer und Verführer unterscheiden?
ich habe Sie nach Ihrem Gesichte beurteilt, das Unruhe ausdrückte, als Sie sagten, der Gedanke suche Sie wieder heim.
ich bin lebhaft überzeugt, er wird noch mehr Elend über Sie
bringen, wenn Sie ihn anhören.
Ganz und gar nicht --- er bringt die wonnigste Botschaft von
der Welt. Was das übrige angeht, so sind Sie ja nicht mein
Gewissensrat und brauchen sonach auch keine Unruhe zu empfinden.
Hier herein, lieblicher Wanderer!
Er sagte dies, als ob er mit einer bloß seinem eigenen Auge
sichtbaren Erscheinung spräche. Dann faltete er seine Arme, welche
er halb ausgebreitet hatte, über seiner Brust und schien das
unsichtbare Wesen an sich zu drücken.
Nun, fuhr er fort, indem er sich wieder zu mir hinwandte,
ich habe den Pilger aufgenommen, --- eine Gottheit in menschlicher Gestalt, wie ich wahrhaft glaube. Schon hat er mir wohl
getan; mein Herz war eine Art Beinhaus, nun wird es ein
Heiligtum sein.
Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Rochester, so verstehe ich Sie ganz und gar nicht; ich kann der Unterhaltung
nicht weiter folgen, da sie mir zu tief ist. Nur eines weiß ich,
Sie haben gesagt, Sie seien nicht so gut, als Sie zu sein wünschten,
und Sie bedauerten Ihre Unvollkommenheit - nur eins kann
ich begreifen: Sie haben angedeutet, daß die Erinnerung an
eine Torheit ein ewiges Gift, eine ewige Pein sei. Es scheint
mir, daß Sie, wenn Sie es sich angelegen sein ließen, es mit
der Zeit möglich finden würden, so zu werden, wie Sie selbst
zu sein wünschen; und daß, wenn Sie von heute an den festen,
unerschütterlichen Entschluß fassen, Ihre Gedanken und Handlungen zu bessern, Sie in einigen Jahren einen neuen und
makellosen Schatz von Erinnerungen gesammelt haben werden,
den Sie mit Vergnügen betrachten könnten.
Richtig gedacht, gut gesagt, Fräulein Eyre; und in diesem
Augenblicke pflastere ich aus allen Kräften die Hölle mit guten
Vorsätzen, die ich für so dauerhaft halte, wie Kiesel. Gewiß
sollen meine Gesellschafter und meine Bestrebungen anderer
Art sein, als bisher.
Und besser?
Und besser --- um so viel besser, alö reines Gold gegenüber
wertlosen Schlacken. Sie scheinen an mir zu zweifeln; was
mich betrifft, so zweifle ich an mir nicht, ich weiß, was ich will,
und welcher Art meine Beweggründe sind, und in diesem Augenblicke fasse ich den unabänderlichen Beschluß, daß beide gut
sein sollen.
Das können sie nicht sein, Herr Rochester, wenn Sie zu ihrer
Legalisation ein neues Statut brauchen.
Sie sind es aber, Fräulein Eyre, ob sie gleich schlechterdings
ein neues Statut erfordern; unerhörte Verschlingungen von
Umständen erfordern ungewöhnliche Maßregeln!
Das klingt wie eine gefährliche Maxime, weil man unschwer
sehen kann, daß sie leicht zu mißbrauchen ist.
Tiefsinnige Philosophin, Sie haben recht; aber ich schwöre
bei meinen Hausgöttern, daß ich sie nicht mißbrauchen will.
Sie sind aber ein Mensch, und nicht unfehlbar?
Das bin ich, und Sie auch-- was dann?
Der stets strauchelnde Mensch sollte sich nicht eine Macht anmaßen, womit bloß göttliche und vollkommene Wesen ohne Nachteil betraut werden können.
Welche Macht?
Die Macht, von einer ungehörigen, unheiligen Handlungsweise zu sagen; --- die soll recht sein.
Die soll recht sein -- die ausdrücklichen Worte! Sie haben
sie ausgesprochen.
Mag es denn recht sein, sagte ich, und stand auf, denn ich
hielt es für nutzlos, ein Gespräch fortzusetzen, das für mich ganz
und gar dunkel war. Ueberdies fühlte ich, daß ich den Charakter
des Mannes nicht zu durchschauen vermochte, wenigstens für
jetzt nicht, und war von der Ungewißheit, und dem unbestimmten
Gefühle der Unsicherheit gepeinigt, das die Ueberzeugung von
unserer Unwissenheit zu begleiten pflegt.
Wo gehen Sie hin?
ich will Adele zu Bette bringen, es ist bereits über die
Zeit.
Sie fürchten mich, weil ich wie eine Sphinx rede.
Ihre Sprache, Herr Rochester, ist rätselhaft; aber wenn ich
auch verständnislos dafür bin, so habe ich doch gewiß keine
Furcht.
Sie fürchten sich! Ihre Selbstliebe fürchtet sich zu blamieren.
In diesem Sinne bin ich allerdings furchtsam --- ich wünsche
ganz und gar nicht Unsinn zu reden.
Wenn das je von Ihrer Seite geschähe, so würde es in so
ernster, ruhiger Weise geschehen, daß ich es für puren Verstand
ansehen würde. Lachen Sie nie, Fräulein Eyre? Geben Sie
sich nicht die Mühe, zu antworten -- ich sehe, Sie lachen selten;
aber Sie könnten sehr lustig lachen; glauben Sie mir, Sie sind
nicht von Natur trübsinnig, ebenso wenig wie ich von Natur
lasterhaft bin. Der Zwang, dem Sie in Lowood unterworfen
waren, klebt Ihnen noch an, er beherrscht Ihre Gesichtszüge,
dämpft Ihre Stimme, nimmt Ihren Gliedern ihre freie Bewegung, und Sie fürchten, in Gegenwart eines Mannes und Bruders
--- eines Vaters, Herrn, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen,
heiter zu lächeln, frei zu sprechen, sich zu rasch zu bewegen,
aber mit der Zeit werden Sie lernen, denke ich, gegen mich
natürlich zu sein, da ich es unmöglich finde, die herkömmlichen Formen Ihnen gegenüber zu beobachten. Dann werden
auch Ihre Blicke und Bewegungen eine größere Lebhaftigkeit
und Mannigfaltigkeit bekunden, als sie jetzt an den Tag zu legen
wagen. Ich sehe von Zeit zu Zeit den Blick eines merkwürdigen
Vogels durch die dichten Stangen des Käfigs hindurch, ein leb-
hafter, unruhiger, entschlossener Gefangener ist hinter denselben,
wäre er erst frei, so würde er sich wolkenhoch erheben. Sie
wollen immer noch gehen?
Es hat neun geschlagen, Herr Rochester.
Tut nichts, --- warten Sie noch einen Augenblick; Adele ist
noch nicht so weit. Meine Stellung mit dem Rücken gegen das
Feuer und dem Gesichte gegen das Zimmer begünstigt die
Beobachtung, Fräulein Eyre. Während ich mit Ihnen sprach, habe
ich ab und zu auch Adele beobachtet, -- ich habe meine eigenen
Gründe, sie für ein interessantes Studium zu halten, Gründe,
die ich Ihnen einst mitteilen werde. Vor etwa zehn Minuten
zog sie aus ihrer Schachtel ein Röckchen von nelkenfarbiger
Seide hervor, Entzücken leuchtete aus ihrem Gesichte, als sie es
entfaltete; Koketterie rinnt in ihren Adern, ist vermischt mit
ihrem Gehirn und dem Mark ihrer Knochen. Il faut que je
l'essaie! rief sie, et à l'instant même! und rannte aus dem
Zimmer hinaus. Sie ist jetzt bei Sophie und kleidet sich um;
in einigen Augenblicken wird sie wieder da sein, und ich weiß,
was ich sehen werde, ein Miniaturbild von Celine Varens, wie
sie gewöhnlich auf der Bühne erschien; aber das kann Ihnen
gleichgültig sein. Gleichwohl werden meine zartesten Gefühle
peinlich berührt werden, das sagt mir eine Ahnung. Warten
Sie jetzt einen Augenblick, um zu sehen, ob es nicht so kommen
wird.
Es dauerte nicht lange, so hörte man Adeles Füßchen durch
die Vorhalle trippeln. Sie trat herein, ganz umgewandelt, wie
ihr Vormund und Beschützer vorausgesagt hatte. Ein Kleid
von rosa Seide, sehr kurz und unten so faltenreich wie möglich,
war an die Stelle des braunen Rocks getreten, den sie zuvor
getragen; ein Gewinde von Rosenknospen umgab ihre Stirn;
ihre Füße waren mit seidenen Strümpfen und kleinen Sandalen
aus weißem Satin bekleidet.
Est-ce que ma robe va bien? rief sie, herbeihüpfend; et mes
souliers? et mes bas? Tenez, --- je crois que je vais danser!
Und nun breitete sie ihr Kleid aus, machte einige Tanzschritte
durch das Zimmer, bis sie bei Herrn Rochester angekommen,
sich vor ihm leicht auf den Zehenspitzen herumdrehte, sich zu
seinen Füßen auf ein Knie niederließ und rief:
Monsieur, je vous remercie mille fois de votre bonté; dann
stand sie auf, und setzte hinzu: C'est comme cela que maman
faisait, n'est-ce pas, Monsieur?
Genau so! lautete die Antwort, und comme cela zauberte sie
mein englisches Gold aus meinen britischen Hosentaschen. Ach,
Fräulein, auch ich bin einmal jung und unerfahren, ja, sehr jung
und unerfahren gewesen. Aber das ist jetzt vorbei, und aus
dem Lenze meines Lebens habe ich nichts gerettet, als das
französische Blümchen da, das ich in gewissen Stimmungen
auch noch gern los sein möchte. Da ich jetzt die Wurzel, aus
der es empor gesproßt ist, nicht wertschätze, da ich gefunden habe,
daß solch ein Blümchen nur Gold als Dünger gebrauchen kann,
so habe ich es nur halb und halb gern, besonders wenn es so
verkünstelt aussieht, wie eben jetzt. Ich behalte es und ziehe
es groß, nach dem römisch-katholischen Grundsatze, wonach man
viele Sünden, große und kleine, durch ein gutes Werk abbüßt.
Ich werde Ihnen einmal dies alles erklären. Gute Nacht!
Fünfzehntes Kapitel.
In der Tat erklärte es Herr Rochester gelegentlich.
Es war an einem Nachmittage, als er mich und Adele zufällig im Parke traf, und während die Kleine mit Pilot und
ihrem Federballe spielte, bat er mich, eine lange Buchenallee,
wo sie uns nicht aus dem Auge verlieren würde, mit ihm auf
und ab zu gehen.
Er sagte mir dann, sie sei die Tochter einer französischen
Operntänzerin, mit Namen Celine Varens, für die er einst eine
sogenannte grande passion empfunden habe. Celine habe sich
den Anschein gegeben, als erwidere sie diese Leidenschaft mit
noch lebhafterer Glut. Er habe, häßlich wie er sei, sich für
ihren Abgott gehalten; er habe geglaubt, sie ziehe seine taille
d'athlete der zierlichen Gestalt des Apollo von Belvedere vor.
Und, Fräulein Eyre, so sehr fühlte ich mich geschmeichelt durch
den Vorzug, den die gallische Sylphide für ihren britischen Gnomen zeigte, daß ich sie in einem Hotel installierte, ihr Möbel,
Kaschmirschale, Diamanten, Spitzen u. s. w. verehrte, Wagen
und Dienerschaft für sie hielt u. s w. Mit einem Wort, ich
begann mich in dem hergebrachten Stil zu ruinieren, wie jeder
andere Gimpel. Es scheint, ich hatte nicht so viel Originalität,
eine neue Bahn zur Schande und zum Verderben auszudenken,
sondern betrat die alte mit einfältiger Genauigkeit, um ja nicht
einen Zoll von der breitgetretenen Mitte abzuweichen. Ich erlitt -- wie ich es verdiente -- das Schicksal aller andern Gimpel.
Eines Abends, als Celine mich nicht erwartete, ging ich zufällig
zu ihr, ohne sie zu Hause zu treffen; da es aber ein warmer
Abend und ich des Umherschlenderns in Paris überdrüssig war,
so setzte ich mich in ihrem Boudoir nieder, glücklich, die kaum
erst noch durch ihre Gegenwart geweihte Luft zu atmen. Nein,
-- ich übertreibe, nie dachte ich, daß eine weihevolle Tugend sie
umgebe; es war vielmehr der Duft von einer Art Räucherkerzchen, den sie zurückgelassen, mehr ein Duft von Moschus und
Ambra, als der Geruch der Heiligkeit. Schon war ich nahe
daran, von dem Dufte zu ersticken, den Essenzen und Treibhausblumen hier verbreiteten, als es mir einfiel, das Fenster zu
öffnen und auf den Balkon hinauszugehen. Es war Mondschein,
und zudem verbreiteten auch die Gaslampen ihr grelles Licht;
dabei war alles still und heiter. Auf dem Balkon standen einige
Stühle, ich nahm auf einem Platz, zog eine Zigarre heraus,
und --- wenn Sie entschuldigen, werde ich jetzt auch eine rauchen.
Hier folgte eine Pause, die durch das Herausziehen und Anzünden einer Zigarre ausgefüllt wurde; nachdem er sie seinen
Lippen genähert und einige köstlich duftende Wölkchen, wie sie
nur eine echte Havannazigarre verbreiten kann, in die eiskalte
und sonnenlose Luft hinausgeblasen hatte, fuhr er also fort: ---
In jenen Tagen naschte ich auch gern Bonbons, Fräulein
Eyre; ich aß also Pralines und rauchte wieder, während ich
die Equipagen beobachtete, die durch die fashionable Straße
nach dem nahen Opernhause hinrollten. Plötzlich erkannte ich
in einem eleganten, geschlossenen Wagen, den zwei prachtvolle
englische Pferde zogen, und den man bei der glänzend erhellten
Nacht deutlich sehen konnte, die Equipage, die ich Celine geschenkt hatte. Sie kam nach Hause zurück, natürlich schlug mein
Herz vor Ungeduld gegen das Eisengitter, auf das ich mich lehnte.
Der Wagen hielt an der Tür des Hotels, wie ich erwartet hatte,
meine Flamme --- das ist das rechte Wort für eine Opernliebschaft --- stieg aus, obgleich sie in einen Mantel, eine un-
nötige Last, beiläufig gesagt, an einem so warmen Juniabend ---
gehütllt war, erkannte ich sie Augenblicklich an ihrem Füßchen,
das unter dem Saume ihres Kleides hervorguckte, als sie von
dem Wagentritt herunterhüpfte. Ich beugte mich über die Balkonbrüstung und wollte eben in einem Tone, der natürlich bloß für
das Ohr der Liebe hörbar sein sollte, die Worte Mon ange
murmeln, als eine gleichfalls in einen Mantel gehüllte Gestalt
nach ihr aus dem Wagen heraussprang, aber es war eine bespornte Ferse, deren Tritte auf dem Pflaster ertönten, und es
war ein mit einem Mannshut bekleideter Kopf, der jetzt unter
der gewölbten Eingangstür des Hotels verschwand.
Sie haben wohl nie Eifersucht empfunden, Fräulein Eyre?
Natürlich nicht, ich brauche Sie das nicht zu fragen, da Sie
noch nie Liebe empfunden haben. Beide Gefühle müssen Sie
erst noch kennen lernen, Ihre Seele schlummert noch, der Anstoß
muß erst noch kommen, der sie wecken wird. Sie denken, das
ganze Leben fließe so ruhig dahin, wie bis jetzt Ihre Jugend.
Mit geschlossenen Augen und verbundenen Ohren dahinschwimmend, sehen Sie weder die Felsen, die in dem Bette des Stromes
mit ihren Zacken emporsteigen, noch hören Sie die Brandung
an deren Fuß schäumend sclagen. Aber ich sage Ihnen, und
merken Sie sich meine Worte, Sie werden einst an einen
felsigen Engpaß des Kanals kommen, wo sich der ganze Lebensstrom in Wirbel und Tumult, in Schaum und Geräusch auf-
löst. Sie werden da entweder an den Felsspitzen zu Atomen
zerschmettert oder von einer großen, gewaltigen Welle emporgehoben und in eine ruhigere Strömung getragen werden --
wie ich jetzt.
Ich habe einen Tag, wie diesen, gern; mir gefällt dieser stahlblaue Himmel, mir gefällt der Ernst und die Stille der Welt
unter diesem Frost. Mir gefällt Thornfield, sein altertümliches
Aussehen, seine Abgeschlossenheit, seine alten Bäume voller
Dohlennester, sowie seine Dornbäume, seine graue Fassade und
die Reihen dunkler, jenen metallenen Himmel zurückspiegelnder
Fenster, und doch wie lange habe ich schon den Gedanken daran
verabscheut, wie lange habe ich es gemieden, wie ein großes
Pesthaus! Wie verabscheue ich noch jetzt -
Er knirschte mit den Zähnen und schwieg, blieb stehen und
stampfte mit dem Absatze auf den harten Boden. Ein verhaßter
Gedanke schien ihn mit seinen Krallen zu fassen und so fest zu
halten, daß er nicht weiter konnte.
Wir gingen die Allee hinauf, als er so seinen Schritt anhielt;
das Schloß lag vor uns. Er hob den Kopf zu den Zinnen des
Gebäudes empor und schleuderte dorthin einen so wilden Blick,
wie ich vorher und nachher keinen ähnlichen gesehen habe.
Schmerz, Scham, Wut -- Ungeduld, Abscheu -- schienen in dem
Augenblick in den großen, unter seinen schwarzen Augenbrauen
sich erweiternden Pupillen einen krampfhaften Kampf zu kämpfen.
Wild war der Kampf um die Oberherrschaft, aber ein anderes
Gefühl erhob sich und trug den Sieg davon, etwas Hartes und
Zynisches, Trotziges und Entschlossenes; es brachte seine Leidenschaft zur Ruhe und versteinerte sein Gesicht. Er fuhr also
fort:
In dem Augenblicke, wo ich schwieg, Fräulein Eyre, habe ich
mich mit meinem Schicksale auseinandergesetzt. Dort stand es,
an einem Buchenstamm --- in der Gestalt einer Here, ähnlich
einer von jenen, die dem Macbeth auf der Heide von Forres
erschienen. Dir gefällt Thornfield? sagte sie, ihren Finger erhebend, und dann schrieb sie in die Luft einen Spruch, der in
düstern Hieroglyphen, die ganze Front des Hauses entlang
zwischen der obern und untern Fensterreihe dahin lief: Liebe es,
wenn du kannst! Liebe es, wenn du es wagst!
Ich will es lieben, sagte ich. Ich wage es zu lieben und ---
setzte er düster hinzu -- ich will mein Wort halten; ich will die
Hindernisse überwinden, die meinem Glücke, meinem Besser-
werden --- ja, meinem Besserwerden im Wege stehen. --- ich
will ein besserer Mensch werden, als ich bisher gewesen, als ich
jetzt bin. Wie der Leviathan Hiobs den Speer, den Wurfspieß
und den Panger** zerbrach, so will ich Hindernisse, die andern
wie Eisen und Erz erscheinen, wie Stroh und vermodertes Holz
achten.
Hier lief Adele mit ihrem Federball vor ihn hin. Weg mit
dir! weg, rief er rauh! bleib mir vom Leibe oder geh zu Sophie
hinein! Indem er dann schweigend weiterschritt, unterfing ich
mich, ihn an die Stelle der Erzählung zu erinnern, wo er plötzlich auf etwas anderes übergegangen war.
Verließen Sie den Balkon, Herr Rochester, fragte ich, als
Frau Varens hereintrat?
Fast erwartete ich eine abweisende Antwort auf diese schwerlich zu rechter Zeit angebrachte Frage, aber er erwachte im
Gegenteil aus seiner düstern Versunkenheit, richtete seine Augen
auf mich, und der Schatten schien von seiner Stirn zu weichen.
O, ich hatte Celine ganz vergessen, so will ich denn fortfahren.
Als ich meine Zauberin so in Begleitung eines Kavaliers zurück
kommen sah, glaubte ich ein Zischen zu hören, und die grüne
Schlange der Eifersucht wand sich um meinen Leib und fraß
sich in zwei Minuten einen Weg in das Innerste meines Herzens
hinein. Sonderbar!--- rief er, plötzlich wieder von dem Gegenstande abschweifend. Sonderbar, daß ich Sie, eine junge Dame,
zu meiner Vertrauten bei alledem wähle, --- mehr als sonderbar,
daß Sie mich ruhig anhören, gleich als wäre es das gewöhnlichste Ding von der Welt, daß ein Mann, wie ich, einem unerfahrenen Mädchen wie Sie, Geschichten von seinen Geliebten,
von Overntänzerinnen erzählt! Aber die letzte Sonderbarkeit
erklärt die erste, wie ich Ihnen schon einmal angedeutet habe.
Sie mit Ihrem ernsten, besonnenen, vorsichtigen Wesen sind dazu geschaffen, fremde Geheimnisse anzuhören. Zudem weiß ich,
daß Ihr reiner Sinn sich nicht anstecken lassen wird, das will
ich auch nicht; wollte ich es aber dennoch, so würde ich ihm doch
kein Leid zufügen können.
Nach dieser Abschweifung fuhr er fort:
Ich blieb auf dem Balkon. --- Sie werden ohne Zweifel in
ihr Boudoir gehen, dachte ich, ich will ihnen einen Hinterhalt
legen. Und nun streckte ich meine Hand durch die offene Glastür hinein und zog den Vorhang zu, so daß ich nur eine Oeffnung ließ, durch die hindurch ich meine Beobachtungen anstellen
konnte; sodann machte ich die Glastür zu in der Art, daß ich
noch durch eine kleine Spalte hindurch auch Geflüster hören
konnte, worauf ich mich zu meinem Stuhle zurückschlich, und
eben hatte ich mich wieder hingesetzt, als das Pärchen hereintrat. Rasch näherte ich mein Auge der kleinen Oeffnung. Celines
Kammermädchen kam herein, zündete eine Lampe an, stellte sie
auf den Tisch und entfernte sich. So konnte ich nun die Liebenden deutlich sehen; beide warfen ihre Mäntel ab, und da stand
die Varens, in Seide und Juwelen --- die ich ihr natürlich geschenkt --- schimmernd, und da stand ihr Begleiter in Offiziers-
uniform. Ich erkannte in ihm einen jungen Wüstling von
Vicomte --- einen hirnlosen Burschen, den ich bisweilen in Gesellschaft getroffen und nicht einmal meines Hasses für würdig
erachtet hatte, da ich ihn so unbedingt verachtete. Sobald ich ihn
erkannte, stumpfte sich auch der Zahn der Schlange Eifersucht ab,
weil in dem nämlichen Augenblicke meine Liebe zu Celine ganz
und gar erlosch. Ein Weib, das mich wegen eines solchen Nebenbuhlers verraten konnte, war nicht wert, daß ich um sie kämpfte;
sie verdiente bloß Verachtung, weniger indessen, als ich, der ich
mich von ihr hatte hinters Licht führen lassen.
Sie begann zu reden, ihr Geplapper gab mir bald meine
ganze Ruhe wieder, frivol, gemein, herz- und sinnlos, mußte es
einen Horcher eher ermüden, als ihn in Wut bringen. Es lag
eine Karte von mir auf dem Tisch; als die beiden sie bemerkten,
kam mein Name aufs Tapet. Weder sie noch er besaß Verstand oder Wis genug, um mich tüchtig durchzuhecheln, allein
sie schmähten auf mich so gut und kräftig, wie sie es nur in
ihrer Art vermochten; ganz besonders Celine, die sogar fast
witzig wurde, als das Kapitel auf meine persönlichen Mängel
--- sie nannte sie Mißgestalt --- kam. Nun aber war es ihre
Gewohnheit gewesen, über das, was sie meine beauté mâle
nannte, ihre Bewunderung in den glühendsten Worten zu äußern,
worin sie ganz und gar von Ihnen abwich, die Sie mir bei
unserer zweiten Zusammenkunft rundweg gesagt haben, daß Sie
mich nicht für schön hielten. Der Unterschied fiel mir zu jener
Zeit auf, und ---
Hier kam Adele wieder herbeigelaufen.
Here John ist soeben gekommen und hat gesagt, Ihr Verwalter wäre da und wolle mit Ihnen sprechen.
Gut, dann muß ich mich kurz fassen. Ich öffnete die Glastür,
ging hinein und befreite Celine von meiner Protektion, bedeutete
sie, daß sie das Hotel zu verlassen habe, bot ihr Geld an, damit
sie für den Augenblick nicht in Verlegenheit komme, achtete weder
auf Geschrei, Krämpfe, Bitten, Beteuerungen u. s. w. und bestellte den Vicomte in das Gehölz von Boulogne, um mich mit
ihm zu schlagen. Den Morgen darauf hatte ich das Vergnügen,
mit ihm zusammenzutreffen; ich ließ eine Kugel in einem seiner
dünnen, welken Arme, die mich immer an die Flügel eines
kranken Hühnchens erinnerten, zurück und glaubte dann, das
ganze Gelichter vom Halse zu haben. Aber unglücklicherweise
hatte die Varens sechs Monate zuvor mich mit Adelchen beschenkt,
die meine Tochter sein sollte; und vielleicht ist sie es auch, obgleich ich in ihrem Gesichte keine Beweise einer so bärbeißigen
Vaterschaft geschrieben sehe; Pilot ähnelt mir mehr als sie.
Einige Jahre, nachdem ich mit der Mutter gebrochen, ließ sie
ihr Kind im Stiche und lief mit einem Sänger oder Musiker
nach Italien davon. Ich erkannte Adele kein natürliches Recht
auf meine Unterstützung zu und tue es auch jetzt nicht, denn ich
bin nicht ihr Vater. Als ich aber hörte, daß sie ganz verlassen
und hilflos sei, griff ich das arme Ding aus dem Schlamme
und Kote von Paris auf und verpflanzte es hierher, damit es
auf dem gesunden Boden eines englischen Landgutes rein und
unbefleckt aufwachse. Frau Fairfax hat Sie gefunden, um das
arme Kind zu erziehen; nun aber, da Sie wissen, daß es der
illegitime Sprößling einer französischen Operntänzerin ist, werden
Sie vielleicht anders denken von Ihrer Stellung und Ihrer
Schutzbefohlenen; Sie werden an einem schönen Tage zu mir
kommen und mir sagen, daß Sie eine andere Stellung gefunden
hätten --- daß Sie mich bäten, mich um eine andere Erzieherin
zu bemühen u. s. w. ---- nicht wahr?
Nein --- Adele ist nicht verantwortlich für die Vergehen ihrer
Mutter und auch nicht für die Ihrigen; ich habe Zuneigung zu
ihr gefaßt, und nun, da ich weiß, daß sie gewissermaßen elternlos ist -- verlassen von ihrer Mutter und verleugnet von Ihnen,
-- werde ich mich fester als je an sie anschließen. Wie könnte
ich auch das verzogene Lieblingskind einer reichen Familie, das
seine Erzieherin als etwas Lästiges haßt, einer einsamen, kleinen
Waise vorziehen, die in ihr eine Freundin erblickt?
O, aus diesem Gesichtspunkte also sehen Sie die Sache an!
Gut! Ich muß jetzt hinein, und Sie auch, es wird dunkel.
Aber ich blieb mit Adele und Pilot noch einige Minuten
draußen, ließ mich mit ihr in einen Wettlauf ein und spielte
Federball mit ihr. Als wir hineinkamen und ich ihr Hut und
Mantel abgenommen hatte, durfte sie sich auf meinen Schoß
setzen, und ich erlaubte ihr da eine Stunde lang nach Herzenslust zu plaudern, ich tadelte sie nicht einmal wegen einiger
kleinen Freiheiten und Trivialitäten, in die sie gern verfiel, wenn
man viel Notiz von ihr nahm und die eine entschiedene, wahrscheinlich von ihrer Mutter geerbte Oberflächlichkeit des Charakters verrieten. Dennoch hatte sie auch ihre guten Eigenschaften,
und ich war geneigt, alles Gute an ihr so hochzuschätzen, wie
mir immer möglich. Eine Aehnlichkeit mit Herrn Rochester fand
ich in ihrem Gesichte nicht; kein Zug, nichts im Ausdrucke wies
auf eine Verwandtschaft hin. Das war schade, denn hätte man
in ihr auch nur eine leichte Aehnlichkeit mit ihm finden können,
so würde er sie mehr beachtet und geliebt haben.
ich dachte nicht eher wieder mit Ruhe und Ernst an die mir
von Herrn Rochester erzählte Geschichte, als bis ich mich zur
Nachtruhe auf mein Zimmer zurückgezogen hatte. Es lag, wie
er selbst gesagt hatte, wahrscheinlich gar nichts Außerordentliches
in der Erzählung an und für sich; die Leidenschaft eines solchen
Engländers für eine französische Tänzerin und ihr Verrat an
ihm waren ohne Zweifel Dinge, die in der feinen Welt häufig
genug vorkommen, aber es lag etwas entschieden Seltsames in
dem Paroxysmus der Aufregung, der ihn plötzlich ergriffen hatte,
als er auf dem Punkte stand, seiner jetzigen zufriedenen Stimmung und seiner neu erwachenden Freude an dem alten Schlosse
und dessen Umgebungen einen Ausdruck zu leihen. Ich dachte
mit Verwunderung über diesen Vorfall nach, schlug ihn mir
aber bald aus dem Sinne, da ich ihn für jetzt unerklärlich fand
und fing an, das Benehmen meines Herrn gegen mich einer
sorgfältigeren Betrachtung zu unterwerfen. Das Vertrauen, das
er in mich zu setzen beliebte, schien ein meiner Verschwiegenheit
dargebrachter Tribut, als einen solchen nahm ich es auf. Sein
Benehmen gegen mich war nun seit einigen Wochen gleichförmiger
geworden, als es anfangs gewesen. Ich schien ihm nie
im Wege zu sein, er zeigte keine Anwandlungen kalten Stolzes;
traf er mich unerwartet, so schien ihm die Begegnung willkommen, immer hatte er ein Wort und zuweilen ein Lächeln
für mich. Wurde ich förmlich zu ihm eingeladen, so wurde ich
mit einem so herzlichen Empfange beehrt, daß ich fühlte, ich besaß wirklich die Macht, ihn zu unterhalten, und er suche diese
Abendzusammenkünfte ebenso sehr zu seinem Vergnügen, als in
meinem Interesse.
Zwar sprach ich verhältnismäßig nur wenig, allein ich hörte
ihm mit großem Vergnügen zu. Es lag in seinem Wesen, mitteilsam zu sein; er liebte es, einem in der Welt Unerfahrenen
Ausblicke in ihre Scenen und Wege zu eröffnen, und ich fand
das lebhafteste Vergnügen daran, die neuen Ideen, die er mir
bot, in mich aufzunehmen; die neuen Bilder, die er mir vormalte, meinem geistigen Auge näherzubringen, und ihm in Gedanken durch die neuen Regionen, die er mir aufschloß, zu folgen, -- nie beunruhigt, nie beängstigt durch eine unschickliche
Anspielung.
Die Leichtigkeit seines Benehmens nahm mir allen peinlichen
Zwang ab; seine freundliche Offenheit zog mich zu ihm hin, da
ich sah, daß sie eine ebenso schickliche wie herzliche war. Bisweilen war es mir, als sei er eher ein Verwandter von mir,
als mein Herr. Zwar war er bisweilen immer noch gebieterisch,
das kümmerte mich aber nicht, ich sah, daß es so seine Art sei.
So glücklich, so zufrieden war ich mit dieser interessanten neuen
Bekanntschaft, daß ich aufhörte, ein Verlangen nach andern
Menschen, nach meinen Verwandten zu empfinden; meine Bestimmung, bis daher so klein und so unbedeutend, schien sich zu
erweitern; die Leere meines Daseins war ausgefüllt; meine
Gesundheit wurde von Tag zu Tag besser, und ich nahm an
Körperkraft zu.
Und war nun Herr Rochester in meinen Augen häßlich?
Nein! Dankbarkeit und vielfache Ideenverbindungen, sämtlich
angenehmer, ansprechender Art bewirkten, daß ich nichts lieber
sah als sein Gesicht; seine Anwesenheit in einem Zimmer stimmte
mich heiterer, als das hellste Feuer. Und doch hatte ich seine
Fehler nicht vergessen, wie ich in der Tat auch nicht anders
konnte; denn er hielt sie mir beständig vor Augen. Er war
stolz, sarkastisch, schroff gegen seine Untergebenen, er tat seinen
Leidenschaften keinen Zwang an in meiner Gegenwart. Im
Innern meines Herzens wußte ich, daß seine große Güte
gegen mich durch ungerechte Strenge gegen viele andere wieder
aufgehoben werde. Er war auch launisch und mißmutig und
zwar ohne sichtbaren Grund; mehr als einmal fand ich ihn,
wenn er mich rufen ließ, um ihm vorzulesen, allein in seinem
Bibliothekzimmer sitzen, mit dem Kopfe auf die übereinander
geschlagenen Arme herabhängend, und wenn er aufsah, verdunkelte
ein mürrischer, fast bösartiger Blick seine Züge. Aber ich glaubte,
dieses sein mürrisches, verstimmtes, rauhes Wesen, sowie seine
früheren Fehler --- ich sage früheren, denn jetzt schien er sich
davon befreit zu haben ---- hätten ihren Grund in irgend einem
grausamen Schicksalsschlage. Ich glaubte, er sei von Natur ein
Mann von besserem Streben, höheren Grundsätzen und reinerem
Geschmack, als die Umstände in ihm entwickelt, die Erziehung
ihm eingeprägt oder das Schicksal begünstigt hätten. Ich war
der Ansicht, daß treffliche Anlagen in ihm schlummerten, obgleich
sie für jetzt etwas verdorben und verwirrt zusammenhingen. Ich
kann nicht leugnen, daß sein Kummer, was ihm auch zu Grunde
liegen mochte, auch mir Kummer machte, und daß ich viel darum
gegeben hätte, wenn ich ihn zu lindern vermocht hätte.
Obgleich ich jetzt mein Licht ausgelöscht hatte und zu Bette gegangen war, konnte ich dennoch nicht schlafen, denn ich dachte an
seinen Blick, als er in der Allee plötzlich still stand und sagte, sein
Schicksal sei vor ihn hingetreten und habe den Gedanken, daß er
in Thornfield je glücklich werden könne, mit Hohn zurückgewiesen.
Warum denn nicht? fragte ich mich. Was entfremdet ihn dem
Hause? Wird er es bald wieder verlassen? Frau Fairfax hat
gesagt, er bleibe selten länger als vierzehn Tage auf einmal
hier, und nun ist er schon seit acht Wochen da! Wenn er geht,
so wird die Veränderung eine traurige sein. Nehme ich an, er
wäre im Frühling, Sommer und Herbst abwesend, wie freudlos
würden dann die Sonne und die schönen Tage scheinen!
ich weiß kaum, ob ich, nachdem ich so meinen Gedanken nachgehangen, eingeschlafen war, oder nicht; jedenfalls wurde ich
plötzlich so wach, wie man es nur sein kann, als ein undeutliches, eigentümliches und schauerliches Geräusch, das, wie ich
wähnte, gerade über mir sich hören ließ, mein Ohr traf. Ich
wünschte, ich hätte mein Licht brennen lassen; die Nacht war
fürchterlich dunkel, und auf meinem Geiste lastete eine tiefe
Schwermut. Ich richtete mich hin meinem Bette auf und horchte.
Von dem Geräusch war nichts mehr zu hören.
ich versuchte abermals zu schlafen, aber mein Herz hämmerte
ängstlich, meine innere Ruhe war dahin. Die Uhr, tief unten
im Schlosse, schlug zwei, gerade in dem Augenblicke schien es
mir, daß meine Zimmertür berührt würde, als ob Finger am
Paneel hinstreiften, um die dunkle Galerie entlang den Weg
zu suchen.
Wer ist da? rief ich.
Nichts antwortete. Ich war ganz durchbebt von Furcht.
Mit einem Male fiel mir ein, es könne Pilot sein, der, wenn
die Küchentür zufällig offen blieb, nicht selten heraufkam und
sich vor Herrn Rochesters Tür legte, ich selbst hatte ihn schon
des Morgens da liegen sehen. Dieser Gedanke beruhigte mich
einigermaßen, und ich legte mich wieder auf mein Kopfkissen zurück. Tiefe Stille beschwichtigt die Nerven, und da sich nun
wieder im ganzen Hause nichts hören ließ, so begann ich die
Wiederkehr des Schlummers zu fühlen. Aber es stand in den
Sternen geschrieben, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte.
Kaum hatte ein Traum begonnen, mich zu umgaukeln, als er
wieder voller Schrecken entfloh, verscheucht durch einen Mark
und Bein erschütternden Vorfall.
Es war dies ein dämonisches Lachen, das sich leise und dumpf
gerade vor dem Schlüsselloch meiner Zimmertür vernehmen ließ.
Das Kopfende meines Bettes war nahe bei der Tür, und ich
glaubte anfänglich, das koboldartige Wesen, von dem das Lachen
ausgegangen, stehe an meinem Bette oder ducke sich vielmehr
an meinem Kopfkissen, aber ich erhob mich, sah mich um und
konnte nichts erblicken; während sich, als ich noch so hinsah, der
unnatürliche Ton wiederholte. Nun wußte ich, daß er von
außen kam. Das erste, was ich tat, war, daß ich aufstand und
die Türe verriegelte, das zweite, daß ich ausrief: Wer ist da?
Etwas gurgelte und stöhnte draußen. Es währte nicht lange,
so entfernten sich die Tritte in der Galerie nach der Treppe zum
dritten Stockwerk; erst kürzlich hatte man eine schließbare
Tür zu dieser Treppe gemacht, ich hörte sie aufgehen und zuschließen, und dann war alles wieder still.
War das Grace Poole? Und ist sie vom Teufel besessen?
dachte ich.
Es war mir jetzt unmöglich, länger allein zu bleiben, ich mußte
mich zu Frau Fairfax flüchten. Eiligst zog ich mein Kleid an
und warf einen Schal um, sodann schob ich den Riegel zurück
und öffnete die Tür mit zitternder Hand. Draußen stand ein
brennendes Licht, das offenbar jemand auf der Matte in der
Galerie zurückgelassen hatte. Ich wunderte mich über diesen
Umstand, aber noch mehr erstaunte ich, als ich die ganz trübe,
wie mit Rauch angefüllte Luft bemerkte, und während ich rechts
und links blickte, um ausfindig zu machen, woher diese blauen
Wirbel kämen, bemerkte ich weiter einen starken, brandigen
Geruch.
Es knisterte etwas, eine Tür war bloß angelehnt, und diese
Tür war die des Herrn Rochester, und daraus drang der Rauch
in Wolken hervor. Ich dachte nun nicht weiter an Frau Fair-
far, nicht mehr an Grace Poole, oder das unheimliche Lachen;
in einem Augenblick war ich in dem Zimmer. Flammen züngelten um das Bett herum in die Höhe, die Vorhänge brannten.
Mitten in dem Feuer und in dem Rauche lag Herr Rochester
bewegungslos, in tiefem Schlafe.
Wachen Sie auf! So wachen Sie doch auf! rief ich.
Ich rüttelte ihn, aber er murmelte blos und wandte sich um,
der Rauch hatte ihn betäubt. Es war kein Augenblick zu verlieren, schon brannten die Laken. Ich rannte zu seinem Waschbecken hin und fand zum Glücke, daß es, sowie auch der Wasserkrug, nicht allein sehr groß, sondern auch voller Wasser war.
Ich nahm beide, überschwemmte das Bett und den, der darin
lag, mit dem Inhalte, eilte in mein Zimmer zurück, brachte
auch meinen Wasserkrug herbei, überschüttete das Bett von
neuem, und so gelang es mir mit Gottes Hilfe, das Feuer auszulöschen.
Das Zischen des gelöschten Elements, das Zerbrechen eines
Wasserkrugs, den ich wegwarf, nachdem ich ihn geleert, und vor
allem das Geplätscher des Sturzbads weckte endlich Herrn
Rochester. Obschon es jetzt dunkel war, wußte ich doch, daß er
wachte; denn ich hörte ihn Flüche und Verwünschungen ausstoßen, als er fand, daß er in einem Wasserpfuhle lag.
Ist das die Sündflut? rief er.
Nein, Herr Rochester, sondern Feuer, antwortete ich. Stehen
Sie doch auf; es ist nun gelöscht, ich will Ihnen ein Licht holen.
Im Namen aller Elfen der Christenheit, ist das Jane Eyre?
fragte er. Was haben Sie mit mir gemacht, Hexe, Zauberin?
Wer ist noch im Zimmer? Habt ihr euch verschworen, mich zu
ersäufen?
Ich will Ihnen ein Licht holen, Herr Rochester, und in des
Himmels Namen, stehen Sie auf. Es hat jemand einen böse
Anschlag gegen Sie ausführen wollen; Sie können nicht bald
genug ausfindig machen, wer das war.
Da --- nun bin ich auf, aber Sie laufen ja Gefahr, wenn
Sie jetzt ein Licht herbeiholen, warten Sie noch ein paar
Minuten, bis ich einige trockene Kleider finde, wenn es überhaupt noch solche gibt --- ja, hier ist mein Schlafrock, nun eilen
Sie!
Eilig lief ich hinaus und brachte das Licht herein, das noch
im Korridor stand. Er nahm es mir aus der Hand, hielt es
empor und betrachtete das Bett; es war ganz geschwärzt und
verbrannt, das Bettzeug durchnäßt, der Teppich schwamm im
Wasser.
Was bedeutet dies, und wer hat es getan? fragte er.
Ich erzählte ihm in der Kürze, was ich wußte, wie ich ein
seltsames Lachen im Korridor gehört; wie Tritte zu dem dritten
Stock hinaufgegangen seien; wie der Rauch, der Brandgeruch
mich in sein Zimmer geführt, in welchem Zustande ich dort
alles gefunden, und wie ich ihn mit so viel Wasser überschwemmt
hätte, als ich hätte finden können.
Er hörte sehr ernst zu; sein Gesicht legte im Verlauf meiner
Erzählung mehr Bekümmernis, als Erstaunen an den Tag, und
er sprach nicht sogleich, als ich mit meiner Erzählung zu Ende
war.
Soll ich Frau Fairfax herbeirufen? fragte ich.
Frau Fairfax? Nein, nein - zum Henker, warum wollen
Sie sie rufen? Was kann sie tun? Lassen Sie sie ruhig
schlafen.
So will ich Leah herbeiholen und John samt seiner Frau
wecken.
Ganz und gar nicht, verhalten Sie sich still! Sie haben einen
Schal um; wenn er Ihnen nicht warm genug ist, so nehmen
Sie meinen Mantel dort, hüllen Sie sich darein und setzen Sie
sich in den Lehnsessel dort. Kommen Sie --- ich will Ihnen ein
bißchen helfen. Stellen Sie nun Ihre Füße auf den Schemel
dort, um sie vor der Nässe zu bewahren. Ich verlasse Sie auf
einige Augenblicke, nehme das Licht aber mit. Bleiben Sie da,
wo Sie jetzt sind, bis ich wiederkomme, und verhalten Sie sich
so ruhig wie ein Mäuschen. Ich muß den zweiten Stock visitieren. Rühren Sie sich ja nicht, und rufen Sie niemand herbei.
Er ging, und ich sah das Licht sich entfernen. Er ging ganz
leise die Galerie hinauf, öffnete die Treppentür mit so wenig
Geräusch wie möglich, verschloß sie hinter sich, und es verschwand
der letzte Lichtstrahl. Ich blieb in voller Finsternis zurück. Ich
erwartete, daß ich irgend ein Geräusch hören würde, und horchte
deshalb, hörte aber nichts. Es verstrich eine sehr lange Zeit.
Ich wurde müde und des Wartens überdrüssig, mich fröstelte
trotz des Mantels, und sodann vermochte ich nicht einzusehen,
wozu mein Dableiben nützen solle, da ich ja die Leute im Hause
nicht wecken durfte. Ich war eben im Begriff, auf die Gefahr
hin, Herrn Rochester zu mißfallen, wegzugehen, als das Licht
abermals einen matten Schein auf die Wand der Galerie warf
und ich seine unbekleideten Füße auf der Matte hörte.
Hoffentlich ist er es, dachte ich, und nichts Schlimmeres.
Er trat blaß und ganz verdüstert wieder in das Zimmer.
Ich habe alles ausfindig gemacht, sagte er, sein Licht auf das
Waschtischchen stellend; es ist, wie ich mir dachte.
Was ist denn geschehen?
Er gab keine Antwort, sondern blieb mit übereinander geschlagenen Armen und auf den Boden gesenktem Blicke stehen.
Nach einigen Minuten fragte er in einem etwas eigentümlichen
Tone:
Ich habe vergessen, ob Sie gesagt, daß Sie beim Oeffnen
Ihrer Zimmertür etwas gesehen hätten?
Nichts als den Leuchter auf dem Fußboden.
Aber Sie haben ein seltsames Lachen gehört? Sie haben
wohl dieses Lachen oder doch etwas Aehnliches schon früher
gehört?
Ja, es ist ein Frauenzimmer hier, das näht, sie heißt Grace
Poole und lacht auf solche Weise. Sie ist eine sonderbare
Person.
Ganz richtig. Grace Poole --- Sie haben's erraten. Sie ist,
wie Sie sagen, sonderbar --- sehr sonderbar. Gut, ich werde
über die Sache nachdenken. Inzwischen ist es mir lieb, daß
Sie außer mir die einzige Person sind, welche die Einzelheiten
von dem Vorfalle dieser Nacht genau kennt. Sie sind keine
törichte Schwätzerin, sagen Sie daher nichts davon. Ich werde
für das da --- er deutete auf das Bett --- eine Erklärung erfinden, und nun gehen Sie wieder in Ihr Zimmer! Ich kann
die noch übrigen Stunden der Nacht wohl auf dem Sofa im
Bibliothekzimmer liegen. Es ist beinahe vier Uhr; in zwei
Stunden wird die Dienerschaft auf sein.
Gute Nacht denn, Herr Rochester! sagte ich, mich zurückziehend.
Er schien überrascht--- seltsam genug, da er mich eben hatte
gehen heißen.
Was! rief er, Sie verlassen mich schon wieder und auf solche
Weise?
Sie haben ja gesagt, ich könnte gehen!
Aber nicht ohne Abschied zu nehmen, nicht ohne einige Dankesworte mitzunehmen; mit einem Worte, nicht auf diese kurze,
trockene Weise. Haben Sie mir nicht das Leben gerettet, mich
nicht einem schauerlichen Martertode entrissen?--- Und nun
gehen Sie an mir vorbei, als ob wir einander wildfremd wären!
Geben Sie mir wenigstens die Hand!
Er streckte seine Hand aus, ich gab ihm die meinige; er nahm
sie zuerst in eine, dann in beide Hände.
Sie haben mir das Leben gerettet, es freut mich herzlich, Ihnen
unendlich viel zu schulden. Mehr kann ich nicht sagen. Keinem
andern lebenden Wesen möchte ich so viel verdanken, schon der
Gedanke daran wäre mir unerträglich; bei Ihnen aber ist es
anders, --- Ihre Wohltaten kommen mir nicht als eine Last vor.
Er schwieg und sah mich scharf an. Worte, die fast sichtbar
waren, bebten auf seinen Lippen --- das Band seiner Zunge
aber löste sich nicht.
Noch einmal gute Nacht, Herr Rochester! Es kann hier von
keiner Schuld, keiner Wohltat die Rede sein.
O, ich wußte wohl, fuhr er fort, daß Sie mir einst auf diese
oder jene Weise Gutes erweisen würden, ich sah es in Ihren
Augen, als ich Sie zum erstenmale erblickte. Ihr Ausdruck
und Lächeln erfüllten--- hier hielt er inne, dann fuhr er hastig
fort -- erfüllten nicht so umsonst mein innerstes Herz mit
Wonne. Man spricht von natürlichen Sympathien, und ich habe
von Schutzgeistern gehört; in dem albernsten Märchen liegt ein
Körnchen Wahrheit. Meine teure Retterin, gute Nacht!
Es war eine seltsame Kraft in seiner Stimme, ein seltsames
Feuer in seinem Blicke.
Ich bin nur froh, daß ich gerade wachte, sagte ich, und wollte
dann gehen.
Wie? Sie wollen gehen?
Mich friert, Herr Rochester.
Sie friert? Das ist kein Wunder, Sie stehen ja in einem
Wasserpfuhl. So gehen Sie denn, Jane, gehen Sie!
Aber er hielt meine Hand immer noch fest, und ich konnte sie
nicht losbekommen. Ich dachte auf ein Auskunftsmittel.
ich glaube, ich höre Frau Fairfax sich rühren, Herr Rochester,
sagte ich.
Gut, so verlassen Sie mich! Er ließ meine Hand fahren, und
ich eilte hinaus.
Ich begab mich wieder zu Bett, dachte aber keinen Augenblick
daran, wieder einzuschlafen. Bis zur Zeit der Morgendämmerung wurde ich auf einer hochgehenden See umhergeworfen, wo
Wogen der Unruhe zwischen Wogen der Freude rollten. Zuweilen glaubte ich jenseit seiner wilden Wasser ein Ufer zu erblicken, lieblich wie die Hügel von Beulah, und dann und wann
trug eine frische Kühle, von der Hoffnung erweckt, meinen Geist
triumphierend zu dem Ziele hin. Aber ich konnte es nicht erreichen, nicht einmal in der Phantasie, --- ein ungünstiger Wind
wehte vom Land entgegen und trieb mich beständig zurück. Der
Verstand widerstand dem Wahne, die Urteilskraft warnte die
Leidenschaft. Zu fieberhaft aufgeregt, um zu schlafen, stand ich
auf, sobald es dämmerte.
Sechzehntes Kapitel.
Ich wünschte und fürchtete zu gleicher Zeit, Herrn Rochester
an dem Tage, der auf diese schlaflose Nacht folgte, wiederzusehen, ich mußte seine Stimme wieder hören, und doch scheute
ich mich, seinem Blicke zu begegnen. Während der ersten Morgenstunden erwartete ich jeden Augenblick, daß er mich aufsuchen
würde. Er pflegte zwar nicht häufig in das Schulzimmer zu
kommen, doch zeigte er sich bisweilen auf einige Minuten, und
es war mir, als könne er nicht umhin, es an diesem Tage zu
besuchen.
Allein der Morgen verstrich wie gewöhnlich; es geschah nichts,
was den ruhigen Gang von Adeles Lektionen unterbrochen
hätte; nur hörte ich bald nach dem Frühstück in der Nähe von
Herrn Rochesters Zimmer einige Leute hin- und herrennen, Frau
Fairfax' Stimme, sowie die von Leah und der Köchin erschallen.
Da vernahm ich Worte wie folgende:
Welch ein Glück, daß der Herr nicht in seinem Bette verbrannt ist!
Es ist stets gefährlich, bei Nacht ein brennendes Licht in seinem
Zimmer zu haben.
Wie glücklich fügte es die Vorsehung, daß er so viel Geistesgegenwart hatte, an den Wasserkrug zu denken!
Es nimmt mich Wunder, daß er niemand geweckt hat!
Hoffentlich wird er sich nicht im Bibliothekzimmer erkältet
haben u. s. w.
Als dann zum Diner geläutet wurde und ich an Herrn Rochesters
Zimmer vorüberkam, konnte ich durch die offene Tür hindurch
sehen, daß alles wieder vollständig in Ordnung war; nur fehlten noch die Vorhänge an dem Bett. Leah zeigte sich in der
Fenstervertiefung, beschäftigt mit dem Abreiben der durch den
Rauch getrübten Fensterscheiben. Ich war im Begriffe, sie anzureden, denn ich hätte gern gewußt, wie man sich die Sache
erklärt habe; als ich aber näher trat, sah ich noch jemand in
dem Zimmer -- eine Frauensperson, die an dem Bette auf
einem Stuhle saß und Ringe an neue Vorhänge nähte. Dieses
Frauenzimmer war niemand anders, als ---- Grace Poole.
Da saß sie, gesetzt und schweigsam, wie gewöhnlich, in ihrem
braunen Zeugkleide, ihrer gewürfelten Schürze, weißem Halstuche und weißer Haube. Sie schien ganz bei ihrer Arbeit zu
sein, da sie emsig nähte; auf ihrer harten Stirn und in ihren
ordinären Zügen war nichts zu sehen von der Blässe oder der
Verzweiflung, die man wohl bei einem Weibe hätte erwarten
dürfen, das einen Mord beabsichtigt hatte, und dessen beabsichtigtes
Opfer ihr in der letzten Nacht bis in ihre Höhle gefolgt war,
und --- so glaubte ich wenigstens --- sie des Verbrechens, das sie
ausführen wollte, beschuldigt hatte. Ich war erstaunt, verwirrt,
bestürzt. Sie blickte auf, während ich sie noch ansah; kein zusammenfahren, keine Röte, keine Blässe verriet bei ihr irgend
eine Erregung, Schuldbewußtsein oder Furcht vor Entdeckung.
Sie sagte, Guten Morgen, Fräulein, auf ihre gewöhnliche, phlegmatische und kurze Weise und fuhr, indem sie nachdem Zwirnknäuel langte, ruhig in ihrer Arbeit fort.
Ich will sie auf die Probe stellen, dachte ich, eine so absolute
Undurchdringlichkeit geht über alle Begriffe.
Guten Morgen, Grace, sagte ich. Ist hier etwas passiert?
Ich meinte, ich hätte noch vor einer Weile die ganze Dienerschaft hier gehört.
Der Herr hat bloß letzte Nacht im Bette gelesen, er ist ein
geschlafen, während sein Licht noch brannte, und da haben die
Vorhänge Feuer gefangen; doch ist er glücklicherweise aufgewacht, ehe die Bettleinen oder das Holzwerk sich entzündet haben,
und er hat so die Flamme mit dem Wasser im Kruge löschen
können.
Merkwürdig! sagte ich mit leiser Stimme, dann sah ich sie fest
an und fuhr fort: Hat Herr Rochester niemand geweckt? Hat
ihn niemand gehört?
Abermals schlug sie die Augen zu mir auf, und dieses mal
konnte man ihr anmerken, daß sie sich getroffen fühlte. Sie
schien mich vorsichtig zu beobachten, dann antwortete sie:
Die Dienerschaft schläft so weit von hier, wie Sie wissen,
Fräulein, daß sie so leicht nichts hören kann. Das Zimmer von
Frau Fairfax und Ihres sind dem des Herrn am nächsten, aber
Frau Fairfax hat gesagt, sie hätte nichts gehört; wenn man alt
wird, hat man oft einen tiefen Schlaf.
Hier schwieg sie. Nach einem Augenblick fuhr sie mit einer
Art angenommener Gleichgültigkeit, aber doch in markiertem und
bedeutungsvollem Tone fort:
Aber Sie sind jung, Fräulein, und haben wohl keinen so
festen Schlaf, vielleicht haben Sie etwas gehört?
Ja, ich habe etwas gehört, sagte ich noch leiser, so daß Leah,
die immer nochan den Fensterscheiben rieb, mich nicht hören
konnte. Ich habe zuerst geglaubt, es wäre Pilot, auch bin ich
gewiß, ein Lachen gehört zu haben, und zwar ein ganz seltsames.
Sie nahm abermals eine Nadel voll Zwirn, wichste ihn sorgfältig, fädelte ihre Nadel mit sicherer Hand ein und bemerkte
dann ganz ruhig:
Es ist wohl kaum anzunehmen, Fräulein, daß der Herr, als
er in solcher Gefahr schwebte, gelacht hat! Sie müssen geträumt
haben.
Ich habe nicht geträumt, sagte ich mit einiger Heftigkeit, denn
ihre Unverfrorenheit ärgerte mich. Wieder sah sie mich an und
zwar mit demselben prüfenden Blicke, der zugleich verriet, daß
sie um die Sache wisse.
Haben Sie mit dem Herrn von dem Gelächter gesprochen?
fragte sie.
Ich habe ihn diesen Morgen noch nicht sprechen können.
Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Tür aufzumachen und
in den Korridor hinauszusehen? fragte sie weiter.
Sie schien mich ins Verhör nehmen und durch allerlei verfängliche Fragen das, was sie zu wissen wünschte, von mir herausbringen zu wollen. Alsbald kam mir der Gedanke, daß
sie, sobald sie entdeckte, daß ich um ihre Schuld wüßte oder
wenigstens etwas vermutete, mir gleichfalls einen ihrer boshaften
Streiche spielen würde, ich hielt es daher für geraten, auf meiner
Hut zu sein.
Im Gegenteil, sagte ich, ich habe meine Tür zugeriegelt.
So pflegen Sie also nicht jede Nacht Ihre Tür zu verriegeln,
bevor Sie zu Bette gehen?
O über den bösen Feind in Weibsgestalt! Sie will meine
Gewohnheiten wissen, um ihre Pläne danach einzurichten,
dachte ich.
Die Entrüstung trug abermals über die Klugheit den Sieg
davon, ich erwiderte spitzig:
Bis jetzt habe ich es oft unterlassen, den Riegel vorzuschieben,
weil ich es nicht für notwendig hielt. Ich wußte nicht, daß
irgend eine Gefahr oder Widerwärtigkeit in Thornfield Hall zu
fürchten sei, aber für die Zukunft --- und ich legte viel Nachdruck auf diese Worte --- werde ich dafür sorgen, daß alles wohl
verschlossen und verriegelt ist, ehe ich es wage, mich niederzulegen.
Sie werden gut daran tun, war ihre Antwort; diese Gegend
ist so ruhig, wie nur eine, und nie habe ichgehört, daß Räuber
in das Schloß eingebrochen sind, solange es steht, obgleich es
wohl bekannt ist, daß Silberzeug im Werte von vielen hundert
Pfund in dem Geschirrschrank aufbewahrt wird. Und sehen Sie,
für ein so großes Haus ist nur eine sehr kleine Dienerschaft da,
weil der Herr hier nie lange geblieben ist; und kommt er auch,
so braucht er als Junggesell doch nur wenig Leute zu seiner
Bedienung, aber ich denke, Vorbedacht ist besser als Nachbedacht;
eine Tür ist bald zugeschlossen, und es ist nicht minder gut, einen
Riegel zwischen sich und ein Unheil geschoben zu wissen, das
einem passieren kann. Manche Leute, Fräulein, sind der Ansicht, daß man sich immer und in allen Stücken nur auf die
Vorsehung zu verlassen brauche, ich aber sage, wir müssen die
richtigen Mittel wählen, und dann gibt oft die Vorsehung ihren
Segen dazu.
Hier hielt sie inne mit ihrer Rede, die für sie eine ungemein
lange gewesen war.
Während ich noch ganz und gar verblüfft und sprachlos dastand, trat die Köchin ein.
Frau Poole, sagte sie, zu Grace gewandt, das Essen der
Dienerschaft ist bald fertig, wollen Sie herunterkommen?
Nein! stellen Sie mir nur mein Nößel Porter und ein Stück
Pudding auf einen Teller, ich werde es dann auf mein Zimmer
tragen.
Wollen Sie kein Fleisch?
Nur ein kleines Stück und ein bißchen Käse, weiter nichts.
Und der Sago?
Lassen Sie den jetzt nur sein, ich komme noch vor der Teezeit
hinunter und mache ihn dann selbst fertig.
Hier wandte sich die Köchin zu mir mit den Worten, daß Frau
Fairfax auf mich warte. Ich ging daher.
Bei Tische achtete ich wenig auf das, was um mich vorging.
So hartnäckig zerbrach ich mir den Kopf über Grace Pooles
rätselhaften Charakter und noch mehr darüber, welches denn
eigentlich ihre Stellung zu Thornfield sei, warum sie an dem
Morgen nicht alsbald gefänglich eingezogen oder wenigstens von
ihrem Herrn entlassen worden war. Hatte dieser doch in der
letzten Nacht seine Ueberzeugung, daß sie das Verbrechen begangen, deutlich genug, wie mir schien, ausgesprochen; welche
geheimnisvolle Ursache hielt ihn nun zurück, sie des Verbrechend
anzuklagen? Warum hatte er auch mir aufs dringendste anempfohlen, keine Silbe über die Sache zu verlautbaren? Es
war in der Tat höchst auffallend; ein kühner, rachsüchtiger und
stolzer Herr schien in irgend einer Weise in der Gewalt einer
der niedrigsten seiner Untergebenen zu sein, so sehr in ihrer Gewalt, daß, wenn sie ihre Hand gegen sein Leben erhob, er es
nicht wagen durfte, sie des verbrecherischen Versuches offen zu
bezichtigen, geschweige denn sie bestrafen zu lassen.
Wäre Grace Poole jung und schön gewesen, so hätte ich wohl
gemutmaßt, daß zärtlichere Gefühle, als Klugheit oder Furcht,
bei Herrn Rochester zu ihren Gunsten sprächen, aber bei ihren
harten Gesichtszügen und ihrem ältlichen Aussehen konnte diesem
Gedanken keinen Augenblick Raum gegeben werden.
Doch, dachte ich, sie ist einmal jung gewesen, sie muß etwa
in demselben Alter stehen, wie ihr Herr. Frau Fairfax hat mir
einmal gesagt, daß sie schon seit vielen Jahren hier sei. Ich
halte es nicht für wahrscheinlich, daß sie je hübsch gewesen, aber
sie mag Originalität und Charakterstärke besitzen, als Ersatz für
den Mangel an körperlichen Vorzügen, und so etwas kann Herr
Rochester ja gut leiden. Wie, wenn eine frühere Laune --- ganz
und gar nicht unmöglich bei einem Mann von so heftiger und
eigensinniger Natur, wie er --- ihn in ihre Macht gegeben hätte
und sie nun auf seine Handlungen einen geheimen Einfluß ausübte, den er nicht abschütteln kann und nicht zu mißachten wagt?
Aber hier stellte sich die vierschrötige, platte Gestalt, das unschöne, trockene, ja gemeine Gesicht der Poole meinem innern
Blick so deutlich dar, daß ich dachte: Nein, unmöglich! Meine
Vermutung kann nicht richtig sein. Und doch flüsterte wieder
die geheime Stimme, die in unserm eigenen Herzen mit uns
spricht: Auch du bist nicht schön und gefällst vielleicht dennoch
Herrn Rochester, jedenfalls hat sich oft schon das Gefühl bei dir
geregt, als ob dem so wäre. Und in letzter Nacht ---- erinnere
dich an seine Worte, erinnere dich an seinen Blick, erinnere
dich an seine Stimme!
Ich erinnerte mich sehr gut. Sprache, Blick und Ton traten
in dem Augenblick mir aufs neue und lebhaft vor die Seele.
Ich befand mich gerade in dem Schulzimmer. Adele zeichnete, ich
neigte mich über sie und führte ihren Bleistift. Verwundert
blickte sie mich an und sagte:
Qu'avez-vous, Mademoiselle? Vos doigts tremblent comme
la feuille, et vos joues sont rouges; mais rouges comme des
cerises!
Es ist mir heiß vom Bücken, Adele!
Sie fuhr fort zu zeichnen und ich nachzusinnen.
Ich beeilte mich, den häßlichen Gedanken, den ich in Betreff
Grace Pooles gehabt, aus meinem Geiste zu verbannen, er ekelte
mich an. Ich verglich mich mit ihr und fand, daß wir verschieden
seien. Bessie Leaven hatte gesagt, ich sei ja wie eine vornehme
Dame, und jetzt sah ich sogar noch besser aus, als damals; ich
hatte mehr Farbe und Körperfülle, mehr Leben und Lebhaftigkeit, weil ich glänzendere Hoffnungen und edlere Freuden hatte.
Der Abend kommt heran, dachte ich, als ich zu dem Fenster
hinblickte. Ich habe heute weder Herrn Rochesters Stimme, noch
seinen Tritt im Hause gehört; aber sicherlich werde ich ihn noch
sehen, ehe es Nacht ist; diesen Morgen fürchtete ich die Begegnung, und nun wünsche ich sie, da die Erwartung so lange getäuscht worden, daß sie in Ungeduld übergegangen ist.
Als es dämmerte und Adele mich verließ, um mit Sophie
in der Kinderstube zu spielen, hatte ich das lebhafteste Verlangen,
mit Herrn Rochester zusammenzutreffen. Ich horchte, ob es unten
nicht läute, ich horchte, ob nicht Leah mit einer Botschaft heraufkomme. Bisweilen glaubte ich einen Tritt zu hören und wandte
mich zur Tür hin, in der Erwartung, daß sie sich öffnen und
er hereintreten würde. De Tür ging aber nicht auf, nur die
Dunkelheit kam zu dem Fenster herein. Doch war es noch nicht
spät, er ließ mich oft um sieben oder um acht Uhr rufen, und
es war doch erst sechs. Gewiß sollte ich diesen Abend nicht
gänzlich enttäuscht werden, hatte ich ihm doch so vieles zu sagen.
Es verlangte mich, das Gespräch wieder auf Grace Poole zu
lenken und zu hören, was er antworten würde. Ich mußte ihn
geradezu fragen, ob er wirklich glaube, daß sie es gewesen, die
den abscheulichen Versuch gegen sein Leben in letzter Nacht gemacht, und wenn dies der Fall, warum er ihre Bosheit geheim
hielt. Es verschlug wenig, wenn meine Neugierde ihn ärgerte,
es machte mir Vergnügen, ihn abwechselnd zu ärgern und zu
besänftigen, es war dies ein Vergnügen, das ich mir besonders
gern verschaffte, und ein sicherer Instinkt verhinderte mich stets,
zu weit zu gehen. Wenn ich mich innerhalb der Grenzen des
Respekts und der mir von meiner Stellung vorgeschriebenen
Schicklichkeit hielt, konnte ich mich mit ihm ohne Furcht oder
unbequemen Zwang herumstreiten, und dies gefiel sowohl ihm
als mir.
Endlich ließ sich auf der Treppe ein Tritt vernehmen. Leah
erschien, aber nur, um mir anzukündigen, daß der Tee in Frau
Fairfax' Zimmer serviert sei. Dahin verfügte ich mich, erfreut,
wenigstens die Treppe hinabzukommen, weil mich dies, wie ich
mir einbildete, mehr in Herrn Rochesters Nähe brächte.
Sie müssen Verlangen nach Ihrem Tee haben, sagte die gute
Dame, als ich zu ihr hintrat, Sie haben diesen Mittag ja so
wenig gegessen. Ich fürchte, fuhr sie fort, Sie sind heute nicht
ganz wohl, Sie sehen erhitzt und fieberhaft aus.
O, ganz wohl! Ich habe mich nie wohler gefühlt.
Dann müssen Sie es durch einen guten Appetit beweisen.
Wollen Sie den Teetopf füllen, während ich meine Nadel abstricke?
Nachdem sie dies getan, erhob sie sich, um das Rouleau herunterzulassen.
Es ist heute abend schönes Wetter, bemerkte sie, durch die
Scheiben blickend, wenn es auch nicht sternenhell ist; im ganzen
hat Herr Rochester einen günstigen Tag zu seiner Reise gehabt.
Reise --- Ist denn Herr Rochester verreist? Ich wußte gar
nicht, daß er fort ist.
O, er hat sich gleich nach dem Frühstück auf den Weg gemacht!
Das Ziel seiner Reise ist Leas, Herrn Eshtons Landsitz, zehn
Meilen auf der andern Seite von Millcote; ich glaube, es ist
dort eine zahlreiche Gesellschaft beisammen: Lord Ingram, Sir
George Lynn, Oberst Dent und noch viele andere.
Erwarten Sie ihn schon diesen Abend zurück?
Nein, und morgen auch nicht, wahrscheinlich bleibt er dort
eine Woche oder darüber. Wenn diese feinen Leute einmal
zusammenkommen, so sind sie so von Eleganz und Heiterkeit um
geben, so wohl versehen mit allem, was gefallen und unterhalten
kann, das; es sie nicht drängt, sich wieder zu trennen. Insbesonbere sind bei solchen Gelegenheiten Herren oft sehr gesucht,
und Herr Rochester hat so viele Talente und ist so lebhaft in
Gesellschaft, daß er wohl allgemein beliebt ist, ganz besonders
aber bei den Damen, obgleich Sie der Ansicht sein mögen, sein
Aeußeres sei für ihn in ihren Augen keine Empfehlung. Ich
glaube, seine hohe Bildung und seine natürlichen Gaben, vielleicht
auch sein Reichtum und seine gute Herkunft verwischen jeden
kleinen Fehler seines Aeußern wieder.
Sind Damen in Leas?
Frau Eshton und ihre drei Töchter, sehr elegante junge Damen;
Fräulein Blance und Mary Ingram, wunderschöne Frauenzimmer, wie ich vermute; in der Tat habe ich Blanche schon
vor sechs oder sieben Jahren gesehen, als sie ein achtzehnjähriges
Mädchen war. Sie kam hierher zu einem Ball und einer Gesellschaft, die Herr Rochester zu Weihnachten gab. Sie hätten
an jenem Tage das Speisezimmer sehen sollen, --- wie reich
dekoriert, wie prachtvoll erleuchtet es war! Ich glaube, es waren
wohl an die fünfzig Damen und Herren da --- alle aus den
ersten Familien der Grafschaft, und Fräulein Ingram wurde
für die schönste von allen an jenem Abend erklärt.
Sie sagen, Frau Fairfax, Sie hätten sie gesehen, wie sah
sie aus?
Ja, ich sah sie. Die Türen zum Speisesaal standen offen,
und da es Weihnachten war, so durfte die Dienerschaft sich in
der Halle versammeln, um einige von den Damen singen und
spielen zu hören. Herr Rochester wollte, daß ich hineinginge,
und so setzte ich mich hin einen stillen Winkel und beobachtete
sie. Nie habe ich was Schöneres gesehen, die Damen waren
wundervoll gekleidet, die meisten von ihnen --- wenigstens die
meisten von den jüngeren ---- sahen schön aus, aber Fräulein
Ingram war sicherlich die Königin von allen.
Beschreiben Sie mir sie doch!
Sie war groß, ihr Oberkörper schön, ihre Schultern zierlich
abfallend, ihr Hals lang, graziös, ihre Haut olivenfarbig, dunkel
und klar, ihre Züge edel, ihre Augen denen des Herrn Rochester
sehr ähnlich, groß und schwarz, und so glänzend, wie ihre Juwelen. Und dann hatte sie ein so schönes und reiches Haar,
rabenschwarz und so zierlich geordnet, hinten eine Krone dichter
Flechten und vorn die längsten, glänzendsten Locken, die ich in
meinem Leben gesehen. Sie war schneeweiß gekleidet; eine
ambrafarbige Schärpe, über ihre Schulter und Brust gehängt
und an der Seite zusammengebunden, fiel in langen fransigen
Enden über ihre Knie hinab. Sie trug auch eine ambrafarbige
Blume in ihrem Haare, die sehr gut gegen die achatschwarze
Masse ihrer Locken abstach.
Natürlich wurde sie sehr bewundert?
Jawohl, und nicht bloß wegen ihrer Schönheit, sondern
auch wegen ihrer Talente. Sie war eine der Damen, die sangen;
ein Herr begleitete sie auf dem Klavier. Sie sang mit Herrn
Rochester ein Duett.
Mit Herrn Rochester! Ich wußte nicht, daß er singen kann.
O, er hat eine schöne Baßstimme und einen trefflichen Geschmack in allem, was Musik betrifft.
Und was für eine Stimme hatte Fräulein Ingram?
Eine sehr volle und kräftige, sie sang entzückend schön, es
war ein Hochgenuß, ihr zuzuhören; -- auch spielte sie nachher.
Ich verstehe mich nicht viel auf Musik, wohl aber Herr Rochester;
und ich habe ihn sagen hören, sie hätte einen ausnahmsweise
guten Vortrag.
Und diese schöne, talentvolle Dame ist noch nicht verheiratet?
Es scheint nicht, ich denke mir, weder sie, noch ihre Schwester
besitzen sehr viel Vermögen. Die Hinterlassenschaft des alten
Lord Ingram bestand großenteils in Fideikommissen, und der
älteste Sohn hat fast alles bekommen.
Aber es wundert mich doch, daß kein begüterter Adeliger oder
Gentleman sich in sie verliebt hat, z. B. Herr Rochester! er ist
reich, nicht wahr?
O ja ! Aber sehen Sie, es ist ein großer Unterschied im
Alter. Herr Rochester ist nahe an den vierzigen und sie blos;
fünfundzwanzig.
Was tut denn das? Jeden Tag kommen Verbindungen vor,
die noch weit ungleicher sind.
Das ist wahhr; doch will es mich bedünken, daß Herr Rochester
kaum einen solchen Gedanken hegt. -- Aber Sie essen ja gar
nichts, Sie haben ja kaum etwas versucht, seitdem der Tee
serviert ist.
Nein, ich bin zu durstig, um zu essen. Wollen Sie mir noch
eine Tasse erlauben?
Ich war im Begriffe, die Wahrscheinlichkeit einer Verbindung
zwischen Herrn Rochester und der schönen Blanche abermals ins
Auge zu fassen, aber Adele kam herein, und das Gespräch erhielt eine andere Richtung.
Als ich endlich wieder allein war, dachte ich nach über die
Mitteilungen, die ich erhalten, blickte in mein Herz, prüfte dessen
Gedanken und Gefühle und bemühte mich, diejenigen, die in
den unbegrenzten und spurlosen Räumen der Phantasie umhergeirrt waren, in die sichern Grenzen des nüchternen Verstandes
mit fester Hand zurückzuführen.
Vor meinem Innersten angeklagt, legte die Erinnerung Beweis ab von den Hoffnungen, Wünschen und Empfindungen,
die ich seit der letzten Nacht genährt, --- von dem allgemeinen
Gemütszustande, dem ich seit beinahe vierzehn Tagen verfallen
war; die Vernunft brach sich Bahn und erzählte in ihrer eigenen
ruhigen Weise eine schlichte, ungeschminkte Geschichte, die zeigte,
wie sehr ich die Wirklichkeit zurückgewiesen hatte und wütend
das Ideal verschlang. Ich sprach ein Urteil des Inhalts aus:
Daß es eine größere Törin, als Jane Eyre, im Leben nie
gegeben, daß kein phantastischerer Schwachkopf sich mehr mit
süßen Lügen überladen und Gift geschluckt habe, als ob es
Nektar wäre.
Du, sagte ich, glaubst, Herr Rochester sehe dich gern? Du glaubst,
du besitzest die Macht, ihm zu gefallen? Du solltest ihm in irgend
einer Weise wichtig sein? Geh! Mir wird schlimm, wenn ich
an deine Torheit denke. Und du hast dich gelegentlicher Zeichen
von Bevorzugungen freuen können --- zweideutiger Zeichen, erzeigt*** von einem Mann von hoher Geburt und von einem Welt-
mann einer Untergebenen und in der Welt Unerfahrenen?
Wie bist du nur auf den Gedanken gekommen? Arme Törin!
Konnte nicht einmal der Eigennutz dich klüger machen? Du hast
dir diesen Morgen die kurze Scene der letzten Nacht wiederholt?-- Verhülle dein Gesicht und schäme dich! Er hat auch
etwas zum Lobe deiner Augen gesagt? Du Blinde, die du bist:
Es ist für kein Frauenzimmer gut, wenn ihr von ihrem Vorgesetzten geschmeichelt wird, dem es nicht einfällt, sie zu heiraten;
und bei allen Frauenzimmern ist es Wahnsinn, wenn sie eine
geheime Liebesflamme in sich aufkommen lassen, die, wenn nicht
erwidert, das Leben verzehren muß, das sie nährt; und, wenn
entdeckt und erwidert, irrlichtähnlich in schlammige Wildnisse
führen muß, wo kein Ausgang ist
So höre denn dein Urteil, Jane Eyre! Morgen stelle den
Spiegel vor dich hin und male dich selbst getreu, ohne einen
einzigen Mangel zu mildern; vergiß keine harte Linie, glätte
keine unangenehme Unregelmäßigkeit hinweg und schreibe darunter hin: ,Portrait einer Gouvernannte, ohne Verwandte,
ohne Vermögen, ohne Schönhheit!'
Dann nimm ein Stück glattes Elfenbein --- du hast ein
solches in deinem Farbenkasten --- nimm deine Palette, mische
deine frischesten, schönsten, hellsten Farben; wähle deinen zartesten, kameelhaarenen Pinsel, male mit Sorgfalt das lieblichste
Gesicht, das du dir vorstellen kannst; male es mit den sanftesten
Schatten und lieblichsten Farben, nach der Beschreibung, die
Frau Fairfax von Blanche Ingram gegeben; denke an die
rabenschwarzen Ringeln und die orientalischen Augen. -- Wie?
Du kehrst zu Herrn Rochester als ein Modell zurück! Nimm
dich zusammen! Weg mit den rührseligen Gedanken -- weg mit
der Sehnsucht und dem Gram! Hier darf nur der Verstand
und die Entschlossenheit herrschen! Erinnere dich der erhabenen,
und dabei harmonischen Gesichtszüge der griechischen Büste und
des griechischen Halses! Laß den runden, blendenden Arm sehen
und die zarte Hand, vergiß weder den Diamantring, noch das
goldene Armband; stelle getreu dar das Gewand, das luftige
Spitzengewebe, den schimmernden Atlas, die graziöse Schärpe
und die goldene Rose; nenne all das:,Blanche, eine vollendete Dame von hohem Range''.
Solltest du in Zukunft dir etwa einbilden, Herr Rochester
mache sich etwas aus dir, so nimm diese zwei Bilder heraus
und vergleiche sie miteinander, sage: Herr Rochester könnte wahrscheinlich die Liebe jener vornehmen Dame gewinnen, wenn er
sich darum bewerben wollte; ist es nun wahrscheinlich, daß er
einen ernsten Gedanken verschwenden sollte an dies arme und
unbedeutende bürgerliche Mädchen, dann --- dann liebt er dich!
Ja, das will ich tun, beschloß ich, und mit diesem Entschlusse
schlief ich ruhig ein.
Ich hielt mein Wort. Einige Stunden reichten hin, mein
eigenes Portrait mit Kreide zu skizzieren und in noch nicht
vierzehn Tagen hatte ich auf Elfenbein ein Miniaturbild einer
eingebildeten Blanche Ingram fertig. Ihr Gesicht sah lieblich
genug aus, und wenn man es mit dem wirklichen, mit Kreide
gezeichneten Kopfe verglich, war der Kontrast so groß, als die
Selbstbeherrschung nur wünschen konnte. Diese Beschäftigung
verfehlte nicht, wohltätig auf mich zu wirken, ich hatte Kopf und
Hände beschäftigt, um den neuen Eindrücken, die ich mit unauslöschlichen Zügen in mein Herz eingraben wollte, Kraft und
Festigkeit verliehen.
Nicht lange, so hatte ich allen Grund, mir zu der heilsamen
Disziplin, der zu unterwerfen ich meine Gefühle gezwungen
hatte, Glück zu wünschen. Ihr verdankte ich es, wenn ich imstande
war, späteren Ereignissen mit anständiger Ruhe entgegenzutreten,
die ich, hätten sie mich unvorbereitet gefunden, wahrscheinlich
nicht einmal äußerlich zu behaupten vermocht haben würde.
Siebenzehntes Kapitel.
Es verging eine Woche, und keine Nachricht kam von Herrn
Rochester; es vergingen zehn Tage, und noch immer ließ er
nichts von sich hören. Frau Fairfax sagte, es würde sie nicht
überraschen, wenn er von Leas geradeswegs nach London und
von da nach dem Kontinent ginge und sich in Thornfield ein
Jahr lang nicht wieder Blicken ließe; er habe es nicht selten
auf ebenso unerwartete Weise und ebenso plötzlich verlassen.
Als ich dies hörte, wurde mir kalt und eng ums Herz, ich nahm
allen meinen Verstand zusammen und besann mich auf meine
Vorsätze, so daß ich meine Gefithle sofort wieder zur Ordnung
rufen konnte. Es war wunderbar, wie gut es mir gelang, die
Augenblickliche Schwäche zu überwinden, und wie ich mir den
Irrtum klar machte, Herrn Rochesters Treiben sei ein Gegenstand, woran ich Ursache hätte, ein lebhaftes Interesse zu nehmen.
Nicht als hätte ich mich durch eine sklavische Ansicht in Betreff
meiner Untergebenheit gedemütigt, im Gegenteil, ich sagte blos:
Du hast mit dem Besitzer von Thornfield nichts weiter zu
schaffen, als den Gehalt in Empfang zu nehmen, den er dir
dafür gibt, daß du seine Schutzbefohlene unterrichtest, und für
eine so rücksichtsvolle und freundliche Behandlung dankbar zu
sein, die du, sobald du deine Pflicht erfüllst, ein Recht hast, von
ihm zu erwarten. Sei versichert, dies ist das einzige Band,
das er ernstlich zwischen dir und ihm anerkennt, mace ihn also
nicht zum Gegenstand deiner schönen Gefühle, deines Entzückens, deiner Sehnsucht u. s. f. Er ist nicht von deinem
Stande, halte dich zu deinesgleichen und achte dich selbst zu
sehr, um die Liebe deines ganzen Herzens und deiner ganzen
Seele da zu verschwenden, wo man ein solches Geschenk nicht
fordert und es mit Verachtung zurückweisen würde.
ichlag ruhig meinem täglichen Geschäfte ob, aber immerfort
lagte sich mein Gehirn mit Einfällen und Gründen, die es
mir erwünscht machen sollten, Thornfield zu verlassen; unwillkürlich entwarf ich Annoncen und sann über neue Stellen nach.
Diesen Gedanken Einhalt zu tun, hielt ich nicht für notwendig,
sie mochten keimen und Früchte tragen, wenn sie konnten.
Herr Rochester war nun über vierzehn Tage verreist gewesen,
als die Post einen Brief an Frau Fairfax brachte.
Er ist vom Herrn, sagte sie, als sie die Adresse ansah. Nun
werden wir hoffentlich erfahren, ob wir seine Rückkehr zu erwarten haben, oder nicht.
Und während sie das Schreiben las, fuhr ich fort, meinen
Kaffee zu trinken, denn wir saßen eben beim Frühstück. Es war
heiß, und diesem Umstande schrieb ich die plötzliche Glut zu, die
sich in meinem Gesichte zeigte. Warum meine Hand zitterte,
und warum ich unwillkürlich den halben Inhalt der Obertasse
in meine Untertasse verschüttete - - darüber mochte ich jetzt
keine Betrachtungen anstellen.
Nun -- bisweilen kommt es mir vor, daß es bei uns allzu
stille hergehe, aber jetzt haben wir alle Aussicht, daß wir vollauf zu tun bekommen, wenigstens auf eine kleine Weile, sagte
Frau Fairfax, noch immer das Schreiben vor ihre Brille
haltend.
Ehe ich mir erlaubte, um eine Erklärung zu bitten, band ich
Adeles Schürze zu, die zufällig nicht fest gebunden war, sodann gab ich ihr noch ein Brötchen, füllte ihre Tasse wieder
mit Milch und sagte nachlässig:
Vermutlich kommt Herr Rochester noch nicht so bald?
Ei doch, --- schon in drei Tagen, wie er sagt, das heißt schon
nächsten Donnerstag und auch nicht allein. Ich weiß nicht, wie
viele von den vornehmen Leuten von Leas mit ihm kommen.
Er befiehlt mir, daß die besten Schlafzimmer sämtlich in Bereitschaft gehalten und das Bibliothekzimmer samt dem Gesellschats-
zimmer ausgeräumt werden soll; auch möchte ich mehr Leute
für die Küche kommen lassen, sei es aus dem George Gasthof
zu Millcote, oder woher ich sie sonst bekommen kann. Die
Damen, sagt er, werden ihre Kammermädchen und die Herren
ihre Bedienten mitbringen; so werden wir das ganze Haus
voll haben.
Und Frau Fairfax schlang rasch ihr Frühstichk hinunter und
eilte hinweg, um die befohlenen Anstalten zu treffen.
Wie sie vorher gesagt, war man die drei Tage hindurch vollauf beschäftigt. Ich hatte gedacht, alle Zimmer in Thornfield
wären über die Maßen reinlich gehalten und in bester Ordnung, aber ich mußte mich wohl geirrt haben. Man nahm drei
Aufwärterinnen zur Aushilfe an; und ein solches Scheuern,
Bürsten, ein solches Waschen des angestrichenen Täfelwerks,
ein solches Ausklopfen von Teppichen, Herabnehmen und Wiederaufhängen von Gemälden, ein solches Polieren von Spiegeln
und Leuchtern, Anzünden von Feuern in den Schlafzimmern,
Auslüften von Betttüchern und Federbetten an Kaminen sah
ich nie, weder vorher, noch nachher. Adele lief ganz wild in
all diesem Tohuwabohu umher. Die Vorbereitungen zum
Empfang der Gesellschaft und die Aussicht auf die Ankunft derselben schien sie in Entzücken zu versetzen. Sophie mußte alle
ihre Toiletten --- wie sie ihre Röcke nannte --- mustern, mußte
alle, die nicht mehr ganz frisch, ---- psssees*** --- waren, instand
seen und die neuen lüften und ordnen. Sie selber tat nichts, als
in den Vorderzimmern herumspringen, auf die Betten hinauf-
und wieder herunterhüpfen und sich auf die Matraten und aufgetürmten Kissen und Pfühle legen, die vor den Kaminfeuern
lagen. Der Schulpflichten war sie entbunden. Frau Fairfax hatte
mich in ihren Dienst gepreßt, und ich war den ganzen Tag in der
Speisekammer, wo ich der Köchin half (oder auch sie hindertes
und Eierkäse, Käsekuchen und französische Pasteten machen,
Wildbret bereiten und Dessertteller garnieren lernte.
Man erwartete die Gesellschaft auf Donnerstag nachmittag
sechs Uhr zur Tafel. Während dieser Zwischenzeit hatte
ich keine Gelegenheit, Chimären nachzuhängen, und ich glaube,
ich war so tätig und heiter, wie nur eine --- Adele ausgenommen.
Gleichwohl wurde meine Heiterkeit von Zeit zu Zeit gedämpft, und wider meinen Willen wurde ich oft in das Land
der Zweifel und ungünstigen Vorbedeutungen sowie dunkeln
Vermutungen zurückgeworfen. Dies geschah, wenn ich die zum
dritten Stocke führende Treppentür --- die in der letzten Zeit
immer verschlossen geblieben war --- langsam aufgehen und
daraus Grace Pooles Gestalt in zierlicher Haube, weißer
Schürze und weißem Halstuche hervortreten sah, wenn ich sie
beobachtete, wie sie leise den Korridor entlang dahinschlich in
ihren aus Salleisten gefertigten Schuhen, wenn ich sie in die
Schlafzimmer, wo ein toller Wirrwarr herrschte, Blicken sah, um
etwa im Vorbeigehen den Putzerinnen ein Wort zu sagen, wie
man ein Kamingitter am besten glänzend machen, ein marmornes Kamingesims reinigen oder von Tapeten Flecken wegbringen
könne u. s. f. Weiter hielt sie sich nicht auf. So ging sie jeden Tag einmal in die Küche hinab, verzehrte dort ihr Mittagessen, rauchte am Herde ein Pfeifchen Tabak und kam zurück
mit ihrem gefüllten Porterkruge, den sie in ihren düstern Aufenthaltsort oben im Hause trug, um damit ihre Sorgen zu verscheuchen. Nur eine einzige von den vierundzwanzig Stunden
des Tages brachte sie mit den übrigen Dienstgenossen unten zu,
die ganze übrige Zeit blieb sie in einem niedrigen, mit Eichenholz getäfelten Zimmer im zweiten Stocke; dort saß sie und
nähte --- und lacte wahrscheinlich traurig bei sich selbst, --- so
einsam wie ein Gefangener in seinem Kerker.
Das sonderbarste bei all dem war, daß außer mir auch nicht
eine Seele im ganzen Hause auf ihre Gewohnheiten achtete,
oder sich darüber zu wundern schien; niemand sprach von ihrer
Lage oder ihrem Geschäft; niemand hatte Mitleid mit ihrer
Einsamkeit, ihrer völligen Abgeschiedenheit. Nur einmal hörte
ich eine Teil eines Gesprächs zwischen Leah und einer der
Putzerinnen, dessen Gegenstand Grace Poole bildete. Leah
hatte etwas gesagt, was mir entgangen war, und die Putzerin
bemerkte:
Sie bekommt gewiß einen guten Lohn?
Ja, sagte Leah; ich wollte, ich hätte auch einen so guten!
Nicht, als hätte ich mich darüber zu beklagen, daß man mir zu
wenig gibt, denn von Filzigkeit und Knauserigkeit weiß man in
Thornfield nichts; aber mein Lohn ist nicht der fünfte Teil
von dem, was Frau Poole erhält. Und sie legt brav zurück,
alle Vierteljahr geht sie auf die Bank nach Millcote. Es sollte
mich nicht wundern, wenn sie schon so viel erspart hätte, um
im Notfalle davon leben zu können, aber ich glaube, sie will
ihre Stelle nicht aufgeben, sie hat sich schon daran gewöhnt,
auch ist sie noch nicht vierzig und stark und zu jeder Arbeit zu
gebrauchen. Es ist für sie zu früh, sich schon zur Ruhe zu setzen.
Sie ist eine tüchtige Frau, sagte die Scheuerfrau.
Ach ja, sie macht ihre Sache gut, besser als manche andere
an ihrer Stelle es könnte, erwiderte Leah mit bedeutsamem
Nachdruck.
Gewiß, war die Antwort. Es soll mich wundern, ob der
Herr ---
Die Scheuerfrau wollte eben weiter sprechen, aber hier wen-
dete sich Leah um und bemerkte mich und Augenblicklich gab
sie der Frau einen kleinen Stoß mit dem Ellbogen.
Weiß sie nichts davon? hörte ich das Weib flüstern.
Leah schüttelte den Kopf, und natürlich war es mit dem
Gespräche nun aus. Alles, was ich daraus erfahren, beschränkte
sich darauf, daß in Thornfield nicht alles mit rechten Dingen
ztging, sowie daß ich von dem Geheimnis nichts wissen dütrfte.
Der Donnerstag kam herbei; alle Arbeit war schon den Abend
zuvor vollendet. Die Teppiche waren gelegt, die Bettvorhänge
festoniert, glänzende weiße Bettdecken ausgebreitet, die Toiletten-
tische in Ordnung gebracht, die Möbel abgerieben, die Vasen
mit Blumen gefüllt; Zimmer und Salon sahen so frisch und
glänzend aus, wie sie nur menschliche Hände machen konnten.
Auch die Vorhalle war gescheuert und die große geschnitzte
Uhr, sowie die Stufen und Geländer der Trepve so glänzend
poliert, wie Glas. Im Speisesaale blizte der Nebentisch von
Silbergeschirr, im Gesellschaftszimmer und im Boudoir prangten
überall die Vasen mit ausländischen Gewächsen. Der Nach-
mittag kam endlich heran. Frau Fairfax warf sich in ihren
schönsten Putz und legte ihr bestes Kleid von schwarzem Satin,
Handschuhe und ihre goldene Uhr an; denn es war ihr Ge-
schäft, die Gesellschaft zu empfangen, -- die Damen in ihre
Zimmer zu führen u. s. f. Auch Adele wollte geputzt sein, ob-
gleich ichdachte, daß sie nur wenig Aussicht habe, der Gesell-
schaft vorgestellt zu werden, wenigstens an dem Tage. Indessen
erlaubte ich Sophie, einen ihrer kurzen Wollenmusselinröcke
anzuzielen. Was mich betrifft, so brauche ich keine großen
Veränderungen vorzunehmten, da ich nicht glaubte, herunterge-
rufen zu werden und das Heiligtum des Schulzimmers zu ver-
lassen, denn ein Heiligtum war es nun für mich geworden
--- ein sehr angenehmer Zufluchtsort in Zeiten der Unrule.
Es war ein milder, heiterer Frühlingstag gewesen, einer
jener Tage, die gegen Ende März oder zu Anfang April in
ihrem Glanze als Herolde des Sommers auftreten. Er neigte
sich nun zu seinem Ende, aber der Abend war geradezu war,
und ich saß an dem offenen Fenster im Schulzimmer bei meiner
Arbeit.
Es wird spät! sagte Frau Fairfax, als sie in ihrem rauschen-
den Staate eintrat. Ich bin froh, daß ich das Mittagessen eine
halbe Stunde später, als Herr Rochester befohlen, bestellt habe;
denn es ist nun sechs Uhr vorbei. Ich habe John zum Park-
tor hinabgeschickt, um nachzusehen, ob etwas auf dem Wege zu
bemerken ist; man kann von dort eine weite Strecke nach
Millcote hin sehen. Sie ging zum Fenster hin. Da ist er ja!
sagte sie. Nun John! fuhr sie, sich hinauslehnend, fort, wie steht's?
Sie kommen! war die Antwort. In zehn Minuten sind sie hier.
Adele rannte zum Fenster hin, ich folgte, doch stellte ich mich
vorsichtig seitwärts so, daß ich, durch den Vorhang verborgen,
sehen konnte, ohne gesehen zu werden.
Johns zehn Minuten dauerten sehr lange, endlich aber hörte
man Wagenräder. Vier Reiter sprengten den Fahrweg herauf,
und nach ihnen kamen zwei offene Wagen. Flatternde Schleier
und schwankende Federn füllten die Equipagen, zwei von den
Reitern waren junge, stattliche Herren, der dritte war Herr
Rochester auf seinem Rappen Mesrur; Pilot sprang vor ihm
her, und an seiner Seite ritt eine Dame, mit der er den Zug
eröffnete. Ihr purpurrotes Reitkleid reichte fast bis auf den
Boden, ihr Schleier flatterte im Winde weit hin, und in
dessen durchsichtigen Falten schimmerten volle, rabenschwarze
Locken.
Fräulein Blanche Ingram! rief Frau Fairfax, und weg eilte
sie auf ihren Posten unten im Hause.
Die Kavalkade bog, der Windung des Weges folgend, rasch
um die Ecke des Hauses, und ich verlor sie aus den Augen.
Nun bat Adele mich um Erlaubnis, hinuntergehen zu dürfen,
ich aber nahm sie auf den Schoß und machte ihr begreiflich,
daß sie sich durchaus nicht unterstehen dürfe, sich vor den Damen
zu zeigen, weder jetzt, noch zu irgend einer andern Zeit, es sei
denn, das: man sie ausdrücklich haben wolle, daß Herr Rochester
sehr böse darüber sein würde u. s. w. Sie weinte, als sie dies
vernahm; als ich aber anfing, eine sehr ernste Miene anzu-
nehmen, fand sie es doch für gut, ihre Tränen zu trocknen.
Nun war ein lustiges Geräusch in der Vorhalle zu hören; die
tiefen Töne der Herren und die silberhellen Stimmen der Da-
men verschmolzen harmonisch miteinander; vor allen aber ließ
sich die volltönende, obgleich nicht allzu laute Stimme des Be-
sitzers von Thornfield Hall hören, der seine schönen und galanten
Gäste unter seinem Dache bewillkommte. Dann vernalm
man leichte Tritte auf der Treppe, ein rasches Getrippel den
ganzen Korridor entlang und sanftes heiteres Lachen, endlich
Oeffnen und Schließen von Türen, worauf eine vollständige
Stille eintrat.
Elles changent de toilettes, sagte seufzend Adele, die auf-
merksam gehorcht hatte, jeder Bewegung gefolgt war, und dann
seufzte sie.
Chez maman, sagte sie, quand il y avait du monde, je les
suivais partout, au salon, et à leurs chambres; souvent je regar-
dais les femmes de chambre coiffer et habiller les dames, et
c'etait si amusant: comme cela on apprend.
Bist du nicht hungrig, Adele?
Mais oui, Mademoiselle, voilà cinq ou six heures que nous
n'avons pas mangé.
Nun gut; während die Damen in ihren Zimmern sind, will
ich hinuntergehen und dir etwas zu essen holen.
Ich schlich mich vorsichtig aus meinem Schlupfwinkel hinaus
und ging eine Hintertreppe, die in die Küche hinabführte, hin-
unter. In dieser Region herrschte ein unbeschreiblicher Trubel;
die Suppe und die Fische waren im letzten Stadium der Zu-
bereitung, und die Köchin bückte sich über ihre Kochgeschirre mit
einem Eifer, daß man an eine freiwillige Verbrennung denken
muste. Im Bedientenzimmer standen oder saßen zwei Kutscher
und drei Kammerdiener am Feuer, die Zofen waren, wie ich
vermutete, oben bei ihren Damen; die neuen in Millcote gedun-
genen Diener rannten geschäftig hin und her. Durch dieses
Chaos hindurch erreichte ich endlich die Speisekammer, dort er-
griff ich Besiz von einem kalten Hühnchen, von einem Brötchen,
einigen Törtchen, einigen Tellern samt Messer und Gabel, und
mit dieser Beute machte ich mich eilig aus dem Staube. Ich
hatte schon den Korridor erreicht und wollte eben die Hinter-
tür hinter mir zumacen, als ein großes Stimmengewirr mir
verkündete, daß die Damen im Begriffe waren, aus ihren Zim-
mern herauszukommen. Ich konnte nicht bis zu dem Schul-
zimmer gelangen, ohne an einigen ihrer Türen vorbeizugehen
und Gefahr zu laufen, mit meiner Viktualienladung überrascht
zu werden. Ich blieb daher an dem fensterlosen Ende des Kor-
ridors stehen, das jetzt um so dunkler war, als die Sonne schon
untergegangen und die Dämmerung im Anzuge war.
Nun gaben die Zimmer ihre schönen Bewohnerinnen wieder
heraus. Sie sammelten sich am andern Ende der Galerie, wo sie
sich mit anmutiger gedämpfter Lebhaftigkeit unterhielten, sodann
stiegen sie die Treppe hinab, fast ebenso geräuschlos, wie ein
heller Nebel einen Hügel hinabgleitet. Ihr vereintes Erscheinen
machte auf mich den Eindruck vornehmer Eleganz, wie ich solchen
noch nie zuvor empfangen hatte.
Ich fand Adele, als sie durch die Tür des Schulzimmers
blickte, die sie ein wenig aufgemacht hatte. Was für schöne
Damen! rief sie in englischer Sprache. O ich möchte, ich muß
zu ihnen gehen! Glauben Sie nicht, daß Herr Rochester uns
bald nach der Mittagstafel rufen lassen wird?
Nein, gewiß nicht; Herr Rochester hat an etwas anderes zu
denken. Schlag dir die Damen nur heute abend aus dem
Sinn, vielleicht bekommst du sie morgen zu sehen! Hier ist dein
Mittagessen.
Sie war in der Tat hungrig, weshalb das Hühnchen und die
Törtchen ihre Aufmerksamkeit eine Zeit lang ablenkten. Es war
klug, daß ich den Fouragierzug unternommen, sonst hätte sowohl
sie, als ich und Sophie, der ich von unserm Essen etwas abgab,
gar nichts zu essen bekommen, denn unten war alles viel zu
sehr beschäftigt, um noch an uns zu denken. Das Dessert wurde
erst nach neun Uhr aufgetragen, und um zehn liefen die Be-
dienten noch mit Kaffeetassen hin und her. Ich erlaubte Adele,
viel länger als gewöhnlich aufzubleiben, da sie erklärte, es sei
ihr unmöglich zu schlafen, solange unten die Türen beständig
auf- und zugemacht würden. Zudem sei es ja, fügte sie hinzu,
möglich, das von Herrn Rochester eine Einladung komme, wenn
sie schon ausgekleidet wäre: et alors guel äommege!
ich erzählte ihr Geschichten, solange sie zuhören wollte, und
iing dann mit ihr zur Abwechslung in den Korridor. Die Lampe
in der Halle brannte jetzt, und es belustigte sie, über das Treppen-
geländer hinabzuBlicken und den Bedienten zuzusehen, wie sie
hin und her rannten. Als der Abend schon weit vorgerückt war,
drang aus dem Gesellschaftszimmer, wohin der Flügel gebracht
worden war, Musik an unser Ohr. Adele und ich setzten uns
auf die oberste Stufe der Treppe, um zuzuhören. Bald hörten
wir, wie eine Stimme mit den vollen Tönen des In-
struments verschmolz; es war eine Dame, die sang, und ihre
Töne waren sehr lieblich. Auf das Solo folgte ein Duett und
dann eine Art Rundgesang; ein heiteres Gemurmel der Unter-
haltung füllte die Pausen aus. Ich horchte lange, plötzlich
entdeckte ich, daß mein Ohr ganz und gar damit beschäftigt war.
die vermischten Töne zu analysieren und unter allen Stimmen
die des Herrn Rochester herauszufinden, und als mir das ge-
lungen war --- was nicht lange anstand --- so fand ich ein
weiteres Vergnügen darin, die Töne, welche die Entfer-
nung undeutlich machte, zu artikulierten Worten zu vervoll-
ständigen.
Es schlug elf. Ich blickte Adele an, deren Kopf sich an meine
Schulter lehnte; ihre Augen wurden schwer, und ich trug sie
daher in ihr Bett. Es war nicht weit von ein Uhr, als die
Herren und Damen sich auf ihre Zimmer zurückzogen.
Der nächste Tag war so schön, wie der eben verflossene; die
Gesellschaft hatte sich vorgenommen, ihn zu einem Ausfluge in
die Nachbarschaft zu benutzen. Schon früh morgens machte man
sich auf den Weg, einige zu Pferd, die übrigen zu Wagen,
und ich sah die Gesellschaft sowohl weggehen als zurückkommen.
Fräulein Blanche war, wie den Tag zuvor, die einzige Dame
zu Pferd, und wie zuvor, galoppierte Herr Rochester an ihrer
Seite dahin; beide ritten in einer kleinen Entfernung von den
übrigen. Ich machte Frau Fairfax, die mit mir am Fenster
stand, auf diesen Umstand aufmerksam.
Sie sagten, es sei nicht wahrscheinlich, daß sie daran dächten,
sich zu heiraten, sagte ich, aber Sie sehen, Herr Rochester zieht
sie offenbar jeder der andern Damen vor.
Ja, ia, ohne Zweifel bewundert er sie.
Wie auch sie ihn bewundert, sette ich hinzu, sehen Sie doch,
wie sie ihren Kopf zu ihm hinneigt, als hätte sie ihm etwas Ver-
trauliches zu sagen! Ich wollte, ich könnte ihr Gesicht sehen,
denn bis jetzt ist mir das nicht gelungen.
Sie sollen sie diesen Abend zu sehen bekommen, erwiderte
Frau Fairfax. Ich bemerkte Herrn Rochester zufällig, wie sehr
Adele wünschte, sich den Damen vorstellen zu dürfen, und er
sagte: Sie mag nach dem Diner in das Gesellschaftszimmer
kommen, und Fräulein Eyre kann sie begleiten.
Er hat das aus bloßer Höflichkeit gesagt; meine Anwesenheit
wird gewiß nicht sehr gewünscht, antwortete ich.
Gut --- ich bemerkte ihm, daß Sie nicht an Gesellschaften ge-
wohnt seien; daß ichnicht glaubte, Sie würden gern vor so
vornehmer Gesellschaft --- lauter Fremden --- erscheinen; und
er hat in seiner barschen Weise geantwortet: Unsinn! Wenn
sie etwas dagegen haben sollte, so sagen Sie ihr nur, es sei
mein ausdrücklicher Wunsch; und wenn sie sich weigert, so sagen
Sie ihr, ich würde, wenn sie sich halsstarrig zeigt, selbst kommen
und sie holen.
Ich will ihm diese Mühe ersparen, sagte ich. Ich will gehen,
wenn es nicht anders sein kann, aber lieb ist es mir nicht.
Werden Sie da sein, Frau Fairfax?
Nein, ich entschuldigte mich, und er nahm meine Entschuldig-
ung an. Ich will Ihnen nun sagen, wie Sie es zu machen
haben, um sich die Verlegenheit eines förmlichen Eintritts zu
ersparen, was sicherlich das Unangenehmste an der Sache wäre.
Sie müssen in das Gesellschaftszimmer gehen, solange es noch
leer ist, ehe die Damen die Tafel verlassen; setzen Sie sich in
irgend einen Winkel, Sie brauchen nicht lange zu bleiben, wenn
einmal die Herren eingetreten sind, es sei denn, daß es Ihnen
gefällt, nur lassen Sie Herrn Rochester sehen, daß Sie da sind,
und dann schleichen Sie sich weg! Niemand wird auf Sie
acht geben.
Werden diese Herrschaften wohl lange hier bleiben?
Vielleicht zwei oder drei Wochen. Nach den Osterferien muß
Sir George Lynn, der neulich zum Parlamentsmitglied für
Millcote gewählt worden ist, nach London gehen, wahrscheinlich
wird ihn Herr Rochester begleiten. Ich bin erstaunt, daß er
bereits so lange in Thornfield geblieben ist.
Nicht ohne Angst und Pein sah ich der Stunde entgegen, wo
ich mich mit meiner Schülerin in dem Salon zu verfügen
hatte. Adele war den ganzen Tag über in Entzücken gewesen,
bis Sophie anfing, sie anzukleiden. Da machte die Wichtigkeit
dieser Beschäftigung sie besonnener, und als nun endlich ihr
Haar in schön geordneten und geglätteten Locken auf ihre
Schultern herabfiel, als sie ihr nelkenfarbiges, seidenes Kleid
anhatte, ihre lange Schärpe umgebunden und ihre Spitzen-
handschuhe in Ordnung gebracht waren, sah sie so ernst aus,
wie ein Kriminalrichter. Ich brauchte ihr nicht einzuschärfen,
daß sie auf ihre Kleidung acht haben solle; als sie angezogen
war, setzte sie sich gravitätisch auf ihre Stuhlkante, nachdem sie
zuvor sorgfältig den seidenen Saum aufgehoben, aus Furcht,
sie möchte ihn zerknittern, und versicherte, daß sie sich nicht rühren
würde, als bis ich fertig wäre. Ich ließ sie nicht lange warten;
mein bestes Kleid --- das silbergraue, das ich mir zu Fräulein
Temples Hochzeit gekauft und seitdem noch nicht wieder getragen
hatte --- war schnell übergestreift, mein Haar bald gemacht,
mein einziger Schmuckgegenstand, die Brosche mit der Perle, bald
angesteckt, und nun gingen wir hinunter.
Zum Glück war noch ein anderer Eingang in den Salon
als der durch den Saal, wo sie alle bei Tische saßen. Wir
fanden das Zimmer leer; ein großes Feuer brannte in dem
marmornen Kamin, und Wachskerzen schimmerten einsam unter
den herrlichen Blumen, welche die Tische schmückten. Der
karmesinrote Vorhang hing von dem Schwibbogen herab, und
obgleich diese Draperie nur eine äußerst dünne Scheidewand
zwischen uns und der Gesellschaft im anstoßenden Salon bildete,
so hörte man doch nur ein gedämpftes Gemurmel, da die Unter-
haltung mit leiser Stimme geführt wurde.
Adele, die noch immer höchst feierlich gestimmt war, setzte sich,
ohne ein Wort zu sagen, auf ein Tabouret nieder, das ich ihr
anwies. Was mich betrifft, so zog ich mich in eine Fenster-
vertiefung zurück, nahm ein Buch von einem nahe stehenden
Tische und versuchte zu lesen. Adele brachte ihr Tabouret zu
mir heran, und es dauerte nicht lange, so berührte sie meine
Knie.
Was willst du, Adele?
Est-ce que je ne puis pas prendre une seule de ces fleurs
magnifiques, Mademoiselle? Seulement pour compléter ma
toilette.
Du denkst zu viel an deine Toilette, Adele; indessen sollst
du eine Blume haben.
Und ich nahm aus einer Vase eine Rose und befestigte sie
an ihrem Gürtel. Sie stieß einen Seufzer voll unaussprechlicher
Wonne aus, gleich als ob ihr Glückskelch jetzt voll wäre. Ich
wandte mein Gesicht ab, um ein Lächeln zu verbergen, es lag
etwas Spaßhaftes in der angebornen Vorliebe der kleinen
Pariserin für alles, was die Toilette betrifft.
Nun ließ sich ein gedämpftes Geräusch hören, welches mir
lagte, daß man von der Tafel aufstand, der Vorhang wurde
zurückgeschlagen, und nun zeigte sich unsern Blicken der Speise-
saal mit seinem brennenden Kronleuchter, der sein Licht über
ein prächtiges Dessertservice herabgoß; eine Gruppe von Damen
stand in der Deffnung, sie traten in den Salon, und der Vor-
bang fiel hinter ihnen.
Es waren ihrer bloß acht, indessen erschienen sie mir --- ich
weiß nicht, wie das kam --- weit zahlreicher, als sie aus dem
Speisesaal hereintraten. Ich erhob mich und verneigte mich, eine
oder zwei nickten, die übrigen starrten mich bloß an.
Bald zerstreuten sie sich im Salon; die Leichtigkeit und der
Schwung ihrer Bewegungen erinnerte mich an eine Schar weiß-
gefiederter Vögel. Einige von ihnen warfen sich auf die Sofas
und Ottomanen in eine halbliegende Stellung, andere neigten
sich über die Tische und prüften die Blumen und Bücher, die
übrigen bildeten eine Gruppe uns Feuer herum. Alle sprachen
in einem leisen, aber hellen Tone, der ihnen zur Gewohnheit
geworden zu sein schien.
Am meisten interessierten mich natürlich Lady Ingram und
ihre Töchter Blanche und Maria, deren außere Erscheinung ich
mir von Frau Fairfax hatte ausführlich beschreiben lassen. Sie
waren alle drei ausnahmsweise hoher Statur. Lady Ingram
mochte zwischen vierzig und fünfzig sein; ihre Gestalt war noch
schön, ihr Haar --- wenigstens bei Kerzenlicht --- noch schwarz,
und ihre Zähne waren dem Anschein nach noch vollkommen.
Aber wenn sie in physischer Hinsicht eine stattliche, noch schöne
Frau genannt werden konnte, so mißfiel sie mir doch wegen ihrer
hochmütigen Haltung und ihrer Physiognomie. Sie hatte römische
Züge, die mir vor Stolz nicht bloß aufgeblasen und verdüstert,
sondern sogar gefurcht schienen, auch trug sie ihr doppeltes Kinn
steif nach vorn und oben gerichtet, was sich nicht schön aus-
nahm; ihre strengen Augen erinnerten mich an Frau Reed, sie
sprach mit vollem Munde, sehr pompös, sehr gemessen, kurz-
unnatürlich. Gekleidet war sie in ein karmesinrotes Samt-
gewand und in einen Scalturban von golddurchwirkten
indischem Stoffe, was ihr, wie sie sich wahrscheinlich einbildete,
die Würde einer Königin verlieh.
Blanche und Maria waren von gleicher Statur, hoch und
gerade wie Pappeln. Maria war für ihre Größe zu schmächtig,
Blanche aber hatte den Wuchs einer Diana. Natürlich be-
trachtete ich sie mit besonderem Interesse. Erstens wollte ich
sehen, ob ihre Erscheinung mit Frau Fairfax' Beschreibung
übereinstimmte; zweitens verlangte es mich zu wissen, ob sie
Aehnlichkeit mit dem Phantasiebilde habe, das ich von ihr ent-
worfen; und drittens --- es muß heraus!--- ob ihre Erscheinung
wohl Herrn Rochesters Geschmack zusagte.
