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Die Waise von Lowood
Novelle nach dem Englischen von Currer Bell.
Erstes Kapitel.
Die Waise in Hause ihre Tante
Mein Leben ist so reich an merkwürdigen Schicksalen gewesen, so viel Mißgeschick und Glück, so viel Leid und Freude haben darin gewechselt, ich habe so viele Zurücksetzung erduldet und mich so mancher Anerkennung erfreut, ich bin das Opfer so vieler raffinirter Bosheit gewesen, und wenn nur das Grab als Hoffnungsanker mir übrig zu bleiben schien, so hat die Vorsehung wieder mein - Schicksal so merkwürdig gewendet, daß ich wohl voraussetzen darf, durch die Erzählung meiner Lebensschicksale manchem Unglücklichen die Thränen zu trocknen und manchen durch Neid und Mißgeschick. Niedergebeugten aufzurichten. Ihnen, verehrte Freundin, zunächst sei diese Geschichte gewidmet.
Meine Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde früh eine Waise und büßte von diesem Augenblicke an für die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner unglücklichen Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid preiszugeben. Der nähmliche Stolz war auch der Grund, weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene waren wunderschön, mit kindlichen Herzen voll lieblicher Jugendfrische,
Koketterie und Unschuld; dieser, mein abscheulicher Cousin, John Reed,von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon einiges gesagt habe, war der
echte Typus eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig und tyrannisch. Er glaubte seine Bosheit gegen mich um so ungestörter
entwickeln zu können, als er gegen mich den doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer der meinigen weit überlegenen
Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maaße, wo ihn, wie ich glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem
Grunde meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage, jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed, vergebens sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum,
auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir, ohne alles Interesse sind.
Ich befand mich an einem regnerischen Nachmittage in einer tiefen Fensternische verborgen, wo ich auf meinen gekreuzten Beinen saß und in einem großen Buche blätterte, das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte. Es waren die „Vögel Englands von Bowick“. Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen Wolken, die der Wind vor sich hertrieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte mich auf.
„Hierher, Schläferin!“ rief mein liebenswürdiger Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte.
„Wo Teufel mag sie sich versteckt haben?“ fuhr er fort. „Lizzy!
George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier .
Mama glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige
kleine Hexe.“
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still, indem ich glaubte, Master John,
dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen,
werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf
seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine Spur. Ich konnte nicht mehr zurückweichen, ich schob daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter einem Schein kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor meinem jungen Tyrannen.
„Was willst Du von mir?“ fragte ich ihn in einem Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
„Was willst Du von mir, Master Reed?“ wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend. „So mußt Du mit mir sprechen. Ich will, Du sollst hierher kommen.
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf, winkte er mir ,.näher zu treten und vor ihm stehen zu bleiben.
John war damals ein plumper Bursche von etwa vierzehn Jahren, von zugleich robusten und ungesundem Aussehen, mit bleicher, fahler
Gesichtsfarbe, überhaupt allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine
Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war, konnte ihm gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnte, daß er mich schlagen würde, aber ich weiß nicht, welche
geheime Kraft mich unbeweglich bleiben ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er diese stumme Sprache, denn er zögerte nicht länger, mir einen so
heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den Füßen zu erhalten.
„Das ist für Dein ungebürliches Benehmen, nicht zu antworten, wenn ich Dich rufe,“ sagte er zu mir, „und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte Spinne.“
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
„Was machtest Du dort? fragte er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so traurige und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
„Ich las.“
„Zeige mir das Buch.“
Ich holte es herbei.
„Ich will Dich lehren.“ fuhr er fort in meinen Bibliotheken
herumzustöbern und meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne.
Geh dorthin, neben den Spiegel . . . nicht so nahe ans Fenster.
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht errathen. Als
ich mich aber an der bezeichneten Stelle befand, wurde mir Alles klar,
denn ich sah, wie er den dicken Band, den ich ihm gebracht hatte,
emporhob und in der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich auf die Seite, aber es war zu spät. John hatte richtig gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand, mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder zurückzog, war sie mit Blut befleckt.
Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte dem Gefühle, das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen mit Nero, Caligula und andern, fast eben so verabscheungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus:
„Du bist ein böser und grausamer Mensch . . . Tu gleichst einem
Mörder . . . einem Sklavenhändler . . . den Kaisern von Rom!“
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen. Sie erbitterteihn auf's Höchste und in rasender Wuth stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige warme Blutstropfen flossen über meinen Hals: mein glühender Kopf, meine iu diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die Nothwendigkeit versetzt, um Hülfe zu rufen. Sobald der Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei und als ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu trennen,, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
„Mutter, sieh nur, wie Jane mich zugerichtet hat“ --- rief John
ihr entgegen --- sie hat mich geschlagen, gekratzt und gebissen, und - -
was meinst Du, weshalb? Weil ich ihr verbot, mir meine Bücher
zu verderben.
„Der Bube hat ohne Veranlassung mich arg gemißhandelt!“ ---
wollte ich entgegnen, aber meine Stimme wurde von der meiner.
Tante übertönt.
„Wie, Du hast Dich unterstanden, Dich an meinen Sohn thätlich zu vergreifen ? Ist das der Respekt, den Du ihm schuldig bist? Ist das der Dank für die Wohlthaten, die wir Dir gewähren?“
Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.
„In die rothe Kammer!“ rief sie, „schließt sie ein und lasst sie dort!“
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem Zimmer, in welchem der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen Stuhl gesetzt
worden war, wollte ich wieder aufspringen und den Kampf mit
meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr,
welchen Heiligen sie anrufen und wie sie die wüthende Katze bändigen
sollten, die ihnen soviel zu schaffen machte. Endlich hatte die Eine
von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie, das einzige Wesen
das mir in diesem fluchwürdigen Hause zuweilen Beweise von einer
Art Freundschaft gegeben hatte.
„Wenn Sie sich noch länger sträuben, Miß,“ sagte sie zu mir,
„so müssen wir Sie binden. Miß Abbot,“ setzte sie hinzu, „leihen
Sie mir doch ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald
zerreißen.“
Miß Abbot wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln
von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr gewaltiger Körper ruhte.
Ich sah einen neuen Schimpf voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine gewisse gezwungene Ruhe gab.
„Bemühen Sie sich nicht, Miß Abbot!“ rief ich aus, „ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu rühren.“
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich wider meinen Willen gesetzt worden war.
Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die beiden Mädchen hielten es nun für angemessen, mir eine lange Predigt zu halten über mein thörichtes Benehmen und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm und schutzlos war, dem Willen derjenigen unterwerfen müsse, die mir Brot gaben. In trotzigem Stillschweigen und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen die Thür.
Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten, habe ich nicht
vergessen. Das rothe Zimmer war ein großes, selten bewohntes Ge mach, denn Besuche waren in Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte, wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahagonyfüßen ein großes Bett, mit Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden. Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über den vor dem Bett stehenden Tisch war ein ähnliches Tuch gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet, auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettenschrank und die Stühle von altem, dunklen Mahagony glänzten in der Dunkelheit, von der besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendendweißen Ueberzügen, und dann ein Krankenlehnstuhl, mit einem gleichen Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen Augenblicke wie ein „bleicher Thron“ erschien.
Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie ein Feuer angezündet wurde. Da es von die Kinderstube und der Küche ziemlich weit entfernt lag, so herrschte fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume, der mir
ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von meinem Sitze auf
ging nach der Thür, die, wie ich wähnte, vielleicht offen geblieben
konnte. Ein kalter Schauder ergriff mich, als ich sah, daß sie wirklich fest verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren, mußte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes erblickt hatte. Mein Blick versenkte sich unwillkürlich in die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Wäschkammer allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab. –
In diesem kleinen mageren und blassem Geschöpf, dessen scheue
Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme sich auf dem dunklen
Hintergrunde abzeichneten und das eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach einiger Zeit . . . die unglückliche Nichte der Mistreß
Reed. Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich mit
dieser seltsamen Transfiguration meiner eigenen Person allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren Bildern, die
an meiner überreizten Phantasie vorüberzogen und welche die heftige
Aufregung meines Kopfes und die so lange unterdrückte Empörung
meines Herzens in mir hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage, von der
Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner kränklichen Häßlicheit, die meinen
Verwandten ein Gräuel war, und von meiner angeborenen Menschenscheu, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach und nach die
spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen,
daß der Himmel noch fortwährend seine Schmerzensthränen vergoß,
daß der Wind traurig in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich
allmälig eine entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen, und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu sterben. Dann war es mir. als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des
Geisterbettes . . . dies war der Gnadenstoß für mich. ----
Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden wurde und
daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Betäubung erwachte, in welche
mich die Angst versetzt hatte. Man mußte den Arzt rufen, ihm die
meiner Ohnmacht voraufgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der
gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles war
keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed zu gewinnen.
Wir geriethen noch mehrere Male in Streit miteinander und bei
jeder solchen Gelegenheit steigerte sich mit meiner Widersetzlichkeit gegen
ihren Willen der Haß, den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder
Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz schwarz gekleideter Mann
von häßlichem Gesicht und schmeichelndem Benehmen. Man rief mich
herbei, um mich ihm besonders vorzustellen, was mich in das höchste
Erstaunen setzte, da es mir noch nie begegnet war. Er fand mich sehr
klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen und ob ich
wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem Tode kämen. Auch wollte
er wissen, ob ich die Bibel gelesen hätte, und schien sehr entrüstet,
als ich ihm unter Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus
nicht interessirten.
„Dies ist ein Beweis,“ sagte er „daß Du ein böses Herz hast.
Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß Gott Dich davon befreit
und Dir ein anderes dafür giebt, ein Herz von Fleisch, anstatt eines
Herzens von Stein.“
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen beschattete
Augen, große Nase und hervorstehende Zähne ich noch vor mir sehe,
hieß Mr. Brocklehurst. Er war der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über meine Aufnahme
in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die Sache kam ohne große
Schwierigkeit zu Stande und am darauf folgenden 19. Januar, einer
der denkwürdigen Tage meines traurigen Lebens verließ ich Gateshead-Hall mit einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet hatte, ihr nie wieder den Namen „Tante“ zu geben, ein Beweis, daß ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben. Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgültigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein vor jeder wirklichen Erniedrigung bewahrt hat.
Zweites Kapitel
Die Waise in Lowood
Hatte mich Haß und Bosheit bei der Familie meines Oheims verfolgt, so waren es nun Entbehrungen aller Art, denen ich entgegen ging. Ich habe S Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Freundin, und ich habe kaum eine schwache Erinnerung von diesen 8 Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen, die nämlich fast durchgängig verdrießlichen und leidenden Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber, die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen lebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig niederholt, daß diese S Jahre meiner Jugend kaum den Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien, der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in meinem Gedächtniß zurückgelassen haben.
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen. Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost, den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein: aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von der puritanischen Einfachheit, welche uns allen die nämliche Kleidung gab: den nämlichen Haarputz ohne Locken, die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an unserem Gürtel hing und als Arbeitsbeutel diente, die nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir, von allen Mitteln entblößt, auch im Aeußeren unsere Armuth bekundeten. Aber warum verweigerte
man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder
Sorgfalt, der soweit ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren,
die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit
zugemessen wurden? Warum ließ man uns im Winter in großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem Mangel der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klima's äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend in der Mitte eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger
ungesund. Aber mit den ersten schönen Tagen drangen die Fieber
und der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten das
mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus in ein großes
Hospital. Diese Krankheiten fanden uns schon geschwächt durch eine
fortdauernde halbe Hungerkur und durch Erkältungen, gegen welche
man nie die geringsten Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der
Blumen war für uns die Zeit der Cypressen.
Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate sind mir
treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige Bewegung als --
das beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher
den Schülerinnen, welche von der Krankheit verschont blieben, den
Garten, und ich habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder den einzigen -
Roman las, welcher in diesem frommen Hause gestattet war: „Rasselas“,
liebe Freundin, ja, „Rassellas, Prinz von Abyssinien!“
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir , Rasselas-- wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie war es ferner, die mir erklären, was ich noch nicht wußte, daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl
fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht wurde. Ueberhaupt
verdanke ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und
über die Art und Weise, wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt; aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere von den Personen, die unsere Erziehung
leiteten, gegen sie einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeiten und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften können, mit dem man sie ohne Ursache verfolgte.
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht erklären, das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet haben würde, das aber
bei meiner gottesfürchtigen Freundin eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der größten Ruhe,
derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am meisten quälte, die Strafruthe
hatte bringen sehen, wollte ich mir über diese mich in Erstaunen setzende
Resignation Aufklärung verschaffen.
Ich setzt: mich neben Helenen, welche in der leeren Klasse am
Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß sie das Buch.
„Ich wette“ sagte ich ohne Einleitung zu ihr, „daß Du mit dem
Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.“
„Ich?“ erwiderte sie, indem sie mich mit ungeheucheltem Erstaunen
anblickte; „ich bitte Dich, warum denn? Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützen, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?“
„Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja so grausam gegen Dich?“
„Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng. Meine Fehler mißfallen ihr.“
„An Deiner Stelle würde sie mir mißfallen. Ich würde mich ihr
widersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie sie Dich geschlagen hat, würde
ich ihr den Stock aus der Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht
zerschlagen.“
„Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn Du es
thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen werden und darüber
würden sich Deine Verwandte sehr betrüben. Es ist viel besser, einen
Schmerz zu ertragen, der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung
von Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme
schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, das Böse mit Gutem zu
vergelten.“
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack an ihr zu
finden. Was mich besonders wunderte, war de Mangel jedes Grolls
gegen die Person, über welche sich, meiner Ansicht nach, Helene mit
Recht zu beklagen hatte. Ich fühlte jedoch in meinem Herzen, daß
Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt besaß, das
mir noch fehlte.
„Du sagst, Helene,“ fuhr ich fort, „daß Du Fehler hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz tadellos.“
„Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren, nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin, wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich nicht den Regeln der Anstalt, aber es geschieht häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich keiner systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß Scatcherd nicht, denn sie ist im Gegentheil außerordentlich genau, pünktlich, eigen . . .“
„Gehässig und hartherzig!“ setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie schwieg.
„Uebrigens, fuhr ich ohne Ueberlegung fort, , warum bist Du
eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.“
„Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane. Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und ich habe gesehen, wie aufmerkfam Du warst. Während Dir Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen vorlegte, hörtest Du aufmerksam zu, und warst nicht zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatherd mit mir spricht uid ich nur nach ihr hören sollte, daß ich zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr vernehme. Ich versinke in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als befände ich mich in Northumberland und als wäre das Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unseres Hauses vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten, so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten Rauschen des heimathlichen Wassers gelauscht habe, so bin ich auf keine passende Antwort vorbereitet.“
„Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler geantwortet.“
„Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des Unterrichts interessirte. Es war von Karl 1. die Rede, und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter König zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln konnte. Seine Einsicht wurde wahrscheinlich durch seine hohe Stellung getrübt. Wenn er die Vorrechte seiner Krone hätte bei Seite lassen, und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können . . . Doch trotz alledem liebe ich diesen Karl . . . ich hege große Achtung und Theilnahme für den unglücklichen, gemordeten König. Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut, das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie konnten sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?“
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete ohne zu ahnen.
Wir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unseres Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß die Rache nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei, da sie für jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
„Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt, Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen nehmen, wenn sie gerecht ist.“
„Das ist aber gegen die Lehren der Religion,“ erwiderte Helene ruhig, „welche diese Grundsätze verwirst.“
„Verwirft? Das ist mir unbegreiflich!“
„Und zwar deshalb, weil durch Heftigkeit der Haß nicht entwaffnet
wird und die Rache eine Ungerechtigkeit nicht wieder aufhebt.“
„Auf welch' andere Weise kann denn dies geschehen?“
„Darüber eben geben die Lehren der Religion Auskunft, welche
allein vermögen, Dich dauernd z.u beglücken. In alle menschlichen Verhältnisse tief eingreifend, gebieten sie in diesem Falle: Liebet eure Feinde, segnet, die Euch fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und
verfolgen.“
„Nach diesen Vorschriften,“ rief ich aus, „müßte ich Mistreß Reed auch lieben und dies kann ich nicht; ich müßte ihren Sohn John segnen, und dies ist unmöglich.“
Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war
ihr noch unbekannt. Es war eine ganz natürliche Gelegenheit, sie ihr
zu erzählen, und von diesem Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen, Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß jener Zeit entschwunden,
die uns langsam aber unbewußt verstrich. Ich weiß nur, daß ich mich während eines der schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben
erwähnt habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand,
ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehrere Wochen, ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mir unter diesem unbestimmten Worte einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der Klasse
gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt, daß Miß Temple,
diejenige unserer Lehrerinnen, welche Helene und ich am meisten liebten,
meine Freundin an warmen Nachmittagen in den Garten führte. Man
gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu sprechen
Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht immer mit einem grünen
Schleier verhüllt war.
Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den
man uns spazieren geführt hatte, sah ich im Mondenscheine, vor der Gartenthür, den Poney des Herrn Bates, unseres Arztes, stehen. Eine
von uns bemerkte, daß wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in
der Anstalt sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich
achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen pflanzen wollte, die ich mit
aus dem Walde gebracht hatte, weil sie verwelken könnten, wenn ich
bis Morgen wartete. Die von Thränen des Abends benetzten Blumen
strömten süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach
einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war, der Mond
stieg prachtvoll in dem dunklen Blau des Osten empor, und dies Alles
brachte mich auf den Gedanken, daß es doch recht traurig sei, im Bett
liegen zu müssen und ein so herrliches Schauspiel nicht genießen zu
können. Ich dachte ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde,
diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen zu müssen,
um in eine andere zu gehen, die Niemand kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen zu schöpfen. Es war vergebens; er schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde, der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete, bis er zu Pferde
gestiegen war, und als sie eben das Gitterthor des Hofes verschließen
wollte, eilte ich auf sie zu.
„Wie geht es Helene Burns?“ fragte ich sie.
„Nicht zum Besten,“ war die einzige Antwort, die ich zuerst
erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
„Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihrer geholt worden?“
„Allerdings.“
„Und was sagt er dazu?“
„Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.“
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage,
würden diese Worte nur ihre buchstäbliche Bedeutung für mich gehabt
und ich würde geglaubt haben, Helenens Eltern hätten sie in ihr
geliebtes Northumberland zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit
meinem heutigen Gedanken in Verbindung und erhielt dadurch ein
klares und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welcher meiner
Freundin drohte. Ich sah sie schon hienieden ihre letzten Stunden
zählen und im Begriff, nach dem geheimnißvollen Regionen entführt
zu werden, an die ich so eben gedacht hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und ein tiefer
Schmerz . . . dann fühlte ich ein unwiderstehliches Verlangen, das
liebenswürdige Mädchen noch einmal zu sehen. Die Krankenwärterin
sagte mir wohl, daß Helene in Miß Temple's Zimmer lag; aber mehr
konnte ich nicht von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten
Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal. Es
hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille schließen
konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus meinem Bett,
warf meine weite Blouse über und schlich mich barfuß aus dem
Saale, um das mir bezeichnete Zimmer aufzusuchen. Ich kannte den
Weg und überdies erleuchtete der Mond die langen Corridors hin-reichend, so daß mein Unternehmen nichts weniger als schwierig war; als ich aber an dem Krankensaale vorüber ging, der einen starken Geruch von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich eine entsetzliche Furcht, da ich gedachte, daß bei dem leisesten Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.
Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte. Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel um ein wenig Luft in das Krankenzimmer einzulassen.
Ich zauderte nicht länger, meine Besorgnisse waren verschwunden.
Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu sehen, aber sollte ich sie
lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem Vorhange desselben halb verborgen, traf mein Blick auf ein schmales Lager, unter dessen Decke sich eine menschliche Eestalt abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische stand ein düster brennendes Licht.
Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß sie zu
einer andern Schülerin gerufen worden war, welche phantasirte.
Ich trat näher, und legte die Hand an den Vorhang. Ich fühlte
jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn zurückzog.
„Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre?“ dachte ich. „Helene
bist Du wach?“ fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie von selbst und
ich erblickte ein blasses, eingefallenes, aber vollkommen heiteres Gesicht.
Meine Befürchtungen waren sogleich verschwunden.
„Wie, Jane, Du bist hier?“ fragte mich Helene mit der lieblichen
Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
„Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen Stimme kann
man nicht sterben,“ sagte ich zu mir selbst und beugte mich über das
Bett, um meine Freundin zu umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre
Wange ebenfalls; ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr
Lächeln war noch das nämliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren, daß ihre
Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte nicht einschlafen können,
ohne sie vorher einmal zu sehen.
„Nun wohl,“ entgegnete sie, „Du kommst gerade noch zur rechten
Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.“
„Du reisest also ab. Helene? Du kehrst nach Hause zurück?“
„Ja,“ erwiderte sie, „nach Hause . . . nach Hause für immer.“
Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme versagte
mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein
heftiger Husten, der aber die Wärterin nicht aufweckte, verhinderte
Helenen einige Minuten am Sprechen. Dann sagte sie viel leiser zu mir:
„Deine Füße sind bloß, Janne; lege Dich zu mir und verbirg sie unter der Decke.“
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich an ihre Brust.
„Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Janne,“ fuhr sie nach einer
ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme fort. „Wenn man Dir
sagen wird, daß ich todt bin, so betrübe Dich nicht, es ist nicht der
Mühe werth. Früher oder später muß es doch dahin kommen und
die Krankheit, welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft. Sie verschlimmert sich allmälig, fast ohne daß ich es bemerke, und läßt meine
Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern.
Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird
mich daher nicht sehr vermissen. Indem ich jung sterbe, entgehe ich
vielen Leiden. Ich besitze nicht das, was nöthig ist, um es in der
Welt zu Etwas zu bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln und über mich zu klagen haben.“
„Aber, Helene,“ fragte ich sie ängstlich, weißt Du, wohin Du
gehst?“
„Ich gehe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wird. Gott ist mein Vater und mein Freund.“
„Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?“
„Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns Beide erschaffen hat.“
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich. Ich schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte ich sie zurückhalten.
„Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke!“ hob sie wieder an.
„Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir. Aber es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?
„Nein,“ antwortete ich, „und kein Mensch soll mich jetzt von Dir
trennen.“
„Gute Nacht, Jane!“
„Gute Nacht, Helene!“
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte; überall herrschte eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete, sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein Bett verlassen hatte; auf alle meine Fragen erhielt ich keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, dass Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich auf Helenens Bett, meinen Kopf an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Nacken geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. Helene war gestorben!
So hatte denn die Vorsehung mich wieder von der einzigen
Freundin getrennt, die mir den Aufenthalt in Lowood einigermaßen
erträglich machte. Denken Sie sich meinen Schmerz! Miß Temple,
diejenige der Lehrerinnen, welche mir und Helenen noch die meiste
Theilnahme bewies, ist fast die einzigste, welche ich mit dankbarer Erinnerung aus meinem traurigen Aufenthalt in Lowood erwähnen
kann. Sechs Jahre blieb ich Schülerin in jener Anstalt und hatte
während dieser Zeit die vorhandenen Mittel zu meiner Ausbildung so
gut benutzt, daß ich die letzten zwei Jahre meines Aufenthaltes zur
Unterlehrerin avaneirte. Ich war selbst eine leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich gewandt des Pinsels, was für
meine späteren Jahre die Quelle mancher Erheiterung geworden ist.
Warum sollte ich Sie, verehrte Freundin, durch Erzählung dessen
ermüden, was mir sonst in Lowood begegnet ist. Ist es mir doch fast
selbst aus dem Gedächtniß entschwunden, so eintönig und einförmig folgte ein Tag dem andern, deshalb erwähne ich nur des Ereignisses, welches zunächst mich zu dem Wunsche veranlaßte, Lowood zu verlassen.
Nachdem ich 8 Jahre daselbst zugebracht, verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, daß mir von diesem Augenblicke an ein unerträglicher
Aufenthalt wurde. Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für
Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation,
für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den
mir die Vorsehung für immer angewiesen zu haben schien, gehalten
hatte, nichts Anderes war, als die Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen Rathschläge Miß Temple's. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen meine frommen Borsätze, zu leben und zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen wie ich,
den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die Trautrigkeit,
von der ich mich ergriffen fühlte, der Sehnsucht nach meiner abwesenden
Freundin zugeschrieben hatte, machte ich eines Tages, ohne mir eigentlich
selbst Rechenschaft darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich
den zu engen Horizont unseres Asyls nicht mehr länger ertragen konnte,
daß ich mich nach einer größeren Welt außerhalb dieses klosterähnlichen
Gefängnisses sehnte. Ich dachte fortwährend an diese Welt, an ihre
gefahrvollen Prüfungen, an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen,
von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben,
und mein Muth steigerte sich bei dem Gedanken, mich hinein zu stürzen,
sollte ich auch darin umkommen. Aber dieser Muth schwand bald
wieder, wenn ich überdachte, daß ich möglicherweise wieder solch einem
Schicksal entgegen gehen könnte, wie ich es im Hause meiner Tante
erfahren hatte. Diese Befürchtung war es, welche meinen Aufenthalt
in Lowood verlängerte.
Als ich einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht einmal den Versuch machen konnte, dieses unwiderstehliche Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stille im Schlafsaale; nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war, erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich die Personification der prosaischen Dienstbarkeit, zu der ich wider meinen Willen verurtheilt war,
und der ich mich durchaus entziehen wollte. Alle meine Gedanken
concentrirten sich jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen,
Lowood zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und
chimärischer war, als der andere, durchkreuzten sich in meinem erhitzten
Kopfe, der sie als unausführbar verwarf, nachdem er sich einen Augen-
blick mit ihnen beschäftigt hatte. Plötzlich tauchte der Gedanke in
mir auf:
„Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich ihr nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige Stellung anzunehmen, als die, welche mir das Schicksal angewiesen hat?“
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur eines Vorwandes, und deren gab es tausende, um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des Journals ab, welcher das Gesuch einer Gouvernante enthielt, die sich erbot, ein oder mehrere junge Mädchen unter vierzehn Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch, Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter der Adresse: Miß J. E., poste restante Lowton. Dann nahm ich mir vor, alle
acht Tage nachzusehen, ob Jemand geneigt war, auf mich zu reflektiren.
Mein Wunsch ging schneller in Efüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen enthielt:
„Wenn J. E., welche sich am vergangenen Donnerstage in
dem . .. shire Herald als Gouvernante offerirt hat, wirklich
die angeführten Talente besitzt, und wenn sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer früheren Wirksamkeit beibringen kann, so wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen,
in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter 10
Jahren zu leiten hat. Der Gehalt besteht in 8 Pfund Sterling
für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen,
sowie die Namen der Personen, auf deren Empfehlung sie sich
beruft, an die Herren Fairfax in Thornfield bei Millcote in der
Grafschaft * * einsenden.“
Die Handschrift dieses Briefes war schwerfällig, altfränkisch und
zitternd; es war augenscheinlich die einer Frau in vorgerückten Jahren.
Ich konnte mir nichts Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir
sogleich das Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten
Manieren und ganz in schwarzer Seide gekleidet. Thornfield war
ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein Schloß mit kleinen Thürmen
und in Bezug auf Millcote überzeugte ich mich bald durch Nachschlagen
in einem geographischen Lexikon, daß es ein bedeutender Fabrikort war,
der an dem Flusse A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen
vorstellen, daß von betriebsamen Einwohnern bevölkert war, einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler Rauch emporstieg, das Geräusch von Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen und der Schiffer, die sich herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein geringes
Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument
bei der Vorsteherin, wenn sie es sich hätte beikommen lassen, meinem
Abgange hindernd in den Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht
daran und wollte nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person,
welcher die Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.
Meine ehrenwerthe Tante antwortete mir zwei Zeilen, „daß ich
ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie schon seit langer
Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine Angelegenheit zu mischen.“
Ich hatte also nach wenigen Tagen mit meinem Zeugniß meiner guten
und treuen Dienste volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung
mich rief. In der Zwischenzeit hatte ich an Mistreß Fairfax geschrieben,
die sich in ihrer Antwort durch die meinem Briefe beigefügten Zeugnisse
befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn meine wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen Zeit nicht sehr vermehrt.
Eben so bestieg ich an einem Octobermorgen um vier Uhr die durch
Lowton fahrende Diligence und sechzehn Stunden nachher, gegen acht
Uhr Abends, befand ich mich in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor
einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an den Wänden des
„Salons“ ein Portrait von Georg III., ein anderes von dem Prinzen
von Wales und den berühmten Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's
darstellt, bewundern konnte. Dies sei nur erwähnt, um Ihnen zu
zeigen, wie lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß geblieben sind.
Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde betrachtet
hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und zugleich der sehnlichste
Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich klingelte daher und erkundigte
mich nach einem Landsitze mit Namen Thornfield, der in der Nähe
von Millcote liegen sollte.
„Ich kenne diesen Ort nicht, erwiderte der Kellner, aber ich
will nachfragen.“
Nach einigen Augenblicken kam er eiligst zurück und fragte mich:
„Sind Sie vielleicht Miß Eyre?“
„Allerdings.“
„Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.“
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen Wagens, den
ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich.
bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers,
ließ mich in den Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich ihn
fragte, ob Thornfield weit sei:
Ohngefähr sechs Meilen „in höchstens anderthalb Stunden sind wir dort.!“
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über Mistreß Fairfax
ein wenig herab. Die reiche Wittwe, die ich mir vorgestellt hatte,
sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben.
Ich hatte mich indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben, die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und Liebenswürdigkeit schmückte.
Drittes Kapitel:
Die Waise in Thornfiled-Hall
Fast ganz in der voraus bestimmten Zeit kamen wir bei dichtem
Nebel vor einem Hofthore an, welches der Kutscher öffnete und das
sich hinter uns mit Geräusch wieder schloß. Dann hielt der Wagen
am Fuße eines Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig
dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden Fensters,
hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und
ließ mich aussteigen. Dann führte sie mich durch eine Vorhalle, auf
welche sich vier große Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der
von einem behaglichen Feuer und mehreren Lichtern hell erleuchtet
Hier saß an einem runden Tische in einem großen Lehnstuhle
von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast ganz dem Bilde entsprechend,
das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau
von außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Wittwenhaube, ein schwarzseidenes Kleid und eine weiße Musselinschürze. Zu ihren Füßen schlief eine große Katze und sie strickte mit lobenswerthem Fleiße; mit einem Worte, es konnte mich nichts schneller und besser beruhigen, als das
friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als ich den Thee
angenommen hatte, den meine neue Gebieterin mir mit größerer Artigkeit
anbot, als ich gehofft hätte, fragte ich sie ganz unbefangen:
„Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben, Miß Fairfax zu sehen?“
„Wie sagen Sie, meine Liebe?“ versetzte die gute Dame. „Ich-
höre ein wenig schwer.“
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
„Miß Fairfax? Ah so ... Sie meinen Miß Varens. So heißt Ihr künftiger Zögling.“
„Sie ist also nicht ihre Tochter?“ fragte ich etwas verwundert.
„Nein, ich habe keine Kinder.“
Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugehen, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen der Langeweile und der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen konnte.
Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß Fairfax sich
selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so wenig zu gefallen schien,
fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich
willkommen hieß, zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinem Anzug, denn da ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so wollte ich doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinem Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß, sondern nur
ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus, das vor einigen hundert
Jahren erbaut war und dessen graue Façade sich von dem braunen
Hintergrunde eines Gehölzes abzeichnete, in welchem mehrere hundert
Krähen ihr Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel
zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer großen Wiese nieder, die
zwischen dem Hause und einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken
verkrüppelten Stämmen lag, deren in einander verschlungene Zweige
einen undurchdringlichen Wald bildeten.
„Thornfield,“ dachte ich, „heißt Dornenfeld. Diese Bäume haben
der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen gegeben.“
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
„Gefällt Ihnen Thornfield?“ fragte sie mich dann.
„Außerordentlich!“ erwiderte ich mit dem Ausdrucke der Wahrheit.
„Es ist in der That nicht übel,“ versetzte Mistreß Fairfax. „Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen, wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit lang zu bewohnen oder es wenigstens öfter zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit des Besitzers unerläßlich.“
„Master Rochester?“ rief ich aus; „wen meinen Sie damit?“
„Den Besitzer von Thornfield,“ erwiderte sie mit großer Ruhe.
„Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester heißt?“
„Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehörte Ihnen.“
„Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin blos als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn Sie wollen. Ich bin allerdings, daß heißt, mein Gatte war entfernt mit Rochester verwandt, denn die Mutter des jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine im zweiten Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist. Ich nehme hier nur eine untergeordnete Stellung ein und da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.“
„Und das kleine Mädchen, meine Schülerin? . . . “
„Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt sie übrigens mit ihrer
Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.“
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegen kam, war ein Kind von sieben bis acht Jahren, von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war. Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre französische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde, nachdem Mistreß Fairfax m ich ihr vorgestellt, hatte sie mir bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen, mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: „Der Rattenbund“ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch, ich weiß nicht was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger Talente ein Ziel setzte.
Nach dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit hat sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus in allen seinen Einzelheiten. Als wir in das Staatszimmer traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit gegossenen Stuckverzierungen, einen marmornen; Kamin und bömischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein, schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.
„Aufrichtig gesagt, Miß Eyre,“ entgegnete sie, „würde ich mir nicht aus eigenem Antriebe die Mühe geben, welche ein solches Arrangement erfordert; aber ich habe bemerkt, daß, wenn Herr Rochester, uns einen seiner seltenen und stets unvermutheten Besuche abstattet, ihn die Unordnung und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzuges unangenehm ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihn diesen kleinen Verdruß zu ersparen.“
„Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?“
„Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und scheint Werth darauf zu legen, daß man sie achtet. Es sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.“
„Ist er allgemein beliebt?“
„Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung. Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.“
„Verzeihen Sie . . . ich verstand meine Frage anders. Lieben
Sie Herrn Rochester?“
„Ich habe durchaus keinen Grund ihn nicht zu lieben. Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.“
„Aber sein Charakter . . .“
„Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber wir haben uns nicht darüber zu beklagen.“
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun als meines Gleichen
betrachtete, mir vor, auf die Dächer des Schlosses zu steigen, wo man,
wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen
Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg, gingen wir durch
eine lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte Temperatur, vergilbtes Meublement und altmodische Tapeten unwillkürlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtigere Ansicht, als ich bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig still, und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts, als mir plötzlich zu meiner höchsten Ueberraschung aus eine dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes Gelächter entgegen schallte.
Es war ein ganz eigenthümliches, kurz abgestoßenes, regelmäßiges
Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte. Zuerst nahm es an
Stärke zu und dann ging es in ein sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
„Mistreß Fairfax!“ rief ich, als ich mich ein wenig von meine
Erstaunen erholt hatte und meine Begleiterin auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. „Haben Sie dieses Lachen gehört?“
„Wahrscheinlich ein Bedienter, entgegnete sie leicht hingeworfen.
„Aber haben Sie es denn gehört?“
„Allerdings, ich höre es oft. . . Es wird Grace Poole sein, die
zuweilen hier oben arbeitet.“
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
„Grace!“ rief Mistreß Fairfax.
Dieser Name schien nicht im Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich indeß sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und auffallender Häßlichkeit, mit hochrothem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
„Grace,“ sagte Mistreß Fairfax zu diesem ganz gewöhnlich Geschöpf; „es ist zu geräuschvoll hier, Ihr wißt, was Euch befohlen ist . . .“
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.
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Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann glücklicher sein können, als ich in Thornfield war. Mein Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüth und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruß. Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Thätigkeit fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswerthes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den anscheinend so demüthigen Frauen, welche man nur dafür tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken, welche sich scheinbar diesem demüthigenden Loose unterworfen haben und die gleichviel bei ihren geistlosen Arbeiten tausend und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate Oktober, November, Dezember und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen starken Schnupfen hatte, durch Mistreß Fairfax bitten, die Unterrichtsstunden für heute auszusetzen und ich weigerte mich anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner freien Verfügung zu haben. Adele bat dringender und ich gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Mistreß Fairfax eben einen Brief beendigt,
der zur Post geschickt werden mußte. Die Straße war hart gefroren,
der Himmel rein und die Sonne schien klar und hell, so daß mich die
Lust anwandelte, da ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gelesen
hatte, selbst den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden
wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei Stunden bei
dem schönsten Wetter; eine Einsiedlerin wie ich, konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben, um in dem
Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden, welchen die Maler
darin entdecken und den sie allein wiederzugeben im Stande sind.
Wenn ich zu diesen Auserwählten gehörte, wenn ich den magischen
Pinsel eines Constable besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum
mit der Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als die Glocke auf dem Kirchthurme des Dorfes drei Uhr schlug. Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in einer Gegend, die im Sommer ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagedorns und der Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter einen Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin, ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine Cypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume bewegten sich eben so wenig unter seinem Hauche als die weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von einer Art Begeisterung
ergriffen. Ich vergaß die Kälte, den Zweck meines Ausgangs, die
herannahende Dunkelheit, hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte
die Hände tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne
Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte indeß erst die
Hälfte des Weges nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen
wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einen Schleier von
Bäumen, an dem von den Dächern emporsteigenden Rauche und dem
leisen Geräusch erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen
Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield
sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem
Asyle der lärmenden Krähen. Thornfield begrenzte den westlichen
Horizont und ich hörte nicht eher auf, es zu betrachten, als bis die
untergehende Sonne hinter seine hohen Mauern hinabgesunken war.
Jetzt erst dachte ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich
noch einmal dem Rauschen eines entfernten in einer unbekannten
Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich plötzlich, zwar ebenfalls
noch in der Ferne, aber ganz deutlich, den hellen, regelmäßigen metallischen Klang eines Hufschlages, welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren Baches noch übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen Wege getrabt, an dessen Rande ich saß und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit jeder Sekunde
näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei Sagen angefüllt.
So erinnerte ich mich, während ich nach der Richtung blickte, woher
das Pferd kommen mußte, einer Menge von Wundermärchen, in denen
ein im Norden Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter
Geist die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes, eines
Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise die einsamen
Straßen besucht und den verspäteten Reisenden viel zu schaffen macht
und ich selbst hatte mich in diesem Augenblick verspätet.
Während ich über diese phantastische Erscheinung nachsann, hörte
ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch, über das ich heftig
erschrak, und fast in dem nämlichen Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen Zweige einen großen Hund hervorkommen,
dessen schwarz und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde
der Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner Ammenmärchen:
eine Art Löwe mit langem Haar und dickem Kopfe, und ich wunderte
mich, daß er ganz ruhig an mir vorüberging, indem er mich kaum
eines allerdings übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht
mit dem eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt, daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie
begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz, und, was noch schlimmer war, mit einem Reiter auf dem Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei geritten, und da ich mich wieder ganz im Bereiche der Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der unmittelbar darauf folgende Ausruf: „Verwünschte Geschichte!“ veranlaßten, stehen zu
bleiben und mich umzusehen.
Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war auf einer;
hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine,
Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte, um seinen Herrn,
herumlief und mir entgegengesprungen kam, um meinen Beistand an-
zusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien es mir
eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu, während er sich mit großer
Anstrengung von den Steigbügeln und von der Last seines Pferdes
zu befreien suchte. Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so
konnte man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei. Ich
fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe.
Ich hörte seine Antwort nicht deutlich und vermuthete fast, daß
er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen halblauten Fluch
ausstieß.
„Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen?“ fragte ich ihn weiter.
„Sie können mir aus dem Wege gehen,“ erwiderte er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte. Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem Hunde mit einem sehr kräftigen: „Ruhe, Pilot!“ Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären.
Wahrscheinlich aber entdeckte er eine mehr oder minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein Pferd zu besteigen, setzte er sich an die
Barrière, die ich vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein,
denn ich näherte mich ihm von Neuem.
„Wenn Sie verwundet sind, mein Herr, und irgend einer Hülfe
bedürfen, sagte ich zu ihm, ,so könnte ich sie Ihnen von Hay aus
oder von Thornfield-Hall zusenden.“
„Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst aus der
Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen, sondern mir nur
den Fuß verrenkt.“
Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen Sonne geröthet und am östlichen Horizonte glänzte der Mond. Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir, den Fremden deutlich zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur soviel
unterscheiden konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur
war. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und der
Ausdruck seiner Physiognomie ernst und streng. Besonders in diesem
Augenblicke verliehen ihm die zusammengezogenen Brauen und die
noch zornfunkelnden Augen ein wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er noch nicht
das eigentliche reife Alter erreicht hatte: man konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den
zu verlangen der durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je einen
Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, mit einem
dieser Wesen zu sprechen, die mir stets als gefährlich dargestellt worden
waren, empfand ich für dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für
das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt und dabei
schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen, hätte er meine
gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet, so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche
Benehmen und die verdrießliche Laune meines Unbekannten beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink gab, mich zu entfernen,
rief ich aus:
„Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in einer solchen
Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht überzeugt habe, daß Sie
im Stande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.“
Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
„Aber mich dünkt,“ entgegnete er fast sogleich, „daß Sie jetzt zu
Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in der Gegend wohnen.
Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?“
„Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich durchaus
nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich würde gern nach
Hay gehen, um Ihnen Hülfe zu senden; übrigens gehe ich ohnedies
dahin.“
„Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie? Das heißt
also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit den Schießscharten?“
fragte mich der Fremde, indem er nach Thornfield-Hall zeigte, das
der Mond senkrecht beleuchtete.
„Ja, mein Herr.“
„Und wem gehört dieses Haus?“
„Herrn Rochester.“
„Kennen Sie Herrn Rochester?“
„Nein, ich habe ihn nie gesehen.“
„Bewohnt er sein Haus?“
„Nein.“
„Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?“
„Dies weiß ich nicht.“
„Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse; Sie sind ...“
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu betrachten,
der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Castorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben würde. Ich sah, daß er etwas verlegen war.
„Ich bin die Gouvernante,. sagte ich daher, um seiner Ungewißheit ein Ende zu machen.
„Ah so, die Gouvernante,“ versetzte er; auf Ehre, ich dachte nicht
mehr daran.“
Er betrachtete mich von Neuem. Nach einigen Minuten versuchte
er nochmals aufzustehen, aber ein heftiger Schmerz malte sich in seinen
Zügen.
„Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,“ sagte er
endlich, „Beistand für mich herbeizuholen, aber wenn Sie die Güte
haben wollten, könnten Sie selbst mich ein wenig unterstützen. Haben
Sie vielleicht einen Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte?
Nein . . . nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am Zügel zu
nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie Muth genug dazu?“
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben;
aber ich weiß selbst nicht warum, es war mir, als müßte ich diesen
Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf
die Barriere und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr
feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien, sich zu
bäumen und dessen Hufe dicht neben meinen Füßen den Erdboden
stampften, was mir große Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige
Zeit auf den Erfolg meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen.
Dann lachte er laut auf.
„Ich sehe wohl,“ sagte er, „daß das Pferd nicht zu mir kommen
wird, und daß ich also versuchen muß, zu dem Pferde zu gelangen.
Haben Sie die Güte, hierher zu kommen.“
Ich gehorchte ohne den geringsten Einwand.
„Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit,“ fuhr er fort, „aber die
Nothwendigkeit zwingt mich dazu, Sie selbst als Stütze zu benutzen.“
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer
dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte, fast ganz auf einem
Bein hüpfend, bis zu seinem Pferde, das er beim Zügel ergriff.
Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel
zu schwingen. An seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich
wie sehr ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen
hinderlich war.
„Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie liegt dort an
der Hecke.“
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
„Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay, und kommen Sie baldmöglichst zurück.“
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem Pferde die
Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann im Galapp davon
sprengte. Sein Hund flog ihm nach und alle Drei verschwanden in
der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Zufall,
aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich seit länger als vier Monaten
in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens der Antheil war, den ich an
dem Vorfall genommen hatte, so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß ich wohl zum ersten Mal in meinem Leben die wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte mit einem, wenn nicht schönen, so doch ausdrucksvollen Gesicht. Es stand noch vor meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder, als ich auf dem Rückwege an die Barrière kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörichten Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen Hund und den
in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen. Die schwere
bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte, war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete Thür des Speisesaales drang ein helles und rötliches Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbel und die scharlachrothen Vorhänge darin glänzen; am Kamin sah ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen an mein Ohr, unter
denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax. Das Feuer
brannte, aber wider alles Erwarten fand ich weder Licht noch die
gute Dame selbst darin. Dagegen lag mit halbgeschlossenen Augen und
das knisternde Feuer im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer,
schwarz und weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem
Bytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich, daß ich mich
der Illusion völlig hingab.
„Pilot!“ rief ich. Der Hund stand auf und beroch mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein. Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte, um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuches erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
„Wem gehört dieser Hund?“ fragte ich sie.
„Dem Herrn.“
„Welchem Herrn?“
„Herrn Rochester . . . er ist eben hier angekommen.“
„Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?“
„Mistreß Fairfax sowohl als auch Miß Adele, sie sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt hat.“
„Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?“
„Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der
Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.“
„Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.“
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen; Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als gewöhnlich
zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns ihre Freude über die
Ankunft ihres Freundes, Mr. Eduard Fairfax von Rochester“ an den Tag zu legen, und es war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke anzuhören, die er ihr sicher mitbrachte. Er hatte ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme sie eine Schachtel finden sollte, deren Inhalt sie interessiren werde.
„Dies bedeutet,“ sagte sie, „daß auch ein Geschenk für Sie mit darin ist, Mademoiselle. Mr. Rochester hat von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante heißt, und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blasse Person sei. Ich habe ja geantwortet.
Denn nicht wahr, es ist so, Mademoiselle?“
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester
mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette bleiben, und stand
am Nachmittag nur auf, um einen Sachwalter und einige Pächter zu
empfangen. Adele und ich brachten den Vormittag damit zu, die
Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen
konnten und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im
ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerkte übrigens von diesem Morgen an, daß Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war. Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn erinnerte Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend nach dem Diner glaubte ich der armen Adele, deren
Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis dahin nach besten Kräften
zu bekämpfen gesucht hatte, ihre Freiheit geben zu müssen. Ich blieb
allein, und während ich mich damit beschäftigte, in dem Feuer die
Hauptformen eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal
gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat
Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee
mit mir im Salon einzunehmen. Sie forderte mich überdies auf, ein
anderes Kleid anzuziehen, „denn,“ setzte sie hinzu, „ich kleide mich
stets des Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.“
Dies erschien mir etwas ceremoniös; um jedoch dem bestehenden
Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen, dem nee plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar, daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple. Dann folgte ich den Schritten her Mistreß Fairfax ein wenig zaghaft und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.
Viertes Kapitel.
Master Rochester
Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß ruhte auf einem
Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein ganzes Gesicht; Adele kniete
neben Pilot und spielte mit ihren kleinen Händchen in den langen
und dichten Haaren des treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der
Erwähnung, daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine
breite und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen erkannte, wie
seine etwas offene Nase, die seiner ganzen Physiognomie einen gewissen
Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.
Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst nachdem Mistreß
Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte, sagte er im kältesten Tone
und ohne von der Gruppe a aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
„Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.“
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese vollkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich setzte mich, neugierig, was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es nun für ihre
Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu sein. Sie tischte uns eine
Menge nichtssagender Redensarten auf, über das Uebel einer Verletzung
und die Nothwendigkeit, einen kleinen Schmerz geduldig und ruhig zu
ertragen.
„Madame, sagte der Hausherr, als sie geendigt zu haben schien.
„ich wünschte eine Tasse Thee.“
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax mir das Theebrett, damit Mr. Rochester gezwungen wurde, einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hülfe gekommen.
„Nicht wahr, sagte sie zu ihm, „in Ihrem Koffer ist auch
Geschenk für Miß Eyre?“
,.Was schwatzest Du von Geschenken?' entgegnete Mr. Rochester
sogleich und ziemlich unsanft. „Halten Sie Geschenke für zweckmäßig?“
setzte er hinzu, indem er mich mit Augen ansah, in denen ich kein,
besonderes Wohlwollen las.
,.Ich weiß es nicht,' erwiderte ich; „ich bin nicht an dergleichen
Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als
etwas Angenehmes zu betrachten.''
,.Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.“
Um diese keineswegs einfache Frage zu beantworten, bedurfte es
für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke sind allerdings verschieden.“
„Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele hatte mich kaum
kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte Sie etwas von mir. Sie
machen mehr Umstände.“
„Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf Ansprüche, wie auch weniger Vertrauen zu der Erfüllung meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?“
,.Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit,r erwiderte Mr. Rochester. . Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich Mühe mit ihr gegeben haben. Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich sie keine glänzenden Anlagen hat.“
„Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am meisten
gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur einen geringen Werth in
meinen Augen haben.“
„Wirkliche“ versetzte Mr. Rochester und trank seinen Thee, ohne ein Wort weiter zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte, über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir der Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann einen Ausdruck väterlicher Ironie.
„Spielen Sie Pianoforte?“ fragte er mich zuletzt.
„Ein wenig,“ antwortete ich.
„Das versteht sich von selbst, ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer . . . ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen. Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie also in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie die Thüre offen und spielen Sie etwas.“
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle. Nach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
, Sie spielen allerdings nur mittelmäßig; ohngefähr wie alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber keineswegs gut.“
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen Platz zurück.
„Diesen Morgen,“ fuhr Mr. Rochester fort, „hat mir Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?“
,.Nein gewiß nicht!' rief ich aus.
„Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben Sie Ihr Wort nicht leichtsinnig, denn ich verstehe mich auf Flickwerk.“
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek das verlangte Portefeuille.
„Einen Tisch!“
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
„Nicht so,“ sagte Mr. Rochester. „Nehmen Sie die Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege, ich kann es nicht leiden, daß
Köpfe dem meinigen so nahe sind.
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er rief mich zurück.
„Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?“ fragte mich hierauf; „und ist diese Hand die Ihrige?“
„Ja,“ antwortete ich.
„Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? denn solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch manches Andre . . .“
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden daran gearbeitet,
wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
„Aber woher nahmen sie die Originale dazu?
„Aus meinem Kopfe.“
„Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf ihren Schultern sehe?“
„Allerdings.“
Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?
„Wahrscheinlich . . . vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.“
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig: aber wenn auch meine Hand meine Idee nicht wiedergegeben hatte, so ist doch so viel gewiß, daß diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern Partien waren in Dunkel gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Cormoran mit dunklem Gefieder und schaumbespritzten Flügeln saß. Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold und Edelsteinen
das in Folge seines lebhaften Colorits scharf hervortrat. Zwischen
dem Vogel und dem Maste unter einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man einen ertrunkenen Leichnam, von welchem
man nur einen Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den dunklen Gipfel
eines mit Gras bewachsenen Berges, an dessen Fuße der Wind einige
Blätter vor sich her trieb. Jenseits und drüber erhob sich in dem
weiten Himmelsraume von so matten und weichem Colorit, als ich
hatte anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte
über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur wie hinter
einem Nebelschleier verborgen, den das wilde Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Winde flatterndes Haar erinnerte an die Wolken,
welche der Sturm zerreißt oder deren feuchte Bruchstücke durch elektrische
Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markirte den äußeren
Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze eines Eisberges durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkeln Schleier. Vollkommen deutlich unterschied man daher nur eine leblose, knockige, bleiche Stirn, tiefliegende, stiere Augen, ohne einen andern Ausdruck als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen Draperie so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und da mit lebhafteren Farben schattirt war. Ich hatte jenen Schimmer der Königskrone
wiedergeben wollen, die Milton der Form aufsetzt, welche der Form
auf ewig beraubt ist.
„Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?“ fragte mich
Mr. Rochester.
,.Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft glücklich.
Es war für mich einer der schönsten, ich möchte fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken konnte.“
,.Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig gewesen sein; aber während Sie diese eigenthümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer phantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler geschwebt haben. Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des Schönen befriedigt?“
„Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und Werke meiner Hand quälte mich fortwährend. Und diese Ohnmacht das wiederzugeben, was ich gesehen hatte . . .“
„Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie gaben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel, demungeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? ... Welch' ein tiefer Sinn 1iegt in diesem feierlichen Blicke! ... Und wer hat Ihnen das Geheimniß
gelehrt, den Wind zu malen? denn es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen Himmel und über diesen Berg dahinbraust. Wo endlich haben Sie Latmos gesehen? denn dies ist in der That Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.“
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er auf seine Uhr blickte: ,.Schon neun Uhr vorüber! . .. Woran denken Sie denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen ? Bringen Sie sie sogleich zu Bet!. .. Gute Nacht, meine Damen.“
So endigte unser erster Abend.
Es vergingen mehrere Tage, ohne daß Mr. Rochester uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehrere Gutsbesitzer aus der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu gehen, äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt sie zu begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich kleidete die schon sehr kokette Adele auf's Beste an und sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Geschenken, welche Adelens Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehreren Tagen angekommen. Ihr Vormund gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und bei jeder neuen Entdeckung machte sie ihren Gefühlen durch laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und bat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen Pariserin ein gefälliges Ohr zu leihen.
„Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt,“ sagte er dann zu mir, „und ich denke mir wohl, daß ich jetzt für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem das meiner Gäste so ziemlich gesichert ist. Miß Eyre, setzte er hinzu, „rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir diesen Zwang auflege.“
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken, wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr streng. Ein freundliches Lächeln belebte hin und wieder seine Züge und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz, zu welchem die Toaste des Mittagsessen sehr wahrscheinlich das Ihrige beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem Vortheile, in dem mit rothen Damast überzogenen Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete meinen Augen.
,.Sie beobachten mich recht aufmerksam, Miß Eyre,' sagte er in
heiterem Tone, „finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?“
..Ich hätte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes „Nein, mein Herr!“ entschlüpfte
mir ohne meinen Willen.
„Vortrefflich!“ rief er in dem nämlichen Tone. . Sie haben in der That etwas ganz eigenthümliches in Ihrem Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten, deren Hände stets an ihrem Platze und deren Augen immer, das heißt doch nicht immer zu Boden gerichtet sind. Und wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten Sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten Seitenhieb rechnen.
Woher rührt dieser Contrast?“
„Entschuldigen Sie meine allzugroße Freimüthigkeit. Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen muß, dann . . .“
.. Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben so Messerschnitte auf Ihren ersten Nadelstic. Eine offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück haben, Ihnen zu gefallen?
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime Eitelkeit die dunklen und glänzenden Massen seines Haares zurück.
,.Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?“
„Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich beleidgt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug von Philanthropie darauf erblicken soll?“
„Vortrefflich! wieder ein Messerstich. Und dies ohne Zweifel deshalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ,.—er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, --- „daß ich weder die Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte. Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können. In Ihrem Alter war ich so zu sagen ein Gefühlsmensch, der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen, Verlassenen -- und Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen, mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin, wie Kautschuck. Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß
noch einige Hoffnung vorhanden ist?“
„Wa für eine Hoffnnng?“
„Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu sehen.“
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache, wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte, die mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters zu zweifeln.
„Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,“ fuhr er fort, „und obgleich Dame Natur Sie nicht viel reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen, daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat überdies noch den Vortheil, daß Sie Ihre gefährlichen Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs herabzusenken, anstatt meine harmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden. Ich meines Theils fühle mich heute sehr sprachselig und in einer außerordentlich geselligen Stimmung.“
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine kräftige, ebenmäßige Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgiltigkeit selbst herauszuforden. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten nur noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf achten, fuhr er fort:
„Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen angenehmen Abend verlebe. Sie sind mir immer als ein höchst interessantes kleines Räthsel vorgekommen. Es würde mir ein Vergnügen sein, Sie zu errathen, und ich wüßte meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende Last mir weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.“
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube fast, mein Lächeln verrieth etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
„Sprechen Sie,“ wiederholte er mit Ungeduld. „Sprechen Sie, wovon Sie wollen und wie es Ihnen beliebt.“
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir sehr an die Unrechte kam. Er errieth das endlich.
„Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn
meine Aufforderung war in einem barschen und fast beleidigenden Tone
gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß Eyre. Es ist nicht im Entferntesten
meine Absicht, Sie als Untergebene zu behandeln und eine andere
Superiorität zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre, welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgehen wird. Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit peinigen.'
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und ich beweis
ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle Fragen zu beantworten,
die er an mich richten würde. Ich hatte meiner Ansicht nach genug
gethan, um zu zeigen, daß ich nicht geneigt war, mich allen Launen
dieses Mannes zu unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling
welche er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie mich
fühlen zu lassen.
Wir gelangten sehr bald dahin, daß wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charakter mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörichten und sinnlosen Zerstreungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht ein peinliches Gefühl, wenn man einen Menschen sieht, der sich von dem unvernünftigen
Strudel der weltlichen Genüsse mit fortreißen läßt, sich sagen zu
müssen, daß man auf gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den
man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen wie
ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist, und als ich mir
erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er„ das Gift des Lebens - nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln, versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dezu fehle. Er wurde nach und nach immer wärmer und bediente sich einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er zu mir, erforderten außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm erschienen, dem er einen
Altar in seinem Herzen errichten wolle, in welchem die Gegenwart
dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe
verbreite. Der Weg, den ich betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Diese Reden waren mir völlig unverständlich und die Furcht, daß
er mir das Geheimniß entdecken könnte, auf welches seine Reden anzuspielen schienen, machte es mir wünschenswwerth, dieser Entdeckung durch Aufhebung unserer Unterhaltung vorzubeugen. Ich benutzte die
Gelegenheit, als es neun Uhr schlug und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester
welcher diesmal durchaus keine so große Eile zu haben schien, dass sie
zu Bett gebracht werde, sagte mir, sie habe einen Ballanzug unter
ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen
können, ihn zu versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem Rosakleide
mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen, wie eine raffinirte Komödiantin
,.Steht mir das Kleid gut?“ rief sie, zwischen uns tretend; ,.und die schönen Schuhe ? und die seidenen Strümpfe? Ich glaube ich muß ein Wenig tanzen.“
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Kniee.
„Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte!' sagte sie in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte hinzu: „Machte Mama es nicht auch so?
„Ganz genau so,“ erwiderte Mr. Rochester mit einem erzwungenen Lächeln. „Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,“ sagte er hierauf zu mir; „ich werde Ihnen dies später einmal erzählen.“
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen, verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr. Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem Verhälinisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens, gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der von einer dem Balletcorps der Oper angehörenden, käuflichen Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, dass er hintergangen worden war. Er hatte Adele zu sich genommen, nicht weil er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewissheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem Kinde existirte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten und unschuldigen Wesen gehabt, daß von seiner herzlosen Mutter verlassen wurde.
„Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen, sagte er am Schlusse seiner Erzählung, „um sie auf den gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt.“ fuhr er fort, „Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich nach einer anderen Erzieherin umzusehen. Nicht wahr, ich habe richtig gerathen?“
„Keineswegs,“ erwiderte ich; „Adele ist weder für Ihre Fehler, noch für Ihre Mutter verantwortlich. Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen, jetzt aber, da ich weiß, daß sie eine von ihrer Mutter verlassene und von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie wachen.“
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein Zimmer kam, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung nicht enthalten, über die große Veränderung nachzudenken, die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten war. Hatte er mir nicht einen ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen Wochen eine merkwürdige Umwandlung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen.
Er hatte keine beleidigenden Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes
mehr, die so oft auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren.
Wenn ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen
zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als ich Nutzen daran finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach mein Herz. Meine durch die Erzählungen, welche mir eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier, mein durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und daß ich Jemandem, wenn nicht die Liebe eines Vaters, doch wenigstens die Theilnahne eines wahren Freundes einflößte . . . mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise, um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen, von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte.—
Fünftes Kapitel.
Das Geheimniss von Thornfeld-Hall.
Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche
an diesem Abende auf mich einstürmten. Sie waren viel weniger klar
und bestimmt, als ich sie Ihnen hier wiedergebe; überdies würde Ihnen
der hohe Reiz der ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie
also damit, um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht, und ich weiß selbst nicht recht, ob ich noch völlig munter war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblick viel darum gegeben haben, wenn
ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war ausnehmend dunkel und
ich fühlte mich keineswegs in einer muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend, aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei
ängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand durch den Corridor hinschlich. Ich fragte: Wer ist da? Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche Angst.
Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch, daß Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte mich sogleich, und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes Lachen, das
aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da das Kopfende des
Bettes der Thüre sehr nahe war, so glaubte ich einen Augenblick dieses
entsetzliche Lachen dicht an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte
es von Jemandem her, welcher sich über mich beugte. Die Furcht,
von der ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr
empor und blickte mich entsetzt um, aber ich sah nichts. Nach einigen
Secunden ließ sich das nämliche Gelächter von Neuem hören, und zwar
diesmal ganz deutlich hinter der Thür. Meine erste Bewegung war,
aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: „Wer ist da?“
Ein halbunterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte, welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann war Alles still.
„Sollte es Grace Poole gewesen sein? dachte ich bei mir, „und
sollte sie vom Teufel besessen sein?“
In meinem Zweifel schien es mir nicht unmöglich, auf der Stelle zu Mistreß Fairfay zu gehen. Ich zog daher ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte ich einen durchdringenden Brandgeruch.
Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür. Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten Secunde
befand ich mich in diesem Zimmer. Lange Flammen umzingelten das
Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen. Der Unglückliche schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum
einige verständliche Laute und wendete sich auf die andere Seite
Wenn ich einen Augenblick zögerte, war er verloren. Ich eilte an
seinen Waschtisch, der zum Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen
war. Ich nahm Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem
Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und es gelang mir unter
Gottes Beistand die beginnende Feuersbrunst zu löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckte endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren Mitte er erwachte und die er sich anfangs nicht erklären konnte. Als ich ihm die nötige Aufklärung darüber gab, erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihm habe ertränken wollten; dann bat er mich, ihm ein Licht zu holen.
„Besonders aber,“ setzte er hinzu, „kommen Sie nicht unter zwei
Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß, ob ich ein einziges
trockenes Kleidungsstück finde, das ich überwerfen kann . . . Doch
halt, da ist mein Schlafrock.“
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das
geschwärzte Bett, die ganz durchnäßten Decken und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich. Währenddem hörte er die
Erzählung an, welche ich ihm von dem vernommenen Gelächter, von den
nach der dritten Etage gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen Mittheilungen eher Traurigkeit
als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor, Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
„Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren? versetzte er heftig. „Lassen Sie sie und meine Leute ruhig schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie meinen Mantel um, wenn Sie frieren und nehmen Sie Platz. Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie nicht naß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn ich will Sie einige Minuten allein und im Dunkeln lassen. Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders ganz still und rufen Sie nicht? ich werde bald wieder bei Ihnen sein.“
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der vollständigen Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß noch diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr. Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
„Es war ganz so wie ich dachte,“ sprach er halblaut, indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
„Wie meinen Sie?“
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem ziemlich sonderbaren Tone:
„Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben?. . .“
„Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.“
„Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört? . . .
ich dächte, Sie hätten mir früher eine ähnliche Geschichte erzählt.“
„Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Grace Poole, welche ganz
auf diese Art lacht, Sie ist ein wunderliches Geschöpf.“
„Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahndet haben. Sie ist eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nötig, daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück, setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte, werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem Sopha in der Bibliothek ruhen.“
„Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht,“ erwiderte ich, indem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte.
„Wollen Sie mich denn schon verlassen?“ rief er aus, „und auf
solche Art?“
„Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen . . .“
„Aber nicht ohne Abschied zu nehmen . . nicht ohne ein freundliches Wort . . . nicht mit dieser kalten und strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet, haben mich den fürchterlichsten Qualen entrissen, und wir sollten uns trennen wie zwei Freunde?... Geben Sie mir wenigstens ihre Hand.“
Er reichte mir die seinige . . . ich wagte nicht, sie zurückhzuweisen, aber anstatt mir einfach die Hand zu drücken, ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
„Sie haben mir das Leben gerettet,“ sagte er dann tief ergriffen. „Es macht mich glücklich, Ihnen eine so große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemanden in dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hatte verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es etwas Anderes . . . eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.“
Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die meinigen. Es war mir als sähe ich Worte auf seinen Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst zu versagen.
„Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester,“ erwiderte ich ihm.
„Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede sein . . .“
„Ich wußte es,“ unterbrach er mich, „daß Sie mir früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah. . . Ihr freundlicher Blick ließ nicht umsonst . . .“
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
„Nein, fuhr er dann fort, „nicht umsonst hat Ihr freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den innersten Tiefen meines Herzens erweckt . . .“
Dies sagte er auffallend rasch.
„Man spricht von natürlichen Sympathieen, setzte er hinzu, „auch von guten Genien. . . Gute Nacht denn liebes Kind, Sie haben mir das Leben gerettet!'
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie in seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem Blicke.
„Es freut mich,“ fügte er hinzu, „daß ich nicht nur gewöhnlich eingeschlafen war.“
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
„Sie verlassen mich also?“
„Ich friere.“
„Ja es ist wahr und Ihre Füße stehen im Wasser. Gehen Jane, gehen Sie rasch.“
Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich mich auf ein Mittel.
„Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,“ sagte ich plözlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können sich denken,
daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende Ufer, das ich jenseits der Wogen erblickte. Dann warf mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft, bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch' eine Nacht liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters Zimmer,
wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder in Ordnung zu
bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen über die Begebenheiten
dieser Nacht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht wenig überrascht, als ich eine mit dem Nähen eines Vorhanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war, als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen. Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit war? wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Angen, bemerkte mich.
und ohne die geringste Verlegenheit an den Tag zu legen, ohne daß
ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in
ihre Wangen stieg, richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich,
nahm dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.
Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber von meiner innern Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir vor, diese empörende Gleichgiltigkeit auf die Probe zu stellen.
„Guten Morgen, Grace,“ sagte ich zu ihr, „was ist denn dies
Nacht hier vorgefallen?“
„Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur rechten Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.“
„Eine sonderbare Geschichte,“ sagte ich halblaut, indem ich nähe zu ihr trat und sie fest anblickte. „Hat denn Mr. Rochester Niemande geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?“
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem
Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken zu erforschen.
„Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier, wie Sie wissen,“
erwiderte sie dann. „Mistreß Fairfax, deren Zimmer an dieses stöß
hat einen sehr festen Schlaf und hört etwas schwer. Aber wie kommt
es, Miß, daß Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte
wetten, Sie schlafen nur mit einem Auge.“
„Ich habe nichts gehört, antwortete ich noch leiser, „als ein Gelächter, wie es wenige giebt.“
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:
„Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat, während er in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben ohne Zweifel geträumt, Miß.“
„Nein, ich habe nicht geträumt,“ erwiderte ich, indem ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen Fragen entgegensetzte, gleichsam
herausgefordert. Sie blickte mich abermals forschend an und fragte
„Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?“
„Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm
zu sprechen.“
„Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu öffnen, um
nachzusehen, was im Gange geschah?“
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir der Gedanke
bei, daß sie, wenn sie ahnte, was ich wußte, woran ich war, mir
vielleicht auch irgend einen bösen Streich spielen könnte, ich lenkte
daher ein.
„Im Gegentheil,“ erwiderte ich auf ihre letzte Frage. „ich verriegelte meine Thür.“
„Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu Bett gehen?“
„Schändliches Weib!“ dachte ich, „sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.“
Ich unterdrücke indeß meinen Zorn und begnügte mich damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei,
ich es in Zukunft um so mehr sein würde.
„Daran werden Sie sehr wohl thun,“ war ihre ganze Antwort.
Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der Küchenmeister brachte
Grace auf einem Teebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr
Stück Pudding.
„Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole?“ fragte er dann.
„Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts?“
„Und Ihren Sago?“
„Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn vor dem Thee selbst besorgen.“
Nach diesem Zwiegespräch, daß mir im höchsten Grade auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Räthsel.
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermuthungen. Ich fragte mich, ob nicht etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem excentrischen Mr. Rochester ein Band existire, das früher, als Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpe Gestalt, dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor der rohen Häßlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfe.
Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen, welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr. Rochester in mir erweckten.
Jetzt durfte er mir nichts mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf
sein unbegrenztes Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr
als dies.
Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ mich, um zu Bett zu gehen.
Dies war die Zeit, zu welcher im Salon die Glocke ertönte, zum
Zeichen, daß ich entboten werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
„Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter zu kommen.“
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab,den ganzen Tag über, weder die Stimme noch den Schritt Mr. Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der Thee bei Mistreß Fairfax servirt sei.
„Kommen Sie rasch, mein liebes Kind,“ sagte die gute Dame, sobald sie mich erblickte. .“Sie müssen sehr hungrig sein, denn Sie haben, ohne es selbst zu bemerken, bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher . . . wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein . . . Ich denke nicht, es ist ja schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.“
„Ist Mr. Rochester nicht hier?“
„Nein, er ist nach dem Frühstück nach Prés -Clos zu Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.“
„Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?“
„Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viel schöne Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram, und namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester sehr ungern.“
Blanca Ingram wohnte 10 Meilen von Thornfield-Hall. Sie war ein schönes Mädchen, welcher die Natur alle Gaben verliehen hatte, um einen Mann zu fesseln und die von den 40 Jahren des Mr. Rochester wenig erschreckt wurde, da ihr Gelegenheit gegeben war, mit Hülfe seines Vermögens als Staatsdame zu leben. Mistreß Fairfax schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize; ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie erzählte mir, wie Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche schönen Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen. hatten, die beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend nicht auf, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörichten Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über sie! War es denn möglich, dass ich, ein kränkliches häßliches Mädchen ohne Herkunft und ohne Reichthum, deren mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte denken können, an den mein erbärmliches Loos mich durch käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für meine thörichten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor, nicht wieder darauf zurückzukommen und wo möglich Thornfield-Hall zu verlassen, nachdem ich ein anderes Unterkommen gefunden hätte.
Mr. Rochester blieb 14 Tage abwesend. Plötzlich erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der Mistreß Eshton die Rede war und daß Blanca Ingram dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen Preis der Welt verlassen.
Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren, das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mit den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichsten Farben seiner Tapeten, den glänzenden Messingstäben seiner Kamine den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste aufzunehmen.
Sechstes Kapitel.
Blanca Ingram.
Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene Wagen folgten. In diesen sah man nichts als flatternde Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet, an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galoppirte keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
„Dies ist Miß Ingram,“ sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war, daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen durfte.
„Wenn Mama Besuch hatte,“ sagte sie fast weinend zu mir, und
besonders Damen, so begleitete ich sie überall hin. Oft sah ich die
Kammermädchen ihre Gebieterinnen ankleiden, und das war so unterhaltend . . . man lernt dabei am besten, wie man sich kleiden muß.“
Die Klagen Adelens, so wie die Nothwendigkeit, uns mit dem Diner zu beschäftigen, diente dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns ganz aus den Augen verloren, und ich musste meine Zuflucht zur Speisekammer nehmen, wenn ich mit meinem Zöglinge nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging ohne daß uns die Ehre zu Theil wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen der Erde das Schloß, um einen Ausflug in die Umgegend zu machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich sie wie am vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an. Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren getrennt von der übrigen Gesellschaft und neigten sich gern zu einander, um einige wahrscheinlich sehr vertraute Worte zu wechseln.
„Nun, wie gefällt sie Ihnen?“ fragte mich Mistreß Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es bemerkt hatte.
„Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht gut zu erkennen.“
„Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen. Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß er Sie und Adele nach dem Diner im Salon erwartet. Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt, setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es sein müßte.
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war und es kaum wagte, eine Bewegung machen, aus Furcht, eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haares in Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben nichts laut sprachen.
Nach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlageng und ich vernahm das Geräusch der hin- und hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den Salon und der Vorhang Fiel wieder herab, indem er mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen hakten alle diese stolzen Damen
die nämliche vornehme und ruhige Miene, die nämliche hochmüthige
Ungezwungenheit, die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche
kalte Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen Gruß mit
einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten sich darauf, mich erstaunt
und fast verlegen anzublicken. Zwei junge Mädchen nahmen Adele in
Beschlag und zogen sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches Interesse oder bloße Ziererei zu Grunde liegen, bald in ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem Adele den thätigsten Antheil nahm.
Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person, um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren. Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht an allen Liebreiz. Es drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns war, durch welches ihre rosigen Lippen Aehnlichkeit mit einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung befaß als sie. Dieses Benehmen erschien mir um so herzlose, als das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten Sarcasmen, gar nichts davon bemerkte und dem heimlichen Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
„Ist dies wirklich die Auserwählte Mr. Rochesters?“ dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem, was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, um manchen Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden. Mr. Rochester trat zuletzt
ein, was ich bemerkte ohne die Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich,
welch eine Kluft jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten
Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in der seinigen
haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet, mit bewegter
Stimme zu mir sprach, während sein Herz von der Freude überströmte,
daß er mir das Leben zu verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen, ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen. Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit Gewißheit
annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach einer andren Seite
gerichtet war, um von der Geldbörse, die ich häkelte, aufzusehen und
einen Blick auf ihn zu werfen.
Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender Genuß für
mich, es war der Genuß eines Menschen, der vor Durst verschmachtet
und der sich auf die Gefahr hin, nachher zu sterben, dennoch über die
vergiftete Quelle beugt und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
„Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den man sieht,
sondern in dem Auge, das sie sieht. Ist dies nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse bräunliche Gesicht, diese dicken, schwarzen Brauen,
diese übermäßig breite Stirn, diese tiefliegenden Augen, diese scharf
markirten Züge, dieser strenge Mund, die ganze energische, entschiedene,
einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war nach
den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der That, welche Schönheit würde
mich in einem solchen Grade gefesselt und bezaubert haben? welche
Schönheit würde mich so überwältigt und mit alle Macht entzogen haben,
ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie lieben
wollen; ich hatte mich ernstlich bemüht, auch den letzten Keim der Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er von Neuem die
ganze Herrschaft über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte.
Ohne daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder zu lieben. Wer diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen gelernt hat, der kennt das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram ? Sie sitzt allein an einem Tische, anmuthig
über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie
erwartet Jemanden und sie wird nicht lange zu warten brauchen. Mr.
Rochester hat sich erhoben und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück? Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, geht zu ihm hin und knüpft ein Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß, was darüber gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen, diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle erwecken nur mein Mitleid. Als das Thema erschöpft ist, schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor, etwas mit ihr zu singen und eilt an das Pianoforte. Dies war für mich das Signal, mich zu entfernen. Bei dem ersten Accorde schleiche ich mich aus dem Zimmer, ohne von Jemanden gesehen worden zu sein.
Im Corridor bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber. --
„Wie befinden Sie sich?“ fragte er mich.
„Ganz wohl,“ erwiderte ich.
„Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet?“
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte ich mir nicht herausnehmen.
„Ich fürchtete Sie zu stören.“
„Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?“
„Ich habe mich mit Adele beschäftigt.
„Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben, denn Sie sind blässer als gewöhnlich . . . Sie kommen mir vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male sah. Sie haben sich doch jene Nacht in meinem Schlafzimmer nicht erkältet?“
„Nicht im Entferntesten.“
„Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen uns zu früh.“
,.Ich bin müde.“
,.Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen Sie es mir.
,.Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.“
„Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon in ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine davon hängt schon an Ihren Wimpern. Wenn ich Zeit hätte und nicht fürchten müßte, daß ein Bedienter uns hier findet, so möchte ich den wahren Grund von dem Allen wissen. Für diesen Abend will ich sie entschuldigen, aber ich erwarte . . . oder ich hoffe vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den Salon zu kommen, so lange meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen . . . Gute Nacht, meine . . .“
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte sich rasch.
Der förmliche Befehl des Mr. Rochester, bei seinen Soireen zu erscheinen, war mir eben so auffallend als unerklärlich; ich würde der bloßen Einladung nur dann und wann nachgekommen sein, dem Befehle glaubte ich gehorchen zu müssen. Hatte ich sonst keinen Nutzen davon, so sammelte ich doch einige Erfahrung auf dem Gebiete der Menschenkenntniß und der geselligen Zustände.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach die Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt mich zu betrüben. Nicht
weil sie einen Zweifel an der bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's
mit meinem Gebieter in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir
die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine große
Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er diese Verbindung
beabsichtigie. Es war ganz natürlich, daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte gerade deshalb, weil er sich mit einer Andern vermählen wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht oder doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln . . . weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt konnte man allerdings nicht den
kleinsten Fehler entdecken; aber ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und
trocken. Nichts, keimte von freien Stücken, aus dieser gänzlich
unproductiven Organisation hervor. Sie befaß weder wahre Herzensgüte noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende Phrasen,
die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten. Es war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse, den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten die Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinlängliches Vertrauen zu Rochesters
Scharfblick, um überzeugt zu sein, daß, wenn er Miß Ingram heiratete,
sei es nun aus Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen zu
sichern, oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften ihm convenirten,
er sich doch keineswegs über die innere Mängel seiner Braut täuschte
Konnte ich mehr verlangen und wünschen?
Diese Erkenntniß trug sehr zu meiner Beruhigung bei. Hätte sich zu der Schönheit der Miß Ingram noch geistige Vorzüge und Liebenswürdigkeit gesellt, so hätte ich bei allen Qualen unerwiderter Liebe doch meine Nebenbuhlerin achten müssen. Miß Blanca schien aber einem Charakter wie Mr. Rochester wohl Bewunderung, weniger aber Achtung oder gar Liebe einflößen zu können.
Wann ich nun Miß Ingrams Anstrengungen, Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich sah, daß ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick auf einen falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen; wenn ich bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewußten Niederlagen eitel war und daß ihr lächerlicher Eigendünkel sie immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzt, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte thun müssen, um Rochester für immer an sich zu ziehen, zu fesseln, zu erobern, . . . so waren diese Beobachtungen eben so interessant für mich, als sie zu meiner Beruhigung beitrugen.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden sie
mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntniß der Sachlage
es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur
aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin
zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung, hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und schwache Seite seines Charakters, ich beobachtete seine Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Zeit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört, die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte, erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem seltenen Gericht, welches durch den Mangel derselben an Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist gebreitet
war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein kühner Plan beschäftigte,
eine entfernte Sorge quälte, dieses Räthsel, das jedem aufmerksamen
Beobachter in die Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber
Rochester stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich
anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Das Geheimniß schien mit einer Gefahr für Rochester verknüpft zu sein und fürchtete ich auch nicht das Wesen der Gefahr zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemanden etwas davon zu sagen, waren die Gäste vonThornfield-Hall in einer ziemlich verdrießlichen Stimmung versammelt; man wußte nicht, wozu man sich entschließen, welchen Zeitvertreib man vornehmen, welche Partie man improvisiren wollte. Plözlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblick war Alles an den Fenstern; ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm stieg aus, sobald geöffnet worden war.
Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß Ingram als die älteste der anwesenden Damen natürlich die Honneurs machte.
„Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,“ sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, „da mein Freund, Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen, fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.“
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen, aber nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ungefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das heißt etwa 40 Jahre; aber welch' ein Unterschied zwischen diesen beiden Physiognomien! Die eine war die eines gewöhnlichen „schönen Mannes,“ ohne Kraft, ohne Feuer, ohne Geist, während die andere von Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen, Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer Kleidungsstücke erkärte, in die er sich an einem schönen Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich, daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war; ich wusste bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, denn nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von weiten Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem Feuer zu sehen und
sagte dann Mr. Eshton leise einige Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times stören zu lassen, in verdrießlichem Tone erwiderte:
„Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn sie nicht gutwillig geht.“
„Was giebt es denn?“ fragten sogleich mehrere Stimmen.
„Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier,“ versetzte der ernste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone, welche den Damen wahrsagen will.“
„Nun warum nicht?“ rief Blanca Ingram sogleich, die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter sich hineinmischen wollte, sagte sie zu dieser:
„Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um diesen kleinen
Scherz; er ist nur für uns junge Mädchen.“
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in das Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester und zwei andere junge Damen folgten nacheinander ihrem Beispiele und Jede von ihnen trat mit einer Miene von Staunen und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge gesagt - - unerhörte Dinge! Sie kannte sie Alle und wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier der anwesenden
jungen Männer erregt und sie wollten ebenfalls in die Bibliothek
gehen; aber Sam, der Bediente, welcher das Amt des Huissiers versah,
erklärte, daß die Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein
noch im Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie ihre
Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht durch diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lange, bis sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte und ging, ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten schwarzen Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter dem Kinn zusammengeknüpften Schnupftuches
festgehalten wurde. Sie las oder stellte sich als lese sie in einem kleinen
schwarzen Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können. Sie schloß es, um mir scharf in’s Gesicht zu blicken, wobei sie darauf bedacht war, den Schirm ihres großen Hutes tiefer in die Augen zu drücken.
„Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage,“ fragte sie mich.
„Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt, entgegnete ich.
„Lassen Sie Ihre Hand sehen.“
„Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau, wenn ich, nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er. Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich nicht erschrecken.“
„Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich kann damit nichts anfangen.“
„Ich habe es mir gedacht,“ versetzte ich.
„Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die Augen selbst.“
Es folgten nun eben nicht Prophezeihungen, wie die Wahrsagerinnen dies gewöhnlich thun, sondern eine Reihe Sentenzen wie sie gewöhnlich in den Gesprächen vorkamen, wenn Mr. Rochester sich früher mit mir unterhalten hatte.
Als die Wahrsagerin zu Ende war, gab sie mir ihre Hand, in welcher ich zu meinem Erstaunen einen Ring des Mr. Rochester gewahrte.
„Genug des Scherzes,“ rief jetzt Mr. Rochester, indem er den Hut von sich warf und die Schnur des rothen Mantels zerriß, so dass er herabfiel. „Sie zürnen mir wahrscheinlich, daß ich Ihnen so viele Thorheiten gesagt habe, vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige sagen würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan haben. Ich habe mich dadurch nur noch mehr von Ihrer Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt.“
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß er Recht hatte. Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu wissen warum, eine Verkleidung geahnet.
„Was thun sie im Salon ?“ fragte Mr. Rochester in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklicheit zurück, und ohne sie direct zu beantworten, erwiderte ich:
„Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder hier angekommen ist?“
„Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann es sein, ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder entfernt?“
„Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten.“
„Hat er seinen Namen nicht genannt?“
„Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre, von Spansh-Town auf der Insel Jamaika.“
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln erstarrte auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
„Mason?“ wiederholte er wie ein Automat; „Mason! . . . Jamaika!. . . Jamaika! . . . Jamaika!“
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
„Fühlen Sie sich unwohl?“ fragte ich ihn.
„Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane . . . ein fürchterlicher
Schlag!'
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde umfallen.
„Stützen Sie sich auf mich,“ rief ich aus.
„Ach ja! . . - wie früher . - wie immer, nicht wahr?“
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie zitternd.
„Jane, meine liebe kleine Freundin,“ stammelte er mit bebender
Stimme und starrem Blicke, „ich möchte allein mit Ihnen auf einer
fernen Insel sein, wo ich von allen Sorgen, von allen Gefahren, besonders aber von diesen gräßlichen Erinnerungen befreit wäre.“
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer Seufzer. Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann wieder auf, als schämte er sich, daß er sich von einem unerwarteten Unglück hatte niederbeugen lassen.
„Gehen Sie, Jane,“ sagte er zu mir, „gehen Sie in den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie nichts Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft heiter ist und sich wie immer unterhält, so sagen Sie diesem . . . Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn erwarte . . . führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns dann allein.“
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
„Noch ein Wort, Jane!“ rief mir Rochester nach. „Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer nach dem andern mir in's Gesicht spukte, was würden Sie thun?“
„Was ich thun würde?“ versetzte ich, in der ersten Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
„Ja, was würden Sie thun? wiederholte Rochester.
„Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn ich die Kraft dazu hätte, erwiderte ich, während mir schon die Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
„Wenn ich aber, fuhr er fort, , ihnen entgegenginge und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich nach einander entfernten, was würden Sie dann thun, Jane? würden Sie mich auch verlassen?“
„Ich. ich glaube nicht.“
„Sie würden also bei mir bleiben. um mich zu trösten?“
„Ja, wenn dies in meiner Macht stände.“
„Und wenn sie Sie wegen ihrer Theilnahme an meinem Unglücke
verfluchten?“
„Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht zu Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies kümmern?“
„Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich aussetzen?“
„Ich würde mich demselben für jeden Freund aussetzen, der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente. Und Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran.“
„Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und thun Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe.“
Mein Eintritt in den Speisesaal, wo die Gäste zerstreut umherstanden und sich unterhielten, während Jeder nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich nahm, erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür der Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in mein Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon längst zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen. Sie sprachen sehr laut mit einander und ich vernahm auch Rochesters Stimme unter ihnen.
„Kommen Sie mit mir, Mason,“ sagte er, „Ihr Zimmer ist dort.“ Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter. Er beruhigte mich vollkommen und ich schlief sehr bald ein.
Siebentes Kapitel.
Die geheimnissvolle Verwundung
Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen, und als daher der Mond an dem reinen Nachthimmel emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs war es mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen überdrüssig und stand auf, um den Vorhang zuzuziehen.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich ein gellender
Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen, mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage. Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte sich nicht. Im Grunde konnte es auch nicht anders sein. Der größte Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses, ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: „Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!“
„Kommt denn Niemand?“ setzte die nämliche Stimme bald hinzu. während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen der Möbeln, das Knarren des Fußbodens und die schweren Tritte von zwei Personen vernahm, welche sich fest umschlungen hatten und einander niederzuwerfen suchten.
Endlich hörte ich noch die Worte:
„Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so kommen Sie doch!“
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und ich verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon im Corridor, und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die Thüren und einzelne Köpfe erschienen in denselben. Was giebt es? Ist Jemand verwundet? Ist Feuer im Hause? Sind Diebe eingebrochen? Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten im halbdunkeln Gange, der glücklicherweise hier und da vom Monde erleuchtet wurde. Man lief umher, ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten schon, obgleich sie,
noch gar nicht wußten, was eigentlich geschehen war.
„Wo mag nur Rochester sein?“ rief endlich ein junger Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine Fassung verloren hatte; „ich finde ihn nicht in seinem Bett.“
„Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!“ rief die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen Nachtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
„Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen,“ sagte Rochester in einem heiteren Tone, der mir etwas unnatürlich vorkam.
„Es ist eine reine Mystification, nichts Anderes. Noch einmal, lassen Sie mich los. ich bin ein gefährliches Tier.“
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen schwarzen
Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß er in der That „gefährlich“ war. Aber er unterdrückte gewaltsam seine heftige Aufregung.
„Die ganze Sache ist nichts,“ sprach er weiter, „nichts als eine
nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte. Sie hat im Traume
eine Erscheinung gehabt, die einen neuen Anfall hervorgerufen hat.
Kehren Sie in Ihre Zimmer zurück, ich bitte Sie darum. Es ist
durchaus nöthig, damit ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann.
Meine Herren, gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele
voran . . . und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren.“
So nöthigte er Jedermann halb scherzend, halb unwillig in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte den über mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den Verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als daß ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet und auf Alles gefaßt war, setzte ich mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster und ließ meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf und die Nacht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten mich, vom Fenster zu gehen, in der Absicht, mich angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm ich an meiner Thür ein außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
„Wünscht man etwas von mir ?“ fragte ich.
„Sind Sie aufgestanden?' entgegnete die Stimme Mr. Rochesters,
die ich im Voraus vermuthet hatte.
..Ja, ich bin auf.“
„Und angekleidet?“
„So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich.“
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit einem Lichte im Corridor.
„Ich bedarf Ihres Beistandes,“ sagte er zu mir: „ kommen Sie mit mir. Beeilen Sie sich nicht, wir dürfen vor Allem Niemanden aufwecken.“
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete ihn so bis in das dritte Stockwerk nach dem dunkeln und niedrigen Gange, den ich schon einmal erwähnt habe. Hier blieb er plötzlich stehen.
„Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?“ fragte er mich.
„O ja.“
„Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen Essig?“
„Ich habe etwas in meinem Zimmer.“
„Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen Sie mir diese Gegenstände.“
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in mein Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf. Rochester erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit einem Schlüssel in der Hand. Sobald er mich kommen sah, öffnete er damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen Thüren, welche in die Dachkammer führen mußten. Auf der Schwelle hielt er mich zurück.
„Können Sie den Anblick von Blut ertragen?“
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein dies hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
„Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht.“
„Geben Sie mir Ihre Hand,“ versetzte er. Eine Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein.“
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: „ Es hat keine Gefahrr“, eintreten.
Das Zimmer war mir nicht fremd, denn Mistreß Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte, war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester stellte sein Licht auf einen Tisch, bat mich, einen Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges Wort zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die ich mir nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder zu mir und verschloß die geheime Thür hinter sich.
„Jetzt hierher, Jane.“
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen waren und um welches ich herumging. Hinter demselben in einem großen Lehnstuhl saß ein Mann, den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer seinem Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als Rochester das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen Fremden, Mr. Mason. Ein einziger Blick genügte mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen Seite ganz mit Blut getränkt war.
„Nehmen Sie das Licht, sagte Rochester zu mir, und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte. Dann wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das leichenhafte Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten Malen mein Riechfläschchen unter die Nase. Mason öffnete mit einem leisen Stöhnen die Augen. Rochester entblößte nun den Arm und die Schulter des Verwundeten, wusch beide sorgfältig und verband sie hierauf.
„Ist die Wunde gefährlich?“ fragte der Kranke mit schwacher Stimme.
„Durchaus nicht,“ erwiderte Rochester im Tone leichten Vorwurfs; „eine ganz unbedeutende Schramme. Beruhigen Sie sich also und kommen sie wieder zu sich, ich will sogleich einen Arzt holen. Morgen früh werden Sie hoffentlich abreisen können. Jane,“ setzte er hinzu, „ich muß Sie eine, vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein lassen. Haben Sie die Gefälligkeit, das Blut zu stillen, so oft es nöthig ist. Wenn er ohnmächtig wird, so lassen Sie ihn einen Schluck Wasser trinken und halten Sie ihm Ihr Riecfläschchen unter die Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen sie mit ihm. Und Sie Henry, mache ich ebenfalls darauf aufmerksam, daß Sie sich durch Sprechen der größten Gefahr aussetzen. Wenn Sie nur den Mund öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich nicht für die Folgen.“
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer aus und schien, von diesem Augenblicke an entschlossen zu sein, sich nicht mehr zu bewegen. Es war, als hätte ihm die Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten Schwamm, heftete eine Secunde lang seinen gebieterischen Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes Schweigen anempfohlen hatte, verließ er das Zimmter und verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur durch eine schwache Thür von der Kammer getrennt, in welcher Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie unvermuthet hervorstürzen konnte. . . . Sie werden zugeben, daß es eine harte Probe für meinen jugendlichen Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte, und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte Waschbecken, in welches ich meine zitternde Hand von Zeit zu Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten meine Augen einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo die zwölf Apostel in ganzer Figur mir ihre verwischten Gesichter zuwendeten, die von dem flatternden Scheine des einzigen Lichtes zitterten, welches das düstere Gemälde erleuchtete.
Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht, denn in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie von einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen, das unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde, dessen Name einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, dass sich Mr. Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden Angriffen einer Art von Furie ausgesetzt ? Warum zeigte er sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen Opfer er zu sein schien? Warum legte er eine solche Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum wollte dieser den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne sie mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es erschien eine Hülfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen Pflege wurde Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft, immer schwächer, und gab durch zunehmendes Seufzen seine zunehmende Angst zu erkennen, die sich endlich auch meiner bemächtigte. Ich flehte zu Gott um die Rückkehr meines Herrn oder um das Erscheinen des Tages, und schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während unseres gezwungenen Alleinseins den Geist aufgeben könnte. Durch mein Versprechen gebunden, wagte ich es nicht, ihn nach seinem Befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmälig herabgebrannt
war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte ich aber durch den
dünnen Stoff des Vorhanges den matten Dämmerschein des anbrechenden Morgens, und ich hörte Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen der nahenden Hülfe richteten meine Hoffnung wieder auf und ich wurde nicht getäuscht. Das Geräusch eines Schlüssels an der Thür, das meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang, deutete mir an, daß meine entsetzliche Gefangenschaft zu Ende war. Sie hatte kaum zwei Stunden gedauert, aber manche Woche in meinem Leben ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
„Beeilen Sie sich, Carter,“ sagte er zu ihm, „wir haben keine
Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde, um den Verband
anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte zu bringen.
,,Aber wird es sein Zustand erlauben?“
„Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und wir müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen. Also eilen Sie.“
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und sagte zu ihm:
„Beruhigen Sie sich und blicken Sie uns nicht mit so stieren Augen an. Sagen Sie ihm, Carter, daß nicht die geringste Gefahr vorhanden ist.“
„Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern,“ entgegnete der Arzt, „nur wäre ich gern etwas früher gekommen. Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben, und dies wäre besser gewesen. Aber was ist das?“ setzte er hinzu, indem er den Verwundeten näher betrachtete „das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten, sondern sogar zerrissen. Diese Wunde ist nicht durch ein Messer allein hervorgebracht . . . ich sehe deutlich die Spur von Zähnen
„Sie hat mich in der That gebissen,“ erwiderte der Kranke, „sie
stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als ihr Rochester das Messer entrissen hatte.“
„Sie hätten sich nicht sollen werfen lassen, sondern sie umschlingen und festhalten,“ versetzte Rochester.
„Konnte ich es denn?“ entgegnete Mason in kläglichem Tone. „O, es war gräßlich!“ setzte er schaudernd hinzu. „Und wie hätte ich so etwas erwarten können? sie schien so ruhig zu sein.“
„Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie sich ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben sollen, damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit, mitten in der Nacht allein zu ihr zu gehen.“
„Ich dachte, es würde so gerade am besten sein.“
„Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch ich sehe, dass ich mich von dem Unwillen über Ihre Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner Rathschläge hart genug büßen müssen, daß ich sie Ihnen verzeihen kann. Also genug davon. Aber so eilen Sie doch, Carter! die Sonne geht schon auf, wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen.“
„Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch an einer andern
Stelle verletzt ist . . . ebenfalls ein Biß, wie es scheint.“
„Ja,“ sagte Mason, „sie trank mein Blut, sie wollte mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen.“
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich in seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
„Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen Sie dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie sollten sich gar nicht mehr daran erinnern.
„Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen.“
„Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen, wenn Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie wieder in Spansh-Town sind, werden Sie nur noch wie an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken . . . wenn Sie es überhaupt der Mühe werth halten, noch an sie zu denken.“
„Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht je vergesse!“
„Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann, Henry ? Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie etwas mehr Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie sich für eben so todt wie einen gesalzenen Häring, und jetzt sind Sie wieder munter und redselig, daß es eine Lust ist. Die Hauptsache ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen . . . Jane wird uns dabei behülflich sein.“
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der That nacheinander aus den Schränken und aus seinem Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel gehörte, ohne welchen Mr. Mason als ächter Creole unter unserm nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte
es ihm nicht gelingen, sich auf den Füßen zu erhalten. Aber Rochester
hatte für Alles gesorgt; er goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn Tropfen von einem herzstärkenden Mittel, das ich aus einem Schubfache seines Sekretairs geholt hatte, und dieser Trank brachte eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten hervor, der sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
„Die Sache geht gut,“ sagte Rochester dann, „und nun wollen, wir Sie so geschickt als wir nur können, aus dem Hause eskamotiren; denn es ist sowohl für Sie als für jenes unglückliche Geschöpf besser, das der ganze Vorfall unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe nicht gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten Sie mir . . . Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter . . . öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges und Sie werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder vielmehr vor dem Gitterthore, denn ich habe den Postillon verboten, auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm, daß wir kommen, und wenn Sie etwa Jemanden auf der Treppe begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon zu benachrichtigen. !
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und während die Herren langsam hinabgingen-- denn Mason war noch außerordentlich schwach-- horchte ich aufmerksam und blickte mich überall um. Aber es rührte sich nichts; selbst an den Fenstern der Dienstleute waren die Vorhänge noch verschlossen. Kaum begann hier und da ein Vogel in den blühenden Bäumen zu zwitschern, deren weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das Stampfen der Pferde auf dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesem Geräusch wurde die kühle Stille des Morgens durch nichts gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommen hatte, sagte Rochester:
„Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu feiner vollkommenen Genesung bei sich. Nach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wie ist Ihnen jetzt, Henry?“
„Die frische Luft stärkt mich ein wenig.“
„Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab, Carter, es geht nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl, Dick.“
„Fairfax!“ rief Mason plötzlich.
„Was giebt es noch?“
„Sorgen Sie dafür, daß sie gut gepflegt und mit aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert, damit sie nicht . . .“
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
„Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch ferner thun,“ erwiderte Rochester kurz, indem er den Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um sie zu benutzen,
liebe Freundin, hätte es einer größeren Gelassenheit und Gewandtheit
bedurft, als ich in meinem neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder
eines gleichartigeren Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den ernsten Gefahren zu sprechen; in die uns ihre Anwesenheit auf, dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur, daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe. Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte, das ihm dieser Mason einflößte, über den er eine so große Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern, daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester, dieser Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem er Mason diese oder jene Verhaltungsvorschriften dictirte, aus dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche Einfluß gründete, den er zu einer gewissen Zeit auf das Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine discreten und indiscreten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft sich noch
in Thornfield-Hall befand, nur seltene und sehr kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er machte seiner schönen Braut, Miß Ingram. fortwährend den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre süßen Unterhaltungen zu stören. Meine Rolle war mir vorgeschrieben, und es kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe, sie einzuhalten. Ich nahm die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich voraussah, daß sowohl ich als mein Zögling Thornfield früher oder später würden verlassen müssen, so genoß ich mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche daselbst zu verleben uns noch vergönnt waren.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen Reed benachrichtigte mich von dem Ableben meiner theueren Tante. Indem Eliza und Georgiana mir dieses Ereigniß mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, - als ich wußte, wovon die Rede war. Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung, welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:
„Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse meiner Nichte, Jane Eyre, mizutheilen, und mir zu sagen, in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher für den Rest meines Lebens adoptiren und ihr nach meinem Tode mein Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame u. u.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.“
Unter dem Briefe standen folgende Worte von der Hand der Mistreß Reed:
„Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule zu Lowood am Typus gestorben sei.“
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen die raffinirte Bosheit, welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen, denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe meiner Cousinen ahnte, dass sie von dem unbezähmbaren Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt, mein Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Mann dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte, und den ich Ihnen ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte, sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten. vierzehn Tage des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon. Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antwortete ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden Scherze und einem sardonischen Blicke, „mit dem man nicht wußte, was man machen sollte,“ wie sich Mistreß Fairfax sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereist waren, wunderte ich mich ein wenig. daß ich Mr. Rochester nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram-Park sah. Allerdings lag Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber was kümmert Liebenden die Entfernung? was war es namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester, diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir, welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: das die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters, um auf demselben Anzeichen von Kummer und Verdruß zu entdecken, aber noch zu keiner Zeit war mir dieses Gesicht so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! nie hatte ich ihn so sehr geliebt!
Achtes Kapitel.
Rochester’s Heirathsantrag.
Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den
Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu
suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe gegangen, und als ich überzeugt war,
daß sie schlief, ging ich hinunter in den Garten. Eine Abtheilung desselben bildete einen Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine sehr hohe
Mauer und von dem übrigen Garten durch eine Buchenallee getrennt
war. Am äußersten Ende blickte man über eine Wolfsgrube in's Freie.
Dahin führte eine Art Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte
ein mit Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Es war dies mein Lieblingsplatz und um den schönen Abend zu
genießen, beabsichtigte ich, da eine Weile zu verbleiben. Kaum hatte
ich mich jedoch niedergesetzt, so verspürte ich den Rauch einer Cigarre,
wie Mr. Rochester sie gewöhnlich rauchte. In der That war mein Gebieter mir in den Garten gefolgt und kam gerade auf den Kastanienbaum zugegangen, unter welchem ich saß. -- Er setzte sich neben mich.
„Noch so spät im Garten, Miß Eyre?“
„Ich wollte den schönen Abend genießen.“
,,Dieser Wunsch hat auch mich in's Freie geführt.“
Das Schicklichkeitsgefühl untersagte mir, an der Seite meines
Gebieters noch länger zu verweilen. Nach einigen gewöhnlichenWorten beurlaubte ich mich, Mr. Rochester eine gute Nacht wünschend.
Aber Mr. Rochester hielt mich bei der Hand zurück.
„Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht unrecht, sich an einem
so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände zu vergraben? Jedenfalls wählt man nicht den Augenblick zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem emporsteigenden Mond gegenübersteht. Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen, und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann, aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen so gänzlich fremd, und überdies so ernst und väterlich, daß er vielmehr meine eigene Verlegenheit merken mußte. Das Böse, wenn es überhaupt etwas Böses war, so allein mit ihm zu bleiben, dünkte mich lediglich in meiner Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr ernster Natur.
,,Jane,“ begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, ,,im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?“
„Ganz gewiß.“
„Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben, denn Sie besitzen einen angeborenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was die Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.“
„Sie irren sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.“
„Noch niehr; Sie haben, ohne daß ich weiß warum, eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu Mistreß Fairfax gefaßt?“
„Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich auf verschiedene
Weise.“
„Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn sie sich von ihnen
trennen müßten?“
„Gewiß.“
„Wie schade!' rief er mit einer Art von Seufzer. „Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Ort aufgeschlagen, wo wir die ersehnte Ruhe genießen können, so befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.“
„Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise fortsetzen und Thornfield verlassen muß?“
„Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich glaube sogar, es muß sein.“
„Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur Abreise, er wird mich bereit finden.“
„Treffen Sie Ihre Anstalten so bald als möglich. Den Befehl Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen schon diesen Abend geben.“
„Sie wollen sich also vermählen?“
„So ist's. Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem ersten Schlage Nagel auf den Kopf getroffen.“
„Und ohne Zweifel bald.“
„Sehr bald, meine . . . Miß Eyre, wollte ich sagen. Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die Idee mit mir sprachen, daß ich, ein unwürdiger Hagestolz, in den heiligen Ehestand treten wollte. . . . Aber Sie hören nicht auf mich, Miß Jane: wenden Sie den Kopf vielleicht ab, um einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erste Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir sprachen, machten Sie mich zuerst darauf aufmerksam, daß, sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den wohlwollenden Charakter meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt treten und Sie, Miß
Eyre, werden sich nach einer andern Stelle umsehen.“
„Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung rücken
lassen. Einstweilen denke ich . . .“
„Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah, das meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
„In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe,“ fuhr Rochester fort, „wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle zu verschaffen.
„Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid, daß Sie
sich um meinetwillen bemühen . . .“
„Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen haben, welche in der Grafschaft Connought wohnt. Sie werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten allgemein für sehr brave Leute.“
„Ist es sehr weit von hier?“
„Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.“
„Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung . . . und dann
trennt mich das Meer . . .“
„Wovon, Jane?“
„Von England . . . von Thornfeld.“
„Nun? vollenden Sie!“
„Von Ihnen, Mr. Rochester.“
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester leicht entgehen könnte.
,Es ist in der That warscheinlich,“ versetzte er, „daß wir uns ziemlich selten oder richtiger gesagt nie wieder sehen werden, denn ich für meine Person finde wenig Gefallen an Irland: überdies, Jeane, sind wir immer gute Freunde gewesen, nicht wahr?“
„Ohne allen Zweifel.“
„Wohlan, wenn ein paar Freunde sich bald trennen müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen und ruhig von Ihrer Reise plaudern.“
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten Bank und setzte sich an meine Seite.
„Jane, begann er nun wieder, ,es thut mir leid, daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen sagen, daß es Augenblicke giebt, wo es mir scheint, als stammten wir aus einer Familie, als wären wir ein wenig verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt. Wenn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt, so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden Herzen bluten. . . . Doch,
was sage ich? ... Sie werden mich bald vergessen!“
„Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies . . .“
„Jane,“ unterbrach er mich, „hören Sie in dem fernen Wald den lieblichen Gesang der Nachtigall?“
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stille brach mein lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um den Tag, an welchem ich geboren und den. an welchem ich nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
„Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?“ fragte Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all' mein Widerstand.
„Ja, rief ich aus, „ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier, wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester? . . . nachdem ich Sie kennen gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut machen zu können.
„Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeite?“ fragte er mich plötzlich.
, Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor Augen gelegt.
„Unter welcher Form denn?“
„Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.“
„Meiner Braut? Wie kommen sie darauf? Ich habe keine Braut.“
„Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?“
„Ich will . . . ja . . . ich will! . . . ich will!“
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen und mit einem fast wilden Ausdrucke.
,,Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß; haben Sie es nicht selbst gesagt?“
„Nein . . . Sie sollen bleiben . . . ich schwöre es, und ich werde diesen Schwur halten.“
„Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf ihre Zuneigung? Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose Maschine ohne Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie denn, mein Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie die Ihrigen - und wenn ich bei einiger Schönheit ein Vermögen besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr. Rochester, so würde ich Ihnen die Trennung von mir eben so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein Geist spricht zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab überschritten und ständen völlig gleich am Throne des Herrn, . . . denn dort werden wir es sein, ja wir sind es schon jetzt, ich fühle es.“
„Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,“ wiederholte Rochester, dessen Stimme jetzt mehr als die meinige zitterte. „So kommen Sie denn, Jane, kommen Sie an mein Herz.“
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube, seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn heftig zurück.
„Nein, sagte ich, von dem raschen Strome meiner Rede fortgerissen“ ,nein, wir sind nicht gleich, denn Sie wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes Mädchen heiraten, von dem Sie wissen, daß sie unter Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung einflößt und die Sie nicht aufrichtig lieben können, weil Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch beugen . . . ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich abreisen!“
„Nach Irland, Jane?“
, Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe gesagt was ich auf dem Herzen hatte, und werde gehen wohin man will.“
„Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel, der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.“
„Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem Netze. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen, der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich des Willens, um mich von Ihnen zu trennen.“
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen Armen und
blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
„Es sei denn,“ entgegnete er mir; „Ihr Wille allein mag über Ihr
Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine Hand, mein Herz und
Ihren Antheil an Allem an, was ich auf der Welt besitze.“
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt, meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung die ich Ihnen davon geben könnte.
„Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester und doch . . .“
„Und doch ist nichts ernster, als das,“ fiel er ein. „Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen, welche soeben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen mit gutem Beispiele vorangehen.“
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor sich in dem unendlichen Raume.
Als dieses leise Geräusch erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es
war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz. Als ich es
hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester sah mich mit
ernster Zärtlichkeit weinen.
„Kommen Sie an meine Seite, Jane, sagte er endlich, „dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören. Kommen Sie, was fürchten Sie denn?“
Ach! ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
„Ihre Braut steht zwischen uns,“ sagte ich.
Er stand plötzlich auf und stand mit einem Schritte neben mir.
„Meine Braut ist hier!“ rief er aus, indem er mich von Neuem an sich zog. .Hier ist sie, denn hier habe ich meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin werden?“
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
„Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten, daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Mühe genommen, sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile meines Vermögens verloren hätte. Von diesem Augenblicke an konnte ich um ihre Hand Zanhalten, ohne zu fürchten, daß sie mir gewährt würde. Meine Berechnung bewährte sich als vollkommen richtig. Die Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit, die mir früher von diesen stolzen Damen erwiesen waren, hatten nicht meiner Person, sondern meinem Vermögen gegolten. Als in Folge meiner Andeutungen auf dies letztere nicht mehr zu rechnen war, trat in ihrem Benehmen gegen mich eine Veränderung ein, die sich nur wenig von Beleidigung und Haß unterschied. Die Coquette, welche Sie für meine Braut hielten, schien meine Besuche nur noch zu dulden und auf eine passende Gelegenheit zu warten, um meine Zudringlichkeit zu rügen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und die so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte, meine Hand anzunehmen.“
„Ist dies wirklich wahr?“ rief ich aus, gerade wegen der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit überzeugt; „ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind, . . . ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.“
„Warum?“
„Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.“
„In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein, wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich, denn ich leide Höllenqualen.“
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze seiner Augen.
„O Jane! rief er nach einer kleinen Pause, ,hören Sie auf, mich zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz zerreißt.“
„Sie drücken nichts aus, als eine innige Dankbarkeit, und ich sehe nicht ein . . .“
„Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.“
„Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich ernstlich zur Gattin?“
,,Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines Eides? Nun wohl, ich schwöre es Ihnen!“
„So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin werden will!“
„Dann komm an mein Herz, Jane, meine Geliebte, meine Braut und bald meine Gattin, sei Du der gute Genius, der mich durch's Leben begleitet, verdanke ich Dir doch eigentlich mein Leben, da Du mich vom Feuertode errettetest, das jene Entsetzliche . . .“
„Welches Entsezliche?“ fragte ich.
,,Es ist eine trübe Erinnerung, die sich dann und wann meiner bemächtigt.--- An Deiner Seite, liebe Jane, werden jene trüben Erinnerungen mich nicht mehr beunruhigen. An Deiner Seite, meine Jane, hoffe ich das häusliche Glück zu erringen, nach dem ich bis jetzt gestrebt habe, ohne es zu finden. Mache Du mich so glücklich, wie ich Dich zu machen beabsichtige. Mein ganzes Leben sei diesem Bestreben gewidmet!“
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergegangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum. Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem Drucke des Windes, der das harte Laub der Lorbeerbäume bewegte. Ein Gewitter war im Anzuge und schon fing es an zu regnen.
„Wir müssen in's Haus gehen,“ sagte Rochester, , denn das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!“
„Und ich nicht minder!“ dachte ich. Vielleicht würde ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren. Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es begann in Strömen zu regnen. Er zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden Shawl von den Schultern nahm und sanft meine feuchten Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben zwölf Ühr.
„Lege rasch Deine nassen Kleider ab,“ sagte Rochester zu mir, „und ehe Du gehst, noch einmal gute Nacht, mein Engel!“
Er umarmte mich mehrere Male, während er diese Worte wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich entfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst, indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Nacht hindurch; vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung, vor der Macht der Elemente.
Dreimal im Laufe der Nacht kam Rochester an meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl fühle oder ängstigte.
Dies war ganz geeignet, mir Muth gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte, die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie mit ihrem Mädchen in's Freie geschickt und er selbst empfing mich in unserem Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut mit meinem Glücke, dass ich dieses Entgegenkommen ganz natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes Aussehen gesagt hatte, über meine „Schönheit“ sogar und über den Glanz meiner hübschen braunen Augen, sprach Mr. Rochester sogleich von seinen Plänen. Er sagte, unsere Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen vier Wochen stattfinden und er bewilligte mir keinen Tag mehr. Neberdies habe er bereits nach London geschrieben und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge, denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über ihn selbst lustig zu machen.
„Du vergissest,“ sagte ich zu ihm, „daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt, würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernhelden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der Krause um den Hals und dem Halbmantel auf der Schulter, als mich mit Federn und Edelsteinen in einem Spiegel zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es bist; ich glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelskeit in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.“
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte. Dagegen berührte er eine empfänglichere Seite in mir, indem er von den Reisen sprach, die wir zusammen machen wollten, sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch einmal sehen wollte, . . . konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
„Außerdem will ich,“ setzte er hinzu, „daß Du noch heute Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmärchen. Nur hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich würde es ganz bestimmt versuchen.“
„Nun wohl, sagte ich lachend, mein erster Wunsch ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an die mir ohnehin schmerzliche Ungleichhheit unserer Vermögensumstände erinnern.“
„Jane, Du bist ein böses Kind!“ rief Mr. Rochester, „doch mein Wort bindet mich. die Contreordre soll noch diesen Abend abgehen.“
,Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß meine Neugierde über einen kitzlichen Punkt befriedigt werde . . .“
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn verfinsterte sich.
„Denke an Eva und Psyche,“ sagte er mit einem erzwungenen Lächeln zu mir; „Beide bereuten es, daß sie hatten zu viel wissen wollen.“
„Kann ich wenigstens wissen,“ entgegnete ich, „warum Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du sie nicht liebtest?“
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
„Ich habe nicht geglaubt, meine Jane,“ erwiderte er, „daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären. Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? und weißt Du nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sei wollte?“
Ich hätte auf diese seltsame Erklärung nur eine ihn verletzende Antwort geben können und schwieg daher. Mein dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß Mistreß Fairfag von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat, ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung in Unkenntniß bleibt.“
„Dein Wunsch soll erfüllt werden, liebe Jane.“ -- Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin, um ihr meine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich einen Mann
hatte fesseln können. Der Stolz und der strengste Ordnungsgeist, um
nicht mehr zu sagen, waren in ihren Augen die stereotypen und erblichen Eigenschaften der Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht, selbst in Bezug auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
„So ist Alles vortrefflich,“ sagte sie endlich, „und ich bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gestern Abend empfunden habe, als ich Sie, nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn Rochester um Mitternacht . . .“
„Davon wollen wir nicht mehr sprechen,“ rief ich mit einem Anflug von Ungeduld, „da Sie jetzt wissen, woran Sie sind.“
„Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsch gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, mißtrauen Sie sich selbst eben so sehr, alsihm. Es geschieht nicht alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante seiner Kinder heirathet.“
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele’s Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Mein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr. Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren. Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden, um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich jedes Mal tief gedemüthigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber fünfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte. Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann kehrten wir nach Thornfield zurück.
„Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen, mit mir zu speisen?“ fragte er mich bei unserer Ankunft.
,Nein, dafür muß ich danken.“
„Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?“
„Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben Platz nehmen soll, als bis . . .“
„Nun, willst Du mir wieder etwas verschweigen? Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.“
„Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.“
„Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte, unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen haben, und Du sollst sehen ob ich sie geltend mache.
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindisch erscheinen, aber Sie, meine verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden, bei einem zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung, welcher es sich hingiebt, vor jedem Verdacht und jedem Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte, nun mußte ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob eine seine Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deshalb, und nur deshalb, war meine Armuth mir drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben, um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte, und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichten dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der Mittelperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht mehr frei über sein Vermögen verfügen, Doch gleichviel; schon die, wenn auch noch so ungewisse Hoffnung. meinem Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei dem Gedanken, daß ich in gänzlicher Abhängigkeit von ihm leben mußte.
Ein anderes Bedenken für mich bestand darin, während der langen
vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne, der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen seiner Zärtlichkeit auszuweichen.
Doch in diesem Punkte unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus
dem Tone der Stimne, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Verfügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit. denn wenn ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre es Ihnen, es bedurfte eines Muthes, den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen, der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines Geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder gekränkt, oder spöttelnd, oder zerstreut stellte, um nicht zu hingebend, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß die Hoffnung, von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war mein Ideal geworden.
Die vier Wochen dünkten Rochester eine Ewigkeit. Fast jeden
Abend berechnete er, wie viele Tage noch bis zur Hochzeit übrig
wären. Dann und wann schien eine trübe Ahnung sich seiner zu bemächtigen und wenn ich ihn bat, mir die Befürchtung mitzutheilen,
welche ihn zu quälen schien, so antwortete er durch ein gezwungenes Lächeln; hätte ich in die Zukunft blicken können, so würde ich diese Befürchtung erkannt, und weh!-- sie nur zu sehr getheilt haben.
Neuntes Kapitel.
Die Braut am Traualtar
Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden und der Tag unserer Verbindung war gekommen. Es war Alles für die unmittelbar nachher festgesezte Abreise vorbereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten mein kleines Zimmer. Sie waren noch mit den schon geschriebenen Adressen zu versehen, auf denen ich mit Erstaunen den Namen einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: „Mistreß Jane Rochester in London.“
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden, und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen Ausbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich den allzu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester erwartete mich mit Sehnsucht, umarmte und küsste mich. „Nun bist Du bald nicht mehr die elternlose Waise? – sagte er --- ,das arme, von den Launen des Schicksals und der Hartherzigkeit der Menschen herumgestoßene Mädchen, nun bist du bald mein, auf ewig meine zärtlich geliebte Gattin, die Lebensbegleiterin eines Mannes, der Deinen hohen Werth vollständig erkannt hat und der es fortan für seine Lebensaufgabe halten wird, Dich zu beglücken.“ Hierauf meinen Anzug musternd, sagte er mir allerlei Schmeichelhaftes, wovon mir unter andern noch die Worte erinnerlich sind: „Du bist schön wie eine Lilie.! Dann verließ er mich auf kurze Zeit, um der Dienerschaft mehrere Befehle zu ertheilen. „Wenn wir aus der Kirche zurückkommen, muß der Wagen in völliger Bereitschaft zur Abreise sein, die Koffer müssen aufgepackt und der Kutscher auf dem Bocke sein,“ hörte ich ihn seinen Dienern sagen.
Dann ließ Rochester ein Frühstück für mich serviren, aber es war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen.
Mistreß Fairfax erwartete uns im Vestibul und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es war mir nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog und da besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine Minute Aufenthalt gestatte, so energisch prägte sich der Wille in denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das Ziel zu erreichen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Athem war.
„Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe?“ sagte er zu mir.
„Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben, Jane, stütze Dich auf
mich.“
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille Kirche und erinnere mich besonders auch zweier Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige halb verwischte Grabschriften unter den Moose zu entziffern. Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zugingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt.
Ich erholte mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene
Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem Messner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt, die beiden Unbekannten waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch hinter mir, mich umzuwenden, und sah einen der beiden Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen sollte; dann trat er näher und
sagte, ein wenig zu Rochester geneigt:
„Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich seinz, in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnten, da Sie die Gewißheit haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist . . .“
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen, welches dieser feierlichen Aufforderung folgt, unterbrochen wird? Vielleicht nicht einmal in
hundert Jahren. Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem Buche erhoben und wollte nach einer kurzen Pause fortfahren.
Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen
sich öffneten um ihn zu fragen: „Erkennst Du dieses Weib als Deine
Gattin an?“ sprach eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
„Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre, daß ein Hinderniß existirt.“
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick, als wäre der Boden unter seinen Füßen gewichen. Allein er faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster Stimme, ohne sich umzusehen:
„Fahren Sie fort!“
Eine Totenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
„Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandtniß hat ohne mich überzeugt zu haben, daß sie von keiner ernsten Bedeutung ist.“
„Die Ceremonie kann nicht stattfinden,“ wiederholte die nämliche Stimme, ,und ich bin in den Stand gesetzt, darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte.“
„Worin besteht das Hinderniß?“ fragte Mr. Wood; „ist es wirklich nicht zu beseitigen?“
„Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der Fremde, indem er einige Schritte näher trat. „Das Hinderniß besteht ganz einfach in der Existenz einer ersten Ehe! Mr. Rochester hat eine Frau, die noch am Leben ist!“
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone gesprochenen Worte.
Ich blickte Rochester an, und dies zwang ihn, mich ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne Maske, seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen. Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen.
„Wer sind Sie?“ fragte er hierauf den Unbekannten.
„Ich heiße Briggs und bin Advokat in London.“
„Und Sie wollen mich mit dem Geschenk einer Frau beehren?“
„Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche anerkannt.“
„Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer sie ist, wie sie heißt, und wo sie wohnt?“
„Allerdings, mein Herr.“
Der Advokat zog ganz gelassen ein Blatt Papier aus seiner Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen halblauten und näselnden Stimme vorlas.
„Ich behaupte und kann es beweisen, daß Eduard Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der Grafschaft *** und von Ferndean-Manor in der Grafschaft *** in England am 20. October 18. . (vor fünfzehn Jahren; mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, Tochter Jonas Masons, Kaufmanns, und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in der Kirche zu Spansh-Town ehelich verbunden worden ist. Die Originalurkunde dieser Ehe existirt in den Registern der genannten Kirche. Gegenwärtig
Unterzeichnet: Richard Mason.“
„Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,“ versetzte Rochester, „so beweist sie höchstens nur, daß ich verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.“
„Vor drei Monaten war sie es noch,“ erwiderte der Advokat sogleich.
„Können Sie das beweisen?“
„Ich habe einen Zeugen dafür, den Sie wohl schwerlich verwerfen werden.“
„So stellen Sie diesen Zeugen oder gehen Sie zum Teufel!“ rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe nicht länger zu behaupten vermochte.
„Gut mein Herr, ich will die Alternative, welche Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu machen. Treten Sie näher, Mr. Mason.“
Dieser Name brachte eine blitzschnelle und zauberhafte Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein bemerkte.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck Alles befürchten ließ. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine gewaltige Hand nach ihm . . . und ich glaubte diesen schon am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief, und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung löschte wie ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn Rochesters, der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur sagte:
„Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?“
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm zu Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
„Sind Sie gewiß,“ fragte er Mason dann in sanftem Tone, „daß die Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?“
„Lassen Sie sich nicht irre machen,“ setzte der Advokat hinzu; „sagen Sie Alles was Sie wissen.“
„Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall,“ sagte Mason mit etwas festerer Stimme. ,,Ich, ihr Bruder, habe sie im vergangenen Monat April gesehen.“
„In Thornfield-Hall?“ rief der Geistliche mit unbeschreiblichem
Erstaunen. „Dies scheint mir unmöglich, denn ich wohne schon sehr
lange in dieser Gegend, habe aber nie gehört, daß in Thornfield-Hall
eine Mistreß Rochester lebt!“
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam eine Art
von verzweifeltem Lächeln. „Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren gut getroffen!’
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn zu stören
wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte, rief er plötzlich:
„Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green (so hieß der Messediener) Sie können sich entfernen, es wird heute keine Trauung stattfinden.“
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und Sorglosigkeit weiter:
„Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber das Schicksal hat meine kluge Berechnungen zerstört und die Vorsehung hat mich, wie Leute sagen werden, am Rande des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren, mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat und sein Client sagen die Wahrheit: ich bin verheirathet mit einer noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen hören, die ich bei mir verborgen halte? Man hat Ihnen wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester oder auch eine verlassene Geliebte? . . . Nein, sie ist meine Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet habe, die Schwester des wackern Mannes, den Sie hier sehen, eine Creolin, die Tochter einer durch den übermäßigen Genuß geistiger Getränke verthierten Mutter und wahnsinnig wie diese, da sie ebenfalls dem Laster des Trunkes ergeben ist. Man hütete sich wohl, mich zu warnen, als von der im Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten Verbindung die Rede war; man hütete sich wohl, mir zu sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei Generationen von der Mutter auf die Tochter fortgeerbt hatte. Urtheilen Sie daher über mein Glück und über die angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich der Gatte Bertha Mason's wurde. Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen gebliebenen Glücke überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger Mr. Wood, und Sie, Herr Advokat Briggs, und auch Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen Sie mit mir in meine Wohnung. Sie sollen mir dann sagen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden zu halten. Was diese junge Dame betrifft, „fuhr er fort, indem er auf mich zeigte, „so wußte sie von dem
Allen ebensowenig etwas, als Sie, mein lieber Wood. Sie war im Begriff in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewissenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Wittwenstandes überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.“
Er verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
,Du kannst wieder ausspannen!“ sagte Rochester ganz ruhig zu dem Kutscher; „ich reise heute nicht ab.“
Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Leah erwarteten uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
„Zurück! zurück!“ rief ihnen Rochester zu. „Ich danke für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr, sie kommen fünfzehn Jahre zu spät.“
Zehntes Kapitel.
Das enthüllte Geheimnis.
Nach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine Hand noch
immer in der seinigen haltend, und winkte den drei Herren, uns zu
folgen. Wir gingen die Treppe hinauf, bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
„Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason?“ fragte Rochester
seinen Schwager in spöttischem Tone. „Hier war es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen wurden.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür des Nebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem Casserol in der Hand saß, um, Gott weiß was zu kochen. Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Art von Höhle ging, gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige, ein Geschöpf, ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab . . . dies war die rechtmäßige Gebieterin des Schlosses.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden, ob dies ein
menschliches Wesen war. Eine verworrene Masse ehedem schwarzer,
jetzt aber fast grauer Haare, verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich. Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten Raubthiere nachzuahmen; kurz es war eine Hyäne in Frauengestalt.
„Nun, Mistreß Poole,“ fragte Mr. Rochester, „wie geht es hier diesen Morgen?“
„Ich danke Ihnen,-- antwortete Grace, indem sie ihren Tiegel behutsam über das Feuer setzte; „sie brummt nur ein wenig, das ist Alles.“
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den heftigsten Zorn verrieth.
„Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester,“ sagte Grace Poole, „bleiben Sie nicht hier.“
„Nur einige Minuten.“
„Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht . . . um des Himmels
willen, seien Sie vorsichtig!“
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat einige Schritte vor.
„Wer weiß?“ entgegnete Grace, ,“sie ist heimtückisch. Jedenfalls sehen sie sich vor. Jetzt!“
„Lassen Sie nur,“ sagte Rochester, indem er sie auf die Seite schob, „sie hat hoffentlich kein Messer und ich bin auf meiner Hut.“
Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faßte ihn bei der Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen. So rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war ein starkgebautes, kräftiges Weib, das einem Manne gewachsen war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage zu Boden werfen können, aber er wollte sie nur bändigen und dies gelang ihm auch.
Als diese Operation beendigt war, wandte er sich an die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
„Dies ist meine Frau dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und hier ist Die,“ setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, ,“deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen reinen Züge mit jenem abschreckendem Gesicht, diese schlanke Gestalt mit jener unförmigen Masse. Ich fordere Sie, Herr Pfarrer, im Namen der Religion, und Sie, Herr Advokat, im Namen des Gesetzes auf, über meine Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß man einst für seinen Urtheilsspruch verantwortlich ist! Jetzt können Sie sich entfernen.“
Wir ließen uns dies nicht zweimal sagen. Rochester blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben. Die Herren entfernten sich und ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben hatte. Schwach und erschöpft sank ich auf einen Stuhl.
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und zu dem kalten Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Was Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen verloren hatte, und daß ich mich von ihm trennen mußte. Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte mich nicht so, wie ich geglaubt hatte.
Von dem Wechsel der Ereignisse dieses Tages niedergeschlagen und ermattet, schlief ich endlich auf meinem Stuhle ein. Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich die Augen wieder und stand auf, um mein Platz zu verändern. Die Nothwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir als eine gebieterische Pflicht.
Ich ging langsam nach der Thür, schob den Riegel zurück und
trat in den Korridor hinaus; aber bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuß an einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen, aber ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der Arm Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines Zimmers sitzend, erwartete.
„Endlich!“ sagte er zu mir; ,ich wartete hier, bis Du aus Deinem Zimmer kommen würdest; und wußte nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn sie noch länger gedauert hätte, so würde ich es nicht länger ertragen und diese verwünschte Thür eingeschlagen haben. Warum hat meine Jane allein weinen wollen? an meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen . . . Wie Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „hast Du nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich? Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen? Wirst Du mir nie vergeben?“
„Wie thöricht bin ich!“ fuhr Rochester fort, als ich nicht sogleich antwortete. „Sie glaubt, ich bin verheirathet . . . muß ich sie nicht zuerst enttäuschen? Wenn sie Alles weiß, was ich weiß, dann wird sie auch denken wie ich. Jane, meine heißgeliebte Jane, laß Deine Hand in der meinigen und schenke mir einige Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit anhören können?“
„Stunden lang, wenn es sein muß.“
„O, ich bedarf nur einige Minuten. So höre denn, meine Jane. Um meinem älteren Bruder alle Familienbesitzungen zu sichern, so daß der Glanz der Rochester durch ihn repräsentirt würde, und um mich möglichst zu entschädigen, waren alle Bestrebungen meines Vaters darauf gerichtet, mich mit einem möglichst reichen Mädchen zu verheirathen. Ein weitläuftiger Bekannter meines Vaters, Mr. Mason auf Jamaika, gab seiner Tochter Bertha fünfzigtausend Pfund Sterling als Mitgabe. Dieser Umstand entschied über mein Schicksal. Als ich die Universität verließ, wurde ich nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, ich werde eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der Colonie. Und dies war keine Uebertreibung. Auch die Eltern der reichen Erbin, denen der Name Rochester ein glücklicher Fund für ihre Tochter zu sein schien, boten Alles auf, um den ihnen zugesendeten jungen Mann zu fesseln. Meine Sinne, mein Stolz und mein jugendlicher Ergeiz wurde zu gleicher Zeit angeregt. Ich sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen umgeben war, wo sie in dem doppelten Glanze des Reichthums und der Schönheit strahlte.
Durch tausend wohlberechnete Kunstgriffe bethört, und von den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die stolze Schönheit überhäuft wurde, heirathete ich sie, ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, welches lebhafte Blut, welche verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man mich von der Existenz meiner Schwiegermutter unterrichtete, die sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden meine Illusionen bald gestört. Wenige Tage waren hinreichend, damit ich zu meinem tiefen Schmerz die gemeinen Neigungen, den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des jungen Mädchens erkannte, die ich zur Gefährtin meines Lebens erwählt hatte. Ich fand in ihr sehr bald ein Gemisch von Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit. Noch traurigere Erfahrungen zeigten mir die Zukunft in der drohendsten Gestalt und meine neue Familie als unwürdig meiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde unter der Last eines solchen nicht wieder gut zu machenden Unglücks erlegen sein. Ich kämpfte vier Jahre lang, indem ich meinen tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen und die zügellosen, entehrenden Neigungen meiner unwürdigen Gattin zu verändern oder wenigstens zu mildern versuchte. Aber ungeachtet aller meiner Anstrengungen entwickelten sich die Laster dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit. Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen und ihr öffentlich beschimpfter Gatte mußte
daran denken, sich von ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und ich Unglücklicher sah mich einem Schicksal preisgegeben, das mir die Habsucht meiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason und meine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
Ich hätte die Wahnsinnige ihrem Schicksal überlassen und von Jamaika fliehen können, aber mein Stolz empörte sich gegen eine so feige Durchhauung des Knotens. Unschlüssig, was ich beginnen sollte, überließ ich mich ganz meinem Kummer, welcher von Verzweiflung nur wenig verschieden war. Meinen Vater hatte ich schon frühe verloren und aus einem um jene Zeit anlangenden schwarz gesiegelten Brief erhielt ich auch noch die Nachricht, daß mein Bruder mit dem Tode abgegangen sei. So fielen denn alle väterlichen Besitzungen mir zu, und dennoch bei allen Reichthümern, deren Besitzer ich nun wurde, wer war unglücklicher als ich?“
Rochester erzählte mir nun weiter, wie er nach Regelung seiner
Erbangelegenheiten den Entschluß faßte, durch weite Reisen den Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub. Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren konnten, dann erst wagte er es, das förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mir zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
„Jane, ich will Dir die Antwort sagen, die ich von Dir erwarte,
sie lautet: Herr Rochester, ich bin die Ihrige!“
„Herr Rochester,“ erwiderte ich, „ich werde nie die Ihrige!“
Es erfolgte eine lange Pause.
„Jane,“ hob er noch einmal an, und seine Stimme war so sanft, daß sie mir das Herz brach, und mich zugleich mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam mir vor, wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen, ,Jane, es kann Dein Wille nicht sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte Wege einschlagen.“
,Allerdings will ich dies.“
„Jane, versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte und mich mit seinen Armen umschlang, „willst Du es auch jetzt noch?“
„Ja.“
„Und jetzt? . . .“ Er bedeckte meine Stirn und meine Wangen mit Küssen.
„Ich will es!“ rief ich noch einmal, indem ich mich mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten Ausdruck an, den ich noch nie an ihm bemerkt hatte. Er richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen, jetzt wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die mir als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken sein, denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
„Einen Augenblick, Jane! Stelle Dir das Leben vor, welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast. Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du mich dazu verurtheilen, nur für sie zu leben, keine andere Liebe mehr zu haben, als die ihrige?“
„Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst leben werde! auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden werden.“
„Du willst also nicht nachgeben?“
„Nein.“
„Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe und mit Fluch beladen sterbe.“
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fernrollender Donner.
„Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben, und wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben. Ueberdies werden Sie mich vergessen . . .“
„Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich lüge, und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich. Sieh, welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte, die sich durch Deine Neigung zu mir in ihrer Ehre oder in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten . . .“
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
„Du gehst, Jane?“
„Ja, ich gehe.“
„Du willst mich verlassen.“
„Ich muß es.“
„Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht meine Stütze und mein Trost sein?. . . Alle meine Liebe, all' mein verzweifeltes Flehen vermag nichts über Dich? . . .“
Ich will es nicht versuchen, Ihnen den ergreifenden und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in seinem Munde hatten.
Aber Sie werden ermessen können, welches Muthes es bedurfte, um
in festem Tone zu wiederholen: „Ich muß gehen!“
,Jane!“
Ich blieb stehen.
So geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere Dich, daß Du mich hier allein und elend zurücklässest. Geh hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege dort, was ich Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden an Deinem Geiste vorüberziehen . . . denke an mich !“
Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das Sopha, verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit von Schluchzen erstickter Stimme:
„O, Jane, meine Hoffnung . . . meine Liebe . . . meine Leben!“
Dann entschlüpfte seinen Lippen ein tiefer Seufzer.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von den Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte meinen Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend sein schönes Haar.
„Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter, sagte ich zu ihm, „möge er Sie vor jeder Sünde und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und trösten und Ihnen alles Gute vergelten, daß Sie an mir gethan haben.“
„Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn für mich gewesen,“ antwortete er, „ohne diese Liebe bleibt mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut um sie mir versagen . . . ja, ich weiß es, ich besitze diese Liebe schon . . .“
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme aus . . . Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch einen Augenblick zu zögern, verließ ich das Zimmer.
„Lebe wohl!“ rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn so allein zurückließ. Und tausend Stimmen wiederholten in meinem Innern:
„Lebe wohl auf ewig !“
Erstes Capitel.
Es war keine Möglichkeit, an jenem Tage einen
Spaziergang zu machen. Wir waren freilich am
Morgen eine Stunde in der entlaubten Anpflanzung
umhergewandert, welche sich bis ans Haus zog; aber
seit dem zeitig eingenommenen Mittagessen hatte der
kalte winterliche Wind so düstere Wolken und so durchdringenden Regen mit sich geführt, daß von einer weiteren
Bewegung im Freien nicht die Rede sein konnte.
Mir war das gelegen, denn ich fand kein Vergnügen an weiten Spaziergängen, besonders nicht an
kalten Nachmittagen. Schrecklich war es mir, in der
öden Dämmerung mit erstarrten Fingern und Zehen
nach Hause zu kommen, wo ich dann durch das
Schelten der Kindermuhme Bessie noch trauriger gestimmt und durch das Bewußtsein gedemüthigt wurde,
daß ich in physischer Hinsicht Elise, John und Georgine Reed so weit nachstand.
Elise, John und Georgine hatten sich jetzt im
Gesellschaftszimmer um ihre Mama gedrängt; sie lag
auf einem Sopha in der Nähe des Kamins und
schien, von ihren Lieblingen umgeben, vollkommen
glücklich. mich hatte sie von dieser Gruppe ausgeschlossen, denn so lange sie nicht von Bessie hören
werde, erklärte sie mir, daß ich ernstlich bemüht sei,
mir eine geselligere und kindlichere Gemüthsart und
ein anziehenderes und lebhafteres Wesen anzueignen,
könne sie mir keine Vorrechte einräumen, die nur für
zufriedene und frohe kleine Kinder bestimmt seien.
,Was sagt Bessie, daß ich gethan habe?
fragte ich.
,Johanna, ich liebe den Widerspruch und das
Fragen nicht; überdies ist es wirklich abscheulich, wenn
ein Kind sich gegen ältere Personen so benimmt.
Setze dich irgendwo nieder und schweige, bis du gelernt hast, dich angenehmer zu machen.'
Neben dem Gesellschaftszimmer befand sich ein
kleines Frühstückzimmer, in dieses schlich ich mich.
Dort Stand ein Bücherschrank, ich nahm ein Buch
heraus, natürlich eines mit Bildern, stieg auf den
Fenstersitz, schlug meine Füße unter, wie ein Türke,
und zog die Vorhänge von rothem Moire dicht zu.
So war ich von beiden Seiten geschützt, auf der
rechten durch die Draperie, auf der linken durch die
Glasscheiben, vor dem unfreundlichen Novemberwetter.
Von Zeit zu Zeit, während ich die Blätter meines
Buches umschlug, versenkte ich mich in den Anblick
dieses Winternachmittags. In der Ferne bot er eine
bleiche Masse von Nebel und Gewölk dar; in der
Nähe eine Scene von nassen Rasenplätzen und sturmbewegten Gesträuchen mit unaufhörlichem Regen, den
ein klagender Wind wild vor sich her peitschte.
Ich kehrte zu meinem Buche zurück -- zu Bewick's Naturgeschichte der britischen Vögel. Um den
Text kümmerte ich mich im Allgemeinen wenig; doch
waren einige einleitende Bemerkungen da, die ich, so
sehr ich auch Kind war, nicht ganz übergehen konnte.
Sie handelten von den Wanderungen der Seevögel,
von den einsamen Felsen und Vorgebirgen, die nur
von jenen Vögeln bewohnt werden, von der norwegischen Küste, die von ihrem südlichen Ende bis zum
Nordkap mit Inseln besetzt ist.
Auch fesselte mich die Beschreibung der öden
Ufer von Lappland, Sibirien, Spitzbergen, Nowaja-Semlja, Island, Grönland mit dem weiten Kreise
der nördlichen Zone von Frost und Schnee, wo feste
Eisfelder, die Anhäufung von vielen tausend Wintern,
den Pol umgeben und die Kälte den höchsten Grad
erreicht. Von diesen schneeweißen Regionen bildete
ich mir meine eigene Idee -- unklar, gleich allen
halbbegriffenen Kenntnissen, die seltsam, aber lebhaft
durch das kindliche Gehirn treiben. Die Worte in
diesen einleitenden Bemerkungen verschmolzen sich mit
den folgenden Bildern und gaben dem in einer See
von Wogen und Schaum alleinstehenden Felsen, dem
zertrümmerten, an der verlassenen Küste gescheiterten
Boot, dem kalten und geisterhaften Monde, der durch
Wolkenschleier auf ein eben untersinkendes Wrack
niederblickt, ihre Bedeutung.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte; oft geheimnisvoll für meinen unentwickelten Verstand und meine
unvollkommenen Gefühle, doch sehr interessant, so
interessant, wie die Märchen, die Bessie zuweilen an
Winterabenden erzählte, wenn sie zufällig bei guter
Laune war. Bewick's Buch auf meinem Knie, war
ich also glücklich; glücklich wenigstens auf meine Weise.
Ich fürchtete nichts als Störung, und die kam nur
zu bald. Die Thür des Frühstückzimmers öffnete sich.
,Heda! Jungfer Träumerin! rief John Reed's
Stimme. Er verstummte gleich wieder, da er das
Zimmer leer zu finden meinte.
,Wo, zum Popanz, mag sie sein? fuhr er fort
und rief dann seinen Schwestern zu:
,Lizzy! Georgy! Hannchen ist nicht hier. Sagt
Mama, sie sei in den Regen hinaus gelaufen -- das
böse Geschöpf!
,Es ist gut, daß ich den Vorhang zugezogen
habe,' dachte ich und wünschte inbrünstig, John
möge mein Versteck nicht entdecken; er würde mich
auch nicht gefunden haben, denn er hatte weder einen
raschen Blick, noch einen scharfen Verstand. Aber
umso mehr war Elise zu fürchten, und in der That,
kaum steckte sie ihren Kopf durch die Thür, da rief
sie auch schon:
,Sie ist gewiß auf dem Fenstersitze, John.
Ich kam sogleich hervor, denn ich zitterte bei
dem Gedanken, von John herausgezerrt zu werden.
,Was willst du von mir? fragte ich ihn mit
linkischer Schüchternheit.
,Was wollen Sie, Monsieur Reed, heißt
es, war die Antwort. ,Ich will, daß du hierher
kommst.
Hierauf setzte er sich in einen Lehnsessel und gab
mir durch eine gebieterische Bewegung zu verstehen,
daß ich mich vor ihn hinstellen sollte.
John Reed war ein Schulknabe von vierzehn
Jahren -- vier Jahre älter als ich, denn ich war
erst zehn -- groß und stark für sein Alter, von ungesunder Gesichtsfarbe, mit markirten Linien in seinem
breiten Gesichte, plumpen Gliedern und großen Händen und Füßen. Er aß sich bei Tische gewöhnlich
sehr voll, wodurch er gallsüchtig wurde und sich ein
trübes, gläsernes Auge und welke Backen zuzog. Er
hätte jetzt in der Schule sein sollen; doch
seine Mutter hatte ihn wegen seiner zarten Gesundheit
auf einen oder zwei Monate nach Hause genommen.
Herr Miles, sein Lehrer, versicherte, es würde sehr
gut sein, wenn ihm weniger Kuchen und Leckerbissen
von Hause geschickt würden; doch das Mutterherz
empörte sich über eine so harte Ansicht und war eher
zu der milderen Aufassung* geneigt, daß John's
abgefallenes Gesicht von übergroßer geistiger Anstrengung und vielleicht auch vom Heimweh herrühre.
John zeigte nicht viel Zärtlichkeit für Mutter
und Schwestern und hatte einen besonderen Widerwillen gegen mich. Er verfolgte und bestrafte mich
beständig, jeder Nerv, den ich hatte, fürchtete ihn, und
jedes Glied meines Körpers zitterte, wenn er mir
nahe kam. Es gab Augenblicke, wo mich der Schrecken,
den er mir einflößte, ganz verwirrt machte; ich konnte
mich bei Niemandem über seine Drohungen und
Tätlichkeiten beschweren, Mistreß Reed war in dieser
Hinsicht taub und blind, sie sah nie, wenn er mich
schlug, und hörte nicht, wenn er mich schalt, obgleich
er zuweilen beides in ihrer Gegenwart that.
Gewohnt, John zu gehorchen, näherte ich mich
seinem Stuhle; er brachte etwa drei Minuten damit
zu, seine Zunge herauszustrecken; während ich jeden
Augenblick fürchtete, daß er zuschlagen werde, betrachtete ich mit Abscheu und Ekel sein rohes Gesicht.
Vielleicht las er diese Empfindung in meiner Miene,
denn plötzlich schlug er heftig zu. Ich taumelte, und
als ich mein Gleichgewicht wieder erlangt hatte, zog
ich mich von seinem Stuhle zurück.
, Daß ist für deine Unverschämtheit, womit du
Mama vor einiger Zeit geantwortet hast, sagte er,
, dafür, daß du dich fortschleichst und dich hinter den
Vorhängen verbirgst, und für den Blick, mit dem du
mich soeben angesehen hast, du Ratte.
An John Reed's üble Behandlung gewöhnt, fiel
es mir nie ein, etwas darauf zu erwidern; meine
Sorge war jetzt nur, wie ich den neuen Schlag er-
tragen sollte, der gewiß folgen würde.
, Was thatest du dort hinter dem Vorhange?
fragte er.
, Ich las.
, Zeige das Buch.
Ich kehrte zum Fenster zurück und holte es von
dort her.
, Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen,
Mama sagt, du bist abhängig; du hast kein Geld;
dein Vater hat dir keins hinterlassen; du solltest betteln
und hier nicht mit anständigen Kindern, wie wir sind,
zusammen leben auf Kosten unserer Mutter. Nun
will ich dich lehren, meinen Bücherschrank zu durchstöbern, denn er ist mein, das ganze Haus ist mein,
oder wird mir doch in wenigen Jahren gehören.
Geh und stelle dich an die Thür, fern von dem
Spiegel und den Fenstern.
Ich that es, da ich nicht gleich wußte, was seine
Absicht war; als ich ihn aber das Buch erheben und
gegen mich schwingen sah, sprang ich instinctmäßig
mit einem Schrei des Schreckens auf die Seite; doch
nicht früh genug, das Buch traf mich, ich fiel hin
und verletzte meinen Kopf an der Thür. Die Wunde
blutete, der Schmerz war heftig, mein Schrecken groß.
, Böser, grausamer Junge!' rief ich. , Du gleichst
einem Mörder, du gleichst einem Sclavenaufseher --
du gleichst den römischen Kaisern!
Ich hatte Goldsmith's Geschichte von Rom gelesen und mir meinen Begriff von Nero und Caligula
gebildet und diese in der Stille oft mit John verglichen, obwohl ich es nie laut auszusprechen beabsichtigte.
, Was ! was ! rief er. , Sagte sie das zu mir?
Hörtet Ihr es, Elise und Georgine? Soll ich es nicht
Mama sagen? Aber vorher --
Er lief plötzlich auf mich zu und ergriff mich
am Haar und an der Schulter. Er hatte sich an ein
verzweifeltes Geschöpf gewagt. Ich sah in der That
einen Tyrannen, einen Mörder in ihm. Ich fühlte
einige Blutstropfen von meinem Kopfe auf meinen
Hals herabrinnen und empfand einen stechenden
Schmerz. Diese Empfindungen besiegten für den Augenblick die Furcht, und ich empfing meinen Peiniger
auf wahnsinnige Weise. Ich weiß nicht recht, was
ich mit meinen Händen that, doch er brüllte laut auf
und nannte mich Ratte! Ratte! Elise und Georgine
holten Mistreß Reed herbei, welche die Treppe hinaufgegangen war und jetzt auf dem Schauplatze erschien. Bessie und das Kammermädchen Abbot folgten
ihr. John und ich wurden getrennt und ich hörte
die Worte:
,O Himmel! welch' eine Furie, auf Monsieur
John loszustürzen!'
,Sah je ein Mensch eine solche Leidenschaft?
Dann fügte Mistreß Reed hinzu:
,Bringt sie in das rothe Zimmer und schließt
sie dort ein.'
Vier Hände ergriffen mich sogleich und trugen
mich die Treppe hinauf.
Zweites Capitel.
Ich widersetzte mich den ganzen Weg über, was
bei mir etwas Neues war und sehr dazu beitrug, die
schlimme Meinung zu verstärken, die Bessie und Miß
Abbot von mir zu hegen geneigt waren. Ich war
in der That außer mir. Da ich wußte, daß ich für
meine Empörung eine schwere Strafe zu erwarten
hatte, so war ich, gleich jedem anderen rebellischen
Sclaven, in meiner Verzweiflung entschlossen, noch
weiterzugehen.
, Halten Sie ihr die Arme fest, Miß Abbot; sie
ist wie eine wilde Katze.
,Pfui! pfui!' rief die Kammerjungfer. , Welch'
ein garstiges Betragen, Miß Eyre, einen jungen Herrn
zu schlagen, den Sohn Ihrer Wohlthäterin! Ihren
jungen Herrn!'
, Meinen Herrn ! Wie ist er denn mein Herr?
Bin ich denn eine Dienerin?
, Nein, Sie sind noch weniger als eine Dienerin,
denn Sie thun nichts für Ihren Unterhalt. Da setzen
Sie sich nieder und denken Sie über Ihre Bosheit nach.'
Sie hatten mich jetzt in das von Mistreß Reed
angedeutete Zimmer gebracht und mich auf einen
Stuhl geworfen. Mein erster Antrieb war, wieder
aufzuspringen, doch die vier Hände hielten mich augenblicklich wieder fest.
, Wenn Sie nicht still sitzen, so müssen wir Sie
festbinden, sagte Bessie. Sie war im Begriffe, ihre
Drohung wahr zu machen. Dieser Schande wollte ich
mich nicht aus setzen. Daher mäßigte ich mich ein wenig.
, Lassen Sie nur,' rief ich, ,ich will ruhig sitzen
bleiben.
Zum Beweise hielt ich mich mit den Händen an
meinem Stuhle fest.
, Halten Sie Wort!' sagte Bessie, und als sie
sich überzeugt hatte, daß ich wirklich ruhiger wurde,
ließ sie mich los; dann Standen sie und Miß Abbot
mit übereinandergeschlagenen Armen da und sahen
mir ins Gesicht, als ob sie an meinem Verstande
zweifelten.
,Sie ist noch nie so gewesen, sagte Bessie endlich zu Miß Abbot.
, Doch es lag immer in ihr, war die Antwort.
, Ich habe Missis oft meine Meinung über das Kind
gesagt, und Missis stimmte mir bei. Sie ist ein boshaftes kleines Ding, ich sah noch nie ein Mädchen
in ihrem Alter mit so viel versteckter List.
Bessie antwortete nicht, sondern wendete sich zu
mir und sagte:
, Sie sollten bedenken, Miß, was Sie Mistreß
Reed für Dank schuldig sind, sie ernährt Sie; wenn
sie Sie wegjagte, müßten Sie ins Waisenhaus gehen --
ich schwieg zu diesen Worten, sie waren mir
nicht neu, denn meine ersten Erinnerungen waren mit
Andeutungen dieser Art verschmolzen. Der Vorwurf
meiner Abhängigkeit war meinen Ohren längst ein
gewohntes Lied, schmerzlich und niederdrückend, obwohl nur halb verständlich.
,Und Sie sollten sich nicht für gleichberechtigt
mit den Misses Reed und Monsieur Reed halten.'
fiel Miß Abbot ein, weil Missis so gütig ist, Sie mit
ihnen erziehen zu lassen. Jene werden viel Geld bekommen und Sie keins.'
,Was wir Ihnen sagen, geschieht zu Ihrem
Besten,' fügte Bessie in mildem Tone hinzu, , Sie
sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu
machen, dann würden Sie vielleicht hier eine Heimat
haben; aber wenn Sie leidenschaftlich und roh werden,
so bin ich gewiß, daß Missis Sie fortschicken wird.
,Und wohin würden Sie dann gehen? sagte
Miß Abbot. , Ich möchte um die Welt nicht Ihr
Herz haben. Sprechen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre,
wenn Sie wieder zu sich gekommen sind, denn wenn
Sie nicht bereuen, so könnte ein böser Geist im Kamin
herabfahren und Sie mitnehmen.
Sie gingen fort und machten die Thür zu.
Das rothe Zimmer war unbewohnt, und es
schlief nur dann Jemand darin, wenn eine ungewöhnliche Anzahl von Gästen in Gateshead Hall es nöthig
machte, alle Räume zu benutzen, die das Haus besaß.
Und doch war es das größte und stattlichste Zimmer
in dem ganzen Gebäude. Ein Bett, von Säulen aus
Mahagoniholz getragen und mit Vorhängen von
dunkelrothem Damast versehen, Stand in der Mitte;
zwei große Fenster, deren Taden* beständig geschlossen
waren, zeigten eine reiche Draperie von ähnlicher Farbe;
auch der Fußteppich und die Tapeten an den Wänden waren roth; der Tisch am Fuße des Bettes war
mit einer karmoisinrothen Decke belegt; der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle waren von
dunkel polirtem altem Mahagoniholz. In dieser Dunkelheit erhoben sich hoch die aufgethürmten Matratzen
und Kissen des Bettes, welches mit einer schneeweißen Decke belegt war. Kaum weniger in die Augen
fallend war ein großer, mit Kissen belegter Lehnstuhl
am Kopfende des Bettes mit einem Fußschemel davor,
so daß er mir wie ein Thron vorkam.
Dieses Zimmer war kalt, weil es selten geheizt
wurde; es war still, weil es von der Kinderstube
und der Küche entfernt lag, und feierlich, weil selten
Jemand hineinkam. Nur das Hausmädchen betrat
es jeden Samstag, um von den Spiegeln und Möbeln
den Staub abzuwischen, und Mistreß Reed selber
besuchte es nur zu bestimmten Zeiten, um den Inhalt
eines gewissen geheimen Faches in dem Kleiderschranke
zu untersuchen, worin sie verschiedene Documente, ihr
Juwelenkästchen und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Mannes aufbewahrte. Hier war der Punkt,
worin das Geheimnisvolle des rothen Zimmers beruhte, der mystische Zauber, der es ungeachtet seiner
Pracht vereinsamen ließ.
Herr Reed war vor neun Jahren in diesem
Zimmer gestorben, hier hatte er auf dem Paradebette
gelegen; von hier hatte man seinen Sarg weggetragen,
und seit jenem Tage schützte ein Gefühl der Furcht
das Zimmer vor häufigem Besuche.
Mein Sitz, auf den mich Bessie und die boshafte Miß Abbot gebannt hatten, war eine niedrige
Ottomane in der Nähe des marmornen Kamins.
Das Bett erhob sich vor mir; zu meiner Rechten Stand
der hohe dunkle Kleiderschrank, an dessen glänzenden
Verzierungen sich das matte Licht brach; zu meiner
Linken befanden sich die verhüllten Fenster und ein
großer Spiegel zwischen ihnen. Ich war nicht ganz
gewiß, ob sie die Thür verschlossen hatten, und als
ich mich zu bewegen wagte, Stand ich auf, um nachzusehen. Ach ja, kein Kerkermeister war je gewissenhafter in seinem Amte. Als ich zurückkehrte, mußte ich
an dem Spiegel vorüber; wie von einem Zauber
angezogen, blickte ich hinein. Alles erschien darin kälter
und dunkler, als in der Wirklichkeit, und die
fremde kleine Gestalt, die ich daraus anschaute und
deren Gesicht und Arme gespenstig weiß gegen die
Dunkelheit abstachen, machte auf mich den Eindruck
eines Geistes. Ich meinte, sie sei jenen winzigen
Phantomen, halb Fee, halb Zwerg, ähnlich, die
in Bessie's Abenderzählungen aus einsamen Schluchten
hervorkamen und verspäteten Wanderern erschienen. Ich
kehrte zu meinem Sitze zurück. Abergläubische Furcht
war in diesem Augenblicke mächtig in mir; doch die
Stimmung des empörten Sclaven behielt die Ober-
hand.
Alle Tyranneien John Reed's, alle stolze Gleichgültigkeit seiner Schwestern, alle Abneigung seiner
Mutter, alle Parteilichkeit der Diener vergegenwärtigte
ich mir in meinem verstörten Geiste. Warum mußte
ich immer leiden, immer hart behandelt, immer beschuldigt und immer verurtheilt werden? Warum
konnte ich nie gefallen? Warum war es nutzlos, zu
versuchen, irgend Jemandes Gunst zu erwerben?
Elise, die halsstarrig und selbstsüchtig war, wurde geachtet. Georgine, die eine verdorbene Gemüthsart,
einen sehr scharfen Spott, ein naseweises und freches
Benehmen hatte, wurde überall geduldet. Ihre Schönheit, ihre rothen Wangen und ihre goldenen Locken
schienen Alle, die sie ansahen, in Entzücken zu versetzen und ihr Straflosigkeit für jeden Fehler zu erkaufen. John wurde von Niemand getadelt oder gar
gestraft, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte,
die kleinen Pfauen tödtete, die Hunde hinter die
Schafe hetzte, die Weinstöcke im Treibhause ihrer
Früchte beraubte und die Knospen der seltensten
Pflanzen im Gewächshause abbrach. Obgleich er seine
Mutter ,ein altes Weib' nannte, sie wegen ihrer dunkeln
Haut, die der seinen glich, verspottete, ihren Wünschen
sich frech widersetzte, so war und blieb er doch
immer ihr Liebling. Ich bemühte mich, jede Pflicht zu
erfüllen, und dafür wurde ich vom Morgen bis
Mittag und vom Mittag bis Abend unartig und
lästig gescholten.
Mein Kopf schmerzte noch und blutete von dem
Schlage und dem Falle. Niemand hatte John Vorwürfe gemacht, weil er mich aus Uebermuth geschlagen hatte; ich aber, weil ich mich gewehrt, um mich
vor weiteren Gewaltthätigkeiten zu schützen, ich wurde
mit allgemeinem Tadel überhäuft.
, Ungerecht! -- ungerecht!' sagte meine Vernunft,
die durch den quälenden Stachel zu frühzeitiger Reife
gelangt war. Dieses bittere Gefühl der Ungerechtigkeit
brachte mich, um dem unerträglichen Drucke zu entfliehen, auf den seltsamen Entschluß, davonzulaufen
oder, wenn das nicht zu bewerkstelligen war, nicht
mehr zu essen und zu trinken und so zu sterben.
Welch' eine tiefe Trostlosigkeit empfand ich an
jenem traurigen Nachmittage. Wie war mein ganzes
Gehirn im Tumult und mein ganzes Herz im Aufruhr!
Doch in welcher Dunkelheit, in welcher Unwissenheit
wurde der Kampf gekämpft! Ich konnte die unaufhörliche innere Frage nicht beantworten, warum ich
o litt, jetzt freilich, nach einem Zeitraum -- ich will
nicht sagen, von wie vielen Jahren -- weiß ich es
sehr wohl.
Ich war in Gateshead Hall Allen unähnlich,
ich hatte nichts Uebereinstimmendes mit Mistreß Reed,
ihren Kindern oder ihrer auserwählten Dienerschaft.
Wenn sie mich nicht liebten, so liebte ich sie in der
That ebenso wenig. Sie waren nicht verpflichtet, ein
Wesen mit Zärtlichkeit zu behandeln, welches mit
keiner Person unter ihnen harmonirte; ich war ihnen
an Temperament und Neigung entgegengesetzt, unfähig ihrem Interesse zu dienen oder ihr Vergnügen
zu erhöhen; ein schädliches Wesen, welches ihre Behandlung mit Unwillen ertrug ihr Urtheil verachtete.
Ich weiß, wenn ich ein sanguinisches, leichtsinniges,
nachlässiges, anspruchsvolles, schönes und wildes Kind
gewesen wäre, so hätte Mistreß Reed meine Gegenwart geduldiger ertragen, ihre Kinder würden mehr
Freundschaft für mich empfanden haben und die
Diener weniger versucht gewesen sein, mich zum
Sündenbock der Kinderstube zu machen.
Das Tageslicht begann das rothe Zimmer zu
verlassen; es war vier Uhr vorbei, und der trübe
Nachmittag ging in graue Dämmerung über. Ich
hörte den Regen noch beständig an das Fenster auf der
Treppe schlagen und den Wind in den Bäumen der Allee
heulen. Nach und nach wurde mir eiskalt und dann
sank mein Muth. Meine gewohnte demüthige Stimmung, der Zweifel an mir selbst, löschten die glühenden Kohlen meines Zornes. Alle sagten, ich sei
boshaft, und vielleicht mochte ich es auch sein, wie
hatte ich auch erst eben auf den Gedanken kommen
können, mich todt zu hungern? Das war offenbar ein
Verbrechen. Und war ich den vorbereitet zu sterben?
Oder war das Gewölbe unter dem Chor in der
Kirche zu Gateshead ein einladendes Ziel? In solch'
einem Gewölbe, hatte man mir gesagt, liege Herr
Reed begraben; und bei diesem Gedanken verweilte
ich mit Schrecken. Ich erinnerte mich des Verstorbenen
nicht mehr; aber ich wußte, daß er mein Oheim --
meiner Mutter Bruder -- war, daß er mich als
elternloses Kind in sein Haus genommen und in
seinen letzten Augenblicken sich von Mistreß Reed das
Versprechen hatte geben lassen, mich wie eins ihrer
eigenen Kinder zu erziehen und zu unterhalten.
Mistreß Reed dachte wahrscheinlich, diese Versprechen
erfüllt zu haben, und sie hatte es auch nach ihrer Art
gethan, aber sie mußte es sehr lästig finden, durch ein
erzwungenes Versprechen gebunden zu sein, an einem
fremden Kinde, welches sie nicht lieben konnte, Mutterstelle zu vertreten und eine Fremde beständig ihrer
Familie aufgedrängt zu sehen.
Ich zweifelte nicht und hatte nie gezweifelt, daß
behandelt haben; und nun, als ich da saß und das
weiße Bett und die dunkelnden Wände ansah, mich auch
von Zeit zu Zeit von dem Zauber des trübe schimmernden Spiegels angezogen fühlte, begann ich mich zu erinnern, was ich von Verstorbenen gehört, die durch die
Verletzung ihrer letzten Wünsche in ihren Gräbern
beunruhigt, die Erde wieder besuchten, um die Meineidigen zu bestrafen und die Unterdrückten zu rächen;
und ich dachte, Herrn Reed's Geist, durch das Unrecht empört, welches dem Kinde seiner Schwester
widerfuhr, könne sich in diesem Zimmer wor mir
erheben. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen, da ich fürchtete, es könne
mich plötzlich eine übernatürliche Stimme nach der
Ursache meines Kummers fragen und mich trösten,
oder es könne in der Dunkelheit ein geisterhaftes
Gesicht erscheinen und sich mitleidig über mich beugen.
Ich fühlte, daß diese an sich tröstliche Idee in der
Wirklichkeit schrecklich sein werde, und bemühte mich
mit aller Macht, sie zu unterdrücken. Ich schüttelte
mein Haar aus meinen Augen, erhob den Kopf und
versuchte, mich kühn in dem dunklen Zimmer umzusehen. In diesem Augenblick schimmerte ein Licht
an der Wand. , Sollte es ein Strahl des Mondes
ein, der durch eine Oeffnung des Fensterladens fällt?
fragte ich mich? , Nein, das Mondlicht steht still aber
dieses hier bewegt sich. Während ich noch hinblickte.
erhob es sich zur Decke und bebte über meinem
Haupte. Ich vermuthete jetzt, daß dieser Lichtschimmer
von einer Laterne herrührte, die Jemand über den
Rasenplatz trug; aber da mein Geist auf etwas Entsetzliches vorbereitet und meine Nerven durch Aufregung erschüttert waren, hielt ich den wandelnden
Strahl für den Vorboten einer Erscheinung aus der
anderen Welt. Mein Herz schlug heftig, ich glaubte,
ein Geräusch wie das Rauschen von Flügeln zu vernehmen; es schien etwas in meiner Nähe zu sein;
ich war athemlos und glaubte zu ersticken. Das
konnte ich nicht länger ertragen, ich stürzte mich auf
die Thür zu und schüttelte das Schloß mit verzweifelter Anstrengung. Es eilte Jemand den äußeren Gang
daher, der Schlüssel wurde umgedreht und Bessie
und Abbot traten ein.
,Welch' ein schrecklicher Lärm! Es ist mir in alle
Glieder gefahren! rief Abbot.
,Laßt mich heraus! schrie ich.
,Weshalb? Ist Ihnen etwas geschehen? Haben
Sie etwas gesehen? fragte Bessie.
,O! ich sah ein Licht und glaubte, es würde
ein Geist kommen.
,Sie hat absichtlich geschrieen,' behauptete Abbot
gehässig, ,sie wollte uns nur hierher locken, ich kenne
ihre listigen Ränke.
,Was soll das heißen? fragte eine gebieterische
Stimme, und Mistreß Reed kam mit flatternder Haube
und stürmisch rauschendem Kleide den Corridor daher.
,Abbot und Bessie, ich meine doch befohlen zu haben,
Johanna Eyre solle in dem rothen Zimmer bleiben,
bis ich sie selber herauslasse.
,Miß Johanna schrie so laut, Madame,' sagte
Bessie entschuldigend.
,Laß sie nur,' war die Antwort. ,Laß Bessie's
Hand los, Kind, es wird dir nicht gelingen, auf
solche Weise herauszukommen. Ich verabscheue die
List, besonders bei Kindern; es ist meine Pflicht, dir
zu zeigen, daß du durch Ränke nicht deinen Zweck
erreichst. Du wirst jetzt eine Stunde hier länger bleiben, und nur unter der Bedingung der vollkommenen
Unterwürfigkeit werde ich dich dann befreien.
, O Tante, haben Sie Mitleid ! Verzeihen Sie mir!
Ich fürchte mich so sehr in diesem Zimmer -- bestrafen Sie mich auf eine andere Weise! Ich werde
sterben, wenn --'
, Still!' gebot Mistreß Reed, ,diese Heftigkeit ist
schändliche Verstellung !'
So kam es ihr ohne Zweifel vor. Ich war in
ihren Augen eine frühreife Schauspielerin, in deren
Charakter sich glühende Leidenschaften mit gefährlicher
Falschheit vereinigten.
Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten,
schob mich Mistreß Reed, aufgebracht über meine
wahnsinnige Angst und mein heftiges Schluchzen,
ohne Weiteres in das Zimmer zurück und schloß mich
ein. Ich hörte sie fortrauschen, und dann sank ich in
Ohnmacht.
Drittes Capitel.
Als ich wieder erwachte, geschah es mit einem
Gefühl, als hätte ich ein furchtbares Alpdrücken gehabt, und ich sah vor mir einen schrecklichen rothen
Schein, der von starken schwarzen Stangen durchkreuzt war. Ich hörte auch Stimmen, die in hohlem
Ton sprachen, als würden sie von dem Rauschen des
Windes erstickt. Die Ungewißheit und die vorherrschende Empfindung des Schreckens verwirrten meinen
Geist. Bald wurde ich gewahr, daß mich Jemand anfaßte und mich in sitzende Stellung hob, und zwar
sanfter, als man mich je vorher aufgerichtet oder
unterstützt hatte. Mein Kopf lag auf einem Kissen
oder auf einem Arme und ruhte weich.
Nach wenigen Minuten verschwand die Wolke
der Verwirrung, ich wußte, daß ich in meinem Bette
lag und daß der rothe Schein von dem Feuer des
Kamins in der Kinderstube herrührte. Es war Nacht,
ein Licht brannte auf dem Tische. Bessie Stand, ein
Becken in der Hand, am Fußende des Bettes; ein
Herr saß auf einem Stuhle neben meinem Kopfkissen
und neigte sich über mich.
Ich empfand eine unaussprechliche Erleichterung,
eine besänftigende Ueberzeugung des Schutzes und
der Sicherheit, als ich wußte, daß ein Fremder im
Zimmer war, eine Person, die nicht zu Gateshead
gehörte und nicht mit Mistreß Reed verwandt war.
Mich von Bessie abwendend, obgleich ihre Gegenwart mir viel weniger lästig war, als es die der
Miß Abbot gewesen sein würde, beobachtete ich das
Gesicht des Herrn. Ich kannte ihn; es war Herr
Lloyd, ein Apotheker und Wundarzt, der zuweilen
von Mistreß Reed gerufen wurde, wenn ihre Diener
krank waren, wegzogen sie und ihre Kinder einen
Arzt gebrauchten.
, Nun, wer bin ich? fragte er.
Ich nannte seinen Namen und reichte ihm zugleich meine Hand. Er nahm sie, lächelte und sagte:
, Es wird schon nach und nach besser mit
uns werden.
Dann legte er mich nieder und trug Bessie auf,
dafür zu sorgen, daß ich während der Nacht nicht
gestört werde. Nachdem er noch einige weitere Anordnungen gegeben, sagte er, er werde am nächsten
Tage wiederkommen, und entfernte sich zu meinem
Kummer. Ich hatte mich beschützt und sicher gefühlt,
während er auf dem Stuhle neben meinem Bette gesessen; als er die Thür hinter sich zumachte, sank
mein Muth, und eine unaussprechliche Traurigkeit
beschlich mein Herz.
,Meinen Sie, daß Sie schlafen könnten, Miß?
fragte Bessie ziemlich sanft.
Kaum wagte ich zu antworten, denn ihr nächstes
Wort konnte rauh sein.
, Ich will es versuchen, sagte ich.
, Möchten Sie vielleicht trinken oder etwas essen?
, Nein, ich danke Ihnen, Bessie.
, Dann, denke ich, will ich zu Bette gehen, denn
es ist schon über zwölf; aber Sie können mich rufen,
wenn Sie in der Nacht etwas bedürfen.'
Das war eine wunderbare Höflichkeit! Sie machte
mich so kühn, eine Frage zu thun.
, Bessie, was ist mit mir geschehen?
,Ich vermuthe, Sie wurden im rothen Zimmer
vom vielen Schreien ohnmächtig. Es wird ihnen bald
besser sein.
Bessie ging in das Zimmer des Hausmädchens,
welches an die Kinderstube stieß, und ich hörte sie sagen:
,Sara, komm' und schlafe mit mir in der Kinderstube; ich möchte um's Leben nicht die Nacht mit
dem armen Kinde allein sein; sie könnte sterben. Es
ist ein seltsamer Vorfall, diese Ohnmacht, es soll mich
wundern, ob sie wohl etwas gesehen hat; Missis war
doch zu hart gegen sie.'