Die rein äußerliche Erscheinung entsprach allerdings voll-
kommen der Vorstellung, die ich mir von ihr gemacht hatte. Die
edle Büste, die zierlich abfallenden Schultern, der graziöse Hals
die schwarzen Augen und die schwarzen Ringeln waren alle
da, und ihr Gesicht? --- es war das ihrer Mutter, nur jugendlich
und ungefurcht; dieselbe niedere Stirn, die nämlichen Züge,
der nämliche Hochmut. Freilich war es kein so finsterer Stolz,
sie lachte unaufhörlich, ihr Lachen war ein satirisches, und nicht
minder satirisch war der gewöhnliche Ausdruck ihrer gewölbten
und stolzen Lippen.
Das Genie ist, sagt man, sich seiner selbst bewußt! Ich ver-
mag nicht zu sagen, ob Fräulein Blanche Ingram ein Genie
war, aber gewiß war sie sehr selbstbewußt, das ersah ich sofort
aus der Art, wie sie sich mit einer sehr sanften, gutmütigen
Dame, Frau Dent, wie ich später erfuhr, über Botanik unter-
hielt. Frau Dent hatte diese Wissenschaft nicht studiert, obgleich
sie nach ihrer Aussage die Blumen, insbesondere wilde, liebte.
Fräulein Blanche aber hatte solche Studien gemact und durch-
lief nun das ganze Wörterbuch der Wissenschaft mit einer
Miene, die sagen wollte, es sei dies eine Bagatelle für sie. Ich
bemerkte bald, daß sie Frau Dent mit ihrer Unwissenheit auf-
zog, was entschieden nicht von Gutmütigkeit zeugte. Sie trug
etwas auf dem Klavier vor, ihr Spiel war brillant; sie sang,
ihre Stimme war schön; sie sprach mit ihrer Mutter
Französisch, und sie sprach es gut, geläufig und mit gutem
Akzent.
Maria hatte ein milderes, offeneres Gesicht, als Blance,
auch sanftere Züge und eine um einige Nuancen weißere Haut
--- Fräulein Ingram war brünett wie eine Spanierin -- aber
in Maria war kein Leben, ihrem Gesichte fehlte es an Aus-
druck, ihrem Auge an Glanz, sie hatte nichts zu sagen, und
wenn sie einmal ihren Sitz eingenommen hatte, blieb sie starr
und ruhig wie eine Bildsäule in ihrer Nische.
Ob Herr Rochester Fräulein Ingram gern haben würde, ver-
mochte ich nicht zu sagen - ich kannte seinen Geschmack in
Sachen weiblicher Schönheit nicht. Liebte er das Majetztätische,
so war sie in Wahrheit der Typus der Majetztät, und dann
war sie auch lebhaft und begabt. Ich konnte mir nicht anders
denken, als daß wohl die meisten Herren sie bewundern müßten;
und daß er sie wirklich bewunderte, dafür glaubte ich bereits
Beweise zu haben. Um aber den letzten Schatten des Zweifels
zu entfernen, mußte ich sie erst noch beisammen sehen.
Selbstredend war Adele nicht die ganze Zeit über bewegungs-
los auf dem Tabouret zu meinen Füßen sitzen geblieben, nein,
als die Damen eintraten, stand sie auf, ging ihnen entgegen,
machte eine stattliche Verbeubung und sagte gravitätisch:
Bon jour, mes dames!
Und Fräulein Blanche hatte mit spöttischer Miene auf sie
niedergeblickt und ausgerufen:
O, welches Püppchen!
Lady Lynn hatte bemerkt:
Es ist wol Herrn Rochesters Müdel, die kleine Französin,
von der er sprach!
Frau Dent hatte sie freundlich bei der Hand genommen und
ihr einen Kuß gegeben.
Amy und Luise Eshton hatten zu gleicher Zeit ausgerufen:
Welch ein Engel von einem Kinde!
Und darauf hatten sie sie zu einem Sofa hergerufen, wo sie
nun zwischen ihnen versteckt saß, abwechselnd Französisch, oder
gebrochen Englisch plapperte und nicht bloß die Aufmerksamkeit
der jungen Damen, sondern auchdie Frau Eshtons und der Lady
Lynn auf sich zog. Natürlich wurde sie nachHerzenslust ge-
hätschelt.
Am Ende wird der Kaffee hereingebract, worauf die Herren
aufgefordert werden, zu erscheinen. Ich size im Schatten, wenn
von einem Schatten in diesem glänzend erleucteten Zimmer
überhaupt die Rede sein kann; der Fenstervorhang verbirgt mich
zur Hälfte. Abermals wird der Vorhang zurückgescoben, und sie
komnen. Dad vereinte Eintreten der Herren isi, wie das der
Damen, höchst imposant; sie sind alle schwarz gekleidet, die
meisten von ihnen sind groß, einige jung.
Und wo bleibt Herr Rochester?
Er kommt zuletzt herein; ich richte nicht die Augen nach der
Bogenöffnung hin, und doch sehe ich ihn hereintreten. Ich suche
meine Aufmerksamkeit auf die Strichknadeln, auf die Maschen
der Börse, an der ich häkele, zu konzentrieren; -- ich will nur
an die Arbeit denken, die ichin Händen habe, will nur die
silbernen Perlen und seidenen Fäden sehen, die in meinem
Schoße liegen, und doch sehe ich deutlich seine Gestalt und
rufe mir unwillkürlich den Augenblick ins Gedächtnis zurück,
wo ich ihn zum letztenmale gesehen, gerade als ich ihm, wie
er meinte, einen wesentlichen Dienst geleistet hatte, und er mich
mit Augen betrachtete, die ein bis zum Ueberfließen volles Herz
anzeigten. Wie nahe hatte ich ihm in jenem Augenblicke ge-
standen! Was war seitdem vorgefallen, das uns einander ent-
fremden konnte? So entfremdet waren wir, daß ich nicht
glaubte, er würde mich auch nur anreden. Ich wunderte mich
nicht, als er, ohne mich anzublicken, auf der andern Seite des
Zimmers Platz nahm und mit einigen von den Damen sich zu
unterhalten anfing.
Nicht so bald sah ich, daß seine Aufmerksamkeit auf sie geheftet
war, und daß ich ihn beobachten konnte, ohne beobachtet zu
werden, als meine Augen sich unwillkürlich auf sein Gesicht
richteten. Ich empfand im Hinsehen ein lebhaftes, durch alle
Nerven gehendes Vergnitgen --- ein Vergnügen, wohltuend und
doch qualvoll, ein Vergnügen, ähnlich demjenigen, das ein vor
Durst verschmachtender Mensch empfinden mag, der da weiß,
daß die Quelle, zu der er sich hingeschleppt hat, vergiftet ist,
nicht desto weniger aber sich niederbeugt und sich labt.
Sehr wahr ist es, daß 'die Schönheit in dem Auge des Be-
schauers liegt'. Das farblose, olivenfarbene Gesicht, die vier-
eckige massive Stirn, die breiten und achatschwarzen Augen-
brauen, die tiefliegenden Augen, die straffen Zütge, der feste
trotzige Mund waren für mich mehr als schön, sie hielten mich
in einem Bann, der meine Gefühle meiner Gewalt ganz ent-
rückte und sie an die seinigen fesselte. Ich hatte ihn nicht lieben
wollen; der Leser weiß, ich hatte keine Mühe gespart, aus
meiner Seele die Keime der Liebe zu vertilgen, die ich dort
entdeckte; und jetzt, sobald ich ihn wiedererblickte, lebten sie
von selbst wieder auf! Ich mußte ihn lieben, auch wenn er
mich nicht beachtete.
Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was war die galante
Grazie der Lynns, die matte Eleganz Lord Ingrams --- ja
selbst das martialische Wesen des Obersten Dent gegenüber
seinen Augen voll angeborner Kraft, voll echten Feuers? In
ihrer Erscheinung, ihrem Ausdrucke lag für mich nichts Sym-
pathisches, mochten auch immer die meisten Beobachter sie
anziehend, schön, imposant nennen, während sie die Züge des
Herrn Rochester auf den ersten Blick für hart und sein Aus-
sehen für melancholisch erklären mußten. Ich sah sie lächeln,
lachen, -- es war nichts; das Licht der Kerzen hatte ebensoviel
Seele, als ihr Lcheln, das Klingeln der Schelle so viel Be-
deutung, als ihr Lachen. Ich sah Herrn Rochester lächeln,
und seine strengen Züge wurden sanfter, sein Auge glänzend
und milde. Er sprach in diesem Augenbkichk mit Luisa und
Amn Eshton. Ich wunderte mich, sie diesem Blicke, der mir
so durchdringend schien, ruhig begegnen zu sehen; ich erwartete,
daß ihre Augen sich senken, die Farbe ihrer Wange und ihrer Stirn
sich erhöhen würde; und doch war ich froh, als ich fand, daß
sie in keiner Weise bewegt wurden.
Er ist für sie nicht, was er für mich ist, dachte ich; er ist nicht
von ihrer Art. Ich glaube, er ist von meiner, --- ich weiß es
ganz gewiß, --- ich fühle mich mit ihm verwandt, --- ich verstehe
die Sprache seines Gesichts und seiner Bewegungen, obgleich
Rang und Reichtum uns weit voneinander trennen, so habe
ich doch etwas in meinem Kopf und in meinem Herzen, in
meinem Blute und in meinen Nerpen, das mich geistig mit ihm
vereint. Habe ich vor einigen Tagen gesagt, ich hätte nichts
weiter mit ihm zu schaffen, als mein Gehalt von ihm zu empfangen?
Jabe ich mir verboten, ihn anders anzusehen, als meinen Zahl-
meister? Lästerung wider die Natur! Jedes gute, wahre,
starke Gefühl, das ich in mir verspüre, konzentriert sich instinkt-
mäßig auf ihn. Ich weiß, ich muß meine Empfindungen ver-
bergen, muß die Hoffnung unterdrücken, muß mich erinnern.
daß er sich nicht viel um mich kümmern kann. Denn wenn ich
sage, ich bin von seiner Art, so meine ich damit nicht, daß ich
seine Kraft besize, Einfluß auf andere auszuüben, noch seinen
Zauber, andere an sich zu ziehen; ich meine damit nur, daß ich
gewisse Gefühle, einen gewissen Sinn mit ihm gemein habe.
Unaufhörlich mufß ich daher wiederholen, daß wir für immer
geschieden sind, --- und doch muß ich, solange ich atmen und
denken kann, ihn lieben.
Nun wird der Kaffee herumgereicht. Seitdem die Herren
eingetreten, sind die Damen so lebhaft wie Lerchen geworden.
Die Unterhaltung belebt sich, wird heiter. Oberst Dent und
Herr Eshton sprechen über Politik; ihre Frauen hören zu. Die
beiden stolzen Witwen, Lady Lynn und Lady Ingram, plaudern
mnteinander. Sir George, ein sehr dicker Landedelmann mit
rotem Gesicht, steht mit der Kaffeetasse in der Hand vor ihrem
Sofa und läßt bisweilen ein Wort fallen. Herr Frederik
Lynn hat neben Maria Ingram Platz genommen und zeigt ihr
die Kupferstiche in einem Prachtwerke, sie sieht hin, lächelt
dann und wann, spricht aber augenscheinlich nur wenig. Der
große und phlegmatische Lord Ingram lehnt sich mit gefalteten
Armen auf die Lehne des Stuhls, worauf die kleine und leb-
hafte Amy Eshton Plat genommen. Sie Blickt zu ihm auf und
plappert wie ein Zaunkönig; er gefällt ihr besser, als Herr
Rochester. Henry Lynn hat eine Ottomane zu den Füßen
Luisas in Besitz genommen; Adele teilt sich in dieselbe mit
ihm, er versucht mit ihr Französisch zu sprechen, und Luisa lacht
über seine Schnitzer. Zu wem wird sich Blanche Ingram halten?
Dort steht sie allein am Tisch, sich graziös über ein Album
neigend, sie scheint zu warten, bis man sie aufsucht; allein sie
wartet nicht gern zu lange, sie sucht sich selbst einen Kavalier.
Herr Rochester, der die Eshtons verlassen, steht am Kamin
so einsam, wie sie am Tisch; sie gesellt sich zu ihm, indem sie
vor das andere Ende des Kamins tritt.
Herr Rochester, ich dachte, Sie hätten Kinder nicht gern?
Das ist auch so!
Was hat Sie dann aber veranlaßt, daß Sie sich eines
Püppchens, wie die da --- auf Adele deutend --- angenommen?
Wo haben Sie die aufgelesen?
Ich habe sie nicht aufgelesen, man hat sie in meinen Händen
gelassen, man hat sie mir aufgebürdet.
Sie hätten sie in eine Schule tun sollen.
So viel habe ich nicht aufwenden können! Erziehungsanstalten
sind so teuer.
Ei, ich denke doch, Sie halten eine Erzieherin für sie? So-
eben habe ich noch eine junge Person bei ihr gesehen --- ist
sie fort? --- O nein, da sitzt sie ja noch hinter dem Fenstervor-
hange. Sie bezahlen sie, wie natürlich ! Ich dächte, das ist nicht
minder kostspielig --- ja, es kostet wohl noch mehr, denn Sie
müssen beide noch obendrein erhalten.
Ich fürchtete --- oder sollte ich sagen, ich hoffte, daß diese
Anspielung auf mich Herrn Rochester veranlassen würde, zu
mir herüber zublicken, und unwillkürlich zog ich mich tiefer in den
Schatten zurück; er richtete jedoch keinen Blick zu mir herüber.
Ich habe die Sache noch nicht so überlegt, sagte er, gleich-
gültig und gerade vor sich hinblickend.
Nein --- ihr Männer habt nie die Sparsamkeit und den ge-
sunden Menschenverstand im Auge. Sie sollten Mama über die
Gouvernanten reden hören. Maria und ich haben, sollte ich
meinen, zu unserer Zeit wenigstens ein Dutzend gehabt; die
eine Hälfte war unangenehm, die andere lächerlich und alle zu-
sammen Scheusale von Häßlichkeit! --- nicht wahr, Mama?
Meine Teuerste, sprich mir doch nur nicht von Gouvernanten,
das bloße Wort schon macht mich nervös. Ein Märtyrer kann
nicht so viel ausgestanden haben, als ich durch ihre Unfähigkeit
und ihre Launen. Ich danke dem Himmel, daß ich nun nichts
mehr mit ihnen zu schaffen habe!
Frau Dent neigte sich hier zu der frommen Dame hinüber
und flitsterte ihr etwas ins Ohr. Aus der Antwort, die darauf
folgte, schließe ich, es soll eine Erinnerung sein, daß eine von
dem Gesindel zugegen sei.
Um so schlimmer! sagte die Edle, ich hoffe, sie wird dar
aus Nutzen ziehen.
Dann sagte sie in leiserem Tone, aber immer noch so laut,
daß ich es hören konnte:
Ich habe sie bemerkt, ich verstehe mich auf Physiognomien,
und in ihrer sehe ich alle Mängel ihrer Klasse.
Welcher Art sind die, Gnädigste? -- fragte Herr Rochester laut.
Ich will sie Ihnen unter vier Augen sagen, entgegnete sie,
in ominös bedeutsamer Weise dreimal mit ihrem Turban
nichkend.
Aber meine Neugierde möchte schon jetzt befriedigt sein, sie
kann nicht so lange warten!
Fragen Sie Blanche, sie ist näher bei Ihnen, als ich.
Ach, verweise ihn doch nicht an mich, Mama! Soll ich mich
über das ganze Gelichter mit einem Worte ausdrücken, so kann
ich nur sagen, daß sie eine Pest sind. Nicht als ob sie mir je
viel zu schaffen gemacht hätten, ich pflegte den Spieß umzu-
kehren. Welche Streiche spielten Theodor und ich unserem
Fräulein Wilson, Frau Grey und Joubert: Maria war stets
zu schläfrig, um lebhaft auf ein Komplott einzugehen. Der beste
Spaß war der, den wir mit Frau Joubert hatten. Fräulein
Wilson war ein armes, kränkliches Ding, weinerlich und ohne
viele Courage, mit einem Worte nicht wert, daß man sich an sie
machte, und Frau Grey war gemein und abgebrüht; jeder Schlag
prallte an ihr ab. Aber die arme Frau Joubert! Ich sehe sie
noch in ihrer Wut, wenn wir sie aufs Aeußerste getrieben ---
unsern Tee verschüttet, unser Butterbrot zerkrümelt, unsere
Bücher an die Zimmerdecke geworfen und mit dem Lineal und
dem Schreibtische, dem Kamingitter und der Feuerzange eine
Katenmusik gemacht hatten. Theodor, erinnerst du dich noch der
lustigen Tage?
J --- --- a, ja gewiß, sagte Lord Ingram in gedehntem Tone,
und die alte Hopfenstange rief gewöhnlich aus: ,O ihr garstigen
Kinder!'--- und dann hielten wir ihr eine lange Predigt, daß
sie sich erfrechte, so talentvolle Kinder, wie wir, unterrichten zu
wollen, während sie doch selbst so unwissend sei.
Ja, das taten wir! --- Und Theodor, du weißt, ich half dir,
deinen Hofmeister, den bleichsüchtigen Herrn Vining, den pippsigen -
Pfarrer, wie wir ihn nannten --- reizen. Er und Fräulein Wilson
nahmen sich die Freiheit, sich ineinander zu verlieben, wenigstens
dachten ich und Theodor so. Es entgingen uns verschiedene
zärtliche Blicke und Seufzer nicht, die wir als Zeichen der
helle passion deuteten, und ich kann Ihnen versichern, daß dem
Publikum unsere Entdeckung nicht lange vorenthalten wurde;
wir benutzten sie als eine Art Hebel, um die so schwer auf
unsern Nacken ruhenden Lasten aus dem Hause zu wälzen.
Sobald die liebe Mama von der Sache Wind bekam, war es
ihr klar, daß das Verhältnis nur ein unmoralisches sein könne.
War es nicht so, teure Mama?
Gewiß, meine Beste. Und ich hatte vollkommen recht, du
kannst dich darauf verlassen. Es lassen sich tausend und aber-
tausend Gründe anführen, warum Liebesverhältnisse zwischen
Erzieherinnen und Hofmeistern in einem wohlgeordneten Hause
auch nicht einen Augenblick geduldet werden sollten; erstens ---
Ach du lieber Himmel! Erspare uns doch die Aufzählung,
Mama! Nebrigens kennen wir sie ja alle, da ist die Gefahr des
bösen Beispiels für die liebe, unschuldige Jugend, sodann Zer-
streuung und daraus folgende Vernachlässigung der Pflicht von
seiten der fraglichen Personen, gegenseitiges Bündnis und
Sichverlassen aufeinander, daraus entspringende Zuversicht,
Unverschämtheit und Auflehnung und am Ende vom Liede eine
allgemeine Katastrophe. Habe ich recht?
Meine Lilie, du hast recht, wie immer!
Somit brauchen wir über die Sache nichts weiter zu sagen;
sprechen wir von was anderem.
Amy Eshton, welche diesen Ausspruch nicht gehört hatte, oder
nicht beachten wollte, fiel mit ihrer sanften kindlichen Stimme ein:
Luise und ich ärgerten unsere Gouvernante auch, aber sie war
ein so gutes Geschöpf, daß sie alles mit sich anfangen ließ.
Nichts vermochte sie irre zu machen. Sie zeigte gegen uns nie
üble Laune, nicht wahr, Luise?
Nein, nie! Wir mochten tun, was uns nur einfiel, ihren Pult
und ihr Arbeitskistchen ausplündern und ihre Schubladen und
Fächer umkehren. Auch war sie so gutmütig, sie tat alles, was
wir nur haben wollten.
Nun, sollen wir denn, sagte Fräulein Ingram, ihre Lippe
sarkastisch kräuselnd, einen Auszug aus den Memoiren aller
Gouvernanten, die je gelebt haben und noch leben, bekommen?
Um eine solche Heimsuchung abzuwenden, schlage ich abermals
vor, daß man zu einem andern Thema übergeht. Herr Rochester,
unterstützen Sie meinen Antrag?
Gnädiges Fräulein, ich unterstütze Sie in diesem Punkte,
wie in jedem andern.
So will ich denn die Last auf mich nehmen, einen Vorschlag
zu machen. Signor Odoardo, sind Sie diesen Abend bei Stimme?
Donna Bianca, ich bin es, wenn Sie es befehlen!
So lege ich Ihnen denn, Signor, aus allerhöchster Mact-
vollkommenheit die Verpflichtung auf, Ihre Lunge und Ihre
anderen Stimmorgane gehörig instand zu setzen, da dieselben in
meinem königlichen Dienste nötig sind.
Wer möchte nicht gern der Rizzio einer so himmlischen Maria
sein?
Zum Henker mit Rizzio! rief sie und schüttelte ihren Locken-
kopf, indem sie auf das Klavier zuging. Meiner Meinung nach
muß der Geiger David ein fader Kerl gewesen sein; mir gefällt
der schwarze Bothwell besser, ich halte nichts von einem Mann,
der nicht ein klein wenig vom Teufel an sich hat, und die
Geschichte mag von James Hepburn sagen, was sie will,--- aber
es will mich bedünken, er war gerade so ein wilder, grimmiger
Banditenführer, wie ich einen mit meiner Hand hätte beglücken
mögen.
Meine Herren, Sie hören es! Wer von Ihnen gleicht nun
am meisten Bothwell? rief Herr Rochester.
Ich dächte, Ihnen gebührt der Vorzug, erwiderte Oberst
Dent.
Bei meiner Ehre, ich bin Ihnen sehr verbunden, lautete die
Antwort.
Fräulein Blanche, die sich nun mit stolzer Anmut an das
Klavier gesetzt und ihr weites, schneeweißes Kleid ausgebreitet
hatte, so daß sie wie eine Königin erschien, begann ein brillantes
Vorspiel, in das sie fortwährend hineinplauderte. Diesen Abend
erschien sie besonders keck und herausfordernd; ihre Reden
und ihre äußere Erscheinung sollten nicht bloß imponieren,
sondern auch blendend hinreißen.
Ach, ich bin der jungen Männer, wie sie heutzutage sind,
so überdrüssig, rief sie, während sie auf dem Instrumente energisch
herumtrommelte. O die armen winzigen Dinger, die keinen
Schritt über Papas Parktor hinauswagen und nicht einmal
so weit zu gehen sich getrauen, ohne die Erlaubnis und Aufsicht
der Mama! Wesen, die so besorgt sind um ihre hübschen
Gesichtchen, ihre weiße Händchen und ihre Füßchen, als ob ein
Mann sichüberhaupt um Schönheit zu bekümmern hätte! Als
ob die Lieblichkeit nicht das spezielle Vorrecht des Weibes wäre
--- Ihre rechtmäßige Mitgift und Erbteil! Ich gebe zu, ein
häßliches Weib ist ein Flecken in dem schönen Gesichte der
Schöpfung, was aber die Herren betrifft, so mögen sie blos;
danach trachten, Stärke und Tapferkeit zu besitzen. Ihr Wahl-
spruch sei: --- Jagen, Schießen, Fechten! Da übrige ist keine
taube Nuß wert.
Wenn ich je heirate, fuhr sie nach einer Pause fort, die
niemand unterbrach, so soll mein Gemahl kein Rebenbuhler,
sondern eine Folie für mich sein. Ich werde keinen Mitbewerber
in der Nähe des Thrones dulden, ich werde ungeteilte Huldigung
verlangen; seine Liebe soll nicht geteilt sein zwischen mir und
der Gestalt, die er in seinem Spiegel sieht. Nun singen Sie,
Herr Rochester, ich will Sie begleiten.
Ich bin ganz gehorsam, versetzte der Angeredete.
Hier ist ein Korsarenlied. Ich muß Ihnen sagen, daß ich
für Korsaren schwärme, und deshalb singen Sie es cun spirito!
Ein Befehl von Fräulein Ingrams Lippen müßte einer Tasse
Milch Feuer und Leben verleihen.
So nehmen Sie sich in acht. Wenn Ihr Gesang nicht zu
meiner Zufriedenheit ausfällt, so werde ich Sie dadurch beschämen,
daß ich zeige, wie solche Sachen gesungen werden müssen.
Das heißt in der Tat eine Prämie für die Unfähigkeit
ausseten, ich werde es mir nun angelegen sein lassen, Ihrer
Erwartung nicht zu entsprechen.
Gardez-vous-en bien! Wenn Sie Ihre Sache absichtlich schlecht
machen, so werde ich eine angemessene Strafe erdenken.
Fräulein Ingram sollte gnädig sein, denn sie hat es in ihrer
Macht, eine Strafe aufzuerlegen, die zu ertragen einem Menschen
unmöglich ist.
Ha, erklären Sie sich, sprach die Dame in gebietendem Tone.
Verzeihung, meine Gnädigste, einer Erklärung bedarf es nicht;
Ihr eigener feiner Sinn muß Ihnen sagen, daß ein einziger
strenger Blick von Ihnen ein Aequivalent für die Todesstrafe
wäre.
Singen Sie! sagte sie, und begann eine Begleitung in
feurigem Stil.
Nun kann ich mich mit Manier wegschleichen, dacte ich;
aber die Töne, die nun die Luft durchdröhnten, hielten mich
zurück. Frau Fairfax hatte gesagt, Herr Rochester habe eine
schöne Stimme, und in der Tat hatte er einen kräftigen, wohl-
tönenden Baß, in den er sein eigenes Gefühl, seine eigene Kraft
legte, damit fand er einen Weg durch das Ohr zum Herzen
und weckte dort die Empfindung wunderbar. Ich wartete, bis
der letzte, tiefe und volle Klang verhallt war, bis die einen
Augenblick lang gehemmte Flut des Gesprächs wieder in Gang
kam, dann verließ ich meinen einsamen Winkel und ging durch
die Seitentür, die zum Glücke in der Nähe war, hinaus. Von
da führte ein enger Gang in die Halle; hier bemerkte ich
zufällig, daß eines meiner Schuhbänder aufgegangen war.
ich blieb stehen, um es wieder zu knüpfen, und kniete dabei auf
die Matte nieder, die sich am Fuße der Treppe befand. Da
hörte ich die Tür des Speisesaals aufgehen, ein Herr trat heraus,
und als ich mich rasch erhob, sah ich mich ihm gegenütber, Gesicht
gegen Gesicht: es war Herr Rochester.
Wie befinden Sie sich, fragte er.
Ganz gut, Herr Rochester.
Warum sind Sie nicht im Zimmer auf mich zugekommen,
um mit mir zu sprechen?
Ich dachte, ich könnte dem Fragesteller seine Frage zurückgeben;
indessen wollte ich mir diese Freiheit nicht nehmen, sondern
antwortete:
Ich wollte Sie nicht stören, da Sie beschäftigt schienen.
Was haben Sie während meiner Abwesenheit gemacht?
Nichts Besonderes --- ich habe Adele, wie gewöhnlich, unter-
richtet.
Und Sie sind gewaltig blasser geworden, als Sie vorher
waren --- wie ich auf den ersten Blick sah. Fehlt Ihnen
etwas?
Ganz und gar nichts.
Haben Sie sich vielleicht erkältet in jener Nacht, wo Sie
mich halb ersäuften?
Nicht im geringsten.
Gehen Sie in den Salon zurück, Sie verlassen uns zu früh.
Ich bin müde, Herr Rochester.
Er sah mich etwa eine Minute lang an und sagte sodann
weiter:
Und ein wenig niedergeschlagen. Weshalb?
Es ist nichts, durchaus nichts, Herr Rochester. Ich bin nicht
niedergeschlagen.
Ich aber behaupte, daß dem so ist. Sie sind so niedergeschlagen,
daß einige weitere Worte Ihnen Tränen in die Augen treiben
würden --- ein Tröpfchen ist schon von Ihren Wimpern herab-
gefallen. Hätte ich Zeit und schwebte ich nicht in tödlicher Furcht,
daß irgend ein geschwäziges Stück von einem Bedienten vorbei-
kommen möchte, so müßten Sie mir sagen, was alles dies
bedeutet. Gut, für heute abend sollen Sie entschuldigt sein,
aber merken Sie sich, solange meine Gäste hier sind, erwarte
ich von Ihnen, das; Sie jeden Abend im Salon erscheinen, ich
wünsche es so, unterlassen Sie das nicht! Nun gehen Sie,
und schicken Sie Sophie, um Adele zu holen. Gute Nacht,
meine ---
Hier hielt er inne, biß sich auf die Lippen und wandte sich
hastig von mir weg.
Achtzehntes Kapitel.
Das waren lustige Tage in Thornfield Hall und nicht weniger
auch geschäftige Tage. Wie verschieden waren sie von den ersten
drei stillen Monaten, die ich unter diesem Dache zugebracht hatte!
Alle traurigen Gefühle schienen jetzt aus dem Hause gewichen,
alle düsteren Ideenverbindungen vergessen zu sein; überall war
Leben, überall Bewegung den ganzen langen Tag. Man konnte
den einst so stillen Korridor nicht durchschreiten, noch in eines
der sonst so öden Vorderzimmer treten, ohne einem netten
Kammerkätzchen oder einem gigerlhaften Diener zu begegnen.
In der Küiche, der Vorratskammer des Kellermeisters, dem
Bedientenzimmer und in der Halle ging es gleich lebendig zu,
und die Salons blieben nur dann leer und still, wenn der
blaue Himmel des lieblichen Frühlingswetters die Gäste in den
Park hinauslockte. Auch dann, wenn dieses Wetter auf einige
Tage durch anhaltenden Regen unterbrochen wurde, schien der
Frohsinn nicht von der Gesellschaft gewichen zu sein. Die
Belustigungen im Hause gestalteten sich dann nur um so lebhafter
und mannigfaltiger.
Ich wunderte mich, was sie tun würden am ersten Abende,
wo der Vorschlag gemacht wurde, mit der Unterhaltung abzu-
wechseln, man sprach davon, Scharaden aufzuführen, allein in
meiner Unwissenheit wußte ich nicht, was das Wort zu bedeuten
hatte. Es wurden die Diener hereingerufen, die Tische im
Speisezimmer weggerollt, die Lichter anders auf- und die Stühle
in einen Halbkreis gegenübergestellt. Wähhrend Herr Rochester
und die übrigen Herren diese Veränderungen anordneten, liefen
die Damen die Treppen auf und ab und klingelten ihre Kammer-
mädchen herbei. Frau Fairfax mußte Auskunft geben über die
Vorräte des Hauses an Schalen, Kleidern und Draperien jeder
Art, gewisse Kleiderschränke im dritten Stockwerke wurden
ausgeplündert, und ihr Inhalt in Gestalt von Brokat- und
Reifröcken, Atlas- Ueberwürfen, schwarzen Leibchen, Spizzen-
Fligelhauben u. s. w. wurde ein Armvoll nach dem andern von
den Zofen heruntergeschleppt, worauf die passendsten Stücke
ausgewählt und in das Boudoir des großen Salons gebracht
wurden.
Inzwischen hatte Herr Rochester die Damen wieder um sich
versammelt und wählte aus ihnen einige aus, die zu seiner
Partei gehören sollten.
Fräulein Blanche gehört natürlich mir, sagte er und nannte
dann noch die zwei Fräulein Eshton und Frau Dent. Er sah
mich an, ich war gerade in seiner Nähe, da ich das Schhloß
von Frau Dents Armband, das aufgegangen war, zugemacht
hatte.
Wollen Sie mitspielen? fragte er. Ich schüttelte den Kopf.
Er bestand nicht weiter darauf, wie ich beinahe befürchtete;
ich durfte ruhig auf meinen gewöhnlichen Platz zurückgehen.
Nun zog er sich mit seinen Genossinnen hinter den Vorhang
zurück, die andere Partei, an deren Spitze sich Oberst Dent ge-
stellt hatte, ließ sich auf dem Halbmonde von Stühlen nieder.
Einer der Herren, Herr Eshton, bemerkte mich und schien den
Vorschlag zu machen, daß man mich bitten solle, zu ihnen zu
kommen; aber Lady Ingram widersetzte sich dem alsbald.
Nein, --- so hörte ich sie sagen --- sie sieht viel zu dumm für
ein derartiges Spiel aus.
Es währte nicht lange, so ließ sich eine Klingel vernehmen, und
der Vorhang ging auf. Unter dem Schwibbogen war die
wohlbeleibte Gestalt des Sir George Lynn, der sich gleich-
falls Herrn Rochester beigesellt hatte, in ein weißes Laken
gehüllt zu sehen, vor ihm, auf einem Tische, lag ein großes Buch
aufgeschlagen, und neben ihm stand Amy Eshton, in Herrn
Rochesters Mantel gehüllt und mit einem Buch in der Hand.
Jemand, den man nicht sehen konnte, klingelte lustig, dann
sprang Adele -- die darauf bestanden hatte, der Partei ihres
Vormunds anzugehören --- vor und streute den Inhalt eines
Blumenkorbs, den sie am Arme trug, auf dem Boden umher.
Nun erschien Fräulein Blanches herrliche Gestalt in weißem
Gewande, einen langen Schleier auf dem Kopfe und einen
Blumenkranz um die Stirn. Neben ihr ging Herr Rochester,
und sie näherten sich miteinander dem Tische. Sie knieten
nieder, während Frau Dent und Luisa Eshton, gleichfalls weiß
gekleidet, sich hinter ihnen aufstellten. Nun folgte eine
pantomimische Zeremonie, die, wie unschwer zu erkennen war,
eine Traung vorstellen sollte. Als sie zu Ende war, beriet
sich Oberst Dent mit seiner Partei einige Minuten lang flüsternd,
kodann rief der Oberst aus:
Braut!
Herr Rochester verbeugte sich, und der Vorhang fiel.
Es dauerte ziemlich lange, bis er wieder aufging. Nun aber
war eine sorgfältiger vorbereitete Scene zu erblicken, als die
erste gewesen war. Der Salon war um zwei Stufen höher,
als der Speisesaal, und auf der oberen Stufe erschien, einige
Schritte ins Zimmer hereingerückt, ein großes marmornes Becken,
in dem ich die Hauptzierde des Gewächshauses erkannte --- wo
es gewöhnlichvon exotischen Pflanzen umgeben und von Gold-
fischen bewohnt war --- und von wo man es mit einiger Mühe,
da es groß und schwer war, hergebracht haben mußte.
Auf dem Teppich, neben diesem Becken saß Herr Rochester,
er war in Schale gehüllt, und ein Turban schmückte sein Haupt.
Seine schwarzen Augen und seine dunkelbraune Haut paßten
sehr gut zu dem Kostüm, er sah wie das wahre Ideal eines
orientalischen Emirs aus. Bald zeigte sich auch Fräulein Blanche.
Auch sie war nach orientalischer Weise gekleidet mit einer
karmesinroten gürtelartigen Schärpe um die Taille und einem
gestickten Tuch um die Schläfe; die prachtvoll geformten Arme
waren entblößt, und mit der einen Hand hielt sie einen Wasser-
krug auf ihrem Kopfe in graziösem Gleichgewicht.
Sie ging zu dem Becken hin und beugte sich darüber, gleich-
sam um ihren Krug zu füllen; dann hob sie ihn wieder auf
ihren Kopf. Nun schien der Mann, der am Rande der Quelle
stand, sie anzureden, irgend eine Bitte an sie zu richten, --- sie
eilte, nahm ihren Krug herunter, setzte ihn auf ihre Hand und
gab ihm zu trinken. Hierauf zog er aus dem Busen seines
Gewandes ein kleines Kästchen hervor, machte es auf und ließ
prachtvolle Armbänder und Ohrringe sehen; sie tat, als sei sie
von Erstaunen und Bewunderung erfüllt; knieend legte er den
Schatz zu ihren Füßen nieder, Ungläubigkeit und Entzücken
malten sich in ihren Blicken und Gebärden. Der Fremde legte
ihr die Armbänder um die Arme und befestigte die Ringe in
ihren Ohren. Es waren Elieser und Rebekka, es fehlten nur die
Kamele.
Die Partei, die erraten mußte, steckte die Köpfe wieder zu-
sammen, offenbar aber konnten sie nicht einig werden über das
Wort oder die Silbe, welche diese Scene darstellen sollte. Oberst
Dent, ihr Sprecher, verlangte, daß man das ganze Tableau
geben solle, worauf der Vorhang wieder fiel.
Als er zum dritten Male aufging, zeigte sich dem Auge nur
noch ein Teil des Salons, alles übrige war durch einen mit einer
dunklen und groben Draperie behängten Schrank verdeckt. Dad
marmorne Becken war nicht mchr zu sehen, an seiner Stelle standen
ein tannener Tisch und ein Küchenstuhl; diese Gegenstände konnte
man bei einem sehr trüben Lichte sehen, das von einer Horn-
laterne ausging, indem die Wachskerzen alle ausgelöscht waren.
Diese düstere, unheimliche Scene wurde noch erhöht durch einen
Mann, der die Fäuste geballt und die Augen zu Boden geschlagen
hielt. Ich erkannte Herrn Rochester, obgleich das berußte
Gesicht, der unordentliche Anzug --- sein Rock hing lose von
einem Arm herunter, gleichals wäre er ihm bei einer Balgerei
beinahe vom Rücken gerissen worden, --- das verzweiflungsvolle,
finstere Aussehen, das borstige Haar ihn wohl hätten unkenntlich
machen können. Als er sich bewegte, klirrte eine Kette, an seinen
Handgelenken waren Fesseln.
Bridewell! rief Oberst Dent aus, und die Scharade war gelöst.
Nachdem ziemliche Zeit verstrichen war, erschienen die Scharade-
spieler wieder im Speisesaal, in ihrem gewöhnlichen Kostüm.
Herr Rochester führte Fräulein Blance herein; sie bekomplimen-
tierte ihn wegen der Art, wie er seine Aufgabe gelöst.
Wissen Sie, sagte sie, daß Sie mir in der letzten Rolle am
besten gefallen haben? Ach, hätten Sie nur wenige Jahre
früher gelebt, welch einen prächtigen Räuberhauptmann hätten
Sie abgegeben!
Ist aller Ruß von meinem Gesichte abgewaschen? fragte er,
ihr dasselbe zuwendend.
Ja leider! Nichts kann Ihnen zu Ihrer Gesichtsfarbe besser
stehen, als jene Räuberschminke.
Sonach würde Ihnen ein Straßenräuber gefallen ?
Ein englischer Straßenräuber wäre das Beste nach einem
italienischen Banditen, und dieser könnte nur von einem See-
räuber der Levante übertroffen werden.
Nun, was ich immer sein mag, vergessen Sie nicht, daß Sie
meine Frau sind; vor einer Stunde sind wir ja vor allen diesen
Zeugen getraut worden.
Sie kicherte, und das Rot ihrer Wangen erhöhte sich.
Nun, Dent, fuhr Herr Rochester fort, ist die Reihe an Ihnen.
Und als nun die andere Partei sich zurückzog, nahm er mit
seiner Gesellschaft die leeren Sitze ein. Fräulein Blanche setzte
sich zur Rechten ihres Führers, und die übrigen nahmen die
Stühle zu beiden Seiten ein. Mein Auge beobachtete nun nicht
mehr die Darsteller, ich wartete nicht mehr mit Interesse auf
das Aufgehen des Vorhangs, meine Aufmerksamkeit war ganz
und gar durch die Zuschauer in Anspruch genommen, meine
Augen, zuvor auf den Boden geheftet, wurden jetzt mit unwider-
stehlicher Gewalt nach dem Halbkreise der Stühle hingezogen.
Welche Scharade Oberst Dent und seine Partei aufführten,
welches Wort sie wählten, wie sie ihre Rollen durchführten,
--- weiß ich nicht mehr, aber ich sehe noch die Beratung, die
auf jede Scene folgte, ich sehe noch Herrn Rochester sich zu
Fräulein Blanche und Fräulein Blanche sich zu Herrn Rochester
hinwenden, ich sehe sie ihren Kopf zu ihm hinneigen, bis die
rabenschwarzen Locken fast seine Schultern berühren und seine
Wange streifen; ich höre ihr gegenseitiges Geflüster, ich entsinne
mich nochder Blicke, die sie miteinander wechselten, und es drängt
sich in diesem Augenblicke sogar etwas von dem Gefühle, welches
das Schauspiel in mir erweckte, meinem Gedächtnisse wieder auf.
Dieses Gefühl war nun nicht etwa Eifersucht. Fräulein Blanche
stand viel zu niedrig, um in mir das Gefühl der Eifersucht zu
erregen. Sie hatte viel äußerlichen Prunk, aber der war nicht
echt! Ihre Gestalt war schön, aber ihr Geist war von Natur
arm, ihr Herz eine Dede. Nichts entsproß und blühte frei
willig auf diesem Boden! Keine unerzwungene, keine natür-
liche Frucht entzückte durch ihre Frische. Sie war nicht gut,
sie war nicht originell, sie pflegte hochtrabende Phrasen aus
Büchern herzusagen, nie hatte sie eine eigene Ansicht. Sie
hielt sich für gefühlvoll, aber die Empfindungen der Sympathie
und des Mitleids waren ihr fremd. Zartsinn und Wahrheits-
liebe lagen ihr fern. Nur zu oft verriet sie dies durch einen
undiplomatischen Aerger und die Abneigung, die sie gegen die
kleine Adele gefaßt hatte. Sie stieß die Kleine mit einem ver-
ächtlichen Beiworte von sich weg, wenn diese sich ihr zufällig
näherte, wies sie bisweilen aus dem Zimmer und behandelte
sie immer mit Kälte und Bitterkeit. Auch andere Augen außer
den meinigen beobachteten diese charakteristischen Gefühlsäußer-
ungen, namentlich die des zukünftigen Bräutigams selbst, und aus
diesem vollkommen klaren Bewußtsein von den Fehlern seiner
Schönen, --- aus dieser offenbaren Abwesenheit von Leidenschaft
bei seinen Gefühlen gegen sie, --- ging mein ewig quälender
Schmerz hervor.
Ich sah, daß er im Begriffe war, sie ihrer Familie, vielleicht
politischer Rücksichten halber, zu heiraten, sie zu heiraten, weil
ihr Rang und ihre Familienverbindungen seinem Ehrgeiz ent-
sprachen, ich fühlte, daß er ihr nicht seine Liebe geschenkt hatte,
und daß ihr Charakter wenig geeignet war, ihm diesen Schais
abzugewinnen. Das war der Punkt --- das war es, wo der
Nerv berührt, schmerzlich berührt --- das war es, wo das Fieber
unterhalten und genährt wurde: sie konnte ihn nicht be-
zaubern.
Hätte sie es verstanden, sich des Sieges mit einem Male zu
versichern, und hätte er sein Herz ihr aufrichtig zu Füßen gelegt,
so würde ich mein Gesicht verhüllt haben und von dannen ge-
gangen sein. Wäre Fräulein Blanche ein gutes und edles Weih
gewesen, begabt mit Energie, Leidenschaft, Gütte und Verstand, so
würde ich einen Kampf auf Leben und Tod zu kämpfen gehabt
haben mit zwei Tigern --- der Eifersucht und der Verzweiflung;
aber nachdem ich die letzte Hoffnung aufgegeben, hätte ich sie
bewundert, ihre Vortrefflichkeit anerkannt und hätte mich be-
ruhigt. Aber so, wie die Sachen wirklich standen, hieß es, zu
gleicher Zeit zu einer unaufhörlichen Unruhe und einem grau-
samen Zwange verdammt sein, wenn man Fräulein Blances
Bemühungen, Herrn Rochester zu bezaubern, gewahren und sie
stets und immerdar fehlschlagen sehen mußte, während sie selbst
in ihrer Eitelkeit sich einbildete, daß jeder abgedrückte Pfeil das
Ziel getroffen habe.
In steter Unruhe und unter einem qualvollen Zwange lebte ich
nun deshalb, weil ich sah, wie sie es hätte anfangen müssen, um
Erfolg zu haben. Pfeile, die unaufhörlich von Herrn Rochesters
Brust abprallten und, ohne eine Wunde verursacht zu haben,
zu seinen Füßen niederfielen, würden --- daß wußte ich wohl ---
von sicherer Hand abgeschossen, in sein stolzes Herz tief ein-
gedrungen sein, --- in seinem strengen Auge Liebe und in
seinem sardonischen Gesichte Milde hervorgerufen haben; oder
noch besser, es hätte ohne Waffen eine stille Eroberung gemacht
werden können.
Warum kann sie keinen größern Einfluß auf ihn ausüben,
da es doch in ihrer Macht steht, ihm so nahe zu kommen? fragte
ich mich. Sie kann ihn sicherlich nicht wahrhaft lieben! Würde
sie ihn also lieben, so würde sie nicht nötig haben, ihre lächelnden
und verliebten Blicke so zu verschwenden, so ohne Unterlaß
flammen zu lassen, so würde sie nicht zu einem mühsam aus-
getüftelten Mienenspiel ihre Zufluct zu nehmen brauchen. Mir
scheint, sie könnte seinem Herzen viel näher kommen, wenn sie
sich ganz ruhig neben ihn setzte, wenig sagte und noch weniger
ihn mit Blicken bombardierte. Ich habe in seinem Gesichte einen
ganz andern Ausdruck gesehen, als den, der es jetzt versteinert er-
scheinen läßt, während sie ihn so lebhaft anredet, er war nicht
bervorgerufen durchkokette Kunstgriffe, und man brauchte in
bloß zu nehmen, wie er war, bloß ohne Prätention zu antworten
auf das, was er fragte, ihn erforderlichenfalls ohne Ziererei
anzureden --- so wurde er warm und freundlichwie ein Sonnen-
strahl. Wie will sie es anfangen, ihm zu gefallen, wenn sie
einmal verheiratet sind? Ich denke nicht, daß ihr das gelingen
wird, und doch ließe sich das machen, und es könnte seine Frau,
nach meiner innigsten Überzeugung, das glücklichste Weib unter
der Sonne sein.
Ich habe noch nichts gesagt, um Herrn Rochesters Projekt,
aus Ehrgeiz zu heiraten, zu verdammen. Es überraschte mich,
als ich zum ersten Mal entdeckte, daß dies seine Absicht sei, ich
hatte ihn für einen Mann gehalten, der sich bei der Wahl einer
Lebensgefährtin wohl nicht von so alltäglichen und niedrigen
Motiven bestimmen ließe, je länger ich aber die Stellung, Er-
ziehung u. s. w. beider betrachtete, um so weniger hielt ich mich
für berechtigt, ihn oder Fräulein Blanche zu tadeln und über
sie zu Gericht zu sitzen, weil sie Ideen und Grundsätzen gemäs
landelten, die man ihnen von ihrer frühesten Kindheit an ein
geprägt.
Inzwischen war die übrige Gesellschaft mit ihren eigenen, be-
sondern Interessen und Vergnügungen beschäftigt, während ich
nur an meinen Herrn und seine künftige Braut dachte --- nur
sie sahh, nur ihre Worte hörte und nur ihre Bewegungen für
wichtig hielt. Lady Ingram und Lady Lynn hatten immer noch
feierliche Konferenzen miteinander, bei denen sie mit ihren
Turbanen einander zunickten, ihre vier Hände erhoben und
damit, ganz wie ein paar schön geputzten Marionetten, Erstaunen,
Geheimniskrämerei oder Entsetzen ausdrückten, je nachdem der
Gegenstand war, worüber sie schwatzten. Die liebenswürdige Frau
Dent unterhielt sich mit der gutmütigen Frau Eshton, und beide
hatten bisweilen ein höfliches Wort oder ein freundliches Lächeln
für mich. Sir George Lynn, Oberst Dent und Herr Eshton
sprachen über Politik oder Jurisprudenz, Lord Ingram kokettierte
mit Amy Eshton, Luisa spielte und sang geziert mit einem
der Herren Lynn, und Maria Ingram hörte mit fischblütiger
Gemütsruhe auf die galanten Reden des andern. Bisweilen
stellten alle, wie auf Verabredung, ihr Nebenspiel ein, um die
Hauptpersonen beobachten und ihnen zuhören zu können: Herrn
Rochester und -- weil durch enge Bande an ihn gefesselt --
Fräulein Blanche. Fehlte Herr Rochester eine Stunde in dem
Zimmer, so schien sich seiner Gäste allmählich eine merkliche
Langeweile zu bemächtigen, und sein Wiedererscheinen gab der
Unterhaltung immer wieder neue Frische und Lebhaftigkeit.
Der Mangel seines belebenden Einflusses fiel besonders eines
Tages auf, als er Geschäftehalber nach Millcote hatte gehen
müssen und man ihn erst spät abends zurückerwartete. Der
Nachmittag war regnerisch; ein Spaziergang, den die Gesell-
schaft sich vorgenommen, um ein neulich auf einem Gemeinde-
platz jenseit Hay aufgeschlagenes Zigeunerlager zu sehen, war
aufgeschoben worden. Einige von den Herren waren in den
Pferdestall gegangen; die jüngeren spielten mit den jüngern
Damen Billard. Die Witwen Ingram und Lynn suchten sich
mit einem harmlosen Kartenspiele zu entschädigen. Ingram
hatte, nachdem sie mit hochmütigem Schweigen einige Bemüh-
ungen seitens Frau Dents und Frau Eshtons, sie in die Unter-
haltung zu ziehen, zurückgewiesen, zuerst einige sentimentale
Arien auf dem Klavier gewimmert und sich dann, nachdem sie
aus der Bibliothek einen Roman geholt, mit hochmütiger Non-
chalance auf ein Sofa geworfen und machte Anstalt, durch den
Zauber der Dichtung über die langweiligen Stunden der Ab-
wesenheit hinwegzukommen. Alles war still im Zimmer und
im Hause, nur dann und wann hörte man von oben das fröh-
liche Lachen und Treiben der Billardspieler.
Der Tag neigte sich zur Dämmerung, und schon hatte die
Uhr verkündet, daß es Zeit sei, sich zur Tafel anzukleiden, als
die kleine Aoele, die neben mir in einer Fenstervertiefung des
Salons kniete, ausrief:
Voilà Monsieur Rochester qui revient.
Ich wandte mich um, und Fräulein Blanche schoß wie ein
Pfeil von ihrem Sofa empor, auch die andern blickten von
ihren verschiedenen Beschäftigungen auf, denn zu gleicher Zeit
ließ sich auf dem nassen Kies ein Knarren von Rädern und ein
spritzendes Getrappel von Pferdehufen hören. Eine Postkutsche
näherte sich.
Was ist ihm eingefallen, so nach Hause zurückzukommen?
sagte Fräulein Blanche. Er ritt seinen Rappen Mesrour als
er wegging, und Pilot war auch bei ihm, --- was hat er wohl
mit den Tieren angefangen?
Während sie dies sagte, kam sie mit ihrer großen Gestalt und
ihren weiten Kleidern dem Fenster so nahe, daß ich mich zurück-
lehnen mußte, so daß mir fast der Rückgrat brach, in ihrem
Eifer bemerkte sie mich nicht gleich, sobald dies aber geschah,
kräuselte sie die Lippen und ging zu einem andern Fenster hin.
Die Postkutsche hielt an, der Kutscher klingelte an der Haustür,
und ein Herr in Reisekleidern stieg aus ; allein es war nicht
Herr Rochester, sondern ein großer, modisch aussehender Mann,
--- ein Fremder.
Ist das ärgerlich! rief Fräulein Blanche, zu Adele gewandt.
Du dumme Gans!--- Wer hat dich an das Fenster gestellt,
um eine falsche Nachricht zu geben?
Und sie warf einen zornigen Blick auf mich, wie wenn ich
die Schuld trüge.
Man hörte in der Halle einige Worte wechseln, und bald
trat der Neuangekommene herein. Er verbeugte sich gegen Lady
Ingram als die älteste unter den anwesenden Damen.
Ich komme wohl ungelegen, gnädige Frau, sagte er, da mein
Freund, Herr Rochester, nicht zu Hause ist, aber ich komme von
einer sehr weiten Reise und denke, daß ich es bei unsrer alten
und vertrauten Bekanntschaft schon wagen darf, mich hier so
lange zu installieren, bis er zurückkommt.
Sein Benehmen war höflich, seine Sprache klang ausländisch,
sein Alter mochte etwa das des Herrn Rochester sein, --- das
heißt, ich hielt ihn für einen Mann zwischen dreißig und vierzig,
seine Gesichtsfarbe war auffallend blaßgelb, im übrigen war
er, besonders auf den ersten Blick, ein Mann von vorteilhaftem
Aeußeren. Erst bei genauerer Betrachtung entdeckte man in
seinem Gesichte etwas, was mißfiel, oder vielmehr, was nicht
ganz gefiel. Seine Gesichtszüge waren regelmäßig, aber zu
matt, seine Augen groß und wohlgebildet, aber das Leben, das
aus ihnen blickte, war ein zahmes, leeres Leben -- so dachte
ich wenigstens.
Der Schall der Glocke gab der zerstreuten Gesellschaft das
Zeichen zum Ankleiden. Erst nach der Tafel sah ich ihn wie-
der, er schien mir da sich nicht ganz behaglich zu fühlen und
etwas befangen zu sein. Er gefiel mir jetzt noch weniger als
zuvor, ich fuhr aber fort, ihn von dem Winkel aus, indem ich
zu sitzen pflegte, aufmerksam zu beobachten, denn als ein alter
Freund Herrn Rochesters mußte er mich wohl interessieren. Was
für eine seltsame Freundschaft mußte das gewesen sein, eine
Freundscaft wie zwischen einem Gänserich und einem Falken,
oder einem sanften Schafe und einem grimmigen Wolfshunde!
Zwei oder drei von den Herren saßen neben ihm, und ich
konnte von Zeit zu Zeit einige abgerissene Phrasen von ihrer
Unterhaltung auffangen. Anfangs verstand ich nicht viel von
dem, was ich hörte, denn da Luisa Eshton und Marie Ingram,
die näher bei mir saßen, miteinander sprachen, so wurden die
fragmentarischen Sätze, die von Zeit zu Zeit bis zu mir ge-
langten, für mich nur noch undeutlicher. Die beiden ebenge-
nannten Damen sprachen von dem Fremden, sie nannten ihn
einen schönen Mann. Luisa sagte, er sei ein reizender Mann,
und sie schwärme für ihn. Maria ihrerseits bezeichnete als ein
Ideal des Reizenden seinen hübscen kleinen Mund und seine
zierliche Nase.
Und wie sanft und milde seine Stirne aussieht! rief Luisa,
so glatt -- keine jener finstern Unregelmäßigkeiten, die ich
so sehr hasse, und ein so mildes Auge und Lächeln!
Hier rief sie zu meinem großen Troste Herrn Henry Lynn
auf die andere Seite des Zimmers, um einiges wegen des ver-
schobenen Ausflugs zu besprechen.
ich war nun imstande, meine Aufmerksamkeit auf die
Gruppe am Kamin zu konzentrieren und vernahm bald, daß der
Neuangekommene Mason heiße; ferner erfuhr ich, daß er so-
eben in England aus einem heißen Lande angekommen sei, was
ohne Zweifel der Grund war, daß sein Gesicht eine so ent-
schieden blaßgelbe Farbe hatte, daß er sich so dicht ans Feuer
setzte und im Hause einen großen Überzieher trug. Einige
Augenblicke darauf sagten mir die Worte Jamaicha, Kingston,
Spanish Town, daß Westindien der Ort sei, an dem er sich
aufhalte, und zu meiner nicht geringen Ueberraschung hörte ich
endlich noch, daß er dort Herrn Rochester zuerst gesehen habe
und mit ihm bekannt geworden sei. Er sprach davon, wie sehr
seinem Freunde die glühende Hitze, die Orkane und die Regen-
zeit in jenen Gegenden mißfallen hätten. Ich wußte zwar, daß
Herr Rochester große Reisen gemacht, Frau Fairfax hatte es
mir erzählt, aber ich glaubte, seine Wanderungen hätten sich
nicht über den Kontinent von Europa hinaus erstreckt; bis da
her hatte ich nicht einmal eine Anspielung auf Reisen nach
entfernteren Küsten vernommen. Ich dachte über diese Dinge
nach, als ein sonderbarer Zwischenfall den Gang meiner Gedanken unterbrach.
Herr Mason, der, sobald jemand die Türe öffnete, vor
Kälte zitterte, bat, man möchte noch mehr Kohlen auf das Feuer
legen, das niedergebrannt war, obgleich die Glut noch rot und
heiß war. Der Bediente, der die Kohlen hereinbrachte, blieb
beim Hinausgehen bei Herrn Eshtons Stuhl stehen, und sagte
etwas mit leiser Stimme, wovon ich nur die Worte hörte:
Altes Weib ... lästig und widerwärtig.
Sagt ihr, sie kommt in den Block, wenn sie sich nicht alsbald
fortmacht, versetzte Herr Eshton.
Nein --- halt! unterbrach Oberst Dent. schicken Sie sie nicht
fort, Eshton, wir können ja aus der Sache einen Nutzen ziehen,
wir wollen lieber erst die Damen fragen.
Und mit lauter Stimme fuhr der Oberst fort:
Meine Damen, Sie haben den Wunsch geäußert, nach Hay
Common gehen zu wollen und das Zigeunerlager anzusehen;
Sam hier sagt, es sei in diesem Augenblicke solch eine alte
Hexe in dem Bedientenzimmer und bestehe darauf, vorgelassen
zu werden, um den hohen und höchsten Herrschaften wahrzusagen.
Wollen Sie die Alte vielleicht sprechen?
Gewiß, lieber Oberst, rief Lady Ingram, werden Sie doch
einer so gemeinen Betrügerin nicht das Wort reden! Man
schichke sie doch weg, um jeden Preis, ein- für allemal!
Aber ich kann sie nicht dahinbringen, daß sie weggeht,
Mylady, sagte der Bediente, ebensowenig kann es einer von
den andern Bedienten, Frau Fairfax ist eben bei ihr und bittet
sie, doch ja fortzugehen, aber sie hat auf einem Stuhl am
Kamin Plaz genommen und sagt, nichts soll sie von der Stelle
bringen, bis sie herein darf.
Wie sieht sie aus? fragten die Fräulein Eshtons wie aus
einem Munde.
Sie ist ein schauderhaft häßliches, altes Geschöpf, so schwarz
fast, wie ein Kochtopf.
Ei, da ist's ja eine wahre Hexe! rief Frederick Lynn. Sie
muß herein, versteht sich.
Gewiß, versetzte sein Bruder, es wäre jammerschade, wenn
man sich einen solchen Spaß entgehen ließe.
Ich kann zu etwas so Unpassendem unmöglich meine Zu-
stimmung geben, fiel Lady Ingram ein.
Doch, doch, Mama, Sie können und werden es, ließ sich
Blanche in zuversichtlichem Tone vernehmen, während sie sich
auf dem Klavierstuhl umdrehte.
Ich möchte mir einmal wahrsagen lassen, fuhr Blanche fort,
darum, Sam, laßt die gute Dame unverweilt eintreten.
Liebste Blanche, bedenke doch ---
ich bedenke schon --- ich weiß alles, was Sie einwenden
können, Mama, aber ich muß meinen Willen haben. -- Ge-
schwind, Sam!
Ja -- ja -- ja! rief alles, was jung war, sowohl Herren
als Damen. Sie soll hereinkommen, es wird einen köstlichen
Spaß geben!
Noch zauderte der Bediente.
Sie sieht so vagabundenhaft, so ungeschlacht aus, sagte er.
Geht! befahl Fräulein Blanche, und der Bediente ging.
Alsbald kam Leben in die Gesellschaft, ein Lauffeuer von Witzen
sprühte, als Sam zurückkam.
Jetzt will sie mit einem Mal nicht kommen, meldete er. Sie
sagt, sie mag sich nicht vor dem großen Haufen sehen lassen.
Sie will ein eigenes Zimmer haben, und die Herrschaften, die
sie befragen, möchten einzeln zu ihr reinkommen.
Du siehst nun, meine königliche Blanche, hob Lady Ingram
an, sie nimmt sich zu viel heraus. Laß dir raten, mein Engel
--- und ---
Laßt sie in das Bibliothekzimmer eintreten! fiel der 'Engel' ein.
Auch meine Sache ist es nicht, sie vor dem großen Haufen an-
zuhören, ich will sie für mich allein haben.
Abermals verschwand Sam, und noch einmal hatte die ge-
heimnisvolle Aufregung und Erwartung vollen Spielraum.
Sie ist nun bereit, sagte der Bediente bei seinem Wiederein-
treten. Sie will wissen, wer zuerst zu ihr kommt.
Ich denke, es wäre gut, wenn ich sie mir etwas ansähe, ehe
eine von den Damen hineingeht, sagte Oberst Dent. Sagt ihr,
Sam, es komme ein Herr.
Sam ging und kam bald wieder.
Sie sagt, sie wolle keine Herren, die brauchen sich nicht die
Mühe zu geben, zu ihr zu kommen, und von die Damen, setzte
er, mit Mühe ein Kichern unterdrückend, bloß, was die jungen
und unverheirateten sind.
Beim Zeus! sie hat Geschmack rief Henry Lynn.
Fräulein Blanche erhob sich feierlich.
Ich gehe zuerst, sagte sie mit dem Heldenmut eines Offiziers, der
sich erbietet, an der Spitze seiner Leute eine Bresche zu erstürmen.
O meine Beste! meine Teuerste! warte doch! bedenke doch!
rief ihre Mutter ängstlich. Doch Blance schwebte in würde-
vollem Schweigen an ihrer Mutter vorüber, ging durch die Tur,
die Oberst Dent offenhielt, und wir hörten sie in das Biblio-
thekzimmer treten.
Es folgte nun eine verhältnismäßige Stille. Lady Ingram
dachte, dies sei , 'le cas', ihre Hände zu ringen; was sie daher
auch tat. Fräulein Maria erklärte, sie werde ihresteils es gewiß
nie wagen. Amy und Luisa Eshton kicherten leise und sahen
ein wentg erschrocken aus.
Die Minuten verstrichen sehr langsam; schon hatte man
finfzehn gezählt, ehe die Tür des Bibliothekzimmers wieder auf-
ging. Fräulein Blanche trat wieder in das Gesellschaftszimmer ein.
Wird sie wohl lachen? Wird sie es als einen Scherz auf-
nehmen?-- diese Fragen sprachen sich in aller Augen aus,
aber Blanche begegnete denselben mit einem Blicke zurückstoßen-
der Kälte; sie sahh weder heftig aufgeregt, noch heiter aus, ging
steif auf ihren Plaz zu und nahm ihn schweigend ein.
Nun, Blance? sagte Lord Irgram.
Was hat sie gesagt, Schwester? fragte Maria.
Was haben Sie gedacht? Wie ist Ihnen zu Mute gewesen?
Ist sie eine wirkliche Wahrsagerin? fragten die Fräulein Eshton.
Nun, nun, meine Herrschaften, versetzte Fräulein Ingram,
drängen Sie mich doch nicht so gewaltig. Ihre Organe der Ver-
wunderung und Leichtgläubigkeit sind gar leicht aufzuregen; Sie
scheinen, nach der Wichtigkeit zu schließen, die Sie alle --- meine
liebe Mama miteinbegriffen, --- dieser Sache beilegen, wahrhaftig
zu glauben, wir hätten eine echte Hexe im Hause, die mit dem
Gottseibeiuns enge Beziehungen unterhält. Ich habe aber
eine vagabundierende Zigeunerin gesehen; sie hat nach alt-
herkömmlicher Weise die Chiromantie bei mir angewendet und
mir gesagt, was solche Leute gewöhnlich sagen. Meine Laune ist
nun befriedigt, und nun glaube ich, daß Herr Eshton wohl tun
wird, die alte Hexe morgen in den Block legen zu lassen, wie
er gedroht hat.
Fräulein Blance nahm ein Buch, lehnte sich in ihren Stuhl
zurück und wollte nicht weiter sprechen. Ichh beobachtete sie fast
eine ganze halbe Stunde; diese Zeit über schlug sie nicht ein
Blatt um, und ihr Gesicht wurde jeden Augenblick düsterer und
unzufriedener und drückte immer mürrischer eine getäuschte
Erwartung aus. Offenbar hatte sie nichts Vorteilhaftes gehört,
und es schien mir, nach ihrem langen Schweigen und ihrem
düsteren Wesen zu urteilen, daß sie, ihrer verstellten Gleichgiltig-
keit zum Troze, den gemachten Enthüllungen eine außergewöhn-
liche Wichtigkeit beilegte.
Inzwischen erklärten Maria Ingram, sowie Amy und Luisa
Eshton, daß sie sich nicht getrauten, allein zu gehen; und doch
wollten sie sich auch wahrsagen lassen. Es wurde daher durch
Vermittlung des Gesandten Sam eine Unterhandlung eröffnet,
und nach vielem Hin- und Hergehen, bis, wie ich glaube, dem
besagten Sam seine Beine wehe tun mußten, konnte endlich
die halsstarrige Sibylle mit großer Schhwierigkeit dahingebracht
werden, die drei zugleichvor sich erscheinen zu lassen.
Ihr Besuch war nicht so still, wie der Fräulein Ingrams
gewesen war; wir hörten ein hysterisches Gekicher und kleine
Schreie, die von dem Bibliothekzimmer herkamen; und nach
Verlauf von etwa zwanzig Minuten rissen sie die Ttr auf und
kamen durch die Halle gelaufen, als wären sie vor Schrecken
halb wahnsinnig.
Das geht gewiß nicht mit rechten Dingen zu! riefen sie alle
zugleich. Die weiß ja alles!
Und sie sanken außer Atem auf die verschiedenen Stühle
nieder, welche die Herren sich beeilten, ihnen herbeizubringen.
Um weitere Erklärungen angegangen, erzählten sie, die Zigeu -
nerin hätte ihnen von Dingen gesprochen, die sie schon als kleine
Kinder gesagt und getan; hätte Bücher und Schmucksachen be-
schrieben, die sie zu Hause in ihren Boudoirs hätten, Taschen-
bücher, die von verschiedenen Verwandten ihnen geschenkt wor-
den wären. Sie behaupteten, sie habe sogar ihre Gedanken
erraten und habe jeder den Namen der Person ins Ohr ge-
flüstert, die sie auf der Welt am meisten liebe, und ihnen allen
geagt, was sie am innigsten wünschten.
Hier traten die Herren dazwischen mit der angelegentlichst
ausgesprochenen Bitte um weitere Aufklärung über die zwei
letzten Punkte; allein sie bekamen für ihre Zudringlichkeit nichts,
als errötende Wangen, Ausrufungen, Zittern und Kichern.
Unterdessen boten die Matronen ihre Riechfläschchen herum und
handhabten ihre Fächer; dabei konnten sie es nicht unterlassen,
wiederholt ihr Bedauern darüber auszusprechen, daß man nicht
zu rechter Zeit auf ihre Warnung gehört; was die älteren Herren
betrifft, so lachten sie, die jüngeren aber trugen den aufgeregten
Schönen ihre Dienste in ziemlich aufdringlicher Weise an.
Inmitten des Tumults und während mein Auge und Ohr
bei der Scene vor mir vollauf beschäftigt war, hörte ich dicht
neben mir ein Hm! Ich kehrte mich um und sah Sam vor
mir stehen.
Mit Ihrer Erlaubnis, Fräulein, die Zigeunerin drinnen er-
klärt, es wäre noch eine junge unverheiratete Dame im Zimmer,
die noch nicht bei ihr gewesen, und sie versichert, daß sie nicht
eher von der Stelle weichen will, als bis sie alle gesprochen
hätte. Ich dachte, Sie müßten es sein; sonst ist ja niemand
mehr da. Was soll ich ihr sagen?
O, auf jeden Fall gehe ich, erwiderte ich, und die uner-
wartete Gelegenheit, meine stark gespannte Neugierde zu be-
friedigen, war mir nichts weniger als unlieb. Ich schlich mich,
von niemand beobachtet, aus dem Zimmer - denn die Ge-
sellschaft hatte sich um das eben zurückgekommene, zitternde
Kleeblatt geschart --- und machte die Tür leise hinter mir zu.
Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein, sagte Sam, so will ich
in der Halle auf Sie warten; und wenn sie Sie erschreckt, so
brauchen Sie nur zu rufen, und ich komme rein.
Nein, Sam, gelt nur in die Küche zurück; ich habe ganz und
gar keine Furcht.
Neunzehntes Kapitel.
Im Bibliothekzimmer sah es still genug aus, als ich eintrat,
und die Sibylle --- wenn es überhaupt eine Sibylle war -- saß
behaglich genug in einem Lehnstuhl an der Ecke des Kamins.
Sie hatte einen roten Mantel an, auf ihrem Kopfe war ein
schwarzer, breitrandiger Zigeunerhut zu bemerken, der mit einem
gestreiften Tuche unter ihrem Kinn zugebunden war. Ein er-
loschenes Licht stand auf dem Tische, sie neigte sich über das
Feuer und schien beim Lichte der Flamme in einem kleinen
schwarzen Büchlein, das wie ein Gebetbuch aussah, zu lesen, sie
murmelte die Worte vor sich hin, wie gewöhnlich alte Frauen
tun, während sie las; bei meinem Eintreten hörte sie nicht als-
bald auf, und es schien, sie wolle erst mit einem Abschnitte fertig
werden.
Ich stand auf der Kaminvorlage und wärmte mir die Hände,
die, weil ich im Salon fern vom Feuer gesessen hatte, etwas
kalt waren. Ich fühlte mich jetzt so gefaßt und ruhig, wie nur
je, es lag ja in der Erscheinung der Zigeunerin nichts, das mich
hätte ängstigen können. Sie schlug ihr Buch zu und blickte
langsam auf, ihr Hutrand beschattete zum Teil ihr Gesicht, doch
konnte ich, als sie es erhob, sehen, daß es ein ganz absonderliches
war. Es sah ganz braun und schwarz aus. Weichselzöpfe
drangen borstenähnlich unter einer weißen Binde hervor, die
unter ihrem Kinne weg- und über ihre Wangen, oder vielmehr
ihre Kinnbacken halb hinging, ihr Auge richtete sich sogleich
auf mich und starrte mich dreist und gerade an.
Nun, Sie wollen sich von mir wahrsagen lassen? sagte
sie mit einer Stimme, die so entschieden war wie ihr Blick und
so rauh und hart wie ihre Züge.
Es liegt mir nicht viel daran, Mütterchen; tut, wie Ihr
wollt; ich muß Euch aber im voraus sagen, daß ich keinen
Glauben daran habe.
Das sieht einem so frechen Ding, wie Sie, ähnlich. Ich
habe es von Ihnen nicht anders erwartet; ich habe es an Ihrem
Tritte gehört, als Sie die Türschwelle überschritten.
Wirklich? Dann habt Ihr ein merkwürdig feines Ohr.
Das habe ich und ein schnelles Auge und ein gutes Hirn
dazu.
Ihr braucht das auch bei Eurem Geschäfte.
Ja, das ist wahr; besonders, wenn ich es mit Kunden zu tun
habe, wie Sie sind. Warum zittern Sie nicht?
Es friert mich nicht.
Warum werden Sie nicht blaß?
Ich bin nicht krank.
Warum ziehen Sie nicht meine Kunst zu Rate?
Ich bin keine Törin.
Die Alte verbarg ein Lachen unter ihrem Hut und ihrer
Binde; sodann zog sie eine kurze, schwarze Pfeife hervor, zündete
sie an und fing an zu rauchen. Nachdem sie sich eine Zeitlang mit
diesem Beruhigungsmittel gütlich getan, richtete sie ihren gebeugten
Körper auf, nahm die Pfeife aus dem Munde und sagte,
fest ins Feuer sehend, in sehr bedächtiger Weise:
Es friert Sie; Sie sind krank, und Sie sind eine Törin!
Beweist mir das, entgegnete ich.
Das will ich, und zwar in wenigen Worten. Es friert Sie,
weil Sie allein sind, es ist keine Berührung da, die das Feuer,
das in Ihnen ist, heraustreibt. Sie sind krank, weil das beste
der Gefühle, das höchste und süßeste, das dem Menschen gegeben,
Ihnen fern bleibt. Sie sind eine Törin, weil Sie es trotz allen
Ihren Leiden, nicht herbeirufen mögen, und weil Sie sich nicht
bemühen wollen, einen Schritt zu tun, um es da zu treffen, wo
es Ihrer wartet.
Abermals näherte sie ihre kurze, schwarze Pfeife ihren Lippen
und rauchte mit aller Kraft weiter.
Das könnt Ihr alles fast zu jeder sagen, von der Ihr wüßtet,
daß sie als alleinstehende Untergebene in einem vornehmen
Hause lebt.
Ja, das könnte ich, würde es aber auch auf jede passen?
Auf jede, die sich in meiner Lage befände.
Ja, ganz recht, in Ihrer Lage; aber finden Sie mir eine andere,
die genau in derselben Lage ist, wie Sie.
Es wäre ein leichtes, Tausende zu finden.
Sie würden mir kaum eine einzige nachweisen können. Wenn
sie es doch nur wüßten. Sie sind in einer eigentümlichen Lage;
gar nicht fern vom Glücke, ja, das Glück liegt sogar ganz in
Ihrem Bereich. Die Materialien sind alle fertig da, es bedarf
bloß einer Bewegung, um sie miteinander zu verbinden. Der
Zufall hat sie etwas weit auseinandergelegt, nähern sie sich
einmal einander, so kann daraus nur Heil und Segen entstehen.
Ich verstehe mich nicht auf Rätsel. Ich habe in meinem ganzen
Leben noch nie eines erraten können.
Wenn Sie denn wollen, daß ich mich deutlicher ausdrücke, so
müssen Sie mir Ihre Hand zeigen.
Und sie vermutlich mit Silber bekreuzen?
Sicherlich.
Ich gab ihr einen Schilling und steckte ihn in eine alte Socke,
die sie aus der Tasche zog. Sofort band sie diese wieder zu,
steckte sie ein und sagte mir, ich solle meine Hand hinhalten.
Ich tat es. Sie näherte ihr Gesicht meiner Hand und sah sie
prüfend an, ohne sie zu berühren.
Sie ist zu fein, sagte sie. Ich kann aus einer Hand, wie
diese da, aus einer Hand, die fast ohne Linien ist, nichts heraus-
lesen; zudem, was liegt auch in einer Hand? Das Schicksal steht
nicht darauf geschrieben.
Ich glaube es Euch wohl, sagte ich.
Nein, fuhr sie fort, es liegt in dem Gesichte, auf der Stirn,
um die Augen herum, in den Augen selbst, in den Linien des
Mundes. Knien Sie nieder, und halten Sie Ihren Kopf in
die Höhe!
Ja so! jetzt kommt Ihr endlich auf den rechten Weg, sagte
ich und willfahrte ihr.
Ich werde nun wohl bald bei Ihnen einigen Glauben erwecken.
Ich kniete einen Schritt vor ihr nieder. Sie schürte das
Feuer, so daß von den durcheinandergerüttelten Kohlen kleine
Lichtwellen aufstiegen, dieser Schein aber stellte, so wie sie da-
saß, ihr Gesicht nur noch in tieferen Schatten, während das meinige
dadurch beleuchtet wurde.
Es soll mich wundern, mit was für Gefühlen Sie heute abend
zu mir gekommen sind, sagte sie, nachdem sie mich eine Weile
betrachtet hatte. Möchte wohl wissen, was für Gedanken in
Ihrem Herzen geschäftig sind während der langen, langen
Stunden, die Sie in jenem Zimmer bei den feinen Leuten zu-
bringen, die, wie Gestalten in einer Zauberlaterne, vor Ihnen
sich hin- und herbewegen, indem so wenig sympathische Verbind-
ung zwischen Ihnen und jenen feinen Leuten stattfindet, als
wären sie in Wahrheit nichts, als bloße Schatten und keine
Wesen von Fleisch und Blut.
Oft fühle ich mich gelangweilt, zuweilen schläfrig, jedoch selten
traurig.
Dann müssen Sie eine geheime Hoffnung haben, die Ihren
Mut aufrechthält und Ihnen angenehme Dinge über die Zu-
kunft zuflüstert?
Nicht doch. Meine höchste Hoffnung ist, mir von meinem
Gehalte so viel zu ersparen, daß ich einst in einem kleinen, von
mir selbst gemieteten Hause eine Schule errichten kann.
Eine kärgliche Nahrung für den Geist, um dabei zu leben,
und in jener Fenstervertiefung -- Sie sehen, ich kenne Ihre
Gewohnheiten.
Ihr habt das von den Dienern erfahren.
Ah, Sie halten sich für pfiffig. Nun gut --- vielleicht ist
dem so! Soll ich die Wahrheit sagen, so bin ich mit einer von
den Dienerinnen - -- mit Frau Poole bekannt.
Ich sprang auf, als ich den Namen hörte.
Ah, du bist mit ihr bekannt? dachte ich, so ist denn doch der
Teufel mit im Spiel!
Beruhigen Sie sich! fuhr das seltsame Wesen fort, sie ist eine
zuverlässige Frau, die Poole, verschwiegen und kaltblütig, und
man kann sich auf sie verlassen. Aber was ich sagen wollte,
wenn Sie so in jener Fenstervertiefung siten, denken Sie da an
nichts, als an Ihre zukünftige Schule? Haben Sie kein gegen-
wärtiges Interesse an irgend einer der Personen, welche die
Sofas und Stühle vor Ihnen einnehmen? Ist da gar kein
Gesicht, das Sie studieren, gar keine Gestalt, deren Bewegungen
Sie wenigstens mit einiger Neugierde folgen?
Ich beobachte alle Gesichter gern.
Aber sondern Sie nie eines, oder auch zwei von allen übrigen
aus?
Das tue ich häufig, wenn die Gebärden oder Blicke eines
Paares etwas zu sagen scheinen; es macht mir Spaß, sie zu
beachten.
Und was hören Sie am liebsten?
O, ich habe keine große Wahl! Gewöhnlich ist das Thema
das Courmachen, das mit einer und derselben Katastrophe
--- der Heirat --- zu endigen verspricht.
Und gefällt Ihnen dieses einförmige Thema?
In Wahrheit interessiert es mich wenig, es geht mich nichts
an.
Nichts? Wenn eine Dame, jung und voller Leben und
Gesundheit, voll bezaubernder Schönheit und ausgestattet mit
allen Gaben des Glücks und des Rangs, neben einem Herrn
sitzt und ihm in die Augen lächelt, so tun Sie nun --- was
tun Sie da?
Ich?
Ja Sie! Sie denken an einen Herrn, der Ihnen gefällt.
Ich kenne die Herren nicht, die hier sind. Kaum daß ich mit
einem von ihnen eine Silbe gewechselt habe, und soll ich Euch
sagen, wie sie mir gefallen, so erscheinen mir einige als ehren-
werte und stattliche Männer von mittlerem Alter und andere
wieder als jung, schön, lebhaft und geeignet, die Aufmerksam-
keit der andern auf sich zu ziehen; aber gewiß können sie sich
alle anlächeln lassen, von wem sie wollen, ohne daß ich mich
veranlaßt sehen möchte, die Sache als wichtig für mich anzu-
sehen.
Sie kennen die Herren hier nichtr Sie haben keine Silbe
mit einem von ihnen gewechselt? Gilt das auch von dem Herrn
des Hauses?
Er ist nicht zu Hause.
Eine tiefsinnige Bemerkung! Eine schlaue Spitzfindigkeit! Er
ist diesen Morgen nach Millcote gegangen und wird heute
abend oder morgen zurückkommen, schließt dieser Umstand ihn
von der Liste Ihrer Bekannten aus, --- räumt er ihn, sozu-
sagen, von Ihrem Lebenswege weg?
Nein; aber ich vermag nicht recht einzusehen, was Herr
Rochester mit dem Thema zu schaffen hat, das Ihr aufs Tapet
gebracht habt.
Ich habe von Damen gesprochen, die Herren in die Augen
lächeln, und in letzer Zeit ist an Herrn Rochesters Augen so
viel Lächeln verschwendet worden, daß sie wie zwei zu volle
Gläser überfließen, haben Sie das nie gemerkt?
Herr Rochester darf sich ja wohl der Gesellschaft seiner Gäste
erfreuen, er hat ein Recht dazu.
Sein Recht kann nicht in Frage stehen, aber haben Sie nie
bemerkt, daß bei dem Hofmachen dem Herrn Rochester stets am
beharrlichsten und lebhaftesten zugesetzt wurde?
Die Neugierde des Zuhörers setzt die Zunge des Erzähler
in rascheren Gang. Ich sagte dies mehr zu mir selbst, als zu
der Zigeunerin, deren seltsame Worte, Stimme und Art mich
allmählich in eine Art Traum versetzt hatten. Ein unerwarteter
Ausspruch nach dem andern kam von ihren Lippen, bis ich mich
in ein starkes Netz verwickelt fand. Und ich dachte verwundert,
welch unsichtbarer Geist wochenlang in der Nähe meines
Herzens gesessen, es so genau beobachtet, jeden Pulsschlag so
richtig bemerkt hätte.
Des Zuhörers wiederholte sie, ja; Herr Rochester hat Stunden
lang da gesessen, sein Ohr hingeneigt zu den bezaubernden Lip-
pen, die ein solches Vergnügen fanden an der Aufgabe, sich
andern mitzuteilen; und Herr Rochester war so bereit, den ihm
gebotenen Zeitvertreib anzunehmen, und sah so dankbar dafür
aus, haben Sie das bemerkt?
Dankbar! Ich kann mich nicht erinnern, in seinem Gesichte
je Dankbarkeit entdeckt zu haben.
Entdeckt! Sie haben also geprüft, nachgedacht? Und was
haben Sie denn entdeckt, wenn nicht Dankbarkeit?
Ich sagte nichts.
Sie haben Liebe entdeckt, nicht wahr? --- und Sie haben,
in die Zukunft blickend, ihn verheiratet gesehen und seine
Gattin glücklich?
Hm! das gerade nicht. Eure Hexenschlauheit errät nicht im-
mer das Richtige.
Was zum Teufel haben Sie denn gesehen?
Das ist ja gleichgiltig, ich bin hierhergekommen, um zu fragen,
nicht aber, um zu beichten. Ist es bekannt, daß Herr Rochester
im Begriff steht, sich zu verheiraten?
Ja; und zwar mit dem schönen Fräulein Blanche Ingram.
Bald?
Der Schein dürfte einen solchen Schluß rechtfertigen, und
ohne Zweifel werden sie ein überaus glückliches Paar werden,
--- obgleich Sie das in Frage stellen zu wollen scheinen, mit
einer Kühnheit, die bestraft zu werden verdient. Er muß eine
so schöne, edle, witzige, talentvolle Dame lieben; und wahrschein-
lich liebt auch sie ihn, oder wenn auch nicht seine Person, so
doch seine Börse. Ich weiß, daß das Vermögen des Herrn
Rochester ihr gewaltig gefällt, obgleich ich --- Gott verzeihe es
mir! --- ihr vor einer Stunde über diesen Punkt etwas gesagt
habe, was sie wunderbar ernst gestimmt hat; ihre Mundwinkel
zogen sich um nicht weniger als einen halben Zoll herab. Ich
möchte ihrem brünetten Freier raten, sich vorzusehen; denn,
wenn ein anderer kommt, mit mehr Einkommen, so läßt sie ihn
ohne weiteres schießen.
Aber Mutter, ich bin nicht hierhergekommen, um Herrn
Rochesters Schicksal zu hören, sondern mein eigenes, und noch
habt Ihr mir davon gar nichts gesagt.
Ihr Schicksal ist noch zweifelhaft, als ich Ihr Gesicht anschaute,
da hat ein Zug dem andern widersprochen. Der Zufall hält
ein reiches Maß Glück für Sie bereit, das weiß ich. Es ist
nun an Ihnen, Ihre Hand auszustrecken und es aufzuheben;
aber ob Sie das tun werden, das ist das Rätsel, das ich noch
zu lösen habe. Knien Sie noch einmal auf die Kaminvorlage
nieder!
Nur laßt mich nicht allzulange knien; ich verbrenne fast vor
dem Feuer.
Ich kniete nieder. Sie beugte sich nicht zu mir hin, sondern
sah mich bloß scharf an, indem sie sich auf ihrem Stuhl zurück-
lehnte. Sie fing an zu murmeln:
Die Flamme flackert in dem Auge; das Auge erglänzt wie
der Tau, es sieht sanft und gefühlvoll aus, es lächelt über mein
Kauderwelsch, es ist für alle Eindrücke empfänglich; ein Eindruck
folgt rasch dem andern in seiner klaren Spyäre; hört es auf zu
lächeln, so ist es traurig, eine unbewußte Mattigkeit lastet auf
dem Augenlid, das bedeutet Melancholie, die daraus entsteht, daß
Sie sich allein fühlen. Es wendet sich ab von mir; es will
sich keiner weiteren Prüfung unterziehen, es scheint mit einem
spöttischen Blicke die Wahrheit der Entdeckung zu leugnen, die
ich bereits gemacht habe, --- es scheint die Beschuldigung nicht
aufkommen lassen zu wollen, daß ein zartes Gefühl, daß tiefe
Bekümmernis in ihm wohne, sein Stolz und seine Zurückhaltung
bestärken mich nur in meiner Ansicht. Das Auge ist günstig.
Was den Mund betrifft, so lacht er zuweilen gern, er ist ge-
neigt, alles mitzuteilen, was das Gehirn denkt und erfaßt, ob-
gleich er wohl über vieles schweigen möchte, was das Herz erlebt.
Beweglich und biegsam, war er nie bestimmt, zum ewigen
Schweigen der Einsamkeit zusammengepreßt zu werden; es ist
ein Mund, der viel sprechen und oft lächeln und menschliche
Zuneigung zeigen sollte. Auch dieser Zug ist günstig.
Ich sehe keinen Feind, der einem glücklichen Ausgang entgegen-
stünde, als die Stirn; und diese Stirn sagt: ich kann allein leben,
wenn meine Selbstachtung und die Umstände es erheischen. Ich
brauchemeine Seele nichtzu verkaufen, um Glück einzuhandeln. Ich
habe einen Schatz in mir selbst, einen Schaz, der mit mir geboren
ist, der mich am Leben zu erhalten vermag, wenn alles äußere
Glück versagt sein, oder nur zu einem Preise angeboten werden
sollte, den ich nicht zu geben imstande bin! Die Stirn erklärt:
Die Vernunft sitzt fest und hält die Zügel und wird die Ge-
fühle nicht blindlings durchgehen und sich in einen Abgrund
schleifen lassen. Die Leidenschaften mögen wüten und toben wie
Heiden, -- - was sie auch sind; und die Wünsche mögen alle Arten
eitler Dinge ersinnen, aber die Vernunft soll bei jedem Streite
das letzte Wort behalten und bei jeder Entscheidung den Aus-
chag geben. Stürme, Erdbeben, Feuer werden vorübergehen;
was mich anbelangt, so will ich nur der Leitung jener leisen
Stimme folgen, welche die Gebote des Gewissens deutet.
Gut gesprochen, Stirn, deine Erklärung soll berücksichtigt
werden. Ich habe meine Pläne entworfen --- und ich halte sie
für richtig -- und ich habe dabei auf die Forderungen des
Gewissens, auf die Ratschäge der Vernunft geachtet. Ich weiß,
wie bald die Jugend verwelken und die Blüte zerfallen würde,
wenn in dem angebotenen Becher des Glücks auch nur die Spur
einer Hefe der Schhande, oder eines Beigeschmacks der Reue zu
entdecken wäre; und ich will kein Opfer, keinen Kummer, keine
Verrichtung scheuen. Ich will hegen und pflegen, nicht töten, nicht
verderben --- ich will Dankbarkeit ernten und nicht Tränen aus
pressen; meine Ernte bestehe in Lächeln, Zärtlichkeit und Wonne.
So ist es recht. Ich glaube, ich phantasiere in einer Art won-
nigen Deliriums. Ich möchte diesen Augenblick nun ins Un-
endliche verlängern; aber ich darf es nicht. So weit habe ich
mich völlig beherrscht. Ich habe gehandelt, wie ich es mir vor-
genommen hatte, aber ein längeres derartiges Handeln dürfte
meine Kräfte übersteigen. Stehen Sie auf, Fräulein Eyre,
und verlassen Sie mich; das Spiel ist zu Ende.
Wo war ich? Wachte oder schlief ich? Hatte ich geträumt?
Träumte ich noch? Die Stimme des alten Weibes hatte sich
verändert, ihre Aussprache, ihre Gebärde, alles war mir so
bekannt, wie mein eigenes Gesicht im Spiegel --- wie die Rede
meiner eigenen Zunge.
Ich stand auf, ging aber nicht. Ich sah hin, schürte das
Feuer und sah wieder hin; aber die Gestalt zog ihren Hut und
ihre Binde dichter um ihr Gesicht und winkte mir abermals, zu
gehen. Die Flamme erleuchtete ihre ausgestreckte Hand, und
nun, da meine Aufmerksamkeit geweckt war, betrachtete ich als -
bald diese Hand genauer. Ed war ebensowenig das welke
Glied des Alters, als mein eigenes, es war ein volles, gelenkiges
Glied mit glatten, symmetrisch gerundeten Fingern, ein großer
Ring funkelte an dem kleinen Finger, und an diesem Ringe
gewahrte ich einen Edelstein, den ich hundertmal zuvor gesehen
hatte. Nochmals blickte ich das Gesicht an, das nicht länger
von mir abgewandt war, --- im Gegenteil, der Hut war entfernt,
ebenso die Binde, und der Kopf war vorgeneigt.
Nun, Jane, erkennen Sie mich? fragte die mir wohlbekannte
Stimme.
Legen Sie nur den roten Mantel ab, Herr Rochester, so ---
Aber die Schnur hat einen Knoten --- helfen Sie mir.
Zerreißen Sie sie.
So, --- weg mit den Lumpen!
Und Herr Rochester trat aus seiner Vermummung heraus.
Aber, Herr Rochester, welch ein seltsamer Einfall!
Aber, nicht wahr, gut ausgeführt? Meinen Sie nicht auch?
Mit den Damen müssen Sie es verstanden haben fertig zu werden!
Mit Ihnen nicht?
Sie haben sich bei mir nicht wie eine Zigeunerin aufgeführt.
Wie denn? Ich habe wohl meine eigene Rolle gespielt?
Nein, eine unerklärliche. Mit einem Worte, ich glaube, Sie
haben mich ausforschen oder auf das Eis führen wollen; Sie
haben Unsinn gesprocen, um mich Unsinn reden zu machen.
War das ehrliches Spiel, Herr Rochester?
Vergeben Sie mir, Jane?
Ich kann es nicht sagen, als bis ich über alles nachgedacht
habe. Finde ich dann, daß ich in keine große Abgeschmacktheit
verfallen bin, so will ich Ihnen zu verzeihen suchen, aber es
war nicht recht.
O, Sie haben sich sehr vorsichtig benommen.
Ich dachte nach und fand, daß, im ganzen genommen, dem
so war. Es war ein Trost! aber ich war in der Tat auch gleich
von Anfang an auf meiner Hut gewesen. Ich argwöhnte, daß
hier eine Maskerade im Hintergrund sein möchte. Ich wußte,
daß Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen sich nicht so ausdrücken,
wie dieses sogenannte alte Weib; überdies war mir ihre verstellte
Stimme aufgefallen, sowie ihr stetes Bemühen, ihr Gesicht zu
verbergen. Doch hatte ich an Grace Poole gedacht, jenes
lebendige Rätsel, jenes Geheimnis der Geheimnisse, wofür ich
sie ansah. Nie war mir Herr Rochester eingefallen.
Nun, sagte er, was sinnen Sie nach? Was soll dieses ernste
Lächeln bedeuten?
Erstaunen, und daß ich mir selbst Glück wünsche. Doch ich
darf mich nun wohl entfernen?
Nein, bleiben Sie noch einen Augenblick, und sagen Sie mir,
was die Herrschaften im Salon tun.
Sie sprechen gewiß von der Zigeunerin.
Setzen Sie sich --- lassen Sie mich hören, was sie von mir
gesagt haben.
Es ist wohl besser, wenn ich nicht länger verweile, es muß
bald elf sein. Aber noch eins: Wissen Sie auch, Herr Rochester,
daß seit diesem Morgen ein Fremder angekommen ist?
Ein Fremder! Nein, wer mag das sein? Ich erwartete keinen,
ist er wieder fort?
Nein, er hat gesagt, er kenne Sie schon lange und dürfe sich
die Freiheit nehmen, sich hier zu installieren, bis Sie zurück-
kämen.
Zum Teufel, das hat er getan? Hat er auch seinen Namen
genannt?
Sein Name ist Mason, und er kommt aus Westindien, aus
Spanish Town auf Jamaicha.
Herr Rochester stand in dem Augenblicke neben mir, er hatte
meine Hand gefaßt, gleich als wollte er mich zu einem Stuhle
hinführen. Als ich sprach, umfaßte er mein Handgelenk krampf-
haft; das Lächeln auf seiner Lippe erstarb, augenscheinlich stockte
sein Atem.
Mason!-- Westindien! sagte er abgebrochen, fast wie ein
redender Automat. Mason! Westindien! wiederholte er; drei
mal kamen die Silben von seinen Lippen, und sein Gesicht
wurde aschfahl. Er schien kaum zu wissen, was er tat.
Ist Ihnen nicht wohl, fragte ich.
Jane, ich habe einen Schlag bekommen, stammelte er und
taumelte.
O --- stützen Sie sich auf mich, Herr Rochester!
Er setzte sich, und ich mußte mich neben ihn setzen. Meine
Hand zwischen den seinen haltend, rieb er sie sanft und sah
mich zu gleicher Zeit ganz verstört an.
O liebste Freundin! sagte er, ich wollte, ich wäre mit Ihnen
allein auf irgend einer stillen Insel, fern von aller Unruhe und
Gefahr und gräßlichen Erinnerungen,
Kann ich Ihnen helfen, Herr Rochester? --- ich würde mein
Leben hingeben, um Ihnen zu dienen.
Jane, wenn Hilfe nötig sein sollte, werde ich sie bei Ihnen
suchen, ich verspreche Ihnen das.
Ich danke Ihnen, sagen Sie mir, was zu tun ist, und ich
will wenigstens versuchen, es zu tun.
Holen Sie mir jetzt, Jane, ein Glas Wein aus dem Speise-
saale, sie werden dort bei dem Essen sein, und sagen Sie mir,
ob Mason bei ihnen ist, und was der Mann tut.
Ich ging und fand die ganze Gesellschaft in dem Speisesaale,
wie Herr Rochester gesagt hatte, sie saßen nicht an der Tafel,
das Souper stand auf dem Nebentische. Jeder hatte genomnmnen,
was ihm beliebte, und sie standen hier und dort in Gruppen
umher, mit ihren Tellern und Gläsern in den Händen, alle
lachten und unterhielten sich lebhaft. Herr Mason stand neben
dem Feuer und sprach mit dem Obersten und mit Frau Dent,
er schien so heiter und aufgeweckt, wie die andern. Ich füllte
ein Weinglas Fräulein Ingram beobachtete mich, wie ich das
tat, mit finsterem Blicke, sie dachte wohl, ich nehme mir zu viel
heraus und ging in das Bibliothekzimmer zurück.
Herrn Rochesters außerordentliche Blässe war verschwunden,
und er sah nun wieder fest und ernst aus. Er nahm das
Glas aus meiner Hand.
Ihre Gesundheit, dienstfertiger Geist! sagte er, leerte das
Glas und gab es mir zurück. Was tun sie, Jane?
Sie lachen und schwatzen.
Sie sehen nicht ernst und geheimnisvoll aus, als ob sie
etwas Seltsames gehört hätten?
Ganz und gar nicht; alles scherzt und ist munter.
Und Mason?
Auch er lacht.
Wenn nun alle diese Leute hereinkämen und mich anspien,
was würden Sie sagen, Jane?
Ich würde sie aus dem Zimmer hinausjagen, wenn ich könnte.
Er lächelte halb und halb.
Wenn ich aber zu ihnen hinginge und sie mich bloß kalt
ansähen und höhnisch untereinander tuschelten, und dann einer
nachdem andern mir den Rücken kehrte und davonginge, was
dann? Würden Sie mit ihnen gehen?
Schwerlich! Ich würde bei Ihnen bleiben.
Um mich zu trösten?
Um Sie zu trösten, so gut ich könnte.
Und wenn sie Sie in den Bann täten dafür, daß Sie zu
mir halten?
Wahrscheinlich würde ich von ihrem Bann nichts wissen, und
wenn auch, würde ich mich nicht daran kehren.
Sie vermöchten es also, um meinetwillen dem Tadel Trotz
zu bieten?
Ja, das könnte ich für einen Freund, der meine Anhänglich-
keit verdiente, und Sie verdienen sie gewiß.
Gehen Sie nun in den Salon zurück und flüstern Sie Mason
ins Ohr, daß Herr Rochester angekommen sei und mit ihm zu
sprechen wünsche. Führen Sie ihn hier herein und verlassen
Sie mich dann!
Ich tat, wie er mich geheißen. Die ganze Gesellschaft sah
mich verwundert an, als ich zwischen sie hindurch- und auf
Herrn Mason zuging. Ich überbrachte ihm die Botschaft und
führte ihn dann in das Bibliothekzimmer.
Später, als ich schon im Bette lag, hörte ich die Gäste sich
auf ihre Zimmer zurückziehen. Ich unterschied Herrn Rochesters
Stimme und hörte ihn sagen:
Hierher, Mason, dies ist Ihr Zimmer.
Er sagte das mit heiterer Stimme, was mich nicht wenig
beruhigte.
Bald schlief ich ein.
Zwanzigstes Kapitel.
Ich hatte vergessen, den Vorhang vor meinem Bette zuzu-
ziehen und die Gardine herabzulassen. Die Folge war, daß,
als der Mond durch das Fenster hindurch mich anlugte, sein
strahlender Blick mich aufweckte. Ueberall herrschte Totenstille.
ich richtete mich halb im Bett auf und streckte meinen Arm
aus, um den Vorhang zuzuziehen.
Hilf Himmel! Was für ein Schrei! Ein Schrei, der von
einem Ende von Thornfield bis zum andern wiederhallte!
Mein Puls stand still, mein Herz hörte auf zu schlagen, mein
ausgestreckter Arm war wie gelähmt. Der Schrei erstarb und
wurde nicht wieder gehört. Wer immer diesen Schrei aus-
gestoßen hat, kann ihn nicht so bald wiederholen, er muß sich
erst ausruhen, ehe er sich solch einer Kraftanstrengung noch
einmal unterziehen kann!
Er kam aus dem dritten Stockwerke, und über meinem Kopfe,
gerade über der Decke meines Zimmers, hörte ich jetzt ein
Ringen, ein Ringen auf Leben und Tod schien es nachdem
Lärm zu sein, und eine halb erstickte Stimme rief dreimal
rasch hintereinander:
Hilfe! Hilfe! Hilfe!
Will niemand kommen? rief es abermals; und dann hörte
ich, während das Taumeln und Stampfen in wilder Weise
fortdauerte, durch die Decke hindurch deutlich die Worte:
Rochester! Rochester! Um Gotteswillen kommen Sie doch!
Eine Zimmertür ging auf, es lief oder schoß etwas den
Korridor entlang. Ein neuer Tritt stampfte oben auf dem
Fußboden, es fiel etwas, und dann war es wieder still.
Ich hatte einige Kleider angelegt, obgleich ich vor Entsetzen
an allen Gliedern zitterte, und trat aus meinem Zimmer heraus.
Die Schläfer waren alle erwacht, Ausrufe des Schreckens ließen
sich hören, eine Tür nach der andern öffnete sich, der Korridor
füllte sich. Die Damen hatten so gut wie die Herren ihre
Betten verlassen, und überall hörte man in der allgemeinen
Verwirrung fragen:
Was ist denn das?
Wem ist ein Leid geschehen?
Was ist denn geschehen?
So holt doch ein Licht!
Brennt es?
Sind Räuber da?
Hätte der Mond nicht so hell geschienen, so wären sie alle
in völliger Dunkelheit gewesen. Alles rannte hin und her,
einige schluchzten, andere stolperten, die Verwirrung war furchtbar.
Wo zum Henker ist denn Rochester? rief Oberst Dent. Ich
kann ihn in seinem Bette nicht finden.
Hier! hier! erschallte plötzlich die Stimme des Gesuchten.
Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, ich komme.
Die Tür am Ende des Korridors ging auf, und Herr Rochester
näherte sich mit einem Lichte in der Hand; er kam eben von
dem oberen Stockwerke herab. Eine der Damen lief gerade
auf ihn zu und faßte ihn beim Arme, es war Fräulein Blance.
Was ist denn vorgefallen? sagte sie. Sprechen Sie! Lassen
Sie uns das Schlimmste wissen!
Aber ziehen Sie mich doch nicht zu Boden, und erwürgen
Sie mich doch nicht, entgegnete er, denn die Fräulein Eshton
hingen nun auch an ihm, und die zwei Witwen, in großen
weißen Gewändern, rannten gerade auf ihn zu, wie Schiffe
mit vollen Segeln.
Es war nichts weiter, als eine Probe von dem bekannten
Stücke: Viel Lärm um nichts. So lassen Sie mich doch los,
meine Damen!
Eine der Dienstfrauen hat das Alpdrücken gehabt, das ist
alles. Sie ist ein leicht erregbares, nervöses Frauenzimmer,
sie hielt ohne Zweifel ihren Traum für ein Gespenst oder etwas
derartiges und bekam vor Schrecken einen Krampfanfall. Nun
aber muß ich Sie alle bitten, sich in Ihre Zimmer zurück-
zuziehen. Meine Herren, seien Sie so gut und gehen Sie den
Damen mit gutem Beispiel voran! Fräulein Blanche, ich bin
überzeugt, daß Sie sich gegen eitle Schrecken nicht werden schwach
finden lassen. Amy und Luisa gehen Sie, meine sanften Täubchen,
stille in Ihre Nester zurück. Meine Gnädigsten --- zu den
Witwen gewandt --- Sie erkälten sich ganz gewiß, wenn Sie
noch einen Augenblick in diesem eiskalten Korridor bleiben.
Und so gelang es ihm, teils durch schmeichlerisches, teils durch
gebieterisches Zureden, daß sich alle wieder in ihre verschiedenen
Schlafgemächer begaben. Ich wartete nicht, bis man mich
hieß, mich in das meinige zurückzuziehen, sondern entfernte mich
unbemerkt.
In meinem Zimmer legte ich mich nicht wieder ins Bett,
sondern kleidete mich im Gegenteil vollständig an. Die Töne,
die ich nach dem Schrei gehört, und die Worte, die gesprochen
worden waren, hatte wahrscheinlich nur mein Ohr vernommen,
aber sie gaben mir die Gewißheit, daß es nicht der Traum
einer Dienstmagd gewesen, der so das ganze Haus mit Entsetzen
erfüllt hatte, und daß die von Herrn Rochester gegebene Er-
klärung eine Erfindung sei, darauf berechnet, seine Gäste zu
beruhigen. Ich kleidete mich daher an, um für alle Fälle be-
reit zu sein. Dann saß ich lange Zeit am Fenster, sah über
die stille Gegend und die silberhellen Felder hin und wartete auf
--- ich weiß nicht was. Es schien mir, als müsse irgend ein
Ereignis auf den sonderbaren Schrei, auf das Ringen und auf
den Ruf folgen.
Aber nein, die Ruhe kehrte wieder, und in etwa einer Stunde
war es in Thornfield Hall wieder so still, wie in einer Wüste.
Inzwischen senkte sich der Mond mehr und mehr und war im
Begriffe unterzugehen. Da ich in der Kälte und Finsternis
nicht dasitzen mochte, so hatte ich im Sinne, mich angekleidet,
wie ich war, auf mein Bett zu werfen. Ich ging vom Fenster
weg leise über den Teppich hin; als ich mich bückte, um meine
Schuhe auszuziehen, klopfte eine vorsichtige Hand leise an die Tür.
Braucht man mich? fragte ich.
Sind Sie auf? versetzte die Stimme, die ich zu hören erwar-
tete, die meines Herrn nämlich.
Ja, Herr Rochester!
Und angekleidet?
Ja.
So kommen Sie behutsam heraus!
Ich gehorchte. Herr Rochester stand in dem Korridor mit
einem Lichte in der Hand.
Ich brauche Sie, sagte er; kommen Sie, nehmen Sie sich in
acht, machen Sie kein Geräusch.
Meine Pantoffeln waren leicht, ich konnte über die Matte
des Korridors so leise wie eine Katze gehen. Er ging die Treppe
hinauf und blieb in dem dunkeln, niedrigen Korridor des ver-
hängnisvollen dritten Stockwerkes stehen, ich war ihm gefolgt
und stand neben ihm.
Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimmer? fragte er flüsternd.
Ja.
Haben Sie auch Salz --- etwa flüchtiges Salz?
Ja.
So gehen Sie zurück und holen Sie beides!
Ich ging in mein Zimmer zurück und suchte den Schwamm
auf dem Waschtische, das Salz in meiner Kommode und machte
noch einmal den Weg, den mich Herr Rochester geführt. Letzterer
wartete noch, mit einem Schlüssel in der Hand, sich einer der
kleinen schwarzen Türen nähernd, steckte er ihn in das Schlüssel-
loch, dann wartete er einen Augenblick und redete mich aber-
mals an:
Es wird Ihnen doch nicht übel, wenn Sie Blut sehen?
Ich denke nicht, ich habe es noch nicht versucht.
Ein Schauder durchbebte mich, als ich ihm antwortete, doch
fühlte ich weder Nebelkeit noch Kälte.
Geben Sie mir Ihre Hand, sagte er, wir dürfen hier keine
Ohnmacht riskieren.
Ich legte meine Finger in die seinigen.
Warm und ruhig war seine Bemerkung. Und nun drehte
er den Schlüssel um und machte die Tür auf.
Ich sah ein Zimmer, das ich mich erinnerte, schon zuvor gesehen zu haben, an dem Tage, an dem Frau Fairfax mir das
ganze Haus gezeigt. Es war mit Tapeten behängt, allein die
Tapete war jetzt an einer Stelle in die Höhe geschlagen, und
es war eine Tür zu sehen, die bei meinem frühern Besuche
verborgen gewesen war. Die Türe stand offen, ein Licht
schimmerte aus dem dahinter liegenden Zimmer hervor; ich
hörte daraus einen knurrenden Ton hervorkommen, fast ähnlich
dem eines bösen Hundes, der jemand beißen will. Herr Rochester
setzte dann sein Licht nieder und sagte zu mir:
Warten Sie eine Minute!
Und hinein trat er in das hinter der Tür liegende Zimmer.
Ein Gelächter begrüßte seinen Eintritt, ein Gelächter, das an-
fänglich überlaut schallte und dann mit Grace Pooles kobold-
ähnlichem Ha! Ha! endigte. Sie war also da. Er ordnete
dieses oder jenes an, ohne ein Wort zu sprechen, obgleich
ich eine leise Stimme ihn anreden hörte; endlich kam er heraus
und machte die Tür hinter sich zu.
Hierher, Jane! sagte er; und ich ging nach der anderen Seite
eines großen Bettes herum, das mit seinen zugezogenen Vor-
längen einen großen Teil des Zimmers verbarg. Ein Arm-
sessel stand neben dem Kopfende des Bettes, ein Mann saß
darin, der bis auf den Rock vollständig angekleidet war, er
verhielt sich still, sein Kopf war zurückgelehnt, seine Augen
geschlossen. Herr Rochester hielt das Licht über ihn hin, und
ich erkannte in seinem bleichen, leblosen Gesichte den --- Fremden,
Mason; auch sah ich, daß sein Hemd auf einer Seite und an
einem Arme wie in Blut getaucht aussah.
Halten Sie das Licht, sagte Herr Rochester, und ich nahm
es. Sodann holte er ein auf dem Waschtische stehendes, mit
Wasser gefülltes Becken und sagte zu mir: Halten Sie das.
Ich gehorchte. Er nahm den Schwamm, tauchte ihn hinein und
befeuchtete Herrn Masons Gesicht, er verlangte mein Riechfläsch-
chen von mir und hielt es dem blutigen Manne vor die Nase.
Bald schlug Herr Mason seine Augen auf, er stöhnte. Herr
Rochester machte das Hemd des Verwundeten auf, dessen Arm
und Schulter verbunden waren, und wusch mit dem Schwamme
das herabtropfende Blut ab.
Bin ich gefährlich verwundet? murmelte Herr Mason.
Bah! Nichts --- ein bloßer Riz. Lassen Sie nicht so den
Mut sinken. Mann, ermannen Sie sich! Ich will Ihnen nun
selbst einen Wundarzt holen, und ich hoffe, daß Sie morgen
fortgebracht werden können. Jane --- fuhr er fort. . .
Herr Rochester?
Ich muß Sie nun eine oder vielleicht zwei Stunden mit
diesem Herrn allein in dem Zimmer lassen; waschen Sie, wie ich
es tat, das Blut mit dem Schwamme ab, wenn es wieder kommt;
fühlt er sich schwach, so halten Sie ihm das Wasser an die
Lippen und Ihr Riechfläschchen vor die Nase. Sprechen Sie
um keinen Preis mit ihm --- und --- Richard --- was Sie
betrifft, so steht Ihr Leben auf dem Spiel, wenn Sie mit ihr
reden; sobald Sie Ihre Lippen öffnen --- sobald Sie unruhig
werden --- kann ich Ihnen für die Folgen nicht mehr stehen.
Abermals stöhnte der arme Mann; er sah aus, als ob er es
nicht wagte, sich zu regen, die Furcht vor dem Tode oder vor
irgend etwas anderem schien ihn fast zu lähmen. Herr Rochester
gab mir nun den blutigen Schwamm in die Hand, und ich
fing an, ihn zu handhaben, wie er getan. Er beobachtete
mich etwa eine Sekunde und verließ dann das Zimmer mit
den Worten:
Vergessen Sie's nicht! --- Reden Sie ja nicht mit ihm!
Ein sonderbares Gefühl überkam mich, als der Schlüssel sich
knarrend in dem Schlosse umdrehte und das leise Geräusch
der sich entfernenden Fußtritte endlich erstarb.
Da war ich nun in dem dritten Stocke, eingeschlossen in eine
seiner geheimnisvollen Kammern; Nacht um mich her; ein
bleiches und blutiges Schauspiel vor meinen Augen und unter
meinen Händen und kaum durch eine Tür von mir getrennt,
eine Mörderin! Ja --- das war entsetzlich --- das andere konnte
ich ertragen; aber es schauderte mich bei dem Gedanken, das
Grace Poole auf mich losstürzen könnte.
Indessen mußte ich auf meinem Posten aushalten. Ich mußte
dieses geisterhafte, totenbleiche Gesicht bewachen, diese blauen,
stillen Lippen, die sich nicht öffnen durften --- diese Augen, die
bald sich schlossen, bald sich öffneten, bald im Zimmer umher-
schweiften, bald sich auf mich hefteten, immer verglast von be-
sinnungslosem Entsetzen. Ich mußte meine Hand aber- und
abermal in das Becken voller Blut und Wasser tauchen und
das herabtröpfelnde, geronnene Blut abwaschen. Ich mußte
das Licht der ungeputzten Kerze mehr und mehr abnehmen,
die Schatten an der altertümlichen Tapete und unter den Vor-
hängen des großen alten Betts neben mir immer dunkler wer-
den und über den Türen eines großen Kabinetts, das sich mir
gegenüber befand, unheimlich zittern sehen, --- über der Tür eines
Kabinetts, dessen in zwölf Paneele geteilte Front die geisterhaft
gemalten Köpfe der zwölf Apostel enthielt, jeder in einem be-
besonderen Paneel, wie in einem Rahmen, während über ihnen
sich ein Kruzifix aus Ebenholz erhob.
Je nachdem die wechselnde Dunkelheit auf einer Stelle schwebte
oder der flackernde Schimmer auf eine andere einen plötzlichen
Glanz warf, war es bald der bärtige Lukas, der seine Stirn
runzelte, bald das lange Haar des Johannes, das hin und her
wogte. Von Zeit zu Zeit trat auch das teuflische Antliz des
Judas aus seinem Paneel hervor, schien Leben annehmen und
mit einer Erscheinung des Erzverräters. --- Satans selbst --- in
der Gestalt seines Untergebenen drohen zu wollen.
Bei alledem mußte ich nicht allein wachen, sondern auch
horchen, - horchen auf die Bewegungen der wilden Bestie
oder des Bösen in der Höhle nebenan. Aber die ganze Nacht
hörte ich nur in drei langen Zwischenräumen drei Töne, ---
einen krachenden Tritt, eine kurze Erneuerung des Hunde-
geknurrs und einen tiefen menschlichen Seufzer.
Dann quälten mich meine eigenen Gedanken. Welches Ver-
brechen war es, das in einer Menschengestalt in diesem abge-
schiedenen Hause lebte und von dem Besitzer weder vertrieben,
noch gebändigt werden konnte? --- Welches Geheimnis, das in
tiefster Nacht sich bald durch Feuer, bald durch Blut offenbarte?
--- Was für ein Geschöpf war es, das, sich hinter einem ge-
wöhnlichen Weibsgesichte und einer gewöhnlichen Weibsgestalt
verhüllend, bald die Stimme eines hohnlachenden Dämons, bald
das Geschrei eines Raubvogels, der ein Aas sucht, hören ließ?
Und der Mann, über den ich mich neigte, --- dieser stille
Fremde mit seinem alltäglichen Aussehen, wie war er in dies
Gewebe des Entsetzens verstrichkt worden? Und warum war die
Furie auf ihn losgestürzt? Warum hatte er zu ungelegener
Zeit diesen Teil des Hauses aufgesucht, während er hätte in
seinem Bette schlafen sollen? Ich hatte gehört, wie Herr
Rochester ihm unten ein Zimmer anwies --- was hatte ihn nun
hierher geführt, und warum verhielt er sich jetzt so zahm der Ge-
walttätigkeit oder dem Verrat gegenüber, den man an ihm verübt
hatte? Warum unterwarf er sich so geduldig dem Befehl des Herrn
Rochester, sich verborgen zu halten? Warum: forderte Herr Rochester
diese Verschwiegenheit? Sein Gast war schwer verletzt; sein eigenes
Leben hatte bei einer früheren Gelegenheit in gräßlicher Gefahr
geschwebt, und beide Mordanschläge begrub er nun in Schwei-
gen und Vergessenhheit! Endlich sah ich auch, daß Herr Mason
gegen Herrn Rochester unterwürfig war, daß der gebieterische Wille
des einen die Trägheit des andern unbedingt beherrschte, wo-
her war dann aber Herrn Rochesters Schrecken gekommen, als
er von Herrn Masons Ankunft hörte? Warum war der bloße
Name dieses fügsamen Menschen, den jetzt sein bloßes Wort
wie ein Kind zu lenken vermochte, nochvor wenigen Stunden
auf ihn gefallen, wie ein Donnerkeil auf eine Eiche?
Wann wird er nur wiederkommen? rief ich in meinem
Innern, als die Nacht immer noch nicht wich --- als mein
blutender Patient den Kopf sinken ließ, stöhnte, ohnmächtig
wurde. Wieder und immer wieder hatte ich das Wasser an
Masons bleiche Lippen gehalten, wieder und immer wieder hielt
ich ihm das belebende Salz hin, meine Bemühungen schienen
ohne Wirkung zu bleiben; körperliches odes*** geistiges Leiden,
oder Blutverlust, oder alle drei zusammen erschöpften schnell
seine noch übrigen Kräfte. Er stöhnte so tief und sah so schwach,
irre und todesbleich aus, daß ich fürchtete, er sei im Begriff zu
sterben, und doch durfte ich nicht einmal mit ihm reden!
Das Licht, ganz abgebrannt, ging endlich aus. Wie es erlosch,
bemerkte ich graue Lichtstreifen, die an dem Fenstervorhang sich
hinzogen, es kam also der Morgen herbei. Es stand nicht lange
an, so hörte ich weit unten, von seiner fernen Hütte im Hofe
her, Pilot bellen, und nun lebte die Hoffnung wieder auf
und nicht ohne Grund. Nach fünf weiteren Minuten sagte mir
der im Schlosse sich drehende Schlüssel, daß meine Wache nun
zu Ende sei. Sie konnte nicht länger als zwei Stunden ge-
währt haben; manche Woche ist mir indessen kürzer erschienen.
Herr Rochester trat ein und mit ihm der Wundarzt, den er
herbeigeholt hatte.
Nun, Carter, rasch an die Arbeit, sagte er, ich gebe Ihnen
bloß eine halbe Stunde, um die Wunde zu verbinden, die
Bandagen zu befestigen und den Patienten hinunterzubringen.
Aber kann man ihn auch ohne Gefahr fortschaffen?
Ohne allen Zweifel, die Sache hat nichts auf sich, er ist
entnervt und muß bloß ein bißchen aufgemuntert werden. Kom-
men Sie!
Herr Rochester schlug den dicken Vorhang zurück, zog das
Fensterrouleau in die Höhe und ließ so viel Tageslicht herein,
als er konnte. Ich war freudig überrascht, als ich sah, daß
schon rosige Streifen den Osten zu erleuchten anfingen. So-
dann näherte er sich Mason, den der Wundarzt bereits unter
seinen Händen hatte.
Nun, mein Guter, wie steht es mit Ihnen? fragte er.
Sie hat mir den Rest gegeben, fürchte ich, war die matte
Antwort.
Bewahre! Nehmen Sie bloß Ihre Courage zusammen, dann
werden Sie's in vierzehn Tagen kaum noch spüren; Sie haben
ein bißchen Blut verloren, das ist alles. Earter, sagen Sie
ihm, daß keine Gefahr vorhanden ist.
Das kann ich mit gutem Gewissen tun, sagte Carter, der jetzt
den Verband gelöst hatte; nur hätte ich eher hier sein sollen, er
würde dann nicht so viel Blut verloren haben. --- Aber was ist
das? Das Fleisch auf der Schulter ist zerschnitten, aber auch
zerrissen? Diese Wunde ist nicht mit einem Messer verursacht
worden, hier sind Zähne im Spiele gewesen.
Sie hat mich gebissen, murmelte der Verwundete. Sie zerrte
mich wie ein Tiger mit den Zähnen herum, als Rochester ihr
das Messer aus der Hand riß.
Sie hätten nicht zurückweichen, sondern gleich mit ihr ringen
sollen, sagte Herr Rochester.
Aber was konnte man unter solchen Umständen tun? versetzte
Mason. O, es war gräßlich! fügte er schaudernd hinzu. Und
ich hatte mich nicht darauf vorbereitet, sie sah anfänglich so
ruhig aus.
Ich habe Sie gewarnt, war die Antwort seines Freundes,
ich habe Ihnen gesagt, seien Sie auf Ihrer Hut, wenn Sie ihr
nahe kommen. Zudem hätten Sie ja auch bis zum Morgen
warten und mich mitnehmen können, es war eine Torheit, in
der Nacht und allein sich zu ihr zu wagen.
Ich dachte, ich würde ein gutes Werk tun.
Sie dachten! Sie dachten! -- es macht mich ungeduldig,
Sie so reden zu hören; aber Sie haben genug ausgestanden
und werden wahrscheinlich noch genug auszustehen haben dafür,
daß Sie mich nicht um Rat gefragt haben, also will ich
weiter nichts sagen. Carter! --- geschwind, geschwind! Bald geht
die Sonne auf, und er muß weg von hier.
Gleich, gleich, Herr Rochester! Die Schulter ist nun verbunden.
ich muß aber jetzt nach der andern Wunde am Arme sehen,
wahrscheinlich hat sie auch da ihre Zähne angesett.
Sie trank das Blut und sagte, sie wolle mir das Herz aus-
saugen, sagte Mason.
Ich sah Herrn Rochester schaudern, ein eigentümlicher Aus-
druck des Ekels, Entsetzens und Hasses verzog sein Gesicht, aber
er sagte bloß:
So seien Sie doch still, Richard, und achten Sie nicht auf
solchen Quatsch; wiederholen Sie so was nicht.
Ich wollte, ich könnte es vergessen, lautete die Antwort.
Sie werden es vergessen, wenn Sie aus dem Lande fort
sind. Nach Spanish Town zurückgekehrt, können Sie sie als
tot und begraben betrachten. So!--- Carter ist nun fertig, oder
so gut wie fertig, in einem Augenblicke sollen Sie ganz an-
ständig aussehen. Jane, nehmen Sie diesen Schlüssel, gehen
Sie in mein Schlafzimmer hinunter und von da geradenwegs
in mein Ankleidezimmer, ziehen Sie die oberste Schublade
meiner Kommode auf und nehmen Sie dort ein reines Hemd,
sowie ein Halstuch heraus, bringen Sie mir beides hierher
und sputen Sie sich!
Ich ging, suchte die angegebene Kommode auf, fand darin die
bezeichneten Gegenstände und kehrte damit zurück.
Nun, sagte er, gehen Sie auf die andere Seite des Bette,
während ich seine Toilette in Ordnung bringe, aber verlassen
Sie das Zimmer nicht, es ist möglich, daß ich Sie nocheinmal
brauche.
Ich zog mich zurück, wie er mir gesagt.
Haben Sie beim Hinuntergehen bemerkt, ob jemand schon
auf war, Jane? fragte Herr Rochester einen Augenblick darauf.
Nein alles war mäuschenstill.
Wir wollen Sie vorsjchtig fortbringen, Dick, es wird besser
sein, sowohl für Sie, als für das arme Geschöpf da drinnen.
Ich habe mich lange bemüht, die Sache geheim zu halten, und
möchte nun nicht, daß zuletzt doch noch alles herauskäme. Hier,
Earter, helfen Sie ihm seine Weste anziehen. Wo haben Sie
Ihren Pelzmantel gelassen? Sie können in diesem verdammt
kalten Klima keine Meile ohne Pelz reisen. In Ihrem Zimmer?
--- Jane, gehen Sie eiligst in Herrn Masons Zimmer hinab ---
ea stößt an das meine --- und holen Sie den Mantel, den Sie
dort sehen werden.
Abermals eilte ich hinab und zurück und brachte einen un-
geheuren, mit Pelz gefütterten Mantel.
Nun habe ich noch einen andern Auftrag für Sie, sagte mein
unermüdlicher Herr, Sie müssen noch einmal in mein Zimmer
hinabgehen. Wie gut ist es, daß Sie Samtschuhe anhaben,
Jane! --- ein Bote mit schweren Stiefeln wäre in diesem Fall
ganz unbrauchbar. Sie müssen das mittlere Fach in meinem
Toilettentische aufmachen und einen kleinen Flacon samt
einem Gläschen, herausnehmen, --- aber geschwind!
Ich besorgte den Auftrag mit der gewünschten Schnelligkeit.
So ist's recht! Nun, Doktor, werde ich mir die Freiheit
nehmen, selbst eine Dosis zu verabreichen auf meine eigene
Verantwortung hin. Diesen Likör habe ich zu Rom von
einem italienischen Quacksalber bekommen, --- einem Kerl, den
Sie mit Füßen getreten haben würden, Carter. Er darf aber
nicht bei jeder Gelegenheit angewandt werden, er ist nur für
gewisse Fälle gut, wie z. B. jetzt. Jane, ein bißchen Wasser!
Er hielt das kleine Glas hin, und ich füllte es zur Hälfte
aus der auf dem Waschtische stehenden Wasserflasche.
So ist's recht! --- nun neigen Sie den Flacon etwas.
Ich tat es, er zählte zwölf Tropfen von der karmesinroten
Flüssigkeit ab und hielt sie dann Mason hin.
Trinken Sie, Richard, es wird Ihnen, wenigstens auf eine
Stunde, die Kraft und den Mut verleihen, deren Sie bedürfen.
Es wird mir aber doch nicht schaden? --- Ist es erhitzend?
Trinken Sie! Trinken Sie! Trinken Sie!
Herr Mason gehorchte, da es offenbar unnütz war, Widerstand
zu leisten. Er war nun angekleidet und sah immer noch bleich
aus, doch war er nicht mehr blutig. Herr Rochester ließ ihn
drei Minuten lang sißzen, nachdem er das Getränk verschluckt
hatte. Alsdann faste er ihn beim Arm und sagte:
Jetzt können Sie gewiß auf Ihren Füßen stehen, versuchen
Sie es!
Der Patient stand auf.
Earter, stützen Ste ihn unter dem andern Arm. Munter,
Richard, machen Sie einige Schritte --- so ist es recht!
Ich fühle mich besser, bemerkte Herr Mason.
Nun natürlich! Jane, gehen Sie uns voran nach der Hinter-
treppe zu, riegeln Sie die Seitentür auf und sagen Sie dem
Postillon, den Sie in dem Hofe oder in der Nähe sehen werden
denn ich habe ihm befohlen, daß er mit seinen rasselnden
Rädern nicht über das Pflaster fahren dütrfe, er soll sich
bereit halten; wir folgen Ihnen auf dem Fuße nach, und ver-
gessen Sie nicht, Jane, zu räuspern, wenn uns jemand in den
Weg läuft.
Es war nun halb sechs, und die Sonne ging gerade auf,
doch fand ich die Küche noch dunkel und still. Die Seitentür
war zu, ich öffnete sie so geräuschlos, wie möglich, auf dem
Hofe rührte sich nichts; aber das Tor stand weit offen, und
draußen wartete eine Postkutsche mit angespannten Pferden und
ihrem auf dem Bocke sitzenden Kutscher. Ich ging zu ihm hin
und sagte, die Herren würden gleich kommen, er nickte, und
dann sah ich mich sorgfältig um und horchte. Die Stille des
frühen Morgens schlummerte noch allenthalben; die Vorhänge
waren nochzu an den Fenstern des Bedientenzimmers, die
Vögelchen zwitscherten auf den Obstbäumen, deren mit Blüten
bedeckte Zweige wie weiße Guirlanden über die Mauer herab
bingen, die Wagenpferde stampften von Zeit zu Zeit in ihren
geschlossenen Ställen, sonst war alles still.
Nun kamen die Herren zum Vorschein. Mason schien, von
Herrn Rochester und dem Wundarzte unterstützt, das Gehen
nicht allzu sauer zu werden; sie halfen ihm in die Postkutsche
hinein, und Carter nahm neben ihm Platz.
Sorgen Sie für ihn, sagte Herr Rochester zu dem Wundarzt
und behalten Sie ihn bei sich, bis er wieder ganz hergestellt
ist. Dieser Tage werde ich nach ihm sehen. Richard, wie steht
es mit Ihnen?
Die frische Luft gibt mir neues Leben, Fairfax.
Lassen Sie das Fenster auf seiner Seite offen, Carter, es
geht kein Wind-- Adieu, Dick.
Fairfax ---
Nun, was wollen Sie noch?
Lassen Sie ihr doch alle Pflege angedeihen, lassen Sie sie
behandeln so zart wie nur möglich, lassen Sie sie--
Hier hielt er inne und brach in Tränen aus.
Ich tue, soviel ich kann, habe es getan und werde es
auch ferner tun, war die Antwort. Sofort schlug er die Tür
der Kutsche zu, und diese rollte davon.
Wollte Gott, alles dies wäre zu Ende! setzte Herr Rochester
hinzu, als er das schwere Hoftor zumachte und verriegelte.
Hierauf ging er mit langsamen Schritten und gedankenvoll
auf eine Türe in der den Obstgarten begrenzenden Mauer zu.
Da ich der Meinung war, daß er meiner nicht mehr bedürfe,
wollte ich eben in das Haus zurückgehen; allein ich hörte ihn
abermals 'Jane' rufen. Er war an der Pforte, die er geöffnet
hatte, stehen geblieben und wartete auf mich.
Kommen Sie, sagte er, auf einige Augenblicke her, man kann
hier etwas frische Luft atmen; jenes Haus dort ist ein bloßer
Kerker, kommt es Ihnen nicht auch so vor?
Ich finde, daß es sich herrlich darin wohnen läßt.
Die Unerfahrenheit blendet noch Ihre Augen, antwortete er:
und es liegt für Sie ein Zauber darüber, Sie können nicht
sehen, daß all die Pracht Verwesung und Staub ist. Hier
aber --- sagte er, auf die grünen Bäume und Sträucher deutend,
inmitten deren wir uns befanden --- ist alles echt, lieblich und
rein.
Er ging einen mit Buchsbaum eingefaßten Gang hinab;
auf der einen Seite standen Apfel-, Birn- und Kirschbäume,
und auf der andern Seite waren Beete zu sehen mit aller-
lei gewöhnlichen Blumen, wie z. B. Stockrosen, Federnelken,
Primeln, Stiefmütterchen. vermischt mit Stabwurz. Feld-
rosen und anderen wohlriechenden Kräutern. Sie waren jetzt so
frisch, wie sie nur nach einem Aprilregen und milden Sonnen
Blicken an einem lieblichen Frühlingsmorgen sein konnten. Die
Sonne zeigte sich eben im sanftgeröteten Osten und übergoß
die blumenbekränzten und tauigen Obstbäume mit goldigem
Licht.
Jane, wollen Sie eine Blume?
Er pflückte eine halboffene Rose, die erste auf dem Stocke
und bot sie mir an.
Ich danke Ihnen, Herr Rochester.
Gefällt Ihnen dieser Sonnenaufgang, Jane? jener Himmel
mit seinen hohen und lichten Wolken, die mit der zunehmenden
Tageswärme gewiß verschwinden werden? --- diese balsamische
Luft?
Sehr!
Sie haben eine seltsame Nacht gehabt, Jane.
Ja freilich.
Und Sie sehen ganz bleich davon aus, haben Sie sich ge-
fürchtet, als ich Sie mit Mason allein ließ?
Ich fürchtete, es könnte jemand aus dem innern Zimmer
herauskommen.
Aber ich hatte die Tür abgeschlossen --- ich hatte den Schlüssel
in der Tasche. Ich wäre wohl ein sorgloser Hirte gewesen, wenn
ich ein Lamm --- mein Lieblingslamm --- ohne Schutz so nahe
an einer Wolfshöhle gelassen hätte; für Ihre Sicherheit war
gesorgt.
Wird Graee Poole immer noch hier bleiben?
Ja, zerbrechen Sie sich nicht den Kopf um die! --- Schlagen
Sie sich die ganze Geschichte aus dem Sinn!
Aber es scheint mir doch, daß Ihr Leben so lange nicht außer
Gefahr ist, als sie hier bleibt.
Haben Sie keine Furcht --- ich werde schon für meine Sicher-
heit zu sorgen wissen.
Ist die Gefahr, die Sie in der vergangenen Nacht fürchteten,
nun vorüber?
Dafür kann ich nicht garantieren, solange Mason England
nicht verlassen hat; ja auch dann noch nicht. Leben heißt für
mich, Jane, auf einer Kraterkruste stehen, die jeden Tag einbrechen
und Feuer speien kann.
Aber Herr Mason scheint doch ein Mann zu sein, mit dem
sich reden läßt? Sie vermögen offenbar viel über ihn, er wird
Ihnen nie Trotz bieten, Ihnen nie wissentlich schaden.
O nein! Mason wird mir nie absichtlich schaden; --- aber
unabsichtlich könnte er mir in einem Augenblicke durch ein ein-
ziges, unbedachtsames Wort, wenn auch nicht das Leben, so doch
für immer mein Glück rauben.
Sagen Sie ihm, er soll doch ja vorsichtig sein, Herr Rochester,
seßen Sie ihn von dem Gegenstande Ihrer Furcht in Kenntnis
und zeigen Sie ihm, wie er die Gefahr abwenden kann.
Er lachte sardonisch, ergriff hastig meine Hand und stieß sie
ebenso hastig wieder von sich.
Könnte ich das, törichtes Kind, wo wäre dann die Gefahr?
Sie wäre ja in einem Augenblicke beseitigt. Seitdem ich Mason
kenne, brauchte ich bloß zu ihm zu sagen: Tun Sie das, und
es wurde getan. Aber in diesem Falle kann ich ihm nicht be-
fehlen, ich kann nicht sagen: Hüten Sie sich, mir zu schaden,
Richard; denn ich darf ihn um keinen Preis wissen lassen,
daß er mir irgendwie schaden kann. Nun sehen Sie verlegen
aus, und ich werde Sie noch Verlegener machen. Sie sind
meine Freundin, nicht wahr?
Es ist mein Wunsch, Ihnen zu dienen, Herr Rochester, und
Ihnen zu gehorchen in allem, was recht ist.
Ganz richtig, ich sehe es wohl. Ich sehe in ihrem Benehmen
und Ihrer Miene, in Ihrem Auge und Ihrem Gesichte un-
gekünstelte Zufriedenheit, so oft Sie mir helfen und mir etwas
zu Gefallen tun, --- wenn Sie für mich und mit mir arbeiten,
in --- wie Sie charakteristisch sagen --- allem, was recht ist!
Denn würde ich Sie etwas tun heißen, was Sie für unrecht
hielten, so würde es ein Ende haben mit dem schnellen Laufen
und mit der zierlichen Behendigkeit, mit dem freudigen Gesichte.
Meine Freundin würde sich dann zu mir wenden, ruhig und
blaß, und sagen: Herr Rochester, das ist unmöglich, ich kann
es nicht tun, weil es unrecht ist, und würde unbeweglich wer-
den, wie ein Fixstern. Gut, auch Sie haben Macht über mich,
und auch Sie können mir schaden, doch wage ich nicht, Ihnen
die Stelle zu zeigen, an der ich verwundbar bin, aus Furcht,
Sie könnten, bei all Ihrer Treue und Freundschaft gegen mich,
mich gleich durchbohren.
Wenn Sie von Herrn Mason nicht mehr, als von mir zu
fürchten haben, so sind Sie ganz sicher.
Gott gebe es! Hier, Jane, ist eine Laube; setzen Sie sich!
Die Laube ware eine mit Efeu bekleidete Wölbung in der
Mauer, darin stand eine einfache Gartenbank. Herr Rochester
setzte sich darauf, ließ aber noch Plaz für mich. Ich blieb vor
ihm stehen.
Setzen Sie sich, sagte er, die Bank ist grof genug für zwei.
Sie tragen doch hoffentlich kein Bedenken, sich neben mich zu
setzen? Oder ist das etwas Unrechtes?
Ich antwortete ihm damit, daß ich neben ihm Platz nahm;
es wäre klüger gewesen, sein Anerbieten auszuschlagen.
Nun, liebe Freundin, während die Sonne den Tau auftrinkt,
während alle Blumen in diesem alten Garten erwachen und
sich öffnen und die Vögel für ihre Jungen das Morgenbrot
holen und die früh erwachten Bienen ihr erstes Tagewerk
verrichten, --- will ich Ihnen eine heikle Frage zur Entscheid-
ung vorlegen.
Denken Sie sich einmal, Sie seien kein wohlerzogenes, ge-
bildetes junges Mädchen, sondern ein wilder Knabe, dem man
von Kindesbeinen an alles nachgesehen; denken Sie sich, Sie
seien in einem fernen, fremden Lande; denken Sie sich ferner,
Sie begingen dort einen großen, schweren Fehler, gleichviel von
welcher Art und aus welchen Beweggründen, aber immerhin
einen Fehler, dessen Folgen Sie durchs Leben begleiten und
Ihr ganzes Dasein beflecken und verdüstern müssen. Merken
Sie sich wohl, ich sage nicht: Verbrechen, ich spreche nicht
von vergossenem Blut, oder irgend einer andern strafbaren
Handlung, die den Schuldigen dem Arme der Justiz überliefern
müßte, ich sage Fehler. Die Folgen dessen, was Sie getan.
werden für Sie mit der Zeit völlig unerträglich. Sie tun alles
mögliche, um sich Erleichterung zu verschaffen, Sie ergreifen
zwar ungewöhnliche, aber weder ungesetzliche noch strafbare Maß-
regeln. Aber immer bleiben Sie unglücklich, denn die Hoffnung
ist von Ihnen gerade an den Grenzen des Lebens geschieden.
Ihre Sonne verdunkelt sich in einer Finsternis, die, wie Sie
fühlen, Sie nicht verlassen wird, bis jene untergeht. Bittere
und erniedrigende Gedanken sind die einzige Nahrung Ihres Ge-
dächtnisses geworden. Sie gehen dahin und dorthin, suchen Ruhe
in der Verbannung, Glück im Vergnügen --- ich meine, in herz-
losem, sinnlichem Vergnügen, in einem Vergnügen, das den
Verstand abstumpft und das Gefühhl vernichtet. Müde und
zerknickt an Herz und Seele, kommen Sie nach Jahren frei-
williger Verbannung in Ihre Heimat zurück. Sie machen eine
neue Bekanntschaft --- einerlei, wie oder wo, Sie finden in
dieser Fremden viele jener guten und glänzenden Eigenschaften,
die Sie zwanzig Jahre lang gesucht und nie gefunden haben,
und alle sind sie frisch, gesund, makellos. Der Umgang mit ihr
kommen --- höhere Wünsche, reinere Gefühle; Sie wollen Ihr
Leben wieder von vorn anfangen und die noch übrigen Tage
in einer eines unsterblichen Wesens wüdigen Weise zubringen.
Dürfen Sie nun, um diesen Endzweck zu erreichen, eine Schranke
des Herkommens überspringen --- dürfen Sie über ein rein
konventionelles Hindernis hinweggehen, das weder Ihr Gewissen
für heilig hält noch Ihr Urteil billigt?
Hier schwieg er, auf eine Antwort wartend, und was sollte
ich sagen? Ach, wie sehr wünschte ich, es möchte ein guter Geist
mir eine verständige und befriedigende Antwort eingeben! Eitler
Wunsch! Der Westwind flüsterte in dem Efeu um mich her,
aber kein sanfter Ariel entlieh mir einen Hauch, um mir einen
guten Rat zuzuflüstern; die Vögel sangen in den Baumwipfeln,
aber ihr Gesang war, so lieblicher immer sein mochte, unarti-
kuliert.
Abermals legte Herr Rochester mir eine Frage vor:
Ist der umherirrende und sündige, aber nun Ruhe suchende
und reuevolle Mann berechtigt, der Meinung der Welt Trotz zu
bieten, um diese holde Fremde auf ewig mit sich zu verbinden,
wenn er dadurch seinen Seelenfrieden und seine geistige Wie-
dergeburt erlangt?
Herr Rochester, versetzte ich, die Ruhe eines Wanderers und
die Besserung eines Sünders sollte nie von einem Mitgeschöpfe
abhängen. Männer und Frauen sterben; Philosophen sind nicht
stets weise und Christen nicht immer tugendhaft, hat irgend
jemand, den Sie kennen, geduldet und geirrt, so Blicke er zu
einem Höheren auf, als zu seinesgleichen, damit er ihm Stärke
zur Besserung und Trost zur Heilung verleihe.
Aber das Werkzeug --- das Werkzeug! Gott, der das Werk
verrichtet, bestimmt das Werkzeug. Ich selbst --- ich sage das Ihnen
ohne Umschweife --- bin ein weltlicher, ausschweifender, un-
ruhiger Mensch gewesen, und ich glaube das Werkzeug meiner
Heilung gefunden zu haben in ---
Er hielt inne, die Vögel sangen und zwitscherten fort, und
die Blätter rauschten leise dazu. Es wunderte mich fast, daß
sie mit ihrem Gesange nicht inne hielten, um die so plötzlich
unterbrochene Enthüllung aufzufangen; aber sie hätten viele
Minuten warten müssen --- so lange dauerte das Stillschweigen.
Endlich sah ich zu dem zögernden Redner auf. Er verschlang
mich mit seinem Blick.
Liebste Freundin, sagte er in ganz verändertem Tone, während
sein Gesicht sich auch veränderte dadurch, daß es alle seine
Milde und all seinen Ernst verlor und hart und sarkastisch
wurde, --- Sie haben meine zarte Neigung für Fräulein Ingram
bemerkt, denken Sie nicht, sie würde mich zu einem ganz neu-
geborenen Menschen machen, wenn ich sie heiratete?
Plötzlich stand er auf, ging ganz nach dem andern Ende des
Ganges hin und summte, als er zurückkam, eine Arie.
Jane, Jane, sagte er, vor mir stille stehend, Sie sind ja
ganz blaß vom Wachen, verwünschen Sie mich nicht, daß ich
Ihre Ruhe gestört habe?
Sie verwünschen? Nein, Herr Rochester!
So drücken Sie mir die Hand zur Bestätigung dieses Ihres
Worts. Welch kalte Finger! Sie waren wärmer in vergangener
Nacht, als ich sie an der Tür des geheimnisvollen Zimmers
berührte. Jane, wann wollen Sie wieder mit mir wachen?
So oft ich Ihnen nützlich sein kann.
Zum Beispiel, die Nacht vor meiner Hochzeit? Gewiß kann
ich da nicht schlafen. Wollen Sie mir versprechen, dann auf-
zubleiben und mir Gesellschaft zu leisten? Mit Ihnen kann
ich von meiner Schönen schon reden, denn Sie haben sie ge-
sehen und kennen sie.
Ja wohl, Herr Rochester.
Sie ist etwas Rares, nicht wahr, Jane?
Ja, Herr Rochester.
Nicht wahr, wenn man die in den Armen hält, dann weiß man,
was man hat? Ueppig, prachtvoll gewachsen, groß, mit Haaren,
wie die Karthagerinnen sie gehabt haben müssen! Ein sehen
Sie! da sind ja schon Dent und Lynn im Stalle! Gehen Sie
durch die Allee da und dann durch jenes Pförtchen ins Haus
zurück.
Während ich diesen Weg einschlug, ging er einen anderen, und
in dem Hofraume hörte ich ihn mit heiterer Stimme sagen:
Mason ist diesen Morgen Ihnen allen zuvorgekommen; noch
vor Sonnenaufgang ist er abgereist; ich stand um vier Uhr auf,
um von ihm Abschied zu nehmen.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Es ist etwas Sonderbares um Ahnungen und nicht minder
um Sympathien und Vorbedeutungen. Die drei bilden vereint
ein Geheimnis, wozu die Menschheit noch nicht den Schlüssel
gefunden hat. Noch nie in meinem Leben habe ich über
Ahnungen gespottet, weil ich selbst höchst seltsame gehabt habe.
Was die Sympathien betrifft, so glaube ich, daß es, z. B.
zwischen weit voneinander entfernten, lange voneinander ge-
trennten, ganz entfremdeten Verwandten, solche gibt, deren
Wirken über allen menschlichen Verstand hinausgeht. Und
Vorbedeutungen sind vielleicht nichts anderes, als die Sympathien,
welche die Natur mit dem Menschen verbinden.
Als ich ein kleines Mädchen von sechs Jahren war, hörte ich
eines Abends Bessie Leaven zu Martha Abbott sagen, es habe
ihr von einem kleinen Kinde geträumt, und wenn man von
Kindern träume, so sei da ein sicheres Zeichen, daß dem
Träumenden selbst, oder einem von dessen Verwandten irgend
ein Unheil drohe. Den Tag darauf wurde Bessie in ihre
Heimat gerufen, an das Sterbebett ihres Schwesterchens.
An dieses Ereignis, das einen unauslöschlichen Eindruck auf
mein empfindliches Gemüt gemacht hatte, erinnerte ich mich
jetzt oft, denn in der letzten Woche war kaum eine Nacht ver-
gangen, in der ich nicht von einem kleinen Kinde geträumt hatte,
das ich bald in meinen Armen hielt, um es einzulullen, bald
auf meinen Knien schaukelte, bald in fließendem Wasser mit
den Händen plätschern sah. Jetzt weinte das Kind, dann lachte
es, dann schmiegte es sich an mich an, oder es lief weg von
mir. So zeigte sich mir die Erscheinung sieben Nächte hinter-
einander, sobald ich das Reich des Schlummers betrat.
Aus einem solchen Traume war ich auch in jener mondhellen
Nacht plötzlich aufgeweckt worden, als ich den Schrei hörte;
und am Nachmittag des darauf folgenden Tages rief man mich
hinab, mit der Meldung, daß jemand in Frau Fairfax' Zimmer
mich sprechen wolle. Ich fand unten einen Mann, der wie ein
Bedienter aus einem vornehmen Hause aussah; er war in
tiefer Trauer, und der Hut, den er in der Hand hielt, war mit
einem Flor umwunden.
Sie erinnern sich wohl nicht mehr an mich, Fräulein, sagte er, bei
meinem Eintreten aufstehend; aber mein Name ist Leaven.
Ich war bei Frau Reed Kutscher, als Sie vor nun acht oder
neun Jahren zu Gateshead waren, und dort bin ich noch.
Ach, Robert, wie geht es Ihnen? Ich kann mich noch recht
gut Ihrer erinnern, Sie ließen mich bisweilen auf Fräulein
Georgianas Pony reiten. Und wie geht es Bessie?
Danke, Fräulein, meine Frau ist recht gesund, danke Ihnen;
vor zwei Mdonaten hat sie mich wieder mit einem Kleinen
beschenkt --- wir haben jetzt drei --- und Mutter und Kind sind
in erwünschtem Wohlsein.
Und wohl auch die Familie in Gateshead Hall, Robert?
Es tut mir leid, Ihnen über die keine besseren Nacrichten
bringen zu können, Fräulein, dort geht's zur Zeit recht schlecht.
Hoffentlich ist niemand gestorben, sagte ich, auf seine schwarze
Kleidung blickend. Auch er sah auf den Flor an seinem Hute
und erwiderte: Herr John starb gestern vor acht Tagen in
seiner Wohnung zu London.
Herr John? --- Ja!
Und wie erträgt das seine Mutter?
Ja, sehen Sie, Fräulein Eyre, er hat ein tolles Leben geführt,
und sein Tod war was Schreckliches!
Schon Bessie hat mir gesagt, daß seine Aufführung nicht die
beste war.
Nicht die beste! Er hätte es nicht toller treiben können!
Er ruinierte seine Gesundheit und verschwendete sein Vermögen
mit den verworfensten Männern und Frauenzimmern. Er
geriet in Schulden und kam in den Schuldturm. Seine Mutter
half ihm zweimal heraus, kaum war er aber wieder frei, so
wandte er sich wieder seinen alten Gewohnheiten und seinen
alten Kameraden zu. Er war keiner von den Klügsten; die
Schurken, mit denen er umging, zogen ihn bis aufs Hemd aus.
Vor etwa drei Wochen kam er nach Gateshead und wollte,
die gnädige Frau solle ihm alles übergeben. Sie schlug es ihm
aber ab, ihr Vermögen ist durch seine Verschwendung schon seit
langer Zeit sehr zusammengeschmolzen. Er ging daher zurück,
und das erste, was man von ihm hörte, war, er sei tot. Gott
weiß, wie er gestorben ist! --- man sagt, er habe sich selbst ums
Leben gebracht.
Die gnädige Frau hatte schon vorher gekränkelt, sie war sehhr
dichk geworden, dabei aber nicht kräftig, und der Geldverlust und
die Furcht vor der Armut raubten ihr allen Frohsinn. Die
Nachricht von dem Tode des Herrn John traf sie wie ein
Donnerschlag. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen,
letzten Dienstag aber schien sie etwas besser zu sein, sie schien
etwas sagen zu wollen und machte meiner Frau beständig
Zeichen, aber erst gestern morgen brachte sie deutlich Worte
heraus. Holt Jane Eyre, ich muß sie sprechen. Bessie ist nicht
gaunz gewiß, ob sie ganz bei Verstand ist und mit den Worten
etwas meint, aber sie sagte es Fräulein Reed und Fräulein
Georgiana und riet ihnen, daß sie Sie kommen lassen sollten.
Die jungen Damen wollten anfangs nichts davon wissen, aber
ihre Mutter wurde so unruhig und sagte so oft: Jane, Jane,
daß sie am Ende ihre Einwilligung gaben, ich habe gestern
Gateshead verlassen, und wenn Sie sich bis morgen in aller
Frühe reisefertig machen können, so möchte ich Sie mitnehmen.
Ja, Robert, ich werde mich sofort reisefertig machen, es ist
mir, als müsse ich fort, sagte ich und entfernte mich, um Herrn
Rochester aufzusuchen und um Urlaub zu bitten.
Er war in keinem der untern Zimmer, auch nicht auf dem
Hof, nicht im Stall, nicht im Park. Ich fragte Frau Fairfax,
ob sie ihn nicht gesehen, und sie antwortete mir, sie glaube, er
spiele Billard mit Fräulein Blanche. Ich eilte daher in das
Billardzimmer, das Aufschlagen der Bälle und das Stimmen-
gewirr ließ sich von dorther hören; Herr Rochester, Fräulein
Blanche und die beiden Fräulein Eshton und deren Bewunderer
waren alle mit dem Spiele beschäftigt. Ich näherte mich meinem
Herrn, der gerade an Fräulein Blanches Seite stand. Diese
wendete sich um, als ich herbeikam, und blickte mich hochmütig
an, ihre Augen schienen zu fragen: Was mag wohl die
Schleicherin wollen? Und als ich mit leiser Stimme ,Herr
Rochester' sagte, machte sie eine Bewegung, wie wenn sie mich
wegschicken wollte.
Will die etwas von Ihnen? fragte sie Herrn Rochester.
Dieser drehte sich um. Er macte eine sonderbare Grimasse,
als er mich sah, warf sein Queue weg und folgte mir aus
dem Zimmer.
Nun, Jane? sagte er und lehnte sich mit dem Rücken gegen
die Tür des Schulzimmers, die er zugemacht hatte.
Herr Rochester, ich möchte um die Erlaubnis bitten, auf eine
oder zwei Wochen verreisen zu dürfen.
Warum denn --- wo wollen Sie hin?
Zu einer kranken Dame, die nach mir geschickt hat.
Was für eine kranke Dame? Wo wohnt sie?
Zu Gateshead, in der Grafschaft ---.
In der Grafschaft --- Das ist ja an die hundert Meilen von
hier! Wer mag wohl die Dame sein, die von so weit her
Leute zu sich kommen läßt?
Sie heißt Reed, Frau Reed.
Reed von Gateshead? Es gab mal einen Reed von Gates-
head, der Distriktsbeamter war.
Dessen Witwe ist es.
Und woher kennen Sie die?
Herr Reed war mein Onkel, meiner Mutter Bruder.
Ei was! Zum Henker, das haben Sie mir nie gesagt, Sie
sagten immer, Sie hätten keine Verwandten.
Keine, die mich anerkennen möchten. Herr Reed ist tot, und
seine Frau hat mich verstoßen.
Warum?
Weil ich arm war und ihr zur Last fiel, und weil sie mich
nicht gern hatte.
Hat Herr Reed Kinder hinterlassen? --- Dann würden Sie
Vettern und Cousinen haben. Herr George Lynn sprach gestern
von einem Reed von Gateshead, der einer der ausschweifendsten
jungen Leute in London sei, und Ingram tat einer Georgiana
Reed von ebendaher Erwähnung, die wegen ihrer Schönheit
sehr bewundert worden sei.
Auch John Reed ist nun tot, Herr Rochester, er hat sich völlig
zu Grunde gerichtet und seine Familie beinahe; auch glaubt
man, daß er einen Selbstmord begangen. Diese Nachricht hat
seine Mutter so erschüttert, daß sie einen Schlaganfall bekommen
hat.
Und inwiefern können Sie ihr nützlich sein? Mir würde es
nie einfallen, einen so weiten Weg zu machen, um eine alle
Dame zu sehen, die vielleicht schon tot ist, ehe Sie an Ort und
Stelle kommen, und noch dazu eine, die Sie verstoßen hat.
Ja, aber das ist schon lange her, und damals ging es ihr gut.
Ich hätte keine Ruhe, wenn ich ihrem Wunsche jetzt nicht
nachkäme.
Wie lange gedenken Sie fortzubleiben?
So kurze Zeit, wie nur immer möglich.
Versprechen Sie mir, nur eine Woche fortzubleiben.
Ich möchte lieber mein Wort nicht geben, da ich genötigt sein
könnte, es zu brechen.
Jedenfalls kommen Sie doch zurück? Sie werden sich doch
nicht überreden lassen, bei ihr längere Zeit zu bleiben?
O nein, ich komme bald wieder!
Und wer fähhrt mit Ihnen? Sie werden doch nicht allein
reisen?
Nein, Herr Rochester, sie hat mir ihren Kutscher hergescichkt.
Ist der Mensch zuverlässig?
Er ist nun schon zehn Jahre in der Familie.
Herr Rochester dachte einige Zeit nach und sagte sodann:
Wann wollen Sie abfahren?
Morgen in aller Frühe.
Gut, da müssen Sie etwas Geld haben, Sie können nicht
ohne Geld reisen, und Sie haben wohl nicht viel. Ich habe
Ihnen bis jetzt noch nichts von Ihrem Gehalte bezahlt. Wieviel
haben Sie denn überhaupt, Jane? fragte er lächelnd.
Ich zog meine Börse heraus, und sie war wahrlich wenig
genug gespickt.
Fünf Schillinge.
Er zog eine Fünfzigpfundnote hervor und reichte sie mir hin.
Ich sagte ihm, ich könne nicht wechseln, denn er war mir bloß
fünfzehn Pfund schuldig.
Ist auch nicht nötig! Das ist Ihr Gehalt!
Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als ich zu fordern hatte.
Anfangs machte er ein saures Gesicht dazu, bald aber sagte er,
als wäre ihm etwas eingefallen:
Richtig, richtig! Es ist besser, wenn ich Ihnen jetzt nicht
alles gebe; am Ende bleiben Sie drei Monate weg, wenn Sie
fünfzig Pfund haben. Hier sind zehn.
So kommen Sie wieder, um sie zu holen.
Herr Rochester, da gerade Gelegenheit ist, so möchte ich noch
eine andere Sache mit Ihnen besprechen. Sie haben ja wohl
die Absicht, sich, nächstens zu, verheiraten?
Ja, was dann?
Dann müßte Adele in eine Schule kommen!
Um sie meiner Frau aus dem Wege zu schaffen, die sie sonst
ihren Stolz etwas zu stark fühlen lassen möchte. Aber Sie?
Sie müssen natürlich geradenwegs zum Teufel?
Ich muß mich nach einer andern Stelle umsehen.
Versprechen Sie mir, Jane, daß Sie mir die Sorge überlassen
wollen, eine Stelle für Sie zu suchen? Ich werde Ihnen schon
eine zur rechten Zeit zu finden wissen.
Herzlich gern, Herr Rochester, wenn Sie mir dagegen das
Versprechen geben, daß ich und Adele mit heiler Haut aus dem
Hause kommen, ehe Ihre künftige Frau darin einzieht.
Sehr gut, sehr gut! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.
Sie gehen also morgen?
In aller Frühe.
So müssen wir also einander auf eine Weile Lebewohl sagen?
Ich glaube ja. Auf baldiges Wiedersehen, Herr Rochester.
Weiter haben Sie mir nichts zum Abschied zu sagen als ein
kahles --- Auf Wiedersehen?
Das genügt. Man kann in ein einziges herrliches Wort so
viel Wohlwollen legen, als in viele.
Sehr war, aber es ist kalt und kahl --- Ihr -- Auf baldiges
Wiedersehen!
Wie lange wird er noch so mit dem Rücken an der Tür da
stehen? fragte ich mich; ich muß ans Einpacken denken.
Es läutete zum Essen, und plötzlich rannte er davon, ohne
eine Silbe weiter zu sagen. Ich sah ihn an diesem Tage nicht
wieder und war am andern Morgen schon fort, ehe er aufge-
standen war.
Ich kam im Parkhäuschen von Gateshead gegen fünf Uhr
am Nachmittage des ersten Mai an und trat dort ein, ehe ich
in das Schloß ging. Es war alles sehr reinlich und nett; an
den Fenstern hingen kleine weiße Vorhänge, der Fußboden war
ohne Flecken, das Kamingitter samt dem übrigen Kamingerät
so sauber geputzt, daß es glänzte, und das Feuer brannte hell.
Bessie saß am Kamin und stillte ihr jüngstes Kind, Robert und
seine Schwester spielten ruhig in einer Ecke.
Gott segne Sie! Ich wußte ja, daß Sie kommen würden!
rief Frau Leaven, als ich eintrat.
Ja, Bessie, sagte ich, und hoffentlich komme ich nicht zu spät.
Wie befindet sich Frau Reed? Ich hoffe, sie ist noch am Leben.
Ja, sie ist noch am Leben und wieder mehr bei Besinnung
in der letzten Zeit.
Hat sie wieder meinen Namen genannt?
Noch diesen Morgen hat sie von Ihnen gesprochen und den
Wunsch ausgedrückt, Sie möchten kommen, aber in diesem Augen-
blicke schläft sie, sie hat vielmehr vor zehn Minuten geschlafen,
als ich oben im Hause war. Gewöhnlich liegt sie den ganzen
Nachmittag in einer Art Schlafsucht und erwacht gegen sechs
oder sieben Uhr. Wollen Sie hier eine Stunde ausruhen,
Fräulein, so gehe ich mit Ihnen hinauf.
Hier traf Robert ein, und Bessie legte ihr schlafendes Kind
in die Wiege und bewillkommnete ihn; sodann bestand sie dar-
auf, daß ich meinen Hut ablegen und bei ihr Tee trinken
solle; denn, sagte sie, Sie sehen blaß und angegriffen aus.
ich nahm ihre Gastfreundschaft gern an und ließ mir meine
Reisekleider von ihr ebenso geduldig ausziehen, wie ich mich
einst, als ich noch ein Kind war, von ihr hatte auskleiden lassen.
Als der Tee serviert war, wollte ich zum Tische hingehen,
allein sie hieß mich ganz nach ihrer alten entschiedenen Weise
sizen bleiben. Ich müsse, sagte sie, am Kamin bedient werden,
und nun stellte sie ein kleines rundes Tischchen mit einer Tasse
und einem Teller mit geröstetem Brot vor mich hin, ganz so,
wie sie mich früher auf einem Stuhle in der Kinderstube mit
irgend einem Leckerbissen, den sie geschickt zu entwenden ge-
wußt, bewirtet hatte. Ich lächelte und gehorchte ihr, wie in
früheren Tagen.
Ueber dem eifrigen Gespräch, das sich nun zwischen uns ent-
spann, war eine Stunde bald verstrichen. Bessie setzte mir
wieder meinen Hut auf, und von ihr begleitet, ging ich nun
aus dem Parkhäuschen nach dem Herrenhaus. Etwa vor neun
Jahren war ich auch mit ihr denselben Weg hinuntergegangen,
den ich nun hinaufging. An einem finstern, nebeligen und
rauhen Januarmorgen hatte ich mit verzweiflungsvollem und
verbittertem Herzen --- mit einem Gefühle, daß ich eine Geäch-
tete, ja beinahe eine Verworfene sei --- ein feindseliges Dach
verlassen, um in dem kalten, kühlen Lowood Aufnahme zu
suchen, um jenem so fernen und unerforschten Ziele zuzusteuern.
Das nämliche feindselige Dach zeigte sich nun abermals meinen
Augen; meine Aussichten waren noch zweifelhaft, und noch
hatte ich ein Herz, das schmerzlich fühlte, schmerzlich empfand.
Ich kam mir immer noch vor wie ein Wesen, das auf der Erde
in der Irre wandere, aber ich hegte festeres Vertrauen zu mir
selbst und meiner eigenen Kraft, und die Furcht vor dem Druck
lastete weniger auf mir. Die klaffende Wunde des Unrechts,
das ich erlitten, war jetzt auch ganz geheilt, und die Flamme
des Rachegefühls erloschen.
Gehen Sie zuerst in das Frühstückszimmer, sagte Bessie,
mir durch die Halle vorangehend, dort sind die jungen Damen.
Einen Augenblick darauf war ich in diesem Zimmer. Alles
sah darin noch ganz so aus, wie an dem Morgen, an dem ich dem
Herrn Pfarrer Brocklehurst vorgestellt worden war, sogar die
nämliche Kaminvorlage war noch da, auf der er gestanden.
Nach den Bücherfächern blickend, glaubte ich, die zwei Bände
von Bewicks britischen Vögeln noch an ihrem alten Platze auf
dem dritten Brette und Gullivers Reisen samt Tausend und
eine Nacht gerade darüber stehen zu sehen. Die leblosen Gegen-
stünde hatten sichnicht verändert, umsomehr aber die lebenden
Wesen, denn diese waren kaum wiederzuerkennen.
Zwei junge Damen zeigten sich meinem Blick, eine sehr groß,
fast so groß, wie Fräulein Blance Ingram, dabei sehr schmäch-
ig, mit blassem Gesichte und mit strenger Miene. Es lag
etwas Asketisches in ihrem Blicke, was noch erhöht wurde durch
die außerordentliche Einfachheit eines aller Zieraten baren
schwarzen Tuchkleides, durch einen gestärkten leinenen Kragen,
die zurückgekämmten Haare und den nonnenartigen Schmuck
einer schwarzen Schnur mit einem Kruzifix. Dies mußte Elisa
sein, obgleich ich in dem langen und farblosen Gesichte, das ich
vor mir hatte, nur wenig Aehnlichkeit mit ihrer früheren Er-
scheinung finden konnte.
Ebenso gewiß war die andere Georgiana, aber nicht die
Georgiana, die meinem Gedächtnisse vorschwebte, nicht das
schlanke, feenhafte elfjährige Mädchen. Vor mir stand eine
große Dame, voll, aufgeblüht, schön, wie eine Wachspuppe, mit
regelmäßigen Zügen, schmachtenden blauen Augen und geringel-
tem gelbem Haar. Auch ihr Kleid war von schwarzer Farbe,
aber der Schnitt so verschieden von dem ihrer Schwester, so viel
weiter und passender, daß es ebenso modisch aussah, als das
der andern puritanisch.
Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter,
aber auch nur einen, die hagere und blasse ältere Tochter das
stechende Auge, das blühende, üppige, jüngere Mädchen den
Umriß des Unterkiefers und Kinns --- vielleicht etwas gemildert,
aber immerhin von der Art, daß er dem sonst so sinnlichen und
gesunden Gesichte eine unbeschreibliche Härte verlieh.
Beide Damen erhoben sich, als ich näher trat, um mich will-
kommen zu heißen, und beide redeten mich mit Fräulein Eyre
an. Elisas Gruß war kurz und abgebrochen, auch bemerkte ich
bei ihr kein Lächeln; sodann setzte sie sich wieder, blickte auf
das Feuer hin und schien mich zu vergessen. Georgiana fügte
ihrem 'Wie befinden Sie sich?' einige alltäglichen Redenöarten
in einem etwas schleppenden Tone bei, und ihre Worte waren
von Seitenblicken begleitet, die mich von Kopf bis zu Fuß
maßen. Junge Damen haben eine besondere Art, Personen
wissen zu lassen, daß sie sie für ungeschlachte, altmodische Dinger
halten, ohne es gerade mit Worten zu sagen. Ein gewisser
übermütiger Blick, ein kaltes Wesen, ein nachlässiger Ton drücken
ihre Ansichten über diesen Punkt vollständig aus, ohne sie
durch eine wirkliche Grobheit in Worten oder Handlungen an
den Tag zu legen.
Indessen hatte ein höhnischer Blick, mochte er versteckt oder
offen sein, nun nicht mehr die Gewalt über mich, die er einst
besessen. Als ich zwischen meinen beiden Cousinen saß, war
ich ganz überrascht darüber, wie behaglich ich mich fühlte bei
der gäinzlichen Vernachlässigung von der einen und den halb
sarkastischen Aufmerksamkeiten der andern. Elisa kränkte mich
nicht, und ebensowenig konnte Georgiana mich erzürnen. Ich
hatte auch über andere Dinge nachzudenken, in den letzten,
wenigen Monaten waren unendlichmächtigere Gefüthhle in mir
ungeregt worden, als diese jungen Mdädchen hervorzurufen im-
stande waren.
Wie befindet sich Frau Reed? fragte ich bald, indem ich
Georgiana ruhig ansah, die aber bei der direkten Anrede eine
Grimasse der Verwunderung machte, als nähme ich mir eine
unerwartete Freiheit.
Frau Reed? Ach Sie meinen Mama? Schlecht, ich glaube
kaum, daß Sie sie noch heute werden sprechen können.
Wenn Sie, sagte ich, hinaufgehen und ihr sagen wollten,
daß ich angekommen sei, so wäre ich Ihnen sehr verbunden.
Georgiana fuhr fast vor Schreck zusammen, so unerwartet
kam ihr diese Zumutung meinerseits.
Sie sprach, fuhr ich fort, den ausdrücklichen Wunsch aus,
mich zu sehen, und ich möchte die Erfüllung ihres Wunsches
nicht länger hinausschieben, als unumgänglich notwendig ist.
Mama läßt sich des Abends nicht gern stören, bemerkte Elisa.
Da stand ich auf, nahm ruhig und unaufgefordert meinen
Hut ab, zog meine Handschuhe aus und sagte, ich wolle zu Bessie
hinausgehen und sie bitten, nachzusehen, ob Frau Reed noch
am Abend meinen Besuch annehmen wolle oder nicht. Ich
ging, und nachdem ich Bessie mit meinem Auftrage abgesandt
hatte, fuhr ich fort, weitere Maßregeln zu treffen. Bisher war
es stets meine Gewohnheit gewesen, vor Anmaßungen zurück-
zuweichen. Wäre ich noch vor einem Jahre so aufgenommen
worden, wie heute, so hätte ich Gateshead schon am nächsten
Morgen wieder verlassen, jetzt aber sah ich mit einem Male
ein, daß dies eine Torheit sein würde. Ich hatte eine weite
Reise gemacht, um meine Tante zu sprechen, und mußte bleiben,
bis es wieder besser mit ihr ging, oder bis sie tot war, ohne
mich hieran durch den Hochmut oder die Dummheit ihrer Töchter
hindern zu lassen. Ich wendete mich also an die Haushälterin,
bat sie, mir ein Zimmer anzuweisen, und sagte ihr, ich würde
wahrscheinlich eine oder zwei Wochen dableiben, ließ meinen
Koffer auf mein Zimmer bringen und begab mich selbst dahin.
Oben auf der Treppe begegnete ich Bessie.
Die gnädige Frau ist wach, sagte sie; ich habe ihr gesagt,
daß Sie da seien. Kommen Sie, und wir wollen dann sehen,
ob sie Sie wiederkennt.
Ich brauchte nicht zu dem mir wohlbekannten Zimmer ge-
leitet zu werden; war ich doch in frühern Tagen so oft dahin
gerufen worden, um bestraft oder gescholten zu werden. Ich
eilte Bessie voran und öffnete leise die Tür, ein Licht mit
einem Schirme stand auf dem Tische, denn es dunkelte jetzt.
Da stand das große Bett mit den vier Pfosten und den ambra-
farbigen Vorhängen, wie in früherer Zeit, dort der Toiletten-
tisch, der Lehnsessel und der Fußschemel, auf den ich hundertmal
hatte niederknien müssen, um Verzeihung für Sünden zu er-
bitten, die ich mir nicht hatte zu Schulden kommen lassen. Ich
blickte in eine gewisse nahe Ecke und erwartete halb und halb,
den schmalen Umriß einer einst gefürchteten Rute zu erblicken,
die dort lauerte und nur auf den Augenblick wartete, um hervor-
zuspringen und sich um meine zitternde Hand oder meinen
zurückbebenden Nacken zu schlingen. Ich näherte mich dem
Bette, schob die Vorhänge zurück und neigte mich über die hoch-
aufgetürmten Kissen.
Da lag das wohlbekannte Gesicht vor mir, streng und hart
wie immer, jenes eigentümliche Auge, das nichts zu mildern,
dem nichts Tränen abzugewinnen vermochte, und die etwas in
die Höhe gerichtete, gebieterische Augenbraue. Wie oft hatten
mir aus diesen Augen Drohung und Haß entgegengeblickt!
Und doch beugte ich mich nieder und küßte meine ehemalige
Peinigerin. Sie blickte mich an und sagte: Ist das Jane Eyre?
Ja, Tante Reed. Wie befinden Sie sich, liebe Tante?
Ich hatte einst gelobt, sie nie wieder Tante zu nennen; jetzt
hielt ich es für keine Sünde, dieses Gelübde zu brechen. Meine
Finger hatten ihre Hand ergriffen, die auf der Decke lag; hätte
sie meine Hand freundlich gedrückt, so würde ich in dem Augen-
blick eine wahrhafte Freude empfunden haben. Aber Naturen,
die Eindrücken schwer zugänglich sind, lassen sich nicht so leicht
besänftigen, auch lassen sich natürliche Antipathien nicht so mit
einem Male ausrotten. Frau Reed zog ihre Hand zurück und
bemerkte, ihr Gesicht etwas von mir abwendend, daß der Abend
warm sei. Abermals sah sie mich an, so eisig, daß ich sofort
fühlte, wie wenig sich ihre Abneigung gegen mich verändert
hatte. Ich empfand anfangs Schmerz und Zorn über diesen
Empfang; bald aber entschloß ich mich, diese Gefühle zu über-
winden. Tränen waren mir in die Augen gekommen, gerade
wie in meiner Kindheit, ich befahl ihnen, zu ihrer Quelle zurück-
zukehren. Ich stellte einen Stuhl an das Kopfende ihres Bettes,
setzte mich nieder und neigte mich über das Kissen.
Sie haben mich holen lassen, sagte ich, und ich bin nun da.
Ich habe im Sinne, hier zu bleiben, bis ich sehe, daß es Ihnen
besser geht.
Ei natürlich! hast du meine Töchter gesprochen?
Ja.
Nun, du kannst ihnen sagen, daß ich dein Dableiben wünsche,
bis ich mit dir einiges besprechen kann, das ich auf dem Herzen
habe; heute abend ist es aber zu spät, und ich kann mich der
Gegenstände nur mit Mühe erinnern. Aber ich wollte etwas
sagen --- was war es doch ---
Der verstörte Blick und der veränderte Ton ihrer Stimme
sagten mir, wie sehr ihre einst so kräftige Konstitution erschüttert
war. Sich unruhig umwendend, zog sie ihr Bettuch um sich;
mein Ellbogen, der auf dem Ende der Decke ruhte, hielt es fest;
da wurde sie mit einem Male ärgerlich.
Arm weg! sagte sie, warum hältst du die Bettdecke fest --- bist
du Jane Eyre?
Ja, ich bin Jane Eyre.
Ich habe mit dem Kind mehr Mühe gehabt, als man sich
vorstellen kann. Eine solche Bürde mir aufzuhalsen --- und
die vielen Widerwärtigkeiten, die sie mir täglich und stündlich
mit ihrer unbegreiflichen Gemütsart bereitete, --- und ihr un-
ruhiges Temperament, ihr plötzlich auffahrendes Wesen und
ihre Unart, die Bewegungen anderer beständig zu beobachten!
Ich muß sagen, sie sprach einmal mit mir, wie wenn sie vom
Teufel besessen wäre; noch kein Kind sprach oder blickte je so,
wie sie. Ich war froh, sie aus dem Hause zu bekommen. Was
haben sie mit ihr in Lowood gemacht? Das Fieber ist dort aus
gebrochen, und viele von den Schülerinnen sind gestorben. Sie
aber ist nicht gestorben; aber ich sagte, sie sei gestorben. --- ich
wollte, es wäre so!
Ein sonderbarer Wunsch, Frau Reed. Warum hassen Sie
sie denn so?
Ich konnte ihre Mutter nie ausstehen, denn sie war meines
Mannes einzige Schwester und sein Liebling. Er widersetzte
sich, als die Familie sie wegen ihrer Mißheirat nicht mehr als
zu ihr gehörig anerkennen wollte, und als er ihren Tod erfuhr,
da weinte er wie ein Tölpel. Es mußte nach dem Kinde ge-
schickt werden, obgleich ich ihn bat, es lieber einer Amme zu
übergeben. Ich konnte es vom ersten Augenblicke an, wo ich
es sah, nicht leiden --- ein kränkliches, weinerliches, grämliches
Ding. Es schrie die ganze Nacht in der Wiege --- aber nicht
wie ein anderes Kind aus voller Kehle, sondern es wimmerte
und stöhnte nur. Reed hatte Mitleid mit dem Balg, nahm es
auf die Arme, wiegte es, hegte und pflegte es, wie wenn es
eines seiner eigenen Kinder gewesen wäre. Er versuchte es,
meine Kinder freundschaftlich gegen die kleine Bettlerin zu
stimmen; aber die lieben Engelchen konnten sie nicht ausstehen,
und er ärgerte sich über sie, wenn sie ihren Widerwillen an
den Tag legten. In seiner letzten Krankheit mußte man das
Kind beständig an sein Bett bringen, und noch eine Stunde
vor seinem Tode mußte ich ihm feierlich versprechen, daß ich
das Geschöpf aufziehen und bei mir behalten wollte. Ebenso-
gern hätte ich mich mit einem Balg aus einem Arbeitshaus be-
lastet; aber er war schwach, von Natur schwach. John gleicht
seinem Vater ganz und gar nicht, und ich bin froh darüber.
John ist wie ich und meine Brüder --- er ist ein ganzer Gipson.
O, ich wollte, er quälte mich nicht mehr mit Briefen um Geld
ich kann ihm kein Geld mehr geben; wir werden arm. Ich
muß die Hälfte der Dienerschaft entlassen und einen Teil des
Hauses verschließen, oder es vermieten. Dazu kann ich mich
nicht entschließen, --- und doch --- wie sollen wir es machen?
Zwei Dritteile meines Einkommens werden allein von den
Zinsen verschlungen, die ich den Gläubigern zu zahlen habe.
John spielt schrecklich und verliert stets - der arme Junge!
Er ist von Betrügern umgeben, er ist verlumpt und verdorben
sein Blick ist Entsetzen erregend.--- ich schäme mich seiner....
Sie wurde allmählich sehr aufgeregt.
Es ist viel besser, ich gehe jetzt, sagte ich zu Bessie, die auf
der andern Seite des Bettes stand.
Vielleicht, Fräulein; aber gegen Abend spricht sie oft so ---
des Morgens ist sie ruhiger.
Ich stand auf.
Halt! Noch eins! rief Frau Reed. Er droht mir -- er droht
mir immer mit seinem oder mit meinem Tode, und es träumt
mir zuweilen, ich sehe ihn daliegen mit einer großen Wunde
am Halse, oder mit einem aufgeschwollenen oder schwarzen
Gesichte. Was soll ich tun! Wie viele schwere Sorgen lasten
nun auf mir! Wie treiben wir bloß das Geld auf?
Bessie versuchte es nun, sie einen beruhigenden Trank nehmen
zu lassen; nur mit Mühe gelang es ihr. Bald darauf wurde
die Kranke ruhiger und versank in einen Halbschlummer. Nun
verließ ich sie.
Mehr als zehn Tage verstrichen, ehe ich wieder mit ihr
sprechen konnte. Entweder phantasierte sie, oder sie lag be-
wußtlos da, und der Arzt verbot alles, was sie schmerzlich auf-
regen konnte. Unterdessen lebte ich, so gut ich konnte, mit
Georgiana oder Elisa. Zwar waren sie anfänglich recht kalt;
Elisa konnte halbe Tage lang nähen, lesen, oder schreiben,
ohne ein Wort mit mir oder ihrer Schwester zu wechseln,
und Georgiana schwatzte Stunden lang ihrem Kanarienvogel
dummes Zeug vor, ohne auf mich zu achten. Aber ich war
entschlossen, mir nicht den Anschein zu geben, als fehle es mir
an Beschäftigung oder an Unterhaltung, ich hatte meine Zeichen-
sachen mitgebracht, und diese mußten mir beides ersetzen.
Mit meinen Bleistiften und einigen Blättern Papier setzte
ich mich gewöhnlich allein ans Fenster und skizzierte Phantasie-
bilder, einen Ausblick auf die See zwischen zwei Felsen hindurch,
den aufgehenden Mond und ein unter ihm wegfahrendes Schiff,
den Kopf einer Najade, die, mit Lotusblumen bekränzt, aus
Schilf und Wasserschwertlilien emportaucht, einen Elfen, im
Neste eines Sperlings unter einem Kranze von Hagedornblüten
sitzend, und ähnliches.
Eines Morgens fing ich an, ein Gesicht zu skizzieren, wußte
aber noch nicht, was für ein Gesicht es werden sollte. Ich nahm
einen weichen, schwarzen Bleistift, spitzte ihn stumpf zu und
arbeitete darauf los. Bald hatte ich auf dem Papier eine
breite und hervorragende Stirn und einen viereckigen Umriß
vom untern Teil des Gesichts; dieser Umriß machte mir Ver-
gnügen. Meine Finger fuhren emsig fort, ihn mit Zügen aus-
zufüllen. Stark gezeichnete, horizontale Augenbrauen mußten
unter dieser Stirn angebracht werden; sodann kam natürlich
eine deutlich hervortretende Nase mit geradem Rücken und
weiten Oeffnungen; dann ein anscheinend weicher Mund, nicht
zu schmal; dann ein festes Kinn mit einem entschiedenen Spalt
in der Mitte; natürlich gehörte dazu ein schwarzer Backenbart,
sowie etwas schwarzes Haar, das sich in Büscheln an den
Schläfen und wellenförmig iber die Stirn hinzog. Die Augen
hatte ich bis zulett gelassen, weil sie die sorgfältigste Arbeit
erforderten. Ich zeichnete sie groß und schön geformt, die
Wimpern lang und dunkel, die Iris und die Augäpfel glänzend
und groß.
Gut! Aber doch nicht ganz das Richtige, dachte ich, als ich
das Ganze übersah; es muß noch mehr Energie und Leben
hinein. Ich machte die Schatten dunkler, damit die Lichter um
so heller ausfallen möchten --- einige glücklichen Striche vervoll-
ständigten den Erfolg. Da hatte ich nun das Gesicht eines
Freundes vor meinen Augen, und was verschlug es mir nun,
daß die jungen Damen mir den Rücken zukehrten?
Ist dies das Portrait eines Herrn, den Sie kennen? fragte
Elisa, die unbemerkt zu mir herangekommen war. Ich erwiderte,
es sei nichts, als ein Kopf, wie meine eigene Phantasie ihn
sich gebildet, und legte ihn eiligst zu den übrigen Blättern.
Natürlich log ich, es war in der Tat ein sehr getreues Konterfei
des Herrn Rochester. Aber was ging das sie an, oder irgend
jemanden, außer mir? Auch Georgiana kam herbei, um sich
den Kopf anzusehen. Die andern Zeichnungen gefielen ihr sehr,
diese aber nannte sie einen häßlichen Mann. Beide schienen
überrascht von meiner Geschichklichkeit. Ich erbot mich, sie zu
portraitieren; und jede saß mir nun zu einer kleinen Sktzze.
Alsdann brachte Georgiana ihr Album herbei. Ich versprach
ihr, etwas mit Wasserfarben zu malen, was sie in gute Laune
versetzte. Sie schlug mir einen gemeinsamen Spaziergang im
Park vor. Wir waren noch keine zwei Stunden draußen, und schon
war unser Gespräch ganz vertraulich. Sie erzählte mir von
dem glänzenden Winter, den sie vor zwei Jahren in London
zugebracht, und schilderte, welche Bewunderung sie dort erregte.
Ich erhielt sogar Winke über die hochadlige Eroberung, die sie
dort gemacht hatte.
Im Laufe des Nachmittage und des Abends nahmen diese
Winke noch eine deutlichere, bestimmtere Gestalt an. Es wur-
den mir verschiedene zarte Gespräche und empfindsame Scenen
mitgeteilt; mit einem Wort, sie entrollte vor meinen Augen einen
Roman aus dem Leben der feinen Welt. Die Mitteilungen er-
neuerten sich mit jedem Tage, sie hatten stets dieselben Ereig-
nisse und Personen zum Gegenstand --- sie selbst, ihre Lieb-
schaften und ihr Leid. Nie kam sie auf die Krankheit ihrer
Mutter oder den Tod ihres Bruders, oder die gegenwärtigen
traurigen Aussichten der Familie zu sprechen.
Elisa dagegen sprach noch immer wenig, sie hatte offenbar
keine Zeit zum Sprechen. Ich hatte nie einen geschäftigeren
Menschen gesehen, als sie zu sein schien; doch war es schwer
zu sagen, was sie tat, oder irgend ein Resultat ihres Fleißes
zu erblicken. Sie hatte eine Weckuhr, um sie früh zu wecken.
Ich weiß nicht, was sie vor dem Frühstück machte, aber nach
dem sie dasselbe eingenommen, teilte sie ihre Zeit stets regel-
mäßig ein, jede Stunde hatte ihre Aufgabe. Dreimal des Tages
las sie in einem kleinen Buche, das, wie ich später fand, ein
Gebetbuch war.
Drei Stunden stickte sie mit Goldfaden den Rand eines
viereckigen, karmesinroten Tuches, der*** fast zu einem Teppich
groß genug war. Als Antwort auf meine Frage, wozu dies
Tuch dienen solle, sagte sie mir, es sei eine Altardecke für eine
neue nicht weit von Gateshead kürzlich erbaute Kirche. Zwei
Stunden widmete sie ihrem Tagebuche, zwei weitere Stunden
arbeitete sie allein in dem Küchengarten, und schließlich ver-
wendete sie noch eine Stunde, um ihre Rechnungen in Ord-
nung zu bringen. Sie schien keiner Zerstreuungen zu bedürfen.
Ich glaube, sie war auf ihre Weise glücklich. Diese Beschäftig-
ungen genügten ihr, und nichts verdroß sie so, als wenn sich
etwas ereignete, wodurch sie sich genötigt sah, in ihrer nach dem
Uhrwerk abgemessenen Regelmäßigkeit eine Aenderung eintreten
zu lassen.
Eines Abends, als sie mehr wie sonst zu Mitteilungen auf-
gelegt war, sagte sie mir, Johns Aufführung und der drohende
Ruin der Familie sei eine Quelle tiefen Kummers für sie ge-
wesen, aber jetzt sei sie ruhig und gefaßt, und es stehe ihr
Entschluß fest. Ihr eigenes Vermögen habe sie schon in Sicher-
heit gebracht, und wenn ihre Mutter sterbe, --- und es sei ganz
unwalrscheinlich, bemerkte sie ruhig, daß es noch lange mit
ihr dauere, --- wolle sie einen Plan ausführen, an den sie längst
mit Vorliebe gedacht hätte, sie wolle sich an einen stillen
Ort zurückziehen, wo pünktliche Gewohnheiten herrschten und
sichere Schranken sie von der leichtsinnigen Welt trennten. Ich
fragte, ob Georgiana sie begleiten würde.
Natürlich nicht. Georgiana und sie hätten nie etwas mitein-
ander gemein gehabt, nie, nie. Nun möchte sie sich die Gesell-
schaft ihrer Schwester um keinen Preis aufbürden. Georgiana
solle ihren Weg und sie, Elisa, wolle den ihrigen gehen.
Wenn Georgiana mir nicht ihr Herz ausschüttete, brachte sie
den größten Teil ihrer Zeit damit zu, daß sie auf dem Sofa
lag, über das langweilige Leben ihren Unmut ausließ und
immer und immer den Wunsch aussprach, ihre Tante Gibson
möchte sie doch zu sich, nach der Stadt, einladen. Es wäre,
sagte sie, so unendlich besser, wenn sie nur einen oder zwei
Monate aus dem Wege kommen könnte, bis alles vorüber
wäre. Elisa nahm gewöhnlich von der Trägheit und den
Klagen ihrer Schwester nicht mehr Notiz, als ob ein solches
mürrisches, träges Geschöpf gar nicht vor ihren Augen gewesen
wäire. Eines Tages indessen --- sie legte grade ihr Rechnungs-
buchweg und entfaltete ihre Stickerei --- fiel sie folgendermaßen
über sie her:
Georgiana, ein eitleres und abgeschmackteres Geschöpf, als
du bist, hat gewiß nie die Erde belastet. Du hattest kein Recht,
zur Welt zu kommen, denn du machst vom Leben keinen Gebrauch.
Anstatt für dich, in dir und mit dir zu leben, wie es die Pflicht
eines vernünftigen Wesens ist, suchst du nur deine Schwäche
an die Starke irgend einer andern Person anzuhängen, und
wenn sich niemand findet, der sich mit einem so unnützen
Ding belasten will, so schreist du, man mißhandle dich, man
vernachlässige dich, du seiest unglücklich. Auch muß das Leben für
dich eine Scene beständigen Wechsels und steter Aufregung
sein, sonst ist die Welt ein Kerker für dich. Du mußt bewundert
werden, man muß dir den Hof machen, muß dir schmeicheln ---
du kannst nicht ohne Musik, Tanz und Gesellschaft sein --- sonst
siechst du dahin. Hast du nicht so viel Verstand, um dir eine
Lebensweise auszudenken, bei der du von jedem andern Willen,
als allein dem deinigen, unabhängig bist? Nimm dir einen Tag,
teile ihn ein, weise jedem Teile seine Aufgabe zu, laß keine
Viertelstunde, keine zehn Minuten, ja keine fünf Minuten un-
genützt verstreichen. So wird dir der Tag vorübergehen, fast
ehe du noch bemerkst, daß er begonnen; und du bist alsdann
niemand dafür verpflichtet, daß er dir einen unbeschäftigten
Augenblick totschlagen hilft. Nimnn diesen guten Rat an, es
ist der erste und der letzte, den ich dir gebe; dann brauchst du weder
mich, nochirgend jemand, mag auchkommen, was da will.
Weise ihn von dir --- lebe, wie bisher ansprucsvoll, wehleidig,
müßig, --- dann laß dir aber auch die Folgen deiner Torheit
gefallen, wie unerträglich sie auchsein mögen. Ich sage dir
das offen, und beacte es wohl; denn obgleich ich nicht mehr
wiederholen werde, was ich dir jetzt sage, so werde ich doch
beharrlich danach handeln. Nach dem Tode meiner Mutter
kann ich meine Hände in Unschuld waschen. Von dem Tage
an, wo ihr Leib in das Gewölbe der Kirche von Gateshead
gesenkt wird, werden wir beide so getrennt leben, als ob wir
einander nie gekannt hätten. Du brauchst nicht zu denken, ich
werde mich, weil wir zufällig von denselben Eltern geboren
sind, auch nur von der schwächsten Kette binden und in meinen
Bewegungen hemmen lassen. Ich sage dir: Würde das ganze
Menschengeschlecht hinweggerafft, mit Ausnahme von uns bei-
den, und ständen wir allein auf der Erde, so würde ich dich
in der alten Welt lassen und mich in die neue flitchten.
Du hättest dir wohl die Mühe ersparen können, diesen Schwall
von Gemeinplätzen hervorzusprudeln, antwortete Georgiana. Je-
dermann weis ja, daß du das selbstsüchtigste, herzloseste Ge-
schöpf unter Gottes Sonne bist. Ich kenne deinen boßhaften,
aus purem Neid hervorgehenden Haß gegen mich, und ich
habe davon schon eine Probe gehabt bei dem Streich, den du
mir wegen Lord Ewin Veres gespielt hast. Du konntest dich
nicht darein finden, daß ich mehr sein sollte, als du; daß
ich einen Adelstitel erwerben und in Kreisen verkehren sollte,
wo du nicht einmal dein Gesicht zeigen darfst, --- und so hast
du denn als Spionin und Angeberin gehandelt und meine Aus-
sichten für immer zerstört.
Georgiana zog ihr Taschentuch hervor und machte sich wohl
eine Stunde lang mit ihrer Nase zu schaffen; Elisa saß kalt
unempfindlich und ohne ihre Arbeit auszusetzen, da.
Es war ein nasser und windiger Nachmittag. Georgiana
war über einem Roman auf dem Sofa eingeschlafen; Elisa
wohnte dem Gottesdienst in der neuen Kirche bei, denn bei
gutem oder schlechtem Wetter ging sie dreimal jeden Sonntag
in die Kirche und an Werktagen so oft, als dort Gebete ver-
richtet wurden.
Es kam mir der Gedanke, die Treppe hinaufzugehen und zu
sehen, wie es der sterbenden Frau ginge, die fast unbeachtet
dalag, sogar die Dienerschaft widmete ihr nur eine oberflächliche
Aufmerksamkeit, und die Krankenwärterin tat nur selten ihre Pflicht.
Bessie war zuverlässig, aber sie hatte nach ihrer eigenen Familie
zu sehen und konnte nur dann und wann heraufkommen. Ich
fand das Krankenzimnnner unbewacht, wie ich erwartet hatte.
Die Patientin lag dem Anschein nach in bewußtlosem Zustande
da, ihr bleifarbiges Gesicht war in den Kissen versteckt, das
Feuer im Kamin am Erlöschen. Ich schüttete Kohlen auf,
ordnete die Bettücher wieder und ging dann ans Fenster.
Der Regen schlug heftig gegen die Scheiben, der Wind blies
stürmisch.
Da liegt eine, dachte ich, die bald dem Kampfe der irdischen
Elemente entrückt sein wird. Wohin wird der Geist, der jetzt
seine stoffliche Wohnung zu verlassen strebt, fliehen, wenn er
endlich frei ist?
Indem ich das große Geheimnis überdachte, fiel mir Helene
Burns ein; ich entsann mich ihrer Sterbeworte -- ihrer Glaubens-
stärke, ihrer Ansicht von der Gleichheit der vom Körper ge-
schiedenen Seelen. Ich horchte noch in Gedanken auf ihre
Stimme, deren ich mich so gut erinnerte, --- als eine schwachhe
Stimme aus dem Bett hervor murmelte:
Wer ist da?
Ich wußte, daß Frau Reed schon Tage lang nicht gesprochen
hatte; lebte sie wieder auf? Ich ging zu ihr hin.
Ich, Tante Reed.
Wer --- ich? war die Antwort. Wer sind Sie? setzte sie
überrascht und etwas beängstigt, aber doch nicht verstört
auf mich blickend, hinzu. Sie sind mir ja ganz fremd - wo
ist Bessie?
Drunten im Parkhäuschen, Tante.
Tante! wiederholte sie. Wer heißt mich Tante? Sie sind
keine von den Gibsons; und doch kenne ich Sie --- ich kenne
das Gesicht, und die Augen und die Stirn sind mir ganz be-
kannt: Sie sehen aus wie --- nun, wie Jane Eyre!
Ich sagte nichts, denn ich fürchtete, ihr eine Erschütterung zu
verursachen, wenn ich ihre Annahme bestätigte.
Doch, sagte sie, ich fürchte, ich irre mich; meine Augen täuschen
mich. Ich wünschte, Jane Eyre zu sehen, und träume von einer
Aehnlichkeit, wo keine vorhanden ist, und zudem muß sie sich
in acht Jahren sehr verändert haben.
Ich versicherte ihr nun, daß ich die sei, für die sie mich halte,
und als ich sah, das sie bei vollem Verstande war, erklärte ich,
wie Bessie ihren Mann an mich abgesandt habe, um mich von
Thornfield hierher zu holen.
Ich weiß, ich bin sehr krank, sagte sie nach einer Weile, vor-
hin versuchte ich, mich umzuwenden, und fand, daß ich kein
Glied zu rühren vermag. Ich will also, bevor ich sterbe, meinem
Geist Ruhe verschaffen. Ist die Wärterin da, oder ist sonst
jemand außer dir im Zimmer?
Ich versicherte ihr, daß wir allein seien.
Nun, sagte sie, zweimal habe ich dir unrecht getan, was
ich nun bereue. Das erstemal, weil ich das meinem Manne
gegebene Versprechen, dich wie mein eigenes Kind aufzuzielen,
gebrochen habe, das andere ---
Hier hielt sie inne.
Nein ich will's lieber lassen, murmelte sie. Mich so vor ihr
zu demütigen.
Sie machte eine Anstrengung, um sich umzuwenden, ohne das
es ihr aber gelang, ihr Gesicht veränderte sich; es schien etwas
in ihr zu arbeiten --- vielleicht war es der Vorläufer des letzten
Todeskampfes.
Nein, ich muß es loswerden, muß mich überwinden. Vor mir
steht die Ewigkeit, und es ist besser, wenn ich es ihr sage. Geh'
an meinen Toilettentisch, mache ihn auf und nimm den Brief
heraus, den du dort finden wirst!
Ich tat, wie sie mich geheißen.
Lies den Brief, sagte sie.
Er war kurz und lautete:
Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner Nichte,
Jane Eyre, zu übersenden und mir zu sagen, wie es ihr geht.
Es ist meine Absicht, sie bald zu mir nach Madeira kommen
zu lassen. Die Vorsehung hat meine Bemühungen, mir eine
sorgenfreie Existenz zu verschaffen, gesegnet, und da ich unver-
heiratet und kinderlod bin, so gedenke ich sie noch bei meinem
Leben zu adoptieren und ihr bei meinem Tode alles zu ver
machen, was ich besitze.
Ich bin, gnädige Frau u.s.w.u.s.w
John Eyre, Madeira.
Der Brief war schon drei Jahre alt.
Warum ist mir das nie gesagt worden? fragte ich.
Weil ich einen zu großen Widerwillen gegen dich hatte, als
daß ich hätte dazu beitragen mögen, dein Glück zu fördern.
Ich konnte dein Benehmen gegen mich nicht vergessen,
Jane --- die Wut, womit du dich einst gegen mich gewendet
hast, den Ton, worin du mir erklärtest, von allen Menschen
auf der Erde verabscheutest du mich am meisten, den unkind-
lichen Blick und die Stimme, womit du behauptetest, ich hätte
dich mit abscheulicher Grausamkeit behandelt. Ich konnte meine
eigenen Empfindungen, als du gegen mich so wütetest, nicht
vergessen. Es bemächtigte sich meiner eine Furcht, als ob ein
Tier, das ich geschlagen oder gestoßen, mich mit Menschenaugen
angesehen und mich mit einer Menschenstimme verflucht hätte.
--- Hol' mir Wasser! So eile doch!
Liebe Frau Reed, sagte ich, indem ich ihr den verlangten
Trunk reichte, denken Sie nicht mehr an alles das, schlagen
Sie es sich aus dem Sinn! Vergeben Sie mir meine heftige
Sprache! Dazumal war ich ein Kind, seit jenem Tage sind
acht, neun Jahre verflossen.
Sie hörte auf nichts von allem, was ich sagte; als sie aber
von dem Wasser getrunken und Atem geschöpft hatte, fuhr sie
fort:
Ich sage dir, ich konnte es nicht vergessen und nahm Rache
dafür; den Gedanken, daß du von deinem Oheim adoptiert
und in Wohlstand kommen solltest, konnte ich schlechterdings nicht
ertragen. Ich schrieb an ihn, es tue mir leid, daß er sich in
seiner Hoffnung getäuscht habe, aber Jane Eyre sei gestorben,
das Typhusfieber hätte sie zu Lowood dahingerafft. Handle
nun, wie du willst; schreib und widersprich meiner Angabe
--- setze meine Falschheit auseinander, wie du magst. Du bist,
wie ich glaube, zu meiner Qual geboren; meine letzte Stunde
ist verbittert durch die Erinnerung an eine Tat, die ich ohne dich
nie versucht gewesen wäre zu begehen.
Wenn ich Sie doch nur überreden könnte, Tante, nicht mehr
daran zu denken und mich mit Gefühlen zu betrachten, die von
Güte und Versöhnlichkeit zeugten ---
Du hast eine sehr schlechte Gemütsart, sagte sie, eine Ge-
mütsart, die ich noch in dieser Stunde nicht zu begreifen ver-
mag. Wie du neun Jahre lang dir jede Behandlung gefallen
lassen und im zehnten plötzlich in Wut ausbrechen konntest,
das kann ich nimmermehr begreifen.
Meine Gemütsart ist nicht so schlecht, wie Sie glauben, ich
bin jähzornig, aber nicht rachsüchtig. Noch als kleines Kind hätte
ich oft gern Liebe erzeigt, wenn ich gedurft hätte, und jetzt habe
ich die größte Sehnsucht, mich mit Ihnen zu versöhnen. Küssen
Sie mich, Tante!
Ich näherte meine Wange ihren Lippen, sie wollte sie aber
nicht berühren. Sie sagte, wenn ich mich über ihr Bett lehne,
so fühle sie sich beklemmt, und abermals verlangte sie Wasser.
Als ich sie niederlegte --- denn ich hielt sie aufrecht, während sie
trank-- bedeckte ich ihre eiskalte und klebrige Hand mit der
meinigen; die schwachen Finger bebten aber vor meiner Berühr-
ung zurück, die glasigen Augen wichen meinem Blicke aus.
So lieben Sie mich denn, oder hassen Sie mich, wie Sie
wollen, sagte ich zuletzt; ich vergebe Ihnen. Bitten Sie nun
Gott um Vergebung, und seien Sie im Frieden!
Das arme, gequälte Weib! Es war nun zu spät, als daß
sie es jetzt hätte fertig bringen können, ihre gewohnte Gemüts-
stimmung umzuändern. Im Leben hatte sie mich beständig
gehaßt --- auf dem Totenbette vermochte sie mir keine Liebe
zu schenken.
Nun trat die Krankenwärterin ein und mit ihr Bessie. Ich
blieb noch eine halbe Stunde da in der Hoffnung, daß ich irgend
ein Zeichen der Freundschaft von ihr erhalten würde, vergebens.
Sie versank rasch in einen Betäubungszustand. Auch kam sie
nicht wieder zur Besinnung, und um zwölf Uhr in der näm-
lichen Nacht starb sie. Ich war nicht da, ihr die Augen zuzu-
drücken; auch ihre Töchter waren nicht anwesend. Die Leute
kamen am andern Morgen, um uns zu sagen, daß nun alles
vorüber sei. Um diese Zeit lag sie schon in ihrer Totenkleid-
ung da. Elisa und ich gingen, um sie nocheinmal zu sehen;
Georgiana, die in laute Tränen ausgebrochen war, sagte, sie
wage es nicht, zu ihr hinzugehen. Da lag nun Sarah Reeds
einst rüstige und kräftige Gestalt, starr und ruhig ausgestreckt.
Ihr steinernes Auge war vom kalten Lide bedeckt; auf ihrer Stirn
und in ihren starken Zügen drückte sich noch jetzt ihre unerbitt-
liche Seele aus. Die Leiche war für mich etwas Seltsames
und Feierliches. Ich blickte sie düster und schmerzerfüllt an; sie
flößte mir nichts Sanftes ein, nichts Liebliches, nichts, was
an Mitleid oder Hoffnung erinnert, nichts, was den Menschen
bewältigt, sondern nur einen peinlichen Schmerz wegen ihrer
Leiden, nicht wegen meines Verlustes --- und ein düsteres,
tränenloses Entsetzen über die Schrecklichkeit eines solchen Todes.
Elisa sah ihre Mutter ruhig an. Nach einem Schweigen von
einigen Minuten bemerkte sie: Bei ihrer Konstitution hätte sie
ein schönes Alter erreichen sollen; ihr Leben ist durch den Kummer
verkürzt worden.
Ihr Mund zog sich einen Augenblick krampfhaft zusammen,
dann wendete sie sich um und verließ mit mir das Zimmer.
Weder ich, noch sie hatte eine Träne vergossen.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Herr Rochester hatte mir nicht länger als auf eine Woche
Urlaub gegeben, indessenverstrich ein Monat, ehe ich von Gateshead
fortkam. Zwar hätte ich gewünscht, es gleich nach dem Leichen-
begräbnis verlassen zu kdnnen, aber Georgiana drang in mich,
so lange zu bleiben, bis sie nach London gehen könnte, wohin
sie endlich von Herrn Gibson, ihrem Oheim, eine Einladung
erhalten hatte. Letzterer war selbst nach Gateshead gekommen,
um die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Georgiana
sagte, sie fürchte sich, allein bei Elisa zu bleiben, bei der sie
weder Sympathie in ihrer Niedergeschlagenheit, noch Unter-
stützung in ihrer Furcht, noch Hilfe bei ihren Vorbereitungen
finden könnte. So ertrug ich denn ihr kindisches Gewimmer
und ihre selbstsüchtigen Wehklagen, so gut ich konnte, und tat
mein möglichstes, indem ich für sie nähte und einpackte.
Ich bin es der Wahrheit schuldig, hier zu sagen, daß sie,
während ich arbeitete, die Hände müßig in den Schoß legte.
Ich dachte bei mir selbst:
Wäre es unser Los, Cousine, stets miteinander zu leben, so
würden wir die Sache anders einrichten. Ich würde mich nicht
so ohne weiteres dazu hergeben, der Teil zu sein, der sich alles
gefallen ließe, ich würde dich zwingen, deine Arbeit zu tun,
wenn sie nicht ungetan bleiben sollte, auch würde ich darauf
dringen, daß du dein Klagen in deine Brust verschlössest. Nur
weil unsere Verbindung eine vorübergehende ist und in eine
besonders trauervolle Zeit fällt, habe ich mich dazu herbei
gelassen, so viel Geduld und Nachsicht zu zeigen.
Endlich reiste Georgiana ab; aber nun wurde ich von Elisa
gebeten, noch eine Woche dazubleiben. Ihre Pläne, sagte sie,
nähmen alle ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch, und
in der Tat stand sie auf dem Punkte, sich nach einem unbe-
kannten Ziele hin in Bewegung zu setzen; den ganzen Tag
blieb sie in ihrem Zimmer bei verriegelter Tür, packte Koffer,
leerte Schränke und Schubladen, verbrannte Papiere und pflog
mit niemand Umgang. Sie ersuchte mich, den Halshalt zu
überwachen, Besuche zu empfangen und Kondolenzschreiben zu
beantworten.
Eines Morgens sagte sie mir, daß ich nun frei wäre.
Und, setzte sie hinzu, ich bin dir verbunden für deine schätz-
baren Dienste und dein verständiges Benehmen. Es ist doch
ein Unterschied, mit jemand, wie du bist, oder mit Georgiana
zu leben, du erfüllst deine Aufgabe im Leben und fällst niemand
zur Last. Morgen reise ich nach dem Kontinent ab. Ich werde
meinen Aufenthalt in einem gottgeweihten Hause bei Lille
--- einem Nonnenkloster, wie du es nennen würdest --- nehmen;
dort werde ich ruhig und unbelästigt leben. Für einige Zeit
werde ich mich damit beschäftigen, daß ich die Dogmen der
römisch-katholischen Kirche prüfe und genau kennen zu lernen
suche, wie ihr System wirkt. Finde ich dann, wie ich schon
halb und halb vermute, daß dieser Glaube am besten geeignet
ist, Ordnung, Ruhe und Glück zu verbreiten, so werde ich eine
Bekennerin der Lehre Roms werden und wahrscheinlich den
Schleier nehmen.
Ich zeigte weder Erstaunen über den Entschluß, noch machte
ich einen Versuch, sie davon abzubringen.
Dieser Beruf paßt auf ein Haar für dich, dachte ich, mögest
du dich wohl dabei befinden.
Als wir voneinander schieden, sagte sie: Leb wohl, Cousine
Jane Eyre, ich wünsche, daß es dir wohl ergehen möge, du hast
einigen Verstand.
Ich erwiderte darauf:
Auch du bist nicht ohne Verstand, Cousine Elisa, wa du
aber davon besitzest, wird vermutlich übers Jahr lebendig in
einem französischen Kloster eingemauert sein. Indessen geht
es mich nichts an, und wenn es dir so gefällt, so kümmert's
mich nicht viel.
Du hast recht, sagte sie, und mit diesen Worten ging jede
ihren eigenen Weg. Da ich später keine Gelegenheit haben
werde, von ihr und ihrer Schwester zu sprechen, so will ich hier
schon erwähnen, daß Georgiana eine sehr vorteilhafte Partie
machte, indem sie einen reichen, aber abgelebten Mann der
feinen Welt heiratete, und daß Elisa sich wirklich als Nonne
einkleiden ließ und jetzt Oberin des Klosters ist, wo sie ihr
Noviziat bestand, und dem sie ihr ganzes Vermögen vermachte.
Ich ging also nach Thornfield zurück, aber wie lange konnte
ich noch da bleiben? Nicht lange, dessen war ich gewiß. Ich
hatte von Frau Fairfax während meiner Abwesenheit vernom-
men, daß die Gesellschaft, die im Schlosse gewesen, nun aus-
einandergegangen sei. Herr Rochester war vor drei Wochen
nach London gereist, wurde aber damals in 1 Tagen zurück-
erwartet. Frau Fairfax sprach die Vermutung aus, daß er
dorthin gegangen sei, um Anstalten zu seiner Heirat zu treffen,
da er davon gesprochen, daß er einen neuen Wagen kaufen
wolle. Sie sagte ferner, der Gedanke, daß er Fräulein Blanche
Ingram heiraten wolle, komme ihr immer noch wunderlich vor;
nach dem aber, was jedermann sage, und was sie selbst gesehen,
könne sie nicht länger daran zweifeln, daß dies Ereignis bald
stattfinden werde.
Sie müßten gewaltig ungläubig sein, wenn sie daran zweifel-
ten, war der Kommentar, den ich bei mir darüber machte. Ich
zweifle gar nicht daran.
Nun kam die Frage: Wohin gehst du jetzt?
Die ganze Nacht träumte ich von Fräulein Blanche; in einem
farbenreichen Morgentraum sah ich, wie sie mir die Tore von
Thornfield vor der Nase zuschloß und mich auf einen andern
Weg hinwies, und Herr Rochester stand mit übereinander-
geschlagenen Armen da und sah sie und mich mit ingrimmigem
Lächeln an.
Ich hatte Frau Fairfax den Tag meiner Rückkehr nicht genau
angegeben, da ich nicht wünschte, daß ein Wagen in Millcote
auf mich warten sollte. Ich nahm mir vor, den Weg von dort
zu Fuß zurückzulegen. Ich schlich mich, nachdem ich meinen
Koffer dem Hausknecht übergeben hatte, still aus dem Gasthhof
,George' fort und schlug den alten Weg nach Thornfield ein,
der größtenteils durch Felder führte und nur wenig begangen
war.
Ich verspürte in mir ein frohes Gefühl, als der Weg sich vor
mir verkürzte, und einmal stand ich still, um an mich die Frage
zu richten, was denn diese Freude bedeute, und mich daran zu
erinnern, daß ich nicht in meine Heimat ging, oder an einen
Ort, wo ich auf die Dauer bleiben durfte, wo die Blicke lieber
Freunde meiner mit Ungeduld warteten.
Frau Fairfax wird dir ja ein stilles Willkommen zulächeln,
sagte ich, auch die kleine Adele wird in die Hände klatschen
und vor Freude hüpfen, wenn sie dich sieht, aber du weißt recht
wohl, daß du an einen andern denkst, und daß dieser andere
nicht an dich denkt.
Aber was ist so hartnäckig wie die Jugend? Wad so blind
wie die Unerfahrenheit? Diese behaupteten, es sei Vergnügen
genug, wenn ich Herrn Rochester nur wiedersehen dürfe, möge
er mich nun beachten oder nicht, und sie setzten hinzu:
Eile! spute dich! Bleib bei ihm, solange du noch kannst; in
wenigen Tagen oder Wochen bist du von ihm für immer ge-
trennt!
Die Leute waren auf den Wiesen von Thornfield, über die
ich schritt, mit der Heuernte beschäftigt, oder sie waren vielmehr
schon mit ihrem Tagewerk fertig und kehrten nach Hause zurück,
den Rechen auf der Schulter; nun war ich fast daheim. Ich
habe nur noch über ein paar Felder zu gehen, und dann über-
schreite ich den Weg und bin vor dem Parktore. Wie voller
Rosen sind die Hecken. Aber ich habe keine Zeit, welche zu
pflücken, ich muß zu Hause sein. Ich gehe an einem hohen
Dornstrauche vorbei, der seine mit Blütten bedeckten Zweige
über den Weg ausbreitet, ich sehe die schmale Treppe mit den
steinernen Stufen, und ich sehe Herrn Rochester dasitzen, ein
Buch und einen Bleistift in der Hand; er schreibt.
Gut, es ist kein Geist, doch ist jeder Nerv in mir erregt, und
für einen Augenblick kann ich mich nicht beherrschen. Was be-
deutet das? Ich dachte nicht, daß ich bei seinem Anblicke so
zittern, oder in seiner Gegewart meine Stimme und die Kraft,
mich fortzubewegen, verlieren würde. Ich will zurückgehen,
sobald ich mich rühren kann, ich brauche mich nicht ganz zur
Närrin zu machen. Ich weiß noch einen andern Weg, der nach
dem Hause führt. Es tut aber nichts, wenn ich auch zwanzig
Wege wüßte, denn er hat mich gesehen.
He da! ruft er, und steckt sowohl Buch als Bleistift ein. Da
sind Sie ja! Kommen Sie doch her!
Ich glaube, ich komme näher, obgleich ich nicht weiß wie, da
ich mir kaum meiner Bewegungen noch bewußt bin und bloß
strebe, ruhig zu erscheinen und vor allem die Muskeln meines
Gesichts in meine Gewalt zu bekommen, meine Muskeln, die,
wie ich fühle, sich frech gegen meinen Willen auflehnen und
ausdrücken wollen, was ich zu verbergen entschlossen bin. Aber
ich habe ja meinen Schleier --- herunter ist er; vielleicht gelingt
es mir doch noch, einige Fassung zu zeigen.
Und dies ist Jane Eyre? Kommen Sie von Millcote und
noch dazu zu Fuß? Ja, ja, wieder einer von ihren Streichen,
sieht Ihnen ähnlich, einen Wagen verschmähen und sich in der
Dämmerung nach Hause schleichen, gerade, als wären Sie ein
Traum oder ein Schatten. Wo zum Henker haben Sie im
letzten Monat gesteckt, und was haben Sie getrieben?
Ich bin bei meiner Tante gewesen, die nun tot ist.
O Sie Bummlerin! rief er. Einen ganzen Monat wegzu-
bleiben und mich ganz zu vergessen, denn darauf möchte ich
schwören!
Diese seine letzten Worte waren Balsam für mein wundes
Herz, es schien daraus hervorzugehen, daß ihm etwas daran
liege, ob ich ihn vergesse oder nicht. Auch hatte er gesagt, ich
sei in Thornfield zu Hause. Ach, wäre es doch so! dachte ich.
Er ging nicht von der Treppe weg, und ich mochte ihn
nicht bitten, mich vorbeizulassen. Es dauerte nicht lange, so
fragte ich ihn, ob er in London gewesen sei.
Ja. --- Ich vermute, Sie haben das als Doppelseherin
entdeckt?
Frau Fairfax hat es mir geschrieben.
Und hat sie Ihnen auch gesagt, warum ich nach London ging?
O ja, jedermann kannte den Zweck Ihrer Reise.
Sie müssen den Wagen sehen, Jane, und mir sagen, ob Sie
nicht glauben, daß er für Frau Rochester paßt, und sie wie die
Königin Boadicea aussehen wird, wenn sie sich auf die pur-
purnen Kissen zurücklehnt. Ich möchte wohl, Jane, ich wäre
meinem Aeußern nach zu einer Verbindung mit ihr mehr ge-
eignet. Sagen Sie mir, kleine Fee, die Sie sind, haben Sie
keinen Zauberspruch, können Sie mir keinen Trank oder so
etwas geben, um einen schönen Mann aus mir zu machen?
Das möchte wohl über die Macht der Magie hinausgehen,
Herr Rochester, und in Gedanken setzte ich hinzu:
Ein liebendes Auge ist aller Zauber, der nötig ist; für ein
solches sind Sie schön genug, oder richtiger gesprochen, Ihr
strenges Antlitz hat eine Macht, die mächtiger ist als alle Schönheit.
Herr Rochester hatte bisweilen meine noch unausgesprochenen
Gedanken mit einer Schärfe erraten, die mir unbegreiflich war.
In dem vorliegenden Falle nahm er keine Notiz von meiner
abgebrochenen, laut ausgesprocenen Antwort, jedoch lächelte er
mich mit einem gewissen, ihm eigentümlichen Lächeln an. Es
schien ihm wohl zu gut für gewöhnliche Zwecke, es war der
wahre Sonnenschein des Gefühls, und nun ließ er es über
mich ausströmen.
Gehen Sie vorüber, Jane, sagte er, indem er mir Plaz
machte, damit ich über die Treppe gehen könnte; gehen Sie
heim, und lassen Sie Ihre müden Füßchen auf eines Freundes
Schwelle ausruhen.
Alles, was ich jetzt zu tun hatte, war, ihm schweigend zu
gehorchen; ich brauchte daher auchnicht weiter mit ihm zu reden.
ich ging über die Treppe, ohne ein Wort zu sagen, und wollte
ruhig von ihm gehen. Aber eine geheime Macht zwang mich,
mich umzuwenden. Ich sagte - - oder vielmehr etwas in mir
sagte anstatt meiner und mir zum Trote:
Ich danke Ihnen, Herr Rochester, für Ihre große Güte. Ich
freue mich außerordentlich, zu Ihnen zurückzukommen, und wo
Sie auch sein mögen, da bin ich zu Hause, da allein.
Ich schritt so rasch weiter, daß er, hätte er auch gewollt, mich
doch kaum einzuholen vermocht hätte. Die kleine Aele war
fast außer sich vor Freude, als sie mich wiedersah. Frau Fairfax
empfing mich mit ihrer gewohnten, ungekünstelten Freundlich-
keit. Leah lächelte, und selbst Sophie wünscte mir freudig
bon soir. Alles dies war sehr angenehm; es gibt kein Glück
wie das, von seinen Mitmenschen geliebt zu werden und zu
fühlen, dafß unsere Gegenwart ihr Glück und ihre Behaglichkeit
steigert.
An dem Abend verschloß ich meine Augen absichtlich gegen
die Zukunft. Ich verstopfte meine Ohren vor der Stimme, die
mich unaufhörlich warnte vor naher Trennung und bevorstehen-
dem Kummer. Als wir unsern Tee getrunken und Frau Fairfay
ihr Strichkzeug genommen, ich aber mich neben sie auf einen
niedern Stuhl gesetzt hatte und Adele vor mir auf dem Teppich
kniete und ein Gefühl gegenseitiger Zuneigung uns mit einem
Ringe goldenen Friedens zu umgeben schien, da ließ ich zum
Himmel ein stilles Gebet aufsteigen, daß wir nicht weit und
nicht bald auseinanderkommen möchten. Und als dann Herr
Rochester unangemeldet eintrat und Vergnügen zu finden schien
an dem Schauspiel einer so freundschaftlichen Gruppe; als er
fagte, er glaube, die alte Dame werde nun recht froh und
wieder in ihrem Elemente sein, da sie ihre Adoptivtocter wieder-
habe, und hinzusette, er sehe, daß Adele bereit sei, a croquer
sa petite maman anglaise, da wagte ich es, halb und halb
zu hoffen, er würde uns auch nach seiner Heirat unter seinem
Schutze irgendwo beisammen lassen und uns aus dem Sonnen-
schein seiner Gegenwart nicht ganz und gar verbannen.
Eine vierzehntägige zweifelhafte Ruhe folgte auf meine Rück-
kehr nach Thornfield Hall. Es verlautete nichts von der Hoch-
zeit des Herrn, und ich sah auch keine Anstalten dazu treffen.
Fast jeden Tag fragte ich Frau Fairfax, ob sie schon etwas
Bestimmtes gehört, und ihre Antwort fiel immer verneinend aus.
Einmal, sagte sie, habe sie wirklich an Herrn Rochester die
Frage gerichtet, wann er seine Braut heimzuführen gedächte;
allein er habe ihr nur mit einem Scherze und einem seltsamen
Blicke geantwortet, und sie könne nicht klar aus ihm werden.
Eines überraschte mich, Herr Rochester machte nie einen
Besuch in Ingram-Park, dem Wohnsitz seiner Braut, wohin er
in einigen Stunden reiten konnte. Ich fing an, wieder in
Hoffnungen zu schwelgen, die Heirat sei wieder aufgegeben, das
Gerücht sei falsch gewesen, einer oder beide Teile hätten sich
eines andern besonnen. Ich pflegte meinen Herrn zu beobachten,
ob er traurig oder grimmig aussehe, aber ich konnte mich keiner
Zeit erinnern, wo er so gleichmäßig frei von Trübsinn oder
zornigen Gefühlen gewesen wäre. War ich in den Augenblicken,
die ich mit meiner Schülerin bei ihm zubrachte, niedergeschlagen
und mutlos --- was unausbleiblich war, so wurde er sogar
heiter. Noch nie hatte er mich so oft zu sich rufen lassen, noch
nie hatte er sich bei solchen Anlässen freundlicher gegen mich
gezeigt, - und ach, noch nie hatte ich ihn so von ganzer Seele
geliebt!
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Am Abend vor dem Johannistage war Adele, die im Walde
den ganzen Tag wilde Erdbeeren gepflückt hatte, todmüde mit
Sonnenuntergang zu Bett gegangen. Ich blieb bei ihr, bis sie
eingeschlafen war, und begab mich dann in den Garten hinab.
Es war jetzt die lieblichste Stunde von den vierundzwanzig;
vorbei war des Tages Glutfeuer, und ein kühler Tau fiel auf
die düstere Ebene und die ausgedörrten Höhen. Wo die
Sonne am wolkenlosen Himmnel untergegangen war, breitete
sich ein Purpurmeer über dad halbe Firmament aus. Der Osten
hatte einen eigentümlichen Reiz in seinem schönen tiefen Blau
und als bescheidenen Edelstein einen aufgehenden einsamen
Stern; bald sollte auch dort der Mond in seiner Pracht erglänzen, aber er war noch unter dem Horizont.
Ich ging auf dem Steinpflaster eine Weile auf und ab, aber
ein feiner, mir wohlbekannter Geruch --- der einer Zigarre ---
kam aus irgend einem Fenster hervor, vielleicht war es das
Fenster des Bibliothekzimmers, das eine Hand breit offen stand.
Ich wußte, daß ich von dort beobachtet werden konnte, und
ging daher nach einer andern Seite in den Obstgarten. Kein
Winkel in dem ganzen Park war besser geschützt und mehr
einem Eden gleich, er war voller Bäume und blühender Zierpflanzen; eine sehr hohe Mauer trennte ihn von dem Hofraume
auf einer Seite, auf der andern Seite schied ihn eine Buchenallee von dem Rasenplate ab. Im Hintergrunde befand sich
ein verfallener Zaun, der ihn allein von den einsamen Feldern
sonderte. Ein gekrümmter Weg, von Lorbeerbäumen eingefaßt
und von einem riesigen, wilden Kastanienbaum abgeschloßen,
an dessen Fuß ringsumher eine Bank angebracht war, führte
hinab zu dem Zaune. Hier konnte man auf und ab wandeln,
ohne gesehen zu werden. Während solch ein Honigtau fiel,
solch eine Stille herrschte, solch eine Dämmerung allmählich
niedersank, kam es mir vor, als könnte ich auf immer in solch
einem Schatten verweilen. Wie ich aber durch die Blumenbeete
gehe, dringt abermals der angenehme Geruch zu mir. Dieser
Geruch kann nur von Herrn Rochesters Zigarre herrühren. Ich
Blicke umher und horche. Ich sehe Bäume, beladen mit reifen
den Früchten. Ich höre eine Nachtigall in einer Entfernung
von einigen hundert Schritten ihren Gesang anstimmen; es ist
keine Gestalt sichtbar, die sich bewegt, kein Schritt läßt sich
hören, der sich nähert, aber der feine Geruch wird stärker, ich
muß mich flüchten. Ich eile zu dem Pförtchen hin, das zu der
Eingangsallee führt, und sehe Herrn Rochester hineingehen.
Ich trete auf die Seite unter die Efeunische, er wird bald
dahin zurückgehen, wo er hergekommen ist, und wenn ich mich
hier nicht rühre, so wird er mich nicht sehen.
Aber nein, die Abendzeit ist für ihn so angenehm, und der
altertümliche Garten so anziehend, wie für mich; er schlendert
umher, hebt bald die Zweige der Stachelbeerstauden empor, um
sich die pflaumengroßen Beeren anzusehen, bald pflückt er eine
reife Kirsche von der Mauer, bald bückt er sich zu einem Haufen
Blumen nieder, um ihren Duft einzuatmen oder um die
Tauperlen auf ihren Blättern zu bewundern. Ein großer Nachtfalter schwärmt summend an mir vorbei, er läßt sich auf einer
Pflanze zu Herrn Rochesters Füßen nieder, der ihn sieht und
sich bückt, um ihn zu beobachten.
Jetzt kehrt er mir den Rücken zu, dachte ich, vielleicht kann
ich unbemerkt entschlüpfen, wenn ich leise gehe.
Ich trat auf einen Rasenrand, damit das Knirschen des
kieseligen Grobsandes mich nicht verraten möchte; er stand
zwischen den Beeten einige Schritte von der Stelle, wo ich
vorüber mußte, und betrachtete offenbar den Nachtfalter recht
angelegentlich.
Ich werde ganz gut vorüberkommen, dachte ich.
Als ich seinen Schatten, den der noch nicht hochstehende Mond
weit über den Garten warf, überschritt, sagte er ruhig und ohne
sich umzuwenden:
Jane, kommen Sie hierher und sehen Sie sich diesen Kerl an!
Ich hatte kein Geräusch gemacht, auch hatte er hinten keine
Augen --- konnte sein Schatten fühlen? Ich stutzte anfänglich,
näherte mich dann aber.
Sehen Sie sich doch die Flügel an, sagte er, er erinnert mich
fast an einen westindischen Schmetterling, man sieht nicht oft
einen so prächtigen Nachtfalter in England. Jetzt fliegt er fort.
Der Nachtfalter schwärmte weite, und ich machte ebenfalls
einen schüchternen Versuch, davonzugehen, aber Herr Rochester
folgte mir und sagte, als wir dad Pförtchen erreichten:
Kehren Sie um; in einer so lieblichen Nacht ist es unverzeihlich, wenn man in seiner Stube sitzen bleibt.
Es ist einer meiner Fehler, daß, obgleich meine Zunge zuweilen
rasch genug eine Antwort findet, es Zeiten gibt, wo es ihr
nicht glücken will, eine Entschuldigung, einen Vorwand vorzubringen, und immer versagt sie mir ihren Dienst in irgend
einem kritischen Augenblicke, wo ein leicht hingeworfenes Wort
mich aus einer peinlichen Verlegenheit ziehen würde.