Sara und Bessie legten sich zu Bette und flüsterten
noch eine halbe Stunde zusammen, ehe sie einschliefen.
Ich vernahm einige abgerissene Worte von ihrer
Unterhaltung.
,Es ist ihr etwas erschienen, ganz weiß gekleidet,
und dann verschwunden -- ein großer, schwarzer
Hund hinter ihm -- drei starke Schläge an die Kammerthür -- ein Licht auf dem Kirchhofe gerade über
seinem Grabe u. s. w.'
Endlich schliefen Beide, das Feuer und das Licht
gingen aus. Ich brachte die lange Nacht in schrecklichem Wachen zu; Ohr, Auge und Geist waren gleich
geschärft durch die Furcht -- solche Furcht, wie sie
nur Kinder empfinden können.
Keine schwere oder langwierige körperliche Krankheit folgte auf dieses Ereignis im rothen Zimmer, es
gab nur meinen Nerven einen Stoß, wovon ich die
Erschütterung noch heute empfinde. Ja, Mistreß Reed,
Ihnen habe ich einige furchtbare Qualen geistigen
Leidens zur Tast zu legen. Aber ich muß Ihnen verzeihen, denn Sie wußten nicht, was sie thaten; während Sie die Saiten meines Herzens zerrissen, glaubten
Sie nur meine bösen Neigungen auszurotten.
Am folgenden Tage um Mittag war ich auf und
saß angekleidet und in einen Shawl gehüllt, am Kamin
in der Kinderstube. Ich fühlte mich matt und niedergeschlagen; aber mein schwerstes Leiden war ein unaussprechliches Elend der Seele, welches mir beständig
stille Thränen auspreßte. Eigentlich hätte ich froh sein
sollen, denn keins von den Reed's war da; sie waren
alle mit ihrer Mama ans gefahren, Abbot nähte in
dem anderen Zimmer, und Bessie, die von Zeit zu
Zeit hereinkam, richtete hin und wieder ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich. Aber meine angegriffenen Nerven befanden sich jetzt in einem solchen
Zustande, daß keine Ruhe sie besänftigen konnte.
Bessie war in der Küche gewesen und hatte eine
Torte auf einem glänzend bemalten chinesischen Teller
hereingebracht, dessen Paradiesvogel, der unter Rosenknospen nistete, mich stets in begeisterte Bewunderung
zu versetzen pflegte. Oft hatte ich gebeten, diesen Teller
in die Hand nehmen zu dürfen, um ihn genauer zu
betrachten, doch hatte man mich bisher immer dieses
Vorrechts für unwürdig erklärt. Dieses kostbare Gefäß wurde jetzt auf meine Knie gesetzt und ich freundlich eingeladen, das darauf befindliche delicate Gebäck
zu essen. Vergebliche Gunst! die, wie die meisten, oft
gewünschten und lange verweigerten Gunstbezeugungen,
zu spät kam! Ich konnte die Torte nicht essen, und
das Gefieder des Vogels, die Farben der Blumen erschienen mir seltsam verblichen. Ich stellte Teller und
Torte weg. Bessie fragte, ob ich ein Buch haben
wollte; das Wort Buch wirkte belebend auf mich,
und ich bat sie, Gulliver's Reisen aus der Bibliothek
zu holen. Dieses Buch hatte ich wiederholt mit Entzücken gelesen; ich betrachtete es als eine Erzählung
von Thatsachen und fand ein lebhafteres Interesse
daran, als an den Feenmärchen, nachdem ich die
Elfen vergebens unter Fingerhutblättern und Glockenblumen, unter Moosrosen und dem Epheu gesucht
hatte, der die alten Mauern überkleidete. Da Liliput
und Brobdignag meinem Glauben nach feste Theile
der Oberfläche der Erde waren, so zweifelte ich nicht,
daß ich einst auf einer weiteren Reise mit eigenen
Augen die kleinen Häuser und Bäume, das winzige
Völkchen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel dieses
Reiches, und die Kornfelder, so hoc wie die Bäume
des Waldes, die mächtigen Hunde, die ungeheuren
Katzen und die thurmähnlichen Männer und Weiber
des anderen Reiches sehen werde. Doch als dieses ersehnte Buch jetzt in meine Hand gelegt wurde -- als
ich die Blätter umschlug, da erschien mir Alles öde
und leer. Ich machte das Buch zu und legte es neben
der unangerührten Torte auf den Tisch.
Bessie war jetzt mit Abstäuben und Auskehren
fertig, und nachdem sie ihre Hände gewaschen, öffnete
sie ein gewisses kleines Fach, welches mit glänzenden
Stücken Seidenzeug und Sammet angefüllt war, und
begann einen neuen Hut für Georginens Puppe zu
machen. Dabei sang sie mit klagender, aber angenehmer Stimme:
Wund sind die Füße und müde die Glieder,
Weit ist der Weg, es stürmt der Wind;
Bald senkt die Dämm'rung auf Pfade sich nieder,
Wo trostlos wandert das Waisenkind.
Ach! warum schickt man mich doch in die Ferne,
Wo öde Triften und Felsen nur sind;
Hart sind die Menschen, wie oft ich hier lerne:
Engel nur leiten das Waisenkind.
Sterne mir strahlen so lieblich dort oben,
Die Wolken verschwinden, die Luft wehet lind;
Gott gibt mir Trost, und ihn muß ich loben:
Er schützet gnädig das Waisenkind.
Sollt' ich auch fallen, wenn morsch ist die Brücke,
Und folgen dem täuschenden Irrlichte blind;
Stets ruft mein Vater mich liebend zurücke:
Nimmt an den Busen das Waisenkind.
Sollten auch oftmals die Kräfte mir fehlen,
Und ich nicht wissen, wo Obdach ich find :
Will ich den Himmel zur Heimat mir wählen:
Gott hat zum Freunde das Waisenkind.
, Ei, Miß Johanna, weinen Sie nicht, sagte
Bessie, als sie geendet hatte. Ebenso gut hätte sie zu
dem Feuer sagen können: ,Brenne nicht!
Im Laufe des Morgens kam Herr Lloyd wieder.
, Was? schon auf? sagte er, als er in die
Kinderstube trat. , Nun, Bessie, wie geht es mit ihr?
Bessie antwortete, es gehe sehr gut mit mir.
, Dann müßte sie heiterer aussehen. Kommen
Sie her, Miß Johanna; Ihr Name ist Johanna,
nicht wahr?
. Ja, Herr, Johanna Eyre.
, Sie haben geweint, Miß Johanna Eyre. Können
Sie mir sagen, warum? Empfinden Sie irgend einen
Schmerz?
, Nein, Herr.
, O! ich denke sie weint, weil sie nicht mit Missis
hat ausfahren dürfen, fiel Bessie ein.
Da meine Selbstachtung durch diese falsche Auskunft verwundet wurde, so antwortete ich sogleich:
, Ich weinte nie in meinem Leben wegen einer
solchen Sache und fahre überhaupt nicht gern im
Wagen. Ich weine, weil ich elend bin.
, O pfui, Miß! sagte Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verlegen,
wie er das nehmen sollte. Er richtete seine Augen
fest auf mich; diese Augen waren klein und grau,
nicht sehr hell, aber schlau genug; er hatte harte
Züge und doch ein gutmüthiges Gesicht. Nachdem er
mich mit Muße betrachtet hatte, sagte er:
, Was machte Sie gestern krank?
, Sie ist gefallen, antwortete Bessie wieder an
meiner Stelle.
, Ich wurde zu Boden geschlagen, war meine
unumwundene Erklärung. ,Aber das machte mich
nicht krank, fügte ich hinzu, während Herr Lloyd
eine Prise Schnupftabak nahm.
Als er die Dose wieder in seine Westentasche gesteckt hatte, wurde zum Mittagessen der Dienerschaft
geklingelt. Er wußte, was es bedeutete, und sagte:
, Das gilt Ihnen. Bessie, Sie können hinuntergehen;
ich will inzwischen Miß Johanna meine ärztlichen
Vorschriften ertheilen.
Bessie wäre lieber dageblieben, doch war sie ge
nöthigt zu gehen, denn Pünktlichkeit bei den Mahl
zeiten wurde in Gateshead Hall strenge gefordert.
Der Fall machte Sie also nicht krank? fuhr
Herr Lloyd fort, als Bessie gegangen war.
, Was
also war es denn?
, Ich wurde bis nach der Dunkelheit in ein
Zimmer eingeschlossen, wo sich ein Geist aufhält.'
Ich sah, wie Herr Lloyd zu gleicher Zeit lächelte
und finster blickte.
, Geist! Sie fürchten Geister --
, Ja, Herrn Reed's Geist fürchte ich, er starb in
jenem Zimmer und wurde dort ausgestellt. Weder
Bessie noch irgend sonst Jemand geht bei Nacht hinein, wenn es zu vermeiden ist; und es war grausam,
mich allein und ohne Licht dort einzuschließen -- so
grausam, daß ich es nie vergessen werde. Unsinn! und ist es das, was Sie so elend
macht? Fürchten Sie sich denn auch jetzt bei
Tage?
, Nein; aber die Nacht wird bald kommen, und
überdies bin ich unglücklich -- sehr unglücklich wegen
s anderer Dinge.
, Wegen welcher anderen Dinge? Können Sie
mir einige davon nennen?
Wie sehr wünschte ich, diese Frage vollständig zu beantworten! Wie schwierig war es jedoch, eine
Antwort zu geben! Kinder können fühlen, aber sie
können ihre Gefühle nicht analysiren; und wenn diese Analyse auch zum Theil in Gedanken vorgeht, so
wissen sie doch das Resultat des Processes nicht in W
orten auszudrücken. Da ich indessen fürchtete, meine
erste und einzige Gelegenheit zu verlieren, meinen
Kummer durch die Mittheilung zu erleichtern, gelang
es mir nach einer Pause der Verwirrung, eine Antwort
hervorzubringen.
,Für's Erste, weil ich weder Vater noch Mutter, weder Brüder noch Schwestern habe.'
,Aber Sie haben eine gütige Tante, Vetter und Cousinen?
Ich schwieg wieder und stotterte dann hervor:
, Aber John Reed schlug mich zu Boden und
meine Tante schloß mich in das rothe Zimmer ein.
Herr Lloyd bracht zum zweiten Male seine Schnupftabaksdose zum Vorschein.
, Ist nicht Gateshead Hall ein sehr schönes
Haus? fragte er. Sind Sie nicht sehr dankbar,
daß Sie an einem so schönen Orte leben können?
, Es ist nicht mein Haus, Herr, und Abbot sagt,
ich habe weniger Recht, hier zu sein, als eine Die
nerin.
, Pah! Sie können nicht so thöricht sein, einen
so reizenden Ort verlassen zu wollen!
, Wenn ich irgendwo anders hingehen könnte,
würde ich ihn gern verlassen; aber ich kann nicht
eher von Gateshead fort, als bis ich erwachsen bin.''
, Vielleicht doch -- wer weiß? Haben Sie noch
Verwandte, außer Mistreß Reed?
, Ich glaube nicht, Herr.
, Keine von Seite Ihres Vaters
, Ich weiß nicht; ich fragte Tante Reed einst
darnach, und sie sagte, es könnte möglich sein, dass
ich einige arme Verwandte niederen Standes habe,
doch sie wisse nichts von ihnen.'
, Wenn Sie solche hätten, würden Sie zu ihnen
gehen wollen?
Ich dachte nach. Die Armuth hat für erwachsene
Leute etwas Abschreckendes und noch mehr für Kinder;
sie verbinden mit diesem Worte die Vorstellung von
zerlumpten Kleidern, spärlicher Nahrung, kalten Zimmern,
rohen Sitten und entehrenden Lastern. Armuth war
für mich mit Entehrung gleichbedeutend.
,Nein, ich möchte nicht bei armen Leuten sein,' war meine Antwort.
,Auch nicht, wenn sie gütig gegen Sie wären?
Ich schüttelte den Kopf, ich konnte nicht ein
sehen, wie es armen Leuten möglich sein sollte, gütig
zu sein; ich erschrak vor dem Gedanken, ihre gemeine
Sprache und ihre Sitten anzunehmen, unwissend zu
werden und aufzuwachsen wie eins jener armen Weiber,
die ich vor den Thüren der Häuser im Dorfe Gatesh
ead ihre Kleider hatte waschen sehen, nein, ich war
nicht heroisch genug, die Freiheit um den Preis einer
solchen Erniedrigung zu erkaufen.
, Aber sind Ihre Verwandten denn so sehr arm?
, Ich kann es nicht sagen; Tante Reed sagt,
wenn ich welche hätte, müßte es ein bettelhaftes Pack
sein; und ich möchte nicht betteln gehen.'
, Möchten Sie denn wohl in die Schule gehen?
Ich dachte wieder nach; ich wußte kaum, was
eine Schule sei. Bessie sprach zuweilen davon, wie
von einem Orte, wo junge Damen eingesperrt würden,
Zwangsleibchen trügen und außerordentlich pünktlich
und artig sein müßten; John Reed haßte seine
Schule und verspottete seinen Lehrer; aber John
Reed's Geschmack war keine Regel für mich; und
wenn Bessie's Berichte von der Schuldisciplin, die
ihr in ihrer früheren Stellung von den jungen Damen der Familie geschildert worden war, auch etwas abschreckend lauteten, so hatte sie mir doch auch von den Fertigkeiten erzählt, welche man dort erlangte, und daran fand ich großen Gefallen. Sie sprach von
schönen Bildern, von Landschaften und Blumen, die
sie verfertigen, von Liedern, die sie singen, und von
Musikstücken, die sie spielen, von Börsen, die sie häkeln,
und von französischen Büchern, die sie übersetzen
lernten, so daß mein Geist zur Nacheiferung angetrieben wurde. Ueberdies wäre die Schule eine
völlige Veränderung für mich gewesen: sie stellte
mir eine weite Reise, eine gänzliche Trennung von
Gateshead und den Eintritt in ein neues Leben in
Aussicht.
, Ich möchte in der That wohl in die Schule
gehen,'' war der hörbare Schluß meines Nachdenkens.
, Nun, wer weiß, was geschehen kann, sagte
Herr Lloyd, indem er aufstand.
, Das Kind sollte Luftveränderung haben, fügte er, mit sich selber redend hinzu, ,die Nerven sind in keinem guten Zustande.
Jetzt kehrte Bessie zurück, und in demselben
Augenblick hörte man den Wagen über den Kiesweg
dahinrollen.
, Ist das Ihre Dame, Bessie? fragte Herr
Lloyd, ,ich möchte gern mit ihr reden, ehe ich gehe.
Bessie lud ihn ein, sich in das Frühstückzimmer
zu begeben, und ging voran, um ihm den Weg zu
zeigen. Aus späteren Ereignissen schließe ich, daß der
Apotheker in seiner Unterredung mit Mistreß Reed
ihr den Vorschlag gemacht habe, mich in die Schule
zu schicken, und daß dieser Rath ohne Zweifel sehr
bereitwillig aufgenommen wurde, denn eines Abends,
als ich im Bette lag und Abbot und Bessie, die mic
h bereits schlafend glaubten, sich im anstoßenden Kinderzimmer bei ihrer Näharbeit unterhielten, hörte ich
Abbot sagen:
, Ich zweifle nicht, daß Missis sehr froh ist,
ein so lästiges und übelgesinntes Kind los zu werden,
welches immer aussieht, als wenn es Jedermann
beobachte und geheime Pläne entwürfe.
Bei derselben Gelegenheit erfuhr ich zum ersten
Mal aus den Mittheilungen, die Miß Abbot Bessie
machte, daß mein Vater ein armer Geistlicher gewesen, daß meine Mutter ihn gegen die Wünsche
ihrer Verwandten geheiratet, welche die Verbindung
unter ihrem Stande gehalten, und daß mein Großvater Reed in seinem Zorne über ihren Ungehorsam
ihr keinen Schilling gegeben hatte. Wie Abbot weiter
erzählte, war ein Jahr nach der Heirat meiner Eltern mein Vater an Typhus erkrankt, den er sich
bei einer Epidemie in der Arbeiterbevölkerung der
Stadt, wo er Prediger war und die Armen besuchte,
zugezogen hatte. Die Krankheit hatte sich auch auf
meine Mutter übertragen und beide waren innerhalb
eines Monats nach einander gestorben.
Als Bessie diese Erzählung hörte, seufzte sie
und sagte:
, Die arme Miß Johanna ist doch sehr zu
bedauern.
, Ja, antwortete Abbot, ,wenn sie ein hübsches, artiges Kind wäre, könnte man wohl Mitleid
mit ihrer Verlassenheit haben, aber um eine solche Kröte kann man sich nicht viel kümmern.
, Freilich nicht viel,' stimmte Bessie ein, ,auf
jeden Fall würde eine Schönheit, wie Miß Georgine,
viel rührender in einer solchen Lage sein.''
, Ja, ich schwärme für Miß Georgine! rief
die begeisterte Abbot. , Der kleine Engel mit den langen Locken und blauen Augen! Und welch' einen
lieblichen Teint sie hat! -- Bessie, ich möchte wohl
ein walisisches Kaninchen zum Abendessen haben.
, Mir würde es auch behagen -- mit einer gebratenen Zwiebel. Kommen Sie, wir wollen hinuntergehen
Und sie entfernten sich.
Viertes Capitel.
Meine Unterredung mit Herrn Lloyd und die
oben berichtete Conferenz zwischen Bessie und Abbot
erregten in mir den lebhaften Wunsch, bald wieder
hergestellt zu sein, denn eine Veränderung schien nahe
-- ich wünschte und erwartete sie mit Schweigen.
Tage und Wochen vergingen, ich hatte meinen gewöhnlichen Gesundheitszustand wieder erlangt, doch
wurde keine Anspielung auf den Gegenstand laut,
worüber ich brütete. Mistreß Reed sah mich zuweilen
mit durchdringenden Blicken an, sprach aber selten
mit mir; seit meiner Krankheit hatte sie eine noch s
trengere Trennungslinie zwischen mir und ihren
eigenen Kindern gezogen, indem sie mir ein kleines Gemach zum Schlafen anwies, mich verurtheilte,
meine Mahlzeiten allein einzunehmen und alle meine
Zeit in der Kinderstube zuzubringen, während ihre
Kinder im Gesellschaftszimmer waren. Indessen ließ sie kein Wort davon fallen, daß sie mich in die
Schule schicken wolle. Doch fühlte ich instinctmäßig
die Gewißheit, daß sie mich nicht mehr lange unter
ihrem Dache dulden würde, denn wenn ihr Blick
sich auf mich richtete, drückte er mehr als je eine
unüberwindliche Abneigung aus. Offenbar nach ihrem
Befehle handelnd, sprachen Elise und Georgine so
wenig als möglich mit mir. John drückte die Zunge
gegen seine Wange, wenn er mich sah, und versuchte
mich zu bestrafen; aber da ich, von derselben Em
pfindung tiefen Hasses und verzweifelter Empörung
aufgeregt, die durch die frühere üble Behandlung veranlaßt worden, mich augenblicklich zur Wehr setzte,
so hielt er es für besser, davon abzustehen, lief mit
Verwünschungen davon und behauptete, ich hätte ihm
das Nasenbein zerbrochen. Ich hatte ihm freilich einen
so heftigen Schlag als meine schwache Muskelkraft
zuließ, auf diesen vorragenden Gesichtstheil versetzt;
und als ich sah, daß die Erinnerung an diesen
Schlag oder mein Blick ihn erschreckte, empfand ich
die größte Neigung, meinen Vortheil noch weiter zu
verfolgen, aber er war schon bei seiner Mama. Ich
hörte, wie er in plärrendem Ton begann, daß die
garstige Johanna Eyre wie eine wilde Katze auf ihn
zugefahren sei, doch wurde er ziemlich rauh unterbrochen:
, Rede mir nicht von ihr, John; ich sagte dir,
du solltest nicht in ihre Nähe kommen; sie ist der
Beachtung nicht werth. Ich wünsche nicht, daß du
oder deine Schwestern sich mit ihr einlassen.'
Hier lehnte ich mich über das Treppengeländer
und rief plötzlich und ohne Ueberlegung die Worte
aus:
,Sie sind nicht werth, daß ich mich mit ihnen
einlasse.
Mistreß Reed war eine wohlbeleibte Frau, doch
als sie diese kühne Erklärung hörte, lief sie rasch die
Treppe hinauf, riß mich wie ein Wirbelwind mit
in die Kinderstube fort, drückte mich auf den Rand
meines Bettes nieder und gebot mir mit nachdrück
licher Stimme, mich den ganzen Tag nicht von der
Stelle zu rühren oder eine Silbe zu sprechen.
, Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch
am Leben wäre? war meine unwillkürliche Frage. Es schien als ob meine Zunge diese Worte gegen
meinen Willen aussprach, und als rede etwas aus
mir, worüber ich keine Gewalt hatte.
, Was sagte Mistreß Reed in leisem Tone;
ihr gewöhnlich kaltes und ruhiges graues Auge
wurde unruhig und nahm fast einen Ausdruck der
Furcht an; sie ließ meinen Arm los und sah mich
an, als wisse sie in der That nicht, ob ich ein Kind
oder ein böser Geist sei. Ich hatte jetzt das Eis gebrochen und fuhr fort:
, Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann
Alles sehen, was sie thun und denken, ebenso auch Papa und Mama; sie wissen, daß Sie mich den
ganzen Tag eingeschlossen haben und meinen Tod
wünschen.
Mistreß Reed faßte sich bald wieder; sie schüt
telte mich heftig, versetzte mir eine Ohrfeige auf jede
Wange und verließ mich, ohne ein Wort zu reden.
Bessie erging sich dann in einer stundenlangen Strafpredigt, worin sie mir unzweifelhaft bewies, daß ich
das gottloseste und verworfenste Kind sei, das je
unter einem Dache erzogen worden. Ich glaubte ihr
halb, denn ich empfand in der That, wie sich nur
böse Gefühle in meiner Brust regten.
November, December und die Hälfte des Ja
nuar gingen vorüber, Weihnachten und Neujahr
waren in Gateshead mit der gewöhnlichen festlichen
Heiterkeit begangen worden; man hatte Geschenke
gewechselt, Mittagsmahlzeiten und Abendgesellschaften
gegeben. Ich war natürlich von jedem Vergnügen
ausgeschlossen. Die Wahrheit zu sagen, hegte ich nicht
den geringsten Wunsch, mich in Gesellschaft zu bewegen, denn dort wurde ich fast gar nicht beachtet,
und wenn Bessie nur freundlich und gesellig gewesen
wäre, hätte ich viel lieber den Abend ganz in der
Stille mit ihr zugebracht, anstatt unter den schrecklichen
Augen der Mistreß Reed in einem mit Damen und
Herren angefüllten Zimmer. Aber sobald Bessie ihre
jungen Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in
die lebhafteren Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin zu begeben und gewöhnlich
das Licht mitzunehmen. Ich saß dann da, meine
Puppe auf dem Schoß, bis das Feuer niedergebrannt
war, sah mich von Zeit zu Zeit um, ob nicht noch
etwas Böseres als ich in dem sich verfinsternden
Zimmer weile, und wenn die Kohlen nur noch einen
schwachen Schimmer verbreiteten, kleidete ich mich
hastig aus und suchte Schutz vor der Kälte und
Dunkelheit in meinem Bettchen. In dieses Bettchen
nahm ich immer meine Puppe mit; menschliche Wesen
müssen etwas lieben, und in Ermangelung eines
würdigeren Gegenstandes fand ich ein Vergnügen
daran, eine invalide Puppe mit fast schon farblosem
Gesicht zu lieben und zu liebkosen.
Die Stunden erschienen mir sehr lang, während
ich die Entufernung* der Gesellschaft erwartete und auf
Bessie's Tritte auf der Treppe horchte. Zuweilen kam
sie herein, ihren Fingerhut oder ihre Scheere zu suchen,
oder mir etwas zum Abendessen zu bringen, einen
Fladen oder einen Käsekuchen, dann setzte sie sich auf
mein Bett, während ich aß, und wenn ich fertig war,
drückte sie die Bettdecke fester um mich, küßte mich
und sagte:
, Gute Nacht, Miß Johanna. Wenn Bessie so sanft war, erschien sie mir als
das beste, schönste und gütigste Wesen auf der Welt;
und ich wünschte aufrichtig, sie möchte immer so angenehm und liebenswürdig sein und mich niemals
herumstoßen und schelten, was sie oft zu thun pflegte.
Bessie Lee mußte von guten natürlichen Anlagen sein,
denn sie zeigte Geschick bei Allem, was sie that, und
besaß eine bemerkenswerthe Erzählergabe; so urtheile
ich wenigstens nach dem Eindruck, den ihre Märchen
auf mich machten. Ich sehe sie noch immer vor mir
als ein hübsches junges Frauenzimmer mit schwarzem
Haar, dunklen Augen, sehr angenehmen Gesichtszügen
und reinem Teint; aber sie hatte ein launenhaftes
und unruhiges Temperament und laue Ansichten von
Grundsätzen und Gerechtigkeit; aber auch so wie sie
war zog ich sie jeder anderen Person in Gateshead
Hall vor.
Es war am 15. Januar um neun Uhr Mor
gens, Bessie befand sich unten beim Frühstück, und
meine Cousinen waren noch nicht zu ihrer Mama
gerufen. Elise zog ihr warmes Winterkleid an und
setzte ihren Hut auf, um das Federvieh zu füttern,
welche Beschäftigung sie besonders liebte, um die Eier
an die Haushälterin zu verkaufen und das so gewonnene Gold aufzusparen. Sie hatte Geschick zum
Handeln und eine vorherrschende Neigung zum Sparen, was sich nicht nur beim Verkaufen von Eiern
und jungen Hühnern zeigte, sondern auch bei den Geschäften mit dem Gärtner, welcher von Mistreß Reed den Befehl hatte, seiner jungen Herrin alle Producte
ihrer Blumenbeete abzukaufen, die sie zu verkaufen
wünschte, und Elise hätte das Haar von ihrem Kopf verkauft, wenn sie einen hübschen Profit dabei gesehen
hätte. Ihr Gold verbarg sie anfangs in Winkeln,
doch als das Hausmädchen einige von diesen Schatzkammern entdeckt hatte, fürchtete Elise den Verlust
ihrer Schätze und willigte ein, ihre Baarschaft ihrer
Mutter zu dem übertriebenen Zins von fünfzig oder
sechzig Procent anzuvertrauen, welchen Zins sie alle
Vierteljahre pünktlich einforderte und in einem
kleinen Buche mit ängstlicher Sorgfalt notirte.
Georgine saß auf einem hohen Stuhle, ordnete
ihr Haar vor einem Spiegel und durchflocht ihre
Locken mit künstlichen Blumen und verblichenen
Federn, wovon sie einen Vorrath in einem Face auf
einer Dachstube gefunden. Ich machte mein Bett, da
ich von Bessie den strengen Befehl erhalten, es bis
zu ihrer Rückkehr zu ordnen, denn Bessie beschäftigte
mich jetzt häufig als ihre Gehilfin beim Auskehren
der Stube, Abstäuben der Möbel u. s. w. Nachdem
ich die Matratze zurecht gelegt und mein Nachtzeug
zusammengefaltet, ging ich zu dem Fenstersitze, um
einige Bilderbücher und Spielsachen wegzuräumen.
Ein plötzlicher Befehl von Georginen, ihre Spielsachen
in Ruhe zu lassen, bewog mich, davon abzustehen, und
in Ermanglung anderer Beschäftigung begann ich
Eisblumen am Fenster wegzuhauchen, wodurch ich
den Ausblick auf die Wohnung des Portiers und
den Fuhrweg gewann. Eben sah ich das Thor sich
öffnen und einen Wagen hereinrollen. Bald darauf
trat Bessie in die Kinderstube.
, Miß Johanna -- haben Sie diesen Morgen
schon Ihre Hände und Ihr Gesicht gewaschen?
, Nein, Bessie, ich bin eben erst mit dem Abstäuben fertig geworden.
, Lässiges, sorgloses Kind! schalt Bessie, riß mich
zu dem Waschtisch hin, rieb mir unerbittlich Gesicht
und Hände mit Seife, Wasser und einem groben
Handtuch, glättete mein Haar mit einer harten Bürste,
zog mich zur Treppe hin und befahl mir, hinunter
zugehen, da man meiner im Frühstückzimmer bedürfe.
Ich wollte fragen, was ich dort solle, aber
Bessie war schon fort. Ich stieg also langsam hinunter. Seit beinahe drei Monaten hatte mich Mistreß
Reed nie zu sich gerufen. So lange auf die Kinderstube beschränkt, waren mir das Frühstückzimmer,
das Speisezimmer und die Gesellschaftszimmmer
schreckensvolle Regionen geworden, die ich nur mit
Furcht zu betreten wagte.
Ich stand jetzt in dem leeren Vorsaale; vor
meinen Augen war die Thür des Frühstückzimmers
und ich blieb furchtsam und zitternd stehen. Wie feigherzig war ich in jenen Tagen durch eine ungerechte
Strafe geworden! Zehn Minuten stand ich in aufgeregtem Zaudern da, das heftige Klingeln in dem
Frühstückszimmer brachte mich zu dem Schlusse, daß
ich eintreten müsse.
, Wer mag mich rufen -- fragte ich mich selber,
als ich mit beiden Händen den schweren Drücker
faßte.
, Wen mochte ich außer Tante Reed in jenem
Zimmer finden -
- Die Thür ging auf, ich trat ein, machte eine
tiefe Verneigung, sah auf und erblickte einen schwarzen Pfeiler! -- So erschien mir wenigstens beim ersten
Anblick die schmale, schwarz gekleidete Gestalt,
die auf dem Teppich stand, und das grimmige Ge
sicht am oberen Ende hatte Aehnlichkeit mit einer
Maske, die man anstatt des Capitals auf den Schaft
gestellt.
Mistreß Reed nahm ihren gewöhnlichen Sitz am
Kamin ein und gab mir ein Zeichen, mich zu nähern;
ich that es, und sie stellte mich dem steinernen Gaste
mit den Worten vor:
, Dies ist das kleine Mädchen, wegen welcher ich
mich an Sie gewendet habe.'
Er, denn es war ein Mann, wendete seinen Kopf
langsam zu der Stelle, wo ich stand, prüfte mich mit
zwei forschenden grauen Augen, die unter buschigen
Brauen funkelten, und sagte feierlich und mit tiefer
Baßstimme:
, Sie ist von kleinem Wuchs; wie alt ist sie?
, Zehn Jahre.
, So alt? war die zweifelnde Antwort. Er
setzte seine Beobachtung noch einige Minuten lang
fort und redete mich darauf sogleich an:
, Dein Name, kleines Mädchen?
, Johanna Eyre, Herr.
Indem ich diese Worte aussprach, blickte ich auf.
Seine Gesichtszüge sowie alle Umrisse seiner Gestalt
erschienen mir gleich strenge und geschraubt.
, Nun, Johanna Eyre, und du bist ein gutes Kind?
Da die kleine Welt, in der ich lebte, die entgegengesetzte Ansicht hegte, so war es unmöglich, diese
Frage zu bejahen, und ich schwieg. Mistreß Reed antwortete mit ausdrucksvollem Kopfschütteln für mich:
, Je weniger darüber gesagt wird, desto besser
ist es wohl, Herr Brocklehurst.
, Thut mir leid, dies zu hören! Wir müssen uns
ein wenig miteinander unterreden.
Hierauf veränderte er seine perpendiculäre Stellung
in eine sitzende, nahm in dem Zehnsessel der Mistreß
Reed gegenüber Platz und gebot mir: , Komm
hierher.
Er stellte mich gerade vor sich hin. Welch' ein
Gesicht hatte er jetzt, da es mit dem meinigen fast
in gleicher Höhe war! Welch' eine Nase! und welch'
einen Mund! und welch' große vorragende Zähne!
, Kein Anblick ist so traurig, als der eines un
artigen Kindes, begann er, ,und ganz besonders
eines unartigen kleinen Mädchens. Weißt du, wohin die Bösen nach dem Tode kommen?
, In die Hölle,' war meine rasche Antwort.
, Und was ist die Hölle? Kannst du mir das
sage
n?
, Ein Abgrund voll Feuer.
, Und möchtest du in diesen Abgrund fallen und
darin brennen?
, Nein, Herr.
, Und was mußt du thun, um es zu vermeiden?
Ich sann einen Augenblick nach, endlich gab ich
die Antwort:
, Ich muß mich bei guter Gesundheit erhalten
und nicht sterben.'
, Wie kannst du dich bei guter Gesundheit erhalten? Kinder, jünger als du, sterben täglich. Erst
vor wenigen Tagen begrub ich ein kleines Kind von
fünf Jahren -- ein gutes, kleines Kind, dessen Seele
jetzt im Himmel ist. Es ist zu fürchten, daß man
nicht das selbe sagen könnte, wenn du abgerufen
würdest.'
Da ich nicht im Stande war, seinen Zweifel zu
beseitigen, so schlug ich nur die Augen nieder, richtete
sie auf seine beiden großen Füße und seufzte, indem
ich mich weit weg wünschte.
, Ich hoffe, dieser Seufzer kommt dir vom Herzen
und du bereust, deine vortreffliche Wohlthäterin je
beleidigt zu haben!'
Wohlthäterin ! Wohlthäterin! sagte ich bei mir
selber, sie nennen alle Mistreß Reed meine Wohl
thäterin; ich stelle mir eine Wohlthäterin anders vor.
, Betest du Abends und Morgens? fuhr er zu
inquiriren fort.
, Ja. Herr.
, Liest du in deiner Bibel?
, Zuweilen.
, Liest du gern?
, Mir gefällt das Buch Daniel, die Genesis und
Samuel, ein kleines Stück vom Exodus und einige
Theile von den Königen und den Chroniken, Hiob
und Jonas.
, Und die Psalmen ? Ich hoffe, die gefallen dir auch.
, Nein, Herr.
, Nein? O das ist entsetzlich! Ich habe einen
kleinen Knaben, jünger als du, der weiß sechs Psalmen
auswendig, und wenn du ihn fragst, was er lieber
will, eine Pfeffernuß essen oder einen Psalm lernen,
so sagt er: , O! den Psalm ! Engel singen Psalmen,'
sagt er, , ich will hier schon ein kleiner Engel werden.' --
Und dann bekommt er zwei Pfeffernüsse zur Beloh
nung für seine kindliche Frömmigkeit.'
,Die Psalmen sind nicht unterhaltend, be
merkte ich.
,Das beweist, daß du ein böses Herz hast, und
du mußt Gott bitten, dieses steinerne Herz wegzunehmen und dir ein Herz von Fleisch zu geben.'
Ich war im Begriff zu fragen, wie die Vertauschung meines Herzens geschehen könne, als Mistreß
Reed mir niederzusetzen befahl und dann die Unter
redung selbst weiterführte.
,Herr Brocklehurst, ich glaube in dem Briefe,
den ich Ihnen vor drei Wochen schrieb, angedeutet
zu haben, daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Gemüthsart habe, wie ich wünschen möchte; sollten Sie sie also in die Schule zu
Lowood aufnehmen, so würde es mir lieb sein, wenn
die Directrice und die Lehrerinnen gebeten würden,
ein scharfes Auge auf sie zu haben und sich besonders zu bemühen, ihr ihren ärgsten Fehler, eine Neigung zur Verstellung, abzugewöhnen. Ich erwähne
dies in deiner Gegenwart, Johanna, damit es dir
nicht einfallen möge, Herrn Brocklehurst ebenfalls
täuschen zu wollen.'
Wohl hatte ich Ursache, Mistreß Reed zu verabscheuen, denn es lag in ihrer Art, mich grausam zu
verwunden. So sehr ich mich auch bemühte, ihr zu
gefallen, so wurden meine Anstrengungen doch immer
durch ähnliche Aussprüche, wie der obige, zurückgewiesen und belohnt. Die Beschuldigung, die sie jetzt
vor einem Fremden ausgesprochen, verwundete mir
das Herz, ich sah ahnungsvoll ein, daß sie schon die Hoff
nung aus dem neuen Dasein verscheuchte und Ab
neigung und Unfreundlichkeit auf meinen künftigen
Pfad säete. Ich sah mich vor Herrn Brocklehurst's
Augen in ein listiges, bösartiges Kind verwandelt,
und was konnte ich thun, um das Unheil von mir
abzuwenden?
Nichts in der That! dachte ich, während ich
mich bemühte, ein Schluchzen zu unterdrücken und
hastig einige Thränen, die ohnmächtigen Zeugen
meiner Seelenqual, trocknete.
,Verstellung ist ein trauriger Fehler an einem
Kinde,' sagte Herr Brocklehurst, ,sie ist mit der Lüge
verwandt, und alle Lügner werden ihren Antheil an
dem Pfuhl haben, worin Feuer und Schwefel brennen.
Sie soll indeß streng beaufsichtigt werden, Mistreß
Reed, ich will mit Miß Temple und den Lehrerinnen
reden.'
,Ich wünsche sie so erzogen zu sehen, wie es
ihren bescheidenen Aussichten angemessen ist, fuhr
meine Wohlthäterin fort, man suche sie nützlich zu
beschäftigen und ihr eine demüthige Gesinnung einzuflößen. Die Ferien wird sie, mit Ihrer Erlaubnis,
immer in Lowood zubringen.
,Ihre Ansichten und Wünsche sind vollkommen
gerechtfertigt, Madame, entgegnete Herr Brocklehurst.
,Demuth ist eine christliche Tugend, die sich besonders
für die Zöglinge von Lowood schickt. Ich trage daher Sorge, daß die Anleitung zu derselben nicht versäumt wird. Ich habe viel Nachdenken darauf ver
wendet, wie man die weltliche Gesinnung des Stolzes
am besten in solchen Kindern unterdrücken könne, und
erst kürzlich hatte ich einen erfreulichen Beweis von
einem glücklichen Erfolge. Meine zweite Tochter
Auguste ging mit ihrer Mutter, die Schule zu besich
tigen, und rief bei ihrer Rückkehr: ,O lieber Papa,
wie bescheiden und einfach sehen alle die Mädchen
in Lowood aus mit ihren hinter die Ohren gekämmten Haaren und ihren langen Tätzchen und den
kleinen Taschen von Leinwand an der Außenseite ihrer
Kleider -- sie gleichen fast Kindern armer Leute!
Sie blickten meine und Mamas Kleidung an, als
hätten sie nie vorher ein seidenes Kleid gesehen.'
,Dies ist gerade, was ich wünsche,' entgegnete
Mistreß Reed, , hätte ich ganz England durchsucht,
so würde ich kaum ein System gefunden haben, welches so vollkommen für ein Kind, wie Johanna
Eyre, paßt. Einfachheit und Gleichförmigkeit, mein
lieber Herr Brocklehurst -- dafür bin ich in allen
Dingen.
,Einfachheit und Gleichförmigkeit, Madame, ist
der erste der christlichen Grundsätze, und dieser wird
in dem Institut zu Lowood in jeder Hinsicht beobach
tet: einfache Speisen, einfacher Anzug, Abhärtung und
Thätigkeit, Ausschließung aller überflüssigen Bequem
lichkeiten -- das ist die Ordnung des Tages im
Hause und bei den Bewohnern.
,Ganz richtig, mein Herr. Ich kann mich also
darauf verlassen, daß dieses Kind als Zögling in
Lowood aufgenommen und in Uebereinstimmung mit
ihren Lebensverhältnissen und ihren Aussichten be
handelt und erzogen werde?
,Das können Sie, Madame, sie soll in jenes
Treibhaus aus erlesener Pflanzen aufgenommen werden -- und ich hoffe, sie wird sich für dieses unschätzbare Vorrecht dankbar zeigen.
,Ich will sie sobald als möglich schicken, Herr
Brocklehurst, denn ich versichere Ihnen, ich möchte so
schnell wie möglich von einer Verantwortlichkeit befreit werden, die mir allzu lästig wird.'
,Ohne Zweifel, Madame, und nun wünsche ich
Ihnen einen guten Morgen. Ich kehre erst in ein
oder zwei Wochen nach Brocklehurst Hall zurück, den
mein guter Freund, der Archidiaconus, wird mich
nicht früher fortlassen wollen. Inzwischen werde ich
Miß Temple Nachricht senden, daß sie eine neue
Schülerin zu erwarten hat, damit deren Aufnahme
keine Schwierigkeiten macht. Leben Sie wohl.
,Leben Sie wohl, Herr Brocklehurst, empfehlen
Sie mich Mistreß und Miß Brocklehurst, Auguste und
Theodore, sowie dem jungen Herrn Broughton
Brocklehurst.
,Ich werde es ausrichten, Madame. Kleines
Mädchen, hier ist ein Buch, betitelt: Der Kinderfreund.
Lies darin vor deinem Gebet, besonders jenen Theil,
der die Erzählung von dem schrecklichen und plötzlichen Tode eines unartigen Kindes, Namens Martha
G. enthält, welches der Lüge und Verstellung ergeben war.
Bei diesen Worten gab mir Herr Brocklehurst
ein kleines, in einen Umschlag geheftetes Buch in die
Hand und entfernte sich.
Mistreß Reed und ich blieben allein.
Einige Minuten vergingen unter Schweigen; sie
nähte und ich beobachtete sie. Mistreß Reed mochte
damals etwa sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt
sein; sie war eine Frau von zwar nicht großer, aber
robuster Gestalt, breitschulterig und von starken Gliedern, sie hatte ein etwas breites Gesicht, die Stirn
war niedrig, ihr Kinn groß und vorragend, Mund
und Nase ziemlich regelmäßig. Unter ihren hellen
Brauen schimmerte ein unerbittliches Auge. Ihre Haut war dunkel und undurchsichtig, ihr Haar fast
flachsfarbig; ihre Constitution gesund, Krankheit war
ihr unbekannt. Das Hauswesen und die Landwirth
schaft standen vollkommen unter ihrer geschickten und
straffen Leitung; nur ihre Kinder trotzten zuweilen
ihrer Autorität und verlachten sie. Sie hatte ein Benehmen und eine Haltung, die zu der stets sorgfältigen Kleidung paßten.
Wenige Schritte von ihrem Lehnsessel, auf einem
niedrigen Stuhle sitzend, betrachtete ich ihre Gestalt
und ihre Gesichtszüge. In der Hand hielt ich das
Buch, welches den plötzlichen Tod der Lügnerin ent
hielt, auf welche Erzählung meine Aufmerksamkeit als
geeignete Warnung gerichtet worden war. Was Mistreß
Reed vorhin zu Herrn Brocklehurst von mir gesagt,
stand noch frisch und lebhaft vor meinem Geiste. Ich hatte jedes Wort tief empfunden und ein leidenschaftliches Rachegefühl arbeitete jetzt in mir.
Mistreß Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr
Auge richtete sich auf das meine.
,Verlaß' das Zimmer und kehre in die Kinderstube zurück,' war ihr Befehl. Mein Blick, oder sonst
etwas an mir mußte sie beleidigt haben, denn sie
sprach mit außerordentlicher, obgleich unterdrückter
Aufregung. Ich stand auf und ging zur Thür, kehrte
aber wieder zurück und stellte mich vor sie hin.
Reden mußte ich, man hatte mich hart getreten,
und der Wurm mußte sich krümmen. -- Aber welche
Kraft hatte ich, meiner Gegnerin Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Ich sammelte meinen Muth und sprach meine Gedanken in diesem kühnen
Satze aus:
,Ich verstelle mich nicht; wenn ich es thäte,
würde ich sagen, ich liebe Sie; aber ich erkläre, ich
liebe Sie nicht, ich verabscheue Sie am meisten auf
der Welt, John Reed ausgenommen. Und dieses
Buch von der Lügnerin können Sie nur Ihrer Toch
ter Georgine geben, denn die lügt, und nicht ich.'
Mistreß Reed's Hände lagen noch unthätig auf
ihrer Arbeit, ihr eiskaltes Auge ruhte erstarrend auf
dem meinigen.
,Was hast du noch weiter zu sagen fragte
sie in einem Tone, womit man einen erwachsenen
Gegner anzureden pflegt.
Vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, von un
bezähmbarer Aufregung durchbebt, fuhr ich fort:
, Ich bin froh, daß Sie keine Verwandte von
mir sind, ich will Sie nie wieder Tante nennen, so
lange ich lebe, ich will Sie nie besuchen, wenn ic
h herangewachsen bin; und wenn mich Jemand fragt,
wie Sie mir gefallen und wie Sie mich behandelt
haben, so will ich sagen, daß mich schon der bloße
Gedanke an Sie krank macht, und daß Sie mich mit
elender Grausamkeit behandelt haben.'
,Wie kannst du wagen, das zu behaupten, Jo
hanna Eyre?
,Wie ich es wagen kann, Mistreß Reed? Weil
es die Wahrheit ist. Sie denken, ich habe kein Gefühl; könne ohne die geringste Liebe oder Freundlich
keit leben; aber ich kann nicht so leben, und Sie haben
kein Mitleid. Ich werde mich bis zum Tage meines
Todes erinnern, wie Sie mich rauh und heftig in das
rothe Zimmer stießen und mich dort einschlossen, obgleich ich in Todesangst fast erstickend, ausrief: , Haben
Sie Mitleid! Haben Sie Mitleid, Tante Reed! Und
diese Strafe mußte ich erdulden, weil Ihr böser
Junge mich ohne Ursache zu Boden geschlagen hatte.
Ich will Jedem, der mich fragt, diese Geschichte erzählen. Die Leute halten Sie für eine gute Frau,
aber Sie verstellen sich, denn Sie sind böse und hart
herzig!' Während ich diese Worte sprach, regte sich
in mir ein mächtiges Gefühl der Freiheit und des
Triumpfes, wie ich es nie vorher gekannt hatte.
Es schien, als sei ein unsichtbares Band zerrissen
und als habe ich eine ungehoffte Freiheit errungen.
Dies Gefühl war nicht ohne Ursache, denn Mistreß
Reed sah erschrocken aus, ihre Arbeit war von ihrem
Knie niedergeglitten, sie erhob ihre Hände, wiegte sich
auf ihrem Stuhle hin und her und verzog sogar ihr
Gesicht, als ob sie weinen wollte.
, Johanna, du bist im Irrthum. Was ist mit
dir vorgegangen? Warum zitterst du so heftig?
Möchtest du nicht ein wenig Wasser trinken?
, Nein, Mistreß Reed.
, Wünschest du denn irgend sonst etwas? Ich
gebe dir die Versicherung, daß es mein Wunsch ist, deine
Freundin zu sein.
, Das glaube ich nicht! Sie sagten Herrn Brockle
hurst, ich habe einen bösen Charakter und sei zur
Verstellung geneigt. Ich will nun auch in Lowood
Jedermann sagen, wer Sie sind, und was Sie gethan
haben.'
, Johanna, du verstehst diese Dinge nicht; Kin
der müssen von ihren Fehlern gebessert werden.'
, Verstellung ist nicht mein Fehler!' rief ich mit
wilder und lauter Stimme.
, Aber du bist leidenschaftlich, Johanna, das musst
du zugestehen. Und nun kehre in die Kinderstube
zurück -- du bist mein gutes Kind -- und lege dich
ein wenig nieder.
, Ich bin nicht Ihr gutes Kind; ich kann mich
nicht niederlegen. Schicken Sie mich bald in die
Schule, Mistreß Reed, denn ich hasse das Leben hier.'
, Ich will sie in der That bald zur Schule
schicken, murmelte Mistreß Reed vor sich hin, nahm
ihre Arbeit und verließ hastig das Zimmer.
Ich war allein zurückgeblieben -- ich hatte das
Feld gewonnen. Es war der erste Sieg, denn ich
errungen. Ich blieb eine Weile auf dem Teppich
stehen, wo Herr Brocklehurst gestanden, und erfreute
mich in der Einsamkeit meines Triumpfes. Zuerst
fühlte ich mich gehoben; aber dieses lebhafte Vergnügen legte sich in mir, als die beschleunigten Schläge meines Pulses ruhiger wurden. Ein Kind kann keinen
Streit ausfechten mit älteren Personen, wie ich gethan;
es kann seine ungestümen Gefühle nicht zügellos spielen
lassen, wie es bei mir geschehen war, ohne später die Qual der Reue und eine lähmende Gegenwirkung zu
empfinden. Eine halbe Stunde des Schweigens und
Nachdenkens zeigte mir den Wahnsinn meiner Handlungsweise und die ganze Trostlosigkeit meiner Tage.
Ich hatte zum ersten Mal die Rache gekostet;
aromatisch wie warmer und würziger Wein, erschien
sie mir im Augenblicke des Genusses, aber der Nachgeschmack war bitter und verursachte mir die Empfindung, als sei ich vergiftet. Gern wäre ich jetzt gegangen und hätte Mistreß Reed um Verzeihung gebeten; aber ich wußte, theils aus Erfahrung und theils aus Instinct, daß sie mich nur mit doppelter Verachtung zurückweisen und dadurch den stürmischen
Impuls meiner Natur wieder aufregen werde.
Ich wollte mich in eine feierlichere Stimmung
versetzen und Nahrung für weniger dämonische Gefühle,
als die des düsteren Unwillens suchen. Ich nahm
ein Buch, setzte mich nieder und versuchte zu lesen.
Ich konnte keinen Sinn darin finden; meine eigenen
Gedanken schwammen immer zwischen mir und den
Blättern. Daher öffnete ich eine Glasthür in dem
Frühstückszimmer und ging in der vereinsamten Allee
spazieren; aber ich fand kein Vergnügen an den erfrorenen Ueberbleibseln des Herbstes, an den Blättern,
die frühere Winde auf einen Haufen zusammengeweht
und die der Frost jetzt zu einer einzigen Masse erstarrt
hatte. Ich lehnte mich über die Pforte und blickte
auf ein leeres Feld hinaus, wo jetzt keine Schafe
weideten und das kurze Gras erfroren und erblichen
war. Das Tageslicht war grau und der Himmel
düster; von Zeit zu Zeit fielen Schneeflocken nieder,
die auf dem harten Wege und dem unebenen Rasenplatze, ohne zu schmelzen, liegen blieben. Ich stand
da, ein unglückliches Kind, und flüsterte wiederholt:
,Was soll ich thun? -- Was soll ich thun?
Plötzlich hörte ich eine klare Stimme rufen:
,Miß Johanna! Wo sind Sie?
Es war Bessie, aber ich regte mich nicht, als sie mit leichten Schritten den Weg heruntertrippelte.
,Sie unartiges kleines Ding! sagte sie. , Warum
kommen Sie nicht, wenn Sie gerufen werden?
Im Vergleich mit den Gedanken, denen ich
brütend nachhing, erschien mir Bessie's Gegenwart
s wie eine Erlösung, selbst wenn sie, wie gewöhnlich, etwas rauh war. Uebrigens war ich nach dem Streite
s mit Mistreß Reed und dem Siege, den ich über sie
erlangt, nicht gestimmt, mich viel um den vorübergehenden Zorn der Kindermuhme zu bekümmern,
sondern eher geneigt, mich in der jugendlichen Heiterkeit ihres Herzens zu sonnen. Ich umfaßte sie mit
beiden Armen und sagte:
,Komm, Bessie! und schilt nicht.
Ich sagte das unbefangener und furchtloser, als
s ich sonst mit ihr zu sprechen pflegte, und das gefiel ihr.
,Sie sind ein seltsames Kind, Miß Johanna, erwiderte sie, indem sie auf mich niederblickte, ,ein
kleines, ungeselliges Ding. Und Sie werden wohl in
die Schule geschickt werden?
Ich nickte.
,Und wird es Ihnen nicht leid sein, die arme
Bessie zu verlassen?
,Was kümmert sich denn Bessie um mich? Sagte
ich. , Sie schilt mich immer.
,Weil Sie ein seltsames, furchtsames und scheues
kleines Ding sind. Sie sollten kühner sein.
,Wie? um noch mehr Schläge zu bekommen?
,Unsinn! aber Sie werden offenbar übel be
handelt. Als meine Mutter mich letzte Woche besuchte,
sagte sie, sie möchte nicht, daß eins von ihren Kleinen
an Ihrer Stelle wäre. -- Und nun kommen Sie
herein, ich habe eine gute Nachricht für Sie.
,Ich glaube es nicht, Bessie.
,Kind! welch kläglichen Blick richten Sie auf
mich! Nun, Mistreß Reed und die jungen Damen
und Monsieur John fahren Nachmittags aus, und
Sie sollen mit mir Thee trinken. Ich will die Köchin
bitten, einen kleinen Kuchen für Sie zu backen, und
dann sollen Sie mir helfen, Ihren Schrank auszuräumen, denn ich werde bald Ihren Koffer packen
müssen. Missis will, daß Sie morgen oder übermorgen
Gateshead verlassen, und Sie sollen die Spielsachen
auswählen, die Sie mitnehmen wollen.'
, Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht
mehr zu schelten, so lange ich noch hier bin.
,Nun gut, ich will es nicht; aber Sie müssen
ein gutes Mädchen sein und sich nicht vor mir fürchten.
Fahren Sie nicht gleich zusammen, wenn ich etwas
heftig spreche.
,Ich denke, ich werde mich nie wieder vor dir
fürchten, Bessie, weil ich mich an dich gewöhnt habe,
und ich werde bald eine andere Art von Leuten zu
fürchten haben.''
,Wenn Sie sie fürchten, werden Sie ihnen mißfallen.
,Wie ich dir mißfalle, Bessie
, Sie mißfallen mir nicht, Miß, ich glaube, ich
bin zärtlicher gegen Sie, als alle die Anderen?
,Du zeigst es nicht.
,Sie kleines, scharfes Ding! Sie haben ja eine
ganz neue Art zu reden. Was macht Sie so kühn
und verwegen?
,Nun, ich werde bald von hier fort sein, und
überdies --
Ich wollte etwas von der Unterredung sagen,
die zwischen mir und Mistreß Reed stattgefunden
hatte, aber bei reiferem Nachdenken hielt ich es für
besser, davon zu schweigen.
,So sind Sie also froh, mich zu verlassen?
,Durchaus nicht, Bessie, im Gegentheil ist es
mir jetzt fast leid.'
,Jetzt -- fast! Wie kalt meine kleine Dame
spricht! Ich wette, wenn ich Sie jetzt um einen Kuß
bäte, würden Sie mir keinen geben.'
,Ich will dich küssen, soviel du willst; beuge
nur deinen Kopf nieder.
Bessie beugte sich nieder; wir umarmten einander,
und ich folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Jener
Nachmittag verging in Frieden und Harmonie, und
am Abend erzählte mir Bessie einige ihrer unterhaltendsten Geschichten und sang mir einige der lieblichsten Lieder vor. Selbst für mich hatte das Leben
zuweilen Sonnenschein.
Fünftes Capitel.
Kaum hatte die Uhr am Morgen des neun
zehnten Januar fünf geschlagen, als Bessie ein Licht
in mein Gemach brachte. Ich war eine halbe Stunde
vor ihrem Eintritt aufgestanden, und bei dem Lichte
des eben untergehenden Halbmondes, dessen Strahl
durch das enge Fenster schimmerte, hatte ich mich gewaschen und angekleidet. Ich sollte an dem Tage
Gateshead verlassen und mit einem Omnibus fahren,
der um sechs Uhr Morgens am Parkthore vorüber
kam. Bessie war allein auf; sie hatte in der Kinderstube ein Feuer angezündet und bereitete dort jetzt
mein Frühstück. Wenige Kinder können essen, wenn
der Gedanke an eine Reise sie aufregt, und ich konnte es auch nicht. Nachdem Bessie mich vergebens aufgefordert hatte, einige Löffel voll gewärmter Milch
und Brod zu genießen, wickelte sie etwas Zwieback
in ein Papier und steckte ihn in meinen Korb; dann
half sie mir meinen Pelz anlegen und meinen Hut
aufsetzen, hüllte sich selbst in einen Shawl und verließ
die Kinderstube. Als wir an Mistreß Reed's Schlafzimmer vorüberkamen, sagte sie:
,Wollen Sie nicht hineingehen und Missis Lebe
wohl sagen?
,Nein, Bessie, sie kam gestern Abend, als du
zum Abendessen gegangen warst, an mein Bett und
sagte, ich dürfe sie und meine Cousinen am Morgen nicht stören und fügte hinzu, ich solle mich erinnern, daß sie stets meine beste Freundin gewesen sei; ich
solle ihr dankbar sein und in diesem Sinne von ihr
reden.'
,Was sagten Sie, Miß?
,Nichts; ich bedeckte mein Gesicht mit dem Bett
tuch und wendete mich von ihr zu der Wand.'
,Das war Unrecht, Miß Johanna.
, Es war ganz recht, Bessie, deine Missis ist
nicht meine Freundin, sie ist meine Feindin gewesen.'
,O Miß Johanna! sagen Sie das nicht!'
,Lebewohl, Gateshead!' rief ich, als wir durch
den Vorsaal gegangen waren und aus der Hausthür
traten.
Der Mond war untergegangen und es war ein
rauher und kalter Wintermorgen; meine Zähne klap
perten, als ich den Weg hinunter eilte. Es war Licht
in dem Häuschen des Portiers; als wir es erreichten,
fanden wir seine Frau eben im Begriff, ihr Feuer
anzuzünden; mein Koffer, der am Abend vorher hin
untergetragen worden, stand vor der Thür. Es fehlten
nur noch wenige Minuten bis sechs Uhr, und bald
verkündete ein fernes Rollen von Rädern den ankommenden Wagen. Ich ging zur Thür und beobachtete, wie die Wagenlaternen sich rasch durch die Dunkelheit näherten.
, Wird sie ganz allein reisen? fragte die Frau
des Portiers.
, Ja.
, Und wie weit ist es?
,Fünfzig Meilen.
, Welch' ein weiter Weg!
Der Wagen fuhr vor und hielt am Thor mit
seinen vier Pferden und seinen mit Passagieren beladenen Außensitzen. Der Conducteur trieb laut zur
Eile, mein Koffer wurde hinaufgehißt; ich wurde
von Bessie's Halse genommen, an der ich mit Küssen
hing.
,Tragen Sie ja Sorge für sie,' rief sie dem
Conducteur zu, als ich mich in das Innere des
Wagens setzte.
,Ja, ja! war die Antwort, die Thür wurde
zugeschlagen, eine Stimme rief: ,Alles richtig,' und
fort ging's. So war ich von Bessie und Gateshead
getrennt, so wurde ich unbekannten und geheimnis
vollen Regionen entgegengeführt.
Ich habe nur wenig von der Reise behalten,
ich weiß nur, daß mir der Tag unnatürlich lang erschien, und daß es mir vorkam, als legten wir viele
hundert Meilen Wegs zurück. Wir kamen durch meh
rere Städte, und in einer derselben, die sehr groß
war, hielt der Wagen an; die Pferde wurden abgespannt und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag
zu speisen. Ich wurde in das Gasthaus getragen,
wo der Conducteur mir etwas zum Mittagessen bestellen wollte; doch da ich keinen Appetit hatte, so
ließ er mich in einem sehr großen Zimmer zurück,
welches an jedem Ende einen Kamin hatte, einen
Kronleuchter in der Mitte und eine kleine rothe Gallerie
hoch an der Wand, die mit musikalischen Instrumenten
angefüllt war. Hier ging ich eine lange Zeit umher
und hatte eine tödtliche Furcht, daß ein Seelenverkäufer kommen und mich entführen möchte, denn ich
h glaubte an Seelenverkäufer, deren Thaten häufig in
Bessie's Abenderzählungen figurirten. Endlich kehrte
der Conducteur zurück; ich wurde wieder in den
Wagen gepackt, mein Beschützer stieg auf seinen Sitz,
blies sein dumpfes Horn, und fort rollten wir über
die unebene Straße von T.
Der Nachmittag war naß und etwas nebelig;
als es dunkel zu werden anfing, begann ich zu fühlen,
daß wir uns in der That sehr weit von Gateshead
entfernten. Wir kamen nicht mehr durch Städte; die
Gegend veränderte sich; große, graue Hügel erhoben
sich rings am Horizont. Als die Dunkelheit noch mehr
zunahm, fuhren wir in ein Thal hinunter, und lange
nachdem die Nacht schon die Aussicht verhüllt hatte,
hörte ich einen starken Wind in den Bäumen rauschen.
Durch dieses Geräusch endlich eingelullt, sank ich
in Schlummer. Ich hatte noch nicht lange geschlafen,
als das plötzliche Aufhören der Bewegung mich weckte;
die Wagenthür war offen, es stand eine Person, die
einer Dienerin glich, vor derselben, ich sah ihr Gesicht
und ihre Kleidung bei dem Scheine der Lampen.
, Ist hier ein kleines Mädchen Namens Johanna
Eyre? fragte sie.
, Ja, antwortete ich und wurde heraus gehoben,
mein Koffer heruntergelangt, und der Wagen fuhr
sogleich weiter.
Ich war steif vom langen Sitzen und betäubt
und verwirrt von dem Geräusch und der Bewegung
des Wagens. Meine Gedanken sammelnd, sah ich mich
um. Trotz Regen, Wind und Dunkelheit erkannte ich
eine Mauer vor mir, in welcher sich eine offene Thür
befand. Durch diese Thür ging ich mit meiner neuen
Führerin und diese verschloß sie wieder. Jetzt ward
ein Haus oder mehrere Häuser -- denn das Gebäude
breitete sich weit aus -- mit vielen Fenstern sichtbar, und aus einigen derselben schimmerten Lichter. Wir
gingen einen breiten, mit Kieseln bestreuten, nassen
Weg hinauf und wurden in eine Thür eingelassen; dann
führte mich die Dienerin durch einen Gang in ein Zimmer, wo ein Feuer brannte, und ließ mich dort allein.
Ich stand da, wärmte meine erstarrten Finger über
dem Feuer und sah mich dann um. Es war kein
Licht im Zimmer, aber der Schein des Kaminfeuers zeigte mir von Zeit zu Zeit die mit Tapeten bedeckten
Wände, den Fußteppich, die Vorhänge und Möbel
von glänzendem Mahagoniholz; es war ein Sprechzimmer, weder so geräumig noch so glänzend wie
das Gesellschaftszimmer in Gateshead, aber ganz bequem eingerichtet. Ich war eben beschäftigt, ein Gemälde an der Wand zu betrachten, als die Thür sich
öffnete und eine Person eintrat, die ein Licht trug,
und der eine andere folgte.
Die erstere war eine große Dame mit dunklem
Haar, schwarzen Augen und blasser und hoher Stirn.
Ihre Gestalt war zum Theil in ein großes Tuch eingehüllt, ihr Gesicht ernst und ihre Haltung gerade.
,Das Kind ist sehr jung für eine so weite Reise
ohne Begleitung, sagte sie, ihr Licht auf den Tisch
setzend. Sie betrachtete mich einige Minuten aufmerksam und fügte dann hinzu:
, Es wäre besser, sie bald zu Bett zu bringen;
sie sieht ermüdet aus. Bist du müde? fragte sie, mir
die Hand auf die Schulter legend.
, Ein wenig, mein Fräulein.
, Und hungrig auch, ohne Zweifel. Sorgen Sie,
daß sie etwas zu essen bekommt, ehe sie zu Bette geht,
Miß Miller. Ist dies die erste Trennung von deinen
Eltern, kleines Mädchen?
Ich erklärte ihr, daß ich keine Eltern habe. Sie
fragte, wie lange sie schon todt wären, dann wie alt
ich wäre, ob ich schon lesen, schreiben und ein wenig
nähen könne, berührte dann sanft meine Wange mit
dem Zeigefinger, sprach die Hoffnung aus, ich werde
ein gutes Kind sein, und entließ mich mit Miß Miller.
Die Dame, die mich in dieser Weise empfangen
hatte, schien etwa neunundzwanzig Jahre alt zu sein,
und die, welche mit mir ging, war wohl einige Jahre
jünger; die Erstere machte durch ihre Stimme, ihren
Blick und ihre Miene einen lebhaften Eindruck auf
mich. Miß Miller war gewöhnlicher, hatte eine röthliche Gesichtsfarbe und ein sorgenvolles Gesicht, war
eilig in ihrem Gange und ihren Bewegungen, gleich
einer Person, die vielfache Geschäfte zugleich zu besorgen hat, und machte den Eindruck einer Unterlehrerin, was sie auch wirklich war, wie ich später
erfuhr. Von ihr geführt, ging ich von Gemach zu
Gemach, von Gang zu Gang durch ein unregelmäßiges
Gebäude, bis wir uns dem Gesumme vieler Stimmen
näherten und in ein großes matt erleuchtetes Zimmer
traten. An jedem Ende standen zwei tannene Tische,
um welche eine Versammlung von Mädchen jeden
Alters von neun oder zehn bis zwanzig Jahren saßen.
Bei dem trüben Schein der Talglichter erschien mir die
Menge zahllos, obgleich ihrer in der That nicht mehr
als achtzig waren; ihr Anzug war gleichförmig und bestand in Kleidern aus braunem Zeuge von auffallendem Schnitt und in Schürzen von holländischer
Leinwand. Sie waren beschäftigt, sich auf ihre Lectionen
für den folgenden Morgen vorzubereiten, und das
Gesumme, welches ich schon von draußen gehört hatte,
war das vereinte Geräusch ihrer gedämpften Stimmen.
Miß Miller wies mir einen Platz auf der Bank
in der Nähe der Thür an, ging dann nach dem
oberen Ende des großen Zimmers und rief:
, Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein und
legt sie weg!'
Vier große Mädchen erheben sich von den verschiedenen Tischen, gingen herum und nehmen die
Bücher in Empfang. Hierauf gab Miß Miller das
Commandowort:
, Aufseherinnen, holt das Abendessen herein!
Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten
sogleich zurück, jede mit einem Präsentirbrett, worauf
sich Portionen von Etwas befanden, was ich nicht
kannte. Außerdem stand in der Mitte jedes solchen
Brettes ein Wasserkrug und ein Becher. Die Portionen
wurden herumgereicht; die, welche trinken wollten,
tranken von dem Wasser, und der Becher war ge
meinschaftlich. Als ich an die Reihe kam, trank ich
auch, denn ich war durstig, berührte die Speise aber
nicht, da Aufregung und Ermüdung mir das Essen u
nmöglich machten; ich sah aber jetzt, daß es dünner
Haferkuchen war, den man in Stücke getheilt hatte.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller
Gebete vor, dann marschirten die Classen, je zwei und
zwei neben einander, die Treppe hinauf. Da ich jetzt
von Ermüdung überwältigt war, so beachtete ich
kaum, was das Schlafzimmer für ein Ort war, außer
daß es mir, gleich dem Schulzimmer, sehr lang vorkam. Für diese Nacht war ich Bettgenossin der Miß
Miller, und sie half mir beim Auskleiden. Als ich im
Bette lag, überblickte ich die langen Reihen von Betten,
wovon jedes rasch von zwei Mädchen eingenommen
wurde; nach zehn Minuten wurde das einzige Licht
ausgelöscht, und von Stille und völliger Dunkelheit
umgeben, schlief ich ein.
Die Nacht verging rasch; ich war zu ermüdet,
um auch nur zu träumen; ich erwachte nur einmal,
um den Wind in wüthenden Stößen sausen und den
Regen in Strömen fallen zu hören und mir bewußt
zu werden, daß Miß Miller ihren Platz an meiner
Seite eingenommen hatte. Als ich meine Augen wieder
öffnete, ertönte eine laute Glocke. Die Mädchen waren
schon auf und kleideten sich an; der Tag dämmerte
noch nicht, und es brannten zwei kleine Talglichter im
Zimmer. Ich stand widerstrebend auf; es war bitterlich kalt, und ich kleidete mich an, so gut ich es, vor
Kälte zitternd, konnte, und wusch mich, sobald eine
Waschschale frei war, was nicht oft geschah, da nur
eine für je sechs Mädchen da war, die auf einem Tische im mittleren Gange zwischen den Betten stand.
Wieder ertönte die Glocke; alle bildeten eine Reihe
und gingen zu zweien neben einander. In dieser
Ordnung stiegen sie die Treppe hinunter und traten
in das kalte und matt erleuchtete Schulzimmer. Hier
las Miß Miller Gebete vor und rief dann:
,Bildet Classen.
Ein großer Tumult erfolgte, der einige Minuten
dauerte, während dessen Miß Miller wiederholt:
Stille, Ordnung! gebot. Als sich dieser Tumult
gelegt hatte, sah ich alle Mädchen in vier Halbkreise
vor vier Stühlen aufgestellt, die an vier Tischen standen; alle hielten Bücher in den Händen, und ein
großes Buch, wie eine Bibel, lag auf jedem Tische
vor dem leeren Sitze. Eine Stille von einigen Secunden
erfolgte, die nur von dem leisen Summen Einzelner unterbrochen wurde. Miß Miller ging von
einer Classe zur anderen und bracht das Geflüster
zur Ruhe.
Eine ferne Glocke ertönte, sogleich traten drei
Damen ins Zimmer, jede ging auf einen Tisch zu
und nahm ihren Sitz ein; Miß Miller behauptete
den vierten, leeren Stuhl, der der Thür am nächsten
stand, und um den sich die kleinsten Kinder versammelt
hatten. Zu dieser letzten Classe wurde ich berufen und
erhielt den untersten Platz.
Jetzt begann das Geschäft, das Gebet des Tages
wurde gelesen, dann verschiedene Sprüche hergesagt,
worauf Capitel aus der Bibel vorgelesen wurden,
was eine Stunde währte. Als diese Uebung zu Ende
war, schien der Tag hell durch die Fenster. Die un
ermüdliche Glocke ertönte jetzt zum vierten Male; die
Classen wurden in Ordnung gestellt und marschirten
in ein anderes Zimmer zum Frühstück, mit der Aussicht, etwas zu essen zu bekommen! Ich war jetzt
fast krank vor Ermattung, da ich den Tag zuvor
wenig genossen hatte.
Das Refectorium war ein großes, niedriges und
düsteres Zimmer; auf zwei Tischen dampften Schüsseln,
worin sich etwas Heißes befand, was aber zu meinem
Schrecken einen durchaus nicht einladenden Geruch
verbreitete. Ich beobachtete eine allgemeine Unzufriedenheit, als der Geruch der Speise denjenigen,
die sie zu essen bestimmt waren, in die Nasen drang,
und der Vortrab der Procession, die großen Mädchen
der ersten Classe, sprachen flüsternd:
, Abscheulich! die Suppe ist schon wieder angebrannt!
, Still! rief eine Stimme. Es war nicht Miß
Miller, sondern eine von den Oberlehrerinnen, eine
kleine schwarze Person, zierlich gekleidet, aber von
etwas mürrischem Ansehen, die sich an das obere
Ende des Tisches setzte, während eine voller aussehende
Dame an dem anderen Ende präsidirte. Vergebens
blickte ich mich nach derjenigen um, die ich am
Abend vorher zuerst gesehen, sie war nicht da. Miß
Miller saß am unteren Ende des Tisches, an welche m
ich mich befand, und eine fremdartig aussehende
ältliche Dame, die französische Lehrerin, wie ich später
erfuhr, nahm den entsprechen den Sitz an dem anderen
Tische ein. Ein langes Tischgebet wurde gesprochen und eine Hymne gesungen; dann brachte eine Dienerin Thee für die Lehrerinnen herein und das Mahl
begann.
Da ich jetzt sehr ermattet war, so verschlang ich
begierig einige Löffel voll von meiner Portion, ohne
mich um den Geschmack zu kümmern, aber als der
erste Hunger gestillt war, bemerkte ich, daß ich ein
übelschmeckendes Essen vor mir hatte. Angebrannte
Suppe ist eine fast ebenso schlechte Kost, als verfaulte
Kartoffeln; selbst dem Hungrigen widersteht sie zu
letzt. Die Löffel bewegten sich langsam; ich sah, wie
die Mädchen die Speise kosteten und mit großer
Selbstüberwindung hinunterzuschlucken versuchten, doch
die meisten gaben bald das Bemühen auf. Das
Frühstück war vorüber und keine hatte gefrühstückt.
Nachdem man ein Dankgebet gesprochen für das,
was man nicht genossen, und eine zweite Hymne
g gesungen hatte, wurde das Refectorium mit dem
Schulzimmer vertauscht. Ich war eine der Letzten,
die hinausgingen, und als ich an den Tischen vor
überkam, sah ich eine von den Lehrerinnen einen
Teller mit Suppe nehmen und kosten; sie sah die
anderen Lehrerinnen an, deren Gesichter Mißfallen
aus drückten. Eine von ihnen, es war die muntere
und wohlbeleibte, flüsterte:
,Abscheuliches Zeug! Das ist empörend!'
Ehe die Lectionen wieder begannen, verging
eine Viertelstunde, während welcher es im Schulzimmer
sehr lebhaft zuging. In dieser Zeit schien es erlaubt
zu sein, laut und freier zu reden, die Mädchen benutzten ihr Vorrecht. Die ganze Unterhaltung drehte
sich um das Frühstück, welches Alle sehr tadelten. Die
armen Geschöpfe! ihre gemeinsame Entrüstung war
der einzige Trost, den sie hatten. Von den Lehrerinnen
war nur Miß Miller im Zimmer, eine Gruppe von
großen Mädchen drängte sich um sie und sprach mit
ernsten und finsteren Geberden. Ich hörte Herrn Brock
lehurst's Namen von einigen Lippen aussprechen,
worüber Miß Miller mißbilligend den Kopf schüttelte,
ohne jedoch einen kräftigen Versuch zu machen, der allgemeinen Wuth Einhalt zu thun. Ohne Zweifel
theilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug neun. Miß
Miller verließ ihren Kreis, trat in die Mitte des Zim
mers und rief:
,Still! an eure Plätze!
Jetzt wirkte die Disciplin: in fünf Minuten hatte
sich das verwirrte Gedränge in Ordnung verwandelt,
und das laute Durcheinander der Stimmen war einer
verhältnismäßigen Stille gewichen. Die Oberlehrer
innen nahmen jetzt ihre Plätze ein; aber noch schien
Alles zu warten. Auf Bänken, an den Seiten des
Zimmers, saßen die achtzig Mädchen aufrecht und
bewegungslos. Eine seltsame Versammlung war es; Alle trugen ihr Haar aus der Stirn gekämmt und
keine Locke war sichtbar; alle hatten braune Kleider
an, die hoch hinauf reichten und von einem schmalen
Halsstreifen umgeben waren; vorn hatten sie kleine
Taschen von Leinwand angebunden, die zur Aufbewahrung ihrer Handarbeiten bestimmt waren. Alle
trugen grauwollene Strümpfe und starke Schuhe,
mit messingenen Schnallen. Mehr als zwanzig waren
völlig erwachsene Mädchen, oder vielmehr junge
Frauenzimmer, das Costüm stand ihnen schlecht, und
gab selbst den hübschesten ein sehr unvortheilhaftes
Ansehen.
Ich sah sie an und musterte auch von Zeit zu
Zeit die Lehrerinnen, wovon mir keine recht eigentlich
gefiel, denn die muntere und wohlbeleibte war ein
wenig plump, die dunkle ziemlich heftig, die fremd
ländische hart und von seltsamem Wesen, und Miß
Miller, das arme Geschöpf! sah angegriffen aus, als
ob sie zu viel arbeiten müsse. Während mein Auge
noch von einem Gesicht zum anderen wanderte, stand
plötzlich die ganze Schule zugleich auf, wie von einer
Springfeder gemeinschaftlich in die Höhe geschnellt.
Was war geschehen? Ich hatte keinen Befehl
gehört, ich war verlegen. Ehe ich noch meine Gedan
ken gesammelt, hatten sich die Classen wieder niedergesetzt; aber da Aller Augen jetzt auf einen Punkt
gerichtet waren, so folgte das meinige der allgemeinen
Richtung und begegnete der Person, die mich am
letzten Abend empfangen hatte. Sie stand am Ende des
langen Zimmers am Kamin und überschaute schweigend
und ernst die beiden Reihen der Mädchen. Miß Miller
näherte sich ihr, schien ihr eine Frage vorzulegen, und
nachdem sie Antwort erhalten, kehrte sie an ihren
Platz zurück und sagte laut:
,Aufseherin der ersten Classe, hole den Globus!'
Während der Befehl ausgeführt wurde, kam
die Dame langsam das Zimmer heraufgegangen. Ich
empfinde noch immer das Gefühl der bewundernden
Ehrfurct, womit meine Augen ihren Schritten folgten.
Jetzt, bei hellem Tage gesehen, erschien sie groß, schön
und stattlich; braune Augen mit wohlwollendem
Blicke, von schönen, langen Wimpern überschattet,
erhöhten die Weiße ihrer hohen Stirn; an den
Schläfen war ihr Haar, welches von sehr dunklem
Braun war, in runden Locken geordnet; ihre Kleidung bestand aus dunkelviolettem Tuch, mit einer
Art spanischem Besatz von schwarzem Sammt, und
eine goldene Uhr schimmerte an ihrem Gürtel. Um
das Bild zu vervollständigen, möge der Leser noch
feine Züge, einen klaren, wenn gleich blassen Teint,
und eine stattliche Haltung hinzufügen, und er wird
eine richtige Idee von dem Aeußeren der Miß
Temple haben, die mit Vornamen Maria hieß, wie
ich später in einem Gebetbuch geschrieben sah, welches
ich ihr in die Kirche tragen mußte.
Die Directrice von Lowood -- denn dies war
die Dame -- nahm ihren Platz vor dem Globus ein,
der auf einen von den Tischen gestellt wurde, versammelte die erste Classe um sich und begann eine
Lection in der Geographie zu geben. Die unteren
Classen erhielten von den anderen Lehrerinnen Unter
richt in der Geschichte und Sprachlehre, was eine
Stunde währte, dann folgte Schreiben und Rechnen,
und Miß Temple ertheilte den älteren Mädchen Anweisung in der Musik. Die Dauer jeder Lehrstunde
wurde nach der Uhr abgemessen. Als diese endlich
zwölf schlug, stand die Vorsteherin auf und sagte:
, Ich habe noch ein Wort an Euch Alle zu
richten. Ihr habt diesen Morgen ein Frühstück erhalten, welches Ihr nicht essen konntet. Ihr müßt
hungrig sein. Ich habe befohlen, daß an Alle ein
Stück Brot und Käse ausgetheilt werde.
Die Lehrerinnen sahen sie mit Erstaunen an.
, Es geschieht auf meine Verantwortung, fügte
sie als Erklärung für jene hinzu und verließ gleich
darauf das Zimmer.
Brot und Käse wurden gleich herein gebracht
und zum großen Entzücken der ganzen Schule vertheilt.
Dann ertönte das Commandowort: ,In den Garten!'
Jede setzte einen groben Strohut mit Bändern von
farbigem Calico auf, und legte einen Mantel von
grauem Wollenzeug an. Ich wurde ähnlich equipirt
und folgte dem Strome.
Der Garten war ein weiter Raum, von so hohen
Mauern umgeben, daß man nichts von der Außenwelt sehen konnte; ein bedeckter Gang zog sich an
der einen Seite hin, und breite Wege begrenzten einen
mittleren Raum, der in einige zwanzig kleine Beete
getheilt war. Diese Beete waren den Schülerinnen
zum Anbau übergeben, und jedes Beet hatte seine Besitzerin. Wenn sie voll Blumen waren, mußten sie
ohne Zweifel einen hübschen Anblick gewähren, aber
jetzt, am Ende des Januar, sah Alles winterlich und
braun aus. Ich empfand einen Schauder, als ich
h dastand und mich umsah. Zur Bewegung im Freien
war das Wetter sehr ungünstig, ein feuchter gelber
Nebel breitete sich aus, und der Boden war noch
naß von dem gestrigen Regen. Die kräftigsten unter
den Mädchen begannen Spiele, welche eine lebhafte
Bewegung gestatteten, aber mehrere blasse und
schwächliche Kinder drängten sich zusammen, um Obdach und Wärme unter dem bedeckten Gange zu
suchen, und unter diesen hörte ich bei dem dichten
Nebel, der ihre bebenden Körper durchdrang, häufig
einen hohlen Husten.
Noch hatte ich mit Keiner gesprochen, auch schien
Keine auf mich zu achten; ich stand einsam da, aber
an das Gefühl der Verlassenheit war ich gewöhnt,
und es drückte mich nicht sehr nieder. Ich lehnte mich
an einen Pfeiler des gedeckten Ganges, zog meinen
grauen Mantel dicht um mich zu, versuchte die Kälte,
die mir von Außen zusetzte, sowie den ungestillten
Hunger zu vergessen, der im Innern nagte, und gab
mich der Beschäftigung des Beobachtens und Denkens
hin. Gateshead und mein früheres Leben schienen
in unermeßliche Ferne zurückgedrängt; die Gegenwart
war unbestimmt und seltsam, und von der Zukunft
konnte ich mir keinen Begriff machen. Ich sah mich
in dem klösterlichen Garten um, und blickte dann zu
dem Hause auf. Es war ein großes Gebäude, wovon
die eine Hälfte grau und alt, die andere dagegen ganz
neu erschien. Der neue Theil enthielt das Schul- und
Schlafzimmer und empfing sein Licht durch vergitterte
Spitzbogenfenster, die dem Gebäude ein kirchenartiges
Ansehen gaben; eine steinerne Tafel über der Thür
enthielt folgende Inschrift:
,Die Lowood-Stiftung. -- Dieser Theil wurde
im Jahre des Herrn -- von Naomi Brocklehurst
von Brocklehurst Hall erbaut. -- Lasset Euer Licht
leuchten vor den Leuten, daß sie Eure guten Werke
sehen und den Vater im Himmel preisen. -- Matth. 16.'
Ich las diese Worte wiederholt und war unfähig, vollkommen in ihre Bedeutung einzudringen.
Ich dachte noch über die Bedeutung des Wortes
, Stiftung nach, und versuchte, ein Verbindungsglied
zwischen den ersten Worten und den Versen der
Schrift zu entdecken, als ein Husten dicht hinter mir
mich veranlaßte den Kopf umzuwenden. In meiner
Nähe saß ein Mädchen auf einer steinernen
Bank; sie neigte sich über ein Buch, worin sie mit
Aufmerksamkeit zu lesen schien. Von der Stelle, wo
ich stand, konnte ich den Titel sehen. -- Es war
,Rasselas', ein Name, der mir auffallend und folglich
anziehend vorkam. Als sie ein Blatt umschlug, blickte zufällig auf, und ich sagte sogleich zu ihr:
,Ist das Buch interessant?
Ich hatte schon die Absicht, sie zu bitten, es mir
später ein Mal zu borgen.
,Es gefällt mir,' antwortete sie nach einer Pause
von zwei bis drei Minuten, während welcher sie mich
beobachtete.
, Wovon handelt es? fuhr ich fort. Ich weiß
kaum, wo ich die Kühnheit hernahm, eine Unterredung mit einer Fremden zu beginnen, was meiner
Natur und meinen Gewohnheiten entgegen war,
aber ich glaube, ihre Beschäftigung schlug irgend
wo eine Saite der Sympathie an, denn auch ich
liebte das Lesen.
, Du kannst es ansehen,' versetzte das Mädchen,
mir das Buch anbietend.
Ich nahm es; eine kurze Untersuchung überzeugte mich, daß der Inhalt weniger interessant sei,
als der Titel versprach, denn nach meinem Geschmack
war es sehr langweilig; ich sah nichts von Feen,
nichts von Geistern darin, und die eng gedruckten Seiten
schienen keine erheiternde Abwechslung zu bieten. Ich
gab es ihr wieder; sie nahm es schweigend ruhig zurück
und schien im Begriff, weiter zu lesen, als ich sie noch
einmal zu stören wagte.
, Kannst du mir nicht sagen, was die Inschrift
auf dem Stein über der Thür bedeutet? Was ist
die
Lowood-Stiftung?
, Dieses Haus, wohin du gekommen bist.
, Und warum nennt man es denn Stiftung? Ist es denn auf irgend eine Weise von anderen
Schulen verschieden?
, Es ist eine halbe Freischule, du und ich und
alle die Uebrigen werden hier umsonst unterrichtet
und unterhalten. Ich vermuthe, du bist eine Waise:
ist nicht dein Vater oder deine Mutter todt?
,Beide starben, ehe ich sie kennen lernte.
, Nun, alle Mädchen hier haben entweder Eins
von ihren Eltern oder Beide verloren, und dies ist
eine Stiftung zur Erziehung von Waisen.
, Zahlen wir denn kein Geld? und erhält man
uns denn umsonnst?
, Wir, oder vielmehr unsere Verwandten, zahlen
fünfzehn Pfund jährlich für jedes Kind.'
, Warum nennt man uns denn Waisenkinder?
, Weil fünfzehn Pfund nicht genug ist für Kost
und Unterricht und das Fehlende durch Unterschriften
beigetragen wird.'
, Wer unterschreibt denn?
, Verschiedene wohlthätige Damen und Herren in
dieser Gegend und in London.'
, Wer war Naomi Brocklehurst?
, Die Dame, die den neuen Theil dieses Hauses
erbaute, wie jene Tafel erwähnt, und deren Sohn
hier Alles beaufsichtigt und leitet.'
, Warum?
, Weil er der Schatzmeister und Director der
Stiftung ist.
, So gehört dieses Haus also nicht jener großen
Dame, die eine Uhr trägt und welche sagte, wir
sollten etwas Brot und Käse haben?
,Der Miß Temple? O nein! ich wollte, es ge
hörte ihr; aber sie muß Herrn Brocklehurst von Allem
Rechenschaft ablegen, was sie thut. Herr Brocklehurst kauft alle unsere Lebensmittel und unsere Kleider
ein.'
,Wohnt er hier?
,Nein -- zwei Meilen von hier in einem großen
Herrenhause.
,Ist er ein guter Mann?
,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, er thut
sehr viel Gutes.
,Sagtest du nicht, daß die große Dame Miß
Temple heiße?
,Ja.
,Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?
, Die mit den rothen Backen heißt Miß Smith;
sie führt die Aufsicht bei den Handarbeiten und schnei
det zu -- denn wir machen uns unsere Kleider,
unsere Ueberröcke, Mäntel und Alles selbst; die Kleine
mit dem schwarzen Haar ist Miß Scatcherd, sie unter
richtet in der Geschichte und Sprachlehre und über
hört, was die zweite Classe auswendig lernen muß;
und die, welche einen Shawl trägt und ein Taschen
tuch an ihrer Seite, mit einem gelben Bande befestigt,
ist Madame Pierrot; sie ist aus Lille in Frankreich
und unterrichtet im Französischen.'
, Gefallen dir die Lehrerinnen
?
, Ziemlich gut.
, Gefällt dir die kleine Schwarze und Madame --
? -- Ich kann ihren Namen nicht so wie du
aussprechen.
, Miß Scatcherd ist etwas heftig -- du mußt
dich in Acht nehmen, sie nicht zu reizen; Madame
Pierrot ist keine üble Person.
, Aber Miß Temple ist die Beste -- nicht wahr?
, Miß Temple ist sehr gut und sehr talentvoll; sie
steht über den Anderen, weil sie viel mehr weiß als sie.'
, Bist du schon lange hier?
, Seit zwei Jahren.
, Bist du eine Waise?
, Meine Mutter ist todt.
, Fühlst du dich glücklich hier?
, Du thust auch zu viel fragen. Ich habe dir
für jetzt Antworten genug ertheilt; nun will ich lesen.'
Aber in dem Augenblick ertönte die Aufforderung
zum Mittagessen und Alle traten wieder ins Haus.
Der Geruch, der jetzt den Speisesaal erfüllte, war
nicht viel appetitlicher als der, welcher uns beim
Frühstück in die Nase drang. Das Mittagessen wurde
in zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen,
woraus sich ein starker Geruch von ranzigem Fett
erhob. Das Essen bestand in ziemlich schlechten Kartoffeln und Schnitten von muffigem Fleisch, die unter
einander gemischt und zusammen gekocht waren. Von
dieser Composition wurde jedem Zögling ein ziemlich
reichlicher Teller voll gegeben. Ich aß soviel ich
konnte, und war begierig zu wissen, ob unsere Speisen
wohl jeden Tag von dieser Art sein würden.
Nach dem Mittagessen begaben wir uns sogleich
in die Schulstube, die Lectionen begannen und wurden bis fünf Uhr fortgesetzt.
Das einzige bemerkenswerthe Ereignis an dem
Nachmittage war, daß das Mädchen, mit dem ich in
dem bedeckten Gange gesprochen hatte, von Miß
Scatcherd in Ungnade ans der historischen Classe entlassen wurde und in der Mitte der großen Schulstube
stehen mußte. Die Strafe schien mir im höchsten
Grade schmachvoll, besonders für ein so großes Mäd
chen -- denn sie mußte dreizehn Jahre oder älter
sein. Ich erwartete Zeichen großer Betrübnis oder
Scham an ihr zu sehen, aber zu meiner Ueberraschung
weinte und erröthete sie nicht, sondern stand gefaßt,
obgleich ernst, als die Zielscheibe aller Augen da.
, Wie kann sie es so ruhig und gefaßt ertragen?
fragte ich mich. , Wäre ich an ihrer Stelle, so würde ich wünschen, daß sich die Erde öffnen und mich ver
schlingen möge. Ihre Augen sind auf den Boden
gerichtet, aber ich bin gewiß, ihre Gedanken sind nach
Innen gekehrt; sie sieht aus, als dächte sie an etwas,
das über ihre augenblickliche Strafe hinaus liegt. Ich
möchte doch wissen, was sie für ein Mädchen ist, ob
gut, oder nicht.
Bald nach fünf Uhr Nachmittags bekamen wir
noch eine Mahlzeit, die in einem kleinen Becher mit
Kaffee und einer halben Schnitte Schwarzbrot bestand.
Ich verschlang mein Brot und trank meinen Kaffee
mit Appetit; aber ich hätte gern noch mehr gehabt
-- ich war noch immer hungrig. Eine halbe Stunde
der Erholung folgte, dann wurde gelernt, dann kam
das Glas Wasser und das Stück Haferkuchen und
dann ging's zu Bette. Dies war der Verlauf meines
ersten Tages in Lowood.
Sechstes Capitel.
Der nächste Tag begann wie der erste; man stand
bei dem düsteren Lichte auf und kleidete sich an; aber
diesen Morgen waren wir genöthigt, auf die Ceremo
nie des Waschens zu verzichten, denn das Wasser in
den Krügen war gefroren. Das Wetter hatte sich
am vergangenen Abend geändert, und ein scharfer
Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Spalten
der Fenster unseres Schlafzimmers pfiff, machte uns
in unseren Betten vor Frost zittern und hatte den
Inhalt der Wasserbehälter in Eis verwandelt.
Ehe die anderthalb Stunden des Gebetes und
Bibellesens vorüber waren, glaubte ich vor Kälte
umkommen zu müssen. Endlich kam die Zeit des
Frühstücks, und diesen Morgen war die Suppe nicht
angebrannt; sie war eßbar, die Quantität dafür aber
um so geringer.
Im Laufe des Tages wurde ich als Mitglied
der vierten Classe aufgenommen und man wies mir
regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen an. Da ich aber an das Auswendiglernen nicht gewöhnt war,
so erschienen mir die Lectionen zugleich lang und
schwierig, der häufige Uebergang von einer Lection
zur anderen verwirrte mich auch, und ich war froh,
als Miß Smith um drei Uhr Nachmittags mir einen
zwei Ellen langen Streifen Mousselin nebst Nadel
und Fingerhut in die Hand gab und mich in einen
ruhigen Winkel des Schulzimmers schickte, mit dem
Befehle, das Stück Mousselin zu säumen. Zu dieser
Stunde nähten die meisten anderen auch; nur eine
Classe stand um Miß Scatcherd's Stuhl und las, und
da Alles still war, so konnte man den Lauf der Lec
tion und die Leistungen der einzelnen Schülerinnen
verfolgen und die tadelnden Bemerkungen der Miß
Scatcherd hören. Es war englische Geschichte. Unter
den Leserinnen bemerkte ich meine Bekannte aus dem
bedeckten Gange; zu Anfang der Lection hatte sie
den ersten Platz in der Classe eingenommen, doch
wegen irgend einer Unaufmerksamkeit mußte sie jetzt
ganz unten stehen.
Miß Scatcherd beobachtete sie fortwährend und
fand beständig etwas an ihr auszusetzen:
, Burns! -- dies schien ihr Name zu sein, denn
hier wurden die Mädchen alle bei ihrem Geschlechtsnamen genannt -- , Burns, du stehst auf der Seite
deines Schuhes, setze gleich die Zehen auswärts --
Burns, du streckst dein Kinn sehr unangenehm vor,
gleich zieh es zurück -- Burns, ich muß darauf bestehen, daß du deinen Kopf aufrichtest, ich will nicht,
daß du in dieser Stellung vor mir stehst,? u. s. w.
Nachdem ein Capitel zweimal vorgelesen, wurden
die Bücher zugemacht und die Mädchen examinirt.
Die Lection umfaßte einen Theil der Regierungszeit
Karl des Ersten, und es kamen verschiedene Fragen
vor, welche mehrere von ihnen nicht beantworten
konnten. Um so größer war meine Ueberraschung,
als die Reihe an Burns kam; sie schien den Inhalt
der ganzen Lection behalten zu haben und wußte
jede Frage zu beantworten. Ich erwartete, das Miß
Scatcherd ihre Aufmerksamkeit loben werde, statt dessen
aber rief sie plötzlich aus:
, Du schmutziges, unordentliches Mädchen! Du
hast ja diesen Morgen deine Nägel nicht gereinigt!'
Burns antwortete nicht, ich wunderte mich über
ihr Schweigen.
, Warum erklärt sie nicht, dachte ich, , daß sie
weder ihre Nägel hat reinigen noch ihr Gesicht
waschen können, da das Wasser gefroren war.
Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt von Miß
Smith in Anspruch genommen, die mich aufforderte,
einen Strang Zwirn zu halten. Während sie ihn
abwickelte, sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir und
fragte, ob ich schon früher in der Schule gewesen,
ob ich zeichnen, steppen und stricken könne u. s. w.
Währenddem konnte ich der Unterrichtsstunde der
Miß Scatcherd nicht folgen. Als Miß Smnith mich
entließ und ich zu meinem Sitze zurückkehrte, sprach
Miß Scatcherd eben einen mir unverständlichen Befehl aus, worauf Burns in ein anstoßendes kleines
Zimmer ging, in welchem die Bücher aufbewahrt
wurden. Nach einer halben Minute kehrte sie mit
einem Ruthenbündel zurück und überreichte dieses der
Miß Scatcherd mit einer respectvollen Verbeugung
dann nahm sie ruhig und ohne daß es ihr geheißen
wurde, ihre Schürze ab, und die Lehrerin theilte ihr
mit dem Ruthenbündel augenblicklich ein Dutzend
Hiebe auf den bloßen Nacken zu. Burns vergoß
keine Thräne und kein Zug ihres nachdenkenden Ge
sichtes änderte seinen gewöhnlichen Ausdruck.
, Halsstarriges Madchen! rief Miß Scatcherd,
, nichts kann dich bewegen, deine nachlässigen Gewohnheiten abzulegen, trage die Ruthe weg.
Burns gehorchte, ich sah sie genau an, als sie
aus dem Bücherzimmer zurückkehrte, sie steckte gerade
ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und die Spur
einer Thräne schimmerte auf ihrer schmalen Wange.
Die Spielstunde am Abend hielt ich für die
angenehmste Erholung; das kleine Stück Brot und
der Schluck Kaffee, den wir um fünf Uhr bekamen,
hatten uns neu belebt, wenn auch nicht den Hunger
gestillt. Der einförmige Zwang des Tages hatte aufgehört, das Schulzimmer war wärmer als am Morgen,
denn man hatte das Feuer ein wenig heller brennen
lassen, um den Mangel der Lichter zu ersetzen, die noch
nicht da waren, und der röthliche Schimmer des Feuers, der erlaubte Lärm, das Durcheinander vieler Stimmen
verlieh uns ein willkommenes Gefühl der Freiheit.
An dem Abend des Tages, wo Miß Scatcherd ihre
Schülerin Burns gezüchtigt hatte, wanderte ich zwischen den Bänken und Tischen und lachenden Gruppen umher. Am Fenster vorübergehend, erhob ich
einen Vorhang und sah hinaus; der Schnee fiel unaufhörlich und hatte sich unter den Scheiben gelagert.
Als ich mein Ohr an das Fenster hielt, konnte ich das
trostlose Heulen des Windes draußen von dem heiteren
Tumult im Intern unterscheiden.
Wenn ich kürzlich eine liebe Heimat und freundliche Verwandte verlassen hätte, so wäre dies ohne
Zweifel die Stunde gewesen, wo ich die Trennung
am lebhaftesten hätte empfinden müssen; dieser Wind
würde mein Herz traurig gestimmt, dieses düstere
Chaos meinen Frieden gestört haben; so aber verursachte mir beides eine seltsame Aufregung, und ich
wünschte, der Wind möchte noch wilder heulen, die
Dämmerung zur Dunkelheit werden und die Verwirrung in ein wildes Toben übergehen.
Ueber Bänke springend und unter Tischen durchkriechend, nahm ich meinen Weg zu einem von den
Kaminen, wo ich Burns fand. Schweigend und ab
gesondert kniete sie an dem hohen Drahtgitter und
las bei dem düsteren Schimmer der Kohlen in einem
Buche.
, Ist es noch Rassellas? fragte ich, mich ihr
nähernd.
, Ja, sagte sie, , ich bin gleich damit zu Ende.
Nach fünf Minuten machte sie das Buch zu. Es war mir lieb.
, Jetzt kann ich sie vielleicht zum Reden bringen,'
dachte ich und setzte mich zu ihr auf den Boden nieder.
, Du heißt Burns. Wie noch?
, Helene.
, Ist deine Heimat weit von hier?
, Im Norden, nahe an der schottischen Grenze.
, Wirst du je zurückkehren?
, Ich hoffe es, aber Niemand kann der Zukunft
gewiß sein.'
, Du sehnst dich, Lowood zu verlassen?
, Nein, warum sollte ich das? Ich wurde der
Erziehung wegen nach Lowood geschickt, und es würde
thöricht sein, diesen Ort zu verlassen, ehe ich jenen
Zweck erreicht habe.
, Aber diese Lehrerin, Miß Scatcherd, ist so graus
am gegen dich!
, Grausam ? Durchaus nicht! Sie ist strenge, ihr
mißfallen meine Fehler.'
, Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde sie mir
mißfallen; ich würde mich ihr widersetzen. Wenn sie
mich mit der Ruthe schlüge, würde ich sie ihr aus
der Hand reißen und sie ihr vor der Nase zerbrechen.
, Wahrscheinlich würdest du nichts der gleichen
thun. Wenn du es thätest, würde dich Herr Brocklehurst aus der Schule jagen, und das würde deinen
Verwandten einen großen Kummer verursachen. Es
ist viel besser, einen Schmerz geduldig zu ertragen,
den du nur allein fühlst, als eine übereilte Handlung
zu begehen, deren üble Folgen Alle treffen würden,
die mit dir in Verbindung stehen -- und überdies
gebietet uns die Bibel, Böses mit Gutem zu vergelten.'
, Aber es scheint so schmachvoll, geschlagen zu
werden und in der Mitte des Zimmers vor allen
Schülerinnen stehen zu müssen, und du bist schon ein
so großes Mädchen, ich bin viel jünger als du und
könnte das nicht ertragen.
, Doch es wäre deine Pflicht, es zu ertragen,
wenn du es nicht ertragen könntest; es ist schwach
und thöricht, zu sagen, du kannst es nicht ertragen,
wenn dein Schicksal es dir auferlegt.
Ich hörte ihr mit Verwunderung zu, ich konnte
diese Duldung nicht begreifen und noch viel weniger
in der Achtung mit ihr übereinstimmen, die sie für
die strenge Lehrerin an den Tag legte. Dennoch vermuthete ich, sie möchte Recht und ich Unrecht haben,
aber ich verschob die Ueberlegung auf eine günstigere
Zeit.
, Du sagst, du hast Fehler, Helene. Welche sind
dies? Mir scheinst du sehr gut zu sein.
, Dann lerne von mir, nicht nach dem Schein
zu urtheilen; ich bin nachlässig, wie Miß Scatcherd
sagt, ich halte selten etwas in Ordnung, ich bin unachtsam; ich lese, wenn ich meine Lectionen lernen
sollte, ich habe keine Methode und zuweilen sage ich, wie du, ich kann es nicht ertragen, der systematischen
Ordnung unterworfen zu werden. Gegen alle diese Fehler ist Miß Scatcherd sehr empfindlich, die von Natur eigen, zierlich und pünktlich ist.
, Und strenge und grausam, fügte ich hinzu, aber
Helene Burns wollte meinen Zusatz nicht gelten lassen.
, Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich, wie
Miß Scatcherd?
Als ich Miß Temple's Namen nannte, verbreitete
sich ein sanftes Lächeln über Helenens ernstes Gesicht.
, Miß Temple ist voll Güte; es schmerzt sie,
strenge gegen irgend Jemanden zu sein, selbst gegen
die Unartigsten in der Schule. Sie sieht meine Fehler
und macht mich sanft darauf aufmerksam, und wenn
ich etwas Lobenswerthes thue, so ertheilt sie mir frei
gebig mein Lob. Ein starker Beweis meiner elenden und
mangelhaften Natur ist es, daß ihre so milden und
vernünftigen Vorstellungen mich nicht von meinen
Fehlern bekehren können und daß selbst ihr Lob, so
hoch ich es auch schätze, mich nicht zu beständiger
Sorgfalt und Vorsicht anzuspornen vermag.
, Das ist seltsam, sagte ich, , es ist doch so leicht,
achtsam zu sein.'
, Für dich ohne Zweifel. Ich beobachtete dich diesen
Morgen in deiner Classe und sah, wie aufmerksam
du warst; deine Gedanken schienen nie umherzuwandern.
Meine Gedanken schweifen dagegen beständig ab.
Wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mir Alles, was
sie sagt, merken soll, höre ich oft sogar den Laut ihrer
Stimme nicht mehr und versinke wie in einen Traum.
Zuweilen denke ich, ich sei in Northumberland, und
das Geräusch um mich her wäre das Plätschern eines
kleinen Baches, der durch Deepden in der Nähe unseres
Hauses fließt. Wenn dann die Reihe zu antworten
an mich kommt, muß ich erst erweckt werden, und da
ich Nichts von dem Vortrage gehört habe, während
ich auf den eingebildeten Bach lauschte, so habe ich
keine Antwort zur Bereitschaft.
, Aber wie gut antwortetest du diesen Nachmittag!
, Es war bloßer Zufall; der Gegenstand, der
verhandelt wurde, hatte mich interessirt. Annstatt von
Deepden zu träumen, wunderte ich mich, wie ein
Mann, der Recht zu thun wünschte, so ungerecht und
unweise handeln konnte, wie Karl der Erste.'
, Und wenn Miß Temple unterrichtet, schweifen
da deine Gedanken nicht umher? frug ich weiter.
, Nein, gewiß nicht oft, weil Miß Temple ge
wöhnlich etwas zu sagen hat, was für mich neu ist,
ihre Sprache ist mir außerordentlich angenehm, und
ihre Belehrung, die sie gibt, ist oft gerade von der
Art, wie ich sie mir anzueignen wünsche.'
, Nun, mit Miß Temple bist du also gut
?
, Ja, auf passive Weise, ich mache keine Anstrengung; ich folge nur meiner Neigung, darin liegt
kein Verdienst.'
, Im Gegentheil, sehr viel, du bist gut gegen
die, welche gut gegen dich sind. Das ist Alles; was
ich je zu sein wünsche. Wenn man immer freundlich
und gehorsam gegen die wäre, welche grausam und
ungerecht sind, so würden die bösen Menschen immer
ihren Willen haben und nur immer schlimmer werden.
Wenn wir ohne Grund geschlagen werden, sollten
wir sehr hart wieder schlagen, so hart, daß es der Person, die uns geschlagen, nie einfällt, es noch ein
mal zu thun.
, Du wirst hoffentlich deine Gesinnung ändern,
wenn du älter wirst. Bis jetzt bist du noch ein kleines,
unerfahrenes Mädchen.'
, Aber ich fühle, Helene, daß ich diejenigen ver
abscheuen muß, die nur Abneigung und Haß gegen mich hegen, was ich auch thun mag, ihnen zu gefallen;
und daß ich mich denen widersetzen muß, die mich
ungerechterweise bestrafen. Es ist ebenso natürlich,
als daß ich die liebe, die Neigung für mich zeigen,
oder mich nur bestrafen, wenn ich es verdient habe.'
, Lies das neue Testament und beachte, was
Christus sagt und wie er handelt -- mache sein Wort
zu deiner Regel und sein Benehmen zu deinem Vorbild.
, Was sagt er?
, Liebe deine Feinde, segne die dir fluchen, thue
wohl denen, die dich hassen und verfolgen.
, Da müßte ich ja auch Mistreß Reed lieben, und
das kann ich nicht, ich müßte ihren Sohn John segnen,
und das ist mir unmöglich.'
Helene Burns wünschte über die genannten Per
sonen einige Aufklärung, und ich begann sogleich auf
meine eigene Weise die Erzählung von meinem Leiden und von meiner Rache. Bitter und aufgeregt
sprach ich, wie mein Gefühl es mir eingab, ohne
Rückhalt oder Milderung.
, Nun, fragte ich, ,ist nicht Mistreß Reed ein
hartherziges, böses Weib?
, Sie ist ohne Zweifel unfreundlich gegen dich
gewesen, denn wie du siehst, mißfällt ihr die Richtung
deines Charakters, wie Miß Scatcherd die Richtung
des meinigen mißfällt. Eher würdest du nicht glücklicher sein, wenn du versuchtest, ihre Strenge zu ver
gessen? Das Leben scheint mir zu kurz, um damit
hingebracht zu werden, Feindschaft zu nähren oder
über erlittenes Unrecht nachzudenken. Wir Alle, Einer
wie der Andere, sind in dieser Welt mit Fehlern belastet, aber ich hoffe, die Zeit wird kommen, wo wir
die Fehler zugleich mit unseren vergänglichen Körpern
ablegen, wo mit dieser lästigen Gestalt von Fleisch
auch Erniedrigung und Sünde von uns abfallen und
nur der Funke des Geistes zurückbleiben wird, so rein
wie er war, als er vom Schöpfer ausging, um die
Creatur zu beleben; woher er kam, dorthin wird er
zurückkehren, um vielleicht auf Stufen der Glorie aus
der blassen menschlichen Seele in einen glänzenden
Seraph überzugehen! Gewiß wird dieser Geist nie
umgekehrt von einem Menschen zu einem Teufel herabsinken. Nein, das kann ich nicht denken, ich habe
einen anderen Glauben, an dem ich hänge, denn er
breitet die Hoffnung über Alle aus und macht die
Ewigkeit zu einem Ruheplatze -- zu einer himmlischen
Heimat -- nicht zu einem Abgrund des Schreckens
und Entsetzens. Ueberdies kann ich bei diesem Glauben
so klar zwischen dem Verbrecher und seinem Verbrechen unterscheiden, ich kann so aufrichtig dem
ersteren verzeihen, während ich das letztere verabscheue. Bei diesem Glauben quält Rache nie mein Herz, Entbehrung beugt mich nie zu tief, und Ungerechtigkeit
schlägt mich nie zu hart darnieder. Ich lebe in Frie
den und denke an das Ende.
Helenens schon vorher geneigter Kopf sank noch
tiefer, als sie diesen Satz ausgesprochen hatte. Es
wurde ihr nicht viel Zeit zum Nachdenken gelassen,
denn eine Aufseherin, ein großes, plumpes Mädchen,
kam soeben heran und rief in breitem kumberländischem Dialekt:
, Helene Burns, wenn du nicht sogleich gehst und
dein Fach in Ordnung bringst und deine Arbeit zu
sammenlegst, so rufe ich Miß Scatcherd und zeige
es ihr.'
Helene seufzte, als ihre Träumerei gestört wurde,
stand auf und gehorchte der Aufseherin unverzüglich
und ohne Widerspruch.
Siebentes Capitel.
Mein erstes Vierteljahr in Lowood schien ein
Jahrhundert, aber nicht das goldene Jahrhundert zu
sein, denn ich mußte einen harten Kampf mit der
Schwierigkeit bestehen, mich an die neuen Regeln
und ungewohnten Aufgaben zu gewöhnen. Die Furcht,
in dieser Hinsicht einen Fehler zu begehen, schreckte
mich viel mehr, als die Härte meines äußeren Loses,
obgleich dies auch keine Kleinigkeit war.
Während des Januar, Februar und eines Theiles
des März verhinderten uns der hohe Schnee und dann
beim Schmelzen desselben die fast unzugänglichen
Wege, uns aus den Gartenmauern zu entfernen, außer um in die Kirche zu gehen; aber innerhalb
dieser Grenzen durften wir jeden Tag eine Stunde
in der freien Luft zubringen. Unsere Kleidung war
nicht hinreichend, uns gegen die strenge Kälte zu
schützen, wir hatten keine Stiefel, der Schnee drang
in unsere Schuhe, unsere Hände, die nicht durch Handschuhe geschützt waren, erstarrten und bedeckten sich
mit Frostbeulen, ebenso wie unsere Füße. Ich erinnere
mich noch sehr wohl der verzweifelten Qual, die mir
meine entzündeten Füße jeden Abend verursachten,
und des heftigen Schmerzes, wenn ich die angeschwollenen und steifen Zehen Morgens in meine
Schuhe zwängen mußte. Ferner war die spärliche
Nahrung ganz unzureichend. Im Verhältnis zu
dem starken Appetit, der sich bei heranwachsenden
Kindern zeigt, bekamen wir kaum so viel, als nöthig
gewesen wäre, um einen schwachen Kranken am Leben
zu erhalten. Aus diesem Mangel an hinreichender
Ernährung entstand ein Mißbrauch, der die jüngeren
Zöglinge sehr hart drückte, denn wenn die ansgehungerten großen Mädchen irgend Gelegenheit hatten,
so bewogen sie die kleineren durch Schmeicheleien oder
Drohungen, ihnen ihre Portionen zu geben. Oft habe
ich das kostbare Stück Schwarzbrot, welches uns zur
Theezeit gereicht wurde, unter zwei Fordernde getheilt
und nachdem ich einer Dritten den halben Inhalt meiner
Kaffeetasse zugestanden, den kümmerlichen Rest unter
geheimen Thränen hinuntergeschluckt, die mir durch
den Hunger ausgzepreßt wurden.
Die Sonntage waren traurige Tage zur Winterszeit. Wir hatten eine Stunde zur Kirche nach Brocklebridge zu gehen, wo unser Patron sein geistliches Amt
verwaltete. Wir gingen frierend fort, kamen halb
erstarrt in der Kirche an und waren während des
Gottesdienstes fast gelähmt. Es war zu weit, um
zum Mittagessen zurückzukehren, daher reichte man
uns zwischen den beiden Predigten eine Ration von
kaltem Fleisch und Brot, welche ebenso sparsam und
kärglich wie unsere gewöhnlichen Mahlzeiten gehalten
war.
Nach dem Schlusse des Nachmittagsgottesdienstes
mußten wir auf einem freien und hügeligen Wege
zurückkehren, wo der kalte Wind, der über eine Reihe
nördlicher Schneehügel daherwehte, uns fast die Haut
von den Gesichtern löste. Ich sehe noch immer, wie
Miß Temple leicht und rasch an unserer trostlosen
Reihe dahinging, ihren schottischen Mantel dicht um
sich gezogen, und uns durch Wort und Beispiel er
munterte, den Muth nicht sinken zu lassen. Die anderen Lehrerinnen, die armen Dinger, waren ge
wöhnlich selber zu sehr niedergeschlagen, um zu ver
suchen, Andere aufzuheitern.
Wie verlangte uns nach dem Licht und der
Wärme des glühenden Feuers, wenn wir zurückkehrten!
Aber den kleineren Mädchen war diese Wohlthat verkümmert, den jeder Kamin im Schulzimmer wurde so
gleich von einer doppelten Reihe großer Mädchen um
ringt, und hinter ihnen hockten die jüngeren Kinder
in Gruppen umher und hüllten ihre erstarrten Arme
in ihre Schürzen.
Ein kleiner Trost kam zur Theezeit in Gestalt
einer doppelten Portion Brot -- einer ganzen Schnitte
anstatt einer halben -- mit einem dünnen Aufstrich
von Butter. Es war ein allwöchentlich uns vergönnter Genuß, dem wir von einem Sabbath zum
anderen sehnsuchtsvoll entgegensahen. Gewöhnlich ge
lang es mir, die eine Hälfte dieser reichlichen Mahlzeit für mich zu behalten, während ich stets genöthigt
war, das Uebrige zu vertheilen.
Der Sonntagabend wurde mit Hersagen des
Kirchenkatechismus hingebracht, und dann mußten
wir noch eine lange Predigt anhören, die Miß Miller
vorlas, während ihr unüberwindliches Gähnen ihre
Ermüdung bezeugte. Ein häufiges Zwischenspiel bei
diesen Andachtsübungen war, daß ein halbes Dutzend
kleiner Mädchen, vom Schlaf überwältigt, von der
Bank herabfiel und halb todt aufgehoben wurde.
Das Heilmittel dagegen bestand darin, daß man
sie in die Mitte der Schulstube schleppte und sie
nöthigte, stehen zu bleiben, bis die Predigt zu
Ende war. Zuweilen wollten ihre Füße sie nicht
tragen, und sie sanken in einen hilflosen Klumpen zu
sammen.
Herr Brocklehurst war während des größten
Theiles des ersten Monats nach meiner Ankunft verreist, da er vermuthlich seinen Aufenthalt bei seinem
Freunde, dem Archidiaconus, verlängert hatte. Seine
Abwesenheit war eine Beruhigung für mich. Ich
brauche nicht erst zu sagen, daß ich Grund hatte,
seine Ankunft zu fürchten; aber endlich kam er.
An einem Nachmittage, als ich gerade drei
Wochen in Lowood war, saß ich, meine Schiefertafel
in der Hand, da und war mit einem grozen Divisionsexempel beschäftigt, als ich die Augen zum Fenster
erhob und eine Gestalt vorübergehen sah, deren seltsamen Umriß ich fast instinctmäßig erkannte. Als
zwei Minuten später die ganze Schule, die Lehrerinnen
mit eingeschlossen, in Masse aufstand, brauchte ich nicht
erst aufzublicken, um mich zu überzeugen, wessen Eintritt begrüßt wurde. Ein weiter Schritt durchmaß
das Schulzimmer, und sogleich stand neben Miß
Temple, die sich ebenfalls erhoben hatte, die selbe
schwarze Säule, die mich so unheimlich vor dem
Kamin zu Gateshead angeblickt hatte. Ja, es war
Herr Brocklehurst, in einen Oberrock geknöpft, längen,
schmäler und strenger als je.
Ich hatte meine eigenen Gründe, über sein Er
scheinen zu erschrecken. Nur zu wohl erinnerte ich
mich der Winke, die ihm Mistreß Reed über mich ge
geben hatte, sowie seines Versprechens, Miß Temple
und die Lehrerinnen von meinen Fehlern in Kenntnis
zu setzen. Schon lange hatte ich mit Furcht der Ankunft des Mannes entgegengesehen, dessen Bericht über mein früheres Leben mich auf immer als ein böses Kind brandmarken sollte, und nun war er da.
Er stand neben Miß Temple und sprach leise mit
ihr, ich zweifelte nicht, daß er ihr Eröffnungen über
meine Bosheit mache, und beobachtete mit schmerzlicher Angst ihre Augen, jede Secunde erwartend, daß
sie dieselben mit einem Blicke der Verachtung auf
mich richten werde. Ich horchte mit angehaltenem
Athem, und da ich mich zufällig ganz am Ende des
Zimmers befand, so vernahm ich das Meiste, was
gesprochen wurde; doch befreite mich der Inhalt der
Unterredung von unmittelbarer Furcht.
, Ich hoffe, der Zwirn, den ich in Towton gekauft habe, wird gut sein, Miß Temple; ich dachte, er müsse gerade zu den Calicohemden passen, und
ich wählte die Nadeln danach aus. Sie können Miß
Smith sagen, daß ich vergessen habe, ein Verzeichnis
von den Stopfnadeln zu machen, aber es soll ihr in
der nächsten Woche geschickt werden. Auf jeden Fall
soll sie jeder Schülerin zur Zeit nur eine Nadel geben,
denn wenn sie mehr haben, werden sie unachtsam
und verlieren sie. Und, o! Miß Temple, ich wünschte
sehr, es würde besser nach den wollenen Strümpfen
gesehen! -- Als ich zuletzt hier war, ging ich in den
Küchengarten und untersuchte die Wäsche, die zum
Trocknen aufgehängt war; da waren viele Strümpfe
in sehr schlechtem Zustande, und aus der Größe der
Löcher schloß ich, daß sie nicht zur gehörigen Zeit
, ausgebessert würden.'
Er schwieg.
, Ihre Anordnungen sollen befolgt werden, mein
Herr,' sagte Miß Temple.
, Und die Wäscherin sagt mir, Miß Temple,'
fuhr er fort, ,daß einige von den Mädchen wöchent
lich zwei reine Halsstreifen bekommen; das ist zu viel,
die Regel gestattet nur einen.'
, Ich glaube diesen Umstand erklären zu können,
mein Herr. Agnes und Katharina Johnstone wurden
am letzten Donnerstag zu ihren Verwandten zum Thee
nach Lowton eingeladen, und ich gab ihnen die Er
laubnis, bei dieser Gelegenheit reine Halsstreifen zu
nehmen.
Herr Brocklehurst nickte.
, Nun, einmal mag es hingehen; aber ich bitte
Sie, lassen Sie es nicht zu oft zu. Und noch etwas
Anderes hat mich überrascht. Ich finde nämlich, bei
der Berechnung mit der Haushälterin, daß den Mädchen
in den letzten vierzehn Tagen zweimal Brot und
Käse gegeben worden ist. Wer führte diese Neuerung
ein? Und auf wessen Autorität geschah sie?
, Ich trage die Verantwortlichkeit dafür, mein
Herr,' versetzte Miß Temple, ,das Frühstück war so
schlecht bereitet, daß die Mädchen es unmöglich essen
konnten, und ich glaubte sie nicht bis zur Mittagszeit
hungern lassen zu dürfen.
, Erlauben Sie, Miß Temple, Sie wissen, daß
mein Plan bei Auferziehung dieser Mädchen nicht
ist, sie an Luxus und Schwelgerei zu gewöhnen, sondern
sie abzuhärten, ihnen Geduld und Selbstverleugnung
beizubringen. Sollte irgend ein zufälliger Umstand eintreten, daß die Erwartung, den Appetit zu stillen,
nicht erfüllt würde, daß eine Speise angebrannt, zu
viel oder zu wenig gesalzen wäre, so würde man,
indem man etwas Delicateres an die Stelle setzt, dem
Zwecke dieser Anstalt entgegenhandeln. Eine kurze Belehrung bei solchen Gelegenheiten würde nicht übel
angebracht sein, wobei eine verständige Lehrerin Gelegenheit nehmen könnte, auf die Leiden der ersten
Christen, auf die Qualen der Märtyrer und die Ermahnungen unseres göttlichen Erlösers selbst zu verweisen, der seine Jünger auffordert, ihr Kreuz auf
sich zu nehmen und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht vom Brote allein leben
soll, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde
Gottes kommt, und auf seine göttliche Tröstung:
Selig seid Ihr, wenn Ihr hungert und dürstet um
meinetwillen. O, Miß, wenn Sie diesen Kindern Brot
und Käse anstatt angebrannter Suppe in den Mund
stecken, so mögen Sie in der That ihre irdischen Körper
sättigen, aber Sie vergessen, daß Sie ihre unsterblichen
Seelen hungern lassen!
Herr Brocklehurst schwieg wieder -- vielleicht
war er von seinem Gefühle überwältigt. Miß Temple
hatte auf den Boden geblickt, als er zuerst angefangen
mit ihr zu reden, aber jetzt sah sie gerade vor sich
hin, und ihr Gesicht, welches von Natur blaß wie
Marmor war, schien auch die Kälte und Starrheit
dieses Materials anzunehmen; ihr Mund schloß sich
fest, und auf ihrer Stirn zeigte sich der Ausdruck
versteinerter Strenge.
Inzwischen stand Herr Brocklehurst, seine Hände
auf den Rücken gelegt, am Kamin und überschaute
majestätisch die ganze Schule. Plötzlich blinzelte sein
Auge, als ob sich ein Entsetzen seiner bemächtigte. Er
wendete sich um und sprach in rascherem Tone als
bisher:
, Miß Temple, Miß Temple, was -- was ist
dies für ein Mädchen mit gelocktem Haar? rothes H
aar, gelockt -- über und über gelockt?
Und er streckte seinen Stock aus und deutete mit
zitternder Hand auf den Gegenstand, der ihm solchen
Schrecken verursachte.
, Es ist Julie Severn, versetzte Miß Temple
sehr ruhig.
, Julie Severn, Miß! Warum richtet sie sich, allen
Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses zum Trotz,
so offen nach der eiteln Mode der Welt, daß sie in
dieser christlichen Anstalt ihr Haar in einer Masse von
Locken trägt?
, Juliens Haar lockt sich von Natur,' entgegnete
Miß Temple noch ruhiger als zuvor.
, Von Natur? Ja, aber wir sollen uns nicht
nach der Natur richten; ich wünsche, daß diese Mädchen
Kinder der Gnade werden; wozu also jene Haarfülle?
Ich habe wiederholt angedeutet, daß das Haar kurz
gehalten und bescheiden und einfach frisirt werden
soll. Miß Temple, das Haar dieses Mädchens muß
ganz abgeschnitten werden; ich will morgen einen Barbier schicken. Ich sehe auch noch Andere, die zu
viel von diesem unnöthigen Schmucke haben. Lassen
Sie die ganze erste Bank aufstehen und ihre Gesichter
nach der Wand wenden.'
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über
ihre Lippen, als wollte sie ein unwillkürliches Lächeln
verbergen, sie gab indessen den Befehl, und da die
erste Classe nicht anders konnte, so gehorchte sie. Indem ich mich auf meiner Bank ein wenig zurücklehnte,
konnte ich die Blicke und Grimassen sehen, womit die
großen Mädchen dieses Manöver begleiteten. Es war
schade, daß Herr Brocklehurst es nicht auch sehen
konnte; dann würde er vielleicht gefühlt haben, daß,
wie er auch über das Aeußere seiner Pfleglinge verfügen mochte, das Innere weiter aus seinem Bereich
liege, als er sich einbildete.
Er beobachtete den Revers dieser lebendigen
Medaillen etwa fünf Minuten und sprach dann das
Urtheil aus, welches wie der Spruch des jüngsten
Gerichtes in alle die jungen Herzen drang:
, Alle diese Flechten müssen abgeschnitten werden.
Miß Temple wollte Gegenvorstellungen machen.
, Miß,' fiel er ihr ins Wort, ,ich habe einen
Herrn, dem ich diene, und dessen Reich nicht von
dieser Welt ist; meine Aufgabe ist es, die Lust des
Fleisches in diesen Mädchen zu ertödten, sie zu lehren,
sich mit Schamhaftigkeit und Nüchternheit zu kleiden,
und sich nicht mit geflochtenem Haar und köstlichen
Kleidern zu schmücken. Jede von diesen jungen Per
sonen vor uns hat einen Theil ihres Haares zu
Zöpfen verschlungen, wie sie die Eitelkeit selbst nur
hätte flechten können. Ich wiederhole, diese müssen
abgeschnitten werden; denken Sie an die verlorene
Zeit, an --
Herr Brocklehurst wurde hier unterbrochen. Drei
Damen traten ins Zimmer, die ebenfalls die Schule
besichtigen wollten. Sie hätten ein wenig früher kommen
sollen, um seine Vorlesung über die Eitelkeit anzuhören,
denn sie waren glänzend in Sammet, Seide und Pelz
gekleidet. Die beiden jüngeren von den Dreien --
schöne Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren
-- trugen Hüte mit Straußfedern, und unter dem
Rande dieser anmuthigen Kopfbedeckung zeigte sich
eine Fülle zierlich gekräuselter Locken. Die ältere Dame
war in einen kostbaren Sammetshawl gehüllt, der mit
Hermelin besetzt war, und trug einen falschen Scheitel
von französischen Locken.
Die Damen wurden von Miß Temple mit vieler
Höflichkeit als Mistreß und Misses Brocklehurst empfangen und zu Ehrensitzen am oberen Ende des
Zimmers geführt. Sie schienen mit dem ehrwürdigen
Herrn in demselben Wagen gekommen zu sein und in
den oberen Zimmern ihre Untersuchungen angestellt
zu haben, während er mit der Haushälterin gerechnet
und der Vorsteherin der Anstalt seine Ermahnungen
ertheilt hatte. Jetzt begannen sie, der Miß Smith,
welche die Aufsicht über die Wäsche und die Schlafzimmer hatte, verschiedene Vorhaltungen zu machen
und ihren Tadel auszusprechen; aber ich hatte nicht
Zeit, auf das zu achten, was sie sagten, denn andere
Vorgänge fesselten meine Aufmerksamkeit.
Bisher hatte ich keine Vorsicht versäumt, mich
so unbemerkbar wie möglich zu machen, was ich dadurch zu erreichen meinte, daß ich mich weit auf die
Bank zurücksetzte und, während ich mit Rechnen beschäftigt schien, meine Tafel so hielt, daß sie mein
Gesicht verbarg. Ich würde auch der Beachtung entgangen sein, wäre nicht meine verrätherische Tafel
mir aus der Hand geglitten und krachend zu Boden
gefallen, was sogleich Aller Augen auf mich zog.
Ich wußte, daß jetzt Alles verloren sei, und machte
mich auf das Schlimmste gefaßt, während ich mich
niederbeugte, um die beiden Stücke der Tafel auf
zuheben.
,Ein unachtsames Mädchen!' sagte Herr Brockle-
hurst, und fügte gleich darauf hinzu: , Es ist die neue
Schülerin, wie ich sehe. Ich darf nicht vergessen, daß
ich Etwas über dieselbe zu sagen habe. Dann setzte
er laut, o wie laut! hinzu: ,Lassen Sie das Mädchen
vortreten.'
Aus eigenem Antriebe würde ich mich nicht ge
regt haben, denn ich war wie gelähmt; aber die
beiden großen Mädchen, die zu jeder Seite vor mir
saßen, richteten mich auf und schoben mich zu dem
gefürchteten Richter hin, während mich Miß Temple
unterstützte und mir leise zuflüsterte:
,Fürchte dich nicht, Johanna, ich sah, daß es
ohne deine Schuld geschah.'
Das freundliche Wort drang mir wie ein Dolch
ins Herz.
,Noch eine Minute und sie wird mich als eine
Heuchlerin verabscheuen, dachte ich, und eine
heftige Wuth gegen Reed, Brocklehurst und Compagnie glühte in meinem Herzen. Ich war nicht Helene
Burns.
,Holt einen Stuhl herbei, sagte Herr Brockle
hurst, auf einen sehr hohen Stuhl deutend, von
welchem eine Aufseherin eben aufgestanden war. Er
wurde herbeigebracht. , Stellt das Kind hinauf! Ich
wurde hinaufgestellt, von wem, wußte ich nicht. Ich
war nicht in der Lage, die Einzelnheiten zu beachten;
ich wurde nur gewahr, daß man mich bis zu der
Höhe von Herrn Brocklehurst's Nase hinauf gehißt
hatte, daß er nur einen Schritt von mir entfernt war
und daß unter mir eine Wolke von silbergrauen
Federn, dunkelrothem Zeidenpelze* und orangegelben
Kleidern durcheinander wogte.
Herr Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, sagte er zu seiner Familie ge
wendet, ,Miß Temple, Lehrerinnen und Kinder, Sie
sehen Alle dieses Mädchen?
Natürlich sahen sie mich, denn ich fühlte ihre
Augen wie sengende Brenngläser auf mich gerichtet.
, Sie sehen, sie ist noch jung. Gott hat ihr in
einer Gnade die Gestalt gegeben, die er uns Allen
geschenkt; keine besondere Entstellung zeichnet sie als
einen gebrandmarkten Charakter aus. Wer sollte
denken, daß der Böse schon eine Gehilfin in ihr ge
funden hätte? Doch leider ist es der Fall.
Es trat eine Pause ein, während welcher ich
meine erschütterten Nerven zu stählen suchte, denn ich
fühlte, daß die Prüfung, da ihr nicht auszuweichen
war, mit Festigkeit müsse bestanden werden.
,Meine lieben Kinder,' fulhr der schwarze,
steinerne Geistliche mit Pathos fort, ,es ist meine
traurige Pflicht, Euch vor diesem Mädchen zu warnen,
welches eins von Gottes Lämmern sein könnte, aber
kein Mitglied der wahren Herde ist, sondern offenbar
einer fremden Schaar angehört. Ihr müßt Euch also
vor ihr hüten, ihr Beispiel scheuen und, wenn es
nöthig ist, ihre Gesellschaft meiden, sie von Euren
Spielen und Eurer Unterhaltung ausschließen. --
Lehrerinnen! Sie müssen sie überwachen, alle ihre
Worte abwägen, ihre Handlungen prüfen, ihren Leib
bestrafen, um ihre Seele zu retten, wenn in der That
noch eine solche Rettung möglich ist, denn -- meine Zunge
bebt, während ich es ausspreche -- dieses Mädchen,
dieses Kind, diese geborene Christin ist schlimmer als
manche kleine Heidin, die ihre Gebete an Brahma
richtet -- dieses Mädchen ist eine Lügnerin.
Es trat eine lange Pause ein, während welcher
ich, jetzt im vollen Besitze meiner Sinne, bemerkte,
wie die weiblichen Brocklehurst's ihre Taschentücher
hervorzogen und sie zu ihren Augen erhoben, wobei
die beiden jüngeren flüsterten:
, Wie entsetzlich!
Herr Brocklehurst fuhr fort:
, Dies erfuhr ich von ihrer Wohlthäterin, von
der frommen und christlichen Dame, die sich ihrer
verwaisten Tage annahm, sie wie ihre eigene Tochter
erzog, und deren Güte und Großmuth das unglück
liche Mädchen durch so schreckliche Undankbarkeit ver
galt, daß ihre vortreffliche Beschützerin sich genöthigt
sah, sie von ihren eigenen Kindern zu trennen, da
sie fürchtete, ihr verderbliches Beispiel möchte deren
Reinheit beflecken. Sie hat sie hierher geschickt, um sie
heilen zu lassen, wie die Juden vor Alters ihre Kranken
an den wogenden See von Bethesda schickten. Und,
Lehrerinnen und Vorsteherin, ich bitte Sie, lassen Sie die
Wellen um dieses Kind nicht zum Stillstand kommen.
Nach diesem erhabenen Schlusse köpfte Herr
Brocklehurst den oberen Knopf seines Rockes zu, sagte
einige leise Worte zu seiner Familie, welche aufstand,
und verneigte sich gegen Miß Temple. Dann segelte
die vornehme Gesellschaft stattlich zum Zimmer hinaus.
An der Thür wandte sich Herr Brocklehurst noch einmal um und rief Miß Temple zu:
, Lassen Sie das Kind noch eine halbe Stunde
länger auf dem Stuhle stehen und während des
übrigen Tages Niemand mit ihr reden.'
Dort stand ich also auf meiner Erhöhung; ich,
die ich gesagt, ich könne die Schande nicht ertragen,
auf meinen natürlichen Füßen in der Mitte des
Zimmers zu stehen, war allen Blicken auf einem Fußgestell der Schande ausgesetzt. Keine Sprache kann
meine Empfindungen ausdrücken; aber gerade als
Alle aufstanden, wobei es mir war, als ob mir die
Kehle zugeschnürt würde, kam ein Mädchen vorüber
und erhob die Augen zu mir. Welch' ein seltsames
Licht sie erhellte! Mit welcher außerordentlichen Em
pfindung durchdrang mich dieser Strahl! Wie erhob
mich dieses neue Gefühl! Es war, als wäre ein
Märtyrer, ein Heros an einem Sklaven oder an einem
Schlachtopfer vorübergegangen und hätte ihm Kräfte
mitgetheilt. Ich bemeisterte meine Neigung zum Weinen,
erhob den Kopf und stellte mich fest auf den Stuhl
hin. Helene Burns richtete eine unbedeutende Frage
an Miß Smith, wurde wegen der unnöthigen Frage
gescholten, kehrte zu ihrem Platze zurück unnd lächelte
mir zu, als sie wieder an mir vorüberging. Welch'
ein Lächeln! Ich erinnere mich desselben noch jetzt
und weiß, daß es der Ausfluß des feinen Verstandes
und des wahren Muthes war; es erhellte ihre ausdrucksvollen Züge, ihr schmales Gesicht, ihr eingesunkenes graues Auge gleich einem Widerschein der
Glorie eines Engels. Doch in dem Augenblick trug
Helene Burns ein Zeichen der Schmachs an ihrem
Arm; denn kaum vor einer Stunde hatte ich gehört,
wie Miß Scatcherd sie auf den folgenden Tag zu ei
nem Mittagessen von Brot und Wasser verurtheilte,
weil sie einen Fleck auf eine Vorschrift gemacht
während sie dieselbe nachgeschrieben. So ist die un
vollkommene Natur des Menschen! Solche Flecken
gibt es auf der Scheibe des strahlendsten Planeten,
und Augen, wie die der Miß Scatcherd, können nur
diese kleinlichen Mängel entdecken; für den vollen
Glanz des Gestirns sind sie blind.
Achtes Capitel.
Ehe die halbe Stunde um war, schlug es fünf;
die Schülerinnen wurden entlassen und gingen zum
Thee. Ich wagte jetzt, wo es bereits fast dunkel
war, von dem Stuhle herunter zu steigen, zog mich
in einen Winkel zurück und setzte mich auf den Boden
nieder. Der Zauber, der mich bis dahin aufrecht er
halten hatte, begann zu schwinden; es fand eine
Gegenwirkung statt, und bald ergriff mich ein so
heftiger Kummer, daß ich mit dem Gesichte auf den
Boden niedersank. Nun weinte ich; Helene Burns
war nicht da; Niemand hielt mich aufrecht, allein
gelassen, gab ich mich auf, und meine Thränen benetzten die Dielen. Ich wollte ja gern in Lowood
sein, wollte mir Freundinnen erwerben und die all
gemeine Achtung gewinnen. Ich hatte schon sichtbare
Fortschritte gemacht, heute Morgen war ich die Erste
in meiner Classe geworden; Miß Miller hatte mich
mit Wärme gelobt, Miß Temple hatte mir beifällig
zugelächelt; sie hatte versprochen, mir Zeichenstunde
zu geben und mich im Französischen unterrichten zu
lassen, wenn ich noch zwei Monate fortfahren würde,
ähnliche Fortschritte zu machen. Darauf hin war ich
von meinen Mitschülerinnen gut empfangen, und von
denen meines Alters wie ihres Gleichen behandelt
worden; und jetzt lag ich da, zu Boden geschmettert
und mit Füßen getreten! Und konnte ich mich je wieder
erheben?
, Nimmermehr!' dachte ich und hegte den glü
henden Wunsch zu sterben. Während ich diesen Wunsch
in Tönen hervorschluchzte, näherte sich mir Jemand;
ich fuhr empor und erblickte wieder Helene Burns.
Sie brachte mir Kaffee und Brot.
, Komm und iß ein wenig,' sagte sie; aber ich
schob Beides von mir weg, denn es war mir, als
ob ein Tropfen oder eine Krume mich in meiner
gegenwärtigen Stimmung hätten ersticken müssen. Ich
konnte meine Aufregung nicht überwinden, obgleich
ich mich sehr bemühte, und fuhr fort, laut zu weinen.
Helene setzte sich in meiner Nähe auf den Boden
nieder. Ich sprach zuerst.
, Helene,' sagte ich, , warum bleibst du bei einem
Mädchen, welches Jedermann für eine Lügnerin
hält?
, Jedermann, Johanna? Es waren ja nur achtzig Personen da, die dich so nennen hörten, und die
Welt zählt viele hundert Millionen Seelen.'
, Aber ich weiß, daß diese achtzig mich verachten.'
, Du irrst, Johanna, wahrscheinlich verachtet dich
keine in der ganzen Schule, und ich bin gewiß, daß
viele dich bemitleiden.
, Wie können sie mich bemitleiden nach dem, was
Herr Brocklehurst sagte?
, Herr Brocklehurst ist hier wenig beliebt und hat
nie etwas gethan, um sich beliebt zu machen. Hätte
er dich mit besonderer Gunst behandelt, so würdest du
viele Feindinnen bekommen haben, offene und verstockte. So wie die Sache steht, würde die größere
Zahl dir Mitgefühl zeigen, wenn sie es wagten. Die Lehrerinnen und Schülerinnen mögen dich vielleicht auf einen oder zwei Tage kalt ansehen, aber in ihren Herzen hegen sie freundliche Gefühle für dich, und wenn du so brav und gut bleibst, wie bisher, so
werden diese Gefühle sich nur umso lebhafter zeigen.
Ueberdies, Johanna --
Sie schwieg. ,Nun, Helene? fragte ich, meine
Hand in die ihrige legend. Sie rieb meine Finger s
anft, um sie zu erwärmen, und fuhr dann fort:
, Wenn auch die ganze Welt dich haßte und dich
für böse hielte, während dein eigenes Gewissen dich
von der Schuld freispricht, so würdest du nicht ohne
Freunde sein.'
, Ich weiß. Ich würde gut von mir denken, aber
das ist mir nicht genug; wenn andere mich nicht
lieben, wollte ich lieber sterben. Ich kann es nicht
ertragen, einsam zu sein und gehaßt zu werden, Helene.
Um mir deine oder Miß Temples Zuneigung zu erwerben, würde ich mir den Arm zerbrechen, mich von
einem wilden Stier aufspießen oder von einem Pferde
unter die Hufe treten lassen.'
, Still, Johanna! Du hältst zu viel von der Liebe
menschlicher Wesen; du folgst zu sehr den Antrieben
deines Herzens, und du bist zu heftig. Die allmächtige
Hand, die dich schuf, hat dir andere Stützen als dein
schwaches Selbst oder deine ohnmächtigen Mitmenschen
gegeben. Es gibt eine unsichtbare Welt und ein
Königreich der Geister, und diese Welt, die überall ist,
umgibt auch uns und überwacht und schützt uns.
Und wenn wir in Schmerz und Schande sterben, wenn
Verachtung uns von allen Seiten trifft und der Haß
uns zu Boden schlägt, so sehen Engel unsere Qualen
und erkennen unsere Unschuld, wenn wir unschuldig
sind, wie ich weiß, daß du unschuldig bist. Denn ich
glaube nicht an Brocklehurst's Anschuldigung; was
ihm Mistreß Reed über dich gesagt hat, das hat er
nur in pomphaften Worten wiederholt, und daß es
nicht die Wahrheit ist, das lese ich in deinen auf
richtigen Augen und auf deiner klaren Stirn. -- Gott
wartet nur auf die Trennung des Geistes vom Fleisch,
um uns mit einer vollkommenen Belohnung zu krönen.
Warum sollten wir denn je vom Kummer überschüttet
danieder sinken, wenn das Leben so bald vorüber und der Tod ein so gewisser Eingang zum Glück und zur
Glorie ist?
Helene hatte mich beruhigt, aber in dieser Ruhe lag
eine Beimischung unaussprechlicher Traurigkeit. Als
sie ausgeredet hatte, athmete sie ein wenig rascher und
hustete kurz. Ich vergaß augenblicklich mein eigenes
Leiden und gab mich ihretwegen einer unbestimmten
Befürchtung hin.
Ich umschlang Helene mit meinen Armen, sie
zog mich an sich und so ruhten wir schweigend. Wir
hatten noch nicht lange so gesessen, als Jemand her
einkam. Einige schwere Wolken wurden vom Winde fortgetrieben und ließen den Mond frei. Sein Licht
strömte durch das nahe Fenster herein und schien voll
auf uns Beide und auf die sich nähernde Gestalt, in
welcher wir sogleich Miß Temple erkannten.
, Ich komme, um dich aufzusuchen, Johanna Eyre,
sagte sie.
, Folge mir in mein Zimmer; und da Helene
Burns bei dir ist, so kann sie auch mitkommen.'
Wir folgten der Vorsteherin in ihr sehr wohnliches, gut durchwärmtes Zimmer. Sie wies Helene
Burns einen niedrigen Lehnsessel auf der einen Seite
des Kamins an, und nachdem sie selbst auf einem
anderen Platz genommen, rief sie mich an ihre Seite.
, Ist jetzt Alles vorüber? fragte sie, auf mein
Gesicht niederblickend.
, Hast du deinen Kummer aus
geweint?
, Ich fürchte, das wird nie geschehen.
, Warum?
, Weil ich auf ungerechte Weise beschuldigt worden bin, und Sie, Miß, und alle Anderen mich für böse halten werden.
, Wir werden dich für das halten, als was du
dich beweisest, mein Kind. Fahre fort, ein gutes
Mädchen zu sein, wie bisher, und du wirst mich zu
friedenstellen.
, Werde ich das, Miß Temple?
, Das wirst du, sagte sie, mich mit ihrem Arme
umschlingend. , Und nun sage mir, wer ist die Dame,
die Herr Brocklehurst deine Wohlthäterin nannte ?
, Mistreß Reed, meines Onkels Frau. Mein Onkel ist todt und überließ mich ihrer Sorge.
, So adoptirte sie dich also nicht aus eigenem Antriebe?
, Nein, Miß, es war ihr leid, es thun zu müssen;
aber wie ich oft von der Dienerschaft habe sagen
hören, nahm ihr mein Onkel, ehe er starb, das Versprechen ab, daß sie mich stets bei sich behalten wolle.
, Nun, Johanna, du weißt, oder wenn nicht, so
will ich es dir sagen, daß, wenn ein Verbrecher angeklagt
wird, es ihm stets erlaubt ist, zu seiner eigenen Ver
teidigung zu sprechen. Du bist als Lügnerin angeklagt worden, vertheidige dich also gegen mich, so gut
du kannst. Erzähle mir Alles, dessen du dich genau
erinnerst, aber füge nichts hinzu und übertreibe nichts.
Ich beschloß, sehr gemäßigt und sehr bestimmt
zu sein; und nachdem ich einige Minuten nachgedacht,
um das im Zusammenhange zu ordnen, was ich zu
sagen hatte, erzählte ich die ganze Geschichte meiner
traurigen Kindheit. An Helenens Warnung denkend,
mich nicht dem Rachegefühl hinzugeben, enthielt ich
mich jeder Bitterkeit. So maßvoll gehalten, machte
meine Erzählung den Eindruck der Wahrheit, und ich
fühlte, daß Miß Temple mir vollkommenen Glauben
schenkte.
Ich erwähnte auch Herrn Lloyd, der mich in
meiner Krankheit besuchte, denn wie hätte ich der für
mich so schrecklichen Episode des rothen Zimmers
vergessen können! Selbst in meiner Erinnerung noch
hatte die Todesangst sich frisch erhalten, die mein
Herz packte, als Mistreß Reed meine dringende Bitte
um Verzeihung zurückwies und mich zum zweiten Mal
in das dunkle und geisterhafte Zimmer einschloß.
Ich hatte meine Erzählung beendet, Miß Temple
sah mich einige Minuten schweigend an und sagte
darauf:
, Ich kenne Herrn Lloyd zufällig und werde an
ihn schreiben. Wenn seine Antwort mit deiner Angabe übereinstimmt, so sollst du öffentlich von jeder Beschuldigung freigesprochen werden; für mich bist
du es schon jetzt, Johanna.
Sie küßte mich und behielt mich noch an ihrer
Seite, wo ich gern stand, denn ich empfand ein kindliches Vergnügen daran, ihr Gesicht, ihre dichten und
schimmernden Locken und ihre glänzenden schwarzen
Augen zu betrachten. Dann wandte sie sich an Helene
Burns:
, Wie befindest du dich diesen Abend, Helene? Hast
du heute viel gehustet?
, Nicht sehr viel, meine ich, mein Fräulein.
, Und der Schmerz in deiner Brust?
, Ist ein wenig besser.
Miß Temple faßte ihre Hand und fühlte ihren
Puls, dann hörte ich sie tief seufzen. Sie war einige
Minuten nachdenkend, faßte sich dann wieder und
sagte heiter:
, Ihr Beide seid heute Abend meine Gäste, und
ich werde Euch als solche bewirthen.
Bei diesen Worten klingelte sie.
, Barbara, sagte sie zu der Dienerin, welche
eintrat, ,ich habe noch keinen Thee bekommen, bringe
das Theezeug herein und auch Tassen für diese beiden
juungen Damen.
Das Theegeschirr wurde bald hereingebracht.
Wie hübsch erschienen meinen Augen die chinesischen
Tassen und der glänzende Theetopf auf dem kleinen runden Tische am Feuer! Wie angenehm war der
Duft des Getränkes und der Geruch des gerösteten
Brotes, wovon ich zu meinem Schrecken -- denn ich
begann Hunger zu empfinden -- nur eine sehr kleine
Portion bemerkte. Miß Temple wurde auch darauf aufmerksam.
, Barbara,' sagte sie, , kannst du mir nicht noch ein
wenig Brot und Butter bringen? Es ist nicht genug
für Drei.
Barbara ging hinaus und kehrte bald zurück
mit den Worten:
, Mein Fräulein, Mistreß Harden sagt, sie habe die gewöhnliche Portion hereingeschickt.
Mistreß Harden war die Haushälterin, eine Person ganz nach Herrn Brocklehurst's Geschmack, zu
gleichen Theilen aus Stein und Eisen bestehend.
, O! sehr gut; ich denke, wir müssen uns ein
richten, so gut es geht, Barbara, entgegnete Miß
Temple, und als das Mädchen sich entfernt hatte,
fügte sie lächelnd hinzu: ,Zum Glück steht es diesmal in meiner Macht, dem Mangel abzuhelfen.'
Nachdem sie Helenen und mir jeder eine Tasse
Thee mit einem delicaten, aber sehr dünnem Stücke
Zwieback vorgesetzt hatte, schloß sie ein Fach auf, nahm
etwas heraus, was in Papier gewickelt war, und zeigte
unseren Augen einen Streukuchen von ziemlicher Größe.
, Ich beabsichtigte, Jeder von euch ein Stück
davon mitzugeben, sagte sie, aber da so wenig ge
röstetes Brot da ist, so müßt Ihr den Kuchen jetzt
zum Thee essen.'
Und sie begann mit freigebiger Hand Stücke
herunter zu schneiden.
Wir schwelgten diesen Abend wie in Nektar und
Ambrosia; und mehr als Alles entzückte uns das
heitere Lächeln, womit unsere Wirthin uns betrachtete,
während wir unseren Appetit an der delicaten Speise
stillten. Als der Thee getrunken und das Geschirr
weggenommen war, rief sie uns wieder zum Feuer.
Wir setzten uns ihr zu beiden Seiten, und jetzt erfolgte
eine Unterhaltung zwischen ihr und Helenen, woran
theilzunehmen in der Chat ein hoher Genuß war.
Miß Temple hatte immer etwas Heiteres in ihrer
Miene, etwas Imponirendes und einen feinen Takt in
ihrer Rede. Ihr Wesen schloß jede Aufregung, jede
übermäßige Lebhaftigkeit aus, und Jedem, der ihr zuhörte, nöthigte sie ein gewisses Gefühl der Ehrfurcht
ab. Dies war jetzt meine eigene Empfindung. Helene
Burns aber setzte mich geradezu in Erstaunen.
Das erfrischende Mahl, das schimmernde Feuer,
die Gegenwart und Freundlickeit ihrer geliebten Lehre
rin, oder vielleicht mehr als dies Alles, etwas in ihrem
eigenen Geiste hatte alle Kräfte in ihr angeregt. Diese
erwachten und glühten zuerst in der dunkleren Farbe
ihrer Wange, die ich bis zu dieser Stunde nie anders
als blaß und blutlos gesehen, dann schimmerten sie
in dem flüssigen Glanze ihrer Augen, die plötzlich eine
auffallende Schönheit angenommen hatten, eine Schön
heit, die keine nur äußerliche war, sondern in dem
vergeistigten Ausdrucke lag. Dann trat ihre Seele
auf ihre Lippen. Aus welcher Quelle ihre Sprache
floß, weiß ich nicht, denn hat ein Mädchen von vier
zehn Jahren ein Herz groß und kräftig geng, um
den brausenden Quell der reinen, vollen und glühen
den Beredtsamkeit fassen zu können? Dies war das
Charakteristische in Helenens Unterhaltung an jenem
für mich so denkwürdigen Abend, ihr Geist schien in
einem kurzen Zeitraum so viel erlebt zu haben, als
Manche kaum in einem langen Dasein.
Sie sprach mit Miß Temple von Dingen, wo
von ich nie gehört hatte; von vergangenen Zeiten
und Nationen; von entfernten Ländern, von entdeckten
oder geahnten Geheimnissen der Natur, sie sprachen
von Büchern -- und wie unendlich viele hatten sie
gelesen! welche Schätze von Kenntnissen besaßen sie!
Dann schienen sie auch mit französischen Schriftstellern
bekannt; aber mein Erstaunen stieg auf's Höchste, als
Miß Temple Helene fragte, ob sie bisweilen einen
Augenblick benutze, um das Latein aufzufrischen, wo
rin ihr Vater sie unterrichtet hatte. Hierauf nahm
sie ein Buch aus ihrem Bücherschrank und forderte
Helene auf, eine Seite im Virgil zu lesen und zu
übersetzen. Helene gehorchte und meine Vewunderung
steigerte sich bei jeder klangvollen Zeile. Kaum war
sie damit zu Ende, als die Glocke die Zeit zum
Schlafengehen verkündete. Jetzt war unseres Bleibens
nicht mehr, Miß Temple umarmte uns Beide und
sagte, indem sie uns an ihr Herz drückte:
, Gott segne Euch, meine Kinder!
Helene hielt sie ein wenig länger umarmt, als
mich, und ließ sie nur widerstrebend von sich, wobei
sie abermals einen traurigen Seufzer ausstieß und
eine Thräne von ihrer Wange trocknete.
Als wir das Schlafzimmer erreichten, hörten wir
die Stimme der Miß Scatcherd. Sie untersuchte die
Fächer und war eben mit Helenens Fach beschäftigt.
Helene wurde mit einem heftigen Tadel empfangen,
und Miß Scatcherd kündigte ihr an, daß ihr am
nächsten Morgen zur Strafe ein Papier angeheftet
werden solle, worauf ihr Vergehen bezeichnet sei.
, Meine Sachen waren freilich in schmachvoller
Unordnung, flüsterte Helene mir zu, ,ich wollte sie
ordnen, vergaß es aber.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit
großen Buchstaben das Wort ,Schlampe' auf ein
starkes Stück Papier und band es um Helenens Stirn.
Sie trug es bis zum Abend geduldig und ohne Zorn, und betrachtete es als eine verdiente Strafe. Sobald
Miß Scatcherd sich nach der Nachmittagsschule ent
fernte, lief ich zu Helene, riß das Papier herunter
und warf es ins Feuer; die Wuth hatte den ganzen
Tag in meiner Seele gebrannt, und beständig flossen große und heiße Thränen über meine Wange, denn
der Anblick ihrer traurigen Resignation verursachte
meinem Herzen eine unerträglice Pein.
Etwa eine Woche nach diesen Vorfällen erhielt
Miß Temple eine Antwort von Herrn Lloyd, und es
schien, als ob dieselbe meine Aussage bestätigt habe.
Nachdem Miß Temple die ganze Schule versammelt
hatte, verkündete sie, daß sie wegen der gegen Johanna
Eyre erhobenen Anklagen Nachforschungen angestellt
habe und sich glücklich fühle, die Schülerin für völlig
frei von jeder Schuld erklären zu können. Die Lehrerinnen drückten mir die Hände und küßten mich, und
ein freudiges Gemurmel lief durch die Reihen meiner
Mitschülerinnen.
So von einer schweren Last befreit, machte ich
mich von dieser Stunde an frisch ans Werk und
beschloß, jede Schwierigkeit zu überwinden; ich arbeitete angestrengt, und der Erfolg lohnte meine Be
mühungen. Die Uebung schärfte meinen Verstand;
in wenigen Wochen wurde ich in eine höhere Classe
versetzt, und kaum zwei Monate darauf erhielt ich die Erlaubnis, das Französische und das Zeichnen
anzufangen. An demselben Tage zeichnete ich meine erste
Hütte, deren schräge Wände die Stellung des Thurmes
zu Pisa noch übertrafen. Als ich am Abend zu Bett
ging, unterhielt ich mich mit idealen Zeichnun
gen, die ich im Dunkeln sah, und die alle das
Werk meiner Hände waren -- mit frei gezeichneten
Häusern und Bäumen, malerischen Felsen und Ruinen,
lieblichen Schmetterlingen, die Rosenknospen umschwärmten, und Vögeln, die an reifen Kirschen pickten.
Ich stellte mir auch in meinen Gedanken die Mög
lichkeit vor, ein kleines französisches Geschichtenbuch,
welches Madame Pierrot mir an dem Tage
gezeigt, geläufig übersetzen zu können, bis ich sanft
einschlief.
Trefflich sagt Salomo: ,Besser ein Mahl von
Kräutern, wo Liebe dabei ist, als ein gemästeter
Ochse, wo der Haß ist.
Ich würde jetzt Lowood mit allen seinen Ent
behrungen nicht gegen Gateshead und seinen Luxus vertauscht haben.
Neuntes Capitel.
Der Frühsling kam heran, der Winterfrost hörte
auf, der Schnee war geschmolzen, der schneidende
Wind hatte sich gelegt. Meine angeschwollenen Füße
begannen zu heilen, als die sanftere Luft des April
wehte. Die sibirische Temperatur der Morgen- und
Abendstunden erstarrte nicht mehr das Blut in unseren
Adern; wir konnten jetzt die Spielstunde im Garten
zubringen; an sonnigen Tagen war es sogar schon
recht angenehm im Freien. Die braunen Beete färbten
sich grün, Blumen brachen unter den Blättern her
vor, Schneeglöckchen, Crocus, purpurne Aurikeln und
goldäugige Stiefmütterchen. An den Donnerstagnachmittagen, wo wir frei hatten, machten wir jetzt Spaziergänge und fanden noch lieblichere Blumen an den Wegen und unter den Hecken.
Ich entdeckte auch, daß ein großer Genuß außer
halb der hohen Mauern unseres Gartens lag. Dieser
Genuß bestand in einer Aussicht auf die Höhen, die
ein üppiges und schattiges Thal umgaben, sowie in
einem schimmernden Bache voll dunkler Steine und
Wirbel. Wie ganz anders hatte diese Scenerie sich
dargestellt, als sie unter ihrer eisernen Winterdecke,
von Frost erstarrt und mit einem Leichentuche von
Schnee überkleidet gewesen war, als Nebel, kalt wie
der Tod, von den Ostwinden über Wiese und Sumpf
dahin gejagt wurden, und sich mit dem kalten Dunste
d es Baches verschmolzen.
Der April ging in den Mai über und nun
zeigte sich die Vegetation in ihrer Kraft; der Wald
wurde grün und blühend; die großen Ulmen, Eschen
und Eichen nahmen wieder Leben an; Waldpflanzen
sproßten üppig auf, zahllose Schlüsselblumen bedeckten
den Boden mit einem milden Schimmer. Dies Alles
genoß ich unbewacht und fast allein, denn diese un
gewohnte Freiheit hatte einen Grund, worauf ich
jetzt zurückkommen muß.
Ein tief zwischen Hügeln und Wald belegenes
Haus, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein Bach
hinzieht, erfreut sich gewiß einer angenehmen Lage;
ob die letztere aber auch eine Gesunde ist, das ist
eine andere Frage.
In der Waldschlucht, worin Lowood lag, bildeten
sich die Nebel, und diese erzeugten ein bösartiges Fieber,
welches mit dem Frühling ausbrach und sich in unsere
Stiftung einschlich. Die Ansteckung griff unaufhaltsam
um sich, und ehe der Mai erschien, war unsere
Schule in ein Hospital umgewandelt. Durch Hunger
und vernachlässigte Erkältungen war der Krankheit
ein günstiger Nährboden bereitet worden, und fünfundvierzig Mädchen von achtzig lagen zugleich krank.
Die wenigen, die verschont blieben, erhielten fast un
beschränkte Freiheit, weil der Arzt häufige Bewegung
für nothwendig erklärte, um sie gesund zu erhalten;
und wäre dies auch nicht der Fall gewesen, so hätte
doch Niemand Zeit gehabt, ihre Aufsicht über sie zu
führen. Miß Temple widmete ihre ganze Aufmerksam
keit den Kranken, hielt sich beständig im Krankenzimmer
auf und verließ es nur in der Nacht, um auf einige
Stunden Ruhe zu suchen. Die Lehrerinnen waren vollauf mit Einpacken und anderen Vorkehrungen zur Abreise derjenigen Mädchen beschäftigt, die glücklich genug
waren, Freunde oder Verwandte zu besitzen, zu denen
sie sich von dem Orte der Ansteckung flüchten konnten.
Viele, die schon den Stoff der Krankheit in sich trugen,
kamen nur nach Hause, um dort zu sterben, einige
starben in der Schule und wurden rasch und in der
Stille begraben, da die Beschaffenheit der Krankheit
den geringsten Aufschub verbot.
Während Krankheit und Tod, Furcht und Trauer
in Lowood herrschten, während es in den Zimmern
und Gängen wie in einem Hospitale roch und man
vergebens bemüht war, durch Mixturen und Pillen
der Seuche Einhalt zu thun, schien jener heitere Mai
unbewölkt über Hügel und Wälder hin. Der Garten
war mit Blumen überkleidet, Rosenpappeln waren
hoch wie Bäume aufgeschossen, Lilien hatten sich ge
öffnet, Tulpen und Rosen blühten; die Einfassungen
der kleinen Beete waren mit dunklen und hellrothen
Seenelken und gefüllten Maßliebchen übersäet; die
Veilchen verbreiteten Morgens und Abends ihren
Duft, und alle diese Schätze waren nutzlos für die
meisten Bewohnerinnen von Lowood, außer um von
Zeit zu Zeit einen Sarg zu schmücken.
Aber ich und die Uebrigen, welche gesund blieben,
erfreuten uns der Schönheiten der Gegend und der
Jahreszeit. Man ließ uns vom Morgen bis zum
Abend wie Zigeunerkinder im Walde umherschweifen;
wir thaten, was uns gefiel, gingen, wohin wir wollten,
und erhielten auch bessere Kost. Herr Brocklehurst und
seine Familie kamen jetzt nie nach Lowood, die strenge
Haushälterin war fort, denn die Furcht vor der Ansteckung hatte sie weggetrieben, und ihre Nachfolgerin, eine Matrone, die in der Anstalt zu Lowton gewesen war
und die Gebräuche ihres neuen Aufenthaltes nicht kannte,
hatte durchaus keine kargende Hand. Ueberdies waren
weniger Kinder zu speisen als sonst, und die Kranken
konnten wenig essen; unsere Frühstückstassen waren
besser gefüllt; wenn die Haushälterin keine Zeit hatte,
ein regelmäßiges Mittagsessen zu bereiten, so gab sie
uns ein großes Stück kalte Pastete oder einige dicke
Schnitten Brot und Käse, und dies nahmen wir mit
uns in den Wald, wo jede sich den Ort aufsuchte, der
ihr am besten gefiehl, und heiter das Mahl verzehrte.
Mein Lieblingssitz war ein Stein, der sich weiß
und trocken aus der Mitte des Baches erhob, und
nur zu erreichen war, wenn man durch das Wasser
watete, was ich that, nachdem ich Schuhe und
Strümpfe ausgezogen hatte. Der Stein war gerade
breit genug, um mir und einem anderen Mädchen,
das ich mir zu jener Zeit als Gesellschafterin aus
gewählt hatte, bequem als Sitz zu dienen. Es war
Maria Anna Wilson, eine kleine Person von scharfer
Beobachtungsgabe, an deren Gesellschaft ich besonders
Vergnügen fand, weil sie witzig und originell war
und weil sich's gut mit ihr umgehen ließ. Einige
Jahre älter als ich, wußte sie mehr von der Welt
und konnte mir vieles erzählen, was ich gern hörte.
Bei ihr fand meine Neugierde Befriedigung; auch
gegen meine Fehler war sie nachsichtig und suchte
mich nie zu zügeln oder zu lenken. Sie belehrte gern,
und ich fragte gern; so fanden wir viel Unterhaltung
an unserem gegenseitigen Umgange, wenn wir auch
nicht sehr dadurch gebessert wurden.
Und wo war inzwischen Helene Burns? Warum
brachte ich diese lieblichen Tage der Freiheit nicht mit
ihr zu? War ich so leichtsinnig, so unwürdig, daß ich ihrer veredelnden Gesellschaft überdrüssig geworden?
Gewiß stand Maria Anna Wilson meiner ersten Bekannten nach, sie konnte mich nur angenehm unter
halten, während Helene befähigt war, denen, welche
sich ihres Umganges erfreuten, einen Geschmack an
höheren Dingen einzuflößen.
Obgleich ich ein mangelhaftes Geschöpf war,
mit vielen Fehlern und wenigen aussöhnenden Eigenschaften, so wurde ich doch der Gesellschaft Helenens
niemals müde und hörte nie auf, ein so zärtliches
und bewunderndes Gefühl für sie zu hegen, wie nur
je eins mein Herz belebte. Aber Helene war jetzt
krank, schon seit einigen Wochen war sie mir aus
dem Gesichte gekommen, und ich wußte nicht in
welchem Zimmer sie sich befand. Man sagte mir, sie
sei nicht in dem zum Hospitale eingerichteten Theile
des Hauses, denn sie leide an der Auszehrung und
nicht an Typhus; und unter Auszehrung verstand
ich in meiner Unwissenheit ein ungefährliches, mildes Leiden, was durch Zeit und Sorgfalt wieder geheilt
werde könne.
Ich wurde in diesem Irrthum durch den Umstand bestärkt, daß sie einige Mal, an sehr warmen und
sonnigen Nachmittagen, von Miß Temple im Garten
umhergeführt wurde. Aber bei diesen Gelegenheiten
wurde es mir nicht gestattet, zu ihr zu gehen und
mit ihr zu reden; ich sah sie nur vom Schulfenster
aus und nicht einmal deutlich, denn sie war einge
hüllt und saß in einiger Entfernung unter dem bedeckten Gange.
Eines Abends, zu Anfang Juni, war ich mit
Maria Anna sehr lange im Walde geblieben; wir
hatten uns, wie gewöhnlich, von den anderen getrennt
und waren weit umhergewandert, so daß wir uns ver
irrt hatten und in einer einsamen Hütte, wo ein Mann
und eine Frau wohnten, die eine halbwilde Schweineherde hüteten, nach dem Wege fragen mußten. Als
wir zurückkehrten, stand ein Pferd an der Gartenthür, welches wir als das des Arztes erkannten.
Maria Anna sprach die Vermuthung aus, es müsse
Jemand sehr krank sein, da man Herrn Bates noch so
spät habe rufen lassen. Sie ging in's Haus und ich
blieb zurück, um eine Handvoll Wurzeln in meinem
Garten zu pflanzen, die ich im Walde ausgegraben
hatte. Es war ein angenehmer, heiterer und warmer
Abend; der noch glühende Westen verhieß einen
schönen Morgen. Im dunklen Osten stieg majestätisch
der Mond empor. Ich betrachtete diese herrliche Na turscene und erfreute mich ihrer, wie ein Kind es
kann, als mir, wie oft zuvor, der Gedanke beikam:
, Wie traurig, jetzt auf dem Krankenlager zu
liegen, und in Todesgefahr zu sein! Diese Welt ist
schön -- es muß schrecklich sein, von ihr abgerufen
zu werden und gehen zu müssen, wer weiß wohin?
Und dann machte mein Geist seine erste ernste
Anstrengung, zu begreifen, was man mir von Himmel
und Hölle gesagt hatte; und zum ersten Male ließ
mich meine Fassungsgabe im Stich. Alles erschien mir
wie ein unergründliches Räthsel; meine Seele ver
mochte nur die Gegenwart zu erfassen und zu begreifen, alles Uebrige war eine leere Tiefe, und ich
schauderte bei dem Gedanken, in dieses Chaos hin
abzustürzen. Während ich hierüber nachdachte, hörte
ich die Vorderthür gehen; Herr Bates kam, von einer
Wärterin begleitet, heraus. Als sie ihn das Pferd
besteigen und fortreiten sah, war sie im Begriff, die
Thür zu schließen, doch ich lief zu ihr hin.
, Wie geht es mit Helene Burns?
, Sehr schlecht,' war die Antwort.
, Ist Herr Bates um ihretwillen gekommen?
, Ja.
, Und was sagt er von ihr?
, Er sagt, sie werde nicht lange mehr hier sein.'
Wäre dieser Ausspruch gestern gethan worden,
würde ich darunter nur verstanden haben, man
werde sie in ihre Heimat nach Northumberland bringen;
aber jetzt war es mir augenblicklich klar, daß Helene
Burns ihre lezten Tage in dieser Welt zähle, und
daß sie im Begriff sei, in die Region der Geister
aufgenommen zu werden, wenn es eine solche Region
gäbe. Ich empfand ein lebhaftes Entsetzen, dann
einen tiefen Schmerz, dann ein unwiderstehliches Verlangen, sie zu sehen, und fragte, in welchem Zimmer
sie liege.
, Sie ist in Miß Temple's Zimmer, sagte die
Wärterin.
, Darf ich zu ihr gehen und mit ihr reden
?
, O nein, Kind! es ist nicht passend, und jetzt
ist es schon Zeit, daß du hereinkommst, du wirst das Fieber bekommen, wenn du draußen bleibst, während
der Thau fällt.
Die Wärterin machte die Vorderthür zu; ich
ging durch die Seitenthür herein, die zu dem Schlafzimmer führte, und kam gerade zur rechten Zeit,
denn es war neun Uhr und Miß Miller rief die
Schülerinnen herbei, um zu Bette zu gehen.
Es mochte etwa zwei Stunden später sein, wahrscheinlich gegen elf Uhr, als ich -- nicht im Stande,
einzuschlafen, und aus der im Schlafsaale herrschen
den Stille schließend, daß alle meine Gefährtinnen
im tiefen Schlummer lagen -- leise aufstand, mein
Kleid über mein Nachtgewand anzog, ohne Schuhe
aus dem Zimmer schlich und Miß Temple's Gemach
aufsuchte. Es befand sich ganz am anderen Ende
des Hauses; aber das Licht des unbewölkten Mondes,
welches hier und da durch die Fenster des Ganges
hereindrang, zeigte mir den Weg. Ein Geruch von
Kampher und verbranntem Weinessig warnte mich,
als ich in die Nähe des Fieberzimmers kam, und ich
ging rasch an der Thür vorüber, damit die Wärterin,
welche die ganze Nacht dort wachte, mich nicht höre.
Ich fürchtete von ihr zurückgeschickt zu werden, denn
ich mußte Helene sehen, ich mußte, ehe sie starb, ihr noch einen lezten Kuß geben und noch ein letztes
Wort mit ihr wechseln.
Als ich die Treppe hinuntergestiegen, durch einen
Theil des unteren Hauses gegangen war, und zwei
Thüren ohne Geräusch geöffnet und geschlossen hatte,
erreichte ich eine neue Treppe. Diese stieg ich hinauf
und gerade vor mir befand sich Miß Temple's Zim
mer. Ein Licht schien durch das Schlüsselloch und
durch die Spalte unter der Thür; tiefe Stille herrschte.