Ich hatte keine große Lust, um diese Stunde allein mit Herrn
Rochester in dem schattigen Garten auf- und abzugehen,
allein ich konnte keinen Grund anführen, um eine Flucht zu
rechtfertigen. Ich folgte langsamen Schrittes und nahm alle
meine Denkkraft zusammen, um ein Mittel zu finden, wie ich
von ihm loskommen könnte. Er aber sah so ruhig und so ernst
aus, daß ich mich meiner Verlegenheit schämte; das Böse --
wenn es sich um etwas Böses handelt --- lag nur in mir, sein
Geist war unbefangen.
Jane, fing er wieder an, als wir in den Lorbeergang traten
und langsam auf den verfallenen Zaun zugingen, nicht wahr,
Thornfield ist ein angenehmer Ort im Sommer?
Ja, Herr Rochester.
Sie müssen das Haus einigermaßen liebgewonnen haben,
Sie, die Sie ein Auge für Naturschönheiten besitzen.
Ja, in der Tat, ich bin anhänglich an Thornfield.
Und obgleich ich nicht begreife, wie die Sache zugeht, sehe ich
doch, daß Ihnen das dumme kleine Ding, Adele, auch nicht
ganz gleichgiltig ist, ja Sie haben sogar zu der sehr einfachen
Frau Fairfax eine Zuneigung gefaßt.
Gewiß, Herr Rochester, ich bin beiden, wenn auch in verschiedener Weise, zugetan.
Und Sie würden sich ungern von ihnen trennen?
Es würde mir leid tun.
Schade! sagte er, seufzte und schwieg. So geht es immer in
diesem Leben, fuhr er nacheiner Weile fort; kaum haben wir
uns an einem angenehmen Ruheplatz niedergelassen, so ruft
uns auch schon eine Stimme zu, aufzustehen und weiterzugehen,
da die Ruhestunde vorüber sei.
Muß ich weiter, Herr? fragte ich. Muß ich Thornfield verlassen?
Ich glaube, Sie müssen es, Jane. Es tut mir wehe, Jane,
allein ich glaube in der Tat, Sie müssen.
Es war ein harter Schlag, allein ich ließ mich dadurch nicht
ganz niederdrücken.
Ich werde bereit sein, wenn der Befehl zum Abmarsch kommt.
Er ist schon da, ich muß ihn noch diesen Abend geben.
Sie wollen sich also verheiraten, Herr Rochester?
Ganz richtig --- ja --- ganz richtig, mit Ihrer gewohnten
Scharfsicht haben Sie den Nagel gerade auf den Kopf getroffen.
Bald?
Sehr bald, meine, --- ich wollte sagen, Fräulein Eyre, und
Sie werden sich erinnern, Jane, das erstemal, als ich oder das
Gerücht Ihnen mit nackten Worten zu verstehen gab, wie es
meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken unter das
heilige Joch zu beugen, mit einem Wort, Fräulein Blanche an
meinen Busen zu nehmen; nun gut, was wollte ich doch sagen.
so hören Sie mich an, Jane! Sie drehen doch Ihren Kopf nicht
um, um noch nach einem andern Nachtfalter zu sehen? Ich
möchte Sie daran erinnern, daß Sie es waren, die mir zuerst
mit lobenswerter Besonnenheit, mit einer, Ihrer abhängigen
Stellung angemessenen Klugheit und Bescheidenheit sagte, daß,
im Falle ich Fräulein Ingram heiratete, es für Sie und die
kleine Adele besser wäre, sich sofort zu entfernen. Ich will gar
nicht davon reden, daß dem Charakter meiner Geliebten durch
diesen Wink, sozusagen, ein Fleck angehängt wird; in der
Tat, Jane, wenn Sie weit fort sind, will ich ihn vergessen und
nur Ihren guten Rat befolgen, Adele in eine Schule zu tun.
Und was Sie betrifft, Fräulein Eyre, so müssen Sie sich nach
einer andern Stelle umsehen.
Ja, ich will es sogleich in die Zeitung rücken lassen; und
unterdessen --- ich wollte eben sagen: ich darf doch hier
bleiben, bis ich ein anderes Obdach gefunden habe; aber ich
hielt inne, da ich keinen langen Satz wagen durfte, wenn ich
meine Stimme beherrschen wollte.
Etwa in einem Monate hoffe ich Bräutigam zu sein, fuhr
Herr Rochester fort; und unterdessen werde ich mich selbst nach
einer Stelle und einem Obdach für Sie umsehen.
Ich danke Ihnen, Herr Rochester, es tut mir leid, Ihnen
so viel Mühe ---
O, Sie brauchen gar keine Entschuldigungen vorzubringen!
Ich bin der Ansicht, daß, wenn eine Untergebene ihre Pflicht
so gut tut, wie Sie, sie eine Art Recht hat, von ihrem Arbeitgeber einigen Beistand zu erwarten, wofern er diesen in passen
der Weise, und ohne sich zu schaden, zu leisten vermag. In
der Tat habe ich auch von meiner zukünftigen Schwiegermutter
gehört, daß eine Stelle wo offen wäre, die für Sie passen
dürfte. --- Sie hätten dort die Erziehung der fünf Töchter der
Frau Dionisius O'Gall von Bitternutt Lodge, Connaught,
Irland, zu übernehmen. Wahrscheinlich lieben Sie Irland,
die Leute dort sind so warmherzig, sagt man.
Es ist aber fürchterlich weit von hier.
Macht nichts --- ein Mädchen von Ihrem Verstande wird
nichts einzuwenden haben gegen die Reise oder die Entfernung.
Wohl nichts gegen die Reise, aber gegen die Entfernung, und
dann ist auch das Meer eine Schranke ---
Die Sie trennt, wovon, Jane?
Von England und von Thornfield, und ---
Nun?
Von Ihnen, Herr Rochester!
Ich sagte dies fast unwillkurluch, und ebenso unwillkürlich
entstürtzten Tränen meinen Augen. Indessen weinte ich nicht
so laut, daß man es hören konnte; ich schluchzte wenigstens nicht.
Es ist sehr weit von hier, wiederholte ich.
Das ist wohl wahr; und wenn Sie einmal in Bitternutt Lodge,
Connaught, Irland, sind, so werde ich Sie nie wiedersehen,
Jane, das ist eine moralische Gewißheit. Ich gehe nie nach
Irland hinüber, da ich in das Land nicht eben vernarrt bin.
Wir sind gute Freunde gewesen, Jane, nicht wahr?
Ja, Herr Rochester.
Und wenn Freunde im Begriffe sind, voneinander zu scheiden,
so bringen sie gern die wenige Zeit, die ihnen noch übrig
bleibt, bei einander zu. Kommen Sie, wir wollen ein halbe
Stündchen in aller Ruhe über die Reise und den Abschied
sprechen, während die Sterne dort am Himmel in ihr glänzendes
Leben eintreten. Hier ist ein Kastanienbaum, hier an seiner
alten Wurzel die Bank. Kommen Sie, wir wollen uns heute
abend gemütlich dorthin setzen, wenn wir auch nach der Fügung
des Schicksals ferner nie mehr dort sitzen sollten.
Und wir setzten uns.
Ed ist eine gute Strecke Wegs nach Irland, Jane, und es
tut mir leid, meiner kleinen Freundin eine so beschwerliche
Reise zumuten zu müssen; wenn ich es aber nicht anders machen
kann ---! Glauben Sie nicht, Jane, daß Sie ein mir einigermaßen verwandtes Wesen sind?
Ich konnte in diesem Augenblicke keine Antwort heraufbringen,
mein Herz war zu voll.
Ich habe nämlich, sagte er, zuweilen ein sonderbares Gefühl,
wenn Sie in meiner Nähe sind, wie jetzt, es ist, als hätte ich
unter meinen linken Rippen eine Saite, die fest und unauflöslich verknüpft ist mit einer andern Saite in dem entsprechenden Teile Ihrer kleinen Gestalt. Und wenn das stürmische
Meer und dann noch einige Tagereisen Landes zwischen uns
liegen, so fürchte ich, daß die Saite abreißen und ich mich verbluten würde. Sie aber werden mich wohl leicht vergessen.
Nie, Herr Rochester! Sie wissen --- ich konnte nicht fortfahren.
Jane, hören Sie jene Nachtigall dort im Gehölz? --- Horchen
Sie!
Indem ich so horchte, schluchzte ich krampfhaft, ich mußte dem
Schmerz nachgeben und wurde davon vom Kopf bis zu den
Füßen aufs heftigste erschütttert. Als ich wieder sprach, war es
nur, um den ungestümen Wunsch auszusprechen, nie auf der
Welt gewesen, oder nie nach Thornfield gekommen zu sein.
Weil es Ihnen so leid tut, es verlassen zu müssen.
Die Heftigkeit der durch Liebe und Kummer in mir erregten
Gemütsbewegung errang jetzt völlig die Herrschaft über mich und
zwang mich zu reden:
Es macht mir Kummer, von Thornfield scheiden zu müssen;
ich liebe Thornfield; ich liebe es, weil ich hier ein volles und
frohes Leben, wenigstens eine Zeit lang, geführt habe. Ich bin
nicht mit Füßen getreten worden. Man hat mich nicht mit
untergeordneten Geistern lebendig begraben, hat mich nicht von
jedem Verkehr mit allem, was glänzend, kraftvoll und erhaben
ist, ausgeschlossen. Ich habe von Antlitz zu Antlitz mit dem
gesprochen, was ich verehre, mit dem, was mir Entzücken macht,
mit einem originellen, starken, reich entwickelten Geiste. Ich habe
Sie, Herr Rochester, kennen gelernt, und ich bin von Schrecken
und Angst erfüllt, wenn ich daran denke, daß ich auf immer
von Ihnen getrennt werden soll. Ich sehe wohl, daß ich gehen
muß, und bei dieser Notwendigkeit ist mir zu Mute, als wenn
ich den Tode ins Auge schauen müßte.
Wo sehen Sie die Notwendigkeit? fragte er plötzlich.
Nun, in Ihrer Braut.
Meiner Braut! Ich habe keine Braut!
Aber Sie werden eine haben.
Ich! --- werde --- werde!
Er biß seine Zähne zusammen.
Dann muß ich also gehen, Sie selbst haben es gesagt.
Nein, Sie müssen dableiben! Ich schwör' es --- und der Eid
soll gehalten werden.
Ich sage Ihnen aber, ich muß gehen! versetzte ich beinahe
zornig. Glauben Sie, ich könne da bleiben, um ein Nichts für
Sie zu werden? Glauben Sie, ich sei ein Automat, eine gefühllose Maschine, ich könne es ertragen, wenn man mir mein
Stückchen Brot von den Lippen reißt und mir meinen Tropfen
lebendigen Wassers aus dem Becher schlägt? Glauben Sie, ich
sei herz- und gefühllos, weil ich arm, klein und weder von
hoher Herkunft bin, noch auf meine Gestalt stolz sein kann?
Sie irren sich! --- ich habe so viel Seele, wie Sie, --- und
ebenso viel Herz! Und hätte mich Gott mit einiger Schönheit und großem Reichtum beschenkt, so würde ich es Ihnen
ebenso schwer gemacht haben, mich zu verlassen, als es jetzt für
mich ist, von Ihnen zu scheiden. Ich spreche jetzt nicht mit
Ihnen durch das Medium des Herkommens und der Sitte, ja
nicht einmal des sterblichen Fleisches --- es ist mein Geist, der
mit Ihrem Geiste redet, gerade als ob beide schon durch die
Grabespforten gegangen wären und vor Gott stünden, vor dem
wir gleich sind.
Vollständig gleich! bekräftigte Herr Rochester, --- so, setze er
hinzu, indem er mich mit seinen Armen umfaßte, mich an seine
Brust drückte und seine Lippen auf die meinigen preßte, so,
Jane!
Ja, so, versetzte ich, und doch nicht so, denn Sie sind
verheiratet --- oder doch so gut wie verheiratet, und zwar
aun eine, die nicht so hochsteht, wie Sie --- an eine, an die
Sie keine Seelenverwandtschaft bindet --- an eine, die Sie
doch kaum wahrhaft lieben können; denn ich habe Sie ja über
sie spotten hören. Ich würde eine solche Verbindung mit Hohn,
mit Verachtung zurückweisen, und darum bin ich besser, als
sie, lassen Sie mich gehen!
Wohin, Jane? Nach Irland?
Ja, nach Irland. Ich habe mich ausgesprochen und kann
daher nun überall hingehen.
Jane, seien Sie doch ruhig; schlagen Sie nicht so um sich,
wie ein wütendes Vögelchen, das in seiner Verzweiflung sein
eigenes Gefieder zerreißt.
Ich bin kein Vogel, und kein Netz hält mich gefangen; ich
bin ein freies menschliches Wesen mit einem unabhängigen Willen,
von deu ich nun Gebrauch mache, um Sie zu verlassen.
Noch eine Anstrengung, und ich war frei, ich stand gerade
vor ihm.
Und Ihr Wille soll Ihr Geschick bestimmen, sagte er, ich biete
Ihnen meine Hand, mein Herz und einen Teil meines ganzen
Vermögens an.
Sie spielen da eine Komödie, über die ich bloß lachen kann.
Sie sollen mit mir durchs Leben gehen, --- Sie sollen mein
zweites ich, mein bester Freund hienieden sein.
Was das betrifft, so haben Sie bereits Ihre Wahl getroffen
und müssen dabei bleiben.
Jane, seien Sie einige Augenblicke still! Sie sind übermäßig
aufgeregt; auch ich will still sein.
Ein Wind wehte mit einemmal den Lorbeergang daher und
bebte durch die Aeste des Kastanienbaums, er wanderte dahin
--- dahin --- in eine unendliche Ferne --- und erstarb. Der
Gesang der Nachtigall war nun die einzige Stimme des Augenblicks; indem ich ihr zuhörte, weinte ich abermals. Herr Rochester
saß ruhig da, mich sanft und ernsthaft Anblickend.
Es verging einige Zeit, ehe er sprach; endlich sagte er:
Kommen Sie an meine Seite, Jane, damit wir uns gegenseitig aussprechen und uns miteinander verständigen.
Ich gehe nie wieder an Ihre Seite; ich bin nun von Ihnen
losgerissen und kann nicht mehr zurück.
Aber, Jane, ich fordere Sie für mich als meine Frau, Sie
allein habe ich im Sinne zu heiraten.
Ich schwieg und dachte, er wolle meiner spotten.
Kommen Sie, Jane --- kommen Sie hierher!
Ihre Braut steht zwischen uns.
Er stand auf und erreichte mich mit einem großen Schritte.
Meine Braut ist hier, sagte er und zog mich wieder zu sich
hin, weil hier ein mir ebenwürdiges, mir gleichartiges Wesen ist.
Jane, wollen Sie mich heiraten?
Immer noch antwortete ich nicht, und immer noch suchte ich
mich aus seinen Händen loszuwinden, denn ich war immer noch
ungläubig.
Haben Sie denn gar kein Vertrauen zu mir?
Gar keins.
So bin ich denn ein Lügner in Ihren Augen? fragte er
zornig. Kleine Zweiflerin, Sie sollen überzeugt werden. Welche
Liebe habe ich zu Blanche? Keine; und das wissen Sie.
Welche Liebe hat sie zu mir? Keine; wie ich mir die Mühe
gegeben habe festzustellen. Ich ließ ein Gerücht ausstreuen,
daß mein Vermögen nicht ein Drittel von dem vermuteten
Betrage erreiche, und ging dann selbst hin, um das Resultat
zu sehen, es war Kälte von ihrer und ihrer Mutter Seite. Ich
will und kann Fräulein Blanche nicht heiraten. Sie --- Sie
sonderbares --- Sie für diese Erde viel zu gutes Wesen! ---
Sie liebe ich, Sie --- arm und niedrig, klein und schlicht, wie
Sie sind, --- Sie bitte ich, mich zum Manne zu nehmen!
Was, mich? rief ich, indem ich seines ernsthaften und ins
besondere seines rauhen Tones halber anfing, an die Aufrichtigkeit
seines Gebarens zu glauben; mich, die ich auch nicht einen Freund
auf der Welt besitze, Sie ausgenommen --- die ich keinen Schilling
besitze, es sei denn, was Sie mir gegeben?
Sie, Jane! Sie muß ich haben, --- ganz haben. Wollen
Sie die Meinige sein? Sagen Sie 'Ja', geschwind!
Herr Rochester, lassen Sie mich in Ihr Gesicht Blicken; wenden
Sie sich um, dem Monde zu!
Warum?
Weil ich Ihre Gedanken in Ihrem Gesichte lesen möchte.
Wenden Sie sich um!
Da! Sie werden es aber kaum leserlicher finden, als ein
zerknittertes, zerrissenes Blatt. Lesen Sie weiter, nur beeilen
Sie sich, denn ich leide schwere Pein!
Sein Gesicht war verstört und stark gerötet; in den Augen
funkelte ein seltsamer Glanz.
O Jane, Sie foltern mich! rief er. Mit diesem prüfenden
und doch großherzigen Blicke foltern Sie mich!
Wie kann ich das? Haben Sie die Wahrheit gesprochen, ist
Ihr Anerbieten ein ernstliches, so müssen meine einzigen Gefühle gegen Sie Dankbarkeit und Hingebung sein, und die können
nicht foltern.
Dankbarkeit! brauste er wild auf. Jane, nehmen Sie meine
Hand geschwind an. Sagen Sie: Eduard, ich will dich heiraten.
Ist das Ihr Ernst? --- Lieben Sie mich wirklich? --- Wollen
Sie mich aufrichtig zu Ihrem Weibe haben?
Ja, und wenn ein Eid notwendig ist, um Ihnen Gewißheit
zu verschaffen, so schwöre ich einen solchen.
Dann will ich Sie heiraten.
Eduard! --- Mein Weibchen!
Komm her zu mir, ganz nahe, sagte er, und setzte, mir ins
Ohr sprechend, in seinem tiefsten Tone, während er seine Wange
an die meinige preßte, hinzu:
Mache mich glücklich, so mache ich dich glücklich.
Möge Gott mir vergeben, sagte er nach einer Weile weiter,
und mögen die Menschen mich unbehelligt lassen, ich habe dich
und will dich festhalten.
Es ist niemand da, der sich darein zu mischen hätte. Ich habe
keine Verwandten, die Einsprache erheben könnten.
Nein --- das ist das Beste an der Sache, sagte er.
Hätte ich ihn weniger geliebt, wäre es mir aufgefallen, wie
wild in seinem Triumphe seine Stimme klang und sein Auge
blickte, aber neben ihm sitzend, von dem Alp des Scheidens befreit --- in das Paradies der Verbindung mit ihm gerufen, ---
dachte ich bloß an die Wonne, die ich in solchem Uebermaße
schlürfen durfte.
Aber und abermals sagte er: Bist du glücklich, Jane? Und
aber und abermals antwortete ich: Ja.
Dann murmelte er die Worte:
Das wird eine Sühne sein --- ja eine Sühne. Habe ich sie
doch aller Freunde beraubt und unglücklich gefunden! Und ich
will sie ja schützen, lieben, trösten. Ja, vor dem Richterstuhl
Gottes wird es als die rechte Sühne gelten. Ich weiß, mein
Schöpfer heißt gut, was ich tue. Und was das Urteil der Welt
betrifft -- so kehre ich mich nicht daran.
Aber was ging denn mit einem Male in der Natur vor?
Der Mond war noch nicht untergegangen, und doch saßen wir
ganz im Dunkeln; kaum vermochte ich meines Geliebten Gesicht
zu erkennen. Und was fehlte dem Kastanienbaume? Er wand
und bog sich und stöhnte, während der Wind in dem Lorbeergange sauste und über uns hinwegfuhr.
Wir müssen hinein, sagte Herr Rochester. Das Wetter
ändert sich. Ich hätte mit dir bis an den Morgen so dasitzen
können, Jane.
Und ich mit dir, dachte ich.
Vielleicht hätte ich diesen Gedanken auch ausgesprochen, wäre
nicht in dem Augenblicke ein bleifarbiger, blendender Funken
aus einer Wolke gefahren und ein furchtbares Krachen gefolgt. Ich dachte nur daran, meine geblendeten Augen an
Rochesters Schultern zu verbergen. Der Regen rauschte herab.
Ich mußte mit ihm eilends durch den Park hin, ins Haus; wir
waren aber ganz naß, noch ehe wir die Schwelle des Hauses
erreichen konnten. In der Halle nahm er mir den Schal ab
und strich das Wasser von meinen aufgelösten Haaren, als
Frau Fairfax aus ihrem Zimmer herauskam. Ich bemerkte sie
anfänglich nicht und ebensowenig Rochester. Die Lampe war
angezündet. Es konnte jeden Augenblick zwölf Uhr schlagen.
Lege eilends deine nassen Kleider ab, sagte er; und gute
Nacht, --- gute Nacht, mein Engel!
Er küßte mich zu wiederholten Malen. Als ich mich seinen
Armen entwand, zeigte sich meinen Blicken die Gestalt der
Witwe, die uns blaß, ernst und mit höchlich erstauntem Ausdruck
betrachtete. Ich lächelte ihr bloß zu und lief die Treppe
hinauf.
Die Erklärung wird ein anderesmal erfolgen, dachte ich.
Doch war mir, als ich mein Zimmer erreichte, der Gedanke sehr
peinlich, daß sie nur einen Augenblick das, was sie gesehen,
falsch deuten könnte. Aber die Freude verdrängte bald jedes
andere Gefühl; und wie laut auch der Wind blies, wie nahe
auch der Donner rollte, wie wild und wie oft auch die
Blitze zuckten, wie gewaltig auch der Regen zwei Stunden lang
herabströmte, so blieb mir doch alle Furcht fern. Rochester
kam während des Gewitters dreimal an meine Tür, um zu
fragen, ob mir nichts zugestoßen sei, ob ich mich nicht ängstigte.
Mehr brauchte ich nicht, um mich behaglich und glücklich zu
fühlen.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Als ich aufstand und mich ankleidete, dachte ich über das
Geschehene nach; es däuchte mir alles nur ein Traum. Ich
konnte mir von dem Geschehenen so lange keine Gewißheit
verschaffen, als ich Rochester nicht wiedergesehen und aufs
neue seine Worte der Liebe gehört hatte.
Während ich mir die Haare machte, betrachtete ich im Spiegel
mein Gesicht und sah, daß es nicht mehr so unschön war. Es lag
Hoffnung in seinem Ausdruck und Leben in seiner Farbe;
meine Augen sahen aus, als hätten sie die Quelle der Freude
geschaut. Ich hatte oft meinen Herrn nicht Anblicken mögen,
weil ich fürchtete, es möchte ihm mein Aussehen nicht gefallen;
nun aber hielt ich es für ausgemacht, daß ich mein Angesicht
zu dem seinigen erheben durfte, ohne eine Abkühlung seiner
zärtlichen Liebe befürchten zu müssen. Ich nahm ein einfaches,
aber leichtes Sommerkleid aus meinem Schranke und zog es
an. Es schien mir, als habe mir noch nie ein Kleid so gut
gestanden, und dies nur, weil ich mich noch nie in einem solchen
Wonnerausch befunden hatte.
Ich war nicht überrascht, als ich sah, daß ein sonnenheller
Junimorgen auf das Gewitter der Nacht gefolgt war. Mußte
doch, da ich so glücklich war, auch die Natur froh und heiter
sein. Eine Bettlerin und ihr Kind, beide bleich und zerlumpt,
kamen den Weg herauf, und ich lief hinab, um ihnen alles
Geld, das ich gerade in meiner Börse hatte --- drei oder vier
Schillinge --- zu geben, ob gute Menschen oder Gesindel, sie
sollten an meiner Fröhlichkeit teilnehmen. Die Dohlen krächzten,
und lustigere Vögel sangen; nichts aber war so heiter und wohltönend, wie mein eigenes frohlockendes Herz.
Es wunderte mich, daß Frau Fairfax so trauervoll aussah
und in so ernstem Tone sprach, als sie mich durch das Fenster
hereinrief.
Fräulein Eyre, wollen Sie zum Frühstück kommen?
Während des Essens war sie ruhig und kalt, aber ich konnte
sie jetzt nicht aus ihrem Irrtum ziehen. Ich mußte auf meinen
Verlobten warten, damit er mir Anweisung gebe, und so lange
mußte auch sie sich gedulden. Ich aß, so gut es anging, und
dann eilte ich die Treppe hinauf. Ich traf mit Adele zusammen,
die aus dem Schulzimmer kam.
Wohin? Es ist jetzt Zeit zu lernen.
Herr Rochester hat mich in die Kinderstube geschickt.
Wo ist er?
Dort drinnen, erwiderte sie, auf das Zimmer deutend, aus
dem sie kam; ich ging hinein, und da stand er.
Komm und sag mir guten Morgen, begrüßte er mich. Freudig
ging ich auf ihn zu, da ich nun kein kaltes Wort mehr, auch
keinen bloßen Händedruck erhielt, sondern einen Kuß und eine
Umarmung. Es war so wohltuend, so von ihm geliebt, so
geliebkost zu werden.
Jane, du siehst blühend, vergnügt und hübsch aus, sagte er,
wahrhaft hübsch diesen Morgen. Ist das meine blasse, kleine
Elfe dieses kleine Mädchen mit dem sonnigen Gesichte, mit dem
Grübchen in der Wange, mit den rosigen Lippen, dem seidenglatten, nußbraunen Haar und den nußbraunen, glänzenden
Augen?
Ich hatte grüne Augen, aber für ihn hatten sie eine neue
Farbe erhalten.
Ja, es ist Jane Eyre!
Die bald Jane Rochester sein wird, setzte er hinzu. In vier
Wochen, Jane; nicht einen Tag mehr. Hörst du?
Ich hörte es und konnte es nicht recht begreifen; es machte
mich schwindlig. Das Gefühl, das diese Worte in mir hervorriefen, war stärker, als sich mit der Freude vertrug, --- war
etwas Betäubendes, Erschütterndes, Ueberwältigendes, es war,
wie ich glaube, fast Furcht.
Du bist rot geworden, und jetzt bist du wieder blaß, Jane;
weshalb?
Weil du mir einen neuen Namen gegeben, mich Jane Rochester
genannt hast, und das kommt mir so seltsam vor.
Ja, ja! Frau Rochester, sagte er; die junge Frau Rochester
--- Fairfax Rochesters junge Frau.
Das kann nimmermehr sein, es klingt nicht wahrscheinlich.
Menschliche Wesen erfreuen sich in dieser Welt nie eines ganz
vollkommenen Glückes. Ich bin nicht zu einer andern Bestimm-
ung geboren, als meine Mitmenschen. Der Gedanke, daß ein
solches Los mir zu teil werden könnte, ist ein Feenmärchen ---
ein Traum bei hellem Tage.
Den ich verwirklichen kann und will. Noch heute werde ich
anfangen, ihn zur Wahrheit zu machen. Heute morgen habe
ich an meinen Bankier in London geschrieben, damit er mir
gewisse Juwelen --- Erbstücke für die Damen von Thornfield ---
die er in Verwahrung hat, schickt. Ich hoffe, sie dir binnen
wenigen Tagen in den Schoß schütten zu können; denn jedes
Vorrecht, jede Aufmerksamkeit, die ich einer Pairstochter, wenn
ich sie heiraten sollte, bewilligen würde, soll dir zu teil werden.
O, --- sprich doch nicht von Juwelen! Ich höre so etwas
nicht gern. Juwelen für Jane Eyre --- klingt unnatürlich und
seltsam; ich möchte sie lieber nicht haben.
Ich will die Diamantenschnur selbst um deinen Nacken, das
Diadem selbst um deine Stirn legen, --- und beide werden dir
gut stehen; denn die Natur wenigstens hat dir, Jane, ihr Adelspatent auf die Stirn gedrückt; und ich will die Armbänder
um diese zarten Handgelenke befestigen und diese Feenfinger mit
Ringen beladen.
Nicht doch! Denke an andere Dinge und sprich von etwas
anderem und in anderer Weise. Sprich nicht zu mir, als ob
ich eine Schönheit wäre.
Du bist in meinen Augen eine Schönheit ganz nach dem
Wunsche meines Herzens, --- zart, ätherisch.
Schmächtig, klein, unbedeutend, willst du sagen. Du träumst
--- oder du spottest. Um Gotteswillen, sei nicht ironisch!
Ich will es auch dahin bringen, daß die Welt dich als
Schönheit anerkennt, fuhr er fort, während ich mich bei dem
Tone, den er angenommen, wirklich ängstigte, denn ich fühlte,
daß er entweder sich täuschte oder mich zu täuschen suchte. Ich
will meine Jane in Atlas und Spitzen kleiden, und sie soll
Rosen in ihrem Haar tragen; und ich will das Haupt, das mir
so unendlich teuer, mit einem kostbaren Schleier bedecken.
Und dann wirst du mich nicht mehr kennen, Eduard, und ich
werde nicht länger Jane Eyre sein, sondern ein Affe in einer
Harlekinsjacke, --- eine Elster mit erborgten Federn. Fast ebenso gern möchte ich dich im Flitterstaat eines Schauspielers sehen,
als mich im Gewande einer Hofdame, und ich nenne dich nicht
schön, Eduard, obgleich ich dich innigst liebe, viel zu innig, um
dir zu schmeicheln. Schmeichele du mir auch nicht!
Indessen ließ er nicht ab und achtete auf meine Bitte nicht.
Noch heute sollst du mit mir nach Millcote fahren, um einige
Kleider für dich auszuwählen. Ich habe dir gesagt, das wir in
vier Wochen Mann und Frau sein werden. Die Trauung soll
dort unten in der Kirche still und ohne Aufsehen stattfinden,
und dann gehen wir sofort nach London. Nachdem wir uns
dort eine kleine Weile aufgehalten, werde ich meinen Schatz in
Gegenden, die der Sonne näher liegen, führen, --- in die Ebenen
Italiens und zu den Weinbergen Frankreichs. Du sollst alles
sehen, was in der alten und neuen Geschichte auf Berühmtheit
Anspruch macht.
Reisen wollen wir?
Nach Paris, Rom und Neapel, Florenz, Venedig und Wien.
Der Boden, den ich durchwandert habe, soll nun auch von dir
betreten werden; überall, wo ich die Spur meines schweren
Fußes zurückgelassen, soll auch dein Sylphidenfuß sich hinsetzen.
Vor zehn Jahren habe ich halb wahnsinnig Europa durcheilt,
mit dem Ekel, dem Haß und der Wut zu Begleitern; jetzt werde
ich es wiedersehen, geheilt und gereinigt, in Gesellschaft eines
Engels.
Ich lachte über ihn, wie er dies sagte.
Ich bin kein Engel, versetzte ich, auch will ich keiner sein, bis
ich sterbe, ich will nur sein, was ich bin. Lieber Rochester, du
mußt nichts Himmlisches von mir erwarten, --- denn du wirst
es nicht bekommen, so wenig, als ich es von dir bekommen werde,
was ich auchgar nicht erwarte.
Was erwartest du von mir?
Eine kurze Zeit wirst du vielleicht so sein, wie du jetzt bist,
eine ganz kurze Zeit, dann wirst du kalt werden, Launen be-
kommen; und dann wirst du ernst und streng werden, und ich
woerde genug zu tun haben, um dir zu gefallen. Wenn du dich
aber ganz an mich gewöhnt hast, wirst du mich vielleicht wieder
leiden können, --- ich sage leiden können, nicht aber, mich lieben.
Deine Liebe wird in sechs Monaten oder noch vorher verraucht
sein. Ich habe in Büchern, die von Männern geschrieben sind,
gelesen, über diesen Zeitraum hinaus erstrecke sich die Glut
eines Ehemanns nie. Indessen hoffe ich, als eine Freundin und
Gefährtin meinem teuren Herrn nie ganz zuwider zu werden.
Zuwider! Und dich wieder leiden können! Ich denke, ich werde
dich immer aufs neue gern haben; und du sollst bekennen, das;
ich dich nicht allein gern habe, sondern daß ich dich liebe ---
feurig, beständig liebe.
Bist du aber dabei nicht launenhaft. Eduard?
Gegen Frauenzimmer, die mir nur durch ihr Gesicht gefallen,
bin ich der leibhaftige Teufel, wenn ich finde, daß sie weder
Seele, noch Herz haben --- wenn sie mir Flachheit, Trivialität
und vielleicht Schwachsinn, Gemeinheit und üble Laune als
ihren Grundton zeigen, aber für das klare Auge und die beredte
Zunge, für die Seele, die aus Feuer geschaffen, und den
Charakter, der sich biegt, aber nicht bricht --- für einen Charakter,
der zu gleicher Zeit fügsam und fest, nachgiebig und konsequent
ist, bin ich stets treu und zärtlich.
Bist du je auf einen solchen Charakter gestoßen? Hast du je
einen solchen geliebt?
ich liebe ihn jetzt.
Aber vor mir, wenn ich wirklich ein solches schwer zu er-
reichendes Ideal in mir darstelle?
Deinesgleichen, Jane, habe ich nie gefunden, du gefällst mir,
und du beherrschst mich --- du scheinst dich zu unterwerfen, und
ich liebe die Fügsamkeit, die du mir mitteilst; und während ich
den sanften, seidenen Strang um meinen Finger winde, verur-
sacht er in meinem Arme ein Zucken, das bis zum Herzen dringt.
Es findet eine Einwirkung auf mich statt --- ich werde besiegt;
und die Einwirkung ist süßer, als ich auszusprechen vermag; und
die Eroberung, die ich über mich ergehen lasse, hat eine größere
Zauberkraft, als irgend ein Triumph, den ich davontragen
kann. Warum lächelst du, Jane? Was soll dieser unerklärliche,
übernatürliche Ausdruck deines Gesichtes bedeuten?
Ich dachte unwillkürlich --- an Herkules und Simson nebst
ihnen Geliebten ---
Ei, du Schelm, du ---
Still, Eduard, du sprichst jetzt eben nicht sehr klug, wie auch
jene Herren nicht besonders klug gehandelt haben. Hätten sie
sich indessen verheiratet, so würden sie ohhne Zweifel durch ihre
Strenge als Ehemänner ihre Milde als Liebhaber wieder gut
gemacht haben. So wird es, fürchte ich, auch bei dir sein.
Ich bin begierig, welche Antwort du mir übers Jahr geben
wirst, wenn ich dich um eine Gunst bitten sollte, deren Gewährung
sich nicht mit deiner Bequemlichkeit oder deinem Vergnügen
verträgt.
Fordere jetzt etwas von mir, Jane --- sei die Sache auch noch
so geringfügig, ich lasse mich gern erbitten.
Das will ich auch, meine Bitte ist schon fertig.
Sprich! Wenn du aber mit dieser Miene zu mir aufsiehst
und mich anlächelst, so schwöre ich, daß ich sie dir gewähren
werde, ehe ich noch weiß, was du willst, und dies wird mich zum
Toren machen.
Ganz und gar nicht; ich bitte dich nur um eines, laß die
Juwelen nicht kommen und kröne mich nicht mit Rosen, du
könntest ebensogut dem einfachen Taschentuch, das du da hast,
einen goldenen Saum geben wollen.
Ich könnte ebensogut geläutertes Gold vergolden wollen ---
ich weiß es. So sei dir denn deine Bitte gewährt --- für jetzt
wenigstens. Ich will den meinem Bankier gegebenen Auftrag
zurücknehmen. Aber du hast noch um nichts gebeten; du hast
nur ein Geschenk nicht annehmen wollen, probiere es noch
einmal.
Wohlan denn, habe die Güte, meine Neugierde über etwas,
das sie seit einiger Zeit aufs äußerste spannt, zu befriedigen.
Er sah mich verstört an.
Was, was? sagte er hastig. Die Neugierde ist eine gefährliche
Bittstellerin. Es ist gut, daß ich mich nicht verbindlich gemacht
habe, jede Bitte zu gewähren.
Es kann ja aber gar keine Gefahr bei der Gewährung dieser
Bitte sein.
Sprich sie aus, Jane; aber ich wollte, du sprächest den Wunsch
aus, mein halbes Vermögen zu besitzen, anstatt vielleicht nach
nichts anderem, als einem Geheimnis zu fragen.
Aber König Ahasverus! wozu brauche ich dein halbes Ver-
mögen? Glaubst du, ich sei ein Wucherer, der sein Kapital in
Grundstücken anzulegen sucht? Viel lieber möchte ich dein
ganzes Vertrauen besitzen. Du wirst mich doch nicht von deinem
Vertrauen ausschließen, wenn du mir in deinem Herzen einen
Platz gönnst?
Mein Vertrauen will ich dir gern schenken, Jane; aber um
Gotteswillen, sehne dich nicht nach Gift --- werde mir nicht zu
einer wahren Eva.
Warum nicht! Soeben hast du mir gesagt, wie angenehm es
für dich sei, überredet zu werden. Glaubst du nicht, ich würde
besser daran tun, wenn ich das Geständnis benutzte und zu
schmeicheln und zu bitten begänne --- im Notfall auch zu weinen
und zu schmollen -- einzig und allein, um meine Macht auf
die Probe zu stellen?
Du brauchst es nur zu probieren. Gehe, soweit du immer
magst, du hast gewonnen Spiel.
Wirklich, Eduard? Du erklärst dich schnell für überwunden,
Wie strenge du nun aussiehst! Deine Augenbrauen sind so
dichk geworden, wie mein Finger, und deine Stirn sieht aus,
wie eine dunkle, gewitterschwangere Wolke. Das wird ihr
Ehemannsaussehen sein, nicht wahr, mein Herr und Gebieter?
Wenn dies einmal dein Blick als Gattin ist, so werde ich als
Christ bald den Gedanken aufgeben, mich mit solch einem
schelmischen Kobold zu vermählen. Aber was wolltest du fragen,
kleines Ding? --- Heraus damit!
Nun bist du weniger als höflich, und soll ich dir die Wahrheit
gestehen? Dein rauhes Wesengefällt mir weit besser als Schmeichelei:
Ich will lieber kleines Ding tituliert werden als Engel. Was
Ich fragen wollte, ist: --- Warum hast du dir so viele Mühe
gegeben, mich glauben zu machen, du wolltest Fräulein Blance
Ingram heiraten?
Ist das alles? Dem Himmel sei gedankt, daß es nichts
Schlimmeres ist!
Und nun glättete sich wieder seine dunkle, gefaltete Stirn; er
blickte nieder zu mir, lächelte mich an und streichelte mein Haar,
als sei er sehr erfreut, eine Gefahr abgewendet zu sehen.
Ich glaube, ich kann es wohl gestehen, fuhr er fort, wenn ich
dich auch etwas böse machen sollte, Jane --- und ich habe
gesehen, was für ein Feuergeist du sein kannst, wenn du unwillig
bist; du glühtest gestern Nacht in dem kühlen Mondlichte, als du
gegen das Schicksal in offene Empörung ausbrachst und deinen
Rang als ein mir ebenbürtiges Wesen geltend machtest. Bei-
läufig gesagt, warst du es, Jane, die mir den Antrag machte.
Natürlich war ich es. Nun aber, wenn's gefällig ist, zur
Sache, zu Fräulein Ingram.
Nun, ich stellte mich, als machte ich Fräulein Ingram den
Hof, weil ich dich so wahnsinnig in mich verliebt machen wollte,
wie ich in dich verliebt war; und ich wußte, die Eifersucht würde
die beste Bundesgenossin sein, die ich zur Förderung und Er-
reichung dieses Zweckes zu Hilfe rufen könnte.
Vortrefflich! Jetzt bist du klein --- nicht um ein bißchen
größer, als die Spitze meines kleinen Fingers. Es war eine
Schmach, ein Skandal, so zu handeln. Galten dir Fräulein
Ingrams Gefühle gar nichts?
Ihre Gefühle vereinigen sich in einem --- im Stolz; der muß
gedemütigt werden. Warst du eifersüchtig, Jane?
Das ist Nebensache. Antworte mir noch einmal aufrichtig.
Glaubst du, Fräulein Ingram wird durch deine unredliche
Koketterie nicht leiden? Wird sie sich nicht grämen?
Unmöglich. Ich habe dir ja gesagt, wie sie mich im Gegenteil
aufgegeben. Der Gedanke an meine Zahlungsunfähigkeit kühlte
ihre Flamme in einem Augenblicke ab, oder richtiger gesagt, er
löschte sie völlig aus.
Also darf ich mich des großen Glücks erfreuen, das mir zu-
gefallen ist, ohne befürchten zu müssen, eine andere werde den
bittern Schmerz empfinden, den ich selbst noch vor kurzem gefühlt
habe?
Ja, das kann mein gutes kleines Mädchen. Es ist kein
zweites Wesen in der Welt, das dieselbe reine Liebe zu mir
hegt, wie du --- denn ich kann meiner Seele, Jane, nicht den
lieblichen Balsam --- den Glauben an deine Liebe -- versagen.
ich näherte meine Lippen der Hand, die auf meiner Schulter
lag. Ich liebte ihn sehr -- mehr, als ich zu sagen wagte ---
mehr, als Worte auszudrücken vermochten.
Verlange noch etwas, sagte er nach einem Augenblicke; es
ist mir eine Wonne, um etwa gebeten zu werden und es
gewähren zu können.
Ich war mit meiner Bitte gleich wieder fertig.
Teile Frau Fairfax deine Absicht mit; sie sah mich gestern
nacht mit dir in der Halle und nahm ein Aergernis. Gib ihr
eine Erklärung, ehe ich sie wiedersehe. Es schmerzt mich, von
einer so guten Frau verkannt zu werden.
Geh auf dein Zimmer und setze dir deinen Hut auf, --- er-
widerte er. Du sollst diesen Morgen mit mir nach Millcote,
und während du dich fertig machst, will ich den Verstand
der alten Dame aufklären.
Ich war bald mit meiner Toilette fertig; und als ich Ro-
chester aus Frau Fairfax' Empfangszimmer herauskommen hörte,
eilte ich hinunter. Die alte Dame hatte, wie jeden Morgen,
einen Abschnitt in der heiligen Schrift gelesen, ihre Bibel lag
offen vor ihr und ihre Brille darauf. Ihre Beschäftigung, die
durch Rochester unterbrochen worden war, schien jetzt ganz ver-
gessen zu sein; ihre auf die gegenüberstehende Wand gehefteten
Augen drückten die Ueberraschung eines ruhigen, durch eine
unerwartete Nachricht erregten Geistes aus. Als sie mich sah,
faßte sie sich wieder einigermaßen; sie strengte sich etwas an,
um zu lächeln, und brachte einige Glückwünsche hervor; aber das
Lächeln erstarb, und die Phrase blieb unbeendigt. Sie legte ihre
Brille zusammen, machte die Bibel zu und schob ihren Stuhl vom
Tische weg.
Mein Erstaunen ist so groß, begann sie, daß ich kaum weiß,
was ich zu Ihnen sagen soll, Fräulein Eyre. Ich habe doch
nicht geschlafen? Bisweilen schlafe ich halb und halb ein, wenn
ich allein dasitze und mir Dinge vorstelle, die sich nie ereignet
haben. Können Sie mir nun sagen, ob es wirklich wahr ist,
daß Herr Rochester Sie um Ihre Hand gebeten? Lachen Sie
mich nicht aus. Aber ich bilde mir wirklich ein, er sei vor fünf
Minuten hereingekommen und habe gesagt, daß Sie in einem
Monate sein Frau sein würden.
Er hat dasselbe auch mir gesagt, entgegnete ich.
Wirklich! Glauben Sie ihm? Haben Sie Ihre Einwilligung gegeben?
Ja.
Sie sah mich ganz verwirrt an.
Das hätte ich mir nie in den Sinn kommen lassen. Ein
so stolzer Mann. Alle Rochesters waren stolz, und sein Vater
wenigstens liebte auch das Geld. Auch hielt man ihn immer
für einen vorsichtigen Mann. Er will Sie demnach heiraten?
So sagte er mir.
Sie maß mich vom Kopf bis zu Fuß; in ihren Augen las ich,
daß sie an meiner Person keinen Reiz gefunden, der mächtig
genug gewesen wäre, um das Rätsel zu lösen.
Das geht über meinen Verstand! fuhr sie fort; aber ohne
Zweifel ist es wahr, da Sie es mir sagen. Wie das ausfallen
wird, vermag ich nicht zu sagen, ich weiß es wahrhaftig nicht.
Gleichheit der Stellung und des Vermögens ist in solchen Fällen
oft ratsam, und zudem sind Sie und er, was das Alter betrifft,
zwanzig Jahre auseinander. Er könnte fast Ihr Vater sein.
O ganz und gar nicht, Frau Fairfax! rief ich etwas ärgerlich,
von einem Vater ist nichts an ihm zu bemerken! Niemand, der
uns je beisammen gesehen hat, würde so etwas vermuten. Herr
Rochester sieht so jung aus und ist so jung, wie manche fünfund-
zwanzigjährigen Männer.
Und will er Sie wirklich aus Liebe heiraten? fragte sie.
Ich war durch ihre Kälte und ihren beharrlichen Zweifel so
verletzt, daß mir Tränen in die Augen kamen.
Es tut mir leid, Ihnen wehe zu tun, fuhr die Witwe fort;
allein Sie sind noch so jung und kennen die Männer so wenig,
daß ich Sie warnen wollte. Es ist ein altes Sprichwort: Es
ist nicht alles Gold, was glänzt; und in diesem Falle wird,
fürchte ich, etwas ganz anderes herauskommen, als Sie oder
ich erwarten.
Warum? Bin ich denn eine Nachteule? sagte ich. Ist es
denn so unmöglich, das Herr Rochester mich aufrichtig lieben
sollte?
Nein, Sie sehen recht hübsch aus, und zwar in neuester Zeit
viel hübscher, als früher; und Herr Rochester hat Sie auch, ich
zweifle nicht daran, recht gern. Ich habe immer bemerkt, daß
er Ihnen viel Aufmerksamkeit schenkte, und wollte Sie sogar
warnen, aber ich mochte nicht einmal die Möglichkeit von etwas
Unrechtem andeuten. Ich wußte, daß ein solcher Gedanke Sie
vielleicht beleidigen würde, und Sie waren stets so besonnen
und so durch und durch verständig, daß ich hoffte, man könnte
es Ihnen selbst überlassen, sich in acht zu nehmen. Was ich
in der vergangenen Nacht litt, als ich Sie im ganzen Hause
suchte und weder Sie, noch den Herrn Rochester irgendwo finden
konnte, vermag ich Ihnen nicht auszudrücken; und dann sah ich
Sie um zwölf Uhr mit ihm hereinkommen.
Nun lassen Sie das jetzt gut sein, unterbrach ich ungeduldig;
es war doch nichts Unrechtes dabei.
Nun ja, ich hoffe, es wird am Ende alles gut werden, sagte
sie; aber glauben Sie mir, Sie können nicht zu vorsichtig sein.
Versuchen Sie es und halten Sie Herrn Rochester etwas fern!
Mißtrauen Sie sich sowohl, als ihm! Herren, wie er, sind nicht
gewohnt, ihre Gouvernanten zu heiraten.
Jetzt wurde ich wirklich aufgebracht; glücklicherweise kam
Adele hereingelaufen.
Lassen Sie mich auch mit nach Millcote! rief sie, Herr
Rochester will es nicht haben, obgleich in dem neuen Wagen so
viel Platz ist. Bitten Sie ihn doch, Mademoiselle, daß er mich
mitfahren läßt.
Recht gern, Adele; und ich eilte mit ihr hinweg, froh, meiner
unangenehmen Ratgeberin und Ermahnerin quitt zu werden.
Der Wagen stand bereit, und Rochester ging auf dem Pflaster
auf und ab, wobei ihm Pilot getreulich folgte.
Adele darf doch mit uns, nicht war?
Ich habe ihr schon gesagt, daß es nicht sein kann. Ich mag
keine Kinder bei mir haben.--- Nur du sollst mich begleiten.
Laß sie doch mitfahren, lieber Eduard, es wäre besser.
Nein, nein, sie wird uns lästig fallen.
In Blick und Stimme sprach sich bei ihm große Entschieden-
heit aus. Frau Fairfax' kühle warnende Worte übten ihre
Wirkung auf mich aus; meine Hoffnungen erschienen mir mit
einemmale als etwas Wesenloses und Ungewisses. Ich verlor
halb und halb das Bewußtsein meiner Macht über ihn. Ich
war auf dem Punkte, ihm mechanisch und ohne weitere Einwände
zu gehorchen; aber als er mich in den Wagen hob, blickte er
mir ins Gesicht.
Was ist dir? fragte er, aller Sonnenschein ist ja dahin. Ist
es dir wirklich erwünscht, daß das Kind mit uns geht?
Es wäre mir lieb, wenn sie mitginge.
Fort denn, hol' deinen Hut und sei so geschwind wie der
Blitz wieder da! rief er Adele zu.
Sie gehorchte, so schnell sie nur konnte.
Am Ende kommt es ja nicht viel darauf an, wenn einem ein
einziger Morgen verdorben wird, sagte er; bald wirst du, deine
Gedanken, deine Unterhaltung, deine Gesellschaft mir ganz und
mein Lebenlang gehören.
Sobald Adele in den Wagen gehoben war, fing sie an, mich
zu küssen, um mir ihre Dankbarkeit für meine Vermittelung auf
diese Art an den Tag zu legen; augenblicklich ward sie von ihm
in einen Winkel auf der andern Seite geschoben. Sie guckte
herum zu mir; ein so ernster, strenger Nachbar war nicht
ganz nach ihrem Geschmack, da sie sich zu großen Zwang auferlegen mußte. So wie er eben gelaunt war, wagte sie aber nicht,
ihm eine Bemerkung zuzuflüstern, oder ihn um eine Auskunft zu
bitten.
Lasse sie doch neben mir sitzen, bat ich; sie wird dich vielleicht
belästigen; auf dieser Seite ist ja Platz genug.
Und er reichte sie mir herüber wie einen Schoßhund.
Ich werde sie noch in eine Schule tun, sagte er, jetzt aber
lächelte er.
Aedele hörte das und fragte, ob sie sans mademoiselle in
die Schule müsse?
Ja, erwiderte er, durchaus sans mademoiselle; denn ich werde
Mademoiselle mit mir in den Mond nehmen, und dort werde
ich eine Höhle in einem der weißen Täler unter den Vulkan-
spitzen suchen, und Mademoiselle soll dort mit mir leben und
ganz allein mit mir.
Sie wird aber nichts zu essen haben; sie wird verhungern
müssen, bemerkte Adele.
Tut nichts! Feen brauchen nicht zu essen, und Mademoiselle
ist eine Fee, kann ich dir sagen. Sie hat mich mit ihrem
Zauberstab berührt und michhzu einem neuen Menschhen um-
gewandelt.
Ich bemerkte Adele, sie solle nicht auf seine Scherz achten;
und sie legte ihrerseits ein gut Teil echten französischen Skepti-
ziömus an den Tag, indem sie Rochester un vrai menteur
nannte und ihm versicherte, daß sie seine Contes de Fées gar
nicht hoch anschlage, und daß du reste, il n'y avait pas de Fées.
Die Stunde, die wir in Millcote zubrachten, war für mich
etwas ermüdend. Rochester nötigte mich, mit ihm in eine
Seidenwarenhandlung zu gehen, dort sollte ich ein halbes Dutzend
Kleider auswählen. Mir widerstrebte dies, und ich bat ihn, die
Sache auf eine andere Zeit verschieben zu dürfen; doch alles
Bitten half nichts --- es sollte gleich jetzt abgetan werden.
Durchvieles Bitten gelang es mir, das halbe Duzend auf
zwei Stücke zu beschränken, diese zwei aber, sagte er, wolle und
müsse er selbst auswählen. Ich konnte meine Angst nicht
verbergen, als ich sein Auge über die prächtigen Stoffe hin-
schweifen sah; er entschied sich für ein reiches Seidenkleid von
der prächtigsten Amethystfarbe, sowie für ein blaßrotes Atlaskleid. Ich flüsterte ihm abermals zu, er könne mir ebenso gut
gleich ein goldenes Kleid und einen silbernen Hut kaufen, gewiß
würde ich mich nie dazu entschließen können, solche Kleider zu
tragen. Mit unendlicher Schwierigkeit --- er war hartnäckig
wie ein Stein --- überredete ich ihn, einem einfachen schwarzen
Atlas und einem perlgrauen Seidenstoss den Vorzug zu geben.
Für jetzt wolle er es geschehen lassen, meinte er; aber er
wolle mich doch noch so schimmern und glänzen sehen, wie ein
Blumenbeet.
Ich war froh, daß ich ihn endlich aus dem Seidenladen und
dann aus dem Juwelenladen herausbrachte. Je mehr er kaufte,
umso mehr glühte meine Wange von einem Gefühle der
Erniedrigung, von einem Gefühle, worin sich deutlich genug
aussprach, wie unangenehm mir all das war. Als wir wieder
in den Wagen stiegen und ich mich fieberhaft und abgemattet
zurücksetzte, Tel mir ein, was ich im Drange der trüben und
frohen Ereignisse ganz und gar vergessen hatte --- der Brief
meines Oheims John Eyre an Frau Reed, seine Absicht, mich
zu adoptieren und mich zu seiner Universalerbin einzusetzen.
Es würde in der Tat eine Beruhigung für mich sein, dachte
ich, wenn ich eigenes Vermögen, und wäre es auch noch so
wenig, hätte. Nimmermehr kann ich mich von Rochester wie eine
Puppe kleiden lassen, nimmermehr kann ich es ertragen, wie
eine zweite Danae dazusitzen und Tag für Tag den Goldregen
über mich fallen zu lassen. Sobald ich nach Hause komme, will
ich nach Madeira schreiben und meinem Onkel John sagen, daß
ich im Begriffe bin, mich zu verheiraten, und auch mit wem;
daß ich es bei der Aussicht, meinem Verlobten einiges
Vermögen zuzubringen, besser ertragen könnte, als mich von ihm
jetzt unterhalten zu lassen.
Durch diesen Gedanken einigermaßen beruhigt, wagte ich es,
dem Auge meines Herrn und Geliebten wiederzubegegnen,
das das meinige beharrlich aufsuchte, obgleich ich Gesicht und
Blick abwendete. Er lächelte, und es kam mir vor, als ob sein
Lächeln dem eines Sultans gliche, wenn dieser in einer zärtlichen
Aufwallung eine Sklavin ansieht, die er mit seinem Gold und
seinen Edelsteinen bereichert. Ich drückte ihm kräftig die Hand,
die beständig die meinige suchte, so daß sie rot von dem leidenschaftlichen Drucke war, und schob sie ihm zurück.
Du brauchst mich nicht so anzublicken, sagte ich; wenn du es
tust, so trage ich nichts als meine alten, aus Lowood mitgebrachten Kleider. In diesem lilafarbigen Gingankleide lasse ich
mich trauen --- du magst dir aus dem perlgrauen Seidenstoffe
einen Schlafrock machen lassen und eine Anzahl Westen von
dem schwarzen Atlas.
Er lachte aus vollem Halse und rieb sich die Hände.
O, es ist etwas Köstliches, dich zu sehen und zu hören! rief
er. So originell! So pikant! Fürwahr, ich möchte dieses
einzige englische Mädchen nicht gegen das ganze Serail des
Großtürken austauschen, gegen Gazellenaugen, Hurigestalten
u. s. f.
Die orientalische Anspielung verletzte mich abermals.
Ich mag dir keinen Augenblick ein Serail ersetzen, sagte ich:
willst du irgend etwas der Art, so geh nur in die Basare von
Stambul und verwende auf den Ankauf von Sklavinnen einen
Teil des Geldes, das du hier nicht recht an den Mann bringen
zu können scheinst.
Und was wirst du tun, Jane, während ich so viele Tonnen
Fleisch und ein solches Quantum schwarzer Augen erhandle?
Ich werde als Missionarin ausziehen und denen, die unter
dem Drucke der Sklaverei leben --- insbesondere auch den
Bewohnerinnen deines Harems Freiheit predigen. Ich werde
mir dort Zutritt zu verschaffen wissen und werde zur Empörung
auffordern; und du, Pascha mit drei Roßschweifen, sollst dich
in einem Augenblicke gefesselt in unsern Händen finden. Auch
werde ich ein- für allemal deine Bande nicht eher lösen, als bis
du uns einen Freibrief unterzeichnet hast.
Ich würde mich dir auf Gnade und Ungnade ergeben, Jane.
Ich würde keine Gnade erweisen, wenn du mich mit einem
solchen Blicke darum bätest. Wäre ich doch gewiß, daß, welchen
Freibrief du immer unter der Herrschaft des Zwanges aus-
stelltest, deine erste Handlug, sobald du wieder in Freiheit
gesetzt wärest, in der Verletzung des Vertrages bestehen würde.
Nun, Jane, was willst du denn eigentlich? Ich fürchte fast,
du willst noch besondere Bedingungen vorschreiben; --- welcher
Art mögen die wohl sein?
Ein ruhiger Sinn, ein leichtes Gemüt ist alles, was ich
wütnsche; ich mag nicht von den vielen Verbindlichkeiten nieder-
gedrückt werden. Erinnerst du dich noch, wie du von Geline
Varens gesprochen hast --- von den Diamanten, von den Kaschmir-
kleidern, und Kaschmirschalen, die du ihr geschenkt hast? Ich
mag nicht deine englische Celine Varens sein. Ich will fort-
fahren, die Gouvernante Adeles zu spielen, dadurch werde
ich mir Kost und Wohnung und dazu noch jährlich dreißig Pfund
verdienen. Mit diesem Gelde will ich mir selber meine Kleider
anschaffen, und du sollst mir nichts geben als ---
Gut, als was?
Deine Achtung; und wenn ich dir die meinige dafür gebe, so
werden wir quitt sein.
Nun, was die kalte angeborene Unverfrorenheit und den reinen
angebornen Stolz betrifft, so hast du deinesgleichen nicht,
sagte er.
Wir näherten uns jetzt Thornfield.
Willst du heute mit mir zu Mittag essen? fragte er, als wir
wieder durch das Parktor einfuhren.
Nein, ich danke.
Und warum ,Nein ich danke', wenn man fragen darf.
Ich habe noch nie mit dir gegessen und sehe auch keinen Grund,
warum ich es jetzt sollte, bis ---
Bis was geschieht? Du gefällst dir in halben Worten.
Bis ich nicht mehr anders kann.
Glaubst du, ich esse wie ein Vielfraß oder wie ein Werwolf,
daß du fürchtest, an meinem Mahle teilzunehmen?
Ich habe darüber keine Vermutungen angestellt, allein ich möchte
noch einen Monat so leben, wie bisher.
Dann aber wirst du hoffentlich ein- für allemal deine Sklaven-
arbeit als Gouvernante einstellen.
Ei, ei, da muß ich um Verzeihung bitten; das werde ich nicht.
ich werde auch ferner so leben, wie bisher. Ich werde, wie
bisher, dir den ganzen Tag aus dem Weg gehen; abends kannst
du dann nach mir schicken, wenn du dich aufgelegt fühlst, mich
zu sehen, und dann werde ich kommen, sonst nicht.
Ich muß rauchen, Jane, oder eine Prise Schnupftabak nehmen,
um mich bei all diesen Anfechtungen zu trösten, pour me donner
une contenance, wie Adele sich ausdrücken würde, und un-
glücklicherweise habe ich weder mein Zigarrenetui, noch meine
Schnupftabaksdose bei mir. Nun gut, es ist jetzt deine Zeit,
kleine Tyrannin, doch es wird die meine kommen, und habe ich
dich nur erst recht, so binde ich dich --- figürlich gesprochen --- an
eine Kette, wie diese da --- und hier berührte er seine Uhrkette.
Ja, du niedliches kleines Ding, ich werde dich in meinem Busen
tragen, aus Furcht, mein Kleinod abzunutzen.
Am Abend ließ er mich zu sich rufen, wie ich erwartet hatte.
Ich hatte aber an eine Beschäftigung für ihn gedacht, denn ich
war entschlossen, nicht die ganze Zeit mit einer Unterredung
unter vier Augen zuzubringen. Ich erinnerte mich seiner schönen
Stimme und wußte, daß er, gleich allen guten Sängern, sich
gern hören ließ. Ich selbst hatte nur wenig Stimme und
war auch nach der Meinung meines schwer zu befriedigenden
Richters keine Klavierspielerin; allein ich hörte mit Entzücken
zu, wenn der Vortrag gut war. Kaum hatte die Dämmerung,
die Stunde der Romantik, ihr blaues und sternbesätes Banner
über das Fensterwerk niedergesenkt, als ich aufstand, das Klavier
aufmachte und ihn dringend bat, mir etwas zu singen. Er
sagte, ich sei eine von Launen geplagte Hexe, und er wolle lieber
ein andermal singen; ich behauptete aber, daß keine Zeit so
günstig wäre, wie die jetzige.
Ob ich seine Simme gern hörte, --- fragte er mich.
Sehr gern.
Ich mochte dieser seiner empfindlichen Eitelkeit durch Schmeicheleien keinen Vorschub leisten; aber diesmal schien es mir auch
aus andern Gründen rätlich, sie etwas zu kitzeln.
Wohlan denn, Jane, begleite mich auf dem Klavier!
Recht gern, ich will es versuchen.
Ich versuchte es, ward aber sogleich vom Stuhle herunter-
gedrängt und eine kleine Stümperin genannt. Nachdem er mich
so unzeremoniös beseitigt hatte, --- was ich gerade wünschte ---
setzte er sich auf meinen Platz und fing an, sich zu begleiten,
denn er konnte ebenso gut spielen, als singen. Ich verbarg mich
in der Fenstervertiefung, und während ich dort saß und auf
die stillen Bäume und den düsteren Rasenplatz hinausschaute,
lang er nach einer lieblichen Melodie mit klangvoller Stimme
folgendes Lied:
Die reinste Liebe, die je einem Menschen
Das Innerste entflammt mit Feuersglut,
Hat in lebhaftern Sprüngen durch die Adern
Dahingegossen meines Lebens Flut.
Ihr Kommen war mein Hoffen jeden Morgen,
Nahm Abschied sie, so wachte auf mein Graut,
Und das Geschick goß Eis mir durch die Adern,
Das ihren Schritt gehemmt, bevor sie kam.
Es träumte mir, so heiß geliebt zu werden,
Wie ich sie liebte, sei das höchste Glück;
ich jagte kühn nach diesem hohen Ziele,
Gleicheifrig war der Sinn, wie blind der Blick.
Doch weit und pfadlos dehnen sich die Räume,
Die tückisch trennen unser beider Los;
Gefahrvoll wie die schaumbedeckten Wogen
Der wilden Flut im grünen Meeresschoß:
Von Geistern heimgesucht, wie jene Pfade,
Die Räuber geh'n, wie Wildnis oder Wald;
Denn trennend legt sich zwischen unsre Herzen
Der Zorn, das Leid, das Recht und die Gewalt.
Heraus mit kühnem Trotz rief ich mein Schicksal,
Verachtete, was hemmend mich umgarnt;
Und ungestüm jagt' ich vorbei an allem,
Was auch gedroht, ermüdet und gewarnt.
Ich flog als wie ein Traum, mein Regenbogen
Eilt immer mir voran, schnell wie das Licht;
Das Kind des Sonnenblicks und Regengusses
Erschaute herrlich dort mein Angesicht,
Es scheinet hell auf düstergrauen Wolken
Noch sanft und milde jenes Freudenbild;
Was kümmert es mich jetzt, ob die Gefahren
Zu Hauf' herannah'n, grimmig, dicht und wild?
Nicht gräm ich michh in dieser süßen Stunde;
Und sollte, was mir einst von fern gedräut,
Heranziehn jetzt auf starken, schnellen Schwingen,
Und wäre schwarzer Rache ich geweiht.
Und sollte stolzer Haß mich niederschmettern,
Sollt' nicht ihr nahen ich nach Rechtes Spruch,
Und sollten schwören mir die schlimmen Mächte
Mit Wut im Blick endloser Feindschaft Fluch.
Mit edler Treue hat jetzt die Geliebte
Mir hingegeben ihre kleine Hand;
Und mir gelobt, daß ewig unsre Wesen
Vereinige der Ehe heilig Band.
Mich küssend fügt zum Eid sie das Gelöbnis:
Im Leben und im Tode bin ich dein,
O! unaussprechlich namenlose Freude!
So, wie ich liebe, auch geliebt zu sein.
Er erhob sich und kam auf mich zu. Ich sah sein Gesicht
voller Leben; sein Falkenauge sprühte Feuer, und in jedem
Zuge gab sich Zärtlichkeit und Leidenschaft zu erkennen. Einen
Augenblick überkam mich ein Beben --- doch faßte ich mich al-
bald wieder. Eine zärtliche Scene, eine kühne Demonstration
wollte ich nicht, und mir drohte doch beides; es mußte also
eine Verteidigungswaffe in Bereitschaft gehalten werden ---
und ich spitzte meine Zunge.
Als er dicht vor mir stand, fragte ich ziemlich herbe, wen er
nun zu heiraten gedächte.
Das war einmal eine seltsame Frage von meiner Herzensgeliebten.
Wirklich? Ich hielt sie für sehr natürlich und notwendig.
Ich fuhr also fort:
Er habe gesagt, daß seine künftige Gattin mit ihm sterben
solle. Was er mit einer solchen heidnischen Idee wolle? Ich
hätte nicht die Absicht, mit ihm zu sterben --- darauf könne er
sich verlassen.
Worauf er erwiderte:
Alles, was er wünsche, alles, worum er den Himmel bitte,
sei, daß ich mit ihm leben möchte! Der Tod sei nicht für
Mädchen meiner Art.
Nein, nein, versetzte ich, ich habe ebensoviel Recht zu sterben,
wie du, wenn meine Zeit einmal da ist, aber diese Zeit will
ich abwarten, ich möchte nicht jetzt gleich hinweggerafft werden.
Ob ich ihm diese seine selbstsüchtige Idee verzeihen und
meine Verzeihung durch einen versöhnenden Kuß an den Tag
legen wolle, fragte er mich.
Nein, er möge mich entschuldigen, lautete meine Antwort.
Hier mußte ich hören, wie er mich für ein grausames kleines
Ding erklärte nnd hinzusetzte, daß jede andere Frau wie Wachs
geschmolzen wäre, wenn sie solche Strophen zu ihrem Lobe
hätte singen hören.
Ich versicherte ihm, ich sei von Natur hart, kieselhart, und
überdies sei ich entschlossen, ihm verschiedene Ecken meines
Charakters zu zeigen, ehe die nächsten vier Wochen verstrichen
wären; er müsse wissen, welchen Handel er gemacht, solange es
noch Zeit sei, ihn rückgängig zu machen.
Ob ich nun gemütlich sein und vernünftig sprechen wolle,
fragte er.
Ich wäre sehr gemütlich, versetzte ich, und auch vernünftig zu
sprechen, schmeichelte ich mir schon jetzt.
Sein Aerger zeigte sich sichtlich sowohl in seinen Ausrufungen,
als in seinen Grimassen.
Ganz gut, dachte ich, tobe, soviel du willst, aber dies ist die
beste Art, mit dir fertig zu werden. Ich liebe dich mehr, als
ich zu sagen vermag; aber ich mag nicht in einem Meer von
Sentimentalität versinken, und mit diesen spitzigen Antworten
will ich dich auch vom Rande des Abgrunds zurückhalten und
dabei die Entfernung zwischen uns beiden aufrecht halten, die
zu unserm wahren gegenseitigen Vorteil führt.
Allmählich steigerte ich noch seinen Aerger, dann stand ich,
nachdem er sich erzürnt ganz an das andere Ende des Zimmers
zurückgezogen, auf und schlüpfte mit den in meiner gewöhnlichen
ehrerbietigen Weise gesprochenen Worten: ich wünsche Ihnen
eine gute Nacht, Herr Rochester --- zur Seitentür hinaus.
Dieses System befolgte ich während der ganzen Prüfungszeit und mit dem besten Erfolge. Zwar wurde er dadurch
etwas mißvergnügt, aber im ganzen konnte ich doch sehen, daß
er sich dabei trefflich unterhielt, und daß eine lammartige
Unterwürfigkeit und eine turteltaubenartige Empfindsamkeit
seinen Despotismus bloß noch gesteigert und ihm gleich-
wohl weniger gefallen haben würde.
In Gegenwart anderer verhielt ich mich, wie früher, und
beobachtete alle Rücksichten, dagegen zeigte ich mich in unsern
Abendunterhaltungen widerspenstig und suchte ihn zu ärgern.
Er ließ mich regelmäßig rufen, sobald die Glocke sieben schlug,
obgleich er, wenn ich jetzt vor ihm erschien, keins von den gewöhnlichen honigsüßen Worte auf den Lippen hatte, wie mein
Lieb, Liebling, Herzensgeliebte, Teuerste, u. s. w. Die besten
Worte, womit er mich beehrte, waren: Widerwärtige Puppe,
boshafte Elfe, Wechselbalg u. s. w. Anstatt der Liebkosungen
erhielt ich Grimassen, anstatt eines Händedrucks einen Kniff
in den Arm, anstatt eines Kusses auf die Wange zwickte
er mich tüchtig ins Ohr. Das war alles recht; für jetzt zog
ich diese wilden Gunstbezeigungen jeder zärtlicheren Kundgebung vor. Frau Fairfax billigte, wie ich bemerkte, mein
Benehmen, und ihre Besorgnis für mich verschwand. Deshalb
hatte ich die Gewißheit, daß ich mich richtig benehme. Unterdessen behauptete Herr Rochester, ich quälte ihn fast zu Tode,
und drohte mit furchtbarer Rache in einer Zeit, die nicht mehr
fern sei. Ich lachte mir ins Fäustchen bei seinen Drohungen.
Ich kann dich nun recht ordentlich im Zaume halten, dachte
ich bei mir selbst, und zweifle nicht, daß mir das auch später
gelingen wird; wenn ein Mittel sich als unwirksam erweist,
so muß ein anderes erdacht werden.
Bei alledem war meine Aufgabe nicht leicht, oft hätte ich
ihm lieber gefallen, als ihn geärgert. Mein zukünftiger Gatte
sollte meine ganze Welt werden und mehr als die Welt, fast
meine Hoffnung auf den Himmel. Er stand zwischen mir und
jedem religiösen Gedanken, wie eine Finsternis zwischen den
Menschen und die helle Sonne tritt. Ich vermochte in jenen
Tagen Gott nicht zu sehen vor seinem Geschöpfe, aus dem ich
ein Idol gemacht hatte.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Die Zeit meines Brautstandes --- ein Monat --- war nun
beinahe um. An einen Aufschub des Hochzeitstages war nicht
zu denken, alle Vorbereitungen waren vollendet. Ich wenigstens
hatte nichts mehr zu tun. Da standen meine Koffer, gepackt,
verschlossen, mit Strichken umwunden, in einer Reihe an der
Wand meines kleinen Zimmers, morgen um diese Zeit sollten
sie schon weit auf ihrem Wege nach London sein, und so auch
ich mit Gottes Willen. Die Adressen allein mußten noch auf-
genagelt werden, sie lagen --- vier kleine viereckige Stücke ---
auf der Kommode. Rochester hatte sie mit eigener Hand geschrieben: Frau Rochester. --- Hotel, London. Ich konnte
mich aber nicht entschließen, sie aufzunageln oder aufnageln zu
lassen. Frau Rochester! Sie existierte nicht, sie sollte erst
morgen, kurz nach acht Uhr in der Frühe, geboren werden; und
ich wollte warten, um mich zu versichern, daß sie wirklich
lebendig zur Welt gekommen sei, ehe ich ihr all die Schätze zu
wies. Es war genug, daß in jenem Kabinett, meinem Toilettentische gegenüber, Kleider, die ihr gehören sollten, bereits mein
schwarzes Tuchkleid aus Lowood und meinen Strohhut ver-
drängt hatten, denn nicht mir gehörte jener vollständige Hochzeitsanzug, das perlfarbige Kleid, der feine nebelartige Schleier,
der von dem Kleiderrechen herabhing. Ich schloß den Schrank, '
um den seltsamen, geisterhaften Schmuck, den es enthielt, zu
verbergen, einen Schmuck, der zu dieser Abendstunde --- es
war neun Uhr, --- gewiß einen geisterhaften Schimmer durch
den Schatten meines Zimmers hindurch verbreitete.
Ich will dich allein lassen, du Traumgebilde, sagte ich. Ich
bin fieberhaft erregt; ich höre den Wind wehen, ich will hinaus
und ihn fühlen.
Es war nicht bloß die Eile der Vorbereitung, die mich so
fieberhaft aufgeregt hatte, nicht bloß die Vorempfindung der
großen Veränderung, des neuen Lebens, das morgen für mich
beginnen sollte; ohne Zweifel trugen ja diese Umstände zu der
ruhelosen Stimmung bei, die mich zu dieser späten Stunde in
den Park hinaustrieb, auf den bereits die Finsternis sich herabsenkte, --- eine dritte Ursache übte auf meinen Geist einen
mächtigeren Einfluß, als sie.
Ein seltsamer, beängstigender Gedanke ging mit mir um.
Etwas war vorgefallen, was ich nicht zu begreifen vermochte;
niemand wußte um die Sache, niemand hatte es mit eigenen
Augen gesehen, als ich. Der Vorfall hatte sich in der vergangenen
Nacht ereignet. Rochester war in jener Nacht von Hause abwesend, auch noch jetzt nicht zurückgekehrt. Ich harrte nun seiner
Rückkunft voller Sehnsucht, mein Gemüt zu entlasten und bei
ihm die Lösung dieses Rätsels zu suchen, das mich in Bestürzung
versetzte.
Ich suchte den Obstgarten auf und wollte dort Schutz finden
vor dem Winde, der den ganzen Tag über stark aus dem
Süden geblasen hatte, ohne dabei einen Tropfen Regen zu bringen.
Anstatt sich mit einbrechender Nacht zu legen, schien er noch
gewaltiger rauschen und brüllen zu wollen. Die Bäume neigten
sich beharrlich nach einer Seite hin, und ihre Aeste konnten sich
kaum einmal in einer Stunde wieder aufrichten, --- so anhaltend
war die Gewalt, die ihre Wipfel nach Norden beugte. Die
Wolken jagten von Pol zu Pol, Masse auf Masse, in rascher
Folge. Von einem blauen Himmel war an jenem Julitage
auch nicht eine Spur zu sehen gewesen.
Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen rannte ich vor
dem Winde her, um die Unruhe meines Geistes dem unmeßbaren Luftstrome zu übergeben, der durch den Raum dahin-
sauste. In dem Lorbeergange stand ich bald vor dem Reste des
Kastanienbaums. Er stand da, schwarz und zerspalten; der Stamm,
nach seiner ganzen Länge zerrissen, klaffte gräßlich. Die beiden
Hälften waren nicht auseinandergefallen, denn der feste Fuß
und die starken Wurzeln hielten sie unten zusammen, obgleich
die Gemeinsamkeit des Lebens zerstört war. Der Saft konnte
nicht mehr fließen, die großen Aeste zu jeder Seite waren abgestorben, und die nächsten Winterstürme mußten eine oder beide
Hälften umwerfen; jetzt konnte man indessen noch sagen, daß
sie einen Baum bildeten.
Ihr hattet recht, fest aneinanderzuhalten, sagte ich, als ob
die Riesensplitter lebendig wären und mich hören könnten. Ich
denke, so beschädigt und verkohlt ihr auch ausseht, so muß doch
noch ein klein bißchen Leben in euch sein, das von der Anhänglichkeit an die treuen, ehrlichen Wurzeln kommt. Ihr
werdet keine grünen Blätter mehr bekommen --- werdet keine
Vögel mehr sehen, die ihre Nester auf euren Zweigen bauen
und dort Idyllen singen, die Zeit der Freude und der Liebe
ist dahin für euch; aber ihr seid nicht einsam und trostlos, jeder
von euch hat einen mitfühlenden Genossen.
Als ich an ihnen emporblickte, erschien der Mond auf einen
Augenblick gerade an dem Teile des Himmels, der über ihrem
Risse stand. Seine Scheibe war blutrot und halbbedeckt, er
schien auf mich einen irren, traurigen Blick zu werfen und
vergrub sich Augenblicklich wieder in die tiefe Wolkenschicht.
Der Wind legte sich eine Sekunde lang um Thornfield herum;
aber weithin über Wald und Wasser ergoß sich eine wilde,
melancholische Klage. Es war traurig anzuhören, und ich rannte
wieder davon.
Da und dort wanderte ich durch den Obstgarten und las
die Aepfel auf, womit das Gras um die Bäume herum dicht
übersät war. Sodann beschäftigte ich mich damit, die reifen
von den unreifen zu sondern, trug sie in das Haus hinein und
legte sie in die Vorratskammer. Von da ging ich in das
Bilbliothekzimmer, um zu sehen, ob das Feuer angezündet sei;
denn obgleich es Sommer war, so wußte ich doch, daß Rochester
an einem so unfreundlichen Abende gern ein munteres Feuer
im Kamin brennen sehen würde, wenn er nach Hause käme.
Ja, das Feuer war schon einige Zeit angezündet und brannte
gut. Ich stellte seinen Lehnstuhl an die Kaminecke, rollte den
Tisch in dessen Nähe, ließ den Vorhang herunter und gab
Befehl, die Lichter hereinzubringen, so daß sie gleich angezündet
werden könnten. Unruhiger denn je, konnte ich, als alle diese
Anordnungen vollendet waren, weder still sitzen, noch im Hause
bleiben. Eine kleine Uhr im Zimmer und die alte Uhr in der
Vorhalle schlugen miteinander zehn.
Wie spät es wird! sagte ich; ich will zum Parktor hinab-
laufen; es ist auf Augenblicke Mondschein, und ich kann auf
eine gute Entfernung den Weg sehen. Er kann jetzt kommen,
und wenn ich ihn treffe, so brauche ich schon einige Minuten
weniger in ungeduldiger Erwartung hinzubringen.
Der Wind raste in den holen Bäumen, die das Parktor
umgaben; aber der Weg war, soweit ich sehen konnte, zur Rechten
und zur Linken, ganz still und einsam; außer den Schatten der
Wolken, die man von Zeit zu Zeit darüber hinziehen sah, wenn
der Mond hervorblickte, war es nur eine lange, blasse Linie,
auf der keine Bewegung zu bemerken war.
Ich wollte, er käme. Ich wollte, er wäre da! rief ich, von
schwermütiger Ahnung ergriffen. Ich hatte seine Ankunft schon
vor der Teezeit erwartet; jetzt war es finster, was mochte ihn
zurückhalten? War ein Unglück geschehen? Das Ereignis der
letztvergangenen Nacht kam mir wieder ins Gedächtnis. Ich
deutete es als Vorzeichen eines Unglücks. Ich fürchtete, meine
Hoffnungen seien zu glänzend, um verwirklicht werden zu können,
und ich hatte in der letzten Zeit so viel Freude erfahren, daß
ich mir einbildete, mein Glücksstern sei jetzt über seinen Höhe-
punkt hinaus und müsse sich wieder senken.
Nun, ich kann nicht ins Haus zurück, dachte ich; ich kann
nicht am Kamin sitzen, während er draußen im ungestümen
Wetter ist, lieber meine Glieder ermüden, als Herzensqualen
erdulden! Ich muß ihm entgegengehen.
Ich machte mich auf den Weg und ging rasch, obwohl nicht
weit. Ich hatte noch keine Viertelmeile zurückgelegt, als ich
den Hufschlag eines Pferdes hörte, ein Reiter kam in vollem
Galopp daher, und ein Hund lief an seiner Seite. Fort mit
den bösen Vorbedeutungen! Er ist es. Und er war es auch,
mit Mesrur und Pilot. Er sah mich, denn der Mond hatte
am Himmel ein blaues Feld geöffnet und zeigte sich darin
wässerig hell. Er nahm seinen Hut ab und schwang ihn um
den Kopf. Nun lief ich ihm entgegen.
Da! rief er, seine Hand ausstreckend und sich vom Sattel
herniederbeugend; du kannst nicht ohne mich sein, das ist klar.
Steige auf die Spize meines Stiefels, gieb mir beide Hände
herauf!
Ich gehorchte; die Freude machte mich flink. Ich sprang hinauf,
vor ihn hin. Ich erhielt einen herzlichen Kuß zum Willkomm,
und nun ging es an ein Triumphieren, --- was ich so gut wie
möglich ertrug.
Doch bald nahm er einen gemäßigteren Ton an und fragte:
Aber ist denn etwas geschehen, Jane, daß du mir zu einer
solchen Stunde entgegenkommst? Ist was Schlimmes passiert?
Nein; aber ich dachte, du würdest nicht wiederkommen. Ich
konnte in dem Hause nicht mehr auf dich warten, besonders bei
diesem Regen und Wind.
Ja, ja, Regen und Wind! Ja, du triefst wie eine Seejungfer;
ziehe meinen Mantel um dich her, aber ich glaube, du bist fieber-
haft aufgeregt, Jane; deine Wange und deine Hand sind brennend
heiss. Noch einmal: Ist etwas geschehen?
O nichts; ich bin jetzt weder unglücklich, noch ängstlich.
Du bist also doch beides gewesen?
Ich möchte es fast bejahen; aber ich werde dir schon alles
erzählen, wenn wir drinnen im Hause sind, und ohne Zweifel
wirst du mich dafür noch auslachen.
Herzlich werde ich dich auslachen, wenn der morgende Tag
vorüber ist. Bis dahin wage ich es noch nicht, mein Preis ist
mir noch nicht gewiß. Bist du es denn, die diesen ganzen Monat
so schlüpfrig, wie ein Aal, und so dornig, wie eine wilde Rose,
war? Ich konnte dich nirgends anfassen, ohne gestochen zu
werden; und nun scheine ich ein verirrtes Lamm aufgefunden
zu haben und in meinen Armen zu halten. Du hast die Hürde
verlassen, um deinen Schäfer aufzusuchen, nicht wahr, Jane?
Ich bedurfte deiner, aber prahle nicht damit! Hier sind wir
in Thornfield, laß mich nun hinunter!
Er ließ mich auf das Pflaster nieder. Als John ihm das
Pferd abnahm und er mir in die Halle nachfolgte, sagte er mir,
ich möchte mich beeilen, trockene Kleider anlegen und dann zu
ihm in das Bibliothekzimmer herabkommen. Und als ich auf
die Treppe zuging, hielt er mich noch einmal an, um mir das
Versprechen abzudringen, daß ich nicht lange wegbleiben wollte.
Ich erschien auch bald, nach fünf Minuten, wieder und fand ihn
beim Abendessen.
Leiste mir Gesellschaft, Jane. So Gott will, ist dies das
vorletztemal, daß du auf lange Zeit in Thornfield Hall speisest.
Ich setzte mich zu ihm hin, sagte ihm aber, ich könne nicht
essen.
Ist es deshalb, Jane, weil du dich mit der Idee einer langen
Reise trägst? Ist es der Gedanke, nach London zu gehen, der
dir den Appetit nimmt?
Ich kann heute abend nicht klar sehen, welche Aussichten sich
mir eröffnen, Eduard; und ich weiß kaum, was für Gedanken
mir im Kopfe herumgehen. Alles im Leben scheint mir unwirk-
lich zu sein.
Ich ausgenommen; ich bin wesenhaft genug; berühre mich nur.
Du gerade bist von allen Dingen das geisterhafteste, das
wesenloseste, du bist ein bloßer Traum.
Er streckte seine Hand lachend aus.
Ist das ein Traum? sagte er, indem er sie hart vor meine
Augen hielt. Er hatte eine runde, muskulöse, kräftige Hand
und ebenso einen langen, starken Arm.
Ja, trotzdem daß ich sie berühre, ist sie dennoch ein Traum,
sagte ich, sie von meinem Gesichte wegschiebend. Bist du mit
dem Nachtessen fertig?
Ja. Jane.
Er klingelte und ließ abtragen.
Als wir wieder allein waren, schürte ich das Feuer und setzte
michh neben seinen Knien auf einen niedrigen Stuhl.
Es ist beinahe Mitternacht, sagte ich.
Ja; aber erinnere dich, Jane, du hast mir versprochen, in der
Nacht vor meiner Hochzeit mit mir aufzubleiben.
Ja, das habe ich und will auch mein Versprechen halten,
wenigstens eine oder zwei Stunden lang; es verlangt mich gar
nicht, zu Bette zu gehen.
Bist du mit allen deinen Anordnungen fertig?
Ja.
Und was mich betrifft, so bin ich auch fertig, erwiderte er. Ich
habe alles in Ordnung gebracht, und morgen werden wir eine
halbe Stunde nachunserer Rückkehr von der Kirche Thornfield
verlassen.
Sehr wohl.
Mit welch außergewöhnlichem Lächeln hast du das Wort, sehr
wohl, gesagt, Jane! Welch glänzenden Farbenfleck hast du auf
jeder Wange! Und wie sonderbar schimmern deine Augen! Ist
dir wohl?
Ich glaube, ja.
Du glaubst? Nun, was ist denn? --- Sage mir, wie dir zu
Mute ist?
Ich vermag es nicht. Keine Worte wären imstande, dir zu
sagen, was ich fühle. Ich wollte, diese Stunde ginge nie zu
Ende; wer weiß, welche Geschicke die nächste mit sich führen mag.
Das ist Hypochondrie, Jane, eine Folge übermäßiger Auf-
regung oder Anstrengung.
Bist du innerlich ruhig und glücklich?
Ruhig? --- Nein; aber glücklich bis in das Innerste meines
Herzens.
Ich sah auf zu ihm, um die Zeichen des Glückes in seinem
Gesichte zu lesen, es glühte und war stark gerötet.
Schenke mir dein Vertrauen, Jane, sagte er; befreie dein
Gemüt von der Last, die es drückt, dadurch, daß du sie mir
mitteilst. Was fürchtest du? --- Etwa, daß ich mich als keinen
guten Ehemann erweisen werde?
Dieser Gedanke ist mir am fernsten von allen.
Hast du vielleicht einige Scheu vor der neuen Sphäre, in die
du einzutreten im Begriffe stehst --- vor dem neuen Leben, zu
dem du nun übergehen wirst?
Nein.
Du bist mir ein Rätsel, Jane. Deine Blicke und deine
kummervolle Sprache verwirren und schmerzen mich. Du bist
mir eine Erklärung schuldig.
So höre denn. Du bist in der vergangenen Nacht von Hause
weg gewesen?
Ja, das war ich; und vorhin hast du auf etwas angespielt,
was in meiner Abwesenheit vorgefallen sei. Wahrscheinlich hat
das nichts zu bedeuten; aber dennoch hat es dir Unruhe ver-
ursacht. Lasse es mich hören! Hat vielleicht Frau Fairfax etwas
gesagt? Oder hast du zufällig etwas von der Dienerschaft
gehört? Dein empfindliches Ehrgefühl ist wohl verletzt worden?
Nein, Eduard.
Es schlug zwölf. --- Ich wartete, bis die silbernen Töne der
kleineren Uhr, sowie auch die heiseren, lauten der großen Uhr
verhallt waren, und fuhr dann also fort:
Gestern bin ich den ganzen Tag in meiner unaufhörlichen
Geschäftigkeit sehr glücklich gewesen; denn es beschleicht mich
nicht, wie du zu glauben scheinst, irgend eine Furcht wegen
meiner neuen Sphäre u.s, w.; ich halte es für etwas Herrliches,
mit dir leben zu dürfen, weil ich dich liebe. --- Nicht doch, lieber
Eduard, lasse jetzt deine Liebkosungen --- und laß mich lieber
ungestört reden. Gestern war mein ganzes Vertrauen auf die
Vorsehung gesetzt, und ich glaubte, die Ereignisse wirkten zu-
sammen zu deinem und meinem Besten; es war ein schöner Tag,
wenn du dich noch entsinnst-- die Ruhe der Luft und des
Himmels ließ inbetreff deiner sicherheit oder Bequemlichkeit
auf der Reise keine Befürchtungen aufkommen. Nach dem Tee
ging ich eine Weile auf dem Pflaster auf und ab und dachte
an dich; da sah ich dich in meiner Phantasie so nahe bei mir,
daß ich deine wirkliche Gegenwart kaum vermißte. Ich dachte
an das vor mir liegende Leben --- an dein Leben, --- ein Da-
sein, ausgedehnter und bewegter, als das meinige, zu vergleichen
etwa mit den Tiefen des Ozeans und einem Bächlein.
Ich wunderte mich, wie nur Morallehrer diese Welt eine öde
Wildnis nennen können. Für mich blühte sie wie eine Rose.
Gerade, als die Sonne unterging, wurde es kühl und der Himmel
umwölkt; ich ging also ins Haus hinein. Sofie rief mich die
Treppe hinauf, um mein Hochzeitskleid, das man eben gebracht,
anzusehen; und darunter in der Schachtel, fand ich dein Ge-
schenk --- den Schleier, den du in deiner fürstlichen Freigebigkeit
hast von London kommen lassen. Vermutlich hattest du be-
schlossen, mich listigerweise zur Annahme von etwas gleich Kost-
barem zu bewegen, da ich keine Juwelen haben wollte. Ich
lächelte, als ich ihn entfaltete, und besann mich darüber, wie
ich dich wegen deines aristokratischen Geschmacks und deiner
Bemühungen, deine bürgerliche Braut mit den Attributen einer
Pairin zu bekleiden, necken könnte. Ich dachte darüber nach,
wie ich dir das viereckige, ungestickte Blondenstück, das ich selbst
zur Bedeckung meines niedriggeborenen Hauptes zugerichtet
hatte, hinunterbringen und dich fragen würde, ob es nicht gut
genug für ein Mädchen sei, das ihrem Gatten weder Vermögen,
noch Schönheit, noch hohe Verbindungen zubringt. Ich sah ganz
deutlich, wie du aussehen würdest, und hörte deine ungestümen,
republikaniscen Antworten, sowie das stolze Wort, daß du es
nicht nötig hättest, deinen Reichtum zu vermehren, oder deinen
Stand zu erhöhen, dadurch daß du entweder ein Vermögen oder
eine Adelskrone erheiratest.
Wie gut hast du da die Gedanken mir vom Gesichte abgelesen,
du kleine Hexe! fiel er ein, aber was hast du außer der Stickerei
noch in dem Schleier gefunden? Ist etwa Gift oder ein Dolch
darin gewesen, daß du so betrübt aussiehst?
Nicht doch! Außer der Zartheit und der Kostbarkeit des Stoffes
habe ich nichts gefunden, als Fairfax Rochesters Stolz, und der
erschreckte mich nicht, weil ich an den Anblick des Dämons
schon gewöhnt bin. Aber mit der eintretenden Dunkelheit erhob
sich der Wind; er blies gestern abend nicht, wie er jetzt bläst,
wild und gewaltig --- sondern mit einem dumpfen Brausen, mit
einem Gestöhn, das weit unheimlicher, weit geisterhafter
klang. Ich wünschte, daß du zu Hause wärest. Ich kam in dieses
Zimmer herab, und schaurig kalt durchdrang mich der Anblick
des leeren Stuhls und des feuerlosen Kamins. Bald darauf
ging ich zu Bett, konnte aber nicht schlafen --- ich war ängst-
lich aufgeregt. Der Sturm, der beständig zunahm, schien in
meinem Ohre leise Klagetöne zu murmeln; ob draußen, oder im
Hause, konnte ich anfänglich nicht sagen; die klagenden Töne
ließen sich aber auch, wenn der Sturm sich einen Augenblick
legte, immer wieder hören. Am Ende dachte ich, es könne nichts
anderes sein, als ein Hund, der in einiger Entfernung heule.
Ich war froh, als ich endlich nichts mehr hörte. Nachdem ich
eingeschlafen, spann sich der Gedanke einer finstern stürmischen
Nacht in meinen Träumen fort. Auch wünschte ich von Herzen,
bei dir zu sein, wobei sich aber ein seltsames, schmerzliches Be-
wußtsein einstellte, daß eine Schranke uns trenne. Während
der ganzen Zeit meines ersten Schlafs folgte ich den Windungen
eines mir unbekannten Wegs, völlige Finsternis umgab mich,
der Regen strömte auf mich herab, ich hatte für ein kleines Kind
zu sorgen, das bei mir war, ein kleines, kleines Geschöpf, zu
jung und zu schwach, um zu gehen, und dabei zitterte es vor
Kälte in meinen kalten Armen und wimmerte kläglich in mein
Ohr. Ich dachte, du wärest auf dem Wege, eine lange Strecke
vor mir; ich strengte jeden Nerv an, um dich einzuholen, und
machte eine Anstrengung nach der andern, deinen Namen aus-
zusprechen und dich zu bitten, du möchtest halten; --- aber meine
Bewegungen waren gelähmt, und meine Stimme konnte nichts
hervorbringen, als unartikulierte Laute, die erstarben, während
du dich jeden Augenblick weiter und weiter entferntest.
Und diese Träume machen dich jetzt noch trübselig, wo ich
ganz in deiner Nähe bin? Kleines, nervöses Geschöpf! Vergiß
den eingebildeten Kummer, und denke bloß an wirkliches Glück!
Du sagst, du liebst mich, Jane. Liebst du mich wirklich, Jane?
wiederhole es doch!
Ja, Eduard, ich liebe dich, liebe dich von ganzem Herzen.
Nun, sagte er, nach einem Schweigen, das einige Minuten
dauerte, es ist seltsam, aber diese Worte haben meine Brust schmerz-
lich durchdrungen. Warum? Wohl deshalb, weil du sie so ernst,
mit so feierlichem Nachdruck gesprochen, und weil dein auf mich
gerichteter Blick jetzt die höchste Stufe des Glaubens, der Wahr-
heit und der Hingebung ausdrückt; er erinnert nur zu sehr an die
Nähe eines Geistes. Sieh doch schelmisch aus, Jane, wie du
es so gut kannst, zeige ein übermütiges, schlaues Lächeln, sage,
du hassest mich, --- necke, ärgere mich; tue, was du willst, nur
stimme mich nicht weich; lieber möchte ich zornig als traurig sein!
Ich will dich nach Herzenslust plagen und ärgern, sobald ich
mit meiner Erzählung zu Ende bin; aber höre sie erst zu
Ende!
Ich dachte, Jane, du hättest mir alles gesagt. Ich dachte, du
hättest die Quelle deiner Melancholie in einem Traum gefunden
Ich schüttelte den Kopf.
Was? Kommt noch mehr? Ich mag aber nicht glauben, daß
es etwas Wichtiges ist. Ich muß dir vorher sagen, daß ich
ungläubig bin. Fahre fort!
Die Unruhe seines Gesichts, die etwas ängstliche Ungeduld
seines Benehmens überraschte mich; allein ich fuhr fort:
Ich hatte noch einen andern Traum; mir war, als ob Thorn-
field Hall eine öde Ruine, ein Ort für Fledermäuse und Eulen
sei. Es kam mir vor, die ganze stattliche Fassade sei ver-
schwunden, und es sei nichts anderes mehr davon übrig, als
eine muschelartige, sehr hohe und sehr zerbrechliche Mauer. In
einer mondhellen Nacht ging ich über den innern, mit Gras
bewachsenen Raum hin; da stolperte ich über einen marmornen
Kamin und über ein herabgefallenes Karniesstück. Gehüllt in
einen Schal, trug ich immer noch das kleine, mir unbekannte
Kind, ich konnte es nirgends hinlegen; so müde auch meine
Arme waren --- so sehr es mich im Gehen hinderte, so mußte
ich es doch behalten. Ich hörte in einer gewissen Entfernung
auf dem Wege ein Pferd dahergaloppieren; gewiß warst du es,
und du verreistest auf viele Jahre und gingst in ein fernes Land.
Ich klomm die dünne Mauer mit wahnsinniger, gefährlicher
Hast hinauf, um dich von oben herab noch einmal zu sehen.
Die Steine rollten unter meinen Füßen weg; die Efeuranken,
nach denen ich griff, gaben unter meinen Händen nach, das
Kind klammerte sich erschrocken um meinen Hals und erwürgte
mich beinahe; am Ende erreichte ich die Spitze. Ich sah dich
wie einen kleinen Fleck auf einem weißen Pfade, und der kleine
Fleck wurde jeden Augenblick noch kleiner. Der Wind war so stark,
daß ich nicht fest stehen konnte. Ich setzte mich auf den schmalen
Rand nieder und beschwichtigte das erschrockene Kind, das auf
meinem Schoße lag. Du bogst um eine Ecke des Weges, ich
beugte mich vorwärts, um dich noch ein letztes Mal zu sehen.
Die Mauer fiel zu kleinen Bröckchen zusammen, ich ward er-
schüttert, das Kind rollte von meinem Knie herab, ich verlor
das Gleichgewicht, fiel und erwachte.
Nun, Jane, das wird doch alles sein?
Nur die Einleitung, die Geschichte kommt erst. Als ich er-
wachte, blendete ein Schimmer meine Augen. --- Ich dachte, es
sei das Tageslicht, allein ich irrte mich; es war nur die Helle
einer Kerze. Ich vermutete, Sofie wäre hereingekommen. Es
stand ein Licht auf dem Putztische, und die Tür des Kabinetts,
in das ich, ehe ich zu Bette ging, mein Hochzeitkleid nebst dem
Schleier gehängt hatte, stand offen; ich hörte dort ein Rascheln.
ich fragte: Sofie, was tun Sie dort? Es erfolgte aber keine
Antwort. Bald trat eine Gestalt aus dem Kabinett hervor;
sie nahm das Licht, hielt es in die Höhe und schaute die an
dem Rechen hängenden Kleider an. Sofie, Sofie! rief ich aber-
mals, immer noch keine Antwort. Ich hatte mich in meinem Bett
aufgerichtet und beugte mich vorwärts. Anfangs überrascht, ward
ich bald verwirrt, dann aber rieselte es mir plötzlich eiskalt durch
die Adern. Rochester, es war nicht Sofie, es war nicht Leah, es
war nicht Frau Fairfax, es war nicht --- nein, ich war dessen
gewiß und bin es noch jetzt --- es war auch nicht jene seltsame
Grace Poole.
Es muß aber doch eine von ihnen gewesen sein, fiel er ein.
Nein, Eduard, ich versichere dir feierlich das Gegenteil. Die
Gestalt, die vor mir stand, war mir innerhalb der Mauern von
Thornfield Hall noch nie vor Augen gekommen, die Größe, die
Statur war mir neu.
Beschreibe sie, Jane.
Sie war groß und stark, mit dichtem, schwarzem, lang über
den Rücken hinabfallendem Haar. Ich weiß nicht, was für ein
Kleid sie anhatte. Es war weiß und eng, ob es aber ein
Frauenrock, ein Bettuch, oder ein Leichentuch war, vermag ich
nicht zu sagen.
Hast du ihr Gesicht gesehen?
Nicht gleich anfangs. Nach einer Weile aber nahm sie meinen
Schleier von seinem Platze weg, hielt ihn in die Höhe, sah ihn
lange an, bedeckte damit ihren Kopf und wendete sich nach dem
Spiegel hin. In diesem Augenblicke sah ich den Wiederschein
des Gesichtes und der Züge ganz deutlich in dem dunklen
Spiegel.
Und was waren es für Züge?
Sie erschienen mir grausig und gräßlich --- nie habe ich ein
Gesicht, wie jenes gesehen! Es war ein farbloses, grimmiges
Gesicht. Ich wollte, ich könnte das Rollen der roten Augen
vergessen und die dunklen geschwollenen Züge.
Geister sind gewöhnlich blaß, Jane.
Dieser war purpurrot, dazu dicke Lippen, die Stirn gefurcht,
die dunklen Augenbrauen weit hinaufgezogen über die blut-
unterlaufenen Augen. Soll ich dir sagen, woran mich die Ge-
stalt erinnerte?
Ja freilich.
An das schreckliche deutsche Gespenst --- den Vampyr.
Ah! --- was tat die Gestalt?
Sie nahm meinen Schleier von ihrem Kopfe herunter, riß
ihn entzwei, warf die Stücke auf den Boden und trat mit den
Füßen darauf.
Und dann?
Sie zog den Fenstervorhang zurück und blickte hinaus. Viel-
leicht sah sie, daß die Dämmerung im Anzuge war, denn sie
nahm das Licht und ging nach der Tür zu. Gerade vor meinem
Bette blieb sie aber stehen; das feurige Auge stierte mich an ---
sie hielt ihr Licht hart vor mein Gesicht hin und löschte es vor
meinen Augen aus. Ich sah deutlich, wie ihr grimmiges Ge-
sicht über dem meinigen flammte, und ich verlor das Bewußt-
sein; zum zweitenmal in meinem Leben wurde ich vor Schhrecken
ohnmächtig.
Wer war bei dir, als du wieder zu Sinnen kamst?
Niemand, aber es war helles Tageslicht. Ich stand auf,
wusch mir Kopf und Gesicht mit Wasser und trank auch ein
gutes Quantum von letzterem. Ich fühlte, daß ich zwar schwach,
aber doch nicht krank sei, und beschloß, mit niemanden als dir,
von dieser Erscheinung zu sprechen. Nun, Eduard, sage mir,
wer war dieses Weib?
Das Erzeugnis eines überreizten Gehirns; das ist gewiß.
Ich muß mit dir, mein Schaz, vorsichtig sein; Nerven wie die
deinigen, sind nicht für eine rauhe Behandlung geschaffen.
Lieber Eduard, verlasse dich darauf, an meinen Nerven lag
es nicht. Was ich dir erzählt habe, hat wirklich stattgefunden.
Und deine früheren Träume, waren die auch Wirklichkeit?
Ist Thornfield Hall eine Ruine? Bin ich von dir durch unüber-
steigliche Schranken getrennt? Verlasse ich dich ohne eine Träne,
--- ohne einen Kuß --- ohne ein Wort?
Noch nicht.
Bin ich auf dem Punkte, es zu tun? --- Schon ist der Tag
da, der uns unauflöslich aneinander knüpfen soll, und sind wir
einmal verbunden, dann sollen diese eingebildeten Schrecknisse
nicht wiederkehren; ich stehe dir dafür.
Eingebildete Schrecknisse! Ich wollte, ich könnte sie bloß als
solche ansehen; ich wünsche es jetzt mehr, als je, da auch du
mir das Geheimnis jenes gräßlichen Besuchs nicht erklären kannst.
Da ich es nicht kann, so muß es wohl etwad Wesenloses
gewesen sein.
Aber, lieber Eduard, als ich beim Aufstehen diesen Morgen
das zu mir sagte und im Zimmer herumsah, um Mut und
Trost zu suchen beim heitern Anblick jedes bekannten Gegen-
standes, wie er sich mir im hellen Tageslichte zeigte, so sah ich
da, auf dem Teppiche, was meine Annahme entschieden Lügen
strafte, --- den von oben bis unten in zwei Stücke zerrissenen
Schleier.
Ich fühlte, wie Rochester zusammenfuhr und schauderte; hastig
umschloß er mich mit seinen Armen und rief:
Gott sei gedankt, daß, wenn in letzter Nacht dir etwas Böses
nahe kam, nichts Schaden nahm, als der Schleier! --- O, wenn
ich bedenke, was hätte geschehen können!
Er drückte mich so fest an seine Brust, daß mir beinahe der
Atem verging. Nach einem kurzen Stillschweigen fuhr er dann
heiteren Tones fort:
Nun, Jane, will ich dir die ganze Gescichte erklären. Es war
halb Traum, halb Wirklichkeit. Ein weibliches Wesen kam, ich
zweifle nicht daran, wirklich in dein Zimmer, und dies Weib
war Grace Poole. Du selbst nennst sie ja ein sonderbares
Wesen und hast ein Recht, sie so zu nennen. --- Was hat sie
nicht mir und Mason angetan? Halb wach, halb schlafend hast
du ihren Eintritt und ihre Handlungen bemerkt; aber fieberisch
aufgeregt, wie du warst, schriebst du ihr ein gespenstiges Aus-
sehen zu, das doch von ihrem wahren Aussehen so verschieden
ist. Das lange aufgelöste Haar, das aufgeschwollene, schwärz-
liche Gesicht, die übermäßig lange Gestalt, --- waren Spiele der
Phantasie, Resultate des Alpdrückens; das boshafte Zerreißen
des Schleiers dagegen war Wirklichkeit und sieht ihr ähnlich.
Ich sehe, du möchtest mich gern fragen, warum ich ein solches
Weib in meinem Hause behalte. Sind wir einmal ein Jahr
verheiratet, so will ich es dir sagen, aber jetzt nicht. Bist du
nun zufrieden, Jane? Nimmst du meine Lösung des Rätsels an?
Ich sann nach, und in Wahrheit erschien sie mir als die einzig
mögliche. Ueberzeugt war ich nicht, aber ihm zu gefallen, suchte
ich es zu scheinen. Beruhigt fühlte ich mich gewiß, und ich antwortete ihm daher mit einem zufriedenen Lächeln. Und
nun machte ich Anstalt, ihn zu verlassen, da es schon weit über
ein Uhr war.
Schläft nicht Sofie mit Adele in der Kinderstube? fragte er,
als ich meine Kerze anzündete.
Jawohl.
Und in Adeles Bett ist Plaz genug für dich? Du mußt
es heute nacht mit ihr teilen, Jane; es ist kein Wunder, daß
der unheimliche Vorfall dich nervös gemacht hat, und es wäre
mir lieber, wenn du nicht allein schliefst; und verriegele die
Tür ja recht sicher von innen. Wecke Sofie, wenn du hinaufgehst, unter dem Vorwande, daß sie dich morgen recht früh
wecken soll, da du vor acht Uhr angekleidet sein und das Früh-
stück beendet haben müßtest. Und nun, Jane, keine düsteren
Gedanken mehr! Gib der trüben Sorge den Abschied! Hörst
du nicht, in was für sanftes Flüstern der Wind übergegangen
ist? Auch schlägt der Regen nicht mehr gegen die Fensterscheiben. Sieh her --- er zog den Vorhang weg --- es ist eine
liebliche Nacht! Und so war es auch. Der halbe Himmel war
rein und fleckenlos; die Wolken trieben vor dem Winde, der
jet aus dem Westen kam, in silberfarbigen Streifen dahin, der
Mond schien friedlich.
Du wirst heute nacht nicht von schmerzlicher Trennung
träumen, sondern von glücklicher Liebe und wonnigem Eheglück.
Diese Prophezeiung wurde nur zur Hälfte erfüllt! Ich träumte
zwar nicht von Kummer, aber ebensowenig von Freude; denn
ich schlief überhaupt nicht. Die kleine Adele in meinen Armen,
beobachtete ich den ruhigen, unschuldigen Schlummer der Kindheit --- und erwartete den Tagesanbruch; mit der aufgehenden
Sonne stand auchich auf. Ich erinnere mich, daß Adele noch
schlief, und daß ich sie küßte und heftig weinte, als ich ihre
Händchen von meinem Nacken losmachte. Schien sie mir doch
sozusagen, die Verkörperung meines vergangenen Lebens zu
sein, während er, vor dem ich heute im Hochzeitsgewande er-
scheinen sollte, das Sinnbild meiner unbekannten Zukunft war.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Sofie kam um sieben Uhr, um mich anzukleiden; sie brauchte
viel Zeit, um ihre Aufgabe zu lösen, so daß Rochester un-
geduldig wurde und fragen ließ, warum ich nicht käme. Sie
machte eben meinen Schleier zurecht --- nun doch den schlichten
Blondenschleier --- und befestigte ihn mit einer Brosche in meinen
Haaren; sobald ich konnte, entzog ich mich ihren Händen, um
hinabzueilen.
Halten Sie! rief sie in französischer Sprache, sehen Sie doch
erst in den Spiegel.
Ich wandte mich daher noch an der Tür um und erblickte
eine prächtig gekleidete, verschleierte Gestalt, die mir so unähn-
lich war, daß ich fast wie eine Fremde aussah.
Jane! rief eine Stimme, und ich eilte hinab. Am Fuße der
Treppe wurde ich von Rochester empfangen.
Wo bleibst du so lange? fragte er; ich vergehe vor Ungeduld.
Er nahm mich in das Speisezimmer, sah mich von Kopf bis
zu Füßen an und erklärte mich für so schön, wie eine Lilie; ich
sei nicht bloß der Stolz seines Lebens, sondern auch die Wonne
seiner Augen.
Nach einer Weile sagte er mir, er könne mir bloß zehn
Minuten zum Frühstück geben, und klingelte.
Einer der Diener, die in jüngster Zeit angenommen worden
waren, erschien.
Geh nach der Kirche; sieh nach, ob der Herr Pastor und der
Küster dort sind, und sei bald wieder hier!
Die Kirche lag dicht vor dem Tore; der Lakai war alsbald
wieder da.
Herr Wood ist in der Sakristei und legt sein Chorhemd an.
Und der Wagen?
Man schirrt eben die Pferde an.
Wir brauchen den Wagen nicht, um nach der Kirche zu fahren,
er muß aber bereit sein für den Augenblick, wo wir zurück-
kommen; alles Gepäck muß aufgepackt und der Kutscher auf
dem Bocke sein.
Zu Befehl, gnädiger Herr.
Jane, bist du fertig?
Ich stand auf. Da waren keine Brautführer, keine Braut-
jungfern, keine Verwandten, auf die man hätte warten müssen;
außer Rochester und mir war niemand da. Frau Fairfax stand
in der Halle, als wir vorübergingen. Gern hätte ich mit ihr
gesprochen, hätte nur meine Hand sich nicht von eisernen Fingern
festgehalten gefühlt; ich wurde, ich mochte nun wollen oder
nicht, fortgezogen, mit einer solchen Geschwindigkeit, daß ich
kaum zu folgen imstande war; und wenn man Rochester ins
Gesicht sah, so konnte man deutlich darin lesen, daß er unter
keinem Vorwande einen Aufschub von einer Sekunde gestatten
würde. Ich möchte wohl wissen, welch anderer Bräutigam je
so aussah, wie er --- so ungestüm, so grimmig, aus dessen Augen
solche Blitze zuckten.
Ich weiß nicht, ob das Wetter schön oder schlecht war; als
ich den Fahrweg hinabging, schaute ich weder den Himmel noch
die Erde an. Mein Herz war in meinen Augen, und beide
schienen in Rochesters Gestalt gewandert zu sein. Ich hätte
gern das unsichtbare Ding sehen mögen, worauf er, während
wir weitergingen, einen so wilden Blick heftete, und hätte gern
gewußt, welches die Gedanken waren, gegen deren Gewalt er
anzukämpfen schien.
An der Pforte des Kirchhofs hielt er an; er hatte bemerkt,
daß ich ganz außer Atem war.
Bin ich grausam in meiner Liebe? sagte er. Warte einen
Augenblick; stütze dich auf mich, Jane!
Recht gut erinnere ich mich noch, wie eine Dohle den Kirch-
turm umkreiste und in der Ferne ein rötlicher Morgenhimmel
glühte. Ich erinnere mich auch noch einigermaßen der grünen
Gräber und habe die Gestalten der beiden Fremden nicht ver-
gessen, die zwischen den kleinen Hügeln umherwanderten und die
Grabschriften lasen. Ich achtete auf sie, weil sie, als sie uns
gewahrten, nach dem hinteren Teile der Kirche zugingen; und
ich zweifelte nicht, daß sie durch das Seitentor eintreten und
Zeugen der Traung sein würden. Rochester bemerkte sie nicht,
er sah mir, ohne ein Auge zu verwenden, ins Gesicht, woraus
wohl das Blut sich auf einen Augenblick zurüchkgezogen haben
mußte; denn ich fühlte, daß meine Stirn feucht und meine
Wangen und Lippen kalt waren. Nachdem ich mich wieder
einigermaßen gefaßt hatte, ging er mit langsamen Schritten
mit mir auf dem Wege hin, der gerade auf die Kirchtür zuführte.
Wir traten in das stille und bescheidene Gotteshaus; der
Paustor wartete in seinem weißen Chorhemd an dem einfachen
Altar, neben ihm stand der Küster. Alles war still und ruhig;
nur in einem entfernten Winkel regten sich zwei Schatten.
Meine Vermutung war richtig gewesen, die Fremden waren vor
uns hereingekommen; sie standen an dem Grabgewölbe der
Rochesterschen Familie, den Rücken uns zuwendend, und sahen
sich durch das Eisengitter hindurch das alte, vom Zahn der Zeit
benagte marmorne Grabmal an, auf dem ein knieender Engel
die irdische Hülle des bei Marston Moor gefallenen Damer de
Rochester und seiner Gattin Elisabeth bewachte.
Wir stellten uns vor dem Eisengitter auf, an dem das heilige
Abendmahl ausgeteilt wird. Mit einem Male hörte ich leise
Tritte hinter mir, ich blickte über meine Schulter hin und sah,
daß einer von den beiden Fremden an dem Gitterchor herauf-
kam. Die Traungszeremonie begann. Die Erklärung der Be-
deutung der Ehe war zu Ende, der Pastor trat einen Schritt
weiter vor und fuhr, sich leicht zu Rochester neigend, also fort:
Ich fordere euch beide auf --- da ihr einst an dem furcht-
baren Tage des Gerichts, wo die Geheimnisse aller Herzen werden
offenbaret werden, Rede und Antwort stehen müsset --- wenn
einem von euch ein Hindernis bekannt ist, daß ihr nicht gesetz-
mäßig miteinander als Eheleute verbunden werden könnet, es
nun zu bekennen; denn seid versichert, daß alle so anders ver-
bunden sind, als Gottes Wort es erlaubt, nicht von Gott zu-
sammengefügt sind, und ihre Ehe auch nicht gültig ist.
Hier hielt er, wie es der Brauch erheischt, inne. Wird je die
Pause nach diesen Worten durch eine Antwort unterbrochen?
Vielleicht nicht einmal in hundert Jahren. Und der Pastor,
der seine Augen nicht von seinem Buche aufgeschlagen und
seinen Atem nur einen Augenblick angehalten hatte, wollte eben
fortfahren, schon streckte seine Hand sich gegen Herrn Rochester
aus, schon öffneten sich seine Lippen, um die Frage zu stellen
Willst du dieses Weib zu deiner Ehegattin haben? --- als eine
Stimme in der Nähe mit lauten und vernehmlichen Worten
sprach:
Die Traung kann nicht vor sich gehen, ich erkläre hiermit,
daß ein Hindernis vorliegt.
Der Pastor sah nach dem Redenden hin und stand stumm
da, der Küster desgleichen. Rochester schwankte, als ob ein Erd-
beben unter seinen Füßen dahingerollt wäre, aber sofort stellte
er sich fester hin und sagte, ohne den Kopf oder die Augen um-
zuwenden:
Fahren Sie fort!
Ich kann nicht fortfahren, entgegnete der Geistliche, ehe eine
Untersuchung über die Wahrheit dessen, was hier behauptet
wird, angestellt worden ist.
Die Traung ist unmöglich, sprach die Stimme hinter uns
weiter. Ich kann beweisen, daß dieser Heirat ein unübersteig-
bares Hindernis im Wege steht.
Rochester hörte es, achtete aber nicht darauf. Starr und
bewegungslos stand er da, ohne eine Bewegung zu machen, nur
daß er meine Hand fest ergriff. Wie heiß, wie gewaltig war
der Druck seiner Hand! Und wie ähnlich war seine blasse,
starke massive Stirn in diesem Augenblick dem gebrochenen
Marmor! Wie glänzten seine Augen darunter still, wachsam
und doch mild.
Der Pastor schien verlegen.
Welcher Art ist das Hindernis? fragte er. Vielleicht kann
es beseitigt, erklärt werden.
Wohl kaum, lautete die Antwort, ich habe es ein unübersteig-
liches genannt und weiß, was ich sage.
Der Redende trat vor und lehnte sich über das Eisengitter.
Deutlich, ruhig, fest, aber nicht laut sprach er folgende weitere
Worte:
Das Hindernis besteht ganz einfach darin, daß noch eine
frühere Ehe existiert; Herr Rochester hat eine Frau, die noch am
Leben ist.
Meine Nerven erbebten bei diesen leise ausgesprochenen
Worten, wie sie nie bei dem furchtbarsten Donner erbebt waren
--- mein Blut empfand ihre durchdringende Gewalt, wie es noch
nie Kälte oder Feuer empfunden; aber ich war gefaßt und nicht
in Gefahr, eine Ohnmacht zu bekommen. Ich blickte Rochester
an und zwang ihn, mich anzusehen. Sein ganzes Gesicht war
ein farbloses Felsstück, sein Auge zugleich Funke und Kiesel-
stein. Er leugnete nichts, er schien allem Trotz bieten zu wollen.
Ohne ein Wort zu sprechen, ohne zu lächeln, schlang er bloß
seinen Arm um meinen Leib und fesselte mich wie angenagelt
an seine Seite.
Wer sind Sie? fragte er den Fremden.
Ich heiße Briggs und bin Rechtsanwalt, wohnhaft in ---
Straße, zu London.
Und Sie wollen mir ein Weib aufzwingen?
Ich will Sie einzig und allein an die Existenz Ihrer Gemahlin
erinnern, eine Existenz, die das Gesetz anerkennt, wenn Sie es
nicht tun.
Sagen Sie mir mehr von ihr; --- nennen Sie mir ihren
Namen, ihre Verwandtschaft, ihren Wohnort.
Gewiß, erwiderte Herr Briggs.
Und ganz ruhig zog der Rechtsanwalt ein Dokument aus der
Tasche und las mit einer offiziellen Nasalstimme:
Ich behaupte und kann beweisen, daß am zwanzigsten Oktober
Annd domini --- vor nun fünfzehn Jahren --- Edward Fairfax
Rochester von Thornfield Hall, in der Grafschaft ---, und von
Ferndean Manor, in der Grafschaft --- in England, mit meiner
Schwester Bertha Antoinetta Mason, der Tochter des Kauf-
manns Jonas Mason, und seiner Ehefrau Antoinetta, einer
Kreolin, in der --- Kirche zu Spanish Town auf der Insel
Jamaica getraut worden ist. Die Traung ist eingetragen
worden in das Eheregister der genannten Kirche --- wovon ich
gegenwärtig eine Abschrift besitze. Gezeichnet: Richard Mason.
Dieses Dokument, wenn es überhaupt echt ist, mag beweisen,
daß ich verheiratet gewesen bin; es beweist aber nicht, daß das
darin als meine Gattin erwähnte Weib noch am Leben ist,
Sie hat noch vor drei Monaten gelebt, versetzte der Advokat.
Woher wissen Sie das?
Ich habe einen Zeugen, dessen Zeugnis sogar Sie, Herr
Rochester, kaum anfechten dürften.
So führen Sie ihn vor --- oder fahren Sie zur Hölle!
Ich werde ihn sogleich stellen --- er ist hier: Herr Mason,
treten Sie gefälligst vor.
Als Rochester diesen Namen hörte, biß er die Zähne zusammen,
und ich fühlte, wie diese krampfhafte Bewegung der Wut oder
Verzweiflung seine ganze Gestalt durchzuckte. Der zweite
Fremde, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, kam
heran; ein bleiches Gesicht sah über die Schulter des Advokaten
--- ja es war Mason in eigener Person. Rochester wandte sich
um und starrte ihn an. Sein Auge war, wie ich zu wieder-
holten Malen gesagt, schwarz, jetzt gab es in seiner Düsterkeit
ein lohfarbenes, ja sogar blutiges Licht von sich, und sein Gesicht
überflog eine plötzliche Röte --- seine olivenfarbige Wange und
seine farblose Stirn erglühten, wie wenn ein Feuer aus seinem
Herzen aufstiege. Er erhob seinen starken Arm --- als wollte
er Mason niederschlagen, --- allein Mason wich zurück und rief:
Um Gottes Willen!
Kalte Verachtung kam über Rochester --- sein Zorn erstarb
plötzlich, und er fragte nur:
Was haben Sie zu sagen?
Eine Antwort, die dem Ohre entging, entfloh Masons blassen
Lippen.
Hol Sie der Teufel, wenn Sie nicht deutlich antworten können.
Ich frage noch einmal: Was haben Sie zu sagen?
Aber, Herr Rochester --- fiel der Pastor ein, vergessen Sie
nicht, daß Sie an heiliger Stätte sind.
Sodann fragte er, zu Mason gewendet, diesen sanft:
Wissen Sie, ob die Frau dieses Herrn am Leben ist, oder
nicht?
Nur Mut! sagte der Avokat, --- sprechen Sie frei von der
Leber weg!
Sie lebt jetzt in Thornfield Hall, sagte Mason deutlicher.
Ich habe sie dort im letzten April gesehen. Ich bin ihr Bruder.
In Thornfield Hall! rief der Pastor. Unmöglich! Ich wohne
schon lange in dieser Nachbarschaft, und noch nie habe ich von
einer Rochester in Thornfield Hall gehört.
Ich sah ein grimmiges Lächeln Rochesters Lippen umspielen.
Nein --- bei Gott! murmelte er --- ich habe Sorge getragen,
daß niemand von ihr unter diesem Namen hören sollte.
Er sann einige Zeit nach. Endlich war sein Entschluß gefaßt,
und er kündigte ihn also an:
Genug --- nun soll alles auf einmal heraus, wie die Kugel
aus dem Lauf. Wood --- (sagte er, zum Pastor gewendet) ---
machen Sie Ihr Buch zu, und ziehen Sie Ihr Chorhemd aus;
Küster, verlassen Sie die Kirche; aus der Traung wird heute
nichts!
Der Küster gehorchte.
Herr Rochester fuhr ingrimmig fort:
Bigamie ist ein häßliches Wort! Und doch hatte ich die Ab-
sicht, ein Bigamist zu werden; allein das Schicksal hat meine
Anschläge zu nichte gemacht, oder vielmehr die Vorsehung hat
mich zurückgehalten. In diesem Augenblicke bin ich wenig besser
als ein Teufel und verdiene, wie mein Pastor dort sich aus-
drücken würde, ohne Zweifel das strengste Gericht Gottes.
Meine Herren, mein Plan ist vereitelt! --- Was dieser Advokat
und sein Klient sagen, ist wahr: Ja, ich bin verheiratet, und
das Weib, mit dem man mich verheiratet hat, ist noch am Leben!
Sie sagen, Wood, Sie hätten von einer Frau Rochester in dem
Hause dort oben nie gehört; aber Ihr Ohr hat doch wohl oft
einem Gerüchte gelauscht, von einer Irrsinnigen, die dort
bewacht wird. Einige Leute haben Ihnen zugeflüstert, daß es
meine uneheliche Halbschwester, andere, daß es meine verstoßene
Geliebte sei; --- nun sage ich Ihnen, sie ist meine Frau, die ich
vor fünfzehn Jahren geheiratet, --- Bertha Mason mit Namen,
und Schwester dieses entschlossenen Mannes da, der Ihnen mit
seinen zitternden Gliedern und bleichen Wangen zeigt, welch
mutiges Herz ein Mensch haben kann. Nur zu, Dick! ---- Haben
Sie keine Furcht vor mir! --- ich möchte fast ebenso gern ein
Weib schlagen, als Sie.
Bertha Mason ist eine Wahnsinnige
und stammt von einer wahnsinnigen Familie: Idioten und
Tollhäusler in drei Generationen! Ihre Mutter, eine Kreolin,
war eine Wahnsinnige und noch dazu dem Trunke leidenschaftlich ergeben --- wie ich fand, nachdem ich ihre Tochter
geheiratet; denn über Familiengeheimnisse sprachen sie zuvor
nicht eine Silbe. Bertha, als gehorsames Kind, ahmte ihrer
Mutter in beiden Stücken getreulich nach. Ich hatte eine
bezaubernde Ehehälfte --- keusch, klug, bescheiden. Sie können
sich vorstellen, was für ein glücklicher Mann ich war. --- Ich
erlebte köstliche Scenen! O meine Erfahrung war eine himmlische,
wenn Sie nur etwas davon wüßten! Aber ich bin Ihnen weitere
Erklärungen schuldig. Briggs, Wood, Mason, --- ich lade Sie
alle ein, mit mir die Patientin Frau Pooles --- meine Frau ---
zu besuchen. Da sollen Sie sehen, welches Wesen man mich
schändlicherweise hat heiraten lassen, und urteilen, ob ich ein
Recht hatte oder nicht, den Bund zu brechen und bei einem
Wesen Sympathie zu suchen, das wenigstens menschlich ist.
Dieses Mädchen, fuhr er, mich anblickend, fort, wußte von dem
scheußlichen Geheimnis ebenso wenig, wie Sie, Wood; sie glaubte,
alles gehe mit ehrlichen Dingen zu, und ließ sich nie träumen,
daß sie von einem Elenden betrogen wurde. Kommen Sie alle
und folgen Sie mir!
Mich immer noch festhaltend, verließ er die Kirche; die drei
Herren kamen nach. An der Haustür des Schlosses fanden
wir den Wagen.
Bring ihn nur wieder unter den Schuppen, John, sagte
Herr Rochester kalt; wir werden heute keinen Gebrauch davon
machen.
Bei unserem Eintritt kamen Frau Fairfax, Adele, Sofie
und Leah uns entgegen, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
Fort mit euch --- fort mit euch allen! --- rief ihr Herr. Zum
Henker mit euren Glückwünschen! Sie kommen fünfzehn Jahre
zu spät!
Er ging vorbei und die Treppe hinauf, immer noch meine
Hand haltend und den Herren winkend, ihm zu folgen; -- was
sie auch taten. Wir kamen die erste Treppe hinauf, gingen
durch den Korridor und dann in den dritten Stock. Durch die
niedrige schwarze Tür, die Rochester mit einem Schlüssel öffnete,
gingen wir in das mit Tapeten behangene Zimmer, dessen
großes Bett und mit Malereien versehenes Kabinett mir noch
wohl bekannt war.
Sie kennen diesen Ort, Mason, sagte unser Führer; hier hat
sie Sie meuchlerisch angefallen und gebissen.
Er hob die Tapete an der Wand auf, und es zeigte sich nun
die zweite Tür; auch diese öffnete er. Da brannte in einem
Zimmer ohne Fenster ein durch ein hohes und starkes Eisengitter geschütztes Feuer; eine Lampe hing an einer Kette von
der Decke nieder. Grace Poole neigte sich über das Feuer, anscheinend damit beschäftigt, etwas in einer Pfanne zu kochen.
In dem dunklen Hintergrund des Zimmers lief eine Gestalt
mit eiligen Schritten auf und ab. Was es war, ein Tier oder
ein menschliches Wesen, konnte man auf den ersten Blick nicht
sehen, es kroch dem Anschein nach auf allen vieren; es schnappte
und knurrte wie ein wildes Tier; aber es war mit Kleidern
bedeckt und eine Masse dunkeln, angegrauten Haares, wild wie
eine Mähne, verbarg Kopf und Gesicht.
Guten Morgen, Frau Poole! sagte Rochester. Wie geht es
Ihnen, und wie steht es heute mit Ihrem Pflegling?
Danke, Herr Rochester, ganz gut, erwiderte Grace, etwas
bissig heute, aber sie rast nicht.
Ein wilder Schrei schien ihren günstigen Bericht Lügen zu
strafen; die bekleidete Hyäne erhob sich und stand aufrecht da.
Herr Rochester, sie sieht Sie! rief Grace; gehen Sie lieber
weg!
Ich will nur einige Augenblicke dableiben, Grace.
Dann nehmen Sie sich in acht, --- Ums Himmelswillen,
nehmen Sie sich ja in acht!
Die Wahnsinnige brüllte; sie schlug ihr zottiges Haar aus
dem Gesicht und sah die Besucher wild an. Ich erkannte wohl
das purpurrote Gesicht, --- die aufgedunsenen Züge. Frau Poole
trat auf uns zu.
Aus dem Wege! sagte Herr Rochester, indem er Frau Poole
beiseite schob. Sie hat doch jetzt kein Messer? Und ich bin
auf meiner Hut.
Man weiß nie, was sie hat. Sie ist so listig, kein Mensch
kann alle ihre Tücken erraten.
Wir täten wohl besser daran, wenn wir sie verließen, flüsterte
Mason.
Gehen Sie zum Teufel! lautete der Rat seines Schwagers.
Nehmen Sie sich in acht! rief Grace.
Die drei Herren zogen sich zu gleicher Zeit zurück, Rochester
schleuderte mich hinter sich; die Wahnsinnige sprang auf ihn zu,
klammerte sich an seinen Hals an und setzte ihre Zähne an
seine Wange; sie rangen miteinander. Sie war ein großes,
stämmiges Weib, der Statur nach ihrem Manne fast gleich, und
zeigte in dem Kampfe eine wahre Manneskraft --- mehr als
einmal hätte sie ihn um ein Haar erdrosselt, so athletisch er
auch war. Wohl hätte er sich ihrer durch einen tüchtigen Faustschlag entledigen können; er wollte aber nicht schlagen, sondern
bloß ringen. Endlich bekam er ihre Arme in seine Gewalt,
Grace Poole gab ihm einen Strick, und er band sie ihr auf
dem Rücken zusammen, mit einem anderen Stricke band er sie
an einen Stuhl fest. Dabei stieß die Gebundene ein Wehgeschrei
aus und schlug nach allen Seiten um sich. Sodann wandte
Herr Rochester sich zu den Zuschauern, mit einem bittern Lächeln
sah er sie an.
Das ist meine Frau, sagte er. Dies ist die einzige eheliche
Umarmung, die ich je kennen lernen soll --- das sind die Liebkosungen, die mich in meinen Mußestunden erfreuen sollen!
Und das ist diejenige, die ich haben wollte --- hier legte er
seine Hand auf meine Schulter --- dieses junge Mädchen, das
so ernst und ruhig am Schlunde der Hölle steht und den
Sprüngen eines Dämons so gefaßt zusieht. Ich wollte sie
haben, als etwas Neues, nach jenem scheußlichen Ragout.
Wood und Briggs, sehen Sie, was für ein Unterschied das
ist! Vergleichen Sie diese klaren Augen mit jenen roten Kugeln
dort --- dieses Gesicht mit jener scheußlichen Fratze --- diese
Gestalt mit jenem Klumpen; und dann richten Sie mich, Sie,
Priester des Evangeliums, und Sie, Mann des Gesetzes, und
vergessen Sie nicht, daß, wie Sie richten, so auch Sie werden
gerichtet werden! Und nun, fort mit euch allen! Ich muß mein
Kleinod wieder einschließen.
Wir entfernten uns alle, und nur Rochester blieb einen
Augenblick zurück, um Grace Poole noch weitere Befehle zu
geben.
Der Advokat redete mich an, als wir die Treppe herabgingen.
Sie, gnädiges Fräulein, sagte er, sind frei von aller Schuld.
Ihr Oheim --- falls er noch am Leben ist --- wird sich freuen,
das zu hören, wenn Herr Mason nach Madeira zurückkehrt.
Mein Oheim ! Kennen Sie ihn? Wissen Sie etwas von
ihm?
Herr Mason kennt ihn, Herr Eyre steht seit einigen Jahren
von Funchal aus mit seinem Hause in Geschäftsverbindung.
Als Ihr Oheim Ihre Briefe empfing, worin Sie ihm Ihre
beabsichtigte eheliche Verbindung mit Herrn Rochester ankündigten,
war Herr Mason, der auf Madeira eine Kur durchmachte, zu-
fällig bei ihm. Herr Eyre teilte ihm die Nachricht mit, denn
er wußte, daß mein Klient hier mit einem Herrn namens Rochester,
bekannt war, woraus Herr Mason den wahren Sachverhalt
aufdeckte. Ihr Oheim liegt jetzt leider krank darnieder, und es
als müsse mein Anblick ihm verhaßt sein. O wie blind waren
meine Augen gewesen! Wie schwach hatte ich gehandelt!
Meine Augen waren bedeckt und geschlossen, wirbelartige
Finsternis schien um mich her zu schwimmen, und die Gedanken
stürzten in ebenso schwarzer und verworrener Flut daher. Von
mir selbst aufgegeben, abgespannt und ohne Kraft, weitere
Anstrengungen zu machen, schien ich mich in das ausgetrocknete Bett eines großen Stroms gelegt zu haben. Ich
hörte eine Flut von fernen Bergen auf mich zu rauschen, aber
es fehlte mir am Willen, aufzustehen, und zum Fliehen er-
mangelte ich der nötigen Stärke. Ohnmächtig lag ich da und sehnte
mich nach dem Tode. Nur ein Gedanke durchzuckte mich noch
mit Lebenskraft --- die Erinnerung an Gott, er erzeugte in mir
ein Gebet, das ich nur empfand und daher nicht in den rechten
Worten auszudrücken vermochte:
Sei nicht ferne von mir, denn Not ist nahe, und kein Helfer
ist da!
Siebenundzwanzigtes Kapitel.
Im Laufe des Nachmittags richtete ich den Kopf auf, sah
um mich her und bemerkte den goldenen Schein der Abendsonne an der Wand. Ich fragte mich:
Was soll ich tun?
Aber die Antwort, die mein Geist gab: Du mußt Thornfield alsbald verlassen, kam so bald und so schrecklich, daß
ich mir die Ohren zuhielt. Ich sagte, solche Worte könne ich
jetzt nicht ertragen.
Daß ich Eduard Rochesters Gattin nicht bin, ist der geringste
Teil meines Schmerzes, sagte ich bei mir selbst; daß ich aus
den wonnevollsten Träumen erwacht bin und sie alle leer und
eitel erfunden habe, ist ein Schrecken, eine Pein, die ich, so entsetzlich sie immer sein mögen, noch überwinden könnte. Daß ich
ihn aber ein- für allemal, Augenblicklich, gänzlich verlassen muß,
das ist unerträglich. Ich vermag es nicht.
Dann aber behauptete eine Kraft in mir, ich könne es tun,
und sagte mir im voraus, daß ich es tun würde. Ich kämpfte
mit meinem Entschlusse. Ich hätte schwach sein mögen, um dem
schrecklichen Pfade ferneren Leidens, den ich vor mir sich ausdehnen sah, auszuweichen, aber das tyrannische Gewissen faßte
die Leidenschaft bei der Kehle, sagte ihr höhnisch, sie hätte bis
fetzt nur mit ihrem zierlichen Fuß die Pfütze berührt, und schwor,
daß es sie mit seinem eisernen Arme in bodenlose Tiefen der
Qual hinabschleudern würde.
So mag ich denn hinweggerissen werden rief ich. So möge
mir jemand helfen!
Nein, selbst mußt du dich emporraffen; niemand soll dir helfen!
Du selbst sollst dein rechtes Auge ausreißen; du selbst sollst
deine rechte Hand abhauen; dein Herz soll das Schlachtopfer
sein, und du der Priester, der es durchbohrt.
plötzlich stand ich auf, von Entsetzen ergriffen über die Ein-
samkeit, die ein so unerbittlicher Richter aufsuchte, --- über das
Schweigen, das auf eine so hehre, Ehrfurcht gebietende Stimme
folgte. Mein Kopf schwindelte, als ich aufrecht dastand; ich be-
merkte, daß ich ohnmächtig wurde infolge der Aufregung und
meiner gänzlichen Erschöpfung, weder Speise noch Trank hatten
an jenem Tage meine Lippen berührt, denn ich hatte nicht ge-
frühstückt. Und mit einer seltsamen Bangigkeit dachte ich jetzt
darüber nach, daß, solange ich mich in meinem Zimmer ein-
geschlossen, keine Botschaft gekommen, um nach meinem Befinden
zu fragen, oder um mich einzuladen, hinabzukommen, nicht ein-
mal die kleine Adele hatte ich an die Tür klopfen hören; nicht
einmal Frau Fairfax hatte mich aufgesuct.
Die Freunde vergessen stets diejenigen, die das Glück
verläßt, murmelte ich, als ich den Riegel zurückschob und hin-
austrat. Ich stolperte über etwas, mein Kopf war noch
schwindlig, meine Augen trübe, meine Glieder schwach. Ich
hatte im Augenblick nicht Kraft genug, um mich auf den
Beinen zu halten, ich fiel, aber nicht zu Boden; ein aus-
gestreckter Arm fing mich auf. Ich sah auf --- Rochester, der
auf einem Stuhle quer über der Schwelle meines Zimmers
saß, stützte mich.
Endlich kommst du heraus, sagte er. Ich habe lange auf
dich gewartet und habe lange gehorcht, aber auch nicht eine
Bewegung auch nicht einen Seufzer gehört. Hätte diese
Totenstille nur noch fünf Minuten gedauert, so hätte ich das
Schloß wie ein Dieb erbrochen. Also du weichst mir aus?
--- Du schließt dich ein, um allein deinem Kummer nachzu-
hängen? Es wäre mir lieber gewesen, du wärest gekommen
und hättest mir heftige Vorwürfe gemacht. Du bist zum Zorn
geneigt, ich machte mich auf eine Scene gefaßt. Ich war vor-
bereitet auf einen heißen Tränenregen, nur hätte ich gewollt,
daß er an meiner Brust vergossen würde. Nun hat ein fühl-
loser Boden sie aufgenommen oder dein durchnäßtes Taschen-
tuch. Aber ich irre, du hast gar nicht geweint ich sehe eine
weiße Wange und ein mattes Auge, aber keine Spur von
Tränen. So hat denn dein Herz Blut geweint?
Nun, Jane, nicht ein Wort des Vorwurfs? Nichts Bitteres
--- nichts Bissiges? Du sitzt ruhig, wo ich dich hingesetzt habe,
und siehst mich mit müdem, leidendem Blicke an.
Jane! Ich hatte nicht die Absicht, dir so weh zu tun. Hätte der
Mann, der nur ein einziges Lämmchen besaß, das ihm so
teuer war, wie eine Tochter, die von seinem Brote aß und aus
seinem Becher trank und in seinem Schoße ausruhte, es aus
Versehen auf der Schlachtbank geschlachtet --- wahrlich, er würde
seinen furchtbaren Fehlgriff nicht mehr bereut haben, als ich
jetzt den meinigen bereue. Kannst du mir je wieder vergeben?
Ich vergab ihm im Augenblicke und auf der Stelle. Es lag
eine so tiefe Reue in seinem Auge, ein so wahres Mitleid in
seinem Tone, eine so männliche Energie in seinem ganzen Wesen
und überdies eine so unveränderte Liebe in seinem Blick und
seinem Antlitz, daß ich ihm alles vergab, indessen nicht in
Worten, nicht äußerlich, sondern nur im Innersten meines
Herzend.
Nicht wahr, ich bin ein Schurke, Jane? So sag's mir doch
offen und unumwunden --- schone mich nicht!
Ich kann es nicht, ich bin matt und krank. Ich brauche
Wasser.
Er stieß eine Art schaudernden Seufzer aus, umfaßte mich
dann mit den Armen und trug mich die Treppe hinab. An-
fänglich wußte ich nicht, in welches Zimmer er mich getragen;
alles war für mein verglastes Auge umwölkt. Bald empfand
ich die belebende Wärme eines Feuers, denn obgleiches Sommer
war, war ich in meinem Zimmer eiskalt geworden. Er brachte
Wein an meine Lippen; ich trank davon und lebte wieder auf;
dann aß ich etwas, was er mir anbot, und war bald wieder
ganz hergestellt. Ich befand mich in dem Bibliothekzimmer und
saß in seinem Sessel, er war ganz nahe bei mir.
Könnte ich nun ohne allzuheftige Qual aus dem Leben
scheiden, so wäre es gut für mich, dachte ich; dann wäre mir
die schwere Aufgabe erlassen, die Saiten meines Herzens zu
sprengen, indem ich sie von Rochester gewaltsam losreiße. Ich
muß ihn verlassen, so viel ist mir klar. Ich will ihn aber nicht
verlassen --- ich kann ihn nicht verlassen.
Wie befindest du dich jetzt, Jane?
Viel besser, bald werde ich wieder ganz wohl sein.
Trinke noch ein wenig Wein!
Ich gehorchte ihm; dann setzte er das Glas auf den Tisch, stellte
sich vor mich hin und sah mich aufmerksam an. Plötzlich wandte
er sich weg mit einem unartikulierten Ausrufe voll leidenschaft-
licher Erregung. Er schritt schnell durch das Zimmer hin und
kam zurück, bückte sich zu mir nieder, als wollte er mich küssen;
allein ich erinnerte mich, daß Liebkosungen nunmehr ver-
boten seien. Ich wendete mein Gesicht ab und schob das seine
beiseite.
Was! --- Was ist das? rief er hastig. O ich weiß! Du willst
den Mann der Bertha Mason nicht küssen! Du glaubst, meine
Umarmungen gehören einer andern?
Auf jeden Fall ist weder Platz für mich da, noch habe ich
einen Anspruch geltend zu machen.
Warum, Jane? Ich will dir die Mühe des vielen Sprechens
ersparen, ich will für dich antworten. Weil ich schon eine Frau
habe, willst du sagen. --- Habe ich recht geraten?
Ja.
Wenn du so denkst, so mußt du eine sonderbare Meinung
von mir haben. Du mußt mich als einen ränkevollen Wüst-
ling ansehen, --- als einen gemeinen, niederträchtigen Halunken,
der uneigennützige Liebe geheuchelt hat, um dich in eine Schlinge
zu locken, dich deiner Ehre zu berauben, dich um deine Selbst-
achtung zu betrügen. Nun, glaubst du das nicht ? --- Ich sehe,
du kannst nichts sagen; erstlich bist du noch zu schwach dazu und
hast genug zu tun, nur um Atem zu holen; zweitens kannst
du es noch nicht über dich bringen, mich anzuklagen und zu
schmähen, und endlich hast du keine Lust, mich zur Rede zu
stellen, mich mit Vorwürfen zu überhäufen, du denkst jetzt daran,
wie du zu handeln hast --- das Sprechen erachtest du für
unnütz. Ich kenne dich --- ich bin auf meiner Hut.
Herr Rochester, nicht gegen Sie will ich handeln, sagte ich.
Und meine unsichere Stimme warnte mich, daß ich meine Rede
unvollendet lassen sollte.
Nicht in deinem Sinne des Wortes --- aber in meinem
planst du jetzt, mich zu vernichten. Du hast es so gut wie aus-
gesprochen, daß ich verheiratet bin --- und als einen verheirateten
Mann wirst du mich meiden, soeben noch hast du dich geweigert,
mich zu küssen. Du willst dich mir ganz entfremden, --- willst
unter diesem Dache nur noch als Adeles Erzieherin leben,
Wenn ich je noch ein freundliches Wort zu dir sage, wenn je
ein freundschaftliches Gefühl dich wieder zu mir hintreibt, so
wirst du sagen: Dieser Mann da hätte mich beinahe zu seiner
Maitresse gemacht, ich muß wie ein Stück Eisen oder wie ein
Felsen gegen ihn sein; und folglich wirst du auchzu einem
Eisen- und Felsenstücke werden.
Ich bot alle meine Kraft auf, um mit sicherer und vernehm-
licher Stimme zu antworten.
Alles um mich her, sagte ich, hat sich verändert, auch ich muß
mich nun verändern --- darüber kann kein Zweifel obwalten;
und um dem Schwanken der Gefühle, um den beständigen
Kämpfen mit Erinnerungen und Vorstellungen ein Ende zu machen,
gibt es nur ein Mittel --- Adele braucht eine neue Erzieherin,
Herr Rochester.
O, Adele kommt in eine Schule --- das ist bereits aus-
gemacht; auch habe ich nicht im Sinne, dich mit den scheußlichen
Erinnerungen und Vorstellungen zu quälen, die du stets mit
Thornfield Hall verknüpfen mußt. Ich hatte unrecht, dich
hierher zu bringen, da ich doch wußte, was für ein Geist darin
spukt. Ich habe meinen Leuten, noch ehe ich dich sah, befohlen,
dir jede Kenntnis von dem Fluche dieses Ortes sorgfältig vor-
zuenthalten, einzig und allein, weil ich befürchtete, ich würde
für Adele nie eine Erzieherin auf längere Zeit finden, wenn
sie wüßte, wer noch mit ihr im Hause wohnt, und weil meine
Pläne mir nicht erlaubten, die Wahnsinnige anderswohin zu
bringen --- obgleich ich ein altes Haus, Ferndean Manor, besitze,
das noch einsamer und verborgener als dieses ist, wo ich sie
mit voller Sicherheit hätte lassen können, hätte nicht eine Be-
denklichkeit wegen der ungesunden Lage, mitten in einem Walde,
mich eine solche Maßregel verwerfen lassen. Wahrscheinlich
würden jene feuchten Wände mich von meiner Bürde bald be-
freit haben; aber jedem Bösewicht sein Laster, und das meinige
ist es nicht, den Gegenstand, wenn ich ihn auch noch so sehr hasse,
auf indirekte Weise zu ermorden.
Die Nähe der Wahnsinnigen deinem Auge und deinem Ohre
zu verbergen, war indessen ein Unternehmen, wie das eines
Mannes, der ein Kind mit einem Mantel bedecken und es
neben einen Upas-Baum legen würde; die Nachbarschaft jenes
Dämons ist vergiftet und ist es immer gewesen. Ich werde
aber Thornfield Hall verschließen; ich werde die Vordertür zu-
nageln und die untern Fenster mit Brettern verkleiden lassen;
ich werde Frau Poole jährlich zweihundert Pfund geben, um
mit meiner Frau hier zu leben, --- mit meiner Frau, wie
sie jene scheußliche Hexe nennen. Grace wird für Geld und
gute Worte viel tun, und ihr Sohn, der Aufseher von Grimsby
Retreat, soll ihr Gesellschaft leisten und ihr beistehen bei
den Anfällen meiner Frau, wenn ihr Dämon sie antreibt,
die Leute bei Nacht in ihren Betten zu verbrennen, sie zu
meucheln, ihnen das Fleisch von den Knochen zu beißen und
so fort ---
Herr Rochester, unterbrach ich ihn, Sie zeigen kein Mitleid
für diese unglückliche Frau, Sie sprechen von ihr mit Haß ---
mit rachsüchtiger Antipathie. Das ist grausam; es ist nicht ihre
Schuld, wenn sie wahnsinnig ist!
Liebes Kind, --- du weißt nicht, was du sagst; schon wieder beurteilst du mich unrichtig. Nicht darum hasse ich sie, weil
sie wahnsinnig ist. Wärst du wahnsinnig, glaubst du, ich würde
dich hassen?
Ja, das glaube ich.
Dann irrst du dich und kennst mich nicht und weißt auch
nicht, welcher Liebe ich fähig bin. Jedes Atom von dir ist mir
so teuer, wie mein eigener Leib, in Leiden und Siechtum würdest
du mir immer noch teuer sein. Dein Geist ist mein Schatz, und
erkrankte er, so würde er mein Schatz bleiben; verfielest du in
Tobsucht, so würden meine Arme dich umschließen und nicht
eine Zwangsjacke. Ich würde nicht mit Ekel und Abscheu vor
dir zurückbeben, wie vor meiner Frau; in deinen lichten Augenblicken
solltest du keinen anderen Wächter, keine andere Wärterin
haben, als mich; und ich könnte mit unermüdlicher Zärtlichkeit
mich über dich beugen, wenn deine Augen auch keinen Strahl
mehr hätten, der mich erkennte. --- Warum aber solchen Gedanken
nachhängen? Ich sprach davon, daß du von Thornfield
fort sollst. Bleibe nur noch eine Nacht unter diesem Dache,
dann kannst du dem Elend und den Schrecknissen, die es birgt,
auf immer Lebewohl sagen! Ich weiß einen Ort für dich, der
dir ein sicheres, vor verhaßten Erinnerungen, --- ja sogar vor Falschheit und Verleumdung geschütztes Heiligtum sein wird.
Und nehmen Sie Adele mit, fiel ich ein, sie wird eine Gefährtin
für Sie sein!
Was meinst du damit, Jane? Ich hab' dir ja gesagt, daß ich
gesonnen bin, Adele in eine Schule zu tun, und was brauche
ich ein Kind zum Gefährten?
Sie haben davon gesprochen, daß Sie sich an einen abgeschiedenen
Ort zurückziehen wollen; und die Abgeschiedenheit
und Einsamkeit sind langweilig, zu langweilig für Sie.
Einsamkeit! Einsamkeit! wiederholte er in zornigem Tone. Ich
sehe, es muß zu einer Erklärung kommen. Verstehst du mich
denn nicht? Du sollst meine Einsamkeit teilen!
Ich schüttelte den Kopf; es gehörte ein gewisser Mut dazu,
um selbst dieses stumme Zeichen der Meinungsverschiedenheit
zu wagen, da er sichtlich aufgeregter wurde. Er war mit
raschen Schritten im Zimmer auf und ab gegegangen, und plötzlich
stand er wie angenagelt da. Lange und fest schaute er auf
mich nieder, ich wandte meine Augen ab von ihm, heftete sie
aufs Feuer und suchte eine ruhige Haltung anzunehmen und
zu behaupten.
Nun sind wir am Knoten in Janes Charakter, sagte er endlich
ruhiger, als sein Blick hatte erwarten lassen. Die Seide
an dem Haspel hat sich bis jetzt gut genug abwinden lassen;
aber ich wußte stets, daß einmal ein Knoten kommen würde,
und hier ist er. Nun ist der Pein, der Erbitterung und der
Verwirrung kein Ende! Bei Gott! Es verlangt micht, einen
Teil der Stärke Simsons anzuwenden und das verworrene Zeug
wie schlechtes Werg zu zerreißen!
Abermals fing er an, auf und ab zu gehen; bald aber blieb er
wieder stehen und diesmal gerade vor mir.
Jane! Willst du Vernunftgründe anhören? --- Er bückte sich
und näherte seine Lippen meinem Ohr --- denn wenn du das
nicht willst, so werde ich Gewalt brauchen!
Seine Stimme war heiser, sein Blick --- der eines Mannes,
der auf dem Punkte steht, eine unleidliche Fessel zu sprengen
und über Hals und Kopf sich in den Strudel eines wilden,
wüsten Lebens zu stürzen. Ich sah, daß im nächsten Augen-
blicke, wenn die wahnsinnige Wut bei ihm sich nur noch um
einen Grad steigerte, meine Herrschaft über ihn zu Ende sein
würde.
Die Gegenwart, die vorbeifliehende Sekunde, mußte mir
die Mittel an die Hand geben, ihn zu bändigen, eine Be-
wegung der Furcht, der Flucht würde mein und sein Schicksal
besiegelt haben. Aber ich hatte keine Furcht, nicht die geringste.
ich fühlte in mir eine Macht, ich war mir eines Einflusses
bewußt, der mich aufrecht hielt. Die Krise war gefährlich,
aber nicht ohne ihren Reiz, wie ihn vielleicht der Indianer
empfindet, wenn er in seinem Kanoe über eine Stromschnelle
dahinschießt. Ich ergriff seine geballte Faust, löste die krampf-
haft zusammengezogenen Finger und sagte in besänftigendem
Tone zu ihm:
Setzen Sie sich doch; ich will mit Ihnen sprechen, solange
Sie wollen, und alles anhören, was Sie zu sagen haben, sei
es vernünftig oder unvernünftig.
Er setzte sich; allein er durfte nicht sofort sprechen. Seit
einiger Zeit hatte ich mit meinen Tränen gekämpft, ich hatte
mir viele Mühe gegeben, sie zurückzudrängen, weil ich wußte,
daß es ihn verdrießen würde, mich weinen zu sehen. Nun aber
wollte ich sie so reichlich und so lange strömen lassen, als sie
mochten. Aergerte ihn das, --- desto besser. Ich hielt also nicht
mehr an mich und weinte nach Herzenslust.
Bald hörte ich ihn mich lebhaft bitten, da ich mich doch fassen
möchte. Ich sagte, es sei mir unmöglich, solange er sich so
heftig gebärde.
Ich bin ja aber nicht zornig, Jane; ich liebe dich nur zu sehr;
und du hattest dein bleiches Gesichtchen mit einem so ent-
schlossenen, so eiskalten Blicke gestählt, daß ich es nicht ertragen
konnte. Trockne jetzt deine Tränen!
Seine sanfte Stimme sagte mir, daß er überwunden sei; nun
wurde auch ich ruhig. Er versuchte es einmal, seinen Kopf
an meine Schulter zu legen; ich wollte es aber nicht erlauben.
Dann wollte er wieder mich zu sich hinziehen; aber auch das
ließ ich nicht zu.
Jane! Jane! sagte er in einem Tone bitterer Traurigkeit,
so daß es mir durch alle Nerven ging; du liebst mich also
nicht, du schätzt also bloß meinen Stand an mir? Und nur
der meiner Frau gebührende Rang bestach dich? Nun du siehst,
daß ich nicht dein Mann werden kann, weichst du vor meiner
Berührung wie vor einer Kröte zurück?
Diese Worte gingen mir durchs Herz; und doch, was konnte
ich tun oder sagen? Ich hätte wohl nichts tun, nichts sagen
sollen, aber ein Gefühl der Reue, daß ich so sein Innerstes
verletzt, quälte mich dergestalt, daß ich nicht umhin konnte, Bal-
sam in die Wunden zu träufeln, die ich verursacht hatte.
Ich liebe dich, sagte ich, und das mehr als je; aber ich darf
dieses Gefühl nicht zeigen und darf ihm nicht nachhangen, und
dies ist das letztemal, daß ich es ausdrücken kann.
Das letztemal, Jane! Was glaubst du, du könntest mit mir
leben und mich Tag für Tag sehen und doch, wenn du mich
noch liebst, stets kalt sein und fremd tun?
Nein, das könnte ich sicherlich nicht; und deshalb sehe ich
wohl, daß es nur ein Mittel gibt, aber Sie werden rasend
werden, wenn ich davon spreche.
O nenne es! Wenn ich rase, so verstehst du dich gut aufs
Weinen.
Herr Rochester, ich muß Sie verlassen, muß von Ihnen
scheiden für das ganze Leben, und eine neue Existeng beginnen
unter fremden Gesichtern und in fremdem Lande.
Nun ja, das will ich ja auch. Nur daß wir nicht voneinander
scheiden wollen, das wäre Wahnsinn. Du meinst, du müßtest
ein Teil von mir werden. Ja, ia, was das neue Leben betrifft,
so hat das seine Richtigkeit; du sollst dennoch meine Frau sein,
ich bin nicht verheiratet. Du sollst Frau Rochester werden ---
dem Namen nach und in der Wirklichkeit. Ich werde nur dir
gehören, solange du und ich leben. Du sollst auf ein Gut gehen,
das ich im südlichen Frankreich besitze, eine Villa mit weißen
Mauern, an den Ufern des Mittelländischen Meeres. Dort
sollst du ein sicheres, glückliches und durchaus unschuldiges
Leben führen. Fürchte nicht, daß ich dich täusche --- dich zu
meiner Maitresse machen möcte. Warum schüttelst du so den
Kopf? Jane, du mußt vernünftig sein; sonst komme ich in
Wahrheit wieder von Sinnen.
Seine Stimme und seine Hand zitterten; seine großen Nasen-
löcher wurden weiter; sein Auge sprühte Funken, dennoch
wagte ich zu sprechen:
Herr Rochester, Ihre Frau lebt noch, das ist eine Tatsache,
die Sie diesen Morgen selbst anerkannt haben. Wollte ich
mit Ihnen leben, wie Sie wünschen, so würde ich Ihre Mai-
tresse sein; der Sache einen andern Namen zu geben, ist
Sophisterei.
Jane, ich bin kein Mann von sanftem Temperament --- du
vergißt das. Ich habe nicht viel Geduld; ich bin nicht kalt und
leidenschaftslos. Aus Mitleid für mich und für dich lege deine
Finger auf meinen Puls, fühle, wie er schlägt, und hüte dich!
Er entblößte sein Handgelenk und bot es mir hin. Das Blut
wich aus seiner Wange und seinen Lippen, sie wurden bläulich;
überall sah ich nur Unheil. Ihn durch Widerstand zu reizen, war
grausam; ihm aber nachzugeben, --- davon konnte keine Rede sein.
Ich tat, was menschliche Wesen instinktmäßig tun, wenn sie
zum Aeußersten getrieben werden, wenn sie sich sonst nicht mehr
zu helfen wissen --- ich erwartete Hilfe von oben; die Worte:
Gott helfe mir! entfielen unwillkürlich meinen Lippen.
Ich bin ein Narr! rief Herr Rochester plötzlich. Ich rede
ihr doch nicht, warum. Ich vergesse, daß sie nichts weiß von
dem Charakter jenes Weibes, noch von den Umständen, die
meine Verbindung mit ihr begleitet haben. O, ich bin gewiß,
Jane wird mir beipflichten, wenn sie alles weiß, was ich weiß!
So lege doch nur deine Hand in die meinige, Jane, --- damit
ich sowohl durch die Berührung als durch meine Augen den
Beweis habe, daß du mir nahe bist --- und ich will dir in
wenigen Worten den wahren Sachverhalt mitteilen. Kannst
du mich anhören?
Stundenlang, wenn Sie es wünschen.
Ich verlange nur wenige Minuten. Jane, weißt du, daß ich
nicht der älteste Sohn meines Hauses war, daß ich einen älteren
Bruder hatte?
Ich erinnere mich, daß Frau Fairfax einmal davon gesprochen
hat.
Nun, Jane, mein Vater war ein habsüchtiger, harter Mann;
der Gedanke, sein Gut zu teilen und mir ein schönes Erbteil
zu hinterlassen, dünkte ihm unerträglich. Alles --- so beschloß
er --- sollte meinem Bruder Russell zufallen. Doch konnte er
es ebensowenig übers Herz bringen, daß ein Sohn von ihm ein
armer Mann sein sollte. Es mußte also durch eine gute Partie
für mich gesorgt werden, und dies tat er beizeiten. Herr
Mason, ein westindischer Pflanzer und Großhändler, war ein
alter Bekannter von ihm. Er war überzeugt, daß der Mann
einen ungeheuren Reichtum besitzen müsse, und zog Erkundig-
ungen ein. Herr Mason hatte, wie er bald fand, einen Sohn
und eine Tochter; zugleich erfuhr er, daß er letzterer ein Vermögen
von dreißigtausend Pfund Sterling geben könne und
wolle. Dies reichte hin. Als ich die Universität verließ, wurde
ich nach Jamaica geschickt, eine Braut zu heiraten, um die
man schon für mich geworben hatte. Mein Vater sagte
nichts von ihrem Gelde, sondern bloß, Fräulein Mason werde
in ganz Spanish Town wegen ihrer Schönheit bewundert, und
das war keine Lüge. Ich fand in ihr ein schönes Weib nach
Art von Blanche Ingram, groß, brünett und majestätisch. Ihre
Familie wünschte mich festzuhalten, weil ich aus einer guten
Familie war, und auch sie ließ es sich angelegen sein, mich an
sich zu fesseln. Man zeigte sie mir in Gesellschaft in eleganter
Toilette, selten sah ich sie allein und sprach auch sehr wenig
unter vier Augen mit ihr. Sie schmeichelte mir und entfaltete
verschwenderisch ihre Reize und Fertigkeiten, um mir zu gefallen.
Alle Männer in ihrem Kreise schienen sie zu bewundern und
mich zu beneiden. Ich war geblendet, geködert; meine Sinne
waren aufgeregt; und da ich unerfahren, unwissend und un-
bekannt mit der Welt war, so glaubte ich, ich liebte sie. Es
gibt keine noch so widersinnige Torheit, zu der tolle Rivalität,
die Unbesonnenheit, Gier und Blindheit der Jugend einen Mann
nicht veranlassen kann. Ihre Verwandten ermutigten mich,
Mitbewerber reizten mich an, sie köderte mich, und die Heirat
war vollzogen, fast ehe ich noch wußte, wo ich war. O, ich
habe, wenn ich an jene Handlung denke, keine Achtung vor mir
selbst --- eine qualvolle innere Verachtung überwältigt mich.
Nie habe ich sie geliebt, nie sie geachtet, ich habe sie nicht ein-
mal gekannt. Ich wußte nicht einmal, ob sie eine einzige Tugend
besitze; ich hatte weder Bescheidenheit, noch Wohlwollen, noch
Aufrichtigkeit, noch ein feines vornehmes Wesen an ihr bemerkt
--- und ich heiratete sie, ich blinder Tölpel. Mit weniger Sünde
hätte ich --- aber ich darf nicht vergessen, mit wem ich rede.
Die Mutter meiner jungen Frau hatte ich nie gesehen, ich
dachte mir, sie sei tot. Als die Flitterwochen vorüber waren,
erfuhr ich meinen Irrtum, sie war geisteskrank und befand sich
in einem Irrenhause. Es war noch ein jüngerer Bruder da,
ein vollständiger Idiot. Der ältere, den du gesehen hast, wird
wahrscheinlich eines Tags in den gleichen Zustand geraten.
Mein Vater und mein Bruder Russell wußten dies alles; allein
sie dachten bloß an die dreißigtausend Pfund und gingen auf
das Komplott gegen mich ein.
Das waren gräßliche Entdeckungen, indessen hätte ich, wäre
nur die schändliche Verheimlichung nicht gewesen, meiner Frau
keinen Vorwurf daraus gemacht. Freilich mußte ich bemerken,
daß ihre Natur der meinigen ganz und gar fremd, ihr Charakter
gemein, niedrig, engherzig und ganz und gar unfähig sei, zu
etwas Höherem geleitet, zu etwas Größerem erhoben zu werden.
Keinen einzigen Abend, ja nicht einmal eine einzige Stunde
des Tages konnte ich mit ihr gemütlich zubringen. Ich fand,
daß zwischen uns beiden eine freundliche Unterhaltung eine
reine Unnöglichkeit sei, weil jeder Gegenstand, den ich zur
Sprache brachte, durch sie eine Wendung erhielt, die zu gleicher
Zeit gemein und alltäglich, verkehrt und blödsinnig war. Ich
sah, daß ich in meinem Hause nimmermehr Ruhe oder Ordnung
finden würde, weil kein Diener die beständigen Ausbrüche ihres
heftigen Temperaments, ihrer unvernünftigen Launen oder die
Plackerei ihrer abgeschmackten, widersprechenden, anspruchsvollen
Befehle ertragen wollte. Aber dies alles hätte ich ertragen.
Ich vermied es zu schelten und machte nur kurze Bemerkungen,
ich suchte meine Reue und meinen Abscheu in der Stille zu
verschlucken, ich drängte die tiefe Antipathie, die ich empfand,
zurück.
Jane, ich will dich nicht mit abscheulichen Einzelheiten be-
lästigen, einige Worte nur sollen ausdrücken, was ich zu sagen
habe. Ich lebte mit dem Weibe, das du oben im Hause ge-
sehen, vier Jahre lang, und während dieser Zeit schleppte sie
mich durch alle die scheußlichen und entehrenden Qualen, denen
ein Mann nicht entgehen kann, wenn er an ein zugleich dem
Trunke ergebenes und unkeusches Weib gefesselt ist.
Unterdessen war mein Bruder gestorben, und als die vier
Jahre um waren, starb auch mein Vater. Nun war ich reich
genug --- und doch wieder gräßlich arm, das gemeinste, ver-
worfenste Wesen, das ich je kannte, war mit mir verbunden
und von dem Gesetze und der Gesellschaft als ein Teil von
mir erklärt. Auch konnte ich mich durch kein gesetzliches Ver-
fahren dieser Elenden entledigen, denn die Aerzte entdeckten
nun, daß meine Frau wahnsinnig sei, --- ihre Ausschweifungen
hatten die Keime des Wahnsinns in ihr frühzeitig entwichkelt.
Auch daß der Tod mich von ihr befreien würde, durfte ich nicht
hoffen; denn obgleich sie fünf Jahre älter war, als ich, --- ihre
Familie und mein Vater hatten mich sogar in Betreff ihres
Alters belogen, --- so konnte sie doch ebensolange leben, wie ich,
da sie körperlich ebenso kräftig als geistig schwach war. Und
so war ich in einem Alter von fünfundzwanzig Jahren hoffnungslos.
Einst wurde ich in der Nacht durch ihr Gebrüll aufgeweckt,
--- seitdem sie die Aerzte für wahnsinnig erklärt hatten, war sie
natürlich eingeschlossen worden; es war eine schwüle Nacht,
eine jener Nächte, wie sie den Orkanen in jenen Gegenden
häufig vorangehen. Da ich in meinem Bette nicht schlafen
konnte, so stand ich auf und öffnete das Fenster. Die Luft
war so heiß wie Schwefeldampf --- nirgends konnte ich Kühlung
finden. Moskitos kamen summend hereingeflogen und schwärm-
ten im Zimmer umher; die See, die ich von dort hören konnte,
brauste dumpf, wie ein Erdbeben, schwarze Wolken stiegen
darüber auf, der Mond sank, groß und rot, wie eine glühende
Kanonenkugel in die Wellen hinab, er warf seinen letzten
blutigen Schimmer über eine Welt hin, in der ein Ungewitter
gärte. Die Atmosphäre und der Anblick wirkten physisch auf
mich ein, und meine Ohren waren erfüllt von den Flüchen,
welche die Wahnsinnige immer noch ausstieß, von den Flüchen,
worin sie auf Augenblicke meinen Namen mit einem solchen
Tone dämonischen Hasses und mit Worten mischte, wie sie dem
gemeinsten Weibe nicht zu Gebote stehen. Obgleich ich durch
zwei Zimmer von ihr getrennt war, so konnte ich doch jedes
Wort hören, da die dünnen Wände des westindischen Hauses
ihrem Wolfsgeheul nur wenig Widerstand entgegensetzten.
Dieses Leben, sagte ich endlich, ist die Hölle auf Erden!
Es gibt keinen zukünftigen Zustand, der schlimmer wäre, als
der gegenwärtige --- ich will mich von den Banden dieses
Körpers befreien und heimgehen zu Gott!
Ich sagte dies, wähhrend ich niederkniete und einen Koffer
aufschloß, der ein Paar geladene Pistolen enthielt; ich hatte im
Sinne, mich zu erschießen. Diese Absicht aber dauerte nur
einen Augenblick, denn da ich bei Sinnen war, so ging die
Verzweiflung, die den Wunsch und die Absicht der Selbst-
vernichtung hervorgerufen, in einer Sekunde vorüber.
Ein kühler Wind blies jetzt von Europa über den Ozean her
und drang gewaltig durch das offene Fenster. Der Sturm brach
los, es donnerte, es blitzte, und die Luft wurde rein. Dann
faßte ich einen Entschluß. Während ich mich unter den Pome-
ranzenbäumen meines nassen Gartens erging, während die
prächtige Morgendämmerung der Tropenländer um mich her
glühte, da dachte ich also, Jane, --- und nun höre, denn es
war die echte Weisheit, die mich in jener Stunde tröstete und
mir den rechten Pfad wies, den ich zu gehen hatte.
Der liebliche Wind flüsterte also immer noch von Europa her
in dem erfrischten Laub, und der atlantische Ozean donnerte in
majestätischer Freiheit; mein Herz, schon seit langer Zeit ver-
trocknet und versengt, schwoll bei dem Tone und füllte sich mit
lebendigem Blute --- mein Wesen sehnte sich nach Erneuerung
--- meine Seele dürstete nach einem reinen Trunke. Ich sah
die Hoffnung wiederaufleben und fühlte, daß die Wiedergeburt
möglich sei. Von einem mit Blüten überdeckten Bogen, unten
an meinem Garten, sah ich hinaus auf das Meer, blauer als
der Himmel. Die alte Welt lag jenseits, klare schönere Aus-
sichten eröffneten sich, und so sagte denn die Hoffnung:
Geh und lebe wieder in Europa! Dort weiß man nicht,
welch befleckten Namen du führst, noch weiß man auch, welch
schmutige Last an dich gefesselt ist. Du kannst die Wahnsinnige
mit dir nach England nehmen, kannst sie bei gehöriger Aufsicht
und mit den nötigen Vorsichtsmaßregeln in Thornfield leben
lassen. Dann kannst du reisen, wohin du willst, und irgend
ein neues Band, das dir gefällt, knüpfen. Das Weib, das
deine Langmut so mißbraucht, deinen Namen so befleckt, deine
Ehre so mit Füßen getreten, deine Jugend so verkümmert hat
--- dieses Weib ist nicht deine Frau und du nicht ihr Gatte.
Sorge dafür, daß es ihr in ihrer traurigen Lage an nichts
mangelt, so hast du alles getan, was Gott und Menschen von
dir verlangen können. Möge ihre Identität, ihre Verbindung
mit dir in ewiger Vergessenheit begraben bleiben, du brauchst
sie keinem lebenden Wesen mitzuteilen. Bringe sie in Sicherheit
und umgib sie mit allem, was ihr das Leben behaglich machen
kann; ihre Verworfenheit bleibe in ein ewiges Dunkel gehüllt,
und dann verlasse sie.
Hiernach handelte ich. Mein Vater und mein Bruder hatten
ihren Verwandten und Bekannten meine Heirat nicht kund
getan, weil ich in dem ersten Briefe, den ich an sie schrieb, um
sie von der stattgefundenen Heirat zu benachrichtigen, die
dringende Bitte beifügte, dieselbe geheimzuhalten, indem ich
bereits anfing, den äußersten Ekel über die Folgen der Heirat
zu empfinden, und ich, nach dem Familiencharakter, nach der
anererbten Körper- und Gemütsbeschaffenheit meiner Frau zu
urteilen, eine scheußliche Zukunft sich vor mir öffnen sah. Gar
bald war auch die schändliche Aufführung des Weibes, das
mein Vater mir ausgesucht hatte, von der Art, daß er sich
schämte, sie als seine Schwiegertochter anzuerkennen. Weit
entfernt von dem Wunsche, die Verbindung bekannt zu machen,
war es ihm bald ebensosehr, wie mir, daran gelegen, sie zu
verheimlichen.
Ich brachte sie also nach England, eine fürchterliche Reise, die ich
da mit einem solchen Ungeheuer auf dem Schiffe hatte. Ich
war froh, als ich sie endlich nach Thornfield brachte und sie in
jenem Zinmer im dritten Stocke in sicherer Verwahrung hatte,
in jenem Zimmer, aus dessen geheimem innerm Kabinett sie
nun seit zehn Jahren die Höhle einer wilden Bestie gemacht hat.
Es war nicht so leicht, eine Wärterin für sie zu finden, da es
notwendig war, eine auszuwählen, auf deren Treue man sich
verlassen konnte; denn die Wahnsinnige mußte mein Geheimnis
früher oder später verraten, sei es in den Zeiten ihrer Raserei,
sei es in den Tagen, ja bisweilen Wochen, in denen sie lichte
Augenblicke hatte und die sie damit ausfüllte, daß sie weidlich
auf mich schimpfte. Am Ende dingte ich Grace Poole von
Grimsby Retreat. Sie und der Wundarzt Carter, der Masons
Wunde verband in jener Nacht, als er meuchlings gestochen
und gebissen wurde --- sind die einzigen, denen ich mein
Geheimnis mitgeteilt habe. Wohl mag Frau Fairfax etwas
geargwöhnt haben, indessen konnte sie nichts Genaues wissen.
Im ganzen hat Grace sich als eine gute Wärterin erwiesen,
obgleich ihre Wachsamkeit mehr denn einmal eingeschläfert und
getäuscht worden ist. Die Wahnsinnige ist listig und bösartig,
nie hat sie ermangelt, die Augenblicke, wo ihre Wärterin sich
vergaß, zu benutzen; einmal hat sie sich bei einer solchen
Gelegenheit des Messers bemächtigt, womit sie ihren Bruder
gestochen, und zweimal, um sich in den Besitz des Schlüssels
zu ihrer Zelle zu setzen und während der Nacht letztere zu
verlassen. Das erstemal machte sie den Versuch, mich in meinem
Bette zu verbrennen, das zweitemal machte sie dir jenen
gräßlichen Besuch in deinem Zimmer. Wenn ich an das Geschöpf
denke, das diesen Morgen mich an der Kehle gepackt, wie es
sein schwarzes und rotes Gesicht über das Nest meines Täub-
chens geneigt, so gerinnt mein Blut.
Und was haben Sie getan, als Sie sie hier untergebracht
hatten? fragte ich, als er plötzlich inne hielt.
Was ich getan habe, Jane? Ich habe nnnch zu einem Irr-
licht umgewandelt. Ich wanderte so trostlos umher, wie der
ewige Jude. Ich besuchte den Kontinent und durchwanderte
alle Länder desselben. Mein steter und alleiniger Wunsch war,
ein gutes und verständiges weibliches Wesen zu finden, das
ich zu lieben vermöchte, das Gegenteil von der Furie, die ich
in Thornfield zurückließ.
Aber Sie konnten nicht heiraten, Rochester!
Ich hatte es beschlossen und war überzeugt, daß ich es konnte
und sollte. E war nicht meine ursprüngliche Absicht, zu täuschen,
irgend etwas zu verbergen. Ich wollte meine Geschichte ein-
fach und ohne Rückhalt erzählen und offen meine Anträge
machen, auch schien es mir so durchaus vernünftig, daß ich als
ein freier Mann zu betrachten sei, daß ich keinen Augenblick
zweifelte, es werde sich ein weibliches Wesen finden, das den
Willen habe und imstande sei, meine Lage zu verstehen und
auf meinen Antrag einzugehen, trotz dem Fluche, der auf mir
lastete.
Endlich fand ich eine, die ich gern hatte, und die ich bat,
mich zu heiraten, was sie aber antwortete, ist in dem Buche
des Schichksals noch nicht verzeichnet. Zehn lange, lange Jahre
irrte ich umher und lebte zuerst in einer Hauptstadt und dann
wieder in einer andern, bisweilen in St. Petersburg, noch
öfter in Paris, gelegentlich in Rom, Neapel und Florenz.
Versehen mit vielem Geld und dem Passe eines alten Namens,
konnte ich meine Gesellschaft nach Belieben wählen. Ich
suchte mein Jdeal von einem Weibe unter englischen Ladies,
französischen Comtessen, italienischen Signoras und deutschen
Gräfinnen. Ich konnte sie aber nicht finden. Bisweilen glaubte
ich eine Sekunde lang, ich hätte einen Blick erhascht, einen
Ton gehört, eine Gestalt gesehen, welche die Verwirklichung
meines Traumes verkündeten, aber alsbald ward ich wieder
enttäuscht. Denke nicht, ich hätte etwas Vollkommenes, sei es
dem Geiste oder dem Körper nach, gewünscht. Ich sehnte mich
bloß nach etwas, was sich von meiner Kreolin unterschiede,
und ich sehnte mich vergebens. Unter ihnen allen habe ich
auch nicht eine gefunden, die ich --- gewarnt, wie ich war, vor
den Gefahren unpassender Verbindungen --- wäre ich auch noch
so frei gewesen, hätte heiraten mögen. Das Fehlschlagen meiner
Hoffnung machte mich moralisch indifferent. Ich versuchte es mit
Zerstreungen, nie mit Ausschweifungen, denn diese haßte ich und
hasse sie noch. Ich versuchte es also mit Maitressen. Die erste, die
ich wählte, war Celine Varens. Du weißt es bereits, wessen Geistes
sie war, und wie mein Verhältnis zu ihr endigte. Sie hatte
zwei Nachfolgerinnen, eine Italienerin, namens Giacinta, und
eine Deutsche, namens Klara, die beiden für seltene Schön-
heiten gehalten wurden. Was war ihre Schönheit für mich in
wenigen Wochen? Giacinta war heftig und ohne Grundsätze,
nach drei Monaten war ich ihrer satt. Klara war ehrlich und
ruhig, aber ohne Geist, schwerfällig, Eindrücken unzugäinglich,
nicht im mindesten nach meinem Geschmack. Ich gab ihr so
viel Geld, daß sie ein gutes Geschäft anfangen konnte, und
war herzlich froh, sie auf diese Art losgeworden zu sein. Aber,
Jane, ich ersehe aus deinem Gesichte, daß du eben jetzt von
mir keine sehr günstige Meinung faßt. Du hältst mich für
einen gefühllosen Wüstling ohne Grundsäte, nicht wahr?
In der Tat, Sie gefallen mir nicht so gut, als sonst zuweilen.
Auch mich widerte ein solches Leben bald an. Ich konnte
unmöglich auf die Dauer mit Frauen verkehren, die ich verachten
mußte.
Ich fühlte die Wahrheit dieser Worte und zog daraus den
Schluß, daß, wenn ich mich und meine Grundsätze je so weit
vergessen könnte, unter irgend einem beschönigenden Vorwande
die Nachfolgerin dieser armen Mädchen zu werden, er mich
eines Tags mit denselben Gefühlen ansehen würde, die nun
bei ihm die Erinnerung an jene so unwert machten. Ich lieh
dieser Ueberzeugung keine Worte, prägte sie aber meinem Herzen
ein, damit sie mir für die Zeit der Prüfung als Stütze diente.
Du siehst noch immer ernst aus, tadelst mich also immer noch.
Wir wollen nun aber zur Sache kommen. Vergangenen Januar
kam ich, aller Maitressen ledig --- infolge meines nutzlosen,
unsteten, einsamen Lebens hart und bitter gestimmt, gequält
von dem Gedanken, daß alle meine Hoffnungen fehlgeschlagen,
voll Mißmut gegen alle Menschen und insbesondere gegen das
weibliche Geschlecht -- denn ich fing an, ein verständiges,
treues, liebendes Weib für die bloße Ausgeburt eines Traums
zu halten --- nach England zurück.
An einem kalten Winternachmittage kam ich in die Nähe
von Thornfield Hall. Auf einer Treppe in Hay Lane sah ich
eine kleine, ruhige Gestalt allein sizen. Ich ging an ihr vorüber,
so nachlässig, wie an dem gegenüberstehenden, gekappten Weiden-
baum, ich hatte keine Ahnung, was sie für mich sein würde;
keine innere Stimme sagte mir, daß dort die Lenkerin meiner
künftigen Lebensgeschichke --- mein guter oder böser Genius ---
meiner wartete. Ich wußte es selbst da nicht, als sie bei dem
meinem Pferde Mesrur zugestoßenen Unfalle näher kam und
mir allen Ernstes ihre Hilfe anbot. Mir war, als sei ein
Hänfling zu meinen Füßen hingehüpft und habe mir vor-
geschlagen, mich auf seinen Flügelchen zu tragen. Ich war
verdrießlich, aber die Kleine wollte nicht gehen, sie blieb mit
sonderbarer Ausdauer bei mir stehen und blickte und sprach mit
merkwürdiger Entschiedenheit. Es mußte mir geholfen werden
und dabei noch von jener Hand, und mir wurde geholfen.
Kaum hatte ich die schwache Schulter gedrückt, so stahl sich
etwas Neues --- ein frischer Sinn --- in meine Gestalt. Ich
freute mich, daß die Fee wiederkommen mußte, daß sie zu
meinem Hause gehörte, sonst hätte ich sie nicht ohne unaus-
sprechliches Bedauern unter meiner Hand wegschlüpfen lassen
und hinter der düsteren Hecke verschwinden sehen können. Ich
hörte dich an jenem Abende heimkommen, Jane, obgleich du
wahrscheinlich dir nicht einfallen ließest, daß ich an dich dachte
oder auf dich wartete. Am folgenden Tage beobachtete ich
dich --- selber ungesehen --- eine halbe Stunde lang, während
du mit Adele imn Korridor spieltest. Es schneite, wie ich mich
noch erinnere, und du konntest nicht ins Freie hinaus. Ich war in
meinem Zimmer, die Tür war bloß angelehnt, ich konnte hören
und beobachten. Adele nahm für eine Weile deine Aufmerksamkeit
in Anspruch, doch bildete ich mir ein, deine Gedanken
wären anderswo, aber du legtest große Geduld an den Tag,
liebe Jane; du sprachst mit ihr und unterhieltst sie lange. Als
sie dich endlich verließ, versankst du mit einem Mal in eine
tiefe Träumerei und begannst, mit langsamen Schritten den
Korridor auf und ab zu wandeln. Dann und wann, wenn du
an einem Fenster vorüberkamst, blicktest du hinaus nach den
dichten Schneeflocken, du lauschtest dem Winde und gingst
dann träumerisch weiter. Ich glaube, deine Visionen bei hellem
Tage waren ncht düsterer Art. Zuweilen war in deinem Auge
ein wohltuendes Aufleuchten zu bemerken, in deinem ganzen
Aussehen eine gelinde Erregung, die nichts von einem bittern,
galligen, hypochondrischen Brüten verriet; dein Blick verkündete
vielmehr das süße Sinnen der Jugend, wenn ihr Geist dem
Fluge der Hoffnung nach einem idealen Himmel zu auf willigen
Schwingen folgt Frau Fairfax' Stimme, die sich in der Halle
vernehmen ließ, weckte dich auf, und wie eigentümlich lächeltest
du bei dir üüber dich selbst, Jane! Es war viel Sinn in deinem
Lächeln, es schien zu sagen: Meine schönen Visionen sind alle
recht gut, allein ich darf nicht vergessen, daß sie durchaus nichts
Wirkliches an sich haben. Ich habe einen rosigen Himmel und
ein grünes, blumiges Eden in meinem Kopfe, aber draußen, ich
sehe es wohl, liegt vor meinen Füßen ein rauher Strich Landes,
über den ich wandeln muß, und um mich her ziehen sich schwarze
Stürme zusammen, gegen die ich kämpfen muß. Du liefst
die Treppe hinauf und verlangtest von Frau Fairfax eine
Beschäftigung, wie ich glaube, wolltest du die wöchentliche Haus-
rechnung besorgen oder etwas Aehnliches tun. Ich war böse
auf dich, daß du dich aus meinen Augen entferntest.
Mit Ungeduld erwartete ich den Abend, um dich zu mir
rufen zu können. Ich dachte, dein Charakter müsse ein un-
gewöhnlicher, für mich völlig neuer sein; ich wünschte ihn näher
kennen zu lernen. Du tratest in das Zimmer mit einem Blicke
und einer Miene, die zugleich Scheu und Unabhängigteit ver-
rieten; du warst absonderlich gekleidet, fast wie jetzt. Ich
knüpfte ein Gespräch mit dir an und fand dich voll seltsamer
Kontraste. Deine Miene war oft mißtrauisch und durchaus
die einer edlen Natur, die aber ganz und gar nicht gewöhnt ist an
den Umgang mit Menschen und sich nicht wenig fürchtet, sich
durch einen Verstoß gegen die Sprache oder den Ton der guten
Gesellschaft auf unvorteilhafte Weise bemerklich zu machen;
wenn du indessen angeredet wurdest, erhobst du ein kühnes,
blitzendes Auge zu dem Gesichte dessen, der mit dir redete, in
jedem deiner Blicke lag Scharfsinn und Energie. Setzte man
dir mit genauen und bestimmten Fragen zu, so fandest du
rasche und kernige Antworten. Ich war zufrieden mit dem,
was ich sah, und wurde zu gleicher Zeit dadurch angereizt; mir
gefiel, was ich gesehen hatte, und es verlangte mich, noch mehr
zu sehen. Doch behandelte ich dich lange Zeit wie eine Fremde
und suchte auch deine Gesellschaft nur selten. Als Epikuräer
schwelgte ich in diesem geistigen Genusse und wünschte ihn zu
verlängern, wünschte die neue reizende Bekanntschaft mir immer
neu und reizend zu erhalten, denn ich war eine Zeitlang von
der Furcht geplagt, daß, wenn ich die Blume ohne die nötige
Vorsicht in die Hand nähme, ihre Blüte verwelken --- daß der
süße Reiz der Frische verschwinden möchte. Auch wollte ich
sehen, ob du mich aufsuchen würdest, wenn ich dich vernach-
lässigte --- aber nein! du bliebst in deinem Schulzimmer, wie
dein Pult und deine Staffelei. Ich hätte gern wissen mögen,
was du von mir dachtest, oder ob du überhaupt an mich dach-
test. Um dies ausfindig zu machen, suchte ich nun wieder
deine Gesellschaft auf. Es lag etwas Frohes in deinem Blicke,
etwas Munteres in deinem Wesen, wenn du sprachst. Ich
sah, daß du ein geselliges Gemüt hast; das stille Schulzinmer,
das Langweilige in deiner Lebensweise war es, was dich so
trübsinnig stimmte. Ich gönnte mir die Wonne, freundlich
gegen dich zu sein; meine Freundlichkeit weckte in dir gar bald
sanfte Gemütsbewegungen, dein Gesicht nahm einen milden
Ausdruck an und ebenso deine Stimme. Ich hörte von deinen
Lippen meinen Namen gern aussprechen. Um jene Zeit freute
es mich immer, zufällig mit dir zusammenzutreffen, es lag dann
in deinem Wesen eine eigentümliche Unschlüssigkeit, du blicktest
mich an mit einiger Unruhe, mit einem leichten Zweifel. Du
wußtest nicht, wie meine Stimmung sein möchte, ob ich den
Herrn spielen und strenge sein, oder als Freund und wohl-
wollend erscheinen würde.
Reden Sie nicht mehr von jenen Tagen, fiel ich ein, indem
ich verstohlen einige Tränen aus meinen Augen wischte. Diese
seine Sprache folterte mich, denn ich wußte, was ich zu tun
hatte, --- und das bald --- und alle diese Rückerinnerungen
machten die Ausführung meines Vorsatzes nur noch schwieriger.
Nein, Jane, entgegnete er; wozu ist es nötig, bei der Ver-
gangenheit zu verweilen, wenn die Gegenwart so unendlich
sicherer, die Zukunft so unendlich lichter ist?
Es überkam mich ein Schauder, als ich diese verblendeten
Worte hörte.
Du siehst nun, wie die Sachen stehen, nicht wahr? fuhr er
fort. Nach einer Jugend und nach Jahren des Mannesalters,
die ich halb in unaussprechlichem Elend und halb in trauriger
Einsamkeit verbracht, habe ich zum erstenmal gefunden, was
ich wahrhaft lieben kann --- habe ich dich gefunden. Du bist
mein besseres ich, mein guter Engel, ich bin an dich mit starken
Banden gefesselt. Ich halte dich für gut, reich begabt, liebens-
würdig. Eine glühende, innige Leidenschaft ist in meinem
Herzen entflammt; sie zieht dich nach dem Mittelpunkte meines
Lebens, nach meiner Lebensquelle hin, bindet mein Dasein an
das deine und gießt dich und mich mit ihrer reinen und
tächtigen Flamme in eins zusammen.
Weil ich dieses fühlte und wußte, darum entschloß ich mich,
dich zu heiraten. Wenn du mir sagst, ich habe schon ein Weib,
so ist das eitel Hohn und Spott. Ich hatte unrecht, dich
hintergehen zu wollen, allein ich fürchtete eine Widerspenstigkeit,
die in deinem Charakter liegt, ich fürchtete früh eingepflanzte
Vorurteile, ich wollte dich in Sicherheit bringen, bevor ich ver-
trauliche Mitteilungen wagte. Das war feige. Ich hätte mich
gleich anfangs an deine Großmut, wie jetzt, wenden sollen
hätte dir mein qualvolles Leben offen darlegen, --- hätte dir
meinen Hunger und Durst nach einem höheren, würdigeren
Dasein schildern, hätte dir nicht meinen Entschluß --- das
Wort ist zu schwach --- sondern meinen innern Drang, gegen
den jeder Widerstand vergeblich ist, meine Sehnsucht, mein
Bedürfnis zeigen sollen, wahr und treu zu lieben, wo ich hin-
wiederum wahr und treu geliebt würde. Dann hätte ich dich
bitten sollen, das Gelübde meiner Treue hinzunehmen und
dafür mir das deinige abzulegen. Jane, willst du mir jetzt
schwören, daß du mir treu sein wirst?
Warum schweigst du, Jane?
Ich stand eine wahre Feuerprobe aus, eine glühende, eiserne
Hand griff in mein innerstes Leben. Ein schrecklicher Augen-
blick, wo alles in mir wild kämpfte, alles Dunkelheit um mich
her war. Nicht ein menschliches Wesen, das je auf der Erde
gelebt, könnte wünschen, inniger geliebt zu werden, als ich
geliebt wurde, und den, der mich so liebte, verehrte ich, ja
betete ich in Wahrheit an, und nun sollte ich der Liebe zu
ihm entsagen.
Jane, du weißt nun, was ich von dir will? Nur das Ver-
sprechen: ich will die deinige werden, Eduard!
Herr Rochester, ich will nicht die Ihre werden.
Ein anderes langes Schweigen.
Jane! begann er abermals mit einer Milde, die mich vor
Kummer ganz darniederdrückte und vor Schrecken mich eiskalt
machte --- denn diese sanfte Stimme war das Schnauben eines
aufspringenden Löwen, Jane, ist es dein Ernst, daß du einen
Weg in der Welt gehen sollst und ich einen andern?
Ja, das ist mein Ernst.
Jane, --- er neigte sich zu mir und umarmte mich,
bist du auch jetzt noch dieser Ansicht?
Ja.
Und jetzt? sagte er, indem er mir sanft Stirn und Wange
küßte.
Ja, rief ich, und riß mich aus seinen Armen los.
O, Jane, das ist bitter, das --- das ist böse! Es wäre nichts
Böses, mich zu lieben!
Es wäre aber etwas Böses, Ihnen zu folgen.
Ein wilder Blick hob seine Augenbrauen in die Höhe, er
stand auf, brach aber noch nicht los. Ich legte meine Hand
auf die Lehne eines Sessels, um mich zu stützen. Ich zitterte,
ich fürchtete mich, aber mein Entschluß war gefaßt.
Einen einzigen Augenblick, Jane! Blicke nur einmal auf
das schreckliche Leben, das ich führen muß, wenn du fort bist
Was bleibt mir dann übrig? Als Frau habe ich die Wahn-
sinnige dort oben; ebensogut könntest du mir sagen, ich solle
mich an einen Leichnam auf jenem Kirchhofe dort halten. Was
soll ich tun, Jane? Wo soll ich eine Gefährtin, wo Hoffnung
finden?
Machen Sie es, wie ich; vertrauen Sie auf Gott und auf
sich selbst. Glauben Sie an den Himmel. Leben Sie der
Hoffnung, daß wir uns einst dort wiedersehen werden!
Sie wollen also nicht nachgeben?
Nein.
Sie verurteilen mich also, ein unglückliches Leben zu führen,
und wie ein Verfluchter zu sterben?
Hier hob sich seine Stimme immer mehr.
Ich rate Ihnen, ohne Sünde zu leben, und wünsche, daß
Sie ruhig sterben mögen.
Du raubst mir also die Liebe und die Schuldlosigkeit? Denn
du schleuderst mich zurück in mein früheres Leben und gibst
mir das Laster zu meiner Beschäftigung.
Herr Rochester, ich weise Ihnen dieses Schicksal so wenig
an, als ich selbst danach greife. Wir sind geboren, um zu
kämpfen und zu dulden --- Sie so gut wie ich. Tun Sie das!
Sie werden mich vergessen, ehe ich Sie vergesse.
Durch solche Sprache strafst du mich Lügen, befleckst du meine
Ehre. Ich habe dir erklärt, ich könne mich nicht ändern, du
aber sagst mir ins Gesicht, ich werde bald ein anderer sein.
Und welche Verdrehung in deinem Urteile, welche Verkehrtheit
in deinen Ideen legt sich durch dein Benehmen an den Tag!
Ist es besser, einen Mitmenschen zur Verzweiflung zu treiben,
als ein bloß menschliches Gesetz --- da niemand durch dessen
Verletzung beeinträchtigt wird --- zu übertreten? Denn du
hast weder Verwandte noch Bekannte, die du fürchten mußt zu
kränken, wenn du mit mir lebst.
Das klang richtig, und während er sprach, wurden sogar
mein Gewissen und meine Vernunft zu Verrätern an mir
und ließen mir meinen Widerstand als ein Verbrechen erscheinen.
Sie sprachen fast ebenso laut, wie das Gefühl, und dieses schrie
leidenschaftlich: So willige doch ein! Denk an sein Elend
Denk an seine Gefahr! Faß seinen Zustand ins Auge, wenn
er verlassen ist, wenn er allein dastehen muß! Erinnere dich
seines unbändigen Temperaments! Besänftige ihn! Rette ihn!
Liebe ihn! Sage ihm, daß du ihn liebst und die Seine werden
willst. Wer auf der Welt achtet auf dich? Oder wem geschieht
durch das, was du tust, unrecht? Wer leidet dadurch Schaden?
Aber immer wieder kam die unbeugsame Antwort: Ich
achte auf mich. Je einsamer, je freudloser ich bin, je weniger
ich auf eine Stütze von außen zählen kann, umsomehr bedarf
ich der Selbstachtung. Ich will das Gesetz halten, das Gott
gegeben hat und die Menschen bekräftigt haben. Ich will' fest-
halten an den Grundsätzen, die ich als wahr erkannt, als ich bei
gesunden Sinnen und nicht wahnsinnig war, wie jetzt. Gesetze
und Grundsätze sind nicht für die Zeiten, wo keine Versuchung
ist; sie gelten für Augenblicke, wie dieser, wo Körper und Seele
sich gegen ihre Strenge auflehnen; sie sind bindend, und deshalb
sollen sie auch unverletzt bleiben. Könnte ich sie brechen nach
meinem eigenen Gutbefinden --- was wären sie da wert? Sie
haben einen Wert --- das habe ich stets geglaubt; und wenn ich es
jetzt auch nicht glauben kann, so kommt dies daher, daß mein
Verstand getrübt ist. In meinen Adern rollt Feuer, und mein
Herz schlägt geschwinder, als daß ich seine Schläge zählen
könnte. Vorgefaßte Meinungen, frühere Entschlüsse, die ich eben
noch aufgeben wollte, sind alles, woran ich mich in dieser
Stunde festhalten kann, darauf will ich nun fußen.
Ich tat es. Rochester, der in meinem Gesichte las, sah, daß
ich zu diesem Entschlusse gekommen war. Seine Wut steigerte
sich aufs höchste, er ließ sich von ihr im Augenblick hinreißen.
Er ging auf mich zu, ergriff mich beim Arm und faßte mich
um den Leib. Er schien mich mit seinem Flammenblicke ver-
schlingen zu wollen. Physisch fühlte ich mich in dem Augen-
blicke so schwach, wie Stoppeln, die dem Zuge und der Glut
eines Schmelzofens ausgesetzt sind, geistig besaß ich noch meinen
Willen und damit die Gewißheit, daß ich am Ende doch nicht
unterliegen würde. Glücklicherweise hat die Seele einen Dol-
metscher, --- einen Dolmetscher, der sich seiner oft nicht klar be-
wußt, ab er immer getreu ist, --- an dem Auge. Mein Auge erhob
sich zu dem seinigen, und während ich in sein wild verzerrtes
Gesicht blickte, stieß ich unwillkürlich einen Seufzer aus, denn
sein Griff war schmerzhaft und meine übermäßig angestrengte
Kraft fast erschöpft.
Nie, sagte er, mit den Zähnen knirschend, nie war etwas so
Schwaches zu gleicher Zeit so unbezähmbar. Sie ist ein bloßes
Rohr in meiner Hand! Und er schüttelte mich mit aller Macht.
Ich könnte es mit meinem Zeigefinger und meinem Daumen
biegen, doch wozu würde es nützen, wenn ich es böge, aus-
risse, zermalmte? Man sehe nur dieses Auge, wie entschlossen,
wie unbefangen es mich anblickt, nicht bloß mit Mut, nein mit
Siegesgewißheit. Was ich auchtun mag mit seinem Käfig,
das wilde Vögelchen selber kann ich nicht fassen, zerbreche ich
das schwache Gefängnis, so hat meine Gewalttat nur das zur
Folge, daß der Gefangene frei wird. Ich könnte das Haus
erobern, aber sein Insasse würde zum Himmel entfliehen, ehe
ich mich den Besitzer seines irdischen Wohnorts nennen könnte.
Und dich will ich haben, deinen Geist mit aller seiner Willens-
kraft, seiner Tugend und Reinheit, nicht bloß deinen zerbrechlichen
Leib. Freiwillig könntest du sanft an mein Herz heranfliegen
und dort ein Nest bauen, wenn du wolltest; wider deinen
Willen ergriffen, wirst du meinen Händen entwischen, wie ein
Duft --- du wirst verschwinden, ehe ich deinen Wohlgeruch
einatme. O komme, Jane, komme!
Er ließ mich los und sah mich bloß an. Dem Blicke war
unendlich schwerer zu widerstehen, als dem fast wahnsinnigen
Drucke; doch nur eine Törin wäre jetzt unterlegen. Ich hatte
seiner Wut Trot geboten, und sie war an mir abgeprallt; nun
mußte ich seinem Kummer ausweichen, und ich zog mich daher
an die Tür zurück.
Du gehst, Jane?
Ja.
Du willst nicht meine Trösterin, meine Retterin sein? --- Meine
innige Liebe, mein wilder Schmerz, meine wahnsinnige Bitte, ---
alles das ist dir also nichts?
Welch unaussprechliche Leidenschaft lag in seiner Stimme!
Wie schwer war es, mit fester Stimme zu wiederholen: ---
ich gehe.
Jane!
Herr Rochester!
So gehe denn --- ich willige ein --- aber bedenke, daß du mich
hier in Angst und Qual zurückläßt. Gehe in dein Zimmer
hinauf; bedenke abermals alles, was ich gesagt, und, Jane,
wirf einen Blick auf meine Leiden! --- Denke an mich!
Er wandte sich ab und warf sich mit dem Gesichte auf das
Sofa. O, Jane! Meine Hoffnung --- meine Liebe --- mein
Leben! Dies waren die qualerfüllten Worte, die seinen Lippen
entfuhren. Dann folgte ein tiefes, heftiges Schluchzen.
Schon hatte ich die Tür erreicht; da kehrte ich um --- ebenso ent-
schlossen, als ich mich entfernt hatte. Ich kniete nieder neben
ihm! Ich wandte sein Gesicht von dem Kissen zu mir; ich küßte
seine Wange; ich streichelte sein Haar mit meiner Hand.
Gott segne Sie, mein teurer Herr, sagte ich. Gott bewahre
Sie vor Leid und Schaden --- Gott lenke und tröste Sie ---
Gott belohne Sie reichlich für Ihre frühere Güte gegen mich.
Die Liebe der kleinen Jane wäre meine beste Belohnung
gewesen, antwortete er. Ohne sie ist mein Herz gebrochen.
Aber Jane wird mir ihre Liebe schenken --- sie ist edel,
großmütig.
Das Blut stieg ihm ins Gesicht, aus seinen Augen flammte
Feuer, er sprang auf und streckte die Arme aus, aber ich
entschlüpfte der Umarmung und verließ rasch das Zimmer.
Lebe wohl! war der Schrei meines Herzen, als ich ihn ver-
ließ. --- Lebe wohl für immer! setzte die Verzweiflung hinzu.
In jener Nacht glaubte ich nicht schlafen zu können; aber ich
schlummerte ein, sobald ich mich zu Bette legte. Ich war in
Gedanken in meine Kindheit zurückgesetzt. Es träumte mir, ich
liege in dem roten Zimmer zu Gateshead, und mein Geist sei
von seltsamer Furcht befangen. Das Licht, das mir einst eine
Ohnmacht zugezogen hatte, und das ich in diesem Traume
wiedersah, schien allmählich an der Wand aufzusteigen und zitternd
auf dem Mittelpunkte der finstern Decke zu verweilen. Ich
richtete den Kopf empor, um hinzusehen, da löste sich die
Decke in hohe und düstere Wolken auf; der Schimmer glich dem,
wenn der Mond die Dünste bescheint, die er im Begriffe ist zu
zerteilen. Ich sah hin, wie er allmählich hervorkam --- sah hin
mit seltsamer Ahnung, gleich als wäre ein Wort des Schicksals
auf seine Scheibe geschrieben! Endlich bracher hervor, wie er
noch nie aus einer Wolke hervorgebrochen. Zuerst drang eine
Hand aus den schwarzen Falten hervor und schob sie zur Seite,
dann glänzte nicht ein Mond, sondern eine weiße menschliche
Gestalt in dem Azurblau, die strahlende Stirn erdwärts neigend.
Sie blickte und blickte mich an. Sie sprach zu meinem Geiste ---
unermeßlich fern war der Ton und doch wieder so nahe, er
flüsterte mir ins Herz:
Meine Tochter, flieh die Versuchung!
Ja, Mutter.
So antwortete ich, als ich aus dem einer Verzückung ähn-
lichen Traume erwacht war. Es war noch Nacht, aber Juli
nächte sind kurz, bald nach Mitternacht kommt die Dämmerung.
Es kann nicht zu früh sein, mich an die Arbeit zu machen, die
ich zu vollbringen habe, dachte ich. Ich stand auf. Angekleidet
war ich schon, denn ich hatte bloß meine Schuhe ausgezogen.
Ich wußte, wo ich in meiner Kommode etwas Leinwand, ein
Schlößchen, einen Ring finden würde. Als ich diese Gegenstände
suchte, fiel mir ein Perlenhalsband in die Hände, das mir
Rochester vor einigen Tagen aufgedrungen hatte. Ich ließ es
liegen, es gehörte ja nicht mir, sondern der vermeintlichen Braut,
die in Luft zerflossen war. Die übrigen Gegenstände packte ich
zu einem Päckchen zusammen; meine Börse, worin zwanzig
Schillinge --- mein ganzes Vermögen --- waren, steckte ich in
die Tasche. Sodann setzte ich meinen Strohhut auf, steckte
meinen Schal fest, nahm das Päckchen und meine Pantoffeln,
die ich noch nicht anziehen wollte, und schlich mich aus meinem
Zimmer.
Leben Sie wohl, gute Frau Fairfax flüsterte ich, als ich an
ihrer Tür vorbeischlüpfte. Lebe wohl, meine liebe Adele! sagte
ich, als mein Blick auf die Tütr der Kinderstube fiel. Ich konnte
nicht daran denken, hineinzugehen, um sie zu umarmen. Es
mußte ein feines Ohr getäuscht werden, und vielleicht horchte
es schon jetzt.
Ich wäre ohne Aufenthalt an Rochesters Zimmer vorüber-
gekommen, aber da mein Herz an jener Schwelle zu schlagen
aufhörte, so mußte auch mein Fuß anhalten. Dort war kein
Schlaf, der Inhaber ging unablässig von einer Wand zur
andern, und aber und abermals seufzte er, während ich horchte.
Dort, in jenem Zimmer, war ein Himmel für mich, sobald ich
nur wollte, ich brauchte nur hineinzugehen und zu sagen: ---
Eduard, ich will dich lieben und bei dir bleiben bis zum Tode,
und eine Quelle des Entzückens mußte auf meine Lippen
kommen. Ich dachte daran. Mein gütiger Herr wartete
ungeduldig auf den Anbruch des Tages. Am Morgen schickte
er gewiß nach mir, und ich war fort. Er ließ nach mir suchen,
aber vergebens; er mußte sich verlassen fühlen, mußte leiden,
ja vielleicht der Verzweiflung anheimfallen. Auch daran dachte
ich. Meine Hand bewegte sich nach dem Türschlosse hin, ich
zog sie wieder zurück und schlich fort.
Traurig ging ich die Treppe hinab, ich wußte, was ich zu
tun hatte, und tat es mechanisch. Ich suchte den Schlüssel der
Nebentür in der Küche; ich suchte auch ein Oelfläschchen und eine
Feder und bestrich sowohl den Schlüssel, als das Schloß. Ich
nahm etwas Wasser und Brot; denn vielleicht mußte ich weit
gehen, und meine Kraft, die in der letzten Zeit sehr erschüttert
worden, durfte nicht versagen. Alles das tat ich, ohne ein
Geräusch zu machen. Ich öffnete die Tür, ging hinaus und
machte sie leise wieder zu. Schon schimmerte die Dämmerung
grau in dem Hofraume. Das große Tor war zu und verschlossen,
aber ein kleines Pförtchen daneben war bloß eingeklinkt. Durch
dieses ging ich, und auch dieses machte ich wieder zu; und nun
war ich draußen.
In einer Entfernung von einigen tausend Schritten war ein
Weg, der nach Millcote ging, ein Weg, den ich nie gegangen
war, obgleich ich ihn oft bemerkt hatte. Dorthin richtete ich nun
meine Schritte. Von weiterem Nachdenken konnte nun keine
Rede mehr sein, auch nicht einmal durfte ich rückwärts Blicken,
ja nicht einmal vorwärts. Kein Gedanke durfte der Vergangen-
heit oder Zukunft gegönnt werden. Die erstere war ein so
himmlisch liebliches und dabei so furchtbar trauriges Blatt, daß, hätte
ich nur eine Zeile lesen wollen, mein Mut dahinschwinden mußte.
Die andere war entsezlich leer und glich einigermaßen der Welt,
als die Sündflut vorüber war.
Ich ging an Feldern und Hecken vorbei, bis nach Sonnen-
aufgang. Ich glaube, es war ein lieblicher Sommermorgen.
Ich weiß, daß meine Schuhe, die ich angezogen hatte, als ich
das Haus verließ, vom Tau bald naß waren. Aber ich sah weder
nach der aufgehenden Sonne, noch nach dem lächelnden Himmel
hin, noch schenkte ich meine Aufmerksamkeit der erwachenden
Natur. Wer durch eine schöne Landschaft zum Schafott geführt
wird, denkt nicht an die Blumen, die auf seinem Wege lächeln,
sondern an den Block und das scharfe Beil, an die Trennung
von Knochen und Adern und das weit geöffnete Grab, und ich
dachte an traurige Flucht und heimatloses Wandern --- und ach,
mit unendlicher Seelenqual dachte ich an das, was ich verließ!
Ich dachte jetzt an ihn, wie er in seinem Zimmer saß und auf
den Sonnenaufgang wartete, wie er hoffte, daß ich bald kommen
und ihm sagen würde, ich wolle bei ihm bleiben und die Seine
werden. Ich wollte die Seine sein; ich sehnte mich nach der
Rückkehr zu ihm, es war nicht zu spät; noch konnte ich ihm den
bittern Schmerz der Trennung ersparen. Ich konnte zurückgehen
und seine Trösterin sein --- noch konnte ich ihn vom Elend,
vielleicht vom Untergang, erretten. O, diese Furcht, daß er sich
selbst aufgeben könnte, eine Furcht, die mich weit mehr drückte,
als das Gefühl, daß ich selbst verlassen war --- wie peinigte
sie mich! Sie war ein spitziger Pfeil in meiner Brust, der sie
zerfleischte, wenn ich ihn herausziehen wollte, und mich krank
machte, wenn die Erinnerung ihn noch tiefer eindrückte. Die
Vögel begannen zu singen in Busch und Wald, die Vögel
hingen treu aneinander, Männchen und Weibchen, die Vögel
waren Sinnbilder der Liebe. Was war ich? Inmitten meiner
Herzensqual und der wahnsinnigen Anstrengung, meine Grund-
sätze zur Geltung zu bringen, verabscheute ich mich selbst. Ich
hatte keinen Trost von meiner Selbstzufriedenheit, ja nicht ein-
mal von meiner Selbstachtung. Ich hatte meinem Herrn unrecht
getan, ihn verwundet, ihn verlassen. Ich war mir in meinen
eigenen Augen verhaßt; und doch konnte ich nicht umkehren,
noch einen Schritt zurücktun. Gott muß mich weiter geführt
haben. Was meinen eigenen Willen, oder mein Gewissen
betrifft, so hatte ein leidenschaftlicher Kummer den einen mit
Füßen getreten und die Stimme des andern erstickt. Ich weinte
heftig, indem ich auf meinem einsamen Wege fortging; rasch,
rasch ging ich, wie eine Wahnsinnige, weiter. Eine Schwäche,
die innerlich begann und sich auf die Glieder ausdehnte,
bemächtigte sich meiner, ich fiel zu Boden und blieb einige
Minuten, mit dem Gesichte auf dem nassen Rasen, liegen. Ich
fürchtete oder hoffte, daß ich da sterben würde; aber bald erholte
ich mich, kroch auf allen vieren weiter und stellte mich dann
wieder auf die Füße-- so begierig und so entschlossen wie je,
auf die Straße zu kommen.
Als ich diese erreichte, mußte ich mich setzen, um unter der
Hecke auszuruhen; und während ich so da saß, hörte ich Räder
knarren und sah eine Lohnkutsche herbeikommen. Ich stand auf
und hob die Hand in die Höhe, der Wagen hielt an. Ich fragte,
wwohin er gehe, der Kutscher nannte mir einen weit entlegenen
Ort, wo ich überzeugt war, daß Rochester keine Verbindungen
hatte. Ich fragte ihn, wieviel er von mir fordere, um mich bis
dahin zu fahren; er sagte dreißig Schillinge, ich antwortete, ich
hätte nicht mehr, als zwanzig, worauf er sagte, er wolle sehen,
ob er mich dafür mitnehmen könne. Er erlaubte mir, mich in
das Innere des Wagens zu setzen, da es leer war; ich stieg ein,
die Wagentür war zugeschlagen, und fort rollten wir.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Zwei Tage sind vergangen. Es ist ein Sommerabend; der
Kutscher hat mich an einem Orte, genannt Whitcroß, absteigen
heißen, indem er erklärte, er könne mich für das Geld, das ich
ihm gegeben, nicht weiter mitnehmen, ich aber hatte keinen
Schilling mehr in der Welt. Schon ist die Kutsche eine Viertel-
meile weit entfernt, ich bin allein. In diesem Augenblick be-
merkte ich, daß ich mein Päckchen in der Kutschentasche gelassen
habe, und jetzt bin ich ganz und gar entblößt.
Whitcroß ist keine Stadt, ja nicht eimal ein Weiler, es ist
bloß ein steinerner, weiß angestrichener Pfeiler, den man da
aufgestellt hat, wo vier Wege zusammenlaufen. Er trägt vier Weg-
weiser, die mir zwei bekannte Städte nennen, so daß ich weiß,
in welcher Gegend ich mich befinde. Im Hintergrund und zu
meinen beiden Seiten liegen große Moore, wellenförmiges
Hügelland zeigt sich jenseit des tiefen Tales, das zu meinen
Füßen liegt. Die Bevölkerung muß hier dünn gesät sein, und
ich sehe keinen Wanderer auf den vier Straßen. Doch könnte
zufällig jemand des Weges kommen, und ich möchte jetzt von
keinem Auge gesehen werden. -- Ich könnte gefragt werden,
und welche Antwort sollte ich geben, die nicht unglaublich
scheinen und keinen Verdacht erregen würde? Jetzt fesselt mich
kein Band mehr an die menschliche Gesellschaft-- keine Hoff-
nung ruft mich zu meinen Mitmenschen zurück -- niemand, der
mich erblicken würde, hätte einen freundlichen Gedanken oder
einen guten Wunsch für mich. Ich habe keine Verwandten,
sondern nur allein die allgemeine Mutter Natur; ich will an
ihre Brust flüchten, um daran Ruhe zu finden.
Ich ging geradezu in die Heide hinein und auf eine Ver-
tiefung zu, die sich durch das braune Moor hinzog; ich watete
bis an die Knie in dem dunkeln Kraute, immer folgte ich den
Windungen der Vertiefung, und als ich endlich einen von
Moos geschwärzten Granitfelsen in einem verborgenen Winkel
fand, so setzte ich michd arunter. Hohe Moorbänke umgaben
mich; der Felsen beschützte mein Haupt, und über dem Felsen
war der Himmel.
Es verfloß einige Zeit, bevor ich mich selbst hier ruhig fühlte.
Ich hatte eine unbestimmte Furcht, es möchte verwildertes Viel
in der Nähe sein, oder ein Jäger oder ein Wilddieb mich auf-
finden. Fuhr ein Windstoß über die Wildnis dahin, so sah ich
auf, aus Furcht, es möchte ein Stier daherraßen; pfiff ein Brach-
vogel, so wähnte ich, es wäre ein Mensch. Als ich indessen
meine Befürchtungen unbegründet fand und durch das tiefe
Stillschweigen beruhigt wurde, das bei einbrechender Nacht ein-
trat, so faßte ich Vertrauen. Bis jetzt hatte ich noch nicht nach-
gedacht, ich hatte bloß gehorcht, beobachtet, gefürchtet; jetzt erlangte
ich die Fähigkeit wieder, zu denken.
Was sollte ich tun! Wohin gehen? Ach, unerträgliche Fragen,
wenn ich nichts tun, nirgends hingehen konnte! - - wenn meine
matten Glieder noch einen weiten Weg zurücklegen mußten, ehe
ich zu einer menschlichen Wohnung gelangen konnte! --- wenn
das kalte Mitleid angefleht werden mußte, ehe ich ein Obdach,
eine Ruhestätte bekommen konnte.
Ich betastete das Heidekraut; es war trocken und noch warm
von der Hitze des Sommertages. Ich blickte zum Himmel auf,
er war rein, ein freundlicher Stern funkelte eben jetzt über die
sich vor mir hinziehende Schlucht. Es fiel Tau, aber nur wenig,
kein Lüftchen regte sich. Die Natur schien mir gütig und wohl-
wollend. Ich glaubte, sie liebe mich, die Verstoßene, und ich,
die ich von den Menschen nur Mißtrauen, Abneigung, Beschimpfung erwarten konnte, klammerte mich mit kindlicher
Innigkeit an sie an. Diese Nacht wenigstens sollte ich ihr Gast
sein, - -- wie ich ihr Kind war; meine Mutter sollte mich beherbergen ohne Geld und ohne Lohn. Noch hatte ich ein Stick
von einer Semmel, die ich mir unterwegs für einen in meiner
Tasche zufällig zurückgebliebenen Penny gekauft hatte. Hier
und da sah ich reife Heidelbeeren wie Achatkügelchen in dem
Heidekraut schimmern, ich sammelte eine Handvoll und aß sie
zu der Semmel. Mein Hunger wurde durch dieses Eremiten-
mahl, wenn auch nicht gestillt, so doch besänftigt. Nachdem ich
gegessen, sprach ich mein Abendgebet und suchte mir sodann ein
Lager aus.
Neben dem Felsen stand das Heidekraut sehr hoc, und als
ich mich niederlegte, waren meine Füße darin begraben. Da
es auf beiden Seiten sich hoch erhob, so ließ es der Nachtluft
nur einen engen Spielraum übrig, durch den sie eindringen
konnte. Meinen Schal legte ich doppelt zusammen und breitete
ihn als eine Decke über mich her, eine kleine, moosige Erhöhung
war mein Kopfkissen. In dieser Lage fror es mich, wenigstens
zu Anfang der Nacht, nicht.
Meine Ruhe hätte angenehm genug sein können, aber mein
Herzenskummer ließ mich viele Stunden hindurch nicht ein-
schlafen. Endlich gegen Morgen dämmerte ich ein, und erst lange,
nachdem die Vögelchen ihre Nester verlassen hatten, lange,
nachdem die Bienen in den lieblichen Frühstunden des
Tages gekommen waren, um den Heidehonig zu sammeln, --
als die Dunkelheit verschwunden war, und die Sonne Erde
und Himmel erfüllte -- stand ich auf und sah um mich her.
Welch ein stiller, heißer, prächtigerTag Welch goldene Wildnis,
dieses weite Moor! Allenthalben Sonnenschein! Ich wünschte,
darin und darauf leben zu können. Ich sah eine Eidechse über
den Felsen laufen, ich sah eine geschäftige Biene unter den
süßen Heidelbeeren. Gern wäre ich in diesem Augenblicke eine
Biene oder Eidechse geworden, damit ich da eine passende
Nahrung und dauernden Schutz hätte finden können. Aber ich
war ein menschliches Wesen und hatte die Bedütrfnisse eines
solchen; ich durfte da nicht länger verweilen, wo nichts war,
um sie zu befriedigen. Ich stand auf; ich sah zurück auf das
Bett, das ich verlassen hatte. Ohne Hoffnung für die Zukunft,
wünschte ich nur das Eine, daß es meinem Schöpfer gefallen
hätte, während des Schlafes meine Seele von mir zu fordern,
und daß dieser müde Körper, durch den Tod von weiteren
kämpfen befreit, jetzt nur noch sich ruhig aufzulösen und sich
in Frieden mit dem Boden dieser Wildnis zu vermischen
brauchte. Aber das Leben war noch in meinem Besitze, mit
allen seinen Erfordernissen und Mühen und seiner ganzen, viel-
fachen Verantwortlichkeit. Es mußte somit die Bürde getragen,
für das Bedürfnis gesorgt, das Leiden erduldet, die Verant-
wortlichkeit erfüllt werden. Ich machte mich auf den Weg.
Wieder bei Whitcroß angelangt, verfolgte ich einen Pfad, der
von der jetzt hochstehenden Sonne abführte, und nur allein des-
halb hatte ich diesen Weg gewählt. Ich ging lange fort, und
als ich dachte, ich hätte nahezu genug getan und dürfte mit
gutem Gewissen der Mattigkeit nachgeben und mich auf einen
Stein setzen, den ich in der Nähe sah,-- da hörte ich den
Klang einer Glocke ---- einer Kirchenglocke.
Ich wendete mich nach der Richtung des Klanges, und da
sah ich unter den malerischen Hügeln einen Weiler mit einem
Kirchturm. Das ganze Tal zu meiner Rechten war voller
Weiden, Kornfelder und Gehölze; ein schimmernder Bach lief
im Zickzack durch das reifende Korn, das düstere Waldland,
die hellen und sonnigen Wiesen hin. Geroll von Rädern lenkte
meine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße vor mir, und da
sah ich einen schwer beladenen Wagen, der mit Mühe den Hügel
hinaufkam, und nicht weit davon zwei Kühe mit dem Hirten.
Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren somit nahe.
Ich mußte mich weiterschleppen, mußte zu leben suchen und
des Tages Last und Mühe tragen, wie andere.
Etwa um zwei Uhr nachmittags kam ich in das Dorf. Am
Ende der einzigen Straße desselben war ein kleiner Laden, an
dessen Fenster mehrere Brote lagen. Hatte ich nichts bei mir,
was ich gegen eines dieser Brote tauschweise anbieten konnte?
Jawohl, ein kleines seidenes Halstuch und meine Handschuhe.
Ich trat in den Laden, in dem sich eine Frau befand. Als
sie eine anständig gekleidete Frau, eine vornehme Dame, wie sie
vermutete, sah, kam sie mir höflich entgegen. Sie fragte mich,
womit sie mir dienen könne. Die Scham überwältigte mic,
meine Zunge wollte die Bitte, die ich bereit gehalten, nicht aus -
sprechen. Ich wagte es nicht, ihr die halb abgetragenen Hand-
schuhe oder das Halstuch, das gleichfalls nicht mehr neu war,
anzubieten. Ich bat daher bloß um die Erlaubnis, mich einen
Augenblick zu setzen, da ich müde sei. In der Erwartung ge-
täuscht, an mich etwas verkaufen zu können, gewährte sie mir
ziemlich kühl meine Bitte. Sie deutete auf einen Stuhl; ich
sank darauf nieder. Ich fühlte in mir einen heftigen Drang
zu weinen, sah aber ein, wie unpassend das wäre, und tat mir
Gewalt an. Bald darauf fragte ich sie, ob eine Kleidermacherin
oder Weißnäherin im Dorfe wäre.
Ja, entgegnete sie, zwei oder drei. Gerade so viel, als hier
Beschäftigung finden.
Ich dachte über die Sache nach. Ich sah jetzt keinen Ausweg
mehr, sondern stand der Not von Angesicht zu Angesicht gegen-
über. Etwas mußte ich tun. Was? Ich mußte irgendwo an-
klopfen. Wo?
Ich fragte sie daher, ob sie nicht wüßte, wo man in der
Nachbarschaft eine Magd brauche.
Und die Antwort war, das könne sie mir nicht sagen.
Dann fragte ich, was die Hauptbeschäftigung der Leute in
diesem Orte sei.
Ich erhielt zur Antwort, einige seien Ackersleute, viele arbeiteten
in Herrn Olivers Nadelfabrik und in der Gießerei.
Beschäftigt Herr Oliver auch Frauen?
Nein, das sei nur eine Arbeit für Männer.
Was denn die Frauen täten?
Die einen, lautete der Bescheid, tun dies, die anderen jenes.
Arme Leute müssen sich durchbringen, wie sie können.
Sie schien meiner vielen Fragen müde zu sein, und mit
welchem Recht durfte ich sie auch so belästigen? Ein oder zwei
Nachbarn kamen herein; offenbar wollte man meinen Stuhl
haben. Ich verabschiedete mich also.
Ich ging die Straße hinauf und sah im Gehen alle Häuser
zur Rechten und zur Linken an, ich konnte aber keinen Vor-
wand, noch Anlaß finden, in eines hineinzutreten. Ich ging
um das ganze Dörfchen herum, wohl eine Stunde lang oder
darüber, und entfernte mich zuweilen ein wenig, um gleich darauf
wieder zurückzukommen. Sehr erschöpft und jetzt aus Mangel
an Nahrung heftig leidend, wendete ich mich abseits und setzte
mich unter eine Hecke in einem Feldwege. Kaum waren aber
einige Minuten verflossen, so war ich schon wieder auf den Füßen
und suchte abermals jemanden, der mir Auskunft geben könnte.
Ein hübsches Häuschen stand oben am Feldwege, davor ein
Garten, der ungemein zierlich aussah und in voller Blumen-
pracht dastand. Ich blieb bei demselben stehen. Mit welchem
Rechte aber durfte ich mich der weißen Tür nähern oder den
glänzenden Klopfer berühren? Welches Interesse konnten die
Bewohner des Häuschens haben, mir zu helfen? Dennoch näherte
ich mich und klopfte an. Ein sanft aussehendes, nett gekleidetes
junges Frauenzimmer öffnete die Tür. Mit einer Stimme,
wie man sie von einem hoffnungslosen Herzen und einem vor
Mattigkeit und Entkräftung zusammensfindenden Körper erwarten
konnte - mit einer kaum hörbaren, halb erloschenen Stimme - --
kragte ich, ob man hier keine Magd brauche?
Nein, sagte sie, wir halten keine Magd.
Können Sie mir sagen, wo ich irgend eine Beschäftigung
finden könnte? fuhr ich fort. Ich bin fremd und habe keine
Bekannte an diesem Ort. Ich muß irgend eine Arbeit haben,
und es ist gleichgiltig, von welcher Art sie ist.
Aber es war ja nicht ihre Sache, für mich zu denken oder
kür mich eine Stelle zu suchen, und wie verdächtig mußte ihr
dem meine Lage, meine Geschichte erscheinen. Sie schüttelte
den Kopf, sagte, es tue ihr leid, mir keine Auskunft geben zu
können, und die weiße Tür schloß sich ganz sanft und höflich,
aber immerhin schloß sie mich aus. Hätte sie die Tür etwas
länger offen gelassen, so glaube ich, daß ich sie um ein Stück
Brot gebeten hätte, denn es war mir jetzt ganz schwach.