Als ich in die Nähe kam, fand ich die Thür nur
angelehnt, wahrscheinlich um ein wenig Luft in das
Krankenzimmer einzulassen. Voll Ungeduld öffnete ich
sie und blickte hinein. Mein Auge suchte Helene und
fürchtete, sie todt zu finden.
Dicht neben Miß Temple's Bette und von den
weißen Vorhängen desselben halb bedeckt, stand ein
kleineres Bett. Ich sah die Umnrisse einer Gestalt unter
der Bettdecke, aber das Gesicht war hinter den Vor
hängen verborgen. Die Wärterin, mit der ich im
Garten gesprochen, saß schlafend in einem Lehnstuhle
und ein ungeputztes Licht brannte trübe auf dem
Tische. Miß Temple war nicht anwesend, sondern,
wie ich später erfuhr, zu einer Fieberkranken gegangen.
Ich trat näher, blieb an der Seite des kleinen Bettes
stehen, meine Hand faßte den Vorhang, aber ich
wollte lieber erst reden, ehe ich ihn entfernte. Ich
fürchtete immer, eine Leiche zu sehen.
, Helene! flüsterte ich leise, wachst du?
Sie regte sich, schob selber den Vorhang zurück,
und ich sah ihr bleiches und abgefallenes, aber völlig
gefaßtes Gesicht.
, Ei, bist du es, Johanna? fragte sie mit ihrer
eigenthümlich sanften Stimme.
, O! dachte ich, sie wird nicht sterben; man
irrt, sie könnte nicht so ruhig reden und aussehen,
wenn sie dem Tode verfallen wäre.'
Ich neigte mich über ihr Bett und küßte sie,
ihre Stirn war kalt und ihre hohle Wange ebenfalls,
sowie auch ihre Hand, aber sie lächelte, wie immer.
, Warum bist du hierher gekommen, Johanna?
Es ist elf Uhr vorbei; ich hörte es vor einigen Minuten schlagen.
, Ich komme, um dich zu sehen, Helene, ich hörte,
du wärest sehr krank, und konnte nicht schlafen, bis
ich mit dir gesprochen.
, Du bist also da, um Abschied von mir zu nehmen;
du kommst wahrscheinlich gerade zur rechten Zeit.
, Wohin gehst du denn, Helene? Gehst du in
deine Heimat?
, Ja, in meine ewige -- meine letzte Heimat.
, Nein, nein, Helene --
Ich hielt vor Schmerz inne. Während ich meine
Thränen zu verschlucken suchte, wurde Helene von
einem heftigen Hustenanfall ergriffen, ohne daß die
Wärterin jedoch davon erwachte. Als der Husten
vorüber war, lag sie einige Minuten erschöpft da
und flüsterte mir dann zu.
, Johanna, deine kleinen Füße sind bloß; lege dich nieder und decke dich mit meiner Decke zu.
Ich that es, sie schlang ihren Arm um mich, und
ich nistete mich dicht bei ihr ein. Nach langem
Schweigen fuhr sie, noch immer flüsternd, fort:
, Ich bin sehr glücklich, Johanna, und wenn du
hörst, daß ich todt bin, so mußt du dich nicht be
trüben. Wir alle müssen einst sterben, und die Krank
heit, die mich hinwegnimmt, ist nicht schmerzlich; sie
schreitet sanft und allmählich vor, mein Gemüth ist
ruhig. Ich lasse Niemanden zurück, der mich sehr
bedauern wird. Ich habe nur einen Vater, der sich
kürzlich wieder verheiratet hat und mich nicht vermissen wird. Dadurch, daß ich jung sterbe, werde ich
großen Leiden entgehen. Ich besaß keine Fähigkeiten
oder Talente, um mein Glück in der Welt zu machen;
ich wäre beständig im Nachtheil gewesen.
, Aber wohin gehst du, Helene? Siehst du es?
Weißt du es?
, Ich glaube und hege das feste Vertrauen, daß
ich zu Gott gehe.
, Wo ist Gott? Was ist Gott?
, Mein und dein Schöpfer, der nimmer mehr zer
stören wird, was er geschaffen hat. Ich verlasse mich
unbedingt auf seine Macht und vertraue völlig seiner
Güte; ich zähle die Stunden bis zu jenem Augenblick,
der mich ihm wiedergeben und mir ihn offenbaren
wird.
, Bist du denn gewiß, Helene, daß es einen solchen
Ort gibt, wie der Himmel, und daß unsere Seelen
hineinkommen können, wenn wir sterben?
, Ich bin gewiß, daß es einen künftigen Zustand
gibt; ich glaube, Gott ist gut, und ich kann ihm
meinen unsterblichen Theil ohne Furcht übergeben.
Gott ist mein Vater; Gott ist mein Freund, ich liebe
ihn, und glaube, daß er mich liebt.
, Und werde ich dich wiedersehen, Helene, wenn
ich sterbe?
, Du wirst in dieselbe Region des Glückes kommen,
und von demselben mächtigen Vater und Herrn der
Welt aufgenommen werden, zweifle nicht, liebe Jo
hanna.
Ich fragte wieder, aber diesmal nur in meinen
eigenen Gedanken: , Wo ist jene Region? Existirt sie
wirklich?
Und ich schloß Helene fester in meine Arme, sie
schien mir theurer als je; es war mir, als ob ich
sie nicht loslassen könne, und ich lag da und verbarg
mein Gesicht an ihrem Halse. Plötzlich sagte sie im
lieblichsten Tone:
, Wie angenehm ist mir zu Muthe. Dieser letzte
Husten hat mich ein wenig ermüdet und es ist mir,
als könnte ich schlafen. Aber verlaß mich nicht, Johanna, ich habe dich gern bei mir.
, Ich will bei dir bleiben, liebe Helene. Niemand
soll mich von dir wegbringen.
, Bist du warm, mein Liebling
?
, Ja.
, Gute Nacht, Johanna.
, Gute Nacht, Helene.
Sie küßte mich, ich küßte sie, und wir schliefen
bald ein.
Als ich erwachte, war es Tag, eine ungewöhn
liche Bewegung erweckte mich, ich blickte auf und
fand mich in den Armen der Wärterin, welche mich
durch den Gang in den Schlafsaal zurücktrug. Ich
wurde nicht gescholten, weil ich mein Bett verlassen.
Man hatte an Anderes zu denken und gab keine
Antwort auf meine vielfachen Fragen; aber einen oder
zwei Tage später erfuhr ich, daß Miß Temple, als
sie am Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt, mich in
dem kleinen Bette, mein Gesicht an Helenens Schulter,
meine Arme um ihren Hals geschlungen, gefunden.
Ich schlief und Helene war -- todt.
Ihr Grab befindet sich auf dem Kirchhofe zu
Brocklebridge: fünfzehn Jahre lang nach ihrem Tode
war es nur mit einem Rasenhügel bedeckt, jetzt aber
bezeichnet eine graue Marmorplatte mit ihrem Namen
und dem Worte Auferstehen! die Stelle.
Zehntes Capitel.
Bisher habe ich die einzelnen Umstände meines
unbedeutenden Daseins ausführlich erzählt und den
zehn ersten Jahren meines Lebens fast ebenso viel Capitel gewidmet. Aber dies soll keine formgerechte
Selbstbiographie sein, ich fühle mich nur verpflichtet,
mein Gedächtnis zu befragen, wo seine Antworten
irgend von Interesse sein werden; daher übergehe ich
jetzt einen Zeitraum von acht Jahren fast mit Schweigen,
denn wenige Zeilen sind nur nöthig, um die Ver
bindung aufrecht zu erhalten.
Das Typhusfieber verschwand fast gänzlich von
Lowood; doch nicht eher, als bis die Wuth der
Krankheit und die große Zahl der ihr erlegenen
Opfer die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Schule
gerichtet hatten. Es wurden Nachforschungen nach
dem Ursprunge der Seuche angesiellt, und nach und nach kamen verschiedene Thatsachen zum Vorschein,
die den allgemeinen Unwillen im höchsten Grade erregten. Die ungesunde Lage des Ortes; die Quantität
und Beschaffenheit der den Kindern verabreichten
Kost; das schlechte Wasser, welches bei der Bereitung
derselben verwendet wurde; die mangelhafte Kleidung
und die elenden Wohnräume -- dies Alles wurde
entdeckt, und die Entdeckung hatte wohlthätige Folgen
für die Stiftung, wenn sie auch Herrn Brocklehurst
nicht zur Ehre gereichte.
Mehrere reiche und wohlwollende Personen in
der Grafschaft subscribirten reichlich für die Errichtung eines bequemeren Gebäudes in einer besseren Tage,
es wurde ein neues Reglement entworfen, Ver
besserungen in Kost und Kleidung eingeführt und die
Fonds der Schule einem Comite zur Verwaltung anvertraut. Herr Brocklehurst, der seines Reichthums
und seiner Familienverbindungen wegen nicht abgesetzt
werden konnte, behielt seinen Posten als Schatzmeister;
aber er wurde in der Ausübung seiner Pflichten
von Männern unterstützt, die nicht so engherzig und
gefühlslos waren; auch sein Amt als Inspector mußte
er mit Anderen theilen, welche Strenge mit Milde,
Sparsamkeit mit Einsicht, Vernunft mit Mitgefühl
zu vereinen wußten. Die so verbesserte Schule wurde
zu ihrer Zeit eine wahrhaft nützliche und edle Anstalt.
Ich blieb nach ihrer Erneuerung noch acht Jahre
dort, sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin;
und in dem einen wie in dem anderen Verhältnisse hatte ich Ursache, die Vortrefflichkeit der Anstalt zu
loben.
Während dieser acht Jahre war mein Leben
zwar einförmig aber nicht unglücklich, denn es war
reich an Thätigkeit. Die Mittel zu einer vortrefflichen
Ausbildung lagen in meinem Bereiche; die Neigung
zu einigen meiner Studien, und der Wunsch, mich in
anderen auszuzeichnen, nebst dem lebhaften Verlangen,
meinen Lehrerinnen zu gefallen, besonders denen, die
ich liebte, beförderten meinen Eifer und ich benutzte
auf's Beste die mir gebotenen Vortheile. In nicht
langer Zeit wurde ich die Erste der ersten Classe, und
dann übertrug man mir das Amt einer Lehrerin,
welches ich zwei Jahre lang mit Eifer verwaltete.
Nach Verlauf dieser Zeit trat ich in eine andere Laufbahn ein.
Bei allen Veränderungen war Miß Temple Vorsteherin der Anstalt geblieben, ihrer Belehrung und
Anleitung verdanke ich den größten Theil meiner erworbenen Fertigkeiten und Kenntnisse, ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft waren mein beständiger
Trost; sie vertrat bei mir die Stelle der Mutter,
wie der Erzieherin, und endlich wurde sie meine
Freundin. Um diese Zeit verheiratete sie sich mit einem
Geistlichen, einem vortrefflichen Manne, der einer
solchen Gattin würdig war und folgte ihm in eine
entfernte Grafschaft.
Von dem Tage an, als sie uns verließ, war sie
für mich verloren. Mit ihr war die lezte theure Er
innerung, die Lowood gewissermaßen zu meiner Heimat
machte, dahingeschwunden. Ich hatte etwas von ihrer Natur und viel von ihren Gewohnheiten eingesogen:
edlere Gedanken, reinere und besser geklärte Gefühle.
Pflicht untd Disziplin hatten meinen Charakter gemäßigt.
Aber das Schsicksal in Gestalt des hochehrwür
digen Herrn Nasmyth trat zwischen mich unnd Miß
Temple; ich sah sie in ihrem Reiseanzuge, kurz nac
h der Trauung, in eine Postchaise steigen, ich sah den
Wagen den Hügel hinauffahren und hinter demselben
verschwinden. Dann zog ich mich auf mein Zimmer
zurück und brachte dort den größten Theil des halben
Feiertages, den man dieser Gelegenheit zu Ehre ge
währt, in Einsamkeit zu.
Ich ging den größten Theil der Zeit im Zimmer
auf und ab. Miß Temple hatte die heitere Atmosphäre
mit genommen, die ich in ihrer Nähe geathmet; mit
ihr war etwas verschwunden, das mir Antrieb und
Ermuthigung gewesen war. Seit einigen Jahren war
meine Welt in Lowood gewesen, meine Erfahrung
hatte sich auf die Anstalt beschränkt; jetzt erinnerte
ich mich, daß die wirkliche Welt groß sei, und dass
ein wechselndes Feld von Hoffnungen und Ent
täuschungen, von Empfindungen und Anregungen sich
demjenigen öffne, welcher den Muth hatte, sich in
diese Welt voll Gefahren zu wagen, um darin die
wahre Kenntnis des Lebens zu suchen und zu finden.
Ich trat an mein Fenster, öffnete es und blickte
hinaus. Da war der Garten und die Umgebung von
Lowood; da war der von Hügeln begrenzte Horizont.
Mein Auge schweifte über alle anderen Gegenstände
hinweg, um auf jenen fernen blauen Bergspitzen zu
ruhen. Diese zu übersteigen war jetzt mein stärkstes
Verlangen. Alles innerhalb der Umgrenzung der Felsen
und der Haide schien mir ein Gefängnis, ein Verbannungsort. Ich folgte dem weißen Wege, der sich
um den Fuß eines Berges zog und in einer Schlucht
verschwand. Ich erinnerte mich der Zeit, wo ich im
Omnibus auf diesem Wege hierher gekommen und
in der Dämmerung den Hügel hinuntergefahren war.
Ein Menschenalter schien seit dem Tage vergangen zu
sein, der mich zuerst nach Lowood gebracht hatte, und
ich hatte es seitdem nicht verlassen. Meine Ferien
wurden alle in der Anstalt zugebracht, Mistreß Reed
hatte mich nie nach Gateshead eingeladen, weder sie,
noch irgend ein Mitglied ihrer Familie hatte mich je
besucht. Ich hatte keinen brieflichen oder mündlichen
Verkehr mit der äußeren Welt gehabt, Schulordnungen,
Schulpflichten, Schulgewohnheiten und Ansichten,
Stimmen und Gesichter, Vorliebe und Widerwillen,
dies war Alles, was ich von dem Dasein kannte.
Und von nun fühlte ich, daß es nicht genug war,
ich wurde der Gewohnheit von acht Jahren in einem
Nachmittag überdrüssig. Ich verlangte nach Freiheit,
betete um Freiheit; doch schien mir dieser Wunsch zu
kühn, zu unbescheiden; ich wollte mich mit Veränderung,
mit neuen Anregungen begnügen, sei es auch um den
Preis einer neuen Knechtschaft.
Die Glocke, die zum Abendessen läutete, rief mich
hinunter.
Es war mir nicht möglich, den unterbrochenen
Faden meines Nachdenkens wieder anzuknüpfen, als
bis die Zeit des Schlafen gehens kam. In meinem
Zimmer war ich von Störung frei, und mein halb
erloschener Gedanke belebte sich augenblicklich wieder.
, Eine neue Knechtschaft! Darin liegt etwas Ver
nünftiges, dachte ich bei mir selber, ,Freiheit ist ein
schönes Wort, aber für mich kann es nur ein hohler
Klang sein, so daß es nur Zeit verschwenden hieße,
darauf zu horchen. Aber Knechtschaft! das ist wenigstens
s etwas Wirkliches. Jeder kann dienen, ich habe hier
acht Jahre gedient; Alles, was ich wünsche, ist jetzt
anderswo zu dienen. Kann ich nicht so weit meinen
eigenen Willen haben? Läßt sich die Sache nicht leicht
ausführen?
Ich setzte mich aufrecht im Bette und begann
nachzudenken.
, Was bedarf ich? Eine neue Stellung in einem
neuen Hause, unter neuen Gesichtern und neuen Ver
hältnissen; ich will dies, weil es unnütz wäre, etwas
Besseres zu wollen. Wie machen es die Leute, um
eine neue Stelle zu bekommnen? Sie wenden sich ver
muthlich an Freunde, ich habe aber keine Freunde.
Es gibt viele Andere, die auch keine Freunde haben,
und die müssen ihre eigenen Helfer sein, und welches ist ihr Auskunftsmittel
?
, Wer eine Stelle sucht, macht es bekannt; du mußt es also im „Herold“ der Grafschaft M. bekannt
machen. Du mußt die Ankündigung und das Geld
dafür an den Herausgeber des „Herold“ addressiren
und bei der ersten Gelegenheit zu Lowton auf die
Post geben. Die Antworten sollen unter J. E. an
das dortige Postamt adressirt werden; du kannst ja
eine Woche später nach einem Briefe fragen, wenn
einer kommen sollte, und darnach handeln.' Diesen
Plan überlegte ich zwei- bis dreimal; dann war er
, in meinem Geiste gereift, ich fühlte mich beruhigt und schlief ein.
Mit Anbruch des Tages stand ich auf und schrieb
meine Ankündigung. Sie lautete folgendermaßen:
, Eine junge Dame, die im Unterrichten geübt
ist (war ich nicht zwei Jahre Lehrerin gewesen?),
wünscht eine Stellung in einem Privathause, wo die
Kinder unter vierzehn Jahren sind (ich dachte, da ich
selber erst achtzehn war, so würde es nicht gut sein,
die Leitung von Schülerinnen zu übernehmen, die mir an Alter näher ständen). Sie ist befähigt, in den gewöhnlichen Lehrfächern, die eine gute englische Erziehung voraussetzt, so wie auch im Französischen, im
Zeichnen und in der Musik zu unterrichten. Briefe unter
J. E. werden von dem Postamte zu Lowton befördert.
Nach dem Thee bat ich die Vorsteherin, nac
h Lowton gehen zu dürfen, um einige kleine Geschäfte
für mich und einige der anderen Lehrerinnen zu besorgen. Die Erlaubnis wurde mir bereitwillig ertheilt und ich ging. Es war ein Gang von einer
Stuntde und das Wetter naß, aber die Tage waren
noch lang; ich besuchte einige Läden, schob den Brief
in einen Briefkasten auf dem Posthause und kehrte
in heftigem Regen mit durchnäßten Kleidern, aber
erleichtertem Herzen zurück.
Die folgende Woche schien mir sehr lang; endlich
aber erreichte sie doch ihr Ende, und gegen Schluß eines
angenehmen Herbsttages befand ich mich wieder zu
Fuß auf dem Wege nach Lowton. Beiläufig gesagt,
war es ein angenehmer Weg, denn er führte am
Ufer des Baches hin und durch die lieblichsten Krüm
mungen des Thales; aber an dem Tage dachte ich
mehr an die Briefe, die meiner vielleicht in der kleinen
Stadt warteten, als an die Reize der Gegend.
Im Posthause versah eine alte Dame, die eine
Hornbrille auf der Nase und schwarze Pulswärmer
an den Händen trug, den Dienst.
, Sind vielleicht Briefe für J. E. angekommen?
fragte ich.
Sie starrte mich über die Brille weg an, öffete
dann ein Fach und suchte unter dem Inhalt desselben so lange, daß meine Hoffnung schon zu
schwanken begann. Endlich, nachdem sie einen Brief
beinahe fünf Minuten vor ihre Brillengläser gehalten,
reichte sie ihn mir über den Tisch und begleitete die
Handlung mit einem zweiten forschenden und mißtrauischem Blicke. Die Aufschrift lautete J. E.
, Ist nur dieser eine da? fragte ich.
, Es sind nicht mehr da, sagte sie.
Ich steckte den Brief in die Tasche und wendete
mich heimwärts, ich konnte ihn jetzt nicht öffnen, denn
die Hausordnung gebot mir, um acht Uhr zurück
zu sein, und es war schon halb sieben.
Verschiedene Pflichten warteten meiner bei meiner
Ankunft, ich mußte die Aufsicht führen, während die
Mädchen ihre Lectionen lernten; dann mußte ich ihnen G
ebete vorlesen und sie dann zu Bette führen, worauf ich mit den anderen Lehrerinnen zu Abend speiste.
Dann begab ich mich auf mein Zimmer, zündete das
kleine Lichtstümpfchen an, welches noch im Leuchter
stak und zog meinen Brief hervor. Das Siegel ent
hielt den Anfangs buchstaben F.; ich erbrach es und
las den kurzen Inhalt, welcher so lautete:
, Wen J. E. die sich im „Herold“ am letzten
Donnerstag empfohlen, in der Lage ist, über ihre Befähigungen und ihren Lebenswandel genügende Aus
kunft beizubringen, so kann ihr eine Stelle angeboten
werden, wo nur eine einzige Schülerin, ein Mädchen
unter zehn Jahren zu unterrichten ist, gegen ein Ge
halt von dreißig Pfund jährlich. J. E. wird gebeten,
Zeugnisse, Namen, Adresse und sonstige Mittheilungen
zu senden an
Mistreß Fairfax in Thornfield bei Millcote
in der Grafschaft N.
Ich sah das Schreiben lange an, die Handschrift
war altmodisch und etwas unsicher, gleich der einer
alten Dame. Dieser Umstand war beruhigend für
mich, denn ich fühlte, daß es für meine neue Lebens
stellung, vortheilhaft und schicklich sein werde, wenn
ich es mit einer alten Dame zu thun hätte. Mistreß
Fairfax! ich sah sie schon in ihrem schwarzen Kleide
und ihrer Witwenhaube; kalt vielleicht, aber nicht
unhöflich, das Muster einer respectablen Matrone!
Thornfield! das war ohne Zweifel der Name ihres
Hauses, ein netter Ort, davon war ich überzeugt,
obgleich es mir nicht gelingen wollte, mir ein bestimmtes
Bild von der Umgebung zu machen. Millcote in der
Grafschaft N.! Ich vergegenwärtigte mir die Karte
von England, und sah nicht nur die Grafschaft, sondern
auch die Stadt. Die Grafschaft lag siebzig englische
Meilen näher bei London, als die Grafschaft, wo ich
jetzt wohnte, das war eine Empfehlung für mich.
Es verlangte mich nach einem Orte, wo Leben und
Verkehr herrschte; Millcote war eine große Fabrikstadt
an den Ufern des Avon; ohne Zweifel ein lebhafter
Ort. Umso besser, das war wenigstens eine gründliche
Veränderung.
Am nächsten Tage mußten neue Schritte geschehen,
meine Pläne konnten nicht länger in meiner eigenen
Brust verborgen bleiben. Als ich während der Mittagserholung eine Audienz bei der Directrice nach gesucht
und erhalten, sagte ich ihr, ich hätte Aussicht, eine
neue Stelle zu bekommen, wo mir das doppelte Gehalt geboten werde (denn in Lowood erhielt ich nur
fünfzehn Pfund jährlich und bat sie, Herrn Brocklehurst oder irgend einem anderen Mitgliede des Co
mites die Sache mitzutheilen, und sich zu erkundigen,
ob sie erlauben würden, daß ich mich auf sie beriefe.
Gern sagte mir die Vorsteherin ihre Vermittlung zu.
Herr Brocklehurst, dem sie am nächsten Tage die
Sache vortrug, bestand darauf, daß man zuerst an
Mistreß Reed schreibe, als deren Mündel ich zu be
trachten wäre. Es wurde demnach ein Brief an jene
Dame abgeschickt, worauf die Antwort kam, ich möchte
thun, was mir beliebe, sie habe längst ihre Einmischung
in meine Angelegenheiten aufgegeben. Dieser Brief
machte die Runde im Comite, und nach einem für
mich höchst peinlichen Aufschube erhielt ich die Er
laubnis, die sich mir darbietende Gelegenheit zur Verbesserung meiner Lage zu benützen. Auch ein Zeugnis
über Auführung und Fähigkeiten wurde mir zugesichert, da ich mich in Lowood als Lehrerin und
Schülerin stets gut betragen hatte.
Dieses Zeugnis erhielt ich nach Verlauf einer
Woche, worauf ich es an Miß Fairfax absandte,
die sich damit zufrieden erklärte und mir schrieb, ich
könne in vierzehn Tagen die Stelle als Erzieherin in
ihrem Hause antreten.
Die vierzehn Tage gingen rasch vorüber. Ich
hatte keine sehr große Garderobe, obgleich sie meinen
Bedürfnissen genügte, und der letzte Tag reichte hin,
um meinen Koffer zu packen -- denselben, welchen
ich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht hatte.
In einer halben Stunde sollte der Bote kommen,
um ihn nach Lowton zu bringen, wohin ich selbst mich
früh am nächsten Morgen begeben muußte, um den
Omnibus zu treffen. Da ich jetzt nichts weiter zu thun
hatte, setzte ich mich nieder, um auszuruhen. Aber
ich vermochte es nicht, denn ich war zu aufgeregt.
Diese Nacht schloß eine Phase meines Lebens ab,
eine neue eröffnete sich morgen. Es war mir un
möglich, in der Zwischenzeit zu schlafen. Ich mußte
wachen in fieberhafter Aufregung, bis der Wechsel
sich vollzog.
, Miß, sagte eine Dienerin, die mir im Gange
begegnete, wo ich gleich einem ruhelosen Geiste auf-
und abwandelte, ,es ist eine Person unten, die Sie zu
sprechen wünscht.
, Ohne Zweifel der Bote, dachte ich und eilte,
ohne zu fragen, die Treppe hinunter, an dem hinteren
Sprechzimmer, wo sich die Lehrerinnen am Tage zu
weilen aufhielten, vorüber, um in die Küche zu ge
langen. Die Thür war halb offen, und es kam
Jemand auf mich zu mit dem Ausrufe:
, Das ist sie, dessen bin ich gewiß! -- Ich hätte
sie überall wieder erkannt!
Ich erblickte ein Frauenzimmer, welches wie eine
wohlgekleidete Dienerin, wie eine verheiratete Frau,
aber doch noch jung aussah; sie war hübsch, hatte
schwarzes Haar und schwarze Augen und eine gesunde
Gesichtsfarbe.
, Nun, sagte sie mit einer Stimme und einem
Lächeln, welches ich halb wieder erkannte; ich denke, Sie
haben mich doch nicht ganz vergessen, Miß Johanna?
In der nächsten Secunde umarmte und küßte ich sie.
, Bessie! Bessie! Bessie! war Alles, was ich sagen
konnte, wobei sie halb lachte, halb weinte, und dann
gingen wir Beide in das Sprechzimmer. Am Feuer
stand ein kleiner Knabe von drei Jahren, in carrirtem
Rock und Beinkleid.
, Das ist mein kleiner Junge, sagte Bessie sogleich.
, So bist du also verheiratet, Bessie?
, Ja, beinahe seit fünf Jahren, an Robert Leaven,
den Kutscher, und außer Bobby hier habe ich noch
ein kleines Mädchen, welches ich Johanna habe taufen
lassen.
, Und du wohnst nicht mehr in Gateshead?
, Ich wohne im Parkhause, das der alte Pförtner
geräumt hat.
, Nun, und wie geht es denn in Gateshead? Erzähle mir von Allen, Bessie, aber vorher setze dich nieder, und du, Bobby, komme und setze dich auf
meinen Schoß, willst du
?
Aber Bobby zog es vor, zu seiner Mutter hin
überzuwackeln.
, Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jo
hanna, und auch nicht sehr stark, fuhr Mistreß
Leaven fort. Ich fürchte, man hat Sie nicht allzu
üppig gehalten in der Schule. Elise Reed ist über
einen Kopf größer als Sie und Miß George noch
einmal so stark.
,Georgine ist vermuthlich sehr schön?
, Sehr schön. Im letzten Winter ging sie mit
ihrer Mutter nach London, und dort bewunderte sie
Jeder, und ein junger Lord verliebte sich in sie; aber
seine Verwandten waren der Heirat entgegen. Und
was denken Sie, er und Miß Georgine verabredeten
eine Entführung; doch wurde ihre Absicht entdeckt
und man hielt sie zurück. Miß Elise war es, die es
entdeckte, ich glaube, sie war neidisch; und leben Beide
wie Katze und Hund zusammen und zanken sich be
ständig.
, Und wie geht es John Reed?
, O, nicht so gut, wie seine Mama es wünschen
mochte. Er ging auf die Universität, doch wurde
ihm der Grad wegen zu geringer Kenntnisse vorenthalten; dann wollten seine Oheime, er solle Jura
studiren; doch ist er ein so aus schweifender junger
Mann, daß sie nicht viel aus ihm machen werden,
denke ich.
, Wie sieht er aus?
, Er ist sehr groß und Einige nennen ihn einen
hübschen jungen Mann; aber er hat zu dicke Lippen.
, Und Mißreß Reed?
, Missis sieht im Gesichte wohl und voll aus,
aber mir scheint, in ihrem Geiste ist sie nicht ganz
ruhig: Herr John macht ihr Sorgen, er braucht zu
viel Geld.
, Schickte sie dich hieher, Bessie?
, O nein, aber ich habe Sie schon lange besuchen
wollen, und als ich hörte, es sei ein Brief gekommen
mit der Nachricht, daß Sie in einen anderen Theil
des Landes gehen würden, wollte ich Sie noch ein
mal sehen, ehe Sie ganz aus meinem Bereiche wären.
, Ich fürchte, daß ich deinen Erwartungen nicht
entspreche, Bessie, sagte ich lachend, als ich bemerkte,
daß Bessies Blick zwar Achtung, aber durchaus keine
Bewunderung ausdrückte.
, Ei doch, Miß Johanna, Sie sind fein und sehen
ganz wie eine vornehme Dame aus, und mehr er
warte ich von Ihnen nicht, denn Sie waren schon
als Kind keine Schönheit.
Ich lächelte über Bessie's freimüthige Antwort
und fühlte, daß Sie richtig war, aber ich gestehe, daß
mir der Inhalt nicht ganz gleichgültig sein konnte. Im achtzehnten Jahre wünschen die meisten Leute zu
gefallen, und die Ueberzeugung, daß ihr Aeußeres
hinter diesem Wunsche zurückbleibt, ist keineswegs
erfreulich.
, Ich glaube aber, Sie sind dafür auch sehr ge
schickt, fuhr Bessie tröstend fort. ,Was verstehen Sie?
Spielen Sie Klavier?
, Ein wenig.
Es war ein Instrument im Zimmer; Bessie ging
und öffnete es. Dann bat sie mich, ich möge ihr ein
Stück vorspielen. Ich spielte einige Walzer und sie
war entzückt.
, Miß Reeds spielen nicht so gut! frohlockte sie.
, Ich sagte immer, Sie würden sie im Lernen übertreffen. Können Sie auch zeichnen?
, Das ist eins von meinen Bildern dort über dem
Kamin, antwortete ich.
Es war eine Landschaft, in Wasserfarben gemalt,
die ich der Vorsteherin, zum Dank für ihre gefällige
Vermittlung bei dem Comite, geschenkt, und welche
sie hatte einrahmen lassen.
, Nun, das ist schön, Miß Johana! Es ist ein
so schönes Bild, wie es der Zeichenmeister der Miß
Reed nur malen könnte, von den jungen Damen gar
nicht zu reden, die haben's lange noch nicht soweit
gebracht. Und haben sie auch Französisch gelernt?
, Ja, Bessie, ich lese und spreche es.
, Und können sie auch auf Mousselin und Ca
nevas sticken?
, Das kann ich.
, O, da sind Sie ja eine vollständige Dame, Miß
Johanna! Ich wußte es wohl, daß Sie in der Welt
fortkommen würden, Ihre Verwandten mögen sich
nun um Sie kümmern oder nicht. Doch etwas wollte
ich Sie fragen -- haben Sie je etwas von den Ver
wandten Ihres Vaters, den Eyres, gehört?
, Nie in meinem Leben.
, Nun, Sie wissen doch, daß Missis immer sagte,
es wären arme und niedrige Leute. Arm mögen sie
sein, aber ich glaube, sie sind ebenso vornehm, wie
die Reeds; denn eines Tages, jetzt sind es beinahe
sieben Jahre her, kam ein Herr Eyre nach Gateshead und wollte sie besuchen. Missis sagte, Sie wären
in einer fünfzig Meilen entfernten Schulanstalt. Das
schien ihm sehr leid zu thun, denn er konnte sich nicht
aufhalten, da er im Begriffe war, eine Reise über
See anzutreten und das Schiff schon in einem oder zwei
Tagen von London absegelte. Er sah wie ein feiner
Herr aus, und ich glaube, es war Ihres Vaters Bruder.
, In welches überseeische Land wollte er denn
gehen, Bessie?
, Auf eine Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo ein berühmter Wein wächst -- wie der
Kellermeister mir sagte.
, Etwa Madeira? sagte ich.
, Ja, das ist es -- das ist das rechte Wort.
, So reiste er also ab
?
, Ja, er hielt sich nur wenige Minuten im Hause
auf, Missis benahm sich sehr stolz gegen ihn und
nannte ihn später einen lumpigen Handelsmann.
Mein Robert glaubt, er sei ein Weinhändler ge
wesen.
, Sehr wahrscheinlich, entgegnete ich, oder viel
leicht Commis oder Agent eines Weinhändlers.
Bessie und ich unterhielten uns noch eine Stunde
lang von alten Zeiten, und dann war sie genöthigt,
mich zu verlassen. Ich sah sie am nächsten Morgen
in Lowton für einige Miuten wieder, während ich
auf denn Ominibus wartete. Wir trennten uns endlich an der Thür des Gasthauses, sie nahm ihren
Weg nach dem Lowoodhügel, um das Fuhrwerk zu
treffen, welches sie nach Gateshead zurückbringen
sollte, und ich stieg in den Wagen, der mich zu neuen
Pflichten und zu einem neuen Leben in die unbekannte
Gegend von Millcote führte.
Elftes Capitel.
Ein neues Capitel in einem Romane gleicht
einigermaßen einem neuen Akte in einem Schauspiel;
wenn ich diesmal den Vorhang aufziehe, lieber Leser,
so mußt du dir ein Zimmer in Georg's Wirthshaus
zu Millcote mit so großmustrigen Tapeten, Fußteppichen,
Möbeln, Zieraten und Kupferstichen vorstellen, wie
sie in Gasthäusern üblich sind. Dies Alles ist mir bei
dem: Lichte einer Oellampe, die an der Decke hängt,
und bei einem vortrefflichen Feuer sichtbar, vor welchem ich in Mantel und Hut sitze. Mein Muff und
Schirm liegen auf dem Tische, und ich wärme mich,
um die Erstarrung zu vertreiben, die ich mir während
einer sechzehnstündigen Fahrt an einem rauhen Octobertage zugezogen habe. Ich verließ nämlich Lowton
um vier Uhr Morgens, und die Stadtglocke zu Mill
cote schlägt jetzt gerade acht.
Obgleich ich mich hier behaglich fühle, so bin
ich doch nicht ganz ruhig in meinem Geiste. Ich
dachte, wenn die Kutsche anhielte, würde mich hier
Jemand erwarten; ich sah mich nach allen Seiten um,
als ich ausstieg, indem ich hoffte, meinen Namen
rufen zn hören und ein Fuhrwerk irgend einer Art
warten zu sehen, um mich nach Thornfield zu bringen.
Nichts der Art zeigte sich jedoch und auch als ich
mich bei dem Kellner erkundigte, ob Jemand da gewesen wäre, der nach einer Miß Eyre gefragt, erhielt
ich eine verneinende Antwort. Da blieb nichts weiter
übrig, als mir ein Zimmer anweisen zu lassen; und
hier wartete ich, während jede Art von Zweifel und
Furcht meine Gedanken verwirrte.
Es ist eine sehr seltsame Empfindung für die
unerfahrene Jugend, sich ganz allein in der Welt zu
fühlen, in völliger Ungewißheit über die neuen Ver
hältnisse und im Zweifel, ob eine Rückkehr in die alten
möglich ist. Der Reiz des Abenteuerlichen versüßt
freilich diese Empfindung, aber dann kommt die bebende Furcht, und diese wurde bei mir vorherrschend,
als eine halbe Stunde verging und ich noch allein
war. Es fiel mir ein zu klingeln.
, Ist ein Ort in dieser Gegend, der Thornfield
heißt? fragte ich den Kellner, welcher eintrat.
, Thornfield? Ich weiß nicht, mein Fräulein.
Ich will an der Schenke fragen.
Er verschwand, kehrte aber sogleich wieder
zurück.
, Ist ihr Name Eyre, Miß? fragte er.
, Ja.
, Es ist Jemand da, der auf Sie wartet.
Ich sprang auf, nahm meinen Muff und Schirm
und eilte in den Gang des Hauses. Ein Manmn stand
in der offenen Thür, und auf der Straße bemerkte ich
beim Schimmer der Laternen ein ein spänniges Fuhrwerk.
, Dies wird Ihr Gepäck sein? sagte der Mann
etwas kurz, indem er auf meinen noch im Gange
stehenden Koffer deutete.
, Ja, antwortete ich.
Er hob ihn auf das Fuhrwerk, und dann stieg
ich ein; ehe er die Thür zumachte, fragte ich ihn,
wie weit es nac Thornfield sei
, Etwa drei Stunden.
, Und wie lange wird es währen, bis wir dort
hin kommen?
, Etwa anderthalb Stunden.
Er schloß die Wagenthür, kletterte auf seinen
Sitz draußen, und dann ging es vorwärts. Wir
kamen nur langsam vorwärts, so daß ich hinreichend
Zeit zum Nachdenken hatte. Ich war zufrieden, endlich dem Ziele meiner Reise so nahe zu sein. In dem
bequemen, obgleich nicht eleganten Wagen zurück
gelehnt, folgte ich ruhig meinem Gedankengange.
, Nach dem einfach gekleideten Diener und dem
Wagen zu urtheilen, dachte ich, wird Mistreß Fair
fax keine sehr vornehme und reiche Person sein.
Um so besser, ich lebte einst unter feinen Leuten und
befand mich sehr unglücklich bei ihnen. Ob sie wohl
mit diesem kleinen Mädchen allein lebt? Wenn das
der Fall und sie einigermaßen liebenswürdig ist, so
werde ich gewiß im Stande sein, mit ihr durchzu
kommen; ich will mein Möglichstes thun, nur ist es
schade, daß das nicht immer hilft; ich erinnere mich
noch sehr wohl, wie Mistreß Reed meine eifrigsten
Bemühungen mit Verachtung belohnte. Gebe Gott,
daß Mistreß Fairfax keine zweite Mistreß Reed sein
möge; wenn sie es dennoch ist, so bin ich wenigstens
nicht verbunden, bei ihr zu bleiben.
Der Weg war schlecht und die Nacht neblig;
mein Führer ließ sein Pferd den ganzen Weg im
Schritt gehen, und ich glaube sicher, daß aus den
anderthalb Stunden wenigstens zwei wurden. Endlich
drehte er sich auf seinem Sitze herum und sagte:
, Jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.
Ich blickte hinaus, wir kanten an einer Kirche
vorüber; ich sah, wie der niedrige und breite Thurm
gegen den Himmel abstach; und gerade schlug die
Glocke ein Viertel, als ich an der Seite eines Hügels
eine kleine Reihe von Lichtern sah, die von einem
Dorfe oder einem Weiler herrühren mochten. Etwa
zehn Minuten später stieg der Kutscher ab und öffnete
ein Thor; wir fuhren durch und es schlug hinter uns
wieder zu. Dann ging es langsam einen Weg hin
auf und endlich hielten wir vor der langen Front
eines Hauses. Nur aus einem einzigen verhängten
Bogenfenster strömte Licht hervor; alles Uebrige war
dunkel. Die Thür wurde von einer Dienerin geöffnet,
ich stieg aus und ging hinein.
, Wollen Sie gefälligst mit mir kommen, Fräulein, sagte das Mädchen, und ich folgte ihr durch eine
viereckige Vorhalle, die von hohen Thüren umgeben
war, dann führte sie mich in ein Zimmer, dessen doppelte Beleuchtung von Feuer und Licht mich anfangs
in Folge des Gegensatzes zur Dunkelheit, an die sich
meine Augen seit zwei Stunden gewöhnt hatten, blendete; als ich aber sehen konnte, stellte sich meinen
Angen ein gemüthliches und angenehmes Bild dar.
Ein hübsches kleines Zimmer, ein runder Tisch
neben einem hellen Feuer, ein altmodischer Lehnsessel
mit hoher Lehne, worin die zierlichste kleine ältliche
Dame, die man sich nur denken kann, in Witwenhaube und schwarzseidenem Kleide saß. Gerade so
hatte ich mir Mistreß Fairfax vorgestellt, doch sah sie
milder aus, und ihr Wesen war weniger stattlich. Sie
war mit einem Strickstrumpf beschäftigt; eine große
Katze saß ehrbar zu ihren Füßen; kurz, es fehlte
nichts, um das schöne Ideal häuslicher Behaglichkeit
zu vollenden. Eine beruhigendere Einführung für
eine neue Erzieherin konnte man sich kaum denken.
Ich wurde von keinem stolzen und vornehmen Wesen
in Verlegenheit gesetzt, und als ich eintrat, stand die
alte Dame auf und kam mir sogleich freundlich entgegen.
, Wie ist es Ihnen ergangen, meine Liebe? Ich
fürchte, Sie haben eine langweilige Fahrt gehabt;
John fährt so langsam. Es muß Ihnen kalt sein,
kommen Sie zum Feuer.
, Mistreß Fairfax vermuthlich? sagte ich.
, Ja, Sie haben Recht, setzen Sie sich nieder.
Sie führte mich zu ihrem eigenen Stuhle und
nahm mir Shawl und Hut ab, obgleich ich sie bat,
sich nicht so viel Mühe zu machen.
, O! es ist keine Mühe; auch müssen Ihre Hännde
von der Kälte fast erstarrt sein. Lea, mache ein
wenig heißen Negus und schneide einige Butterschnitte
mit Fleisch; hier ist der Speisekammerschlüssel.
Und sie zog einen sehr haushälterisch aussehenden Schlüsselbund aus ihrer Tasche und übergab ihn
der Dienerin.
, Nun, setzen Sie sich doch ein wenig näher zum
Feuer, fuhr sie fort.
, Sie haben Ihr Gepäck mitgebrachst, nicht wahr, meine Liebe?
, Ja, Madame.
, Ich will es in Ihr Zimmer bringen lassen, sagte sie und ging rasch hinaus.
Ich erwartete eine solche Aufnahme nicht. Nach
allem, was ich über die Behandlung der Erzieherinnen gehört hatte, war ich auf Kälte und Steifheit
vorbereitet, doch wollte ich mich nicht voreilig freuen.
Sie kehrte zurück, räumte mit eigenen Händen
ihr Strickzeug und einige Bücher vom Tische weg,
um für das Geschirr Platz zu machen, welches Lea
jetzt hereinbrachte, und reichte mir dann eigenhändig
die Erfrischungen. Ich war ein wenig verwirrt, der
Gegenstand so ungewohnter Aufmerksamkeit zu sein,
und noch dazu von Seiten meiner Gebieterin.
, Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen
haben, Miß Fairfax zu sehen? fragte ich, als ich
das Angebotene angenommen.
, Wie sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein
wenig taub, entgegnete die gute Dame, ihr Ohr
meinem Munde nähernd.
Ich wiederholte die Frage deutlicher.
, Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens?
Varens! ist der Name Ihrer künftigen Schülerin.
,
Ei! so ist sie also nicht ihre Tochter?
, Nein -- ich habe keine Famnilie.
, Es ist mir so lieb, fuhr sie fort, während sie
sich mir gegenüber niedersetzte und die Katze auf den
Schoß nahm, es ist mir so lieb, daß Sie gekommen
sind; es wird jetzt ganz angenehm hier sein, wenn
ich eine Gesellschafterin habe. Gewiß ist es hier zu
jeder Zeit angenehm, denn Thornfild ist ein schönes
altes Herrenhaus, in den letzten Jahren vielleicht etwas
vernachlässigt, aber dennoch immer ein respectabler
Ort; doch im Winter, wie Sie wissen, ist es auch in
der besten Wohnung langweilig und ungemüthlich, wenn man ganz allein ist. Ich sage allein -- Lea
ist freilich ein ganz ordentliches Mädchen und John und seine Frau sind auch sehr verständige Leute, aber
sehen Sie, es sind immer nur Diener, und man kann sich mit ihnen nicht wie mit Seinesgleicen unterhalten,
man muuß sie in schicklicher Entfernung halten, um
seine Autorität nicht zu verlieren. Im letzten Winter
-- und ein sehr strenger Winter war es, wenn Sie
sich noch darauf besinnen, und wenn es nicht schneite,
so regnete und stürmte es -- kam vom November
bis zum Februar kein menschliches Wesen ins Haus,
als der Schlächter und der Postbote, und ich wurde
ganz melancholisch, einen Abend wie den anderen ganz
allein sitzen zu müssen. Zuweilen mußte Lea wohl
hereinkommen und mir vorlesen, aber ich glaube, das
gefiel dem armen Mädchen nicht besonders. Im
Frühling und Sommer geht es schon besser, der
Sonnenschein und die langen Tage bringen ange
nehme Abwechslung, und dann kam gerade zu Anfang dieses Herbstes die kleine Adele Varens mit
ihrer Vonne; ein Kind macht ein Haus gleich
lebendig, und jetzt, da Sie hier sind, werde ich ganz
heiter sein.
Mein Herz erwärmte sich nur noch mehr für die
würdige Dame, als ich sie so reden hörte, und ich
zog meinen Stuhl ein wenig näher zu ihr hin und
sprach meinen aufrichtigen Wunsch aus, daß sie meine
Gesellschaft so angenehm finden möge, wie sie erwartete.
, Aber ich will Sie nicht veranlassen, diesen Abend
zu lange aufzubleiben, sagte sie, ,es ist jetzt bereits
zwölf, und Sie sind den ganzen Tag gereist, Sie
müssen sich also ermüdet fühlen. Wennn Sie sich Ihre
Füße gut erwärmt haben, will ich Ihnen ihr Schlaf
zimmer zeigen. Ich habe das Zimmer, welches dem
meinen zunächst liegt, für Sie einrichten lassen; es ist
nur klein, aber ich dachte, es würde Ihnen besser
gefallen, als eins von den großen Vorderzimmern; sie sind freilich schöner möblirt, aber einsam, und ich
schlafe selber nie darin.
Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und
da ich von meiner Reise wirklich ermüdet war, erklärte ich mich bereit, mich zur Ruhe zu begeben. Sie nahm
ihr Licht, und ich folgte ihr aus dem Zimmer die
Treppe hinauf. Stufen und Geländer waren von
Eichenholz; das Fenster auf der Treppe war hoch
und vergittert, und dieses sowie die lange Gallerie,
auf welche die Thüren der Schlafzimmer hinaus führten,
sahen aus, als ob sie eher einer Kirche, als einem
Hause angehörten. Eine sehr kalte Luft, wie in einem
Gewölbe, herrschte auf der Treppe und der Gallerie,
und es war mir lieb, als ich endlich in mein Zimmer
geführt wurde, es klein und in dem gewöhnlichen
modernen Styl möblirt zu finden.
Als Mistreß Fairfax mir freundlich gute Nacht
gewünscht und ich meine Thür verriegelt hatte, sah
ich mich gemächlich um. Der unerfreuliche Eindruck
den die weite Vorhalle, die dunkle und geräumige
Treppe sowie die lange und kalte Gallerie auf mich
gemacht hatten, wurde durch den wohnlicheren Anblick
meines kleinen Zimmers verdrängt, und ich freute mich,
daß ich nach einem Tage körperlicher Anstrengung
und ängstlicher Erwartung jetzt endlich sicher im Hafen
sei. Dankbarkeit schwelgte mein Herz, ich kniete neben meinem Bette nieder und brachte Gott meinen Dank dar, auch vergaß ich nicht, ihn um weitere Hilfe zu
bitten und um Kraft, die Güte zu verdienen, womit
man mir hier entgegen gekommen war. Zugleic
h ermüdet und zufrieden, schlief ich bald fest ein. Als
ich erwachte, war es heller Tag.
Das Zimmer erschien mir als eine sehr hübsche
kleine Heimstätte, als die Sonne zwischen den Fenster
vorhängen hereinlugte und mir die tapezierten Wände
und den mit Teppichen belegten Fußboden zeigte, so
unähnlich den rohen Dielen und den angespritzten
Kalkwänden zu Lowood, daß mein Geist bei dem
Anblick sich hob. Es war mir, als beginne ein glänzender Abschnitt meines Lebens, der neben seinen
Mühseligkeiten auch seine Freuden haben werde. Alle
meine Seelenkräfte schienen durch die Ortsveränderung
durch das neue Feld, welches sich für meine Hoffnungen öffnete, wieder lebendig geworden. Ich kann nicht
genau erklären, waS ich erwartete, aber es war etwas angenehmes.
Ich stand auf und kleidete mich mit Sorgfalt
an. Freilich war ich genöthigt, einfach zu erscheinen,
denn ich hatte kein Kleidungsstück, welches nicht mit
der änßersten Einfachheit gemacht war; doch hatte
ich von Natur das entschiedene Bestreben, sauber und
nett auszusehen. Es war nicht meine Gewohnheit,
unachtsam gegen die äußere Erscheinung oder unbe
kümmert um den Eindruck zu sein, den ich machte,
im Gegentheil wünschte ich stets so sehr zu gefallen,
als meine mangelnde Schönheit es gestattete. Ich bedauerte zuweilen, daß ich nicht schöner sei, wünschte
mir rosige Wangen, eine griechische Nase und einen
kleinen Kirschenmund, auch meine Gestalt hätte ich
mir größer und schöner entwickelt gewünscht. Ich hielt
es für ein Unglück, so klein und so blaß zu sein und
so unregelmäßige und stark gezeichnete Züge zu haben. Als ich mein Haar glatt gebürstet, mein schwarzes
Kleid angelegt und einen reinen weißen Halskragen dazu umgebunden hatte, glaubte ich, anständig genug
vor Mistreß Fairfax erscheinen zu können, und hoffte
daß meine neue Schülerin sich wenigstens nicht von
mir ahgeschreckt fühlen werde.
Ich ging durch die lange, mit Matten bedeckte
Gallerie, stieg die glatten Stiegen von Eichenholz hin
unter, erreichte dann die Halle, blieb dort eine Minute stehen, betrachtete einige Bilder an den Wäntden
-- wovon eins einen grimmigen Mann in einem
Brustharnisch, und ein anderes eine Dame mit ge
pudertem Haar und einem Perlenhalsband darstellte
-- und bemerkte im Vorübergehen eine messingene
Lampe, die von der Decke niederhing und eine große
Uhr, deren Kasten von zierlich geschnitztem Eichenholz
war und von der Zeit und vom Poliren die Farbe
des Ebenholzes angenommen hatte. Alles erschien mir
imposant; aber damals war ich wenig an etwas
Großartiges gewöhnt. Die Hausthür, in deren oberen
Hälfte sich Glasscheiben befanden, stand offen und ich
überschritt die Schwelle. Es war ein schöner Herbst
morgen; die frühe Sonne schien heiter auf gebräunte
Lustwälder und noch grüne Felder; dann trat ich auf
den Rasenplatz hinaus, blickte auf und überschaute die
Front des Gebäudes. Es war drei Stockwerke hoch,
obgleich nicht allzu groß, der Landsitz eines Herrn vom
niederen Adel und nicht eines Lords. Die Zinnen verliehen demselben ein malerisches Ansehen. Die graue
Front stach gegen ein Dohlengeniste ab, dessen kräch
zende Bewohner jetzt umherflogen, ihren Weg über
den Rasenplatz und den Park nahmen und sich
auf einer großen Wiese niederließen, wo eine Reihe
mächtiger alter Dornbäume, stark, knorrig und
breit wie Eichen, zugleich die Benennung des Herren
hauses erklärten. In weiterer Entfernung erhoben
sich Hügel, nicht so hoch und massig, wie die bei Lowood, welche zwischen diesem und der übrigen Welt
eine unübersteigliche Schranke zu ziehen schienen, aber
immerhin die Gegend einsam abschließen. Ein kleiner
Weiler lag zerstreut an der Seite eines von diesen
Hügel; die Kirche des Districts stand Thornfield
näher, und die alte Thurmspitze blickte über eine
Erhöhung zwischen dem Hause und dem Parkpforten
hervor.
Ich erfreute mich noch der ruhigen Aussicht und
der angenehmen frischen Luft, als Mistreß Fairfax in
der Thür erschien.
, Wie, schon draußen? sagte sie. , Ich sehe, Sie
stehen gern früh auf.
Ich ging zu ihr und wurde mit einem freundlichen Kusse und einem Händedruck empfangen.
, Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie.
Ich sagte ihr, es gefalle mir sehr gut.
, Ja, nickte sie, es ist ein hübscher Ort; aber
ich fürchte, es wird verwildern, wenn Herr Rochester
sich nicht entschließt, seinen Wohnsiz hierher zu verlegen oder wenigstens öfter herzukommen. Große
Häuser und schöne Besitzungen fordern die Gegenwart des Besitzers.
, Herr Rochester! rief ich. , Wer ist das?
, Der Besitzer von Thornfield, antwortete sie
ruhig. , Wußten Sie nicht, daß er Rochester heißt?
Ich hatte nie vorher von ihm gehört; aber die alte
Dame schien seine Existenz als eine allgemein bekannte
Thatsache anzusehen, womit jeder instinctmäßig be
kannt sein müsse.
Ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen, fuhr
ich fort.
, Mir? welch' ein Einfall, mein Kind! mir?
Ich bin nur die Verwalterin. Freilich bin ich von
mütterlicher Seite entfernt mit den Rochester's ver
wandt, oder wenigstens mein verstorbener Mann war
es, der die Pfarrstelle zu Hay bekleidete -- in jenem
kleinen Dorfe, dort auf dem Hügel -- und jene
Kirche in der Nähe des Thores war die seine. Dioe Mutter des Herrn Rochester war eine geborene Fairfax und eine Cousine meines Mannes; aber ich mache
nie Anspruch auf diese Verwandtschaft -- das ist
nichts für mich; ich betrachte mich als eine gewöhnliche Haushälterin, mein Herr ist immer höflich, und weiter verlange ich nichts.
, Und das kleine Mädchen -- meine Schülerin?
, Sie ist Herrn Rochester's Mündel, und er trug
mir auf, eine Erzieherin für sie zu suchen. Dort kommt
sie mit ihrer Vonne, wie sie ihr Mädchen nennt.
Die freundliche und gütige kleine Witwe war
also keine große Dame, sondern eine Untergebene, wie
ich. Sie gefiel mir darum nicht weniger; im Gegen
theil war es mir angenehmer. Ihr Benehmen gegen
mich war demnach nicht bloße Herablassung von ihrer
Seite, sondern Gleichstellung mit mir, umso besser --
meine Stellung war freier.
Während ich noch über die mir so neue Er
öffnung nachdachte, kam ein kleines Mädchen, von
ihrer Dienerin begleitet, den Gang dahergelaufen. Ich
betrachtete meine Schülerin, die mich anfangs nicht
zu bemerken schien. Sie war sieben oder acht Jahre
alt, zart gebaut, hatte ein blasses Gesicht mit
zierlicsen Zügen und eine Fülle von Haar, die in Locken bis zu ihrer Taille herunterfiel.
, Guten Morgen, Miß Adele, sagte Mistreß
Fairfax. Kommen Sie und begrüßen Sie diese Dame,
die Sie unterrichten und ausbilden wird.
Die Kleine näherte sich.
, Das ist wohl meine Gouvernante? wanndte
sie sich in französischer Sprache, auf mich deutend,
an ihr Mädchen, welche in derselben Sprache bejahte.
, Sind beide Ausländerinnen? fragte ich erstaunt.
, Die Wärterin ist eine Ausländerin; Adele
wurde auf dem Continent geboren und hat diesen, so
viel ich weiß, bis vor sechs Monaten auch nie ver
lassen. Als sie hier ankam, konnte sie gar kein Eng
lisch sprechen; aber jetzt geht es schon ein wenig, ich
verstehe sie indeß nicht, denn sie mischt immer viel
Französisch hinein; doch ich denke, Sie werden schon
verstehen, was sie sagt.
Zum Glück hatte ich mir eine gewisse Fertigkeit
im Französischen angeeignet und konnte voraussetzen,
daß ich nicht weit hinter Mademoiselle Adele zurückbleiben werde. Sie kam und drückte mir die Hand,
als sie hörte, daß ich ihre Erzieherin sei, und während
ich sie zum Frühstück führte, sprach ich einige Sätze
in ihrer Sprache mit ihr. Sie antwortete anfangs nur
kurz, als wir aber am Tische saßen und sie mich
etwa zehn Minuten mit ihren großen nußbraunen
Augen angesehen, begann sie plötzlich geläufig zu plaudern.
, Ah! rief sie französisch. , Sie sprechen meine
Sprache so gut, wie Herr Rochester, ich kann mit
Ihnen reden, wie mit ihm, und auch Sophie. Es
wird ihr lieb sein, den Niemand versteht sie, Madame Fairfax spricht nur englisch. Sophie ist meine
Vonne; sie kam mit mir über die See in einem großen
Schiffe mit einem Schornstein, welcher rauchte, und
ich war krank und Sophie und Herr Rochester auch.
Unser Schiff hielt am Morgen, ehe es noch ganz
hell war, bei einer großen Stadt an -- bei einer
ungeheuren Stadt, mit sehr dunklen Häusern, und
alle rauchgeschwärzt, durchaus nicht so hübsch wie in
der reinlichen Stadt, aus der ich kam; und Herr
Rochester trug mich auf seinen Armen ans Land, und
Sophie kam nach, und wir stiegen Alle in eine Kutsche,
die uns zu einem schönen großen Hause brachte,
ein Hotel genannt. Dort blieben wir beinahe eine
Woche, ich und Sophie gingen jeden Tag auf einem
großen grünen Platze spazieren, der mit Bäumen
bepflanzt war und den man den Park nannte; und
da waren außer mir noch viele Kinder, und ein Teich mit schönen Fischen, die ich mit Brotkrumen fütterte.
, Verstehen Sie das Kind, wenn es so schnell
spricht? fragte Mistreß Fairfax.
Ich verstand sie sehr gut, denn ich hatte mich
an die geläufige Zunge der Madame Pierrot gewöhnt.
, Ich möchte wohl, Sie fragten sie nach
ihren Verwandten? fuhr die gute Dame fort, ich
möchte wissen, ob sie sich derselben erinnert.
, Adele, fragte ich, ,bei wem warst du, als du
in jener hübschen reinlichen Stadt lebtest, von der du
gesprochen?
, Ich war lange bei Mama; aber sie ist zur
heiligen Jungfrau gegangen. Mama unterrichtete mich
im Tanzen und Singen, und ich mußte Verse hersagen. Eine große Menge Herren und Damen kamen,
Mama zu besuchsen, und dann tanzte ich vor ihnen,
oder saß ihnen auf dem Schoß und sang ihnen Lieder,
das gefiel mir. Soll ich Ihnen jetzt einmal etwas
vorsingen?
Sie hatte ihr Frühstück beendet und da erlaubte
ich ihr, eine Probe von ihren Geschicklichkeiten zu
geben. Sie sezte sich auf mein Knie, faltete dann
ehrbar ihre kleinen Hände vor sich, schüttelte ihre
Locken zurück, erhob ihre Augen zur Decke und begann eine Stelle aus einer Oper zu singen. Es war
der Gesang einer verlassenen Dame, welche die Treulosigkeit ihres Geliebten beklagt; dann erwacht ihr
Stolz, sie befiehlt ihrer Dienerin, sie mit den glänzendsten Juwelen und prächtigsten Gewändern zu
schmücken, und faßt den Entschluß den Treulosen an
dem Abend auf einem Balle zu treffen und ihm durch
die Heiterkeit ihres Benehmens zu beweisen, wie
wenig Eindruck sein Abfall auf sie gemacht hat.
Der Gegenstand schien mir für eine kindliche
Sängerin seltsam gewählt.
Adele sang die Arie mit ganz hübscher Stimme
und der Naivetät ihres Alters. Als sie damit zu
Ende war, sprang sie von meinem Knie und sagte:
, Nun, Mademoiselle, will ich ihnen ein Gedicht
vorsagen.
Nachdem sie sich in Positur gestellt hatte, begann sie „das Bündnis der Ratten“eine Fabel von
la Fontaine, zu recitiren. Sie declamirte das kleine
Stück mit einer Biegsamkeit der Stimme und mit so
passenden Bewegungen, wie sie in ihrem Alter sehr
ungewöhnlich sind, und die bewiesen, daß man es ihr
überaus sorgfältig eingelernt habe.
, Hat deine Mama dir das Stück gelernt?
fragte ich.
, Ja, und sie pflegte es gerade so vorzutragen,
wie ich. Soll ich ihnen jetzt etwas vortanzen?
, Nein, dies ist schon hinreichend. Aber nachdem
deine Mama zur heiligen Jungfrau gegangen war,
wie du sagst, bei wem lebtest du da?
, Bei Madame Frederic und ihrem Manne; doch
ist sie nicht mit mir verwandt. Ich glaube, sie ist
arm, denn sie hatte kein so schönes Haus, wie Mama.
Ich war nicht lange bei ihr, da fragte mich Herr
Rochester, ob ich mit ihm gehen und in England leben
wolle, und da sagte ich ja; denn ich kannte Herrn
Rochester eher als ich Madame Frederic kannte,
und er war immer freundlich gegen mich und gab
mir hübsche Kleider und Spielsachen. Er hat mich
nach England gebracht, aber ich sehe ihn nie.
Nach dem Frühstück gingen Adele und ich in
das Bibliothekzimmer, welches, wie Herr Rochester
angeordnet, als Schulzimmer benutzt werden sollte.
Die meisten Bücher waren hinter Glasthüren ver
schlossen, doch war ein Bücherschrank offen geblieben,
der alle nöthigen Elementarwerke, verschiedene Ge
dichtsammlungen, Biographien, Reisebeschreibungen
und einige Romane enthielt. Vermuthlich hatte Herr
Rochester geglaubt, das sei Alles, was eine Erzieherin
zu ihrer Privatlectüre bedürfe. In diesem Zimmer
befand sich auch ein ganz neues Pianoforte von vor
trefflichem Ton, eine Staffelei zum Malen und Erd- und Himmelsgloben.
Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, doch
nicht zum Fleiße geneigt, denn sie war an keine regel
mäßige Beschäftigung irgend einer Art gewöhnt. Ich
sah ein, daß es nicht vernünftig sein würde, sie gleich
anfangs zu sehr anzustrengen, und als ich sie ein
wenig hatte lernen lassen, erlaubte ich ihr um zwölf
Uhr, zu ihrer Vonne zurückzukehren. Ich wollte die
Zeit bis Mittag damit ausfüllen, einige kleine Skizzen
für Adele's Gebrauch zu zeichnen.
Als ich die Treppe hinaufging, um meine Zeichenmappe und Bleistifte zu holen, rief Mistreß Fairfax
zu mir:
, Ich vermuthe, Ihre Schulstunden für diesen
Morgen sind beendet?
Sie befand sich in einem Zimmer, dessen Flügelthüren offen standen, und ich trat ein, als sie mich
anredete. Es war ein großer stattlicher Raum mit
purpurfarbigen Stühlen und Vorhängen und einem
türkischen Teppich. Die Wände waren mit Täfelwerk
von Nußholz bekleidet, das breite Fenster war mit
schön gemaltem Glase geziert, die hohe Docke mit
geschmackvollen Stuccaturen versehen. Mistreß Fairfax
stäubte einige Gefäße von purpurrothem Marienglase
ab, die auf einem Nebentische standen.
, Welch' ein schönes Zimmer! rief ich, als ich mich
umsah, denn ich hatte noch nie ein so imposantes
Gemach gesehen.
, Ja, dies ist das Speisezimmer. Ich habe nur
das Fenster geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnen
schein hereinzulassen, denn in Zimmern, die selten
bewohnt werden, wird Alles leicht feucht, und im
Gesellschaftszimmer dort herrscht eine Luft wie in
einer Gruft.
Sie deutete auf eine breite Bogenthüre, die mit
einem dunkelrothen, jetzt zurückgeschlagenen Vorhange
versehen war. Ich stieg zwei breite Stufen hinauf
und glaubte einen Feensaal zu erblicken, so glänzend
erschien meinen unerfahrenen Augen diese Aussicht.
Doch es war nur ein sehr hübsches Gesellschaftszimmer,
und hinter demselben ein Boudoir, beide mit weißen
Teppichen bedeckt, auf welchen glänzende Blumen
guirlanden zu liegen schienen. Die Plafonds waren
schneeweiß und mit Trauben und Weinblättern von
Gyps verziert. Lebhaft contrastirten hiezu die hochrothen Sophas und Ottomanen, während die Zie
raten des Kamins aus carrarischem Marmor bestanden. Die großen Spiegel zwischen den Fenstern werfen
diese Farbenmischung von Schnee und Feuer zurück.
, In welch vortrefflicher Ordnung erhalten Sie
diese Zimmer, Mistreß Fairfax! sagte ich, wenn die
Luft nicht so kalt wäre, sollte man denken sie würden
täglich bewohnt.
, Nun, Miß Eyre, obgleich Herrn Rochester's Besuche selten sind, kommen sie doch stets plötzlich und
unerwartet, und so ist es das Beste, die Zimmer
stets in Bereitschaft zu halten.
, Ist Herr Rochester ein peinlich pünktlicher und
viel fordernder Mann?
, Das nicht gerade; aber er hat den Geschmack
und die Gewohnheiten eines gebildeten Mannes und
erwartet, daß Alles in Uebereinstimmung damit gehalten werde.
, Gefällt er Ihnen? Ist er allgemein beliebt?
, O ja, die Familie ist hier stets geachtet gewesen. Fast alles Land in dieser Gegend, so weit Sie
sehen können, hat den Rochester's seit Menschengedenken gehört.
, Nun, wenn wir seine Besitzung aus dem Spiele
lassen, ist er um seiner selbst willen beliebt?
, Ich habe keine Ursache über ihn zu klagen,
und ich glaube, er wird von seinen Pächtern als ein
gerechter und liberaler Gutsherr geschätzt; doch hat
er nicht viel unter ihnen gelebt.
, Wie ist, kurz gesagt, sein Charakter?
, O! sein Charakter ist ohne Vorwurf, glaube
ich. Er ist viel gereist und hat einen großen Theil
der Welt gesehen. Er wird auch talentvoll sein; aber
ich habe nie viel Gelegenheit gehabt, mit ihm zu
sprechen.
, Hat er seine Eigenthümlichkeiten?
, Ich weiß es nicht -- es ist nicht leicht zu be
schreiben -- aber wenn man mit ihm redet, ist man
nicht immer gewiß, ob er im Scherz oder im Ernst
spricht, ob ihm etwas angenehm oder unangenehm
ist; kurz, man versteht ihn nicht vollkommen -- wenig
stens ich nicht; aber er ist bei alldem ein sehr guter
Herr.
Dies war alle Auskunft, die ich von Mistreß
Fairfax über ihren und meinen Herrn zu erhalten
vermochte. Es gibt Leute, die sich nicht darauf verstehen, den Charakter eines Menschen oder hervorstechende Züge an ihm, zu beobachten und zu beschreiben. Die gute Dame gehörte offenbar zu dieser
Classe; meine Fragen waren ihr auffallend, brachten
sie aber nicht in Verlegenheit. Herr Rochester war in
ihren Augen ein Gentleman, ein Gutsherr – sie
fragte und suchte nicht weiter, und wunderte sich
offenbar über meinen Wunsch, noch eine genauere
Kenntnis von ihm zu erlangen.
Als wir das Speisezimmer verließen, machte sie
mir den Vorschlag, mir auch die übrigen Theile des
Hauses zu zeigen, und ich folgte ihr mit Vewunderung
die Treppe hinauf und hinunter, denn Alles war
schön und wohl angeordnet. Die großen Vorderzimmer
erschienen mir besonders prachtvoll, und einige Zimmer
im dritten Stock, obwohl etwas dunkel und niedrig,
waren mir wegen ihres alterthümlichen Ansehens interessant. Das Mobilar der unteren Gemächer mochte je
nach der wechselnden Mode ergänzt worden sein. Das
vollkommene Licht, das durch die schmalen Fenster
hereinfiel, zeigte Bettgestelle, die über hundert Jahre
alt waren, Schränke und Kasten von Eichen- und N
ußholz, die mit ihrem seltsamen Schnitzwerk von
Palmzweigen und Cherubimköpfen der jüdischen Bundeslade nachgebildet zu sein schienen; Reihen ehrwürdiger
Stühle mit hohen und schmalen Lehnen; noch ältere
Sessel, auf welchen noch die Spuren einer halbver
blichenen Stickerei sichtbar waren, von Fingern gearbeitet, die wohl schon seit zwei Menschenaltern im Grabe ruhten. Alle diese Reliquien verliehen dem
dritten Stock von Thornfield Hall das Ansehen eines
Heiligthums der Erinnerung. Bei Tage gefiel mir die
Stille und die düstere Pracht dieser Räume; doch
würde ich nicht gern eine Nacht in diesen breiten und
schweren Betten zugebracht haben, wovon einige von
alten gewirkten englischen Vorhängen beschattet waren,
auf denen sich Bilder seltsamer Blumen, nochs selt
samerer Vögel und der seltsamsten menschlichen Wesen
dargestellt fanden -- dies Alles hätte bei dem bleichen
Schimmer des Mondes ein geisterhaftes Aussehen annehmen müssen.
, Schlafen die Diener in diesen Zimmern?
fragte ich.
, Nein, sie bewohnen eine Reihe kleinerer Zimmer
nach hinten hinaus. Hier schläft nie Jemand, und
man sollte fast glauben, wenn ein Geist in Thorn
field Hall umginge, so würde er sich hier aufhalten.
, Das denke ich auch; Sie haben also keinen
Geist hier?
, Keinen, wovon ich je gehört hätte, entgegnete
Mistreß Fairfax lächelnd.
, Auch keine Legenden oder Geistergeschichten?
, Ja glaube nicht, obwohl man sagt, daß das
Rochester'sche Geschlecht eine bewegte Vergangenheit habe.
, Wo gehen Sie jetzt hin, Mistreß Fairfax?
fragte ich, als sie weiter ging.
, Auf das Bleidach. Wollen Sie mit usd die
Aussicht von dort sehen?
Ich folgte ihr eine sehr schmale Treppe hinauf,
die auf den Boden führte, und von dort vermöge
einer Leiter und durch eine Fallthür auf das Dachs
des Gebäudes. Ich war jetzt in gleicher Höhe mit
der Dohlencolonie und konnte in ihre Nester sehen.
Indem ich mich über die Zinnen lehnte und hinunter
blickte, sah ich die Gegend wie eine Reliefkarte vor
mir, den sammnetartigen Rasen, der das graue Haus
umgab, den Park mit seinen alten Bäumen, den Wald, von einem mit Moos überwachsenen Wege
getheilt, die Kirche vor den Thoren, die stillen Hügel,
in der Sonne des Herbsttages ruhend. Die Sonne
bot nichts Außerordentliches, aber Alles war lieblich. Als ich mich von der Aussicht abwendete und wieder
durch die Fallthür hinunterstieg, konnte ich kaum
meinen Weg die Leiter hinunter finden, so schwarz
erschien Alles unter mir im Vergleich zu dem blauen
Himmelsbogen, zu dem ich vorher aufgeblickt hatte.
Mistreß Fairfax blieb einen Augenblick hinter
mir zurück, um die Fallthür wieder zu schließen; ich
tappte umher, bis ich den Ausgang wieder fand und
stieg die schmale Treppe hinunter. Ich verweilte in
dem langen Gange, der die Vorderzimmer von den
hinteren Zimmern des dritten Stockes trennte. Er
war niedrig, schmal und düster, nur am äußersten
Ende von einem kleinen Fenster erleuchtet, und glich mit den beiden Reihen kleiner schwarzer Thüren, die
alle verschlossen waren, dem Corridor in dem Schlosse
eines Blaubart.
Während ich langsam weiterging, traf ein Lachen
mein Ohr -- ein Ton, den ich in einer so stillen
Region nicht zu hören erwartet hatte. Es war ein
seltsames, freudeloses Lachen. Ich blieb stehen, auf
einen Augenblick verstummte es. Dann begann es
wieder lauter und ging in ein wildes Geschrei über.
Es kam aus einem der Zimmer, zu dem die kleinen
schwarzen Thüren führten.
, Mistreß Fairfax! rief ich, denn ich hörte sie
jetzt die große Treppe hinuntergehen. , Hören Sie
das laute Lachen? Wer ist es?
, Wahrscheinlich eine von den Dienerinnen, ant
wortete sie, , vielleicht Gratia Pole.
, Hörten Sie es? fragte ich wieder.
, Ja, ganz deutlich, ich höre sie oft. Sie näht
in einem dieser Zimmer. Zuweilen ist Lea bei ihr,
und sie machen viel Geräusch zusammen.
Das Lachen wurde in leisem und abgemessenem
Tone wiederholt und endete mit einem seltsamen Gemurmel.
,Gratia! rief Mistreß Fairfax,
Ich erwartete natürlich nicht, daß eine Grazie antworten würde, denn das Lachen war so unheimlich, so übernatürlich, wie ich nie vorher gehört.
Wenn es nicht heller Mittag gewesen, so hätte ich
wirklich einen abergläubischen Schrecken empfunden.
Die mir zunächst befindliche Thür öffnete sich
und eine Dienerin, zwischen dreißig und vierzig
Jahren, trat heraus. Sie war von untersetzter Ge
stalt, hatte rothes Haar und ein rauhes und gewöhnliches Gesicht. Eine weniger geisterhafte Erscheinung
hätte man kaum denken können.
, Zu viel Lärm, Gratia, sagte Mistreß Fairfax.
Denke an das Verbot!
Gratia verneigte sich schweigend und ging wieder
hinein.
, Es ist eine Person, die wir zum Nähen haben,
und die Lea in der Hausarbeit unterstützen muß, fuhr die Witwe fort. , Sie hat mancherlei Fehler,
doch ist sie zu ihrer Arbeit gut zu verwenden.
Als wir die untere helle und heitere Region erreichten, kam uns Adele im Vorsaale entgegengelaufen
und rief:
, Meine Damen, es ist servirt. Ich habe großen
Hunger!
Wir fanden das Mittagessen in dem Zimmer
der Mistreß Fairfax bereit.
Zwölftes Capitel.
Meine Erwartung eines ruhigen und friedlichen
Lebens, welches mir der gemüthliche Empfang in
Thornfield Hall zu verheißen schien, wurde bei längerer Bekanntschaft mit dem Orte und den Bewohnern
nicht getäuscht. Mistreß Fairfax erwies sich als eine
gutmütige Frau von hinreichender Erziehung und
gutem Verstande. Meine Schülerin war ein lebhaftes
und verzogenes Kind, dem man viel nachgesehen
hatte; sie war daher oft geneigt, nach ihrem eigenen
Kopfe zu handeln. Da aber keine unverständige Ein
mischung von irgend einer Seite meine Erziehungspläne durchkreuzte, so vergaß sie bald ihre kleinen
Grillen und wurde gehorsam und lernbegierig. Sie
besaß keine großen Talente, keine hervorragenden
Charakterzüge, keine eigenthümliche Entwickelung des
Gefühls oder Geschmacks, was sie nur um einen
Zoll über die gewöhnliche Stufe ihres Alters erhoben
hätte; aber sie hatte auch keine Fehler, die sie unter
dieselbe stellten. Sie machte ganz erträgliche Fort
schritte, hegte für mich eine lebhafte, wenn auch viel
leicht nicht sehr tiefe Neigung und flößte mir durch
ihre Einfacheit, durch ihr heiteres Geplauder und
ihre Bemühungen, mir zu gefallen, einen Grad von
Anhänglichkeit ein, der unser gegenseitiges Verhältnis zu einem angenehmen machte.
Von Zeit zu Zeit ging ich allein in der Umgebung spazieren oder stieg durch die Fallthüre auf
das Bleidach hinauf und ließ meine Blicke über die
einsamen Felder und Hügel, sowie über die trübe
Linie des Himnmels schweifen. Dann wünschte ich
mir oft, daß die Kraft meines Auges über diese
Grenzen hinausreichen und mir die geschäftige Welt,
die Städte und die Regionen voll Leben zeigen, wo
von ich gehört, die ich aber nie gesehen.
Ich beklagte in solchen Augenblicken, daß es mir
an Welterfahrung fehlte und wünschte mir mehr
Umgang mit meinem Geschlecht und die Bekanntschaft
mit interessanteren Charakteren, als sie hier zu finden
waren. Ich schätzte alles Gute an Mistreß Fairfax
und an Adelen; aber ich glaubte, es müsse eine
andere, eine lebensvollere Güte geben, und ich wünschte
das, was ich glaubte, mit eigenen Augen zu sehen.
Wer tadelt mich? Viele ohne Zweifel, und sie
werden mich unzufrieden nennen. Ich konnte mir
nicht helfen, die Ruhelosigkeit lag in meiner Natur,
und sie regte mich auf, so daß sie sich zuweilen bis
zu schmerzlicher Empfindung steigerte. Dann war es
meine einzige Erholung, in der Stille und Einsamkeit
des Corridors des dritten Stocks auf- und abzugehen
und bei den Visionen zu verweilen, die sich vor
meinem geistigen Auge erhoben. Utd es waren ihrer
viele und prächtige und farbenglühende, die mein
Herz sehnsüchtig schwelien ließen und meine Einbildungskraft erfand sich eine nie endende Geschichte,
welche mich mit Leben, Feuer und Empfindungen
erfüllte, die mein wirkliches Dasein mir nicht bot.
Es ist unrichtig, zu behaupten, daß menschliche
Wesen mit der Ruhe zufrieden sein sollten; sie müssen
Thätigkeit haben, und sie werden sich diese schaffen,
wenn sie sich nicht von selbst findet. Millionen sind
zu einem stilleren Geschick, als das meine, verurtheilt,
und Millionen befinden sich in schweigender Empörung
gegen ihr Loos. Niemand weiß, wie viele Rebellionen,
außer den politischen, in den Massen gähren, die
die Erde bevölkern. Die Frauen hält man gewöhnlich für sehr ruhig; aber die Frauen bedürfen gerade
so wie die Mäniner eines Uebungsfeldes für ihre
Fähigkeiten; sie leiden unter einem zu strengen Zwange
und sind zum völligen Stillstande verurtheilt; und es
ist eine Engherzigkeit von ihren bevorzugten Mitgeschöpfen, sie zu verlachen, wenn sie streben, mehr zu
lernen, als die Sitte ihrem Geschlechte zugesteht.
Wenn ich so allein war, hörte ich Gratia Pool
nicht selten lachen, es war dasselbe leise und langsame Ha! ha! welches mich erschüttert hatte, als
ich es zuerst gehört. Ich vernahm auch ihr excentri
sches Gemurmel, noch seltsamer, als ihr Lachen. Es
gab Tage, wo sie ganz still war. Zuweilen sah ich sie;
dann kam sie mit einer Schüssel, einem Teller oder
einem anderen Geschirr in der Hand aus ihrem
Zimmer, ging in die Küche und kehrte gewöhnlich
bald darauf -- o romantischer Leser, verzeihe mir,
wenn ich die einfache Wahrheit sage! -- mit einem
Kruge Porter zurück. Ihr Erscheinen dämpfte stets
die Neugierde, die ihr Lachen und ihr seltsames Gemurmel in mir rege machten, denn bei ihren strengen
und festen Gesichtszügen hatte sie nichts an sich, woran das Interesse haften konnte. Ich machte einige
Versuche, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln, aber
eine einsilbige Antwort schnitt gewöhnlich jedes Be
mühen der Art ab.
Die anderen Mitglieder des Haushaltes, nämlich
John und seine Frau, das Hausmädchen Lea und Sophie, die französische Vonne, waren anständige,
jedoch unbedeutende Leute. Mit Sophie sprach ich
gewöhnlich französisch und fragte sie zuweilen nach
ihrem Vaterlande; doch schien sie keine Anlage zum
Erzählen zu haben und gah gewöhnlich nur nichts
sagende und unklare Anntworten, die nicht geeignet
waren, zum weiteren Fragen zu ermutigen.
October, November und December vergingen.
An einem Nachmittage im Januar mußte ich Adelens
Unterrichtsstunden ausfallen lassen, weil sie sich unwohl fühlte. Es war ein schöner ruhiger Tag, obgleich sehr kalt. Den ganzen langen Morgen hatte
ich im Bibliothekzimmer zugebracht, jetzt war ich
dessen müde, und da Mistreß Fairfax gerade einen
Brief geschrieben hatte, der auf die Post sollte, so
legte ich Hut und Mantel an und erbot mich, ihn
nach Hay zu tragen. Die Entfernuung betrug nur
eine Stunde, und das war ein angenehmer Spaziergang an einem Winternachmittage. Als ich Adele
bequem in ihrem kleinen Stuhl neben dem Kamin in
dem Zimmer der Mistreß Fairfax hatte sitzen sehen
und ihr ihre beste Puuppe zum Spielen und ein Geschichtenbuch zum Lesen gegeben hatte, machte ich
mich auf den Weg, nachdem ich Adelens: , Kommen
Sie bald wieder, liebe Mademoiselle Jeannette', mit einem Kusse beantwortet hatte.
Es war drei Ühr; die Kirchenglocke schlug, als
ich an dem Thurme vorüberging, der Reiz der Stunde
lag in der herannahenden Dunkelheit, in der niedrig
stehenden und blaß strahlenden Sonne. Ich war eine
Meile von Thornfield entfernt und befand mich in
einem Heckenwege, der sich im Sommer durch seine
wilden Rosen und im Herbste durch seine Nüße und
Brombeeren auszeicnete und sogar korallenfarbige
Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte. Weit
und breit zu jeder Seite waren nur Felder, auf denen
jetzt kein Vieh weidete.
Dieser Weg ging bis Hay beständig aufwärts;
als ich die Mitte erreicht hatte, setzte ich mich auf
einen Stein an einem Zaun nieder, der sich von dort
quer über ein Feld zog. Ich hüllte mich dichter in
meinen Mantel und steckte meine Hände tief in meinen
Muff. So geschützt, fror es mich nicht, obgleich es
sehr kalt war, was eine dünne Eisdecke auf dem
Wege bezeugte, den ein kleiner, jetzt zugefrorener Bach nach einem vorübergehenden Thauwetter überflutet hatte. Von meinem Sitze konnte ich auf Thorn
field niederblicken, die graue, mit Zinnen versehene
Halle war der Hauptgegenstand im Thale unter mir.
Ich verweilte, bis die Sonne hinter den Bäumen
unterging und dunkelroth und klar am Horizont verschwand. Dann wollte ich meinen Weg fortsetzen.
Auf der Höhe des Hügels über mir zeigte sich
der aufgehende Mond, noch bleich wie eine helle
Wolke, aber jeden Augenblick an Glanz zunehmend;
er strahlte auf Hay hinab, welches halb unter
Bäumen versteckt dalag und aus seinen wenigen
Schornsteinen einen blauen Rauch empor sendete.
Ein lautes Geräusch unterbrach die herrschende
Stille. Es kam von der Straße her, auf der sich ein Pferd näherte, obgleich die Windungen der Hecke
es noch verbargen. Ich war gerade im Begriff ge
wesen, weiter zu gehen. Da der Weg jedoch schmal
war, so blieb ich sitzen, um das Pferd vorüber zu
lassen. In jenen Tagen erfüllten noch alle Arten
von heiteren und düsteren Phantasien meinen Geist,
die Erinnerungen an alte Märchen lagen dort aufgespeichert, und wenn sie mir wieder einfielen, gab
ihnen mein reiferes Verständnis eine Kraft und Leb
haftigkeit, die ihnen die Kindheit nicht zu verleihen
vermochte. Als das Pferd sich näherte und ich seine
Erscheinung in der Dämmerung erwartete, kamen mir
einige von Bessie's Erzählungen in den Sinn, worin
ein nordenglischer Geist namens Gytrash figurirte,
der in Gestalt eines Pferdes oder großen Hundes auf
einsamen Wegen zuweilen späten Wantderern erschien.
Das Pferd war sehr nahe, aber noch nicht zu
sehen, als ich außer den Hufschlägen ein Rauschen
unter der Hecke vernahm und dicht an den Haselstämmen einen großen Hund dahinschlüpfen sah, dessen
schwarze und weiße Farbe ihn unter den Bäumen
deutlich sichtbar machte. Er glich genau Bessie's
Gytrash -- es war ein löwenartiges Geschöpf mit
langem Haar und ungeheurem Kopfe; er ging in
dessen ganz ruhig an mir vorüber und sah mich nicht
mit seltsamen, geisterhaften Augen an, wie ich erwartet
hatte. Das Pferd folgte -- ein großes Roß, welches
auf seinem Rücken einen Reiter trug. Der Anblick
eines menschlichen Wesens verbannte sogleich den
Zauber. Der Gytrash trug nie einen Reiter, er war
stets allein. Es war also kein Gytrash, sondern ein
Reisender, der den kürzeren Weg nach Millcote wählte.
Er ritt vorüber und ich ging weiter. Als ich einige
Schritte gethan hatte, wurde meine Aufmerksamkeit
von einem klirrenden Falle in Anspruch genommen.
Mann und Pferd lagen am Boden, das Thier war
auf der Eisdecke des Weges ausgeglitten. Der Hund
kam zurückgesprungen und als er seinen Herrn in
solcher Lage sah und das Pferd stöhnen hörte, bellte
er, daß die Hügel den Schall wiederholten. Er umschnüffelte die am Boden liegende Gruppe und kam
dann zu mir gelaufen. Es war Alles, was er thun
konnte -- keine andere Hilfe war nahe, die er herbeilocken konnte. Ich folgte ihm zu dem Reisenden, der
sich jetzt von seinem Pferde zu befreien suchte. Seine
Anstrengungen waren so kräftig, daß ich glaubte, er
könne nicht sehr verletzt sein; doch fragte ich ihn:
, Haben Sie sich beschädigt, mein Herr?
Ich glaube, er fluchte, aber ich weiß es nicht
geniß.
, Kann ich etwas für Sie thun? fragte ich wieder.
, Treten Sie nur auf die Seite, antwortete er,
indem er sich zuerst auf seine Knie stützte und sich
dann auf die Füße stellte. Ich gehorchte. Darauf
begann ein Stampfen und Schlagen, von dem Vollen
und Heulen des Hundes begleitet, daß ich mich veranlaßt sah, einige Schritte zurückzutreten; aber ich
wollte mich nicht eher entfernen, als bis ich den
Erfolg gesehsen hatte. Dieser zeigte sich endlich glücklich,
das Pferd wurde wieder aufgerichtet und der Hund
mit einem: Still, Pilot! zur Ruhe gebracht. Der
Reiter beugte sich jetzt nieder und befühlte seinen Fuß.
Offenbar hatte er sich verletzt, denn er hinkte zu dem
Steine am Zaune, von dem ich eben aufgestanden war, und setzte sich nieder.
Ich wollte mich nützlich machen und näherte
mich ihm.
, Wenn Sie sich beschädigt haben und Hilfe be
dürfen, mein Herr, so kann ich entweder von Thorn
field Hall oder von Hay Jemanden herbeiholen.
, Ich danke Ihnen, es wird schon gehen. Ich
habe mir nur den Fuß verrenkt.
Er stand wieder auf und versuchte, auf seinen
Füßen zu stehen, doch preßte ihm der Schmerz ein
unwillkürliches ,Au' aus.
Es war noch ein Schimmer des Tageslichtes am
Himmel, und der Mond schien hell. Ich konnte ihn
also deutlich sehen. Seine Gestalt war in einen Reise
mantel mit einem Pelzkragen gehüllt. Ich bemerkte,
daß er von mittlerer Größe war und eine beträchtlich
breite Brust hatte. Er hatte ein dunkles Gesicht,
strenge Züge und eine hohe Stirn; seine Augen und
seine zusammen gezogenen Brauen zeigten einen zornigen und finsteren Ausdruck. Er mochte etwa im
fünfunddreißigsten Jahre sein. Ich empfand keine
Furcht vor ihm, nur ein wenig scheu war ich. Wäre
er ein schöner, heroisch aussehender junger Herr ge
wesen, so würde ich es nicht gewagt haben, stehen zu bleiben und ihm unaufgefordert meine Dienste anbieten. Kaum hatte ich je in meinem Leben einen
schönen Jüngling gesehen oder gar mit einem ge
sprochen. Ich empfand eine theoretisce Achtung und
Verehrung vor Schönheit, Eleganz und einnehmendem
Wesen. Wäre mir jedoch ein Mann mit diesen Eigen
schaften entgegengetreten, so würde ich instinctmäßig
gewußt haben, daß nichts an mir seine Sympathie
erwecken könne, und ich würde ihm ausgewichen sein.
Auch wenn dieser Fremde freundlich gegen mich
gewesen wäre, als ich ihn anredete, wenn er mein
Anerbieten, ihm Hilfe zu leisten, mit Dank abgelehnt
hätte, so würde ich meine Frage nicht erneuert haben;
aber der finstere Blick und das rauhe Wesen des
Reisenden beruhigten mich. Ich behielt meine Stellung,
als er mir zu gehen winkte, und sagte:
, Ich kann nicht daran denken, mein Herr, Sie
in einer so späten Stunde und auf diesem einsamen
Wege zu verlassen, bis ich sehe, daß Sie im Stande
sind, Ihr Pferd zu besteigen.
Er sah mich an, als ich dies sagte, denn er
hatte bisher seine Augen noch nicht auf mich gerichtet.
, Ich dächte, Sie sollten jetzt selber zu Hause
sein, wenn Sie in dieser Gegend wohnen, sagte er.
, Woher kommen Sie?
, Von dort unten, und wenn der Mond scheint,
fürchte ich mich durchaus nicht, noch spät auf der
Landstraße zu sein. Ich will mit Vergnügen nac
h Hay laufen, wenn Sie es wünschen; ich gehe über
dies dorthin, um einen Brief auf die Post zu bringen.
, Sie wohnen dort unten, sagen Sie? Meinen
Sie jenes Haus mit den Zinnen?
Und er deutete auf Thornfield Hall, auf welches
der Mond einen matten Schimmer warf, so daß es
deutlich gegen den Wald abstach, der im Gegensatze
zu dem westlichen Himmel als eine einzige Schattenmasse erschien.
, Ja, Herr.
, Wessen Haus ist es?
, Des Herrn Rochester.
, Kennen Sie Herrn Rochester?
, Nein, ich habe ihn nie gesehen.
, Wohnt er nicht dort?
, Nein.
, Können Sie mir sagen, wo er sich aufhält?
, Ich weiß es nicht.
, Sie sind natürlich keine Dienerin in dem Herrenhause? Sie sind --
Er hielt inne und überschaute meine Kleidung,
die, wie gewöhnlich, sehr einfach war und in einem
Merinomantel und einem schwarzen Hute bestand.
Beides war lange nicht fein genug für die Kammer
jungfer einer vornehmen Dame. Er schien nicht errathen zu können, was ich sei. Ich kam ihm zu Hilfe.
, Ich bin die Erzieherin.
, Ah! die Erzieherin! wiederholte er, zum
Henker, das hatte ich vergessen! Die Erzieherin!
Wieder betrachtete er meine Kleidung. Nach zwei
Minuten stand er auf und sein Gesicht drückte Schmerz aus, als ob er sich von der Stelle zu bewegen suchte.
, Ich kann Sie nicht nach Hilfe ausschicken, sagte er, ,doch Sie können mir selbst Beistand leisten, wenn Sie so gut sein wollen.
, Ja, Herr.
, Versuchen Sie den Zügel meines Pferdes zu
fassen und es zu mir zu führen. Fürchten Sie sich?
Wäre ich allein gewesen, so würde ich mich ge
fürchtet haben, ein Pferd zu berühren; da er es mir
aber sagte, so gehorchte ich, näherte mich dem großen
Pferde und versuchte, den Zügel zu erhaschen, doch
das muthige Thier wollte mich nicht seinem Kopfe
nahe kommen lassen. Ich versuchte es wiederholt,
aber vergebens, und inzwischen empfand ich eine tödtliche Furcht vor seinen stampfenden Vorderfüßen. Der
Reisende beobachte mich eine Zeitlang; endlich lachte er und sagte:
, Ich sehe wohl, der Berg wird nie zum Ma
homed gebracht werden. Alles, was Sie thun können,
ist, Mahomed zu helfen, zum Berge zu gehen. Ich
muß Sie bitten, hierher zu kommen.
Ich ging zu ihm.
, Entschuldigen Sie, fuhr er fort, aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Ihren Beistand zu benutzen.'
Er legte eine schwere Hand auf meine Schulter,
stützte sich mit einiger Anstrengung auf mich und hinkte
zu seinem Pferde hin.
Als er erst den Zügel gefaßt hatte, bemächtigte
er sich sogleich des Thieres selbst und schwang sich in
den Sattel. Während dieser Anstrengung, wobei er
seinen verrenkten Fuß nicht schonen konnte, verzog er
schmerzlich das Gesicht und biß sich auf die Lippe.
, Nun, sagte er, reichen Sie mir meine Peitsche,
sie liegt dort unter der Hecke.
Ich suchte und fand sie.
, Ich danke Ihnen, sagte er.
Bei der Berührung mit seinen bespornten Fersen
erbebte das Pferd und bäumte sich, dann aber galop
pirte es weiter, der Hund folgte, und alle Drei verschwanden:
, Wie Haidekraut auf wilder Höhe
Vom Wirbelwind davongeführt.
Ich nahm meinen Muff auf und ging weiter.
Das Ereignis war für mich vorüber; freilich war es
nichts Wichtiges, nichts Romantisches, doch war es
eine augenblickliche Abwechslung, in einem einförmigen
Leben. Es hatte Jemand meiner Hilfe bedurft, sie
in Anspruch genommen und ich hatte sie gewährt.
Es war mir lieb, etwas gethan zu haben, so unbedeutend es auch sein mochte, so war es doch eine
That gewesen, und ich hatte das ganz passive Dasein
satt. Das neue Gesicht glich einem neuen Bilde, das
in die Gallerie des Gedächtnisses eingeführt wird, und
es war allen anderen ungleich, die dort hingen, er
stens, weil es männlich, und zweitens, weil es finster,
kräftig und strenge war. Es stand mir noch vor
Augen, als ich Hay erreichte und den Brief auf der
Post abgab; ich sah es noch immer, während ich auf
dem Heimwege rasch den Hügel hinunterging. Als
ich zu dem Zaune kam, blieb ich eine Minute stehen,
sah mich um und horchte, denn mir war, als müsse
ich wieder die Hufschläge eines Pferdes auf dem
Wege hören und einen Reiter im Mantel und einen
Huid gleich dem Gytrash erblicken. Ich sah aber
nur die Hecke und eine Pappelweide vor mir, die sich
still und gerade im Mondlicht erhob. Ich hörte nur
den leisen Wind, der sich unter den Bäumen regte;
und als mein Auge nach der Richtung von Thorn
field, das etwa noch eine halbe Stunde entfernt lag,
hinunterblickte, und die Front der Halle überschaute,
bemerkte ich ein Licht in einem Fenster. Dies erinnerte mich, daß es bereits spät sei, und ich eilte weiter.
Ich trat nicht gern wieder in Thornfield Hall
ein. Diese Schwelle überschreiten, hieß, in mein einförmiges Leben zurückkehren, mein einsames kleines
Zimmer aufsuchen, dann der ewig sich gleich bleiben
den Mistreß Fairfax begegnen und den langen Winterabennd mit ihr allein zubringen. Das bedeutete, die
sanfte Aufregung dämpfen, die durch meinen Spaziergang erweckt worden war, meinen Kräften und Fähigkeiten die unerfreulichen Fesseln eines gleichförmigen,
stillen Daseins wieder anlegen, eines Daseins, dessen
Vorzüge ich schon nicht mehr zu schätzen wußte. Wie
wohlthätig, wäre es zu der Zeit für mich gewesen,
im Kampfe mit den Stürmen eines ungewissen Lebens
umhergeschleudert zu werden und durch rauhe und
bittere Erfahrung die Ruhe schätzen zu lernen, in
welcher ich mich jetzt langweilte!
Ich zögerte am Thor und auf dem Rasenplatze;
ich ging auf dem gepflasterten Wege vor dem Hause
auf und ab. Die Laden der Glasthür waren geschlossen, ich konnte nicht in das Innere sehen, und
sowohl meine Augen als mein Geist schienen sich von
dem düsteren Hause abzuwenden und sich zu dem
über mir ausgespannten Himmel empor gezogen zu
fühlen, der sich wie ein blaues, bewegungsloses Meer
ausbreitete. Der höher steigende Mond ließ die Spitzen
jener Hügel unter sich, hinter denen er hervorgekommnen
war; er strebte dem tiefdunkeln, unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden
Sterne, denen ich mit bebendem Herzen, mit fiebern
den Pulsen nachblickte. Gar kleine und geringe Atlässe senken unsere Gedanken wieder auf diese Erde
zurück; in der Halle schlug die Uhr. Das genügte.
Ich wandte meine Augen von Mond und Sternen
ab, öffnete eine Seitenthür und trat ins Haus.
Die Vorhalle war jetzt nicht bloß von der ein
zigen hochhängenden Lampe erleuchtet, sondern ein
heller Schein ergoß sich über dieselbe und die unteren
Stufen der eichenen Treppe. Dieser röthliche Schimmer
drang aus dem großen Speisezimmer hervor, dessen
Flügelthüren offen standen und ein liebliches Feuer in
dem marmornen Kamine, purpurfarbige Draperien
und polirte Möbel in einladendem Glanze zeigten. Ich be
merkte auch mnehrere Personen in der Nähse des Kamnins
und vernahm ein heiteres Gemisch von Stimmen, unter
denen ich diejenige Adelens zu unterscheiden glaubte.
Aber in demselben Augenblicke schloß sich die Thür.
Ich eilte in das Zimmer der Mistreß Fairfax, auch dort fand ich ein Feuer, aber kein Licht und
keine Mistreß Fairfax. Dagegen sah ich einen großen,
schwarz und weißgefärbten langhaarigen Hund, gleich
dem Gytrash im Heckengange, aufrecht auf der Matte
dasitzen und ernsthaft in die Glut blicken. Er war
jenem so ähnlich, daß ich ihn , Pilot' anredete.
Er kam auf mich zu und beschnüffelte mich, und
als ich ihn liebkoste, wedelte er mit seinem großen
Schweife; doch fürchtete ich mich fast, mit ihm allein
zu sein, und ich wußte nicht einmal, woher er ge
kommen. Ich klingelte, denn ich wünschte Licht und
Auskunft über diesen seltsamen Gast. Lea trat ein.
, Was ist dies für ein Hund?
, Er kam mit dem Herrn.
, Mit wem?
, Mit dem Herrn -- Herr Rochester ist eben an
gekommen.
,Ei! und ist Mistreß Fairfax bei ih
m?
, Ja, und Miß Adele auch; sie sind in dem
Speisezimmer, und John ist gegangen, um einen
Wundarzt zu holen, denn der Herr ist mit dem Pferde
gestürzt und hat sich den Fuß verrenkt.
, Stürzte das Pferd auf dem Wege nach Hay?
, Ja, als es den Hügel herunterkam, glitt es auf
dem Eise aus.
, Ah! bringe ein Licht, Lea, willst du.
Lea brachte ein Licht. Mistreß Fairfax folgte ihr.
Sie bestätigte die Mittheilung Lea's und fügte hinzu,
der Wundarzt Carter sei eben da und befinde sich bei
Herrn Rocester. Dann eilte sie hinaus, um Befehle
zur Bereitung des Thees zu geben, und ich ging die
Treppe hinauf, um Mantel und Hut abzulegen.
Dreizehntes Capitel.
Auf Anordnung des Arztes ging Herr Rochester
an jenem Abend früh zu Bette und stand am folgenden Morgen erst spät auf. Als er herunterkam, ge
schah es, um einige Geschäfte zu besorgen, denn
sein Verwalter und einige von seinen Pächtern
waren gekommen und warteten, um mit ihm zu
reden.
Adele und ich mußten jetzt das Bibliothekzimmer
räumen, denn es wurde täglich zum Empfange von
Leuten gebraucht, die in Geschäften mit Herrn Ro
chester zu verhandeln hatten. Ein Zimmer im ersten
Stock wurde geheizt, und dies richtete ich zu unserem
künftigen Schulzimmer ein. Im Laufe des Morgens
schien Thornfield Hall sich völlig umgewandelt zu
baben. Es war da nicht mehr still wie in einer
Kirche, sondern es wurde fast stündlich an die Thür
geklopft oder die Glocke angezogen; Fußtritte ertönten
in der Vorhalle und fremde Stimmen sprachen unten.
Unser Haus hatte einen Herrn, und mir wenigstens
gefiel es so besser.
Adele war an dem Tage nicht zum Lernen ge
neigt, sie lief beständig zur Thür hinaus und schaute
über das Treppengeländer, ob sie Herrn Rochester
nicht erblicken könne; dann erfand sie einen Vorwand,
die Treppe hinunterzugehen, um, wie ich vermuthete,
die Bibliothek zu besuchen. Als ich dann ein wenig
ärgerlich wurde und sie zum Sitzen bracht, sprach sie
beständig von ihrem Freunde Monsieur Eduard Fairfax
de Rochester, wie sie ihn nannte, und erschöpfte sich
in Muthmaßungen, welche Geschenke er ihr wohl mitgebracht haben möge; denn er hatte am Abend vorher gesagt, wenn sein Gepäck von Millcote ankomme,
werde sich eine kleine Schachtel darunter finden, deren
Inhalt ihr interessant sein dürfte.
, Das soll so viel heißen, sagte sie, daß ein
Geschenk für mich darin ist, und vielleicht auch für
Sie, Mademoiselle. Monsieur hat mich nach dem
Namen meiner Gouvernante gefragt, und ob sie
nicht eine kleine, zierliche und etwas blasse Person
sei. Ich habe ,ja' gesagt, denn es ist so, nicht wahr,
Mademoiselle?
Ich und meine Schülerin speisten, wie gewöhn
lich, in dem Zimmer der Mistreß Fairfax zu Mittag,
am Nachmittag ging ein Schneegestöber nieder, und
wir verbrachtn die Zeit im Schulzimmer. Als es
dunkel wurde, erlaubte ich Adelen, die Treppe hinunterzugehen; denn da es unten verhältnismäßig still ge
worden war und nicht mehr an der Thür geklingelt
wurde, so schloß ich daraus, daß Herr Rochester jetzt
frei sei. Als ich allein war, ging ich zum Fenster.
Doch war da nichts zu sehen, die Dämmerung und
die Schneeflocken verhüllten Alles, so daß ich nicht
einmal die Gesträuche und den Rasenplatz erkennen
konnte. Ich ließ den Vorhang nieder und kehrte zu
dem Kamin zurück.
Aus den hellen Kohlen stieg vor meinem Geiste
ein Landschaftsbild empor, nicht unähnlich einem Ge
mälde, welches ich einst von dem Schlosse zu Heidelberg gesehen. Mistreß Fairfax zerstörte durch ihren
Eintritt die feurige Mosaikarbeit, durch welche ich
einige schwere und unwillkommene Gedanken verscheuchen wollte, die sich mir in meiner Einsamkeit
aufdrängten.
, Es würde Herrn Rocester lieb sein, wenn Sie
und Ihre Schülerin diesen Abend mit ihm im Gesellschaftszimmer Thee trinken wollten, sagte Mistreß
Fairfax. ,Er ist den ganzen Tag über so sehr beschäftigt gewesen, daß er Sie noch nicht früher hat
zu sich rufen können.
, Wann ist seine Theezeit? fragte ich.
, Um sechs Uhr. Kleiden Sie sich um; ich will
Ihnen helfen. Hier ist ein Licht.
, Ist es nöthig, meine Kleidung zu wechseln?
,
Ja, es ist besser. Kleiden Sie sich zum Abend
stets um, so lange Herr Rochester hier ist.
Dies schien mir etwas ceremoniös; indessen begab
ich mich in mein Zimmer und vertauschte mein schwarzes wollenes Kleid mit einem von schwarzer
Seide; dies war mein bestes Kleid mit Ausnahme
eines hellblauen, welches ich für zu schön hielt, um
es anders als bei besonders feierlichen Gelegenheiten
zu tragen.
, Es fehlt noch eine Brosche, sagte Mistreß
Fairfax. Ich besaß eine solche, die mit einer einzigen
Perle verziert war. Miß Temple hatte sie mir beim
Abschiede zum Andenken gegeben. Nachdem ich die
Brosche angesteckt hatte, gingen wir die Treppe
hinunter. Da ich nicht an Fremde gewöhnt war, so
fühlte ich mich ziemlich unbehaglich, unter solchen
Förmlichkeiten vor Herrn Rochester zu erscheinen. Ich
ließ Mistreß Fairfax vorangehen und hielt mich in
ihrem Schatten, als wir in das elegante Gemach
traten.
Zwei Wachslichter brannten auf den Tischen
und zwei auf dem Kamingesims. Pilot lag im
flackernden Scheine eines wärmenden Feuers, Adele
kniete neben ihm. Herr Rochester befand sich in halb
liegender Stellung auf einem Sopha, und sein Fuß
ruhte auf einem Kissen. Das Feuer schien ihm voll
ins Gesicht. Ich erkannte meinen Reisenden mit seinen
dichten, schwarzen Augenbrauen und seiner hohen
Stirn, welche im Contrast zu dem schwarzen Haare
weißer erschien als sie war. Ich erkannte seine scharf
geschnittene Nase, die mehr charakteristisch als schön
war, seine weiten Nasenlöcher, die auf ein zum Zorn
geneigtes Temperament andeuteten, wie ich meinte;
seinen grimmigen Mund, Kinn und Unterkiefer -- ja,
in diesen lag ein sehr grimmiger Ausdruck, das konnte
man nicht verkennen. Da er jetzt ohne Mantel war,
so bemerkte ich, daß seine Gestalt ebenso eckig war,
wie sein Gesicht. Man hätte sie vielleicht vom athletischen Standpunkt aus schön nennen können.
Herr Rochester mußte unseren Eintritt bemerkt
haben; doch schien er nicht in der Stimmung, uns zu
beachten, denn er erhob seinen Kopf nicht, als wir
uns näherten.
, Hier ist Miß Eyre, Herr, sagte Mistreß Fairfax
in ihrer ruhigen Weise. Er nickte, ohne jedoch die Augen von der Gruppe des Hundes und des Kindes
abzuwenden.
, Lassen Sie Miß Eyre sich niedersetzen, sagte
er, und es lag etwas in der gezwungenen und steifen
Verbeugung, in dem ungeduldigen und doch förmlichen Tone, was noch weiter zu sagen schien: , Was
zum Henker liegt mir daran, ob Miß Eyre da ist
oder nicht? In diesem Augenblick bin ich nicht gestimmt, sie anzureden.
Ich setzte mich ganz unbefangen nieder. Ein besonders höflicher Empfang würde mich wahrscheinlich
verlegen gemacht haben, ich hätte ihn nicht mit An
muth und Eleganz erwidern können; aber die rauhe Laune legte mir keine weitere Verpflichtung auf, als
mit Anstand zu schweigen, was mich eher in Vortheil
als in Nachtheil setzte. Ueberdies war Herrn Rochesters Benehmen ebenso interessant als seltsam, und ich war
begierig, welchen weiteren Verlauf die Sache nehmen
werde.
Er sprach und regte sich nicht. Mistreß Fairfax
schien es für nöthig zu halten, ihn in bessere Stimmung
zu bringen. Freundlich, wie gewöhnlich -- und auch
trivial, wie gewöhnlich -- sprach sie ihr Bedauern
aus, daß ihm der Tag so viel Geschäfte auferlegt
habe, deren Last ihn in seinem gegenwärtigen leiden
den Zustande doppelt drücken müsse. Dann rühmte sie
seine Geduld und Beharrlichkeit, womit er diese Beschwerden ertrage.
, Madame, ich möchte etwas Thee, war die
einzige Antwort, die sie erhielt. Sie eilte zu klingeln
und als das Geschirr hereinkam, ordnete sie die Tassen
mit geschäftiger Schnelligkeit. Ich begab mich mit Adelen
an den Theetisch, aber der Herr verließ sein Sopha nicht.
, Wollen Sie Herrn Rochester die Tasse bringen?
sagte Mistreß Fairfax zu mir, Adele möchte sie verschütten.
Ich that, wozu ich aufgefordert wurde. Als er
mir die Tasse abnahm, hielt Adele den Augenblick
für günstig, für mich eine Bitte zu wagen, und rief:
, Nicht wahr, mein Freund, es ist auch ein Ge
schenk für Mademoiselle Eyre in Ihrem Koffer?
, Wer spricht von Geschenken? sagte er mürrisch.
, Erwarteten Sie ein Geschenk, Miß Eyre? Lieben Sie Geschenke?
Und er prüfte mein Gesicht mit Angen, die
dunkel, zornig und durchdringend waren.
, Ich weiß es selbst kaum, mein Herr; ich habe
wenig Erfahrung darin; aber gewöhnlich hält man
Geschenke für angenehm.
, Gewöhnlich! wofür aber halten Sie dieselben?
, Es würde mir lieb sein, mein Herr, wenn ich
Zeit hätte, um Ihnen eine passende Antwort zu
geben. Ein Geschenk läßt sich aus sehr vielen Gesichts
punkten betrachten, nicht wahr? Und man sollte vor
her Alles bedenken, ehe man eine Ansicht darüber
ausspricht.
, Miß Eyre, Sie sind nicht so unbefangen wie
Adele; in dem Augenblick, wo sie mich sieht, verlangt
sie laut ein Geschenk; aber Sie schlagen auf den
Busch.
, Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Ver
diensten hege, als Adele; sie kann den Anspruch auf
alte Bekanntschaft und Gewohnheit geltend machen,
denn sie sagt, Sie haben ihr stets Spielsachen gebracht,
aber wenn ich einen Anspruch erheben sollte, würde
es mir schwer fallen, ihn zu begründen, da ich eine
Fremde bin und nichts gethan habe, was mich zu
der Erwartung eines Geschenkes berechtigen könnte.
, O! fallen Sie nicht in übergroße Bescheidenheit
zurück! Ich habe Adele examinirt und finde, daß Sie
sich viele Mühe mit ihr gegeben haben, sie besizt keine
besonderen Fähigkeiten, keine Talente, und doch hat
sie in kurzer Zeit viel gelernt.
, Mein Herr, Sie haben mir jetzt mein Geschenk
gegeben, und ich bin Ihnen verbunden. Das Lob der
Fortschritte ihrer Zöglinge ist das, wonach die Lehrer
am meisten streben.
, Hm! sagte Herr Rochester und trank schweigend
seinen Thee.
Als das Theegeschirr weggenommen war und
Mistreß Fairfax in einer Ecke Plaz genommen hatte, um zu stricken, forderte mich der Herr auf, mich in
die Nähe des Feuers zu setzen. Ich gehorchte pflicht
gemäß. Adele wollte auf meinen Schoß, doch erhielt
sie Befehl, sich mit Pilot zu beschäftigen.
, Sie sind drei Monate in meinem Hause?
, Ja, mein Herr.
, Und kommen von?
, Aus der Schule zu Lowood in der Grafschaft E.
, Ah! eine milde Stiftung. -- Wie lange waren Sie
dort?
, Acht Jahre.
, Acht Jahre! Da müssen Sie ein zähes Leben
haben. Ich hätte gedacht, die Hälfte dieser Zeit müßte
dort auch die beste Constitution zu Grunde richten!
Kein Wunder auch, daß Sie aussehen, als kämen
Sie aus der anderen Welt. Es wunderte mich schon,
wo Sie diese Art von Gesicht her hätten. Als ich Sie
gestern Abend auf dem Heckenwege sah, dachte ich
unwillkürlich an Feenmärchen und war bald Willens
zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten, auch ist
mir die Sache jetzt noch nicht klar. Wer sind Ihre Eltern?
, Ich habe keine.
, Auch nie welche gehabt, vermuthlich. Erinnern
Sie sich Ihrer?
, Nein.
, Ich dachte es mir. Nun, wenn Sie auch keine
Eltern haben, so werden Sie doch irgend eine Art
von Verwandten, Oheime oder Tanten, haben?
, Nein, keine, die ich je gesehen.
, Und Ihre Heimat?
, Ich habe keine.
, Wo wohnen Ihre Brüder und Schwestern?
, Ich habe keine Brüder oder Schwestern.
, Wer empfahl Sie hierher?
, Ich machte eine Anzeige in der Zeituung, und
Mistreß Fairfax antwortete darauf.
, Ja, sagte die gute Dame, ,und ich bin täglich
dankbar für die Wahl, zu der die Vorsehung mich
führte. Miß Eyre ist eine unschätzbare Gesellschafterin
für mich und eine freundliche und sorgsame Lehrerin
für Adele.
, Bemühen Sie sich nicht, Ihr Urtheil über sie
auszusprechen, Lobsprüche werden mich nicht zu einer
Ansicht bestimmen, ich werde mir diese selbst bilden.
Sie hat damit angefangen, mein Pferd zu Boden zu
strecken.
,Mein Herr! wandte Mistreß Fairfax ein.
, Ich habe ihr die Fußverrenkung zu danken.
Die Witwe sah ganz verwirrt aus.
, Miß Ere, haben Sie je in einer Stadt gelebt?
, Nein, Herr.
, Haben Sie viel Gesellschaft um sich gesehen?
, Keine, als die Zöglinge und Lehrerinnen zu
Lowood, und jetzt die Hausgenossen in Thornfield.
, Haben Sie viel gelesen?
, Nur solche Bücher, die mir in die Hand kamen,
und sie waren weder zahlreich, noch sehr gelehrt.
, Sie haben das Leben einer Nonne geführt.
Ohne Zweifel sind sie in allen religiösen Formen be
wandert -- Brocklehurst, der, wie ich höre, die Schule
zu Lowood dirigiert, ist ein Geistlicher, nicht wahr?
, Ja, Herr.
, Und Ihr Mädchen verehrtet ihn, wie ein
Kloster voll Nonnen den Beichtvater verehrt?
, O nein.
, Sie sagen das sehr kalt! Nein! Wie? eine
Novize verehrt ihren Priester nicht? Das klingt gottes
lästerlich.
, Mir mißfiel Herr Brocklehurst, und ich hegte
dieses Gefühl nicht allein. Er ist ein rauher Mann;
obgleich er sich großartig gibt, mischt er sich doch in alle Kleinigkeiten. Er ließ uns das Haar abschneiden
und kaufte uns aus Sparsamkeit schlechte Nadeln und Zwirn, womit wir kaum nähen konnten.
, Und war das die ganze Summe seiner Vergehungen? fragte Herr Rochester.
, Er ließ uns hungern, als er noch die alleinige
Oberaufsicht über die Anstalt hatte, ehe das Comite
eingesetzt wurde, und langweilte uns einmal in der
Woche mit stundenlangen Strafpredigten und Abendvorlesungen aus Büchern, die er selbst herausggegeben, und in denen nur von plötzlichen Unglücks- und
Todesfällen als Strafe des Himmels die Rede war,
so daß wir uns fürchteten, zu Bette zu gehen.
, In welchem Alter standen Sie, als Sie nach
Lowood kamen?
, Im zehnten Jahre.
, Und Sie blieben acht Jahre dort; so sind Sie
also jetzt actzehn?
Ich bejahte es.
, Die Rechenkunst ist nützlich, wie sie sehen; ohne
ihre Hilfe wäre ich kaum im Stande gewesen, Ihr Alter zu errathen. Wo das Gesicht und der Ausdruck
so abweichend erscheinen, wie bei Ihnen, läßt sich
das Alter schwer bestimmen. Und nun, was lernten
Sie in Lowood? Spielen Sie Klavier?
, Ein wenig.
, Natürlich, das ist die hergebrachte Antwort.
Gehen Sie in das Bibliothekzimmer -- ich meine,
wenn es Ihnen gefällig ist. -- Entschuldigen Sie
meinen befehlenden Ton; ich bin gewohnt zu sagen:
Thue dies, und es wird gethan. Ich kann wegen
einer neuen Hausgenossin meine Gewohnheiten nicht ändern. -- Gehen Sie also in das Bibliothekzimmer,
nehmen Sie ein Licht mit, lassen Sie die Thür offen,
setzen Sie sich an das Klavier und spielen Sie ein
Stück.
Ich ging und gehorchte seiner Anweisung.
, Genug! rief er nach wenigen Minuten.
,Ich
höre, Sie spielen ein wenig, gleich jedem anderen
englischen Schulmädchen; vielleicht besser als manche,
aber nicht gut.
Ich machte das Klavier zu und kehrte zurück.
Herr Rochester fuhr fort:
, Adele zeigte mir diesen Morgen einige Zeich
nungen, die, wie sie sagte, Ihnen gehören. Ich weiß
nicht, ob sie ganz von Ihnen sind, oder ob ein Lehrer
Ihnen dabei geholfen hat.
, Geholfen? O nein! entgegnete ich.
, Ah! das verwundet den Stolz. Nun, so holen
Sie mir Ihre Zeichenmappe, wenn Sie dafür einstehen
können, daß sie nur Originale enthält; aber geben
Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie dessen nicht gewiß
sind, ich verstehe Flickwerk zu unterscheiden.
, Sie sollen selbst urtheilen, mein Herr.
Ich holte die Mappe aus der Bibliothek.
, Ziehen Sie den Tisch heran, sagte er, und ich
rollte ihn vor sein Sopha. Adele und Mistreß Fairfax kamen auch heran, um die Bilder zu sehen.
, Kein Gedränge, sagte Herr Rochester ,Sie
können die Zeichnungen aus meiner Hand erhalten,
wenn ich sie angesehen habe.
Er betrachtete jede Zeichnung und Malerei bedächtig. Drei hatte er auf die Seite gelegt und als er
die anderen ebenfalls angesehen, warf er sie von sich.
, Nehmen Sie die Mappe an den anderen Tisch,
Mistreß Fairfax, sagte er, und betrachten Sie den
Inhalt mit Adele. -- ,Sie, fuhr er, mich anblickend, fort, nehmen Ihren Sitz wieder ein und
beantworten meine Fragen. Ich bemerke, daß diese
Bilder von ein und derselben Hand herrühren. War
es Ihre Hand?
, Ja.
, Und wann fanden Sie Zeit dazu? Die Bilder
müssen Ihnen viel Zeit und einiges Nachdenken gekostet haben.
, Ich zeicnete und malte sie während der beiden
letzten Ferien, die ich in Lowood zubrachte, als ich keine andere Beschäftigung hatte.
, Wonach zeichneten Sie Ihre Copien?
, Aus dem Kopfe.
, Aus diesem Kopfe, den ich jetzt auf Ihren
Schultern sehe?
, Ja, Herr.
, Enthält er noch anderen Stoff von derselben Art?
, Ich sollte es denken, und hoffe, noch besseren.
Er breitete die gewählten Bilder vor sich aus
und betrachtete sie abwechselnd noch einmal.
Die Bilder waren in Wasserfarben gemalt. Das erste
stellte düstere, blaugraue, niedrig hängende Wolken über
einer wildbewegten See dar. Die ganze Ferne lag in
Finsternis und ebenso der Vordergrund, oder vielmehr die vorderen Wellen, denn es war gar kein Land auf
dem Bilde. Ein einziger Lichtschimmer fiel auf einen
halb aus dem Wasser ragenden Mastbaum, auf dem
ein großer schwarzer Seerabe saß, dessen Flügel mit
Schaum bespritzt waren; in seinem Schnabel hielt er
ein goldenes, mit Edelsteinen besetztes Armband
, welches ich mit so glänzenden Farben gemalt hatte,
als meine Palette sie hergab. Unter dem Vogel und dem Mast schimmerte durch das grüne Wasser die Leiche
einer Ertrunkenen; ein weißer Arm war das einzige
deutlich sichtbare Glied, von welchem das Armband
abgespült oder abgerissen worden war.
Das zwweite Bild enthielt als Vordergrund nur
die düstere Spitze eines Hügels mit Gras und einigen
Blättern, die sich unter dem Winde bogen. Jenseits
und oben breitete sich die Wölbung des Himmels
aus, dunkelblau wie beim Zwielicht. Am Himmel
erhob sich die Büste einer weiblichen Gestalt, die ich
mit so matten und luftigen Farben gemalt hatte, als
ich sie zu mischen vermochte. Die klare Stirn krönte
ein Stern; die Züge des Gesichtes zeigten sich nur
wie durch einen Nebel; die Augen erschienen dunkel
und wild; das Haar siel schattenartig herab, gleich
einer Wolke, vom Sturm zerrissen. Auf dem Halse
ruhte ein blasser Widerschein, wie vom Mondlicht;
derselbe matte Schimmer berührte die dünnen Wolkenstreifen, aus welchen sich diese Personificirung des
Abendsternes erhob.
Das dritte Bild zeigte die Kuppe eines Eisberges, der in den winterlichen Himmel des Nordpols hineinragte, ein Nordlicht streckte seine undeutlichen, aber dicht gedrängten Tanzen am Horizont
empor. Dieses Alles in die Ferne zurückdrängend,
erhob sich im Vordergrunde ein Haupt -- ein colossales
Haupt, welches sich zu dem Eisberge neigte und an
demselben ruhte. Zwei dünne Hände, zogen einen
schwarzen Schleier vor die unteren Züge des Gesichts
von dem nur eine völlig blutlose Stirn, so weiß wie
Elfenbein, und ein hohles und starres Auge, in dessen
gläsernem Ausdruck sich Verzweiflung zu erkennen gab,
sichtbar waren. Neber den Schläfen unter schwarzen
Turbanfalten, so unbestimmt und undeutlich in ihrem
Charakter, wie eine Wolke, schimmerte ein Ring von
weißen Flammen, auf dem hier und da Funken von
intensiverem Glanze leuchteten. Dieser blasse Halbmond war das Ebenbild einer Königskrone.
,Waren Sie glücklichh, als Sie diese Bilder
malten? fragte Herr Rochester.
,Ja, mein Herr, ich war glücklich, denn beim
Malen der Bilder, die meine Gedanken vollständig
beschäftigten, empfand ich ein so lebhaftes Vergnügen,
wie nur je in meinem Leben.
,Das will nicht viel bedeuten. Ihrer Freuden
waren nach Ihrem eigenen Berichte sehr wenige;
doch ich möchte behaupten, Sie waren in dem Lande
künstlerischer Träume, während Sie diese seltsamen
Farben mischten und ordneten. Saßen Sie jeden Tag
lange dabei?
,Ich hatte sonst nichts zu thun, weil wir Ferien
hatten, und saß vom Morgen bis Mittag und vom
Mittag bis Abend dabei. Die langen Sommertage
begünstigten meine Arbeit.
,Und Sie waren zufrieden damit?
,Weit entfernt. Der Contrast zwischen meiner
Idee und dem Werke meiner Hand quälte mich, in
jedem dieser Fälle hatte ich mir eine Aufgabe gestellt,
welche zu lösen ich nicht im Stande war.
, Es ist Ihnen doch nicht ganz mißlungen. --
Sie haben einen Schatten Ihres Gedankens festgehalten; aber wahrscheinlich weiter nichts. Sie besaßen nicht genug von der Geschicklichkeit und Wissenschaft des Künstlers, um Ihren Gedanken vollständig
zu verwirklichen. Doch die Zeichnungen sind für ein
Schulmädchen originell; der Gegenstand ist geisterhaft.
Diese Augen in dem Abendsterne müssen Sie in einem Traume gesehen haben. Wie konnten Sie es zustande
bringen, daß sie klar und doch durchaus nicht glänzend
aussahen? Denn der Planet droben dämpft ihre
Strahlen. Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe! Und wer lehrte Sie, den Wind zu
malen? Es weht ein heftiger Sturm über jene Hügel
dahin. Wo sahen Sie Latmos? Denn das ist
Latmos. Nun -- legen Sie die Zeichnungen weg!
Kaum hatte ich die Mappe zugebunden, als er
nach der Uhr sah und plötzlich sagte:
,Es ist neun Uhr. Was denken Sie, Miß Eyre,
daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen? Bringen Sie
dieselbe zu Bette.
Adele kam, ihn zu küssen, ehe sie das Zimmer
verließ. Er duldete ihre Liebkosung, doch schien er
sich kaum mehr daran zu erfreuen, als Pilot würde
gethan haben, oder nicht einmal so sehr.
,Ich wünsche Ihnen Allen jetzt eine gute Nacht,
sagte er, eine Bewegung mit der Hand nach der Thür
machend, zum Zeichen, daß er unserer Gesellschaft
müde sei und uns zu entlassen wünsche. Mistreß
Fairfax legte ihr Strickzeug zusammen, ich nahm meine
Mappe, wir verneigten uns geggen ihn, was er mit
einem gemessenen Kopfnicken erwiderte, und so ent
fernten wir uns.
,Sie sagten, Herr Rochester hätte nichts be
sonders Eigenthümliches an sich, bemerkte ich zu
Mistreß Fairfax, nachdem ich Adele zu Bette ge
bracht hatte und wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt war.
,Nun, ist es denn der Fall
?
,Ich glaube wohl, er ist sehr veränderlich und
launenhaft.
,Ohne Zweifel muß er einer Fremden so er
scheinen; doch ich habe mich so an sein Wesen gewöhnt, daß ich mir keine Gedanken darüber mache;
und wenn er ein eigenthümliches Temperament hat,
so muuß man ihm etwas zu Gute halten.
,Warum?
,Weil es in seiner Natur liegt, und Niemand
seine Natur ändern kann. Auch wird er ohne Zweifel
von schmerzlichen Gedanken gequält, die ihn launen
haft machen.
,Welche Gedanken denn?
,Vor allen Dingen Familiensorgen.
,Aber er hat ja keine Familie.
,Jetzt nicht mehr; aber er hatte sie doch -- oder
wenigstens Verwandte. Er verlor erst vor wenigen
Jahren seinen älteren Bruder.
,Seinen älteren Bruder?
,Ja. Der gegenwärtige Herr Rochester ist noch
nicht lange im Besitz des Vermögens, erst etwa seit
neun Jahren.
,Neun Jahre ist schon eine ziemliche Zeit. Liebte
er denn seinen Bruder so sehr, daß er wegen seines
Verlustes noch immer untröstlich ist?
,Nun -- vielleicht nicht. Ich glaube, es gab
einige Mißverständnisse zwischen beiden. Herr Roland
Rochester war nicht wie Herr Eduard und wußte
vielleicht seinen Vater gegen ihn einzunehmen. Der
alte Herr liebte das Geld und wollte die Familien
besitzung zusammenhalten. Er wollte das Vermögen
nicht durch Theilung zersplittern. Gleichwohl wünschte
er, daß sein jüngerer Sohn auch über Reichthum
verfügen sollte, um den alten Ruhm des Namens
aufrecht zu erhalten. Bald nachdem er volljährig
geworden, verbanden sich der alte Herr Rochester und
Herr Roland zu einem Schritte, der zwar Herrn
Eduards Glück gründen sollte, diesen aber in eine
unheilvolle Lage brachte. Welcher Art die Sache
eigentlich war, habe ich nie genau erfahren, aber Herr
Eduard konnte nie verwinden, was er dadurch zu
leiden hatte. Er ist nicht sehr versöhnlich, brach mit
seiner Familie und hat jetzt seit vielen Jahren ein
unstetes Leben geführt. Ich glaube nicht, daß er sich
je vierzehn Tage nach einander in Thornfield auf
gehalten hat, seit sein Bruder ohne Testament ge
storben und er der Besitzer des Stammgutes geworden
ist; auch wundert es mich in der That nicht, daß er
das alte Haus meidet.
,Warum sollte er es denn meiden?’
,Vielleicht hält er es für unheimlich.’
Ich hätte eine etwas klarere Antwort gewünscht;
aber Mistreß Fairfax konnte oder wollte mir keine
vollständigere Auskunft über die Familiengeschichte
des Herrn Rochester gewähren. Sie behauptete, es
wäre für sie selbst ein Geheimnis, und was sie wisse,
beruhe größtentheils nur auf Vermuthungen. Offenbar
wünschte sie, ich möge den Gegenstand ruhen lassen,
was ich folglich auch that.
Vierzehntes Capitel.
Während der folgenden Tage sah ich Herrn
Rochester wenig. In den Morgenstunden schien er
Geschäfte zu haben, und Nachmittags kamen gewöhnlich Herren aus Millcote oder aus der Nach
barschaft und blieben zuweilen zur Tafel bei ihm.
Als sein Fuß so weit wieder hergestellt war, daß er
sein Pferd besteigen konnte, ritt er viel aus, wahrscheinlich um die empfangenen Besuche zu erwidern,
und kam gewöhnlich erst spät in der Nacht zurück.
Selbst nach Adelen verlangte er während dieser Zeit
nur selten, und meine Begegnungen mit ihm beschränkten
sich auf ein zufälliges Zusammentreffen in der Vor
halle, auf der Treppe, oder in der Gallerie, wo er
zuweilen stolz und kalt an mir vorüberging, meinen
Gruß nur mit vornehmem Nicken oder kaltem Blicke
erwidernd, zuweilen aber auch verneigte er sich und
lächelte mit cavaliermäßiger Freundlichkeit. Seine
wechselnde Stimmung beleidigte mich nicht, weil ich
wußte, daß ich keine Schuld daran hatte; die Ebbe
und Flut hingen von Ursachen ab, die durchaus
nicht mit mir in Verbindung standen.
Eines Tages hatte er Gesellschaft zum Mittagessen und ließ meine Zeichenmappe holen, ohne Zweifel,
um den Inhalt derselben vorzuzeigen. Die Herren
gingen früh fort, um einer öffentlichen Versammlung
in Millcote beizuwohnen, wie Mistreß Fairfax mir
sagte; aber da der Abend naß und unfreundlich war,
so begleitete Herr Rochester seine Gäste nicht. Bald
nach ihrer Entfernung wurde geklingelt, und es kam
die Aufforderung an mich und Adele, herunter zu
kommen. Ich bürstete Adelens Haar und machte es
zierlich zurecht, und nachdem ich mich überzeugt hatte,
daß ich selber mit meiner gewöhnlichen quäkerhaften
Zierlichkeit gekleidet war und daß es nichts mehr zu
ordnen gab, stiegen wir hinunter, indem Adele die
lebhafte Erwartung aussprach, der Koffer werde
endlich angekommen sein; denn durch irgend ein Ver
sehen hatte sich die Ankunft desselben noch immer verzögert. Adelens Erwartung wurde befriedigt, denn
ein Carton stand auf dem Tische, als wir in das
Speisezimmer traten.
, Meine Geschenke, meine Geschenke! rief sie,
indem sie darauf zueilte.
, Ja -- da sind deine Geschenke endlich, nimm
sie in einen Winkel, du echte Tochter von Paris, und
unterhalte dich damit, sie auszupacken, sagte die tiefe
und etwas sarkastische Stimme des Herrn Rochester,
die aus einem ungeheuren Lehnstuhle neben dem Kamin
hervorkam.
, Und nun merke dir, fuhr er fort,
daß du mich nicht mit Fragen über die Beschaffenheit
des Inhalts belästigen darfst. Beschäftige dich in der
Stille damit, verhalte dich ruhig, mein Kind, ver
stehst du
?
Adele schien kaum dieser Mahnung zu bedürfen,
denn schon hatte sie sich mit ihrem Schatze zu einem
Sopha zurückgezogen und war beschäftigt, die Schnur
aufzulösen, womit der Deckel zugebunden war. Nach
dem sie dieses Hindernis entfernt und einiges Silber
papier aufgehoben hatte, rief sie nur:
, O Himmel! wie schön! dann blieb sie stumm
in begeisterte Betrachtung versunken.
, Ist Miß Eyre da? fragte jetzt der Herr, halb
von seinem Sitze aufstehend, um sich nach der Thür
umzusehen, in deren Nähe ich stand.
, Ah! gut, kommen Sie näher; setzen sie sich hier
her. Und er zog einen Stuhl nahe zu dem seinigen
hin. ,Ich liebe das Geplauder der Kinder nicht, fuhr er fort, denn als alter Junggesell verbinde ich
keine angenehmen Erinnerungen mit ihrem Geschwätz.
Es würde mir unerträglich sein, einen ganzen Abend
allein mit einem kleinen Balg zuzubringen. Ziehen
Sie Ihren Stuhl nicht weiter weg, Miß Eyre, sondern
setzen Sie sich gerade da nieder, wo ich ihn hingestellt
habe -- das heißt, wenn es gefällig ist. Diese verdammten Höflichkeiten! Ich vergesse sie beständig.
Auch habe ich keine besondere Zuneigung zu alten
Damen von einfachem Verstande. Indessen muß ich
die meinige hereinkommen lassen; es wäre nicht recht,
sie zu vernachlässigen, sie ist eine Fairfax, oder doch
an einen Fairfax verheiratet gewesen, und Blut wird
nicht zu Wasser, sagt man.
Er klingelte und schickte eine Einladung an Mistreß
Fairfax ab, die bald mit ihrem Strickkörbchen in der
Hand hereinkam.
, Guten Abend, Madame; ich ließ Sie in einer
menschenfreundlichen Absicht kommen. Ich habe näm
lich Adelen verboten, mir von ihren Geschenken vor
zuplaudern, und sie vergeht jetzt beinahe vor ver
haltener Aufregung. Haben Sie doch die Güte, ihr
als Zuhörerin zu dienen; es wird eine der barm
herzigsten Thaten sein, die Sie je verrichtet haben.
Sobald Adele Mistreß Fairfax erblickte, rief sie
diese auch sogleich zu ihrem Sopha und füllte schnell ihren Schoß mit den verschiedensten Gegenständen von
Porzellan, Elfenbein und Wachs, welche sich in ihrem Carton befanden, indem sie ihr Entzücken in gebrochenem Englisch aussprach.
, Da ich die Rolle eines guten Wirths gespielt
und für die Unterhaltung meiner Gäste gesorgt habe, fuhr Herr Rochester fort, so steht mir wohl das Recht zu, jetzt für mein eigenes Vergnügen zu sorgen. Miß
Eyre, ziehen Sie Ihren Stuhl noch ein wenig näher,
Sie sitzen noch zu weit zurück; ich kann Sie nicht
sehen, ohne meine Stellung in diesem bequemen Stuhle
zu verändern, wozu ich keine Lust habe.
Ich that, wie er mir gebot, obgleich ich viel lieber
ein wenig im Schatten geblieben wäre; doch Herr
Rochester gab seinen Willen auf so bestimmte Weise kund,
daß man nicht umhin konnte, ihm sogleich zu gehorchen.
Wir waren, wie gesagt, im Speisezimmer; der
Kronleuchter, der zum Mittagessen angezündet worden,
strahlte einen festlichen Glanz aus; das große Feuer
brannte hell; die purpurnen Vorhänge hingen in reichen
Falten vor dem noch höheren Bogen. Ringsum
herrschte Ruhe, nur Adelens leises Geplauder unter
brach dann und wann die Stille. Der Winterregen
schlug kaum hörbar gegen die Scheiben.
Als Herr Rochester in seinem Lehnsessel dasaß,
sah er ganz anders aus, als er mir vorher erschienen
war -- nicht ganz so strenge, viel weniger finster. Es
war ein Lächeln um seine Lippen zu bemerken, und
seine Augen funkelten, ich bin nicht gewiß, ob dies
vom Wein herrührte, doch halte ich das für sehr wahrscheinlich. Kurz, er war in seiner Nachmittagsstim
mung heiterer und freundlicher und auch nachgiebiger,
als in seiner kalten und strengen Laune des Morgens,
aber noch immer sah er grimmig genug aus, indem
er seinen massiven Kopf an die schwellende Lehne
seines Stuhles legte, und das Licht des Feuers auf
seine wie aus Granit gehauenen Züge und seine
großen dunklen Augen fiel. Ja, er besaß sehr große,
dunkle, sogar sehr schöne Augen, zuweilen nicht ohne
eine gewisse Veränderung in ihrer Tiefe, die, wenn
sie auch nichts weiches hatte, doch mindestens Gefühl
verrieth.
Er blickte zwei Minuten lang ins Feuer, und ich
sah ihn ebenso lange an, als er sich plötzlich zu mir
wendete und meinen Blick auf sein Gesicht gerichtet sah.
, Sie sehen mich an, Miß Eyre, sagte er, halten
Sie mich für schön?
Hätte ich mir Zeit genommen, so würde ich etwas
Unbestimmtes und herrkömmlich Höfliches geantwortet
haben; aber ehe ich es noch bedachte, hatte meine
Zunge schon die Worte ausgesprochen:
, Nein, Herr.
, Ah! wahrhaftig! Sie sind ein Original, sagte
er. , Sie haben das Ansehen einer kleinen Nonne,
ruhig, ernst und einfach, wie Sie mit vor sich hinge
haltenen Händen dasitzen und Ihre Augen gewöhnlich
auf den Fußteppich richten, außer wenn Sie dieselben
durchdringend auf mein Gesicht heften, wie jetzt zum
Beispiel; und wenn man eine Frage an Sie richtet,
oder eine Bemerkung macht, worauf Sie zu antworten
genöthigt sind, so bringen Sie eine runde Erwiderung
zum Vorschein, die, wenn auch nicht grob, doch ziemlich ungeschminkt ist.
, Mein Herr, ich war wohl zu brüsk, ich bitte
Sie um Verzeihung. Ich hätte erwidern sollen, es
sei nicht leicht, eine rasche Antwort auf eine solche
Frage zu geben, daß der Geschmack verschieden sei, daß auf Schönheit wenig ankomme oder dergleichen.
, Nein, Sie hätten nichts derartiges antworten
sollen. Aber unter dem Vorwande, den mir versetzten
Hieb wieder gut zu machen und mich zu besänftigen,
geben Sie mir einen Stich in den Nacken! Fahren Sie
fort, welchen Fehler finden Sie an mir, wenn's gefällig ist? Ich denke doch meine Glieder und meine
Gesichtszüge sind gleich denen eines jeden anderen
Mannes.
, Herr Rochester, erlauben Sie mir, meine erste
Antwort zurückzunehmen. Ich wollte keine verletzende Bemerkung machen, es war nur ein Versehen.
, Ich glaube es nicht, und Sie sollen dafür verantwortlich sein. Kritisiren Sie mich; gefällt Ihnen
meine Stirn nicht?
Er erhob die schwarzen Haarwellen, die hori
zontal über seiner Stirn lagen, und zeigte eine sehr
feste Masse intellectueller Organe, aber ein Merkmal
des Wohlwollens suchte man dort vergebens.
, Nun, mein Fräulein, bin ich ein Narr?
, Weit entfernt, mein Herr, aber Sie werden mich
vielleicht für unhöflich halten, wenn ich dagegen frage:
ob Sie ein Menschenfreund sind?
, Schon wieder ein neuer Stich mit dem feinen
Messer, indem Sie sich stellen, als wollten Sie mir
Complimente machen, und das nur, weil ich gesagt
habe, daß ich die Gesellschaft von Kindern und -- er
fügte das leise hinzu -- von alten Weibern nicht
liebe. Nein, junge Dame, ich bin kein allgemeiner
Menschenfreund; aber ich habe ein Gewissen. Er
deutete auf den vorragenden Theil seiner Stirn, von
dem man sagt, daß er die genannte Eigenschaft an
deuten soll, und der zum Glück für ihn hinreichend
sichtbar war und dem oberen Theile seines Kopfes
eine ausgezeichnete Breite verlieh.
, Und überdies, fuhr er fort, besaß ich einst eine Art von rauer Zärtlichkeit des Herzens. Als ich so alt war wie Sie,
war ich ein ganz gefühlvoller Junge, mitleidsvoll mit
den Unglücklichen; aber das Schicksal hat mich seitdem
hin und her geworfen, ja, mich mit seinen Fäusten
geknetet, und jetzt schmeichle ich mir, so hart und zähe
zu sein, wie ein fester Gummiball mit einem fühlen
den Punkte in der Mitte des Klumpens; und an einer
oder zwei unmerkbaren Stellen vermag noch etwas
einzudringen. Nun, gibt es da noch Hoffnung für
mich?
, Hoffnung worauf, Herr?
, Daß ich endlich aus Gummi wieder in Fleisch
und Blut zurückverwandelt werden könnte?
Offenbar hat er zu viel Wein getrunken, dachte
ich, und wußte nicht, was ich auf seine seltsame Frage
antworten sollte.
, Sie sehen sehr verlegen aus, Miß Eyre. Ob
gleich Sie ebenso wenig hübsch sind, als ich schön
bin, so steht Ihnen doch eine verlegene Miene gut;
seien Sie also nur immer verlegen. Ich bin geneigt,
diesen Abend lebhaft und mittheilend zu sein.
Bei dieser Ankündigung stand er von seinem
Stuhle auf und stützte seinen Arm auf den marmornen
Kamin. In dieser Stellung sah man seinen Wuchs
ebenso deutlich, wie sein Gesicht, und die ungewöhnliche Breite seiner Brust schien fast im Mißverhältnis
zu der Länge seiner Glieder zu stehen. Ich bin gewiß,
die meisten Leute würden ihn für einen häßlichen
Mann gehalten haben; doch lag so viel unbewußter
Stolz in seiner Haltung, eine solche vollkommene
Gleichgültigkeit gegen sein äußeres Erscheinen in seinem
Blicke, ein so stolzes Bewußtsein anderer Fähigkeiten,
welche den Mangel der persönlichen Reize ersetzten,
in seinem ganzen Gehaben, daß man unwillkürlich
seine Sicherheit theilte und sogar in gewissem Sinne
an sein Selbstvertrauen glaubte.
, Ich bin diesen Abend geneigt, lebhaft und mit
theilend zu sein, wiederholte er, und deshalb ließ
ich Sie rufen. Sie passen für mich, wenn Sie wollen,
davon bin ich überzeugt, obgleich Sie mir am ersten
Abend, als ich Sie hierher eingeladen, noch ein Räthsel
blieben. Ich habe Sie seitdem fast vergessen; andere
Dinge haben den Gedanken an Sie aus meinem
Kopfe verbannt; aber diesen Abend habe ich beschlossen,
alle lästigen Ideengänge bei Seite zu setzen und mich
nur angenehmen Gefühlen hinzugeben. Es würde
mir jetzt lieb sein, mehr von Ihnen zu erfahren --
reden Sie also.
Anstatt zu reden, lächelte ich; doch war es kein
sehr gefälliges und unterwürfiges Lächeln.
, Reden Sie, bat er.
, Wovon, mein Herr?
, Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen gänzlich die Wahl des Gegenstandes und die Art, ihn zu
behandeln.
Ich blieb schweigend sitzen.
, Wenn er erwartet, daß ich bloß reden soll, um
zu reden, damit er mich kennen lerne, so wird er
finden, daß er sich an die unrechte Person gewendet
hat, dachte ich.
, Sie sind stumm, Miß Eyre.
Er neigte sein Haupt ein wenig zu mir und
schien einen hastigen Blick in meine Augen zu tauchen.
, Widersetzlich und verletzt? sagte er. , Ah! es
ist natürlich. Ich sprach meine Bitte auf unhöfliche
und fast beleidigende Weise aus. Ich bitte um Verzeihung, Miß Eyre. Ein für allemal sei es gesagt, ich wünsche Sie nicht wie eine Untergebene zu behan
deln; das heißt, fügte er sich verbessernd hinzu, ich
nehme nur eine solche Ueberlegenheit für mich in
Anspruch, wie sie der Unterschied von zwanzig Jahren
des Alters und eines Jahrhunderts der Erfahrung
mir verleihen. Dies ist billig, und ich bestehe auf
diesem Rechte. Auf Grund dieses Uebergewichts, und
nur allein deshalb, wünsche ich, daß Sie die Güte
haben mögen, jetzt ein wenig mit mir zu reden, um
meine Gedanken zu zerstreuen, die quälend werden,
weil sie immer bei einem und demselben aufregenden
Punkte verweilen.
Er hatte sich zu einer Erklärung, fast zu einer
Entschuldigung herabgelassen; ich war nicht unem
pfindlich für dieses Zugeständnis und wollte es auch
nicht scheinen.
, Ich bin willig und bereit, Sie zu unterhalten,
mein Herr, wenn ich es vermag; aber wie und womit
soll ich beginnen, wenn ich nicht weiß, was Sie inter
essirt? Legen Sie mir Fragen vor, und ich will mein
Möglichstes thun, sie zu beantworten.
, Also für's Erste: gestehen Sie mir zu, daß ich
ein Recht habe, ein wenig herrisch und kurz, zuweilen
vielleicht etwas vielfordernd zu sein, und zwar weil
ich alt genug bin, um Ihr Vater zu sein, weil ich
mir unter mancherlei Menschen und Nationen Erfah
rung gesammelt und die Hälfte des Erdballes bereist
habe, während Sie ruhig immer mit den gleichen
Menschen in dem gleichen Hause lebten?
, Ich glaube nicht, mein Herr, daß Sie ein Recht
haben, mir zu befehlen, nur weil Sie älter sind, als
ich, oder weil Sie mehr von der Welt gesehen haben.
Ihr Anspruch auf Ueberlegenheit hängt von der Anwendung ab, die Sie von Ihrer Zeit und Erfahrung
gemacht haben.
, Hm, das war bestimmt gesprochen. Doch ich
kann es nicht zugeben, da es nicht auf meinen Fall
paßt, denn ich habe beide Vortheile unbenutzt gelassen,
ja fast schlecht angewendet. Doch wenn wir auch
die Ueberlegenheit aus dem Spiele lassen, so müssen
Sie sich doch darein fügen, von Zeit zu Zeit Befehle
von mir zu erhalten, ohne sich von dem gebieterischen
Tone verletzt zu fühlen. Wollen Sie das?
Ich lächelte.
, Das Lächeln ist sehr schön, sagte er, indem er
augenblicklich den vorübergehenden Ausdruck meines
Gesichtes wahrnahm, der mein Lächeln begleitete, aber
reden Sie auch.
, Ich dachte darüber nach, daß sehr wenige
Herren danach fragen würden, ob ihre bezahlten
Untergebenen sich durch ihre Befehle verletzt fühlen
oder nicht.
, Bezahlte Untergebene! sind Sie denn meine bezahlte Untergebene? Ei ja, ich vergaß das Jahrge
halt. Nun, wollen Sie also gestatten, daß ich auf
diesen Grund hin ein wenig anmaßend bin?
, Nein, Herr, auf diesen Grund hin nicht, aber
deshalb, weil Sie diesen Grund ganz aus dem Spiele
ließen und sich darum kümmern, ob eine bezahlte
Person sich in ihrer Abhängigkeit wohl fühlt, willige
ich von Herzen ein.
, Und wollen Sie mir eine Menge herkömm
licher Formen und Redensarten erlassen, ohne zu
glauben, daß die Unterlassung der Nichtachtung entspringt?
, Ich bin gewiß, mein Herr, daß ich Formlosigkeit nie für Grobheit halten werde, die erstere ist angenehm, und der anderen würde sich auch gegen ein
Jahrgehalt ein freigebornes Wesen nicht unterwerfen.
, Unsinn! Die meisten freigebornen Wesen werden
sich für ein Jahrgehalt Allem unterwerfen. Indessen
drücke ich Ihnen im Geiste die Hand für Ihre Ant
wort, so unbestimmt sie auch ist. Und was die Art
betrifft, wie sie ausgesprochen wurde, so war sie offen
und aufrichtig. Man findet das nicht oft; nicht drei
unter dreitausend Erzieherinnen, die eben die Schule
verlassen, würden mir wie Sie geantwortet haben.
Aber ich will Ihnen nicht schmeicheln. Wenn Sie
anders sind, als die Mehrzahl, so ist es nicht Ihr
Verdienst, sondern die Natur hat es gethan. Und
am Ende gehe ich auch in meinen Schlüssen zu weit,
denn nach dem wenigen, was ich bis jetzt weiß, mögen
Sie auch nicht besser sein, als die Uebrigen; vielleicht
haben Sie unerträgliche Mängel, die Ihre wenigen
guten Eigenschaften wieder aufheben.
, Und Sie dürften solche Mängel auch haben, dachte ich. Mein Auge begegnete bei diesem Gedanken dem seinigen. Er schien in meinem Blick zu lesen und beantwortete die Bedeutung desselben, als
hätte ich meinem Denken Worte verliehen.
, Ja, ja. Sie haben Recht, sagte er, ich habe
selbst viele Fehler; ich weiß es und wünsche sie nicht
zu beschönigen, das versichere ich Ihnen. Gott weiß,
ich habe nicht Ursache, zu strenge gegen Andere zu sein, denn ich habe mir eine Reihe von Handlungen
vorzuwerfen, welche mir wohl den Spott und den
Tadel meiner Mitmenschen zuziehen dürfte. Ich betrat im einundzwanzigsten Jahre einen falschen Weg
oder wurde vielmehr auf denselben gedrängt -- denn
gleich allen anderen Uebelthätern lege ich gern die
Hälfte der Schuld dem Unglück oder den ungünstigen
Umständen zur Last -- und habe nie seitdem den
rechten Weg wiedergefunden; doch es hätte ganz
anders sein, ich hätte weiser und fast fleckenlos sein
können. Ich beneide Sie um Ihren Seelenfrieden,
um Ihr reines Gewissen, um Ihre unbefleckte Er
innerung. Kleines Mädchen, eine Erinnerung ohne
Flecken oder Makel muß ein herrlicher Schatz sein --
eine unerschöpfliche Quelle reiner Erfrischung nicht
wahr?
, Wie waren Sie denn, als Sie in meinem Alter
standen, mein Herr?
, In meinem achtzehnten Jahre war ich wie Sie
-- ganz wie Sie. Die Natur hatte mich im Ganzen
zu einem guten Menschen bestimmt, Miß Eyre, und
Sie sehen, ich bin es nicht geworden. Sie mögen
sagen, Sie sehen es nicht, wenigstens schmeichle ich
mir, es in Ihrem Auge zu lesen -- nehmen Sie sich
indessen in Acht, ich verstehe die Sprache dieses Organs
sehr leicht. Ich gebe Ihnen mein Wort, ich bin kein
Schurke, das dürfen Sie nicht denken, aber ich glaube
in Wahrheit, ich habe es mehr den Umständen, als
meiner natürlichen Richtung zuzuschreiben, daß ich ein
gewöhnlicher, alltäglicher Sünder bin, all jener hohlen
und nichtswürdigen Zerstreuungen überdrüssig, womit,
die Reichen und Liederlichen das Leben hinbringen.
Wundern Sie sich, daß ich Ihnen dies gestehe? So
mögen Sie denn wissen, daß Sie sich im Verlaufe
Ihres Lebens noch oft zu der unfreiwilligen Ver
trauten der Geheimnisse Ihrer Bekannten werden auserwählt sehen. Die Leute entdecken instinctmäßig, wie
ich, daß es nicht Ihre starke Seite ist, von sich selber
zu reden, sondern zuzuhören, wenn Andere von sich
reden; Jene werden auch fühlen, daß Sie ihren Mittheilungen nicht mit boshaftem Spotte, sondern mit
einer Art angeborner Sympathie zuhören, die um so
tröstender und ermuthigender ist, weil sie sich nicht aufdringlich zeigt.
, Wie können Sie dies Alles wissen und errathen,
mein Herr?
, Ich weiß es genau und daher fahre ich un
befangen fort. Sie werden sagen, ich hätte mich den
Umständen überlegen zeigen sollen. Das hätte ich
freilich sollen, aber Sie sehen, ich versäumte es. Als
das Schicksal mir Unrecht that, besaß ich nicht Weis
heit und Ruhe genug, um meine Ueberlegung zu
wahren, ich gerieth in Verzweiflung und dann ent
artete ich. Ich wünsche, ich wäre fest geblieben --
weiß Gott, ich wünsche es! Fürchten Sie die Gewissensqual, wenn Sie in Versuchung gerathen, zu
irren, Miß Eyre! Gewissensqual ist das Gift des Lebens.
, Man sagt, daß Reue das Heilmittel dagegen ist.
, Das ist sie nicht. Besserung mag das Heilmittel
sein; und ich könnte mich bessern -- ich habe dazu
noch die Kraft -- wenn -- aber wozu ist es nöthig, daran zu denken, verstrickt, belastet und verflucht, wie
ich bin? Da Glück mir überdies unwiderrufliches verweigert ist, so habe ich ein Recht, die Freuden des Lebens
zu genießen, und ich will es, koste es, was es wolle.
, Dann werden Sie noch mehr entarten, mein
Herr.
, Es ist möglich; aber warum sollte ich entarten,
wenn ich süße, neue Freuden haben kann, Freuden, so
süß und frisch, wie der Honig, den die Biene im Walde
sammelt!
, Aber diese Freuden werden einen bitteren Nachgeschmack haben, mein Herr.
, Wie wissen Sie das? -- Sie haben es ja nie
gekostet. Sie haben kein Recht, mir zu predigen, Sie
Neuling, die Sie in das Leben noch nicht eingedrungen und völlig unbekannt mit den Geheimnissen
desselben sind.
, Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte.
Sie sagten, die Verirrung auf Abwege führe Gewissens
qual herbei, und Sie erklärten Gewissensqual für das
Gift des Daseins.
, Und wer spricht jetzt von einer Verirrung? Ich
glaube kaum, daß der Gedanke, der durch mein Ge
hirn flatterte, eine Verirrung war. Ich halte ihn mehr
für eine Inspiration, als für eine Versuchung, er war
sehr lieblich, sehr besänftigend -- das weiß ich. Da
kommt er wieder! Es ist keine Eingebung des Teufels,
das versichere ich Ihnen; oder wenn dies der Fall
ist, so hat der Teufel das Kleid eines Engels des
Lichts angelegt. Ich denke, ich muß einen so schönen
Gast einlassen, wenn er Eingang in mein Herz fordert.
, Mißtrauen Sie ihm, mein Herr; es ist kein
wahrer Engel.
, Wie wissen Sie das? Vermöge welches Instincts
behaupten Sie, zwischen einem gefallenen Seraph des
Abgrundes und einem Boten von dem ewigen Throne
-- zwischen einem Führer und einem Verführer unter
scheiden zu können?
, Ich urtheilte nach Ihrem Gesicht, mein Herr,
welches Unruhe ausdrückte, als Sie sagten, der Ein
fall wäre Ihnen wiedergekommen. Ich halte mich
überzeugt, daß es Ihnen noch mehr Elend bringen
wird, wenn Sie auf diese Stimme horchen.
, Durchaus nicht -- sie bringt die gnadenreichste
Botschaft von der Welt. Schon hat sie mir wohlgethan; mein Herz glich einem Friedhofe, und jetzt
wird es ein Altar sein.
, Die Wahrheit zu sagen, mein Herr, ich verstehe
Sie gar nicht, ich kann die Unterhaltung nicht fort
setzen, denn sie ist mir zu tief. Nur Eins weiß ich:
Sie sagten, Sie wären nicht so gut, wie Sie zu sein
wünschten, und bedauerten Ihre eigene Unvollkommenheit -- nur Eins kann ich begreifen, Sie deuteten an,
eine befleckte Erinnerung sei eine ewige Qual. Es
scheint mir, wenn Sie sich anstrengten, würde es Ihnen
auch möglich sein, das zu werden, was Sie zu sein
wünschen; und wenn Sie von heute an den festen Entschluß faßten, sich in Ihren Gedanken und Handlungen zu
bessern, so würden Sie in wenigen Jahren einen neuen
und fleckenlosen Schatz von Erinnerungen gesammelt
haben, zu dem Sie sich mit Vergnügen wenden könnten.
, Richtig gedacht, richtig gesprochen, Miß Eyre;
und in diesem Augenblick pflastere ich den Weg zur
Hölle mit guten Entschlüssen.
, Mein Herr?
, Ich fasse gute Entschlüsse, die ich für so dauernd
halte, wie Kieselsteine. Gewiß, mein Umgang und
mein Streben sollen anderer Art sein, als bisher.
, Und besser.
, Ja, auch besser -- um so viel als das reine
Geld besser ist, als schlechte Schlacken. Sie scheinen
an mir zu zweifeln; ich zweifle nicht an mir, ich weiß,
welches mein Ziel ist, welches meine Beweggründe
sind, und in diesem Augenblicke erlasse ich ein Gesetz,
so unabänderlich wie das der Meder und Perser, dass
meine Absichten die einzig richtigen sind.
, Der Mensch sollte sich nicht eine Macht an
maßen, die nur einem göttlichen und vollkommenen
Wesen mit Sicherheit zugesprochen werden kann.
, Welche Macht?
, Von einer seltsamen Handlungsart zu sagen,
dies soll die einzig richtige sein.
, Dies soll die einzig richtige sein -- ja das
sind die passendsten Worte, Sie haben sie ausgesprochen.
, So mag es denn so sein, sagte ich und stand
auf, da ich es für unnütz hielt, eine Unterredung fort
zusetzen, die mir völlig dunkel war. Ueberdies vermochte ich den Charakter dieses Mannes nicht zu durchschauen, und ich fühlte, daß meine Unwissenheit
mir die Sicherheit raubte.
, Wohin gehen Sie?
, Ich will Adele zu Bette bringen, es ist schon
über die Zeit.
, Sie fürchten mich, weil ich wie eine Sphynx rede.
, Ihre Sprache ist räthselhaft, mein Herr, aber
wenn ich auch etwas verwirrt bin, so fürchte ich doch
nichts.
, Sie fürchten sich -- Ihre Selbstliebe fürchtet
einen Irrthum.
, In dem Sinne bin ich freilich furchtsam -- ich
wünsche, keinen Unsinn zu reden.
, Wenn es geschähe, würde es gewiß auf so ernste
und ruhige Weise geschehen, daß ich es für gesunden
Verstand halten würde. Lachen Sie nie, Miß Eyre?
Ersparen Sie sich die Antwort -- ich sehe, Sie lachen
selten; aber Sie können sehr heiter sein, glauben Sie
mir, Sie sind nicht von Natur strenge, wie ich nicht
von Natur lasterhaft bin. Der Zwang von Lowood
hängt Ihnen noch ein wenig an; er beherrscht Ihre
Gesichtszüge, dämpft Ihre Stimme und lähmt Ihre
Glieder. Sie fürchten in Gegenwart eines Mannes
zu heiter zu lächeln, zu frei zu reden oder sich zu rasch
zu bewegen; aber mit der Zeit denke ich, werden Sie
lernen, natürlich gegen mich zu sein, so wie mir es
unmöglich ist, die herkömmlichen Formen gegen Sie
zu beobachten, und dann werden Ihre Blicke und
Bewegungen mehr Lebhaftigkeit und Abwechselung
haben, als sie jetzt zu zeigen wagen. Sie wollen gehen?
, Es hat neun geschlagen.
, Warten Sie nur noch eine Minute, Adele ist
noch nicht bereit, zu Bette zu gehen. Während ich
mit Ihnen redete, habe ich von Zeit zu Zeit Adele
beobachtet -- ich habe meine eigenen Gründe, sie mit
Interesse zu beobachten, und ich werde Ihnen diese
Gründe einst mittheilen. Vor zehn Minuten zog sie
ein kleines rothseidenes Kleid aus ihrem Kasten; Ent
zücken leuchtete in ihrem Gesicht, als sie es entfaltete,
Eitelkeit fließt in ihrem Blut und ist mit ihrem Ge
hirn, sowie mit dem Mark ihrer Knochen verschmolzen.
Ich muß es anziehen, rief sie, und zwar im
Augenblick! und lief aus dem Zimmer. Sie ist jetzt
bei Sophie und mit Ankleiden beschäftigt; in wenigen
Minuten wird sie wieder eintreten, und ich weiß, daß
ich ein Miniaturbild von Celine Varens sehen werde,
wie sie auf den Brettern zu erscheinen pflegte beim
Anziehen des -- doch es liegt nichts daran. Indessen
werden meine empfindlichsten Gefühle berührt werden,
das weiß ich im voraus; warten Sie jetzt, um zu
sehen, ob meine Annahme gerechtfertigt ist.
Bald hörten wir Adelens kleine Füße durch den
Vorsaal trippeln. Sie trat ein, umgewandelt wie ihr
Pflegevater es vorhergesagt hatte. Ein sehr kurzes
Kleid von rosenfarbigem Seidenstoff mit breitem Saum
ersetzte den braunen Rock, den sie vorher getragen;
ein Kranz von Rosenknospen umgab ihre Stirn; ihre
Füße waren mit seidenen Strümpfen und kleinen weiß
seidenen Sandalen bekleidet.
, Steht mir mein Kleid gut? rief sie herbei
eilend, und meine Schuhe? und meine Strümpfe?
Es ist mir, als müßte ich tanzen!
Und ihr Kleid ein wenig hebend, machte sie einige
Tanzschritte durch das Zimmer. Als sie Herrn Rochester
erreichte, drehte sie sich vor ihm leicht auf den Zehen
herum, ließ sich dann zu seinen Füßen auf ein Knie
nieder und rief:
, Mein Herr, ich danke Ihnen tausendmal für
Ihre Güte. Dann stand sie auf und fügte hinzu
, So machte es Mama, nicht wahr, mein Herr?
, Genau so! war die Antwort, und so lockte
sie mir mein englisches Geld aus meiner Tasche. Ich
bin auch jung gewesen, Miß Eyre -- und thöricht
dazu. Mein Frühling ist vorüber, hat mir indeß
jenes französische Blümchen in den Händen gelassen,
welches ich in manchen Stimmungen gern los sein
möchte. Da ich jetzt die Wurzel nicht schätze, aus der
es aufgesproßt ist, und ausfindig gemacht habe, daß
sie nur durch Düngung mit Goldstaub gedeihen konnte,
so habe ich nicht mehr die Hälfte der Neigung zu
dem Knöspchen, besonders wenn es so gekünstelt aus
sieht, wie eben jetzt. Ich behalte und erziehe es mehr
nach dem römisch-katholischen Grundsatze, um zahl
reiche große oder kleine Sünden durch ein gutes Werk
abzubüßen. Ich will Ihnen dies Alles einst erklären.
Gute Nacht.
Fünfzehntes Capitel.
Herr Rochester erklärte diese Umstände bei einer
späteren Gelegenheit.
Es war an einem Nachmittag, als er mir und
Adelen zufällig im Park begegnete; und während sie
mit Pilot und ihrem Federball spielte, bat er mich, in
einer langen Buchenallee, von wo man die beiden im Auge behalten konnte, mit ihm auf- und abzugehen.
Er erzählte mir dann, Adele sei die Tochter
einer französischen Operntänzerin Namens Celine
Varens, für die er einst eine große Leidenschaft em
pfunden. Celine habe sich gestellt, als erwidere sie
diese Leidenschaft mit lebhafter Glut. Er habe, so
häßlich er sei, geglaubt, daß sie seinen athletischen
Wuchs der Eleganz des Apoll vom Velvedere vorziehe.
, Und so sehr fühlte ich mich durch diesen Vorzug geschmeichelt, daß ich ihr ein Hotel miethete, ihr
Wagen und Dienerschaft hielt und sie mit kostbaren
Shawls, Diamanten und Spitzen beschenkte. Kurz, ich
begann mich auf hergebracht Weise, gleich jedem
anderen Gimpel, zu Grunde zu richten. Wie ich es
verdiente, hatte ich auch das Schicksal jedes anderen Gimpels. Eines Abends, als Celine mich nicht erwartete, ging ich zu ihr und fand sie nicht zu Hause.
Da ich ermüdet war, so setzte ich mich in ihrem
Boudoir nieder, glücklich, die erst kürzlich durch ihre
Gegenwart geweihte Luft zu athmen. Doch da habe
ich zu viel gesagt, Weihe verbreitet nur die Tugend,
es war vielmehr ein Duft von Moschus und Ambra,
den sie zurückgelassen, und ich war nahe daran, an
dem Dufte zu ersticken, als es mir einfiel, die Glasthür zu öffnen und auf den Balkon hinauszugehen.
Es war mondhell, und überdies leuchteten die Gas
lampen, und Alles war still und heiter. Auf dem
Balkon befanden sich einige Stühle; ich setzte mich
nieder und zog eine Cigarre hervor -- wenn Sie entschuldigen, will ich jetzt auch eine rauchen.
Hier trat eine Pause ein, die mit dem Anzünden
einer Cigarre ausgefüllt wurde. Nachdem Herr
Rochester eine Wolke von reinem Havannaduft in die
kalte und sonnenlose Luft geblasen, fuhr er fort:
, Ich rauchte, indem ich zugleich die Equipagen
beobachtete, die durch die belebte Straße zu dem nahen
Opernhause hinrollten, als ich in einem eleganten geschlossenen Wagen, von zwei schönen englischen Pferden
gezogen, dieselbe Equipage erkannte, die ich Celinen
geschenkt hatte. Sie kehrte zurück, und natürlich schlug
mein Herz mit Ungeduld. Der Wagen hielt an,
meine Flamme -- das ist das rechte Wort für eine
Opernliebschaft -- stieg aus, doch war sie in einen
Mantel gehüllt, was mir auffiel, da es ein warmer
Juniabend war. Ich neigte mich über den Balkon
und war eben im Begriff, in einem Tone, der natürlich nur dem Ohr der Liebe hörbar sein sollte:
, Mein Engel! zu flüstern, als eine ebenfalls in
einen Mantel gehüllte Gestalt nach ihr aus dem Wagen
sprang. Es war eine bespornte Ferse und ein mit
einem Männerhute bedeckter Kopf. Sie haben nie
Eifersucht empfunden, Miß Eyre? Natürlich nicht,
ich darf nicht erst fragen, da Sie nie Liebe empfunden.
Beides steht Ihnen noch bevor, Ihre schlummernde
Seele muß erst noch geweckt werden. Sie denken, das
ganze Dasein fließt so ruhig dahin, wie Ihre Jugend
bisher dahingeglitten. Aber ich sage Ihnen -- und
Sie mögen sich meine Worte merken -- Sie werden
einst zu einem Engpaß kommen, wo der ruhige
Strom des Lebens in wildschäumende, tobende Wirbel
übergeht, da werden Sie entweder an den Klippen
zerschmettert, oder von einer großen Welle gehoben
und in eine sanftere Strömung getragen werden --
wie es jetzt bei mir der Fall ist. Mir gefällt dieser
stählerne Himmel, mir gefällt die Stille der Welt unter diesem Frost. Ich liebe Thornfield, die alterthümliche
Bauart, die Zurückgezogenheit, die alten Dohlennester
und Dornbäume, die graue Front und die Reihen
dunkler Fenster, die jenen metallnen Himmel reflectiren,
doch wie lange habe ich den bloßen Gedanken daran verabscheut und diesen Ort gemieden, wie ein großes
Pesthaus! wie verabscheue ich noch jetzt --
Er knirschte mit den Zähnen, hielt seinen Schritt
an und trat mit seinem Absatze hart auf den starren Boden. Irgend ein verhaßter Gedanke schien ihn so
fest zu halten, daß er nicht weiter konnte.
Als er stillstand, gingen wir gerade den Gang
herauf. Die Halle lag vor uns. Seine Augen zu
den Zinnen erhebend, starrte er das Gebäude mit
einem Blicke an, wie ich noch nie vor oder nachher
einen gesehen. Schmerz. Scham, Zorn, Ungeduld,
Ekel und Abscheu -- alles dies zugleich prägte sich in diesem Blicke aus. Aber der Ausdruck wechselte
bald und Sarkasmus, Trotz und Entschlossenheit er
hielten die Oberhand und versteinerten sein im Augen
blicke vorher noch so leidenschaftlich bewegtes Antlitz.
, Als ich vorhin abbrach, Miß Eyre, fuhr er
fort, hatte ich mit meinem Geschick zu verhandeln.
Dort stand sie bei jenem Buchenstamm -- eine Hexe,
wie eine von jenen, die Macbeth auf der Haide von
Fores erschienen. , Du liebst Thornfield sagte
sie, ihren Finger erhebend, und dann schrieb sie ein
Zeichen in die Luft, welches in dunkelrothen Hieroglyphen zwischen der oberen und unteren Fensterreihe
über die ganze Front dahinlief: , Liebe es, wenn
du kannst! Liebe es, wenn du darfst! -- , Ich
will es lieben, sagte ich. ,Ich darf es lieben und
will mein Wort halten, fügte er düster hinzu. , Ich
will die Hindernisse überwinden, die dem Glück und
dem Guten im Wege stehen -- ja, dem Guten. Ich
wünsche ein besserer Mensch zu werden, als ich gewesen
und als ich jetzt bin.
In diesem Augenblick kam Adele mit ihrem
Federball herbeigelaufen. ,Hinweg! rief er rauh, halte dich in der Ferne, Kind, oder geh zu Sophie
hinein! Dann setzte er seinen Weg schweigend fort,
und ich wagte ihn an die unterbrochene Erzählung
zu erinnern.
, Verließen Sie Ihren Platz auf dem Balkon,
mein Herr, als Mademoiselle Varens ins Zimmer
trat? fragte ich.
Ich erwartete eine Zurechtweisung auf diese
schwerlich gelegene Frage; doch im Gegentheil erwachte
er aus seiner düsteren Zerstreuung, richtete seine Augen
auf mich, und der Schatten schien von seiner Stirn
zu verschwinden.
, O! ich hatte Celine vergessen; doch ich will
fortfahren. Als meine Geliebte, von einem Cavalier
begleitet, zurückkehrte, glaubte ich ein Zischen zu hören, und die grüne Schlange der Eifersucht bahnte sich
ihren Weg in das Innerste meines Herzens. Seltsam!
rief er plötzlich, wieder von dem Gegenstande abweichend, seltsam, daß ich Sie zur Vertrauten dieser
Geschichte wähle, junge Dame; äußerst seltsam, daß
Sie mich ruhig anhören, als wäre es das Gewöhn
lichste von der Welt, daß ein Mann, wie ich, einem
artigen und unerfahrenen Mädchen, wie Sie, Geschichten von seiner Geliebten, einer Operntänzerin,
erzählt! Aber die letzte Seltsamkeit erklärt die erste,
wie ich schon vorher angedeutet, und Sie, bei Ihrem
Ernst, Ihrer Ueberlegung und Vorsicht, sind geschaffen,
fremde Geheimnisse anzuhören. Ueberdies weiß ich,
welchen Geist ich mit dem meinigen in Verbindung
gesetzt habe; ich weiß, daß er nicht der Ansteckung
unterworfen ist, denn es ist ein eigenthümlicher und starker Geist.
Nach dieser Abschweifung fuhr er fort:
, Ich blieb auf dem Balkon. Sie werden ohne
Zweifel in das Boudoir gehen, dachte ich; ich will
ihnen einen Hinterhalt legen. Ich streckte meine Hand
durch das offene Fenster hinein und zog den Vorhang
vor dasselbe, indem ich nur eine Oeffnung ließ, durch
die ich meine Beobachtungen anstellen konnte; dann
machte ich das Fenster so weit zu, daß nur eine kleine
Spalte blieb, durch welche das Gespräch der Liebenden
mir vernehmbar werden mußte, schlich mich dann
wieder zu meinem Stuhl zurück, und als ich mich auf
ihn niederließ, trat das Paar herein. Mein Auge war
rasch an der Oeffnung. Celinens Kammermädchen
kam herein, zündete eine Tampe an und entfernte sich.
Jetzt zeigte sich mir das liebende Paar deutlich. Beide legten ihre Mäntel ab, und da sah ich Varens in
Seide und Juwelen schimmern, die ich ihr geschenkt
-- und da war ihr Begleiter in einer Officiersuni
form. Ich erkannte in ihm einen jungen Vicomte -- einen gehirnlosen, lasterhaften Burschen. Ich hatte
ihn zuweilen in Gesellschaft getroffen und nie gedacht,
daß ich ihn je hassen würde, weil ich ihn zu sehr ver
achtete. Sobald ich ihn erkannte, war die Qual der
Eifersucht vorüber, denn meine Liebe zu Celinen war
erloschen. Ein Weib, welches mich wegen eines
solchen Nebenbuhlers verrathen konnte, war nicht der
Mühe werth, um sie zu streiten, sie verdiente nur Verachtung, obgleich weniger als ich, der sich von ihr
hatte hintergehen lassen.
, Beide begannen zu reden; ihre Unterhaltung
beruhigte mich völlig; frivol, herz- und sinnlos, war
sie mehr danach angethan, einen Horcher zu ermüden,
als in Wuth zu versetzen. Meine Visitenkarte lag
auf dem Tische; als man dieselbe bemerkte, lenkte sich
das Gespräch auf mich. Beide besaßen nicht Witz
genug, mich gehörig durchzuhecheln; nur Celine wurde
beinahe geistreich, als sie sich über meine körperlichen
Mängel, die sie Mißgestalt nannte, aussprach, während
sie sich sonst in glühender Bewunderung über meine
männliche Schönheit, wie sie es nannte, zu ergehen
pflegte, ganz von Ihnen abweichend, die Sie mir
geradezu gesagt haben, daß Sie mich nicht für schön
halten. Ich öffnete die Balkonthür, trat in das
Zimmer, kündigte Celinen das Aufhören meines
Schutzes an, forderte sie auf, diese Wohnung zu verlassen, und bot ihr eine Börse an, um ihre unmittel
baren Bedürfnisse zu bestreiten. Auf ihr Schreien,
ihre Ohnmachten, Bitten, Betheuerungen und Krämpfe
achtete ich nicht. Den Vicomte forderte ich zu einem
Duell im Walde von Boulogne. Am nächsten Morgen
hatte ich das Vergnügen, mich mit ihm zu schießen,
ließ eine Kugel in einem seiner dünnen Arme zurück
und glaubte dann mit dem ganzen Gelichter fertig
zu sein. Aber unglücklicher Weise hatte mich die
Varens sechs Monate vorher mit dieser kleinen Adele
beschenkt, die, wie sie versicherte, meine Tochter sei,
und vielleicht mag es auch der Fall sein, obgleich ihre
Gesichtszüge den Beweis schuldig bleiben. Pilot ist
mir ähnlicher, als sie. Einige Jahre nachdem ich mit
der Mutter gebrochen hatte, lief diese, ihr Kind zurück
lassend, mit einem italienischen Sänger davon und
ging nach Italien. Ich gestand nicht zu, daß Adele
irgend einen natürlichen Anspruch an mich habe, und thue es auch jetzt noch nicht, denn ich bin nicht ihr
Vater; als ich aber hörte, daß sie ganz verlassen sei,
entriß ich das arme Ding dem Pariser Schlamm und
Koth und verpflanzte es hierher, damit es auf dem
gesunden Boden eines englischen Landgutes rein aufwachse. Mistreß Fairfax engagirte Sie, um das Kind
zu erziehen. Jetzt wissen Sie, daß es der ungesetzliche
Sprößling eines französischen Opernmädchens ist, und
werden vielleicht anders von Ihrer Stellung und Ihren
Schutzbefohlenen denken. Sie werden eines Tages
kommen und mich bitten, mich nach einer anderen
Erzieherin umzusehen, nicht wahr?
, Nein -- Adele ist weder für die Fehler ihrer
Mutter, noch für die Ihrigen verantwortlich, ich habe
eine Neigung zu ihr, und nun, da ich weiß, daß sie
gewissermaßen elternlos ist, werde ich mich ihrer nur
um so mehr annehmen. Wie könnte ich je den ver
zogenen Sprößling einer reichen Familie, der seine
Gouvernante als eine lästige Person hassen würde,
einer einsamen kleinen Waise vorziehen, die sich mir
wie einer Freundin anschließt?
, O! also aus diesem Gesichtspunkte sehen Sie
die Sache an! Gut, ich muß jetzt hineingehen, und Sie auch, denn es fängt an dunkel zu werden.
Aber ich blieh noch einige Minuten länger mit
Aldele und Pilot draußen, lief mit ihr um die Wette
und spielte noch eine Partie Federball. Ich suchte in
ihrem Gesichte eine Aehnlichkeit mit Herrn Rochester,
aber kein Zug, kein Wechsel des Ausdrucks deutete
auf Verwandtschaft. Es war schade. Wenn man
ihm hätte beweisen können, daß sie ihm ähnlich sei,
so würde er mehr Liebe für sie gehabt haben.
Erst als ich mich Abends auf mein Zimmer
zurückgezogen hatte, dachte ich wieder mit Ruhe an
die Geschichte, die mir Herr Rochester erzählt hatte.
Wahrscheinlich lag nichts Außerordentliches darin. Die
Leidenschaft eines reichen Engländers für eine französische Tänzerin und ihre Verrätherei an ihm waren
ohne Zweifel ganz alltägliche Dinge in der Gesell
schaft. Aber es lag etwas höchst Auffallendes in dem
Paroxismus, der sich seiner so plötzlich bemächtigt
hatte, als er im Begriff gewesen, seine gegenwärtige
zufriedene Stimmung und seine neu belebte Freude
an der alten Halle und den Umgebungen derselben
auszudrücken. Ich dachte mit Verwunderung über
diesen Vorgang. Da ich ihn aber unerklärlich fand,
ließ ich diesen Gegenstand fallen und beschäftigte mich
mit seinem Benehmen gegen mich -- des Herrn gegen
die Gouvernante. Das Vertrauen, welches er in mich
zu setzen für gut gehalten, schien ein Tribut, den er
meiner Besonnenheit darbrachte; so sah ich es an und
nahm es so auf. Sein Benehmen war seit einigen
Wochen gleichförmiger gegen mich, als anfangs. Ich
schien ihm nie im Wege zu sein; er zeigte keine An
fälle von verletzendem Stolz; wenn er mich unerwartet
traf, schien ihm die Begegnung willkommen zu sein;
er hatte immer ein gutes Wort und zuweilen ein
Lächeln für mich. Wenn ich durch eine förmliche
Einladung zu ihm gerufen wurde, empfing er mich
herzlich, was ich als einen Beweis betrachtete, daß
ich wirklich die Macht besäße, ihn zu unterhalten, und
daß er diese Abendunterredungen ebenso sehr zu seinem
eigenen Vergnügen, als zu meinem Nutzen veranstalte.
Ich sprach freilich verhältnismäßig wenig; doch
hörte ich ihm mit Vergnügen zu. Es lag in seiner
Natur, mittheilsam zu sein; er liebte es, einem mit
der Welt Unbekannten Bilder und Scenen aus der
selben vorzuführen, die durch ihre eigenartige Neuheit
fesselten, niemals sittenverderbend waren, und ich fand
ein lebhaftes Interesse daran, ihm in Gedanken durch
die neuen Regionen zu folgen, die er mir eröffnete,
wurde auch nie durch eine unschickliche Anspielung verletzt oder beunruhigt.
Die Leichtigkeit und Gewandtheit in seinem Be
nehmen befreite mich von unleidlichem Zwange; die
freundliche Offenheit, womit er mir entgegenkam, zog
mich zu ihm hin. Es war mir zuweilen, als sei er
mein Verwandter und nicht mein Herr; dennoch war
er zu Zeiten gebieterisch, aber ich nahm es mir nicht
zu Herzen, denn es war so seine Art. Dieses neue
Interesse, um welches ich mein Leben bereichert sah,
machte mich so glücklich und zufrieden, daß ich aufhörte, mich nach Gefährten meines Geschlechtes zu
sehnen; meine Bestimmung schien sich zu erweitern,
die Leere meines Daseins wurde ausgefüllt; meine
Gesundheit verbesserte sich, ich nahm zu an Fleisch
und Stärke.
Und war Herr Rochester jetzt häßlich in meinen
Augen? Nein, Leser, Dankbarkeit und andere edle,
sympathische Regungen machten mir sein Gesicht zu
dem Gegenstande, der mir am besten gefiel; seine
Gegenwart im Zimmer war erheiternder, als das
hellste Feuer. Doch ich hatte seine Fehler nicht ver
gessen und konnte es auch in der That nicht, denn
er rief sie mir beständig in die Erinnerung. Er war
stolz, sarkastisch und rauh gegen Niedrigkeit jeder Art,
und in meinen geheimsten Gedanken hielt ich mich
überzeugt, daß seine große Güte gegen mich durch un
gerechte Strenge gegen viele Andere aufgehoben werde.
Er war auch ohne sichtbaren Grund mißmuthig, und mehr als einmal, wenn er mich rufen ließ, um ihm
vorzulesen, sah ich ihn, seinen Kopf auf seinen übereinander geschlagenen Armen ruhend, in seiner Biblio
thek sitzen, und wenn er aufblickte, entstellte ein
mürrischer, fast boshafter Blick seine Züge. Aber ich
glaubte, daß seine Verstimmung, seine Rauheit und
seine früheren Fehler -- ich sage seine früheren, denn
jetzt schien er sie abgelegt zu haben -- ihre Quelle in
einem grausamen Schlage des Schicksals hätten, und
daß er, ehe dieser ihn traf, von Natur ein Mann von
besserem Streben, höheren Grundsätzen und reinerem
Geschmack gewesen sei. Ich kann nicht leugnen, daß
ich an seinem Kummer theilnahm, von welcher Art
er auch seit mochte, und viel darum gegeben hätte,
ihn besänftigen zu können.
Obgleich ich jetzt mein Licht ausgelöscht und mich
zu Bette gelegt hatte, konnte ich doch nicht schlafen,
weil ich an seinen Blick dachte, als er, in dem Baumgange plötzlich stehen bleibend, erzählt hatte, wie sein
Geschick sich vor ihm erhoben und ihn gefragt
habe, ob er es wage, in Thornfield glücklich sein zu
wollen.
, Warum nicht? fragte ich mich selbst, was
entfremdet ihn seinem Hause? Wird er es bald wieder
verlassen? Mistreß Fairfax sagte, er bleibe selten länger
als vierzehn Tage, und er ist jetzt schon acht Wochen
hier. Wenn er geht, wird die Veränderung traurig
sein. Wenn er den Frühling, den Sommer und Herbst
abwesend wäre, wie freudlos würden mir die schönen
sonnigen Tage vergehen!
Ich weiß nicht, ob ich über diesen Gedanken eingeschlafen bin oder nicht; auf jeden Fall wurde ich
durch ein eigenthümliches und schauerliches Gemurmel
erweckt, welches über meinem Kopfe war. Ich
wünschte, ich hätte mein Licht brennen lassen, die
Nacht war sehr dunkel und mein Geist gedrückt. Ich
richtete mich im Bette auf und horchte. Die Töne
verstummten.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber meine
innere Unruhe und mein ängstlich klopfendes Herz
ließen es nicht zu. Unten in der Vorhalle schlug die
Uhr zwei. Gerade in dem Augenblick war es mir,
als werde die Thür meines Zimmers berührt, wie
wenn Finger darüber hinstreiften und den Weg durch
die dunkle Gallerie suchten.
, Wer ist da? fragte ich, aber es erfolgte keine
Antwort, und ich erbebte vor Furcht.
Plötzlich fiel mir ein, es könnte Pilot sein, der,
wenn die Küchenthür offen geblieben war, nicht selten
herauskam und sich vor Herrn Rochester's Thür legte.
Ich hatte ihn selber mehrmals des Morgens dort
liegen sehen. Dieser Gedanke verscheuchte meine Furcht
ein wenig, und als jetzt eine ununterbrochene Stille
im ganzen Hause herrschte, schien mir der Schlummer
zurückkehren zu wollen. Es war mir jedoch nicht
bestimmt, daß ich in dieser Nacht schlafen sollte. Kaum
hatte ein Traum meine Sinne zu umdämmern be
gonnen, als er von einem markdurchschaudernden Tone
hinweggescheucht wurde.
Dies war ein dämonisches Lachen -- leise, ge
dämpft und tief -- wie es schien, dicht am Schlüssel
loch meiner Thür ausgestoßen. Das Kopfende meines
Bettes war in der Nähe der Thür, und ich glaubte
Anfangs, das koboldähnliche Lachen ertöne dicht neben meinem Kopfe; aber als ich mich erhob und mich
umsah, konnte ich nichts erblicken. Der unnatürliche
Ton wiederholte sich, und ich konnte unterscheiden, daß
er von draußen kam. Das Erste, was ich that, war,
aufzustehen und die Thür zu verriegeln. Dann rief
ich: , Wer ist da?
Draußen ließ sich ein Gurgeln und Stöhnen ver
nehmen, und bald hörte ich Fußtritte, die sich in der
Gallerie entfernten und sich der Treppe zu dem
dritten Stock näherten. Erst kürzlich hatte man die
Thür zu jener Treppe schließbar gemacht; ich hörte,
wie diese Thür sich öffnete und schloß, und dann war
Alles still.
, Was ist es mit der Gratia Poole? dachte ich.
, Ist sie vom Teufel besessen?
Ich beschloß, Mistreß Fairfax aufzusuchen, zog
rasch mein Kleid an und hing einen Shawl um; dann öffnete ich den Riegel meiner Thür mit zitternder
Hand. Draußen brannte ein Licht, welches Jemand
auf der Matte in der Gallerie hatte stehen lassen. Ich
war von diesem Umstande überrascht; aber noch mehr
erstaunte ich, als ich bemerkte, daß die Luft mit Rauch
angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten
umsah, um zu entdecken, woher der Rauch käme, spürte ich einen starken Geruch, als ob etwas brenne.
Ich hörte ein Knistern, eine Thür war nur angelehnt
-- es war Herrn Rochester's Thür, und aus derselben drang eine Rauchwolke hervor. Ich dachte
nicht mehr an Mistreß Fairfax, ich dachte nicht mehr
an Gratia Poole und das Lachen, in einem Augen
blick war ich im Zimmer. Die Flammen schlugen am
Bette auf, die Vorhänge desselben standen in Feuer.
In der Mitte der Glut und des Rauches lag Herr
Rochester bewegungslos in tiefem Schlafe.
, Erwachen Sie! erwachen Sie! rief ich.
Ich rüttelte ihn, doch er murmelte nur und
wendete sich um, der Rauch hatte ihn betäubt. Kein
Augenblick war zu verlieren. Ich eilte zu seinem
Waschtische; zum Glück waren der Wasserkrug und
die Waschschale mit Wasser gefüllt und beide Gefäße
groß. Ich überschüttete das Bett mit dem Inhalt,
eilte in mein Zimmer zurück, brachte auch meinen
Wasserkrug herbei, begoß das Bett von Neuem, und
mit Gottes Hilfe gelang es mir, die Flammen aus
zulöschen.
Das Sturzbad, welches ich so reichlich ausgegossen,
erweckte Herrn Rochester. Obgleich es jetzt dunkel
war, wußte ich doch, daß er wachte, weil er seltsame
Verwünschungen ausstieß, als er bemerkte, daß er in
einem Wasserpfuhle lag.
, Ist das eine Ueberschwemmung? rief er.
, Nein, Herr, antwortete ich, aber Ihr Bett
hat gebrannt. Stehen Sie auf, Sie sind jetzt gänzlich
durchnäßt; ich will Ihnen ein Licht holen.
, Im Namen aller Feen der Christenheit, ist das
Johanna Eyre? fragte er. , Was haben Sie mit
mir gethan, Hexe, Zauberin? Wer ist noch außer
Ihnen im Zimmer? Haben Sie sich verschworen, mich
zu ersäufen?
, Ich will Ihnen ein Licht holen, mein Herr;
in des Himmels Namen stehen Sie auf. Es hat
jemand etwas Böses vorgehabt, und Sie können nicht
bald genug ausfindig machen, wer es ist.
, So -- nun bin ich auf. Aber bedenken Sie,
es geht auf Ihre eigene Gefahr, wenn Sie jetzt ein
Licht holen. Warten Sie nur zwei Minuten, bis ich
trockene Kleider anlege, wenn trockene da sind -- ja,
hier ist mein Schlafrock, nun eilen Sie!
Ich lief hinaus und brachte das Licht herein,
welches noch in der Gallerie stand. Er nahm es mir
aus der Hand, hielt es empor und betrachtete das
Bett, welches ganz geschwärzt und verbrannt war, die
Betttücher waren durchnäßt und der Fußteppich mit
Wasser beschüttet.
, Was ist dies? und wer that es? fragte er.
Ich erzählte ihm kurz, wie ich in der Gallerie
das seltsame Lachen, und dann die Schritte vernommen
hatte, die zum dritten Stock hinaufgegangen waren -- wie der Rauch und der Geruch des Feuers mich
in sein Zimmer geführt, wie ich dort sein Bett in
Flammen gefunden und diese mit all dem Wasser be
schüttet hatte, welches ich hatte finden können.
Er hörte mir sehr ernsthaft zu; sein Gesicht
drückte mehr Sorge als Erstaunen aus, und er sprach nicht sogleich, als ich meinen Bericht geendet hatte.
, Soll ich Mistreß Fairfax rufen? fragte ich
.
, Mistreß Fairfax? nein. Weshalb, zum Henker,
wollten Sie sie rufen? Was kann sie thun? Lassen
Sie sie ruhig schlafen.
, Dann will ich Lea herbeiholen und John und
seine Frau wecken.
, Durchaus nicht, seien Sie nur ruhig. Sie haben
einen Shawl um, wenn Ihnen nicht warm genug ist,
so können Sie noch meinen Mantel dort nehmen,
hüllen Sie ihn um sich und setzen Sie sich dort in den
Lehnstuhl -- kommen Sie, ich will Ihnen in den
Mantel helfen. So, -- nun stellen Sie Ihre Füße
auf den Schemel, damit Sie aus der Nässe kommen.
Ich werde Sie auf einige Minuten verlassen und das
Licht mitnehmen. Bleiben Sie, wo Sie sind, bis ich
zurückkehre, und seien Sie so still, wie eine Maus.
Ich muß einen Besuch in diesem dritten Stock machen.
Aber regen Sie sich nicht und rufen sie auch Nie
manden.
Er ging, und ich sah, wie der Lichtschein sich
entfernte. Er ging sehr leise die Gallerie dahin,
öffnete die Thür an der Treppe so geräuschlos als
möglich, machte sie hinter sich zu, und dann verschwand
der letzte Strahl. Ich blieb in völliger Dunkelheit
zurück. Ich horchte auf irgend ein Geräusch, hörte
aber nichts. Eine sehr lange Zeit verging. Es fror
mich, ungeachtet des Mantels, und da ich nicht ein
sah wozu ich dableiben sollte, Herr Rochester überdies
auf den Beistand der anderen Leute im Hause verzichtet hatte, so wollte ich mich eben, gegen seinen
Befehl, entfernen, als ich das Licht wieder matt die Wand der Gallerie beleuchten sah und leise Tritte auf
der Matte vernahm.
, Ich hoffe, er ist es, dachte ich, und nicht
etwas Schlimmeres.
Er trat sehr blaß und düster wieder ein.
, Ich habe Alles entdeckt, sagte er, sein Licht
auf den Waschtisch niedersetzend, es ist, wie ich dachte.
, Wie, mein Herr?
Er antwortete nicht, blieb mit übereinander ge
schlagenen Armen stehen und blickte auf den Boden.
Nach wenigen Minuten fragte er in eigenthümlichem
Tone:
, Ich habe vergessen, ob Sie mir sagten, daß
Sie etwas gesehen, als Sie die Thür ihres Zimmers
öffneten.
, Nein, mein Herr, nichts weiter, als den Leuchter
am Boden.
, Aber Sie hörten ein auffallendes Lachen? Sie
hörten dieses Lachen oder etwas dergleichen wahrscheinlich schon früher?
, Ja, mein Herr, es befindet sich im Hause ein
Frauenzimmer, welches Gratia Poole heißt -- die
lacht auf solche Weise. Sie ist eine seltsame Person.
, So ist es. Gratia Poole -- Sie haben es errathen. Sie ist, wie Sie sagen -- sehr seltsam, ich
werde über den Gegenstand nachdenken. Inzwischen
ist es mir lieb, daß Sie außer mir die einzige Person
sind, die mit dem Ereignisse dieser Nacht bekannt ist.
Sie sind keine Schwätzerin, reden Sie also nichts
darüber. Für den Zustand des Bettes will ich schon
eine Erklärung finden, und nun kehren Sie in Ihr
Zimmer zurück. Ich kann die noch übrigen Stunden
der Nacht sehr gut auf dem Sopha in der Bibliothek
zubringen. Es ist beinahe vier Uhr -- in zwei
Stunden stehen die Diener auf.
, Gute Nacht also, mein Herr, sagte ich, mich
der Thür zuwendend.
Er schien überrascht, obgleich er mir eben gesagt, ich solle gehen.
, Was! rief er, Sie verlassen mich schon? und
auf diese Weise?
, Sie sagten, ich könne gehen, mein Herr.
, Aber nicht ohne Abschied zu nehmen; nicht ohne
meinen Dank angehört zu haben, nicht auf diese kurze
und trockene Weise. Sie haben mir ja das Leben gerettet, mich einem entsetzlichen Martertode entrissen!
und Sie gelesen an mir vorüber, als wenn wir einander ganz fremd wären! Wenigstens reichen Sie mir
die Hand!
Er streckte seine Hand aus; ich gab ihm die
meinige, er nahm sie zuerst in eine, dann in beide
Hände.
, Sie haben mir das Leben gerettet, es macht
mir Vergnügen, Ihnen so unendlich viel schuldig zu
sein, mehr kann ich nicht sagen. Keinem anderen
Wesen in der Welt möchte ich so viel schuldig sein,
bei Ihnen aber ist es anders -- Ihre Wohlthaten
sind für mich keine Last, Johanna.
Er schwieg und blickte mich an, ich sah, wie ihm
die Worte auf den Lippen zitterten -- aber seine
Stimme versagte ihm den Dienst.
, Noch einmal gute Nacht, mein Herr. Hier ist
von keiner Schuld, von keiner Wohlthat, von keiner
Last oder Verpflichtung die Rede.
, Ich wußte, daß Sie mir einst auf irgend eine
Weise einen guten Dienst leisten würden, fuhr er
fort, ich sah es in Ihren Augen, als ich Sie zuerst
erblickte, ihr Ausdruck und ihr Lächeln -- er hielt
inne und fuhr dann rascher fort -- erfüllten nicht
umsonst mein innerstes Herz mit Wonne. Die Leute
reden von natürlichen Sympathien; ich habe von
Schutzgeistern gehört -- es liegt etwas Wahres in dem albernsten Märchen. Meine liebe Retterin, gute
Nacht!
Der Ton seiner Stimme übte eine seltsame Ge
walt und sein Blick hatte ein seltsames Feuer.
, Es ist mir lieb, daß ich gerade wach war,
sagte ich und wollte dann gehen.
,Wie, Sie wollen gehen?
,Mich, friert, mein Herr.
,Es friert Sie? ja -- und Sie stehen in einem
Wasserpfuhl. So gehen Sie denn, Johanna!
Aber er hielt meine Hand noch immer fest, und
ich konnte sie ihm nicht entziehen. Da fiel mir ein
Auskunftsmittel ein.
,Ich glaube, ich höre Mistreß Fairfax, mein
Herr, sagte ich.
,Nun, so gehen Sie, sagte er, ließ meine Hand
los, und ich eilte fort.
Ich erreichte mein Lager wieder, dachte aber nicht
daran, einzuschlafen. Bis der Morgen dämmerte,
warf meine Gedankenwelt mich auf einer hohen und
unruhigen See umher, wo Wogen des Aufruhrs
neben Wogen der Freude rollten. Zuweilen glaubte
ich jenseits des wilden Wassers eine liebliche Küste
zu erblicken, und von Zeit zu Zeit trug ein erfrischender Wind, von der Hoffnung erweckt, meinen Geist
triumphirend zu jenem Ziele hin. Aber ich konnte es nicht erreichen -- ein ungünstiger Gegenwind wehte
mir vom Lande entgegen und trieb mich unaufhörlich
zurück. Der Verstand widersetzte sich der Einbildung,
die Vernunft warnte die Leidenschaft. Zu fieberhaft
aufgeregt, um zu ruhen, stand ich auf, sobald der
Tag graute.
Sechzehntes Capitel.
Ich hoffte und fürchtete zugleich, Herrn Rochester
an dem Tage zu sehen, der auf diese schreckliche Nacht
folgte; ich hätte gern seine Stimme gehört, doch scheute
ich mich, seinem Auge zu begegnen. Während der
ersten Stunden des Morgens erwartete ich jeden
Augenblick seinen Eintritt. Er kam nicht häufig in
das Schulzimmer, doch erschien er zuweilen auf einige
Minuten, und es war mir, als müsse er an diesem
Tage auch kommen.
Aber er ließ sich nicht sehen. Bald nach dem
Frühstück hörte ich in der Nähe von Herrn Rochester's
Thür sprechen. Ich unterschied die Stimmen der
Mistreß Fairfax, Leas, Johns und der Köchin, welche
John's Frau war. Ich vernahm folgende laute Be
merkungen:
, Welch' ein Glück, daß der Herr nicht in seinem
Bett verbrannt ist!
, Es ist stets gefährlich, in der Nacht ein Licht
brennen zu lassen.
, Welch' eine glückliche Fügung der Vorsehung,
daß er Geistesgegenwart genug hatte, um an den
Wasserkrug zu denken.
, Es wundert mich, daß er Niemand geweckt hat!
, Hoffentlich wird er sich nicht auf dem Sopha
in der Bibliothek erkälten.
Auf dieses Gespräch folgte ein Geräusch, welches
durch Scheuern und Wegrücken des Bettes hervorgebracht wurde. Als ich später an dem Zimmer
vorüberkam und zum Mittagessen gehen wollte, sah
ich durch die offene Thür, daß die Ordnung vollständig wieder hergestellt war; nur das Bett war
seiner Vorhänge beraubt. Lea stand in der Fenster
vertiefung und rieb die vom Rauche getrübten Fenster
scheiben ab, aber als ich weiter ging, erblickte ich noch
eine zweite Person in dem Gemache, welche neben dem Bette auf einem Stuhle saß und Ringe an neue
Vorhänge nähte. Diese war keine andere als
Gratia Poole.
Dort saß sie ruhig und schweigend, wie gewöhn
lich, in ihrem Kleide von braunem Wollenzeug, ihrer
würfelten Schürze, in weißer Haube und weißem
Tuche. Sie schien so sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, als ob dieselbe alle ihre Gedanken in An
spruch nehme. Auf ihrer harten Stirn und in ihren
gewöhnlichen Zügen war nichts von den Ereignissen dieser Nacht zu lesen, nichts von der Niedergeschlagenheit, Reue oder Verbissenheit eines Weibes, welches
erst vor wenigen Stunden einen Mordversuch gemacht,
dessen auserkorenes Opfer ihr bis in ihre Höhle gefolgt war und sie, wie ich bestimmt glaubte, wegen des versuchten Verbrechens zur Rede gestellt hatte.
Ich war erstaunt und verlegen. Sie blickte auf,
während ich sie noch ansah; kein Stutzen, kein Erröthen oder Erblassen verrieth ein Bewußtsein von
Schuld. Sie sagte in ihrer gewohnten phlegmatischen
und kurzen Weise: ,Guten Morgen, Miß,' nahm
einen anderen Ring und fuhr zu nähen fort.
,Ich will sie auf die Probe stellen, dachte ich,
eine solche Undurchdringlichkeit geht über alle Begriffe.
,Guten Morgen, Gratia, sagte ich. Ist hier
etwas geschehen? Ich meinte, ich hätte vor einer
Weile etwas dergleichen reden hören.
,Der Herr las in der letzten Nacht im Bette; er
ließ das Licht brennen, als er einschlief, und die Vor
hänge fingen Feuer; aber zum Glück erwachte er noch rechtzeitig und löschte die Flamme mit dem Wasser
aus seiner Waschschale.
,Eine seltsame Geschichte! sagte ich leise und
fuhr fort, indem ich sie fest ansah, weckte Herr Ro
chester Niemanden? Hörte ihn Niemand, wie er sich
bemühte, das Feuer zu löschen?
Sie erhob ihre Augen wieder zu mir und dies
mal schien sie sich getroffen zu fühlen. Sie beobachtete mich aufmerksam und antwortete dann:
, Die Dienerinnen schlafen so weit entfernt, wie
Sie wissen, daß sie ihn nicht leicht hören konnten.
Das Zimmer der Mistreß Fairfax und das Ihrige
sind dem unseres Herrn am nächsten, Miß; aber
Mistreß Fairfax sagt, sie habe nichts gehört. Wenn
die Leute alt werden, haben sie oft einen festen Schlaf.
Sie schwieg und fuhr dann mit angenommener
Gleichgültigkeit, aber in bedeutungsvollem und mar
kirtem Tone fort:
, Aber Sie sind jung, Miß, und haben wahr
scheinlich einen leichten Schlaf, vielleicht hörten Sie
ein Geräusch?
, Ja, sagte ich und fügte mit leiserer Stimme
hinzu, so daß Lea, die noch immer an den Fensterscheiben putzte, es nicht hören konnte, und Anfangs
glaubte ich, es sei Pilot; aber Pilot kann nicht lachen,
und ich bin gewiß, daß ich ein Lachen hörte, und
zwar ein sehr seltsames.
Sie nahm eine neue Nadel, fädelte mit sicherer
Hand den Zwirn ein und sagte dann mit vollkom
mener Fassung:
, Es ist kaum wahrscheinlich, daß der Herr bei
einer solchen Gefahr sollte gelacht haben. Sie haben
ohne Zweifel geträumt, Miß.
, Ich habe nicht geträumt, entgegnete ich mit
einiger Heftigkeit, denn ilhre eiserne Rulse brachte mich
auf. Sie sah mich wieder mit demselben forschenden
und bedeutungsvollen Blicke an.
, Haben Sie dem Herrn gesagt, daß Sie ein Ge
lächter gehört? fragte sie.
, Ich habe diesen Morgen noch nicht Gelegenheit
gehabt, mit ihm zu redet.
, Sie dachten also nicht daran, Ihre Thür zu
öffnen und auf die Gallerie hinauszublicken? fragte
sie weiter.
Sie schien ein Verhör mit mir anzustellen und
versuchte, was sie zu wissen wünschte, von mir heraus
zubringen. Da fiel mir plötzlich ein, wenn ich ihr
entdeckte, daß ich um ihre Schuld wisse oder sie wenigstens in Verdacht habe, so würde sie mir wohl auch einen boshaften Streich spielen; ich hielt es also
für rathsam, auf meiner Hut zu sein.
, Im Gegentheil, sagte ich, ich verriegelte meine
Thür.
, So haben Sie also nicht die Gewohnheit, jede
Nacht ihre Thür zu verriegelt, ehe Sie zu Bette
gehen?
, Das böse Weib sucht meine Gewohnheiten zu
erfahren, um daraus für ihre Pläne Nutzen zu ziehen,
dachte ich.
Der Unwille trug wieder den Sieg über die
Klugheit davon und ich entgegnete heftig:
, Bisher hielt ich es nicht für nöthig, den Riegel
vorzuschieben, denn ich wußte nicht, daß irgend eine
Gefahr in Thornfield-Hall zu fürchten sei; aber künftig,
fügte ich mit Nachdruck hinzu, werde ich meine Thür
sorgfältig verriegeln, ehe ich mich niederzulegen wage.
, Das wird gerathen sein, war ihre Antwort,
diese Gegend ist so ruhig, wie nur irgend eine, und
ich hörte nie, daß in Thornfield-Hall ein Raubversuch
gemacht worden wäre, obgleich für viele hundert Pfund
Silberzeug im Silberschrank ist. Und sehen Sie, für
ein so großes Haus sind sehr wenige Diener da, weil
der Herr niemals lange hier bleibt, und wenn er herkommt, so bedarf er als einzelner Mann auch wenig
Aufwartung; aber ich halte es für das Beste, lieber
zu viel als zu wenig zu thun. Eine Thür ist bald
geschlossen, und es ist immer gut, einen Riegel zwischen
sich und jedem Unheil zu haben, welches einem be
gegnen kann.
Hier schloß sie ihre Rede, die für ihre gewöhnliche Wortkargheit sehr lang war, und ich stand völlig
stumm da bei dem, was mir als wunderbare Selbst
beherrschung und raffinirte Heuchelei erschien.
Während des Mittagessens hörte ich kaum auf
den Bericht der Mistreß Fairfax über den Brand, so
sehr war mein Kopf mit Nachdenken über den räthselhaften Charakter der Gratia Poole, sowie über die
Stellung, welche sie eigentlich in Thornfield einnehmen
mochte, beschäftigt, und ich fragte mich, warum man
sie am Morgen nicht in Gewahrsam gebracht, oder
wenigstens aus dem Dienste entlassen habe. Herr Rochester hatte in der letzten Nacht seine Ueberzeugung
von ihrer Strafbarkeit so gut wie ausgesprochen,
welche geheimnisvolle Ursache hielt ihn denn zurück,
sie anzuklagen? Warum hatte er mir Schweigen auferlegt? Es war auffallend. Ein kühner, rachsüchtiger
und stolzer Herr schien auf irgend eine Weise in der
Macht einer der niedrigsten seiner Untergebenen zu
sein -- so sehr in ihrer Macht, daß, selbst wenn sie
ihre Hand gegen sein Leben erhob, er ihr den Ver
such nicht offen zur Last zu legen, und noch viel weniger sie deshalb zu bestrafen wagte
.
Wäre Gratia Poole jung und schön gewesen, so
hätte ich auf den Gedanken kommen können, daß in
Betreff ihrer Person zärtlichere Gefühle, als Klugheit
oder Furcht, auf Herrn Rochester einwirkten; doch sie
sah ältlich aus und hatte harte Gesichtszüge, es war
also nicht an derartiges zu denken.
, Doch sie ist einst jung gewesen, dachte ich weiter
, und muß mit ihrem Herrn im gleichen Alter sein.
Mistreß Fairfax sagte mir einst, sie wäre schon seit
vielen Jahren hier. Ich glaube nicht, daß sie je
hübsch gewesen sein kann, aber sie mag Eigenthümlich
keiten und Charakterstärke besitzen und dadurch für
den Mangel persönlicher Vorzüge entschädigen. Herr
Rochester liebt das Entschiedene und Excentrische:
Gratia ist wenigstens excentrisch. Wie -- wenn eine
frühere Laune -- die bei seinem lebhaften Temperament nicht unmöglich wäre -- ihn in ihre Macht
gegeben hätte, und sie jetzt vermöge derselben einen
geheimen Einfluß auf ihn ausübte, wovon er sich nicht
befreien könnte?
Als ich aber zu dieser Vermuthung gekommen
war, stellte sich mir Gratia Poole's eckige und platte
Gestalt, ihr unschönes und fast plumpes Gesicht so
deutlich vor Augen, daß ich dachte:
, Nein, es ist unmöglich! Meine Annahme kann
nicht richtig sein. Doch, sagte eine geheime Stimme
in mir, du bist auch nicht schön und vielleicht gefällst
du Herrn Rochester dennoch, wenigstens ist es dir oft so vorgekommen; und bedenke nur seine Worte in der
letzten Nacht -- seine Stimme!
Ich erinnerte mich an Alles, an seine Sprache,
an seinen Blick, an seine Stimme, Alles drängte sich
mir wieder lebendig in die Erinnerung. Ich war
jetzt im Schulzimmer; Adele zeichnete; ich neigte mich
über sie und leitete ihre Hand. Sie blickte fast erschrocken auf und fragte:
, Was ist Ihnen, Mademoiselle? Ihre Finger
zittern wie ein Blatt und Ihre Wangen sind roth, ja,
roth wie Kirschen.
, Das Blut ist mir vom Bücken in den Kopf ge
stiegen, Adele, antwortete ich.
Ich beeilte mich, die verhaßte Parallele hinsichtlich
Gratia Poole's aus meinem Geiste zu verbannen. Ich
verglich mich mit ihr und fand, daß wir sehr verschieden waren. Bessie Leaven hatte gesagt, ich sei
eine vollkommene Dame, und sie hatte die Wahrheit
gesprochen: ich war eine Dame. Und überdies sah
ich jetzt viel besser aus, als da Bessie mich gesehen
hatte, ich hatte mehr Farbe und mehr Fleisch, mehr
Leben und Lebhaftigkeit, weil ich nicht ohne Hoffnungen und Freuden war.
, Der Abend kommt, sagte ich zu mir selber, als
ich nach dem Fenster blickte. ,Ich habe heute weder
Herrn Rochester's Stimme, noch seinen Schritt im
Hause gehört; aber gewiß werde ich ihn vor Nacht noch sehen. Ich fürchtete die Begegnung
am Morgen; jetzt wünsche ich sie, denn meine Er
wartung ist so lange getäuscht worden, daß ich mich
ungeduldig fühle.
Als die Dämmerung vollständig hereingebrochen
war und Adele mich verließ, um mit Sophie in der
Kinderstube zu spielen, sehnte ich mich lebhaft nach
einem Wiedersehen mit Herrn Rochester. Ich wollte
das Gespräch wieder auf Gratia Poole lenken und
hören, was er antworten würde; ich wollte ihn ge
radezu fragen, ob er wirklich glaube, daß sie es gewesen, die in der letzten Nacht einen so teuflischen
Versuch gegen sein Leben unternommen; und wenn
es der Fall war, warum er dann ein Geheimnis aus
ihrer schlimmen That mache. Es lag wenig daran,
ob meine Neugierde ihn ärgerte; ich empfand Vergnügen daran, ihn abwechselnd zu reizen und wieder
zu besänftigen und ein sicherer Instinct verhinderte
mich stets, zu weit zu gehen. Während ich jede, auch
die kleinste Förmlichkeit des Respects und der Schicklichkeit beobachtete, die meine Stellung mir vorschrieb,
konnte ich ihm dennoch ohne Furcht oder Zwang be
gegnen. Dies gefiel ihm und mir.
Endlich knarrte die Treppe unter einem Fußtritt.
Lea erschien, doch nur um mir anzukündigen, daß der
Thee im Zimmer der Mistreß Fairfax bereitet sei.
Dorthin begab ich mich, wenigstens froh, die Treppe
hinuntergehen zu können, denn ich bildete mir ein, daß mich das Herrn Rochester näher bringe.
, Sie müssen nach Ihrem Thee Verlangen tragen, empfing mich die gute Dame. , Sie haben heute
Mittag so wenig gegessen. Ich fürchte, Sie sind nicht
wohl, Sie sehen roth und fieberhaft aus.
, O! ganz wohl; ich fühlte mich nie wohler.
, Dann müssen Sie es durch einen guten Appetit
beweisen; wollen Sie den Theetopf füllen, während
ich diese Nadel abstricke?
Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende war, stand sie
auf, um das Rouleau niederzulassen, was bisher noch nicht geschehen war, weil sie vermuthlich das Tageslicht so lange als möglich benutzen wollte, obgleich die
Dämmerung bereits in völlige Dunkelheit überging.
, Wir haben heute einen schönen Abend, wenn
s auch nicht sternenhell, sagte sie, indem sie durch die
Scheiben blickte, Herr Rochester hat im Ganzen einen
günstigen Tag zu seiner Reise gehabt.
, Reise! -- ist Herr Rochester denn verreist? Ich
wußte nicht einmal, daß er nicht zu Hause sei.
, O! er reiste gleich nach dem Frühstück ab! Er
ist nach Leas gegangen, wo Herr Eshton wohnt, zehn
Meilen über Millcote hinaus. Ich glaube, es ist dort
eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft beisammen: Lord
Ingram, Sir George Lynn, Oberst Dent und Andere.
, Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?
, Nein -- auch morgen nicht; ich denke, er wird
wahrscheinlich eine Woche oder länger dort bleiben.
Wenn diese feinen Leute zusammenkommen, unterhalten
sie sich so gut, daß sie sich nicht so bald trennen, und
Herr Rochester ist ein so ausgezeichneter Gesellschafter,
daß ich glaube, er ist ein allgemeiner Liebling. Die Damen haben ihn sehr gern, obgleich Sie vielleicht der Ansicht sind, daß sein Aeußeres ihn nicht begehrenswerth erscheinen läßt; aber ich vermuthe, seine
Talente sowie sein Reichthum und seine gute Herkunft machen jeden kleinen Fehler seines Aeußeren
wieder gut.
, Befinden sich Damen in Leas?
, Da sind Mistreß Eshton und ihre drei eleganten
jungen Töchter -- und da sind auch Blanca und
Maria Ingram, sehr schöne Damen vermuthe ich,
denn Blanca habe ich vor sechs oder sieben Jahren
gesehen, als sie ein Mädchen von achtzehn Jahren
war. Sie kam zu einem Weihnachtsball hierher, den
Herr Rochester gab. Ich glaube fast, es waren fünfzig
Damen und Herren da, -- alle aus den ersten
Familien der Grafschaft, und Miß Ingram galt für
die schönste von Allen.
, Wie sah sie aus?
, Sie war groß, hatte einen schönen Oberkörper
und breite Schultern; einen schlanken, graziösen Hals;
eine dunkle und klare olivenfarbige Haut, edle Züge
und Augen, denen des Herrn Rochester sehr ähnlich,
groß und schwarz und so glänzend wie ihre Juwelen.
Und dann hatte sie so schönes Haar, rabenschwarz
und zierlich geordnet. Sie war ganz weiß gekleidet
und trug eine ambrafarbige Blume im Haar, die
sehr gut gegen die dunkle Fülle ihrer Locken abstach.
, Sie wurde natürlich sehr bewundert?
, Ei freilich! und nicht allein ihrer Schönheit,
sondern auch ihrer Talente wegen. Sie war eine
von den Damen, welche sangen; ein Herr begleitete sie auf dem Piano und sie und Herr Rochester sangen
ein Duett.
, Herr Rochester! ich wußte nicht, daß er singen
könne.
, O! er hat eine schöne Baßstimme und ein feines
Ohr für Musik.
, Und was hatte Miß Ingram für eine Stimme?
, Eine volle und kräftige, sie sang zum Entzücken,
es war ein Genuß, sie anzuhören -- und dann spielte
sie auch -- Ich habe kein Urtheil über Musik, aber ich
hörte Herrn Rochester sagen, daß ihr Vortrag außerordentlich gut gewesen sei.
, Und diese schöne und talentvolle Dame ist noch
nicht verheiratet?
, Es scheint nicht so. Ich glaube, sie und ihre
Schwester haben beide kein großes Vermögen. Die
Besitzungen des alten Lord Ingram waren größtentheils
unveräußerlich und der älteste Sohn erhielt fast Alles.
, Aber es wundert mich, daß sich nicht irgend ein
reicher Herr in sie verliebt hat, Herr Rochester zum
Beispiel. Er ist reich, nicht wahr?
, O ja. Aber sehen Sie, es ist ein großer Unter
schied im Alter, Herr Rochester ist beinahe vierzig, und
sie erst fünfundzwanzig.
, Was thut denn das? Es werden alle Tage
noch viel ungleichere Verbindungen geschlossen.
, Das ist wahr; doch kann ich mir nicht recht
vorstellen, daß Herr Rochester einen solchen Gedanken
hegt. -- Aber Sie essen ja gar nichts zu Ihrem Thee.
Ich war im Begriff, auf die Wahrscheinlichkeit
einer Verbindung zwischen Herrn Rochester und der schönen Blanca zurückzukommen; aber Adele erschien
jetzt, und die Unterhaltung nahm eine andere Richtung.
Als ich wieder allein war, überdachte ich das
eben Gehörte, was mir so völlig neu war. Ich blickte
in mein Herz, prüfte seine Gefühle und war bemüht,
diejenigen, welche sich in das unbegrenzte und pfadlose Gebiet der Phantasie verirrt hatten, mit fester
Hand in die sicheren Grenzen des gesunden Verstandes
zurückzuführen.
Vor meine eigenen Gerichtsschranken geführt, hatte
ich mir eingestanden, welche Hoffnungen, Wünsche und Gefühle ich seit der letzten Nacht in mir hatte
aufkommen lassen und welchem allgemeinen Gemüths
zustand ich mich seit beinahe vierzehn Tagen hingegeben
hatte; die Vernunft war nun in ihre Rechte getreten
und hatte in ihrer klaren Weise mir unnachsichtlich
vorgehalten, wie ich die Wirklichkeit verworfen hatte
und dem Ideal nachgejagt war. Und da sprach ich
folgendes Urtheil: , Daß eine größere Thörin als
Johanna Eyre niemals auf diesem Erden rund geathmet und daß keine phantastische Idiotin jemals in
süßeren Lügen geschwelgt habe.
, Dich sollte Herr Rochester mit günstigen Blicken
ansehen? sagte ich. , Du solltest mit der Macht ausgerüstet sein, ihm zu gefallen? Gelegentliche Gunst
bezeugungen, die ein Herr von Stand und ein Welt
mann einer Untergebenen und Novize zu erkennen
gegeben, hast du ernst genommen? Armes, thörichtes
Ding! Du wiederholtest dir diesen Morgen die kurze
Scene der letzten Nacht? Verhülle dein Gesicht und
schäme dich! Blinde Puppe! öffne deine geblendeten
Augen! Es ist für kein Mädchen gut, wenn ihr Vor
gesetzter ihr schmeichelt, da es nicht zu erwarten steht,
daß er die Absicht hat, sie zu heiraten, und es ist
Wahnsinn bei allen Frauen, wenn sie zugeben, daß
eine geheime Liebe sich in ihnen entzündet, die, wenn
sie unerwidert und unverstanden bleibt, ihr innerstes
Leben verzehren muß und die, wenn sie entdeckt und
erwidert wird, gleich einem Irrlicht in Wildnisse führen
muß, aus welchen kein Ausgang ist.
,So höre denn dein Urtheil an, Johanna Eyre,
stelle morgen den Spiegel vor dich und zeichne getreu
dein eigenes Bild, ohne einen einzigen Mangel zu
mildern, ohne eine harte Linie auszulassen oder eine
unangenehme Unregelmäßigkeit zu glätten, und schreibe
darunter: Porträt einer armen und einfachen Erzieherin
ohne Verwandte und Freunde.
, Dann nimm deine Palette, mische deine frischesten,
schönsten, klarsten Farben, wähle deine zartesten Pinsel
und male mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht, welches
du nur erdenken kannst; male es mit den sanftesten
Schatten und den glänzendsten Lichtern nach der Be
schreibung, die dir Mistreß Fairfax von Blanca Ingram
gegeben, erinnere dich ihrer dunklen Locken, ihres
orientalischen Auges; erinnere dich der harmonischen
Züge, des griechischen Halses und der Büste, laß den
runden und schimmernden Arm sichtbar sein und die
zarte Hand, laß nicht den Diamantring noch das
goldene Armband fehlen; füge gewissenhaft die Gewandung von luftigem Spitzengewebe und schimmerndem Atlas, die graziöse Schärpe und die goldene Rose
hinzu und nenne dieses Bild Blanca, eine vollendete
Dame hohen Ranges.
, Wenn du künftig dir einbilden solltest, Herr
Rochester denke gut von dir, so halte dir beide Ge
mälde vor Augen, vergleiche sie mit einander und
sage: Herr Rochester könnte die Liebe jener edlen
Dame höchst wahrscheinlich gewinnen, wenn er danach
streben wollte -- ist es aber wahrscheinlich, daß er
einen ernsthaften Gedanken an ein dürftiges und un
bedeutendes Mädchen bürgerlichen Standes verschwenden sollte?
, Das werde ich thun, beschloß ich und als ich
diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde ich ruhig und
schlief ein.
Ich hielt mein Wort. Ein oder zwei Stunden
reichten hin, mein eigenes Porträt zu skizziren, und in
vierzehn Tagen hatte ich ein Miniaturbild einer ein
gebildeten Blanca Ingram vollendet. Es war in der
That ein liebliches Gesicht und mit meinem eigenen,
mit Bleistift gezeichneten Kopfe verglichen, war der
Contrast so groß, wie die Selbstdemüthigung ihn nur
wünschen konnte. Die Beschäftigung war wohlthätig
für mich, sie hatte meinen Kopf und meine Hände in
Thätigkeit gesetzt und den neuen Eindrücken, die ich
unauslöschlich meinem Herzen einzuprägen wünschte,
Kraft und Festigkeit verliehen.
Bald hatte ich Grund, mir zu der heilsamen
Disciplin, zu der ich meine Gefühle gezwungen, Glück
zu wünschen; ihr hatte ich es zu danken, daß ich im
Stande war, den folgenden Ereignissen mit einer Ruhe
zu begegnen, die ich wahrscheinlich nicht einmal äußerlich aufrecht zu erhalten vermocht hätte, wäre ich von
diesen Ereignissen unvorbereitet überrascht worden.
Siebzehntes Capitel
.
Keine Woche verging und es kam keine Nachricht
von Herrn Rochester, zehn Tage und es war
noch immer keine da. Mistreß Fairfax sagte, es würde
sie nicht wundern, wenn er von Leas geradezu nach
London und von dort nach dem Continent gereist wäre
und in einem Jahre sein Gesicht in Thornfield nicht
wieder zeige, es sei schon oft vorgekommen, daß er
auf ebenso plötzliche und unerwartete Weise abgereist
sei. Als ich dies hörte, empfand ich eine seltsame
Kälte und Muthlosigkeit im Herzen. Ich überließ
mich wirklich einem betäubenden Gefühle fehlgeschlagener Hoffnung, aber meine Kräfte sammelnd und
meiner Grundsätze mich erinnernd, kam ich alsbald
wieder in's Gleichgewicht.
, Du hast nichts weiter mit dem Herrn von
Thornfield zu thun, sagte ich mir, als das Gehalt in Empfang zu nehmen, welches er dir für den Unterricht und die Erziehung Adele’s gibt, und für eine respectvolle und freundliche Behandlung dankbar zu sein, die du, wenn du deine Pflicht thust, von ihm
mit Recht erwarten kannst. Präge dir ein, daß dies
das einzige Band ist, welches er im Ernste zwischen sich und dir anerkennt, und darum mache ihn nicht
zum Gegenstande deiner schönen Gefühle, deines Entzückens, deiner Schmerzen u. s. w. Er ist nicht von
deinem Stande, halte dich zu deinesgleichen und achte dich zu sehr, um die besten Gefühle deines Herzens und deiner Seele an diesen Mann zu verschwenden, der solcher nicht bedarf und sie mit Verachtung zurückweisen würde.
Ich fuhr fort, meine täglichen Pflichten zu er
füllen, aber von Zeit zu Zeit fielen mir Gründe ein,
Thornfield zu verlassen, ich dachte an einen Wechsel
meiner Stellung und entwarf wiederholt eine Ankündung für die Zeitung.
Herr Rochester war etwa vierzehn Tage abwesend
gewesen, als Mistreß Fairfax mit der Post einen Brief
erhielt.
, Er ist vom Herrn, sagte sie, die Aufschrift be
trachtend. , Jetzt werden wir vermuthlich erfahren,
ob wir seine Rückkehr zu erwarten haben oder nicht.
Während sie das Siegel erbrach und den Inhalt
las, trank ich meinen Kaffee, denn wir saßen beim Frühstück. Er war heiß und diesem Umstande schrieb
ich die feurige Glut zu, die plötzlich mein Gesicht
färbte. Warum meine Hand zitterte? Das zu er
gründen, hielt ich nicht der Mühe werth.
, Nun, zuweilen denke ich, es ist zu still hier; aber
jetzt haben wir zu erwarten, daß wir wenigstens auf
eine Weile genug zu thun haben werden, sagte Mistreß Fairfax, den Brief noch vor ihre Brille haltend.
Ehe ich eine Frage that, band ich Adelens Schürze
zu, welche aufgegangen war, und nachdem ich ihr noch
ein Stück Kuchen gegeben und ihre Tasse mit Milch
gefüllt hatte, sagte ich nachlässig:
, Herr Rochester wird also wohl bald zurück
kehren?
, Freilich -- in drei Tagen, schreibt er; das heißt,
am nächsten Donnerstag, und er kommt nicht allein,
sondern bringt vornehme Gesellschaft aus Leas mit.
Ich soll die besten Schlafzimmer in Bereitschaft halten und
die Bibliothek und die Gesellschaftszimmer ausräumen.
Ich soll mehr Leute für die Küche anstellen und diese
aus Millcote oder sonst woher kommen lassen. Die
Damen werden ihre Mädchen und die Herren ihre
Diener mitbringen, so werden wir freilich das Haus
voll haben.
Die nächsten drei Tage brachten, wie sich erwarten
ließ, Geschäftigkeit genug. Es wurden drei Frauen
zur Aushilfe aufgenommen, und ein solches Scheuern,
Bürsten, Waschen, Aufnageln von Teppichen, ein so
eifriges Poliren von Spiegeln und Leuchtern, ein so
häufiges Anzünden von Feuern in den Schlafzimmern
und Auslüften von Decken und Federbetten sah ich
nie vorher oder nachher. Adele rannte wie wild um
her während aller dieser Vorbereitungen. Die Aus
sicht auf die Ankunft des zahlreichen Besuches schien
sie in Entzücken zu versetzen. Sophie mußte ihre ganze
Garderobe mustern, alles Abgetragene aus bessern und
neu ordnen. Adele selber that nichts weiter, als daß
sie in den Vorderzimmern herumsprang, auf die Betten
hüpfte und sich auf die Matratzen und Kissen warf,
die vor den ungeheuren Feuern aufgehäuft waren,
welche man in den Kaminen angezündet hatte. Von
Schulpflichten war sie befreit. Mistreß Fairfax hatte
mich in ihren Dienst genommen, und ich war den
ganzen Tag in der Speisekammer, wo ich ihr und der
Köchin half, Eierrahm, Käsekuchen, französische Pasteten und Wildbret zu bereiten und wo ich Dessertkuchen backen lernte.
Die Gesellschaft wurde am Donnerstag Nachmittag
um sechs Uhr zur Mittagstafel erwartet. Ich hatte
nicht Zeit, meinen Träumen nachzuhängen, und ich
glaube, ich war so thätig und heiter wie nur irgend
s eine -- Adele ausgenommen.
Von Zeit zu Zeit wurde meine Heiterkeit gedämpft,
und wider meinen Willen überschlichen mich Befürchtungen und dunkle Vermuthungen. Dies geschah, wenn
ich die Treppenthür zum dritten Stock, die in der letzten
Zeit immer verschlossen gewesen, sich langsam öffnen
und die Gestalt Gratia Poole's in zierlicher Haube
und weißer Schürze erscheinen sah, wenn sie in ihren
s Tuchschuhen leise die Gallerie dahinschlich und in das
geschäftige Treiben blickte, um den Frauen Winke zu
geben, wie man am besten ein marmornes Kaminsims reinigen oder Flecken von den Tapeten wegbringen könne. Dann ging sie weiter, stieg einmal
täglich in die Küche hinunter, verzehrte ihr Mittag
essen und kehrte nach ihrem ungemüthlichen Aufenthaltsorte zurück, ihren Porterkrug als Tröster mitnehmend. Die ganze übrige Zeit hielt sie sich in einem
mit Eichenholz getäfelten Zimmer mit niedriger Decke
im zweiten Stock auf, dort saß sie, mit Nähen beschäftigt, so einsam wie ein Gefangener in seinem Kerker, und
wahrscheinlich vertrieb sie sich die Zeit mit Lachen.
Das Seltsamste war, daß außer mir keine Seele
im Hause auf ihre Gewohnheiten achtete oder sich gar
darüber wunderte. Einmal hörte ich Lea und eine
der zur Aushilfe angenommenen Frauen sich über
Gratia unterhalten. Ich hatte nicht vernommen, was
Lea eben gesagt haben mochte, sondern hörte nur die
Frau darauf antworten:
, Sie wird einen guten Lohn bekommen, sollte
ich denken?
, Ja, sagte Lea, ich wollte, ich bekäme so viel;
nicht als hätte ich mich über den meinigen zu beklagen -- denn man ist nicht karg in Thornfield --
aber es ist nicht der fünfte Theil von dem, was Mist
reß Poole erhält. Sie macht Ersparnisse und alle
Vierteljahre trägt sie diese auf die Bank nach Millcote.
Es sollte mich nicht wundern, wenn sie sich schon so
viel erspart hätte, um unabhängig leben zu können,
aber ich vermuthe, sie hat sich an den Ort gewöhnt;
und überdies ist sie noch nicht vierzig, dabei sehr rüstig
und zu allen Arbeiten fähig.
, Sie ist nicht dumm, vermuthe ich, sagte die Frau.
, Ach! sie weiß, was sie zu thun hat, Niemand
weiß es besser, versetzte Lea bedeutungsvoll, doch
möchte nicht Jede in ihre Schuhe treten um all das
Geld, welches sie bekommt.
, Gewiß nicht! war die Antwort. , Es soll mich
wundern, ob der Herr --
Als die Frau sich weiter aussprechen wollte, wendete sich Lea um, bemerkte mich und gab ihrer Dienstgenossin einen Stoß mit dem Ellbogen.
, Weiß sie es nicht hörte ich die Frau flüstern.
Lea schüttelte den Kopf, und die Unterhaltung
verstummte. Alles, was ich daraus erfahren hatte,
war, daß ein Geheimnis in Thornfield herrschte, und
daß man mir dieses verschwieg.
Der erwartete Donnerstag war herangekommen. A
lle Vorbereitungen waren am vorhergehenden Abend
vollendet worden, und Zimmer und Salons sahen so
frisch und glänzend aus, wie menschliche Hände sie
nur machen konnten. Im Speisezimmer strahlte der
Seitentisch von Silbergeschirr, und Gesellschaftszimmer
und Boudoir waren mit exotiscen Blumen in kost
baren Vasen ausggeschmückt.
Der Nachmittag kam, Mistreß Fairfax legte ihr
bestes schwarzseidenes Kleid, ihre Handschuhe und ihre
goldene Uhr an, denn es war ihre Obliegenheit, die
Gäste zu empfangen, die Damen in ihre Zimmer zu
führen u. s. w. Auch Adele wollte der Gelegenheit
entsprechend angekleidet sein, obgleich ich es nicht für
wahrscheinlics hielt, daß sie gleich am ersten Tage in
die Gesellschaft werde eingeführt werden. Um ihr indessen eine Freude zu machen, gestattete ich Sophie,
ihr eins von ihren kurzen Mousselinkleidern anzuziehen.
Was mich betraf, so hielt ich es für unnöthig, mich
umzukleiden, denn es stand nicht zu erwarten, daß man
mich auffordern werde, das Heiligthum meines Zimmers
zu verlassen.
Es war ein milder und heiterer Frühlingstag gewesen, einer von jenen Tagen, wie sie sich gegen Ende
März oder Anfang April als Vorboten des Sommers
einzustellen pflegen. Der Abend war warm, und ich
saß bei offenem Fenster im Schulzimmer.
, Es wird spät, sagte Mistreß Fairfax, in rauschendem Staat eintretend. , Ich that recht daran,
das Mittagessen auf eine Stunde später zu bestellen,
denn es ist jezt schon sechs Uhr. Ich habe John
zum Thor hinuntergeschickt, um zu sehen, ob auf dem
Wege etwas zu bemerken ist, denn man kann von dort
weit nach Millcote hin sehen.
Sie ging zum Fenster. , Da ist er, sagte sie.
, Nun, John, was gibt's Neues? rief sie hinab, sich
zum Fenster hinauslehnend.
, Sie kommen, Madame, war die Antwort, in
zehn Minuten werden sie hier sein.
Adele eilte zum Fenster. Ich folgte, stellte mich
aber auf die Seite, so daß ich, vom Vorhange geschützt,
sehen konnte, ohne gesehen zu werden.
Die zehn Minuten, die John angegeben, schienen
sehr lang, aber endlich hörte man das Geräusch von
Wagenrädern; vier Reiter galoppirten den Weg daher,
und nach ihnen kamen zwei offene Wagen, aus denen
Schleier flatterten und Federn wehten. Zwei von den
Reitern waren junge, vornehm aussehende Herren,
der dritte war Herr Rochester, auf seinem schwarzen
Pferde Messour. Pilot sprang vor ihm her. An Rochesters Seite ritt eine Dame. Ihr Reitkleid berührte
fast den Boden. Volle schwarze Ringellocken zeigten
sich durch ihren durchsichtigen Schleier.
, Miß Ingram! rief Mistreß Fairfax und eilte
fort, um unten ihren Posten einzunehmen.
Die Reiter folgten der Wendung des Weges und
bogen rasch um die Ecke des Hauses, wo ich sie aus
den Augen verlor.
Eine freudige Bewegung war bald in der Vorhalle hörbar, tiefe und silberhelle Stimmen verschmolzen
sich, und vor Allen, obgleich nicht zu laut, machte sich
die volltönende Stimme des Herrn von Thornfield
Hall hörbar, der seine Gäste unter seinem Dache be
willkommnete. Dann kamen leichte Schritte die Treppe
herauf und trippelten durch die Gallerie; ich vernahm
sanftes und heiteres Lachen, dann wurden Thüren
geöffnet und geschlossen, und für den Augenblick war
alles still.
, Sie wechseln ihre Toilette, sagte Adele, die
aufmerksam horchte.
, Wenn bei Mama Gesellschaft war, fügte sie
seufzend hinzu, so folgte ich den Damen überall, in
den Salon und in ihre Zimmer; oft sah ich zu, wie
die Kammerjungfern die Damen frisirten und anklei
deten, und das war unterhaltend, und man lernte
Manches dabei.
, Hast du keinen Hunger, Adele?
, Ei ja, Mademoiselle, wir haben ja seit fünf
oder sechs Stunden nichts gegessen.
, Nun gut, während die Damen in ihren Zimmern
sind, will ich hinuntergehen und etwas zu essen
holen.
Und mit Vorsicht aus meinem Asyl hervortretend,
suchte ich die Hintertreppe auf, die geradezu in die
Küche hinunterführte. Hier gab es nichts als Feuer
und Bewegung; im Dienerzimmer saßen und standen
zwei Kutscher und drei Bedienten um den Kamin;
die Hofen waren vermuthlich bei ihren Damen, und
die Frauen, die man zur Aushilfe in Millcote ge
dungen, waren überall beschäftigt. Durch dieses Chaos
gehend, erreichte ich endlich die Speisekammer, setzte
mich in den Besitz eines kalten Hühnchens, eines
Brötchsens und einiger kleinen Torten und trat mit
dieser Beute hastig meinen Rückzug an. Ich hatte
die Gallerie erreicht und machte eben die Hinterthür
wieder zu, als ein gewisses Geräusch mir verkündete,
daß die Damen im Begriff seien, ihre Zimmer zu verlassen. Ich konnte nicht zum Schulzimmer gelangen,
ohne an einigen von ihren Thüren vorüberzukommen
und mit meiner Ladung von Lebensmitteln überrascht
zu werden. Ich blieb also an diesem Ende des Ganges
stehen, welches dunkel war, da es kein Fenster hatte,
und wohin jetzt, da die Sonne untergegangen war,
kein Licht drang.
In diesem Augenblick traten die schönen Bewohne
rinnen nach einander aus ihren Zimmern, und ihre
hellen, luftigen Kleider schimmerten durch die Dämmerung. Einen Augenblick standen sie in Gruppen beisammen am anderen Ende der Gallerie, unterhielten
sich mit gedämpfter Lebhaftigkeit und stiegen dann,
fast so geräuschlos wie ein heller Nebel den Hügel h
inunterrollt, die Treppe hinab. Ihr Erscheinen hatte
einen Eindruck von vornehmer Eleganz hervorgerufen, wie ich ihn noch nie empfangen.
Ich überraschte Adele, wie sie aus der Thür des
Schulzimmers, die sie ein wenig geöffnet hatte, hervorblickte.
, Was für schöne Damen! rief sie in englischer
Sprache. , O! ich wollte, ich dürfte zu ihnen gehen.
Glauben Sie nicht, Herr Rochester werde uns nach
der Mittagstafel rufen lassen?
, Nein, das glaube ich nicht; Herr Rochester hat
an ganz Anderes zu denken. Laß' die Damen nur
für diesen Abend, vielleicht wirst du sie morgen sehen,
hier ist etwas für dich zu essen.
Sie war wirklich hungrig, und das Hühnchen und
die Torten dienten eine Zeitlang dazu, ihre Aufmerk
samkeit abzulenken. Es war gut, daß ich mir diese
Lebensmittel zu verschaffen gewußt, sonst würden wir
und Sophie, der ich einen Theil unseres Vorrathes
überbrachte, wohl gar nichts zu essen bekommen haben,
denn unten war Alles zu sehr beschäftigt, um an uns
zu denken. Ich erlaubte Adelen, viel länger als gewöhnlich aufzubleiben, denn sie erklärte, sie könne nicht
schlafen, während die Thüren unten beständig auf-
und zugemacht wurden, und die Leute ein- und ausliefen. Ueberdies, meinte Adele, könne möglicherweise
eine Einladung von Herrn Rochester kommen, und wie
schade würde es sein, wenn sie dann schon aus
gekleidet wäre.
Ich erzählte ihr Geschichten, so lange sie zuhören
wollte, und nahm sie dann zur Abwechslung in die Gallerie. Die Lampe in der Vorhalle war jetzt angezündet, und Adele unterhielt sich damit, über das Treppengeländer zu blicken und die Diener hin- und
hergehen zu sehen. Als der Abend schon weit vorgerückt war, hörten wir Klavierspiel im Gesellschaftszimmer, wohin man das Pianoforte gebracht hatte.
Adele und ich sezten uns auf die oberste Stufe der
Treppe, um zu lauschen. Plötzlich vereinte sich eine Stimme mit den vollen Klängen des Instrumentes,
es war eine Dame, welche sang, und ihre Töne
klangen sehr lieblich. Auf das Solo folgte ein Duett,
und ein heiteres Gemurmel der Unterhaltung füllte
die Pausen aus. Ich horchte lange und entdeckte
plötzlich, daß mein Olhr damit beschäftigt war, durc
h die verworrenen Töne hindurch die Stimme des
Herrn Rochester herauszufinden.
Die Uhr schlug elf. Ich sah Adele an, die ihren
Klopf an meine Schulter lehnte; ihre Augenlider
wurden schwer, und ich trug sie in meinen Armen zu
Bette. Es war fast ein Uhr, ehe die Herren und
Damen ihre Zimmer aufsuchten.
Der nächste Tag war ebenso schön, wie der
vorhergehende, und die Gesellschaft hatte ihn zu
einem Ausfluge nach einem benachbarten Landsitze
bestimmt. Man machte sich am Vormittag früh auf
den Weg. Einige waren zu Pferde und die Uebrigen
im Wagen, und ich beobachtete ihre Abfahrt und
Rückkehr. Auch heute war Miß Ingram die einzige
Reiterin, und wie gestern galloppirte Herr Rochester
an ihrer Seite. Beide hatten sich ein wenig von den
Uebrigen getrennt. Auf diesen Umnstand machte ich
Mistreß Fairfax aufmerksam, die mit mir am Fenster
stand.
, Sie sagten, es wäre nicht wahrscheinlich, daß
Herr Rochester an eine Heirat mit Miß Ingram
dächte, bemerkte ich, aber Sie sehen, wie er sie
offenbar den anderen Damen vorzieht.
, Ja, ohne Zweifel bewundert er sie.
, So wie sie ihn, fügte ich hinzu, sehen Sie
nur, wie sie ihren Kopf zu ihm hinneigt, als ob sie
sich sehr vertraut mit ihm unterhielte! Ich wollte,
ich könnte ihr Gesicht sehen; ich habe es bisher nicht
betrachten können.
, Sie werden sie diesen Abend sehen, antwortete
Mistreß Fairfax. , Ich erzählte Herrn Rochester beiläufig, wie sehr Adele wünsche, bei den Damen ein
geführt zu werden, und er erwiderte: O! lassen
Sie das Kind nach der Tafel in das Gesellschaftszimmer kommen und bitten Sie Miß Eyre, Sie zu
begleiten.
, Ja -- das letztere sagte er wohl nur aus Höflichkeit,
antwortete ich, darauf hin sollte ich nicht gehen.
, O nein; ich sagte ihm, Sie wären nicht an
Gesellschaft gewöhnt und würden nicht gern vor einer
so vornehmen Gesellschaft erscheinen, die Ihnen gan z
fremd wäre; da antwortete er auf seine rasche Weise:
Unusinn! wenn Sie Einwendungen macht, so sagen Sie ihr, es wäre mein aus drücklicer Wunsch, und
wenn sie sich widersetze, würde ich zur Strafe selbst kommen und sie holen.
, Diese Mühe will ich ihm ersparen, antwortete
ich. , Ich will gehen, wenn es nicht anders sein kann,
aber gern thue ich es nicht. Werden Sie auch dort
sein, Mistreß Fairfax?
, Nein, ich entschuldigte mich, und er nahm
meine Entschuldigung an. Ich will Ihnen sagen, wie
Sie es machen können, um nicht vor die versammelte
Gesellschaft treten zu müssen, was das Unangenehmste bei der ganzen Sache ist. Sie müssen in das Gesellschaftszimmer gehen, so lange es noch leer ist; und
ehe die Damen die Tafel verlassen, wählen Sie sich
Ihren Sitz in einem ruhigen Winkel. Und wenn Sie
nicht wollen, brauchen Sie nicht lange nach dem
Eintritt der Herren dort zu bleiben; es genügt, wenn
Herr Rochester sieht, daß Sie da sind, und Niemanden
wird es auffallen, wenn Sie sich dann fortschleichen.
, Glauben Sie, daß diese Leute lange hier bleiben
werden?
, Vielleicht zwei oder drei Wochen, gewiß nicht
länger. Nach den Osterferien muß Sir George Lynn,
der kürzlich zum Parlamentsmitglied für Millcote ge
wählt wurde, nach London gehen und seinen Sitz
einnehmen. Ich denke, Herr Rochester wird ihn begleiten, denn es wundert mich, daß er sich schon so
lange in Thornfield aufgehalten hat.
Mit einigem Beben sah ich der Stunde entgegen, wo ich mit meiner Schülerin im Gesellscaftszimmer erscheinen sollte. Adele war den ganzen Tag
in größter Erregung gewesen, nachdem sie gehört
hatte, daß sie am Abend den Damen solle vorgestellt
werden. Erst als Sophie sie anzukleiden begann,
machte die Wichtigkeit dieser Vorbereitungen sie gesetzter, und sobald sie ihr rothseidenes Kleid, ilhre
lange Schärpe und ihre Spitzenhandschuhe anhatte,
setzte sie sich ruhig auf ihren kleinen Stuhl nieder und
gab sorgfältig acht, ihr schönes Atlasröckchen nicht
zu zerdrücken, woraus ich die Beruhigung schöpfte,
daß sie nicht eher aufstehen werde, als bis ich bereit
sei. Dies war schnell geschehen, mein bestes Kleid --
das silbergraue, welches ich mir zu Miß Temple's
Hochzeit gekauft und seitdem nicht wieder getragen
hatte -- war bald angezogen, mein Haar bald ge
ordnet und mein einziger Schmuck, die Brosche mit der
Perle, bald angesteckt. Und nun gingen wir hinunter.
Zum Glück gab es noch einen anderen Eingang
zu dem Gesellschaftszimmer, als durch den Speisesaal,
wo Alle bei der Tafel saßen. Wir fanden das Zimmer
leer; ein großes Feuer brannte still in dem marmornen Kamin, und Wachskerzen schimmerten unter
den ausggesuchten Blumen, womit die Tische ge
schmückt waren. Der karmoisinrothe Vorhang wallte
von dem hohen Thürbogen herab; so leicht die
Scheidewand war, die diese Draperie zwischen den
beiden Zimmern bildete, so konnte man doch von
der Unterhaltung, welche im Salon geführt wurde,
nichts weiter als ein gedämpftes Gemurmel vernehmen, da leise gesprochen wurde.
Adele setzte sich auf einen Fußschemel nieder, den
ich ihr angewiesen. Ich zog mich in eine Fenster
vertiefung zurück, nahm ein Buch von einem Tische
und versuchte zu lesen. Adele rückte ihren Schemel zu
meinen Füßen hin und berührte bald darauf mein Knie.
, Was willst du, Adele?
, Darf ich nicht eine von diesen prächtigen Blumen
ehmen, Mademoiselle? Nur um meine Toilette zu v
ervollständigen.
, Du denkst zu viel an deine Toilette, Adele;
aber du sollst eine Blume haben.
Und ich nahm eine Rose aus einer Vase und
befestigte sie an Adelen's Gürtel. Sie seufzte vor un
aussprechlicher Wonne, als sei der Kelch ihres
Glückes jetzt voll. Ich wendete mein Gesicht ab, um
ein Lächeln zu verbergen. Es lag etwas Komisches
und doch wieder Trauriges in der Wichtigkeit, womit die kleine Pariserin die Angelegenheiten der
Toilette behandelte.
Ein gedämpftes Stuhlrücken verkündete jetzt, daß
sich die Gesellschaft von der Tafel erhob; der Vor
hang des Thürbogens wurde zurückgeschlagen, durc
h welchen sich das Speisezimmer zeigte. Das Silber
und Glas eines prächtigen Dessertservice, womit ein
langer Tisch bedeckt war, erstrahlte im Lichte der
Kronleuchter. Eine Gruppe von Damen trat ein, und
der Vorhang fiel hinter ihnen zu.
Es waren ihrer acht. Einige von ihnen waren
sehr groß, die meisten weiß gekleidet, und Alle hatten
eine Fülle von Putz an sich, wodurch ihre Personen
vergrößert wurden, wie ein Nebel den Mond ver
größert. Ich stand auf und verneigte mich gegen sie. Einige nickten mir zu, die Anderen aber starrten mich
nur an.
Sie zerstreuten sich im Zimmer. Einige warfen
sich in halb liegender Stellung auf die Sophas und
Ottomanen, Andere neigten sich über die Tische und
betrachteten die Blumen und Bücher; die Uebrigen
sammelten sich in einer Gruppe um das Feuer, und
Alle sprachen in leisem aber deutlichem Tone, der
ihnen zur Gewohnheit geworden zu sein schien. Ich
erfuhr später ihre Namen und kann sie ebenso gut
schon an dieser Stelle nennen.
Zuerst will ich Mistreß Eshton mit ihren beiden
Töchtern erwähnen. Sie war offenbar einst schön gewesen und hatte sich noch gut conservirt. Amy, die
ältere von ihren Töchtern, war ziemlich klein, kindlich
von Gesicht und von ungekünsteltem Benehmen. Louise,
die zweite, war von größerer und eleganterer Gestalt,
mit einem sehr hübschen Gesicht. Beide Schwestern
waren weiß wie Lilien.
Lady Lynn war eine imposante Person von
etwa vierzig Jahren, gerader Haltung, stolzem Aussehen und mit einem prächtig schimmernden seidenen
Kleide angethan. Ein Reif von Diamanten schlang
sich durch die Flechten ihres dunklen Haares, über
welchem eine azurfarbene Feder schwankte.
Die Oberstin Dent war weniger auffallend, doch
machte sie mir mehr als alle Anderen den Eindruck
einer feinen Dame. Sie hatte eine schlanke Gestalt,
ein sanftes Gesicht und blondes Haar. Ihr schwarzes
Atlaskleid und ihr Perlenschmuck gefielen mir besser,
als die Regenbogenstrahlen der titelreichen Dame.
Aber die drei ausggezeichnetsten Personen -- zum
Theil vielleicht, weil ihr Riesenwuchs alle Uebrigen
weit überragte -- waren die verwitwete Lady
Ingram und ihre Töchter Blanca und Maria. Die
Witwe mochte zwischen vierzig und fünfzig sein, ihre
Gestalt war noch schön, ihr Haar, wenigstens bei
Kerzenlicht, noch schwarz, und auch ihre Zähne
schienen noch unversehrt zu sein. Sie hatte ein
Doppeltes Kinn, welches in einen Hals überging, der
stark war, wie ein Pfeiler; ihre römischen Züge
schienen von Stolz verhärtet und sogar entstellt. Sie
h hatte auch ein zorniges und strenges Auge, welches
mich an das der Mistreß Reed erinnerte; ihre Stimme
war tief, die Betonung hochtrabend bis zur Un
erträglichkeit. Sie gab sich mit wahrhaft kaiserlicher
Würde.
Blanca und Maria waren von gleicher Statur
gerade und hoch wie Pappeln. Maria war zu
schmächtig für ihre Größe, aber Blanca besaß das
Ebenmaß einer Diana. Ich betrachtete sie natürlich
mit besonderem Interesse. Für's Erste wünschte ich
mich zu überzeugen, ob ihre Erscheinung mit der B
eschreibung der Mistreß Fairfax übereinstimme; zweitens, ob sie dem Bilde gleiche, welches ich in
meiner Phantasie von ihr entworfen; und drittens
-- es muß heraus! -- ob sie ein Weib nach dem
Geschmacke des Herrn Rochester sei.
In ihrer äußeren Erscheinung entsprach sie in
jeder Hinsicht meiner Vorstellung und der Beschreibung
der Mistreß Fairfax. Die edle Büste, die zierlich abfallenden Schultern, der graziöse Hals, die dunklen
Augen und schwarzen Ringellocken -- Alles war so,
wie ich es mir gedacht hatte -- aber ihr Gesicht?
-- Ihr Gesicht glich dem ihrer Mutter; dieselbe
niedrige Stirn, dieselben harten Züge, derselbe Stolz.
Es war indessen kein so finsterer Stolz, denn sie lachte
beständig; doch ihr Lachen war satirisch, und dies
war auch der gewöhnliche Ausdruck ihrer geschwun
genen, hochmüthigen Lippe.
Man sagt, daß das Genie selbstbewußt ist; ich
kann nicht sagen, ob Miß Ingram ein Genie war,
aber selbstbewußt war sie in der That. Sie ließ sich
mit der sanften Mistreß Dent in eine Unterredung
über Botanik ein. Mistreß Dent schien diese Wissenschaft nicht betrieben zu haben, aber Miß Ingram
hatte hierin Studien gemacht und kramte ihren
aufgespeicherten Wortschatz mit gelehrter Miene aus.
Ich bemerkte sogleich, daß sie über die Unwissenheit
von Mistreß Dent spottete, ihr Spott mochte witzig
sein, war aber offenbar nicht gutmüthig. Sie spielte,
ihr Vortrag war brillant; sie sang, ihre Stimme war
schön; sie sprach mit ihrer Mutter französisch, sie
sprach es mit Geläufigkeit und gutem Accent.
Maria hatte ein milderes und offeneres Gesicht,
als Blanca, auch sanftere Züge und eine weißere
Haut als ihre Schwester, welche dunkel wie eine
Spanierin war, -- aber es fehlte Marien an Leben,
ihr Gesicht entbehrte des Ausdruckes, ihr Auge des
Glanzes; sie wußte nichts zu sprechen, und wenn sie
einmal ihren Sitz eingenommen, verhielt sie sich wie eine Statue.
Und glaubte ich jetzt wirklich, daß Miß Blanca
Ingram für eine Wahl, wie Herr Rochester sie wahrscheinlich treffen werde, die richtige Persönlickeit sei? Ich konnte mich nicht entscheiden -- ich kannte
seinen Geschmack in Betreff weiblicher Schönheit
nicht. Wenn er das Maffestätische liebte, so war sie
das Urbild der Majestät, überdies war sie talentvoll
und geistreich. Ich glaubte, die meisten Herren müßten
sie bewundern, und daß Herr Rochester sie bewundere,
davon meinte ich schon einen Beweis zu haben. Um den letzten Schatten des Zweifels zu beheben, mußte
ich beide nur noch zusammen sehen.
Adele war, als die Damen eintraten, von ihrem
Schemel aufgestanden und hatte sie unter graziösen
Verneigungen auf Französisch begrüßt.
Miß Ingram blickte mit ihrer spöttischen Miene
auf sie nieder und rief:
, O! welch' eine kleine Puppe!
L
ady Lynn bemerkte:
, Es ist vermuthlich Herrn Rochester's Mündel
-- das kleine französische Mädchen, von dem er ge
sprochen.
Mistreß Dent reichte Adelen freundlich die Hand und küßte sie. Amy und Louise Eshton riefen zugleich:
, Welch' ein Engel von einem Kind?
Und dann führten sie Adele zu einem Sopha, wo
sie jetzt zwischen beiden saß und abwechselnd Französisch
und gebrochen Englisch plapperte, und nach Herzens
lust geliebkost wurde.
Endlich brachte man den Kaffee und rief die
Herren herein. Ich sitze im Schatten -- wenn in
diesem glänzend erleuchteten Zimmer von Schatten
gesprochen werden kann -- und der Fenstervorhang
verbirgt mich halb. Wieder thut sich die Portiere
auseinander, und mit feierlichem Anstand, wie vorher
die Damen, treten die Herren ein, sämmtlich schwarz
gekleidet; die meisten von ihnen sind groß und einige jung. Heinrich und Friedrich Lynn sind sehr feine
junge Männer, und Oberst Dent ein schöner, kriegerisch
aussehender Herr. Herr Eshton, das Parlaments
mitglied für die Grafschaft, hat ein vornehmes Wesen,
sein Haar ist ganz weiß, seine Augenbrauen und sein
Bart dagegen sind noch schwarz, Lord Ingram ist, gleich seinen Schwestern, sehr groß und schön, theilt aber das zerstreute und theilnahmslose Wesen seiner
Schwester Maria; er scheint mehr Länge der Glieder,
als Lebhaftigkeit des Blutes oder Stärke des Gehirnes
zu haben.
Und wo ist Herr Rochester?
Er kommt zuletzt. Obwohl ich nicht nach dem Thürbogen blicke, sondern meine Aufmerksamkeit auf
die Maschen der Börse richte, die ich stricke, so erblicke
ich doch deutlich seine Gestalt und unwillkürlich erinnere ich mich des Augenblickes, da ich ihn zuletzt
gesehen, und er, kaum einer Todesgefahr entronnen,
meine Hand gehalten und mich mit Augen angeblickt
hatte, die ein zum Ueberfließen volles Herz bekundeten,
an dessen Regungen ich Antheil hatte. Wie nahe hatte
ich ihm in jenem Augenblick gestanden! Was war
seitdem geschehen, um unsere gegenseitige Stellung zu
verändern? Wie fremd waren wir einander geworden!
So entfremdet, daß ich mich nicht wunderte, als er,
ohne mich anzusehen, sich auf der anderen Seite des
Zimmers niedersetzte und mit einigen von den Damen
sprach. Als ich ihn unbemerkt betrachten konnte und
meine Augen sich unwillkürlich auf sein Gesicht rich
teten, empfand ich die Wonne und zugleich die Qual
eines vor Durst Verschmachtenden, welcher auf die
Quelle zustürzt und gierig den Trunk einschlürft, ob
gleich er weiß, daß das Wasser vergiftet ist.
Wie wahr ist es, daß die Schönheit in dem Auge
des Beschauers liegt! Nichts als Energie, Entschiedenheit und fester Wille lag in der Erscheinung dieses
Mannes, und der äußere Ausdruck dieser Eigenschaften
in den Gesichtszügen ist der Regel nach nicht schön,
aber für mich waren diese Züge mehr als schön, sie
übten eine Macht auf mich, von der ich mich völlig
beherrscht fühlte. Ich hatte nicht beabsichtigt, ihn zu
lieben, ich hatte mich lebhaft angestrengt, in meiner
Seele die Keime der Liebe anszurotten, die ich dort
entdeckt; und jetzt, bei dem ersten Wiedersehen, lebten
sie sofort frisch und stark wieder auf! Ich mußte ihn
lieben!
Ich verglich ihn mit seinen Gästen, und obwohl
ich an diesen kein Interesse fand, so konnte ich mir
doch vorstellen, daß die meisten Beobachter sie anzie
hend nennen würden, während sie Herrn Rochester's Z
üge für rauh und seinen Ausdruck für melancolisch erklären müßten. Ich sah diese Männer lächeln, hörte
sie lachen -- aber das Licht der Kerzen halte ebenso
viel Seele, als ihr Lächeln, das Klingeln der Schelle
ebensoviel Bedeutung, als ihr Lachen. Ich sah Herrn
Rochester lächeln, seine strengen Züge wurden milde,
sein Auge glänzend und sanft und dessen Strahl süß
und bis ins Herz dringend. Er sprach in diesem
Augenblick mit Louise und Amy Eshton, und ich konnte
mich nicht genug wundern, daß sie diesem Blicke mit
Ruhe begegneten, während ich erwartete, daß ihre
Augen sich senken und ihre Farbe sich erhöhen werde.
Und doch war es mir auch wieder lieb, zu sehen, daß sie auf keine Weise bewegt wurden.
, Er ist nicht für sie, was er für mich ist, dachte
ich, er ist nicht von ihrer Art. Ich glaube, er ist
von meiner Art -- ich bin dessen gewiß -- ich fühle
mich mit ihm verwandt -- ich verstehe die Sprache
seines Gefühles und seiner seelischen Bewegungen.
Obgleich Rang und Reichthum uns weit voneinander
trennen, so habe ich doch etwas in Kopf und Herzen,
in Blut und Nerven, was mich geistig mit ihm vereint. Sagte ich nicht vor wenigen Tagen, ich habe
n nichts weiter mit ihm zu thun, als meinen Gehalt
von ihm zu empfangen? Verbot ich mir nicht, ihn
in einem anderen Lichte als in dem meines Herrn
anzusehen? Lästerung gegen die Natur! Alle guten,
wahren und kräftigen Gefühle, die ich besitze, sammeln
sich instinctmäßig um ihn. Ich weiß, ich muß meine
Empfindungen verbergen, ich muß meine Hoffnung
unterdrücken, ich muß mich erinnern, daß er sich nicht
viel um mich kümmern kann. Wenn ich sage, ich
bin von seiner Art, so meine ich nicht damit, daß mir
auch seine Macht über Andere und seine bestrickende
Anziehungskraft eigen ist, sondern ich meine nur, daß
ich einen gewissen Geschmack und gewisse Gefühle
mit ihm gemein habe. Ich muß mir beständig
wiederholen, daß wir auf immer getrennt sind --
und doch muß ich ihn lieben, so lange ich athme
und denke --
Der Kaffee wird herumgereicht. Seit die Herren
eingetreten, sind die Damen lebhafter geworden, die
Unterhaltung wird heiter und belebt. Oberst Dent
und Herr Eshton sprechen über Politik, und ihre Frauen
hören zu. Die beiden stolzen Witwen Lady Lynn und
Lady Ingram unterhalten sich mit einander. Sir
George, ein sehr wohlbeleibter und frisch aus sehender
Landedelmann, steht, die Kaffeetasse in der Hand, vor
ihrem Sopha und wirft von Zeit zu Zeit ein Wort
ein. Herr Frederick Lynn hat neben Maria Ingram
Platz genommen und zeigt ihr die Kupferstiche in einem
Prachtwerke, sie betrachtet dieselben und lächelt von
Zeit zu Zeit, scheint aber wenig zu sprechen. Der
große und phlegmatische Lord Ingram lehnt sich mit
verschränkten Armen auf die Stuhllehne der kleinen
und lebhaften Amy Eshton; sie blickt zu ihm auf und
plappert wie eine Elster, er gefällt ihr besser als Herr
Rochester. Heinrich Lynn hat eine Ottomane zu Louisens
Füßen in Besitz genommen; Adele theilt dieselbe mit
ihm, er versucht, französisch mit ihr zu reden, und Louise lacht über seine Fehler. Blanca Ingram steht
allein am Tisch, graziös über ein Album geneigt. Sie
scheint zu warten, bis man sie aufsucht; doch es dauert
ihr zu lange.
Nachdem Herr Rochester die Eshton's verlassen,
steht er so einsam am Kamin, wie sie am Tische da;
sie wendet sich zu ihm und stellt sich an die andere
Seite des Kamins.
, Herr Rochester, ich meinte, Sie wären kein Freund
von Kindern
, Das bin ich auch nicht.
Was bewog Sie denn, sich jener kleinen Puppe anzunehmen? sagte sie, auf Adele deutend. , Wo
haben Sie dieselbe aufgelesen?
, Ich habe sie nicht aufgelesen, sondern man ließ
sie in meinen Händen.
, Sie hätten sie in eine Schule schicken sollen.
, Ich konnte nicht so viel aufwenden; die Kost
schulen sind so theuer.
, Ei, Sie halten wohl gar eine Erzieherin für
sie, ich sah eben eine Person bei ihr -- ist sie fort? O nein, da sitzt sie hinter dem Fenstervorhange. Sie
müssen diese Person doch natürlich bezahlen, und
das, dächte ich, müßte ebensoviel kosten oder noch
mehr.
Ich fürchtete -- oder ich sollte sagen, ich hoffte --
daß diese Anspielung Herrn Rochester veranlassen
werde, nach mir hinzublicken, und unwillkürlich zog
ich mich weiter in den Schatten zurück, aber er wen
dete seine Augen nicht zu mir.
, Ich habe die Sache nicht recht überlegt, sagte
er gleichgültig und gerade vor sich hinsehend.
, Nein -- Ihr Mäiner überlegt doch nie, was
sparsam und vernünftig ist. Sie sollten Mama über
das Capitel der Erzieherinnen reden hören; Maria
und ich haben in unseren Kinderjahren wenigstens
ein Dutzend gehabt; die eine Hälfte war abscheulich
und die andere, lächerlich -- lauter Kobolde, nicht
wahr, Mama?
, Meine Theuerste, antwortete die Mutter,
sprich mir nur nicht von den Erzieherinnen, das
Wort macht mich nervös. Ich habe ein Märtyrerthum ausggestanden mit diesen unfähigen und launen
haften Personen. Dem Himmel sei Dank, daß ich
jetzt nichts mehr mit ihnen zu thun habe.
Mistreß Dent neigte sich hier zu der menschen
freundlichen Dame hinüber und flüsterte ihr etwas
ins Ohr. Aus der darauffolgenden Antwort schloß
ich, es sei ein Hinweis gewesen, daß ein Exemplar
on der verurtheilten Species zuggegen wäre.
, Umso besser! sagte Ihre Herrlichkeit, ich hoffe,
es wird ihr gut thun.
Darauf setzte sie in leiserem Tone hinzu, aber
immer noch so laut, daß ich es hören konnte: Ich beobachtete sie, ich verstehe mich auf die
Physiognomik, und in ihrem Gesichte lese ich alle
Fehler ihrer Classe.
, Welche sind diese, Madame? fragte Herr Ro
chester laut.
, Ich will es Ihnen später allein sagen, ver
setzte sie, mit Bedeutsamkeit nickend.
, Aber meine Neugierde kann nicht so lange
warten und fordert jetzt ihre Befriedigung.
, Fragen Sie Blanca, sie ist Ihnen näher, als ich.
, O! verweisen Sie ihn nicht an mich, Mama.
Ich habe nur ein Wort über das ganze Gelichter zu
sagen: sie sind langweilig und lästig. Nicht als hätte
ich je viel von ihnen gelitten, denn ich trug Sorge,
das Heft umzudrehen. Welche Streiche spielten Theodor
und ich der Miß Wilson, der Mistreß Grey und der
Madame Joubert! Maria war immer zu schläfrig,
um sich mit Geist auf das Complot einzulassen. Den
besten Spaß hatten wir mit Madame Joubert; Miß
Wilson war ein armes kränkliches Ding, weinerlicsh und von schwachem Geiste, mit ihr anzubinden, war
nicht der Mühe werth; Mistreß Grey war zu rauh
und unempfindlich und hatte ein zu dickes Fell. Aber
die arme Madame Joubert! Ich sehe sie noch immer
in ihrer Wuth, wenn wir sie aufs Aeußerste getrieben,
unseren Thee verschüttet, unser Butterbrot verkrümelt,
unsere Bücher an die Decke geworfen und mit Lineal und Feuerzange eine Katzenmusik hervorgebracht hatten. Theodor, erinnerst du dich noch jener lustigen Tage?
, Ja gewiß, antwortete Lord Ingram in nach
lässigem Tone, der arme alte Krüppel pflegte auszurufen: ,O Ihr bösen Kinder! Und dann hielten
wir ihr eine Predigt, wie sie sich heraus nehmen könne,
uns talentvolle junge Leute unterrichten zu wollen, da sie selber so unwissend sei.
, Ganz richtig, und weißt du noch, Theodor, wie ich
dir half, deinen Lehrer mit dem Milchgesicht, den Herrn Vining, den bleichsüchtigen Pfarrer, wie wir ihn nannten,
los zu werden? Er und Miß Wilson nahmen sich die
Freiheit, sich in einander zu verlieben -- wenigstens
dachten es Theodor und ich. Wir bemerkten verschiedene
zärtliche Blicke und Seufzer, die wir für Merkmale
großer Leidenschaft hielten. Wir bedienten uns dieser
Entdeckung, um uns von den Beiden zu befreien.
Sobald unsere liebe Mama Wind von der Sache bekam, machte sie ausfindig, daß es ein unmoralisches
Verhältnis sei. War es nicht so, liebe Mutter?
, Gewiß, meine Beste. Und ich hatte ganz Recht,
denn es gibt tausend Gründe, warum Verhältnisse
zwischen Erzieherinnen und Lehrern in einem wohlgeord
neten Hause keinen Augenblick geduldet werden sollten;
erstens --
, O Himmel, Mama, ersparen Sie uns die Auf
zählung! Uebrigens kennen wir sie alle: die Gefahr
des bösen Beispiels für die Unschuld der Kindheit;
die Vernachlässigung der Pflicht von Seiten jener Personen; das gegenseitige Schutzbündnis zwischen den Ver
liebten, welches sie zur Unverschämtheit ermuthigt und
endlich in Auflehnung und Empörung ausartet. Habe ich Recht, Baronesse Ingram von Ingram-Park?
, Meine Lilie, du hast jetzt und immer Recht.
, Dann ist also weiter nichts darüber zu sagen,
und wir wollen von etwas Anderem reden.
Amy Eshton jedoch fiel jetzt mit ihrem sanften,
kindlichen Tone ein:
, Louise und ich pflegten unsere Gouvernante auch zu ärgern, aber sie war ein so gutes Geschöpf, daß sie Alles ertrug und nichts sie aus der Fassung
brachte. Sie war nie heftig gegen uns, nicht wahr,
Louise?
, Niemals, mochten wir auch ihr Pult und ihren Nähtisch ausplündern und ihre Fächer durchwühlen;
sie war so gutmüthig, daß sie uns Alles gab, was
wir forderten.
, Ich vermuthe, sagte Miß Ingram mit sarkastisch verzogener Lippe, wir werden jetzt einen Aus
zug aus den Memoiren aller Gouvernanten auf der
Welt erhalten. Um eine solche Gefahr abzuwenden, schlage ich noch einmal die Wahl eines anderen Ge
sprächsthemas vor. Herr Rochester, treten Sie meiner
Ansicht bei?
, Mein Fräulein, ich unterstütze Sie hierin, wie
in allem Anderen.
, Dann möge mir also gestattet sein, mit der
Ausführung meines Vorschlags den Anfang zu machen.
Signor Eduardo, sind Sie diesen Abend bei Stimne?
, Wenn Sie befehlen, Donna Blanca, so werde
ich es sein.
, So lege ich Ihnen denn vermöge meiner Autorität die Verpflichtung auf, Signor, Ihre Lungen und
anderen Stimmorgane in Stand zu setzen, da dieselben
in meinem königlichen Dienste gebraucht werden.
, Wer wollte nicht der Rizzio einer so göttlichen
Maria sein -- Miß Ingram, die sich jetzt mit stolzer Anmuth
an das Piano gesetzt hatte, begann ein glänzendes
Vorspiel, wobei sie weitersprach. Sie schien diesen
Abend auf ihrem hohen Pferde zu sitzen und war
offenbar bemüht, ihren Zuhörern zu imponiren und
sie zur Vewunderung fortzureißen.
, O! ich bin der jungen Männer der heutigen
Zeit so überdrüssig, rief sie, indem sie auf dem In
strument weiter rasselte. , Diese verzärtelten Geschöpfe,
die keinen Schritt über Papas Parkthor hinauszugehen
wagen, ohne Mamas Erlaubnis und Aufsicht! Ge
schöpfe, die so viel Sorgfalt auf ihre hübschen Gesichter, ihre weißen Hände und kleinen Füße verwenden,
als ob ein Mann überhaupt etwas mit der Schönheit
zu thun hätte und diese nicht das eigenthümliche Vor
recht des Weibes, ihre gesetzliche Mitgift und Erbschaft
wäre! Ich gebe zu, daß ein häßliches Weib ein
Flecken in dem schönen Bilde der Schöpfung ist. Ein
Mann aber soll nur danach trachten, daß er Stärke
und Tapferkeit besitze; sein Motto sei: Jagd, Kampf,
Schlacht! Das Uebrige ist keinen Strohalm werth.
Dies würde mein Wahlspruch sein, wenn ich ein Mann
wäre.
, Wenn ich je heirate, fuhr sie nach einer Pause
fort, die von Niemand unterbrochen wurde, so werde
ich nicht dulden, daß mein Gatte mein Rival um
die Herrschaft in der Ehe sei, sondern ungetheilte H
uldigung fordern, seine Neigung soll er nicht zwischen
mir und der Gestalt theilen, die er in seinem Spiegel
sieht. Nun, singen Sie, Herr Rochester, ich will Sie
begleiten.
, Ich bin ganz Gehorsam, war die Antwort.
, Hier ist ein Seeräuberlied. Sie müssen wissen,
daß ich für Seeräuber schwärme und deshalb müssen
Sie es mit Gefühl singen.
, Befehle von Miß Ingram's Lippen würden
selbst einem Glase mit Milch und Wasser Begeisterung
einflößen.
, So nehmen Sie sich in Acht. Wenn Ihr Gesang mir nicht gefällt, so werde ich Sie beschämen
und zeigen, wie solche Lieder gesungen werden müssen.
, Das heißt ja eine Belohnuung für die Unfähigkeit aussetzen; ich werde jetzt bemüht sein, daß es mir
mißlingt.
, Hüten Sie sich wohl! wenn Sie absichtlich
fehlen, werde ich eine angemessene Strafe erdenken.
, Miß Ingram sollte milde sein, denn sie hat es
in ihrer Macht, eine Strafe aufzuerlegen, die ein
menschliches Wesen nicht zu ertragen vermag.
, Ha! erklären Sie sich näher! gebot die Dame.
, Verzeihen Sie, mein Fräulein, es ist keine Erklärung nöthig; Ihr eigener feiner Sinn muß Ihnen es sagen, daß einer Ihrer frusteren Blicke gleichbedeutend mit Todesstrafe ist.
, Singen Sie! gebot Blanca und begann eine
ss lebhafte Begleitung auf dem Klavier zu spielen.
, Jetzt ist meine Zeit da, mich davonzuschleichen,
dachte ich, aber die Töne, die jetzt das Zimmer durczitterten, fesselten mich. Mistreß Fairfax hatte gesagt,
Herr Rochester besitze eine schöne Stimme. Ja, er
hatte einen klangvollen, kräftigen Baß, der durch das
Ohr den Weg zum Herzen fand und dort eine selt
same Empfindung erweckte. Ich wartete, bis der
letzte tiefe und volle Ton verhallt war -- bis die
Fluth des Gesprächs wieder in Fluß gerieth; dann
verließ ich meinen stillen Winkel und ging durch die
Seitenthür hinaus, die glücklicherweise in der Nähe
war. Von dort führte ein enger Gang in die Vorhalle. Als ich durch dieselbe ging, bemerkte ich, daß
sich mein Schulhband gelöst hatte. Ich kniete auf der
Matte am Fuß der Treppe nieder, um es wieder zu
zubinden. Da hörte ich die Thür des Speisezimmers
sich öffnen. Ich stand hastig auf und sah Herrn
Rochester vor mir.
, Wie geht es Ihnen? fragte er.
, Mir ist sehr wohl, mein Herr.
, Warum hielten Sie sich im Zimmer von mir
fern und sprachen nicht mit mir?
Ich hätte ihm die Frage eigentlich zurückgeben
können, aber ich wollte mir diese Freiheit nicht nehmen
und antwortete:
, Ich wollte Sie nicht stören, da Sie beschäftigt
zu sein schienen, mein Herr.
, Was haben Sie während meiner Abwesenheit
gethan?
, Nichts Besonderes -- ich habe, wie gewöhnlich,
Adele unterrichtet.
, Und sind viel blässer geworden als vorher -
- wie ich auf den ersten Blick sah. Was fehlt Ihnen?
, Durchaus nichts, mein Herr.
, Erkälteten Sie sich in jener Nacht, als Sie mich
fast ertränkten?
, Nicht im Geringsten.
, Kommen Sie in das Gesellschaftszimmer zurück,
Sie verlassen es zu früh.
, Ich bin ermüdet, mein Herr.
Er sah mich eine Minute an.
, Und ein wenig niedergeschlagen, sezte er hinzu.
, Weshalb? Sagen Sie es mir.
, Es ist nichts, mein Herr. Ich bin nicht nieder
geschlagen.
, Aber ich versichere Sie, daß Sie es dennoch
sind. So niedergeschlagen sind Sie, daß wenige weitere
Worte Thränen in Ihre Augen locken würden -- in
der That, da haben wir es schon, da schimmern
bereits die Thränen und eine ist von den Wimpern
auf den Boden gefallen. Wenn ich nur Zeit hätte
und nicht in tödlicher Furcht wäre, daß irgend ein
geschwätziger Diener vorüberkäme, so müßte ich wissen,
was dies Alles bedeutet. Nun, für heute Abenud sind
Sie entschuldigt; aber so lange meine Gäste da sind,
erwarte ich, daß Sie jeden Abend im Gesellschafts
zimmer erscheinen, es ist mein Wunsch, versäumen Sie
es nicht. Gehen Sie jetzt und schickent Sie Sophie,
daß sie Adele holt. Gute Nacht, meine --
Er hielt inne, biß sich in die Lippe und verließ
mich plötzlich.
Achtzehntes Capitel.
Gar heiter und geräuschvoll gingen die Tage in
Thornfield Hall hin, und geschäftige Tage waren es
auch. Wie verschieden waren sie von jenen ersten drei
Monaten der Stille, Einförmigkeit und Einsamkeit,
die ich unter diesem Dache zugebracht! Jetzt herrschte
Leben und Bewegung den ganzen langen Tag. Man
konnte nicht durch die Gallerie gehen, die sonst so still
gewesen, noch in die sonst unbewohnten Vorderzimmer treten, ohne einer zierlichen Kammerjungfer oder einem
betreßten Diener zu begegnen.
Die Küche, das Bedientenzimmer und die Vorhalle
waren stets belebt, und die Salons wurden nur leer,
wenn der blaue Himmel und der ruhige Sonnenschein
des milden Frühlingswetters die Bewohner in den P
ark lockte. Auch als dieses schöne Wetter auf einige
Tage durch Regen unterbrochen wurde, schien die
Freude nicht gedämpft zu werden; die Geselligkeit im
Hause wurde nur umso lebhafter und die Unter
haltung umso abwechselnder.
Ich habe bereits eingestanden, daß ich Herrn
Rochester lieben gelernt hatte, und ich konnte dieses
Gefühl nicht in mir zurückdrängen oder ertödten, trotzdem ich bemerkte, daß er aufgehört habe, mich zu
beachten, daß ich Stunden in seiner Gegenwart zu
bringen konnte, ohne daß er seine Augen auf mich
richtete, und daß ich all' seine Aufmerksamkeit von
einer großen Dame in Anspruch genommen sah, die
se ich scheute, mich im Vorübergehen auch nur mit dem
Saum ihres Gewandes zu berühren, und deren dunkles
und gebieterisches Auge, wenn es zufällig auf mich fiel, sich augenblicklich wieder abwandte, wie von einem
der Veachtung unwürdigen Gegenstande. Ich konnte
nicht aufhören, Herrn Rochester zu lieben, obwohl ich mich überzeugt hielt, daß er bald eben diese Dame
heiraten werde -- obgleich ich täglich bemerken konnte,
daß sie diese Absicht mit siegesbewußter Sicherheit erkannte und durch die stolze, scheinbare Nachlässigkeit,
womit sie seine Bewerbung erwiderte, nur umso unwiderstehlicher erschien.
Es lag nichts in diesen Umständen, das geeignet
gewesen wäre, meine Liebe abzukühlen oder zu verscheuchen, auch das Gefühl der Eifersucht blieb mir
fern, wenn ein Mädchen in meiner Lage sich überhaupt herausnehmen konnte, auf eine Dame, wie Miß
Ingram, eifersüchtig zu sein. Der Schmerz, den ich
litt, war nicht durch dieses Wort zu erklären. So
widerspruchsvoll es auch scheinen mag, so vermochte
Miß Ingram doch nicht, dieses Gefühl zu erregen.
Sie war sehr prunkend, aber nicht echt, sie hatte eine
schöne Gestalt und manche glänzende Fertigkeiten, aber
ihr Geist war von Natur arm und ihr Herz unfrucht
bar. Nichts blühte aus eigenem Triebe auf diesem
Boden; keine natürliche Frucht erfreute durch ihre
Frische. Blanca war nicht gut, sie war nicht originell,
sie führte hochtönende Phrasen aus Büchern im Munde
und hatte nie ein selbstständiges Urtheil. Sie schlug einen hohen Ton des Gefühles an, doch kannte sie die
Empfindungen der Sympathie und des Mitleides nicht,
Zärtlichkeit und Wahrheit lagen nicht in ihr. Nur zu
oft verrieth sie dies durch den ärgerlichen Widerwillen,
denn sie gegen die kleine Adele gefaßt hatte. Zuweilen stieß sie diese mit einem verächtlichen Worte von sich,
wenn sie zufällig in ihre Nähe kam, zuweilen befahl sie ihr, das Zimmer zu verlassen, und nie behandelte
sie das Kind anders als mit Kälte und Härte. Noch
andere Augen, als die meinigen, beobachteten diese
kleinen Charakterzüge scharf und genau. Ja, der
künftige Bräutigam, Herr Rochester selbst, übte eine
unaufhörliche Wachsamkeit über Blanca aus; mit
scharf beobachtendem Blicke erkannte er ihre Fehler, und vergebens suchte man ein Merkmal seiner Leidenschaft für seine Schöne. Und gerade diese verschiedenen Wahrnehmungen waren es, woraus mein qualvoller
Schmerz hervorging. Ich sah, daß er sie wegen ihrer Familie heiraten wolle; vielleicht waren ihm ihr Rang und ihre Verbindungen wünschenswerth; ich fühlte,
daß sie seine Liebe nicht besaß und unfähig sei, ihm
diesen Schatz abzugewinnen. Dies war der Punkt,
wo der Nerv schmerzlich berührt und das Fieber genährt und unterhalten wurde – sie konnte ihm nicht bezaubern.
Hätte sie sich sogleich des Sieges versichert, und
hätte er aufrichtig sein Herz zu ihren Füßen gelegt,
da hätte ich mein Gesicht bedeckt, mich zur Wand gewendet und wäre im figürlichen Sinne für sie ge
storben. Wäre Miß Ingram ein gutes und edles Weib gewesen, mit Kraft, Blut, Güte und Verstand begabt, so hätte ich einen tödlichen Kampf mir der
Eifersuchht und Verzweiflung zu bestehen gehabt. Wäre
dann auch mein Herz zerrissen und zertreten worden, so hätte ich sie bewundert und wäre für den Rest meiner Tage ruhig gewesen. Aber daß ich Zeuge sein mußte, wie Miß Ingram's Bemühungen, Herrn
Rochester zu bezaubern, beständig fehlschlugen, ohne
daß sie sich dessen bewußt war, und wie sie ihrem Ziele bereits so nahe zu sein glaubte, während ihr
Stolz und ihre Selbstüberhebung sie immer weiter davon
entfernten, daß ich dies Alles beobachten mußte,
das brachte eine stetige Aufregung und einen qualvollen Zwang in mir hervor.
, Warum vermag sie nicht mehr Einfluß auf ihn
zu üben, da sie doch das Vorrecht hat, sich ihm zu
nähern? fragte ich mich. , Sie kann ihn doch gewiß
nicht wahrhaft lieben! Wenn das der Fäll wäre, so
würde sie ihr Lächeln nicht so verschwenderisch spielen,
ihre Blicke nicht ohne Unterlaß flammen lassen, brauchte
sie nicht ein so ausgesuchtes Benehmen, eine so studirte
Grazie zu zeigen. Ich glaube, wenn sie ruhig an
seiner Seite säße, weniger spräche und weniger Blicke
um sich würfe, könnte sie seinem Herzen näher kommen.
Ich kann mich rühmen, einen ganz anderen Ausdruck
in seinem Gesichte gesehen zu haben, als den, der es
versteinert, während sie ihn so lebhaft anredet; aber
da fand sich jener Ausdruck von selbst ein und wurde
nicht durch feile Künste und berechnete Manöver
herausgelockt. Wie will sie ihm gefallen, wenn sie
verheiratet sind? Ich glaube nicht, daß es ihr gelingen wird, und doch glaube ich, seine Gattin könnte
in Wahrheit das glücklichte Weib unter der Sonne
sein.
Es überraschte mich, als ich zuerst entdeckte, daß
ein äußeres Interesse, wie hohe Familienverbindungen
und andere ähnliche Rücksichsten, für Herrn Rochester
den Beweggrund zu einer Heirat bilden konnten. Ich
hatte ihn für einen Mann gehalten, den dies bei der
Wahl einer Gattin nicht bestimmen könne; aber je
länger ich die Stellung und Erziehung der Personen
betrachtete, desto weniger hielt ich mich berechtigt, ihn
oder Miß Ingram zu tadeln, weil sie in Uebereinstimmung mit Grundsätzen handelten, die ihnen ohne
Zweifel von Kindheit an eingeflößt worden waren.
Die Gesellschaftsclasse, welcher sie angehörten, hielt
diese Grundsätze fest, und ohne Zweifel hatten Beide Ursache, nicht davon abzuweichen, obgleich ich dieselbe nicht begreifen konnte.
Es war früher mein Bemühen gewesen, alle
Charakterzüge an Herrn Rochester zu studiren, Licht
und Schatten abzuwägen und mir dann ein gerechtes
Urtheil zu bilden. Jetzt sah ich keine Fehler. Der Sarkasmus, der mich Anfangs zurückgeschreckt, die Härte, die mich gekränkt hatte, verglich ich nur mit
einem ausgesuchten Gewürz an einem köstlichen Gericht, welches unschmackhaft würde, wenn dieses Gewürz fehlte. Und was das unbestimmte Etwas in
seinem Blicke betrifft -- war es ein unheimlicher oder
ein sorgenvoller, ein entschlossener oder verzweifelnder
Ausdruck, der sich dem aufmerksamen Beobachter von
Zeit zu Zeit zeigte und wieder verschwand, ehe man
die seltsame, nur halb erschlossene Teife ergründen konnte -- dieses Etwas, welches bebende Furcht in
die seltsame, nur halb erschlossene Tiefe ergründen
mir erregte, als wanderte ich auf vulcanischen Hügeln
und fühlte plötzlich den Boden erbeben und sähe ihn
sich öffnen? Dieses Etwas sah ich noch zu Zeiten
mit klopfendem Herzen, aber nicht mit gelähmten
Nerven. Anstatt es zu meiden, verlangte es mich nur,
es zu ergründen, und ich beneidete Miß Ingram, daß
ihr einst vergönnt sein werde, straflos in diesen Abgrund zu blicken, seine Geheimnisse zu erforschen und deren Natur zu prüfen.
Während ich nur an meinen Herrn und an seine
künftige Gattin dachte -- nur Augen für sie, nur
Ohren für ihre Unterhaltung hatte und nur ihre Personen für wichtig hielt, war die übrige Gesellschaft
mit ihren besonderen Interessen und Vergnügungen
beschäftigt. Lady Lynn und Lady Ingram setzten
ihre feierlichen Unterredungen fort, nickten einander zu und erhoben ihre vier Hände, um, gleich einem Paar
prächiger Marionetten, durch ihre Geberden Erstaunen,
Geheimnisthuerei oder Entsetzen auszudrücken, je nach dem Gegenstande, um den sich ihre Unterredung bewegte. Die milde Mistreß Dent hielt sich zu der gutmüthigen Mistreß Eshton, und diese Beiden richteten
zuweilen ein höfliches Wort oder ein freundliches
Lächeln an mich. Sir George Lynn, Oberst Dent
und Herr Eshton verhandelten Angelegenheiten der
Politik, der Verwaltung oder der Justiz. Lord Ingram
machte Ann Eshton den Hof, Louise musicirte mi t
dem einen der Herren Lynn, und Maria Ingram
hörte phlegmatisch die galanten Reden des anderen
an. Zuweilen brachen alle, wie verabredet, ihre Unter
haltung ab, um die Hauptpersonen zu beobachten und
ihnen zuzuhören, denn Herr Rochester und Miß Ingram
waren die Seele der Gesellschaft. Wenn er eine
Stunde aus dem Zimmer abwesend war, so schien
die gute Laune seiner Gäste merklich abzunehmen, und
sein Wiedererscheinen gab der Unterhaltung sogleich
einen frischen und lebhaften Impuls.
Sein belebender Einfluß wurde eines Tages be
sonders schmerzlich vermißt, als ihn ein Geschäft nach
Millcote gerufen hatte, von wo man ihn erst spät
zurückerwartete. Am Nachmittag regnete es, und ein
Spaziergang, den die Gesellschaft beabsichtigt hatte,
um ein Zigeunerlager zu sehen, welches auf einer
Wiese jenseits Hay aufgeschlagen war, mußte folglich
aufgeschoben werden. Einige von den Herren waren
in die Pferdeställe gegangen, und die jüngeren Herren
und Damen spielten Billard. Die Witwen Ingram
und Lynn suchten Trost bei einem ruhigen Karten
spiel. Blanca Ingram sang einige sentimentale Arien
zum Piano, holte sich dann einen Roman aus der
Bibliothek, warf sich mit vornehmer Nachlässigkeit auf
ein Sopha und versuchte, sich die langsam hinschleichen
den Stunden mit Lectüre zu vertreiben.
Der Tag neigte sich zur Dämmerung, und die
Uhr hatte bereits das Zeichen gegeben, daß es Zeit sei,
sich zur Tafel anzukleiden, als die kleine Adele, die neben
mir im Fenster des Gesellschaftszimmers kniete, ausrief:
, Da kommt Herr Rochester zurück!
Miß Ingram fuhr von ihrem Sopha empor.
Auch die Anderen blickten von ihren Beschäftigungen
auf, denn zu gleicher Zeit wurde das Rollen von Wagenrädern und der Hufschlag von Pferden hörbar. Eine Postchaise kam angefahren.
, Was mag ihm einfallen, daß er mit Postgelegenheit nach Hause kommt? bemerkte Miß Ingram.
, Er ritt Mesour, als er abreiste, nicht wahr? Und Pilot war bei ihm -- wo mag er die Thiere ge
lassen haben?
Während sie dies sagte, trat sie so dicht an das
Fenster heran, daß ich mich vor ihrer großen Gestalt
und ihren bauschigen Kleidern weit zurücklehnen mußte
und mir fast das Rückgrat gebrochen hätte. Bei ihrer
Lebhaftigkeit bemerkte sie mich Anfangs nicht, als dies
aber geschah, verzog sie ihre Lippe und ging zu dem
anderen Fenster. Die Postchaise hielt an, und ein
Herr in Reisekleidern stieg aus. Aber es war nicht
Herr Rochester, es war ein großer, vornehm aus
sehender Fremder.
, Du widerwärtiger Affe! rief Miß Ingram
Adelen zu. , Wer stellte dich auf's Fenster, um falschen
Alarm zu machen?
Dabei warf sie mir einen zornigen Blick zu, als
wäre ich die Schuldige gewesen.
Man hörte im Vorsaale reden, und bald darauf
trat der Fremde ein. Er verneigte sich gegen Lady
Ingram, da er sie für die älteste der anwesenden
Damen hielt.
, Es scheint, ich komme zu ungelegener Zeit, Ma
dame, sagte er, da, wie ich hörte, mein Freund H
err Rochester, nicht zu Hause ist; aber ich komme von ei
ner sehr weiten Reise und denke, bei meiner alten und vertrauten Bekanntschaft mit ihm darf ich es
schon wagen, mich hier einzuführen, bis er zurückkehrt.
Sein Benehmen war fein, sein Accent schien mir
etwas ungewöhnlich, wenn auch nicht der eines Ausländers; er mochte etwa mit Herrn Rochester in
geichem Alter sein -- zwischen dreißig und vierzig. Seine Gesichtsfarbe war auffallend blaß; sonst war
er, besonders auf den ersten Blick, ein schöner Mann.
Bei genauerem Zusehen entdeckte man etwas in seinem
Gesichte, was nicht besonders angenehm war. Seine Züge waren regelmäßig, aber zu aus druckslos; sein
Auge war groß und wohlgebildet, aber leer, und man
hätte fast darin lesen mögen, daß er ein Leben ohne
Zweck und Bedeutung geführt hatte.
Als zum Ankleiden geklingelt wurde, zerstreute sich
die Gesellscaft, und ich sah ihn erst nach der Tafel
wieder. Jetzt schien er ganz unbefangen zu sein, aber
seine Physiognomie gefiel mir noch weniger als vorher. Es war keine Kraft in jenem glatten, ovalen
Gesicht, keine Festigkeit in jener Adlernase und in jenem
kleinen Kirschenmunde! es lag kein Nachdenken auf
der niedrigen ebenen Stirn; keine Willenskraft in jenem
leeren braunen Auge.
Als ich in meinem gewöhnlichen Winkel saß und
ihn bei dem Lichte der auf dem Kamin brennenden
Kerzen beobachtete, wie er in einem Lehnsessel dicht
am Feuer saß und immer näher an dieses heranrückte,
als ob ihn fröstle, verglich ich ihn mit Herrn Rochester; ich glaube, der Contrast könnte nicht größer
sein zwischen einem sanften Schafe und dem rauh
haarigen, klugäugigem Hunde, der es hütet.
Er hatte von Herrn Rochester wie von einem
alten Freunde gesprochen. Eine seltsame Freundschaft
mußte dies gewesen sein, eine auffallende Bewahr
heitung des alten Sprichworts, daß die Gegensätze
einander berühren.
Zwei oder drei Herren saßen in seiner Nähe, und
ich hörte von Zeit zu Zeit einzelne Worte von ihrer
Unterhaltung, aber ich wurde durch das Gespräch ge
stört, welches Louise Eshton und Maria Ingram mit
einander führten. Diese sprachen von dem Fremden,
Beide nannten ihn einen schönen Mann. Louise sagte,
er sei ein liebenswürdiger Mensch und sie bete ihn
an, und Maria bezeichnete seinen hübschen kleinen Mund
und seine zierliche Nase als das Ideal des Reizenden.
, Und welch' eine liebliche Stirn er hat! rief
Louise, so glatt und ohne jene düsteren Unregelmäßigkeiten, die mir so sehr mißfallen -- und dieses
milde Auge und dieses Lächeln!
Zu meiner großen Beruhigung rief Herr Heinrich Lynn die beiden Damen jetzt an das andere Ende
des Zimmers.
Ich war nun im Stande, meine Aufmerksamkeit
auf die Gruppe am Kamin zu richten, und vernahm,
daß der Fremde Mason heiße, erst eben in England
angelangt sei und aus einem heißen Himmelsstriche
komme. Dadurch erklärte es sich ohne Zweifel, daß sein Gesicht so blaß war und daß er so nahe am Feuer
saß und im Hause einen Oberrock trug. Gleich darauf
verriethen die Worte: Jamaika, Kingston und Spanish
Town, daß er sich in Westindien aufgehalten hatte.
Mit nicht geringer Ueberraschung aber erfuhr ich bald,
daß er Herrn Rochester dort zuerst gesehen und kennen
gelernt hatte. Ich wußte, daß Herr Rochester weit
gereist war, Mistreß Fairfax hatte es mir gesagt; aber
ich glaubte, seine Wanderungen hätten sich auf das
Festland von Europa beschränkt, und niemals hatte
er auch nur die leiseste Andeutung gemacht, daß er
noch entlegenere Küsten besucht habe.
Ich dachte eben noch hierüber nach, als ein
Zwischenfall meinen Gedankengang unterbrach. Ein
Bedienter, der ab und zu hereinkam, um nach dem
Kaminfeuer zu sehen, hatte eben wieder dieses Geschäft
erledigt. Beim Hinausgehen beugte er sich zu Herrn
Eshton nieder und sagte etwas in leisem Tone zu ihm,
wovon ich nur die Worte hörte: , Altes Weib -- sehr z
udringlich.
, Sagt ihr, wir werden sie einsperren lassen, wenn
, sie sich nicht gleich packt, verstzte Herr Eshton.
, Nein -- halt! fiel Oberst Dent ein. , Schicken
Sie die Alte nicht fort, Eshton, wir wollen erst die Damen fragen. Hierauf fuhr er laut fort: , Meine
Damen, Sie wären gern nach Hay gegangen, um das Zigeunerlager zu besuchen. Sam sagt mir eben,
im Bedientenzimmer sei eine alte Zigeunerin, die
darauf besteht, vor die hohen Herrschaften gelassen
zu werden. Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, sie
zu sehen?
, Wahrlich, Oberst, Sie werden doch eine so ge
meine Betrügerin nicht begünstigen wollen? rief Tadp
Ingram. , Schicken Sie die Person auf jeden Fall
gleich fort!
, Wir können sie nicht dazu bewegen, sich zu ent
fernen, Mylady, versetzte der Bediente. , Mistreß Fairfax
ist jetzt bei ihr und bittet sie, das Haus zu verlassen;
aber die Zigeunerin hat sich in einen Stuhl im Winkel
des Kamins niedergesetzt und sagt, es solle sie Niemand
v on der Stelle bringen, ehe sie Erlaubnis erhalten
habe, hieher zu kommen.
, Was will sie den? fragte Mistreß Eshton.
, Den Herrschaften wahrsagen, und sie schwört,
daß sie es thun muß und thun will.
, Wie sieht sie aus? fragten die Misses Eshton
in einem Athem.
, Ein sehr garstiges altes Geschöpf ist sie, Miß,
fast so schwarz wie ein Rabe.
, Ei, da ist sie eine echte Zauberin! rief Friedrich Lynn. , Sie muß natürlich hereinkommen.
, Natürlich, versetzte sein Bruder, es wäre
schade, eine so gute Gelegenheit zur Unterhaltung
vorübergehen zu lassen.
, Was denkt Ihr, meine lieben Kinder? rief
Lady Lynn.
, Ich kann zu so ungehörigen Dingen unmöglich
meine Zustimmung gehen, fiel die Witwe Ingram ein.
, Doch, Mama, Sie können und werden es, ließ
sich Blanca in ihrem hochmüthigen Tone vernehmen,
indem sie sich auf dem Stuhle am Piano umwendete,
wo sie einige Notenhefte durchgeblättert hatte. ,Ich
bin sehr neugierig, mir wahrsagen zu lassen, darum
laßt die gute Dame hereinkommen, Sam.
, Liebste Blanca! bedenke doch --
, Ich bedenke Alles, was Sie einwenden können,
Mama, und muß meinen Willen haben -- schnell,
Sam!
, Ja -- ja -- ja! riefen die jungen Herren und Damen. ,Laßt sie kommen -- es wird einen köstlichen Spaß geben!
Der Bediente zauderte noch.
, Sie sieht sehr häßlich und gemein aus, sagte er.
, Geht! rief Miß Ingram, und der Mann ging.
Augenblicklich bemächtigte sich der ganzen Gesellschaft eine große Aufregung, und es entstand ein wahres
Kreuzfeuer von Witz, Spott und Entrüstung. Bald
kehsrte Sam zurück.
, Sie will jetzt nicht kommen, berichtete er. Sie
sagt, es sei nicht ihre Sache, vor der ganzen Sippschaft
zu erscheinen, das sind ihre Worte. Ich müßte sie in
ein besonderes Zimmer führen, und die, welche sie be
fragen wollten, müßten einzeln zu ihr kommen.
, Du siehst es jetzt, meine königliche Blanca, be
gann Lady Ingram, wie anmaßend diese Hexe ist.
Laß dir rathen, mein Engelsmädchen -- und --
, Führt sie in die Bibliothek, fiel das Engelsmädchen ein, es ist auch nicht nach meinem Geschmack, sie vor der ganzen Sippschaft anzuhören, ich will sie
allein für mich haben. Ist das Bibliothekzimmer geheizt?
, Ja, mein Fräulein -- aber sie sieht wie eine
Kesselflickerin aus.
, Laßt Euer Schwatzen, Dummkopf! und thut,
was ich befehle.
Sam verschwand wieder, und die geheimnisvolle
Aufregung und Erwartung steigerte sich nun aufs
Höchste.
, Sie ist jetzt bereit, sagte der Bediente, wieder
eintretend, wünscht aber zu wissen, wer sie zuerst besuchen wird.
, Ich denke, es ist besser, wenn ich sie mir vorher
ansehe, ehe eine von den Damen zu ihr geht, schlug
Oberst Dent vor, , Sagt ihr, Sam, es komme ein Herr.
Sam ging und kehrte zurück.
, Sie sagt, Herr Oberst, sie will keinen Herrn;
Die brauchen sich nicht zu ihr zu bemühen und auch
die Ladies nicht, fügte er hinzu, mit Mühe ein Kichern
unterdrückend, sie wünscht nur mit Juungen und Le
digen zu thun zu haben.
, Beim Jupiter! sie hat Geschmack, rief Heinrich
Lynn.
Miß Ingram stand feierlich auf.
, Ich will zuerst gehen, sagte sie in dem heroischen
Tone eines Anführers, der an der Spitze seiner Leute
in die Bresche der feindlichen Festung dringt.
, O meine Beste! mein theuerstes Kind! halt ein
-- bedenke! rief ihre Mutter; doch bereits rauschte
Blanca stolz an ihr vorüber und verschwand durc
h die Thür, die Oberst Dent offen hielt. Wir hörten
sie in das Bibliothekzimmer treten.
Eine verhältnismäßige Ruhe herrschte jetzt. Lady
Ingram hielt es für passend, ihre Häntde zu ringen.
Miß Maria erklärte, sie ihres Theils werde nie so
etwas wagen. Ann und Louise Eshton flüsterten
einander zu und sahen ein wenig erschrocken aus.
Es vergingen fünfzehn lange Minuten, ehe die
Thür der Bibliothek sich wieder öffnete. Gleich darauf
trat Miß Ingram ein.
Aller Angen waren mit lebhafter Neugierde auf
sie gerichtet, und sie begegnete allen mit zurückweisen
der Kälte, sie sah weder aufgeregt noch heiter aus,
ging steif zu ihrem Sitze und nahm ihn schweigend ein.
, Nun, Blanca? sagte Lord Ingram.
, Was sagte sie, Schwester? fragte Marie.
, Wie war Ihnen zu Muthe. Ist sie eine wirk
liche Wahrsagerin? fragten die Fräulein Eshton.
, Nun, nun, Ihr guten Leute, entgegnete Miß
Ingram, dringen Sie nicht so heftig auf mich ein. Nach der Wichtigkeit, die Sie Alle -- meine gute
Mama mit eingeschlossen -- dieser Sache beilegen,
scheinen Sie wirklich zu glauben, daß wir eine echte
Hexe im Hause haben, die mit dem alten schwarzen
Herrn, der nach Pech und Schwefel riecht, in naher
Verbindung steht. Ich habe eine herumziehende Zigeunermutter gesehen, die nach hergebrachter Weise
aus den Linien der Hand prophezeit und mir gesagt
hat, was solche Leute gewöhnlich sagen. Meine Laune ist befriedigt, und nun glaube ich, wird Herr Eshton
wohl thun, die Alte einsperren zu lassen, wie er gedroht hat.
Miß Ingram nahm ein Buch, lehnte sich in
ihren Stuhl zurück und war nicht zu bewegen, weiter
zu sprecen. Ich beobachtete sie beinahe eine halbe
Stunde, während dieser Zeit schlug sie nie ein Blatt um, ihr Gesicht zeigte immer deutlicher den mürrischen
Ausdruck einer fehlgeschlagenen Erwartung. Sie hatte
offenbar etwas Unangenehmes gehört, und aus ihrem
düsteren Wesen schloß ich, daß sie den Eröffnungen der Wahrsagerin eine größere Wichtigkeit beilegte, als
sie eingestehen wollte.
Inzwischen erklärten Maria Ingram, Amy und
Louise Eshton, sie wünschten Alle, die Wahrsagerin zu sehen, wagten aber nicht, allein zu ihr zu gehen.
Es wurde also Sam als Gesandter abgeschickt; nach
langem Hin- und Herverhandeln, wobei sich Sam fast
die Füße wund lief, wurde endlich der halsstarrigen
Sybille die Erlaubnis abgerungen, daß alle drei Damen
zugleich bei ihr erscheinen dürften.
Dieser Besuch verlief nicht so still, wie der der
Miß Ingram, wir hörten von der Bibliothek her ein
begsterisches Lachen und von Zeit zu Zeit einen leichten
Schrei. Nach Verlauf von zwanzig Minuten kehrten
die Damen in großer Aufregung zurück.
, Das geht nicht mit rechten Dingen zu! riefen
sie alle zugleich. , Sie hat uns Sachen gesagt --
kurz, sie weiß Alles von uns!
Und sie sanken athemlos auf die Stühle nieder.
Als man eine weitere Erklärung von ihnen for
derte, erzählten sie, die Alte hätte ihnen gesagt, was
sie als kleine Kinder gethan, hätte ihnen Bücher und
Schmucksachen beschrieben, die sie zu Hause in ihren
Boudoirs aufbewahrten. Sie behaupteten auch, sie
habe sogar ihre Gedanken errathen und Jeder von
ihnen den Namen der Person ins Ohr geflüstert, die
ihnen die liebste auf der Welt sei. Auch ihre Lieblings
wünsche hatte die Alte errathen.
Hier fielen die Herren mit lebhaften Bitten um
weitere Aufklärung über diese beiden letzten Punkte s
ein, doch wurde ihre zudringliche Neugier nur mit Erröthen und Kichern erwidert. Die älteren Damen
nahmen inzwischen ihre Riechfläschchen zur Hand und
ließen ihre Fächer spielen, indem sie wiederholt das
Bedauern aussprachen, daß man ihre Warnung nicht
beachtet habe; die älteren Herren lachten, und die jün
geren bemühten sich, die aufgeregten Schönen zu beruhigen.
Während meine Augen und Ohren mit dieser
Scene beschäftigt waren, hörte ich Jemand dicht neben
mir hm! sagen; ich wendete mich um und erblickte Sam.
, Entschuldigen Sie, Miß, die Zigeunerin behauptet,
es sei noch eine ledige junge Dame im Zimmer, die
noch nicht bei ihr gewesen sei, und sie schwört, nicht
eher gehen zu wollen, als bis sie auch diese gesehen
habe. Ich glaubte, Sie müßten es sein, denn es ist
sonst Niemand da. Was soll ich ihr sagen?
, Oh! ich will auf jeden Fall gehen, antwortete
ich und war froh über die ebenso unerwartete als
willkommene Gelegenheit, meine hochsgespannte Neu
gierde zu befriedigen. Ich schlich mich unbeachtet aus
dem Zimmer und machte die Thür leise hinter mir zu.
, Wenn Sie wollen, Miß, sagte Sam, so warte
ich im Vorsaale auf Sie, und wenn Ihnen die Alte Angst
macht, dürfen Sie nur rufen, und ich komme herein.
, Nein, Sam, kehren Sie nur in die Küche zurück,
ich fürchte mich nicht im Geringsten.
Ich fühlte in der That keine Furcht. Aber die
Sache interessirte und erregte mich im höchsten Grade.
Neunzehntes Capitel.
Als ich in das Bibliothekzimmer trat, fand ich
die Sybille gemächlich in einem Lehnsessel in der
Ecke des Kamins sitzen. Sie trug einen rothen Mantel
und einen schwarzen Zigeunerhut mit breitem Rande,
der mit einem gestreiften Tuch unter ihrem Kinn festgebunden war. Ein erloschenes Licht stand auf dem
Tische; sie neigte sich über das Feuer und schien
bei dem Schimmer desselben in einem kleinen schwarzen
Buche zu lesen, welches einem Gebetbuche ähnelte.
Indem sie las, murmelte sie die Worte vor sich
hin, wie die meisten alten Frauen zu thun pflegen.
Sie unterbrach ihre Beschäftigung nicht gleich nach
meinem Eintritte, sondern schien erst das Begonnene
zu Ende lesen zu wollen.
Ich fühlte mich so ruhig und gefaßt, wie nur je
in meinem Leben, und es lag auch nichts in dem
Aeußeren der Zigeunerin, was meine Ruhe hätte
stören können. Endlich machte sie ihr Buch zu und
blickte langsam auf; der Rand ihres Hutes beschattete
theilweise ihr Gesicht, doch konnte ich sehen, als sie es erhob, daß es ein fremdes und seltsames Aussehen
hatte; es war durchweg braun und schwarz. Verwirrtes Haar trat borstenähnlich unter einem weißen Bande hervor, welches sie um den Kopf geschlungen
hatte. Ihr Ange richtete sich sogleich mit kühnem und
geradem Blick auf mich.
, Nun, ich soll Ihnen ebenfalls wahrsagen?
begann sie mit einer Stimme, ebenso entschieden wie
ihr Blick, und ebenso rauh wie ihre Züge.
, Es liegt mir nichts daran, alte Mutter, thut,
wie Ihr wollt, aber ich muß Euch vorhersagen, daß
ich keinen Glauben daran habe.
, Das gleicht Ihrer Kühnheit, ich hörte es an
Ihrem Schritte, als Sie über die Schwelle gingen.
, Wirklich? Da müßt Ihr ein feines Ohr haben.
, Das habe ich, und ein feines Auge und ein
feines Gehirn dazu.
, Ihr bedürft Alles dessen bei Eurem Geschäft.
, Ja, besonders wenn ich mit Personen zu thun
habe, wie Sie. Warum zittern Sie nicht?
, Es friert mich nicht.
, Dann müssen Sie irgend eine geheime Hoffnung
haben, die Sie aufrecht hält und Ihnen angenehme
Erwartungen von der Zukunft zuflüstert?
, O nein, meine höchste Hoffnung ist, mir von
meinem Gehalt so viel Geld zu ersparen, daß ich
einst in einem kleinen selbst gemietheten Hause eine
Schule gründen kann.
Ohne hierauf einzugehen,
fuhr die Alte fort:
, Eine spärliche Nahrung ist es für den Geist,
wenn man in jener Fenstervertiefung sitzt -- Sie sehen,
ich kenne Ihre Gewohnheiten --
, Sie haben es von den Dienern gehört.
, Nun gut, vielleicht ist es so, und um die
Wahrheit zu reden, bin ich mit einer von den
Dienerinnen bekannt -- Mistreß Poole --
Ich stand auf, als ich den Namen hörte.
, Ihr seid mit ihr bekannt? fragte ich und
setzte dann für mich hinzu: dann ist doch Teufelei
im Werke --
, Beunruhigen Sie sich nicht, fuhr das seltsame
Wesen fort, Mistreß Poole ist eine zuverlässige und
verschwiegene Person, ihr darf Jeder vertrauen. Aber
was ich sagen wollte: wenn Sie in jener Fenster
vertiefung sitzen, denken Sie da an nichts weiter, als
an Ihre künftige Schule? Haben Sie kein Interesse
für die Gegenwart, für irgend Jemand von der Gesellschaft, in welcher Sie sich jetzt bewegen? Gibt es
darunter kein Gesicht, welches Sie studieren? Keine
Gestalt, deren Bewegungen Sie wenigstens mit Neugierde folgen?
, Ich beobachte alle Gesichter und alle Gestalten.
, Aber machen Sie denn keinen Unterschied mit
einer dieser Personen -- oder vielleicht mit zweien?
, O gewiß, sehr oft sogar; wenn die Geberden
oder Blicke eines Paares besonders sprechend zu sein
scheinen, so unterhält es mich, sie zu beobachten.
, Was beobachten Sie am liebsten?
, Ach, die Auswahl ist nicht groß. Es beschränkt
sich fast Alles auf das Hofmachen, und Alles scheint
auf eins und dasselbe hinauslaufen zu sollen -- auf
eine Heirat.
, Und gefällt Ilhnen dieser einförmige Gegenstand?
, Nicht besonders, was geht mich auch diese
Sache an.
, Interessirt Sie das nicht, wenn eine Dame, jung
und voll Leben und Gesundheit, mit Schönheit und den Gaben des Ranges und Glückes ausgestattet, neben
einem Herrn sitzt und ihm in die Augen lächelt -- so --
, Welchem Herrn?
, Einem, von dem Sie vielleicht gut denken.
, Ich kenne die Herren hier zu wenig. Ich habe
kaum eine Silbe mit einem von ihnen gewechselt.
Wenn ich sagen soll, was ich von ihnen halte, so finde ich einige der älteren sehr respectabel, einige
der jüngeren kühn und lebhaft; aber es steht ihnen
Allen frei, sich anlächeln zu lassen, von wem sie
wollen, ohne daß dies für mich von irgend welcher
Wichtigkeit wäre.
, Sie kennen die Herren hier nicht? Sie haben
keine Silbe mit einem von ihnen gewechselt? Können
Sie das auch von dem Herrn des Hauses sagen?
, Er ist abwesend.
, Eine sehr sinnreiche Einwendung! Er ging
diesen Morgen nach Millcote und wird heute Abend
oder morgen zurückkehren. Schließt ihn dieser Umstand
von der Liste Ihrer Bekannten -- ja gleichsam vom
Dasein aus?
, Nein; aber ich sehe nicht recht ein, was Herr
Rochester mit dem Gegenstande zu thun hat, wovon
wir sprechen.
, Ich sprach von Damen, die den Herren in die
Augen lächeln; und in der letzten Zeit hat sich so viel Lächel in Herrn Rochester's Augen ergossen, daß sie wie zwei bis über den Rand gefüllte Schalen über
fließen; haben Sie das nie bemerkt?
, Herr Rochester hat ein Recht, sich der Gesell
schaft seiner Gäste zu erfreuen.
, Von dem Recht ist nicht die Rede; aber haben
Sie nie bemerkt, daß man Herrn Rochester am leb
haftesten den Hof gemacht hat?
, Die Lebhsaftigkeit des Horchers macht die Zunge
des Erzählers schneller.
Ich sagte dies mehr zu mir selbst, als zu der
Zigennerin, deren Seltsamkeit in Sprache, Stimme
und Wesen mich wie in einen Traum versetzt hatte.
Ein überraschendes Wort nach dem anderen kam von
ihren Lippen, daß ich mich frug, welcher unsichtbare
Geist seit Wochen an meinem Herzen gelauscht
haben könnte, um es zu beobachten und sich jede
meiner Empfindungen genau einzuprägen.
, Die Lebhaftigkeit eines Horchers! wiederholte
das Weib, ja, Herr Rochester hat stundenlang dagesessen und sein Ohr nur den bezaubernden Lippen
geliehen, die von ihrer eigenen Beredsamkeit entzückt
waren, und Herr Rochester war so empfänglich und
so dankbar für den ihm gewährten Zeitvertreib.
Haben Sie dies bemerkt?
, Dankbar! Ich erinnere mich nicht, den Aus
druck der Dankbarkeit in seinem Gesichte entdeckt zu
haben.
, Entdeckt! Sie haben es also geprüft? Und
was entdeckten Sie denn, wenn nicht Dankbarkeit?
Ich schwieg.
, Sie haben Liebe entdeckt, nicht wahr? Und
indem Sie sich die Zukunft vorstellten, sahen Sie ihn
verheiratet und seine Gattin glücklich?
, Hm! das nicht gerade. Euer Hexenverstand irrt
zuweilen.
, Was, zum Teufel, haben Sie denn sonst ge
sehen?
, Darum handelt es sich jetzt nicht, ich kam hier
her, um zu fragen, und nicht, um zu beichten. Ist es
denn so allgemein bekannt, daß Herr Rochester sich
verheiraten will?
, Ja, mit der schönen Miß Ingram.
, Bald?
, Der Schein führt zu diesem Schlusse; und ohne
Zweifel werden Beide ein sehr glückliches Paar
werden, obgleich Sie mit einer Kühnheit daran zu
zweifeln sich erlauben, daß man Sie dafür strafen
sollte. Er muß eine so schöne, edle, wizige und talentvolle Dame doch lieben, und wahrscheinlich liebt sie
ihn ebenfalls, wenn auch nicht seine Person, doch
wenigstens seine Börse. Ich weiß, daß sie das
Familiengut der Rochester's für außerordentlich be
gehrenswerth hält; obgleich -- Gott verzeihe mir! ich
ihr vorhin etwas über diesen Punkt sagte, worüber
sie äußerst ernst wurde und ihre Mundwinkel einen halben Zoll herunterzog. Ich möchte ihrem dunkel
äugigen Bewerber rathen, sich vorzusehen, denn wenn
ein Anderer mit größeren Renten käme, so läßt sie jenen einfach laufen.
, Aber, alte Mutter, ich kam nicht hierher, um
Herrn Rochester's Zukunft zu hören, sondern meine
eigene, von der Ihr noch nicht gesprochen habt.
, Ihre Zukunft ist noch zweifelhaft; als ich Ihr
Gesicht prüfte, widersprach ein Zug dem anderen.
Das Schsicksal hat auch für Sie ein gewisses Maß
des Glückes bestimmt, so viel weiß ich -
- Ich
wußte es schon, ehe ich diesen Abend hierher kam.
Es hängt nur von Ihnen ab, Ihre Hand nach diesem Glücke auszustrecken, aber ob Sie das thun werden,
das ist das Räthsel, welches ich studire. Knieen Sie
noch einmal auf den Teppich nieder.
, Nur nicht zu lange, das Feuer macht mir zu
heiß.
Ich kniete nieder. Sie beugte sich nicht zu mir,
sondern sah mich nur an, indem sie sich in ihren
Stuhl zurücklehnte.
, Die Flamme flackert in dem Auge, begann sie
murmelnd, das Auge schimmert wie Thau; es scheint sanft und voll Gefühl; es ist empfänglich; ein Eindruck folgt dem anderen in seinem klaren Kreise;
wenn es aufhört zu lächeln, ist es traurig; eine un
bewußte Ermattung drückt das Augenlid nieder, das
deutet auf Melancholie, die aus Einsamkeit entsteht.
Es wendet sich von mir ab, um eine weitere Prüfung
zu verhindern; es will mit einem spöttischen Blicke
die Wahrheit meinner Entdeckungen leugnen. Aber
dieser Stolz und diese Zurückhaltung bestärken mich
nur darin. Das Auge ist günstig. Der Mund gefällt
sich zu Zeiten im Lachen; er ist geneigt, Alles mit
zutheilen, was das Gehirn erdenkt, obgleich er wahr
scheinlich Vieles verschweigt, was das Herz erlebt.
Beweglich und ausdrucksvoll, war dieser Mund nie
bestimmt, in dem ewigen Schweigen der Einsamkeit
geschlossen zu bleiben; es ist ein Mund, der viel
reden und oft lächeln und menschliche Neigung für
den zeigen sollte, mit dem er spricht. Auch dieser Zug
ist güstig. Ich sehe keinen Feind für den glücklichen
Ausgang, als auf der Stirn, und diese Stirn will
sagen: Ich kann allein leben, wenn meine Selbst
achtung und die Umstände es von mir fordern. Ich
darf des Glückes wegen nicht meine Seele verkaufen.
Ich habe einen inneren Schatz, der mit mir geboren
ist, der mich stützen und erhalten wird, wenn mir
alles äußere Glück versagt sein oder nur zu einem
Preise gewährt werden sollte, den ich nicht zahlen
kann. Die Stirn erklärt: die Vernunft hält die Zügel
und wird sich von den Gefühlen nicht beherrschen
und ins Verderben führen lassen. Die Leidenschaften
mögen toben und die Wünsche mögen sich auf
Eitelkeiten richten, aber die Vernunft soll immer das
letzte Wort bei jeder Entscheidung haben. Sturm
und Erdbeben mögen hereinbrechen, ich will nur der Leitung, jener leisen Stimme folgen, die mir die Vor
schriften des Gewissens deutet. -- Gut gesprochen,
Stirn; deine Offenbarung soll beachtet werden. Ich
habe meine Pläne entworfen -- ich glaube, daß es
gute Pläne sind, denn ich habe die Forderungen des
Gewissens und die Rathschläge der Vernunft berück
sichtigt. Ich weiß. wie bald die Jugend verwelken
und die Blüthe erbleichen würde, wenn in dem mir
gebotenen Becher des Glückes nur die geringste Hefe
der Schande oder ein bitterer Beigeschmack der Reue
zu entdecken wäre; und ich will keine Opfer, keinen
Kummer, keine Zerstörung -- dies ist nicht nach
meinem Geschmack. Ich will wohlthun und nicht
vernichten -- ich will Dankbarkeit ernten, nicht blutige
Thränen auspressen; meine Ernte soll in Lächeln,
Zärtlichkeit und Wonne bestehen. So ist es recht.
Ich glaube, ich schwärme in einem köstlichen Wahn.
Ich möchte diesen Augenblick ins Unendliche ver
längern; aber ich darf es nicht. So weit habe ich mich
völlig beherrscht; aber wenn ich fortfahren wollte,
möchte ich auf eine zu schwere Probe gestellt werden.
Stehen Sie auf, Miß Eyre, verlassen Sie mich, das
Spiel ist zu Ende.
Wo war ich? Wachte ich? Hatte ich geträumt?
Träumte ich noch? Die Stimme des alten Weibes
hatte sich verändert, ihre Sprache, ihre Geberden und Alles war mir so bekannt, wie mein eigenes Gesicht
im Spiegel, wie die Rede meiner eigenen Zunge. Ich
stand auf, ging aber nicht fort. Ich starrte die
Gestalt an, schürte das Feuer, daß es hell auflammte,
und starrte sie wieder an; aber sie zog Hut und
Binde tiefer in ihr Gesicht und winkte mir nochmals,
mich zu entfernen. Die Flamme erleuchtete ihre aus
gestreckte Hand. Da ich jetzt stutzig geworden, so
suchte ich weiter zu forschen und betrachtete diese
Hand. Das war nicht das welke Glied einer alten
Frau, die Finger waren glatt, schön gerundet und
voll, an dem kleinen Finger schimmerte ein kostbarer R
ing; ich beugte mich auf den Ring nieder und
erblickte einen Edelstein, den ich wohl hundertmal
vorher gesehen hatte. Als ich wieder aufblickte, waren
Hut und Vinde von dem Gesichst entfernt.
, Nun, Johanna, kennen Sie mich? fragte die
mir so wohlbekannte Stimme.
, Legen Sie nur den rothen Mantel ab, Herr,
dann werde ich wohl --
, So -- fort mit den Lumpen!
Und Herr Rochester warf seine Verkleidung von sich.
, Ei, Herr, welch' eine seltsame Idee!
, Alber gut ausgeführt, nicht wahr? Meinen Sie
das nicht?
, Bei den Damen mag es Ihnen wohl gelungen sein.
, Aber bei Ihnen nicht?
, Bei mir spielten Sie nicht die Rolle einer
Zigeunerin.
, Welche Rolle spielte ich den? Meine eigene?
, Nein, eine unerklärliche. Kurz, ich glaube, Sie
haben versucht, mich auszuforschen oder mich auf's
Glatteis zu führen. Sie haben Unsinn gesprochen,
um auch von mir Unsinn herauszulocken. Das war
doch nicht ganz recht, mein Herr.
, Verzeihen Sie mir, Johanna?
, Das kann ich nicht eher, als bis ich Alles bedacht habe. Wenn ich bei reiflicherem Nachdenken
finde, daß ich keine zu großen Albernheiten gesagt
habe, so werde ich versuchen, Ihnen zu verzeihen. Aber
es war dennoch nicht recht von Ihnen.
, O! Sie haben sehr correct, sehr vorsichtig und
verständig geantwortet.
Ich dachte nach und meinte auch, daß dies im
Allgemeinen richtig sei, denn ich hatte mich gleich
von Anfang an in Acht genommen. Ich vermuthete
schon von vornherein eine Verkleidung. Ich wußte,
daß Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen sich nicht so
aussprächen, wie dieses angebliche alte Weib. Außerdem war mir aufgefallen, daß ihre Stimme offenbar
verstellt war und daß sie sich große Mühe gab, ihre
Züge zu verbergen. Doch ich hatte an Gratia Poole,
dieses lebendige Räthsel, dieses Geheimnis aller Ge
heimnisse, gedacht; Herr Rochester war mir nicht eingefallen.
, Nun, worüber denken Sie nach? fragte er.
, Was bedeutet dieses ernste Lächeln?
, Ich wundere mich und wünsche mir selber
Glück, mein Herr. Aber Sie werden mir jetzt wohl
erlauben, mich zu entfernen?
, Nein, warten Sie nur einen Augenblick und sagen
Sie mir, was die Leute im Gesellschaftszimmer thun.
, Sie sprechen vermuthlich von der Zigeunerin.
, Setzen Sie sich nieder und lassen Sie mich hören,
was sie von mir sagen.
, Es ist nicht rathsam für mich, länger zu bleiben,
Herr, es muß beinahe elf Uhr sein. O! Herr Rochester,
da fällt mir ein, daß in Ihrer Abwesenlheit ein
Fremder gekommen ist.
, Ein Fremder! -- Wer mag es sein? Ich er
wartete keinen. Ist er wieder fort?
, Nein, er sagte, daß er Sie seit langen Jahren
kenne und sich daher auch die Freiheit nehmen dürfte,
so lange hier zu bleiben, bis Sie zurückkehrten.
, Zum Teufel mit ihm! Nannte er seinen
Namen?
, Sein Name ist Mason, Herr, und er kommt
aus Westindien -- aus Spanish Town in Jamaica,
glaube ich.
Herr Rochester stand neben mir und hatte meine
Hand gefaßt. Als ich die letzten Worte sprach, drückte
er krampfhaft mein Gelenk; das Lächeln auf seiner
Lippe erstarb und sein Athem schien zu stocken.
, Mason! Westindien! sagte er in einem Tone,
der von einem redenden Automaten herzurühren schien.
, Mason! Westindien! wiederholte er, und wurde
dabei blaß wie ein Todter. Er schien kaum bei vollem
Bewußtsein.
, Sind Sie krank, Herr fragte ich.
, Johanna, ich habe einen Schlag erlitten --
einen furchtbaren Schlag, Johanna !'' stotterte er.
,
O! -- stützen Sie sich auf mich, mein Herr.
, Johanna, Sie boten mir schon einmal Ihren
Arm als Stütze an; geben Sie ihn mir auch jetzt.
, Ja Herr, ja.
Er setzte sich nieder und ich mußte neben ihm
Platz nehmen. Er streichelte meine Hand, die er in
der seinigen hielt und sah mich zugleich mit ver
störtem und traurigem Blicke an.
, Meine kleine Freundin, sagte er, ,ich wollte,
ich wäre auf einer stillen Insel mit Ihnen allein,
und ferne von Gefahr und schrecklichen Erinnerungen.
, Kann ich Ihnen helfen, mein Herr? -- Ich
würde mein Leben hingeben, um Ihnen zu dienen.
, Johanna, wenn ich der Hilfe bedarf, so will
ich sie bei Ihnen suchen, das verspreche ich Ihnen.
, Ich danke Ihnen, meinn Herr. Sagen Sie mir
nur, was ich zu thun habe -- ich will wenigstens
versuchen, es auszuführen.
, So holen Sie mir jetzt ein Glas Wein aus
dem Speisezimmer, Johanna. Meine Gäste werden
gerade beim Abendessen sein, überzeugen Sie sich, ob Mason noch bei Ihnen ist, und was er thut.
Ich ging und fand die ganze Gesellschaft beim
Abendessen, wie Herr Rochester vermuthet hatte. Man
saß nicht am Tische, sondern, da die Speisen auf der
Credenz aufgestellt waren, so hatte sich Jeder ausgewählt, was ihm zusagte. Die Herren wie die Damen bildeten Gruppen und hielten ihre Teller
und Gläser in den Händen. Alle schienen in sehr
heiterer Stimmung. Das Lachen und die Unterhaltung
waren allgemein; Herr Mason stand in der Nähe
des Feuers, sprach mit dem Obersten und dessen Frau,
und schien so heiter, wie nur irgend Jemand von
der Gesellschaft. Ich füllte ein Weinglas und be
merkte, wie Miß Ingram mich mit finsteren Blicken
beobactete, wahrscheinlich, weil sie dachte, ich nehme
mir eine zu große Freiheit heraus. Dann kehrte ich
in das Bibliothekzimmer zurück.
Herrn Rochester's Blässe war verschwunden; er
sah wieder fest und strenge aus.
, Auf Ihre Gesundheit, hilfreicher Geist! sagte
er das Glas aus meiner Hand nehmend, und trank
den Inhalt aus.
, Was thun sie da drüben, Johanna?
, Sie lachen und schwatzen, mein Herr.
, Sie machen also keine ernsten und geheimnisvollen Mienen, als wenn sie etwas Seltsames gehört
hätten?
, Durchaus nicht -- sie sind voller Scherze und
Heiterkeit.
, Und Mason?
, Er lachte auch.
, Wenn alle diese Leute hierher kämen und mich
anspieen, was würden Sie thun, Johanna?
, Ich würde sie fortjagen, mein Herr, wenn ich
könnte.
Er lächelte ein wenig.
, Aber wenn sie mich nur kalt ansähen, einander
spöttisch zuflüsterten, und Einer nach dem Anderen
mich verließe, was dann? Würden Sie mit ihnen
gehen?
Ich glaube nicht, Herr; ich würde vorziehen, bei
Ihnen zu bleiben.
, Mich zu trösten?
, Ja Herr, Sie zu trösten, so gut ich könnte.
, Und wenn man Sie in die Acht erklärte, weil
Sie treu zu mir hielten
, Ich würde mich nicht darum kümmern.
, So könnten Sie also um meinetwillen dem
Urtheile der Welt Trotz bieten?
, Ich könnte es für jeden Freund, der meine
Anhänglichkeit verdient, und die verdienen Sie gewiß.
, Kehren Sie jetzt in das Gesellschaftszimmer
zurück; gehen Sie still und unbemerkt zu Mason und
flüstern Sie ihm ins Ohr, Rochester sei gekommen
und wünsche mit ihm zu reden. Führen Sie ihn hier
herein und verlassen Sie mich dann.
, Ja, Herr.
Ich ging. Die Gesellschaft starrte mich an, als
ich mir zwischen den Gruppen hindurch den Weg
zu Herrn Mason bahnte, dem ich meinen Auftrag
ausrichtete. Ihm vorangehend, führte ich ihn in das Bibliothekzimmer und stieg dann die Treppe
auf.
In später Stunde, nachdem ich schon eine Zeit
lang im Bette gelegen hatte, hörte ich, wie sich die
Gäste in ihre Zimmer begaben. Ich konnte Herrn
Rochester's Stimnme unterscheiden und hörte ihn sagen
, Hierher, Herr Mason, dies ist Ihr Zimmer.
Der Ton seiner Stimme klang heiter, was mein
Herz beruhigte, so daß ich bald einschlief.
Zwanzigstes Capitel.
Ganz gegen meine Gewohnheit, hatte ich ver
gessen, den Bettvorhang zuzuziehen und das Rouleau
am Fenster niederzulassen. Die Folge war, daß der
Mond, der in jener Nacht voll war, seine hellglänzenden Strahlen durch die unbeschützten Scheiben
warf und mich erweckte. Meine Blicke fielen auf die
silberhelle, kristallreine Scheibe. So ungern ich mich
von diesem Zauber trennte, so streckte ich doch meinen
Arm aus, um den Bettvorhang zuzuziehen.
Guter Gott, welch' ein Schrei!
Die Nacht -- die Stille -- die Ruhe wurde
durch einen wilden, durchdringenden Schrei gestört,
der Thornfield Hall von einem Ende zum anderen
durchgellte.
Mein Puls hielt an, mein Herz stand still, mein
ausgestreckter Arm schien gelähmt. Der Schrei verstummte und wurde nicht wiederholt. Und in der
That, wer immer auch diesen furchtbaren Schrei
ausgestoßen haben mochte -- er konnte ihn nicht so
bald wiederholen, selbst der stärkste Adler der Anden
hätte nicht vermocht, zweimal nach einander einen
solchen Schrei aus der Wolke herabzusenden, die
seinen Horst umgibt. Das Wesen, welches diesen
wilden Schrei hören ließ, mußte sich erholen, ehe es
die Kraft zu einem zweiten solchen fand.
Es kam aus dem dritten Stock, denn es war
über meinem Kopfe. Und in dem Zimmer, gerade
über dem meinigen, hörte ich jetzt einen Kampf --
nach dem Lärm schien es ein tödtlicher Kampf zu
sein -- und eine halb erstickte Stimme rief dreimal:
, Hilfe! Hilfe! Hilfe!
, Will Niemand kommen? rief es, und dann,
während das Hin- und Herstampfen fortdauerte, vernahm ich deutlich die Worte durch die Decke:
, Rochester! Rochester! um Gotteswillen, kommen
Sie!
Die Thür eines Zimmers öffnete sich, es stürzte
Jemand durch die Gallerie. Abermals began oben
ein Stampfen von Füßen -- es fiel etwas, und dann
war Alles still.
Ich hatte hastig einige Kleider umgeworfen, ob
gleich meine Glieder vor Entsetzen bebten, und trat
aus dem Zimmer herans. Die Schläfer waren Alle
erwacht, Ausrufe und erschrockenes Gemurmel ertönten
in jedem Zimmer, eine Thür nach der anderen öffnete
sich, aus jeder kam ein neues Gesicht zum Vorschein,
die Gallerie füllte sich. Herren und Damen hatten
ihre Nachtlager verlassen und von allen Seiten rief
es durch einander: , Was bedeutet das? -- , Was
ist geschehen? --
, Ist Feuer ausgebrochen? --
, Sind Räuber da --
, Vohin sollen wir uns
retten? Man rannte hin und her, drängte sich zu
sammen, Einige schluchzten, Andere stolperten und
fielen, die Verwirrung war entsetzlich. Hätte der
Mond nicht geschienen, so würden sich diese Scenen
in völliger Finsternis ahgespielt haben.
, Wo zum Teufel, ist Rochester? rief Oberst
Dent. , Ich kann ihn nicht in seinem Bette finden.
, Hier! hier! wurde geantwortet. , Beruhigen
Sie sich Alle, ich komme.
Die Thür am Ende der Gallerie hatte sich ge
öffnet und Herr Rochester trat mit einem Lichte näher.
Er war eben von dem oberen Stock heruntergekommen, und eine von den Damen lief sogleich auf ihn zu und
ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram.
, Welches schreckliche Ereignis hat sich zugetragen?
fragte sie. , Reden Sie! Lassen Sie uns gleich das
Schlimmste wissen.
, Ziehen Sie mich nur nicht zu Boden und er
würgen Sie mich nicht, versetzte er, denn die Misses
Eshton hängten sich jetzt auch an ihn und die beiden Witwen kamen in weißen Gewändern auf ihn zu,
wie Schiffe mit vollen Segeln.
, Alles ist wieder in Ordnung! Alles ist in Ordnung! rief er. , Es ist nur eine Probe von
, Viel Lärm um Nichts. Lassen Sie mich los, meine
Damen, oder ich werde gefährlich.
Und gefährlich sah er in der That aus, mit
seinen schwarzen wild blickenden Augen. Er zwang
sich mit großer Anstrengung zu äußerer Ruhe und
fügte hinzu:
, Eine Dienerin hat das Alpdrücken gehabt, das
ist Alles. Sie ist eine reizbare, nervöse Person, sie legte ihren Traum als eine Erscheinung oder dergleichen aus, und bekam vor Schrecken Krämpfe.
Jetzt muß ich Sie Alle bitten, in Ihre Zimmer zurück
zukehren, denn ehe das Haus nicht wieder zur Ruhe
gekommen ist, kann man sich nicht nach ihr umsehen.
Meine Herren, haben Sie die Güte, den Damen ein
gutes Beispiel zu geben. Miß Ingram, ich bin geniß, Sie werden leicht den unnützen Schrecken überwinden.
Amy und Louise kehren Sie wie ein Taubenpaar in
Ihre Nester zurück. Meine Damen, fuhr er zu den
Witwen gewendet fort, Sie werden sich gewiß erkälten, wenn Sie noch länger in dieser kalten Gal
lerie bleiben.
Und durch Schmeicheln und Zureden brachte er
seine Gäste wieder in ihre Schlafgemächer zurück. Ich
wartete nicht, bis ich den Befehl erhielt, das meinige
aufzusuchen, sondern zog mich ebenso unbeachtet wieder
zurück, als ich gekommen war.
Freilich nicht, um zu Bette zu gehen; im Gegen
theil kleidete ich mich sorgfältig an. Die Ruhe und
die Worte, die ich nach dem Schrei gehört, hatte
wahrscheinlich außer mir niemand vernommen, denn
sie waren aus dem Zimmer über dem meinigen ge
kommen; aber ich hielt mich überzeugt, daß es nicht
der Traum einer Dienerin gewesen, der ein solches
Entsetzen durch das Haus verbreitet hatte, und daß
die von Herrn Rochester gegebene Erklärung nur eine
Erfinduung gewesen sei, um seine Gäste zu beruhigen.
Ich kleidete mich also an, um im schlimmsten Falle
bereit zu sein. Dann saß ich eine lange Zeit am
Fenster und blickte auf den stillen Park und die von
silbernem Mondlicht beschienenen Felder hinaus und
wartete, ich weiß selbst nicht worauf. Es schien mir,
als müsse auf das Ereignis noch ein Nachspiel folgen.
Ich täuschte mich indessen. Jedes Geräusch ver
stummte nach und nach, und bald war Thornfield
Hall wieder so still, wie ein Kirchof. Schlaf und
Nacht schienen ihre Herrschaft wieder angetreten zu
haben. Inzwischen war der Mond tiefer gesunken
und im Untergehen begriffen. Da ich nicht in der
Kälte und Dunkelheit sitzen mochte, so gedachte ich
mich angekleidet, wie ich war, auf mein Bett nieder
zulegen. Ich verließ das Fenster und ging leise über
den Fußteppich; aber als ich mich niederbeugte, um
meine Schuhe auszuziehen, wurde leise und vorsichtig
an die Thür geklopft.
, Bedarf man meiner? fragte ich.
, Sind Sie auf? fragte die Stimme, die ich zu
hören erwartete, nämlich die meines Herrn.
, Ja, Herr.
, Und angekleidet?
, Ja.
, So kommen Sie schnell heraus.
Ich gehorchte. Herr Rochester stand in der Gal
lerie und hielt ein Licht in der Hand.
, Ich bedarf Ihrer, sagte er, kommen Sie,
nehmen Sie sich Zeit und machen Sie kein Geräusch.
Meine Schuhe waren leicht, ich konnte also leise
wie eine Katze über den ohnehin bedeckten Fußboden
gehen. Herr Rocester glitt die Gallerie dahin, schlich
die Treppe hinauf und blieb in dem dunklen und
niedrigen Vorsaale des unheimlichen dritten Stockwerks stehen. Ich war ihm gefolgt und stand an seiner Seite.
, Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimnmer?
fragte er leise.
, Ja, Herr.
, Haben Sie auch irgend ein Salz -- Riechsalz?
, Ja.