In das schmutzige Dorf mochte ich nicht zurückkehren und
zwar umsoweniger, als sich dort keine Aussicht auf Hilfe zeigte.
Lieber wäre ich noch nach einem kleinen Gehölze gegangen, das
ich in einer kleinen Entfernung sah, und das mir mit seinem
dichten Schatten ein Obdach darzubieten schien, allein vom
Hunger geplagt, war ich so krank, so schwach, daß ich instinkt-
mäßig in der Nähe der Wohnungen blieb, wo ich doch hoffen
konnte, einige Nahrung zu erhalten. Die Einsamkeit war keine
Einsamkeit -- die Ruhe keine Ruhe -- solange der Geier des
Hungers mich in seinen Krallen hielt.
Ich näherte mich einigen Häusern, ich entfernte mich wieder,
suchte sie wieder auf, um abermals fortzugehen, stets zurück-
getrieben durch das Bewusßtsein, daß ich kein Recht hatte, etwas
zu verlangen -- kein Recht, Teilnahme zu erwarten. Unterdessen
verstrich der Nachmittag, während ich so, wie ein verirrter und
halb verhungerter Hund umherwanderte. Als ich über ein Feld
ging, sah ich den Kirchturm vor mir, ich eilte auf ihn zu. Neben
dem Kirchhofe und in der Mitte eines Gartens stand ein gut
gebautes, wenn auch kleines Haus, welches nach meiner Meinung
nur das Pfarrhaus sein konnte. Ich erinnerte mich, daß Fremde,
die Beschäftigung suchen, sich bisweilen an den Geistlichen
wenden, um durch ihn empfohlen oder unterstützt zu werden.
Es ist die Pflicht des Geistlichen, denen, die sich selbst helfen
wollen, zu helfen -- sei es auch nur mit gutem Rat. Es kam
mir vor, als hätte ich gleichsam ein Recht, hier guten Rat zu
verlangen. So raffte ich denn meinen Mut und die schwachen
Reste meiner Kraft zusammen und ging auf das Haus zu.
Dort angelangt, klopfte ich an die Küchentür. Ein altes Weib
öffnete sie, und ich fragte, ob dies das Pfarrhaus wäre.
Ja.
Ob der Herr Pfarrer zu Hause sei?
Nein.
Ob er bald nach Hause kommen würde?
Nein, er sei nicht da.
Ob er weit gegangen sei?
Nicht sehr weit. Er sei durch den plötzlichen Tod seines
Vaters abgerufen worden, er sei nun in Marsh End und werde
dort wahrscheinlich noch vierzehn Tage bleiben.
Ob keine Dame, etwa die Frau des Herrn Pfarrers, im
Hause sei?
Nein, außer ihr sei niemand da, und sie sei die Haushälterin.
Sie selbst um Hilfe angehen mochte ich nicht. Noch konnte
ich nicht betteln, ich wankte weiter.
Noch einmal nahm ich mein Halstuch ab--- noch einmal
dachte ich an die Brote in dem kleinen Laden. Ach, wie sehnte
ich mich nur nach einer Rinde, nur nach einem Mundvoll, um
die Qual des Hungers zu stillen! Noch einmal wandte ich mein
Gesicht instinktmäßig dem Dorfe zu, ich fand den Laden wieder
und ging hinein; und obgleich außer der Frau noch andere
Leute da waren, so wagte ich doch die Bitte, ob sie mir für
das Halstuch ein Brötchen geben wollte.
Sie blickte mich mit sichtlichem Argwohn an.
Nein, sagte sie, sie habe noch nie auf solche Art ihre Ware
verkauft.
Fast der Verzweiflung anheimfallend, verlangte ich ein halbes
Brötchen, sie schlug mir es aber wieder ab und sagte, wie sie
wissen könne, wo ich das Halstuch her hätte.
Ob sie meine Handschuhe nehmen wollte, fragte ich.
Nein, was sie damit machen solle?
Doch ich will mich, um den Leser mit diesen Einzelheiten
nicht länger aufzuhalten, kurz fassen.
Ehe es noch ganz dunkel wurde, kam ich an einem Pachthause
vorbei, an dessen offener Tür der Pächter saß und sein aus
Brot und Käse bestehendes Nachtessen verzehrte. Ich blieb stehen
und sagte:
Wollen Sie mir ein Stick Brot geben? Mich hungert so
sehr.
Er blickte mich erstaunt an; aber ohne mir zu antworten,
schnitt er ein dickes Stück ab und gab es mir. Vermutlich hielt
er mich nicht für eine Bettlerin, sondern bloß für eine exzentrische Dame, die ein Gelüste nach Schwarzbrot hatte. Sobald
ich sein Haus nicht mehr sah, setzte ich mich nieder und aß das
Brot.
Ich durfte nicht hoffen, unter einem Dache Aufnahme zu
finden, und suchte daher mein Obdach in dem schon erwähnten
Wäldchen. Diesmal schlief ich recht schlecht. Der Boden war
feucht, die Luft kalt; zudem hörte ich mehrmals Tritte neben
mir, so daß kein Gefühl der Sicherheit oder Ruhe seine freund-
lichen Schwingen über mich ausbreitete. Gegen Morgen regnete
es, und den ganzen folgenden Tag blieb es naß. Ich suchte
Arbeit wie zuvor, wie zuvor wurde ich überall abgewiesen;
wie zuvor hungerte ich; nur einmal kam etwas Nahrung über
meine Lippen. An der Tür einer Hütte sah ich ein kleines
Mädchen, die eben eine Schüssel voll kalter Suppe in einen
Schweinetrog schütten wollte.
Wollen Sie mir das geben? fragte ich.
Sie starrte mich an.
Mutter! rief sie; da is eine Frauensperson, die will die
Suppe haben.
Gut, Mädchen, antwortete eine Stimme von innen, gib es ihr,
es ist eine Bettlerin. Das Schwein braucht sie nicht.
Das Mädchen schüttete mir den steifen Brei in die Hände,
und ich verschlang ihn gierig.
Als die feuchte Dämmerung immer mehr in Dunkelheit über-
ging, blieb ich auf einem einsamen Reitwege stehen, auf dem
ich eine Stunde oder darüber fortgegangen war.-
Ich fühle, daß ich nicht weiter gehen kann, sagte ich bei mir
selber. Soll ich diese Nacht abermals ohne Obdach sein? Mus
ich, während solch ein Regen herabströmt, meinen Kopf auf den
kalten, feuchten Boden legen? Ich fürchte, ich muß noch vor dem
nächsten Morgen sterben. Und warum kann ich mich nicht mit
dem Gedanken an den Tod aussöhnen? Warum kämpfe ich noch,
um ein wertloses Leben zu erhalten? Weil ich weiß oder glaube,
daß Herr Rochester noch lebt, und aus Mangel an Nahrung und
Wärme zu verschmachten ist ja auch ein Verhängnis, dem die
Natur sich nicht passiv unterwerfen kann. O Vorsehung! Gib
mir noch ein wenig länger Kraft! Hilf mir - leite mich!
Mein trübes Auge schweifte über die düstere, neblige Land-
schaft. Ich mußte weit von dem Dorfe abgeirrt sein, denn ich
konnte es nicht mehr sehen. Auf Kreuzwegen und Fußsteigen
hatte ich mich abermals den Moorgründen genähert; und jetzt
lagen nur noch einige Felder, fast ebenso wild und unfruchtbar,
wie die Heide, der man sie mit großer Mühe abgerungen,
zwischen mir und dem schwärzlichen Hügel.
Nun, ich möchte lieber dort sterben, als auf einer Straße
oder einem vielbesuchten Wege, dachte ich. Es ist weit besser,
daß Krähen und Raben mir das Fleisch vom Leibe picken, als
daß ich in einem Armenhaufen sterbe und in einem Armengrabe
vermodere.
Nach dem Hügel also wandte ich mich hin. Ich erreichte ihn.
Ich brauchte jetzt nur noch ein Loch zu finden, um mich dort
zu verkriechen. Allein der Boden sah gleichmäßig eben aus.
Er zeigte keinen Wechsel als in der Farbe; sie war grün, wo
Binsen und Moos in den Sümpfen wuchsen, und schwarz, wo
der trockene Boden bloß Heidekraut trug. Obgleich es bereits
dunkel wurde, konnte ich diese Veränderungen doch noch be-
merken, wenn auch nur als bloße Licht- und Schattenwechsel,
denn die Farbe war mit dem Tageslicht dahingeschwunden.
Mein Auge irrte noch über die finstern Erhöhungen und an
dem Moorrande hin, der unter der wildesten Scenerie verschwand,
als an einer düsteren Stelle, in weiter Entfernung zwischen
den Sümpfen und Hügeln, ein Licht sich zeigte. Dies ist ein
Irrlicht, war mein erster Gedanke, und ich erwartete, daß es
bald verschwinden würde. Es brannte aber ruhig fort und mich
weder zurück, noch kam es mir näher. So ist es denn ein
Freudenfeuer, das eben angezündet worden? fragte ich mich.
Ich sah hin, ob es sich ausbreiten würde, aber nein, so wie es
nicht abnahm, so wurde es auch nicht größer. Es ist wohl ein
Licht in einem Hause, vermutete ich alsdann. Wenn es aber
auch ein solches ist, so kann ich es doch nimmermehr erreichen.
Es ist viel zu weit weg, und wäre es nur ein paar Schritte
von mir, --- was würde es helfen?
Ich sank nieder und legte mein Gesicht gegen den Boden.
So lag ich eine Weile ruhig da, der Nachtwind fuhr über den
Hügel und mich hin und erstarb stöhnend in der Ferne. Der
Regen fiel dicht und durch näßte mich bis auf die Haut. Hätte
ich doch nur vor Frost erstarren können,-- die freundliche Er-
starrung des Todes, --- so hätte es fort und fort herabgießen
können, ich hätte es nicht gefühlt, aber mein noch lebender
Körper schauerte heftig. Bald stand ich wieder auf.
Das Licht führte mich quer über den Hügel, durch einen
weiten Sumpf hindurch, über den man im Winter nicht hätte
kommen können, und der selbst jetzt mitten im Sommer kotig
war und unter den Füßen zitterte. Hier fiel ich zweimal zu
Boden, aber ich stand wieder auf und sammelte wieder meine
Kräfte. Dieses Licht war meine letzte Hoffnung, ich mußte es
erreichen.
Nachdem ich über den Sumpf gekommen war, sah ich einen
weißen Streifen über dem Moor. Ich ging darauf zu, es
war ein Fußpfad, er führte mich gerade auf das Licht zu, das
jetzt von einer kleinen Erhöhung unter einer Baumgruppe her-
vorstrahlte. Mein Stern verschwand, als ich näher kam ; irgend
ein Hindernis war zwischen mich und ihn getreten; ich
streckte meine Hand aus, um die dunkle Masse vor mir anzufühlen, ich unterschied die rauhen Steine einer niedrigen Mauer.
Ich tastete mich weiter. Abermals erglänzte ein weißlicher Gegen-
stand vor mir, es war ein Pförtchen - -; es drehte sich um
seine Angeln, als ich dagegenstieß Auf jeder Seite stand ein
schwarzer Busch, --- eine Stechpalme oder ein Eibenbaum.
Als ich durch das Pförtchen eintrat und an den Gesträuchen
vorüberging, zeigten sich meinem Auge die Umrisse eines Hauses
Finsternis. Hatten die Bewohner sich zur Ruhe begeben? Ich
fürchtete es. Indem ich die Tür suchte, kam ich um eine
Ecke; dort drang wieder der freundliche Schimmer aus der
rautenartigen Scheibe eines kleinen Gitterfensterchens, etwa
einen Fuß über dem Boden, hervor. Das Fensterchen wurde
noch kleiner durch den Efeu oder irgend eine andere Schlingpflanze, deren Blätter dicht den Teil der Wand des Hauses
umrankten. Die Oeffnung war so geschützt und so enge, daß
man einen Vorhang oder einen Fensterladen, als unnötig, weg-
gelassen hatte, und als ich mich bückte und das viele Laub-
werk, das sich darüber hinzog, wegschob, konnte ich alles darinnen
deutlich erkennen. Ich sah ein Zimmer, dessen sauber gescheuerte
Dielen mit Sand bestreut waren; einen Anrichtetisch von
Nußbaumholz, mit in Reihen aufgestellten zinnernen Schüsseln
und Tellern, die ein rotes Torffeuer widerstrahlten. Ic
konnte eine Uhr, einen weißen, tannenen Tisch, sowie einige
Stühle sehen. Das Licht, das mir als Leuchtturm gedient hatte,
brannte auf dem Tische, und bei seinem Scheine strickte eine
ältliche, etwas rauh aussehende Frau, die aber, wie alles um sie
her, von untadelhafter Reinlichkeit war, an einem Strumpfe.
Ich beobachtete dies alles nur obenhin, es war ja nichts
Besonderes. Eine interessantere Gruppe erschien in der Nähe
des Kamins; sie saß ruhig inmitten des rosigen Friedens und
der Wärme da, die von demselben ausging. Zwei graziöse junge
Mädchen -- anscheinend Damen von Bildung und von Stand,
saßen da, die eine auf einem niedern Schaukelstuhl, die
andere auf einer Art Schemel. Beide waren in tiefe Trauer
- Krepp und Bombassin-- gekleidet, was einen sonder-
baren Kontrast mit ihren sehr weißen Nacken und Gesichtern
hervorrief. Ein großer alter Wachtelhund ließ seinen schweren
Kopf auf den Knien des einen Mädchena ruhen; auf dem
Schoße der andern lag eine schwarze Katze.
Ein sonderbarer Aufenthalt, diese bescheidene Küche für solche
Bewohner! Wer waren sie wohl? Sie konnten nicht die Töchter
der Alten sein, denn diese sah wie eine Bäuerin aus. Nirgends
hatte ich noch solche Gesichter gesehen, wie die ihrigen; und
doch schien mir ein jeder ihrer Züge bekannt, als ich sie ansah.
Ich kann sie nicht schön nennen, dazu waren sie zu blaß und
zu ernst. Während jede von ihnen sich über ein Buch neigte,
sahen sie fast bis zur Strenge gedankenvoll aus. Ein Pfeiler-
tischchen, das zwischen ihnen stand, enthielt ein zweites Licht
und zwei dicke Bände, worin sie häufig nachschlugen; sie schienen
sie mit den kleinen Büchern zu vergleichen, die sie in den Händen
hielten, gerade wie Leute tun, die sich in einem Wörterbuche
Rats erholen. Diese Scene war so still, als ob alle Figuren
Schatten und das vom Feuer erleuchtete Gemach ein Gemälde
gewesen wäre, so still, daß ich die Asche von dem Rost fallen,
die Uhr in ihrer dunklen Ecke picken hören konnte, ja, ich
bildete mir ein, ich könnte das leise Geräusch unterscheiden, das
die Stricknadeln der alten Frau machten. Als daher am Ende
eine Stimme die sonderbare Stille unterbrach, so konnte ich sie
ganz deutlich hören.
Höre, Diana, sagte eines der in ihr Studium vertieften
Mädchen, Franz und der alte Daniel sind zur Nachtzeit bei-
sammen, und Franz erzählt einen Traum, woraus er mit
Schrecken erwacht ist, --- höre zu!
Und nun las sie mit leiser Stimme etwas, wovon auch nicht
ein Wort für mich verständlich war; die Sprache war mir un-
bekannt.
Das ist kraftvoll, sagte sie, als sie damit zu Ende war, das
gefällt mir.
Das andere Mädchen, das den Kopf in die Höhe gehoben
hatte, um ihrer Schwester zuzuhören, wiederholte, ins Feuer
blickend, von dem Gelesenen eine Zeile. Sie lautete, wie ich
später erfuhr:
Da trat hervor einer, anzusehen wie die Sternennacht. Gut,
gut! rief sie, während ihr dunkles Auge begeistert aufleuchtete.
Die Zeile wiegt hundert Seiten von leerem Bombast auf. Ich
wäge die Gedanken in der Schale meines Zornes und die
Werke mit dem Gewichte meines Grimmes. Wie schön ist das
gesagt!
Abermals schwiegen beide.
Gibt es ein Land, wo die Leute so reden? fragte die alte
Frau, von ihrem Strumpfe aufschauend.
Ja, Hannah -- ein Land, das viel größer ist, als England,
und wo man nichts anderes spricht.
J was ! Wie können sie denn aber einander verstehen?
Würden Sie, wenn eine von Ihnen dorthin ginge, es ver-
stehen?
Etwas ja, aber nicht alles, -- denn wir sind nicht so gelehrt,
wie Ihr glaubt, Hannah. Wir sprechen nicht Deutsch und können
es nur mit Hilfe eines Wörterbuchs lesen.
Und welchen Nutzen versprechen Sie sich davon ?
Wir wollen einmal Unterricht darin geben -- wenigstens
in den Anfangsgründen, dann werden wir mehr Geld verdienen,
als jetzt.
Na ja; aber jetzt hören Sie mit dem Lernen auf, für heute
abend haben Sie genug getan.
Ich glaube es auch, wenigstens bin ich müde. Du auch,
Marie?
Bis zum Tode. Es ist ein schweres Stück Arbeit, sich ohne
Lehrer und nur mit einem Wörterbuch an die Erlernung einer
Sprache zu wagen.
Ja freilich, und insbesondere bei einer Sprache, wie dieses
Ich wierige, verzwickte, aber herrliche Deutsch. Ich möchte wohl
wissen, wann St. John nach Hause kommt
Er bleibt jetzt gewiß nicht mehr lange aus, es ist gerade
zehn, sagte die andere mit einem Blick auf eine kleine goldene
Uhr, die sie aus ihrem Gürtel zog. Es regnet stark. Hannah,
wollt Ihr nach dem Feuer im Empfangszimmer sehen?
Die Alte stand auf, sie öffnete eine Tür, durch die ich,
obwohl nur undeutlich, einen Gang sah; bald hörte ich sie im
innern Zimmer ein Feuer schüren; nach einer Weile kam sie
zurück.
Ach, Kinder, sagte sie, fast fürchte ich mich, jetzt in jenes
Zimmer zu gehen, es sieht so einsam aus mit dem unbesetzten,
in eine Ecke zurückgestellten Stuhl.
Sie trocknete sich die Augen mit der Schürze ab; die beiden
Mädchen, die bis daher ernst gewesen waren, sahen jetzt be-
trübt aus.
Aber er ist jetzt an einem bessern Orte, fuhr Hannah fort.
Wir sollten nicht wünschen, daß er wieder hier bei uns wäre.
Auch kann sich niemand nach einem ruhigeren Tode sehnen, als
der seine war.
Ihr sagt, er habe uns nie genannt? fragte eine der jungen
Damen.
Es gebrach ihm an Zeit dazu, Kind, in einer Minute war
er dahin -- Ihr Vater. Er war ein wenig krank, wie den
Tag zuvor, ohne daß es aber etwas zu bedeuten gehabt hätte;
und als ihn St. John fragte, ob er nicht wünsche, daß man
eine von Ihnen holen lasse, so lachte er ihn geradezu aus.
Den Tag darauf klagte er wieder über einen etwas schweren
Kopf-- es sind nun vierzehn Tage her --- und er legte sich
schlafen und wachte nie wieder auf. Er war schon beinah steif,
als Ihr Bruder in das Zimmer hineinging und ihn fand. Ach,
Kinder! Es ist der letzte von dem alten Stamm---- denn Sie
und Herr St. John sind fast von einer andern Art, als die
heimgegangen sind. Ihre Mutter glich mehr Ihnen und war in
den Büchern fast ebenso gelehrt wie Sie, Marie; Diana ist mehr
wie ihr Vater.
Mir kamen sie so ähnlich vor, daß ich nicht zu sagen im
stande war, wo die alte Magd --- denn für eine solche hielt ich
sie- den Unterschied fand. Beide hatten eine schöne weiße
Haut und waren schlank; beide sahen vornehm und intelligent
aus. Indessen waren die Haare der einen um eine Schattier-
ung dunkler, als die der andern, auch lag in ihrer Art, sie
zu tragen, eine Verschiedenheit, Maries hellbraune Locken waren
glatt gescheitelt; Dianas dunkleres Haar fiel über ihren Nacken
in dichten Locken herab. Jetzt schlug es auf der Uhr zehn.
Sie werden gewiß Ihr Abendessen wollen, bemerkte Hannah,
und ebenso Herr St. John, wenn er nach Hause kommt.
Und sie fing an, das Mahl fertig zu machen. Die jungen
Damen standen auf, sie schienen im Begriffe, sich in das
Empfangszimmer zurückzuziehen. Bis dahin hatte ich sie mit
so großer Aufmerksamkeit beobachtet, und ihre Erscheinung und
ihr Gespräch hatten ein so lebhaftes Interesse in mir erregt,
daß ich meine elende Lage darüber vergessen hatte. Jetzt er-
innerte ich mich wieder daran, und durch den Kontrast erschien
sie mir trostloser, denn je. Und wie unmöglich erschien es
mir, die Bewohner dieses Hauses für mich zu interessieren,
sie an die Wahrheit meiner Leiden glauben zu machen,
sie zu bewegen, mich auf meiner Irrfahrt einen Augenblick aus-
ruhen zu lassen! Indem ich die Tür tastend fand und mit
zaudernder Hand anklopfte, fühlte ich, daß der letztere Gedanke
in der Tat eine bloße Chimäre sei.
Hannah machte auf.
Was wollen Sie? fragte sie mit einem Tone der Ueber-
raschung, als sie mich beim Scheine des Lichts, das sie in der
Hand hielt, erblickte.
Kann ich Ihre Damen sprechen? sagte ich.
Es wäre mir lieber, Sie sagten mir, was Sie ihnen zu sagen
haben. Wo kommen Sie her?
Ich bin eine Fremde.
Was haben Sie um diese Stunde hier zu tun?
Ich wollte um ein Obdach bitten für diese Nacht in einem j
Nebengebäude oder an irgend einem andern Orte und um ein
Stück Brot zum Essen.
In Hannahs Gesicht zeigte sich Mißtrauen - gerade was ich
fürchtete.
Ich will Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer
Pause; aber wir können keine Vagabundin beherbergen. -
So lassen Sie mich wenigstens Ihre jungen Damen sprechen.
Nein, nein, das geht nicht. Was können sie für Sie tun?
Sie sollten jetzt nicht herumschwärmen; das sieht doch ver-
dächtig aus.
Aber wohin soll ich denn gehen, wenn Sie mich wegweisen!
Was soll ich tun?
O, ich wette, Sie wissen wohl, wo Sie hingehen, und was
Sie tun können. Tun Sie nur nichts Unrechtes, das ist alles.
Hier ist ein Penny,, und nun gehen Sie!
Ein Penny ist für mich keine Nahrung, auch bin ich nicht
stark genug, um weiterzugehen. Machen Sie doch die Tür nicht
zu. - Ach! tun Sie es nicht, um Gotteswillen!
Ich muß, der Regen schlägt herein. ---
Fragen Sie die jungen Damen. -- Ich muß sie sprechen -- -
Das können Sie nicht. Sie sind nicht, was Sie sein
sollten, sonst würden Sie nicht so viel Lärm machen. Packen
Sie sich!
Aber ich muß sterben, wenn ich so fortgejagt werde.
Ah, das ist nicht wahr. Ich fürchte, Sie haben Böses im
Sinn, sonst würden Sie sich nicht um diese Stunde der Nacht
vor den Häusern der Leute herumtreiben. Wenn Sie zu einer
Diebesbande gehören, --- so kann ich Ihnen sagen, daß wir
nicht allein in dem Hause sind, es ist ein Herr da, sowie auch
Hunde und Flinten.
Hier schlug die ehrliche, aber unbeugsame Magd die Tür zu
und verriegelte sie von innen.
Das war der Höhepunkt meines Unglücks, eine unnennbare
Qual -- die Angst wirklicher Verzweiflung - zerriß mir das
Herz. Außer stande, noch einen Schritt zu tun, sank ich auf
die nassen Stufen vor der Titr nieder, ich stöhnte laut auf und
rang die Hände. O dieses Gespenst des Todes! O diese letzte
Stunde, die mir so schreckensvoll nahte! Ach, diese Verlassenheit
-- diese Ausstoßung aus der Gesellschaft meiner Mitmenschen!
Nicht allein der Anker der Hoffnung, sondern auch die Stand-
haftigkeit war dahin --- wenigstens für einen Augenblick, denn
ich suchte sie bald wiederzugewinnen.
Ich kann nur noch sterben, sagte ich, und ich glaube an
Gott! Ich will versuchen, mich seinem Willen schweigend zu
unterwerfen.
Diese Worte dachte ich nicht allein, sondern sprach sie auch
aus. Da hörte ich eine Stimme dicht hinter mir.
Alle Menschen müssen sterben, aber nicht alle sind präde-
stiniert zu einem frühzeitigen Tode, wie der Ihrige sein würde,
wenn Sie hier aus Mangel umkommen müßten.
- Sind Sie es, Herr St. John? rief Hannah.
Ja, ja; macht geschwind auf!
Ei, wie naß müssen Sie sein, und wie muß es Sie frieren,
in der stürmischen Nacht. Treten Sie ein --- Ihre Schwestern
waren schon besorgt um Sie, und ich glaube, daß schlechtes
Volk sich hier herumtreibt. Es ist eine Bettlerin da gewesen
gewiß ist sie noch nicht fort!-- Ah, dort liegt sie ja. Stehen
Sie auf! Pfui! Packen Sie sich! Verstanden?
Still, Hannah! Ich habe mit dieser Frau ein Wort zu
sprechen. Ihr habt Eure Pflicht getan, indem Ihr sie aus-
schloßt, laßt mich nun die meinige tun, indem ich sie einlasse.
Ich war in der Nähe und hörte euer beider Gespräch. Ich
glaube, es ist ein besonderer Fall --- ich muß ihn wenigstens
untersuchen. Junges Frauenzimmer, stehen Sie auf, und gehen
Sie vor mir in das Haus hinein!
Nur mit Mühe konnte ich ihm gehorchen. Bald stand ich
in der saubern hellen Küche -- am Kamin -- zitternd, fast
einer Ohnmacht nahe, mir aber dabei doch meines über die
Maßen gräßlichen, wilden, vernachlässigten Aussehens bewußt.
Die zwei jungen Damen, ihr Bruder, Herr St. John, die alte
Magd --- alle blickten mich an.
St. John, wer ist das? hörte ich eine fragen.
Ich weiß nicht, ich habe sie vor der Tür gefunden, lautete
die Antwort.
Sie sieht ja ganz blas aus, sagte Hannah.
So blaß wie der Tod, wurde geantwortet. Sie wird zu
Boden fallen, laßt sie sitzen.
Und in der Tat war mir ganz schwindlig, ich sank um; aber
ein Stuhl nahm mich auf. Noch war ich bei Sinnen, obgleich
ich nicht sprechen konnte.
Vielleicht wird ein wenig Wasser sie erfrischen. Hannah,
holt doch Wasser. Aber sie ist ganz abgemagert und blutlos!
Ein wahres Gespenst!
Ist sie krank, oder ist sie bloß ausgehungert?
Ich denke, ausgehungert. Hannah, ist das Milch? Gebt sie
ihr und etwas Brot dazu.
Diana brach etwas Brot ab, tauchte es in die Milch und
näherte es meinen Lippen. Ihr Gesicht war ganz nahe an
dem meinigen. Ich sah, das; Mitleid darin lag, und aus ihren
einfachen Worten: Versuchen Sie zu essen, sprach auch die
gleiche Regung, so wohltuend, wie Balsam.
Jawohl, versuchen Sie es, wiederholte Marie sanft, und
entfernte meinen durch und durch feuchten Hut und hob meinen
Kopf in die Höhe. Ich aß, was sie mir anbot, anfangs lang-
sam, bald aber gierig.
Nicht zu viel fürs erste -- haltet sie zurück, sagte der Bruder
Sie hat fir jetzt genug.
Und er nahm die mit Milch gefüllte Tasse, sowie den Teller
mit dem Brote weg.
Ein klein wenig mehr, St. John.-- Sieh doch die Gier in
ihren Augen.
Vorläufig nichts mehr, Schwester. Sieh, ob sie jetzt sprechen
kann-- frage sie nach ihrem Namen.
Ich fühlte, daß ich zu reden im stande sei, und antwortete
Mein Name ist Jane Elliot.
Denn, von dem Wunsche erfüllt, der Entdeckung zu ent-
gehen, hatte ich vorher beschlossen, einen andern Namen anzu-
nehmen.
Und wo halten Sie sich gewöhnlich auf? Wo sind Ihre
Freunde?
Ich schwieg.
Können wir nach jemand schicken, den Sie kennen?
Ich schüttelte den Kopf.
Können Sie Auskunft über sich geben?
Ichweiß nicht, wie mir geschah, aber jetzt, wo ich die Schwelle
dieses Hauses überschritten hatte und seinen Bewohnern von
Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, kam es mir nicht länger
vor, als sei ich ausgestoßen und von der ganzen weiten Welt
verleugnet. Ich wagte es, die Bettlerin abzustreifen und mein
natürliches Wesen und meinen Stand wiederanzunehmen.
Ich begann mich wiederzuerkennen, und als Herr St. John
von mir verlangte, daß ich ihm über mich Auskunft geben sollte,
was ich aber im Augenblick zu schwach war zu tun, sagte ich
nach einer kurzen Pause:
Mein Herr, ich kann Ihnen heute nacht keine Erklärungen
geben.
Aber, sagte er, was soll ich denn für Sie tun?
Nichts, erwiderte ich. Meine Kraft reichte nur zu kurzen
Antworten aus.
Digna ergriff nun das Wort:
Meinen Sie, fragte sie, daß wir Ihnen nun den Beistand
geleistet, den Ihr Zustand erfordert, und daß wir Sie nun wie-
der in das Moor und die Regennact hinauslassen können?
Ich blickte sie an. Es deuchte mir, sie habe ein interessantes
Gesicht, worin sich sowohl Energie als Güte aussprach. Ich
faßte alsbald Mut.
Ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln beantwortend,
sagte ich:
Ich will Ihnen vertrauen. Wäre ich ein herrenloser, ver-
irrter Hund, so weiß ich, daß Sie mich in dieser Nacht nicht
von Ihrem Herde wegjagen würden; so wie die Sachen jetzt
stehen, habe ich in der Tat keine Furcht. Tun Sie mit mir
und für mich, was Ihnen beliebt, aber entschuldigen Sie, wenn
ich wenig spreche --- mein Atem ist kurz -- ich bekomme einen
Krampf, wenn ich rede.
Alle drei sahen mich aufmerksam an, und alle drei schwiegen.
Hannah, sagte endlich Herr St. John, laßt sie nur dort
sitzen und fragt sie nichts! Nach zehn Minuten gebt ihr
die übrige Milch und das Brot! Marie und Diana, wir
wollen in das Empfangszimmer gehen und die Sache weiter
besprechen.
Sie zogen sich zurück. Nach einer kurzen Weile kam eine
der jungen Damen zurück -- welche, vermöchte ich nicht zu sagen.
Eine Art angenehmer Betäubung bemächtigte sich meiner all-
mählich, während ich bei dem Feuer saß. Mit leiser Stimme
gab sie Hannah einige Befehle. Es währte nicht lange, so ge-
lang es mir mit Hilfe der Magd, eine Treppe hinabzusteigen,
die triefenden Kleider fielen mir vom Leibe, und bald nahm
mich ein warmes trockenes Bett auf. Ich dankte Gott, und in-
mitten unaussprechlicher Erschöpfung von dankbarer Freude
durchdrungen, schlief ich ein.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Was während dreier Tage und dreier Nächte nach diesen
Ereignisse geschah, dessen kann ich mich nur undeutlich ent-
sinnen. Ich erinnere mich noch einiger Empfindungen, die
ich während jener Zeit hatte, aber nur weniger bestimmter
Gedanken und keiner Handlungen. Ich wußte, daß ich mich
in einem kleinen Zimmer und in einem schmalen Bette befand.
An dieses Bett schien ich angewachsen zu sein; ich lag darauf
so bewegungslos wie ein Stein, und hätte man mich heraus-
gerissen, so wäre das beinahe einem Todesurteil gleichgekommen.
Ich gab auf die Zeit, die verstrich, auf den Wechsel der ver-
schiedenen Tageszeiten nicht acht. Ich bemerkte es, wenn je-
mand in mein Zimmer hereinkam oder hinausging, ich konnte
sogar sagen, wer es war. Ich verstand, was in meiner Nähe
gesprochen wurde, aber ich konnte nicht antworten. Es war
mir gleich unmöglich, meine Lippen zu öffnen oder meine Glieder
zu bewegen. Hannah, die Magd, besuchte mich am meisten.
Ihr Kommen beunruhigte mich immer, ich fühlte, daß sie mich
fortwünschte, daß sie ein Vorurteil gegen mich hatte. Was
Diana und Marie betrifft, so erschienen sie ein- oder zweimal
des Tages in dem Zimmer. Ich hörte sie an meinem Bette
Worte, wie folgende, flüstern:
Es ist recht gut, daß wir Sie aufgenommen haben.
Ja, gewiß würde sie am Morgen tot vor der Tür gefunden
worden sein, hätte man sie die ganze Nacht draußen gelassen.
Ich möchte wohl ihr Schicksal wissen!
Sie muß merkwürdiges Ungemach erduldet haben.
Sie hat gewiß Bildung, das läßt sich schon aus ihrer Art
zu reden schließen; ihre Aussprache war ganz rein, und die
Kleider, die sie abgelegt, noch 'wenig getragen und fein, obgleich
naß und mit Kot beschmutzt.
Sie hat eine eigenartige Physiognomie, die mir recht gut
gefällt, und wenn sie erst wieder gesund und munter ist, so
kann ich mir denken, daß sie ein angenehmes Aeußeres haben
wird.
Nicht einmal hörte ich in ihren Gesprächen eine Silbe des
Bedauerns über die Gastfreundschaft, die sie mir gewährt; eben-
sowenig eine Silbe des Argwohns oder der Abneigung gegen
mich, — ich war getröstet.
Herr St. John kam nur einmal; er betrachtete mich und
sagte, mein lethargischer Zustand sei die Reaktion, die auf eine
lange und übermäßige Anstrengung habe folgen müssen. Einen
Arzt zu rufen, sei unnötig, die Natur würde sich am besten
selber helfen; ich müßte bloß eine Zeitlang in trägem Schlaf
verharren. Von einer Krankheit sei keine Spur vorhanden. Er
denke, meine Genesung würde, sobald sie einmal begonnen, rasch
vor sich gehen. Diese Ansicht sprach er mit wenigen Worten
und mit ruhiger, leiser Stimme aus; nach einer Pause fügte
er im Tone eines Mannes, der ausführliche Erklärungen nicht
zu geben gewöhnt ist, hinzu:
Eine Physiognomie, die etwas ungewöhnlich ist, aber gewiß
nicht ordinär, nicht gemein.
Im Gegenteil, entgegnete Diana. Soll ich die Wahrheit
sagen, St. John, so erwärmt sich mein Herz immer mehr
für das arme Wesen. Ich wollte, wir könnten ihr auf die
Dauer nützen.
Das ist kaum wahrscheinlich, lautete die Antwort. Du
wirst finden, sie ist eine junge Dame, die sich mit ihren Freunden
überworfen und sie wahrscheinlich unüberlegterweise verlassen
hat. Vielleicht gelingt es uns, sie ihnen wiederzuschenken,
wenn sie nicht halsstarrig ist; allein ich sehe in ihrem Ge-
sichte energische Züge, die mich an ihrer Fügsamkeit zweifeln
lassen.
Er stand vor mir und sah mich einige Minuten an, dann setzte
er hinzu:
Sie sieht sehr klug aus, aber ganz und gar nicht schön.
Sie ist so krank, T-. John.
Krank oder nicht krank, -- sie wird nie für schön gelten
können. Die Harmonie der Schönheit fehlt in diesen Zügen
gänzlich.
Am dritten Tage fühlte ich mich besser; am vierten konnte
ich sprechen, mich regen, mich im Bette aufrichten und mich um-
wenden. Hannah brachte mir um die Mittagsstunde etwas
Grütze und geröstetes Brot. Ich as mit Appetit. Die Speise
war gut. und der fieberhafte Geschmack war weg, der bis
dahin alles, was ich verschlungen, vergiftet hatte. Als sie mic
verließ, fühlte ich mich verhältnismäßig stark; bald machte sich
der Ueberdruß der Ruhe und der Wunsch nach Tätigkeit bei
mir geltend. Ich wollte aufstehen, aber was konnte ich an-
ziehen? Nur meine feuchten und beschmutzten Kleider, worin
ich auf dem Boden geschlafen hatte und in den Sumpf gefallen
war. Ich schämte mich, in solchem Aufzuge vor meinen
Wohltätern zu erscheinen. Die Demütigung wurde mir erspart.
Auf einem Stuhle neben dem Bette lagen alle meine Kleidungs-
stücke, rein und trocken. Mein schwarzseidener Rock hing
an der Wand. Die Spuren von dem Kote des Sumpfes
waren verschwunden, die Falten weggeglättet, der Rock sah
ganz anständig aus. Sogar meine Schuhe und Strümpfe waren
gereinigt. Im Zimmer war alles Nötige, um mich zu waschen;
auch war ein Kamm und eine Bürste da, um mein Haar in
Ordnung zu bringen. Es kostete mich viele Mühe, mich voll-
ständig anzuziehen, da ich alle fünf Minuten ausruhen mußte.
Doch gelang es mir endlich. Meine Kleider waren mir zu
weit, da ich sehr abgenommen hatte, allein ich bedeckte etwaige
Mängel mit einem Schal, und nun, da ich wieder anständig
aussah, schleppte ich mich am Geländer einer steinernen Treppe
in einen engen, niedern Gang hinab und fand meinen Weg
alsbald nach der Küche.
Sie war voll von dem angenehmen Geruche des neugebackenen
Brotes, und es brannte ein gutes, warmes Feuer darin. Hannah
war mit Backen beschäftigt. Bekanntlich sind Vorurteile am
schwersten aus den Herzen auszurotten, deren Boden durch die
Erziehung nie gelockert oder befruchtet worden ist; sie wachsen
Und wurzeln dort unter den Steinen. Hannah war in der
Tat anfangs kalt und steif gewesen; in den letzen Tagen
hatte sie angefangen, sich ein wenig erweichen zu lassen; und
als sie mich nett und wohlgekleidet hereintreten sah, konnte sie
sich sogar eines Lächelns nicht erwehren.
Wie? Sie sind auf? sagte sie. Es geht sonach besser mit
Ihnen? Setzen Sie sich dort auf meinen Stuhl am Herde,
wenn Sie wollen. Sie deutete hin auf den Schaukelstuhl; ich
setzte mich. Sie hatte bald da, bald dort zu tun und sah
mich dann und wann von der Seite an. Sich zu mir
wendend, als sie einige Laibe aus dem Ofen nahm, fragte sie
ohne Umschweife:
Haben Sie, bevor Sie hierher kamen, auch schon gebettelt?
Einen Augenblick konnte ich mich des Unwillens nicht er-
wehren; da ich mich aber erinnerte, daß Zorn und Aerger nicht
am Platze seien, und daß ich in der Tat wie eine Bettlerin
vor ihr erschienen war, so antwortete ich ruhig, aber doch nicht
ohne eine gewisse Entschiedenheit und Festigkeit:
Ihr irrt Euch, wenn Ihr mich für eine Bettlerin haltet
Ich bin keine Bettlerin, ebensowenig wie Ihr oder Eure jungen
Damen.
Nach einer Pause sagte sie:
Das verstehe ich nicht; ich denke doch, Sie haben kein Haus
und kein Geld.
Der Mangel an Geld, oder an einem Hause macht mich noch
nicht zu einer Bettlerin.
Sind Sie gelehrt in den Büchern? fragte sie nach einer
Weile.
Ja, recht gelehrt.
Aber Sie sind nie in einer Erziehungsanstalt gewesen?
Acht Jahre bin ich in einer solchen gewesen.
Sie machte ihre Augen weit auf.
Warum können Sie dann nicht selber Ihren Lebensunter-
halt verdienen?
Ich habe mich selbst ernährt und werde es ganz gewiß auch
in Zukunft tun. --- Was wollt Ihr mit diesen Stachelbeeren
da machen? fragte ich, als sie einen Korb voll von dieser Frucht
hervorholte.
Ich will sie zu Pasteten verbacken.
Gebt sie mir, ich will sie auslesen und reinigen.
Nein, nein, Sie dürfen nichts tun, ich brauche Sie nicht.
Aber ich muß etwas tun. Gebt sie mir nur.
Endlich willigte sie ein; ja, sie brachte ein reines Handtuch,
damit ich es über mein Kleid breiten sollte.
Sie sind, wie ich an Ihren Fingern sehe, nicht an Magd-
arbeit gewöhnt, bemerkte sie. Vielleicht sind Sie eine Kleider-
macherin?
Nein, Ihr irrt Euch. Und nun zerbrecht Euch nicht weiter
den Kopf meinetwegen; sondern sagt mir den Namen des
Hauses, wo wir sind.
Einige nennen es Marsh-End, andere aber Moor-House.
Und der Herr, der hier wohnt, heißt Herr St. John?
Nein, er wohnt nicht hier; er hält sich hier nur eine kurze
Zeit auf. Wenn er daheim ist, so ist er in seiner Gemeinde
zu Morton.
In dem Dorfe, einige Meilen von hier?
Ja.
Und was ist er?
Pfarrer.
Ich erinnerte mich der Antwort der alten Haushälterin im
Pfarrhause, als ich mit dem Geistlichen hatte sprechen wollen.
So war dies der Wohnort seines Vaters?
Ja, ja; der alte Herr Rivers hat hier gewohnt und sein Vater
und Großvater und Urgroßvater vor ihm.
Dieser Herr heißt also St. John Rivers, und seine Schwestern
heißen Diana und Marie Rivers?
Ja.
Ist ihr Vater tot?
Es sind nuun gerade drei Wochen, daß er am Schlage ge-
storben ist.
Sie haben keine Mutter?
Die Frau vom Hause ist schon seit vielen Jahren tot.
Seid Ihr schon lange bei der Familie?
Ich bin nun schon dreißig Jahre hier. Ich habe sie alle
drei aufgezogen.
Das beweist, daß Ihr hier eine ehrliche und treue Dienerin
gewesen sein müßt. Ich will das zu Eurem Lobe sagen, obgleich
Ihr so unhöflich gewesen seid, mich eine Bettlerin zu heißen.
Abermals sah sie mich mit einem starren Blicke, worin sich
ihr Erstaunen ausdrückte, an. Am Ende sagte sie:
Ich glaube, ich habe mich in meiner Meinung von Ihnen
ganz geirrt; aber es laufen so viele Betrüger und Gauner
herum, daß Sie mir vergeben müssen.
Und obgleich Ihr, fuhr ich etwas streng fort, mich in einer
Nacht, wo Ihr keinen Hund hättet aussperren sollen, von der
Tür wegtreiben wolltet.
Ja, ja, es war hart; aber was kann unsereins tun? Ich
dachte noch mehr an die Kinder, als an mich selbst, die armen
Dinger. Sie haben auf der ganzen Herrgottswelt niemand,
der für sie sorgt, als mich. Und da brauche ich gerade ein
etwas scharfes Auge.
Ich beobachtete einige Minuten lang ein ernstes Stillschweigen
Sie müssen nicht zu schlecht von mir denken, bemerkte sie.
Doch! sagte ich; und ich will Euch sagen, warum -- nicht so
sehr, weil Ihr mir kein Obdach habt geben wollen, oder weil
Ihr mich als Betrügerin angesehen habt, als weil Ihr mir
soeben noch einen Vorwurf daraus gemacht habt, daß ich kein
Geld und kein Haus besitze. Die besten Leute, die je gelebt,
sind ebenso arm gewesen, wie ich bin; und wenn Ihr eine
Christin seid, so solltet Ihr die Armut nicht als ein Verbrechen
ansehen.
Ja, ja, das ist ganz richtig, sagte sie. Herr St. John sagt
dasselbe, und ich sehe ein, daß ich unrecht hatte, - aber ich
habe jetzt eine ganz andere Meinung von Ihnen, als anfangs.
Sie sehen jetzt ganz wie ein anständiges Frauenzimmer aus.
Schon gut --- ich verzeihe Euch. Kommt, gebt mir die Hand!
Sie legte ihre mehlige und schwielige Hand in die meine,
ein herzlicheres Lächeln erhellte ihr grobes Gesicht --- und von
dem Augenblicke an waren wir Freundinnen.
Hannah plauderte offenbar gern. Während ich die Stachel-
beeren auslas und reinigte und sie den Teig zu den Pasteten
machte, fuhr sie fort, mir verschiedene Einzelheiten über ihren
verstorbenen Herrn und ihre verstorbene Dienstherrin, sowie
über die Kinder, wie sie die jungen Damen nannte, zu geben.
Der alte Herr Rivers, sagte sie, war ein Mann, schlecht und
recht; aber was Vornehmes und von einer so alten Familie,
als man nur finden kann. Marsh -End hatte den Rivers immer
gehört, seitdem es ein Haus war; und das war es, behauptete
sie, seit zweihundert Jahren -- wenn es auch nur klein und
bescheiden aussehe, und gar nicht zu vergleichen sei mit Herrn
Olivers großem Gebäude drunten in Morton Vale. Sie könne
sich aber noch gut erinnern, fuhr sie fort, daß Bill Olivers
Vater ein gewöhnlicher Arbeiter in einer Nadelfabrik gewesen
sei; die Rivers aber seien schon Edelleute gewesen in den alten
Tagen der Heinriche, wie jedermann sehen könne, der sich die
Kirchenregister von Morton zeigen lasse. Indessen gab sie zu,
daß der alte Herr wie andere Leute gewesen sei - und nicht
viel anders als diese gelebt haben; nur habe er immer außer-
ordentlich gern gejagt, habe viel auf Ackerbau gehalten und
dergleichen. Ihre Dienstherrin sei anders gewesen, sie habe
viel gelesen, viel studiert, und die Kinder hätten ihr nach-
geschlagen. Hier herum tue es ihnen niemand gleich, noch habe
Es ihnen irgend jemand gleichgetan; alle drei hätten gern gelernt,
fast von der Zeit an, wo sie zu sprechen vermocht; und sie
hätten immer etwas ganz Besonderes an sich gehabt. Herr
St. John habe, als er groß geworden, auf die Universität
gehen und Pfarrer werden wollen; die Mädchen hätten, sobald
sie die Schule verlassen, Stellen als Gouvernanten suchen
müssen, denn sie hatten ihr gesagt, ihr Vater habe vor einigen
Jahren viel Geld verloren durch einen Mann, zu dem er Ver-
trauen gehabt, der aber bankerott geworden sei, und sie müßten
für sich selbst sorgen. Sie hätten sich seit langer Zeit sehr
wenig zu Hause aufgehalten und seien jetzt nur wegen ihres
Vaters Tod hierhergekommmen, um einige Wochen zu bleiben.
Sie hätten aber Marsh-End und Morton und all die umliegen-
den Moore und Hügel so gern. Sie seien in London gewesen
und in vielen andern großen Städten; sie sagten aber immer,
es gehe nichts über die Heimat; und dann kämen sie immer so
gut miteinander aus, -- nie bekämen sie Streit. Sie wisse
von keiner Familie, deren Glieder so friedfertig und einträchtig
miteinander lebten.
Als ich mit den Stachelbeeren fertig war, fragte ich, wo die
jungen Damen und ihr Bruder jetzt seien.
Sie sind nach Morton gegangen, werden aber in einer halben
Stunde zum Tee zurück sein, lautete die Antwort.
Sie kamen richtig innerhalb der von Hannah angegebenen
Zeit zurück und traten durch die Küchentür ein. Als Herr St. John
mich sah, verneigte er sich bloß und ging weiter, die beiden
Damen aber blieben da. Marie drückte in einigen freundlichen
und ruhigen Worten die Freude aus, die es ihr mache, mic
wieder so weit hergestellt zu sehen, daß ich herunterkommen
könne. Diana ergriff meine Hand, sie schüttelte aber zu gleicher
Zeit den Kopf.
Sie hätten warten sollen, bis ich Ihnen Erlaubnis gegeben,
herunterzukommen, sagte sie. Sie sehen immer noch blaß aus
- und so abgefallen, Sie Arme!
Diana hatte eine Stimme, deren Ton meinem Ohre wie das
Gurren einer Taube vorkam. Sie hatte Augen, deren Blick
ich mit Entzücken begegnete. Ihr ganzes Gesicht schien mir
reizvoll. Maries Gesicht hatte einen ebenso verständigen Aus-
druck, aber minder hübsche Züge; sie war zurückhaltender und
obgleich artig und sanft, etwas kälter. Diana besaß in Sprache
und Blick eine gewisse Entschiedenheit, offenbar hatte sie einen
eigenen Willen.
Und was haben Sie hier zu suchen? fuhr die letztere fort.
Das schickt sich nicht für Sie. Marie und ich sitzen bisweilen
in der Küche, weil wir zu Hause frei sein wollen, selbst bis
zum Uebermaß; -- Sie sind ein Gast und gehören in das
Empfangszimmer.
Ich befinde mich sehr gut hier.
Bewahre!--- Hannah ist bald da, bald dort und bestäubt Sie
mit Mehl.
Auch ist das Feuer zu heiß für Sie, fiel Marie ein.
Gewiß, setzte ihre Schwester hinzu. Kommen Sie, Sie
müssen gehorsam sein.
Und ohne meine Hand loszulassen, zwang sie mich, aufzustehen,
und führte mich in das innere Zimmer hinein.
Setzen Sie sich dahin, sagte sie, indem sie mir das Sofa
anwies, während wir Hut, Halstuch u. s. w. ablegen und den
Tee fertig machen. Das ist ein besonderes Vorrecht, das wir
in unserem kleinen Hause auf dieser Heide ausüben -- unsere
Mahlzeiten selbst zu bereiten, wenn wir Lust dazu haben, oder
wenn Hannah bäckt, braut, wäscht oder bügelt.
Sie machte die Tür zu und ließ mich so mit Herrn St. John,
der, ein Buch oder eine Zeitung in der Hand, mir gegenüber-
saß, allein. Ich blickte zuerst in dem Empfangszimmer umher
und betrachtete dann dessen Bewohner.
Das Empfangszimmer war ziemlich klein und sehr einfach
möbliert, doch sah es bequem aus, da es reinlich und nett war.
Die altmodischen Stühle waren sehr glänzend und der Tisch
aus Nußbaumholz wie ein Spiegel. Einige altertümliche Bilder,
die Männer und Frauen aus früheren Zeiten darstellten,
schmückten die bemalten Wände; ein Schrank mit Glastüren
enthielt einige Bücher und ein altertümliches Porzellanservice. An
Schmucksachen war kein Ueberfluß im Zimmer; --- es war kein
modernes Hausgerät darin zu sehen, außer zwei Arbeitskästchen
und einem auf einem Seitentische stehenden Damenschreibpult
aus Rosenholz. Alles aber -- den Fußteppich und die Vor-
hänge mit eingeschlossen ---- sah wohlerhalten aus, obgleich es
keinem Zweifel unterliegen konnte, daß es schon lange im
Gebrauche war.
Herr St. John -- der so still dasaß wie eines der Bilder
an den Wänden, der seine Augen nicht von dem Blatte ver-
wandte, das er las, und dessen Lippen stumm und wie ver-
siegelt waren --- konnte ich gut beobachten. Wäre er eine
Statue gewesen, so hätte er nicht ruhiger dasitzen können. Er
war jung -- vielleicht achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt--
groß, schlank. Sein Gesicht fesselte das Auge; es hatte viel
Aehnlichkeit mit einem griechischen, besonders im Profil. Die
Nase war ganz gerade und klassisch zu nennen, Mund und
Kinn waren ganz athenisch. Es trifft sich in der Tat selten,
daß ein englisches Gesicht der Antike so nahe kommt, wie das
seinige. Seine Augen waren groß und blau, mit braunen
Wimpern, seine hohe Stirn, durchsichtig wie Elfenbein, war
hier und da von nachlässig herabfallenden blonden Locken ein
wenig bedeckt.
Trotz dieser anziehenden Erscheinung machte er aber kaum
den Eindruck, als ob sein Wesen ein sanftes, nachgiebiges.
leicht empfängliches, oder gar mildes sei. Schweigend, wie er
dasaß, lag etwas um seine Nasenlöcher, seinen Mund, seine
Stirn, was, nach meiner Ansicht, Elemente in seinem Innern
andeutete, die entweder ruhelos oder hart oder heftig sein
mußten. Er sprach kein Wort mit mir, auch ließ er nicht ein-
mal sein Auge auf mich fallen, bis seine Schwestern zurückkamen.
Diana brachte mir, als sie während der Zubereitung des Tees
aus- und einging, einen kleinen Kuchen, der oben auf dem
Ofen gebacken worden war,
Essen Sie das jetzt, sagte sie, Sie missen hungrig sein.
Hannah sagt, Sie hätten seit dem Frühstück nichts als etwas
Grütze genossen.
Ich schlug das Angebotene nicht aus, denn mein Appetit
war wieder erwacht. Herr Rivers machte sein Buch zu,
näherte sich dem Tisch, und als er einen Stuhl nahm, heftete
er seine blauen Augen auf mich. Es lag jetzt eine unzeremoniöse
Geradheit, eine forschende, entschiedene Beharrlichkeit in seinem
Blicke, die mir sagte, daß er bis jetzt absichtlich und nicht aus
Verlegenheit von der Fremden abgesehen hatte.
Sie sind wohl sehr hungrig? sagte er.
Ja, mein Herr.
Es ist immer meine Art so gewesen, der Kürze mit Kürze,
der Geradheit mit Geradheit zu begegnen.
Es ist gut, daß etwas Fieber Sie in den letzten drei Tagen
gezwungen hat, enthaltsam zu sein; es wäre gefährlich gewesen,
wenn Sie gleich anfangs Ihren Appetit befriedigt hätten.
Nun können Sie essen, aber nicht unmäßig.
Ich hoffe, mein Herr, ich werde nicht lange auf Ihre Kosten
essen, war meine höchst ungeschickte und ungezogene Antwort.
Nein, sagte er kalt; sobald Sie uns den Aufenthaltsort Ihrer
Freunde angeben, können wir an sie schreiben und Sie zu ihnen
zurückkehren.
Das, ich muß es Ihnen offen sagen, kann ich nicht tun, da
ich ganz und gar ohne Heimat und ohne Freunde bin.
Die drei blickten mich an, jedoch nicht mißtrauisch. Ich fühlte,
daß in ihren Blicken kein Argwohn lag, es war mehr Neu-
gierde. Ich spreche besonders von den jungen Damen.
St. Johns Augen waren, obgleich im buchstäblichen Sinne klar
genug, doch im figürlichen Sinne schwer zu ergründen. Er
schien sie mehr als Werkzeuge zu gebrauchen, um die Gedanken
anderer Leute zu erforschen, denn als Vermittler zur Enthüllung
seiner eigenen, und diese Verbindung von Schärfe und Ver-
schlossenheit war weit mehr geeignet, einen in Verlegenheit zu
bringen als zu ermutigen.
Wollen Sie, Jane, sagen, fragte er, daß Sie ganz und gar
ohne Verwandte und Freunde seien?
Ja. Nicht ein einziges Band knüpft mich an ein lebendes
Wesen; ich kann unter keinem Dache in England Zutritt er-
langen.
Eine höchst eigentümliche Stellung in Ihrem Alter:
Hier sah ich seinen Blick sich auf meine Hände heften, die
auf dem Tisch vor mir gefaltet lagen. Ich wunderte mich,
was er wohl daran suchen möchte, seine Worte erklärten es
bald.
Sie sind nie verheiratet gewesen? Sind Sie ledig?
Diana lachte.
Ei, sagte sie, sie kann nicht über siebzehn oder achtzehn Jahre
alt sein.
Ich bin fast neunzehn, aber nicht verheiratet. Nein.
Ich fühlte eine brennende Röte sich über mein Gesicht ergießen,
denn bittere und aufregende Erinnerungen wurden durch die
Anspielung auf die Heirat geweckt. Sie alle sahen meine
Verlegenheit und Aufregung. Diana und Marie wandten
gütig ihre Augen anderswohin, als nach meinem purpurroten
Gesichte; der kältere und strengere Bruder fuhr fort, mich anzu-
sehen, bis die Unruhe, die er erregt hatte, mir Tränen aua-
preßte.
Wo haben Sie sich zuletzt aufgehalten? fragte er jetzt.
Du fragst zuviel, St. John, murmelte Marie leise; aber er
beugte sich über den Tisch und forderte durch einen zweiten
festen und durchdringenden Blick eine Antwort.
Der Name des Orts, wo ich war, und der Stand dessen,
bei dem ich mich aufgehalten habe, sind m ein Geheimnis
erwiderte ich kurz.
Das Sie, wenn Sie wollen, nach meiner Meinung ein Recht
haben, sowohl St. John, als jedem andern Frager vorzuent-
halten, bemerkte Diana.
Wenn ich aber von Ihnen und Ihrer Lebensgeschichte nichts
weiß, so kann ich Ihnen nicht helfen, sagte er. Und Hilfe
brauchen Sie, nicht wahr?
Ja, ich bin der Hilfe bedürftig und suche sie insoweit, daß
ein wahrer Menschenfreund mich in den Stand setzt, eine Arbeit,
die ich zu leisten imstande bin und die mich ernähren kann,
zu bekommen.
Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund bin, doc
habe ich den Willen, Ihnen bei einem so redlichen Vorhaben,
soviel in meinen Kräften steht, zu dienen. Sagen Sie mir
zuerst, was Sie zu tun gewohnt sind, und was Sie tun können.
Ich hatte jetzt meinen Tee getrunken. Das Getränk er-
frischte mich ungemein, wie Wein einen Riesen; es gab meinen
erschlafften Nerven neue Kraft und setzte mich in den Stand,
diesen scharfblickenden jungen Richter mit Festigkeit anzureden.
Herr Rivers, sagte ich, mich zu ihm wendend und ihn, wie
er mich, offen und ohne Mißtrauen anblickend, Sie und Ihre
Schwestern haben mir einen großen Dienst erwiesen, -- den
größten, den ein Mensch seinem Mitmenschen zu erweisen ver-
mag. Sie haben mich durch Ihre edle Gastfreundschaft von
sicherem Tode errettet. Diese Wohltat, die Sie mir erwiesen,
verleiht Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbar-
keit und bis zu einem gewissen Grade auch einen Anspruch auf
mein Zutrauen. Ich will Ihnen von der Geschichte der
Wanderin, die Sie aufgenommen, so viel erzählen, als ich
kann, ohne meinen eigenen Seelenfrieden, ohne meine eigene,
moralische und physische Sicherheit neben der andrer zu ge-
fährden.
Nun erzählte ich ihnen kurz meine ganze Lebensgeschichte
und überging nur den Grund, weswegen ich Thornfield Hall
verlassen, das ich auch nicht mit Namen nannte, mit Still-
schweigen.
Zwinge sie doch jetzt nicht, so viel zu sprechen, St. John,
sagte Diana, als ich schwieg; offenbar kann sie die Aufregung
noch nicht vertragen. Kommen Sie auf das Sofa und setzen
Sie sich jest, Fräulein Elliot.
Ich war natürlich etwas betroffen, als ich den fremden Namen
hörte, den ich mir beigelegt und schon wieder vergessen hatte.
Herr Rivers, dem nichts zu entgehen schien, bemerkte es alsbald.
Sie sagten, Ihr Name sei Jane Elliot? sagte er.
Ja, so habe ich gesagt, und es ist der Name, mit welchem ich
mich für den Augenblick nennen lassen will; mein wahrer Name
ist ein anderer, und wenn ich ihn höre, so kommt er mir seltsam
vor.
Sie wollen uns also Ihren wahren Namen nicht sagen?
Nein, ich fürchte über alles die Entdeckung, und ich vermeide
daher jedwede Eröffnung, die eine solche herbeiführen könnte.
Sie haben gewiß ganz recht, sagte Diana. Nun, Bruder,
laß sie jetzt doch eine Weile in Ruhe.
Als aber St. John einige Augenblicke in Nachdenken ver-
sunken dagesessen hatte, fing er wieder an, so beharrlich und
mit so vielem Scharfsinn als je.
Es ist Ihr Wunsch, nicht lange von unserer Gastfreundschaft
abhängig zu sein, nicht wahr?
Ja, das wünsche ich. Zeigen Sie mir, wo ich Arbeit finden
kann, das ist alles, um was ich Sie jetzt bitte. Dann lassen
Sie mich gehen, und wäre es auch in die niedrigste Hütte --
aber bis dahin erlauben Sie mir, hier zu bleiben. Ich möchte
mich den Schrecken der Heimatlosigkeit, der Entblößung, der
Verlassenheit nicht noch einmal aussetzen.
Ja, ja, Sie sollen hier bleiben, sagte Diana, indem sie ihre
weiße Hand auf meinen Kopf legte.
Sie sollen dableiben, wiederholte Marie in dem Tone un-
gesuchter Offenheit, der ihr natürlich zu sein schien.
Meine Schwestern finden, wie Sie sehen, ein Vergnügen
daran, Sie hier zu behalten, sagte St. John, wie sie ein
Vergnügen daran fänden, einen halberstarrten Vogel, den ein
winterlicher Wind an ihr Fenster geführt hätte, zu hegen und
zu pflegen. Ich verspüre mehr Neigung, Sie in den Stand
zu setzen, sich zu erhalten, und werde mir die Sache angelegen
sein lassen. Sie dürfen aber nicht vergessen, daß meine Sphäre
nur klein ist. Ich bin nur ein armer Landpfarrer, meine Hilfe
ann nur von der bescheidensten Art sein. Und wenn Sie
-nach Höherem trachten und das Kleine verachten, so müssen
Sie sich einen wirksameren Beistand suchen, als ich Ihnen
anzubieten imstande bin.
Sie hat ja schon gesagt, daß sie alles tun will, was sie mit
Ehren tun kann, erwiderte Diana für mich; und du weißt ja,
St. John, sie hat keine Auswahl, sondern muß sich solch pedan-
tischen Helfer, wie du einer bist, gefallen lassen.
Ich will Kleidermacherin, will Weißnäherin, will Magd,
will Kindsmädchen sein, wenn es nicht anders sein kann, ant-
wortete ich.
Recht, sagte Herr St. John ganz kalt. Wenn Sie das wollen,
so verspreche ich Ihnen, zu meiner Zeit und in meiner Weise
zu helfen.
Und nun griff er wieder zu dem Buch, das ihn vor dem Tee
beschäftigt hatte. Ichaber zog mich bald zurück, denn ich hatte
so viel gesprochen und war so lange aufgeblieben, als meine
Kraft mir im Augenblicke nur erlaubte.
Dreißigstes Kapitel.
Je näher ich die Bewohner von Moor-House kennen lernte,
umso mehr gewann ich sie lieb. In wenigen Tagen hatte ich
meine Gesundheit so weit wiedererlangt, daß ich den ganzen
Tag aufbleiben und bisweilen einen kleinen Spaziergang
machen durfte. Ich konnte an allen Beschäftigungen Dianas
und Maries teilnehmen, konnte mit ihnen sprechen, soviel sie
wollten, und sie unterstützen, wann und wo sie mir es gestatteten.
In diesem Umgange lag ein Vergnügen, wie ich es jetzt zum
ersten Male kostete,-- das Vergnügen, das aus vollkommener
Uebereinstimmung der Neigungen, der Grundsätze und der
Gefühle entspringt.
Wenn eine von uns die Rolle einer Führerin und Ton-
angeberin spielte, so war es Diana. In physischer Beziehung
übertraf sie mich bei weitem, sie war schön, sie war kräftig.
Sie besaß eine Lebensfülle, eine Energie, die meine Verwunderung erregte, während sie mein Verstand nicht zu begreifen ver-
mochte. Ich konnte eine Weile reden, wenn der Abend begann;
wenn aber die erste Lebhaftigkeit, der erste Fluß bei mir vorüber
war, so setzte ich mich gern auf einen Schemel zu Dianas Füßen,
legte meinen Kopf auf ihre Knie und hörte ihr und Marie
abwechselnd zu, während sie den Gegenstand, den ich nur obenhin berührt, ergründeten und erschöpften. Diana erbot sich, mich
die deutsche Sprache zu lehren. Ich lernte gern von ihr, ich
sah, daß die Rolle einer Lehrerin ihr zusagte, mir aber gefiel
die Rolle einer Schülerin. Unsere Naturen paßten füreinander,
gegenseitige Liebe der stärksten Art war das Resultat. Sie
entdeckten, daß ich zeichnen konnte; ihre Zeichenstifte und
Farbenschachteln standen mir augenblicklich zu Gebote. Meine
Geschicklichkeit, die in diesem einzigen Punkte größer war, als
die ihrige, überraschte und bezauberte sie. Marie pflegte stundenlang neben mir zu sitzen und mir zuzusehen. Dann wollte sie
von mir lernen, und sie war in der Tat eine gelehrige, verständige, fleißige Schülerin. Während wir uns so beschäftigten
und gegenseitig unterhielten, vergingen die Tage wie Stunden
und die Wochen wie Tage.
Was Herrn St. John betrifft, so erstreckte sich die Vertraulichkeit, die in so natürlicher Weise und so rasch zwischen mir und
seinen Schwestern Platz gegriffen hatte, nicht auf ihn. Ein
Grund der zwischen uns noch obwaltenden Kälte war der
Umstand, daß er verhältnismäßig selten zu Hause war; ein
großer Teil seiner Zeit schien Kranken- und Armenbesuchen in
seiner weitzerstreuten Pfarrgemeinde gewidmet zu sein.
Kein Wetter schien ihn an diesen Wanderungen, die ihm
sein Beruf auferlegte, zu hindern. Mochte es regnen oder
schönes Wettersein, -- sobald die Stunden seines Morgenstudiums
vorüber waren, griff er nach seinem Hute und ging, gefolgt von
seines Vaters altem Hühnerhunde, Carlo, auf seine Mission
der Liebe und Pflicht aus. Bisweilen machten ihm seine
Schwestern Vorstellungen, wenn das Wetter gar zu ungünstig
war. Er aber pflegte alsdann mit einem eigentümlichen Lächeln,
das eher feierlich, als heiter zu nennen war, zu sagen:
Und wenn ich mich durch einen Windstoß oder Regenguß von
der Erfüllung dieser leichten Aufgaben abhalten lasse, was
für eine Vorbereitung wäre eine solche Trägheit auf die
Zukunft, die ich mir vorgezeichnet habe?
Dianas und Maries gewöhnliche Antwort auf die Frage war
ein Seufzer und ein schwermütiges Nachdenken.
Aber außer seiner häufigen Abwesenheit stand einer Freundschaft zwischen uns noch eine andere Schranke entgegen. Er
schien einer jener Menschen zu sein, die sich gern in sich vertiefen, ja manchmal schwermütig zu sein. Eifrig in seinen
Dienstpflichten, tadellos in seinem Leben und in seinen Gewohnheiten, schien er sich doch nicht jener geistigen Heiterkeit, jener
innern Zufriedenheit zu erfreuen, die der Lohn eines jeden
aufrichtigen Christen und praktischen Menschenfreundes sein
sollte. Oft hörte er abends, wenn er, den Schreibpult und
seine Papiere vor sich, am Fenster saß, zu lesen oder zu schreiben
auf, stützte das Kinn auf die Hand und hing, ich weiß nicht
welchen Gedanken nach. Daß sie aber aufregender und
stürmischer Art waren, war an dem häufigen Aufblitzen seines
Auges zu sehen.
Zudem schien es mir, daß er für Naturschönheiten nicht so
empfänglich war, wie seine Schwestern. Er äußerte sich einmal,
aber auch nur einmal in meiner Gegenwart, nachdrucksvoll
über den rauhen Reiz der Hügel und legte eine angeborene
Liebe zu dem dunkeln Dache und den verwitterten Wänden an
den Tag, die er seine Heimat nannte. Allein es lag mehr
Gram als Vergnügen in dem Tone und den Worten, in denen
er dieses Gefühl aussprach, und nie schien er auf den Mooren
wegen ihres besänftigenden Schweigens umherzuwandern, -- nie
die tausenderlei Arten feierlichen Entzückens, die sie gewähren
konnten, aufzusuchen oder dabei zu verweilen.
Verschlossen, wie er war, verstrich erst einige Zeit, ehe ich
Gelegenheit hatte, ihn zu ergründen. Den ersten Begriff von
seinem Verstande und seinem Gemüte bekam ich, als ich ihn in
seiner Kirche zu Morton predigen hörte. Ich wollte, ich könnte
diese Predigt beschreiben, aber leider kann ich nicht einmal den
Eindruck, den sie auf mich machte, getreu wiedergeben.
Durch das Ganze ging eine seltsame Bitterkeit, zornige Anklänge
an calvinistische Lehren --- Gnadenwahl, Vorherbestimmung, Verdammnis -- waren häufig, und jede Beziehung auf diese Punkte
klang wie ein Spruch des jüngsten Gerichts. Nachdem er geendet,
empfand ich, anstatt mich besser, ruhiger, erleichtert zu fühlen, eine
unaussprechliche Traurigkeit, denn es schien mir, als sei die
Beredsamkeit, die mich gefesselt, entsprungen aus einer Tiefe,
wo trübe Hefen der Enttäuschung lagen, wo stürmische Triebe
unersättlicher Sehnsucht und ruhelose Bestrebungen sich regten.
Ich war überzeugt, daß St. John Rivers, -- tadellos, gewissen-
haft und eifrig, wie er war - noch nicht den Frieden Gottes
gefunden, der über alle Vernunft geht; ich dachte, er habe ihn
noch ebensowenig gefunden, wie ich, die noch immer ihr verlorenes Elysium betrauerte.
Unterdessen war ein Monat verflossen. Diana und Marie
sollten nun Moor-House bald verlassen und zu dem ganz
verschiedenen Leben zurückkehren, das in einer großen, von
der vornehmsten Gesellschaft vielbesuchten Stadt im südlichen
England ihrer wartete. Sie waren dort als Erzieherinnen
bei Familien angestellt, von deren reichen und stolzen Mitgliedern sie nur als niedrige Untergebene betrachtet wurden,
und die keine ihrer angebornen Eigenschaften suchten oder
kannten, sondern bloß ihre erlernten Fertigkeiten würdigten,
wie sie die Geschicklichkeit ihres Kochs oder das Toilettenverständnis ihrer Kammerfrau schätzten. Herr St. John hatte
mir noch nichts über die Beschäftigung gesagt, die er mir zu
verschaffen versprochen hatte, und doch war es dringend notwendig, daß ich irgend eine Anstellung erhielt. Eines Morgens,
als ich einige Minuten im Empfangszimmer mit ihm allein
war, nahm ich allen meinen Mut zusammen, ging auf
die Fenstervertiefung zu, die mit seinem Tische, seinem Stuhle
und seinem Schreibpult eine Art Studierzimmer vorstellte --
und wollte eben mit ihm sprechen, obgleich ich nicht recht wußte,
in welche Worte ich meine Anfrage einkleiden sollte --- als er
mir die Mühe ersparte und selbst das Gespräch eröffnete.
Sie haben mich etwas zu fragen?
Ja, ich möchte gern wissen, ob Sie von einem Dienste oder
einer Stelle gehört, die für mich passend wäre.
Ich habe schon vor drei Wochen etwas für Sie gefunden,
da Sie aber hier sowohl nützlich als glücklich zu sein schienen,
da meine Schwestern offenbar eine Zuneigung zu Ihnen
gefaßt haben und Ihre Gesellschaft ihnen ungemein viel Vergnügen machte, so hielt ich es nicht für passend, die gegenseitige Zufriedenheit zu stören, bis ihre bevorstehende Abreise
von Marsh-End auch die Ihrige, Fräulein Elliot, notwendig
machen würde.
Und sie wollen nun in drei Tagen von hier fort?
Ja, und wenn sie gehen, werde ich in das Pfarrhaus zu
Morton zurückkehren, Hannah wird mich begleiten, und dieses
alte Haus dann zugeschlossen werden.
Ich wartete einige Augenblicke, im Glauben, daß er mit dem
Thema, das er zuerst berührt hatte, fortfahren würde; aber sein
Ideengang schien nun ein anderer geworden zu sein. Sein
Blick zeigte an, daß er weder an mich, noch an meine Sache
mehr dachte, und ich mußte ihn auf das Thema zurückbringen.
Welche Beschäftigung wollen Sie mir verschaffen, Herr Rivers?
Hoffentlich ist die gute Gelegenheit durch den Aufschub nicht
verloren gegangen?
O nein, da es eine Stelle ist, deren Vergebung ganz von
mir und deren Annahme ganz von Ihrem freien Willen abhängt.
Er schwieg abermals; mir schien, er wollte nicht gern fortfahren.
Ich wurde ungeduldig, einige unruhige Bewegungen und ein
begieriger Blick, den ich auf sein Gesicht heftete, teilten ihm
das Gefühl ebenso genau mit, als Worte hätten tun können.
r =
besonders Angenehmes oder Vorteilhaftes anzubieten habe.
Ehe ich weitergehe, muß ich Sie bitten, sich zu erinnern, daß
ich Ihnen deutlich gesagt, wenn ich Ihnen helfe, so könne es
nur in der Art sein, wie der Blinde dem Lahmen hilft. Ich bin
arm, denn, wenn ich meines Vaters Schulden bezahlt habe,
besteht mein ganzes, übriges Vermögen in diesem altersschwachen
Landhause, in der Fichtenallee und einem Stück Moorland.
Da ich also selbst arm und unbekannt bin, so kann ich Ihnen
nur einen Dienst anbieten, wo man arm und unbekannt bleibt.
Ja, Sie werden ihn für erniedrigend halten, denn ich weis
jetzt, daß Ihre Sitten und Gewohnheiten zu denen gehören,
welche die Welt fein nennt; Ihr Geschmack neigt sich zum
Idealen hin, und Ihre Gesellschaft ist wenigstens die gebildeter
Leute gewesen. Allein ich bin der Ansicht, daß kein Dienst,
der unsere Mitmenschen bessern kann, jemand entehrt. Ich
huldige der Ansicht, je dürrer der Boden ist, wo der christliche
Arbeiter zu pflügen hat --- je spärlicher ihm der Lohn zugemessen
wird, ---- um so größer ist auch die Ehre. Unter solchen Umständen
ist seine Bestimmung die des Pioniers, und die ersten Pioniere
des Evangeliums waren die Apostel -- ihr Hauptmann war
Jesus, der Erlöser selbst.
Nun? sagte ich, als er abermals schweig, fahren Sie fort!
Ehe er aber fortfuhr, blickte er mich an; er schien in der Tat
sich die Zeit zu nehmen, in meinem Gesichte zu lesen. Die
Schlüsse, die er aus dieser Musterung zog, drückte er zum Teil
in seinen folgenden Bemerkungen aus.
Ich glaube, Sie werden die Stelle annehmen, die ich Ihnen
anbiete, sagte er, und bleiben Sie eine Zeitlang da, wenn
auch nicht für immer. Denn sowenig ich dem engen und
verengenden, --- dem ruhigen, verborgenen Berufe eines englischen
Landpfarrers für immer folgen könnte, sowenig liegt es in
Ihrer Natur, sich für die Dauer einer vereinsamten Ruhe hin-
geben zu können, wenn auch aus andern Ursachen als bei mir.
Sprechen Sie sich deutlicher aus! bat ich, als er abermals
innehielt.
Ich werde also, nachdem mein Vater tot ist und ich mein
eigener Herr bin, nicht mehr lange in Morton bleiben. Wahrscheinlich verlasse ich den Ort noch im Laufe eines Jahres;
solange ich aber da bin, werde ich mein möglichstes tun, um
mich nützlich zu machen. Als ich vor zwei Jahren nach Morton
kam, hatte der Ort keine Schule; die Kinder der Armen waren
von jeder Hoffnung ausgeschlossen, daß sie etwas lernen könnten.
Ich errichtete eine Knabenschule und beabsichtige nun, jetzt auch eine
Mädchenschule zu gründen. Zu diesem Zwecke habe ich ein
Gebäude gemietet, nebst einem kleinen Häuschen daneben, das
zwei Zimmer enthält und die Wohnung der Lehrerin bilden
wird. An Gehalt erhält sie jährlich W Pfund, ihre Wohnung
ist bereits möbliert worden, sehr einfach, aber ausreichend, durch
die Güte einer Dame, Fräulein Oliver, der einzigen Tochter
des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde. Herr Oliver
ist Besitzer einer Nadelfabrik und einer Eisengießerei. Die
nämliche Dame zahlt die Kosten der Erziehung und Kleidung
einer Waise aus dem Arbeitshaus unter der Bedingung, das
sie die Lehrerin in allen ihren gröberen Hausarbeiten unterstützt,
sowoie die Reinigung der Schule u. s. w. besorgt, da die Lehrtätigkeit ihr keine Zeit lassen wird, die meisten dieser Geschäfte
selbst zu besorgen. Wollen Sie diese Lehrerin sein?
Er stellte die Frage etwas rasch an mich; er schien halb und
halb eine unwillige oder wenigstens stolze Zurückweisung des
Anerbietens zu erwarten. Da er nicht alle meine Gedanken
und Gefühle kannte, obgleich er einige mutmaßte, so konnte er
nicht sagen, wie ich den Vorschlag aufnehmen würde. In
Wahrheit war das Los, das er mir zuwies, ein sehr bescheidenes;
- aber er bot mir doch etwas Sicheres, und eine sichere Zufluchts-
stätte brauchte ich; die Arbeit war eine sehr mühevolle, gewährte
aber andererseits eine gewisse Unabhängigkeit. Ich entschloß mich
daher sogleich dafür.
Ich danke Ihnen für den Vorschlag, Herr Rivers, und nehme
ihn von Herzen gern an.
Aber Sie verstehen mich doch? sagte er, es ist eine Dorf-
schule, Ihre Schülerinnen sind nur arme Mädchen -- Kinder
von Taglöhnern - im besten Falle Töchter von Pächtern.
Stricken, Nähen, Sticken, Lesen, Schreiben, Rechnen, --- das ist
alles, was Sie zu lehren haben. Was werden Sie da mit
Ihren anderen Talenten anfangen, Ihren Geistesgaben, Ihren
Gefühlen, Ihren Liebhabereien?
Sie aufbewahren, bis ich sie brauche. Sie werden nicht
verrosten, noch verfaulen.
Sie wissen somit, was Sie unternehmen?
Ja.
Er lächelte jetzt, und sein Lächeln war weder ein bitteres,
noch ein trauriges, sondern ein wohlgefälliges, zufriedenes.
Und wann werden Sie Ihr Amt antreten?
Morgen werde ich mein Haus beziehen und mit dem Unterricht
nächste Woche anfangen, wenn Sie nichts dagegen haben.
Gut, es sei also.
Er stand auf und schritt durchs Zimmer hin. Mit einem
Male stand er still und blickte mich wieder an. Er schüttelte
den Kopf.
Was mißbilligen Sie, Herr Rivers?
Sie werden nicht lange in Morton bleiben, nein, nein!
Warum nicht? Weshalb sagen Sie das?
Ich lese es in Ihren Augen, die versprechen nicht die Ein-
haltung eines gleichmäßigen Lebensweges.
Ich bin nicht ehrgeizig.
Er stutzte bei dem Worte ehrgeizig und fuhr fort:
Nein. Wie kommen Sie auf den Ehrgeiz? Wer ist ehr-
geizig ? Ich weiß, daß ich es bin; aber wie haben Sie das
herausgefunden?
Ich sprach von mir allein.
Nun, wenn Sie nicht ehrgeizig sind, so sind Sie --
Und er schwieg.
Was?
Sagen wir: leidenschaftlich, strebsam, vielleicht hätten Sie
das aber mißverstanden und mir übelgenommen. Ich meine,
menschliche Neigungen und Sympathien halten Sie in ihrem
Banne, und Sie können sich nicht lange damit begnügen, Ihre
Mußezeit einsam zuzubringen und Ihre Zeit einer einförmigen
Arbeit zu widmen, ebensowenig als ich, -- setzte er mit Nachdruck
hinzu, - hier in einem Sumpfe begraben, von Bergen eingeschlossen,
leben kann, unter Verhältnissen, wo meine Fähigkeiten, die der
Himmel mir geliehen hat, brachliegen. Sie hören, wie ich mir
selbst widerspreche. Ich, der ich predigte, daß man mit einem
bescheidenen Lose zufrieden sein müsse, ich, der ich sogar den
Beruf der Holzhacker und Wasserschöpfer als einen Dienst Gottes
hinstellte -- ich, der geweihte Diener des Herrn, kann mich nicht
bezwingen in meiner Ruhelosigkeit. Nun, Neigungen und Grund-
sätze müssen auf eine oder die andere Art miteinander ausgesöhnt
werden.
Er verließ das Zimmer. -- In dieser kurzen Stunde hatte ich
ihn besser kennen gelernt, als in dem ganzen verflossenen Monat;
dennoch konnte ich noch immer nicht recht klug aus ihm werden
Diana und Marie Rivers wurden immer trauriger und
schweigsamer, je näher der Tag kam, wo sie ihren Bruder und
ihre Heimat verlassen sollten. Sie trugen beide ihre gewöhn-
liche Miene zur Schau, aber der Kummer, mit dem sie zu
kämpfen hatten, ließ sich nicht ganz überwinden und verbergen.
Diana deutete an, daß dies eine andere Trennung als alle
früheren sein würde. Es würde, sagte sie, was St. John
betreffe, wahrscheinlich eine jahrelange Trennung, vielleicht eine
für das ganze Leben sein.
Er wird alles seinen längst gefaßten Entschlüssen opfern,
sagte sie, er wird natürliche Neigungen und noch mächtigere
Gefühle opfern. St. John sieht ruhig aus, Jane, aber es
lodert in ihm ein geheimes Feuer. Man könnte ihn für sanft
halten, aber in gewissen Dingen ist er so unerbittlich, wie
der Tod; und das schlimmste dabei ist, daß mein Gewissen mir
kaum erlaubt, ihn von seinem herben Vorsatze abzubringen,
sicherlich kann ich ihn keinen Augenblick darum tadeln. Er ist
gut, edel, ein wahrer Christ, und doch bricht mir das Herz.
Tränen entstürzten ihren schönen Augen. Marie beugte ihren
Kopf ganz auf ihre Arbeit nieder.
Wir haben keinen Vater mehr, bald werden wir keine Heimat
und keinen Bruder mehr haben, klagte sie.
In diesem Augenblicke ereignete sich etwas, was vom Schick-
sale eigens bestimmt schien, die Wahrheit des Sprichwortes,
daß ein Unglück nie allein komme, zu beweisen. St. John
ging mit einem Briefe in der Hand am Fenster vorüber. Er
trat ein.
Unser Oheim John ist gestorben, sagte er.
Beide Schwestern schienen betroffen, obwohl nicht erschrocken.
Die Nachricht war in ihren Augen mehr wichtig als trauervoll.
Diana heftete einen prüfenden Blick auf ihres Bruders Gesicht.
Und was noch? fragte sie mit leiser Stimme.
Was noch? entgegnete er, während seine Züge immer noch
unbeweglich waren, wie Marmor. Was noch ? Ei ----- nichts.
Da lies
Er warf ihr den Brief in den Schoß. Sie blickte rasch
darüber hin und überreichte ihn dann Marie, die ihn schweigend
durchlas. Alle drei sahen einander an, und alle drei lächelten,
aber es war ein trauriges, nachdenkliches Lächeln.
Amen ! Wir sind darum noch nicht verloren, meinte Diana.
Auf jeden Fall sind wir jetzt nicht schlimmer daran, als vor-
her, bemerkte Marie.
Nur bringt es mir deutlich genug das Bild dessen vor Augen,
was hätte sein können, sagte Herr Rivers.
Er faltete den Brief zusammen, verschloß ihn in sein Pult
und ging wieder hinaus.
Einige Minuten lang sprach niemand, bis endlich Diana sich
zu mir wandte.
Jane, Sie werden sich über uns und unser Geheimnis
wundern, sagte sie, auch werden Sie uns für hartherzige
Geschöpfe halten, weil wir uns den Tod eines so nahen Ver-
wandten nicht mehr zu Herzen gehen lassen. Aber wir haben
ihn nie gesehen oder gekannt. Er war meiner Mutter Bruder.
Mein Vater und er bekamen vor langer Zeit miteinander Streit.
Auf seinen Rat setzte mein Vater den größten Teil seines
Vermögens an eine Spekulation, die ihn ruinierte. Es fielen
gegenseitige Beschuldigungen; man trennte sich zornig, um sich
nicht mehr zu versöhnen. Später machte mein Oheim bessere
Geschäfte, und es scheint, er hat sich ein Vermögen von zwanzig -
tausend Pfund erworben. Er war nie verheiratet und hatte
keine nahen Verwandten, als uns und ein junges Mädchen,
die mit ihm nicht näher verwandt ist, als wir. Mein Vater
lebte stets der Hoffnung, daß er seinen Irrtum wieder gut
machen und uns sein Vermögen vermachen würde. Dieser
Brief benachrichtigt uns, daß er jeden Penny der andern Ver-
wandten vermacht hat, mit Ausnahme von dreißig Guineen,
welche unter St. John, Diana und Marie Rivers zum Ankaufe von
drei Trauerringen verteilt werden sollen. Natürlich hatte er
ein Recht, so zu handeln, wie es ihm gefiel; und doch fühlt
man sich fir den Augenblick niedergedrückt, wenn man solche
Nachrichten bekommt. Marie und ich würden uns mit je
tausend Pfund für reich gehalten haben; und für St. John
wäre eine solche Summe von Wert gewesen, wegen des vielen
Guten, das er damit hätte tun können.
Nach dieser Erklärung sprach man nicht weiter von der Sache,
und weder Herr Rivers, noch seine Schwestern erwähnten sie
wieder. Am folgenden Tage verließ ich Marsh-End, um nach
Morton zu gehen. Den Tag darauf gingen Diana und Marie
nach dem weitentfernten B-- ab. Nach Verlauf einer Woche
bezog Herr Rivers mit Hannah wieder das Pfarrhaus, und so
stand nun das alte Meierei Gebäude ganz verlassen.
Einunddreissigstes Kapitel.
Meine Heimat also -- als ich endlich eine solche fand-- ist
eine Hütte. Sie enthält ein kleines Zimmer mit übertünchten
Wänden und einem Fußboden. Darin sind vier unpolierte
Stühle mit einem Tische, eine Wanduhr, ein Speiseschrank mit
zwei oder drei Schüsseln und Tellern und ein Teeservice von
Steingut. Oben ist ein Zimmer von derselben Größe, wie die
Küche, mit einem tannenen Bettgestell und einer Kommode --
klein zwar, aber immer noch zu groß für meine spärliche Garde-
robe, obgleich meine edelmütigen Freunde sie um einige nötige
Stücke vermehrt haben.
Es ist Abend. Ich habe die kleine Waise, die mir als Haus-
mädchen an die Hand geht, entlassen, nachdem ich ihr eine
Pomeranze geschenkt. Ich sitze allein am Kamine. Heute
morgen ist die Dorfschule eröffnet worden. Ich hatte zwanzig
Schülerinnen. Nur drei von ihnen können lesen, keine aber
shcreiben oder rechnen. Etliche stricken, und einige nähen ein
wenig. Sie sprechen den breitesten Dialekt im ganzen Distrikt. Für
den Augenblick haben wir einige Mühe, einander zu verstehen.
Einige von ihnen sind unmanierlich, roh, unfügsam und un-
wissend, andere dagegen artig und lernbegierig. Es wird nun
meine Pflicht sein, die Keime des Guten überall, wo solche bei
meinen Schülerinnen vorhanden sind, zu entwickeln. Sicherlich
werde ich in der Erfüllung dieser Pflicht einiges Glück finden.
Nicht viel Glück! Aber doch so viel, daß ich von einem Tage
zum andern leben kann.
War ich während der Stunden, die ich diesen Morgen und
diesen Nachmittag in dem kahlen, bescheidenen Schulzimmer dort
zugebracht, heiter, zufrieden, gefaßt? Um mich nicht selbst zu
täuschen, muß ich erwidern-- Nein; ich fühlte mich unglücklich,
ja sogar erniedrigt. Es wollte mir vorkommen, als hätte ich
einen Schritt getan, der mich in der Wagschale des menschlichen
Daseins tiefer sinken ließ. Ich entsetzte mich über die Unwissen-
heit, die Armut, die Roheit, die ich um mich her hörte und sah.
Aber ich will mich um dieser Gefühle willen nicht zu sehr ver-
achten, ich weiß, daß sie zu tadeln sind -- damit ist schon viel
gewonnen; ich werde mich bestreben, sie zu überwinden. In
wenigen Monaten kann die Freude, wenn ich die Fortschritte
meiner Schülerinnen und ihre Veränderung zum Bessern sehe,
meinen Widerwillen in Zufriedenheit verwandelt haben.
Einstweilen will ich mir eine Frage vorlegen: Was ist besser
-- eine Sklavin zu sein in einem Utopien zu Marseille, bald
durch ein trügerisches Glück in Fieberhitze gejagt, bald erstickt
von den bittersten Tränen der Reue und Scham, -- oder eine
freie, rechtschaffene Dorfschullehrerin in einem luftigen Bergwinkel
des Heimatlandes?
Ja, ich fühle jetzt, daß ich recht hatte, wenn ich der Moral
und dem Gesetze folgte und die unsinnigen Eingebungen eines
bösen Augenblicks von mir wies. Gott gab mir eine gute Wahl
ein; ich danke seiner Vorsehung, daß sie mich richtig geführt hat.
Als ich auf diesem Punkte meiner Betrachtungen angelangt
war, stand ich auf, ging an meine Tür und betrachtete den
Sonnenuntergang des Herbsttages, sowie die ruhigen Felder
vor meinem Hause, das nebst der Schule einige hundert Schritte
von dem Dorfe entfernt war. Die Vögel sangen ihre letzten
Lieder - -
“Die Luft war mild, und Balsam war der Tau.”
Während ich so hinblickte, hielt ich mich für glücklich und war
überrascht, als ich nach einer Weile bemerkte, daß meinen Augen
Tränen entfielen-- Warum? Wegen des Schicksals, das mich
von meinem Herrn losgerissen hatte, denn ich hielt mich über-
zeugt, daß ich ihn nie mehr sehen würde wegen seines ver-
zweifelten Kummers und seiner unheilvollen Wut über meine
Abreise, die ihn jetzt vielleicht von dem rechten Pfade ablenkten.
Bei diesen Gedanken wandte ich meine Augen ab von dem
lieblichen Abendhimmel und dem einsamen Tale von Morton.
Ich lehnte den Kopf an die steinerne Einfassung meiner Tür;
aber bald ließ mich ein leises Geräusch an dem Pförtchen, das
mein Gärtchen von der Wiese trennte, aufblicken. Ein Hund,
der alte Carlo, Herrn Rivers' Hühnerhund, wie ich bald sah - -
stieß mit der Nase gegen das Pförtchen, und St. John selbst
lehnte sich mit gekreuzten Armen darauf; seine Stirn war
gerunzelt und sein Blick mit beinahe peinlichem Ernst auf mich
geheftet. Ich bat ihn, hereinzukommen.
Nein, ich kann mich nicht aufhalten, ich habe Ihnen bloß ein
Päckchen gebracht, das meine Schwestern für Sie zurückgelassen
haben. Ich glaube, es ist ein Tuschkasten und Papier samt
Pinseln darin.
Ich näherte mich, um es in Empfang zu nehmen, es war
ein willkommenes Geschenk. Er sah mich sehr aufmerksam an,
als ich herantrat; ohne Zweifel waren in meinen Augen die
Spuren von Tränen noch sichtbar.
Haben Sie Ihre erste Tagesarbeit schwerer gefunden, als Sie
erwarteten? fragte er.
O nein! Im Gegenteil, ich glaube, daß ich mit der Zeit
mit meinen Schülerinnen wohl zurecht kommen werde.
Vielleicht aber hat Ihr Häuschen - -- haben Ihre Möbel -
hat die ganze Einrichtung Ihren Erwartungen nicht entsprochen ?
Sie sind spärlich und ärmlich genug, jedoch--
Ich fiel ein:
Mein Häuschen ist sauber und wetterfest, das Hausgerät
ausreichend und praktisch. Alles, was ich sehe, hat mich dankbar,
nicht traurig gestimmt. Ich bin keine solche Törin und nicht so
in Sinnlichkeit versunken, um einen Fußteppich, ein Sofa und
Silbergeschirr schmerzlich zu vermissen; zudem hatte ich ja vor
fünf Wochen nichts, rein gar nichts --- ich war eine Verbannte,
eine Bettlerin, eine Vagabundin, und nun habe ich Bekannte,
eine Heimat, eine Beschäftigung. Ich wundere mich über die
Güte Gottes, den Edelmut meiner Freunde und mein glückliches
Los. Ich gräme mich nicht!
Aber die Einsamkeit lastet schwer auf Ihnen? Das Häuschen
dort hinter Ihnen ist finster und leer?
Ich habe noch nicht recht Zeit gehabt, mich in meiner Ruhe
behaglich zu fühlen, viel weniger aber Zeit, mich mit dem
Gedanken zu plagen, daß ich einsam sei.
Gut, ich hoffe, Sie sind wirklich so zufrieden, wie Sie sagen.
Jedenfalls wird Ihnen Ihr Verstand sagen, daß es noch zu
früh ist, der unbestimmten Furcht von Loths Weib sich hinzu-
geben. Was sie hinter sich gelassen hatten, ehe ich Sie kennen
lernte, weiß ich natürlich nicht; ich rate Ihnen aber, standhaft
jeder Versuchung zu widerstehen, die Sie geneigt machen könnte,
auf die Vergangenheit zurückzublicken. Harren Sie in Ihrem
gegenwärtigen Beruf wenigstens einige Monate aus.
Das will ich auch! erwiderte ich.
St. John fuhr also fort:
Es ist eine schwere Arbeit, seine Neigungen zu zähmen und
den Trieben der Natur eine andere Richtung zu geben; allein
man kann es doch tun, ich weiß es aus Erfahrung. Gott hat
und bis zu einem gewissen Grade die Macht gegeben, unser
Schicksal so oder anders zu bestimmen; und wenn unsere Talente
eine Nahrung zu fordern scheinen, die sie nicht erlangen können
--- wenn unser Wille uns auf einen Pfad hintreiben will, den wir
nicht verfolgen sollen-- - so brauchen wir weder zu verhungern,
noch in Verzweiflung stillzustehen. Wir brauchen alsdann
nur eine andere Nahrung für den Geist zu suchen, uns einen
andern, wenn auch rauheren Weg zu bahnen.
Vor einem Jahre fühlte ich mich selbst in hohem Grade un-
glücklich, weil ich der Meinung war, ich hätte mich geirrt, indem
ich mich dem geistlichen Stand widmete. Es verlangte mich
nach dem tätigeren Leben der Welt, nach den aufregenderen
Mühen einer schriftstellerischen Laufbahn --- nach dem Lose eines
Künstlers, Schriftstellers, Redners. -- nach allem mehr, als nach
dem Berufe eines Priesters; ja, das Herz eines Politikers,
eines Soldaten, eines Mannes, der nach Ruhm, Ehre und
Macht strebt, schlug unter meinem Priestergewande. Mein
Leben erschien mir so elend, daß ich dachte, ich müsse es gegen
ein anderes vertauschen, oder aber sterben. Nach einer Zeit des
Kampfes, nach einer Zeit, wo alles dunkel um mich her war,
brach endlich das Licht herein, und ich fühlte mich ruhiger.
Mein enges Dasein dehnte sich mit einem Male zu einer. weiten
Ebene aus -- meine Kräfte hörten einen Ruf vom Himmel,
sich aufzuraffen, ihre Schwingen auszubreiten und sich über den
engen Horizont zu erheben. Gott hatte eine Sendung für mich;
und um mich derselben in den fernen Landen, wohin ich zu
gehen hatte, recht zu entledigen, waren Geschicklichkeit und Stärke,
Mut und Beredsamkeit, die höchsten Talente eines Soldaten,
Staatsmannes und Redners nötig; denn alle diese vereinigen
sich in einem guten Missionar.
Ich entschloß mich, Missionar zu werden. Von dem Augen-
blicke an wurde mein Gemütszustand ein anderer; die Fesseln
lösten sich und ließen nichts zurück, als die noch schmerzenden
Wunden, die allein die Zeit heilen kann. Zwar war mein
Vater meinem Entschlusse entgegen, aber seit seinem Tode habe
ich mit keinem berechtigten Hindernisse mehr zu kämpfen. Sobald
mein Amtsnachfolger in Morton ernannt ist, einige Angelegen-
heiten geordnet und ein letzter, zweifellos siegreicher Kampf
mit der menschlichen Schwäche bestanden ist, verlasse ich Europa,
um nach dem Orient zu ziehen.
Er sagte dies in seinem eigentümlichen, gedämpften, aber doch
nachdrucksvollen Tone und sah, als er ausgeredet, nicht mich an,
sondern die untergehende Sonne, nach der auch ich hinblickte.
Sowohl er als ich standen mit dem Rücken nach dem Wege zu,
der das Feld herauf nach dem Pförtchen führte. Wir hatten
auf dem mit Gras bewachsenen Fußsteige keinen Tritt gehört;
das in dem Tale fließende Wasser war das einzige einlullende
Geräusch zu jener Stunde; es war daher ganz natürlich, daß
wir stutzten, als eine frohe Stimme, so sanft wie ein Silber-
glöckchen, plötzlich rief-
Guten Abend, Herr Pfarrer. Und guten Abend, alter Carlo.
Ihr Hund erkennt seine Freunde eher, als Sie. Er spitzte
seine Ohren, er wedelte mit dem Schweife, als ich noch ganz
unten im Felde war, und Sie wenden mir noch jetzt den
Rücken zu.
Es war richtig so. Obgleich Rivers bei dem ersten dieser
musikalischen Laute zusammengefahren war, als hätte ein Donner-
keil eine Wolke über seinem Haupte zerrissen, so stand er, nach-
dem die Worte gesprochen waren, immer noch in derselben
Stellung da, in der ihn die Sprecherin überrascht hatte; sein
Arm ruhte auf dem Pförtchen, und sein Gesicht war nach
Westen gerichtet. Endlich wandte er sich gemessen um. Es
schien mir, als sei ein Geist an seiner Seite emporgestiegen.
In einer Entfernung von drei Fuß stand neben ihm eine in
reines Weiß gekleidete Gestalt --- eine jugendliche, anmutige
Gestalt, in ihren Umrissen voll und doch schön; und als diese,
nachdem sie sich gebückt, um Carlo zu liebkosen, ihren Kopf in
die Höhe hod und einen langen Schleier zurückwarf, stand ein
blühendes Gesicht von vollkommener Schönheit vor ihm. Voll-
kommene Schönheit will viel heißen; und doch halte ich diesen
Ausdruck aufrecht. Züge, so lieblich, wie sie nur je das gemäßigte
Klima Albions bildete, eine Gesichtsfarbe, so rosig und lilienhaft,
wie sie nur je seine feuchten Winde und sein nebliger Himmel
hervorbrachten und schirmten --- rechtfertigten ihn hier durchaus.
Kein Reiz fehlte, kein Fehler war bemerkbar; das junge
Mädchen hatte regelmäßige und feine Augen von einer Gestalt
und Farbe, wie wir sie auf lieblichen Gemälden sehen - groß,
dunkel, voll; die lange und schattige Wimper, die ein schönes
Auge mit einem so sanften Zauber umgibt; die geschwungene
Augenbraue, die so viel Klarheit verleiht, die weiße glatte
Stirn, die Wange oval und glatt, die Lippen ebenfalls frisch,
sanft rot, gesund, lieblich gebildet, die gleichmäßigen Zähne von
blendender Weiße; das kleine Kinn mit seinem Grübchen; der
Schmuck der reichen vollen Locken -- kurz ein Ideal von Schön-
heit! Ich war erstaunt, als ich dieses holde Wesen ansah; ich
bewunderte es von ganzem Herzen. Offenbar hatte die Natur
es in parteiischer Stimmung gebildet und, ihr gewöhnliches,
karges, stiefmütterliches Maß von' Gaben vergessend, diesen
ihren Liebling mit überschwenglicher Güte ausgestattet.
Was wohl St. John Rivers von diesem irdischen Engel
denken mochte? Das fragte ich mich ganz natürlich, als ich sah,
wie er sich zu ihr wendete und sie anschaute, und ebenso natür-
lich suchte ich die Antwort auf die Frage in seinen Mienen.
Er hatte aber bereits sein Auge von der Peri abgewandt und
blickte auf einige bescheidene Gänseblümchen hin, die an dem
Pförtchen beisammen standen.
Ein lieblicher Abend, aber etwas spät für Sie, um allein
draußen zu sein, sagte er, indem er die schneeweißen Köpfe
der geschlossenen Blumen mit seinem Fuße niedertrat.
O, ich komme nur von S-- her --- sie nannte den Namen einer,
wenige Meilen entfernten, großen Stadt --- Papa sagte mir,
daß Sie Ihre Schule eröffnet hätten und die neue Lehrerin
gekommen wäre, deshalb setzte ich nach dem Tee meinen Hut
auf und kam durch das Tal her, um sie zu sehen. Dies ist sie?
setzte sie, auf mich deutend, hinzu.
Ja, sie ist es, sagte St. John.
Glauben Sie, daß es Ihnen in Morton gefallen wird?
fragte sie mich mit jener naiven Einfachheit des Tons und des
ganzen Wesens, die uns an Kindern so gefällt.
Ich hoffe es. Ich habe so viele Gründe, die mir den Aufent-
halt hier als wünschenswert erscheinen lassen.
Haben Sie Ihre Schülerinnen so aufmerksam gefunden, wie
Sie erwarteten?
So ziemlich!
Gefällt Ihnen Ihr Haus?
Sehr.
Habe ich es nett ausmöbliert?
Recht nett, in der Tat.
Und habe ich auch eine gute Wahl getroffen, indem ichIhnen
Alice Wood zur Aushilfe gab ?
Jawohl. Sie ist gelehrig und flink.
Dies also, dachte ich, ist Fräulein Oliver, die reiche Erbin,
sie ist, scheint es, vom Glück ebenso begünstigt, wie von der
Natur! Ich möchte wohl wissen, wie es sich fügte, daß die
Planeten bei ihrer Geburt so günstig zusammentrafen.
Ich werde bisweilen heraufkommen und Sie bei Ihrem
Unterricht unterstützen, setzte sie hinzu. Es wird eine Veränderung
für mich sein, Sie dann und wann zu besuchen, und ich liebe
die Veränderung. Herr Rivers, ich habe mich während meines
Aufenthaltes in S-- göttlich amüsiert. Vergangene Nacht, oder
richtiger gesagt, diesen Morgen, habe ich bis zwei Uhr getanzt.
Das ---te Regiment steht dort, seitdem die Ercesse vorgefallen,
und die Offiziere sind die reizendsten Männer von der Welt.
Es schien mir, als trete St. Johns Unterlippe vor, und als
verziehe seine Oberlippe sich auf einen Augenblick. Auch richtete
er sein Auge auf, von den Gänseblümchen weg, und heftete es
auf sie. Es war ein bedeutungsvoller Blick, worin kein Läcehln
zu bemerken war. Sie antwortete darauf mit einem zweiten
Lachen, und das Lachen stand ihrem jugendlichen Alter, ihren
Grübchen, ihren hellen Augen gut an.
Als er stumm und ernst blieb, streichelte sie abermals Carlo.
Der arme Carlo liebt mich, sagte sie. Der ist nicht streng
und tut nicht fremd gegen seine Freunde; könnte er nur
reden, so würde er nicht schweigen.
Als sie den Kopf des Hundes streichelte und mit angeborner
Grazie vor seinem strengen Herrn sich niederbeugte, sah ich sein
Gesicht sich plötzlich röten, sein Auge plötzlich erglühen und darin
eine unwiderstehliche Bewegung sich kund tun. So durchglüht
sah er als Mann fast ebenso schön aus, wie sie als Weib.
Seine Brust hob sich einmal, als ob sein großes Herz, des
tyrannischen Druckes überdrüssig, sich wider seinen Willen er-
weitert und eine mächtige Anstrengung gemacht hätte, um die
Freiheit zu erlangen. Aber er bändigte es, glaub' ich, etwa wie
ein entschlossener Reiter ein Roß bändigt, das sich bäumt. Er
antwortete weder mit Worten, noch durch eine Bewegung auf
das sanfte Entgegenkommen des schönen Mädchens.
Papa sagt, Sie besuchen uns jest nie, fuhr Fräulein Oliver
fort, indem sie aufblickte. Sie sind ja in Vale-Hall ganz fremd
geworden. Er ist diesen Abend allein und nicht ganz wohl;
wollen Sie mit mir kommen und ihn besuchen?
Die Stunde ist nicht passend, um mich Herrn Oliver auf-
zudringen, antwortete St. John.
Die Stunde nicht passend ! Doch! Es ist gerade die Stunde,
wo Papa Gesellschaft am liebsten ist. Die Arbeiter sind ent-
lassen, und kein Geschäft nimmt ihn in Anspruch. Also, Herr
Pfarrer, kommen Sie! Warum sind Sie so menschenscheu und
trübselig?
Sie füllte die Lücke, die sein Schweigen ließ, dadurch aus,
daß sie selbst antwortete.
Ich vergaß, rief sie, ihren schönen Lockenkopf, gleich als ärgerte
sie sich über sich selbst, schüttelnd. Ich bin so unbesonnen und
gedankenlos! Entschuldigen Sie mich! Ich hatte vergessen,
daß Sie gute Gründe haben, wenn Sie sich nicht geneigt
fühlen, in mein Geschwätz einzustimmen. Diana und Marie
haben Sie verlassen, und Moor-House ist geschlossen, und Sie
fühlen sich jetzt so einsam. Ich bemitleide Sie wirklich.
Kommen Sie mit mir zu Papa.
Nicht heute abend, Fräulein Rosamunde, nicht heute abend.
St. John sprach fast wie ein Automat; er allein wußte,
welchen inneren Kampf ihm diese Weigerung kostete.
Nun, wenn Sie so halsstarrig sind, so gehe ich, denn ich
wage nicht länger zu bleiben; der Tau beginnt zu fallen. Guten
Abend!
Sie streckte ihre Hand aus; doch er berührte sie kaum.
Guten Abend! wiederholte er mit einer Stimme, die so leise
und hohl klang, wie ein Echo. Sie wandte sich um, kam aber
alsbald wieder zu uns her.
Ist Ihnen nicht wohl? fragte sie.
Wohl mochte sie diese Frage tun, denn sein Gesicht war so
weiß, wie ihr Kleid.
Ganz wohl, sprach er und verließ mit einer Verbeugung das
Pförtchen. Sie ging den einen Weg und er den andern. Zwei-
mal wandte sie sich um, um ihm nachzusehen, als sie feenartig
das Feld hinabtrippelte; er aber wandte sich, während er mit
festen Schritten sich entfernte, auch nicht einmal um.
Dieses Schauspiel fremder Leiden und Opfer zog meine
Gedanken von dem ausschließlichen Brüten über meine eigenen
ab. Diana Rivers hatte ihren Bruder als einen unerbittlich
strengen Mann, unerbittlich wie der Tod, bezeichnet. Sie hatte
nicht übertrieben.
Zweiunddreissigstes Kapitel.
Ich fuhr in meiner Tätigkeit als Dorfschullehrerin so fleißig
und pünktlich, als ich nur vermochte, fort. Im Anfange war
es in der Tat eine saure Arbeit. Es verging einige Zeit, bis
ich, trotz aller von mir angewandten Mühe, meine Schülerinnen
und ihre Natur auch nur notdürftig verstehen lernte. Dann
aber erzielte ich allmählich große Erfolge und wurde bald in
der ganzen Nachbarschaft beliebt. So oft ich ausging, hörte ich
von allen Seiten herzliche Begrüßungen und wurde mit freundlichem Lächeln bewillkommt. Allgemein geachtet zu werden,
und sei es auch nur von Leuten aus der arbeitenden Klasse,
ist, wie wenn man ruhig und angenehm im Sonnenschein sitzt.
In dieser Periode meines Lebens hob sich mein Herz öfter vor
Dankbarkeit, als daß es der Mutlosigkeit erlag, und doch hatte
ich inmitten dieses ruhigen und nützlichen Daseins des Nachts
häufig seltsame Träume - Träume, wo ich unter ungewöhnlichen Scenen voller Abenteuer, voll aufregender Gefahr und
romantischer Abwechslung immer wieder meinem Eduard begegnete, und dann erneuerte sich die Empfindung, als ob ich in
seinen Armen läge, seine Stimme hörte, in sein Auge blickte,
seine Hand und Wange berührte. Ich wachte auf und erinnerte
mich, wo und in welcher Lage ich mich befand. Ich richtete
mich zitternd in meinem Bette, das keine Vorhänge hatte, auf,
und die stille und dunkle Nacht war Zeugin einer krampfhaften
Verzweiflung und wilder Ausbrüche der Leidenschaft. Den
nächsten Morgen war ich wieder pünktlich um neun Uhr in
meiner Schule; ruhig, gefaßt, bereit, den Pflichten des Tages
zu genügen.
Rosamunde Oliver hielt ihr Wort und kam häufig zu mir
herauf. Gewöhnlich besuchte sie mich in der Schule, während
ihres Morgenspazierritts. Sie pflegte im Trabe auf ihrem Pony
an die Tür heranzukommen, begleitet von einem berittenen
Bedienten in Livree. Man kann sich kaum etwas ausgesucht
Schöneres vorstellen, als wenn sie so in ihrem purpurroten
Kleide erschien, ihren schwarzsamtnen Amazonenhut graziös auf
den langen Locken, die ihre Wangen küßten und auf ihre Schul-
tern herabflossen, und so pflegte sie in das bescheidene Haus
einzutreten und durch die geblendeten Reihen der Dorfkinder zu
schweben. Gewöhnlich kam sie zu der Stunde, wenn Rivers
seinen täglichen Religionsunterricht gab. Ich fürchte, das Auge
des schönen Gastes durchbohrte das Herz des jungen Predigers.
Eine Art Instinkt schien ihn von ihrem Eintritt zu benach-
richtigen, und selbst wenn er die Augen nach der entgegengesetzten
Seite gerichtet hielt und sie auf der Schwelle erschien, erglühte
seine Wange und veränderten sich seine marmorähnlichen Züge,
--- obgleich sie sich weigerten, in ihrer Strenge nachzulassen, -
sie drückten sogar in ihrer Ruhe eine zurückgehaltene Glut
aus, welche stärker war, als der sprühende Blick und die
arbeitenden Muskeln andeuten konnten.