, So kehren Sie zurück und holen Sie Beides.
Ich kehrte zurück, nahm den Schwamm aus
meinem Waschtische, das Salz aus meiner Commode
und ging wieder durch die Gallerie und die Treppe
hinauf. Herr Rochester wartete noch, einen Schlüssel
in der Hand haltend. Er näherte sich einer von den
kleinen schwarzen Thüren und steckte den Schlüssel in
das Schloß. Plötzlich hielt er inne und fragte mich:
, Sie werden doch nicht ohnmächtig, wenn Sie
Blut sehen?
, Ich glaube nicht, obwohl ich noch nie Gelegenheit hatte, diese Probe zu bestehen.
Ein Schauder durchbebte mich, doch empfand
ich keinen Schwindel.
, Reichen Sie mir Ihre Hand, sagte er, eine
Ohnmacht käme uns hier nicht gelegen.
, Warm und ruhig, bemerkte er zufrieden, als
ich meine Hand in die seinige gelegt hatte. Dann
drehte er den Schlüssel um und öffnete die Thür.
Ich sah ein Zimmer, welches ich schon früher
gesehen zu haben mich erinnerte, als Mistreß Fairfax
mir das Haus gezeigt. Es war mit schweren Go
belins behängt; doch an einer Stelle waren die Go
belins jetzt zurückgeschlagen, und es zeigte sich eine
Thür, die vorher verborgen gewesen. Diese Thür
war offen, es schien ein Licht aus dem inneren Zimmer
hervor und ein knurrender, halb bellender Ton wurde
hörbar, fast ähnlich dem eines erzürnten Hundes. Herr
Rochester setzte sein Licht nieder und sagte zu mir:
, Warten Sie eine Minute.
Darauf trat er in das Zimmer. Ein lautes Ge
lächter begrüßte seinen Eintritt; Anfangs war es lär
mend und endete dann mit Gratia Poole's eigenthünlichem, koboldähnlichem ,ha, ha! Sie war also
dort. Er traf irgend eine Anordnung, ohne zu spre
chen, obgleich ich eine leise Stimme mit ihm reden
hörte. Dann kam er heraus und machte die Thür
hinter sich zu.
, Hier, Johanna! sagte er und wir traten an
die Seite eines großen Bettes, welches mit seinen zu
gezogenen Vorhängen einen beträchtlichen Theil des
Zimmers einnahm. In der Nähe des Bettes stand
ein Lehnstuhl und in diesem saß ein Mann, der angekleidet war, nur ohne Rock. Er hatte seinen Kopf
zurückgelehnt und seine Augen geschlossen. Herr Ro
chester hielt das Licht über ihn und ich erkannte in
dem blassen und scheinbar leblosen Gesichte das des
Herrn Mason. Ich sah auch, daß sein Hemd auf
der einen Seite und an einem Aermel ganz mit Blut
benezt war.
, Halten Sie das Licht, sagte Herr Rochester.
Während ich dasselbe hielt, holte er von dem Waschtische eine Schüssel mit Wasser, die ich ebenfalls halten
mußte. Er nahm den Schwamm und benetzte Mason's
leichenähnliches Gesicht, hierauf forderte er mein Riech
fläschchen und hielt es ihm vor die Nase. Bald darauf schlug Mason die Augen auf und stöhnte. Herr Ro
chester öffnete das Hemd des Verwundeten, dessen Arm
und Schulter verbunden waren, und wusch mit dem
Schwamme das aus der Wunde sickernde Blut ab.
, Ist Gefahr vorhanden? brachte Mason mit
kaum hörbarer Stimme hervor.
, O nein -- nur geritzt. Ermannen Sie sich,
Herr! ich will selber einen Wundarzt für Sie holen,
ich hoffe, daß wir Sie transportiren lassen können.
, Johanna, wandte er sich an mich.
, Mein Herr?
, Ich werde Sie eine oder auch zwei Stunden
in diesem Zimmer mit dem Herrn allein lassen müssen.
Waschen Sie das Blut mit dem Schwamme ab, wenn
es wieder kommt. Wenn er ohnmächtig wird, so
halten Sie ihm das Glas Wasser, welches dort auf
dem Tische steht, an die Lippen und Ihr Niechfläsch
hcen vor die Nase. Sprechen Sie unter keiner Be
dingung mit ihm -- und Sie, Richard, wenn Sie
mit ihr reden, so ist Ihr Leben in Gefahr. Oeffnen
Sie auch nur Ihre Lippen, regen Sie sich auchs nur
im geringsten auf -- so kann Niemand für die Folgen stehen.
Wieder stöhnte der Verwundete. Es schien, als
ob er sich nicht zu regen wagte und als ob ihn Furcht
vor dem Tode oder vor irgend sonst etwas lähmte.
Herr Rochester gab mir jetzt den blutigen Schwamm
in die Hand, und ich begann ihn anzuwenden, wie
er es gethan. Nachdem er mich ein paar Secunden
lang beobachtet hatte, verließ er mit der Mahnung:
, Vergessen Sie nicht, daß Sie nicht mit ihm sprechen
dürfen, das Zimmer. Es war ein seltsames Gefühl
für mich, als von dranßen der Schlüssel in dem
Schlosse sich drehte und ich das leise Geräusch der
sich entfernenden Fußtritte nicht mehr hörte.
Hier war ich also im dritten Stock, in eine von
diesen geheimnisvollen Zellen mitten in der Nacht
eingeschlossen, vor meinen Augen und unter meinen
Händen ein blasses, blutiges Bild; eine Mörderin,
nur durch eine einfache Thür von mir getrennt --
ja, es war entsetzlich! -- Ich schauderte bei dem Gedanken, daß Gratia Poole auf mich losstürzen könnte.
Ich mußte indeß auf meinem Posten bleiben und
dabei dieses geisterhafte Gesicht ansehen -- diese
blauen, stillen Lippen, denen es verboten war, sich zu
öffnen -- diese bald geschlossenen, bald geöffneten
Augen, die jetzt im Zimmer umherschweiften, jetzt sich
auf mich richteten und stets Entsetzen ausdrückten. Ich
mußte meine Hand wiederholt in das Becken voll blutigen Wassers tauchen und das sickernde Blut ab
waschen. Ich mußte während meiner Beschäftigung
sehen, wie die Kerze mehr und mehr dahinschwand,
wie der Schatten auf der alterthümlichen gewirkten
Tapete und unter den Vorhängen des ungeheuren
Bettes dunkler wurde und seltsam: an dem großen,
mir gegenüber befindlichen Schranke spielte, dessen
Thüren in prächtiger Schnitzerei die Köpfe der zwölf
Apostel trugen, von denen jeder von einem besonderen
Rahmen eingeschlossen war, während sich über ihnen
ein Cruzifix von Ebenholz mit einem sterbenden Chri
stus erhob.
Je nachdem Licht und Schatten in dem flacker
den Kerzenscheine wechselten, runzelte bald der bärtige
Lucas seine Stirn, bald bewegte sich das lange Haar
des Johannes, und bald trat das teuflische Gesicht
des Judas aus seinem Rahmen hervor und schien
Leben annehmen zu wollen.
Bei dem Allen mußte ich unwillkürlich auf die
Bewegungen des wilden Thieres oder Teufels in
jener Nebenzelle horchen. Aber seit Herrn Rochester's
Besuch schien dort ein Zauber zu wirken, denn die
ganze Nacht hörte ich nur dreimal in langen Zwischen
räumen ein Geräusch, einen knarrenden Schritt, eine
kurze Wiederholung jener eigenthümlich knurrenden
Laute und ein tiefes erschütterndes Stöhnen aus Men
schenbrust.
Dann quälten mich meine eigenen Gedanken.
Welches Verbrechen barg dieses abgeschiedene Haus, ohne
von dem Besitzer gebannt werden zu können? Welches
Geheimnis war es, das sich in tiefer Nacht bald in
Feuer und bald in Blut zeigte? Welche Art von
Geschöpf war das, welches Gesicht und Gestalt eines
gewöhnlichen Weibes tragend, bald die Töne eines
spöttischen Dämons und bald die eines beutegierigen
Raubvogels ausstieß?
Und dieser Mann hier, über den ich mich neigte --
dieser harmlos scheinende Fremde -- wie war er in
das geheimnisvolle Gewebe verwickelt worden? Warum
hatte sich die Furie auf ihn losgestürzt? Warum suchte
er zu so ungewöhnlicher Stunde diesen Theil des
Hauses auf? Ich hatte gehört, wie Herr Rochester
ihm unten ein Zimmer angewiesen -- was führte
ihn denn hieher? Fast ebenso räthselhaft erschien mir
seine Unterwürfigkeit gegen Herrn Rochester, wenn ich
mir dessen Schreck vergegenwärtigte, als er von Ma
son's Ankunft hörte. Warum hatte der bloße Name
dieses jetzt so fügsamen Gastes, der kaum den Mund
zu öffnen wagte, weil ihm Herr Rochester Schweigen
anbefohlen, den letzteren noch vor wenigen Stunden
niedergeschmettert, wie der Bliz die starke Eiche trifft
?
O! Ich konnte seinen Blick und sein bleiches Gesicht nicht vergessen, als er flüsterte: ,Johanna, ich
habe einen Schlag erhalten -- einen furchtbaren Schlag,
Johanna. Ich konnte nicht vergessen, wie der Arm
gezittert, den er auf meine Schulter stützte; es konnte
keine geringfügige Sache sein, die einen so entschlos
senen Geist, einen so kräftigen Körper derart zu er
schüttern vermochte.
, Wann wird er wiederkommen? rief ich in
meinem Innern aus, als mein blutender Patient
stöhnte und ohnmächtig wurde, und weder der ersehnte
Tag noch die erlösende Hilfe nahte. Ich hatte wieder
holt das Wasser zu Mason's bleichen Lippen erhoben;
ich hatte ihm wiederholt das belebende flüchtige Salz vorgehalten, meine Bemühungen schienen unwirksam.
Seine Kräfte schwanden schnell, ob infolge seiner Ver
wundung und des starken Blutverlustes allein, oder
ob sich hierzu noch eine schwere seelische Erschütterung
gesellte, wußte ich nicht. Er stöhnte so tief, er sah
so schwach und erschöpft aus, daß ich fürctete, er
werde sterben; und ich durfte nicht einmal mit ihm
reden!
Endlich brannte das Licht zu Ende und ging
völlig aus. Jetzt bemerkte ich einige graue Licht
streifen am Rande des Fenstervorhanges, der Morgen
war also da. Gleich darauf hörte ich Pilot unten
auf dem Hofe in seiner Hütte bellen. Neue Hoffnung
belebte mich. Auch wurde ich nicht enttäuscht, denn
nach fünf Minuten drehte sich der Schlüssel im Schloß,
die Thür ging auf und meine Wache war beendet.
Sie konnte nicht länger als zwei Stunden gewährt
haben, aber manche Woche war mir kürzer erschienen.
Herr Rochester trat ein und mit ihm der Wundarzt, den er herbeigeholt.
, Nun, Carter, gehen Sie rasch ans Werk, sagte
er zu diesem, ich lasse Ihnen nur eine halbe Stunde
Zeit, die Wunde zu verbinden, die Bandagen zu be
festigen und den Patienten hinunterzubringen.
, Aber wird er im Stande sein, sich von der
Stelle zu bewegen, mein Herr?
, Zweifeln Sie nicht daran, es ist nichts Ernst
haftes, er ist nervös, und seine Lebensgeister müssen
gestärkt werden. Gehen Sie ans Werk.
Herr Rochester zog den dichten Vorhang zurück,
das Rouleau in die Höhe und ließ das Tageslicht
herein. Ich war überrascht und erfreut, daß es
schon so hell war und rosige Streifen den Osten be
leuchteten.
, Nun, mein guter Mann, wie steht es mit
Ihnen? fragte Herr Rochester den Verwundeten, mit
dem der Arzt sich bereits beschäftigte.
, Ich fürchte, sie hat mir den Rest gegeben, war
die matte Antwort.
, So weit ist es noch nicht -- fassen Sie Muths!
Sie haben ein wenig Blut verloren, das ist Alles. Carter, ich versichere Sie, es ist keine Gefahr vor
handen.
, Ich werde thun, was ich kann, sagte Carter,
der jetzt die Binden gelöst hatte, nur wollte ich, ich
wäre früher, gekommen, dann würde er nicht so viel
Blut verloren haben. Aber was ist dies? Das Fleisch
an der Schulter ist nicht nur zerschnitten, sondern auch
zerrissen! Diese Wunde rührt nicht von einem Messer
her, hier haben Zähne gewüthet.
, Sie biß mich, murmelte Mason. , Sie zerfleischte
mich wie eine Tigerin, als Rochester ihr das Messer aus den Händen riß.
, Sie hätten sich energisch vertheidigen sollen,
versetzte Herr Rochester.
, Aber was konnte ich unter solchen Umständen
thun? entgegnete Mason. , O! es war schrecklich!
fügte er schaudernd hinzu. , Und ich war nicht darauf
gefaßt, sie sah Anfangs so ruhig aus.
, Ich warnte Sie, war seines Freundes Antwort, ich sagte Ihnen: Seien Sie auf Ihrer Hut,
wenn Sie in ihre Nähe kommen. Ueberdies hätten
Sie bis morgen warten und mich mitnehmen sollen,
es war Thorheit, in der Nacht und allein zu ihr zu
gehen.
, Ich dachte, ich könnte etwas Gutes thun.
, Sie dachten! Sie dachten! Es macht mich ungeduldig, Sie anzuhören; aber Sie haben gelitten und
werden wahrscheinlich noch mehr leiden, weil Sie meinen
Rath nicht befolgten, darum will ich nichts mehr sagen. Carter -- schnell! schnell! die Sonne wird gleich
aufgehen, und er muß noch vorher weggebracht
werden.
, Sogleich, Herr, die Schulter ist schon verbunden.
Ich muß jetzt nach der anderen Wunde am Arme
sehen, sie hat auch dort ihre Zähne eingegraben,
glaube ich.
, Sie sog das Blut aus und sagte, sie wolle mein
Herzblut trinken, bemerkte Mason.
Ich sah, wie Herr Rochester schauderte, ein eigen
thümlicher Ausdruck des Ekels, Entsetzens und Hasses
verzerrte sein Gesicht, doch sagte er nur:
, Nun schweigen Sie, Richard, und denken Sie
nicht mehr an ihr unsinniges Geschwätz.
, Ich wollte, ich könnte es vergessen, war die
Antwort.
, Sie werden es, wenn Sie aus dem Lande sind,
wenn Sie Spanish Town wieder erreicht haben.
Gedenken Sie ihrer so, als ob sie todt und begraben
wäre.
, Es ist mir unmöglich, diese Nacht zu vergessen!
, Es ist nicht unmöglich, haben Sie nur einigen
Muth, mein Lieber. Vor zwei Stunden meinten Sie
noch, Sie wären so todt wie ein Häring, und jetzt
sind Sie doch lebendig und sprechen. So -- Carter
ist mit dem Verbinden nahezu fertig; wir wollen Sie
im Augenblick hinunterbringen. Johanna, sagte er,
indem er sich zum ersten Mal nach seinem Wiedereintritt
zu mir wendete, nehmen Sie diesen Schlüssel, er öffnet
mein Schlafzimmer; durch dieses gehen Sie geradenwegs
in mein Annkleidezimmer; öffnen Sie dort das oberste
Fach in der Commode, nehmen Sie ein reines Hemd
und ein Halstuch heraus und bringen Sie beides rasch
hieher.
Ich gehorchte und kehrte mit den bezeichneten
Gegenständen zurück.
, Nun, sagte Herr Rochester, treten Sie auf die
andere Seite des Bettes, während ich ihn umkleide,
aber verlassen Sie das Zimmer nicht, denn wir werden
Ihrer noch bedürfen.
Ich zog mich zurück, wie er befahl.
, War schon Jemand auf, als Sie unten waren,
Johanna? fragte Herr Rochester.
, Nein, Herr, Alles ist noch still.
, Wir wollen Sie so schnell als möglich fort
bringen, Richard, es wird besser sein für Sie und das
arme Geschöpf dort. Es ist mir bisher gelungen, die
Entdeckung zu verhütene, und ich möchte nicht, daß es
dennoch zuletzt an den Tag käme. Hier, Carter, helfen
Sie ihm seine Weste anziehen. Wo ließen Sie Ihren
Pelzmantel, Richard? Ohne diesen können Sie in unserem kalten Klima keine Meile reisen. In Ihrem Zimmer? -- Johanna, laufen Sie in Herrn Mason's
Zimmer, das neben dem meinigen ist, und holen Sie
den Mantel, den Sie dort finden werden.
Wieder eilte ich hinunter und kehrte mit einem
ungeheuren, mit Pelz besetzten Mantel zurück.
, Jetzt, Johanna, habe ich noch einen anderen
Auftrag für Sie, sagte Herr Rochester, der eine große
Umsicht an den Tag legte, , Sie müssen wieder in mein
Zimmer gehen, das mittlere Fach in meinem Toiletten
tische öffnen und eine kleine Phiole und ein kleines
Glas herausnehmen, welches Sie dort finden werden
-- schnell!
Ich eilte hin und zurück und brachte die ge
wünschten Gegenstände.
, So ist's recht! Nun Doctor, will ich mir die
Freiheit nehmen, ihm selber auf meine eigene Verantwortung eine Dosis einzugeben. Ich habe dieses
Universalmittel in Rom von einem italienischen Quacksalber gekauft -- von einem Kerl, dem Sie einen
Fußtritt versetzt haben würden, Carter. Es ist eine
Arztnei, die nicht in allen Fällen angewendet werden
darf, aber ein solcher Fall liegt hier vor. Johanna,
ein wenig Wasser.
Er hielt mir das kleine Glas hin, und ich füllte
es zur Hälfte aus der Wasserflasche.
, So ist's recht -- nun benetzen Sie die Oeffnnng
der Phiole.
Ich that es; er zählte zwölf Tropfen von der
rothen Flüssigkeit ab und reichte sie Mason.
, Trinken Sie, Richard, es wird Ihnen auf eine
Stunde oder länger die nöthigen Kräfte gewähren.
, Aber wird es mir nicht schaden? -- Es ist
zu stark!
, Trinken Sie -- trinken Sie!
Herr Mason gehorchte, da es durchaus unütz
war, sich zu widersetzen. Er war jetzt angekleidet, sah
noch immer blaß aus, war aber nicht mehr blutig. Nachdem er die Flüssigkeit hinuntergeschluckt hatte,
gönnte ihm Herr Rochester noch einige Minuten Ruhe.
Dann faßte er seinen Arm mit den Worten:
, Jetzt bin ich gewiß, daß Sie auf Ihren Füßen
stehen können -- versuchen Sie es.
Der Patient stand auf.
, Carter, fassen Sie ihn unter dem anderen Arme.
Seien Sie guten Muthes, Richard; jetzt machen Sie
Schritte -- so ist's recht!
, Ich fühle mich besser, sagte Mason.
, Das wußte ich vorher. Nun, Johanna, gehen
Sie über die Hintertreppe voraus, riegeln Sie die
Seitenthür auf und sagen Sie dem Postillon, daß er
sich bereit halten möge. Sie werden ihn außerhalb
des Hofes finden, denn ich verbot ihm, mit seinen
rasselnden Rädern über das Pflaster zu fahren. Wir
kommen nach, Johanna, und wenn Jemand in der Nähe ist, so kommen Sie an den Fuß der Treppe und
geben uns durch Räuspern ein Zeichen.
Es war jetzt schon halb sechs Uhr und die Sonne
gerade im Begriff aufzugehen; doch fand ich die Küche
noch dunkel und still. Die Seitenthür war verriegelt;
ich öffnete sie so geräuschlos als möglich. Auf dem
Hofplatze war Alles still, aber das Thor stand weit
offen, und vor demselben hielt eine bespannte Pos
chaise, und der Postillon saß auf dem Bock. Nachdem
ich ihm den erhaltenen Auftrag ansgerichtet hatte, sah
ich mich sorgfältig um und horchte. Ueberall herrschte
noch heilige Ruhe; die Vorhänge des Bedienten
zimmers waren noch zugezogen; kleine Vögel zwitscherten
auf den Obstbäumen, deren Zweige sich gleich weißen
Guirlanden über die Mauer niedersenkten, welche die
eine Seite des Hofplatzes einschloß; die Pferde stampften
von Zeit zu Zeit in ihren geschlossenen Ställen, sonst
war Alles still.
, Die Herren erschienen jetzt. Mason von Herrn
Rochester und dem Arzte unterstützt, schien ziemlich
leicht zu gehen. Sie halfen ihm in den Wagen, in
welchem auch Carter Platz nahm.
, Sorgen Sie gut für ihn, trug diesem Herr
Rochester auf, und behalten Sie ihn in Ihrem Hause,
bis er wieder ganz hergestellt ist. Ich werde heute
oder morgen hinüberkommen, um zu sehen, wie er
sich befindet. Richard, wie steht es mit Ihnen?
, Die frische Luft belebt mich. Fairfax.
, Lassen Sie das Fenster auf seiner Seite offen,
Carter; es geht kein Wind -- leben Sie wohl,
Richard.
, Fairfax --
, Nun?
, Lassen Sie für sie sorgen, lassen Sie sie so zärt
lich als möglich behandeln, lassen Sie --
Er hielt inne und brach in Thränen aus.
, Ich thue mein Möglichstes, habe es gethan und
werde es thun, war die Antwort. Er machte den
Kutschenschlag zu und der Wagen fuhr fort.
, Wollte Gott, damit wäre Alles zu Ende! fügte
Herr Rochester hinzu, als er das schwere Hofthor
schloß und verriegelte. Als dies geschehen war, ging
er mit langsamen Schritten und zerstreuter Miene auf
die Thür in der Mauer zu, die den Obstgarten begrenzte. Ich dachte, er bedürfe meiner nicht mehr,
und war im Begriffe, ins Haus zurückzukehren; doch
ich hörte ihn wieder Johanna rufen. Er hatte die
Pforte geöffnet und erwartete mich.
, Kommen Sie auf einige Augenblicke hierher,
wo frische Luft weht, lud er mich ein, jenes
Haus ist wie ein Kerker; kommt es Ihnen nicht auch
so vor?
, Mich dünkt es ein prächtiges Schloß, mein
Herr.
, Sie sehen es mit unerfahrenen Augen und wie
durch einen Zauberspiegel an. Sie bemerken nicht, daß
das Geld bloßer Schlamm und die seidenen Draperien
nichts als Spinnweben sind; daß der Marmor
schmutziger Schiefer, und das polirte Holz vermoderte
Baumrinde ist. Hier aber, fuhr er fort, auf den
blübenden Garten deutend, in den er eingetreten war,
ist Alles wirklich, lieblich und rein.
Er ging einen Gang hinunter, der mit Buchsbaum eingefaßt war; auf der einen Seite standen
Ostbäume und auf der anderen befanden sich Beete
mit allen Arten Blumen, welche jetzt von einer Frische
waren, wie der Regen und Sonnenschein eines milden
April sie an einem lieblichen Morgen nur geben
konnten. Die Sonne trat gerade im gerötheten Osten
hervor, beleuchtete die blühenden und bethauten Obstbäume und schien auf die stillen, lauschigen Wege
herab.
, Johanna, wollen Sie eine Blume?
Er pflückte eine halbgeöffnete Rose, die erste auf
dem Stock, und bot sie mir an.
, Ich danke Ihnen, mein Herr.
, Lieben Sie diesen Sonnenaufgang, Johanna?
Jenen Himmel mit seinen hohen und lichten Wolken,
diese duftige und balsamische Atmosphäre?
Ich liebe das ungemein!
, Sie haben eine seltsame Nacht verlebt, Jo
hanna.
, Ja, mein Herr.
, Und sind ganz blaß geworden -- fürchteten Sie
sich, als ich Sie mit Mason allein ließ?
, Ich fürchtete, es möchte Jemand aus dem
inneren Zimmer kommen.
, Aber ich hatte die Thür abgeschlossen -- ich
hatte den Schlüssel in der Tasche. Da wäre ich ein
sehr sorgloser Hirte gewesen, wenn ich mein Lamm
-- mein Lieblingslamm -- unbehütet so ganz in der Nähe der Wolfshöhle gelassen hätte. -- Sie waren
in Sicherheit!
, Wird Gratia Poole noch hier bleiben, mein
Herr?
, O ja! seien Sie ihretwegen nicht unruhig --
befreien Sie sich von diesem Gedanken.
, Doch scheint es mir, als sei Ihr Leben nicht
sicher, so lange sie hier ist.
, Fürchten Sie nichts, ich will schon für mich
Sorge tragen.
, Ist die Gefahr, die Sie in der letzten Nacht
fürchteten, jetzt vorüber, mein Herr?
, Ich kann es nicht eher behaupten, als bis Mason
außerhalb Englands ist, und auch dann noch nicht
einmal sicher. Ich stehe auf einem Vulcan, Johanna,
der jeden Tag zum Ausbruch kommen und mich verschlingen kann.
, Aber Herr Mason scheint ein Mann zu sein,
der sich leicht leiten läßt. Ihr Einfluß, mein Herr,
ist offenbar mächtig über ihn, er wird Ihnen nie Trotz
bieten oder Ihnen schaden.
, O nein! Mason wird mir nicht Trotz bieten
und mir auch nicht absichtlich schaden -- doch ohne
Absicht könnte er mich einst durch ein achtloses Wort,
wenn nicht des Lebens, doch auf immer des Glückes
berauben.
, Zagen Sie ihm doch, daß er vorsichtig sein
möge, mein Herr; unterrichten Sie ilhn von dem,
was Sie fürchten, und wie er die Gefahr abwenden
könne.
Herr Rochester lachte ironisch, nahm hastig meine
Hand und ließ sie ebenso hastig wieder los.
, Wenn das möglich wäre, unschuldiges Kind, wo
würde da Gefahr sein? Solange ich Mason gekannt,
durfte ich nur zu ihm sagen: Thue das, und es ge
schah. Aber in diesem Falle kann ich ihm keine Be
fehle ertheilen; ich kann nicht sagen: hüten Sie sich,
mir zu schaden, Richard; denn es muß ihm durchaus
unbekannt bleiben, daß er mir möglicherweise schaden
könnte. Was ich Ihnen da eben sagte, verwirrt Sie,
wie ich sehe; aber ich muß Ihnen noch weitere Verwirrung bereiten, Sie sind meine kleine Freundin,
nicht wahr?
, Ich wünsche, Ihnen zu dienen, mein Herr, und
gehorche Ihnen in Allem, was recht ist.
, In der That, ich sehe aufrichtige Befriedigung
in Ihrem Wesen und Ihrem Blicke, wenn Sie mir
helfen, für mich und mit mir arbeiten, und zwar, wie
Sie charakteristisch bemerken, in Allem, was recht ist,
denn wenn ich etwas von Ihnen verlangte, was Sie
für unrecht hielten, so würden Sie ruhig und mit
Festigkeit zu mir sagen: , Nein, Herr, das kann ich
nicht thun, denn es ist unrecht. Nun, auch Sie haben
Macht über mich und können mir schaden, doch wage
ich Ihnen nicht zu zeigen, wo ich verwundbar bin,
denn sonst könnten Sie mich, so treu und freundlich
Sie auch sind, auf der Stelle durchbohren.
, Wenn Sie nicht mehr von Herrn Mason zu
fürchten haben, als von mir, mein Herr, so sind Sie
sehr sicher.
, Gott gebe es! Hier Johanna, ist eine Taube;
setzen Sie sich nieder.
Die Laube war ein mit Epheu dicht bewachsener
Bogen in der Mauer; eine einfache Bank stand darin.
Herr Rochester setzte sich nieder, ließ aber Platz für mich.
, Nun, meine kleine Freundin, während die Sonne
den Thau auftrinkt, während die Blumen in diesem
alten Garten erwachen und sich öffnen, will ich Ihnen
eine Geschichte erzählen, und Sie müssen versuchen,
diese Geschichte für Ihre eigene zu halten. Aber erst
sagen Sie mir, ob Sie fürchten, daß ich unrecht thue,
Sie zurückzuhalten, oder daß Sie unrecht thun, dazubleiben.
, Nein, mein Herr, ich fürchte keins von beiden.
,Gut, Johanna. Und nun rufen Sie ihre Phan
tasie zu Hilfe, stellen Sie sich vor, Sie wären kein
wohlerzogenes und geschultes Madchen, sondern ein
wilder Knabe, dem man von Kindheit auf den Willen
gelassen; denken Sie sich, Sie wären in einem ent
fernten Lande gewesen und hätten dort einen schweren
Fehler begangen, einerlei von welcher Art oder aus
welchen Beweggründen, aber einen Fehler, dessen Folgen
Sie durch's Leben begleiten und Ihr ganzes Dasein
verdüstern müssen. Wohlgemerkt! ich spreche nicht von
Verbrechen, Blutvergießen oder irgend einer anderen
Schuld, die dem Gesetze gegenüber strafbar ist, sondern
ich wiederhole, daß es sich um einen Fehler handelt. Die
Folgen Ihrer That werden Ihnen mit der Zeit völlig
unerträglich, Sie ergreifen Maßregeln, sich Erleichte
rung zu verschaffen -- ungewöhnlichse, aber weder un
gesetzliche, noch strafbare Maßregeln. Dennoch sind
Sie elend, denn die Hoffnung hat Sie verlassen und
bittere, schmerzliche Gedanken sind fast Ihre einzige
Erinnerung. Sie wandern hier- und dorthin, suchen
Frieden in der weiten Ferne draußen, Glück im Ver
gnügen, ich meine im sinnlichen Vergnügen, das den
Verstand umnebelt und das Gefühl abstumpft. An
Herz und Seele matt, kehren Sie nach Jahren frei
williger Verbannuung in Ihre Heimat zurück. Sie
machen eine neue Bekanntschaft -- wie oder wo, ist
einerlei. Sie finden in dieser Fremden viel von jenen
guten und glänzenden Eigenschaften, jene Frische und
geistige Gesundheit, die Sie seit zwanzig Jahren ge
sucht und nie vorher gefunden haben. Dieser Um
gang belebt Sie neu, Sie fühlen in sich höhsere Wünsche
und reinere Gefühle zurückkehren; Sie wollen Ihr
Leben von vorne beginnen, und träumen sich eine Hukunft, die eines unsterblichen Wesens würdiger ist,
als es die Vergangenheit war. Sind sie nun, um
diesen Zweck zu erreichen, berechtigt, sich über ein
altes Herkommen, über ein bloß conventionelles Hin
dernis hinwegzusetzen, welches weder von Ihrem Gewissen geheiligt, noch von Ihrem Urteile gebilligt wird?
Er schwieg und erwartete eine Antwort. Doch
was sollte ich sagen? O! hätte mir nur ein guter
Geist eine verständige und genügende Antwort eingegeben! Eitler Wuusch! Der Westwind flüsterte in dem Epheu, der mich umgab, aber sein milder Ariel borgte mir seinen Athem zum Reden.
Herr Rochester frug weiter:
, Ist der ruhelose und sündige, aber jetzt ruhe
suchende und reuevolle Mann berechtigt, der Meinuung
der Welt zu trotzen, um sich auf immer mit dieser
sanften, anmuthigen und hochgesinnten Freundin zu
verbinden, und dadurch seinen eigenen Seelenfrieden
und die Wiedergeburt seines Lebens zu sichern?
, Mein Herr, antwortete ich, eines Sünders
Besserung sollte nie von einem Mitgeschöpfe ahhängig
sein. Wenn Jemand gelitten und geirrt hat, so soll
er zu einem Höheren, als Seinesgleichen, aufblicken,
und von ihm Stärke zur Besserung und Trost in der
Heilung erwarten.
, Aber Gott der das Werk thut, wählt das Werk
zeug. Ich selber -- ich sage es Ihnen ohne Gleichnis
-- bin ein weltlicher, ausschweifender und ruheloser
Mensch gewesen; und ich glaube, ich habe das Werk
zeug zu meiner Heilung gefunden in --
Er schwieg und es wunderte mich fast, daß die
Vögel ihren Gesang und die Blätter ihr leises Rauschen
nicht einstellten, um auf das noch unausgesprochene
Wort zu lauschen. Doch sie hätten viele Minuten
warten müssen -- so lange währte das Schweigen.
Ich blickte endlich zu dem zögernden auf, und er gab
mir den Blick lebhaft zurück.
, Kleine Freundin, sagte er, und sowohl sein
Ton wie sein Gesichtsausdruck hatten plötzlich etwas
Rauhes und Sarkastisches angenommen, , Sie haben
meine zärtliche Neigung zu Miß Ingram bemerkt;
denken Sie nicht, daß ich ein ganz anderer und besserer
Mensch werden würde, wenn ich sie heiratete?
Er stand augenblicklich auf und ging nach dem
anderen Ende des Ganges. Ein Lied summend, kehrte
er zurück.
, Johanna, Johanna, sagte er vor mir stehend,
die Nachtwache hat Sie ganz bleich gemacht, fluchen
Sie mir nicht, daß ich Ihre Ruhe gestört habe?
, Ihnen fluchen? Nein, Herr.
, So reichen Sie mir die Hand zur Bestätigung
Ihres Wortes. Welche kalten Finger! Sie waren
wärmer, als ich sie in der letzten Nacht an der Thür
des geheimnisvollen Zimmers berührte. Johanna,
wann wollen Sie wieder mit mir wachen?
, Immer, wenn ich Ihnen nützlich sein kann, mein
Herr.
, Zum Beispiel in der Nacht vor meiner Ver
heiratung? Gewiß werde ich nicht im Stande sein
zu schlafen. Wollen Sie mir versprechen, aufzubleiben
und mir Gesellschaft zu leisten? Mit Ihnen kann ich
von meiner Geliebten reden, denn jetzt kennen Sie diese.
, Ja, Herr.
, Sie ist ein seltenes Kleinod, nicht wahr, Johanna.
, Ja. Herr.
, Ein Grenadier -- ein wahrer Grenadier, Jo
hanna, groß, braun und stämmig, mit einem Haar,
wie die Frauen von Karthago es gehabt haben müssen.
Zum Henker! da sind Dent und Lynn schon in den
Ställen! Gehen sie durch jene Seitenthür in das
Haus!
Während ich nach der einen Seite ging, wendete er sich nach der anderen, und ich hörte ihn auf
dem Hofplatze heiter sagen:
, Mason hat Ihnen allen den Vorsprung abgewonnen. Er ist vor Sonnenaufgang abgereist, und
ich stand schon um vier Uhr auf, um ihn abfahren
zu sehen.
Einundzwanzigstes Capitel.
Ahnungen, Sympathien und Vorbedeutungen
bilden ein Geheimnis, zu welchem die Menschen noch
nicht den Schlüssel gefunden haben. Ich lachte nie
in meinem Leben über Ahnungen, weil ich selber sehr
seltsame Ahnungen gehabt habe. Ich glaube, es egi
stiren z. B. Sympathien zwischen weit entfernten, lange
von einander getrennten und sogar gänzlich entfrem
deten Verwandten; ich glaube, daß trotz Entfernung
und Entfremdung zwischen ihnen ein geheimnisvoller
Rapport besteht, der über die menschlichen Begriffe geht.
Als ich noch ein kleines Mädchen von sechs
Jahren war, hörte ich eines Nachts Bessie zu Martha
Abbott sagen, es habe ihr von einem kleinen Kinde
geträumt, und wenn Jemand von kleinen Kindern
träume, so bedeute dies immer Unheil für ihn selber
oder für einen seiner Verwandten. Dieser Ausspruch
wäre mir wahrscheinlich entfallen, hätte sich nicht gleich
darauf etwas ereignet, wodurch er sich unauslöschlich
meinem Gedächtnisse einprägte. Am nächten Tage
wurde nämlich Bessie in ihre Heimat zu dem Sterbebette ihrer kleinen Schwester gerufen.
In der letzten Zeit hatte ich mich oft dieses Er
eignisses erinnert, denn während der letzten Woche war
kaum eine Nacht vergangen, die mir nicht im Traum
ein kleines Kind vor Augen geführt hätte, welches ich
zuweilen in meinen Armen in Schlaf zu wiegen suchte,
zuweilen auf meinem Knie schaukelte, zuweilen mit
Gänseblümchen auf der Wiese spielen, oder mit den
Händen in fließendem Wasser plätschern sah. Bald
war es ein weinendes Kind, bald ein lachendes. Jetzt
schmiegte es sich schmeichelnd an mich, dann lief es
wieder von mir weg, aber unter welchen Umständen
mir auch das Traumbild erschien -- es kehrte sieben
Nächte nach einander wieder, sobald ich die Augen
zum Schlummer geschlossen hatte.
Diese seltsame Beharrlichkeit derselben Idee gefiel
mir nicht, und ich empfand ein nervöses Unbehagen,
wenn die Stunde des Schlafengehens sich näherte.
Aus einem solchen Traume war ich erweckt worden,
als ich in jener mondlhellen Nacht den schauerlichen
Schrei gehört, und an dem darauffolgenden Nachmittage wurde ich in das Zimmer der Mistreß Fairfax
gerufen, wo Jemand mich sprechen wollte.
Als ich dasselbe betrat, begrüßte mich ein Mann,
der das Aussehen eines Dieners hatte; er war in
tiefe Trauer gekleidet, und der Hut, den er in der
Hand hielt, war mit Flor umwunden.
, Wie werden sich meiner wohl kaum erinnern,
Miß, redete er mich an, mein Namne ist Leaven,
ich war Kutscher bei Mistreß Reed, als Sie sich noc
h vor acht oder neun Jahren in Gateshead aufhielten,
und ich bin noch dort.
, O! Robert, wie geht's Ihnen? Ich erinnere
mich Ihrer sehr wohl, Sie ließen mich zuweilen auf
Miß Georginens Pferdchen reiten. Und wie geht es
Bessie? Sie sind ja mit Bessie verheiratet?
, Ja, Miß; meiner Fran geht's gut, ich danke
Ihnen. Sie hat mich vor zwei Monaten noch mit
einem Kleinen beschenkt -- wir haben jetzt ihrer drei
-- und Alles ist wohl und munter.
, Und ist die Familie im Herrenhause auch wohl,
Robert?
, Es thut mir leid, daß ich Ihnen keine bessere Nachricht von dort bringen kann, Miß, aber es geht
ihnen augenblicklich sehr schlecht, sie haben großen
Kummer.
, Ich hoffe, es wird doch Niemand gestorben
sein, sagte ich, seine schwarze Kleidung betrachtend.
Auch er blickte auf den Flor um seinen Hut nieder
und erwiderte:
, Herr John ist gestern vor acht Tagen in London
gestorben.
, Herr John?
, Ja.
, Und wie erträgt es seine Mutter?
, Nun, sehen Sie, Miß Eyre, es ist kein gewöhn
liches Mißgeschick. Die letzten drei Jahre hat er sich
einem sehr wüsten Leben hingegeben, und sein Tod
war entsetzlich.
, Ich hörte schon von Bessie, daß er sich nicht
gut aufführe.
, Gut aufführen! Er konnte es nicht ärger treiben,
er richtete seine Gesundheit und sein Vermögen mit
den verworfensten Männern und Weibern zu Grunde.
Er gerieth in Schulden und ins Gefängnis, seine
Mutter half ihm zweimal heraus, aber sobald er wieder
frei war, kehrte er zu seinen alten Kameraden und
Gewohnheiten zurück. Sein Verstand war keiner von
den hellsten, und die Schurken, mit denen er umging,
plünderten ihn vollständig aus. Er kam vor etwa
drei Wochen nach Gateshead und verlangte, seine
Mutter solle ihm Alles übergeben. Missis weigerte
sich, denn sie ist durch seine Verschwendung schon längst
sehr zurückgekommen. Er kehrte also unverrichteter
Sache wieder zurück, und die erste Nachricht, die wir
erhielten, war, daß er todt sei. Gott weiß, wie er gestorben sein mag! -- Man sagt, er habe einen Selbstmord begangen.
Ich schwieg bei dieser schrecklichen Nachricht.
Und Robert Leaven fuhr fort:
, Missis war selber seit einiger Zeit bei schlechter
Gesundheit gewesen, sie war sehr corpulent geworden,
aber dabei nicht kräftiger, und der Verlust des Goldes
und die Furcht vor der Armuth machten sie völlig
muthlos. Die Nachricht von Herrn John's Tode und
die Art, wie er erfolgte, war ein harter Schlag für
sie. Sie lag drei Tage da, ohne zu sprechen, am
letzten Dienstag schien sie etwas besser zu sein, und es
war, als ob sie etwas sagen wollte, denn sie gab
meiner Frau Zeichen und murmelte unverständliche
Worte. Erst gestern Morgens verstand Bessie, daß
sie Ihren Namen aussprach, und endlich vernahm sie
die Worte: , Bringt Johanna -- holt Johanna
Eyre herbei; ich muß mit ihr reden. Bessie war
nicht gewiß, ob die Kranke bei rechtem Verstande wäre,
doch sagte sie es Miß Elisen und Miß Georginen und
rieth ihnen, Sie kommen zu lassen. Die jungen Damen
wollten es Anfangs nicht zugeben; aber ihre Mutter
wurde so unruhig und sagte so oft: Johanna!
Johannna! daß sie endlich einwilligten. Ich verließ
gestern Gateshead, und wenn Sie sich bis morgen
früh bereit halten können, Miß, so möchte ich Sie
mitnehmen.
, Ja, Robert, ich werde bereit sein, es ist mir,
als müßte ich gehen.
, Ich denke es auch, Miß, und Bessie sagte, sie
wäre gewiß, Sie würden sich nicht weigern; aber Sie
müssen wohl erst um Erlaubnis fragen, ehe Sie gehen
können?
, Ja. ich will es sogleich thun. Nachdem ich ihn in das Bedientenzimmer ge
wiesen und der Fürsorge John's und seiner Frau empfohlen hatte, ging ich, um Herrn Rochester aufzusuchen.
Er war in keinem von den unteren Zimmern;
er war nicht auf dem Hofe, nicht in den Ställen oder
im Park. Ich fragte Mistreß Fairfax, ob sie ihn ge
sehen. -- Ja, sie glaube, er spiele mit Miß Ingram
Billard. Ich eilte ins Billardzimmer, aus welchem
ich Stimmen und das Geräusch der Bälle vernahm.
Herr Rocester, Miß Ingram, die beiden Misses Eshton
und ihre Bewunderer waren mit dem Spiele beschäftigt.
Ich bedurfte einigen Muthes, um eine so interessante
Partie zu stören; mein Anliegen ließ sich aber nicht
aufschieben, und ich näherte mich meinem Herrn, der
an Miß Ingram's Seite stand. Sie wendete sich nach
mir um und sah mich hochmüthig an. Ihre Augen
schienen zu fragen: ,Was mag das elende Geschöpf
hier wollen? Und als ich mit leiser Stimme , Herr
Rochester' sagte, machte sie eine Beweguung, als fühle
sie sich versucht, mir die Thür zu weisen.
, Will diese Person etwas von Ihnen? fragte
sie Herrn Rochester. Herr Rochester wendete sich, um
zu sehen, wer diese Person sei. Er nahm seinen seltsamen und unerklärlichen Ausdruck an, warf sein Queue
nieder und folgte mir in das Schulzimmer.
, Nun, Johanna? sagte er, indem er seinen
Mücken an die Zimmerthür lehnte, die er zugemacht
hatte.
, Wenn Sie erlauben, mein Herr, so möchte ich
Sie um einen Urlaub bitten.
, Wohin wollen Sie gehen?
, Eine kranke Dame besuchen, die nach mir geschickt hat.
, Welche kranke Dame? -- Wo wohnt sie?
, In Gateshead in der Grafschaft N!
, In der Grafschaft N.? Das ist ja hundert
Meilen weit! Was kann Ihnen die kranke Dame sein,
daß sie Ihnen zumuthet, eine solche Entfernung um
ihretwillen zurückzulegen.
, Ihr Name ist Reed, Herr -- Mistreß Reed.
, Reed von Gateshead? Es gab einen Reed zu
Gateshead, der eine Magistratsperson war.
, Sie ist dessen Witwe, mein Herr.
, Und was haben Sie mit ihr zu thun? Woher
kennen Sie dieselbe?
, Herr Reed war mein Oheim -- meiner Mutter
Bruder.
, Zum Henker! das sagten Sie mir ja noch nie. Sie sagten immer, Sie hätten keine Verwandten.
, Keine, die mich anerkennen würden, mein
Herr! Herr Reed ist todt, und seine Frau hat mich
verstoßen.
, Warum?
, Weil ich arm und ihr zur Last war und sie
einen Widerwillen gegen mich hegte.
, Aber Reed hat Kinder hinterlassen? -- Sie
müssen Bettern und Cousinen haben? Sir George Lynn sprach noch gestern von einem Reed von
Gateshead, den er als einen der ausschweifendsten
jungen Leute in London schilderte, und Ingram
erwähnte einer Georgine Reed aus demselben Orte,
die in der letzten oder vorletzten Saison in London
als eine große Schönheit bewundert wurde.
, John Reed ist todt, mein Herr; er richtete sich
und zum Theil auch seine Familie zu Grunde, und
man glaubt, er habe einen Selbstmord begangen.
Die Nachricht hat seine Mutter so erschüttert, daß sie
von einem Schlaganfall getroffen wurde.
, Und was können Sie ihr nützen? Unsinn,
Johanna! Ich würde nie hundert Meilen weit reisen,
um eine alte Dame zu besuchen, die vielleicht schon
todt ist, ehe Sie zu ihr kommen, und überdies hat
sie Sie verstoßen, wie Sie sagen.
, Ja, Herr, aber das ist lange her, und damals
waren ihre Verhältnisse noch günstig. Ich könnte es
mir nie verzeihen, wenn ich jetzt ihre Wünsche un
berücksichtigt ließe.
, Wie lange wollen Sie ausbleiben?
, So kurze Zeit als möglich, mein Herr.
, Versprechen Sie mir, nur eine Woche zu bleiben?
, Es wird besser sein, kein Versprechen zu geben,
denn ich könnte wider meinen Willen, genöthigt werden, es zu brechen.
, Auf jeden Fall werden Sie doch zurückkehren?
Sie werden sich doch unter keinem Vorwande bewegen
lassen, auf die Dauer bei jener Dame zu bleiben?
, O nein! ich werde gewiß zurückkehren, wenn Alles vorüber ist.
, Und wer geht mit Ihnen? Sie werden doch
nicht hundert Meilen allein reisen wollen?
, Nein, Herr, der Kutscher von Gateshead ist
hier, um mich abzuholen.
, Ist es ein zuverlässiger Mensch?
, Ja, Herr, er ist schon zehn Jahre in der
Familie.
Herr Rochester dachte nach. , Wann wünschen
Sie zu gehen?
, Morgen, in aller Frühe, mein Herr.
, Nun, da müssen Sie etwas Geld haben; Sie
können nicht ohne Geld reisen. Vermuthlich haben Sie
nicht viel, und mir fällt ein, daß ich Ihnen noch
kein Gehalt gegeben habe. Wie viel besitzen Sie noch
in dieser Welt, Johanna? fragte er lächelnd.
Ich zog meine spärlich gefüllte Börse hervor.
, Fünf Schillinge, mein Herr.
Er nahm die Börse, schüttelte den Inhalt in
seine Hand und lächelte, als ob es ihn freue, daß ich so
wenig Gbeld hatte. Dann zog er seine Brieftasche hervor.
, Hier, sagte er, mir eine Banknote anbietend.
Es waren fünfzig Pfund; ich hatte nur fünfzehn zu
fordern nnd sagte, ich könne ihm nicht herausgeben.
, Das ist auch nicht nöthig, entgegnete er.
, Nehmen Sie nur Ihr Gehalt.
Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als er mir
schuldig sei. Anfangs sah er finster aus, dann aber
schien ihm ein plötzlicher Gedanke beizufallen.
, Richtig! sagte er, es ist auch besser, Ihnen
jetzt nicht Alles zu geben, denn vielleicht würden Sie
drei Monate wegbleiben, wenn Sie fünfzig Pfund
hätten. Hier sind zehn, ist es genug?
, Ja, Herr, aber jetzt sind Sie mir noch fünf
schuldig.
, Kommen Sie wieder, um sich dieselben zu
holen, ich bin Ihr Bankier für vierzig Pfund.
, Herr Rochester, sagte ich, da ich gerade jetzt
die Gelegenheit dazu habe, möchte ich gleich noc
h eine andere Geschäftssache mit Ihnen besprechen.
, Eine Geschäftssache? Da bin ich neugierig?
, Sie haben mir in ziemlich klaren Worten mit
getheilt, mein Herr, daß Sie sich in Kurzem ver
heiraten werden.
, Ja, und was dann?
, In dem Falle dürfte es besser sein, Adele in eine Schule zu schicken; ich bin gewiß, Sie werden die Nothwendigkeit selbst einsehen.
, Sie meiner Frau aus dem Wege zu bringen
, die Sie sonst etwas zu hochmüthig behandeln möchte.
Dieser Vorschlag ist verständig, daran ist nicht zu
zweifeln. Adele muß, wie Sie sagen, in eine Schule
geschickt werden, und Sie?
, Ich muß mir irgendwo anders eine Stelle
suchen.
, Natürlich! rief er mit gepreßter Stimme und
einer seltsamen Verzerrung der Züge. Er saß mich
einige Minuten an.
, Und da werden Sie vermuthlich die alte Mistreß
Reed oder die Misses, ihre Töchter, bitten, Ihnen
eine Stelle zu verschaffen?
, Nein, Herr, ich stehe nicht in solchen Beziehungen
zu meinen Verwandten, um eine Gefälligkeit von ihnen
zu erwarten -- aber ich werde in den Zeitungen
annonciren lassen.
, Auf Ihre eigenne Gefahr werden Sie also eine
Annonce erlassen! Ich wollte, ich hätte Ihnen nur
ein Geldstück angeboten anstatt der zehn Pfund. Geben
Sie mir neun Pfund zurück, Johanna, ich bedarf
derselben.
, Und ich auch, Herr, erwiderte ich, meine
Hännde und meine Börse auf den Rücken haltend.
, Ich kann das Geld auf keinen Fall entbehren.
, Kleiner Geizhals sagte er, Sie verweigern
mir eine Bitte um Geld. Geben Sie mir fünf Pfund,
Johanna.
, Nicht fünf Schillinge, Herr, nicht fünf Pence.
, Lassen Sie mich das Geld nur ansehen.
, Nein, Herr, es ist Ihnen nicht zu trauen.
, Johanna!
, Mein Herr
?
, Versprechen Sie mir eins.
, Ich will Ihnen Alles versprechen, mein Herr,
was ich zu erfüllen für möglich halte.
, Veröffentlichen Sie keine Annonce und über
lassen Sie es mir, eine Stelle für Sie zu suchen. Ich
werde zur rechten Zeit eine finden.
, Es wird mir lieb sein, wenn Sie mir dagegen
versprechen, daß ich und Adele das Haus verlassen
werden, ehe noch Ihre Braut dasselbe als Ihre
Gemahlin betritt.
, Gewiß, gewiß! Ich gebe Ihnen mein Wort
darauf. Sie reisen also morgen.
, Ja, Herr, in aller Frühe.
, Werden Sie nach der Tafel in das Gesellschaftszimmer hinunterkommen?
, Nein, Herr, ich muß mich auf die Reise vorbereiten.
, So müssen wir Beide uns jetzt wohl auf eine
Weile Lebewohl sagen?
, So denke ich, mein Herr.
, Und wie pflegt man es mit der Ceremonie des
Abschiednehmens zu halten, Johanna? Unterrichten
Sie mich darin, ich weiß es nicht recht.
, Man sagt: Leben Sie wohl.
, Ist das Alles
?
, Ja.
, Nach meinen Begriffen klingt das trocken und
gemüthlos. Ich wünschte noch etwas mehr, wenn
man zum Beispiel einander die Hände drückte; aber
nein -- das wäre mir auch nicht genug. So wollen
Sie also nicht mehr thun, als Lebewohl sagen,
Johanna?
, Es ist genug, Herr, in einem herzlichen Wort
kann ebenso viel Aufrichtigkeit liegen, als in vielen.
, Vielleicht, aber es klingt doch leer und kalt --
leben Sie wohl.
, Wie lange wird er noch mit dem Rücken an
der Thür stehen? dachte ich bei mir selber, ich
muß ans Einpacken gehen.
Da läutete die Glocke zur Mittagstafel und
plözlich eilte er, ohne eine Silbe weiter zu sagen,
davon. Ich sah ihn während des Tages nicht wieder
und reiste am folgenden Morgen ab, ehe er aufstand.
Es war am ersten Mai in der fünften Nach
mittagsstunde, als ich das Parkhäuschen von Gates
head erreichte, und trat dort ein, ehe ich nach dem
Herrenhause ging. Alles war sehr reinlich und zierlich;
die Fenster waren mit kleinen weißen Vorhängen versehen, der Fußboden ohne Flecken, der Kamin geputzt
und das Feuer loderte lnstig empor. Bessie saß am
Herde und hatte ihr jüngstes Kind auf dem Schoß;
der kleinte Robert und seine Schwester spielten in
einer Ecke.
, Gott segne Sie! -- Ich wußte, daß Sie kommen
würden, rief mir Mistreß Leaven entgegen.
, Ja, Bessie, sagte ich, nachdem ich sie geküßt, und ich hoffe, ich komme nicht zu spät. Wie stehst
es mit Mistreß Reed? -- Hoffentlich lebt sie noch.
, Ja, sie lebt noch und ist bei besserem Bewußt
sein, als früher. Der Doctor sagt, sie könne vielleicht
noch eine oder zwei Wochen leben. Auf eine Wieder
herstellung ist keine Hoffnung.
, Hat sie meiner kürzlich gedacht
?
, Sie sprach noch diesen Morgen von Ihnen
und wünscthe, Sie möchten kommen; aber sie schläft
jetzt, oder schlief wenigstens vor zehn Minuten, als
ich im Herrenhause war. Nachmnittags liegt sie ge
wöhnlich in einer Art von Schlafsucht, und erwacht
erst um sechs oder sieben Uhr. Ruhen Sie sich hier
eine Stunde aus, Miß, dann will ich mit Ihnen gehen.
Jetzt trat Robert ein; Bessie legte ihr schlafendes
Kind in die Wiege und hieß ihren Mam will
kommen, dann bestand sie darauf, ich solle Thee bei
ihr trinken, denn sie sagte, ich sehe blaß und an
gegriffen aus. Ich nahm ihre Gastfreundschaft gern
an und ließ mir meine Reisekleider ebenso gehorsam
abnehmen, wie ich mich als Kind von ihr hatte auskleiden lassen.
Alte Zeiten drängten sich wieder meinem Ge
dächtisse auf, als ich sie geschäftig umhergehen, ihr
bestes Theeservice herbeibringen, Butterbrot schneiden,
einen Theekuchen rösten und von Zeit zu Zeit Robert
oder Johanna einen kleinen Stoß oder Schlag gebe n
sah, wie sie es in früheren Zeiten mit mir zu machen
pflegte. Bessie hatte ihr rasches Temperament und
ihr gutes Aussehen behalten.
Als der Thee fertig war, wollte ich mich dem
Tische nähern, doch sagte sie mir in ihrem gewohnten
gebieterischen Tone, ich solle nur sitzen bleiben, ich
müsse am Kamine bedient werden. Hierauf stellte sie
einen kleinen runden Tisch mit meiner Tasse und
einem Teller mit Theekuchen vor mich hin, gerade so
wie sie mich früher mit Leckerbissen in der Kinderstube
zu bewirthen pflegte. Ich lächelte und gehorchte ihr,
wie in jenen Tagen.
Sie wollte wissen, ob ich mich in Thornfield
Hall wohlbefinde und was die Dame für eine Frau
sei; und als ich ihr sagte, es sei nur ein Herr da,
frug sie, ob er ein hübscher Mann sei und ob er
mir gefalle. Ich sagte, er sei eher häßlich als schön,
aber ein sehr gebildeter Mann, der mich freundlich
behandle, und so sei ich zufrieden. Dann beschrieb
ich ihr die wornehme Gesellschaft, die seit einiger Zeit
im Hause zu Besuch war.
Während dieser Unterhaltung war bald eine
Stunde vergangen; Bessie brachte mir meinen Hut
und Mantel wieder, und begleitete mich zum Herren
hause, gerade wie sie vor beinahe neun Jahren mit
mir den Weg hinuntergegangen war, den ich jetzt
hinaufging. An einem dunklen nebligen und rauen
Januarmorgen hatte ich mit verzweiflungsvollem und
bitterem Herzen ein feindseliges Dach verlassen, um
den kalten und trostlosen Aufenthaltsort in Lowood
dagegen einzutauschen. Dasselbe feindselige Dach erhob sich jetzt vor mir, aber ich hegte festeres Vertrauen zu mir selbst und zu meiner eigenen Kraft
und empfand nicht mehr die Furcht des Unterdrückten.
Die schmerzende Wunde, die man mir so grausam in
den Tagen meiner Kindheit geschlagen, war jetzt geheilt;
die Flamme des lodernden Hasses war erloschen.
, Sie müssen zuerst in das Frühstückzimmer gehen,
sagte Bessie, als sie mich durch die Halle führte, dort werden Sie die jungen Damen finden.
Eine Minute später befand ich mich in diesem
Zimmer. Alles sah dort noch gerade so aus, wie an
dem Morgen, als ich Herrn Brocklehurst vorgestellt
wurde. Dieselbe Fußdecke lag noch vor dem Kamin.
Als ich die Bücherschränke ansah, glaubte ich die
beiden Bände von Bewick's Naturgeschichte der
britischen Vögel, Gulliver's Reisen und Tausend und
eine Nacht gerade an denselben Platze, wie früher,
zu erblicken. Die leblosen Gegenstände waren unverändert, aber die lebenden Wesen waren fast nicht
mehr zu erkennen.
Zwei junge Damen erschienen vor mir: Die
eine war sehr groß -- fast so groß wie Miß In
gram -- sehr hager, hatte ein bleiches Gesicht und
eine strenge Miene. Sie hatte etwas Ascetisches in
ihrem Blick, das noch durch die ausgesuchte Einfachheit eines Kleides von schwarzem Zeuge, durch
ihr zurückgekämmtes Haar, sowie durch den nonnenhaften Schmuck einer Schnur schwarzer Kugeln und
eines Cruzifixes erhöht wurde. Ich hielt mich über
zeugt, daß dies Elise sei, obgleich ich in dem langen
und farblosen Gesichte wenig Aehnlichkeit mit ihrer
früheren Erscheinung finden konnte.
Die andere war offenbar Georgine, aber nicht
die Georgine, deren ich mich als eines schlanken,
graziösen Mädchens von elf Jahren erinnerte. Dies
hier war eine voll aufgeblühte junge Dame, weiß
und roth wie eine Wachspuppe, mit schönen und
regelmäßigen Zügen, schmachtenden blauen Augen
und geringelten gelben Haaren. Ihre Kleidung war
ebenfalls schwanz, aber der Schnitt war ebenso modisch,
als die Kleidung ihrer Schwester puritanisch war.
Jede hatte einen Zug von der Mutter -- aber
nur einen. Die hagere und blasse ältere Tochter besaß
das stechende Auge ihrer Mutter; die blühende und
üppige jüngere Schwester hatte den Umriß ihres
Kinns und Unterkiefers -- vielleicht ein wenig gemildert, doch theilte derselbe dem sonst vollen und
sinnlichen Gesichte eine unbeschreibliche Härte mit.
Als ich mich näherte, standen beide Damen auf,
um mich zu begrüßen, und redeten mich Miß Eyre
an. Elise brachte ihren Gruß in kurzen und ab
gebrochenen Worten ohne ein Lächeln vor, dann setzte
sie sich wieder nieder, richtete ihre Augen auf das
Feuer und schien mich zu vergessen. Georgine fügte
ihrem: , Wie geht es Ihnen? mehrere gewöhnliche
Redensarten über meine Reise, über das Wetter
u. s. w. hinzu, wobei sie mich vom Kopf bis zu den
Füßen maß, bald auf meinem braunen Merinomantel,
bald bei dem einfachen Besatz meines Hutes verweilend. Junge vornehme Damen haben eine merkwürdige Art, ihren vom Glück weniger begünstigten
Mitschwestern ihre Geringschätzung zu erkennen zu
gzeben: ein gewisser übermüthiger Blick, ein kaltes
Wesen, ein nachlässiger Ton drücken vollständig ihre
Gedanken aus, ohne daß es erst einer aus drücklichen
Unhöflichkeit in Wort und Handlung bedarf.
Eine solche Mißachtung offen oder versteckt, hatte
nicht mehr, wie früher, Macht über mich, und als ich
zwischen meinen beiden Cousinen saß, war ich selbst
überrascht, wie wenig mich die gänzliche Gleichgültigkeit
der einen und die halb ironischen Aufmerksamkeiten der
anderen anfochen. In den letzten wenigen Monaten
waren viel mächtigere Gefühle in mir geweckt worden,
als diese Personen anzuregen im Stande waren -- ich
hatte viel lebhaftere Schmerzen und Freuden em
pfunden, als mir aufzuerlegen oder zu gewähren in
ihrer Macht stand, so daß ihr Benehmen weder
einen guten noch einen schlimmen Eindruck auf mich
machte.
, Wie befindet sich Mistreß Reed? wandte ich
mich an Georgine. Dieser gefiel es, eine verwunderte
Miene zu machen, als wäre die directe Anrede eine
unerwartete Freiheit, die ich mir nähme.
, Mistreß Reed? Ah! Sie meinen Mamna. Es
geht sehr schlecht mit ihr; ich zweifle, daß Sie sie heute
werden sprechen können.
, Wenn Sie hinaufgehen und ihr sagen wollten,
daß ich da bin, erwiderte ich, so würde ich Ihnen
sehr verbunden sein.
Georgine erschrak fast und riß ihre blauen Augen
weit und wild auf.
, Ich weiß, sie hat den Wunsch, mich zu sehen, fügte ich hinzu, und ich möchte die Erfüllung ihres
Wunsches nicht länger aufschieben, als es durchaus
nöthig ist.
, Mama läßt sich am Abend nicht gern stören,
sagte Elise.
Bald darauf stand ich auf, nahm unaufgefordert
meinen Hut ab, zog meine Handschuhe aus und sagte,
ich wolle nur zu Bessie hinausgehen, die wahrschein
lich im Bedientenzimmer sei, und sie bitten, sich zu
erkundigen, ob Mistreß Reed geneigt sei, heute Abend
noch meinen Besuch anzunehmen. Ich ging und
nachdem ich Bessie mit meinem Auftrag hinaufgeschickt
hatte, traf ich weitere Maßregeln. Bisher war ich
vor dem Hochmuthe stets zurückgewichen und hatte
ihm das Feld überlassen, und noch vor einem Jahr
würde ich bei einem solchen Empfange, wie er mir
heute zu Theil geworden, beschlossen haben, Gateshead
am nächsten Morgen wieder zu verlassen. Doch jetzt
sah ich sogleich ein, daß dies thöricht sei. Ich hatte eine
Reise von hundert Meilen gemacht, um meine kranke
Tante zu besuchen, und mußte bei ihr bleiben, bis sie
außer Gefahr oder todt war. Den Stolz ihrer Töchter
durfte ich nicht berücksichtigen. Ich wendete mich
also an die Haushälterin, bat sie, mir ein Zimnmer
anzuweisen und ließ meinen Koffer dorthin bringen.
Auf der Treppe begegnete mir Bessie.
, Missis wacht, sagte sie, ich habe ihr gesagt,
daß Sie da sind. Kommen Sie und sehen wir, ob
sie Sie erkennen wird.
Ich bedurfte keines Wegweisers zu dem mir so
wohl bekannten Zimmer, in welches ich in früheren
Tagen so oft gerufen worden war, um bestraft oder
gescholten zu werden. Bessie voraneilend, öffnete ich
leise die Thür. Im gedämpften Lichte der Lampe,
welche, mit einem Schirm bedeckt, auf dem Tische
brannte, erkannte ich alle Gegenstände des Zimmers
wieder. Da war das große Bett mit den vier Pfosten
und den ambrafarbigen Vorhängen, wie in früheren
Zeiten; da war der Toilettentisch, der Lehnsessel und
der Fußschemel, auf den ich wohl hundertmal hatte
niederknieen und mir für Vergehungen, die ich nicht
begangen, Verzeihung hatte erbitten müssen. Ich blickte
in eine gewisse Ecke, wo ich fast die einst so gefürchtete
Ruthe zu erblicken glaubte, die dort nur darauf zu warten
schien, um wie ein Kobold auf meinem Nacken oder
meinen Armen umhertanzen zu können. Ich näherte mich
dem Bette; ich öffnete die Vorhänge und neigte mich
über die hohen Kissen, begierig, die bekannten Züge
zu sehen. Es ist ein Glück, daß die Zeit das Verlangen nach Nähe und die Eingebungen der Wuth
abkühlt. Ich hatte diese Frau in bitterem Hasse ver
lassen und kehrte jetzt mit keiner anderen Regung als
der des Mitleids mit ihrem Leiden zurück. Ich kannte
kein innigeres Verlangen, als alle Kränkungen zu vergessen und mich mit ihr zu versöhnen und ihr freund
schaftlich die Hand zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da, streng und
unerbittlich, wie immer -- da war das eigenthümliche
Auge, in dem sich nie eine weichere Regung der Seele
abspiegelte, und da waren die geschwungenen, ge
bieterischen und despotischen Augenbrauen. Wie oft
hatten sie sich mit Drohungen und Haß gegen mich
zusammengezogen! Und wie belebte sich meine Er
innerung an die Schrecken und Leiden meiner Kindheit, als ich die strengen Linien jetzt wiedersah. Und
doch beugte ich mich nieder und küßte sie.
, Ist dies Johana Eyre? fragte sie, mich anblickend.
, Ja, Tante Reed. Wie geht es Ihnen, liebe
Tante?
Ich hatte einst gelobt, sie nie wieder Tante zu
nennen; aber ich hielt es jetzt für keine Sünde, dieses
Gelübde zu brechen. Meine Finger drückten ihre Hand,
die auf der Decke lag; hätte sie meine Hand wieder
gedrückt, so würde ich eine innige Freude empfunden
haben. Aber strenge Naturen sind nicht leicht zu erweichen, und natürlicher Widerwille ist schwer zu über
winden. Mistreß Reed entzog mir ihre Band, wendete
ihr Gesicht von mir ab und machte die Bemerkung,
daß der Abend warm sei. Sie sah mich nochmals,
und zwar so kalt an, daß ich sogleich fühlte, ihre
Meinung von mir und ihre Gefühle gegen mich wären
unverändert noch die alten. Ich sah es ihrem steinernen
Auge an, daß sie entschlossen sei, mich nach wie vor
für ein schlechtes Geschöpf zu halten, und daß sich
alles in ihr gegen eine bessere Einsicht sträubte.
Ich empfand Schmerz, dann Zorn und endlich faßte ich den Entschluß, sie, ihrer Natur und ihrem Willen zum Trot, zu besiegen. Ich hätte weinen
mögen, wie in meiner Kindheit, aber ich drängte die
Thränen gewaltsam an ihre Quelle zurück. Ich stellte
einen Stuhl an das Kopfende ihres Bettes, setzte mich
nieder und neigte mich über das Kissen.
, Sie haben nach mir geschickt, und ich bin da,
sagte ich. , Jetzt ist es meine Absicht, dazubleiben und
zu sehen, wie es mit Ihnen geht.
, O, natürlich! Du hast doch meine Töchter ge
sprochen?
, Ja.
, Nun, so kannst du ihnen mittheilen, es sei mein
Wunsch, daß du dableibest, bis ich dir gesagt habe,
was mir auf dem Herzen liegt. Heute Abend ist es
zu spät, und ich kann mich der Dinge, um die es
sich handelt, nur mit Mühe erinnern. Aber etwas
wünschte ich zu sagen -- laß' mich sehen--
Der irre Blick und der veränderte Ton der
Stimme zeigten mir, welche Störung in ihrer einst so
kräftigen Constitution vorgegangen war. Sie wendete
sich unruhig um und zog ihre Bettdecke nach sich;
mein Ellbogen ruhte auf dem Ende der Decke und
hielt dasselbe fest. Gleich war sie ärgerlich.
, Setze dich aufrecht, sagte sie, und ärgere mich
nicht dadurch, daß du meine Docke festlhälst -- bist du
Johanna Eyre?
, Ich bin Johana Eyre.
, Dieses Kind hat mir mehr Kummer verursacht,
als ein Mensch glauben kann. Daß man mir auch s
eine solche Last aufladen mußte! Und wie viel Aerger
sie mir täglich und stündlich bereitete mit ihren un
begreiflichen Charakteranlagen, ihrem unruhigen Tem
perament und ihrem unnatürlichen fortwährenden
Lauern auf Alles, was man that. Einmal sprach sie
zu mir, als ob sie wahnsinnig oder vom Teufel be
sessen wäre -- kein Kind sprach oder blickte jemals
so. Ich war froh, als sie aus dem Hause war. Was
geschah in Lowood? Das Fieber brach dort aus und
viele von den Schülerinnen starben. Sie aber starb
nicht; aber ich sagte, sie wäre gestorben -- ich wünschte, es wäre geschehen!
, Ein seltsamer Wunsch, Mistreß Reed; warum
hassen Sie sie denn so?
, Ich hatte immer einen Widerwillen, gegen ihre
Mutter, denn sie war meines Mannes einzige
Schwester, und er liebte sie sehr; er widersetzte sich
der ganzen Familie, als man sie wegen ihrer Mißheirat verleugnete, und als die Nachricht von ihrem
Tode kam, weinte er wie ein Narr. Das Kind mußte
herbeigebracht werden, obgleich ich ihn bat, es lieber
anderswo erziehen zu lassen und für seinen Unterhalt
zu zahlen. -- Ich haßte dieses Kind vom ersten Augenblicke an, da ich es sah -- ein kränkliches, weinerlichtes Ding! Es wimmerte die ganze Nacht in der
Wiege -- schrie nicht, wie ein anderes Kind, aus
voller Kehle, sondern stöhnte und klagte nur. Reed
hatte Mitleid mit dem Kinde und sorgte dafür, wie
für seine eigenen, ja noch mehr, denn seine eigenen
beachtete er in dem Alter gar nicht. Er versuchste,
meinen Kindern freundschaftliche Gefühle für die kleine
Bettlerin einzuflößen; aber die lieben Engel waren
nicht dafür empfänglich, und er war ärgerlich über
sie, wenn sie ihren Widerwillen dagegen zeigten. In
seiner letzten Krankheit ließ er das Geschöpf beständig
an sein Bett bringen, und eine Stunde vor seinem
,
Tode mußte ich ihm das Versprechen geben, es auf
zuerziehen. Ebenso gut hätte er mir einen beliebigen
Balg aus dem Findelhause aufbürden können; aber
er war schwach von Natur. John gleicht seinem
Vater durchaus nicht, und es ist mir lieb; John
gleicht mir und meinen Brüdern -- er gleicht Gibson.
O! ich wollte, er quälte mich nicht mehr mit seinen
Briefen, worin er beständig Geld verlangt! Ich kann
ihm kein Geld mehr geben, denn wir werden arm.
Ich muß die Hälfte der Diener fortschicken und einen
Theil des Hauses vermiethen. Dennoch kann ich mich
nicht dazu entschließen -- und doch, wie sollen wir
uns durchbringen? Zwei Dritttheile meines Einkommens nehmen die Zinsen in Anspruch. John spielt
schrecklichs und verliert immer -- der arme Junge!
er ist von Betrügern umgeben. John ist gesunken
und verdorben -- sein Blick ist schrecklich -- ich schäme
mich seiner, wenn ich ihn sehe.
Sie wurde sehr aufgeregt
.
, Ich denke, es ist besser, ich verlasse sie jetzt, sagte ich zu Bessie, die auf der anderen Seite des Bettes stand.
, Sie haben Recht, Miß; wenn die Nachtzeit
naht, spricht sie oft in dieser Weise -- am Morgen
ist sie ruhiger.
Ich stand auf.
, Warte! rief Mistreß Reed, ich möchte noch
etwas sagen. Er droht mir -- beständig droht er
mir mit seinem oder meinem Tode, und zuweilen
träumt mir, ich sähe ihn daliegen mit einer großen
Wunde im Halse oder mit einem geschwollenen und
geschwärzten Gesichte. Ich sehe mich auf's Aeußerste
getrieben und habe schwere Sorgen. Was ist zu thun?
Wie ist das Geld zu beschaffen?
Bessie versuchte sie jetzt zu überreden, einen be
ruhigenden Trank zu nehmen, was ihr mit Mühe
gelang. Bald darauf versank die Kranke in eine Art
von Halbschlaf. Dann verließ ich sie.
Mehr als zehn Tage vergingen, ehe ich wieder
eine Unterredung mit ihr hatte. Sie sprach entweder
im Fieber oder war bewußtlos, und der Arzt verbot
alles, was sie schmerzlich aufregen konnte. Inzwischen
vertrug ich mich, so gut ich konnte, mit Georgine und
Elise. Sie waren freilich Anfangs sehr kalt. Elise
saß den halben Tag da und nähte, las oder schrieb
und sprach dann kaum ein Wort mit mir oder ihrer
Schwester. Georgine konnte ihrem Kanarienvogel
stundenlang Unsinn vorplaudern und achtete nicht auf
mich. Aber es fehlte mir nicht an Beschäftigung oder
Unterhaltung, denn, ich hatte meinen Farbenkasten mit
gebracht, und dieser verschaffte mir Beides.
Mit Bleistiften und Papier versehen, pflegte ich
mich von meinen Cousinen abgesondert ans Fenster
zu setzen und Phantasiebilder zu zeichnen, die irgend
eine Scene darstellten, wie sie gerade das stets
wechselnde Kaleidoskop meiner Phantasie darbot.
Eines Morgens began ich ein Gesicht zu skizziren.
Was es für ein Gesichst werden sollte, kümmerte mich
nicht. Ich nahm einen weichen, schwarzen Bleistift
und zeichnete damit. Bald zeigte sich auf dem Papier
eine breite und vorragende Stirn und der eckige Umriß des unteren Gesichts. Dieser Umriß verursachte
mir Vergnügen; mit geschäftigen Fingern machte ich
mich daran, die übrigen Züge auszuzeichnen. Starke
horizontale Augenbrauen mußten unter diese Stirn
kommen; dann folgte natürlich eine aus drucksvolle
Nase mit geradem Nücken und weiten Nüstern, dann
ein biegsam scheinender Mund, nicht zu schmal; dann
ein festes Kinn mit einem deutlich bezeichneten Spalt
in der Mitte. Natürlich gehörte hierzu noch ein
schwarzer Backenbart und schwarzes Haar, welchses
sich wellenförmig über die Stirn hinzog. Jetzt kamen
die Augen, ich hatte sie bis zuletzt aufgespart, weil
sie die sorgfältigste Arbeit erforderten. Ich zeichnete
sie groß und gab ihnen eine gute Form; die Augenwimpern zeichnete ich lang und dunkel, die Iris
glänzend und groß.
Gut, aber noch ist nicht Alles gethan, dachte ich,
als ich mein Werk überschaute; es muß noch mehr
Kraft und Geist hineingelegt werden. Ich machte die
Schatten kräftiger, damit die Lichter glänzender erscheinen möchten -- einige glückliche Striche sicherten
diesen Erfolg. Da hatte ich das Gesicht eines
Freundes vor mir. Ich sah es an, lächelte über die
sprechende Aehnlichkeit, versank in Gedanken und war
zufrieden.
, Ist dies das Porträt einer Person, die Sie
kennen? fragte Elise, die sich unbemerkt genähert
hatte. Ich entgegnete, es sei nur ein Phantasiekopf,
und wollte ihn mit den anderen Blättern zudecken.
Natürlich sagte ich die Unwahrheit, denn es war in
der That ein sehr getreues Porträt des Herrn Rochester.
Aber was lag ihr daran oder irgend sonst Jemanden
außer mir? Georgine näherte sich ebenfalls, um das
Bild anzusehen. Die anderen Zeicnungen gefielen
ihr sehr, aber dies sei ein häßlicher Mann, sagte sie.
Beide schienen überrascht von meiner Geschicklichkeit.
Ich erbot mich, sie zu porträtiren, und Jede saß mir
zu einer Bleistiftzeichnung. Dann brachte Georgine
ihr Stammbuch zum Vorschein. Ich versprach, ihr
ein Bild in Wasserfarben hineinzumalen, wodurch sie
sogleich in gute Laune versetzt wurde. Sie machte
mir den Vorschlag zu einem Spaziergange in der Allee
anlage, und ehe wir noch zwei Stunden draußen gewesen, hatte sie mich schon mit ihrem Vertrauen beehrt und mir den glänzenden Winter beschrieben, den
sie vor zwei Jahren in London zugebracht. -- Sie
sprach von der Bewunderung, die sie dort erregt
hatte, von der Aufmerksamkeit, die ihr zu Theil geworden war, und es fielen sogar Anspielungen, welche
vornehme Eroberungen sie gemacht habe.
Im Verlaufe des Nachmittags und Abends
wurden diese Andeutungen noch erweitert, verschiedene
zarte Unterhaltungen wiedergegeben und sentimantale Scenen beschrieben. Was sie mir an diesem Tage
aus dem fashionablen Leben erzählte, hätte einen
ganzen Band Novellen gegeben. Täglich fügte sie Neues hinzu, was sich aber stets auf dasselbe Thema
beschränkte: ihre Liebe und ihr Leid. Es war seltsam,
daß sie nie von der Krankheit ihrer Mutter, von dem
Tode ihres Bruders oder den traurigen Aussichten
der Familie sprach. Ihr Geist schien sich nur mit
Erinnerungen an vergangene heitere Stunden und mit
dem Wunsche nach künftigen Zerstreuungen zu be
schäftigen. Sie verbrachte jeden Tag etwa fünf Minuten und nicht länger im Krankenzimmer ihrer
Mutter zu.
Elise sprach noch immer wenig, sie hatte offenbar
keine Zeit dazu. Ich sah nie eine geschäftigere Person,
als sie zu sein schien, doch war es schwer zu sagen,
was sie that, oder vielmehr irgend einen Erfolg ihres
Fleißes zu entdecken. Dreimal täglich versenkte sie
sich in ein kleines Buch, welches, wie ich später fand,
das allgemeine Gebetbuch war. Ich fragte sie einst,
was in diesem Buche das Anziehendste für sie sei, und
sie antwortete: das Register. Drei Stunden stickte sie
mit Goldfaden auf den Rand eines viereckigen kar
moisinrothen Tuches, fast groß genug zu einem Teppich. Als ich nach der Bestimmung dieses Gegenstandes
fragte, erklärte sie mir, es sei eine Altardecke für eine
kürzlich in der Nähe von Gateshead erbaute Kirche.
Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche, zwei
Stunden arbeitete sie im Küchengarten und eine verwendete sie zur Durchsicht ihrer Rechnungen. Sie
schien keiner Gesellschaft und keiner Unterhaltung zu
bedürfen. Ich glaube, sie war auf ihre Weise glücklich,
und nichts war ihr unangenehmer, als irgend ein
Zwischenfall, welcher sie nöthigte, von der peinlichen
regelmäßigkeit ihrer Tagesordnung abzuweichen.
Eines Abends, als sie ungewöhnlich zur Mit
theilung aufgelegt war, vertraute sie mir an, Johns
Betragen und der drohende Untergang der Familie
sei eine Quelle tiefer Betrübnis für sie gewesen; aber
jetzt sei ihr Gemüth gefaßt, und ihr Entschluß stehe
fest. Ihr Vermögen habe sie in Sicherheit gebracht,
und wenn ihre Mutter stürbe -- und es sei durchaus unwahrscheinlich, daß sie wieder genesen werde,
bemerkte sie ruhig -- so werde sie einen längst genährten Plan ausführen, und sich nach einem stillen
Orte zurückziehen, wo pünktliche, vor jeder Störung gesicherte Gewohnheiten herrschten und wo unübersteigliche
Schranken zwischen sie und die frivole Welt gestellt wären.
Ich fragte, ob Georgine sie dorthin begleiten werde.
, Auf keinen Fall, antwortete sie. ,Georgine
und ich hatten nie Etwas mit einander gemein, und
haben es auch jetzt nicht.
Wenn Georgine nicht ihr Herz vor mir aus
schüttete, brachte sie den größten Theil ihrer Zeit
damit zu, auf dem Sopha zu liegen, sich über die
Langweiligkeit des Landlebens zu beklagen und wiederholt den Wunsch auszusprecen, ihre Tante Gibson
möge ihr eine Einladung nach London senden. Eine
Veränderung auf ein oder zwei Monate, bis Alles
vorüber sei, würde ihr sehr zuträglich sein. Ich fragte
nicht, was sie mit dem , Alles vorübersein' meine;
aber ich vermuthe, sie meinte das erwartete Ableben
ihrer Mutter und die düstere Ceremonie des Leichen
begängnisses. Elise nahm von der Trägheit und den
Klagen ihrer Schwester so wenig Notiz, als ob solch
e in murrendes und klagendes Geschöpf gar nicht vorhanden wäre. Eines Tages aber, während sie ihr
Rechnungsbuch weglegte und ihre Stickerei entfaltete,
sagte sie plötzlich zu Georginen:
, Ein eitleres und thörichteres Geschöpf, als du,
hat wohl nie auf Erden gewandelt. Du hattest kein
Recht, geboren zu werden, denn du machst keinen Ge
brauch vom Leben. Anstatt für dich, in und mit dir
zu leben, suchst du dich mit deiner Schwäche an die
Kraft Anderer zu lehnen, und wenn sich Niemand
bereit findet, sich mit einem so aufgeblasenen und un
nützen Geschöpfe zu belasten, so beklagst du dich, daß
du übel behandelt und vernachlässigt wirst, und folglich
elend bist. Wenn du nicht in einem unaufhörlichen
Wechsel und in beständiger Aufregung leben kannst, ist
dir die Welt ein Kerker. Man muß dich bewundern,
dir den Hof machen, dir schmeicheln, du verlangst
Musik, Tanz und Gesellschaft -- oder du verschmachtest
und stirbst dahin. Hast du nicht so viel Verstand, dir
ein System auszudenken, welches dich von jedem an
deren Willen, als deinem eigenen, unabhängig macht? Nimm dir einen Tag, theile ihn genau ein, bestimme
für jedes Geschäft eine Stunde und halte das mit
strenger Regelmäßigkeit ein. So bist du Niemand verpflichtet, brauchst Niemands Gesellschaft oder Unterhaltung, Niemands Theilnahme oder Geduld in Anspruch zu nehmen, kurz, du lebst wie ein unabhän
giges Wesen leben sollte und wirst weder meiner noch
sonst Jemands bedürfen. Nimm diesen Rath an; es
ist der erste und letzte, den ich dir gebe. Befolgst du
ihn aber nicht, treibst du's so weiter, wie bisher, so
wasche ich meine Hände in Unschuld, denn von dem
Tage an, wo der Sarg unserer Mutter in die Kirche
von Gateshead getragen wird, werden wir Beide so
getrennt leben, als hätten wir einander nie gekannt.
Du darfst nicht denken, weil wir zufällig von denselben Eltern stammen, werde ich mich an dich binden.
Ich sage dir vielmehr -- wenn von dem ganzen
Menschengeschlecht wir Beide allein übrig wären, so
würde ich dir die alte Welt lassen und mich in die
neue Welt begeben.
, Du hättest dir die Mühe sparen können, diese
lange Rede zu halten, antwortete Georgine. , Jedermann weiß, daß du das eigennützigste herzloseste Ge
schöpf auf der Welt bist, und ich kenne deinen ver
ächtlichen Haß gegen mich, ich habe schon früher eine
Probe davon gehabt, als du mir in der Sache mit
Lord Edwin Vere den boshaften Streich spieltest. Du
konntest es nicht ertragen, daß ich mich über dich er
hob und Anspruch machte, in Zirkel aufgenommen zu
werden, wo du dein Gesicht nicht zu zeigen wagst.
Deshalb spieltest du die Spionin und Klätscherin und hast
mir so alle meine Hoffnungen auf Lebensglück zerstört.
Georgine nahm ihr Taschentuch und schien eine
Stunde lang zu weinen; Elise saß kalt und unab
lässig fleißig da.
Manche schätzen wahres und edles Gefühl sehr
wenig, aber hier waren zwei Naturen, von denen die
eine sehr bitter, die andere aus Mangel an Gefühl
abstieß. Gefühl ohne Urtheil hat allerdings wenig
Werth, aber das Urtheil, welches nicht vom Gefühl
gemildert wird, schreckt durch seine Herbheit zurück und
verfehlt daher seinen Zweck.
Es war ein nasser und stürmischer Nachmittag,
Georgine war beim Lesen eines Romans auf dem
Sopha eingeschlafen; Elise wohnte in der neuen Kirche
dem Gottesdienste zu Ehren irgend eines Heiligen bei,
denn kein Wetter verhinderte sie je an der pünktlichen
Ausübung ihrer Andachtspflichten; sie besuchte jeden
Sonntag dreimal die Kirche, und in der Woche auch
immer, wenn dort Gebete verrichtet wurden.
Es fiel mir ein, die Treppe hinaufzugehen und
nach der sterbenden Frau zu sehen, die fast unbeachtet
dort lag, denn die gedungene Krankenwärterin, welche
wenig beaufsichtigt wurde, schlich so oft sie konnte aus
dem Zimmer. Bessie hatte für ihre eigene Familie zu
sorgen, und konnte nur von Zeit zu Zeit in das
Herrenhaus kommen. Ich fand das Krankenzimmer
leer, wie ich erwartet hatte, und das Feuer im Kamin
fast erloschen, die Patientin lag still, und wie es schien,
bewußtlos da; ihr bleiches Giesicht war tief in die
Kissen gesunken. Ich schürte das Kaminfeuer, ordnete
die Kissen wieder und trat darauf ans Fenster.
Der Regen schlug heftig an die Scheiben, und
der Wind bließ stürmisch.
, Hier liegt Eine, die bald über den Kampf mit
den irdischen Dingen hinaus sein wird, dachte ich.
, Wo wird dieser Geist, der sich jetzt vorbereitet, die
körperliche Hülle zu verlassen, hingelsen, wenn er endlich
frei ist?
Ich überdachte das große Geheimnis, es fiel
mir Helene Burns ein, und ich erinnerte mich ihrer
letzten Worte und ihres Glaubens. Im Geiste horchte
ich auf die Laute ihrer unvergeßlichen süßen Stimme,
stellte mir ihr blasses und vergeistigtes Aussehen, ihr
abgefallenes Gosicht und ihren erhabenen Blick vor,
als sie auf ihrem Sterbebette ruhig dalag und mir
ihr Verlangen zuflüsterte, in den Schoß des göttlichen
Vaters aufgenommen zu werden. Aus diesen Erinnerungen wurde ich durch die leise gesprochenen
Worte: , Wer ist da? geweckt.
Ich wußte, daß Mistreß Reed seit mehreren
Tagen nicht gesprochen hatte. Kam sie wieder zu
sich? Ich ging zu ihr hin.
, Ich bin es, Tante Reed.
, Wer – ich? war die Antwort. , Wer bist du
?
Mit einem halb überraschten, halb beunruhigten
Blick auf mich fügte sie, noch immer verwirrt, hinzu:
, Du bist mir gänzlich fremd -- wo ist Bessie?
, Sie ist im Parkhäuschen, Tante.
, Tante! wiederholte sie. ,Wer nennt mich
Tante? Du bist keine von den Gibsons, und doch
kenne ich dich -- dies Gesicht, die Augen und die
Stirn sind mir so bekannt, du gleichst -- ja du gleichst
Johanna Eyre!
Ich sagte nichts, denn ich fürchtete sie wieder
aufzuregen, wenn ich mich zu erkennen geben würde.
, Doch ich glaube, fuhr sie fort, ich irre mich, meine Gedanken täuschen mich. Ich wünschte, Johanna Eyre zu sehen, und ich stelle mir eine Aehn
lichskeit vor, wo keine vorhanden ist, überdies muß
sie sich in acht Jahren sehr verändert haben.
Ich versicherte ihr sanft, daß ich die erwartete
und erwünschte Johanna Eyre sei, und als ich sah,
daß ich verstanden werde, und daß sie ihre Gedanken
gesammelt habe, erinnerte ich sie, daß Bessie mich
durch ihren Mann von Thornfield habe holen lassen.
, Ich weiß, ich bin sehr krank, sagte sie nach
einer kurzen Pause, ich versuchte vor wenigen Minuten mich umzuwenden, doch bemerke ich, daß ich
kein Glied bewegen kann. Es ist besser, wenn ich
mein Gemüth beruhige, ehe ich sterbe; das, woran
wir in gesunden Tagen wenig denken, wird uns in
einer solchen Stunde, wie es die gegenwärtige für
mich ist, zu einer großen Last. Ist die Wärterin da
oder sonst Jemand außer uns?
Ich versicherte ihr, daß wir allein wären.
, Nun, sagte sie, ich habe dir zweimal Unrecht
gethan, was ich jetzt bereue. Einmal, als ich das
meinem Manne gegebene Versprechen brach, dich wie
mein eigenes Kind zu erziehen; das andere Mal --
Sie hielt inne.
, Am Ende ist es vielleicht von keiner großen
Wichtigkeit, murmelte sie vor sich hin, und wer
weiß, ob ich nicht wieder gesund werde. Es ist
schmerzlich, mich so vor ihr zu demüthigen.
Sie versuchste mit Anstrengung sich umzuwenden,
doch es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte den
Ausdruck, wie unter der Gewalt einer tief gehenden
inneren Empfindung, -- vielleicht die Ahnung des
letzten Todeskampfes.
, Nun, es muß überwunden werden. Die Ewig
keit ist vor mir, und es ist besser, ich sage es dir.
Geh zu meinem Toilettentische, öffne ihn und nimm
einen Brief heraus, den du dort finden wirst.
Ich gehorchte ihrer Anweisung.
, Lies den Brief, sagte sie.
Sein kurzer Inlsalt war folgender:
, Madame!
Sie werden die Güte haben, mir die Adresse
meiner Nichte Johanna Eyre zu senden und mir
mitzutheilen, wie es ihr geht, da es meine Absicht ist,
bald an sie zu schreiben und sie aufzufordern, zu mir
nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung ist meinem Bemühen günstig gewesen, so daß ich mir ein gutes
Auskommen gesichert habe. Da ich unverheiratet und
kinderlos bin, so wünsche ich meine Nichte zu adoptiren
und ihr nach meinem Tode Alles, was ich besitze, zu
hinterlassen.
Madeira.
Ich bin Ihr ergebenster
John Eyre.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
, Warum hörte ich nie hiervon? fragte ich.
, Weil ich einen zu großen Widerwillen gegen
dich hatte, um nur das Geringste zu thun, dich in Wohlstand zu versetzen. Ich konnte dein Betragen
gegen mich nicht vergessen, Johanna, ich konnte es
nicht vergessen, daß du mir einst erklärtest, du verab
scheust mich am meisten von allen Menschen auf der
Welt; daß dich schon der Gedanke an mich krank
mache, und daß ich dich stets mit Grausamkeit behandelt hätte. Ich konnte meine eigenen Empfindungen
nicht vergessen, als du dich so gegen mich erhobst und
das Gift deines Hasses ausschüttetest, ich empfand
Furcht, als hätte ein Thier, welches ich geschlagen
oder gestoßen, mich mit menschlicen Augen angeblickt
und mit menschlicher Stimme verflucht. -- Bringe mir
etwas Wasser! O! beeile dich!
, Liebe Mistreß Reed, sagte ich, als ich ihr den
geforderten Trank reichte, denken Sie nicht mehr an
dies Alles, verbannen Sie es aus Ihrem Geiste. Verzeihen Sie mir meine leidenschaftliche Sprache; ich war
damals ein Kind, und seit jenem Tage sind acht oder
neun Jahre vergangen.
Sie beachtete meine Worte nicht, sondern als sie
getrunken und Athem geschöpft hatte, fuhr sie fort:
, Ich sage dir, ich konnte es nicht vergessen und
rächte mich, indem ich deinem Oheim: schrieb, ich be
dauere, daß er sich in seiner Hoffnung getäuscht
habe, aber Johanna Eyre sei zu Lowood am Typhus
fieber gestorben. Nun handle, wie du willst, bringe meine
Lüge an den Tag, sobald es dir gefällt. Ich glaube, du wurdest zu meiner Qual geboren, noch in meiner letzten
Stunde werde ich von der Erinnerung an eine That
gequält, die ich ohne dich nie würde begangen haben.
, Wenn Sie sich nur überreden ließen, nicht mehr
daran zu denken, Tante, und mich mit freundlichen
und versöhnlichen Gefühlen zu betrachten --
, Du hast eine sehr böse Gemüthsart, sagte sie,
die ich bis heute noch nicht begreifen kann. Wie
konntest du neun Jahre lang bei jeder Behandlung
geduldig und schweigsam sein, und im zehnten in Feuer
und Wuth ausbrechen? Das kann ich nimmermehr
begreifen.
, Meine Gemüthsart ist nicht so böse, wie Sie
denken; ich bin leidenschaftlich, aber nicht rachsüchtig.
Oft wäre ich als kleines Kind froh gewesen, wenn
ich Sie hätte lieben dürfen, aber Sie wollten es nicht, und jetzt hege ich das lebhafte Verlangen, mit Ihnen
versöhnt zu sein. Küssen Sie mich, Tante.
Ich näherte meine Wange ihren Lippen, doch
sie wollte sie nicht berühren. Sie sagte, es werde ihr
zu eng, wenn ich mich über ihr Bett lehne, und ver
langte wieder Wasser. Ich hatte sie aufgerichtet und
mit meinem Arm unterstützt, während sie trank, als
ich sie wieder in ihre frühere Lage brachte, bedeckte
ich ihre eiskalte und feuchte Hand mit der meinigen,
die schwachen Finger zuckten vor meiner Berührung
zurück, die gläsernen Augen mieden meinen Blick.
, So lieben oder hassen Sie mich, wie Sie wollen,
sagte ich endlich. , Sie haben meine volle und frei
willige Verzeihung, bitten Sie jetzt Gott um Vergebung, und mögen Sie Frieden finden.
Armes, leidendes Weib! Es war zu spät für sie,
ihre gewohnte Gesinnung gegen mich zu ändern. Im
Leben hatte sie mich stets gehaßt -- sie mußte mich
auch noch im Sterben hassen.
Jetzt trat die Wärterin ein, und Bessie folgte
ihr. Ich verweilte noch eine halbe Stunde, in der
Hoffnung, sie werde mir ein Zeichen der Versöhnung
geben; doch vergebens, sie versank immer mehr in
Bewußtlosigkeit. Die Besinnung kehrte nicht wieder.
Um zwölf Uhr in der Nacht starb sie. Ich war
nicht zugegen, um ihr die Augen zuzudrücken, und
auch keine ihrer Töchter. Man sagte uns erst am
nächsten Morgen, daß Alles vorüber sei. Sie war
jetzt schon angekleidet. Elise und ich gingen, um sie
noch einmal zu sehen. Georgine, die in ein lautes
Weinen ausbrach, sagte, sie habe nicht den Muth
dazu. Da lag Sara Reed's einst so rüstige und be
wegliche Gestalt starr und still ausgestreckt, ihr glä
sernes Auge war mit dem kalten Augenlide bedeckt,
und ihre Stirn und ihre starken Züge zeigten noch
den Ausdruck ihrer unerbittlichen Seele. Mit Schmerz
und düsterem Brüten blickte ich auf die Leiche, sie
vermochte keine weichen Gefühle in mir zu erwecken,
nur thränenloses Entsetzen flößte mir der Tod in dieser
Gestalt ein.
Elise betrachtete ihre Mutter ruhig. Nach einem
Schweigen von einigen Minuten machte sie die Be
merkung:
, Bei ihrer Constitution hätte sie ein hohes Alter
erreichen können, ihr Leben wurde durch Sorgen ab-gekürzt.
Einen Augenblick verzog sich krampfhaft Elisens
Mund, aber es ging vorüber; sie wendete sich um
und verließ das Zimmer. Ich folgte ihr, und keine
von uns Leiden hatte eine Thräne vergossen.
Zweiundzwanzigstes Capitel.
Herr Rochester hatte mir nur auf eine Woche
Urlaub gegeben; es verging jedoch ein Monat, ehe
ich Gateshead verließ. Ich hatte gleich nach dem
Teichenbegängnis abreisen wollen, aber Georgine bat
mich dazubleiben, bis sie nach London gehen könne,
wohin sie jetzt von ihrem Oheim, dem Herrn Gibson,
eingeladen wurde, der nach Gateshead gekommen
war, um das Begräbnis seiner Schwester zu beauf
sichtigen und die Familienangelegenheiten zu ordnen.
Georgine sagte, sie fürchte sich, mit Elise allein zu
bleiben, denn von ihr könne sie weder Mitgefühl bei
ihrer Niedergeschlagenheit, noch Hilfe bei ihren Reise
vorbereitungen erwarten. So gab ich denn ihren
Klagen Gehör und that mein Möglichstes, indem ich
für sie nähte und ihre Kleider einpackte, während sie
müßig ging.
Endlich reiste sie ab; aber jetzt bat mich Elise,
noch eine Woche dazubleiben. Ihre Pläne nähmen
alle ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch, sagte
sie. Sie war ebenfalls im Begriff, Gateshead zu ver
lassen, obwohl sie ihr Reiseziel geheim hielt, und brachte
den Tag bei verschlossener Thür in ihrem Zimmer
zu, wo sie Schränke ausleerte, Koffer füllte und Pa
piere verbrannte. Mir fiel die Aufgabe zu, nach dem
Hause zu sehen, Besuche zu empfangen und Condo
lenzbriefe zu beantworten.
Eines Morgens erklärte sie mir, daß sie jetzt frei sei.
, Ich bin Ihnen für Ihre schätzbaren Dienste
und Ihr verständiges Benehmen verbunden, fügte
sie hinzu. , Es ist ein großer Unterschied, ob man
mit einer solchen Person, wie Sie, oder mit Geor
ginen lebt. Morgen reise ich nach dem Festland ab.
Ich werde meinen Aufenthalt in einem religiösen
Hause in der Nähe von Lille nehmen, Sie würden es
ein Nonnenkloster nennen; dort werde ich mich eine
Zeitlang mit dem Studium der römisch-katholischen
Dogmen beschäftigen; wenn ich finde, wie ich fast vermuthe, daß dieser Glaube am besten geeignet ist, Alles
mit strenger Regelmäßigkeit und in geordneter Reihenfolge zu thun, so werde ich die Lehrsätze Roms annehmen und wahrscheinlich Nonne werden.
Ich zeigte kein Erstaunen über diesen Entschluß
und versuchte auch nicht, Elise davon abzubringen.
, Der Beruf wird auf ein Haar für dich passen,
dachte ich, und kann dir sehr wohlthätig sein!
Als wir Abschied von einander nahmen, sagte sie:
, Leben Sie wohl, Cousine Johanna Eyre! ich
wünsche, daß es Ihnen wohlgehen möge, Sie sind
nicht ohne Verstand.
, Auch Ihnen fehlt es nicht daran, Cousine
Elise, entgegnete ich, aber ich vermuthe, daß Sie
über's Jahr in einem französischen Kloster lebendig
begraben sein werden. Indessen geht mich das nichts
an, und wenn Ihnen ein solches Leben zusagt, so ist
es umso besser für Sie.
, Sie haben Recht, sage sie, und mit diesen
Worten ging Jede ihren besonderen Weg. Da ich
nicht Gelegenheit haben werde auf sie und ihre Schwe
ster zurückzukommen, so mög hier gleich gesagt sein,
daß Georgine eine sogenannt gute Partie machte und
einen reichen, aber abgelebten Weltmann heiratete.
Elise nahm wirklich den Schleier und ist gegenwärtig
Superiorin des Klosters, wo sie ihr Noviziat zubrachte,
und dem sie ihr Vermögen vermachte.
Meine Rückreise nach Thornfield verlief überaus
langweilig. Am ersten Tage mußte ich fünfzig Meilen
zurücklegen, eine Nacht im Gasthofe zubringen, und
den anderen Tag wieder fünfzig Meilen machen.
Während der ersten zwölf Stunden dachte ich an
Mistreß Reed in ihren letzten Augenblicken, ich sah ihr
entstelltes und entfärbtes Gesicht und hörte ihre seltsam
veränderte Stimme. Ich vergegenwärtigte mir das
Leichenbegängnis, den Sarg, den Leichenwagen, den
schwarzen Zug von Pächtern und Dienern, die ge
ringe Anzahl der Verwandten, das offene Gewölbe,
die stille Kirche und die feierliche Grabrede. Dann
dachte ich an Elise und Georgine, ich sah die eine
als Königin des Ballsaales, die andere als die Bewohnerin einer Klosterzelle, und erwog die Gegen
sätze, die sich in den Persönlichkeiten und Charakteren
der beiden Schwestern ausprägten. Die Anukunft in
der großen Stadt M. am Abend verscheuchte diese
Gedanken; die Nacht gab ihnen eine ganz andere
Richtung, ich legte mich zu Bette und vertauschte die
Erinnerung mit der Erwartung.
Ich war
auf dem Rückwege nach Thornfield, aber wie lange
konnte ich dort bleiben? Nicht lange, davon hielt ich mich überzeugt.
mir geschrieben, daß die Gesellschsaft das Herrenhaus
verlassen habe,
Herr Rochester nach London gegangen sei und erst in
vierzehn Tagen zurückerwartet werde.
Mistreß Fairfax vermuthete, er wolle in London Vor
bereitungen zu seiner Hochzeit treffen, da er davon
gesprochen, einen neuen Wagen zu kaufen. Der Gedanke, daß er Miß Ingram heiraten wolle, scheine
ihr noch immer seltsam; aber nach dem, was man
allgemein behaupte und was sie selber gesehen, könne
sie nicht länger zweifeln, daß das Ereignis bald statt
finden werde.
, Man müßte sehr ungläubig sein, wenn man
daran zweifeln wollte, sagte ich mir selbst.
Die nächste Frage war, wohin ich mich wenden
solle, wenn ich meinen jetzigen Wirkungskreis verließ.
Es träumte mir die ganze Nacht von Miß Ingram;
in einem lebhaften Morgentraum sah ich, wie sie die
Thore von Thornfield vor mir verschloß und mir
einen anderen Weg andeutete. Herr Rochester stand mit übereinandergeschlagenen Armen da und sah uns
Beide, wie es schien, mit sarkastischem Lächeln an.
Ich hatte Mistreß Fairfax nicht genau den Tag
meiner Rückkehr angegeben, denn ich wünschste nicht,
daß in Millcote ein Wagen auf mich warten solle, sondern beabsichtigte, den Weg zu Fuß zurückzulegen.
Nachdem ich meinen Koffer dem Hausknecht in Georg's Inn anvertraut, schlug ich den bekannten Weg nach
Thornfield ein, der größtentheils durch Felder führte.
Es war kein glänzender Juniabend, obgleich milde und still; längs des ganzen Weges war man
mit dem Heu, beschäftigt, und der Himmel, obgleich
durcaus nicht wolkenlos, verhieß für die nächste Zeit
gutes Wetter. Es schien, als sei ein Feuer angezündet
hinter einem Schirm von marmorirten Dunstwolken,
und als ob durch die Oeffnungen eine goldene Röthe
blinke. Je näher ich Thornfield kam, desto mehr nahm
ein Gefühl der Freude in mir zu, so daß ich endlich
still stand, um mich zu fragen, was diese Freude be
deute, und um mich zu erinnern, daß ich ja nicht in
mein Heim, nicht an einen dauernden Aufenthaltsort
zurückkehrte, wo zärtliche Freunde meine Ankunft erwarteten.
, Mistreß Fairfax wird dir beim Willkommen gewiß ruhig entgegenlächeln, sagte ich, und die kleine Adele wird in die Hände klatschen und dir entgegenspringen; aber du weißt sehr wohl, daß du an einen
Anderen denkst, als an diese beiden -- und dieser An
dere denkt nicht an dich --
Doch was ist so halsstarrig wie die Jugend?
Was so blind wie die Uerfahrenheit? Mir war es
schon Vergnügen genug, das Vorrecht zu haben, Herrn
Rochester wiedersehen zu dürfen, mochte ich ihm nun
willkommen sein oder nicht.
, Eile! eile! verweile bei ihm, so lange du kannst,
rief es in mir, in wenigen Wochen wirst du auf
immer von ihm: getrennt sein!
Und dann erstickte ich eine neuentstehende Seelenqual und eilte weiter.
Auf den Wiesen von Thornfield stellten die Mäher
eben ihre Arbeit ein und kehrten, ihre Rechen und
Sensen auf den Schultern, nach Hause zurück. Ich
habe nur noch ein oder zwei Felder zu überschreiten,
und dann werde ich über den Weg gehen und die
Thore erreicen. Wie voll von Rosen die Hecken sind!
Ich gehe an einem hohen Dornstrauche vorüber, der
seine belaubten und blühenden Zweige über den Weg
ausbreitet; ich sehe die schmale Stiege mit den steinernen Stufen, und ich sehe Herrn Rochester, ein Buch
und einen Bleistift in der Hand, dasitzen und schreiben.
Nein, es ist nicht sein Geist; und doch bebt jeder
meiner Nerven. Was soll dies bedeuten? Ich dachte
nicht, daß ich bei seinem Anblick so zittern, und die
Macht über meine Glieder verlieren könnte. Ich will
umkehren, sobald ich mich wieder regen kann; ich will
nicht völlig zur Närrin werden. Ich weiß noch einen
anderen Weg zum Hause. Es würde aber nichts
nützen, wenn ich auch zwanzig Wege wüßte, denn er
hat mich gesehen.
, Heda! ruft er und steckt Buch utd Bleistift
ein. , Da sind Sie ja! Kommen Sie näher, wenn's
gefällig ist.
Ich glaube mich ihm zu nähern, doch weiß ich
nicht, auf welche Weise es geschieht, da ich mir kaum
meiner Bewegungen bewußt bin und nur den Wusch
hege, ruhig zu erscheinen und vor allen Dingen die
arbeitenden Muskel meines Gesichts zu beherrschen,
die das auszudrücken streben, was ich zu verbergen
trachte. Aber ich habe ja einen Schleier -- so, -
- jetzt bedeckt er mein Gesicht. Vielleicht gelingt es
mir doch noch, mit anständiger Fassung zu erscheinen.
, Und dies ist Johanna Eyre? Kommen Sie von Millcote, und zwar zu Fuß? Ja -- das ist einer von
Ihren Streichen! Keinen Wagen zu bestellen, sondern
wie ein gewöhnlicher Sterblicher über Straßen und
Wege dahinzumarschiren. Sich in der Dämmerstunde
in der Nähe Ihres Hauses zu schleichen, als wären
Sie ein Traumgebilde oder ein Schatten. Was zum
Henker, haben Sie diesen letzten Monat getrieben?
, Ich bin bei meiner Tante gewesen, welche ge
storben ist, mein Herr.
, Eine Antwort, wie sie sich von Ihnen erwarten
ließ! Alle guten Engel mögen mich schützen! Sie
kommt aus der anderen Welt -- von dem Aufenthalts
orte der Todten. Wenn ich es wagte, würde ich Sie
berühren, um zu sehen, ob Sie von festem Stoffe
sind oder ein Schatten, Sie Elfe! -- Aber ebenso gut
könnte ich ein Irrlicht auf der sumpfigen Wiese erhaschen
wollen. Einen ganzen Monat von mir entfernt zu
bleiben! Und ich wette, Sie haben mich gänzlich vergessen!
Ich hatte gewußt, daß es eine Freude sein werde,
meinen Herrn wiederzusehen, auch wenn sie durch die
Voraussicht der bevorstehenden Trennung getrübt
wurde, und durch das Bewußtsein, daß ich ihm nichts
gelte. Doch lag immer in Herrn Rochester -- wenigstens war es mir so -- eine so reiche Macht, Glütck
mitzutheilen, daß es schon ein köstliches Mahl war,
von den Brosamen zu kosten, die er einem armen
fremden Vögelein hinwarf, wie ich eines war. Seine
letzten Worte waren Balsam für mich, denn sie schienen
anzudeuten, daß es ihm nicht gleichgültig sei, ob ich ihn vergessen habe oder nicht. Und er hatte von Thornfield wie von meiner Heimat gesprochen - ach! wenn
es nur meine Heimat wäre!
Er wich nicht von der Stiege, und ich wollte
ihn nicht bitten, mich durchzulassen. Um die Pause
auszufüllen, fragte ich ihn, ob er nicht in London gewesen sei.
, Ja, vermuthlich haben Sie das durch Ihr
zweites Gesicht herausgebracht.
, Mistreß Fairfax schrieb es mir in einem Briefe.
, Sagte sie Ihnen auch, was ich dort gewollt?
, Ei ja, Herr! Jedermann weiß um Ihr Geschäft.
, Sie müssen den Wagen sehen, Johanna, und
mir sagen, ob Sie nicht glauben, daß er vollkommen
für Mistreß Rochester passen werde, und ob sie nicht
wie eine Königin aussehen wird, wenn sie sich in diese
purpurnen Kissen zurücklehnt. Ich wollte, Johanna,
daß ich äußerlich ein wenig passender für Mistreß
Rochester wäre. Sagen Sie mir, kleine Fee, können
Sie mir nicht ein Zaubermittel, einen Trank oder dergleichen geben, um einen schönen Mann aus mir zu
machent?
, Das geht über die Macht der Zauberei, mein
Herr, sagte ich und fügte dann bei mir selber hinzu:
Für ein liebendes Auge sind Sie schön genug, für
ein solches hat sogar schon Ihr strenger Blick eine
Macht, die über die Schönheit hinausgeht.
Herr Rocester hatte zuweilen meine unausgespro
chenen Gedanken mit einer unbegreiflichen Schärfe er
rathen, im gegenwärtigen Falle achtete er indessen nicht
auf meine schnell hingeworfene Entgegnung, sah mich
aber mit einem gewissen eigenthümlichen Lächeln an,
welches er nur selten zeigte. Es war ein aus dem Herzen kommender Sonnenblick; jetzt ließ er ihn über
mich ausstrahlen.
, Gehen Sie nun, Johanna, sagte er, indem er
mir Platz machte, gehen Sie nach Hause und ruhen
Sie Ihre müden, kieinen Füße unter dem Dache eines
Freundes aus.
Alles, was ich jetzt zu thun hatte, war, ihm
schweigend zu gehorchen. Ich überschritt den Steg,
ohne ein Wort zu sagen. Ein Impuls hielt mich
jedochs zurück, -- unwillkürlich, wie von einer inneren
Macht getrieben, mußte ich mich nach ihm umwenden,
und fast gegen meinen Willen kam es über meine
Lippen:
, Ich danke Ihnen für Ihre große Güte, Herr
Rochester. Ich bin äußerst froh, zu Ihnen zurück
zukehren, und wo Sie sind, da ist meine Heimat --
meine einzige Heimat.
Ich ging so rasch weiter, daß er mich kaum hätte
einholen können, wenn er es auch versucht haben
würde. Die kleine Adele war fast wild vor Ent
zücken, als sie mich sah. Mistreß Fairfax empfing mich
mit ihrer gewohnten einfachen Freundlichkeit. Lea
lächelte, und selbst Sophie wünschte mir freudig guten
Abend. Dies war sehr angenehmn; kein Glück gleicht
dem, von seinen Mitmenschen geliebt zu werden und zu
fühlen, daß unsere Gegenwart ihr Wohlbefinden erhöht.
An diesem Abend schloß ich meine Auugen absichtlich vor der Zukunft. Als nach eingenommenem
Thsee Mistreß Fairfax ihr Strickzeug ergriffen, ich
mich auf einen niedrigen Stuhl an ihrer Seite gesetzt
hatte und Adele dicht neben mir auf dem Teppich
kniete, schien uns ein Gefühl der gegenseitigen Zu
neigung wie mit einem goldenen Friedensringe zu
umfassen, und ich betete stumm, daß wir nicht zu
bald oder zu weit von einander getrennt werden
möchten. Während wir so dasaßen, trat Herr Rochester
unangemeldet ein, sah uns an und schien Vergnügen
an dem Anblick einer so traulichen Gruppe zu finden.
Als er sagte, jetzt werde die alte Dame froh sein,
daß sie ihre Adoptivtochter wieder habe, und hinzufügte, er sehe, Adele sei im Begriff, ihre kleine
englische Mama vor Liebe zu erdrücken, da wagte
ich fast zu hoffen, er werde uns auch nach seiner
Verheiratung irgendwo unter seinem Schutze zu
sammenlassen und uns nicht ganz von dem Sonnenschein seiner Gegenwart ausschließen.
Vierzehn Tage waren bereits seit meiner Rück
kehr nach Thsornfield Hall verflossen, ohne daß von
der Heirat des Herrn gesprochen oder Vorbereitungen
dazu getroffen worden wären. Fast jeden Tag fragte
ich Mistreß Fairfax, ob sie schon etwas Bestimmtes
gehört habe, doch ihre Antwort war immer verneinend. Einmal habe sie Herrn Rochester geradezu
gefragt, wann er seine Braut heimführen werde,
aber er habe ihr nur mit einem Scherze und einem
seiner seltsamen Blicke geantwortet, so daß sie nicht
wisse, was sie daraus machen solle.
Eins befremdete mich besonders, und zwar, daß
zwischen Ingram Park und Thornfield Hall keine
Besuche ausgetauscht wurden; freilich war der Ort
zwanzig Meilen entfernt, aber was war diese Ent
fernung für einen glühenden Liebhaber? Ein geübter
Reiter, wie Herr Rochester, hätte die Strecke in einem
Vormittag zurücklegen können. Obwohl durch nichts
dazu berechtigt, begann ich Hoffnuungen zu nähren,
daß einer oder beide Theile anderen Sinnes geworden
seien. Ich suchte in Herrn Rochester's Gesicht zu lesen,
ob ihn ein geheimer Kummer drücke, aber ich wußte
die Zeit nicht, wo ich es so gleichmäßig frei von
Wolken oder unmuthigen Gefühlen gesehen hätte.
Wenn ich in den Augenblicken, die ich mit meiner
Schülerin bei ihm zubrachte, niedergeschlagen und
muthlos war, wurde er sogar heiter. Noch nie hatte
er mich häufiger zu sich gerufen; noch nie war er
dann freundlicher gegen mich gewesen -- und ach!
nie hatte ich ihn so zärtlich geliebt.
Dreiundzwanzigstes Capitel.
Ein herrlicher Sommer war über England gekommen; ein so reiner Himmel und eine so strahlende
Sonne begünstigte selten in so ununterbrochener Dauer
unser wogenumgürtetes Land. Es war als hätte sich
eine Reihe italienischer Tage auf den Klippen Albions
niedergelassen. Das Heu war hereingebracht, die
Wiesen um Thornfield kurz abgemäht, die Wege
weiß und staubig, die Bäume in ihrer dunklen
Blätterpracht bildeten einen schönen Gegensatz zu der sonnigen Farbe der Wiesen.
An einem Sommerabend war Adele mit der
Sonne schlafen gegangen, denn sie hatte den halben
Tag in Hay Lane wilde Erdbeeren gesucht und war
von der Anstrengung ermüdet. Ich blieb bei ihr, bis
sie eingeschlafen war, und ging dann ins Freie.
Es war jetzt die lieblichste von allen vierund
zwanzig Stunden: das glühende Feuer des Tages
war erloschen und der kühle Thau fiel auf die
dürstende Ebene und den ausgedörrten Hügel. Wo
die Sonne in einfacher Pracht untergegangen war,
zog sich ein weiter rother Streifen hin, in dem es
hier und da funkelte, wie das Blitzen eines köstlichen
Edelsteins. Im tiefblauen Osten stieg ein einziger
Stern empor; bald sollte ihm der Mond folgen, aber
noch war dieser unter dem Horizont.
Ich ging eine Weile auf dem gepflasterten Wege
auf und ab. Ein feiner, mir wohlbekannter Geruch
-- der einer Cigarre -- kam aus einem Fenster. Ich
sah das Fenster des Bibliothekzimmers ein wenig
offen und da ich wußte, daß ich von dort beobachtet
werden könne, so ging ich in den Garten. Eine sehr
hohe Mauer trennte ihn auf der einen Seite von
dem Hofraume, eine Hagebuchenhecke auf der anderen
von dem Rasenplatze. Im Hintergrunde grenzte ihn ein verfallener Zaun von den einsamen Feldern ab. Ein
gewundener Weg, an welchem sich Lorbeerbäume hinzogen und der vor einem riesenhaften wilden Kastanien
baum endigte, an dessen Fuß ein Sitz angebracht war,
führte zu dem Zaune hinunter. Hier konnte man
ungesehen wandeln. Während Stille herrschte und die
Dämmerung zunahm, war es mir, als könnte ich
ewig in solchem Schatten verweilen, aber als ich
durch die Blumenbeete am oberen Ende der Ein
zäunung ging, hielt mein Schritt an, bezaubert von
dem Lichte, das der jetzt aufgehende Mond auf diese
freie Stelle warf. -- Was ist das für ein Duft, der
mir plötzlich auffällt? Er rührt weder von einem
Strauch, noch von einer Blume her; ich weiß es
wohl -- es ist abermals Herrn Rochester's Cigarre.
Ich sehe mich um und horche. Keine Gestalt ist sicht
bar, kein nahender Schritt hörbar; aber jener Duft
nimmt zu. Ich muß fliehen. Ich eile zu dem
Pförtchen, welches zu dem Gewächshause führt, und
sehe Herrn Rochester eintreten. Ich trete unter den
Bogen, den der Epheu bildet; er wird nicht lange bleiben,
sondern zurückkehren, woher er gekommen, und wenn
ich mich nicht bewege, wird er mich gewiß nicht sehen.
Aber nein -- der Abend ist ihm ebenso an
genehm, wie mir. Er schlendert umher, hebt bald die
Aeste der Stachelbeerstaude auf, um die Früchte, so
groß wie Pflaumen, anzusehen; bald pflückt er eine
reife Kirsche von der Mauer; bald neigt er sich zu
einer Gruppe von Blumen, um ihren Duft einzu
athmen oder die Thautropfen auf ihren Blättern zu
bewundern. Ein großer Nachtfalter summt an mir
vorüber und läßt sich auf eine Pflanze zu Herrn
Rochester's Füßen nieder; er beugt sich herab, um
ihn zu beobachten.
, Jetzt hat er mir den Rücken zugewendet,
dachte ich, wenn ich leise gehe, kann ich ihm
vielleicht unbemerkt entschlüpfen.
Ich betrat den Rasen, damit mich das Knirschen
der Kieselsteine nicht verrathen möchte, Herr Rochester
stand zwischen den Beeten, nur einen oder zwei
Schritte von der Stelle, wo ich vorüber mußte. Er
schien sich mit dem Nachtfalter zu beschäftigen.
, Ich werde gewiß unbemerkt vorüberkommen,
dachte ich. Jetzt schritt ich über seinen Schatten hinweg, der sich im Lichte des aufgegangenen Mondes
weit über den Garten streckte. Da sagte er ruhig und
ohne sich umzuwenden :
, Johanna, kommen Sie und sehen Sie sich
diesen Burschen an.
Ich hatte kein Geräusch gemacht, er hatte doch
auf dem Rücken keine Augen! -- Konnte denn sein
Schatten fühlen? Ich stutzte anfangs und näherte
mich ihm dann.
, Sehen Sie nur seine Flügel, sagte Herr
Rochester, er erinnert mich an ein westindisches
Insect; man sieht nicht oft einen so großen und
bunten Nachtfalter in Egland. Da fliegt er hin!
Der Nachstfalter summte weiter, und auch ich
wollte mich zurückziehen, aber Herr Rochester folgte
mir und sagte, als wir das Pförtchen erreichten:
, Kehren Sie um; wer wird an einem so lieblichen Abend im Zimmer sitzen oder wohl gar zu
Bette gehen, wenn der Untergang der Sonne und der
Aufgang des Mondes so wunderbar zusammentreffen.
Ich wollte zu dieser Stunde nicht gern mit
Herrn Rochester in dem schattigen Garten allein
sein, aber ich konnte keinen Grund dafür finden, ihn
zu verlassen. So folgte ich ihm mit zögerndem
Schritte, lebhaft bemüht, ein Mittel auszudenken, mich
von ihm loszumachen; doch er selber sah so gefaßt
und ernst aus, daß ich mich meiner Verlegenheit
schämte.
, Johanna, begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten und langsam auf den eingesunkenen
Zaun und denn Kastanienbaum zugingen, Thornfield
ist ein angenehmer Aufenthalt im Sommer, nicht
wahr?
, Ja, mein Herr.
, Sie müssen einigermaßen anhänglich an den
Ort sein, da Sie ein Auge für Naturschönheiten und
viel Sinn für Seßhaftigkeit besitzen.
, Allerdings hege ich eine Vorliebe für Thornfield.
, Und obgleich ich nicht begreife, wie es zugeht,
so scheinen Sie auch eine gewisse Zuneigung zu dem
närrischen Kinde, der kleinen Adele, gefaßt zu haben,
und sogar zu der simplen Frau Fairfax?
, Ja, mein Herr, auf verschiedene Weise bin ich
Beiden zugethan.
, Und es wird Ihnen leid thun, sich von ihnen
zu trennen?
, Wie schade! sagte er und seufzte. , Dies ist
immer der Gang der Ereignisse im Leben, sobald
man sich an einem angenehmen Orte niedergelassen
hat, ruft einem auch schon eine Stimme zu, aufzustehen und weiterzugehen, denn die Stunde der
Rast ist vorüber.
, Muß ich denn weitergehen, Herr? fragte ich.
, Muß ich Tlhornfield verlassen?
, Ich glaube, Sie müssen es, Johanna. Es thut
mir leid, aber ich glaube in der That, daß Sie es
müssen.
Das war ein schwerer Schlag, doch ließ ich mich
nicht von ihm zu Boden schmettern.
, Nun, Herr, ich werde bereit sein, wenn der Befehl zum Aufbruch gegeben wird.
, Jetzt schon ist die Zeit da -- ich muß ihn diesen
Abend noch geben.
, So verheiraten Sie sich also, mein Herr?
, Ganz richtig. Mit Ihrer gewöhnlichen Scharf
sicht haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen.
, Bald, Herr?
, Sehr bald, meine -- wollte sagen Miß Eyre;
und Sie werden sich erinnern, Johanna, als ich
Ihnen zum ersten Male deutlich zu verstehen gab, daß
es meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken
unter das geheiligte Joch der Ehe zu beugen, Miß
Ingram an mein Herz zu drücken -- sie ist ein
tüchtiger Armvoll, doch von einem so vortrefflichen
Dinge, wie die schöne Blanca ist, kann man nie zu
viel haben -- nun, was ich sagen wollte -- Sie
drehen sich um, als wollten Sie noch mehr Nachtfalter suchen. Hören Sie mich an. Sie waren es,
Johanna, welche mit jener Besonnenheit, die ich an
Ihnen achte, mit jener Vorsicht und Demuth, die
Ihrer verantwortlichen und abhängigen Stellung zukommt, es zuerst aussprach, daß, wenn ich Miß
Ingram heiratete, es besser wäre, wenn Sie und die
kleine Adele sogleich das Feld räumten. Ich übersehe
die Beleidigung, die dadurch der Angebeteten meines
Herzens zugefügt wird, der Rathschlag selbst aber ist
so weise, daß ich ihn befolgen werde. Adele muß in
die Schule, und Sie, Miß Eyre müssen eine neue
Stelle haben.
, Ja, Herr, ich will sogleich eine Ankündigung
für die Zeitung aufsetzen und inzwischen vermuthe
ich --. Ich hielt inne, weil ich fühlte, daß ich den
Satz nicht werde beenden können, da ich meine
Stimme nicht ganz in meiner Gewalt hatte; ich wollte
sagen, ich werde wohl dableiben können, bis sich ein
anderes Obdach für mich gefunden.
, Etwa in einem Monat hoffe ich Bräutigam zu
sein, fuhr Herr Rochester fort, und inzwischen werde
ich mich um eine Stelle für Sie bemühen.
, Ich danke Ihnen, mein Herr; es thut mir
leid, Ihnen so viel --
, O! es ist unnöthig, sich zu entschuldigen! Wenn
eine Untergebene ihre Pflicht so gut erfüllt hat, wie
Sie, so besitzt sie, meines Erachtens, einen gewissen
Anspruch, daß man ihr jeden kleinen Beistand leiste,
den man vermag. Ich habe in der That bereits
durch meine künftige Schwiegermutter von einer Stelle
gehört, die ich für passend halte. Es handelt sichs darum, die Erziehung der fünf Töchter der Mistreß
Dionysius O’Gall von Bitternutt Lodge bei Connaught
in Irland zu übernehmen. Ohne Zweifel würden Sie
gern nach Irland gehen, es sind so warmherzige
Leute dort, sagt man.
, Die Entfernung ist sehr groß, mein Herr.
, Thut nichts -- ein Mädchen von Ihrem Ver
stande wird nichts gegen die Reise oder die Entfernung
einwenden --
, Nichts gegen die Reise, aber gegen die Ent
fernung --, und dann trennt mich die See --
, Wovon, Johanna
?
, Von Egland, von Thornfield und --
, Nun?
, Von Ihnen, Herr.
Ich sagte dies fast unwillkürlich, und ebenso
unfreiwillig stürzten meine Thränen hervor. Ich
weinte indessen nicht so laut, daß es zu hören war,
und vermied das Schluchzen. Die Namnen O’Gall
und Bitternutt Lodge fielen mir kalt auf's Herz und
noch kälter der Gedanke an all' die Wogen und den
Wellenschaum, der künftig zwischen mir und dem
Manne, an dessen Seite ich jetzt ging, hinrauschen
sollte, und am erschütterndsten war für mich der
Gedanke, daß Reichthum, Rang und Geburt als ein
noch größerer Ocean zwischen mir und dem standen,
den ich so natürlich und unvermeidlich lieben mußte.
, Es ist ein weiter Weg, sagte ich wieder.
, Freilich, entgegnete er, und wenn Sie nach
Bitternutt Todge bei Connaught in Irland kommen,
werde ich Sie nie wiedersehen, Johanna, das ist so gut
wie gewiß. Ich werde nie nach Irland hinübergehen,
da ich das Land nicht liebe. Wir sind gute Freunde
gewesen, nicht wahr?
, Ja, mein Herr.
, Und wenn Freunde im Begriff sind, sich zu
trennen, so benützen sie die kurze, noch übrige Zeit,
sich gegenseitig auszusprechen. Kommen Sie, wir
wollen von der Reise und dem Abschied reden,
während die Sterne dort am Himmel in ihrem
Glanze strahlen. Hier ist der Kastanienbaum, und
hier die Bank, die er überschattet. Hier wollen wir
uns friedlich niederlassen, und sollte es uns auch bestimmnt sein, nie wieder so bei einander zu sitzen.
Er drückte mich auf die Bank nieder und nahm
neben mir Platz.
, Es ist ein weiter Weg nach Irland, Hannchen,
und es thut mir leid, meine kleine Freundin auf eine
so weite Reise senden zu müssen; aber da es sich
nicht besser thun läßt, wie kann man da abhelfen?
Meinen Sie nicht, Johanna, daß Sie mir auf irgend
eine Weise ähnlich sind?
Ich konnte jetzt keine Antwort wagen, denn mein
Herz war zu voll.
, Zuweilen habe ich eine seltsame Empfindung
Ihnen gegenüber, sagte er, besonders wenn Sie mir
nahe sind, wie jetzt, und zwar ist mir's dann, als
hätte ich unter meinen linken Rippen eine Seite, die
fest und unauflöslich mit einer ähnlichen Seite an
einer entsprechenden Stelle Ihrer kleinen Gestalt ver
bunden ist. Und wenn jener stürmische Canal und
zwei hundert Meilen Land zwischen uns liegen, so
fürchte ich, daß dies Verbindungsband zerreißen werde,
und ich habe eine nervöse Angst, daß ich dann an
innerer Verblutung sterben müßte. Sie würden mich
freilich bald vergessen.
, Das würde ich nimmer, mein Herr; Sie wissen
wohl --
Es war mir unmöglich fortzufahren.
, Johanna, hören Sie die Nachtigall im Walde
singen? -- Horchen Sie!
Indem ich horchte, schluchzte ich krampfhaft, denn
ich konnte meine Empfindungen nicht mehr unter
drücken, ich mußte ihnen nachgeben und wurde vom
Kopf bis zu den Füßen von tiefem Schmerz geschüttelt.
Als ich wieder zu sprecen vermochte, wußte ich nichts
zu sagen, als daß ich wünschte, ich wäre nie geboren
oder nie nach Thsornfield gekommen.
, Weil es Ihnen so leid ist, es verlassen zu
müssen?
Die Gewalt der durch Kummer und Liebe in
mir hervorgerufenen Empfindungen rang nach der
Oberherrschaft.
, Es thut mir leid, Thornfield zu verlassen, ich
liebe Thornfield, ich liebe es, weil ich hier ein ganzes,
volles und wonniges Leben gelebt habe. Man hat
mich nicht mit Füßen getreten, man hat mich nicht
mit niedrigdenkenden Menschen zusammenleben lassen.
Ich durfte von Angesicht zu Angesicht mit einem ori
ginellen, kräftigen und umfassenden Geiste verkehren.
Ich habe Sie kennen gelernt, Herr Rochester, und es
verursact mir der Gedanke Schrecken und Qual, daß
ich auf imnmer von Ihnen gerissen werden soll. Ich
sehe die Nothwendigkeit der Abreise ein, doch sie
starrt mich gespenstisch an, wie die Nothwendigkeit
des Todes.
, Wo sehen Sie die Nothwendigkeit? fragte er
plötzlich.
, Wo? Sie haben mir diese ja selbst vor Augen
geführt, mein Herr.
, In welcher Gestalt?
, In der Gestalt der Miß Ingram -- einer edlen
und schönen Dame -- Ihrer Braut.
, Meiner Braut! Welcher Braut? Ich habe keine
Braut!
, Aber Sie werden eine haben.
, Ja -- ich werde -- ich werde!
Fest entschlossen biß er seine Zälhne zusammen.
, Dann muß ich also gehen. -- Sie haben es ja
selbst gesagt.
, Nein, Sie müssen bleiben! Ich schwöre es -
- und der Eid soll gehalten werden.
, Ich sage Ihnen, ich muß gehen! Entgegnete
ich, fast bis zur Leidenschaft aufgeregt. Denken Sie,
ich könne dableiben, um nichts für Sie zu sein? Glauben
Sie, ich sei ein Automat, eine Maschine ohne Gefühl,
und ich könne es ertragen, wenn mir mein Stück Brot
von den Lippen gerissen und der Kelch mit dem Labe
trunk meiner Seele aus den Händen gewunden wird?
Glauben Sie, weil ich arm, ohne Verbindungen, einfach und unansehnlich bin, daß ich darum weder Seele
noch Herz habe? Sie denken zu gering von mir!
Ich habe so viel Seele, wie Sie, und eben so viel
Herz! Und wenn Gott mich mit Schönheit und Reichthum begabt hätte, so sollte es Ihnen ebenso schwer
werden, mich scheiden zu sehen, wie es mir jetzt wird,
Sie zu verlassen. Ich rede jetzt nicht nach Sitte und
Herkommen zu Ihnen, sondern die Seele spricht zur
Seele, als wenn wir Beide schon durch die schwarze
Pforte des Todes gegangen wären und zu Gottes
Füßen ständen, einander gleich, wie wir es auch hier
sein sollten.
, Wie wir es auch hier sein sollten! wiederholte
Herr Rochester, so, fügte er hinzu, mich in seine
Arme schließend und seine Lippen auf die meinigen
drückend, , so, Johanna!
, Ja, so, Herr, versetzte ich, und doch nicht so;
denn Sie sind ein verheirateter Mann, oder doch so
gut wie verheiratet, und zwar an eine, die weit unter Ihnen steht -- für die Sie keine Sympathie empfinden -- die Sie nicht wahrhaft lieben, wie ich
glaube; denn ich habe gesehen und gehört, wie Sie
ihrer spotteten. Ich würde eine solche Verbindung
mit Verachtung zurückweisen, darum bin ich besser als
Sie -- lassen Sie mich gehen.
, Wohin Johanna? Nach Irland?
, Ja -- nach Irland. Ich habe mein Herz geöffnet, meine innersten Gedanken preisgegeben, und
nun kann ich gehen, wohin ich will.
, Seien Sie ruhig, Johanna; sträuben Sie sich
nicht wie ein gefangener Vogel, der in seiner Verzweiflung sein eigenes Gefieder zerreißt.
, Ich bin kein Vogel und in keinem Netz gefangen,
ich bin ein freies menschliches Wesen mit unab
hängigem Willen, von dem ich jetzt Gebrauch mache,
um Sie zu verlassen.
Ich befreite mich durch eine gewaltsame An
strengung und stand gerade vor ihm.
, Und Ihr unabhängiger Wille soll Ihr Geschick
entscheiden, sagte er. Ich biete Ihnen meine Hand,
mein Herz und einen Antheil an allen meinen Be
sitzungen an.
, Sie spielen eine Posse, worüber ich nur lachen kann.
, Ich fordere Sie auf, an meiner Seite durch's
Leben zu gehen -- mein zweites Ich und meine beste
irdische Genossin zu sein.
, Sie haben bereits Ihre Wahl getroffen und
müssen dabei bleiben.'
, Johanna, schweigen Sie nur wenige Angenblicke;
Sie sind zu aufgeregt; auch ich will suchen, mich zu
beruhigen.
Ein Windstoß fuhr durch den Lorbeergang und
bebte durch die Zweige des Kastanienbaumes, wanderte
weiter und weiter in unbestimmte Ferne und erstarb
dann. Der Gesang der Nachtigall war jetzt die
einzige Stimme in der Natur; indem ich auf sie
horchte, begannen meine Thränen von neuem zu
fließen. Herr Rochester saß still da und sah mich
milde und ernsthaft an. Einige Zeit verging, ehe er
wieder sprach.
, Kommen Sie an meine Seite, Johanna,
sagte er endlich, damit wir uns mit einander verständigen.
, Ich will nie wieder an Ihre Seite kommen,
jetzt habe ich mich losgerissen und kehre nimmermehr
zurück.
, Aber, Johanna, ich begehre von Ihnen, daß
Sie mein Weib werden. Sie sind es ja, nur Sie, die
ich zu heiraten beabsichtige!
Ich schwieg und dachte, er spotte meiner.
, Kommen Sie, Johanna -- kommen Sie hierher.
, Ihre Braut steht zwischen uns.
Er erhob sich und erreichte mich mit einem
Schritt.
, Meine Braut ist hier, sagte er, mich wieder
zu sich ziehend, sie ist Meinesgleichen und mein Ebenbild. Johanna, wollen Sie mich heiraten?
Ich antwortete nicht, sondern suchte mich aus
seinen Händen loszumachen, denn ich war noch immer
ungläubig.
, Zweifeln Sie an mir, Johanna?
, Gewiß.
, Sie haben kein Vertrauen zu mir?
, Nicht das geringste.
, Bin ich ein Lügner in Ihren Augen? fragte
er leidenschaftlich.
, Kleine Zweiflerin, Sie sollen überzeugt werden. Welche Liebe hege ich zu Miß Ingram?
Keine -- das wissen Sie wohl. Und welche Liebe
sie zu mir hegt, das zu ergründen nahm ich mir die
Mühe, indem ich das Gerücht verbreiten ließ, daß
mein Vermögen nicht den dritten Theil so groß sei, als
man vermuthete. Gleich darauf trat ich ihr gegenüber,
um die Wirkung zu sehen. Ihre Mutter sowohl wie
sie selbst empfingen mich außerordentlich kalt. Ich
wollte und konnte Miß Ingram nicht heiraten. Sie
-- Sie seltsames, fast überirdisches Wesen -- Sie liebe
ich wie mein eigenes Fleisch, Sie, arm und verlassen,
klein und einfach, wie Sie sind -- Sie bitte ich, mich
als Ihren Gatten anzunehmen.
, Was! mich! rief ich, denn sein Ernst ließ mich
endlich an seine Aufrichtigkeit glauben, mich, die ich
keinen Freund in der Welt habe, als Sie -- wenn
Sie mein Freund sind -- keinen Schilling, als was
Sie mir gegeben haben -- mich wollen Sie heiraten?
, Ja, Sie, Johanna. Sie müssen die Meinige sein -- ganz die Meinige. Wollen Sie es? Sagen
Sie schnell ja.
, Herr Rochester, lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen,
wenden Sie sich zum Monudlicht.
, Warum?
, Weil ich in Ihrem Gesichte lesen möchte. Wenden
Sie sich um!
, Nun; Sie werden es kaum leserlicher finden,
als eine halbverlöschte Schrift. Lesen Sie, nur beeilen Sie sich, denn ich leide furchtbar.
Sein Antlitz verrieth die größte Erregung, seine
Züge arbeiteten heftig und ein seltsamer Glanz strahlte
aus seinen Augen.
, O, Johanna, Sie quälen mich! rief er. ,Sie
quälen mich mit diesem forschenden und doch so treuen
und edlen Blicke!
, Wie könnte ich das? Wenn Sie die Wahrheit
reden und Ihr Anerbieten ernstlich gemeint ist, so
können meine einzigen Gefühle für Sie nur Dankbarkeit und Hingebung sein -- ich kann Sie nicht quälen.
, Dankbarkeit! rief er, und fügte dann mild
hinzu, Johanna, nimm mich schnell an. Sage, Eduard,
ich will die deine sein.
, Reden Sie im Ernst? -- Lieben Sie mich wirk
lich? -- Wünschen Sie aufrichtig, daß ich Ihr Weib
werde?
, Ja, und wenn ein Eid nöthig ist, um dich zu
frieden zu stellen, so lege ich ihn auf der Stelle ab.
, Dann, mein Herr, will ich die Ihrige sein.
, Eduard heißt es -- meine kleine Braut!
, Theurer Eduard!
, Komm zu mir -- komm jetzt ganz zu mir,
sagte er und indem er seine Wange an die meinige
legte, flüsterte er mir leise ins Ohr: Mache mich glück
lich -- ich will dich auch glücklich machen.
Gleich darauf fügte er hinzu: ,Gott verzeihe
mir! und die Menschen mögen sich nicht um mich
kümmern, ich habe sie und werde sie zu halten wissen.
, Niemand wird sich um uns kümmern, mein
Herr. Ich habe keine Verwandten, die Einspruch thun
könnten.
, Nicht? Das ist das Beste an der Sache,
sagte er. Wenn ich ihn weniger geliebt hätte, so
würde ich den Ausdruck des Frohlockens in seinem
Blicke für wild gehalten haben; aber als ich neben
ihm saß, aus dem schweren Traume des Scheidens
erweckt und in ein Paradies unzertrennbarer Ver
einigung versetzt, dachte ich nur an den Segen, der
mir so reichlich zuströmte. Wiederholt fragte er: , Bist
du glücklich, Johanna? und wiederholt antwortete ich: ,Ja. Darauf murmelte er:, Dies wird die Sühne
sein. Habe ich sie nicht freundlos und verlassen ge
funden? Will ich sie nicht schützen, beglücken und
trösten? Ist nicht Liebe in meinem Herzen und Be
ständigkeit in meinen Entschlüssen? Dies wird Alles
wieder gut machen vor Gottes Tribunal. Ich weiß,
mein Schöpfer billigt, was ich thue. Das Urtheil der
Welt gilt mir nichts. Der Meinung der Menschen
biete ich Trotz.
Aber was war inzwischen aus dem schönen hellen
Abend geworden? Der Mond konnte noch nicht unter
gegangen sein, und doch saßen wir in solchem Dunkel,
daß ich kaum das Gesicht meines Herrn sehen konnte,
so nahe ich ihm auch war. Und der Kastanienbaum
stöhnte und seine Zweige bogen sich, während der
Wind in dem Lorbeergange rauschte und über uns
dahinfuhr.
, Wir müssen hineingehen, sagte Herr Rochester,
das Wetter ändert sich. Ich hätte bis zum Morgen
mit dir dasitzen können, Johanna.
, Und ich mit dir, dachte ich. Vielleicht hätte
ich es ausgesprochen, doch eben fuhr ein blauer und
blendender Blitz aus einer Wolke und dann folgte ein
Krachen und ein rasselnder Schlag, und ich dachte
nur daran, meine geblendeten Augen an Herrn Ro
chester's Schulter zu verbergen. Der Regen rauschte
nieder. Er eilte mit mir den Gang hinauf, über den
Platz ins Haus; aber wir waren bereits ganz naß,
ehe wir die Schwelle erreichen konnten. Im Vorsaale
nahm er mir den Shawl ab und strich das Wasser
von meinen aufgelösten Haaren, als Mistreß Fairfax
aus ihrem Zimmer hervorkam. Anfangs bemerkten
wir sie nicht. Die Lampe war angezündet, die Uhr
zeigte Schlag zwölf.
, Eile, deine nassen Kleider abzulegen, sagte Herr
Rochester, und ehe du gehst, gute Nacht -- gute
Nacht, mein Liebling!
Er küßte mich wiederholt. Als ich aufblickte und
mich seinen Armen entzog, stand die Witwe bleich und
erstaunt da. Ich lächelte ihr nur zu und eilte die
Treppe hinauf. Die Erklärung hat Zeit bis auf ein
andermal, dachte ich. Dennoch begann mich, als ich
mein Zimmer erreichte, der Gedanke zu quälen, daß
sie auch nur auf eine kurze Zeit das Gesehene falsch
auslegen könnte. Aber die Freude verdrängte bald
jedes andere Gefühl, und so laut der Wind brauste,
so heftig der Donner krachte, so blendend die Blitze
leuchteten, so gewaltig der Regen während des zwei
Stunden dauernden Gewitters heruntergoß, empfand
ich doch keine Furcht und wurde nur wenig von dem
Naturereignis berührt. Herr Rochester kam während
dieser Zeit dreimal an meine Thür, um zu fragen,
ob ich wohl und ruhig sei, und das verlieh mir Trost
und Stärke.
Als ich am nächten Morgen mein Bett verließ,
kam die kleine Adele hereingelaufen, um mir zu sagen,
daß der große Kastanienbaum am Ende des Gartens
in der Nacht vom Blitze getroffen worden und zur
Hälfte zerschmettert sei.
Vierundzwanzigstes Capitel.
Als ich aufstand und mich ankleidete, dachte ich
über den gestrigen Abend nach und es war mir, als
sei es ein Traum gewesen. Ich konnte nicht an die
Wirklichkeit glauben, bis ich Herrn Rocester wieder
gesehen und die Erneuerung der Worte der Liebe gehört haben würde. Während ich mein Haar machte, betrachtete ich
mein Gesicht im Spiegel: es lag Hoffnung in seinem
Ausdruck, Leben in seiner Farbe, und meine Augen
leuchteten in hellem Glanz. Oft hatte ich Herrn Rochester nur ungern mein Gesicht zugewandt, weil ich
gefürchtet, es möchte ihm nicht gefallen; aber jetzt
glaubte ich es getrost zu ihm erheben zu dürfen, ohne
seine Zärtlichkeit abzukühlen. Ich nahm ein reines
und leichtes Sommerkleid aus meiner Commode und
legte es an. Es schien mir, als habe mir nie ein
Kleid so gut gestanden, weil ich nie eins in so wonne
voller Stimmungg getragen.
Ich war nicht überrascht, als ich in den Vorsaal
hinunterkam und bemerkte, daß ein glänzender Juli
morgen auf das Gewitter der Nacht gefolgt war und
ich durch die offene Glasthür den frischen Hauch des
duftigen Windes fühlte. Die Natur mußte ja heiter
sein, wenn ich glücklich war. Eine Bettlerin mit ihrem
kleinen Knaben, beide gleich zerlumpt, kam den Weg
herauf; ich lief ihnen entgegen und gab ihnen alles
Geld, das ich in meiner Börse hatte, welches sich auf
drei oder vier Schillinge belief, viel oder wenig, sie
mußten an meiner Wonne theilnehmen.
Mistreß Fairfax sah mit betrübter Miene aus
dem Fenster und sagte in ernstem Tone:
, Miß Eyre, wollen Sie zum Frühstück kommen?
Während des Mahles war sie schweigsam und
kalt, aber ich konnte mich jetzt nicht vor ihr rechtfertigen. Ich mußte erst mit meinem Herrn gesprochen
haben, und so lange mußte sie sich auch gedulden.
Als ich nach dem Frühstück die Treppe hinaufeilte,
begegnete mir Adele, die aus dem Schulzimmer kam.
, Wohin gehst du? frug ich.
, Es ist Zeit, den
Unterricht zu beginnen.
, Herr Rochester hat mich in die Kinderstube geschickt.
, Wo ist er?
, Da drinnen, antwortete sie, auf das Schulzimmer
deutend. Ich ging hinein -- und da stand er vor mir.
, Komm und sage mir guten Morgen, redete
er mich an. Ich eilte freudig auf ihn zu. Als er
mich umarmte und küßte, schien es mir ganz natür
lich, so von ihm geliebt und geliebkost zu werden.
, Johanna, du siehst blühend aus, sagte er,
diesen Morgen bist du wahrhaft schön. Ist dies
meine kleine blasse Elfe? Dies kleine Mädchen mit
dem sonnigen Gesicht, mit den Grübchen in den Wangen und den rosigen Lippen, dem nußbraunen
Seidenhaar und den nußbraunen glänzenden Augen?
Ich hatte grünliche Augen; ich glaube, für ihn
hatten sie eine neue Farbe angenommen.
, Es ist Johanna Eyre, mein Herr.
, Und bald Johanna Rochester, fügte er hinzu,
in vier Wochen, Hannchen; keinen Tag länger, hörst
du das?
Das Gefühl, welches diese Ankündigung in mir
erregte, war stärker, als sich mit der Freude vertrug --
es betäubte mich und fast empfand ich Furcht.
, Eben noch erröthetest du, und jetzt bist du blaß, Johanna, weshalb?
, Weil Sie mir einen neuen Namen beilegten:
Johana Rochester. Es scheint mir so seltsam.
, Ja, Mistreß Rochester, sagte er, die junge
Mistreß Rochester. -- Fairfax Rochester's liebenswürdige
Gattin.
, Es kann nimmer sein, es klingt nicht wahrscheinlich. Menschliche Wesen erfreuen sich in dieser
Welt nie eines vollständigen Glückes. Daß solch ein
Los mir zu Theil werden sollte, ist ein Feenmärchen -
- ein Morgentraum.
, Den ich verwirklichen kann und will. Ich werde
heute damit beginnen. Diesen Morgen schrieb ich an
meinen Banquier in London, mir gewisse Juwelen
zu schicken, die er in Verwahrung hat, Erbstücke der
Gebieterinnen von Thornfield. In einem oder zwei
Tagen hoffe ich sie in deinen Schoß zu schütten, denn
jedes Vorrecht, jede Aufmerksamkeit soll dir zu Theil
werden, die ich der Tochter eines Pairs zuerkennen
würde, wenn ich sie heiraten wollte.
, O Herr! Juwelen für Johanna Eyre klingt
so unnatürlich; ich möchte sie lieber nicht haben.
, Ich will selber die Diamantenschnur um deinen
Hals, und das Diadem um deine Stirn legen, es wird
dir gut stehen, denn die Natur hat ihren Adelsbrief
auf deine Stirn geschrieben, Johanna. Ich will diese
zarten Handgelenke mit Spangen schmücken und diese
Feenfinger mit Ringen beladen.
, Nein, nein, Herr! thun Sie nicht, als wäre ich
eine vornehme Schönheit, ich bin Ihre einfache quäkerhafte Erzieherin.
, Du bist eine Schönheit in meinen Augen, eine
Schönheit gerade nach dem Wunsche meines Herzens
-- zart und ätherisch.
, Schwächlich und unbedeutend, wollen Sie sagen.
Sie spotten meiner. Um Gotteswillen, seien Sie nicht
ironisch!
, Die Welt soll deine Schönheit auch anerkennen,
fuhr er fort, indem ich wirklich unrnhig wurde, weil
ich fühlte, daß er entweder sich täusche oder mich zu
täuschen suche. ,Ich will meine Johanna in Seide
und Spitzen kleiden, sie soll Rosen im Haar haben,
und ich will das Haupt, welches ich am meisten liebe,
in einen kostbaren Schleier hüllen.
, Und dann werden Sie mich nicht kennen, und
ich werde nicht mehr Ihre Johanna Eyre sein, sondern
eine Elster mit geborgten Federn. Ebenso ungern
möchte ich Sie, Herr Rochester in Schauspielertracht
sehen, als mich in der Kleidung einer Hofdame. Ich
nenne Sie nicht schön, mein Herr, obgleich ich Sie
aufs Innigste liebe, viel zu innig, um Ihnen zu
schmeicheln. Schmeicheln Sie mir also auch nicht.
Er setzte sein Thema jedoch fort, ohne auf meine Bitte
zu achten.
, Noch heute will ich dich im Wagen nach Millcote mitnehmen, und dort sollst du einige Kleider für
dich auswählen. Ich sagte dir ja, daß wir uns in
vier Wochen heiraten wollen. Die Trauung soll dort
unten in der Kirche ganz in der Stille stattfinden, und
dann gehst du sogleich mit mir nach London. Wenn
wir eine kurze Zeit dort verweilt haben, will ich mein
Kleinod in Regionen führen, die der Sonne näher
liegen, in französische Weinberge und italienische
Ebenen; du sollst die weite Welt kennen und dich selbst
im Vergleich zu Anderen schätzen lernen.
, Ich soll reisen? -- Und mit Ihnen, Herr?
, Du sollst Paris, Rom ud Neapel, Florenz,
Venedig und Wien sehen, du sollst den Boden be
treten, den ich durchwandert; wo mein schwerer Tritt
ertönt, sollst du auch deinen Sylphidenfuß hinsetzen.
Vor zehn Jahren eilte ich halb wahnsinnig durch
Europa und hatte nur Ekel, Haß und Wuth zu Begleitern; jetzt werde ich denselben Weg geheilt und gereinigt, mit einem tröstenden Engel an der Seite,
wieder gehen.
, Ich bin kein Engel, lachte ich, und will auch
keiner sein, bis ich sterbe; ich will Ich selber sein.
Herr Rochester, Sie müssen nichts Himmlisches von
mir erwarten -- denn diese Forderung würde ich nicht
erfüllen können, ebensowenig, wie ich es von Ihnen
verlangen werde; und ich erwarte es auch nicht.
, Und was erwartest du denn von mir?
, Eine kurze Weile werden Sie vielleicht sein, wie
jetzt -- eine sehr kurze Weile, und dann werden Sie
kalt, launenhaft und strenge werden, und ich werde
viel zu thun haben, Ihnen zu gefallen. Wenn Sie
sich aber völlig an mich gewöhnt haben, werden Sie
mich vielleicht wieder leiden können, ich sage nicht
lieben. Vermuthlich wird Ihre Liebe in sechs Monaten
oder in noch kürzerer Zeit verflogen sein. Wenn ich
den Büchern glauben darf, so soll dies der längste
Termin sein, bis zu welchem die Glut eines Ehemannes ausdauert. Doch als Freundin und Hofährtin
hoffe ich meinem theuren Herrn nie ganz zuwider zu
werden.
, Zuwider? und ich werde dich wieder leiden
können? Ich denke, ich werde dich immer leiden
können, und du sollst selbst gestehen, daß ich dich nicht
nur leiden kann, sondern dich auch mit Wahrheit, Glut
und Beständigkeit liebe.
, Sind Sie aber nicht launenhaft, mein Herr?
, Gegen Frauen, die mir nur äußerlich gefallen,
bin ich der wahre Teufel, wenn ich finde, daß sie
weder Seele noch Herz haben und oberflächlich und
launisch sind; jedoch der Charakter, der sich biegt, aber
nicht bricht, der zugleich fügsam und fest, nachgiebig
und beharrlich ist, wird mich stets zärtlich und treu
finden.
, Fanden Sie je einen solchen Charakter, mein
Herr? Liebten Sie je einen solchen?
, Ich liebe ihn jetzt.
, Aber vor mir?
, Ich sah nie eine deinesgleichen, Johanna; du
gefällst mir, du beherrschest mich, während du dich zu
unterwerfen scheinst. Ich liebe die Fügsamkeit, so wie
du sie besitzest; während ich die weiche Seide um
meinen Finger wickle, durchzuckt sie meinen Arm bis
zu meinem Herzen. Ich bin besiegt, und dieser Sieg,
dem ich mich unterwerfen muß, ist größer als jeder
Triumph, den ich gewinnen könnte. Warum lächelst
du, Johanna? Was bedeutet dieser unerklärliche und
unerforschliche Ausdruck in deinem Gesicht?
, Sie werden den unwillkürlichen Gedanken ent
schuldigen, mein Herr, ich dachte an Herkules und
Simson mit ihren Geliebten --
, Daran dachtest du, meine kleine Elfe?
, Ruhig, mein Herr! Sie reden gerade jetzt nicht sehr
weise; ebenso wie jene Herren nicht besonders weise handelten. Doch wenn sie sich verheiratet hätten, so würden
sie ohne Zweifel durch ihre Strenge als Ehemänner ihre
Milde als Liebhaber wieder gut gemacht haben, und
das werden Sie auch, fürchte ich. Ich möchte nur
wissen, was Sie mir über's Jahr antworten werden,
wenn ich Sie um eine Gunst bitte, die nicht ganz nach
Ihrem Geschmacke oder Ihrer Bequemlichkeit ist.
, Bitte mich jetzt um etwas, Johanna, wenn es
auch die geringfügigste Sache ist -- ich wünsche, um
etwas gebeten zu werden --
, Das will ich in der That, mein Herr; ich habe
meine Bitte schon in Bereitschaft.
, Rede! aber wenn du mit diesem Gesichte zu mir
aufblickst und lächelst, so schwöre ich die Erfüllung
deiner Bitte, ehe ich noch weiß, was es ist, und das
würde mich zum Thoren machen.
, Durchaus nicht, mein Herr. Ich bitte nur um
dies: lassen Sie nicht die Juwelen kommen und be
kränzen Sie mich nicht mit Rosen.
, Deine Bitte ist gewährt -- für jetzt wenigstens.
Ich will den Auftrag an meinen Banquier zurücknehmen. Aber du hast noch um nichts gebeten; du
hast nur gebeten, daß ein Geschenk zurückgenommen
werde, also bitte noch einmal.
, Nun, Herr, so haben Sie die Güte, meine Neugierde hinsichtlich eines Punktes zu befriedigen.
Er sah plötzlich verstört aus.
, Was? was ist los? fragte er hastig. Neu
gierde ist eine gefährliche Bittstellerin, es ist gut, daß
ich kein Gelübde abgelegt habe, jede Bitte zu er
füllen --
, Aber es kann keine Gefahr darin liegen, diese
zu bewilligen, mein Herr.
, Sprich sie aus, Johanna; aber ich wollte lieber,
du fordertest mein halbes Vermögen, als daß du ver
suchtest, ein Geheimnis zu erfragen.
, Was sollte ich denn mit Ihrem halben Vermögen anfangen? Ich möchte lieber Ihr ganzes Vertrauen haben, Sie wollen mich doch nicht von Ihrem
Vertrauen ausschließen, wenn Sie mir Zutritt zu Ihrem
Herzen gestatten?
,, Nimm mein ganzes Vertrauen, wenn es der
Mühe werth ist, Johanna; aber um Gotteswillen lade
keine unerträgliche Bürde auf dich! Hege kein Ver
langen nach Gift -- werde nicht zu einer Eva!
, Warum nicht, mein Herr? Sie haben mir eben
gesagt, wie sehr Sie wünschen, besiegt zu werden.
Halten Sie es nicht für besser, wenn ich dieses Zu
geständnis benutze und zu schmeicheln und zu bitten
beginne, nur um eine Probe von meiner Macht zu
haben?
, Wage den Versuch. Gehe, so weit du willst,
du hast das Spiel gewonnen.
, Wirklich, mein Herr? Sie geben sehr schnell
nach. Wie strenge Sie jetzt aussehen! Ihre Stirn
gleicht einer dunklen Gewitterwolke. So werden Sie
vermuthlich als Ehemann aussehen; nicht wahr, mein
Herr?
, Was hast du zu fragen, kleines Ding? -- Heraus
damit!
, Jetzt sind Sie weniger als höflich, und mir gefällt die Rauheit viel besser als die Schmeichelei. Ich will
lieber ein kleines Ding als ein Engel genannt werden.
Nun, ich wollte fragen, warum Sie sich so viel Mühe
gaben, mich zu dem Glauben zu bringen, daß Sie Miß Ingram heiraten wollten?
, Ist das Alles? Gott sei Dank, daß es nichts
Schlimmeres ist!
Und jetzt glättete sich seine Stirne wieder, er
blickte zu mir nieder, lächelte mich an und strich mein
Haar, als sei er froh, einer Gefahr entronnen zu sein.
, Ich denke, ich kann es wohl gestehen, fuhr er
fort, auch wenn ich dich ein wenig unwillig machen
sollte, Johanna -- und ich habe es erlebt, welch'
einen Feuergeist du zeigen kannst, wenn du unwillig
bist. Selbst in dem kalten Mondlicht sah ich dich
gestern Abend erglühen, als du dich gegen das Schicksal empörtest und deinen Rang dem meinigen gleich
stellen wolltest. Beiläufig gesagt, warst du es, Johanna, die mir den Antrag machte.
, Natürlich that ich es. Aber zur Sache, mein
Herr, wenn's gefällig ist -- also Miß Ingram?
, Nun, ich machte Miß Ingram zum Schein den
Hof, weil ich wünschte, daß du dich so wahnsinnig in
mich verlieben möchtest, wie ich in dich verliebt war;
und ich wußte, daß die Eifersucht die beste Bundes
genossin sei, an die ich mich zur Förderung dieses
Zweckes wenden könne.
, Vortrefflich! jezt sind Sie klein -- nicht größer,
als mein kleiner Finger. Es war eine Schande, so
zu handeln. Dachten Sie nicht an Miß Ingram's
Gefühle, mein Herr?
, Alle ihre Gefühle concentriren sich in ihrem
Stolze, und der mußte gedemüthigt werden. Waren
Sie eifersüctig, Johanna?
, Lassen wir das, Herr Rochester; dies zu wissen,
kann für Sie von keinem Interesse sein. Antworten
Sie mir offen, glauben Sie nicht, daß Miß Ingram
durch Ihr unredliches Spiel leidet? Wird sie sich nicht
verlassen und trostlos fühlen?
, Im Gegentheil, sie hat mich aufgegeben. Sagte
ich Ihnen denn nicht, daß das Gerücht von meinem
unzureichenden Vermögen die Flamme ihrer Liebe im
Augenblick erstickt hat?
, Sie haben seltsame Ideen in Ihrem Kopfe,
Herr Rochester, und ich fürchte, daß Ihre Grundsätze in mancher Hinsicht egocentrisch sind.
, Meine Grundsätze sind nie geschult worden,
Johanna, und sie mögen wohl ein wenig wild auf
geschossen sein.
, Noch einmal, und ernsthaft: darf ich mich des
großen Glückes erfreuen, welches mir gewährt worden,
ohne zu fürchten, daß irgend eine Andere den bitteren
Schmerz empfinde, den ich in der letzten Zeit gefühlt? --
, Das kannst du, mein gutes, kleines Mädchen,
es ist kein anderes Wesen in der Welt außer dir,
welches dieselbe reine Liebe zu mir hegt, wie du --
denn ich gestatte meiner Eitelkeit den lieblichen Balsam,
Johanna, an deine Liebe zu glauben.
Ich drückte meine Lippen auf die Hand, die auf
meiner Schulter ruhte. Ich liebte ihn sehr -- mehr
als ich zu gestehen wagte, mehr als Worte es aus
zudrücken vermochten.
, Bitte mich noch um Etwas, sagte er sogleich, es ist eine Wonne für mich, gebeten zu werden und
es zu gewähren.
Ich war sogleich mit einer Bitte bei der Hand.
, Theilen Sie Mistreß Fairfax Ihre Absichten
mit, mein Herr. Sie sah uns gestern Abend Beide
im Vorsaal und erschrak. Geben Sie ihr eine Er
klärung, ehe ich wieder mit ihr zusammentreffe. Es
schmerzt mich, von einer so guten Frau verkannt zu
werden.
, Geh auf dein Zimmer und setze deinen Hut
auf, entgegnete er. , Du sollst mich diesen Morgen
nach Millcote begleiten, und während du dich reise
fertig machst, will ich die gute Dame aufklären. Dachte
sie, Johanna, du hättest die Welt für die Liebe hingegeben, daß jene für dich jetzt ganz verloren sei?
, Ich glaube, sie dachte, ich hätte meine Stellung
und die Ihrige vergessen, mein Herr.
, Stellung! Stellung! Deine Stellung ist in
meinem Herzen und auf dem Nacken derjenigen, die
dich jetzt oder später beleidigen wollen. -- Geh jetzt.
Ich war bald angekleidet, und als ich Herrn
Rochester aus dem Zimmer der Mistreß Fairfax
kommen hörte, eilte ich zu ihr hinunter. Die alte
Dame hatte gerade ihr Morgencapitel aus der Bibel
gelesen, die letztere lag noch offen vor ihr und ihre
Brille darauf. Ihre Augen waren starr auf die
Wand ihr gegenüber gerichtet und drückten das Erstaunen eines durch unerwartete Nachrichten in
seinem Gleichgewichte gestörten Geistes aus. Als sie
mich sah, faßte sie sich und bemühte sich zu lächeln und einige Worte der Beglückwünschung hervorstammeln; aber das Lächeln erstarb und der Satz
blieb unvollendet. Sie legte ihre Brille weg, machte
ihre Bibel zu und schob ihren Stuhl vom Tische
zurück.
, Ich bin so erstaunt, begann sie, daß ich
kaum weiß, was ich zu Ihnen sagen soll, Miß Eyre.
Ich habe doch nicht geträumt? Zuweilen versinke
ich nämlich in einen Halbschlummer, wenn ich allein
sitze, und stelle mir Dinge vor, die nie geschehen sind.
Es ist mir in diesem Zustande mehr als einmal vor
gekommen, daß mein lieber Mann, der schon seit
fünfzehn Jahren todt ist, herein trat, und sich zu mir
setzte, ja mich sogar bei meinem Namen Elise
nannte, wie er früher zu thun pflegte. Können Sie
mir nun sagen, ob es wirklich wahr ist, daß Herr
Rochester Ihnen den Antrag gemacht hat, ihn zu
heiraten. Lachen Sie nicht über mich, aber ich glaubte
wirklich, er sei vor fünf Minuten hier gewesen und
habe gesagt, in einem Monat würden Sie seine Frau
sein.
, Er hat mir dasselbe gesagt, versetzte ich.
, Wirklich! Glauben Sie ihm? Haben Sie eingewilligt?
, Ja.
Sie sah mich verwirrt an.
, Das hätte ich nie gedacht. Er ist ein stolzer
Mann, alle Rochester's waren stolz, und sein Vater
wenigstens liebte das Geld. Auch Herrn Eduard hat
man immer für vorsichtig gehalten. Er will Sie also
heiraten?
, So sagt er mir.
Sie betrachtete meine ganze Person, und ich las
in ihren Augen, daß sie an mir keinen so mächtigen
Reiz fand, um das Räthsel zu lösen.
, Das geht über meinen Verstand, fuhr sie fort,
aber ohne Zweifel ist es wahr, da Sie es sagen.
Wie die Sache ausfallen wird, weiß ich in der That
nicht. Gleicheit des Standes und Vermögens ist bei
ehelichen Verbindungen gewöhnlich wünschenswerth.
Und er ist zwanzig Jahre älter als Sie, er könnte
fast Ihr Vater sein.
, Nein, Mistreß Fairfax, rief ich verletzt; er
hat nichts Väterliches an sich! Herr Rochester sieht so
jung ans, wie oft kaum Männer von fünfundzwanzig
Jahren.
, Will er Sie wirklich aus Liebe heiraten?
fragte sie.
Ich fühlte mich von ihrer Kälte und ihrem Zweifel so gekränkt, daß mir die Thränen in die
Augen traten.
, Ich wollte Ihnen nicht wehe thun, fuhr die
Witwe fort, aber Sie sind noch so jung und kennen
die Männer so wenig, daß ich Sie warnen möchte.
Ein altes Sprichwort sagt: , Es ist nicht Alles Geld,
was glänzt, und in diesem Falle fürchte ich, wird
man etwas Anderes finden, als Sie oder ich erwarten.
, Warum? sagte ich. , Ist es unmöglich, daß
Herr Rochester eine aufrichtige Neigung zu mir hegen
sollte?
, Nein, Sie sind ganz hübsch, Ihr Aussehen hat
sich in der letzten Zeit sehr gehoben, und ich glaube
auch, daß Herr Rochester viel auf Sie hält. Ich habe
immer bemerkt, daß er sich besonders gern mit Ihnen
unterhielt. Zu Zeiten war ich schon um Ihretwillen
wegen dieser unverkennbaren Bevorzugung ein wenig
unruhig und hätte Sie gern gewarnt, aber ich
fürchtete, es könne sie beleidigen; und da ich Sie
immer so verständig, bescheiden und vorsichtig gesehen,
so hoffte ich, Sie würden sich schon selbst schützen.
, Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich am letzten
, Abend ausgestanden, als ich Sie im ganzen Hause
s suchte und Sie nirgends finden konnte, und den
Herrn auch nicht, bis ich Sie endlich um zwölf Uhr
mit ihm allein kommen sah.
, Nun, machen Sie sich darüber jetzt keinen Kummer
mehr, sie ich ungeduldig ein, es muß Ihnen
genügen, daß Alles in Ordnung vor sich gegangen ist.
, Ich hoffe, es wird Alles schließlich gut werden, entgegnete sie, aber glauben Sie mir, Sie können
nicht vorsichtig genug sein. Suchen Sie Herrn
Rochester in einiger Entfernung zu halten, mißtrauen
Sie sich selber, so gut wie ihm. Herren in seiner
Tage pflegen nicht ihre Erzieherinnen zu heiraten.
Ich wurde wirklich aufgebracht. Zum Glück kam
Adele herein.
, Nehmen Sie mich mit nach Millcote! rief sie.
, Herr Rochester will es nicht zugeben, obgleich in
dem neuen Wagen Platz genug ist. Bitten Sie ihn,
Mademoiselle, daß er mich mitfahren läßt.
, Das will ich thun, Adele, versprach ich und
eilte mit ihr von dannen, froh, meiner ernsten
Mahnerin zu entkommnen. Der Wagen stand vor der
Hausthür bereit, Herr Rochester ging auf dem ge
pflasterten Wege auf und ab.
, Adele darf uns begleiten, nicht wahr, mein
Herr?
, Ich habe es ihr schon abgeschlagen. Ich will
keine Kinder -- ich will nur Sie bei mir haben.
, Lassen Sie sie mitkommen, Herr Rochester, wenn
ich bitten darf, es wird besser sein.
, Im Gegentheil, sie wird uns nur zur Last
fallen.
Er war sehr gebieterisch in Blick und Stimme.
Ich stand noch unter dem Einfluß der Mahnungen
und Zweifel der Mistreß Fairfax, meine Hoffnungen
erschienen mir ungewiß und haltlos und ich verlor
fast das Bewußtsein meiner Macht über ihn. Schon
war ich im Begriff, ihm ohne weitere Vorstellungen zu gehorchen; aber als er mich in den Wagen hob, s
ah er mir ins Gesicht.
, Was ist geschehen? fragte er, aller Sonnenschein ist fort. Wünschen Sie wirklich, daß das M
ädchen uns begleite? Wird es Sie kränken, wenn
Sie zurückbleibt?
, Es wäre mir viel lieber, wenn sie uns begleitete, mein Herr.
, Dann geschwind, hole deinen Hut und sei wie
der Blitz wieder da! rief er Adelen zu.
Sie gehorchte ihm, so schnell sie konnte.
Als Adele in den Wagen gehoben wurde, be
gann sie mich zu küssen, um ihre Dankbarkeit für
meine Vermittelung auszudrücken. Sie wurde von
Rochester sogleich in einen Winkel auf der anderen
Seite gesetzt. Durch den strengen Nachbar von mir
getrennt, hätte sie sich, um mit mir zu plaudern, an
ihm vorüberbeugen müssen, was sie bei seiner gegenwärtigen Gemüthsstimmung nicht wagte.
, Lassen Sie Adele sich zu mir setzen, bat ich,
sie wird Sie vielleicht belästigen, mein Herr, es ist
genug Platz auf dieser Seite.
Er reichte sie mir
herüber, wie einen Schoßhund.
, Ich will sie doch in eine Schule schicken, sagte
er, aber jetzt lächelte er. Adele hörte es und fragte, ob sie ohne Mademoiselle in die Schule gehen sollte?
, Ja, versetzte er, gewiß ohne Mademoiselle,
denn ich werde mit Mademoiselle in den Mond reisen;
dort werde ich eine Höhle suchen in einem jener
weißen Thäler unter den vulcanischen Felsen, und
dort soll Mademoiselle mit mir leben, und nur mit
mir allein.
, Da wird sie nichts zu essen haben und sie
werden Sie verhungern lassen, sagte Adele.
, Ich werde am Morgen und in der Nacht Manna
für sie sammeln, denn die Ebenen und Hügel auf dem
Monde sind ganz weiß von Manna, Adele.
, Sie wird sich aber wärmen wollen, und wo
will sie Feuer herbekommen?
, Aus den Mondgebirgen steigt Feuer empor;
wenn sie Frost empfindet, trage ich sie einen Berg
hinauf und lege sie am Rande eines Kraters nieder.
, O, wie unbequem wird sie dort leben! Ihre
Kleider werden sich auch abnutzen, und wie soll sie
neue bekommen?
Herr Rochester gestand, daß er daran noch nicht
gedacht habe.
, Nun, was würdest du thun, Adele? sagte er.
, Quäle dein Gehirn, um ein Auskunftsmittel zu
finden. Meinst du nicht, daß eine weiße oder rothe
Wolke auch als Kleid dienen würde?
, Es geht ihr hier viel besser, war Adelens
Schluß, nachdem sie eine Zeitlang nachgedacht, über dies würde es ihr auch langweilig werden, nur mit Ihnen allein im Mond zu leben. Wenn ich Made
moiselle wäre, so würde ich nimmer einwilligen, mit
Ihnen zu gehen.
, Sie hat bereits eingewilligt; sie hat ihr Wort
gegeben.
, Aber Sie können sie nicht auf den Mond
bringen, es führt kein Weg hinauf, es ist Alles Luft,
und Sie können Beide nicht fliegen.
Die Stunde, die wir in Millcote zubrachten, war
mir nicht ganz angenehm. Herr Rochester nöthigte
mich, in eine Seidenhandlung zu gehen und ein halbes
Dutzend Kleider auszuwählen. Ich haßte ein solches
Geschäft. Auf meine dringenden, ihm ängstlich zuge
flüsterten Bitten durfte ich das halbe Dutzend auf zwei
Stück reduciren.
Ich war froh, als ich ihn aus dem Seidenladen
und dann noch aus dem Juwelenladen glücklich hinaus
hatte. Je mehr er mir kaufte, desto mehr glühte meine
Wange von dem Gefühl erniedrigender Beschämung.
Als wir wieder in den Wagen stiegen und ich ermüdet und abgespannt dasaß, fiel mir ein, daß ich
im Drange der Ereignisse den Brief von meinem
Oheim John Eyre an Mistreß Reed, und seine darin
ausgesprochene Absicht, mich zu seiner Erbin einzusetzen, gänzlich vergessen hatte.
, Es würde in der That eine gewisse Genugthung
für mich sein, dachte ich, wenn ich auch nur ein kleines
eigenes Vermögen hätte; ich kann es nimmer mehr ertragen, mich von Herrn Rochester wie eine Puppe kleiden
zu lassen, und gleich einer zweiten Danae täglich den
Goldregen über mich fallen zu sehen. Sobald ich nach
Hause komme, will ich an meinen Oheim John nach Madeira schreiben, daß ich im Begriff bin, mich zu
verheiraten, und mit wem; wenn ich auch nur die
Aussicht habe. Herrn Rochester einst ein kleines Vermögen zuzubringen, so werde ich es leichter ertragen
können, jetzt von ihm unterhalten zu werden.
Ein wenig beruhigt durch diesen Gedanken
wagte ich wieder dem Auge meines Herrn und Ge
liebten zu begegnen, welches das meinige beständig
aufsuchte. Er lächelte, und mir schien, sein Lächeln
gleiche sehr dem eines Sultans, womit dieser in
einem zärtlichen und heiteren Augenblick eine
Sclavin beehrt, die er mit seinem Golde und seinen
Edelsteinen überschüttet. Ich drückte kräftig seine
Hand, welche beständig die meinige aufsuchte, und
schob sie dann rasch von mir; sie war noch roth von
meinem leidenschaftlichen Drucke.
, Sie brauchen mich nicht so anzusehen, sagte
ich, wenn Sie es noch einmal thun, werde ich nichts
als meine alten Kleider tragen, die ich aus Lowood
mitgebracht habe. Ich will nicht von zu vielen Ver
bindlichkeiten niedergedrückt werden. Erinnern Sie sich,
was Sie von Celine Varens sagten? Von den
Diamanten und kostbaren Stoffen, die Sie ihr gegeben? Ich will nicht Ihre englische Celine Varens
sein. Ich will Adelens Erzieherin bleiben und mir
dadurch Kost und Wohnung und überdies noch
dreißig Pfunnd jährlich erwerben. Von dem Gelde
werde ich mir meine Garderobe anschaffen, und Sie sollen mir weiter nichts geben, als --
, Nun, als was?
, Ihre Achtung; und wenn ich Ihnen meine Achtung dafür zurückgebe, so wird diese Schuld aus
geglichen sein.
, Wahrhaftig, was kalte angeborene Kühnheit
und reinen unbeugsamen Stolz betrifft, so hast du
nicht deinesgleichen, sagte er. Wir waren jetzt in
die Nähe von Thornfield gekommen.
, Ist es dir gefällig, heute mit mir zu Mittag zu
speisen? fragte er, als wir durch das Thor fuhren.
, Nein, ich danke Ihnen, mein Herr.
, Und warum nein, wenn man fragen darf?
, Ich habe noch nie mit Ihnen zu Mittag ge
speist, mein Herr, und sehe keinen Grund, warum ich
es jetzt sollte, bis --
, Bis was geschieht? Du liebst die abgebrochenen Reden.
, Bis ich nicht anders kann.
, Glaubst du, ich esse, wie ein Vielfraß und ließe
für dich nichts übrig, daß du fürchtest, an meiner
Mahlzeit theilzunehmen?
, Ich habe darüber noch keine Vermuthungen
angestellt, mein Herr; aber ich wünsche, noch einen
Monat zu leben, wie bisher.
, Aber deine Gouvernantensclaverei wirst du
doch wenigstens aufgeben?
, Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, das werde
ich nicht. Ich werde Ihnen, nach alter Gewohnheit,
tagsüber aus dem Wege gehen, am Abend können
Sie mich rufen lassen, wenn Sie Lust haben, mich zu
sehen, und dann will ich kommen, aber zu keiner
anderen Zeit.
, Höre, kleine Tyrannin, jetzt ist noch deine Zeit,
aber die meine wird auch bald kommen, und wenn
ich mich erst deiner bemächtigt habe, so will ich dich -- figürlich gesprochen -- mit einer Kette binden,
wie diese. Und er berührte seine Uhrkette. , Ja,
mein hübsches kleines Ding, ich will dich an meinem
Herzen tragen, damit mein Juwel nicht verloren geht.
Er sprach dies, während er mir beim Aussteigen
aus dem Wagen half; und als er dann Adele heraus
hob, trat ich ins Haus und zog mich auf mein
Zimmer zurück.
Am Abend ließ er mich richtig zu sich rufen.
Ich wollte nicht den ganzen Abend in einem Zwiegespräch mit ihm zubringen. Sehr propos fiel mir
seine schöne Stimme ein. Sobald die Dämmerung,
die Stunde der Romantik, hereinbrach und ihr blaues
und sternenbesäetes Banner vor unsere Fenster ge
breitet hatte, stand ich auf, öffnete das Piano und
bat ihn himmelhoch, mir ein Lied vorzusingen. Er
sagte, ich sei eine launenhafte Hexe, und er wolle
lieber zu einer anderen Zeit singen; aber ich behauptete, daß nichts über die Gegenwart gehe.
, Gefällt dir denn meine Stimme? fragte er.
, Ganz außenordentlich.
Ich war nicht geneigt, seiner empfindlichen Eitelkeit zu schmeicheln; aber diesmal that ich es aus be
sonderen Gründen.
, Dann mußt du die Begleitung spielen, Johanna.
, Gut, mein Herr, ich will es versuchen.
Ich versuchte es, wurde aber sogleich von dem
Stuhle heruntergeschoben und für eine kleine Stüm
perin erklärt. Das war es gerade, was ich wünschte;
er nahm meinen Platz ein und begann selber die Be
gleitung zu spielen, denn er spielte so gut wie er sang. Ich zog mich in die Fenstervertiefung zurück, und
während ich auf die stillen Bäume und den dunklen
Rasenplatz hinaus blickte, wurde folgendes Lied in vollen
Tönen zu einer trefflichen Begleitung gesungen:
,, Die reinste Lieb, die je die Brust
Mit milder Glut durchflossen,
Hat sich mit hoher Wonnelust
Jezt in mei Herz ergossen.
Kommt sie, erwacht für mich die Welt,
Ihr Scheiden ist mein Schmerz,
Der Zufall, der sie fern mir hält,
Gießt Eis mir in das Herz.
Mir träumte, sie zu lieben, sei
Ein namenloses Glück,
Von ihr geliebt zu werden frei,
Bestimmt mich das Geschick.
Doch weit und pfadlos war der Raum,
Der unser Los getrennt,
Die Wogen rauschen, daß man kaum
Das ferne Ziel erkennt.
Den rauhen Weg ging ich mit Muth
Durch Wildnis oder Wald,
Denn Macht und Recht und Weh und Wuth
Trennt unsre Geister kalt.
Ich trotze, wo Gefahr mich neckt,
Graun sich mit Angst verbunden,
Was mir auch drohet, warnt, mich schreckt,
Wird stürmisch überwunden.
Mein Regenbogen, schnell wie Licht,
Steht vor mir wie ein Traum,
Und herrlich steigt vor dem Gesicht
Dies Bild auf in dem Raum.
Noch hell auf Wolken trüb und grau,
Strahlt jener milde Schein,
Steh'n auch Gefahren wild und rau
Eitgegen groß und klein.
Stellt sich auch Haß mit grimmem Blick
Das Recht sich mir entgegen,
Nicht vor der Macht weich' ich zurück,
Der Rach' troz' ich verwegen.
Zu sterben, schwur mir Liebchens Kuß,
Mit mir aus reinem Triebe;
Mir endlich ward der Hochgenuß
Der Lieb' und Gegenliebe.
Er stand auf und kam auf mich zu. Ich sah
sein Gesicht belebt, sein Falkenauge sprühend und Zärt
lichkeit und Leidenschaft in jedem Zuge. Im ersten
Augenblick erbebte ich, faßte mich aber sogleich. Eine
zärtliche Scene, einen kühnen Ausbruch der Leidenschaft wollte ich nicht, dennoch war ich in Gefahr,
Beides zu erleben. Ich mußte an eine Vertheidigungswaffe denken und fragte strenge, wen er jetzt
heiraten wolle?
, Das ist eine seltsame Frage von meiner geliebten
Johanna.
, Wirklich ich finde sie jedoch sehr natürlich, da
Sie mir soeben vorsangen, daß Ihre künftige Gattin mit
Ihnen sterben solle. Ich habe nicht die Absicht, mit
Ihnen zu sterben -- darauf können Sie sich verlassen.
, O! Alles, was ich mir wünsche und vom Himmel
erbitte, ist, mit dir leben zu dürfen! Der Tod ist nicht
da für ein Wesen, wie du bist.
, Ei doch! ich habe ein ebenso gutes Recht zu
sterben, als Sie, wenn meine Zeit kommt, aber ich
will diese Zeit abwarten.
, Verzeihe mir meine Selbstsucht und beweise es
durch einen versöhnenden Kuß.
, Nein, ich bitte mich zu entschuldigen.
Jetzt nannte er mich ein hartköpfiges kleines
Ding und fügte hinzu, daß jedes andere Weib erschüttert gewesen wäre, wenn es solche Strophen zu
seinem Ruhme hätte singen hören:
Ich versicherte ihm, ich sei von Natur hart wie
ein Kiesel, und er werde mich oft so finden; überdies
sei ich entschlossen, ihm noch verschiedene eckige Punkte
meines Charakters zu zeigen, ehe die bestimmten vier
Wochen um wären, und er solle genau erfahren,
welchen Handel er gemacht, so lange es noch Zeit
sei, ihn rückgängig zu machen.
Ob ich nicht vernünftig reden wolle, fragte er.
Ich sagte, ich schmeichle mir, daß ich es jetzt
schon thue.
Er wurde ärgerlich.
, Sehr gut, dachte ich, ärgere dich nur und
werde ungeduldig, wie du willst, aber ich bin gewiß,
dies ist die beste Mothode, die man bei dir anwenden
kann. Ich liebe dich mehr als ich sagen kann; aber
ich will nicht in Sentimentalität verfallen und auch
dich durch meine scharfen Erwiderungen davor bewahren; überdies suche ich dadurch jene Entfernung
zwischen uns aufrecht zu erhalten, die zu unserem
gegenseitigen wahren Vortheil gereicht.
Auf diese Weise steigerte ich nach und nach seinen
Aerger, bis er sich grollend von mir zurückzog. Da
stand ich auf, sagte auf meine gewohnte respechtvolle
Weise: , Ich wünsche Ihnen gute Nacht, mein Herr, und schlüpfte zur Seitenthür hinaus.
Dieses System befolgte ich während der ganzen
Probezeit, und zwar mit dem besten Erfolge. Er war
freilich kurz und trotzig; aber im Grunde unterhielt
er sich dabei besser, als wenn ich eine lammfromme
Unterwürfigkeit und eine turteltaubenähnliche Zärtlich
keit gezeigt hätte, die seinen Despotismus noch mehr
genährt, aber seinem Geschmack weniger zugesagt hätte.
In Gegenwart Anderer benahm ich mich wie
früher gegen ihn, rücksichtsvoll und ruhig, nur in den
Abendunterhaltungen befolgte ich mein neues System
und ärgerte ihn. Er ließ mich stets pünktlich rufen,
sobald die Uhr sieben schlug; honigsüße Ausdrücke
von Liebe und Zärtlichkeit ließ er sich nicht mehr entschlüpfen, die glimpflichsten Namen, die er mir bei
legte waren: widerwärtige Puppe, boshafte Elf e
u. s. w. Anstatt eines Händedrucks kniff er mich jetzt
in den Arm, anstatt eines Kusses auf die Wange
drückte er mir das Ohr. Aber es war am besten
so, für jetzt zog ich entschieden diese rauhen Gunst
bezeugungen zärtlicheren vor. Ich bemerkte, wie
Mistreß Fairfax mein Vetragen billigte, denn ihre Be
sorgnis um mich schwand, und daraus sah ich, daß
ich recht handelte. Dagegen versicherte Herr Rochester,
ich behandle ihn sehr schlecht, und drohte mir für
eine nicht mehr ferne Zeit mit schrecklicher Rache. Ich
lachte mir ins Fäustchen über seine Drohungen.
, Ich kann dich jetzt ganz hübsch im Zaume
halten und werde dies zweifellos auch später können,
sagte ich mir; wenn das eine Mittel seine Kraft verliert, muß man ein anderes erdenken.
Doch bei alldem war meine Aufgabe nicht so
leicht, und oft hätte ich ihn lieber erfreut, als geärgert.
Mein küntftiger Gatte sollte für mich meine ganze
Welt werden, und mehr als die Welt, fast meine Hoff
nung auf den Himmel. Er stand zwischen mir und
jedem religiösen Gedanken, gleich einer Finsternis
zwischen dem Menschen und der hellen Sonne. Ich
konnte in jenen Tagen Gott vor seinem Geschöpfe,
aus dem ich mein Idol gemacht, nicht sehen.
Fünfundzwanzigstes Capitel.
Der Monat des Brautstandes näherte sich seinem
Ende, seine letzten Stunden waren gezählt und alle
Vorbereitungen zur Hochzeit vollendet. Ich wenigstens
hatte nichts weiter zu thun. Da standen meine Koffer
gepackt und verschlossen an der Wand meines kleinen
Zimmers in einer Reihe, morgen um diese Zeit sollten
sie weit weg auf dem Wege nach London sein, und
mit ihm auch ich -- oder vielmehr nicht ich, sondern
eine gewisse Johanna Rochester, eine Person, die ich
noch nicht kannte. Nur die Karten mit den Adressen
waren noch auf die Koffer aufzunageln, die vier
kleinen viereckigen Stückchen Pappe lagen bereits auf
der Commode. Herr Rochester hatte mit eigener Hand
darauf geschrieben, , Mistreß Rochester -- Western
Hotel, London. Ich konnte mich nicht entschließen,
sie anzuheften oder anheften zu lassen. Mistreß Ro
chester! die existirte noch nicht, sie sollte erst morgen
nach acht Uhr Vormittags geboren werden, und ich
wollte warten, ob sie auch lebendig zur Welt kommen
werde, ehe ich ihr alle ihre Rechte einräumte. Die
für sie bestimmten Hochzeitskleider hatten ohnehin be
reits mein schwarzes wollenes Kleid aus Lowood und
meinen Strohut verdrängt. Ich schloß den offenstehenden Schrank, um die perlenfarbige Robe und den
luftigen Schleier, der an dem Haken hing, nicht zu
sehen, da von ihnen zu dieser späten Abendstunde ein
phantastischer Schimmer auszugehen schien, welcher
geisterhaft das Dunkel meines Gemachs durchdrang,
, Ich will dich hier zurücklassen, schöner Traum, sagte ich. , Ich bin fieberhaft aufgeregt. Ich höre
den Wind heulen und will hinaus gehen, um ihn
meine heiße Schläfe kühlen zu lassen.
Es war nicht allein die aufregende Hast der
Vorbereitungen, die mich fieberkrank machte; nicht nur
die Erwartung der großen Veränderung, welche morgen eintreten sollte; beide Umstände hatten allerdings
ihren Antheil an der unruhigen Stimmung, die mich
zu dieser späten Stunde in den dunklen Park hinaus
trieb; aber eine dritte Ursache übte noch größeren
Einfluß auf mich.
Es war in der letzten Nacht etwas geschehen,
was ich nicht begreifen konnte, und Niemand wußte
darum, als ich. Herr Rochester war in dieser Nacht
dem Hause abwesend gewesen und noch nicht zurück
gekehrt. Geschäfte hatten ihn auf zwei oder drei kleine
Pachthöfe gerufen, die zu seinen Besitzungen gehörten
und dreißig Meilen entfernt lagen. Diese Geschäfte
mußte er vor seiner beabsichtigten Abreise aus England persönlich ordnen. Ich erwartete jetzt seine Rück
kehr, begierig, mein Gemüth zu entlasten und von ihm
die Lösung des Räthsels zu erhalten, welches mich in
Verwirrung setzte.
Ich ging in den Garten, um dort Schutz vor
dem Winde zu suchen, der den ganzen Tag stark aus
Süden geblasen, aber keinen Tropfen Regen gebracht
hatte. Statt sich bei Anbruch der Nacht zu legen,
erhob er sich nur noch heftiger, die Bäume schienen
sich kaum wieder aufzurichten, so anhaltend war die
Kraft, die ihre Wipfel beugte; die Wolken flogen von
Süd nach Nord und eine Masse folgte rasch der an
deren, ohne daß an jenem Julitage etwas von dem
blauen Himmel zu sehen war.
Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen lief
ich vor dem Winde her und kühlte die Unruhe meines
Gemüths an dem dahintobenden Luftstrome. Den Lorbeergang hinuntergehend, trat ich zu dem Kasta
nienbaume; er stand schwarz und zerschmettert da;
der durchspaltene Stamm klaffte auseinander. Die beiden Hälften wurden zwar unten noch durch den
festen, knorrigen Fuß und die starken Wurzeln zusammen
gehalten, aber die Verbindung war gestört -- der Saft
konnte nicht mehr kreisen, die großen Aeste zu beiden
Seiten waren abgestorben und die Stürme des näch
sten Winters mußten die beiden Hälften vollends zur
Erde werfen; jetzt konnte man noch sagen, daß sie
einen Baum bildeten -- eine Ruine, aber eine ganz R
uine.
, Ihr thatet wohl, an einander festzuhalten,
sagte ich, als ob die ungeheuren Splitter mich verstehen könnten; so verbrannt und verkohlt ihr auch
ausseht, so muß doch noch etwas Leben in euch sein,
welches aus jener Anhänglichkeit an die treuen ehrlichen Wurzeln hervorgeht. Ihr werdet nie mehr
grüne Blätter haben, nie mehr werden Vögel auf
euren Zweigen Nester bauen und Lobhymnen singen;
die Zeit der Freude und Liebe ist für euch vorüber;
aber ihr seid nicht verlassen, ihr seid zwei Kameraden,
von denen der eine das Schicksal des anderen theilt.
Als ich aufschaute, zeigte sich der Mond auf
einen Augenblick an jenem Theile des Himmels, wo
sich die Wolken trennten; seine Scheibe war blutroth
und halb bedeckt, er schien einen traurigen, bestürzten
Blick auf mich zu werfen und verschwand dann augen
blicklich wieder in einer dunklen Wolkenschicht. Der
Wind schwieg auf eine Secunde in der Nähe, aber
in weiter Ferne zog über Wald und Wasser ein wildes
melancholisches Wehklagen; es war traurig, dem zuzuhören und ich ging ins Haus, um mich zu überzeugen, ob das Feuer im Bibliothekzimmer angezündet
sei, denn ich wußte, daß Herr Rochester, wenn es gleich
Sommer war, an einem so unfreundlichen Abend gern
e in heiteres Feuer im Kamine sah. Ja, das Feuer
war angezündet und brannte gut. Ich stellte seinen
Lehnsessel in die Ecke des Kamins, rollte den Tisch
in die Nähe desselben, zog den Vorhang zu und ließ
die Lichter hereinbringen. Nach Vollendung dieser
Anordnungen stieg meine Unruhe nur noch mehr. Es
litt mich nicht im Zimmer, die große Uhr in der Vor
halle schlug zehn.
, Wie spät es wird! sagte ich. , Ich will zum
Thor hinunterlaufen, der Mond scheint von Zeit zu
Zeit, und ich kann eine gute Strecke auf den Weg
hinaussehen. Er dürfte jetzt kommen, und wenn ich
ihm entgegengehe, erspare ich mir einige Minuten
ungeduldiger Erwartung.
Der Wind rauschte heftig in den großen Bäumen,
die das Thor umgaben; aber so weit ich auch die
Straße überblicken konnte, war diese nur eine lange
bleiche Linie, auf der sich nichts bewegte als die
Wolkenschatten, die zuweilen darüber hinhuschten, wenn
der Mond hervorblickte.
Eine kindische Thräne trübte mein Auge, während
ich hinausblickte -- eine Thräne der fehlgeschlagenen
Hoffnung und der Ungeduld. Ich schämte mich ihrer
und trocknete sie schnell. Doch verweilte ich noch;
der Mond verschloß sich jetzt ganz in sein wolkiges
Gemach und zog die dichtesten Vorhänge vor; die N
acht wurde immer dunkler und jetzt folgte auch
Regen dem Winde.
, Ich wollte, er käme! Ich wollte, er käme!
rief ich wie von trüber Ahnung ergriffen. Ich hatte
seine Ankunft schon vor dem Thee erwartet; jetzt war
es dunkel, was konnte ihn zurückhalten? War ihm
ein Unfall begegnet? Das Ereignis der letzten Nacht
fiel mir wieder ein. Ich deutete es als ein warnendes Zeichen. Ich fürchtete, meine Hoffnungen seien
zu glänzend, um verwirklicht zu werden, denn ich hatte
in der letzten Zeit so viel Wonne erlebt, daß ich mir
einbildete, mein Glück habe seinen Höhepunkt über
schritten und müsse sich jetzt zum Untergange neigen.
, Ich kann nicht ins Haus zurückkehren, dachte
ich, ,ich kann nicht am Kamin sitzen, während er im
Unwetter draußen ist, ich will lieber meine Füße wund
laufen, als diese Qualen erdulden; ich will ihm ent
gegengehen.
Ich machte mich auf den Weg; ich ging rasch,
aber ehe ich eine Viertelstunde zurückgelegt hatte, hörte
ich Hufschläge. Ein Reiter kam im vollen Galopp
angesprengt und ein Hund lief an seiner Seite. Fort
mit den bösen Ahnungen, er war es -- er war es,
er ritt seinen Mesrour und Pilot folgte ihm. Er
sah mich, denn der Mond hatte sich gerade jetzt ein
Stückchen blaues Feld am Himmel erobert und schimmerte hell daraus hervor. Er nahm seinen Hut ab
und schwang ihn um den Kopf. Jetzt lief ich ihm
entgegen.
, Hier bin ich! rief er, seine Hand ausstreckend
und sich niederbeugend. , Du kannst nicht ohne mich
sein, das ist klar. Tritt auf die Spitze meines Stiefels
gib mir beide Hände, und nun herauf!
Ich gehorchte; die Freude machte mich gewandt,
ich schwang mich vor ihm aufs Pferd hinauf. Zum
Willkommen erhielt ich einen herzlichen Kuß, er trium
phirte ein wenig, was ich so gut ertrug, als ich
konnte. Plötzlich mäßigte er seine Freude und fragte:
, Aber ist etwas geschehen, Johanna, daß du mir
zu einer solchen Stunde entgegenkommst? Hat sich ein
Unheil ereignet?
, Nein; aber ich dachte, Sie würden nimmer
kommen. Ich konnte es nicht ertragen, im Hause auf
Sie zu warten, besonders bei diesem Regen und Wind.
, Regen und Wind! Ja, und du triefst wie
eine Seejungfer; ziehe meinen Mantel um dich zusammen. Aber ich meine, du hast Fieber, Johanna
deine Wange und deine Häide sind glühend heiß. Ich
frage dich noch einmal, ist etwas geschehen?
, Jetzt nichts; ich bin weder furchtsam noch unglücklich.
, So bist du also Beides gewesen?
, Freilich; aber ich will es Ihnen drinnen er
zählen, mein Herr, und ich fürchte, Sie werden mich
obendrein noch auslachen.
, Ich will dich herzlich auslachen, wenn der morgende Tag vorüber ist; bis dahin wage ich es noch
nicht; der Preis ist mir noch nicht gewiß. Bist du
es wirklich, die diesen ganzen letzten Monat so dornig
wie eine wilde Rose gewesen ist? Wo ich nur meinen
Finger hinlegte, wurde ich gestochen, und jetzt scheint
e, als habe ich ein verirrtes Lamm in meinen
Armen. Du verließest deine Hürde, um deinen Schäfer
zu suchen, nicht wahr, Johanna --
, Ich sehnte mich nach Ihnen, aber rühmen Sie
sich dessen nicht. Hier sind wir in Thornfield, nun
lassen Sie mich hinunter.
Er ließ mich sanft vom Pferde gleiten. Nachdem
John ihm das Thier abgenommen hatte, folgte er
mir in die Vorhalle. Ich möge schnell trockene Kleider
anlegen, ersuchte er mich, und dann zu ihm in das
Bibliothekzimmer kommen. Ich blieb nicht lange,
in fünf Minuten war ich wieder bei ihm und fand
ihn beim Abendessen.
, Nimm Platz und leiste mir Gesellschaft, Johanna.
So Gott will, ist dies das vorletzte Mahl, welches du
auf lange Zeit in Thornfield Hall einnehmen wirst.
Ich setzte mich neben ihm nieder, sagte ihm aber,
ich könne nicht essen.
, Ist es, weil du die Aussicht auf eine Reise vor
dir hast, Johanna? Ist es der Gedanke, nach London
zu kommen, der dir den Appetit nimmt?
, Heute Abend liegen meine Aussichten nicht klar
vor mir, mein Herr, und weiß kaum, welche Ge
danken mir in meinem Kopfe herumgehen. Alles
scheint mir so seltsam, so unwahrscheinlich.
, Mit Ausnahme meiner selbst, will ich hoffen;
ich bin wesenhaft genug -- berühre mich.
,
Sie
, mein Herr, sind das Wesenloseste von Allem,
Sie sind nichts als ein Traum.
Er streckte lachend seine Hand aus.
Ist das ein Traum? sagte er, indem er sie
meinen Augen näherte. Er hatte eine muskulöse und
kräftige Hand, sowie einen langen und starken Arm.
, Ja, obgleich ich sie berühre, so ist es doch ein T
raum, entgegnete ich, als er sie von meinem Gesicht entfernte.
, Mein Herr, haben Sie Ihr Abend
essen beendet?
, Ja, Johanna.
Ich klingelte und ließ das Geschirr hinaustragen.
Als wir wieder allein waren, schürte ich das Feuer
und setzte mich auf einen niedrigen Sessel zu den
Füßen meines Herrn.
, Es ist beinahe Mitternacht, sagte ich.
, Ja, aber du wirst dich erinnern, Johanna, daß
du mir versprochen hast, in der Nacht vor unserer Hochzeit mit mir zu wachen.
, Ich versprach es und will mein Versprechen
halten, wenigstens auf eine oder zwei Stunden; es
verlangt mich nicht, zu Bette zu gehen.
, Hast du alle deine Anordnungen vollendet?
, Ja. Herr.
, Und ich meinerseits ebenfalls, entgegnete er.
, Ichs habe alle Geschäfte erledigt, und wir werden
morgen, eine halbe Stunde nach unserer Rückkehr aus
der Kirche, Thornfield verlassen.
, Sehr gut, Herr.
, Mit welchem seltsamen Lächeln begleitest du
dieses sehr gut, Johanna! Was für einen rothen
Fleck hast du auf jeder Wange! und wie seltsam
schimmern deine Augen! Ist dir nicht wohl?
, Ich glaube, ich befinde mich wohl!
, Du glaubst! Was ist geschehen? -- Sage mir,
wie dir um's Herz ist.
, Ich kann es nicht, Herr; keine Worte können
Ihnen sagen, was ich fühle. Ich wollte, diese gegenwärtige Stunde endete nie, wer weiß, welches furchtbare Schicksal die nächste bringen mag?
, Das ist reine Hypochondrie, Johanna. Du bist
übermäißig aufgeregt oder übermüdet.
, Fühlen Sie sich ruhig und glücklich, mein Herr?
, Ruhig? -- nein: aber glücklich im innersten
Herzen.
Ich blickte zu ihm auf, um die Zeichen des
Glückes in seitem Gesichte zu lesen, es war glühend.
, Schenke mir dein Vertrauen, Johanna, sagte
er, befreie dein Gemüth von jeder Würde, die es
drückt, indem du mich mit ihr bekannt machst. Was
fürctest du? Daß ich kein guter Ehemann sein
werde?
, Von einer solchen Befürchtung bin ich am wei
testen entfernt.
, Fürchtest du die neue Sphäre, in die du ein
treten, das neue Leben, zu welchem du übergehen
sollst?
, Nein.
, Du setzest mich in Erstaunen, Johanna, dein
Blick und Ton verletzen und verwirren mich. Ich
verlange eine Erklärung.
, Nun, Herr, so hören Sie. Sie waren in der
letzten Nacht vom Hause fern?
, Das weiß ich, und du erwähntest schon, daß
etwas in meiner Abwesenheit geschehen sei -- wahr
scheinlich nichts von Wichtigkeit; aber es hat dich
gestört. Laß es mich wissen. Hat Mistreß Fairfax
vielleicht etwas gesagt? Oder hast du irgend ein Gespräch der Diener belauscht? Ist deine empfindliche
Selbstachtung verletzt worden?
, Nein, Herr.
Es schlug zwölf Uhr -- ich wartete, bis die
kleine Uhr im Zimmer aus geschlagen hatte, auch bis
die tieferen Töne der großen Uhr in der Vorhalle
verhallt waren. Dann begann ich:
, Gestern war ich den ganzen Tag sehr beschäftigt und sehr glücklich in meiner unaufhörlichen Geschäftigkeit, denn ich werde nicht von irgend einer
Furcht vor meiner neuen Lebenssphäre oder dergleichen
gequält. Vielmehr glaube ich, es muß etwas unendlich Glückseliges sein, mit Ihnen zu leben, weil ich
Sie grenzenlos liebe. Nein, Herr -- keine Liebkosungen
jetzt -- lassen Sie mich ungestört reden. Gestern ver
traute ich der Vorsehung und glaubte, Alles wirkte
zu Ihrem und meinem Besten zusammen. Es war ein schöner Tag, wenn Sie sich dessen noch erinnern, die
Luft war ruhig, der Himmel ungetrübt, so daß ich wegen
des glücklichen Verlaufs Ihrer Reise ohne Besorgnis
sein durfte. Ich ging nach dem Thee eine Zeitlang
auf dem Steinpflaster vor der Thür auf und ab,
meine Gedanken weilten bei Ihnen und meine Phantasie führte mir Sie so lebhaft vor, daß ich kaum
Ihre wirkliche Gegenwart entbehrte. Ich dachte an
das Leben, welches vor mir lag, ich dachte auch an
Ihr Leben, mein Herr, um so viel bewegter und
reicher, als die Tiefen des Meeres es im Vergleiche
mit dem Bache sind, der sich in dieses ergießt. Ich
wunderte mich, wie die Moralisten diese Welt eine
öde Wildnis nennen können; für mich war sie blühend
wie ein Rosengarten. Bei Sonnenuntergang wurde
die Luft kalt und der Himmel bewölkt; ich ging ins
Haus. Sophie rief mich die Treppe hinauf, damit
ich mein Hochzeitskleid ansehe, welches man gerade
gebracht hatte. Und darunter fand ich in der Kiste
Ihr Geschenk, den Schleier, den Sie in Ihrer fürst
lichen Verschwendung von London kommen ließen, ver
muthlich um mich, da ich keine Juwelen wollte, zu
zwingen, doch etwas ebenso Kostbares zu tragen. Ich
lächelte, als ich die Spitzen auseinander faltete, und
dachte darüber nach, wie ich ihnen wegen Ihres ari
stokratischen Bemühens, Ihre bürgerliche Braut in die
Attribute der Pairswürde zu kleiden, einen kleinen
Streich spielen wollte. Ich nahm mir vor, Ihnen
den viereckigen, ungestickten Blondenschleier zu zeigen,
den ich selber zur Bedeckung meines niedrig geborenen
Hauptes bestimmt hatte, und Sie zu fragen, ob der
selbe nicht gut genug sei für eine Braut, welche ihrem
Gatten weder Schönheit, Vermögen, noch hohe Ver
bindungen zubringe. Ich sah deutlich Ihren Blick und
hörte schon den stolzen Ausspruch, daß Sie nicht nöthig
hätten, durch eine Heirat Ihren Reichthum zu ver
mehren oder Ihren Rang zu erhöhen.
, Wie gut hast du meine Gedanken errathen,
kleine Hexe! fiel Herr Rochester ein, aber was fandest
du noch weiter bei dem Schleier? Lag etwa Gift
oder ein Dolch dabei, daß du jetzt so traurig aus
siehst?
, Nein, nein, Herr, außer dem zarten und köstlichen
Gewebe fand ich nichts als Fairfax Rochester's Stolz,
und dieser erschreckte mich nicht, weil ich an den An
blick dieses Dämons schon gewöhnt bin. Aber, mein
Herr, als es dunkel wurde, erhob sich der Wind; er
blies gestern Abend nicht so heftig wie jetzt, sondern
in einem klagenden, unheimlichen Tone, so daß ich
wünschte, Sie wären zu Hause. Ich ging in dieses
Zimmer, und der Anblick des leeren Stuhles und des
feuerlosen Kamins machte mich frösteln. Als ich zu
Bett gegangen war, konnte ich lange Zeit nicht schlafen
-- eine ängstliche Aufregung hatte sich meiner be
mächtigt. Der Wind wehte noch stark und dazwischen
glaubte ich ein dumpfes Wimmern zu vernehmen. Ob es im Hause oder draußen war, konnte ich Anfangs
nicht unterscheiden, aber in Augenblicken, wo der
Sturm schwieg, wurde es wieder unheimlich hörbar.
Endlich glaubte ich zu entdecken, daß es ein Hund
sei, der in der Ferne heule. Ich war froh, als es
endlich aufhörte. Als ich einschlief, setzte sich in meinen
Träumen der Gedanke an eine dunkle und stürmische
Nacht fort. In völliger Dunkelheit und bei strömen
dem Regen fand ich mich auf einem mir unbekannten
Wege; ich hatte ein kleines Kind bei mir, welches in
meinen kalten Armen vor Frost bebte und jämmerlich
wimmerte. Es kam mir vor, als wären Sie eine
weite Strecke auf dem Wege vor mir; ich strengte
jeden Nerv an, Sie einzuholen, und bemühte mich,
Ihren Namen zu rufen und Sie zu bitten, stillzustehen
-- aber meine Bewegungen waren gelähmt und meine
Stimme verhallte in unartikulirten Tönen, während
Sie sich jeden Augenblick weiter und weiter von mir
entfernten.
, Und diese Träume beschweren jetzt deinen Geist,
wo ich doch in deiner Nähe bin, Johanna? Kleines
nervöses Geschöpf! vergiß das eingebildete Leid und
denke nur an das wirkliche Glück! Du sagtest, du
liebst mich, Johanna und diese Worte erstarben nicht
in unartikulirten Tönen auf deinen Lippen. Ich hörte
sie klar und deutlich -- vielleicht um einen Gedanken
zu feierlich, aber lieblich wie Musik: , Ich halte es
für etwas Herrliches, die Hoffnung zu haben, mit
Ihnen zu leben, denn ich liebe Sie. Es ist seltsam
aber dieser Ausspruch hat meine Brust schmerzlich
durchdrungen. Und warum? Ich glaube, weil du
einen so ernsten frommen Nachdruck hinein gelegt hast,
und weil in dem Blicke, den du dabei zu mir aufschlugest, etwas wie ein erhabener Glaube zu mir
sprach. Es ist, als umschwebe mich irgend ein Geist.
Sieh böse aus, Johanna, du verstehst es ja so gut,
nimm ein schlaues, ärgerliches Lächeln an; sage mir,
du hassest mich -- reize und ärgere mich: thue Alles,
nur mache mich nicht weich, ich möchte lieber zornig,
als traurig gestimmt sein.
, Ich will Sie nach Herzenslust reizen und ärgern,
wenn ich meine Erzählung beendigt habe.
, Ich glaubte, du hättest mir schon Alles gesagt,
Johanna, und eben dieser Traum sei die Ursache
deiner Schwermuth.
Ich schüttelte den Kopf.
, Was! hast du mir noch mehr zu sagen? fuhr
er fort. Aber ich will nicht hoffen, deß es etwas
Wichtiges ist. Ich sage dir vorher, daß ich ungläubig
bin. Fahre fort.
Die Unruhe in seinen Mienen, die fast furchtsame
Ungeduld seines Benehmens überraschte mich, aber
ich fuhr fort:
, Ich hatte noch einen Traum, mein Herr, ich
sah Thornfield Hall als eine öde Ruine, die Fledermäusen und Eulen zum Aufenthalt diente. Es war,
als sei von der stattlichen Front nichts mehr übrig,
als eine hohe, zerbröckelnde Mauer. Ich wanderte
in einer mondhellen Nacht über den innern, mit Gras bewachsenen Raum, hier stolperte ich über einen
Marmor-Kamin und dort über ein zerbrochenes
Karnies. In einen Shawl gehüllt, trug ich noch
immer das unbekannte kleine Kind. Ich konnte es
nirgends niederlegen; so ermüdet auch meine Arme
waren, so sehr die Last mir das Weitergehen erschwerte, mußte ich es dennoch behalten. Ich hörte
das Galoppiren eines Pferdes in der Ferne verhallen.
Der Reiter waren Sie, dessen war ich gewiß, und ich
wußte auch, daß Sie auf viele Jahre nach einem
fremden Lande gingen. Ich klomm die zerbröckelnde
Mauer mit wahnsinniger Hast hinauf, die Steine
rollten unter meinen Füßen weg, die Epheuranken,
die ich ergriff, gaben nach, das kleine Kind umklammerte erschrocken meinen Hals und erwürgte mich
fast. Endlich erreichte ich die Höhe. Ich sah Sie
auf dem weißen Wege wie einen schwarzen Punkt,
der jeden Augenblick kleiner wurde. Der Wind wehte
so stark, daß ich nicht stehen konnte. Ich setzte mich
auf den schmalen Mauerrand nieder und suchte das
weinende Kind zum Schweigen zu bringen. Sie bogen
um eine Ecke des Weges; ich beugte mich vor, um
Sie noch einmal zu sehen. Da brach die Mauer zusammen, das Kind entglitt meinen Armen, ich verlor
das Gleichgewicht, fiel und erwachte.
, Nun, Johannna, das ist doch Alles
?
, Bis jetzt ist es nur die Einleitung, mein Herr,
die eigentliche Geschichte kommt noch. Als ich erwachte, wurden meine Augen von einem Lichtschimmer
geblendet. Ich dachte, es sei schon Tag, aber ich
hatte mich geirrt; es war nur das Licht einer Kerze.
Diese stand auf dem Toilettentische, und die Thür des
Schrankes, worin ich vor dem Schlafengehen mein
Hochzeitskleid und meinen Schleier aufgehängt hatte,
war offen. Ich hörte ein Rascheln dort und glaubte,
es sei Sophie. , Was machen Sie da, Sophie?
fragte ich. Niemand antwortete, aber eine Gestalt
nahm das Licht, hielt es in die Höhe und betrachtete
die Kleider, die an den Gestellen hingen. , Sophie!
Sophie! rief ich wieder, doch Alles war still. Jetzt
richtete ich mich im Bette auf und beugte mich vor. Zuerst bemächtigte sich Erstaunen meiner, dann Bestürzung und schließlich erstarrte mir das Blut fast in
den Adern. Herr Rochester, es war nicht Sophie, es
war nicht Lea, es war nicht Mistreß Fairfax -- nein,
es war auch nicht jenes seltsame Weib, Gratia
Poole.
, Es muß doch eine von ihnen gewesen sein, fiel
mein Herr ein.
, Nein, Herr, die Gestalt, die vor mir stand, war
mir in Thornfield Hall noch nie vor Augen gekommen; sie war mir gänzlich unbekannt.
, Beschreibe sie mir, Johanna.
, Es schien ein großes und starkes Weib mit
dichtem, dunklem Haar, welches lang über ihren Rücken
niederhing. Ich weiß nicht, welche Kleidung sie an
hatte, aber sie war weiß und eng.
, Sahst du ihr Gesicht?
, Anfangs nicht, denn sie wandte mir den Rücken
zu, aber dann nahm sie meinen Schleier von seinem
Platze, betrachtete ihn lange, warf ihn über ihren Kopf
und besah sich im Spiegel, und dieser warf mir das Bild ihres Gesichts ganz deutlich zurück.
, Und wie erschien es dir?
, Furchtbar und gräßlich. -- O, Herr! nie sah
ich solch' ein wildes Gesicht! Ich wollte, ich könnte
das Rollen der rothen Augen und die fürchterlichen,
aufgedunsenen, dunkeln Gesichtszüge vergessen!
, Aber Geister sind doch gewöhnlich blaß, Johanna.
, Dieser Geist war aber blauroth, die Lippen
waren angeschwollen und dunkel, die Stirn gefurcht,
die schwarzen Augenbrauen hoch über die blutunterlaufenen Augen hinaufgezogen. Soll ich Ihnen sagen,
woran die Gestalt mich erinnerte?
, Sage es.
, An das scheußliche Gespenst -- an den Vampyr.
, Ah! -- Und was that es weiter?
, Es nahm meinen Schleier von seinem gräßlichen
Kopfe wieder herab, zerriß ihn in zwei Stücke, warf
diese auf den Boden und trat mit den Füßen darauf.
, Und dann?
, Dann zog es den Fenstervorhang zurück und
blickte hinaus. Vielleicht bemerkte es, daß der Tag
anbrach, denn es nahm das Licht und schritt der
Thür zu. Gerade an meinem Bette blieb die Gestalt
stehen, das wild blickende Auge starrte mich an --- sie leuchtete mir ins Gesicht und löschte dann das
Licht vor meinen Augen aus. Ich bemerkte, wie ihr
gräßliches Gesicht dem meinigen immer näher kam;
dann verlor ich das Bewußtsein, zum zweitenmal in
meinem Leben wurde ich vor Schrecken ohnmächtig.
, Wer war bei dir, als du wieder zu dir kamst?
, Niemand, Herr; aber es war heller Tag. Ich
stand auf und benetzte Kopf und Gesicht mit Wasser.
Ich fühlte, daß ich zwar schwach, aber nicht krank
war, und beschloß, Niemand als Ihnen etwas von
dieser Erscheinung zu sagen. Nun geben Sie mir
Auskunft, mein Herr, wer und was jenes Weib war?
, Die Ausgeburt deines aufgeregten Gehirns, das
ist gewiß. Ich muß dich sorgsam hüten, mein Liebling, Nerven wie die deinigen bedürfen der größten
Schonung.
, Nein, Herr, verlassen Sie sich darauf, meine Nerven
waren nicht Schuld; was ich sah, war Wirklichkeit.
, Und deine früheren Träume, waren die auch
wirklich? Ist Thornfield Hall eine Ruine? Bin ich
durch unübersteigbare Schranken von dir getrennt?
Verlasse ich dich ohne eine Thräne -- ohne einen Kuß
-- ohne ein Wort?
, Noch nicht.
, Bin ich etwa im Begriff, es zu thun? -- Der
Tag hat schon begonnen, der uns unauflöslich an
einander binden soll; und wenn wir erst vereint sind,
soll dieser eingebildete Schrecken nicht wiederkehren,
dafür stehe ich dir.
, Der eingebildete Schrecken, mein Herr! Ich
wollte, ich könnnte ihn als solchen betrachten, ich wünschte
es jetzt mehr als je, da auch Sie mir das Geheimnis
dieses gräßlichen Besuches nicht erklären können.
, Und da ich es nicht erklären kann, Johanna, so muß es etwas Wesenloses gewesen sein.
, Aber, Herr, als ich diesen Morgen aufstand, mich im Zimmer umsah und im hellen Tageslicht Muth und Trost suchen wollte, da erblickte ich auf dem Teppich den von oben bis unten in zwei Stücke zerrissenen Schleier, der jede Verwechslung von Wirklichkeit und Traum ausschloß.
Ich beobachtete, wie Herr Rochester mit einem Schauder zusammenfuhr. Er schloß mich hastig in seine Arme und rief:
, Gott sei Dank, daß nur der Schleier beschädigt wurde, da ein schrecklicher Unhold sich in deiner Nähe befand!
Er athmete schnell und drückte mich so fest an sich, daß ich fast erstickte. Nach einem Schweigen von einigen Minuten fuhr er fort:
, Nun, Johanna, ich will dir Alles erklären, es war halb Traum, halb Wirklichkeit. Ich zweifle nicht daran, daß ein Weib in dein Zimmer eingedrungen ist, und dieses Weib muß Gratia Poole gewesen sein. Du nennst sie selber ein seltsames Wesen, und nach Allem, was du weißt, hast du Grund dazu; erinnere dich nur wie sie an mir und Mason handelte. Als du sie diese Nacht sahest, befandest du dich in einem Zustande zwischen Schlaf und Wachen und obendrein in einer fieberhaften Aufregung, in der sie dir als ein geisterhaftes Wesen erscheinen mußte. Das lange aufgelöste Haar, das aufgeschwollene dunkle Gesicht, die große Gestalt waren ein Spiel deiner Einbildungskraft, die Folge eines schweren Traumes; das boshafte Zerreißen des Schleiers war Wirklichkeit und ist ihr zuzutrauen. Ich sehe, du möchtest fragen, warum ich ein solches Weib im Hause dulde. Wenn wir ein Jahr verheiratet sind, will ich es dir sagen, aber nicht jetzt. Bist du zufriedengestellt, Johanna? Genügt dir meine Erklärung des Geheimnisses?
Ich sann einen Augenblick nach und dann schien mir seine Deutung die einzig mögliche Erklärung; beruhigter fühlte ich mich alledings, aber zufriedengestellt war ich nicht, obwohl ich ihm zu Gefallen mir den Anschein gab, als genüge mir seine Erklärung. Da es schon weit über ein Uhr war, so wollte ich ihn jetzt verlassen.
, Schläft nicht Sophie mit Adelen in der Kinderstube? fragte er, als ich mein Licht anzündete.
, Ja, Herr.
, Es wird in Adelens Bett noch Platz genug für dich sein. Du musst es für diese Nacht mit ihr theilen, Johanna. Kein Wunder, daß ein solcher Vorfall deine Nerven erschüttert hat, daher würde es mir lieb sein, wenn du nicht allein schliefest. Versprich mir, in die Kinderstube zu gehen.
, Ich werde es sehr gern thun, mein Herr.
, Und verriegle auch die Thür von innen. Wecke Sophie, wenn du hinaufkommst, als wolltest du ihr nur sagen, daß sie dich morgen bei guter Zeit ruft, denn du mußt vor acht Uhr angekleidet und mit dem Frühstück fertig sein. Und nun keine düsteren Gedanken mehr, Johanna. Hörst du nicht, wie der Sturm in ein sanftes Flüstern übergegangen ist? Der Regen schlägt nicht mehr an die Fensterscheiben. Sieh nur, fügte er hinzu, indem er den Vorhang aufhob, es ist eine liebliche Nacht geworden!
So war es. Der halbe Himmel war rein und heiter, die Wolken wurden von dem Winde, der sich nach Westen gedreht, hinweggetrieben, und zogen jetzt in langen silbernen Colonnen gegen Osten. Friedlich schien der Mond auf die Erde herab.
, Nun, Johanna, wie fühlst du dich jetzt? sagte Herr Rochester, mir fragend in die Augen blickend.
, Die Nacht ist heiter, mein Herr, und ich bin es auch.
, Und du wirst diese Nacht nicht von Trennung und Kummer träumen, sondern nur von glücklicher Liebe und seeliger Vereinigung!
Diese Weissagung erfüllte sich nur zur Hälfte. Ich träumte freilich nicht von Kummer, aber auch ebenso wenig von Freude, denn ich schlief gar nicht.
Die kleine Adele in meinen Armen, beobachtete ich den Schlummer der Kindheit -- so ruhig, leidenschaftslos und unschuldig -- und wartete auf den kommenden Tag; das Leben pulsierte mächtig in meinen Adern. Ich stand mit der Sonne auf. Adele hielt mich fest umklammert; ich küßte sie, als ich ihre kleinen Hände von meinem Nacken losmachte. Eine seltsame Rührung übermannte mich, ich brach in Thränen aus und mußte mich von ihrem Lager fortschleichen aus Furcht, mein Schluchzen möchte ihren Schlummer stören. Ich erblickte in ihr das Abbild meines früheren Lebens, und er, dem ich von heute an für immer angehören sollte, erschien mir als der fragwürdige, aber angebetet Inbegriff meiner künftigen Tage.
Sechsundzwanzigstes Capitel.
Sophie kam um sieben Uhr, mich anzukleiden; es währte sehr lange, ehe sie diese Arbeit vollendet hatte, so lange, daß Herr Rochester, der wahrscheinlich wegen meines Ausbleibens ungeduldig wurde, heraufschickte und fragen ließ, warum ich noch nicht käme. Sophie befestigte gerade meinen Schleier -- den einfachen, viereckigen Tüllschleier -- mit einer Nadel in meinem Haar, und ich entzog mich ihren Händen, sobald ich konnte.
, Warten Sie noch! rief sie in französischer Sprache. , Sehen Sie doch in den Spiegel, Sie haben noch keinen Blick hinein gethan.
Ich sah mich an der Thür um und erblickte eine geputzte und verschleierte Gestalt, so ungleich meiner gewöhnlichen Erscheinung, daß sie fast das Bild einer Fremden schien.
, Johanna! rief eine Stimme, und eilends lief ich hinunter. Am Fuß der Treppe wurde ich von Herrn Rochester empfangen.
, Du zögerst, sagte er, und mein Gehirn flammt vor Ungeduld!
Er führte mich in das Speisezimmer, sah mich von unten bis oben an und erklärte mich für schön wie eine Lilie, und nicht nur für den Stolz seines Lebens, sondern auch für die Weide seiner Augen. Dann sagte er, er könne mir nur zehn Minuten zum Frühstück lassen, und klingelte. Einer von seinen erst kürzlich neu angenommenen Dienern trat ein.
, Setzt John den Wagen in Stand?
, Ja, Herr.
, Ist das Gepäck schon herunter gebracht?
, Man bringt es soeben, Herr.
, Geh in die Küche und sieh nach, ob der Prediger Wood und der Kirchendiener da sind; dann kehre zurück und bringe mir Bescheid.
Wie der Leser sich erinnert, lag die Kirche gleich hinter dem Parkthor; der Diener war daher sehr bald wieder zurück.
, Herr Wood ist in der Sacristei, mein Herr, und legt sein Chorhemd an.
, Und der Wagen?
, Die Pferde werden eben angeschirrt.
, Wir brauchen den Wagen nicht zur Fahrt in die Kirche, aber im Augenblick, wo wir zurückkehren, muß er bereit und alles Gepäck aufgeladen sein.
, Sehr wohl, mein Herr.
, Johanna, bist du fertig?
Ich erhob mich. Wir hatten keinen Brautführer, keine Brautjungfern und keine Verwandten zu erwarten. Niemand, niemand, als Herr Rochester und ich. Miß Fairfax stand im Vorsaale, als wir vorübergingen. Ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber Herr Rochester hielt meine Hand wie mit eisernen Fingern fest und zog mich so rasch fort, daß ich kaum folgen konnte. In seiner Miene las ich, daß er unter keinen Umständen eine Secunde des Aufschubes dulden würde. Ich hätte wissen mögen, ob wohl je ein Bräutigam so aussah, wie er -- so grimmig entschlossen, und ob jemals die Augen eines Mannes auf einem solchen Wege so energisch geblitzt und gefunkelt haben.
Ich weiß nicht, ob das Wetter gut oder schlecht war; als wir den Weg hinuntergingen, hatte ich weder für den Himmel noch für die Erde Augen. Meine ganze Gedankenwelt gehörte Herrn Rochester. Ich wollte das unsichtbare Wesen sehen, auf welches er seinen zornigen und grimmigen Blick zu richten schien. Ich wollte die Gedanken ergründen, gegen deren Gewalt er anzukämpfen schien.
Am Kirchhofsthore blieb er stehen und bemerkte, daß ich ganz außer Athem sei.
, Bin ich grausam in meiner Liebe? fragte er. , Warte einen Augenblick, stütze dich auf mich, Johanna.
Noch jetzt erinnere ich mich, wie das graue alte Gotteshaus sich still vor mir erhob, wie die Dohlen den Thurm umkreisten und jenseits der röthliche Morgenhimmel strahlte. Ich erinnere mich auch der grünen Grabhügel und habe nicht vergessen, wie die Gestalten von zwei Fremden unter ihnen umherwanderten und die Grabschriften auf den wenigen bemoosten Monumenten lasen. Sie fielen mir auf, weil ich bemerkte, daß sie hinter der Kirche verschwanden, sobald sie uns sahen, und ich zweifelte nicht, sie würden durch den Seitengang ertreten, um der Trauung beizuwohnen. Herr Rochester bemerkte die Fremden nicht; er blickte mir ernst ins Gesicht, aus dem wahrscheinlich auf einen Augenblick alles Blut gewichen war, denn ich fühlte, daß mir der Schweiß auf der Stirne stand und meine Wangen und Lippen eisig kalt wurden. Als ich mich wieder gefaßt hatte, was sehr bald geschah, ging er langsam mit mir auf dem Weg zur Kirchenthür hin.
Wir traten in den stillen und schlichten Tempel. Der Prediger wartete in seinem weißen Chorhemd an dem niedrigen Altar, und der Kirchendiener stand bei ihm. Die Bänke waren leer, nur zwei Schatten bewegten sich in einem entfernten Winkel. Meine Vermuthung traf also zu, die Fremden hatten sich vor uns eingeschlichen und standen jetzt vor dem Grabgewölbe der Familie Rochester, uns den Rücken wendend. Sie betrachteten durch das eiserne Gitter den alten Marmorstein, auf dem ein knieender Engel den Staub des zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston Moore gefallenen Damer von Rochester und seiner Gattin Elisabeth bewachte.
Wir hatten unseren Platz vor dem Altar eingenommen, als ich leise Fußtritte hinter mir hörte. Ich sah mich um. Einer von den Fremden -- ein feiner Herr -- kam den Gagng herauf. Die Ceremonie begann. Die Erklärung der Bedeutung der Ehe war beendet. Jetzt trat der Priester einen Schritt vor, neigte sich ein wenig zu Herrn Rochester hun und fuhr fort:
, Bei dem Tage des Gerichtes, wo die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden, fordere ich Sie Beide auf, mir zu antworten, ob Einem von Ihnen ein Hindernis bekannt ist, welches die gesetzliche Vollziehung dieser Ehe verbietet; denn eine eheliche Verbindung, die gegen Gottes Wort verstößt, ist nicht giltig.
Der Geistliche schwieg, wie es herkömmlich ist. Wann wird die Pause nach dieser Frage jemals durch eine Antwort unterbrochen? Vielleicht nicht einmal in hundert Jahren. Der Geistliche, der seine Augen nicht von seinem Buche erhoben hatte, streckte schon seine Hand gegen Herrn Rochester aus, öffnete seine Lippen und wollte fragen: ‚ Willst du dieses Mädchen hier zu deinem Weibe nehmen? -- als eine deutliche Stimme in der Nähe sprach:
, Die Trauung kann nicht stattfinden, ich erkläre, daß ein Hindernis verhanden ist.
Der Geistliche blickte zu dem Redenden auf und stand sprachlos da; ebenso der Kirchendiener. Herr Rochester war zusammengefahren, als rolle ein Erdbeben unter seinen Füßen hin; doch er richtete sich wieder auf, und sagte, ohne sich nach dem Störenfried umzublicken:
, Fahren Sie fort.
Ein tiefes Schweigen folgte diesen leise aber fest gesprochenen Worten. Herr Wood sagte nach einem Augenblick:
, Ich kann nicht fortfahren, ehe die Wahrheit oder Unrichtigkeit der Behauptung dargelegt worden ist.
, Die Ceremonie der Trauung kann nicht wieder aufgenommen werden, ließ sich die Stimme hinter uns abermals vernehmen. , Ich bin im Stande, meine Behauptung zu beweisen, daß dieser Verbindung ein unübersteigliches Hindernis im Wege steht.
Herr Rochester stand starr da und machte keine weitere Bewegung, als daß er meine Hand fest ergriff. Wie heiß waren seine Finger und wie marmorgleich war seine blasse, feste und massive Stirn in diesem Augenblick!
Herr Wood schien verlegen.
, Von welcher Art ist dieses Hindernis? fragte er. , Vielleicht kann es beseitigt werden.
, Wohl schwerlich, war die Antwort, ich habe das Hindernis ein unübersteigliches genannt und habe guten Grund dazu.
Der Sprechende trat vor, lehnte sich über die Einfassung des Altars und sprach jedes folgende Wort deutlich, ruhig, fest, aber nicht laut aus:
, Es besteht ganz einfach in dem Vorhandensein einer älteren Ehe; Herrn Rochester’s Frau ist noch am Leben.
Meine Nerven erbebten bei diesen Worten, wie ein Donnerschlag sie nie erschüttert hätte, doch war ich gefaßt und nicht in Gefahr, ohnmächtig zu werden. Ich sah Herrn Rochester an. Sein ganzes Auge war Funke und Feuerstein zugleich. Es schien, als wolle er Allem Trotz bieten. Ohne zu reden, umschlang er meine Taille mit seinem Arme und hielt mich so an seiner Seite fest.
, Wer sind Sie? fragte er den Fremden.
, Mein Name ist Briggs, ich bin Rechtsanwalt in London.
, Und Sie wollen mir ein Weib aufdringen?
, Ich will Sie nur an die Existenz Ihrer Gattin erinnern, die das Gesetz anerkennt, wenn Sie es nicht thun.
, Sagen Sie mir etwas Näheres von ihr -- ihren Namen, ihre Verwandtschaft, ihren Aufenthaltsort.
, Gewiß, antwortete Briggs ruhig, indem er ein Papier aus der Tasche zog und folgendes in officiellem Nasaltone vorlas:
, Ich behaupte und kann beweisen, daß am zwanzigsten October des Jahres -- jetzt vor fünfzehn Jahren -- Eduard Fairfax Rochester von Thornfield Hall in der Grafschaft N. in England mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, der Tochter des Kaufmannes Jonas Mason und seiner Frau Antoinette, einer Kreolin, in der Kirche zu Spanish-Town auf Jamaica getraut wurde. Die Trauung findet sich in dem Register jener Kirche verzeichnet, und eine Abschrift davon ist gegenwärtig in meinem Besitze. Unterzeichnet: Richard Mason.
, Wenn das Document echt ist, so mag es beweisen, daß ich verheiratet war; doch beweist es nicht, daß die darin als meine Gattin genannte Frau noch am Leben ist.
, Sie lebte noch vor drei Monaten, entgegnete der Rechtsgelehrte.
, Wie wissen Sie das?
, Ich habe einen Zeugen, der die Thatsache bestätigen kann, dessen Zeugnis selbst Sie, mein Herr, schwerlich bestreiten werden.
, So stellen Sie ihn -- oder gehen Sie zum Teufel.
, Vorerst will ich ihn zur Stelle bringen -- er ist hier. Herr Mason, haben Sie die Güte vorzutreten.
Als Herr Rochester diesen Namen hörte, biß er die Zähne zusammen und ein convulsivisches Beben durchlief seinen Körper. So nahe wie ich ihm war, fühlte ich die krampfhafte Bewegung der Wuth oder
Verzweiflung, welche sich seiner bemächtigte. Der zweite Fremde, der sich bisher im Hintergrunde gehalten, näherte sich jetzt; ein blasses Gesicht sah über die Schulter des Anwalts -- ja es war Mason selber. Herr Rochester wendete sich um und starrte ihn an. Aus seinem Auge schien ein blutiges Licht zu schimmern; seine olivenfarbige Wange, seine blasse Stirn nahmen eine Glut an, als ob Flammen aus seinem Herzen aufstiegen. Er erhob seinen starken Arm und hätte Mason vielleicht zu Boden geschlagen und getödtet -- aber dieser fuhr mit dem matten Ausrufe: ‚ Allmächtiger Gott! zurück. Rochester’s Leidenschaft wich kalter Verachtung.
, Was haben Sie noch zu sagen? fragte er.
Eine unhörbare Antwort entfloh Mason’s blassen Lippen.
, Zum Teufel mit Ihnen, wenn Sie nicht deutlich antworten können. Ich frage noch einmal, was haben Sie zu sagen?
, Mein Herr -- mein Herr, fiel der Geistliche ein, vergessen Sie nicht, daß Sie an einem heiligen Orte sind.
Dann wendete er sich zu Mason und fragte sanft:
, Können Sie mir bestimmte Auskunft geben, ob die Frau dieses Herrn noch lebt oder nicht?
, Muth! sagte der Rechtsgelehrte zu seinem Clienten, reden Sie frei heraus.
, Sie lebt jetzt in Thornfield Hall, sagte Mason mit deutlicher Stimme. , Ich sah Sie zum letzten Mal im April. Ich bin Ihr Bruder.
, In Thornfield Hall! rief der Geistliche. , Unmöglich! ich wohne schon lange in dieser Gegend, mein Herr, und hörte noch nie von einer Mistreß Rochester in Thornfield Hall.
Ich sah wie ein grimmiges Lächeln Herrn Rochester’s Mund verzog.
, Nein -- bei Gott! murmelte er. , Ich trug Sorge, daß niemand unter diesem Namen von ihr hören sollte.
Er sann einige Minuten lang nach. Endlich hatte er einen Entschluß gefaßt und sagte:
, Genug -- genug, jetzt soll Alles auf einmal heraus, wie die Kugel aus dem Laufe. -- Wood, machen Sie Ihr Buch zu und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green, wandte er sich an den Kirchdiener, verlassen Sie die Kirche! Es wird heute keine Trauung stattfinden. Der Mann that, wie ihm geheißen.
Herr Rochester fuhr kühn und unbeirrt fort:
, Bigamie ist ein häßliches Wort, und doch beabsichtige ich, dieses Verbrechen zu begehen -- aber das Schicksal oder die Vorsehung hat mich davon zurückgehalten -- vielleicht ist das Letztere das Richtige. Ich bin in diesem Augenblick wenig besser, als ein Teufel, und verdiene, wie mein Pastor dort sagen würde, ohne Zweifel das strengste Gericht Gottes -- das Feuer, welches nicht erlischt, die ewige Verdammnis. Meine Herren, mein Plan ist vernichtet! -- Was dieser Rechtsgelehrte und sein Client sagen, ist wahr, ich bin verheiratet, und das Weib, welches ich heiratete, ist am Leben! Sie sagten, Wood, Sie hätten nie von einer Mistreß Rochester in Thornfield Hall gehört; aber ohne Zweifel ist Ihnen längst ein Gerücht von einer geheimnisvollen Wahnsinnigen zu Ohren gekommen, die man dort bewacht. Einige werden Ihnen zugeflüstert haben, es sei meine unehelich geborene Schwester, Andere, meine verstoßene Geliebte -- ich sage Ihnen jetzt, es ist mein Weib, das ich vor fünfzehn Jahren heiratete -- Bertha Mason mit Namen, die Schwester dieses heldenhaften Mannes, dessen bebende Glieder und todtenblasse Wangen verkünden, welch’ ein muthiges Herz die Menschen haben können. Beruhigen Sie sich, Richard, fürchten Sie mich nicht, ich würde eher ein wehrloses Weib schlagen als Sie armen Kerl. Bertha Mason ist wahnsinnig, und stammt von einer wahnsinnigen Familie ab, von Wahnsinnigen und Tollen in drei Generationen!
Ihre Mutter, die Kreolin, war nicht nur wahnsinnig, sondern liebte auch den Trunk, was ich est erfuhr, nachdem ich die Tochter geheiratet hatte, denn man hatte vorher über Familienverhältnisse geschwiegen. Als gehorsames Kind ahmte Bertha ihrer Mutter in beiden Stücken nach. Sie können sich denken, was für ein glücklicher Gatte ich war! Welche köstlichen Scenen erlebte ich nicht! O! wenn Sie Alles das nur wüßten! Aber ich bin Ihnen keine weitere Erklärung schuldig, Briggs, Wood, Mason -- ich lade Sie ein, mit in mein Haus zu kommen und Mistreß Poole’s Patientin, meine Gattin, zu besuchen! -- Sie sollen sehen, welches Wesen zu heiraten man mich durch Betrug verlockt hat, und Sie sollen beurtheilen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, einen solchen Vertrag zu brechen, um Trost und Frieden bei einem Wesen zu suchen, das wenigstens menschlich ist. Dieses Mädchen, fuhr er, den Blick auf mich richtend, fort, wußte nicht mehr als Sie, Wood, von dem traurigen Geheimnis; sie glaubte, Alles gehe redlich und gesetzlich zu, und ließ sich nie träumen, daß sie zu einer unrechtmäßigen Verbindung mit einem Betrogenen und Unglücklichen verlockt werde, der schon an ein verworfenes, wahnsinniges und thierisches Geschöpf gebunden ist! Kommen Sie Alle, und folgen Sie mir.
Mich noch festhaltend, verließ er die Kirche, und die drei Herren folgten. An der Hausthür hielt der Wagen.
, Fahre ihn nur wieder in den Schuppen, John, sagte Herr Rochester kalt, wir bedürfen seiner heute nicht.
Am Eingang kamen uns Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Lea engegen, um uns Glück zu wünschen.
, Zurück mit Euch Allen! rief der Herr. , Zum Henker mit Euren Glückwünschen! Wer bedarf ihrer? -- Ich nicht! -- sie kommen fünfzehn Jahre zu spät!
Er ging an den Frauen verüber, mich nich immer an der Hand führend, und winkte den Herren, ihm zu folgen. Wir stiegen die erste Treppe hinauf, gingen durch die Gallerie und begaben uns in das dritte Stockwerk. Die niedrige schwarze Thür, die Herrn Rochester’s Hauptschlüssel öffnete, führte in das tapezierte Zimmer mit dem großen Bette und dem Schranke mit dem kunstvollen Schnitzwerk.
, Sie kennen diesen Ort, Mason, sagte unser Führer, hier wurden Sie von ihr gebissen und verwundet.
Er hob die Vorhänge an der Wand empor, und es zeigte sich eine Thür, die er ebenfalls öffnete. In einem Zimmer ohne Fenster brannte ein Feuer, von einem hohen und starken Gitter umgeben, und eine Lampe hing an einer Kette von der Decke nieder. Gratia Poole neigte sich über das Feuer und schien etwas in einer Pfanne zu kochen. Im Hintergrunde des Zimmers lief eine Gestalt auf und ab. Ob es ein menschliches Wesen war, konnte man auf den ersten Blick nicht erkennen, es schien auf allen Vieren zu gehen und schrie wie ein wildes Thier; aber es war mit Kleidern angethan, und eine Masse dunkelgrauen Haares, wild wie eine Mähne, bedeckte den Kopf und das Gesicht.
, Guten Morgen, Mistreß Poole! sagte Herr Rochester. , Wie geht’s Ihnen, und wie steht’s heute mit Ihrer Kranken?
, Ganz erträglich mein Herr, ich danke Ihnen, versetzte Gratia, ihr kochendes Gericht sorgfältig vom Feuer hebend, etwas bissig, aber nicht tobsüchtig.
Ein wildes Geschrei schien diesen günstigen Bericht Lügen zu strafen; die bekleidete Hyäne erhob sich und stand groß auf ihren Hinterfüßen da.
, Ach Herr, rief Gratia, bleiben Sie lieber nicht da.
, Nur einige Augenblicke, Gratia; die müssen Sie mir gestatten.
, So nehmen Sie sich in Acht, Herr! -- um Gotteswillen, nehmen Sie sich in Acht!
Die Wahnsinnige brüllte, strich ihr struppiges Haar aus dem Gesicht und sah ihre Besucher wild an. Nur zu gut erkannte ich dieses blaurothe Gesicht, diese aufgedunsenen Züge wieder. Gratia Poole näherte sich ihr.
, Aus dem Wege, sagte Herr Rochester, sie auf die Seite schiebend, sie hat doch jetzt kein Messer? Ueberdies bin ich auf meiner Hut.
, Man kann nie wissen, was sie hat, Herr; keine menschliche Klugheit ist im Stande, ihre Hinterlist zu ergründen.
, Es ist besser, wir verlassen sie, flüsterte Mason.
, Geh zum Teufel! war seines Schwagers Rath.
, Jetzt nehmen Sie sich in Acht! rief Gratia.
Die drei Herren zogen sich zugleich zurück. Herr Rochester schleuderte mich hinter sich; die Wahnsinnige sprang auf ihn zu, umfaßte seinen Hals und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht. Sie rangen mit einander. Sie war ein großes Weib, fast von gleicher Größe, wie ihr Mann, und überdies von kräftigen Gliedern. Bei dem Kampfe zeigte sie männliche Kraft -- mehr als einmal hätte sie ihn fast erwürgt, so stark er auch war. Er hätte sie mit einem Schlage zu Boden strecken können, aber er rang nur mit ihr. Endlich bemächtigte er sich ihrer Arme; Gratia Poole gab ihm einen Strick, womit er ihr die Hände auf dem Rücken zusammenschnürte, mit einem zweiten Stricke band er sie am Gitter des Kamins fest. Dies geschah unter wüthendsten Geschrei und krampfhaftester Gegenwehr. Dann wendete sich Herr Rochester zu den Zeugen der aufregenden Scene und sah diese mit bitterem Lächeln an.
, Das ist mein Weib! sagte er. , Dies ist die einzige Umarmung, die ich von meiner Gattin zu erwarten habe, dies sind die Liebkosungen, die mein Leben verschönern sollen! Und dies hier ist das, was mich beglücken könnte, fuhr er fort, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, dieses junge Mädchen, welches so ernst und ruhig vor der Hölle steht und das Treiben eines Teufels mit ansieht. Wood und Briggs, seht den Unterschied an; vergleicht diese klaren Augen mit jenen rothen Feuerkugeln dort -- dieses menschliche Gesicht mit jener Teufelsmaske -- diese zierliche Gestalt mit jenem unförmlichen Klumpen; dann richtet mich, Priester des Evangeliums und Mann des Gesetzes, und erinnert Euch, daß man Euch mit demselben Maße, womit Ihr messet, wieder messen wird! Ich muß mein Kleinod nier verschließen.
Wir entfernten uns Alle. Herr Rochester blieb noch einen Augenblick zurück, um Gratia Poole einige Befehle zu geben. Der Rechtsgelehrte redete mich an, als wir die Treppe hinuntergingen.
, Sie, mein Fräulein, sind frei von aller Schuld, sagte er. Ihrem Oheim wird es lieb sein, dies zu hören, falls er noch am Leben ist, wenn Herr Mason nach Madeira zurückkehrt.
, Mein Oheim! was wissen Sie von ihm? Kennen Sie ihn?
, Herr Mason kennt ihn. Herr Eyre ist seit einigen Jahren der Correspondent seines Hauses. Als ihr Oheim Ihren Brief erhielt, worin Sie ihm Ihre beabsichtigte Verbindung mit Herrn Rochester ankündigten, war Herr Mason, der sich auf dem Wege nach Jamaica auf Madeira aufhielt, um seine Gesundheit wieder herzustellen, gerade bei ihm. Herr Eyre erwähnte der Nachricht von Ihrer Verlobung, denn er wußte, daß mein Client mit einem Herrn Namens Rocheser bekannt sei. Herr Mason, der wie Sie sich denken können, nicht wenig erstaunt war, entdeckte ihm den wahren Stand der Dinge. Ihr Oheim liegt jetzt leider auf dem Krankenbette, von dem er, da er die Auszehrung hat, wohl schwerlich wieder aufkommen dürfen. Er konnte also nicht selber nach England eilen, um Sie aus der Schlinge zu befreien, in die Sie gefallen, doch bat er Herrn Mason, keine Zeit zu verlieren, um die ungesetzliche Heirat zu verhindern. Er wies ihn an mich, um ihm Beistand zu leisten. Ich zögerte keinen Augenblick und freue mich, daß ich nicht zu spät gekommen bin. Wäre ich nicht überzeugt, daß Ihr Oheim gestorben sein wird, ehe Sie Madeira erreichen können, so würde ich Ihnen rathen, Herrn Mason zurückzubegleiten; so wie die Sache steht, halte ich es aber für besser, daß Sie in England bleiben, bis Sie etwas Näheres über Herrn Eyre hören. Haben wir noch sonst irgend etwas hier zu thun? fragte er Herrn Mason.
, Nein, nein -- lassen Sie uns gehen, war die ängstliche Antwort; und ohne von Herrn Rochester Abschied zu nehmen, verließen Beide das Haus. Der Geistliche blieb noch ein wenig länger, um einige Worte der Ermahnung an sein auf Abwege gerathenes Gemeindemitglied zu richten. Nach Erfüllung dieser Pflicht entfernte auch er sich.
Ich hörte ihn fortgehen, als ich in der halb offenen Thür meines Zimmers stand, wohin ich mich zurückgezogen hatte. Im Hause war es nun wieder ruhig geworden, ich schloß mich ein und verriegelte die Thür, damit Niemand mich stören solle. Ich war unter der Wucht des Erlebten noch so erstarrt, daß ich nicht zu weinen vermochte, sondern legte meschanisch meinen Brautstaat ab und zog mein wollenen Kleid wieder an, welches ich gestern, wie ich geglaubt zum letzten Mal getragen. Dann setzte ich mich nieder, aufs äußerste erschöpft und ermattet, stützte meine Arme auf den Tisch und ließ meinen Kopf darauf niedersinken. Jetzt erst vermochte ich wieder zu denken; bis dahin hatte ich nur gehört, gesehen, war hinauf- und hinuntergelaufen, wohin man mich geführt, hatte ein Ereignis nach dem anderen an mir vorübergehen und ein Geheimnis nach dem anderen sich lösen sehen -- aber jetzt war ich wieder Herr meines Denkens, war ich wieder ganz ich selber, ohne merkliche Veränderung. Nichts hatte mich betroffen, Niemand mich beschimpft oder beleidigt. Und doch, wo war die Johanna Eyre von gestern? -- wo waren ihre Hoffnungen?
Johanna Eyre, die ein liebendes und hoffnungsfreudiges Weib, ja fast eine Gattin gewesen, war wieder ein verlassenes, einsames Mädchen, ihr Leben war ohne Freuden, ihre Aussichten trostlos. Es war mitten im Sommer plötzlich Winter geworden; Rauhfrost lag auf den reifen Früchten, Schneelagen drückten die blühenden Rosen nieder; auf Heu- und Kornfeldern lag ein erstarrendes Leichentuch, Wege, die am letzten Abend noch von blühenden Gesträuchen und Blumen umgeben gewesen, waren jetzt vom Schnee verweht, und die Wälder, die noch vor zwölf Stunden in heiterem Grün prangten, standen öde und entlaubt. Alle meine Hoffnungen waren erstorben -- von einem tödtlichen Schlage getroffen, gleich dem, der in der Nacht die ganze Erstgeburt im Lande Aegypten tödtete. Ich sah auf meine theuersten Wünsche, die gestern noch so glühend waren, sie lagen da wie starre Leichen, die nie wieder aufleben konnten. Ich dachte an meine Liebe, jenes Gefühl, welches meinem Herrn gehörte, welches er geschaffen hatte; sie bebte in meinem Herzen; sie konnte Herrn Rochester’s Arme nicht mehr suchen, sie konnte keine Lebenswärme mehr an seiner Brust finden. O! nie konnte sie sich mehr zu ihm wenden, denn der Glaube war vernichtet, das Vertrauen zerstört! Herr Rochester war nicht mehr für mich, was er gewesen, denn er war nicht, wofür ich ihn gehalten. Ich wollte ihn keiner Schlechtigkeit beschuldigen; ich wollte nicht sagen, er habe mich betrogen, aber mit dem Gedanken an ihn verband ich nicht mehr das Attribut fleckenloser Wahrheit, und aus seiner Nähe mußte ich gehen, das sah ich wohl ein. Wann -- wie -- wohin? konnte ich noch nicht bestimmen; doch ich zweifelte nicht, er selber werde mich aus Thornfield weisen. Wahre Liebe, so schien es mir, konnte er nicht für mich empfinden; es war nur eine kurze, auflodernde Leidenschaft gewesen, dieser war ein Hindernis in den Weg getreten, und er bedurfte meiner nicht mehr. Jetzt mußte ich mich fürchten, ihm zu begegnen; mein Anblick mußte ihm verhaßt sein. O! wie blind war ich gewesen! wie schwach hatte ich gehandelt!
Meine Augen waren bedeckt und geschlossen, wirbelnde Finsternis schien mich zu umgeben; wie eine schwarze, stürmische Flut stürzten die Gedanken über mich her. Von mir selber verlassen, macht- und kraftlos, schien es mir, als läge ich in dem ausgetrockneten Bette eines großen Flusses, ich hörte eine Flut daherrauschen durch die fernen Gebirge und fühlte, wie der Strom herankam; aufzustehen hatte ich nicht den Willen, zu fliehen nicht die Kraft. Ohnmächtig lag ich da und wünschte nur, zu sterben. Nur noch ein Gedanke regte sich in mir -- die Erinnerung an Gott. Ich wollte beten: , Bleibe bei mir, o mein Gott, denn die Prüfung ist nahe und kein Helfer da! Aber die Worte verwirrten sich in meinem Geiste, und da ich keine Bitte zum Himmel erhob, die Prüfung abzuwenden, da ich weder meine Hände faltete, meine Knie beugte, noch meine Lippen bewegte, so kam die Prüfung, und in vollem, rauschendem Strome ergoß sich die wilde Flut über mich. Das ganze Bewußtsein meines verfehlten Lebens, meiner verlorenen Liebe, meiner erloschenen Hoffnung, meines vernichteten Glaubens strömte schonungslos über mich dahin. Jene bittere Stunde ist nicht zu beschreiben. Ich hatte allen Halt in der äußeren und inneren Welt verloren und war der Verzweiflung nahe.
Siebenundzwanzigstes Capitel.
Gegen Abend erhob ich meinen Kopf, sah um mich, bemerkte den röthlichen Schein der untergehenden Sonne an der Wand und fragte mich:
, Was soll ich thun?
Aber die Antwort, die mir meine Vernunft gab: , Verlaß Thornfield sogleich, -- war so bestimmt, so schrecklich, daß ich mir die Ohren zuhielt und mir sagte, ich könne diesen Gedanken jetzt nicht ertragen.
, Daß ich nicht Eduard Rochester’s Braut bin, ist der geringste Theil meines Leidens, sagte ich mir, daß ich aus den herrlichsten Träumen erwacht bin und sie alle eitel und trügerisch gefunden habe, ist schrecklich, aber ich kann es noch ertragen und überwinden; daß ich ihn jedoch augenblicklich und auf immer verlassen muß, ist entsetzlich. Ich vermag es nicht.
Dann aber sprach eine Stimme in mir, daß ich es doch könne und daß ich es thun würde. Ich rang mit meinem Entschlusse, ich hätte schwach sein mögen, um dem furchtbaren Entschlusse auszuweichen, zu dem ich mich aufraffen mußte.
, So mag ich denn untergehen! rief die Leidenschaft in mir, so mag mir nur Einer helfen!
, Nein, widersprach mein Gewissen, du sollst dich selbst überwinden; Niemand soll dir helfen, du sollst selbst dein rechtes Auge aufreißen, selbst deine rechte Hand abhauen, dein Herz soll das Opfer sein und du selbst die Priesterin, die es darbringt.
Ich erhob mich plötzlich, von Entsetzen fast gelähmt, als ein so unerbitterlicher Richter sich in mir hören ließ. Mein Kopf schwindelte, ich fühlte, daß ich vor Aufregung und Erschöpfung einer Ohnmacht nahe war, weder Speise noch Trank war an dem Tage über meine Lippen gekommen. Jetzt überdachte ich mit seltsamer Angst, daß man, so lange ich hier eingeschlossen gewesen, nicht geschickt hatte, um zu fragen, wie ich mich befinde, noch um mich einzuladen, hinunter zu gehen. Nicht einmal die kleine Adele hatte an die Thür geklopft, auch Mistreß Fairfax hatte mich nicht besucht.
, Stets vergessen die Freunde diejenigen, welche das Glück verläßt, murmelte ich, als ich den Riegel öffnete und hinausging. Ich stolperte über einen Gegenstand; mein Kopf war noch schwindelig, meine Augen trübe und meine Glieder schwach. Ich konnte mich nicht sogleich fassen, ich fiel aber nicht auf den Boden, ein ausgestreckter Arm fing mich auf. Ich blickte empor -- Rochester, der dicht vor meiner Thür auf einem Stuhle saß, stützte mich.
, Endlich kommst du heraus, sagte er. , Ich habe lange auf dich gewartet und an der Thüre gehorcht, doch keine Bewegung, kein Schluchzen habe ich gehört; noch fünf Minuten dieser Todtenstille und ich hätte das Schloß erbrochen, wie ein Räuber. Also du willst mir ausweichen? -- Du schließest dich ein und hängst allein deinem Kummer nach? Ich wollte lieber, du wärest gekommen und hättest mich heftig zur Rede gestellt. Du bist leidenschaftlich, er erwartete eine Scene der Art. Ich war darauf gefaßt, dich heiße Thränen vergießen zu sehen, nur hätte ich gewünscht, daß sie an meiner Brust geflossen wären. Aber du hast nicht geweint! Ich sehe eine bleiche Wange und ein mattes Auge, aber keine Spur von Thränen. Dein Herz hat also wohl kein Blut geweint?
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:
, Nun, Johanna, kein Wort des Vorwurfs? Keine Bitterkeit -- kein Ausbruch der Leidenschaft -- keine Kränkung? Du sitzest ruhig da, wo ich dich hingesetzt habe, und siehst mich mit matten und leidendem Blicke an. -- Johanna, es war nicht meine Absicht, dich so zu verwunden. Wenn der Mann, der nur ein einziges kleines Lämmchen besaß, das ihm theuer war, wie eine Tochter, das von seinem Brote aß, aus seinem Becher trank und in seinem Schoße ruhte, es aus Versehen geschlachtet hätte, könnte er diesen blutigen Fehlgriff nicht schwerer bereuen, als ich den meinen bereue. Wirst du mir je vergeben?
Ich vergab ihm in dem Augenblicke und auf der Stelle. Es war so tiefe Reue in seinen Augen, so wahres Mitleid in seinem Tone, so männliche Energie und so unveränderliche Liebe in seinem ganzen Wesen, daß ich ihm Alles vergab, doch nicht in Worten, nur im Innersten meines Herzens.
, Du weißt, daß ich ein Schurke bin, Johanna? fragte er nach einer Pause bedeutungsvoll, wahrscheinlich verwundert über mein Schweigen und meine Ruhe, die mehr meiner Schwäche, als meinem Willen entsprang.
, Ja, Herr.
, Dann sage es mir offen und mit scharfen Worten -- schone meiner nicht.
, Ich kann es nicht, ich bin müde und krank. Ich möchte etwas Wasser haben.
Er stieß einen schweren Seufzer aus, faßte mich in seine Arme und trug mich die Treppe hinunter. Anfangs wußte ich nicht, in welches Zimmer er mich getragen; alles war trüb vor meinen umflorten Augen, bald aber empfand ich die belebende Wärme eines Feuers; denn wenn es gleich Sommer war, so war es doch eiskalt in meinem Zimmer geworden. Er hielt mir Wein an die Lippen von dem ich tank, dann aß ich etwas, was er mir anbot, und kam bald wieder zu Kräften. Ich befand mich im Bibliothekzimmer -- saß in seinem Sessel -- er war mir ganz nahe.
, Wenn ich jetzt ohne zu große Qual aus dem Leben scheiden könnte, so wäre es gut für mich, dachte ich, dann würde mir die harte Prüfung erspart bleiben, meinen Herzensnerv zu zerreißen, indem ich mich von dem seinigen lossage. Ich müßte ihn eigentlich verlassen, aber -- ich kann und will ihn nicht verlassen!
, Wie ist dir jetzt, Johanna?
, Viel besser, Herr; es wird mir bald ganz wohl sein.
, Koste von dem Wein noch einmal, Johanna.
Ich gehorchte ihm; dann setzte er das Glas auf den Tisch, stand vor mir und sah mich aufmerksam an. Plötzlich wendete er sich mit einem unartikulirten Ausruf voll leidenschaftlicher Aufregung ab, ging rasch durchs Zimmer, kehrte zurück und neigte sich zu mir nieder, als wollte er mich küssen; doch erinnerte ich mich, daß Liebkosungen jetzt nicht mehr am Platze seien, wendete mein Gesicht ab und schob das seinige zurück.
, Was! -- was soll das bedeuten? rief er hastig. , O! ich weiß, du willst Bertha Mason’s
Schatten nicht küssen, denkst, meine Liebkosungen und Umarmungen kämen einer Anderen zu?
, Auf jeden Fall habe ich keinen Anspruch darauf, mein Herr.
, Warum, Johanna? Ich will dir die Mühe des vielen Sprechens ersparen und für dich antworten -- weil ich schon ein Weib habe, willst du sagen. -- Ist meine Vermuthung richtig?
, Ja.
, Wenn du so denkst, mußt du mich als einen gemeinen und niedrigen Schuft betrachten, der uneigennützige Liebe geheuchelt hat, um dich in eine absichtlich gestellte Schlinge zu locken, dir die Ehre und die Selbstachtung zu rauben. Was sagst du dazu? Ich sehe, daß du nichts zu sagen weißt. Du kannst es noch nicht über dich gewinnen, mir eine so schwere Beschuldigung ins Gesicht zu schleudern, und fühlst dich nicht aufgelegt, mir Vorwürfe zu machen und eine Scene herbeizuführen. Du sagst dir, daß das Reden nutzlos ist, und du denkst darüber nach, wie du handeln sollst. -- Ich kenne dich -- ich bin auf meiner Hut.
, Mein Herr, ich denke nicht daran, gegen Sie zu handeln, sagte ich und vermochte nur mit Mühe, die Thränen zurückzuhalten.
, Nicht in deinem Sinne des Wortes -- aber in meinem, gedenkst du, mich zu Grunde zu richten. Du hast es ausgesprochen, daß ich ein verheirateter Mann bin; als einen verheirateten Mann wirst du mich meiden, mir aus dem Wege gehen. Du beabsichtigst, dich mir gänzlich zu entfremden und unter diesem Dache nur als Adelens Gouvernante zu leben. Wenn ich je ein freundliches Wort zu dir sage, wenn dich je wieder ein freundliches Gefühl für mich beschleicht, wirst du sagen: Dieser Mann hätte mich beinahe zu seiner Maitresse gemacht, für ihn darf ich keine wärmeren Gefühle mehr haben.
Ich suchte meine Stimme zu festigen und antwortete:
, Alles um mich her ist veändert, mein Herr; ich muß mich auch verändern -- daran ist nicht zu vorzubeugen und beständige Kämpfe mit Erinnerungen zu vermeiden, gibt es nur ein Mittel: Adele muß eine neue Gouvernante haben, mein Herr.
, O, Adele wird die Schule besuchen, das habe ich schon bestimmt, auch will ich dich nicht mit den grauenhaften Erinnerungen an Thornfield Hall quälen, an diesen verdammten Ort, an diese Hölle mit ihrem Teufel, der ärger ist, als eine Legion von denen, die in unserer Phantasie leben. -- Johanna, du sollst nicht hier bleiben, ich wollte das auch nicht. Ehe ich dich nur sah, befahl ich Allen hier im Hause, dir jede Kenntnis von dem Fluche dieses Ortes vorzuenthalten; ich fürchtete, nie eine Gouvernante für Adele zu finden, welche bleiben würde, wenn sie wüsste, mir wem sie unter einem Dach sei. Meine Pläne gestatteten mir nicht, die Wahnsinnige anderswohin zu bringen. Zwar besitz ich ein altes abgelegenes Haus namens Ferndean Manor, wo ich sie sicher genug hätte unterbringen können, und die ungesunde Lage mitten im Walde, wie die feuchten Wände würden mich bald genug von meiner Last befreit haben, aber mein Gewissen schreckte, so sehr ich jenes Scheusal auch hasse, vor einem indirecten Morde zurück. Die Nähe des wahnsinnigen Weibes vor dir zu verbergen, war indessen gerade so klug, als deckte man ein Kind mit einem Mantel zu und legte es unter einen Giftbaum; die Nachbarschaft jenes Dämons ist vergiftet, und war es stets. Aber ich will Thornfield Hall verschließen, ich will die große Einfahrt vernageln und die unteren Fenster vermauern lassen; ich will Mistreß Poole zweihundert Pfund jährlich geben, um hier mit meiner Gattin zu wohnen, wie du dieses furchtbare Geschöpf nennst. Gratia thut gar viel für Geld, und ihr Sohn, der Verwalter von Grimsby Retreat, wird ihr Gesellschaft leisten und ihr beistehen, wenn meine Gattin ihre Anfälle bekommt und von ihrem bösen
Dämon getrieben wird, die Leute Nachts in ihren Betten zu verbrennen, sie zu erstechen oder ihnen das Fleisch von den Knochen zu beißen.
, Mein Herr, unterbrach ich ihn, Sie haben kein Mitleid für jene unglückliche Frau, Sie reden mit Haß von ihr, mit rachsüchtigem Widerwillen. Das ist grausam -- sie kann nicht dafür, daß sie wahnsinnig ist.
, Johanna, mein kleiner Liebling (so will ich dich nennen, denn das bist du), du weißt nicht, was du redest, und verkennst mich schon wieder. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich sie. Wenn du wahnsinnig würdest, glaubst du, daß ich dich hassen würde?
, Das glaube ich in der That, mein Herr.
, Da kennst du weder mich, noch die Gewalt der Liebe, deren ich fähig bin. Dein Geist ist mein Kleinod, und wenn er gestört wäre, würde er doch immer noch mein Kleinod sein. Wenn du wahnsinnig wärest, würden meine Arme dich umschließen, und nicht eine Zwangsjacke. Deine Berührung, selbst in der Tobsucht, würde einen Reiz für mich haben. Wenn du so wild auf mich losführest, wie jenes Weib diesen Morgen that, würde ich dich mit einer Umarmung empfangen, die wenigstens ebenso zärtlich als fest sein sollte. Ich würde nicht mit Abscheu vor dir zurückbeben, wie vor ihr; in deinen ruhigen Augenblicken solltest du keinen Wächter und keinen Krankenwärter haben, als mich. Ich könnte mich mit unermüdlicher Zärtlichkeit über dich neigen, wenn du mich auch mit keinem Lächeln erfreutest, und würde nicht ablassen, in deine Augen zu blicken, wenn sie auch keinen Strahl des Erkennens für mich mehr hätten. -- Aber warum verfolge ich diesen Ideengang? Ich sprach davon, dich von Thornfield wegzubringen. Du weißt, es ist Alles zur Abreise bereit. Ich bitte dich nur noch eine Nacht unter diesem Dache zu verweilen, Johanna; dann magst du auf immer dem Elend und Schrecken dieses
Hauses Lebewohl sagen! Ich weiß einen Ort, der gleich einem Heiligthum dich vor verhaßten Erinnerungen, vor unwillkommenen Besuchen und selbst vor Verleumdungen schützen wird.
, Und nehmen Sie Adele mit sich, fiel ich ein, sie wird eine passende Gesellschafterin für Sie sein.
, Was willst du damit sagen, Johanna? Ich sagte dir ja, ich wolle Adele in die Schule schicken, und was soll ich mit einem Kinde als Gesellschafterin? Und es ist noch nicht einmal mein eigenes Kind --sondern der Bastard einer französischen Tänzerin. Warum willst du mir Adelen zu meiner Gesellschafterin geben?
, Sie sprachen von einem zurückgezogenen Aufenthalte, mein Herr; Zurückgezogenheit und Einsamkeit sind langweilig -- viel zu langweilig für Sie.
, Einsamkeit! Einsamkeit! fuhr er auf. , Ich sehe, ich muß mich deutlicher erklären. Ich weiß nicht, welcher räthselhafte Ausdruck sich in deinem Gesichte zeigt. Du sollst meine Einsamkeit theilen. Verstehst du mich?
Ich schüttelte den Kopf, seiner heftigen Aufregung gegenüber bedurfte ich einigen Muthes, selbst dieses stumme Zeichen meiner abweichenden Ansicht zu wagen. Er war rasch im Zimmer auf- und abgegangen, blieb plötzlich wie eingewurzelt vor mir stehen und sah mich lange und fest an. Ich wendete meine Augen von ihm ab, richtete sie auf das Feuer und suchte mir ein ruhiges, gefaßtes Aeußere zu geben.
, Jetzt haben wir den Haken in Johanna’s Charakter, sagte er endlich in ruhigerem Thone, als ich nach seinen Blicken erwartet hatte. , Der Seidenhaspel hat sich bis dahin leicht und glatt gedreht; doch ich wußte im voraus, daß ein Knoten kommen würde, und da haben wir ihn nun. Jetzt kommt Aufregung und Erbitterung und endloser Kummer! Bei Gott! es verlangt mich, Simsons Stärke anzuwenden und die Fesseln wie Werg zu zerreißen!
Er setzte seinen Gang fort, blieb aber bald wieder vor mir stehen.
, Johanna! willst du auf vernünftige Gründe hören? fragte er, während er sich niederbeugte und seinen Mund meinem Ohr nahe brachte, wenn du es nicht willst, muß ich Gewalt anwenden.
Seine Stimme war heiser, sein Blick der eines Mannes, der im Begriff ist, eine unerträgliche Fessel zu sprengen. Ich sah, daß ich im nächsten Augenblicke, wenn sich seine Wuth noch mehr steigerte, nichts mehr mit ihm würde anfangen können; eine Geberde der Zurückweisung, des Abscheus oder der Furcht hätte mein Geschick und das seinige besiegelt. Aber ich fürchtete mich nicht; nicht im Geringsten. Ich fühlte eine innere Kraft, ich hatte das Bewußtsein der Herrschaft über ihn, was mich aufrecht hielt. Ich faßte seine geballte Hand, löste die krampfhaft zusammengezogenen Finger und sagte besänftigend:
, Setzen Sie sich nieder; ich will so lange mit Ihnen sprechen, wie Sie wollen, und Alles anhören, was Sie mir zu sagen haben, sei es nun vernünftig oder unvernünftig.
Er setzte sich, doch konnte er noch nicht sogleich reden. Ich hatte schon lange mit den Thränen gekämpft, da ich wußte, daß er mich nicht gerne weinen sah. Jetzt aber ließ ich ihnen freien Lauf. Wenn ihm die Thränenflut lästig war, umso besser.
Als er mich lebhaft bat, ich möge mich fassen, gab ich zur Antwort, ich könne es nicht, so lange er sich einer solchen Leidenschaft überlasse.
, Aber ich bin ja nicht zornig, meine Johanna; du hattest dein kleines bleiches Gesicht mit einem so entschlossenen und eisigen Blicke gestählt, daß ich es nicht ertragen konnte. Sei jetzt still und trockne deine Augen.
Seine besänftigte Stimme zeigte, daß er überwunden war; da wurde auch ich ruhig. Jetzt machte er den Versuch seinen Kopf an meine Schulter zu lehnen, aber ich wollte es ihm nicht gestatten.
, Johanna! Johanna! sagte er im Tone so bitterer Traurigkeit, daß es durch alle meine Nerven bebte, so liebst du mich also nicht? So war es also nur mein Stand und Rang, was du schätzest? Jetzt, da du mich für unfähig hältst, dich zu meiner Gattin zu machen, weichst du vor meiner Berührung zurück, als wäre ich eine giftige Kröte.
Diese Worte schnitten mir ins Herz. Vielleicht hätte ich nichts sagen sollen, doch wurde ich so gequält von der Reue, seine Gefühle verletzt zu haben, daß ich mich nicht enthalten konnte, Balsam in die von mir geschlagene Wunde zu tröpfeln.
, Ich liebe Sie mehr als je, sagte ich, aber ich darf mich dieser Empfindung nicht mehr hingeben; und dies ist auch das letzte Mal, daß ich ihr Worte verleihe.
, Das letzte Mal, Johanna! Was! Glaubst du, du könntest mit mir leben, mich täglich sehen, und doch, wenn du mich noch liebst, immer kalt und fremd gegen mich bleiben?
, Nein, mein Herr, das könnte ich allerdings nicht; und deshalb sehe ich nur einen einzigen Ausweg. Aber Sie werden wieder in Zorn gerathen, wenn ich ihn nenne.
, O, nenne ihn nur! wenn ich tobe und wüthe, so verstehst du hingegen die Kunst des Weinens.
, Herr Rochester, ich muß Sie verlassen. Ich muß Adele und Thornfield verlassen. Ich muß mich von Ihnen für mein ganzes Leben trennen; ich muß ein neues Dasein unter fremden Gesichtern und unter anderem Himmel beginnen.
, Natürlich, ich sagte dir ja, daß du es solltest. Auf den Wahnsinn, daß du dich von mir für immer trennen willst, gehe ich gar nicht erst ein. Aber was das neue Dasein betrifft, so hast du Recht. Du sollst dennoch mein Weib werden, ich bin nicht verheiratet. Du sollst Mistreß Rochester dem Namen und der That nach werden. Wir werden einander gehören, so lange wir Beide leben. Du sollst an einen Ort gehen, den
ich im südlichen Frankreich besitze, nach einer Villa an der Küste des mittelländischen Meeres. Dort sollst du ein glückliches, ein sicheres und unschuldiges Leben führen. Warum schüttelst du den Kopf? Johanna, du mußt vernünftig sein, oder ich komme wieder von Sinnen.
Seine Stimme bebte, seine Hand zitterte, seine Nasenflügel erweiterten sich, sein Auge sprühte Flammen; dennoch wagte ich zu reden.
, Mein Herr, Ihre Gattin lebt; dies ist eine Thatsache, die Sie diesen Morgen selbst anerkannten. Fragen Sie sich selbst, mit welchem Namen man das Verhältnis bezeichnen würde, wenn ich mit Ihnen zusammen lebte. Das Blut verließ seine Lippen, sie wurden todtenblaß; ich sah Unheil auf allen Seiten. Ihn so heftig aufzuregen durch einen Widerstand, der ihn so außer sich brachte, war grausam; von Nachgeben konnte meinerseits keine Rede sein. Ich that, was menschliche Wesen instinctmäßig thun, wenn sie zum Aeußersten getrieben werden -- ich erwartete Hilfe von einem höheren Wesen, und die Worte: ,Gott helfe mir! entflohen unwillkürlich meinen Lippen.
, Ich bin ein Thor! rief Rochester plötzlich. , Ich sage ihr immer, ich bin nicht verheiratet und erkläre ihr nicht, warum. Ich vergessen, daß sie nicht von dem Charakter jenes Weibes weiß, noch von den Umständen, die meine unglückliche Verbindung mit ihr begleiteten. O! ich bin gewiß, Johanna wird mit meiner Ansicht übereinstimmen, wenn sie alles weiß, was ich weiß! Lege deine Hand in die meinige, Hannchen, damit ich fühle, daß du mir nahe bist -- und ich will dir in wenigen Worten den wahren Stand der Dinge erklären. Willst du mich anhören?
, Ja, Herr, stundenlang, wenn Sie wünschen.
, Ich fordere nur Minuten, Johanna. hörtest du je, oder weißt du, daß ich nicht der älteste Sohn meines Hauses war, sondern einen älteren Bruder hatte?
, Ich erinnere mich, daß Mistreß Fairfax es mir einst sagte.
, Und hörtest du auch, daß mein Vater ein geiziger, habsüchtiger Mann war?
, Ich habe etwas davon vernommen.
, Weil er dies war, so wollte er die Besitzung zusammenhalten; er konnte den Gedanken nicht ertragen, sie zu theilen und mir ein schönes Erbe zu hinterlassen. Er beschloß, Alles solle meinem Bruder Roland zufallen. Da sich aber sein Familienstolz dagegen auflehnte, daß ein Rochester ein armer Teufel sein sollte, su mußte für mich durch eine reiche Heirat gesorgt werden. Er suchte mir bei Zeiten eine Partie aus. Herr Mason, ein westindischer Pflanzer und Kaufmann, war sein alter Bekannter, der ungeheure Besitzungen haben sollte. Durch Nachforschungen stellte mein Vater fest, daß Herr Mason einen Sohn und eine Tochter habe, und erfuhr überdies, daß die letztere eine Mitgift von dreißigtausend Pfund erhalten werde, und das reichte hin. Als ich die Universität verließ, wurde ich nach Jamaica geschickt, um eine Braut zu heiraten, um die man schon für mich geworben. Mein Vater sprach nicht von ihrem Gelde; aber er sagte mir, Miß Mason sei in Spanish-Town wegen ihrer Schönheit berühmt, und dies war keine Lüge. Ich fand ein Weib im Styl von Blanche Ingram; groß, dunkel und majestätisch. Ihre Familie wünschte sich meiner zu versichern, weil ich von gutem Herkommen war; und das wünschte auch die Tochter. Man zeigte sie mir in Gesellschaften, wo sie glänzend gekleidet war. Ich sah sie selten allein und hatte sehr wenig Gelegenheit, unter vier Augen mit ihr zu reden. Sie schmeichelte mir und entfaltete alle ihre Reize und Talente in reichlichstem Maße. Alle Männer in ihrem Kreise schienen sie zu bewundern und mich zu beneiden. Ich war geblendet und gereizt, meine Sinne waren aufgeregt. Unerfahren, unbekannt mit der Welt und mit meinem eigenen Herzen, glaubte ich sie zu lieben. Es gibt keine widersinnige Thorheit, wozu die tolle Rivalität der Gesellschaft, die Begierde, die Unbesonnenheit und Blindheit der Jugend einen Mann von meinem damaligen Alter nicht fortreißen könnten. Die Verwandten des Mädchens ermuthigten mich; Mitbewerber reizten mich; sie lockte mich an sich; die Trauung wurde vollzogen, fast ehe ich wußte, wo ich war. O! ich verliere allen Glauben an mich selbst, wenn ich daran denke -- eine Qual innerer Verachtung überwältigt mich. Ich liebte sie nie, ich achtete sie nicht, ich kannte sie kaum. Ich wußte von keiner einzigen Tugend ihres Charakters, ich hatte weder Bescheidenheit, noch Wohlwollen, noch Reinheit, noch Bildung in ihrem Geiste oder in ihren Sitten bemerkt -- und ich heiratete sie -- ich kurzsichtiger, erbärmlicher Dummkopf, der ich war! -- Die Mutter meiner Braut hatte ich nie gesehen, ich hörte, sie sei todt. Als die Flitterwochen vorüber waren, erfuhr ich, daß die Mutter wahnsinnig und in einem Irrenhause untergebracht sei. Es war noch ein jüngerer Bruder da, ein stummer, völliger Idiot. Der ältere wird einem ähnlichen Schicksale kaum entgehen. Du hast ihr hier gesehen, und wie sehr er auch meine Pläne durchkreuzt hat, so kann ich ihn doch nicht hassen, weil er eine Spur von Liebe in seinem schwachen Geiste hatte, die er in dem beständigen Antheil an seiner elenden Schwester und auch in der hündischen Anhänglichkeit für mich zeigte. Mein Vater und mein Bruder Roland waren mit allen diesen Verhältnissen bekannt, aber sie dachten nur an die dreißigtausend Pfund und ließen sich auf das Complott gegen mich ein. Dies waren traurige Entdeckungen; aber wären sie mir nicht so verrätherisch verheimlicht worden, so würde ich sie meinem Weibe nicht zum Vorwurfe gemacht haben, selbst dann nicht, als sich herausstellte, daß ihre Natur der meinigen gänzlich fremd, ihr Geschmack dem meinigen entgegengesetzt war, daß sie ohne Gemüth, von gemeiner, niedriger Gesinnung und gänzlich unfähig sei, sich zu etwas Höherem leiten, sich zu etwas Größerem erheben zu lassen. Ich fügte mich ergeben in mein Schicksal, als ich fand, daß ich keine einzige Stunde mit ihr in Behagen und Ruhe verbringen konnte, daß keine vernünftige Unterhaltung zwischen uns möglich sei, weil sie jedem Gesprächsgegenstand sofort eine rohe, gemeine Seite abzugewinnen wußte. Selbst als ich bemerkte, daß ich nie einen geordneten Haushalt haben würde, weil kein Diener der beständigen Ausbrüche ihrer heftigen Laune oder die Plackerei ihrer widersprechenden und gebieterischen Befehle ertragen wollte -- selbst da beherrschte ich mich noch, enthielt mich aller Vorwürfe und machte nur ruhige Gegenvorstellungen. Johanna, ich will dich nicht mit widerwärtigen Einzelheiten belästigen; einige Worte sollen ausdrücken, was ich zu sagen habe. Ich lebte mit jenem Weibe vier Jahre lang und ehe diese Zeit um war, entwickelte sich ihr Charakter mit furchtbarer Schnelligkeit; rasch und wild wuchsen ihre Laster auf, sie waren si mächtig, daß ich nur die grausamen Maßregeln sie hätten hemmen können; aber Grausam wollte ich nicht anwenden. Welch’ einen kleinen Geist und welche riesenhaften Begierden hatte sie! Wie furchtbar war der Fluch, unter welchem ich litt. Bertha Mason -- die würdige Tochter einer verworfenen Mutter – schleppte mich durch alle die scheußlichen und entehrenden Qualen, die ein Mann erdulden muß, der an ein leidenschaftliches Weib gebunden ist. Inzwischen war mein Bruder gestorben und nach Verlauf jener vier Jahre starb mein Vater auch. Ich war jetzt reich genug -- und doch hätte ich den Aermsten beneiden mögen, denn die roheste und verworfenste Natur war mit mir zusammengekettet und wurde vom Gesetze und von der Gesellschaft ein Theil von mir genannt. Ich konnte mich durch kein gesetzliches Verfahren von ihr befreien, denn die Aerzte entdeckten jetzt, daß mein Weib wahnsinnig sei -- ihre Ausschweifungen hatten frühzeitig die Keime des Wahnsinns entwickelt. -- Johanna, dir gefällt meine Erzählung nicht; du siehst fast krank aus -- soll ich das Uebrige auf einen anderen Tag verschieben?
, Nein, mein Herr, erzählen Sie zu Ende, ich bemitleide Sie -- bemitleide Sie aus tiefstem Herzen.
, Mitleid, Johanna, ist zuweilen ein trauriger und kränkender Tribut, wenn er von rohen und selbstsüchtigen Menschen dargebracht wird, welche damit Verachtung verbinden. Aber dein Mitleid, Johanna, gleicht jenem nicht; das Mitleid, welches deine Mienen ausdrücken, wovon deine Augen jetzt fast überfließen -- wovon deine Hand in der meinen zittert, ist die schmerzensreiche Mutter der Liebe. Ich nehme es an, Johanna.
, Nun was thaten Sie, als Sie fanden, daß sie wahnsinnig sei?
, Johanna, ich war dem Rande der Verzweiflung nahe, ein letzter Rest von Selbstachtung war Alles, was sich zwischen mich und den Abgrund stellte. Vor den Augen der Welt war ich mit schwerer Schande belastet, denn die Gesellschaft verband Namen und Person dieses Weibes mit mir, aber ich wollte vor meinen eigenen Augen rein sein, bis zum letzten Augenblick wehrte ich mich gegen die Besudelung mit ihren Verbrechen. Seit der Aerzte sie für wahnsinnig erklärt hatten, war sie natürlich eingeschlossen; indessen sah und hörte ich sie noch täglich, etwas von ihrem Athem (pfui!) mischte sich mit der Luft, die ich athmete; und überdies erinnerte ich mich, einst ihr Gatte gewesen zu sein -- diese Erinnerung war mir damals und ist mir noch jetzt unaussprechlich verhaßt. Ich wußte, daß ich, so lange ich lebte, nie der Gatte eines anderen und besseren Weibes werden könne, und obgleich fünf Jahre älter als ich -- ihre Familie und mein Vater hatten mich sogar hinsichtlich ihres Alters belogen -- konnte sie doch ebenso lange leben wie ich, da sie eben so kräftig an Körper als schwach an Geist war. So war ich im Alter von sechsundzwanzig Jahren aller Hoffnungen beraubt. Eines Nachts wurde ich durch ihr Geschrei erweckt. Es war eine glühende westindische Nacht; wie sie häufig einem Orkane in jener Zone vorhergehen. Da ich nicht schlafen konnte, so stand ich auf und öffnete das Fenster. Die Luft glich Schwefeldämpfen -- ich konnte nirgends Erfrischung finden. Mosquitos kamen hereingeflogen und summten durchs Zimmer; die nahe See brauste dumpf wie ein Erdbeben, schwarze Wolken stiegen empor, der Mond ging groß und roth, gleich einer glühenden Kanonkugel, in den Wolken unter und warf seinen letzten blutigrothen Schimmer über eine Welt hin, welche unter dem Gähren eines Ungewitters erbebte. Die Atmosphäre und die Scene übten einen physischen Einfluß auf mich und dabei gellten in meinen Ohren die Wuthschreie, welche die Wahnsinnige fortwährend ausstieß. Meinen Namen brültte sie in einem dämonischen Hasse und fügte ihm furchtbare Worte hinzu. Das gesunkenste Weib bedient sich nicht so gemeiner Ausdrücke, wie sie deren stets im Munde führte. Obgleich zwei Zimmer weit entfernt, drang doch durch die dünnen Scheidewände des westindischen Hauses jedes Wort zu mir. , Dieses Leben, sagte ich endlich, ist eine Hölle! Ich habe ein Recht, mich davon zu befreien. Mit der westindischen Hülle, in welche meine Seele gebannt ist, werde ich das Leiden dieses Lebens amstreifen. Vor der ewigen Hölle des Fanatikers fürchte ich mich nicht, es gibt keinen künftigen Zustand, der schlimmer ist, als der gegenwärtige -- ich will mich losreißen und heimgehen zu Gott! -- Ich sagte dies, während ich niederkniete und einen Kasten aufschloß, der ein Paar geladene Pistolen enthielt; ich wollte mich erschießen. Aber die Krisis ver völligen Verzweiflung, die den Wunsch der Selbstvernichtung in mir hervorgerufen hatte, ging in einer Secunde vorüber. Ein frischer Ostwind blies von Europa her über den Ocean und rauschte durch das offene Fenster herein; der Sturm brach los, es donnerte und blitzte, und als das Unwetter vorüber war, begab ich mich hinab, um die reine Luft in tiefen Zügen einzuathmen. Während ich unter den triefenden Orangenbäumen in meinem nassen Garten umherging, während das glühende
Morgenroth der südlichen Zone mich umleuchtete, der liebliche Wind von Europa her in den erfrischten Blättern flüsterte und das Atlantische Meer in erhabener Freiheit donnerte, schwoll mein seit langer Zeit vertrocknetes und verschrumpftes Herz wieder auf und füllte sich mit frischem Blute. Mein ganzes Ich verlangte nach Wiedergeburt, meine Seele dürstet nach einem reinen Trunke. Neue Hoffnung begann mich zu beleben. Von meiner mit Blumen bewachsenen Laube im Hintergrunde meines Gartens aus überschaute ich das tiefblaue Meer. Da drüben lag die alte Welt und klare Aussichten öffneten sich. Geh, sagte die Hoffnung, und lebe wieder in Europa; dort ist es nicht bekannt, welche gemeine Last dir augebürdet worden ist. Du kannst die Wahnsinnige mit dir nach England nehmen und sie unter gehöriger Aufsicht in Thornfield einschließen. Dann kannst du reisen, wohin du willst und ein neues Band knüpfen, welches dich glücklicher macht. Jenes Weib, welches unsägliches Leiden über dich gebracht, deinen Namen befleckt, deine Ehre verletzt, deine Jugend verkümmert hat -- ist weder dein Weib, noch bist du ihr Gatte. Sorge für sie, wie ihre Lage es erheischt, und du hast Alles gethan, was Gott und die Menschlichkeit von dir fordern. Ihre Herkunft und ihre Verbindung mit dir sei in Vergessenheit begraben, du bist nicht verpflichtet, diese Dinge irgend einem lebenden Wesen mitzutheilen. Bringe sie in Sicherheit, wo es ihr an nichts fehlt, umgib ihre Verworfenheit mit dem Schleier des Geheimnisses und verlasse sie.
Ich handelte genau nach dieser Eingebung. Mein Vater und Bruder hatten in ihren Bekanntenkreisen nichts von meiner Heirat verlauten lassen. Darum hatte ich sie schon in dem Briefe gebeten, worin ich ihnen meine vollzogene Verbindung mittheilte; denn bereits begann ich den äußersten Widerwillen zu empfinden und die Zukunft zu ahnen, welche die Gemüthsart meines Weibes und ihre erbliche Veranlagung mir eröffneten. Sehr bald war die schmachvolle Aufführung des Weibes, welches mein Vater für mich gewählt hatte, von der Art, daß er sich schämte, sie als seine Schwiegertochter anzuerkennen. Weit entfernt davon, die Verbindung bekannt zu machen, wünschte er ebenso sehr, wie ich, sie zu verheimlichen. Ich brachte mein Weib also nach England. Es war eine furchtbare Reise, die ich mit diesem Ungeheuer auf dem Schiffe durchmachen mußte. Froh war ich, als ich sie endlich nach Thornfield gebracht hatte und sie sicher in jenem Zimmer im dritten Stocke einquartirt sah, welches sie in den zehn Jahren ihres dortigen Aufenthaltes in die Höhle eines wilden Thieres umgewandelt hat. Es kostete mich einige Mühe, eine Dienerin für sie zu finden, auf deren Treue man sich verlassen konnte; denn in ihrem Wahnsinne blieb ihr bewußt, daß ich ihr Gatte sei und überdies hatte sie tagelang -- ja zuweilen Wochen hindurch -- lichte Momente, die sie damit ausfüllte, auf mich zu schimpfen. Endlich gelang es mir, Gratia Poole aus Grimsby Retreat zu engagiren. Sie und der Wundarzt Carter, der Mason’s Wunden verband, als er gestochen und gewürgt worden war, sind die Einzigen, die ich in mein Geheimnis eingeweiht habe. Mistreß Fairfax mag freilich etwas geargwöhnt haben, doch konnte sie keine Gewißheit über die Thatsachen erhalten. Gratia hat sich im Ganzen als eine gute Wärterin gezeigt, obgleich infolge einer Schwäche, von welcher nichts sie zu heilen vermag und die jedenfalls von ihrem entsetzlichen Berufe herrührt, ihre Wachsamkeit mehr als einmal getäuscht und eingeschläfert worden ist. Die Wahnsinnige ist zugleich listig und boshaft; sie hat die zeitweilige Nachlässigkeit ihrer Wächterin zu benutzen gewußt, einmal um sich des Messers zu bemächtigen, womit sie nach ihrem Bruder gestochen, und zweimal wußte sie sich den Schlüssel ihrer Zelle zu verschaffen, um bei Nachtzeit aus derselben zu entweichen. Das erste Mal versuchte sie, mich in meinem Bette zu verbrennen; das zweite Mal machte sie dir jenen gräßlichen Besuch. Ich danke
Der Vorsehung, die dich überwachte, daß die ihre Wuth nur an deinem Brautschleier ausließ, welcher vielleicht undeutliche Erinnerungen an ihren eigenen Hochzeitstag in ihr erweckte; aber ich wage nicht auszudenken, was möglicherweise hätte geschehen können. Wenn ich mir das Geschöpf denke, welches mir diesen Morgen an die Kehle fuhr, wie es sein schwarzblaues blutrünstiges Gesicht über das Nest meiner süßen Taube neigte, so gerinnt mir das Blut in den Adern --
, Und was thaten Sie, mein Herr, fragte ich, während er schwieg, was thaten Sie, als Sie sie hier untergebracht hatten?
, Ich besuchte das Festland und durchzog auf den wildesten Kreuz- und Querzügen alle Länder desselben. Mein fester Entschluß war, ein gutes und verständiges Weib zu suchen, welches ich lieben könnte, den Gegensatz zu der Furie, die ich Thornfield zurückgelassen --
, Aber Sie konnten ja nicht heiraten, mein Herr.
, Ich war überzeugt, daß ich es könne und dürfe. Es war nicht meine ursprüngliche Absicht zu täuschen, wie ich dich getäuscht habe. Ich wollte meine Geschichte offen erzählen, und es erschien mir si durchaus vernünftig, daß man mich für berechtigt ansehen werde, zu lieben und geliebt zu werden, daß ich niemals zweifelte, es werde sich ein Weib bereit finden, meine Lage zu verstehen und meinen Antrag anzunehmen, trotz des Fluches, womit ich belastet war.
, Und dann, mein Herr?
, Sage mir, was du mit deinem , und dann, mein Herr? meinst?
, Ob Sie eine fanden, die Ihnen gefiel; ob Sie sie baten, Sie zu heiraten, und was sie sagte?
, Ob ich eine gefunden, die mir gefiel, und ob ich sie gebeten, mich zu heiraten, da kann ich dir sagen, aber was sie antwortete, das steht noch im Buche des Schicksals. Zehn lange Jahre schweifte ich umher, lebte bald in der einen Hauptstadt, bald in der anderen; zuweilen in Petersburg, öfter in Paris, zuweilen in Rom, Neapel und Florenz. Ich suchte mein Ideal unter englischen Ladies, französischen Comtessen, italienischen Signoras und deutschen Gräfinnen. Ich konnte es nicht finden. Zuweilen glaubte ich einen Blick zu erhaschen, einen Ton zu hören, eine Gestalt zu sehen, die mir die Verwirklichung meines Traumes verhieß, aber ich wurde sogleich wieder enttäuscht. Du darfst jedoch nicht glauben, daß ich Vollkommenheit des Geistes oder der Person forderte, ich sehnte mich nur nach dem, was mir sympatisch war -- nach dem entschiedenen Gegensatz der Creolin. Durch meine bittere Erfahrung vor unpassenden Verbindungen gewarnt, fand ich nicht eine einzige, die ich, wäre ich auch frei gewesen, hätte auffordern können, mich zu heiraten. Enttäuschung macht mich wild und ruhelos. Ich gab mich der Zerstreuung, jedoch niemals Ausschweifungen hin, denn diese waren der Fluch meiner westindischen Messaline gewesen und der eingewurzelte Abscheu vor diesem entsetzlichen Beispiele hat mich stets davor beschützt. Jeder Genuß, der an Ausschweifung grenzte, schien mich ihr und ihren Lastern nahe zu bringen, und deshalb mied ich derartiges. Doch konnte ich nicht allein leben und so versuchte ich es mit der Gesellschaft von Celine Varens -- abermals einer von den Schritten, welche einen Mann in seiner Selbstachtung herabsetzen müssen, wenn er sich ihrer erinnert. Du weißt bereits, wie meine Verbindung mir ihr endete und wie ich die Erinnerung an die Zeit meines Zusammenlebens mit ihr hasse. Aber laß’ mich zur Sache kommen. Im letzten Januar kehrte ich, um dringende Geschäfte zu erledigen, nach England zurück. Ich befand mich in einer verbitterten Gemüthsstimmung, welche die Folge eines nutzlosen, unstäten und dabei einsamen Lebens war. Die erlittenen Täuschungen hatten mich gegen das ganze Weibliche Geschlecht aufgebracht, denn ich begann den Besitz eines verständigen, treuen, liebenden Weibes für ein unerreichbares Phantasiebild zu halten.
An einem kalten Winternachmittage näherte ich mich Thornfield Hall. Verhaßter Ort! mich erwartete kein Frieden, keine Freude dort. Auf einem Stege in Haylane sah ich eine stille kleine Gestalt sitzen. Ich ritt so nachlässig daran vorüber, wie an der abgestutzten Weide auf der anderen Seite, ich hatte keine Ahnung, was sie für mich sein werde, kein Vorgefühl, daß sie als Schiedrichterin über Leben und Tod, mein guter oder böser Geist, dort in einfacher Kleidung auf mich warte. Ich wußte es nicht, selbst als sie mir bei meinem Anfall Hilfe anbot. Ein kindliches und zartgebautes Geschöpf! Es schien mir, als sei ein Hänfling zu meinen Füßen hingehüpft und hätte mir angeboten, mich auf seinen schwachen Flügeln zu tragen. Ich war mürrisch, aber das Wesen stand mit seltsamer Beharrlichkeit neben mir und blickte und sprach mit einer gewissen Ueberlegenheit. Ich mußte mir helfen lassen, und zwar von jener Hand; und sie half mir auch. Als ich mich auf die schwache Schulter gestützt hatte, schlich sich etwas Neues in mein Empfinden -- ein anderes Blut durchfloß meine Adern. Er war gut, daß ich erfahren hatte, diese Fee müsse zu mir zurückkehren, sie gehöre zu meinem Hause dort unten -- sonst hätte ich sie nicht ohne ein seltsames Bedauern unter meiner Hand weggleiten und hinter der düsteren Hecke verschwinden sehen können. Ich hörte, wie du an jenem Abend heimkamst, Johanna, obgleich du wahrscheinlich nicht ahntest, daß ich an dich dachte oder auf deine Rückkehr wartete. Am nächsten Tage beobachtete ich dich, von dir selbst ungesehen, eine halbe Stunde lang, während du mit Adelen in der Gallerie spieltest. Es war ein Schneegestöber, wie ich mich erinnere, und ihr konntet nicht ins Freie gehen. Ich war in meinem Zimmer, die Thür war nur angelehnt, ich konnte horchen und beobachten. Adele nahm deine äußere Aufmerksamkeit auf eine Weile in Anspruch; doch ich bildete mir ein, daß deine Gedanken anderswo waren. Als sie dich endlich verließ, versankest du in eine tiefe Träumerei und begannst langsam in der Gallerie auf- und abzugehen. Von Zeit zu Zeit, wenn du an einem Fenster vorüberkamst, blicktest auf den seufzenden Wind und wieder gingst du dann leise und träumerisch hin und her. Ich glaube, jene Träume mit offenen Augen waren nicht düster, es war zuweilen ein freudiges Aufleuchten in deinem Anlitz zu bemerken, eine sanfte Aufregung in deinem ganzen Wesen, die sein hypochondrisches Brüten verrieth. Dein Blick zeigte vielmehr das süße Sinnen der Jugend, wenn der Geist auf willigen Schwingen dem Fluge der Hoffnung zu einem idealen Himmel folgt. Die Stimme der Mistreß Fairfax, die in der Vorhalle mit einer Dienerin sprach, erweckte dich, und um deinen Mund erschien ein eigenthümliches Lächeln, welches über deine eigene Zerstreutheit zu spötteln und zu sagen schien: , Meine schönen Traumbilder sind alle sehr gut, aber ich darf nicht vergessen, daß sie durchaus wesenlos sind. Ich habe einen rosigen Himmel und ein grünes, blumenreiches Eden in meinem Gehirn, aber draußen, das sehe ich wohl, liegt ein rauer Pfad, über den ich wandern muß. Ungeduldig erwartete ich den Abend, wo ich dich zu mir rufen konnte. Ich vermuthe, daß dein Charakter ein ein ungewöhnlicher, für mich völlig neuer sei, ich wünschte ihn zu prüfen und näher kennen zu lernen. Du tratest mit scheuem Blick ins Zimmer, du warst zierlich gekleidet, fast so wie jetzt. ich zog dich in ein Gespräch und fand bald seltsame Widersprüche an dir heraus. Deine Kleidung und dein Benehmen waren einer gewissen Regel unterworfen; deine Miene war oft mißtrauisch, aber sie verrieth ein Wesen von höherer Natur, welches nur nicht an die Gesellschaft gewöhnt und sehr ängstlich war, sich auf unvortheilhafte Weise durch irgend ein Versehen bloßzustellen. Doch als du angeredet wurdest, erhobst du ein lebhaftes, kühnes und glühendes Auge, es lag Scharfsinn und Kraft in jedem deiner Blicke. Wenn man bestimmte Fragen
an dich richtete, fandest du sogleich passende Antworten. Sehr bald schienst du dich an mich zu gewöhnen, ich glaube, du fühltest, daß zwischen dir und deinem trotzigen und gebieterischen Herrn ein symbolischer Berührungspunkt bestand; denn es war erstaunlich zu sehen, wie schnell eine gewisse angenehme Ruhe in dein Wesen einkehrte. Ich mochte brummen, wie ich wollte, du zeigtest keine Ueberraschung, Furcht, Aerger oder Mißfallen, du beobachtest mich, du lächeltest zuweilen über mich mit einer verständnisvollen Anmuth, die ich nicht beschreiben kann.
Ich war zufrieden mit dem, was ich sah, und wurde davon angeregt; ich wünschte mehr zu sehen, doch lange Zeit behandelte ich dich kalt und suchte nur selten deine Gesellschaft. Die Furcht beunruhigte mich, dazs die Blüthe verwelken möchte, wenn ich die Blume zu frei berührte -- daß der süße Reiz der Frische sie verlassen könnte. Ich wußte damals ja noch nicht, daß die Blüthe keine vergängliche, sondern aus einem unzerstörbaren Edelstein geschnitten sei. Ueberdies wünschte ich zu sehen, ab du mich aufsuchen würdest, wenn ich dich vermiede -- aber du thatest es nicht; du hieltest dich in deinem Schulzimmer so ruhig, wie dein Schreibpult und deine Staffelei. Wenn ich dir zufällig begegnete, gingst du schnell an mir vorüber und mit so geringen Zeichen des Erkennens, als sich nur immer mit dem Respect vertrug. Dein gewöhnlicher Ausdruck in jenen Tagen, Johanna, war ein gedankenvoller Blick; nicht trostlos, aber auch nicht freudvoll, denn du hattest wenig Hoffnung und kein wirkliches Vergnügen.
Ich war begierig zu wissen, was du von mir dächtest -- oder ob du überhaupt an mich dächtest. Um dies zu ergründen, beschäftigte ich mich wieder mehr mit dir. Es lag etwas frohes in deinem Blicke und in deinem Wesen, wenn du dich unterhieltest, ich sah, daß dein Gemüth der Gesellschaft zugänglich war, während die stille Schulstube und die Langeweile deiner Lebensweise dich traurig stimmten. Ich gestattete mir die Wonne, freundlich gegen dich zu sein; dein Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an, deine Sprache wurde milde; ich hörte meinen Namen gern von deinen Lippen mit dankbarem, frohem Ausdruck ausgesprochen. Ich wußte es einzurichten, daß ich oft wie durch Zufall mit dir zusammentraf; es lag ein seltsames Zaudern in deinem Wesen, du sahst mich mit Unruhe und Zweifel an, du wußtest nicht, welcher Art gerade meine Laune sein möchte -- ob ich den strengen Herrn oder den wohlwollenden Freund spielen wollte. Ich war damals schon zu sehr für dich eingenommen, um meine herrische Seite oft herauskehren zu können, und wenn ich vertraulich meine Hand ausstreckte, verbreitete sich so viel Licht, eine so beglückte Wonne über deine geistreichen Züge, daß ich oft sehr an mich halten mußte, um dich dann nicht an mein Herz zu drücken.
, Reden Sie nicht mehr von jenen Tagen, mein Herr, unterbrach ich ihn, indem ich verstohlen einige Thränen aus meinen Augen entfernte. Diese Sprache war eine Folterqual für mich, denn ich wußte, was ich thun mußte -- und zwar bald -- und alle diese Erinnerungen und diese Offenbarungen seiner Gefühle machten mir mein Vorhaben nur umso schwerer.
, Ganz recht, Johanna, entgegnete er, wozu ist es nöthig, bei der Vergangenheit zu verweilen, wenn die Gegenwart umso viel sicherer, die Zukunft umso glänzender ist?
Ein Schauder erfaßte mich bei dieser thörichten Behauptung.
, Du siehst jetzt, wie die Sache steht, nicht wahr? fuhr er fort. , Nach einer Jugend und einem Mannesalter, halb in unsäglichem Elend und halb in trostloser Einsamkeit zugebracht, habe ich zum ersten Male gefunden, was ich wahrhaft liebe kann -- habe ich dich gefunden. Du bist mein besseres Ich, mein guter Engel, eine glühende, heilige Leidenschaft wohnt in meinem Herzen; sie lehnt sich an dich, lenkt mein
innerstes Sein, meinen Lebensquell zu dir, und indem sie in einer reinen, mächtigen Flamme auflodert, verschmilzt sie dich und mich zusammen in Eins. -- Weil ich dies fühlte und wußte, war ich entschlossen, dich zu heiraten. Mir zu sagen, daß ich schon ein Weib habe, ist leerer Hohn. Du weißt jetzt, daß ich nur einen grauenhaften Dämon hatte. Es war unrecht von mir, dich täuschen zu wollen; aber ich fürchtete von Widerstand, der in deinem Charakter liegt. Ich fürchtete früh eingepflanzte Vorurtheile, ich wollte dich sicher haben, ehe ich vertraute Mittheilungen wagte. Dies war feig, ich hätte mich gleich anfangs an den Adel deiner großen Seele wenden sollen, wie ich jetzt thue, dir offen das Verhängnis meines Lebens darlegen sollen. Dann hätte ich dich bitten sollen, das Wort meiner Treue anzunehmen und mir das deinige dafür zu geben. Johanna -- gib mir es jetzt.
Es trat eine Pause ein.
, Warum schweigst du, Johanna?
Ich bestand einen schrecklichen Augenblick. Eine Hand, wie glühendes Eisen griff in mein innerstes Leben. Alles war dunkel um mich her und ein wüthender Kampf ging in mir vor! Kein menschliches Wesen, welches je lebte, könnte wünschen, inniger geliebt zu werden, als ich geliebt wurde, und den, der mich so liebte, betete ich im eigentlichen Sinne des Wortes an, und ich mußte dieser Liebe und diesem Idol entsagen. Ein furchtbares Wort drückte meine schreckliche Pflicht aus: Scheide!
, Johanna, du wirst verstehen, was ich von dir verlange. Du sollst nur sagen: , Ich will die Ihrige sein, Herr Rochester.
, Herr Rochester, ich will nicht die Ihrige sein.
Wieder ein langes Schweigen.
, Johanna! begann er dann mit einer Milde, die mich mit einem unheimlichen Schrecken erfüllte, denn diese ruhige Stimme war das Keuchen eines Löwen, der sich erheben wollte. -- , Johanna, du meinst, du willst deinen eigenen Weg in der Welt gehen, und ich soll einen anderen gehen?
, So meine ich es.
, Johanna, fuhr er fort, sich zu mir neigend und mich umarmend, bist du wirklich dazu entschlossen?
, Ja, ich bin es.
, Und jetzt? sagte er, mir Stirn und Wange küssend.
, Noch immer, rief ich, mich rasch aus seiner Umarmung losmachend.
, O, Johanna, dies ist bitter! Dies -- dies ist grausam. Es wäre aber Sünde, wenn ich Ihnen willfahrte.
Ein wilder Blick hob seine Augenbrauen. Er stand auf, hielt aber noch an sich.
, Noch einen Augenblick, Johanna. Stelle dir mein schreckliches Leben vor, wenn du fort wärest. Mit dir wird alles Glück von mir gerissen. Was bleibt mir dann noch übrig? Wohin soll ich mich wenden, wo eine Lebengefährtin und einige Hoffnung finden?
, Thun Sie, wie ich. Vertrauen Sie auf Gott und sich selbst. Hoffen Sie auf Wiedersehen.
, So willst du nicht nachgeben?
, Nein.
, So entreißest du mir alle Liebe und schleuderst mich zurück in das wüste Leben, und ich muß in der Ausschweifung, im Laster Betäubung und Vergessen suchen?
, Herr Rochester, ich verweise Sie ebenso wenig auf dieses traurige Auskunftsmittel, als ich es selbst ergreifen würde. Wir wurden geboren, zu kämpfen und zu dulden, Sie sowohl als ich. Thun Sie es also. Sie werden mich vergessen, ehe ich Sie vergesse.
, Ich dich vergessen? Willst du mich zum Lügner machen? Erkläre ich dir nicht, ich werde mich nie gegen dich ändern? Und nun verwundest du durch
deinen Zweifel meine Ehre! Und von welcher Verirrung deiner Vernunft zeugt dein Entschluß! Ist es besser, ein Mitgeschöpf zur Verzweiflung zu treiben, als ein bloß menschliches Gesetz zu übertreten, wenn dadurch kein menschliches Wesen beeinträchtigt wird?
Dies war die Wahrheit, und während er sprach, wurden Gewissen und Vernunft zu Verräthern an mir und zeigten mir den Widerstand gegen ihn als ein Verbrechen. Sie sprachen fast so laut wie das Gefühl, und dieses rief in mir: O! willige ein, bedenke sein Elend; bedenke seine Gefahr -- stelle dir seinen Zustand vor, wenn er allein gelassen ist, beruhige ihn, rette ihn, sage im, daß du ihn liebst und die Seinige sein willst. Wer sonst in der Welt, als er, kümmert sich denn um dich?
Aber immer blieb die Antwort: , Ich will das von Gott gegebene und von den Menschen geheiligte Gesetz halten. Gesetze und Grundsätze sind nicht für Lebenslagen geschaffen, wo man sich in keiner Versuchung befindet, sie sind für solche Augenblicke da, wie dieser es ist, wo Leib und Seele sich gegen ihre Strenge empören, bindend sind sie, unverletzlich sollen sie bleiben. Wenn man sie nach eigener Bequemlichkeit brechen könnte, was würde ihr Werth sein?
Rochester las meinen Entschluß in meinem Gesichte. Die Wuth übermannte ihn, er mußte ihr auf einen Augenblick nachgeben, was auch daraus folgen mochte; er trat zu mir, ergriff meine Hand und umfaßte meine Taille. Er schien mich mit seinem flammenden Blicke zu verschlingen, physisch fühlte ich mich in dem Augenblicke völlig machtlos -- geistig besaß ich noch die Herrschaft und mit ihr die Gewißheit der endlichen Rettung. Zum Glück hat die Seele einen Dolmetscher -- oft einen unbewußten, aber immer einen getreuen Dolmetscher -- und dieser wohnt im Auge. Mein Auge erhob sich zu dem seinen, und während ich in sein leidenschaftliches Gesicht blickte, stieß ich einen unwillkürlichen Seufzer aus. Sein Griff war schmerzlich und meine überbürdete Kraft fast erschöpft.
, Nie, sagte er, indem er mit den Zähnen knirschte, nie gab es etwas zugleich so Schwaches und doch so Unbeugsames. Sie fühlt, daß sie ein schwaches Rohr ist in meiner Hand! Und er schüttelte mich gewaltsam. , Ich könnte sie mit meinen Fingern zerbrechen, doch was würde es nützen? Man sehe nur dieses Auge, betrachte dieses unbeugsame, wilde, freie Etwas, welches daraus hervorblickt und mir Trotz bietet mit mehr Muth -- mit triumphirender Entschlossenheit. Wenn ich auch die Hülle zermalmen mag, diesem Etwas kann ich nichts anhaben. Das Haus könnte ich erobern; aber der Bewohner würde zum Himmel entfliehen. Und dich will ich besitzen, du Geist mit deinem Willen und deiner Kraft, deiner Tugend und Reinheit -- nicht allein deine zerbrechliche Gestalt. Freiwillig könntest du kommen in sanftem Fluge und dich an meinem Herzen einnisten, wenn du wolltest; wider deinen Willen ergriffen, wirst du dich meiner Hand entwinden, wie zarter Blüthenduft verweht, ehe wir seinen Wohlgeruch eingeathmet haben. O! komm Johanna, komm!
Als er dies sagte, ließ er mich aus seinen Händen los und blickte mich nur noch an. Dem Blicke war weit schwerer zu widerstehen, als der verzweifelten Umarmung. Deshalb zog ich mich nach der Thür zurück.
, Du gehst, Johanna?
, Ich gehe, mein Herr.
, Du verlässest mich?
, Ja.
, Du willst nicht meine Trösterin, meine Retterin sein? -- Meine innige Liebe, mein wildes Weh, meine heißen Bitten -- ist dir denn Alles nichts?
Welche unbeschreibliche Würde lag in seiner Stimme! Wie schwer war es, mit Festigkeit zu wiederholen: Ich gehe.
, Johanna!
, Herr Rochester.
, So gehe denn, ich gebe dich frei, aber bedenke, daß du mich hier der Qual überlässest. Geh auf dein Zimmer und überdenke Alles, was ich gesagt, und, Johanna, vergegenwärtige dir mein Leben -- denke an mich.
Er wendete sich ab und warf sich mit dem Gesichte auf das Sofa. , O Johanna, meine Hoffnung -- meine Liebe -- mein Leben! entfuhr es qualvoll seinen Lippen. Dann kam ein tiefes heftiges Schluchzen.
Ich hatte bereits die Thür erreicht, aber-ich kehrte zurück -- kehrte ebenso entschlossen zurück, als ich mich entfernt hatte. Ich kniete neben ihm nieder und wendete sein Gesicht von dem Kissen zu mir; ich küßte seine Wange; ich glättete sein wirres Haar mit meiner Hand.
, Gott segne Sie, mein lieber Herr, sagte ich. , Gott schütze Sie vor Leid und Unrecht. Er lenke und tröste Sie und belohne Sie reichlich für Ihre frühere Güte gegen mich.
, Der kleinen Johanna Liebe wäre meine beste Belohnung gewesen, antwortete er, ohne sie ist mein Herz gebrochen. Aber Johanna wird mir ihre Liebe noch schenken, ja -- sie wird edel und großmüthig sein.
Das Blut stieg in sein Gesicht; Feuer flammte aus seinen Augen; er sprang auf und breitete seine Arme aus. Aber ich entschlüpfte der Umarmung und floh aus dem Zimmer.
, Lebe wohl! war der Aufschrei meines Herzens als ich ihn verließ. Die Verzweiflung fügte hinzu , Lebe wohl, auf ewig!
Achtundzwanzigstes Capitel.
In jener Nacht glaubte ich nicht schlafen zu können; dennoch bemächtigte sich meiner der Schlummer, sobald ich mich zu Bette legte und führte mich wieder zu den Scenen meiner Kindheit zurück. Ich
träumte, ich läge in dunkler Nacht in dem rothen Zimmer in Gateshead. Mein Geist war von seltsamer Furcht befangen. Jenes geisterhafte Licht
welches mich vor langer Zeit vor Schrecken in Ohnmacht versetzt hatte, erschien mir im Traume wieder; ich glaubte es langsam an der Wand aufsteigen und bebend im Mittelpunkte der dunkeln Decke verweilen
zu sehen. Ich erhob den Kopf, um die Erscheinung deutlicher zu beobachten! Die Decke glich hohen und düsteren Wolken; der Schimmer glich dem des Mondes, wenn er durch Wolken bricht. Ich wartete, daß er gänzlich hervortreten sollte -- wartete mit banger Ahnung, als müßte ein Urtheilsspruch auf seiner Scheibe geschrieben stehen. Und jetzt streckte sich eine Hand aus den schwarzen Massen und winkte den Wolken sich zu entfernen, dann erschien statt des Mondes eine weiße menschliche Gestalt in dem Azurblau und neigte die von Strahlen umgebene Stirne zur Erde herab, mich unverwandt anblickend. Sie sprach zu meinem Geiste, und unermeßlich fern war der Ton, und doch flüsterte er so nahe in mein Herz:
, Meine Tochter, fliehe die Versuchung!
, Mutter, ich will es.
So antwortete ich, als ich aus dem Traume erwacht war. Es war noch Nacht, aber die Julinächte sind kurz, bald nach Mitternacht kommt schon die Dämmerung. , Es kann nicht zu früh sein, meinen Vorsatz auszuführen, dachte ich und stand auf; ich war angekleidet, denn ich hatte nur meine Schuhe ausgezogen. Ich wußte, wo ich in meinem Schranke einige Wäsche, eine Haarlocke und einen Ring finden werde. Als ich diese Gegenstände suchte, kam mir das Perlenhalsband in die Hände, welches ich vor wenigen Tagen von Rochester hatte annehmen müssen. Ich ließ es zurück; es war nicht mein, es gehörte der Braut meiner Träume, die in Luft zerflossen war. Nur das Unentbehrlichte packte ich zu einem Bündel zusammen; meine Börse mit zwanzig Schillingen Inhalt, steckte ich in die Tasche, setzte meinen Strohhut auf, steckte mein Tuch fest, nahm das Bündel und meine Schuhe, die ich noch nicht anziehen wollte, und schlich mich aus meinem Zimmer.
, Leben Sie wohl, gute Mistreß Fairfax! Flüsterte ich, als ich an ihrer Thür vorüberschlüpfte. , Lebe wohl, Adele, mein Liebling! sagte ich mit einem letzten Blicke auf die Thüre der Kinderstube. Es war nicht daran zu denken, zu Adele hineinzugehen und sie zu umarmen. Leicht hätte ich mich dadurch einem feinen Ohr, das vielleicht jetzt horchte, verrathen können.
Ich würde, ohne zu verweilen, an Herrn Rochester's Zimmer vorübergeschlichen sein; aber mein Herz stockte und mein Fuß war wie gelähmt und wollte mich nicht weitertragen. Hinter dieser Thür, an deren Schwelle ich mich gebannt fühlte, herrschte kein Schlummer; der Bewohner ging ruhelos umher, und wiederholt seufzte er, während ich horchte. In jenem Zimmer war mein Himmel, mein irdischer Himmel, wenn ich wollte, ich brauchte nur hineinzugehen und zu sagen: , Herr Rochester, ich will Sie lieben und bis in den Tod mit Ihnen leben. Der
Gedanke kam mir in den Sinn.
Dieser gütige Mann, mein Herr und Gebieter, der jetzt nicht schlafen konnte, wartete mit Ungeduld auf den Anbruch des Tages. Am Morgen würde er nach mir schicken, und dann war ich fort. Ich sah ihn, wie er mich vergebens suchte, wie er sich verlassen fühlte und seine Liebe verschmäht sah, wie er litt, vielleicht zur Verzweiflung getrieben wurde. Meine Hand erhob sich zu der Thürklinke, ich zog sie wieder
zurück und schlich weiter.
Gedankenlos ging ich die Treppe hinunter, alles was ich that, that ich mechanisch. Ich fand den Schlüssel zu der Hinterthür in der Küche und genoß etwas Wasser und Brot, denn vielleicht hatte ich weit zu gehen, und meine Kraft, die in der letzten Zeit sehr erschüttert war, durfte nicht schwinden. Geräuschlos öffnete ich die Thür und machte sie eben so
leise wieder hinter mir zu. Die graue Dämmerung schimmerte auf dem Hofe. Das große Thor war verschlossen; aber das Nebenpförtchen war nur eingeklinkt. Durch dieses ging ich, und nun war ich außerhalb Thornfield.
Eine halbe Stunde von dort, jenseits der Felder, kam ich an einen Weg, den ich nie betreten hatte, weil er in entgegengesetzter Richtung von Millcote lag. Ich hatte ihn aber oft bemerkt und gedacht, wohin er wohl führen möge. Diesen Weg schlug ich ein. Jetzt durfte ich keinen Blick zurückwerfen. Die Vergangenheit war ein Blatt, so himmlisch lieblich, so tödtlich traurig, daß mein Muth dahingeschwunden und meine Kraft gebrochen wäre, hätte ich nur eine Zeile davon lesen wollen. Die Zukunft war eine schauerliche Einöde, gleich der Welt nach der Sintflut.
Ich ging an Feldern entlang, durch Hecken und Gänge, bis nach Sonnenaufgang. Ich glaube, es war ein lieblicher Sommermorgen. Doch ich sah weder nach der aufgehenden Sonne und dem lächelnden Himmel, noch nach der erwachsenden Natur. Der Mensch, der auf einem schönen Wege zum Schaffot
schreitet, achtet der Blumen nicht, die auf seinem
Wege blühen, sondern er denkt nur an den Block und das Beil und an das gähnende Grab, das seiner harrt -- und ich dachte an die traurige Flucht und heimatlose Wanderung -- und ach! mit Seelenqual dachte ich an das, was ich verlassen hatte! Ich konnte nicht anders. Ich dachte an ihn, wie er jetzt in seinem Zimmer den Sonnenaufgang beobachtete
-- wie er hoffte, ich würde bald kommen und erklären, daß ich bei ihm bleiben und die Seine werden wolle. Es verlangte mich, zu ihm zurückzukehren, um ihm anzugehören; es war nicht zu spät; ich
konnte ihm noch den bitteren Schmerz ersparen, denn noch hielt ich mich überzeugt, daß meine Flucht unentdeckt sei. Ich konnte zurückkehren und seine Trösterin werden, sein Stolz, seine Retterin vom
Elende -- vielleicht vom Untergange. O! diese Furcht vor seiner Verlassenheit -- weit schlimmer wie meine eigene Verlassenheit -- wie quälte sie mich jetzt! Sie war wie ein Pfeil in meiner Brust, der mich noch stärker verwundete, wenn ich ihn herauszuziehen versuchte. Die Vögel begannen zu singen in Busch und Wald; die Vögel waren einander treu; Vögel waren Sinnbilder der Liebe. Und was war ich? In meiner Herzenqual verabscheute ich mich, und die Correctheit der Grundsätze, nach denen ich gehandelt, gewährte mir keinen Trost. Ich hatte meinen Herrn gekränkt -- verwundet -- verlassen! Ich war mir verhaßt in meinen eigenen Augen. Dennoch konnte ich keinen Schritt zurückthun. Gott muß mich weiter geführt haben. Leidenschaftlicher
Kummer hatte meinen Willen gebeugt und die Stimme des Gewissens erstickt. Ich weinte heftig auf meinem einsamen Wege, doch rasch, rasch ging ich weiter, wie im Fieberwahne. Eine innerliche Schwäche, die sich auch meiner Glieder zu bemächtigen begann, griff immer weiter um sich und warf mich zu Boden. Dort lag ich einige Minuten und drückte
mein Gesicht auf den nassen Rasen. Ich hatte einige
Furcht -- oder Hoffnung -- daß ich hier sterben würde, doch ich raffte mich wieder auf, und nahm alle Kraft zusammen, die Landstraße zu erreichen.
Dort war ich genöthigt, mich niederzulassen, um mich unter einer Hecke auszuruhen. Während ich dort saß, vernahm ich das Geräusch von Wagenrädern und sah eine Kutsche näher kommen. Ich stand auf und erhob den Kopf; der Wagen hielt an. Ich fragte, wohin er gehe. Der Kutscher nannte einen entfernten Ort, wo Herr Rochester, wie ich
wußte, keine Verbindungen hatte. Ich fragte, was ich zu zahlen habe, wenn er mich mitnehme; er verlangte dreißig Schillinge; ich antwortete, ich habe nur zwanzig, worauf er sagte, er wolle sehen, ob er es nicht auch dafür thun könne. Er erlaubte mir, mich in das Innere des Wagens zu setzen, da derselbe leer war. Ich stieg ein und der Wagen rollte
weiter.
Lieber Leser, mögest du nie fühlen, was ich damals fühlte! Mögen deine Augen nie so stürmische, so sengende, so blutige Thränen vergießen, wie sie damals meinen Augen entströmten. Mögest du dich nie in so hoffnungslosen und qualvollen Gebeten an den Himmel wenden müssen, wie sie in jener Stunde von meinen Lippen kamen unter dem vernichtenden Vorwurfe, denjenigen, den ich am meisten auf dieser Erde liebte, im tiefsten Herzen verwundet zu haben.
Neunundzwanzigstes Capitel.
Zwei Tage sind vergangen. Es ist Abend; der Kutscher hat mich an einem Orte namens Whitcroß abgesetzt, er wollte mich nicht für die Summe, die ich ihm gegeben, weiter mitnehmen, und ich besaß keinen
Schilling mehr in der Welt. Die Kutsche ist jetzt schon eine Meile weit entfernt und ich bin allein. In diesem Augenblicke bemerke ich, daß ich vergessen habe, mein Bündel aus der Wagentasche zu nehmen,
wo ich es untergebracht hatte, dort bleibt es und muß es bleiben; und jetzt bin ich von Allem entblößt.
Whitcroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Weiler, es ist nur ein steinerner Pfeiler, an einer Stelle aufgestellt, wo vier Wege sich kreuzen. Vier Arme strecken sich oben aus und die Inschriften deuten auf vier Städte, von denen die nächste zehn Meilen weit entfernt ist. Aus den wohlbekannten Namen dieser Städte erfahre ich, in welcher Grafschaft ich ausgestiegen bin; eine nördliche Grafschaft ist es mit düsterem Moorland, von Hügeln durchzogen, das sah ich. Im Hintergrunde und zu beiden Seiten dehnen sich weite öde Flächen aus; hinter jenem tiefen Thale zu meinen Füßen erheben sich wellenförmige Berge. Die Bevölkerung muß hier sehr spärlich sein, und auf den Straßen, die sich weit nach allen vier Himmelsrichtungen hinziehen, ist kein einziger Wanderer zu erblicken; sie durchschneiden alle das Moorland, und das Haidekraut wächst hoch und wild bis an ihren Saum. Kein Band fesselt mich an die menschliche Gesellschaft, kein Reiz, keine
Hoffnung ruft mich dahin, wo meine Mitgeschöpfe sind -- Niemand, der mich sähe, würde einen freundlichen Gedanken oder einen guten Wunsch für mich hegen. Ich habe keine Verwandte, als die allgemeine
Mutter Natur, ich will an ihre Brust eilen und Ruhe suchen.
Ich ging geradezu in das Haidekraut, das mir bis an die Knie reichte, schritt auf eine Vertiefung zu, die das braune Moor durchzog und fand endlich einen moosbewachsenen Granitblock in einem verborgenen Winkel, unter welchen ich mich niedersetzte. Hohe Dämme umgaben mich; der Felsen beschützte mein Haupt und über alldem war der Himmel.
Einige Zeit verging, ehe ich mich hier ruhig fühlte; ich fürchtete, wilde Vieherden möchten in der Nähe sein oder ein Jäger oder Wilddieb mich entdecken. Wenn ein Windstoß über die Einöde dahinfuhr, blickte ich auf und meinte, es komme ein Stier;
wenn ein Regenvogel pfiff, glaubte ich, es seien menschliche Laute. Als ich aber meine Befürchtungen unbegründet fand und von dem tiefen Schweigen beruhigt wurde, welches bei Anbruch der Nacht herrschte, faßte ich Vertrauen. Bisher hatte ich nur gehorcht, beobachtet, mich geängstigt -- jetzt bekam ich die Fähigkeit des Nachdenkens wieder.
Was sollte ich thun? Wohin sollte ich gehen? Das waren entsetzliche Fragen. Mit meinen ermatteten, zitternden Gliedern hatte ich noch einen weiten Weg zurückzulegen, ehe ich eine menschliche Wohnung erreichen konnte, dann mußte ich um ein Obdach flehen und wurde vielleicht mitleidslos zurückgewiesen -- ehe man mich anhören wollte.
Ich berührte das Haidekraut, es war trocken und noch warm von der Hitze des Sommertages. Ich sah nach dem Himmel; er war rein, ein freundlicher Stern funkelte gerade über der Schlucht; kein Lüftchen regte sich und die Natur schien gütig und wohlwollend gegen die Ausgestoßene, und ich, die ich von den Menschen nur Mißtrauen, Zurückweisung und Verachtung zu erwarten hatte, hing mich an sie mit
kindlicher Zärtlichkeit. Für diese Nacht wenigstens wollte ich ihr Gast sein, wie ich ihr Kind war. Mutter Natur gab mir ein Obdach, ohne Entschädigung dafür zu fordern. Ich hatte noch ein Stück Brot, den Rest von einer Semmel, welche ich unterwegs für meinen letzten Pfennig am Mittage in einer Stadt gekauft hatte. Ich sah hie und da reife Heidelbeeren unter dem Haidekraute schimmern, pflückte eine Handvoll und aß sie zu dem Brote. Mein heftiger Hunger wurde durch dieses Einsiedlermahl wenigstens gemildert. Ich sprach mein Abendgebet und wählte mein Lager.
Neben dem Felsen wuchs das Haidekraut sehr hoch; als ich mich niederlegte, wurden meine Füße ganz davon bedeckt. Ich legte meinen Shawl doppelt zusammen und breitete denselben als Decke über mich;
eine kleine mit Moos bewachsene Erhöhung war mein Kopfkissen.
Die Ruhe hätte mich stärken können, wäre sie nicht von einem gequälten Herzen beeinträchtigt worden. Es bebte für Rochester und sein Schicksal, es beklagte ihn mit bitterem Mitleid; es sehnte sich nach ihm mit unaufhörlichem Verlangen und hilflos, wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, schlug es noch mit seinen beschädigten Schwingen in eitlem Bemühen, zu ihm zu fliegen.
Von diesen Gedankenqualen erschöpft, erhob ich mich auf die Knie. Die Nacht war angebrochen und ihre Sternenpracht aufgegangen, eine friedliche, stille Nacht -- zu heiter, als daß man der Furcht hätte Raum geben können. Wir wissen ja, daß Gott überall ist; aber gewiß fühlen wir seine Nähe am meisten, wenn seine größten und herrlichen Werke im Glanze vor uns ausgebreitet sind, und in dem unbewölkten Nachthimmel, wo seine Welten auf ihren stillen Bahnen dahinziehen, lesen wir am klarsten seine Unendlichkeit, seine Allmacht, seine Allgegenwart. Ich hatte mich auf meine Knie erhoben, um für Rochester zu beten. Als ich im Aufblicken mit thränengetrübten Augen die mächtige Milchstraße sah und mich erinnerte, was sie war, welche zahllose Sonnensysteme jener schwache Schimmer barg -- da fühlte ich die Allgewalt Gottes und war überzeugt, daß er das Geschaffene auch erhalten könne und daß ohne seinen Willen weder die Erde untergehen könne, noch eine von den Seelen, die sie bewohnten. Meine Bitten gingen in ein Dankgebet über: die Quelle des Lebens war auch der Erlöser der Seele. Rochester war in Sicherheit, er war Gottes Geschöpf und Gott schützte ihn. Ich legte mich wieder an die Brust der Erde und hatte bald im Schlaf allen Kummer vergessen.
Aber am nächsten Tage trat die Noth bleich und hager an mich heran. Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen hatten, lange nachdem die Bienen von dem ersten lieblichen Blicke des Tages herausgelockt worden waren, den Honig von dem Haidekraute zu sammeln, als die langen Morgenschatten sich schon verkürzten und die Sonne Erde und Himmel erfüllte -- stand ich auf und blickte um mich.
Welch' ein stiller, warmer, herrlicher Tag! welch' eine goldene Wüste dieses weite Moor! Ueberall Sonnenschein. O, hätte ich durch ihn und von ihm leben können! Ich sah eine Eidechse über den Felsen laufen, sah eine Biene unter den süßen Heidelbeeren beschäftigt und wäre gern in dem Augenblicke selbst eine Biene oder Eidechse geworden, um hinreichende Nahrung und schützendes Obdach hier zu finden. Aber
ich war ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines solchen, und um diese befriedigen zu können, durfte ich hier nicht länger weilen. Hoffnungslos für die Zukunft, hätte ich mir gewünscht, es möchte meinem Schöpfer gefallen haben, diese Nacht, während ich schlief, meine Seele von mir zu fordern, und daß dieser müde Körper durch den Tod von weiterem Kampfe mit dem Schicksale befreit worden
wäre, um ungestört seinen Staub mit dem Staub dieser Wildnis vermischen zu können. Doch das Leben war noch in meinem Besitz mit allen seinen Forderungen, seinen Leiden und Verantwortlichkeiten. Die
Bürde mußte getragen, das Bedürfnis befriedigt, das Leiden erduldet werden. Ich machte mich auf den Weg.
Als ich den Wegweiser wieder erreichte, folgte ich der Straße, die dem Laufe der Sonne, welche jetzt hoch und glühend am Himmel stand, entgegengesetzt war. Ich ging eine lange Zeit weiter, bis ich, von der Ermattung fast überwältigt, genöthigt war, mich auf einen Stein niederzusetzen, den ich in der Nähe erblickte. Da hörte ich den Klang einer Glocke -- einer Kirchenglocke.
Ich wendete mich nach der Richtung des Klanges und dort, zwischen den romantischen Hügeln, auf welche ich seit einer Stunde nicht mehr geachtet, erblickte ich ein Dörfchen und einen Kirchthurm. Das ganze Thal zu meiner Rechten war mit Weiden, Kornfeldern und Gehölz bedeckt und von einem
schimmernden Bache im Zickzack durchflossen. Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren nahe. Ich mußte mich weiter schleppen, mußte versuchen zu leben, und mich anstrengen wie die Uebrigen.
Um zwei Uhr Nachmittags erreichte ich das Dorf. Am Ende der einzigen Straße war ein kleiner Laden, vor dessen Fenster Brot lag. Wie gern hätte ich ein Brot gehabt, um meinen Hunger zu stillen und mich zu neuen Mühsalen zu stärken. Ich hielt es für entehrend, auf der Straße eines Dorfes vor Hunger ohnmächtig zu werden. Hatte ich denn nichts
bei mir, was ich für eins dieser Brote anbieten konnte? Ich hatte ein kleines seidenes Tuch um den Hals gebunden; ich hatte meine Handschuhe. Ich wußte jedoch nicht, ob man einen dieser Gegenstände annehmen würde, wahrscheinlich that man es nicht; aber ich mußte es versuchen.
Ich trat in den Laden, worin sich eine Frau befand. Als sie eine anständig gekleidete Person, eine vornehme Dame, wie sie vermuthete, vor sich sah, kam sie mir höflich entgegen und fragte, womit sie mir dienen könne? Ich wurde von Scham ergriffen, meine Zunge wollte die Bitte nicht aussprechen, ich wagte nicht, der Frau die halb abgetragenen Handschuhe, das verschossene Tuch anzubieten; überdies fühlte ich, daß es lächerlich sei. Ich bat nur um die Erlaubnis, mich einen Augenblick niedersetzen zu dürfen, da ich ermüdet sei. In der Erwartung getäuscht, daß ich etwas kaufen wollte, gewährte sie meine Bitte fast widerstrebend. Sie deutete auf einen Stuhl, ich sank auf denselben nieder. Die Thränen waren mir nahe; doch that ich mir Gewalt an. Nach einer kleinen Weile fragte ich, ob keine Kleidermacherinnen oder Näherinnen im Dorfe wären?
, Ja, zwei oder drei. Gerade so viel, als hier Beschäftigung finden.
Ich war ohne Hilfsmittel, ohne Freunde, ohne Gold. Ich mußte etwas thun. Aber was? Ich mußte mich an Jemand wenden. Aber an wen?
, Wissen Sie einen Ort in der Nähe, wo man einer Magd bedarf?
, Nein, das könnte ich nicht sagen.
, Womit beschäftigen sich hier die Leute?
, Einige sind Ackersleute und Andere arbeiten in Herrn Oliver's Nadelfabrik und in der Gießerei.
, Beschäftigt Herr Oliver auch Frauen?
, Nein, das ist Männer-Arbeit.
, Und was thun denn hier die Frauen?
, Ich weiß nicht, war die Antwort. , Einige thun dies, Andere jenes. Arme Leute müssen sich durchbringen, wie sie können.
Sie schien meiner Fragen müde zu sein; und welches Recht hatte ich auch, sie zu belästigen? Einige Nachbarinnen kamen herein; man bedurfte meines Stuhles und ich verabschiedete mich.
Ich ging die Straße hinauf und sah unterwegs nach allen Häusern zur Rechten und zur Linken, aber ich konnte keinen Vorwand finden, in eins derselben zu treten. Ich ging um das ganze Dörfchen, entfernte mich ein wenig von demselben und kehrte nach einer Stunde wieder zurück. Sehr erschöpft und unter dem Mangel an Nahrung heftig leidend, betrat ich einen einsamen Weg. Ein hübsches kleines Haus stand am Ende desselben und davor lag ein höchst zierlicher und blühender Garten. Ich blieb vor dem Hause stehen und klopfte endlich an. Ein sanft aussehendes, reinlich gekleidetes junges Frauenzimmer öffnete die Thür. Mit leiser und bebender Stimme, der man die Erschöpfung anhören konnte, fragte ich, ob man hier einer Dienerin bedürfe?
, Nein, sagte sie, wir halten keine Dienerin.
, Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich Beschäftigung irgend einer Art erhalten könnte? fuhr ich fort. , Ich bin fremd und ohne Bekanntschaft an diesem Orte. Ich wünsche Arbeit, es ist gleich, von welcher Art sie ist.
Aber es war nicht ihre Sache, für mich zu denken. Wie verdächtig mußte überdies meine Lage erscheinen.
Sie schüttelte den Kopf und sagte, es thue ihr leid, mir keine Auskunft geben zu können. Die Thür wurde geschlossen -- leise und höflich, ich war ausgeschlossen.
Wenn sie sie noch ein wenig länger offen gelassen hätte, so glaube ich, würde ich um ein Stück Brot gebeten haben; denn es war jetzt zum Aeußersten mit mir gekommen.
Ich konnte es nicht über mich gewinnen, in das schmutzige Dorf zurückzukehren, wo sich überdies keine Aussicht auf Hilfe für mich zeigte. Ich wäre viel lieber in einen Wald gegangen, den ich in geringer
Entfernung bemerkte und der mir mit seinem dichten Schatten ein einladendes Obdach darzubieten schien; aber ich war so matt und schwach, so aufgerieben von den gebieterischen Forderungen der Natur, daß der Instinct mich trieb, in der Nähe der Wohnungen zu verweilen, wo ich durch irgend einen günstigen Zufall doch vielleicht etwas zu essen bekommen konnte.
Ich näherte mich den Häusern; ich verließ sie und kehrte wieder zurück. Dann wanderte ich von Neuem fort, stets vertrieben von dem Bewußtsein, daß ich kein Recht habe, etwas zu fordern, kein Recht,
Theilnahme an meiner trostlosen Lage zu erwarten.
Inzwischen rückte der Abend heran, während ich gleich einem verlaufenen und halb verhungerten Hunde umherirrte. Als ich über ein Feld ging, sah ich den Kirchthurm vor mir und eilte darauf zu. In der
Nähe des Kirchhofes und in der Mitte eines Gartens stand ein wohlgebautes, wenn auch kleines Haus, welches die Pfarrwohnung sein mußte. Ich erinnerte mich, daß Fremde, die in einen Ort kommen, wo sie
keine Freunde haben und des Raths bedürfen, sich an den Geistlichen zu wenden pflegen. Mir war's, als hätte ich eine Art Recht, hier Rath zu suchen. Indem ich meinen Muth und die schwachen Reste meiner Kraft zusammennahm, ging ich auf das Haus zu und klopfte an die Küchenthür. Eine alte Frau öffnete, und ich fragte, ob dies die Pfarrwohnung sei?
, Ja.
, Ist der Herr Pfarrer zu Hause?
, Nein.
, Wird er bald zurückkehren?
, Nein, er ist ausgegangen.
, Weit?
, Nicht so weit -- nur in Marsh Eid, etwa drei Meilen, aber er ist durch den plötzlichen Tod seines Vaters abgerufen worden und wird sehr wahrscheinlich noch vierzehn Tage dort bleiben.
, Ist nicht eine Dame im Hause?
, Nein, außer mir ist Niemand da und ich bin die Haushälterin.
Noch konnte ich es nicht über mich gewinnen, zu betteln und schwankte weiter.
Wieder nahm ich mein Halstuch ab, an das Brot in dem kleinen Laden denkend. O! wenn ich nur eine Rinde, nur einen Mundvoll hätte, um die Qual des Hungers zu stillen! Instinctmäßig wandte ich mich wieder dem Dorfe zu, suchte den Laden auf und ging hinein; und obgleich noch andere Leute außer der Frau da waren, wagte ich die Bitte, ob sie mir ein
Brötchen für dieses Halstuch geben wolle?
Sie sah mich mit offenbarem Argwohn an und sagte, sie habe nie ihre Ware auf solche Weise verkauft.