Natürlich kannte sie ihre Macht, und er verbarg es ihr auch
nicht, weil er nicht konnte. Trotz seines christlichen Stoizismus
zitterte seine Hand und glühte sein Auge, wenn sie auf ihn zu-
ging, ihn anredete und ihm ermutigend, ja zärtlich ins Gesicht
lächelte. Er schien mit seinem traurigen und entschlossenen
Blicke, wenn auch nicht mit seinen Lippen, zu sagen: Ich liebe
Sie, und ich weiß, daß Sie mir den Vorzug geben. Nicht weil
ich an einem guten Erfolge verzweifle, bleibe ich stumm. Aber
mein Herz liegt bereits auf einem heiligen Altar, das Feuer ist
ringsumher angelegt. Bald wird es nichts anderes mehr sein,
als ein vollbrachtes Opfer.
Und dann schmollte sie, wie ein Kind, das sich in seiner
Erwartung getäuscht sieht. Eine gedankenvolle Wolke ließ ihre
strahlende Lebhaftigkeit sanfter erscheinen, sie zog ihre Hand
hastig aus der seinigen zurück und wandte sich in vorübergehender
Mißstimmung von ihm ab, der so heroisch und märtyrergleich
war. Ohne Zweifel hätte St. John eine Welt darum gegeben
ihr nachgehen, sie zurückrufen, sie zurückhalten zu können, wenn
sie ihn so verließ; aber er wollte für das Elysium ihrer Liebe
auch nicht einmal den Himmel aus dem Auge verlieren, auch
nicht eine einzige Hoffnung auf das wahre ewige Paradies
dahingeben.
Fräulein Oliver beehrte mich mit häufigeren Besuchen in
meinem kleinen Häuschen. Ich hatte ihren ganzen Charakter
kennen gelernt, von dem Geheimnis oder Vorstellung ferne war;
sie war etwas kokett, aber nicht herzlos, anspruchsvoll, aber nicht
gemein selbstsüchtig. Man hatte ihr von ihrer Geburt an stets
den Willen getan, sie war aber deshalb nicht ganz und gar
verzogen. Sie war voreilig, aber gutmütig, eitel -- sie konnte
nichts dafür, wenn jeder Blick in den Spiegel ihr eine solche
Fülle von Lieblichkeit zeigte, - aber nicht affektiert, freigebig,
frei von Geldstolz, offenherzig, rect verständig, heiter, lebhaft
und gedankenlos, mit einem Wort, sie war selbst für eine kalte
Beobachterin ihres eigenen Geschlechts ungemein anziehend.
Aber einen tiefern Eindruck konnte sie auf diejenigen, die mit
ihr umgingen, nicht hervorbringen, noch konnte sie ihnen ein
tieferes Interesse einflößen.
Sie hatte Zuneigung zu mir gefaßt, die freilich nichts mehr
war als eine liebenswürdige Laune. Sie sagte, ich gliche Herrn
Rivers, nur sei ich nicht den zehnten Teil so schön, obgleich
ich ein nettes, hübsches Seelchen sei, er aber sei ein Engel!
Indessen sei ich gut, talentvoll und charakterfest wie er. Ich
sei als Dorfschullehrerin ein Naturwunder. Sie sei überzeugt,
meine frühere Geschichte würde, wenn sie bekannt wäre, einen
interessanten Roman abgeben.
Eines Abends, als sie mit ihrer gewöhnlichen, kindlichen
Geschäftigkeit und ihrer gedankenlosen, aber nicht widerwärtigen
Neugierde den Schrank und den Tischauszug in meiner kleinen
Küche durchstöberte, entdeckte sie zuerst zwei französische Bücher
einen Band von Schillers Werken, eine deutsche Grammatik
und ein deutsches Wörterbuch, sodann auch meine Zeichen-
gezeichneten Kopf von einem hübschen, kleinen Mädchen, das
zu meinen Schülerinnen gehörte, und verschiedene Ansichten,
die ich im Tale von Morton und auf den umgebenden Mooren
aufgenommen hatte. Anfänglich von Ueberraschung starr, war
sie vor Entzücken bald ganz elektrisiert.
Sie fragte mich, ob ich diese Bilder selbst gemalt, ob ich
Französisch und Deutsch verstände, und konnte nicht genug-
rühmen, was für ein liebenswertes, wunderbares Wesen, ich
sei. Sie sagte ferner, ich zeichnete besser, als ihr Lehrer in der
ersten Schule zu S-, und fragte mich zuletzt, ob ich nicht ihr
Portrait zeichnen wollte, um es Papa zu zeigen.
Mit Vergnügen, erwiderte ich; ich fühlte, wie ein künstlerisches
Entzücken mich bei dem Gedanken durchbebte, daß ich nach
einem so vollkommenen Modell kopieren dürfe. Sie hatte
damals ein dunkelblaues, seidenes Kleid an; ihre Arme und
ihr Hals waren bloß, ihr einziger Schmuck waren ihre kastanien-
braunen Locken, die mit der ganzen ungesuchten Anmut natür-
licher Locken über ihre Schultern herabwallten. Ich nahm ein
Blatt feines, starkes Zeichenpapier und machte den Umriß
sorgfältig. Ich versprach mir das Vergnügen, denselben zu
kolorieren, und da es schon spät wurde, so sagte ich ihr, sie
müsse noch einmal kommen und sitzen.
Sie sprach mit ihrem Vater in so günstigen Ausdrücken von
mir, daß Herr Oliver den Abend darauf selbst mit ihr kam --
rin großer Mann, mit massiven Gesichtszügen, der in mittlerem
Alter stehen mochte und einen grauen Kopf hatte. Seine
liebenswürdige Tochter sah an seiner Seite wie eine glänzende
Blume neben einem grauen Turme aus. Er schien ein schweig -
samer und vielleicht auch stolzer Mann zu sein, im übrigen war
er gegen mich sehr freundlich. Die Skizze zu dem Portrait
seiner Tochter gefiel ihm sehr; er sagte, ich müsse daraus ein
vollständiges Gemälde machen. Auch bestand er darauf, daß
ich den nächsten Tag kommen solle, um den Abend in Vale-Hall
zuzubringen.
Ich ging hin und fand ein großes, schönes Wohnhaus, das
genügenden Beweis von dem Reichtum des Besitzers ablegte.
Rosamunde war, solange ich dablieb, in der heitersten Stimmung
und voller Vergnügen. Ihr Vater war sehr zuvorkommend;
und als er nach dem Tee mit mir ein Gespräch anknüpfte,
sprach er sich höchst billigend über meine Leistungen in der
Schule zu Morton aus und setzte hinzu, er fürchte nur nach
dem, was er sehe und höre, daß ich zu gut für die Stell sei,
und sie bald gegen eine passendere vertauschen würde.
In der Tat! sagte Rosamunde, sie ist talentvoll genug, Papa,
um Erzieherin in einer hohen Familie zu sein.
Herr Oliver sprach dann von Rivers und von dessen Familie
mit großer Achtung. Er sagte, es sei ein sehr alter Name im
Lande. Das Haus der Rivers sei einst sehr reich gewesen;
ganz Morton hätte ihnen gehört, und er denke, der Repräsentant
des Hauses könne, sobald er nur wolle, auch jetzt noch in die
besten Familien heiraten. Es sei doch schade, daß ein so schöner
und talentvoller junger Mann mit der Absicht umgehe, als
Missionar auszuziehen, das heiße ein kostbares Leben ganz und
gar wegwerfen. Es schien daher, daß Rosamundes Vater
ihrer Verbindung mit St. John kein Hindernis in den Weg
legen würde. Herr Oliver sah die gute Herkunft, den alten
Namen und den heiligen Beruf des jungen Geistlichen offenbar
als einen genügenden Ersatz für das fehlende Vermögen an.
Es war am fünften November, der zugleich ein Vakanztag war.
Meine kleine Aufwärterin war, nachdem sie mir hatte das Haus
reinigen helfen, fortgegangen, sehr zufrieden mit dem Penny,
den ich ihr als Geschenk für die Mühe gegeben. Alles um
mich her war sauber- - der Boden gescheuert, der Kaminrost
hell geputzt und die Stühle sorgfältig abgerieben. Ich hatte
mich auch herausgeputzt und den Nachmittag vollkommen frei.
Eine Stunde lang war ich damit beschäftigt, einige Seiten aus
dem Deutschen zu übersetzen, dann griff ich nach meiner Palette
und meinen Pinseln und machte mich an die beruhigendere,
weit leichtere Arbeit, das Portrait Rosamunde Olivers zu
vollenden. Ich war ganz vertieft in die Ausführung einiger
feineren Einzelheiten, als, nach einem raschen Schlage an meine
Tür, diese aufging und St. John Rivers eintrat.
Ich komme, um zu sehen, wie Sie Ihren freien Tag zu
bringen, sagte er. Hoffentlich nicht mit Grübeln? Nein, das
ls ist gut; während Sie malen, werden Sie sich nicht einsam
fühlen. Sie sehen, ich traue Ihnen immer noch nicht ganz.
obgleich Sie sich bis jetzt über Erwarten standhaft bewiesen
haben. Ich habe Ihnen zu Ihrem Abendtroste ein Buch mit-
gebracht.
Und er legte ein soeben erschienenes Buch auf den Tisch.
Ich griff danach und begann -- es war Scotts Marmion -
eifrig darin zu lesen. Währenddem bückte sich St. John, um
sich meine Zeichnung anzusehen. Plötzlich sah ich ihn auffahren
und seine hohe Gestalt wieder eine kerzengerade Stellung an
nehmen, doch sagte er nichts. Ich blickte zu ihm auf, er aber
wich meinem Auge aus. Ich wußte seine Gedanken wohl und
konnte deutlich in seinem Herzen lesen; in dem Augenblicke
fühlte ich mich ruhiger und kälter, als er; ich hatte somit einen
augenblicklichen Vorteil über ihn und spürte in mir die Lust,
ihm, womöglich einen guten Dienst zu erweisen.
Bei all seiner Festigkeit und Selbstbeherrschung, dachte ich,
mutet er sich doch zu viel zu, verschließt jedes Gefühl und jeden
Schmerz in sich -- sagt nichts, bekennt nichts. Ich bin sicher, es
wütrde ihm nicht schaden, wenn ich das Gespräch auf die liebliche
Rosamunde, die er nicht heiraten zu dürfen glaubt, brächte.
Zuerst sagte ich: Nehmen Sie Platz, Herr Pfarrer. Er aber
antwortete, wie immer, daß er sich nicht aufhalten könne. Gut,
sagte ich bei mir selbst, stehen Sie, wenn es Ihnen beliebt;
aber Sie sollen mir jetzt nicht so fortkommen, ich habe es
beschlossen; die Einsamkeit taugt für Sie ebensowenig, wie für
mich. Ich will versuchen, ob ich nicht die geheime Sprungfeder
Ihres Vertrauens entdecken und eine Oeffnung in dieser mar-
mornen Brust finden kann, durch die sich ein Tropfen von dem
Balsam der Sympathie einträufeln läßt.
Ist das Portrait ähnlich? fragte ich ohne weiteres.
Aehnlich! Wem? Ich habe es nicht genau angesehen.
Doch haben Sie es getan, Herr Pfarrer.
Er stutzte, als ich ihm so entschieden und so kurz widersprach,
und blickte mich erstaunt an.
Sie haben es genau und sorgfältig betrachtet, fuhr ich fort;
aber ich habe nichts dawider, wenn Sie es noch einmal ansehen.
Und ich stand auf und gab es ihm in die Hand.
Ein gut ausgeführtes Bild, sagte er; sehr weiches, klares
Kolorit, sehr hübsche und korrekte Zeichnung.
Ja, ja; ich weiß das alles. Aber wie ist es mit der Aehnlickeit?
Wer soll es sein?
Und er antwortete, eine Unschlüssigkeit bemeisternd:
Ich denke doch, Fräulein Oliver.
Natürlich. Und nun will ich Ihnen, um Sie dafür zu
belohnen, daß Sie so gut geraten haben, versprechen, Ihnen
eine treue und sorgfältige Kopie von diesem Portrait zu malen,
vorausgesetzt, Sie gestehen zu, daß das Geschenk Ihnen angenehm
wäre. Ich mag meine Zeit und meine Mühe nicht an ein
Geschenk verschwenden, das Ihnen wertlos scheinen würde.
Er sah das Portrait immer noch an; je länger er hinsah, um
so fester hielt er es, und umsomehr schien es ihn zu interessieren.
Es ist ähnlich! murmelte er; das Auge ist gut behandelt;
Farbe, Licht, Ausdruck sind vollkommen. Es lächelt!
Wenn Sie auf Madagaskar, oder auf dem Cap der guten
Hoffnung, oder in Ostindien sind, würde es Ihnen angenehm
sein, dieses Andenken zu besitzen, oder würde es Erinnerungen
hervorrufen, die Sie entnerven und unglücklich machen müßten?
Er schlug jetzt verstohlen die Augen auf, sah mich unent-
schlossen und verstört an und dann wieder das Portrait.
Daß ich es gern hätte, ist gewiß; ob es aber vernünftig, ob
es weise sein würde, -- das ist eine andere Frage.
Soviel ich sehen kann, wäre es wohl weiser und vernünftiger,
wenn Sie das Original ein- für allemal selbst nähmen, sagte
ich, mit der Tür ins Haus fallend.
Er hatte sich nun gesetzt, das Bild lag auf dem Tische vor
ihm, und er sah es, seine Stirn auf beide Hände stützend,
zärtlich an. Ich bemerkte wohl, daß er jetzt über meine Kühn-
heit weder ärgerlich, noch von ihr unangenehm berührt war.
Ich sah sogar, wie ihm dadurch, daß ich ihn in Betreff eines
Gegenstandes, der ihm als durchaus nicht zur Besprechung
geeignet erschienen war, so frei anredete, ein neues Vergnügen,
eine ungehoffte Erleichterung zu teil wurde. Zurückhaltende Leute
haben wirklich oft eine freimütige Besprechung ihrer Gefühle
und ihres Kummers nötiger als mitteilsame. Der strengste
Stoiker ist am Ende denn doch ein Mensch; und kühn in die
stille See ihrer Seelen einbrechen, heißt oft ihnen den besten
Dienst erweisen.
Sie hat Sie gewiß gern, sagte ich, hinter seinem Stuhle
stehend, und was ihren Vater betrifft, so achtet er Sie. Zudem
ist sie ein liebes Mädchen, vielleicht etwas gedankenlos, Sie
aber würden wohl für sich und sie genug denken. Sie sollten
sie heiraten.
Hat sie mich wirklich gern? fragte er.
Gewiß, mehr als sonst jemanden. Sie spricht beständig von
Ihnen; von nichts spricht sie so oft und so gern.
Es ist mir sehr angenehm, das zu hören, sagte er. Fahren
Sie noch eine Viertelstunde damit fort.
Und wirklich zog er seine Uhr heraus und legte sie auf den
Tisch, um die Zeit zu messen.
Aber was nützt es, noch mehr zu sprechen? fragte ich. Wenn
Sie sich, wie es wahrscheinlich ist, eine neue Kette schmieden,
um Ihr Herz zu fesseln
Im Gegenteil, stellen Sie sich vor, ich gebe nach und zer-
schmelze; die menschliche Liebe steige wie eine frisch geöffnete
Quelle in meinem Gemüte auf und überschwemme mit lieblichen
Wellen das ganze Feld, das ich so sorgfältig und mit so vieler
Mühe in guten Stand gesetzt, mit dem Samen guter Vorsätze so
unablässig besät habe. Und nun ist es von einer Nektarflut
überströmt - die jungen Keime sind ertränkt -- ein köstliches
Gift zerfrißt sie. Nun sehe ich mich auf einer Ottomane in
dem Salon zu Vale-Hall liegen, zu den Füßen meiner Braut
Rosamunde Oliver; sie spricht zu mir mit ihrer süßesten Stimme --
blickt mit jenen Augen, die Ihre geschickte Hand so gut kopiert
hat, auf mich nieder --- und lächelt mich mit diesen Korallen-
lippen an. Sie ist mein - ich bin der Ihre - dieses gegen-
wärtige Leben und diese vergängliche Welt sind mir genug.
Still! Sagen Sie nichts --- mein Herz ist voller Wonne --
meine Sinne sind verzückt -- - lassen Sie die Zeit, von der ich
gesprochen, ruhig vergehen.
Ich willfahrte ihm. Die Uhr pickte fort, er atmete geschwind
und tief, ich stand schweigend da. Inmitten dieser Stille ver-
ging die Viertelstunde. Nun steckte er die Uhr wieder ein,
legte das Bild weg, stand auf und stellte sich vor das Kamin
hin.
Nun, sagte er, diese kurze Zeit war der Täuschung und dem
Wahne gegönnt. Ich legte meine Schläfe an die Brust der
Versuchung und meinen Nacken unter ihr Blumenjoch, ich
kostete ihren Kelch. Das Kissen war brennend heiß, in der
Guirlande ist eine Natter, der Wein hat einen bittern Geschmack,
ihre Versprechungen sind hohl und nichtig, ihre Lockungen falsch,
ich sehe und weiß das alles.
Ich blickte ihn verwundert an.
Es ist sonderbar, fuhr er fort, daß ich, während ich Rosamunde
Oliver so lebhaft, ja mit der ganzen Stärke einer ersten Leiden-
schaft liebe, deren Gegenstand so ausnehmend schön, so graziös,
so bezaubernd ist - ich sage, es ist sonderbar, daß ich zu gleicher
Zeit das ruhige, leidenschaftslose Bewußtsein habe, daß sie mir
keine gute Gattin sein würde, daß sie nicht die Lebensgefährtin
ist, die für mich paßt, daß ich dies ein Jahr nach der Heirat
finden, und daß auf eine Wonne von zwölf Monaten ein
ganzes Leben der Reue folgen würde. Dies alles weiß ich.
Während, fuhr er fort, in mir etwas ist, das für ihre Reize
die höchste Empfänglichkeit zeigt, ist etwas anderes wieder in
mir, das ihre Mängel ebenso tief fühlt, und diese sind von der
Art, daß sie mit nichts sympathisieren könnte, was der Zweck
meines Strebens -- daß sie mich in nichts zu unterstützen ver-
möchte, was ich unternehmen würde. Rosamunde, eine Dulderin,
eine Arbeiterin, ein weiblicher Apostel? Rosamunde, die Frau
eines Missionars? Nimmermehr!
Sie brauchen ja aber auch kein Missionar zu werden. Sie
könnten diesen Plan aufgeben.
Aufgeben! Was --- meinen Beruf -- mein großes Werk - -
den Grund, den ich auf Erden lege zu einer Behausung im
Himmel ---- meine Hoffnung, denen beigezählt zu werden, die
allen andern Ehrgeiz in dem ruhmvollen Ehrgeize, das Los
ihrer Mitmenschen zu bessern, haben aufgehen lassen -- in dem
Ehrgeize, in die Reiche der Unwissenheit das Wissen zu tragen
-- Frieden für Krieg zu geben - - Freiheit für Sklaverei ---
Religion für Aberglauben -- die Hoffnung auf den Himmel
für die Furcht der Hölle? Das soll ich aufgeben? Es ist mir
teurer, als das Blut, das in meinen Adern rinnt. Nach diesem
schaue ich, nach diesem trachte ich, und dafür lebe ich.
Nach einer ziemlich langen Pause sagte ich:
Und Fräulein Oliver? Ist es Ihnen gleichgiltig. wenn sie
wegen ihrer getäuschten Hoffnungen Kummer empfindet?
Fräulein Oliver ist stets umgeben von Bewerbern und
Schmeichlern, in noch nicht einem Monat wird mein Bild aus
ihrem Herzen getilgt sein. Sie wird mich vergessen und wahr-
scheinlich irgend einen Mann heiraten, der sie weit glücklicher
machen wird, als ich es könnte.
Sie sprechen ziemlich kalt; aber Sie leiden bei dem Kampfe.
Sie zehren sich auf.
Nein. Wenn ich jetzt abmagre, so geschieht es, weil meine
Aussichten immer noch unbestimmt sind -- meine Abreise sich
beständig verzögert; das macht mir Kummer. Erst diesen
Morgen habe ich die Nachricht erhalten, daß der Nachfolger,
dessen Ankunft ich schon seit so langer Zeit erwarte, noch nicht
vor einem Vierteljahr kommen kann, um meine Stelle definitiv
zu übernehmen, und vielleicht dehnen sich diese drei Monate
noch bis zu sechs aus.
Sie zittern und werden rot, so oft Fräulein Oliver in das
Schulzimmer tritt.
Abermals fuhr ein Ausdruck der Ueberraschung über sein
Gesicht hin. Er hatte nicht gedacht, daß eine Frau es wagen
würde, so mit einem Manne zu sprechen. Ich aber konnte nie
mit starken, besonnenen und gebildeten Menschen -- mochten
sie dem männlichen oder weiblichen Geschlechte angehören --
dauernd verkehren, bis ich durch die Außenwerke der kon-
ventionellen Zurückhaltung gedrungen war, die Schwelle des
Vertrauens überschritten und im Heiligtum ihres Herzens einen
Platz gewonnen hatte.
Sie sind originell, sagte er, und nicht furchtsam. Es ist
etwas Tapferes in Ihrem Geiste und etwas Durchdringendes
in Ihrem Auge, aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß
Sie meine Gemütsbewegungen zum Teil mißdeuten. Sie
halten sie für tiefer und mächtiger, als sie in Wahrheit sind.
Wenn mein Gesicht sich färbt, und wenn ich vor Fräulein Oliver
zittere, so bemitleide ich mich nicht. Ich verachte die Schwäche.
Ich weiß, sie ist unedel; ein bloßes Fieber des Fleisches, kein
Seelenkrampf. Meine Seele ist so fest, wie ein Felsen, der in
der Tiefe einer unruhigen See unerschütterlich dasteht. Erkennen
Sie in mir, was ich wirklich bin -- einen kalten, harten Mann.
Ich lächelte ungläubig.
Sie haben mein Vertrauen im Sturm genommen, fuhr er
fort, und nun steht es Ihnen ganz zu Diensten. Ich bin ganz
einfach in meinem natürlichen Zustand -- entblößt von jenem
blutigen Gewande, womit das Christentum menschliche Häßlich-
keit bedeckt -- ein kalter, harter, ehrgeiziger Mann. Nur die
natürliche Neigung hat von allen Gefühlen eine dauernde
Gewalt über mich. Die Vernunft und nicht das Gefühl ist
mein Führer; mein Ehrgeiz ist unbegrenzt, mein Wunsch, höher
zu steigen, mehr als andere zu tun, unersättlich. Ich ehre die
Geduld, die Ausdauer, den Fleiß, das Talent; weil dies die
Mittel sind, wodurch die Menschen große Endzwecke erreichen
und zu hohen Stellungen gelangen. Ich beobachtete Ihre Lauf-
bahn mit Interesse, weil ich Sie für ein Muster von einem
fleißigen, ordnungsliebenden, energischen Weibe ansehe, nicht
weil ich tiefes Mitleid fühle für das, was Sie durchgemacht,
oder was Sie noch leiden.
Sie möchten sich bloß als einen heidnischen Philosophen hin-
stellen, sagte ich.
Nein! Zwischen mir und den deistischen Philosophen ist der
Unterschied: Ich glaube an das Evangelium, bin also kein
heidnischer, sondern ein christlicher Philosoph --- ein Jünger von
der Sekte Jesu. Als sein Jünger nehme ich seine reine, gnaden-
volle, wohltätige Lehre an. Ich predige sie und muß sie gemäß
meinem Eide ausbreiten. Schon in meiner frühesten Jugend
für die Religion gewonnen, hat sie meine ursprünglichen Anlagen
ausgebildet. Aus dem kleinen unbemerkbaren Keime der natür-
lichen Reigung hat sie den schattenspendenden Baum, Philan-
thropie genannt, entwickelt. Aus der wilden Wurzel menschlicher
Rechtschaffenheit hat sie den echten Sinn für die göttliche Ge-
rechtigkeit groß gezogen. Aus dem Ehrgeiz. Macht und Ruhm
für mein elendes Ich zu erlangen, hat sie den Ehrgeiz gebildet,
das Reich meines Herrn auszubreiten, für die Fahne des
Kreuzes Siege zu erfechten. So viel hat die Religion bei mir
getan; sie hat aus dem ursprünglich vorhandenen Stoff das
möglichst Beste gemacht, hat meine Natur von dem umgeb-
enden Unkraute und den Auswüchsen befreit und ihr die rechte
Richtung gegeben. Aber sie konnte die Natur nicht ganz aus-
rotten, auch wird sie nicht ausgerottet werden, bis dieses Sterb-
liche mit dem Unsterblichen vertauscht wird.
Nachdem er dies gesagt, nahm er seinen Hut, der auf dem
Tische neben meiner Palette lag.
Noch einmal sah er das Porträt an.
Sie ist ein liebliches Geschöpf, murmelte er. Mit Recht führt
sie den Namen Rosamunde, Rose der Welt.
Und soll ich Ihnen keine Kopie davon anfertigen?
Wozu?
Er zog über das Bild das dünne Papierblatt her, worauf
ich beim Malen gewöhnlich meine Hand ruhen ließ, um das
Zeichenpapier nicht zu beschmutzen. Was er auf diesem weißen
Papier mit einem Male sah, war mir unmöglich zu sagen; aber
etwas war ihm daran aufgefallen. Er nahm es rasch in die
Hand, sah den Rand an und warf mir dann einen unaus-
sprechlich eigentümlichen, ganz und gar unbegreiflichen Blick zu,
einen Blick, der an meiner Gestalt, meinem Gesichte und meiner
Kleidung sich jeden Punkt zu merken schien, denn er überflog
alles mit Blitzesschnelle. Seine Lippen öffneten sic, als wollte
er sprechen; aber er drängte die Worte zurück, die ihm auf der
Zunge schwebten.
Was machen Sie denn da? fragte ich.
Nichts! war die Antwort.
Und indem er das Papier wieder hinlegte, bemerkte ich, wie
er einen schmalen Streifen von dem Rande geschickt abriß. Er
ließ es in seinem Handschuh verschwinden, nickte mir einen
hastigen Abendgruß zu und entfernte sich.
Ei, ei! das ist doch zu stark! rief ich.
Nun untersuchte ich auch das Papier, sah aber nichts darauf.
als einige Farbenflecken, die davon herrührten, daß ich manch-
mal die Farbe an meinem Pinsel probiert hatte. Ich grübelte
einige Minuten über den sonderbaren Vorfall nach, schlug ihn
mir aber, da ich ihn für unwichtig hielt, bald aus dem Sinn.
Dreiunddreissigstes Kapitel.
Als St. John fortging, begann ein Schneegestöber, das die
ganze Nacht hindurch dauerte. Am nächsten Tage brachte ein
scharfer Wind neuen Schnee in solcher Masse, daß das Tages
licht erblindete, zur Zeit der Dämmerung war das Tal zuge-
weht und beinahe ungangbar. Ich hatte meinen Fensterladen
geschlossen, eine Matte zum Schutz gegen den Schnee vor die
Tür gelegt, mein Feuer geschürt und zündete, nachdem ich fast
eine Stunde am Kamin gesessen und dem Wutgeheul des
Sturmes zugehört, ein Licht an, nahm meinen Marmion zur
Hand und vergaß bald bei der Musik seiner Verse den Sturm.
Da hörte ich ein Geräusch; ich glaubte, der Wind rüttle an
der Tür. Aber nein; es war St. John Rivers, der aus dem
kalten Orkan und der heulenden Finsternis hereinkam und vor
mich hintrat. Der Mantel, der seine hohe Gestalt bedeckte, war
über und über weiß wie ein Gletscher. Ich war beinahe er-
schrocken, so wenig hatte ich an jenem Abend einen Gast aus
dem zugeschneiten Tal erwartet.
Sie bringen doch keine schlimme Nachricht? fragte ich. Ist
ein Unglück geschehen?
Nein. Wie schreckhaft Sie sind antwortete er, indem er
seinen Mantel ablegte und an die Tür hängte, gegen die er
auch wieder die Matte schob, die er beim Eintreten von der
Stelle gerückt hatte. Er entfernte den Schnee von seinen
Stiefeln, indem er mit denselben zu wiederholten Malen auf
den Boden stieß.
Ich werde Ihren reinen Fußboden beschmutzen, sagte er; aber
Sie müssen mich diesmal entschuldigen.
Sodann näherte er sich dem Kamin.
Es hat mich viele Mühe gekostet, hierher zu kommen, bemerkte
er, während er über der Flamme seine Hände wärmte. Einmal
sank ich in einen Schneehaufen bis an den Leib hinein; glück-
licherweise ist der Schnee noch ganz locker.
Aber was führt Sie her?
Eine etwas unfreundliche Frage an einen Besuch; aber da
Sie mich es schon einmal gefragt haben, so antworte ich Ihnen,
daß ich nur ein bißchen mit Ihnen plaudern möchte, ich wurde
meiner stummen Bücher und leeren Zimmer überdrüssig. Zu
dem habe ich seit gestern die Aufregung eines Menschen
empfunden, dem man eine Geschichte nur halb erzählt hat, und
der es nun nicht erwarten kann, die Fortsetzung zu hören.
Er setzte sich.
Ich erinnerte mich seines gestrigen seltsamen Benehmens und
fing wirklich an zu fürchten, sein Verstand möchte etwas gelitten
haben. War er indessen wahnsinnig, so war sein Wahnsinn ein
sehr ruhiger und besonnener; nie hatte sein schönes Gesicht so sehr
einem fein gearbeiteten Marmor geglichen, wie eben jetzt, als er
sich das nasse Haar aus der Stirne strich und das Licht des
Feuers frei auf sein blasses Gesicht scheinen ließ, worauf ich zu
meinem Kummer eine deutliche Furche der Sorge und des
Grams entdeckte. Ich wartete, da ich dachte, er würde etwas
sagen, was ich wenigstens verstehen könnte; aber seine Hand
war jetzt an seinem Kinn, sein Zeigefinger an seinen Lippen:
er sann offenbar nach. Was mir auffiel, war, daß seine Hand
abgezehrt aussah, wie sein Gesicht. Ein vielleicht unzeitiges
Gefühl des Mitleids kam über mein Herz. und so sagte ich
denn:
Ich wollte, Diana oder Marie könnten herkommen und bei
Ihnen wohnen. -- Es ist doch zu arg, Sie so ganz allein zu
lassen, und Sie nehmen viel zu wenig Rücksicht auf Ihre Ge-
sundheit.
Ganz und gar nicht, sagte er. Ich nehme mich schon in acht,
mir ist jetzt ganz wohl. Was sehen Sie denn an mir, das nicht
in Ordnung wäre?
Dies wurde mit nachlässiger, zerstreuter Gleichgiltigkeit gesagt,
die mir bewies, daß meine Sorgen um ihn, wenigstens nach
seiner Meinung, gänzlich überflüssig waren. Ich schwieg daher.
Er bewegte noch immer seinen Zeigefinger langsam über seine
Oberlippe, und sein Auge verweilte noch träumerisch bei dem
glühenden Feuer. Da ich es für nötig hielt, etwas zu sagen.
so fragte ich ihn nach einer Weile, ob von der Tür hinter ihm
keine kalte Luft bis zu ihm dringe.
Nein, nein, antwortete er kurz und etwas ärgerlich.
Nun, dachte ich, wenn Sie nicht reden wollen, so mögen Sie
schweigen, ich lasse Sie jetzt in Ruhe.
Ich putzte daher das Licht und las wieder in meinem
Marmion. Bald aber regte er sich; mein Auge heftete sich nach
einigen Augenblicken unwillkürlich auf seine Bewegungen, er
zog nun eine Brieftasche von Saffianleder heraus, nahm einen
Brief heraus, den er schweigend las, faltete ihn wieder zu-
sammen, steckte ihn in die Brieftasche und versank in sein
früheres Sinnen. Es war mir unmöglich zu lesen, solange ein
so ungemütlicher, unmitteilsamer Gast neben mir saß, ebensowenig
aber konnte ich bei meiner Ungeduld mich zu einer stummen
Rolle bequemen; er mochte mich zurückweisen, wenn es ihm ge-
fiel, aber sprechen mußte ich.
Haben Sie kürzlich von Diana und Marie gehört?
Seit dem Briefe, den ich Ihnen vor einer Woche zeigte,
nicht.
Und in Ihren eigenen Angelegenheiten ist keine Veränderung
eingetreten ? Sie werden England nicht früher verlassen können,
als Sie erwarteten?
Ich fürchte in der Tat, daß es nicht der Fall sein wird, ein
solches Glück wäre zu groß für mich.
Als ich mich so zurückgewiesen sah, wählte ich einen andern
Gesprächsgegenstand und fing an, von der Schule und meinen
Schülerinnen zu reden. Aber vergebens. Er blieb zerstreut,
bis es acht Uhr schlug.
Dies weckte ihn aus seiner Träumerei auf, er tat seine ge-
kreuzten Beine auseinander, setzte sich gerade hin und wandte
sich zu mir.
Lassen Sie Ihr Buch einen Augenblick, und kommen Sie
etwas näher zum Feuer her, sagte er.
Verwundert tat ich, wie er gesagt hatte.
Vor einer halben Stunde, fuhr er fort, habe ich von meiner
Ungeduld, das Ende einer Geschichte zu hören, gesprochen; bei
reiferer Ueberlegung finde ich, daß es besser sein wird, wenn
ich die Rolle des Erzählers übernehme und Sie zuhören lasse.
Vor zwanzig Jahren verliebte sich ein armer Landpfarrer --
für jetzt wollen wir seinen Namen dahingestellt sein lassen --
in die Tochter eines reichen Mannes. Auch sie verliebte sich
in ihn und heiratete ihn gegen den Rat aller ihrer Freunde
und Verwandten, die sie deshalb gleich nach der Heirat ver-
leugneten. Ehe zwei Jahre vergingen, war das unbesonnene
Paar tot und lag ruhig unter einem Leichenstein. Sie hinter-
ließen eine Tochter, die schon bei ihrer Geburt die Mildtätigkeit
in ihren Schoß aufnahm - einen Schoß, der so kalt war,
wie der Schneehaufen, worin ich heute abend um ein Haar
stecken geblieben wäre. Die Mildtätigkeit trug das aller Freunde
beraubte Wesen in das Haus seiner reichen Verwandten von
mütterlicher Seite; es ward aufgezogen von einer Tante,
namens -- jetzt muß ich Namen nennen -- Frau Reed von
Gateshead. Sie stutzen. Haben Sie etwa ein Geräusch gehört?
Es ist wohl nur eine Ratte, die auf den Dachsparren des
Schulgebäudes herumläuft - -- es war, ehe ich es habe umbauen
lassen, eine Scheune, und in Scheunen halten sich gewöhnlich
Ratten auf.
Doch wir wollen wieder zur Sache kommen. Frau Reed
behielt die Waise zehn Jahre in ihrem Hause; ob letztere sich
da glücklich fühlte oder nicht, vermag ich nicht zu sagen, da ich nie
etwas darüber erfahren habe. Als aber die Zeit um war, tat sie
die Kleine in die Schule zu Lowood, wo Sie selbst sich so
lange aufgehalten haben. Es scheint, ihre Laufbahn dort war
eine sehr ehrenvolle; eine ausgezeichnete Schülerin, sie wurde
Lehrerin, wie Sie -- es fällt mir in der Tat auf, daß die
Lebensgeschichte dieses Waisenkindes in so vielen Punkten der
Ihrigen so ähnlich ist. Sie verließ Lowood, um Erzieherin zu
werden --- abermals eine Lebereinstimmung; sie übernahm die
Erziehung des Mündels eines gewissen Herrn Rochester.
Herr Pfarrer! fiel ich ein.
So warten Sie doch, ich bin noch nicht zu Ende. Von
Herrn Rochesters Charakter weiß ich nichts, als nur die eine
Tatsache, daß er dieses junge Mädchen ehelichen zu wollen
vorgab, er hatte aber, wie es sich am Altar herausstellte, schon
eine Frau, die noch am Leben, wenn auch wahnsinnig war.
Welcher Art sein späteres Betragen war, kann ich bloß ver-
muten, als aber ein Ereignis bekannt wurde, das die Nachfrage
nach der Erzieherin nötig machte, stellte es sich heraus, daß
diese verschwunden war - -- und niemand wußte, was aus ihr
geworden war. Nun aber ist es dringend notwendig, daß sie
aufgefunden werde. In allen Zeitungen sind die Aufforder-
ungen erschienen; ich selbst habe von einem Herrn Briggs,
einem Advokaten, einen Brief erhalten, worin er mir die Einzel-
heiten mitteilt, die ich Ihnen soeben gegeben habe. Ist das
nicht eine seltsame Geschichte?
Sagen Sie mir nur eines, sagte ich, und da Sie so viel
wissen, können Sie mir es gewiß sagen --- was ist aus Herrn
Rochester geworden? Wie geht es ihm, und wo ist er? Was
macht er? Ist er gesund?
Ich weiß von Herrn Rochester gar nichts. Der Brief tut
seiner nie anders Erwähnung, als um den betrügerischen und
gesetzwidrigen Versuch, wovon ich schon gesprochen habe, zu
berichten. Sie sollten mich lieber nach dem Namen der Erzieherin
fragen, nach der Natur des Ereignisses, das ihr Erscheinen
notwendig macht.
So ist denn niemand nach Thornfield Hall gegangen? Hat
niemand Herrn Rochester gesprochen?
Ich denke nicht.
Aber man hat doch an ihn geschrieben?
Natürlich.
Und was hat er gesagt? Mit wem korrespondiert er?
Herr Briggs schreibt mir, die Antwort auf seine Anfrage sei
nicht von Herrn Rochester, sondern von einer Dame gekommen;
die Unterschrift lautet: Alice Fairfax.
Es überlief mich kalt bei dieser Nachricht; das, was ich am
meisten gefürchtet, war somit wahrscheinlich eingetroffen; er
hatte England verlassen und in ruheloser Verzweiflung einen
seiner früheren Aufenthaltsorte auf dem Kontinente aufgesucht.
O mein armer Herr, einst beinahe mein Gatte -- den ich oft
meinen teuern Eduard genannt hatte!
Er muß ein schlechter Mensch sein, bemerkte Rivers.
Sie kennen ihn nicht - sprechen Sie deshalb auch keine
Meinung über ihn aus, sagte ich mit Wärme.
Meinetwegen! erwiderte er ruhig. Und in der Tat ist mein
Kovf mit andern Dingen beschäftigt, als mit ihm; ich muß
meine Erzählung zu Ende bringen. Da Sie nach dem Namen
der Erzieherin nicht fragen mögen, so muß ich ihn schon selbst
nennen - warten Sie - da habe ich ihn-- es ist immer
besser, wenn man wichtige Dinge schwarz auf weiß sieht.
Und die Brieftasche wurde abermals bedächtig hervorgezogen,
aufgemacht und durchsucht; plötzlich kam ein abgerissenes Stück
Papier zum Vorschein, ich erkannte an dem Gewebe und den
Ultramarin-, Lack- und Karmesinflecken den entwendeten Rand
des Papiers, das mir dazu gedient hatte, das Portrait zu
schonen. Er stand auf, hielt es mir dicht vor die Augen hin,
und ich las die von mir selbst mit Tusche geschriebenen Worte:
Jane Eyre, -- ohne Zweifel das Werk eines Augenblicks der
Zerstreuung.
Briggs hat mir von einer Jane Eyre geschrieben, sagte er;
die Aufforderungen in den Zeitungen sprachen von einer Jane
Eyre; ich kannte eine Jane Elliot. Ich gestehe, daß ich einigen
Verdacht hegte; indessen hat er sich erst gestern nachmittag in
Gewißheit verwandelt. Sie erkennen den Namen an und geben
den andern auf?
Ja, ja; - -- aber wo ist Herr Briggs? Vielleicht weiß er von
Herrn Rochester mehr als Sie.
Briggs ist in London; indessen weiß er wohl nichts von Herrn
Rochester, er interessiert sich nicht für den Herrn. Unterdessen
vergessen Sie über den Kleinigkeiten die Hauptsache, Sie fragen
gar nicht, warum Herr Briggs sich so viele Mühe gibt, Ihren
Aufenthaltsort zu entdecken?
Nun, was will er denn von mir?
Er will Ihnen bloß sagen, daß Ihr Oheim, Herr Eyre von
Madeira, gestorben ist; daß er Ihnen sein ganzes Vermögen
vermacht hat, und daß Sie nun reich sind --- weiter nichts.
Ich reich!
Ja, Sie sind reich
Es trat ein Schweigen ein.
Sie müssen natürlich Ihre Identität nachweisen, fuhr St. John
nach einer Weile fort; dann können Sie sogleich Ihr Vermögen
in Besitz nehmen. Es ist in englischen Staatspapieren angelegt:
Briggs hat das Testament samt den nötigen Dokumenten.
Hier war eine neue Karte aufgeschlagen! Es ist etwas
Schönes, Leser, in einem Augenblicke aus einem Zustande der
Dürftigkeit in den des Reichtums versetzt zu werden, aber
unendlich mehr wert als alle materiellen Genüsse hatte für
mich die Unabhängigkeit, die der Reichtum ermöglicht. Dieser
Gedanke erfüllte mich mit grenzenloser Wonne.
Endlich entfalten Sie Ihre Stirne, sagte der Pfarrer; ich
glaubte, die Meduse habe Sie angeblickt, und Sie verwandelten
sich in Stein.-- Vielleicht fragen Sie nun, wieviel Sie
besitzen?
Nun?
Eine Kleinigkeit! Zwanzigtausend Pfund
Zwanzigtausend Pfund?
Das war wieder etwas Erstaunliches, denn ich hatte auf
vier- bis fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht benahm
mir für einen Augenblick den Atem, und nun lachte St. John,
den ich noch nie hatte lachen hören.
Nun, sagte er, wenn Sie einen Mord begangen und ich
Ihnen gesagt hätte, daß Ihr Verbrechen entdeckt wäre, könnten
Sie kaum erschrockener aussehen.
Es ist eine große Summe -- glauben Sie nicht, daß hier
ein Irrtum obwaltet?
Jedweder Irrtum ist ausgeschlossen.
Vielleicht haben Sie die Zahlen nicht recht gelesen - es
sind vielleicht zweitausend.
Es heißt mit Worten, nicht mit Zahlen - zwanzigtausend.
Ich erschien mir abermals wie ein Mensch, der an einem
überladenen Tische Platz nimmt, wo er für hundert essen soll.
Der Pfarrer erhob sich nun und legte seinen Mantel um.
Wäre es nicht eine so außerordentlich stürmische Nacht,
sagte er, so möchte ich Hannah herüberschicken, um Ihnen Gesellschaft zu leisten. Sie sehen so verzweifelt unglücklich aus, daß
man Sie nicht allein lassen sollte. Aber die arme Hannah
könnte nicht über die Schneehaufen so gut wegschreiten, wie
ich, ihre Beine sind nicht ganz so lang. Ich muß Sie daher,
wohl oder übel, Ihrem Kummer und Ihren Sorgen überlassen.
Gute Nacht!
Schon drückte er auf die Klinge, als mir plötzlich ein Gedanke
durch den Kopf fuhr.
Warten Sie noch einen Augenblick! rief ich.
Nun!
Ich möchte doch wissen, warum Herr Briggs meinetwegen an
Sie geschrieben hat, oder woher er Sie kennt und sich einbilden
konnte, daß Sie, der Sie an einem so ganz abgelegenen Orte
wohnen, zu meiner Auffindung beitragen könnten.
O, ich bin ein Geistlicher, sagte er, und man wendet sich an
die Geistlichkeit oft wegen seltsamer Dinge.
Abermals knarrte die Klinge.
Nein, das befriedigt mich nicht! rief ich, und es lag in der
Tat in der hastigen Antwort etwas, das meine Neugierde mehr
denn je erregte.
Es ist doch höchst sonderbar, setzte ich hinzu, ich muß noch
mehr davon wissen.
Ein andermal.
Nein, heute abend noch! -- heute abend noch!
Und als er sich von der Tür abwandte, stellte ich mich zwischen
diese und ihn. Er sah etwas verlegen aus.
Sie dürfen mir nicht davongehen, bis Sie mir alles gesagt
haben!
Ich möchte es Ihnen lieber nicht sagen und gerade jetzt
nicht.
Sie müssen
Es wäre mir lieber, wenn Diana oder Marie Sie darüber
aufklärte.
Natürlich steigerten diese Einwendungen meine Neugierde aufs
höchste; sie mußte nun befriedigt sein, und zwar unverzüglich,
was ich ihm rund heraus erklärte.
Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich ein harter, schwer
zu überredender Mann sei, sagte er.
Und ich bin eine hartnäckige Frau, deren man sich nicht so leicht
entledigt.
Und dann, fuhr er fort, friert es mich, es ist kein Feuer
in mir.
Dagegen brennt es in mir, und das Feuer schmelzt das Eis.
Das lodernde Feuer dort hat allen Schnee an Ihrem Mantel
aufgetaut, und das Wasser hat zu gleicher Zeit meinen Fuß-
boden überschwemmt. Soll ich Ihnen, Herr Pfarrer, das Ver-
brechen, eine mit Sand bestreute Küche so beschmutzt zu haben,
vergeben, so sagen Sie mir, was ich zu wissen wünsche.
Nun gut, sagte er, ich gebe nach, wenn auch nicht Ihrem
eifrigen Ansturm, so doch Ihrer Beharrlichkeit, wie ein -
Stein, der durch beständig herabtröpfelndes Wasser ausgehöhlt
wird. Ueberdies müssen Sie es doch einmal erfahren; daher
ebenso gut jetzt, wie später. Ihr Name ist Jane Eyre?
Natürlich, das ist ja schon abgemacht.
Sie wissen vielleicht nicht, daß ich ein Namensvetter bin --
daß ich St. John Eyre Rivers getauft bin?
Nein, gewiß nicht! Nur erinnere ich mich, daß ich den Buch-
staben E neben den anderen Anfangsbuchstaben Ihres Namens s!
in Büchern gefunden habe, die Sie mir zu verschiedenen Zeiten
geliehen; ich habe Sie aber nie gefragt, was dieses E bedeute.
Meine Mutter hieß mit ihrem Familiennamen Eyre, erklärte
der Pfarrer. Sie hatte zwei Brüder, der eine war ein Geist-
licher, der Fräulein Jane Reed von Gates-Head heiratete; der
andere - John Eyre, Kaufmann, zuletzt in Funchal auf der
Insel Madeira. Herr Briggs, der Herrn Eyres Advokat war,
schrieb vergangenen August an uns, um uns von dem Tode
unseres Oheims zu benachrichtigen und uns zu gleicher Zeit
mitzuteilen, daß derselbe sein Vermögen der verwaisten Tochter
seines Bruders, des Geistlichen, vermacht, und uns, infolge
eines Streits zwischen ihm und meinem Vater übergangen habe.
Er hat vor einigen Wochen abermals geschrieben, daß die Erbin
verschwunden sei, und bei uns angefragt, ob wir nichts von ihr
wüßten. Das übrige ist Ihnen bekannt.
Abermals wollte er gehen, allein ich stellte mich mit dem
Rücken gegen die Tür.
Lassen Sie mich reden, sagte ich; gönnen Sie mir einen
einzigen Augenblick, um Atem zu schöpfen und nachzudenken.
Nach einer Pause fuhr ich fort:
Ihre Mutter war also meine Tante?
Er nickte.
Mein Oheim John war Ihr Oheim, John? Sie, Diana und
Marie sind seiner Schwester Kinder, wie ich seines Bruders
Kind bin?
Selbstredend ! Wir sind Geschwisterkinder.
Ich betrachtete ihn. So hatte ich denn Verwandte gefunden,
einen Vetter und zwei Cousinen, auf die ich stolz sein, die ich
lieben konnte ! Mein Blut kreiste rascher durch die Adern, ich
klatschte vor Freude in die Hände und hüpfte im Zimmer
umher.
Ach, was ich mich freue!
St. John lächelte und fragte:
Sagte ich Ihnen nicht, Cousine, Sie vernachlässigten die
Hauptsachen, um Kleinigkeiten nachzujagen?
Ich fuhr fort, durchs Zimmer zu rennen, dann blieb ich
wieder stehen, fast erstickt von den Gedanken, die rascher aufstiegen, als ich sie aufnehmen, begreifen, ordnen konnte -- Gedanken über die Verwendung meines plötzlichen Reichtums. Ich
konnte nun denen Gutes erweisen, die mir das Leben gerettet
hatten ! Sie schmachteten unter einem Joche; ich konnte sie
befreien. Sie waren zerstreut, -- ich konnte sie wieder vereinigen. Die Unabhängigkeit, der Reichtum, der mein war,
konnte auch der ihre werden. Waren wir nicht unser vier?
Zwanzigtausend Pfund durch vier dividiert, macht fünftausend,
so wurde Gerechtigkeit geübt und unser aller Glück gesichert.
Nun war der Reichtum keine Last mehr für mich, kein bloßes
Vermächtnis von Goldmünzen; es war ein Vermächtnis von
Lebenshoffnung und Freude.
Wie ich aussah, während diese Gedanken mir im Kopfe herumwirbelten, vermag ich nicht zu sagen; allein ich bemerkte bald,
daß Rivers einen Stuhl hinter mich gestellt hatte und sanfte
Versuche machte, mich zum Sitzen zu bewegen. Ich solle mich
mäßigen, meinte er, mich beruhigen. Aber ich machte mich von
ihm los und fing wieder an, auf und ab zu rennen.
Schreiben Sie gleich morgen an Diana und Marie, sagte
ich, sie möchten sofort nach Hause kommen. Diana hat ja gesagt, sie würden sich beide mit tausend Pfund für reich er-
****
kommen.
Sagen Sie mir, wo ich ein Glas Wasser für Sie bekommen !
kann, sagte St. John; Sie müssen in der Tat ruhiger zu werden s
suchen.
Unsinn ! und welche Wirkung wird das Vermächtnis auf Sie
hervorbringen? Wird es Sie dazu bewegen können, daß Sie
in England bleiben, daß Sie Fräulein Oliver heiraten und
einen eigenen Haushalt wie ein gewöhnlicher Sterblicher begründen?
Sie phantasieren ! Ich habe Ihnen die Nachricht mitgeteilt,
ohne Sie gehörig vorzubereiten, und nun reden Sie unverständliches Zeug!
Herr Pfarrer! Sie machen mich ganz ungeduldig. Ich bin
bei gesundem Verstande; Sie sind es, der mich mißversteht, oder
vielmehr tut, als mißverstehe er mich.
Ich würde Sie vielleicht besser verstehen, wenn Sie sich ein
klein wenig deutlicher erklären wollten.
Was ist hier zu erklären ? Sie müssen doch einsehen, daß
zwanzigtausend Pfund, gleichverteilt unter den Neffen und die
drei Nichten Ihres Oheims, für jedes fünftausend macht. Und
daß Sie und Ihre Schwestern ebenso gut ein Recht auf die
Hinterlassenschaft unseres Oheims haben wie ich? Es gehört
sich also, daß ich die zwanzigtausend Pfund mit euch dreien
teile.
Diesem ersten Antriebe dürfen Sie nicht gleich folgen. Sie
müssen sich die Sache reiflicher und länger überlegen, ehe Ihr
Wort als giltig angesehen werden kann.
O, wenn Sie sonst an nichts zweifeln, als an meiner
Aufrichtigkeit, so bin ich ruhig. Sie sehen das Gerechte bei
der Sache ein?
Ich sehe darin eine gewisse Gerechtigkeit; allem es ist aller
Gewohnheit zuwider. Zudem gehört das ganze Vermögen Ihnen
rechtmäßig. Mein Oheim hat es durch seinen Fleiß erworben.
Er konnte es hinterlassen, wem er wollte, und er hat es Ihnen
vermacht. Sie können es also durchaus mit reinem Gewissen als
Ihr Eigentum ansehen.
Bei mir, sagte ich, ist es ebenso sehr Gefühls- als Gewissenssache. Ich muß meinen Gefühlen ihren Lauf lassen; ich habe
so selten Gelegenheit gehabt, es zu tun. Wenn Sie auch ein
Jahr lang mit mir herumstreiten, so könnte ich mir doch nicht
das Wonnegefühl versagen, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen und mir Freunde für mein ganzes Leben zu gewinnen.
Jetzt denken Sie so, erwiderte St. John, weil Sie nicht
wissen, was es heißt, Reichtum zu besitzen, und daher auch nicht
verstehen, Reichtum zu würdigen. Sie können sich keinen Begriff machen von dem Ansehen und der Stellung, die Ihnen
die zwanzigtausend Pfund in der Gesellschaft verleihen würden,
von den Aussichten, die sich dadurch Ihnen eröffnen müßten.
Sie können nicht - -
Und Sie, fiel ich ein, können sich nicht mein sehnliches Verlangen nach brüderlicher und schwesterlicher Liebe vorstellen. Ich
hatte nie eine Heimat, nie Verwandte; ich muß und will nun
welche haben. Sie haben doch nichts dawider, mich in die
Familie aufzunehmen und mich anzuerkennen, nicht wahr?
Jane, ich will Ihr Bruder sein -- meine Schwestern werden
Ihre Schwestern sein, - - ohne diese Aufopferung Ihrer durchaus wohlbegründeten Rechte zu verlangen.
Bruder und Schwestern, die durch wer weiß wie weite Entfernungen von mir getrennt sind und gar bei Fremden das
Brot der Sklaverei essen müssen ! Ich, reich -- mit Gold überladen, das ich nicht erworben und nicht verdiene ! Ihr ohne
alles Vermögen ! Eine schöne Gleichheit und Brüderlichkeit ?
Aber Jane, Ihr Sehnen nach Familienbanden und häuslichem Glück kann in anderer Weise gestillt werden als durch
die Mittel, die Sie im Sinne haben. Sie brauchen ja bloß zu
heiraten!
Abermals Unsinn ! Heiraten ! Ich brauche nicht zu heiraten
und werde auch nie heiraten!
Das ist zu viel gesagt. So gewagte Behauptungen sind eben
ein Beweis von Ihrer großen Erregtheit.
Es ist nicht zu viel gesagt. Ich weiß, was ich fühle, und wie
sehr mir der bloße Gedanke an eine Heirat zuwider ist. Niemand würde mich aus Liebe nehmen, ich will bloß mit solchen
Leuten umgehen, die ein Herz und eine Seele mit mir sind.
Sagen Sie noch einmal, daß Sie mein Bruder sein wollen;
das zu hören, macht mich froh und glücklich, wiederholen Sie
es aufrichtig, wenn Sie es können.
Ich denke, ich kann es. Ich habe ja stets meine Schwestern
geliebt und weiß, worauf meine Liebe zu ihnen sich gründet,
---- auf die Achtung für ihren Wert und auf die Bewunderung
ihrer Talente. Auch Sie haben Grundsätze, auch Sies haben
Geist und Gemüt. Ihre Neigungen und Gewohnheiten gleichen
denen Dianas und Maries. Ihre Gegenwart ist mir stets angenehm, in Ihren Worten habe ich seit einiger Zeit einen heil-
samen Trost gefunden. Ich kann Ihnen also als meiner dritten
und jüngsten Schwester einen Platz in meinem Herzen
gönnen.
Ich danke Ihnen; das ist mir für diesen Abend genug. Und
nun ist es wohl besser, Sie gehen, denn wenn Sie länger dableiben, so ärgern Sie mich vielleicht aufs neue durch irgend
eine mißtrauische Bedenklichkeit.
Und die Schule, Fräulein Eyre ? Die muß nun vermutlich
wieder geschlossen werden ?
Nein, ich werde meinen Posten so lange ausfüllen, bis Sie
eine passende Stellvertreterin gefunden haben.
Er lächelte beifällig, wir drückten einander die Hand, und er
verabschiedete sich.
Es kostete noch harte Kämpfe, ehe ich die Erbschaftsangelegenheit so ordnen konnte, wie ich wollte. Da meine Cousinen und
mein Vetter aber endlich sahen, daß meine Absicht, das Vermögen zu teilen, unverrückbar feststand und sie in ihrem eigenen
Herzen fühlen mußten, daß meine Ansicht gegen die Grundsätze
der Billigkeit nicht verstieß, und da sie überdies das Bewußtsein
haben mußten, daß sie an meiner Stelle ebenso gehandelt haben
würden -- so gaben sie endlich so weit nach, das sie die
Sache schiedsrichterlicher Entscheidung anheimgestellt wissen
wollten. Die gewählten Schiedsrichter waren Herr Oliver und
ein erfahrener Rechtsgelehrter. Beide stimmten meiner Ansicht bei, und ich gewann meinen Prozeß.
Vierunddreissigtes Kapitel.
Die Weihnachtsfeiertage kamen herbei, bis alles im reinen
war, und nun stand die Zeit der allgemeinen Festlichkeiten vor
der Tür. Ich schloß jetzt die Schule zu Morton und trug
Sorge, daß der Abschied von meiner Seite kein trockener war.
Das Glück schließt in wunderbarer Weise Hand und Herz auf,
und etwas geben, wenn man viel empfängt, heißt bloß, dem
ungewohnten Ueberströmen der Gefühle kein Hindernis in den
Weg legen. Seit langem hatte ich mit Vergnügen gefühlt, das
viele meiner Schülerinnen mich liebten, und als wir voneinander schieden, legten sie ihre Liebe auch offen und nachdrücklich
an den Tag. Groß war meine Freude, als ich fand, daß ich
wirklich einen Platz in ihren jeder Verstellung fremden Herzen
hatte. Ich versprach ihnen, daß künftig keine Woche vergehen
sollte, wo ich sie nicht besuchen und ihnen in ihrer Schule eine
Stunde geben würde.
Rivers kam zu mir her, nachdem die Klassen, die jetzt sechzig
Mädchen zählten, an mir vorbeidefiliert waren, und ich die
Tür verschlossen hatte, -- als ich noch mit dem Schlüssel in
der Hand dastand und mit einem halben Dutzend meiner besten
Schülerinnen einige Abschiedsworte wechselte.
Nun, glauben Sie nicht, daß Sie für Ihre Bemühungen belohnt worden sind ? fragte Rivers, als sich die Mädchen entfernt hatten. Macht Ihnen nicht das Bewußtsein, in Ihrem
Leben und unter Ihrer Generation etwas wahrhaft Gutes getan zu haben, Vergnügen?
Ohne Zweifel.
Und Sie haben doch nur wenige Monate gearbeitet! Wäre
nicht ein der Wiedergeburt Ihres Geschlechts gewidmetes Leben
gut angewandt?
Ja, sagte ich; aber diese Art Beschäftigung könnte mir auf
die Dauer nicht zusagen. Ich muß Zeit haben, nicht bloβ
andre, sondern auch mich selber zu vervollkommnen. Deshalb
will ich jetzt ganz frei sein.
Er sah ernst aus und sagte:
Was wollen Sie jetzt tun?
Tätig sein, so tätig, wie ich nur kann. Und vor allem muß
ich Sie bitten, Hannah frei zu lassen und jemand anders zu
suchen, der Sie bedient.
Brauchen Sie sie?
Ja, sie soll mit mir nach Moor-House gehen. Diana und
Marie werden in einer Woche daheim sein, und bis zu ihrer
Ankunft muß ich alles in Ordnung gebracht haben.
Ja so, ich dachte, Sie hätten irgend einen Ausflug vor.
Gut! Hannah soll Sie begleiten.
So sagen Sie ihr denn, sie solle sich auf morgen bereit
halten; und hier ist der Schlüssel zur Schulstube. Den Schlüssel
zu meinem Häuschen sollen Sie morgen früh bekommen.
Er nahm ihn.
Sie geben ihn sehr gern ab, sagte er. Ich verstehe Ihre
Fröhlichkeit nicht so ganz, da ich nicht weiß, zu welcher Beschäftigung Sie sich, als Ersatz für die, welche Sie aufgeben, entschließen werden. Welchen Zweck, welchen Ehrgeiz haben Sie
nun im Leben?
Mein erster Zweck ist, Moor-House von oben bis unten zu
reinigen; mein zweiter, es mit Wachs, Del und allerlei Tüchern
abzureiben und blitzblank zu putz en; mein dritter, jeden Stuhl,
jeden Tisch, jedes Bett, jeden Teppich mit mathematischer
Genauigkeit zu ordnen. Sodann werde ich Sie ruinieren durch
den großen Kohlen- und Torfverbrauch, der notwendig ist, um
in jedem Zimmer ein gutes Feuer zu unterhalten; und endlich
sollen zwei Tage vor der Ankunft Ihrer Schwestern dazu
verwandt werden, so viele Eier aufzuschlagen, so viele Beeren
auszulesen, so viele Gewürze zu reiben, so viele Weihnachtskuchen zu backen, so viele Fleischpasteten zu hacken und andere
Küchenverrichtungen vorzunehmen, daß Worte einem Uneingeweihten, wie Sie, nur einen höchst schwachen Begriff davon zu geben
vermöchten. Kurz, mein Vorsatz ist, noch vor dem nächsten
Donnerstag für Diana und Marie alles und jedes in einen
absolut vollkommenen Zustand der Bereitschaft zu setzen und
sie großartig zu bewillkommnen.
St. John lächelte ein wenig, doch war er immer noch nicht
ganz zufrieden.
Für jetzt ist das alles recht schön und gut, sagte er; aber im
Ernst, -- ich hoffe, Ihr Blick wird, wenn das erste Uebersprudeln der Lebhaftigkeit vorüber ist, sich nach Höherem sehnen,
als nach häuslichen Freuden und Genüssen.
Aber dies ist ja das Beste, was die Welt zu bieten vermag!
fiel ich ein.
Nein, Jane, nein. Diese Welt ist nicht da zum Genießen,
ebenso wenig wie der Ruhe zu pflegen; werden Sie nicht träge!
Im Gegenteil, ich habe im Sinne, recht fleißig zu sein.
Jane! ich entschuldige Sie für jetzt; ich gebe Ihnen eine
Frist von zwei Monaten zum vollen Genusse Ihrer neuen Lage,
aber dann, hoffe ich, werden Sie beginnen, über die selbstsüchtige
Ruhe und sinnliche Behaglichkeit des verfeinerten Wohllebens
hinauszusehen. Ich hoffe, daß das Ihnen innewohnende Feuer
Sie abermals vorwärtstreiben wird.
Ich sah ihn überrascht an.
St. John, sagte ich, ich glaube, es ist fast sündhaft von Ihnen,
so zu sprechen. Ich will zufrieden sein, wie eine Königin, und
Sie machen den Versuch, mich zur Unrast anzutreiben! Wozu?
Sie sollen die Talente nutzbringend anwenden, die Gott
Ihnen anvertraut hat, und über die er gewiß eines Tags
strenge Rechenschaft fordern wird. Jane, ich werde Sie scharf
beobachten; ich sage Ihnen das im voraus. Und versuchen Sie,
die übermäßige Vorliebe für alltägliche Freuden der Häuslichkeit
im Zaume zu halten. Klammern Sie sich nicht so zäh an die
Bande des Fleisches an; sparen Sie Ihre Standhaftigkeit und
Ihren Eifer für eine Sache auf, die Ihrer würdig ist! Verstehen
Sie, was ich meine?
Als wenn Sie Griechisch sprächen! Ich fühle, ich habe Grund
genug. glücklich zu sein, und ich will glücklich sein. Leben
Sie wohl! --
In Moor-House arbeitete ich aus Leibeskräften, und Hannah
tat das gleiche. Sie war ganz entzückt, zu sehen, wie heiter
ich bei all der Verwirrung eines Hauses, wo das Unterste zu
oberst gekehrt ist, sein --- wie ich bürsten, abstäuben, putzen und
kochen konnte. Und in der Tat war es nach einigen Tagen
arger Verwirrung entzückend, nach und nach wieder aus dem
Chaos, das wir selbst gemacht, die Ordnung hervorgehen zu
lassen. Ich hatte vorher eine kleine Reise nach S -- gemacht,
um einige neue Möbel zu kaufen, da meine Verwandten mir
volle Erlaubnis gegeben hatten, alle Veränderungen, die ich
für zweckmäßig erachtete, vorzunehmen, und zu diesem Zwecke
eine Summe ausgesetzt worden war. Das gewöhnliche Wohnzimmer, sowie die Schlafzimmer ließ ich fast ganz, wie sie
waren; denn ich wußte, daß Diana und Marie mehr Freude
daran finden würden, die alten, einfachen Tische, Stühle und
Betten wiederzusehen, als an noch so niedlichen Neuheiten.
Aber irgend eine neue Einrichtung, über die sie staunen sollten,
mußte bewerkstelligt werden. Dunkle, schöne Teppiche und
Vorhänge, eine hübsche Gruppe von sorgfältig ausgewählten
antiken Porzellan- und Bronzesachen, neue Spiegel, sowie
Toilettenkästchen entsprachen dem Zwecke; sie sahen frisch aus,
ohne durch ihren Glanz zu blenden. Ein Empfangszimmer,
sowie ein Schlafzimmer für einen einzigen Gast stattete ich ganz
mit alten Mahagoni-Möbeln, deren Ueberzüge von karmesinroter
Farbe waren, aus. Ich legte Packtuch in den Korridor und
Teppiche auf die Treppen. Als alles fertig war, hielt ich
Moor-House in seinem Innern für ein so vollständiges Muster
heitrer und bescheidener Gemütlichkeit, als es in dieser Jahreszeit nach außen hin ein Muster von winterlicher Dede war.
Endlich kam der große Tag. Man erwartete sie mit Anbruch
der Nacht, und ehe es dämmerte, wurden Kaminfeuer oben und
unten angezündet; in der Küche glänzte und glitzerte alles;
Hannah und ich hatten uns festlich geputzt, und alles war in
Bereitschaft.
St. John kam zuerst; ich hatte ihn gebeten, das Haus nicht
zu betreten, bis alles in Ordnung sei, und in der Tat genügte
der bloße Gedanke an den Trubel, ihn fernzuhalten. Er
fand mich in der Küche beim Kuchenbacken. Sich dem Herde
nähernd, fragte er mich, ob ich nicht bald an solchen für eine
Hausmagd passenden Arbeiten genug hätte. Ich antwortete ihm
damit, daß ich ihn einlud, mich bei einer allgemeinen Besichtigung des Resultats meiner Arbeit zu begleiten. Mit einiger
Schwierigkeit brachte ihn dazu, einen Gang durchs Haus zu
machen. Er sah bloß zu den Türen hinein, die ich öffnete;
und als er sich das ganze Haus angesehen hatte, meinte er,
es müsse mir viele Mühe und Anstrengung gekostet haben, so
bedeutende Veränderungen in so kurzer Zeit herbeizuführen;
allein er sagte keine Silbe, die ein Vergnügen ausgedrückt hätte,
über das schönere Aussehen seines neuen Heims.
Dieses Schweigen dämpfte etwas meinen Stolz. Ich dachte,
die Veränderungen hätten vielleicht einige alten Erinnerungen,
auf die er einen Wert legte, gestört. Ich fragte ihn, ohne
Zweifel in einem Tone, der einige Niedergeschlagenheit verriet,
ob das der Fall wäre.
Ganz und gar nicht, lautete die Antwort, er habe im Gegenteil bemerkt, daß ich jede Erinnerung sorgfältig geschont hätte;
er befürchte in der Tat, daß ich mehr Nachdenken auf die
Sache verwendet haben müsse, als sie wert sei. Ob ich, bei
läufig gesagt, wüßte, wo ein gewisses Buch wäre?
Ich zeigte ihm den Band auf dem Bücherbrett. Er nahm
ihn herunter, begab sich damit in seine gewohnte Fensternische
und begann zu lesen.
Dies gefiel mir nicht. St. John war ein guter Mensch,
allein ich fing an, zu fühlen, daß er die Wahrheit von sich
gesagt, als er behauptete, er sei hart und kalt. Die gefälligen
und angenehmen Seiten des Lebens hatten für ihn nichts
Anziehendes -- friedliche Genüsse keinen Reiz. Im buchstäblichen
Sinne lebte er bloß, um zu streben --- nach etwas Großem
und Gutem allerdings; aber doch konnte er niemals ruhen,
und ebensowenig billigte er es, wenn andere um ihn her ruhten.
Als ich seine hohe, marmorbleiche Stirn -- seine feinen Züge,
die beim Studieren bewegungslos waren, ansah --- da begriff
ich mit einem Male, daß er kaum einen guten Ehegatten abgeben,
und daß es keine kleine Aufgabe sein würde, seine Frau zu sein.
Ich begriff, wie durch Inspiration, die Art seiner Liebe zu
Fräulein Oliver und gab ihm recht, daß es bloß eine Liebe
der Sinne sei. Ich sah ein, wie er sich wegen des fieber-
haften Einflusses, den sie auf ihn ausübte, verachten mußte,
warum er sie ersticken und ausrotten wollte; warum er be-
zweifelte, daß sie je dauernd zu seinem oder ihrem Glücke führe.
Ich sah, daß er aus dem Stoffe gemacht war, woraus die Natur
ihre Helden - christliche und heidnische, - ihre Gesetzgeber,
Eroberer und Staatsmänner bildet, ein unerschütterliches Boll-
werk, worauf große Interessen sich stützen können, aber am
häuslichen Kamin eine starre, schwerfällige, kalte Säule, die
nicht am rechten Platz ist.
Dieses Empfangszimmer ist nicht seine Sphäre, dachte ic.
Die Bergkette des Himalaja, das Land der Buschmänner, ja
selbst die von steter Pest heimgesuchte, sumpfige Kütste von Guinea
wäre ihm angenehmer. Wohl mag er die Ruhe des häuslichen
Lebens fliehen; sie ist nicht sein Element. Für seine Fähigkeiten
ist da keine Entwicklung, sie können sich dort nicht in ihrem
Glanze zeigen, sondern müssen traurig verkümmern. Im Kampfe
und in der Gefahr --- wo Mut, Energie und Tapferkeit am
Platze sind -- wird er sprechen und handeln, wie es einem
Führer und Feldherrn geziemt. Er hat recht, daß er die Lauf-
bahn eines Missionars wählt. ---
Sie kommen! rief Hannah, die Tütr des Empfangszimmers
aufreißend. In demselben Augenblicke bellte der alte Carlo
freudig. Ich rannte hinaus. Es war dunkel, aber ein Rollen
von Rädern ließ sich hören. Hannah hatte bald eine Laterne
angezündet. Der Wagen hielt vor dem Pförtchen an, und der
Fuhrmann machte den Schlag auf. Zuerst kam eine wohl-
bekannte Gestalt und dann eine andere heraus. In einer
Minute hatte ich mein Gesicht unter ihren Hüten, zuerst in
Berührung mit Maries sanfter Wange und dann mit Dianas
herabfließenden Locken. Sie lachten --- küßten mich -- und
dann Hannah, streichelten Carlo, der vor Freude fast außer sich
war, fragten angelegentlich, ob alles wohl sei, und eilten in
das Haus hinein, als sie eine bejahende Antwort erhielten.
Sie waren ganz steif von dem langen Fahren und dem
starken Rütteln von Whitcroß an und erstarrt von der kalten
Nachtluft; aber ihre lieblichen Gesichter heiterten sich bei dem
lustigen Kaminfeuer bald auf. Während der Fuhrmann und
Hannah die Koffer und Schachteln hereinbrachten, fragten sie
nach St. John. In diesem Augenblicke trat er aus dem
Empfangszimmer. Sie warfen beide ihre Arme zu gleicher
Bell, Waise von L.
Zeit um semnen Hals. Er gab einer jeden einen ruhigen Kuß,
sagte ziemlich leise einige Worte des Willkomms, blieb eine
Weile stehen, damit sie sich mit ihm unterhalten könnten, und
zog sich dann mit den Worten, daf sie ihm vermutlich bald in
das Empfangszimmer nachfolgen wütrden, dahin zurück, wie in
ein Asyl.
Ich hatte die Lichter angezündet, um die Treppe hinauf-
zugehen, aber Diana hatte zuvor noch gastfreundliche An-
weisungen hinsichtlich des Fuhrmanns zu geben. Sodann folgten
wir beide. Sie waren entzückt über die neue Einrichtung ihrer
Zimmer, und ich hatte die Freude zu fühlen, daß meine Anord-
nungen ihren Wünschen genau entsprachen, und daß, was ich
getan, ihrer freudigen Rückkehr nach Hause einen neuen Reiz
verlieh.
Süß war dieser Abend. Meine Eousinen, voll Heiterkeit,
waren in ihren Erzählungen und Bemerkungen so beredt, daß
ihre mit geläufiger Zunge gesprochenen Worte St. Johns
Schweigsamkeit unbemerkt ließen. Dianas und Maries Wieder-
kehr machte ihm wohl Freude; aber, was dies Ereignis be-
gleitete, der frohe Tumult, die geschwähzige Munterkeit des
Empfangs, ärgerte ihn; ichsah, er wünschte den ruhigen Morgen
herbei. Gerade als diese nächtliche Freude ihren Höhepunkt er-
reicht hatte, --- etwa eine Stunde nachdem Tee, --- hörte man
ein Klopfen an der Tür. Hannah kam herein mit der Nachricht, ein armer Bursche sei zu dieser ungelegenen Zeit gekommen, um Herrn Rivers zu seiner den Armen des Todes
entgegeneilenden Mutter zu holen.
Wo wohnt sie, Hannah?
Bei Whitcroß Brow, über eine Stunde Wegs von hier.
Sage ihm, ich merde kommen.
Der Herr Pfarrer würden doch besser daran tun, wenn sie
nicht gingen. Es ist der schlimmste Weg zum Gehen, den man
sich denken kann, sobald es dunkel ist, über den ganzen Sumpf
führt kein Fußweg. Und dann ist die Nacht auch so bitter kalt
und der Wind so scharf. Der Herr Pfarrer täten besser, wenn
sie sagen ließen, daß sie morgen früh kommen werden.
Aber schon stand er im Korridor und legte seinen Mantel
um und ohne eine Einwendung, ohne Murren ging er fort.
Es war neun Uhr, und er kam nicht vor Mitternacht zurück.
Er war halb erfroren und sehr müde; doch sah er froher aus,
als beim Weggehen, denn er hatte einen Akt der Pflicht erfüllt,
eine Anstrengung gemacht seine eigene Kraft in der Selbstverleugnung erprobt und war nun mit sich zufrieden.
Ich fürchte, die ganze folgende Woche stellte seine Geduld
auf eine noch härtere Probe. Es war die Christwoche, und
wir beschäftigten uns daher nicht regelmäßig und mit keinem
bestimmten Gegenstand, sondern brachten sie mit lauter häuslichen Zerstreuungen hin. Die neue Freiheit, die Morgenröte
des Glückes wirkten auf Dianas und Maries Lebensgeister wie
ein wohltuendes Elixir; sie waren stets guter Dinge, und ihre
Reden hatten, da sie witzig und originell waren, für mich einen
solchen Zauber, daß ich ihnen zu gern zuhörte und daran teil
nahm. St. John tadelte unsere Lebhaftigkeit nicht; aber er
entzog sich ihr. Er war selten zu Hause; seine Gemeinde war
groß, die Bevölkerung zerstreut, und so fand er täglich zu tun,
wenn er die Kranken und Armen in den verschiedenen Distrikten
aufsuchen wollte.
Eines Morgens fragte ihn beim Frühstück Diana, nachdem
sie einige Minuten etwas nachdenklich ausgesehen, ob seine
Pläne noch unverändert seien?
Unverändert und unveränderlich, war die Antwort. Zugleich
teilte er uns mit, daß seine Abreise jetzt definitiv festgesetzt
wäre und im folgenden Jahre stattfinden würde.
Und Rosamunde Oliver? fragte Marie gewissermaßen unwill-
kürlich; denn sie machte eine Gebärde, als wolle sie ihre Worte
zurückhalten. St. John hatte ein Buch in seiner Hand-- er
hatte die ungesellige Gewohnheit, während des Essens zu lesen
- er machte es nun zu und sah auf.
Rosamunde Oliver, sagte er, steht im Begriffe, sich mit Herrn j
Granby, einem der achtbarsten und wegen seiner Familienver-
bindungen angesehensten Bewohner von S--, und Enkel und -
Erben Sir Frederick Granbys zu verheiraten; ihr Vater hat
mir gestern diese Nachricht mitgeteilt.
Seine Schwestern blickten einander und mich an; dann s
richteten wir die Augen auf ihn, kein Wölkchen trübte die
Heiterkeit seines Antlitzes.
Die Sache muß schnell zu stande gekommen sein, bemerkte
Diana. Sie können einander nicht lange gekannt haben.
Nur zwei Monate; sie sahen einander im Oktober auf dem
Grafschaftsball zu S--. Aber wenn, wie hier, so wenige Hindernisse einer Verbindung entgegenstehen, ja, wenn sie in jeder
Hinsicht wünschenswert ist, so ist jeder Aufschub unnötig. Sie
werden, sobald in S-- Place, das ihnen Sir Frederick gibt, zu ihrer Aufnahme alles bereit ist, Hoczeit halten.
Sobald ich St. John nach dieser Mitteilung wieder einmal
allein fand, fühlte ich mich versucht, ihn zu fragen, ob das Er
eignis ihm Kummer verursache. Er schien aber so wenig der
Sympathie zu bedürfen, daß ich, weit entfernt, ihm noch weitere
zu zeigen, mich einigermaßen bei der Erinnerung an das, was
ich bereits gewagt, schämte. Er hatte sein Versprechen, mich wie
eine Schwester behandeln zu wollen, nicht gehalten, er machte beständig kleine Unterschiede zwischen uns, die keine Vertraulichkeit
aufkommen ließen, kurz, jetzt, wo ich als seine Verwandte anerkannt war und unter demselben Dache mit ihm lebte, war der
Abstand zwischen uns viel größer, als damals, wo er mich als
bloße Schullehrerin gekannt hatte.
Bei so bewandten Umständen fühlte ichmich nicht wenig
überrascht, als er plötzlich seinen Kopf an dem Schreibpult, ütber
das er sich neigte, erhob und sagte
Sie sehen, Jane, die Schlacht ist geschlagen und der Sieg
genvonnen.
Ueberrascht durch diese Anrede, antwortete ich nicht sofort.
sondern sagte erst nach einigem Zaudern:
Aber sind Sie auch gewiß, daß Sie nicht in der Lage jener
Eroberer sind, deren Triumphe ihnen zu teuer zu stehen
kamen ? Würde ein solcher Sieg Sie nicht zu grunde richten?
Ich denke nicht, und wenn es auch der Fall wäre, so hat es
nicht viel zu bedeuten; ich werde keinen zweiten Sieg der Art
zu erkämpfen haben. Der Ausgang des Kampfes ist entschei-
dend; ich sehe nun meinen Weg klar vor mir; ich danke Gott
dafür
Hierauf vertiefte er sich wieder in sein Buch.
Als unsere gemeinsame Freude -=- das heißt, Dianas, Maries
und die meinige - - einen ruhigeren Charakter annahm und wir
zu unsern alten Gewohnheiten zurückkehrten, blieb St. John
länger zu Hause und hielt sich bisweilen stundenlang in dem -
selben Zimmer mit uns auf. Während Marie zeichnete, ver-
vollständigte Diana ihre allgemeine Bildung, und ich quälte
mich mit dem Deutschen ab, er aber brütete über einer Gram-
matik derjenigen orientalischen Sprache, deren Erlernung ihm
als notwendig für seine Pläne erschien.
So beschäftigt, schien er, in einem Winkel sitzend, ziemlih
ruhig und vertieft; aber sein blaues Auge pflegte bisweilen die
Grammatik zu verlassen und mit auffallend scharfer Beobacht-
ung über seine Studiengenossen hinzuschweifen. Begegnete
man seinem Blick, so lenkte er ihn wieder ab, doch suchte er
immer wieder prüfend unsern Tisch auf. Ich fragte mich ver-
wundert, was das wohl zu bedeuten habe, ich wunderte mich
auch über die Zufriedenheit, die er nie verfehlte, bei meinem
wöchentlichen Besuche in der Schule zu Morton an den Tag
zu legen, und üoch mehr fiel es mir auf, wenn er, so oft das
Wetter ungünstig war und seine Schwestern in mich drangen,
nicht zu gehen, mich regelmäßig ermutigte, die Aufgabe, die ich
mir gestellt, zu vollführen, ohne auf die Elemente zu acten,
Jane ist nicht so weichlich, wie Ihr glaubt, pflegte er zu
sagen, sie kann einen kalten Bergwind, einen Regenschauer,
einige Schneeflocken so gut ertragen, wie der Stärkste von
uns.
Und wenn ich zuweilen müde, durchgefroren, erkältet, durchnäßt zurückkam, wagte ichnie zu klagen, weil ich sah, daß ein
Murren von meiner Seite ihn nur ärgerlich machte. Stets gefiel ihm die Standhaftigkeit, das Gegenteil machte ihm Verdrus.
Eines Nachmittags aber erhielt ich Erlaubnis, zu Hause
zu bleiben, weil ich mich wirklich erkältet hatte. Seine
Schwestern waren anstatt meiner nach Morton gegangen; ich
saß da und las in meinem Schiller, er dagegen entzifferte seine
wunderlichen, orientalischen Schnörkel. Als ich von einer
Uebersetzung zu einem Epereitium überging, sah ich zufällig
nach ihm hin und fand mich unter dem Einflusse des immer
wachenden blauen Auges. Wie lange es mich so beobachtet
hatte, kann ich nicht sagen, aber so scharf blickte es und doch
wieder so kalt, daß mich für den Augenblick eine abergläubische
Furcht anwandelte, -- gleich als sitze ich mit einem unheimlichen
Wesen im Zimmer.
Jane, was machen Sie da?
Ich lerne Deutsch.
Sie mässen Ihr Deutsch aufgeben und Hindostanisch
lernen.
Das ist doch nicht Ihr Ernst?
Doch, und ich will Ihnen sagen, warum.
Und nun erklärte er mir, daß das Hindostanische die Sprache
sei, die er jetzt selbst studiere. Je weiter er komme, desto
leichter könne er den Anfang vergessen, es würde ihm daher
sehr förderlich sein, eine Schülerin zu haben, mit der er die
Anfangsgründe abermals durchgehen und auf diese Weise die-
selben sich besser einprägen könnte. Seine Wahl sei jetzt
definitiv auf mich gefallen, weil er sehe, daß ich bei der Arbeit
noch mehr Ausdauer entfalte, als seine Schwestern. Ob ich
ihm nun diese Gefälligkeit erweisen wollte ? Vielleicht würde
ich das Opfer nicht lange zu bringen haben, da es jetzt kaum
noch drei Monate bis zu seiner Abreise sei.
St. John war einer jener Männer, denen man nicht leicht
etwas abschlagen kann; man fühlte, daß jeder schmerzliche oder
angenehme Eindruck, der auf ihn hervorgebracht wurde, ein
tiefgehender und anhaltender war. Ich willigte ein und fand
an ihm einen sehr geduldigen, sehr nachsichtigen und dabei doch
anspruchsvollen Lehrer. Er erwartete von mir große Leistungen,
und als ichseine Erwartungen erfüllte, bezeigte er in vollem
Maße seinen Beifall in seiner eigentümlichen Weise. Nach und
nach erlangte er einen gewissen Einfluß auf mich, der mir
meine geistige Freiheit raubte; sein Lob und seine Beachtung
waren für mich ein stärkerer Zügel, als seine Gleichgiltigkeit,
ich konnte nicht länger frei reden oder lachen, wenn er dabei
war, weil ein überaus lästiger Instinkt mich erinnerte, daß ihm
Lebhaftigkeit -- wenigstens an mir -- zuwider sei. Sagte er:
Gehen Sie, so ging ich, sagte er: Kommen Sie, so kam ich,
sagte er: Tun Sie das, so tat ich es. Aber ich liebte meine
Knechtschaft nicht; oft wünschte ich, er möchte sich nicht mit
mir beschäftigen.
Eines Abends, als zur Schlafenszeit seine Schwestern und
ich um ihn her standen und ihm eine gute Nacht wünschten,
küßte er, wie es seine Gewohnheit war, jede von ihnen und
gab mir, wie er gleichfalls zu tun pflegte, die Hand. Diana,
die gerade in sehr fröhlicher Stimmung war, rief aus:
St. John Du pflegst Jane deine dritte Schwester zu
nennen, behandelst sie aber nicht als solche, du solltest sie auch
küssen.
Sie schob mich zu ihm- hin. Mir kam das Benehmen Dianas
sehr ärgerlich vor, und ich empfand eine sehr unbehagliche Ver-
wirrung, währenddem aber neigte sich schon St. John zu mir
herab, sein griechisches Gesicht kam mit dem meinigen auf eine
Linie, und er küßte mich. Es gibt keine Marmorküsse oder
Eisküsse, sonst müßte ich sagen, der Kuß meines geistlichen
Vetters habe zu einer dieser Klassen gehört; aber es mag
Experimentalküsse geben, und zu solchen gehörte seiner. Als
der Kuß gegeben war, sah er mich an, um das Resultat zu erkunden. Ich bin gewiß, daß ich nicht errötete; vielleicht wurde
ich etwas blaß, denn ich hatte ein Gefühl, als sei dieser Kuß
ein auf meine Fesseln gelegtes Siegel. Er unterließ die
Zeremonie später nie mehr, und der ruhige Ernst, womit ich
mich ihr unterwarf, schien ihr einen gewissen Reiz für ihn zu
verleihen.
Was mich betrifft, so wünschte ich von Tag zu Tag mehr,
ihm zu gefallen, aber um dies zu tun, fühlte ich auch immer
mehr, daß ich die Hälfte meiner Natur verleugnen, die Hälfte
meiner Fähigkeiten unterdrücken, meine Neigungen und meine
Liebhabereien von ihrer ursprünglichen Richtung ablenken, mich
Beschäftigungen widmen müsse, wozu ich keinen natürlichen Beruf in mir verspütrte. Er wollte michzu einer Höhe hinaufbringen, die ich nicht erreichen konnte, ein Bewußtsein, das mir
täglich und stündlich Folterqualen bereitete. Die Sache war
ebenso unmöglich, als hätte er meine unregelmäßigen Gesichtszüge nach seinem korrekten und klassischen Musterbilde formen
wollen.
Zu dieser Pein gesellte sich eine zweite, die wie ein krebsartiges Leiden an meinem Herzen nagte und mein Glück an-
seiner Luelle vertrocknete: das Nebel der Ungewißheit.
Ich hatte meinen ehemaligen Bräutigam nicht vergessen, denn
der Gedanke an ihn war ja kein Dunst, den der Sonnenschein s
zerstreuen konnte, noch ein Bild, das in Sand gezeichnet war,
und das daher auch Stürme hätten verwehen können; es war ;
ein auf eine Tafel gegrabener Name, der so lange dauern
mußte, als der Marmor, worauf er geschrieben stand.
Im Laufe der Korrespondenz, die ich wegen des Testaments mit Herrn Briggs anknüpfen mußte, hatte ich bei ihm angefragt,
oh er von Herrn Rochesters gegenwärtigem Aufenthaltsorte und
Gesundheitszustande Kunde hätte. Wie aber St. John bereits
vermutet hatte, wußte er von ihm ganz und gar nichts. Dann
schrieb ich an Frau Fairfax und bat sie um Auskunft, fest überzeugt, daß eine Antwort nicht lange auf sich warten lassen
würde. Aber es vergingen zwei Monate, ohne daß mir die Post
einen Brief von Thornfield Hall brachte, und so wurde ich eine
Beute einer täglich qualvolleren Unruhe.
Ich schrieb abermals; es war ja möglich, daß mein erster
Brief verlorengegangen war. Neue Hoffnung folgte dem neuen
Versuche; sie schien, wie die erste, einige Wochen lang, und dann
nahm sie, wie diese, immer mehr ab und verflackerte endlich;
nicht eine Zeile, nicht eine Silbe kam. Als ein halbes Jahr
in vergeblicher Erwartung verging, erstarb meine Hoffnung, und
es kam mir alles um mich her öde und finster vor.
Ein schöner Frühling, dessen ich mich nicht erfreuen konnte,
glänzte um mich her. Der Sommer kam herbei, Diana suchte
mich aufzuheitern, sie sagte, ich sehe schlecht aus, und wollte mich
an die Seeküste begleiten. Dem widersetzte sich aber St. John,
er sagte, nicht Zerstreuung brauchte ich, sondern Beschäftigung;
mein gegenwärtiges Leben sei zu zwecklos, ich müsse einen Gegenstand des Strebens haben. Ich glaube, um diesem Mangel
abzuhelfen, verlängerte er die Stunde, die er mir im Hindostanischen gab, noch mehr und drang darauf, daß ich meinen
Studien beharrlich obliegen sollte, und ich Törin dachte nie daran, ihm Widerstand zu leisten --- und konnte ihm auch keinen
Widerstand leisten.
Eines Tages war ichniedergeschlagener, als gewöhnlich, zu
meinen Studien gekommen. Hannah hatte mir am Morgen
gesagt, es sei ein Brief für mich angekommen, und als ich hinabging, fast mit der Gewißheit, daß ich endlich die langersehnte
Nachricht erhalten würde, fand ich nur einen unwichtigen Geschäftsbrief von Herrn Briggs. Die bittere Enttäuschung hatte
mir einige Tränen ausgepreßt, und nun, als ich dasaß und
über den wunderlichen Schriftzügen eines indischen Buches brütete,
füllten meine Augen sich abermals mit Tränen.***
==--- John rief mich zu sich hin, um zu lesen. Als ich dies
nds
zu tun versuchte, versagte mir die Stimme, die Worte gingen
in Schluchzen auf. Ich war mit ihm allein im Zimmer; Diana übte ein Musikstück im Gesellschaftszimmer ein, Marie arbeitete-
im Garten. Es war ein sehr schöner Maitag, hell, sonnig und
kühl durch einen sanften Wind. St. John drückte bei dieser meiner Gemütsbewegung keine Ueberraschung aus, auch fragte j
er mich nicht nach der Ursache, sondern sagte bloß:
Wir wollen einige Minuten warten, Jane, bis Sie gefaßter sind.
Und während ich den Paroxysmus, so geschwind es mir
möglich war, unterdrückte, saß er, über sein Pult geneigt, ruhig
da, wie ein Arzt, der mit dem Auge der Wissenschaft die richtig
vorausgeahnte Krisis einer Krankheit beobachtet. Nachdem ich
mein Schluchzen unterdrückt, meine Augen getrocknet und gemurmelt hatte, es sei mir an diesem Morgen nicht ganz wohl,
machte ich mich wieder an meine Aufgabe und kam damit auch
gut zu Ende. St. John legte meine und seine Bücher auf die
Seite, verschloß sein Pult und sagte:
Nun, Jane, sollen Sie einen Spaziergang machen und zwar
mit mir.
Ich will Diana und Marie rufen.
Nein! Diesen Morgen brauche ich nur eine Begleitung, die
Ihrige. Ziehen Sie sich an, gehen Sie zur Küchentür hinaus,
schlagen Sie den Weg ein, der nach Marsh-Glen hinaufführt;
in einem Augenblicke bin ich hei Ihnen,
Ich gehorchte natürlich wie immer, und zehn Minuten später
ging ich an St, Johns Seite auf dem wilden Pfade, der durch
die Schlucht hinführte.
Es kam ein sanfter Wind von Westen über die Hügel her
und führte die lieblichen Düfte des Heidekrauts und der Binsen
mit sich, der Himmel war fleckenlos blau, der von den Frühlingsregen angeschwollene Bach floß klar dahin und nahm von der
Sonne goldenen Schimmer und vom Firmament eine duftige
blaue Farbe an. Als wir weiter kamen und d en Fußpfad verließen, betraten wir einen weichen Rasen, der smaragdgrün und
mit kleinen, weißen und gelben Blumen bestreut war; auf allen
Seiten aber schlossen uns Hügel ein.
Wir wollen hier ein wenig ausruhen, sagte St. John, als
wir die ersten Felsen erreichten, die am Eingang einer
Art Engpaß standen.
Ich setzte mich, St. John blieb neben mir stehen. Er sah
den Engpaß hinauf und in die Tiefe hinab; sein Blick wanderte
mit dem Bache dahin und schweifte dann an dem unbewölkten
Himmel hin; er nahm seinen Hut ab und ließ den Wind durch
sein Haar wehen und seine Stirn küssen. Er schien mit dem
Geiste des Ortes in Verkehr getreten zu sein, mit seinen Augen
sagte er ihm Lebewohl.
Ich werde dies Gefilde wiedersehen, sagte er laut, in meinen
Träumen, wenn ich an den Ufern des Ganges schlafe, und
später einmal wieder, - - wenn ein anderer Schlummer über
mich kommt -- am Ufer eines dunkleren Stromes.
Seltsame Worte einer seltsamen Liebe ! Eines strengen
Patrioten Leidenschaft für sein Vaterland ! Er setzte sich;
eine halbe Stunde sprachen wir keine Silbe, dann begann er:
Jane, in sechs Wochen gehe ich; ich habe meinen Platz
in einem Ostindienfahrer belegt, der am zwanzigsten Juni absegelt.
Gott wird Sie schützen, denn Sie haben sein Werk unternommen, versetzte ich.
Ja, sagte er, darin besteht meine Ruhe und meine Freude.
Ich bin der Knecht eines unfehlbaren Herrn. Ich ziehe nicht
aus unter menschlicher Führung; ich stehe nicht unter den mangelhaften Gesetzen und der irrenden Aufsicht meiner schwachen
Mitwürmer; mein König, mein Gesetzgeber, mein Führer ist
der Allvollkommene. Es scheint mir sonderbar, daß nicht
alles um mich her vor Verlangen brennt, sich demselben
Banner anzuschließen, -- an demselben Unternehmen sich zu
beteiligen.
Nicht alle Menschen besitzen Ihre Kraft, und es wäre
von den Schwachen töricht, wenn sie mit den Starken gleichen -
Schritt halten wollten.
Ich rede nicht zu den Schwachen und denke auch nicht an
sie, nur an solche wende ich mich, die des Werkes würdig und s
zu dessen Vollführung befähigt sind.
Diese sind wenig an der Zahl und schwer herauszufinden.
Sie haben recht; wenn sie aber aufgefunden sind, so müssen
sie angeregt, vorwärtsgetrieben und zu der Anstrengung ermahnt
werden; -- man muß ihnen zeigen, welcher Art Gaben sie besitzen, und wozu sie ihnen verliehen sind.
? -.Ar N?.
sagen?
Es war mir, als umkreise mich immer mehr ein furchtbarer ,
Zauber; ich zitterte, irgend ein verhängnisvolles Wort aussprechen zu hören, das dem Zauber zugleich Worte verleihen I
und ihn festhalten könnte.
Und was sagt Ihr Herz? fragte St. John.
Mein Herz ist stumm ! erwiderte ich betroffen.
So muß ich denn für dasselbe sprechen, fuhr die tiefe, unerbittliche Stimme fort. Jane, kommen Sie mit mir nach Indien,
begleiten Sie mich als Gehilfin und Mitarbeiterin
Die Schlucht und der Himmel tanzten um mich her, die Hügel
hoben sich! Es war mir, als hätte ich eine Aufforderung vom Himmel empfangen, als hätte ein im Traum erschienener Bote,
wie der von Mazedonien, ausgerufen: Komm herüber und hilf uns! aber ich war kein Apostel, -- ich konnte den Boten nicht s
sehen -- konnte seinem Ruf nicht folgen.
O. St. John: rief ich, haben Sie doch Mitleid
Ich hatte mich an einen Mann gewandt, der in der Erfüllung
dessen, was er als seine Pflicht erachtete, weder Mitleid noch
Reue kannte. Er fuhr also fort:
Gott und die Natur haben Sie zum Weibe eines Missionars
bestimmt. Nicht Gaben des Leibes, sondern Gaben des Geistes
haben sie Ihnen gegeben; Sie sind geschaffen zur Arbeit,
nicht zur Liebe. Sie missen --- Sie sollen das Weib eines
Missionars sein. Sie sollen die Meine sein, ich will Sie
haben - -- nicht zu meinem Vergnügen, sondern zu meines Herrn
Dienst.
Ichpasse aber nicht dazu; ich fühle mich nicht dazu berufen!
sagte ich.
Er hatte sich auf diese ersten Einwürfe gefaßt gemacht und
war daher auch nicht aufgebracht. In der Tat sah ich, als er
sich an den Felsen hinter ihm zurücklehnte, die Arme über der
Brust faltete und seinen Blick auf mich heftete, daß er auf
einen langen und hartnäckigen Widerstand gefaßt war und sich
mit Geduld gewappnet hatte.
Demut, Jane, sagte er, ist die Grundlage aller christlichen
Tugend. Sie sagen mit Recht, daß Sie dieser Arbeit nicht
gewachsen, zu dieser Arbeit nicht tauglich sind. Wer aßt dazu?
Oder wer, der je wahrhaft berufen war, hielt sich des Rufes
würdig? Ich zum Beispiel erkenne mich mit St. Paulus als
den ersten unter den Sündern, aber ich lasse mich durch dieses
Bewußtsein meiner Unwürdigkeit nicht abschrecken. Ich kenne
meinen Herrn; ich weiß, daß er gerecht und mächtig ist. Und
während er ein schwaches Werkzeug dazu ausersehen hat, ein
großes Werk zu vollbringen, wird er aus dem unerschöpflichen
Schatze seiner Vorsehung die zur Erreichung des Endzweckes
sonst unzureichenden Mittel vervollständigen. Denken Sie, wie
ic, Jane, - vertrauen Sie, wie ich! Auf den Felsen der
Jahrhunderte sollen Sie sich stüten? Hegen Sie keine Zweifel,
er wird die Last Ihrer menschlichen Schwäche tragen.
Ich verstehe das Leben eines Missionars nicht; ich habe nie
über die Arbeiten eines solchen nachgedacht.
Da kann ich Ihnen, so unwürdig ich bin, den Beistand angedeihen lassen, dessen Sie bedürfen. Ich kann Ihnen Ihre
Aufgabe von Stunde zu Stunde geben, Ihnen stets zur Seite
stehen, Ihnen von einem Augenblick zum andern helfen. Das
kann ich für den Anfang; bald --- ich kenne Ihre Kräfte -- werden
Sie so stark und geschickt sein, wie ich, und meiner Hilfe nicht
mehr bed ürfen.
Aber meine Kräfte zu solchem Unternehmen -- wo sind sie?
Ich spüre sie nicht. Nichts spricht, nichts regt sich in mir,
während Sie zu mir reden. Ich verspüre kein Licht, das in mir
aufgeht -- kein Leben, das in mir erwacht, keine Stimme, die
mir rät oder mich aufmuntert. Ach, ich wollte, ich könnte Ihnen
zeigen, wie sehr mein Geist in diesem Augenblick einem dunklen
Kerker ähnlich ist, in dessen Tiefe nur eine bebende Furcht gefesselt liegt, --- die Furcht, von Ihnen überredet zu werden,
etwas zu versuchen, was ich nicht vollbringen kann!
Ich habe eine Antwort für Sie -- hören Sie dieselbe. Ich
habe Sie beobachtet seit unserem ersten Zusammentreffen, zehn
Monate hindurch habe ich Sie zum Gegenstande meines Studiums gemacht. Ich habe Sie während dieser Zeit auf verschiedene Weise geprüft, und was habe ich gesehen und herausgebracht? In der Dorfschule habe ich gefunden, daß Sie eine
Ihren Gewohnheiten und Neigungen keineswegs zusagende,
Arbeit gut, pünktlich, redlich verrichten konnten. In der Ruhe, -
womit Sie erfahren haben, daß Sie plötzlich reich geworden,
erkannte ich einen Geist, der jeder Habsucht fremd ist. Das
Geld, der Besitz übte keine ungehörige Macht über Sie aus.
In der entschlossenen Bereitwilligkeit, womit Sie Ihren Reichtum in vier Teile teilten und nur einen für sich behielten,
erkannte ich eine Seele, die in der Opferfreudigkeit zu schwelgen
liebt. In der Fügsamkeit, womit Sie auf meinen Wunsch ein
Studium aufgaben, das Sie interessierte, und ein anderes
unternahmen, weil es mich interessierte: in dem unendlichen
Fleiße, womit Sie diesem Studium obgelegen haben, erkenne
ich die Vervollständigung der Eigenschaften, die ich suche. Jane,
Sie sind gelehrig, fleißig, uneigennützig, treu, beständig und
mutig, sanft und heroisch: -- hören Sie auf, sich selbst zu
mißtrauen --- ich kann ohne allen Rückhalt mein Vertrauen
auf Sie setzen. Als Leiterin indischer Schulen und als Gehilfin unter indischen Weibern, werden Sie mir unschätzbaren
Beistand leisten.
Das Netz zog sich immer enger um mich zusammen; langsam
aber sicher kam diese Leberzeugung mir immer näher. Ich
mochte meine Augen verschließen, wie ich wollte, -- seine letzten
Worte machten den Weg, der vorher verrammelt schien, so
ziemlich frei. Mein Werk, das so unbestimmt, so hoffnungslos
verschwommen geschienen hatte, nahm im Verlauf seiner Rede,
unter seiner bildenden Hand, immer mehr eine bestimmte
Form an. Er wartete auf eine Antwort. Ich verlangte eine
Viertelstunde zum Nachdenken, ehe ich wieder eine Antwort
wagte.
Sehr gern, erwiderte er und stand auf. Sodann ging er den
Engpaß ein wenig hinauf und warf sich auf eine Erhöhung
nieder, wo das Heidekraut sehr dicht stand, und blieb dort still
liegen.
Ich kann tun, was er von mir verlangt, das sehe ich, -- so
dachte ich --- das heißt, wenn ich am Leben bleibe. Aber ich
fühle, daß das meinige unter der indischen Sonne nicht von
langer Dauer sein wird. Das kümmert ihn freilich nicht, wäre
meine Zeit zu sterben da, so würde er mich in aller Ruhe und
Heiligkeit dem Gott zurückgeben, der mich geschaffen. Die Sache
liegt sehr klar vor mir. Ging ich fort von England, so verließ
ich ein geliebtes, aber leeres Land.-- Rochester ist nicht mehr
da, und wenn er da wäre, was kann es mir nützen? Meine
Aufgabe ist es nun, ohne ihn zu leben. Nichts ist so abgeschmackt, so schwach, als mich von einem Tage zum andern hinzuschleppen, gleich als wartete ich auf irgend eine unmögliche
Veränderung der Umstände, die mich wieder mit ihm vereinigen
könnte. Natürlich muß ich, wie St. John einmal sagte, ein
anderes Interesse im Leben suchen, um das zu ersetzen, das ich
verloren. Ist nun die herrliche Beschäftigung, die er mir jetzt
anbietet, durch ihre edlen Sorgen und erhabenen Resultate nicht
am besten geeignet, die Leere auszufüllen, die meine zerstörten Hoffnungen zurückgelassen haben ? Ich glaube, ich muß die
Frage bejahen --- und doch schaudert mich. Ach wenn ich mich St. John anschließe, so gebe ich die Hälfte meines Ichs auf;
gehe ich nach Indien, so gehe ich einem frühen Tode entgegen.
Und wie wird die Zeit, die zwischen meinem Weggehen aus j
England nach Indien und zwischen meinem Grabe liegt, ausgefüllt werden ? O, ich weiß wohl! Auch das kann ich deutlich
sehen. Indem ich mich anstrenge, St. John zu Willen zu leben, bis meine Sehnen ihren Dienst versagen, werde ich ihn zufriedenstellen, bis zu dem innersten Mittelpunkte und bis zum äußersten Umfange seiner Erwartungen. Gehe ich mit ihm, ---- bringe
ich ihm das Opfer, das er von mir verlangt, so soll es ganz
geschehen. Ich will alles auf den Altar legen --- Herz, Eingeweide, das ganze Schlachtopfer. Er wird mich nie lieben, aber
er soll mit mir zufrieden sein; ich werde ihm eine Energie
zeigen, die er noch nie gesehen, Fähigkeiten, die er nie vermutet
hat. Ja, ich kann arbeiten und mich ohne Murren, so streng
wie er, der Arbeit unterziehen.
So ist es also möglich, in seine Forderung zu willigen, wäre
nur eins- ein schreckliches Aber nicht. Ich soll sein Weib
werden, und doch hat er nicht mehr vom Herzen eines Gatten,
als jener düstere, riesige Felsen, von dem das Wasser in jene
Schlucht hinab sich schäumend stürzt Er schätzt mich, wie ein
Soldat eine gute Waffe, und das ist alles. Solange ich mit
ihm nicht verheiratet wäre, wütrde mir dies keinen Kummer
verursachen, aber kann ich ihn seine Berechnungen zu Ende bringen, seine Pläne kalt ausführen, - - die Trauungszeremonie durchmachen lassen? Kann ich von ihm den Brautring
annehmen, alle Formen der Liebe ertragen, die er ohne Zweifel
gewissenhaft beobachten würde, und dabei wissen, daß der Geist
gar nicht dabei war? Kann ich das Bewußtsein ertragen, aß
jede Liebkosung, die er für mich hat, ein Dpfer ist, das auf
einem Grundsatze beruht? Nein, ein solches Märtyrertum wäre
etwas Ungeheuerliches. Als seine Schwester könnte ich ihn
begleiten, --- nicht als seine Frau, das soll mein Bescheid sein!
Ich blickte nach der Erhöhung hin, da lag er, so ruhig, wie
eine umgeworfene Säule. Sein Gesicht war mir zugewendet,
und sein Auge strahlte wachsam und lebhaft. Er sprang auf
und kam zu mir her.
Ich bin bereit, nach Indien zu gehen; aber ich muß frei
dahin gehen können.
- Ihre Antwort bedarf eines Kommentars, sagte er, sie ist
nicht klar.
Bis jetzt sind Sie mein Adoptivbruder gewesen, ich - - Ihre
Adoptivschwester; so soll es auch ferner sein. Es ist besser,
wenn wir einander nicht heiraten.
Er schüttelte den Kopf.
Ein solches Verhältnis geht in diesem Falle nicht an. Wären
Sie meine wirkliche Schwester, so ließe sich die Sache machen;
ich würde Sie mitnehmen und keine Frau suchen. Wie aber
die Sache steht, muß entweder unser Bund durch die Ehe
geheiligt und besiegelt werden, oder er kann überhaupt nicht
existieren. Jedem andern Plan stellen sich praktische Hindernisse
entgegen. Sehen Sie das nicht ein, Jane? Denken Sie einen
Augenblick nach, --- Ihr gesunder Verstand wird Sie das Rechte
finden lassen.
Ich überlegte die Sache, und doch konnte ich nichts anderes
finden, als die Tatsache, daß wir einander nicht liebten, wie
Mann und Weib einander lieben sollen, und daraus schloß ich,
daß wir einander nicht heiraten dürften.
Ich sagte zu ihm:
St. John, ich sehe Sie als meinen Bruder an, --- Sie mich
als Ihre Schwester, dies wollen wir einander bleiben.
Das können wir nicht, antwortete er kurz entschlossen. Sie
haben gesagt, Sie wollten mit mir nach Indien gehen, erinnern
Sie sich-- Sie haben es gesagt.
Bedingungsweise.
Gut -- gut. Gegen die Hauptsache - die gemeinsame
gut wie an den Pflug gelegt; Sie sind zu konsequent, um sie
zurückzuziehen. Sie dürfen nur einen Zweck im Auge behalten:
-- -- wie das Werk, das Sie einmal unternommen, am besten
vollbracht werden kann. Vereinfachen Sie Ihre verworrenen ;
Interessen, Gefühle, Gedanken, Wünsche, Absichten; lassen Sie
alle Rücksichten in einem Vorsatze aufgehen -- in dem Vorsatze,
die Sendung Ihres großen Herrn und Meisters wirksam und
mit Kraft auszuführen. Um dies zu tun, bedürfen Sie eines
Gehilfen--- keines Bruders --- ein solches Band ist zu locker
--- sondern eines Gatten. Auch ich brauche keine Schwester, eine
Schwester kann jeden Tag von mir genommen werden. Ic
brauche ein Weib; nur auf eine solche Gehilfin kann ich im
Leben den gehörigen Einfluß üben, -- nur eine solche Gehilfin
kann ich bis zum Tode behalten.
Ich schauderte, während er sprach, ich fühlte seinen Einfluß
in meinem Marke; -- ich fühlte, wie er mich an allen Gliedern
festhielt.
Suchen Sie sich eine solche anderswo, St. John! Suchen
Sie eine, die für Sie paßt.
Eine, die für meinen Zweck paßt, meinen Sie, --- eine, die
zu meinem Berufe paßt. Ich sage Ihnen abermals, nicht für
das unbedeutende, alleinstehende Individuum -- nicht für den
bloßen Menschen in seinem selbstischen Wesen suche ich eine
Gehhilfin, sondern für den Missionar.
Und ich will dem Missionar alle meine Kraft schenken -
das ist alles, was er braucht-- aber nicht mich selbst. Das
hieße bloß die Hülse und die Schale dem Kerne beifügen.
Diese braucht er nicht, ich behalte sie für mich.
Das können Sie nicht! -- Das dürfen Sie nicht: Glauben Sie,
Gott werde mit einem halben Opfer zufrieden sein? Wird er
ein solches annehmen? Es ist die Sache Gottes, die ich vertrete; ich werbe Sie für seinen Dienst. Ich kann für ihn
keinen halben Diensteid annehmen, es muß ein ganzer sein.
O, ich will mein Herz Gott weihen, sagte ich, Sie brauchen
es nicht.
In dem Tone, womit ich diese Worte sprach, sowie auch in
abem Gefühle, das sie begleitete, lag vielleicht ein Anflug von
unterdrücktem Sarkasmus. Ich hatte St. John bis jetzt
schweigend gefürchtet, weil ich ihn nicht verstanden hatte. Wieviel an ihm heilig, wieviel an ihm irdisch war, hatte ich bis
daher nicht sagen können; aber in dieser Unterredung kamen
Enthüllungen, die Analyse seiner Natur ging vor meinen
Augen vor sich. Ich sah seine Schwächen, ich begriff sie. Ich
erkannte, daß ich, auf meiner Bank von Heidekraut und mit
jener schönen Gestalt vor mir, zu den Füßen eines Mannes
saß, der irrte, wie ich. Der Schleier fiel von seiner Härte und
seinem Despotismus. Nachdem ich gefühlt, daß diese Eigenschaften ihm innewohnten, wurde ich auch seiner Unvollkommenheit gewahr und faßte Mut. Ich hatte vor mir ein Wesen
meinesgleichen -- einen Menschen, dem ich Widerstand leisten
konnte.
Er schwieg, nachdem ich die letzten Worte ausgesprochen, und
nach einer Weile wagte ich es, zu ihm aufzublicken. Sein auf
mich geheftetes Auge drückte zugleich eine ernste Überraschung
und eine strenge Frage aus.
Sarkastisch? Sarkastisch gegen mich? Was soll das heißen?
schien sein Auge zu sagen.