Fast zur Verzweiflung getrieben, bat ich um ein halbes Brötchen, doch auch dies schlug sie mir ab, mit dem Bemerken, sie könne nicht wissen, wie ich zu dem Tuche gekommen sei.
Dann fragte ich, ob sie meine Handschuhe dafür annehmen wolle?
Hierauf erwiderte sie, was sie damit machen solle?
Es ist nicht angenehm, bei diesen Einzelheiten zu verweilen. Man sagt wohl, es läge eine Befriedigung darin, auf frühere schmerzliche Erfahrungen zurückzublicken; aber noch heute kann ich die Erinnerung
an jene Zeit kaum ertragen. Die moralische Erniedrigung in Verbindung mit den physischen Leiden,
die ich erduldete, sind mir noch zu lebhaft im Gedächtnis, als daß ich je mit Absicht dabei verweilen könnte. Ich grollte den Leuten nicht, die mich zurückwiesen. Ichs fühlte, daß ich es nicht anders erwarten
konnte, und da schon ein zerlumpter Bettler häufig der Gegenstand des Argwohns ist, so mußte eine wohlgekleidete Bettlerin es um so mehr sein.
Kurz vor Eintritt der Dunkelheit kam ich an einem Pachthause vorbei, vor dessen offener Thür der Pächter saß und sein Abendessen verzehrte, welches in Brot und Käse bestand. Ich blieb stehen und sagte:
, Wollen Sie mir ein Stück? Brot geben? Ich bin sehr hungrig.
Er sah mich erstaunt an; ohne zu antworten, schnitt er ein dickes Stück ab und gab es mir. Ich glaube, er hielt mich nicht für eine Bettlerin, sondern vielleicht für eine romantische Dame, die ein Gelüst nach seinem Schwarzbrot hatte. Sobald ich außer dem Bereiche des Hauses war, setzte ich mich nieder und verzehrte mein Stück Brot.
Ich konnte nicht hoffen, Aufnahme unter einem Dache zu finden, und suchte ein Nachtquartier in dem bereits erwähnten Walde. Aber ich brachte eine elende Nacht zu und meine Ruhe wurde oft unterbrochen; der Boden war feucht, die Luft kalt. Gegen Morgen regnete es, was den ganzen Tag fortdauerte. Wie gestern suchte ich während dieses Tages Arbeit; wie gestern wurde ich zurückgewiesen und mußte Hunger leiden; nur einmal kam: Nahrung über meine Lippen. Vor der Thür einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen im Begriff, eine Schüssel mit kaltem Haferbrei in einen Schweinetrog zu schütten.
, Willst du mir das geben? fragte ich.
Sie starrte mich an.
, Mutter! rief sie, da ist eine Frau, welche will, daß ich ihr den Brei geben soll.
,Gut, Kind, erwiderte eine Stimme von innen, gib ihn ihr, wenn sie eine Bettlerin ist.
Das Mädchen schüttete den steifen Brei in meine Hand und ich verschlang ihn begierig.
Als es dunkler wurde, blieb ich auf einem einsamen Reitwege stehen, nachdem ich denselben länger als eine Stunde verfolgt hatte.
, Meine Kraft verläßt mich gänzlich, sagte ich bei mir selber. ,Ich fühle, ich kann nicht weiter gehen. Werde ich diese Nacht wieder ohne Obdach
sein und während es regnet, meinen Kopf auf den kalten, nassen Boden betten müssen? Ich fürchte es, denn wer sollte mich aufnehmen? Aber es wird eine furchtbare Nacht sein mit diesem Gefühl des Hungers, dieser Schwäche, diesem Frost und diesem Bewußtsein der Verlassenheit -- dieser gänzlichen Vernichtung der Hoffnung. Aller Wahrscheinlichkeit nach muß ich vor dem nächsten Morgen sterben. Und warum kann ich
mich nicht mit der Aussicht auf den Tod versöhnen? Warum kämpfe ich, ein so werthloses Leben zu behalten? Weil ich weiß, oder glaube, daß Rochester noch lebt. Und überdies ist der Tod aus Hunger und Kälte ein Schicksal, dem die Natur sich nicht gleichgültig unterwerfen kann. O Vorsehung! halte mich nur noch ein wenig länger aufrecht! Hilf mir!
-- leite mich!
Mein trübes Auge wanderte über die düstere und neblige Landschaft dahin. Ich bemerkte, daß ich mich weit von dem Dorfe entfernt hatte, es war nicht mehr zu sehen. Ich hatte mich auf Kreuzwegen und Fußsteigen wieder dem Moor genähert, und jetzt lagen nur noch wenige Felder, die fast ebenso wild und unfruchtbar waren, wie das Moorland, zwischen
mir und den düsteren Hügeln.
, Nun, ich möchte lieber dort sterben, als auf einer Straße, dachte ich. , Und viel besser ist es, wenn Krähen und Raben das Fleisch von meinen
Gebeinen nagen, als daß diese in einen von dem Armenhause bezahlten Sarg eingeschlossen werden.
So wandte ich mich also den Hügeln zu. Als ich sie erreicht hatte, sah ich mich nach einer Vertiefung des Bodens um, die mir eine verborgene
Zuflucht gewähren konnte. Aber die ganze Einöde schien eben zu sein und zeigte keine Abwechslung, als nur in der Farbe, sie war grün, wo Moos und Binsen wucherten; schwarz, wo der trockene Boden nur Haidekraut trug. So dunkel es auch schon war, konnte ich doch noch diese Unterschiede bemerken, obgleich sie sich auch nur als Abwechslung zwischen Licht und Schatten kennzeichneten.
Mein Auge schweifte noch über die düstere Fläche des Moors dahin, als sich an einer dunklen Stelle zwischen den Hügel ein Licht zeigte. , Das ist ein Irrlicht, war mein erster Gedanke, und ich erwartete, daß es bald verschwinden werde. Aber es leuchtete weiter, ohne sich von der Stelle zu bewegen. , Es wird ein Licht in einem Hause sein, meinte ich, doch
es ist zu weit entfernt, und selbst wenn es nur einen Schritt von hier wäre, was würde es mir helfen? Ich würde doch nur an die Thür klopfen, um zu sehen, wie sie vor mir wieder zugeschlagen werden würde.
Und ich sank zusammen, wo ich stand, und verbarg mein Gesicht am Boden. Ich lag eine Weile still, der Nachtwind fuhr über mich dahin und erstarb seufzend in der Ferne; ein dichter Regen fiel und durchnäßte mich wieder bis auf die Haut; meine Glieder schauderten vor Kälte, und ich stand bald wieder auf.
Das Licht war noch da und schimmerte matt durch den Regen. Ich schleppte mich erschöpft und langsam auf dasselbe zu. Der Schein führte mich über den Hügel hin durch einen weiten Sumpf. Auf dem schlüpfrigen Boden fiel ich zweimal nieder, stand aber ebenso oft wieder auf und sammelte meine Kräfte.
Das Licht war meine letzte Hoffnung, ich mußte es erreichen.
Als ich den Sumpf überschritten, sah ich einen weißen Streifen auf dem Moor. Es war ein Weg der gerade auf das Licht zu führte, welches jetzt von einer Erhöhung unter einer Baumgruppe herstrahlte.
Es verschwand, als ich näher kam, ein Hindernis war zwischen mich und meinen Stern getreten. Ich streckte meine Hand aus, um die dunkle Masse vor mir anzufühlen, und unterschied die rauhen Steine einer niedrigen Mauer; auf derselben war eine Art von Pallisaden aufgepflanzt und auf der inneren Seite befand sich eine hohe Dornhecke. Ich tappte mich seitwärts weiter. Wieder schimmerte ein weißlicher Gegenstand
vor mir, es war ein Thor mit einem Pförtchen; das letztere bewegte sich in seinen Angeln, als ich es berührte. Zu jeder Seite stand ein schwarzer Busch -- ein Hollunderstrauch oder Tarusbaum.
Als ich durch die Pforte eingetreten war, zeigte sich der Umriß eines Hauses, schwarz, niedrig und ziemlich lang; aber das leitende Licht schien nirgends mehr. Alles war dunkel. Hatten sich die Bewohner
zur Ruhe begeben? Ich fürchtete es. Indem ich einen Eingang suchte, bog ich um eine Ecke, dort zeigte sich der freundliche Schimmer wieder hinter den länglichen Scheiben eines sehr kleinen Gitterfensters, das nur
einen Fuß hoch über dem Erdboden gelegen, und zum Theil durch Epheu und Schlingpflanzen verdeckt wurde, so daß man einen Vorhang oder Fensterladen nicht für nöthig erachtet hatte. Als ich mich niederbeugte und das Laubwerk auf die Seite schob, blickte ich in ein
Zimmer mit rein gescheuertem und mit Sand bestreutem Fußboden und eine Credenz mit zinnernen Schüsseln, die in Reihen aufgestellt waren und den rothen Schimmer eines Kohlenfeuers zurückstrahlten. Ich konnte außerdem eine Uhr, einen weißen tannenen Tisch und einige Stühle sehen. Das Licht, welches mich geleitet, brannte auf dem Tische und bei dem Scheine desselben strickte eine ältliche, etwas rauh aussehende Frau, welche aber wie Alles um sie her, sehr reinlich war, an einem Strumpfe.
In der Nähe des Kamins saßen zwei junge, anmuthige Frauengestalten, unverkennbar Damen höheren Standes, die eine auf einem Rollstuhl, die andere auf einem niedrigen Schemel. Beide waren in tiefer
Trauer; diese düstere Kleidung stach seltsam gegen ihre zarten, schönen Gesichter ab. Ein großer Wachtelhund ließ seinen schweren Kopf auf dem Knie des einen Mädchens ruhen, auf dem Schoße der Anderen saß eine schwarze Katze.
Diese einfache Küche war ein seltsamer Aufenthalt für solche Bewohner! Wer mochten sie sein? Sie konnten nicht die Töchter der ältlichen Person an dem Tische sein, denn diese glich einer Bauersfrau,
während die Mädchen zart und fein waren. Ich konnte sie nicht schön nennen, dazu waren sie zu blaß und ernst. Als sich Beide über ein Buch neigten, sahen sie gedankenvoll, ja fast strenge aus. Auf einem Lesepulte zwischen ihnen befanden sich noch ein zweites Licht und zwei große Bände, die sie häufig zur Hand nahmen und mit dem kleineren Buche zu vergleichen schienen, als ob es sich um eine Uebersetzung handle, bei der ein Wörterbuch zu Rathe gezogen wird. Es ging so schweigsam zu, als wäre das Ganze ein stummes Gemälde. Als daher endlich eine Stimme die Stille unterbrach, waren mir die Worte vollkommen verständlich.
, Höre, Diana, sagte eines von den studirenden Mädchen, Franz und der alte Daniel sind beisammen zur Nachtzeit und Franz erzählt einen Traum, aus dem er mit Schrecken erwacht ist -- höre nur!
Und mit leiser Stimme las sie etwas in einer mir unbekannten Sprache. Es war weder Französisch noch Lateinisch. Ob es Griechisch oder Deutsch war, konnte ich nicht sagen.
, Das ist großartig, sagte die Lesende, als sie zu Ende war, das gefällt mir.
Das andere Mädchen, welches den Kopf erhoben hatte, um ihrer Schwester zuzuhören, wiederholte, während sie ins Feuer blickte, einige Sätze von dem eben Gehörten. Später lernte ich die Sprache und das
Buch kennen; deshalb will ich hier die Worte anführen, obgleich sie mir, als ich sie zuerst hörte, nur wie ein Schlag auf tönendes Erz vorkamen und keinen Sinn für mich hatten:
, Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht! , Ich wäge die Gedanken in der Schale meines Zorns und die Werke mit dem Gewichte
meines Grimms.
, Gibt es ein Land, wo die Leute so reden? fragte die Alte, von ihrem Strickstrumpfe aufblickend.
, Ja, Hannah -- ein viel größeres Land als England, wo sie gar nicht anders reden.
, Wahrhaftig, da weiß ich nicht, wie sie einander verstehen können, und wenn eine von Ihnen dorthin käme, würden Sie wissen, was sie sagen?
, Wir würden wahrscheinlich etwas davon verstehen, aber nicht Alles, denn wir sind nicht so gelehrt, wie du glaubst, Hannah. Wir sprechen nicht Deutsch und können es nur mit Hilfe eines Wörterbuches lesen.
, Und welchen Nutzen bringt es Ihnen?
, Wir denken, einst darin zu unterrichten, wenigstens in den Anfangsgründen, und dann werden wir mehr Geld verdienen, als jetzt.
, Kann schon sein -- aber geben Sie jetzt das Studiren auf, es ist für heute Abend genug.
, Ich denke es auch, wenigstens bin ich ermüdet. Du auch, Maria?
, Todtmüde. Schließlich ist es ja auch eine schwere Sache, sich ohne einen anderen Lehrer, als das Wörterbuch, durch eine Sprache hindurch zu arbeiten.
, Das ist wahr, besonders bei einer solchen Sprache, wie dieses harte, aber herrliche Deutsch. -- Jetzt wäre es jedoch wahrlich an der Zeit, daß Saint John nach Hause käme.
, Gewiß wird er nicht mehr lange aus bleiben, es ist gerade zehn, antwortete die Andere, indem sie nach einer kleinen goldenen Uhr sah, die sie aus ihrem Gürtel zog. , Es regnet stark. Hannah, willst du so gut sein, nach dem Feuer im Wohnzimmer zu sehen?
Die Alte stand auf und öffnete eine Thür, durch die ich in einen Gang sehen konnte.
, Ach, Kinder! sagte sie, als sie zurückkehrte, ich fürchte mich fast, in jenes Zimmer zu gehen, es sieht so einsam aus mit dem leeren Stuhl, der in den Winkel geschoben ist.
Sie trocknete ihre Augen mit der Schürze. Die beiden Mädchen wurden jetzt traurig.
, Aber er ist an einem besseren Orte, fuhr Hannah fort, wir sollten nicht wünschen, daß er wieder hier wäre. Und dann kann sich Niemand einen ruhigeren Tod wünschen.
, Du sagst, daß der Vater unserer gar nicht mehr erwähnt hat? fragte eine von den jungen Damen.
, Er hatte nicht Zeit dazu, Kind, er war in einer Minute hinüber. Am Tage zuvor war er ein wenig leidend, doch schien es ohne Bedeutung und als Herr Saint John fragte, ob man nicht eine von Ihnen kommen lassen solle, da lachte er ihn aus. Am nächsten Tage begann es wieder mit einer Schwere im Kopf -- das sind jetzt vierzehn Tage her -- und er
legte sich schlafen, um nicht wieder zu erwachen; er war schon fast kalt, als Ihr Bruder ankam. Ach Kinder! das war der letzte von dem alten Stamm -- denn Sie und Herr Saint John scheinen von anderer Art zu sein, als der Verstorbene; doch Ihre Mutter glich Ihnen mehr, und war auch fast ebenso gelehrt in den Büchern. Sie sind ihr Ebenbild, Maria;
Diana ähnelt mehr ihrem Vater.
Mir schienen sie einander so ähnlich, daß ich nicht sagen konnte, wo die alte Dienerin (denn dafür hielt ich sie; den Unterschied fand. Beide waren von zarter Gesichtsfarbe und schlank gebaut; Beide besaßen auffallende und geistreiche Züge. Das Haar der einen war freilich um eine Schattirung dunkler, als das der anderen, und es lag eine Verschiedenheit in der Art, wie sie es trugen. Marias hellbraune Locken waren gescheitelt und anliegend; Dianas dunkleres Haar bedeckte ihren Nacken mit dichten Locken.
Die Uhr schlug zehn.
, Sie werden gewiß Ihr Abendessen haben wollen, sagte Hannah, und Herr Saint John auch, wenn er heimkommt.
Und sie begann das Mahl zu bereiten. Die Damen standen auf, sie schienen im Begriff, sich in das Wohnzimmer zurückzuziehen. Bis zu diesem Augenblick hatten ihre Erscheinung und ihre Unterhaltung ein so lebhaftes Interesse in mir erregt, daß ich meine elende Lage fast vergaß. Jetzt erschien sie mir wegen des Gegensatzes noch trostloser und verzweifelter als je. Und wie unmöglich dünkte es mich, den Bewohnern dieses Hauses Theilnahme für mich einzuflößen, sie zu bewegen, meinen Worten zu glauben, und mir ein Obdach zu gewähren! Als ich die Thür fand und zaudernd anklopfte, fühlte ich, daß die letztere Hoffnung eine reine Chimäre sei. Hannah öffnete.
, Was wollen Sie? fragte sie erstaunt, als sie mich beim Scheine des Lichtes, welches sie in der Hand hielt, betrachtete.
, Ich wünsche mit Ihren Damen zu reden, sagte ich.
, Woher kommen Sie?
, Ich bin eine Fremde.
, Was haben Sie zu dieser Stunde hier zu suchen?
, Ich bitte um ein Nachtlager in einem Stalle oder wo es sei, und um ein Stückchen Brot.
Mißtrauen, gerade das Gefühl, welches ich fürchtete, zeigte sich in Hannah's Gesicht.
, Ich will Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer Pause, aber wir können keine Person aufnehmen, die sich nachts umhertreibt; das sieht verdächtig aus.
, Aber wohin soll ich gehen, wenn sie mich fortjagen? was soll ich thun?
, O, ich wette, Sie wissen schon, wohin Sie gehen können und was Sie zu thun haben. Hier ist ein Pfennig; nun gehen Sie --
, Einen Pfennig kann ich nicht essen, und zum Weitergehen habe ich keine Kraft mehr. Schließen
Sie die Thür nicht. O! um Gotteswillen thun Sie es nicht?
, Ich muß; der Regen schlägt herein --
, Sagen Sie es den jungen Damen -- lassen Sie mich mit ihnen reden.
, Nein, das werde ich nicht. Sie sind nicht das, wofür Sie sich ausgeben, sonst würden Sie nicht so aufdringlich sein. Packen Sie sich fort!
, Aber ich muß sterben, wenn Sie mich forttreiben.
, Das glaube ich nicht. Ich fürchte, Sie haben böse Pläne, die Sie zur Nachtzeit vor dieses abgelegene Haus führen. Wenn Sie Begleiter bei sich haben -- Diebe, Räuber oder dergleichen -- so können Sie ihnen nur sagen, daß wir nicht allein im Hause sind, es ist ein Herr da, und Hunde und Flinten.
Hier schlug die ehrliche, aber unerbittliche Dienerin die Thür zu und verriegelte sie von innen.
Die Angst der Verzweiflung zerriß mein Herz. Ich war völlig erschöpft und konnte keinen Schritt weiter thun. Ich sank auf die nasse Schwelle nieder -- ich stöhnte -- ich rang die Hände -- ich weinte in äußerster Qual. O, dieses Gespenst des Todes! O, diese letzte Stunde, die sich mit solchem Entsetzen näherte! Ach, diese Verlassenheit -- diese Unerbittlichkeit aller Menschen! Nicht allein den festen Anker eines Heims hatte ich verloren, jetzt wollte mich auch meine letzte Seelenkraft verlassen. Aber noch wollte ich mich nicht selbst aufgeben.
, Ich kann nur noch sterben, sagte ich mir, und ich glaube an Gott. Ich will versuchen, seinen Willen ergeben zu erwarten.
Diese Worte dachte ich nicht nur, sondern ich sprach sie laut aus und suchte all mein Elend in mein Herz zurückzudrängen.
, Alle Menschen müssen sterben, hörte ich eine männliche Stimme ganz in der Nähe sagen, aber nicht Alle sind verurtheilt zu einem langsamen und frühzeitigen Untergange, wie der Ihrige sein würde, wenn Sie hier aus Mangel umkämen.
, Wer redet hier? fragte ich, erschrocken über die unerwarteten Laute und unfähig, aus irgend einem Ereignis eine Hoffnung auf Hilfe abzuleiten. Eine Gestalt war nahe, doch konnte ich sie bei meinem schwachem Gesicht und bei der Dunkelheit der Nacht nicht erkennen. Der Unbekannte klopfte stark und lange an die Thür.
, Sind Sie es, Herr Saint John? rief Hannah.
, Ja -- ja, öffne schnell.
O, wie durchnäßt und kalt müssen Sie sein in einer solchen Nacht, wie diese! Kommen Sie herein. Ihre Schwestern sind Ihretwegen schon sehr besorgt, und ich fürchtete, es wären böse Leute in der Nähe. Es war ein Bettelweib da -- wahrhaftig, sie ist noch nicht fort! -- Sie hat sich dort niedergelegt! Sie da! Stehen Sie doch auf! Packen Sie sich fort, sage ich!
, Still, Hannah! Ich habe ein Wort mit der Fremden zu reden! Du hast deine Pflicht gethan, als du ihr den Eintritt verwehrtest, jetzt laß' mich
die meine thun, sie einzulassen. Ich war in der Nähe und hörte, was Ihr Beide mit einander gesprochen. Es ist, wie mir scheint, ein besonderer Fall -- ich muß ihn wenigstens untersuchen. Junge Frau, stehen Sie auf und kommen Sie mit ins Haus.
Mit großer Anstrengung gehorchte ich. Bald befand ich mich in der hellen Küche und stand ängstlich und zitternd am Herde, denn ich wußte, daß mein Aussehen wild und abschreckend sein mußte. Die
beiden Damen, ihr Bruder Saint John und die alte Dienerin sahen mich Alle an.
, Saint John, wer ist das? hörte ich eine der Schwestern fragen.
, Ich kann es nicht sagen; ich fand sie vor der Thür, war die Antwort.
, Sie sieht todtenblaß aus, sagte Hannah.
, So weiß, wie ein Leintuch, war die Antwort.
, Sie wird umfallen, laß' sie sich niedersetzen.
Und in der That drehte sich Alles mit mir, ich sank nieder, aber ein Stuhl nahm mich auf. Ich war
noch meiner Sinne mächtig, obgleich ich noch nicht reden konnte.
, Vielleicht wird ihr ein wenig Wasser gut thun. Hole Wasser, Hannah. Aber sie ist ganz abgezehrt und hat nicht einen Tropfen Blut in den Wangen!
, Ist sie krank oder nur ausgehungert?
, Ausgehungert, denke ich. Hannah, ist das Milch? Gib sie mir und ein Stück Brot dazu.
Eines der jungen Mädchen neigte sich über mich; es war Diana -- ich kannte sie an den langen Locken, die ich zwischen mir und dem Feuer schweben sah; sie brach etwas Brot ab, tauchte es in die Milch und brachte es an meine Lippen. Ihr Gesicht war dem meinigen nahe, ich sah Mitleid darin. In ihren einfachen Worten lag dieselbe wohlthuende Rührung, als sie sagte:
, Versuchen Sie zu essen.
, Ja, versuchen Sie es, wiederholte Maria sanft, nahm mir den durchnäßten Hut ab und stützte meinen Klopf. Ich kostete, was Sie mir anboten, anfangs lässig, dann begierig.
, Nicht gleich zu viel -- haltet sie zurück, sagte der Bruder, sie hat jetzt genug. Versuche, ob sie jetzt reden kann -- frage sie nach ihrem Namen.
Ich fühlte, daß ich reden konnte, und antwortete:
, Mein Name ist Johanna Elliott.
Da ich Nachforschungen über meine bisherigen Verhältnisse zu vereiteln wünschte, hatte ich schon vorher beschlossen, einen anderen Namen anzunehmen.
, Und wo wohnen Sie? Wo sind Ihre Freunde?
Ich blieb stumm.
, Können wir zu Jemand schicken, den Sie kennen?
Ich schüttelte den Kopf.
, Welche Auskunft können Sie über sich geben?
Ich weiß nicht, wie es kam, aber jetzt, da ich bei guten Menschen ein Obdach gefunden hatte und mir nicht mehr wie eine von der Welt Ausgestoßene erschien -- jetzt wagte ich, die Maske der Bettlerin
abzulegen und mein natürliches Wesen wieder anzunehmen. Ich begann mich wiederzuerkennen, und als Herr Saint John Auskunft über mich verlangte, die ich ihm jetzt wegen meiner Schwäche nicht geben
konnte, sagte ich nach einer kurzen Pause:
, Mein Herr, ich kann Ihnen diesen Abend nicht alles Nähere mittheilen.
, Aber, was wollen Sie denn, daß ich für Sie thun soll? sagte er.
, Nichts, versetzte ich. Meine Kraft reicht: nur noch zu kurzen Antworten aus.
, Wollen Sie damit sagen, daß wir Ihnen jetzt den nöthigen Beistand schon geleistet haben, fragte Diana, und daß wir Sie wieder in die Regennacht hinaus lassen könnten?
Ich blickte sie an. In ihrem Gesichte drückte sich zugleich Willensstärke und Güte aus. Ich faßte plötzlich Muth, beantwortete ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln und sagte:
, Ich will Ihnen vertrauen. Ich weiß, daß Sie einen herrenlos umherlaufenden Hund in dieser Nacht nicht von Ihrem Herde treiben würden, um wie viel weniger habe ich das zu fürchten. Thun Sie mit mir
und für mich, was Sie wollen; aber entschuldigen Sie, wenn ich wenig rede -- mein Athem ist kurz -- ich fühle eine Art Krampf, wenn ich spreche.
Alle drei sahen mich an und schwiegen.
, Hannah, sagte Herr Saint John endlich, laß' sie für jetzt dort sitzen und lege ihr keine Fragen vor; wenn zehn Minuten um sind, gib ihr wieder Milch und Brot, Maria und Diana, kommt in das Wohnzimmer, dort wollen wir die Sache weiter überlegen.
Sie entfernten sich. Sehr bald kehrte eine von den Damen zurück -- ich konnte nicht sagen, welche. Eine angenehme Fühllosigkeit hatte sich meiner bemächtigt, als ich an dem wärmenden Feuer saß. Sie ertheilte Hannah in leisem Tone Befehle. Bald gelang es mir, mit Hilfe der Dienerin eine Treppe hinaufzusteigen, meine triefenden Kleider wurden abgelegt und dann empfing mich ein warmes, trockenes Bett. Ich empfand bei der unaussprechlichen Erschöpfung ein Gefühl der Freude, und mit einem Dankgebete auf den Lippen schlief ich ein.
Dreißigstes Capitel.
Die Erinnerung an die drei folgenden Tage und Nächte ist sehr unklar in meinem Geiste. Ich wußte, ich sei in einem kleinen Zimmer und in einem schmalen Bette. Ich lag da, regungslos wie ein Stein, und
achtete nicht auf den Uebergang vom Morgen zum Mittage, vom Mittage zum Abende. Ich bemerkte, wenn Jemand eintrat oder das Zimmer verließ, ich wußte sogar, wer es war, und konnte verstehen, was
gesprochen wurde, aber ich konnte nicht antworten; meine Lippen zu öffnen oder meine Glieder zu bewegen, war gleich unmöglich. Die Dienerin Hannah besuchte mich häufig. Ihre Gegenwart beunruhigte
mich. Ich hatte das Gefühl, daß sie, meine Lage nicht begreifend, ein Vorurtheil gegen mich hege und mich hinweg wünsche. Diana und Maria kamen ein- oder zweimal täglich in mein Zimmer und flüsterten
neben meinem Bette. Von ihren leisen Gesprächen vernahm ich etwa Folgendes:
, Es ist gut, daß wir sie aufgenommen haben.
, Ja; man würde sie gewiß am Morgen todt vor der Thür gefunden haben, wäre sie die Nacht draußen geblieben. Ich bin begierig zu hören, was
ihr widerfahren ist.
, Seltsames Mißgeschick -- das arme, abgemagerte, bleiche Wesen!
, Sie ist keine ungebildete Person, nach ihrer Art zu reden; ihr Accent war ganz rein, und die Kleider, die sie abgelegt, obgleich beschmutzt und naß, waren fein und wenig abgetragen.
, Sie hat ein eigenthümliches Gesicht; so fleischlos und abgefallen es ist, gefällt es mir doch; unter günstigeren Umständen muß es ein sehr angenehmes Gesicht sein.
Nie hörte ich in ihren Gesprächen eine Silbe von Argwohn oder Vorurtheil gegen mich. Dies tröstete mich.
Herr Saint John kam nur einmal herein; er sagte, mein Zustand der Schlafsucht sei die Folge von langer und übermäßiger Anstrengung. Einen Arzt zu rufen, sei unnöthig, da in diesem Falle die Natur der beste Arzt sei; die Nerven wären auf irgend eine Weise zu sehr angespannt gewesen und das ganze System müsse eine Weile ruhen. Es sei keine eigentliche Krankheit vorhanden und wenn ich einmal begonnen habe, mich zu erholen, werde ich bald ganz wieder hergestellt sein. Diese Ansichten sprach er mit ruhiger und leiser Stimme aus und fügte nach einer Pause in dem Tone eines Mannes, der wenig Worte macht, hinzu:
, Eine etwas ungewöhnliche Physiognomie, jedenfalls macht sie nicht den Eindruck der Gemeinheit oder der Gesunkenheit.
, Ganz im Gegentheile, antwortete Diana. , Die Wahrheit zu sagen, Saint John, mein Herz erwärmt sich für die arme kleine Seele. Ich wollte, wir wären im Stande, ihr dauernd Wohlthaten zu erweisen.
, Das ist kaum anzunehmen, war die Antwort.
, Du wirst sehen, daß sie eine junge Dame ist, die ein Mißverständnis mit ihren Angehörigen gehabt und sie wahrscheinlich auf unüberlegte Weise verlassen hat. Vielleicht wird es uns gelingen, sie ihnen wieder zuzuführen, wenn sie nicht halsstarrig ist; doch ich finde Linien in ihrem Gesicht, die mir einige Zweifel an Ihrer Fügsamkeit einflößen.
Er betrachtete mich einige Minuten und fügte dann hinzu:
, Ihre Züge verrathen Geist, aber schön ist sie keineswegs.
, Sie ist so krank, Saint John.
, Krank oder gesund, die Grazie und Harmonie der Schönheit fehlen gänzlich in diesem Gesicht.
Am dritten Tage war mir besser; am vierten konnte ich reden, mich bewegen und mich im Bette aufrichten. Ich hatte mit Appetit gegessen, die Speise war gut und der vom Fieber stammende Beigeschmack war verschwunden. Bald wurde ich der Ruhe überdrüssig und fühlte das Verlangen nach Thätigkeit und Bewegung. Ich wünschte aufzustehen, aber was sollte ich anziehen? Ich besaß nichts, als meine nassen und beschmutzten Kleider, worin ich unter freiem Himmel geschlafen hatte und in den Sumpf gefallen war. Ich fühlte mich beschämt, so gekleidet vor meinen Wohlthätern erscheinen zu sollen. Doch wurde mir dies erspart.
Auf einem Stuhle neben dem Bette lagen alle meine Kleider rein und trocken und so wieder hergestellt, daß ich mich darin sehen lassen konnte. Es war Waschwasser im Zimmer, auch Kamm und Bürste
fehlten nicht. Mit Mühe gelang es mir, mich anzukleiden, wobei ich oft ausruhen mußte. Meine Kleider waren mir zu weit geworden, denn ich war sehr abgefallen, aber ich bedeckte diese Mängel mit meinem großen Shawl, und als ich wieder reinlich und anständig aussah, schlich ich, mich fortwährend am Geländer haltend, eine steinerne Treppe hinunter
zu einem schmalen niedrigen Gange und befand mich alsbald in der Küche.
Sie war von dem Dufte frischgebackenen Brotes erfüllt. Hannah war mit Backen beschäftigt. Es ist bekannt, daß bei Menschen ohne bessere Erziehung Vorurtheile schwer auszurotten sind, sie wurzeln dort fest wie Unkraut zwischen Steinen. Hannah war Anfangs kalt und steif gegen mich gewesen, in der letzten Zeit begann sie ein wenig aufzuthauen, und als sie mich sauber und anständig gekleidet sah, lächelte sie
Sogar.
, Ei, Sie sind aufgestanden, sagte sie. , Sie sind also wieder hergestellt. Sie können sich in meinen Stuhl am Feuerherde setzen, wenn Sie wollen.
Sie deutete auf den Rollstuhl, und ich nahm darin Platz. Sie beobachtete mich von Zeit zu Zeit
von der Seite und während sie einige Brote aus dem Ofen nahm, wendete sie sich zu mir und fragte geradezu:
, Bettelten Sie je vorher, ehe Sie hierher kamen?
Ich war im ersten Augenblick unwillig; doch bedachte ich sogleich, daß ich ihr in der Chat wie eine Bettlerin erschienen war, und antwortete ruhig, aber nicht ohne eine gewisse Festigkeit:
, Sie irren, wenn Sie mich für eine Bettlerin halten. Ich bin keine Bettlerin, ebensowenig wie Sie oder Ihre jungen Damen.
Nach einer Pause sagte sie:
, Ich verstehe das nicht; Sie haben doch kein Heim und kein Geld, soviel ich weiß.
, Das macht mich noch nicht zur Bettlerin in Ihrem Sinne des Wortes.
, Sind Sie büchergelehrt? fragte sie sogleich.
, Ja.
, Aber Sie sind doch wohl nie in einer Pension gewesen?
, Acht Jahre lang war ich in einer Pension.
Sie öffnete ihre Augen weit.
, Warum können Sie sich dann nicht selbst ernähren?
, Ich habe mich selbst ernährt und hoffe es auch ferner zu können.
, Ich sehe es Ihren Fingern an, daß Sie nicht an grobe Arbeit gewöhnt sind, bemerkte Hannah. , Vielleicht sind Sie eine Kleidermacherin gewesen?
, Nein, Sie irren. Und nun kümmern Sie sich nicht weiter um mich, sondern sagen Sie mir den Namen dieses Hauses.
, Einige nennen es Marsh End und Andere Moor House.
, Und der Herr, der hier wohnt, heißt Saint John?
, Er wohnt nicht hier, er hält sich hier nur für einige Zeit auf. Er wohnt in Morton, wo sich seine Gemeinde befindet.
, In dem Dorfe einige Meilen von hier?
, Ja.
, Und was ist er?
, Er ist Prediger.
Ich erinnerte mich der Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhause zu Morton, als ich nach dem Geistlichen gefragt hatte.
, Dies hier war wohl der Wohnort seines Vaters?
, Ja; der alte Herr Rivers wohnte hier und sein Vater, Großvater und Urgroßvater vor ihm.
, Der Name jenes Herrn ist also Herr Saint John Rivers?
, Ja; Saint John ist sein Taufname.
, Und seine Schwestern heißen Diana und Maria Rivers?
, Ja.
, Ihr Vater ist tode.
, Vor drei Wochen am Schlagfluß gestorben.
, Haben sie keine Mutter mehr?
, Die ist seit mehreren Jahren todt.
, Sind Sie schon lange bei der Familie?
, Schon dreißig Jahre. Ich habe sie alle drei aufgezogen.
, Das beweist, daß Sie eine ehrliche und treue Dienerin sein müssen. Ich erkenne das an, obgleich Sie die Unhöflichkeit gehabt haben, mich eine Bettlerin zu nennen.
Sie sah mich wieder mit starrer Ueberraschung an.
, Ich glaube, ich habe mich in meinem Urtheile über Sie gänzlich geirrt, sagte sie, aber es kommen so viele Betrügereien vor, daß Sie mir verzeihen müssen.
, Auch wollten Sie mich aus der Thür treiben in einer Nacht, wo Sie keinen Hund hätten fortjagen sollen, fuhr ich etwas strenge fort.
, Ich gestehe, es war hart, aber was soll man thun? Ich dachte mehr an die Kinder, die armen Dinger, als an mich selbst! Sie haben Niemand, der
sie behütet, als mich. So muß ich wohl ein scharfes Auge haben. Ich behauptete einige Minuten lang ein ernstes Schweigen.
, Sie müssen nicht zu schlecht von mir denken, sagte sie wieder.
, Aber ich denke doch schlecht von Ihnen, entgegnete ich, nicht so sehr, weil Sie sich weigerten, mir Obdach zu gewähren, oder mich für eine Betrügerin hielten, sondern weil Sie es mir eben jetzt zum besonderen Vorwurfe machten, daß ich kein Gold und kein Heim habe. Einige der besten Menschen, die je gelebt haben, waren ebenso verlassen wie ich; und wenn Sie eine Christin sind, sollten Sie die Armuth nicht als eine Schande betrachten.
, Das sollte ich freilich nicht, sagte sie, Herr Saint John sagt es mir auch immer, und ich sehe, ich hatte Unrecht -- aber ich habe jetzt eine ganz
andere Meinung von Ihnen als Anfangs. Sie sehen jetzt wie eine ganz anständige kleine Dame aus.
, So ist es recht -- ich verzeihe Ihnen jetzt. Reichen Sie mir die Hand.
Sie legte ihre mehlige und harte Hand in die meinige; ein herzliches Lächeln erhellte ihr rauhes Gesicht, und von diesem Augenblicke an waren wir Freunde.
Es war nicht zu verkennen, daß Hannah gern sprach. Während sie Teig zu Kuchen zurecht machte, theilte sie mir verschiedene Einzelnheiten über ihre verstorbene Herrschaft und die Kinder mit, wie sie die drei jungen Leute nannte.
Der alte Herr Rivers, sagte sie, sei ein ganz einfacher Mann gewesen, aber ein Gentleman in jeder Beziehung und von einer so alten Familie, wie man sie nur finden könne. Marsh End habe der Familie Rivers gehört, so lange es gestanden, und es sei ausgemacht, daß es über zweihundert Jahre alt sei, wenn es auch klein und bescheiden aussehe und mit dem großen Herrenhause des Nadelfabrikanten Olivers da
unten in Morton Vale nicht verglichen werden könne. Aber sie erinnere sich noch, wie Bill Oliver's Vater als Arbeiter in der Nadelfabrik beschäftigt war, während die Rivers schon in den alten Tagen der Heinriche Edelleute gewesen wären. Dennoch gab sie zu, der alte Herr sei ganz wie andere Leute gewesen und sehr auf die Jagd und den Ackerbau versessen und dergleichen. , Die Frau war schon anders,
sagte sie. , Sie las und studirte viel und die Kinder sind nach ihr gerathen und haben ihresgleichen nicht in dieser Gegend; sie liebten das Lernen alle Drei fast von der Zeit an, wo sie sprechen konnten, und hatten stets etwas Apartes an sich. Als Herr Saint John heranwuchs, wollte er auf die Universität gehen und ein Prediger werden. Sobald die Mädchen die
Schule verließen, suchten sie Stellen als Erzieherinnen; denn sie sagten, ihr Vater habe vor einigen Jahren eine große Geldsumme durch den Bankrott eines Mannes, dem er sie anvertraut hatte, verloren, und da er nun nicht mehr reich genug sei, um ihnen ein Vermögen zu hinterlassen, so müßten sie für sich selber sorgen. Zeit langer Zeit waren sie nur selten zu Hause, und jetzt sind sie nur in Folge des Todes ihres Vaters gekommen, um hier einige Wochen zu verweilen; doc lieben sie Marsh End und Morton, sowie das Moor und die Hügel in der Runde gar sehr. Sie sind in London und in vielen anderen großen Städten gewesen; aber sie sagen immer, kein Ort komme der Heimat gleich, und dann waren sie
immer so friedfertig und verträglich mit einander und hatten nie Streit. Ich habe nie eine solche Familie gekannt.
Ich fragte, wo die beiden Damen und ihr Bruder jetzt wären.
, Sie machen einen Spaziergang nach Morton, war die Antwort, aber sie werden in einer halben Stunde zum Thee zurück sein.
Die Erwarteten kehrten noch vor der von Hannah angegebenen Zeit zurück und traten durch die Küchenthür ein. Als Herr Saint John mich erblickte, verbeugte er sich nur und ging durch die Küche weiter;
aber die beiden Damen blieben zurück. Maria drückte in wenigen freundlichen und ruhigen Worten ihre Freude aus, mich soweit wieder hergestellt zu sehen,
Diana faßte meine Band, schüttelte dabei aber den Kopf.
, Sie hätten meine Erlaubnis abwarten sollen, herunterzukommen, sagte sie. , Sie sehen noch sehr blaß aus -- und so abgefallen! Armes Kind --
armes Mädchen!
Diana hatte eine Stimme, die in meinem Ohre wie das Gurren einer Taube klang. Sie hatte Augen, deren Blicken ich mit Entzücken begegnete. Ihr ganzes Gesicht schien mir voll Reiz. Marias Gesicht war
ebenso geistreich, ihre Züge ebenso hübsch, aber ihr Wesen zurückhaltender, obgleich sanft. Dianas Blick und Sprache verrieth eine gewisse Autorität, sie besaß offenbar einen eigenen Willen. Es lag in meiner Natur, einer Autorität gern und willig nachzugeben, die so geartet war, wie die ihrige, und mich einem kräftigen Willen zu beugen, wo mein Gewissen und meine Selbstachtung es gestatteten.
, Hier ist nicht Ihr Platz, fuhr Diana fort.
, Sie sind ein Gast und gehören in das Wohnzimmer.
Und meine Hand fassend, nöthigte sie mich, aufzustehen, und führte mich in das innere Zimmer.
, Setzen Sie sich dort nieder, sagte sie, mich zu dem Sopha geleitend, während wir unsere Hüte und Tücher ablegen und den Thee bereiten.
Sie ging hinaus und ließ mich mit Herrn Saint John allein, der mir gegenüber saß und ein Buch in der Hand hielt. Ich betrachtete erst das Zimmer und dann den Bewohner desselben.
Das Zimmer war ziemlich klein und sehr einfach ausmöblirt, aber bequem und zierlich. Die altmodischen Stühle waren glänzend polirt und die Platte des Tisches von Nußbaumholz glich einem Spiegel. Einige
alterthümliche Bilder von Männern und Frauen aus früheren Zeiten schmückten die Wände; ein Schrank
mit Glasthüren enthielt einige Bücher und alterthümliche Geschirre von chinesischem Porzellan. Es war kein überflüssiger Schmuck und kein einziges modernes Hausgeräth im Zimmer außer einem Paar Arbeitskästchen und einem Damenschreibpult von Rosenholz.
Alles sah wohlerhalten aus.
Herr Saint John, der seine Augen auf das Blatt richtete, welches er las, war leicht genug zu beobachten. Wäre er eine Statue gewesen, so hätte er nicht unbeweglicher dasitzen können. Er war jung, vielleicht achtundzwanzig oder dreißig Jahre alt, und groß und schlank; sein Gesicht mit den ernsten Linien fesselte das Auge; Mund, Kinn und die gerade, classische Nase erinnerten an einen Athener. Seine Augen waren
groß und blau mit braunen Wimpern; seine hohe Stirn, farblos wie Elfenbein, war theilweise von blonden Locken bedeckt.
So anheimelnd diese Schilderung erscheinen mag, so machte doch der Gegenstand derselben durchaus nicht den Eindruck einer sanften, nachgebenden oder milden Natur. Schweigend, wie er jetzt dasaß, lag
etwas in dem Aus drucke seiner erweiterten Nase, seines Mundes und seiner Stirn, was auf ruhelose, harte oder heftige Elemente in seinem Innern zu deuten schien. Er sprach kein Wort mit mir und richtete auch keinen Blick auf mich, bis seine Schwestern zurückkehrten. Diana, die während der Zubereitung des Thees aus- und einging, brachte mir einen
kleinen Kuchen, der auf dem Ofen gebacken worden war.
, Essen Sie jetzt, sagte sie, Sie müssen hungrig sein. Hannah sagte, Sie haben seit dem Frühstücke nur eine Griessuppe bekommen.
Ich schlug den Kuchen nicht aus, denn mein Appetit war rege. Herr Rivers machte sein Buch zu, näherte sich dem Tische, nahm einen Stuhl und richtete seine blauen, klaren Augen auf mich. Es lag jetzt eine entschiedene Festigkeit, eine forschende Rücksichtslosigkeit in seinem Blicke, die mir sagte, daß er ihn
bisher mit Absicht und nicht aus Verlegenheit von der Fremden abgewendet habe.
, Sie sind sehr hungrig? bemerkte er.
, Das bin ich, mein Herr.
Es war immer instinctmäßig meine Art, der Kürze mit Kürze und der Offenheit mit Offenheit zu begegnen.
, Es ist gut für Sie, daß ein geringes Fieber Sie in den letzten drei Tagen zur Enthaltsamkeit genöthigt hat; es wäre gefährlich gewesen, gleich Anfangs den Forderungen Ihres Appetits ganz nachzugeben. Jetzt
können Sie essen, aber immer noch mäßig.
, Ich hoffe, ich werde nicht lange auf Ihre Kosten essen, mein Herr, war meine unhöfliche Antwort.
, Nein, sagte er kalt, wenn Sie uns Ihren Wohnort und Ihre Angehörigen genannt haben, können wir an diese schreiben und Sie in Ihre Heimat
zurücksenden.
, Das, muß ich Ihnen offen sagen, liegt nicht in meiner Macht, da ich durchaus ohne Heimat und Angehörige bin.
Alle Drei sahen mich an; aber ich fühlte, daß kein Argwohn in ihren Blicken lag; es war mehr Neugierde, besonders bei den jungen Damen. Saint Johns Augen, obgleich im buchstäblichen Sinne klar genug, waren im bildlichen Sinne schwer zu ergründen.
Er schien sie mehr als Werkzeuge anzuwenden, um anderer Leute Gedanken zu erforschen, denn als Dolmetscher, um seine eigenen zu erkennen zu geben. Und diese Vereinigung von Zurückhaltung und Scharfsinn war mehr geeignet, in Verlegenheit zu setzen, als zu
ermuthigen.
, Wollen Sie damit sagen, daß sie durchaus ohne alle Verwandtschaft sind? fragte er.
, Allerdings. Kein Band fesselt mich an irgend ein lebendes Wesen; ich habe keinen Anspruch, in irgend ein Haus in England Zutritt zu erhalten.
, Eine sehr eigenthümliche Lage in Ihrem Alter.
Hier sah ich, daß sein Blick sich auf meine Hände richtete, die gefaltet vor mir auf dem Tische lagen. Es wunderte mich, was er daran suchen möge, doch schon seine nächsten Worte erklärten es mir.
, Sie sind nicht verheiratet? Sie sind ledig?
Diana lachte.
, Ei, sie kann ja nicht über siebzehn oder achtzehn Jahre alt sein, Saint John, sagte sie.
, Ich bin beinahe neunzehn, aber nicht verheiratet. Nein.
Ein lebhaftes Erröthen ergoß sich über mein Gesicht; denn bittere und aufregende Erinnerungen wurden durch die Anspielung auf Verheiratung in mir erweckt. Alle sahen dies. Diana und Maria wollten mich nicht noch mehr in Verlegenheit bringen und wendeten ihre Blicke von meinem purpurrothen Gesichte ab; aber der kältere und strengere Bruder hielt unverwandt sein Auge auf mich gerichtet, bis mir der
Kummer, den er mir dadurch bereitete, Thränen entlockte.
, Wo hielten Sie sich zuletzt auf? fragte er jetzt.
, Du fragst auch allzu viel, Saint John, wandte Maria in leisem Tone ein, aber er lehnte sich über den Tisch und forderte mit einem zweiten festen und durchdringenden Blicke eine Antwort.
, Der Name des Ortes, wo, und der Person, bei welcher ich mich aufhielt, ist mein Geheimnis, erwiderte ich mit Bestimmtheit.
, Welches Sie, meiner Ansicht nach, sowohl vor Saint John als auch vor jedem anderen Frager zu bewahren ein Recht haben, sagte Diana.
, Doch wenn ich nichts von Ihnen und Ihrer Geschichte weiß, kann ich Ihnen nicht helfen, sagte er. , Und Sie bedürfen der Hilfe, nicht wahr?
, Ich bedarf derselben, mein Herr, und es geschähe mir ein großer Dienst, wenn ein wahrer Menschenfreund mir eine passende Beschäftigung verschaffte, wodurch ich mir meinen Unterhalt erwerben
könnte, wenn ich auch nur die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen vermöchte.
, Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund bin, doch bin ich bereit, Ihnen nach besten Kräften in Ihrem so redlichen Vorhaben behilflich zu sein. Sagen Sie mir also zuerst, was sind Sie gewohnt zu thun und was können Sie thun?
Ich hatte jetzt meinen Thee getrunken und fühlte mich sehr erfrischt durch das Getränk; es verlieh meinen erschlafften Nerven neue Stärkung und dies setzte mich in den Stand, diesem scharfsichtigen jungen Richter mit Festigkeit zu begegnen.
, Herr Rivers, sagte ich, ihn offen anblickend, wie er mich anblickte, Sie und Ihre Schwestern haben mir einen großen Dienst erwiesen -- den größten, den ein Mensch seinem Mitgeschöpfe erweisen kann:
Sie haben mich durch Ihre edle Gastfreundschaft vom Tode errettet. Diese mir erwiesene Wohlthat gibt Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und bis auf einen gewissen Punkt auch auf mein Vertrauen. Ich will Ihnen von der Geschichte der heimatlosen Person, die bie aufgenommen haben, so viel erzählen, als ich kann, ohne meinen eigenen Seelenfrieden, meine eigene moralische und physische Sicherheit, sowie diejenige anderer Leute zu gefährden.
Ich bin eine Waise, die Tochter eines Geistlichen. Meine Eltern starben, ehe ich sie kannte. Ich wurde in abhängigem Verhältnis erzogen und in einer Freischule unterrichtet. Ich will Ihnen sogar den Namen der Schule nennen, wo ich sechs Jahre als Schülerin und zwei Jahre als Lehrerin zubrachte: es ist die Lowood-Stiftung in der Grafschaft N. Sie werden
davon gehört haben, Herr Rivers? Robert Brocklehurst ist der Schatzmeister der Anstalt.
, Ich habe von Brocklehurst gehört und die Schule selbst gesehen.
, Ich verließ Lowood etwa vor einem Jahre, um Gouvernante in einem Privathause zu werden. Die Stelle war gut und ich fühlte mich glücklich. Vier Tage bevor ich hierher kam, war ich genöthigt, diese Stelle zu verlassen. Den Grund kann und darf ich
nicht erklären, es würde nutzlos, ja gefährlich sein und unglaublich scheinen. Ich bin so frei von aller Schuld, wie nur eins von Ihnen. Elend bin ich und muß es vielleicht bleiben, denn die Katastrophe, die mich aus einem Hause trieb, wo ich ein Paradies gefunden, war von seltsamer und schrecklicher Art. Bei meiner Abreise kam Alles darauf an, daß sie eben so eilig als geheim vor sich ging, daher mußte ich Alles zurücklassen, was ich besaß, mit Ausnahme eines kleinen Bündels, welches ich in der Eile und Verwirrung aus dem Wagen zu nehmen vergaß, der mich bis Whitcroß brachte. In diese Gegend kam ich also ohne alle Hilfsmittel. Ich schlief zwei Nächte unter freiem Himmel und wanderte zwei Tage lang umher, nur zweimal kam in dieser Zeit etwas Speise über meine Lippen, und ich war vor Hunger, Erschöpfung und Verzweiflung dem Tode nahe, als Sie, Herr Rivers, verhinderten, daß ich vor Ihrer Thür umkam, und mich unter Ihr schützendes Dach aufnahmen. Ich weiß Alles, was Ihre Schwestern seitdem für mich gethan haben, denn ich war während meiner scheinbaren Schlafsucht meiner Sinne mächtig, und ich verdanke ihrem edlen und großmüthigen
Mitgefühl ebenso viel, wie Ihrer christlichen Barmherzigkeit.
, Reden Sie jetzt nicht mehr, mahnte Diana, Sie sind offenbar noch nicht stark genug, um Aufregung zu ertragen, Miß Elliott.
Ich stutzte unwillkürlich, als ich diesen neuen Namen hörte, den ich vergessen hatte. Herrn Rivers entging dies nicht.
, Sie sagten, Ihr Name sei Johanna Elliott? bemerkte er.
, Ich sagte es, und ich halte es für zweckmäßig, mich für den Augenblick so zu nennen, aber es ist nicht mein wahrer Name, und wenn ich ihn höre, klingt er mir fremd und seltsam.
, Ihren wahren Namen wollen Sie also nicht angeben?
, Nein, ich fürchte vor allen Dingen die Entdeckung und vermeide daher jede Mittheilung, die dazu führen könnte.
, Ich bin gewiß, Sie haben völlig Recht, sagte Diana. , Nun, Bruder, laß sie eine Weile in Ruhe, ich bitte dich.
Aber als Saint John einige Minuten nachgedacht hatte, begann er wieder ebenso unerschütterlich und ebenso scharfsinnig von Neuem:
, Sie wünschen nicht lange von unserer Gastfreundschaft abhängig zu sein, Sie wünschen sobald als möglich des Mitleids meiner Schwestern, und vor allen Dingen meiner christlichen Barmherzigkeit -- ich
bemerkte den Unterschied sehr wohl und ich bin nicht dadurch verletzt -- entbehren zu können, und streben danach, unabhängig von uns zu sein?
, Ja, das möchte ich, ich habe es bereits gesagt. Zeigen Sie mir, wie ich arbeiten kann oder wo ich Beschäftigung finde; das ist jetzt Alles, um was ich Sie bitte. Dann lassen Sie mich gehen und wäre es in die niedrigste Hütte. Aber bis dahin erlauben Sie mir hier zu bleiben, ich kann unmöglich noch einmal den Kampf mit dem Schrecken heimatloser Armuth aufnehmen.
, Sie sollen natürlich hier bleiben, sagte Diana, ihre weiße Hand auf meinen Kopf legend.
, Das sollen Sie allerdings, wiederholte Maria in dem Tone der Aufrichtigkeit, der ihr natürlich zu sein schien.
, Meine Schwestern finden, wie Sie sehen, ein Vergnügen daran, Sie hier zu behalten, sagte Herr Saint John, sowie sie Vergnügen daran finden
würden, einen halb erfrorenen Vogel zu hegen und zu pflegen, den der winterliche Frost in ihr Fenster getrieben. Ich dagegen fühle mich geneigt, Sie in den Stand zu setzen, sich selbst zu erhalten, und werde es
versuchen. Aber ich muß bemerken, daß mein Wirkungskreis ein sehr beschränkter ist. Ich bin nur ein armer Landprediger, mein Beistand kann also nur
von der bescheidensten Art sein. Und wenn Sie gewohnt sind, das Kleine zu verachten, so suchen Sie sich wirksamere Hilfe als ich sie Ihnen bieten kann.
, Sie hat ja schon gesagt, daß sie jede ehrliche Arbeit verrichten will, deren sie fähig ist, antwortete Diana für mich, und du weißt, Saint John, sie hat keine Wahl unter den Helfern; sie ist gezwungen, sich an so mürrische Menschen zu halten, wie du einer bist.
, Ich will Kleidermacherin, ich will Näherin, ich will Köchin und Kindermädchen sein, wenn sich nichts Besseres für mich findet, antwortete ich.
, Recht so, sagte Herr Saint John sehr kalt.
, Wenn das Ihre Ansicht ist, so verspreche ich Ihnen, so bald ich Zeit und Mittel finde, Ihnen zu helfen.
Er nahm jetzt das Buch wieder zur Band, womit er sich vor dem Thee beschäftigt hatte. Ich zog mich bald auf mein Zimmer zurück, denn ich hatte so viel gesprochen und war so lange außer Bett gewesen, wie es der augenblickliche Zustand meiner Kräfte nur irgend erlaubte.
Einunddreißigstes Capitel.
Je näher ich die Bewohner von Moor House kennen lernte, desto besser gefielen sie mir. Nach wenigen Tagen hatte ich so weit meine Gesundheit wieder erlangt, daß ich den ganzen Tag aufbleiben und zuweilen ausgehen konnte. Ich konnte mich mit Diana und Maria unterhalten, soviel sie es wünschten, und ihnen in ihren Beschäftigungen beistehen, wann und wo sie es mir erlauben wollten. Es lag ein belebendes Vergnügen in diesem Umgange, wie ich es jetzt zum ersten Male kostete -- das Vergnügen, welches aus der vollkommenen Uebereinstimmung des Geschmacks, der Gefühle und Grundsätze hervorgeht.
Ich liebte die Lectüre, welche ihnen zusagte; was sie erfreute, entzückte mich; was sie billigten, hieß ich
gut. Sie liebten ihre von der Welt entlegene heimatliche Wohnung. Auch ich fand in dem kleinen grauen, alterthümlichen Hause mit seinem niedrigen Dache, seinen vergitterten Fenstern, seinen mit Moos bewachsenen Wänden, seiner Allee von alten Fichten und seinem Garten einen mächtigen und dauernden Reiz.
Sie hingen mit inniger Liebe an der rothblühenden Heide, von der ihre Wohnung umgeben war, an dem tiefen Thal, in welches der mit Kieselsteinen übersäete Reitweg vor ihrem Thore aus hinunterführte, und ich konnte ihre Anhänglichkeit an diese Landschaft begreifen und theilen. Ich fühlte die Heiligkeit der Einsamkeit, mein Auge weidete sich an dem Umriß der Erhöhungen und Senkungen des Bodens, an der wilden Färbung, die den Hügeln und dem Thal durch Moos und Haidekraut, durch den mit Blumen besäeten Rasen und röthliche Granitblöcke verliehen wurde. Der starke Wind und die leichte Brise, die Stunden des Aufganges und Unterganges der Sonne, das Mondlicht und die bewölkte Nacht nahmen meine Sinne mit demselben Zauber gefangen, den sie auf die Schwestern ausübten.
Im häuslichen Kreise stimmten wir ebenso gut mit einander überein. Beide besaßen mehr Fertigkeiten und waren belesener, als ich: umso lebhafter strebte ich nach den Kenntnissen, welche sie vor mir voraus
hatten. Ich verschlang die Bücher, die sie mir liehen, und dann war es ein Genuß, am Abend mit ihnen zu besprechen, was ich während des Tages gelesen. Ihre Gedanken stimmten genau mit den meinigen
überein, ihre Ansichten theilte auch ich -- kurz, wir harmonirten in Allem vollkommen.
Wenn unser Kleeblatt eine höher begabte Führerin besaß, so war es Diana. In physischer Hinsicht übertraf sie mich weit, denn sie war schön und kräftig; sie besaß eine Ueberfülle von Leben und eine Widerstandsfähigkeit, die meine Verwunderung erregte. Ich saß gern auf einem niedrigen Schemel zu Dianas Füßen, um meinen Kopf auf ihrem Knie ruhen zu
lassen und ihr und Maria abwechselnd zuzuhören. Diana erbot sich, mich im Deutschen zu unterrichten. Ich lernte gern von ihr, ich sah, daß die Rolle der Lehrerin ihr gefiel und für sie paßte; die der Schülerin gefiel und paßte mir nicht weniger. Unsere Naturen ergänzten sich, gegenseitige innigste Zuneigung war die Folge davon. Sie entdeckten, daß ich zeichnen könne, ihre Pinsel und Farbenkasten standen sogleich
zu meinen Diensten. Meine Geschicklichkeit, die in diesem einen Punkte größer war, als die ihrige, überraschte und bezauberte sie. Maria konnte stundenlang neben mir sitzen und mir zusehen; dann wollte sie
Unterricht bei mir nehmen und ich hatte an ihr eine gelehrige und fleißige Schülerin. In solchem thätigen Zusammenleben vergingen uns die Tage und die Wochen.
Die Vertraulichkeit, die so natürlich und rasch zwischen mir und den Schwestern entstanden war, erstreckte sich nicht auf Herrn Saint John. Ein Grund der Kälte, die noch zwischen uns bemerkbar war, lag darin, daß er sich selten zu Hause befand. Einen großen Theil seiner Zeit schien er damit zuzubringen, die Kranken und Armen in der spärlichen Bevölkerung seiner Gemeinde zu besuchen. Durch kein Wetter ließ er sich an diesen amtlichen Pflichten verhindern. Wenn die Stunden seines Morgenstudiums vorüber waren, nahm er seinen Hut und ging, von Carlo, dem alten Wachtelhunde seines Vaters, begleitet, um sein Amt
der Liebe und Pflicht zu erfüllen -- ich wußte nicht recht, aus welchem Gesichtspunkte er es betrachtete. Zuweilen, wenn das Wetter sehr ungünstig war, machten ihm seine Schwestern Vorstellungen. Dann
pflegte er mit eigenthümlichem, mehr feierlichem als heiterem Lächeln zu sagen:
, Wenn ich mich durch einen Windstoß oder durch einen Regenschauer von der Erfüllung dieser leichten Aufgabe wollte abbringen lassen, wie könnte ich mich durch eine solche Bequemlichkeitsliebe auf die Zukunft
vorbereiten, die ich mir zum Ziele gesetzt habe?
Dianas und Marias gewöhnliche Antwort auf diese Frage war ein Seufzer und ein trauriges Sinnen.
Aber außer seiner häufigen Abwesenheit gab es noch eine andere Schranke, welche keine Freundschaft zwischen ihm und mir aufkommen ließ. Er schien eine zurückhaltende, bedeutende und dabei zerstreute Natur zu sein. Eifrig in seinen amtlichen Arbeiten, tadellos in seinem Leben und seinen Gewohnheiten, schien er sich doch nicht jener geistigen Heiterkeit, jener inneren Zufriedenheit zu erfreuen, welche die Belohnung jedes aufrichtigen Christen und jedes thatkräftigen Menschenfreundes bilden sollte. Oft am Abend, wenn er am Fenster vor seinem Schreibpult und seinen Papieren saß, pflegte er mit Lesen oder Schreiben aufzuhören, sein Kinn auf die Hand zu stützen und sich einem Gedankengange zu überlassen, der ihn, wie das häufige Aufblitzen seiner Augen verrieth, in innere Aufregung versetzte.
Ich glaube überdies, daß die Natur keine solche Quelle der Wonne für ihn war, wie für seine Schwestern. Nur ein einziges Mal sprach er in meiner Gegenwart über den wunderbaren Reiz, welche diese rauhen, schroffen Hügel auf ihn ausübten, und über die angeborene Liebe für das düstere Dach und die bemoosten Mauern, die er sein Heim nannte. Aber
es lag mehr Trübsinn als Behagen in dem Ton und den Worten, womit er dies äußerte. Auch schien es mir stets, als durchstreife er Haide und Moor nicht um ihrer beruhigenden, tröstenden Stille und Einsamkeit willen, die sie ihm doch hätten gewähren können.
Unmittheilsam, wie er war, verging einige Zeit, ehe ich Gelegenheit hatte, sein Gemüth zu ergründen. Zuerst bekam ich einen Begriff davon, als ich ihn in seiner Kirche zu Morton predigen hörte. Ich wollte, ich könnte jene Predigt wiedergeben, aber es geht über meine Kraft. Ich kann nicht einmal den Eindruck, den sie auf mich hervorbrachte, genau beschreiben.
Sie begann ruhig, und so weit es Vortrag und Stimme betraf, war sie auch bis zu Ende ruhig; doch ein tiefgefühlter, wenn auch gemäßigter Eifer, eine gedrängte und zurückgehaltene Kraft gab sich in der Rede zu erkennen. Das Herz wurde getroffen, der Geist in Erstaunen gesetzt, doch keins von beiden beruhigt und besänftigt. Durch das Ganze zog sich eine seltsame Bitterkeit, ein Mangel an tröstender Milde; um so häufiger kehrten strenge Mahnungen an kalvinistische Lehren, an die Gnadenwahl, die Prädestination und die ewige Verdammnis wieder, und wenn diese Punkte berührt wurden, glaubte man einen Urtheilsspruch des jüngsten Gerichts zu vernehmen.
Als die Predigt zu Ende war, empfand ich, anstatt mich erbaut und getröstet zu fühlen, eine unaussprechliche Traurigkeit; denn es schien mir -- ich weiß nicht, ob es Anderen auch so ging -- als sei die
Beredsamkeit, der ich gehorcht hatte, aus einer Tiefe entsprungen, wo sich stürmische Triebe unersättlichen Verlangens und Strebens regten. Ich war gewiß, daß Saint John Rivers -- so tadellos, gewissenhaft
und pflichteifrig er auch war -- noch nicht jenen Frieden Gottes gefunden habe, der über alle Vernunft geht. Er schien ihn ebenso wenig gefunden zu haben, als ich selbst, mit meinem geheimen, folternden Gram um mein zerstörtes Ideal, mein verlorenes Paradies -- einem Gram, der sich meiner gänzlich bemächtigt hatte und mich unerbittlich quälte.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und Maria wollten bald Moor-House verlassen und zu den Berufspflichten zurückkehren, welche ihrer als Erzieherinnen in einer großen und lebhaften Stadt im südlichen England warteten. In den reichen und stolzen Familien, in denen sie ihre Stellungen bekleideten, wurden sie nur als demüthige Untergebene betrachtet, keine ihrer vortrefflichen Eigenschaften fanden Beachtung, ihre Fähigkeiten wurden nicht höher geschätzt als die Geschicklichkeit des Koches oder der Geschmack der Kammerjungfer. Herr Saint John hatte
mir noch nichts von der Beschäftigung gesagt, die er mir zu verschaffen versprochen, doch es wurde dringend nöthig, daß ich einen Beruf irgend einer Art ergriff. Eines Morgens, als ich auf einige Minuten im Wohnzimmer mit ihm allein war, wagte ich mich der Fenstervertiefung zu nähern, die durch sein Schreibpult zu einer Art von Studierzimmer geweiht wurde. Ich wollte ihn anreden, war aber noch um die Wahl der Worte verlegen, denn es hat seine Schwierigkeiten, das Eis der Zurückhaltung zu brechen, in welches solche Naturen, wie die seinige, sich zu hüllen pflegen. -- Er ersparte mir jedoch die Mühe, indem er selbst die Unterredung begann.
, Sie haben eine Frage an mich zu thun?
, Ja, ich wünsche zu wissen, ob Sie von einer Stelle gehört haben, die ich zu übernehmen mich erbieten kann.
, Ich habe schon vor drei Wochen etwas für Sie erdacht; doch da Sie hier zugleich nützlich und glücklich zu sein schienen und Ihre Gesellschaft meinen Schwestern ungewöhnliches Vergnügen macht, so wollte ich kein Spielverderber sein, sondern die Zeit abwarten, wo ihre bevorstehende Abreise von Marsh-End auch die Ihrige nöthig machen würde.
, Die Damen reisen aber schon in drei Tagen ab, warf ich ein.
, Ja; und wenn sie gehen, werde ich in das Pfarrhaus zu Morton zurückkehren; Hannah begleitet mich und dieses alte Haus hier wird verschlossen.
Ich erwartete, daß er mit dem angeregten Gegenstand fortfahren würde, er schien jedoch, seinem Blicke nach, in einen anderen Gedankengang hineingerathen zu sein. Ich sah mich also genöthigt, ihn auf das Hauptthema des begonnenen Gesprächs zurückzuführen, das für mich naturgemäß von größter Bedeutung war.
, Von welcher Art ist die Beschäftigung, die Sie für mich ausgesonnen, Herr Rivers? Ich hoffe, dieser Aufschub hat das Hauptthema des begonnenen Gesprächs.
, O nein, denn es ist eine Stellung, die ich allein zu vergeben habe, und die Sie nur anzunehmen brauchen.
Er schwieg wieder, er schien nur mit Widerstreben von der Angelegenheit zu sprechen. Ich wurde ungeduldig, mein unruhiger Blick, den ich auf sein Antlitz heftete, drückte ihm meine Empfindung deutlicher aus, als Worte es vermocht hätten.
, Es bedarf keiner solchen Eile, begann er wieder, ich muß offen sagen, daß ich Ihnen nicht sehr Vortheilhaftes oder Angenehmes vorzuschlagen habe. Die Hilfe, die ich Ihnen bieten kann, ist leider nur von. der Art, wie sie der Blinde dem Lahmen leistet. Ich bin arm; denn ich finde, daß, nachdem ich meines Vaters Schulden bezahlt, mein übriges Erbtheil nichts weiter sein wird, als dieser verfallene Meierhof. Ich bin unbekannt; Rivers ist zwar ein alter Name, aber von den drei einzigen Nachkömmlingen des Geschlechtes ernähren sich zwei als Untergebene unter Fremden und der Dritte betrachtet sich in seinem Vaterlande als
ein Fremder -- nicht nur im Leben, sondern auch im Tode. Ja, und er hält sich für geehrt durch dieses Los, und verlangt nur nach dem Tage, wo das Kreuz auf seine Schultern gelegt werden soll und das Oberhaupt der streitenden Kirche, zu deren demüthigsten Mitgliedern er gehört, das Losungswort geben wird: Stehe auf und folge mir!
Saint John sagte diese Worte, wie er seine Predigten sprach, mit ruhiger tiefer Stimme, ohne eine höhere Färbung seiner Wange, aber mit strahlendem Blicke. Er fuhr fort:
, Und da ich selber arm und unbekannt bin, kann ich Ihnen auch nur einen armen und dürftigen Dienst anbieten. Sie mögen ihn sogar für entehrend halten, denn ich sehe jetzt, daß Ihre Sitten gebildet sind, wie
die Welt es nennt, daß Ihr Geschmack sich zum Idealen neigt, und daß Sie wenigstens mit unterrichteten Personen umgegangen sind -- aber nach meiner Ansicht ist kein Dienst entehrend, der dazu beiträgt, das
Menschengeschlecht besser zu machen. Ich halte dafür, je uncultivirter der Boden ist, auf welchem dem christlichen Arbeiter die Aufgabe der Urbarmachung angewiesen, je spärlicher der äußere Lohn ist, den ihm
seine Arbeit einbringt, desto höher ist die Ehre. Seine Bestimmung ist unter allen Umständen die des Pionniers, und die ersten Pionniere im Evangelium waren die Apostel -- ihr Oberhaupt Jesus, der Erlöser selbst.
, Nun? sagte ich, als er wieder schwieg, fahren Sie fort.
Er sah mich an und schien aufmerksam in meinem Gesichte zu lesen, als ob die Linien desselben Schriftzüge wären. Die aus dieser Forschung gezogenen Schlüsse sprach er zum Theil in den folgenden Bemerkungen aus.
, Ich glaube, Sie werden den Posten annehmen, den ich Ihnen anbiete, sagte er, und ihn auch eine Weile behalten, wenn auch nicht auf die Dauer; ebenso wenig, wie ich für immer mich mit dem stillen Amt eines englischen Landpredigers begnügen könnte; denn in Ihrer Natur liegt ein Etwas, das der Ruhe und der erschlaffenden Gewohnheit ebenso sehr widerstrebt, wie in der meinigen, obgleich es von anderer Art ist.
, Erklären Sie sich deutlicher, bat ich, als er wieder innehielt.
, Das will ich, und Sie sollen gleich hören, wie armselig mein Anerbieten ist. Jetzt, da mein Vater todt ist und ich mein eigener Herr bin, werde ich nicht lange mehr in Morton bleiben. Ich werde den Ort
wahrscheinlich im Taufe eines Jahres verlassen; aber so lange ich bleibe, will ich mich nach besten Kräften noch für die Hebung desselben bemühen. Als ich vor zwei Jahren nach Morton kam, war keine Schule
dort; die Kinder der Armen waren von jener Gelegenheit geistigen Fortschrittes ausgeschlossen. Ich gründete eine Schule für Knaben und beabsichtige jetzt eine zweite für Mädchen zu eröffnen. Zu dem Zwecke
habe ich ein Gebäude gemiethet, neben welchem sich
ein kleines Häuschen mit zwei Zimmern für die Lehrerin befindet. Ihr Gehalt wird dreißig Pfund (600 Marks) jährlich betragen; Ihre Wohnung ist bereits aus möblirt, sehr einfach, aber genügend, durch die Güte der Miß Oliver, der Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde. Herr Oliver ist der Besitzer einer Nadelfabrik und einer Eisengießerei dort unten im Thale. Die genante Dame sorgt auch für die Erziehung und Kleidung einer Waise aus dem Arbeitshause, unter der Bedingung, daß sie für die Lehrerin die gröberen Hausgeschäfte besorgt, da diese wegen -- ihrer Beschäftigung in der Schule nicht Zeit hat, sie persönlich zu verrichten. Wollen Sie diese Lehrerin sein?
Er stellte die Frage sehr hastig und schien fast eine verächtliche Zurückweisung des Anerbietens zu erwarten, da er nicht alle meine Gedanken und Gefühle kannte und nicht wissen konnte, in welchem Lichte mir die dargebotene Stellung erscheinen würde. Freilich war es ein bescheidenes Los, aber es gewährte mir Sicherheit und ich bedurfte eines geschützten Asyls; es war mühevoll und anstrengend, aber im Vergleich mit dem Lose einer Erzieherin in einem reichen Hause war es unabhängig, und die Furcht vor der Knechtschaft unter Fremden drang wie glühendes Eisen in meine Seele. Der mir angebotene Wirkungskreis war nicht unedel, nicht geistig herabwürdigend, und ich entschied mich sogleich.
, Ich danke Ihnen für Ihren Vorschlag. Herr Rivers, und nehme ihn mit Dankbarkeit an.
, Aber Sie müssen mich auch richtig verstehen, sagte er, es ist eine Dorfschule, Ihre Schülerinnen sind nur arme Mädchen – Taglöhnerkinder -- höchstens Bauerntöchter. Stricken, Nähen, Lesen,
Schreiben und Rechnen wird Alles sein, was Sie zu lehren haben. Was wollen Sie mit Ihren erworbenen Fertigkeiten anfangen? Was mit der großen Tiefe Ihres Geistes -- Ihres Gefühls und Geschmacks
, Diese werde ich aufsparen und mir zu erhalten suchen, bis ich Gebrauch davon machen kann.
, So sind Sie sich also klar, was Sie unternehmen?
, Ich bin es.
Er lächelte jetzt, und es war ein wohlgefälliges und befriedigtes Lächeln.
, Und wann wollen Sie mit der Ausübung Ihres Berufes den Anfang machen?
, Ich will morgen in mein Haus gehen und, wenn es Ihnen recht ist, nächste Woche die Schule eröffnen.
, Sehr gut, so sei es.
Er stand auf und ging durch's Zimmer. Dann blieb er stehen und sah mich wieder an, wobei er den Kopf schüttelte.
, Was mißbilligen Sie, Herr Rivers? fragte ich.
, Sie werden nicht lange in Morton bleiben, nein!
Warum?
, Ich lese es in Ihrem Auge, es liegt etwas darin, was sich mit einem gleichmäßigen, ruhigen Lebenswege schlecht verträgt.
, Ich bin nicht ehrgeizig.
Er stutzte bei dem Worte ehrgeizig und fuhr fort:
, Nein. Wie kamen Sie auf Ehrgeiz? Was heißt es, ehrgeizig sein? Ich weiß, daß ich es bin, aber wie entdeckten Sie es?
, Ich sprach von mir selber.
, Nun, wen Sie nicht ehrgeizig sind, so sind Sie --
Er schwieg.
, Was?
, Ich wollte sagen leidenschaftlich, aber vielleicht würden Sie das Wort mißverstanden und übel genommen haben. Ich meine, menschliche Neigungen und Sympathien haben eine große Macht über Sie. Ich bin gewiß, Sie können sich nicht lange damit begnügen, Ihre Zeit in der Einsamkeit zuzubringen und Ihre Kraft einer Beschäftigung zu widmen, der es an jeder höheren Anregung fehlt; ebenso wenig als ich zufrieden sein kann, fügte er mit Nachdruck hinzu, hier in einem Moraste begraben und von Bergen eingeschlossen zu sein. Es ist meiner Natur, die Gott mir gegeben hat, zuwider; meine Fähigkeiten, die der Himmel mir geschenkt, werden gelähmt und bleiben unbenützt. Sie hören jetzt, wie ich mir selbst widerspreche. Ich, der ich Zufriedenheit mit einem bescheidenen Lose predigte und den Beruf der Holzhauer und Wasserschöpfer im Dienste Gottes rechtfertigte -- ich, sein geweihter Diener, bin fast wahnsinnig in meiner Ruhelosigkeit. Indessen Neigungen und Grundsätze müssen schließlich doch auf irgend eine
Weise in Einklang gebracht werden.
Er verließ das Zimmer. In dieser kurzen Stunde hatte ich mehr von ihm erfahren, als in dem ganzen vorhergegangenen Monat; dennoch war er mir ein Räthsel.
Diana und Maria Rivers wurden trauriger und schweigsamer, als der Tag näher kam, wo sie Bruder und Heimat verlassen sollten. Beide bemühten sich, gleichmüthig zu erscheinen, aber der Kummer, der sie bedrückte, ließ sich nicht ganz verbergen. Diana deutete an, daß diese Trennung eine ganz andere sein würde, als die bisherigen, denn von Saint John mußten sie sich wahrscheinlich auf Jahre, wenn nicht auf immer, trennen.
, Er wird Alles seinen längst gefaßten Beschlüssen aufopfern -- natürliche Neigung und noch mächtigere Gefühle, sagte sie. , Saint John sieht ruhig aus, Johanna, aber er birgt ein Fieber in seinem Innern. Man könnte ihn für sanft halten, doch in gewissen Dingen ist er unerbittlich wie der Tod. Und das Schlimmste ist, daß ich es mit meinem Gewissen kaum vereinigen kann, ihm von seinen ernsten Entschließungen abzurathen, denn wahrhaftig, ich kann ihn keinen Augenblick deshalb tadeln. Es ist recht, edel und christlich, doch es bricht mir das Herz.
Bei diesen Worten strömten Thränen aus Diana's Augen, während Maria ihren Kopf tief über ihre Arbeit beugte.
, Wir sind jetzt ohne Vater, bald werden wir auch ohne Heimat und Bruder sein, flüsterte sie.
In diesem Augenblick trat ein kleines Ereignis ein, welches vom Schicksal bestimmt zu sein schien, die Wahrheit des Sprichworts zu beweisen, daß ein Unglück nie allein kommt. Saint John ging, einen
Brief lesend, am Fenster vorüber und trat gleich darauf ein.
, Unser Oheim John ist todt, sagte er.
Beide Schwestern waren betroffen, nicht ergriffen oder erschrocken. Die Nachricht erschien ihnen mehr unerwartet als betrübend.
, Todt? wiederholte Diana.
, Ja.
Sie heftete einen forschenden Blick auf das Gesicht ihres Bruders.
, Und was weiter? fragte sie in leisem Tone.
, Was denn -- Diana -- versetzte er, ohne eine Miene zu verändern. , Was weiter? Nun -- nichts. Lies.
Er warf ihr den Brief in den Schoß. Sie überflog ihn und reichte ihn Maria, die ihn schweigend las und ihn dann ihrem Bruder zurückgab. Alle Drei sahen einander an und alle Drei lächelten -- es war ein trauriges, sinnendes Lächeln.
, Amen! Wir können dennoch leben, sagte Diana endlich.
, Auf alle Fälle sind wir nicht schlimmer daran, als vorher, bemerkte Maria.
, Nur drängt sich meinem Geiste lebhaft das Bild von dem auf, was hätte geschehen können, sagte Herr Rivers, und allzu schroff stellt sich dem die Wirklichkeit gegenüber.
Er faltete den Brief zusammen, schloß ihn in sein Pult ein und ging wieder hinaus.
Einige Minuten lang sprach Niemand. Endlich wendete sich Diana zu mir.
, Johanna, Sie werden sich über uns wundern, sagte sie, und uns für fühllose Geschöpfe halten, daß wir durch den Tod eines so nahen Verwandten, wie ein Oheim ist, nicht mehr bewegt werden: aber wir
haben ihn nie gesehen oder gekannt. Er war meiner Mutter Bruder. Vor langer Zeit verleitete er meinen Vater zu einer Speculation, die fehlschlug und meinen Vater, der dabei den größten Theil seines Vermögens verlor, zu Grunde richtete. Gegenseitige Beschuldigungen und Vorwürfe sielen zwischen Beiden; sie trennten sich im Zorn und versöhnten sich nie wieder. Mein Oheim hatte mehr Glück in seinen Unternehmungen, und wie es scheint, hat er sich ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund erworben. Er war nie verheiratet und hatte keine Verwandten, als uns und eine andere Person, die nicht näher mit ihm verwandt war, als wir. Mein Vater gab sich immer dem Gedanken hin, daß der Oheim seinen Fehler wieder gut machen und uns dereinst sein Vermögen hinterlassen würde. Aber dieser Brief benachrichtigt uns, daß er Alles jener anderen Verwandten vermacht habe, mit Ausnahme von dreißig Guineen, die zwischen uns drei Geschwistern getheilt werden und wofür drei Trauerringe gekauft werden sollen. Er hatte natürlich ein Recht, zu thun und zu lassen, was er wollte. Dennoch fühlt man sich bei Empfang solcher Nachrichten niedergedrückt. Maria und ich würden uns für reich gehalten haben, wenn jede nur tausend Pfund erhalten hätte; und Saint John hätte, im Besitz einer solchen Summe, seinem Wohlthätigkeitsdrang nachgeben und viele Arme glücklich machen
können.
Nach dieser Erklärung ließ man den Gegenstand fallen, und weder Herr Rivers, noch seine Schwestern erwähnten desselben weiter. Am folgenden Tage verließ ich Marsh End und begab mich nach Marton.
Den Tag darauf reisten Diana und Maria nach der entfernten Stadt B. ab. Eine Woche später zogen Herr Rivers und Hannah in die Pfarrwohnung, und der alte Meierhof stand verlassen.
Zweiunddreißigstes Capitel.
Meine Heimat -- wenn ich endlich eine Heimat gefunden habe -- ist eine Hütte. Das kleine Zimmer mit weiß angestrichenen Wänden und besandetem Fußboden enthält vier Stühle, einen Tisch, eine Wanduhr, einen Eckschrank mit zwei oder drei Schüsseln und Tellern und ein Theeservice von Fayence. Ueber dem Wohnzimmer befindet sich, eben so groß wie dieses, eine Kammer mit einem tannenen Bettgestell und einer Commode, klein, aber doch noch zu geräumig, um von meiner spärlichen Garderobe angefüllt zu werden, obgleich die letztere durch die Güte meiner edlen Freunde um die nöthigsten Dinge vermehrt
worden ist.
Es ist Abend. Ich habe eben die kleine Waise, die mir als Magd dient, mit dem Geschenk einer Orange entlassen. Ich sitze allein am Kamine. Diesen Morgen ist die Dorfschule eröffnet worden. Ich habe zwanzig Schülerinnen. Nur drei von ihnen können lesen, keine von ihnen kann schreiben oder rechnen. Mehrere stricken und einige nähen ein wenig. Sie reden den breitesten Dialect in dem Districte. Für jetzt wird es uns noch schwer, einander zu verstehen. Einige sind ebenso unmanierlich, roh und unfügsam, als unwissend; aber Andere sind gelehrig, haben den
guten Willen, etwas zu lernen, und zeigen eine Gemüthsart, die mir gefällt. Ich darf nicht vergessen, daß die grobgekleideten Bauernkinder eben so gut Geschöpfe Gottes sind, wie die Sprößlinge der edelsten
Geschlechter, und daß sie die Keime des Gefühls und des Verstandes, ebenso in sich tragen, wie die Höchstgeborenen. Meine Pflicht wird es sein, diese Keime zu entwickeln; gewiß werde ich ein Glück darin finden,
dieses Amt zu erfüllen. Viel Genuß erwarte ich nicht von der Zukunft, welche vor mir liegt; aber wenn auch meinem Geiste die Anregung fehlt und meine Fähigkeiten unausgenützt bleiben, so werde ich doch von einem Tage zum anderen zu leben haben.
War ich sehr heiter, gefaßt und zufrieden während der Stunden, die ich diesen Morgen und Nachmittag in jener kahlen und bescheidenen Schulstube zubrachte? Um mich nicht zu täuschen, muß ich nein antworten, ich fühlte mich gewissermaßen trostlos, ja, ich war sogar so thöricht, mich erniedrigt zu fühlen. Ich war ungewiß, ob ich nicht vielleicht einen Schritt gethan habe, der mich eher in der Gesellschaft herabsetzen als emporheben könne. Ich empfand einen feigen Schrecken vor der Unwissenheit der Armuth und vor der Roheit meiner Umgebung. Aber ich weiß, daß ich mich falschen Empfindungen hingebe, und werde mich bemühen, sie zu überwinden. Es ist möglich, daß die Freude über den Fortschritt und die Veränderung zum Besseren, die ich an meinen Schülerinnen wahrzunehmen hoffe, in einigen Monaten den Widerwillen in Zufriedenheit verwandelt.
Inzwischen will ich mir eine Frage vorlegen: Gesetzt, ich wäre der Versuchung erlegen, hätte widerstandslos der Leidenschaft nachgegeben, wäre in die goldene Schlinge gefallen, auf den Blumen, unter denen sie sich verbarg, eingeschlummert und wäre in einem südlichen Himmelsstriche in einer prächtigen Villa erwacht, um als Rochesters Maitresse einen Theil meines Lebens im Genuß seiner Liebe zu verbringen.
In der That hätte er mich eine Zeitlang innig geliebt. Niemand wird mich je wieder so lieben. Ich werde nie wieder die süße Huldigung kennen, die man der Schönheit, der Jugend und Anmuth darbringt,
denn Niemand anders wird mir den Besitz dieser Reize zuerkennen. Er war zärtlich gegen mich und stolz auf mich -- das wird nie ein Mann wieder sein. -- Aber wohin verirre ich mich und was wollte ich eigentlich sagen? Was ist besser, wollte ich mich fragen, eine
Sclavin zu sein in dem Paradiese eines Thoren, die eine Stunde in wonniger Selbsttäuschung selig sein und in der nächsten von den bittersten Thränen der Reue und Scham erstickt zu werden -- oder eine Dorfschulmeisterin zu sein, frei und ehrlich, in einem stillen Gebirgswinkel in dem gesunden Herzen von England?
Ja, ich fühle jetzt, daß ich Recht hatte, als ich meinen Grundsätzen und dem Gebote Gottes folgte und die verführerischen Eingebungen eines wahnsinnigen Augenblickes zurückwies. Gott leitete mich zu einer richtigen Wahl, ich danke seiner Vorsehung für diese Leitung!
Als ich diese Gedankenreihe geschlossen hatte, stand ich auf, trat in die Thür und betrachtete den Sonnenuntergang des Herbsttages und die Felder vor meiner Schule, die eine Viertelstunde von dem Dorfe entfernt
lag, ich ließ meinen Blick drüben auf dem Kirchlein und der halb unter Bäumen versteckten Pfarrwohnung ruhen und bis ans äußerste Ende des Thales schweifen, wo das Dach von Vale Hall, dem Wohnhause des reichen Fabrikanten Oliver, sichtbar war.
Während ich um mich blickte, hielt ich mich für glücklich und war überrascht, als ich bald darauf weinte -- und worüber? Ueber das Schicksal, welches mich von meinem Herrn losgerissen, von ihm, den
ich nicht mehr sehen sollte; über die wahrscheinlichen Folgen der Verzweiflung, in der ich ihn zurückgelassen hatte und die ihn nur zu leicht auf Abwege führen konnte, auf denen es keine Umkehr gab. Bei diesem Gedanken wendete ich mein Gesicht von dem lieblichen
Abendhimmel und dem einsamen Thale von Morton ab, bedeckte meine Augen und lehnte meinen Kopf an die steinerne Einfassung meiner Thür. Ein leises Geräusch in der Nähe des Pförtchens, welches meinen
kleinen Garten von der Wiese trennte, veranlaßte mich, aufzublicken. Ein Hund, der alte Carlo, der Wachtelhund des Herrn Rivers, kratzte an der Pforte und Saint John selbst lehnte sich mit gefalteten Armen über dieselbe. Seine Stirne war gerunzelt, sein Blick ernst, ja fast mit Mißfallen auf mich gerichtet. Ich bat ihn einzutreten.
, Nein, ich kann nicht verweilen, ich bringe Ihnen nur ein kleines Paket, welches meine Schwester für Sie zurückgelassen hat, es enthält, glaube ich, einen Malkasten, Pinsel und Papier.
Während ich mich ihm näherte, um das Paket in Empfang zu nehmen, prüfte er mein Gesicht mit Strenge; die Spuren von Thränen waren ohne Zweifel sehr sichtbar.
, Haben Sie Ihre erste Arbeit schwerer gefunden, als Sie erwarteten? sagte er.
, O nein, im Gegentheil glaube ich, mit der Zeit sehr gut mit meinen Schülerinnen zurecht zu kommen.
, Aber vielleicht hat die Einrichtung -- Ihre Hütte -- Ihr Mobilar -- Ihre Erwartungen getäuscht? Es ist Alles freilich ärmlich genug, aber --
, Mein Häuschen ist reinlich und schützt mich vor dem Wetter, fiel ich ein, die Hausgerähe sind hinreichend. Alles, was ich sehe, macht mich dankbar, nicht unzufrieden. Ich bin keine solche Thörin und nicht so verweichlicht, um die Abwesenheit eines Fußteppichs, eines Sophas und des Silbergeschirrs zu bedauern, überdies besaß ich vor fünf Wochen noch nichts -- ich war eine ausgestoßene, eine umherirrende Bettlerin, jetzt habe ich Freunde, eine Heimat und eine Beschäftigung. Ich preise die Güte Gottes, die Großmuth meiner Wohlthäter und das Glück meines Loses. Ich klage nicht.
, Aber Sie fühlen, daß die Einsamkeit eine Last ist? Das kleine Haus dort hinter Ihnen ist düster und leer.
, Ich habe noch kaum Zeit gehabt, mir der Einsamkeit bewußt zu werden.
, Sehr gut. Ich hoffe, Sie fühlen so, wie Sie sprechen; auf jeden Fall wird Ihnen Ihr gesunder Verstand sagen, daß es noch zu früh wäre, zwischen
dem, was vor und dem, was hinter Ihnen liegt hin
und herzuschwanken, wie Loth's Weib. Was Sie verlassen haben, ehe ich Sie kennen lernte, weiß ich natürlich nicht; aber ich rathe Ihnen, sich mit Festigkeit jeder Versuchung zu widersetzen, die sie bewegen
möchte, zurückzublicken, verfolgen Sie wenigstens auf einige Monate standhaft Ihre gegenwärtige Laufbahn.
, Das ist es, was ich zu thun beabsichtige, antwortete ich.
, Es ist schwer, die Neigungen zu zügeln und der Richtung der Natur zu widerstehen, fuhr Saint John fort, aber es kann dennoch geschehen, ich weiß es aus Erfahrung. Noch vor einem Jahre fühlte ich mich selbst sehr unglücklich, weil ich glaubte, ich habe einen Fehler begangen, in den geistlichen Stand getreten zu sein, da mich die Ausübung seiner gleichförmigen Pflichten tödtlich langweilte. Ich sehnte mich nach dem thätigeren Leben der Welt, nach dem aufregenderen Berufe eines Künstlers, eines Schriftstellers, eines Redners, nach Allem lieber, als nach der Wirksamkeit eines Priesters. Ja, ich gestehe, das Herz eines Politikers, eines Kriegers, eines Mannes, der nach Ruhm und Macht strebt, schlägt unter meinem Priestergewande. Ich hielt mein Leben für so elend, daß ich hätte sterben mögen. Nach einiger Zeit des Kampfes brach das Licht herein, und ich fühlte mich beruhigter, mein enges Dasein breitete sich auf einmal bis ins Unbegrenzte aus, meine Kräfte gehorchten einem Rufe vom Himmel, sich zu sammeln, ihre Schwingen zu regen und sich über die Gegenwart zu erheben. Gott hatte eine Sendung für mich; um diese auszuführen, um sie gut auszuführen, waren
Geschicklichkeit und Stärke, Muth und Beredsamkeit, die besten Fähigkeiten des Soldaten, des Staatsmannes und Redners nöthig; denn dies Alles vereint sich in einem guten Missionär. Ein Missionär beschloß ich zu werden. Von dem Augenblick an veränderte sich mein Gemüthszustand, die Fesseln die ich bisher gefühlt hatte, lösten sich und ließen nichts als die wundgeriebenen Stellen zurück, die nur die Zeit heilen kann.
Mein Vater widersetzte sich freilich meinem Entschlusse; aber seit seinem Tode habe ich kein Hindernis mehr zu überwinden, es gilt nur noch einige Angelegenheiten zu ordnen, für einen Nachfolger in Morton zu sorgen, einige Bande des Gefühls zu lösen oder zu zerreißen -- einen letzten Kampf mit der menschlichen Schwäche zu bestehen. Ich weiß, daß ich siegen werde, weil ich gelobt habe, daß ich siegen will -- dann
verlasse ich Europa und ziehe gen Osten.
Er sagte dies in seinem eigenthümlichen gedämpften, aber doch nachdrücklichen Tone, und als er schwieg, sah er nicht mich, sondern die untergehende Sonne an, auf die auch ich hinblickte. Dem Wege,
der über das Feld zu dem Pförtchen führte, den Rücken zukehrend, hatten wir Beide keine Schritte auf dem grasbewachsenen Fußsteige gehört; das leise Rauschen des Baches bildete das einzige Geräusch.
Es war also nicht zu verwundern, daß wir zusammenschraken, als eine fröhliche Stimme, so hell wie eine Silberglocke, ausrief:
, Guten Abend, Herr Rivers. Und guten Abend, alter Carlo. Ihr Hund erkennt seine Freunde eher als Sie, mein Herr, er spitzte seine Ohren und wedelte mit dem Schweife, als ich noch am Ende des Feldes war, und Sie wenden mir noch den Rücken zu.
Obgleich Herr Rivers Anfangs bei dieser wohllautenden Stimme wie vor einem plötzlichen Donnerschlage zusammengefahren war, so hatte er doch die Stellung nicht verändert, worin die Rednerin ihn überrascht hatte.
Endlich drehte er sich gemessen und langsam um. Vor ihm stand, wie ein plötzlich erschienener Geist, eine ganz weiß gekleidete Gestalt von jugendlicher und anmuthiger Form, von vollen und doch schönen Umrissen, und als sie ihren auf Carlo herabgebeugten Klopf erhob und einen langen Schleier zurückwarf zeigte sich ein blühendes Gesicht von vollkommener Schönheit. Vollkommene Schönheit ist ein vielsagender
Ausdruck, aber ich nehme ihn nicht zurück, denn so liebliche Züge, wie nur je das gemäßigte Klima Albions sie gestaltete, so reine Rosen- und Lilienfarben, wie je sein feuchter Wind und sein nebliger Himmel sie gedeihen ließ, rechtfertigten in diesem Falle die Bezeichnung: vollkommene Schönheit. Kein Reiz fehlte, kein Fehler war bemerkbar; das junge Mädchen hatte regelmäßige und zarte Züge, Augen von einer
Form und Farbe, wie wir sie auf lieblichen Gemälden sehen: groß, dunkel und voll. Die langen und schattigen Augenwimpern, die zierlich gezeichnete Augenbraue, die weiße glatte Stirn, die der sprechenden Lebhaftigkeit dieser Reize eine sanfte Ruhe beigesellte, die ovale frische und glatte Wange, die rothen vollen und lieblich gebildeten Lippen, die gleichmäßigen, blendend weißen Zähne ohne Makel, das kleine Kinn mit dem Grübchen, die Zierde der reichen, vollen Locken -- kurz alle Vorzüge, die in ihrer Vereinigung das Ideal der Schönheit verwirklichen, waren ihr eigen. Ich erstaunte, als ich diese wunderbare Erscheinung ansah. Die Natur hatte sie offenbar in der glänzendsten Laune geschaffen, ihre gewöhnlichen stiefmütterlichen Launen vergessen und diesen ihren Liebling mit wahrhaft mütterlicher Güte ausgestattet.
Was mochte Herr Saint John Rivers von diesem irdischen Engel denken?
Ich legte mir natürlich diese Frage vor, als ich sah, wie er sich zu ihr wendete, und ebenso natürlich suchte ich die Antwort auf die Frage in seinem Gesicht. Er hatte sein Auge schon wieder von der Peri abgewendet und blickte auf einige bescheidene Gänseblümchen, die in der Nähe des Pförtchens wuchsen.
, Ein lieblicher Abend; aber es ist zu spät für Sie, allein auszugehen, sagte er, als er die weißen Köpfe der schlafenden Blumen mit Füßen trat.
, O, ich bin heute von S. angekommen, entgegnete sie, indem sie den Namen einer großen Stadt nannte, die einige zwanzig (englische) Meilen entfernt war. , Papa sagte mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue Lehrerin sei gekommen. Und so setzte ich meinen Hut auf nach dem Thee und eilte durch das Dorf, um sie zu sehen. Dies ist sie? fügte
sie hinzu, indem sie auf mich blickte.
, Sie ist es, sagte Saint John.
, Meinen Sie, daß es Ihnen in Morton gefallen wird? fragte sie mich mit naiver Einfachheit des Tones und Wesens, das angenehm und kindlich war.
, Ich hoffe es. Es spricht Vieles dafür.
, Waren Sie mit Ihren Schülerinnen zufrieden?
, Vollkommen.
,Gefällt Ihnen Ihr Haus?
, Recht sehr.
, Habe ich es nett ausstaffirt?
, Sehr nett, in der That.
, Und Ihnen in Elise Wood eine gute Dienerin gewählt?
,Das thaten Sie wirklich. Sie ist gelehrig und stets zur Hand.
Dies also, dachte ich, ist Miß Oliver, die reiche Erbin; begünstigt, wie es scheint, durch die Gaben des Glücks wie der Natur. Welche glückliche Constellation der Gestirne mag bei ihrer Geburt geherrscht haben!
, Ich werde zuweilen herkommen und Ihnen beim Unterrichten helfen, fügte sie hinzu. , Es wird eine angenehme Unterhaltung für mich sein, Sie von Zeit zu Zeit zu besuchen, und ich liebe die Abwechslung. Herr Rivers, ich bin so lustig und ausgelassen gewesen während meines Aufenthaltes in S. Gestern Abend, oder vielmehr heute Morgen, tanzte ich bis zwei Uhr. Das zehnte Regiment steht dort seit den Revolten, und die Officiere sind die angenehmsten Männern von der Welt, sie stellen alle unsere jungen Messer- und Scherenschleifer in den Schatten.
Herrn Saint Johns Mund drückte sich augenscheinlich zusammen, und der untere Theil seines Gesichtes wurde ungewöhnlich strenge, als das Mädchen
ihm lachend diese Mittheilungen machte. Er erhob seinen Blick von den Gänseblümchen und richtete ihn auf die junge Dame. Ein forschender, bedeutungsvoller Blick war es, ohne Lächeln. Sie beantwortete ihn mit einem zweiten Lachen und das Lachen stand gut zu ihrer Jugend und ihren glänzenden Augen.
Als er so stumm und ernst dastand, begann sie wieder Carlo zu liebkosen. , Der arme Carlo liebt mich, sagte sie, er ist nicht strenge und kalt gegen seine Freunde, und wenn er reden könnte, würde er nicht so schweigsam sein.
Als sie des Hundes Kopf streichelte, sah ich, wie das Gesicht Saint John's sich röthete. Ich sah sein Auge von plötzlichem Feuer erglühen und in unwiderstehlicher Bewegung auflodern. So geröthet und erregt, sah er als Mann fast ebenso schön aus, wie sie als Weib. Seine Brust hob sich, jedoch nur ein einzigesmal, als ob sein großes Herz, des despotischen Druckes müde, sich wider seinen Willen erweitere und
eine kräftige Anstrengung mache, alle Fesseln zu sprengen. Aber er bändigte es, glaube ich, wie ein entschlossener Reiter ein sich bäumendes Roß bändigen würde. Er antwortete weder mit einem Wort noch mit einer Bewegung auf ihr zartes Entgegenkommen.
, Papa klagt, daß Sie uns gar nicht mehr besuchen, fuhr Miß Oliver aufblickend fort. , Sie sind ganz fremd geworden in Vale-Hall. Er ist diesen Abend allein und nicht ganz wohl, wollen Sie mit mir umkehren und ihn besuchen?
, Es ist keine passende Stunde, mich Herrn Oliver aufzudringen, antwortete Saint John.
, Keine passende Stunde! Im Gegentheil, es ist gerade die Stunde, wo Papa am meisten Gesellschaft wünscht, wenn die Arbeiten beendet sind und ihn kein Geschäft in Anspruch nimmt. Nun, Herr Rivers, wollen Sie nicht kommen? Warum sind Sie so sehr zurückhaltend und so fürchterlich ernst?
Während er noch schwieg, füllte sie die Pause aus, indem sie ihre Frage selbst beantwortete.
, Ich vergaß, rief sie, ihren schönen Lockenkopf schüttelnd, als wäre sie über sich selbst erschrocken. , Ich bin so gedankenlos! O, entschuldigen Sie mich! Es war mir entfallen, daß Sie sich nicht in der Stimmung befinden, auf mein Geplauder einzugehen. Diana und Maria haben Sie verlassen, Moor-House ist geschlossen, und Sie sind so einsam. Gewiß, ich habe Mitleid mit Ihnen. Kommen Sie also und besuchen Sie Papa.
, Nicht diesen Abend, Miß Rosamunde, nicht diesen Abend.
Herr Saint John sprach fast wie ein Automat, nur er selbst kannte die Ueberwindung, die ihn diese Weigerung kostete.
, Nun, wenn Sie so widersetzlich sind, so will ich Sie verlassen, denn ich wage nicht länger zu bleiben, der Thau beginnt zu fallen. Gute Nacht!
Sie streckte ihre Hand aus. Er berührte sie kaum.
, Gute Nacht! wiederholte er mit so matter und hohler Stimme wie ein Echo. Sie wendete sich zum Gehen, kehrte aber im Augenblick zurück.
, Sind Sie nicht wohl? fragte sie. Wohl hatte sie allen Anlaß zu dieser Frage, denn sein Gesicht war bleich, wie ihr Gewand.
, Ganz wohl, entgegnete er und entfernte sich. Sie ging nach der einen und er nach der anderen Seite. Sie wendete sich zweimal um, ihm nachzusehen, als sie einer Elfe gleich über das Feld dahinschwebte.
Saint John blickte nicht ein einzigesmal zurück, während er mit großen, festen Schritten dem Pfarrhofe zuging.
Die eben erlebte Scene, welche mir die Leiden und Opfer eines Anderen gezeigt hatte, lenkte meine Gedanken von der ausschließlichen Betrachtung über mich selbst ab. Diana Rivers hatte ihren Bruder unerbittlich wie der Tod genannt. Sie hatte nicht zu viel gesagt.
Dreiunddreißigstes Capitel.
Ich setzte meine Arbeit in der Dorfschule so thätig und getreu fort, als ich es vermochte. Es war Anfangs in der That eine schwere Aufgabe. Einige Zeit verging, ehe ich mit aller Mühe meine Schülerinnen und ihre Eigenart verstehen lernte. Bei ihren gänzlich unausgebildeten Fähigkeiten schienen sie mir wenig versprechend und beim ersten Anblick Alle gleich dumm; doch ich fand bald, daß ich mich geirrt hatte. Es war ein Unterschied unter ihnen, wie unter den Kindern gebildeter Leute, und als ich sie erst recht kennen lernte und sie mich, da machte sich dieser Unterschied mit rapider Schnelligkeit geltend. Dann fand ich auch, daß einige von diesen dumm aussehenden Bauernkindern sich zu ganz klugen Mädchen entwickelten. Manche zeigten sich auch gefällig und liebenswürdig, und ich entdeckte unter ihnen nicht wenige Beispiele von natürlicher Höflichkeit und ausgezeichneter Anlage, wodurch sie sich nicht nur meine Zuneigung, sondern auch meine Bewunderung erwarben. Diese Mädchen fanden bald Vergnügen daran, ihre Aufgaben gut auszuführen, im Aeußeren reinlich zu erscheinen und sich ordentliche Sitten anzueignen. Ihre Fortschritte waren in einigen Fällen sogar überraschend, und ich fand einen ehrlichen und glücklichen Stolz darin, überdies begann ich, zu einigen von den besten Mädchen persönliche Zuneigung zu fassen und sie liebten mich wieder. Ich hatte unter meinen Schülerinnen mehrere Töchter von Pächtern, die fast schon
erwachsen waren und bereits lesen, schreiben und nähen konnten. Diese unterrichtete ich in den Anfangsgründen der Sprachlehre, der Geographie, der Geschichte und in den feineren Handarbeiten. Ich fand
schätzenswerthe Charaktere unter ihnen -- Charaktere, die nach Belehrung strebten und geneigt waren, sich auszubilden -- bei ihnen brachte ich manche angenehme Abendstunde in ihrer eigenen Häuslichkeit zu. Ihre Eltern überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten. Es
lag ein Genuß in ihrer einfachen Freundlichkeit, und ich fand Vergnügen daran, sie fühlen zu lassen, daß ich sie achtete, woran sie vielleicht nicht zu allen Zeiten gewöhnt waren. Sie fanden das sehr wohl heraus, und indem sie dadurch in ihrer Selbstachtung stiegen, gaben sie sich Mühe, die Rücksicht zu verdienen, womit sie behandelt wurden.
Ich fühlte, wie beliebt ich in der Umgegend wurde. Wenn ich aus ging, hörte ich von allen Seiten herzliche Grüße und wurde mit freundlichem Lächeln bewillkommt. In dieser Periode meines Lebens schwoll mein Herz häufiger aus Dankbarkeit, als daß es von Trostlosigkeit niedergedrückt worden wäre. Und doch, um Alles zu sagen, inmitten dieses stillen Daseins wurde ich, nachdem ich den Tag in arbeitsreicher und nützlicher Beschäftigung mit meinen Schülerinnen und den Abend zufrieden mit Zeichnen oder Lesen zugebracht, in der Nacht häufig von seltsamen Träumen heimgesucht, von bunten und stürmischen Träumen, in denen ich unter wechselnden Scenen voll romantischer Abenteuer, und aufregender Gefahr immer wieder Herrn Rochester in einer entscheidenden Krise begegnete. Dann wiederholte sich die Scene, wie ich in seinen Armen lag, seine Stimme hörte, in sein Auge blickte, seine Hand und Wange berührte, ihn liebte und von ihm geliebt wurde, und die Hoffnung, meine Lebenszeit an seiner Seite zuzubringen, erneuerte sich mit aller Kraft und Mut. Wenn ich dann erwachte und mich erinnerte, wo ich war und in welcher Tage ich mich befand, erhob ich mich zitternd und bebend in meinem Bette; und dann war die stille, dunkle Nacht Zeuge meiner Verzweiflung und hörte den Jammer meiner Leidenschaft. Pünktlich um neun Uhr begann ich am nächsten Morgen die Schule, war ruhig, gefaßt und vorbereitet auf die ernsten Pflichten des Tages.
Rosamunde Oliver hielt ihr Versprechen, mich zu besuchen. Dies geschah gewöhnlich bei ihrem Morgenspazierritt. Sie kam dann auf ihrem kleinen Pferde, von einem berittenen Lioreebedienten begleitet, vor die
Thür getrabt. Etwas ausgesucht Schöneres, als ihr Erscheinen in ihrem Reitkleide, ihrem schwarzsammtenen Amazonenhut, der anmuthig auf ihren langen Locken saß, welche ihre Wangen berührten und auf ihre Schultern niederflossen, kann man sich schwerlich vorstellen. So trat sie in das einfache ländliche Gebäude und bewegte sich durch die Reihen der halbgeblendeten Dorfkinder. Sie kam gewöhnlich zu der Stunde, in der Herr Rivers seinen täglichen Unterricht im Katechismus gab. Ich fürchte, die schöne Dame durchschaute des jungen Predigers Herz. Eine Art von Instinct schien ihn von ihrer Ankunft zu benachrichtigen, selbst wenn er sie noch nicht sah; und wenn sie eintrat und er ganz nach der entgegengesetzten Seite blickte, erglühte seine Wange und seine marmornen Züge drückten selbst in ihrer Ruhe eine zurückgehaltene Glut aus, die stärker war, als die arbeitenden Muskeln oder der sprühende Blick hätten andeuten können.
Natürlich kannte sie ihre Macht; auch verbarg er ihr diesen Einfluß nicht, weil er es nicht konnte. Ungeachtet seines christlichen Stoicismus zitterte seine Hand und sein Auge glühte, wenn sie sich ihm näherte, ihn amtedete und ihm heiter, ermuthigend und selbst zärtlich ins Gesicht lächelte. Er schien mit seinem traurigen und entschlossenen Blicke zu sagen, wenn seine Lippen es auch nicht aussprachen: Ich liebe dich und weiß, daß auch du mich liebst. Es ist nicht Kleinmuth, nicht Zweifel, was mich stumm macht. Wenn ich dir mein Herz anböte, glaube ich, würdest du es annehmen. Aber dieses Herz liegt bereits auf einem heiligen Altar, die Opferflamme brennt schon. Es wird bald nichts mehr sein, als ein vollendetes Opfer.
Und wenn sie dies in seiner Seele las, konnte sie schmollen wie ein zürnendes Kind; ihre bewegliche Lebhaftigkeit wich einer nachdenklichen Verstimmung, sie zog hastig ihre Hand aus der seinigen und wendete sich in vorübergehendem Aerger von dem Anblick
des heroischen Martyrers ab. Ohne Zweifel hätte
Saint John eine Welt darum gegeben, sie zurückrufen zu können, wenn sie ihn auf diese Weise verließ; doch er wollte für das Elesium ihrer Liebe keine einzige Hoffnung auf das wahre und ewige Paradies aufgeben. Ueberdies konnte er nicht Alles, was in seiner Natur lag -- den ehrgeizigen Weltmann, den Dichter, den Priester -- in die Schranken einer einzigen Leidenschaft bannen. Er konnte und wollte den Thatendrang des Missionärs nicht für die Gemächlichkeit und den Frieden von Vale-Hall aufgeben. Ich erfuhr dies von ihm, als ich einst ungeachtet seiner Zurückhaltung, die Kühnheit hatte, mir sein Vertrauen zu erobern.
Während Miß Oliver's häufiger Besuche in meiner Schule hatte ich Gelegenheit gehabt, ihren Charakter zu studieren, der ohne Hinterhalt oder Verstellung war. Man hatte ihr von Anfang an Vieles nachgesehen, aber sie nicht gänzlich verzogen. Daß sie eitel war, konnte man ihr kaum zum Vorwurfe machen, da jeder Blick in den Spiegel sie von ihren eigenen Reizen überzeugen mußte. Sie war kokett, aber nicht herzlos, gutmüthig, freigebig, heiter und lebhaft; sie war anspruchsvoll, aber ohne Selbstsucht und ohne auf ihren Reichthum stolz zu sein -- kurz
sie war sehr anziehend, selbst für eine kalte Beobachterin, wie ich war; aber sie war durchaus nicht interessant oder tiefer Eindrücke fähig. Ihr Gemüth war z. B. sehr verschieden von dem der beiden Schwestern des Herrn Saint John. Dennoch liebte ich sie fast ebenso sehr wie meine Schülerin Adele, nur daß die Zuneigung zu einem Kinde, welches man
erzieht und bildet, eine noch zärtlichere sein muß, als für ein bereits erwachsenes Mädchen.
Miß Oliver war mir sehr zugethan. Sie sagte, ich gliche Herrn Rivers, nur sei ich nicht halb so schön; obgleich ich freilich eine ganz niedliche, hübsche, kleine Person sei, wogegen er ihr als ein Engel erscheine. Ich sei indeß gut, geistreich und charakterfest wie er. Ich sei, behauptete sie, ein Wunder von
einer Dorfschulmeisterin; sie glaube bestimmt, meine frühere Geschichte, wenn sie bekannt wäre, würde den schönsten Romanstoff abgeben.
Eines Abends, als sie mit ihrer gewohnten kindlichen Lebhaftigkeit, in harmloser Neugierde den Schrank und den Tischauszug in meinem kleinen Wohnzimmer durchsuchte, entdeckte sie zuerst zwei französische Bücher, einen Band von Schiller, eine deutsche Sprachlehre und ein Wörterbuch, dann fand sie meine Zeichengeräthe und meinen Malkasten, und endlich auch meine Zeichnungen. Es waren mehrere nach der Natur gezeichnete Ansichten von Morton und den umgebenden Hügeln sowie das Bild einer meiner Schülerinnen, eines engelgleichen kleinen Mädchens. Anfangs verstummte sie vor Ueberraschung und wurde dann von Entzücken elektrisirt.
, Haben Sie diese Bilder gemalt? fragte sie, Verstehen Sie Französisch und Deutsch? Wie herrlich, wie wunderbar wäre das! Sie zeichnen besser, als mein Lehrer in der ersten Schule zu S. Wollen Sie
nicht mein Porträt zeichnen, um es Papa zeigen zu können?
, Mit Vergnügen, erwiderte ich, und ich empfand eine lebhafte künstlerische Freude bei dem Gedanken, nach einem so vollkommenen und schönheitsstrahlenden Modell malen zu dürfen. Sie trug damals ein dunkelblaues seidenes Kleid, ihre Arme und ihr Hals waren bloß, ihr einziger Schmuck waren ihre kastanienbraunen Locken, die in natürlicher Anmuth über ihre Schultern niederwallten. Ich nahm ein feines, weißes Carton-Blatt und zeichnete sorgfältig den Umriß. Ich beschloß, das Porträt zu coloriren, und da es schon spät war, sagte ich ihr, sie müsse wiederkommen und mir an einem anderen Tage sitzen.
Sie stattete ihrem Vater einen so schmeichelhaften Bericht über mich ab, daß Herr Oliver sie am nächsten Abend selber begleitete. Er war ein großer, grauköpfiger Mann in mittleren Jahren mit massiven Gesichtszügen. Er schien schweigsam und vielleicht
stolz, doch war er sehr freundlich gegen mich. Die Skizze von Rosamundens Porträt gefiel ihm sehr, er sagte, ich müsse sie völlig ausführen und bestand auch darauf, daß ich den nächsten Abend in Vale-Hall zubringen solle.
Ich ging hin. Die große und schöne Wohnung zeugte von dem Reichthum des Besitzers. Rosamunde war voll Heiterkeit, ihr Vater war freundlich, und als er sich nach dem Thee mit mir in ein Gespräch einließ, sprach er in den wohlwollendsten Ausdrücken seine Anerkennung ans, was ich in der Schule zu Morton bereits geleistet, und knüpfte die Befürchtung daran, daß man mich bald wieder verlieren werde, weil ich für diese Stellung viel zu gut sei.
, In der That! rief Rosamunde, sie ist talentvoll genug, um Erzieherin in einer vornehmen Familie zu sein, Papa.
Ich dachte, wie viel lieber ich doch hier sei, als in irgend einem vornehmen Hause. Herr Oliver sprach mit großem Respect von Herrn Rivers und seiner Familie. Er sagte, daß es der älteste Name in der
ganzen Gegend sei, die Vorfahren der Familie wären reich gewesen, ganz Morton habe ihnen einst gehört, und er glaube, wenn der Repräsentant des Hauses wolle, könne er selbst jetzt eine sehr gute Partie machen. Es sei schade, daß ein so schöner und hoch begabter junger Main den Plan gefaßt habe, als Missionär auszuwandern, das heiße wirklich ein kostbares Leben verschleudern. Es schien mir hiernach, als würde Herr Oliver einer Verbindung seiner Tochter mit Saint John kein Hindernis in den Weg legen. Er betrachtete offenbar den alten Namen und den frommen Beruf des jungen Geistlichen als einen hinreichenden Ersatz für den Mangel an Vermögen.
Es war am fünften November und ein Feiertag. Meine kleine Dienerin war fortgegangen, nachdem sie mir geholfen, das Haus zu reinigen, wohl zufrieden mit dem Geschenk eines Penny für ihre Mühe. Alles um mich her war spiegelblank und glänzend, der
Boden gescheuert, der Herd polirt und die Stühle rein abgewaschen. Ich hatte mich auch zierlich angezogen und konnte jetzt den Nachmittag zubringen, wie ich wollte.
Die Uebersetzung einiger Seiten aus dem Deutschen beschäftigte mich eine Stunde, dann nahm ich Palette und Pinsel und begann Rosamunde Oliver's Porträt zu vollenden. Der Kopf war schon fertig, nur der
Hintergrund und einige Kleinigkeiten waren noch zu malen. Noch war ich in diese Beschäftigung versenkt, als nach raschem Klopfen meine Thür aufging und Saint John Rivers eintrat.
, Ich komme zu sehen, wie Sie Ihren Feiertag hinbringen, sagte er. , Nicht in Gedanken versunken, hoffe ich? Nein, das ist gut; während Sie malen, werden Sie sich nicht einsam fühlen. Sie sehen, ich hege noch Mißtrauen gegen Sie, obgleich Sie sich wunderbar gut gehalten haben. Ich bringe Ihnen ein Buch zum Trost für die Abendstunden.
Dabei legte er ein soeben erschienenes poetisches Werk auf den Tisch.
Während ich begierig die schönen Verse überflog, neigte sich Saint John nieder, um mein Bild zu betrachten. Seine hohe Gestalt richtete sich plötzlich wieder auf. Ich blickte ihn an, doch er mied mein Auge. Ich konnte deutlich in seinem Herzen lesen und fühlte mich geneigt, ihm einen Dienst zu erweisen, wenn es in meiner Macht stand.
Bei all seiner Festigkeit und Selbstbeherrschung traut er sich doch zu viel zu, dachte ich, verschließt jedes Gefühl und jede Qual in sich selbst, bekennt nichts und theilt nichts mit. Ich bin gewiß, es würde ihm wohlthun, ein wenig von dieser schönen Rosamunde zu reden, die er nicht heiraten zu dürfen glaubt. Ich will ihn zum Reden bringen.
Zuerst sagte ich: , Nehmen Sie Platz, Herr Rivers. Aber, wie immer, antwortete er, daß er nicht bleiben könne.
, Ist dieses Porträt ähnlich? fragte ich geradezu.
, Aehnlich! Wem? Ich sah es nicht genau an.
, Sie thaten es dennoch, Herr Rivers.
Er stutzte und blickte mich erstaunt an.
, O! dachte ich bei mir selber, ich lasse mich nicht abschrecken; ich bin entschlossen, noch viel weiter zu gehen.
, Sie betrachteten das Bild sorgfältig und genau, fuhr ich fort, doch ich habe nichts dagegen, wenn Sie es noch einmal ansehen.
Hier stand ich auf und gab es ihm in die Hand.
, Ein wohl ausgeführtes Bild, sagte er, das Colorit ist zart und klar, die Zeichnung sehr anmuthig und correct.
, Ja ja, daß weiß ich Alles. Aber was sagen Sie zu der Aehnlichkeit? Wen stellt es vor?
, Miß Oliver vermuthlich, antwortete er nach einem unwillkürlichen Zaudern.
, Natürlich. Und nun, mein Herr, um Sie für Ihre Kunst im Errathen zu belohnen, will ich Ihnen versprechen, Ihnen eine sorgfältige und getreue Copie von diesem Porträt zu malen, wenn Sie gestehen wollen, daß das Geschenk Ihnen angenehm sein würde, denn natürlich möchte ich Zeit und Mühe nicht an ein Geschenk verschwenden, welches für Sie werthlos wäre.
Er betrachtete das Bild noch immer. Je länger er es ansah, desto fester hielt er es, desto mehr schien es seine Bewunderung zu erregen.
, Es ist ähnlich! murmelte er, das Auge ist prächtig getroffen, das Colorit, das Licht, der Ausdruck, Alles ist vollkommen. Es lächelt!
, Antworten Sie mir offenherzig auf meine Frage, wenn Sie in Madagascar, am Vorgebirge der guten Hoffnung oder in Indien weilen werden, würde es ein Trost für Sie seit, dies Andenken in Ihrem Besitz zu haben, oder würde der Anblick Erinnerungen erregen, die Sie bekümmerten.
Er hob jetzt verstohlen seine Augen, sah mich unentschlossen und verstört an und betrachtete dann wieder das Bild.
, Daß ich es gern haben möchte, ist gewiß, ob es vernünftig oder weise sein würde, ist eine andere Frage.
Seit ich mich überzeugt hatte, daß Rosamunde ihn wirklich liebe, und daß ihr Vater sich der Verbindung wahrscheinlich nicht widersetzen würde, war ich in meinem Herzen sehr geneigt, diese Verbindung zu befördern, da meine Ansichten weniger exaltirt waren, als die des jungen Geistlichen. Wenn er Besitzer von Herren Oliver's großem Vermögen würde, dachte ich, könnte er damit ebenso viel Gutes stiften,
als wenn er sein Geste und seine Kraft unter einer tropischen Sonne verwelken und, verdorren ließ. In dieser Ueberzeugung antwortete ich jetzt:
, So weit ich urtheilen kann, würde es weiser
und verständiger sein, wenn Sie sich das Original
selbst aneigneten.!
Jetzt hatte er sich niedergesetzt. das Bild vor sich auf den Tisch gelegt, stützte seine Stirn mit beiden Händen und betrachtetete es mit zärtlichen Blicken.
Ich bemerkte, daß er weder erzürnt noch verletzt von meiner Kühnheit war. Es schien sogar, als ob die unbefangene Berührung eines Gegenstandes, den er bisher tief in sich verschlossen gehalten, ihm eine ungehoffte Erleichterung gewährte. Zurückhaltende Leute bedürfen der offenen Verhandlung über ihre Empfindungen und ihren Kummer, mehr noch als die mittheilsamen, und mit Kühnheit und in ehrlicher Absicht
in die verborgenen Tiefen ihrer Gedanken einzudringen, heißt oft, ihnen die größten Wohlthaten erweisen.
, Ich bin gewiß. sie liebt Sie, sagte ich, als ich hinter seinem Stuhle stand, und ihr Vater achtet Sie. Ueberdies ist sie ein liebes Mädchen -- freilich ein wenig gedankenlos, aber Sie würden Gedanken genug
für Sie Beide haben. Sie sollten sie heiraten.
, Liebt sie mich denn? fragte er.
, Gewiß, mehr als sie sonst irgend Jemand liebt. Sie spricht beständig von Ihnen, kein Gegenstand unterhält sie so sehr und keinen berührt sie öfter.
, Dies ist in der That sehr angenehm zu hören, sagte er. , Fahren Sie noch eine Viertelstunde damit fort.
Und er zog wirklich seine Uhr heraus und legte sie auf den Tisch, um die Zeit abzumessen.
, Aber was nützt es, fortzufahren, fragte ich, wenn Sie sich wahrscheinlich auf einen eisernen Widerspruch vorbereiten oder eine neue Kette schmieden, um Ihr Herz zu fesseln?
, Stellen Sie sic nicht so fürchterliche Dinge vor. Denken Sie sic, daß ich der Gegenliebe geneigt bin, wie es wirklich der Fall ist. Ich sehe mich auf einer Ottomane in dem Gesellschaftszimmer zu Vale-Hall zu den Füßen meiner Braut Rosamunde Oliver, sie redet mit ihrer lieblichen Stimme zu mir, blickt auf mich nieder mit jenen Augen, die Ihre geschickte Hand so gut nachgebildet hat, und lächelt mich mit diesen Korallenlippen an, Sie ist mein -- ich bin der ihrige -- dieses gegenwärtige Leben und die vergängliche Welt genügen mir. Still! sagen Sie nichts -- mein Herz ist voll Wonne, meine Sinne sind in Entzücken verloren. -- Lassen Sie die Viertelstunde in Frieden vorübergehen.
Ich that ihm seinen Willen -- die Uhr tickte weiter -- er athmete rasch und tief -- ich stand schweigend neben ihm. Als die Viertelstunde in lautlosem Schweigen vergangen war, steckte er die Uhr wieder ein, legte das Bild weg, stand auf und stellte sich an den Kamin.
, Nun, begann er, dieser kleine Zeitraum war dem Wahn und der Täuschung geweiht. Ich ließ mein Antlitz an der Brust der Versuchung ruhen und beugte meinen Nacken freiwillig unter ihr Blumenjoch, ich kostete von ihrem Becher. Es ist eine Natter unter den Blumen verborgen, der Wein hat einen bitteren Geschmack, ihre Versprechungen sind hohl, ihre Gelübde falsch, ich sehe und weiß dies Alles.
Ich blickte ihn verwundert an.
, Es ist seltsam, fuhr er fort, so tief ich fühle, daß ich Rosamunde Oliver mit der ganzen Innigkeit
der ersten Leidenschaft liebe, und so außerordentlich schön, anmuthsvoll und bezaubernd der Gegenstand dieser Leidenschaft ist, so kann ich mich doch keinen Augenblick darüber täuschen, daß sie keine passende
Lebensgefährtin für mich sein würde, und daß schon im ersten Jahre unserer Ehe dem Entzücken ein ganzes Leben der Reue folgen würde. Dies weiß ich.
Ich konnte nicht umhin, auszurufen: , Seltsam, in der That.
, Während ich sehr empfänglich für Rosamundes Reize bin, fuhr er fort, habe ich ein ebenso offenes Auge für ihre Mängel; sie sind von der Art, daß sie für nichts Theilnahme empfinden könnte, wonach ich strebte
-- in nichts mitwirken könnte, was ich unternähme. Rosamunde, eine Dulderin, eine Arbeiterin, ein weiblicher Apostel! Rosamunde, das Weib eines Missionärs? Nein!
, Aber Sie müssen ja doch nicht Missionär werden, Sie könnten den Plan aufgeben.
, Aufgeben! Was -- meinen Beruf? mein großes Werk? mein auf der Erde zu legendes Fundament zu einem Gebäude im Himmel? meine Hoffnung, unter die Zahl derjenigen gezählt zu werden, die all ihren Ehrgeiz dem Einzigen untergeordnet haben, die Menschheit zu bessern, die Finsternis der Unwissenheit zu erhellen -- Krieg in Frieden zu verwandeln, Knechtschaft in Freiheit, Aberglauben in Religion, die Furcht vor der Hölle in die Hoffnung auf den Himmel? Muß ich das aufgeben? Es ist mir theurer, als das Blut in meinen Adern. Das sind die Ziele, wofür ich zu leben habe.
Nach einer beträchtlichen Pause sagte ich:
, Und Miß Oliver? Ist ihre Täuschung und ihr Kummer Ihnen gleichgültig?
, Miß Oliver ist stets von Bewerbern und Schmeichlern umgeben, in weniger als einem Monat wird mein Bild in ihrem Herzen erloschen sein. Sie wird mich vergessen und Jemanden heiraten, der sie wahrscheinlich glücklicher machen wird, als ich es könnte.
, Sie sprechen sehr ruhig und kühl; aber Sie leiden bei dem Kampfe. Sie reiben sich auf.
, Nein. Wenn ich leide, so kommt das von der ängstlichen Erwartung wegen meiner noch unbestimmten Aussichten und meiner beständig verzögerten Abreise. Erst diesen Morgen erhielt ich die Nachricht, daß der Nachfolger, dessen Ankunft ich so lange erwartet habe, erst in drei Monaten in der Lage ist, mein Amt zu übernehmen, und vielleicht können die drei Monate zu sechs werden.
, Sie zittern und erröthen immer, wenn Miß Oliver in die Schulstube tritt.
Wieder zeigte sich der überraschte Ausdruck in seinem Gesichte. Er war nicht darauf gefaßt, daß ein Weib so zu einem Manne zu reden wagen würde. Ich konnte mich im Verkehr mit starken, verständigen und gebildeten Geistern nie ganz zufrieden geben, mochten es nun männliche oder weibliche sein, bis ich die Schranken der äußeren conventionellen Zurückhaltung durchbrochen und einen Platz in ihren Herzen gewonnen hatte.
, Sie sind originell und nicht furchtsam, sagte er. , Es ist etwas Tapferes in Ihrem Geiste und etwas Durchdringendes in Ihrem Auge, aber erlauben Sie mir die Versicherung, daß Sie meine Aufregung für tiefer und mächtiger halten als sie ist. Wenn ich vor Miß Oliver erröthe und zittere, so bemitleide ich mich selbst. Ich verachte diese Schwäche, ich weiß, daß sie unedel ist, ein bloßes Fieber des Fleisches und nicht ein Erbeben der Seele. Diese steht so unerschütterlich fest, wie ein Felsen in einer sturmbewegten See. Nehmen Sie mich für das, was ich bin -- für einen kalten, harten Mann.
Ich lächelte ungläubig.
, Sie haben mein Vertrauen im Sturm erobert, fuhr er fort, und jetzt steht es zu Ihrem Dienste. Des Mantels entkleidet, womit die christliche Liebe menschliche Schwächen beschönigt, bin ich ein kalter, harter, ehrgeiziger Mann. Vernunft und nicht Gefühl ist
mein Führer, mein Ehrgeiz ist unbegrenzt; mein Wunsch, höher zu steigen und mehr zu thun als Andere, unersättlich. Ich ehre die Duldung, die Beharrlickeit, den Kunstfleiß, das Talent, weil es die Mittel sind, wodurch die Menschen große Zwecke erreichen und zu schwindelnder Höhe emporsteigen. Ich nehme großes Interesse an Ihnen, weil ich Sie als das Vorbild eines fleißigen, ordentlichen und geistesstarken Weibes
betrachte, nicht weil ich tiefes Mitgefühl empfinde für das, was Sie erduldet haben und noch erdulden.
, Sie möchten sich selbst als einen heidnischen Philosophen darstellen, sagte ich.
, Nein. Der Unterschied zwischen mir und einem heidnischen Philosophen ist, daß ich an das Evangelium glaube. Sie haben eine falsche Bezeichnung gebraucht. Ich bin kein Heide, sondern ein christlicher Philosoph -- ein Jünger Jesu. Als sein Jünger nehme ich seine reinen, gnadenvollen, wohlwollenden Lehrsätze an. Ich vertrete sie; ich habe geschworen, ihnen zur Verbreitung zu verhelfen. Schon in der Jugend habe ich mich der Religion geweiht, und sie hat meine ursprünglichen Anlagen ausgebildet: aus dem kleinen Samenkorn der natürlichen Neigung hat sie den weitschattenden Baum der Philantrophie entwickelt. Meinen Ehrgeiz, Macht und Ruhm für mein elendes Ich zu gewinnen, hat sie in den edleren Ehrgeiz verwandelt, das Reich meines Herrn auszubreiten, Siege für das Kreuz zu erkämpfen. Soviel hat die
Religion für mich gethan, sie hat die ursprünglichen Anlagen veredelt, meine Natur gereift und geschult. Aber sie konnte die Natur selbst nicht
ausrotten, auch wird diese nicht ausgerottet werden, bis das Sterbliche an mir von meiner Seele gewichen ist.
Nachdem er dies gesagt hatte, nahm er seinen Hut, der neben meiner Palette auf dem Tische lag.
Noch einmal blickte er das Porträt an.
, Sie ist in der That sehr lieblich, flüsterte er. , Sie heißt mit Recht die Rose der Welt!
, Und darf ich nicht eine Copie davon für Sie malen?
, Zu welchem Zweck? Nein.
Er bedeckte das Porträt mit dem dünnen Blatt Papier, worauf ich meine Hand ruhen zu lassen pflegte, um das Bild nicht zu beschmutzen. Was er
plötzlich auf diesem weißen Papier sehen mochte, konnte ich nicht sagen, aber es war ihm etwas ins Auge gefallen. Er riß das Blatt rasch an sich, sah den Rand desselben an, warf mir einen eigenthümlichen und ganz unbegreiflichen Blick zu -- einen Blick, der mich von oben bis unten durchdringen zu wollen schien. Seine Lippen öffneten sich, als wollte er reden, aber er hielt die Worte zurück.
, Was ist Ihnen? fragte ich.
, Nichts, durchaus gar nichts, war die Antwort.
Er legte das Papier wieder hin, nachdem er geschickt einen schmalen Streifen vom Rande abgerissen, den er in seinen Handschuh steckte, sagte mit hastigem Nicken: , Guten Abend und verschwand.
, Ei, rief ich, das ist doch seltsam!
Ich untersuchte jetzt das Papier, sah aber nichts daran, als einige Farbeflecken, die ich gemacht hatte, um meinen Pinsel zu probiren. Ich sann einige Minuten über das Räthsel nach; als ich aber keine Lösung fand, und mich überzeugt hielt, daß es nicht von großer Bedeutung sein könne, dachte ich nicht weiter.
Vierunddreißigstes Capitel.
Als Herr Saint John ging, begann es zu schneien und zu stürmen. Der Sturm währte die ganze Nacht, und brachte am nächsten Tage weiteren frischen und blendenden Schnee. Gegen die Dämmerung hin war das Thal verweht und fast unzugänglich. Ich hatte meine Fensterladen geschlossen, eine Matte vor die Thür gelegt, damit der Schnee nicht unter derselben
hereinwehe, mein Feuer geschürt, und nachdem ich beinahe eine Stunde am Kamin gesessen und dem Toben des Sturmes zugehört hatte, zündete ich Licht an und begann in dem Buche zu lesen, welches mir Saint John gebracht hatte.
Bald vergaß ich darüber das Unwetter.
Ich hörte ein Geräusch und glaubte, es sei der Wind, der an der Thüre rüttle. Nein, es war Saint John Rivers, der durch Sturm und Finsternis zu mir gekommen war und jetzt vor mir stand. Der Mantel, der seine hohe Gestalt bedeckte, war weiß wie ein Gletscher. Ich war bestürzt, so wenig hatte ich an diesem Abend einen Besuch aus dem verschneiten Dorfe erwartet.
, Bringen Sie eine schlimme Nachricht? fragte ich. , Hat sich etwas zugetragen?
, Nein. Wie leicht erschrecken Sie doch! antwortete er, seinen Mantel ablegend und an die Thür hängend. Dann schob er ruhig die Matte wieder vor, die durch seinen Eintritt verrückt war, und stampfte den Schnee von seinen Stiefeln.
, Ich werde Ihren reinen Fußboden beschmutzen, sagte er, aber Sie müssen mich diesmal entschuldigen.
Dann näherte er sich dem Feuer.
, Es hat mich Anstrengung gekostet, hierher zu kommen, das versichere ich Sie, fuhr er fort, indem er seine Hände über der Flamme wärmte. , Einmal sank ich tief in den Schnee.
, Aber warum kamen Sie denn? konnte ich nicht umhin zu fragen.
, Das ist ein ziemlich unfreundlicher Empfang für einen Gast, aber da Sie nun einmal fragen, will ich Ihnen antworten, daß ich nur ein wenig mit Ihnen reden möchte, da ich meiner stummen Bücher und leeren Zimmer überdrüssig wurde. Ueberdies habe ich seit gestern die Aufregung eines Menschen empfunden, dem man eine Geschichte nur halb erzählt hat und der ungeduldig ist, das Ende zu hören.
Er setzte sich nieder. Ich erinnerte mich seines gestrigen seltsamen Benehmens und begann wirklich für seinen Verstand zu fürchten. Wenn diese Furcht indessen begründet gewesen wäre, so war sein Wahnsinn wenigstens ein stiller und harmloser, ich hatte sein schönes Gesicht nie so sehr den Marmor gleich gesehen, als jetzt, wo er sein vom Schnee benetztes Haar aus der Stirne strich und das Licht des Feuers auf seine weiße Stirn und blasse Wange fiel, worin ich mit Bedauern eine Furche entdeckte, die Sorge oder Kummer deutlich darauf gezogen hatten. Ich
schwieg und erwartete, daß er reden werde, aber er hielt jetzt das Kinn in die Hand gestützt, und den Finger an den Mund gelegt; er sann nach. Es fiel mir auf, daß seine Hand abgemagert war, wie sein Gesicht. Ein vielleicht nicht ganz angebrachtes Gefühl des Mitleids veranlaßte mich zu sagen:
, Ich wollte, Diana oder Maria könnte kommen und bei Ihnen wohnen; es ist vom Nebel, daß Sie so ganz allein leben, Sie nehmen gar keine Rücksicht auf Ihre Gesundheit.
, O, nicht doch! antwortete er, ich sorge für mich, wenn es nöthig ist, jetzt ist mir wohl. Was sehen Sie denn Auffallendes an mir?
Dies sagte er mit zerstreuter Gleichgültigkeit, die mir zeigte, daß meine Besorgnis wenigstens seiner Meinung nach, überflüssig sei. Ich schwieg.
Er fuhr langsam mit seinem Finger über die Oberlippe und sein Auge richtete sich träumerisch auf das glühende Feuer. Ich hielt es für nöthig, etwas zu sagen, und fragte, ob er keinen Zugwind von der hinter ihm befindlichen Thür spüre.
, Nein, nein, antwortete er kurz und etwas mürrisch.
, Gut, sagte ich, wenn Sie nicht reden wollen, so will ich schweigen, ich will Sie jetzt in Ruhe lassen und zu meinem Buche zurückkehren.
Ich putzte also das Licht und fuhr fort zu lesen. Als er sich regte, folgte mein Auge seinen Bewegungen; er zog eine Brieftasche hervor, nahm einen Brief heraus, las ihn schweigend, faltete ihn zusammen, legte ihn wieder an seinen Ort und versank nochmals in Nachdenken. Es war mir unmöglich, in seiner Gegenwart zu lesen; auch konnte ich bei meiner Ungeduld nicht stumm bleiben, er mochte mich zur Ruhe verweisen, wenn er wollte, aber reden mußte ich.
, Haben Sie kürzlich Nachricht von Diana und Maria erhalten?
, Nichts seit dem Briefe, den ich Ihnen vor einer Woche zeigte.
, Ist keine Veränderung in Ihren Angelegenheiten vorgegangen? Werden Sie nicht früher aufgefordert werden, England zu verlassen, als Sie es erwarteten?
, Ich fürchte, ein solches Glück ist mir nicht beschieden.
So zurückgewiesen, wechselte ich den Gegenstand und begann von der Schule und meinen Schülerinnen zu reden.
, In der nächsten Woche werde ich vier neue Mädchen aus der Gießerei bekommen; sie wären schon heute gekommen, wenn der Schnee sie nicht zurückgehalten hätte.
, So?
, Herr Oliver zahlt für zwei von ihnen.
, Wirklich?
, Er beabsichtigt, zu Weihnachten der ganzen Schule ein Fest zu geben.
, Ich weiß es.
, War es Ihr Vorschlag?
, Nein.
, Wessen denn?
, Seiner Tochter, denke ich.
, Das sieht ihr gleich, sie ist so gutmüthig.
, Ja.
Wieder trat eine Pause ein, die Uhr schlug acht. Er wurde aus seiner Träumerei erweckt und wendete sich zu mir.
, Lassen Sie Ihr Buch einen Augenblick ruhen und kommen Sie dem Feuer ein wenig näher, sagte er.
Verwundert that ich, was er verlangte.
, Vor einer halben Stunde sprach ich von meiner Ungeduld, das Ende einer Geschichte zu hören, fuhr er fort. , Bei weiterem Nachdenken finde ich, daß die Sache sich besser machen läßt, wenn ich die Rolle des Erzählers übernehme und Sie die Zuhörerin sein lasse. Ehe ich beginne, ist es nicht mehr als billig, wenn ich Ihnen voraus sage, daß die Geschichte Ihnen nicht neu erscheinen wird; aber bekannte Ereignisse erlangen oft wieder eine gewisse Frische, wenn ein anderer Mund Sie erzählt. Uebrigens ist die Geschichte kurz. Also hören Sie:
, Vor zwanzig Jahren verliebte sich ein armer Prediger -- für den Augenblick wollen wir seinen Namen verschweigen -- in die Tochter eines reichen Mannes; sie erwiderte seine Liebe und heiratete ihn gegen den Rath aller ihrer Verwandten, die sie gleich nach der Trauung verstießen. Ehe zwei Jahre um waren, starben Beide und lagen ruhig neben einander unter einem Leichenstein. Ich habe ihr Grab gesehen, es befindet sich auf einem ungeheuren Kirchhofe, der eine schwarze, alte Kathedrale in einer übervölkerten Manufactur Stadt in der Grafschaft N. umgibt. Sie hinterließen eine Tochter, welche schon bei ihrer Geburt von der Barmherzigkeit in ihrem kalten Schoß aufgenommen wurde -- so kalt wie der Schnee, in dem ich diesen Abend fast stecken blieb. Die Barmherzigkeit versetzte das freundlose Wesen in das Haus seiner
reichen mütterlichen Verwandten; es wurde von einer Tante, namens -- jetzt kommen die Namen -- Mistreß Reed von Gateshead auferzogen. -- Sie stutzen. -- Doch zur Sache. Mistreß Reed behielt die Waise zehn Jahre bei sich; ob diese sich bei ihr glücklich fühlte, kann ich nicht sagen, da man es mir nicht mitgetheilt hat; doch nach Verlauf dieser Zeit
brachte sie das Kind an einen Ort, den Sie kennen,
denn es ist kein anderer, als die Schule zu Lowood, wo Sie sich selber längere Zeit aufhielten. Wie es scheint, war ihre Laufbahn dort sehr ehrenvoll, aus einer Schülerin wurde sie eine Lehrerin, wie Sie selber. In der That ist es mir auffallend, daß so viel Aehnlichkeit zwischen der Geschichte dieses Mädchens und der Ihrigen herrscht. Sie verließ die
Schule und wurde Erzieherin, auch darin gleicht ihr Schicksal wieder dem Ihrigen. Sie übernahm die Erziehung der Mündel eines gewissen Herrn Rochester.
, Herr Rivers! fiel ich ein.
, Ich errathe Ihre Gefühle, sagte er, aber halten Sie sich noch eine Weile zurück, ich bin gleich zu Ende. Von dem Charakter dieses Herrn Rochester weiß ich nichts, als daß er dem jungen Mädchen eine ehrenvolle Verbindung anbot und daß dieses am Altar entdeckte, er habe schon eine Frau, die noch am Leben sei, obgleich eine Wahnsinnige. Was hierauf geschah, welche Vorschläge Herr Rochester dem Mädchen machte, ist Sache der bloßen Vermuthung; nur so viel ist gewiß, daß die Erzieherin plötzlich verschwunden war -- niemand konnte sagen, wann, wohin oder wie. Sie hatte Thornfield Hall in der Nacht verlassen; man hatte nah und fern nach ihr gesucht, aber keine Spur von ihr finden können. Jetzt jedoch ist es dringend nöthig geworden, sie aufzufinden; in allen Zeitungen sind Aufforderungen ergangen; ich selber habe einen Brief von einem Rechtsconsulenten namens Briggs erhalten, aus dem ich das eben Mitgetheilte erfuhr. Ist das nicht eine seltsame Geschichte?
, Sagen Sie mir nur dies Eine, rief ich, und da Sie so viel wissen, können Sie es mir gewiß sagen -- wie geht es Herrn Rochester? Wo ist er? Was thut er? Ist er wohl?
, Ich bin mit Allem unbekannt, was Herrn Rochester betrifft; der Brief erwähnt ihn nur, um seinen ungesetzlichen Heiratsversuch zu berichten. Sie
sollten lieber nach dem Namen der Erzieherin fragen und nach der Ursache, weshalb man sie sucht.
, So ging also niemand nach Thornfield-Hall zu Herrn Rochester?
, Ich vermuthe nein.
, Aber man schrieb an ihn?
, Natürlich.
, Und was sagt er? Wer hat seine Antwort?
, Herr Briggs meldete mir, daß die Antwort auf seine Anfrage nicht von Herrn Rochester, sondern von einer Dame gegeben wurde, die sich Elise Fairfax unterzeichnete.
Mir wurde eiskalt, und ich fühlte einen stechenden Schmerz im Herzen. Meine schlimmste Befürchtung schien sich bestätigen zu wollen: er hatte
ohne Zweifel England verlassen und irrte, wie früher, in ruheloser Verzweiflung auf dem Continente umher. Und welches Beruhigungsmittel für sein heftiges Leiden, welchen Gegenstand für seine mächtigen Leidenschaften mochte er dort gefunden haben? Ich wagte mir die Frage nicht zu beantworten, O, mein armer Herr -- einst fast schon mein Gatte -- den ich so oft meinen theuren Eduard genannt hatte!
, Er muß ein schlimmer Mensch gewesen sein, sagte Herr Rivers.
, Sie kennen ihn nicht -- sprechen Sie auch kein Urtheil über ihn aus, sagte ich mit Wärme.
, Meinetwegen, antwortete er rasch, und ich habe wahrlich auch andere Dinge im Kopfe als ihn, ich muß meine Erzählung beenden. Da Sie nicht nach dem Namen der Erzieherin fragen wollen, so muß ich ihn selber nennen -- warten Sie -- ich habe ihn hier -- es ist immer von Vortheil, wichtige Dinge Schwarz auf Weiß zu sehen.
Und die Brieftasche wurde wieder bedächtig zum Vorschein gebracht, geöffnet und durchsucht; aus einer Seitentasche wurde ein abgerissenes Stück Papier hervorgezogen, ich erkannte an den Flecken von Ultramarinblau und Carmoisin den abgerissenen Rand des Papiers, womit ich das Porträt Rosamunde's bedeckt hatte. Er stand auf, hielt den Streifen dicht vor meine Augen, und ich las darauf in meiner eigenen
Handschrift die Worte: , Johanna Eyre , die ich ohne Zweifel in einem Augenblick der Zerstreuung hingekritzelt hatte.
, Briggs schrieb mir von einer Johanna Eyre, sagte er, und auch die öffentlichen Aufforderungen nannten eine Johanna Eyre; ich kannte eine Johanna Eliott. -- Ich bekenne, daß ich gegen diesen Namen Verdacht hegte, doch wurde er erst gestern Nachmittags zur Gewißheit. Sie erkennen den Namen an und legen den anderen ab?
, Ja -- aber wo ist Herr Briggs? Er weiß vielleicht mehr von Herrn Rochester, als Sie.
, Briggs ist in London; doch zweifle ich, daß er irgend etwas von Herrn Rochester weiß, da er sich nicht für ihn interessirt. Inzwischen vergessen Sie wesentliche Dinge, indem Sie nach Nebensachen forschen, Sie fragen nicht, warum Herr Briggs nach Ihnen sucht und was er von Ihnen will.
, Nun, was will er denn?
, Ihnen nur mittheilen, daß Ihr Oheim, Herr Eyre, in Madeira gestorben ist, Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen hat und daß Sie jetzt reich
sind -- nur das, weiter nichts
, Ich! reich?
, Ja, Sie, reich -- eine Erbin.
Es trat ein Schweigen ein.
, Sie müssen natürlich beweisen, daß Sie die erwähnte Person sind, fuhr Saint John fort, welcher Schritt Ihnen keine Schwierigkeit machen wird; dann können Sie sogleich den Besitz antreten. Ihr Vermögen ist in englischen Fonds angelegt; Briggs hat das Testament und die nöthigen Documente im Besitz.
Hier war ein neues Blatt im Buche meines Lebens aufgeschlagen! Es ist eine schöne Sache, in
einem Augenblick aus der Armuth zum Reichthum emporgehoben zu werden, eine sehr schöne Sache -- doch kann man nicht Alles auf einmal begreifen und genießen. Uebrigens geht das Wort Erbschaft mit dem Worte Tod Hand in Hand. Ich hatte soeben gehört, daß mein Oheim, mein einziger Verwandter, todt sei; seit ich um sein Dasein gewußt, hatte ich die Hoffnung genährt, ihn einst zu sehen, jetzt konnte ich es nicht mehr.
, Vielleicht werden Sie fragen, wie viel Sie jetzt werth sind? bemerkte Herr Rivers.
, Wie viel bin ich werth?
, O, eine Kleinigkeit! Natürlich nicht der Rede werth -- zwanzigtausend Pfund, meine ich hieß es.
, Zwanzigtausend Pfund!
Dies war ein neues Wunder für mich -- ich hätte vier- oder fünftausend gerathen. Diese Nachricht versetzte mir auf einen Augenblick den Athem, und Herr Saint John, den ich noch nie vorher hatte lachen hören, lachte jetzt.
, Wenn Sie einen Mord begangen hätten, sagte er, und ich hätte Ihnen mitgetheilt, daß Ihr Verbrechen entdeckt sei, hätten Sie nicht erschrockener sein können.
, Es ist eine große Summe. Glauben Sie nicht, daß hier ein, Irrthum obwaltet?
, Nicht der geringste Irrthum.
, Vielleicht haben Sie sich in den Zahlen versehen, es mag zweitausend heißen.
, Es ist mit Buchstaben und nicht mit Ziffern geschrieben und es heißt zwanzigtausend.
Ich kam mir wie ein Mensch vor, der sich allein an eine Tafel setzt, auf welcher Speisen für Hundert aufgetragen sind. Herr Rivers erhob sich
jetzt und legte seinen Mantel an.
, Wenn es nicht ein so stürmischer Abend wäre, sagte er, so würde ich Hannah herschicken, um Ihnen Gesellschaft zu leisten; Sie sehen so verzweifelt und unglücklich aus, daß man Sie nicht allein lassen sollte.
Aber die arme Hannah könnte nicht so gut, wie ich, über die Schneehaufen hinwegkommen, denn ihre Beine sind nicht ganz so lang; so muß ich Sie also jetzt Ihren Sorgen überlassen. Gute Nacht.
Er faßte eben die Klinke, als mir ein plötzlicher Gedanke befiel.
, Warten Sie noch eine Minute! rief ich.
, Nun?
, Ich bin begierig zu erfahren, wie Herr Briggs dazu kam, Ihnen von mir zu schreiben. Wie konnte er, da er Sie doch gar nicht kannte, vermuthen, daß Sie, an einem so abgelegenen Orte wohnend, ihm zu der Entdeckung behilflich sein könnten.
, O! ich bin ein Geistlicher, und an die Geistlichkeit wendet man sich oft in den seltsamsten Angelegenheiten.
Wieder faßte er die Klinke.
, Nein, das genügt mir nicht! rief ich, und es lag in der That etwas in der hastigen und kurzen Antwort, was meine Neugierde, anstatt sie zu befriedigen, nur noch mehr anregte.
, Ein andermal.
, Nein, diesen Abend -- diesen Abend! beharrte ich und stellte mich zwischen ihn und die Thüre. Er sah etwas verlegen aus.
, Sie sollen gewiß nicht gehen, ehe Sie mir Alles gesagt haben! Ich bestehe darauf.
, Ich möchte es gerade jetzt lieber nicht sagen.
, Sie sollen -- Sie müssen!
, Ich wollte lieber, Diana oder Maria benachrichtigten Sie davon. Natürlich steigerten diese Einwendungen meine Aufregung noch mehr, befriedigt mußte ich sein, und zwar ohne Verzug. Ich erklärte ihm das.
, Aber ich sagte Ihnen ja schon, daß ich ein hartköpfiger Mann sei und schwer zu überreden.
, Und ich bin ein hartköpfiges Weib; es ist unmöglich, mich abzuweisen.
, Ferner bin ich auch kaltblütig, fügte er hinzu.
, Dann bin ich auch heißblütig, und Feuer schmilzt Eis.
, Nun gut, sagte er, ich gebe nach, wenn auch nicht Ihren Bitten, doch wenigstens Ihrer Beharrlichkeit, wie ein Stein durch beständiges Tröpfeln ausgehöhlt wird. Ueberdies müssen Sie es doch einst erfahren -- also besser jetzt, als später. Ihr Name ist Johanna Eyre.
, Natürlich, das haben wir ja schon besprochen.
, Sie wissen vielleicht nicht, daß ich den gleichen Namen führe -- daß ich unter dem Namen Saint John Eyre Rivers getauft wurde.
, Nein, in der That das wußte ich nicht! Jetzt erinnere ich mich, den Buchstaben E. in Ihren Büchern gefunden zu haben, die Sie mir zu verschiedenen Zeiten geborgt; doch ich fragte nicht, was der Buchstabe bedeute. Aber nun weiter? Gewiß --
Ich hielt inne, ich wagte kaum, den Gedanken in mir aufkommen zu lassen, viel weniger noch auszusprechen, der sich mir aufdrängte und in der nächsten Secunde fast als Gewißheit vor mir stand. Die Umstände vereinten und ordneten sich instinctmäßig, ehe Saint John noch ein Wort mehr gesagt hatte. So bestätigte sich denn nur meine Ahnung, als er fortfuhr:
, Meiner Mutter Name war Eyre, sie hatte zwei Brüder, der eine war Geistlicher, welcher Miß Johanna Reed von Kateshead heiratete, der andere war John Eyre, Esa., der zuletzt Kaufmann zu Funchal auf Madeira war. Herr Brigg's, der Herrn Eyre's Sachverwalter gewesen, schrieb uns im letzten August und benachrichtigte uns von dem: Tode unseres Oheims. Zugleich theilte er uns mit, daß derselbe sein Vermögen der verwaisten Tochter seines Bruders, des Geistlichen, hinterlassen habe, indem er uns in Folge eines nie vergessenen Streites zwischen ihm und meinem Vater überging. Herr Brigg's schrieb uns einige Wochen später, die Erbin sei nicht zu finden, und fragte, ob wir etwas von ihr wüßten. Ein zufällig auf ein Stück Papier geschriebener Name führte mich auf ihre Spur. Das Uebrige wissen Sie.
Hier wollte er wieder gehen, aber ich stellte mich vor die Thür.
, Lassen Sie mich reden, sagte ich, lassen Sie
mir einen Augenblick Zeit, um Athem zu schöpfen und nachzudenken. Ich schwieg -- er stand mit dem Hut in der Hand vor mir und sah ganz gefaßt aus. Ich fuhr fort:
, Ihre Mutter war meines Vaters Schwester.
, Ja.
, Folglich meine Tante?
Er nickte.
, Mein Oheim John war Ihr Oheim John?
Sie, Diana und Maria sind seine Schwesterkinder, sowie ich seines Bruders Kind bin?
, Unleugbar.
, Sie sind also mein Vetter und Ihre Schwestern meine Cousinen, die Hälfte unseres Blutes fließt also aus derselben Quelle?
, Wir sind Geschwisterkinder, ja.
Ich betrachtete ihn. Es schien mir, als hätte ich einen Bruder gefunden, einen, auf den ich stolz sein, den ich lieben konnte, und zwei Schwestern, die mir schon als Fremde wahre Zuneigung und Bewunderung eingeflößt hatten. Die beiden Mädchen, die ich durch das niedrige vergitterte Fenster zu Moor House mit einer so bitteren Mischung von Theilnahme und Verzweiflung beobachtete, und der Herr, der mich fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden, waren meine Blutsverwandten. Eine überwältigende Entdeckung für eine einsame Unglückliche? Ich klatschte vor plötzlicher Freude in die Hände -- mein Puls schlug und das Blut meiner Adern floß schneller.
, O, wie froh bin ich! -- wie froh rief ich.
Saint John lächelte. , Sagte ich Ihnen nicht, Sie vernachlässigten die Hauptsache, um Nebendienste zu verfolgen? Jetzt sind Sie wieder aufgeregt wegen einer Sache von keiner Bedeutung.
, Vielleicht ist es für Sie von keiner Bedeutung, Sie haben Schwestern und kümmern sich nicht um eine Cousine, doch ich hatte Niemand; und nun sind mir plötzlich drei theure Verwandte geschenkt worden -- oder zwei, wenn sie nicht mitgezählt sein wollen.
Soll mich das nicht froh machen?
Ich ging rasch durch's Zimmer und blieb betäubt stehen bei dem Gedanken, daß ich nun denjenigen, die mir das Leben gerettet und die ich bis zu dieser Stunde nur unthätig hatte lieben können, jetzt Gutes erweisen konnte. Sie standen unter dem Joche der Dienstbarkeit bei Fremden; ich konnte sie befreien; sie waren getrennt -- ich konnte sie vereinen -- der Ueberfluß, der mir zu Theil geworden war, konnte auch der ihrige werden. Waren wir nicht unser vier? Von zwanzigtausend Pfund erhielt Jeder, wenn sie gleichmäßig getheilt wurden, fünftausend -- das war genug, so wurde Gerechtigkeit geübt und das gegenseitige Glück gesichert. Jetzt war der Reichthum keine Last für mich, jetzt war es nicht bloß ein Erbtheil von Gold und Goldeswerth -- es war ein
Vermächtnis von Leben, Hoffnung und Genuß.
Wie ich aussah, während diese Gedanken auf meine Seele einstürmten, kann ich nicht sagen; aber ich bemerkte, daß Herr Rivers einen Stuhl hinter mich schob und mir rieth, mich zu fassen.
, Schreiben Sie morgen an Diana und Maria, sagte ich, und melden Sie ihnen, daß sie gleich nach Hause kommen sollen; Diana sagte, mit tausend Pfund würde sich jede von ihnen für reich halten, mit fünftausend wird sie also umsomehr zufrieden sein können.
, Sagen Sie mir, von wo ich Ihnen ein Glas Wasser verschaffen kann, bemerkte Saint John, Sie müssen sich in der That bemühen, Ihre Gefühle zu beruhigen.
, Unsinn! und welche Wirkung wird das Vermächtnis für Sie haben? Wird es bewirken, daß Sie in England bleiben, wird es Sie bewegen, Miß
Oliver zu heiraten und wie ein gewöhnlicher Sterblicher in Ruhe ein Heim zu genießen?
, Sie phantasiren. Ich habe Ihnen die Nachricht zu plötzlich mitgetheilt; sie hat Sie über Ihre Kräfte aufgeregt.
, Herr Rivers, meine Geduld ist bald zu Ende; ich bin vernünftig genug, Sie sind es, der mich nicht versteht oder vielmehr sich stellt, als verstände er mich nicht.
, Vielleicht würde ich Sie besser verstehen, wenn Sie sich ein wenig deutlicher erklären wollten.
, Erklären! Was ist hier zu erklären? Sie müssen doch zugeben, daß zwanzigtausend Pfund, gleich getheilt unter den Neffen und die drei Nichten Ihres Oheims, für Jeden fünftausend ausmachen? Was ich verlange, ist, daß Sie an Ihre Schwestern schreiben und sie in Kenntnis setzen, welches Vermögen Ihnen zugefallen ist.
, Oder vielmehr Ihnen, Johanna, wollen Sie sagen?
, Ich habe meine Ansicht von der Sache deutlich erklärt, ich bin unfähig, eine andere Ansicht davon zu bekommen. Ich bin nicht selbstsüchtig, ungerecht oder undankbar. Ueberdies bin ich so eigensinnig, eine Heimat und Verwandte haben zu wollen. Mir gefällt Moor-House, und ich will in Moor-House wohnen; Diana und Maria gefallen mir, und ich will mein Leben lang mit ihnen in freundschaftlichem Umgange stehen. Es würde eine Wohlthat für mich sein, fünftausend Pfund zu haben, aber der Besitz von zwanzigtausend würde für mich eine Qual bedeuten; überdies könnte ich ein solches Vermögen, wenn auch gesetzmäßig, so doch niemals rechtmäßig mein nennen. Ich überlasse also Ihnen und Ihren Schwestern nur, was mir durchaus überflüssig ist. Setzen Sie mir
keinen Widerstand entgegen, wir wollen uns darüber verständigen und die Sache sogleich entscheiden.
, Dies heißt, nach ersten Antrieben handeln. Sie müssen sich einige Tage Zeit nehmen, um eine solche
Sache zu überlegen, ehe Ihr Wort als gültig kann betrachtet werden.
, O! wenn Sie nur an meiner Aufrichtigkeit zweifeln, so bin ich ruhig. Sie sehen also die Gerechtigkeit der Sache ein?
, Ich sehe eine gewisse Gerechtigkeit darin; aber es ist gegen allen Brauch. Uebrigens gehört Ihnen mit Recht das ganze Vermögen, mein Oheim gewann es durch seine eigenen Anstrengungen; es stand ihm frei, es zu hinterlassen, wem er wollte, und so gab er es Ihnen. Die Gerechtigkeit gestattet Ihnen auch, es zu behalten und Sie können es mit reinem Gewissen als Ihr unbestreitbares Eigenthum betrachten.
, Bei mir ist es ebenso sehr Sache des Gefühls als des Gewissens, sagte ich, ich muß meinen Gefühlen nachgeben; ich habe so selten Gelegenheit gehabt, es zu thun. Wollten Sie sich auch noch so hartnäckig widersetzen, so würde ich dennoch nicht auf das kostbare Vergnügen verzichten, einen Theil einer großen Verpflichtung zurückzuzahlen und mir auf meine Lebenszeit Freunde zu gewinnen.
, So denken Sie jetzt, erwiderte Saint John, weil Sie nicht wissen, was es heißt, etwas zu besitzen, und folglich auch nicht verstehen, den Reichthum zu schätzen. Sie können sich keinen Begriff davon machen, welches Ansehen zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würden, welchen Platz Sie dadurch in der Gesellschaft einnehmen, welche Aussichten sich Ihnen eröffnen würden. Sie können nicht --
, Und Sie können sich das Verlangen nicht vorstellen, welches ich nach brüderlicher und schwesterlicher Liebe habe, fiel ich ein. , Ich hatte nie eine Heimat, ich hatte nie Brüder oder Schwestern; ich muß und will sie jetzt haben. Sie haben nichts dagegen, mich anzuerkennen, nicht wahr?
, Johanna, ich will Ihr Bruder sein, meine Schwestern werden Ihre Schwestern sein, ohne die Aufopferung Ihrer Rechte zu fordern.
, Bruder? Ja in der Entfernung von einigen tausend Stunden! Schwestern? Ja, Schwestern, welche Sclavendienste bei Fremden verrichten! Und ich sollte reich sein und mit Gold überladen, welches ich nicht erworben und nicht verdiene! Und Sie ohne Vermögen! Eine hübsche Gleichheit und Brüderschaft!
, Aber Johanna, Ihr Streben nach Familienverbindungen und häuslichem Glück kann auf andere Weise, als durch die Mittel erfüllt werden, die Ihnen jetzt vorschweben. Sie können sich verheiraten.
, Unsinn! Verheiraten! Ich will und werde mich nie verheiraten.
, Das ist zu viel gesagt und nur ein Beweis von der Aufregung, in der Sie sich befinden.
, Es ist nicht zu viel gesagt, ich weiß, was ich fühle und wie sehr ich dem bloßen Gedanken an Verheiratung abgeneigt bin. Niemand würde mich aus Liebe nehmen, und ich will nicht als eine bloße Geldspeculation betrachtet werden. Ich will keinen Fremden, der keine Theilahme für mich empfindet und der mir unsympathisch ist; ich will nur mit gleichgesinnten Personen umgehen, die so fühlen und denken, wie ich. Sagen Sie noch einmal, daß Sie mein Bruder sein wollen; als Sie diese Worte aus sprachen, war ich glücklich; wiederholen Sie dieselben, und wenn Sie können, wiederholen Sie sie aufrichtig.
, Ich glaube, daß ich es kann Ich weiß, ich habe immer meine Schwestern geliebt; ich bin mir bewußt, worauf sich meine Neigung zu ihnen gründet: auf der Achtung ihres Werthes und der Bewunderung ihrer Talente. Auch Sie haben Talente, Grundsätze und Verstand, wie Diana und Maria, Ihre Gegenwart ist mir stets angenehm, in Ihrer Unterhaltung habe ich bereits seit einiger Zeit einen heilsamen Trost gefunden. Ich fühle, ich kann Ihnen, ohne mir Zwang anzuthun, einen Platz in meinem Herzen als dritte und jüngste Schwester einräumen.
, Ich danke Ihnen, das genügt mir für diesen Abend. Nun wird es besser sein, Sie gehen, denn
wenn Sie noch länger bleiben, werden Sie mich wieder durch Ihre mißtrauischen Bedenklichkeiten ärgern.
, Und die Schule, Miß Eyre? Die muß vermuthlich jetzt geschlossen werden?
, Nein. Ich will meinen Posten als Lehrerin behalten, bis Sie eine passende Stellvertreterin für mich finden.
Er lächelte billigend, wir drückten einander die Hände, und er entfernte sich.
Es wird unnöthig sein, von den weiteren Kämpfen zu reden, die ich zu bestehen hatte, und von den Beweggründen, die ich ins Treffen führen mußte, um die Vertheilung des Vermächtnisses so durchzusetzen, wie ich es wünschte. Meine Aufgabe war in der That sehr schwer; da aber meine Verwandten sahen, daß ich von meinem Vorsatze nicht abzubringen sei, und in ihrem Herzen fühlen mußten, daß meine Ansicht richtig sei und daß sie an meiner Stelle gerade so würden gehandelt haben, so gaben sie endlich so weit nach, daß sie einwilligten, die Sache einem Schiedsgericht zu überweisen. Die gewählten Richter waren Herr Oliver und ein erfahrener Rechtsgelehrter. Beide stimmten meiner Ansicht bei, und ich erreichte meinen Zweck. Die Uebetragungsacte wurden ausgefertigt und Saint John, Diana, Maria und ich hatten alle unseren gleichen Antheil.
Fünfunddreißigstes Capitel.
Das Weihnachtsfest war beinahe herangekommen, ehe Alles geordnet war. Ich schloß jetzt die Schule zu Morton und und unterließ nicht, meine Anhänglichkeit an dieselbe durch ein äußeres Zeichen an den
Tag zu legen. Das Glück öffnet auf wunderbare Weise die Hand wie das Herz, und etwas zu geben, wenn wir reichlich empfangen haben, heißt nur, dem ungewöhnlichen Ueberströmen der Gefühle folgen.
Viele von meinen Schülerinnen liebten mich und gaben mir dies bei unserer Trennung auf rührende Weise zu erkennen, wofür ich ihnen versprach, es solle künftig nie eine Woche vergehen, wo ich sie nicht besuchen und eine Stunde Unterricht in ihrer Schule geben
wolle.
Herr Rivers kam, und nachdem er die Schülerinnen, deren jetzt sechzig waren, an mir vorüber hatte hinausgehen sehen, schloß ich die Thür.
, Betrachten Sie sich als wohlbelohnt nach vielen Monaten der Mühsal und Anstrengung? fragte Herr Rivers, als Alle fort waren. , Verursacht Ihnen nicht das Bewußtsein Vergnügen, Ihrem Geschlechte eine wirkliche Wohlthat erwiesen zu haben?
, Ohne Zweifel.
, Würde nicht ein Leben wohl angewendet sein, welches ganz der Besserung und Beglückung Ihres Geschlechtes geweiht war?
, Ja, sagte ich, aber ich könnte nicht immer leben, nur um Andere auszubilden, ich muß mich auch meiner eigenen Fähigkeiten erfreuen können, und das will ich jetzt. Die Schule liegt jetzt hinter mir und ich
muß meine völlige Freiheit haben.
Er sah sehr ernst aus. , Was wollen Sie thun?
, Thätig sein, so thätig, wie ich kann. Und für's Erste muß ich Sie bitten, Hannah zu beurlauben und sich Jemand anders zu Ihrer Aufwartung zu verschaffen.
, Bedürfen Sie ihrer?
, Ja, um mit mir nach Moor House zu gehen, Diana und Maria werden in einer Woche ankommen und bis dahin will ich Alles zu ihrem Empfang in Ordnung bringen.
, Ich verstehe, Hannah soll also zu Ihnen kommen.
, Sagen Sie ihr, daß sie sich bis morgen bereit hält. Hier ist der Schlüssel zu der Schulstube, den Schlüssel zu meinem Häuschen will ich Ihnen morgen geben.
, Sie liefern ihn sehr freudig ab, sagte er, den Schlüssel aus meiner Hand nehmend, ich verstehe Ihre Heiterkeit nicht ganz, da ich nicht weiß, welche Beschäftigung Sie anstatt der aufgegebenen zu wählen gedenken. Welches Ziel, welchen Zweck, welchen Ehrgeiz haben Sie jetzt im Leben?
, Meine nächste Absicht ist, Moor House bis zum nächsten Donnerstag für Diana und Maria in den vollkommensten Zustand der Bereitschaft zu setzen, und mein Ehrgeiz soll darin bestehen, Ihnen das Ideal eines Willkommens darzubringen, wenn sie eintreffen.
Saint John lächelte ein wenig, und doch war er unzufrieden.
, Das ist Alles sehr schön für den Augenblick, sagte er, aber ich hoffe, wenn ihr erster Enthusiasmus vorüber ist, werden Sie etwas höher blicken und nicht Ihren ganzen Ehrgeiz in häusliche Genüsse und in die Freuden des Haushaltes setzen.
, Das ist ja das Beste, was die Welt besitzt! fiel ich ein.
, Nein, Johanna, nein, diese Welt ist nicht der Schauplatz des Genusses, noch der Ruhe. Werden Sie nicht träge!
, Ich beabsichtige im Gegentheil, sehr thätig und arbeitsam zu sein.
, Johanna, ich entschuldige Sie für jetzt; zwei Monate gestatte ich Ihnen, sich dem Vollgenusse Ihres neuen Glückes hinzugeben; dann aber hoffe ich, werden Sie beginnen, sich über Moor House und Morton und über schwesterliche Gesellschaft, sowie über die selbstsüchtige Ruhe und den sinnlichen Genuß des civilisirten Ueberflusses zu erheben. Ich hoffe, Ihre innere Kraft wird Sie dann wieder vorwärts treiben.
Ich sah ihn mit Ueberraschung an.
, Saint John, sagte ich, es ist beinahe gottlos, so zu reden. Ich habe mir vorgenommen, zufrieden zu sein, wie eine Königin, und Sie versuchen, die
Ruhelosigkeit in mir wieder anzuregen! Zu welchem Zweck?
, Zu dem Zweck, von den Talenten, die Ihnen Gott anvertraut hat, den allein richtigen Gebrauch zu machen, denn er wird gewiß eines Tages strenge Rechenschaft darüber fordern. Johanna, ich werde getreu und unablässig über Ihnen wachen -- das sage ich Ihnen schon jetzt. Trachten Sie, den übergroßen Eifer zu unterdrücken, womit Sie sich in die alltäglichen häuslichen Freuden stürzen. Hängen Sie nicht zu beharrlich an den Freuden des Fleisches; sparen Sie Ihre Energie und Ausdauer für eine größere Sache. Verstehen Sie mich recht, Johanna?
, Ja, gerade so, als ob Sie griechisch sprächen. Ich fühle, ich habe guten Grund, glücklich zu sein, und ich will glücklich sein. Leben Sie wohl!
Glücklich war ich in Moor-House und arbeitete angestrengt, ebenso Hannah, und sie war entzückt, zu sehen, wie heiter ich inmnitten der Unruhe des Hauses, in welchem das Unterste zu oberst gekehrt war, sein
konnte -- wie ich zu bürsten, abzustäuben, zu reinigen und zu kochen verstand. Und in der That gewährte es eine hohe Befriedigung, nach ein paar Tagen der ärgsten Verwirrung allmählich wieder Ordnung in das
Chaos gebracht zu sehen, welches wir selbst verursacht hatten. Ich hatte vorher eine Reise nach S. gemacht, um einige neue Möbel zu kaufen, da ich die Erlaubnis meiner Verwandten besaß, alle Veränderungen nach meinem Gefallen vorzunehmen, zu welchem Zwecke wir eine Summe festgesetzt hatten. Das Wohnzimmer und die Schlafzimmer ließ ich fast ganz so, wie sie waren, denn ich wußte, daß Diana und Maria mehr
Vergnügen daran finden würden, die alten einfachen Tische, Stühle und Betten wieder zu sehen, als an den stylvollsten Neuerungen. Dennoch war manches Neue nothwendig, um ihnen bei ihrer Heimkehr einige
Ueberraschungen zu bereiten. Dunkle, schöne Teppiche und Vorhänge, einige sorgfältig ausgewählte antike Zieraten in Porzellan und Bronze, Spiegel und
Toilettenkästchen entsprachen diesem Zweck und Alles sah frisch aus, ohne störend zu wirken. Zwei unbenutzte Zimmer möblirte ich ganz neu mit Mahagoni-Möbeln, ich legte Wachstuch in den Gang und Teppiche auf die Treppen. Als Alles vollendet war, erschien mir Moor-House ebenso freundlich, sauber und gemüthlich, als es draußen um diese Jahreszeit winterlich einsam, öde und traurig aussah.
Endlich kam der mit Sehnsucht erwartete Donnerstag. Diana und Maria wurden bei Anbruch der Nacht erwartet und lange vorher schon brannten oben und unten die Kaminfeuer, die Küche war vollkommen
eingerichtet, Hannah und ich angekleidet und Alles in Bereitschaft.
Saint John kam zuerst an. Ich hatte ihn ersucht, das Haus nicht zu betreten, bis Alles in Ordnung sei. Er fand mich in der Küche, wo ich mit dem Backen einiger Kuchen zum Thee beschäftigt war. Indem er sich dem Herde näherte, fragte er, ob ich endlich von dem gemeinen Geschäfte der Mägde genug habe? Ich antwortete, indem ich ihn einlud,
meine Arbeit zu besichtigen. Mit einiger Schwierigkeit bewog ich ihn, einen Gang durch das Haus zu machen. Er blickte nur eben in die Thüren, die ich öffnete, und als er hinauf und wieder herunter gewandert war, sagte er, es müßte mir viel Mühe und Anstrenguung verursacht haben, in so kurzer Zeit so beträchtliche Veränderungen hervorzubringen; doch sprach er keine Silbe, die Wohlgefallen an dem verbesserten Aussehen seiner Wohnung ausgedrückt hätte.
Dieses Schweigen dämpfte meine Freude. Ich glaubte, die Veränderungen hätten vielleicht einige alte ihm liebgewordene Erinnerungen verwischt und fragte etwas entmuthigt, ob dies der Fall sei.
, Durchaus nicht, sagte er, ich habe ihm Gegentheil bemerkt, daß Sie sorgfältig jede Erinnerung geschont haben, ich fürchte freilich, daß Sie auf alle diese Dinge mehr Mühe und Nachdenken verwendet haben, als sie werth sind.
Hierauf zog er sich in seine gewohnte Fenstervertiefung zurück und begann in einem Buche zu lesen.
Dies gefiel mir nicht. Saint John war ein guter Mann, aber ich begann zu fühlen, daß er die Wahrheit gesprochen hatte, als er einst sagte, er sei hart und kalt. Die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens hatten nichts Anziehendes für ihn, der friedliche Genuß keinen Reiz. Er lebte im buchstäblichen Sinne nur, um zu streben, freilich nach dem, was gut und groß war, doch er wollte niemals ruhen und billigte nicht, daß Andere in seiner Umgebung ruhten. Als ich seine hohe Stirn ansah, still und bleich wie ein weißer Stein -- seine schönen Züge, starr und gespannt beim Studieren -- da sagte ich mir, daß es eine schwere Aufgabe sein müsse, sein Weib zu sein. Ich begriff die Art seiner Liebe zu Miß Oliver; ich begriff, wie er sich verachten müsse wegen des Einflusses, den sie über ihn gewonnen hatte, wie er wünschen müsse, diese Liebe zu ersticken und zu verbannen, wie er zweifeln müsse, daß sie je zu einem dauernden Glücke führen könne. Ich sah, daß er von dem Material war, woraus die Natur ihre christlichen und heidnischen Helden, ihre Gesetzgeber, Staatsmänner und Eroberer bildet, tüchtige Werkzeuge, schneidige Waffen für große Interessen, aber am häuslichen Kamin nicht an ihrem Platze.
, Das Himalajagebirge, die Kaffernwüste und selbst die von der Pest heimgesuchte sumpfige Küste von Guinea würden besser für ihn passen, dachte ich. , Wohl mag er die Ruhe des häuslichen Lebens meiden; es ist nicht sein Element, hier verkümmern seine Fähigkeiten, sie können sich nicht entwickeln oder sich vortheilhaft zeigen. In Kampf und Gefahr, wo Muth bewiesen und Tapferkeit gezeigt werden kann, da wird er stets in der vordersten Reihe stehen. An diesem Herde jedoch würde ein frohsinniges Kind den Sieg über ihn davontragen. Er hat Recht, die Laufbahn eines Missionärs zu wählen -- ich sehe es jetzt ein.
, Sie kommen, sie kommen! rief Hannah, die Thür des Wohnzimmers aufreißend. In demselben Augenblick bellte der alte Carlo freudig. Ich life hinaus. Es war dunkel, aber man hörte Wagenräder rollen. Hannah hatte schnell eine Laterne angezündet. Der Wagen hielt an der Pforte, der Kutscher öffnete die Thür, zuerst kam die eine wohlbekannte Gestalt heraus und dann die andere. Im nächsten Augenblick hatte ich mein Gesicht unter ihren Hüten, kam erst mit Marias sanfter Wange und dann mit Dianas fliegenden Locken in Berührung. Sie lachten -- küßten mich -- dann Hannah, streichelten Carlo, der halb wild vor Entzücken war. Sie fragten eifrig, ob Alles wohl sei, und als es bejaht wurde, eilten sie in das Haus.
Während der Kutscher und Hannah die Schachteln und Koffer hereinbrachten, fragten sie nach Saint John. In diesem Augenblick kam er aus dem Wohnzimmer. Beide Schwestern umarmten ihn zugleich.
Er gab Jeder ruhig einen Kuß und sprach mit gedämpfter Stimme einige Worte des Willkommens, blieb eine Weile stehen, um sie anzuhören, und sagte dann, er vermuthe, sie würden bald zu ihm in das Wohnzimmer kommen, und zog sich in dieses zurück.
Ich hatte Lichter angezündet, um die Schwestern auf ihr Zimmer zu führen, doch Diana hatte noch einige gastfreundliche Weisungen hinsichtlich des Kutschers zu ertheilen; als dies geschehen war, folgten mir Beide. Sie waren entzückt von der Ausschmückung und Verschönerung ihrer Zimmer und sprachen in rückhaltlosen Worten ihren Beifall aus. Ich hatte die Genugthung, zu fühlen, daß meine Anordnungen vollkommen ihrem Geschmacke zusagten, und das erhöhte die Freude dieses Wiedersehens.
Es war ein wonniger Abend. Meine Cousinen waren voll Heiterkeit und so beredt in ihren Erzählungen, daß dies Saint Johns Schweigsamkeit vergessen machte. Er war aufrichtig erfreut, seine Schwestern wiederzusehen, doch die geräuschvolle, geschwätzige
Freude des Empfanges war ihm zuwider; ich sah es ihm an, daß er den ruhigeren Morgen herbeiwünschte. Während wir noch fröhlich beim Thee saßen, wurde an die Thür geklopft. Hannah trat mit der Meldung
herein, es sei ein armer Junge zu dieser ungelegenen Zeit gekommen, um Herrn Rivers zu seiner Mutter zu holen, die dem Tode nahe sei.
, Wo wohnt sie, Hannah?
, Dort oben in Whitcroß Bow, fast zwei Stunden von hier, und auf dem ganzen Wege nichts als Moor und Moos.
, Sage ihm, ich werde kommen.
, Ich denke, es wäre besser, Sie gingen nicht, Herr, widerrieth ihm Hannah. , Es ist in der Dunkelheit der schlimmste Weg, den man sich nur denken kann, es ist gar keine Bahn über den Sumpf. Und dann ist es eine so bitterlich kalte Nacht -- und der Wind geht so scharf. Es wäre besser, Herr, Sie ließen sagen, Sie wollten morgen kommen.
Aber er hatte schon seinen Mantel angelegt und ging, ohne auf Einwendungen zu achten. Es war neun Uhr und er kehrte erst um Mitternacht zurück. Erfroren und ermüdet genug war er, doch sah er
heiterer aus, als bei seinem Fortgehen. Er hatte eine Pflicht erfüllt, eine Anstrengung überstanden, seine Kraft der Selbstverleugnung erprobt und war zufriedener mit sich selber.
Ich fürchte, daß die ganze folgende Woche seine Geduld auf eine harte Probe stellte. Es war die Weihnachtswoche. Wir brachten sie in heiterer häuslicher Unterhaltung hin. Die Freiheit des jetzigen Lebens, die Morgenröthe des Glücks -- dies Alles wirkte auf Diana und Marie wie ein belebendes Elixir, sie waren heiter vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis zur Nacht. Sie fühlten sich jederzeit zur Unterhaltung aufgelegt, die stets witzig, lebhaft und originell war und einen solchen Reiz für mich hatte, daß ich es jeder anderen Beschäftigung vorzog, ihnen zuzuhören. Saint John tadelte unsere
fröhliche Geselligkeit nicht, doch wich er ihr aus. Ohnehin war er nur selten zu Hause, da er täglich die Armen und Kranken seiner sehr großen und zerstreut wohnenden Gemeinde besuchte.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana, ob seine Pläne noch immer unverändert seien?
, Unverändert und unveränderlich, war die Antwort. Und er erklärte uns dann, daß seine Abreise von England jetzt auf das folgende Jahr fest bestimmt sei.
, Und Rosamunde Oliver? warf Maria hin. Die Frage war ihren Lippen unwillkürlich entschlüpft, denn kaum daß sie die Worte ausgesprochen hatte, machte sie eine Bewegung, als wollte sie das Gesagte zurücknehmen. Saint John hatte ein Buch in der Hand -- es war seine ungesellige Gewohnheit, bei den Mahlzeiten zu lesen -- er machte es zu und blickte auf.
, Rosamunde Oliver, sagte er, ist im Begriff, sich mit Herrn Gramby in S. zu verheiraten; es ist ein sehr schätzbarer Mann mit den besten Verbindungen, der Enkel und Erbe des Sir Frederik Gramby. Ich erhielt die Nachricht gestern von ihrem Vater.
Seine Schwestern sahen einander und dann mich an, wir alle Drei sahen ihn an, er war ruhig und kalt wie ein Stein.
, Die Sache muß sehr schnell zu Stande gekommen sein, meinte Diana, sie können einander noch nicht lange gekannt haben.
, Erst zwei Monate. Sie lernten sich im October auf dem Deputirtenball zu S. kennen. Wo einer Verbindung wie in diesem Falle, keine Bedenken entgegenstehen, da ist eine Verzögerung zwecklos und unnöthig, sie werden sich heiraten, sobald das Herrenhaus, welches Sir Frederik ihnen einräumt, zu ihrer Aufnahme hergestellt sein wird.
Als ich Saint John nach dieser Mittheilung zum ersten Male wieder allein traf, fühlte ich mich geneigt, zu fragen, ob das Ereignis ihm Kummer verursache,
doch er schien so wenig einer Tröstung zu bedürfen, daß ich mich der Frage schämte. Ueberdies war ich außer Gewohnheit gekommen, mit ihm zu reden, er war zurückhaltender gegen mich als je und hatte dadurch meine Offenherzigkeit eingeschüchtert. Sein Versprechen, mich wie seine Schwestern zu behandeln, hatte er nicht gehalten, im Gegentheil: die Dorfschulmeisterin, die er in ihrer Hütte aufgesucht, hatte ihm näher gestanden als die Verwandte, die unter demselben Dache mit ihm wohnte. Wenn ich mich erinnerte, wie weit er mich in sein Vertrauen eingeweiht hatte, da konnte ich seine gegenwärtige Kälte kaum begreifen. Ich hatte daher die Frage, die mir bereits auf der Zunge
schwebte, unterdrückt. Umsomehr fühlte ich mich überrascht, als er seinen Kopf plötzlich von dem Schreibpult erhob, über welches er sich neigte, und sagte:
, Sie sehen, Johanna, die Schlacht ist geschlagen und der Sieg gewonnen.
Fast betroffen über diese Anrede, konnte ich nicht sogleich antworten.
, Aber sind Sie auch gewiß, den Sieg nicht zu theuer erkämpft zu haben? erwiderte ich endlich.
, Würde ein zweiter solcher Sieg Sie nicht zu Grunde richten?
, Ich glaube nicht; und wenn es der Fall wäre, so liegt nicht viel daran; ich werde nie Veranlassung haben, noch einen zweiten solchen Sieg zu erringen. Der Ausgang dieses Kampfes hat entschieden, mein Weg liegt jetzt klar vor mir, ich danke Gott dafür!
Nach diesen Worten wandte er sich wieder seinen Papieren zu und versank in Schweigen.
Mein und meiner Cousinen wechselseitiges Glück nahm einen ruhigeren Charakter an, wir begannen wieder unsere gewöhnlichen Beschäftigungen und regelmäßigen Studien. Saint John blieb mehr zu Hause und saß zuweilen Stunden lang bei uns im Zimmer. Während Maria zeichnete und Diana ihre encyklopädischen Studien trieb, die sie zu meinem Schrecken
und meiner Bewunderung unternommen, und ich mich mit der deutschen Sprache abquälte, beschäftigte er sich mit dem Erlernen einer orientalischen Sprache, deren Kenntnis er für seine Pläne nothwendig hielt. Während er, so in seinem Winkel sitzend, in sein Studium vertieft schien, erhob er oft plötzlich sein Auge von der Grammatik, um es mit auffallend scharf beobachtenden Blick auf uns zu richten und es sogleich wieder wegzuwenden, wenn man ihn dabei überraschte. Ich fragte mich vergebens, was das zu bedeuten habe, doch hatte ich auch noch anderen Anlaß, mich zu wundern. Sobald ich der Schule zu Morton meinen
wöchentlichen Besuch machte, zeigte er eine ganz besondere Zufriedenheit; das wäre nun nichts Auffallendes gewesen, aber selbst beim schlimmsten Unwetter, mochte es schneien, regnen oder stürmen, sah er diese Besuche gern, und wenn mir in solchen Fällen Diana und Maria von dem Gange abriethen, so redete er mir nur um so mehr zu, ohne die Einwendungen seiner Schwestern, die um meine Gesundheit besorgt waren, gelten zu lassen.
, Johanna ist nicht der Schwächling, zu dem ihr sie machen wollt, pflegte er zu sagen, ihre Constitution ist zugleich gesund und elastisch und besser darauf eingerichtet, den Wechsel des Klimas zu ertragen, als manche robustere Natur.
Und wenn ich zuweilen sehr ermüdet und vom Wetter angegriffen zurückkehrte, wagte ich nicht zu klagen, denn er fand Gefallen an meiner Standhaftigkeit, und das leiseste Murren, das ich hätte vernehmen lassen, würde ihn verstimmt haben.
Eines Nachmittags aber erhielt ich die Erlaubnis zu Hause zu bleiben, weil ich mir wirklich eine Erkältung zugezogen hatte. Seine Schwestern waren anstatt meiner nach Morton gegangen, ich saß da und las im Schiller, während er die verzwickte Schnörkelschrift in seiner morgenländischen Grammatik entzifferte. Als ich zufällig nach ihm hin sah, bemerke ich, daß sein stets wachsames blaues Auge auf mich gerichtet
war. Wie lange er mich beobachtet hatte, kann ich nicht sagen, doch der Blick war so scharf und doch so kalt, daß ich im ersten Augenblick ein Gefühl von Furcht empfand.
, Johanna, was thun Sie?
, Ich lerne Deutsch.
, Ich wünschte, Sie gäben das Deutsch auf und lernten Hindostanisch.
, Reden Sie im Ernst?
, So sehr im Ernst, daß es geschehen muß; und ich will Ihnen sagen, warum.
Dann erklärte er mir, daß das Hindostanische die Sprache sei, die er gegenwärtig studire; daß er beim weiteren Fortschreiten leicht die Anfangsgründe vergessen werde und es ihm daher sehr vortheilhaft sein
müsse, eine Schülerin zu haben, mit welcher er die Elemente wiederholen und sie dadurch seinem Gedächtnisse fester einprägen könne. Seine Wahl habe eine Zeitlang zwischen mir und seinen Schwestern geschwankt; doch habe er sich für mich entschieden, weil er gesehen, das ich am längsten von den Dreien bei einer Aufgabe ausdauern könne. Wenn ich ihm die Gefälligkeit erweisen wolle, so würde ich dieses Opfer nicht lange zu bringen haben, da er in drei Monaten abzureisen gedenke.
Saint John war kein Mann, dem man leicht etwas abschlagen konnte, man fühlte, daß jeder angenehme oder unangenehme Eindruck, den er empfing, tief und dauernd war. Ich willigte ein. Ich fand in ihm einen sehr geduldigen und doch viel fordernden Lehrer, und wenn ich seine Erwartungen erfüllte, bezeugte er auf seine eigene Weise seine Zufriedenheit.
Nach und nach erlangte er einen gewissen Einfluß auf mich, der mich der Freiheit meines Geistes beraubte, sein Lob und sein Tadel übten eine große Macht über mich. Ich konnte nicht mehr frei reden oder lachen, wenn er dabei war, weil ihm die Lebhaftigkeit, wenigstens an mir, zuwider war, und ich gerieth in den Bann eines lähmenden Zaubers. Aber
ich liebte diese Knechtschaft nicht, sondern ich wünschte oft, er hätte mich vernachlässigt, wie vorher.
Eines Abends, als seine Schwestern und ich ihm gute Nacht sagen wollten, küßte er Beide, und reichte mir die Hand, wie es seine Gewohnheit war. Diana die sich gerade, in sehr aufgeräumter Stimmung befand und kein Blatt vor den Mund zu nehmen pflegte, rief plötzlich aus:
, Saint John, du pflegst Johanna deine dritte Schwester zu nennen, du behandelst sie aber nicht als solche; du solltest sie auch küssen.
Sie schob mich zu ihm hin. Das war, nach meiner Meinung, sehr unüberlegt von Diana, und meine Verwirrung war nicht gering. Doch Saint John neigte sein Haupt, brachte sein Gesicht mit dem meinigen in eine Linie, sah mir mit durchdringend fragendem Blick in die Augen und küßte mich. Es gibt wohl keine Marmorküsse oder Eisküsse, sonst
würde ich behaupten, daß der Kuß meines geistlichen Vetters in eine dieser Klassen gehöre; aber es kann Experimentalküsse geben, und der seinige war ein solcher. Als er ihn gegeben, sah er mich an, um die Wirkung zu beobachten; ich bin gewiß, daß ich nicht erröthete; vielleicht wurde ich ein wenig blaß, denn es war mir, als sei dieser Kuß ein meinen Fesseln aufgedrücktes Siegel. Er unterließ später die Ceremonie niemals, und der Ernst und die Ruhe, womit ich mich derselben unterzog, schien ihm einen gewissen Reiz zu gewähren.
Ich meines Theils wünschte ihm täglich mehr zu gefallen; aber um dies zu erreichen, hätte ich die Hälfte meiner Natur verleugnen, die Hälfte meiner Fähigkeiten unterdrücken, meinen Geschmack von seiner ursprünglichen Richtung ablenken und mich zwingen müssen, etwas zu treiben, wozu ich keinen natürlichen Beruf hatte.
Doch nicht sein Uebergewicht allein hielt mich für den Augenblick in Fessel. In der letzten Zeit war es mir leicht genug geworden, traurig auszusehen; ein zehrendes Nebel nagte an meinem Herzen und erstickte die Freude an dem mich betroffenen Glücksfalle -- das Nebel der Ungewißheit, des Zweifels.
Vielleicht wird der Leser denken, ich habe über den günstigen Wechselfällen meines Lebens Herrn Rochester vergessen. Keinen Augenblick! Das Andenken an ihn war mir stets gegenwärtig, denn es war kein Nebel, welchen heller Sonnenschein verjagen konnte, kein Bild, das in den Sand gezeichnet und von Sturmeswogen ausgelöscht werden konnte, sondern es war ein Name, in eine Tafel gegraben, der so lange dauern sollte, als der Marmor, auf den er geschrieben war. Das Verlangen, zu wissen, was aus Herrn Rochester geworden sei, verfolgte mich überall.
Im Verlaufe meiner nothwendigen Correspondenz mit Herrn Briggs wegen des Testamentes hatte ich gefragt, ob er nicht etwas von Herrn Rochester's gegenwärtigem Aufenthalt und Gesundheitszustand wisse; doch, wie Saint John vermuthet hatte, war Briggs mit Rochester's Angelegenheiten völlig unbekannt. Ich schrieb dann an Mistreß Fairfax und bat sie um Auskunft. Ich hielt mich überzeugt, daß ich eine baldige Antwort erhalten müsse, umso mehr war ich erstaunt, als vierzehn Tage ohne Antwort vergingen; als aber gar zwei Monate vorüber waren und die Post nichts für mich brachte, erfaßte mich tödtliche Angst.
Ich schrieb noch einmal, denn mein erster Brief konnte verloren gegangen sein. Aufs Neue begann ich zu hoffen, doch es sollte abermals vergeblich sein -- keine Zeile, kein Wort gelangte an mich. Als ein halbes Jahr in vergeblicher Erwartung vergangen war, erstarb endlich meine Hoffnung, und dann war in der That Alles dunkel um mich her.
Ein schöner Frühling erblühte, ich konnte mich seiner nicht erfreuen. Der Sommer näherte sich; Diana suchte mich zu erheitern; sie behauptete, ich sehe leidend aus, und wünschte mich an die Seeküste zu begleiten. Dem widersetzte sich Saint John, er
sagte, ich bedürfe nicht der Zerstreuung, sondern der Beschäftigung, mein gegenwärtiges Leben sei zu zwecklos, ich müsse mein Streben auf höhere Ziele richten. Vielleicht um diesen Mangel zu ersetzen, verdoppelte er meine Lectionen der hindostanischen Sprache und
drang darauf, daß ich mir die vollständige Kenntnis derselben aneigne. Ich war thöricht genug, mich ihm zu fügen -- ich konnte ihm nicht widerstehen.
Eines Tages saß ich trostloser als je bei meinen Studien; meine Stimmung war durch eine lebhaft empfundene getäuschte Hoffnung veranlaßt worden; Hannah hatte mir am Morgen gesagt, es wäre ein
Brief an mich gekommen, und als ich hinunterging, um ihn in Empfang zu nehmen, in der Ueberzeugung, daß endlich die lange erwartete Nachricht eingetroffen sei, fand ich nur einen unbedeutenden Geschäftsbrief von Herrn Briggs. Die bittere Täuschung hatte mir Thränen entlockt, und jetzt, als ich mich mit den verzwickten Schriftzügen eines indischen Schriftstellers beschäftigte, füllten sich meine Augen von Neuem mit Thränen.
Saint John rief mich an seine Seite, um zu lesen; indem ich dies zu thun versuchte, versuchte mir die Stimme und Schluchzen erstickte meine Worte. Ich war mit ihm allein; Diana musicirte im Gesellschaftszimmer, Maria war im Garten beschäftigt, denn es war ein sehr schöner Maitag. Mein Lehrer befragte mich nicht über die Ursache meiner Thränen, sondern sagte nur:
, Wir wollen noch einige Minuten warten, Johanna, bis Sie sich wieder gefaßt haben.
Während ich meine Erregung hastig zu unterdrücken suchte, saß er ruhig und geduldig da, lehnte sich über sein Pult und glich einem Arzte, der mit dem Auge der Wissenschaft eine erwartete und ihm wohlverständliche Krisis in der Krankheit eines Patienten beobachtet. Ich trocknete meine Augen und flüsterte, ich sei nicht ganz wohl diesen Morgen. Saint John legte die Bücher weg, schloß sein Pult und sagte:
, Jetzt, Johanna, sollen Sie mit mir einen Spaziergang machen.
, Ich werde Diana und Maria rufen.
, Nein, ich bedarf diesen Morgen nur einer einzigen Begleiterin und die sollen Sie sein. Legen Sie Hut und Halstuch an, gehen Sie zur Hinterthür
hinaus und schlagen Sie den Weg nach Marsh-Glen ein; ich werde Sie sehr bald einholen.
Ich habe in meinem Leben nie einen Mittelweg gekannt zwischen unbedingter Unterwerfung und entschlossenem Widerstande, wenn ich mit festen und unbeugsamen Charakteren zu thun hatte, die dem meinigen widerstrebten. Ich habe stets getreulich den einen Weg verfolgt, bis ich plötzlich, oft mit elementarer Gewalt, mich auf den anderen stürzte, und da ich in meiner gegenwärtigen Stimmung nicht zu einer Empörung geneigt war, so gehorchte ich ohne Weiteres Saint Johns Anordnungen, und zehn Minuten später ging ich neben ihm auf dem wilden Fußpfade durch die Schlucht. Der sanfte Wind führte den lieblichen Duft des Haidekrautes mit sich. Der Himmel war blau und fleckenlos; der Bach, der von den Bergen kam, nahm an einigen Stellen einen goldenen Glanz von der Sonne und eine tiefblaue Färbung von dem Firmamente an. Als wir weiter gingen und den Weg verließen, betraten wir einen lebhaft grünen Rasen, der mit kleinen weißen Blumen übersäet war. Jetzt waren wir ganz von Hügeln eingeschlossen, denn an ihrem oberen Ende zog sich die Schlucht bis an ihre Gipfel hinauf.
, Lassen Sie uns hier ausruhen, sagte Saint John, als wir die ersten einzelnen Felsen erreichten, welche eine Art von Engpaß bildeten, in dessen Hintergrunde ein Wasserfall niederrauschte; ein wenig weiterhin trug der Berg nur Haidekraut und hatte ein wildes und düsteres Ansehen.
Ich setzte mich nieder. Saint John stand neben mir. Er blickte den Engpaß hinauf und die Schlucht hinunter, nahm seinen Hut ab und ließ den Wind in seinen Haaren spielen. Er schien Gemeinschaft mit dem Geiste dieses einsamen Schlupfwinkels zu haben, sein Auge sagte irgend einem Gegenstand Lebewohl.
, Ich werde diesen Ort in Träumen wiedersehen, wenn ich am Ganges schlummere, sagte er laut.
Er setzte sich nieder und sprach eine halbe Stunde lang nicht, auch ich schwieg. Endlich begann er wieder:
, Johanna, ich reise in sechs Wochen ab; ich habe einen Platz in einem Ostindienfahrer genommen, der am zwanzigsten Juni absegelt.
, Gott wird Sie beschützen, denn Sie arbeiten für ihn, antwortete ich.
, Ja, sagte er, darin liegt mein Ruhm und meine Freude. Ich bin der Diener eines unfehlbaren Herrn. Ich ziehe nicht aus unter menschlicher Leitung, den mangelhaften Gesetzen und dem irrenden Urtheile schwacher Menschen unterworfen; mein König, mein Gesetzgeber, mein Führer ist der Allgewaltige, der Vollkommene. Es scheint mit seltsam, daß nicht Alles um mich her die glühende Sehnsucht hegt, sich demselben Unternehmen anzuschließen.
, Nicht alle besitzen Ihre Kraft, und es würde Thorheit sein, wenn die Schwachen mit den Starken wetteifern wollten.
, Ich spreche nicht von den Schwachen; ich wende mich nur an solche, die des Werkes würdig find und fähig, es zu erfüllen.
, Deren Anzahl ist klein und sie sind schwer zu entdecken.
, Sie reden die Wahrheit, aber sie gefunden sind, ist es Pflicht ihnen zu zeigen, welches ihre Gaben sind und wozu sie diese erhalten haben -- ihnen die Botschaft des Himmels ins Ohr zu rufen -- ihnen geradezu im Namen Gottes einen Platz in den Reihen seiner Auserwählten anzubieten.
, Wer wirklich zu einer solchen Aufgabe befähigt ist, der müßte es, meine ich, zuerst durch das eigene Herz erfahren, gab ich zur Antwort.
Es war mir, als ob ein ehrfurchtgebietender Zauber sich auf mich niedersenkte, ich zitterte, ein Schicksalswort auszusprechen zu hören, welches zugleich den Zauber erklären und brechen könnte.
, Und was sagt Ihr Herz? fragte Saint John.
, Mein Herz ist stumm, antwortete ich betroffen.
, Dann muß ich für dasselbe reden, fuhr die tiefe, unerbittliche Stimme fort. , Johanna, gehen Sie als Gehilfin und Mitarbeiterin mit mir nach Indien.
Die Schlucht und der Himmel drehten sich um mich, die Hügel hoben und senkten sich! Es war mir, als hätte ich einen Ruf vom Himmel vernommen -- als hätte ein Abgesandter des Herrn gesprochen: Komm und hilf uns! -- Aber ich war kein Apostel -- ich konnte den Herold nicht sehen- seinem Ruf nicht folgen.
, O! Saint John, rief ich, haben Sie Mitleid!
Ich flehte zu einem Menschen, der in der Ausübung dessen, was er für seine Pflicht hielt, weder Mitleid noch Reue kannte.
, Gott und die Natur bestimmten Sie zu dem Weibe eines Missionärs, fuhr er fort. , Nicht persönlich, sondern geistige Gaben haben Sie Ihnen verliehen, Sie sind zur Arbeit, nicht zur Liebe geschaffen. Das Weib eines Millionärs müssen und sollen Sie werden. Sie sollen die meinigen werden. Ich fordere es nicht zu meinem Vergnügen, sondern zum Dienste meines Herrn.
, Ich bin nicht tauglich dazu, ich habe keinen Beruf, sagte ich.
Er war auf diese ersten Einwendungen vorbereitet und wurde nicht aufgebracht darüber. Als er sich an den hinter ihm stehenden Felsen lehnte, die Arme über die Brust kreuzte und mich fest ansah, da erkannte ich, daß er auf einen langen und kräftigen Widerstand gefaßt sei und sich mit einem Vorrath von Geduld ausgerüstet habe, durch welche zu fliegen er fest entschlossen sei.
, Demuth, Johanna, ist die Grundlage der cristlichen Tugenden, sagte er, Sie bekennen mit Recht, daß Sie zu dieser Arbeit nicht tauglich sind. Wer ist dazu tauglich? oder wer, der, je wahrhaft berufen war, hielt sich des Rufes würdig? Ich, zum Beispiel, bin nur Staub und Asche. Mit dem Apostel Paulus erkläre ich mich für den größten der Sünder; doch ich lasse mich durch dieses Bewußtsein meiner persönlichen Unwürdigkeit nicht abschrecken. Ich kenne meinen Führer und weiß, daß er mächtig ist; und wenn er ein schwaches Werkzeug gewählt hat, um die große
Aufgabe zu vollführen, so wird er es aus seinem unerschöpflichen Schatze mit den Mitteln zur Erreichung seines Zweckes versehen. Denken Sie, wie ich, Johanna -- vertrauen Sie, wie ich.
, Ich bin mit dem Leben und den Aufgaben eines Missionärs zu wenig bekannt.
, Diesem Mangel vermag ich abzuhelfen, ich kann Ihnen Ihre Aufgabe von Stunde zu Stunde vorschreiben, Ihnen beständig beistehen, Ihnen von einem Augenblicke zum anderen weiterhelfen. Dies würde überdies ja nur im Anfange nothwendig sein, denn ich kenne Ihre Kraft und weiß, daß Sie bald ebenso stark und geschickt sein werden, wie ich, und dann keiner Hilfe mehr bedürfen.
, Aber ich fühle diese Kraft nicht. Nichts spricht oder regt sich in mir, als die Furcht, mich von Ihnen zu einem Unternehmen überreden zu lassen, dem ich nicht gewachsen bin.
, Ich habe eine Antwort hierauf -- hören Sie. Ich habe Sie seit zehn Monaten beobachtet. Ich habe Sie während dieser Zeit auf verschiedene Proben gestellt, und was habe ich gesehen und erfahren? In der Dorfschule fand ich, daß Sie gut, pünktlich und redlich eine Arbeit zu verrichten im Stande waren, die Ihren Gewohnheiten und Neigungen unangemessen schien. Die Ruhe, womit Sie die Nachricht aufnahmen,
daß Sie plötzlich reich geworden, zeigte mir einen Geist, frei von dem Laster der Habsucht -- die Freude
am Besitz hatte keine überwältigende Macht über Sie. An der entschlossenen Bereitwilligkeit, womit Sie Ihren Reichthum in vier Theile theilten und nur einen Theil für sich behielten, erkannte ich eine Seele, in welcher die Flamme der Dankbarkeit und des Opfermuthes loderte. Die Nachgiebigkeit, mit der Sie auf meinen Wunsch ein Studium aufgaben, wofür Sie sich interessirten, und ein anderes ergriffen, welches nur mich interessirte -- die unermüdliche Beharrlichkeit, womit Sie dasselbe seitdem fortgesetzt -- der unerschütterliche Muth, womit Sie allen Schwierigkeiten begegneten -- zeigten mir an Ihnen alle die Eigenschaften, die ich suche. Johanna, Sie sind gelehrig, fleißig, selbstlos, treu, beständig und muthig; sehr sanft und sehr heroisch. Hören Sie auf, sich selber zu mißtrauen -- ich vertraue Ihnen ohne jeden Rückhalt. Als Leiterin indischer Schulen und
Helferin unter indischen Weibern, werden Sie mir ein unschätzbarer Beistand sein.
Langsam und sicher umspann mich die Kraft seiner Ueberredung. Ich mochte meine Augen schließen, wie ich wollte, meine Aufgabe, die mir so unbestimmt, so hoffnungslos und verwirrt vorkam, nahm unter seiner bildenden Hand eine bestimmte Form an. Er wartete auf eine Antwort. Ich forderte eine Viertelstunde Zeit zum Nachdenken, ehe ich zu antworten wagte.
, Sehr gern, versetzte er, stand auf, ging eine Strecke den Engpaß hinauf, warf sich auf das Haidekraut nieder und lag dort still.
Ich kann thun, was er von mir verlangt, daß muß ich zugeben und anerkennen, dachte ich. Die Sache liegt sehr klar vor mir. Wenn ich England verlasse, verlasse ich ein geliebtes, aber für mich ödes Land. Herr Rochester ist nicht hier, und wenn er hier wäre, was könnte es mir nützen? Meine Aufgabe ist es, ohne ihn zu leben. Nichts ist so thöricht
und schwach, als sich von einem Tage zum anderen mit der stillen Hoffnung fortzuschleppen, daß eine Veränderung der Umstände eintreten würde, die mich mit ihm vereinen könnte. Natürlich muß ich, wie Saint John einst sagte, ein anderes Interesse im Leben suchen, um das verlorene zu ersetzen. Ist nicht der Beruf, den er mir jetzt anbietet, in Wahrheit der herrlichste, den der Mensch nur übernehmen oder den ihm Gott anweisen kann? Ist nicht nur solcher Beruf mit seinen selbstlosen Sorgen und Mühen und seinem erhabenen Ziele am Besten geeignet, die Leere auszufüllen, die vernichtete Hoffnungen und todte Liebe zurückgelassen haben? Ich glaube, ich kann nur mit Ja! antworten -- und doch schreckt mich etwas davon zurück: er will, daß ich sein Weib werden soll und kennt doch das Gefühl der Gattenliebe ebenso wenig, wie jener düstere, riesige Felsen, über welchen der Bach sich schäumend in jene Schlucht hinunter ergießt. Er schätzt mich, wie ein Soldat eine gute Waffe schätzt, und das ist Alles. Ohne eine Heirat mit ihm würde mich dies Alles nicht kümmern; aber kann ich denn von ihm den Brautring empfangen, kann ich das Bewußtsein ertragen, daß jede Liebkosung zu der er sich herabläßt, ein auf Förmlichkeit beruhendes Opfer ist? Nein, ein solches Märtyrerthum wäre entsetzlich. Ich will mich demselben nimmermehr fügen. Als seine Schwester könnte ich
ihn begleiten -- nicht als sein Weib, das will ich ihm sagen.
Ich blickte nach der Erhöhung hin, dort lag er so still, wie eine umgeworfene Säule; sein Gesicht wendete sich zu mir. Er sprang auf und näherte sich mir.
, Ich bin bereit, nach Indien zu gehen, wenn ich frei dorthin gehen kann.
, Ihre Antwort macht eine Erklärung nöthig, sagte er, sie ist nicht klar.
, Wir sind uns bisher Bruder und Schwester gewesen -- lassen Sie uns das bleiben, es wird besser sein, wenn wir uns nicht mit einander verheiraten.
Er schüttelte den Kopf.
, Wenn Sie meine wirkliche Schwester wären, da würde die Sache anders sein, ich würde Sie mitnehmen und kein Weib suchen. Aber wie die Sache steht, muß unser Zusammenwirken entweder geheiligt und durch die Ehe besiegelt werden, oder es ist unmöglich; unübersteigliche Hindernisse stellen sich jedem anderen Plane in den Weg. Jenes Land ist zu locker, ich bedarf eines Weibes; sie ist die einzige Gehilfin, auf die ich im Leben wirksam Einfluß üben kann und die mir bis zum Tode sicher ist.
, Suchen Sie eine Andere als mich, Saint John, suchen Sie eine, die für Sie paßt.
, Die zu meinem Zwecke, zu meinem Berufe paßt, wollen Sie sagen. Ich wiederhole Ihnen, daß ich nicht als Mann mit selbstsüchtigen Sinnen und Wünschen eine Gefährtin suche -- nein, ich suche sie als Missionär.
, Und ich will der Mission meine Kräfte widmen -- das ist Alles, was Gott fordert -- nicht mich selbst, das hieße ja doch nun, die Hülse und Schale zu dem Kern hinzufügen. Deren bedarf es nicht.
, Glauben Sie, Gott werde mit einem halben Opfer zufrieden sein? Es ist die Sache Gottes, die ich vertrete, ich kann in seinem Namen keine halbe
Verpflichtung annehmen, sie muß vollständig sein.
, O! ich will mein Herz Gott weihen, sagte ich, Sie bedürfen meines Herzens nicht.
Ich will nicht leugnen, daß ein wenig unterdrückter Sarkasmus in dem Tone lag, womit ich diesen Satz aussprach, sowie auch in dem Gefühl,
das ihn begleitete. Ich hatte Saint John bis jetzt im Stillen gefürchtet, weil ich ihn nicht verstand und weil er mich in Zweifel gehalten hatte, wie viel heilig und wie viel irdisch an ihm war. Aber diese Conferenz führte zur Offenbarung, die Analyse seines Wesens vollzog sich vor meinen Augen. Ich sah und begriff seine Schwächen. Ich erkannte, daß ich zu den Füßen eines Mannes saß, der irrte, wie ich.
Der Schleier fiel von seiner Härte und seinem Despotismus; ich erkannte seine Unvollkommenheit und faßte Muth. Ich hatte ein Wesen meines Gleichen vor mir, mit dem ich streiten, dem ich mich widersetzen konnte, wenn ich es für gut hielt.
Er schwieg auf meine letzten Worte. Sein auf mich gerichtetes Auge drückte zugleich lebhafte Ueberraschung und scharfe Neugierde aus.
, Ist sie sarkastisch -- und sarkastisch mir gegenüber? schien er bei sich selber zu sagen. ,Was hat dies zu bedeuten?
, Lassen Sie uns nicht vergessen, daß dies eine ernste Sache ist, begann er wieder, ich hoffe, Johanna, es ist Ihr Ernst, wenn Sie sagen, Sie wollen Ihr Herz Gott weihen. Das ist Alles, was ich verlange. Reißen Sie Ihr Herz von den Menschen los und weihen Sie es ihrem Schöpfer, dann wird die Ausbreitung des Gottesreichs auf Erden Ihre höchste Wonne sein, Sie werden zu jeder Stunde bereit sein, Alles zu thun, was diesen Zweck befördert, Sie werden sehen, welche mächtige Triebkraft Ihre und meine Bemühungen durch unsere physische und geistige Vereinigung in der Ehe erhalten, diese einzige Vereinigung, die dem Schicksale und den Bestrebungen menschlicher Wesen dauernde Uebereinstimmung verleiht.
Ich sah seine Züge an, die schön in ihrer Harmonie, aber furchteinflößend in ihrer stillen Strenge waren, ich betrachtete seine gebieterische, aber nicht offene Stirn, blickte in sein glänzendes, helles, tiefes und forschendes, aber nicht sanftes Auge, maß seine hohe und gebieterische Gestalt, und dachte mich als sein Weib. O! es konnte nimmer geschehen. Als seine Gehilfin, seine Begleiterin wollte ich mit ihm Meere überfahren, unter der glühenden Sonne in den asiatischen Wüsten mit ihm in seinem Berufe arbeiten, seinen Muth bewundern und nachahmen, mich ruhig an seine Herrschaft gewöhnen, den Christen von dem Menschen scheiden lernen, den Einen hochachten und dem Anderen aus freiem Antriebe vergeben. Es blieben dann immer noch Falten in meinem Herzen
übrig, die nur mir gehörten, in die er niemals drang, und wo unvergängliche Gefühle bewahrt wurden, die seine Strenge nimmer vernichten konnte. Aber als sein Weib -- stets an seiner Seite, stets unterdrückt und in meinem Willen beschränkt, gezwungen, das Feuer meiner Natur sich in meinem Innern sich selbst verzehren zu lassen, wenn die eingekerkerte Flamme auch ein Lebensorgan nach dem anderen verschlang -- dies mußte ganz unerträglich sein.
, Saint John! rief ich, als ich soweit in meiner Betrachtung gekommen war.
, Nun? antwortete er eisigkalt.
, Ich wiederhole es, ich willige aus freien Stücken ein, als Ihre Hilfsmissionärin mit Ihnen zu gehen, doch nicht als Ihr Weib, ich kann Sie nicht heiraten und kann nicht ein Theil von Ihnen werden.
, Ein Theil von mir müssen Sie werden, antwortete er fest, sonst ist der ganze Handel nichtig. Wie kann ich als Mann von dreißig Jahren ein
Mädchen von neunzehn mit mir nach Indien nehmen, wenn sie nicht mit mir verheiratet ist? Wie können wir unverheiratet immer beisammen sein -- zuweilen in der Einsamkeit, zuweilen unter wilden Völkern?
, Ebenso gut, sagte ich kurz, als wenn ich wirklich Ihre Schwester oder als wenn ich ein Mann und ein Geistlicher wäre, wie Sie.
, Ich kann Sie nicht als meine Schwester hinführen; denn wollte ich es versuchen, so würde ein unwürdiger Verdacht auf uns Beide fallen. Johanna, Sie würden es nicht bereuen, mich zu heiraten, davon können Sie sich überzeugt halten. Wir müssen verheiratet sein, ich wiederhole es, es gibt kein anderes Mittel, und ohne Zweifel würde nach der Heirat soviel Liebe entstehen, um die Verbindung in Ihren Augen erträglich zu machen.
, Ich verachte Ihren Begriff von Liebe, konnte ich nicht umhin zu sagen, indem ich aufstand, mich vor ihn hinstellte und meinen Rücken an den Felsen lehnte. , Ich verachte dies unechte Gefühl, welches
Sie mir anbieten; ja, Saint John, und ich verachte Sie, weil Sie es mir anbieten.
Er sah mich fest an und preßte seine schön geformten Lippen zusammen. Ob er erbittert oder überrascht sein mochte, oder was sonst in ihm vorgehen mochte, wäre schwer zu sagen gewesen, denn er hatte
seine Mienen vollständig in der Gewalt.
, Ich erwartete kaum, diesen Vorwurf von Ihnen zu hören, sagte er, ich denke, ich habe nichts gethan oder gesagt, wofür ich Verachtung verdiente.
Ich war gerührt durch seinen milden Ton und empfand Ehrfurcht vor seiner erhabenen und ruhigen Miene.
, Verzeihen Sie mir die Worte, Saint John; aber Sie haben einen Gegenstand berührt, über welchen unsere Naturen nicht in Uebereinstimmung sind -- einen Gegenstand, den wir nie verhandeln sollten, schon der Name der Liebe wird zum Zankapfel zwischen uns. Mein lieber Vetter, geben Sie Ihren Heiratsplan auf -- vergessen Sie ihn.
, Nein, sagte er, es ist ein langgehegter Plan und der einzige, der mir mein großes Ziel sichern kann, aber ich will für jetzt nicht weiter in Sie dringen. Morgen gehe ich nach Cambridge, ich habe dort viele Freunde, denen ich Lebewohl sagen möchte. Ich werde vierzehn Tage abwesend sein. -- Benutzen Sie diese Zeit, um mein Anerbieten zu überlegen, und vergessen Sie nicht, daß Sie, wenn Sie es ausschlagen, nicht mir etwas verweigern, sondern Gott. Er bedient sich meiner als Mittel, Ihnen eine erhabene Laufbahn zu eröffnen, und nur als mein Weib können Sie dieselbe betreten. Weigern Sie sich, mein Weib zu werden, so beschränken Sie sich auf immer auf ein Leben selbstsüchtiger und unfruchtbarer Ruhe. Zittern Sie, daß Sie in diesem Falle unter diejenigen gezählt werden, die den Glauben verleugnet haben und schlimmer sind,
als die Ungläubigen!
Er wendete sich von mir ab und überblickte noch einmal Bach und Hügel. Als ich an seiner Seite
heimwärts ging, las ich deutlich in seinem eisernem Schweigen Alles, was er fühlte: die Enttäuschung einer strengen und despotischen Natur, die Widerstand gefunden, wo sie Unterwerfung erwartete -- die Mißbilligung einer kalten, unbeugsamen Vernunft, die in einem Andern Gefühle und Ansichten entdeckt hat, womit sie nicht übereinzustimmen vermag. Als Mann hätte er gewünscht, mich zum Gehorsam zwingen zu
können, nur als Christ ertrug er geduldig meinen Widerstand und gab mir eine so lange Frist zum Nachdenken und zur Reue.
Als er an jenem Abend seine Schwester geküßt hatte, hielt er es für gut, zu vergessen, mir auch nur die Hand zu drücken, und verließ schweigend das Zimmer. Ich wurde durch diese absichtliche Uebergehung verletzt, so daß mir Thränen in die Augen traten.
, Ich sehe, du und Saint John habt miteinander gezankt, Johanna, während Ihr auf dem Moor spazieren gingt, sagte Diana. , Aber geh ihm nach; er verweilt jetzt im Gange und erwartet dich -- er will es wieder gut machen.
Ich besitze nicht viel Stolz unter solchen Umständen; ich bin immer lieber heiter als würdevoll, und ich lief ihm nach und traf ihn am Fuße der Treppe.
, Gute Nacht, Saint John, sagte ich.
, Gute Nacht, Johanna, versetzte er ruhig.
, So reichen Sie mir die Hand, fügte ich hinzu.
Welchen kalten, kaum fühlbaren Dank gab er meinen Fingern! Er war tief verletzt durch das, was an diesem Tage geschehen war. Herzlichkeit konnte ihn nicht erwärmen, Thränen ihn nicht rühren. Keine Versöhnung war von ihm zu erlangen -- kein Lächeln, kein freundliches Wort, aber der Christ in ihm war noch immer geduldig, und als ich ihn fragte, ob er
mir verzeihen wolle, da antwortete er, es sei nicht seine Gewohnheit, die Erinnerung an eine Kränkung zu bewahren; er habe mir nichts zu verzeihen, da ich ihn nicht beleidigt hätte.
Und mit dieser Antwort verließ er mich. Es wäre mir lieber gewesen, er hätte mich zu Boden geschlagen.
Sechsunddreißigstes Capitel.
Saint John reiste am nächsten Tage nicht nach Cambridge ab, wie er gesagt. Er verschob seine Abreise noch um eine ganze Woche, und während dieser Zeit mußte ich die schwere Strafe fühlen, die ein guter, aber strenger, ein gewissenhafter, aber unerbittlicher Mann einer Person auferlegen kann, die ihn beleidigt hat. Ohne eine Handlung offener Feindseligkeit, ohne ein tadelndes Wort gelang es ihm, mir fortwährend gegenwärtig zu halten, daß ich seine Gunst vollständig verloren habe.
Nicht daß Saint John den Groll unchristlicher Rachsucht gezeigt hätte -- er hatte mir verziehen, daß ich gesagt, ich verachte ihn und seine Liebe; aber er hatte diese Worte nicht vergessen und konnte sie auch nicht vergessen, so lange wir Beide lebten. Ich sah es seinem Blicke an, wenn er auf mich gerichtet war, daß diese Worte immer in der Luft zwischen mir und ihm geschrieben standen. Ihr Echo klang aus jeder Antwort, die er mir gab.
Er vermied es nicht, mit mir zu sprechen, er rief mich sogar, wie gewöhnlich, jeden Morgen an sein Pult, aber ich fürchte, er fand Vergnügen an seiner Geschicklichkeit, äußerlich mit mir auf dem
früheren Fuße zu verkehren und doch jede innere Theilnahme für meine Person zu verbannen.
Das war eine lange und raffinirte Folterqual für mich. Ein langsames Feuer der Empörung, ein immerwährend zitternder Kummer, der mich quälte und beugte, ward dadurch unterhalten. Ich fühlte, wie dieser gute Mann, so rein, wie die klarste Quelle, mich, wenn ich seine Frau wäre, binnen Kurzem tödten würde, ohne einen Blutstropfen aus meinen
Adern zu vergießen und ohne den leisesten Hauch eines Verbrechens auf sein krystallreines Gewissen zu laden. Besonders fühlte ich dies, wenn ich ihn zu versöhnen suchte. Keine Reue begegnete meiner Reue. Die Entfremdung verursachte ihm kein Leiden, kein Verlangen nach Aussöhnung, und obgleich mehr als einmal meine Thränen anhaltend auf das Buch fielen, über welches wir uns Beide neigten, so brachten sie doch nicht mehr Wirkung hervor, als wenn sein Herz von Stein oder Metall gewesen wäre. Gegen seine Schwestern war er freundlicher als gewöhnlich. Gerade als fürchte er, daß bloße Kälte mich noch nicht hinlänglich überzeugen könnte, wie vollständig ich in Ungnade gefallen sei, wollte er durch sein Benehmen gegen seine Schwestern noch die Macht des Gegensatzes hinzufügen, und ich bin gewiß, daß er dies nicht aus Bosheit that, sondern darin nur das Mittel sah, seinen Zweck zu erreichen.
Als ich ihn am Abend vor seiner Abreise zur Zeit des Sonnenunterganges im Garten auf- und abgehen sah und mich erinnerte, wie dieser Mann, der mir so entfremdet war, mir einst das Leben gerettet, und daß wir nahe Verwandte waren, ließ ich mich zu einem letzten Versuche verleiten, seine Freundschaft wieder zu erlangen. Ich ging hinaus und näherte mich ihm. Ich kam gleich zur Sache und sagte:
, Saint John, es macht mich unglücklich, daß Sie mir noch immer zürnen. Lassen Sie uns wieder Freunde sein.
, Ich hoffe, wir sind Freunde, war seine gelassene Antwort, während er fortfuhr, den Aufgang des Mondes zu beobachten.
, Nein, Saint John, wir sind nicht mehr Freunde, wie wir es waren, das wissen Sie wohl.
, Sind wir es nicht? Das wäre unrecht. Ich meinestheils wünsche Ihnen nichts Böses, sondern alles Gute.
, Ich glaube es Ihnen, Saint John, denn ich bin überzeugt, Sie sind unfähig, irgend Jemandem
etwas Böses zu wünschen; aber als Ihre Verwandte verlange ich etwas mehr Zuneigung, als jene allgemeine Menschenliebe, die Sie auch über Fremde erstrecken.
, Natürlich, sagte er. Ihr Wunsch ist vernünftig, und ich bin weit entfernt, Sie als eine Fremde zu betrachten.
Diese Worte, die in kaltem und ruhigem Tone gesprochen wurden, waren zurückweisend genug. Hätte ich den Eingebungen des verletzten Stolzes folgen wollen, so würde ich ihn sogleich verlassen haben, aber etwas wirkte stärker in mir, als dieses Gefühl. Ich verehrte aufrichtig meines Vetters Talente und Grundsätze. Seine Freundschaft war mir von Werth; sie einzubüßen, war ein schwerer Verlust für mich. Ich wollte das Bemühen nicht so bald aufgeben, sie wieder zu erlangen.
, Müssen wir uns auf diese Weise trennen, Saint John? Und wenn Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich verlassen, ohne ein freundlicheres Wort, als Sie jetzt zu mir gesprochen haben?
Er wendete sich von dem Monde ab und sah mich an.
, Verlasse ich Sie, Johanna, wenn ich nach Indien gehe? Wie? Gehen Sie nicht auch nach Indien?
, Sie sagten, ich könne es nicht anders, als wenn ich mit Ihnen verheiratet wäre.
, Und Sie wollen mich nicht heiraten? Sie bleiben bei Ihrem Entschlusse.
Ueber diese mit eisiger Ruhe ausgesprochenen Frage empfand ich einen heftigen Schrecken.
, Nein, Saint John, ich will Sie nicht heiraten, entgegnete ich. , Ich bleibe bei meinem Entschlusse.
, Noch einmal, weshalb diese Weigerung? fragte er.
, Früher antwortete ich, weil Sie mich nicht lieben; jetzt antworte ich, weil Sie mich fast hassen. Wenn ich Sie heiratete, würden Sie mich tödten. Sie sind jetzt schon im Begriffe, es zu thun.
Seine Lippen und Wangen wurden marmorbleich.
, Ich würde Sie tödten? -- ich tödte Sie jetzt schon? Sie sprechen unweiblich und unwahr. Sie verdienen keine Verzeihung, doch es ist die Pflicht des Menschen, seinem Nächsten zu verzeihen, und wenn es
auch siebenmal siebzigmal wäre.
Während es meine Absicht war, einen Stachel aus seinem Herzen zu ziehen, hatte ich die Wunde nur noch schlimmer gemacht.
, Jetzt werden Sie mich in der That hassen, sagte ich. , Es ist nutzlos, Sie versöhnen zu wollen; ich sehe, jetzt habe ich Sie mir zum ewigen Feinde
gemacht.
Diese Worte waren ein neues Vergehen, umso mehr, als sie die Wahrheit berührten. Seine blutlosen Lippen bebten im Krampfe. Ich wußte, welch'
scharfen Stahl ich gewetzt hatte. Das Herz zersprang mir fast.
, Sie mißverstehen gänzlich meine Worte, sagte ich, sogleich seine Band ergreifend, ich habe nicht die Absicht, Sie zu kränken oder Ihnen Schmerz zu verursachen -- ganz gewiß nicht.
Er lächelte unendlich bitter und zog sehr entschieden seine Hand aus der meinigen. , Und nun nehmen Sie Ihr Versprechen zurück und wollen vermuthlich gar nicht mit nach Indien gehen? fragte er nach einer beträchtlichen Pause.
, Nein, ich gehe mit, aber als Ihre Gehilfin, antwortete ich.
Wieder folgte ein sehr langes Schweigen. Welcher Kampf während dem in ihm vorging, kann ich nicht sagen, aber seltsame Strahlen funkelten in seinen Augen und fremde Schatten zogen über sein Gesicht. Endlich sprach er wieder:
, Ich habe Ihnen schon vorher die Widersinnigkeit bewiesen, wenn ein Mädchen von Ihrem Alter beabsichtigt, einen ledigen Mann in meinen Jahren auf einer so weiten Reise zu begleiten. Ich bewies es Ihnen so klar, daß ich geglaubt hätte, Sie würden
diesen Gedanken ganz aufgeben. Daß Sie dennoch wieder davon sprechen, bedaure ich um Ihretwillen.
Ich unterbrach ihn. Alles, was einem empfindlichen Vorwurfe glich, gab mir sogleich Muth.
, Bleiben Sie doch bei der gesunden Vernunft, Saint John; bei Ihrem überlegenen Geiste können Sie nicht so kurzsichtig sein, um meine Meinung zu verkennen. Ich sage noch einmal, ich will Ihre Amtsgehilfin sein, wenn Sie es wollen, aber nimmermehr Ihr Weib.
Er wurde wieder todtenblaß, beherrschte aber, wie vorhin, seine Leidenschaft vollkommen und antwortete mit ruhigem Nachdruck:
, Eine Gehilfin, die nicht mein Weib ist, kann mir nichts nützen. So scheint es also, Sie können nicht mit mir gehen. Wenn Ihr Anerbieten aber aufrichtig gemeint ist, so will ich in London mit einem verheirateten Missionär sprechen, dessen Gattin einer Gehilfin bedarf. So kann Ihnen noch die Schande erspart werden, Ihr Wort zu brechen und die Sache zu verlassen, der Sie sich anzuschließen verbindlich gemacht haben.
Nun hatte ich aber niemals ein ausdrückliches Versprechen gegeben oder mich auf irgend eine Verbindlichkeit eingelassen. Seine Sprache war herausfordernd, und ich erwiderte:
, Hier kann von keiner Schande, von keinem Wortbruch, von keinem Verlassen einer Sache die Rede sein. Ich habe nicht die geringste Verpflichtung, nach Indien zu gehen, besonders nicht mit Fremden. Mit
Ihnen würde ich viel gewagt haben, weil ich Sie bewundere, Ihnen vertraue und Sie wie eine Schwester liebe; aber ich bin überzeugt, wenn und mit wem ich auch ginge, daß ich in jener Zone nicht lange leben
würde.
, Ah! Sie haben Furcht, sagte er mit spöttisch verzogener Lippe.
, Es ist wahr, entgegnete ich. , Gott gab mir mein Leben nicht, um es wegzuwerfen; und würde
ich thun, was Sie wünschen, so müßte ich das fast für einen Selbstmord halten. Ueberdies muß ich wissen, ehe ich England verlasse, ob ich nicht von größerem Nutzen sein kann, wenn ich dableibe, als wenn ich
auswandere.
, Was meinen Sie damit?
, Es würde fruchtlos sein, mich erklären zu wollen; aber über einen Punkt habe ich seit langer Zeit Zweifel gehegt, und ich kann an keine Veränderung denken, bevor dieser Zweifel nicht auf irgend
eine Weise gelöst ist.
, Ich weiß, wohin Ihr Herz gewendet ist und woran es hängt. Das Interesse, welches Sie hegen, ist gegen das Gesetz und unheilig. Schon längst hätten Sie es unterdrücken sollen, und jetzt sollten Sie eigentlich erröthen, darauf angespielt zu haben. Sie denken an Herrn Rochester?
So war es, ich gestand es durch mein Schweigen zu.
, Wollen Sie Herrn Rochester aufsuchen?
, Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist.
, Da bleibt mir nichts weiter übrig, sagte er, als Gott zu bitten, daß Sie nicht auf einen Abweg gerathen möchten. Ich glaubte in Ihnen eine der
Auserwählten zu erkennen. Aber Gott sieht nicht, wie die Menschen sehen; sein Wille geschehe.
Er öffnete die Pforte, trat hinaus und ging in das Thal hinunter. Bald war er mir aus dem Gesichte.
Als ich in das Wohnzimmer zurückkehrte, fand ich Diana, die am Fenster stand und sehr gedankenvoll aussah. Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und prüfte mein Gesicht.
, Johanna, sagte sie, du bist jetzt stets aufgeregt und blaß. Ich bin gewiß, es geht etwas mit dir vor. Sage mir, was Saint John mit dir beabsichtigt. Ich habe Euch seit einer halben Stunde vom Fenster aus beobachtet; du mußt mir verzeihen, daß ich spionire, aber seit langer Zeit weiß ich nicht,
was ich denken soll. Saint John ist ein ganz eigenthümlicher Mensch.
Sie hielt inne -- ich sprach auch nicht, und bald fuhr sie fort:
, Ich bin gewiß, daß mein Bruder ganz besondere Absichten mit dir hat, er hat dich längst durch eine Beachtung und ein Interesse ausgezeichnet, wie er es nie für irgend eine andere Person gezeigt. Zu welchem
Zweck? Ich wünschte, er liebte dich -- ist es so, Johanna? Ich legte ihre kühle Hand auf meine heiße Stirn und sagte:
, Nein, Diana, nicht im Geringsten.
, Warum folgt er dir denn so mit den Augen, warum ist er so häufig mit dir allein und hält dich beständig an seiner Seite? Marie und ich sind zu dem Schlusse gekommen, er wünsche dich zu heiraten.
, So ist es -- er hat mich aufgefordert, sein Weib zu werden.
Diana klatschte in die Hände.
, Das ist es, was wir dachten und hofften! rief sie. , Und du wirst ihn heiraten, Johanna, nicht wahr? Und dann wird er in England bleiben.
, Weit entfernt, Diana; sein einziger Zweck bei diesem Vorschlage ist, sich eine passende Gehilfin bei seinen Missionsgeschäften in Indien zu verschaffen.
, Was! er will, du sollst nach Indien gehen?
, Ja.
, Unsinn! rief sie. , Ich bin gewiß, du würdest dort nicht drei Monate leben. Du darfst unter keiner Bedingung gehen. Du hast nicht eingewilligt -- nicht wahr, Johanna?
, Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten --
, Und hast dir folglich sein Mißfallen zugezogen? sagte sie.
, Gewiß; ich fürchte, er wird mir nimmer verzeihen, doch erbot ich mich, ihn als seine Schwester zu begleiten.
, Das ist Wahnsinn, Johanna! Bedenke, welche Aufgabe du übernähmst -- eine Aufgabe unablässiger
Anstrengung, die selbst die Starken aufreibt, du aber bist zart und schwach. Saint John -- du kennst ihn -- würde dich zu Unmöglichkeiten antreiben, und unglücklicher Weise habe ich bemerkt, daß du dich zwingst, Alles zu vollbringen, was er von dir verlangt. Ich staune, daß du den Muth gefunden hast, ihm deine Hand zu verweigern. Du liebst ihn also nicht, Johanna?
, Nicht wie man einen Gatten lieben muß.
, Aber er ist ein hübscher Junge.
, Und ich bin so gewöhnlich, wie du siehst, Diana. Wir würden nimmer zu einander passen.
, Gewöhnlich! Du? Durchaus nicht. Du bist viel zu hübsch und viel zu gut dazu, um in Calcutta lebendig gebraten zu werden.
Und noch einmal beschwor sie mich ernstlich, jeden Gedanken aufzugeben, mit ihrem Bruder zu gehen.
, Ich muß es in der That aufgeben, sagte ich, denn als ich eben mein Anerbieten wiederholte, ihm als Gehilfin zu dienen, zeigte er sich empört über den Vorschlag, ihn unverheiratet begleiten zu wollen. Als
wenn ich nicht von Anfang an gehofft hätte, in ihm einen Bruder zu finden, und als ob ich mich nicht schon daran gewöhnt hätte, ihn als solchen zu betrachten?
, Wie kommst du auf die Vermuthung, daß er dich nicht liebt, Johanna?
, Er hat mir wiederholt erklärt, daß er nicht für sich, sondern für sein Amt eine Genossin wünscht. Er hat mir gesagt, ich sei zur Arbeit geschaffen -- nicht zur Liebe, was ohne Zweifel wahr ist. Aber wenn
ich nicht zur Liebe geschaffen bin, so folgt meiner Meinung nach daraus, daß ich auch nicht für die Ehe geschaffen bin. Wäre es wohl ein beneidenswerthes Los, Diana, auf Lebenszeit an einen Mann
gefesselt zu sein, der mich nur als ein nützliches Werkzeug betrachtet?
, Unerträglich -- unnatürlich -- es kann nicht davon die Rede sein!
,Und dann, fuhr ich fort, obgleich ich jetzt nur schwesterliche Neigung für ihn empfinde, kann ich mir doch die Möglichkeit denken, daß ich, wenn ich sein Weib werden müßte, unvermeidlich eine seltsame, quälende Art von Liebe für ihn empfinden würde, weil er so talentvoll ist und oft eine gewisse heroische Größe in seinem Wesen liegt. In diesem Falle würde mein Los unaussprechlich elend werden; er würde nicht wollen, daß ich ihn liebe, und würde mir zu verstehen geben, daß dieses Gefühl etwas Ueberflüssiges sei, was er nicht fordere und was sich für mich nicht schicke. Ich weiß, das würde nicht ausbleiben.
, Und doch ist Saint John ein guter Mann, sagte Diana.
, Er ist ein guter und großer Mann, aber er übersieht ohne Mitleid die Gefühle und Rechte kleiner Menschen, indem er seine eigenen großartigen Pläne verfolgt. Es ist daher besser für die Unbedeutenden,
sich fern von ihm zu halten, damit er sie auf seinem Wege nicht zu Boden trete. Hier kommt er! Ich will dich verlassen, Diana.
Und ich eilte die Treppe hinauf, als ich ihn in den Garten treten sah.
Aber ich war genöthigt, beim Abendessen wieder mit ihm zusammen zu treffen. Während desselben erschien er ebenso gleichmüthig, wie gewöhnlich. Ich hatte gedacht, er würde kaum mit mir reden, und war gewiß, daß er seinen Heiratsplan aufgegeben habe, die Folge zeigte jedoch, daß ich mich in beiden Fällen irrte. Wie es ihm in der letzten Zeit zur Gewohnheit geworden war, redete er mich mit ausgesuchter Höflichkeit an. Ohne Zweifel hatte er die Hilfe des heiligen Geistes angerufen, um den Zorn zu überwinden, den ich in ihm erregt, und glaubte mir jetzt wieder verziehen zu haben.
Zu der Abendvorlesung vor den Gebeten wählte er das einundzwanzigste Capitel der Offenbarung. Es war zu allen Zeiten angenehm zu hören, wenn die Worte der Schrift von seinen Lippen fielen. Nie klang
seine schöne Stimme zugleich so lieblich und voll, nie wurde sein Wesen so ausdrucksvoll in seiner edlen Einfachheit, als wenn er die Prophezeiungen Gottes verkündete, und am heutigen Abend nahm seine
Stimme einen noch feierlicheren Ton, sein Ausdruck
eine noch eindringlichere Bedeutung an, als er, während der Mond durch das unverhängte Fenster hereinschien und das Licht auf dem Tische fast überflüssig machte, mitten in seinem häuslichen Kreise saß, sich über die große alte Bibel neigte und nach ihren Aussprüchen den neuen Himmel und die neue Erde beschrieb: wie Gott kommen werde, unter den Menschen zu wohnen und alle Thränen aus ihren Augen zu trocknen, und wie er verhieß, es solle kein Tod mehr sein, noch Leid, noch Geschrei und Schmerz, weil die früheren Dinge vergangen seien.
Besonders aber drangen die folgenden eindringlich betonten Worte in mein Herz, zumal ich an einer gewissen Veränderung des Tones bemerkte, daß sein Auge dabei auf mich gerichtet war.
, Wer überwindet, soll mein Erbe sein, und ich will sein Gott sein, und er soll mein Sohn sein. Aber, wurde langsam und deutlich hinzugefügt, die
Furchtsamen, die Ungläubigen sollen in den Pfuhl gestürzt werden, wo Feuer und Schwefel brennt und welcher ist der zweite Tod.
Von jetzt an wußte ich, welches Schicksal Saint John für mich fürchtete.
Ein stiller unterdrückter Triumph lag in dem Tone, den er auf die letzten herrlichen Verse des Capitels legte.
In dem Gebete, welches folgte, sammelte sich alle seine Kraft und all sein strenger Eifer. Er bat um Stärke für die Schwachherzigen, um Leitung der Wanderer, die sich von dem rechten Wege verirrten, um Rückkehr selbst in der elften Stunde für die, welche sich durch die Versuchungen der Welt und des Fleisches von dem schmalen Pfade hatten ablecken lassen.
Er flehte um die Gabe eines Feuerbrandes, eines
Donnerkeils, um ihn in die Herzen der Hörer zu schleudern. Anfangs wunderte ich mich über dieses Gebet, aber die Inbrunst, die er hineinlegte, machte einen tiefen Eindruck auf mich; ich wurde davon gerührt und endlich von Ehrfurcht ergriffen.
Als das Gebet vorüber war, nahmen wir Abschied von ihm, denn er wollte am folgenden Morgen sehr früh abreisen. Als Diana und Maria ihn geküßt hatten, verließen sie das Zimmer, ohne Zweifel in Folge eines leisen Winkes von ihm. Ich reichte ihm meine Hand und wünschte ihm eine glückliche Reise.
, Ich danke Ihnen, Johanna. Wie ich schon sagte, werde ich in vierzehn Tagen von Cambridge zurückkehren, so viel Zeit haben Sie also noch zur Ueberlegung. Wenn ich dem menschlichen Stolze Gehör geben wollte, so würde ich Ihnen kein Wort mehr von einer Eheschließung mit mir sagen; aber ich horche auf das Wort meiner Pflicht und behalte mein erstes Ziel fest im: Auge, Alles zum Ruhme Gottes zu thun. Mein Herr und Meister war langmüthig, ich will es auch sein. Ich kann Sie nicht im
Zorn der ewigen Verdammnis überlassen, bereuen Sie, entschließen Sie sich, so lange es noch Zeit ist. Gott gebe Ihnen Stärke, jenen besseren Theil zu erwählen, der nicht von Ihnen genommen werden kann!
Er legte seine Hand auf mein Haupt. Er hatte ernst, aber milde gesprochen, sein Blick war in der That nicht der eines Liebhabers, der seine Geliebte Anblickt, sondern der des Hirten, der sein verirrtes Schaf zurückruft. Ich empfand Verehrung für Saint John -- so hohe Verehrung, daß ich mich versucht fühlte, den Kampf gegen ihn aufzugeben, auf dem
Strome seines Willens dahinzutreiben hinein in den Golf seines Daseins und dort mein eigenes aufzugeben. Ich wurde fast ebenso in die Enge getrieben von ihm, wie einst auf verschiedene Weise von einem
Andern. In beiden Fällen war ich eine Thörin. Hätte ich damals nachgegeben, so wäre dies ein Vergehen gegen die Moral gewesen; jetzt nachzugeben, wäre ein Vergehen gegen die Vernunft. So denke ich zu dieser Stunde, wo jene Krisis der Vergangenheit angehört und die Zeit meinen Geist geklärt hat, aber in jenem Augenblicke war ich mir meiner Thorheit nicht bewußt.
Bewegungslos stand ich da. Alle meine Gegengründe waren vergessen. Alles veränderte sich gänzlich mit einem Schlage. Die Religion rief – Gott gebot -- das Leben schrumpfte zu einem werthlosen Nichts zusammen -- des Todes Pforten öffneten sich und zeigten mir jenseits die Ewigkeit, mir war, als könne hier in einer Secunde Alles aufgeopfert werden, um dort Segen und Seligkeit zu erlangen. Das düstere Zimmer erfüllte sich mit Visionen.
, Könnten Sie sich jetzt entschließen? fragte der Missionär. Die Frage wurde in sanftem Ton gestellt, und ebenso sanft zog er mich zu sich hin. O, diese Milde! wie viel mächtiger ist sie, als Gewalt! Ich konnte Saint John's Zorn widerstehen, doch wurde ich biegsam wie ein Rohr bei seiner Güte. Dennoch war ich mir wohl bewußt, daß mir, wenn ich jetzt
nachgäbe, die spätere Buße für meine frühere Auflehnung nicht erspart bleiben werde.
, Ich könnte mich entschließen, antwortete ich, wenn ich nur überzeugt wäre, daß es Gottes Wille ist, daß ich Sie heiraten soll; ich könnte jetzt hier geloben, dies zu thun, möchte auch später daraus werden, was da wollte!
, Mein Gebet ist erhört! rief Saint John. Er drückte seine Hand fester auf meinen Kopf, als ob er von mir Besitz nehmen wolle, er umschlang mich mit seinem Arme, beinahe so, als ob er mich liebte -- ich sage beinahe, denn ich kannte den Unterschied, ich hatte gefühlt, was es heißt, geliebt zu werden; aber gleich ihm ließ ich die Liebe ganz aus dem Spiel und dachte nur an die Pflicht -- ich kämpfte noch mit einer inneren Unklarheit, welche wie ein Nebel auf meinem Geiste ruhte. Ich hegte das aufrichtige und
glühende Verlangen, zu thun, was recht war, nur das und nichts Anderes. , Zeige mir -- zeige mir den rechten Weg! flehte ich zum Himmel. Ich war aufgeregter als je; und ob das, was erfolgte, die Wirkung der Aufregung war, mag der Himmel wissen.
Das ganze Haus war still, denn ich glaube außer mir und Saint John hatten sich alle zur Ruhe begeben. Das einzige Licht war dem Erlöschen nahe, das Zimmer vom Mondlicht erfüllt. Mein Herz schlug rasch und stark, daß ich es klopfen hören konnte. Plötzlich wurde es von einem unaussprechlichen Gefühle durchzuckt, welches mich an Kopf und Gliedern lähmte. Nicht der Wirkung eines elektrischen Schlags glich dieses Gefühl, doch war es ebenso heftig und erschütternd, es wirkte auf meine Sinne, als wäre ihre Thätigkeit bisher nur eine Art Erstarrung gewesen, woraus sie jetzt erweckt wurden. Auge und Ohr waren gespannt, während jeder Nerv in mir erzitterte.
, Was haben Sie gehört? Was sahen Sie? fragte Saint John.
, Ich sah nichts; aber ich hörte eine Stimme irgendwo rufen: Johanna! Johanna! Johanna! O, Gott! was ist das? brachte ich mit Mühe heraus. Ich hätte fragen sollen: , Wo ist das? denn es schien nicht im Zimmer -- nicht im Hause -- nicht im Garten zu sein; es kam nicht aus der Luft --
nicht aus der Erde -- nicht von oben herab. Ich hatte es gehört -- wo es war und woher es kam, war mir unmöglich zu ergründen! Und es war die Stimme eines menschlichen Wesens -- eine wohlbekannte und geliebte Stimme -- die Stimme Eduard Fairfax Rochester's, und sie rief flehend und jammernd in wildem Schmerz meinen Namen.
, Ich komme rief ich, warte auf mich! O, ich will kommen!
Ich eilte zur Thür und blickte in den Gang, er war dunkel. Ich lief in den Garten hinaus, er war leer.
, Wo bist du rief ich.
Die Hügel, jenseits Marsh Glen gaben matt das Echo zurück: Wo bist du? Ich lauschte. Der Wind seufzte leise in den Fichten; ich war von der Einsamkeit des Moorlandes und der Stille der Mitternacht umgeben.
Ich riß mich von Saint John los, der mir gefolgt war und mich zurückhalten wollte. Jetzt war es an mir, seiner Herr zu werden, jetzt mußte ich meine Macht zeigen. Ich bat ihn, jede Frage zu unterdrücken und mich zu verlassen, ich müsse und wolle allein sein. Er gehorchte sofort. Wo Muth oder Kraft vorhanden ist, mit Nachdruck zu befehlen,
da fehlt der Gehorsam nie. Ich ging auf mein Zimmer, schloß mich ein, sank auf meine Knie und betete. Ich betete anders, als Saint John, aber andächtig und inbrünstig auf meine Art. Mir war, als dränge ich hinauf zu dem Geist der Allmacht, und meine Seele ergoß sich in Dankbarkeit zu seinen Füßen. Ich erhob mich von dem Dankgebet -- faßte einen
Entschluß -- legte mich voll Hoffnung nieder und erwartete mit Sehnsucht den Anbruch des Tages.
Siebenunddreißigstes Capitel.
Und der Tag kam. Ich stand in der Dämmerung auf und brachte ein paar Stunden damit zu, mein Zimmer und den Inhalt meiner Commode und
meines Garderobeschranks für die Zeit einer kurzen Abwesenheit in Ordnung zu bringen. Inzwischen hörte ich, wie Saint John sein Zimmer verließ. Er blieb vor meiner Thür stehen, ich fürchtete, er würde anklopfen -- doch nein, er steckte nur einen Papierstreifen unter der Thür herein. Ich hob ihn auf. Er enthielt folgende Worte:
, Sie verließen mich gestern Abend zu plötzlich. Wären Sie nur noch ein wenig länger geblieben, so hätten Sie endlich Ihre Hand auf des Christen Kreuz
und des Engels Krone gelegt. Ich erwarte Ihre klare und endgültige Entscheidung, wenn ich über vierzehn Tage zurückkehre. Inzwischen wachen und beten Sie, daß Sie nicht in Versuchung fallen. Ich hoffe,
der Geist ist willig, aber ich sehe, das Fleisch ist schwach. Ich werde stündlich für Sie beten. -- Der Ihrige, Saint John.
Mein Geist ist willig, zu thun, was recht ist, antwortete ich bei mir selber; und ich hoffe, mein Fleisch ist stark genug, den Willen des Himmels zu erfüllen, wenn dieser Wille mir erst deutlich bekannt ist. Auf jeden Fall wird es stark genug sein, nach einem Auswege aus diesem Chaos des Zweifels zu suchen und zu klarer Gewißheit zu gelangen.
Wir hatten den ersten Juni, doch das Wetter war trübe und kalt und der Regen schlug heftig an mein Fenster. Ich hörte, wie die Hausthür sich öffnete und Saint John hinausging. Als ich durchs Fenster blickte, sah ich ihn durch den Garten gehen. Er nahm seinen Weg über das neblige Moorland in der Richtung von Whitcroß -- dort wollte er den Postwagen
treffen.
, In wenigen Stunden werde ich dir auf jenem Wege folgen, mein Vetter, dachte ich, auch ich muß einen Postwagen in Whitcroß erwarten. Auch ich habe Jemand in England zu besuchen oder ihm nachzufragen, ehe ich das Vaterland auf immer verlasse.
Es fehlten noch zwei Stunden bis zum Frühstück. Ich füllte die Zwischenzeit damit aus, in meinem Zimmer auf und ab zu gehen und das Ereignis zu überdenken, welches meinen Plänen ihre gegenwärtige
Richtung gegeben hatte. Auch jetzt suchte ich vergebens zu ergründen, woher die Stimme, die ich gehört hatte, gekommen sei. Sie schien in mir und nicht in der äußeren Welt gewesen zu sein. Ich fragte, ob
es ein bloß nervöser Eindruck -- eine Täuschung gewesen? Ich konnte es nicht begreifen oder glauben, das Ganze glich mehr einer Inspiration. Die wunderbare Erschütterung meiner Sinne erinnerte mich
an das Erdbeben, welches das Fundament des Gefängnisses erschütterte, worin sich Paulus und Silas befanden und die Thür gesprengt hatte. Wie aus diesem Schlafe war meine Seele emporgefahren, zitternd, bebend und horchend. Dann schlug ein dreimaliger Ruf an mein gespanntes Ohr und bebte durch meinen Geist, der die plumpe Körperlichkeit durchbrochen und über die Unzulänglichkeit meiner physischen Natur frohlockend, einen Sieg errungen hatte.
, Ehe vier Tage um sind, sagte ich, werde ich etwas von ihm erfahren, von ihm, dessen Stimme mich am letzten Abend zu rufen schien. Briefe sind vergeblich gewesen -- persönliche Nachforschungen müssen an ihre Stelle treten.
Beim Frühstück kündigte ich Diana und Maria an, daß ich eine Reise antreten und wenigstens vier Tage abwesend sein würde.
, Allein, Johanna? fragten sie.
, Ja, es geschieht, um Auskunft über eine Person zu erhalten, über deren Schicksal ich seit längerer Zeit in Unruhe schwebe.
Sie hätten mir erwidern können, daß sie geglaubt, ich habe außer ihnen keine Freunde, denn in der That hatte ich das oft genug versichert; aber in ihrem natürlichen Zartgefühle enthielten sie sich aller Bemerkungen, und Diana fragte mich nur, ob ich mich auch wohl genug fühle, die Reise aushalten zu können, wobei sie bemerkte, daß ich sehr blaß aussehe. Ich entgegnete ihr, ich sei nicht krank, sondern fühle nur eine gewisse Seelenangst, welche ich indessen bald zu überwinden hoffe.
Ich wurde mit keinen weiteren Fragen oder Vermuthungen belästigt. Als ich ihnen einmal erklärt hatte, daß ich mich jetzt nicht über meine Pläne aussprechen könne, fanden sie sich ruhig in mein Schweigen und ließen mir das Vorrecht des freien Handelns welches ich ihnen unter ähnlichen Umständen auch würde zugestanden haben.
Ich verließ Moor House um drei Uhr Nachmittags, stand bald nach vier Uhr am Fuße des Wegsweisers von Whitcroß und erwartete die Ankunft des Postwagens, der mich nach dem entfernten Thornfield bringen sollte. Bei der Stille, welche auf jenen einsamen Wegen herrschte, hörte ich den Wagen schon aus weiter Ferne. Es war derselbe Wagen, aus dem ich vor einem Jahre an einem Sommerabend an eben dieser Stelle so verlassen, so hoffnungs- und ziellos ausgestiegen war! Er hielt an, als ich winkte. Ich stieg ein und brauchte jetzt nicht mein ganzes Vermögen für die Mitfahrt hinzugeben. Als ich mich auf dem Wege nach Thornfield wußte, kam ich mir vor wie die Brieftaube, die sich auf der Heimkehr befindet.
Es war eine Reise von sechsunddreißig Stunden. Ich war Dienstag Nachmittags von Whitcroß abgefahren und am folgenden Donnerstag Morgens hielt der Wagen, damit die Pferde getränkt werden konnten, vor einem Gasthause am Wege an. Dieses Gasthaus lag inmitten grüner Hecken, großer Felder und niedriger bewaldeter Hügel. Wie milde war der Charakter dieser Gegend im Vergleich zu dem rauhen, nördlichen Moorland der Umgebung von Morton.
Ja, diese Landschaft kannte ich; ich war gewiß, daß ich meinem Ziele nahe sein mußte.
, Wie weit ist Thornfield Hall von hier? fragte ich den Hausknecht.
, Gerade über die Felder eine Stunde, mein Fräulein.
Meine Reise war zu Ende. Ich stieg aus dem Tagen, gab mein Gepäck dem Hausknecht zur Aufbewahrung, bis es wieder abgeholt werde, bezahlte den Fahrpreis und gab dem Kutscher sein Trinkgeld. Während die Sonnenstrahlen auf dem Wirthshausschilde schimmerten, las ich in vergoldeten Buchstaben: Zum Wappen der Rochester. Mein Herz schlug lebhaft, ich war bereits auf dem Gebiete meines Herrn. Aber mein Muth sank wieder: Dein Herr
weilt vielleicht jenseits des Canals, sagte mir plötzlich eine mahnende Stimme in meinem Innern, und wenn er auch in Thornfield Hall ist, wohin du eilst, wen hat er bei sich? Sein wahnsinniges Weib! Du hast
nichts mit ihm zu thun, du darfst nicht mit ihm reden oder in seine Nähe kommen. Deine Mühe ist umsonst -- es ist besser, du gehst nicht weiter. Frage die Leute im Gasthause; sie können dir alle nöthigen Nachrichten geben und deine Zweifel sogleich beseitigen. Geh zu jenem Manne und frage, ob Herr Rochester zu Hause ist.
Der Einfall war vernünftig und doch konnte ich mich nicht entschließen, danach zu handeln, denn ich fürchtete eine Antwort, die mich mit Verzweiflung erfüllen könne. Den Zweifel verlängern, hieß die Hoffnung verlängern. Ich konnte mir noch einmal den Anblick von Thornfield-Hall vergönnen. Es war ein Fußsteig vor mir -- es waren dieselben Felder, die ich blind und betäubt, von einer rachsüchtigen Furie fortgetrieben, an jenem Morgen betreten hatte, als ich aus Thornfield floh. Ehe ich noch über meinen Entschluß ganz im Klaren war, befand ich mich schon auf dem Wege. Wie rasch ging ich! Wie begierig blickte ich vorwärts, um sobald wie möglich die ersten Wipfel des wohlbekannten Parks zu erspähen! Mit welchen Gefühlen begrüßte ich die oft betretenen Wiesen und Hügel!
Endlich erhoben sich der Park und das Gehölz vor mir. Dohlennester zeigten sich in dunklen Gruppen; ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Morgens. Eine seltsame Wonne kam über mich, ich eilte weiter. Ich überschritt noch ein Feld -- betrat einen Baumgang -- und dort erhoben sich die Mauern des Hofes, die Wirthschaftsgebäude -- das Haus selbst war noch hinter dem Gehölz verborgen, worin die Dohlen nisteten.
, Zuerst will ich die Vorderseite wiedersehen, beschloß ich, wo ich sogleich das Fenster meines Herrn herausfinden kann, vielleicht steht er an demselben --
er pflegt früh aufzustehen -- vielleicht geht er jetzt im Garten oder auf dem Platze vor dem Hause auf und ab. Wenn ich ihn nur sehen könnte! nur auf einen kurzen Augenblick! Und wenn dies geschähe, würde ich doch hoffentlich nicht so wahnsinnig sein, auf ihn zuzulaufen? Ich kann es nicht sagen -- ich bin meiner nicht sicher. Und wenn ich es thäte -- was schadete es denn? Gott segne ihn! Was weiter? Wem geschähe ein Unrecht damit, wenn ich noch einmal die Seligkeit kostete, welche sein Blick mir gewähren kann? -- Ich schwärme -- ich phantasire, ach! vielleicht beobachtet er in diesem Augenblick die Sonne von einem Gipfel der Pyrenäen oder auf dem stillen Meere des Südens!
Ich war die niedrige Gartenmauer entlang gegangen und bog um die Ecke; dort befand sich eine Pforte zwischen zwei steinernen Pfeilern, von steinernen Kugel gekrönt. Hinter einem der Pfeiler hervor konnte ich ungestört die ganze Vorderseite des Hauses übersehen. Ich streckte vorsichtig meinen Kopf hinter dem Pfeiler hervor und wollte mich überzeugen, ob die Vorhänge des Schlafzimmers schon aufgezogen waren, denn die ganze Front war von meinem Verstecke aus sichtbar.
Ein kurzer Blick und dann ein minutenlanges Hinstarren!
Höre eine Erklärung, Leser!
Der Liebende findet seine Geliebte auf einem moosbewachsenen Ufer schlummern; er wünscht einen Blick auf ihr schönes Gesicht zu thun, ohne sie zu wecken, um nicht von ihr gesehen zu werden. Lautlos schleicht er über das Gras, um plötzlich vorsichtig still zu stehen, denn ihm scheint es, als hätte sie sich geregt. Doch es war eine Augentäuschung. Er nähert sich ihr aufs Neue und beugt sich über ihr Antlitz, welches ein leichter Schleier bedeckt. Er wagt kaum zu athmen, als er den Schleier vorsichtig emporhebt, und tiefer neigt er sich herab, um sich in den Anblick der lieblichen schlummernden Schönheit zu versenken.
Hastige, süße, kaum gezügelte Ungeduld bebte in diesem ersten Blick -- aber wie starrt plötzlich sein Auge, wie fährt er entsetzt zurück und wie reißt er ungestüm die Gestalt empor, die er einen Augenblick vorher
nicht mit einem Finger zu berühren wagte, und schließt sie in seine Arme! Ein wilder Schrei der Verzweiflung entringt sich seiner Brust, aber der Schrei weckt die Geliebte nicht -- sie ist todt!
Mein Auge suchte mit furchtsamer Freude ein stattliches Haus und fand eine von Rauchs geschwärzte Ruine!
Da war es freilich nicht nöthig, mich hinter dem Thorpfeiler zu verbergen, es war nicht mehr nöthig, zu horchen, ob sich Thüren öffneten oder ob ich Fußtritte auf dem Steinpflaster oder dem Kieswege vernehmen würde! Der Rasenplatz war niedergetreten und verwüstet, der Eingang offen und öde. Die Vorderseite war, wie ich sie einst im Traum gesehen, nur eine kahle Mauer, sehr hoch und sehr gebrechlich
aussehend, worin sich scheibenlose Fenster befanden. Kein Dach, keine Zinnen, kein Schornstein -- Alles war zusammengestürzt.
Und rings umher herrschte das Schweigen des Todes, die Stille einer einsamen Wildnis. Kein Wunder, daß ich auf Briefe, die ich hierher geschrieben, keine Antwort erhalten, ebenso gut hätte ich Briefe in ein Todtengewölbe absenden können. Die Schwärze der Steine sagte mir, daß das Herrenhaus durch eine Feuersbrunst zerstört worden war. Aber welche Geschichte mochte mit diesem Unheil in Verbindung stehen, welcher Verlust außer dem todten Material mochte es begleitet haben? War etwa mit dem Besitzthum zugleich ein Leben untergegangen? Und wessen Leben? Furchtbare Frage! Es war Niemand da, der mir hätte Antwort geben können, wenn auch nur mit einem einzigen Laute oder Zeichen.
Als ich zwischen den zerstörten Mauern und durch das verwüstete Innere umherwanderte, bemerkte ich, daß das Unglück nicht erst kürzlich geschehen sei. Es
kam mir vor, als hätte Winterschnee durch jenen leeren Bogen geweht, als sei schon Winterregen durch jene hohlen Fenster gedrungen, denn auf den durchnäßten Schutthaufen hatte der Frühling eine Vegetation hervorgebracht: Gras und Unkraut waren hie und da zwischen Steinen und Balken aufgeschossen. O! wo mochte inzwischen der unglückliche Besitzer dieser Ruine gewesen sein? In welchem Lande? Unter welchen Umständen? Mein Auge wanderte unwillkürlich zu dem grauen Kirchthurme in der Nähe der Pforte, und ich fragte: Sollte er bei Damer von Rochester, seinem Vorfahren, sein und mit ihm die Muhe des engen Hauses theilen?
Ich mußte eine Antwort auf diese Fragen haben. Ich konnte sie nur in dem Gasthofe finden, und dorthin kehrte ich bald zurück. Der Wirth brachte mir mein Frühstück in das Gastzimmer. Ich bat ihn, sich niederzusetzen, da ich ihm einige Fragen vorzulegen hätte. Als er sich hierzu bereit erklärte, wußte ich kaum, wie ich beginnen sollte, so fürchtete ich die möglichen Antworten, und doch hatte mich das Schauspiel der Verwüstung, welches ich eben verlassen, auf eine unheilvolle Nachricht vorbereitet. Der Wirth war ein anständig aussehender Mann im mittleren Alter.
, Thornfield Hall wird Ihnen bekannt sein? fragte ich endlich.
, Ja, mein Fräulein, ich hielt mich einst dort auf.
, Ei? -- nicht zu meiner Zeit, dachte ich, er ist mir fremd.
, Ich war Kellermeister bei dem verstorbenen Herrn Rochester, fügte er hinzu.
Bei dem verstorbenen! Es war, als hätte ich mit voller Kraft den Schlag erhalten, dem ich so lange ausgewichen war.
, Bei dem verstorbenen? brachte ich mit Mühe hervor. , Ist er todt?
, Ich meine den Vater des gegenwärtigen Herrn Eduard, fügte er hinzu.
Ich athmete wieder auf, mein Blut begann wieder zu circuliren. Durch diese Worte vollkommen beruhigt, daß Herr Eduard -- mein Herr Rochester -- Gott segne ihn, wo er auch weilen möge! -- noch lebe, glaubte ich, alles Folgende, was es auch sein möchte, mit verhältnismäßiger Ruhe anhören zu können. Da er nicht im Grabe war, hätte ich mit Fassung vernehmen können, daß er bei den Antipoden sei.
, Wohnt Herr Rochester jetzt in Thornfield Hall? fragte ich. Obgleich ich natürlich wußte, welche Antwort ich erhalten würde, so wünschte ich doch, eine bestimmte Frage nach seinem Aufenthalte zu verzögern.
, Nein, mein Fräulein -- o nein! Niemand wohnt dort. Sie müssen in dieser Gegend fremd sein, sonst würden Sie gehört haben, was dort geschehen ist. Thornfield-Hall ist ein Schutthaufen: es brannte im
letzten Herbste ab. Ein schreckliches Unglück, daß eine solche Menge kostbarer Sachen verbrennen mußte! Man konnte fast nichts von den Möbelt retten. Das Feuer brach mitten in der Nacht aus, und ehe die
Spritzen von Millcote kamen, stand das ganze Gebäude in Flammen. Es war ein schauerliches Schauspiel -- ich war selbst zugegen.
, Mitten in der Nacht! murmelte ich. , Ja, das war immer die Unglücksstunde in Thornfield. Ist es bekannt geworden, wie das Feuer ausgekommen? fragte ich.
, Man hatte Vermuthungen, mein Fräulein. In der That, ich könnte fast sagen, daß es zweifellos festgestellt ist. Sie wissen vielleicht nicht, fuhr er fort, indem er seinen Stuhl ein wenig näher zum Tische rückte und leise sprach, daß sich eine Dame -- eine Wahnsinnige im Hause aufhielt
, Ich habe etwas davon gehört.
, Sie wurde sehr streng bewacht, und man wußte sogar einige Jahre lang nichts von ihrem Dasein. Niemand sah sie, es ging nur das Gerücht, daß eine solche Person im Herrenhause sei; wer oder was sie
war, ist schwer zu errathen. Man sagte, Herr Eduard habe sie aus der Fremde mitgebracht, und Einige glaubten, sie sei seine Maitresse gewesen. Aber vor einem Jahre ereignete sic ein sehr seltsamer Vorfall --
Ich fürchtete, meine eigene Geschichte zu hören, und versuchte, ihn zu der Hauptsache zurückzuführen.
, Und diese Dame?
, Es zeigte sich, daß diese Dame Herrn Rochester's Frau war, antwortete der Wirth. , Die Entdeckung geschah auf die seltsamste Weise. Es war eine junge Dame als Erzieherin im Herrenhause, in die sich Herr
Rochester --
, Aber das Feuer? fiel ich ein.
, Das kommt gleich, mein Fräulein -- in die sich Herr Eduard verliebte. Die Diener, die ihn beobachteten, sagten, sie hätten nie Jemand so verliebt gesehen. Außer Herrn Rochester hielt sie Niemand für so sehr schön. Man sagt, sie war eine kleine, winzige Person, fast wie ein Kind. Ich selber sah sie nicht, doch hörte ich das Hausmädchen Lea von ihr reden. Lea hielt viel von ihr. Herr Rochester war fast vierzig Jahre alt und seine Erzieherin noch nicht zwanzig. Und sehen Sie, wenn sich Herren seines Alters in junge Mädchen verlieben, so sind sie oft wie behext. Nun also kurz und gut, er wollte sie heiraten.
, Sie sollen mir diesen Theil der Geschichte später erzählen, sagte ich, aber ich habe einen besonderen Grund, zunächst alle Umstände in Betreff des Brandes hören zu wollen. Hegte man die Vermuthung, daß
die wahnsinnige Mistreß die Hand dabei im Spiele hatte?
, Sie haben es getroffen, Fräulein, es ist ganz gewiß, daß sie und Niemand anders das Schloß in Brand steckte. Sie hatte eine Wärterin, Namens Poole, ein kluges Weib auf ihre Art und sehr zuverlässig; doch hatte sie einen Fehler, der manchen Wärterinnen und alten Frauen eigen ist: sie hatte
immer eine Schnapsflasche bei sich und nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck daraus. Es ist wohl zu entschuldigen, denn sie hatte ein schweres Leben, aber dennoch war es gefährlich, denn wenn Mistreß Poole etwas zu viel getrunken hatte und fest eingeschlafen war, nahm ihr die wahnsinnige Dame, die so listig war wie eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche, verließ ihr Zimmer, ging im Hause umher und richtete
allerlei Unheil an. In jener Nacht zündete sie die Vorhänge in dem Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann in den unteren Stock und begab sich in das Zimmer, wo die Erzieherin gewohnt hatte. Es war, als ob sie wüßte, was vorgegangen sei, und als hätte sie einen Haß gegen sie. Dort zündete sie das Bett an, aber zum Glück schlief Niemand darin. Die Erzieherin war zwei Monate vorher verschwunden, und so sehr Herr Rochester sie auch suchte, als wäre sie das Kostbarste gewesen, was er je besessen, so konnte er doch keine Spur von ihr finden. Da kam er in furchtbare Erregtheit. Er war nie ein wilder Mann, aber er wurde gefährlich, nachdem er seine Geliebte verloren hatte. Er wollte ganz allein sein. Er schickte Mistreß Fairfax, die Haushälterin, zu ihren
entfernt wohnenden Verwandten; doch setzte er ihr auf Lebenszeit ein Jahrgeld aus, und sie verdiente es, sie war eine sehr gute Frau. Seine Mündel, Miß Adele, wurde in eine Schule gethan. Er brach allen Umgang mit den benachbarten Gutsherren ab und schloß sich wie ein Eremit im Herrenhause ein.
, Wie? er verließ England nicht?
, England verlassen? o nein! er wollte nicht einmal die Schwelle seines Hauses überschreiten, außer bei Nacht, wo er wie ein Geist auf dem Rasenplatze und im Garten umherwanderte, als wäre er von
Sinnen -- was auch wohl der Fall sein mochte; denn einen geistreicheren, kühneren und gewandteren Herrn fand man in der Welt nicht, ehe dieses kleine Ding von Erzieherin ihm in den Weg kam. Er war nicht dem Wein, den Karten oder den Wettrennen ergeben,
wie Andere, und war nicht sehr schön; aber er besaß Muth und eigenen Willen, wie nur irgend ein Mann. Ich kannte ihn von seinen Knabenjahren an, und habe oft gewünscht, diese Miß Eyre wäre in die See gesunken, ehe sie nach Thornfield Hall gekommen.
, So war also Herr Rochester zu Hause, als das Feuer ausbrach?
, Freilich war er zu Hause; er rannte in die Dachstuben hinauf, als bereits Alles über und unter ihm brannte, holte die Diener aus ihren Betten und
half ihnen herunter. Dann kehrte er nochmals zurück, um sein wahnsinniges Weib aus ihrer Hölle zu holen. Da rief man ihm zu, sie sei auf dem Dache, und da stand sie auch wirklich, schlug mit den Armen um sich und schrie, daß man es eine Meile weit hören konnte. Ich selbst sah und hörte Alles mit an. Sie war ein großes Weib und hatte langes schwarzes Haar; wir konnten sehen, wie es gegen die Flammen abstach, wo sie stand. Ich und mehrere Andere sahen Herrn Rochester auf das Dach steigen und hörten, wie er den Namen Bertha rief. Wir sahen, wie er sich ihr näherte, und da, Fräulein, stieß sie einen furchtbaren Schrei aus, that einen Sprung und lag in der nächsten Minute zerschmettert auf dem Steinpflaster.
, Todt?
, Ja, todt, wie die Steine, über die ihr Gehirn Blut hinspritzte.
, Großer Gott!
, Das kann man wohl sagen, es war schrecklich!
Der Erzähler schauderte.
, Und dann? forschte ich weiter.
, Und dann, Fräulein, brannte das Haus bis auf den Grund nieder, und jetzt stehen nur noch wenige Mauern.
, Kamen noch Andere dabei um?
, Nein -- vielleicht wäre es besser gewesen, wenn es geschehen wäre.
, Was meinen Sie damit?
, Der arme Herr Eduard rief der Wirth. Ich hätte nie gedacht, daß ich das erleben würde! Einige sagen, es sei eine gerechte Strafe gewesen, weil er
seine erste Ehe verleugnet und ein zweites Weib habe nehmen wollen, während die erste noch am Leben war; aber ich meines Theiles habe Mitleid mit ihm.
, Sie sagten ja, er lebe? rief ich.
, Ja, ja, er lebt, aber Viele meinen, es wäre besser gewesen, wenn er gestorben wäre.
, Warum? Wie?
Mein Blut erstarrte wieder.
, Wo ist er? fragte ich. Ist er in England?
, Ja -- ja -- er ist in England, ich glaube, er kann England nicht verlassen -- er ist nur ein Schatten von dem, was er früher war.
Welche Qual für mich! und der Mann schien entschlossen, sie nach Möglichkeit zu verlängern.
, Er ist stockblind, sagte er endlich. Ja -- Herr Eduard ist stockblind.
Ich hatte etwas noch Schlimmeres gefürchtet. Ich hatte gefürchtet, er sei wahnsinnig. Ich sammelte meine Kräfte, um zu fragen, wie er um das Augenlicht gekommen sei.
, Sein Muth und seine Aufopferung für Andere waren schuld daran, mein Fräulein. Er wollte das Haus nicht eher verlassen, als bis Alle vor ihm hinaus waren. Als er endlich die große Treppe herunterkam,
nachdem Mistreß Rochester sich von den Zinnen herabgestürzt hatte, hörte man ein heftiges Krachen, und Alles brach zusammen. Er wurde schwer verletzt unter den Trümmern hervorgezogen. Ein Balken
war so gefallen, daß er ihn vor dem Zermalmtwerden beschützt hatte, aber das eine Auge war herausgeschlagen. Das andere Auge war entzündet, und er sah auch damit nicht. Jetzt ist er hilflos und blind.
, Wo ist er? Wo wohnt er?
, Zu Ferndean in einem Hause, welches ihm gehört; es ist ein ganz abgelegener, einsamer Ort, etwa fünfzehn Stunden von hier.
, Wer ist bei ihm?
, Der alte John und seine Frau, er wollte sonst Niemand bei sich haben. Man sagt, es stehe sehr schlecht mit ihm.
, Haben Sie irgend ein Fuhrwerk?
, Ich habe eine Chaise, Fräulein, eine sehr hübsche Chaise.
, Lassen Sie sogleich anspannen, und wen Ihr Postillon mich heute vor Anbruch der Nacht nach Ferndean bringt, so will ich das Doppelte des gewöhnlichen Fahrpreises zahlen.
Achtunddreißigstes Capitel.
Das Herrenhaus zu Ferndean war ein Gebäude von beträchtlichem Alter, mäßiger Größe, ohne Anspruch auf architektonische Schönheit. Es lag mitten im Walde. Ich hatte schon früher davon gehört. Herr Rochester sprach oft davon und reiste zuweilen auch hin. Sein Vater hatte das Gut wegen der Jagd gekauft. Er würde das Haus vermiethet haben, doch
konnte er wegen der unbequemen und ungesunden Tage keinen Miether finden. Ferndean blieb also unbewohnt und unmöblirt, mit Ausnahme von zwei oder drei Zimmern, die für den Besitzer eingerichtet waren, wenn er zur Jagdzeit dorthin kam.
Dieses Haus erreichte ich gerade vor Anbruch der Nacht, während ein kalter Wind wehte und ein durchdringender Regen von dem grauen Himmel herabfiel. Die letzte halbe Stunde machte ich zu Fuß, nachdem ich den Postillon mit dem Wagen entlassen und ihm das Doppelte gegeben, was ich ihm versprochen. Selbst in geringer Entfernung von dem Herrenhause konnte ich noch nichts davon sehen, so dicht standen die Bäume des finsteren Waldes, der es umgab. Ein eisernes Thor zwischen granitenen Pfeilern zeigte mir den Eingang, und als ich dasselbe passirt hatte, befand ich mich auf einem mit
Gras bewachsenen Wege, welcher zwischen Bäumen mit rauhen und knorrigen Stämmen und weit verzweigten Aesten hinführte. Ich verfolgte diesen Weg, aber er schien kein Ende nehmen zu wollen, sondern zog sich immer weiter und weiter; es war keine Spur von einer Wohnung oder einer Anlage sichtbar.
Ich dachte schon, ich hätte eine falsche Richtung eingeschlagen und sah mich in der durch den Regen vermehrten Dunkelheit nach einem anderen Wege um. Es war jedoch keiner da und nichts war zu sehen,
als dichtverwachsene Gesträuche und hohe Stämme in ihrem Sommerlaub -- nirgends eine Lichtung. -- Ich ging auf dem alten Pfade weiter, endlich wurde er breiter, die Bäume standen weniger dicht, zuerst sah ich ein Gitter und dann ein Haus, bei der zunehmenden Finsternis kaum zu unterscheiden, so grün und bemoost waren die Mauern. Indem ich durch ein Thor trat welches nur eingeklinkt war, stand ich auf einem Rasenplatze, der im Halbkreise von dem Walde
umgeben war. Es waren weder Blumen, noch Gartenbeete zu sehen, nur ein breiter Kiesweg zog sich um den Grasplatz. Die Front des Hauses zeigte zwei spitze Giebel; die Fenster waren schmal und vergittert, die Vorderthür war ebenfalls eng, und es führte eine einzige Stufe zu derselben hinauf. Das Ganze war, wie der Wirth vom Wappen der
Rochester mir gesagt, ein trostloser Ort. Kirchhofsstille herrschte hier, nichts ließ sich vernehmen als das Plätschern des Regens auf das Laub des Waldes.
, Können hier lebende Wesen sein? fragte ich.
Ja, Leben irgend einer Art war da, denn ich vernahm soeben ein Geräusch -- die schmale Vorderthür öffnete sich langsam.
Eine Gestalt trat in die Dämmerung hinaus und blieb auf der Stufe stehen; ein Mann ohne Hut streckte die Hand aus, um zu fühlen, ob es noch regnete. So dunkel es war, erkannte ich ihn doch -- es war mein Herr, Eduard Fairfax Rochester, und kein anderer.
Ich hielt meinen Schritt und fast meinen Athem an, um ihn zu beobachten -- zu betrachten -- ach! ihm selbst unsichtbar. Es war ein sehr plötzliches Wiedersehen, und das Entzücken, welches es mir
verursachte, wurde tausendmal aufgewogen durch den Jammer, welchen ich bei seinem Anblick empfand.
Es wurde mir schwer, einen Aufschrei zurückzuhalten und mich nicht in seine Arme zu stürzen.
Seine Gestalt hatte dieselben kräftigen Umrisse wie früher, seine Haltung war noch gerade, sein Haar noch rabenschwarz; auch waren seine Züge nicht verändert oder abgefallen, diese athletische Stärke hatte im Laufe eines Jahres durch keinen Kummer gebrochen, diese edle Manneskraft nicht vernichtet werden können, aber in seinem Gesichte bemerkte ich eine Veränderung, es erschien verzweiflungsvoll und
düster -- es erinnerte mich an ein gefesseltes wildes Thier, dem man sich in seinem dumpfen Schmerze nur mit Gefahr nähern kann. Ich war weit entfernt, ihn in seiner blinden Wildheit zu fürchten. Mit meinem Schmerz mischte sich die süße Hoffnung, daß ich bald einen Kuß auf die fest geschlossenen Augenlider drücken werde; aber ich wollte ihn noch nicht anreden.
Er kam die Stufe herunter und ging langsam tappend auf den Rasenplatz zu. Wo war jetzt sein kühner Schritt? Dann blieb er stehen, als wisse er nicht, wohin er sich wenden sollte. Er erhob die Hand und richtete seine Augen mit großer Anstrengung auf den Himmel und auf den rings sich
ausdehnenden Wald; man sah, daß für ihn Alles leere Dunkelheit war. Er streckte seine rechte Hand aus, um sich dessen, was ihn umgab, durch den Gefühlssinn bewußt zu werden, aber auch hier fand er nur einen leeren Raum, denn die Bäume waren einige Schritte von der Stelle entfernt, wo er stand. Er gab das Bemühen auf, schlug seine Arme übereinander und stand ruhig und still im Regen, der dicht auf sein unbedecktes Haupt fiel. In diesem Augenblick kam John herbei.
, Wollen Sie nicht meinen Arm fassen, Herr? sagte er, es fällt ein starker Regen und es ist besser wenn Sie hineingehen.
, Laß mich in Ruhe, war die Antwort.
John entfernte sich, ohne mich bemerkt zu haben. Herr Rochester versuchte jetzt umher zu gehen, aber jeder seiner Schritte war unsicher. Er fand den Weg zum Hause wieder, trat ein und machte die Thür
hinter sich zu.
Jetzt näherte ich mich und klopfte an. John's Frau öffnete mir.
, Maria, sagte ich, wie geht es Ihnen?
Sie fuhr zurück, als hätte sie einen Geist gesehen, doch ich beruhigte sie.
, Sind Sie es wirklich, Miß, und kommen in so später Stunde an diesen einsamen Ort? fragte sie hastig.
Ich faßte ihre Hand, statt zu antworten, und folgte ihr in das Wohnzimmer, wo John jetzt vor einem guten Feuer saß. Dort erklärte ich Beiden in wenigen Worten, daß ich Alles wisse, was geschehen
sei, seit ich Thornfield verlassen, und daß ich gekommen sei, um Herrn Rochester zu besuchen. Ich bat John, zu dem Chausseegeldeinnehmer zu gehen, welchem ich meinen Koffer anvertraut hatte, nachdem
ich den Wagen entlassen, und mir mein Gepäck heraufzubringen. Dann fragte ich, während ich meinen Hut und mein Tuch ablegte, ob man mich die Nacht im Hause behalten könne. Als Maria erwiderte, daß sich
dies, wenn auch nicht ohne einige Schwierigkeiten, ermöglichen ließe, beschloß ich dazubleiben. Gerade in dem Augenblicke wurde im Wohnzimmer geklingelt.
, Wenn Sie hineingehen, sagte ich, so melden Sie Ihrem Herrn, es sei Jemand da; der ihn zu sprechen wünsche, nennen Sie aber meinen Namen nicht.
, Ich glaube nicht, daß er Sie vorlassen wird, antwortete Maria, er weist Jeden zurück.
Als sie wiederkam, fragte ich, was er gesagt habe.
, Sie sollen ihm Ihren Namen und Ihr Anliegen sagen lassen, entgegnete sie. Dann füllte sie ein Glas mit Wasser, stellte es auf einen Teller und
nahm auch zwei Leuchter.
, Klingelte er Ihnen deshalb? fragte ich.
, Ja; er läßt immer Licht hereinbringen, wenn es dunkel wird, obgleich er nichts von der Helle bemerkt.
, Geben Sie mir den Teller, ich will ihn hineintragen.
Ich nahm ihn ihr aus der Hand, und sie zeigte mir die Thür zum Wohnzimmer. Der Teller zitterte in meiner Hand, das übergeschüttete Wasser lief darauf, und mein Herz klopfte mir fast hörbar in der Brust. Maria öffnete mir die Thür und machte sie hinter mir zu.
Das Zimmer sah düster und unwohnlich aus,
ein vernachlässigtes Feuer glomm in dem Kamin, und über dasselbe gebeugt, den Kopf auf das hohe, altmodische Kaminsims gestützt, stand der blinde Bewohner des Zimmers da. Sein alter Hund Pilot lag auf der einen Seite und hielt sich etwas fern, um nicht aus Versehen getreten zu werden. Pilot spitzte die Ohren, als ich hereinkam, richtete sich dann winselnd auf und sprang auf mich zu, so daß mir fast der Teller aus der Hand gefallen wäre. Als ich den Teller auf den Tisch gesetzt hatte, streichelte ich den Hund und sagte leise: Sei ruhig, Pilot! Herr Rochester wendete sich mechanisch um, als wollte er nach der Ursache des Geräusches forschen; da er aber nichts sehen konnte, wandte er den Kopf wieder ab und seufzte laut auf.
, Gib mir das Wasser, Maria, sagte er.
Ich näherte mich ihm mit dem jetzt nur noch halb gefüllten Glase. Pilot folgte mir noch immer aufgeregt.
, Was gibt's? fragte er.
, Ruhig, Pilot! sagte ich wieder. Er setzte das Glas auf dem Wege zu seinen Lippen ab und schien
zu horchen; endlich trank er und setzte das Glas wieder hin.
, Du bist es doch, Maria? fragte er.
, Maria ist in der Küche, antwortete ich.
Er streckte mit einer raschen Bewegung seine Hand aus, da er aber nicht sah, wo ich stand, so erreichte er mich nicht.
, Wer ist da? Wer ist da? fragte er in größter Spannung, und schien mit den armen, blinden Augen die ihn umgebende Nacht durchdringen zu wollen. Vergebliches, trauriges Bemühen! , Antworte mir -- rede noch einmal! befahl er gebieterisch und laut.
, Wollen Sie noch ein wenig Wasser, Herr? Ich habe die Hälfte aus dem Glase verschüttet, sagte ich.
, Wer ist es? Was geht hier vor? Wer spricht hier?
, Pilot kennt mich und John und Maria kennen mich auch, antwortete ich, ich kam erst diesen Abend.
, Großer Gott! -- Welche Täuschung hat sich meiner bemächtigt! Welch' süßer Wahnsinn hat mich erfaßt?
, Keine Täuschung -- kein Wahnsinn, Ihr Geist, mein Herr, ist zu stark, um Täuschungen zu verfallen, Ihre Gesundheit zu kräftig für den Wahnsinn.
, Und wer ist die Person, die hier redet? Ist es nur eine Stimme? O! ich kann nicht sehen, aber ich muß fühlen, oder mein Herz hört auf zu schlagen und mein Kopf zerspringt. Wer und was du auch sein magst -- berühre mich oder ich kann nicht leben!
Er tastete hastig um sich; ich ergriff seine unsichere Hand und hielt sie in der meinen.
, Ihre eigenen Finger! rief er, ihre kleinen, schlanken Finger! Wenn die hier sind, so muß auch noch mehr von ihr da sein.
Seine muskulöse Hand entriß sich der meinen, er faßte meinen Arm, meine Schulter -- meinen Hals -- meine Taille -- ich fühle mich von ihm umschlungen und an sich gezogen.
, Ist es Johanna? Oder was ist es? Dies ist ihre Gestalt -- dies ihre Größe --
, Und dies ist ihre Stimme, fügte ich hinzu.
, Sie ist ganz und gar hier und ihr Herz auch. Gott segne Sie, mein Herr! Ich bin glücklich, Ihnen wieder so nahe zu sein.
, Johanna Eyre! -- Johanna Eyre! war Alles, was er zu sagen vermochte.
, Mein theurer Herr, antwortete ich, ich bin Johanna Eyre, ich habe Sie aufgefunden -- ich bin zu Ihnen zurückgekehrt.
, In Wahrheit? -- In Fleisch und Blut? Meine lebende Johanna?
, Sie halten mich, Herr, Sie halten mich ja, und zwar fest genug. Bin ich es denn nicht?
, Mein Liebling am Leben! Dies sind ihre Glieder und dies sind gewiß ihre Züge, aber ich kann nicht so beglückt werden nach all meinem Elend. Es ist ein Traum, ein Traum, wie ich ihn oft in der Nacht hatte, wenn ich sie wieder an mein Herz zu drücken glaubte, wie jetzt. Aber ich erwachte stets und fand, daß es bittere Täuschung gewesen war; ich fühlte mich trostlos und verlassen -- mein Leben war traurig einsam und hoffnungslos -- meine Seele dürstete und es war ihr der süße Trank versagt -- mein Herz hungerte und durfte sich nimmer sättigen. Ein sanfter, milder Traum ruht jetzt in meinen Armen, doch auch er wird entfliehen, wie seine Brüder vor ihm entflohen sind; aber küsse mich, ehe du gehst -- umarme mich, Johanna.
, Ja, mein Herr, einmal -- und noch einmal!
Ich drückte meine Lippen auf seine einst so strahlenden und jetzt glanzlosen Augen, ich strich ihm das Haar aus der Stirn und küßte auch diese. Er schien plötzlich zu erwachen, die Ueberzeugung von der Wirklichkeit bemächtigte sich seiner.
, Bist du es -- du, Johanna? Du bist also zu mir zurückgekehrt?
, Ja, das bin ich.
, Und du liegst nicht todt in einem Grabe, oder auf dem Grunde eines Flusses? Du weilst nicht traurig, einsam und verlassen unter Fremden.
, Nein, Herr, ich bin jetzt völlig unabhängig.
, Unabhängig? Was meinst du damit, Johanna?
, Mein Oheim in Madeira ist gestorben, und hat mir fünftausend Pfund hinterlassen.
, Ach! das ist praktisch gesprochen -- jetzt sind wir in der Wirklichkeit! rief er. , Ich höre wieder ihre eigenthümliche Stimme, so belebend, so pikant und doch so sanft, sie erfrischt mein verwelktes Herz!
Wie, Johanna! Du bist unabhängig und reich?
, Beinahe reich, Herr. Wenn Sie nicht zugeben wollen, daß ich bei Ihnen wohne, so kann ich mir selbst ein Haus dicht nebenan bauen lassen, und Sie können kommen und bei mir im Zimmer sitzen, wenn Sie Abends Gesellschaft wünschen.
, Aber da du reich bist, Johanna, so hast du jetzt ohne Zweifel Freunde, die sich um dich bekümmern und nicht zugeben werden, daß du dich eines Blinden annimmst, wie ich einer bin?
, Ich sagte Ihnen ja, daß ich unabhängig sei, mein Herr, folglich bin ich auch meine eigene Herrin.
, Und du willst bei mir bleiben?
, Gewiß -- wenn Sie nichts dagegen haben. Ich will Ihre Nachbarin, Ihre Wärterin, Ihre Haushälterin sein. Ich finde Sie hier einsam, ich will Ihnen Gesellschaft leisten, Ihnen vorlesen, mit Ihnen ausgehen, bei Ihnen sitzen, Ihnen aufwarten, Auge und Hand für Sie sein. Sehen Sie nicht mehr so schwermüthig aus, mein lieber Herr, Sie sollen nicht
mehr verlassen sein, so lange ich lebe.
Er antwortete nicht, er schien in ernste Gedanken versunken; einmal öffnete er seine Lippen, als wollte er reden, und schloß sie dann wieder. Ich fühlte mich ein wenig verlegen. Vielleicht war ich zu dienstfertig in meinem Anerbieten gewesen, ihm Gesellschaft und Beistand zu leisten; vielleicht hatte ich zu rasch die Schranke des Herkömmlichen übersprungen, und er sah
Unschickliches in meiner Unbedachtsamkeit. Ich hatte freilich meinen Vorschlag unter der Voraussetzung gemacht, daß er mich zu seiner Gattin wünschen werde. Wenn ich der Erwartung, daß er mich sofort als sein Eigenthum reclamiren würde, auch keine Worte verliehen, so hatte ich sie deshalb nicht weniger bestimmt gehegt. Aber keine Anspielung der Art sprach er aus, und da sein Gesicht sich immer mehr verfinsterte, so begann ich zu fürchten, daß ich vielleicht, ohne es zu wissen, eine Thorheit begangen hätte. Ich wollte mich sanft aus seinen Armen losmachen, doch er ergriff mich lebhaft und hielt mich noch fester.
, Nein -- nein -- Johanna, du darfst nicht gehen. Nein -- ich habe dich angerührt, deine Stimme gehört, und das Glück deiner Gegenwart, die Süßigkeit deines Trostes gefühlt, ich kann diese Freude nicht wiederum opfern. Es ist mir wenig übrig geblieben -- ich muß dich haben, die Welt mag mich thöricht und selbstsüchtig nennen -- aber es liegt nichts daran.
Meine innerste Seele fordert dich, ihr Begehr muß erfüllt werden, oder sie sprengt ihre sterbliche Hülle.
, Nun gut, Herr, ich will bei Ihnen bleiben, ich habe es ja gesagt.
, Ja -- aber wenn du sagst, du willst bei mir bleiben, so verstehst du etwas Anderes darunter, als ich. Du könntest dich vielleicht entschließen, mir zur Hand zu sein, mir zu dienen, wie eine freundliche
kleine Pflegerin, denn du hast ein zärtliches Herz und einen edlen Geist, die dich bestimmen, denen Opfer darzubringen, die du bemitleidest. Freilich sollte mir das ohne Zweifel genügen. Ich sollte jetzt keine anderen als väterliche Gefühle für dich hegen. Nicht wahr, der Ansicht bist du auch! Komm, sage mir, was du denkst.
, Ich will denken, wie Sie es wünschen, Herr, ich bin zufrieden damit, nur Ihre Pflegerin zu sein, wenn Sie es so für besser halten.
, Aber du kannst nicht immer meine Pflegerin sein, Johanna, du bist jung -- du mußt dich einst verheiraten.
, Es liegt mir nichts am Heiraten.
, Es sollte dir aber daran liegen, Johanna. Wenn ich noch wäre, was ich einst war, so wollte ich schon machen, daß dir daran liegen sollte -- aber
als ein Blinder!
Er versank wieder in seine Schwermuth. Ich im Gegentheil wurde heiterer und faßte frischen Muth, da mir seine letzten Worte zeigten, wo die Schwierigkeit lag. Ich setzte die Unterhaltung in lebhafterem
Tone fort.
, Es ist Zeit, daß Jemand die Arbeit übernimmt, Ihnen wieder ein menschliches Aussehen zu geben, sagte ich, seine dichten und unbeschnittenen Locken von einander theilend, denn wie ich sehe, haben Sie sich langsam in einen Löwen oder dergleichen verwandelt.
Indessen muß ich Sie zunächst auf einen Augenblick verlassen, um ein besseres Feuer anmachen und den Kamin reinigen zu lassen. Können Sie es sehen wenn das Kaminfeuer hell auflodert?
, Ja, mit dem rechten Auge sehe ich einen Schimmer -- wie einen röthlichen Nebel.
, Und Sie sehen die Lichter?
, Sehr trübe -- jedes wie eine lichte Wolke.
, Sehen Sie mich?
, Nein, meine Fee, aber ich bin schon dankbar genug, wenn ich dich nur hören und fühlen kann.
, Wann speisen Sie zu Abend?
, Ich speise nie zu Abend.
, Aber heute müssen Sie es thun. Ich bin hungrig, und ich denke, Sie auch, Sie vergessen es nur.
Ich rief Maria herein und hatte bald eine bessere Ordnung im Zimmer hergestellt; auch bereitete ich ihm eine gute Mahlzeit. Mein Geist war angeregt, und mit Vergnügen sprach ich während des Abendessens mit ihm, und noch eine lange Zeit nachher. Hier gab es keinen kalten Zwang, kein Unterdrücken der Heiterkeit und Lebhaftigkeit in seiner Nähe, bei ihm war ich vollkommen unbefangen, denn ich wußte, daß es ihm gefiel, und Alles, was ich sagte oder that,
schien ihn zu trösten oder zu beleben. Herrliches Bewußtsein! In seiner Gegenwart lebte ich völlig auf und er in der meinigen. Trotz seiner Blindheit spielte ein Lächeln um sein Gesicht, Freude thronte auf seiner
Stirn, seine Züge wurden milder und weicher.
Nach dem Abendessen begann er mir manche Fragen vorzulegen, wo ich gewesen, was ich gethan und wie ich ihn aufgefunden, doch gab ich ihm nur sehr karge Auskunft, denn es war zu spät um an dem Abend noch Alles ausführlich zu erzählen. Ueberdies wünschte ich keine zu schmerzliche Saite zu berühren, keine frische Quelle der Aufregung in seinem Herzen zu öffnen; mein einziger gegenwärtiger Zweck war, ihn zu erheitern. Er wurde auch erheitert, doch immer nur auf Augenblicke. Wenn die Unterhaltung durch ein kurzes Schweigen unterbrochen wurde, wendete er sich unruhig um, berührte mich und sagte: , Johanna,
du bist doch wirklich ein menschliches Wesen? Du bist doch dessen gewiß?
, Ich glaube es ganz bestimmt, Herr Rochester.
, Aber wie konntest du an diesem dunklen und trostlosen Abend dich so plötzlich an meinem einsamen Herde einfinden? Ich streckte meine Hand aus, um ein Glas Wasser von meiner Dienerin zu nehmen, und es wurde mir von dir gereicht; ich that eine Frage und erwartete, daß Johns Frau mir antworten würde, und deine Stimme tönte in mein Ohr.
, Weil ich anstatt Marias mit dem Teller hereingekommen war.
, Und ein wahrer Zauber liegt in der Stunde, die ich jetzt mit dir verbringe. Niemand weiß, welch' ein düsteres, trauriges und hoffnungsloses Leben ich seit Monaten führte; wie ich nichts that, nichts erwartete, Tag und Nacht verwechselte und nur die Empfindung der Kälte hatte, wenn ich das Feuer aus gehen ließ, des Hungers, wenn ich zu essen vergaß, und dann zu Zeiten von einem an Wahnsinn grenzenden Verlangen, meine Johanna wiederzusehen, erfüllt wurde. Ja, sie wieder zu haben, verlangte
mich weit mehr, als nach meinem verlorenen Augenlicht. Wie kann es sein, daß Johanna bei mir ist und sagt, daß sie mich sieht? Wird sie nicht ebenso plötzlich wieder verschwunden sein, als sie kam? Morgen, fürchte ich, wird sie nicht mehr da sein.
Eine prosaische Antwort war bei seinem Gemüthszustande gewiß das Beste und Beruhigendste. Ich fuhr mit meinem Finger über seine Augenbrauen, bemerkte, daß sie versengt waren, und sagte, ich wolle etwas anwenden, wonach sie wieder ebenso stark und schwarz werden würden, als früher.
, Wozu nützt es, mir irgend einen Dienst zu erweisen, wohlthätiger Geist, wenn du in einem unheilvollen Augenblick gleich einem Schatten wieder verschwinden und mir dann für immer unerreichbar bleiben wirst?
, Haben Sie einen Taschenkamm bei sich, mein Herr?
, Wozu, Johanna?
, Nur um diese struppige, schwarze Mähne auszukämmen. Ich finde Sie in der Chat fürchterlich, wenn ich Sie in der Nähe ansehe. Wenn Sie sagen, ich sei eine Fee, so gleichen Sie um so mehr einem Kobolde.
, Bin ich denn so garstig, Johanna?
, Sehr garstig, mein Herr, Sie wissen wohl, Sie waren es immer.
, Hm! die Bosheit hast du nicht verlernt, wo du auch bisher gesteckt haben magst.
, Ich bin bei guten Leuten gewesen, die viel besser sind, als Sie, hundertmal besser; bei Leuten, die Gedanken und Ansichten hegten, die Ihnen im Leben nicht eingefallen wären, die viel feiner und gebildeter sind als Sie.
, Bei wem, zum Henker, bist du denn gewesen?
, Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, werde ich Ihnen Haare aus dem Kopfe reißen, und dann werden Sie wohl aufhören, an meiner wirklichen Gegenwart zu zweifeln.
, Bei wem bist du gewesen, Johanna?
, Heute Abend sollen Sie es nicht von mir herausbringen, mein Herr; Sie müssen bis morgen warten. Daß ich meine Geschichte nur halb erzähle, möge für Sie eine Art von Unterpfand sein, daß ich an Ihrem Frühstücktische erscheinen werde, um sie zu beenden. Beiläufig gesagt, werde ich mich dann nicht begnügen, nur mit einem Glase Wasser an Ihrem Kamin zu erscheinen, ich muß wenigstens ein Ei bringen, von
gekochtem Schinken gar nicht zu reden.
, Du spöttischer Balg -- von einer Fee geboren und von Menschen erzogen! Du bringst Gefühle in mir hervor, die ich seit einem Jahre nicht
empfunden. Wenn Saul dich zum David gehabt hätte, so hätte der böse Geist ohne die Hilfe der Harfe verbannt werden können.
, So mein Herr, nun sehen Sie wieder menschlich aus, und jetzt will ich Sie allein lassen, ich bin in den letzten drei Tagen weit gereist und glaube, ich bin ermüdet. Gute Nacht!
, Noch ein Wort, Johanna! Waren nur Damen in dem Hause, wo du dich aufgehalten hast?
Ich lachte und entfloh, und lachte noch, als ich die Treppe hinaufeilte.
Ein guter Einfall! dachte ich freudig. Ich sehe, ich habe das Mittel gefunden, ihn auf einige Zeit von seiner Schwermuth abzubringen.
Sehr früh am nächsten Morgen hörte ich ihn schon im Hause herumwandern und sich von einem Zimmer zum andern tappen. Als Maria herunterkam, hörte ich ihn fragen:
, Ist Miß Eyre hier? Welches Zimmer hast du ihr angewiesen? War es auch nicht feucht? Ist sie schon auf? Geh und frage sie, ob sie irgend etwas braucht, und wann sie herunterkommen will.
Ich ging hinunter, sobald ich glaubte das Frühstück für ihn bekommen zu können. Ich trat sehr leise ins Zimmer und so konnte ich ihn betrachten, ehe er meine Gegenwart bemerkte. Es war in der That
traurig zu sehen, wie körperliche Gebrechlichkeit diesen mächtigen Geist unterjocht hatte. Er saß still in seinem Stuhle, schien aber keine Ruhe zu haben und war offenbar in lebhafter Erwartung. Die Linien beständiger Traurigkeit bezeichneten vorherrschend seine Züge, und diesen die alte Lebhaftigkeit wieder zurück zu geben, lag ebenso wenig in seiner Macht, wie eine erloschene Lampe sich selbst wieder zu entzünden vermag, er mußte diesen Dienst von einem Anderen erwarten. Ich hatte froh und sorglos sein wollen, aber die Hilflosigkeit des starken Mannes rührte tief mein Herz. Dennoch redete ich ihn so heiter an, als ich konnte.
, Es ist ein schöner, sonniger Morgen, mein Herr, sagte ich. , Der Regen ist vorüber, die Sonne scheint milde und Sie sollen bald einen Spaziergang machen. Ich hatte jene Lebhaftigkeit angefacht, von der
ich eben sprach, seine Züge strahlten. , O, bist du wirklich da? komm zu mir. Du bist nicht wieder fort, nicht verschwunden, meine Himmelslerche? Ich hörte vor einer Stunde eine deiner Art hoch über dem Walde singen, aber ihr Lied war keine Musik für mich, ebenso wenig, wie die aufgehende Sonne Strahlen für mich hatte. Alle Melodie auf Erden liegt für mein Ohr in der Zunge meiner Johanna -- es ist
mir lieb, daß sie keine schweigsame ist -- und aller Sonnenschein, den ich fühlen kann, liegt in ihrer Gegenwart.
Das Wasser trat mir in die Augen, als ich dieses Geständnis seiner Abhängigkeit hörte. Es war gerade so, als wenn ein auf eine Stange gefesselter königlicher Adler genöthigt wäre, einen Sperling zu bitten,
sein Versorger zu sein. Aber ich wollte mich nicht den Thränen hingeben, ich trocknete meine Augen und beschäftigte mich mit der Bereitung des Frühstücks.
Der größte Theil des Morgens wurde in der freien Luft zugebracht. Ich führte Herrn Rochester
aus dem nassen und wilden Walde auf heitere Felder; ich beschrieb ihm, wie glänzend grün sie wären; wie erfrischt die Blumen und Hecken aussahen; wie schimmernd blau der Himmel sei. Ich suchte einen Sitz
für ihn an einer verborgenen und lieblichen Stelle auf einem trockenen Baumstamm. Auch weigerte ich mich nicht, mich von ihm, als er saß, auf sein Knie ziehen zu lassen. Warum sollte ich es auch, da wir, je näher einander, desto glücklicher waren. Pilot lag neben uns, Alles war ruhig. Plötzlich brach Rochester das Schweigen, während er mich in seine Arme drückte:
, O! wie grausam war es, mich zu verlassen! O, Johanna, was fühlte ich, als ich entdeckte, daß du von Thornfield entflohen seiest und ich dich nirgends finden konnte, als ich dein Zimmer durchsuchte und fand, daß du kein Gold mitgenommen und nichts bei dir hattest, was dir an Goldes statt dienen konnte. Das Perlenhalsband, welches ich dir gegeben, lag
unberührt in seinem kleinen Kästchen; deine Koffer hattest du verschlossen noch so zurückgelassen, wie sie zu der beabsichtigten Hochzeitsreise gepackt waren. Was kann mein Liebling anfangen, fragte ich, da er von Allem entblößt und ohne Gold ist? Und was thatest du? Laß mich das jetzt hören.
So aufgefordert, begann ich die Erzählung meiner Erlebnisse. Ich milderte meinen Bericht über die drei Tage des Umherwanderns und Hungerns sehr, weil ich ihm nur unnöthigen Schmerz verursacht hätte,
wenn ich ihm Alles erzählt haben würde. Schon das Wenige, was ich sagte, verwundete sein treues Herz tiefen, als ich es wünschte. Ich hätte ihn nicht so verlassen sollen, sagte er, ohne Mittel zum Fortkommen zu haben, ich hätte ihm meine Absicht mittheilen und ihm vertrauen sollen. So heftig er auch in seiner Verzweiflung geschienen, habe er mich doch in Wahrheit zu innig und zärtlich geliebt, um mein Tyrann zu werden; er hätte mir sein halbes Vermögen gegeben, ohne auch nur einen Kuß dafür zu verlangen;
lieber, als daß ich mich freudlos in die weite Welt gestürzt hätte. Er sei gewiß, ich habe viel mehr gelitten, als ich ihm bekennen wolle.
, Nun gut, antwortete ich, welcher Art auch meine Leiden und Entbehrungen gewesen sein mochten, sie waren wenigstens von kurzer Dauer.
Hierauf erzählte ich ihm, wie ich in Moor-House aufgenommen worden, wie ich die Stelle als Schullehrerin erhalten u. s. w. Die Erbschaft und die Entdeckung meiner Verwandten folgten in gehöriger Ordnung. Natürlich kam der Name meines Vetters Saint John Rivers häufig in meiner Erzählung vor. Als ich zu Ende war, wurde dieser Name sogleich aufgegriffen.
, Dieser Saint John ist also dein Vetter?
, Ja.
, Gefiel er dir?
, Er ist ein sehr guter Mann, mein Herr; er mußte mir wohl gefallen.
, Ein guter Mann? Meinst du damit einen respectablen, achtungswerthen Mann von fünfzig Jahren?
, Saint John ist erst neunundzwanzig Jahre alt, mein Herr.
, Also noch jung. Ist er phlegmatisch und gewöhnlich? Ist er ein Mann, dessen Güte mehr in seiner Reinheit vom Laster, als in seinem Eifer für
die Tugend besteht?
, Er ist unermüdlich thätig. Große und erhabene Thaten sind es, die er zu vollbringen wünscht.
, Ist er ein talentvoller Mann?
, Saint John ist ein hervorragender und gründlich gebildeter Gelehrter.
, Aber mich dünkt, du sagtest, sein Benehmen sei nicht nach deinem Geschmack -- zudringlich und salbungsvoll?
, Ich sprach durchaus nicht von seinem Benehmen, aber ich müßte einen sehr schlechten Geschmack haben, wenn es mir nicht gefiele, denn es ist gebildet, ruhig und vornehm.
, Sein Aeußeres -- ich vergaß, welche Beschreibung du mir von seinem Aeußeren machtest -- ein unbeholfener Landpfarrer, der in seiner weißen Cravatte halb erstickt und auf seinen dicksohligen Stiefeln wie auf Stelzen geht, was?
, Saint John ist immer gut gekleidet. Er ist ein schöner Mann, groß und blond, mit blauen Augen und einem griechischen Profil.
, Zum Henker mit ihm, brummte Rochester. , Gefiel er dir, Johanna? fügte er laut hinzu.
, Ja, er gefiel mir, aber das haben Sie mich schon einmal gefragt.
Ich bemerkte natürlich schon lange, was in dem Fragesteller vorging. Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt und quälte ihn; aber die Qual war ein Heilmittel gegen die an ihm nagende Schwermuth. Ich wollte ihn daher auch nicht sofort von jener Leidenschaft befreien.
, Vielleicht sitzen Sie nicht gern länger auf meinem Knie, Miß Eyre? war die nächste, etwas unerwartete Bemerkung.
, Warum nicht, Herr Rochester?
, Das Bild, welches Sie mir soeben entworfen haben, muß Ihnen den überwältigenden Contrast noch deutlicher vor Augen führen. Ihre Worte haben einen Apoll auf das anmuthigste gezeichnet; er steht Ihnen
sehr lebhaft vor Augen -- schlank, bleich, blaue Augen, griechisches Profil! Und jetzt ruhen Ihre Augen auf einem Vulkanus -- einem wahren Grobschmied, braun, breitschulterig und obendrein noch blind.
, Daran habe ich bis jetzt noch nicht gedacht, aber Sie gleichen in der That dem Vulkanus, mein Herr.
, Gut -- Sie können mich jetzt verlassen, mein Fräulein; doch ehe Sie gehen? -- und er hielt mich fester als je -- werden Sie so gut sein, mir eine oder zwei Fragen zu beantworten.
, Welche Fragen, Herr Rochester?
, Saint John machte Sie zur Schullehrerin in Morton, ehe er wußte, daß Sie seine Cousine waren?
, Ja.
, Sie sahen ihn oft? Er besuchte die Schule zuweilen?
, Täglich.
, Er entdeckte Vieles in Ihnen, was er nicht zu finden erwartet? Einige von Ihren Talenten sind nicht gewöhnlich.
, Ich weiß nichts davon.
, Sie bewohnten ein kleines Haus neben der Schule, sagen Sie; besuchte er Sie jemals dort?
, Ein- oder zweimal.
Hier trat eine Pause ein.
, Wie lange hielten Sie sich bei ihm und seinen Schwestern auf, nachdem die Verwandtschaft entdeckt war?
, Fünf Monate.
, Brachte Rivers viel Zeit bei seinen Schwestern?
, Ja, das Wohnzimmer war zugleich sein und unser Studierzimmer, er saß am Fenster und wir am Tische.
, Studierte er viel?
, Sehr viel.
, Was?
, Die hindostanische Sprache.
, Was thaten Sie indessen?
, Ich lernte Anfangs die deutsche Sprache.
, Unterrichtete er Sie darin?
, Er verstand nicht Deutsch.
, Unterrichtete er Sie denn in nichts?
, Ein wenig in der hindostanischen Sprache.
, Rivers unterrichtete Sie in der hindostanischen Sprache?
, Ja, mein Herr.
, Was sollte Ihnen das Hindostanische nützen?
, Er wollte, daß ich mit ihm nach Indien gehen sollte.
, Ah! da haben wir den Kern von der Sache. Er wollte, Sie sollten ihn heiraten?
, Er forderte mich auf, ihn zu heiraten.
, Das ist eine Lüge -- eine unverschämte Erfindung, um mich zu ärgern.
, Ich bitte um Verzeihung, es ist die buchstäbliche Wahrheit, er machte mir mehr als einmal den Antrag und war in dieser Hinsicht so dringend, wie Sie es nur je sein konnten.
, Miß Eyre, ich wiederhole es, Sie können mich verlassen. Wie oft soll ich es sagen? Warum bleiben Sie so beharrlich auf meinem Knie sitzen, da ich Ihnen doch schon gesagt habe, daß Sie aufstehen können?
, Weil ich mich hier sehr wohl fühle.
, Nein, Johanna, du fühlst dich nicht wohl hier, weil dein Herz nicht bei mir ist, sondern bei diesem Vetter -- diesem Saint John. O! bis zu diesem
Augenblick glaubte ich, meine kleine Johanna wäre ganz mein! Ich glaubte, sie liebe mich noch, und selbst als sie mich verließ, war dieser Glaube ein Atom von Süßigkeit in meinem bitteren Leidenskelch.
So lange wir auch getrennt gewesen, so heiße Thränen ich auch über unsere Trennung geweint, so dachte ich doch nie, daß Sie, während ich Sie betrauerte, einen Anderen liebten. Aber was nützt mein Jammern.
Verlassen Sie mich, Johanna, gehen Sie und heiraten Sie Rivers.
, Dann stoßen Sie mich fort, mein Herr, stoßen Sie mich fort! Aus eigenem Antriebe verlasse ich Sie nicht.
, Johanna, wie liebe ich den Laut deiner Stimme noch! Er erneuert meine Hoffnung und klingt so wahr. Wenn ich ihn höre, versetzt er mich ein Jahr zurück. Ich vergesse, daß du ein neues Band geschlossen. Aber ich bin kein Thor -- gehe --
, Wohin soll ich gehen, mein Herr?
, Ihren eigenen Weg -- mit dem Gemahl, den Sie gewählt.
, Wer ist das?
, Sie wissen es ja -- dieser Saint John Rivers.
, Er ist nicht mein Gatte und er wird es auch nie werden. Er liebt mich nicht, und ich liebe ihn nicht. Er liebt, so sehr er lieben kann, eine schöne, junge Dame, Namens Rosamunde. Er wollte mich nur heiraten, weil er glaubte, ich würde zur Gattin eines Missionärs besser passen, als jene. Er ist gut, aber streng und mir gegenüber kalt wie ein Eisberg. Er ist nicht wie Sie, mein Herr; ich fühle mich nicht glücklich in seiner Nähe. Er hat keine Nachsicht mit mir -- keine Zärtlichkeit für mich. Er sieht nichts Anziehendes in mir, als einige nützliche, geistige Fähigkeiten. Muß ich Sie also verlassen, Herr, um zu ihm zu gehen?
Unwillkürlich überlief mich ein Schauder und ich hing mich instinctmäßig fester an meinen blinden, aber geliebten Herrn. Er lächelte.
, Wie, Johanna! ist dies wahr Steht die Sache wirklich so zwischen dir und Rivers?
, Ganz so, mein Herr. O! Sie dürfen nicht eifersüchtig sein! Ich wollte Sie nur ein wenig reizen, ich dachte, der Zorn würde Ihnen heilsamer sein, als der Kummer. Aber wenn Sie wünschen, daß ich Sie liebe, und wenn Sie nur sehen könnten, wie sehr ich Sie liebe, so würden Sie stolz und zufrieden sein. Mein ganzes Herz gehört Ihnen, mein Herr, und Ihnen würde es gehören, auch wenn das Schicksal mich auf immer aus Ihrer Nähe verbannte.
Als er mich küßte, wurde sein Gesicht wieder von schmerzlichen Gedanken verdunkelt.
, Meine unglückliche Blindheit! murmelte er traurig.
Ich liebkoste ihn, um ihn zu beruhigen. Ich wußte, woran er dachte, und hätte es an seiner Stelle aussprechen mögen, doch ich wagte es nicht. Als er sein Gesicht auf eine Minute abwendete, sah ich eine Thräne unter dem geschlossenen Augenlid hervordringen und über seine gebräunte Wange niederrollen. Mein Herz klopfte laut und heftig.
, Ich bin nichts Besseres, als der alte, vom Blitz getroffene Kastanienbaum im Garten zu Thornfield, sagte er endlich. , Und welches Recht würde ich haben, dich zu bitten, meinen Verfall mit deiner
Frische zu schmücken?
, Sie sind kein todter Baumstumpf, keine Ruine, mein Herr. -- Sie sind noch grün und kräftig.
Er lächelte wieder, das Wort hatte ihm Trost gewährt.
, Ach, Johanna, aber ich bedarf einer Gattin.
, Wirklich, mein Herr?
, Ja, überrascht dich das?
, Gewiß, denn Sie sagten bis jetzt nichts davon.
, Hörst du das nicht gern?
, Das hängt von Umständen ab, mein Herr -- von Ihrer Wahl.
, Welche Wahl würdest du für mich treffen, Johanna? Ich will es auf deine Entscheidung ankommen lassen.
, So wählen Sie die, welche Sie am meisten liebt.
, Ich will wenigstens die wählen, die ich am meisten liebe. Johanna, willst du mich heiraten?
, Ja, mein Herr.
, Einen armen blinden Mann, den du an der Hand umherführen mußt?
, Ja, mein Herr.
, Ist es dein Ernst, Johanna?
, Mein voller Ernst, Herr.
, O! mein Liebling ! Gott segne und belohne dich!
, Herr Rochester, wenn ich je im Leben etwas Gutes that -- wenn ich je einen guten Gedanken hegte -- wenn ich je ein aufrichtiges Gebet verrichtete -- wenn ich je einen gerechten Wunsch hatte -- so bin ich jetzt belohnt. Ihre Gattin zu werden, heißt für mich so glücklich sein, als ich es auf Erden nur sein kann.
, Weil du Vergnügen daran findest, ein Opfer zu bringen?
, Opfer! was opfere ich denn auf? Das Vorrecht zu haben, meine Arme um das zu schlingen, was ich
werth halte -- meine Lippen auf das zu drücken, was ich liebe, heißt das ein Opfer bringen? Wenn dem so ist, dann bin ich allerdings glücklich, Opfer bringen zu können.
, Und meine Schwächen zu tragen, meine Mängel zu übersehen?
, Welche für mich nicht existiren, mein Herr. Ich liebe Sie jetzt mehr, da ich Ihnen wahrhaft nützlich bin, als in Ihrem Zustande stolzer Unabhängigkeit, wo Sie jede andere Rolle als die des Gebers und Beschützers zurückwiesen.
, Bisher war es mir verhaßt, mir helfen und mich führen zu lassen, jetzt wird es mir nicht mehr verhaßt sein. Ich legte meine Hand nicht gern in die eines Dieners, aber es ist angenehm, sie von Johanna's kleinen Fingern umschlossen zu fühlen. Das zog die äußerste Einsamkeit der beständigen Gegenwart der Diener vor; aber Johanna's beständige Pflege wird eine ununterbrochene Freude für mich sein. Johanna ist mir angenehm, bin ich ihr auch angenehm?
, Sympathisch bis in die zarteste Fiber meines Ich, mein Herr!
, Da die Sache so steht, so haben wir auf Nichts in der Welt mehr zu warten.
Die alte Lebhaftigkeit zeigte sich in seinem Ausdruck und in seinen Worten, sein früheres Ungestüm war zurückgekehrt.
, Wir müssen ohne Aufschub eins werden, Johanna, wir haben nur um die obrigkeitliche Erlaubnis nachzusuchen -- und dann verheiraten wir uns --
, Herr Rochester, soeben bemerke ich, daß die Sonne schon längst ihren Höhepunkt überschritten hat, und Pilot hat schon den Rückweg angetreten, um sein Mittagessen nicht zu versäumen. Lassen Sie mich nach Ihrer Uhr sehen.
, Befestige sie an deinem Gürtel, Hannchen, und behalte sie von jetzt an, ich bedarf ihrer nicht.
, Es ist beinahe vier Uhr Nachmittags, Herr fühlen Sie keinen Hunger?
, Der dritte Tag von heute an muß unser Hochzeitstag sein, Johanna. Denke nur, ich trage dein kleines Perlenhalsband in diesem Augenblick
um meinen braunen Hals unter meinem Halstuch!
Ich habe es immer getragen seit dem Tage, wo ich meinen einzigen Schatz verlor, als Andenken an dich.
, Wir wollen durch den Wald nach Hause gehen, das wird der schattigste Weg sein.
Er fuhr in seinem Gedankengange fort, ohne auf mich zu achten.
, Johanna, ich denke, du hältst mich für einen Kerl ohne Religion, aber mein Herz schwillt gerade jetzt von Dankbarkeit gegen den gütigen Gott. Er sieht nicht, wie Menschen sehen, sondern viel klarer, er urtheilt nicht, wie Menschen urtheilen, sondern viel weiser. Ich hatte unrecht, ich wollte meine unschuldige Blume beflecken, ihre Reinheit mit Schuld belasten; der Allmächtige entriß sie mir. In meiner halsstarrigen Widersetzlichkeit verfluchte ich fast die Fügung, anstatt mich ihr zu beugen. Doch die göttliche Gerechtigkeit verfolgte ihren Weg; das Mißgeschick drückte mich fast zu Boden, ich war genöthigt, durch das Thal der Schatten des Todes zu gehen. Gottes Züchtigungen sind mächtig, und eine traf und demüthigte mich auf immer. Du weißt, ich war stolz auf meine Stärke, aber was ist sie jetzt, wenn ich sie fremder Zeitung überlassen muß? In der letzten Zeit, Johanna -- erst in der letzten Zeit -- begann ich die Hand Gottes in meinem Unglück zu sehen und anzuerkennen; ich empfand Reue und fühlte das Verlangen der
Aussöhnung mit meinem Schöpfer. Ich fing zuweilen an zu beten, sehr kurze Gebete waren es, aber sehr aufrichtig. Erst vor einigen Tagen -- ja ich kann sie zählen, es sind vier -- es war in der Nacht am letzten Montag -- befiel mich eine seltsame Stimmung; an Stelle der Wuth und des Wahnsinns trat die Schwermuth, an Stelle des Trotzes der Schmerz. Lange schon war die Ueberzeugung in mir wach geworden, da ich dich nirgends finden
konnte, müßtest du todt sein. Spät an jenem Abend -- vielleicht zwischen elf und zwölf Uhr -- flehte ich, ehe ich mich auf mein trostloses Lager zur Ruhe legte, inbrünstig zu Gott, wenn es ihm gefalle, so möge er mich bald aus diesem Leben nehmen und in jene künftige Welt versetzen, wo ich die Hoffnung hatte, Johanna wiederzusehen. Ich war in meinem Zimmer und saß am geöffneten Fenster, es beruhigte mich, die balsamische Nachtluft zu athmen, obgleich ich keine Sterne sehen konnte und nur die Gegenwart des Mondes wie einen undeutlichen leuchtenden Nebel wahrnahm. Ich sehnte mich nach dir, Johanna! ich sehnte mich nach dir mit Leib und Seele! Ich fragte Gott in Angst und Demuth, ob ich noch nicht lange genug verlassen, trostlos und gequält gewesen sei, ob ich denn niemals wieder Glück und Frieden finden solle. Ich gestand zu, daß ich Alles verdient, was ich erduldet habe, aber daß ich kaum noch mehr ertragen könne; und der Anfang und das Ende der
Wünsche meines Herzens kam unwillkürlich von meinen Lippen in den Worten: Johanna! Johanna! Johanna!
, Sprachen Sie diese Worte laut?
, Das that ich, Johanna. Wenn mich Jemand gehört hätte, würde er mich für verrückt gehalten haben, mit so wahnsinniger Kraft rief ich sie in die
Nacht hinaus.
, Und es war am letzten Montag Abend, nicht lange vor Mitternacht?
, Ja, aber die Zeit ist von keiner Bedeutung was darauf folgte, ist das Seltsame an der Sache.
Du wirst mich für abergläubisch halten -- einigen Aberglauben habe ich in meinem Blut und hatte ihn stets; dennoch ist es wahr, was ich jetzt erzähle.
Als ich Johanna! Johanna! Johanna! rief, da antwortete mir eine Stimme -- ich kann nicht sagen, woher sie kam, aber ich wußte, wessen Stimme es war:, Ich komme! Warte auf mich! und im nächsten Augenblick trug der Wind flüsternd noch die
Worte zu mir: , Wo bist du -- Ich will dir, wenn ich es vermag, die Idee und das Bild schildern, welche diese Worte meinem Geiste eröffneten; doch ist es schwierig auszudrücken, was ich ausdrücken möchte. Ferndean liegt, wie du siehst, tief im Walde begraben, wo der Schall gedämpft wird und ohne Echo dahinstirbt. , Wo bist du? schien zwischen Bergen gesprochen zu werden; denn ich hörte das Echo der Hügel die Worte wiederholen. Kühler und frischer schien in dem Augenblick der Wind meine Stirn zu berühren, ich hätte mir beinahe einbilden können, daß ich und Johanna uns an einem wilden, einsamen Orte wiedergefunden.
Im Geiste, glaube ich, müssen wir einander begegnet sein. Du, Johanna, lagst ohne Zweifel in unbewußtem Schlafe, vielleicht entwandt sich deine Seele ihrer Hülle, um die meinige zu trösten, denn es war deine
Stimme -- so wahr ich lebe, es war deine Stimme!
Es war am Montag Abend kurz vor Mitternacht, als auch ich den geheimnisvollen Ruf vernahm; es waren dieselben Worte, womit ich ihn beantwortet. Ich horchte auf Herrn Rochester's Erzählung, machte
meinerseits aber keine Enthüllung. Das Zusammentreffen erschien mir zu erhaben und unerklärlich, um besprochen zu werden. Wenn ich etwas verrathen hätte, so würde dies nothwendigerweise einen tiefen Eindruck auf das Gemüth meines Zuhörers hervorgebracht haben, und da dieses Gemüth schon schwer gelitten hatte, so wollte ich ihm die Erschütterung, welche das Uebernatürliche stets ausübt, ersparen.
Ich behielt diese Dinge also für mich und erwog sie in meinem Herzen.
, Du kannst dich also jetzt nicht wundern, fuhr mein Herr fort, daß ich, als du mir in der letzten Nacht so unerwartet erschienst, nur schwer glauben konnte, daß du etwas Anderes seiest, als eine bloße Stimme, die in Schweigen und Nichts zurücksinken werde, wie zuvor das mitternächtliche Geflüster und das Echo des Gebirges dahingestorben war. Gott sei
Dank! ich weiß jetzt, daß es anders ist. Ja, Gott sei Dank!
Er hob mich von seinem Knie, stand auf, nahm andächtig seinen Hut ab, neigte seine geblendeten Augen zur Erde und stand in stummer Anbetung da.
Nur die letzten Worte seines Gebetes waren hörbar.
, Ich danke dir, mein Schöpfer, daß du mir mitten in deinem Zorn Gnade gesendet hast. Ich flehe demüthig meinen Erlöser an, mir Stärke zu
geben, hinfort ein reineres Leben zu führen, als ich bisher gethan!
Dann streckte er seine Hand, nach mir aus. Ich faßte diese theure Hand, erhob sie auf einen Augenblick zu meinen Lippen und legte sie dann auf meine Schulter, denn da ich viel kleiner war als er, diente ich ihm zugleich als Stütze und Führerin. Wir traten in den Wald und gingen heimwärts.
Neununddreißigstes Capitel.
Ich wurde mit Rochester getraut. Es war eine stille Trauung, nur er und ich, der Prediger und der Kirchendiener waren anwesend. Als wir aus der Kirche zurückkamen, trat ich in die Küche des Herrenhauses, wo Maria das Mittagsmahl bereitete und John Messer putzte, und sagte:
, Maria, ich bin diesen Morgen mit Herrn Rochester getraut worden.
Die Haushälterin und ihr Mann gehörten Beide jener anständigen, phlegmatischen Menschenclasse an, denen man zu jeder Zeit eine außerordentliche Nachricht mittheilen kann, ohne Gefahr zu laufen, einen durchdringenden Schrei zu hören und dann von einem Wortstrom der Verwunderung betäubt zu werden.
Maria blickte auf und starrte mich an, der Löffel, womit sie ein Paar junge Hühner, die sie eben über dem Feuer briet, mit Fett begoß, blieb etwa drei Minuten in der Luft schweben, und fast ebenso lange
hatten John's Messer vor dem Putzen Ruhe; dann aber beugte sich Maria wieder über ihren Braten und sagte nur: , Ei wirklich, Miß? Nun, das ist schön!
Bald darauf fügte sie hinzu:
, Ich sah Sie mit dem Herrn fortgehen, wußte aber nicht, daß Sie zur Trauung in die Kirche gingen.
Und sie setzte ihr Geschäft fort. Als ich mich zu John wendete, grinste er mich freundlich an.
, Ich sagte Maria schon früher, wie es kommen würde, bemerkte er, ich wußte, was Herr Eduard -- John war ein alter Diener und hatte seinen Herrn noch als jüngeren Sohn des Hauses gekannt, daher nannte er ihn oft bei seinem Taufnamen -- ich wußte, was Herr Eduard im Sinne führte, und war auch gewiß, daß er nicht lange damit warten würde,
und er hat Recht gethan, so viel ich beurtheilen kann.
Ich wünsche Ihnen Glück, Miß! Dabei zupfte er ehrerbietig an seiner Stirnlocke. , Ich danke Ihnen, John. Herr Rochester sagte mir, ich sollte Ihnen und Maria dies geben.
Ich legte eine Fünfpfundnote in seine Hand und entfernte mich.
Als ich später an der Küche vorüberging, vernahm ich die Worte:
, Sie wird besser für ihn passen, als irgend eine von den großen Damen. Und dann die Antwort:
, Sie ist keine von den Schönsten, aber ohne Fehl und sehr gutmüthig, und in seinen Augen ist sie sehr schön.
Ich schrieb sogleich nach Moor-House und Cambridge, berichtete, was ich gethan, und erklärte auch ausführlich, warum ich so gehandelt hatte. Diana und Maria billigten ohne Rückhalt meinen Schritt.
Diana meldete mir, sie wolle nur erst die Flitterwochen vorüber gehen lassen und mich dann besuchen.
, Es wäre besser, sie wartete nicht so lange, Johanna, sagte Rocsester, als ich ihm ihren Brief vorlaß, wenn sie warten will, wird sie zu spät kommen, denn unsere Flitterwochen werden so lange währen wie
unser Leben und erst mit dem Tode enden.
Wie Saint John die Nachricht aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht, worin ich ihm meine Verheiratung mittheilte; sechs Monate später aber schrieb er an mich, doch ohne
Rochester's Namen zu nennen oder meine Verbindung zu erwähnen. Sein Brief war ruhig und freundlich, doch sehr ernst. Wir haben seitdem eine regelmäßige, obgleich nicht häufige Correspondenz geführt, er hofft, ich sei glücklich, und hegt das Vertrauen, ich sei keine von denen, die ohne Gott in der Welt leben und sich nur um irdische Dinge kümmern.
Du wirst doch die kleine Adele nicht ganz vergessen haben, lieber Leser? Ich wenigstens hatte sie nicht vergessen und erbat und erhielt bald die Erlaubnis von Rochester, sie in dem Institut zu besuchen, wo sie untergebracht war. Ihre unbändige Freude bei meinem Anblick rührte mich auf's Tiefste. Sie sah blaß und abgemagert aus und gestand mir, daß sie sich nicht glücklich fühle. Ich fand die Ordnung in dem Institut zu strenge und die Forderungen für ein Kind ihres Alters zu schwer und nahm sie deshalb mit nach Hause. Ich wollte wieder ihre Erzieherin werden; doch fand ich, daß sich dies nicht thun ließ, da meine Zeit und meine Sorge von einem Anderen in Anspruch genommen wurden -- mein Gatte bedurfte ihrer. So suchte ich denn für Adele ein Institut von milderem System auf, das nahe genug gelegen war, um sie oft besuchen und sie zuweilen nach Hause holen zu können. Ich trug Sorge, daß es ihr nie an Etwas fehlte, was zu ihrer Zufriedenheit beitragen konnte; sie befand sich an ihrem neuen Aufenthaltsorte wohl und machte gute Fortschritte. Als sie heranwuchs, beseitigte eine gesunde englische Erziehung ihre französischen Mängel, und als sie die Schule verließ, fand ich in ihr eine angenehme und gefällige Gesellschafterin, sie war sanft, gutmüthig und hatte strenge Grundsätze. Durch ihre dankbare
Anhänglichkeit an mich hat sie mir längst jede kleine Gefälligkeit vergolten.
Meine Erzählung nähert sich ihrem Ende; nur noch ein Wort über meine Erfahrungen in der Ehe und einen kurzen Blick auf das Geschick derjenigen, deren Namen am häufigsten in dieser Erzählung genannt wurden; dann bin ich zu Ende.
Ich bin jetzt zehn Jahre verheiratet. Ich weiß, was es heißt, gänzlich für das und mit dem zu leben, was man auf dieser Welt am liebsten hat. Ich halte mich für außerordentlich glücklich -- mehr als es die Sprache ausdrücken kann, weil ich ebenso sehr meines Gatten Leben bin, wie er das meinige ist. Kein Weib stand ja ihrem Ehegenossen näher als ich, keine war je so ganz Blut von seinem Blute und Fleisch von seinem Fleisch. Ich werde der Gesellschaft meines Eduard nicht müde, er nicht der meinigen. Ich glaube, wir sprechen den ganzen lieben Tag hindurch, denn mit einander zu sprechen, ist nur ein belebteres und
hörbares Denken. All mein Vertrauen ist auf ihn gesetzt; all sein Vertrauen ist mir geweiht, unsere Charaktere passen zu einander und vollkommenste Uebereinstimmung ist das Resultat davon.
Rochester blieb die ersten beiden Jahre unserer Ehe blind; vielleicht war es dieser Umstand, der uns einander so nahe brachte und uns so unauflöslich verband, denn ich war damals sein Augenlicht. Im
buchstäblichen Sinne des Wortes war ich, wie er mich oft nannte, der Apfel seines Auges. Er sah die Natur, er las die Bücher durch mich, und nie wurde ich müde, für ihn zu sehen und den Eindruck in Worte zu kleiden, welchen die Landschaft vor uns, die Felder und Bäume, Stadt und Strom, Wolke und Sonnenstrahlen, Wind und Wetter auf mich
machten, und durch den Klang seinem Ohre zuzuführen, was das Licht seinem Auge nicht mittheilen konnte. Nie wurde ich müde, ihm vorzulesen, ihn zu führen, wohin er zu gehen wünschte, zu thun, was
er gethan wünschte. Und so traurig es war, daß er dieser Dienstleistungen bedurfte, so machten sie mir doch eine außerordentliche Freude, weil er sie ohne
quälende Scham, ohne drückende Demüthigung von mir verlangte. Er liebte mich so wahr, daß er kein Widerstreben kannte, sich meiner Hilfe zu bedienen; er fühlte, ich liebe ihn so zärtlich, daß er meine liebsten
Wünsche erfüllte, wenn er meinen Beistand annahm.
Eines Morgens nach Verlauf von zwei Jahren, als ich einen Brief nach seinem Dictat schrieb, kam er, neigte sich über mich und sagte: ,Johanna, hast du nicht einen schimmernden Schmuck um den Hals? Ich trug eine goldene Uhrkette und antwortete: , Ja.
, Und hast du ein blaßblaues Kleid an?
So war es. Er sagte mir, es scheine ihm seit Kurzem, als ob die Dunkelheit, die sein Auge umwölke, sich erhelle. Jetzt sei er dessen gewiß. Wir reisten nach London. Er zog einen berühmten Augenarzt zu Rathe, und das eine Auge erlangte wirklich seine Sehkraft wieder. Er sieht noch jetzt nicht sehr deutlich, er kann nicht viel lesen, oder schreiben; doch findet er seinen Weg, ohne bei der Hand geführt zu
werden, der Himmel ist nicht mehr ein leerer Raum, die Erde nicht mehr eine Einöde für ihn. Als man ihm seinen Erstgeborenen in die Arme legte, konnte er sehen, daß der Knabe seine Augen geerbt, wie sie
einst gewesen -- groß, glänzend und schwarz. Bei dieser Gelegenheit erkannte er wieder mit vollem Herzen an, daß Gott sein strenges Gericht durch Gnade gemildert habe. Wir sind glücklich, umsomehr, da die, welche wir am meisten lieben, es auch sind. Diana und Maria Rivers haben sich Beide verheiratet, sie besuchen uns oft und wir sie. Diana's Gatte ist Capitän in der Marine, ein tapferer Officier und ein guter Mensch. Maria's Gatte ist Geistlicher, ein Universitätsfreund ihres Bruders; seine Vorzüge und seine Grundsätze machen ihn seiner trefflichen Gattin durchaus würdig. Capitän Fitzjames und Herr Wharton
lieben ihre Frauen und werden von ihnen geliebt. Saint John River's verließ England und ging nach Indien. Fest, getreu und begeistert, voll Eifer, Kraft und Wahrheit arbeitet er für das Menschengeschlecht, bahnt den mühsamen Weg zu dessen Veredlung und gleich einem Riesen schmettert er die Hindernisse zu Boden, welche Vorurtheile des Unglaubens ihm entgegenstellen. Er mag noch jetzt strenge, vielfordernd und ehrgeizig sein, aber seine Strenge ist die des Kriegers, der seine Pilgerschaar vor dem Angriff wilder Horden schützt. Seine Forderung ist die des Heilands, wenn er sagt: , Wer mir angehören will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Sein Ehrgeiz ist der eines erhabenen Geistes, der einen Platz erstrebt in der ersten Reihe
derjenigen, die das Irdische abgeschüttelt haben und furchtlos vor Gottes Throne stehen.
Saint John ist unvermählt geblieben. Seine eigene Kraft hat für seine Anstrengung ausgereicht, doch die letztere nähert sich ihrem Ende, seine glänzende Sonne eilt ihrem Untergange zu. Der letzte Brief, den ich von ihm erhielt, entlockte meinen Augen menschliche Thränen und erfüllte mein Herz mit himmlischer Freude. Er sieht seiner sicheren Belohnung, seiner unvergänglichen Krone entgegen. Ich weiß, daß mir
das nächstemal eine fremde Hand schreiben und mir melden wird, der gute und getreue Diener sei endlich zu der Freude seines Herrn berufen worden. Keine Furcht vor dem Tode wird Saint John's letzte Stunde
trüben, sein Geist wird frei, sein Herz unerschrocken, sein Glaube unerschütterlich sein.
, Mein Herr und Gott, schreibt er, hat mir die Botschaft geschickt. Täglich verkündet er mir deutlicher: , Gewiß, ich komme bald! und stündlich antworte ich Ihm sehnsuchtsvoller: , So komm, Jesus
Christus! in Ewigkeit, Amen.
Ende.