Wir wollen nicht vergessen, daß es sich hier um eine ernste
Sache handelt, sagte er nach einer kleinen Pause, eine Sache,
über die wir nicht ohne Sünde mit Gedanken oder Worten so
leicht hinweggehen können. Ich hoffe, Jane, es ist Ihr Ernst, wenn
Sie sagen, Sie wollen Gott Ihr Herz weihen, weiter verlange
ich nichts. Haben Sie einmal Ihr Herz von den Menschen
losgerissen und es Ihrem Schöpfer geweiht, so wird die Ausbreitung des geistigen Gottesreiches auf dieser Erde Ihre
höchste Freude, Ihr höchstes Bestreben sein. Sie werden dann
bereit sein, alles, was diesem Zwecke förderlich ist, ohne weiteres
zu tun. Sie werden sehen, welch mächtiger Vorschub Ihren
und meinen Bemühungen durch unsere physische und geistige
Verbindung in der Ehe geleistet wird -- die einzige Verbindung,
die den Geschicken und Plänen menschlicher Wesen einen Charakter dauerhafter Gleichförmigkeit verleiht - und über alle,
Launen von untergeordneter Bedeutung, über alle trivialen
Schwierigkeiten und Gefühlsfeinheiten, alle Bedenklichkeiten -
über den Grad, die Art oder Innigkeit einer bloßen persönlichen
Neigung sich hinwegsetzend, werden Sie sich beeilen, auf diese ,
Verbindung ohne weiteres einzugehen.
Meinen Sie? sagte ich kurz und sah seine Züge an, die zwar -
schön in ihrer Harmonie, aber in ihrer ruhigen Strenge mir N
furchtbar schienen. Ich sah seine Stirn an, die gebieterisch,
aber nicht offen war, --- seine glänzenden, tiefen und forschen- -
den, aber nie sanften Augen, --- seine hohe Gestalt, --- und
dachte mich einen Augenblick als seine Fr au. O es konnte
nimmermehr sein! Als seine Gehilfin, seine Gefährtin, ja!
Ich wollte in dieser Eigenschaft mit ihm über Meere gehen, I
-- -- wollte mit ihm in diesem Berufe in den glühenden Himmels- -
strichen Asiens arbeiten, --- wollte seinen Mut, seine Hingebung,
seine Tatkraft bewundern und nachahmen, - - wollte mich ihm
ruhig unterordnen, - wollte ungestört über seinen unausrottbaren Ehrgeiz lächeln, --- wollte den Christen von dem Menschen
unterscheiden, -= wollte den einen hochachten und dem andern
gerne vergeben. Ohne Zweifel mußte ich, wenn auch nur in
dieser Eigenschaft an ihn gebunden, oft leiden; mein Körper
mußte zwar unter ein ziemlich schweres Joch kommen, dabei
aber war mein Herz und mein Geist frei. Immer noch hatte
ich dann mein unversehrtes Ich, an das ich mich wenden konnte,
immer noch hatte ich dann meine natürlichen, nicht geknechteten
Gefühle, -- Gefühle, womit ich in Augenblicken, wo mich die
Einsamkeit drückte, verkehren konnte. Es blieben Falten in
meinem Gemüt, die nur mir gehörten, die ihm immer verschlossen
blieben, und Gefühle, die seine Strenge weder versehren, noch
sein abgemessener Soldatenschritt niedertreten konnte, aber als
seine Frau -- stets ihm zur Seite und stets gehemmt und
stets gezügelt, - - gezwungen, das Feuer meiner Natur beständig
,It unterdrücken, --- das mußte unerträglich sein.
St. John! rief ich, als ich in meinem Nachdenken so weit
gekommen war.
Nun? antwortete er eiskalt.
Ich wiederhole es; ich willige gern ein, Ihnen als Gehilfin
bei Ihren Missionsarbeiten beizustehen, aber nicht als Ihre
Frau. Ich kann Sie nicht heiraten, kann nicht ein Teil von
Ihnen werden.
Ein Teil von mir müssen Sie werden, antwortete er hartnäckig, sonst gilt der Handel nichts. Wie kann ich, ein Mann
von noch nicht dreißig Jahren, ein Mädchen von neunzehn mit
mir nach Ostindien nehmen, wenn sie mit mir nicht verheiratet
ist - Wie können wir, unverheiratet, immer beisammen sein --
bisweilen in Einöden, bisweilen unter wilden Völkern?
Ganz gut! sagte ich kurz; unter solchen Umständen ebensogut,
als wenn ich entweder Ihre wirkliche Schwester, oder ein Mann
und ein Geistlicher wäre, wie Sie.
Es ist bekannt, daß Sie nicht meine Schwester sind; ich kann
Sie als solche nicht einführen. Wollte ich es versuchen, so
würde ein beleidigender Verdacht sich an uns heften. Und
zudem haben Sie dennoch das Herz eines Weibes, wenn Sie
auch den kräftigen Verstand eines Mannes haben; es würde
also nicht angehen.
Es würde doch angehen, behauptete ich mit einem etwas
geringschätzigen Tone, ganz gut. Ich habe das Herz eines
Weibes, das ist wahr, aber nicht Ihnen gegenüber. Für Sie
habe ich bloß die Beständigkeit eines Kameraden, die Offenheit,
die Treue, die Bruderliebe, wenn Sie wollen, eines Mitkämpfers,
die Achtung und die Unterwürfigkeit eines Neubekehrten für
seinen Oberpriester, nichts weiter --- seien Sie ohne Sorge.
Das ist, was ich brauche, sagte er, zu sich selbst redend;
das ist gerade, was ich brauche, und die im Wege stehenden
Hindernisse müssen entfernt werden. Jane, es würde Sie nicht
reuen, mich geheiratet zu haben, seien Sie dessen versichert!
Wir müssen einander heiraten. Ich wiederhole es; es ist kein
anderer Ausweg da. Und ohne Zweifel würde auf die eheliche
Verbindung Liebe genug folgen, um die Heirat selbst in Ihren
Augen zu rechtfertigen.
Ich mag von Ihrer Auffassung der Liebe nichts wissen,
konnte ich mich nicht enthalten zu sagen, indem ich mich erhob
und mich, mit fest an den Felsen gelehntem Rücken, vor
ihn hinstellte. Ich will nichts von dem unechten Gefühle wissen,
das Sie mir anbieten ja, St. John, und ich verachte Sie,
wenn Sie mir dasselbe anbieten.
Er sah mich fest an und preßte, während er dies tat, seine
wohlgeformten Lippen zusammen. Ob er zornig oder überrascht
war, oder was sonst, ließ sich nicht leicht sagen; er konnte sein
Gesicht vollkommnen beherrschen.
Ich erwartete kaum, dies Wort von Ihnen zu hören, sagte er.
Ich denke, ich habe nichts getan und gesprochen, weshalb ich
verdiente, verachtet zu werden.
Ich war durch seinen sanften Ton gerührt und seine erhabene
ruhige Miene eingeschüchtert.
Vergeben Sie mir das Wort, St. John, aber es ist Ihre
eigene Schuld, daß ich so unüberlegt gesprochen. Sie haben
einen Punkt zur Sprache gebracht, in dem unsere Naturen nicht
miteinander übereinstimmen, den wir nie erörtern sollten.
Schon der Name der Liebe ist ein Zankapfel zwischen uns --
wenn die Wirklichkeit gefordert würde, was würden wir tun?
Wie würden wir empfinden? Mein lieber Vetter, geben Sie
Ihren Heiratsplan auf - - vergessen Sie ihn!
Nein, sagte er, es ist ein Plan, mit dem ich mich lange getragen, und wodurch ich allein die Erreichung meines großen
Endzweckes sichern kann; vor der Hand aber werde ich nicht
weiter in Sie dringen. Morgen verlasse ich Moor-House, um
nach Cambridge zu gehen; ich habe dort viele Freunde, von
denen ich gern Abschied nehmen möchte. Ich werde vierzehn
Tage abwesend sein. Denken Sie während dieser Zeit über
mein Anerbieten nach und vergessen Sie nicht, daß, wenn Sie
es von sich weisen, Sie sich nicht mir entziehen, sondern Gott.
Durch mich eröffnet er Ihnen eine edle Laufbahn; nur als mein
Weib können Sie dieselbe betreten. Wollen Sie nicht mein
Weib sein, so beschränken Sie sich für immer auf ein Leben
selbstsüchtiger Bequemlichkeit und unfruchtbarer Dunkelheit.
Zittern Sie, daß Sie nicht in diesem Falle denen beigezählt
werden, die den Glauben verleugnet haben, und schlimmer sind,
als Ungläubige.
Er hatte geendet. Sich von mir wendend, blickte er:
, Noch einmal nachdem Flusse hin, noch einmal nachdem Hügel hin.
Aber diesmal waren seine Gefühle alle in seinem Herzen
verschlossen, ich war nicht würdig, sie aussprechen zu hören.
Als ich an seiner Seite heimging, las ich in seinem eisernen
Schweigen die Gefühle, die er in Bezug auf mich hegte, die
getäuschte Hoffnung einer strengen und despotischen Natur, die
auf Unterwerfung rechnete und auf Widerstand gestoßen war,
--- die Mißbilligung eines kalten Verstandes, der bei einem
andern Gefühle und Ansichten entdeckt hat, womit er nicht zu
sympathisieren vermag, mit einem: Worte, als Mann hätte er
gewünscht, mich zum Gehorsam zu zwingen; nur als aufrichtiger
Christ ertrug er mit so vieler Geduld meine Verstocktheit und ;
gewährte eine so lange Frist zum Nachdenken und zur Reue.
An jenem Abend hielt er es, nachdem er seine Schwestern l
geküßt, für angemessen, mir nicht einmal die Hand zu drücken, ;
sondern verließ schweigend das Zimmer. Ich --- die ich, wenn ;
auch keine Liebe, so doch viele Freundschaft für ihn hegte --
wurde durch diese auffallende Unterlassung verletzt, und zwar
so, daß mir Tränen in die Augen traten.
Ich sehe, du und St. John habt während eures Spazierganges auf dem Moor miteinander Streit gehabt, Jane, sagte
Diana. Geh ihm nach; er ist jetzt im Korridor und wartet auf
dich -- er will sich mit dir aussöhnen.
Unter solchen Umständen besitze ich nicht viel Stolz, ich bin
gewohnt, der Freundschaft meine Würde zu opfern, und ich lief
ihm nach.
Er stand am Fuße der Treppe.
Gute Nacht, St. John, sagte ich.
Gute Nacht, Jane, erwiderte er ruhig.
So wollen wir einander die Hand geben, setzte ich hinzu.
Welch kalten, unsichern Druck fühlten da meine Finger. Er
war höchlich mißvergnügt über das, was an jenem Tage vorgefallen war; Herzlichkeit konnte ihn nicht erwärmen, Tränen ihn
nicht rühren. Keine frohe Versöhnung war bei ihm möglich ----
kein wohltuendes Lächeln, kein edelmütiges Wort von ihm zu
erlangen, aber doch war der Christ geduldig und gelassen, und
als ich ihn fragte, ob er mir verzeihe, antwortete er mir, daß
er die Erinnerung an einen Verdruß nicht zu bewahren pflege,
daß er nichts zu vergeben habe, indem ich ihn nicht beleidigt
hätte.
Und mit dieser Antwort entfernte er sich. Es wäre mir
lieber gewesen, er hätte mich zu Boden geschlagen.
Fünfunddreissigstes Kapitel.
Er ging am nächsten Tage nicht nach Cambridge, wie er mir
doch gesagt hatte. Er schob seine Abreise eine ganze Woche
lang auf, und während dieser Zeit ließ er mich fühlen, wie hart
ein guter, aber strenger Mann jemand strafen kann, der ihn beleidigt hat. Ohne einen offenen Akt der Feindschaft, ohne ein
tadelndes Wort gelang es ihm, mir jeden Augenblick die
Ueberzeugung beizubringen, daß ich seine Gunst eingebüßt
hatte.
Nicht als ob St. John einem unchristlichen Rachegefühl
Raum gegeben, - nicht als ob er mir ein Haar hätte krümmen
mögen, wenn das in seiner Macht gestanden hätte. Er war sowohl von Natur, als durch seine Grundsätze über eine so gemeine Befriedigung der Rache erhaben. Er hatte es mir vergeben, daß ich gesagt, ich verachtete ihn und seine Liebe, allein
er hatte die Worte nicht vergessen, und ich war überzeugt, daß
er sie nie vergessen würde, solange er und ich am Leben
wären.
Er vermied es nicht, mit mir zu sprechen, er rief mich sogar,
wie gewöhnlich jeden Morgen zu sich an sein Pult hin, und ich
fürchte, der sündige Mensch in ihm hatte ein dem reinen Christen
unbekanntes Vergnügen daran, daß er dartat, wie geschickt er,
während er anscheinend ganz wie gewöhnlich handelte und
sprach, jeder Handlung und jedem Worte den Geist der Teilnahme und der Billigung entziehen könne, der seiner Sprache
und seinem ganzen Wesen früher einen gewissen herben Reiz
verliehen hatte. Für mich war er in der Tat kein Fleisch mehr,
sondern zu Marmor geworden, sein Auge war ein kalter, glänzender, blauer Edelstein, seine Zunge ein Sprachwerkzeug -- und
sonst nichts.
Aber eine raffinierte Folterqual war dieser Mann. So entfremdet er mir jetzt auch sein mochte, er hatte mir einst doch das Leben gerettet, und wir waren nahe Verwandte. Ich mußte und
wollte also einen letzten Versuch machen, seine Freundschaft
wiederzugewinnen. Ich ging hinaus und trat auf ihn zu, als
er eines Abends sich im Garten erging und an das kleine
Pförtchen lehnte. Ich kam sogleich zur Sache.
St. John, ich bin unglücklich, weil Sie mir immer noch
grollen. Lassen Sie uns Freunde sein!
Ich hoffe, wir sind Freunde, war die kalte Antwort, während
er fortfuhr, den Aufgang des Mondes zu betrachten.
Nein, St. John, wir sind nicht mehr Freunde wie früher.
Sie wissen das.
Sind wir es nicht mehr? Das ist nicht recht. Was mich
betrifft, so wünsche ich Ihnen nichts Böses, sondern im Gegenteil alles Gute.
Ich glaube Ihnen, St. John, denn ich bin überzeugt, daß
Sie niemand Böses wünschen können, da ich aber Ihre Verwandte bin, so möchte ich etwas mehr Liebe, als jene Art allgemeiner Philanthropie, die Sie für Fremde haben.
Natürlich, sagte er. Ihr Wunsch ist ganz vernünftig, und ich
bin weit entfernt, Sie als eine Fremde zu betrachten.
Diese in kaltem Tone gesprochenen Worte waren kränkend
und zurückweisend genug. Hätte ich auf die Einflüsterungen
des Stolzes und des Zornes gehört, so würde ich ihn alsbald
verlassen haben; aber es arbeitete in mir etwas, das stärker
war als diese Gefühle. Ich verehrte das Talent und die
Grundsätze meines Vetters tief. Seine Freundschaft war von
Wert für mich, und es ging mir sehr zu Herzen, daß ich sie
verloren hatte. Ich wollte den Versuch, sie wiederzugewinnen,
nicht so bald wieder aufgeben.
Müssen wir so voneinander scheiden, St. John ! Und wollen
Sie mich, wenn Sie nach Indien gehen, verlassen, ohne ein
freundlicheres Wort, als Sie bis jetzt gesprochen haben?
Er wandte sich jetzt ganz vom Monde ab und lehrte mir das
Gesicht zu.
Wenn ich nach Indien gehe, Jane, werde ich Sie da verlassen? Wie ! Sie gehen nicht nach Indien?
Sie haben ja gesagt, es sei dies unmöglich, wenn ich Sie
nicht heirate.
Und Sie wollen mich nicht heiraten? Sie bleiben also bei
diesem Entschlusse?
Nein, St. John, ich heirate Sie nicht. Ich bleibe bei meinem
Entschlusse.
Noch einmal, warum diese Weigerung? fragte er.
Früher, antwortete ich, weil Sie mich nicht liebten; jetzt erwidere ich, weil Sie mich beinahe hassen. Sollte ich Sie
heiraten, so würden Sie mich ums Leben bringen. Schon jetzt
bringen Sie mich um.
Seine Lippen und seine Wangen wurden weiß --- völlig
weiß.
Ich würde Sie um bringen --- ich bringe Sie um?
Sie sollten sich nicht solcher Worte bedienen, sie sind heftig, unweiblich und unwahr. Sie verraten einen unseligen Gemütszustand; sie verdienen scharfen Tadel. Sie könnten unentschuldbar scheinen, aber es ist die Pflicht eines Menschen,
seinem Mitmenschen zu vergeben, und wäre es auch siebenzigmal siebenmal.
Jetzt war alles aus. Während ich ernstlich gewünscht hatte,
die Spuren meiner früheren Beleidigung aus seinem Geiste zu
tilgen, hatte ich sie tiefer eingebrannt.
Jetzt werden Sie mich in der Tat hassen, sagte ich. Es ist
unnütz, daß ich Sie zu versöhnen suche, ich sehe, ich habe mir
Sie auf ewig zum Feinde gemacht.
Diese Worte verwundeten ihn aufs neue und um so tiefer,
weil sie der Wahrheit entsprachen. Seine blutlosen Lippen
zuckten krampfhaft. Ich wußte, welchen Zorn ich entzündet
hatte. Ich war trostlos.
Sie mißdeuten meine Worte ganz und gar, sagte ich, indem
ich plötzlich seine Hand faßte, ich habe nicht die Absicht, Ihnen
Kummer oder Schmerz zu verursachen, gewiß nicht.
Er lächelte bitter und entzog mir seine Hand mit großer Entschiedenheit.-- Und jetzt nehmen Sie vermutlich Ihr Versprechen
zurück und gehen überhaupt nicht nach Indien? sagte er nach
einer ziemlich langen Pause.
Ich will als Ihre Gehilfin hingehen, antwortete ich.
Es folgte nun ein sehr langes Schweigen. Welcher Kampf
in dieser Zwischenzeit in ihm zwischen der Natur und der Gnade
vorging, vermag ich nicht zu sagen, nur funkelten einzelne Blitze
in seinen Augen, und seltsame Schatten gingen über sein Gesicht
hin. Endlich sprach er:
Ich habe Ihnen schon bewiesen, wie töricht es ist, wenn ein
Mädchen von Ihrem Alter mit einem unverheirateten Mann
von meinem Alter in ein fremdes Land gehen will. Ich habe
es Ihnen so klar bewiesen, daß ich dachte, Sie würden auf
Ihren Vorschlag nicht mehr zurückkommen. Daß Sie es dennoch getan, bedaure ich um Ihretwillen.
Ich unterbrach ihn; seine im Tone des Vorwurfs gesprochenen Worte gaben mir mit einem Male wieder Mut. Ich sagte:
Bleiben Sie doch vernünftig, St. John, Sie streifen an Unsinn. Sie tun, als ob das, was ich gesagt, etwas Unanständiges
wäre. Das ist aber nicht der Fall; denn bei Ihrem hohen
Verstande können Sie nicht so stumpfsinnig oder so eingebildet
sein, das, was ich meine, mißzuverstehen. Ich sage abermals,
ich will Ihre Gehilfin sein, wenn es Ihnen recht ist, nie aber
Ihre Frau.
Wieder wurde er leichenblaß, beherrschte aber, wie zuvor,
seinen Zorn vollkommen. Er antwortete nachdrücklich, aber
ruhig:
Eine Gehilfin, die nicht mein Weib ist, paßt unter keinen
Umständen für mich. Mit mir also können Sie, wie es scheint,
nicht gehen; ist aber Ihr Anerbieten ein aufrichtiges, so werde
ich bei meiner Anwesenheit in der Stadt mit einem verheirateten
Missionar sprechen, dessen Frau eine Gehilfin braucht. Ihr
eigenes Vermögen wird Sie von der Unterstützung der Missionsgesellschaft unabhängig machen, und Sie können sich so die
Schande ersparen, Ihr Versprechen zu brechen und die Fahne
zu verlassen, der zu folgen Sie sich verpflichtet haben.
Nun aber hatte ich nie ein förmliches Versprechen gegeben, mich zu nichts verbindlich gemacht, und es war diese
Sprache daher viel zu hart und viel zu despotisch. Ich antwortete:
Hier kann es sich um keine Schande handeln, um keinen
Bruch eines Versprechens, um keine Fahnenflucht. Ich habe
mich nicht im geringsten verbindlich gemacht, nach Indien zu
gehen, insbesondere nicht mit Fremden. Mit Ihnen würde ich
viel gewagt haben, weil ich Sie bewundere, auf Sie mein
Vertrauen setze und Sie wie einen Bruder liebe. Allein,
ich bin überzeugt, daß ich in jenem Himmelsstriche nicht lange
am Leben bleiben würde, wenn und mit wem ich auch gehen
möchte.
Ah, Sie fürchten für Ihr Leben, sagte er, seine Lippe
kräuselnd.
Ja, ich fürchte mich. Gott hat mir nicht das Leben geschenkt,
um es wegzuwerfen. Und zu handeln, wie ich nach Ihrem
Willen handeln soll, käme --- wie ich zu denken anfange --
fast einem Selbstmord gleich. Ueberdies will ich, ehe ich mich
definitiv entschließe, England zu verlassen, mich erst überzeugen,
ob ich mich nicht nützlicher machen kann, wenn ich hier bleibe,
als wenn ich in ein fremdes Land gehe.
Was wollen Sie damit sagen?
Es wäre vergebens, wenn ich das zu erklären versuchte; aber
es gibt einen Punkt, worüber ich lange in peinlichem Zweifel
gewesen bin, und ich kann nirgends hingehen, solange dieser
Zweifel nicht in irgend einer Weise beseitigt wird.
Ich weiß, wohin Ihr Herz sich wendet, und woran es hängt.
Schon längst hätten Sie dieses unheilige Gefühl aus Ihrem
Herzen verbannen sollen; jetzt sollten Sie erröten sich
schämen, auch nur darauf anzuspielen. Sie denken an Herrn
Rochester.
Er sprach die Wahrheit. Ich bekannte es durch mein
Schweigen.
Wollen Sie Herrn Rochester aufsuchen?
Ich muß wissen, was aus ihm geworden ist.
So bleibt mir denn, sagte er, nur noch übrig, Sie in mein
Gebet einzuschließen und Gott für Sie zu bitten, daß Sie nicht
eine Verworfene werden. Ich hatte in Ihnen eine der Auserwählten zu erkennen geglaubt. Aber Gott sieht nicht, wie der
Mensch sieht, sein Wille geschehe.
Er öffnete das Pförtchen und entfernte sich in der Richtung
der Schlucht. Bald war er nicht mehr zu sehen.
Als ich wieder in das Empfangszimmer trat, fand ich Diana,
sie stand am Fenster und sah sehr gedankenvoll aus. Sie legte
ihre Hand auf meine Schulter und schaute mir, indem sie sich
zu mir neigte, aufmerksam ins Gesicht.
Jane, sagte sie, du bist stets aufgeregt und jetzt blaß. Ich
bin gewiß, es ist nicht alles in Ordnung. Sage mir, was du
und St. John miteinander auszumachen habt. Ich habe euch
diese ganze halbe Stunde vom Fenster aus beobachtet; du
mußt mir verzeihen, daß ich so spioniere, aber schon lange bildete
ich mir, ich weiß kaum was, ein. St. John ist ein seltsamer
Mensch, -- sie schwieg, - ich sprach nicht, bald fuhr sie
wieder fort:
Mein Bruder hat gewiß ganz besondere Ansichten in Bezug
auf dich. Er hat dich lange Zeit durch eine Beachtung und
eine Teilnahme ausgezeichnet, die er noch für niemand an den
Tag gelegt hat. Wozu? Ich wollte, er liebte dich; liebt er
dich wirklich, Jane?
Ich legte ihre kalte Hand auf meine heiße Stirn und
sagte.
Nein, nicht ein bißchen.
Warum folgt er dir dann aber so mit seinen Augen, und
warum ist er denn so oft allein bei dir, und warum behält er
dich so beständig in seiner Nähe? Wir beide, Marie und ich,
hatten daraus den Schluß gezogen, daß er dich heiraten wolle,
und hatten uns sehr darüber gefreut.
Als ich ihr aber meine Unterredung mit ihrem Bruder
erzählte und ihr die Natur der Gefühle, die wir beide gegeneinander hegten, ausführlich auseinandersetzte, gab sie mir entschieden recht. Es wäre Wahnsinn, meinte sie, wenn ich ihm
als seine Frau oder seine Gehilfin nach Indien folgen wollte.
Beim Nachtessen mußte ich wieder mit St. John zusammentreffen. Während dieses Mahles schien er geradeso gefaßt und
ruhig, wie gewöhnlich. Ich hatte geglaubt, daß er kaum mit
mir reden würde, und hielt mich überzeugt, daß er die weitere
Verfolgung seines ehelichen Projektes aufgegeben hätte. Die
Folge zeigte aber, daß ich mich in beiden Punkten irrte. Er
sprach mit mir in seiner gewohnten Weise oder in der Weise,
die er neulich angenommen, --- das heißt, ungemein höflich.
Ohne Zweifel hatte er die Hilfe des heiligen Geistes angerufen,
um den Zorn, den ich in ihm entflammt hatte, zu ersticken, und
glaubte nun, er habe mir abermals vergeben.
Als Abendlektion vor dem Gebete wählte er das einundzwanzigste Kapitel der Offenbarung Johannis. Es war immer
angenehm, zuzuhören, wenn die Worte der Bibel von seinen
Lippen fielen. Nie hatte seine schöne Stimme einen so vollen
Klang, -« nie machte er in seiner edlen Einfachheit einen so
tiefen Eindruck auf mich, als wenn er die Orakel Gottes verkündete, und an diesem Abend nahm seine Stimme einen feierlichen Ton an und sein ganzes Wesen eine mehr zum Herzen
dringende Bedeutung, - - als er mitten in seinem häuslichen
Kreise saß, während der Maimond durch das Fenster hereinblickte und das Licht der Kerze auf dem Tische fast unnötig
machte, -- als er dasaß, über die große, alte Bibel geneigt,
und aus ihr die Erscheinung des neuen Himmels und der neuen
Erde beschrieb; -- als er sprach, wie Gott herabkomme zu den
Menschen, wie er alle Tränen von ihren Augen trocknen würde,
und wie er verheiße, daß kein Tod mehr sein solle, kein Leid,
keine Klagen, keine Schmerzen, weil das Ehemals vergangen sei.
Wie er so die Worte nacheinander sprach, fühlte ich mich
seltsam durchbebt. Insbesondere als ich an der leichten unbeschreiblichen Veränderung des Tones bemerkte, daß sein Auge
sich nach mir hinwendete.
Wer überwindet, wird alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein. Aber-- dies wurde langsam und deutlich gelesen -- den Verzagten und Ungläubigen, -
und Greulichen und Totschlägern, und Abgöttischen und allen
Lügnern, deren Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer
und Schwefel brennt, welches ist der zweite Tod.
Nun wußte ich, welches Schicksal St. John für mich fürchtete.
Ein ruhiger, gedämpfter Triumph, verbunden mit einem sehnsuchtsvollen Eifer, sprach sich in der Art aus, wie er die
letzten herrlichen Verse dieses Kapitels vortrug.
In dem auf das Kapitel folgenden Gebete sammelte sich
seine ganze Kraft, erwachte sein ganzer, ernster Eifer; er rang
ernsterfüllt mit Gott und war entschlossen, einen Sieg zu erfechten. Er bat um Stärke für die Schwachen, um Leitung für
die, so sich von der guten Herde verirrt, um Rückkehr, wenn
auch noch in der elften Stunde, für die, welche die Versuchungen
der Welt und des Fleisches von dem engen Pfade ablockten.
Er flehte um die Gnade, daß er den Brennenden einem Brand
entreißen möge.
Als das Gebet vorüber war, verabschiedeten wir uns von
ihm, denn er wollte den nächsten Morgen ganz in der Frühe
weggehen. Nachdem Diana und Marie ihn geküßt hatten, gingen
sie aus dem Zimmer -- wahrscheinlich um einem geflüsterten
Winke von ihm nachzukommen, und ich reichte ihm die Hand
und wünschte ihm eine glückliche Reise.
Ich danke Ihnen, Jane! Ich werde, wie schon gesagt, in
vierzehn Tagen von Cambridge zurück sein, so viel Zeit also
haben Sie noch, sich zu besinnen. Wollte ich auf menschlichen
Stolz hören, so würde ich von der Heirat nichts mehr sagen,
aber ich höre auf meine Pflicht und halte meinen ersten Endzweck fest im Auge --- alles zur Ehre Gottes zu tun. Mein
Herr war langmütig, auch ich will es sein. Ich kann Sie nicht
als ein Gefäß des Zorns der Verdammnis anheimfallen lassen.
Bereuen Sie Ihre Sünden -- entschließen Sie sich, solange es
noch Zeit ist. Erinnern Sie sich, daß wir arbeiten sollen, die-
weil es Tag ist, -- und daß geschrieben steht, es kommt die
Nacht, wo niemand wirken kann. Erinnern Sie sich an das
Los des Reichen, der sein Gutes in diesem Leben hatte. Gott
gebe Ihnen die Kraft, das bessere Teil zu erwählen, das nicht
von Ihnen genommen werden wird.
Er legte seine Hand auf meinen Kopf, als er die letzten
Worte sprach. Er hatte ernst, sanft gesprochen, sein Blick war
in der Tat nicht der eines Liebenden, der seine Geliebte ansieht,
sondern der eines Hirten, der seine verirrten Schafe sucht -
oder richtiger, der eines Schutzengels, der über eine ihm anvertraute Seele wacht. Alle Menschen von Talent, mögen sie
Gefühlsmenschen sein oder nicht, mögen sie Eiferer oder Despoten
sein oder aufstreben, haben ihre erhabenen Augenblicke, sobald sie nur aufrichtig sind; haben ihre Augenblicke, wo sie
siegen und herrschen. Ich war von Verehrung für St. John
durchdrungen, so sehr von Verehrung durchdrungen, daß die
Stärke dieses Gefühls mich mit einem Male auf den Punkt
brachte, den ich so lange vermieden hatte. Ich war versucht,
den Kampf mit ihm aufzugeben, - in den Strom seines Willens
mich hinabzustürzen und in dem Schlund seiner Existenz mich
zu begraben und dort meine eigene zu verlieren. Ich wurde
von ihm jetzt fast ebenso sehr gedrängt, wie früher einmal, auf
andere Weise, von einem andern. Beide Male war ich eine
Törin. Hätte ich damals nachgegeben, so hätte ich gegen die
Moral verstoßen, hätte ich aber jetzt nachgegeben, so hätte
ich gegen den gesunden Verstand gesündigt. So denke ich jetzt,
wenn ich auf jene Krisis zurückblicke; ich war mir im Augenblicke der Torheit nicht bewußt.
Ich stand unter der Berührung meines Oberpriesters bewegungslos da. Meine Weigerungen waren vergessen --- meine Furcht
besiegt - mein Kampf gelähmt. Das Unmögliche --- das
heißt, meine Verheiratung mit St. John -- wurde schnell zu
zu etwas Möglichem. Plötzlich verwandelte sich alles gänzlich.
Die Religion rief – die Engel winkten – Gott befahl --
Leben rollte zusammen wie eine Papierrolle, die sich öffnenden Pforten des Todes zeigten die Ewigkeit jenseits. Es kam mir vor, es müsste hienieden, alles in einer Sekunde geopfert
werden, um dort oben Glück und Wonne zu finden. Das
düstere Zimmer war voller Erscheinungen.
Können Sie sich jetzt entscheiden? fragte der Missionar. Die
Frage war in sanftem Tone an mich gerichtet; ebenso sanft
zog er mich zu sich hin. O, diese Sanftmut! Um wieviel
mächtiger ist sie nicht, als die Gewalt! Ich konnte St. Johns
Zorn widerstehen, seinen freundlichen Worten nicht; ich wurde
biegsam wie ein Rohr. Doch wußte ich immer noch, daß ich,
wenn ich jetzt nachgäbe, meine frühere Empörung nichtsdestoweniger eines Tages zu bereuen haben würde. Seine Natur
hatte sich nicht durch eine Stunde feierlichen Gebetes geändert;
sie hatte sich nur gehoben.
Ich könnte mich entscheiden, wäre ich nur sicher, antwortete
ich. Wäre ich überzeugt, daß es Gottes Wille ist, daß ich Sie
heiraten soll, so könnte ich geloben, Sie hier und jetzt zu
heiraten --- es komme darauf, was da wolle!
Mein Gebet ist erhört! triumphierte St. John. Er drückte
seine Hand fester auf mein Haupt, gleich als nehme er mich in
Beschlag, er umgab mich mit seinem Arm, fast wie wenn er
mich liebte – ich sage fast - ich kannte den Unterschied - denn
ich hatte gefühlt, was es heißt, geliebt zu werden, aber gleich
ihm hatte ich jetzt die Liebe aus dem Spiel gelassen und bloβ
an die Pflicht gedacht. -- Ich kämpfte nur noch gegen meinen
trüben inneren Blick, vor dem noch Wolken schwebten. Ich
wünschte aufrichtig und mit aller Macht zu tun, was recht war,
und nichts weiter. Zeige mir, zeige mir den Weg! flehte ich
zum Himmel. Ich war erregter, als ich je zuvor gewesen; und
vielleicht war, was nun folgte, eine Wirkung dieser Erregtheit.
Im ganzen Hause herrschte tiefe Stille, denn alles hatte sich
jetzt zur Ruhe begeben, nur St. John und ich nicht. Eines
der Lichter war auf dem Punkte, auszugehen, aber das Zimmer
war durch den Mond ganz erhellt. Mein Herz schlug geschwind
und stark, ich hörte seine Schläge. Plötzlich stand es still bei
einem unaussprechlichen Gefühle, das es durchbebte und sich in
einem Augenblicke meinem Kopfe und meinen Gliedern mitteilte. Das Gefühl war nicht wie ein elektrischer Schlag, aber
ebenso durchdringend, so seltsam, so erschreckend; es wirkte auf
meine Sinne, wie wenn deren äußerste Tätigkeit bis daher
nichts als Stumpfheit gewesen wäre, der sie jetzt entrissen wurden.
Sie erwachten voller Erwartung; Auge und Ohr strengten sich
an, während das Fleisch an meinen Gebeinen zitterte.
Was haben Sie gehört? Was sehen Sie? fragte St. John.
Ich sah nichts, hörte aber irgendwo eine Stimme rufen: Jane!
Jane! Jane! Nichts weiter.
Ach Gott, was ist das, sagte ich atemlos.
Ich hätte sagen können: Wo ist es? denn es schien nicht im
Zimmer, noch im Hause, noch im Garten zu sein, es kam nicht
aus der Luft, noch aus dem Boden, noch von oben her. Ich
hatte es gehört-- wo oder von woher, das hätte ich nicht
angeben können! Und es war die Stimme eines menschlichen
Wesens, eine bekannte, geliebte Stimme, deren ich mich wohl
noch erinnerte --- die Stimme Eduard Fairfax Rochesters, und
sie sprach in Schmerz und Leid --- mild, geisterhaft, flehentlich.
Ich komme rief ich. Warte auf mich!
Ich rannte auf die Tür zu und sah in den Korridor hinaus!
er war finster. Ichrannte in den Garten hinaus: er war leer.
Wo bist du? rief ich.
Die Hügel jenseit von Marsh-Glen schickten leise die Antwort
zurück: Wo bist du?
Ich horchte. Der Wind seufzte leise in den Fichtenbäumen,
alles war Einsamkeit und mitternächtliche Stille.
Nieder mit dir, Aberglaube dachte ich, als dieses Gespenst -
sich an dem schwarzen Eibenbaum am Tore in schwarzer Gestalt
erhob. Dies ist keine Täuschung, keine Zauberei von dir! Es
ist das Werk der Natur; sie wurde geweckt und tat-- kein
Wunder -- sondern ihr möglichstes.
Ich riß mich von St. John los, der mir gefolgt war, und
mich zurückgehalten haben würde. Nun war es an mir zu
gebieten. Meine Kräfte waren jetzt erwacht und tätig. Ich
sagte ihm, er möchte sich aller Fragen und Bemerkungen enthalten; ich bat ihn, mich zu verlassen, da ich allein sein müsse
und wolle. Er gehorchte alsbald. Wo Energie ist, um richtig
zu befehlen, da fehlt der Gehorsam nie. Ich ging in mein
Zimmer hinauf, schloß mich ein, fiel auf meine Knie nieder und
flehte zu Gott in meiner Weise, --- die zwar von der St. Johns
verschieden, aber in ihrer Art doch wirksam war. Es schien
mir, als sei ich ganz in die Nähe eines mächtigen Geistes vorgedrungen, und meine Seele ergoß sich in Dankbarkeit zu seinen
Füßen. Ich stand von dem Dankgebet auf -- faßte einen
Entschluß --- und legte mich nieder, ruhig, erleuchtet -- und
Nach nichts michsehnend, als nachdem Tageslicht.
Sechsundddreissigstes Kapitel.
Das Tageslicht kam. Mit der Dämmerung stand ich auf.
Ich beschäftigte mich einige Stunden damit, daß ich in meinem
Zimmer alles in die Ordnung brachte, in der ich es während
einer kurzen Abwesenheit lassen wollte. Unterdessen hörte ich
St. John sein Zimmer verlassen. Er blieb an meiner Tür
stehen, und ich fürchtete, er würde anklopfen; -- aber nein, ein
Stick Papier wurde unter der Tür durchgeschoben. Ich nahm
es und las folgendes:
Sie haben mich in der vergangenen Nacht zu plötzlich verlassen. Wären Sie nur etwas länger geblieben, so würde das
Kreuz des Christen und die Krone des Engels die Ihrige geworden sein. Ich erwarte Ihre klare Entscheidung, wenn ich
heute über vierzehn Tage zurückkomme. Unterdessen machen
und beten Sie, damit Sie nicht in Anfechtung fallen; der Geist
ist ja willig, aber das Fleisch ist schwach. Ich werde für Sie
stündlich beten. -- Der Ihrige, St. John.
Mein Geist, antwortete ich bei mir selbst, wird tun, was
recht ist; und mein Fleisch ist hoffentlich stark genug, um den
Willen des Himmels zu vollziehen, sobald ich diesen Willen
genau kenne. Auf jeden Fall hoffe ich stark genug zu sein, zu
suchen, zu forschen, aus diesem Labyrinth des Zweifels einen
Ausgang und den hellen Tag der Gewißheit zu finden.
Wir hatten den ersten Juni; doch war der Morgen umwölkt
und etwas kalt, und der Regen schlug stark an mein Fenster.
Ich hörte die Vordertür auf- und St. John hinausgehen. Indem
ich durch das Fenster blickte, sah ich ihn den Garten durchschreiten. Er schlug den Weg über die nebligen Moore in der
Richtung von Whitcroß ein; -- dort wollte er den Eilwagen
besteigen.
In wenigen Stunden werde ich dir auf diesem Wege nachfolgen, Vetter, dachte ich. Auch ich muß in England jemand
aufsuchen, ehe ich es für immer verlasse.
Es waren nur noch zwei Stunden bis zur Zeit des Frühstücks. Diese Zwischenzeit füllte ich damit aus, daß ich in
meinem Zimmer leise auf und ab ging und über den Vorfall
nachdachte, der meinen Plänen ihre gegenwärtige Richtung gegeben hatte. Ich rief mir wieder die Stimme ins Gedächtnis
zurück, die ich gehört hatte; abermals fragte ich mich, woher sie
gekommen sei. Vergebens! sie schien aus mir -- nicht von
außen her gekommen zu sein. Ob es eine bloße nervöse Erscheinung -- eine Illusion gewesen war. Ich konnte es nicht
begreifen noch glauben, es glich eher einer Eingebung. Das
wunderbare Gefühl war plötzlich gekommen, wie das Erdbeben,
das den Kerker des heiligen Paulus und des Silas erschütterte,
es hatte die Zelle der Seele geöffnet und deren Bande gelöst
-- es hatte sie aus ihrem Schlafe geweckt, aus dem sie zitternd,
aufhorchend, von Grauen gepackt, sich aufraffte.
Ehe viele Tage vergehen, schloß ich, werde ich etwas von ihm
wissen, dessen Stimme mich zu sich gerufen hat. Briefe haben
nichts genützt; --- nun will ich mich in eigener Person erkundigen.
Beim Frühstück kündigte ich Diana und Marie an, daß ich
auf etwa vier Tage verreisen würde.
Allein, Jane? fragten sie.
Ja, sagte ich, ich muß mich nach einem Freunde, dessentwegen
Ich seit einiger Zeit sehr besorgt bin, erkundigen.
Sie hätten nun, wie sie ohne Zweifel auch dachten, sagen
können, daß sie geglaubt hätten, außer ihnen hätte ich keine
Freunde, denn ich hatte in der Tat oft so gesprochen. Mit
ihrem natürlichen Taktgefühl enthielten sie sich aber aller Bemerkungen; nur fragte mich Diana, ob ich mich auch stark genug
fühle, eine Reise zu unternehmen; ich sehe sehr blaß aus. Ich
erwiderte, es fehle mir nichts, nur sei mein Geist sehr unruhig.
Ich verlief Moor-House um drei Uhhr nachmittags, und bald
Nach vier wartete ich am Fuße des Wegweisers von Whitcroß
auf den Eilwagen, der mich nach dem fernen Thornfield bringen
sollte. Bei der Stille dieser einsamen Wege und unbewohnten
Hügel hörte ich ihn schon in weiter Entfernung. Es war derselbe Wagen, aus dem ich vor einem Jahre an einem Sommerabende, genau an derselben Stelle, ausgestiegen war, wie verlassen, wie trostlos, wie hoffnungslos, wie ziellos! Er hielt an,
als ich dem Schaffner zuwinkte. Ich stieg ein, jetzt nicht mehr
gezwungen, mein ganzes Vermögen herzugeben, um aufgenommen
zu werden. Abermals fand ich mich auf dem Wege nach Thornfield, und diesmal war mir zu Mute wie einer Brieftaube, die
nach Hause fliegt.
Es war eine Reise von sechsunddreißig Stunden. Ich war
von Whitecroß am Dienstag nachmittag weggegangen, und am
folgenden Donnerstag in der Frühe hielt der Eilwagen an, um
die Pferde in einem am Wege gelegenen Gasthause zu tränken,
das mitten in einer mir wohlbekannten Landschaft stand.
Wie weit ist es von hier bis Thornfield Hall? fragte ich den
Hausknecht.
Dreiviertel Stunden von hier, wenn man quer über die
Felder geht.
Ich stieg aus, gab meinen Koffer dem Hausknecht zum Aufbewahren, spendete dem Kutscher ein Trinkgeld und ging. Der
immer heller werdende Tag beleuchtete das Wirtsschild, und ich
las darauf in vergoldeten Buchstaben: Zum Rochester-Wappen,
Mein Herz hüpfte vor Freude; schon befand ich mich auf den
Gütern meines Eduards. Aber bald wurde mir wieder schwer
ums Herz, denn eine innere Stimme sprach zu mir: Geh nicht
weiter! Frage wenigstens die Leute in dem Gasthhofe, sie können
deine Zweifel mit einem Male lösen. Gehe auf jenen Mann
zu und erkundige dich, ob Herr Rochester zu Hause ist.
Dies alles war ganz vernünftig; und doch konnte ich es nicht
über mich gewinnen, danach zu handeln. Ich fürchtete so sehr
eine Antwort, die mich mit Verzweiflung erfüllen würde. Den
Zweifel verlängern, hieß die Hoffnung verlängern, Wenigstens
wollte ich das Schloß noch einmal sehen. Da stand ich schon
auf den Feldern, die ich blind, taub, halb wahnsinnig, an dem
Morgen durcheilt hatte, an dem ich aus Thornfield entfloh.
Endlich tauchte das Gehölz in meinem Gesichtskreise auf, das
Dohlengeniste erschien in seiner dunkeln Masse, ein lautes
Gekrächze unterbrach die Stille des Morgens. Ein unsagbares
Entzücken bemächtigte sich meiner, und ich eilte vorwärts. Noch
ein Feld, das ich durchschreiten mußte -- noch ein Heckenweg
mit seinen Windungen -- und es standen die Mauern des
Hofraums, die Hintergebäude da; das Haus selbst war noch
durch das Dohlengenist verdeckt.
Ich will es zuerst von vorn sehen, so beschloß ich bei mir,
wo sich seine stolzen Zinnen mit einem Male dem Auge darbieten, und wo ich das Zimmer meines Eduard auffinden kann.
-- Vielleicht sehe ich ihn am Fenster. -- Er stehst früh auf;
vielleicht ergeht er sich jetzt in dem Obstgarten oder auf dem
Pflaster vor dem Hause. Könnte ich ihn doch nur sehen!--
nur einen Augenblick! In diesem Falle würde ich doch wohl
nicht so närrisch sein, auf ihn zuzustürzen? Ich kann nicht dafür
bürgen! Und wenn ich es täte --- was dann? Wem würde
dadurch ein Schaden erwachsen, wer könnte sich dadurch verletzt
fühlen, wenn ich noch einmal das Leben kostete, das sein Bild
mir geben kann? Ich träume, vielleicht sieht er jetzt die Sonne
über die Pyrenäen aufgehen oder über dem flut- und ebbelosen
Meere des Südens.
Ich ging die untere Mauer am Obstgarten entlang und bog
um die Ecke. Dort war ein Pförtchen, das auf die Wiese führte
zwischen zwei steinernen Säulen, die mit steinernen Kugeln bekränzt waren. Von einer der Säulen aus konnte ich ganz
gemächlich die volle Front des Schlosses sehen. Vorsichtig
streckte ich den Kopf vor, um zu sehen, ob noch in keinem Schlafzimmer die Rouleaus aufgezogen seien; die Zinnen, die Fenster,
die lange Fassade --- alles konnte ich von diesem meinem Posten
aus sehen, ohne selbst gesehen zu werden.
Jedoch, was mußten meine Augen schauen! Ein Gleichnis
wird dem Leser meine Empfindungen erläutern:
Ein Jüngling findet seine Geliebte auf einer Moosbank eingeschlafen; er will ihr schönes Gesicht sehen, ohne sie aufzuwecken. Er schleicht sich sacht über das Gras hin und hütet sich
sorgfältig, ein Geräusch zu machen; er bleibt stehen, weil er sich
einbildet, sie habe sich gerührt; er zieht sich zurück, denn nicht
um die ganze Welt möchte er gesehen werden. Alles ist still.
Abermals tritt er näher; er neigt sich über sie, ein leichter
Schleier liegt auf ihrem Antlitz. Er hebt ihn in die Höhe und
bückt sich noch tiefer. Jetzt erwarten seine Augen, das schöne
Bild, warm, blühend und liebenswert, in seiner Unbeweglickeit
zu sehen. Aber wie starr blicken sie plötzlich! Wie fährt er
zusammen! Wie zäh und gewaltsam umschließt er die Gestalt
mit seinen Armen, die er noch vor einem Augenblicke nicht mit
einem Finger zu berühren wagte! Laut schreit er ihren Namen,
er läßt seine Last wieder niedersinken und sieht sie mit wildem
Entsetzen an. Nun packt er sie wieder mit eisernem Griff und
ruft sie überlaut, denn ach, er fürchtet nicht mehr durch einen
Laut, den er hervorbringen, durch eine Bewegung, die er machen
kann, sie aufzuwecken. Er hatte geglaubt, sie schlafe süß, und
er findet nun, daß sie leblos wie ein Stein ist.
Ich hatte nach einem stattlichen Gebäude ausgeschaut und sah
jetzt eine schwarze Ruine.
Die Vorderseite war, wie ich sie einst in einem Traume gesehen, nur noch eine muschelartige Mauer; keine Fensterscheiben,
kein Dach, keine Zinnen, keine Schornsteine mehr, alles war
zusammengestürzt!
Und ringsumher herrschte Totenstille wie in einer Wildnis.
Nun konnte ich mich nicht länger wundern, daβ auf Briefe, die
Ich an einige Bewohner des Schlosses gerichtet, keine Antwort
erfolgt war. Vielleicht waren sie bei dem Brande umgekommen!
Und was war aus dem unglücklichen Eigentümer dieser Ruine
geworden?
Auf diese Fragen mußte ich eine Antwort haben. Ich konnte
sie nirgends als in dem Gasthause bekommen, und dahin kehrte
ich denn auch sofort zurück. Der Wirt, ein Mann von mittlerem
Alter, brachte mir selbst mein Frühstück auf mein Zimmer. Ich
ersuchte ihn, die Tür zuzumachen und sich zu setzen, da ich ihn
einiges fragen müßte. Als er dies aber getan, wußte ich kaum,
wie ich anfangen sollte, so graute mir vor den möglichen Antworten.
Sie kennen natürlich Thornfield Hall? brachte ich endlich
heraus.
Ja, gnädiges Fräulein, ich habe einst dort gewohnt.
Wirklich? -- Nicht zu meiner Zeit, dachte ich; Ihr Gesicht ist mir fremd.
Ich war nämlich bei dem verstorbenen Herrn Rochester Kellermeister, setzte er hinzu.
Bei dem Verstorbenen! Ich schien den Schlag, dem ich auszuweichen gesucht hatte, mit voller Macht erhalten zu haben.
Bei dem Verstorbenen! sagte ich atemlos. Ist er tot?
Ich meine den Vater des jetzigen Herrn, den Vater des Herrn
Eduard, erläuterte er.
Ich atmete auf; mein Blut fing wieder an zu kreisen. Durch
diese Worte zur völligen Gewißheit gelangt, daß mein Herr Rochester wenigstens am Leben, mit einem Worte, der jetzige
Herr sei, schien es mir, daß ich alles Kommende, welcher Art
auch die Eröffnungen sein möchten, mit Ruhe anhören könnte.
Wohnt jetzt Herr Rochester in Thornfield Hall? fragte ich,
und wußte natürlich, welche Antwort erfolgen würde. Dennoch
wollte ich nicht direkt fragen, wo er sich wirklich befinde.
Nein, gnädiges Fräulein, o nein! Niemand wohnt jetzt dort.
Es scheint, Sie sind in dieser Gegend fremd, sonst würden Sie
wohl gehört haben, was vergangenen Herbst hier passiert ist.
Thornfield Hall ist eine vollständige Ruine; es brannte gerade
zur Erntezeit ab.- Ein furchtbares Unglück.-- Es ging so
unendlich viel wertvolles Eigentum zugrunde; von dem Mobiliar
konnte fast nichts gerettet werden. Das Feuer brach mitten in
der Nacht aus, als alles schlief, und ehe die Feuerspritzen von
Millcote ankamen, war das Gebäude ein großes Flammenmeer.
Mitten in der Nacht! murmelte ich. Ja, das war die Unglücksstunde zu Thornfield. -- Wurde es bekannt, wie das Feuer
entstand? fragte ich.
Man riet hin und her, gnädiges Fräulein. Ich aber möchte
sagen, es konnte darüber kein Zweifel obwalten. Sie wissen
vielleicht nicht, fuhr er fort, indem er mit seinem Stuhle dem
Tische ein wenig näher rückte und leise sprach, daß dort in dem
Hause eine Wahnsinnige lebte?
Ich habe etwas davon gehört.
Man hielt sie in strengem Gewahrsam; einige Jahre lang
war man sogar über ihr Dasein nicht ganz im klaren. Niemand
sah sie; man wußte nur gerüchtweise, daß eine solche Person
- im Schlosse sei, wer oder was sie aber sei, war schwer zu erraten. Man sagte, Herr Eduard habe sie aus der Fremde
mitgebracht, und einige glaubten, sie sei seine Maitresse gewesen
Aber vor einem Jahre ereignete sich etwas Sonderbares -
etwas höchst Sonderbares.
Ich fürchtete jetzt, daß ich meine eigene Geschichte zu hören
bekommen würde, und versuchte daher, ihn auf die Hauptsache
zurückzubringen.
Und diese Dame?
Diese Dame, antwortete er, war, wie es sich am Ende herausstellte, Herrn Rochesters Frau! die Sache kam auf höchst seltsame
Weise an den Tag. Es war eine junge Dame, eine Erzieherin
im Schlosse, in die Herr Rochester sich verliebte --
Aber das Feuer? fiel ich ein.
Ich komme schon darauf, -- in die Herr Rochester sich verliebte. Die Dienerschaft sagt, man habe nie einen Mann so
verliebt gesehen, er sei beständig um sie gewesen. Sie pflegten
ihm aufzulauern-- Diener tun das immer, wie Sie wissen
werden --- und er liebte sie über alle Maßen, ich meine die
Erzieherin; dabei hielt sie aber niemand außer ihm für so gar
schön. Sie war ein kleines Ding, man sagt, fast wie ein Kind.
Was mich betrifft, so habe ich sie nie gesehen, aber ich habe
Leah, das Hausmädchen, von ihr sprechen hören. Leah konnte
sie recht gut leiden. Herr Rochester war etwa vierzig, und diese
Erzieherin keine zwanzig Jahre alt, und, sehen Sie, wenn
Herren von diesem Alter sich in ein Mädchen verlieben, so ist
es oft, wie wenn sie behext wären. Er wollte sie also heiraten.
Sie können mir diesen Teil der Geschichte ein andermal erzählen, sagte ich, für den Augenblick aber möchte ich aus besondern Gründen das Nähere über den Brand hören. Vermutete man, daß die Wahnsinnige die Hand dabei im Spiele
gehabt?
Sie haben's erraten, gnädiges Fräulein, es ist ganz sicher,
daß sie und nur sie, den Brand verursachte. Sie hatte ein
Weib, das sie hüten mußte, Frau Poole -- ein tüchtiges Weib
in ihrer Art, ein Weib, auf die man sich verlassen konnte; hätte
diese nur nicht einen Fehler gehabt, einen Fehler, den viele
Kinderfrauen und alte Weiber haben, --- sie hatte immer eine
Flasche Wachholder bei sich und trank bisweilen einen Tropfen
zu viel. Das ist wohl zu entschuldigen, da ihr Leben sauer
genug war, aber immerhin war es gefährlich, denn wenn Frau
Poole der Flasche zugesprochen hatte und eingeschlafen war, so
nahm ihr die wahnsinnige Dame, die so schlau wie eine Hexe
war, die Schlüssel aus der Tasche, schloß die Zimmertür auf,
schwärmte im Haus herum und richtete irgend ein Unheil an,
das ihr gerade in den Kopf kam. Man sagt, sie habe einmal
ihren Mann beinahe in seinem Bette verbrannt; allein darüber
weiß ich nichts Bestimmtes. In der Nacht des Brandes aber
zündete sie zuerst die Vorhänge in dem Nebenzimmer an, ging
dann in einen untern Stock herab, suchte das Zimmer auf, das
früher die Erzieherin bewohnt hatte, und setzte das Bett in
Brand. Glücklicherweise schlief aber niemand darin. Die
Gouvernante war zwei Monate vorher entflohen, und so sehr
es sich auch Herr Rochester angelegen sein ließ, Nachforschungen
anzustellen, als wäre sie das kostbarste Ding gewesen, das er
in der Welt besessen, so konnte er doch nie eine Silbe über sie
erfahren. Da wurde er ganz menschenscheu. Er schickte Frau
Fairfax, die Haushälterin, zu ihren Freunden, ziemlich weit von
hier, aber er tat es auf eine schöne Weise, indem er ihr für ihr
übriges Leben ein Jahrsgehalt aussetzte, und sie verdiente das
-- sie war eine sehr gute Frau. Fräulein Adele-- sein
Mündel -- tat er in eine Schule. Mit den Herrschaften der
Umgegend brach er allen Umgang ab und schloß sich wie ein
Eremit in seinem Schlosse ein.
Wie? Ist er nicht aus England fortgegangen?
Aus England? Bewahre! Er wollte nicht einmal über die
Türschwelle seines Hauses gehen, es sei denn bei Nacht, wo er
gerade wie ein Geist im Park und Obstgarten umherwandelte,
als ob er von Sinnen wäre. Das war er auch nach meiner
Meinung wirklich, denn noch nie, gnädiges Fräulein, hatte man
einen schneidigeren und vernünftigeren Herrn gesehen, als er
war, ehe jenes Ding von einer Erzieherin seinen Weg kreuzte.
Wäre doch Fräulein Eyre ins Meer versunken, ehe sie nach
Thornfield Hall kam.
Herr Rochester war also zu Hause, als das Feuer ausbrach?
Freilich, er ging in das Dachgeschoß hinauf, als oben und
unten alles brannte, weckte die Dienerschaft und half ihnen
selbst herunter. Dann ging er noch einmal zurück, um sein
wahnsinniges Weib aus ihrer Zelle zu holen. Und dann rief
ihm alles zu, sie sei auf dem Dache, wo sie in der Tat auch
über der Zinne stand, ihre Arme hin und her schwenkte und
schrie, daß man es eine Meile weit hören konnte. Ich sah sie
mit meinen eigenen Augen, hörte sie mit meinen eigenen Ohren.
Sie war ein großes Weib und hatte langes, schwarzes Haar,
wir konnten es, als sie so dastand, nach den Flammen hin
flattern sehen. Ich sah, und noch mehrere andere sahen Herrn
Rochester durch das Dachfenster auf das Dach steigen, wir
hörten ihn Bertha rufen. Wir sahen ihn sich ihr nähern, und
dann stieß sie einen gellenden Schrei aus, tat einen Sprung
und lag einen Augenblick darauf zerschmettert auf dem Pflaster.
Tot?
Tot! So tot wie die Steine, auf denen ihr Gehirn und ihr
Blut herumspritzte; es war grausig mit anzusehen!
Er schauderte.
Kam sonst jemand ums Leben?
Nein, - vielleicht wäre es aber besser gewesen, wenn es so
gekommen wäre.
Was wollen Sie damit sagen?
Der arme Herr! rief er aus. Ich ließ mir nie träumen, daß
ich so etwas erleben würde! Einige sagen, es sei ein Gottesurteil gewesen, weil er seine erste Heirat geheim gehalten und
eine andere Frau habe nehmen wollen, aber mir tut er leid.
Sie sagten eben, er sei noch am Leben? rief ich.
Ja, ja, er ist am Leben; aber viele sind der Ansicht, es wäre
besser für ihn gewesen, wenn er umgekommen wäre.
Warum ? Inwiefern?
Mein Blut erstarrte abermals zu Eis.
Wo ist er? fragte ich. Ist er in England?
Ja, ja, --- er ist in England, er kann nicht England verlassen,
---- er ist nun an den Ort gefesselt.
Welch eine Qual! Und der Mann schien sie noch verlängern
zu wollen.
Er ist blind, stockblind, sagte er endlich.
Ich hatte Schlimmeres befürchtet, nämlich, das er wahnsinnig
geworden sei. Ich bot alle meine Kraft auf und fragte, was
die Ursache des Unglücks gewesen.
Sein eigener Mut, und man kann wohl auch sagen, sein gutes
Herz war an seinem Unglücke schuld. Er wollte das Haus nicht
eher verlassen, als bis alle andern heraus waren. Wie er
zuletzt die große Treppe herabkam, nachdem Frau Rochester von
der Zinne herabgesprungen war, hörte man einen großen
Krach, und alles stürzte zusammen. Er wurde unter dem
Schutt hervorgezogen, lebendig zwar, aber schwer verletzt; ein
Balken war auf ihn gefallen und hatte ihn glücklicherweise zum
Teil geschützt, aber ein Auge war ihm ausgeschlagen und eine
Hand so zerschmettert, daß der Wundarzt sie sogleich abnehmen
mußte. Das andere Auge wurde ganz entzündet, und so verlor
er auch dieses. Er ist jetzt in der Tat hilflos-- blind und ein
Krüppel.
Wo ist er? Wo wohnt er jetzt?
In Ferndean, einem Herrenhause, das er auf einem Gute
etwa sechs Meilen von hier, besitzt; es ist ein ganz unwirtlicher Ort
Wer ist bei ihm?
Der alte John und dessen Frau; er will sonst niemand
um sich haben. Er ist, sagt man, ganz niedergeschlagen und
wie vernichtet.
Haben Sie ein Fuhrwerk?
Wir haben eine Kutsche, gnädiges Fräulein, eine recht hübsche
Kutsche.
So lassen Sie sofort anspannen, und wenn Ihr Kutscher
mich noch heute vor Nacht nach Ferndean bringt, so zahle ich
Ihnen und ihm das Doppelte von dem, was Sie gewöhnlich
verlangen.
Siebenunddreissigstes Kapitel
Das Herrenhaus zu Ferndean war ein Gebäude von hohem
Alter, mäißiger Größe und keinen architektonischen Ansprüchen;
es lag tief in einem Walde begraben. Ich hatte früher davon
gehört. Herr Rochester erwähnte es oft und ging bisweilen
hin. Sein Vater hatte das Gut der Jagd halber gekauft.
Er wollte das Haus vermieten, konnte aber keinen Mieter
finden, weg en der unvorteilhaften und ungesunden Lage des
Grundstücks. Ferndean blieb daher unbewohnt und unmöbliert,
mit Ausnahme zweier oder dreier Zimmer, die für den Gutsherrn
hergerichtet wurden, wenn er zur Jagdzeit hinkam.
Zu diesem Hause kam ich, gerade vor Einbruch der Nacht,
an einem Abende, der durch einen trüben Himmel, einen kalten
Wind und einen unaufhörlichen, feinen, aber durchdringenden
Regen, besonders unfreundlich war. Die letzte Strecke machte
ich zu Fuß, nachdem ich die Kutsche und den Kutscher mit dem
versprochenen doppelten Lohne weggeschickt hatte. Selbst ganz
in der Nähe des Herrenhauses konnte man noch nichts davon
sehen, so dicht und finster war der Wald, in dem es stand. Ein
eisernes Tor zwischen Granitsäulen zeigte mir den Eingang, und
als ich hindurchging, umgab mich mit einem Male die Dunkelheit eines dichten Waldes. Ich fand einen mit Gras verwachsenen, vom Walde herabführenden Fußweg und ging darauf
fort, in der Erwartung, bald das Gebäude zu erreichen; aber
er wand sich immer weiter hin, und keine Spur von einer
Wohnung oder von Gartenanlagen war zu sehen.
Ich glaubte, ich hätte nicht den rechten Weg eingeschlagen
und mich verirrt. Immer finsterer wurde es um mich her, teils
weil der Abend immer mehr vorrückte, teils weil das Dunkel
des Waldes immer düsterer wurde. Ich sah mich nach einem
andern Weg um, aber es war keiner zu sehen, überall nichts
als Bäume, die mit ihren Aesten und ihrem dichten Laub
sich einander verwoben -- nirgends eine Oeffnung oder ein
Ausgang.
Ich ging auf dem Wege fort, endlich wurde er etwas offner
die Bäume standen ein wenig dünner, nach einer Weile sah ich
ein Geländer und dann ein Haus, das ich bei dem Dämmerlicht
kaum von den Bäumen zu unterscheiden vermochte, -- so grün
und mit Moos überwachsen waren die baufälligen Wände. Ich
trat durch ein Portal ein und befand mich inmitten eines eingeschlossenen Grundes, um den der Wald sich halbkreisförmig
herumzog. Es waren keine Blumen, keine Gartenbeete da,
sondern bloß ein breiter Kiesweg, der um einen mit großen
Waldbäumen bestandenen Grasplatz herlief. Das Haus zeigte
in seiner Fassade zwei spitze Giebel, die Fenster waren vergittert
und schmal, die Vordertür war gleichfalls schmal, und es führte
eine Stufe hinauf. Das Ganze sah, wie der Wirt mir gesagt
hatte, ganz unwirtlich aus. Es war so still, wie eine Kirche an
einem Werktage, man hörte nur den auf das Laub der Waldbäume herabrieselnden Regen.
Kann hier ein lebendiges Wesen sein? fragte ich mich.
Ja, es war Leben irgend einer Art hier, denn ich hörte
etwas; die enge Vordertür schloß sich auf, und eine Gestalt war
im Begriffe, aus dem Hause herauszutreten.
Die Tür ging nur langsam auf, ein Mann ohne Hut kam
in die Dämmerung heraus und blieb auf der Treppe stehen,
er streckte die Hand aus, wahrscheinlich, um zu untersuchen, ob
es regne. Es war Eduard Fairfax Rochester!
Seine Gestalt hatte noch denselben kräftigen Umriß, wie
früher, seine Haltung war nochimmer gerade, sein Haar immer
noch rabenschwarz; auch waren seine Züge noch nicht verändert,
oder eingefallen. In einem Jahre konnte seine Athletenkraft
durch einen noch so heftigen Kummer nicht gebrochen werden.
Und doch sah ich eine Veränderung in seinem Gesicht; es lag
eine Verzweiflung, ein dumpfes Brüten darin, das mich an
ein gereiztes und gefesseltes wildes Tier erinnerte.
Er stieg die Freitreppe herab und kam langsam auf den Grasplatz zu. Wo war jetzt sein kühner Schritt? Dann blieb er
stehen, als ob er nicht wüßte, nach welcher Seite er gehen sollte.
Er hob die Hand in die Höhe und öffnete seine Augenlider.
Dann sah er mit sichtlicher Anstrengung nach dem Himmel und
dem Halbkreise von Bäumen hin, offenbar aber war alles für
ihn eitel Finsternis. Er streckte seine rechte Hand aus, den
linken, verstümmelten Arm hielt er in seinem Busen versteckt.
Er schien von dem, was ihn umgab, sich durch das Gefühl einen
Begriff machen zu wollen; er fand aber nichts, als den leeren
Raum, denn die Bäume standen noch einige Schritte von ihm.
Er gab den Versuch auf, kreuzte die Arme und stand ruhig und
stumm im Regen da, der jetzt dicht auf sein unbedecktes Haupt
fiel. In diesem Augenblicke kam John herbei.
Wollen Sie meinen Arm nehmen, gnädiger Herr? sagte er;
es fällt ein heftiger Regenschauer. Möchten Sie nicht lieber
hineingehen?
Laß mich in Ruhe, war die Antwort.
John entfernte sich, ohne mich bemerkt zu haben. Rochester
versuchte es nun, umherzugelen, aber vergebens, alles war zu
unsicher. Er ging tastend nach dem Hause zurück und machte,
als er hineintrat, die Türe zu.
Nun näherte ich mich dem Hause und klopfte. Johns Frau
machte mir auf.
Marie, sagte ich, wie geht es Ihnen?
Sie stutzte, als ob sie einen Geist gesehen hätte, so daß ich
sie beruhigen mußte. Auf ihre eilig hervorgebrachte Frage:
Sind Sie es wirklich, Fräulein, und kommen Sie so spät an
diesen einsamen Ort? -- antwortete ich damit, daß ich ihre
Hand ergriff und ihr in die Küche folgte, wo John an einem
guten Feuer saß. Ich erklärte ihnen in wenigen Worten, daß
ich alles, was sich seit meiner Abreise in Thornfield zugetragen,
erfahren hätte, und daß ich gekommen wäre, um Herrn Rochester
zu besuchen. Ich bat John, nach dem Chausseehause hinabzugehen, wo ich die Kutsche weggeschickt hatte, um meinen Koffer
zu holen, den ich dort zurückgelassen, und dann fragte ich Marie,
während ich Hut und Schal ablegte, ob ich die Nacht über dableiben könne. Sie antwortete, es wäre schwer, aber nicht unmöglich, diesen Abend noch alle dazu nötigen Anordnuungen zu treffen.
Gerade in diesem Augenblick lieβ sich die Klingel im Empfangszimmer hören.
Wenn Sie hineingehen, sagte ich, so melden Sie Ihrem Herrn,
daß jemand mit ihm zu sprechen wünsche, sagen Sie ihm aber
nicht meinen Namen.
Ich glaube nicht, daß er Sie empfangen wird, antwortete sie,
er weist jedermann zurück.
Als sie zurückkam, fragte ich, was er gesagt hätte.
Sie müssen Ihren Namen angeben, und was Sie von ihm
wünschen, antwortete sie. Sodann füllte sie ein Glas mit
Wasser und stellte es samt einigen Lichtern auf einen Präsentierteller.
Hat er deshalb geklingelt? fragte ich.
Ja, er läßt sich, wenn es finster ist, immer Lichter bringen,
obgleich er blind ist.
Geben Sie mir den Präsentierteller, ich will ihn hineintragen.
Ich nahm ihn ihr aus der Hand, und sie zeigte mir die Türe
des Empfangszimmers. Der Präsentierteller zitterte in meiner
Hand, das Wasser in dem Glase wurde verschüttet, mein Herz
schlug laut und schnell gegen meine Rippen. Marie machte mir
die Tür auf und machte sie hinter mir zu.
Dieses Empfangszimmer sah düster aus; ein schwaches Feuer
brannte in dem Kamine, und darüber neigte sich, den Kopf gegen
den altmodischen Sims gestützt, der blinde Bewohner des
Zimmers. Sein alter Hund, Pilot, lag außerhalb seines
Bereichs und zusammengeknäuelt, als fürchtete er, aus Unachtsamkeit getreten zu werden. Pilot spitzte die Ohren, als ich
hereintrat, dann sprang er bellend und winselnd auf und mir
entgegen, fast stieß er mir den Präsentierteller aus der Hand.
Ich stellte den Teller auf den Tisch, dann streichelte ich ihn,
und sagte sanft: Kusch dich! Rochester wandte sich mechanisch
um, um zu sehen, was um ihn her vorgehe, dann kehrte er sich
wieder um und seufzte.
Gib mir das Wasser, Marie, sagte er.
Ich näherte mich ihm nun mit dem nur noch zur Hälfte
gefüllten Glase; Pilot folgte mir, immer noch freudig aufgeregt.
Was gibt es? fragte er.
Nieder, Pilot! sagte ich abermals.
Indem er das Wasser seinen Lippen näherte, hielt er mit der
Bewegung inne und schien zu horchen, dann trank er und setzte
das Glas nieder.
Nicht wahr, du bist es, Marie, sagte er.
Marie ist in der Küche, versetzte ich.
Er streckte rasch seine Hand aus; da er aber nicht sah, wo
ich stand, so berührte er mich nicht.
Wer ist das? Wer ist das? fragte er.-- Antworten Sie
mir -- sprechen Sie noch einmal! sagte er gebieterisch und laut.
Wollen Sie noch mehr Wasser, Herr Rochester? Ich habe
das, welches in dem Glase war, zur Hälfte verschüttet, sagte ich.
Wer? Was ist das? Wer spricht?
Pilot kennt mich, und John und Marie wissen, daß ich hier
bin; ich bin erst diesen Abend angekommen, antwortete ich.
Großer Gott!-- Welche Täuschung hält meine Sinne umfangen? Welch süßer Wahnsinn hat sich meiner bemächtigt?
Keine Täuschung -- kein Wahnsinn, lieber Eduard!
Und wo ist diejenige, die mit mir spricht? Ist es nur eine
Stimme? Ach! ich kann nicht sehen, aber ich muß fühlen, sonst
steht mein Herz still und platzt mir das Hirn. Was du auch --
wer du auch sein mögest, -- laß dich greifen, sonst bin ich des
Todes!
Er tastete umher; ich hielt seine sich umherbewegende Hand
fest in meinen beiden Händen.
Ihre Finger! rief er, ihre zarten Fingerchen. Wenn das der
Fall ist, so muß noch mehr von ihr da sein.
Die muskulöse Hand entzog sich ihrem Gefängnis, mein Arm
ward ergriffen, -- meine Schulter, -- mein Hals, - mein
Leib, -- ich ward umschlungen und zu ihm hingezogen.
Ist das Jane? Es ist ihre Gestalt -- ihre Statur!
Und dies ihre Stimme, setzte ich hinzu. Sie ist ganz hier,
auch ihr Herz. Gott segne dich, Eduard! Ich freue mich wieder,
so nahe bei dir zu sein.
Jane Eyre! -- Jane Eyre!
Ja, antwortete ich, ich bin Jane Eyre. Ich habe dich endlich
wieder gefunden!
In Wahrheit? im Fleische? Lebend?
Du hältst mich, und zwar fest genug; ich bin nicht kalt,
wie ein Leichnam, noch körperlos, wie Luft, --- glaubst du
noch nicht?
Ja, dies sind allerdings ihre Arme, ihr Gesicht; aber nach
all meinem Elend kann mir nicht so viel Heil widerfahren. Es
ist ein Traum, ein Traum, wie ich ihn oft bei Nacht gehabt
habe, wo ich sie noch einmal an mein Herz drückte, wie jetzt,
und wo ich sie küßte, wie jetzt -- und wo ich fühlte, daß sie
mich liebe, und die Zuversicht hatte, daß sie mich nicht verlassen
würde.
Was ich von heute an auch nicht mehr tun werde.
Nie mehr will sie mich verlassen, -- sagt die Erscheinung?
Aber so oft ich erwachte, fand ich, daß es ein eitles Gaukelspiel
war, und mein Leben blieb düster, einsam, hoffnungslos ---
meine Seele durstete und durfte doch nicht trinken --- mein Herz
hungerte und sollte doch nie Nahrung finden. Holder, süßer
Traum, den ich jetzt mit meinen Armen umschließe, auch du
wirst entfliehen, wie alle deine Brüder vor dir, aber küsse mich,
ehe du gehst, ---- umarme mich, Jane.
Hier, Eduard, -- und hier!
Ich drückte meine Lippen an seine einst glänzenden und jetzt
strahlenlosen Augen --- ich wischte ihm das Haar aus der Stirn
und küßte ihn auf diese. Plötzlich schien er sich aufzuraffen,
die Ueberzeugung, daß dies alles Wirklichkeit sei, bemächtigte sich
seiner.
Bist du es--- bist du es wirklich, Jane? Du bist also wieder
zu mir gekommen?
Jawohl!
Du liegst also nicht tot in einem Grabe, in einem Flusse?
Und du bist keine Dürftige, Obdachlose, Verstoßene unter Fremden ?
Nein! Ich bin jetzt unabhängig.
Unabhängig! --- Was meinst du damit, Jane?
Mein Oheim auf Madeira ist gestorben und hat mir ein
Vermögen von fünftausend Pfund hinterlassen.
Ah! das ist was Praktisches, was Reelles! rief er, von so etwas
würde es mir nie träumen. Ueberdies höre ich deine so eigentümliche Stimme, --- deine Stimme, die ebenso belebend und
munter, wie sanft ist; sie tut meinem zerknickten Herzen wohl;
sie gießt mir neues Leben ein. -- Was, Jane! Du bist jetzt
reich?
Sehr reich. Wenn du mich nicht bei dir haben willst, so
kann ich mir ein eigenes Haus bauen lassen, dicht vor deine
Tür hin, und du kannst alsdann kommen und in meinem Salon
Platz nehmen, wenn du abends Gesellschaft brauchst.
Aber da du jetzt reich bist, Jane, so hast du jetzt ohne Zweifel
Freunde, die sich um dich bekümmern, und dir nicht gestatten
werden, dich einem blinden, schwermütigen Manne aufzuopfern,
wie mir?
Ich habe dir schon gesagt, Eduard, daß ich sowohl unabhängig
als reich bin; ich bin meine eigene Herrin.
Und du willst bei mir bleiben?
Gewiß --- wenn du anders nichts dagegen hast. Ich will
deine Nachbarin, deine Wärterin, deine Haushälterin sein. Ich
finde dich einsam und allein. Ich will deine Gesellschafterin
sein, um dir vorzulesen, mit dir spazieren zu gehen, mit dir
aufzubleiben, dich zu pflegen, für dich die Stelle der Augen und
der Hände zu vertreten. Höre auf, so melancholisch dreinzuschauen, mein teurer Eduard, du sollst nicht mehr einsam und
verlassen sein, solange ich lebe.
Er erwiderte nichts.-- Er schien ernst -- in sich vertieft zu
sein; er seufzte, öffnete halb seine Lippen, als wenn er sprechen
wollte, und -- schloß sie wieder. Ich empfand einige Verlegenheit. Vielleicht war ich mit meinen Dienstanerbietungen zu
weit gegangen; vielleicht hatte ich gegen die Konvenienz verstoßen, und vielleicht sah er, wie St. John, etwas Unschickliches
in meiner Unüberlegtheit. Ich hatte ihm meinen Vorschlag
allerdings darum gemacht, weil ich von der Idee ausging, daß
er mich zu seiner Frau haben wolle; es hatte mich eine Erwartung, - darum nicht weniger gewiß, weil sie nicht in Worten.
ausgedrückt wurde -- getragen, daß er mich alsbald zu der
Seinigen machen würde. Da er aber keinen Wink, der darauf
hindeutete, fallen ließ, und da sein Gesicht sich immer mehr
umwölkte, so stieg mir plötzlich der Gedanke auf, daß ich mich
ganz und gar geirrt und vielleicht, ohne es zu wissen, mich
töricht benommen hatte, und ich begann daher, mich sanft aus
seinem Arme loszumachen, -- allein er zog mich nur noch
heftiger und fester an sich.
Nein --- nein -- Jane! Du darfst nicht fortgehen. Nein
-- ich habe dich berührt, habe deine Stimme gehört, habe deine
wonnige Gegenwart empfunden; diesen Freuden kann ich nicht
entsagen. Mir selbst ist nur noch wenig übrig geblieben --- ich
muß dich haben. Die Welt mag lachen -- mag mich abgeschmackt,
selbstsüchtig nennen; -- aber das ist mir gleich. Meine Seele
verlangt nach dir, ihrem Verlangen muß genügt werden, sonst
wird sie tödliche Rache an ihrer Hülle nehmen.
Aber ich will ja bei dir bleiben, lieber Eduard!
Ja --- aber du verstehst darunter etwas ganz anderes, als
ich. Du könntest dich vielleicht dazu entschließen, um mich, um
meine Hand, um meinen Stuhl zu sein --- mich zu pflegen und
mich zu warten, denn du hast ein liebevolles Herz, du bist edelmütig --- und ohne Zweifel sollte mir das genügen. Ich sollte
jetzt wohl nur Vatergefühle für dich hegen, meinst du nicht?
Ich werde tun, was du willst, Eduard; ich begnüge mich damit, deine Wärterin zu sein, wenn du es für besser hältst.
Aber du kannst nicht immer meine Wärterin sein, Jane, du
bist jung -- du mußt einmal heiraten.
Am Heiraten liegt mir nichts.
Es sollte dir aber daran liegen, Jane! Wäre ich nur, was
ich einst war, so würde ich versuchen, daß dir daran liegen
sollte-- aber -- ein blinder Klotz!
Er versank abermals in seine trübe Stimmung. Ich dagegen
wurde heiterer und faßte frischen Mut. Die letzten Worte
zeigten mir, wo die Schwierigkeit lag, und nun fühlte ich
mich meiner früheren Verlegenheit ganz enthoben. Ich hielt es
jetzt für zweckmäßig, der Unterhaltung eine andere Wendung zu
geben, und bestellte deshalb zunächst bei Marie ein gutes Abendbrot. Während des Essens und noch lange nachher plauderte
ich mit Eduard recht lebhaft und ohne mir den geringsten Zwang
aufzuerlegen. Vor ihm brauchte ich ja meinen Frohsinn nicht
zu zügeln; denn alles, was ich sagte oder tat, schien entweder
ihn zu trösten oder ihn zu neuem Leben zu wecken. Entzückendes Bewußtsein! Es verlieh meinem ganzen Wesen erst das
rechte Leben und brachte es zur Geltung, in seiner Gegenwart
lebte ich ganz, und er in der meinigen. Trotzdem, daß er blind war, umspielte ein Lächeln seinen Mund und dämmerte Freude
auf seiner Stirn; aber freilich nur auf Augenblicke. Trat im
Gespräch eine kurze Pause ein, so kehrte er sich ruhelos um,
rührte mich an und sagte: Jane! du bist also ein wirkliches,
menschliches Wesen, Jane?
Eine nüchterne, praktische Antwort, die ganz außerhalb des
Kreises seiner verstörten Idee liege, dachte ich, müsse bei dieser
verzweifelten Gemütstimmung am besten für ihn sein und am
meisten dazu beitragen, ihn wieder zu beruhigen.
Hast du einen Taschenkamm bei dir, Eduard? fragte ich ihn
daher.
Wozu, Jane?
Nur um diese zottige Mähne auszukämmen. Du kommst mir
unheimlich vor, wenn ich dich genauer betrachte. Du sagst, ich
sei eine Fee, aber gewiß gleichst du mehr einem Kobold.
Sehe ich wirklich so gräßlich aus, Jane?
Nun ja, wie immer, du weißt es ja.
Hm! Dein boshaftes Wesen hat dich nicht verlassen, wo du
auch gewesen sein magst.
Und doch bin ich bei guten Leuten gewesen,-- bei Leuten,
die weit besser sind, als du - hundertmal besser; bei Leuten,
deren Ideen edler und höher als die deinigen sind.
Wo zum Henker bist du denn gewesen?
Wenn du nicht still hältst, so werde ich dir deine Haare ausreißen; und dann wirst du wohl aufhören, an der Wahrheit
meines Daseins zu zweifeln.
Bei wem bist du gewesen, Jane?
Du sollst es heute abend nicht aus mir herausbringen; warte
bis morgen! Wenn ich dir meine Geschichte nur zur Hälfte erzähle, so wird es für dich eine Art Sicherheit sein, daß ich
morgen früh bei deinem Frühstück erscheine, um sie zu Ende zu
bringen.
Du neckisches Wesen! Du erregst in mir Gefühle, die mir
seit einem Jahr fremd gewesen sind. Hättest du Sauls David
sein können, so würde der böse Geist von ihm gewichen sein,
ohne die Mithilfe der Harfe.
So, nun siehst du wieder etwas anständig aus. Ich verlasse
dich jetzt; ich bin seit drei Tagen auf der Reise gewesen und
glaube, ich bin müde. Gute Nacht!
Nur noch ein Wort, Jane; waren in dem Hause, wo du dich
aufgehalten hast, nur Damen?
Ich lachte und machte mich davon, immer noch lachend, während ich die Treppe hinauflief. Ein guter Gedanke! dachte ich,
hocherfreut. Ich sehe, ich habe das Mittel in der Hand, ihn
für einige Zeit seine Melancholie vergessen zu lassen.
Am nächsten Morgen hörte ich in aller Frühe, wie er geschäftig von einem Zimmer zum andern ging. Sobald Marie
herabkam, hörte ich die Frage: Ist Fräulein Eyre hier?
Dann die andere: Welches Zimmer hast du ihr angewiesen?
Ist sie schon auf? Geh und sieh nach, ob sie etwas braucht,
und wann sie herabkommen wird.
Ich ging hinab, als ich dachte, daß das Frühstück nicht mehr
lange würde auf sich warten lassen. Indem ich sehr leise in
das Zimmer trat, konnte ich ihn sehen, ehe er meine Anwesenheit bemerkte. Es war in der Tat traurig, Zeuge von der
Unterjochung dieses kräftigen Geistes durch ein körperliches Gebrechen sein zu müssen. Er saß in seinem Lehnstuhle-- still,
aber nicht ruhig, offenbar voller Erwartung. Seine starken
Züge zeigten Linien zur Gewohnheit gewordener Traurigkeit.
Sein Gesicht erinnerte mich an eine erloschene Lampe, die wieder
angezündet werden soll -- und ach, er konnte jetzt den Glanz
lebensvollen Ausdruckes nicht selbst hervorbringen; er mußte
jetzt dieses Geschäft einem andern überlassen! Ich hatte mir
vorgenommen, heiter und sorglos zu erscheinen, aber die Hilflosigkeit des starken Mannes tat mir in der Seele weh. Dennoch
redete ich ihn so lebhaft und munter an, als ich nur konnte:
Es ist ein prächtiger, sonniger Morgen, sagte ich; der Regen
ist vorüber, und nun haben wir milden Sonnenschein, bald sollst
du einen Spaziergang mit mir machen.
Ich hatte die Glut geweckt, seine Züge strahlten.
O, du bist also wirklich noch da, meine liebe Lerche! Du bist
nicht fort, nicht verschwunden? Ich habe eine von deiner Art
vor einer Stunde gehört. Sie sang hoch über dem Walde, aber
ihr Gesang hatte für mich keine Musik, so wenig als die aufgehende Sonne für mich Strahlen hatte. Alle Melodie auf
Erden konzentriert sich für mein Ohr in der Zunge meiner Jane,
aller Sonnenschein, den ich fühlen kann, liegt in deiner Gegenwart.
Tränen standen mir in den Augen, als ich dieses Bekenntnis
seiner Abhängigkeit hörte; es war gerade, wie wenn ein Königsadler,
an eine Stange gefesselt, gezwungen würde, einen Sperling zu
bitten, daß er ihm Nahrung biete. Aber ich wollte nicht weinen,
und so wischte ich die Salztropfen ab und machte mich an die
Bereitung des Frühstücks.
Der größte Teil des Morgens wurde in freier Luft zugebracht. Ich führte ihn aus dem nassen und wilden Wald hinaus auf die freundlicheren Felder, ich beschrieb ihm, wie glänzend
grün sie seien, wie erfrischt die Blumen und Hecken aussähen,
wie prächtig blau der Himmel sei. Ich suchte einen Sitz für
ihn an einem verborgenen und lieblichen Orte auf einem dürren
Baumstumpf; auch weigerte ich mich nicht, als er saß, mich auf
seine Knie zu setzen. Warum hätte ich das nicht tun sollen, da
wir beide, eng vereint, glücklicher waren, als getrennt? Pilot
lag neben uns; alles war ruhig. Plötzlich brach er, während
er mich mit seinen Armen umschlang, in die Worte aus:
Grausame, grausame Ausreißerin! a Jane, wie war mir zu
Mute, als ich entdeckte, daß du aus Thhornfield entflohen warst,
und als ich dich nirgends finden konnte, --- und nun gar, als
ich dein Zimmer durchsuchte und die Gewißheit erlangte, daß
du kein Geld mitgenommen hattest. Ich fragte mich, was meine
teure Kleine anfangen würde, da sie von allem entblößt war.
Sag, wie ist es dir gegangen?
So aufgefordert, begann ich meine dreitägige Wanderung zu
berichten, milderte aber die Beschreibung meiner Entbehrungen
so viel wie möglich, weil ich ihm nur einen unnötigen Schmerz
bereitet haben würde, wenn ich ihm alles gesagt hätte; das
wenige, was ich sagte, zerriß sein treues Herz schon mehr, als
mir lieb war.
Ich hätte ihm vertrauen sollen, sagte er, er würde mich nie
gezwungen haben, seine Maitresse zu werden. So heftig er
auch in seiner Verzweiflung geschienen habe, so liebe er mich
doch in Wahrheit viel zu sehr und viel zu zärtlich, als daß er
sich zu meinem Tyrannen hätte aufwerfen, mögen. Er würde
mir lieber sein halbes Vermögen geschenkt haben, ohne auch nur
einen Kuß dafür zu verlangen, als daß er mich so in die weite
Welt hätte ziehen lassen, ohne Freunde und ohne alle Geldmittel. Er sei versichert, daß ich mehr ausgestanden, als ich
ihm hätte sagen wollen.
Nun, welcher Art auch meine Leiden gewesen sein mögen, sie
waren sehr kurz, erwiderte ich und schilderte ihm dann meine
Aufnahme in Moor-House, wie ich die Stelle einer Schullehrerin
erhalten und alles weitere. Sodann folgte in gehöriger Ordnung die Geschichte meiner Erbschaft, und wie ich meine Verwandten entdeckt. Natürlich kam jetzt St. Johns Rivers Name
häufig im Verlauf meiner Erzählung vor. Als ich damit zu
Ende war, griff er diesen Namen alsbald auf.
Dieser St. John ist also dein Vetter?
Ja.
Hast du ihn gern?
Er war ein sehr guter Mann, ich mußte ihn gern haben.
Ein guter Mann? Soll das heißen, ein älterer, achtbarer
Mann? Oder was sonst?
St. John war bloβ neunundzwanzig Jahre alt.
Also noch ein junger Mann? Auch ein kluger und gebildeter Mann?
St. John ist ein tüchtiger Gelehrter.
Hast du noch gesagt, das seine Manieren dir nicht gefallen
hätten, daß sie einen naseweisen, aufdringlichen Pfarrer verrieten?
Ich habe von seinen Manieren nicht gesprochen; allein ich
müßte einen sehr schlechten Geschmack haben, wenn sie mir nicht
gefallen hätten.
Sein Aeußeres, -- ich habe vergessen, welche Beschreibung
du mir davon gegeben hast; etwa das eines angehenden Landpfarrers, der von seinem weißen Halstuche halb erwürgt wird
und auf seinen dicksohligen Schuhen wie auf Stelzen einhergeht,
nicht wahr?
St. John kleidet sich recht gut. Er ist ein schöner Mann,
groß, blond, mit blauen Augen und einem griechischem Profil.
Hol ihn der Teufel! murmelte er beiseite, fragte mich aber
rasch darauf: Hattest du ihn gern, Jane?
Ja, ich hatte ihn gern; aber du hast mich das ja schon gefragt.
Ich merkte natürlich wohl, worauf das Ganze hinauslief.
Die Eifersucht hatte ihn gepackt; sie stachelte ihn, aber der
Stachel war heilsam; er drängte die verzehrende Melancholie
zurück. Ich mochte daher die Schlange nicht alsbald durch einen
Zauberspruch zur Ruhe bringen.
Vielleicht wäre es Ihnen jetzt doch lieb, nicht länger auf
meinem Knie zu sitzen, Fräulein Eyre? war die nächste etwas
unerwartete Bemerkung.
Warum nicht, Herr Rochester?
Das Gemälde, das Sie soeben entworfen, läßt einen etwas
allzu großen Kontrast vermuten. Ihre Worte haben recht
zierlich einen anmutigen Apollo beschrieben, der in Ihren Gedanken lebt, - - groß, blond, blauäugig und mit einem griechischen Profil. Und jetzt ruhen Ihre Augen auf einem wahren
Vulkan -- einem wahren Grobschmied, schwarz. breitschultrig,
lahm und blind dazu.
Ich habe nie zuvor daran gedacht; aber Sie sehen allerdings
wie ein Vulkan aus, Herr ---
Nun --- Sie können gehen, Fräulein Eyre; aber erst-- dabei
faßte er mich fester als je --, werden Sie mir noch ein paar
Fragen beantworten.
Nun folgte ein langes Kreuzverhör, das eine Menge, ihm
unliebsamer Tatsachen zu Tage förderte, nämlich, daß Rivers
sich oft mit mir unterhalten, daß ich ihm zu Gefallen Hindostanisch
studiert, daß er mir einen Heiratsantrag gemacht hatte. Hier
platzte er wieder los.
Das ist eine Erdichtung- eine schamlose Erfindung, um
mich zu ärgern.
Verzeihung, es ist die buchstäbliche Wahrheit; mehr als einmal drang er in mich, daß ich ihn heiraten solle, und er war
darauf so versessen, wie nur irgend ein Mensch es sein kann.
Fräulein Eyre, ich wiederhole Ihnen, Sie können gehen.
Wie oft muß ich Ihnen das sagen? Warum bleiben Sie so
beharrlich auf meinem Knie sitzen, da ich Ihnen doch gesagt, daß
Sie weggehen sollen?
Weil ich mich hier behaglich fühle.
Nein, Jane, Sie fühlen sich da nicht behaglich, weil Ihr Herz
nicht bei mir ist; es ist bei diesem Vetter-- diesem St. John.
O, bis auf diesen Augenblick dachte ich, meine kleine Jane wäre
ganz mein ! Ich glaubte, sie liebe mich, selbst damals, als sie
mich verließ; das versüßte mir doch wenigstens in etwas so viele
Bitterkeiten. Solange wir auch voneinander getrennt gewesen
sind, so viele heiße Tränen ich auch über unsere Trennung vergossen, so dachte ich doch nie, daß sie, während ich um sie
trauerte, einen andern liebte! Jane, machen Sie, daß Sie fortkommen, und heiraten Sie Ihren Rivers.
Dann schütteln Sie mich mit Gewalt ab, denn freiwillig
werde ich nicht gehen.
Jane, ich liebe noch immer den Ton deiner Stimme, er erneuert stets meine Hoffnung, er klingt so wahr, er versetzt mich
um ein Jahr zurück. Ich vergesse, daß du ein neues Band geknüpft hast. Aber ich bin kein Tor - geh.
Wohin soll ich denn gehen, Herr Rochester?
Zu dem Manne, den du dir zum Gatten erkoren, zu St. John
Rivers.
Er ist nicht mein Gatte, noch wird er es je sein. Er liebt
mich nicht und ich ihn nicht. Er liebt eine schöne junge Dame,
namens Rosamunde. Er wollte mich bloß deshalb zu seinem
Weibe haben, weil er dachte, ich würde für einen Missionar
passen, was bei ihr nicht der Fall gewesen sein würde. Er ist
gut und großherzig, aber streng und für mich so kalt wie ein
Eisberg. Er ist nicht wie du, Eduard; ich bin nicht glücklich
an seiner Seite, noch neben ihm, noch bei ihm! Er hat für
mich keine Zärtlichkeit übrig. Er sieht an mir nichts Anziehendes,
nicht einmal meine Jugend -- sondern bloß einige nützliche
geistige Eigenschaften. Muß ich dich also nun verlassen und
zu ihm gehen?
Ich schauderte unwillkürlich und klammerte mich instinktmäßig
fester an meinen blinden, aber geliebten Herrn an. Er lächelte.
Was, Jane! Ist das wahr? Stehst du wirklich so mit
Rivers?
Nicht anders, Eduard! Du brauchst dich nicht zu ärgern, ich
wollte dich nur ein wenig necken, um deine Traurigkeit etwas
zu verscheuchen; ich dachte, Zorn wäre besser, als Kummer. Aber
mein Herz gehört ganz dir, dir allein; und bei dir würde es
bleiben, wenn mich auch das Schicksal wieder aus deiner Gegenwart verbannen sollte.
Abermals verdunkelten peinliche Gedanken sein Gesicht, während
er mich küßte.
Ach, daß mein Gesicht dahin ist! Ach, daß meine Stärke gelähmt ist! murmelte er gramerfüllt.
Ich liebkoste ihn, um ihn zu trösten. Ich wußte, woran er dachte,
und wollte seinen Gedanken Worte leihen, wagte es aber nicht.
Als er sein Gesicht eine Minute lang auf die Seite wandte,
sah ich eine Träne unter seinem versiegelten Augenlide hervordringen und die männliche Wange herablaufen. Das Herz zog
sich mir zusammen bei dem Anblick.
Ich bin um nichts besser, als der alte vom Blitz getroffene
Walnußbaum im Garten von Thornfield, bemerkte er nach einer
Weile. Und welches Recht hätte wohl jener Baumstumpf, von
einem knospenden Geißblatte zu verlangen, daß es seine Ueberbleibsel mit seinem jungen frischen Grün bekleide?
Du bist keine Ruine, Eduard-- kein vom Blitz getroffener
Baum, du bist gesund und kräftig. Pflanzen werden um deine
Wurzeln her wachsen, ob du es haben willst oder nicht, weil sie
sich in deinem Schatten wohl fühlen werden, sie werden sich an
dich anlehnen und sich um dich winden, weil deine Stärke ihnen
eine sichere Stütze bietet.
Abermals lächelte er; offenbar fühlte er sich getröstet.
Du meinst Freunde? fragte er.
Ja, Freunde, antwortete ich etwas zaudernd, denn ich meinte
ja mehr als bloß Freunde, konnte aber kein anderes Wort
finden. Er half mir.
Aber ich brauche eine Frau, Jane.
J was?
Ja, ist das etwas Neues für dich?
Natürlich, du hast ja zuvor nichts davon gesagt.
Ist dir diese Neuigkeit willkommen?
Das hängt von den Umständen ab, --- von deiner Wahl.
Die du für mich treffen sollst, Jane. Ich lasse es auf deine
Entscheidung ankommen.
So wähle denn diejenige, die dich am meisten
liebt.
Ich will wenigstens die nehmen, die ich am meisten
liebe. Jane, willst du mich heiraten?
Jawohl, lieber Eduard.
Einen armen, blinden Mann, den du an der Hand wirft herumführen müssen?
Ja, Eduard.
Einen Krüppel, der zwanzig Jahre älter ist, als du, und dem du pflegen und warten muβt?
Ja.
O du Liebe! Gott segne dich und lohne es dir!
Lieber Eduard, wenn ich je in meinem Leben ein gutes Werk
getan, so bin ich jetzt belohnt. Deine Frau zu sein, bedeutet
für mich das denkbar höchste Glück auf Erden!
Weil du dich gern für andere aufopferst.
Was opfere ich denn auf? Hunger für Speise, aussichtsloses
ödes Warten für gegenwärtiges Glück. Meine Arme um ein
Wesen schlingen dürfen, das mir lieb und wert,-- küssen und
herzen dürfen, was ich liebe, heißt das ein Opfer bringen?
Aber meine körperlichen Gebrechen, Jane, meine moralischen
Mängel?
Sind für mich keine, Eduard. Ich liebe dich jetzt mehr, wo
ich dir wirklich nützlich sein kann, als damals, wo du in stolzer
Unabhängigkeit dastandst, wo du jede andere Rolle verschmähtest,
als die eines Wohltäters und Beschützers.
Bisher war es mir zuwider, andere um Hilfe anzugehen, --
mich von andern führen zu lassen, von nun an wird es mir
nicht mehr widerstreben. Ich mochte meine Hand nicht in die
eines Mietlings legen, aber sie von den zarten Fingerchen
meiner Jane umschlossen zu wissen, ist mir ein Wonnegefühl.
Jane paßt also für mich; passe ich aber auch für sie?
So vollkommen, daß jede Fiber meines Wesens von dir durchdrungen ist, lieber Eduard.
Da die Sache so steht, so haben wir auf nichts in der Welt
mehr zu warten.
Wir müssen unverweilt ein Fleisch werden, Jane; es bedarf
dazu bloß der Lizenz -- dann geht's vor den Altar und --
Lieber Eduard, ich habe soeben bemerkt, daß die Sonne schon
weit von ihrer Mittagshöhe herabgesunken ist. Pilot ist schon
heimgegangen, um sein Futter zu suchen. Laß mich mal nach
deiner Uhr sehen.
Nimm sie an dich, Jane. Ich brauche sie nicht mehr.
Es ist gleich vier. Bist du noch nicht hungrig?
In drei Tagen, von heute an gerechnet, müssen wir uns
trauen lassen, Jane. Du brauchst dir jetzt keine Sorgen mehr
um schöne Kleider und Juwelen zu machen, alles das ist keine
taube Nuß wert.
Die Sonne hat alle Regentropfen aufgesogen, Eduard. Der
Wind hat sich gelegt. Es ist ganz heiß.
Weißt du auch, Jane, daß ich dein kleines Perlenhalsband
in diesem Augenblicke unter meinem Halstuch trage ? Ich habe
es seit dem Tage getragen, an dem ich meinen Schatz verlor,
als ein Erinnerungszeichen.
Wir wollen durch den Wald heimgehen, es wird das der
schattigste Weg sein.
Er aber verfolgte noch immer seinen eigenen Gedankengang,
ohne auf mich zu achten.
Weißt du auch, Jane, daß ich nicht mehr ein so irreligiöser
Mensch bin wie ehedem? In der letzten Zeit habe ich gelernt,
die Hand Gottes in meinem Schicksale zu sehen und zu erkennen.
Ich fing an, Reue darüber zu fühlen, daß ich dich an einem
falschen Eheversprechen zu täuschen suchte, und ich sah ein, daß
ich alles Unglück, das mich seit deiner Flucht betroffen, verdient
habe. Da empfand ich das Verlangen, mich mit meinem
Schöpfer wieder zu versöhnen. Ich begann bisweilen zu beten,
und diese Gebete waren aufrichtig, wenn auch nur kurz.
Vor einigen Tagen nun, es war in der Nacht vom vergangenen
Montag zum Dienstag, kam eine seltsame Stimmung über mich,
eine Stimmung, in der der Schmerz an die Stelle des Wahnsinns, der Kummer an die Stelle des finstern Brütens trat.
Lange Zeit war es mir vorgekommen, daß du tot sein müßtest,
da ich dich nirgends finden konnte. In jener Nacht nun --- es
mochte zwischen elf und zwölf Uhr sein ---- flehte ich, ehe ich
mich in mein ödes Schlafgemach begab, zu Gott, er möge mich
bald von diesem Leben erlösen und in jene andere Welt aufnehmen, wo ich doch Hoffnung hätte, meine Jane wieder zu
finden.
Ich war also in meinem Zimmer und saß an dem offenen
Fenster. Die balsamische Nachtluft tat mir wohl; obgleich ich
keine Sterne sehen konnte, so erkannte ich doch an einem unbestimmten lichten Nebel, daβ der Mond aufgegangen war. Ich sehnte mich nach dir, Jane! Ach, ich sehnte mich nach dir mit
Seele und Leib! Ich fragte Gott in meiner Qual, ob ich noch
nicht lange genug gelitten hätte, und ob ich nicht bald wieder
einmal Wonne und Frieden schmecken dürfte. Daß ich alles
verdiente, was ich erduldet, erkannte ich an -- daß ich kaum
noch mehr dulden könne, sprach ich in meinem Gebete aus;
und das Alpha und Omega der Wünsche meines Herzens entschwand unwillkürlich meinen Lippen in den Worten: Jane!
Jane! Jane!
Hast du diese Worte laut gesprochen?
Ja, Jane. Hätte irgend jemand mich gehört, so würde er
mich für toll gehalten haben, mit so wahnsinniger Energie sprach
ich sie aus.
Und es war in der Nacht vom vergangenen Montag zum
Dienstag, etwa um Mitternacht?
Ja; aber die Zeit tut nichts zur Sache; was folgt, ist das
Merkwürdigste. Du wirst mich für abergläubisch halten, dessen
ungeachtet ist es wahr, daß ich das, was ich jetzt erzählen werde,
wirklich hörte.
Als ich ausrief: Jane! Jane! Jane! antwortete eine Stimme
---- ich vermag nicht zu sagen, woher sie kam: Ich komme, warte
auf mich! -- und einen Augenblick darauf kamen auf dem
Winde die geflüsterten Worte daher - -- Wo bist du?
Diese Worte schienen zwischen Bergen gesprochen zu sein, denn
ich hörte ein von Hügel zu Hügel fortgepflanztes Echo sich
wiederholen, während doch dieses Haus in einer Ebene und nur
zwischen Wäldern liegt, wo jeder Laut sofort ohne Wiederhall
erstickt. Ich hatte daher die Empfindung, als ob ich mit meiner
Jane in irgend einer wilden Gebirgsgegend zusammenträfe.
Geistig wenigstens müssen wir uns auch vereint haben. Um
jene Stunde lagst du wahrscheinlich im Schlafe, wo du nichts
von dir wußtest, Jane. Vielleicht verließ deine Seele ihre Behausung, um die meine zu trösten; denn diese Worte kamen von
dir --- so wahr ich lebe -- sie kamen von dir! Begreifst du
nun, warum ich dich, als du in der vergangenen Nacht so
plötzlich vor mich hintratst, für eine Stimme und Erscheinung
aus der Geisterwelt gehalten habe?
Achtunddreissigstes Kapitel.
Schluß.
Wir feierten unsere Trauung in aller Stille; er und ich,
sowie der Pfarrer und der Küster waren allein anwesend. Als
wir von der Kirche heimkamen, ging ich in die Küche hinab,
wo Marie das Mittagsmahl bereitete und John die Messer
reinigte und sagte:
Marie, ich bin diesen Morgen mit Herrn Rochester getraut
worden. Die Haushälterin und ihr Mann gehörten beide zu
jener verständigen, phlegmatischen Klasse von Leuten, denen man
zu jeder Zeit eine merkwürdige Nachricht mitteilen kann, ohne
Gefahr zu laufen, daß sie die Ohren der Leute durch irgend
einen schrillen Ausruf gellen machen und sie darauf durch einen
Schwall von Worten, die ihr Erstaunen ausdrücken sollen.
betäuben. Marie blickte auf und sah mich starr an; der Löffel,
mit dem sie ein Paar Hühner, die am Feuer brieten, beträufelte,
schwebte wohl drei Minuten untätig in der Luft, und während
desselben Zeitraums hatten auch Johns Messer Ruhe. Marie
aber sagte, während sie sich wieder über die bratenden Hühner
neigte, bloß folgende Worte:
So was! Na ja!
Ich wußte, ja, Marie, daß es so kommen würde, sagte John
mit einem breiten Lächeln. Ich wußte, was Herr Eduard tun
würde, und war auch gewiß, daß er nicht lange warten würde,
und er hat, meiner Meinung nach, wohlgetan. Ich wünsche
Ihnen alles Glück, Fräulein, -- wollte sagen Frau Rochester.
Ich schrieb alsbald nach Moor-House und nach Cambridge,
um das Geschehene mitzuteilen, zu gleicher Zeit erklärte ich,
warum ich so gehandelt hätte. Diana und Marie billigten
meinen Schritt unbedingt. Diana kündigte mir an, daß sie mir
nur so viel Zeit lassen würde, um über die Flitterwochen hinwegzukommen, dann würde sie mich besuchen.
Sie täte besser, nicht bis dahin zu warten, Jane, sagte mein
Mann, als ich ihm ihren Brief vorlas, sie wird zu spät kommen,
denn unsere Flitterwochen werden so lange dauern, wie unser
Leben.
Wie St. John die Nachricht aufnahm, weiß ich nicht; er
beantwortete nie den Brief, worin ich sie ihm mitteilte. Indessen schrieb er mir ein halbes Jahr darauf, ohne jedoch meinen
Mann zu erwähnen oder auf meine Heirat anzuspielen. Sein
Brief war ruhig und dabei, obgleich sehr ernst, freundlich. Seit
jener Zeit haben wir regelmäβig, wenn auch nicht sehr häufig,
Briefe miteinander gewechselt; er hofft, daß ich glücklich und
nicht von denen sei, die in der Welt ohne Gott leben und ihren
Sinn nur auf Irdisches richten.
Was die kleine Adele betrifft, so erbat ich mir und erhielt
von meinem Mann die Erlaubnis, sie in ihrer Schule besuchen
zu dürfen. Ihre grenzenlose Freude, als sie mich wiedersah,
rührte mich sehr. Sie sah bleich und mager aus und sagte, sie
sei nicht glücklich. Ich fand die Schulordnung zu strenge, die
Lektionen zu schwer für ein Kind von ihrem Alter, und so nahm
ich sie denn mit. Ich hatte im Sinne, noch einmal ihre Erzieherin
zu werden, aber fand bald, daß dies unausführbar sei; meine
Zeit und meine Aufmerksamkeit wurden jetzt von einem andern
in Anspruch genommen - mein Mann hatte sie ganz und gar
nötig. Ich sah mich daher nach einer andern Schule um, deren
Lehrplan minder streng war, und in solcher Nähe, daß ich sie
oft besuchen und bisweilen mit nach Hause nehmen konnte.
Bald gewöhnte sie sich an ihren neuen Aufenthaltsort, fühlte
sich dort sehr glücklich und machte schöne Fortschritte. Während
sie heranwuchs, verbesserte eine gesunde, englische Erziehung
größtenteils ihre französischen Fehler, und als sie die Schule
verließ, fand ich an ihr eine liebenswürdige Gefährtin. Durch
ihre dankbare Aufmerksamkeit für mich und die Meinigen hat
sie mich schon längst wieder für jede Freundlichkeit und Güte
reichlich belohnt, die ich ihr erwiesen habe.
Meine Erzählung geht ihrem Ende zu; nur noch ein Wort
über meine Erfahrungen im Ehestand und ein kurzer Blick auf
die Schicksale derjenigen, deren Namen hier am häufigsten vorgekommen sind, -- und ich bin zu Ende.
Ich bin jetzt zehn Jahre verheiratet. Ich weiß, was es heißt,
ganz für und mit dem zu leben, den man auf Erden am meisten
liebt. Nie stand eine Frau ihrem Manne näher, als ich dem
meinigen, nie konnten Mann und Frau geistig und körperlich
so eng miteinander verwachsen sein, wie wir beide. Ich werde
der Gesellschaft meines Eduard nie überdrüssig, und er nie der
meinigen, so wenig als jedes von uns seines Pulsschlages überdrüssig wird. Beisammen sein, heißt für uns zugleich so frei,
wie in der Einsamkeit und so heiter, wie in Gesellschaft sein.
Ich glaube, wir unterhalten uns den ganzen Tag miteinander;
miteinander zu sprechen ist nur ein lebendigeres und hörbares
Denken. Ich schenke ihm mein ganzes Vertrauen und besitze
ganz das seinige; unsere Charaktere passen genau zu einander,
und daher herrscht vollkommene Eintracht zwischen, uns.
Eduard blieb die ersten zwei Jahre unserer Verbindung blind,
vielleicht war es dieser Umstand, der uns, einander so nahe
brachte -- der uns so eng aneinander knüpfte, denn ich war
dazumal sein Auge, wie ich noch jetzt seine rechte Hand bin.
Er sah die Natur, er las die Bücher durch mich, und nie wurde
ich müde, für ihn zu sehen und ihm die Felder, Bäume, Städte,
Flüsse, Wolken zu schildern. Nie wurde ich müde, ihm vorzulesen, nie, ihn dahin zu führen, wohin er gehen wollte, für ihn
zu tun, was er getan wissen wollte. Und es lag in meinen
Dienstleistungen ein großes, einziges, wenn auch schwermütiges
Vergnügen, -- weil er diese Dienstleistungen in Anspruch nahm
ohne eine peinliche Scham oder ein Gefühl der Demütigung.
Er lebte mich so wahr, daß es ihm nie sauer ankam, meine
Dienste in Anspruch zu nehmen, er fühlte, daß ich ihn so zärtlich
liebte, daß, wenn er sie forderte, er damit nur meinen liebsten
Wünschen nachkam.
Als die zwei Jahre um waren, kam er eines Morgens,
während ich einen Brief schrieb, den er diktierte, auf mich zu,
neigte sich über mich hin und sagte:
Jane, hast du etwas Glitzerndes an deinem Halse?
Ich hatte eine goldene Uhrkette, und antwortete mit Ja.
Und hast du ein blaßblaues Kleid an ?
Ich hatte ein solches an. Und nun sagte er mir, daß es ihm
seit einiger Zeit vorgekommen sei, als wenn die Finsternis, die
das eine Auge umwölkte, minder dicht würde; jetzt war er seiner
Sache gewiß.
Wir gingen miteinander nach London. Er zog einen ausgezeichneten Augenarzt zu Rate und konnte nun bald wieder
mit dem einen Auge sehen. Er sieht jetzt alles sehr deutlich,
er kann nicht viel lesen oder schreiben, aber er findet den Weg,
ohne bei der Hand geführt zu werden; das Himmelsgewölbe ist
nun nicht länger etwas Leeres für ihn und ebenso wenig die
Erde. Als sein erstgeborenes Kind ihm in die Arme gelegt
wurde, konnte er sehen, daß der Knabe seine Augen, wie sie
einst waren -- groß, glänzend und schwarz geerbt hatte.
So sind wir denn, mein Eduard und ich, glücklich, und das
umso mehr, weil auch die glücklich sind, die wir am meisten
lieben. Diana und Marie Rivers sind beide glücklich verheiratet,
sie besuchen uns immer wechselweise einmal im Jahre, und wir
besuchen sie.
Ganz ungetrübt ist unser Glück aber auch nicht. Der letzte
Brief, den ich von St. John aus Indien erhalten habe, läßt
voraussehen, daß der unermüdliche Missionar den Anstrengungen
seines Berufs und dem tragischen Klima bald erliegen wird.
Mein Herr und Meister, sagt er in diesem Briefe, hat mich
gemahnt. Jeden Tag spricht er deutlicher: Und siehe, ich
komme bald, und stündlich antworte ich in meiner Sehnsucht!
Amen, ja komm, Herr Jesu!
Ende.